Decision ID: 0605ab88-c58b-42ec-a596-1d860bc15db6
Year: 2015
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
X._
, geboren 1961, Mutter von drei Kindern (Jahrgänge 1986, 1989, 1996), war
seit
1.
Januar 2008
auf Anfrage
bei der
Z._
als
interkulturelle Übersetzerin während etwa ein bis zwei Stunden pro Monat
tätig (
vgl.
Urk.
7/3 und
Urk.
7/10
Ziff.
2.1,
Ziff.
2.7 und
Ziff.
2.9
)
und vom 2
3.
September 2010 bis
4.
März 2011 in der Elektromontage be
i der
A._
AG, angestellt, wobei der letzte Arbeitstag der
3.
Februar 2011 war
(
Urk.
7/12
Ziff.
2.1-2.3)
. Unter Hinweis auf
seit mindestens zehn Jahren bestehende
Schlafstörungen, Schwindel, Ohnmacht, Herzklopfen
,
Herzrhythmusstörungen, Vergesslichkeit, Weinen, Schwäche, Müdigkeit und Verlust von Fähigkeiten wie Malen und Rechnen
meldete sich die Versicherte am 2
1.
August 2012
bei der Invalidenversicherun
g zum Leistungsbezug an (
Urk.
7/4
Ziff.
6.2-3
). Die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV
Stelle, klärte die medizinisc
he und erwerbliche Situation ab und veranlasste ein psychiatrisches Gutachten, welches am 3
1.
Mai 2013 erstattet wurde (
Urk.
7/16).
Nach durchgeführt
em
Vorbescheidverfahren
(
Urk.
7/19;
Urk.
7/23,
Urk.
7/28,
Urk.
7/31
) verneinte die
IV-Stelle mit Verfügung vom
7.
Januar 2014 einen Anspruch auf Leistungen der Invalidenversicherung (
Urk.
7/35 =
Urk.
2).
2.
2.1
Die Versicherte erhob am 3
0.
Januar 2014 Beschwerde gegen die Verfügung vom
7.
Januar 2014 (
Urk.
2) und beantragte, diese sei aufzuheben und es sei ihr ab Februar 2013 eine ganze Rente zuzusprechen, eventuell sei sie erneut psy
chiatrisch zu begutachten (
Urk.
1 S. 2
).
Die IV-Stelle beantra
gte mit Beschwerdeantwort vom
4.
März 2014 (
Urk.
6
) die Abweisung der Beschwerde.
2.2
Mit Beschluss vom 2
1.
März 2014 (
Urk.
8
) und
Gerichtsverfügung vom 1
8.
Juni 2014 (
Urk.
19)
veranlasste das Gericht ein p
sychiatrisches Gutachten
bei
Dr.
med.
B._
, Fachärztin für Psychiatrie und für Psychothera
pie.
Mit Beschluss vom 2
1.
März 2014 (
Urk.
8) wurde antragsgemäss (
Urk. 1.
S.
2) die unentgelt
liche Prozessführung bewilligt.
Am
1.
September 2014 erstattete
Dr.
B._
ihr psychiatrisches Gutachten (
Urk.
20), wozu die Beschwerdeführerin am
2
4.
September 2014 in ihrer Replik (
Urk.
24
) und die Beschwerdegegnerin mit Verweis auf die Ausführungen des Regionalen Ärztlichen Dienstes (RAD,
Urk.
27
)
in ihrer Duplik
am
2
8.
Oktober 2014 (
Urk.
26
) Stellung
nahmen
.
Mit Eingabe vom
8.
November 2014 (
Urk.
30) beantwortete
Dr.
B._
die von der Beschwerdegegnerin gestellten
Ergänzungsfragen. Hierzu reichte die Beschwerdegegnerin am 1
1.
Dezember 2014 ihre Stellungnahme ein (
Urk.
33 und
Urk.
34) zu welcher sich di
e
Beschwerdeführerin
am
8.
Januar 2015
äusserte
(
Urk.
37),
was
der
Beschwerde
gegnerin
am 1
3.
Januar 2015 zur Kenntnis
gebracht wurde
(
Urk.
38).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1
des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts; ATSG
). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.2
Beeinträchtigungen der psychischen Gesundheit können in gleicher Weise wie kör
perliche Gesundheitsschäden eine Invalidität im Sinne von Art. 4 Abs. 1
des Bundesgesetz
es
über die Invalidenversicherung (IVG)
in Verbindung mit Art. 8 ATSG bewirken. Nicht als Folgen eines psychischen
Ge
sundheitsschadens
und damit invalidenversicherungsrechtlich nicht als relevant gelten Ein
schränkungen der Erwerbsfähigkeit, welche die versicherte Person bei Auf
bietung allen guten Willens, die verbleibende Leistungsfähigkeit zu verwerten, abwenden könnte; das Mass des
Forderbaren
wird dabei weitgehend objektiv be
stimmt. Festzustellen ist, ob und in welchem Umfang die Ausübung einer Erwerbstätigkeit auf dem ausgeglichenen Arbeitsmarkt mit der psychischen Beein
trächtigung vereinbar ist. Ein psychischer Gesundheitsschaden führt also nur so
weit zu einer Erwerbsunfähigkeit (Art. 7 ATSG), als angenommen werden kann, die Verwertung der Arbeitsfähigkeit (Art. 6 ATSG) sei der versicherten Person sozial-praktisch nicht mehr zumutbar (BGE 131 V 49 E. 1.2 mit Hin
weisen).
1.3
Bei erwerbstätigen Versicherten ist der Invaliditätsgrad gemäss Art. 16 ATSG in Verbindung mit Art. 28a Abs. 1 IVG aufgrund eines Einkommensvergleichs zu bestimmen. Dazu wird das Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach
Eintritt der Invalidität und nach Durchführung der medizinischen Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei aus
geglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte (sog.
Invalideneinkom
men
), in Bezie
hung gesetzt zum Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht in
valid geworden wäre (sog.
Valideneinkommen
). Der
Ein
kommensvergleich
hat in der Regel in der Weise zu erfolgen, dass die beiden hypothetischen
Erwerbsein
kommen
ziffernmässig möglichst genau ermittelt und einander gegenübergestellt werden, worauf sich aus der Einkommensdifferenz der Invaliditätsgrad bestimmen lässt (sog. allgemeine Methode des
Ein
kommensvergleichs
; BGE 130 V 343 E. 3.4.2 mit Hinweisen).
1.4
Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % besteht Anspruch auf eine
Vier
telsrente
, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 % auf eine
Dreiviertels
rente
und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 % auf eine ganze Rente (
Art.
28
Abs.
2 IVG).
1.5
Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung (und im Beschwerdefall das Gericht) auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und gege
benenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 256 E. 4). Im Weiteren sind die ärztlichen Auskünfte eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche Arbeitsleistungen der versicherten Person noch zugemutet werden können (BGE 125 V 256 E. 4 mit Hinweisen; AHI 2002 S. 70 E. 4b/cc).
Hinsichtlich des Beweiswertes eines ärztlichen Berichtes ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der
Vorak
ten
(Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuch
tet und ob die Schlussfolgerungen in der Expertise begründet sind (BGE 125 V 351 E. 3a, 122 V 157 E. 1c).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin begründete ihre Verfügung (
Urk.
2) damit,
auf das psy
chiatrische Gutachten vom 3
1.
Mai 2013 könne abgestellt werden, da dieses sämtliche objektivierbaren Befunde und deren funktionelle
n
Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit nachvollziehbar und schlüssig schildere. Eine
Anpassungs
störung
begründe an sich aus versicherungsmedizinischer Sicht keine Ein
schränkung der Arbeitsfähigkeit (S. 2).
2.2
Dagegen machte die Beschwerdeführerin in ihrer Beschwerde (
Urk.
1) geltend, auf das psychiatrische Gutachten vom 3
1.
Mai 2013 könne nicht abgestellt wer
den
. So liege laut der behandelnden Psychiaterin keine Anpassungsstörung vor
,
und sie sei langdauernd und erheblich in ihrer Arbeitsfähigkeit eingeschränkt (S. 8
Ziff.
3). Sie leide an einer komplexen posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS), weshalb eine vollständige Arbeitsfähigkeit nicht nachvollziehbar sei. Sie habe im Rahmen der Arbeitsintegration nicht in den Arbeitsprozess integriert werden können (S. 8
Ziff.
4).
3.
3.
1
Dr.
med.
C._
, Fachärztin für Psychiatrie und Psychothera
pie,
stellte in ihrem Bericht vom
4.
Dezember 2012 (
Urk.
7/11/1-6) folgende Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit (
Ziff.
1.1):
chronifizierte
Panikstörung (ICD-10 F41.0)
rezidivierende depressive Episoden schwankender Ausprägung (ICD-10 F33.1/2)
Somatisierungsstörung
(ICD-10 F45.0)
rezidivierende Schwindelattacken, Tachykardien und Kopfschmerzen, chronische Schlafstörungen
w
i
e
derholt Notfallkonsultationen notwendig
Diagnosen 1-3 im Rahmen einer seit der Kindheit bestehenden komplexen posttraumatischen Belastungsstörung beziehungsweise
Dis
order
extreme stress not
otherwise
classified
(DESNOS), nach ICD-10 am ehesten eine dissoziative Störung (ICD-10 F44.8)
bei Status nach körperlichen, seelischen und sexuellen Gewalt
erfahrungen in der Kindheit und im Erwachsenenalter bis in die Gegenwart (Stalking/Todesdrohungen)
Status nach Kriegserfahrungen 1985, Status nach Erdbeben 1988
chronische psychosoziale Belastungen durch die Kinder
Dr.
C._
führte aus, die Beschwerdeführerin sei seit dem
3.
Juni 2003 bei ihr in Behandlung und die letzte Kontrolle sei am 2
9.
November 2012 erfolgt (
Ziff.
1.2).
In der zuletzt ausgeübten Tätigkeit als gelernte Restauratorin und
Übersetzerin für Russisch/Armenisch ins Deutsche bestehe seit mindestens 2003 eine Arbeitsunfähigkeit zwischen 50 und 100
%
(
Ziff.
1.6). Die bisherige Tätigkeit sei nicht mehr zumutbar. Die Beschwerdeführerin sei massiv einge
schränkt. Ihre Belastbarkeit sei sehr schwankend, ebenso die Konzentrations
fähigkeit. Eine behinderungsangepasste Tätigkeit sei im geschützten Rahmen etwa zwei Stunden pro Tag möglich. Aufgrund der wechselnden Belastbarkeit und den diversen
somatoformen
Beschwerden träten
immer wieder
Ausfälle auf. Die Übersetzertätigkeit sei
aus psychiatrischer Sicht ungünstig, da sie die eige
nen traumatis
chen Erfahrungen
triggere
und die Beschwerdeführerin in der Gewaltspirale gefangen h
a
lte
(
Ziff.
1.7).
Dr.
C._
führte aus, e
s sei zu schwersten kö
r
perlichen Gewalt
erfahrungen in der Gegenwart (Vergewaltigung, körperliche Misshandlung mit Zusammenschlagen und regelmässigen Todesdrohungen) durch den ehemaligen Freund während der letzten drei
Jahren
gekommen. Zudem sei die Beschwer
deführerin durch eine geistig verwirrte Kollegin im März 2012
mit einem Messer bedroht worden.
Es
bestünden chronische Ein- und Durchschlafstörungen, eine schnelle Ermüd
bar
keit, eine Zunahme der Flashbacks seit den Gewalterfahrungen in der letzten Beziehung und seit der Bedro
h
ung durch die Kollegin,
Intrusionen, Gleich
zeitigkeit von Affektverflachung und deutlicher Übererregbarkeit, eine ver
mehrte Schreckhaftigkeit, Entfremdungsgefühle,
Konzentrationsschwierig
keiten
, starke vegetative Symptome wie
Arrythmien
, chronische Kopfschmerzen, Enge- und Ohnmachtsgefühle, Schwindel und ein intermittierendes Schwäche
gefühl. Die Abgrenzungsfähigkeit sei massiv eingeschränkt Situationen darauf
hin zu beurteilen, ob sie schädigend seien. Das Identitätsgefühl sei nachhaltig schwer be
einträchtigt und die
Reviktimi
sierung
s
tendenz
sei beträchtlich
(Ziff.1.4)
.
Die psychosozialen Probleme und die
Retraumatisierungen
durch weiterhin schwere Gewalterfahrungen erlaubten aktuell lediglich eine lockere
sozialpsy
chiatrische
Begleitung mit dem Ziel
,
zu beruhigen und einen Ausstieg aus der Gewaltspirale zu verfolgen. Zu einer stationären Therapie habe sich die Beschwerdeführerin nicht entschliessen können und eine medikamentöse Thera
pie lehne sie aus Sorge vor einem Kontrollverlust ab (
Ziff.
1.5).
3.
2
Dr.
med.
D._
, Facharzt für Psychiatrie und
Psychotherapie, erstattete am
3
1.
Mai 2013 das von der Beschwerdegegnerin veranlasste psy
chi
atrische Gutachten (
Urk.
7/16
).
Er konnte keine Diagnosen mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit
stellen
(S. 12
Ziff.
5.1). Al
s Diagnose
ohne Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit nannte er eine Anpassungsstörung mit vorwiegender Störung von anderen Gefühlen (ICD-10 F43.23; Angst, Depression,
Sorgen,
Anspannung
und Ärger) und Probleme dur
ch negative Kindheitserlebnisse sowie Probleme
verbunden mit Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung und der Nicht-Ein
nahme von Medikamenten (S. 12
Ziff.
5.2).
Wenngleich ein erhebliches subjektives Leiden erkannt werde, lasse sich aus psychiatrisch-versicherungsmedizinischer Sicht durch eine Anpassungsstörung keine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit begründen
,
und es sei aus psychiatri
scher Sicht von einer vollen Arbeitsfähigkeit auszugehen (S. 16
Ziff.
6.2-3).
Dr.
D._
führte zu den von
Dr.
C._
gestellten Diagnosen aus, bei der Beschwerdeführerin würden die subjektiv erlebten Leiden und die objektiven Befunde weit auseinanderklaffen
. Auch die von der Explorandin gegebenen Informationen seien oft unklar und widersprüchlich. So beschreibe sie sich einerseits als seit der Kindheit mehrfach und
schwerst
traumatisiert, andererseits zeige ihre Lebensbewährung eine ausgesprochen gute
Anpassungs
leistung
an private, berufliche und soziale Anforderungen wie Schule, Studium, Berufsbildung und Migration (S. 12 f.
Ziff.
6.1).
Als Hauptbeschwerden umschreibe die Explorandin depressive Gedanken, eine ab 14 Uhr einsetzende, fast schon
kataton
anmutende enorme Antriebslosigkeit und als bedrohlich erlebte vegetative Symptome einer nahenden Ohnmacht, unter anderem anfallsartig auftretende Herzaussetzer, Händezittern, Übelkeit und Schwindel, bis hin zur Besinnungslosigkeit
(S. 13 Mitte)
.
In den Akten fänden sich kein Hinw
eis auf neurologische Störungen
und auch keine objektivierbaren psychopathologischen Befunde. Auch der Bericht der Psychiaterin vom 1
1.
Dezember 2012 beruhe offensichtlich ausschliesslich auf den Angaben de
r Explorandin
(S. 13 unten f.).
Dr.
D._
führte aus, in der gutachterlichen Untersuchung fänden sich keine Beeinträchtigungen der kognitiven Grundfunktionen. Es lasse sich anhand der Psychopathologie ein depr
essives Zustandsbild leichten Ausmasses ausma
chen, das vorwiegend auf einer klagend, bedrückten Stimmung aufbaue und der Form nach ängstliche und
negativistische
Symptome aufweise. Die von der Explorandin beklagten vegetativen Symptome seien nicht beobachtbar, ebenso wenig wie die von ihr in den Vordergrund gerückte Antriebslosigkeit, die sie erst ab 14 Uhr aufs Sofa oder ins Bett fessle. Im Gegenteil werde die Exploran
din beim zweiten Termin um 15.30 Uhr als ebenso agil und maximal l
eicht antriebsgemindert erlebt
wie am Vormittag des Vortages. Eine zirkadiane Schwankung könne
damit nicht festgestellt werden (S. 14 oben).
Die Explorandin weise zusammenfassend Anzeichen einer depressiven Stimmung auf.
Sie beschreibe sich
als bei der Bewältigung der alltäglichen
Routine eingeschränkt und gebe an, das Gefühl zu haben, kurz vor dramati
schen Ereignissen
zu stehen, wozu es jedoch nicht
komme. Weder die depressi
ven Symptome noch die ängstlichen seien so schwer oder markant genug, um eine spezifische Diagnose einer Depression oder Angststörung zu stellen. Aller
dings seien die Kriterien einer Anpassungsstörung erfüllt (S. 14 Mitte).
Ebenfalls stimmig zur Diagnose einer Anpassungsstörung sei schliesslich noch das von der Explorandin geschilderte regressive Verhalten
, das
ihr helfe, einige der Symptome zu überwinden
,
nämlich sich ins Bett zurückzuziehen und war
men Tee zu trinken (S. 14 unten).
Eine Anpassungsstörung bedeute, dass die psychopathologischen Symptome nach subjektiv empfundenem Leiden aufträten.
Es sei überwiegend nicht möglich, die angeblich vielen und dramatischen Ereig
nisse, die die Explorandin angebe, zu objektivieren. Wenn dies möglich sei, zum Beispiel die augenscheinliche Opferwerdung häuslicher Gewalt (vgl. Bericht Spital
E._
vom 1
3.
Oktober 2010), reiche das Ausmass des Vorfalls nicht aus, um als traumatisierendes Ereignis im Sinne des ICD-10 beurteilt wer
den zu können und damit die Diagnose einer PTBS auszulösen. Ferner sei z
u bedenken, dass die Latenzzeit, bis sich eine
PTBS
nach einem tatsächlich trau
matisierenden Ereignis einstelle, selten mehr als sechs Monate betrage, und ein derart gutes Funktionsniveau, wie es die Beschwerdeführerin aufgezeigt habe und aufzeige, kaum ermöglichen könnte (S. 15 Mitte).
Dr.
D._
führte aus, es gebe keine Hinweise auf eine organische Störung (gemäss ICD-10),
auf
eine Störung du
rch psychotrope Substanzen (F1) und auf
eine wahnhafte Störung oder eine Schizophrenie (F2). Auch für die eigenstän
dige Diagnose einer affektiven Störung (F3) lägen nicht genügend Hinweise vor. Die depressiven Symptome liessen sich der oben genannten Anpassungsstörung zuordnen (S. 15 Mitte).
3.3
Dr.
C._
führte
in
Beantwortung des ihr von Seiten der Beschwer
de
führerin vorgelegten Fragekataloges vom 1
5.
August 2013 (
Urk.
7/26 =
Urk.
3/4)
ihrem Bericht vom
3
0.
August 2013
(
Urk.
7/27 =
Urk.
3/5)
aus,
die Beschwerdeführerin sei seit dem
3.
Juni 2003 in ihrer Behandlung. Im Durchschnitt hätten etwa 16 Sitzungen pro Jahr stattgefunden. In den ersten beiden Jahren des Behandlungszeitraumes sei versucht worden, ein
Therapie
setting
zu installieren
, das mehr Stabilität hätte ermöglichen sollen. Die
Patien
tenkontakte
hätten jedoch in all den Jahren den Charakter von psychiatrischen Notfallübungen gehabt, die eine eigentliche psychotherapeutische Arbeit aus
schl
össen
(S. 1
Ziff.
1).
Dr.
C._
führte aus, die gesundheitlichen Beeinträchtigungen bei der Beschwerdeführerin seien aus ihrer psychiatrischen Sicht mit einer komple
xen PTBS zu vereinbaren (S. 1
ff.
Ziff.
2).
Aus psychiatrischer Sicht sei der Schaden, den die Tätigkeit als Übersetzerin anrichte grösser als der Nutzen, da Beruhigung und Lernen von
Selbstberuhi
gung
oberstes Ziel sei und depressives Erleben sowie Ängste laufen
d
aktiviert würden (S. 5
Ziff.
3). Zumutbar seien Tätigkeiten, die wenig Konstanz auf Dauer erforderten, Rückzugsmöglichkeiten böten und wenig oder in einem klar defi
nierten Rahmen zwischenmenschliche
n
Kontexte
s
stattfänden (S. 5
Ziff.
4). Die Beschwerdeführerin nehme aufgrund einer phobischen Angst vor
Kontrollver
lust
und aus der Angst, nicht mehr auf ihre intellektuellen Fähigkeiten zurück
greifen zu können, die vorgeschlagene
Medikamentation
nicht ein
. Sie habe im Rahmen der Panikstörung ein ausgeprägtes Vermeidungsverhalten entwickelt
(S. 5
Ziff.
5).
Weiter führte
Dr.
C._
zum Gutachten von
Dr.
D._
aus, die Diagnose sei seiner Begründung nach im Ausschlussverfahren erfolgt. Das Objektivieren der vielen angeblichen Ereignisse sei natürlich häufig nicht ein
deutig möglich.
Es sei richtig, dass die Beschwerdeführerin ein gutes
Funktions
niveau
habe, insbesondere was ihre Fähigkeit angehe, sich differenziert auszu
drücken, und auch ihm Rahmen ihres Bildungsniveaus. Das Wesen einer
Traumafolgestörung
sei, dass mindestens zwei Funktionsniveaus bestünden und diese nicht gleichzeitig aktiv seien, so dass sie in einer Explorationssituation sich sicher abbilden liessen. Auch sei eine
Traumafolgestörung
nicht abhängig von der Intelligenz eines Menschen. Die Explorationssituation bilde eine Momentaufnahme ab, die nicht dem zehnjährigen Behandlungszeitraum ent
sprächen. Gute Anpassungsleistungen an private, berufliche und soziale Anfor
derungen hätten während den zehn Jahren Behandlungsdauer nicht festgehal
ten werden können (S. 5
Ziff.
7). Die Schule, das Studium und die Ausbildung in
der
F._
hätten
na
türlich in jungen Jahren, wo die Beschwerdeführerin
über mehr Ressourcen verfügt und in relativ stabilen grossel
terlichen Beziehungsstrukturen gelebt habe
, stattgefunden
.
Dr.
C._
führte aus, sie teile die Diagnose einer Anpassungsstörung nicht. Zudem folge die Diagnose dem Konzept, dass eine psychisch gesunde Person Belastungen ausgesetzt sei und diese längstens nach zwei Jahren über
wunden werden könnten.
Die überdauernden Verhaltensmuster hätten bei der Beschwerdeführerin eher den Charakter einer Persönlichkeitsveränderung nach
andauernder
Extrembe
lastung
(ICD-10 F62.0). Von einer psychisch gesunden Persönlichkeitsstruktur
vor zwei Jahren oder in Zukunft könne nicht ausgegangen werden, da struktu
rell dysfunktionale Muster vorhanden seien. Dissoziationen seien nicht einfach
explorierbar
und würden häufig verneint. Die affektive Seite sei seit Jahren beeinträchtig.
Wie der Kollege eine Arbeitsfähigkeit von 100
%
per sofort begründe, sei nicht ersichtlich (S. 6
Ziff.
7).
Auf das Gutachten von
Dr.
D._
könne nicht abgestellt werden und eine erneute Begutachtung sei zu befürworten (S. 6
Ziff.
8).
3.
4
Dr.
B._
erstattete am
1.
September 2014 das psychiatrische
Gerichts
gut
achten
(
Urk.
20).
Sie stellte folgende psychiatrischen Diagnosen (S.
25
Ziff.
5):
generalisierte Angststörung (ICD-10 F41.1)
rezidivierende depressive Episoden, aktuell am ehesten mittelschwere depressive Episode (IDC-10 F33.1)
schwere
Somatisierungsstörung
(ICD-10 F45.0) und
dissoziative Störung (ICD-10 F44.8) auf dem Boden dive
rser
Traumati
sierungserlebnisse
sowohl im Jugendlichen- als auch im Erwachsenen
alter bis zum aktuellen Zeitpunkt reichend; drohendes Ertrinken im Alter von 16 Jahren, Nähe zum Reaktorunglück in
G._
1986, Erdb
e
ben im Heimatland 1988, Krie
gserfahrungen spätestens ab 1989
, mehr
fache körperliche, seelische und sexuelle Gewalterfahrungen bis in die Gegenwart (Vergewaltigung, Stalking, Todesdrohungen)
Dr.
B._
führte aus, bei der Beurteilung der Arbeitsfähigkeit der Versi
cherten sei es zunächst wichtig festzuhalten, dass ein Grossteil der unterschied
lichen Störungsbilder der Versicherten naturgemäss erheblichen Schwankungen unterliege. So könne es zum Beispiel bezogen auf die dissoziative Störung zu Schwankungen innerhalb weniger Augenblicke k
ommen. Die Symptomatik der generalisierten Angststörung sei zwar praktisch immer vorhanden, aber auch hier kämen unterschiedliche Ausprägungen zum Tragen (S. 29 f.
Ziff.
7). Die Ängste und die damit verbundenen Symptome, die zu einer Einschränkung der Belastbarkeit und damit der Arbeitsfähigkeit führten, seien häufig situativ. Auch die depressive Störung sei ein Störungsbild mit phasenhaften Schwankungen, manchmal über Wochen und Monate. Die Symptome der Somatisierung insbe
sondere im kardialen Bereich seien sehr unscharf zu trennen von den Sympto
men der generalisierten Angststörung und schienen ebenfalls je nach
Konflikt
lage
gewissen Schwankungen zu unterliegen.
Die Beschwerdeführerin sei überwiegend aufgrund der Angstsymptomatik, aber auch der affektiven Labilität, in der Fähigkeit, sich an Regeln und Routinen anzupassen, eingeschränkt. Aufgrund ihrer Symptomatik halte sie sich immer
wieder nicht an getroffene Absprachen, sowohl im privaten als auch im berufli
chen Bereich. Sie sage
kurzfristig ab
,
die Kinder zu hüten
,
und verlasse aus Ärger und Wut Übersetzungssituationen oder nehme Termine nicht an (S.
30 oben).
Durch dieses unzuverlässige Verhalten schränkten sich die Möglichkeiten auf dem freien Arbeitsmarkt ein
,
und die Beschwerdeführerin erhalte deshalb auch bereits weniger Aufträge. In der Fähigkeit zu Planung und Strukturierung von Aufgaben scheine die Beschwerdeführerin wenig oder gar nicht eingeschränkt. Ausser in Phasen akuter Symptomatik gelinge es ihr doch, eine Tagesstruktur einigermassen aufrecht zu erhalten und auch den Haushalt für sich und die Familie zu erledigen. Sie sei aber tendenziell eher schnell ermüdbar und brauche Rückzugsmöglichkeiten, wodurch die allgemeine Belastbarkeit eingeschränkt sei. Die Versicherte sei in ihrer Flexibilität und Umstellungsfähigkeit extrem schwankend und teilweise massiv eingeschränkt. Je nach Angstsymptomatik reagiere sie mit komplettem Rückzug, dem si
e sich nicht widersetzen könne.
Bestimmte Situationen und Umgebungen seien für sie angstauslösend und wür
den extrem gemieden, wodurch sich alleine schon der Aktionsradius und die Möglichkeit, sich neue
n
Aufgaben zu stellen, erheblich einschränkten. Die Ver
sicherte sei in ihrer Fähigkeit zur Anwendung fachlicher Kompetenzen, deutlich eingeschränkt. Bezüglich ihrer ursprünglichen Tätigkeit als Restauratorin und Malerin habe sie aktuell keinen Zugriff auf diese Fähigkeiten. Die schwerpunk
t
mässig in letzter Zeit am häufigsten ausgeübte Tätigkeit als Übersetzerin erfor
dere einen unangemessen hohen Kraftaufwand
(S. 30 Mitte)
.
Sie müsse sich oft kräftemässig viele Tage auf eine Übersetzung vorbereiten und sei danach tagelang erschöpft. Auch führten die Übersetzungen zu einer Zunahme von Ängsten, Dissoziationen und Rückzug, was wiederum die Umsetzung der Übersetzungstätigkeit erheblich einschränke. Eine frühere Tätig
keit bei mikroelektronischen Feinkontrollen scheine durch die hohe Konzentra
tion auf ein sehr eingeschränktes Arbeitsgebiet gut gewesen zu sein, sei aber eingeschränkt durch die Notwendigkeit
,
das Haus verlassen zu müssen und durch die Unmöglichkeit
,
Sozialkontakten völlig ausweichen zu können.
Durch die Schwierigkeit in der Nähe- und Distanzregulation und die Schwierigkeit
,
das Mass zu halte
n und sich in adäquater Wei
se zu belasten, sei die Versicherte in ihrer Entscheidungs- und Urteilsfähigkeit, sowohl im Bereich der zwischen
menschlichen Beziehungen als auch allfälliger Arbeitsbeziehungen deutlich ein
geschränkt. Deutlich eingeschränkt sei sie auch in ihrer Durchhaltefähigkeit durch eine erhöhte Erschöpfbarkeit, aber auch durch die Tendenz, sich situativ zu überfordern, was dann zu einem völligen Zusammenbruch führte. Die
Selbst
behauptungsfähigkeit
der Versicherten sei durch die massiven affektiven Schwankungen ebenfalls erheblichen Schwankung
en ausgesetzt (S. 30 f. unten).
Die bereits erwähnte Schwierigkeit in der Nähe- und Distanzregulation führe einerseits immer wieder dazu, dass es gegenüber der Beschwerdeführerin zu massiven Grenzüberschreitungen mit seelischer und körperlicher Gewalt komme, andererseits führten die Ängste und Unsicherheiten in sozialen Beziehungen dazu, dass sie Kontakte abbreche und sich komplett zurückziehe (S. 31 oben).
Insofern sei auch die Gruppenfähigkeit und allgemein die Fähigkeit zu sozialen Interaktionen deutliche eingeschränkt. Auch die familiären Beziehungen seien durch die Überängstlichkeit der Versicherten und durch die Unzuverlässigkeit erheblich belastet. Die Verkehrsfähigkeit erscheine dadurch eingeschränkt, dass die Versicherte beim Verlassen des persönlichen und bekannten Umfeldes mas
sive Ängste mit entsprechender körperlicher Symptomatik entwickle und auch beispielsweise in öffentlichen Verkehrsmitteln die grosse Nähe zu anderen Menschen, mit der Unmöglichkeit die Situation jederzeit verlassen zu können, kaum aushalte
(S. 31)
.
Dr.
B._
führte aus, aus den geschilderten zahlreichen und teils stark ausgeprägten Einschränkungen müsse geschlussfolgert werden, dass die Beschwer
deführerin zumindest auf dem freien Arbeitsmarkt nicht in der Lage sei, einer geregelten Tätigkeit nachzugehen. Ihre Tätigkeit als Übersetzerin, die
möglicherweise in früheren Jahren noch eine Ressource dargestellt
habe, scheine, wie dies die behandelnde Psychiaterin ausgeführt habe, aktuell deutlich schädliche Auswirkungen auf die Gesundheit der Versicherten zu haben
,
und diese Tätigkeit sollte im Grunde genommen nicht mehr ausgeübt werden (S. 31 Mitte). Feinmotorische Kontrolltätigkeiten, die die Beschwerdeführerin in früheren Jahren im Informatikbereich ausgeübt habe, wären als solche ideal. Aufgrund der verminderten Mobilität, den grossen Schwierigkeiten in zwi
schenmenschlichen Beziehungen, der raschen Erschöpfbarkeit und der massiven Somatisierung in belastenden Situationen, sei aber auch eine solche Tätigkeit ausserhalb eines geschützten Rahmens aktuell nicht denkbar und wahrschein
lich nur maximal im Umfang von zwei Stunden pro Tag möglich
(S. 31 Mitte)
.
Zusammenfassend sei die Versicherte aus gutachterlicher Sicht aktuell und wahr
scheinlich auch auf längere Sicht für sämtliche ihrer zuletzt ausgeübten Tätigkeiten wie Restauratorin, Übersetzerin und Arbeiterin im feinmechanischen Bereich zu 100
%
arbeitsunfähig
,
und es könne auch kein Leistungsbild defi
niert werden, in dem mit einer höheren Arbeitsfähigkeit zu rechnen wäre. Aus gutachterlicher Sicht sei nicht davon auszugehen, dass es in den nächsten zwei
Jahren zu einer relevanten Verbesserung der Symptomatik und damit zu einer Verbesserung der Arbeitsfähigkeit kommen werde (S. 31 unten).
Dr.
B._
führte aus, medizinisch-theoretisch wäre bei der Versicherten aufgrund der Komplexität und der Schwere der Erkrankung eine stationäre Behandlung in Kombination mit einer medikamentösen Behandlung klar indiziert. Die Weigerung der Versicherten
,
Medikamente einzunehmen und auch die Ablehnung einer stationären Behandlung aufgrund der Angstsymptomatik, sei krankheitsimmanent und bei dieser Form einer psychisch bedingten Störung nicht ungewöhnlich. So unbefriedigend es rein psychiatrisch-psychotherapeu
tisch auch sei, seien die Behandlungsmöglichkeiten solch komplexer,
chronifi
zierter
Störungsbilder häufig limitiert und erschöpften sich in
sozialpsychiatri
schen
Notfallübungen, wie sie auch in den letzten Jahren bei der Versicherten stattgefunden hätten (S. 32
Ziff.
8).
Zum Gutachten von
Dr.
D._
führte
Dr.
B._
aus, dessen Schlussfol
gerungen seien wenig nachvollziehbar und transparent. Es sei schwer nachvollziehbar, dass bei der Versicherten, die aktuell keiner oder nur spora
disch einer beruflichen Tätigkeit nachgehe, deren Beziehungsmuster sich durch destruktive und grenzüberschreitende Beziehungen auszeichne, die sozial isoliert sei und unter zahlreichen Beschwerden leide, von einer ausgesprochen guten Anpassungsleistung gesprochen werden könne (S. 33
Ziff.
7). Auch habe
Dr.
D._
die von der Versicherten angegeben und auch in mehrfachen Berichten beschriebenen Traumatisierungen schlichtweg negiert, beziehungs
weise offensichtlich die Glaubwürdigkeit sowohl der Versicherten als auch der Berichterstatter angezweifelt, ohne dies zu begründen (S. 34
Ziff.
9). Auch sei die Diagnose einer Anpassungsstörung nach den Diagnosekriterien von ICD-10 falsch. So habe
Dr.
D._
keine auslösende Situation angegeben und die Diagnose sollte nur bei Störungen gestellt werden, die nicht länger als sechs Monate andauerten (S. 34
Ziff.
10). Auch der Rückschluss, dass eine dissoziative Störung im Sinne von ICD-10 F44 nicht diagnostiziert werden könne, da kein traumatisierendes Ereignis mit diesem in Verbindung gebracht werden könne, sei psychodiagnostisch ebenso
wenig schlüssig
, wie die Tatsache, dass keine
somatoforme
Störung erkannt und habe festgestellt werden können, da zwar körperliche Syndrome vorgetragen würden, dies aber nicht vorrangig als Prob
leme dargeboten würden (S. 34
Ziff.
11). Auch der Diagnostik der behandelnden Psychiaterin könne nicht vollends gefolgt werden (S. 34 f.
Ziff.
9.2). Die von
Dr.
H._
geäusserten Kritikpunkte am Gutachten von
Dr.
D._
seien jedoch überwiegend nachvollziehbar. Hingegen erscheine die Diagnose einer Persönlichkeitsveränderung nach andauernder Extrembelastung im Sinne von ICD-10 F62.0 allerdings wenig begründet und in dieser Form
nicht nachvoll
ziehbar.
Dr.
H._
habe die Diagnose in einem späteren Telefonat dann auch quasi revidiert (S. 35
Ziff.
9.3).
3.
5
Dr.
med.
I._
, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, RAD, führte in seiner Stellungnahme vom 2
3.
Oktober 2014 (
Urk.
27
/3-4
) aus,
anläss
lich der Begutachtung von
Dr.
B._
könne retrospektiv festgestellt wer
den,
dass die Einschätzung von
Dr.
D._
heute zu kurz greife
. Aufgrund der Angaben der Beschwerdeführerin und de
s
klinischen Eindruck
s
, den sie in der gutachterlichen Untersuchung vermittelt habe, seien dessen Schlussfolge
rungen aber nachvollziehbar.
Auch stünden die somatischen Beschwerden deutlich im Vordergrund, so dass die Diagnose einer
Somatisierungsstörung
gestellt werden könne. Auch die Diagnose einer generalisierten Angststörung könne ebenfalls n
achvollzogen werden
. Während der gutachterlichen Untersuchung hätten dissoziative Symp
tome nicht beobachtet werden können. Ob tatsächlich dissoziative Symptome vorlägen, sei anhand der Beschwerdeschilderung möglich, aber nicht sicher zu belegen. Fragen hinsichtlich psychosozialer Faktoren und deren Einfluss auf die Krankheitsproblematik seien von
Dr.
B._
nicht diskutiert worden. Momentan lebten sieben Personen unter einem Dach und die finanzielle Situation sei vor allem von den Sozialbehörden abhängig. Auch sei nicht klar, wie konkret die Beschwerdeführerin durch weitere gewaltsame Übergriffe gefährdet sei.
Sowohl die Angststörung als auch die depressive Symptomatik seien grundsätz
lich behandelbar. Dies werde auch von
Dr.
B._
bestätig
t
. Sie empfehle eine stationäre Behandlung. Eine konsequente psychotherapeutische Behand
lung und auch der Einsatz
angstspezifischer Antidepressiva sei bislang nicht versucht worden.
Dr.
I._
führte aus, das Gutachten von
Dr.
B._
vermöge nun die diagnostischen Schlussfolgerungen von
Dr.
D._
umzustossen. Es blieben aber wichtige Fragen zu krankheitsfördernden psy
chosozialen Aspekten wie auch zu
r Leidensbehandlung offen
.
3.
6
In Beantwortung der von der Besc
hwerdegegnerin gestellten Zusatz
fragen
(vgl.
Urk.
26 S. 2)
führte
Dr.
B._
in ihrem Bericht vom
8.
November 2014 (
Urk.
30) aus, es handle sich bei der Weigerung der Versicherten
,
Medikamente einzunehmen
,
sowie bei der Ablehnung einer stationären Behandlung um eine krankheitsimmanente Problematik und nicht einfach um eine willentliche Weigerung der Versicherten, medizinische Hilfe anzunehmen (S. 1 f.
Ziff.
1). Sowohl die medikamentöse als auch eine stationäre Behandlung gegen den krankheitsbedingt geäusserten Willen eines psychisch erkrankten Menschen sei
en
aus psychiatrischer Sicht wenig erfolgsversprechend und könnte
n
im Fall der Versicherten, die sich in einem psychisch sehr labilen Zustand befinde,
durch die zusätzliche Belastung eher noch zu einer weiteren Dekompensation führen. Aufgrund einer Nutzen-Risiko-Einschätzung erscheine daher weder eine medikamentöse noch eine stationäre Behandlung gegen den Willen und Über
zeugung der Versicherten als
ärztlich indiziert (S. 2
Ziff.
1).
Zur Frage des Vorliegens von psychosozialen Belastungsfaktoren führte
Dr.
B._
aus, die zum Zeitpunkt der Begutachtung im August/September 2014
bestehende Wohnsituation habe für die Versicherte, wie im Gutachten ausgeführt, einerseits sicher eine gewisse Belastung dargestellt, teilweise scheine sie auch eine Ressource zu aktivieren, indem sich die Beschwerdeführerin quasi als Familienoberhaupt um die Familie habe kümmern können. Die Beschwer
deführerin empfinde
die Abhängigkeit vom Sozialamt
als quälend und kränkend.
Dr.
B._
führte aus, gesamthaft könne gesagt werden, dass die psychosozialen Aspekte durchaus krankheitsfördernd beziehungsweise krankheitsunterhaltend seien, sie aber nicht der Grund für die Arbeitsunfähig
keit
,
sondern
,
wenn überhaupt
,
dann eine Teilursache der psychiatrischen Problematik als solche seien. Die generalisierte Angststörung und die dissozia
tive Störung mit ihrer Symptomatik schränkten die Beschwerdeführerin unab
hängig von einer konkreten Angst vor erneuten Übergriffen ein (S. 3
Ziff.
2).
Zur Frage
des
Verlauf
es
der Arbeitsfähigkeit
führte
Dr.
B._
aus, auf
grund der dürftigen Aktenlage bezüglich konkreter Krankschreibungen, den psychisch bedingt eher ungenauen und unscharfen Angaben der Versicherten, in Verbindung mit der ohnehin recht wechselnden Tätigkeit als freiberufliche Übersetzerin, seien konkrete Angaben zum zeitlichen Verlauf der Erkrankung und damit dem Verlauf der Arbeitsfähigkeit sehr schwierig.
Aufgrund der zur Verfügung stehenden Informationen sei aber davon auszugehen, dass die Versi
cherte seit etwa 2002 und 2003, also ungefähr im Zeitrahmen, seitdem sie ambulant psychiatrische Hilfe in Anspruch genommen habe, zunehmend an diversen körperlichen und psychischen Symptomen leide. Diese hätten sie ein
geschränkt und so
wohl die körperliche als auch geistige Belastbarkeit und Leistungsfähigkeit herabgesetzt. Konkrete Hinweise bezogen auf die
Somati
sierungsstörung
und resultierende Einschränkungen fänden sich im Rahmen des Stellenwechsels 200
9.
Damals scheine zunehmend die Arbeit als Ressource der Versicherten in den Hintergrund getreten zu sein und sich die körperliche und psychische Problematik verstärkt zu haben. Spätestens ab dem Ereignis vom April 2012, als es zu einer weiteren Bedrohungssituation und einem Übergriff durch eine Freundin der Versicherten gekommen sei, schienen die psychischen Kompensationsmechanismen der Versicherten dann vollständig eingebrochen zu sein
,
und allerspätestens ab diesem Zeitpunkt sei von der heute bestehenden Arbeitsunfähigkeit auszugehen. Konkret lasse sich die Arbeitsfähigkeit der
letzten Jahre aus psychiatrisch-gutachterlicher Sicht retrospektiv nicht bestimmen (S. 3 f.
Ziff.
3).
3.
7
In seiner
Stellungnahme vom
5.
Dezember 2014 (
Urk.
34) führte
Dr.
I._
, RAD, aus
,
die Gutachterin stelle den medizinischen Sachverhalt
insgesamt sehr ausfüh
rlich und nachvollziehbar dar.
Auch die Fragen, einschliesslich zum Verlauf der Arbeitsfähigkeit
,
seien von ihr klar beantwortet worden (S. 1). Auf das Gutachten könne daher aus rein medizinischer Sicht abgestellt werden (S.
2).
4.
4.1
Die Beschwerdegegnerin stützte sich in ihrer leistungsanspruchsverneinenden Verfügung auf das psychiatrische Gutachten von
Dr.
D._
vom Mai 2
013 (vorstehend E.
3
.2
)
welcher eine Anpassungsstörung (
ICD-10 F43.23
)
diagnosti
zierte und von einer vollständigen Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin ausging.
In Anbetracht der schon seit dem Jahre 2003 dokumentierten psychiatrischen Problematik der Beschwerdeführerin
(vgl. vorstehend E. 3.1 und 3.3)
vermag die Diagnose einer Anpassungsstörung, welche
rechtsprechungsgemäss als vorüber
gehendes und damit
auch
nicht invalidisierendes psychisches Leiden (Urteil des Bundesgerichts 8C_322/2010 vom
9.
August 2010 E. 5.2 mit Hinweisen)
gilt, nicht zu überzeugen. Auch führte
Dr.
D._
aus,
die von der Explorandin beklagten vegetativen Symptome seien nicht beobachtbar gew
esen. In den Akten sind jedoch verschiedene
Ber
ichte zu finden, in welchen die
Beschwer
deführerin Ärzte aufgrund der von ihr erlebten Symptome aufsuchte
(
vgl.
Urk.
7/8/8-11
).
Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit diesen Gegebenheiten nahm
Dr.
D._
nicht vor. Auch suggerierte
Dr.
D._
,
indem er ausführte, es sei nicht möglich, die angeblich vielen und dramatischen Ereig
nisse, die die Explorandin angebe, zu objektivieren, dass sich alles hauptsäch
lich auf subjektiver Ebene
der Beschwerdeführerin
abspiele.
In d
em den Akten beiliegenden Bericht der
J._
vom
6.
November 2013
(
Urk.
7/30 =
Urk.
3/6)
, welcher
Dr.
D._
bei Erstellung seines Gutachtens nicht vorge
legen hat, sind jedoch zahlreiche massive
gewalttätige Übergriffe seit August 2001 dokumentiert
.
Aus den genannten Gründen vermag das Gutachten von
Dr.
D._
den Anforderungen an eine beweiskräft
ige Expertise (vorstehend E. 1.5
) nicht zu genügen, was so auch von Seiten des RAD-Arztes
Dr.
I._
in seiner Stellungnahme vom
Oktober 2014 bestätigt wurde (vorstehend E. 3.5
)
.
Da die
Bericht
e
der behandelnde Psychiaterin
Dr.
C._
(vorstehend E.
3.1 und E. 3.3
)
zwar auf eine massive psychische Problematik hinwiesen, sich jedoch vor allem hinsichtlich der Diagnostik nicht vollends schlüssig zeigte, und damit keine
abschliessende Einschätzung des Gesundheitszustandes und der Ar
beitsfähigkeit der Beschwerdeführerin zu
liessen
,
musste zur Klärung ein
Gerichts
gutachten
bei
Dr.
B._
eingeholt werden
(vgl. vorstehend E.
3
.4
).
4.2
Das gerichtlich eingeholte psychiatrische Gutachten von
Dr.
B._
vom September 2014
(vorstehend E. 3.
4
), ergänzt durch die Ausführungen vom
November 2014
(vorstehend E.
3.6
), erfüllt indes die Anforderungen an eine beweiskräft
ige Expertise (vorstehend E. 1.5
), indem es für die
Beantwortung der gestellten Fragen umfassend ist, auf den erforderlichen allseitigen Untersu
chungen beruht, die geklagten Beschwerden berücksichtigt und sich mi
t diesen sowie dem Verhalten der Beschwerdeführerin
auseinandersetzt. Schliesslich wurde das Gutachten in Kenntnis der
Vorakten
und unter Einholung von
fremdanamnestischen
Angaben
abgegeben, leuchtet in der Darlegung der medi
zinischen Situation ein und die Schlussfolgerungen der Expertin sind begrün
det.
Für die
Entscheidfindung
kann daher darauf abgestellt werden.
Auch die Beschwerdegegnerin ging
am
1
1.
Dezember 2014 (
Urk.
33
) nach der Stellungnahme des RAD-Arzte
s
Dr.
I._
vom
5.
Dezember 2014
(vorstehend E. 3
.7
), davon aus, dass aus medizinischer Sicht auf das Gutachten von
Dr.
B._
abgestellt werden könne. Jedoch verneinte die
Beschwerdegeg
nerin
eine abschliessende Beurteilungskompetenz von
Dr.
B._
betref
fend die Folgeabschätzung der erhobenen gesundheitlichen Beeinträchtigungen für die Arbeitsfähigkeit und kam nach Prüfung der Frage der Üb
erwindbarkeit unter Hinweis auf
zahlreichen Ressourcen der Beschwerdeführerin zum Schluss, dass zumindest in einer angepassten Tätigkeit eine vollständige Arbeitsunfähig
keit nicht nachvollziehbar sei (vgl.
Urk.
33 S. 1 f.).
4.3
Dem Gutachten von
Dr.
B._
lässt sich
jedoch
ohne weiteres ent
nehmen, dass die Beschwerdeführerin in ihrem täglichen Leben massiv einge
schränkt ist. Bei der beträchtlichen psychiatrischen Problematik reicht ein Ver
weis auf teilweise vorgenommen
e
Haushaltstätigkeit
und das unregelmässige Hüten der Enkel
nicht aus, um entgegen der fachärztlichen Einschätzung eine Arbeitsfähigkeit zu begründen. Wie die Beschwerdeführerin in ihrer Stellung
nahme vom
8.
Januar 2015 (
Urk.
37) zu Recht bemängelte, handelt es sich bei den von der Beschwerdegegnerin aufgeführten Ressourcen teilweise um aus dem Kontext gerissene
An
gaben
(vgl.
Urk.
20 S. 20
Ziff.
2.6.1-2
)
.
4.4
Zusammenfassend ist damit gestützt auf das psychiatri
s
che Gutachten von
Dr.
B._
vom September 2014
(vorstehend E. 3.4)
und ihre ergänzenden
Ausführungen vom November 2014
(vorstehend E.
3.6
)
davon auszugehen, dass
die Beschwerdeführerin spätestens ab April 2012 auf dem ersten Arbeitsmarkt nicht mehr arbeitsfähig ist.
5
.
5
.1
Aufgrund des Gesagten besteht bei der Beschwerdeführerin auf dem ersten Arbeitsmarkt keine Arbeitsfähigkeit mehr.
Demnach
genügt für die Ermittlung des Invaliditätsgrades die Gegenüberstellung blosser Prozen
tzahlen
. Daraus resultiert ein Invaliditätsgrad von 100
%
und damit ein Anspruch auf eine ganze Rente.
5
.2
Zu prüfen bleibt der Zeitpunkt des Rentenbeginns.
Gemäss
Art.
28
Abs.
1
lit
. b und c IVG haben Versicherte Anspruch auf eine Rente, wenn sie während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindestens 40
%
arbeitsunfähig gewesen sind und nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40
%
invalid im Sinne von
Art.
8 ATSG sind. Der Rentenanspruch entsteht frühestens nach Ablauf von sechs Monaten nach Geltendmachung des Leistungsanspruchs nach
Art.
29
Abs.
1 ATSG (
Art.
29
Abs.
1 IVG).
5.3
Die
Beschwerdeführer
in
meldete sich im
August 2012
bei der Invalidenversiche
rung
zum Leistungsbezug an (
Urk.
7/2), weshalb
sie
unter der Voraussetzung, dass das Wartejahr abgelaufen ist
,
per
1.
Februar 2013 Anspruch auf eine Inva
lidenrente hätte
(vgl. vorstehend E. 5.2)
.
Dr.
B._
führte
aus
,
dass
sich der Beginn der Arbeitsunfähigkeit
bei der Beschwerdeführerin
nur schwer festsetzen
liesse
, da sich das gesamte Krank
heitsbild einerseits schwankend in der Ausprägung zeigte und sich andererseits über die Jahre
hinweg gesteigert habe
. Eine massive Verschlechterung
verzeich
nete
Dr.
B._
jedoch ab
April 2012
und erachtete ab diesem Zeitpunkt keine Arbeitsfähigkeit mehr für gegeben.
Da
zur Erfüllung des Wartejahres
während eines Jahres lediglich eine durch
schnittliche Arbeitsunfähigkeit von 40
%
gefordert wird
,
ist auch mit
Blick auf
die von der behandelnden Psychiaterin seit 2003 attestierten Arbeitsunfähigkeit in den angestammten Tätigkeiten
von
50 bis 100
%
, davon auszugehen
, dass das Wartejahr
per Februar 2013 bereits abgelaufen war.
Es besteht demnach unter Berücksichtigung der dargelegten gesetzlichen Rege
lung ein Anspruch auf eine ganze Invalidenrente ab
1.
Februar 2013.
5
.4
Die angefochtene Verfügung ist daher in Gutheissung der Beschwerde mit der Feststellung aufzuheben,
dass die
Beschwerdeführer
in
ab
1.
Februar 2013
Anspruch auf eine ganze Rente der Invalidenversicherung hat.
6
.
6
.1
Da es um die Bewilligung oder Verweigerung von Versicherungsleistungen geht, ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Gerichtskos
ten sind nach dem
Verfahrens
aufwand
und unabhängig vom Streitwert festzulegen (Art. 69 Abs. 1
bis
IVG) und auf Fr. 9
00.-- anzusetzen. Entsprechend dem Ausgang des Verfahrens sind sie der unterliegenden Beschwerdegegnerin aufzuerlegen
.
6
.2
Die Kosten für das Gerichtsgu
tachten von
Dr.
B._
vom
1.
September 2014
(
Urk.
20) in Höhe von
Fr.
7‘500.-- (
Urk.
21
)
sowie für deren Stellung
nahme vom
8.
November 2014 (
Urk.
30) in der Höhe von
Fr.
600.-- (
Urk.
31)
sind ebenfalls der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen, war doch der medizinische Sachverhalt bei Verfüg
ungserlass
nur
ungenügend erstellt.