Decision ID: fba745f6-b823-4e1f-aca8-1e741a98ab12
Year: 2020
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ bezog gestützt auf eine Verfügung vom 7. Dezember 2009 in der Zeit vom 1.
August 2007 bis zum 29. Februar 2008 eine befristete ganze Rente der
Invalidenversicherung (IV-act. 141, 144 und 145). Die Rentenverfügung vom 7.
Dezember 2009 stützte sich auf ein neurologisches Gutachten von Dr. med. B._ vom
15. Januar 2009 (IV-act. 134). Darin waren eine im Juli 1992 erlittene Läsion des Nervus
ulnaris und der Sehnen, eine im August 2006 erlittene Kontusion des Nervus ulnaris,
der Arteria ulnaris und der Beugesehnen sowie – ohne Auswirkung auf die
Arbeitsfähigkeit – ein Status nach einer Dissektion der PICA links mit einer spontanen
Rekanalisation im März 1992, eine Hypercholesterinämie, eine arterielle Hypertonie,
Kopfschmerzen vom Spannungstyp und eine subjektive Gedächtnisstörung bei einem
Verdacht auf Alkoholismus diagnostiziert worden. Die Neurologin Dr. B._ hatte die
vom Versicherten ursprünglich erlernte Tätigkeit als Heizungsmonteur als unzumutbar
qualifiziert, für eine leidensadaptierte Tätigkeit aber eine uneingeschränkte
Arbeitsfähigkeit attestiert. Der RAD-Arzt Dr. med. C._ hatte das Gutachten im März
2009 als überzeugend qualifiziert und notiert, für die Zeit unmittelbar nach der
Kontusion des rechten Armes im August 2006 bis zum Ablauf einer dreimonatigen
Rekonvaleszenzzeit nach der im August 2007 durchgeführten Operation müsse von
einer vollständigen Arbeitsunfähigkeit ausgegangen werden.
A.a.
Nach einem im Juni 2009 erlittenen Stolpersturz meldete sich der Versicherte im
März 2010 erneut zum Leistungsbezug an (IV-act. 2). Der RAD-Arzt Dr. med. D._
notierte im Oktober 2014 (IV-act. 248), der Versicherte leide gemäss den medizinischen
Berichten an bewegungs- und belastungsabhängigen Schulterschmerzen links als
Folge des im Juni 2009 erlittenen Sturzes. Seit Mai 2014 liege ein stabiler
A.b.
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Gesundheitszustand vor, nachdem davor zahlreiche medizinische Massnahmen
durchgeführt worden seien. Retrospektiv sei für die Zeit von März 2010 bis November
2013 (der Versicherte habe nach dem Sturz zunächst noch weiter gearbeitet) von einer
vollständigen Arbeitsunfähigkeit auszugehen. In der Zeit von Dezember 2013 bis Mai
2014 sei der Versicherte zu 50 Prozent arbeitsfähig gewesen. Ab Juni 2014 sei von
einer uneingeschränkten Arbeitsfähigkeit für leidensadaptierte Tätigkeiten auszugehen.
Mit einer Verfügung vom 6. Juli 2015 sprach die IV-Stelle dem Versicherten für die Zeit
vom 1. März 2011 bis zum 28. Februar 2014 eine ganze und für die Zeit vom 1. März
2014 bis zum 31. August 2014 eine Dreiviertelsrente – bei einem Invaliditätsgrad von 63
Prozent – zu (IV-act. 252 und 255 ff.).
Am 20. Juli 2015 meldete sich der Versicherte erneut zum Bezug einer Rente der
Invalidenversicherung an (IV-act. 259). Die IV-Stelle forderte ihn am 23. Juli 2015 auf
(IV-act. 262), eine relevante Sachverhaltsveränderung seit dem Abschluss des letzten
Rentenverfahrens glaubhaft zu machen. Der Versicherte reichte unter anderem einen
Sprechstundenbericht von Dr. med. E._ vom Spital Z._ ein, der am 11. August
2015 erstellt worden war (IV-act. 265). Darin waren eine Ansatz-Tendinitis und eine
Tendinose des Ligamentum patellae links, der Verdacht auf eine Plica medio-patellaris
rechts, der Verdacht auf eine degenerative Partial-Ruptur der Quadriceps-Sehne links,
ein Status nach einer diagnostischen SAS links, ein lumbo-radiculäres
Schmerzsyndrom L3/4 sowie ein Status nach einem Kleinhirn-Insult im Jahr 1992 als
Diagnosen angeführt worden. Die RAD-Ärztin Dr. med. F._ notierte im August 2015
(IV-act. 270), der Gesundheitszustand des Versicherten habe sich verändert, denn
dieser leide nun neu an Kniegelenksschmerzen beidseits sowie an stärkeren
Rückenschmerzen. Wahrscheinlich sei ihm eine leidensadaptierte Tätigkeit weiterhin in
einem vollen Pensum zumutbar, aber es stelle sich die Frage nach einer
Leistungsminderung aufgrund eines gesteigerten Pausenbedarfs. Mit einer Mitteilung
vom 12. Januar 2016 wies die IV-Stelle das Begehren des Versicherten um berufliche
Massnahmen ab (IV-act. 289). Die RAD-Ärztin Dr. F._ erachtete die
Arbeitsfähigkeitsschätzung von Dr. E._ in dessen Bericht vom 21. September 2015
als nicht nachvollziehbar (IV-act. 319). Sie hielt fest, die in den Berichten von Dr. E._
beschriebenen strukturellen Läsionen könnten das Attest einer Arbeitsunfähigkeit von
50 Prozent für leidensadaptierte Tätigkeiten nicht erklären. Die von Dr. E._ erwähnte
A.c.
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Leistungseinschränkung auf etwa 70–80 Prozent wegen eines gesteigerten
Pausenedarfs sei dagegen nachvollziehbar. Im Juni 2016 berichtete Dr. E._ (IV-act.
320), bezüglich der linken Schulter sei „sicherlich“ der Endzustand erreicht. Hinsichtlich
der Kniebeschwerden könne noch mit einer weiteren Verbesserung gerechnet werden.
Dasselbe gelte auch für die zwischenzeitlich festgestellte Pseudarthrose des Os
coccygis. Bezüglich der Coxarthrose und der Problematik an der Lendenwirbelsäule
müsse künftig mit einer Zunahme der Beschwerden gerechnet werden. Rein
administrative Tätigkeiten ohne das Heben von Gewichten und ohne
Überkopfbewegungen seien dem Versicherten zumindest mit einem Pensum von 50
Prozent und mit einer Leistungsfähigkeit von etwa 70–80 Prozent zumutbar. Mit einem
Vorbescheid vom 26. Juli 2016 teilte die IV-Stelle dem Versicherten mit, dass sie die
Abweisung des Rentenbegehrens bei einem nicht rentenbegründenden Invaliditätsgrad
von 20 Prozent vorsehe (IV-act. 323). Einem Berechnungsblatt liess sich entnehmen,
dass die IV-Stelle zwar von einer Validenkarriere des Versicherten als ausgebildeter
Heizungsmonteur ausgegangen war, dass sie aber trotzdem den statistischen
Zentralwert der Hilfsarbeiterlöhne als Valideneinkommen eingesetzt hatte (IV-act. 321).
Der Versicherte wandte am 7. September 2016 ein (IV-act. 324), sein
Gesundheitszustand habe sich seit Februar 2014 massiv verschlechtert. Die IV-Stelle
habe den medizinischen Sachverhalt nur unvollständig abgeklärt. Er beantrage eine
interdisziplinäre Begutachtung. Die behandelnden Ärzte veranlassten weitere
Abklärungen. Die Y._ Klinik berichtete im Februar 2017 (IV-act. 356–5), ein neu
angefertigtes MRI habe kein Korrelat für die vom Versicherten geklagte
Schmerzsymptomatik im Bereich der unteren Extremitäten gezeigt. Man habe dem
Versicherten eine Infiltration L4/5 und L5/S1 angeboten, aber dieser habe eine
Weiterführung der konservativen Therapie präferiert. Im April 2017 teilte die Y._ Klinik
auf eine entsprechende Anfrage der IV-Stelle hin mit (IV-act. 367–7), der Versicherte sei
vor längerer Zeit wegen einer beginnenden Coxarthrose beurteilt worden. Mit der Frage
nach der Arbeitsfähigkeit des Versicherten habe man sich aber nicht befasst. Die
Neurologin Dr. med. G._ berichtete im April 2017 (IV-act. 375), der Versicherte leide
an einer mässiggradigen, sensomotorischen, distalbetonten, symmetrischen und
teilweise schmerzhaften Polyneuropathie. Diese sei am ehesten als diabetogen zu
qualifizieren. Die IV-Stelle beauftragte schliesslich die Zentrum für interdisziplinäre
A.d.
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medizinische Begutachtungen (ZIMB) AG mit einer polydisziplinären Begutachtung des
Versicherten. In ihrem Gutachten vom 17. April 2018 hielten die Sachverständigen der
ZIMB AG fest (IV-act. 393), der Versicherte leide an einer frozen shoulder links, an einer
Ulnarisneuropathie rechts, an einem chronischen thoraco-lumbo-spondylogenen
Schmerzsyndrom, an Gonarthralgien beidseits, an einer beginnenden Coxarthrose
beidseits sowie – ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit – an einem Status nach
einem inkompletten Wallenberg-Syndrom, an einer leicht ausgeprägten, distal
symmetrischen Polyneuropathie und an einem metabolischen Syndrom. Die
Einschränkungen seitens der Wirbelsäule, der linken Schulter sowie der Hüft- und
Kniegelenke verunmöglichten aus orthopädischer Sicht die Ausübung einer körperlich
schweren, überwiegend stehend oder gehend zu verrichtenden Tätigkeit. Auch
schweres und mittelschweres Heben sei dem Versicherten nicht mehr zumutbar.
Kniend zu verrichtende Tätigkeiten sollten vermieden werden. Aus orthopädischer
Sicht sei dem Versicherten die erlernte Tätigkeit als Heizungsmonteur deshalb nicht
mehr zumutbar. Der Versicherte sei aber in der Lage, leichte bis mittelschwere,
wechselbelastende Tätigkeiten ohne einen Einsatz der Oberarme über der Horizontalen
ganztags auszuüben. Aufgrund eines erhöhten Pausenbedarfs zur Schmerzentlastung
und wegen einer verminderten Schnelligkeit bei der Ausführung der Arbeit könne aus
orthopädischer Sicht aber nur eine Arbeitsfähigkeit von 80 Prozent attestiert werden.
Aus internistischer Sicht seien keinerlei Einschränkungen der Arbeitsfähigkeit zu
attestieren. Aus neurologischer Sicht könne für eine leidensadaptierte,
wechselbelastende leichte Tätigkeit ohne Anforderungen an die Feinmotorik der
rechten Hand eine uneingeschränkte Arbeitsfähigkeit attestiert werden, weil die in der
neurologischen Untersuchung festgestellten Defizite im Rahmen der hochgradigen
sensomotorischen Ulnarisläsion rechts und die ätiologisch nicht sicher abschliessend
einzuordnenden sensiblen Defizite an den Beinen für die Ausübung einer
leidensadaptierten Tätigkeit nicht relevant seien. Die Restarbeitsfähigkeit des
Versicherten könne durch medizinische Massnahmen nicht verbessert oder gesteigert
werden. Die RAD-Ärztin Dr. F._ qualifizierte das Gutachten der ZIMB AG als
überzeugend (IV-act. 394).
Die IV-Stelle sandte dem Versicherten am 25. April 2018 sämtliche Akten zu und
sie räumte ihm die Möglichkeit ein, Stellung dazu zu nehmen (IV-act. 395). Sie wies ihn
A.e.
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B.
darauf hin, dass sie eine allfällige Stellungnahme bis zum 31. Mai 2018 erwarte.
Anschliessend werde sie eine rechtsmittelfähige Verfügung erlassen. Der Versicherte
beantragte am 11. Mai 2018 eine Fristerstreckung (IV-act. 397), die ihm gewährt wurde
(IV-act. 398). Innert der erstreckten Frist nahm der Versicherte dann allerdings keine
Stellung. Am 10. Juli 2018 erliess die IV-Stelle deshalb eine Verfügung, mit der sie das
Rentenbegehren bei einem nicht rentenbegründenden Invaliditätsgrad von 20 Prozent
abwies (IV-act. 401).
Am 17. August 2018 erhob der Versicherte (nachfolgend: der Beschwerdeführer)
eine Beschwerde gegen die Verfügung vom 10. Juli 2018 (act. G 1). Er beantragte die
Ausrichtung von Invalidenleistungen. Zur Begründung führte er aus, er befinde sich seit
dem Jahr 2015 in einer medizinischen Behandlung. Nun habe er einen Rückfall gehabt,
weshalb er sich am 8. August 2018 notfallmässig in eine ärztliche Behandlung habe
begeben müssen. Man habe ihm dort gesagt, dass „es“ von den Knien ausgehe.
Wahrscheinlich sei eine weitere Operation unumgänglich. Es könne doch nicht sein,
dass er ausgerechnet jetzt „aufs Abstellgleis gesetzt“ werde, wo seine Beschwerden
akut würden und er offensichtlich nicht mehr arbeiten könne. Sicherlich sei es auch
nicht gut, dass er nur noch mit Medikamenten laufen und aufstehen könne.
B.a.
Die IV-Stelle (nachfolgend: die Beschwerdegegnerin) beantragte am 4. Oktober
2018 die Abweisung der Beschwerde (act. G 3). Zur Begründung führte sie an, der
Beschwerdeführer habe nichts geltend gemacht oder eingereicht, das Zweifel an der
Zuverlässigkeit des Gutachtens der ZIMB AG wecken würde. Selbst wenn sich der
Gesundheitszustand des Beschwerdeführers wie behauptet dauerhaft wesentlich
verschlechtern würde, änderte sich nichts an der Rechtmässigkeit der angefochtenen
Verfügung, denn eine solche nachträgliche Verschlechterung müsste im Rahmen einer
Neuanmeldung geltend gemacht werden.
B.b.
Am 5. Oktober 2018 wurde dem Beschwerdeführer die unentgeltliche
Rechtspflege bewilligt (act. G 4). Am 23. Oktober 2018 teilte der Rechtsanwalt lic. iur.
Balmer mit, dass er die Interessensvertretung des Beschwerdeführers übernommen
habe (act. G 6). Am 24. Oktober 2018 wurde dem Beschwerdeführer deshalb auch die
unentgeltliche Rechtsverbeiständung bewilligt (act. G 7).
B.c.
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Erwägungen
1.
Der Beschwerdeführer hat sich am 20. Juli 2015 (erneut) zum Bezug einer Rente der
Invalidenversicherung angemeldet. Da er in der Folge eine relevante
Sachverhaltsveränderung glaubhaft gemacht hat, ist die Beschwerdegegnerin zu Recht
auf diese Neuanmeldung eingetreten. Das daraufhin eröffnete und mit der
angefochtenen Verfügung vom 10. Juli 2018 abgeschlossene Verwaltungsverfahren hat
sich inhaltlich in nichts von einem Verwaltungsverfahren unterschieden, das eine
erstmalige Anmeldung zum Rentenbezug zum Gegenstand hat. Weil dieses
Beschwerdeverfahren die Überprüfung der angefochtenen Verfügung auf deren
Rechtmässigkeit bezweckt, muss sein Gegenstand jenem des vorangegangenen
Am 3. Januar 2019 liess der Beschwerdeführer replicando die Zusprache einer
vollen (recte: ganzen) Rente beantragen und geltend machen (act. G 13), sein
Gesundheitszustand sei keineswegs stabil. Die angefochtene Verfügung sei „überstürzt
und definitiv zu früh“ ergangen. Der Beschwerdeführer befinde sich immer noch in
ärztlicher Abklärung und Behandlung; er werde wohl nochmals operiert werden
müssen. Der Eingabe lag eine Stellungnahme von Dr. E._ vom 15. November 2018
bei (act. G 13.1), in der dieser festgehalten hatte, dass der Endzustand ganz klar nicht
erreicht worden sei. Als Folge der Implantation einer Humeruskopfprothese links habe
sich – wie in einer solchen Situation praktisch üblich – zwischenzeitlich eine Arthrose
auf der glenoidalen Seite der linken Schulter entwickelt. Die beginnende Destruktion
des Glenoides führe zu einer zunehmenden Instabilität der Humeruskopfprothese,
weshalb die Implantation einer Schultertotalprothese geplant sei. Aktuell seien dem
Beschwerdeführer schulterschonende Tätigkeiten sicherlich zu 50 Prozent, eher jedoch
zu 75 Prozent oder sogar zu 100 Prozent zumutbar. Realistischerweise werde der
Beschwerdeführer aber kaum eine Arbeitsstelle finden.
B.d.
Die Beschwerdegegnerin hielt in ihrer Duplik vom 11. Januar 2019 an ihrem Antrag
fest (act. G 15). Sie führte aus, Dr. E._ habe die Arbeitsfähigkeitsschätzung der
Sachverständigen der ZIMB AG im Ergebnis als zutreffend bestätigt. Die Frage nach
den Chancen des Beschwerdeführers, auf dem tatsächlichen Arbeitsmarkt eine Stelle
zu finden, sei nicht medizinischer Natur. Zu berücksichtigen sei auch, dass nur der
Gesundheitszustand bis zur Eröffnung der angefochtenen Verfügung massgebend sei.
B.e.
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Verwaltungsverfahrens entsprechen. Zu prüfen ist also, ob der Beschwerdeführer in der
Zeit nach der erneuten Anmeldung zum Rentenbezug am 20. Juli 2015 einen Anspruch
auf eine Rente der Invalidenversicherung gehabt hat.
2.
Laut dem Art. 28 Abs. 1 IVG hat eine versicherte Person, die ihre Erwerbsfähigkeit
nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen wieder herstellen, erhalten oder
verbessern kann, die während eines Jahres ohne einen wesentlichen Unterbruch
durchschnittlich mindestens 40 Prozent arbeitsunfähig gewesen ist und die nach dem
Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 Prozent invalid ist, einen Anspruch auf eine
Rente der Invalidenversicherung. Für die Bemessung der Invalidität wird gemäss dem
Art. 28a Abs. 1 IVG in Verbindung mit dem Art. 16 ATSG das Erwerbseinkommen, das
die versicherte Person nach dem Eintritt der Gesundheitsbeeinträchtigung und nach
der Durchführung der medizinischen Behandlung und allfälliger
Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei einer
ausgeglichenen Arbeitsmarktlage erzielen könnte, in Beziehung zu jenem
Erwerbseinkommen gesetzt, das sie erzielen könnte, wenn sie gesund geblieben wäre.
2.1.
Der Beschwerdeführer hat eine Berufsausbildung zum Heizungsmonteur
abgeschlossen und er hat jahrelang in diesem Beruf gearbeitet. Selbst als ihm diese
Tätigkeit aus medizinischer Sicht eigentlich nicht mehr zumutbar gewesen ist, hat er sie
während einer gewissen Zeit noch ausgeübt. Jedenfalls steht mit dem erforderlichen
Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit fest, dass der Beschwerdeführer
ohne die Gesundheitsbeeinträchtigung in der Lage gewesen wäre, den
durchschnittlichen Lohn eines Heizungsmonteurs zu erzielen. Gemäss den Ergebnissen
der Schweizer Lohnstrukturerhebung für das Jahr 2018 hat der statistische Zentrallohn
eines ausgebildeten Mitarbeiters im Baugewerbe (Branchen 41–43; Kompetenzniveau
2) monatlich 5’962 Franken betragen (LSE 2018, Tabelle A1). Die betriebsübliche
Arbeitszeit in der Branche 43 hat sich im Jahr 2018 auf 41,2 Stunden pro Woche
belaufen. Der Beschwerdeführer hätte als Heizungsmonteur folglich im Jahr 2018 einen
Jahreslohn von 73’690 Franken erzielen können. Dieser Betrag ist etwas höher als der
vom „Salarium“ des Bundesamtes für Statistik für die Grossregion Ostschweiz
angegebene Lohn von 70’128 Franken für einen ausgebildeten Heizungsmonteur. Die
für dieses Verfahren nicht relevante Differenz dürfte darauf zurückzuführen sein, dass
die Löhne in der Grossregion Ostschweiz generell tiefer als die gesamtschweizerischen
Löhne sind. Folglich ist der für die gesamte Schweiz berechnete Betrag von 73’690
Franken als Valideneinkommen zu berücksichtigen. Warum die Beschwerdegegnerin
2.2.
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auf den Zentralwert der Hilfsarbeiterlöhne als Valideneinkommen abgestellt hat, ist
nicht nachvollziehbar.
Die Beschwerdegegnerin hat zur Beantwortung der Frage, welche Tätigkeiten dem
Beschwerdeführer aus medizinischer Sicht in welchem Umfang trotz der
Gesundheitsbeeinträchtigung noch zumutbar sind, ein polydisziplinäres Gutachten bei
der ZIMB AG eingeholt. Die Sachverständigen der ZIMB AG haben den
Beschwerdeführer umfassend persönlich untersucht und sie haben die medizinischen
Akten eingehend gewürdigt. Weder im Gutachten der ZIMB AG noch in den übrigen
medizinischen Akten findet sich ein Hinweis darauf, dass die Sachverständigen eine
wesentliche medizinische Tatsache übersehen oder nicht berücksichtigt hätten. Das
Gutachten der ZIMB AG enthält je eine ausführliche Schilderung des objektiven
klinischen Befundes aus internistischer, aus orthopädischer und aus neurologischer
Sicht. Die Sachverständigen haben ihre Schlussfolgerungen in Bezug auf die
Diagnosestellung und auf die Arbeitsfähigkeitsschätzung anhand dieser objektiven
klinischen Befunde begründet; sie haben keine sachfremden Kriterien (wie etwa die
Chancen des Beschwerdeführers, auf dem invalidenversicherungsrechtlich irrelevanten
tatsächlichen Arbeitsmarkt eine Stelle zu finden) berücksichtigt. Die Begründung der
Schlussfolgerungen ist aus der Sicht eines medizinischen Laien nachvollziehbar und
überzeugend. Widersprüchlichkeiten sind nicht auszumachen. Zudem hat der
behandelnde Orthopäde Dr. E._ die Arbeitsfähigkeitsschätzung in seiner
Stellungnahme vom 15. November 2018 bestätigt, indem er festgehalten hat, dass der
Beschwerdeführer für eine ideal leidensadaptierte Tätigkeit zu 75 Prozent oder sogar
zu 100 Prozent arbeitsfähig sei. Auf den (nicht medizinischen) Einwand von Dr. E._,
der Beschwerdeführer habe kaum eine Chance, eine Arbeitsstelle zu finden, wird
nachfolgend in der E. 2.4 eingegangen. Die einzige Kritik medizinischer Art von Dr.
E._ am Gutachten der ZIMB AG betrifft die Frage, ob ein sogenannter medizinischer
Endzustand erreicht sei: Während die Sachverständigen der ZIMB AG festgehalten
haben, dass sich die Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers mit weiteren
medizinischen Behandlungen nicht mehr relevant beeinflussen lasse, hat Dr. E._ sich
auf den Standpunkt gestellt, der Beschwerdeführer müsse nochmals an der Schulter
operiert werden, weshalb noch kein stabiler Gesundheitszustand vorliege. Zwischen
diesen beiden Beurteilungen besteht nur auf den ersten Blick ein Widerspruch, denn
bei genauer Betrachtung haben die Sachverständigen der ZIMB AG und Dr. E._ nicht
dieselbe Frage beantwortet: Die Sachverständigen der ZIMB AG haben sich zur
versicherungsmedizinisch relevanten Frage geäussert, ob weitere medizinische
Behandlungen den Gesundheitszustand des Beschwerdeführers so beeinflussen
könnten, dass sich dessen Arbeitsfähigkeit noch wesentlich verbessern würde; Dr.
2.3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/12
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St.Galler Gerichte
E._ hat dagegen Stellung zur versicherungsmedizinisch nicht massgebenden Frage
genommen, ob aus therapeutischer Sicht noch weitere Behandlungen indiziert seien,
was offensichtlich der Fall ist, weshalb aus therapeutischer Sicht noch kein
sogenannter Endzustand vorliegt. Der Stellungnahme vom 15. November 2018 lässt
sich aber eindeutig entnehmen, dass Dr. E._ bereits zum damaligen Zeitpunkt (also
vor dem Abschluss der Therapie) eine ideal leidensadaptierte Tätigkeit als zu 75–100
Prozent zumutbar erachtet hat. Vom vorgesehenen operativen Eingriff an der Schulter
hat sich Dr. E._ selbstverständlich eine Verbesserung des Gesundheitszustandes des
Beschwerdeführers erhofft, denn ansonsten wäre dieser Eingriff medizinisch nicht
indiziert gewesen. Diese Verbesserung könnte versicherungsmedizinisch nur dann
relevant sein, wenn der Beschwerdeführer im Zeitpunkt der Eröffnung der
angefochtenen Verfügung in einem rentenbegründenden Ausmass invalid gewesen
wäre und wenn vom Eingriff eine wesentliche Reduktion des Invaliditätsgrades hätte
erwartet werden können. Das ist aber gemäss den nachstehenden Ausführungen nicht
der Fall gewesen, weshalb das Resultat des Eingriffs nicht mehr hat abgewartet
werden müssen. Die Tatsache, dass Dr. E._ den Beschwerdeführer nochmals an der
Schulter operieren wollte, weckt also keinen Zweifel an der Überzeugungskraft des
Gutachtens der ZIMB AG. Aus der Sicht eines medizinischen Laien erscheint allerdings
die vom orthopädischen Sachverständigen der ZIMB AG attestierte Arbeitsunfähigkeit
von 20 Prozent selbst für ideal leidensadaptierte Tätigkeiten als nicht ganz
überzeugend respektive als eher zu grosszügig bemessen. Es besteht der Verdacht,
dass der orthopädische Sachverständige keine ideal leidensadaptierte Tätigkeit vor
Augen gehabt hat, denn die von ihm objektiv festgestellten Einschränkungen dürften
sich nicht wesentlich auf das Arbeitstempo des Beschwerdeführers in einer ideal
leidensadaptierten Tätigkeit auswirken. Der von den Sachverständigen der ZIMB AG
gesamthaft gestützt auf die Beurteilung des orthopädischen Sachverständigen auf 80
Prozent geschätzte Arbeitsfähigkeitsgrad stellt folglich die unterste Grenze des
Zumutbaren dar. Weil auch bei einem Arbeitsfähigkeitsgrad von 80 Prozent kein
rentenbegründender Invaliditätsgrad resultiert, wie die nachfolgenden Ausführungen
zeigen werden, erübrigen sich diesbezüglich weitere Abklärungen. Folglich ist gestützt
auf das Gutachten der ZIMB AG davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer
überwiegend wahrscheinlich nicht mehr länger als Heizungsmonteur hat arbeiten
können, für eine ideal leidensadaptierte Tätigkeit aber zu mindestens 80 Prozent
arbeitsfähig gewesen ist.
Weil der Beschwerdeführer seinen erlernten Beruf nicht mehr hat ausüben können
und weil mangels eines rentenbegründenden Invaliditätsgrades der Grundsatz
„Eingliederung vor Rente“ keine Rolle spielt, entspricht der Ausgangswert des
2.4.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/12
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zumutbarerweise erzielbaren Invalideneinkommens dem statistischen Zentralwert der
Hilfsarbeiterlöhne in der Schweiz. Dieser hat sich im Jahr 2018 auf 5’417 Franken pro
Monat respektive – unter Berücksichtigung der betriebsüblichen wöchentlichen
Arbeitszeit von 41,7 Stunden – auf 67’767 Franken pro Jahr belaufen. Die Chancen des
Beschwerdeführers, auf dem tatsächlichen Arbeitsmarkt noch eine (ideal
leidensadaptierte) Arbeitsstelle zu finden, sind schlecht gewesen, aber dieser Umstand
ist invalidenversicherungsrechtlich irrelevant, weil gemäss dem Art. 16 ATSG nicht auf
den realen, sondern auf den (fiktiven) allgemeinen und ausgeglichenen Arbeitsmarkt für
adaptierte Hilfstätigkeiten abgestellt werden muss, auf dem per definitionem ein
Gleichgewicht zwischen dem Angebot an und der Nachfrage nach Arbeitsstellen für
einen breiten Fächer von verschiedenartigen Stellen besteht. Weder das medizinische
Anforderungsprofil noch das fortgeschrittene Alter des Beschwerdeführers im
Verfügungszeitpunkt können also gegen die Fiktion gesprochen haben, dass der
Beschwerdeführer auf dem massgebenden allgemeinen und ausgeglichenen
Arbeitsmarkt noch eine ideal leidensadaptierte Hilfsarbeitsstelle gefunden und ein
entsprechendes Einkommen erzielt hätte. Allerdings hätte ein strikt ökonomisch-
betriebswirtschaftlich denkender Arbeitgeber dem Beschwerdeführer keinen
durchschnittlichen Hilfsarbeiterlohn bezahlt, denn die ausgewiesenen und die
versteckten Lohnnebenkosten bei einer Anstellung des Beschwerdeführers wären
überdurchschnittlich hoch gewesen: Der Arbeitgeber hätte nicht nur hohe
Sozialversicherungsbeiträge bezahlen, sondern er hätte auch den Umstand
einkalkulieren müssen, dass der Beschwerdeführer nicht flexibel hätte eingesetzt
werden können (weder in zeitlicher Hinsicht noch in Bezug auf den Arbeitsplatz
respektive auf die Tätigkeit) und dass der Beschwerdeführer aufgrund seines erhöhten
Pausenbedarfs die betrieblichen Abläufe spürbar gestört hätte. Der Beschwerdeführer
hätte also aus der Sicht eines betriebswirtschaftlich-ökonomisch denkenden
Arbeitgebers mit seiner Arbeitsleistung nur einen unterdurchschnittlichen
ökonomischen Mehrwert generieren können. Weil ein betriebswirtschaftlich-
ökonomisch denkender Arbeitgeber aber aus der Anstellung des Beschwerdeführers
einen durchschnittlichen „Gewinn“ hätte erzielen wollen, der der Differenz zwischen
dem ökonomischen Mehrwert und den Lohn- sowie den Lohnnebenkosten
entsprochen hätte, hätte er mit dem Beschwerdeführer einen unterdurchschnittlichen
Lohnansatz vereinbart. Diesem Umstand muss, um nicht unzulässigerweise eine
Soziallohnkomponente in den Einkommensvergleich einfliessen zu lassen, mit einem
Abzug vom Tabellenlohn Rechnung getragen werden, der allerdings nicht mehr als
zehn Prozent beträgt. Unter Berücksichtigung des Arbeitsfähigkeitsgrades von
wenigstens 80 Prozent ergibt sich ein zumutbarerweise erzielbares
Invalideneinkommen von mindestens 48’792 Franken (= 67’767 Franken × 90% ×
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3.
Die Beschwerde ist folglich abzuweisen. Die angesichts des durchschnittlichen
Verfahrensaufwandes auf 600 Franken festzusetzenden Gerichtskosten wären an sich
dem unterliegenden Beschwerdeführer aufzuerlegen. Zufolge der Bewilligung der
unentgeltlichen Prozessführung ist der Beschwerdeführer von der Pflicht zur Bezahlung
der Gerichtskosten befreit. Der unterliegende Beschwerdeführer hat keinen Anspruch
auf eine Parteientschädigung. Da die unentgeltliche Rechtsverbeiständung bewilligt
worden ist, hat der Staat seinem Rechtsvertreter eine Entschädigung auszurichten, die
80 Prozent des erforderlichen Vertretungsaufwandes abdeckt (Art. 31 Abs. 3 AnwG).
Dieser Vertretungsaufwand ist unterdurchschnittlich gewesen, weil der Rechtsvertreter
des Beschwerdeführers erst nach der Beschwerdeerhebung tätig geworden ist. Die
Entschädigung ist deshalb auf 80 Prozent von 2’500 Franken, also auf 2’000 Franken,
festzusetzen. Sollten es seine wirtschaftlichen Verhältnisse dereinst gestatten, wird der
Beschwerdeführer zur Nachzahlung der Gerichtskosten und zur Rückerstattung der
Entschädigung für die unentgeltliche Rechtsverbeiständung verpflichtet werden können
(Art. 99 Abs. 2 VRP i.V.m. Art. 123 ZPO).