Decision ID: 76b53b6c-9528-4424-812c-3c0f6e2e4b09
Year: 2020
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
Die 1980 geborene
X._
, welche in Deutschland die Ausbildung zur Juris
tin/Volljuristin absolviert
hatte
und als Rechtsanwältin tätig war,
reiste 2014 in die Schweiz ein und war als
«
Mitarbeiterin Steuern und Buchhaltung
»
in einem 100 %-
Pensum
bei der
Z._
AG tätig.
Die Stelle
wurde
ihr
per 31.
Mai 2018 gekündigt (Urk.
7/10). Am 11.
Juli 2018 (Eingang
s
datum
) meldete sie sich bei der Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, unter Hinweis auf eine Depression und eine therapie
re
fraktäre Harn
blasenstörung mit Detrusor-Überaktivitätsinkontinenz und Detrusor-Sphinkter-
Dyssynergie
zum Leistungsbezug an (Urk.
7/1). In der Folge tätigte die IV-Stelle erwerbliche und medizinische Abklärungen
und
zog
die Akte
n der
Krankentag
geldversicherung
(Urk. 7/7, Urk.
7/12 und Urk.
7/16
)
bei
.
Nach durchgeführtem
Vorbescheidverfahren
(
Vorbescheid vom 10.
Januar 2019 [
Urk.
7/
25]
; Einwand vom
8.
Februar 2019
[
Urk.
7/33
]
mit ergänzender Begründung vom
21.
März 2019
[
Urk. 7/36
]
)
verneinte die IV-Stelle m
it Verfügung vom 5.
September 2019 einen Anspruch der Versicherten auf
Leistungen der Invalidenversicherung
(Urk.
2 [=
Urk.
7/45]).
2.
Dagegen erhob die Versicherte mit Eingabe vom 8.
Oktober 2019 Beschwerde beim Sozialversicherungsgericht
des Kantons Zürich
und beantragte, die Ver
fügung vom 5.
September 2019 sei aufzuheben
und
die
Sache sei an die
Beschwerdegegnerin
zurückzuweisen, damit diese Eingliederungsmassnahmen
durchführe
, weitere leidensspezifische Abklärungen
veranlasse
, insbesondere eine polydisziplinäre Begutachtung anordne,
und
im Anschluss
daran
de
n
Renten
anspruch neu
prüfe
und
eine neue Verfügung erlasse
(Urk.
1
S. 2 und Urk. 1 S. 11
).
Mit Beschwerdeantwort vom 7.
November 2019 (Urk.
6) schloss die Beschwerdegegnerin auf Abweisung der Beschwerde, was der
Beschwerde
führerin
mit Verfügung vom 11.
November 2019 angezeigt wurde (Urk.
8).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1
des Bundesgesetzes über den allge
meinen Teil des Sozialversicherungsrechts,
ATSG). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende
ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kom
menden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.2
Anspruch auf eine Rente haben gemäss Art. 28 Abs. 1
des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (
IVG
)
Versicherte, die:
a.
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betäti
gen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen wieder herstellen, erhalten oder verbessern können;
b.
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindes
tens 40 % arbeitsunfähig (Art. 6 ATSG) gewesen sind; und
c.
nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (Art. 8 ATSG) sind.
Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % besteht Anspruch auf eine
Vier
telsrente
, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 % auf eine
Dreiviertelsrente
und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 % auf eine ganze Rente (Art. 28 Abs. 2 IVG).
1.3
Beeinträchtigungen der psychischen Gesundheit können in gleicher Weise wie körperliche Gesundheitsschäden eine Invalidität im Sinne von Art. 4 Abs. 1 IVG in Verbindung mit Art. 8 ATSG bewirken. Rechtsprechungsgemäss ist bei psychi
schen Beeinträchtigungen zu prüfen, ob ein psychischer Gesundheitsschaden mit Krankheitswert besteht, welcher die versicherte Person auch bei Aufbietung allen guten Willens daran hindert, ein rentenausschliessendes Erwerbseinkommen zu erzielen (vgl.
BGE 139 V 547
E. 5,
131 V 49
E. 1.2,
130 V 352
E. 2.2.1; vgl. Urteil des Bundesgerichts 9C_125/2015 vom 18. November 2015 E. 5.4).
Die Annahme eines psychischen Gesundheitsschadens im Sinne von Art. 4 Abs. 1 IVG sowie Art. 3 Abs. 1 und Art. 6 ATSG setzt eine psychiatrische, lege artis auf die Vorgaben eines anerkannten Klassifikationssystems abgestützte Diagnose voraus (vgl. BGE 143 V 409 E. 4.5.2, 141 V 281
E. 2.1, 130 V 396 E. 5.3 und E.
6). Eine fachärztlich einwandfrei festgestellte psychische Krankheit ist jedoch nicht ohne weiteres gleichbedeutend mit dem Vorliegen einer Invalidität. In jedem Einzelfall muss eine Beeinträchtigung der Arbeits- und Erwerbsfähigkeit unabhängig von der Diagnose und grundsätzlich unbesehen der Ätiologie ausge
wiesen und in ihrem Ausmass bestimmt sein. Entscheidend ist die nach einem weitgehend objektivierten Massstab zu beurteilende Frage, ob es der versicherten Person zumutbar ist, eine
Arbeitsleistung zu erbringen (BGE 143 V 409 E. 4.2.1, 141 V 281 E. 3.7, 139 V 547 E. 5.2, 127 V 294 E. 4c, je mit Hinweisen; vgl. Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1
.4
Versicherungsträger und das Sozialversicherungsgericht haben den Sachverhalt von Amtes wegen festzustellen und die Beweise frei, das heisst ohne Bindung an förmliche Beweisregeln, sowie umfassend und pflichtgemäss zu würdigen. Sie haben alle Beweismittel, unabhängig davon, von wem sie stammen, objektiv zu prüfen und danach zu entscheiden, ob die verfügbaren Unterlagen eine zuver
lässige Beurteilung des streitigen Rechtsanspruches gestatten. Insbesondere dürfen sie bei einander widersprechenden medizinischen Berichten den Prozess nicht erledigen, ohne das gesamte Beweismaterial zu würdigen und die Gründe anzugeben, warum sie auf die eine und nicht auf die andere medizinische Th
ese abstellen (BGE 125 V 351 E.
3a).
Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist also entscheidend, ob er für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der
Vorakten
(Anamnese) abgegeben worden ist, in der Beurteilung der medizinischen Zusammenhänge und Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen des Experten begründet sind. Ausschlaggebend für den Beweiswert ist grundsätzlich somit weder die Her
kunft eines Beweismittels noch die Bezeichnung der eingereichten oder in Auftrag gegebenen Stellungnahme als Bericht oder Gutachten (BGE 134 V 231 E. 5.1; 125 V 351 E. 3a).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin erwog in der angefochtenen Verfügung,
die Beschwer
deführerin sei seit dem 16.
November 2017 in ihrer bisherigen Tätigkeit als Mit
arbeiterin Steuern/Buchhaltung eingeschränkt. Die Krankentaggeldversicherung habe eine psychiatrische Be
gutachtung in Auftrag gegeben,
gemäss welcher
ab April 2018 eine 50%ige Arbeitsfähigkeit
mit
eine
r monatlichen
Steigerung der Arbeitsfähigkeit von 20
%
ausgewiesen sei
. Die Voraussetzungen für einen Anspruch auf Leistungen der Invalidenversicherung seien vorliegend nicht erfüllt, da die Einschränkung weder schwer, noch lang
an
dauern
d
noch nicht behandel
bar sei
.
An dieser Einschätzung habe sich auch nach Vorlage der von der Beschwerdeführerin im
Einwandverfahren
eingereichten medizinischen Unter
lagen nichts geändert. Die behandelnde Psychiaterin der Beschwerdeführerin stelle fest, dass sich diverse psychosoziale Belastungsfaktoren ungünstig auf die gesundheitliche Situation auswirkten. Solche Faktoren seien jedoch bei der Beur
teilung der Arbeitsfähigkeit nicht zu berücksichtigen.
Die Beschwerdeführerin sei gemäss Regionalem Arbeitsvermittlungszentrum (RAV)
sodann
zu 60
% erwerbs
fähig und bewerbe sich
mittlerweile
auf
100
%-
Stellen. Demnach habe sich die gesundheitliche Situation
nachweislich
verbessert (Urk.
2).
2.2
Dagegen wurde in der Beschwerde vom 8.
Oktober 2019
(Urk. 1)
im Wesentlichen vorgebracht,
die Beschwerdeführerin
sei namentlich durch zwei gesundheitliche Problemkreise eingeschränkt. Einerseits bestehe die neuro-urologische Erkran
kung der Harnblasenfunktionsstörung, andererseits leide
sie
unter einer depres
siven Störung mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit.
Die vom Gutachter der Krankentaggeldversicherung,
Dr.
A._
,
in seiner Beurteilung gestellte positive Prognose
habe sich nicht
verwirklicht
, weshalb auf
seine
Beurteilung nicht ohne W
eiteres abgestellt werden könne.
Die
von ihm gestellte
Prognose hätte zu einem späteren Zeitpunkt verifiziert werden müssen
, insbesondere da die behandelnden Ärzte Gegenteiliges berichtet hätten.
Nach zwischenzeitlich zweijähriger inten
siver Behandlung liege eine depressive Störung vor, bei welcher nicht per se eine Invalidisierung ausgeschlossen werden könne. Es treffe sodann nicht zu, dass psychosoziale Faktoren im Vordergrund stünden, lägen doch psychiatrisch abgrenzbare Befunde vor. Schliesslich komme dem Gutachten von Dr.
A._
, welches im Auftrag der privaten Krankentaggeldversicherung erstellt worden sei, lediglich der Beweiswert einer versic
herungsinternen Beurteilung zu.
Die somati
schen Beschwerden, welche Dr.
A._
als Somatisierungsstörung qualifiziert habe, hätten
sodann
objektiviert werden können.
Die Ärzte des Universitätsspitals
B._
hätten mehrfach darauf hingewiesen, dass die überaktive Blasen
muskulatur Ursache der erheblichen Beckenschmerzproblematik sei.
Die Fest
stellung der RAD-Ärztin, bei den somatischen Erkrankungen handle es sich nur um vorübergehende Leiden, könne deshalb nicht nachvollzogen werden. Überdies sei sie als Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie nicht abschliessend befugt, den somatischen Gesundheitszustand zu beurteilen.
Bei den
RAD-Beurteilungen
handle es sich zudem lediglich um
Aktenbeurteilungen
.
Solche seien
zulässig, wenn die Akten ein vollständiges Bild über Anamnese, Verla
uf und gegenwärtigen Status ergä
ben und diese Daten unbestritt
en seien
. Dies sei vorliegend nicht der Fall
. Des Weiter
e
n werde als Argument für die fehlende Invalidisierung angeführt, die Beschwerdeführerin bewerbe sich auf 100
%
-
Stel
len. Dazu sei zu erwähnen, dass sie sich lediglich
deshalb
auf 100
%
Stellen bewerbe, da es zu wenig Teilzeitstellen gebe und sie die Kontrollvors
chriften des RAV erfüllen wolle.
Sie erhoffe sich zudem, mit der Bewerbung auf eine Vollzeit
stelle die Chance eines Vorstellungsgesprächs zu erhalten und im persönlichen Gespräch die Möglichkeit einer Teilzeitstelle zu eruieren.
Aufgrund der vorhan
denen Berichte sei von einer anhaltenden Arbeitsunfähigkeit von mindestens 40 % in sämtlichen Tätigkeiten auszugehen, womit sowohl ein Teilrenten
anspruch als auch der Anspruch auf Massnahmen
beruflicher Art nicht ohne Weiteres abgelehnt werden könne
.
Da sich die Abklärungen der Beschwerde
gegnerin aber als ungenügend erwiesen hätten, s
ei die Sache an diese
zurückzu
weisen.
3.
3.1
Dr.
med.
A._
,
Facharzt FMH für
Psychiatrie und Psychotherapie,
stellte
in seinem Gutachten
vom 25.
April 2018
zuhanden de
s Krankentaggeld
versicherers
folgende Diagnose
mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit (Urk.
7/7/79):
-
g
egenwärtig mittelgradige depressive Episode (
ICD-10
F32.1)
.
Dr.
A._
führte sodann aus, die Beschwerdeführerin leide seit ihrer Kindheit an Bauchschmerzen, was jedoch nicht ernst genommen worden sei. Später habe man noch weitere Beschwerden wie Asthma, Neurodermitis und Kreislaufprobleme festgestellt, welche nach Angaben der Beschwerdeführerin eine Neben
erscheinung einer ausgeprägten Laktoseintoleranz gewesen seien. An der letzten Arbeitsstelle seien der Beschwerdeführerin sehr viele Versprechungen gemacht worden, welche jedoch nicht eingehalten worden seien. Trotz ihrer grossen Bereitschaft, sich im Betrieb einzubringen, sei ihr unerwartet im Dezember 2016 gekündigt worden. Da ihre Mandanten jedoch grossen Wert auf ihre Arbeit gelegt hätten, habe man ihr einen neuen Vertrag angeboten, welchem sie schliesslich zugestimmt habe. Im Verlauf des Jahres 2017 sei es jedoch zu einer zunehmenden Verschlechterung gekom
men. Im November 2017 s
ei ihr erneut gekündigt worden (
Urk. 7/71/80).
Dr.
A._
äusserte den Verdacht,
bei der Beschwerdeführerin
liege möglicher
weise eine
seit Jahrzenten bes
tehende
Somatisierungsstörung (ICD-10 F45.0)
vor
, zumal das Ausmass der
von ihr
beklagten Beschwerden nicht eindeutig medizi
nisch erklärt werden könne (Urk. 7/7/82).
Zum gegenwärtigen Zeitpunkt sei von einer Arbeitsfähigkeit von 50
% auszugehen; die Arbeitsfähigkeit könne pro Monat um 20
%
(oder allenfalls um 10 % alle zwei Wochen)
gesteigert werden
, bis wieder ein vollständiges Arbeitspensum von 100 % erreicht werde
(Urk.
7/7/83).
Im Psychostatus sei die Beschwerdeführerin wach, bewusstseinsklar und allseits orientiert. Auffällig sei, dass sie anamnestisch bereits seit Jahrzehnten an somatoform wirkenden Beschwerden speziell im Magen-Darm- und Blasen
bereich leide. Sie habe diesbezüglich auch mehrere Behandlungen wahrge
nommen, zuletzt
i
m Universitätsspital
C._
. Im Affekt sei die Beschwerde
führerin etwas niedergestimmt, teilweise jedoch auch lachend und eher zum
euthymen
(«gut gelaunten») Pol auslenkbar. Eine
Parathymie
sei nicht vorhanden, auch ein depressiver Habitus sei nicht feststellbar
.
In der Psychomotorik und der Mimik sei die Beschwerdeführerin etwas reduziert. Der Blickkontakt sei gesucht und gehalten
worden.
Der (objektivierbare) Antrieb sei ungestört; die Beschwer
deführerin habe indessen eine deutliche Antriebsminderung bzw. Müdigkeit durch den Tag hindurch beschrieben (Urk.
7/7/77).
3.
2
Im
Operations
bericht von Prof. Dr. med.
D._
, Zentrum für Para
plegie
an der Universitätsklinik
B._
, vom
2. Juli
2018
(Urk. 7/9/253)
wurde
festgehalten, die Beschwerdeführerin leide an einer
Harnblasen- und Sexual
funktionsstörung unklarer Ätiologie
. Nach Versagen aller bisherigen Mass
nahmen sei die Indikation für eine sakrale Neuromodulation gegeben. Nach komplikationslosem postoperativem Verlauf habe die Beschwerdeführerin am 30. Juni 2018 nach Instruktion zur Handhabung des externen Stimulations
gerätes in gutem Allgemeinzustand nach Hause entlassen werden können.
3.
3
Prof.
D._
berichtete am 11. September 2018, es bestehe weiterhin die Indika
tion zur Umstellung des Blasenmanagements bei
Detrusorüberaktivitäts
inkontinenz
unklarer Ätiologie mit erhöhten, den oberen Harntrakt gefährdenden maximalen
Detrusordruck
-Amplituden. Bei Status nach negativer prolongierter Testphase der sakralen Neuromodulation sei primär eine Explantation des Neu
romodulationssystems besprochen worden. Zusätzlich würden neuerliche Botuli
num-A-Toxin-
(Botox-)
Injektionen in den Detrusor empfohlen
, wobei die Dosis bei zuletzt nicht ausreichendem Therapieerfolg zu steigern sei. Da unter besagter Therapie bei vorbekannter Detrusor-Sphinkter-
Dyssynergie
mit obstruktivem Miktionsprofil am ehesten eine relevante Harnblasenentleerungsstörung mit relevanter Harnretention auftrete, werde die Beschwerdeführerin erneut in der Durchführung des intermittierenden Selbstkatheterismus instruiert. Sollte dies nicht möglich sein, werde die Einlage eines suprapubischen Dauerkatheters erwogen. Es werde zudem die Durchführung einer Nierenfunktionsszintigraphie geplant (Urk. 7/16/11 f.).
3.4
E._
, Fachärztin für Psychiatrie
und
Psychotherapie F
MH
, stellte in ihrem Bericht
vom 12.
September 2018
die
Diagnose
einer rezidivierenden depressiven Störung, gegenwärtig mittelgradige Episode (ICD-10 F33.1)
(Urk.
7/13/
3)
.
Sie
führte sodann aus,
die Testphase der sakralen Neuromodulation sei beendet worden, was für die Beschwerdeführerin eine grosse bedrohliche Enttäuschung darstelle
. Die ständige Beschäftigung mit der somatischen Problematik und den unbefriedigenden Therapien sowie die wiederkehrenden invasiven Unter
suchungen und Therapien, welche
mit einer grossen Angst im Hinblick auf weitere Eingriffe verbunden seien, würden bei der Beschwerdeführerin Überfor
derung und Panik auslösen
(Urk. 7/13/4).
Trotz
des gepflegten äusseren Erschei
nungsbildes der Beschwerdeführerin sowie ihrer höflichen sowie freundlichen Umgangsformen
würde sich die bedrückte, niedergeschlagene Stimmung und die starke Belastung im trüben und erschöpften Gesichtsausdruck zeigen. Die Körperhaltung sei während der ersten Gespräche meist angespannt gewesen. Die Bewusstseinslage sei klar und allseits orientiert. Die Sprache sei sehr akkurat und differenziert, dennoch scheine eine intensive Selbstreflektion noch nicht möglich
zu sein
. Die Beschwerdeführerin befürchte stark, missverstanden und «abge
stempelt» zu werden («ihre somatischen Beschwerden seien immer als psychisch abgestempelt worden»)
; dabei zeige sich die Beschwerdeführerin auch anspruchs
voll und fordernd. Ihr Blickkontakt bleibe meistens haltend. Das formale Denken sei kohärent, auf die Arbeitssituation und ihr somatisches Leiden eingeengt. Zur Vermeidung einer psychischen Dekompensation sei die Beschwerdeführerin unter den geschilderten Umständen nicht in der Lage, sich um ihre berufliche Wieder
eingliederung zu bemühen. Das Erlangen der psychischen Stabilität sowie die Klärung der somatischen Beschwerden stünden gegenwärtig im Vordergrund. Mittelfristig werde eine Abklärung der Arbeits-/Leistungsfähigkeit als sehr sinn
voll erachtet (Urk. 7/13/3). Unter den verschiedenen starken somatischen Beschwerden führe die starke Beeinträchtigung des urogenitalen Systems zu Schwierigkeiten in ihren interpersonellen
Interaktionen und Beziehungen. Inner
halb dieses Rahmens sei eine aktive und positive Teilnahme an der bisherigen sowie einer angepassten Tätigkeit unmöglich. Die Beschwerdeführerin erlebe eine schwerwiegende Krisensituation. Grundsätzlich verfüge sie dennoch über zahl
reiche Ressourcen und wäre damit für eine spätere Eingliederung mehr als geeig
net (Urk. 7/13/6; vgl. zudem
den Bericht von
E._
vom 12. September 2018 an den Krankentaggeldversicherer mit demselben Aussagehalt [Urk. 7/16/33-35]).
3.
5
Dr. med.
F._
, Spezialarzt für Psychiatrie und Psychotherapie
FMH,
hielt in seiner Aktenbeurteilung
vom 9.
Oktober 2018
zuhanden des Kranken
tagg
eldversicherers fest
(Urk.
7/16/16
-20
)
,
o
bwohl Dr.
A._
in seinem Gut
achten vom 25.
April 2018 eine mittelgradige depressive Episode annehme, sei die Depressivität klar am leichten Pol anzusiedeln.
Es sei unklar, weshalb
Dr.
A._
angesichts der von ihm erhobenen Befunde die Diagnose einer mittel
gradigen depressiven Episode gestellt habe. Auch
aus dem neusten Bericht der behandelnden Psychiaterin,
E._
,
gehe angesichts der Befunde nicht hervor, weshalb eine mittelgradige depressive Episode vorliegen soll
t
e und wes
halb die Gefahr bestehe, dass gar eine schwere depressive Episode eintreten könnte.
Die Depression stehe nicht im Vordergrund der Problematik, sondern die psychosomatische Fehlentwicklung und die ängstliche Fehlbewertung einiger die Beschwerdeführerin beeinträchtigender Symptome.
Die Depressivität, auch wenn sie nur leicht bis maximal episodisch mittelgradig ausgeprägt sein könne, könne eine leichte Einschränkung der Arbeitsfähigkeit
bewirken. Der Beschwerde
führerin wäre es
aber
zumutbar, sich Teilzeit wieder auf dem RAV zu melden, um sich für den Arbeitsmarkt bereit zu halten.
Eine Teilzeittätigkeit sei auch thera
peutisch absolut sinnvoll
.
3.
6
Im
– im
Einwandverfahren
eingereichten –
Arztbericht von Prof.
D._
vom 7.
Februar 2019
wurde festgehalten (Urk.
7/35/1)
,
a
ktuell bestehe insbesondere durch die Schmerzproblematik und zusätzlich durch die psychologische Belas
tungssituation eine eingeschränkte Arbeitsfähigkeit. Aus neuro-urologischer Sicht sei durch das etablierte Harnblasenmanagement die Harnblasenfunktions
störung derzeit weitgehend kompensiert
.
Durch den intermittierenden Selbst
katheterismus sei ein Zeitaufwand von insgesamt bis 25 Minuten pro Katheteris
mus (circa 4-8 Mal pro 24 Stunden) zu erwarten, sodass ein Arbeitgeber der Beschwerdeführerin die benötigte Zeit und eine naheliegende Toilette zur Verfü
gung stellen müsse.
3.
7
Die behandelnde Psychiaterin
E._
hielt in ihrem – im
Einwand
verfahren
eingereichten – Bericht
vom 27.
Februar 2019
an der
Diagnose
einer r
ezidivierende
n
depressive
n
Störung, g
egenwärtig
mittelgradige Episode
(
ICD-10
F
33.1
), fest und
ging vom Vorliegen
a
kzentuierte
r
Persönlichkeitszüge
(ICD-10
Z
73.1
) aus (Urk. 7/35/3).
E._
erwähnte, Ende November 2018 sei eine Therapie durchgeführt worden, die im weiteren Verlauf und bis heute zu einer Verbesserung der Beschwerden und der Befunde in Bezug auf die Blase geführt habe.
Im April 2019 werde diesbezüglich eine erneute Untersuchung durchgeführt, da die Wirkung der Therapie zeitlich begrenzt sei.
Die Beschwerdeführerin gebe an, dass der «Stress
faktor Körper» kleiner geworden sei und sie sich dadurch psychisch besser fühle
.
Während sie vorher praktisch rund um die Uhr mit ihrem Körper beschäftigt gewesen sei, könne sich der Blick wieder auf etwas ausserhalb dessen (das Leben, die Arbeit, Beziehungen) richten.
Angesichts
der
seit November 2018 bestehende
n
Arbeitsunfäh
igkeit und
des
Verlauf
s
von
2018
sei davon auszugehen, dass es sich um eine länger andauernde Beeinträchtigung handle. Zudem würden sich die gegenwärtigen psychosozialen Bedingungen, wie die rechtliche Situation bezüg
lich ihrer Arbeitsfähigkeit sowie die finanzielle Situation durch Kürzung des Tag
geldes u
nd so weiter
ungünstig auf ihren Gesundheitszustand auswirken. Die psychosozialen Faktoren würden
zusätzlich limitierend den Genesungsprozess beeinflussen
.
Trotz der psychischen Fragilität und dem spürbaren Leiden könne von einer grundsätzlich günstigen Prognose ausgegangen werden, wenn die Beschwerdeführerin mittelfristig eine Unterstützung bei der Wiedereingliederung in den Arbeitsprozess erhalte. Die Beschwerdeführerin sei in ihrer angestammten
und
auch in
einer
angepassten
Tätigkeit aktuell zu 100 % arbeitsunfähig. Doch fühle sie sich allmählich
aktiver, sodass die Antriebslosigkeit nicht mehr ihr ganzes Erleben durchdringe. Zur weiteren Aktivierung sei eine angepasste Tätig
keit bald zu begrüssen (Urk. 7/35/3 f.).
3.
8
Im
- im
Einwandverfahren
eingereichten –
Arztbericht von PD Dr. Dr. med.
G._
und Dr. med
.
H._
, Neuro-Urologie
des Universitätsspitals
B._
,
vom
2. April 2019
wurde festgehalten, am 22. März 2019 sei bei abneh
mender Wirkung der Injektion vom November 2018 eine erneute Injektion mit Botox (200 IE) in den Detrusor durchgeführt
worden (Urk. 7/39/1-3). Im
Bericht vom
9.
April 2019
wurde ergänzt, b
ei der Beschwerdeführerin bestehe eine ganz klar in der
Urodynamik
nachgewiesene überaktive Blasenmuskulatur mit konse
kutiver Urininkontinenz, welche mitursächlich für die Beckenschmerz
problematik
zu sein scheine
. Die eindeutig messbare Blasenüberaktivität könne nicht durch eine reine Somatisierungsstörung erklärt werden (Urk.
7/39/
4 f.
).
3.
9
Prof.
D._
führte in seinem im
Einwandverfahren
eingereichten Bericht
vom 16.
Juli 2019
aus
,
es gebe keinen unwillkürlichen Urinverlust. Die Harnblasen
entleerung erfolge ausschliesslich per intermittierendem Selbstkatheterismus fünf Mal am Tag und null Mal in der Nacht
(Urk. 7/42/2-4)
.
4.
4.1
Gestützt auf die Akten sowie
den
neusten, im Beschwerdeverfahren eingereichten Bericht der Universitätsklinik
B._
vom 15. August 2019
(Urk. 3) ist
bei der Beschwerdeführerin
eine Harnblasenfunktionsstörung
ausgewiesen.
Diese ist
mittlerweilen
z
war
weitgehend durch das
etablierte Harnblasenmanagement
kompensiert (
E. 3.6
), d
ennoch muss sich die Beschwerdeführerin regelmässig selbst katheterisieren.
Dadurch
ist ihre
Arbeitsfähigkeit in zeitlicher Hinsicht ein
geschränkt.
Die Harnblasenentleerung erfolgt gemäss Bericht des Universitäts
spitals
B._
vom 15. August 2019 etwa fünf- bis achtmal täglich spontan per
urethram
sowie durch den intermittierenden Selbstkatheterismus circa fünf- bis
sechsmal täglich (Urk. 3 S. 2). Die Häufigkeit des intermittierenden Selbst
ka
theterismus erscheint eher hoch
angesichts dessen, dass
auch eine Harnblase
n
entleerung per
urethram
stattfindet
(
vgl. die Leitlinie «
Management und Durch
führung des Intermittierenden Katheterismus (IK) bei neu
rogener Dysfunktion des unteren
Harntraktes
», AMWF
online
[
https://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/
043-
048.html
]
,
Versions-Nr. 2.1,
S. 3
und S. 11
).
Doch abgesehen davon dürften drei
der täglichen
Katheter
isierungen zu Hause stattfinden:
e
ine am Morgen nach dem Aufstehen
, eine
nach
der Rück
kehr von der Arbeit und
eine
vor dem Zubettgehen.
Demgemäss
hat ein Arbeit
geber der Beschwerdeführerin
durchschnittlich
2.5
Mal
täglich die für den
Selbst
k
atheteris
mus
benötigte Zeit zur Verfügung zu stellen.
Eine Katheterisierung
dauert
gemäss Angaben der behandelnden Ärzte
maximal
25
Minuten
(E. 3.6)
.
Da es sich hierbei um eine Maximalangabe handelt, ist mit einem
durchschnittliche
n täglichen Aufwand von rund einer Stunde während der Arbeitszeit zu rechnen.
Ausserdem ist der Beschwerdeführerin von einem Arbeitgeber aufgrund des meist bestehenden imperativen Harndrangs mit Harninkontinenz (Urk
. 3 S. 2) eine naheliegende Toilette zur Verfügung zu stellen
(
E. 3.6
)
.
4.2
4.2.1
In psychiatrischer Hinsicht ist
mit der Beschwerdegegnerin
ein längerdauernder Gesundheitsschaden
zu verneinen
.
Dr.
F._
wies
zwar
zu Recht darauf hin
, es sei unklar, weshalb Dr.
A._
angesichts der von ihm
selbst
erhobenen Befunde
(im Affekt sei die Beschwerdeführerin etwas niedergestimmt, teilweise jedoch auch lachend und eher zum
euthymen
(
«gut gelaunten») Pol auslenkbar;
eine
Parathymie
sei nicht vorhanden, auch ein depressiver
Habitus sei nicht feststell
bar;
in der Psychomotorik und der Mimik sei die Beschwerdeführerin etwas reduziert [E. 3.1])
die Diagnose einer mittelgradigen depressiven Episode gestellt habe (E. 3.5).
Der Befund hätte eher (wenn überhaupt) die Diagnose einer leichten depressiven Episode gerechtfertigt. Die
Diskrepanz in der
Beurteilung der
Ver
trauensärzte des Krankentaggeldversicherers
(leicht- oder mittelgradige Depres
sion)
erweist sich vor
liegend jedoch als unbedeutend
,
kommt es letztlich doch auf die
im Einzelfall
resultierende
funkt
ionelle Leistungseinschränkung an, welche
sich au
f die Arbeitsfähigkeit auswirkt
(BGE 143 V 409 E. 4.5.2)
.
Eine solche Ein
schränkung der Arbeitsfähigkeit verneinten
die Vertrauensärzte
überein
stimmend.
4.2.2
Dr.
F._
diskutierte überdies
den
Bericht der behandelnden Psychiaterin,
E._
,
vom 12. September 2018, in welchem auf eine psychische Verschlechte
rung hingewiesen und hinsichtlich der Befunde auf den Bericht der Universitäts
klinik
B._
vom August 2018 verwiesen wurde (Urk. 7/16/33), und gab zu bedenken, dass im
zweitgenannten
Bericht lediglich multiple organische Abklä
rungen erwähnt würden, dass aber nirgends darauf hingewiesen werde, es hätte sich eine wesentliche Verschlechterung eingestellt, schon gar nicht eindeutig in psychiatrischer Hinsicht (Urk. 7/16/17). Dr.
F._
gelangte zum Schluss, es sei aufgrund des Berichts von
E._
vom 12. September 2018 nicht
nach
vollziehbar
, weshalb eine mittelgradige depressive Episode vorliegen soll
t
e und weshalb die Gefahr bestehe, dass gar eine schwere depressive Ep
isode eintreten könnte.
Diese Ei
nschätzung vermag zu überzeugen, nicht zuletzt auch vor dem Hintergrund,
dass sich
im weiteren Verlauf
entgegen der Befürchtung von
E._
eine Verbesserung
zeigte und sich die Beschwerdeführerin nach einer Lin
derung der Blasen-Beschwerden durch
d
ie
ab
November 2018 durchgeführten
Botox-Behandlungen
auch
psychisch besser
fühlte. Weshalb
E._
der Beschwerdeführerin angesichts dieser Verbesserung
weiterhin
eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit attestierte, lässt sich
indessen
nicht nachvollziehen.
Dies gilt umso mehr, als
sie
bereits in ihrem Bericht vom 12. September 2018 ausgeführt hatte, die Beschwerdeführerin verfüge über zahlreiche Ressourcen und sei für eine spätere
Eingliederung mehr als geeignet (
E. 3.4
).
Ausserdem
gab
sie
in ihrem Bericht vom 27. Februar 2019 an, die gegenwärtigen psychosozialen Belastungs
faktoren, wie die rechtliche Situation bezüglich der Arbeitsfähigkeit sowie die finanzielle Situation durch Kürzung des Taggeldes, wirk
t
e
n
sich
ungünstig auf den Gesundheitszustand beziehungsweise zusätzlich limitierend auf den Gene
sungsprozess aus (Urk. 7/35/4).
Zeitigen soziale Belastungen direkt negative funktionelle Folgen,
haben
sie bei der Beurteilung der Gesundheitsbeeinträchti
gung
jedoch
ausgeklammert zu bleiben (Urteil des Bundesgerichts 8C_717/2018 vom 22. März 2019 E. 3).
In diesem Zusammenhang ist ergänzend anzufügen, dass die Beschwerdeführerin in ihrer Anmeldung
bei der Beschwerdegegnerin angegeben hatte
, sie sei seit dem 16. November 2017 zu 100 % arbeitsunfähig (Urk. 7/1/4); die Depressionen seien im Jahr 2017 diagnostiziert worden, die Blasenprobleme bestünden seit Jahren (Urk. 7/1/6). Gemäss Auskunft der Arbeitgeberin wurde der Beschwerdeführerin das Arbeitsverhältnis am 16. November 2017 gekündigt. A
m
Nachmittag
dessel
ben Tages
habe sie einen Arzt konsultiert und sich krankschreiben lassen (Urk. 7/7/252
; vgl. auch Urk. 7/10/1 und Urk. 7/10/8
). Damit scheinen psychoso
ziale Faktoren
bereits
der
Auslöser
für die
von den
behandelnden Ärzten attes
tierte
Arbeitsunfähigkeit
gewesen zu sein.
In Anbetracht dieser Umstände ist
i
n Bezug auf
die
Berichte
von
E._
, bei welcher es sich um die behandelnde Psychiaterin handelt,
auf die Erfahrungs
tatsache hinzuweisen, dass
behandelnde Arztpersonen
mitunter im Hinblick auf ihre auftragsrechtliche Vertrauensstellung in Zweifelsfällen eher zu Gunsten ihrer Patientinnen und Patienten aussagen (BGE 135 V 465 E. 4.5, 125 V 351 E. 3b/cc).
Ihre Einschätzung bietet keinen Anlass, die
Beurteilungen
der beiden Vertrauens
ärzte des Krankentaggeldversicherers in Frage zu stellen
,
und
auch keinen Anlass für weitere Abklärungen
.
4.2.3
Angesichts der Befunde sowie de
r imponierenden psychosozialen Belastungs
f
aktoren ist höchstens vom Vorliegen einer leichten depressiven Episode auszu
gehen.
Mit BGE 143 V 418 entschied das Bundegericht, dass grundsätzlich sämt
liche psychischen Erkrankungen für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit einem
str
uk
turierten Beweisverfahren nach BGE 14
1 V 281 zu unterziehen seien (E.
6
und 7; ferner BGE 143 V 409 E.
4.5.2). Aus Gründ
en der Verhältnismässigkeit könne
dort von einem solchen abgesehen werden, wo es nicht nötig oder auch gar nicht geeignet
sei
. Daher bl
eibe
es entbehrlich, wen
n im Rahmen beweis
wertiger fach
ärztlicher Berichte (vgl. BGE 125 V 351) eine Arb
eitsunfähigkeit in nachvollzieh
b
ar begründeter Weise verneint we
rd
e
und allfälligen gegenteiligen Einschätzungen mangels fachärztlicher Qualifikation oder aus anderen Gründen kein Be
weiswert beigemessen werden könne
(BGE 143 V 418 E.
7.1; Urteil des Bundesgerichts 8C_597/2019 vom 12. Dezember 2019 E.
7.2.3). Wie dargelegt, ist
nicht
auf die Beurteilungen der behandelnden Fachärztin
für Psychiatrie und Psy
chotherapie
abzustellen. Kommt hinzu, dass die Beschwerdeführerin beim RAV seit dem 1. Juli 2019 als zu 60 % arbeitsfähig angemeldet ist und sich mittlerweile auch
auf
100 %-Stellen bewirbt (Urk. 7/43/4).
Soweit die Beschwerdeführerin dagegen einwendet, sie erhoffe sich durch die Bewerbung auf eine Vollzeitstelle, im persönlichen Gespräch die Möglichkeit einer Teilzeitstelle zu eruieren (Urk. 1 S. 8), mag dies lediglich insofern zu überzeugen, als ein Entgegenkommen des Arbeitgebers im Hinblick auf die somatischen Einschränkungen der Beschwerde
führerin erforderlich ist (vgl. E. 4.1).
Angesichts dieser Entwicklung kann e
ine Befassung mit den massgeblichen
Standardi
ndikatoren
entfallen
.
Überdies ist die
von Dr.
A._
gestellte positive Prognose
offenkundig eingetreten
(eine solche ist gemäss Rechtsprechung des Bundesgerichts
denn auch
zulässig [vgl. das Urteil 8C_199/2011 vom 9. August 2011 E. 6.3 mit Hinweisen])
.
4.3
Schliesslich ist anzufügen
, dass die Ärzte des Universitätsspitals
B._
deutlich zum Ausdruck brachten, die eindeutig messbare Blasenüberaktivität könne nicht durch eine reine Somatisierungsstörung erklärt werden (E. 3.8).
Damit ist eine solche
– entgegen der Annahme von Dr.
F._
–
auch nicht überwiegend wahr
scheinlich ausgewiesen. Schliesslich fallen akzentuierte Per
sönlichkeitszüge (ICD-10 Z73.1; vgl. E. 3.8)
als solche nicht unter den Begriff des rechtserheblichen Gesundheitsschadens (vgl. Urteil des Bundesgerichts 8C_558/2015 vom 22. Dezember 2015 E. 4.2.4).
4.4
Nach dem Gesagten ist mit dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlich
keit i
n psychiatrischer Hinsicht keine langandauernde Einschränkung der Arbeitsfähigkeit ausgewiesen.
In somatischer Hinsicht ergibt sich durch das Erfordernis des intermittierenden Selbstkatheterismus
höchstens
eine quantitative Einschränkung der Arbeitsfähigkeit.
Von weiteren Abklärungen, wie sie die Beschwerdeführerin beantragt
, kann angesichts dieser
Gegebenheiten abgesehen werden, wären davon doch keine neuen, relevanten Erkenntnisse zu erwarten (antizipierte Beweiswürdigung).
5.
5.1
5.1.1
Gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung ist für die Ermittlung des
Validen
einkommens
entscheidend, was die versicherte Person im Zeitpunkt des frühest
möglichen Rentenbeginns nach dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrschein
lichkeit als Gesunde tatsächlich verdient hätte. Dabei wird in der Regel am zuletzt erzielten, nötigenfalls der Teuerung und der realen Einkommensentwicklung angepassten Verdienst angeknüpft, da es empirischer Erfahrung entspricht, dass die bisherige Tätigkeit ohne Gesundheitsschaden fortgesetzt worden wäre. Aus
nahmen müssen mit überwiegender Wahrscheinlichkeit erstellt s
ein (BGE 139 V 28 E. 3.3.2, 135 V 58 E. 3.1,
134 V 322 E. 4.1).
Ist
mit überwiegender Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass die versicherte Person die bisherige Tätigkeit unabhängig vom Eintritt der Invalidität nicht mehr ausgeübt hätte, kann das
Valideneinkommen
auf Grundlage der vom Bundesamt für Statistik herausgegebenen Schweizerischen Lohnstrukturerhebung (LSE) berechnet werden, wobei die für die Entlöhnung im Einzelfall gegebenenfalls relevanten persönlichen und beruflichen Faktoren zu berücksichtigen
sind (BGE 139 V 28 E. 3.3.2;
Meyer/Reichmuth, Bundesgesetz über die Invaliden
versicherung, 3. Auflage 2014,
Rn
55 f. zu Art.
28a
).
5.1.2
Für die Bestimmung des Invalideneinkommens können nach der Rechtsprechung Tabellenlöhne gemäss den vom Bundesamt für Statistik periodisch heraus
gegebenen Lohnstrukturerhebungen (LSE) herangezogen werden (BGE 139 V 592 E. 2.3, 135 V 297 E. 5
.2, 129 V 472 E. 4.2.1
). Dabei sind grundsätzlich die im Verfügungszeitpunkt aktuellsten veröffentlichten Tabellen der LSE zu verwenden (BGE 143 V 295 E. 4.1.3; zur Verwendung der aktuellsten statistischen Daten bei Rentenrevisionen vgl. BGE 143 V 295 E. 4.2.2, 142 V 178 E
. 2.5.8.1, 133 V 545 E. 7.1). Die Verwendung der Tabellenlöhne
ist subsidiär, das heisst deren Beizug erfolgt nur, wenn eine Ermittlung des Invalideneinkommens aufgrund und nach Massgabe der konkreten Gegebenheiten des Einzelfalles nicht möglich ist (vgl. BGE 142 V 178 E. 2.5.7, 139 V 592 E. 2.3, 135 V 297 E. 5.2; vgl. auch Meyer/Reichmuth,
Bundesgesetz
über die Invalidenversicherung
, 3. Auflage 2014,
Rn
55 und 89 zu Art. 28a, mit weiteren Hinweisen auf die Rechtsprechung).
5.1.3
Sind Validen- und Invalideneinkommen ausgehend vom gleichen Tabellenlohn zu berechnen, erübrigt sich deren genaue Ermittlung. Diesfalls entspricht der Invaliditätsgrad dem Grad der Arbeitsunfähigkeit unter Berücksichtigung eines
allfälligen Abzugs vom Tabellenlohn. Dies stellt keinen «Prozentvergleich» dar, sondern eine rein rechnerische Vereinfachung (Urteil des Bundesgerichts 8C_148/2017 vom 19. Juni 2017 E. 4 unter Hinweis auf Urteil 9C_675/2016 vom 18. April 2017 E. 3.2.1
; vgl. auch das Urteil
9C_368/2019
vom
8. Oktober 2019 E. 4.2
).
5.2
5.2.1
Gemäss dem Arbeitgeberfragebogen vom 25. Juli 2018 wurde
der Beschwerde
führerin die Arbeitsstelle
gekündigt, da
letztere
aufgrund einer Fusion der bishe
rigen Arbeitgeberin mit der
I._
AG obsolet
wurde
(Urk. 7/10/1). Ausserdem fiel der Zeitpunkt der von der Beschwerde
führerin in der Anmeldung angegebenen Arbeitsunfähigkeit mit dem Kündi
gungsdatum (16. November 2017) zusammen (
Urk. 7/7/252; vgl. auch Urk. 7/10/1 und Urk. 7/10/8
; vgl. sodann auch die Ausführungen der Beschwer
deführerin gegenüber Dr.
A._
in Urk. 7/7/70 f.
), womit zusätzlich ausgewiesen ist, dass die Kündigung nicht aus gesundheitlichen Gründen erfolgte, was indessen auch n
icht geltend gemacht wurde
. Demgemäss kann nicht davon aus
ge
gangen werden, dass die Beschwerdeführerin die bisherige Tätigkeit im Zeitpunkt des frühestmöglichen Rentenanspruchs (2019) ohne den geltend gemach
ten Gesundheitsschaden noch ausgeübt hätte. Da
sie
in ihrer Arbeitsfähigkeit aufgrund der Blasenproblematik lediglich in quantitativer, nicht hingegen in quali
tativer Hinsicht eingeschränkt ist, sind sowohl zur Bestimmung des Validen- als auch des Invalideneinkommens die Tabellenlöhne gemäss den vom Bundesamt für Statistik periodisch herausgegebenen Lohnstruktur
-
erhebungen (LSE) heran
zuziehen und es ist auf dieselben Parameter abzustellen.
Die Beschwerdeführerin, welche in Deutschland
die Ausbildung zur Juristin/Volljuristin absolviert
hatte
und als Rechtsanwältin tätig war
, war in der Schweiz
als
Mitarbeiterin Steu
ern/Buchhaltung angestellt. Es kann
daher
auf den standardisierten Tabellenlohn der LSE 2016, Tabelle TA1_tirage_skill_level, Ziffer 64/66 (Finanzdienst
leistungen/mit Finanz- und Versicherungsdienstleistungen verbundene Tätig
keiten)
im Kompetenzniveau 3 (k
omplexe praktische Tätigkeiten
,
welche ein gros
ses Wissen in einem Spezialgebiet voraussetzen
) für Frauen von monatlich Fr. 7'043.-- abgestellt werden. Unter Berücksichtigung der durchschnittlichen Arbeits
zeit im Jahr 2019 von 41.5 Stunden pro Woche (
vgl. Bundesamt für Statistik, Betriebsübliche Arbeitszeit nach Wirtschaftsabteilungen [NOGA 2008], in Stu
nden pro Woche, 2004-2019, K 64,66
)
sowie der branchenspezifischen Nominallohnentwicklung bei Frauen bis ins Jahr 2019 (vgl. die Tabelle T1.2.10
[N
ominallohnindex, Frauen, 2011-2019] K 64-66 von 107.5 [2016] auf 111.5 [2019] bei einem Index 2010=100
)
ergibt sich ein Jahreseinkommen in
einer 100%igen Tätigkeit von Fr.
90
’
948.
-- (Fr. 7'043.-- x 12 : 40 x 41.5 : 107.5 x 111.5).
5.2.2
Bei einer durchschnittlichen Arbeitszeit
im Bereich
Finanzdienstleistungen
im Jahr 2019 von 41.5 Stunden pro Woche
beziehungsweise 8.3 Stunden pro Tag ist bei einem Zeitaufwand von durchschnittlich
60
Minuten
täglich
für den Selbst
katheterismus während der Arbeitszeit (
E. 4.1) eine Einschränkung von 12
%
aus
gewiesen (6
0 Min
uten x 100 : 498 Minuten
).
Angesichts dessen, dass
im Bereich Finanzdienstleistungen
die Toilettenräume die
hygienischen
Voraussetzungen für eine
Selbstkatheterisierung
grundsätzlich
erfüllen
und dass
dort auch
die Einrich
tung eines Arbeitsplatzes
in der Nähe e
iner Toilette unproblematisch erscheint (E. 4.1)
,
ist
ein Abz
ug vom Tabellenlohn nicht gerechtfertigt
, zumal bei der Beschwerdeführerin
auch sonst keine
persönliche
n oder
berufliche
n
Merkmale vorhanden sind, derent
wegen die verbliebene Arbeits
fähigkeit
auf einem ausge
glichenen Arbeitsmarkt nur mit unterdurchschnittlichem erwerblichem
Erfolg verwertet werden könnte (BGE 135 V 297 E. 5.2
).
5.3
Nach dem Gesagten beträgt der Invaliditätsgrad, welcher
dem Grad der Arbeits
unfähigkeit
entspricht (E. 5.1.3),
lediglich 12
%. Damit ist ein
anspruchs
relevanter Invaliditätsgrad mit der Beschwerdegegnerin zu verneinen.
5.4
Selbst wenn
der maximale
Zeitaufwand
von
25 Minuten
pro Katheterisierung
(E. 3.6) angerechnet würde (
3 x täglich 25
Minuten
= 75 Minuten
),
was nicht angemessen erscheint,
ergäbe sich kein rentenbegründender Invaliditätsgrad.
Bei einer durchschnittlichen Arbeitszeit im Bereich
Finanzdienstleistungen
im Jahr 2019 von 8.3 Stunden pro Tag (E. 5.2.2)
ergäbe sich eine Einschränkung von 15 % (75 Minuten x 100 : 498 Minuten täglich) beziehungsweise ein ebensolcher
Invaliditätsgrad, welcher keinen Anspruch auf eine Invalidenrente zu begründen vermag.
6.
6.1
Die Beschwerdeführerin beantragte die Zusprechung von Eingliederungs
massnahmen, substantiierte jedoch nicht, welche Massnahmen durchzuführen wären.
6.2
Invalide oder von einer Invalidität (Art. 8 ATSG) bedrohte Versicherte haben gemäss Art. 8
Abs. 1
IVG Anspruch auf Eingliederungsmassnahmen, soweit:
a.
diese notwendig und geeignet sind, die Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, wieder herzustellen, zu erhalten oder zu verbessern; und
b.
die Voraussetzungen für den Anspruch auf die einzelnen Massnahmen erfüllt sind.
Der Anspruch auf Eingliederungsmassnahmen besteht unabhängig von der Aus
übung einer Erwerbstätigkeit vor Eintritt der Invalidität. Bei der Festlegung der Massnahmen ist die gesamte noch zu erwartende Dauer des Erwerbslebens zu berücksichtigen (Abs. 1
bis
). Nach Massgabe der Art. 13 und 21 IVG besteht der Anspruch auf Leistungen unabhängig von der Möglichkeit einer Eingliederung ins Erwerbsleben oder in den Aufgabenbereich (Abs. 2). Nach Massgabe von Art. 16 Abs. 2
lit
. c IVG besteht der Anspruch auf Leistungen unabhängig davon, ob die Eingliederungsmassnahmen notwendig sind oder nicht, um die Erwerbs
fähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, zu erhalten oder zu verbessern (Abs. 2
bis
).
Die Eingliederungsmassnahmen bestehen gemäss Abs. 3 in medizinischen Mass
nahmen (
lit
. a), Integrationsmassnahmen zur Vorbereitung auf die berufliche Ein
gliederung (
lit
.
a
bis
), Massnahmen beruflicher Art (Berufsberatung, erstmalige berufliche Ausbildung, Umschulung, Arbeitsvermittlung, Kapitalhilfe;
lit
. b) und in
der Abgabe von Hilfsmitteln (
lit
. d).
6.3
Mit Blick auf das Erfordernis
der Notwendigkeit und der Geeignetheit von Ein
gliederungsmassnahmen ist festzuhalten, dass die Beschwerdeführerin über eine hohe Ausbildung verfügt, welche sie nach wie vor dazu befähigt, eine ihren Fach
kenntnissen und ihrer beruflichen Erfahrung entsprechende Tätigkeit auszuüben. Dass der intermittierende Katheterismus in einer anderen
Tätigkeit als der ange
stammten
zu einer kleineren Einschränkung
in der Arbeitsfähigkeit
füh
ren würde, ist kaum vorstellbar; eine Bürotätigkeit ist optimal angepasst.
Es besteht daher keine Notwendigkeit für eine Berufsberatung, eine Umschulung oder dergleichen. Der Beschwerdeführerin ist sodann zumutbar, sich auf Stellen in ihrem ange
stammten Tätigkeitsbereich zu bewerben.
Dass
sie dabei auf Hilfe der Invaliden
versicherung
angewiesen
wäre, ist nicht erkennbar;
sie bewirbt sich
bereits
mit Unterstützung des
RAV selbständig auf Stelle
n, was ihr als Juristin ohne Weiteres zumutbar ist.
7.
Nach dem Gesagten ist d
ie angefochtene Verfügung nicht zu beanstanden und die dagegen erhobene Beschwerde
ist
abzuweisen.
8
.
Da es um die Bewilligung oder Verweigerung von Versicherungsleistungen geht, ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Gerichtskosten sind nach dem Verfahrens
aufwand und unabhängig vom Streitwert festzulegen (Art. 69 Abs. 1
bis
IVG) und auf Fr. 8
00.-- anzusetzen. Entsprechend dem Ausgang des Verfahrens
sind sie der
Beschwerdeführer
in
aufzuerlegen.