Decision ID: 873424de-a4fb-53ea-a7ac-de335a55eb92
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer ersuchte am 1. Oktober 2020 in der Schweiz um
Asyl. Ein Abgleich seiner Fingerabdrücke mit der «Eurodac»-Datenbank
ergab, dass er am 19. August 2020 in Italien illegal in das Hoheitsgebiet
der Dublin-Staaten eingereist und dort zwei Tage später daktyloskopisch
erfasst worden war (Akten der Vorinstanz [SEM-act.] 1, 2, 10).
B.
Gestützt auf Art. 13 Abs. 1 der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europä-
ischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der
Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prü-
fung eines von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem
Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist
(nachfolgend: Dublin-III-VO), ersuchte die Vorinstanz die italienischen Be-
hörden am 7. Oktober 2020 um Übernahme des Beschwerdeführers
(SEM-act. 12). Die italienischen Behörden nahmen zum Gesuch der Vor-
instanz innert der in Art. 22 Abs. 1 Dublin-III-VO vorgesehenen Frist keine
Stellung (SEM-act. 23).
C.
Anlässlich des persönlichen Gesprächs am 22. Oktober 2020 gewährte die
Vorinstanz dem Beschwerdeführer rechtliches Gehör zur Zuständigkeit Ita-
liens für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens, zum be-
absichtigten Nichteintretensentscheid sowie zur Wegweisung in diesen
Dublin-Mitgliedstaat. Der Beschwerdeführer wendete ein, es gehe ihm psy-
chisch nicht gut und er habe Geschwister in der Schweiz, welche ihm bei
der Bewältigung seiner Probleme helfen könnten (SEM-act. 19).
D.
Am 30. Oktober 2020 reichte der damalige Rechtsvertreter des Beschwer-
deführers ein medizinisches Datenblatt für interne Arztbesuche im BAZ
X._ vom 29. Oktober 2020 zu den Akten. Demnach wurde der Be-
schwerdeführer wegen psychischer Probleme und Schlafstörungen auf-
grund einer akuten reaktiven Belastungssituation medikamentös behandelt
(SEM-act. 20 und 21). Mit Eingabe vom 20. November 2020 teilte der
Rechtsvertreter der Vorinstanz mit, dem Beschwerdeführer gehe es psy-
chisch weiterhin schlecht. Er stellte Antrag auf Anordnung psychiatrischer
Abklärungen und Eintreten auf das Asylgesuch (SEM-act. 22).
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Seite 3
E.
Nach einer Transferierung des Beschwerdeführers in das Bundesasylzent-
rum Z._ wurde dort am 1. Dezember 2020 erneut ein medizinisches
Datenblatt, diesmal für interne Arztbesuche im BAZ Z._ ausgestellt.
Darin wurde erstmals der Verdacht auf Vorliegen einer posttraumatischen
Belastungsstörung geäussert und es wurde eine neue Medikation ver-
schrieben (SEM-act. 29).
F.
Mit Verfügung vom 12. Januar 2021 (eröffnet am 13. Januar 2021) trat die
Vorinstanz in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf
das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein, ordnete die Wegwei-
sung aus der Schweiz nach Italien an und forderte ihn auf, die Schweiz am
Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen. Gleichzeitig wies die
Vorinstanz auf die einer allfälligen Beschwerde von Gesetzes wegen feh-
lende aufschiebende Wirkung hin und beauftragte den Kanton O._
mit dem Vollzug der Wegweisung (SEM-act. 31 und 32).
G.
Am 13. Januar 2021 zeigte der zugewiesene Rechtsvertreter der Vor-
instanz die Beendigung des Mandatsverhältnisses an (SEM-act. 33).
H.
Mit Beschwerde vom 20. Januar 2021 gelangte der Beschwerdeführer,
nunmehr vertreten durch die rubrizierte Rechtsanwältin, an das Bundes-
verwaltungsgericht. Er beantragte, die vorinstanzliche Verfügung vom
12. Januar 2021 sei aufzuheben und die Vorinstanz anzuweisen, auf sein
Asylgesuch einzutreten, eventualiter die Sache zur vollständigen und rich-
tigen Feststellung des Sachverhalts und zur Neubeurteilung an die
Vorinstanz zurückzuweisen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuchte er
um Gewährung der aufschiebenden Wirkung der Beschwerde, die Anwei-
sung an die Vollzugsbehörden, bis zum Beschwerdeentscheid von jegli-
chen Vollzugshandlungen abzusehen, sowie um Gewährung unentgeltli-
cher Rechtspflege (Akten des Bundesverwaltungsgerichts [BVGer-act.] 1
und 2).
I.
Am 21. Januar 2021 lagen dem Bundesverwaltungsgericht die Akten in
elektronischer Form vor und gleichentags setzte der Instruktionsrichter den
Vollzug der Überstellung gestützt auf Art. 56 VwVG einstweilen aus
(BVGer-act. 3).
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Seite 4
J.
Gestützt auf eine Meldung der Vorinstanz, wonach der Beschwerdeführer
seit dem 18. Januar 2021 unbekannten Aufenthalts sei, forderte der In-
struktionsrichter mit Zwischenverfügung vom 28. Januar 2021 diesen bzw.
dessen Rechtsvertreterin dazu auf, innert Frist seinen gegenwärtigen Auf-
enthaltsort in einer psychiatrischen Einrichtung – so zu schliessen aus den
Ausführungen in der Beschwerde vom 20. Januar 2021 – zu bestätigen
und zu belegen (BVGer-act. 5).
K.
Mit Eingabe vom 10. Februar 2021 bestätigte die Rechtsvertreterin die
Hospitalisation des Beschwerdeführers unter Beilage eines ärztlichen
Kurzberichts der Psychiatrischen Dienste O._ vom 27. Januar
2021. Gemäss diesem befinde er sich in der Akutstation der Psychiatri-
schen Klinik O._; es bestehe der Verdacht auf eine fluchtbedingt
induzierte rezidivierende depressive Störung mit einer gegenwärtig mittel-
gradigen Episode.
Gleichzeitig zu den Akten gereicht wurden ein Konsiliarbericht der Univer-
sitären Psychiatrischen Dienste E._ vom 14. Januar 2021 sowie ein
ärztliches Attest des Ambulatoriums des H._ vom 5. Februar 2021
betreffend die in der Schweiz lebenden Schwestern des Beschwerdefüh-
rers B._ und C._ (BVGer-act. 7).
L.
Mit Verfügung vom 18. Februar 2021 erteilte der Instruktionsrichter der Be-
schwerde aufschiebende Wirkung, verzichtete einstweilen auf die Erhe-
bung eines Kostenvorschusses und forderte die Vorinstanz zur Einrei-
chung einer Vernehmlassung auf (BVGer-act. 8).
M.
Mit Vernehmlassung vom 24. Februar 2021 hielt die Vorinstanz an ihrer
Verfügung fest (BVGer-act. 9).
N.
Der Beschwerdeführer nahm in einer Replik vom 9. April 2021 zur Ver-
nehmlassung der Vorinstanz Stellung. Er reichte einen Austrittsbericht der
Psychiatrischen Dienste O._ vom 12. März 2021, einen Bericht sei-
ner Hausärztin Dr. med. L._ vom 26. März 2021 sowie je einen ärzt-
lichen Bericht betreffend seine drei in der Schweiz lebenden Geschwister
ein (Austrittsbericht der Universitären Psychiatrischen Dienste E._
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Seite 5
vom 11. Februar 2021 betreffend die Schwester B._; ärztlicher Brief
des Ambulatoriums des H._ vom 25. März 2021 betreffend die
Schwester C._; Zeugnis des Hausarztes des Bruders D._
vom 15. März 2021). Zudem wurde ein Schreiben des Bruders vom
12. März 2021 und ein auf einem Datenträger gespeichertes Video als Be-
weismittel eingereicht (BVGer-act. 15).
O.
Am 13. April 2021 reichte der Beschwerdeführer als Nachtrag zur Replik
vom 9. April 2021 ein Schreiben des (...)-Zentrums T._, die
Schwester B._ betreffend, vom 11. April 2021 ein (BVGer-act. 17).
P.
Auf den weiteren Akteninhalt wird, soweit rechtserheblich, in den Erwägun-
gen eingegangen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das Bundesverwaltungsgericht ist zuständig für die Beurteilung von
Beschwerden gegen Verfügungen des SEM (Art. 105 AsylG, Art. 31 und 33
Bst. b VGG). Auf dem Gebiet des Asyls entscheidet es in der Regel – und
so auch vorliegend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Der Beschwerdeführer ist zur Einreichung der Beschwerde legitimiert
(Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die im Übrigen frist- und formgerecht einge-
reichte Beschwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 3 AsylG und Art. 52
Abs. 1 VwVG).
2.
2.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
2.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
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Seite 6
(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1;
2012/4 E. 2.2, je m.w.H.).
3.
3.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). In diesem Fall verfügt die Vorinstanz in der Regel die
Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an (Art. 44 AsylG).
3.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als
zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung des zu-
ständigen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat
erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Fall
eines sogenannten Aufnahmeverfahrens («take charge») sind die in Kapi-
tel III (Art. 8–15 Dublin-III-VO) genannten Kriterien in der dort aufgeführten
Rangfolge (Prinzip der Hierarchie der Zuständigkeitskriterien; vgl. Art. 7
Abs. 1 Dublin-III-VO) anzuwenden, und es ist von der Situation im Zeit-
punkt, in dem der Antragsteller erstmals einen Antrag in einem Mitglied-
staat gestellt hat, auszugehen (Art. 7 Abs. 2 Dublin-III-VO).
3.3 Wenn ein Antragsteller, aus einem Drittstaat kommend, die Land-, See-
oder Luftgrenze eines Mitgliedstaates illegal überschritten hat, ist dieser
Mitgliedstaat gemäss Art. 13 Abs. 1 Dublin-III-VO für die Prüfung des An-
trags auf internationalen Schutz zuständig. Die Zuständigkeit endet ge-
mäss dieser Norm zwölf Monate nach dem Tag des illegalen Grenzüber-
tritts. Die Dublin-III-VO räumt den Schutzsuchenden kein Recht ein, den
ihren Antrag prüfenden Staat selber auszuwählen (vgl. BVGE 2010/45
E. 8.3).
4.
Den vorliegenden Akten ist zu entnehmen, dass der Beschwerdeführer am
19. August 2020 in Italien aufgegriffen wurde. Die Vorinstanz ersuchte die
italienischen Behörden deshalb am 7. Oktober 2020 gestützt auf Art. 13
Abs. 1 Dublin-III-VO um Aufnahme des Beschwerdeführers. Die italieni-
schen Behörden liessen das Übernahmeersuchen innert der in Art. 22
Abs. 1 Dublin-III-VO vorgesehenen Frist unbeantwortet, womit sie die Zu-
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Seite 7
ständigkeit Italiens für das Asylgesuch des Beschwerdeführers implizit an-
erkannten (Art. 22 Abs. 7 Dublin-III-VO). Die grundsätzliche Zuständigkeit
Italiens ist somit gegeben und wird vom Beschwerdeführer auch nicht be-
stritten.
5.
5.1 Nachfolgend ist demnach im Lichte von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO zu
prüfen, ob es wesentliche Gründe für die Annahme gibt, das Asylverfahren
und die Aufnahmebedingungen für Asylsuchende in Italien wiesen syste-
mische Schwachstellen auf, die die Gefahr einer unmenschlichen oder ent-
würdigenden Behandlung im Sinne des Artikels 4 der EU-Grundrech-
techarta mit sich bringen würden.
5.2 Italien ist Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom 10. De-
zember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder er-
niedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Abkommens
vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK,
SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967
(SR 0.142.301) und kommt seinen diesbezüglichen völkerrechtlichen Ver-
pflichtungen nach. Es darf davon ausgegangen werden, dieser Staat aner-
kenne und schütze die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richt-
linien des Europäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom
26. Juni 2013 zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aber-
kennung des internationalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) sowie
2013/33/EU vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Auf-
nahme von Personen, die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnah-
merichtlinie) ergeben.
5.3 Das Bundesverwaltungsgericht geht in ständiger Rechtsprechung da-
von aus, dass das italienische Asylverfahren und die Aufnahmebedingun-
gen für Asylsuchende – trotz punktueller Schwachstellen – keine systemi-
schen Mängel aufweisen, die die Gefahr einer unmenschlichen oder ent-
würdigenden Behandlung im Sinne des Artikels 4 der EU-Grund-
rechtecharta mit sich bringen würden (vgl. Referenzurteil E-962/2019 vom
17. Dezember 2019 E. 6.3). Unter diesen Umständen ist die Anwendung
von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO nicht gerechtfertigt.
6.
6.1 Der Beschwerdeführer behauptet demgegenüber ein Abhängigkeits-
verhältnis im Sinne von Art. 16 Abs. 1 Dublin-III-VO und eine daraus abzu-
leitende Zuständigkeit der Schweiz.
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Seite 8
6.2 Ist gemäss dieser Bestimmung ein Antragssteller unter anderem we-
gen schwerer Krankheit oder ernsthafter Behinderung auf die Unterstüt-
zung durch einen nahen Angehörigen, der sich rechtmässig in einem Mit-
gliedstaat aufhält, angewiesen, oder ist eines seiner Geschwister, das sich
rechtmässig in einem Mitgliedstaat aufhält, auf die Unterstützung des An-
tragstellers angewiesen, so entscheiden die Mitgliedstaaten in der Regel,
die Beteiligten nicht zu trennen bzw. sie zusammenzuführen, sofern die
familiäre Bindung bereits im Herkunftsland bestanden hat, der nahe Ange-
hörige in der Lage ist, die abhängige Person zu unterstützen und die Be-
troffenen diesen Wunsch schriftlich kundgetan haben. Die Nichtanwen-
dung der Zuständigkeitsbestimmung von Art. 16 Abs. 1 Dublin-III-VO kann
im Einzelfall menschenrechtswidrig sein und einen Ermessensmissbrauch
darstellen. Sind die Voraussetzungen von Art. 16 Abs. 1 Dublin-III-VO ge-
geben und halten sich die betroffenen Personen in demselben Mitglied-
staat auf, hat sich die entscheidende Behörde für zuständig zu erklären
(vgl. Urteile des BVGer E-2142/2020 vom 28. April 2020 E. 6.4;
F-445/2019 vom 14. Februar 2019 E. 5.1; E-3970/2018 vom 20. Juli 2018
E. 4.3 m.H.).
6.3 Zur Beurteilung, ob ein rechtlich relevantes Abhängigkeitsverhältnis be-
steht, ist auf eine Gesamtwürdigung des konkreten Einzelfalls unter Einbe-
zug der individuellen und soziokulturellen Lebenssituation der betroffenen
Personen abzustellen (vgl. ULRICH KOEHLER, Praxiskommentar zum Euro-
päischen Asylzuständigkeitssystem, 2018, Art. 16 N. 8; CHRISTIAN FILZWIE-
SER/ANDREA SPRUNG, Dublin III-Verordnung, 2014, K3 zu Art. 16; Urteil
F-445/2019 E. 5.5).
7.
7.1 Der Beschwerdeführer lässt in seiner Rechtsmitteleingabe vom 20. Ja-
nuar 2021 geltend machen, zwischen ihm und seinen Geschwistern
D._ und B._ bestehe entgegen der Einschätzung der Vo-
rinstanz ein rechtlich relevantes Abhängigkeitsverhältnis. Dass er selbst
psychisch krank sei und die Unterstützung seiner beiden Geschwister be-
nötige, habe er bereits bei seiner Einvernahme durch die Vorinstanz gel-
tend gemacht. Aus den medizinischen Datenblättern der beiden Bundesas-
ylzentren, in denen er untergebracht worden sei, ergebe sich, dass er dort
jeweils ärztliche Betreuung in Anspruch genommen und medikamentös be-
handelt worden sei. Im Dezember 2020 habe eine Hilfsorganisation im Auf-
trag der Schwester B._ bei der Vorinstanz darum ersucht, ihn zur
besseren Betreuung privat unterbringen zu lassen, was mit Verweis auf
pandemiebedingte Einschränkungen abgelehnt worden sei. B._
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Seite 9
leide an erheblichen somatischen Erkrankungen. Zusätzlich sei auch bei
ihr eine akute Belastungsreaktion sowie Verdacht auf eine posttraumati-
sche Belastungsstörung diagnostiziert worden. Sie habe als Folge des vo-
rinstanzlichen Entscheides einen Zusammenbruch erlitten. Er (der Be-
schwerdeführer) wiederum habe – als er B._ am 18. Januar 2021
zusammen mit seinem Bruder im Spital besuchte – ebenfalls einen Zusam-
menbruch erlitten und sei noch gleichentags von der Universitätsklinik und
Poliklinik für Psychiatrie des E._ in die psychiatrische Klinik
O._ verlegt worden. Gemäss einer telefonischen Auskunft des dort
behandelnden Arztes habe er (der Beschwerdeführer) nach seiner Über-
weisung einem freiwilligen Verbleib in der Klinik zugestimmt, ansonsten
von ärztlicher Seite eine fürsorgerische Unterbringung beantragt worden
wäre.
Nach Auffassung der Rechtsvertreterin pflegten die Geschwister unterei-
nander einen intensiven Kontakt und trügen sowohl der Bruder D._
wie auch die Schwester B._ massgeblich zur Stabilisierung des ge-
sundheitlich angeschlagenen Beschwerdeführers bei. B._ sei zwar
aktuell aufgrund der drohenden Trennung vom Beschwerdeführer selbst
auf eine psychiatrische Behandlung angewiesen; bis zu ihrer Einweisung
habe sie allerdings wesentlich zur Stabilisierung des Beschwerdeführers
beigetragen und ihn beispielsweise trotz ihrer schweren Sehbehinderung
auch alleine im entfernten Asylzentrum besucht, wenn der Bruder
D._ sie aus beruflichen oder familiären Gründen nicht habe beglei-
ten können.
7.2 Aus den im Beschwerdeverfahren edierten Akten zu schliessen war der
Beschwerdeführer vom 18. Januar 2021 bis zum 3. März 2021 und vom
9. März 2021 bis zum 11. März 2021 in stationärer Behandlung in der psy-
chiatrischen Klinik O._. Aus einem Bericht des Notfallzentrums der
universitären psychiatrischen Dienste E._ vom 18. Januar 2021
kann entnommen werden, dass der Beschwerdeführer dort ein mittelgradi-
ges bis schweres depressives Zustandsbild zeigte. Aktenanamnestisch
habe der Verdacht auf eine posttraumatische Belastungsstörung bestan-
den. Aus ärztlicher Sicht sei eine stationäre Behandlung zwingend indiziert
gewesen. Die psychiatrische Klinik O._ diagnostizierte beim Be-
schwerdeführer in einem Bericht vom 27. Januar 2021 eine rezidivierende
depressive Störung, gegenwärtig mittelgradige Episode. Aus einem Aus-
trittsbericht der Klinik vom 12. März 2021 geht hervor, dass der Eintritt dort
am 9. März 2021 aufgrund einer erneuten suizidalen Krise, bei bekannter
depressiver Symptomatik, auf freiwilliger Basis erfolgt sei. In einem Bericht
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Seite 10
der (vorübergehend) nachbehandelnden Hausärztin vom 26. März 2021
wurden die Diagnosen mittelgradige depressive Episode mit akuter Suizi-
dalität und posttraumatische Belastungsstörung festgehalten. Anamnes-
tisch wurde ausgeführt, die psychischen Beschwerden hätten nach eige-
nen Angaben des Patienten bereits in Afghanistan begonnen und sich hier
fortgesetzt. Seit er sein Land fluchtartig habe verlassen müssen, bestün-
den bei ihm ausgeprägte depressive Symptome sowie – aufgrund der Tö-
tung seiner Verlobten durch die Familie – eine schwere prolongierte Trau-
erreaktion. Bei fehlender Perspektive sei der Lebenswille gebrochen; der
Patient werde sicherlich für einige Zeit eine kombinierte medikamentöse
und psychiatrische Behandlung benötigen. Aktuell gehe es ihm schlecht,
da er keinen Schlaf finde und immer an seine Situation denken müsse. Er
habe latente Suizidgedanken. Unter der gegenwärtigen medikamentösen
Therapie hätten die innerlichen Spannungen jedoch etwas abgebaut wer-
den können. Er sei im Ambulatorium der psychiatrischen Klinik angemel-
det; aufgrund einer Überlastung dieser Einrichtung müsse allerdings von
einer längeren Wartefrist ausgegangen werden. Aus dem Bericht der Haus-
ärztin geht weiter hervor, dass der Patient zu seinem Bruder ein sehr gutes
Verhältnis habe und sich seine psychische Situation jeweils rasch bessere,
sobald er ein Wochenende bei diesem verbracht habe. Eine Trennung von
den Geschwistern könnte beim Patienten mit einer massiven, möglicher-
weise lebensbedrohlichen Verschlechterung des psychischen Gesund-
heitszustandes einhergehen und sei aus medizinischer Sicht unbedingt zu
vermeiden (Beilagen; BVGer-act. 2, 7 und 15).
7.3 Die (...) geborene Schwester B._ leidet – aus einem vom Be-
schwerdeführer eingereichten Arztbericht der Universitätsklinik für Nephro-
logie und Hypertonie am (...) E._ vom 15. Januar 2021 zu schlies-
sen – an einer Vielzahl, teils erheblichen physischen und psychischen Be-
einträchtigungen. So wurden bei ihr folgende Erkrankungen diagnostiziert:
Status nach Nierentransplantation 2013, holocephale Kopfschmerzen, a.e.
Spannungskopfschmerz, diabetische Gastroparese, Malassimilationssyn-
drom (verminderte Nährstoffausnutzung aufgrund unterschiedlicher Stö-
rungen im Verdauungstrakt), schwere Mangelernährung, arterieller Hyper-
tonie, hoch- und niedriggradige squamöse intraepitheliale Läsionen, thera-
pierte chronische Hepatitis C, Status nach Hepatitis B, Cataracta compli-
cata und persistierende Traktions-Amotio [schwere Sehbehinderung] so-
wie diabetische Cheiroarthropathie, Differentialdiagnose rheumatoide Arth-
ritis. Bei der notfallmässigen Einlieferung nach einem Zusammenbruch
wurden ausserdem die Diagnosen Hypoglykämie (im Zusammenhang mit
einer Insulinüberdosierung bei Diabetes mellitus Typ 1) und eine komplexe
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Seite 11
psychosoziale Situation (Anpassungsstörung mit depressiver Symptomatik
und Verdacht auf eine posttraumatische Belastungsstörung) gestellt (Be-
schwerdebeilage; BVGer-act. 2).
In einem Konsiliarbericht der Universitätsklinik für Neurologie ebenfalls
vom 15. Januar 2021 werden – die Schwester B._ betreffend – aus
psychiatrischer Sicht die Diagnosen akute Belastungsreaktion (ICD-10
F43.0; Auslöser: drohende Ausschaffung des jüngeren Bruders nach Ita-
lien) sowie Verdacht auf posttraumatische Belastungsstörung (ICD-10
F43.1) gestellt. Anamnestisch werden Schilderungen der Patientin festge-
halten, wonach sie zehn Jahre zuvor mit ihrem älteren Bruder wegen einer
Familienfehde Afghanistan verlassen habe und nach einer schweren und
belastenden Flucht in die Schweiz gelangt sei. Ihr Bruder habe hier – wie
auch die später dazugekommene Schwester – geheiratet und eine eigene
Familie gegründet. Sie selbst wohne deshalb alleine, was aufgrund ihrer
schweren Grunderkrankung (starke Visuseinschränkung als Folge einer di-
abetischen Retinopathie, in deren Rahmen sie auch nierentransplantiert
worden sei) nicht immer einfach sei. Deshalb habe sie sich grosse Hoff-
nungen gemacht, als ihr jüngerer Bruder (der Beschwerdeführer) in die
Schweiz nachgekommen sei. Nachdem sie aber am 13. Januar 2021 er-
fahren habe, dass dieser nach Italien zurückmüsse, habe es ihr den Boden
unter den Füssen weggezogen. Sie habe in einem raptusartigen Anfall von
Wut und Verzweiflung ihre Kücheneinrichtung demoliert und mit dem Kopf
gegen die Wand geschlagen, bis sie das Bewusstsein verloren habe. Zum
Glück sei sie von ihrem älteren Bruder rechtzeitig gefunden und ins Spital
gebracht worden. Der behandelnde Arzt hielt dazu fest, dass von einer
akuten Belastungsreaktion auszugehen sei, in deren Rahmen buchstäblich
und förmlich eine Welt der Hoffnung auf eine Besserung durch Wiederver-
einigung mit einem lange vermissten Familienmitglied akut zusammenge-
brochen sei. Bringe man zudem die erhebliche körperliche Krankheitssitu-
ation sowie die Migrationsgeschichte mit der offensichtlich traumatischen
Situation in der Heimat und einer wahrscheinlich ebenso traumatischen
und langwierigen Flucht über den Landweg in die Schweiz in Anschlag, so
dürfte auf der Basis einer zu erwartenden Traumatisierung das die Einwei-
sung auslösende Ereignis bei beeinträchtigter Resilienz noch stärker ge-
wirkt haben (Beschwerdebeilage; BVGer-act. 2).
In einem Schreiben vom 11. April 2021 schliesslich äusserte sich das
(...)-Zentrum E._ an die Adresse des Bundesverwaltungsgerichts
zur Situation von B._. Diese werde seit 2016 betreut, anfänglich in
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Seite 12
einer Wohngruppe, später in einer eigenen Wohnung mit fester Tagesstruk-
tur (halbtägiger interner Beschäftigung) und punktueller Begleitung. Ihr Ge-
sundheitszustand habe sich über die letzten Jahre hinweg stabilisiert und
sie habe sich in der Gesellschaft zunehmend besser zurechtgefunden. Als
ihr jüngerer Bruder nach geglückter Flucht in die Schweiz gekommen sei,
sei B._ enorm aufgeblüht. Sie pflege ein inniges Verhältnis zu ihm
und sie hätten gemeinsam Zukunftspläne ausgemalt. Der negative Asyl-
entscheid des Bruders habe sie dann komplett aus der Bahn geworfen. Sie
habe einen Zusammenbruch erlitten, hospitalisiert werden müssen und be-
finde sich aktuell in psychiatrischer Behandlung. Sollte der Bruder die
Schweiz verlassen müssen, würde dies für ihn, die Schwester B._
und die beiden weiteren Geschwister zu einer hohen Belastung führen. Die
Geschwister seien eng miteinander verbunden und unterstützten sich stark
(BVGer-act. 17).
7.4 Bei der (...) geborenen C._ handelt es sich um das älteste der
in der Schweiz ansässigen Geschwister. Einem ersten, vom Beschwerde-
führer eingereichten, sie betreffenden Bericht des H._ in I._
vom 5. Februar 2021 kann entnommen werden, dass sie sich dort seit
Ende März 2019 in psychiatrischer Behandlung befinde. Sie habe schon
zweimal eine Fehlgeburt erlitten und sei zurzeit wieder schwanger.
C._ sei schwer traumatisiert. Sie habe schon in Afghanistan sehr
viel Gewalt, auch sexualisierte Gewalt erlitten. Ihre Flucht habe etwa drei-
einhalb Jahre gedauert und in dieser Zeit habe es zusätzlich viele trauma-
tische Ereignisse gegeben. Auch von Seiten des Ehemannes erlebe sie
viel Gewalt; zeitweise habe eine polizeiliche Wegweisung bestanden. Die
psychiatrische Diagnose laute auf posttraumatische Belastungsstörung
(ICD-10 F43.1) und Zwangsstörung, vorwiegend Zwangshandlungen
(Zwangsrituale) (ICD-10 F42.1). Die Patientin sei psychisch schwer und
längerdauernd krank und leide unter allen Symptomen einer posttraumati-
schen Belastungsstörung. Als sie gehört habe, dass ihr jüngerer Bruder in
der Schweiz angekommen sei, habe sie sich sehr gefreut. Sie habe die
Hoffnung gehabt, noch etwas mehr persönlichen Kontakt ausserhalb ihrer
jetzigen Kernfamilie zu bekommen und habe offensichtlich eine sehr gute
Beziehung zu ihren Geschwistern. Auf die drohende Rückschaffung des
jüngeren Bruders nach Italien habe sie mit vermehrtem Stress, verstärkten
Alpträumen, Spannung und Zwängen sowie Rückschritten in der Therapie
reagiert, indem sie erneut damit begonnen habe, ihre Kinder in die Zwänge
einzubeziehen. Für die Kinder sei das ein grosses Problem. Dem jüngeren
Bruder gegenüber habe die Patientin viele Schuldgefühle entwickelt, weil
sie ihm nicht helfen könne. Gleichzeitig habe sie aber auch Angst um ihn,
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Seite 13
wenn er wieder nach Italien müsse. Zwangsstörungen im vorhandenen
Mass seien schwierig zu behandeln und würden oft Jahre, wenn nicht so-
gar lebenslang dauern. Durch ihre Zwangserkrankung sei die Patientin so-
zial sehr isoliert, von ihrem Ehemann habe sie keine Unterstützung. Für die
zwei (bald drei) Kinder sei sie alleine verantwortlich. Ihre Ursprungsfamilie,
d.h. die drei Geschwister in der Schweiz, sei ihr einziger Rückhalt in einer
psychisch äusserst labilen Situation. Aus psychiatrischer Sicht wäre es
deshalb für sie, aber auch für das Wohl der Kinder sehr hilfreich, wenn ihr
jüngerer Bruder in der Schweiz bleiben könnte (Beilage; BVGer-act. 7).
In einem weiteren Bericht des H._ vom 25. März 2021 wird festge-
halten, dass C._ inzwischen nach vielen Schwangerschaftskompli-
kationen am 12. Februar 2021 geboren habe; das Kind leide unter Trisomie
21 und habe einen Herzfehler. Diese Situation bedeute noch eine zusätzli-
che Belastung für die bereits schwer geprüfte Frau. Die Patientin wisse
nicht, wie sie mit all dem fertig werden solle und auch das Spitalpersonal
sehe, dass es nicht alle benötigte Unterstützung bieten könne. Im Verhält-
nis zum Beschwerdeführer wird nochmals festgehalten, dass sie sich für
ihn verantwortlich fühle wie für ein eigenes Kind. Aus psychiatrischer Sicht
– so die zuständige Ärztin – dürfte es in Wirklichkeit im Moment eher um-
gekehrt sein. Die Patientin sei selbst extrem belastet und ihre gute Bezie-
hung zum jüngsten Bruder sei eine grosse Ressource für sie, weil sie sich
da als kompetent erfahren und an die guten Beziehungen und die Gebor-
genheit in der Ursprungsfamilie anknüpfen könne (Beilage; BVGer-
act. 15).
7.5 Schliesslich wurde im Beschwerdeverfahren auch noch ein ärztliches
Attest vom 15. März 2021, den (...) geborenen Bruder des Beschwerde-
führers, D._ betreffend, eingereicht. Darin bestätigt der Hausarzt,
dass er den Patienten, den er seit fast zehn Jahren kenne, aktuell wegen
einer psycho-vegetativen Erschöpfung mit mittelschwerer Depression be-
handle. Die Erkrankung sei u.a. durch seine vielfältigen Belastungen mit-
ausgelöst worden. Als ältester Sohn der Familie trage er eine Verantwor-
tung für seine jüngeren Geschwister. Mit seiner Schwester B._ sei
er vor über zehn Jahren in die Schweiz geflüchtet. Nebst seinem eigenen
Integrationsprozess habe er sie betreuen und zu medizinischen Behand-
lungen begleiten müssen. Mit der Gründung einer eigenen Familie seien
seine Aufgaben noch vielfältiger geworden. Damit nicht genug, zeige sein
ältester Sohn Zeichen einer Autismus-Spektrums-Störung, weshalb noch
spezielle Anforderungen auf den Patienten zukommen würden. Schliess-
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lich bestehe momentan bei ihm als Folge eines Arbeitsunfalles eine teil-
weise Arbeitsunfähigkeit. Durch die Flucht seines jüngeren Bruders habe
er auf eine gewisse Unterstützung und Hilfe für die Schwester B._
gehofft. Mit dem negativen Asylentscheid hätten seine beiden Geschwister
dramatisch dekompensiert. Der Arzt schliesst mit der Bemerkung, dass er
sich Sorgen um die Gesundheit und Tragkraft seines Patienten mache. Er
sehe, dass viele Menschen durch seine Integrationsfähigkeit von ihm pro-
fitierten, aber auch abhängig seien von ihm. In diesem Sinne hoffe er, dass
das «ganze unglaublich belastete System» angeschaut werden könne für
einen allfälligen Asylentscheid des Bruders seines Patienten (Beilage;
BVGer-act. 15).
8.
8.1 Die familiären Bindungen zwischen dem Beschwerdeführer und seinen
Geschwistern sind ausdrücklich vom Anwendungsbereich von Art. 16
Abs. 1 Dublin-III-VO erfasst und haben zudem (bei einem blutsverwandten
Geschwisterteil in der Regel naturgemäss) bereits im Herkunftsstaat be-
standen. Der Bruder D._ sowie die Schwester C._ verfügen
in der Schweiz über eine Aufenthaltsbewilligung, die Schwester B._
wurde hier vorläufig aufgenommen. Alle drei halten sich somit rechtmässig
in der Schweiz auf. Ferner haben die Geschwister den Wunsch nach einem
Zusammenleben mit dem Beschwerdeführer schriftlich geäussert.
8.2 Nach dem Gesagten steht fest, dass der Beschwerdeführer gesund-
heitlich stark angeschlagen ist und wiederholt wegen akuter suizidaler Kri-
sen in psychiatrische Einrichtungen aufgenommen werden musste. Aus
den zahlreichen zu den Akten gereichten Arztberichten betreffend ihn wie
auch seine Geschwister geht zudem eindeutig hervor, dass der Beschwer-
deführer mit seinen in der Schweiz lebenden Geschwistern stark verbun-
den ist. Die den Beschwerdeführer aktuell behandelnde Hausärztin hebt in
ihrem Bericht vom 26. März 2021 das enge Verhältnis zum Bruder
D._ hervor und hält fest, dass eine Trennung des Beschwerdefüh-
rers von der Familie mit einer möglicherweise lebensbedrohlichen Ver-
schlechterung der psychischen Situation einhergehen könnte und aus me-
dizinischer Sicht unbedingt zu vermeiden sei (vgl. E. 7.2).
8.3 Der Beschwerdeführer lässt sodann in seiner Replik vom 9. April 2021
anhand zweier Vorfälle nachvollziehbar schildern, dass er zur Bewältigung
seiner gesundheitlichen Beeinträchtigung und des Alltags auf die Unter-
stützung durch seinen Bruder angewiesen sei. So habe er nach seinem
Austritt aus der Psychiatrischen Klinik O._ am 3. März 2021 einen
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weiteren Zusammenbruch erlitten, als man ihn aufgrund unklarer Zustän-
digkeiten nacheinander an verschiedene Bundesasylzentren verweisen
musste. Der überforderte Beschwerdeführer sei in Verzweiflung geraten
und habe weinend und schreiend seinen Bruder angerufen, welcher sich
umgehend auf den Weg machte und den Beschwerdeführer schliesslich in
die ihm zugewiesene Unterkunft bringen konnte. Da die für den Beschwer-
deführer notwendigen Medikamente dort allerdings nicht vorhanden gewe-
sen seien, habe der Bruder auch diese in der Klinik in O._ abgeholt
und ins Asylzentrum gebracht (E-Mail von D._ vom 12. März 2021
[Beilage; BVGer-act. 15]). Ferner habe man den Bruder auch bereits wäh-
rend des stationären Aufenthalts des Beschwerdeführers in der Psychiatri-
schen Klinik O._ zu Hilfe rufen müssen, als sich letzterer am 5. Feb-
ruar 2021 in einer mit Selbstverletzungen einhergehenden Krise durch das
anwesende Personal nicht beruhigen liess und erst durch den Bruder aus
der Krise geholt werden konnte (Situation beim Eintreffen des Bruders in
der Klinik dokumentiert durch ein ediertes Video [Beilage; BVGer-act. 15]).
Schliesslich ergeben sich auch aus den Akten wiederholt Anhaltspunkte
dafür, dass der Bruder massgeblich zur Bewältigung des Alltags des Be-
schwerdeführers beiträgt, indem er diesen etwa bei der Konsultation der
Psychiatrie des (...) E._ am 18. Januar 2021 begleitete und die
Übersetzung übernahm (so der ärztliche Bericht der Psychiatrie des (...)
E._ vom 18. Januar 2021 [Beilage; BVGer-act. 2]).
8.4 Bei einer Gesamtwürdigung gelangt das Gericht daher zum Schluss,
dass die Unterstützung durch die Geschwister für den Beschwerdeführer
unabdingbar für einen positiven Verlauf seiner psychiatrischen Behandlung
ist. Eine erneute Trennung würde den Beschwerdeführer nach ärztlicher
Einschätzung in eine weitere Krise stürzen. Diese Ausführungen sowie die
vorangehenden Erwägungen sind ein klarer Hinweis darauf, dass insbe-
sondere zwischen dem Bruder D._ und dem Beschwerdeführer
über die normalen affektiven Bindungen hinaus ein besonderes Abhängig-
keitsverhältnis besteht. D._ hat sowohl nach eigenen Angaben wie
auch durch Dritte bestätigt offensichtlich eine sehr enge Beziehung zum
gesundheitlich angeschlagenen und psychisch labilen Beschwerdeführer
und trägt mit seiner Unterstützung entscheidend zur Stabilisierung der Si-
tuation bei. In diesem Zusammenhang ist in Erinnerung zu rufen, dass
Art. 16 Abs. 1 Dublin-III-VO neben Fällen der Abhängigkeit aufgrund einer
schweren Krankheit oder Behinderung, die einen Bedarf an körperlicher
Unterstützung nach sich ziehen, auch in Situationen schwerer psychischer
Störungen nach Traumata Anwendung finden kann, für die sich die Anwe-
senheit eines nahen Angehörigen quasi als Mittel zur Gewährleistung einer
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gewissen psychischen Stabilität und Vermeidung einer schweren Dekom-
pensation auf Dauer als unerlässlich erweist (vgl. dazu Urteile des BVGer
E-435/2018 vom 9.Oktober 2018 S. 8; D-5090/2017 vom 28. März 2018;
E-7300/2016 vom 9. März 2017; E-474/2014 vom 21. Oktober 2014).
8.5 Der Beschwerdeführer ist längerfristig auf psychiatrische Behandlung
und zur Bewältigung dieser Situation auf eine dauerhafte Unterstützung
durch seinen Bruder angewiesen. Dabei ist davon auszugehen, dass letz-
terer – insbesondere zusammen mit der Schwester B._ – in der
Lage ist, diese Unterstützung zu leisten. Er beherrscht die deutsche Spra-
che und ist gemäss verschiedener beigelegter Schreiben von Drittperso-
nen hierzulande bestens integriert. Wie aus dem erwähnten Attest seines
Hausarztes vom 15. März 2021 hervorgeht, habe er sich zwar ebenfalls
wegen einer psycho-vegetativen Erschöpfung in Behandlung begeben
müssen (BVGer-act. 15). Dem Arztzeugnis ist allerdings sinngemäss zu
entnehmen, dass davon ausgegangen wird, dieser Zustand dürfte sich im
Falle eines Verbleibs des Beschwerdeführers in der Schweiz entschärfen.
Diese Schlussfolgerung deckt sich im Übrigen mit den Einschätzungen der
weiteren, die anderen Geschwister behandelnden Ärzte, welche alle auf
ein komplexes System gegenseitiger Abhängigkeiten innerhalb der Ur-
sprungsfamilie hinweisen. Sodann wird verschiedentlich erwähnt, dass die
erforderliche Unterstützung für die Betroffenen teilweise die Möglichkeiten
des Fachpersonals übersteigt. Schliesslich erklärt der Bruder D._
in diesem Zusammenhang auch, die Familie könnte den Beschwerdeführer
bei sich aufnehmen, was gemäss den Schilderungen der Hausärztin des
Beschwerdeführers im Bericht vom 26. März 2021 an den Wochenenden
bisher bereits der Fall war. In Anbetracht dieser Umstände ist unter Berück-
sichtigung der individuellen und soziokulturellen Lebenssituation der be-
troffenen Personen davon auszugehen, dass zwischen dem Beschwerde-
führer und seinem Bruder, zumindest ansatzweise aber auch zwischen ihm
und seinen beiden Schwestern ein Abhängigkeitsverhältnis nach Art. 16
Abs. 1 Dublin-III-VO besteht.
8.6 Somit sind die Voraussetzungen für die Zuständigkeitserklärung ge-
mäss Art. 16 Abs. 1 Dublin-III-VO gegeben. Die Vorinstanz hat daher zu
Unrecht ihre Zuständigkeit verneint und einen Nichteintretensentscheid ge-
fällt. Die Beschwerde ist nach dem Gesagten gutzuheissen und die vor-
instanzliche Verfügung vom 12. Januar 2021 aufzuheben. Die Vorinstanz
ist anzuweisen, das Asylverfahren des Beschwerdeführers in der Schweiz
durchzuführen.
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9.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63
Abs. 1 und 2 VwVG).
10.
Dem anwaltlich vertretenen Beschwerdeführer ist für die ihm erwachsenen
notwendigen Parteikosten zu Lasten der Vorinstanz eine Entschädigung
zuzusprechen (Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). In der aktualisierten Kosten-
note der Rechtsvertreterin vom 13. April 2021 (BVGer-act. 17) sind Partei-
kosten von insgesamt Fr. 4'150.07 (inkl. Auslagen) ausgewiesen. Die Kos-
ten sind in Anbetracht der Komplexität des vorliegenden Falles mit fortlau-
fenden Sachverhaltsänderungen und der aufgelisteten Bemühungen im
Zusammenhang mit der Verfassung der Beschwerde, einer Stellungnahme
sowie der Replik bei einem geltend gemachten Stundenansatz von
Fr. 250.– als angemessen zu betrachten.
Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege im Sinne
von Art. 65 Abs. 1 und 2 VwVG wird damit hinfällig.
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