Decision ID: ad97ec12-30fd-542a-b958-cc6cbe27bdd0
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin verliess ihren Heimatstaat gemäss eigenen Anga-
ben am 7. November 2014 und reiste am 10. Februar 2016 in die Schweiz
ein, wo sie gleichentags um Asyl nachsuchte.
B.
Am 15. Februar 2016 wurde die Befragung zur Person (BzP) durchgeführt
und am 5. Dezember 2017 wurde die Beschwerdeführerin einlässlich zu
ihren Gesuchsgründen angehört.
Dabei brachte sie im Wesentlichen vor, sie sei somalische Staatsbürgerin
und Angehörige der Clanfamilie Hawiye (Clan Abgal, Subclan B._,
Subsubclan C._). Sie habe ihr gesamtes Leben in Mogadishu ver-
bracht und dort gemeinsam mit ihren Eltern und Geschwistern gelebt. Auf-
grund des Bürgerkrieges habe ihre Familie mehrfach in unterschiedlichen
Quartieren Mogadishus Zuflucht gesucht. Im Jahr 2013 sei ihr Bruder von
Mitgliedern der Al-Shabaab-Miliz entführt worden. Diese hätten von ihm
verlangt, dass die Beschwerdeführerin deren lokalen Anführer heirate. Da
sie sich geweigert habe, sei ihr Bruder getötet und sie monatelang bis zu
ihrer Ausreise telefonisch bedroht worden. Im gleichen Zeitraum sei ihre
jüngere Schwester verschwunden und seither verschollen. Aus Angst vor
einer Entführung habe sie sich während etwa eines Jahres an verschiede-
nen Orten in Mogadishu versteckt gehalten und nur noch voll verschleiert
das Haus verlassen. Als sie das Geld für die Reise organisiert gehabt habe,
sei sie illegal aus Somalia ausgereist.
C.
Mit Verfügung vom 7. Juni 2019 stellte das SEM fest, die Beschwerdefüh-
rerin erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte das Asylgesuch ab und
ordnete die Wegweisung aus der Schweiz an (Dispositivziffern 1 bis 3 der
angefochtenen Verfügung). Gleichzeitig ordnete es aufgrund der Unzumut-
barkeit des Wegweisungsvollzugs eine vorläufige Aufnahme an (Disposi-
tivziffer 4).
D.
Mit Eingabe vom 10. Juli 2019 erhob die Beschwerdeführerin dagegen Be-
schwerde und beantragte, der vorliegende Fall sei zur hinreichenden Ab-
klärung des rechtserheblichen Sachverhalts an die Vorinstanz zurückzu-
weisen, eventualiter sei der angefochtene Entscheid in den Ziffern 1 bis 3
aufzuheben und festzustellen, dass sie die Flüchtlingseigenschaft erfülle,
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und es sei ihr Asyl zu gewähren. In formeller Hinsicht ersuchte sie um Ge-
währung der unentgeltlichen Prozessführung inklusive Verzicht auf die Er-
hebung eines Kostenvorschusses und um Beiordnung der rubrizierten
Rechtsvertreterin als amtliche Rechtsbeiständin.
E.
Mit Verfügung vom 15. Juli 2019 stellte die zuständige Instruktionsrichterin
fest, dass die Beschwerdeführerin den Ausgang des Verfahrens in der
Schweiz abwarten dürfe. Gleichzeitig hiess sie die Gesuche um Gewäh-
rung der unentgeltlichen Prozessführung, inklusive Kostenvorschusser-
lass, und der amtlichen Rechtsverbeiständung unter Vorbehalt der Nach-
reichung einer Unterstützungsbestätigung gut. Ferner wurde die Vor-
instanz eingeladen, sich innert Frist zur Beschwerde vernehmen zu lassen.
F.
Am 30. Juli 2019 reichte das SEM eine Vernehmlassung zu den Akten.
G.
Mit Eingabe vom 5. September 2019 replizierte die Beschwerdeführerin.
H.
Mit Eingabe vom 19. September 2019 reichte sie eine ergänzende Stel-
lungnahme, einen Arztbericht vom 4. September 2019 sowie eine Unter-
stützungsbestätigung des Kantons D._ vom 5. September 2019 zu
den Akten.
I.
Auf Aufforderung der Instruktionsrichterin reichte sie am 10. Oktober 2019
eine ergänzende Stellungnahme und am 20. Februar 2020 einen Operati-
onsbericht vom 14. Dezember 2020 sowie einen Hospitalisationsbericht
vom 26. Dezember 2019 des Kantonsspitals D._ zu den Akten.
J.
Am 27. Februar 2020 wurde eine Kostennote nachgereicht.
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Seite 4

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die
Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen,
ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung; sie ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und
aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die
Beschwerde ist somit einzutreten.
2.
Gegenstand des vorliegenden Verfahrens bilden die Fragen der Flücht-
lingseigenschaft, des Asyls und der Wegweisung. Der Wegweisungsvoll-
zug ist nicht mehr zu prüfen, nachdem die Vorinstanz die Beschwerdefüh-
rerin wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs vorläufig aufge-
nommen hat.
3.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (vgl. BVGE 2014/26
E. 5).
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4.
4.1 Das SEM begründete seinen Entscheid im Wesentlichen damit, die
Vorbringen der Beschwerdeführerin würden teilweise den Anforderungen
an die Glaubhaftigkeit und teilweise denjenigen an die Flüchtlingseigen-
schaft nicht genügen.
4.1.1 Das Vorbringen, der Bruder der Beschwerdeführerin sei entführt und
es sei von ihr verlangt worden, dass sie einen der Entführer heirate, worauf
ihr Bruder umgebracht und sie mehrfach bedroht worden sei, sei aufgrund
unterschiedlicher Angaben zu wesentlichen Punkten unglaubhaft ausgefal-
len. In der BzP habe die Beschwerdeführerin zu Protokoll gegeben, ihr Bru-
der sei von Mitgliedern der Al-Shabaab-Milizen verschleppt worden und
habe für diese kämpfen müssen. (...) des Jahres 2013 sei er nach Hause
zurückgekehrt und habe die Beschwerdeführerin dazu zwingen wollen, ein
Mitglied der Al-Shabaab zu heiraten, da er andernfalls umgebracht werde.
Sie sei von ihrer Familie über die Geschehnisse in Kenntnis gesetzt wor-
den, worauf sie sich nicht mehr zu Hause aufgehalten, sondern sich an
verschiedenen Orten in Mogadishu versteckt habe. In der Folge sei ihr Bru-
der umgebracht worden. Auf explizite Nachfrage habe sie weiter zu Proto-
koll gegeben, bis zu ihrer Ausreise rund ein Jahr später beziehungsweise
im (...) 2014 sei es zu keinen weiteren Vorfällen gekommen. In der Anhö-
rung habe sie jedoch abweichend dazu angegeben, sie wisse nur, dass es
sich bei den Entführern ihres Bruders um Personen gehandelt habe, mit
welchen dieser in Zusammenhang mit seinen beruflichen Tätigkeiten Kon-
takt gehabt habe, und dass der Anführer der Gruppe sie habe heiraten wol-
len. Ihr Bruder sei verschleppt worden und habe rund eineinhalb Monate
später die Mutter telefonisch über die Forderung der Entführer informiert.
Danach sei die Beschwerdeführerin geflohen. Rund einen halben Monat
später, (...) des Jahres 2013, sei ihr Bruder ermordet worden (A15 S. 6-7).
Entgegen ihren Aussagen in der ersten Befragung habe sie weiter geltend
gemacht, eine ihr unbekannte Person – mutmasslich der Entführer und
Mörder ihres Bruders – habe sie nach der Ermordung des Bruders bis zu
ihrem Aufenthalt in E._ wiederholt telefonisch kontaktiert und mit
dem Tod bedroht, sollte sie nicht auf seine Forderung eingehen (A15 S. 8
und 11). Mit den vorstehenden Widersprüchen konfrontiert, habe die Be-
schwerdeführerin Verständigungs- beziehungsweise Übersetzungsprob-
leme in der BzP geltend gemacht. Aus dem Befragungsprotokoll würden
jedoch keine diesbezüglichen Anhaltspunkte hervorgehen, vielmehr habe
sie sowohl zu Beginn als auch zum Schluss der Befragung bestätigt, die
dolmetschende Person gut zu verstehen. Deshalb sei ihre Begründung als
Schutzbehauptung zu werten und vermöge nicht zu überzeugen. Da sie zu
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sämtlichen zentralen Aspekten ihres Vorbringens, das heisse zur Täter-
schaft, zum zeitlichen Ablauf wie auch zur eigentlichen Bedrohung einan-
der widersprechende Aussagen gemacht habe, sei der Wahrheitsgehalt ih-
rer Vorbringen grundsätzlich zu bezweifeln.
4.1.2 Die Beschwerdeführerin mache weiter geltend, aufgrund der Kampf-
handlungen und der unsicheren Lage in Mogadishu mehrfach geflohen und
bei einem Angriff verletzt worden zu sein. Dieses Vorbringen beziehe sich
auf die allgemeine Lage in ihrem Heimatstaat, womit es als nicht asylrele-
vant qualifiziert werden müsse. Im Rahmen von Krieg oder einer Situation
allgemeiner Gewalt erlittene Nachteile würden keine Verfolgung im Sinne
des Asylgesetzes darstellen, soweit sie nicht auf der Absicht beruhen, ei-
nen Menschen gezielt aus einem der in Art. 3 AsylG erwähnten Gründe zu
treffen. Es könne keinem Staat gelingen, die Sicherheit seiner Bürger je-
derzeit und überall zu garantieren.
4.2
4.2.1 Die Beschwerdeführerin erhebt auf Beschwerdeebene diverse for-
melle Rügen.
Die Vorinstanz habe den Untersuchungsgrundsatz verletzt, indem sie es
trotz der bekannten Rechtsprechung zu alleinstehenden Frauen in Somalia
und zu den frauenspezifischen Fluchtgründen vorliegend unterlassen
habe, den Sachverhalt genügend abzuklären und abzuschätzen, ob ihr
(der Beschwerdeführerin) bei einer allfälligen Rückkehr geschlechtsspezi-
fische und damit asylrelevante Verfolgung drohen würde. Das Bundesver-
waltungsgericht habe bereits im „Referenzurteil“ E-1425/2014 vom 6. Au-
gust 2014 (als BVGE 2014/27 publiziert) festgehalten, dass alleinstehende
Frauen in Somalia, ohne männliche Verwandte, unter gewissen Umstän-
den die Flüchtlingseigenschaft erfüllen würden. Sie sei weder explizit nach
der Schutzfähigkeit ihrer männlichen Verwandten noch nach sonstigen
Personen, welche ihr in Somalia Schutz bieten könnten, gefragt worden.
Der Entscheid des SEM sei zu kassieren und das Verfahren zwecks Neu-
beurteilung beziehungsweise eingehender materieller Prüfung zurückzu-
weisen.
Im Weiteren sei auf die Bemerkungen der Hilfswerksvertretung (HWV) hin-
zuweisen, welche auf dem Unterschriftenblatt festgehalten habe, dass sie
(die Beschwerdeführerin) „Vom Typ her relativ impulsiv“ sei und sehr
schnell geredet habe. Die Dolmetscherin habe sie mehrfach unterbrechen
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müssen, da sie einiges nicht verstanden habe. Sie (die Beschwerdeführe-
rin) habe in diesem Zusammenhang auch ausgesagt, dass es bereits bei
der BzP einige Verständigungsprobleme gegeben habe, und die HWV
habe diesbezüglich festgehalten, es sei gut möglich, dass sich aufgrund
dessen bei beiden Protokollen gewisse Ungereimtheiten eingeschlichen
hätten. Die HWV habe weiter festgehalten, dass sie zum Zeitpunkt der Er-
eignisse noch sehr jung gewesen sei und dies bei der Einschätzung der
Glaubhaftigkeit zu berücksichtigen sei. Weiter schreibe die HWV, dass sie
(die Beschwerdeführerin) bei den Fragen zu den Telefonanrufen längere
Zeit um ihre Fassung gerungen habe (A15 ab F66). Im HWV-Bericht auf
Seite zwei werde weiter ausgeführt, dass sie (die Beschwerdeführerin)
sehr gut mitgewirkt habe, fast alles auf Deutsch verstanden habe und etli-
che Male gebremst habe werden müssen, weil sie bereits habe antworten
wollen, bevor die Frage übersetzt worden sei. Sie sei eifrig bemüht gewe-
sen, sich zu äussern, was eine stressige Atmosphäre erzeugt habe, da die
Dolmetscherin sie immer wieder habe unterbrechen müssen. Schliesslich
habe es bei der Rückübersetzung der Widersprüche lange Diskussionen
gegeben, worauf sie habe weinen müssen. All dies sei von der Vorinstanz
jedoch in keiner Weise beachtet worden. Dies im Zusammengang mit der
Argumentation im angefochtenen Entscheid, wonach sie (die Beschwerde-
führerin) in der Anhörung nicht erwähnt habe, dass ihr Bruder von Mitglie-
dern der Al-Shabaab entführt worden sei, obwohl sie dies mehrfach gesagt
habe (A15 F46 und 58), deute darauf hin, dass die Sachverhaltsfeststel-
lung beziehungsweise die Glaubhaftigkeitsprüfung der Vorinstanz unvoll-
ständig sei. Der Fall sei bereits deswegen an die Vorinstanz zurückzuwei-
sen.
Auch wenn im Nachhinein nicht mehr nachvollzogen werden könne, wie
die Formulierungen und/oder die Übersetzungen in der BzP genau zu-
stande gekommen seien, so sei darauf hinzuweisen, dass Erstbefragun-
gen viel fehleranfälliger seien als Anhörungen (summarisch, pauschale
Protokollierung, keine HWV, fehlendes Vieraugenprinzip). Diese Faktoren
kämen zu den bekannten Problemen bei Dolmetschern in einer Anhörung
dazu, nämlich, dass die Rückübersetzung von der gleichen Person ge-
macht werde wie bereits die Übersetzung und daher Fehler oder Unklar-
heiten nicht aufgedeckt werden könnten (unter Hinweis auf: https://-
www.nzz.ch/schweiz/mangel-an-uebersetzungspersonal-die-grosse-
macht-der-asyl-dolmetscher-ld.146734, zuletzt besucht am 12.02.2019).
Deshalb dürften Widersprüche zwischen BzP und Anhörung zur Beurtei-
lung der Glaubhaftigkeit nur dann hinzugezogen werden, wenn Aussagen
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der BzP in wesentlichen Punkten den Asylvorbringen in der späteren An-
hörung diametral abweichen würden, oder wenn bestimmte Ereignisse
oder Befürchtungen, welche später als zentrale Asylgründe genannt wür-
den, nicht bereits in der BzP zumindest ansatzweise erwähnt worden
seien. Dies sei vorliegend nicht gegeben. Sie habe sich einzig hinsichtlich
der Tatsache widersprochen, ob ihr Bruder vor seiner Tötung nochmals
nach Hause gekommen sei. Die Täterschaft habe sie jedoch in der BzP
und in der Anhörung immer mit Mitgliedern der Al-Shabaab oder mit „dieje-
nigen die mit der Al-Shabaab arbeiten“ identifiziert. Zwar habe sie gemäss
Protokoll an der BzP gesagt, ihr Bruder sei nach Hause gekommen, aller-
dings habe sie auch dort gesagt, sie habe nur telefonisch davon erfahren,
dass sie zwangsverheiratet werden solle.
4.2.2 In Bezug auf die Flüchtlingseigenschaft gelte es festzustellen, dass
sie – die Beschwerdeführerin – Faktoren erfülle, welche eine flüchtlingsre-
levante Gefährdung in Somalia begründen würden. Sie sei jung, unverhei-
ratet, als junges Mädchen beschnitten worden und in Gefahr gewesen, un-
ter Zwang verheiratet zu werden. Zudem habe sie keine männlichen Ver-
wandten, welche ihr in Somalia Schutz bieten könnten. Damit sei die Ge-
fahr, dass sie bei einer allfälligen Rückkehr (erneut) Opfer von geschlechts-
spezifischer Verfolgung würde, ausserordentlich hoch. Darauf habe sie
(anlässlich der Anhörung) ausdrücklich hingewiesen: „Wenn man in Soma-
lia lebt, ist man froh, wenn man einen Bruder hat oder eine männliche Per-
son. Man hat weniger Angst“ (A15 F95). Zudem müsse beachtet werden,
dass sie vor ihrer Ausreise – auch abgesehen von der drohenden Zwangs-
heirat – in ständiger Gefahr gelebt habe, Opfer von Übergriffen zu werden.
Die Gefahr sei durch geschlechtsspezifische Verfolgung begründet und er-
zeuge einen unerträglichen psychischen Druck. Die Tatsache, dass durch
Zufall vor ihrer Ausreise keine sexuellen Übergriffe stattgefunden hätten,
könne nicht dahingehend ausgelegt werden, dass kein Anlass zur An-
nahme bestünde, dass sie in absehbarer Zukunft und mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit einer Verfolgung ausgesetzt worden wäre.
Da sie vor ihrer Ausreise mehrere Male innerhalb von Somalia habe flüch-
ten müssen, sei auch auf die Situation von intern Vertriebenen einzugehen.
Diese würden in Somalia Opfer verschiedenster Menschenrechtsverlet-
zungen, seien unter anderem der Macht der Lagermanager hilflos ausge-
liefert und würden stark unter den Milizen leiden, welche das jeweilige Ge-
biet kontrollieren und oft mit der Regierung zusammenarbeiten würden (un-
ter Hinweis auf UNHCR, International Protection Considerations with Re-
gard to people fleeing Southern and Central Somalia January 2014
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Seite 9
HCR/PC/SOM/14/01 Ziff. 6, www.refworld.org.docid/ 52d7fc5f4.html). Das
UNHCR habe zudem bereits 2014 ausgeführt, dass der langandauernde
Bürgerkrieg und die unzähligen Vertreibungen die alten Clan-Strukturen in
Somalia geschwächt hätten und diese teilweise zusammengebrochen
seien. Damit bleibe, vor allem im Raum Mogadishus, oft die Kernfamilie als
einziges schutzgewährendes Element (unter Hinweis auf BVGE 2014/27
E. 5.2). Sie (die Beschwerdeführerin) könne sich jedoch gerade nicht auf
den Schutz von Familienmitgliedern verlassen.
4.2.3 Zusammenfassend sei deshalb davon auszugehen, dass sie auf-
grund ihrer besonderen Verletzlichkeit bei einer Rückkehr in die Heimat in
konkreter Gefahr wäre, Opfer insbesondere von geschlechtsspezifischer
Verfolgung zu werden, weshalb sie als Flüchtling anzuerkennen und ihr
Asyl zu gewähren sei. Die Täter könnten dabei sowohl staatliche als auch
nichtstaatliche Akteure sein und sie könne weder durch ihre Familie noch
durch den Staat Schutz erwarten. Letzterer sei weder schutzfähig noch
schutzwillig, wenn es um Übergriffe gegen Frauen und Mädchen gehe.
4.3 Das SEM nahm in seiner Vernehmlassung vom 30. Juli 2019 zum Ver-
weis der Beschwerdeführerin auf das Urteil des Bundesverwaltungsge-
richts BVGE 2014/27, welches sich mit den frauenspezifischen Fluchtgrün-
den in Somalia befasst, und den Voraussetzungen, nach welchen allein-
stehende Frauen in Somalia die Flüchtlingseigenschaft erfüllen könnten,
folgendermassen Stellung: BVGE 2014/27 nenne hauptsächlich drei Fak-
toren, die bei Frauen aus Somalia kumulativ vorliegen müssten, um eine
Gefährdung im flüchtlingsrechtlichen Sinne zu begründen (E. 5.1). Die drei
genannten Faktoren seien die interne Vertreibung (E. 5.2), die Zugehörig-
keit zu einem Minderheitenclan (E. 5.3) sowie die Situation als alleinste-
hende Frau ohne erwachsenen männlichen Schutz beziehungsweise ohne
erwachsene männliche Verwandte (E. 5.4).
Die Beschwerdeführerin gebe an, trotz mehrfachen Wohnortswechsels in
verschiedene Quartiere durchgehend in Mogadishu gelebt zu haben (A4
Ziff. 2.01 und 2.02; A15 F10, 15, 17 und 20). Es sei nicht ersichtlich, inwie-
fern drei Wohnsitzwechsel eine mehrfache „Flucht innerhalb von Somalia“
darstelle beziehungsweise die Beschwerdeführerin als intern Vertriebene
zu qualifizieren sei. Andere Hinweise auf eine interne Vertreibung der Be-
schwerdeführerin innerhalb Somalias seien den Akten jedoch nicht zu ent-
nehmen. Zudem sei nach mehrfacher Durchsicht der Akten nicht ersicht-
lich, welcher allfälligen Macht der Lagermanager die Beschwerdeführerin
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aufgrund dieser Wohnsitzwechsel konkret ausgeliefert gewesen sei, res-
pektive bei einer allfälligen Rückkehr ausgeliefert sein könnte.
Weiter habe die Beschwerdeführerin eigenen Angaben zufolge in Somalia
einen Vater sowie je einen Onkel mütterlicherseits und väterlicherseits.
Beim Onkel mütterlicherseits, der im Quartier F._ in Mogadishu
wohne, habe sie sich zwischen 2013 und ihrer Ausreise 2014 hin und wie-
der aufgehalten (A15 F20 und 75). Folglich besitze sie männliche Ver-
wandte, welche ihr Schutz bieten könnten.
Letztlich gehöre die Beschwerdeführerin der Clanfamilie Hawiye, Clan Ab-
gal, Subclan B._, Subsubclan C._ an (A4 Ziff. 1.08). Die
Clanfamilie Hawiye gehöre zu den sogenannten „noblen“ Clanfamilien, wo-
bei die Abgal einer der beiden wichtigsten Clans innerhalb der Clanfamilie
der Hawiye bilde. Sie hätten in und um Mogadishu grossen Einfluss, wes-
halb der vorliegende Fall auch betreffend die Zugehörigkeit zu einem Min-
derheitenclan vom zitierten BVGE abweiche.
Folglich habe das SEM den rechtserheblichen Sachverhalt unter Berück-
sichtigung von BVGE 2014/27 vollständig erstellt und die Flüchtlingseigen-
schaft in Einklang mit der bundesverwaltungsgerichtlichen Rechtspre-
chung beurteilt.
4.4 In ihrer Replik vom 5. September 2019 hielt die Beschwerdeführerin
der Argumentation der Vorinstanz entgegen, dass die drei Faktoren (in-
terne Vertreibung, Zugehörigkeit zu einem Minderheitenclan und Situation
als alleinstehende Frau ohne männlichen Schutz) nicht kumulativ erfüllt
sein müssten, damit eine Anerkennung als Flüchtling für eine weibliche
Asylsuchende aus Somalia überhaupt in Betracht komme. Aus dem zitier-
ten Urteil lasse sich keine „Check-Liste“ ableiten, aufgrund welcher die
Flüchtlingseigenschaft pauschal verneint oder bejaht werden könne. Im
Gegenteil sei die Vorinstanz gehalten, jeden Einzelfall individuell abzuklä-
ren und alle möglichen Faktoren, welche zu einer asylrelevanten Gefähr-
dung führen könnten, zu überprüfen und zu beurteilen. Dazu würden zwar
auch die von der Vorinstanz genannten Faktoren gehören, allerdings seien
ebenso weitere, wie zum Beispiel die allgemeine familiäre Situation, die
erlittene oder drohende Genitalverstümmelung oder die Gefahr einer
Zwangsverheiratung zu beachten.
Die Beschwerdeführerin betonte, für sie sei es in keiner Weise nachvoll-
ziehbar, wieso es sich bei ihr nicht um eine intern Vertriebene handeln
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solle. Sie sei zwar „nur“ innerhalb Mogadishus geflohen, habe aber bis zu
ihrer Ausreise in einem Flüchtlingscamp gelebt und ihre Familie sei immer
noch dort (das Flüchtlingslager heisse „G._“, vgl. A15 F17). Es ma-
che keinen Unterschied, ob eine Person innerhalb eines Landes
oder nur innerhalb einer Stadt geflohen sei, wenn sie am Ende in einem
Flüchtlingslager leben müsse und damit unter den genau gleichen Nach-
teilen (z.B. Macht der Lagermanager) zu leiden habe. Dazu, dass die Clan-
Strukturen durch die Vertreibungen geschwächt seien und insbesondere
im Raum Mogadishu nur noch die eigene Kernfamilie als schutzgewähren-
des Element bleibe, habe sich die Vorinstanz nicht geäussert. Der Verweis
auf ihre männlichen Verwandten sei ebenfalls unbehelflich. Zum einen sei
ihr Vater verstorben. Zum anderen sei nicht nachvollziehbar, warum ihr On-
kel ihr Schutz bieten solle lediglich, weil sie sich vor über fünf Jahren teil-
weise bei ihm aufgehalten habe. Auch die Abklärung dieses Punktes wäre
unter die Untersuchungspflicht der Vorinstanz gefallen. Nur die HWV habe
sie gefragt, ob sie von jemandem Schutz erwarten könnte, worauf sie ge-
antwortet habe, dass ihr Onkel mit seinem eigenen Überleben beschäftigt
sei und niemand anderem helfen könne (A15 F97). Schliesslich sei auf ihre
Clan-Zugehörigkeit einzugehen. Es sei zwar richtig, dass sie keinem Min-
derheitenclan angehöre. Dies allein reiche aber nicht aus, um von einem
genügenden Schutz für sie auszugehen. Zu verweisen sei diesbezüglich
auf das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts D-2743/2016 vom 2. Juni
2018, wo in Erwägung 6.3.6 ausgeführt werde, dass es bei der Clanzuge-
hörigkeit nicht primär um die Zugehörigkeit als solche gehe, sondern um
den Schutz und die Sicherheit, welche ein Clan gewähren könne, wenn die
Person zu einem einflussreichen Clan gehöre und im Clan-domminierten
Gebiet wohne. Im Falle einer Rückkehr seien insbesondere familiäre und
in weiterer Folge Clanverbindungen für die Sicherheit, die soziale Akzep-
tanz und die Grundversorgung entscheidend. Weil die alten Clan-Struktu-
ren geschwächt und stellenweise zusammengebrochen seien, sei vor al-
lem der Schutz durch das männliche Netzwerk der Kernfamilie entschei-
dend. Dieser geminderte Schutz durch den Clan gelte insbesondere für
den Raum Mogadishu und für intern Vertriebene, und speziell auch für sie
als alleinstehende Frau ohne männliche Verwandte, die in einem Flücht-
lingscamp gelebt habe.
Zusammenfassend sei festzustellen, dass keiner der von der Vorinstanz in
der Vernehmlassung aufgeführten Punkte ausreiche, um die Verletzung
des Untersuchungsgrundsatzes und des rechtlichen Gehörs auf Be-
schwerdeebene zu heilen. Die Vorinstanz habe sich zu gewissen Punkten
gar nicht geäussert (so habe sie weiterhin keine Abklärung bezüglich einer
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Genitalverstümmelung vorgenommen und diesen Punkt auch nicht ange-
sprochen) oder habe diese nur ungenügend abgeklärt (so insbesondere
den Schutz des Onkels).
4.5 Am 19. September 2019 wurde eine Bestätigung der Frauenklinik des
Kantonsspitals D._ vom 4. September 2019 über die Genitalver-
stümmelung der Beschwerdeführerin zu den Akten gereicht. Dieser ist zu
entnehmen, dass die Beschwerdeführerin einer Beschneidung des Typs
drei (auch pharaonische Beschneidung oder Infibulation genannt [nach
Entfernung von Klitoris sowie der äusseren und inneren Schamlippen wird
die Restvulva bis auf ein kleines Loch vernäht]) unterzogen worden und
damit Opfer der invasivsten Praktik von Genitalverstümmelung geworden
sei. Die behandelnde Ärztin empfehle die Vornahme einer Defibulation
(operatives Öffnen der Beschneidung), damit rezidivierenden Harnwegsin-
fektionen vorgebeugt werden könne. Die Beschwerdeführerin plane dieser
Empfehlung zu folgen. Im Falle einer Rückkehr bestünde damit die Gefahr,
dass die Defibulation wieder rückgängig gemacht werde, falls sie heiraten
oder Kinder bekommen wolle. Damit würde sie erneut Opfer einer der grau-
enhaftesten Formen der Genitalverstümmelung.
Mit weiterer Eingabe vom 10. Oktober 2019 nahm die Beschwerdeführerin
aufforderungsgemäss zu Fragen der Instruktionsrichterin Stellung. Sie
legte dar, dass ihr Onkel mütterlicherseits, bei dem sie vor ihrer Flucht teil-
weise Zuflucht gefunden habe, zum Clan Hawiye, Abgal, B._,
H._, gehöre. Er habe als Fahrer von einem Kleinbus etwa fünf Dol-
lar am Tag verdient. Er habe selber drei Töchter und habe sie (die Be-
schwerdeführerin) schon vor ihrer Ausreise nicht fest bei sich aufnehmen
wollen und können, da er bereits zu wenig verdiene, um seine eigene Fa-
milie durchzubringen. Deshalb habe sie nie mehr als eine Nacht in Folge
bei ihm verbracht. Seit ihrer Ausreise habe sie keinen Kontakt mehr zu ihm.
Sie habe zudem noch einen Onkel väterlicherseits. Dieser sei früher, als
ihr Vater noch gelebt habe, ein bis zwei Mal im Jahr zu Besuch gekommen.
Er sei verheiratet gewesen und habe zwei Kinder gehabt. Diese seien aber
verstorben. Seit dem Tod ihres Vaters sei der Kontakt abgebrochen. Wei-
tere Onkel oder andere nahe Verwandte habe sie nicht.
Zu ihrer Mutter und ihren Schwestern führte sie aus, dass sich diese, so-
weit sie wisse, zu Hause in I._ aufhalten würden. Dort besitze ihre
Mutter eine kleine Hütte. Sie müssten aber immer wieder ins Camp fliehen,
wenn die Sicherheitslage in ihrem Quartier schlechter werde. Allerdings sei
es im Camp auf Dauer zu teuer, weswegen sie jeweils so lange wie möglich
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zu Hause bleiben würden. Ihre Mutter verkaufe Tee, Kaffee und Süssigkei-
ten und versuche so, die Familie zu finanzieren. Ihre Geschwister würden
der Mutter manchmal helfen und selten würden sie auch in die Koranschule
gehen. Da sie sich den Schulbesuch aber kaum leisten könnten, seien sie
meistens zuhause.
Am 20. Februar 2020 wurden ein Operationsbericht vom 14. Dezember
2019 sowie ein Hospitalisationsbericht vom 26. Dezember 2019 zu den Ak-
ten gereicht, beide ausgestellt von der Frauenklinik des Kantonsspitals
D._. Dazu wurde ausgeführt, beiden Berichten sei zu entnehmen,
dass bei ihr (der Beschwerdeführerin) am 12. Dezember 2019 eine Defibu-
lation der Typ 3-Beschneidung durchgeführt worden sei.
5.
Die Beschwerdeführerin macht verschiedene formelle Rügen geltend, wel-
che vorab zu prüfen sind, da sie begründetenfalls geeignet wären, eine
Kassation der vorinstanzlichen Verfügung zu bewirken.
5.1 In der Beschwerde wird in der Hauptsache eine Verletzung des Unter-
suchungsgrundsatzes und mithin der mangelnden Begründung des ange-
fochtenen Entscheides gerügt. Das SEM habe es trotz der gemäss BVGE
2014/27 bekannten Rechtsprechung zu alleinstehenden Frauen in Somalia
und zu frauenspezifischen Fluchtgründen unterlassen, den Sachverhalt ge-
nügend abzuklären. Im Weiteren macht die Beschwerdeführerin Verstän-
digungsprobleme bei der BzP und Anhörung geltend, weshalb die Sach-
verhaltsfeststellung beziehungsweise die Glaubhaftigkeitsprüfung der Vor-
instanz unvollständig sei. Entsprechend sei der Entscheid zu kassieren
und an die Vorinstanz zurückzuweisen.
5.2 Das Verfahren nach dem VwVG wird vom Untersuchungsgrundsatz
(Art. 12 VwVG) beherrscht. Als Verfahrensmaxime besagt dieser, dass die
Verwaltungsbehörden für die Beschaffung des die Urteilsgrundlage bilden-
den Tatsachenmaterials zuständig sind. Er auferlegt der Behörde die
Pflicht, von Amtes wegen den rechtserheblichen Sachverhalt vollständig
und richtig zu ermitteln und beinhaltet gewissermassen eine Art „behördli-
che Beweisführungspflicht“ (vgl. KRAUSKOPF/EMMENEGGER/BABEY, in: Pra-
xiskommentar VwVG, Waldmann/Weissenberger [Hrsg.], 2016 2. Auflage,
Art. 12 N. 16). Der Untersuchungsgrundsatz findet seine Grenze an der
gesetzlichen Mitwirkungspflicht der Parteien (Art. 13 VwVG und Art. 8
AsylG).
E-3512/2019
Seite 14
5.3 Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen
Sachverhalts bildet einen Beschwerdegrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG).
Unrichtig ist die Sachverhaltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher
und aktenwidriger Sachverhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch
gewürdigt worden sind; unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Ent-
scheid rechtswesentlichen Sachumstände berücksichtigt werden (vgl.
KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechts-
pflege des Bundes, 3. Aufl., 2013, Rz. 1043).
5.4 Es ist der Vorinstanz Recht zu geben, dass der vorliegend relevante
Sachverhalt (junge, unverheiratete Frau aus einem dominanten Clan, die
in der Schweiz defibuliert wurde) ein anderer als im zitierten BVGE 2014/27
ist, wo insbesondere die Elemente des mangelnden männlichen Schutzes,
des Status als intern Vertriebene sowie die Angehörigkeit eines Minderhei-
tenclans als erhöhte Risikofaktoren für eine Frau in Somalia (im Einzelfall
Witwe mit Kindern) definiert wurden, Opfer gezielter geschlechtsspezifi-
scher Verfolgung zu werden. Zudem hat die Beschwerdeführerin einen Teil
der Vorbringen, die auf ihre individuelle frauenspezifische Verfolgung und
den mangelnden männlichen Schutz in Somalia hindeuten könnten, erst
auf Beschwerdeebene geltend gemacht (insb. Problematik der Infibulation
beziehungsweise chirurgischen Defibulation und Gefahr einer Refibulation
[oder auch Reinfibulation: erneutes Verschließen einer Infibulation nach
Defibulation] sowie den Tod ihres Vaters), weshalb sich das SEM im ange-
fochtenen Entscheid noch gar nicht damit auseinandersetzen konnte. In
ihrer Vernehmlassung vom 30. Juli 2019 hat sich die Vorinstanz mit der
erwähnten Rechtsprechung zu frauenspezifischen Fluchtgründen gemäss
BVGE 2014/27 in Bezug auf die persönlichen Umstände der Beschwerde-
führerin auseinandergesetzt. Auf die Problematik der Beschneidung bezie-
hungsweise der Defibulation und der drohenden Refibulation ging die Vor-
instanz indes nicht ein. Allerdings konnte sich die Beschwerdeführerin in
ihrer Replik vom 5. September 2019 dazu äussern und reichte auf Nach-
frage der Instruktionsrichterin diverse ärztliche Berichte bezüglich ihrer Ge-
nitalverstümmelung und Präzisierungen in Bezug auf ihre in Somalia ver-
bliebenen Familienangehörigen nach.
Damit ist der relevante Sachverhalt zum heutigen Zeitpunkt als erstellt zu
erachten.
5.5 Was die geltend gemachten Verständigungsprobleme an der BzP und
Anhörung betrifft, ist festzustellen, dass dem Protokoll der BzP keine sol-
chen zu entnehmen sind. Die Beschwerdeführerin bestätigte zu Beginn
E-3512/2019
Seite 15
und am Schluss der BzP ausdrücklich, die dolmetschende Person gut zu
verstehen beziehungsweise verstanden zu haben (vgl. A4 lit. h und Ziff.
9.02). Bei der Rückübersetzung des Protokolls wurden weder Korrekturen
noch Bemerkungen von der Beschwerdeführerin angebracht und das Pro-
tokoll wurde von ihr vorbehaltlos unterzeichnet. Zudem erachtete die HWV
bezüglich der Anhörung in ihrem Kurzbericht die Befragerin als „extrem
gute Befragerin“ und die Anhörung als in guter Atmosphäre sowie in einem
vertrauensbildenden Klima durchgeführt. Vor diesem Hintergrund sind der
Beschwerdeführerin die an der BzP und Anhörung gemachten Aussagen
entgegenzuhalten, zumal ihr eine sachgerechte Anfechtung – wie die Be-
schwerde zeigt – ohne weiteres möglich war. Dass das SEM aus sachli-
chen Gründen zu einer anderen Würdigung (insbesondere Glaubhaftigkeit)
gelangt als von der Beschwerdeführerin vertreten, spricht nicht für eine un-
genügende Sachverhaltsfeststellung.
5.6 Da das Gericht von einem mittlerweile entscheidreif vorliegenden
Sachverhalt ausgeht, ist von einer Rückweisung der Sache an die Vo-
rinstanz zur Neubeurteilung abzusehen und der entsprechende Antrag ab-
zuweisen.
6.
Als nächstes ist zu prüfen, ob der Beschwerdeführerin aufgrund einer ge-
schlechtsspezifischen Verfolgung die Flüchtlingseigenschaft zuzuerken-
nen und ihr Asyl zu gewähren ist.
6.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken. Den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
6.2 Eine begründete Furcht vor Verfolgung im Sinne dieser Bestimmung
liegt vor, wenn ein konkreter Anlass zur Annahme besteht, Letztere hätte
sich – aus der Sicht im Zeitpunkt der Ausreise – mit beachtlicher Wahr-
scheinlichkeit und in absehbarer Zeit verwirklicht oder werde sich – auch
E-3512/2019
Seite 16
aus heutiger Sicht – mit ebensolcher Wahrscheinlichkeit in absehbarer Zu-
kunft verwirklichen. Es müssen demnach hinreichende Anhaltspunkte für
eine konkrete Bedrohung vorhanden sein, die bei jedem Menschen in ver-
gleichbarer Lage Furcht vor Verfolgung und damit den Entschluss zur
Flucht hervorrufen würden. Die erlittene Verfolgung oder die begründete
Furcht vor zukünftiger Verfolgung muss zudem sachlich und zeitlich kausal
für die Ausreise aus dem Heimat- oder Herkunftsstaat und grundsätzlich
auch im Zeitpunkt des Asylentscheides noch aktuell sein.
6.3 Aufgrund der Subsidiarität des flüchtlingsrechtlichen Schutzes setzt die
Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft voraus, dass die betroffene Per-
son in ihrem Heimat- oder Herkunftsstaat keinen ausreichenden Schutz
finden kann (vgl. BVGE 2011/51 E. 7.1 ff. m.w.H.). Ausgangspunkt für die
Beurteilung der Flüchtlingseigenschaft ist die Frage nach der im Zeitpunkt
der Ausreise vorhandenen Verfolgung oder begründeten Furcht vor einer
solchen. Die Situation im Zeitpunkt des Asylentscheides ist jedoch im Rah-
men der Prüfung nach der Aktualität der Verfolgungsfurcht ebenfalls we-
sentlich. Veränderungen der objektiven Situation im Heimatstaat zwischen
Ausreise und Asylentscheid sind deshalb zugunsten und zulasten der das
Asylgesuch stellenden Person zu berücksichtigen (vgl. BVGE 2010/57 E. 2
m.w.H.).
6.4 Unter frauenspezifischer Verfolgung sind Massnahmen zu verstehen,
die Frauen aufgrund ihres Geschlechts treffen. Frauen sind in gewissen
Gesellschaftsordnungen allein aufgrund ihrer Geschlechtszugehörigkeit
nicht nur stark benachteiligt, sondern sexueller Gewalt, Misshandlung, Re-
pressionen unterworfen oder Diskriminierung ausgesetzt, sei es, weil es
das herrschende Rollenverständnis beziehungsweise die Tradition gebie-
tet oder ein überlieferter Ehrenkodex es vorschreibt (vgl. Schweizerische
Flüchtlingshilfe SFH [Hrsg.], Handbuch zum Asyl- und Wegweisungsver-
fahren, S. 174 f.). Frauen können daher schwerwiegender geschlechtsspe-
zifischer Diskriminierung oder Gewalt ausgesetzt sein, wobei diese Mass-
nahmen oft mit ausdrücklicher oder zumindest stillschweigender Duldung
des Staates Bestandteil eines gesellschaftlichen Verständnisses über die
Rolle der Frau sind. Gemäss geltender Rechtsprechung fällt eine Verfol-
gung, wenn sie in Form sexueller Gewalt stattfindet oder die sexuelle Iden-
tität des Opfers treffen soll, unter den Begriff der geschlechtsspezifischen
Verfolgung, wodurch grundsätzlich auch ein nach Art. 3 Abs. 1 AsylG rele-
vantes Verfolgungsmotiv vorliegen kann (vgl. Urteil des BVGer E-
6456/2015 vom 29. Juni 2018, E. 7.3.1, m.w.H.).
E-3512/2019
Seite 17
6.5 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
6.6 Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaub-
haftmachen der Vorbringen in verschiedenen Entscheiden dargelegt und
folgt dabei ständiger Praxis. Darauf kann hier verwiesen werden (vgl.
BVGE 2015/3 E. 6.5.1 m.w.H., BVGE 2012/5 E. 2.2).
7.
Das Bundesverwaltungsgericht kann den angefochtenen Entscheid unge-
achtet der erhobenen Rügen grundsätzlich in vollem Umfang überprüfen.
Es stellt den Sachverhalt von Amtes wegen fest (Art. 12 VwVG) und wen-
det das Recht von Amtes wegen an (Art. 62 Abs. 4 VwVG). Es ist mithin
nicht an die Begründung der Begehren gebunden und kann den Entscheid
auch aus anderen Gründen gutheissen oder abweisen.
8.
8.1 Die Beschwerdeführerin, welche als junges Mädchen Opfer der phara-
onischen Beschneidung wurde, macht geltend, im Alter von (...) Jahren
aus Somalia geflohen zu sein, um der Zwangsverheiratung mit einem ört-
lichen Führer der Al-Shabab-Miliz zu entkommen. Aufgrund ihrer Weige-
rung sei ihr Bruder ermordet worden und ihr Vater sei zwischenzeitlich ver-
storben. Mit anderen männlichen Verwandten, insbesondere ihren Onkeln,
habe sie keinen Kontakt mehr. Aus diesen Gründen verfüge sie über kei-
nen männlichen Schutz mehr. Bis zu ihrer Ausreise, etwa ein Jahr nach der
Ermordung ihres Bruders, habe sie sich versteckt gehalten und sei nur
noch verschleiert aus dem Haus.
8.1.1 Hinsichtlich der vorgebrachten Vorfluchtgründe (Bedrohungen und
Furcht vor einer Entführung und Zwangsverheiratung) gelingt es der Be-
schwerdeführerin zwar, die von der Vorinstanz festgestellten Widersprüche
teilweise zu entkräften. Tatsächlich gab sie sowohl an der Anhörung (A15
F46 und 58) als auch an der BzP (A4 Ziff. 7.01) zu Protokoll, dass ihr Bru-
der von Mitgliedern der Al-Shabaab-Milizen entführt worden sei, weshalb
kein Widerspruch betreffend die Täterschaft zu erblicken ist. Indes ist der
E-3512/2019
Seite 18
Vorinstanz beizupflichten, dass die Beschwerdeführerin den zeitlichen Ab-
lauf des Geschehens, welches angeblich (...) 2013 in der Ermordung des
Bruders gegipfelt habe, deutlich unterschiedlich schilderte (A15 S. 6f.; A4
Ziff. 7.01f.). Deshalb entstehen Zweifel am Vorbringen der Ermordung ihres
Bruders. In Anbetracht der Tatsache, dass die Beschwerdeführerin anläss-
lich der BzP zudem weitere Probleme (beispielsweise mit Mitgliedern der
Al-Shabaab-Miliz) nach dem (angeblichen) Tod des Bruders ausdrücklich
verneinte (A4 Ziff. 7.02) und keine telefonischen Drohanrufe erwähnte, was
aber spätestens bei dieser Frage zu erwarten gewesen wäre, sind die dies-
bezüglichen Ausführungen im Rahmen der Anhörung als nachgeschoben
und damit unglaubhaft zu erachten. Folglich ist davon auszugehen, dass
der Beschwerdeführerin zum Zeitpunkt ihrer Ausreise keine konkreten
Nachteile drohten, besteht doch zwischen den geltend gemachten Proble-
men aufgrund der drohenden Zwangsheirat und ihrer Flucht gut ein Jahr
später weder ein zeitlicher noch ein sachlicher Kausalzusammenhang. Zu-
dem brachte sie anlässlich der Befragungen auch nicht vor, zum Zeitpunkt
der Ausreise aus anderen Gründen konkreter Bedrohung ausgesetzt ge-
wesen zu sein beziehungsweise solche begründeterweise befürchtet zu
haben.
8.1.2 Auf Beschwerdeebene beruft sich die Beschwerdeführerin erstmals
auf die erlittene Beschneidung. Obschon sie offenbar bereits als junges
Mädchen Opfer einer Genitalverstümmelung geworden war, machte sie im
vorinstanzlichen Asylverfahren nicht geltend, deshalb geflohen zu sein. Es
ist der Beschwerdeführerin zwar insoweit recht zu geben, dass es sich bei
der Infibulation um einen überaus schweren Eingriff in die persönliche In-
tegrität handelt, allerdings fehlt vorliegend auch diesbezüglich der sachli-
che und zeitliche Kausalzusammenhang zur Flucht.
8.1.3 Zusammenfassend ergibt sich, dass die Beschwerdeführerin keine
Vorfluchtgründe nachweisen oder zumindest glaubhaft machen konnte.
8.2 Es bleibt im Folgenden zu prüfen, ob Nachfluchtgründe vorliegen. Zu
unterscheiden ist dabei zwischen objektiven und subjektiven Nachflucht-
gründen. Objektive Nachfluchtgründe liegen vor, wenn äussere Umstände,
auf welche die asylsuchende Person keinen Einfluss nehmen konnte, zur
drohenden Verfolgung führen; der von einer Verfolgung bedrohten Person
ist in solchen Fällen die Flüchtlingseigenschaft zuzuerkennen und Asyl zu
gewähren. Bei subjektiven Nachfluchtgründen wird zwar die Flüchtlingsei-
genschaft im Sinne von Art. 3 AsylG durch eigenes Tun begründet; indes-
sen führen sie nach Art. 54 AsylG zum Asylausschluss. Personen, welche
E-3512/2019
Seite 19
subjektive Nachfluchtgründe nachweisen oder glaubhaft machen können,
werden als Flüchtlinge vorläufig aufgenommen (vgl. BVGE 2009/28 E. 7.1).
8.2.1 Das Bundesverwaltungsgericht hat in seinem Urteil BVGE 2014/27
(E. 5) hinsichtlich einer in Somalia intern vertriebenen Witwe und ihren min-
derjährigen Kindern das Bestehen einer begründeten Furcht anerkannt,
Opfer von Menschenrechtsverletzungen zu werden. Sie seien Angehörige
eines Minderheitenclans und verfügten nicht über lebende, männliche Ver-
wandte, die sie insbesondere vor geschlechtsspezifischen Verfolgungs-
handlungen, beispielsweise Vergewaltigung, schützen könnten. Intern Ver-
triebene seien in Somalia sehr oft solchen Misshandlungen ausgesetzt, zu-
mal die sozialen Strukturen und Schutzmechanismen durch den langan-
dauernden Bürgerkrieg zerrüttet seien.
8.2.2 Das Gericht geht in Übereinstimmung mit dem SEM davon aus, dass
die Situation der Beschwerdeführerin nicht jener der im vorstehend skiz-
zierten Entscheid des Bundesverwaltungsgerichts dargelegten Umstände
entspricht. Sie ist Angehörige eines dominanten Clans, unverheiratet und
jung. Überdies wurde ihre Genitalverstümmelung in der Schweiz operativ
rückgängig gemacht. Es ist deshalb nachfolgend zu prüfen, ob sie unter
diesen Umständen bei einer allfälligen Rückkehr nach Somalia dort flücht-
lingsrechtlich relevanten Nachteilen ausgesetzt sein könnte.
8.2.3 Frauen und Mädchen können in Somalia in verschiedenen Situatio-
nen vulnerabel sein, zumal sie im Allgemeinen leichter Opfer von Miss-
brauch werden und nur sehr wenige Rechte haben. In der somalischen
Gesellschaft entspricht es weder der Kultur noch der Religion, dass eine
Frau alleine lebt. Einer Frau ohne männlichen Garant wird weder eine
Wohnung vermietet noch eine Anstellung vermittelt. Allgemein hängt die
Möglichkeit Einkommen zu erzielen und zu überleben grossteils von den
gesellschaftlichen Verbindungen ab, welche über die männlichen Verwand-
ten funktionieren. Deshalb werden Frauen, die ihren Vater oder Ehemann
verloren haben, in der Regel von der Gemeinschaft aufgenommen, welche
als eine Art Sicherheitsnetzwerk funktioniert. Dies allerdings nur so lange,
wie sie nicht gegen die gesellschaftlichen Normen und Sitten verstossen
haben. Ansonsten werden sie den „Launen der Gesellschaft“ überlassen
(Immigration and Refugee Board of Canada [IRB], Somalia: Situation of
women without a support network in Mogadishu, including access to em-
ployment and housing; treatment by society and authorities; support ser-
vices available to female-headed households [2017-March 2019] <
E-3512/2019
Seite 20
https://irb-cisr.gc.ca/en/country-information/rir/Pages/index.aspx?doc=-
457758&pls=1 >, abgerufen am 30.06.2020).
8.2.4 Die Beschwerdeführerin floh im Alter von (...) Jahren allein aus So-
malia in die Schweiz, wo sie defibuliert wurde. Dies widerspricht den sozi-
alen Normen Somalias, denn dort sind unverheiratete Frauen, die nicht be-
schnitten sind oder deren Beschneidung rückgängig gemacht wurde,
schwerwiegenden Stigmatisierungen ausgesetzt, namentlich haben nicht
infibulierte Frauen kaum Heiratschancen. Es wird geglaubt, man schütze
die Mädchen durch die Infibulation und könne ihre Reinheit und Jungfräu-
lichkeit dadurch aufrechterhalten. Auch gilt ein Mädchen, das nicht be-
schnitten wurde als Aussenseiterin. Deshalb sind in Somalia bis heute 98
Prozent aller Frauen und Mädchen von Genitalverstümmelung betroffen.
Die sozialen Normen greifen so tief, dass sich die Mütter, selbst wenn sie
über die Folgen aufgeklärt sind, für die Genitalverstümmelung ihrer Töchter
entscheiden, um die soziale Integration und die wirtschaftliche Sicherheit
ihrer Töchter durch Heirat nicht zu gefährden (Terre des Femmes, Somalia,
12/2019, < https://www.frauenrechte.de/unsere-arbeit/themen/weibliche-
genitalverstuemmelung/unser-engagement/aktivitaeten/genitalverstuem-
melung-in-afrika/fgm-in-afrika/1430-somalia >, m.w.H.; Stephanie Kowa-
lewski, Tiefe Schnitte in Körper und Seele, 03.02.2020, <
https://www.deutschlandfunkkultur.de/genitalverstuemmelung-bei-maed-
chen-tiefe-schnitte-in.976.de.html?dram:article_id=469372 >, beide abge-
rufen am 30.06.2020). Da es in Somalia mit den kulturellen und religiösen
Normen als nicht vereinbar gilt, wenn eine Frau ohne männlichen Schutz
lebt, würde dies mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit bedeu-
ten, dass die Beschwerdeführerin als junge, alleinstehende Frau bei einer
Rückkehr in die Heimat, um überhaupt verheiratet werden zu können, zu-
nächst refibuliert werden müsste. Andernfalls müsste sie am Rand der Ge-
sellschaft ein Dasein fristen. Vor dem Hintergrund des besagten sozialen
Kontexts ist nicht zu erwarten, dass ein männlicher Verwandter der Be-
schwerdeführerin Schutz vor erneuter Beschneidung und vor Zwangsheirat
gewähren würde. Im Gegenteil, denn ohne erneute Infibulation hätte sie im
Kontext Somalias kaum Chancen darauf, einen Ehemann zu finden. Wenn
aber dem zukünftigen Ehemann verheimlicht würde, dass sie defibuliert
wurde, um ihre Heiratschancen nicht zu gefährden, und er dies bei der
Hochzeitsnacht merken würde, hätte er das Recht, sich umgehend wieder
scheiden zu lassen und sie zu verstossen, was wiederum ehrverletzend für
die (insbesondere männliche) Verwandtschaft wäre. Da überdies die Defi-
bulation einer noch unverheirateten Frau in Somalia als Beweis für vorehe-
E-3512/2019
Seite 21
lichen Sex betrachtet wird, würde dies für die Beschwerdeführerin bedeu-
ten, dass sie ihre Ehre und ihren gesellschaftlichen Status verlieren würde
(U.S. Department of State, 2019 Country Reports on Human Rights Prac-
tices: Somalia, 11.03.2020, < https://www.state.gov/reports/2019-country-
reports-on-human-rights-practices/somalia/ >; Lifos (Migrationsverket), So-
malia – Kvinnlig könsstympning, 27.08.2019,
< https://www.ecoi.net/en/file/local/2015781/190827401.pdf >; Immigration
and Refugee Board of Canada [IRB], Somalia: Situation of women without
a support network in Mogadishu, including access to employment and hou-
sing; treatment by society and authorities; support services available to fe-
male-headed households [2017-March 2019] < https://irb-
cisr.gc.ca/en/country-information/rir/Pages/index.aspx?-
doc=457758&pls=1 >, alle abgerufen am 30.06.2020). Es ist der Be-
schwerdeführerin folglich recht zu geben, dass sie im Kontext Somalias
gezwungen wäre, sich erneut infibulieren zu lassen, um verheiratet werden
zu können, ansonsten sie jeglichen Übergriffen schutzlos ausgesetzt wäre.
Eingriffe an Genitalien von Mädchen und Frauen haben schwerwiegende
Folgen für das Leben der Betroffenen. Schon der Eingriff selber ist in der
Regel ausserordentlich schmerzhaft und mit grössten Gefahren für das Le-
ben und die Gesundheit der Betroffenen verbunden (Stefan Trechsel und
Regula Schlaur, Weibliche Genitalverstümmelung in der Schweiz, Rechts-
gutachten, < https://www.humanrights.ch/cms/upload/pdf/061107
_UNI_Rechtsgutachten_WGV_de.pdf >, abgerufen am 30.06.2020). Das
Bundesverwaltungsgericht schliesst sich der Auffassung des UNHCR an,
dass weibliche Genitalverstümmelung eine Form geschlechtsspezifischer
Gewalt darstellt, die sowohl psychisches wie physisches Leiden zur Folge
hat und einer asylrelevanten Verfolgung gleichkommt (vgl. UNHCR,
Guidance Note on Refugee Claims relating to Female Genital Mutilation,
Mai 2009, Ziff. A7 S. 5, < http://www.refworld.org/-docid/4a0c28492.html >,
abgerufen am 27.04.2020). Überdies bestehen in Somalia bis heute keine
gesetzlichen Bestimmungen zur beziehungsweise gegen weibliche Geni-
talverstümmelung (Austrian Centre for Country of Origin and Asylum Re-
search and Documentation [ACCORD]: Anfragebeantwortung zu Somalia:
Verbreitung von FGM, rechtliche Bestimmungen und Organisationen,
31.03.2020 < https://www.ecoi.net/de/dokument/2027861.html >, abgeru-
fen am 30.06.2020).
8.2.5 Nach dem Gesagten ist davon auszugehen, dass die Beschwerde-
führerin bei einer Rückkehr in die Heimat zu einer Refibulation gezwungen
würde, ohne dass ihr privater oder staatlicher Schutz offen stehen würde.
E-3512/2019
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Damit drohen ihr bei einer allfälligen Rückreise flüchtlingsrechtlich rele-
vante, ernsthafte Nachteile. Aufgrund der frauenspezifischen Verfolgungs-
situation ist auch ein flüchtlingsrelevantes Verfolgungsmotiv anzuerkennen
(vgl. EMARK 2006 Nr. 32 E. 8, sowie unten E. 7.3).
Schliesslich eröffnet sich der Beschwerdeführerin auch keine interne
Schutzalternative in einem anderen Landesteil. Sie hat somit eine begrün-
dete Furcht bei einer allfälligen Rückkehr in ihr Heimatland einer frauen-
spezifischen Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG ausgesetzt zu werden.
8.3 Zusammenfassend kommt das Gericht zum Schluss, dass die Voraus-
setzungen von Art. 3 AsylG gegeben sind und die Beschwerdeführerin die
Flüchtlingseigenschaft erfüllt. Da die mit hoher Wahrscheinlichkeit dro-
hende Verfolgung allerdings auf das Verhalten der Beschwerdeführerin in
der Schweiz und damit auf einen subjektiven Nachfluchtgrund zurückzu-
führen ist, bleibt ihr die Asylberechtigung in Anwendung von Art. 54 AsylG
verwehrt. Die Beschwerdeführerin ist daher als Flüchtling vorläufig aufzu-
nehmen. Die angefochtene Verfügung ist indes zu bestätigen, soweit sie
das Asylgesuch der Beschwerdeführerin abweist.
8.4 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an: es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG). Die Beschwerdeführerin verfügt weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet
(Art. 32 Abs. 1 AsylV1).
8.5 Aus den vorstehenden Erwägungen ergibt sich, dass die Beschwerde-
führerin aufgrund subjektiver Nachfluchtgründe die Flüchtlingseigenschaft
erfüllt. Der Vollzug der Wegweisung erweist sich demnach als unzulässig.
8.6 Zusammenfassend ist die angefochtene Verfügung zu bestätigen, so-
weit sie das Asylgesuch der Beschwerdeführerin abweist und in der Folge
die Wegweisung aus der Schweiz anordnet. Sie ist demgegenüber aufzu-
heben, soweit sie die Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführerin ver-
neint.
9.
9.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens – der als hälftiges Obsiegen und
hälftiges Unterliegen einzustufen ist – wären der Beschwerdeführerin re-
duzierte Verfahrenskosten aufzuerlegen (Art. 63 VwVG). Da das Gesuch
E-3512/2019
Seite 23
um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung mit Verfügung vom
15. Juli 2019 gutgeheissen wurde und nicht von einer Veränderung der fi-
nanziellen Verhältnisse auszugehen ist, ist von einer Kostenauflage abzu-
sehen.
9.2 Soweit die Beschwerdeführerin obsiegt, hat sie Anspruch auf eine an-
gemessene Parteientschädigung für die ihr erwachsenen notwendigen
Kosten, die vom SEM auszurichten ist (Art. 64 Abs. 1 VwVG, Art. 7 Abs. 1
und 4 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Ent-
schädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
Angesichts des hälftigen Obsiegens ist die Parteientschädigung indessen
um die Hälfte zu reduzieren. Soweit die Beschwerdeführerin – ebenfalls
hälftig – unterliegt, ist der mit Verfügung vom 15. Juli 2019 als amtliche
Rechtsbeiständin eingesetzte rubrizierte Rechtsvertreterin ein Honorar zu
Lasten der Gerichtskasse auszurichten.
Die Rechtsbeiständin reichte am 27. Februar 2020 eine Kostennote ein.
Darin werden ein zeitlicher Aufwand von 14 Stunden – à Fr. 200.– bei Ob-
siegen und à Fr. 150.– bei Unterliegen – sowie Auslagen von Fr. 51.40 gel-
tend gemacht. Der zeitliche Aufwand und die Ansätze scheinen den Ver-
fahrensumständen als angemessen. Die von der Vorinstanz auszurich-
tende Parteientschädigung ist demnach auf gerundet insgesamt
Fr. 1'426.– (inkl. hälftige Auslagen) festzusetzen und das SEM ist anzuwei-
sen, der Beschwerdeführerin diesen Betrag zu entrichten. Das Honorar für
die unentgeltliche Rechtsbeiständin zu Lasten der Gerichtskasse ist gerun-
det indessen auf Fr. 1'076.– (inkl. hälftige Auslagen) festzusetzen (vgl. Art.
12 i.V.m. Art. 10 Abs. 2 VGKE).
(Dispositiv nächste Seite)
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