Decision ID: a7b33968-cda1-4aeb-8323-a632c0b55eb9
Year: 2016
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a A._ (nachfolgend: Versicherter oder Kläger) war Inhaber des Einzelunternehmens
B._ (act. G 1.2). Am 18. Oktober 2007 schloss der Versicherte eine Salär-
Versicherung mit der rhenusana in Z._ ab. Gegenstand der Salär-Versicherung sei
der Schutz des Inhabers des Einzelunternehmens gegen die finanziellen und
wirtschaftlichen Folgen bei Arbeitsunfähigkeit infolge von Krankheit und Unfall (act. G
1.1 und 1.4).
A.b Im Rahmen dieses Vertrages zahlte die rhenusana dem Versicherten wegen
Krankheit vom 28. Dezember 2013 bis 12. Januar 2014 und vom 2. Februar 2014 bis
30. April 2014 Taggelder aus (act. G 1.8).
A.c Gemäss einer ärztlichen Bestätigung des Landeskrankenhauses D._ vom 16.
April 2015 hat sich der Versicherte seit September 2013 im chronischen
Hämodialyseprogramm befunden. Wegen Dialysepflicht und Urothel-Carcinom sei der
Versicherte unter anderem vom 1. Mai 2014 bis Ende Dezember 2014 zu 100%
arbeitsunfähig gewesen (act. G 1.9).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.d Mit Schreiben vom 15. April 2014 bat der Versicherte die rhenusana um die
Auflösung der Salär-Versicherung per Ende April 2014, da er sich aufgrund seiner
gesundheitlichen Situation entschlossen habe, seine selbständige Tätigkeit aufzugeben
(act. G 1.23).
A.e Mit Schreiben vom 16. April 2014 bestätigte die rhenusana die Auflösung der
Salär-Versicherung per 30. April 2014 (act. G 11.1).
A.f Mit Schreiben vom 1. April 2015 machte der Versicherte geltend, dass er an der
„Auflösung“ der Salär-Versicherung nicht festhalte und sich zufolge Irrtums auf die
Unverbindlichkeit seiner diesbezüglichen Willensäusserung berufe. Aufgrund der
Unverbindlichkeit der „Auflösungserklärung“ seien auch ab Mai 2014 weitere
Krankentaggelder geschuldet. Dem Versicherten sei bei der E._ AG per 1. Mai 2014
verbindlich eine Arbeitsstelle in Aussicht gestellt worden. Dies sei für ihn eine
wesentliche Voraussetzung für die Auflösung der Salär-Versicherung gewesen. Darüber
hinaus könne die Salär-Versicherung nur auf Ende eines Kalenderjahres unter
Einhaltung einer dreimonatigen Kündigungsfrist gekündigt werden. Somit hätte die
Versicherung erst auf Ende des Jahres 2014 aufgelöst werden können (act. G 1.26).
B.
B.a Mit Klage vom 27. August 2015 wurde unter Kosten- und Entschädigungsfolge
beantragt, die Beklagte sei zu verpflichten, dem Kläger Fr. 32‘219.90 nebst Verzugszins
zu 5% seit 1. Mai 2014, eventualiter seit 20. Mai 2015, zu bezahlen. Eventualiter sei die
Beklagte zu verpflichten, dem Kläger Fr. 13‘150.95 nebst Verzugszins zu 5% seit 1. Mai
2014, eventualiter seit 20. Mai 2015, zu bezahlen. Aus den eingereichten Unterlagen
gehe hervor, dass der Kläger auch ab 1. Mai 2014 bis Ende 2014 infolge Krankheit zu
100% arbeitsunfähig gewesen sei. Im Zeitpunkt der Kündigung sei der Kläger in einem
urteilsunfähigen Zustand gewesen, weshalb die Kündigungserklärung nichtig sei. Da im
Kündigungszeitpunkt der Versicherungsfall bereits eingetreten sei, müsse die Beklagte
auf eine vorzeitige Auflösung der Salär-Versicherung verzichten. Ihr sei der schlechte
Gesundheitszustand des Klägers bestens bekannt gewesen. Weiter sei eine Kündigung
gemäss Vertrag nur auf das Ende eines Kalenderjahres unter Einhaltung einer
dreimonatigen Kündigungsfrist möglich. Selbst bei einer vorzeitigen Auflösung würde
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
daher bis Ende 2014 Versicherungsschutz bestehen. Weiter habe der Kläger keine
Kündigungsbestätigung erhalten, weshalb keine Aufhebungsvereinbarung vorliege. Der
Kläger sei zudem im Rahmen der Kündigungserklärung einem Grundlagenirrtum
unterlegen, welcher zur Unwirksamkeit der Kündigungserklärung führe (act. G 1).
B.b Mit Klageantwort vom 27. November 2015 beantragte die Beklagte die Abweisung
der Klage unter Kosten- und Entschädigungsfolge. Es werde bestritten, dass der
Kläger ab Mai 2014 100% arbeitsunfähig gewesen sei. Das Kündigungsschreiben vom
15. April 2014 lasse vielmehr den Schluss zu, dass sich der Kläger zumindest teilweise
arbeitsfähig gefühlt und auch die Hoffnung gehegt habe, bald wieder vollumfänglich
arbeitsfähig zu sein. Die Beklagte bestreitet auch, dass der Kläger im Zeitpunkt der
Kündigung urteilsunfähig gewesen sei; dazu gebe es in den Akten keine Hinweise.
Weshalb das neue Arbeitsverhältnis bei der E._ AG nicht zustande gekommen sei,
sei irrelevant. Die Beklagte sei mit der Kündigung des Klägers auf Ende April 2014 im
Sinne eines Entgegenkommens einverstanden gewesen. Die Auflösung der
Taggeldversicherung sei deshalb einvernehmlich erfolgt. Der Kläger könne sich nicht
auf die AVB berufen, da die Kündigung vom Kläger ausgesprochen worden sei. Die
Beklagte habe dem Kläger eine Kündigungsbestätigung zugestellt (act. G 11).
C.
C.a Anlässlich der mündlichen Verhandlung vom 10. August 2016 hielt der
Rechtsvertreter des Klägers unter anderem fest, die Beklagte habe gewusst, dass der
Kläger mindestens bis Ende 2014 durchgehend zu 100% arbeitsunfähig sei. Wenn der
Kläger den Vertrag nicht kündigen dürfe, so dürfe er umso weniger einer
einvernehmlichen Auflösung des Vertrages zustimmen. Durch die Ausrichtung von
Taggeldern habe die Beklagte den Versicherungsfall und ihre Schuldpflicht anerkannt.
Der Kläger habe dies als Bestätigung einer rechtlichen Verpflichtung zur Ausrichtung
weiterer Taggelder bis zur Beendigung der Arbeitsunfähigkeit auffassen dürfen. Weiter
sei zu prüfen, ob der Berater des Klägers, F._, im Auftrag der Beklagten tätig
gewesen sei bzw. von dieser unter Druck gesetzt worden sei dem Kläger zur
Kündigung des Vertrags zu raten. Die Nachlässigkeit von F._ habe sich die Beklagte
anrechnen zu lassen. Da der Kläger in schlechter gesundheitlicher und psychischer
Verfassung und insofern in einer Notlage gewesen sei, habe er den Einwirkungen durch
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
F._ nichts entgegensetzen können und habe die Wirkungen seiner Erklärung nicht
verstanden. Der Kläger sei davon ausgegangen, dass er vor Antritt seiner Stelle bei der
E._ AG taggeldversichert sei und dass die Beklagte die Taggeldzahlungen bis zum
Ende des laufenden Versicherungsfalles bezahlen müsse. Durch das Nichttätigwerden
des Klägers bis zum 1. April 2015 könne nicht auf einen Verzicht geschlossen werden,
da die Anfechtungserklärung binnen Jahresfrist erfolgt sei. Die Beendigung eines
Vertrages habe keinen Einfluss auf die Leistungspflicht des Versicherers für bereits
eingetretene Versicherungsfälle. Es bestehe eine Volldeckung. Demnach bestehe der
Taggeldanspruch bis heute, sofern der maximale Taggeldanspruch noch nicht
ausgeschöpft sei. Es liege keine Bestimmung vor, wonach die Beklagte bei einer
vorzeitigen Auflösung des Versicherungsvertrages keine Leistungen mehr für einen
laufenden Versicherungsfall erbringen müsse (vgl. act. G 17).
C.b Der Rechtsvertreter der Beklagten führte anlässlich der Verhandlung aus, dass es
vorliegend um eine Aufhebung des Versicherungsvertrages durch Übereinkunft gehe.
Die Gründe, die den Kläger zur Kündigung des Versicherungsvertrages veranlasst
hätten, würden sich auf den Beweggrund beziehen und seien deshalb unbeachtlich. Es
handle sich nicht um einen Grundlagenirrtum, sondern um einen Motivirrtum. In der
Police sei unter Ziffer 8.4 eindeutig vereinbart, dass nach Ablauf der Kündigung keine
Leistungen mehr bezahlt würden. Zudem werde bestritten, dass F._ für die Auflösung
des Vertrags eine Provision erhalten habe (vgl. act. G 18).
C.c Auf Nachfrage des Gerichts (act. G 19) reichte die Beklagte mit Schreiben vom 22.
August 2016 die definitive Prämienabrechnung für das Jahr 2014 ein (act. G 20).
C.d Mit Stellungnahme vom 9. September 2016 bestreitet der Kläger die Zustellung
dieser definitiven Prämienabrechnung und macht mehrere Mängel geltend. Unter
anderem werde darin auf eine Abrechnung vom 4. Dezember 2013 verwiesen, welche
sich in Wirklichkeit auf einen Betrag in der Höhe von Fr. 2‘880.-- anstatt der in der
Abrechnung erwähnten Fr. 960.-- beziehe (act. G 25).
C.e Auf erneute Nachfrage des Gerichts (act. G 26) erklärte die Beklagte mit Schreiben
vom 4. Oktober 2016, dass sich die Jahresprämie 2014 aufgrund der
Vertragsauflösung per 30. April 2014 von Fr. 2‘880.-- auf Fr. 960.-- reduziert habe. Dem
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Schreiben wurde eine „Akonto-Rechnung“ vom 16. April 2014 über eine Rückzahlung
von Fr. 1‘920.-- samt Zahlungsbestätigung der Bank vom 4. Oktober 2016 beigelegt.

Erwägungen
1.
1.1 Vorliegend streitig und zu beurteilen ist die Frage, ob dem Kläger aus der Salär-
Versicherung ab dem 1. Mai 2014 noch Leistungen zustehen. Eingeklagt sind
Taggelder im Betrag von Fr. 32‘219.90.
1.2 Das vorliegende Verfahren beschlägt Leistungen aus einer Zusatzversicherung zur
sozialen Krankenversicherung. Die Versicherungsbedingungen und -leistungen richten
sich insbesondere nach dem zwischen der Beklagten und dem Kläger
abgeschlossenen Versicherungsvertrag vom 18. Oktober 2007 (act. G 1.4), der
Versicherungspolice Nr. XXXXXX (act. G 1.1), den Allgemeinen
Versicherungsbedingungen (VVG), Ausgabe Januar 2007 (nachfolgend AVB; act. G 1.6)
und den Ergänzenden Bedingungen (VVG) Salär Versicherung, Ausgabe Januar 2007
(act. G 1.7).
1.3 Gemäss Art. 1042 AVB steht dem Versicherungsnehmer als Gerichtsstand der Sitz
der rhenusana (Polit. Gemeinde Z._) oder sein schweizerischer Wohnsitz zur
Verfügung. Mit dem Sitz der rhenusana im Kanton St. Gallen ist die örtliche
Zuständigkeit des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen gegeben.
1.4 Das Versicherungsgericht entscheidet gemäss Art. 9 des Einführungsgesetzes zur
Schweizerischen Zivilprozessordnung (EG-ZPO; sGS 961.2) in Verbindung mit Art. 7
der Schweizerischen Zivilprozessordnung (ZPO; SR 272) als einzige kantonale Instanz
über Streitigkeiten aus Zusatzversicherungen zur sozialen Krankenversicherung nach
dem Bundesgesetz über die Krankenversicherung (KVG; SR 832.10). Darunter werden
praxisgemäss auch Zusatzversicherungen subsumiert, auf die das Bundesgesetz über
den Versicherungsvertrag (VVG; SR 221.229.1) zur Anwendung gelangt (vgl. etwa BGE
138 III 2 E. 1.1). Damit ist vorliegend auch die Voraussetzung der sachlichen
Zuständigkeit erfüllt.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
1.5 Vor der Klageanhebung beim Versicherungsgericht muss kein
Schlichtungsverfahren gemäss Art. 197 ff. ZPO durchgeführt werden (vgl. BGE 138 III
558 E. 4.6).
1.6 Die Eintretensvoraussetzungen sind somit erfüllt. Auf die Klage ist einzutreten.
1.7 Zusatzversicherungen zur sozialen Krankenversicherung unterstehen gemäss Art.
12 Abs. 2 und 3 KVG dem VVG. Streitigkeiten aus solchen Versicherungen sind
privatrechtlicher Natur (BGE 133 439 E. 2.1). Nach Art. 243 Abs. 2 lit. f ZPO gilt für
vermögensrechtliche Streitigkeiten aus Zusatzversicherungen zur sozialen
Krankenversicherung nach KVG ohne Rücksicht auf den Streitwert das vereinfachte
Verfahren.
2.
2.1 Zunächst ist zu klären, ob die abgeschlossene Salär-Versicherung zwischen dem
Kläger und der Beklagten per 1. Mai 2014 gültig gekündet bzw. einvernehmlich
aufgelöst wurde.
2.2 Der Krankentaggeldversicherungsvertrag kann auch ohne Kündigung durch
gegenseitige Übereinkunft aufgehoben werden. Beiden Vertragsparteien steht das
jederzeitige Kündigungsrecht aus wichtigem Grund zu. Dieses entspringt einem
allgemeinen Prinzip bei Dauerverträgen und setzt voraus, dass der kündigenden Partei
die Fortsetzung des Vertrages nicht zugemutet werden kann (CHRISTOPH HÄBERLI /
DAVID HUSMANN, Krankentaggeld, versicherungs- und arbeitsrechtliche Aspekte,
Bern 2015, Rz. 361 und 364; vgl. auch Art. 100 Abs. 1 VVG i.V.m. Art. 115 OR, wonach
durch Übereinkunft eine Forderung auch dann formlos aufgehoben werden kann, wenn
zur Eingehung der Verbindlichkeit eine Form erforderlich oder von den
Vertragschliessenden gewählt war).
2.3 Im Schreiben vom 15. April 2014 hielt der Kläger fest, dass er sich aufgrund seiner
gesundheitlichen Situation kurzfristig entschlossen habe, seine selbständige Tätigkeit
per 1. Mai 2014 aufzugeben und sich beruflich auf Angestelltenbasis neu zu orientieren.
Aus diesem Grund werde der Versicherungsvertrag hinfällig. Er bitte daher die Klägerin,
den Vertrag per Ende April 2014 aufzulösen. Entsprechend trägt das Schreiben auch
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
den Betreff „Auflösung Versicherungsvertrag“ und im Schreiben selber bittet der Kläger
explizit um eine Auflösung des Vertrags (act. G 1.23). Auch wenn der Kläger in seiner
Klage im Zusammenhang mit diesem Schreiben von einem Kündigungsschreiben
spricht (vgl. act. G 1, S. 5), so geht aus dem Schreiben selber nicht hervor, dass damit
eine ordentliche Kündigung der Salär-Versicherung beabsichtigt war. Das Schreiben ist
als Antrag auf eine vorzeitige einvernehmliche Auflösung des Salär-Vertrags zu
verstehen.
2.4 Obwohl die Beklagte in ihrem Bestätigungsschreiben vom 16. April 2014 von
einem Kündigungsschreiben spricht, ergibt sich aus dem Inhalt des Schreibens selber,
dass auch die Beklagte von einer einvernehmlichen Auflösung des Vertrags ausging,
wurde doch explizit die Auflösung der Police per 30. April 2014 festgehalten (act. G
11.1). Somit ist dieses Schreiben als Annahme des Antrags auf eine vorzeitige
einvernehmliche Auflösung des Salär-Vertrags zu interpretieren.
2.5 Diesbezüglich bringt der Kläger vor, dass er keine Kündigungsbestätigung erhalten
habe (vgl. act. G 1, S. 10). Wie der Kläger korrekt festhält, haben gemäss
Versicherungspolice Änderungen/Ergänzungen des Vertrages schriftlich zu erfolgen
und müssen von beiden Parteien unterzeichnet sein (vgl. act. G 1.1, Ziff. 11).
2.5.1 Die Beklagte hat mit der Klageantwort ein Schreiben vom 16. April 2014 mit
der Bestätigung des Austritts eingereicht (act. G 11.1). Ob dem Kläger dieses
Schreiben jedoch tatsächlich zugestellt wurde, ist nicht bewiesen.
2.5.2 Ist für einen Vertrag, der von Gesetzes wegen an keine Form gebunden ist, die
Anwendung einer solchen vorbehalten worden, so wird vermutet, dass die Parteien vor
Erfüllung der Form nicht verpflichtet sein wollen. Geht eine solche Abrede auf
schriftliche Form ohne nähere Bezeichnung, so gelten für deren Erfüllung die
Erfordernisse der gesetzlich vorgeschriebenen Schriftlichkeit (Art. 16 Abs. 1 und 2 OR).
Der vertragliche Formvorbehalt kann jederzeit formfrei aufgehoben werden. Auch
Abänderungen sind formfrei möglich. Aufhebung und Abänderung des Formvorbehalts
sind auch stillschweigend oder durch konkludentes Handeln möglich, wie
insbesondere dann, wenn sich die Parteien über die vereinbarte Form hinwegsetzen
oder den Vertrag vorbehaltlos erfüllen (INGEBORG SCHWENZER in: Honsell/Vogt/
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Wiegand (Hrsg.), Basler Kommentar zum Obligationenrecht, 5. Aufl. 2011, Rz 10 f. zu
Art. 16 OR). Die Vermutung zum Formerfordernis gemäss Art. 16 Abs. 1 OR kann im
Übrigen durch den Beweis widerlegt werden, dass die Formvereinbarung lediglich den
Zweck hatte, spätere Auseinandersetzungen über den Vertragsinhalt zu vermeiden.
Dieser Nachweis gelingt regelmässig etwa dann, wenn die formwidrige Vereinbarung
bereits in Vollzug gesetzt wurde (mit Hinweisen auf die Rechtsprechung ALFRED
KOLLER, Schweizerisches Obligationenrecht, Allgemeiner Teil, 3. Aufl. 2009, S. 196 Rz.
140 f.).
2.5.3 Vorliegend geht aus der definitiven Prämienabrechnung für das Jahr 2014 (act.
20.1) bzw. aus der Akonto-Rechnung vom 4. Dezember 2013 (act. G 25.1) und der
Akonto-Rechnung vom 16. April 2014 (act. G 27.1) mit der entsprechenden
Zahlungsbestätigung der Bank (act. 27.2) hervor, dass der Kläger die
Versicherungsprämie zunächst für das gesamte Jahr 2014 vorschüssig bezahlte,
anschliessend aber die Prämie für die Monate Mai bis Dezember 2014 von der
Beklagten zurückerstattet erhielt, womit er nur für die Monate Januar bis April 2014
Prämien bezahlte. Ab Mai 2014 wurden auch keine Taggelder an den Kläger mehr
ausgerichtet. Aus diesem Verhalten der Beklagten geht zumindest konkludent hervor,
dass sie mit der einvernehmlichen Auflösung des Versicherungsverhältnisses
einverstanden war. Auch aus dem Verhalten des Klägers kann nicht abgeleitet werden,
dass dieser von einem Weiterbestehen des Vertrags ausgegangen wäre, da er – selbst
wenn er das Schreiben der Beklagten vom 16. April 2014 betreffend Vertragsauflösung
(act. G 11.1) nicht erhalten haben sollte – weder auf das Ausbleiben weiterer
Taggeldzahlungen noch auf die Rückzahlung der Versicherungsprämien für die Monate
Mai bis Dezember 2014 reagiert hatte. Der Kläger hatte gemäss eigenen Angaben
keinen weiteren Kontakt mehr mit der Beklagten, weshalb vorliegend davon
ausgegangen werden muss, dass auch er zumindest konkludent davon ausging, dass –
wie von ihm gewünscht – der Vertrag einvernehmlich aufgelöst wurde. Somit ist
unerheblich, ob das Bestätigungsschreiben vom 16. April 2014 dem Kläger tatsächlich
zugestellt wurde bzw. ob dieses Schreiben von unterschriftsberechtigten Personen
unterzeichnet wurde.
3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.1 Der Kläger bringt weiter vor, dass er sich im Kündigungszeitpunkt in einem
urteilsunfähigen Zustand befunden habe, weshalb die Kündigungserklärung nichtig sei.
Die Kündigungserklärung sei mit Schreiben vom 15. April 2014 erfolgt. An diesem Tag
sei er im Landeskrankenhaus D._ operiert worden. Er sei vorgängig narkotisiert bzw.
mit starken Medikamenten behandelt worden. Im Zeitpunkt der Kündigungserklärung
habe er sich unter starkem Medikamenteneinfluss befunden und sei nicht in der Lage
gewesen, die Folgen einer Kündigungserklärung zu erfassen (act. G 1, S. 9).
3.2 Gemäss Art. 16 des Schweizerischen Zivilgesetzbuches (ZGB; SR 210) ist jede
Person im Sinne dieses Gesetzes urteilsfähig, der nicht wegen ihres Kindesalters,
infolge geistiger Behinderung, psychischer Störung, Rausch oder ähnlicher Zustände
die Fähigkeit mangelt, vernunftgemäss zu handeln.
3.3 Wie aus dem Schreiben vom 15. April 2014 zu schliessen ist, hat der Kläger die
Auflösung der Salär-Versicherung offensichtlich mit seinem Berater F._ besprochen
(vgl. act. G 1.23). Auch aus dem Schreiben vom 1. April 2015 des Rechtsvertreters des
Klägers geht hervor, dass mehrere Gespräche zwischen dem Kläger und seinem
Berater betreffend die Auflösung der Salär-Versicherung stattgefunden haben und dass
dem Kläger eine Arbeitsstelle in Aussicht gestellt wurde, was diesen schliesslich zur
Auflösung der Versicherung veranlasst hat (vgl. act. G 1.26, S. 2). Die Auflösung des
Versicherungsvertrags erfolgte also nicht spontan, sondern es hatte im Vorfeld bereits
ein längerer Entscheidfindungsprozess stattgefunden. Zudem bewirkte die am 15. April
2014 durchgeführte Operation nicht zwingend einen Verlust der Urteilsfähigkeit
während des ganzen Tages. Vorliegend ist die Urteilsunfähigkeit des Klägers betreffend
die Willenserklärung zur Auflösung des Versicherungsvertrages nicht nachgewiesen.
4.
4.1 Der Kläger bringt weiter vor, dass er im Rahmen der Kündigungserklärung einem
Grundlagenirrtum unterlegen sei, welcher zur Unwirksamkeit der Kündigungserklärung
führe. Die E._ AG habe dem Kläger den Antritt einer Arbeitsstelle verbindlich in
Aussicht gestellt. Dies sei für ihn eine wesentliche Voraussetzung für die Kündigung der
Salär-Versicherung gewesen. Zu einer Anstellung sei es jedoch ohne Verschulden des
Klägers nicht gekommen (act. G 1, S. 10 f.).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.2 Gemäss Art. 23 OR ist ein Vertrag für denjenigen unverbindlich, der sich beim
Abschluss in einem wesentlichen Irrtum befunden hat. Wesentlich ist ein Irrtum unter
anderem dann, wenn er einen Sachverhalt betraf, der vom Irrenden nach Treu und
Glauben im Geschäftsverkehr als notwendige Grundlage des Vertrags betrachtet
wurde (Art. 24 Abs. 1 Ziff. 4 OR). Für den Irrenden muss zum einen (subjektiv) der
irrtümlich vorgestellte Sachverhalt eine unerlässliche Voraussetzung (conditio sine qua
non) dafür bilden, dass er den Vertrag überhaupt oder mit dem betreffenden Inhalt
abschliesst (vgl. SCHWENZER, a.a.O., Rz 21 zu Art. 24 OR). Zur subjektiven
Wesentlichkeit muss hinzukommen, dass auch vom Standpunkt oder nach den
Anforderungen des loyalen Geschäftsverkehrs der zugrunde gelegte Sachverhalt sich
als notwendige Grundlage des Vertrags darstellt (SCHWENZER, a.a.O., Rz 22 zu Art.
24 OR).
4.3 Im Schreiben vom 15. April 2014 hielt der Kläger fest, er wolle die Salär-
Versicherung auflösen, da er seine selbständige Tätigkeit per 1. Mai 2014 aufgebe und
sich auf Angestelltenbasis neu orientiere. Aus diesem Grund erachte er den
Versicherungsvertrag als hinfällig (act. G 1.23). Das Einzelunternehmen B._ wurde am
8. August 2014 infolge Geschäftsaufgabe aus dem Handelsregister gelöscht (act. G
1.2). Der Kläger hat seine selbständige Tätigkeit also tatsächlich aufgegeben. Somit lag
diesbezüglich überhaupt kein Irrtum vor.
4.4 Aus dem Schreiben der E._ AG vom 21. März 2014 geht hervor, dass dem
Kläger unter anderem die Variante aufgezeigt wurde, über ein Temporär-Büro bei der
E._ AG eingesetzt zu werden. Die bestehende Zusammenarbeit werde nicht mehr in
der bisherigen Form weitergeführt (vgl. act. G 1.29). Selbst wenn dem Kläger eine
Anstellung mündlich mehrmals in Aussicht gestellt worden sein sollte, konnte er nicht
von einem dauerhaften Angestelltenverhältnis ausgehen, da er bei einer Anstellung
über ein Temporär-Büro jederzeit mit einer Kündigung mit sehr kurzer Kündigungsfrist
rechnen musste. Zudem konnte für die Beklagte nach den Anforderungen des loyalen
Geschäftsverkehrs eine Anstellung bei der E._ AG nicht als Grundlage der
Vertragsauflösung angesehen werden. Denn aus dem Schreiben vom 15. April 2014
ging lediglich hervor, dass sich der Kläger auf Angestelltenbasis neu orientieren wolle
(vgl. act. G 1.23) und nicht, dass ihm eine Anstellung zugesichert worden sei. Somit ist
vorliegend kein wesentlicher Irrtum gegeben.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
5.
5.1 Der Kläger führt in der Klage aus, dass er von der Beklagten nicht darüber
aufgeklärt worden sei, welche Folgen eine Auflösung des Versicherungsvertrages habe,
insbesondere, dass dies einen nicht voraussehbaren unzulässigen und nicht erklärten
Verzicht auf künftige Taggelder beinhalten solle. Die Kündigungserklärung habe nicht
so verstanden werden können, dass der Kläger auf seine künftigen Ansprüche
gegenüber der Beklagten zufolge seiner Krankheit verzichte (vgl. act. G 1, S. 5).
5.2 Die Beklagte bestreitet, dass sie verpflichtet gewesen wäre, den Kläger über die
Folgen der Auflösung des Versicherungsvertrages aufzuklären, und verweist dabei auf
die Versicherungspolice, wo unter Ziff. 8.4 klar vereinbart worden sei, dass nach Ablauf
der Kündigung keine Leistungen mehr bezahlt würden. Für den Kläger als
geschäftserfahrenen Unternehmer habe klar sein müssen, dass eine Kündigung die
Einstellung der Versicherungsleistungen zu Folge habe (vgl. act. G 11, S. 3).
5.3 Taggeldversicherungen nach VVG sind nach bundesgerichtlicher Rechtsprechung
grundsätzlich nachleistungspflichtig, sofern die AVB keine ausdrückliche abweichende
Regelung enthalten. Tritt das versicherte Risiko „Arbeitsunfähigkeit“ noch während der
Kollektivdeckung ein, muss die Kollektivversicherung die vereinbarten Leistungen also
auch über das Ende des Arbeitsverhältnisses bzw. der Deckung erbringen (vgl.
HÄBERLI/ HUSMANN, a.a.O., Rz. 321).
5.4 Vorliegend ist sowohl im Vertrag vom 18. Oktober 2007 als auch in der Police vom
9. November 2012 unter Punkt 8.4 folgendes festgehalten: „Nach Ablauf der
Kündigung werden keine Leistungen mehr bezahlt“ (act. G 1.1 und 1.4). Die
vorliegende einvernehmliche Auflösung der Salär-Versicherung hat wie die Kündigung
die Beendigung des Versicherungsverhältnisses zum Ziel, mit der Ausnahme, dass auf
die vertraglich vorgesehene Kündigungsfrist verzichtet und somit ein Austritt aus der
Versicherung per 30. April 2014 vereinbart wurde. Somit ist Punkt 8.4 des
Versicherungsvertrags auch im vorliegenden Fall anwendbar. Diese
Vertragsbestimmung muss so interpretiert werden, dass mit der Beendigung des
Versicherungsverhältnisses keine Leistungen mehr bezahlt werden und somit
insbesondere auch keine Nachleistungspflicht der Versicherung besteht.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
5.5 Somit ist es auch unerheblich, dass der Kläger in seinem Schreiben vom 15. April
2014 keinen Verzicht auf künftige Taggelder erklärt hatte. Weiter gibt es auch keine
rechtliche Grundlage, welche die Beklagte verpflichten würde, den Kläger – welcher
zudem von einem Steuer- und Finanzberater unterstützt wurde – über die Folgen der
Auflösung des Versicherungsvertrages aufzuklären. Des Weiteren ergeben sich –
entgegen den Ausführungen des Klägers – keine Anhaltspunkte dafür, dass der Berater
F._ in einem Verhältnis zur Klägerin stand. Auf der eingereichten Detailansicht des
Registereintrags der Eidgenössischen Finanzmarktaufsicht FINMA ist festgehalten,
dass keine Bindungen von F._ zu einer Versicherungsgesellschaft bestehen (vgl. act.
G 17.3).
6.
6.1 Gemäss den vorstehenden Erwägungen ist die Klage abzuweisen.
6.2 Gerichtskosten sind keine zu erheben (Art. 114 lit. e ZPO).
6.3 Ausgangsgemäss hat der Kläger keinen Anspruch auf eine Parteientschädigung.
Die obsiegende anwaltlich vertretene Beklagte hat eine Parteientschädigung beantragt.
Diese spricht das Gericht nach den kantonalen Tarifen zu (Art. 105 Abs. 2 i.V.m. Art. 96
ZPO).
6.3.1 Das mittlere Honorar im Zivilprozess beträgt nach Art. 14 Abs. 1 lit. c der
Honorarordnung für Rechtsanwälte und Rechtsagenten (HonO; sGS 963.75) bei einem
Streitwert über Fr. 20‘000.-- bis Fr. 50‘000.-- Fr. 1‘850.-- zuzüglich 12.3% des
Streitwerts. Der Streitwert richtet sich laut Art. 13 Abs. 1 HonO nach den
Bestimmungen der ZPO. Gemäss Art. 91 ZPO wird der Streitwert durch das
Klagebegehren bestimmt. Beim Streitwert von Fr. 32‘219.90 resultiert ein mittleres
Honorar von Fr. 5‘813.05 (Fr. 1‘850.-- + 12.3% von Fr. 32‘219.90).
6.3.2 Seit einiger Zeit hat das Versicherungsgericht die Parteientschädigung in
Streitigkeiten nach Art. 7 ZPO in sinngemässer Anwendung von Art. 15 HonO um einen
Fünftel erhöht, weil es anstelle des Kantonsgerichts als erste Instanz entscheidet.
Daran ist nicht länger festzuhalten. Zwar ist auch in Streitigkeiten nach Art. 7 ZPO nur
ein einstufiges kantonales Verfahren vorgesehen. Allerdings gelangt in diesen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Prozessen das vereinfachte Verfahren zur Anwendung und der Sachverhalt ist durch
das Gericht von Amtes wegen festzustellen (Art. 247 Abs. 2 i.V.m. Art. 243 Abs. 2 lit. f
ZPO), was den Rechtsvertretern in aller Regel prozessuale Erleichterungen bringt. Der
Wortlaut von Art. 15 HonO erwähnt zudem das Versicherungsgericht nicht. Folglich ist
auf die Erhebung eines entsprechenden Zuschlags zu verzichten.
6.3.3 Die Beklagte obsiegt vollständig. Die durch den Kläger auszurichtende
Parteientschädigung beläuft sich folglich auf Fr. 5‘813.05 (vgl. Art. 106 Abs. 1 ZPO).
Gemäss Art. 28bis Abs. 1 HonO besteht Anspruch auf den pauschalen Ersatz für
Barauslagen von 4% des Honorars, höchstens Fr. 1‘000.--. Bei einem Honorar von Fr.
5‘813.05 beträgt dieser Fr. 232.50. Die Mehrwertsteuer von 8% wird zum Honorar und
zu den Barauslagen hinzugerechnet (Art. 29 HonO) und beträgt vorliegend Fr. 483.65.
Die Entschädigung inkl. Barauslagen und Mehrwertsteuer beläuft sich somit auf Fr.
6'529.20.