Decision ID: 105eb542-8e73-4b37-a1c3-178035067b01
Year: 2004
Language: de
Court: GR_KG
Chamber: GR_KG_004
Canton: GR
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: penal_law

hat sich ergeben:
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A. Am Samstag, 15. Februar 2003, gegen 13.00 Uhr, spazierten A. und ihr Ehemann zu Fuss vom C. auf dem Fahr- und Fussweg in Richtung F.. Nach ca. 300 Meter begaben sie sich bei der dortigen Verzweigung auf die präparierte Schlittenbahn und gingen auf dieser weiter talwärts. Zur gleichen Zeit schlittelten B. zusammen mit seiner Ehefrau und seinem Sohn - alle mit einem eigenen Schlitten - auf dieser Schlittenbahn talwärts. Auf Höhe der besagten Verzweigung, wo sich die zunächst parallel verlaufende Schlittenbahn und der Fahr- und Fussweg voneinander trennen, hielt die Familie B. an, um Fotos zu schiessen. Dabei entfernte sich B. mit der Kamera einige Meter von seiner Ehefrau und seinem Sohn. Seinen Schlitten sicherte er, indem er einen Fuss auf die Ziehleine setzte. Dennoch löste sich der Schlitten und gleitete führerlos auf der Schlittenbahn talwärts. Die Versuche des Sohnes, den Schlitten einzuholen bzw. zu stoppen und die auf der Schlittenbahn gehende A. sowie deren Ehemann vor dem herannahenden Schlitten zu warnen, scheiterten. In der Folge prallte der Schlitten von hinten in die Beine von A.. Gemäss Bericht des Spitals D. vom 17. Februar 2003 zog sie sich dabei am linken Bein eine stark dislozierte Unterschenkelschaftfraktur zu, welche operativ behandelt werden musste.
B. Am 10. März 2003 stellte A. gegen den strafrechtlich Verantwortlichen Strafantrag wegen Körperverletzung. Am 22. Juli 2003 eröffnete die Staatsanwaltschaft Graubünden gegen B. eine Strafuntersuchung wegen fahrlässiger Körperverletzung. Am 17. Dezember 2003 überwies die Staatsanwaltschaft dem Kreispräsidenten Klosters gestützt auf Art. 49 Abs. 1 lit. a des Gesetzes über die Strafrechtspflege des Kantons Graubünden (StPO; BR 350.000) in Verbindung mit Art. 172 Abs. 1 StPO einen Mandatsantrag bei Verbrechen und Vergehen, welcher dahin gehend lautete, dass der Angeschuldigte B. der fahrlässigen Körperverletzung gemäss Art. 125 Abs. 1 StGB schuldig zu sprechen und dafür mit einer Busse von Fr. 200.-- zu bestrafen sei. Mit Verfügung vom 30. Dezember 2003, mitgeteilt am 5. Januar 2004, erliess der Kreispräsident Klosters eine Einstellungsverfügung und erkannte was folgt:
„1. Das Verfahren gegen B. betreffend fahrlässiger Körperverletzung im Sinne von Art. 125 Abs. 1 StGB wird eingestellt;
2. Die Verfahrenskosten von Fr. 250.-- gehen zu Lasten des Kreisamtes Klosters; die Untersuchungskosten von Fr. 358.-- zu Lasten des Kantons Graubünden;
3. Gegen diese Einstellungsverfügung kann innert 20 Tagen seit Erhalt bei der Beschwerdekammer des Kantons Graubünden Beschwerde
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wegen Rechtswidrigkeit oder Unangemessenheit geführt werden. Der Beschwerde, die dreifach einzureichen und kurz zu begründen ist, hat die angefochtene Verfügung beizuliegen.
4. (Mitteilung).“
Zur Begründung wurde im Wesentlichen ausgeführt, dass dem Angeschuldigten aufgrund der Tatsache, wonach er den Schlitten gesichert habe, indem er einen Fuss auf die Ziehleine gesetzt habe, keine pflichtwidrige Unvorsichtigkeit vorgeworfen werden könne. Ausserdem habe er nicht damit rechnen müssen, dass sich auf der Schlittenbahn Fussgänger bewegen würden, da parallel dazu ein bezeichneter und präparierter Fussweg verlaufe. Sodann habe es ihm die Geländestruktur verunmöglicht, zu sehen, dass sich weiter unten Personen auf dem Trasse befanden.
C. Gegen diese Einstellungsverfügung erhob A. am 26. Januar 2004 strafrechtliche Beschwerde bei der Beschwerdekammer des Kantonsgerichtes von Graubünden und stellte folgende Anträge:
„1. Es sei in Aufhebung der Einstellungsverfügung Proz.-Nr. Kreisamt Klosters: S VV XY., Proz.-Nr. Kt. GR: VV.XX. Herr B., geb. 18.01.1942 in E., wegen fahrlässiger Körperverletzung im Sinne von Art. 125 Abs. 1 StGB zu bestrafen;
2. Es seien die Schadenersatzansprüche der Beschwerdeführerin im Sinne von Art. 9 OHG dem Grundsatze nach gutzuheissen;
3. Es seien die vollständigen Akten Proz.-Nr. Kt. GR VV.XX. bei der Staatsanwaltschaft des Kantons Graubünden beizuziehen;
Es seien die Kosten des vorliegenden Verfahrens unter Zusprechung einer Parteientschädigung an die Beschwerdeführerin auf die Staatskasse zu nehmen.“
Es wurde geltend gemacht, dass B. den Schlitten nur ungenügend gesichert habe, da er es unterlassen habe, die Ziehleine des Schlittens um einen Knöchel oder ein Handgelenk zu wickeln bzw. den Schlitten mit den Kufen im Schnee aufzustellen. Daher habe er die elementarsten Sorgfaltspflichten verletzt. Ausserdem sei die Schlittelpiste nicht als solche erkennbar gewesen, zumal auch kein Verbot für Fussgänger signalisiert gewesen sei. Da auch viele andere Wanderer auf dem Weg nach unten nicht den eisigen Fussweg, sondern die
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Schlittenbahn benutzt hätten, habe B. gewusst, dass darauf Fussgänger anzutreffen sein würden.
D. Während die Vorinstanz mit Schreiben vom 29. Januar 2004 auf die Einreichung einer Vernehmlassung verzichtete, beantragte B. mit Eingabe vom 9. Februar 2004 die kostenfällige Abweisung der Beschwerde. Er brachte im Wesentlichen vor, dass er den Schlitten ausreichend gesichert habe. Da die Schlittelpiste für jedermann deutlich als solche erkennbar gewesen sei, habe er nicht mit Fussgängern darauf rechnen müssen. Darüber hinaus habe er aufgrund der hohen Schneeauftürmungen auch keine solchen sehen können. Eine Sorgfaltspflichtsverletzung könne ihm daher nicht vorgeworfen werden. Vielmehr habe sich A. durch ihr unvorsichtiges Verhalten in Gefahr begeben, weshalb sie die erlittene Verletzung selbst zu vertreten habe.
Auf die weiteren Ausführungen im angefochtenen Entscheid und auf die Begründung der Anträge in den Rechtsschriften wird, soweit erforderlich, in den nachstehenden Erwägungen eingegangen.

Der Kantonsgerichtsausschuss zieht in Erwägung :
1.a) Es stellt sich zunächst die Frage, welches Rechtsmittel gegen eine Einstellungsverfügung des Kreispräsidenten im Strafmandatsverfahren bei Vergehen und Verbrechen gegeben ist. Die Mehrheit des Grossen Rates hat anlässlich der Einführung des Strafmandatsverfahrens bei Vergehen und Verbrechen, im Gegensatz zum Vorschlag der Regierung (vgl. Botschaft vom 29. März 1973, Seiten 9 und 30 f.), grossen Wert auf eine strikte Trennung zwischen untersuchender und erkennender Behörde gelegt (GRP 1973/ 74, Seiten 56 ff. und 280). Demzufolge enthalten die Bestimmungen über das Strafmandatsverfahren bei Vergehen und Verbrechen, insbesondere die Art. 172 und 173 StPO, keinen Auftrag an den Kreispräsidenten, den Sachverhalt festzustellen. Dies im Gegensatz zu Art.170 StPO, der das Strafmandatsverfahren bei Übertretungen betrifft. In diesem Sinne sind denn auch Lehre und Praxis davon ausgegangen, dass der  im Strafmandatsverfahren bei Vergehen und Verbrechen gestützt auf Art. 49 Abs. 1 lit. a StPO die Funktion eines Sachrichters und nicht diejenige eines Untersuchungsorgans ausübe (vgl. PKG 1980 Nr. 40; PKG 1985 Nr. 54; Padrutt, Kommentar zur Strafprozessordnung des Kantons Graubünden, 2. Auflage, Chur 1996, S. 439 und 442). Grundsätzlich können gemäss ständiger Rechtsprechung (PKG 1994 Nr. 46 mit weiteren Hinweisen) Verfügungen der
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Untersuchungsbehörden mittels Beschwerde gemäss Art. 137 ff. StPO, Entscheide und Verfügungen nach Anklageerhebung sowie Urteile mittels Berufung gemäss Art. 141 ff. StPO angefochten werden, vorausgesetzt immer, dass das betreffende Rechtsmittel hierfür überhaupt vorgesehen ist. Im Strafmandatsverfahren bei Vergehen und Verbrechen erfolgt, wie zuvor bereits gezeigt, keine Anklageerhebung im Sinne von Art. 98 StPO. Dennoch trennt auch die bündnerische Strafprozessordnung, wie soeben gezeigt, das Strafmandatsverfahren bei Vergehen und Verbrechen in ein Untersuchungs- und ein Erkenntnisverfahren. Die Funktion der Anklage wird diesbezüglich vom Mandatsantrag im Sinne von Art. 172 Abs. 2 StPO übernommen. Somit ergibt sich, dass gegen Einstellungsverfügungen des Kreispräsidenten im erweiterten Strafmandatsverfahren die Berufung an den Kantonsgerichtsausschuss zu erheben ist (so PKG 1980 Nr. 40; PKG 1985 Nr. 54; anderer Meinung, aber ohne nähere Begründung: PKG1978 Nr. 53; PKG 1980 Nr. 43; zum Ganzen PKG 2000 Nr. 20).