Decision ID: 4bf29442-5396-50b9-8f90-4af91c32e198
Year: 2005
Language: de
Court: SG_VG
Chamber: SG_VG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

hat das Verwaltungsgericht festgestellt:
A./ S. S.,geboren 1962, Staatsangehörige von Serbien und Montenegro, heiratete am
3. Juni 2002 in ihrem Heimatstaat den in Wittenbach wohnhaften Landsmann D. M.,
geboren 1954. Der Ehemann verfügt über eine Niederlassungsbewilligung. Am 12.
März 2003 reiste die Ehefrau im Rahmen des Familiennachzugs in die Schweiz ein und
erhielt in der Folge eine Aufenthaltsbewilligung.
Am 17. März 2005 teilte der Ehemann dem Ausländer-amt mit, die eheliche
Gemeinschaft werde nicht länger fortgeführt und er habe die Scheidung eingereicht.
Mit Verfügung vom 23. Mai 2005 widerrief das Ausländeramt die Aufenthaltsbewilligung
der Ehefrau. Zur Begründung wurde festgehalten, die Eheleute lebten getrennt,
weshalb die Voraussetzung für die Bewilligung nicht mehr gegeben sei. Die gegen den
Ehemann erhobenen Misshandlungsvorwürfe seien nicht hinreichend glaubhaft
gemacht worden. Aufgrund der kurzen Aufenthaltsdauer sei eine Rückkehr in die
Heimat zumutbar.
B./ Gegen die Verfügung des Ausländeramts erhob S. M. Rekurs, der vom Justiz- und
Polizeidepartement mit Entscheid vom 2. September 2005 abgewiesen wurde.
C./ Mit Eingaben vom 19. September und 25. Oktober 2005 erhob S. M. Beschwerde
beim Verwaltungsgericht mit dem Antrag, der Rekursentscheid vom 2. September 2005
sei aufzuheben und es sei von einem Widerruf der Aufenthaltsbewilligung abzusehen,
gegebenenfalls sei die Aufenthaltsbewilligung zu verlängern, unter Kosten- und
Entschädigungsfolge. Zur Begründung wird im wesentlichen geltend gemacht, der
Sachverhalt sei nicht rechtsgenüglich abgeklärt und die im Rekursverfahren
beantragten Beweise seien zu Unrecht nicht abgenommen worden. Ausserdem habe
die Vorinstanz ihr Ermessen überschritten. Auf die einzelnen Vorbringen wird, soweit
wesentlich, in den nachstehenden Erwägungen eingegangen.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/8
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Die Vorinstanz schliesst in ihrer Vernehmlassung vom 28. Oktober 2005 unter Hinweis
auf die Erwägungen des angefochtenen Entscheids auf Abweisung der Beschwerde.

Darüber wird in Erwägung gezogen:
1./ Die sachliche Zuständigkeit des Verwaltungsgerichts ist gegeben (Art. 59bis Abs. 1
des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, abgekürzt VRP). Die
Beschwerdeführerin ist zur Ergreifung des Rechtsmittels legitimiert (Art. 64 Abs. 1 in
Verbindung mit Art. 45 Abs. 1 VRP). Die Beschwerdeeingaben vom 19. September und
25. Oktober 2005 entsprechen zeitlich, formal und inhaltlich den gesetzlichen
Anforderungen (Art. 64 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 47 Abs. 1 und Art. 48 Abs. 1 und 2
VRP). Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2./ Nach Art. 17 Abs. 2 des Bundesgesetzes über Aufenthalt und Niederlassung der
Ausländer (SR 142.20, abgekürzt ANAG) hat die Ehegattin eines in der Schweiz
niedergelassenen Ausländers Anspruch auf Erteilung und Verlängerung der
Aufenthaltsbewilligung, solange die Ehegatten zusammen wohnen. Der
Rechtsanspruch der ausländischen Ehegattin eines in der Schweiz niedergelassenen
Ausländers besteht also nur, solange die Ehegatten nicht getrennt leben oder
geschieden sind (vgl. statt vieler BGE 123 I 26).
a) Im Beschwerdeverfahren ist unbestritten, dass die Beschwerdeführerin mit ihrem
Ehemann nicht mehr in ehelicher Gemeinschaft lebt. Nach ihrer Darstellung gegenüber
dem Ausländeramt vom 2. Mai 2005 wohnt sie seit März 2005 getrennt von ihrem
Ehemann. Folglich ist ihr Anspruch auf Erteilung bzw. Verlängerung der
Aufenthaltsbewilligung nach Art. 17 Abs. 2 ANAG erloschen.
b) Die Beschwerdeführerin beruft sich auf das Vorliegen eines Härtefalls. Die
Aufenthaltsbewilligung kann unter bestimmten Umständen, namentlich um Härtefälle
zu vermeiden (vgl. Art. 13 lit. f der Verordnung über die Begrenzung der Zahl der
Ausländer, SR 823.21), auch nach der Auflösung der ehelichen Gemeinschaft
verlängert werden. Massgebend sind dabei hauptsächlich die Dauer der Anwesenheit,
die persönliche Beziehung zur Schweiz (insbesondere wenn Kinder vorhanden sind),
die berufliche Situation, die Wirtschafts- und Arbeitsmarktlage, das Verhalten und der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/8
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Integrationsgrad. Zu berücksichtigen sind ferner die Umstände, die zur Auflösung der
ehelichen Gemeinschaft geführt haben. Steht fest, dass der im Familiennachzug
zugelassenen Person eine Fortführung der ehelichen Gemeinschaft, namentlich weil sie
misshandelt worden ist, nicht länger zugemutet werden konnte, ist dies beim Entscheid
besonders in Rechnung zu stellen (Weisungen und Erläuterungen des Bundesamtes für
Migration, Rz 654).
Die Beschwerdeführerin macht einen Härtefall geltend und behauptet, sie sei von ihrem
Ehemann misshandelt worden. Sie macht insbesondere geltend, die Vorinstanz habe
die im Rekursverfahren angebotenen Beweise nicht erhoben.
Der Vorwurf der Misshandlung kann nicht leichthin zur Verlängerung der
Aufenthaltsbewilligung nach Auflösung der ehelichen Gemeinschaft führen (VerwGE
vom 18. Juni 2002 i.S. A.R.). Selbst wenn die Beweisführung für Misshandlungen nicht
immer einfach ist, sind doch konkrete Hinweise zu verlangen; die blosse Behauptung
einer Misshandlung genügt nicht. Würde allein auf die Aussagen einer vom Verlust der
Aufenthaltsbewilligung betroffenen Person abgestellt, um den Nachweis einer
Misshandlung als erwiesen anzunehmen, wäre der missbräuchlichen Berufung auf
einen Härtefall Tür und Tor geöffnet. Die Vorinstanz durfte daher ohne
Rechtsverletzung von einer Befragung der Beschwerdeführerin absehen und auf die
vorliegenden Indizien abstellen.
Der Hausarzt der Beschwerdeführerin hielt in einem Bericht vom 13. April 2005 fest,
dass der Ehemann gegenüber der Beschwerdeführerin wiederholt tätlich geworden sei.
Anlässlich der Untersuchung hätten sich Blutergüsse sowohl älteren als auch neueren
Datums am rechten Oberarm befunden. Die Angaben seien glaubhaft und der Befund
vereinbar mit der Aussage der Patientin, dass sie von ihrem Mann vor einer Woche
sowie erneut am 11. April 2005 am rechten Oberarm heftig gekniffen worden sei. Ihr
Mann habe sie vor einer Woche handfest zur Herausgabe von Geld aufgefordert. Der
Ehemann konsumiere im Uebermass Alkohol und sei dem Spiel verfallen. Ein
Zusammenleben scheine aufgrund der geschilderten Vorkommnisse sowie wegen der
ungünstigen Prognose für die Beschwerdeführerin nicht mehr zumutbar.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/8
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Die Vorinstanz hielt fest, das Arztzeugnis werte die Aussagen der Beschwerdeführerin
als plausibel. Eine Gewalteinwirkung durch den Ehemann sei jedoch nicht bewiesen.
Unbewiesen seien auch die in der Rekursschrift behaupteten finanziellen und sexuellen
Nötigungen und Nötigungsversuche. Dem Arztzeugnis sind keine Anhaltspunkte zu
entnehmen, dass die Beschwerdeführerin ihren Arzt unmittelbar wegen der geltend
gemachten Misshandlungen aufsuchte; der Arzt hielt fest, die Beschwerdeführerin
habe ihn aus anderen Gründen konsultiert. Auch kann ein heftiges Kneifen am Arm
allenfalls zwar als Tätlichkeit eingestuft werden. Diese hat aber nicht den Stellenwert
einer Misshandlung, welche die Weiterführung der ehelichen Gemeinschaft unzumutbar
machen würde. Die geltend gemachten Misshandlungen und Tätlichkeiten sind im
übrigen, bis auf eine Ausnahme, zeitlich nicht bestimmt. Gegenüber dem Ausländeramt
hielt die Beschwerdeführerin fest, in der ersten Aprilwoche 2005 sei ihr Ehemann vor
der Kursana erschienen und habe Geld von ihr gefordert. Er habe sie derart gewalttätig
am Arm festgehalten, dass sich Blutergüsse gebildet hätten. Am 11. April 2005 sei der
Ehemann ihr nach Zürich gefolgt und habe Geld von ihr gefordert, falls sie die
Bewilligung wieder wolle. Zudem habe er sie erneut so stark am Arm festgehalten, dass
sie blaue Flecken bekommen habe. Andere konkrete Vorfälle werden nicht geltend
gemacht, sondern es wird lediglich pauschal behauptet, der Ehemann sei wiederholt
gewalttätig gewesen und habe sie genötigt, Geld auszuhändigen.
Ein Merkmal für das Fehlen einer schwerwiegenden Misshandlung erblickte die
Vorinstanz ausserdem zu Recht im Umstand, dass die Beschwerdeführerin keine
Strafanzeige gegen ihren Ehemann eingereicht hat. Was sie dagegen vorbringt, ist
nicht überzeugend. Es ist widersprüchlich, wenn sie den Verzicht auf eine Strafanzeige
damit begründet, sie habe das Verhältnis nicht noch stärker trüben wollen, und es sei
auch sehr fraglich, ob bei der vorliegenden Beweislage eine Strafanzeige zu einer
Verurteilung geführt hätte. Wenn die Misshandlung dermassen gravierend gewesen
wäre, dass ein Härtefall in Betracht zu ziehen wäre, wäre eine weitere Verschlechterung
des Verhältnisses der Eheleute nicht mehr massgebend ins Gewicht gefallen.
Ungeachtet der konkreten Aussichten auf eine Verurteilung des Betroffenen bringt das
Einreichen einer Strafanzeige zum Ausdruck, dass die Misshandlung von der
betroffenen Person als gravierend empfunden wird. Die Vorinstanz durfte daher zu
Recht in der fehlenden Strafanzeige ein Indiz für die fehlende Schwere der geltend
gemachten Misshandlung betrachten.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/8
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Auch die im Rekursverfahren angerufenen Zeugen hätten keine für den Entscheid
wesentlichen Aussagen machen können. Im Rekurs war ausgeführt worden, die beiden
Bekannten der Beschwerdeführerin hätten der Begebenheit, als der Ehemann Geld von
ihr gefordert und sie so stark am Arm gehalten habe, dass sie blaue Flecken
bekommen habe, aus einigem Abstand beigewohnt. Wie erwähnt, ist ein grobes
Festhalten am Arm allenfalls als Tätlichkeit, nicht aber als Misshandlung zu werten. Die
beiden Zeuginnen hätten auch nichts Relevantes darüber aussagen können, ob die
blauen Flecken unmittelbar von der behaupteten Begegnung oder von der
Konfrontation vor der Kursana stammten. Selbst wenn sich der Vorfall so abgespielt
hätte, wie er von der Beschwerdeführerin unter Berufung auf die beiden Bekannten
geschildert wird, hätte dies für die Annahme eines Härtefalles nicht genügt. Deshalb
durfte die Vorinstanz ohne Rechtsverletzung auf eine Befragung verzichten.
Nicht stichhaltig sind die Einwände in der Beschwerde, es komme nicht auf die Art der
Misshandlung allein, sondern vielmehr auf die Auswirkungen beim Opfer an, und diese
könnten nur durch eine Befragung der Betroffenen selbst festgestellt und beurteilt
werden. Auf die subjektive Empfindung der betroffenen Person kann nicht in
entscheidendem Masse abgestellt werden. Zum einen sind subjektive Empfindungen
schwer feststellbar, und zum andern müsste bei solchen Aeusserungen stets
berücksichtigt werden, dass die betroffene Person aus der behaupteten Empfindung
einen unmittelbaren Nutzen ziehen kann. Soweit nicht gleichzeitig objektive
Anhaltspunkte für schwere Misshandlungen vorliegen, kann daher nicht auf subjektive
Empfindungen abgestellt werden.
d) Die Beschwerdeführerin hält sich seit knapp drei Jahren in der Schweiz auf. Die
kurze Aufenthaltsdauer durfte von der Vorinstanz bei einem Entscheid über den
Widerruf der Aufenthaltsbewilligung zu Ungunsten der Beschwerdeführerin
berücksichtigt werden. Ausserdem blieb die Ehe kinderlos. Unbestritten ist, dass sich
die Beschwerdeführerin klaglos verhalten und als Arbeitnehmerin bewährt hat. Dies
wird aber grundsätzlich von jeder ausländischen Person erwartet, die sich in der
Schweiz aufhält. Aufgrund der Tätigkeit der Beschwerdeführerin - sie ist als Pflegehilfe
und daneben im Aussendienst tätig - sind in wirtschaftlicher und arbeitsmarktlicher
Hinsicht keine zwingenden Gründe für eine Verlängerung der Bewilligung gegeben. Im
übrigen ist nicht ersichtlich, inwiefern eine allfällige Rückkehr in den Herkunftsstaat für
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/8
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
die Beschwerdeführerin mit überdurchschnittlichen Schwierigkeiten verbunden ist. Wie
die Vorinstanz zutreffend festhält, hat die Beschwerdeführerin Angehörige im
Herkunftsstaat; gegenüber dem Ausländeramt machte sie denn auch die intensiven
Kontakte zu ihrer Tochter und ihrer Mutter geltend.
e) Zusammenfassend ergibt sich aus den vorstehenden Erwägungen, dass der
Vorinstanz keine unvollständige bzw. unrichtige Feststellung des Sachverhalts und
keine Ueberschreitung bzw. kein Missbrauch des Ermessens vorgehalten werden
können. Der Widerruf der Aufenthaltsbewilligung bewegt sich im Rahmen des
pflichtgemässen Ermessens und steht im Einklang mit der Praxis des
Verwaltungsgerichts (vgl. etwa VerwGE B 2005/141 vom 25. Oktober 2005, B 2005/114
vom 13. September 2005, B 2005/59 vom 20. Juni 2005, derzeit publiziert in:
www.gerichte.sg.ch), weshalb die Beschwerde als unbegründet abzuweisen ist.
3./ Dem Verfahrensausgang entsprechend sind die amtlichen Kosten des
Beschwerdeverfahrens der Beschwerdeführerin aufzuerlegen (Art. 95 Abs. 1 VRP). Eine
Entscheidgebühr von Fr. 2'000.-- ist angemessen (Ziff. 382 Gerichtskostentarif, sGS
941.12). Sie ist mit dem geleisteten Kostenvorschuss in gleicher Höhe zu verrechnen.
Ausseramtliche Kosten sind nicht zu entschädigen (Art. 98bis VRP).