Decision ID: 5b388ef9-ca18-451a-bf64-a25549942155
Year: 2009
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
S._,
Beschwerdeführer,
vertreten durch Rechtsanwältin Dr. iur. Elisabeth Scherwey, Schweizer Paraplegiker-
Vereinigung, Kantonsstrasse 40, 6207 Nottwil,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
Hilfsmittel (Kostenübernahme)
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Sachverhalt:
A.
A.a S._ stürzte am 27. Juli 2002 von einer Treppe und erlitt u.a. eine Fraktur an den
Brustwirbelkörpern 4-6 mit kompletter Paraplegie sub Th5 (Ärztlicher Zwischenbericht
der Suva vom 11. Dezember 2003, act. G 4.2).
A.b Im September 2002 meldete sich der Versicherte zum Bezug von IV-Leistungen an
(act. G 4.1/1). In der Folge sprach ihm die IV-Stelle des Kantons St. Gallen u.a. mit
Verfügungen vom 4. November 2003 gestützt auf einen Invaliditätsgrad von 100% mit
Beginn ab 1. Juli 2003 eine ganze Rente zu (act. G 4.1/55). Sie gewährte am
26. Februar 2004 eine Kostengutsprache für eine Umschulung (betriebsinterne
Einarbeitung zum technischen Sachbearbeiter bei der bisherigen Arbeitgeberin A._;
act. G 4.1/69). Mit Verfügungen vom 14. September 2004 übernahm die IV-Stelle an
der Wohnung des Versicherten diverse invaliditätsbedingte Umbaukosten (Türen,
Türschwellen, Anpassungen Badezimmer, Hauszugang, Umgebung) sowie Kosten für
die leihweise Abgabe eines Treppenlifts und für eine Treppenliftverlängerung im
Umfang von gesamthaft Fr. 74'180.30 (act. G 4.1/83 ff.). Die Kostenübernahme für
einen Autounterstand lehnte sie ab (act. G 4.1/86).
A.c Am 21. März 2005 erklärte die IV-Stelle die beruflichen Massnahmen
(betriebsinterne Einarbeitung zum technischen Sachbearbeiter) für erfolgreich
abgeschlossen (act. G 4.1/100) und verfügte am 12. April 2005 bei einem
Invaliditätsgrad von 60% eine Dreiviertelrente mit Wirkung ab 1. Juli 2004 (act.
G 4.1/104).
A.d Die A._ teilte der IV-Stelle am 31. Mai 2005 mit, dass der bisherige Arbeitsplatz
des Versicherten als Folge der Zusammenlegung der Regionalvertretung von Y._
nach Z._ verlegt werde (act. G 4.1/105). Der Versicherte gab an, dass für ihn ein
Wechsel des Arbeitsplatzes nach Z._, u.a. mit Blick auf den Arbeitsweg, mit
erheblichem Aufwand verbunden sei. In seiner jetzigen Wohnung könne kein
Arbeitsplatz eingerichtet werden. Es bestehe indessen eine Möglichkeit, in Y._ eine
Liegenschaft zu erwerben und in diesem neuen Zuhause ein Büro einzurichten. Für
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
dieses Vorhaben benötige er einen geraden Treppenlift, eine Nasszelle und einen
elektrisch höhenverstellbaren Arbeitstisch (act. G 4.1/132).
A.e Die Schweizerische Arbeitsgemeinschaft Hilfsmittelberatung für Behinderte und
Betagte (SAHB) klärte das Einrichten eines Büros in der vom Versicherten neu
erworbenen Liegenschaft ab und nahm im Bericht vom 21. März 2007 zu einzelnen
baulichen Vorkehren Stellung (act. G 4.1/138). Am 20. September 2007 teilte die IV-
Stelle der SAHB mit, dass sie bereits am 14. September 2004 Kosten für bauliche
Änderungen und einen Treppenlift im Gesamtbetrag von Fr. 73'741.85 übernommen
habe. Eine erneute Kostengutsprache für einen aktuellen Umbau eines neu erworbenen
Eigenheims im Gesamtbetrag von Fr. 117'136.10 könne nicht erteilt werden. Die SAHB
werde ersucht, die Kosten für den Einbau eines Treppenlifts, des behindertengerechten
Umbaus einer Nasszelle und eines höhenverstellbaren Arbeitstisches am ursprünglich
geplanten Arbeitsort in Z._ abzuklären. Im Rahmen der Austauschbefugnis könne an
die ganzen Umbaukosten an der neu erworbenen Liegenschaft des Versicherten ein
Kostenbeitrag von der Invalidenversicherung geleistet werden (act. G 4.1/141; vgl. auch
das Schreiben vom 8. Juni 2007; act. G 4.1/139).
A.f Die SAHB klärte die Verhältnisse am ursprünglich vorgesehenen Arbeitsort in Z._
ab. Sie gelangte im Bericht vom 16. November 2007 zur Auffassung, dass für die
Einrichtung eines Arbeitsplatzes ein Treppenlift (Fr. 23'560.--), ein elektrischer Türöffner
für den Haupteingang (Fr. 5'500.--), Umbauarbeiten im Büro (Fr. 5'840.--) und ein
höhenverstellbarer Arbeitstisch (Fr. 1'700.--) erforderlich seien. Zudem benötige der
Versicherte in seinem Büro eine Liege, worauf er die Kleider wechseln könne, die vom
Regen/Schnee (Transfer vom oder ins Auto) oder von der Inkontinenzproblematik nass
geworden seien. Es müsse noch hinzugefügt werden, dass nicht nur immer die Kleider,
sondern auch das Sitzkissen oder der Boden unter dem Rollstuhl nass würden. Dies
habe zur Folge, dass ein Teppichboden – wie er am Arbeitsort in Z._ bestehe –,
durch Urintropfen etc. schnell einmal zu riechen anfangen würde. Die SAHB sei sich
aber bewusst, dass die IV keine Bodenbeläge übernehme. Das WC könne als
rollstuhlgängig bezeichnet werden (act. G 4.1/143).
A.g Am 14. Februar 2008 verfügte die IV-Stelle im Sinn der Austauschbefugnis eine
Kostenübernahme für bauliche Änderungen am Arbeitsplatz (Büroumbau,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
automatischer Türöffner), für den Einbau eines Treppenlifts und für einen
höhenverstellbaren Arbeitstisch im Umfang von Fr. 36'600.--. Treppenlift und
Arbeitstisch würden leihweise abgegeben. Ferner erteilte sie eine Kostengutsprache an
das Serviceabonnement für den Treppenlift von jährlich Fr. 485.--. In der Begründung
wies die IV-Stelle darauf hin, dass die IV sich im Jahr 2004 an den Kosten für den
invaliditätsbedingten Umbau im Wohnbereich beteiligt habe. Der Versicherte habe sich
freiwillig nach einer neuen Wohnsituation umgesehen. Bereits vor dem Kauf sei er
darüber informiert worden, dass die IV nicht die gesamten Umbaukosten übernehmen
könne (act. G 4.1/150.3).
B.
B.a Dagegen richtet sich die vorliegend zu beurteilende Beschwerde vom 12. März
2008. Der Beschwerdeführer beantragt darin unter Kosten- und Entschädigungsfolgen,
dass die Verfügung vom 14. Februar 2008 in Bezug auf die Abweisung der
Kostenübernahme für den invaliditätsbedingten Umbau im Wohnbereich aufzuheben
sei. Es sei ihm zusätzlich zu den Umbaukosten am Arbeitsplatz in der Höhe von
Fr. 36'600.-- eine anteilsmässige Kostengutsprache für invaliditätsbedingte
Umbaukosten im Wohnbereich zuzusprechen. Zur Begründung führt er aus, dass von
Beginn an klar gewesen sei, dass der Arbeitsplatz von Y._ nach Z._ verlegt werde.
Mit der Zeit habe sich ergeben, dass der lange, mühsame und kräfteraubende
Arbeitsweg für ihn auf Dauer nicht zumutbar sei. Im Übrigen hätte sich der neue
Arbeitsplatz in Z._ im 1. Stock befunden, der nur über eine Rundtreppe erreichbar
gewesen wäre. Es gebe keine rollstuhlgängige Nasszelle. Ein weiteres Problem bestehe
darin, dass es in der Nähe des Gebäudes keine gedeckten Parkplätze gebe, so dass er
bei schlechtem Wetter oder im Winter nicht trocken vom Auto bis zum Arbeitsplatz
hätte gelangen können. Entsprechend habe man nach einer anderen Lösung gesucht,
die er schliesslich im neu gekauften Haus gefunden habe. Hier könne er gleichzeitig
wohnen und seinen Heimarbeitsplatz einrichten. Mit dieser Lösung könne sichergestellt
werden, dass er seinen Arbeitsplatz behalten könne. Es werde ihm dadurch weiter
ermöglicht, dass er noch viele Jahre erwerbsfähig sein könne. Er sei zu diesen
Veränderungen gezwungen worden. In der alten Wohnung hätte kein Arbeitsplatz
eingerichtet werden können. Ohnehin sei diese derart renovationsbedürftig gewesen,
dass die damalige Vermieterin seinen baldigen Auszug ins Auge gefasst habe. Vieles
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
sei mangelhaft gewesen. Die jetzige Lösung stelle die kostengünstigere dar. Statt eines
zusätzlichen Treppenliftes bei einer komplizierten Rundtreppe in Z._ habe nur ein
einfacher gerader Treppenlift eingebaut werden müssen. Ausserdem habe der
Treppenlift in der alten Wohnung eingestellt werden können. Bei der Lösung mit
Arbeitsplatz in Z._ hätten dagegen zwei Treppenlifte in Betrieb bleiben müssen. Egal
wo sich der Arbeitsplatz befinde, eine rollstuhlgängige Nasszelle müsse bestehen, und
zwar mit der Möglichkeit, sich zu waschen und umzuziehen, da er eine Klopfblase habe
und auf eine rollstuhlgängige Nasszelle angewiesen sei. Diese invaliditätsbedingten
Anpassungen am Arbeitsplatz seien im Sinn der Austauschbefugnis zumindest
anteilmässig an die Umbaukosten des Badezimmers in seinem Eigenheim
anzurechnen. Ebenso die Kosten des Garagentors, anstelle des in Z._ benötigten
Autounterstandes für den Transfer vom Auto in den Rollstuhl. Unter diesen Umständen
sei nicht nachvollziehbar, dass die Beschwerdegegnerin die invaliditätsbedingten
Umbaukosten für die Wohnung mit der lapidaren Begründung ablehne, solche seien
bereits im Jahr 2004 bewilligt worden, weshalb nun kein Anspruch mehr darauf
bestehe (act. G 1).
B.b Die Beschwerdegegnerin beantragt in der Beschwerdeantwort vom 28. Mai 2008
die Beschwerdeabweisung. Sie macht geltend, dem Beschwerdeführer sei am 14.
September 2004 eine Kostengutsprache von Fr. 73'741.85 für bauliche Änderungen
und den Einbau eines Treppenlifts bei seinem gemieteten Haus in Y._ zugesprochen
worden. Wie jede Eingliederungsmassnahme stehe auch die Abgabe von Hilfsmitteln
unter dem Vorbehalt der Verhältnismässigkeit. Es müssten somit die Voraussetzungen
der Notwendigkeit, Geeignetheit und Verhältnismässigkeit im engeren Sinn (kein
Missverhältnis zwischen Aufwand und Ertrag) erfüllt sein. Vorliegend sei die
Notwendigkeit eines erneuten Gesamtumbaus einer Liegenschaft nicht dargetan. Dem
Beschwerdeführer sei es zumutbar, mit seinem auf IV-Kosten von Fr. 22'317.20
umgebauten Auto von seinem Wohnort in Y._ zum Arbeitsplatz nach Z._ zu fahren.
Die Fahrzeit für einen Weg betrage lediglich 20 Minuten. Medizinische Gründe, die
gegen einen solchen Arbeitsweg sprechen würden, seien nicht erkennbar und würden
auch nicht geltend gemacht. Der Regionale Ärztliche Dienst (RAD) führe in der
Stellungnahme vom 21. Mai 2008 (act. G 13) aus, im Vergleich zu einem Fussgänger
sei für einen Rollstuhlfahrer der Transfer, d.h. das Besteigen bzw. Verlassen des Autos
aufwendiger und schwieriger. Das Lenken eines der Behinderung angepassten Autos
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
stelle bei einem Paraplegiker im Vergleich zu einem Fussgänger grundsätzlich keine
wesentlich schwierigere Herausforderung dar. Die weitere Rüge, der Beschwerdeführer
benötige wegen seiner Klopfblase zwingend eine rollstuhlgängige Nasszelle, sei
ebenfalls nicht gerechtfertigt. Der RAD führe dazu aus, das Klopfen der Blase stelle
einen "Trigger" für die Blasenentleerung dar. Der Harn müsse bei jeder
Blasenentleerung aufgefangen werden, sei es auf dem WC mittels Urinflasche oder mit
einem geschlossenem Ableitsystem (Condom urinal). Aufgrund der verschiedenen zur
Verfügung stehenden Auffangsysteme sei nicht zwingend eine rollstuhlgängige
Nasszelle erforderlich. Weiter sei es nicht notwendig, dass beim Arbeitsplatz in Z._
ein gedeckter Parkplatz zur Verfügung stehen und dieser im Rahmen der
Austauschbefugnis finanziert werden müsse. Dem Beschwerdeführer sei es bei
schlechtem Wetter zumutbar, sich mit entsprechender Kleidung gegen die Nässe zu
schützen, zumal kein Anspruch auf ein komfortables Hilfsmittel bestehe. Sein Einwand,
im ehemaligen von ihm gemieteten Haus sei vom Badezimmer her ständig Wasser in
den unteren Stock gesickert, weshalb das weitere Wohnen dort unzumutbar gewesen
sei, sei nicht stichhaltig. Dieser Mangel hätte vom Vermieter beseitigt werden müssen
(act. G 4).
B.c Der Beschwerdeführer bringt in der Replik vom 2. Juli 2008 vor, er leide seit Januar
2007 an einer Paraplegie sub Th4 (nicht Th5). Die Ausführungen des RAD zur
Klopfblase seien dagegen zutreffend. Im Normalfall sei es so, dass der Harn bei jeder
Blasenentleerung in einem am Bein befestigten Sack aufgefangen werde. Dieser könne
auf dem WC oder in eine Urinflasche entleert werden (Ableitsystem Condom urinal).
Leider funktioniere dies beim Beschwerdeführer nicht immer. Er habe zwar ein Condom
urinal, doch wegen des häufigen Klebens habe sich sein Penis zurückgebildet, so dass
er mindestens zwei- bis dreimal pro Woche nass werde. Des Weiteren passiere es dem
Beschwerdeführer ein- bis zweimal wöchentlich, dass er sich beim Stuhlgang
beschmutze. In dieser Situation sei er zwingend auf eine Nasszelle (mit Liegebank)
angewiesen. Da die Lähmung beim Beschwerdeführer relativ weit oben sei, sei er nicht
in der Lage, sich sitzend im Rollstuhl die Hosen zu wechseln. Die Beschwerdegegnerin
hätte daher in Z._ zumindest auch eine Nasszelle finanzieren müssen. Diese Kosten
seien nun entsprechend an die Umbaukosten des Badezimmers in seinem Eigenheim
anzurechnen. Die Ausführungen der Beschwerdegegnerin zum Autotransfer seien nicht
zutreffend. Am alten Arbeitsplatz habe dieser Transfer nicht stattgefunden, da der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdeführer dorthin nicht mit dem Auto gefahren sei. Er habe den damaligen
Arbeitsweg in der Regel mit dem Rollstuhl oder mit dem Swisstrac zurückgelegt. Die
reine Fahrzeit von Z._ nach Y._ betrage 20 Minuten. Hinzu kämen aber je 10
Minuten für den Transfer, womit sich der Arbeitsweg auf 40 Minuten summiere.
Insgesamt sei es gerechtfertigt, dass dem Beschwerdeführer nicht nur die
invaliditätsbedingten Anpassungen des Arbeitsplatzes in Z._ bezahlt werden
(einschliesslich Nasszelle und Autounterstand), sondern auch die invaliditätsbedingten
Anpassungen in seinem neuen Zuhause. Für die Mängelbehebung in der gemieteten
Wohnung hätte kaum der Vermieter in Anspruch genommen werden können, sei der
Wasserschaden doch Folge des invaliditätsbedingten Umbaus gewesen (schwellenlose
Dusche ohne Betonboden). Schliesslich sei festzuhalten, dass allein der
Heimarbeitsplatz ein Arbeitspensum von 40% überhaupt ermögliche. Er leide an
erheblichen Mobilitätsproblemen. Nur dank zeitaufwendiger Physiotherapie könne er
die Transfers alleine bewältigen. Es gebe aber immer wieder schlechte Tage, an denen
er nichts tun könne. Dank des Heimarbeitsplatzes könne er darauf flexibel reagieren.
Zum Beweis beruft er sich auf eine medizinische Abklärung (act. G 6).
B.d Die Beschwerdegegnerin hat auf die Einreichung einer Duplik verzichtet (act. G 8).
B.e Zur Nachreichung der RAD-Stellungnahme vom 21. Mai 2008 durch die
Beschwerdegegnerin (act. G 13) hält der Beschwerdeführer fest, dabei handle es sich
um rein theoretische Ausführungen, ohne dass auf den konkreten Fall eingegangen
würde (act. G 15).

Erwägungen:
1.
1.1 Nach Art. 21 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG;
SR 831.20) hat die versicherte Person im Rahmen einer vom Bundesrat aufzustellenden
Liste Anspruch auf jene Hilfsmittel, die sie für die Ausübung einer Erwerbstätigkeit oder
der Tätigkeit im Aufgabenbereich, zur Erhaltung oder Verbesserung der
Erwerbsfähigkeit, für die Schulung, die Aus- und Weiterbildung oder zum Zweck der
funktionellen Angewöhnung bedarf. Versicherte, die infolge ihrer Invalidität für die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Fortbewegung, für die Herstellung des Kontakts mit der Umwelt oder für die
Selbstsorge kostspieliger Geräte bedürfen, haben im Rahmen einer vom Bundesrat
aufzustellenden Liste ohne Rücksicht auf die Erwerbsfähigkeit Anspruch auf solche
Hilfsmittel (Abs. 2). Art. 14 der Verordnung über die Invalidenversicherung (IVV;
SR 831.201), vom Bundesrat in Ausführung der vorgenannten Gesetzesbestimmung
erlassen, überträgt die Aufstellung der Liste der Hilfsmittel, die von der IV übernommen
werden, dem Eidgenössischen Departement des Innern (EDI). In Ausübung dieser
Subdelegation hat das EDI die Verordnung über die Abgabe von Hilfsmitteln durch die
IV (HIV) erlassen, deren Anhang die Liste der abzugebenden Hilfsmittel enthält. Im
Rahmen dieser Liste besteht Anspruch auf Hilfsmittel, soweit diese für die
Fortbewegung, die Herstellung des Kontakts zur Umwelt oder für die Selbstsorge
notwendig sind (Art. 2 Abs. 1 HVI). Anspruch auf die in dieser Liste mit einem *
bezeichneten Hilfsmittel besteht nur, soweit diese für die Ausübung einer
Erwerbstätigkeit oder die Tätigkeit im Aufgabenbereich, für die Schulung, die
Ausbildung, die funktionelle Angewöhnung oder für die in der zutreffenden Ziffer des
Anhangs ausdrücklich genannten Tätigkeit notwendig sind (Abs. 2). In Ziff. 13.05* HVI
Anhang werden als Hilfsmittel für die Ausübung der genannten Tätigkeiten u.a.
„Hebebühnen und Treppenlifte sowie Beseitigung oder Abänderung von baulichen
Hindernissen im und um den Wohn-, Arbeits-, Ausbildungs- und Schulungsbereich,
sofern damit die Überwindung des Weges zur Arbeits-, Ausbildungs- oder
Schulungsstätte oder die Tätigkeit im Aufgabenbereich ermöglicht wird”, genannt. Es
besteht nur Anspruch auf Hilfsmittel in einfacher und zweckmässiger Ausführung
(Abs. 4 erster Satz). Die Liste im HVI-Anhang ist gemäss der höchstrichterlichen
Rechtsprechung insofern abschliessend, als sie die in Frage kommenden
Hilfsmittelkategorien aufzählt. Dagegen ist bei jeder Kategorie zu prüfen, ob die
Aufzählung der einzelnen Hilfsmittel innerhalb der Kategorie ebenfalls abschliessend
oder bloss exemplarisch ist (BGE 131 V 114 f E. 3.4.3).
1.2 Die versicherte Person hat in der Regel nur Anspruch auf die dem jeweiligen
Eingliederungszweck angemessenen, notwendigen Massnahmen, nicht aber auf die
nach den gegebenen Umständen bestmöglichen Vorkehren. Denn das Gesetz will die
Eingliederung lediglich so weit sicherstellen, als diese im Einzelfall notwendig, aber
auch genügend ist; ferner muss der voraussichtliche Erfolg einer
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Eingliederungsmassnahme in einem vernünftigen Verhältnis zu ihren Kosten stehen
(BGE 124 V 110 E. 2a, 122 V 214 E. 2c, mit Hinweisen).
1.3 Begnügt sich eine versicherte Person, die Anspruch auf ein in der Liste des
Anhangs aufgeführtes Hilfsmittel hat, mit einem anderen, kostengünstigeren Hilfsmittel,
das dem gleichen Zweck wie das ihr zustehende dient, so ist ihr dieses selbst dann
abzugeben, wenn es in der Liste nicht aufgeführt ist (Austauschbefugnis, Art. 2 Abs. 5
HVI). Im Bereich der Hilfsmittel der IV hat das Bundesgericht den Grundsatz aufgestellt,
dass -– sofern ein von der versicherten Person selbst angeschafftes Hilfsmittel auch
die Funktion eines ihr an sich zustehenden Hilfsmittels erfüllt -–, der Gewährung von
Amortisations- und Kostenbeiträgen nichts im Weg steht; diese sind in diesem Fall auf
der Basis der Anschaffungskosten des Hilfsmittels zu berechnen, auf das die
versicherte Person an sich Anspruch hat. Die Austauschbefugnis kommt jedoch
insbesondere nur zum Tragen, wenn zwei unterschiedliche, aber von der Funktion her
austauschbare Leistungen in Frage stehen. Vorausgesetzt wird mithin neben einem
substitutionsfähigen aktuellen gesetzlichen Leistungsanspruch auch die funktionelle
Gleichartigkeit der Hilfsmittel (BGE 131 V 112 f. E. 3.2.3).
1.4 Diese Grundsätze haben auch dann Geltung, wenn eine versicherte Person
Anspruch auf mehrere invaliditätsbedingt notwendige Hilfsmittel hat. Es muss ihr
freigestellt sein, anstelle der Anschaffung mehrerer Hilfsmittel eine Gesamtlösung zu
treffen, die als Ganzes einen Behelf im Sinn der Austauschbefugnis darstellt. Wählt sie
eine ihren individuellen Bedürfnissen angepasste Gesamtlösung, so beurteilt sich ihr
Anspruch danach, inwieweit die Ersatzlösung – gesamthaft betrachtet – notwendige
Hilfsmittel in einfacher und zweckmässiger Ausführung ersetzt (BGE 127 V 124 E. 2b).
2.
2.1 Vorab zu prüfen ist die Frage, ob dem Beschwerdeführer eine Tätigkeit am
Arbeitsplatz in Z._ zugemutet werden kann.
2.2 Im Sozialversicherungsrecht gilt der Untersuchungsgrundsatz (vgl. Art. 43 Abs. 1
und Art. 61 lit. c des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts [ATSG; SR 830.1]). Demgemäss hat der Versicherungsträger
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
bzw. im Beschwerdefall das Gericht den rechtserheblichen Sachverhalt von Amtes
wegen abzuklären, ohne dabei an die Anträge der Parteien gebunden zu sein.
Verwaltungsbehörden und Sozialversicherungsgerichte haben zusätzliche Abklärungen
stets vorzunehmen, wenn hierzu aufgrund der Parteivorbringen oder anderer sich aus
den Akten ergebender Anhaltspunkte hinreichender Anlass besteht (BGE 110 V 53
E. 4a in fine).
2.3 Der RAD-Arzt berichtete in der Stellungnahme vom 21. Mai 2008, dass die
Zumutbarkeit eines Arbeitsweges von Y._ nach Z._ im vorliegend zu beurteilenden
Fall aus medizinischer Sicht klar zu bejahen sei. Die erforderlichen Transfers sollten bei
einem Paraplegiker mit sensomotorischer Paraplegie sub Th5 aus medizinischer Sicht
kein wesentliches Problem darstellen (act. G 13.1).
2.3.1 Diese Zumutbarkeitsbeurteilung des RAD vermag indessen nicht zu überzeugen.
Vorab ist festzustellen, dass sie ohne eigene medizinische Untersuchungen erfolgte
und sich nicht mit den konkreten Umständen des Einzelfalles auseinandersetzte.
Vielmehr nahm der RAD-Arzt eine rein generell-abstrakte Einschätzung vor. Wo es aber
um die Beurteilung der Zumutbarkeit als Bestandteil der dem Beschwerdeführer
obliegenden Schadenminderungspflicht geht, ist eine Würdigung des Einzelfalles
unerlässlich.
2.3.2 Ins Gewicht fällt ferner auch, dass der Beschwerdeführer nach eigenen Angaben
seit Januar 2007 an einer Paraplegie sub Th4 und nicht mehr bloss Th5 leidet und mit
grossen Stabilitätsproblemen zu kämpfen hat (act. G 6, S. 2 und 4). Diese geltend
gemachte gesundheitliche Verschlechterung fand in der RAD-Beurteilung und in der
Einschätzung der Beschwerdegegnerin indessen bislang keine Beachtung. Es kann
nicht ausgeschlossen werden, dass die geltend gemachte Verschlechterung einen
wesentlichen Einfluss auf die Zumutbarkeitsfrage und die Mobilität des
Beschwerdeführers hat. Vor diesem Hintergrund erweist sich die medizinische Situation
des Beschwerdeführers und damit die umstrittene Zumutbarkeitsfrage bezüglich einer
Tätigkeit am Arbeitsplatz in Z._ als nicht hinreichend geklärt. Mit Blick auf die
spärliche medizinische Aktenlage (die letzte medizinische Stellungnahme vor der RAD-
Beurteilung vom 21. Mai 2008 datiert vom 1. September 2005; act. G 4.1/119) sind
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
daher weitere medizinische Abklärungen zur längerfristigen Zumutbarkeitsbeurteilung
unumgänglich.
2.4 Zusammenfassend ist die Sache zur weiteren medizinischen Abklärung der
gesundheitlichen Situation des Beschwerdeführers – insbesondere hinsichtlich seiner
Mobilität für einen Arbeitsplatz in Z._ – zurückzuweisen. Dabei haben sich die
weiteren Abklärungen nicht auf eine Momentaufnahme zu beschränken, sondern sollen
im Rahmen einer längerfristigen Beurteilung erfolgen unter Berücksichtigung der über
längere Zeit bei einer Tätigkeit in Z._ anfallenden Belastungen. Nach Vornahme
entsprechender Abklärungen wird die Beschwerdegegnerin in Würdigung der
konkreten Umstände erneut über die Zumutbarkeit einer (längerfristigen) Tätigkeit am
Arbeitsplatz in Z._ befinden.
3.
Sollte die Beschwerdegegnerin nach den vorzunehmenden Abklärungen die
Zumutbarkeit des Arbeitsweges Y._ – Z._ bejahen, wird sie sich weiter mit der
Frage zu beschäftigen haben, ob beim Arbeitsplatz in Z._ die Kosten einer Nasszelle
von ihr zu übernehmen sind. Diesbezüglich gilt es festzuhalten, dass der
Eingliederungsberater im Schlussbericht vom 8. September 2006 davon ausging, "egal
wo der neue Arbeitsplatz ist, eine rollstuhlgängige Nasszelle wird benötigt" (act.
G 4.1/132.2). Die SAHB führte im Bericht vom 16. November 2007 aus, dass der
Beschwerdeführer in seinem Büro eine Liege benötige, worauf er die Kleider wechseln
könne, die entweder vom Regen/Schnee oder von der Inkontinenzproblematik nass
geworden seien (act. G 4.1/143.2). Sie äussert sich indessen nicht zur entsprechenden
Kostenfrage und zur Notwendigkeit von zusätzlichen baulichen Massnahmen. Der
RAD-Arzt verneinte mit Blick auf die Klopfblase mit Condom urinal die Notwendigkeit
einer Nasszelle in der Stellungnahme vom 21. Mai 2008 auf theoretischer Grundlage
(act. G 13). Hinsichtlich der Stuhlgangproblematik und der Notwendigkeit einer Liege
nahm er gar keine Stellung.
4.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.1 In teilweiser Gutheissung der Beschwerde wird die angefochtene Verfügung vom
14. Februar 2008 aufgehoben. Die Sache ist zu weiteren Abklärungen und neuer
Verfügung im Sinn der Erwägungen an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
4.2 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr.
1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- erscheint
als angemessen. Die Rückweisung zur Neubeurteilung gilt praxisgemäss als volles
Obsiegen (BGE 132 V 235 E. 6). Die Beschwerdegegnerin hat deshalb die gesamte
Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- zu bezahlen. Dem Beschwerdeführer ist der geleistete
Kostenvorschuss von Fr. 600.-- zurückzuerstatten.
4.3 Bei diesem Verfahrensausgang hat der Beschwerdeführer Anspruch auf eine
Parteientschädigung. Diese ist vom Gericht ermessensweise festzusetzen, wobei
insbesondere der Bedeutung der Streitsache und dem Aufwand Rechnung zu tragen
ist (Art. 61 lit. g ATSG; vgl. auch Art. 98 ff. VRP/SG, sGS 951.1). Die Rechtsvertreterin
des Beschwerdeführers hat auf die Einreichung einer Honorarnote verzichtet. Der
Bedeutung und Komplexität der Streitsache angemessen erscheint eine
Parteientschädigung von pauschal Fr. 3'500.-- (inklusive Barauslagen und
Mehrwertsteuer).
Demgemäss hat das Versicherungsgericht