Decision ID: 3a531e09-1108-427a-8a1c-e38e6e8a5a55
Year: 2014
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
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A.- X. ist estländische Staatsangehörige und reiste am 28. September 2008 in die
Schweiz ein. Sie arbeitet bei der Firma G. in Buchs. Am 17. September 2013 erwarb sie
in Estland den Führerausweis für die Kategorie B.
B.- Am 4. Dezember 2013 stellte X. beim Strassenverkehrs- und Schifffahrtsamt des
Kantons St. Gallen ein Gesuch um Umtausch des estländischen Führerausweises in
einen schweizerischen. Das Strassenverkehrsamt eröffnete ein entsprechendes
Verfahren, teilte X. am 6. Dezember 2013 mit, dass es in Betracht ziehe, ihr den
ausländischen Führerausweis auf unbestimmte Zeit abzuerkennen, und gewährte ihr
das rechtliche Gehör. In der Folge verweigerte es mit Verfügung vom 17. Februar 2014
den Umtausch des ausländischen Führerausweises gegen einen schweizerischen
Führerausweis, weil dieser unter Umgehung der Zuständigkeitsbestimmungen im
Ausland erworben worden sei. Gleichzeitig entzog es einem allfälligen Rekurs die
aufschiebende Wirkung.
C.- Gegen diese Verfügung erhob X. mit Eingabe ihrer Vertreterin vom 4. März 2014
Rekurs bei der Verwaltungsrekurskommission. Sie beantragt, die Verfügung vom
17. Februar 2014 sei aufzuheben und dem Rekurs sei die aufschiebende Wirkung zu
erteilen. Die Vorinstanz liess sich mit Eingabe vom 21. März 2014 vernehmen; sie trug
auf Abweisung des Rekurses an. Auf die Ausführungen der Verfahrensbeteiligten zur

Begründung ihrer Anträge wird, soweit erforderlich, in den Erwägungen eingegangen.
Erwägungen:
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die
Verwaltungsrekurskommission ist zum Sachentscheid zuständig. Die Befugnis zur
Rekurserhebung ist gegeben. Der Rekurs vom 4. März 2014 ist rechtzeitig eingereicht
worden und erfüllt in formeller und inhaltlicher Hinsicht die gesetzlichen Anforderungen
(Art. 41 lit. g , 45, 47 und 48 des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege,
sGS 951.1, abgekürzt: VRP). Auf den Rekurs ist einzutreten.
2.- Die Vorinstanz hat der Rekurrentin das Recht, mit dem ausländischen
Führerausweis der Kategorie B in der Schweiz Motorfahrzeuge zu führen, ab sofort auf
unbestimmte Zeit aberkannt und ihr den Umtausch des ausländischen
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Führerausweises verweigert, weil dieser unter Umgehung der
Zuständigkeitsbestimmungen im Ausland erworben worden sei. Zu prüfen ist, ob die
Rekurrentin aufgrund des estländischen Führerausweises zum Führen von
Motorfahrzeugen der Kategorie B in der Schweiz und zum Erwerb eines
schweizerischen Ausweises der Kategorie B ohne neue Prüfung berechtigt ist.
3.- a) Motorfahrzeugführer aus dem Ausland dürfen in der Schweiz nur Motorfahrzeuge
führen, wenn sie einen gültigen nationalen Führerausweis oder einen gültigen
internationalen Führerausweis besitzen (Art. 42 Abs. 1 der Verordnung über die
Zulassung von Personen und Fahrzeugen zum Strassenverkehr, SR 741.51, abgekürzt:
VZV). Sind sie länger als zwölf Monate in der Schweiz und haben sich nicht länger als
drei Monate ununterbrochen im Ausland aufgehalten, benötigen sie einen
schweizerischen Führerausweis (Art. 42 Abs. 3 lit. a VZV). Dessen Erwerb richtet sich
nach Art. 44 VZV. Dem Inhaber eines gültigen nationalen ausländischen Ausweises
wird der schweizerische Führerausweis der entsprechenden Kategorie erteilt, wenn er
auf einer Kontrollfahrt nachweist, dass er die Verkehrsregeln kennt und Fahrzeuge der
Kategorien, für die der Ausweis gelten soll, sicher zu führen versteht (Art. 44 Abs. 1
VZV). Nur wenn der Ausweis von einem Staat ausgestellt worden ist, der auf der so
genannten Länderliste steht, entfällt diese Kontrollfahrt (Philippe Weissenberger,
Kommentar Strassenverkehrsgesetz, Zürich/St. Gallen 2011, Art. 22 N 9).
b) Das Führen eines Motorfahrzeuges in der Schweiz setzt den Besitz eines
schweizerischen Führerausweises voraus (vgl. Art. 10 Abs. 2 des
Strassenverkehrsgesetzes, SR 741.01, abgekürzt: SVG), soweit nicht ausländische
Ausweise durch das schweizerische Recht anerkannt sind. Ohne eine Anerkennung
vermögen ausländische Ausweise keine Wirkung zu entfalten (BGE 108 Ib 57 E. 2;
Schaffhauser, Grundriss des schweizerischen Strassenverkehrsrechts, Band I, 2. Aufl.
2002, Rz. 377). Der Führerausweis wird von der Verwaltungsbehörde am Wohnsitz des
Fahrzeugführers erteilt und entzogen (Art. 22 Abs. 1 SVG), wobei sich der Wohnsitz im
Sinne des Strassenverkehrsrechts nach den Vorschriften des schweizerischen
Zivilgesetzbuchs bestimmt (SR 210, abgekürzt: ZGB; Philippe Weissenberger, a.a.O.,
Art. 10 N 4 und Art. 22 N 10, mit Hinweis auf BGE 129 II 175 E. 2.1). Demnach befindet
sich der Wohnsitz einer Person an dem Ort, wo sie sich mit der Absicht dauernden
Verbleibens aufhält (Art. 23 Abs. 1 ZGB). Massgebend ist der Ort, wo sich der
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Mittelpunkt der Lebensbeziehungen befindet. Hält sich eine Person
abwechslungsweise an zwei Orten auf, was namentlich dann zutrifft, wenn der
Arbeitsort nicht mit dem sonstigen Aufenthaltsort zusammenfällt, so ist für die
Festlegung des zivilrechtlichen Wohnsitzes massgebend, zu welchem Ort die
betreffende Person die stärkeren Beziehungen unterhält. Bei unselbständig
erwerbstätigen Personen ist das gewöhnlich der Ort, wo sie für längere oder
unbestimmte Zeit Aufenthalt nehmen, um von dort aus der Arbeit nachzugehen, ist
doch der Zweck des Erwerbs für den Lebensunterhalt dauernder Natur. Eine
Ausnahme erfährt dieser Grundsatz, wenn die betreffende Person zu einem anderen
Ort als zum Arbeitsort stärkere Beziehungen aufweist. Bei Alleinstehenden ist zu
berücksichtigen, ob weitere als nur familiäre Beziehungen zum einen oder zum anderen
Ort ein Übergewicht begründen. Erfahrungsgemäss führen die familiären Beziehungen
zu einer engeren Verbundenheit mit einem Ort. Die Pflege enger familiärer Beziehungen
und andere Umstände können dem Ort, wo die betreffende Person die Wochenenden
verbringt, ein Übergewicht geben. Namentlich junge Alleinstehende, welche zum ersten
Mal das elterliche Heim verlassen, können dort ihren Wohnsitz beibehalten, wenn sie in
ihrer Freizeit überwiegend und regelmässig heimkehren. Andererseits können die
Beziehungen am Arbeitsort überwiegen, selbst wenn Alleinstehende wöchentlich zu
den Eltern oder Geschwistern zurückkehren. Das ist namentlich der Fall, wenn sie sich
am Arbeitsort eine Wohnung eingerichtet haben oder dort über einen grösseren
Freundes- oder Bekanntenkreis verfügen. Besonderes Gewicht haben in diesem
Zusammenhang auch die Dauer des Arbeitsverhältnisses und das Alter der Person
(Urteil des Bundesgerichts [BGer] 2P.180/2003 vom 17. Juni 2004 E. 2). Auch ein von
vornherein bloss vorübergehender Aufenthalt kann einen Wohnsitz begründen, wenn er
auf eine bestimmte Dauer angelegt ist und der Lebensmittelpunkt dorthin verlegt wird.
Die Absicht, einen Ort später zu verlassen, schliesst eine Wohnsitzbegründung nicht
aus. Die Absicht dauernden Verweilens muss nur im Moment der Begründung eines
Wohnsitzes bestanden haben. Ändert sich diese Absicht, so bleibt der einmal
erworbene Wohnsitz bis zur Begründung eines neuen bestehen (BSK ZGB I-Staehelin,
Art. 23 N 8).
c) Ausländische Führerausweise können in der Schweiz nach den gleichen
Bestimmungen aberkannt werden, die für den Entzug des schweizerischen
Führerausweises gelten (Art. 45 Abs. 1 Satz 1 VZV). Nach Art. 45 Abs. 1 Satz 2 VZV
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sind sie ausserdem auf unbestimmte Zeit abzuerkennen, wenn sie unter Umgehung der
schweizerischen oder ausländischen Zuständigkeitsbestimmungen im Ausland
erworben worden sind. Daraus folgt jedoch nicht, dass ausländische Führerausweise,
die in der Schweiz nicht verwendet werden dürfen, stets abzuerkennen sind. Die
schweizerischen Zuständigkeitsbestimmungen gestatten vielmehr einer in der Schweiz
wohnhaften Person, in einem ausländischen Staat den Führerausweis zu erwerben,
wenn der Betreffende diesen nur im Ausland verwenden will. Erst wenn aufgrund der
objektiven Umstände mit der Möglichkeit zu rechnen ist, dass der betreffende Inhaber
den Ausweis in der Schweiz unzulässigerweise benützen könnte, liegt eine Umgehung
der schweizerischen Zuständigkeitsbestimmungen vor (BGE 129 II 175 E. 2.5).
4.- Die Rekurrentin macht geltend, erst seit Dezember 2013 Wohnsitz in der Schweiz
zu haben. Bis dahin habe sie in Estland gewohnt, wo sie im September 2013 den
Führerausweis erworben habe. Bis Ende November 2013 habe sie eine
Kurzaufenthaltsbewilligung L besessen. Erst seit Anfang Dezember 2013 sei sie im
Besitz der Aufenthaltsbewilligung B. Eine Kurzaufenthaltsbewilligung statuiere nicht
automatisch einen Wohnsitz. Sie sei während dem Studium (Gymnasium) in Estland
zwischendurch – vor allem in den Ferien oder an anderen Feiertagen – in die Schweiz
gekommen, um bei der G. in Buchs zu arbeiten. Der Einfachheit halber habe die
Arbeitgeberin eine Kurzaufenthaltsbewilligung L für das gesamte Jahr beantragt, um
den administrativen Aufwand zu minimieren. Sie habe im Jahr 2013 jedoch sehr wenig
in der Schweiz gearbeitet. Von Januar bis März 2013 sei sie gar nicht in der Schweiz
gewesen. Ende April 2013 sei sie für fünf Tage in die Schweiz gekommen um zu
arbeiten. Im Mai 2013 sei sie nicht in der Schweiz gewesen. Im Juli sei sie drei Tage, im
August sieben Tage und im September, Oktober und November 2013 je jeweils acht
Tage in der Schweiz gewesen. Daraus könne kein Wille des dauernden Verbleibs und
insbesondere die Statuierung eines Lebensmittelpunktes in der Schweiz nachgewiesen
werden. Sie habe zudem das Gymnasium in Estland besucht und dort im Juli 2013
abgeschlossen. Ab Dezember 2013 sei ihr dann die Aufenthaltsbewilligung B gewährt
worden, da sie sich entschieden habe, in die Schweiz auszuwandern. Zum Zeitpunkt
der Ausstellung des Führerausweises am 19. September 2013 habe sie ihren Wohnsitz
in Estland gehabt.
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5.- Es ist zu prüfen, ob die Vorinstanz den zivilrechtlichen Wohnsitz der Rekurrentin
zum Zeitpunkt der Erteilung des Führerausweises im September 2013 zu Recht in der
Schweiz angenommen hat. Unbestrittenermassen verfügt die Rekurrentin sowohl zu
Estland als auch zur Schweiz über Bezugspunkte. Fest steht, dass sie am 28.
September 2008 in die Schweiz einreiste (vgl. act. 9/12) und seit dem 6. Juli 2009 in
Buchs gemeldet ist (act. 11). Im November 2013 wurde ihr die Aufenthaltsbewilligung B
ausgestellt (act. 9/12). Aus ihren eingereichten Unterlagen ist ersichtlich, dass sie im
Jahr 2013 wenige Tage bei der Firma G. in Buchs arbeitete (vgl. act. 2/3). In Estland
besuchte sie das Gymnasium, welches sie im Juni 2013 abschloss (vgl. act. 2/5). Auch
nach Abschluss des Gymnasiums arbeitete sie nur wenige Tage pro Monat in der
Schweiz (vgl. act. 2/3). Die restliche Zeit verbrachte sie gemäss eigenen Angaben in
Estland. Aufgrund ihres jungen Alters ist anzunehmen, dass sie in Estland enge
familiäre Beziehungen pflegt. Diese dürften im Vergleich zu den Beziehungen am
Arbeitsort stärker ins Gewicht fallen, zumal sie sich am Arbeitsort jeweils nur wenige
Tage aufhielt. Ihr Lebensmittelpunkt und damit auch ihr zivilrechtlicher Wohnsitz
befanden sich demnach im Zeitpunkt der Erteilung des Führerausweises im September
2013 in Estland. Daran ändert auch die Absicht, Estland später einmal zu verlassen,
nichts. Im Übrigen teilte die Rechtsvertreterin am 17. April 2014 mit, dass die
Rekurrentin in den nächsten Tagen den Geburtstermin habe und anschliessend den
Mutterschaftsurlaub in Estland verbringen werde (act. 12). Dies deutet ebenfalls auf
eine intakte starke Beziehung zu ihrem Heimatland. Eine Umgehung der Bestimmungen
der VZV über den Erwerb des schweizerischen Führerausweises liegt damit nicht vor
und der Umtausch des ausländischen Führerausweises wurde der Rekurrentin zu
Unrecht verweigert. Ihr estländischer Führerausweis ist in der Schweiz anzuerkennen.
Da die Inhaber eines estländischen Führerausweises von der Kontrollfahrt gemäss Art.
44 Abs. 1 VZV befreit sind (vgl. Länderliste betreffend Ausnahme von der Kontrollfahrt,
Anhang 2 zum Kreisschreiben ASTRA vom 1. Oktober 2013), ist sie zum Erwerb eines
schweizerischen Ausweises ohne neue Prüfung berechtigt.
6.- Zusammenfassend ergibt sich, dass der Rekurs gutzuheissen und die angefochtene
Verfügung der Vorinstanz vom 17. Februar 2014 mit Einschluss des Kostenspruchs
aufzuheben ist. Die Vorinstanz ist anzuweisen, den estländischen Führerausweis der
Rekurrentin in einen schweizerischen Führerausweis umzuwandeln. Mit dem Entscheid
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in der Sache ist das Gesuch um Erteilung der aufschiebenden Wirkung gegenstandslos
geworden.
7.- Dem Verfahrensausgang entsprechend sind die amtlichen Kosten vom Staat zu
tragen (Art. 95 Abs. 1 VRP). Eine Entscheidgebühr von Fr. 1'200.– ist angemessen
(vgl. Art. 7 Ziff. 122 der Gerichtskostenverordnung, sGS 941.12). Der Rekurrentin ist der
Kostenvorschuss von Fr. 1'200.– zurückzuerstatten.
Eine ausseramtliche Entschädigung ist mangels Antrags nicht zuzusprechen (Art. 98
VRP in Verbindung mit Art. 105 Abs. 2 ZPO).