Decision ID: dc370f69-c733-57a7-afc2-459008f82a6a
Year: 2015
Language: de
Court: AR_OG
Chamber: AR_OG_002
Canton: AR
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A. Am 25. Oktober 2002 gründete A_ (nachfolgend: Beschwerdeführer) zusammen mit
B_, C_ und D_ die E_ GmbH mit Sitz in F_. Als Zweck wurde die „Erbringung
von Dienstleistungen im Zusammenhang mit dem Internet und der Informatik im
Allgemeinen“ ins Handelsregister eingetragen. Aus der immer noch aufgeschalteten
Internetseite www.E_.ch geht hervor, dass die E_ GmbH Dienstleistungen als
Fullservice-Provider anbietet; das Leistungsspektrum umfasst vom Hosting zur Beratung,
Konzeption, Design und Programmierung bis hin zur Betreuung interaktiver
Webapplikationen verschiedene Dienstleistungen, die für digitale Projekte benötigt werden.
B. Bei der Gründung wurden der Beschwerdeführer und B_ je in der Funktion als
Gesellschafter und Geschäftsführer, C_ und D_ in der Funktion als Gesellschafter ins
Handelsregister eingetragen. Ende Dezember 2006 wurde zusätzlich die G_ GmbH als
Gesellschafterin eingetragen und die Funktion von B_ auf seine Gesellschafterstellung
beschränkt. Der Beschwerdeführer war somit ab 28. Dezember 2006 der einzige im
Handelsregister eingetragene Geschäftsführer der Unternehmung.
C. Gemäss Entscheid des Einzelrichters des Kantonsgerichts Appenzell Ausserrhoden wurde
am 10. Juni 2013 über die E_ GmbH der Konkurs eröffnet (vgl. Handelsregisterauszug
unter www.zefix.ch). Seit der Gründung bis zu dieser Konkurseröffnung war die E_
GmbH der Ausgleichskasse und IV-Stelle Appenzell Ausserrhoden (nachfolgend:
Vorinstanz) angeschlossen gewesen. Am 1. September 2014 erliess die Vorinstanz eine
Schadenersatzverfügung (act. 5.6) und verpflichtete den Beschwerdeführer gestützt auf
das Bundesgesetzes über die Alters- und Hinterlassenenversicherung, „für entgangene
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Sozialversicherungsbeiträge etc. von insgesamt CHF 85‘957.65 Schadenersatz zu leisten.“
Die Vorinstanz begründete ihre Forderung damit, dass der Beschwerdeführer, indem er als
Gesellschafter und Geschäftsführer der E_ GmbH die AHV-Beiträge während längerer
Zeit systematisch nicht abgeliefert habe bzw. nicht für deren Zahlung besorgt gewesen sei,
einen Schaden der Ausgleichskasse in Kauf genommen und dabei mindestens
grobfahrlässig gehandelt habe. Die laufend zu entrichtenden Lohnbeiträge der E_ GmbH
hätten von Beginn weg teilweise gemahnt werden müssen, ab 2008 seien die Rechnungen
auf dem Betreibungsweg eingezogen worden und von der Rechnung vom 9. September
2011 an sei auch im Betreibungsverfahren keine Zahlung mehr geleistet worden.
D. Gegen diese Schadenersatzverfügung erhob der Beschwerdeführer am 26. September
2014 Einsprache (act. 5.8). Darin entschuldigte er sich für die „permanent sehr
schleppenden Zahlungen der Beiträge“, begründete diese im Wesentlichen mit massivem
Problemen mit einer Kundin, die eine Forderung von rund Fr. 200‘000 nicht bezahlt habe
und betonte, er sei sich „zu keinem Zeitpunkt einer grobfahrlässigen Handlung bewusst“
gewesen. Mit Einspracheentscheid vom 10. November 2014 wies die Vorinstanz die
Einsprache des Beschwerdeführers ab und bestätigte die zuvor verfügte
Schadenersatzforderung im vollen Betrag von Fr. 85‘967.65 (act. 5.9).
E. Gegen diesen Einspracheentscheid richtet sich die vom Beschwerdeführer am 10.
Dezember 2014 erhobene Beschwerde ans Obergericht (act. 1). Mit Vernehmlassung vom
23. Januar 2015 (act. 4) verlangte die Vorinstanz deren Abweisung. Nachdem keine
mündliche Verhandlung verlangt wurde und der Beschwerdeführer auf die Einreichung
einer Replik verzichtete, wurde der Schriftenwechsel abgeschlossen und die Sache am
12. August 2015 in der zweiten Abteilung des Obergerichts in Abwesenheit der Parteien
abschliessend beraten und darüber entschieden. Dem Begehren des Beschwerdeführers
gemäss Schreiben vom 12. September 2015 (act. 10) entsprechend, wird das Urteil mit
schriftlicher Begründung eröffnet.
F. Auf weitere Einzelheiten im Sachverhalt und in den vorinstanzlichen Akten sowie auf die
Vorbringen der Parteien in den Rechtschriften wird, soweit entscheidrelevant, in den
nachfolgenden Erwägungen näher eingegangen.
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Erwägungen
1. Formelles
Der angefochtene Entscheid ist in Anwendung von Sozialversicherungsrecht ergangen.
Gemäss Art. 57 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (ATSG, SR 830.1) i.V.m. Art. 28 Abs. 1 lit. b des Justizgesetzes
(JG, bGS 145.31) beurteilt das Obergericht Beschwerden gegen solche Entscheide. Die
örtliche Zuständigkeit ist gegeben (Art. 52 Abs. 5 des Bundesgesetzes über die Alters- und
Hinterlassenenversicherung [AHVG, SR 831.10]).
Die von Amtes wegen vorzunehmende Prüfung der weiteren Prozessvoraussetzungen
ergibt, dass diese sowohl hinsichtlich der Beschwerdeberechtigung als auch hinsichtlich der
Form- und Fristerfordernisse erfüllt sind (insbesondere Art. 1 Abs. 1 und Art. 52 AHVG
i.V.m. Art. 59, Art. 60 Abs. 1 und Art. 61 lit. b ATSG sowie Art. 54, Art. 56 und Art. 59 des
Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege [VRPG, bGS 143.1]).
Auf die Beschwerde ist somit einzutreten.
2. Materielles
2.1
Die von der Vorinstanz geltend gemachte Schadenersatzforderung bezieht sich teilweise
auf Beitragsperioden vor dem 31. Dezember 2011. Am 1. Januar 2012 sind im Alters- und
Hinterlassenenversicherungsrecht neue Vorschriften in Kraft getreten (Änderungen vom
17. Juni 2011; AS 2011 S. 4745 ff.). Die Bestimmung betreffend die Arbeitgeberhaftung
(Art. 52 AHVG) wurde per 1. Januar 2012 insofern angepasst, als wichtige Charakteristika
der Haftung aus der Rechtsprechung neu ausdrücklich in den Gesetzestext aufgenommen
wurden; an der Grundkonzeption der Haftung wurde indessen nichts geändert (vgl. BBl
2011 S. 560 f.). Die frühere Rechtsprechung zur Arbeitgeberhaftung hat nach wie vor
Gültigkeit und die Anpassung von Art. 52 AHVG diente lediglich der Transparenz, ohne
dass damit materielle Neuerungen geschaffen worden wären. Somit besteht auch kein
Anlass, die Schadenersatzforderung nach unterschiedlichen Kriterien zu prüfen, je
nachdem, ob der Beitragszeitraum vor oder nach dem 31. Dezember 2011 betroffen ist.
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2.2
Fügt ein Arbeitgeber durch absichtliche oder grobfahrlässige Missachtung von Vorschriften
der Versicherung einen Schaden zu, so hat er diesen zu ersetzen (Art. 52 Abs. 1 AHVG).
Verantwortlicher Arbeitgeber ist im vorliegenden Fall die E_ GmbH (heute: E_ GmbH
in Liquidation; nachfolgend: Unternehmung). Da es sich bei diesem Arbeitgeber um eine
juristische Person handelt, haften subsidiär die Mitglieder der Verwaltung und alle mit der
Geschäftsführung oder Liquidation befassten Personen (Art. 52 Abs. 2 AHVG).
2.3
Der subsidiäre Charakter der Organhaftung bedeutet, dass sich die Ausgleichskasse zuerst
an den Arbeitgeber zu halten hat, und dass sie gegen die Organe erst dann direkt und
unmittelbar vorgehen kann, wenn der Arbeitgeber zahlungsunfähig geworden ist
(REICHMUTH, Die Haftung des Arbeitgebers und seiner Organe nach Art. 52 AHVG,
Zürich/Basel/Genf 2008, Rz. 196). Da über die Unternehmung am 10. Juni 2013 der
Konkurs eröffnet worden ist (das Konkursverfahren wurde schliesslich mit Entscheid des
Einzelrichters des Kantonsgerichts von Appenzell Ausserrhoden vom 11. August 2015
mangels Aktiven eingestellt, vgl. www.zefix.ch), ist die Zahlungsunfähigkeit der
Arbeitgeberfirma offensichtlich. Damit steht es der Vorinstanz frei, auf jene natürlichen
Personen zurückzugreifen, die subsidiär mit der Arbeitgeberfirma haften.
2.4
Eine subsidiäre Haftung des Beschwerdeführers ist nur dann gegeben, wenn es sich bei
ihm um ein Organ der Unternehmung im Sinn der Rechtsprechung zu Art. 52 AHVG
handelt. Die Praxis zum Organbegriff verläuft grundsätzlich parallel zu jener im Bereich der
aktienrechtlichen Verantwortlichkeit gemäss Art. 754 f. OR, weshalb die diesbezügliche
Rechtsprechung auch im Schadenersatzbereich zu beachten ist (REICHMUTH, a.a.O., Rz
198 f.). Wer als Organ einer juristischen Person belangt werden kann, beurteilt sich
einerseits nach rein formellen Kriterien (formeller Organbegriff), anderseits bei
Nichterfüllung der formellen Kriterien auch zusätzlich danach, ob die betreffende Person
Organen vorbehaltene Entscheide getroffen oder die eigentliche Geschäftsführung besorgt
und so die Willensbildung der Gesellschaft massgebend beeinflusst hat (materieller bzw.
faktischer Organbegriff, vgl. BGE 132 III 523 E. 4.5, BGE 114 V 213; Urteil des
Bundesgerichts 9C_646/2012 vom 27. August 2013, E. 5.1).
2.5
Nach der Rechtsprechung kommen formelle oder gesetzliche Organe einer juristischen
Person grundsätzlich immer als Schadenersatzpflichtige in Frage. Im vorliegenden Fall
wurde der Beschwerdeführer bei der Gründung der Unternehmung als Gesellschafter und
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Geschäftsführer mit Kollektivunterschrift im Handelsregister eingetragen; seit 2006 ist er
Gesellschafter und einziger Geschäftsführer mit Einzelunterschriftsberechtigung. Damit
kommt ihm eine formelle Organstellung zu. Als formell eingesetzter Geschäftsführer
untersteht der Beschwerdeführer ohne weiteres der Haftungsnorm von Art. 52 AHVG (vgl.
anstelle vieler: Urteil des Bundesgericht H 77/03 vom 18. Januar 2005, E. 4.2; Urteil des
Bundesgericht H 127/02 vom 14. April 2003, E. 2.1 und 3.2.1; BGE 126 V 237) und kann -
sofern die dazu notwendigen weiteren Voraussetzungen (Schaden, Widerrechtlichkeit,
Kausalzusammenhang, Verschulden) erfüllt sind - von der zu Schaden gekommenen
Ausgleichskasse in Anspruch genommen werden.
2.6
Der Schaden, der auf dem Wege von Art. 52 AHVG geltend gemacht wird, besteht darin,
dass die geschuldeten Beiträge aus rechtlichen oder tatsächlichen Gründen nicht mehr
erhoben werden können, sei es, dass die Beitragsforderung verwirkt ist (Art. 16 AHVG),
oder sei es, weil der Arbeitgeber - wie im vorliegenden Fall - zahlungsunfähig geworden ist
(vgl. BGE 134 V 257, E. 3.2). Mit anderen Worten ist der Schaden grundsätzlich dem
Betrag gleichzusetzen, dessen die Ausgleichskasse verlustig geht (KIESER, in:
Murer/Stauffer [Hrsg.], Rechtsprechung des Bundesgerichts zum Sozialversicherungsrecht,
AHVG, 3. Auflage, Zürich/Basel/Genf 2012, N 13 ff. zu Art. 52). Der im Verfahren nach Art.
52 AHVG durchzusetzende Schaden unterscheidet sich insoweit von der eigentlichen
Beitragsforderung, als zum Schaden auch die Verwaltungskostenbeiträge und sämtliche
Beiträge, welche die Ausgleichskasse für das Beitragsinkasso aufwenden musste,
hinzukommen (vgl. REICHMUTH, a.a.O., Rz. 367; BGE 121 III 382, E. 3).
2.7
Die Vorinstanz hat der Schadenersatzverfügung vom 1. September 2014 eine detaillierte
Aufstellung über die geltend gemachten Schadenpositionen beigefügt (act. 5.7). Insgesamt
resultiert aus der Addition der einzelnen Positionen der von der Vorinstanz verfügte
Schadenersatzbetrag von Fr. 85‘957.65. Der Beschwerdeführer bestreitet die
Schadenersatzforderung bzw. deren einzelne Positionen im vorliegenden Verfahren nicht
und hat offenbar auch nicht zuvor die den einzelnen Schadenersatzpositionen zugrunde
liegenden Beitragsverfügungen angefochten, was ihm als Geschäftsführer der
Unternehmung ohne weiteres möglich gewesen wäre (vgl. BGE 134 V 401, E. 5.4 f.). Die
Vorinstanz hat ihre Forderung dagegen in der der angefochtenen Schadenersatzverfügung
angehängten Aufstellung (vgl. act. 5/7) zeitlich und masslich spezifiziert und detailliert
aufgezeigt, wie sich der von ihr geforderte Betrag zusammensetzt. Damit ist die Vorinstanz
ihrer Substantiierungspflicht grundsätzlich nachgekommen. Zumal der Beschwerdeführer
nichts vorbringt, das materiell gegen die von der Vorinstanz geltend gemachten
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Schadenersatzpositionen spricht, besteht auch kein Anlass, die Schadenersatzforderung
einer weiteren Prüfung zu unterziehen, soweit sich nicht offensichtlich Anhaltspunkte
ergeben, wonach einzelne geltend gemachte Positionen falsch sein könnten.
2.8
Letzteres trifft einzig für die erste Position der Schadenersatzforderung in der Liste gemäss
act. 5.7 zu: In der streitigen Gesamtforderung von Fr. 85‘957.65 ist dort eine am 25. Juli
2011 verfügte Ordnungsbusse im Betrag von Fr. 1‘000.-- enthalten, sowie damit
zusammenhängende Mahn- und Betreibungskosten im Betrag von Fr. 219.85 (act. 5/7, S.
1). Eine Ordnungsbusse gehört nicht zum Schaden im Sinn von Art. 52 AHVG (vgl. Urteil
des Bundesgerichts 9C_64/2008 vom 14. Februar 2008, m.w.H.). Der geltend gemachte
Schadenersatz ist daher um diese Ordnungsbusse zuzüglich die damit
zusammenhängenden Kosten, d.h. insgesamt Fr. 1‘219.85, zu reduzieren. Daraus resultiert
ein verbleibender Schaden von Fr. 84‘737.80, welcher unbestritten geblieben ist.
2.9
Somit ist als Resultat der vorstehenden Erwägungen zusammenfassend festzuhalten, dass
der Beschwerdeführer als Haftungssubjekt für einen Schaden von Fr. 84‘737.80 in Frage
kommt. Ob er tatsächlich für diesen Schaden haftbar ist, hängt davon ab, ob auch die
weiteren Voraussetzungen einer Haftung - nämlich Widerrechtlichkeit,
Kausalzusammenhang und Verschulden - im konkreten Fall erfüllt sind. Wie es sich damit
verhält, wird nachfolgend geprüft.
2.10
Bei der Haftung nach Art. 52 AHVG geht es bei der Voraussetzung der Widerrechtlichkeit
um eine doppelte Prüfung: Zum einen stellt sich die Frage, ob Vorschriften der AHV verletzt
wurden; zum anderen ist zu beantworten, ob die entsprechende Verletzung dem
Arbeitgeber bzw. dem Organ entgegenzuhalten ist (KIESER, a.a.O., N 33 zu Art. 52).
In einem ersten Schritt ist zu prüfen, ob der Arbeitgeber (bzw. das für ihn handelnde Organ)
Vorschriften missachtet hat. Art. 14 Abs. 1 AHVG und Art. 34 ff. der Verordnung über die
Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHVV, SR 831.101) schreiben vor, dass der
Arbeitgeber bei jeder Lohnzahlung die Arbeitnehmerbeiträge in Abzug zu bringen und
zusammen mit den Arbeitgeberbeiträgen der Ausgleichskasse zu entrichten hat. Die
Arbeitgeber haben den Ausgleichskassen periodisch Abrechnungsunterlagen über die von
ihnen an ihre Arbeitnehmer ausbezahlten Löhne zuzustellen, damit die entsprechenden
paritätischen Beiträge ermittelt und verfügt werden können. Die Beitragszahlungs- und
Abrechnungspflicht des Arbeitgebers ist eine gesetzlich vorgeschriebene öffentlich-
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rechtliche Aufgabe. Die Nichterfüllung dieser Aufgabe bedeutet eine Missachtung von
Vorschriften im Sinn von Art. 52 Abs. 1 AHVG und zieht die volle Schadendeckung nach
sich (vgl. BGE 118 V 193, E. 2a und BGE 132 III 523, E. 4.6). Werden - wie im vorliegend
zu beurteilenden Fall - während einem gewissen Zeitraum Beiträge nicht oder nicht
vollständig entrichtet, in der gleichen Zeit aber Löhne bezahlt, gilt dies als Normverstoss
gegen Art. 14 Abs. 1 AHVG in Verbindung mit Art. 36 AHVV und somit als widerrechtlich
(vgl. Urteil des Bundesgerichts 9C_311/2015 vom 9. Juli 2015, E. 4.1, m.w.H.).
Nicht nur der Arbeitgeber, sondern auch das Handeln oder Unterlassen des ins Recht
gefassten Arbeitgeberorgans muss widerrechtlich sein (REICHMUTH, a.a.O., Rz. 503).
In einem zweiten Schritt ist daher zu prüfen, ob der Beschwerdeführer Pflichten verletzt hat,
die er in seiner Funktion als Geschäftsführer der Unternehmung einzuhalten gehabt hätte.
Wie aus den vorinstanzlichen Unterlagen ersichtlich ist, war der Beschwerdeführer in der
ganzen in Frage stehenden Zeit als einziger Geschäftsführer in Kontakt mit der Vorinstanz
und reichte jeweils für die Arbeitgeberfirma die Jahresabrechnungen ein (vgl. act. 5/2). Dem
Beschwerdeführer kam als Geschäftsführer die Pflicht zu, bei der Erfüllung dieser Aufgaben
die gesetzlichen Pflichten gemäss AHVG einzuhalten. Insoweit der Beschwerdeführer sich
darauf beruft, das ungenügende Befolgen dieser Pflichten sei auf seine „Unwissenheit resp.
meine Überforderung mit der ganzen Materie von Buchführung“ zurückzuführen (vgl.
Beschwerdeschrift, S. 2), so ist dem entgegenzuhalten, dass - sollte dies überhaupt
tatsächlich der Fall gewesen sein - in diesem Fall klar ein Übernahmeverschulden vorliegen
würde, da die korrekte Abrechnung und Ablieferung der Sozialversicherungsbeiträge zum
Aufgabenbereich des einzigen Geschäftsführers der Gesellschaft gehörte.
Damit ist die Widerrechtlichkeit nicht nur mit Bezug auf die Unternehmung und deren
Pflichten, sondern auch mit Bezug auf den Beschwerdeführer als deren Geschäftsführer
klar gegeben.
2.11
Schliesslich setzt die Schadenersatzpflicht nach Art. 52 AHVG voraus, dass zwischen der
absichtlichen oder grobfahrlässigen Missachtung von Vorschriften und dem eingetretenen
Schaden sowohl ein natürlicher als auch ein adäquater Kausalzusammenhang gegeben ist
(vgl. BGE 119 V 401, E. 4a).
Der natürliche Kausalzusammenhang ist bei jedem Umstand gegeben, der nicht
weggedacht werden kann, ohne dass gleichzeitig der Schaden entfiele, der somit
notwendige Bedingung des Schadens ist. Der adäquate Kausalzusammenhang wird bei
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jedem Umstand angenommen, der nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge und nach der
allgemeinen Lebenserfahrung an sich geeignet ist, einen Erfolg von der Art des
eingetretenen herbeizuführen, der Eintritt dieses Erfolges also durch das Ereignis allgemein
begünstigt erscheint. Daran fehlt es, wenn auch ein pflichtgemässes Verhalten den
Schaden nicht hätte verhindern können. Indessen vermag die blosse Hypothese, der
Schaden wäre auch bei pflichtgemässem Verhalten eingetreten, die Adäquanz nicht zu
beseitigen. Dass ein Schaden ohnehin eingetreten wäre, muss vielmehr mit Gewissheit
oder doch mit hoher Wahrscheinlichkeit nachgewiesen sein (Urteil des Bundesgerichts
9C_328/2012 vom 11. Dezember 2012, E. 2.2).
Weder der Schaden noch die Nichtleistung der geschuldeten Beiträge sind streitig. Der
Schaden ist der Vorinstanz deshalb entstanden, weil die geschuldeten Beiträge vom
Beschwerdeführer, der als Geschäftsführer dafür verantwortlich war, nicht ordnungsgemäss
abgerechnet wurden. Werden Beiträge zurückbehalten, aber gleichzeitig Lohnzahlungen
geleistet, ist ein Kausalzusammenhang ohne weiteres zu bejahen, da in einem solchen Fall
zwar liquide Mittel der Unternehmung vorhanden sind, diese aber pflichtwidrig nicht für eine
Begleichung der Beitragsausstände verwendet wurden (vgl. Urteil des Bundesgerichts H
74/05 vom 8. November 2005, E. 4.3).
Auch im vorliegenden Fall ist daher der für eine Haftung vorausgesetzte
Kausalzusammenhang zwischen dem Verhalten des Beschwerdeführers und dem
eingetretenen Schaden offensichtlich zu bejahen.
2.12
Die Haftung nach Art. 52 AHVG ist keine Kausalhaftung. Die Schadenersatzpflicht der
Organe setzt vielmehr ein qualifiziertes Verschulden voraus. Eine Nichtabrechnung oder
Nichtbezahlung der Beiträge als solche kann nicht bereits einem haftungsbegründenden
Verschulden gleichgesetzt werden. Es bedarf vielmehr zusätzlich zur Widerrechtlichkeit
eines Verschuldens in Form von Absicht oder grober Fahrlässigkeit (Urteil des
Bundesgerichts 9C_311/2015 vom 9. Juli 2015, E. 4.2.1, m.w.H.).
Der Begriff der Grobfahrlässigkeit im Sinne von Art. 52 AHVG ist gleich zu verstehen wie im
übrigen Haftpflicht- und Versicherungsrecht, so dass grobfahrlässig handelt, wer eine
elementare Vorsichtsmassnahme missachtet bzw. das ausser Acht lässt, was jedem
verständigen Menschen in gleicher Lage und unter gleichen Umständen als beachtlich
hätte einleuchten müssen. Vorausgesetzt ist des Weiteren, dass die Möglichkeit zu einem
rechtmässigen Alternativverhalten bestand, was zutrifft, wenn ein pflichtgemäss
handelndes Organ den Schaden hätte verhindern können (Urteil des Bundesgerichts
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9C_117/2011 vom 29. März 2011, E. 4, m.w.H.). Letzteres ist im vorliegenden Fall klar zu
bejahen: Der Beschwerdeführer hätte als Geschäftsführer dafür sorgen müssen, nur Löhne
auszubezahlen, für welche auch die darauf entfallenden Sozialversicherungsabgaben
vollständig geleistet werden konnten. War ihm das „aufgrund der Konstellation der hierin
involvierten Firmen“ (vgl. Beschwerde, S. 2 oben) nicht möglich, so hätte er in der
Erkenntnis, seinen Pflichten als Geschäftsführer folglich aus diesem Grund nicht
nachkommen zu können, darauf hinweisen und allenfalls als Geschäftsführer zurücktreten
müssen, anstatt die liquiden Mittel weiterhin für Lohnzahlungen aufzuwenden und
gleichzeitig weder die geschuldeten Beiträge korrekt abzurechnen noch die Ausstände
gegenüber der Vorinstanz zu begleichen.
Nach der Rechtsprechung zu Art. 52 AHVG ist es - allenfalls abgesehen von kurzfristigen
Ausständen - grobfahrlässig, Löhne zu bezahlen, wenn die darauf geschuldeten AHV-
Beiträge nicht gedeckt sind. Solches Verhalten ist den verantwortlichen Organen als
qualifiziertes Verschulden zuzurechnen (Urteil des Bundesgerichts 9C_311/2015 vom
9. Juli 2015, E. 4.2.2, m.w.H.). Der Grund liegt in der besonderen Natur der AHV-Beiträge,
hinsichtlich welcher der Arbeitgeber die Funktion eines Vollzugsorgans ausübt (Art. 51
AHVG). Daraus resultiert eine besondere Pflicht, für die ordnungsgemässe Bezahlung der
Beiträge zu sorgen.
Insoweit der Beschwerdeführer ausführt, aufgrund von Zahlungsausständen einer Kundin
sei es unmöglich geworden, die Ausstände gegenüber der Vorinstanz zu bezahlen, so stellt
dies keinen Exkulpationsgrund dar. Es spielt dabei auch keine Rolle, dass diese Kundin
immer wieder Zahlungen in Aussicht gestellt haben soll, ohne dies dann aber einzuhalten.
Gerade im Bewusstsein der Abhängigkeit der finanziellen Lage der Unternehmung von der
Begleichung der Ausstände durch diese Kundin hätte der Beschwerdeführer als
verantwortliches Organ in erster Linie rasch für eine Eintreibung der ausstehenden
Forderungen und gleichzeitig auch für die Erfüllung der sozialversicherungsrechtlichen
Verpflichtungen sorgen müssen, anstatt durch weitere Lohnauszahlungen ein stetiges
Ansteigen von Beitragsausständen zu verursachen. Auch dass sich der Beschwerdeführer
selbst, wie er geltend macht, nur sehr minimale Löhne ausbezahlt haben soll mit der
Absicht, damit zu vermeiden, dass die Unternehmung nicht zahlungsunfähig würde, stellt
keinen Grund dar, der den Vorwurf der Grobfahrlässigkeit zu entkräften vermag. Ein
Zuwarten mit der Eintreibung offener Forderungen ist umso weniger entschuldbar, je
angespannter die finanzielle Situation eines Betriebs sich präsentiert (vgl. Urteil des
Bundesgerichts 9C_463/2011 vom 14. Juli 2011, E. 6.2). Der Beschwerdeführer zeigt nicht
auf, dass er nach dem Ausbleiben der erwarteten Debitorenzahlungen unverzüglich weitere
Schritte in die Wege geleitet hätte, obwohl er als Geschäftsführer hierzu verpflichtet
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gewesen wäre, insbesondere, nachdem er gleichzeitig geltend macht, er habe die
personelle Situation der Firma nicht beeinflussen können. Aus dem vom Beschwerdeführer
eingereichten Abnahmeprotokoll (act. 2.4) ist ersichtlich, dass bereits im Januar 2009 eine
unbezahlt gebliebene Forderung von über Fr. 185‘000 gegenüber der säumigen Kundin
bestand. Erst im September 2012 leitete der Beschwerdeführer schliesslich Betreibung
gegen die betreffende Kundin ein; dies, nachdem die Vorinstanz bereits im Jahr zuvor eine
erste Rechnung über ausstehende Nachzahlungen im Betrag von über Fr. 44‘185 gestellt
hatte, welche nicht beglichen wurde. Vor diesem Hintergrund kann sich der
Beschwerdeführer nicht damit entlasten, dass er auf Grund der objektiven Umstände und
einer seriösen Beurteilung der Lage annehmen durfte, die Firma werde die geschuldeten
Sozialversicherungsbeiträge innert nützlicher Frist, d.h. höchstens innerhalb eines Jahres
(vgl. dazu Urteil des Bundesgerichts 9C_111/2007 vom 17. September 2007, E. 3.1 und
Urteil des Bundesgerichts 9C_117/2011 vom 29. März 2011, E. 4), nachzahlen können.
Insoweit der Beschwerdeführer überdies geltend macht, eine Mitarbeiterin der IV-Stelle
habe einer Ausdehnung des Arbeitspensums eines in der Unternehmung angestellten
Mitarbeiters, der IV-Bezüger ist, zugestimmt (Beschwerde, S. 2) und er habe aufgrund
dessen mit einer finanziellen Unterstützung seitens der IV-Stelle rechnen können, welche
dann ausgeblieben sei (vgl. auch Einsprache, VI-act. 5.8), ist dem entgegenzuhalten, dass
dies - selbst wenn seine Ausführungen zutreffen sollten, was offen gelassen werden kann -
jedenfalls nicht zu einer Entbindung seiner Pflichten als Geschäftsführer geführt hätte,
rechtzeitig für die vollständige Bezahlung der Beiträge an die Vorinstanz zu sorgen.
Insgesamt ist daher ein Verschulden in Form von grober Fahrlässigkeit klar zu bejahen.
2.13
Damit sind sämtliche Voraussetzungen für eine Schadenersatzpflicht des
Beschwerdeführers erfüllt. Der Beschwerdeführer haftet gestützt auf Art. 52 AHVG
gegenüber der Vorinstanz für den von ihm im Übrigen nicht substantiiert bestrittenen
Schaden im Gesamtbetrag von Fr. 84‘737.80.
Seite 12
3. Kosten und Entschädigung
Es handelt sich um ein kostenloses Verfahren (Art. 1 Abs. 1 und Art. 52 AHVG i.V.m. Art.
61 lit. a ATSG), weshalb keine Gerichtskosten zu erheben sind.
Nach Art. 61 lit. g ATSG hat ein obsiegender Beschwerdeführer Anspruch auf eine
Parteientschädigung, wobei nach der Rechtsprechung ein solcher Anspruch auch bei bloss
teilweisem Obsiegen besteht. Der Beschwerdeführer hat allerdings im Verhältnis zum
insgesamt in Frage stehenden Schadenersatzbetrag lediglich zu einem sehr geringen Teil
obsiegt und stellt keinen Antrag auf Entschädigung. Da er nicht anwaltlich vertreten ist, ist
ohnehin nur der ihm persönlich entstandene Aufwand für das vorliegende Verfahren
entscheidend. Da das Einreichen der dreiseitigen Beschwerdeschrift - auf eine Replik und
eine mündliche Verhandlung hat der Beschwerdeführer stillschweigend verzichtet - nicht
das Mass dessen übersteigt, was dem Einzelnen zur Besorgung eigener Angelegenheiten
zugemutet werden darf (vgl. BGE 127 V 205, E. 4b, insbesondere mit Verweis auf BGE 110
V 132), ist ihm für das vorliegende Verfahren keine Parteientschädigung zuzusprechen.
Der Vorinstanz als staatlicher Behörde wird unabhängig vom Verfahrensausgang keine
Parteientschädigung zugesprochen (vgl. BGE 127 V 205, E. 3a; Art. 61 lit. a und g ATSG e
contrario; Art. 24 Abs. 3 lit. a VRPG).
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