Decision ID: 85a22459-b7b3-5161-9671-8ede672dced4
Year: 2009
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
S._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Daniel Ehrenzeller, Engelgasse 214, 9053 Teufen,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
Rente
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Sachverhalt:
A.
A.a S._ meldete sich am 8. August 2005 zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung (Rente) an. Dabei gab sie an, an Rücken- bzw.
Bandscheibenbeschwerden zu leiden. Die Behinderung bestehe seit 4. März 2004 (act.
G 4.1/1). Mit Bericht vom 30. September 2005 gab der Hausarzt der Versicherten, Dr.
med. A._, die Versicherte leide an einer Lumboischialgie links bei ausgedehntem
Bandscheibenvorfall L5/S1 mit Segmentierung nach caudal und Radix-S1 und -S2-
Kontakt. Im Weiteren bestehe eine Diskushernie L2/3 und L3/4. Die Beschwerden
beständen seit Januar 2004. Die Arbeitsunfähigkeit habe (für die zuletzt ausgeführte
Tätigkeit) zunächst 100 % betragen, ab 12. Oktober 2004 bis auf Weiteres 50 % (4
Stunden pro Tag; act. G 4.1/20.1 - 20.3). Auf Veranlassung des RAD Ostschweiz wurde
zusätzlich beim Medizinischen Gutachtenzentrum St. Gallen ein orthopädisch/psychia-
trisches Gutachten eingeholt. Dieses wurde am 7. April 2006 erstattet. Als
orthopädische Diagnosen wurde eine erosive Osteochondrose L5/S1 mit kleiner
sequestrierter medio-linkslateraler Diskushernie und Dorsalverlagerung des
prärecessalen Anteils der Nervenwurzel S1 links und degenerativen Veränderungen der
Facettengelenke L5/S1 beidseits festgehalten. Weiter wurde eine Trapeziusmyogelose
beidseits bei leichter Uncovertebralarthrose und Spondylose C4/5 und dorso-lateraler
Diskusprotrusion sowie leichter Einengung des Neuroforamens C4/5 rechts mehr als
links ohne neurale Kompromittierung, eine Präadipositas, Insomnie und Migräne
diagnostiziert. Zur Arbeitsfähigkeit führten die Gutachter aus, dass die Versicherte in
ihrer körperlichen Leistungsfähigkeit zweifellos eingeschränkt sei. Dabei seien ihr
vorwiegend sitzende oder stehende und gehende Tätigkeiten, bei denen regelmässig
Gegenstände über 5 bis 10 kg gehoben oder getragen werden und häufig
unphysiologische, insbesondere gebeugte Körperhaltungen eingenommen werden
müssten, nicht mehr vollumfänglich zumutbar. Die Arbeitsfähigkeit als Textilarbeiterin
betrage aus orthopädischer Sicht 60 % bei voller Stundenpräsenz. Wegen der
psychiatrisch festgestellten Insomnie ergebe sich eine zusätzliche Arbeitsunfähigkeit
von 10 %. Durch eine operative Revision des Segmentes L5/S1 könnte eine Steigerung
der Arbeitsfähigkeit erzielt werden, insbesondere bei gleichzeitiger Gewichtsreduktion
und Stärkung der paravertebralen Muskulatur. In körperlich leichten Tätigkeiten ohne
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
die vorgenannten Einschränkungen betrage die Arbeitsfähigkeit 80 % bei voller
Stundenpräsenz. Unter Berücksichtigung der psychiatrischen Einschränkung von 10 %
betrage die Arbeitsfähigkeit demzufolge 70 % (act. G 4.1/29).
A.b Gestützt auf dieses Gutachten (und den IK-Auszug) errechnete die
Eingliederungsberaterin in ihrem Schlussbericht vom 25. Juli 2006 ein
Valideneinkommen von Fr. 43'208.-- und ein Invalideneinkommen von Fr. 28'120.--,
mithin einen Invaliditätsgrad von 37 % (act. G 4.1/35). Die IV-Stelle St. Gallen
übernahm in der Folge diese Berechnungsweise für ihren Vorbescheid vom 11.
Oktober 2008 und stellte der Versicherten die Abweisung des Rentengesuchs in
Aussicht (act. G 4.1/41). Trotz Einwands vom 13. November 2006, in welchem vor
allem gerügt wurde, das Gutachten berücksichtige die ärztlichen Vorberichte zu wenig
und überzeuge in der Einschätzung der Arbeitsunfähigkeit nicht, verfügte die IV-Stelle
nach weiteren Abklärungen am 1. Oktober 2007 im angekündigten Sinn (act. G 4.1/61).
Am 2. Oktober 2007 verfügte sie zudem, dass zur Zeit keine Arbeitsvermittlung möglich
sei (act. G 4.1/62).
B.
B.a Gegen erstere Verfügung richtet sich die vorliegende Beschwerde vom 1.
November 2007 mit dem Antrag, die Verfügung sei aufzuheben und der
Beschwerdeführerin mit Wirkung ab März 2005 eine halbe Rente zuzusprechen.
Eventualiter sei die Verfügung aufzuheben und die Sache zwecks Vornahme weiterer
Untersuchungen an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Ausserdem sei der
Beschwerdeführerin die unentgeltliche Prozessführung inklusive -verbeiständung zu
gewähren. Zur Begründung wird ausgeführt, dass die Befunde im Gutachten sowie in
den für das Gutachten eingeholten Berichten der Klinik Stephanshorn anders formuliert
seien als in den früheren Berichten der Klinik für Neurochirurgie des Kantonsspitals St.
Gallen. Während damals von einem ausgedehnten Bandscheibenvorfall mit
Wurzelkontakt die Rede gewesen sei, sei der entsprechende Befund im Gutachten nur
noch als degenerative Veränderung der Facettengelenke L5/S1 und als Einengung des
Neuroforamens C4/5 diagnostiziert worden. Weiter bemängelt der Rechtsvertreter,
dass im Jahr 2004 noch verschiedene kleinere Bandscheibenvorfälle L2/3 und L3/4
festgestellt worden seien, wo von L2/3 im Gutachten nun nichts mehr zu finden sei.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Zur Arbeitsfähigkeitsschätzung wird im Wesentlichen ausgeführt, das Gutachten gehe
selbst davon aus, die Beschwerdeführerin sei in ihrer körperlichen Leistungsfähigkeit
zweifellos eingeschränkt. Bei einer solchen Qualifikation und den als nachvollziehbar
erachteten Nacken- und lumbalen Beschwerden müsse jedoch die Arbeitsfähigkeit aus
orthopädischen Gründen klar unterhalb der angegebenen 80 % liegen. Im Weiteren sei
davon auszugehen, dass die Resterwerbsfähigkeit in Teilzeit zu verwerten sei, wie dies
in der angefochtenen Verfügung ("zeitlich 70 %-iger Einsatz"), nicht jedoch im
Gutachten genannt werde, wo von einer vollen Stundenpräsenz ausgegangen werde.
In Bezug auf die Berechnung des Invaliditätsgrades wird sodann ein weiterer Abzug
von mindestens 10 % gefordert, da die Beschwerdeführerin einerseits nur noch Teilzeit
arbeiten könne und andererseits einer negativ besetzten Nationalität angehöre. Bei
einem Abzug von (insgesamt) 15 % resultiere ein Invaliditätsgrad von 40,5 % und bei
einem solchen von 20 % ein Invaliditätsgrad von 44 %. Berücksichtige man zusätzlich
einen Arbeitsfähigkeitsgrad von lediglich 50 % ergäbe sich ein Invaliditätsgrad von
über 50 % (act. G 1).
B.b Mit Beschwerdeantwort vom 30. November 2007 beantragt die Verwaltung
Abweisung der Beschwerde. Zur Begründung wird im Wesentlichen vorgebracht, dass
das Gutachten umfassend sei. So sei der Rücken der Beschwerdeführerin umfassend
geröntgt und zudem im zervikalen und lumbalen Bereich ein MRI erstellt worden. Die
medizinischen Vorakten seien berücksichtigt worden. Bezüglich der von der
Beschwerdeführerin in den Vordergrund gerückten kleinen Bandscheibenvorfälle im
Bereich der LWS habe der Gutachter schlüssig ausgeführt, dass die aktuellen MRI-
Aufnahmen qualitativ höherwertig als die vom Spital Grabs gemachten CT-
Röntgenbilder seien und dass kleinere Bandscheibenvorfälle auch bei
beschwerdefreien Personen häufig vorhanden seien und per se keinen Krankheitswert
hätten. Für die geltend gemachten Nackenschmerzen fänden sich in sämtlichen
medizinischen Akten kein neurologisches Korrelat. Zudem habe die
Beschwerdeführerin anlässlich der orthopädischen Untersuchung einzig ausgeführt, die
Nackenschmerzen verstärkten sich beim Heben und Tragen von Lasten, also bei
körperlich anstrengenden Tätigkeiten. Angesichts der nicht erheblichen
Rückenbefunde seien ihre Beschwerden mit der Annahme einer 20 %-igen
Einschränkung (orthopädisch) genügend berücksichtigt worden. Da bei der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdeführerin keine psychiatrische Diagnose vorliege, erscheine die
entsprechende Einschätzung der Arbeitsunfähigkeit von 10 % in einer adaptierten
Tätigkeit zudem als wohlwollend.
In Bezug auf die Bemessung des Valideneinkommens führt die Beschwerdegegnerin
aus, ein Abzug wegen der Ausländereigenschaft der Beschwerdeführerin sei nicht
vorzunehmen, da eine allfällige lohnmässige Diskriminierung bereits vollumfänglich mit
der Reduktion des ungekürzten Invalideneinkommen ausgeglichen worden sei. Ein
Teilzeitabzug sei ebenfalls nicht geschuldet, weil Hilfsarbeiterinnen im Vergleich zu
Vollzeitbeschäftigten sogar proportional mehr verdienten. Schliesslich könne die
geltend gemachte niedrige Qualifikation als invaliditätsfremder Faktor nicht zusätzlich
berücksichtigt werden. Bei einem Valideneinkommen von Fr. 43'208.-- und einem
Invalideneinkommen von Fr. 27'221.-- resultiere ein Invaliditätsgrad von 37 %, weshalb
der Rentenantrag zu Recht abgewiesen worden sei (act. G 4).
B.c Mit Replik vom 22. Februar 2008 wird nochmals betont, dass die diagnostizierten
ausgedehnten Bandscheibenvorfälle mit Nervenwurzelkompression die lumbalen
Schmerzen erklärten, wie auch der Gutachter festgestellt habe. Bei zusätzlicher
Belastung verstärkten sich erfahrungsgemäss solche Beschwerden und es spielten
auch kleinere Befunde eine Rolle, die bei nichterwerbstätigen Personen in den
Hintergrund rücken würden. Die Nackenschmerzen würden sodann vom Gutachter
nicht in Zweifel gezogen. Es treffe auch nicht zu, dass Kopfschmerzen nie erwähnt
worden seien. Vielmehr seien diese gegenüber dem Gutachter geäussert worden.
Die Beschwerdeführerin sei vom 3. Januar 2006 bis zum 30. April 2006 im
Einsatzprogramm des RAV gestanden. Obwohl die Tätigkeit im Recycling als leicht
eingestuft worden sei, habe sich die Beschwerdeführerin jeweils am Nachmittag
hinlegen müssen. Dieser Einsatz zeige, dass eine leichte Tätigkeit mit Einsatz von
Schmerzmitteln und genügend Erholungszeit denkbar sei. Zur Frage der
Erholungsbedürftigkeit habe sich der Gutachter jedoch nicht geäussert (act. G 12). Die
Beschwerdegegnerin verzichtet auf eine Duplik (act. G 14).

Erwägungen:
1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
1.1 Da ein Sachverhalt zu beurteilen ist, wie er sich bis zum Zeitpunkt des Erlasses der
angefochtenen Verfügung am 1. Oktober 2007 entwickelt hat, sind die auf den
1. Januar 2008 in Kraft getretenen Rechtsänderungen nicht anwendbar.
1.2 Strittig ist die Abweisung des Leistungsgesuchs der Beschwerdeführerin. Im
vorliegenden Verfahren sind (wie in der Anmeldung) allein Rentenleistungen beantragt
worden. Streitgegenstand bildet daher zunächst der allfällige Rentenanspruch. Ergäbe
sich allerdings, dass ohne Eingliederungsmassnahmen ein Rentenanspruch in Frage
stünde, so gehörte zum Streitgegenstand notwendigerweise auch die Frage, ob die
Verwaltung den Grundsatz "Eingliederung vor Rente" beachtet und eine allfällige Pflicht
der Beschwerdeführerin zu Massnahmen korrekt in Anspruch genommen habe.
2.
2.1 Nach Art. 28 Abs. 1 IVG (in der bis 31. Dezember 2007 gültig gewesenen Fassung)
besteht der Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn die versicherte Person
mindestens zu 70 %, derjenige auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie mindestens zu
60 % invalid ist. Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % besteht Anspruch auf
eine halbe Rente und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % Anspruch auf
eine Viertelsrente.
2.2 Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung und im
Beschwerdefall das Gericht auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und
gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des
Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung
zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte
Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 261 E. 4). Das Gericht hat den Sachverhalt von
Amtes wegen festzustellen und demnach zu prüfen, ob die vorliegenden Beweismittel
eine zuverlässige Beurteilung des strittigen Leistungsanspruchs gestatten. Hinsichtlich
des Beweiswertes eines Arztberichts ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen
Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten
Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten abgegeben worden ist, in der
Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen des Experten
begründet sind (BGE 125 V 352 E. 3a).
3.
3.1 Vorliegend ist zunächst umstritten, ob sich das Gutachten genügend mit den
geltend gemachten Beschwerden auseinander setzt. Diesbezüglich wird vom
Rechtsvertreter insbesondere vorgebracht, das Gutachten beschönige die von der
Neurochirurgie des Kantonsspitals St. Gallen festgestellten Veränderungen an der
(lumbalen) Wirbelsäule, namentlich eine Wurzelkompression in L5/S1 sowie ein
Unterschlagen eines kleinen Bandscheibenvorfalls in L2/3. Im entsprechenden Bericht
der Neurochirurgie vom 16. Juni 2004 wurde gestützt auf eine CT-Aufnahme des
Spitals Grabs vom 4. März 2004 (und in Übereinstimmung mit dessen Diagnose) ein
ausgedehnter medio-lateraler und medialer Bandscheibenvorfall L5/S1 links mit
Sequestrierung nach kaudal sowie eine Obliteration des Rezessus und Kontakt zur in
S1/2 abgehenden Radix diagnostiziert (act. G 4.1/18.8). Das Spital Grabs stellte
zusätzlich kleinere Bandscheibenvorfälle in den Fächern L2/3 und L3/4 mit Einengung
der Neuroforamina, ohne Beeinträchtigung der Radices fest (act. G 4.1/18.6). Mithin ist
auch in den medizinischen Vorakten lediglich von einem Wurzelkontakt, und nicht wie
vom Rechtsvertreter behauptet, von einer Wurzelkomprimierung die Rede. Nichts
anderes ergibt sich aus den - dem Gutachten zu Grunde liegenden - Berichten der
Klinik Stephanshorn vom 6. März 2006. Gestützt auf eine lumbale vertebrospinale
Kernspintomographie vom 4. März 2006 diagnostizierte die Klinik Stephanshorn eine
erosive Osteochondrose Grad I auf Höhe L5/S1 mit grossflächiger Ödemzone entlang
der Bodenplatte von LWK5 und der Deckplatte von S1. Weiter wurde eine diskrete
Retroposition von L5 auf S1 um 2 mm sowie ein diffus dehydrierter und
höhengeminderter Discus intervertebralis L5/S1 mit kleiner sequestrierter medio-
linkslateraler, wenig nach kaudal sich vorwölbender Diskushernie auf Höhe L5/S1
sowie dadurch bedingter kurzstreckiger Kontaktierung und Dorsalverlagerung des
prärecessalen Anteils der Nervenwurzel S1 links diagnostiziert. Schliesslich
diagnostizierte die Klinik Stephanshorn eine diskrete Spondylarthrose L4/5 und L5/S1
mit diskretem Flüssigkeitssaum im Facettengelenk L5/S1 beidseits (act. G 4.1/27).
Dieser Befund wurde in leicht gekürzter Form auch in das Gutachten übernommen,
wenn auch ohne die Formulierung, wonach die Diskushernie in L5/S1 eine
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Kontaktierung und Dorsalverlagerung des prärecessalen Anteils der Nervenwurzel
bewirkt habe, sondern nur eine Dorsalverlagerung derselben (act. G 4.1/29.6).
Den vom Rechtsvertreter sodann monierten Widerspruch zwischen der in der MRI-
Aufnahme vom 6. März 2006 vorgefundenen regelrechten Darstellung namentlich der
Disci intervertebrales L2/3 und L3/4 und der CT-Aufnahme vom 4. März 2004 des
Spitals Grabs, die noch kleinere laterale Bandscheibenvorfälle gezeigt hatte, konnte der
Gutachter mit Schreiben vom 28. August 2007 plausibel erklären. So führte er aus, die
MRI-Aufnahmen seien den CT-Aufnahmen hinsichtlich Darstellungsqualität überlegen.
Im Weiteren seien kleinere Bandscheibenvorfälle häufig auch in der beschwerdefreien
Bevölkerung anzutreffen und hätten damit nicht per se einen Krankheitswert. Drittens
könnten Bandscheibenvorfälle schrumpfen, so dass Befunde im Abstand von
zweieinhalb (richtig: zwei) Jahren nicht identisch sein müssten (act. G 4.1/58).
Als Zwischenergebnis kann somit festgehalten werden, dass bezüglich der lumbalen
Beschwerden von einer praktisch vollständigen Übereinstimmung der gutachterlichen
Befunde mit jenen der vorbefassten medizinischen Stellen auszugehen ist.
3.2 Bezüglich der zervikalen Beschwerden, die nach eigenen Angaben der
Beschwerdeführerin vom 24. Februar 2006 gegenüber dem Gutachter erst seit drei
Monaten bestanden, mithin seit November 2005, kann ohnehin kein Widerspruch zu
den medizinischen Vorakten bestehen, die bereits im März bzw. Juni 2004 produziert
wurden. Diesbezüglich gab die Beschwerdeführerin gegenüber dem Gutachter an, sie
leide an konstanten drückenden Nackenschmerzen, die sich in den Hinterkopf
fortsetzten. Sowohl der Nachtschlaf als auch das Sitzen und Laufen seien aber
vorwiegend durch die lumbalen Beschwerden eingeschränkt. Beim Heben und Tragen
von Lasten verstärkten sich die Nackenschmerzen. Zudem beschreibt sie eine
Dysästhesie der gesamten rechten Hand (act. G 4.1/29.3). Im Weiteren wurde
anlässlich der Begutachtung von der Klinik Stephanshorn am 4. März 2006 eine
cervikale vertebrospinale Kernspintomographie erstellt. Diese ergab eine Streckhaltung
der HWS und eine geringe linkskonvexe skoliotische Fehlhaltung derselben,
regelrechtes ventrales und dorsales Alignement von Höhe C2 bis Höhe Th6. Im
Weiteren stellte die Klinik Stephanshorn eine altersentsprechend regelrechte
Darstellung des Segments C2/3 und C3/4 fest bei geringer Osteochondrose und
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Uncovertebralarthrose C4/5 sowie geringer dorso-lateraler Spondylophytose C4/5
beidseits als auch geringer dorso-lateraler Discusprotrusion auf der genannten Höhe
mit dadurch bedingter geringgradiger Einengung des Neuroforamens C4/5 rechts mehr
als links, jedoch ohne Anhaltspunkte für eine eindeutige neurale Kompromittierung.
Weiter fand sich eine altersentsprechend regelrechte Darstellung der übrigen
Segmente von Höhe C5/6 bis Th6/7 sowie eine normale Weite des ossären
Spinalkanals (act. G 4.1/28). Mithin sind bezüglich der Nackenschmerzen ausser den
vom Gutachter diagnostizierten leichten degenerativen Veränderungen der
Halswirbelsäule keine weiteren Befunde objektivierbar. Das Gutachten erweist sich
somit auch diesbezüglich als vollständig.
3.3 Im Weiteren moniert der Rechtsvertreter, die Arbeitsfähigkeitsschätzung des
Gutachtens sei nicht plausibel. So gingen die Gutachter selber davon aus, dass die
Beschwerdeführerin auf Grund der beschriebenen Beschwerden zweifellos in ihrer
körperlichen Leistungsfähigkeit eingeschränkt sei. Dies stehe jedoch im Widerspruch
dazu, ihr nur eine orthopädisch bedingte Reduktion der Arbeitsfähigkeit von 20 %
zuzubilligen. Wie sich aus dem Schlussbericht der Eingliederungsberaterin vom 25. Juli
2006 ergebe, habe die Beschwerdeführerin zudem drei Monate täglich vier Stunden in
einem Einsatzprogramm gearbeitet. Dies sei nur möglich gewesen, weil sie dann den
Rest des Tages nur noch gelegen sei, und der Mann sowie die Kinder weitgehend den
Haushalt bestritten hätten. Sowohl im Vorbescheid als auch in der Verfügung vom 1.
Oktober 2007 gehe die Beschwerdegegnerin davon aus, dass der Beschwerdeführerin
ein zeitlich 70 %-iger Einsatz zumutbar sei. Dies bedeute eine Präsenz von 70 %, was
im Gegensatz zur Formulierung im Gutachten stehe, wo von voller Stundenpräsenz die
Rede sei.
Mit der Beschwerdegegnerin ist zunächst festzustellen, dass die
Arbeitsfähigkeitsschätzung eine medizinisch-theoretische ist. Sie hat sich auf den
gesamten in Betracht fallenden (ausgeglichenen) Arbeitsmarkt zu beziehen (Art. 28
Abs. 2 IVG, Art. 16 ATSG). Vorliegend fällt ins Gewicht, dass die Gutachter die
geklagten Beschwerden berücksichtigt haben. So wird im orthopädischen Gutachten
ausdrücklich festgehalten, dass die von der Beschwerdeführerin geschilderten
lumbalen und Nackenschmerzen wegen der degenerativen Veränderungen und der
klinisch festgestellten Trapeziusmyogelose als nachvollziehbar erscheinen (act. G
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.1/29.7). Demgegenüber hat die Beschwerdeführerin bei der Untersuchung tatsächlich
keine (eigentlichen, primären) Kopfschmerzen geschildert. Die entsprechende Stelle
(act. G 4.1/29.3 unten) spricht lediglich von Nackenschmerzen mit Fortsetzung
(Ausstrahlung) in den Hinterkopf. Weiter wurde im psychiatrischen Gutachten die
geklagte Beeinträchtigung des Nachtschlafs berücksichtigt. Nachdem mit der
Beschwerdegegnerin von nicht allzu gravierenden Rückenbefunden auszugehen ist,
und auch Dr. A._ in seiner Einschätzung vom 30. September 2005 von einer 50 %
Arbeitsfähigkeit in der angestammten Tätigkeit ausging (halbtags; act. G 4.1/20.3),
erscheint die vom Gutachten festgestellte Arbeitsfähigkeit von insgesamt 50 % in der
angestammten Tätigkeit (während voller Stundenpräsenz) grundsätzlich als plausibel.
Dass in einer optimal adaptierten Tätigkeit sodann eine entsprechend höhere
Arbeitsfähigkeit besteht, liegt ebenfalls auf der Hand. Diese wurde von den Gutachtern
dahingehend charakterisiert, dass die Arbeit körperlich leicht sein sollte und
abwechslungsweise sitzend und stehend durchgeführt werden sollte, ohne dass dabei
regelmässig Gegenstände über 5 bis 10 kg gehoben oder getragen und häufig
unphysiologische, speziell gebeugte Körperhaltungen eingenommen werden müssten
(act. G 4.1/29.9). Entgegen der Auffassung der Beschwerdeführerin kann nicht ohne
Weiteres von einem Einsatzprogramm der Arbeitslosenversicherung auf die
medizinisch zumutbare Arbeitsleistung geschlossen werden. Schliesslich ist zu
beachten, dass die Arbeitsfähigkeitsschätzung notwendigerweise gewisse
Ermessenszüge aufweist (Urteil des Eidgenössischen Versicherungsgerichts vom 31.
März 2006 [I 561/05] E. 3.3). Die Einschätzung des Gutachtens, wonach der
Beschwerdeführerin ein volles Pensum bei reduzierter Leistung zuzumuten sei,
widerspricht denn auch nicht grundsätzlich den hausärztlichen Schätzungen, sondern
liegt vielmehr dazwischen. Während der frühere Hausarzt der Beschwerdeführerin von
einer vollständigen Arbeitsfähigkeit (in der angestammten Tätigkeit) ausging,
bescheinigte ihr der neue Hausarzt eine 50 %-ige Arbeitsfähigkeit in der bisherigen
Tätigkeit, die halbtags zu verwerten sei. Schliesslich leitet die Beschwerdeführerin die
geltend gemachte fehlende Erholungszeit aus ihrer Tätigkeit im RAV-Einsatzprogramm
ab. Zwar sind solche Einsatzprogramme nicht schlechterdings unbeachtlich (vgl.
9C_833/2007 E. 3.3.2), jedoch kann aus dieser subjektiven Einschätzung nicht
abgeleitet werden, die gutachterliche Schätzung sei mangelhaft.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Zusammenfassend ist somit festzustellen, dass das Gutachten auf allseitigen
Untersuchungen beruht, die geklagten Beschwerden berücksichtigt, nicht im
Widerspruch zu den Vorakten steht, in der Beurteilung der medizinischen Situation und
den daraus gezogenen Schlussfolgerungen einleuchtet. Darauf ist abzustellen. Ein
weiterer Abklärungsbedarf ist nicht vorhanden.
3.4 Schliesslich macht der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin geltend, es sei ein
höherer Leidensabzug vorzunehmen. Nebst dem Wechsel von einer schwereren zu
einer leichten Tätigkeit sei auch ein Teilzeitabzug zu berücksichtigen, der in der Regel
als Einschlag von 5 % bis 7 % berücksichtigt werde. Im Weiteren sei zu
berücksichtigen, dass die Beschwerdeführerin als Mazedonierin einer negativ
besetzten Nationalität angehöre. Insgesamt sei ein Abzug von 20 % vorzunehmen.
Ob und in welchem Ausmass Tabellenlöhne herabzusetzen sind, ist von sämtlichen
persönlichen und beruflichen Umständen des konkreten Einzelfalls (leidensbedingte
Einschränkung, Alter, Dienstjahre, Nationalität/Aufenthaltskategorie und
Beschäftigungsgrad) abhängig. Der Einfluss sämtlicher Merkmale auf das
Invalideneinkommen ist nach pflichtgemässem Ermessen gesamthaft zu schätzen,
wobei der Abzug auf höchstens 25 % zu begrenzen ist (BGE 129 V 472 neues Fenster
E. 4.3.2. S. 481, 126 V 75). Vorliegend fällt ein Teilzeitabzug von Vornherein weg, weil
sich eine Teilzeittätigkeit bei Frauen ohnehin nicht lohnsenkend auswirkt (vgl. Entscheid
des Eidgenössischen Versicherungsgerichts vom 9. Mai 2001 [I 575/00] E. 3b;
Entscheid vom 18. Juli 2002 [I 130/02 Bh] E. 3b/cc). Hingegen liess das Bundesgericht
einen Abzug bei vollzeitlicher Arbeitstätigkeit mit verminderter Leistungsfähigkeit zu
(anders noch Entscheid vom 2. November 2007 [I 69/07] E. 5.1 - 5.3; vgl. jetzt Urteil
9C_603/07 vom 8. Januar 2008 und Entscheid des Versicherungsgerichts vom 29.
September 2008 [IV 2007/242] E. 4.3.4). Dagegen ist kein "Ausländerabzug"
vorzunehmen. Zwar mag das Einkommen von Niedergelassenen etwas tiefer liegen.
Indessen wird dieses Kriterium in der Rechtsprechung als problematisch bezeichnet,
weil die statistischen Löhne auf Grund der Einkommen der schweizerischen und
ausländischen Wohnbevölkerung erfasst werden (I 130/02 Bh, E. 3b/cc; AHI 2002 S. 70
E. 4 b/cc). Auch wenn unter allen Gesichtspunkten ein Abzug gerechtfertigt ist, kann er
in Würdigung der gesamten persönlichen und beruflichen Umstände - insbesondere
der Tatsache, dass die Beschwerdeführerin nur noch leichte Tätigkeiten ausüben kann
http://relevancy.bger.ch/php/aza/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=all&query_words=Teilzeitabzug+Frauen&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F129-V-472%3Ade&number_of_ranks=0#page472
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
- höchstens 10 % betragen, sodass die Vornahme eines entsprechendes Abzugs vom
Tabellenlohn durch die Beschwerdegegnerin nicht zu beanstanden ist. Mithin bleibt es
beim von der Beschwerdegegnerin festgestellten Invaliditätsgrad von 37 %, womit kein
Rentenanspruch besteht.
4.
4.1 Die angefochtene Verfügung erweist sich damit als korrekt, weshalb die
Beschwerde abzuweisen ist.
4.2 Der Beschwerdeführerin wurde die unentgeltliche Rechtspflege und
Rechtsverbeiständung am 14. Dezember 2007 bewilligt. Wenn die wirtschaftlichen
Verhältnisse der Beschwerdeführerin es gestatten, kann sie jedoch zur Nachzahlung
der Gerichtskosten, der Auslagen für die Vertretung und der vom Staat entschädigten
Parteikosten verpflichtet werden (Art. 288 Abs. 1 ZPO/SG i.V.m. Art. 99 Abs. 2 VRP/
SG).
4.3 Der unterliegenden Beschwerdeführerin sind die Gerichtskosten in der Höhe von
Fr. 600.-- aufzuerlegen. Zufolge unentgeltlicher Rechtspflege ist sie von der Bezahlung
zu befreien.
Der Staat ist zufolge unentgeltlicher Rechtsverbeiständung zu verpflichten, für die
Kosten der Rechtsvertretung des Beschwerdeführers aufzukommen. Die
Parteientschädigung bemisst sich nach der Bedeutung der Streitsache und nach der
Schwierigkeit des Prozesses (Art. 61 lit. g Satz 2 ATSG). Unter Berücksichtigung dieser
Kriterien erweist sich eine Parteientschädigung von Fr. 3500.-- (inklusive Barauslagen
und Mehrwertsteuer) als angemessen. Diese Entschädigung ist bei der unentgeltlichen
Rechtsverbeiständung um einen Fünftel herabzusetzen (Art. 31 Abs. 3 des st.
gallischen Anwaltsgesetzes). Die Entschädigung beträgt somit Fr. 2800.-- (inkl.
Barauslagen und Mehrwertsteuer).
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 53 GerG