Decision ID: a1e4c0b1-0418-47e6-9e84-614f2582cd05
Year: 2020
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ (nachfolgend: Versicherte) war seit dem 11. August 2008 als Schreinerin bei
der B._ GmbH tätig und dadurch bei der Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt
(nachfolgend: Suva) gegen die Folgen von Unfällen versichert (Suva-act. 2).
A.a.
Am 17. September 2018 meldete die Arbeitgeberin, die Versicherte habe sich am
10. September 2018 beim Zuschneiden einer Leiste mit einer Tischkreissäge in den
rechten Daumen geschnitten (Suva-act. 2). Die Versicherte stellte sich noch am
Unfalltag den Ärzten des Departements Chirurgie des Spitals C._ vor, welche nach
Durchführung einer Röntgenuntersuchung ohne Hinweis auf knöcherne Verletzungen
und Fremdkörper (vgl. Suva-act. 23) eine Fräsverletzung Daumen rechts
diagnostizierten, die Wunde nach ausgiebiger Spülung und Desinfektion mit Epigard
und Adaptic-Verband versorgten, der Versicherten eine Ruhigstellung im
Daumenkännel bis zur Wundheilung verordneten und ihr bis 24. September 2018 eine
100%ige Arbeitsunfähigkeit attestierten (Suva-act. 19). Die Versicherte wurde
schliesslich vom 24. bis 30. September zu 100% und vom 1. bis 7. Oktober 2018 zu
50% arbeitsunfähig geschrieben. Ab 8. Oktober 2018 wurde ihr wieder eine 100%ige
Arbeitsfähigkeit bestätigt (Suva-act. 8 ff.).
A.b.
Mit Schreiben vom 25. September 2018 hatte die Suva der Versicherten die
gesetzlichen Leistungen (Heilbehandlung und Taggeld) zugesichert (Suva-act. 7).
A.c.
Ab dem 31. Mai 2019 wurden der Versicherten erneut Zeugnisse für eine 100 und
50%-ige Arbeitsunfähigkeit ausgestellt (Suva-act. 17). Ihre Hausärztin Dr. med. D._
stellte ihr am 12. Juni 2019 eine Physiotherapieverordnung mit der Diagnose "Status
nach Fräsverletzung Dig. I Hand rechts im September 2018. Aktuell von dort
A.d.
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ausgehend Verkrampfung der Muskulatur und Entzündung des Daumenstreckers und
Handgelenkstreckers sowie evtl. CTS Komponente" aus (Suva-act. 26).
Am 13. Juni 2019 wurde die Versicherte durch Dr. med. E._, Facharzt für
Neurologie FMH, abgeklärt, der nach einer klinischen, elektromyographischen und
elektroneurographischen Untersuchung in der diagnostischen Beurteilung festhielt, es
sei kein Nervenkompressionssyndrom, insbesondere kein Karpaltunnelsyndrom (CTS)
nachweisbar (Suva-act. 30).
A.e.
Mitte Juni 2019 liess die Versicherte der Suva durch ihre Arbeitgeberin einen
Rückfall zum Unfall vom 10. September 2019 melden (Suva-act. 11 f.; vgl. auch
Arbeitsunfähigkeitszeugnisse für den Zeitraum vom 23. Juni bis 13. Juli 2019 [Suva-
act. 20]).
A.f.
Am 26. Juni 2019 wurde bei der Versicherten auf Zuweisung von Dr. D._ in der
Radiologie F._, Diagnose Zentrum G._, eine MRT-Untersuchung des rechten
Handgelenks durchgeführt, welche eine zentrale Ausdünnung und wahrscheinliche
Perforation des triangulären fibrokartilaginären Komplexes (TFC) bei geringer
Ulnaplusvariante mit Zeichen eines ulnaren Impaktionssyndroms, ein kleines Ganglion
dorsal des Os capitatum/Os trapezoideum sowie ein intraossäres Ganglion im distalen
Scaphoidpol, wahrscheinlich ohne klinische Relevanz, zur Darstellung brachte.
Degenerative Veränderungen scaphotriquetral und im Daumensattelgelenk sowie eine
Tenosynovitis waren nicht nachweisbar (Suva-act. 32).
A.g.
Ebenfalls auf Zuweisung von Dr. D._ wurde die Versicherte am 17. Juli 2019
durch Dr. med. H._, Leitender Arzt Handchirurgie, Departement Chirurgie, Spital
C._, untersucht, der die Verdachtsdiagnose eines Karpaltunnelsyndroms rechts bei
Status nach Fräsverletzung Daumenendglied rechts diagnostizierte (Suva-act. 31).
A.h.
Mit Schreiben vom 25. Juli 2019 liess sich Dr. D._ gegenüber der Suva zum
Schadenfall vernehmen. Zurzeit werde noch abgeklärt, ob die aktuellen Beschwerden
in einem direkten Zusammenhang mit dem Ereignis vom 10. September 2018 stünden
(Suva-act. 22). Am 5. August 2019 richtete Dr. D._ der Suva über ihre medizinische
Praxisassistentin telefonisch aus, dass der Schadenfall über die Krankenversicherung
abgerechnet werde (Suva-act. 25, vgl. Suva-act. 27).
A.i.
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B.
Am 26. August 2019 liess Dr. D._ der Suva einen Bericht mit dem Betreffnis
"Zusammenhang mit Unfallereignis vom 10.08.2018" zukommen (Suva-act. 29).
A.j.
Nach Einholung einer kreisärztlichen Beurteilung von Dr. med. I._, Facharzt
Orthopädische Chirurgie (Suva-act. 33), eröffnete die Suva der Versicherten mit
Verfügung vom 2. September 2019, dass zwischen dem Unfall vom 10. September
2018 und den als Rückfall zu diesem Unfall gemeldeten Handbeschwerden rechts
gemäss Beurteilung der medizinischen Unterlagen durch ihren ärztlichen Dienst kein
sicherer oder wahrscheinlicher Kausalzusammenhang bestehe. Die Suva sei
demzufolge nicht leistungspflichtig und es könnten daher keine
Versicherungsleistungen erbracht werden (Suva-act. 34).
A.k.
Gegen die Verfügung vom 2. September 2019 erhob die Versicherte mit Eingabe
vom 21. September 2019 Einsprache (Suva-act. 43).
B.a.
Am 8. Oktober 2019 verfasste Dr. I._ eine ärztliche Aktenbeurteilung, in welcher
er zusammenfassend feststellte, dass es zu einer weitgehenden Ausheilung der am 10.
August 2018 (korrekt: 10. September 2018) erlittenen Weichteilverletzung im Bereich
des rechten Daumenendgliedes gekommen sei. Eine funktionelle Beeinträchtigung
oder Bewegungslimitierung des rechten Daumens seien nicht nachgewiesen. Die sich
im Bereich des rechten Handgelenks darstellenden Veränderungen seien als
unfallunabhängig anzusehen. Ein mögliches Karpaltunnelsyndrom stehe schon
aufgrund der anatomischen Lagebeziehungen nicht in kausalem Zusammenhang mit
der am 10. August 2018 (korrekt: 10. September 2018) erlittenen Verletzung. Die
Rückfallmeldung sei dementsprechend abzulehnen (Suva-act. 46).
B.b.
Mit Enspracheentscheid vom 25. Oktober 2019 wies die Suva die Einsprache der
Versicherten ab (Suva-act. 48).
B.c.
Am 13. November 2019 ging bei der Suva ein Untersuchungsbericht von Prof. Dr.
med. J._, Klinik für Hand-, Plastische und Wiederherstellungschirurgie des
Kantonsspitals St. Gallen (nachfolgend: KSSG) vom 12. November 2019 über eine
Untersuchung vom 11. November 2019 ein. Prof. J._ hielt darin fest, dass
B.d.
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C.
diagnostisch eine Narbenkontraktur im Bereich des streckseitigen Daumenendgelenks
mit Einschränkung der Beweglichkeit und Retraktion des Eponychiums vorliege. Die
von der Versicherten gewünschte Erleichterung der Beweglichkeit könne nach dieser
Zeit nur noch durch einen operativen Eingriff mit Narbenlösung und Einbringung eines
kleinen Hauttransplantates erreicht werden. Die Indikation sei eindeutig funktionell
indiziert (Suva-act. 50).
Ebenfalls am 13. November 2019 erklärte Dr. I._, dass der von der
Handchirurgie geplante Eingriff Unfallfolgen adressiere und er eine Kostenübernahme
empfehle (Suva-act. 51).
B.e.
Gegen den Einspracheentscheid vom 25. Oktober 2019 erhob die Versicherte
(nachfolgend: Beschwerdeführerin) mit Eingabe vom 22. November 2019 Beschwerde
mit dem Rechtsbegehren, es sei die "Verfügung" der Suva (nachfolgend:
Beschwerdegegnerin) aufzuheben und es seien die Versicherungsleistungen
auszurichten (act. G 1). Zusammen mit der Beschwerde reichte die Beschwerdeführerin
den bereits aktenkundigen Untersuchungsbericht von Prof. J._ vom 12. November
2019 (act. G 1.2) sowie einen Verlaufsbericht ihrer Physiotherapeutin K._, Physio
L._, ein (act. G 1.3; siehe auch die von Dr. D._ ausgestellte
Physiotherapieverordnung vom 23. August 2019 [Suva-act. 49]).
C.a.
Am 10. Dezember 2019 ging bei der Beschwerdegegnerin der von ihr einverlangte
ärztliche Zwischenbericht von Dr. D._ vom 3.Dezember 2019 ein (Suva-act. 52, 57).
C.b.
In der Beschwerdeantwort vom 13. Januar 2020 beantragte die
Beschwerdegegnerin, die Beschwerde sei abzuweisen und der Einspracheentscheid
vom 25. Oktober 2019 sei zu bestätigen (act. G 3). Zur Begründung ihres Antrags legte
die Beschwerdegegnerin eine weitere ärztliche Beurteilung ihres Kreisarztes Dr. I._
vom 9. Januar 2020 zur Frage vor, ob die von der Beschwerdeführerin ab Juni 2019
beklagten Beschwerden im Bereich der rechten Hand in unfallkausalem Verhältnis zu
dem von der Unfallversicherung anerkannten Schaden vom 10. September 2018
stünden, insbesondere ob die beklagten Beschwerden, die sich auf die Thenar- und
C.c.
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Erwägungen
1.
Musculus adductor pollicis longus-Muskulatur sowie den Unterarm projizierten, als
unfallkausal anzusehen seien (Suva-act. 58).
Mit Replik vom 3. Februar 2020 hielt die Beschwerdeführerin sinngemäss an ihrem
Rechtsbegehren der Beschwerde fest (act. G 7).
C.d.
Mit Schreiben vom 20. Februar 2020 verzichtete die Beschwerdegegnerin auf eine
umfassende Duplik, verwies auf die Begründung in der Beschwerdeantwort vom 13.
Januar 2020 und erneuerte ihren Antrag auf Abweisung der Beschwerde. Im Weiteren
bemerkte sie, nach ihrer Ansicht sei der Aspekt, dass die operative Behandlung der
Narbenkontraktur am rechten Daumen durch Prof. J._ unbestrittenermassen
Unfallfolgen adressiere, weshalb die entsprechenden Kosten von der
Beschwerdegegnerin übernommen würden, nicht Streitgegenstand des vorliegenden
Prozesses sei (act. G 9).
C.e.
Nach Art. 6 Abs. 1 UVG werden Leistungen der Unfallversicherung bei
Berufsunfällen, Nichtberufsunfällen und Berufskrankheiten gewährt, soweit das Gesetz
nichts anderes bestimmt. Anspruchsvoraussetzung für jegliche Leistungen der
Unfallversicherung bildet die Unfallkausalität. Eine Leistungspflicht besteht demnach
nur für Gesundheitsschäden, die natürlich und adäquat-kausal mit einem versicherten
Unfallereignis zusammenhängen (BGE 129 V 181 E. 3.1 f.; André Nabold, in:
Kommentar zum Schweizerischen Unfallversicherungsrecht, Bundesgesetz über die
Unfallversicherung [UVG], Bern 2018, N 48 ff. zu Art. 6 UVG; BSK UVG-Irene Hofer,
Basel 2019, N 66 zu Art. 6 UVG, Alexandra Rumo-Jungo/André Pierre Holzer,
Rechtsprechung des Bundesgerichts zum Sozialversicherungsrecht, Bundesgesetz
über die Unfallversicherung, 4. Aufl. Zürich/Basel/Genf 2012, S. 53 ff.). Für die
Beantwortung der Tatfrage nach dem Bestehen natürlicher Kausalzusammenhänge im
Bereich der Medizin ist das Gericht regelmässig auf Angaben ärztlicher Experten und
Expertinnen angewiesen. Die Frage nach dem adäquaten Kausalzusammenhang ist
demgegenüber eine Rechtsfrage, die vom Gericht nach den von Doktrin und Praxis
entwickelten Regeln zu beurteilen ist (UVG Kommentar-Nabold, a.a.O., N 53, 59 zu Art.
6 UVG; BSK UVG-Hofer, a.a.O., N 66 zu Art. 6 UVG; Rumo-Jungo/Holzer, a.a.O., S. 55,
58; BGE 129 V 181 E. 3.1 und 3.2 sowie in BGE 135 V 465 nicht publizierte E. 2 des
1.1.
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Urteils 8C_216/2009 vom 28. Oktober 2009, je mit Hinweisen). Bei physischen
Unfallfolgen spielt die Adäquanz als rechtliche Eingrenzung der aus dem natürlichen
Kausalzusammenhang sich ergebenden Haftung des Unfallversicherers praktisch keine
Rolle, da sich hier die adäquate weitgehend mit der natürlichen Kausalität deckt (BGE
134 V 111 f. E. 2.1, BGE 127 V 103 E. 5b/bb; SVR 2000 UV Nr. 14 S. 45). Ob ein
natürlicher Kausalzusammenhang gegeben ist, beurteilt sich nach dem im
Sozialversicherungsrecht üblichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit;
die blosse Möglichkeit eines Zusammenhangs genügt für die Begründung eines
Leistungsanspruchs nicht (BGE 129 V 181 E. 3.1 mit Hinweisen; Thomas Locher/
Thomas Gächter, Grundriss des Sozialversicherungsrechts, 4. Aufl. Bern 2014, § 70 N.
58 f., Rumo-Jungo/Holzer, a.a.O., S. 4).
Gemäss Art. 11 der Verordnung über die Unfallversicherung (UVV; SR 832.202)
werden Versicherungsleistungen auch für Rückfälle und Spätfolgen gewährt, wobei
Rückfälle und Spätfolgen besondere revisionsrechtliche Tatbestände im Sinn von Art.
22 UVG darstellen (vgl. BGE 118 V 293; RKUV 1994 Nr. U 206 S. 326). Bei einem
Rückfall handelt es sich um das Wiederaufflackern einer vermeintlich geheilten
Krankheit bzw. vermeintlich geheilter Unfallfolgen, so dass es zu ärztlicher Behandlung,
möglicherweise zu einer weiteren Arbeitsunfähigkeit kommt, während von Spätfolgen
dann gesprochen wird, wenn ein scheinbar geheiltes Leiden im Lauf längerer Zeit
organische oder psychische Folgen bewirkt, die zu einem andersgearteten
Krankheitsbild führen können. Rückfälle und Spätfolgen schliessen folglich begrifflich
an ein in der Vergangenheit bestandenes Unfallereignis an. Dementsprechend können
sie eine Leistungspflicht des (damals haftbaren Unfallversicherers) nur dann auslösen,
wenn zwischen den erneut vorgebrachten Beschwerden und der seinerzeit beim
versicherten Unfall erlittenen Gesundheitsschädigung ein natürlicher
Kausalzusammenhang besteht (BGE 118 V 296 f. E. 2c; RKUV 1994 Nr. U 206 S. 326;
UVG Kommentar-Nabold, a.a.O., N 89 f. zu Art. 6 UVG; BSK UVG-Hofer, a.a.O., N 117
zu Art. 6 UVG; Rumo-Jungo/Holzer, a.a.O., S. 78 f.).
1.2.
Hinsichtlich des Beweiswerts eines Arztberichts ist entscheidend, ob der Bericht
für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch
die beklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese)
abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in
der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen
des Experten oder der Expertin begründet sind. Ausschlaggebend für den Beweiswert
eines ärztlichen Gutachtens ist grundsätzlich weder die Herkunft eines Beweismittels
noch die Bezeichnung der eingereichten oder in Auftrag gegebenen Stellungnahme als
1.3.
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Bericht oder Gutachten (BGE 134 V 232 E. 5.1, BGE 125 V 352 E. 3a mit Hinweisen).
Insofern kann rechtsprechungsgemäss auch Berichten und Gutachten, welche die
Versicherungen während des Administrativverfahrens von ihren eigenen Ärzten und
Ärztinnen einholen, Beweiswert beigemessen werden, sofern sie als schlüssig
erscheinen, nachvollziehbar begründet sowie in sich widerspruchsfrei sind und keine
Indizien gegen ihre Zuverlässigkeit bestehen (BGE 135 V 467 ff. E. 4, BGE 125 V 353 f.
E. 3b/ee, je mit Hinweisen). Bestehen auch nur geringe Zweifel an der Zuverlässigkeit
und Schlüssigkeit der versicherungsinternen ärztlichen Feststellungen, sind
ergänzende Abklärungen vorzunehmen (BGE 135 V 471 E. 4.7; RKUV 1997 Nr. U 281
E. 1a S. 281 f.).
Gemäss dem im Sozialversicherungsrecht herrschenden Untersuchungsgrundsatz
hat das Gericht von Amtes wegen für die richtige und vollständige Abklärung des
rechtserheblichen Sachverhalts zu sorgen (Art. 61 lit. c des Bundesgesetzes über den
Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG; SR 830.1]). Rechtserheblich
sind alle Tatsachen, von deren Vorliegen es abhängt, ob über die Rechte und Pflichten
so oder anders zu entscheiden ist. Die Parteien tragen nur insofern eine Beweislast, als
im Fall der Beweislosigkeit der Entscheid zu Ungunsten jener Partei ausfällt, die aus
dem unbewiesen gebliebenen Sachverhalt Rechte ableiten wollte. Bei der bei einem
Rückfall oder einer Spätfolge zu erfüllenden Anspruchsvoraussetzung eines erneuten
natürlichen Kausalzusammenhangs handelt es sich um eine anspruchsbegründende
Tatsache. Ist ein solcher nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit nachzuweisen,
trägt damit die versicherte Person die Folgen der Beweislosigkeit (RKUV Nr. U 206 S.
328 E. 3b; UVG Kommentar-Nabold, a.a.O., N 90 zu Art. 6 UVG; BSK UVG-Hofer,
a.a.O., N 117 zu Art. 6 UVG; Rumo-Jungo/Holzer, a.a.O., S. 54 f., 79). Diese
Beweislastverteilung greift allerdings erst Platz, wenn es sich als unmöglich erweist, im
Rahmen des Untersuchungsgrundsatzes aufgrund einer Beweiswürdigung einen
Sachverhalt zu ermitteln, der zumindest die Wahrscheinlichkeit für sich hat, der
Wirklichkeit zu entsprechen - die blosse Möglichkeit genügt, wie bereits erwähnt, nicht
(BGE 129 V 181 E. 3.1, BGE 119 V 337 E. 1, BGE 118 V 289 E. 1b, BGE 117 V 360 E.
4a mit Hinweisen, BGE 117 V 261 E. 3b mit Hinweisen; RKUV 1994 Nr. U 206 S. 328 E.
3b; Ueli Kieser, ATSG-Kommentar, 4. Aufl. Zürich 2020, N 53, 59 zu Art. 43 ATSG;
Rumo-Jungo/Holzer, a.a.O., S. 4; Locher/ Gächter, a.a.O., § 70 N. 56 ff.). Die
Versicherungsträger haben alle Beweismittel, unabhängig davon, von wem sie
stammen, objektiv zu prüfen und danach zu entscheiden, ob die verfügbaren
Unterlagen eine zuverlässige Beurteilung des streitigen Anspruchs gestatten.
Insbesondere dürfen sie bei einander widersprechenden medizinischen Berichten das
Verfahren nicht erledigen, ohne das gesamte Beweismaterial zu würdigen und die
1.4.
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2.
3.
Gründe anzugeben, weshalb sie auf die eine und nicht auf die andere medizinische
These abstellen (SVR 2013 UV Nr. 9, 8C_592/2012, E. 5.2; Kieser, a.a.O., N 54 zu Art.
43 ATSG).
Streitig und zu prüfen ist, ob zwischen den der Beschwerdegegnerin Mitte Juni
2019 durch die Arbeitgeberin der Beschwerdeführerin gemeldeten (Suva-act. 11 f.), am
31. Mai 2019 durch Dr. D._ (Suva-act. 29) und nachfolgend durch Prof. J._
untersuchten (Suva-act. 31) und seit dem 31. Mai 2019 zu einer erneuten
Arbeitsunfähigkeit (Suva-act. 17) führenden Beschwerden im Bereich der Sehne des
Musculus adductor pollicis longus und der Thenarmuskulatur der rechten Hand (Suva-
act. 29) und dem Unfall vom 10. September 2018 ein natürlicher Kausalzusammenhang
besteht, so dass ein Rückfall bzw. eine Spätfolge bejaht werden kann. Während ein
entsprechender natürlicher Kausalzusammenhang von der Beschwerdegegnerin
gestützt auf die Aktenbeurteilungen ihres Kreisarztes Dr. I._ verneint wird (vgl.
insbesondere diejenige vom 9. Januar 2020 [Suva-act. 58]), vertritt die
Beschwerdeführerin unter Hinweis auf den Bericht von Prof. J._ vom 12. November
2019 (Suva-act. 50, act. G 1.2) den gegenteiligen Standpunkt.
2.1.
Hinsichtlich der Narbenplatte bzw. Narbenkontraktur, welche sich im Bereich des
streckseitigen Daumenendgelenks bei der Heilung der Fräsverletzung vom 10.
September 2018 gebildet hatte (Suva-act. 50), geht die Beschwerdegegnerin von einer
Unfallkausalität aus und hält sowohl in der Beschwerdeantwort vom 13. Januar 2020
(act. G 3) als auch in der Duplik vom 20. Februar 2020 (act. G 9) fest, dass sie die
Kosten der von Prof. J._ im Untersuchungsbericht vom 12. November 2019 (Suva-
act. 50) als indiziert betrachteten operativen Behandlung mit Narbenlösung und
Einbringung eines kleinen Hauttransplantates übernehmen werde. Die
Beschwerdegegnerin hat in der Eingabe vom 20. Februar 2020 (act. G9) zutreffend
darauf hingewiesen, dass dieser Aspekt deshalb nicht Streitgegenstand des
vorliegenden Beschwerdeverfahrens bildet.
2.2.
Unbestritten ist, dass sich die Beschwerdeführerin am 10. September 2018 beim
Fräsen einer Leiste eine relativ grossflächige oberflächliche Weichteilverletzung mit
resultierender fehlender Deckung im Bereich des Grund- und Endgliedes des Daumens
dorsalseitig zugezogen hat. Die Strecksehne zeigte sich anlässlich der Erstbehandlung
am Unfalltag durch die Ärzte des Departements Chirurgie des Spitals C._ funktionell
intakt (Suva-act. 19). Im Rahmen einer am selben Tag durchgeführten
3.1.
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Röntgenuntersuchung konnten zudem eine knöcherne Verletzung oder das Vorliegen
eines Fremdkörpers ausgeschlossen werden (Suva-act. 19, 23). Ab dem 18. Oktober
2018 war die Beschwerdeführerin wieder zu 100% arbeitsfähig (Suva-act. 10).
Am 31. Mai 2019 konsultierte die Beschwerdeführerin bei zunehmenden, erst nur
bewegungsabhängigen Schmerzen im Bereich des rechten Daumenballens, dann aber
auch Ruheschmerzen, sowie Schmerzen am volaren Unterarm (vgl. Suva-act. 30), ihre
Hausärztin Dr. D._, welche über dem IP-Gelenk des linken Daumens dorsal eine
derbe Narbenplatte feststellte, welche sich nach der Fräsverletzung gebildet hatte. Als
weitere Befunde erhob sie eine deutliche Schwellung des Thenars mit deutlichen
Schmerzen und muskulärer Verspannung dort (Suva-act. 29).
3.2.
Eine neurologische Untersuchung zur Klärung der Schmerzen durch Dr. E._
ergab kein Nervenkompressionssyndrom, insbesondere kein Karpaltunnelsyndrom
(Suva-act. 30). Am 17. Juli 2019 wurde die Versicherte durch Dr. H._ untersucht, der
trotz elektrophysiologisch nicht nachweisbarem Karpaltunnelsyndrom die
Verdachtsdiagnose eines Karpaltunnelsyndroms rechts bei Status nach Fräsverletzung
Daumenendglied rechts diagnostizierte. Dazu hielt er fest, dass er in erster Linie doch
an diese Diagnose denke. Passend dazu seien die Anamnese, aber auch die
ausstrahlenden Schmerzen gegen den Ellbogen und das Wirken der Kortisoninfiltration
mit Diprophos in den Thenar (Suva-act. 31). Nachdem Dr. D._ in einem Bericht vom
26. August 2019 festgestellt hatte, dass sich die handchirurgisch diskutierte
Möglichkeit bzw. der Verdacht eines Karpaltunnelsyndroms nach fehlendem Effekt
einer Infiltration mit Diprophos unter das Karpaldach nicht erhärtet habe (Suva-act. 29),
hielt auch Prof. J._ in seinem Untersuchungsbericht vom 12. November 2019 fest,
dass Hinweise auf ein Karpaltunnelsyndrom nicht vorliegen würden. Der nächtliche
Schlaf sei ungestört und die Sensibilität im Medianus- und Ulnarisareal frei. In der
neurologischen Untersuchung durch Dr. E._ habe ein Karpaltunnelsyndrom
elektrophysiologisch nicht verifiziert werden können (Suva-act. 50). Auch Dr. I._ hielt
in seiner ärztlichen Beurteilung vom 8. Oktober 2019 unter Hinweis auf das
Untersuchungsergebnis von Dr. E._ fest, dass keine konklusiven Hinweise für ein
Karpaltunnelsyndrom vorliegen würden. Ein mögliches Karpaltunnelsyndrom stehe
schon aufgrund der anatomischen Lagebezeichnung nicht in kausalem Zusammenhang
mit der am 10. August 2018 (korrekt: 10. September 2018) erlittenen Verletzung (Suva-
act. 46). Angesichts des fachspezifischen Untersuchungsergebnisses von Dr. E._
sowie der übereinstimmenden Beurteilungen desselben durch Dr. D._, Prof. J._
und Dr. I._, fällt ein Karpaltunnelsyndrom als Ursache für die als Rückfall bzw.
3.3.
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Spätfolge gemeldeten Handbeschwerden rechts mit dem Beweisgrad der
überwiegenden Wahrscheinlichkeit ausser Betracht.
3.4.
Dr. D._ beurteilte aber in ihrem Bericht vom 26. August 2019 die von der
Beschwerdeführerin beklagte Beschwerdesymptomatik im Bereich des Thenars und
am volaren Unterarm als Folge der Narbenplatte, welche sich posttraumatisch nach der
Fräsverletzung gebildet hatte. Die Flexion im IP-Gelenk finde also gegen einen
erheblichen Widerstand statt und führe zu den bewegungsabhängigen Schmerzen im
Bereich des Thenars (Suva-act. 29). In der Physiotherapieverordnung vom 12. Juni
2019 hatte sie als Diagnose einen Status nach Fräsverletzung Dig I Hand rechts im
September 2018 und eine aktuell von dort ausgehende Verkrampfung der Muskulatur
und Entzündung des Daumenstreckers festgehalten (Suva-act. 26). Prof. J._ schloss
sich in seinem Untersuchungsbericht vom 12. November 2019 der von Dr. D._
dargestellten Kausalkette mit primärer Fräsverletzung und nachfolgend sich bildender
Narbenplatte mit Einschränkung der Beweglichkeit des Daumenendgelenks an. In
seiner Untersuchung vom 11. November 2019 hatte sich ihm als Befund zwar ein
geschlossener, jedoch deutlich verhärteter und verdickter Hautweichteilmantel gezeigt.
Das Eponychium sei narbig und nach proximal insbesondere radial zurückgezogen.
Aktiv zeige sich eine Flexion/Extension von 45/0/30° im Endgelenk. Prof. J._ schloss
sodann diagnostisch auf eine Narbenkontraktur im Bereich des streckseitigen
Daumenendgelenks mit Einschränkung der Beweglichkeit und Retraktion des
Eponychiums. Funktionell störe dies die Beschwerdeführerin sehr und sie wünsche
eine Erleichterung der Beweglichkeit. Diese könne sicherlich nach dieser Zeit nur noch
durch einen operativen Eingriff mit Narbenlösung und Einbringung eines kleinen
Hauttransplantates erreicht werden. Für ihn bestehe ein eindeutiger Zusammenhang
zur Fräsverletzung vom 10. September 2018. Die Indikation zu einem operativen
Eingriff sei eindeutig funktionell indiziert (Suva-act. 50). Die behandelnde
Physiotherapeutin K._ hielt sodann in einem Verlaufsbericht als subjektive Angaben
der Beschwerdeführerin Schmerzen und Verkrampfungen in der rechten Hand und im
Unterarm fest. Wenn die Schmerzen akut seien, würden sie einem VAS von 7-8/10
entsprechen. Das Halten eines Stiftes oder Werkzeuges sei kaum mehr möglich. Als
objektive Befunde führte sie eine verminderte Beweglichkeit DIG I, vor allem in Flexion
durch Vernarbung der Fräsverletzung, fest. Daraus resultiere eine Fehlhaltung bei der
Arbeit als Schreinerin sowie bei schriftlichen Arbeiten in einer Weiterbildung, welche die
Beschwerdeführerin bis im Juli 2019 besucht habe. Die verminderte Beweglichkeit
führe dazu, dass die flektierenden Daumenmuskeln permanent gegen einen erhöhten
3.4.1.
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Widerstand der Narbe auf der Dorsalseite des Daumens arbeiten müssten. Dadurch sei
über die Zeit nach dem Unfall (ca. 7 Monate) die gesamte Hand- und
Unterarmmuskulatur massiv verkrampft. Die Beschwerden der Beschwerdeführerin
hätten einen direkten Zusammenhang mit dem Frästrauma vom September 2018. Zu
Beginn der Physiotherapie sei die Narbe sehr fest, das Gewebe verklebt und eine
Flexion im Daumenendgelenk kaum möglich gewesen. Durch diese massive
Bewegungseinschränkung bei einer Person, die handwerklich tätig sei, seien
Ausweichbewegungen und damit Folgeprobleme keine Seltenheit (Suva-act. 56). Dr.
D._ wiederholt schliesslich in einem ärztlichen Zwischenbericht vom 3. Dezember
2019 eine klinisch weiterhin bestehende funktionelle Einschränkung bei der Flexion im
IP-Gelenk des Daumens bei Narbenkontraktur, so dass die Flexion im IP-Gelenk gegen
einen deutlichen Widerstand erfolge und endgradig auch eingeschränkt und zudem
schmerzhaft sei (Suva-act. 57).
Dr. I._ bestätigte zwar in seiner Beurteilung vom 9. Januar 2020 (Suva-act. 58),
dass die Narbenplatte über dem rechten Daumenendgelenk eine Unfallfolge der
Weichteilverletzung vom 10. September 2018 sei und sprach sich - wie bereits am 13.
November 2019 (Suva-act. 51) - für eine Kostenempfehlung für die operative Revision
mit gegebenenfalls Hauttransplantationen zur Erlangung der vollen Beugefähigkeit des
Daumenendgelenks aus. Er erklärte jedoch, dass die beklagte
Beschwerdesymptomatik der Thenar- und Unterarmmuskulatur überwiegend
wahrscheinlich nicht in einem kausalen Zusammenhang mit der im September 2018
erlittenen Verletzung stehe, sondern ausschliesslich unfallunabhängigen Faktoren wie
zum Beispiel muskulären Beschwerden bei der Ausübung spezifischer handwerklicher
Tätigkeiten als Schreinerin geschuldet sei. Zu Prof. J._ erklärte er, dass dessen
Feststellung, wonach ein unfallkausaler Zusammenhang zwischen der dorsalseitig
ausgebildeten Narbenplatte mit der Einschränkung der Beugefähigkeit des
Daumenendgelenks und kosekutiv aufgetretenen muskulären Belastungsschmerzen im
Thenar und im betroffenen Unterarm gegeben sei, in deutlichem Widerspruch zu den
Ergebnissen von Dr. H._ vom 25. Juli 2019 ([korrekt: 17. Juli 2019] Suva-act. 31)
stehe, auf welche sich seine gutachterliche Beurteilung vom 8. Oktober 2019 (Suva-
act. 46) gestützt habe.
3.4.2.
Wie die nachfolgenden Erwägungen zeigen, sprechen jedoch verschiedene
Gründe gegen die Zuverlässigkeit der Beurteilung von Dr. I._.
3.5.
Zwar ist dem Untersuchungsbericht von Dr. H._ tatsächlich der Befund einer
vollständigen Streckung vom Daumen, ebenfalls ohne Einschränkung der
3.5.1.
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Beugefähigkeit, zu entnehmen (Suva-act. 31). Allerdings stellten Dr. D._, Prof. J._
und Physiotherapeutin K._ bei der Beschwerdeführerin übereinstimmend eine
Einschränkung der Beweglichkeit im Bereich des streckseitigen Daumenendgelenks
rechts, vor allem in Flexion, fest, und führten diese auf die Narbenplatte über dem
rechten Daumenendgelenk zurück. Damit ist der Beurteilung von Dr. I._ die
Begründung entzogen. Vor allem aber anerkannte Dr. I._ selbst die Narbenplatte als
Unfallfolge und sprach eine Kostenempfehlung für die operative Revision mit
gegebenenfalls Hauttransplantation zur Erlangung der vollen Beugefähigkeit des
Daumenendgelenks aus, womit sich letztlich er in Widerspruch zu seiner eigenen
Argumentation betreffend Verneinung einer Kausalität setzte.
Dr. D._, aber auch Physiotherapeutin K._, sprechen sich übereinstimmend
für eine Unfallkausalität der Beschwerdesymptomatik der Thenar- und
Unterarmmuskulatur als Folge der unstreitig unfallkausalen Narbenkontraktur aus. Zwar
ist bei behandelnden Ärzten und Ärztinnen, wie Hausärzten und Hausärztinnen,
gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung zu beachten, dass sie aufgrund ihres
Behandlungsauftrags eher geneigt sein können, zu Gunsten ihrer Patienten auszusagen
(vgl. BGE 135 V 470 E. 4.5; Urteil des Bundesgerichts vom 29. Oktober 2014 E. 7.2).
Allerdings handelt es sich bei Dr. I._, auf dessen Beurteilung die
Beschwerdegegnerin im angefochtenen Einspracheentscheid abstellt, um einen
Kreisarzt der Beschwerdegegnerin, sodass bei nur geringen Zweifeln an der
Zuverlässigkeit von dessen Einschätzung nicht darauf abgestellt werden kann (vgl.
Erwägung 1.3 mit Hinweis auf BGE 135 V 471 E. 4.6). Überdies hat Dr. I._ seine
Beurteilung nur aufgrund der Aktenlage abgegeben, während Dr. D._ die
Beschwerdeführerin selbst untersucht hat. K._ vermag zwar als Physiotherapeutin
keine ärztliche Beurteilung abzugeben, doch darf ihr in Bezug auf den
Bewegungsapparat eine gewisse Einschätzungskompetenz hinsichtlich
Verletzungsfolgen und deren Ursächlichkeit dennoch nicht ohne Weiteres aberkannt
werden.
3.5.2.
Der von Dr. D._ und Physiotherapeutin K._ angenommenen traumatischen
Kausalkette kann eine Plausibilität und Schlüssigkeit nicht abgesprochen werden. So
ist der medizinischen Literatur zu entnehmen, dass der Organismus
Verletzungsschäden mit Narben heilt und diese schlecht verschieblich sind. Sie
hinterlassen - ausser wenn sie nicht ausgedehnt sind - immer eine mehr oder weniger
starke Beweglichkeitsminderung (vgl. dazu Alfred M. Debrunner, Orthopädie,
Orthopädische Chirurgie, 4. Aufl. Bern 2005, S. 86; vgl. auch Pschyrembel, Klinisches
Wörterbuch, 267. Aufl. Berlin/Boston 2017, S. 1226). Dass eine eingeschränkte
3.5.3.
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Beweglichkeit eines Gelenks beim Versuch, diese zu überwinden oder auch den
Schmerzen auszuweichen, zu einer erhöhten oder anatomisch ungünstigen Belastung
von umliegenden Bändern, Sehnen und Muskeln führen kann, erscheint sodann
grundsätzlich nachvollziehbar. Insofern stellt sich in Bezug auf den konkreten Fall die
Frage, welche Faktoren gegen eine traumatische Kausalkette der Beschwerde- bzw.
Schmerzsymptomatik im Verlauf der Sehne des Musculus adductor pollicis longus und
der Thenarmuskulatur der rechten Hand bei Flexion im IP-Gelenk des linken Daumens
sprechen. Dr. I._ sieht einen bedeutsamen Faktor in einer Latenzzeit von mehr als
acht Monaten bis zum Auftreten der Beschwerdesymptomatik, während welcher die
Beschwerdeführerin ihre angestammte Tätigkeit als Schreinerin habe ausüben können.
So war die Beschwerdeführerin im Grundfall ab dem 8. Oktober 2018 wieder zu 100%
arbeitsfähig (Suva-act. 10) und im Rahmen der Rückfallmeldung erfolgte die
Erstbehandlung bei Dr. D._ am 31. Mai 2019 mit erneuter Bescheinigung einer
100%igen Arbeitsunfähigkeit ab diesem Datum (Suva-act. 10, 17-2). Zwar ist
einzuräumen, dass eine solche Latenzzeit nicht als kurz bezeichnet werden kann, doch
erfordert die Beurteilung, ob aufgrund der Dauer die Kausalität verneint werden kann,
immer eine einzelfallbezogene Untersuchung. So erscheint eine gut siebeneinhalb
monatige Latenzzeit ohne Brückensymptome bis zum erstmaligen Auftreten einer
Beschwerdesymptomatik, welche zwar traumatisch bedingt sein kann, im Regelfall
aber durch eine - auch radiologisch zur Darstellung gelangte - degenerative
Veränderung verursacht wird, weniger plausibel, als eine gleich lange Latenzzeit ohne
Brückensymptome in Bezug auf eine Beschwerdesymptomatik, welche sich nach einer
unbestrittenermassen organischen Unfallverletzung aufgrund von Unfallrestfolgen - wie
hier der Narbenkontraktur - erst entwickelt. Hier findet bis zu einer allfälligen
Heilbehandlung und/oder einer Arbeitsunfähigkeit ein gesundheitlicher
Entwicklungsprozess statt, dem ein gewisser Zeitraum einzuräumen ist. Von einem
solchen Sachverhalt ist im vorliegenden Fall auszugehen. So beschreibt Dr. D._ in
seinem Bericht vom 26. August 2019, dass die Erstvorstellung am 31. Mai 2019 bei
zunehmenden, erst nur bewegungsabhängigen Schmerzen im Bereich des rechten
Daumenendgelenks, dann auch Ruheschmerzen, erfolgt sei (Suva-act. 29). Im Übrigen
hält die Beschwerdeführerin in der Beschwerde vom 22. November 2019 fest, dass sie
- obwohl die Hautdefektwunde und auch die Nagelwurzelläsion geheilt habe - weiterhin
Schmerzen, Verkrampfungen und eine Bewegungseinschränkung im rechten Daumen
gespürt habe (act. G 1). Einzuräumen ist oft auch eine Phase, in der eine versicherte
Person nicht unverzüglich einen Arzt konsultiert und zunächst abwartend auf eine
Selbstheilung hofft. Konkret schildert die Beschwerdeführerin in der Replik vom 3.
Februar 2020 schliesslich einen gewissen Druck ihrer damaligen Arbeitgeberin, die sie
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trotzdem habe weiterarbeiten lassen, weil sie die einzige Person im Betrieb gewesen
sei, welche die konkrete Arbeit habe ausführen können. Sie habe ein hohes
Pflichtbewusstsein und eine positive Lebenseinstellung (act. G 7). Zusammenfassend
ist festzuhalten, dass die Latenzzeit des konkreten Falls nicht derart lang ist, dass sie
sich nicht schlüssig erklären liesse und als überzeugender Faktor gegen eine
Unfallkausalität der Beschwerdesymptomatik, der Thenar- und Unterarmmuskulatur zu
betrachten wäre.
Ebenfalls keine überzeugende und aufschlussreiche Begründung gegen eine
Unfallkausalität liefert schliesslich in Bezug auf den konkreten Fall die allgemeine
Aussage von Dr. I._, grundsätzlich seien Bewegungseinschränkungen der End- und
Mittelgelenke in Form von fortgeschrittenen Arthrosen dieser Gelenke häufig
anzutreffen, seien jedoch selten über Dauer schmerzhaft oder funktionell behindernd
(Suva-act. 58). Im MRI-Untersuchungsbericht vom 26. Juni 2019 der Radiologie F._
wurden keine degenerativen Veränderungen der Daumengelenke beschrieben (Suva-
act. 32). Entsprechend hielt auch Dr. H._ in seinem Sprechstundenbericht vom 17.
Juli 2019 fest, dass keine Anzeichen einer Rhizarthrose bestünden (Suva-act. 31). Die
Stichhaltigkeit bzw. Aussagekraft der aus einem Arthrosezustand gezogenen
Schlussfolgerung für den konkreten Fall ist damit fraglich.
3.5.4.
Zusammengefasst ist festzuhalten, dass nicht unerhebliche Zweifel an der
Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit der Beurteilung von Dr. I._, dass die
Beschwerdesymptomatik der Thenar- und Unterarmmuskulatur nicht unfallkausal sei,
bestehen und seine Ausführungen insgesamt keinen genügenden Beweiswert für eine
abschliessende, überwiegend wahrscheinliche Verneinung der
Beschwerdesymptomatik der Thenar- und Unterarmmuskulatur als indirekte Unfallfolge
aufweisen.
3.5.5.
Allerdings erfüllen auch die an sich übereinstimmenden Beurteilungen von Dr.
D._ und Physiotherapeutin K._ die Anforderungen an den Beweiswert eines
Arztberichts nicht. Bezüglich Physiotherapeutin K._ ist zu wiederholen, dass der
Nachweis für die Gesundheitsschädigung und den natürlichen Kausalzusammenhang
grundsätzlich mit medizinischen Berichten von Ärzten und Ärztinnen zu erbringen ist
(vgl. Erwägung 1.1). Bei Dr. D._ handelt es sich sodann um eine Fachärztin für
Allgemeine Innere Medizin und nicht um eine Handchirurgin, Orthopädin oder
Rheumatologin, wie dies zur Beurteilung des Beschwerdebildes der
Beschwerdeführerin zu bevorzugen wäre. Wenn Dr. D._ in ihrem ärztlichen
Zwischenbericht vom 3. Dezember 2019 (Suva-act. 55) auf die Bejahung eines
eindeutigen Zusammenhangs der aktuellen Beschwerden zur Fräsverletzung vom 10.
3.6.
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4.
Der von der Beschwerdegegnerin in antizipierter Beweiswürdigung beschlossene
Verzicht auf die Beibringung weiterer Beweise verletzt angesichts der vorstehend
gewürdigten medizinischen Aktenlage ihre Untersuchungspflicht. Derzeit liegt noch
keine fachärztliche Beurteilung hinsichtlich der Kausalität der fraglichen
Beschwerdesymptomatik bei den Akten. So hätte es beispielsweise nahegelegen, Prof.
J._ aufzufordern, auch zu dieser Frage explizit Stellung zu nehmen.
5.
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass keine medizinische Beurteilung bei den Akten
liegt, welche es dem Gericht erlauben würde, mit dem Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit zu beurteilen, ob die Beschwerdesymptomatik der Thenar- und
Unterarmmuskulatur mit dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit eine
Folge der Fräsverletzung vom 10. September 2018 bzw. der nachfolgend sich
entwickelnden Narbenkontraktur im Bereich des streckseitigen Daumenendgelenks mit
Einschränkung der Beweglichkeit und Retraktion des Eponychiums ist. Die
Beschwerdegegnerin wäre gestützt auf den Untersuchungsgrundsatz (Art. 43 Abs. 1
ATSG) zur Vornahme weiterer medizinischer Abklärungen hinsichtlich Unfallkausalität
verpflichtet gewesen. Die Angelegenheit ist nach dem Gesagten zur Veranlassung der
September 2018 durch Prof. J._ verweist (Suva-act. 50), ist aber vor allem zu
beachten, dass sich diese explizit nur auf die Beweglichkeitseinschränkung bezieht,
bezüglich welcher sich die Beschwerdeführerin eine Erleichterung wünsche. Dies
scheint im Übrigen auch Dr. I._ in seiner Beurteilung vom 9. Januar 2020 zu
übersehen, wenn er erklärt, der handchirurgische Experte stelle einen unfallkausalen
Zusammenhang zwischen der dorsalseitig ausgebildeten Narbenplatte mit der
Einschränkung der Beugefähigkeit des Daumenendgelenks und den konsekutiv
aufgetretenen muskulären Belastungsschmerzen im Thenar und im betroffenen
Unterarm fest (Suva-act. 58-4). Von einer Schmerzproblematik im Bereich der Sehne
des Musculus adductor pollicis longus und der Thenarsehne oder von sonstigen
Schmerzen ist hingegen im gesamten Untersuchungsbericht von Prof. J._ vom 12.
November 2019 keine Rede. Umstritten ist jedoch gerade eine Unfallkausalität der
vorgenannten Schmerzsproblematik, welche laut Dr. D._ und Physiotherapeutin
K._ aus der Beweglichkeitseinschränkung resultiert, und nicht die
Beweglichkeitseinschränkung an sich. Deren Unfallkausalität wird von Dr. I._ und der
Beschwerdegegnerin, wie bereits erwähnt, anerkannt (vgl. Erwägungen 3.4.2; Suva-
act. 51; act. G 9).
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besagten Abklärungen an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Sollte eine
Abklärung bei Prof. J._ keine genügende Entscheidungsgrundlage liefern oder sollte
die Beschwerdegegnerin angesichts dessen Stellung als behandelnder Arzt überhaupt
von einer solchen absehen wollen, wird sie ein Gutachten bei einem anderen
Handspezialisten in Auftrag zu geben haben.
6.