Decision ID: 7636ee8f-be18-5478-abb9-e7e20e80f07a
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin, angolanische Staatsangehörige, reiste im Jahr
2007 in die Schweiz ein und ersuchte um Asyl. Das damalige Bundesamt
für Migration wies ihr Gesuch mit Verfügung vom 30. April 2013 ab und
ordnete die Wegweisung aus der Schweiz an, schob den Vollzug jedoch
infolge Unzumutbarkeit zu Gunsten einer vorläufigen Aufnahme auf. Am
7. November 2016 erhielt die Beschwerdeführerin eine Aufenthaltsbewilli-
gung wegen Vorliegens eines schwerwiegenden persönlichen Härtefalls.
B.
Am 20. April 2015 gelangte die Beschwerdeführerin an die zuständige kan-
tonale Behörde und ersuchte um Ausstellung eines Passes für eine aus-
ländische Person. Nachdem das Gesuch an die Vorinstanz weitergeleitet
worden war, informierte diese die Beschwerdeführerin mit Schreiben vom
26. Mai 2015, dass die Voraussetzungen für die Gutheissung ihres Ge-
suchs nicht erfüllt seien. Gleichzeitig gab sie ihr die Möglichkeit, eine be-
schwerdefähige Verfügung zu verlangen, worauf die Beschwerdeführerin
verzichtete.
C.
Am 25. Mai 2018 ersuchte die Beschwerdeführerin erneut um Ausstellung
eines Passes für eine ausländische Person. Die Vorinstanz wies das Ge-
such mit Verfügung vom 25. Juni 2018 ab.
D.
Mit Rechtsmitteleingabe vom 1. Juli 2018 gelangte die Beschwerdeführerin
an das Bundesverwaltungsgericht und beantragte sinngemäss die Aufhe-
bung der vorinstanzlichen Verfügung und die Ausstellung eines Passes für
eine ausländische Person.
Als Beweismittel reichte sie eine Erklärung des Nationalen Direktorates für
Register und Notariate der Republik Angola vom 21. September 2016, eine
Geburtsurkunde vom 27. Juli 2016, eine Bescheinigung des Einwohner-
meldeamtes von Luanda vom 27. Juli 2016, eine Vollmacht zu Gunsten
ihrer Tante vom 18. Dezember 2017, ein Schreiben der angolanischen Bot-
schaft in Bern vom 11. November 2018, sowie ein Dokument des Zivilstan-
desamtes B._, alles jeweils in Kopie, ein.
F-4477/2018
Seite 3
E.
In ihrer Vernehmlassung vom 25. September 2018 schloss die Vorinstanz
auf Abweisung der Beschwerde.
F.
In ihrer Replik vom 27. Oktober 2018 hielt die Beschwerdeführerin an ihren
Anträgen fest.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Verfügungen des SEM betreffend Reisedokumente und Bewilligungen
zur Wiedereinreise sind mit Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht
anfechtbar (Art. 112 Abs. 1 des Bundesgesetzes vom 16. Dezember 2005
über die Ausländerinnen und Ausländer [AuG; SR 142.20], seit 1. Januar
2019: Bundesgesetz vom 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen
und Ausländer und über die Integration» [AIG] i.V.m. Art. 31 ff. VGG).
1.2 Das Rechtsmittelverfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht richtet
sich nach dem VwVG, soweit das VGG nichts anderes bestimmt (Art. 37
VGG).
1.3 Die Beschwerdeführerin ist als Verfügungsadressatin zur Erhebung der
Beschwerde legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auch die übrigen Sachur-
teilsvoraussetzungen (Rechtsmittelfrist [Art. 50 Abs. 1 VwVG], Form der
Beschwerde [Art. 52 VwVG] und Bezahlung des Kostenvorschusses
[Art. 63 Abs. 4 VwVG]) sind erfüllt. Auf die Beschwerde ist einzutreten.
1.4 Das Bundesverwaltungsgericht entscheidet in der vorliegenden Ange-
legenheit endgültig (Art. 83 Bst. c Ziff. 6 BGG).
2.
Mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht kann die Verletzung
von Bundesrecht einschliesslich Überschreitung oder Missbrauch des Er-
messens, die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheb-
lichen Sachverhaltes und – soweit nicht eine kantonale Behörde als Be-
schwerdeinstanz verfügt hat – die Unangemessenheit gerügt werden
(Art. 49 VwVG). Das Bundesverwaltungsgericht wendet das Bundesrecht
von Amtes wegen an. Es ist gemäss Art. 62 Abs. 4 VwVG an die Begrün-
dung der Begehren nicht gebunden und kann die Beschwerde auch aus
F-4477/2018
Seite 4
anderen als den geltend gemachten Gründen gutheissen oder abweisen.
Massgebend ist grundsätzlich die Sachlage zum Zeitpunkt seines Ent-
scheids (vgl. BVGE 2014/1 E. 2 m.H.; 2011/43 E. 6.1).
3.
Die streitige Verfügung datiert vom 25. Juni 2018. In materieller Hinsicht
gelangen somit die Bestimmungen der einschlägigen Erlasse in der Fas-
sung zur Anwendung, welche in diesem Zeitpunkt in Kraft stand.
4.
4.1 Das SEM kann einer schriftenlosen Person mit Aufenthaltsbewilligung
einen Pass für eine ausländische Person abgeben (Art. 59 Abs. 1 AuG
i.V.m. aArt. 4 Abs. 2 der Verordnung vom 14. November 2012 über die Aus-
stellung von Reisedokumenten für ausländische Personen [RDV,
SR 143.5] in der Fassung vom 14. November 2012 [AS 2012 6049 6050],
gültig bis am 14. September 2018). Gemäss Art. 10 Abs. 1 RDV gilt als
schriftenlos eine ausländische Person, die keine gültigen Reisedokumente
ihres Heimat- oder Herkunftsstaates besitzt und von der nicht verlangt wer-
den kann, dass sie sich bei den zuständigen Behörden ihres Heimat- oder
Herkunftsstaates um die Ausstellung oder Verlängerung eines Reisedoku-
ments bemüht (Bst. a), oder für welche die Beschaffung von Reisedoku-
menten unmöglich ist (Bst. b). Verzögerungen, die bei der Ausstellung ei-
nes Reisedokuments bei den zuständigen Behörden des Heimat- oder
Herkunftsstaates entstehen, begründen die Schriftenlosigkeit nicht (Art. 10
Abs. 2 RDV).
4.2 Die Ausstellung von Reise- und Identitätspapieren liegt in der Kompe-
tenz des jeweiligen Heimatstaates. Diesem kommt bei der Ausübung sei-
ner Passhoheit ein erheblicher Gestaltungsspielraum zu, den es zu res-
pektieren gilt (BVGE 2014/23 E. 5.3.2 und E. 5.9; Urteile des BVGer
F-1906/2018 vom 8. April 2019 E. 5.3; C-6458/2010 vom 20. Mai 2011
E. 4.3). Als unmöglich im Sinne von Art. 10 Abs. 1 Bst. b RDV wird die Pa-
pierbeschaffung daher nur angesehen, wenn sich die ausländische Person
bei den Behörden ihres Heimatstaates darum bemüht, die Ausstellung der
Papiere aber ohne zureichende Gründe verweigert wird, oder wenn es an
den rechtlichen Möglichkeiten fehlt, vom Heimat- beziehungsweise Her-
kunftsstaat überhaupt Papiere zu erlangen (Urteile des BVGer F-499/2018
vom 23. Mai 2019 E. 5.2; C-7204/2014 vom 30. Juni 2015 E. 5.1). Es ob-
liegt grundsätzlich der gesuchstellenden Person, die von den heimatlichen
Behörden verlangten notwendigen Anforderungen zur Ausstellung eines
Passes zu erfüllen. Bloss vorübergehende, technisch oder organisatorisch
http://links.weblaw.ch/BVGE-2014/1
F-4477/2018
Seite 5
bedingte Verzögerungen bei der Passausstellung sind zwar unbefriedi-
gend, jedoch für sich allein nicht ausreichend, die Unmöglichkeit im Sinne
von Art. 10 Abs. 1 Bst. b RDV und damit die Schriftenlosigkeit der auslän-
dischen Staatsangehörigen zu begründen.
5.
5.1 Die Vorinstanz hält in ihrer ablehnenden Verfügung fest, der Beschwer-
deführerin sei es möglich und zumutbar, sich bei den zuständigen Behör-
den ihres Heimatstaates in der Schweiz um die Ausstellung eines Reise-
dokuments zu bemühen. Ferner obliege ihr, die von der heimatlichen Bot-
schaft verlangten notwendigen Anforderungen zur Ausstellung eines Pas-
ses zu erfüllen. Es könne nicht festgestellt werden, ob die Beschwerdefüh-
rerin auf der angolanischen Botschaft vorgesprochen habe. Es liege in de-
ren Zuständigkeit, ihren in der Schweiz wohnhaften Staatsangehörigen zu
heimatlichen Reisepässen zu verhelfen. Eine allfällige Reise der Be-
schwerdeführerin nach Angola zwecks Passbeschaffung wäre mit einem
angolanischen Laissez-passer möglich.
5.2 Die Beschwerdeführerin macht in ihrer Beschwerde geltend, sie habe
zwecks Beschaffung der für eine Eheschliessung notwendigen Unterlagen
bereits im Herbst 2013 Kontakt mit ihrer Tante aufgenommen und sie ge-
beten, ihre (für die Beantragung eines Reisepasses notwendige) Geburts-
urkunde beim Einwohnermeldeamt von Luanda erhältlich zu machen, mit
dem Hinweis, diese dürfe nicht älter als sechs Monate sein. Andernfalls
würde das Zivilstandesamt in C._ die Urkunde nicht akzeptieren.
Erst nach zweieinhalb Jahren habe sie diese erhalten. Die Urkunde sei
vom Aussenministerium in Luanda anerkannt worden. Dennoch sei ihr –
der Beschwerdeführerin –, als sie bei der angolanischen Botschaft vorge-
sprochen habe, mitgeteilt worden, die Geburtsurkunde sei ungültig, da sie
neu und von ihr selbst unterschrieben worden sei. Sie sei aufgefordert wor-
den, die Geburtsurkunde in Luanda nochmals mit Hilfe einer Vollmacht zu
beantragen und an ihrem Geburtsort ein Familienbüchlein (Cédula Pes-
soal) ausstellen zu lassen. Da die (von ihr bevollmächtigte) Tante aufgrund
gesundheitlicher Probleme verhindert gewesen sei, habe sie – die Be-
schwerdeführerin – ihren Cousin beauftragt, nochmals zum Einwohnermel-
deamt von Luanda zu gehen. Dort hätten die Beamten nicht nachvollziehen
können, weshalb neue Urkunden ausgestellt werden sollten, zumal die al-
ten gültig seien. In ihrem Geburtsort habe ihr Cousin ferner das Familien-
büchlein beantragt. Auf dieses und die Geburtsurkunde warte sie nun seit
über einem halben Jahr. Die Schwierigkeiten, denen sie ausgesetzt sei,
F-4477/2018
Seite 6
stünden vermutlich mit ihrer Migrationsgeschichte in Zusammenhang und
seien eine Schikane.
5.3 In ihrer Vernehmlassung führt die Vorinstanz aus, die im Rahmen des
Asylverfahrens von der Beschwerdeführerin eingereichte Cédula Pessoal
sei gefälscht gewesen. Die Beschaffung einer Geburtsurkunde, ohne im
Besitz der Cédula Pessoal zu sein, sei zwar administrativ kompliziert und
äussert zeitaufwändig, jedoch möglich. Anstelle einer persönlichen Vor-
sprache bei den zuständigen Behörden könnten unter anderem bevoll-
mächtigte Verwandte oder ein Anwalt die Urkunde einfordern. Möglicher-
weise verfüge die Beschwerdeführerin noch über kein gültiges Dokument,
weil sie anstelle der bevollmächtigten Tante ihren Cousin für die Behörden-
gänge bestimmt habe. Eine zeitliche Verzögerung begründe jedenfalls
keine Schriftenlosigkeit.
5.4 In ihrer Replik entgegnet die Beschwerdeführerin, die Tatsache, dass
ihre Cédula Pessoal gefälscht gewesen sei, habe im Zusammenhang mit
ihrer überstürzten Flucht aus Angola gestanden. Sie könne mittlerweile seit
über elf Jahren nicht reisen, was gegen Art. 7 und Art. 10 Abs. 2 BV
verstosse. Sie habe sich ernsthaft um die erforderlichen Dokumente be-
müht und gehe davon aus, dass sie sie in einer unbestimmten Zukunft er-
halten werde; dies könne jedoch lange dauern.
6.
6.1 Strittig und zu prüfen ist, ob die Vorinstanz die Schriftenlosigkeit der
Beschwerdeführerin, welche über eine Aufenthaltsbewilligung verfügt, zu
Recht verneint hat. Die Beschwerdeführerin ist weder schutzbedürftig noch
asylsuchend, weshalb ihr eine Kontaktaufnahme mit den angolanischen
Behörden unbestrittenermassen zugemutet werden kann (vgl. Art. 10 Abs.
1 Bst. a RDV i.V.m. Art. 10 Abs. 3 RDV). Somit bleibt einzig darüber zu
befinden, ob ihr die Papierbeschaffung möglich ist (Art. 10 Abs. 1 Bst. b
RDV).
6.2 Gemäss Homepage der angolanischen Botschaft in Bern muss ein Rei-
sepassantrag persönlich bei der Botschaft von Angola gestellt werden. Da-
bei müssen eine Kopie der Geburtseintragung, die komplette Geburtsur-
kunde, das Familienbüchlein (Cédula Pessoal), ein gültiger Personalaus-
weis, das Reisepapier (für eine Verlängerung), eine konsularische Melde-
karte, vier neue Passbilder, die Aufenthaltsberechtigung in der Schweiz,
ggf. die Heiratsurkunde, ein Arbeitsvertrag oder eine Bescheinigung der
F-4477/2018
Seite 7
Lehranstalt eingereicht werden (vgl. dazu < http://ambassadean-
gola.ch/_francais/index.php/secteur-consulaire/documents-nationaux >
besucht am 18.03.2020).
6.3 Die von der Beschwerdeführerin vorgelegte Geburtsurkunde stufte die
Botschaft von Angola als Fälschung ein. Es bestehen keine Anhaltspunkte,
an dieser Feststellung zu zweifeln. Aus der Benachrichtigung der Konsu-
larabteilung der Botschaft von Angola vom 11. November 2018 geht ent-
sprechend hervor, dass die Beschwerdeführerin zwar am 8. Juni 2018 bei
der Botschaft vorstellig wurde, ihr jedoch kein Pass habe ausgestellt wer-
den können, da sie keine gültige Geburtsurkunde vorgelegt habe. Gegen
diese Haltung der angolanischen Botschaft ist nichts einzuwenden. Auch
sind den Akten keine Hinweise zu entnehmen, wonach die Verzögerung in
der Ausstellung der erforderlichen Dokumente – wie von der Beschwerde-
führerin geltend gemacht – eine Schikane der angolanischen Behörden
darstellen würde. Im Gegenteil: die Botschaft legte der Beschwerdeführerin
dar, wie sie die benötigten Unterlagen erhältlich machen könnte. In der
Folge hat die Beschwerdeführerin jedoch nicht ihre bereits bevollmächtigte
Tante, sondern aufgrund deren gesundheitlichen Zustandes ihren Cousin
gebeten, die notwendigen Schritte in Angola vorzunehmen. Es erscheint
zumindest zweifelhaft, ob dieser – soweit aus den Akten ersichtlich – ohne
von der Beschwerdeführerin bevollmächtigt zu sein, die erforderlichen Un-
terlagen wird erhältlich machen können. Somit liegt nahe, dass die Verzö-
gerung in der Beschaffung der erforderlichen Unterlagen mindestens teil-
weise der Vorgehensweise der Beschwerdeführerin selbst zuzuschreiben
ist. Sie macht im Übrigen auch nicht geltend, dass ihr die heimatlichen Be-
hörden die Ausstellung eines Reisepasses grundsätzlich verweigern, und
geht selbst davon aus, dass sie die angeforderten Dokumente im Verlaufe
der Zeit erhalten wird. Eine Unmöglichkeit im Sinne von Art. 10 Abs. 1 Bst.
b RDV liegt somit nicht vor. Wenngleich sich die Beschaffung eines Reise-
passes für die Beschwerdeführerin schwierig und langwierig gestalten
mag, vermögen Verzögerungen die Schriftenlosigkeit nicht zu begründen.
6.4 Die Beschaffung von Reisedokumenten erscheint vorliegend nicht un-
möglich, weshalb die Voraussetzungen von aArt. 4 Abs. 2 i.V.m. Art. 10
Abs. 1 RDV nicht erfüllt sind. Entsprechend erübrigt es sich, auf die Vor-
bringen der Beschwerdeführerin betreffend Art. 7 (Menschenwürde) und
Art. 10 Abs. 2 BV (Recht auf persönliche Freiheit) einzugehen, zumal die
Einschränkung ihrer Reisefreiheit zumindest teilweise auf ihr eigenes Ver-
halten zurückzuführen ist.
F-4477/2018
Seite 8
7.
Die Vorinstanz hat demzufolge der Beschwerdeführerin zu Recht die Aus-
stellung eines Passes für eine ausländische Person verweigert. Die ange-
fochtene Verfügung erweist sich somit im Lichte von Art. 49 VwVG als
rechtmässig und die Beschwerde ist abzuweisen.
8.
Entsprechend dem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten, welche sich
vorliegend auf CHF 1’000.– belaufen, der Beschwerdeführerin aufzuerle-
gen (Art. 63 Abs. 1 VwVG i.V.m. Art. 1 ff. des Reglements vom 21. Februar
2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungs-
gericht [VGKE, SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
F-4477/2018
Seite 9