Decision ID: 9a91f676-0feb-535f-a449-620e46181d4c
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der aus Nordmazedonien stammende Beschwerdeführer (geb. [...]) ge-
langte im Dezember 1991 mit seiner Mutter und einem älteren Bruder im
Rahmen des Familiennachzugs in die Schweiz. Er erhielt hier erst eine
Aufenthalts- und später eine Niederlassungsbewilligung.
B.
B.a Seit dem Erreichen des fünfzehnten Lebensjahres geriet der Be-
schwerdeführer wiederholt mit dem Gesetz in Konflikt. So wurde er in der
Zeitspanne von Dezember 2000 bis Oktober 2003 wegen verschiedener
Strassenverkehrsdelikte, Diebstahls, Betrugs, Urkundenfälschung, Haus-
friedensbruchs und geringfügiger Sachbeschädigung mehrmals mit ju-
gendstrafrechtlichen Massnahmen sanktioniert. Die Verfehlungen hatten
am 8. Dezember 2003 eine erste Verwarnung durch die Migrationsbehörde
des Kantons Aargau zur Folge.
B.b Am 21. Juni 2007 verurteilte das Bezirksgericht Laufenburg den Be-
schwerdeführer wegen gewerbs- und bandenmässigen Diebstahls, mehr-
facher Sachbeschädigung, mehrfachen Hausfriedensbruchs, mehrfachen
betrügerischen Missbrauchs einer Datenverarbeitungsanlage und Hehlerei
zu einer bedingten Freiheitsstrafe von 21 Monaten und einer Busse von
Fr. 500.–. Weitere Verurteilungen erfolgten am 28. Dezember 2009 wegen
Führens eines Motorfahrzeuges trotz Führerausweisentzugs und Nichtab-
gabe vom Kontrollschildern und am 17. Dezember 2010 wegen Nichtab-
gabe von Ausweisen und Kontrollschildern. Hinzu kamen 27 Strafbefehle
wegen sonstiger Strassenverkehrsdelikte. Der Betroffene wurde deshalb
am 9. August 2011 ein zweites Mal ausländerrechtlich verwarnt.
B.c Der Beschwerdeführer blieb auch danach straffällig. So wurde er am
22. August 2011 wegen Nichtabgabe des entzogenen Fahrzeugausweises
und der Kontrollschilder trotz behördlicher Aufforderung mit einer Geld-
strafe von zehn Tagessätzen bestraft. Am 25. September 2014 sprach ihn
die Staatsanwaltschaft Basel-Landschaft sodann der groben Verletzung
von Verkehrsregeln schuldig, was eine Geldstrafe von 30 Tagessätzen und
eine Busse von Fr. 30.– nach sich zog.
B.d Am 26. Oktober 2016 verurteilte das Obergericht des Kantons Aargau
den Beschwerdeführer wegen gewerbs- und bandenmässigen Diebstahls,
mehrfacher Sachbeschädigung und mehrfachen Führens eines Motorfahr-
F-1910/2019
Seite 3
zeuges trotz entzogenem Führerausweis zu einer unbedingten Freiheits-
strafe von drei Jahren, unter Anrechnung der Untersuchungshaft von 133
Tagen (vgl. Akten der Vorinstanz [SEM act.] 2). Eine dagegen gerichtete
Beschwerde in Strafsachen betreffend Gewährung des teilbedingten Voll-
zugs wies das Bundesgericht mit Urteil vom 24. Februar 2017 ab (Urteil
6B_1363/2016).
C.
Aufgrund dieses Sachverhalts widerrief das Amt für Migration und Integra-
tion des Kantons Aargau mit Verfügung vom 11. Mai 2017 die Niederlas-
sungsbewilligung des Beschwerdeführers und wies ihn aus der Schweiz
weg. Diese Verfügung erwuchs unangefochten in Rechtskraft (vgl. Akten
der kantonalen Migrationsbehörde [AG act.] pag. 450 – 458 bzw. pag. 462).
D.
Vom 28. August 2017 an befand sich der Beschwerdeführer zwecks Ver-
büssung der Reststrafe im ordentlichen Strafvollzug. Am 22. Februar 2019
verfügte das Amt für Justizvollzug des Kantons Aargau seine bedingte Ent-
lassung per 16. April 2019, unter der Voraussetzung einer unmittelbar an
den Strafvollzug anschliessenden kontrollierten Ausreise aus der Schweiz
(SEM act. 4).
E.
Unter Bezugnahme auf das Urteil des Obergerichts des Kantons Aargau
vom 26. Oktober 2016 gewährte die kantonale Migrationsbehörde dem Be-
schwerdeführer am 3. April 2019 das rechtliche Gehör zum allfälligen Er-
lass einer Fernhaltemassnahme, wovon er Gebrauch machte (SEM act. 6).
F.
Mit Verfügung vom 3. April 2019 verhängte die Vorinstanz über den Be-
schwerdeführer ein ab dem 17. April 2019 gültiges Einreiseverbot für die
Dauer von fünf Jahren. Gleichzeitig ordnete sie die Ausschreibung dieser
Massnahme im Schengener Informationssystem (SIS II) an und entzog ei-
ner allfälligen Beschwerde die aufschiebende Wirkung (SEM act. 7).
G.
Am 16. April 2019 wurde der Beschwerdeführer in sein Heimatland ausge-
schafft (AG act. pag. 544/45).
F-1910/2019
Seite 4
H.
Mit Rechtsmitteleingabe vom 23. April 2019 an das Bundesverwaltungsge-
richt beantragt der Beschwerdeführer, das Einreiseverbot sei um drei Jahre
zu reduzieren und bis zum 16. April 2021 zu befristen (BVGer act. 1).
I.
Mit Zwischenverfügung vom 10. Mai 2019 gab das Bundesverwaltungsge-
richt dem Gesuch um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses
nicht statt (BVGer act. 3).
J.
Das SEM schliesst in seiner Vernehmlassung vom 12. Juli 2019 auf Abwei-
sung der Beschwerde (BVGer act. 6).
K.
Replikweise lässt der Beschwerdeführer am 14. August 2019 am einge-
reichten Rechtsmittel und dessen Begründung festhalten (BVGer act. 8).
L.
Auf den weiteren Akteninhalt – einschliesslich der beigezogenen Akten des
Amtes für Migration und Integration des Kantons Aargau – wird, soweit
rechtserheblich, in den Erwägungen eingegangen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen im Sinne von Art. 5 VwVG, sofern keine
Ausnahme nach Art. 32 VGG vorliegt. Als Vorinstanzen gelten die in Art. 33
VGG genannten Behörden. Dazu gehört auch das SEM, das mit der An-
ordnung eines Einreiseverbotes eine Verfügung im erwähnten Sinne und
daher ein zulässiges Anfechtungsobjekt erlassen hat. Eine Ausnahme
nach Art. 32 VGG liegt nicht vor.
1.2 Das Rechtsmittelverfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht richtet
sich nach dem VwVG, soweit das VGG nichts anderes bestimmt (Art. 37
VGG).
F-1910/2019
Seite 5
1.3 Der Beschwerdeführer ist als Verfügungsadressat zur Beschwerde le-
gitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte
Beschwerde ist einzutreten (Art. 50 und 52 VwVG).
1.4 Das Bundesverwaltungsgericht entscheidet in der vorliegenden Sache
endgültig (vgl. Art. 83 Bst. c Ziff. c Ziff. 1 BGG).
2.
Mit Beschwerde ans Bundesverwaltungsgericht kann vorliegend die Ver-
letzung von Bundesrecht einschliesslich Überschreitung oder Missbrauch
des Ermessens, die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechts-
erheblichen Sachverhalts sowie die Unangemessenheit gerügt werden
(vgl. Art. 49 VwVG). Das BVGer wendet das Bundesrecht von Amtes we-
gen an. Es ist gemäss Art. 62 Abs. 4 VwVG nicht an die Begründung der
Begehren gebunden und kann die Beschwerde auch aus anderen als den
geltend gemachten Gründen gutheissen oder abweisen. Massgeblich ist
grundsätzlich die Sachlage zum Zeitpunkt seines Entscheides (vgl. BVGE
2014/1 E. 2 m.H.).
3.
3.1 Das SEM verfügt Einreiseverbote gegenüber weggewiesenen Auslän-
derinnen und Ausländern, wenn die Wegweisung nach Art. 64d Abs. 2
Bst. a – c des Ausländer- und Integrationsgesetzes (AIG, SR 142.20) sofort
vollstreckt wird (Art. 67 Abs. 1 Bst. a AIG) oder die betroffene Person der
Ausreiseverpflichtung nicht innert Frist nachgekommen ist (Art. 67 Abs. 1
Bst. b AIG). Es kann sodann nach Art. 67 Abs. 2 AIG Einreiseverbote ge-
gen ausländische Personen erlassen, die gegen die öffentliche Sicherheit
und Ordnung in der Schweiz oder im Ausland verstossen haben oder diese
gefährden (Art. 67 Abs. 2 Bst. a AIG). Das Einreiseverbot wird grundsätz-
lich für eine Dauer von höchstens fünf Jahren verhängt. Es kann für eine
längere Dauer verfügt werden, wenn die betroffene Person eine schwer-
wiegende Gefahr für die öffentliche Sicherheit und Ordnung darstellt
(Art. 67 Abs. 3 AIG). Die verfügende Behörde kann aus humanitären oder
anderen wichtigen Gründen von der Verhängung eines Einreiseverbots ab-
sehen oder ein Einreiseverbot vollständig oder vorübergehend aufheben
(Art. 67 Abs. 5 AIG).
3.2 Das Einreiseverbot ist keine Sanktion für vergangenes Fehlverhalten,
sondern eine Massnahme zur Abwendung einer künftigen Störung der öf-
fentlichen Sicherheit und Ordnung (siehe Botschaft zum Bundesgesetz
über die Ausländerinnen und Ausländer vom 8. März 2002 [im Folgenden:
F-1910/2019
Seite 6
Botschaft] BBl 2002 3813). Die öffentliche Sicherheit und Ordnung im
Sinne von Art. 67 Abs. 2 Bst. a AIG bildet den Oberbegriff für die Gesamt-
heit der polizeilichen Schutzgüter. Sie umfasst unter anderem die Unver-
letzlichkeit der objektiven Rechtsordnung und der Rechtsgüter Einzelner
(vgl. Botschaft, a.a.O. S. 3809). In diesem Sinne liegt ein Verstoss gegen
die öffentliche Sicherheit und Ordnung unter anderem dann vor, wenn ge-
setzliche Vorschriften oder behördliche Verfügungen missachtet werden
(vgl. Art. 77a Abs. 1 Bst. a der Verordnung über Zulassung, Aufenthalt und
Erwerbstätigkeit vom 24. Oktober 2007 [VZAE, SR 142.201]). Demgegen-
über müssen bei Annahme einer Gefährdung der öffentlichen Sicherheit
und Ordnung konkrete Anhaltspunkte dafür bestehen, dass der Aufenthalt
der betroffenen Person in der Schweiz mit erheblicher Wahrscheinlichkeit
zu einem Verstoss gegen die öffentliche Sicherheit und Ordnung führen
wird (Art. 77a Abs. 2 VZAE). Bestand ein solches Verhalten in der Vergan-
genheit, so wird die Gefahr entsprechender künftiger Störungen von Ge-
setzes wegen vermutet (vgl. BVGE 2017 VII/2 E. 4.4 oder Urteil des BVGer
F-3401/2018 vom 24. März 2020 E. 4.2 je m.H.).
3.3 Wird gegen eine Person, die nicht die Staatsangehörigkeit eines Mit-
gliedstaats der Europäischen Union oder der Europäischen Freihandelsas-
soziation besitzt, ein Einreiseverbot verhängt, so wird sie nach Massgabe
der Bedeutung des Falles im Schengener Informationssystem (SIS) zur
Einreiseverweigerung ausgeschrieben (vgl. Art. 21 und 24 der Verordnung
[EG] Nr. 1987/2006 vom 20. Dezember 2006 über die Einrichtung, den Be-
trieb und die Nutzung des Schengener Informationssystems der zweiten
Generation [SIS-II], Abl. L 381/4 vom 28.12.2006 [nachfolgend: SIS-II-VO];
Art. 21 der N-SIS-Verordnung vom 8. März 2013 [SR 362.0]).
4.
4.1 Das SEM führt in der angefochtenen Verfügung unter Bezugnahme auf
das Urteil des Obergerichts des Kantons Aargau vom 26. Oktober 2016 im
Wesentlichen aus, das Verhalten des Beschwerdeführers stelle einen
schweren Verstoss gegen die Gesetzgebung dar, womit eine schwerwie-
gende Gefährdung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung einhergehe
(Art. 67 Abs. 2 Bst. a AIG). Bereits das Strafmass zeuge von einem schwe-
ren Verschulden. Der Betroffene habe seit dem Jahre 2007 mehrmals zu
Freiheitsstrafen verurteilt werden müssen und sich von den Vorstrafen
nicht beeindrucken lassen. Damit manifestiere er eine Unbelehrbarkeit und
völlige Missachtung der schweizerischen Rechtsordnung. Aufgrund des-
sen könne ihm keine gute Legalprognose gestellt werden, und es müsse
davon ausgegangen werden, dass von ihm noch über eine längere Zeit
F-1910/2019
Seite 7
hinweg eine erhebliche Gefahr für die öffentliche Sicherheit und Ordnung
ausgehe, weshalb sich eine Fernhaltung von fünf Jahren rechtfertige. We-
gen der gegenüber dem Beschwerdeführer von der kantonalen Behörde
gemäss Art. 64d AIG ausgesprochenen, sofort vollstreckbaren Wegwei-
sung sei ebenfalls gestützt auf Art. 67 Abs. 1 Bst. b (recte: Bst. a) AIG ein
Einreiseverbot anzuordnen. Die verhängte Fernhaltemassnahme er-
scheine auch in Berücksichtigung der im Rahmen der Ausübung des recht-
lichen Gehörs geltend gemachten familiären Beziehungen als verhältnis-
mässig und gerechtfertigt (SEM act. 7).
4.2 Der Beschwerdeführer bestreitet in der Rechtsmitteleingabe vom
23. April 2019, dass die von ihm begangenen Straftaten eine schwerwie-
gende Gefährdung der öffentlichen Sicherheit darstellten. Aufgrund der Tat-
umstände (bei den Diebstählen aus Tankautomaten habe er nur als Fahrer
agiert, Personen seien nie gefährdet worden) dürfe höchstens von einer
mittelgradigen Gefahr ausgegangen werden. In Anbetracht des reiferen Al-
ters und seiner heutigen Situation müsse ihm zugestanden werden, dass
er mit dem Denkzettel der mehrjährigen unbedingten Freiheitsstrafe in Ver-
bindung mit dem Einreiseverbot seine Lehren gezogen habe. Eine
schlechte Prognose könne daher nicht gestellt werden. Sein Fall präsen-
tiere sich mithin nicht derart schwer, dass sich die Ausschöpfung der Re-
gelhöchstdauer von Art. 67 Abs. 3 erster Satz AIG rechtfertige. Ausserdem
habe die Vorinstanz der familiären Situation und dem über 30-jährigen Vor-
aufenthalt in der Schweiz zu wenig Beachtung geschenkt. Die engere Fa-
milie des Beschwerdeführers lebe seit sehr langer Zeit hierzulande, weitere
Angehörige seien in Deutschland und Italien ansässig. Auch in diese Län-
der werde ihm aber die Einreise aufgrund der Ausdehnung des Einreise-
verbots auf den Schengen-Raum verweigert. Zu seiner bloss formellen
Heimat unterhalte er derweil keine Beziehungen.
5.
5.1 Am 26. Oktober 2016 verurteilte das Obergericht des Kantons Aargau
den Beschwerdeführer in zweiter Instanz wegen gewerbs- und banden-
mässigen Diebstahls, mehrfacher Sachbeschädigung und mehrfachen
Führens eines Motorfahrzeuges trotz entzogenem Führerausweis zu einer
unbedingten Freiheitsstrafe von drei Jahren. Das Strafgericht sah es als
erwiesen an, dass er vom 19. November 2014 bis zu seiner Festnahme am
6. Mai 2015 mit einem Beteiligten zahlreiche Tankstellen-Notenautomaten
aufbrach und insgesamt rund Fr. 30'000.– erbeutete. Hierbei entstand er-
heblicher Sachschaden. Zudem lenkte er in dieser Zeit trotz entzogenem
Führerausweis mehrfach ein Motorfahrzeug. Hinzu kommen eine Reihe
F-1910/2019
Seite 8
von Vorstrafen, wobei es sich mit Ausnahme der 21-monatigen Freiheits-
strafe vom 21. Juni 2007 um Geldstrafen im unteren Bereich handelte (im
Einzelnen siehe Sachverhalt Bst. B.a – Bst. c weiter vorne).
5.2 Dem obergerichtlichen Urteil liegt ein Verhalten zu Grunde, welches
zweifellos einen Verstoss gegen die öffentliche Sicherheit und Ordnung ge-
mäss Art. 67 Abs. 2 Bst. a erster Halbsatz AIG darstellt. Auch dass vom
Beschwerdeführer zum Zeitpunkt jenes Strafurteils eine gewisse Gefahr
weiterer Störungen der öffentlichen Sicherheit und Ordnung nach Art. 67
Abs. 2 Bst. a zweiter Halbsatz AIG ausging, ist nicht von der Hand zu wei-
sen. Bedingt durch das Verfahren i.S. Widerruf der Niederlassungsbewilli-
gung, das bundesgerichtliche Verfahren betreffend Verweigerung des teil-
bedingten Strafvollzugs sowie das Verbüssen der Reststrafe verstrichen
von der letzten strafrechtlichen Verurteilung bis zur Verhängung des Ein-
reiseverbots rund zweieinhalb Jahre. Die unter E. 5.1 aufgeführten Haupt-
taten lagen bei Erlass der angefochtenen Verfügung somit schon mindes-
tens vier Jahre zurück. Das SEM führt in diesem Zusammenhang aus, das
Verhalten des Beschwerdeführers stelle einen schweren Verstoss gegen
die Rechtsordnung dar, womit eine schwerwiegende Gefährdung der öf-
fentlichen Sicherheit und Ordnung einhergehe. Das Staatssekretariat geht
aufgrund der verwendeten Formulierung mithin von einer schwerwiegen-
den Gefahr im Sinne von Art. 67 Abs. 3 AIG aus. Die zulässige Dauer ist
somit nicht auf fünf Jahre begrenzt. Da es sich bei Art. 67 Abs. 3, 2. Satz
AIG um eine Kann-Vorschrift handelt, hat die Vorinstanz das Einreiseverbot
wegen des Zeitablaufs indes auf fünf Jahre festgelegt. Der Vollständigkeit
halber ist zu erwähnen, dass der Beschwerdeführer ebenfalls den Fernhal-
tegrund von Art. 67 Abs. 1 Bst. a AIG erfüllt hat. Bei dieser Sachlage hat
das SEM zu Recht ein Einreiseverbot ausgesprochen, was vom Beschwer-
deführer – er beantragt eine Reduktion der Dauer auf zwei Jahre – auch
nicht bestritten wird. Das Einreiseverbot ist daher im Grundsatz zu bestäti-
gen.
6.
6.1 Den Entscheid darüber, ob ein Einreiseverbot anzuordnen und wie es
zeitlich auszugestalten ist, legt Art. 67 Abs. 2 AIG in das pflichtgemässe
Ermessen der Behörde. Zentrale Bedeutung kommt dabei dem Grundsatz
der Verhältnismässigkeit zu, der eine wertende Abwägung zwischen den
berührten privaten und öffentlichen Interessen verlangt. Ausgangspunkt
der Überlegungen bilden die Stellung der verletzten oder gefährdeten
Rechtsgüter, die Besonderheiten des ordnungswidrigen Verhaltens und die
persönlichen Verhältnisse der betroffenen ausländischen Person (Art. 96
F-1910/2019
Seite 9
AIG; ferner statt vieler HÄFELIN/MÜLLER/UHLMANN, Allgemeines Verwal-
tungsrecht, 7. Aufl. 2016, Rz. 555 ff.).
6.2 Die vom Beschwerdeführer ausgehende Gefahr für die öffentliche Si-
cherheit und Ordnung spricht für ein nicht unerhebliches öffentliches Inte-
resse an seiner Fernhaltung. Das Hauptaugenmerk der Fernhaltemass-
nahme liegt in ihrer spezialpräventiven Zielsetzung. Das Einreiseverbot soll
weiteren Straftaten des Beschwerdeführers in der Schweiz und im Schen-
gen-Raum entgegenwirken und ihn überdies dazu anhalten, bei einer all-
fälligen künftigen Wiedereinreise nach Ablauf der Dauer des Einreisever-
bots keine weiteren Verstösse gegen die öffentliche Sicherheit und Ord-
nung zu begehen. Ebenfalls zu berücksichtigen sind generalpräventive As-
pekte, welche die ausländerrechtliche Ordnung durch eine konsequente
Massnahmepraxis schützen sollen und damit zu einer insgesamt funktio-
nierenden Rechtsordnung beitragen (zur generellen Zulässigkeit der Be-
rücksichtigung generalpräventiver Aspekte in Konstellationen, in denen wie
hier kein sogenannter Vertragsausländer betroffen ist, vgl. Urteile des BGer
2C_516/2014 vom 24. März 2015 E. 4.3.2 oder 2C_282/2012 vom 31. Juli
2012 E. 2.5 je m.H.).
6.3 Aber auch in subjektiver Hinsicht erscheint das vom Beschwerdeführer
verwirklichte Fehlverhalten als recht gravierend. Vermögensdelikte solchen
Umfangs werden praxisgemäss mit mehrjährigen Fernhaltemassnahmen
geahndet (siehe zuletzt Urteile des BVGer F-2300/2018 vom 22. Januar
2020, F-2708/2017 vom 5. Dezember 2019, F-924/2018 vom 7. Oktober
2019 oder F-2995/2018 vom 23. September 2019). Zu den Tatumständen
lässt sich festhalten, dass der Beschwerdeführer innerhalb der Bande
durchaus eine wichtige und unabdingbare Rolle spielte. So hat er bei den
nächtlichen deliktischen Touren nicht nur sein Auto zur Verfügung gestellt
oder ein solches organisiert, um den landes- und ortsunkundigen Mitbe-
schuldigten an die jeweiligen Tatorte zu chauffieren und dort wieder abzu-
holen, sondern teilweise auch das Werkzeug für die Aufbrüche besorgt. In
Bezug auf den gewerbs- und bandenmässigen Diebstahl betrachtete ihn
das Obergericht des Kantons Aargau dementsprechend als Mittäter und
ging von einem mittelschweren Tatverschulden aus (SEM act. 2,
pag. 13/14). Der bereits im Strafverfahren berücksichtigten Funktion als
Fahrer ist in diesem Verfahren nicht nochmals Rechnung zu tragen. Auch
dass kein besonders hochwertiges Rechtsgut betroffen ist, kann im Kontext
der dreijährigen unbedingten Freiheitsstrafe migrationsrechtlich nicht im
beantragten Rahmen Berücksichtigung finden.
F-1910/2019
Seite 10
6.4 Entgegen der Auffassung des Parteivertreters ist sodann nach wie vor
von einem erheblichen Rückfallrisiko auszugehen. Das Obergericht des
Kantons Aargau stellte dem Beschwerdeführer eine eigentliche Schlecht-
prognose aus (SEM act. 2, pag. 9). Diese Einschätzung wurde im bundes-
gerichtlichen Verfahren betreffend Verweigerung des teilbedingten Straf-
vollzugs bestätigt. Laut Bundesgericht handelt es sich beim Beschwerde-
führer um eine Person, die seit Jahren unbekümmert um sämtliche Straf-
verfahren weiter delinquierte. Bei den Diebstählen habe er eine kriminelle
Energie an den Tag gelegt, «die angesichts der sich Schlag auf Schlag
folgenden Strafverfahren ein progredient verlaufendes Muster der Ein-
sichtslosigkeit und der Gleichgültigkeit hinsichtlich des ihn offenbar nicht
beeindruckenden Strafrechtssystem» offenbare (SEM act. 3, pag. 19). Mit
Blick auf die verstrichene Zeit seit der letzten Straffälligkeit gilt es ferner zu
bedenken, dass der Beschwerdeführer erst am 16. April 2019 aus dem
Strafvollzug entlassen wurde, weshalb noch nicht von einem grundlegen-
den Wandel ausgegangen werden kann. Ohnehin stand er die vergange-
nen Jahre unter dem Druck der straf- und ausländerrechtlichen Verfahren,
wobei die strafrechtliche Probezeit am 16. April 2020 eben erst endete.
Dem Einwand des inzwischen reiferen Alters schliesslich ist zu entgegnen,
dass der Beschwerdeführer zum Zeitpunkt der Haupttaten beinahe 30-jäh-
rig war und selbst seine ab 2012 in der Schweiz ansässige Ehefrau und
der im selben Jahr geborene Sohn ihn nicht an der Begehung weiterer
Straftaten hinderten. Das öffentliche Interesse an seiner mehrjährigen
Fernhaltung ist demnach als gewichtig anzusehen.
6.5 Den vorstehenden Interessen stellt der Beschwerdeführer sein privates
Interesse an möglichst ungehinderten Kontakten zu in der Schweiz und
anderen Schengen-Staaten ansässigen nahen Angehörigen (Ehefrau, ein
Sohn, sonstige Verwandte) gegenüber. Ausserdem sei er im Alter von 18
Monaten in die Schweiz gekommen und habe eigentlich sein ganzes Le-
ben – ab 1991 mit einer Niederlassungsbewilligung – hierzulande ver-
bracht.
6.6 Es steht ausser Frage, dass das Einreiseverbot das Recht der Betei-
ligten auf ein von staatlichen Eingriffen ungestörtes Familienleben berührt.
Bei der Beurteilung der Eingriffsschwere ist allerdings zu berücksichtigen,
dass eine Wohnsitznahme des Beschwerdeführers in der Schweiz wie
auch die Pflege regelmässiger persönlicher Kontakte zu seinen hierzu-
lande lebenden Familienangehörigen (hauptsächlich der seit Mai 2012 mit
einer Aufenthaltsbewilligung in der Schweiz wohnhaften Ehefrau und dem
F-1910/2019
Seite 11
im Dezember 2012 geborenen, niederlassungsberechtigten Sohn) grund-
sätzlich bereits am fehlenden Anwesenheitsrecht scheitern (vgl. dazu
BVGE 2013/4 E. 7.4.1 und 7.4.2), nachdem seine Niederlassungsbewilli-
gung im Mai 2017 widerrufen und er aus der Schweiz weggewiesen wurde.
6.7 Das über den Beschwerdeführer verhängte Einreiseverbot hat, über
den Entzug des Aufenthaltsrechts hinaus, zur Folge, dass der Betroffene
seine hier lebenden Angehörigen nicht mehr beliebig besuchen darf. Die
bestehenden familiären Bindungen können mithin nur in der Weise berück-
sichtigt werden, dass es dem Beschwerdeführer unter bestimmten Voraus-
setzungen offensteht, eine Suspension des Einreiseverbots zu beantragen
(vgl. Art. 67 Abs. 5 AIG). Wohl wird die Suspension praxisgemäss nur für
eine kurze und klar begrenzte Zeit gewährt und sie darf das Einreiseverbot
nicht aushöhlen (BVGE 2013/4 E. 7.4.3). Die damit verbundenen bzw. ver-
bleibenden Einschränkungen sind jedoch hinzunehmen, zumal diese zur
Verhütung von Straftaten und zum Schutze der öffentlichen Sicherheit er-
forderlich sind (vgl. Art. 8 Ziff. 2 EMRK). Daneben ist es den Betroffenen
zuzumuten, die Kontakte untereinander auf andere Weise (z.B. SMS, E-
Mail, WhatsApp, Telefonate, Skype, Facebook usw.) zu pflegen. Auch per-
sönlichen Treffen ausserhalb des Schengen-Raums steht die Fernhalte-
massnahme nicht entgegen. Im dargelegten Umfang und Rahmen kann
den geltend gemachten privaten Interessen gleichwohl Rechnung getra-
gen werden.
6.8 Zu den privaten Interessen ist ausserdem zu bemerken, dass der Be-
schwerdeführer im Alter von sechs Jahren (und nicht mit 18 Monaten, wie
in der Beschwerdeschrift behauptet) in die Schweiz kam. Auch eine Nie-
derlassungsbewilligung erhielt er nicht von Anfang an, sondern einige
Jahre später. Insgesamt hat er aber inzwischen rund 28 Jahre hierzulande
verbracht. Ein Einreiseverbot ist aber auch in derartigen Konstellationen
zulässig (BGE 135 II 110; E. 2.1; 130 II 176 E. 4.2.2; Urteil des BGer
2C_109/2016 vom 15. Februar 2016 E. 2.1). Abgesehen davon kann an-
gesichts der Missachtung der hiesigen Rechtsordnung sowie der akten-
kundigen übrigen Regelverstösse, die sich über einen Zeitraum von fünf-
zehn Jahren erstreckten, nicht von einer erfolgreichen Integration gespro-
chen werden (vgl. Art. 4 Bst. a der inzwischen aufgehobenen Verordnung
vom 24. Oktober 2007 über die Integration von Ausländerinnen und Aus-
länder [VIntA, SR 142.205] bzw. Art. 58a Abs. 1 Bst. a und b AIG). Wie
schon erwähnt, vermochte ihn selbst die Präsenz der nächsten Angehöri-
gen nicht von fortgesetzter Delinquenz abzuhalten. Auch unter Einbezug
F-1910/2019
Seite 12
der familiären Situation und des Voraufenthalts fällt daher eine Reduktion
des Einreiseverbots auf zwei Jahre ausser Betracht.
6.9 Eine wertende Gewichtung der sich gegenüberstehenden Interessen
führt das Bundesverwaltungsgericht zum Ergebnis, dass das auf fünf Jahre
befristete Einreiseverbot nicht nur dem Grundsatz nach, sondern auch in
Bezug auf seine Dauer eine verhältnismässige und angemessene Mass-
nahme zum Schutz der öffentlichen Sicherheit und Ordnung darstellt.
7.
Nicht zu beanstanden ist schliesslich, dass dem Beschwerdeführer die Ein-
reise in das Hoheitsgebiet sämtlicher Schengen-Staaten verboten wurde
(vgl. Art. 21. i.V.m. Art. 24 SIS-II-Verordnung). Die Schweiz ist als Folge
des Grundsatzes der loyalen Zusammenarbeit bei der Administration des
gemeinsamen Raums der Freiheit, der Sicherheit und des Rechts, auf dem
das Schengen-System beruht, zur getreuen Wahrung der Interessen der
Gesamtheit der Schengen-Staaten verpflichtet (vgl. BVGE 2011/48 E. 6.1).
Hinzu tritt, dass wegen des Wegfalls systematischer Personenkontrollen
an den Schengen-Innengrenzen Einreiseverbote und ähnliche Massnah-
men ihre volle Wirksamkeit nur entfalten können, wenn sich ihre Geltung
und die Durchsetzbarkeit nicht auf einzelne Schengen-Staaten beschrän-
ken. Angesichts der festgestellten, vom Beschwerdeführer ausgehenden
Gefahr für die öffentliche Sicherheit und Ordnung (siehe Art. 24 Ziff. 2 Bst. a
SIS-II-VO) liegt die Ausschreibung des Einreiseverbots im zwingenden ge-
meinsamen Interesse der Schweiz und der übrigen Schengen-Staaten.
Eine mit der Ausschreibung des Einreiseverbots einhergehende zusätzli-
che Beeinträchtigung seiner persönlichen Bewegungsfreiheit hat der Be-
schwerdeführer in Kauf zu nehmen.
8.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung im
Lichte von Art. 49 VwVG nicht zu beanstanden ist. Die Beschwerde ist so-
mit abzuweisen.
9.
Entsprechend dem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem Be-
schwerdeführer aufzuerlegen (vgl. Art. 63 Abs. 1 VwVG i.V.m. Art. 1 ff. des
Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen
vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
F-1910/2019
Seite 13