Decision ID: 12adbb4c-9deb-4c79-ac28-adcb3c172095
Year: 2017
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a A._ bezog seit dem 1. Juni 2002 Ergänzungsleistungen zu seiner IV-Rente (EL-
act. 111 f.). Gemäss einer Verfügung der IV-Stelle des Fürstentums Liechtenstein hatte
der Versicherte seit dem 1. November 2001 einen Anspruch auf eine ganze IV-Rente
des Fürstentums Liechtenstein (nachfolgend IV-Rente FL). Seine Kinder erhielten
entsprechende IV-Kinderrenten, die an die Mutter ausbezahlt wurden (EL-act. 124,
132).
A.b Im Rahmen der periodischen Überprüfung der Ergänzungsleistungen im
September 2008 gab der Versicherte an, er erhalte eine IV-Rente der Caisse Suisse de
Compensation in Höhe von jährlich Fr. 7'644.-- sowie eine IV-Rente FL in Höhe von
jährlich Fr. 14'027.-- (EL-act. 87, 93 f.). Infolgedessen passte die EL-
Durchführungsstelle den EL-Anspruch des Versicherten rückwirkend ab dem August
2008 an und korrigierte u.a. die Beträge der IV-Renten (EL-act. 83).
A.c Am 9. Februar 2010 teilte der Versicherte mit, dass er seit dem 1. Januar 2010 eine
IV-Rente der B._ in Höhe von monatlich Fr. 1'277.-- erhalte (EL-act. 73). Am 3. März
2010 passte die EL-Durchführungsstelle die laufenden Ergänzungsleistungen an, indem
sie die bisher unter dem Einnahmeposten "andere Renten und Pensionen aller Art"
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berücksichtigte IV-Rente FL in Höhe von jährlich Fr. 14'027.-- durch die IV-Rente der
B._ in Höhe von jährlich Fr. 15'324.-- ersetzte (EL-act. 71). Die B._ bestätigte die
Rentenzahlungen in Höhe von monatlich Fr. 1'277.-- seit Oktober 2009 in einem
Schreiben vom 11. März 2010 (EL-act. 70 S. 2). Daraufhin nahm die EL-
Durchführungsstelle am 1. April 2010 eine rückwirkende Anpassung der
Ergänzungsleistungen von Oktober 2009 bis Februar 2010 vor, indem sie auch für
diese Zeitspanne die IV-Rente FL durch jene der B._ ersetzte (EL-act. 67).
A.d Bei der periodischen Überprüfung im August 2011 gab der Versicherte an, eine
schweizerische IV-Rente in Höhe von Fr. 8'028.--, eine IV-Rente des Fürstentums
Liechtenstein in Höhe von Fr. 14'950.-- und eine BVG-Rente der B._ in Höhe von Fr.
15'324.-- zu beziehen. Einem Schreiben der B._ vom 17. August 2011 war zu
entnehmen, dass es sich bei Letzterer um eine Invalidenrente handelte (EL-act. 54 S. 5,
56 f.). Am 24. August 2012 erklärte der Versicherte auf eine entsprechende Nachfrage
der EL-Durchführungsstelle hin, dass sich der angegebene ausländische IV-
Rentenbetrag aus Kinderrenten zusammensetze und dass er "von diesem Geld nichts
sehe" (EL-act. 46, 48). Da die Kinder des Versicherten nicht in der EL-Berechnung
miteinbezogen waren, berücksichtigte die EL-Durchführungsstelle in der Verfügung
vom 24. August 2012 ab dem 1. September 2012 die IV-Rente FL (nach wie vor) nicht
in der EL-Anspruchsberechnung (EL-act. 44 ff.).
A.e Im August 2015 forderte die EL-Durchführungsstelle den Versicherten auf, das
Formular zur periodischen Überprüfung der Ergänzungsleistungen auszufüllen (EL-act.
35). In diesem gab der Versicherte an, gemäss seiner Steuerveranlagung beziehe er
eine IV-Rente der Schweizerischen Ausgleichskasse und der AHV/IV Liechtenstein in
Höhe von zusammen Fr. 22'829.-- sowie eine BVG-Rente der B._ in Höhe von Fr.
15'324.--. Renten ausländischer Sozialversicherungen erhalte er nicht (EL-act. 32 S. 4
f.). Aus den eingereichten Unterlagen ging hervor, dass der Versicherte im Jahr 2014
neben seiner ganzen IV-Rente in der Schweiz in Höhe von jährlich Fr. 8'100.-- auch
eine IV-Rente im Fürstentum Liechtenstein in Höhe von jährlich Fr. 14'729.-- erhalten
hatte. Auch in der Steuerveranlagung für das Jahr 2014 war ein jährlicher IV-
Rentenbetrag von insgesamt Fr. 22'296.-- ausgewiesen worden (EL-act. 31, 34). Am
28. Dezember 2015 gingen Rentenbestätigungen der IV-Stelle des Fürstentums
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Liechtenstein bei der EL-Durchführungsstelle ein, gemäss welchen der Versicherte
auch in den Jahren 2012 und 2013 eine IV-Rente FL bezogen hatte (EL-act. 22 S. 9 f.).
A.f Mit einer Verfügung vom 12. Februar 2016 teilte die EL-Durchführungsstelle dem
Versicherten mit, dass die Berechnung der Ergänzungsleistungen u.a. aufgrund der
ausländischen Rentenleistung rückwirkend per 1. März 2015 angepasst werden müsse.
Da korrekterweise eine IV-Rente der Schweizerischen Ausgleichskasse in Höhe von Fr.
8'124.--, eine BVG-Invalidenrente der B._ in Höhe von Fr. 15'324.-- sowie eine IV-
Rente FL in Höhe von Fr. 14'729.-- anzurechnen sei, habe der Versicherte vom 1. März
2015 bis 29. Februar 2016 Ergänzungsleistungen in Höhe von Fr. 5'208.-- zu Unrecht
bezogen, die nun zurückzufordern seien (EL-act. 13).
A.g Am 8. März 2016 stellte der Versicherte ein Erlassgesuch. Er machte geltend, dass
der gute Glaube und die grosse Härte gegeben seien. Aus psychischen Gründen sei er
nicht in der Lage gewesen, die EL-Anspruchsberechnungen zu überprüfen. Ausserdem
habe er einen Ausgabenüberschuss. In einem Arztzeugnis vom 23. Februar 2016
erklärte Dr. med. C._, Praktische Ärztin Allgemeinmedizin FMH, der Versicherte sei
aus gesundheitlichen Gründen von 2010 bis ca. 2013 nicht in der Lage gewesen, seine
finanziellen und administrativen Angelegenheiten zu überblicken. Während dieser Zeit
habe er sich denn auch für die Bearbeitung seiner Steuererklärung Hilfe beim
Steueramt geholt. Nach der Stabilisierung seines Gesundheitszustandes habe er im
Jahr 2014 seine Steuererklärung wieder selber gemacht, wobei er sich an die Vorlagen
der vorangegangen Jahre gehalten habe. So sei es auch erst bei der Steuererklärung
2015 aufgefallen, dass er keinen Anspruch mehr auf Ergänzungsleistungen habe (EL-
act. 12).
A.h Am 11. März 2016 teilte die EL-Durchführungsstelle dem Versicherten mit, dass
sein Erlassgesuch behandelt werde, sobald die Rückforderungsverfügung in
Rechtskraft erwachsen sei (EL-act. 11). Mit einer Verfügung vom 31. März 2016 wies
die EL-Durchführungsstelle das Erlassgesuch des Versicherten ab. Zur Begründung
führte sie aus, der Versicherte sei, indem er nicht mitgeteilt habe, dass er schon seit
längerem eine IV-Rente FL beziehe, seiner Meldepflicht nicht nachgekommen. Somit
könne kein guter Glaube vorgelegen haben (EL-act. 10). Dagegen erhob der
Versicherte am 18. April 2016 Rekurs (recte: Einsprache) beim Versicherungsgericht St.
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Gallen. Er beantragte sinngemäss die Aufhebung der Verfügung und die Gewährung
des Erlasses. Zur Begründung erklärte er ergänzend zu seinen Ausführungen im
Erlassgesuch, er habe die IV-Rente FL am 11. August 2011 im eingereichten EL-
Revisionsformular korrekt deklariert. Da die EL-Durch¬führungsstelle seither von dieser
Leistung Kenntnis gehabt und sie dennoch nicht in der Berechnung berücksichtigt
habe, sei der Rückforderungsanspruch bereits erloschen. Zudem liege eine grosse
Härte vor. Sein derzeitiger Lebensbedarf übersteige das Existenzminimum nicht weit
und eine Änderung seiner finanziellen Lage sei nicht abzusehen (EL-act. 9). Das
Versicherungsgericht leitete diese Einsprache am 20. April 2016 an die EL-
Durchführungsstelle weiter (EL-act. 7).
A.i Mit einem Entscheid vom 11. Juli 2016 wies die EL-Durchführungsstelle die
Einsprache des Versicherten ab. Zunächst hielt sie fest, dass der Versicherte die
Rückerstattungsverfügung nicht angefochten habe und diese somit in formelle
Rechtskraft erwachsen sei. Deshalb könne im vorliegenden Verfahren nicht geprüft
werden, ob der Rückforderungsanspruch bereits erloschen sei. Strittig sei nur der
Erlass der Rückforderung. Tatsächlich habe in Bezug auf die IV-Rente FL keine
Meldepflichtverletzung vorgelegen, da der Versicherte diese bereits im
Revisionsformular 2011 angegeben habe. Allerdings hätte dem Versicherten auffallen
müssen, dass entweder bei der Position "Renten ausländisch" kein Betrag eingesetzt
worden sei oder der Betrag "Renten IV" mit Fr. 8'124.-- viel tiefer gewesen sei als die
tatsächliche Einnahme von Fr. 22'853.-- der beiden IV-Renten zusammen. Der
Versicherte sei seiner Überprüfungspflicht nicht nachgekommen. Der Einwand
betreffend die psychischen Probleme könne dabei nicht gehört werden, da sich der
psychische Zustand des Versicherten laut Dr. C._ im Jahr 2014 stabilisiert habe und
er damit im Zeitraum vom 1. März 2015 bis 29. Februar 2016 nicht mehr eingeschränkt
gewesen sei. Überdies hätte er sich, wenn er sich nicht in der Lage gefühlt hätte, seine
administrativen Belange selbst zu regeln, Hilfe holen müssen. Insgesamt habe der
Versicherte seine Sorgfaltspflicht verletzt und könne sich aus diesem Grund nicht auf
den guten Glauben berufen (EL-act. 3).
B.
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B.a Gegen diesen Einspracheentscheid erhob der Versicherte (nachfolgend
Beschwerdeführer) am 5. August 2016 eine Beschwerde. In dieser beantragte er
sinngemäss die Aufhebung des angefochtenen Einspracheentscheides sowie den
Erlass der Rückforderung. Zur Begründung wiederholte er seine Ausführungen in der
Einsprache (act. G 1).
B.b Am 26. August 2016 beantragte die EL-Durchführungsstelle (nachfolgend
Beschwerdegegnerin) die Abweisung der Beschwerde. Sie verwies zur Begründung auf
ihre Ausführungen im Einspracheentscheid (act. G 3).
B.c In seiner Replik vom 21. September 2016 betonte der Beschwerdeführer erneut,
die IV-Rente FL im Jahr 2011 korrekt angegeben zu haben. Nun machte er ergänzend
geltend, er habe mit seinem Schreiben vom 8. März 2016 nicht nur um den Erlass
ersucht, sondern er habe die (Rückforderungs-) Verfügung grundsätzlich anfechten
wollen (act. G 5).
B.d Am 24. Oktober 2016 verzichtete die Beschwerdegegnerin auf eine Duplik (act. G
7).

Erwägungen
1.
Gemäss Art. 52 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (SR 830.1; ATSG) kann gegen Verfügungen - davon
ausgenommen sind prozess- und verfahrensleitende Verfügungen - innerhalb von 30
Tagen bei der verfügenden Stelle eine Einsprache erhoben werden. Der
Beschwerdeführer hat am 18. April 2016 gegen die Erlassverfügung der
Beschwerdegegnerin vom 31. März 2016 beim Versicherungsgericht St. Gallen einen
"Rekurs" erhoben (EL-act. 9). Bei der angefochtenen Verfügung hat es sich weder um
eine prozess- noch um eine verfahrensleitende, sondern um eine Endverfügung
gehandelt. Der Beschwerdeführer hat sich also mit dem falschen Rechtsmittel an die
falsche Instanz gewandt. Gemäss Art. 30 ATSG haben alle Stellen, die mit der
Durchführung der Sozialversicherung betraut sind, versehentlich an sie gelangte
Anmeldungen, Gesuche und Eingaben entgegenzunehmen, das Datum der Einreichung
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festzuhalten und die entsprechenden Unterlagen an die zuständige Stelle
weiterzuleiten. Der Beschwerdeführer ist nicht anwaltlich vertreten gewesen und er
verfügt nicht über vertiefte Rechtskenntnisse. Daher ist davon auszugehen, dass er -
hätte er um die fehlende Zuständigkeit der angegangenen Stelle gewusst - die Eingabe
der zuständigen Stelle eingereicht und dass er sich daher diesbezüglich in einem Irrtum
befunden hat. Die Voraussetzung der versehentlichen Einreichung ist somit gegeben
(vgl. UELI KIESER, ATSG-Kommentar, 3. Auflage 2015, Art. 30, Rz 19 f.). Das
Versicherungsgericht St. Gallen hat den "Rekurs" denn auch am 20. April 2016 als
Einsprache gegen die Verfügung vom 31. März 2016 an die Beschwerdegegnerin
weitergeleitet (EL-act. 7). Diese hat am 11. Juli 2016 einen entsprechenden
Einspracheentscheid erlassen (EL-act. 3). Bei fristgebundenen Eingaben, die nicht
formgerecht oder bei einer unzuständigen Stelle eingereicht werden, ist für die
Fristwahrung gemäss Art. 29 Abs. 3 ATSG der Zeitpunkt massgebend, in dem sie der
Post übergeben werden. Der "Rekurs" des Beschwerdeführers ist am 19. April 2016
beim Versicherungsgericht St. Gallen eingegangen (EL-act. 7 S. 2). Damit ist die
Einsprachefrist gewahrt worden und die Beschwerdegegnerin ist daher zu Recht auf
die sinngemäss erhobene Einsprache vom 18. April 2016 eingetreten.
2.
Der Beschwerdeführer hat in seiner Replik geltend gemacht, mit seinem Erlassgesuch
sinngemäss auch die Rückforderungsverfügung als solche angefochten zu haben (act.
G 5). Sein Schreiben vom 8. März 2016 an die Beschwerdegegnerin trägt den Titel
"Erlassgesuch der Ergänzungsleistungs-Rückforderungsverfügung". In diesem
Schreiben hat er ausschliesslich Ausführungen zum guten Glauben und zur grossen
Härte gemacht. Dabei handelt es sich gemäss Art. 25 Abs. 1 ATSG um die
Voraussetzungen des Erlasses. Inhaltlich hat er sich zur Verfügung vom 12. Februar
2016 nicht geäussert (EL-act. 12). Erst in seiner Einsprache gegen die sein
Erlassgesuch ablehnende Verfügung vom 31. März 2016 hat er ausgeführt, dass der
Rückforderungsanspruch betreffend seine liechtensteinische Rente erloschen sei, da
die Beschwerdegegnerin bereits seit dem August 2011 davon hätte Kenntnis haben
müssen (act. G 1). In seinem Schreiben vom 8. März 2016 an die Beschwerdegegnerin
ist der Beschwerdeführer jedoch ausschliesslich und explizit auf den Erlass der
Rückforderungsschuld eingegangen. Hinweise darauf, dass er - und sei es nur
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sinngemäss - mit seinem Schreiben vom 8. März 2016 auch den Bestand der
Verfügung vom 12. Februar 2016 hätte anfechten wollen, können dem Schreiben selbst
nicht entnommen werden. Deshalb ist es nicht möglich, sein Erlassgesuch vom 8. März
2016 in eine Einsprache gegen die Verfügung vom 12. Februar 2016
umzuinterpretieren. Ausserdem ist anzumerken, dass eine solche Uminterpretation des
Erlassgesuchs vom 8. März 2016 in eine Einsprache gegen die Rückforderung zu einer
Schlechterstellung des Beschwerdeführers führen könnte. Die relative einjährige
Verwirkungsfrist des Art. 25 Abs. 2 ATSG beginnt nämlich nach der aktuellen
bundesgerichtlichen Rechtsprechung erst mit dem Erlass der Korrekturverfügung zu
laufen (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 3. Januar 2017, 9C_567/2016). Indem die
Beschwerdegegnerin die Rückforderungsverfügung am selben Tag erlassen hat wie die
Korrekturverfügung, hat sie die relative einjährige Verwirkungsfrist gewahrt. Sie hätte
die unrechtmässig bezogenen Ergänzungsleistungen also fünf Jahre rückwirkend, d.h.
ab Februar 2011, zurückfordern müssen, was zu einer deutlich höheren Rückforderung
geführt hätte. Wäre die Rückforderungsverfügung also tatsächlich einspracheweise
vom Beschwerdeführer angefochten worden, so hätte die Beschwerdegegnerin ihn auf
die drohende reformatio in peius und die Möglichkeit des Rückzugs der Einsprache
gegen die Rückforderungsverfügung hinweisen müssen. Abschliessend ist
festzuhalten, dass Missverständnisse wie im Falle des Beschwerdeführers
möglicherweise seltener auftreten würden, wenn die Beschwerde¬gegnerin die