Decision ID: d20fbecf-fde3-5fae-adbe-639b16ff8144
Year: 2014
Language: de
Court: BE_VB
Chamber: BE_VB_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: public_law

I. Sachverhalt
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1. Die Beschwerdegegnerin reichte am 13. Februar 2013 bei der Gemeinde Thun ein
Baugesuch ein für den Abbruch eines bestehenden Lagergebäudes und eines
Kebabstandes und den Neubau eines Mehrfamilienhauses mit Einstellhalle und
kommerzieller Nutzungsfläche auf den Parzellen Thun Grundbuchblatt Nr. C._ und
D._. Die Parzellen liegen in der Zone Wohnen/Arbeiten W/A3+. Gegen das
Bauvorhaben erhob unter anderen die Beschwerdeführerin Einsprache. Mit
Gesamtentscheid vom 18. März 2014 erteilte die Gemeinde Thun die Baubewilligung.
2. Gegen diesen Entscheid reichte die Beschwerdeführerin am 22. April 2014
Beschwerde bei der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion des Kantons Bern (BVE) ein. Sie
beantragt die Aufhebung des Gesamtentscheides vom 18. März 2014 und Erteilen des
Bauabschlags.
3. Das Rechtsamt, welches die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet1, edierte die
Vorakten und führte den Schriftenwechsel durch. Die Beschwerdegegnerin und die Stadt
Thun beantragen die Abweisung der Beschwerde. Das Rechtsamt holte einen Fachbericht
der kantonalen Kommission zur Pflege der Orts- und Landschaftsbilder (OLK) ein. Danach
führte es im Beisein der Parteien, Vertretern der Stadt Thun und der OLK einen
Augenschein mit Instruktionsverhandlung durch. Die Parteien erhielten Gelegenheit, sich
zum Protokoll des Augenscheins zu äussern und Schlussbemerkungen einzureichen.
Auf die Rechtsschriften, den Fachbericht der OLK sowie auf das Ergebnis des
Augenscheins wird, soweit für den Entscheid wesentlich, in den nachfolgenden
Erwägungen eingegangen.

II. Erwägungen
1. Prozessvoraussetzungen
1 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (OrV BVE; BSG 152.221.191)
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Angefochten ist ein Gesamtentscheid nach Art. 9 KoG2. Laut Art. 11 Abs. 1 KoG kann er –
unabhängig von den geltend gemachten Einwänden – nur mit dem Rechtsmittel
angefochten werden, das für das Leitverfahren massgeblich ist. Das Leitverfahren ist im
vorliegenden Fall das Baubewilligungsverfahren (Art. 5 Abs. 1 KoG). Bauentscheide
können nach Art. 40 Abs. 1 BauG3 innert 30 Tagen seit Eröffnung mit Baubeschwerde bei
der BVE angefochten werden. Die BVE ist somit zur Beurteilung der Beschwerde gegen
den Gesamtentscheid zuständig. Zur Beschwerde befugt sind die Baugesuchsteller, die
Einsprecher im Rahmen ihrer Einsprachegründe und die zuständige Gemeindebehörde
(Art. 10 KoG in Verbindung mit Art. 40 Abs. 2 BauG). Die Beschwerdeführerin, deren
Einsprache abgewiesen wurde, ist durch den vorinstanzlichen Gesamtentscheid beschwert
und daher zur Beschwerdeführung legitimiert. Auf die form- und fristgerecht eingereichte
Beschwerde ist einzutreten.
2. Nutzungsmass
a) Auf der Bauparzelle befinden sich aktuell ein Lagerhaus, in dem K._
betrieben wird, und ein Kebabstand. Das Bauvorhaben sieht den Abbruch dieser
bestehenden Gebäude und den Neubau eines Mehrfamilienhauses mit Einstellhalle und
Gewerbenutzung vor. Das neue Gebäude soll eine Länge von 37.90 m, eine Breite von
37.70 m und eine Höhe von knapp 18.95 m aufweisen. Das Sockelgeschoss, das der
Nutzung für verschiedene Dienstleistungsgewerbe dienen soll, ist zur E._strasse
hin um 2.00 m von der Fassade zurückversetzt und weist einen Laubengang auf. Die
oberen Geschosse sind in zwei Gebäudevolumina aufgeteilt. Das westlich gelegene
Gebäudevolumen weist ein Obergeschoss auf, das eine Vierzimmerwohnung enthält. Das
östlich an der E._strasse gelegene Gebäudevolumen weist vier Obergeschosse
und ein Attikageschoss auf und enthält insgesamt vierzehn Drei- und
Vierzimmerwohnungen.
Die Beschwerdeführerin rügt, das Nutzungsmass der vorherrschenden Bebauung und die
Strassenflucht würden nicht eingehalten. Das Bauvorhaben müsse sich an der Mehrzahl
der Gebäude der Umgebung orientieren, diese bestehe nicht aus sechsgeschossigen
Blöcken.
2 Koordinationsgesetz vom 21. März 1994 (KoG; BSG 724.1) 3 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721)
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Die Beschwerdegegnerin macht geltend, das Bauvorhaben sei in enger Zusammenarbeit
mit den städtischen Behörden entwickelt worden, insbesondere auch betreffend die
Volumetrie und Gestaltung des Gebäudes.
b) Die Bauparzelle liegt in der Zone W/A3+. Für diese Zone gelten keine festen
baupolizeilichen Masse, sondern das Nutzungsmass und die baupolizeilichen Masse der
vorherrschenden Bebauung (Art. 21 Abs. 3 GBR4). Gemäss Kommentar zum GBR gelten
als Masse der vorherrschenden Bebauung die Abstände oder die Gebäudeflucht, die
Gebäudelänge, die Gebäudehöhe und die Geschosszahl, die von der Mehrzahl der
bestehenden Bauten entlang einer Strasse oder einer Gebäudegruppe eingehalten
werden.
Bei der Auslegung von Art. 21 Abs. 3 GBR ist die Gemeindeautonomie zu berücksichtigen.
Die Gemeinden sind im Bereich ihrer Bau- und Zonenordnung im Rahmen der gesetzlichen
Regelungen und der übergeordneten Planung autonom (Art. 65 Abs. 1 BauG). Nach der
Rechtsprechung kommt ihnen in diesen Belangen ein weiter Ermessensspielraum zu. Die
Autonomie der Gemeinden beschränkt sich nicht nur auf den Bereich der Rechtsetzung. Ist
sie zum Erlass von Rechtsnormen berechtigt, kommt ihr grundsätzlich auch bei der
Anwendung ein gewisser Beurteilungsspielraum zu. Wird die Anwendung einer solchen
Bestimmung Gegenstand eines Beschwerdeverfahrens, so haben die
Rechtsmittelinstanzen zu prüfen, ob die von der Gemeinde geltend gemachte Auslegung
rechtlich haltbar ist. Sie auferlegen sich mit anderen Worten eine gewisse Zurückhaltung
gegenüber der Auffassung der Gemeinde. Sie sind nicht befugt, die kommunale Auslegung
der Norm durch ihr eigenes Verständnis zu ersetzen, wenn die Rechtsauffassung der
Gemeinde betreffend den Inhalt, den Sinn und die Tragweite der interessierenden
Vorschrift rechtlich vertretbar erscheint.5
Anlässlich des Augenscheins am 17. September 2014 erläuterten die Vertreter der Stadt
Thun die kommunale Praxis zu Art. 21 Abs. 3 GBR. Die Bestimmung diene dazu, an
städtebaulich komplizierten Lagen auf den Einzelfall bezogene Lösungen zu finden, um der
Komplexität der architektonischen Situation gerecht zu werden. Dabei orientiere man sich
4 Baureglement der Stadt Thun vom Juni 2002 (GBR) 5 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 65 N. 2 ff.
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nicht an einer bestimmten Gebäudehöhe oder Ausnutzung, auch werde nicht quasi
rechnerisch die durchschnittliche Nutzung der Umgebung bestimmt. Massgeblich seien
vielmehr die optische Beurteilung der Situation und die Begleitung des Bauvorhabens
durch die Stadt. Dabei sei auch eine Entwicklung des betroffenen Gebiets möglich.
c) Art. 21 Abs. 3 GBR verweist für die Beurteilung neuer Bauvorhaben auf das
Nutzungsmass und die baupolizeilichen Masse der vorherrschenden Bebauung. Gemäss
dem Kommentar zu dieser Bestimmung ist dabei auf die Mehrzahl der bestehenden
Bauten entlang einer Strasse oder einer Gebäudegruppe abzustellen. Dies legt an sich
eine Umsetzung der Bestimmung nahe, bei der rechnerisch die durchschnittliche
Ausnutzung, Geschosszahl usw. der Umgebung bestimmt wird. Eine solche Anwendung
von Art. 21 Abs. 3 GBR würde aber nur scheinbar zu einem objektiven Ergebnis führen, da
sich durch die Festlegung des massgeblichen Perimeters das Resultat und damit das
Nutzungsmass praktisch beliebig verändern lässt. Hätte die Stadt Thun mit dieser
Bestimmung eine rechnerische Festlegung der baupolizeilichen Masse bezweckt, so hätte
sie dies einfacher mit der Bezeichnung von Bauzonen oder Überbauungsordnungen
erreichen können. In der Zone W/A3+ liegen Gebiete mit urbaner Bebauung, in denen sich
die Einordnung von Neubauten als städtebaulich anspruchsvoll erweist. Gerade in Fällen,
wo sich die Umgebung der Bauparzelle als sehr heterogen erweist, würde eine Baute, die
sich ausschliesslich am vorhandenen Durchschnitt orientiert, oft nicht zur architektonisch
besten Lösung führen. Die Auslegung der Stadt Thun stellt in erster Linie auf die
Einordnung des Bauvorhabens in die Umgebung ab und auf das Finden einer Lösung für
den jeweiligen Einzelfall. Diese Auslegung von Art. 21 Abs. 3 GBR erscheint sachgerecht
und rechtlich vertretbar.
d) Im vorliegenden Fall wurde das Bauvorhaben im Rahmen des
Baubewilligungsverfahrens vom Fachausschuss Bau- und Aussenraumgestaltung (FBA)
der Stadt Thun begleitet. Anlässlich der Sitzung des FBA vom 10. Mai 2012 wurde
festgehalten, dass das städtebauliche Konzept eines fünfgeschossigen Wohn- und
Geschäftshauses mit Attika entlang der E._strasse grundsätzlich positiv gewertet
werde. Das Gebäudevolumen markiere die Eingangssituation zur erweiterten Innenstadt
und gliedere sich in eine Abfolge von markanten Bauten ein. Die Attikagestaltung mit
Dachkante auf der Fassadenflucht zur E._strasse spiele eine wichtige
städtebauliche Rolle und sei daher zu begrüssen. Der Laubengang im Erdgeschoss leiste
einen wichtigen Beitrag an den öffentlichen Raum und führe den bestehenden Laubengang
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des "Hotels F._" weiter. Die FBA hielt zudem verschiedene Empfehlungen zur
Anpassung des Projekts fest, so die Verlängerung des Laubengangs über die gesamte
Gebäudelänge und die Planung der Detailerschliessung.6 Die Beschwerdegegnerin
überarbeitete ihr Bauprojekt entsprechend. Anlässlich der Sitzung vom 14. November 2012
empfahl die FBA die Einreichung eines Baugesuchs auf Basis des Vorprojekts.7 Die Stadt
Thun hält in ihrem Bauentscheid vom 18. März 2014 fest, das Bauvorhaben bedeute eine
städtebauliche Aufwertung und erziele eine gute Gesamtwirkung.
e) Das Rechtsamt der BVE holte mit Verfügung vom 20. Juni 2014 einen Bericht der
OLK ein. Die OLK hält in ihrem Bericht vom 15. August 2014 fest, dass die Umgebung des
Bauprojekts durch eine sehr heterogene Bebauungsstruktur mit wenig städtebaulicher und
architektonischer Qualität geprägt sei. Entlang der E._strasse reihten sich
Gebäude aus verschiedenen Epochen mit unterschiedlicher Volumetrie, Nutzung und
Materialisierung auf. Dies erzeuge kein einheitliches Bild. Baumassen mit einem höheren
Nutzungsmass hätten ihren Schwerpunkt am südlichen Ende der E._strasse und
nähmen nach Norden hin kontinuierlich ab. Das Bauvorhaben gehe auf die vorherrschende
Verdichtung, mit dem prägnanten sechsgeschossigen Baukörper des Hotel F._
am südlichen Ende der E._strasse und dem im Westen angrenzenden Neubau
ein. Die Geschossigkeit und Volumetrie seien städtebaulich nachvollziehbar. Eine
Verdichtung an diesem Ort erscheine sinnvoll. Die Sichtachse auf das Schloss Thun werde
nur unwesentlich beeinträchtigt.
f) Anlässlich des Augenscheins vom 19. September 2014 konnte sich das Rechtsamt
ein eigenes Bild vom Bauvorhaben und seiner Umgebung machen. Die Umgebung
erscheint insgesamt sehr heterogen. Zwischen der Bauparzelle und dem H._ und
hinter der Bauparzelle befinden sich höhere Gebäude (Hotel F._, Gebäude
G._, Gebäude E._strasse 3) mit vier bis sechs Geschossen. Westlich der
Bauparzelle befindet sich ein viergeschossiger Neubau. Nördlich entlang der
E._strasse befindet sich ein langgezogener, dreistöckiger Bau, der unter
Denkmalschutz steht. Der weiter westlich und nördlich gelegene Teil des Quartiers ist
kleinräumiger bebaut und weist grösstenteils ältere Ein- und Mehrfamilienhäuser auf. Auf
der gegenüberliegenden Strassenseite der E._strasse befinden sich direkt
gegenüber der Bauparzelle das Geschäft der Beschwerdeführerin und eine I._, die
6 Protokollauszug FBA 05/12 7 Protokollauszug FBA 11/12
7
beide zwei Stockwerke aufweisen. Anschliessend finden sich zum H._ hin drei- bis
vierstöckige Bauten in geschlossener Bauweise. Das bestehende Lagergebäude auf der
Bauparzelle, das abgebrochen werden soll, weist drei Geschosse auf. Insgesamt lässt sich
festhalten, dass von der Bauparzelle Richtung H._ und auf der westlichen Seite
der E._strasse eine verdichtete Bauweise mit höheren Gebäuden und grösseren
Gebäudevolumina vorherrscht. Die Umgebung der Bauparzelle erscheint architektonisch
völlig uneinheitlich und von unterdurchschnittlicher Qualität.
Bei der E._strasse handelt es sich um eine Kantonsstrasse und eine
Hauptverkehrsachse zwischen dem Autobahnzubringer und der Innenstadt von Thun. Die
beiden Strassenseiten weisen bereits jetzt eine unterschiedliche Bebauung auf. Die
westliche Seite Richtung H._ ist geprägt von verdichteter Bauweise und höheren
Gebäuden. Auf der östlichen Seite finden sich Gebäude mit weniger Geschossen, dafür
bilden die Bauten zwischen H._ und J._strasse einen praktisch
durchgehenden Gebäuderiegel. Aufgrund der unterschiedlichen Bebauung und der Breite
der Strasse werden die beiden Strassenseiten nicht als Einheit wahrgenommen. Das
Gebäude E._strasse 11, das nördlich an die Bauparzelle anschliesst, ist ein
Baudenkmal und hat einen völlig anderen Charakter als die übrige Bebauung. Es bildet
eine optische Zäsur zum weiter nördlich gelegenen Teil der E._. Der westlich
hinter der ersten Gebäudereihe an der E._strasse gelegene Teil des Quartiers ist
von der Strasse aus nicht sichtbar und daher für die vorliegende Beurteilung nicht
massgeblich. Insgesamt zeigt sich, dass der Gebäudekomplex auf der westlichen Seite der
E._strasse zwischen der Bauparzelle und dem H._ als städtebauliche
Einheit mit ähnlicher, verdichteter Überbauung wahrgenommen wird. Es ist daher
sachgerecht, dass sich die Stadt Thun bei der Beurteilung des Nutzungsmasses des
Bauvorhabens an diesem Gebäudekomplex orientiert hat.
Die genannten Gebäude weisen vier bis sechs Geschosse auf. Das Bauvorhaben
entspricht mit den geplanten sechs Geschossen und seinem Gebäudevolumen diesen
Bauten und hält damit das zulässige Nutzungsmass ein. Die Geschosszahl und Volumetrie
des Bauvorhabens wurden auch vom FBA und der OLK positiv gewertet. Die Stadt Thun
hat damit zu Recht entschieden, dass das Bauvorhaben den baupolizeilichen Vorschriften
für die Zone W/A3+ entspricht. Die Rüge der Beschwerdeführerin ist unbegründet.
8
3. Ortsbild
a) Die Beschwerdeführerin rügt, das Bauvorhaben dominiere das Orts- und Strassenbild
und erreiche keine gute Gesamtwirkung mit der Umgebung. Sie kritisiert vor allem die
Höhe und das Volumen der geplanten Baute. Das Bauvorhaben halte zudem die
Strassenflucht nicht ein.
b) Bauten, Anlagen, Reklamen, Anschriften und Bemalungen dürfen Landschaften,
Orts- und Strassenbilder nicht beeinträchtigen (Art. 9 Abs. 1 BauG). Diese Vorschrift stellt
die „ästhetische Generalklausel“ im Sinne eines allgemeinen Beeinträchtigungsverbots dar.
Eine Beeinträchtigung liegt vor, wenn ein Bauvorhaben einen Gegensatz zur bestehenden
Überbauung schafft, der erheblich stört. Die Gemeinden dürfen eigene Ästhetikvorschriften
erlassen, die über die kantonalen Vorschriften hinausgehen können. Derartige Vorschriften
müssen, um selbständige Bedeutung zu erlangen, konkreter gefasst sein als die
Anordnungen des kantonalen Rechts, sie dürfen Letztere nicht bloss allgemein anders
formulieren.8 Das Baureglement der Stadt Thun fordert in Art. 5 Abs. 1 GBR, dass Bauten
und Anlagen so zu gestalten sind, dass zusammen mit ihrer Umgebung eine gute
Gesamtwirkung entsteht. Es verweist dabei unter anderem auf die prägenden Elemente
und Merkmale des Strassen-, Orts- und Landschaftsbilds, Standort, Stellung, Form,
Proportionen und Dimensionen der Bauten und Anlagen, Gestaltung, Materialisierung und
Farbgebung von Fassaden, Dächern und Reklamen, sowie die Gestaltung der
Aussenräume. Diese Bestimmung geht weiter als Art. 9 Abs. 1 BauG. Ihr kommt daher
selbständige Bedeutung zu.
c) Der Begriff „gute Gesamtwirkung“ stellt einen unbestimmten kommunalen
Gesetzesbegriff dar, bei dessen Auslegung die kommunalen Behörden einen gewissen
Beurteilungsspielraum haben. Jedoch dürfen auch an das Erfordernis der guten
Gesamtwirkung nicht unverhältnismässig hohe Ansprüche gestellt werden. Die gute
Gesamtwirkung ist weder an geringen noch an besonders hohen architektonischen
Qualitäten zu messen. Das bedeutet bei durchschnittlichen örtlichen Gegebenheiten, dass
das Mittelmass der Umgebung nicht gestört werden darf und sich eine neue Baute oder
Anlage an den qualitativ hochwertigeren Bauten und Anlagen der Umgebung zu orientieren
hat.9
8 Zaugg/Ludwig, a.a.O., Art.°9/10 N. 4 und 13; BVR 2009 S. 328 E. 5.2 mit Hinweisen 9 Zaugg/Ludwig, a.a.O., Art. 9/10 N. 4a; BVR 2009 S. 329 E. 5.3, BVR 2006 S. 491 E. 6.3.1
9
d) Die OLK hält in ihrem Bericht vom 15. August 2014 fest, dass die Umgebung der
Bauparzelle sehr heterogen sei und wenig städtebauliche und architektonische Qualität
aufweise. Volumetrie und Geschossigkeit des Bauvorhabens seien städtebaulich
nachvollziehbar. Das Bauvorhaben gehe auf die vorherrschende Verdichtung ein, was an
diesem Ort sinnvoll erscheine. Die Sichtachse auf das Schloss Thun werde durch das
Bauvorhaben nur unwesentlich beeinträchtigt. Das Rechtsamt konnte diese Einschätzung
am Augenschein vom 17. September 2014 bestätigen. Die Bauten am südlichen Ende der
E._strasse Richtung H._ erscheinen aufgrund ihrer Volumetrie,
Materialisierung, Nutzung und ihres Stils höchst uneinheitlich. Das Bauvorhaben orientiert
sich in seiner Gestaltung an den Neubauten in seiner Umgebung und vermag so eine
gewisse optische Einheitlichkeit zu erzeugen. Dies bedeutet angesichts der geringen
architektonischen Qualität der Umgebung eine Aufwertung. Höhe und Volumen des
geplanten Gebäudes entsprechen den Vorgaben für die Zone W/A3+ (vgl. E. 2). Gestützt
auf Vorschriften des allgemeinen Ortsbild- und Landschaftsschutzes dürfen in der Regel
Art oder Mass der nach der Zonenordnung zulässigen Nutzung nicht eingeschränkt
werden10. Grosse Bedeutung kommt indes der Sichtachse auf das Schloss Thun zu. Diese
wird durch das Bauvorhaben nur geringfügig beeinträchtigt. Insgesamt lässt sich festhalten,
dass das Bauvorhaben zu einer gewissen Vereinheitlichung am südlichen Ende der
E._strasse führt und sich damit positiv auf das Ortsbild auswirkt.
e) Die Beschwerdeführerin rügt, das Bauvorhaben halte die vom Hotel F._ und
dem Gebäude der G._ vorgegebene Fassadenflucht nicht ein.
Entlang der E._strasse besteht eine Baulinie in 4.00 m Abstand zur
Verkehrsfläche. Das geplante Gebäude soll direkt an diese Baulinie gestellt werden,
überschreitet sie aber nicht. Das Hotel F._ und das Gebäude der G._ sind
nur geringfügig, d.h. rund 0.10 m, von der Baulinie zurückversetzt.11
Die OLK hat am Augenschein vom 17. September 2014 festgehalten, dass die Stellung der
Baute direkt an der Strasse städtebaulich richtig sei. Diese Einschätzung der OLK
überzeugt. Das Bauvorhaben hält sich an die bestehende Baulinie. Der Eindruck, dass die
10 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 9/10 N. 15 mit Hinweisen 11 Vgl. Situationsplan vom 7. November 2013
10
Fassadenflucht der bestehenden Gebäude überschritten werde, entsteht in erster Linie
durch die Biegung der E._strasse und würde auch dann bestehen, wenn das
Bauvorhaben entsprechend dem Gebäude der G._ um 0.10 m von der Baulinie
zurückversetzt würde. Das Bauvorhaben hält den von der Baulinie vorgeschriebenen
Strassenabstand ein und ist diesbezüglich reglementskonform. Die Auffassung der Stadt
Thun, wonach das Bauvorhaben mit seiner Umgebung eine gute Gesamtwirkung erzielt,
wird gestützt. Die Rüge der Beschwerdeführerin betreffend Verletzung der
Gestaltungsvorschriften ist unbegründet.
4. Schattenwurf
a) Die Beschwerdeführerin rügt, die Bauherrschaft habe kein Schattendiagramm
erstellen lassen.
b) Nach Art. 22 Abs. 3 BauV12 i.V.m. Art. 20 Abs. 1 und 2 BauG dürfen höhere Häuser
und Hochhäuser bestehende Wohnbauten nicht durch übermässigen Schattenwurf
beeinträchtigen. Für andere Bauten und Anlagen enthält die Baugesetzgebung keine
Vorschriften über die zulässige Beschattung.13
Beim Bauvorhaben handelt es sich nicht um ein Hochhaus oder ein höheres Haus i.S.v.
Art. 20 Abs. 1 und 2 BauG. Die geplante Baute entspricht den reglementarischen Vorgaben
für die Zone W/A3+ (vgl. E. 2). Für die Prüfung der Frage, ob eine übermässige
Beschattung vorliegt, bleibt somit kein Raum. Es erübrigt sich demnach, ein
Schattendiagramm einzuholen. Vielmehr muss die Beschattung, die aus
reglementskonformer Bauweise resultiert, geduldet werden. Es ist nicht zu beanstanden,
dass die Vorinstanz im Baubewilligungsverfahren kein Schattendiagramm einholte. Die
Rüge ist unbegründet.
5. Kosten
12 Bauverordnung vom 6. März 1985 (BauV; BSG 721.1) 13 Zaugg/Ludwig, a.a.O., Art. 24 N 31
11
Bei diesem Ausgang des Verfahrens unterliegt die Beschwerdeführerin. Sie hat die
Verfahrenskosten zu tragen (Art. 108 Abs. 1 VRPG). Die Verfahrenskosten im
Beschwerdeverfahren bestehen aus einer Pauschalgebühr. Für besondere
Untersuchungen, Gutachten und dergleichen können zusätzliche Gebühren erhoben
werden (Art. 103 Abs. 1 VRPG). Die Pauschalgebühr wird festgesetzt auf Fr. 1'800.-
(Art. 103 Abs. 2 VRPG in Verbindung mit Art. 19 Abs. 1 und Art. 20 Abs. 1 GebV14). Für
den Augenschein vom 17. September 2014 wird in Anwendung von Art. 20 Abs. 1 GebV
eine zusätzliche Gebühr von Fr. 400.- erhoben. Die Kosten der OLK (Fr. 900.- gemäss
Rechnung vom 9. September 2014 und Fr. 300.- für die Teilnahme am Augenschein
gemäss Schreiben vom 24. September 2014) werden gestützt auf Art. 11 GebV zusätzlich
erhoben. Die Verfahrenskosten im Beschwerdeverfahren betragen somit Fr. 3'400.-. Die
Beschwerdegegnerin ist nicht anwaltlich vertreten. Es werden daher keine Parteikosten
gesprochen (Art. 104 Abs. 1 VRPG).