Decision ID: 3aa6fd53-ed29-5c22-a446-f5a12f028a20
Year: 2020
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich am 26. April 2007 zum Bezug von IV-Leistungen bei der IV-
Stelle des Kantons Appenzell Ausserrhoden an. Bezüglich der Behinderung gab sie an,
an einem «burn out nach Mobbing auf Arbeitsplatz» zu leiden (IV-act. 3). Die im B._
behandelnde Oberärztin C._ diagnostizierte eine posttraumatische
Belastungsstörung (ICD-10: F43.1) und bescheinigte der Versicherten ab 22. August
2006 eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit sowohl für die zuletzt ausgeübte Tätigkeit als
D._ als auch andere Erwerbstätigkeiten (Bericht vom 3. Juli 2007, IV-act. 14). Der
RAD-Arzt Dr. med. E._, Facharzt für Allgemeinmedizin, hielt eine invalidisierende
psychische Erkrankung für ausgewiesen. Im Vordergrund stünden Angst- und
Panikattacken (Stellungnahme vom 19. Juli 2007, IV-act. 15-2). Mit Vorbescheid vom
8. August 2007 stellte die IV-Stelle des Kantons Appenzell Ausserrhoden die
Zusprache einer ganzen Rente in Aussicht (IV-act. 22 f.). Dagegen erhob die
leistungspflichtige Pensionskasse am 27. September 2007 Einwand und reichte eine
Aktenbeurteilung von Dr. med. F._, Facharzt FMH für Psychiatrie und
Psychotherapie, vom 24. September 2007 ein. Dieser vertrat die Auffassung, es läge
kein länger dauernder, schwerer Gesundheitsschaden vor, der die Arbeitsfähigkeit in
hohem Mass beeinträchtigen würde. Wenn er den Umstand einbeziehe, dass die
Versicherte wegen ihren Erlebnissen in der Jugend Ängste empfinde, die ihren Alltag
erschwerten, könne er ihr eine Arbeitsunfähigkeit von höchstens 50% zubilligen (IV-
A.a.
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act. 37). Seit dem 27. September 2007 war die Versicherte in der Klinik G._
hospitalisiert. Die dort behandelnden medizinischen Fachpersonen diagnostizierten im
Zwischenbericht vom 26. Oktober 2007 eine komplexe posttraumatische
Belastungsstörung (ICD-10: F43.1), einen Verdacht auf multiple Persönlichkeitsstörung
(ICD-10: F44.81) und eine rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig
mittelschwere Episode (ICD-10: F33.1; IV-act. 43; siehe auch den Austrittsbericht vom
23. April 2008 über die bis 28. März 2008 stattgefundene Hospitalisation, worin nicht
mehr bloss ein Verdacht, sondern die Diagnose multiple Persönlichkeitsstörung mit der
Differentialdiagnose Persönlichkeitsstörung nicht näher bezeichnet [ICD-10: F60.9] und
des Weiteren die Diagnose Agoraphobie [ICD-10: F40.00] gestellt wurden; IV-act. 158).
Der RAD-Arzt Dr. E._ vertrat in der Stellungnahme vom 31. Oktober 2007 weiterhin
die Auffassung, dass die Versicherte vollständig arbeitsunfähig sei (IV-act. 44). Mit
Verfügung vom 5. Dezember 2007 sprach deshalb die IV-Stelle des Kantons Appenzell
Ausserrhoden der Versicherten mit Wirkung ab 1. August 2007 eine ganze Rente zu (IV-
act. 47). Die dagegen von der Pensionskasse erhobene Beschwerde wies das
Verwaltungsgericht des Kantons Appenzell Ausserrhoden mit Urteil vom 17. September
2008, I 2008 5, ab (IV-act. 59).
Im Rahmen einer von Amtes wegen eingeleiteten Rentenrevision gelangte die IV-
Stelle des Kantons Appenzell Ausserrhoden zur Erkenntnis, dass die Versicherte
weiterhin Anspruch auf eine ganze Rente habe (Mitteilung vom 13. Januar 2010, IV-
act. 65).
A.b.
Am 31. Januar 2012 stellte die Versicherte einen Antrag auf Ausrichtung einer
Hilflosenentschädigung. Sie brachte vor, Hilfeleistungen seien erforderlich für die
Haushaltführung, Administration, Wochenstrukturierung, das Kochen, Einkaufen, die
Arzt- und Amtsbesuche. Seit Dezember 2011 erhalte sie Hilfe von H._ (IV-act. 66;
siehe auch die Angaben vom 15. März 2012, IV-act. 70). Nach einer Rücksprache mit
der RAD-Ärztin Dr. med. I._, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie (siehe
Stellungnahme vom 31. August 2012, IV-act. 76), sprach die IV-Stelle des Kantons
Appenzell Ausserrhoden der Versicherten mit Wirkung ab 1. Januar 2011 eine
Hilflosenentschädigung für eine leichte Hilflosigkeit zu (Verfügung vom 22. März 2013,
IV-act. 87).
A.c.
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Im Rahmen eines von der IV-Stelle des Kantons St. Gallen (nachfolgend: IV-Stelle;
zum Wohnsitzwechsel in den Kanton St. Gallen per 1. September 2012 siehe IV-act. 75
und IV-act. 77) von Amtes wegen eingeleiteten Revisionsverfahrens gab die Versicherte
am 13./18. Februar 2014 an, ihr Gesundheitszustand habe sich seit September 2013
verschlechtert. Sie habe mehr Angst, ziehe sich sozial noch mehr zurück und brauche
mehr Unterstützung im Alltag (IV-act. 89). Die behandelnde Dr. med. J._, Fachärztin
für Psychiatrie und Psychotherapie FMH, berichtete am 25. März 2014, der
Gesundheitszustand der Versicherten sei seit Januar 2010 stationär (IV-act. 92-1), und
reichte zwei Austrittsberichte der Klinik K._ ein (Austrittsbericht vom 28. Mai 2009
betreffend die Hospitalisation vom 17. Februar bis 28. Mai 2009, IV-act. 92-5 ff.;
Austrittsbericht vom 16. November 2010 betreffend die Hospitalisation vom 19. August
bis 16. November 2010, IV-act. 92-9 ff.). Die IV-Stelle ordnete mehrere Observationen
an. Anlässlich des Standortgesprächs vom 24. Juni 2015 konfrontierte die IV-Stelle die
Versicherte mit den Observationsergebnissen (IV-act. 135).
A.d.
Die behandelnde Dr. med. L._, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie,
berichtete am 18. August 2015, der Versicherten sei keine Tätigkeit zumutbar (IV-act.
140, insbesondere IV-act. 140-4 unten; vgl. auch den Bericht von Dr. L._ vom
25. August 2015, IV-act. 146).
A.e.
Mit Vorbescheid vom 4. Mai 2016 stellte die IV-Stelle, gestützt auf eine von ihr
eingeholte gutachterliche Beurteilung vom 12. März 2016 (IV-act. 165), der Versicherten
die Einstellung der Rentenleistung in Aussicht (IV-act. 168). Dagegen erhob die
Versicherte am 1. Juni 2016 Einwand (IV-act. 170; zur ergänzenden Begründung vom
20. Juni 2016 siehe IV-act. 175). Am 22. Juni 2016 verfügte die IV-Stelle die Einstellung
der Rente auf Ende des der Verfügung folgenden Monats (IV-act. 176).
A.f.
Die IV-Stelle verfügte am 15. September 2016 die Einstellung der
Hilflosenentschädigung auf Ende des der Verfügung folgenden Monats (IV-act. 186).
A.g.
Zuvor wies die IV-Stelle die in den jeweiligen Vorbescheidverfahren gestellten
Gesuche der Versicherten um Gewährung der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung
ab (Verfügung vom 31. August 2016, IV-act. 184).
A.h.
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Gegen die Rentenverfügung vom 22. Juni 2016 erhob die Versicherte am 22.
August 2016 Beschwerde (act. G 1 im Verfahren IV 2016/273). Des Weiteren reichte die
Versicherte eine Stellungnahme von Dr. med. L._ zum Gutachten ein, worin diese die
gutachterliche Beurteilung in Zweifel zog (Stellungnahme vom 18. August 2016; act.
G 1.2 im Verfahren IV 2016/273).
A.i.
Am 29. September 2016 erhob die Versicherte Beschwerde gegen die Verfügung
vom 31. August 2016 betreffend unentgeltliche Rechtsverbeiständung im
Verwaltungsverfahren. Sie beantragte darin deren Aufhebung und eine Entschädigung
für den anwaltlichen Aufwand im Vorbescheidverfahren im Umfang von Fr. 3'120.30
zuzüglich Verzugszinsen; unter Kosten- und Entschädigungsfolge (act. G 1 im
Verfahren IV 2016/330).
A.j.
Des Weiteren erhob die Versicherte am 5. Oktober 2016 Beschwerde gegen die
Verfügung vom 15. September 2016 betreffend die Einstellung der
Hilflosenentschädigung (act. G 1 im Verfahren IV 2016/342).
A.k.
Im Schreiben vom 9. September 2017 orientierte die Rechtsvertreterin der Ver
sicherten, dass nach einer dringlichen Gefährdungsmeldung seit einigen Monaten eine
KESB-Abklärung betreffend die Installierung einer vollumfänglichen Beistandschaft
hängig sei (act. G 20; zur Gefährdungsmeldung durch das Psychiatrie-Zentrum M._
vom 23. Mai 2017 und dessen Begleitbrief vom gleichen Tag siehe G 20.1 f. im
Verfahren IV 2016/273). Am 15. Februar 2018 teilte die Rechtsvertreterin mit, dass die
KESB die Errichtung einer Begleitbeistandschaft am 24. Januar 2018 beschlossen
habe (act. G 22; zum Beschluss der KESB vgl. act. G 22.1 im Verfahren IV 2016/273).
A.l.
Das Versicherungsgericht entschied in den Verfahren IV 2016/273, IV 2016/330
und IV 2016/342: «1. Die Beschwerdegegnerin wird verpflichtet, das rechtswidrig
beschaffte Observationsmaterial und dessen Wiedergabe in anderen Unterlagen im
Sinn der Erwägungen aus den Akten zu entfernen. 2. Im Verfahren IV 2016/273 wird in
Gutheissung der Beschwerde vom 22. August 2016 die angefochtene Verfügung vom
22. Juni 2016 betreffend die Einstellung der Rente aufgehoben. 3. Im Verfahren
IV 2016/342 wird in Gutheissung der Beschwerde vom 5. Oktober 2016 die
angefochtene Verfügung vom 15. September 2016 betreffend die Einstellung der
A.m.
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B.
Hilflosenentschädigung aufgehoben. 4. Im Verfahren IV 2016/330 wird in Gutheissung
der Beschwerde vom 29. September 2016 die angefochtene Verfügung vom
31. August 2016 betreffend unentgeltliche Rechtsverbeiständung im
Verwaltungsverfahren aufgehoben. Der Beschwerdeführerin wird die unentgeltliche
Rechtsverbeiständung für das Verwaltungsverfahren betreffend Rente und das damit
eng verbundene Verwaltungsverfahren betreffend Hilflosenentschädigung ab Datum
der Gesuchstellung (1. Juni 2016, [...]) bewilligt und Rechtsanwältin Stephanie Schwarz
zur unentgeltlichen Vertreterin ernannt. Zur Festsetzung und Ausrichtung der
Entschädigung wird die Sache an die Beschwerdegegnerin zurückgewiesen.
[...]» (Entscheid des Versicherungsgerichts vom 29. Mai 2018, IV 2016/273,
IV 2016/330 und IV 2016/342).
Dagegen erhob die IV-Stelle Beschwerde in öffentlich-rechtlichen
Angelegenheiten. Mit Urteil vom 21. November 2018, 9C_483/2018, hob das
Bundesgericht den Entscheid mit Ausnahme von Dispositiv-Ziffer 1 auf und wies die
Sache zu neuer Entscheidung im Sinn der Erwägungen an das Versicherungsgericht
zurück. Im Übrigen wies es die Beschwerde ab (act. G 1 im Verfahren IV 2018/399;
soweit nicht anders vermerkt, handelt es sich bei den nachfolgenden Verweisen auf die
Gerichtsakten um diejenigen des Verfahrens IV 2018/399).
A.n.
Nachdem das Versicherungsgericht verbindlich über die Aktenbereinigung
entschieden hat (Zwischenentscheid vom 31. Juli 2019, IV 2018/399 Z, act. G 17),
beauftragt es Dr. med. N._, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, mit der
Erstattung eines Gerichtsgutachtens über die Beschwerdeführerin (Auftrag vom
4. Dezember 2019, act. G 27). Die Gerichtsgutachterin hat die persönliche
Untersuchung der Beschwerdeführerin am 13. Juli 2020 in deren Wohnung
vorgenommen. Sie diagnostiziert eine komplexe posttraumatische Belastungsstörung
bzw. eine kombinierte Persönlichkeitsstörung (ICD-10: F61), eine Zwangsstörung mit
Zwangshandlungen und Zwangsgedanken gemischt (ICD-10: F42.2) und einen
Verdacht auf Anorexia nervosa (ICD-10: F50.0). Die Beschwerdeführerin sei in der
Selbstpflege und -fürsorge, in ihrer Haushaltsführung und administrativen Belangen
eingeschränkt. Zu jeglicher Tätigkeit auf dem freien Arbeitsmarkt sei sie nicht in der
B.a.
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Erwägungen
1.
Zwischen den Parteien sind die Einstellung der Rente und der Hilflosenentschädigung
sowie der Anspruch auf unentgeltliche Rechtsverbeiständung im Verwaltungsverfahren
umstritten. Zu den massgebenden rechtlichen Grundlagen wird auf den Entscheid des
Versicherungsgerichts vom 29. Mai 2018, IV 2016/273, IV 2016/330 und IV 2016/342,
verwiesen (E. 1.1 ff., E. 4.1 und E. 5.1).
2.
Zunächst zu prüfen ist die Einstellung der Rente.
Lage. Die Beschwerdeführerin «war und ist seit Oktober 2007 vollständig
arbeitsunfähig. Hinzugekommen ist die Hilflosigkeit. Eine Besserung konnte seitdem
nicht mehr erreicht werden» (Gerichtsgutachten vom 24. Juli 2020, act. G 39,
insbesondere S. 63 und betreffend Hilflosigkeit S. 66).
Die Beschwerdegegnerin beantragt in der Vernehmlassung vom 19. August 2020
die Abweisung der Beschwerden. Sie bemängelt das Gerichtsgutachten unter
verschiedenen Gesichtspunkten und hält es nicht für beweiskräftig. Unter diesen
Umständen könne nicht davon gesprochen werden, dass das Weiterbestehen einer
invalidisierenden Krankheit rechtsgenüglich nachgewiesen sei (act. G 43).
B.b.
In der Stellungnahme vom 1. September 2020 hält die Beschwerdeführerin an den
Beschwerdeanträgen fest. Gestützt auf das Gerichtsgutachten sei davon auszugehen,
dass sich ihr Gesundheitszustand seit der Rentenzusprache nicht verbessert habe.
Auch die Hilflosigkeit bestehe nach wie vor (act. G 44). Die Rechtsvertreterin reicht am
3. September 2020 eine Honorarnote ein (act. G 46).
B.c.
Massgebend für die vom Verwaltungsgericht des Kantons Appenzell Ausserrhoden
mit Urteil vom 17. September 2008, I 2008 5, bestätigte Rentenzusprache waren die
bis zum 5. Dezember 2007 (Zeitpunkt der Rentenverfügung; IV-act. 47) eingetretenen
Verhältnisse (IV-act. 59). Ihr lagen die Beurteilungen der damals behandelnden
Psychiaterin C._ vom 3. Juli 2007 (IV-act. 14) sowie vom 12. Oktober 2007 (IV-
act. 41) und der Zwischenbericht der in der Klinik G._ behandelnden medizinischen
2.1.
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Fachpersonen vom 26. Oktober 2007 (IV-act. 43) zugrunde (siehe auch die
Stellungnahme des RAD-Arztes Dr. E._ vom 31. Oktober 2007, IV-act. 44-2 f.). Die
Beschwerdeführerin schilderte, in der Kindheit vom Vater und Grossvater sexuell
missbraucht worden zu sein (siehe etwa IV-act. 14-2). Mit Auswirkung auf die
Arbeitsfähigkeit stand eine komplexe posttraumatische Belastungsstörung (ICD-10:
F43.1) im Vordergrund (IV-act. 14-1 und IV-act. 43-1), die zudem zu einer multiplen
Persönlichkeitsstörung geführt hatte (IV-act. 3-3; zur Bestätigung dieser Diagnose
siehe IV-act. 158-1). Als Befunde wurden u.a. ein auffälliges Erscheinungsbild (Kapuze
weit ins Gesicht gezogen, Umklammern eines grossen Kissens), eine starke motorische
Unruhe (wippen) und Hinweise auf zwanghaftes Verhalten erhoben (IV-act. 43-3; siehe
auch IV-act. 43-2). Die Intensität des regressiven Verhaltens der Beschwerdeführerin
verhalte sich konform mit ihrem Befinden. Je stärker sie sich belastet fühle,
beispielsweise durch vermehrte oder unerwartete Begegnungen mit Männern, desto
intensiver regrediere sie. Die Beschwerdeführerin selbst beschreibe, sich in diesem
Zustand wie eine 10-jährige zu fühlen, und assoziiere ihre Persönlichkeit - also die der
«O._» - mit Schwäche und zeige stark kindliche Verhaltensweisen. Jedoch
beschreibe sie auch eine andere Persönlichkeit: die der «P._». Diese verbinde sie u.a.
mit Stärke und Selbstsicherheit. «P._» sei jemand, die sich wehren könne und sich
selbst behaupte. Die Beschreibungen sowie auch das klinische Bild der
Beschwerdeführerin veranlassten zu einem Verdacht auf eine multiple
Persönlichkeitsstörung (IV-act. 43-3). Im Vordergrund des Leidensbilds standen Ängste
und Panikattacken. Die Ängste bezogen sich auf Männer allgemein und auf ihren Vater
im Besonderen (IV-act. 14-2 unten).
Die Beschwerdegegnerin bringt - ohne sich in erkennbarer Weise auf eine
psychiatrische Stellungnahme des RAD abzustützen - verschiedene Mängel am
Gerichtsgutachten vor. Zunächst gilt es zu beachten, dass vorliegend für die
Renteneinstellung einzig die Frage entscheidend ist, ob sich der Gesundheitszustand
der Beschwerdeführerin in einer für den Rentenanspruch massgeblichen Weise
verbessert hat. Soweit die Beschwerdegegnerin verschiedene Verhaltensweisen der
Beschwerdeführerin als manipulativ qualifiziert (siehe etwa act. G 43, Rz 3 f., Rz 23 und
Rz 25; bezüglich der Herleitung der Diagnose act. G 43, Rz 17), handelt es sich um eine
von der Beschwerdegegnerin vorgenommene andere Würdigung des Verhaltens der
Beschwerdeführerin, wie es bereits der ursprünglichen Rentenzusprache zugrunde lag
(siehe hierzu vorstehende E. 2.1). Die Beschwerdegegnerin zeigt denn auch nicht auf
und es ergibt sich auch nicht aus den Akten, dass die Leidensklagen der
Beschwerdeführerin (insbesondere bezüglich des sexuellen Missbrauchs, der
geklagten Ängste, des gezeigten Zwangs- sowie Alltagsverhaltens, des Einnässens und
2.2.
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der Selbsteinschätzung) sich entscheidend verbessert hätten. Auch der von der
Beschwerdegegnerin gerügte Sichtschutz der Beschwerdeführerin (act. G 43, Rz 7)
und deren auffällig unruhiges Verhalten anlässlich medizinischer Abklärungen
entsprechen den der Rentenzusprache zugrundeliegenden Verhaltensweisen (siehe
ausführlich zum damaligen Verhalten etwa IV-act. 43-2; bezüglich des Einnässens oder
des Desinfektionszwangs und des Blickschutzes [«Kapuze weit ins Gesichts gezogen»]
siehe ebenfalls IV-act. 43-2 f. sowie IV-act. 14-3 Mitte). Gleiches gilt hinsichtlich des
Vorwurfs der Beschwerdegegnerin (act. G 43, Rz 5), die Schilderungen der
Beschwerdeführerin hätten sich auf Andeutungen beschränkt, oder bezüglich der von
ihr kritisierten äusseren Umstände der Begutachtung (siehe etwa act. G 43, Rz 3 f.). So
führten bereits die medizinischen Fachpersonen der Klinik G._ aus, in der
Vergangenheit «müssen zudem schwerwiegende Traumatisierungen durch sexuelle
Übergriffe liegen, zu deren Schilderung die Patientin aktuell nur begrenzt in der Lage
ist» (IV-act. 43-2). Insgesamt legt die Beschwerdegegnerin weder dar noch ist
erkennbar, dass sich der Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin in
rentenrelevanter Weise seit der ursprünglichen Rentenzusprache verändert hätte.
Vielmehr beschränkt sich ihre teilweise über die Grenze der Sachlichkeit
hinausgehende Kritik am Gerichtsgutachten im Wesentlichen auf das darin
berücksichtigte Verhalten der Beschwerdeführerin bzw. den an sie gerichteten Vorwurf,
der Gerichtsgutachterin etwas vorgespielt zu haben («eigentliches Katz- und
Mausspiel», act. G 43, Rz 3; «starke manipulative Energie», act. G 43, Rz 3 am Schluss;
«Das mutet eher an wie Klatsch und kollektive Empörung bei einem Kaffekränzchen»,
act. G 43, Rz 14). Dabei handelt es sich allerdings lediglich um eine andere
Einschätzung des bisherigen Verhaltens der Beschwerdeführerin, wie es bereits der
ursprünglichen Rentenzusprache zugrunde lag. Auch der Hinweis der
Beschwerdegegnerin auf die in der Vergangenheit früher ausgeübte Tätigkeit als
Tänzerin (act. G 43, Rz 19) zielt ins Leere, da diese vor der Rentenzusprache ausgeübt
wurde und folglich für die danach massgebende Verlaufsbeurteilung nicht von
Bedeutung ist. Gleiches gilt für die von der Beschwerdegegnerin geäusserten
grundsätzlichen Zweifel am Vorliegen einer posttraumatischen Belastungsstörung (act.
G 43, Rz 20), wie sie sowohl von der Gerichtsgutachterin mit ausführlicher Begründung
(act. G 39, S. 56 f. und 63) als auch von den medizinischen Fachpersonen der Klinik
G._ diagnostiziert wurde (IV-act. 43-1), wobei die umstrittene Frage der richtigen
Codierung mangels revisionsrechtlicher Relevanz offenbleiben kann. Die Kritik der
Beschwerdegegnerin zielt im Wesentlichen auf eine im Revisionsverfahren unzulässige
nachträgliche Neubeurteilung des der ursprünglichen Rentenzusprache
zugrundeliegenden Sachverhalts und damit der rechtskräftigen Rentenzusprache des
Verwaltungsgerichts des Kantons Appenzell Ausserrhoden vom 17. September 2008
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(IV-act. 59) ab. Auch aus der gesamten übrigen Aktenlage lassen sich keine Hinweise
entnehmen, dass sich der bei der Rentenzusprache massgebende Gesundheitszustand
verbessert hätte.
Zu ergänzen ist, dass die offenbar nicht auf fachpsychiatrischer Einschätzung be
ruhende Kritik der Beschwerdegegnerin am Gerichtsgutachten nicht stichhaltig ist.
Entscheidend ist ausserdem, dass Zweck des Gerichtsgutachtens im vorliegenden
Revisionsverfahren nicht die Überprüfung der Richtigkeit der ursprünglichen
Rentenzusprache bzw. der dieser zugrundeliegenden medizinischen Beurteilung ist,
was die Beschwerdegegnerin bei ihren Ausführungen (act. G 43) grösstenteils verkennt.
Insbesondere liegt auch kein Mangel an der Verlaufsbeurteilung allein im Umstand
begründet, dass die Gerichtsgutachterin das im Wesentlichen gleichgebliebene
Verhalten der Beschwerdeführerin und der damals geklagten Leiden bzw. Umstände
gleich wie die medizinischen Fachpersonen der Klinik G._ würdigt. Alles andere
stellte eine revisionsrechtlich nicht relevante andere Einschätzung des gleichen
Sachverhalts dar.
2.3.
Bezüglich der Beweiswürdigung von Gerichtsgutachten hat die Rechtsprechung
ausgeführt, das Gericht weiche «nicht ohne zwingende Gründe» von den
Einschätzungen der medizinischen Experten ab. Auch der Europäische Gerichtshof für
Menschenrechte hat diesbezüglich erwogen, der Meinung eines von einem Gericht
ernannten Experten komme bei der Beweiswürdigung vermutungsweise hohes
Gewicht zu (BGE 135 V 469 f. E. 4.4 mit Hinweisen).
2.3.1.
Soweit die Beschwerdegegnerin die von der Gerichtsgutachterin
entgegengebrachte Empathie rügt und die Berücksichtigung der Anliegen der
Beschwerdeführerin bezüglich der Untersuchungsumstände kritisiert (siehe etwa act.
G 43, Rz 3 ff., Rz 23 und Rz 25), übersieht sie, dass die Qualitätsleitlinien für
versicherungspsychiatrische Gutachten der Schweizerischen Gesellschaft für
Psychiatrie und Psychotherapie, 3. Auflage, 2016 (nachfolgend: Qualitätsleitlinien) ein
den gutachtlichen Umständen angepasstes empathisches Vorgehen empfehlen
(Qualitätsleitlinien, S. 14 unten). Den Exploranden soll zudem genügend Zeit zur
Verfügung gestellt werden, damit sie in Ruhe ihre Situation, ihre Beschwerden und ihre
Sicht der Dinge darlegen können (Qualitätsleitlinien, S. 14). Auch die Untersuchung im
gutachtlichen Kontext soll darauf ausgerichtet sein, mögliche Schäden bei der
versicherten Person zu vermeiden. Dennoch kann eine Begutachtung eine belastende
und anstrengende Situation sein, was auch durch ein vorsichtiges und empathisches
Vorgehen der Gutachterin nicht gänzlich verhindert werden kann (Qualitätsleitlinien
2.3.2.
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S. 15). Dem subjektiven Empfinden und der Perspektive der Exploranden sind Raum zu
geben und die Darstellung grundlegender Merkmale ihrer Persönlichkeit, ihres
Erlebens, Verhaltens und ihrer Beziehungsgestaltung möglich zu machen. Diese
Explorationstechnik kann in jeder Phase der Untersuchung, z.B. wenn ein besonders
bedeutsames Thema dies fruchtbar erscheinen lässt, wieder aufgegriffen werden
(Qualitätsleitlinien, S. 15). Ein zentrales Qualitätskriterium eines Gutachtens ist denn
auch die interpersonelle Dimension. Bei deren Abklärung ist u.a. das aktuelle Erleben
und Verhalten abzuklären. Folglich wird der Beweiswert des Gerichtsgutachtens nicht
dadurch erschüttert, dass die Gerichtsgutachterin - in Nachachtung der
Qualitätsleitlinien - eine empathische Herangehensweise in einer für die
Beschwerdeführerin möglichst wenig belastenden Umgebung und Atmosphäre wählte.
Zudem liegen keine Umstände vor, welche die Gerichtsgutachterin als
voreingenommen erscheinen lassen würden. Im Übrigen widersprechen die Vorbringen
der Beschwerdegegnerin insoweit dem Grundsatz von Treu und Glauben (Art. 9 der
Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft [BV; SR 101]), da sie diese
ihr bereits im Vorfeld mitgeteilten Umstände (siehe etwa Schreiben vom 20. Mai 2020,
act. G 37 f.) erst im Nachhinein nach Vorliegen des ihr nicht passenden
Gutachtensergebnisses bemängelt.
Entgegen der nicht näher begründeten Ansicht der Beschwerdegegnerin bildet
ein «zumindest kursorischer körperlicher Untersuch» nicht zwingender Bestandteil
eines psychiatrischen Gerichtsgutachtens. Vielmehr sehen die Qualitätsleitlinien vor,
dass ein allfälliger somatischer Abklärungsbedarf durch einen Experten bzw. eine
Expertin aus der somatischen Fachmedizin zu erfolgen hätte (S. 10 f.). Ein solcher liegt
hier nicht vor. Hinzu kommt, dass sich die psychiatrische Gerichtsgutachterin im
Rahmen der umfassenden Anamnese und Voraktenwiedergabe ein schlüssiges Bild
über die körperliche Situation machen konnte (act. G 39, S. 5 ff.). Der Vollständigkeit
halber bleibt zu ergänzen, dass die Gerichtsgutachterin eine sorgfältige Abklärung des
Essverhaltens vornahm (S. 25 f.) sowie schlüssige, auch für den medizinischen Laien
einleuchtende Ausführungen zum mageren Körperzustand machte (act. G 39, S. 34).
Auch der Frage nach Selbstverletzungen (act. G 39, S. 31 und S. 33 Mitte) ging die
Gerichtsgutachterin sorgfältig nach.
2.3.3.
Dem Vorbringen der Beschwerdegegnerin, bezüglich Panikattacken habe die
Gerichtsgutachterin der Beschwerdeführerin - im Stile von Suggestivfragen - die
Symptome vorgekaut (act. G 43, Rz 6), kann nicht gefolgt werden. Von sich aus gab
die Beschwerdeführerin an, bei Panikattacken keine Luft mehr zu kriegen. Erst
nachdem die Beschwerdeführerin bei der Aufforderung zu weiteren Angaben
2.3.4.
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antwortete, sie könne dies nicht beschreiben, wählte die Gerichtsgutachterin eine
stärker strukturierte sowie an die Situation der Beschwerdeführerin angepasste
Fragestellung bzw. Gesprächsführung bezüglich der Symptomatik, wie sie auch in den
Qualitätsleitlinien (S. 15 Mitte) vorgesehen ist. Zudem verneinte die Beschwerdeführerin
die Frage der Gerichtsgutachterin, «Sind es die Momente, in denen Sie sich wehtun?»,
mit der Begründung, das komme und überfalle sie wie eine Lawine (zum Ganzen act.
G 39, S. 33). Ausserdem ist es gerichtsnotorisch, dass psychiatrische Fachpersonen im
Rahmen der Befunderhebung einzelne Kriterien wie etwa Schlafstörung, Libidoverlust
und dergleichen gezielt nachfragen, wenn diese nicht von den Exploranden von sich
aus erwähnt werden. Im Übrigen setzt sich die Beschwerdegegnerin bei ihrer Kritik zu
den Bemühungen der Gerichtsgutachterin in Widerspruch zum Vorwurf, diese habe
bloss einen «bruchstückhaften Befund erhoben» (act. G 43, Rz 10).
Soweit die Beschwerdegegnerin die gerichtsgutachterliche Würdigung der
Vorakten über die Schilderungen der Beschwerdeführerin über den Vater, wie sie der
ursprünglichen Rentenzusprache zugrunde lagen, bemängelt (act. G 43, Rz 14), legt sie
nicht dar, inwiefern dies einen Mangel an der gerichtsgutachterlichen
Verlaufsbeurteilung darstellt. Dass es sich dabei nach der Wahrnehmung der
Beschwerdegegnerin um kaum konkrete Informationen handelt, weckt jedenfalls keine
Zweifel an der Verlaufsbeurteilung. Anzufügen bleibt, dass die Beschwerdeführerin
gemäss Aktenlage stets in sich konsistente Angaben darüber machte (siehe etwa
vorstehende E. 2.1), auch wenn sie von tiefergehenden Detailschilderungen absah.
2.3.5.
Als aktenwidrig erweist sich die Behauptung der Beschwerdegegnerin, die
Gerichtsgutachterin habe aufgrund des Aufenthalts in einem Kinderheim eine
«Traumatisierung im Heim» angenommen (act. G 43, Rz 13). Die Gerichtsgutachterin
wies lediglich darauf hin, dass Kinderheime in der DDR keine sehr angenehmen
Aufenthaltsorte gewesen seien. Diese Ausführung scheint der Verdeutlichung der von
der Beschwerdeführerin mit dem Heimeintritt bzw. der Aufgabe der bis dahin
bestandenen Lebenssituation empfundenen Entlastung (act. G 39, S. 42 und S. 46) zu
dienen und lässt nachvollziehbar Rückschlüsse auf die belastende Situation vor dem
Heimeintritt zu, unabhängig davon, dass die DDR zum Zeitpunkt des Heimeintritts
formell nicht mehr existierte.
2.3.6.
Unklar bleibt, was für zusätzlich erhellende Erkenntnisse für die
Verlaufsbeurteilung aus der von der Beschwerdegegnerin geforderten Befragung der
Mutter der Beschwerdeführerin hätten gewonnen werden können (act. G 43, Rz 15).
Denn diese war am Standortgespräch vom 24. Juni 2015 anwesend (IV-act. 135-2
2.3.7.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/19
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oben), als die Beschwerdeführerin über ihren Unterstützungsbedarf und die mütterliche
Mithilfe sprach (IV-act. 135-3 und IV-act. 135-4). Nichts anderes gilt bezüglich der
Schilderungen über die sexuellen Übergriffe (IV-act. 135-4 oben und IV-act. 135-6).
Unter diesen Umständen ist nicht davon auszugehen, dass die Mutter bei einer
Befragung durch die Gerichtsgutachterin davon wesentlich abweichende Angaben
machen würde.
Anzufügen bleibt, dass vage, ausweichende Antworten und sonstiges
Vermeidungsverhalten (siehe etwa act. G 39, S. 33) gerade Kennzeichen einer
posttraumatischen Belastungsstörung bilden (BGE 142 V 348 E. 5.2.3; siehe auch
Qualitätsleitlinien S. 21 oben), weshalb die Beschwerdegegnerin aus der kritisierten
«Vagheit der Feststellungen» (act. G 43, Rz 8), des Verschweigens (act. G 43, Rz 12),
der teilweise nicht detaillierten Informationslage bezüglich sexueller Übergriffe (act.
G 43, Rz 14 und Rz 18) oder des Wunsches, dass die Betreuerin bei einzelnen
belastenden Punkten nicht mithört (act. G 43, Rz 17), nichts zulasten des Beweiswerts
des Gerichtsgutachtens abzuleiten vermag. Dies gilt erst Recht bezüglich der
Aussagekraft der gerichtsgutachterlichen Verlaufsbeurteilung. Vor diesem Hintergrund
ist es nachvollziehbar und stellt - entgegen der Sichtweise der Beschwerdegegnerin
(act. G 43, Rz 8) - gerade ein Qualitätsmerkmal dar, dass die Gerichtsgutachterin
vorsichtige Formulierungen wählte und gerade keinen eindeutigen Ausdrucksstil pflegte
und keine Sicherheit vortäuschte, die es bei der ermessenbehafteten Einschätzung
psychischer Krankheitsbilder und erst recht im vorliegend komplexen Fall nicht gibt
(vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 19. November 2007, I 961/06, E. 3.1 mit
Hinweisen). Anzufügen bleibt, dass die Gerichtsgutachterin sämtliche relevanten
Aspekte - wie etwa die geklagten und präsentierten Zwänge oder das sonstige
Alltagsverhalten - eingehend abklärte und mit Nachfragen auf ihre Konsistenz prüfte
(siehe etwa act. G 39, S. 23 f., und G 39, S. 25 ff.).
2.3.8.
Die Beschwerdegegnerin sieht einen Mangel am Gerichtsgutachten auch darin,
dass keine Blutentnahme erfolgt sei (act. G 43, Rz 9). Vorab ist darauf hinzuweisen,
dass nicht erkennbar ist, inwiefern die Frage der Notwendigkeit einer Blutentnahme für
die Verlaufsbeurteilung von Relevanz ist, nachdem die Inanspruchnahme einer
medikamentösen Therapie bzw. eine entsprechende Compliance bereits bei der
Rentenzusprache von keiner Bedeutung war (siehe zu den nicht
psychopharmakologischen Therapievorschlägen der medizinischen Fachpersonen der
Klinik G._ IV-act. 43-4). Des Weiteren widmete sich die Gerichtsgutachterin
ausführlich der Frage nach der gegenwärtigen Medikamenteneinnahme. Da die
Beschwerdeführerin zumindest eine regelmässige Einnahme verneinte und sich
2.3.9.
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3.
generell bezüglich medikamentöser Therapien gespalten zeigte («Ich weiss, ich
brauche Medikamente. Ich habe so schreckliche Angst, aber ich habe auch Angst vor
den Medikamenten»; siehe zum Ganzen act. G 39, S. 30), stellt es keinen - erst recht
keinen gravierenden - Mangel dar, dass die Gerichtsgutachterin auf
Laboruntersuchungen verzichtete. Vielmehr erscheint der Verzicht unter den
gegebenen Umständen nachvollziehbar.
Bei der vereinzelt falschen Bezeichnung der Beschwerdegegnerin («Suva»; zur
Kritik der Beschwerdegegnerin siehe act. G 43, Rz 22) handelt es sich offenkundig um
ein rein redaktionelles Versehen. Die Beschwerdegegnerin legt weder dar noch ist
erkennbar, inwiefern dadurch der medizinische Inhalt des Gerichtsgutachtens in
Zweifel gezogen würde.
2.3.10.
Bei der Würdigung des Gerichtsgutachtens und der darin enthaltenen Verlaufs
beurteilung fällt ausserdem ins Gewicht, dass sie auf einer umfassenden
Voraktenkenntnis sowie einer - wenn auch unter erschwerten, aber den Umständen
angemessenen - persönlichen Untersuchung unter Einschluss glaubhafter
fremdanamnestischer Angaben beruht. Die von der Gerichtsgutachterin gezogenen
Schlüsse sind nachvollziehbar in mit den Qualitätsleitlinien zu vereinbarender Weise
begründet und beruhen auf einer unvoreingenommenen Konsistenz- und
Ressourcenbeurteilung im Kontext des Krankheitsbilds, wie es sowohl von der
Gerichtsgutachterin als auch vor der Rentenzusprache durch die medizinischen
Fachpersonen der Klinik G._ erkannt wurde. Die Gerichtsgutachterin übte das ihr
zustehende Ermessen bei der Verlaufsbeurteilung folglich rechtskonform bzw. in
Nachachtung der aus Art. 7 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) fliessenden normativen Vorgaben aus,
weshalb kein Platz für eine juristische Parallelüberprüfung bleibt. Mit der
Gerichtsgutachterin ist folglich mit überwiegender Wahrscheinlichkeit davon
auszugehen, dass sich der Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin seit der
ursprünglichen Rentenzusprache nicht in revisionsrechtlich wesentlicher Weise
verändert hat und weiterhin von einer vollständigen Arbeitsunfähigkeit auszugehen ist.
Der Vollständigkeit halber ist darauf hinzuweisen, dass die ursprüngliche
Rentenzusprache auf einem Entscheid des Verwaltungsgerichts des Kantons
Appenzell-Ausserrhoden beruht, womit ein Rückkommen gestützt auf die
Wiedererwägung gemäss Art. 53 Abs. 2 ATSG oder die prozessuale Revision gemäss
Art. 53 Abs. 1 ATSG ausgeschlossen ist.
2.3.11.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/19
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Bezüglich der Einstellung der Hilflosenentschädigung kann in tatsächlicher Hinsicht auf
die beweiskräftige gerichtsgutachterliche Verlaufsbeurteilung (siehe hierzu vorstehende
E. 2.2 f.) verwiesen werden. Die Gerichtsgutachterin legte schlüssig dar (act. G 39,
S. 66), dass seit dem massgebenden Zeitpunkt (Verfügung vom 22. März 2013, IV-
act. 67) mit überwiegender Wahrscheinlichkeit keine revisionsrelevante Veränderung
der Hilflosigkeit der Beschwerdeführerin eingetreten ist. Weder aus der Kritik der
Beschwerdegegnerin (act. G 43, Rz 22) noch der Aktenlage ergibt sich etwas
Gegenteiliges. Vielmehr zielt auch hier die Kritik der Beschwerdegegnerin auf eine im
vorliegenden Revisionsverfahren unzulässige Neubeurteilung des Anspruchs auf eine
Hilflosenentschädigung ab. Die revisionsweise Einstellung der Hilflosenentschädigung
erweist sich damit ebenfalls als rechtswidrig.
4.
Schliesslich bleiben die Gesuche der Beschwerdeführerin um unentgeltliche
Rechtsverbeiständung in beiden Verwaltungsverfahren betreffend die Einstellung der
Rente und der Hilflosenentschädigung zu prüfen. Zunächst ist zu berücksichtigen, dass
nicht eine erstmalige Leistungszusprache im Raum stand, sondern vielmehr eine
revisionsweise Leistungsanpassung, die schwierigere verfahrensrechtliche und
materiellrechtliche Fragen mit sich bringt. Es galt ein äusserst komplexes psychisches
Leidensbild, dessen Auswirkungen und Entwicklung zu beurteilen. Ausserdem hatte die
Beschwerdegegnerin in Verletzung der Grundrechte der Beschwerdeführerin
Abklärungen vorgenommen, deren Ergebnisse nicht verwertet werden dürfen. Die
rechtlich erforderliche Würdigung sowohl dieses gesetzwidrigen Verhaltens als auch
des Observationsmaterials bzw. deren (Un-)Verwertbarkeit sind schwierig und einem
Laien kaum zugänglich. Der Beschwerdeführerin ist weiter zugute zu halten, dass die
Inanspruchnahme einer Rechtsverbeiständung erst nach dem Vorbescheid vom 4. Mai
2016 erfolgte und sie bis dahin andere Vertrauenspersonen beigezogen hatte.
Aufgrund der mit dem Vorbescheid zum Rentenanspruch akut gewordenen
Fragestellungen wurde jedenfalls eine gehörige Rechtsvertretung erforderlich, welche
weder durch die Fortführung der bisherigen personellen Betreuung noch von
Fachleuten sozialer Institutionen hätte gewährleistet werden können (vgl. zum Ganzen
Urteil des Bundesgerichts vom 6. April 2017, 9C_29/2017, E. 3.2). Angesichts des
vorliegenden Ausgangs des Beschwerdeverfahrens kann auch nicht gesagt werden,
die Einwände seien aussichtslos oder rechtsmissbräuchlich gewesen. Vielmehr verhielt
sich die Beschwerdegegnerin mit der systematischen heimlichen Überwachung der
Beschwerdeführerin rechtswidrig. Angesichts des damaligen Anspruchs der
Beschwerdeführerin auf Ergänzungsleistungen ist zu Recht unbestritten, dass die
Beschwerdeführerin finanziell bedürftig war (vgl. dazu auch die im vorliegenden
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Beschwerdeverfahren eingereichten Unterlagen; act. G 1.4 und G 3.1 im Verfahren
IV 2016/342). Gemäss beweiskräftigem Gerichtsgutachten ist unverändert von einer
krankheitsbedingten vollständigen Arbeitsunfähigkeit der Beschwerdeführerin
auszugehen und es bleibt kein Raum für die Annahme, das Leiden gehe in
bewusstseinsnahen Täuschungshandlungen auf (vgl. hierzu Urteil des Bundesgerichts
vom 21. November 2018, 9C_483/2019, E. 7.1 am Schluss). Daher ist die
unentgeltliche Rechtsverbeiständung für das Verwaltungsverfahren betreffend Rente
und das damit eng verbundene Verwaltungsverfahren betreffend
Hilflosenentschädigung ab Datum der Gesuchstellung (1. Juni 2016, IV-act. 170) zu
bewilligen und Rechtsanwältin Stephanie Schwarz zur unentgeltlichen Vertreterin zu
ernennen.
5.
In Gutheissung der Beschwerde vom 22. August 2016 ist die angefochtene Ver
fügung vom 22. Juni 2016 betreffend die Einstellung der Rente aufzuheben.
5.1.
In Gutheissung der Beschwerde vom 5. Oktober 2016 ist die angefochtene Ver
fügung vom 15. September 2016 betreffend die Einstellung der Hilflosenentschädigung
aufzuheben.
5.2.
In Gutheissung der Beschwerde vom 29. September 2016 ist die angefochtene
Verfügung vom 31. August 2016 betreffend unentgeltliche Rechtsverbeiständung im
Verwaltungsverfahren aufzuheben. Der Beschwerdeführerin ist die unentgeltliche
Rechtsverbeiständung für das Verwaltungsverfahren betreffend Rente und das damit
eng verbundene Verwaltungsverfahren betreffend Hilflosenentschädigung ab Datum
der Gesuchstellung (1. Juni 2016, IV-act. 170) zu bewilligen und Rechtsanwältin
Stephanie Schwarz zur unentgeltlichen Vertreterin zu ernennen. Zur Festsetzung und
Ausrichtung der Entschädigung ist die Sache an die Beschwerdegegnerin
zurückzuweisen.
5.3.
5.4.
Die Beschwerdeverfahren bezüglich der Einstellung der Rente und der
Hilflosenentschädigung sind kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis
Fr. 1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die
Invalidenversicherung [IVG; SR 831.20]). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 800.-- erscheint
für die Verfahren IV 2016/273 und IV 2016/342 weiterhin als angemessen. Sie sind
5.4.1.
bis
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vollständig durch die unterliegende Beschwerdegegnerin zu tragen, da die vom
Bundesgericht erkannte fehlende Spruchreife durch die von ihr vorgenommene
rechtswidrige Observation verursacht wurde und ohnehin nachträglich von einem
vollständigen Obsiegen auszugehen ist. Eine Gerichtsgebühr für die danach
entstandenen Aufwendungen im Verfahren IV 2018/399 von Fr. 1'000.-- betreffend die
beiden angefochtenen Leistungseinstellungsverfahren erscheint unter
Berücksichtigung des Einholens eines Gerichtsgutachtens und der vorgängig
arbeitsintensiven Aktenbereinigung als angemessen. Die vollständig unterliegende
Beschwerdegegnerin hat folglich die gesamte Gerichtsgebühr von Fr. 1'800.-- für beide
Leistungseinstellungsverfahren zu bezahlen.
Bei Streitigkeiten betreffend unentgeltliche Verbeiständung im
Verwaltungsverfahren sind keine Gerichtskosten zu erheben (Art. 61 lit. a ATSG). Da es
sich hierbei nicht um eine Streitigkeit betreffend «IV-Leistungen» handelt, findet die
Kostenregelung von Art. 69 Abs. 1 IVG keine Anwendung (vgl. Entscheid des
Versicherungsgerichts vom 12. Januar 2012, IV 2010/270, E. 6.4).
5.4.2.
bis
Die Kosten des auf Anordnung des Bundesgerichts vom Versicherungsgericht
eingeholten psychiatrischen Gerichtsgutachtens von Fr. 10'350.-- (act. G 40) hat die
Beschwerdegegnerin vollumfänglich zu tragen (BGE 137 V 265 f. E. 4.4.2).
5.5.
5.6.
Gemäss Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende beschwerdeführende Partei
Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Die Parteientschädigung wird vom
Versicherungsgericht festgesetzt und ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der
Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen. In
der Verwaltungsrechtspflege beträgt das Honorar vor Versicherungsgericht nach
Art. 22 Abs. 1 lit. b HonO (sGS 963.75) pauschal Fr. 1'000.-- bis Fr. 12'000.-- bzw. in
der seit 1. Januar 2019 gültigen Fassung pauschal Fr. 1'500.-- bis Fr. 15'000.--.
5.6.1.
Für die Verfahren IV 2016/273, IV 2016/330 und IV 2016/342 erscheint eine
Parteientschädigung von Fr. 6'000.-- (einschliesslich Barauslagen und Mehrwertsteuer)
angemessen. Da die in diesen Verfahren angefochtenen Verfügungen allein schon
aufgrund der von der Beschwerdegegnerin aufgrund rechtswidriger Observation
verursachten fehlenden Spruchreife hätten aufgehoben werden können und die
Beschwerdegegnerin ihre Abklärungspflicht verletzte, ist von einem vollen Obsiegen
auszugehen (zur Geltung des Verursacherprinzips siehe Urteil des Bundesgerichts vom
8. Januar 2019, 9C_605/2018, E. 7.2). Ohnehin ist auch materiell nachträglich von
5.6.2.
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