Decision ID: 491c7d51-0bf6-46b0-97bd-567037278feb
Year: 2018
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
Die 2000 geborene
X._
leidet an den Geburtsgebrechen Trisomie 21 (Down-Syndrom)
und
Strabismus, welche
am 18. April 2000 sowie
am 3.
Oktober 2003 diagnostiziert wurden (Urk. 8/10, 8/23; vgl. Ziffern 489 und 427
des Anhangs
der Verordnung über die Geburtsgebrechen,
GgV
).
Ihre Mutter meldete die Versicherte deshalb am 28. Juni 2000 (Eingangsdatum) sowie am 1
6.
Januar 2003 (Eingangsdatum) bei der Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich,
IV-Stelle, zum Leistungsbezug an (Urk. 8/2, 8/17).
M
it
Verfügung vom 27. Oktober 2003
erteilte die IV-Stelle
Kostengutsprache für die Behandlung des Geburtsge
brechens Ziffer 427 und die ärztlich verordneten Behandlungsgeräte vom 1
7.
Februar 2000 bis 28. Februar 2011 (Urk. 8/25).
Nach der Erteilung diverser Kostengutsprachen für therapeutische Massnahmen (Urk. 8/12, 8/15, 8/
40, 8/42, 8/47, 8/56), der
Zusprache
von Pflegebeiträgen resp. einer
Hilflosenentschädi
gung
(Urk. 8/43-44) und der Übernahme der Kosten für ein Kommunikationssys
tem (Urk. 8/74),
teilte die IV-Stelle der Versicherten mit Verfügung vom 20. April 2016
mit, sie übernehme die Kosten für die Behandlung des Geburtsgebrechens Ziffer 489 und die ärztlich verordneten Behandlungs
-
geräte in einfacher und zweckmässiger Ausführung bis am 29. Februar 2020 (Urk. 8/107).
Im
Mai 2017 wurde bei der Ve
rsicherten eine
akute
lymphoblastische
Leukämie (ALL)
diagnostiziert (Urk. 8/133 S. 11). Die SWICA Krankenversicherung AG (SWICA) als zuständiger Krankenversicherer ersuchte die IV-Stelle mit Schreiben vom 21. September 2017 um Prüfung der Übernahme der Behandlungskosten (Urk. 8/137 S. 1). In der Folge tätigte die IV-Stelle medizinische Abklärungen (Urk. 8/136-137) und holte eine Stellungnahme des Regionalen Ärztlichen Diens
tes (RAD) ein, welche am 13. November 2017 erstattet wurde (Urk. 8/141 S. 2). Nach durchgeführtem
Vorbescheidverfahren
, in dessen Rahmen ein Bericht der behandelnden Ärzte
aufgelegt wurde (Urk. 8/146 S. 6 ff.), wies die IV-Stelle
das Kostenübernahmegesuch der SWICA
mit Verfügung vom 28. Februar 2018 ab (Urk. 2
/1
[= 8/165]).
2.
Dagegen erhob die SWICA mit Eingabe vom
9.
April 2018 Beschwerde beim hie
sigen Sozialversicherungsgericht und beantragte gestützt auf die Stellungnahme ihres Vertrauensarztes (Urk. 3), die IV-Stelle sei zu verpflichten, die Behandlungs
kosten im Zusammenhang mit der Leukämie zu übernehmen. Eventualiter sei sie zu verpflichten, weitere medizinische Abklärungen vorzunehmen (Urk. 1).
Mit Beschwerdeantwort vom 16. Mai 2018 schloss die IV-Stelle auf Abweisung der
Beschwerde (Urk. 6) und legte eine Stellungnahme des RAD auf (Urk. 7). Darauf
hin wurde mit Verfügung vom 2
2.
Mai 2018 ein zweiter Schriftenwechsel ange
ordnet und die Beschwerdeführerin dazu aufgefordert, dem Gericht darzulegen, ob sie an der Beschwerde festhalte (Urk. 9). Mit Eingabe vom 18. Juni 2018 nahm die Beschwerdeführerin Stellung und erklärte, an der Beschwerde festzuhalten (Urk. 10). In der Folge wurde
X._
mit Verfügung vom
6.
Juli 2018 zum Prozess beigeladen (Urk. 11). Sie liess sich innert angesetzter Frist nicht verneh
men.
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Versicherte haben bis zum vollendeten 20. Altersjahr Anspruch auf die zur Behandlung von Geburtsgebrechen (
Art.
3
Abs.
2
des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts,
ATSG) notwendigen medizini
schen Massnahmen (
Art.
13
Abs.
1
des Bundesgesetzes über die Invalidenversi
cherung,
IVG). Der Bundesrat bezeichnet die Gebrechen, für welche diese Mass
nahmen gewährt werden. Er kann die Leistung ausschliessen, wenn das Gebre
chen von geringfügiger Bedeutung ist (
Art.
13 Abs. 2 IVG).
Als Geburtsgebrechen gelten diejenigen Krankheiten, die bei vollendeter Geburt bestehen (
Art.
3
Abs.
2 ATSG in Verbindung mit
Art.
1
Abs.
1 Satz 1
GgV
). Die blosse Veranlagung zu einem Leiden gilt nicht als Geburtsgebrechen. Der Zeit
punkt, in dem ein Geburtsgebrechen als solches erkannt wird, ist unerheblich (
Art.
1
Abs.
1
GgV
). Die Geburtsgebrechen sind in der Liste im Anhang aufge
führt. Das Eidgenössische Departement des Innern kann die Liste jährlich anpas
sen, sofern die Mehrausgaben einer solchen Anpassung für die Versicherung ins
gesamt drei Millionen Franken pro Jahr nicht übersteigen (
Art.
1
Abs.
2
GgV
). Als medizinische Massnahmen, die für die Behandlung eines Geburtsgebrechens notwendig sind, gelten sämtliche Vorkehren, die nach bewährter Erkenntnis der medizinischen Wissenschaft angezeigt sind und den therapeutischen Erfolg in einfacher und zweckmässiger Weise anstreben (
Art.
2
Abs.
3
GgV
).
1.2
Nach der Rechtsprechung erstreckt sich der Anspruch auf medizinische Massnah
men nach
Art.
13 IVG in Verbindung mit
Art.
3
Abs.
2 ATSG ausnahmsweise auch auf die Behandlung sekundärer Gesundheitsschäden, die zwar nicht mehr zum Symptomenkreis des Geburtsgebrechens gehören, aber nach medizinischer Erfahrung häufig die Folge dieses Gebrechens sind. Zwischen dem Geburtsgebre
chen und dem sekundären Leiden muss demnach ein qualifizierter adäquater Kausalzusammenhang bestehen. Nur wenn im Einzelfall dieser qualifizierte ursächliche Zusammenhang zwischen sekundärem Gesundheitsschaden und
Geburtsgebrechen gegeben ist und sich die Behandlung überdies als notwendig erweist, hat die Invalidenversicherung im Rahmen des
Art.
13 IVG in Verbindung mit
Art.
3
Abs.
2 ATSG für die medizinischen Massnahmen aufzukommen. An die Erfüllung der Voraussetzungen des rechtserheblichen Kausalzusammenhangs sind strenge Anforderungen zu stellen, zumal der Wortlaut des
Art.
13 IVG in Verbindung mit
Art.
3
Abs.
2 ATSG den Anspruch der versicherten Minderjähri
gen auf die Behandlung des Geburtsgebrechens an sich beschränkt (BGE 100
V
41 mit Hinweisen; AHI 2001 S. 79 E. 3a und 1998 S. 249 E. 2a; Urteil des Bun
desgerichts I 220/05 vom 2. August 2005; vgl. auch BGE 129 V 207 E. 3.3 mit Hinweis). Dabei ist für die Bejahung eines solch qualifizierten adäquaten Kausal
zusammenhangs nicht ausschlaggebend, ob das sekundäre Leiden unmittelbare Folge des Geburtsgebrechens ist; auch mittelbare Folgen des angeborenen Grund
leidens können zu diesem in einem qualifiziert adäquaten Kausalzusammenhang stehen (
Pra
1991 Nr. 214 S. 906 E. 3b; Urteile des Bundesgerichts I 220/05 vom 2. August 2005 und I 108/02 vom 9. Dezember 2002).
2.
2.1
In der angefochtenen V
erfügung wurde erwogen, es gebe keine wissenschaftli
chen Belege dafür, dass das Risiko, an Leukämie zu erkranken, bei Personen mit dem Geburtsgebrechen der Trisomie 21 signifikant erhöht sei. Aus diesem Grund sei die Invalidenversicherung nicht
z
ur Übernahme der Behandlungskosten ver
pflichtet (Urk. 2/1).
2.2
Demgegenüber macht
die Beschwerdeführerin geltend, die bei der Versich
erten diagnostizierte Prä-B-ALL
stehe in direktem Zusammenhang mit der Trisomie 2
1.
Kinder mit Trisomie 21 würden im Vergleich zu solchen ohne Trisomie 21
doppelt so häufig an einer ALL
erkranken.
Damit liege der erforderliche qualifi
ziert
e
adäquate Kausalzusammenhang zwischen den
beiden Krankheiten vor (Urk. 1)
.
3.
3.1
Der Vertrauensarzt der Beschwerdeführerin, Dr. med.
Y._
, Fach
arzt FMH für Rechtsmedizin, führte in seiner Stellungnahme vom 26. März 2018 aus,
in den Leitlinien der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizini
schen Fachgesellschaften (AWM
F) zum Down-Syndrom werde festgehalten, dass das Risiko
,
an einer Leukämie zu erkranken
,
bei
Trisomiepatienten
14- bis 20fach erhöht sei. Akute
lymphoblastische
Leukämien würden bei Kindern mit Down-Syndrom doppelt so häufig auftreten wie bei Kindern ohne Trisomie 2
1.
Da akute
lymphoblastische
Leukämien bei allen Betroffenen durch eine beschränkte Anzahl von Genmutationen ausgelöst würden, seien diese Mutationen naturge
mäss
nicht
spezifisch für die Trisomie 2
1.
Es gebe kein spezifisches, eine Leukä
mie auslösendes Gen beim Down-Syndrom und keine eigenständige «Trisomie-Leukämie».
Zwischen der Trisomie 21 und dem Auftreten
der Leukämie
bestehe
jedoch
eine signifikante Korrelation, die sich durch das überzählige Chromosom 21 begründen lasse (Urk. 3 S.
3
-5).
Am 30. März 2018
äusserte sich
Dr.
med.
Z._
, Facharzt FMH für medizinische Genetik,
dahingehend, dass Trisomie 21 mit einem signifikant erhöhten Risiko für spezielle Formen von Leukämie einhergehe. Bei der Entwick
lung einer Leukämie handle es sich um einen genetischen Multi-Hit-Prozess, wobei der erste Risikofaktor eindeutig die Trisomie 21 sei. Es brauche jedoch wei
tere somatische Mutationen, weshalb man die Trisomie 21 wahrscheinlich nicht als alleinigen, aber doch bedeutsamen Faktor einstufen könne (Urk. 3 S. 2).
3.2
Im Bericht der RAD-Ärzte Prof.
Dr.
med.
A._
, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin und
Dr.
med.
B._
, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin, Neuropädiatrie sowie Pädiatrische Hämatologie und Onkologie, vom 1
4.
Mai 2018 wurde ausgeführt, akute lymphatische Leukämien würden nach definierten Merkmalen voneinander getrennt.
Die B-ALL
entstehe aus ver
schiedenen Zellen der Blutbildung im Knochenmark. Die sogenannten Prä-B-Zel
len
könnten durch mehrere Laborparameter klar von den B-Zellen unterschieden werden. Deshalb handle es sich bei der Prä-B-ALL
um eine ande
re Erkrankung als bei der B-ALL
.
Die Versicherte leide unter einer Prä-B-ALL
.
Die
zytogeneti
schen
Merkmale seien im Labor bestimmt worden, um die Aktivität der Erkran
kung zu charakterisieren und die medikamentöse Behandlung anzupassen. Spe
zifische Befunde, die auf einen kausalen Zusammenhang zwischen der Prä-B-ALL sowie der Trisomie 21 hinweisen würden, seien nicht angegeben worden. Studien hätten gezeigt, dass
nur die Form der
cALL
mit dem konstitutionellen Faktor Trisomie 21 assoziiert sei (Urk. 7).
4.
Vorliegend kann
offen bleiben
,
welcher medizinischen Einschätzung zu folgen
ist
. Die Versicherte leidet unbestrittenermassen am Geburtsgebrechen Ziffer 48
9.
Am
8.
Mai 2017 wurde bei ihr erstmals eine akute Prä-B-ALL diagnostiziert (Urk. 8/133 S. 11)
. Wie bereits ausgeführt (vgl. E. 1.2), erstreckt sich der Anspruch der Versicherten auf medizinische Massnahmen nach
Art.
13 IVG in Verbindung mit
Art.
3
Abs.
2 ATSG nur dann auf die Behandlung sekundärer Gesundheits
schäden, wenn diese nach medizinischer Erfahrung häufig die Folge des Gebre
chens sind. Zwischen
dem Geburtsgebrechen und dem sekundären Leiden muss ein qualifizierter adäquater Kausalzusammenhang bestehen.
Gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung hängt die
Bejahung eines qualifi
zierten adäquaten Kausalzusammenhangs nicht allein von der Häufigkeit des sekundären Leidens ab.
Entscheidend ist vielmehr das Hinzutreten eines qualita
tiven Elementes
(Urteil des Eidgenössischen Versicherungsgerichts
I 801/2004
vom
6.
Juli 2005,
E. 2.3).
So wurde e
in
qualifizierte
r
adäquate
r
Kausalzusammen
hang
beispielswiese
bejaht zwischen
dem
Prader
-Willi-Syndrom (Ziffer 462
GgV
-Anhang) und morbider Adi
positas,
weil diese eine fast zwangsläufige Konsequenz des
Prader
-Willi-Syndroms sei
(AHI 2001 S. 79 E
. 3b)
. Auch
z
wi
-
schen
einer angeborenen
Leukopenie
(Ziffer 322
Gg
V
-Anhang) und einer Gingivitis
besteht gemäss höchstrichterlicher Rechtsprechung
ein qualifizierter adäquater Kausal
zusammenhang,
da Infektionen der Schleimhäute unmittelbare Folgen der
Leu
kopenie
darstellten und mittelbar zu Zahnfleischentzündungen führten, welche wiederum Parodontose verursachen könnten, sodass aufgrund dieser Verkettung das Risiko von weiteren Folgen des Grundleidens derart immanent zu diesem selbst sei, dass der natürliche Kausalzusammenhang besonders eng und die
Adä
quanz augenfällig erscheine
(
Pra
1991 Nr. 214 S. 906 E. 4a). Verneint wurde das Vorliegen eines qualifizierten adäquaten Zusammen
-
hangs hingegen
zwischen einer angeborenen schweren zerebralen Lähmung, aufgrund welcher eine ausrei
chende Zahnhygiene nicht möglich ist, und dem Auftreten von Karies, da es sich bei der Entstehung von Karies um einen ganzen Ursachenkomplex handle und eine schwierige Pflegesituation dies wohl
begüns
-
tige
, aber nicht eine zwangsläu
fige Konsequenz des Gebrechens sei (Urteil des Eidgenössischen Versicherungs
gerichts
I 801/04 vom
6.
Juli 2005, E
. 2.1 und 2.3)
.
Wie die Beschwerdeführerin
ausführt
,
handelt sich bei der Entwicklung einer Leu
kämie um einen genetischen Multi-Hit-Prozess, für den es mehrere somatische Mutationen braucht (Urk. 3 S. 2).
Diese Genmutationen
sind
nicht spezifisch fü
r die Trisomie 21
– eine eigenständige «Trisomie-Leukämie» existiert
gemäss Aus
sagen von Dr.
Y._
gerade
nicht
(Urk. 1 S. 6).
Mit anderen Worten han
delt es sich bei der Entstehung einer
akuten
lymphoblastischen
Leukämie
um einen
ganzen Ursachenkomplex.
Zwar ist es möglich, dass die Trisomie 21 auf dessen Entstehung einen Einfluss haben kann.
Sie stellt
jedoch
nicht den
alleini
gen
, sondern
höchstens
einen von unzähligen Faktoren dar
.
Als
fast
zwangsläu
fige Konsequenz der Trisomie 21 erscheint das Auftreten einer
Leukämie
damit jedoch
nicht.
Daher
mangelt es am qualitativen Element, welches für die Beja
hung des qualifizierten adäquaten Zusammenhangs erforderlich wäre. Zu diesem Schluss gelangte im Übrigen auch
Dr.
Y._
, teilte er
der Beschwerde
führerin
doch bereits
im Dezember 2017 mit, selbst unter Annahme eines gewis
sen natürlichen Zusammenhanges liege wohl kaum ein qualifizierter adäquater Zusammenhang zwischen der Trisomi
e 21 und der ALL vor (Urk. 3 S.
7).
In
seiner Stellungnahme vom 2
6.
März 2018
konnte er
erneut
kein qualifizierendes Merk
mal benennen
und
verwies
an
einen Kollegen für genetische Fragen (Urk. 3 S. 5).
Nach dem Gesagten liegt kein qualifizierter adäquater Kausalzusammenhang zwi
schen dem
Geburtsgebrechen
Ziffer 489 und der Prä-B-ALL vor. Damit verneinte die IV-Stelle ihre Leistungspflicht zu Recht. Die angefochtene Verfügung ist nicht zu beanstanden, weshalb die Beschwerde abzuweisen ist.
5.
Die Kosten des Verfahrens sind auf
Fr. 8
00
.-- festzulegen und ausgangsgemäss der Beschwerdeführerin aufzuerlegen.