Decision ID: 049acfc3-7568-5055-ae41-897ccabffc29
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer – ein türkischer Staatsangehöriger kurdischer Eth-
nie – verliess sein Heimatland eigenen Angaben zufolge am (...) 2016 le-
gal per Flugzeug und gelangte am 7. Januar 2017 mit dem Zug via Frank-
reich in die Schweiz, wo er am darauffolgenden Tag im Empfangs- und
Verfahrenszentrum (EVZ) (...) um Asyl nachsuchte.
B.
B.a Am 12. Januar 2017 wurde der Beschwerdeführer zu seiner Person,
seinem Reiseweg und summarisch zu den Gründen für das Verlassen sei-
nes Heimatlandes befragt (Befragung zur Person [BzP]). Am 21. Septem-
ber 2018 fand die vertiefte Bundesanhörung zu den Asylgründen statt.
B.b Anlässlich dieser Befragungen gab der Beschwerdeführer zu seinem
persönlichen Hintergrund an, am (...) in B._ (Provinz C._)
geboren und grösstenteils in D._ aufgewachsen zu sein. Durch ein
Erdbeben im Jahr (...) in E._ seien sein Vater und sein Bruder ums
Leben gekommen, seine Mutter sei seither (...) und er selbst habe (...).
Nach diesem tragischen Ereignis habe er das Gymnasium abgeschlossen.
Obwohl er (...) die Aufnahmeprüfung für die Universität bestanden habe,
habe er aus finanziellen Gründen anschliessend nicht studieren können.
Er habe stattdessen gearbeitet, um seine Familie zu versorgen. Zuletzt sei
er bei (...) als (...) angestellt gewesen. Er sei seit (...) mit F._ ver-
heiratet und habe mit ihr zwei Söhne (G._ und H._). Bis zu
seiner Ausreise hätten sie im Stadtteil I._ in D._ gelebt.
Zur Begründung seines Asylgesuchs führte er aus, er sei Mitglied der
Halklarin Demokratik Partisi (Kurzbezeichnung: HDP; türkisch für Demo-
kratische Partei der Völker) und habe sich für die Partei engagiert, weil er
als Kurde selber unterdrückt und benachteiligt worden sei. Am (...) 2016
habe er an einem Pressecommuniqué beziehungsweise an einer Kundge-
bung der HDP in I._ teilgenommen, wobei er einen kurdischen
Schal getragen habe. Er sei deswegen von drei jungen Polizisten in Zivil
angehalten, beschimpft und geschlagen worden. Als er im Spital, wo seine
Wunde am Kopf habe genäht werden müssen, einen ärztlichen Bericht ver-
langt habe, um den Angriff belegen zu können, habe ihn der beigezogene
Polizist ebenfalls beleidigt und beschimpft. Auch als er sich auf einem Po-
lizeiposten nach den Dienstnummern derjenigen Polizisten, welche in an-
gegriffen hätten, habe erkundigen wollen, sei er wiederum mit den Füssen
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getreten und beschimpft worden. Daraufhin sei er beschattet worden, wes-
halb er sich schliesslich entschlossen habe, nach Frankreich zu seinem
Cousin zu flüchten. Nach (...) sei er dann – wegen der Ruhe, der Natur und
der Möglichkeit (...) zu betreiben – in die Schweiz weitergereist. Seit seiner
Ausreise aus der Türkei werde seine Mutter regelmässig von unbekannten
Personen aufgesucht, welche sich nach ihm erkundigen würden. Von ei-
nem Freund, dessen Cousin selber Polizist sei, habe er informell erfahren,
dass er weiterhin gesucht und bei seiner Rückkehr sofort verhaftet werden
würde.
B.c Im Verlauf des vorinstanzlichen Verfahrens reichte der Beschwerde-
führer diverse Beweismittel zu den Akten, darunter Unterlagen seine Aus-
bildung und Arbeit im Heimatstaat betreffend, Belege für seine sportlichen
Erfolge in der Türkei, Dokumente über seine Untauglichkeit für den türki-
schen Militärdienst sowie zahlreiche medizinische Unterlagen, ärztliche
Korrespondenzen und psychiatrische Gutachten (vgl. SEM-Akten A/2 [Be-
weismittelcouvert], A/26, A/39, A/42 [Beweismittelcouvert] sowie Eingabe
vom 11. Juni 2020).
C.
Mit Verfügung vom 25. Juni 2020 – eröffnet am 26. Juni 2020 – stellte die
Vorinstanz fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft
nicht, lehnte sein Asylgesuch vom 8. Januar 2017 ab, verfügte die Weg-
weisung aus der Schweiz und ordnete den Vollzug der Wegweisung an.
D.
D.a Mit Eingabe vom 24. Juli 2020 erhob der Beschwerdeführer – han-
delnd durch seine mandatierte Rechtsvertreterin – beim Bundesverwal-
tungsgericht Beschwerde und beantragte in materieller Hinsicht, die ange-
fochtene Verfügung des SEM sei in den Dispositivziffern 3–5 (Anordnung
der Wegweisung und des Wegweisungsvollzugs) aufzuheben, weiter sei
festzustellen, dass er einen ausländerrechtlichen Anspruch auf Erteilung
einer Aufenthaltsbewilligung habe und die Zuständigkeit bezüglich der
Wegweisung beim kantonalen Migrationsamt liege, eventualiter sei die Sa-
che zur vollständigen Feststellung des Sachverhalts und zur Neubeurtei-
lung an die Vorinstanz zurückzuweisen und subeventualiter sei ihm wegen
Unzulässigkeit beziehungsweise Unzumutbarkeit des Wegweisungsvoll-
zugs die vorläufige Aufnahme zu gewähren. In prozessualer Hinsicht sei
ihm die unentgeltliche Prozessführung zu bewilligen und auf die Erhebung
eines Kostenvorschusses sei zu verzichten sowie die Rechtsvertreterin als
amtliche Rechtsbeiständin zu bestellen.
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D.b Mit der Beschwerdeschrift wurden – nebst einer Kopie der angefoch-
tenen Verfügung sowie eine Vollmacht vom 13. Juni 2017 – die folgenden
Beweismittel ins Recht gelegt:
- eine Ausweiskopie der Verlobten des Beschwerdeführers, J._,
- ein von der Lebensgefährtin verfasster Bericht über die Entstehung ih-
rer Beziehung vom Juli 2020,
- eine an die Rechtsvertreterin adressierte E-Mail mit Bezug auf die Kon-
taktaufnahme mit dem Zivilstandesamt vom 15. Juli 2020,
- eine ebenfalls an die Rechtsvertreterin gerichtete E-Mail mit Bezug auf
den Auftrag zur Scheidung vom 14. Juli 2020,
- das Scheidungsurteil vom (...) 2020 (in Kopie und ohne Übersetzung),
- ein Auszug aus dem Scheidungsurteil der Partnerin des Beschwerde-
führers vom (...) (in Kopie),
- diverse (undatierte) Fotos (in Kopie sowie im Original),
- persönliche Schreiben und Erinnerungsstücke (im Original) sowie
- ein Auszug eines Dialogs per WhatsApp.
E.
Das Bundesverwaltungsgericht bestätigte mit Schreiben vom 27. Juli 2020
den Eingang der Beschwerde.
F.
Mit Schreiben vom 28. August 2020 liess der Beschwerdeführer eine Kopie
eines Scans der Fürsorgebestätigung (...) sowie eine Honorarnote (beide
datierend vom 18. August 2020) zu den Akten reichen.
G.
Mit Zwischenverfügung vom 20. August 2020 wies die zuständige Instruk-
tionsrichterin die Gesuche um unentgeltliche Prozessführung und amtliche
Rechtsverbeiständung ab und forderte den Beschwerdeführer auf, innert
Frist einen Kostenvorschuss in der Höhe von Fr. 750.– zu leisten.
H.
Der einverlangte Kostenvorschuss ging am 27. August 2020 fristgerecht
bei der Gerichtskasse ein.
I.
Mit Eingabe vom 10. September 2020 liess der Beschwerdeführer Aus-
züge der E-Mail-Korrespondenzen seiner Verlobten mit dem Zivilstandes-
amt K._ vom 7. September 2020 und 9. September 2020 zu den
Akten reichen. Zudem informierte er das Gericht darüber, dass seine
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Scheidung in der Türkei in der Zwischenzeit rechtskräftig geworden sei und
die entsprechenden Unterlagen unterwegs seien.
J.
Mit Schreiben vom 20. Oktober 2020 reichte die Rechtsvertreterin des Be-
schwerdeführers den Ausdruck einer E-Mail-Nachricht des Zivilstandesam-
tes K._ vom 13. Oktober 2020 an die Verlobte des Beschwerdefüh-
rers, worin die Termine für die Ehevorbereitung und die Trauung bestätigt
wurden, ein.
K.
Mit Eingabe vom 28. Oktober 2020 liess der Beschwerdeführer dem Ge-
richt eine Kopie des Schreibens des Zivilstandesamtes K._ vom
22. Oktober 2020 zukommen, worin der Abschluss des Ehevorbereitungs-
verfahrens festgehalten wurde. Weiter informierte er das Gericht darüber,
dass die Eheschliessung für den 20. November 2020 geplant sei. Unglück-
licherweise lasse das Migrationsamt des Kantons K._ es nicht zu,
dass bereits davor ein Familiennachzugsgesuch anhängig gemacht wer-
den könne.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des Asylgesetzes (AsylG) vom
26. Juni 1998 in Kraft getreten (AS 2016 3101). Für das vorliegende Ver-
fahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen
zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015).
1.2 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
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1.3 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Bereich des Asyls nach Art. 106 AsylG und des Ausländer-
rechts nach Art. 49 VwVG (vgl. Art. 112 des Ausländer- und Integrations-
gesetzes [AIG; SR 142.20] sowie BVGE 2014/26 E. 5).
3.
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde vorliegend auf die Durchführung
eines Schriftenwechsels verzichtet.
4.
Mit der Beschwerde wurde die Aufhebung der vorinstanzlichen Verfügung
bezüglich Wegweisung und deren Vollzug beantragt (Dispositivziffern 3–5
der angefochtenen Verfügung des SEM vom 25. Juni 2020). Hinsichtlich
der Nichtanerkennung der Flüchtlingseigenschaft (Dispositivziffer 1) und
der Verweigerung des Asyls (Dispositivziffer 2) ist die Verfügung mangels
Anfechtung in Rechtskraft erwachsen; diese Punkte bilden nicht Gegen-
stand des vorliegenden Verfahrens.
5.
5.1 Die Vorinstanz hat als Folge der Nichtanerkennung der Flüchtlingsei-
genschaft und der Ablehnung des Asylgesuchs die Wegweisung angeord-
net. Deren Vollzug beurteilte sie als zulässig, zumutbar sowie möglich. Zur
Begründung führte sie Folgendes aus:
5.1.1 Da der Beschwerdeführer die Flüchtlingseigenschaft nicht erfülle,
komme auch der Grundsatz der Nichtrückschiebung gemäss Art. 5
Abs. 1 AsylG nicht zur Anwendung. Aus den Akten würden sich ferner
keine Anhaltspunkte dafür ergeben, dass ihm im Falle einer Rückkehr in
die Türkei mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit eine durch Art. 3 EMRK ver-
botene Strafe oder Behandlung drohe.
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5.1.2 Weder die in der Türkei vorherrschende politische Situation noch an-
dere Gründe würden gegen die Zumutbarkeit der Rückführung sprechen.
Weiter sei nicht auf medizinische Notlage zu schliessen, da eine hinrei-
chende medizinische und psychiatrische Gesundheitsversorgung in der
Türkei gewährleistet sei und diese grundsätzlich auch westeuropäischen
Standards entspreche. Die geltend gemachten physischen und psychi-
schen Gesundheitsbeeinträchtigungen (Probleme mit [...] wie insbeson-
dere [...], [...] und [...], die [...], die [...] sowie die schwere posttraumatische
Belastungsstörung [PTBS] mit depressiven Episoden und einer latenten
Suizidalität) würden demnach einem Wegweisungsvollzug nicht entgegen-
stehen. Zudem bestehe die Möglichkeit, einen Antrag um medizinische
Rückkehrhilfe gemäss Art. 93 AsylG zu stellen, womit eine Weiterführung
von benötigten Behandlungen gewährleistet werde. Überdies seien den
Akten weder individuelle Gründe noch besondere Umstände ersichtlich,
welche auf eine Existenzbedrohung oder medizinische Notlage schliessen
und den Wegweisungsvollzug in die Türkei als unzumutbar erscheinen las-
sen würden. So verfüge der Beschwerdeführer mit seiner Frau, den ge-
meinsamen Kindern, seiner Mutter, seinen Geschwistern sowie seinen
Freunden und ehemaligen Arbeitskollegen über ein intaktes und breites
Beziehungsnetz, eine gute Ausbildung und langjährige Berufserfahrung im
Heimatstaat.
5.1.3 Schliesslich sei der Wegweisungsvollzug technisch möglich und
praktisch durchführbar.
5.2
5.2.1 Der Beschwerdeführer brachte in seiner Beschwerdeschrift bezüglich
der Anordnung der Wegweisung vor, dass er seit Mai 2018 eine neue Le-
benspartnerin habe, mit welcher er – in Kenntnis der Behörden – seit No-
vember 2018 zusammenlebe. Es handle sich dabei um eine ernsthafte und
auf Dauerhaftigkeit angelegte Beziehung mit Ausschliesslichkeitscharak-
ter. Das SEM habe er über diesen Sachverhalt bedauerlicherweise nicht
informiert, weil er deren Notwendigkeit nicht erkannt habe. Er beabsichtige
seine Partnerin, welche die Schweizerische Staatsbürgerschaft habe, zu
heiraten. Hierfür hätten sie bereits auf dem Zivilstandesamt vorgesprochen
und seien gegenwärtig dabei, die notwendigen Unterlagen für die Ehe-
schliessung zu beschaffen. Zudem sei er am (...) 2020 von seiner Ehefrau,
F._, geschieden worden. Die Eheschliessung mit J._ stehe
unmittelbar bevor und weil dieser voraussichtlich auch keine Hindernisse
entgegenstünden, ergebe sich gestützt auf Art. 42 Abs. 1 AIG i.V.m.
Art. 8 EMRK ein Anspruch auf Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung. Da
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damit die Beurteilung einer allfälligen Wegweisung an die kantonale Be-
hörde übergegangen sei, sei das SEM zur Verfügung derselben nicht zu-
ständig gewesen, weshalb die Wegweisung aufzuheben sei.
5.2.2 Im Weiteren macht der Beschwerdeführer geltend, der Wegwei-
sungsvollzug sei als unzulässig oder zumindest unzumutbar zu qualifizie-
ren. Er sei aufgrund seiner Zugehörigkeit zur kurdischen Ethnie in seinem
Heimatland bereits Schikanen und Benachteiligungen verschiedenster Art
ausgesetzt gewesen. Aufgrund dessen sei er auch statistisch einem erhöh-
ten Risiko ausgesetzt, erneut mit den Behörden in Konflikt zu geraten und
inhaftiert zu werden. Aufgrund seiner (...) benötige er ausserdem beson-
dere Hilfsmittel und teilweise Infrastrukturen, weshalb er grosse Bedenken
und Ängste vor einem befürchteten Gefängnisaufenthalt habe. Schliesslich
leide er an schwersten psychischen Beeinträchtigungen.
6.
6.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
6.2 In Art. 14 Abs. 1 AsylG wird der sogenannte Grundsatz des Vorrangs
des Asylverfahrens (gegenüber ausländerrechtlichen Verfahren) festge-
legt. Demnach kann eine asylsuchende Person ab Einreichung des Asyl-
gesuches bis zur Ausreise nach einer rechtskräftig angeordneten Wegwei-
sung, nach einem Rückzug des Asylgesuches oder bis zur Anordnung ei-
ner Ersatzmassnahme bei nicht durchführbarem Vollzug kein Verfahren um
Erteilung einer ausländerrechtlichen Aufenthaltsbewilligung einleiten, aus-
ser es bestehe ein Anspruch auf deren Erteilung. Ist dies der Fall, geht die
Zuständigkeit, die Wegweisung aus der Schweiz zu verfügen, von den
Asylbehörden auf die kantonale Ausländerbehörde über, welche über die
Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung zu befinden hat (vgl. zum Ganzen
BVGE 2013/37 E. 4.4 S. 579 f. sowie Entscheidungen und Mitteilungen der
Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 2001 Nr. 21 E. 8d
S. 175 f.).
Im Asyl- und Wegweisungsverfahren ist die Wegweisung nicht zu verfügen,
falls ein grundsätzlicher Anspruch auf Erteilung einer Aufenthaltsbewilli-
gung besteht, über den konkret zu befinden die kantonale Ausländerbe-
hörde zuständig ist. Ist die asylsuchende Person nicht im Besitze einer Auf-
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enthalts- oder Niederlassungsbewilligung, ist im Asyl- und Wegweisungs-
verfahren mit Blick auf die mögliche Zuständigkeit der kantonalen Auslän-
derbehörde vorfrageweise zu prüfen, ob die asylsuchende Person sich im
Sinne von Art. 14 Abs. 1 AsylG auf einen grundsätzlichen Anspruch auf Er-
teilung einer Aufenthaltsbewilligung berufen kann. Soweit nicht das Gesetz
oder Freizügigkeitsabkommen einen Anspruch auf Erteilung einer Aufent-
haltsbewilligung vermitteln, fällt als Anspruchsgrundlage Art. 8 EMRK in
Betracht, wobei diesbezüglich die bundesgerichtliche Rechtsprechung
massgeblich ist. Diese besagt, dass in den Schutzbereich von Art. 8 EMRK
auch nicht rechtlich begründete familiäre Verhältnisse fallen, sofern eine
genügend nahe, echte und tatsächlich gelebte Beziehung besteht. Aus ei-
nem Konkubinat ergibt sich ein Bewilligungsanspruch dann, wenn die Be-
ziehung der Konkubinatspartner bezüglich Art und Stabilität in ihrer Sub-
stanz einer Ehe gleichkommt. Dabei ist wesentlich, ob die Partner in einem
gemeinsamen Haushalt leben; zudem ist der Natur und Länge ihrer Bezie-
hung sowie ihrem Interesse und ihrer Bindung aneinander Rechnung zu
tragen (vgl. BGE 135 I 143 E. 1.3.1 S. 145 f. und E. 3.1 S. 148; zuletzt Ur-
teil des Bundesgerichts 2C_880/2017 vom 3. Mai 2018 E. 3.1; vgl. auch
BVGE 2013/49 E. 8.4.1). Hinsichtlich der erforderlichen Länge des Konku-
binats hat das Bundesgericht im Rahmen des zitierten Urteils vom
3. Mai 2018 in Auseinandersetzung mit der einschlägigen Praxis des
EGMR und der eigenen Rechtsprechung entschieden, dass ein Zusam-
menleben in einem gemeinsamen Haushalt über eine Dauer von dreiein-
halb Jahren ohne zusätzliche Elemente nicht genügt, um sich auf einen
Bewilligungsanspruch nach Art. 8 EMRK oder Art. 13 BV berufen zu kön-
nen. Im betreffenden Fall kam die eine Partei des Konkubinats seit rund
drei Jahren für den Lebensunterhalt der anderen auf. Zudem hatten sich
die beiden Parteien um eine Heirat bemüht, was indessen bis zum Zeit-
punkt des Urteils daran scheiterte, dass sie die erforderlichen, amtlich be-
stätigten Unterlagen nicht rechtzeitig einreichen konnten. Beides – finanzi-
elle Unterstützung und erfolglose Bemühungen um Eheschliessung ‒ qua-
lifizierte das Bundesgericht nicht als ausreichende zusätzliche Elemente
im Sinne der erwähnten Rechtsprechung (ebd., E. 3.2 und 4.1).
Ergibt die vorfrageweise Prüfung, dass sich die asylsuchende Person auf
einen grundsätzlichen Anspruch auf Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung
berufen kann, ist sie im Asyl- und Wegweisungsverfahren darauf hinzuwei-
sen, dass sie ein entsprechendes Bewilligungsgesuch bei der zuständigen
kantonalen Ausländerbehörde einzureichen hat. Ist bei der kantonalen
Ausländerbehörde bereits ein Verfahren um Erteilung einer Aufenthaltsbe-
willigung hängig, so hat das SEM – weist es das Asylgesuch ab oder tritt
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es auf dieses nicht ein – die Wegweisung nicht zu verfügen. Das Bundes-
verwaltungsgericht hebt in diesem Fall eine vom SEM verfügte Wegwei-
sung auf (vgl. EMARK 2001 Nr. 21 E. 9a S. 177).
6.3
6.3.1 Der Beschwerdeführer verfügt vorliegend über keine ausländerrecht-
liche Aufenthaltsbewilligung in der Schweiz. Sodann ergeben sich aus den
Akten keine Hinweise dafür, dass er bei der zuständigen kantonalen Aus-
länderbehörde bereits ein Gesuch um Erteilung einer solchen gestellt
hätte. In seiner Eingabe vom 28. Oktober 2020 hielt der Beschwerdeführer
hierzu ausdrücklich fest, das Migrationsamt des Kantons K._ lasse
es nicht zu, bereits vor der Trauung ein Familiennachzugsgesuch anhängig
machen zu können. Nachdem das Ehevorbereitungsverfahren gemäss
Schreiben des Zivilstandesamtes K._ vom 22. Oktober 2020 in der
Zwischenzeit beendet wurde, stünde es dem Beschwerdeführer jedoch frei
dies nach der Trauung, welche voraussichtlich bereits am 20. Novem-
ber 2020 standfinden wird, nachzuholen.
6.3.2 Aus den vorliegenden Akten ergibt sich, dass die wesentlichen Fak-
toren für eine tatsächlich gelebte Beziehung – nämlich das gemeinsame
Wohnen beziehungsweise der gemeinsame Haushalt, die finanzielle Ver-
flochtenheit, die Länge und Stabilität der Beziehung sowie das Interesse
und die Bindung der Partner aneinander – vorliegend nicht erfüllt sind.
So ist – entgegen der in der Beschwerdeschrift vertretenen Auffassung –
festzuhalten, dass der Beschwerdeführer gemäss der eingereichten
schriftlichen Auskunft seiner Konkubinatspartnerin (spätestens) seit an-
fangs 2020 in einer eigenen Wohnung alleine in L._ lebt und er im
Übrigen gemäss Adresseinträge im Zentralen Migrationsinformationssys-
tem (ZEMIS) bisher auch nie (offiziell) mit seiner Verlobten in einem ge-
meinsamen Haushalt zusammenlebte. Die mit der Beschwerde eingereich-
ten (undatierten) Fotografien des Paares, die persönlichen Schreiben und
Erinnerungsstücke sowie der Auszug einer WhatsApp-Unterhaltung zwi-
schen dem Beschwerdeführer und seiner Verlobten könnten zwar als Indi-
zien für eine bezüglich Art und Stabilität in der Substanz der Ehe gleich-
kommenden Beziehung gewertet werden. Indessen wurde zwischen dem
Beschwerdeführer und seiner Partnerin weder eine finanzielle Verflochten-
heit noch die Übernahme wechselseitiger Verantwortung dargelegt. Weiter
erfüllt die partnerschaftliche Beziehung – selbst wenn auf die Sachver-
haltsdarstellungen des Beschwerdeführers in der Rechtsmittelschrift sowie
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Seite 11
dem Bericht seiner Verlobten über die Entstehung ihrer Beziehung abge-
stellt und davon ausgegangen werden würde, das Konkubinat bestehe seit
Mai 2018 – die gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung erforderliche
zeitliche Dauer nicht, um sich auf einen Bewilligungsanspruch nach
Art. 8 EMRK oder Art. 13 BV berufen zu können (vgl. hierzu insbesondere
Urteil des Bundesgerichts 2C_880/2017 vom 3. Mai 2018 E. 3.2 f. m.w.H.).
Zum aktuellen Zeitpunkt kann der Beschwerdeführer folglich keine Ansprü-
che aus der geltend gemachten Beziehung ableiten.
6.4 Zusammenfassend ist es dem Beschwerdeführer in casu nicht gelun-
gen, die Voraussetzung einer hinreichend engen, tatsächlich gelebten und
intakten Beziehung im Sinne der konventionsrechtlichen Norm zu belegen
oder glaubhaft zu machen, weshalb er sich nicht auf Art. 13 BV oder
Art. 8 EMRK berufen kann. Mangels einer solchen Anspruchsgrundlage ist
die Zuständigkeit, über die Wegweisung aus der Schweiz zu befinden,
nicht auf die kantonalen Ausländerbehörden übergangen. Die Wegweisung
wurde demnach – mangels bestehender Aufenthaltsbewilligung oder mut-
masslichen beziehungsweise klar erkennbaren Anspruchs auf eine sol-
che – vom SEM zu Recht angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50
E. 9, je m.w.H.). An dieser Einschätzung vermögen weder die weiteren
Ausführungen in der Beschwerdeschrift noch die eingereichten Beweismit-
tel etwas zu ändern.
Die Vorbringen des Beschwerdeführers sind schliesslich auch nicht geeig-
net, die nachträglich Fehlerhaftigkeit der angefochtenen Verfügung zu be-
wirken. Eine Rückweisung der Sache an die Vorinstanz erübrigt sich, womit
der entsprechende Eventualantrag abzuweisen ist.
7.
7.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG).
Bezüglich der Geltendmachung von Wegweisungsvollzugshindernissen
gilt gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweis-
standard wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie
sind zu beweisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls we-
nigstens glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
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Seite 12
7.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83
Abs. 3 AIG).
So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun-
gen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund
nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Aus-
reise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG;
vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die
Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember
1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-
gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu
Art. 3 EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedri-
gender Strafe oder Behandlung unterworfen werden.
7.2.1 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend da-
rauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur
Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem
Beschwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr-
dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG
verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren
keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers in den
Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
7.2.2 Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerde-
führers noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer
Ausschaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit
einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behand-
lung ausgesetzt wäre. Gemäss der Praxis des Europäischen Gerichtshofes
für Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses
müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr ("real risk") nachwei-
sen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter
oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR
Saadi gegen Italien vom 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06,
§§ 124–127 m.w.H.).
Eine zwangsweise Rückweisung von Personen mit gesundheitlichen Prob-
lemen kann nur ganz ausnahmsweise einen Verstoss gegen Art. 3 EMRK
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Seite 13
darstellen. Eine vom EGMR definierte Konstellation betrifft Schwerkranke,
die durch die Abschiebung – mangels angemessener medizinischer Be-
handlung im Zielstaat – mit einem realen Risiko konfrontiert würden, einer
ernsten, raschen und unwiederbringlichen Verschlechterung ihres Gesund-
heitszustands ausgesetzt zu werden, die zu intensivem Leiden oder einer
erheblichen Verkürzung der Lebenserwartung führen würde (vgl. Urteil des
EGMR Paposhvili gegen Belgien vom 13. Dezember 2016, Grosse Kam-
mer 41738/10, §§ 180–193 m.w.H.). Derart gravierende gesundheitlichen
Beschwerden sind beim Beschwerdeführer nicht gegeben. Auch die diag-
nostizierte Suizidalität spricht nicht gegen den Vollzug der Wegweisung, da
eine allfällige Selbstmordgefahr gemäss der bundesgerichtlichen Recht-
sprechung kein Vollzugshindernis darstellt (vgl. Urteil des Bundesgerichts
2C_856/2015 vom 10. Oktober 2015, E. 3.2.1), wobei dies auch der Praxis
des Bundesverwaltungsgerichts entspricht (vgl. anstelle vieler Urteil des
BVGer F 693/2018 vom 9. Februar 2018). Darüber hinaus kann einer all-
fällig wieder akzentuierten Gefahr, dass sich der Beschwerdeführer bei ei-
ner Aufenthaltsbeendigung seinem Leben ein Ende setzen könnte, bei ei-
nem zwangsweisen Wegweisungsvollzug mit geeigneten Massnahmen
der Vollzugsbehörden, beispielsweise durch das Treffen adäquater medi-
zinischer Massnahmen, hinreichend Rechnung getragen werden.
Ebenso lässt die allgemeine Menschenrechtssituation im Heimatstaat den
Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt nicht als unzulässig erschei-
nen.
7.2.3 Der Vollzug der Wegweisung des Beschwerdeführers erweist sich
damit – sowohl im Sinne der asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestim-
mungen – als zulässig.
7.3 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
7.3.1 In der Türkei herrscht keine landesweite Situation allgemeiner Ge-
walt. Trotz Berücksichtigung des Wiederaufflammens des türkisch-kurdi-
schen Konfliktes sowie der bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen
der PKK und staatlichen Sicherheitskräften seit Juli 2015 in verschiedenen
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Provinzen im Südosten des Landes und den Entwicklungen nach dem Mi-
litärputschversuch vom 15./16. Juli 2016, ist gemäss konstanter Praxis
nicht von einer Situation allgemeiner Gewalt oder bürgerkriegsähnlichen
Verhältnissen auszugehen (vgl. Referenzurteil des BVGer E-1948/2018
vom 12. Juni 2018). Ausgenommen sind die Provinzen Hakkari und Sirnak,
in welche das Bundesverwaltungsgericht aufgrund einer anhaltenden Situ-
ation von allgemeiner Gewalt den Wegweisungsvollzug als unzumutbar er-
achtet (vgl. BVGE 2013/2 E. 9.6). Der Beschwerdeführer wurde zwar in der
Provinz C._ geboren, lebte aber hauptsächlich in D._ und
hatte dort auch seinen letzten Wohnsitz, mithin nicht in einer der soeben
genannten Provinzen im Südosten der Türkei, sondern im Nordwesten.
7.3.2 Aufgrund der Aktenlage sind keine Anhaltspunkte dafür ersichtlich,
dass der Beschwerdeführer bei einer Rückkehr aus individuellen Gründen
in eine existenzbedrohende Situation geraten würde. Er verfügt eigenen
Angaben zufolge über eine fundierte Schuldbildung und mehrjährige Ar-
beitserfahrung in verschiedenen Bereichen (vgl. SEM-Akten A/9, Zif-
fern 1.17.04 und 1.17.05 sowie A/40, F 11). Weiter machte er anlässlich
der Anhörung geltend, nach wie vor über gute berufliche Kontakte zu ver-
fügen, mittels welcher er sofort wieder eine Anstellung bekäme (vgl. SEM-
Akte A/40, Ziffer 52). In D._ und E._ leben seine engsten
Familienangehörigen (seine [Ex-] Frau mit den beiden Söhnen, seine Mut-
ter, sein Bruder und seine Schwester), zu denen er auch nach seiner Aus-
reise aus der Türkei weiterhin Kontakt pflegte (vgl. SEM-Akte A/40, F 7).
Es ist mithin von einem intakten und tragfähigen familiären Beziehungsnetz
vor Ort auszugehen, auf dessen Hilfe er bei einer Reintegration – sofern
notwendig – zurückgreifen kann.
Sein Gesundheitszustand spricht ebenfalls nicht gegen einen Wegwei-
sungsvollzug. Was die geltend gemachte gesundheitliche Situation im Zu-
sammenhang mit (...) anbelangt, bringt diese zwar zweifellos erschwerte
Lebensumstände mit sich. Wie in der vorinstanzlichen Verfügung richter-
weise festgestellt wurde, benötigte der Beschwerdeführer jedoch bereits in
jungen Jahren (...) und wurde deswegen schon vor seiner Ausreise im Hei-
matland behandelt. Dem Beschwerdeführer war es denn auch möglich,
eine erfolgreiche Laufbahn als (...) einzuschlagen. Hinsichtlich den vorge-
brachten psychischen Beeinträchtigungen ist den im vorinstanzlichen Ver-
fahren eingereichten ärztlichen Berichten zu entnehmen, dass der Be-
schwerdeführer an einer schweren PTBS mir rezidivierenden depressiven
Episoden mit Adynamie, Anhedonie und latenter Suizidalität leidet. Ge-
mäss dem aktuellsten Arztbericht von M._, (...), vom 8. Juni 2020
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bestünde bei der Ausschaffung des Beschwerdeführers deshalb die Gefahr
einer erneuten Dekompensation und einer akuten Selbstgefährdung, in-
folge derer er dann eine stationäre psychiatrische Krisenbehandlung benö-
tige. Hierzu ist festzustellen, dass die Behandlung psychischer Probleme,
wie sie in den vorliegenden ärztlichen Berichten aufgeführt werden, in der
Türkei sowohl stationär als auch ambulant möglich ist. Es existieren lan-
desweit psychiatrische Einrichtungen und es stehen moderne Psychophar-
maka zur Verfügung. Trotz den neuesten politischen Entwicklungen ist na-
mentlich in türkischen Gross- und Provinzhauptstädten der Zugang zu Ge-
sundheitsdiensten, Beratungsstellen und Behandlungseinrichtungen für
psychische Leiden gewährleistet (vgl. hierzu etwa Urteile BVGer D-
3305/2015 vom 4. Januar 2016 und E-3040/2017 vom 28. Juli 2017). Es
ist mithin davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer, sollte er weiter-
gehende psychiatrische Hilfe in Anspruch nehmen müssen, auch in der
Türkei eine adäquate Behandlung erhalten wird. Schliesslich ist darauf hin-
zuweisen, dass der Beschwerdeführer im Rahmen der medizinischen
Rückkehrhilfe sowohl somatisch als auch psychisch mit geeigneten Medi-
kamenten und Massnahmen unterstützt werden kann, mithin wäre eine all-
fällige Suizidalität beim Wegweisungsvollzug im Rahmen der Vollzugsmo-
dalitäten Rechnung zu tragen (vgl. statt vieler etwa Urteil des
BVGer E-2118/2018 vom 10. Juni 2020 E. 9.4.2.2).
7.3.3 Nach dem Gesagten ist festzuhalten, dass weder die allgemeine
Lage in der Türkei noch individuelle Gründe auf eine konkrete Gefährdung
des Beschwerdeführers in seinem Heimatstaat schliessen lassen. Der Voll-
zug der Wegweisung erweist sich somit als zumutbar.
7.4 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und BVGE 2008/34
E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu bezeich-
nen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
7.5 Hinsichtlich der allfälligen, aufgrund der Corona-Pandemie derzeit ge-
gebenen Unmöglichkeit des Vollzugs ist Folgendes festzuhalten: Gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts, ist die Unmöglichkeit des Vollzugs
dann festzustellen, wenn sich sowohl eine freiwillige Ausreise als auch ein
zwangsweiser Vollzug klarerweise und aller Wahrscheinlichkeit nach für
die Dauer von mindestens einem Jahr als undurchführbar erweisen
(vgl. Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurs-
kommission [EMARK] 1995 Nr. 14 E. 8d und e; Urteil des
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BVGer E-7575/2016 vom 28. Juli 2017 E. 6.2). Dies ist in Anbetracht der
derzeitigen Entwicklung der Pandemie nicht anzunehmen. Der aktuellen
Situation kann indessen im Rahmen der Ansetzung der Ausreisefrist Rech-
nung getragen werden.
7.6 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
8.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und auch sonst nicht zu beanstanden ist
(Art. 106 AsylG und Art. 49 VwVG). Es erübrigt sich auf den weiteren Inhalt
der Beschwerde sowie die eingereichten Beweismittel noch näher einzu-
gehen. Die Beschwerde ist abzuweisen.
9.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem Beschwerde-
führer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.–
festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die
Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE,
SR 173.320.2] i.V.m. Art. 16 Abs. 1 Bst. a VGG). Zur Begleichung der Ver-
fahrenskosten ist der am 27. August 2020 in selber Höhe geleistete Kos-
tenvorschuss zu verwenden.
(Dispositiv nächste Seite)
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