Decision ID: cb75dacb-fedc-43fe-b473-419b741531a0
Year: 2009
Language: de
Court: SG_VGN
Chamber: SG_VGN_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

hat das Verwaltungsgericht festgestellt:
A./ Tanja Z., geb. 4. Januar 2001, trat auf das Schuljahr 2005/2006 in den Kindergarten
der Primarschule ein. Im ersten Kindergartenjahr wurde ihr eine Lektion
Förderunterricht pro Woche in einer Kleingruppe erteilt. Im Juni/Juli 2006 wurde eine
schulpsychologische Abklärung ins Auge gefasst und der Förderunterricht verlängert.
Am 15. März 2007 beantragte der schulpsychologische Dienst des Kantons St. Gallen,
dem Schulrat im Einverständnis mit den Erziehungsbeteiligten ein drittes
Kindergartenjahr, die Anmeldung zur logopädischen Abklärung und die integrative
Förderung im Kindergarten. Der Schulrat beschloss an seiner Sitzung vom 25. April
2007 den Besuch eines dritten Kindergartenjahres im Schuljahr 2007/2008 sowie eine
integrative Förderung. Er hielt fest, im Februar/März 2008 finde eine
schulpsychologische Kontrolluntersuchung statt. Am 5. Juni 2007 wurde eine
Abklärung durch den logopädischen Dienst vorgenommen. Als logopädische Befunde
wurden eine "Zweitsprachenerwerbsverzögerung" bei auffälliger auditiver
Wahrnehmung und Entwicklungsrückstand festgestellt. Als logopädische Massnahmen
wurden eine Kontrolle im Dezember 2007, eine Beratung der Mutter sowie ein drittes
Kindergartenjahr vorgesehen. Am 5./6. Juli 2007 beschloss die Schulleitung die
Verlängerung des Deutschunterrichts bis Ende des Schuljahres 2007/2008 und eine
integrative Förderung bis Ende Januar 2008. Am 17. April 2008 erstattete der
schulpsychologische Dienst einen weiteren Bericht. Aufgrund der Untersuchung wurde
eine Sonderschulung in einer heilpädagogischen Schule beantragt. Dieser Antrag
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
wurde den Eltern unterbreitet und diesen das rechtliche Gehör gewährt. Die Eltern
stellten sich gegen eine Sonderschulung in einer heilpädagogischen Schule.
Der Schulrat beschloss an seiner Sitzung vom 10. Juni 2008, Tanja Z. per 11. August
2008 der Heilpädagogischen Schule .. .. zuzuweisen.
B./ Gegen die Verfügung des Schulrates erhob der Vater von Tanja Z. mit Eingabe vom
18. Juni 2008 Rekurs beim Erziehungsrat. Zur Begründung wurde im wesentlichen
vorgebracht, der Schulrat gehe von einer leichten Behinderung von Tanja aus. Eine
solche könnte nur durch eine ärztliche Untersuchung festgestellt werden.
Aufgrund der aufschiebenden Wirkung des Rekurses ordnete der Schulrat am 15. Juli
2008 an, bis zum Abschluss des Verfahrens werde Tanja Z. nicht der Sonderschule
zugewiesen, sondern ab Beginn des Schuljahres 2008/2009 vorübergehend in der
Einführungsklasse beschult.
Im Rahmen des Rekursverfahrens besuchte ein Vertreter des Erziehungsrates das
Elternhaus von Tanja Z. und machte zwei Schulbesuche. Seine Feststellungen fasste er
in einer umfangreichen Aktennotiz vom 23. September 2008 zusammen. Diese wurde
den Eltern von Tanja Z. zur Stellungnahme unterbreitet. Die Eltern reichten einen
Bericht der Leiterin Entwicklungspädiatrie des Ostschweizer Kinderspitals ein.
Mit Entscheid vom 19. November 2008 wies der Erziehungsrat den Rekurs ab. Er
erwog, aus dem Bericht des schulpsychologischen Dienstes gehe hervor, dass
aufgrund der intellektuellen Fähigkeiten und dem Verlauf der kognitiven Entwicklung
von einer leichten geistigen Behinderung ausgegangen werden müsse. Tanja Z.
benötige die Förderung in einer Kleingruppe, wo ihr eine intensive individuelle
Betreuung zuteil werde. Die Beschulung in der Einführungsklasse (und die
anschliessende Integration in die Regelklasse) würde ihren Bedürfnissen nicht gerecht.
Diesen komme derzeit die externe Sonderschulung an der heilpädagogischen Schule
am besten entgegen.
C./ Mit Eingabe vom 8. Dezember 2008 erhoben die Eltern von Tanja Z. Beschwerde
beim Verwaltungsgericht mit dem Antrag, Tanja sei bis zum Sommer in der
Einführungsklasse zu beschulen und es seien nötigenfalls weitere Untersuchungen zu
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
veranlassen. Zur Begründung wird im wesentlichen auf die unterschiedlichen
Beurteilungen der Ärztin des Kinderspitals und der Schulpsychologin hingewiesen. Die
Fachärztin habe keine geistige Behinderung festgestellt. Es werde nicht begründet,
weshalb das aus eigenem Antrieb eingeholte ärztliche Gutachten nicht dieselbe
Beweiskraft habe wie der Bericht des Schulpsychologischen Dienstes. Auf die
einzelnen Vorbringen in der Beschwerde wird, soweit wesentlich, in den

nachstehenden Erwägungen eingegangen.
Der Erziehungsrat und der Schulrat beantragen in ihren Vernehmlassungen vom
6. bzw. 9. Januar 2009 unter Hinweis auf die Erwägungen des angefochtenen
Entscheids die Abweisung der Beschwerde.
Darüber wird in Erwägung gezogen:
1. Die sachliche Zuständigkeit des Verwaltungsgerichts ist gegeben (Art. 59bis Abs. 1
des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, abgekürzt VRP). Die
Beschwerdeführer sind zur Ergreifung des Rechtsmittels legitimiert (Art. 64 Abs. 1 in
Verbindung mit Art. 45 Abs. 1 VRP). Die Beschwerdeeingabe vom 8. Dezember 2008
wurde rechtzeitig eingereicht und entspricht formal und inhaltlich den gesetzlichen
Anforderungen (Art. 64 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 47 Abs. 1 und Art. 48 Abs. 1 VRP).
2. Nach Art. 34 Abs. 1 lit. b des Volksschulgesetzes (sGS 213.1, abgekürzt VSG) sorgt
der Schulrat für Nachhilfeunterricht für Kinder mit Schulschwierigkeiten. Nach Art.
35bis VSG kann der Schulrat teilweise schulreife Kinder mit Zustimmung der Eltern und
nach Anhören der Lehrperson der Einführungsklasse zuweisen. Gemäss Art. 36 Abs. 1
VSG kann der Schulrat Kinder mit Schulschwierigkeiten Kleinklassen zuweisen. Nach
Art. 37 Abs. 1 VSG ordnet der Schulrat für behinderte Kinder, die nicht in Regel- oder
Kleinklassen geschult werden können, den Besuch einer Sonderschule an.
Art. 35bis und Art. 36 regeln gemäss Randtitel die Beschulung in Kleinklassen. Art. 34
regelt den Stützunterricht, während Art. 37 VSG die Sonderschulung zum Gegenstand
hat.
2.1. Im vorliegenden Fall ist streitig, ob Tanja Z. einer Sonderschule oder einer
Kleinklasse bzw. der Einführungsklasse zuzuweisen ist.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.1.1. Die Schulpsychologin hielt in ihrem Bericht vom 17. April 2008 fest, Tanja Z.
habe bei der durchgeführten Untersuchung kooperierend mitarbeiten können. Ihre
Ausdauer (rasche Ermüdung) und ihr Arbeitstempo hätten sich deutlich reduziert
gezeigt. Tanja versuche rasch abzulenken, wenn sie merke, dass sie bei Aufträgen an
Grenzen stosse. Ihre kognitiven Fähigkeiten seien deutlich reduziert und nicht
altersgemäss ausgebildet. Es sei von einer leichten geistigen Behinderung auszugehen.
Tanjas Kommunikationsverhalten wirke nun gelöster und freier. Sprachlich drücke sich
Tanja unbeholfen, undifferenziert und wenig klar aus. Bei Tanja sei von einer
altersgemässen motorischen Entwicklung auszugehen. Im letzten Jahr sei ihre
emotionale Verunsicherung im Vordergrund gestanden. Diese habe es verunmöglicht,
gesicherte Aussagen über ihre intellektuelle Entwicklung zu machen. Auch heute zeige
Tanja ein spezielles Beziehungsverhalten, und Trennungssituationen (Trennungsängste)
beschäftigten sie immer noch. Diese emotionale Instabilität könnte im Zusammenhang
mit ihren nicht altersgemässen intellektuellen Fähigkeiten zu sehen sein oder als Folge
von traumatisierenden Erlebnissen auftreten. Die Eltern könnten jedoch von keinen
schwer belastenden Ereignissen berichten. Demzufolge sei zur Zeit nicht von einer
Traumatisierung auszugehen. Tanja benötige gemäss ihren intellektuellen
Voraussetzungen eine Sonderbeschulung (heilpädagogische Schule). Der Schritt in die
Schule, im speziellen in eine auswärtige Tagesstruktur, könnte bei Tanja wieder eine
grosse Verunsicherung auslösen und ihre Trennungsängste verstärken. Vor dem
Übertritt in die Sonderschule sollte das Thema sicherheitsspendende Massnahmen mit
der Mutter (mit Dolmetscher) und dem Vater besprochen werden. Der Einstieg in der
neuen Schule sollte von Seiten der heilpädagogischen Fachleute speziell begleitet und
beachtet werden. Sollte sich die emotionale Befindlichkeit von Tanja wieder deutlich
destabilisieren, werde der Einbezug des kinder- und jugendpsychiatrischen Dienstes
(Spieltherapie) oder eine Ergotherapie als sinnvolle Unterstützung erachtet. Die
Kindergärtnerin befürworte die Einschulung in einer heilpädagogischen Schule. Die
Schulpsychologin stellte dem Schulrat einen Antrag auf Sonderbeschulung in einer
heilpädagogischen Schule.
2.1.2. Nach dem Bericht der Leiterin Entwicklungspädiatrie des Ostschweizer
Kinderspitals vom 26. August 2008 wurde Tanja vom Hausarzt zur Zweitbeurteilung
ihres Entwicklungsprofils zugewiesen. Die Ärztin hält fest, aufgrund des von der
Schulpsychologin im Frühjahr 2007 diagnostizierten beträchtlichen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Entwicklungsrückstandes sei zur besseren Differenzierung der Leistungen ein
differenziertes Prüfungsverfahren gewählt worden, welches Normwerte bis sieben
Jahre ergebe. Für ein siebenjähriges Kind liege das Gros von Tanjas Leistungen an der
alleruntersten Normgrenze. Eine Stärke mit altersgerechten Leistungen zeige sie im
systemhaften Arbeiten (z.B. Bilden formaler Analogien). Das Gros ihrer nonverbalen
Leistungen entspreche einem durchschnittlichen Sechsjährigen, wogegen sie bei
verbalen Aufgaben sowie im Kategorisieren (welches als Vorstufe der
Sprachentwicklung gelte) Leistungen einer durchschnittlich Viereinhalb- bis
Fünfjährigen zeige. Eine zusätzliche ausgeprägte Schwäche zeige sie in allen
sprachlichen Belangen, welche über das Mass einer Fremdsprachigkeit deutlich
hinausgehen würden. Sowohl in der auditiven seriellen Merkfähigkeit wie auch im
Sprachverständnis, vor allem aber auch im Wortschatz und in der Wortfindung zeige
Tanja grosse Schwierigkeiten. Die Motorik sei altersgemäss. Das Verhalten von Tanja
sei angepasst und leistungsbereit in der Zweiersituation. Die Lehrerin sehe in der
kurzen Zeit eine ordentliche Adaptation an den Schulalltag. Das ungenügende
Sprachverständnis falle ihr auch im Unterricht auf. Die Kombination von deutlichen
Sprachproblemen und zusätzlicher kognitiver Entwicklung an der alleruntersten
Normgrenze mit praktisch fehlenden Kompensationsmöglichkeiten stelle in der Schule
ein grosses Problem dar. Insofern sei der Antrag der Schulpsychologin auf eine
individualisierte Förderung in einem kleinen Rahmen (heilpädagogische Schule)
verständlich, obwohl die heutigen Leistungen eher auf dem Niveau einer Kleinklasse als
einer heilpädagogischen Schulung lägen. Die Förderung des braven Mädchens in einer
Regelklasse mit zusätzlicher schulischer Heilpädagogik und Logopädie wäre
theoretisch denkbar, bedeute jedoch einen grossen Aufwand für das pädagogische
Team mit zusätzlichen Förderstunden und individualisierten Leistungszielen. Inwiefern
dies in K. möglich sei, kann sie, die Ärztin, ungenügend abschätzen. Zu den
Herbstferien sei eine schulische Standortbestimmung mit Frage nach weiterem
Vorgehen vorgesehen.
Weiter hält die Ärztin fest, die Ätiologie von Tanjas Schwierigkeiten sei im Bereich der
familiären Variabilität zu suchen; anamnestisch sei bereits die älteste Schwester mit
beträchtlichen Schulproblemen belastet gewesen. Sowohl das Leistungsprofil mit
besten Leistungen bei logisch formalen Aufgaben und adäquater Motorik als auch die
anamnestischen Angaben einer erst späten Integration mit Alterskameraden liessen an
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
ein Profil aus dem obersten autistischen Spektrum denken, wobei die Befunde für eine
Diagnose zu wenig ausgeprägt seien. Als Prozedere wurde die Besprechung der
weiteren schulischen Förderung um die Herbstferien vorgesehen. Nach Auffassung der
Ärztin ist eine logopädische Förderung bei Tanja dringend indiziert; die optimale
Beschulung könne nur vor Ort geklärt werden, und bei Verstärkung der
Belastungssituation bzw. Wiederaufflammen der Ängste sei psychologische Evaluation
sinnvoll.
2.1.3. Gemäss dem Bericht des erziehungsrätlichen Experten vom 23. September 2008
besuchte dieser am 13. August 2008 das Elternhaus von Tanja. Er hält fest, es sei ihm
mitgeteilt worden, dass Tanja im ersten Kindergartenjahr einen leichten Unfall mit
einem Auto auf einem Fussgängerstreifen gehabt habe. Zudem sei sie kurz vorher im
Kindergarten von einer Stange auf den Betonboden gestürzt. Später habe ein Arzt
nebst einer Quetschung eine Gehirnerschütterung diagnostiziert. Zu Hause werde ein
Mix aus Serbisch und Deutsch gesprochen. Die Mutter spreche praktisch kein
Deutsch. Beim ersten Schulbesuch sei Tanja in der Deutschlektion meist unbeteiligt in
der Klasse gesessen und habe vor sich hin geträumt. Wenn sie etwas auf Aufforderung
hin sage, fielen ihr kleiner Wortschatz und ihre unvollständigen Sätze auf. Sie wirke
eher kleinkindlich. Beim Nacherzählen einer Geschichte habe er erkannt, dass Tanja
die Begriffe nicht bekannt gewesen seien, dass sie aber auch den Inhalt nicht
verstanden habe. Auch hier habe sie sich nur auf Aufforderung beteiligt. Bei einer
Zuordnungsübung sei sie überfordert gewesen. Sie habe die Aufgabenstellung nicht
begriffen und immer wieder von vorne auf der Vorlage nachschauen müssen, wie es
sein müsste. Auch beim Kopieren der richtigen Lösung mache sie Fehler. Sie habe das
Blatt in der vorgeschriebenen Zeit nicht fertigzustellen vermocht. In der
Rechnungsstunde sei es etwas besser gegangen. Sie habe zeitweise auch
aufgestreckt. Bei der anschliessenden schriftlichen Aufgabe sei ihr die beste Arbeit
gelungen. Sie habe sofort verstanden, wie das gehe. Sauber und feinmotorisch
geschickt und zeitlich in der Norm habe sie diese Aufgabe gelöst. Die Lehrpersonen
hätten ihre Beobachtungen bekanntgegeben. Tanja habe eine gute Arbeitshaltung bei
Arbeiten mit geringer kognitiver Leistungsvoraussetzung. Sie führe eine exakte Schrift
und Darstellung. Sie nehme im Plenum nicht am Unterricht teil und könne
Verständnisfragen nicht beantworten. Tanja verstehe mündliche Aufträge nicht, schaue
aber bei anderen Kindern und hole sich Hilfe. Sie besitze einen geringen Wortschatz.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Sie brauche bei Arbeitsaufträgen die Unterstützung der Lehrerin. Das Spielverhalten
von Tanja sei jenes eines ca. dreijährigen Kindes. Sie sei emotionalen Schwankungen
unterworfen. Den Schulleiter habe sie schon einmal in den Arm gebissen. Für den
Schulleiter sei sie kein Grenzfall; er habe im Kindergarten Situationen erlebt, bei denen
ihm klar geworden sei, dass es eine Frage des fehlenden Intellektes sei. Zum zweiten
Schulbesuch vom 16. September 2008 hielt der Experte fest, es sei in der
Beobachtungszeit kein Fortschritt sichtbar gewesen. Seine Feststellungen stimmten
exakt mit allen anderen Fachkräften überein. Somit könne er den Antrag der
Schulpsychologin sehr unterstützen, Tanja einer heilpädagogischen Schule
zuzuweisen.
2.1.4. Im Rahmen des Elterngesprächs vom 29. Mai 2008 wurde auf die Stellungnahme
der Förderlehrkraft verwiesen. Diese hielt fest, Tanja brauche auch in der Kleingruppe
einen hohen Betreuungsaufwand. Sie könne Aufgabenstellungen selten umsetzen. Sie
merke oft selber, wenn sie etwas nicht verstehe. In solchen Situationen lenke sie ab,
indem sie von etwas anderem erzähle. Im Moment sei Tanja sehr motiviert und komme
gerne in den Kindergarten. Tanja stagniere in ihrer Entwicklung. Andere Kinder im
zweiten Kindergartenjahr machten in der gleichen Zeit deutlichere und schnellere
Fortschritte.
2.2. Festzuhalten ist zunächst, dass die Beweiskraft des Gutachtens des Kinderspitals
nicht generell geringer ist als jene des Berichts des schulpsychologischen Dienstes. Die
Tatsache allein, dass ein ärztliches Gutachten von einer verfahrensbeteiligten Partei in
Auftrag gegeben wurde, bedeutet nicht, dass der Beweiswert des Gutachtens
eingeschränkt ist. Vorliegend kommt hinzu, dass das Gutachten des Kinderspitals nicht
direkt von den Beschwerdeführern veranlasst wurde, sondern vom Hausarzt. Im
weiteren sind keine Anhaltspunkte vorhanden, dass das Gutachten fehlerhaft ist bzw.
Mängel aufweist oder dass von einem Gefälligkeitsgutachten gesprochen werden
könnte.
2.2.1. Bei der Würdigung der Gutachten ist zu berücksichtigen, dass die
Schulpsychologin und die Ärztin zum Teil unterschiedliche Bereiche zu beurteilen
hatten. Die Ärztin prüfte im wesentlichen die allgemeine Entwicklung des Kindes,
während die Schulpsychologin die spezifisch schulische Situation berücksichtigte. Wie
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
die Vorinstanz zutreffend festhält, spricht das Gutachten des Kinderspitals nicht gegen
eine heilpädagogische Schulung. Die Ärztin stelle zwar keine Auffälligkeiten fest,
welche im medizinischen Sinn als geistige Behinderung zu qualifizieren sind. Auch
erwog sie, die Leistungen lägen eher auf dem Niveau einer Kleinklasse als auf jenem
einer heilpädagogischen Beschulung, und die Förderung des Mädchens in einer
Regelklasse mit zusätzlicher schulischer Heilpädagogik und Logopädie sei theoretisch
denkbar. Die Ärztin nahm offenbar vor allem auch deshalb eine zurückhaltende
Beurteilung vor, weil sie von den konkreten Möglichkeiten der schulischen
Heilpädagogik in Kaltbrunn keine genauen Kenntnisse hatte.
2.2.2. Fest steht, dass die Ärztin keine geistige Behinderung diagnostizierte. Dies allein
schliesst aber die Anordnung einer Sonderschulung nicht aus. Art. 37 Abs. 1 VSG sieht
zwar vor, dass für behinderte Kinder eine Sonderschulung angeordnet werden kann.
Als Behinderung im Sinn dieser Bestimmung muss aber nicht ausschliesslich eine
geistige Behinderung im medizinischen Sinn gelten. Auch eine Sprachbehinderung,
eine Lernbehinderung oder eine ausgeprägte Entwicklungsverzögerung kann als
Behinderung im Sinn von Art. 37 Abs. 1 VSG eingestuft werden.
Die Ärztin stellte fest, dass die Leistungen von Tanja an der alleruntersten Normgrenze
liegen und sie bei verbalen Aufgaben Leistungen eines viereinhalb- bis fünfjährigen
Kindes zeigt, wobei in sprachlichen Belangen eine zusätzliche Schwäche festzustellen
ist, welche über das Mass einer Fremdsprachigkeit deutlich hinausgeht. Diese
Feststellung belegt Leistungsschwächen bzw. Entwicklungsdefizite, welche über die
Intensität von Schulschwierigkeiten hinausgehen und den Grad einer
Sprachbehinderung erreichen. Besonders ins Gewicht fällt die Feststellung der Ärztin,
dass das Kind ungeachtet der fremden Muttersprache erhebliche Sprachschwächen
aufweist. Zudem konnte die Ärztin keine Kompensationsmöglichkeiten feststellen. Der
von der Ärztin festgestellte Entwicklungsrückstand im verbalen Bereich beträgt zwei bis
zweieinhalb Jahre und ist damit beträchtlich.
Die Ärztin erachtete eine angemessene Förderung von Tanja in K. als "theoretisch
denkbar". Aufgrund der fehlenden Angaben über Förderungsmöglichkeiten konnte sie
keine näheren Angaben machen. Den Antrag der Schulpsychologin auf Förderung im
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
kleinen Rahmen in einer heilpädagogischen Schule qualifizierte die Ärztin als
verständlich. Die optimale Beschulung könnte nur vor Ort geklärt werden.
2.3. Aufgrund der vorstehenden Erwägungen kommt das Verwaltungsgericht zum
Schluss, dass eine Sonderschulung nicht nur nach den Beurteilungen der
Schulpsychologin und des vorinstanzlichen Experten, sondern auch nach der
Beurteilung der Ärztin sachlich gerechtfertigt ist und nicht als unverhältnismässige
Massnahme qualifiziert werden kann.
2.4. Die Ausführungen in der Beschwerde, wonach im Falle eines Besuchs der
Sonderschule wiederum Ängste des Kindes zum Ausdruck kommen würden, sind
nachvollziehbar und verständlich. Allerdings hat der Erziehungsrat im angefochtenen
Entscheid ausdrücklich festgehalten, dass vor dem Übertritt in die Sonderschule mit
den Eltern sicherheitsspendende Massnahmen besprochen werden und dass der
Schulrat angewiesen wurde, präventiv den kinder- und jugendpsychiatrischen Dienst
zur Unterstützung von Tanja beizuziehen. Die Ausführungen in der Beschwerde,
wonach Tanja in der Sonderschule unterfordert wäre, können sich nicht auf sachliche
Grundlagen stützen. Die aktuellen Feststellungen sowohl der Ärztin als auch der
Schulpsychologin und des vorinstanzlichen Experten bestätigen vielmehr, dass Tanja
auch in der Einführungsklasse erheblich überfordert ist. Dass der erziehungsrätliche
Experte den Onkel des Kindes mit dem Vater verwechselte, ist zwar bedauerlich, aber
kein schwerwiegender Mangel und bezüglich der Beurteilung der
Sonderschulbedürftigkeit von Tanja irrelevant. Das Versehen bedeutet jedenfalls nicht,
dass die anderen Feststellungen unsorgfältig gemacht wurden. Eine gewisse
unterschiedliche Gewichtung ist im übrigen im Bericht des Kinderspitals und in jenem
der Schulpsychologin durchaus festzustellen. Entscheidend ist indes, dass auch die
Ärztin eine Sonderschulung als vertretbar erachtet.
3. Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen.
Dem Verfahrensausgang entsprechend gehen die amtlichen Kosten des
Beschwerdeverfahrens zulasten der Beschwerdeführer (Art. 95 Abs. 1 VRP). Eine
reduzierte Entscheidgebühr von Fr. 1'000.-- ist angemessen (Ziff. 382
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Gerichtskostentarif, sGS 941.12). Der geleistete Kostenvorschuss von Fr. 1'000.-- ist zu
verrechnen.
Ausseramtliche Kosten sind nicht zu entschädigen (Art. 98bis VRP).
Demnach hat das Verwaltungsgericht