Decision ID: 86596610-3e5c-5da6-bc9b-a24bdb1ef009
Year: 2009
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
G._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Rechtsanwältin lic. iur. Stephanie Bialas, Oberer Graben 44, Postfach,
9001 St. Gallen,
gegen
Sozialversicherungsanstalt des Kantons St. Gallen, Ausgleichskasse des Kantons St.
Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
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Beschwerdegegnerin,
betreffend
Ergänzungsleistung zur IV (Anpassung) / Rückerstattung
Sachverhalt:
A.
A.a G._, Jahrgang 1954, bezieht seit Jahren Ergänzungsleistungen (EL) zur
Invalidenrente. Gemäss Verfügung vom 23. Dezember 2008 belief sich die monatliche
EL ab 1. Januar 2009 auf Fr. 1'599.-. In der entsprechenden EL-Berechnung wurden
jährliche Mietausgaben von Fr. 8'400.- berücksichtigt (EL-act. 12). Das Einwohneramt
A._ meldete der AHV-Zweigstelle A._ im Januar 2009, dass seit 16. Januar 2009
der schulpflichtige Enkel der Versicherten, Jahrgang 1995, bei ihr lebe (EL-act. 10). Die
EL-Durchführungsstelle berechnete den EL-Anspruch der Versicherten daraufhin neu,
wobei sie nur noch den halben Mietzins als Ausgabe anerkannte. Mit zwei Verfügungen
vom 3. April 2009 wurden der EL-Anspruch der Versicherten mit Wirkung ab 1. April
2009 auf Fr. 1'249.- herabgesetzt und für die Monate Februar und März 2009 zu viel
bezahlte EL von Fr. 700.- zurückgefordert (EL-act. 7 und 9). Eine gegen diese
Verfügungen in Vertretung der Versicherten von Rechtsanwältin lic. iur. Stephanie
Bialas erhobene Einsprache vom 5. Mai 2009 (EL-act. 3) wies die
Sozialversicherungsanstalt des Kantons St. Gallen (SVA) mit Entscheid vom 7. Juli
2009 ab. Die Aufteilung des Mietzinses habe zu erfolgen, wenn eine Wohnung auch
von Personen bewohnt werde, die nicht in die EL-Berechnung miteinbezogen seien.
Durch die Unentgeltlichkeit des Mietverhältnisses werde die Aufteilung des Mietzinses
vorliegend nicht verunmöglicht. Aufgrund der konkreten Situation (1-Zimmer-Wohnung)
sei die hälftige Teilung des Mietzinses angemessen (act. G 1.1.1).
B.
B.a Gegen diesen Einspracheentscheid richtet sich die von der Rechtsvertreterin der
Versicherten am 8. September 2009 erhobene Beschwerde. Sie beantragt die
Aufhebung des Entscheids, unter Kosten- und Entschädigungsfolgen. Der
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Beschwerdeführerin sei die unentgeltliche Rechtspflege und Rechtsverbeiständung zu
gewähren. Sie habe ihren Enkel bei sich aufgenommen, weil dieser von seinem Vater
bei dessen Ausreise aus der Schweiz und Wohnsitznahme in Serbien hier
zurückgelassen worden sei. Die Aufenthaltsbewilligung des Vaters sei nicht verlängert
worden. Das Verbleiben des Enkels bei der Grossmutter sei im Interesse des
Kindeswohls die beste Lösung. Die Eltern des Jungen erzielten in Serbien kein
Einkommen, das es ihnen ermöglichen könnte, der Grossmutter auch nur einen
Rappen Unterhalt für den Sohn zu bezahlen. Er bekomme derzeit auch keine
Unterstützung durch das Sozialamt. Am Mietzins beteilige er sich nicht. Im Hinblick auf
die vom Ausländeramt verlangte Pflegeplatzbewilligung habe die Beschwerdeführerin
in eine bedarfsgerechte Wohnung umziehen müssen. Sie bezahle seit September 2009
einen monatlichen Bruttomietzins von Fr. 1'264.-. Auch hiervon sei ihr bei der EL-
Berechnung nur die Hälfte angerechnet worden. Sobald die Beschwerdeführerin für
den Enkel irgendeine Unterstützung durch die Eltern oder das Sozialamt erhalte, sei
eine Anrechnung von Wohnkosten für ihn angezeigt und die Beschwerdeführerin werde
eine derartige Veränderung der Umstände ihren Informationspflichten entsprechend
umgehend mitteilen (act. G 1).
B.b Die Beschwerdegegnerin beantragt mit Schreiben vom 23. September 2009 die
Abweisung der Beschwerde, verweist zur Begründung auf die Erwägungen im
Einspracheentscheid und verzichtet auf weitere Ausführungen (act. G 3).
B.c Auf Aufforderung des Gerichts liess die Beschwerdeführerin am 2. Oktober 2009
das Gesuchsformular für die unentgeltliche Prozessführung samt Beilagen einreichen
(act. G 6).

Erwägungen
1.
1.1 Die jährliche EL entspricht dem Betrag, um den die anerkannten Ausgaben die
anrechenbaren Einnahmen übersteigen (Art. 9 Abs. 1 des Bundesgesetzes über
Ergänzungsleistungen zur Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenversicherung [ELG;
SR 831.30]). Die anerkannten Ausgaben und die anrechenbaren Einnahmen, worin in
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bestimmtem Umfang auch das Vermögen einbezogen ist, werden nach den in Art. 10
und 11 ELG sowie Art. 11 bis 18 der Verordnung über Ergänzungsleistungen zur
Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenversicherung (ELV; SR 831.301) festgelegten
Bestimmungen ermittelt. Die relevanten Ausgaben und Einnahmen von Personen mit
rentenberechtigten Waisen oder mit Kindern, die einen Anspruch auf eine Kinderrente
der AHV oder IV begründen, werden zusammengerechnet (Art. 9 Abs. 2 ELG).
1.2 Zu den anerkannten Ausgaben zählen der Mietzins einer Wohnung und die damit
zusammenhängenden Nebenkosten, wobei sich der jährliche Höchstbetrag bei
Alleinstehenden auf Fr. 13'200.- beschränkt (Art. 10 Abs. 1 lit. b Ziff. 1 ELG). Wird eine
Wohnung auch von Personen bewohnt, die nicht in die EL-Berechnung eingeschlossen
sind, ist der Mietzins auf die einzelnen Personen aufzuteilen. Die Mietzinsanteile der
nicht in die Berechnung eingeschlossenen Personen werden bei der EL-Berechnung
ausser Betracht gelassen (Art. 16c Abs. 1 ELV). Die Aufteilung hat grundsätzlich zu
gleichen Teilen zu erfolgen (Art. 16c Abs. 2 ELV). Der Zweck der Mietzinsaufteilung liegt
darin, die effektiven Wohnkosten der nicht in die EL-Anspruchsberechnung
einbezogenen Personen, die unentgeltlich in derselben Wohnung leben,
auszuscheiden, damit die EL nicht auch für Mietanteile von nicht einbezogenen
Personen aufkommen müssen (vgl. die Erläuterungen des BSV zur Änderung der ELV
auf den 1. Januar 1998, in: AHI 1998 S. 27 ff.; BGE 127 V 10 Erw. 5d).
1.3 Eine Mietzinsaufteilung ist nicht in jedem Fall angezeigt, sondern nur dann
vorzunehmen, wenn ein Verzichtstatbestand gemäss Art. 11 Abs. 1 lit. g ELG erfüllt ist
(vgl. Ralph Jöhl, Ergänzungsleistungen zur AHV/IV, in: SBVR XIV, Soziale Sicherheit,
Basel 2007, S. 1704 Rz 100). Ein Einnahmenverzicht liegt vor, wenn die EL-beziehende
Person auf Teile ihres Einkommens verzichtet, ohne hierzu rechtlich verpflichtet zu sein
oder eine gleichwertige Gegenleistung zu erhalten bzw. davon – trotz bestehenden
Rechtsanspruchs – faktisch keinen Gebrauch macht oder ihre Rechte nicht durchsetzt.
1.4 Nach der Rechtsprechung des Bundesgerichts ist dann, wenn in der Wohnung
der EL-beziehenden Person ein neuer Wohnsitz begründet und der alte Wohnsitz
definitiv aufgegeben wird, von Wohnen im Sinn von Art. 16c ELV auszugehen. Denn
der zivilrechtliche Wohnsitz einer Person befindet sich nach Art. 23 Abs. 1 ZGB an dem
Ort, wo sie sich mit der Absicht dauernden Verbleibens aufhält und den sie sich zum
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Mittelpunkt ihrer Lebensinteressen gemacht hat. Für die Begründung des Wohnsitzes
müssen somit zwei Merkmale erfüllt sein: ein objektives äusseres, der Aufenthalt, und
ein subjektives inneres, die Absicht dauernden Verbleibens (m.w.H. P 53/01 vom
13. März 2002, Erw. 3a)cc).
2.
2.1 Vorliegend ist der Enkel der Beschwerdeführerin unbestrittenermassen nicht in
die EL-Berechnung miteinzubeziehen. Mit der definitiven Ausreise seines Vaters und
dem Umzug zur Grossmutter begründete er seinen Wohnsitz neu bei dieser. Wie der
aktenkundigen Korrespondenz mit Vormundschaftsbehörde und Ausländeramt zu
entnehmen ist, soll der Enkel längerfristig bei der Grossmutter wohnen bleiben; weder
ist eine Auswanderung des Enkels nach Serbien noch eine Rückkehr des
sorgeberechtigten Vaters geplant (vgl. act. G 1.1.6, 1.1.7).
2.2 Eine familienrechtliche Unterstützungspflicht der Grossmutter, die bewirken
würde, dass sie den Enkel unentgeltlich bei sich wohnen lassen müsste (was eine
Mietzinsaufteilung ausschliessen würde), besteht nicht. Eine solche trifft grundsätzlich
nur die Eltern (vgl. Art. 276 ff. ZGB). Die Voraussetzungen für die
Verwandtenunterstützung im Sinn von Art. 328 ff. ZGB sind ebenfalls nicht erfüllt, da
die Beschwerdeführerin aufgrund ihrer wirtschaftlichen Lage als EL-Bezügerin rechtlich
nicht zur finanziellen Unterstützung des Enkels verpflichtet ist und für andere
Leistungen wie Betreuung keine Unterstützungspflicht besteht (vgl. Art. 329 Abs. 1
ZGB; vgl. EVGE P 53/01 vom 13. März 2002, Erw. 3a/cc).
2.3 Eine EL-beziehende Person ist verpflichtet, sämtliche möglichen
Einnahmenpositionen voll auszuschöpfen. Solange die Beschwerdeführerin eine 1-
Zimmer-Wohnung bewohnte, kann ihr kein Einkommensverzicht vorgeworfen werden.
Eine eigentliche Untervermietung, mit der sie Einkommen hätte erzielen können, wäre
ihr nicht möglich gewesen, stand ihr selbst doch nur ein Zimmer zur Verfügung. Das
Risiko, dass sie zugunsten ihres Enkels höhere EL beziehen würde und dieser damit
"querfinanziert" würde, war nicht gegeben. Entsprechend hat eine Aufteilung des
Mietzinses für den im vorliegenden Verfahren massgebenden Zeitraum bis zum Erlass
des Einspracheentscheids vom 7. Juli 2009 zu unterbleiben. Entsprechend war auch
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die am 3. April 2009 verfügte und im angefochtenen Einspracheentscheid bestätigte
Rückforderung nicht gerechtfertigt.
2.4 Würde man einen Verzichtstatbestand bejahen, wäre auf der Ausgabenseite zwar
weiterhin der ganze Mietzins anzuerkennen, auf der Einnahmenseite wäre jedoch ein
Einkommensverzicht in der Höhe des halben Mietzinses anzurechnen. Dies käme im
Ergebnis der hälftigen Anrechnung des Mietzinses bei den anerkannten Ausgaben
gleich.
3.
Für die Zeit ab Umzug der Beschwerdeführerin in eine 31⁄2-Zimmer-Wohnung per
September 2009 – die nicht mehr zum Anfechtungsgegenstand zählt (vgl. BGE 130 V
445 Erw. 1.2) – wird die Beschwerdegegnerin eine neue Prüfung vorzunehmen haben.
Der Umzug erfolgte offenbar, um Platz für die "Untervermietung" (Aufnahme des
Enkels) zu haben. Unbeachtlich ist, dass dieser Umzug im Hinblick auf den Erhalt der
vom Ausländeramt verlangten Pflegeplatzbewilligung erfolgt ist. In der grösseren
Wohnung hätte die Beschwerdeführerin die Möglichkeit, ein Zimmer gegen Entgelt (z.B.
an einen Studenten) unterzuvermieten. Lässt sie den Enkel unentgeltlich bei sich
wohnen, ist darin grundsätzlich ein Einkommensverzicht zu erblicken. Der Enkel hätte
Unterhaltsansprüche gegenüber seinen Eltern sowie allfällige Ansprüche gegenüber
dem Sozialamt durchzusetzen und könnte mit dem dadurch erhaltenen Geld einen
angemessenen Beitrag an die Miete bezahlen. In Frage käme allenfalls, dass die
Aufteilung der Miete nicht nach Köpfen, sondern nach Zimmern vorgenommen würde.
Ein gänzliches Unterbleiben der Aufteilung erscheint jedoch wohl nicht als
gerechtfertigt.
4.
4.1 Gemäss den obenstehenden Erwägungen ist die Beschwerde unter Aufhebung
des angefochtenen Einspracheentscheids vom 7. Juli 2009 gutzuheissen. Der
Beschwerdeführerin ist auch nach Januar 2009 für die Mietdauer der 1-Zimmer-
Wohnung der ganze Mietzins als Ausgabe anzuerkennen. Für die Rückforderung von
Fr. 700.- für zu viel bezahlte EL bleibt kein Raum.
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4.2 Gerichtskosten sind keine zu erheben (Art. 61 lit. a ATSG).
4.3 Bei diesem Verfahrensausgang hat die Beschwerdeführerin Anspruch auf eine
Parteientschädigung, die vom Gericht ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der
Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen wird
(Art. 61 lit. g ATSG; vgl. auch Art. 98 ff. VRP/SG, sGS 951.1). Angemessen erscheint
eine Parteientschädigung von Fr. 3'000.- (einschliesslich Barauslagen und
Mehrwertsteuer). Das Gesuch um unentgeltliche Prozessführung wird bei diesem
Verfahrensausgang gegen-standslos.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 53 GerG