Decision ID: 8f2b21f9-532c-534c-be8f-c04d91e9c68c
Year: 2010
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
W._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch ihren Ehemann,
gegen
Sozialversicherungsanstalt des Kantons St. Gallen, Ausgleichskasse des Kantons St.
Gallen, Brauerstrasse 54, Postfach, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
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betreffend
Ergänzungsleistung zur IV
Sachverhalt:
A.
A.a W._ (Jahrgang 1976) bezieht seit 1. Juni 2001 Ergänzungsleistungen (EL) zu ihrer
Rente der Invalidenversicherung (EL-act. 83). Am 22. April 2003 meldete die zuständige
AHV-Zweigstelle die Heirat der Versicherten (EL-act. 82). Die EL-Durchführungsstelle
des Kantons St. Gallen berechnete die EL daraufhin neu und verfügte am 26. Juni 2003
die Abweisung wegen Einnahmenüberschusses (EL-act. 77).
A.b Am 6. September 2003 meldete sich die Versicherte erneut zum Bezug von EL an,
weil ihr Ehemann arbeitslos geworden war (EL-act. 75). Mit Verfügung vom 16. Oktober
2003 verneinte die EL-Durchführungsstelle einen Anspruch auf EL (EL-act. 71). Die
Versicherte reichte am 16. April 2004 wiederum eine EL-Anmeldung ein, nachdem das
Arbeitslosentaggeld des Ehemannes auf den 16. April 2004 eingestellt worden war (EL-
act. 69 und 67). Auf Nachfrage der EL-Durchführungsstelle betreffend zumutbare
Erwerbstätigkeit des Ehemannes gab dieser am 2. Juni 2004 an, er habe aus
gesundheitlichen Gründen seine Arbeitsstelle kündigen müssen. Wie sein Arzt im
Zeugnis vom 21. Juli 2003 bestätigt habe, leide er an einer chronischen Erkrankung der
unteren Wirbelsäule und könne keine schweren Lasten über 20kg mehr heben und
tragen. Nach verschiedenen Kursen und vergeblicher Stellensuche sei er in Absprache
mit dem Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) zum Schluss gekommen, sich
selbständig zu machen. Er befinde sich nun in der Aufbauphase und mache deshalb
noch keine Umsätze (EL-act. 65). Die EL-Durchführungsstelle teilte der Versicherten am
30. Juni 2004 mit, sie werde in der Berechnung der EL vorläufig ein hypothetisches
Einkommen von Fr. 10'000.-- pro Jahr anrechnen (EL-act. 63). Mit Verfügung vom
6. Juli 2004 sprach die EL-Durchführungsstelle der Versicherten mit Wirkung ab 1. April
2004 eine EL von Fr. 1'903.-- monatlich zu (EL-act. 62).
A.c Mit E-Mail vom 5. Januar 2005 teilte der Ehemann der EL-Durchführungsstelle mit,
seit November 2004 erziele er ein bescheidenes Einkommen. Werde das Einkommen
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von November und Dezember 2004, Fr. 1'606.60, auf ein Jahr hochgerechnet, werde er
voraussichtlich knapp Fr. 10'000.-- verdienen (EL-act. 58). Mit Verfügung vom
10. Februar 2005 sprach die EL-Durchführungsstelle der Versicherten mit Wirkung ab
1. März 2005 eine monatliche EL von Fr. 1'312.-- zu. Das hypothetische Einkommen
wurde auf Fr. 18'000.-- angehoben (EL-act. 56). Die Höhe dieses hypothetischen
Einkommens blieb in den folgenden Anpassungsverfügungen unverändert.
A.d Im Frühling 2007 leitete die EL-Durchführungsstelle eine periodische Überprüfung
der EL ein. Dabei verneinte die Versicherte, dass ihr Ehemann ein Einkommen erziele
(EL-act. 45). Im September 2007 stellte der Ehemann der Versicherten die
Steuerveranlagung 2006 zu, wonach er kein Einkommen erzielt habe. Die Einnahmen
und Ausgaben seiner selbständigen Erwerbstätigkeit hätten sich gedeckt. Er arbeite bei
den Internet-Auktionsplattformen A._ und B._ als Auktionsverkäufer. Im August
habe er einen eigenen Shop im Internet eröffnet. Im Übrigen seien die vergangenen EL-
Berechnungen falsch, da er niemals ein Einkommen von Fr. 18'000.-- erzielt habe (EL-
act. 38-15/15). Am 15. Oktober 2007 drohte die EL-Durchführungsstelle der
Versicherten an, ein hypothetisches Einkommen ab Dezember 2007 anzurechnen. Der
Ehemann der Versicherten sei teilerwerbstätig. Deshalb sei ihm eine weitere
Teilzeitarbeitsstelle möglich. Falls Bemühungen um eine Arbeitsstelle stattgefunden
hätten, seien entsprechende Belege einzureichen (EL-act. 37). Der Ehemann der
Versicherten teilte der EL-Durchführungsstelle am 18. November 2007 mit, er könne
sich als Selbständigerwerbender nicht beim RAV anmelden. Zudem arbeite er 100%,
weshalb ihm keine weitere Tätigkeit mehr zumutbar sei. Er arbeite als
Auktionsverkäufer mit eigenem Shop auf drei Internet-Plattformen, in die er viel
investiert habe. Er biete laufend zwischen 1'500 und 2'000 Artikel zum Verkauf an. Das
monatliche Einkommen schwanke zwischen
Fr. 500.-- und Fr. 1'500.--. Seine Selbständigkeit sei vom RAV und von der SVA geprüft
und anerkannt worden. Sein Online-Shop befinde sich im Aufbau. Seinen Anteil an der
Schadensbegrenzung und Existenzsicherung der ehelichen Gemeinschaft trage er
durch seine aufwändige selbständige Erwerbstätigkeit und die "rund um die Uhr"-
Betreuung seiner zu 100% IV-rentenberechtigten Frau (EL-act. 35-2/2). Die EL-
Durchführungsstelle stellte am 4. Dezember 2007 eine neue Prüfung des
hypothetischen Einkommens im April 2008 in Aussicht. Die vollständigen
Arbeitsbemühungen (mindestens 10 bis 12 im Monat) inklusive Antwortschreiben der
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Firmen würden im April 2008 einverlangt werden. Falls aus ihrer Sicht die
Arbeitsbemühungen mangelhaft ausfallen würden, behalte sie sich vor, ab Mai 2008 ein
höheres hypothetisches Einkommen anzurechnen (EL-act. 34). Auf die entsprechende
Aufforderung vom 26. Mai 2008 hin fand am 4. Juni 2008 ein Gespräch mit dem
Ehemann der Versicherten statt. Die EL-Durchführungsstelle bestätigte der
Versicherten am 7. Juli 2008, dass sie für ein weiteres Jahr ein Erwerbseinkommen von
Fr. 18'000.-- anrechnen werde (EL-act. 29).
A.e Am 3. Juni 2009 befragte die EL-Durchführungsstelle die Versicherte erneut zu den
Einkommensverhältnissen ihres Ehemanns und bat um Kopien der Erfolgsrechnung
und Schlussbilanz für das Jahr 2008 (EL-act. 26). Der Ehemann der Versicherten teilte
der EL-Durchführungsstelle am 19. Juni 2009 mit, sein Einkommen sei unvermindert
und er könne keine Erfolgsrechnung oder Bilanz einreichen. Er wünsche eine
Herabsetzung des hypothetischen Einkommens auf Fr. 10'000.-- (EL-act. 21). Mit
Verfügung vom 24. September 2009 setzte die EL-Durchführungsstelle ab 1. Oktober
2009 die monatliche EL von Fr. 1'577.-- (EL-act. 20) auf Fr. 554.-- herab. Sie rechnete
dem Ehemann der Versicherten neu ein hypothetisches Einkommen von Fr. 43'737.--
an (EL-act. 13). Auf Verlangen des Ehemannes der Versicherten führte die EL-
Durchführungsstelle am 1. Oktober 2009 aus, dass nach der Rechtsprechung ein
Einkommensverzicht vorliegen könne, wenn das Einkommen aus einer selbständigen
Erwerbstätigkeit deutlich unter einem Einkommen liege, das mit einer unselbständigen
Erwerbstätigkeit erzielt werden könnte. In der IV werde etwa bei der
Invaliditätsbemessung ein Wechsel von einer selbständigen in eine unselbständige
Tätigkeit grundsätzlich als zumutbare Konsequenz der Selbsteingliederungs-
beziehungsweise Schadenminderungspflicht erachtet. Somit sei auch im Rahmen der
Anwendung der EL-spezifischen Schadenminderungspflicht ein solcher Wechsel
grundsätzlich zumutbar. Wenn nach einem Jahr der selbständigen Erwerbstätigkeit
immer noch ein Einkommen erzielt werde, das deutlich unter jenem liege, das an einer
unselbständigen Stelle verdient werden könne, so sei die Frage nach der Zumutbarkeit
der Geschäftsaufgabe erneut zu prüfen. Eine Rückfrage beim RAV habe ergeben, dass
für den Ehemann der Versicherten grundsätzlich geeignete offene Stellen in der Region
vorhanden seien. Die Geschäftsaufgabe sei daher zumutbar, weil mit einer
unselbständigen Tätigkeit ein existenzsicherndes Einkommen erzielt werden könne.
Genügend Zeit für eine Anpassung sei zur Verfügung gestellt worden (EL-act. 10).
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Gegen die Verfügung vom 24. September 2009 erhob die Versicherte, vertreten durch
ihren Ehemann, am 22. Oktober 2009 Einsprache (EL-act. 6).
A.f Mit Einspracheentscheid vom 8. Februar 2010 wies die EL-Durchführungsstelle die
Einsprache ab. Dem Ehemann der Versicherten sei unter Berücksichtigung der
Marktlage eine Vollzeitstelle zumutbar. Gestützt auf die Tabellenlöhne könne er ein
Einkommen von Fr. 43'737.-- erzielen. Bei diesem Einkommen seien bereits wegen des
Alters und der Konkurrenz je 10% abgezogen worden. Der Ehemann der Versicherte
verdiene als Selbständigerwerbender lediglich Fr. 10'000.-- pro Jahr. Die Versicherte
beziehe eine ganze IV-Rente und könne keiner Arbeitstätigkeit nachgehen. Der
Ehemann der Versicherten wäre aus wirtschaftlichen Gründen gezwungen gewesen,
seine unrentable Tätigkeit als Selbständigerwerbender aufzugeben. Darauf sei er
wiederholt aufmerksam gemacht und die Anrechnung eines hypothetischen
Einkommens sei angedroht worden. Seine angegebenen körperlichen Behinderungen
dürften bei der Stellensuche nicht erhöht einschränkend wirken. Es sei ihm genügend
Zeit verblieben, um sich im Rahmen seiner Schadenminderungspflicht nach einer Stelle
umzusehen. Schliesslich sei die Versicherte weder auf eine vollzeitliche Überwachung
noch auf eine Betreuung angewiesen (EL-act. 94).
B.
B.a Gegen diesen Entscheid lässt die Versicherte, vertreten durch ihren Ehemann, am
14. Februar 2010 Beschwerde erheben. Sie beantragt sinngemäss die Aufhebung des
Einspracheentscheids vom 8. Februar 2010 und den Verzicht auf die Anrechnung eines
hypothetischen Einkommens. Der Ehemann führt dazu aus, er habe wegen sehr starker
chronischer Rückenschmerzen im Jahr 2003 seine Tätigkeit als Hilfsarbeiter (Lagerist)
aufgeben müssen. Zudem leide er an schweren Hautkrankheiten und Allergien
(Sonnenallergie). Seine Rosacea-Nasen-Erkrankung sei im höchsten, unheilbaren
Stadium, was seine Vermittlungsfähigkeit einschränke. Um die Arbeitslosigkeit zu
verkürzen und wieder schnellstens in den Arbeitsmarkt integriert zu sein, sowie um ein
Abschieben in die IV zu verhindern, seien arbeitsmarktliche Massnahmen ergriffen
worden. So habe er in Absprache und mit Beratung des RAV eine selbständige
Tätigkeit aufgebaut, unter anderem unter Einsatz des gesamten
Pensionskassenguthabens. Diese Eingliederung sei geglückt. Er arbeite bei
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verschiedenen Radiosendern, habe einen eigenen Shop, digitalisiere Schallplatten und
arbeite in einer Brockenstube. Diese Tätigkeiten würden ihm viel Freude bereiten und
erlaubten ihm, auf seine gesundheitlichen Probleme Rücksicht zu nehmen sowie seine
hilfebedürftige Frau zu betreuen. Mit seiner selbständigen Tätigkeit sei er voll
ausgelastet und könne keine weiteren Arbeiten annehmen. Dies werde auch von
seinem Hausarzt Dr. med. C._, Facharzt für Allgemeine Medizin FMH, mit Bericht
vom 1. Oktober 2009 bestätigt (G act. 1.8). Er erziele mit seinen Tätigkeiten ein
Einkommen von Fr. 20'000.-- bis Fr. 25'000.--, wenn er das Einkommen der letzten vier
Monate auf ein Jahr hochrechne (G act. 1.7). Nun verlange die Beschwerdegegnerin
paradoxerweise die Aufgabe der selbständigen Erwerbstätigkeit und die Zurückführung
in den Arbeitsmarkt mit Hilfe des RAV. Dies sei aus folgenden Gründen nicht möglich:
Als Selbständiger habe er keinen Anspruch mehr auf Beratung und
Arbeitslosentaggelder. Zudem sei er nicht vermittlungsfähig. Eine Sicherheit für einen
Job ausserhalb seiner selbständigen Erwerbstätigkeit bestehe nicht. Allenfalls wäre ein
Neuaufbau der selbständigen Erwerbstätigkeit nicht mehr möglich, falls er nach kurzer
unselbständiger Tätigkeit erneut arbeitslos werden würde. Sein investiertes
Pensionskassenguthaben wäre für immer verloren. Seine Frau hätte keine Betreuung
mehr. Die anonyme Anfrage der Beschwerdegegnerin beim RAV basiere auf falschen
Annahmen, da er lediglich Hilfsarbeiter sei und über keine Berufsausbildung verfüge. Er
wolle weiterhin seiner Arbeit ohne Einschränkungen nachgehen (G act. 1).
B.b Die Beschwerdegegnerin beantragt unter Verweis auf den Einspracheentscheid am
12. April 2010 die Abweisung der Beschwerde (G act. 4).

Erwägungen:
1.
Auf den 1. Januar 2008 ist das neue Bundesgesetz über Ergänzungsleistungen zur
Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenversicherung (ELG; SR 831.30) in Kraft getreten.
Das neue ELG ersetzt dasjenige Gesetz vom 19. März 1965 in der bis 31. Dezember
2007 gültig gewesenen Fassung. In Bezug auf die vorliegend umstrittene Frage der
Anrechnung eines hypothetischen Einkommens hat sich die Rechtslage materiell nicht
geändert.
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2.
2.1 Die jährliche EL entspricht dem Betrag, um den die anerkannten Ausgaben die
anrechenbaren Einnahmen übersteigen (Art. 9 Abs. 1 ELG; Art. 3a Abs. 1 aELG). Die
anerkannten Ausgaben und die anrechenbaren Einnahmen, worin in bestimmtem
Umfang auch das Vermögen einbezogen ist, werden nach den in Art. 10 und 11 ELG
(Art. 3b und 3c aELG) sowie Art. 11 bis 18 der Verordnung über die
Ergänzungsleistungen zur AHV und IV (ELV; SR 831.301) festgelegten Bestimmungen
ermittelt. Als Einnahmen anzurechnen sind nach Art. 11 Abs. 1 ELG (Art. 3c Abs. 1
aELG) unter anderem Einkünfte, auf die verzichtet worden ist (lit. g). Eine
Verzichtshandlung liegt vor, wenn die versicherte Person ohne rechtliche Verpflichtung
auf Vermögen verzichtet hat, wenn sie einen Rechtsanspruch auf bestimmte Einkünfte
und Vermögenswerte hat, davon aber faktisch nicht Gebrauch macht bzw. ihre Rechte
nicht durchsetzt oder wenn sie aus von ihr zu verantwortenden Gründen von der
Ausübung einer möglichen und zumutbaren Erwerbstätigkeit absieht (Urteil des
Bundesgerichts vom 9. Juli 2002 [P 18/02]; BGE 121 V 205 E. 4a; AHI 2001 S. 133
E. 1b).
2.2 Auch Personen, die in die Anspruchsberechnung der versicherten Person
einbezogen sind, partizipieren an der EL, da diese den Existenzbedarf der ganzen
Familie sicherstellt. So ist auch der Ehegatte der EL-anspruchsberechtigten Person
Leistungsempfänger. Verzichtet er auf die mögliche und zumutbare Erzielung eines
Erwerbseinkommens, so ist die Geltendmachung eines EL-Anspruchs zur Deckung
jenes Teils der anerkannten Ausgaben, der durch das Erwerbseinkommen des
Ehegatten gedeckt werden könnte, missbräuchlich (Ralph Jöhl, Ergänzungsleistungen
zur AHV/IV, in: SBVR XIV-Meyer, Soziale Sicherheit, 2. Aufl. Basel 2007, S. 1759,
Rz. 179). Deswegen ist bei der EL-Berechnung der versicherten Person ein
hypothetisches Erwerbseinkommen für deren Ehegatten anzurechnen, sofern dieser
auf die mögliche und zumutbare Erzielung eines Einkommens verzichtet.
2.3 Geht eine versicherte Person – bzw. deren in die EL-Berechnung miteinbezogener
Ehegatte –, die durch eine unselbständige Erwerbstätigkeit einen Lohn erzielen könnte,
einer selbständigen Erwerbstätigkeit nach, die keinen oder nur einen deutlich unter
dem möglichen Lohn für unselbständige Tätigkeit liegenden Gewinn abwirft, stellt sich
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die Frage, ob damit im Differenzbetrag auf Erwerbseinkommen verzichtet wird. In der
IV wird etwa bei der Invaliditätsbemessung ein Wechsel von einer selbständigen in eine
unselbständige Tätigkeit als grundsätzlich zumutbare Konsequenz der
Selbsteingliederungs- bzw. Schadenminderungspflicht erachtet, wobei die Beurteilung
anhand der konkreten Umstände vorzunehmen ist (vgl. etwa SVR 2002 IV Nr. 8, E. 5).
Demnach ist auch im Rahmen der Anwendung der EL-spezifischen
Schadenminderungspflicht ein solcher Wechsel grundsätzlich zumutbar (Jöhl, a.a.O.,
S. 1754 f., Fn. 575). Bei der Beurteilung, ob der Wechsel in eine unselbständige
Tätigkeit zumutbar ist, ist auf den konkreten Einzelfall abzustellen und eine umfassende
Sachverhaltswürdigung vorzunehmen. Ein einmaliger wirtschaftlicher Einbruch im
Rahmen der selbständigen Erwerbstätigkeit reicht jedenfalls für sich allein nicht aus,
um die Aufgabe der Selbständigkeit als zumutbar zu erachten (vgl. auch Jöhl, a.a.O.,
S. 1755. Fn. 575). Das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen erachtet es als
angemessen, beim Aufbau einer selbständigen Erwerbstätigkeit zumindest für das
erste Jahr lediglich auf das effektiv erzielte Einkommen abzustellen, wobei die
Beurteilung den konkreten Umständen des Einzelfall Rechnung zu tragen hat. Danach
ist bei weiterhin deutlich unterdurchschnittlichem Einkommen die Frage nach der
Zumutbarkeit der Geschäftsaufgabe erneut zu prüfen (vgl. Entscheid des
Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 28. Oktober 2008 i/S. C [EL
2008/28]).
2.4 Stellt die Verwaltung nach anfänglichen Abklärungen fest, dass der Ehegatte im
Rahmen der Schadenminderungspflicht zur Aufnahme einer Erwerbstätigkeit
verpflichtet ist beziehungsweise sich zumindest ernsthaft um Arbeit zu bemühen hat
beziehungsweise seine selbständige Erwerbstätigkeit zugunsten einer unselbständigen
Erwerbstätigkeit aufzugeben hat, so hat sie diese Schadenminderungspflicht unter
Hinweis auf die Konsequenzen eines Untätig-Bleibens und unter Ansetzung einer
angemessenen Frist abzumahnen. Ein solches Mahn- und Bedenkzeitverfahren im Sinn
von Art. 21 Abs. 4 Satz 2 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) hat den Zweck, die betroffene versicherte
Person freiwillig zu einem bestimmten regelkonformen Verhalten zu veranlassen.
3.
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3.1 Mit Verfügung vom 24. September 2009 hat die Beschwerdegegnerin das
hypothetische Einkommen des Ehemannes der Beschwerdeführerin von Fr. 18'000.--
auf Fr. 43'737.-- angehoben. Das hat eine Herabsetzung der bisherigen EL von Fr.
1'577.-- auf Fr. 554.-- zur Folge. Gemäss den vorhandenen Steuerveranlagungen hatte
der Ehemann der Beschwerdeführerin in den Jahren 2004 bis 2006 jeweils kein oder
ein vernachlässigbares Einkommen angegeben (Veranlagung 2006: EL-act. 38-9/15;
Veranlagung 2005: EL-act. 46-2/6; Veranlagung 2004: EL-act. 51). Daran hatte sich
gemäss seiner Aussage bis zum Verfügungszeitpunkt nichts verändert (EL-act. 21).
Gemäss Beschwerdeschrift hat er ab Oktober 2009 ein gewisses Einkommen erzielt.
Die Beschwerdegegnerin hat bereits ab 1. April 2004 ein hypothetisches Einkommen
des Ehemannes von Fr. 10'000.-- angerechnet (Verfügung vom 6. Juli 2004; EL-act.
62). Mit Verfügung vom 10. Februar 2005 hat sie das hypothetische Einkommen ab
1. März 2005 auf Fr. 18'000.-- angehoben (EL-act. 56). Nachdem sich im Zeitverlauf
gezeigt hat, dass die selbständige Erwerbstätigkeit nicht erfolgreich ist und der
Ehemann gemäss Überprüfung der Einkommensverhältnisse vom Juni 2009 im Jahr
2008 weiterhin kein relevantes Einkommen erzielt hat, hat die Beschwerdegegnerin ab
1. Oktober 2009 das hypothetische Einkommen auf Fr. 43'737.-- erhöht. Mit der
angefochtenen Verfügung vom 24. September 2009 hat die Beschwerdegegnerin somit
das implizit am 3. Juni 2009 eingeleitete Revisionsverfahren nach Art. 17 ATSG
abgeschlossen, indem sie ein Einkommen aus unselbständiger Erwerbstätigkeit
angerechnet hat. Damit hat sie eine fiktive Sachverhaltsveränderung in der fiktiven
Karriere des Ehemannes der Beschwerdeführerin angenommen, indem sie ihm die
Aufgabe der unrentablen selbständigen Erwerbstätigkeit sowie die Aufnahme einer
unselbständigen Tätigkeit unterstellt hat. Eine solche Änderung des Sachverhalts auf
der Grundlage einer Fiktion ist nicht ohne vorgängige Durchführung eines Mahn- und
Bedenkzeitverfahrens zulässig. Denn mit der Anrechnung des höheren hypothetischen
Einkommens wird der aus Sicht der Beschwerdegegnerin zumutbare Wechsel in die
unselbständige Erwerbstätigkeit fingiert und das vom Ehemann der
Beschwerdeführerin verlangte, aber nicht erbrachte Verhalten sanktioniert.
3.2 Die Beschwerdegegnerin ist der Ansicht, eine Anpassungsfrist sei nicht
erforderlich, da sie den Ehemann der Beschwerdeführerin seit Jahren wiederholt darauf
aufmerksam gemacht habe, dass er seinen Anteil zur Existenzsicherung in der
ehelichen Gemeinschaft beizutragen habe oder ansonsten mit der Anrechnung eines
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höheren hypothetischen Einkommens zu rechnen habe. Wie aus den Akten hervorgeht,
hat die Beschwerdegegnerin am 15. Oktober 2007 angedroht, das hypothetische
Einkommen zu erhöhen, falls der Ehemann der Beschwerdeführerin keine
ausreichenden Bemühungen hinsichtlich Arbeitsstellensuche vorweisen könne (EL-act.
37). Nachdem dieser angegeben hatte, er habe im August 2007 einen Shop im Internet
eröffnet, der noch im Aufbau sei, verzichtete die EL-Durchführungsstelle auf eine
Anrechnung eines höheren hypothetischen Einkommens bis Mai 2008 (EL-act. 35-2/2
und 34). Auf die entsprechende Aufforderung vom 26. Mai 2008, sämtliche
Bewerbungsbemühungen ab Dezember 2007 einzureichen, fand am 4. Juni 2008 eine
Aussprache mit dem Ehemann der Beschwerdeführerin statt. Dabei einigte man sich
auf die Anrechnung eines hypothetischen Einkommens von weiterhin Fr. 18'000.--.
Eine Anpassung respektive Erhöhung des Einkommens wurde vorbehalten.
Bemühungen zur Suche einer Anstellung wurden zu diesem Zeitpunkt vom Ehemann
nicht mehr verlangt (EL-act. 30 und 29). In Anwendung der zitierten Rechtsprechung ist
dem Selbständigerwerbenden somit erneut während eines Jahres die Gelegenheit
gegeben worden, sein Geschäft existenzsichernd aufzubauen, nachdem der Ehemann
bereits im Jahr 2004 den Aufbau einer selbständigen Erwerbstätigkeit angekündigt
hatte. Ein Jahr später hat der Ehemann der Beschwerdeführerin am 19. Juni 2009
weiterhin ein unverändertes tiefes Einkommen angegeben und das Vorhandensein
einer Erfolgsrechnung oder Bilanz verneint (EL-act. 21). Ohne weitere Vorwarnung hat
die Beschwerdegegnerin daraufhin am 24. September 2009 das hypothetische
Einkommen auf Fr. 43'737.-- ab 1. Oktober 2009 angehoben (EL-act. 13). Die
konkreten Umstände einer allfälligen Geschäftsaufgabe hat sie nicht geprüft. In diesem
Revisionsverfahren ist bis zum Zeitpunkt der tatsächlichen Anrechnung eines höheren
hypothetischen Einkommens kein eigentliches Mahn- und Bedenkzeitverfahren, das
den Wechsel in eine unselbständige Erwerbstätigkeit zum Gegenstand gehabt hätte,
durchgeführt worden. Auch wurde die Beschwerdeführerin nicht auf die konkrete
Absicht der Beschwerdegegnerin, das hypothetische Einkommen neu ab 1. Oktober
2009 anzurechnen, aufmerksam gemacht. Die Beschwerdegegnerin hat dem Ehemann
der Beschwerdeführerin zuletzt am 15. Oktober 2007 angedroht, ein hypothetisches,
über dem tatsächlich liegenden Einkommen zu berücksichtigen. In der Bestätigung des
Gesprächs vom 4. Juni 2008 wurde eine Erhöhung lediglich vorbehalten. In der
Aufforderung vom 3. Juni 2009, Erfolgsrechnung und Bilanz einzureichen, ist keine
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Androhung einer Erhöhung des hypothetischen Einkommens auf einen bestimmten
Zeitpunkt hin enthalten. Die Reduktion der EL von Fr. 1'577.-- auf Fr. 554.-- hat eine
wesentliche Belastung der Beschwerdeführerin zur Folge. Dem Ehemann der
Beschwerdeführerin ist deshalb vorgängig die Gelegenheit zu bieten, seine EL-
rechtliche Schadenminderungspflicht wahrzunehmen und sich um eine unselbständige
Teilzeit- oder gar Vollzeittätigkeit zu bemühen. Denn der Wechsel in eine
unselbständige Erwerbstätigkeit ist ihm zumutbar. Seit Jahren versucht sich der
Ehemann der Beschwerdeführerin in einer selbständigen Erwerbstätigkeit zu etablieren,
ohne dass er einen relevanten Gewinn ausweisen könnte. Die Ertragssituation hat sich
in den Jahren der selbständigen Tätigkeit kaum verbessert. Der Ehemann leidet an den
notorischen Schwierigkeiten in der hart konkurrenzierten Branche. Sein selbständig
erzieltes Einkommen genügt zur Existenzsicherung des Ehepaares nicht. Unter diesen
Umständen ist ein Wechsel in eine unselbständige Tätigkeit im Rahmen der
Schadenminderungspflicht zumutbar. Diese Schadenminderungspflicht ist gemäss Art.
21 Abs. 4 ATSG in einem Mahn- und Bedenkzeitverfahren abzumahnen. Eine
Abmahnung "auf Vorrat" gibt es nicht. Denn solange sich der Ehemann der
Beschwerdeführerin immer noch mit der Beschwerdegegnerin über die Anrechnung
eines hypothetischen Einkommens von Fr. 18'000.-- hat einigen können, war für ihn
nicht erkennbar, ob und wann die Beschwerdegegnerin von ihm eine Aufgabe der
selbständigen Erwerbstätigkeit erwarten würde. Dabei ist der zugemutete Wechsel
oder zumindest die Aufnahme einer unselbständigen Teilerwerbstätigkeit
Voraussetzung für die Anrechnung eines hypothetischen Einkommens. Selbst wenn
dem Ehemann der Beschwerdeführerin im Gespräch vom 4. Juni 2008 erläutert worden
wäre, dass er gegebenenfalls innert Jahresfrist eine unselbständige Erwerbstätigkeit
suchen müsste, hätte ihm im Juni 2009 die Anrechnung eines hypothetischen
Einkommens unter Aufgabe der Selbständigkeit angedroht werden müssen, damit er
dazu hätte Stellung nehmen können. Der Ehemann der Beschwerdeführerin hat bisher
nicht signalisiert, dass für ihn eine Aufgabe der selbständigen Erwerbstätigkeit auch
nur zum Teil in Frage komme. In Analogie zu Art. 25 Abs. 4 ELV hätte ihm vorerst
genügend Zeit gewährt werden müssen (mindestens sechs Monate), seine
Angelegenheiten zu regeln und sich um eine Arbeitsstelle zu bemühen. Die vorliegende
Verfügung vom 24. September 2009 beziehungsweise der Einspracheentscheid vom
8. Februar 2010 sind daher rechtswidrig.
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3.3 Im Übrigen muss der Ehemann der Beschwerdeführerin seine selbständige
Erwerbstätigkeit während der Stellensuche nicht aufgeben, weil Arbeitsbemühungen
auch parallel zur selbständigen Erwerbstätigkeit vorgenommen werden können. So
kann er seine Schadenminderungspflicht während der Stellensuche durch Fortführung
der selbständigen Erwerbstätigkeit wahren. Solange er nachweisen kann, dass er trotz
ausreichenden Bemühungen keine Arbeitsstelle finden kann, darf ihm kein
hypothetisches Einkommen angerechnet werden. Die Beschwerdegegenerin hat dem
Ehemann der Beschwerdeführerin mitzuteilen, welche konkreten qualitativen und
quantitativen Anforderungen sie an ausreichende Stellenbewerbungen stellt, damit der
Nachweis der unverschuldeten Stellenlosigkeit erbracht werden kann.
3.4 Die Beschwerde ist gemäss den vorstehenden Erwägungen teilweise
gutzuheissen. Die Sache ist zur Durchführung eines Mahn- und Bedenkzeitverfahrens
und anschliessenden neuen Verfügung an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
Gerichtskosten sind keine zu erheben.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 53
GerG entschieden:
1. Die Beschwerde wird unter Aufhebung des Einspracheentscheids vom 8. Februar
2010 teilweise gutgeheissen und die Sache im Sinn der Erwägungen zur Fortführung
des Verwaltungsverfahrens an die Beschwerdegegnerin zurückgewiesen.
2. Es werden keine Gerichtskosten erhoben.
Publikationsplattform St.Galler Gerichte Entscheid Versicherungsgericht, 27.09.2010 Art. 21. Abs. 4 ATSG. Art. 11 Abs. 1 lit. g ELG. Hypothetisches Erwerbseinkommen eines Selbständigerwerbenden einer EL-berechtigen Versicherten ohne existenzsicherndes Einkommen. Fehlendes Mahn- und Bedenkzeitverfahren im Revisionsverfahren betreffend Anrechnung eines höheren hypothetischen Einkommens unter der Annahme, dass dem Ehemann die Geschäftsaufgabe und Aufnahme einer unselbständigen Tätigkeit zumutbar wäre (Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 27. September 2010, EL 2010/16).
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2021-09-19T17:17:04+0200 "9001 St.Gallen" Publikationsplattform Kanton St.Gallen