Decision ID: 31b0bbea-4d56-4370-bd0c-a8904fd0b850
Year: 2013
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.- X ist im Jahr 1932 geboren und lebt allein in A. Sie hat vier erwachsene Kinder,
wovon eines verstorben ist, und ist seit mehreren Jahren verwitwet.
B.- Mit Schreiben vom 10. April 2013 wandte sich Z, ein Sohn von X, an die Kindes-
und Erwachsenenschutzbehörde (nachfolgend: KESB). Er schilderte darin, dass seine
Mutter seit einigen Jahren an fortschreitender Demenz leide. Seit Anfang 2013 habe
sich der psychische Gesundheitszustand massiv verschlechtert. Sie habe die
Rechnungen nicht mehr bezahlt, worauf der Strom abgestellt worden sei, sich nicht
mehr genügend ernährt und massiv an Gewicht verloren. Am 6. Mai 2013 teilte die Pro
Senectute der KESB mit, dass der Kontakt zu X abgebrochen sei. Sie lasse niemanden
mehr in ihre Wohnung. Die KESB informierte X gleichentags schriftlich, es werde
beabsichtigt, für sie eine Beistandschaft zu errichten. Am 4. Juni 2013 verlangte Z bei
der KESB die sofortige Einweisung seiner Mutter in ein Heim, nachdem diese ihn in der
Nacht zwanzig Mal angerufen habe in der irrigen Meinung, ihr Mann sei soeben
verstorben.
C.- Mit Verfügung vom 5. Juni 2013 ordnete der Präsident der KESB gegenüber X eine
Beistandschaft nach Art. 394, 395 und 396 ZGB sowie die fürsorgerische
Unterbringung in der Kantonalen Psychiatrischen Klinik (nachfolgend: KPK) Wil an. In

den Erwägungen wurde ausgeführt, es sei als erwiesen zu betrachten, dass X an einer
geistigen Störung leide. Da sie den Kontakt zu externen Stellen abgebrochen habe, sei
es unumgänglich, sie in eine geeignete Einrichtung einzuweisen. Gegen diese
Verfügung erhob X mit Eingabe vom 5. Juni 2013 Beschwerde bei der
Verwaltungsrekurskommission.
D.- Am 13. Juni 2013 fand in der KPK Wil die mündliche Verhandlung statt, an welcher
die Beschwerdeführerin teilnahm. Die Vorinstanz verzichtete auf eine Teilnahme. Der
Oberarzt der KPK Wil wurde als Auskunftsperson befragt. K, Facharzt für
Allgemeinmedizin, befragte die Beschwerdeführerin und erstattete den gutachterlichen
Bericht mündlich (vgl. Verhandlungsprotokoll).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Auf die Ausführungen der Beteiligten ist, soweit erforderlich, in den Erwägungen
einzugehen.
Erwägungen:
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die Verwaltungs-
rekurskommission ist zum Sachentscheid zuständig. Die Befugnis zur
Rechtsmittelerhebung ist gegeben. Die Beschwerde vom 5. Juni 2013 ist rechtzeitig
eingereicht worden und erfüllt in formeller und inhaltlicher Hinsicht die gesetzlichen
Anforderungen (Art. 450 und 450b ZGB, Art. 27 des Einführungsgesetzes zum Kindes-
und Erwachsenenschutzrecht [sGS 912.5; abgekürzt: EG-KES] sowie Art. 41 des
Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege [sGS 951.1; abgekürzt: VRP]). Auf die
Beschwerde ist somit einzutreten.
2.- Die angefochtene Verfügung vom 5. Juni 2013 ist vorab in formeller Hinsicht zu
überprüfen.
a) Die Beschwerdeführerin wohnt in A, weshalb die Vorinstanz zum Erlass einer
fürsorgerischen Unterbringung örtlich zuständig ist (Art. 442 Abs. 1 ZGB und Art. 21
EG-KES).
b) Für die Anordnung der Unterbringung und die Entlassung ist die
Erwachsenenschutzbehörde zuständig (Art. 428 Abs. 1 ZGB). Nach Art. 440 Abs. 2
ZGB in Verbindung mit Art. 16 EG-KES handelt und entscheidet die KESB unter
Vorbehalt abweichender Bestimmungen im EG-KES in der Besetzung von drei
Mitgliedern. Die abweichenden Einzelzuständigkeiten im Erwachsenenschutz sind in
Art. 19 EG-KES abschliessend aufgeführt. Die Anordnung der fürsorgerischen
Unterbringung ist darin nicht enthalten. Nach Art. 20 EG-KES kann der Vorsitzende
oder das zuständige Mitglied der KESB für die Dauer des hängigen Verfahrens
vorsorgliche Massnahmen nach Art. 445 ZGB verfügen.
ter
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Die angefochtene Verfügung wurde vom Präsidenten der Vorinstanz erlassen. Er berief
sich dabei auf die Einzelzuständigkeit nach Art. 19 EG-KES. Dort wird jedoch weder die
Anordnung einer Beistandschaft noch einer fürsorgerischen Unterbringung genannt. Es
handelt sich auch nicht um eine vorsorgliche Massnahme im Sinn von Art. 445 ZGB;
denn die fürsorgerische Unterbringung wurde nicht nur vorläufig – d.h. während der
Dauer des hängigen Verfahrens vor der KESB –, sondern definitiv angeordnet.
Abgesehen davon ist in der Lehre umstritten, ob die Anordnung einer fürsorgerischen
Unterbringung durch die KESB als vorsorgliche Massnahme überhaupt zulässig ist.
Wie es sich damit verhält, muss vorliegend nicht geprüft werden. Für dringliche Fälle
steht grundsätzlich die ärztliche Unterbringung nach Art. 429 ZGB zur Verfügung (Auer/
Marti, in: Geiser/Reusser [Hrsg.], Basler Kommentar zum Erwachsenenschutz, Basel
2012, N 12 zu Art. 445 ZGB). Auch auf die Präsidialzuständigkeit gemäss Art. 23 VRP,
wonach in Fällen, die keinen Aufschub gestatten und in denen die Gesamtbehörde
nicht rechtzeitig einberufen werden kann, der Vorsitzende an deren Stelle verfügt, lässt
sich die Verfügung nicht stützen. Nach Art. 10 EG-KES ist das VRP auf Verfahren vor
der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde nur anwendbar, sofern das ZGB oder das
EG-KES keine Regelung enthalten. Die Einzelzuständigkeiten werden jedoch im
Spezialgesetz EG-KES in Art. 18 f. abschliessend geregelt. Etwas anderes ergibt sich
auch nicht aus der Botschaft zum Einführungsgesetz zur Bundesgesetzgebung über
das Kindes- und Erwachsenenschutzrecht (ABl 2011 S. 2865). Der Präsident der
Vorinstanz war folglich sachlich nicht zuständig, die fürsorgerische Unterbringung der
Beschwerdeführerin anzuordnen. Dazu wäre ein Entscheid der Kollegialbehörde nötig
gewesen. Aus verfahrensökonomischen Gründen wird jedoch auf eine Aufhebung der
angefochtenen Verfügung und Rückweisung zu neuem Entscheid an die Vorinstanz
verzichtet. Bei der Kostenverlegung ist diesem Umstand Rechnung zu tragen.
c) Die Gewährung des rechtlichen Gehörs dient einerseits der Sachaufklärung,
andrerseits stellt sie ein persönlichkeitsbezogenes Mitwirkungsrecht der
Verfahrensbeteiligten dar. Der Umfang des Anspruchs wird zunächst durch das
kantonale Verfahrensrecht umschrieben. Wo dieser kantonale Rechtsschutz sich als
ungenügend erweist, greifen die unmittelbar aus Art. 29 Abs. 2 BV folgenden
Minimalgarantien (Kölz/Bosshart/Röhl, Kommentar zum Verwaltungsrechtspflegegesetz
des Kantons Zürich, 2. Aufl. 1999, Rz. 3). Der Anspruch auf rechtliches Gehör wurde
zunächst für das Gerichtsverfahren entwickelt. Er gilt jedoch – zumindest in seinem
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Kerngehalt – auch in Verfahren vor Verwaltungsbehörden. Art. 15 Abs. 2 VRP sieht vor,
dass Verfügungen, die erheblich belasten, nur zulässig sind, wenn die Betroffenen den
wesentlichen Sachverhalt kennen und Gelegenheit zur Stellungnahme hatten. Ein
allgemeiner Anspruch auf persönliche Anhörung und mündliche Äusserung vor Erlass
einer Verfügung ergibt sich weder aus kantonalem noch aus Bundesrecht. Eine
mündliche Anhörung drängt sich jedoch auf, soweit persönlichkeitsbezogene
Verhältnisse zu beurteilen sind, namentlich wenn der persönliche Eindruck von der
Partei und Auskünfte über deren Lebensweise für die zu treffende Entscheidung
wesentlich sind (Kölz/Bosshart/Röhl, a.a.O., N 20 zu § 8 VRG). Art. 447 Abs. 2 ZGB
bestimmt, dass im Fall einer fürsorgerischen Unterbringung die betroffene Person
vorgängig in der Regel durch die Kollegialbehörde anzuhören ist. Die Anhörung kann
nur ausnahmsweise an ein Einzelmitglied der KESB delegiert werden, etwa wenn
Gefahr im Verzug ist, wenn sich der Betroffene weigert, einer Vorladung Folge zu
leisten, oder wenn sie durch den gesamten Spruchkörper wegen Krankheit oder
anderen persönlichkeitsbedingten Gründen seitens der betroffenen Person nicht
geboten ist. Ist die betroffene Person infolge Alters, Krankheit oder anderer ernsthafter
Gründe in ihrer Wohnung oder an ihrem Aufenthaltsort anzuhören, kann es im Interesse
der Prozessökonomie ebenfalls zulässig sein, die Anhörung ausnahmsweise nicht im
Kollegium durchzuführen. Schliesslich ist eine Delegation an ein einzelnes
Behördenmitglied denkbar, falls die Mitglieder den Betroffenen aus früheren Verfahren
bereits gut kennen und sich lediglich über die eingetretenen Veränderungen ein Bild
machen müssen (C. Bernhart, Handbuch der fürsorgerischen Unterbringung, Basel
2011, Rz. 512). Ein Absehen von der persönlichen Anhörung fällt höchstens in
Betracht, wenn sich die betroffene Person weigert oder die Anhörung aus anderen
Gründen, wie etwa Bewusstlosigkeit, nicht möglich ist (Auer/Marti, a.a.O., N 34 ff. zu
Art. 447 ZGB). Die betroffene Person muss nicht urteilsfähig sein, um persönlich
angehört zu werden (Auer/Marti, a.a.O., N 14 zu Art. 447 ZGB).
Die Gewährung des rechtlichen Gehörs ist formeller Natur und die Verletzung dieses
Grundsatzes hat in der Regel die Aufhebung der angefochtenen Verfügung zur Folge
(L. Kneubühler, Gehörsverletzung und Heilung, in: ZBl 99/1998 S. 101; BGE 122 II 469,
121 I 232 je mit Hinweisen; GVP 1988 Nr. 37). Eine Heilung dieses Verfahrensmangels
kann somit nur in Ausnahmefällen vorgenommen werden. Wesentliche Kriterien, die
gegen eine Heilung sprechen, sind unter anderem dann gegeben, wenn die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Gehörsverletzung schwer wiegt, wenn sie in einem Verfahren erfolgt, welches einen
empfindlichen Eingriff in eine Grundrechtsposition der betroffenen Person bewirkt, und
wenn bei der Vorinstanz eine Tendenz zur regelmässigen Gehörsverletzung besteht
(Kneubühler, a.a.O., S. 116). Das Bundesgericht lässt in Ausnahmefällen die Heilung
des Anspruches auf rechtliches Gehör im Rechtsmittelverfahren zu, um einen
prozessualen Leerlauf und damit verbunden eine zeitliche Verzögerung zu vermeiden
(BGE 137 I 195 E. 2.3.2). Vorausgesetzt wird, dass der betroffenen Partei daraus kein
Nachteil erwächst, d.h. dass sie ihre Rechte im Beschwerdeverfahren voll wahrnehmen
und die zweite Instanz alle Tat- und Rechtsfragen frei nachprüfen kann (Häfelin/Müller/
Uhlmann, Allgemeines Verwaltungsrecht, 6. Aufl. 2010, Rz. 1709).
Die Beschwerdeführerin wurde von der Vorinstanz zur in Aussicht stehenden
fürsorgerischen Unterbringung nicht – wie vom Gesetz vorgeschrieben – persönlich
angehört. Die Einladung zur schriftlichen Stellungnahme vom 6. Mai 2013 bezog sich
sodann nur auf eine allfällige Verbeiständung (vgl. act. 5/5). Von einer fürsorgerischen
Unterbringung war darin nicht die Rede. Das rechtliche Gehör der Beschwerdeführerin
wurde damit erheblich verletzt. Die Voraussetzungen für eine Heilung des Mangels im
Beschwerdeverfahren sind jedoch erfüllt. Die Beschwerdeführerin konnte
vollumfänglich Einsicht in die Akten und dazu auch Stellung nehmen. Die
Verwaltungsrekurskommission, welche über dieselbe Kognition wie die Vorinstanz
verfügt, hörte die Beschwerdeführerin in der mündlichen Verhandlung eingehend
persönlich an. Eine Rückweisung zu neuer Verfügung an die Vorinstanz erweist sich
sowohl aus verfahrensökonomischen als auch zeitlichen Gründen nicht als
zweckmässig. Die Verletzung des rechtlichen Gehörs durch die Vorinstanz wird jedoch
bei der Kostenverlegung zu berücksichtigen sein.
d) Nach Art. 446 Abs. 1 ZGB erforscht die KESB den Sachverhalt von Amtes wegen.
Sie zieht die erforderlichen Erkundigungen ein und erhebt die notwendigen Beweise.
Sie kann eine geeignete Person oder Stelle mit Abklärungen beauftragen. Nötigenfalls
ordnet sie das Gutachten einer sachverständigen Person an (Art. 446 Abs. 2 ZGB). Ein
Sachverständigengutachten ist insbesondere anzuordnen, wenn der KESB das nötige
Fachwissen fehlt, um über eine in Frage stehende Massnahme zu entscheiden.
Erforderlich wird der Beizug von externem Fachwissen insbesondere bei der
fürsorgerischen Unterbringung. Soweit die KESB jedoch selbst über das nötige
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Fachwissen verfügt, indem sie z.B. einen Arzt mit genügenden Fachkenntnissen in
Psychiatrie im Spruchkörper hat, kann und soll sie die Beurteilung der in Frage
stehenden Voraussetzungen direkt selbst vornehmen (Auer/Marti, a.a.O., N 19 zu Art.
446 ZGB).
Der Präsident der Vorinstanz ist in der angefochtenen Verfügung davon ausgegangen,
dass die Beschwerdeführerin an einer geistigen Störung leide. Für die Feststellung
derselben hat er jedoch entgegen Art. 446 Abs. 2 ZGB keinen medizinischen
Sachverständigen beigezogen, sondern die geistige Störung ohne präzisierende
Erwägungen als erwiesen erachtet. Damit hat er weder den Sachverhalt genügend
abgeklärt noch die Verfügung hinreichend begründet. Auch darin liegt eine Verletzung
des Anspruchs auf rechtliches Gehör, die jedoch im vorliegenden Verfahren geheilt
werden kann.
e) Gegen Entscheide der KESB kann Beschwerde beim zuständigen Gericht erhoben
werden (Art. 450 Abs. 1 ZGB). Bei einem Entscheid auf dem Gebiet der fürsorgerischen
Unterbringung beträgt die Beschwerdefrist zehn Tage seit Mitteilung des Entscheids
(Art. 450b Abs. 2 ZGB).