Decision ID: aa8d6235-3669-5d6e-ac69-ec5392ad6737
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführenden 1–5 reisten gemäss ihren Angaben am (...) No-
vember 2018 in die Schweiz ein und stellten am gleichen Tag im Empfangs-
und Verfahrenszentrum G._ Asylgesuche. Am 11. Dezember 2018
fanden die Kurzbefragungen des Beschwerdeführers 1 (im Folgenden:
Beschwerdeführer) und der Beschwerdeführerin 2 (im Folgenden: Be-
schwerdeführerin) zur Person (BzP) und am gleichen Tag ihre Anhörungen
zu den Asylgründen gemäss Art. 29 Abs. 1 AsylG (SR 142.31) statt.
B.
B.a Der Beschwerdeführer brachte zur Begründung seines Asylgesuchs im
Wesentlichen vor, er stamme aus H._ mit letztem Wohnsitz in
I._, Nach der Schule habe er (...) studiert und von 2010 bis 2014
als Manager in einer grossen Firma gearbeitet. Er sei im Jahr 2005 an HIV
erkrankt und leide auch an Hepatitis C. Er habe sich dafür engagiert, dass
die Regierung eine Behandlung für HIV-Kranke anbiete, jedoch habe diese
diesbezüglich nichts unternommen. Im Jahr 2014 sei er in einen Verkehrs-
unfall verwickelt gewesen, an dem auch der Neffe des Bürgermeisters be-
teiligt gewesen sei. Er sei deswegen zu Unrecht zu einer Busse verurteilt
worden und habe die Kosten der medizinischen Behandlung des anderen
verletzten Unfallbeteiligten tragen müssen. Um diese sowie seine eigenen
Arztkosten bezahlen zu können, habe er sein Haus verkaufen müssen. Er
gehe davon aus, dass der Unfall provoziert worden sei, weil er sich gegen
die ausbleibende medizinische Behandlung gewehrt habe. Kurz nach dem
Unfall sei er von seinem Arbeitgeber entlassen, und in der Folge seien er
und sein Bruder bedroht worden. Einmal sei er mit einem Messer angegrif-
fen worden. Im März 2015 sei er mit seiner Familie nach Deutschland aus-
gereist, wo er und seine Tochter (Beschwerdeführerin 3), die unter Herz-
beschwerden und Augenproblemen leide, medizinisch behandelt worden
seien. Im Februar 2018 hätten sie nach Georgien zurückkehren müssen,
wobei die deutschen Behörden ihm Geld und Medikamente mitgegeben
hätten. Nachdem diese aufgebraucht gewesen seien, habe sich sein Ge-
sundheitszustand zunehmend verschlechtert. Für eine weitere medizini-
sche Behandlung in Georgien hätten ihm jedoch die finanziellen Mittel ge-
fehlt. Zudem habe er keine Arbeitsstelle gefunden. Aus diesen Gründen sei
er am (...) Oktober 2018 mit dem Flugzeug nach Tschechien gereist. Seine
Ehefrau und die Kinder seien ihm am (...) November 2018 nachgereist.
Danach seien sie zusammen auf dem Luftweg nach J._, und –
nachdem sie in Spanien erfolglos um Unterstützung ersucht hätten − von
dort auf dem Landweg in die Schweiz gereist.
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B.b Die Beschwerdeführerin verwies im Wesentlichen auf die Probleme ih-
res Ehemannes sowie die gesundheitlichen Beschwerden ihrer Töchter
C._ und E._; Letztere habe eine Beule auf dem Kopf ("boule
à la tête"), der von einem Chirurgen untersucht werden sollte. Sie hätten
die Behandlung ihrer Kinder in Georgien ebensowenig bezahlen können,
wie ihre Schwangerschaftskontrollen und die ihr verschriebenen Medika-
mente.
C.
Mit Zwischenverfügung vom 11. Dezember 2018 forderte das SEM die
Beschwerdeführenden unter Hinweis auf ihre Mitwirkungspflichten zur Ein-
reichung von ärztlichen Berichten betreffend die geltend gemachten medi-
zinischen Probleme mehrerer Familienangehöriger auf, und stellte ihnen
entsprechende Formulare zu.
D.
Am (...) wurde der Sohn der Beschwerdeführenden (Beschwerdeführer 6)
in der Schweiz geboren.
E.
Mit Verfügung vom 20. April 2020 (eröffnet am 22. April 2020) stellte das
SEM fest, die Beschwerdeführenden würden die Flüchtlingseigenschaft
nicht erfüllen, wies ihre Asylgesuche ab und ordnete die Wegweisung aus
der Schweiz sowie den Wegweisungsvollzug an.
F.
F.a Mit Eingabe ihres Rechtsvertreters vom 29. April 2020 erhoben die
Beschwerdeführenden gegen diese Verfügung beim Bundesverwaltungs-
gericht Beschwerde und beantragten, die Verfügung sei teilweise aufzu-
heben und die Vorinstanz sei anzuweisen, ihnen wegen Unzulässigkeit und
Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs die vorläufige Aufnahme in der
Schweiz zu gewähren; eventualiter sei die Sache zur vollständigen Erhe-
bung und Würdigung des rechtserheblichen Sachverhalts und zu neuer
Entscheidfällung an die Vorinstanz zurückzuweisen. In verfahrensrecht-
licher Hinsicht beantragten die Beschwerdeführenden, es sei ihnen die
unentgeltliche Prozessführung zu gewähren und eine in Aussicht gestellte
Beschwerdeergänzung abzuwarten.
F.b Zum Beleg ihrer Vorbringen reichten die Beschwerdeführenden einen
Arztbericht des Regionalspitals K._ vom 27. April 2020 betreffend
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den Beschwerdeführer sowie mehrere Länderberichte (UNAIDS Country
Factsheet, zwei Online-Presseartikel inklusive Übersetzung) ein.
G.
Der Instruktionsrichter hiess mit Zwischenverfügung vom 6. Mai 2020 das
Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gemäss
Art. 65 Abs. 1 VwVG gut, verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvor-
schusses und lud die Vorinstanz zu Einreichung einer Vernehmlassung ein.
Ferner stellte er unter Bezugnahme auf Art. 53 VwVG fest, dass kein An-
lass zur Einräumung einer Frist zur Beschwerdeergänzung respektive
Nachreichung der in Aussicht gestellten Beweismittel bestehe.
H.
In ihrer Vernehmlassung vom 20. Mai 2020 hielt die Vorinstanz an ihrer
Verfügung fest und beantragte die Abweisung der Beschwerde.
I.
Mit Eingabe vom 11. Juni 2020 machten die Beschwerdeführenden von
dem ihnen (mit Instruktionsverfügung vom 28. Mai 2020) eingeräumten
Recht zur Replik Gebrauch, wobei sie an den gestellten Beschwerdeanträ-
gen vollumfänglich festhielten. In der Beilage reichten sie ein Bluttest-
ergebnis des Beschwerdeführers vom 15. Juli 2018 inklusive Übersetzung
zu den Akten.
J.
Mit Eingabe vom 23. August 2021 legten die Beschwerdeführenden
einen Bericht des Spitals K._ vom 27. Juli 2021 betreffend die ak-
tuelle Situation des Beschwerdeführers 1 ins Recht.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
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ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche
Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb
das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die
Beschwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben
ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG).
1.5 Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
Die Beschwerde richtet sich ausschliesslich gegen den von der Vorinstanz
angeordneten Vollzug der Wegweisung. Die Dispositivziffern 1–3 der an-
gefochtenen Verfügung des SEM sind – wie bereits vom Instruktionsrichter
in seiner Zwischenverfügung vom 6. Mai 2020 festgestellt – mangels
Anfechtung in Rechtskraft erwachsen und bilden nicht Gegenstand des
Verfahrens.
4.
Die verfahrensrechtlichen Rügen sind vorab zu prüfen, da sie allenfalls ge-
eignet sind, eine Kassation der vorinstanzlichen Verfügung zu bewirken.
4.1 Die Beschwerdeführenden machten in ihrer Beschwerdeeingabe in for-
meller Hinsicht geltend, die Vorinstanz habe den Sachverhalt mangelhaft
erstellt und damit ihre Abklärungspflicht verletzt. Sie habe sich mit ihren
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Vorbringen nicht auseinandergesetzt und ihre medizinische Situation nicht
berücksichtigt. Es würden keine Berichte vorliegen, auf welche die Vor-
instanz sich bei der Beurteilung des medizinischen Sachverhalts hätte
abstützen können. Ebenso habe das SEM nicht rechtsgenüglich berück-
sichtigt, dass sie aufgezeigt hätten, in Georgien keine Lebensgrundlage zu
haben, und dass der Beschwerdeführer wegen seiner Erkrankung nicht für
seine Familie sorgen könne. Diese Umstände seien überdies mangelhaft
abgeklärt worden. Die ungenügende Berücksichtigung der von ihnen gel-
tend gemachten medizinischen und sozio-ökonomischen Gefährdungs-
lage stelle zudem eine Verletzung der Begründungspflicht dar. Die ihnen
drohende reale Gefahr, in eine existenzbedrohende Notlage zu geraten,
mit der Folge einer drastischen Reduktion der Lebenserwartung des Be-
schwerdeführers 1 und einer armutsbedingten schweren Gefährdung des
Kindeswohls, sei nicht angemessen abgeklärt und gewürdigt worden.
4.2
4.2.1 Im Verwaltungs- und namentlich im Asylverfahren gilt der Untersu-
chungsgrundsatz, das heisst die Behörde stellt den rechtserheblichen
Sachverhalt von Amtes wegen fest (Art. 6 AsylG i.V.m. Art. 12 VwVG; vgl.
Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Für das erstinstanzliche Asylverfahren be-
deutet dies, dass das SEM zur richtigen und vollständigen Ermittlung und
zur Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts verpflichtet ist und
auch nach allen Elementen zu forschen hat, die zugunsten der asylsuchen-
den Person sprechen. Der Untersuchungsgrundsatz gilt nicht unein-
geschränkt, zumal er sein Korrelat in der Mitwirkungspflicht der Asyl-
suchenden findet (Art. 13 VwVG und Art. 8 AsylG; vgl. CHRISTOPH AUER,
in: Auer/Müller/Schindler [Hrsg.], Kommentar zum Bundesgesetz über das
Verwaltungsverfahren [VwVG], 2. Aufl. 2019, Art. 12 Rz. 9; BVGE 2012/21
E. 5.1). Die entscheidende Behörde darf sich trotz des Untersuchungs-
grundsatzes in der Regel darauf beschränken, die Vorbringen einer asyl-
suchenden Person zu würdigen und die von ihr angebotenen Beweise ab-
zunehmen, ohne weitere Abklärungen vornehmen zu müssen. Nach Lehre
und Praxis besteht eine Notwendigkeit für über die Befragung hinaus-
gehende Abklärungen insbesondere dann, wenn aufgrund der Vorbringen
der asylsuchenden Person und der von ihr eingereichten oder angebote-
nen Beweismittel Zweifel und Unsicherheiten am Sachverhalt weiter-
bestehen, die voraussichtlich mit Ermittlungen von Amtes wegen beseitigt
werden können (vgl. BVGE 2009/50 E. 10.2.1 S. 734 m.H.a. Entscheidun-
gen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission
[EMARK] 1995 Nr. 23 E. 5a).
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4.2.2 Der Grundsatz des rechtlichen Gehörs (Art. 29 Abs. 2 BV, Art. 29 und
Art. 32 Abs. 1 VwVG) verlangt, dass die verfügende Behörde die Vorbrin-
gen des Betroffenen tatsächlich hört, sorgfältig und ernsthaft prüft und in
der Entscheidungsfindung berücksichtigt, was sich entsprechend in der
Entscheidbegründung niederschlagen muss (vgl. Art. 35 Abs. 1 VwVG).
Die Begründung eines Entscheids muss so abgefasst sein, dass der Be-
troffene ihn gegebenenfalls sachgerecht anfechten kann, was nur der Fall
ist, wenn sich sowohl der von der Verfügung Betroffene als auch die
Rechtsmittelinstanz über die Tragweite des Entscheids ein Bild machen
können. Die verfügende Behörde kann sich auf die wesentlichen Gesichts-
punkte beschränken, hat aber wenigstens kurz die Überlegungen anzufüh-
ren, von denen sie sich leiten liess und auf die sie ihren Entscheid ab-
stützte. Die Begründungsdichte richtet sich dabei nach dem Verfügungs-
gegenstand, den Verfahrensumständen und den Interessen des Betroffe-
nen, wobei bei schwerwiegenden Eingriffen in die rechtlich geschützten
Interessen des Betroffenen eine sorgfältige Begründung verlangt wird.
Indessen ist nicht erforderlich, dass die Behörde sich in der Begründung
mit jeder tatbeständlichen Behauptung und jedem rechtlichen Einwand ein-
lässlich auseinandersetzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich
widerlegt (vgl. KNEUBÜHLER / PEDRETTI, in: Auer/Müller/ Schindler [Hrsg.],
a.a.O., Art. 35 Rz. 7 ff.; BGE 136 I 184 E. 2.2.1, BVGE 2013/34 E. 4.1,
2008/47 E. 3.2 und 2007/30 E. 5.6).
4.3 Nach Auffassung des Gerichts hat die Vorinstanz diesen Anforderun-
gen Genüge getan.
4.3.1 Die Rüge, die Vorinstanz habe den Sachverhalt nicht vollständig ab-
geklärt, kann nicht gefolgt werden. Es ist nicht ersichtlich – und wurde in
der Beschwerdeeingabe auch nicht näher ausgeführt − inwiefern das Ein-
holen zusätzlicher Berichte betreffend die vorgebrachten medizinischen
Probleme erforderlich gewesen wäre. In diesem Zusammenhang ist fest-
zustellen, dass das SEM die Beschwerdeführenden mit Schreiben vom
11. Dezember 2018 unter Beilage entsprechender Formulare zur Einrei-
chung von Arztzeugnissen einlud, jedoch in der Folge bis zum Ergehen der
angefochtenen Verfügung seitens der Beschwerdeführenden keine der-
artigen Beweismittel eingereicht wurden. Bei dieser Ausgangslage ist nicht
zu beanstanden, dass die Vorinstanz sich bei ihrem Entscheid auf die be-
stehende Aktenlage abstützte.
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4.3.2 Im Weiteren ist auch keine Verletzung der Begründungspflicht
erkennbar. Das SEM hat sich mit den wesentlichen Vorbringen der Be-
schwerdeführenden − namentlich mit den vorgebrachten gesundheitlichen
Problemen des Beschwerdeführers 1 und von zwei ihrer Kinder, mit der
wirtschaftlichen Situation der Beschwerdeführenden sowie dem Aspekt
des Kindeswohls – hinreichend auseinandergesetzt und in der angefoch-
tenen Verfügung die Überlegungen genannt, auf welche es seinen Ent-
scheid stützte. Es war den Beschwerdeführenden offensichtlich möglich,
den Entscheid des SEM sachgerecht anzufechten, was den Schluss zu-
lässt, dass sie sich über die Tragweite der Verfügung ein Bild machen
konnte (vgl. BGE 129 I 232 E. 3.2).
4.4 Für die eventualiter beantragte Rückweisung der Sache an die Vor-
instanz zur vollständigen Erhebung und Würdigung des rechtserheblichen
Sachverhalts sowie zur Ausfällung eines neuen Entscheids besteht nach
dem Gesagten keine Veranlassung.
5.
5.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
5.2 Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt ge-
mäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard
wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu be-
weisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens
glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
5.3 Der Vollzug ist nicht möglich, wenn der Ausländer weder in den Her-
kunfts- oder in den Heimatstaat noch in einen Drittstaat verbracht werden
kann. Er ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen der
Schweiz einer Weiterreise des Ausländers in seinen Heimat-, Herkunfts-
oder einen Drittstaat entgegenstehen. Der Vollzug kann insbesondere nicht
zumutbar sein, wenn er für den Ausländer eine konkrete Gefährdung dar-
stellt (Art. 83 Abs. 2–4 AIG).
6.
6.1 Das SEM führte zur Begründung seiner Verfügung im Vollzugspunkt
aus, der Grundsatz der Nichtrückschiebung gemäss Art. 5 Abs. 1 AsylG
könne nicht angewendet werden, und es würden sich aus den Akten keine
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Anhaltspunkte ergeben, dass den Beschwerdeführenden in ihrem Heimat-
staat mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit eine durch Art. 3 EMRK verbo-
tene Strafe oder Behandlung drohe. Der Wegweisungsvollzug erweise sich
auch unter dem Blickwinkel des Übereinkommens vom 20. November
1989 über die Rechte des Kindes (Kinderrechtskonvention, KRK; SR
0.107) als zulässig. Die schweizerischen Behörden hätten ihre sich aus der
KRK ergebenden Verpflichtungen im Rahmen verschiedener Gesetzes-
bestimmungen hinreichend präzisiert. Im Weiteren würden weder die im
Heimatstaat der Beschwerdeführenden herrschende politische Situation
noch andere Gründe gegen die Zumutbarkeit ihrer Rückführung nach Ge-
orgien sprechen. Sie würden über ein soziales Netzwerk namentlich im
Heimatstaat verfügen und es sei ihnen zuzumuten, sich um eine Erwerbs-
tätigkeit zu bemühen oder sich bei Bedarf an die georgischen Behörden
und sozialen Institutionen zu wenden. Die wirtschaftliche Situation der Be-
schwerdeführenden könne somit als gesichert erachtet werden. Angesichts
der Aufenthaltsdauer in der Schweiz und dem Alter der Kinder stehe auch
das Kindeswohl einem Vollzug der Wegweisung nicht entgegen. Betreffend
die Kinder C._ und E._ seien trotz entsprechender Auffor-
derung keine Arztberichte eingereicht worden, weshalb davon ausgegan-
gen werden könne, dass bei ihnen keine schwerwiegenden gesundheitli-
chen Beschwerden vorliegen würden. Gemäss Kenntnissen des SEM sei
eine Behandlung der medizinischen Beschwerden des Beschwerdefüh-
rers 1 (HIV, Hepatitis C) in Georgien gewährleistet; sie sei für alle georgi-
schen Staatsangehörigen unabhängig von ihrem Krankheitsstadium kos-
tenlos. Es sei dem Beschwerdeführer zuzumuten, sich an die entsprechen-
den Stellen zu wenden und die notwendige Behandlung einzufordern. Na-
mentlich gebe es in seinem Herkunftsort I._ medizinische Instituti-
onen, die Dienstleistungen für HIV-Patienten anbieten würden. Überdies
stehe es ihm frei, medizinische Rückkehrhilfe zu beantragen.
6.2 Die Beschwerdeführenden brachten in ihrer Beschwerdeeingabe
namentlich vor, es sei dem Beschwerdeführer 1 nach der Rückkehr nach
Georgien aus Deutschland unmöglich gewesen, eine Arbeitsstelle zu fin-
den; dies wegen seiner früheren Probleme mit dem Bürgermeister von
I._ und weil Personen mit HIV- und Hepatitis-Erkrankungen auf
dem Arbeitsmarkt diskriminiert würden. Sie würden in Georgien weder über
eine Wohn- noch über eine Verdienstmöglichkeit verfügen. Zudem sei der
Beschwerdeführer 1 dringend auf medizinische Behandlung in Form anti-
retroviraler Therapien angewiesen. Zwei bei ihm in den Jahren 2010 be-
ziehungsweise 2018 in Georgien durchgeführte Bluttests hätten fälschli-
cherweise zu einem negativen HIV-Testergebnis geführt, obwohl bei ihm
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bereits im Jahr 2005 in Moskau eine HIV-Infektion festgestellt worden sei
(und trotz seines Hinweises auf die während seines Aufenthalts in Deutsch-
land erfolgte Therapie und Behandlung). Ob eine erfolgreiche Behandlung
im Heimatstaat möglich sei, hänge nicht nur von der allgemeinen Verfüg-
barkeit von Therapien und dem Zugang zu diesen ab, sondern auch davon,
ob die verfügbaren Therapieformen beim Beschwerdeführer 1 überhaupt
wirksam wären. Dies könne nur ein Spezialist beurteilen, weshalb dies-
bezüglich ein fachärztlicher Bericht hätte eingeholt werden müssen.
Mit grosser Wahrscheinlichkeit hätte er in Georgien keinen Zugang zu einer
adäquaten antiretroviralen Therapie, was zu einer massiven Verschlechte-
rung seines Gesundheitszustands und einer drastisch reduzierten Lebens-
erwartung führen würde. Gemäss Angaben von UNAIDS erhalte in Geor-
gien nur etwa die Hälfte der HIV-Infizierten eine antiretrovirale Therapie.
Die Zahl der Todesfälle aufgrund von AIDS nehme wegen der späten
Erkennung, der mangelhaften Qualität der Behandlung und der für die
ärmeren Bevölkerungskreise nicht tragbaren Kosten zu. Im Übrigen wären
ihre Kinder von extremer Armut bedroht, da sie als Eltern nicht über die
Mittel verfügen würden, um für den Unterhalt der Familie zu sorgen, nach-
dem sie den von den deutschen Behörden erhaltenen Geldbetrag für die
Reintegration aufgebraucht hätten. Gemäss einem Bericht von UNICEF
würden in Georgien jedes Jahr rund 300 Kinder an Hunger sterben, wäh-
rend 77'000 Kinder in extremer Armut leben müssten. Die bestehenden
Schutzmechanismen würden die Bedürfnisse der Kinder zu wenig berück-
sichtigen. Zudem hätten auch die medizinischen Probleme der Kinder in
Georgien aus finanziellen Gründen nicht ausreichend abgeklärt werden
können. In der Schweiz hätten diese Probleme aber erfolgreich angegan-
gen werden können. Entgegen der Auffassung der Vorinstanz seien medi-
zinische Behandlungen in Georgien nie ganz kostenlos. Für Arztbesuche
müsse jeweils ein Betrag von 50 Laris bezahlt und auch die Kosten für die
Medikamente müssten selber getragen werden. Die Vorinstanz habe sich
mit ihren Ausführungen nicht auseinandergesetzt und namentlich ihre me-
dizinische Situation nicht berücksichtigt. Gesamthaft erweise sich deshalb
der Wegweisungsvollzug als unzumutbar und unter dem Blickwinkel des
Kindeswohls auch als unzulässig.
6.3 Im Rahmen ihrer Vernehmlassung führte die Vorinstanz aus, der Voll-
zug der Wegweisung HIV-positiver Asylsuchender sei grundsätzlich zumut-
bar, solange die HIV-Infektion das Stadium C nicht erreicht habe, wobei
jedoch stets auch die konkrete Situation im Heimatstaat massgeblich zu
berücksichtigen sei. Die HIV-Infektion des Beschwerdeführers befinde sich
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derzeit im Stadium A1. Das ihm in der Schweiz verschriebene Kombinati-
onsmedikament sei zwar in Georgien nicht erhältlich, die Einzelpräparate
hingegen schon; gemäss Auskunft des behandelnden Arztes spreche
nichts gegen eine Verwendung des in Georgien verfügbaren Medikaments
Tenofovir Disoproxil. Die chronische Hepatitis-C-Erkrankung des Be-
schwerdeführers erfordere nach Auskunft des behandelnden Arztes keine
akute Behandlung, jedoch einer antiviralen Therapie zur Vorbeugung einer
späteren Leberschädigung. Nach heutigen Erkenntnissen würden
Hepatitis-C-Infizierte in Georgien freien und kostenlosen Zugang zu sol-
chen Therapien erhalten. Im Übrigen seien auch in der Beschwerdeschrift
keine konkreten Angaben zu den geltend gemachten gesundheitlichen
Problemen von zwei der Kinder der Beschwerdeführenden gemacht wor-
den, weshalb weiterhin von einer Behandelbarkeit allfälliger Beschwerden
in Georgien ausgegangen werden könne. Generell habe die medizinische
Versorgung im Heimatstaat der Beschwerdeführenden in den letzten Jah-
ren grosse Fortschritte gemacht. Zudem existiere ein Sozialhilfeprogramm
für Personen unter der Armutsgrenze, welches eine kostenlose Kranken-
versicherung einschliesse.
6.4 In ihrer Replik wiesen die Beschwerdeführenden insbesondere erneut
auf die Diskriminierung des Beschwerdeführers bei der Arbeitssuche auf-
grund von Krankheiten hin. Aus dem der Vernehmlassung beigelegten
medizinischen Consulting vom 12. Januar 2016 ergebe sich, dass für jede
Arztvisite bezahlt werden müsse, weshalb nicht von einem kostenlosen Zu-
gang zu medizinsicher Behandlung gesprochen werden könne. Die Kosten
für Arztbesuche und Medikamente seien eines der grössten Armutsrisiken
in Georgien. Es werde diesbezüglich auf einen Bericht der Schweizeri-
schen Flüchtlingshilfe (SFH) über die Gesundheitsversorgung in diesem
Land verwiesen. Aufgrund des falschen negativen Testergebnisses des
Beschwerdeführers in Georgien – welches auf einem falsch durchgeführ-
ten Test oder einer falschen Interpretation der Blutwerte beruht habe –,
hätte er in Georgien keinen Zugang zu einer antiretroviralen Therapie.
Ferner sei zu berücksichtigen, dass trotz Fortschritten in der Medizin in
Georgien jedes Jahr mehr Menschen an AIDS sterben und nur die Hälfte
aller Infizierten eine Therapie erhalten würden. Dies hänge offensichtlich
mit einer späten oder ausbleibenden Erkennung von Erkrankungen, der
mangelhaften Qualität der Behandlung und den Behandlungskosten
zusammen, welche von den ärmeren Bevölkerungskreisen nicht bezahlt
werden könnten. Ferner sei die Vorinstanz nicht eingegangen auf den Hin-
weis auf die grosse Kinderarmut und die Hungertoten in Georgien sowie
den Umstand, dass ihre Kinder akut von extremer Armut betroffen wären.
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Dies sei angesichts der sich aus der KRK ergebenden Verpflichtungen der
Schweiz völkerrechtswidrig. Die in Georgien existierenden Sozial- und
Gesundheitsprogramme würden weder ein Leben in Würde, noch eine
minimale soziale Sicherheit und kostenlose Gesundheitsversorgung ge-
währleisten. Die staatliche Unterstützung würde auch nicht ausreichen, um
die Wohnkosten zu begleichen.
6.5 In der ergänzenden Eingabe vom 23. August 2021 wurde darauf hin-
gewiesen, dass der Beschwerdeführer 1 wegen einer depressiven Reak-
tion mit Suizidalität in psychiatrischer Behandlung sei. Eine Rückführung
nach Georgien hätte eine deutliche Verschlechterung seines psychischen
Gesundheitszustandes mit einer Retraumatisierung und Suizidgedanken
zur Folge. Im Weiteren machten die Beschwerdeführenden auf die sich
erheblich verschlechternde sozio-ökonomische Situation in Georgien,
namentlich aufgrund der Covid-19 Pandemie, sowie die gestiegenen
Medikamentenpreise aufmerksam. Die Reform des georgischen Universal
Health Care (UHC) Programme habe nur einen limitierten Mechanismus
der finanziellen Unterstützung für den Kauf von Medikamenten eingeführt.
Hinsichtlich der Selbstkosten für Untersuchungen und Behandlungen so-
wie für Medikamente bestehe in Georgien nach wie vor ein grosser Nach-
holbedarf. Aufgrund seiner Probleme aus dem Jahr 2014 gelte der Be-
schwerdeführer 1 in I._ nach wie vor als persona non grata. Es
wäre den Beschwerdeführenden aber unter den gegebenen Voraussetzun-
gen nicht zuzumuten, an einem anderen Ort in ihrem Heimatstaat eine
neue Existenz aufzubauen. Die Gefahr, dass sie in absolute Armut geraten
würden, sei als äusserst real zu bezeichnen.
7.
7.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
7.1.1 So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land
gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem
Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft,
zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1
AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über
die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
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7.1.2 Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. De-
zember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder er-
niedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu
Art. 3 EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedri-
gender Strafe oder Behandlung unterworfen werden.
7.2 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend darauf
hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur Per-
sonen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es den
Beschwerdeführenden nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche
Gefährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5
AsylG verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Ver-
fahren keine Anwendung finden. Ihre Rückkehr in den Heimatstaat ist dem-
nach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
7.3 Es ergeben sich weder aus den Aussagen der Beschwerdeführenden
noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass sie für den Fall einer Aus-
schaffung in den Heimatstaat mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit einer
nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung aus-
gesetzt wären. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofes für Men-
schenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses müssten
die Beschwerdeführenden eine konkrete Gefahr ("real risk") glaubhaft ma-
chen, dass ihnen bei einer Rückschiebung Folter oder unmenschliche Be-
handlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR Saadi gegen Italien 28. Feb-
ruar 2008, Grosse Kammer 37201/06, §§ 124–127 m.w.H.).
7.4 Was die gesundheitlichen Probleme des Beschwerdeführers 1 anbe-
langt, ist Folgendes festzustellen:
7.4.1 Der EGMR hat in seinem Entscheid D. gegen Vereinigtes Königreich
(Urteil vom 2. Mai 1997, Beschwerde Nr. 30240/96) festgestellt, dass die
Ausweisung einer in der terminalen Phase an AIDS erkrankten Person
unter ganz aussergewöhnlichen Umständen eine Verletzung von Art. 3
EMRK darstellen könne. Hingegen hat der EGMR schon mehrfach fest-
gehalten, dass die Wegweisung von HIV-infizierten Personen, die noch
nicht an AIDS erkrankt sind, Art. 3 EMRK nicht verletzt (vgl. EGMR
N. gegen Vereinigtes Königreich, Urteil vom 27. Mai 2008, Grosse
Kammer, Beschwerde Nr. 26565/05). Im Urteil Paposhvili gegen Belgien
vom 13. Dezember 2016 (Beschwerde Nr. 41738/10) stellte der EGMR
klar, dass ausserordentliche Umstände nicht nur in Fällen gegeben seien,
E-2301/2020
Seite 14
in denen sich eine von einer Ausschaffung betroffene Person in unmittel-
barer Gefahr befinde zu sterben, sondern auch Erkrankungen, bei welchen
sich die betroffene Person – angesichts fehlender Behandlungsmöglichkei-
ten im Zielstaat der Ausschaffung – einem realen Risiko einer schwerwie-
genden, raschen und irreversiblen Verschlechterung des Gesundheitszu-
stands aussetze, die zu heftigen Leiden oder einer erheblichen Reduktion
der Lebenserwartung führe.
7.4.2 Die HIV-Infektion des Beschwerdeführers 1 befindet sich im Stadium
CDC A1 und somit nicht in der terminalen Phase. Betreffend seine chroni-
sche Hepatitis C liegt gemäss Akten eine stabile Situation vor, die derzeit
offenbar keine akute Behandlung erfordert (vgl. Arztbericht des Spitals
K._ vom 27. April 2020 sowie Aktennotiz SEM vom Mai 2020 be-
treffend telefonische Auskunft des behandelnden Arztes). Demnach er-
weist sich seine Gesundheitssituation – auch unter Berücksichtigung der
mit Eingabe vom 23. August 2021 neu vorgebrachten psychischen Prob-
leme – nicht als derart gravierend, dass der Wegweisungsvollzug gemäss
den
obgenannten Kriterien aus medizinischen Gründen als gegen Art. 3 EMRK
verstossend zu erachten wäre.
7.5 Auch die allgemeine Menschenrechtssituation im Heimatstaat lässt
den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt nicht als unzulässig er-
scheinen.
Der gemäss Art. 3 Abs. 1 KRK zu beachtende Aspekt des Kindeswohls ist
im Rahmen der Prüfung der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs zu
berücksichtigen.
7.6 Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im Sinne
der asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig.
8.
8.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
8.2 Zusammen mit der Bezeichnung als "Safe Country" im Sinn von Art. 6a
Abs. 2 Bst. a AsylG bezeichnete der Bundesrat Georgien auch als Her-
E-2301/2020
Seite 15
kunftsland, in das eine Rückkehr abgewiesener Asylsuchender grundsätz-
lich als zumutbar gelten kann (vgl. Art. 83 Abs. 5 AIG). Es herrscht dort
keine Situation von Krieg, Bürgerkrieg oder allgemeiner Gewalt, weshalb
in konstanter Praxis von der generellen Zumutbarkeit des Wegweisungs-
vollzugs nach Georgien ausgegangen wird (vgl. etwa Urteile des BVGer
D-6878/2016 vom 9. Oktober 2017 E. 8.3.2 m.w.H. oder D-4523/2021 vom
29. November 2021 E. 9.3.1).
8.3 Vorliegend lassen auch keine individuellen Gründe wirtschaftlicher und
sozialer Natur auf eine konkrete Gefährdung der Beschwerdeführenden im
Falle einer Rückkehr schliessen.
8.3.1 Gründe ausschliesslich medizinischer Natur lassen den Wegwei-
sungsvollzug im Allgemeinen nicht als unzumutbar erscheinen, es sei
denn, die erforderliche Behandlung sei wesentlich und im Heimatland nicht
erhältlich. Entsprechen die Behandlungsmöglichkeiten im Herkunftsland
nicht dem medizinischen Standard in der Schweiz, bewirkt dies allein noch
nicht die Unzumutbarkeit des Vollzugs. Von einer solchen ist erst dann aus-
zugehen, wenn die ungenügende Möglichkeit der Weiterbehandlung eine
drastische und lebensbedrohende Verschlechterung des Gesundheits-
zustands nach sich zieht (vgl. BVGE 2011/50 E. 8.3 S. 1003 f. und 2009/2
E. 9.3.2 S. 21).
8.3.2 Gemäss den eingereichten Arztberichten leidet der Beschwerdefüh-
rer 1 unter einer HIV-Infektion im Stadium A1 sowie an einer chronischen
Hepatitis C. Zudem ist er gemäss Arztbericht des Spitals K._ vom
27. Juli 2021 in integrierter psychiatrischer Behandlung. Im Fall einer Rück-
führung nach Georgien sei von einer deutlichen psychischen Verschlech-
terung mit Retraumatisierung und Entwicklung von Suizidgedanken auszu-
gehen.
8.3.3 Seit dem Jahr 2006 existiert in Georgien ein Sozialhilfeprogramm für
Personen unter der Armutsgrenze, das eine kostenlose Krankenversiche-
rung einschliesst (vgl. SFH, Georgien: Zugang zu medizinischer Versor-
gung, 28. August 2018). Der Zugang der Bevölkerung zur Gesundheitsver-
sorgung hat sich seit der Einführung des neu organisierten, staatlich finan-
zierten allgemeinen Gesundheitsprogramms "Universal Health Care
Program" (UHCP) im Februar 2013 weiter verbessert, und das Gesund-
heitssystem wurde seither stets weiter ausgebaut. Wie von der Vorinstanz
zutreffend festgehalten, werden Behandlungskosten zu 70 bis 100 Prozent
von der Krankenversicherung UHC (Universal Health Care) gedeckt (vgl.
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Seite 16
SEM – Staatssekretariat, Focus Georgien: Reform im Gesundheitswesen:
Staatliche Gesundheitsprogramme und Krankenversicherung, 21. März
2018; Urteile des BVGer E-4429/2019 vom 14. Juli 2021 E. 8.3.3.3 und
E-4483/2019 vom 25. September 2019 E. 7.2.4 m.w.H.). Insbesondere ist
eine Behandlung von HIV-Erkrankungen in Georgien, namentlich mit anti-
retroviralen Medikamenten, für alle georgischen Bürger in jedem Stadium
kostenfrei verfügbar. Es sind Medikamente mit Wirkstoffen erhältlich, die
mit dem dem Beschwerdeführer in der Schweiz verschriebenen Medika-
ment vergleichbar sind (vgl. IOM, Länderinformationsblatt Georgien, 2019,
S. 4; SEM, Focus Georgien Reform im Gesundheitswesen: Staatliche Ge-
sundheitsprogramme und Krankenversicherung, 21. März 2018, S. 14; Ak-
tennotiz SEM vom Mai 2020). Im Jahr 2015 wurde ein nationales Pro-
gramm zur Eliminierung von Hepatitis C lanciert, welches allen Bewohnern
und Bewohnerinnen Georgiens offensteht. Tests und Behandlungen wer-
den grösstenteils kostenlos durchgeführt (vgl. Schweizerische Flüchtlings-
hilfe [SFH], Georgien: Zugang zu medizinischer Versorgung, Schnell-
recherche der SFH-Länderanalyse, 28. August 2018, S. 7 f.; SEM, Focus
Georgien Reform im Gesundheitswesen: Staatliche Gesundheitspro-
gramme und Krankenversicherung, 21. März 2018). Schliesslich besteht
auch für die Behandlung von psychischen Problemen in Georgien ein
staatliches Programm ("State Programme for Mental Health"), welches al-
len georgischen Bürgern offensteht und kostenlos ist (vgl. etwa Urteile des
BVGer D-3792/2021 vom 7. September 2021 E. 8.4.1 oder D-2961/2021
vom 20. August 2021 E. 7.3 m.w.H.).
8.3.4 Unter diesen Umständen kann davon ausgegangen werden, dass
eine adäquate Behandlung des Beschwerdeführers 1 im Heimatstaat
gewährleistet ist, und die Rückkehr in den Heimatstaat – gegebenenfalls
unter Inanspruchnahme von medizinischer Rückkehrhilfe gemäss Art. 75
der Asylverordnung 2 vom 11. August 1999 (AsylV 2, SR 142.312) – nicht
zu einer raschen und lebensgefährdenden Beeinträchtigung seines Ge-
sundheitszustands führen wird. Staatsangehörige aus Staaten, die für ei-
nen Aufenthalt bis zu drei Monaten von der Visumspflicht befreit sind, sind
zwar gemäss Art. 76a Abs. 1 Bst. a AsylV 2 von der individuellen Rück-
kehrhilfe grundsätzlich ausgeschlossen, jedoch kann das SEM gemäss
Art. 76a Abs. 2 AsylV 2 für Personen mit besonderen persönlichen, sozia-
len oder beruflichen Reintegrationsbedürfnissen im Zielstaat Ausnahmen
gewähren. Es ist deshalb nicht von vornherein ausgeschlossen, dass die
Beschwerdeführenden, falls erforderlich, entsprechende Unterstützungs-
leistungen beanspruchen könnten, zumal das SEM sie in der angefochte-
nen Verfügung ausdrücklich auf diese Möglichkeit aufmerksam gemacht
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Seite 17
hatte (vgl. Verfügung S. 8). Der Argumentation des Beschwerdeführers 1
in seinem Rechtsmittel, in Georgien würde ihm der Zugang zu einer anti-
retroviralen Therapie nicht gewährt, weil ein dort durchgeführter HIV-Test
fälschlicherweise negativ ausgefallen sei, kann nicht gefolgt werden. Dem
zum Beleg eingereichte Blutbild vom 15. Juli 2018 ist keine eindeutige Aus-
sage im Hinblick auf eine mögliche HIV-Infektion des Beschwerdeführers 1
zu entnehmen; es ist somit nicht geeignet zu belegen, dass er negativ ge-
testet wurde. Ohnehin kann aus einem allfälligen einmaligen negativen
Testergebnis nicht auf eine generelle und andauernde Verweigerung der
Anerkennung einer Behandlungsbedürftigkeit geschlossen werden. Auch
wenn die Qualität der verfügbaren Behandlungen und Therapien in Geor-
gien möglicherweise nicht vollumfänglich den schweizerischen Standards
entspricht, führt dies nicht zur Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs.
Vielmehr ist anzunehmen, dass die Beschwerdeführenden über das UHCP
sowie die weiteren staatlich finanzierten Gesundheitsprogramme ausrei-
chend Zugang zur medizinischen Versorgung haben werden, so dass eine
menschenwürdige Existenz gewährleistet ist.
8.3.5 Betreffend die geltend gemachten gesundheitlichen Probleme von
zwei Kindern (Beschwerdeführende 3 und 5) ist festzustellen, dass das
SEM den Beschwerdeführenden mit Verfügung vom 11. Dezember 2018
Formulare zum Zweck der Einreichung von ärztlichen Berichten, auch be-
treffend die Kinder, zustellte, jedoch im erstinstanzlichen Verfahren keine
entsprechenden Beweismittel eingereicht wurden. In der Beschwerde-
eingabe wurden Belege dafür, dass die Kinder in Georgien die erforderliche
Behandlung nicht erhalten hätten, in der Schweiz nunmehr aber erfolgreich
medizinisch behandelt würden, zwar in Aussicht gestellt (vgl. Beschwerde-
schrift vom 29. April 2020, S. 4). In der Folge wurden aber mit den späteren
Eingaben keine entsprechenden Beweismittel zu den Akten gereicht.
Hieraus ist der Schluss zu ziehen, dass allfällige gesundheitliche Be-
einträchtigungen der Kinder nicht gravierender Art sind. Es fehlen stich-
haltige Anhaltspunkte dafür, dass sie einer wesentlichen medizinischen
Behandlung bedürfen, die im Heimatstaat nicht erhältlich wäre.
8.3.6 Im Weiteren vermag auch die Argumentation der Beschwerdeführen-
den, dass sie nicht in der Lage wären, in Georgien ihren Lebensunterhalt
zu sichern, nicht zu überzeugen. Es ist nicht davon auszugehen, dass der
Beschwerdeführer 1 aufgrund der von ihm vorgebrachten früheren Aus-
einandersetzung mit dem Bürgermeister seiner Heimatstadt mit einer lan-
desweiten Diskriminierung bei der Stellensuche rechnen muss. Ein
Wohnortswechsel der Beschwerdeführenden im Falle allfälliger lokaler
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Seite 18
Probleme erscheint nicht von vornherein unzumutbar. In Anbetracht seiner
überdurchschnittlich guten beruflichen Qualifikationen und Erfahrungen
dürfte es dem Beschwerdeführer 1 trotz seiner gesundheitlichen Beein-
trächtigungen durchaus möglich sein, erneut eine Erwerbstätigkeit auf-
zunehmen. Auch wenn eine gewisse Stigmatisierung von HIV-Erkrankten
in Georgien nicht ausgeschlossen werden kann, besteht kein Grund zur
Annahme, dass dies eine Arbeitsaufnahme von vornherein verunmögli-
chen würde. Überdies verfügen die Beschwerdeführenden in Georgien
sowie im Ausland über ein soziales Netz von Familienangehörigen, welche
sie wohl zumindest zu einem gewissen Grad unterstützen könnten,
wie dies in der Vergangenheit schon der Fall war. Die eingereichten
Berichte zur allgemeinen Situation in Georgien vermögen keine andere
Einschätzung zu rechtfertigen.
8.3.7 Auch unter dem Aspekt des Kindeswohls erweist sich der Wegwei-
sungsvollzug nicht als unzumutbar:
Nach geltender Rechtsprechung sind bei der Auslegung von Art. 83 Abs. 4
AlG im Lichte von Art. 3 Abs. 1 KRK unter dem Aspekt des Wohls des
Kindes namentlich folgende Kriterien im Rahmen einer gesamtheitlichen
Beurteilung von Bedeutung: Alter, Reife, Abhängigkeiten, Art (Nähe, Inten-
sität, Tragfähigkeit) seiner Beziehungen, Eigenschaften seiner Bezugs-
personen, Stand und Prognose bezüglich Entwicklung/Ausbildung sowie
der Grad der erfolgten Integration bei einem längeren Aufenthalt in der
Schweiz (vgl. BVGE 2015/30 E. 7.2 m.w.H.). Aufgrund des Alters der
Kinder der Beschwerdeführenden ([...], [...], [...] und [...] Jahre) kann nach
einem rund dreijährigen Aufenthalt noch nicht von einer fortgeschrittenen
Verwurzelung in der Schweiz gesprochen werden, zumal ihre Eltern (noch)
die wichtigsten Bezugspersonen bilden. Weder in den vorinstanzlichen
noch den Beschwerdeakten finden sich Hinweise, welche zu einer gegen-
teiligen Annahme führen könnten. Eine Wegweisung nach Georgien hätte
damit keine derartige Entwurzelung der Kinder zur Folge, dass eine Rück-
kehr dorthin mit dem Kindeswohl nicht vereinbar wäre.
8.3.8 Zusammenfassend ist davon auszugehen, dass die Beschwerdefüh-
renden in Georgien aufgrund des Sozialhilfeprogramms, des UHCP sowie
der Möglichkeit, sich an die "Referral Service Commission" zu wenden,
nicht in eine medizinische oder existenzielle Notlage geraten werden.
8.4 Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung auch als
zumutbar.
E-2301/2020
Seite 19
9.
Schliesslich obliegt es den Beschwerdeführenden, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen
Reisedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch
BVGE 2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als mög-
lich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
10.
Auch die Corona-Pandemie steht dem Wegweisungsvollzug nicht entge-
gen: Die Anordnung einer vorläufigen Aufnahme setzt voraus, dass ein
Vollzugshindernis nicht nur vorübergehender Natur ist, sondern voraus-
sichtlich eine gewisse Dauer – in der Regel mindestens zwölf Monate –
bestehen bleibt. Ist dies nicht der Fall, so ist dem temporären Hindernis bei
den Vollzugsmodalitäten Rechnung zu tragen (vgl. EMARK 1995 Nr. 14
E. 8d und e). Bei der Corona-Pandemie handelt es sich – wenn überhaupt
– um ein bloss temporäres Vollzugshindernis, welchem somit im Rahmen
der Vollzugsmodalitäten durch die kantonalen Behörden Rechnung zu tra-
gen ist, indem etwa der Zeitpunkt des Vollzugs der Situation im Heimatland
angepasst wird.
11.
Zusammenfassend ist festzustellen, dass die Vorinstanz den Wegwei-
sungsvollzug zu Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet hat.
Eine Anordnung der vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht
(Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
12.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt und angemessen ist (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
Die Beschwerde ist abzuweisen.
13.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten den Beschwer-
deführenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Nachdem der Instrukti-
onsrichter ihr Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung
gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG mit Instruktionsverfügung vom 6. Mai 2020
gutgeheissen hatte und den Akten keine Hinweise auf eine massgebende
Veränderung der finanziellen Verhältnisse zu entnehmen sind, ist jedoch
auf eine Kostenauflage zu verzichten.
http://links.weblaw.ch/EMARK-1995/14
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