Decision ID: 3f7551fc-b1f9-43ea-96ac-5428f2f184d8
Year: 2011
Language: de
Court: SG_VGN
Chamber: SG_VGN_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

hat das Verwaltungsgericht festgestellt:
A./ X. Y., geboren am 6. Juni 1992, St. Gallen, trat auf Beginn des Schuljahres
2008/2009 in die Wirtschaftsmittelschule mit Schwerpunkt Informatik der
Kantonsschule am Brühl, St. Gallen, ein.
a) Am 17. Dezember 2008 erteilte der Rektor dem Schüler wegen zahlreichen
unentschuldigten Absenzen einen Verweis, womit der Hinweis verbunden war, dass
eine befristete Androhung des Ausschlusses von der Schule ins Auge gefasst werde,
wenn weitere Pflichtverletzungen dazu kommen würden. Den Schüler liess diese
Disziplinarmassnahme jedoch unberührt. Nach neunzehn weiteren unentschuldigten
Halbtagen schloss der Prorektor am 10. August 2009 mit X. Y. eine Vereinbarung
betreffend Teilnahme am Unterricht und Verhalten bei Abwesenheiten ab. Demnach
war der Schüler gehalten, sich bei Absenzen telefonisch abzumelden und bei
gesundheitlichem Fehlen ein Arztzeugnis beizubringen. Der Schüler hielt sich aber auch
an diese Abmachung nicht, weshalb ihm die Schulleitung im Dezember 2009 - wie
bereits in Aussicht gestellt - ein Ultimatum androhte. Nach weiteren unentschuldigten
Absenzen verfügte die Rektoratskommission der Kantonsschule am Brühl am 14. Juni
2010 eine bis Ende Januar 2011 befristete Androhung des Ausschlusses von der
Schule. Mit diesem Ultimatum war verbunden, dass der Schüler sich keiner
Pflichtverletzung mehr schuldig machen dürfe, ansonsten er schon wegen einer
geringfügigen Verfehlung sofort von der Schule ausgeschlossen werde. Diese
Androhung erwuchs unangefochten in Rechtskraft.
b) Der mittlerweile volljährige Schüler zeigte sich aber auch davon unbeeindruckt und
fuhr fort, seine Schülerpflichten zu verletzen. Seine Verfehlungen bestanden unter
anderem darin, dass er weiterhin zu spät oder gar nicht zum Unterricht erschien und
Arbeiten nicht rechtzeitig ablieferte.
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B./ Auf Grund der erneuten Regelverstösse hörte das Rektorat am 13. Januar 2011
bzw. 19. Januar 2011 die Klassenkonferenz und die Rektoratskommission an und
beantragte am 19. Januar 2011 beim Erziehungsrat des Kantons St. Gallen den
Ausschluss von X. Y. von der Schule. Seine Mutter nahm am 3. Februar 2011 zum
Antrag des Rektors Stellung. Am 23. Februar 2011 schloss der Erziehungsrat den
fehlbaren Schüler von der Wirtschaftsmittelschule aus.
C./ Gegen diesen Beschluss des Erziehungsrats erhob der ausgeschlossene Schüler
durch seinen Rechtsvertreter am 11. März 2011 beim Verwaltungsgericht des Kantons
St. Gallen mit dem Antrag Beschwerde, die angefochtene Verfügung sei unter
Kostenfolge aufzuheben und es sei ihm zu gestatten, weiterhin am Unterricht
teilzunehmen und die Maturitätsprüfung zu absolvieren. Mit Begründung vom 29. März
2011 lässt er vorbringen, er sei hochbegabt, weshalb er die Fähigkeit, lernen zu
müssen, nie erworben habe. Dies habe dazu geführt, dass er am Gymnasium die
Probezeit nicht bestanden habe und auch sein erneuter Anlauf nicht problemlos
verlaufen sei. Bei den unbestrittenen Disziplinarverstössen handle es sich allerdings
bloss um durchwegs leichte Fälle, die einzig wegen ihrer Kumulation zum
Schulausschluss geführt hätten. Die Verfehlungen habe er aus Nachlässigkeit, nicht
vorsätzlich begangen. Die Schwere seiner Lage sei ihm erst im Rahmen des
vorliegenden Ausschlussverfahrens bewusst geworden. Der Grund seiner zahlreichen
Absenzen habe in erster Linie in seiner chronischen Nasennebenhöhlenentzündung
gelegen. Dazu komme, dass sein Verhältnis zur Schulleitung angespannt gewesen sei,
unter anderem deshalb, weil er wiederholt unfair behandelt worden sei. Insbesondere
im Sommer des Jahres 2010 habe man ihm auf Grund eines falschen
Promotionsentscheids zu Unrecht beschieden, dass er das absolvierte Schuljahr
wiederholen müsse. Mit dem langen Zuwarten des Schulausschlusses bis fast zum
Ende der Schulzeit habe die Kantonsschule eine unmögliche Situation geschaffen, die
ihn unverhältnismässig hart treffe.
D./ Das Bildungsdepartement beantragt mit Schreiben vom 7. April 2011 die
Beschwerde abzuweisen, wobei es gleichzeitig auf eine Vernehmlassung verzichtet.
Am 21. Juni 2011 teilte es dem Gericht mit, dass der Beschwerdeführer die
schriftlichen Maturaprüfungen absolviert habe bzw. an den mündlichen noch daran sei.
Seine Prüfungen würden sodann korrigiert und bewertet. An der ordentlichen
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Prüfungskonferenz werde aber einzig über das laufende Rechtsmittelverfahren
informiert, die Prüfungsresultate würden wegen des hängigen Verfahrens nicht
behandelt.
E./ Auf die weiteren von den Verfahrensbeteiligten vorgebrachten Ausführungen wird,

soweit erforderlich, in den nachstehenden Erwägungen eingegangen.
Darüber wird in Erwägung gezogen:
1. (...).
2. Art. 47 Abs. 1 MSG regelt die Disziplinarordnung der staatlichen Mittelschulen.
Demnach gelten die Vernachlässigung von Schülerpflichten (lit. a), die Verletzung der
Schulordnung (lit. b) und das Verhalten in Schule und Öffentlichkeit, das mit der
Zugehörigkeit zur Mittelschule nicht vereinbar ist (lit. c), als Disziplinarfehler. Für
derartige Regelverstösse können als schwerste Disziplinarmassnahmen der Ausschluss
aus der Schule (durch den Erziehungsrat; lit. b) und die befristete Androhung des
Schulausschlusses (durch die Rektoratskommission; lit. a) verfügt werden (Art. 47
Abs. 2 MSG). Die Disziplinarordnung wird durch Art. 30 ff. der Mittelschulverordnung
(sGS 215.11, abgekürzt MSV) näher ausgeführt. Nach Art. 33 MSV richtet sich die
Disziplinarsanktion nach den Beweggründen, dem Mass des Verschuldens, dem
bisherigen Verhalten an der Schule sowie nach Umfang und Bedeutung der gestörten
oder gefährdeten Interessen.
2.1. Der Beschwerdeführer hat seine jüngsten Verfehlungen, die schliesslich zum
Schulausschluss geführt haben, während der Bewährungsfrist eines Ultimatums
begangen. Die entsprechende Androhung des Schulausschlusses enthielt nicht nur
einen schweren Tadel für sein bisheriges Fehlverhalten, sondern hatte zugleich die
rechtliche Wirkung, dass während der festgelegten Frist schon geringfügige neue
Disziplinarfehler den Schulausschluss nach sich ziehen können (BGE 134 I 153 E. 3.3
mit Hinweis). Das Ultimatum ist am 14. Juni 2010 in Verfügungsform ausgesprochen
worden und unangefochten in Rechtskraft erwachsen.
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2.2. Sodann steht fest, dass der Beschwerdeführer während der Bewährungsfrist
erneut negativ aufgefallen ist, indem er weiterhin zu spät zum Unterricht erschienen
bzw. diesem unentschuldigt ferngeblieben ist. So schwänzte er zum Beispiel den
Gesangsunterricht über Wochen ohne Entschuldigung. Wie diese Verfehlungen für sich
allein gesehen disziplinarrechtlich zu gewichten und zu sanktionieren wären, bedarf hier
keiner näheren Erörterung. Mit dem erwähnten Verhalten verstiess der
Beschwerdeführer selbst bei Berücksichtigung der von ihm geltend gemachten
Umstände klar gegen die Disziplinarordnung. Mit dem Ultimatum wurde ausdrücklich
festgehalten, dass mit der Bewährungsfrist die Schranke für den Ausschluss erheblich
gesenkt und schon eine geringfügige Verfehlung den sofortigen Ausschluss von der
Schule zur Folge haben werde. Der Beschwerdeführer fuhr ungeachtet des laufenden
Ultimatums fort, seine Schülerpflichten zu verletzen und gegen die Schulordnung zu
verstossen, weshalb ihn die Schulbehörden - der vorangegangenen förmlichen
Androhung entsprechend - grundsätzlich von der Schule ausschliessen konnten, ohne
dadurch in Willkür gemäss Art. 9 der Bundesverfassung (SR 101, abgekürzt BV) zu
verfallen; die Kantonsschule und der Erziehungsrat machen zu Recht von ihrer
Disziplinargewalt, die ihnen zur Sicherung eines geordneten und effizienten
Lehrbetriebs von Gesetzes wegen zusteht, Gebrauch, wenn sich ein Schüler immer
wieder um seine Pflichten foutiert und damit den Lehrbetrieb stört.
3. Nach der Verfügung des Ultimatums war der Ermessensspielraum der Vorinstanz
insofern begrenzt, als für weitere Verstösse bereits eine konkrete Massnahme
angedroht war. Ihr Beschluss hat aber gleichwohl dem Grundsatz der
Verhältnismässigkeit im Sinn von Art. 5 Abs. 2 BV zu genügen.
3.1. Aus dem Verhältnismässigkeitsprinzip folgt insbesondere, dass die Massnahme
der Verwaltung zur Verwirklichung des im öffentlichen Interesse liegenden Ziels
geeignet und notwendig sein muss. Nachdem sich der Beschwerdeführer trotz
schriftlichem Verweis, zahlreichen (Straf-)Arbeiten, trotz schriftlicher Vereinbarung und
rechtskräftig angedrohtem definitivem Ultimatum nicht von weiteren Pflichtverletzungen
hat abhalten lassen, erweist sich der ausgesprochene Schulausschluss sowohl als
geeignet, als auch als konsequent und erforderlich.
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3.2. Der Verhältnismässigkeitsgrundsatz erfordert darüber hinaus, dass der angestrebte
Zweck der Massnahme in einem vernünftigen Verhältnis zu den Belastungen steht, die
dem Privaten damit auferlegt werden (Häfelin/Müller/Uhlmann, Allgemeines
Verwaltungsrecht, 6. Auflage, Zürich 2010, Rz. 581 mit Hinweisen).
Vorliegend hat der Beschwerdeführer über fünf Semester hinweg - unbeeindruckt von
jeglichen Disziplinierungsmassnahmen - mehr oder weniger konstant seine
Schülerpflichten vernachlässigt bzw. die Schulordnung verletzt. Die Schulbehörden
setzten den bereits im Verweis vom 17. Dezember 2008 thematisierten
Schulausschluss aber gleichwohl erst kurz vor Schulende bzw. wenige Monate vor der
Berufsmatur um. Unverständlich ist insbesondere, warum die Schule mit dem
Ausschluss über acht Monate zugewartet hat, obgleich der Beschwerdeführer
unmittelbar nach Erlass des Ultimatums im Juni 2010 erneut Anlass zu
Beanstandungen gegeben hat. Nachdem er im August 2010 wiederum einen Auftrag
nicht erledigt hatte, hielt er am 12. September 2010 erneut einen Eingabetermin nicht
ein und blieb dem Unterricht wie vor dem Ultimatum oft ohne Abmeldung fern. Dazu
kommt, dass der Erziehungsrat der vorliegenden Beschwerde die aufschiebende
Wirkung nicht entzogen hat, weshalb der Beschwerdeführer im Juni 2011 die
schriftlichen und mündlichen Maturitätsprüfungen trotz hängigem Verfahren ablegen
konnte. Die Schule will seine Prüfungsergebnisse wegen des hängigen
Rechtsmittelverfahrens zwar an der Notenkonferenz nicht behandeln. Daran ändert
aber nichts, dass der Beschwerdeführer die Berufsmittelschule in der Zwischenzeit
allenfalls erfolgreich abgeschlossen hat. Damit stünde der Beschwerdeführer nun ohne
entsprechenden Abschluss da, obwohl er die gesamte Schulzeit absolviert und die
Abschlussprüfungen allenfalls erfolgreich bestanden hat. Vor diesem Hintergrund
erweist sich der angefochtene Ausschluss bzw. das von der Schule angestrebte Ziel,
den fehlbaren Schüler mit dem Ausschluss zu disziplinieren und damit den ordentlichen
Schulbetrieb aufrechtzuerhalten, als nicht verhältnismässig. Die (zu spät) ergriffene
Disziplinarmassnahme steht in keinem Verhältnis zum Eingriff, den der Schulausschluss
für den betroffenen Schüler bewirken würde.
3.3. Aus dem Gesagten folgt, dass der ausgesprochene Schulausschluss von X. Y. von
der Sache her zwar grundsätzlich begründet ist. Nachdem die Schulbehörden mit
dieser Massnahme aber bis wenige Monate vor Schulende zugewartet haben, obwohl
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sie mit dem rechtskräftigen Ultimatum von Mitte Juni 2010 schon längst die
Möglichkeit gehabt hätten, den fehlbaren Schüler von der Schule auszuschliessen,
erweist sich die angefochtene Disziplinarmassnahme für den Maturanden in zeitlicher
Hinsicht als unzumutbar. Sollte der Präsident der Prüfungskonferenz bzw. die
nachzuholende Notenkonferenz feststellen, dass der Beschwerdeführer die
zwischenzeitlich abgelegte Matura nicht bestanden haben sollte und das letzte
Schuljahr grundsätzlich wiederholen könnte, dürfte es sich mit Blick auf die aufgeführte
Vorgeschichte rechtfertigen, dass die Kantonsschule dem Schüler für das zu
wiederholende Schuljahr unverzüglich ein Ultimatum setzen und dem Erziehungsrat bei
erster Gelegenheit umgehend den Ausschluss beantragen würde.
4. Zusammenfassend ergibt sich, dass die Beschwerde gutzuheissen und der
angefochtene Beschluss des Erziehungsrats Nr. 59 vom 23. Februar 2011 aufzuheben
ist.
5. (...).
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