Decision ID: 3f5883de-1c70-5823-b806-1f816d50e5db
Year: 2021
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ (nachfolgend: Versicherter) war Geschäftsführer und einziges Mitglied des
Verwaltungsrats der im Sommer 2018 gegründeten B._ (kl. act. 2). Gemäss
Arbeitsvertrag vom 2. Juli 2018 betrug das Gehalt Fr. 7'000.-- brutto pro Monat
zuzüglich 13. Monatslohn. Die wöchentliche Arbeitszeit wurde bei einem Pensum von
100 % auf 42.5 Stunden festgelegt (kl. act. 3).
A.a.
Im November 2018 schloss der Versicherte als einzelzeichnungsberechtigter
Verwaltungsrat der B._ AG mit der AXA Versicherungen AG (nachfolgend: AXA) unter
anderem eine kollektive Krankentaggeldversicherung mit Beginn der Laufzeit ab 1.
September 2018 bis 31. Dezember 2021 für sich und die Mitarbeitenden ab. Gemäss
Police Nr. XXXXXX wurde eine jährliche Vorausprämie (mit jährlicher Abrechnung) von
Fr. 3'665.-- vereinbart. Beim Versicherten wurde eine Lohnsumme von jährlich Fr.
85'000.-- versichert (Kategorie 2: Personen mit festem Lohn), bei den übrigen
Mitarbeitenden der effektive Lohn (Kategorie 1: Personal mit effektiven Löhnen; kl. act.
4).
A.b.
Mit Wirkung ab dem 16. Januar 2020 wurde die B._ AG aufgelöst. Das
Konkursverfahren wurde mit Verfügung vom 22. Januar 2020 mangels Aktiven
eingestellt und die Gesellschaft am 4. Mai 2020 aus dem Handelsregister gelöscht (kl.
act. 2).
A.c.
Ab dem 9. Dezember 2019 hatten dipl. med. C._, Assistenzärztin, Medbase
D._, Dr. med. E._, Assistenzarzt Ambulatorium F._, Psychiatrie G._, und Dr.
A.d.
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B.
med. H._, Fachärztin Psychiatrie und Psychotherapie (FMH), dem Versicherten eine
100%-ige Arbeitsunfähigkeit bescheinigt. Die Krankschreibungen wurden mehrfach
und ohne Unterbruch bis 2. Juni 2020 verlängert (kl. act. 11 f.). Vom 3. Juni 2020 bis
31. August 2020 attestierte Dr. H._ eine 80%-ige Arbeitsunfähigkeit (kl. act. 12 f.).
Gestützt darauf hatte der Versicherte Taggeldansprüche aus der kollektiven
Krankentaggeldversicherung geltend gemacht. Die AXA hatte im Frühling 2020 einen
Bericht von Dr. H._ und Psychotherapeutin I._ eingeholt, welche beim Versicherten
eine rezidivierende depressive Störung, mittelgradige Episode (ICD-10: F33.1), sowie
akzentuierte Persönlichkeitszüge, narzisstisch (ICD-10: Z73.1), diagnostiziert hatten
(Bericht vom 30. April 2020; kl. act. 15). Mit Schreiben vom 14. Mai 2020 und 22. Juni
2020 hatte die AXA Taggeldansprüche des Versicherten abgelehnt (kl. act. 17 f.).
Am 6. August 2020 erhob der Versicherte (nachfolgend: Kläger), vertreten durch
Rechtsanwalt Adrian Koller, Bütschwil, Klage gegen die AXA (nachfolgend: Beklagte).
Die Beklagte sei zu verpflichten, dem Kläger aus der Police Nummer XXXXXX der
Personenversicherung Professional für die Periode vom 11. Dezember 2019 bis 31.
August 2020 ein Krankentaggeld von Fr. 186.30 und somit den Betrag von Fr.
40'799.70 zu bezahlen. Die Beklagte sei zu verpflichten, dem Kläger aus der Police
Nummer XXXXXX der Personenversicherung Professional ab 1. September 2020 bis
auf Weiteres ein Krankentaggeld je nach attestierter Arbeitsunfähigkeit zu bezahlen.
Von einem Nachklagerecht gestützt auf allfällige Schadenersatzansprüche des Klägers
sei Vormerk zu nehmen. Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zuzüglich
Mehrwertsteuer zu Lasten der Beklagten (act. G 1).
B.a.
Mit Klageantwort vom 12. November 2020 beantragte die Beklagte, vertreten
durch Rechtsanwalt Roy Levy und Rechtsanwältin Claudia Marti, Anwaltskanzlei Probst
Partner AG, Winterthur, unter Kosten- und Entschädigungsfolgen (zuzüglich
Mehrwertsteuer) zulasten des Klägers die vollumfängliche Abweisung der Klage (act. G
8).
B.b.
In der Folge verzichteten die Parteien auf eine mündliche Verhandlung.
Stattdessen erhielt der Kläger Gelegenheit zu einer weiteren schriftlichen
Stellungnahme (act. G 9 ff.).
B.c.
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Am 8. Februar 2021 reichte der Rechtsvertreter des Klägers eine Replik ein. Die
Beklagte sei zu verpflichten, dem Kläger aus der Police Nummer XXXXXX der
Personenversicherung Professional für die Periode ab 8. Januar 2020 bis 16. Oktober
2020 Krankentaggelder à Fr. 186.30 und somit den Betrag von Fr. 45'084.60 zu
bezahlen. Eventualiter sei die Beklagte zu verpflichten, dem Kläger aus der Police
Nummer XXXXXX der Personenversicherung Professional für die Periode ab 8. Januar
2020 bis 16. Oktober 2020 den Betrag von Fr. 39'784.80 zu bezahlen. Von einem
Nachklagerecht gestützt auf allfällige Schadenersatzansprüche des Klägers sei
Vormerk zu nehmen. Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zuzüglich
Mehrwertsteuer zu Lasten der Beklagten (act. G 14). Mit der Replik liess der Kläger
unter anderem Arbeitsunfähigkeitszeugnisse von Dr. med. J._, Facharzt für
Allgemeinmedizin, Medbase D._, einreichen. Dieser hatte vom 1. September 2020 bis
16. Oktober 2020 eine 50%-ige, danach bis 11. November 2020 eine 20%-ige und ab
dem 12. November 2020 keine Arbeitsunfähigkeit mehr bescheinigt (kl. act. 33 ff.).
B.d.
Mit Duplik vom 12./13. April 2021 liess die Beklagte unverändert an ihren Anträgen
gemäss Klageantwort festhalten (act. G 18 f.).
B.e.
In der Folge holte das Versicherungsgericht die Akten der Arbeitslosenkasse ein
und ersuchte die behandelnden Ärzte Dr. H._ und Dr. J._ um Arztberichte (act. G
21 ff.).
B.f.
Am 2. August 2021 gab die Vertretung der Beklagten eine Stellungnahme
bezüglich der edierten Akten der Arbeitslosenkasse ab (act. G 32).
B.g.
Am 13. bzw. 26. August 2021 reichten Dr. H._ und Psychotherapeutin I._
sowie Dr. J._ die einverlangten Arztberichte samt Rechnungen ein (act. G 33 f.).
B.h.
Mit Eingabe vom 4. Oktober 2021 nahm der Rechtsvertreter des Klägers (act. G
38), mit Eingabe vom 15. November 2021 die Vertretung der Beklagten (act. G 42) zu
den neuen Dokumenten Stellung. Am 19. November 2021 reichte Rechtsanwalt Koller
eine Honorarnote über Fr. 12'460.90 ein (act. G 44). Diese wurde Rechtsanwalt Levy
und Rechtsanwältin Marti zur Kenntnis gebracht (act. G 45).
B.i.
Auf die Begründungen in den einzelnen Rechtsschriften wird, soweit
entscheidnotwendig, in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
B.j.
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Erwägungen
1.
2.
Gemäss lit. J 1 der vorliegend unbestrittenermassen anwendbaren Allgemeinen
Vertragsbedingungen (AVB) / Personenversicherung Professional, Ausgabe 03.2015 (kl.
act. 19) kann der Versicherungsnehmer bzw. die versicherte Person am
schweizerischen Wohnort, am schweizerischen Arbeitsort oder in Winterthur klagen.
Der Kläger hat das Gericht an seinem Wohnort und damaligen Arbeitsort angerufen.
Die örtliche Zuständigkeit des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen ist damit
unbestrittenermassen gegeben.
1.1.
Das Versicherungsgericht entscheidet gemäss Art. 9 des Einführungsgesetzes zur
Schweizerischen Zivilprozessordnung (EG-ZPO; sGS 961.2) in Verbindung mit Art. 7
der Schweizerischen Zivilprozessordnung (ZPO; SR 272) als einzige kantonale Instanz
über Streitigkeiten aus Zusatzversicherungen zur sozialen Krankenversicherung nach
dem Bundesgesetz über die Krankenversicherung (KVG; SR 832.10). Darunter werden
praxisgemäss auch Zusatzversicherungen wie die vorliegend zu beurteilende
Kollektivtaggeldversicherung subsumiert, auf die das Bundesgesetz über den
Versicherungsvertrag (VVG; SR 221.229.1) zur Anwendung gelangt (vgl. etwa BGE 138
III 2 E. 1.1). Damit sind vorliegend auch die Voraussetzungen der sachlichen und
funktionellen Zuständigkeit erfüllt.
1.2.
Nachdem vor der Klageanhebung beim Versicherungsgericht kein
Schlichtungsverfahren nach Art. 197 ff. ZPO durchzuführen ist (vgl. BGE 138 III 564 E.
4.6), sind die prozessualen Voraussetzungen erfüllt und auf die Klage ist einzutreten.
1.3.
Klagen aus Zusatzversicherungen zur sozialen Krankenversicherung sind gemäss
Art. 243 Abs. 2 lit. f ZPO ohne Rücksicht auf den Streitwert im vereinfachten Verfahren
zu behandeln, wobei gemäss Art. 219 ZPO die Bestimmungen über das ordentliche
Verfahren sinngemäss gelten (vgl. Christoph Leuenberger/Beatrice Uffer-Tobler,
Schweizerisches Zivilprozessrecht, 2016, N 11.154, N 11.157). Art. 247 Abs. 2 ZPO
sieht vor, dass das Gericht in solchen Streitigkeiten den Sachverhalt von Amtes wegen
feststellt. Diese sogenannte abgeschwächte oder soziale Untersuchungsmaxime
gebietet es dem Gericht zwar, den Sachverhalt mit eigenen Mitteln abzuklären und mit
vertretbarem Aufwand zu einem hinreichend sicheren Beweisergebnis zu gelangen. Es
ist dabei aber nicht an die Beweisanträge gebunden und kann von sich aus Beweis
2.1.
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3.
Zwischen den Parteien umstritten und nachfolgend zu beurteilen ist ein Anspruch des
Klägers auf Taggeldleistungen aus der kollektiven Krankentaggeldversicherung mit der
Beklagten für die Zeit ab 8. Januar 2020 (nach 30 Tagen Wartefrist). Die
Versicherungsbedingungen und -leistungen richten sich nach den vertraglichen
Vereinbarungen der Parteien, namentlich nach den genannten AVB (vgl. dazu
vorstehende E. 1.1) sowie der Versicherungs-Police (kl. act. 4). In Ergänzung dazu
kommt das VVG zur Anwendung (AVB lit. J 2).
4.
erheben. Die Parteien werden dadurch auch nicht von der Mitwirkung an der Erhebung
der Beweise und der Erstellung des Sachverhalts entbunden. Sie bleiben
mitverantwortlich für die Beweisführung und haben insbesondere die Beweismittel zu
benennen und beizubringen (vgl. BSK ZPO [3. Aufl.] – Peter Guyan, N 3 ff. zu Art. 153).
Nach Art. 8 des Schweizerischen Zivilgesetzbuchs (ZGB; SR 210) hat, wo es das
Gesetz nicht anders bestimmt, derjenige das Vorhandensein einer behaupteten
Tatsache zu beweisen, der aus ihr Rechte ableitet. Demgemäss hat die Partei, die
einen Anspruch geltend macht, die rechtsbegründenden Tatsachen zu beweisen,
während die Beweislast für die rechtsaufhebenden bzw. rechtsvernichtenden oder
rechtshindernden Tatsachen bei der Partei liegt, die den Untergang des Anspruchs
behauptet oder dessen Entstehung oder Durchsetzbarkeit bestreitet. Der Eintritt des
Versicherungsfalls ist nach diesen Grundsätzen vom Anspruchsberechtigten zu
beweisen (BGE 141 III 241 E. 3.1). Da der Nachweis rechtsbegründender Tatsachen im
Bereich des Versicherungsvertrags regelmässig mit Schwierigkeiten verbunden ist,
geniesst die anspruchsberechtigte Person insofern eine Beweiserleichterung, als sie
nur eine überwiegende Wahrscheinlichkeit für das Bestehen des geltend gemachten
Versicherungsanspruchs darzutun hat. Beim Beweismass der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit ist verlangt, dass die Möglichkeit, es könnte sich auch anders
verhalten, zwar nicht ausgeschlossen ist, sie aber für die betreffende Tatsache weder
eine massgebende Rolle spielen noch vernünftigerweise in Betracht fallen darf (Urteil
des Bundesgerichts vom 11. März 2015, 4A_516/2014, E. 4.1 mit Hinweis u.a. auf BGE
130 III 325 E. 3.3).
2.2.
Damit Ansprüche auf Taggelder bestehen, muss ein Versicherungsfall während der
Versicherungsdeckung bei der Beklagten eingetreten sein. Gemäss den medizinischen
Akten ist der Versicherungsfall frühestens am 9. Dezember 2019 eingetreten. Per
4.1.
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diesem Datum wird dem Kläger eine krankheitsbedingte Arbeitsunfähigkeit von 100 %
bescheinigt (kl. act. 11). Gemäss Police begann das Versicherungsverhältnis am 1.
September 2018 und läuft am 31. Dezember 2021 ab (kl. act. 4 S. 1; vgl. AVB lit. A 2),
womit am 9. Dezember 2019 grundsätzlich eine Versicherungsdeckung bestand.
Die Beklagte bestreitet eine Versicherungsdeckung zufolge faktischer Aufgabe der
Geschäftstätigkeit bereits vor Eintritt des Versicherungsfalls am 9. Dezember 2019.
Nach AVB lit. E 3 Abs. 2 erlischt – alternativ zur ordentlichen Beendigung des
Versicherungsverhältnisses (vgl. vorstehende E. 4.1) – der Versicherungsschutz für den
einzelnen Versicherten unter anderem bei Geschäftsaufgabe des
Versicherungsnehmers. Ab wann von einer Geschäftsaufgabe und damit vom Ende des
Versicherungsvertrags auszugehen ist, konkretisieren die AVB nicht. Diesbezüglich
findet sich jedoch im ergänzend zu den AVB zur Anwendung gelangenden VVG,
namentlich in dessen Art. 55 Abs. 1, bei unfreiwilliger Geschäftsaufgabe aufgrund eines
Konkurses des Versicherungsnehmers, wie es vorliegend der Fall ist (vgl. im
Sachverhalt lit. A.c), eine eindeutige Regelung, wonach der Vertrag mit der
Konkurseröffnung und als Folge dessen der Versicherungsschutz zu diesem Zeitpunkt
endet (vgl. dazu Christoph Häberli/David Husmann, Krankentaggeld, versicherungs-
und arbeitsrechtliche Aspekte, 2015, N 391). Davon ist vorliegend in Anwendung dieser
klaren gesetzlichen Bestimmung auszugehen. Zu keinem anderen Ergebnis gelangte
man auch bei einer Auslegung der erwähnten AVB-Bestimmung. Die Annahme einer
finalen Geschäftsaufgabe per Konkurseröffnung erscheint zweckmässig, nachdem die
Schuldnerin erst zu diesem Zeitpunkt auch das Recht verliert, über ihre
Vermögenswerte zu verfügen (vgl. Art. 204 Abs. 1 des Bundesgesetzes über
Schuldbetreibung und Konkurs [SchKG; SR 281.1]). Davor kann die Geschäftstätigkeit,
in welchem Rahmen auch immer, aufrechterhalten bleiben/werden bzw. es besteht bis
dorthin grundsätzlich die Möglichkeit, den Konkurs noch abzuwenden. Allein aus einer
Überschuldung lässt sich jedenfalls noch keine Geschäftsaufgabe herleiten. Letztlich
führte auch die Unklarheitsregel (vgl. nebst vielen das Urteil des Bundesgerichts vom 7.
Januar 2016, 4A_521/2015, E. 2.1) dazu, dass AVB lit. E 3 Abs. 2 und dabei der
Zeitpunkt der Geschäftsaufgabe des Versicherungsnehmers zugunsten des Klägers
auszulegen wäre. Gestützt auf das Gesagte ist damit erst per Konkurseröffnung am 16.
Januar 2020 (kl. act. 2) von einer Geschäftsaufgabe der Versicherungsnehmerin und
vom Ende des Versicherungsvertrags auszugehen. Per 9. Dezember 2019 genoss der
Kläger demnach Versicherungsschutz und die Beklagte hat bei Erfüllung der übrigen
Voraussetzungen (vgl. nachfolgende Erwägungen) Krankentaggelder zu leisten (vgl.
auch AVB lit. E 6 Abs. 8 zur Fortdauer eines Anspruchs bei laufenden Krankheiten).
4.2.
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5.
Wie im Sachverhalt unter lit. A.b ausgeführt, hat der Kläger im November 2018 im
Namen der B._ AG mit der Beklagten eine kollektive Krankentaggeldversicherung für
sich und die Mitarbeitenden abgeschlossen. Für den Kläger wurde unter der Kategorie
2 eine feste Lohnsumme von jährlich Fr. 85'000.--, für das übrige Personal unter der
Kategorie 1 der effektive Lohn versichert (kl. act. 4). Gestützt darauf wurde die Prämie
berechnet (AVB lit. G 3 Abs. 1 und 3). Zwischen dem Kläger als Geschäftsführer/
Betriebsinhaber und dem übrigen Personal wurden damit unterschiedliche
Versicherungsmodelle vereinbart. Dies schlägt sich auch bei der Bestimmung des
versicherten Lohns bzw. der Bemessung der Taggelder nieder, wobei diesbezüglich
der Wortlaut der AVB klar ist. Für die Mitarbeitenden bzw. das Personal gilt dafür der
letzte vor Krankheitsbeginn im versicherten Betrieb bezogene AHV-Lohn (AVB lit. E 5
Abs. 1; vgl. auch AVB lit. A 4 Abs. 6). Geteilt durch 365 resultiert die Höhe des
Taggeldes (AVB lit. E 7 Abs. 3). Für den namentlich in der Police aufgeführten Kläger
gilt der mit der Beklagten im Voraus vereinbarte Jahreslohn von Fr. 85'000.-- (AVB lit. E
5 Abs. 2). Zur Berechnung des Taggeldes wird dieser versicherte Jahreslohn – und
nicht das effektiv erzielte Einkommen – durch 365 geteilt (AVB lit. E 6 Abs. 3). Die
Formulierung in AVB lit. E 6 Abs. 3 lässt keinen Interpretationsspielraum zu und ist klar.
Ansonsten hätte man wie in AVB lit. E 5 Abs. 1 und E 7 Abs. 3 auch bei den
Bestimmungen zur Berechnung des Taggeldes für den Betriebsinhaber eine
entsprechende Präzisierung anbringen müssen (beispielsweise, dass auch bei in der
Police namentlich aufgeführten Personen mit einem fest vereinbarten Jahreslohn der
effektiv erzielte Jahreslohn und nicht der vereinbarte versicherte Jahreslohn durch 365
geteilt wird). Dieses Modell einer festen versicherten Lohnsumme für Betriebsinhaber,
ohne Überprüfung derselben im Leistungsfall, ist übliche Praxis (vgl. dazu etwa https://
www.kaderverband.ch/de/versicherungen/taggelder-betriebsinhaber, eingesehen am
6. Dezember 2021; vgl. ferner Christoph Häberli/David Husmann, a.a.O., N 39 ff.). Sie
ist auch zweckmässig, nachdem der Lohn bzw. bei einem Versicherungsfall der
Schaden für den Betriebsinhaber nur schwierig zu bestimmen ist. So erhielte der Kläger
denn auch kein höheres Taggeld, wenn er unmittelbar vor Eintritt des
Versicherungsfalls effektiv ein höheres Einkommen als den vereinbarten Jahreslohn
von Fr. 85'000.-- erzielt hätte. Im gegenteiligen Fall hat dasselbe zu gelten. An dieser
Beurteilung ändert nichts, dass in der Police des Klägers in Klammern
"Schadenversicherung" (kl. act. 4 S. 5) steht (vgl. dazu Christoph Häberli/David
Husmann, a.a.O., N 41) und in den AVB Überentschädigungsbestimmungen (vgl. dazu
Christoph Häberli/David Husmann, a.a.O., N 42) enthalten sind (AVB lit. E. 5 Abs. 2 und
E 9 Abs. 1). Die Anhaltspunkte, welche für eine Summenversicherung sprechen,
5.1.
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6.
Nachfolgend ist zu prüfen, von welchen Arbeitsunfähigkeiten seit dem 9. Dezember
2019 auszugehen ist. Dabei ist grundsätzlich unerheblich, warum der Kläger während
der Versicherungsdeckung erkrankte. Entscheidend ist einzig, ob
leistungsbegründende Arbeitsunfähigkeiten aufgrund einer Erkrankung rechtsgenüglich
ausgewiesen sind.
überwiegen; zumindest fehlte es aber an der nötigen Klarheit in den AVB, weshalb
letztlich auch in Anwendung der Unklarheitsregel zugunsten des Klägers zu
entscheiden wäre (Urteil des Bundesgerichts vom 7. Januar 2016, 4A_521/2015, E.
2.1).
Zusammengefasst ist festzuhalten, dass der Kläger in Würdigung der vertraglichen
Vereinbarungen mit einem festen versicherten Verdienst von jährlich Fr. 85'000.--,
unabhängig vom effektiv erzielten Lohn, ab 1. September 2018 bei der Beklagten
versichert war. Entsprechend wurden auch die Prämien berechnet. Zur Berechnung
des Taggeldes (80 % des versicherten Lohnes; vgl. Police in kl. act. 4 S. 5) ist dieser
fixe Betrag durch 365 zu teilen. Entsprechend resultiert bei 100%-iger
Arbeitsunfähigkeit ein Taggeld von Fr. 186.30 (Fr. 85'000.-- x 0.8 / 365) bzw.
grundsätzlich ein wirtschaftlicher Schaden in dieser Höhe.
5.2.
Der Kläger äusserte erstmals am 10. Dezember 2019 eine psychische Problematik,
woraufhin dipl. med. C._ eine Erschöpfungsdepression und Schlafstörung
diagnostizierte, dem Kläger ab dem 9. Dezember 2019 eine 100%-ige
Arbeitsunfähigkeit bescheinigte und diesen an die Psychiatrie G._ überwies (kl. act.
11, act. G 34.10). In der Folge unterzog sich der Kläger einer ambulanten fachärztlichen
psychiatrisch-psychotherapeutischen Behandlung bei Dr. E._ im Ambulatorium
F._. Dieser bescheinigte weiterhin eine 100%-ige Arbeitsunfähigkeit (kl. act. 11 ff.).
Mit Bericht vom 26. März 2020 diagnostizierten Dr. med. K._, leitender Arzt, und
L._, Psychologe, von der Psychiatrie G._, bei stationärer Behandlung vom 2. bis 5.
März 2020 eine mittelgradige depressive Episode (ICD-10: F32.1) bei starker
psychosozialer Belastung (act. G 34.34 ff.). Ab dem 2. April 2020 setzte der Kläger die
ambulante Therapie bei Dr. H._ und Psychotherapeutin I._ fort. Diese
bescheinigten bis 2. Juni 2020 weiterhin eine 100%-ige Arbeitsunfähigkeit (kl. act. 12,
15). Nebst der beschriebenen regelmässig durchgeführten Gesprächstherapie nahm
der Kläger antidepressive (Escitalopram, Mirtazapin), ergänzt durch schlaffördernde
(Stilnox) und beruhigende/angst-lösende (Temesta) Medikamente ein (kl. act. 15-3). Dr.
H._ und die Psychotherapeutin I._ reichten am 30. April 2020 zuhanden der
6.1.
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Beklagten einen umfassenden Bericht ein (kl. act. 15). Die Fachpersonen beschrieben
schlüssig das Beschwerdebild des Klägers, welches die gestellte Diagnose
(rezidivierende depressive Störung), die damit einhergehenden Einschränkungen und
die Medikation verständlich machen (vgl. nebst kl. act. 15 auch act. G 33). Gestützt
darauf erscheint es nachvollziehbar, dass die behandelnden Ärzte und Ärztinnen ab 9.
Dezember 2019 temporär von einer 100%-igen Arbeitsunfähigkeit des Klägers
ausgingen. Gegenteilige ärztliche Beurteilungen liegen nicht im Recht und wurden
seitens der Beklagten, trotz umfassenden Abklärungsmöglichkeiten (AVB lit. H Abs. 3;
vgl. ferner die Vollmacht vom 14. Januar 2020 in act. G 34.41), nicht angeordnet. In
dem Sinne anerkannte auch die Beklagte die Einschätzungen der Fachpersonen. Ab
dem 3. Juni bis 31. August 2020 bescheinigten Dr. H._ und Psychotherapeutin I._
eine Teilarbeitsfähigkeit von 20 % (kl. act. 12-2 f., 13), wobei die Behandlung per Ende
Juli 2020 beendet wurde. Sie führten nachvollziehbar aus, dass das depressive Leiden
ab 3. Juni 2020 aus medizinisch-therapeutischer Sicht wieder eine Teilarbeitsfähigkeit
im Umfang von 20 % zulasse bzw. ein Wiedereinstieg ins Arbeitsleben aus
Perspektivgründen dringend indiziert sei (act. G 33). Auch auf diese fachärztliche
Einschätzung kann ohne weiteres abgestellt werden bzw. es liegen auch für diesen
Zeitraum keine dieser Beurteilung widersprechenden Einschätzungen der
Arbeitsfähigkeit im Recht. Per August 2020 fanden zwar keine psychiatrischen
Behandlungen mehr statt. Der Kläger konsultierte indes Dr. J._, welcher am 5.
August 2020 die Wiederaufnahme der Mirtazapinmedikation bei ausgeprägter Ein- und
Durchschlafstörung im Rahmen des depressiven Leidens verordnete. Drei und
wiederum zwei Wochen später kam es zu weiteren Konsultationen, wobei eine stetige
Besserung der depressiven Problematik beschrieben ist (act. G 34-2). Gestützt auf
diesen von Dr. J._ dokumentierten Beschwerdeverlauf und in Beachtung des
psychischen Krankheitsbildes des Klägers erscheint die schrittweise attestierte
Steigerung der Arbeitsfähigkeit auf 50 % vom 1. September bis 15. Oktober 2020, auf
80 % vom 16. Oktober bis 11. November 2020 und auf 100 % ab 12. November 2020
(kl. act. 33 ff.) bzw. ein schrittweiser Wiedereinstieg ins Erwerbsleben bei
fortschreitender Stabilisierung sachgerecht, gerade auch bei Geltung des bio-psycho-
sozialen Krankheitsmodells in der Taggeldversicherung (Christoph Häberli/David
Husmann, a.a.O., N 191 ff.). Nochmals sei erwähnt (vgl. vorstehende E. 6), dass für die
Anspruchsberechtigung unerheblich ist, warum der Kläger erkrankte bzw. dass bei
Krankheitsbeginn resp. zu Beginn der ausgewiesenen Arbeitsunfähigkeit ab 9.
Dezember 2019 die offenkundig nicht (mehr) rentable Gesellschaft für das
krankheitswerte depressive Leiden mitursächlich war. Nicht relevant ist weiter, dass
auch psychosoziale Umstände die Krankheit unterhielten und der Kläger allenfalls
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aufgrund der diagnostizierten akzentuierten Persönlichkeitszüge (narzisstisch) eher zu
einer psychischen Dekompensation mit Krankheitswert neigte.
Zusammengefasst ist festzuhalten, dass dem Kläger mit den vorliegenden
Arztberichten der rechtsgenügliche Beweis einer 100%-igen Arbeitsunfähigkeit vom 9.
Dezember 2019 bis 2. Juni 2020, einer 80%-igen Arbeitsunfähigkeit vom 3. Juni bis 31.
August 2020, einer 50%-igen Arbeitsunfähigkeit vom 1. September bis 15. Oktober
2020 sowie einer 20%-igen Arbeitsunfähigkeit vom 16. Oktober bis 11. November 2020
gelingt. Damit besteht vom 8. Januar 2020 (nach 30 Tagen Wartefrist) bis 2. Juni 2020
ein Taggeldanspruch basierend auf einer Arbeitsunfähigkeit von 100 %, danach bis 31.
August 2020 basierend auf einer Arbeitsunfähigkeit von 80 % und schliesslich bis 15.
Oktober 2020 basierend auf einer Arbeitsunfähigkeit von 50 %. Danach besteht kein
Anspruch mehr (vgl. AVB lit. E 6 Abs. 2: eine Arbeitsunfähigkeit von unter 25 %
begründet keinen Anspruch). Damit besteht vom 8. Januar bis 2. Juni 2020 ein
Taggeldanspruch von Fr. 27'386.10 (147 Tage x Fr. 186.30 [vgl. zur Berechnung
vorstehende E. 5.2]), vom 3. Juni bis 31. August 2020 ein solcher von Fr. 13'413.60 (90
Tage x Fr. 149.04 [Fr. 186.30 x 0.8]) und vom 1. September bis 15. Oktober 2020 ein
solcher von Fr. 4'191.75 (45 Tage x Fr. 93.15 [Fr. 186.30 * 0.5]), insgesamt Fr.
44'991.45 (Fr. 27'386.10 + Fr. 13'413.60 + Fr. 4'191.75). In diesem Umfang ist die
Klage gutzuheissen. Bezüglich der von der Beklagten in den Rechtsschriften
angerufenen Verletzung vertraglicher Meldepflichten nach AVB lit. F 2 (umgehende
Anzeige relevanter Änderungen der Geschäftstätigkeit des versicherten Betriebs;
umgehende Anzeige einer mehr als drei Monate dauernden, erheblichen Reduktion des
zeitlichen Arbeitsaufwands der namentlich auf der Police aufgeführten Personen;
umgehende Anzeige der Aufgabe der Geschäftstätigkeit) ist nicht ersichtlich, inwiefern
eine rechtzeitige Anzeige zu einer Schadenminderung beigetragen hätte. Anders
gesagt wäre die Leistungspflicht keine andere, wenn der Kläger sämtliche in AVB lit. F
2 aufgeführten Veränderungen, sofern sie denn überhaupt rechtsgenüglich
ausgewiesen sind, umgehend gemeldet hätte. Eine Kürzung oder Verweigerung von
Versicherungsleistungen infolge von Meldepflichtverletzungen, wie es AVB lit. F 2
vorsieht, rechtfertigt sich daher jedenfalls nicht. Zu erwähnen bleibt letztlich, dass die
Anmeldung bei der Arbeitslosenkasse und der Bezug einer 100%-igen
Arbeitslosenentschädigung ab 4. Juni 2020 (kl. act. 37 ff.) nicht auf eine höhere
Arbeitsfähigkeit des Klägers ab dem 4. Juni 2020 schliessen lässt. Ab einer
Arbeitsfähigkeit von 20 %, wie sie zu diesem Zeitpunkt vorlag und entsprechend der
Arbeitslosenkasse angezeigt wurde (act. G 22.1-114, 172), besteht
Vermittlungsfähigkeit und ein Anspruch auf Arbeitslosenentschädigung (vgl. Art. 8 Abs.
1 lit. f in Verbindung mit Art. 15 Abs. 2 des Bundesgesetzes über die obligatorische
6.2.
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7.
Arbeitslosenversicherung und die Insolvenzentschädigung [AVIG; SR 837.0] und Art. 15
Abs. 3 der Verordnung über die obligatorische Arbeitslosenversicherung und die
Insolvenzentschädigung [AVIV; SR 837.02]; vgl. ferner BGE 136 V 97 E. 5.1). Aufgrund
der in Art. 70 Abs. 1 lit. b des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) verankerten Vorleistungspflicht der
Arbeitslosenversicherung richtete die Arbeitslosenkasse zu Recht die volle
Entschädigung aus, selbst wenn der Kläger vorerst lediglich zu einem Pensum von 20
% vermittlungsfähig war (vgl. ergänzend zur Anwendbarkeit von Art. 70 Abs. 1 lit. b
ATSG auch im Verhältnis Arbeitslosenversicherung – VVG-Taggeldversicherung die
schlüssigen Ausführungen von Ueli Kieser, ATSG Kommentar, 4. Aufl. 2020, N 68 ff. zu
Art. 70). Von nicht schützenswertem rechtsmissbräuchlichem Verhalten des Klägers
(durch den Bezug der vollen Arbeitslosenentschädigung seit dem 4. Juni 2020 und den
vorliegenden Antrag auf Krankentaggelder über dieses Datum hinaus) kann gestützt auf
das Gesagte keine Rede sein. Nachdem allenfalls Rückerstattungsansprüche zur
Diskussion stehen (vgl. dazu insbesondere Art. 71 ATSG, Art. 95 AVIG; vgl. ferner Urteil
des Bundesgerichts vom 4. November 2020, 8C_385/2020, E. 5), wird dieser Entscheid
auch der Arbeitslosenkasse zugestellt.
Nach dem Gesagten ist die Beklagte zu verpflichten, dem Kläger Krankentaggelder
in Höhe von Fr. 44'991.45 zu bezahlen. In diesem Umfang ist die Klage gutzuheissen.
7.1.
Gerichtskosten sind grundsätzlich keine zu erheben (Art. 114 lit. e ZPO).7.2.
Zu verlegen bleiben die (Abklärungs-)Kosten für die vom Gericht bei Dr. H._ und
Psychotherapeutin I._ sowie Dr. J._ eingeholten Berichte vom 13. und 26. August
2021 von insgesamt Fr. 275.-- (act. G 33 f.). Die genannten Arztberichte mussten vom
Gericht eingeholt werden, weil die medizinische Aktenlage in Bezug auf den gesamten
zur Diskussion stehenden Zeitraum nicht genügte. Gemäss AVB lit. H 3 wird die
Beklagte zur Schadenregulierung umfassend ermächtigt, Sachverhaltsabklärungen
durchzuführen. Eine Bestimmung, welche es erlauben würde,
Sachverhaltsabklärungskosten dem Kläger aufzuerlegen, enthalten die AVB der
Beklagten nicht. Eine solche Kostenüberwälzung ist denn auch absolut unüblich. Die
Beklagte hätte die objektive und vollständige Klärung des Sachverhalts vornehmen
müssen. Dies führt dazu, dass die Kosten der beiden Berichte in Höhe von Fr. 275.-- in
Analogie zu Art. 45 Abs. 1 ATSG zulasten der Beklagten gehen (vgl. zur Thematik
Miriam Lendfers, Kosten im Klageverfahren von beruflicher Vorsorge und
7.3.
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