Decision ID: cb2f0706-eaef-4f0e-b7e8-a315966d1027
Year: 2015
Language: de
Court: GR_VG
Chamber: GR_VG_001
Canton: GR
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

Strafurteil liege allerdings ein falscher Sachverhalt zu Grunde. So habe
die Zeugin eine falsche Aussage gemacht. Mit der von ihm eingereichten
Tachoscheibe könne er beweisen, dass er zur fraglichen Zeit Lastwagen
gefahren sei. Zum Schluss stellte der Beschwerdeführer weitere
Rechtsbegehren, nämlich, dass die Verfügung des
Strassenverkehrsamtes vom 23. Juli 2008 und der Entscheid des DJSG
vom 10. Oktober 2007 infolge fehlender Rechtskraft für nichtig zu erklären
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seien; weiter sei ihm der am 19. September 2007 eingezogene
Führerausweis umgehend auszuhändigen.
12. In der Vernehmlassung vom 12. Mai 2015 beantragte das DJSG
(nachfolgend Beschwerdegegner) die Abweisung der Beschwerde. Die
Beschwerde sei insgesamt zu wenig substantiiert, sodass sich das
Departement nicht in der Lage sah, fundiert Stellung zu nehmen. Im
Weiteren sei nicht ersichtlich, inwiefern die angebliche falsche
Zeugenaussage und die eingereichte Tachoscheibe für das vorliegende
Verfahren relevant seien.
13. Mit Schreiben vom 26. Mai 2015 (Poststempel) reichte der
Beschwerdeführer eine weitere Stellungnahme ein, worin er die
Diskrepanz zwischen der Zeugenaussage und der Tachoscheibe vertieft
ausführte, unter Beilage eines Ausschnittes aus dem Urteil des
Bezirksgerichts Hinterrhein vom 21. Mai 2008 und des
Strafregisterauszugs vom 3. Februar 2015. Zudem beklagte sich der
Beschwerdeführer darüber, dass er im Strafprozess durch seinen
Pflichtverteidiger schlecht vertreten gewesen sei.
Auf die weiteren Ausführungen der Parteien in den Rechtsschriften sowie
auf die angefochtene Verfügung wird, soweit erforderlich, in den
nachfolgenden Erwägungen eingegangen.

Das Gericht zieht in Erwägung:
1. Anfechtungsobjekt bildet vorliegend die Verfügung vom 14. April 2015,
worin der Beschwerdegegner die erneute administrative Massnahme des
Strassenverkehrsamtes vom 5. Dezember 2014 bestätigte. Nach Art. 50
des Gesetzes über die Verwaltungsrechtpflege (VRG; BR 370.100) ist zur
Beschwerde legitimiert, wer durch den angefochtenen Entscheid berührt
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ist und ein schutzwürdiges Interesse an seiner Aufhebung oder Änderung
hat oder wer durch besondere Vorschrift dazu ermächtigt ist. Als Adressat
der angefochtenen Verfügung ist der Beschwerdeführer ohne Weiteres
zur Beschwerde legitimiert. Die Beschwerde verfügt über
Rechtsbegehren, eine kurze Sachverhaltsdarstellung und ist begründet
(Art. 38 Abs. 1 VRG). Auf die im Übrigen fristgereicht eingereichte
Beschwerde ist deshalb einzutreten.
2. Zum einen stellt der Beschwerdeführer einen Antrag auf Aufhebung der
angefochtenen Verfügung vom 14. April 2015 bzw. der Verfügung des
Strassenverkehrsamtes vom 5. Dezember 2014. Daneben beantragt er
die Feststellung der Nichtigkeit der Verfügung des Beschwerdegegners
vom 10. Oktober 2008 sowie der Verfügung des Strassenverkehrsamts
vom 23. Juli 2008 und die sofortige Aushändigung des eingezogenen
Fahrausweises.
3. a) In einem ersten Schritt zu prüfen ist, ob der Beschwerdegegner in der
angefochtenen Verfügung vom 14. April 2015 die vom
Strassenverkehrsamt verfügte Sperrfrist auf unbestimmte Zeit zu Recht
geschützt hat. Dem Beschwerdeführer wurde aufgrund des Vorfalls vom
1. Oktober 2014 sowie aufgrund des bereits entzogenen Führerausweises
wegen fehlender Fahreignung eine Sperrfrist auf unbestimmte Zeit,
mindestens aber für zwei Jahre, gestützt auf Art. 16c Abs. 1 lit. f und
Art. 16c Abs. 2 lit. d des Strassenverkehrsgesetzes (SVG; SR 741.01)
ausgesprochen.
b) Gemäss Art. 16c Abs. 1 lit. f SVG begeht eine schwere Widerhandlung,
wer ein Motorfahrzeug trotz Ausweisentzug führt. Nach einer schweren
Widerhandlung wird der Lernfahr- oder Führerausweis für unbestimmte
Zeit, mindestens aber für zwei Jahre, entzogen, wenn in den
vorangegangenen zehn Jahren der Ausweis zweimal wegen schweren
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Widerhandlungen oder dreimal wegen mindestens mittelschweren
Widerhandlungen entzogen war. Auf diese Massnahme wird verzichtet,
wenn die betroffene Person während mindestens fünf Jahren nach Ablauf
eines Ausweisentzugs keine Widerhandlung, für die eine
Administrativmassnahme ausgesprochen wurde, begangen hat (vgl.
Art. 16 Abs. 2 lit. d SVG). Hat die betroffene Person trotz Entzugs nach
Art. 16d SVG ein Motorfahrzeug geführt, so wird nach Art. 16c Abs. 4
SVG eine Sperrfrist verfügt, welche der für die Widerhandlung
vorgesehenen Mindestentzugsdauer entspricht.
c) Im vorliegenden Fall ist unbestritten, dass der Beschwerdeführer am
1. Oktober 2014 trotz bereits verfügtem Führerausweisentzug ein
Motorfahrzeug geführt hat. Auch bekannt ist, dass er in den letzten zehn
Jahren zwei schwere Widerhandlungen begangen hat (Verfügungen des
Strassenverkehrsamtes vom 23. Juli 2008 und 27. Dezember 2013). Im
Zeitpunkt der Widerhandlung vom 1. Oktober 2013 war dem
Beschwerdeführer der Führerausweis bereits auf unbestimmte Zeit
entzogen. Nach Art. 16c Abs. 4 SVG musste aus diesem Grund zwingend
eine Sperrfrist verfügt werden, die der für die Widerhandlung
vorgesehenen Mindestentzugsdauer auf unbestimmte Zeit, jedoch
mindestens zwei Jahren, entspricht. Das Strassenverkehrsamt hat folglich
dem Beschwerdeführer zu Recht die zuvor genannte Sperrfrist auferlegt,
weshalb sich die Beschwerde diesbezüglich als unbegründet erweist.
4. a) Es stellt sich die Frage, ob die Widererteilung des Führerausweises vom
Nachweis der Fahreignung mittels verkehrspsychologischem Gutachten
abhängig gemacht werden kann, bzw. ob diese Massnahme
verhältnismässig ist.
b) Bereits im verkehrsmedizinischen Gutachten der Psychiatrischen Dienste
Graubünden (PDGR) vom 20. Juni 2008 wurde die Fahreignung des
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Beschwerdeführers geprüft. Dr. med. B._ kam damals zum Schluss,
dass eine Alkoholabhängigkeit mit einer hohen Verkehrsrelevanz vorliege
und die Fahreignung aus forensisch-psychiatrischer Sicht nicht gegeben
sei. Die Prognose müsse als ungünstig beurteilt werden. Der
Beschwerdeführer habe eine kontrollierte Alkoholabstinenz von
mindestens zwölf Monaten nachzuweisen. Danach sei aus forensisch-
psychiatrischer Sicht die Fahreignung unter Fortführung der kontrollierten
Abstinenz für weitere 18 Monate gegeben. Falls der Beschwerdeführer
erneut in mittelgradiger oder schwerwiegender Weise am
Strassenverkehr auffällig werde, wäre eine testpsychologische Abklärung
der charakterlichen Eignung zu empfehlen.
c) Bezüglich verkehrspsychologischer Massnahmen verfügt das Bundesamt
für Strassen (ASTRA) über ein gewisses Weisungsrecht (vgl. dazu die
Schlussbestimmungen in Art. 150 Abs. 5 und 6 i.V.m. Art. 30 ff. der
Verordnung über die Zulassung von Personen und Fahrzeugen zum
Strassenverkehr [Verkehrszulassungsverordnung, VZV; SR 741.51]). In
diesem Zusammenhang hat es den Leitfaden der Expertengruppe
Verkehrssicherheit "Verdachtsgründe fehlender Fahreignung –
Massanahmen – Wiederherstellung der Fahreignung" vom 26. April 2000
publiziert. Unter Ziff. 6 des Leitfadens findet man eine Liste von
Sachverhalten oder Verhaltensweisen die einen Verdacht auf mangelnde
Fahreignung wegen verkehrsrelevanter charakterlicher Defizite im Sinne
von Art. 14 Abs. 2 lit. d aSVG begründen. Diese Bestimmung – welche
bei der Revision übrigens nur formelle Änderungen erfuhr – regelt die
grundsätzlichen Voraussetzungen zum Führen eines Motorfahrzeuges
(Fahreignung und Fahrkompetenz) und stellt somit die Bedingungen auf,
welche erfüllt sein müssen, um ein Motorfahrzeug lenken zu dürfen.
Obwohl diese Norm bei rein systematischer Auslegung zwar
grundsätzlich die Erteilung des Führerausweises regelt, ist nicht
einzusehen, weshalb die Definition der Fahreignung (Art. 14 Abs. 2 lit. d
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SVG) auch in Konstellationen wie die vorliegende, also bei Entzugsfällen,
nicht beigezogen werden dürfte. Ziff. 6.2 des Leitfadens besagt sodann,
dass einen Verdacht auf mangelnde Fahreignung wegen charakterlicher
Defizite bestehe, wenn die Person innert rund zwei Jahren drei polizeilich
registrierte Unfälle oder Verletzungen der Verkehrsregeln begeht, welche
zu einer Administrativmassnahme führen. Diese Voraussetzung wäre hier
grundsätzlich nicht gegeben. Der Leitfaden stammt jedoch aus dem Jahr
2000. Per 1. Januar 2005 wurde das SVG revidiert und gerade in Bezug
auf Führerausweisentzüge verschärft und teilweise auch schematisiert,
vor allem hinsichtlich des hier anwendbaren Kaskadenentzugs von
Art. 16c Abs. 2 lit. d SVG. Diese Voraussetzung ist vorliegend
grundsätzlich gegeben. Da es sich beim betreffenden Leitfaden bloss um
eine nicht verbindliche Richtlinie handelt, erscheint es allerdings
angebracht, die Umstände des vorliegenden Falls zu würdigen und somit
die Notwendigkeit einer verkehrspsychologischen Untersuchung einer
Überprüfung zu unterstellen.
d) Der Beschwerdeführer hat sich gegen den über ihn verhängten
Führerausweisentzug wiederholt hinweggesetzt, indem er am 17. Oktober
2013 und am 1. Oktober 2014 ein Motorfahrzeug ohne den erforderlichen
Führerausweis führte. Dies spricht gegen die charakterliche Eignung,
lässt aber keine eindeutige Prognose zu. Daher ist die
verkehrspsychologische Begutachtung notwendig und geeignet, um den
Nachweis der Fahreignung zu erbringen. Welche Massnahme anstelle
dieser Begutachtung in Frage käme und inwieweit eine solche geeignet
wäre, wird vom Beschwerdeführer nicht vorgebracht. Die Anordnung des
Strassenverkehrsamtes über die Einholung eines
verkehrspsychologischen Gutachtes zwecks Nachweises der
Fahreignung für die Wiedererteilung des Führerausweises ist demnach
nicht zu beanstanden. Vor diesem Hintergrund ist auch die beantragte
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sofortige Aushändigung des Führerausweises an den Beschwerdeführer
abzuweisen.
5. a) Bei der vom Beschwerdeführer beantragten Feststellung der Nichtigkeit
der Verfügungen aus dem Jahr 2008 handelt es sich um ein
Revisionsgesuch im Sinne von Art. 67 VRG. Der Beschwerdeführer beruft
sich dabei konkret auf die Bestimmung von Art. 67 Abs. 1 lit. b VRG.
Nach dieser Bestimmung revidiert die Behörde, die zuletzt entschieden
hat, rechtskräftige Entscheide von Amtes wegen oder auf Antrag, wenn
durch ein Verbrechen oder Vergehen auf den Entscheid eingewirkt
worden war. Das Revisionsgesuch ist innert 90 Tagen seit Kenntnis des
Revisionsgrundes bei der letzten Instanz einzureichen (Art. 67 Abs. 2
VRG).
b) Der Beschwerdeführer bringt das Revisionsbegehren im Verfahren vor
dem Verwaltungsgericht vor. Da es sich jedoch hier um eine
Departementsverfügung des DJSG sowie um eine Verfügung des
Strassenverkehrsamtes handelt, ist nicht das Verwaltungsgericht,
sondern das DJSG respektive das Strassenverkehrsamt für die
Behandlung des Revisionsgesuchs zuständig. Bereits deshalb ist auf das
Begehren nicht einzutreten. Weiter erklärt der Beschwerdeführer nicht,
weshalb er dieses Revisionsgesuch erst jetzt stellt, mithin, weshalb die
Frist von 90 Tagen eingehalten sein sollte. Es ist nämlich nicht ersichtlich,
was ihn davon abgehalten haben sollte, den geltend gemachten
Revisionsgrund bereits viel früher erkennen zu können. Noch
entscheidender ist aber, dass der Revisionstitel fehlt, nämlich der
Nachweis, dass – wie behauptet – durch ein Verbrechen oder Vergehen
auf den Entscheid eingewirkt worden sein soll. Dieser Nachweis müsste
durch ein revidiertes Strafurteil erbracht werden. Dass dies aber gelingen
sollte, ist äusserst zweifelhaft, hat sich doch das Gericht mit der
Zeugenaussage auseinandergesetzt und geringfügige Abweichungen im
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zeitlichen Ablauf beim geschilderten Vorfall als normal und die
Glaubwürdigkeit nicht untergrabend bezeichnet. Auf das Revisionsgesuch
ist deshalb nicht einzutreten.
6. Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass der
Beschwerdegegner in der angefochtenen Verfügung vom 14. April 2015
die vom Strassenverkehrsamt verfügte Sperrfrist auf unbestimmte Zeit zu
Recht geschützt hat. Auf das Revisionsgesuch des Beschwerdeführers ist
nicht einzutreten. Die Beschwerde ist daher abzuweisen, soweit darauf
eingetreten werden kann.
7. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Gerichtskosten gestützt auf
Art. 73 Abs. 1 VRG vollumfänglich dem Beschwerdeführer aufzuerlegen.
Die Staatsgebühr beträgt praxisgemäss Fr. 1'500.--. Bund, Kanton und
Gemeinden sowie mit öffentlich-rechtlichen Aufgaben betrauten
Organisationen wird gemäss Art. 78 Abs. 2 VRG in der Regel keine
Parteientschädigung zugesprochen, wenn sie in ihrem amtlichen
Wirkungskreis obsiegen. Davon abzuweichen besteht vorliegend kein
Anlass, weshalb dem obsiegenden Beschwerdegegner keine
Parteientschädigung zusteht.