Decision ID: 57017b97-dc8a-4655-807a-e2252c75a3e5
Year: 2012
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend
Verletzung der Verkehrsregeln
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Hinwil, Einzelgericht, vom 6. März 2012 (GC110012)
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Anklage:
Der Strafbefehl des Statthalteramtes Hinwil vom 28. Oktober 2011 ist diesem
Urteil beigeheftet (Urk. 2/6).
Urteil der Vorinstanz: (Urk. 18 S. 10 f.)
"Es wird erkannt:
1. Der Verzeigte ist schuldig der Verletzung der Verkehrsregeln im Sinne von
Art. 90 Abs. 1 SVG in Verbindung mit Art. 27 Abs. 1 SVG, Art. 14 Abs. 1 VRV,
Art. 36 Abs. 1 SSV und Art. 75 Abs. 1 SSV.
2. Der Verzeigte wird mit einer Busse von Fr. 350.– bestraft.
3. Bezahlt der Verzeigte die Busse schuldhaft nicht, tritt an deren Stelle eine nicht
aufschiebbare Ersatzfreiheitsstrafe von 4 Tagen.
4. Die Gerichtsgebühr wird auf Fr. 1'200.– angesetzt.
5. Die Gerichtsgebühr, die Kosten des Strafbefehls von Fr. 425.– sowie die nachträglichen
Untersuchungskosten der Übertretungsstrafbehörde von Fr. 190.– werden dem Verzeigten
auferlegt.
6. (Mitteilung)
7. (Rechtsmittel)"
Berufungsanträge:
a) Der Verteidigung des Beschuldigten:
(schriftlich; Urk. 28 S. 2)
1. Auf die Anklage sei nicht einzutreten.
2. eventualiter sei der Berufungskläger freizusprechen.
3. unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zu Lasten der Staatskasse.
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b) Des Statthalteramtes:
(schriftlich und sinngemäss; Urk. 24)
Bestätigung des vorinstanzlichen Urteils.

Erwägungen:
I. Verfahrensgang
8. Dem Beschuldigten A._ wird vorgeworfen, er habe am Dienstag,
20. September 2011 in B._ eine Kollision mit einem vortrittsberechtigen Per-
sonenwagen verursacht. Zur Kollision sei es deshalb gekommen, weil der
Beschuldigte dem von links kommenden Kollisionsgegner das Vortrittsrecht beim
Vortrittssignal "STOP" nicht gewährt habe (Urk. 2/6).
9. Mit Strafbefehl vom 28. Oktober 2011 (Geschäfts-Nr. ST.2011.2608) bestraf-
te das Statthalteramt des Bezirks Hinwil den Beschuldigten wegen Verletzung von
Verkehrsregeln mit einer Busse von Fr. 350.– (Urk. 8). Dagegen erhob der
Beschuldigte Einsprache (Urk. 2/8).
10. Am 6. März 2012 sprach die Vorinstanz den Beschuldigten wegen der
Verletzung von Verkehrsregeln im Sinne Art. 90 Abs. 1 SVG in Verbindung mit
Art. 27 Abs. 1 SVG, Art. 14 Abs. 1 VRV, Art. 36 Abs. 1 SSV und Art. 75 Abs. 1
SSV schuldig und bestätigte die Busse von Fr. 350.–, unter Auferlegung der
Verfahrenskosten (Urk. 9, Urk. 12, Urk. 18). Gegen dieses Urteil erklärte der
Beschuldigte frist- und formgerecht Berufung (Urk. 19), nachdem er bereits zuvor
innert Frist Berufung angemeldet hatte (Urk. 11).
11. Mit Beschluss vom 19. Juni 2012 ordnete die zuständige I. Strafkammer des
Berufungsgerichts die schriftliche Durchführung des vorliegenden Verfahrens an
und setzte dem Beschuldigten gleichzeitig Frist an, um abschliessend Berufungs-
anträge zu stellen und zu begründen (Urk. 26), was der Beschuldigte mit Eingabe
vom 3. Juli 2012 getan hat (Urk. 28). Das Statthalteramt als Berufungsbeklagte
– wie im Übrigen auch die Vorinstanz – verzichteten in der Folge auf Einreichung
einer Berufungsantwort resp. Vernehmlassung (Urk. 32), weshalb sich das vorlie-
gende Verfahren heute als spruchreif erweist.
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II. Prozessuales
1. Der Beschuldigte verlangt mit seiner Berufung, auf die Anklage sei nicht ein-
zutreten und eventualiter einen Freispruch (Urk. 40 S. 2), weshalb davon auszu-
gehen ist, dass er das vorinstanzliche Urteil vollumfänglich anficht (vgl. Art. 399
Abs. 3 lit. a StPO).
12. Gemäss Art. 398 Abs. 1 StPO ist die Berufung zulässig gegen Urteile
erstinstanzlicher Gerichte, mit denen das Verfahren ganz oder teilweise abge-
schlossen worden ist. Im Rahmen einer Berufung überprüft das Obergericht den
vorinstanzlichen Entscheid üblicherweise frei bezüglich sämtlicher Tat-, Rechts-
und Ermessensfragen (Art. 398 Abs. 3 StPO). Bildeten jedoch ausschliesslich
Übertretungen Gegenstand des erstinstanzlichen Hauptverfahrens, so schränkt
Art. 398 Abs. 4 Satz 1 StPO die Kognition der Berufungsinstanz ein.
12.1 Was den Sachverhalt anbelangt, so überprüft das Berufungsgericht nur, ob
eine offensichtlich unrichtige Feststellung des Sachverhaltes durch die Vorinstanz
gegeben ist. Relevant sind dabei klare Versehen bei der Sachverhaltsermittlung,
wie namentlich Versehen, Irrtümer oder offensichtliche Diskrepanzen zwischen
der sich aus den Akten sowie der Hauptverhandlung ergebenden Akten- sowie
Beweislage und der Urteilsbegründung. Weiter in Betracht kommen insbesondere
Fälle, in denen die gerügte Sachverhaltsfeststellung auf einer Verletzung von
Bundesrecht, in erster Linie von Verfahrensvorschriften der StPO selbst, beruht.
Gesamthaft gesehen dürften regelmässig Konstellationen relevant sein, die als
willkürliche Sachverhaltserstellung zu qualifizieren sind (vgl. Schmid, StPO - Pra-
xiskommentar, Zürich 2009, Art. 398 N 12 f.; Eugster in Basler Kommentar, StPO,
Basel 2011, Art. 398 N 3). Willkür bei der Beweiswürdigung liegt vor, wenn der
angefochtene Entscheid offensichtlich unhaltbar ist oder mit der tatsächlichen
Situation in klarem Widerspruch steht. Dass eine andere Lösung oder Würdigung
ebenfalls vertretbar erscheint oder gar vorzuziehen wäre, genügt nicht
(vgl. BGE 134 I 140 E. 5.4 mit Hinweisen). Eine vertretbare Beweiswürdigung ist
daher noch nicht willkürlich, auch wenn die Berufungsinstanz anstelle des Vorder-
richters allenfalls anders entschieden hätte.
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12.2 Zum anderen wird das angefochtene Urteil auf Rechtsverletzungen durch
die Vorinstanz hin überprüft; insofern liegt keine Einschränkung der Über-
prüfungsbefugnis vor; sämtliche Rechtsfragen sind mit freier Kognition zu prüfen
und zwar nicht nur materiellrechtliche, sondern auch prozessuale (vgl. Hug in
Zürcher Kommentar, StPO, Zürich 2010, Art. 398 N 23).
12.3 Zu erwähnen ist schliesslich, dass neue Behauptungen und Beweise im
Berufungsverfahren nicht mehr vorgebracht werden können, wenn – wie hier –
ausschliesslich Übertretungen Gegenstand des erstinstanzlichen Hauptverfahrens
bildeten (Art. 398 Abs. 4 Satz 2 StPO).
13. Das Obergericht hat somit zu überprüfen, ob die vom Beschuldigten vorge-
brachten Beanstandungen von der Überprüfungsbefugnis gemäss Art. 398 Abs. 4
StPO gedeckt sind. In einem allfälligen nicht von der genannten Befugnis umfass-
ten Umfang kann auf die Einwendungen nicht eingegangen werden. Es ist somit
festzustellen, ob das vorinstanzliche Urteil im Bereich der zulässigen Kognition
Fehler aufweist.
14. Im Übrigen ist an dieser Stelle darauf hinzuweisen, dass sich die urteilende
Instanz nicht mit allen Parteistandpunkten einlässlich auseinandersetzen und
jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich widerlegen muss (vgl. BGer vom
9. September 2002, 1P.378/2002, E. 5.1 sowie Entscheid des Kassations-
gerichtes des Kantons Zürich vom 2. Februar 2004, AC030110, E. III. 1. b aa).
Die Berufungsinstanz kann sich somit auf die für ihren Entscheid wesentlichen
Punkte beschränken.
III. Anklageprinzip
1. Im Strafbefehl vom 28. Oktober 2011 des Statthalteramtes des Bezirks
Hinwil, welcher im Sinne von Art. 357 Abs. 2 i.V.m. Art. 356 Abs. 1 StPO als
Anklageschrift gilt, wird dem Berufungskläger folgender Sachverhalt vorgeworfen
(Urk. 2/6): "Verkehrsunfall zufolge Nichtgewährens des Vortrittsrechts beim
Vortrittssignal "STOP" (Nr. 3.01), wobei es zur Kollision mit einem vortritts-
berechtigten Personenwagen kam."
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2.1 Die Verteidigung rügt vorab neu in der Berufungsbegründung, die Anklage-
schrift genüge den Anforderung des Anklageprinzips nicht. Der Sachverhalt
gemäss Strafbefehl vom 28. Oktober 2011 sei derart rudimentär, dass die
näheren Umstände daraus nicht hervorgehen würden. Man wisse nur, dass sich
ein Verkehrsunfall mit einem vortrittsberechtigen Personenwagen ereignet habe.
Wie es dazu gekommen sei, werde nicht umschrieben. Ein Sachverhalt im Sinne
einer Anklage könne somit nicht erstellt werden. Die Vorinstanz sei sich der
mangelhaften Anklage bewusst gewesen, sei jedoch davon ausgegangen, dass
auch ohne substantiierte Anklage auf den Sachverhalt abgestellt werden könne,
welchen der Beschuldigte selbst geschildert habe. Im vorliegenden Verfahren
würde im Strafbefehl die Art der vorgeworfenen Tatausführung fehlen und damit
der Kerngehalt der Anklage (Urk. 28 S. 2).
2.2 Die Vorinstanz führte in ihrem Entscheid dazu aus, im Strafbefehl, welcher
als Anklageschrift gelte, fehle die genaue Sachverhaltsschilderung. Wie sich der
Unfall genau abgespielt habe, stehe nicht mit letzter Gewissheit fest. Es sei
deshalb zugunsten des Verzeigten davon auszugehen, dass dieser, als die
...-Strasse von links her frei gewesen sei, etwa bis zur Strassenmitte vorgefahren
sei, um dort zu warten, bis ihm ein Automobilist das Einfahren in die dort befindli-
che stockende Kolonne ermöglichen würde. Als dies der Fall gewesen sei, sei er
ohne nach links geachtet zu haben, weiter gefahren (Urk. 18 S. 6).
3. Der Anklagegrundsatz dient dem Schutz der Verteidigungsrechte der ange-
klagten Person und konkretisiert insofern das Prinzip der Gehörsgewährung
(Art. 29 Abs. 2 BV und Art. 6 EMRK; BGE 120 IV 348 E. 2b). Nach diesem
Grundsatz bestimmt die Anklage das Prozessthema. Gegenstand des gerichtli-
chen Verfahrens können mithin nur Sachverhalte sein, die der beschuldigten
Person in der Anklageschrift vorgeworfen werden. Diese muss die Person des
Beschuldigten sowie die ihm zur Last gelegten Delikte in ihrem Sachverhalt so
präzise umschreiben, dass die Vorwürfe im objektiven und subjektiven Bereich
genügend konkretisiert sind (Umgrenzungsfunktion). An diese Anklage ist das
Gericht gebunden. Die Anklage fixiert somit das Verfahrens- und Urteilsthema
(Immutabilitätsprinzip). Zum anderen vermittelt sie der beschuldigten Person die
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für die Durchführung des Verfahrens und die Verteidigung notwendigen Informati-
onen (Informationsfunktion). Sie dient insofern dem Schutz der Verteidigungs-
rechte des Beschuldigten (Niggli, Heimgartner in: BSK Strafprozessordnung,
Basel 2011, N32 ff zu Art. 9 StPO, sowie [zur Rechtsprechung vor Inkrafttreten
der schweizerischen StPO] Urteil des Bundesgerichts 6B.294/2008 vom
1. September 2008 E. 4.3, jeweils mit weiteren Hinweisen). Allgemein gilt, je
gravierender die Vorwürfe, desto höher die Anforderungen an das Akkusations-
prinzip (Urteil des Bundesgerichts 6B_333/2007 vom 7. Februar 2008, E. 2.1.4).
4. Die Anklageschrift des Statthalteramtes enthält in der Tat nur eine sehr
knappe Umschreibung des Sachverhalts. Sodann sind die übertretenen Bestim-
mungen aufgeführt. Dem Beschuldigten wird vorgeworfen, gegen folgende
Bestimmungen verstossen zu haben: Art. 27 Abs. 1 SVG, Art. 36 Abs. 1 SSV,
Art. 75 Abs. 1 SSV, Art. 14 Abs. 1 VRV sowie Art. 90 Abs. 1 SVG. Ausgehend
vom Grundsatz, dass das Anklageprinzip es dem Beschuldigten ermöglichen soll,
sich gegen die gegen ihn erhobenen Vorwürfe verteidigen zu können, zeigen die
umfangreichen Rechtsschriften des Verteidigers des Beschuldigten, dass der
Anklagevorwurf klar ist und dass sich der Beschuldigte entsprechend verteidigen
konnte. Vor erster Instanz wurde sodann die Verletzung des Anklageprinzips auch
noch nicht gerügt. Da vorliegend nur Übertretungen Gegenstand des Verfahrens
bilden, sind keine allzu hohen Anforderungen an das Anklageprinzip zu stellen.
Die Anklageschrift des Statthalteramtes vermag diesen Anforderungen, wenn
auch nur in gerade noch genügender Form, nachzukommen. Es ist nicht von
einer Verletzung des Anklageprinzips auszugehen.
IV. Materielles
1.1 Die Verteidigung rügt sodann zusammengefasst eine offensichtlich unrichti-
ge Sachverhaltserstellung, indem die Vorinstanz davon ausgegangen sei, dass
am Fahrzeug des Beschuldigten kein Schaden zu erkennen sei. Gestützt auf die
bei den Akten liegende Fotografie und die Fusszeile dazu könne nicht ent-
schieden werden, ob ein Schaden vorliege oder nicht. Die Vorinstanz gehe davon
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aus, dass an der rechten vorderen Seite des Fahrzeuges des Beschuldigten kein
Schaden entstanden sei, obwohl der Statthalter, der Kollisionsbeteiligte und der
Beschuldigte vom Gegenteil ausgehen würden. Im Zweifelsfall hätten weitere
Beweismittel eingeholt werden müssen. Sodann habe die Vorinstanz erwogen,
dass in dubio von der Schilderung des Beschuldigten auszugehen sei, wonach
dieser, als die ...-Strasse von links her frei gewesen sei, bis zur Strassenmitte
vorgefahren sei, dort gewartet habe und ohne nochmals nach links zu schauen
angefahren sei, als ein von rechts kommender Automobilist ihm das Einbiegen
ermöglicht habe. Die Vorinstanz habe sich nicht dazu geäussert, ob der
Kollisionsbeteiligte den Beschuldigten auf der Gegenfahrbahn links zu umfahren
versucht habe und mit dessen rechter Seite kollidiert sei. Mit der gleichen Logik
sei aber vollständig von der Darstellung des Berufungsklägers auszugehen,
anderes scheine kaum möglich (Urk. 19 S. 2 ff.; Urk. 28 S. 3).
1.2 Die Vorinstanz führte zusammengefasst aus, den von der Polizei erstellten
Fotografien sei nicht zu entnehmen, dass das Fahrzeug des Beschuldigten vorne
rechts beschädigt worden sei. Vielmehr handle es sich beim Fleck auf der Stoss-
stange um das Spiegelbild des fotografierenden Polizisten und in der Beschriftung
der Fotografie finde sich der ausdrückliche Vermerk "ohne Beschädigung". Der
wichtigste objektive Anhaltspunkt, welcher die Behauptung der Verteidigung
stütze, dass der Kollisionsgegner den Beschuldigten auf der Gegenfahrbahn
"umfahren" habe, falle damit weg. Es sei daher davon auszugehen, dass der
Beschuldigte, als die ...-Strasse von links her frei gewesen sei, etwa bis zur
Strassenmitte vorgefahren sei, um dort zu warten, bis ihm ein Automobilist das
Einfahren in die dort befindliche stockende Kolonne ermöglichen würde. Als dies
der Fall gewesen sei, sei er weiter gefahren, ohne nach links geachtet zu haben
(Urk. 18 S. 5 f.).
1.3 Die Verteidigung rügt also, dass die Vorinstanz zwar davon ausgegangen
ist, der Beschuldigte sei bis zur Mitte der Strasse gefahren, um dort zu warten,
dass sie aber nicht auch noch zugunsten des Beschuldigten davon ausgegangen
ist, dass der Kollisionsgegner auf die Gegenfahrbahn ausgewichen sei. Es ist
entgegen der Verteidigung nicht so, dass zwingend für den ganzen Sachverhalt
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von der Version des Beschuldigten auszugehen ist, um nicht eine widersprüchli-
che Beweiswürdigung zu produzieren. Vielmehr übersieht die Verteidigung, dass
im ersten Sachverhaltsabschnitt (Vorfahren bis zur Strassenmitte) nur in Anwen-
dung des Grundsatzes "in dubio pro reo" von der Sachverhaltsdarstellung des
Beschuldigten ausgegangen wurde, das heisst, dass keine Beweise vorgelegen
haben, die die Version des Beschuldigten entkräften würden. Im zweiten Sach-
verhaltsabschnitt oder zur Frage, ob der Kollisionsbeteiligte den Beschuldigten
habe überholen wollen, liegen hingegen Anhaltspunkte vor, die klar gegen die
Glaubhaftigkeit der Aussage des Beschuldigten sprechen. Der Beschuldigte
selbst und auch der Kollisionsgegner als Zeuge führten übereinstimmend aus, auf
der Fahrbahn in Richtung C._ habe dichter Verkehr geherrscht (Urk. 18 S. 5
mit Hinweis auf Urk. 2/16 S. 3). Aufgrund dieser Gegebenheit erscheint es höchst
unwahrscheinlich, dass der Kollisionsgegner den Beschuldigten auf der Gegen-
fahrbahn hätte umfahren wollen. Weiter ist nicht zu beanstanden, dass die
Vorinstanz die bei den Akten liegenden Beweise zur vermeintlichen Beschädi-
gung des Fahrzeuges des Beschuldigten dahingehend würdigt, dass sie davon
ausgegangen ist, dass keine Beschädigung bestand. Es ist tatsächlich das Abbild
des Polizisten, das sich in der Stossstange und im Lack des Fahrzeuges des
Beschuldigten spiegelt. Ausserdem ist auch auf die Beschreibung des betreffen-
den Fotos im Polizeirapport abzustellen, die festhält, dass das Fahrzeug ohne
Beschädigungen war (vgl. Urk. 2/4 S. 3).
Da es wie nachfolgend zu zeigen sein wird für die rechtliche Würdigung nicht von
Relevanz ist, wo der Beschuldigte genau angehalten hat und wo sich die Kollision
ereignet hat (vgl. nachfolgend Ziff. 2.3), ist mangels Entscheidrelevanz nicht
weiter auf die Rügen der Verteidigung zur Sachverhaltserstellung einzugehen.
Die vorinstanzliche Sachverhaltsermittlung überzeugt; offensichtliche Diskrepan-
zen zwischen der sich aus den Akten sowie der vorinstanzlichen Hauptverhand-
lung ergebenden Beweislage und der Urteilsbegründung sind keine ersichtlich.
Somit ist die Sachverhaltserstellung der Vorinstanz weder grob unrichtig, noch
willkürlich.
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2.1 Zur rechtlichen Würdigung führt die Verteidigung aus, im Stossverkehr sei
das Vortrittsrecht etwas relativiert. Eine Vortrittsbehinderung gelte dann nur als
relevant, wenn der Berechtigte seine Fahrweise brüsk ändern müsse. Die Regel,
dass dem Berechtigten grundsätzlich auf der ganzen Fläche der Strasse der Vor-
tritt zustehe, könne vorliegend kaum greifen, wenn auf der Gegenfahrbahn
stockender Kolonnenverkehr herrsche und sich der Unfall auf der Gegenfahrbahn
ereignet habe. Der Beschuldigte habe nicht in Kauf genommen, das Vortrittsrecht
eines von links kommenden vortrittsberechtigten Fahrzeuglenkers zu beeinträch-
tigen. Er habe davon ausgehen dürfen, dass ein Vortrittsberechtigter angesichts
dieser Verkehrssituation seine Geschwindigkeit anpassen würde. Der Beschuldig-
te habe beim Einfahren in die Gegenfahrbahn nicht mit einem solchen Fahrzeug-
lenker wie dem Kollisionsbeteiligten rechnen müssen und sei deshalb nicht
verpflichtet gewesen, nochmals nach links zu schauen (Urk. 19 S. 3 f.; Urk. 28
S. 3 ff.).
2.2 Die rechtliche Würdigung der Vorinstanz ist zutreffend. Zur Vermeidung von
Wiederholungen kann vollumfänglich darauf verwiesen werden (Urk. 18 S. 6 ff.).
Nachfolgendes ist lediglich ergänzender Natur.
2.3
2.3.1 Wer eine Verkehrsregel des Strassenverkehrsgesetzes oder der Voll-
ziehungsvorschriften des Bundesrates verletzt, wird mit Busse bestraft (Art. 90
Abs. 1 SVG). Dem Beschuldigten wird vorgeworfen, gegen Art. 27 Abs. 1 SVG,
Art. 36 Abs. 1 SSV, Art. 75 Abs. 1 SSV sowie Art. 14 Abs. 1 VRV verstossen zu
haben. Gemäss Art. 27 Abs. 1 SVG sind Signale und Markierungen sowie die
Weisungen der Polizei zu befolgen. Die Signale und Markierungen gehen den all-
gemeinen Regeln, die Weisungen der Polizei den allgemeinen Regeln, Signalen
und Markierungen vor. Das Signal "Stop" (3.01) verpflichtet den Führer anzu-
halten und den Fahrzeugen auf der Strasse, der er sich nähert, den Vortritt zu
gewähren (Art. 36 Abs. 1 SSV). Die Haltelinie (weiss, ununterbrochen, quer zur
Fahrbahn; 6.10) zeigt an, wo die Fahrzeuge beim Signal "Stop" (3.01) halten
müssen. Der vorderste Teil des Fahrzeugs darf die Haltelinie nicht überragen
(Art. 75 Abs. 1 SSV). Wer zur Gewährung des Vortritts verpflichtet ist, darf den
Vortrittsberechtigten sodann in seiner Fahrt nicht behindern. Er hat seine
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Geschwindigkeit vorzeitig zu mässigen und, wenn er warten muss, vor Beginn der
Verzweigung zu halten (Art. 14 Abs. 1 VRV). Nach der Grundregel von Art. 26
Abs. 1 SVG hat sich im Verkehr jedermann so zu verhalten, dass er andere in der
ordnungsgemässen Benützung der Strasse weder behindert noch gefährdet.
Nach dem daraus von der Rechtsprechung abgeleiteten Vertrauensgrundsatz darf
jeder Strassenbenützer darauf vertrauen, dass sich die anderen Verkehrsteil-
nehmer ebenfalls ordnungsgemäss verhalten. Auf den Vertrauensgrundsatz kann
sich indes nur berufen, wer sich selbst verkehrsregelkonform verhalten hat. Wer
gegen die Verkehrsregeln verstösst und dadurch eine unklare oder gefährliche
Verkehrslage schafft, kann nicht erwarten, dass andere diese Gefahr durch
erhöhte Vorsicht ausgleichen (BGE 118 IV 277 E. 4a; BGE 124 IV 81 E. 2b).
2.3.2 Der Beschuldigte hielt nur kurze Zeit an der Stoplinie an, um dann sogleich
bis zur Strassenmitte vorzufahren, obwohl er wegen des stockenden Kolonnen-
verkehrs nicht in die vortrittsberechtigte Hauptstrasse einbiegen konnte. Der
Beschuldigte musste aufgrund der herrschenden Verkehrssituation damit
rechnen, dass auf der vortrittberechtigen Strasse von links ein Fahrzeug mit der
zulässigen Höchstgeschwindigkeit herannahen würde. Indem er aber trotzdem
zur Strassenmitte vorfuhr, nahm er zumindest in Kauf, von links kommende
vortrittsberechtige Fahrzeuge in ihrer Fahrt zu behindern, wie die Vorinstanz
zutreffend ausführte.
2.3.3 Vorliegend wurde der korrekt auf seiner Spur fahrende Kollisionsbeteiligte in
seiner Fahrt behindert. Es ist klar, dass der Beschuldigte dem Kollisionsbeteiligten
den Vortritt auf dessen Fahrbahn hätte gewähren müssen. Der von der Vorinstanz
zitierte Grundsatz, wonach dem Vortrittsberechtigen der Vortritt auf der ganzen
Verzweigung zu gewähren sei (vgl. Urk. 18 S. 7 mit Hinweis auf BGE 102 IV 259
E.2), braucht gar nicht herangezogen zu werden, kann doch vorliegend nicht zu
bezweifeln sein, dass dem Kollisionsbeteiligten auf seiner Fahrspur der Vortritt
gegenüber dem Beschuldigten zustand. Diese Rüge des Verteidigers ist daher
nicht zu hören.
2.3.4 Es ist wie bereits erwähnt nicht relevant, ob der Beschuldigte nun in der
Mitte der Strasse oder nur kurz nach dem Stopsignal angehalten hat und wo es
https://www.swisslex.ch/LawDetail.mvc/Show?normalizedReference=CH%2F741.01%2F26 https://www.swisslex.ch/LawDetail.mvc/Show?normalizedReference=CH%2F741.01%2F26 https://www.swisslex.ch/AssetDetail.mvc/Show?assetGuid=ea9f45b0-23b2-412e-8eb5-4ba60cbff421#cons_4a
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zur Kollision gekommen ist. Relevant ist einzig, dass der vortrittsbelastete
Beschuldigte den korrekt fahrenden Kollisionsbeteiligten in seiner Fahrt behindert
hat. Das Vortrittsrecht ist denn auch schon verletzt, wenn der Berechtigte durch
das Verhalten des Vortrittsbelasteten zu brüskem Bremsen, Beschleunigen oder
Ausweichen vor, auf oder kurz nach der Verzweigung gezwungen wird, gleich-
gültig, ob eine Kollision erfolgt oder nicht. Dass es vorliegend zu einer Kollision
gekommen ist, belegt nun eindeutig, dass der Beschuldigte den Kollisionsbeteilig-
ten behindert und damit das Vortrittsrecht verletzt hat. Der Beschuldigte hat aber
bereits dadurch, dass er zugegebenermassen den Gegenverkehr behindert hat,
dem Kollisionsbeteiligten die freie Fahrbahn versperrt und damit dessen Vortritts-
recht verletzt.
2.3.5 Weiter ist zu erwähnen, dass die blosse Möglichkeit einer Verletzung seines
Rechts den Vortrittsberechtigen nicht zum Verlangsamen seiner Fahrt verpflichtet.
Nur wenn konkrete Anzeichen bestehen, ein Wartepflichtiger könnte ihn in seiner
Fahrt behindern, muss er die zulässige Geschwindigkeit herabsetzen (BGE 96 IV
131 E. 2). Der Kollisionsbeteiligte durfte im vorliegenden Fall davon ausgehen,
dass der Beschuldigte sein Vortrittsrecht beachten würde.
2.3.6 Schliesslich geht auch die Rüge des Verteidigers fehl, der Beschuldigte
habe sich nicht nochmals nach links vergewissern und mit dem Fahrzeug des
Kollisionsgegners rechnen müssen. Das Bundesgericht führte dazu in einem
Entscheid aus, bei der Einfahrt in eine vortrittsberechtigte Hauptstrasse drohen
Gefahren auch bei verkehrsregelkonformem Verhalten der vortrittsberechtigten
Verkehrsteilnehmer von beiden Seiten, denen der Vortrittbelastete gerecht
werden muss. Bei einem zweistufigen Manöver (zuerst Vorfahren zur Strassen-
mitte, hernach links in die Hauptstrasse einbiegen) besteht die primäre Sicher-
heitspflicht gegenüber dem von links herkommenden Verkehr. Der Strassenbe-
nützer ist nach der Rechtsprechung verpflichtet, seine Aufmerksamkeit in erster
Linie auf die zu erwartenden Gefahren zu richten. Das wäre bei dem beabsichtig-
ten Vorgehen jedenfalls in erster Linie der von links herannahende Verkehr
gewesen (Urteil 6S_125/2007 vom 19. Juni 2007, E. 2, E. 5.3.2 und E. 5.3.3 mit
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weiteren Hinweisen). Der Beschuldigte wäre vorliegend verpflichtet gewesen, vor
dem Losfahren nochmals nach links zu schauen, womit er die nahende Gefahr in
Gestalt des Fahrzeugs des Kollisionsgegners erkannt hätte. Es kann also keine
Rede davon sein, dass der Beschuldigte nicht mit dem Kollisionsgegner habe
rechnen müssen.
3. Die rechtliche Würdigung der Vorinstanz ist nicht zu beanstanden. Der
Beschuldigte ist nach dem Gesagten der Verletzung der Verkehrsregeln im Sinne
von Art. 90 Abs. 1 SVG in Verbindung mit Art. 27 Abs. 1 SVG, Art. 14 Abs. 1 VRV,
Art. 36 Abs. 1 SSV und Art. 75 Abs. 1 SSV schuldig zu sprechen und ange-
messen zu bestrafen.
V. Strafzumessung
1. Die durch die Vorinstanz ausgesprochene Busse von Fr. 350.-- erscheint
den Verhältnissen des Beschuldigten angemessen und ist unter Hinweis auf die
vorinstanzlichen Ausführungen (Urk. 18 S. 9.; Art. 82 Abs. 4 StPO) zu bestätigen.
Im Übrigen wurde die Strafzumessung durch die Verteidigung nicht – auch nicht
eventualiter – beanstandet.
2. Ebenfalls zu bestätigen ist die Anordnung einer Ersatzfreiheitsstrafe von
4 Tagen im Falle der schuldhaften Nichtbezahlung der Busse.
VI. Kosten
1. Ausgangsgemäss ist das vorinstanzliche Kostendispositiv (Ziffer 4 und 5) zu
bestätigen (Art. 426 Abs. 1 StPO). Da der Beschuldigte im Berufungsverfahren
vollumfänglich unterliegt, sind ihm die Kosten des Berufungsverfahrens aufzuer-
legen (Art. 428 Abs. 1 StPO).
2. Die zweitinstanzliche Gerichtsgebühr ist auf Fr. 1'000.-- zu veranschlagen.
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