Decision ID: 50ba45ee-a4b7-4bf1-8073-df0c91e9888a
Year: 2013
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch MLaw Véronique Dumoulin, c/o Glaus & Partner Anwaltspraxis,
Obergasse 28, Postfach 133, 8730 Uznach,
gegen
Basler Versicherung AG, Aeschengraben 21, Postfach, 4002 Basel,
Beschwerdegegnerin,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Simon Krauter, S-E-K Advokaten,
Zürcherstrasse 310, 8500 Frauenfeld,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
betreffend
Versicherungsleistungen
Sachverhalt:
A.
A.a A._ war seit 1. Januar 1994 als Sekretärin bei B._ tätig und dadurch bei der
Basler Versicherungs-Gesellschaft (nachfolgend: Basler) gegen die Folgen von Unfällen
versichert. Am 3. Januar 2002 meldete die Arbeitgeberin der Basler einen Unfall. Die
Versicherte sei am 15. Dezember 2001 beim Skifahren gestürzt und habe sich das
rechte Schlüsselbein gebrochen (act. G5.1/34). Dr. med. C._, FMH Physikalische
Medizin und Rehabilitation, Sportmedizin (SGSM), Manuelle Medizin (SAMM),
bestätigte im Bericht vom 7. März 2002 eine Erstbehandlung am Unfalltag und stellte
gestützt auf das Ergebnis einer röntgenologischen Untersuchung die Diagnose einer
Claviculafraktur mittleres Drittel rechts, welche mit einem Rucksackverband und
Ponstan behandelt worden sei (act. G5.1/23, vgl. auch act. G1.3). Der
nachbehandelnde Hausarzt Dr. med. D._, Facharzt FMH für Allgemeinmedizin,
attestierte der Versicherten bis am 8. Januar 2002 eine Arbeitsunfähigkeit. Der
Behandlungsabschluss erfolgte am 7. Januar 2002 (act. G5.1/24, G5.1/39). Die Basler
erbrachte für den Unfall vom 15. Dezember 2001 die gesetzlichen Leistungen
(Heilkosten- und Taggeldleistungen) (act. G5.1/25 ff.).
A.b Am 5. September 2011 erfolgte durch die Arbeitgeberin eine als Rückfall zum
Unfall vom 15. Dezember 2001 bezeichnete Schadenmeldung (act. G5.1/37). Laut
Arztzeugnis von Dr. D._ vom 9. September 2011 hatte sich die Versicherte wegen
seit Anfang August 2011 andauernder Schulterprobleme rechts bei ihm gemeldet
(Erstbehandlung am 12. August 2011). Den Angaben der Versicherten zufolge seien
diese plötzlich, ohne aktuelles Trauma aufgetreten. Seit längerem verspüre sie ein
gelegentliches "Knacken" und habe gelegentlich auch etwas Schmerzen gehabt. Die
von Dr. D._ durchgeführte röntgenologische Untersuchung beider Schultern ergab
rechts gegenüber links Anzeichen einer gleno-humeralen Arthrose, insbesondere eine
Aufrauhung des unteren Glenoidalrandes und des Humeruskopfs an der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
korrespondierenden Stelle. Der Hausarzt diagnostizierte eine beginnende Omarthrose
rechts, ein zeitweises leichtes Impingement sowie eine leichte diffuse Periarthropathie
bei Status nach Claviculafraktur 2001 durch Sturz beim Skilaufen und somit möglicher
bis wahrscheinlicher Mittraumatisierung der Schulter (act. G5.1/38 f.).
A.c Nach Einholung einer Beurteilung durch ihren beratenden Arzt, Dr. med. E._,
FMH orthopädische Chirurgie, vom 6. Dezember 2011 (act. G5.1/40 f.) und Eingang
eines weiteren Berichts von Dr. D._ vom 8. Dezember 2011 (act. G5.1/42 f.) eröffnete
die Basler der Versicherten mit Verfügung vom 14. Dezember 2011, dass zwischen
dem Ereignis vom 15. Dezember 2001 und den heutigen Beschwerden kein natürlicher
Kausalzusammenhang bestehe. Die Basler sei demzufolge nicht leistungspflichtig (act.
G5.1/44 f.).
B.
Die vom Rechtsvertreter der Versicherten, MLaw Thomas Buser, Uznach, erhobene
Einsprache vom 27. Januar 2012 (act. G5.1/72 ff.), der weitere Schreiben von Dr. D._
an die Versicherte und die Basler vom 19. und 23. Dezember 2011 (G5.1/54 f., 49 f.)
beigelegt wurden, wies die Basler mit Einspracheentscheid vom 5. März 2012 ab (act.
G5.1/79 ff.).
C.
C.a Gegen diesen Einspracheentscheid richtet sich die Beschwerde vom 20. April
2012 mit den Anträgen, der Einspracheentscheid sei abzuweisen, es sei die
Leistungspflicht der Beschwerdegegnerin festzustellen und sie habe für die
Behandlungs- und Therapiekosten der Beschwerdeführerin aufzukommen. Eventualiter
sei die Verfügung aufzuheben, die Angelegenheit zur Vornahme weiterer Abklärungen
an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen und gestützt darauf neu über die
Leistungspflicht zu entscheiden. Die Beschwerdeführerin sei in diesem Fall durch einen
unabhängigen Facharzt zu untersuchen und zu begutachten, unter Kosten- und
Entschädigungsfolge zu Lasten der Beschwerdegegnerin (act. G1). Zusammen mit der
Beschwerde legte die Rechtsvertreterin der Beschwerdeführerin, Rechtsanwältin MLaw
Véronique Dumoulin, Uznach, insbesondere ein an Dr. med. F._, Leitender Arzt der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Chirurgischen Klinik Orthopädie des Spitals G._, gerichtetes Schreiben von Dr. D._
vom 14. März 2012 (act. G1.14) sowie einen Bericht von Dr. F._ vom 17. April 2012
(act. G1.16) vor.
C.b Mit Beschwerdeantwort vom 8. Juni 2012 beantragt die Beschwerdegegnerin
Abweisung der Beschwerde (act. G5).
C.c Die Rechtsvertreterin der Beschwerdeführerin verzichtete mit Schreiben vom
2. Juli 2012 auf eine materielle Replik. Sie teilte mit, die Beschwerdeführerin halte
vollumfänglich an den bisherigen Anträgen und Ausführungen fest (act. G7).
C.d Auf die Begründungen in den einzelnen Rechtsschriften sowie die weiteren
Ausführungen in den medizinischen Akten wird, soweit entscheidnotwendig, in den

nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
Erwägungen:
1.
1.1 Die Beschwerdegegnerin legte im angefochtenen Einspracheentscheid die auch bei
Rückfällen (Art. 11 der Verordnung über die Unfallversicherung [UVV; SR 832.202])
geltende rechtliche Voraussetzung des für eine Leistungspflicht des Unfallversicherers
erforderlichen natürlichen und adäquaten Kausalzusammenhangs zwischen Unfall und
in dessen Folge eingetretener Gesundheitsschädigung (Art. 6 Abs. 1 des
Bundesgesetzes über die Unfallversicherung [UVG; SR 832.20]); BGE 129 V 181 E. 3.1)
zutreffend dar. Darauf ist zu verweisen. Die Beurteilung des natürlichen
Kausalzusammenhangs erfolgt aufgrund der Feststellungen bei den medizinischen
Untersuchungen und ist Aufgabe des Arztes oder der Ärztin. Demgegenüber obliegt es
dem Gericht, die Frage nach dem adäquaten Kausalzusammenhang zu beantworten
(BGE 123 III 110 und 112 V 30; PVG 1984 Nr. 82, 174). Bei physischen Unfallfolgen hat
allerdings die Adäquanz gegenüber dem natürlichen Kausalzusammenhang praktisch
keine selbständige Bedeutung (BGE 118 V 291 f. E. 3a).
1.2 Hinsichtlich des Beweiswerts eines Arztberichts ist entscheidend, ob der Bericht für
die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
beklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese)
abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in
der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen
des Experten oder der Expertin begründet sind. Ausschlaggebend für den Beweiswert
eines ärztlichen Gutachtens ist grundsätzlich weder die Herkunft eines Beweismittels
noch die Bezeichnung der eingereichten oder in Auftrag gegebenen Stellungnahme als
Bericht oder Gutachten (BGE 125 V 352 E. 3a mit Hinweisen). Den Berichten
versicherungsinterner Ärzte kann rechtsprechungsgemäss gleichfalls Beweiswert
beigemessen werden, sofern sie schlüssig erscheinen, nachvollziehbar begründet
sowie in sich widerspruchsfrei sind und keine Indizien gegen ihre Zuverlässigkeit
bestehen (RKUV 1991 Nr. U 133 S. 312 f. E. 1b).
1.3 Der Sozialversicherungsprozess ist vom Untersuchungsgrundsatz beherrscht.
Danach haben die Verwaltung und im Beschwerdefall das Gericht von Amtes wegen für
die richtige und vollständige Abklärung des rechtserheblichen Sachverhalts zu sorgen.
Dieser Grundsatz gilt indessen nicht uneingeschränkt; er findet sein Korrelat in den
Mitwirkungspflichten der Parteien (BGE 125 V 195 E. 2, 122 V 158 E. 1a, je mit
Hinweisen; vgl. auch BGE 130 I 183 f. E. 3.2). Der Untersuchungsgrundsatz schliesst
die Beweislast im Sinn der Beweisführungslast begriffsnotwendig aus. Im
Sozialversicherungsprozess tragen mithin die Parteien die Beweislast nur insofern, als
im Fall der Beweislosigkeit der Entscheid zu Ungunsten jener Partei ausfällt, die aus
dem unbewiesen gebliebenen Sachverhalt Rechte ableiten wollte. Bei der hinsichtlich
Rückfall zu erfüllenden Anspruchsvoraussetzung eines erneuten natürlichen
Kausalzusammenhangs handelt es sich um eine anspruchsbegründende Tatsache. Die
diesbezüglichen Konsequenzen bei Beweislosigkeit trägt damit die versicherte Person
(RKUV 1994 Nr. U 206 S. 328 E. 3b; Alexandra Rumo-Jungo, Rechtsprechung des
Bundesgerichts zum Sozialversicherungsrecht, Bundesgesetz über die
Unfallversicherung, 3. Aufl. Zürich 2003, S. 71 f.). Die Verwaltung als verfügende
Instanz und - im Beschwerdefall - das Gericht dürfen eine Tatsache nur dann als
bewiesen annehmen, wenn sie von ihrem Bestehen überzeugt sind. Im Sozial
versicherungsrecht hat das Gericht seinen Entscheid, sofern das Gesetz nichts
Abweichendes vorsieht, nach dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit
zu fällen. Die blosse Möglichkeit eines bestimmten Sachverhalts genügt für die
Begründung eines Leistungsanspruchs nicht (BGE 117 V 360 E. 4a mit Hinweisen).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.
Streitig und zu prüfen ist, ob zwischen den im August 2011 bei der Versicherten
aufgetretenen und im September 2011 gemeldeten Beschwerden in der rechten
Schulter und ihrem am 15. Dezember 2001 erlittenen Skiunfall ein natürlicher
Kausalzusammenhang besteht, so dass ein Rückfall bejaht werden kann. Während die
Beschwerdegegnerin gestützt auf die Beurteilung ihres beratenden Arztes Dr. E._
vom 6. Dezember 2011 (act. G5.1/40 f.) davon ausgeht, die natürliche Kausalität
zwischen den fraglichen Schulterbeschwerden und dem Unfall vom 15. Dezember
2001 sei nicht mit dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden Wahr
scheinlichkeit nachgewiesen, stellt sich die Rechtsvertreterin der Beschwerdeführerin
insbesondere gestützt auf den Bericht des behandelnden Hausarztes Dr. D._ vom
8. Dezember 2011 (act. G5.1/42 f.) auf den Standpunkt, der Unfall spiele für die
fragliche Schulterproblematik mit dem Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit eine kausale Rolle.
3.
3.1 Die von Dr. D._ am 22. August 2011 (vgl. act. G1.16) durchgeführte
röntgenologische Untersuchung beider Schultern zeigte rechts ein organisches
Substrat bzw. eine strukturelle Gesundheitsschädigung in Form einer gleno-humeralen
Arthrose. Anzeichen dafür bildeten Aufrauhungen des unteren Glenoidalrandes und des
Humeruskopfs an der korrespondierenden Stelle. Entsprechend diagnostizierte
Dr. D._ im Arztzeugnis vom 9. September 2011 eine beginnende Omarthrose rechts
(act. G5.1/39). Diese stellt eine degenerative Erkrankung dar, bei welcher grundsätzlich
beide von den Verfahrensparteien vertretenen Kausalitäten denkbar sind. So kann eine
Arthrose sowohl im Rahmen eines normalen Alterungsprozesses oder durch
Überbeanspruchung entstehen, aber auch als unfallkausaler Gesundheitsschaden
sekundär, d.h. als Spätfolge einer primären Verletzung - hauptsächlich nach einer
schlecht verheilten intraartikulären Fraktur, geheilt ohne anatomisch exakte Reposition
- auftreten (vgl. dazu Alfred M. Debrunner, Orthopädie, Orthopädische Chirurgie,
4. Aufl. Bern 2002, S. 579 ff., S. 693 ff., S. 735; Pschyrembel, Klinisches Wörterbuch,
262. Aufl. Berlin 2010, S. 169 f.). Nachfolgend ist damit zu entscheiden, von welcher
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Kausalität (Krankheits- oder Unfallkausalität) mit dem Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit auszugehen ist.
3.2 Dr. E._ bezeichnet in seiner Beurteilung vom 6. Dezember 2001 (act. G5.1/40 f.)
die Kausalität des Rückfalls zum Ereignis vom 15. Dezember 2001 lediglich als möglich
und nicht als wahrscheinlich oder gar sicher. Der Umstand, dass er seine Beurteilung
ausschliesslich aufgrund der Akten abgegeben und die Beschwerdeführerin nicht
selbst untersucht hat, steht deren Beweiswert nicht entgegen. Für die
Beweistauglichkeit entscheidend ist, dass genügend Unterlagen von persönlichen
Untersuchungen vorliegen (vgl. dazu PVG 1996 Nr. 89, 265 E. 3b; RKUV 1988 Nr. U 56
S. 371 E. 5b). Den Anmerkungen von Dr. E._ ist zu entnehmen, dass er seine
Einschätzung in Kenntnis der Vorakten - insbesondere auch gestützt auf das
ausführliche Arztzeugnis von Dr. D._ vom 9. September 2011 (act. G5.1/38 f.) -
abgegeben hat. Er fügt ihr zwar keine eigentliche Begründung an (vgl. Rubrik:
"Begründung?"). Angesichts seiner weiteren Angaben betrachtet er jedoch
offensichtlich die ursprüngliche Unfalldiagnose (Claviculafraktur rechts 2001), deren
damalige erfolgreiche konservative Behandlung, die im Rahmen des Rückfalls
erhobene Diagnose (Schulterarthrose rechts) sowie die Latenzzeit zwischen Unfall und
Rückfall von rund zehn Jahren als entscheidend für eine Verneinung der Kausalität. Mit
Blick auf diese im Rahmen der Kausalitätsbeurteilung massgebenden Beurtei
lungskriterien erscheint die Folgerung von Dr. E._ durchaus schlüssig und
überzeugend. Die verschiedenen Darlegungen von Dr. D._ vermögen demgegenüber
die Unfallkausalität der als Rückfall gemeldeten Schulterbeschwerden nicht als
überwiegend wahrscheinlich nachzuweisen.
3.3 Zunächst bildet die bei einem Unfall erlittene Verletzung, d.h. die Unfalldiagnose,
den massgebenden Ausgangspunkt für traumatische Folgeschäden. Im konkreten Fall
ist in den ereignisnahen Akten als primäre Unfallverletzung einzig die Claviculafraktur
rechts dokumentiert (act. G5.1/17, 23). Im Rahmen des Rückfalls bzw. im Arztzeugnis
vom 9. September 2011 führte Dr. D._ nun eine mögliche bis wahrscheinliche
Mittraumatisierung der Schulter an (act. G5.1/39). Er geht damit offensichtlich von
weiteren, bis anhin nicht festgestellten Unfallverletzungen der Beschwerdeführerin im
Bereich der Schulter aus. Im Einzelfall ist es zwar denkbar, dass sich eine strukturelle
Verletzung im Ereigniszeitpunkt nicht derart schmerzhaft zeigt, dass sie
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
wahrgenommen wird, oder bei Erleiden mehrerer Verletzungen zunächst der
schwersten Verletzung am meisten Beachtung geschenkt wird, und in beiden Fällen die
ärztliche Feststellung damit erst in einem späteren Zeitpunkt erfolgt. Im Regelfall tritt
jedoch eine massgebende Verletzung im Anschluss an den Unfall oder zumindest
unfallnah mit den entsprechenden Schmerzen und Funktionseinschränkungen zutage
und wird von ärztlicher Seite auch erkannt. Es darf davon ausgegangen werden, dass
der erstbehandelnde, qualifizierte Arzt Dr. C._ beim Sturz der Beschwerdeführerin auf
die rechte Schulter im Rahmen seiner Untersuchung nicht nur die Claviculafraktur in
Erwägung zog, sondern die Schulter umfassend untersuchte. Die nach dem Unfall
durchgeführte, insbesondere entscheidende röntgenologische Untersuchung hat
jedenfalls keine weitere Schulterverletzung gezeigt. Der Behandlungsabschluss
bezüglich der Claviculafraktur ist am 7. Januar 2002 erfolgt (act. G5.1/24, 39). Laut
medizinischen Akten fanden bis zum 5. September 2011 (Rückfallmeldung) keine die
rechte Schulter betreffenden ärztlichen Behandlungen mehr statt. Je grösser der
zeitliche Abstand zwischen dem Unfall und dem Auftreten der gesundheitlichen
Beeinträchtigungen ist, desto strengere Anforderungen sind an den
Wahrscheinlichkeitsbeweis des natürlichen Kausalzusammenhangs zu stellen.
Angesichts des zeitlichen Ablaufs im vorliegenden Fall kann jedoch höchstens die
Möglichkeit eines Zusammenhangs angenommen werden. In Anbetracht des Gesagten
liegen damit massgebende Indizien für das Fehlen einer damals zusätzlich zur
Claviculafraktur erfolgten traumatischen Verletzung vor. Dr. D._ zieht denn auch mit
der von ihm gewählten Formulierung "möglich bis wahrscheinlich" die blosse
Möglichkeit einer weiteren Schulterverletzung nicht weniger in Betracht, als deren
Wahrscheinlichkeit. Der Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit ist damit
jedoch nicht erfüllt. Auch seine weiteren Ausführungen genügen dieser
Beweisanforderung nicht. So hielt er in seinem Schreiben vom 14. März 2012 (act.
G1.14) fest, man habe in den letzten Jahren bei den Schultern gelernt, viel
differenzierter zu denken, und habe in der Diagnostik grosse Fortschritte gemacht. Man
habe auch gelernt, dass simple Stürze auf den Ellbogen oft grössere Verletzungen im
Bereich der Schulter auslösen könnten, als man dies früher gewusst habe. Er habe den
Eindruck, dass es sich der Mediziner manchmal zu leicht gemacht habe, wenn eine
Claviculafraktur vorgelegen habe. Dies sei eine Art psychologischer Effekt: Die
Clavicula ist kaputt, hier haben wir ein Problem, Behandlung unklar (meist konservativ,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Operationsindikation nicht verpassen) und meist sei es gut gegangen.
Zusatzverletzungen seien vielleicht häufiger verpasst worden, als geahnt, vor allem
deshalb, weil man ja die Schultern im frischen Stadium gar nicht richtig habe
untersuchen können. Er habe mit mehreren Chirurgen und Orthopäden gesprochen
und etwas in der Literatur herumgeschaut. Offenbar seien Zusatzverletzungen bei
Claviculafrakturen kaum ein Thema - ob zu Recht oder fälschlicherweise könne er allein
natürlich nicht sagen. Ohne die Ausführungen von Dr. D._ in Zweifel zu ziehen,
müssen sie doch als ganz und gar allgemein bezeichnet werden. Eine weitere, im Falle
der Beschwerdeführerin erlittene Verletzung der Schulter vermögen sie jedenfalls in
keiner Weise überwiegend wahrscheinlich zu belegen. Es wäre zumindest zu erwarten
gewesen, dass Dr. D._ eine konkrete Verletzung in Erwägung zieht bzw. eine solche
benennt. Erhoben wurde jedoch von ihm nur die Omarthrose. Zuvor ist er zwar in
seinem Schreiben vom 23. Dezember 2011 an die Beschwerdegegnerin konkreter
geworden und hat eine Bankhart-Läsion vermutet (act. G 5.1/50). Eine Vermutung
vermag jedoch wiederum nur die blosse Möglichkeit zu belegen, was angesichts der
fraglichen Diagnose auch angemessen erscheint. So ist eine Bankhart-Läsion eine
Abrissverletzung bei einer vorderen Schultergelenkluxation. Eine solche aber hat die
Beschwerdeführerin nicht erlitten, denn es ist sehr unwahrscheinlich, dass sie im
Unfallzeitpunkt nicht erkannt worden wäre, handelt es sich dabei doch um eine
äusserst schmerzhafte und leicht zu diagnostizierende Verletzung (vgl. dazu Debrunner,
a.a.O., S. 721 f.; Pschyrembel, a.a.O., S. 227, S. 1867 f.). Mit den Ausführungen von
Dr. D._ im Schreiben an die Beschwerdeführerin vom 19. Dezember 2011 werden
ebenfalls keinerlei Hinweise auf eine zusätzliche Schulterverletzung beigebracht.
Dr. D._ schreibt wiederum gänzlich allgemein und ohne konkrete Erkenntnisse für
den Fall der Beschwerdeführerin, dass es gerade im Bereich der Schulter und
beispielsweise auch der Halswirbelsäule (HWS) durchaus Unfallschäden gäbe, die erst
nach Jahren Probleme bereiten könnten. Er habe es wiederholt erlebt, dass noch nach
Jahren überraschenderweise erhebliche Verletzungen festgestellt worden seien. Aus
dem von Dr. D._ weiter geschilderten Fall eines Schulkollegen mit einer HWS-
Verletzung können sodann in Bezug auf den vorliegenden Fall ebenfalls keine
Schlussfolgerungen gezogen werden, zumal das Unfallereignis des Schulkollegen
unbekannt ist, davon offensichtlich ein anderes Körperteil betroffen war, unmittelbar
nach dem Unfall Beschwerden aufgetreten sind und sich vor allem nachträglich eine
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Unfallläsion objektivieren liess. Zusammenfassend ist festzuhalten, dass angesichts der
obigen Ausführungen eine beim Unfall vom 15. Dezember 2001 zusätzlich zur
Claviculafraktur rechts erlittene Schulterverletzung nicht mit dem Beweisgrad der
überwiegenden Wahrscheinlichkeit nachgewiesen ist. Wie die nachfolgende Erwägung
(3.4) zeigt, liegt in dieser Schlussfolgerung auch die massgebende Grundlage für die
Verneinung einer überwiegend wahrscheinlichen Unfallkausalität der
unbestrittenermassen bei der Beschwerdeführerin diagnostizierten Omarthrose rechts.
3.4 Wie bereits erwähnt, kann eine Omarthrose keine primäre Unfallverletzung sein,
sondern sie ist eine degenerative Erkrankung. Als unfallkausaler Gesundheitsschaden
kann eine Omarthrose lediglich sekundär, d.h. als Spätfolge einer primären
Unfallverletzung - hauptsächlich einer Gelenkfraktur - auftreten (siehe Erwägung 3.1;
Debrunner, a.a.O., S. 581, S. 735). Die Beschwerdeführerin erlitt jedoch eine
Claviculafraktur ausserhalb der Gelenkshöhle, welche nicht geeignet ist, eine Arthrose
im Gelenk zu verursachen. Im Übrigen wies Dr. D._ im Bericht vom 9. September
2011 darauf hin, dass er bei Abschluss der Behandlung der Claviculafraktur
palpatorisch eine gute Stellung der Fraktur festgestellt habe, die Schulter praktisch frei
beweglich gewesen sei und die Schulterkonturen sowie die Sensibilität allesamt in
Ordnung gewesen seien (act. G5.1/39). Die Omarthrose wurde bei der
Beschwerdeführerin sodann am Schulterhauptgelenk, d.h. am Glenohumeralgelenk,
und nicht an den Schulternebengelenken - Akromioclaviculargelenk oder
Sternoclaviculargelenk - festgestellt, welche zumindest eine Verbindung zu den
Schlüsselbeinenden bilden würden (vgl. dazu <http://www.schulterinfo.de/Info/
Allgemeines/aufbau.htm>; <http://www.dr-gumpert.de/html/Schluesselbein.html>,
abgerufen am 6. Dezember 2012; Debrunner, a.a.O., S. 715). Es erscheint jedoch
offensichtlich, dass ein vom Unfall nicht betroffener Körperteil in der Regel keine
Verletzung mit nachfolgenden Beschwerden zeitigen kann und genauso eine Degene
ration in der Regel im Bereich der primären Läsion und nicht abseits derselben auftritt.
Angesichts des Gesagten ist vorliegend eine Unfallkausalität der Omarthrose nicht
überwiegend wahrscheinlich. Ein zusätzliches Indiz für einen rein degenerativen
Prozess bildet sodann auch der zeitliche Abstand von rund zehn Jahren zwischen
Unfallereignis und Diagnose der - zudem erst beginnenden (vgl. act. G5.1/39) -
Omarthrose. Die Entstehung einer rein degenerativen Arthrose ist über so viele Jahre
ohne weiteres möglich. Die Aussage von Dr. D._ im Bericht vom 8. Dezember 2011
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
(act. G5.1/59), für ihn sei der Zusammenhang zwischen den geltend gemachten
Beschwerden und dem fraglichen Unfall überwiegend wahrscheinlich, überzeugt
angesichts des Gesagten nicht, zumal auch nicht nachvollziehbar ist, wie er letztlich zu
dieser Beurteilung kommt, wenn er im voranstehenden Satz noch aussagt, die Frage
der Unfallkausalität könne nicht klar mit einem "ja" oder "nein" beantwortet werden.
Dieselbe Widersprüchlichkeit ist dem Bericht von Dr. F._ vom 17. April 2012 (act.
G1/16) zu entnehmen, der zunächst festhielt, dass die Frage, ob die beginnende
Omarthrose eine Unfallfolge darstelle, sicher schwierig zu beweisen sei, in der Folge
jedoch äusserte, die Wahrscheinlichkeit sei sicher gegeben. Letztlich basieren die
Kausalitätsbeurteilungen von Dr. D._ und Dr. F._ lediglich auf dem Umstand, dass
die als Rückfall gemeldeten Beschwerden nach dem Unfall vom 15. Dezember 2001
aufgetreten sind. Dieser Aspekt vermag jedoch für sich nach konstanter
bundesgerichtlicher Praxis keinen Beweis für eine Unfallkausalität zu erbringen, da der
zeitliche Aspekt allein keine wissenschaftlich genügende Erklärung liefert. Andernfalls
würde man sich mit dem blossen Anschein des Beweises bzw. mit der blossen
Möglichkeit begnügen und davon ausgehen, dass eine gesundheitliche Schädigung
schon dann durch den Unfall verursacht sei, wenn sie nach diesem auftrat (Alfred
Maurer, Schweizerisches Unfallversicherungsrecht, 2. Aufl. Bern 1989, S. 460 N 1205;
BGE 119 V 340 f. E. 2b/bb). Abgesehen davon, dass die Berichte von Dr. D._ und
Dr. F._ keine eigentliche, fallbezogene Begründung enthalten, ist ihnen vor allem
entgegen zu halten, dass sie angesichts der vorstehenden Erwägungen in der
Schlussfolgerung nicht überzeugen. Mehr als der bereits von Dr. E._ ohne jede
Begründung postulierte mögliche Kausalzusammenhang zwischen den als Rückfall
gemeldeten Schulterbeschwerden mit dem Skiunfall vom 15. Dezember 2001 vermö
gen sie jedenfalls nicht nachzuweisen. Da nicht zu erwarten ist, dass weitere
Abklärungen den erforderlichen Nachweis liefern, können, ist darauf zu verzichten
(antizipierte Beweiswürdigung; BGE 122 V 157 E. 1d).
4.
Zusammenfassend ist nicht zu beanstanden, dass die Beschwerdegegnerin einen
Anspruch der Beschwerdeführerin auf erneute Leistungen abgelehnt hat. Von einer
Prüfung des adäquaten Kausalzusammenhangs kann unter den genannten Umständen
abgesehen werden.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
5.
Im Sinn der vorstehenden Erwägungen ist die Beschwerde gegen den angefochtenen
Einspracheentscheid vom 5. März 2012 abzuweisen. Gerichtskosten sind keine zu
erheben (Art. 61 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1).
Demgemäss hat das Versicherungsgericht im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39