Decision ID: dc7666d3-ff9e-58c0-9a86-99fe5a94d090
Year: 2014
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Abgeltung der ambulanten und teilstationären Leistungen der psychi-
atrischen Tages- und Nachtkliniken im Kanton B._ im Rahmen der
obligatorischen Krankenpflegeversicherung (im Folgenden: OKP) erfolgte
bis 31. Dezember 2009 gestützt auf den Ambulatoriumsvertrag Psychiat-
rie vom 22. Januar 2007 (im Folgenden: Ambulatoriumsvertrag Psychiat-
rie 2007, Akten der Vorinstanz [Vorakten] 4f; vgl. Beschlüsse des Regie-
rungsrats des Kantons B._ Nr. [...] vom 10. Februar 2010 S. 1 und
Nr. [...] vom 6. Juni 2012 S. 1; Beschwerde vom 12. Juli 2012, Akten des
Beschwerdeverfahrens [B-act.] 1 S. 4).
B.
B.a Mit Begehren vom 21. Dezember 2009 (übermittelt mit Begleit-
schreiben vom 22. Dezember 2009) wandten sich die kantonalen psychi-
atrischen Einrichtungen, die E._, die H._ und das Spital
I._ (im Folgenden gemeinsam: Leistungserbringerinnen bzw. [Ta-
ges-]Kliniken bzw. Beschwerdegegnerinnen) an den Regierungsrat des
Kantons B._ (im Folgenden: Regierungsrat bzw. Vorinstanz) und
stellten die folgenden Anträge (Vorakte 1a; im Folgenden: Festsetzungs-
begehren):
1. Die Krankenversicherungstarife für ambulante Leistungen in den Tages-
und Nachtkliniken der kantonalen und staatsbeitragsberechtigten psychi-
atrischen Einrichtungen im Kanton B._ seien gestützt auf Art. 47
Abs. 1 KVG unter Beibehaltung der bisher geltenden Vertragsmodalitä-
ten gemäss Ambulatoriumsvertrag Psychiatrie vom 22. Januar 2007 mit
Wirkung ab 1. Januar 2010 wie folgt festzusetzen:
- für die Tagesklinik J._ Fr. 636 pro Tag
- für die übrigen Tageskliniken Fr. 244 pro halber Tag
sowie Fr. 348 pro ganzer Tag
- für die Nachtklinik Fr. 314 pro Tag
2. Sollten die Versicherer mit der Weiterführung der bisherigen Vertrags-
modalitäten (tiers payant, elektronische Rechnungsstellung, usw.) nicht
einverstanden sein, seien die vorstehend beantragten Tarife um 10 % zu
erhöhen bzw. wie folgt festzusetzen:
- für die Tagesklinik J._ Fr. 700 pro Tag
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- für die übrigen Tageskliniken Fr. 268 pro halber Tag
sowie Fr. 383 pro ganzer Tag
- für die Nachtklinik Fr. 345 pro Tag
3. [Antrag betreffend provisorische Festsetzung eines Tarifs für die Dauer
des Festsetzungsbegehrens]
B.b Mit Stellungnahme vom 15. Januar 2010 (Vorakte 3) postulierte san-
tésuisse Die Schweizer Krankenversicherer (im Folgenden: santésuisse
bzw. Beschwerdeführerin 1), dass jede Voraussetzung für eine Tariffest-
setzung durch den Regierungsrat fehle, wozu sie noch detailliert Stellung
nehmen werde. Mit Eingabe vom 29. Januar 2010 (Vorakte 4a) beantrag-
te santésuisse in erster Linie, die Anträge im Festsetzungsbegehren der
Leistungserbringerinnen seien abzuweisen bzw. es sei darauf nicht einzu-
treten. Sie führte unter anderem aus, dass ein detailliertes Mengengerüst
mit Kostenangaben fehle, welches insbesondere eine Beurteilung der
OKP-Pflichtigkeit der diversen Leistungen erlaube. Die Leistungs-
erbringerinnen hätten bisher nicht einmal vereinfachte Therapiepläne vor-
gelegt.
B.c Mit Beschluss Nr. [...] (Taxen der Tages-/Nachtkliniken Psychiatrie;
vorsorgliche Massnahmen) vom 10. Februar 2010 (Beilage 5c zur Ver-
nehmlassung der Vorinstanz [B-act. 14]) verfügte der Regierungsrat im
Sinne einer vorsorglichen Massnahme, dass der Ambulatoriumsvertrag
Psychiatrie 2007 für die Dauer des Festsetzungsverfahrens betreffend
Leistungen der Tages- und Nachkliniken samt Vertragsmodalitäten provi-
sorisch weiter gelte.
B.d In ihrer Stellungnahme vom 6. Mai 2010 (Vorakte 8) machte santésu-
isse unter anderem geltend, dass den vorliegenden Akten nicht entnom-
men werden könne, inwieweit die von den Kliniken in den Tages- und
Nachtstrukturen erbrachten Leistungen OKP-Pflichtleistungen oder Nicht-
pflichtleistungen seien. Auf den Internetseiten der öffentlichen und sub-
ventionsberechtigten psychiatrischen Kliniken des Kantons B._
fänden sich diesbezüglich folgende Beispiele, welche innerhalb der Pro-
gramme angeboten würden: geschütztes Arbeiten, Kreativtätigkeiten, So-
ziales (z.B. gemeinsames Einkaufen und Verkehrstraining), Berufs- und
Sozialberatung und Alternativmedizin (Aroma-, Lichttherapie, etc.). Diese
Auflistung von Nichtpflichtleistungen erachte santésuisse als nicht ab-
schliessend. Das Bundesgesetz vom 18. März 1994 über die Kranken-
versicherung (KVG, SR 832.10), insbesondere in Art. 35 ff., die Verord-
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nung vom 27. Juni 1995 über die Krankenversicherung (KVV,
SR 832.102) und die Verordnung des EDI vom 29. September 1995 über
Leistungen in der obligatorischen Krankenpflegeversicherung (Kranken-
pflege-Leistungsverordnung, KLV, SR 832.112.31) enthielten für ambulan-
te Leistungen einen relativ genau umschriebenen Leistungskatalog mit
entsprechender Zuordnung der Leistungen zu den einzelnen Leistungs-
erbringern und zu den einzelnen Leistungen generell.
B.e In ihrer weiteren Eingabe vom 2. März 2011 beantragte santésuisse
hauptsächlich, dass auf die Anträge der Leistungserbringerinnen betref-
fend Festsetzung eines pauschalen Tarifs für Tages- und Nachtkliniken
nicht einzutreten sei (Vorakte 11).
B.f Am 10. Mai 2011 nahmen die Kliniken Stellung zu den Eingaben von
santésuisse und beantragten die Sistierung des Tariffestsetzungsverfah-
rens zur Aufnahme neuer Tarifverhandlungen (Vorakte 13). Eventualiter
seien die Tarife in der am 22. Dezember 2009 beantragten Höhe festzu-
setzen. Die Kliniken führten aus, dass die von den Tages- und Nachtklini-
ken erbrachten Leistungen ihres Erachtens im Wesentlichen zu den OKP-
Pflichtleistungen gehörten, begründeten ihren Sistierungsantrag aller-
dings insbesondere damit, dass geklärt werden müsse, inwiefern gestützt
auf den Leistungsauftrag des Kantons Leistungen zu erbringen seien, die
durch die OKP nicht oder nicht vollständig vergütet würden, und inwiefern
der Kanton B._ sich an der Finanzierung der Behandlungspro-
gramme beteilige.
B.g Am 30. Juni 2011 ersuchte die Vorinstanz die Eidgenössische Preis-
überwachung (PUE; im Folgenden auch: Preisüberwachung) um Stel-
lungnahme, wobei sie ausführte, dass nicht auszuschliessen sei, dass
von den Tages- und Nachtkliniken vereinzelt auch Leistungen erbracht
würden, die nicht OKP-pflichtig seien (Vorakte 16 S. 12).
B.h Mit Stellungnahme vom 23. September 2011 empfahl die Preisüber-
wachung für die Vergütung der ambulanten Leistungen in den Tages- und
Nachtkliniken des Kantons B._ ab dem Jahr 2010 höchstens die
bis Ende 2009 gültigen Tarife zu Lasten der sozialen Krankenversiche-
rung festzusetzen (Vorakte 18). Die Preisüberwachung führte unter ande-
rem aus, dass sie keine Beschreibung der tatsächlichen Leistungen, die
von den Tageskliniken erbracht würden, erhalten habe, und unklar bleibe,
ob die beantragten und kalkulierten Tarife nicht auch Leistungen enthiel-
ten, die gar nicht OKP-pflichtig seien, gerade auch weil im betroffenen
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Seite 6
Leistungsbereich Betreuungsleistungen, die nicht OKP-pflichtig seien, oft
mit OKP-Pflichtleistungen verwechseln würden. Deshalb seien eine klare
Definition der Leistungen und eine klare Abgrenzung zwischen OKP-
Pflichtleistungen und Nichtpflichtleistungen nötig.
B.i Mit Stellungnahme vom 4. November 2011 (Vorakte 21) erklärten die
Leistungserbringerinnen unter anderem, dass sie nicht ausschlössen,
dass in den Tageskliniken zum Teil Leistungen erbracht würden, die durch
die OKP nicht oder nicht vollständig vergüten werden müssten. Sie könn-
ten jedoch nicht akzeptieren, dass den Kliniken Vergütungen für ihre Leis-
tungen zugemutet würden, die eindeutig nicht kostendeckend seien. Soll-
ten Tarife unterhalb der ausgewiesenen Kosten festgelegt werden, weil
Zweifel bestünden, ob diese Kosten nur OKP-Leistungen beträfen, dann
habe der Kanton dafür zu sorgen, dass diese Kosten anderweitig finan-
ziert würden.
B.j In ihrer Stellungnahme vom 10. November 2011 (Vorakte 22) führte
santésuisse insbesondere aus, dass die Tages- und Nachtkliniken viele
nicht OKP-pflichtige Leistungen erbrächten. Es liege in der Natur der Sa-
che, dass in den ambulanten, tagesklinischen Angeboten der Psychiatrie
viele gemeinwirtschaftliche Leistungen enthalten seien. Diese seien aber
vom Kanton zu finanzieren, nicht von der OKP.
B.k Am 6. Juni 2012 erliess der Regierungsrat den Beschluss Nr. [...] (im
Folgenden: angefochtener Regierungsratsbeschluss bzw. RRB; B-act. 1
Beilage 1) und verfügte Folgendes:
I. Die Tarife der obligatorischen Krankenpflegeversicherung für die grund-
versicherten Kantonseinwohnerinnen und Kantonseinwohner für Be-
handlungen in den auf der Spitalliste des Kantons B._ 2012 Psy-
chiatrie aufgeführten psychiatrischen Tages- und Nachtkliniken mit
Standort im Kanton B._ werden – mit Ausnahme derjenigen Ver-
sicherer, die für diese Behandlung mit den Leistungserbringern eine Ver-
einbarung geschlossen haben – mit Wirkung ab 1. Januar 2010 mit den
nachfolgenden Tages- bzw. Nachtpauschalen pro Patientin bzw. pro Pa-
tient festgesetzt:
Tarif
ganzer Tag
in CHF
Tarif
halber Tag
in CHF
Tarif
Nachtklinik
in CHF
Psychiatrische Tages-
und Nachtklinik für
279 195 261
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Erwachsene
Psychiatrische Tages-
und Nachtklinik für
Kinder und Jugendliche
324 227
II. Für die Tarife gemäss Dispositiv I werden die bisherigen Modalitäten des
Ambulatoriumsvertrags Psychiatrie 2007 (tiers payant, Rechnungsstel-
lung Versicherer, Zahlungsfrist usw.) für anwendbar erklärt.
III. Die berechtigten Leistungserbringer können rückwirkend ab dem 1. Ja-
nuar 2010 die Differenz zwischen den mit RRB Nr. [...] angeordneten
vorsorglichen Massnahmen und den festgesetzten Tarifen nach Disposi-
tiv I nachfordern.
IV. [Rechtsmittelbelehrung]
V. Die mit RRB Nr. [...] angeordneten vorsorglichen Massnahmen bleiben
für die Dauer der Rechtsmittelfrist und eines sich allenfalls daran an-
schliessenden Rechtsmittelverfahrens in Kraft.
VI. Dispositiv I bis V werden im Amtsblatt veröffentlicht.
VII. [Mitteilung und Adressaten derselben]
C.
C.a Gegen den RRB Nr. [...] erhoben santésuisse, 48 Krankenversicherer
("Gruppierung tarifsuisse ag") und die SUPRA (im Folgenden gemeinsam:
Beschwerdeführerinnen) am 12. Juli 2012 Beschwerde beim Bundesver-
waltungsgericht und stellten die folgenden Anträge:
1. Der angefochtene Beschluss des Regierungsrates des Kantons
B._ vom 06.06.2012 (Protokoll Nr. [...]) sei ersatzlos aufzuheben,
eventualiter aufzuheben und die Rechtssache an die Vorinstanz zu neu-
er Entscheidung zurückzuverweisen;
2. Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen gemäss Gesetz.
Sie machten unter anderem geltend, dass das vom festgesetzten Tarif
umfasste Leistungsbündel unzulässigerweise auch in bedeutendem Um-
fang nicht OKP-pflichtige Leistungen beinhalte.
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Seite 8
C.b Am 24. Juli 2012 leisteten die Beschwerdeführerinnen den ihnen auf-
erlegten Kostenvorschuss in der Höhe von Fr. 4'000.- (vgl. B-act. 2-4).
C.c Am 6. August 2012 ersuchte das Bundesverwaltungsgericht die Vor-
instanz, eine Vernehmlassung unter Beilage der gesamten Akten einzu-
reichen, und lud die Kliniken ein, eine Beschwerdeantwort einzureichen,
je innert 30 Tagen seit Erhalt der Verfügung (B-act. 6).
C.d Mit Vernehmlassung vom 6. September 2012 beantragte die Vorin-
stanz die Abweisung der Beschwerde unter Kosten- und Entschädigungs-
folgen zu Lasten der Beschwerdeführerinnen (B-act. 14). Zugleich reichte
sie diverse Unterlagen (nachfolgend: Vernehmlassungsbeilagen 1-5i
[gemäss Beilagenverzeichnis auf S. 18 der Vernehmlassung]) sowie die
Vorakten (als Beilage 6 [gemäss separatem Beilagenverzeichnis auf
S. 19 f. der Vernehmlassung]) ein. Sie führte unter anderem einerseits
aus, dass es sich bei sämtlichen mit dem festgesetzten Tarif abgegolte-
nen Leistungen um OKP-Pflichtleistungen handle, postulierte anderer-
seits, dass auch Leistungen erbracht würden, die vom Kanton durch Sub-
ventionen finanziert würden (v.a. S. 9 ff.).
Die Beschwerdegegnerinnen reichten innert Frist keine Beschwerdeant-
wort ein (vgl. B-act. 6-10).
C.e Vom Bundesverwaltungsgericht dazu aufgefordert, nahm die Preis-
überwachung am 25. Oktober 2012 Stellung und hielt an ihrer Empfeh-
lung vom 23. September 2011 fest (B-act. 16).
C.f Auf Ersuchen des Bundesverwaltungsgerichts nahm das Bundesamt
für Gesundheit (BAG) am 30. November 2011 Stellung und erklärte, dass
seiner Ansicht nach die Beschwerde teilweise gutzuheissen und im Sinne
seiner Ausführungen an die Vorinstanz zur Neubeurteilung zurückzuwei-
sen sei (B-act. 18). Es führte dabei unter anderem aus, dass psychiatri-
sche und weitere an psychiatrischen Patienten erbrachte Leistungen (nur)
soweit von der OKP zu vergüten seien, als sie im Rahmen des KVG an-
erkannt und ausserdem wirksam, zweckmässig und wirtschaftlich seien.
Vorliegend seien keine ausreichenden Informationen betreffend den An-
teil der von den Kliniken erbrachten OKP-Nichtpflichtleistungen vorhan-
den (S. 5, 9 ff.).
C.g Mit Verfügung vom 6. Dezember 2012 lud das Bundesverwaltungsge-
richt die Verfahrensbeteiligten ein, bis zum 7. Januar 2013 ihre Schluss-
bemerkungen einzureichen (B-act. 19).
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Seite 9
C.h In ihren jeweiligen Schlussbemerkungen vom 7. Januar 2013 hielten
die Beschwerdeführerinnen an ihren Anträgen fest (B-act. 22), während
die Vorinstanz die Abweisung der Beschwerde beantragte, soweit darauf
einzutreten sei (B-act. 23). Die Beschwerdegegnerinnen liessen sich in-
nert Frist nicht vernehmen.
C.i Am 1. Februar 2013 schloss das Bundesverwaltungsgericht den
Schriftenwechsel (B-act. 24).
D.
Auf die weiteren Vorbringen der Parteien und auf die eingereichten Akten
wird – soweit erforderlich – im Rahmen der nachfolgenden Erwägungen
eingegangen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Nach Art. 53 Abs. 1 KVG kann gegen Beschlüsse der Kantonsregierun-
gen nach Art. 47 KVG beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde ge-
führt werden (vgl. auch Art. 90a Abs. 2 KVG). Da der Regierungsrat mit
dem angefochtenen Beschluss gestützt auf Art. 47 KVG einen Tarif zwi-
schen Leistungserbringern und Versicherern festgesetzt hat, ist das Bun-
desverwaltungsgericht für die Behandlung der gegen diesen Beschluss
erhobenen Beschwerde zuständig. Das Verfahren richtet sich gemäss
Art. 37 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 (VGG,
SR 173.32) und Art. 53 Abs. 2 Satz 1 KVG grundsätzlich nach dem Bun-
desgesetz vom 20. Dezember 1968 über das Verwaltungsverfahren
(VwVG, SR 172.021). Neue Tatsachen und Beweismittel dürfen allerdings
nur so weit vorgebracht werden, als erst der angefochtene Beschluss da-
zu Anlass gibt. Neue Begehren sind unzulässig (Art. 53 Abs. 2 Bst. a
KVG).
2.
2.1 Das Bundesverwaltungsgericht prüft von Amtes wegen, ob die Be-
schwerdelegitimation gegeben und auf eine Beschwerde einzutreten ist.
Santésuisse, die am vorinstanzlichen Verfahren teilgenommen hat, ist zur
Beschwerde legitimiert. Da die Beschwerde frist- und formgerecht einge-
reicht und der Kostenvorschuss fristgerecht geleistet worden ist, ist auf
C-3705/2012
Seite 10
die Beschwerde von santésuisse einzutreten (vgl. Urteil des Bundesver-
waltungsgerichts C-6460/2011 vom 24. Juni 2014 E. 2.1-2.3 m.w.H.).
2.2 Da santésuisse am vorinstanzlichen Verfahren nur in eigenem Namen
teilnahm (und nicht [auch] im Namen ihrer Mitglieder) und nicht ersichtlich
ist, dass die SUPRA Assurance Maladie (Beschwerdeführerin 50) am vor-
instanzlichen Verfahren teilgenommen hätte, ist auf die Beschwerden der
Beschwerdeführerinnen 2-50 mangels formeller Beschwer nicht einzutre-
ten (vgl. Urteil C-6460/2011 E. 2.4 m.w.H.).
2.3 Die rubrizierten Tageskliniken sind – mit allfälligen Kosten- und Ent-
schädigungsfolgen – als Parteien (Beschwerdegegnerinnen) im Sinne
von Art. 48 VwVG i.V.m. Art. 6 VwVG zu behandeln (vgl. analog Urteil
C-6460/2011 E. 2.5 m.w.H.).
2.4 Entgegen dem Dafürhalten der Vorinstanz ist der Einbezug von PUE
und BAG in das vorliegende Beschwerdeverfahren zulässig (vgl. Urteil
C-6460/2011 E. 2.6 m.w.H.).
3.
3.1 Die Beschwerdeführerinnen können im Rahmen des Beschwerdever-
fahrens die Verletzung von Bundesrecht unter Einschluss des Miss-
brauchs oder der Überschreitung des Ermessens, die unrichtige oder un-
vollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts sowie die
Unangemessenheit des Entscheids beanstanden (Art. 49 VwVG).
3.2 In materiellrechtlicher Hinsicht sind intertemporalrechtlich vorliegend
die am 1. Januar 2010 (Zeitpunkt, ab welchem der umstrittene Tarif Gel-
tung haben soll) in Kraft stehenden materiellen Gesetzes- und Verord-
nungsbestimmungen massgebend, auf welche im Folgenden – soweit
nicht anders vermerkt – Bezug genommen wird (vgl. Urteil C-6460/2011
E. 3.2 m.w.H.).
4.
4.1 Umstritten ist vorliegend der Tarif, zu welchem die Beschwerdegegne-
rinnen die im angefochtenen RRB (Dispositiv Ziff. I.) als "Behandlungen in
den [...] psychiatrischen Tages- und Nachtkliniken" bezeichneten Leis-
tungen zu Lasten der OKP abrechnen können. Zunächst sind nachfol-
gend die diesbezüglich einschlägige Gesetzgebung und Rechtsprechung
darzulegen (E. 4.2 ff.).
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Seite 11
4.2 Vorweg ist festzuhalten, dass unbestritten ist, dass das OKP-Recht
die eigenständige Leistungskategorie der "teilstationär" erbrachten Leis-
tungen bzw. des Aufenthalts in einer "teilstationären Einrichtung" und die
eigenständige Leistungserbringerkategorie "Einrichtungen, die der teilsta-
tionären Krankenpflege dienen" nur bis zum 31. Dezember 2008 kannte.
Als teilstationär galt eine Behandlung, wenn der Aufenthalt in einer Ein-
richtung der teilstationären Krankenpflege weniger als 24 ununterbroche-
ne Stunden dauerte. Darunter fielen namentlich auch Aufenthalte in Ta-
ges- oder Nachtkliniken (vgl. Art. 25 Abs. 2 Bst. a und f KVG, Art. 35
Abs. 2 Bst. i KVG, Art. 39 Abs. 2 KVG, Art. 49 Abs. 5 KVG sowie Art. 4 der
Verordnung vom 3. Juli 2002 über die Kostenermittlung und die Leis-
tungserfassung durch Spitäler und Pflegeheime in der Krankenversiche-
rung [VKL; SR 832.104], je in der bis 31. Dezember 2008 geltenden Fas-
sung). Mit Wirkung ab 1. Januar 2009 wurden die eigenständigen Katego-
rien der teilstationären Leistungen bzw. der der teilstationären Kranken-
pflege dienenden Einrichtungen aber aufgehoben, weil es in der Praxis
nicht gelungen war, dem Begriff der teilstationären Leistungen klare Kon-
turen zu geben. Einerseits existierten nur wenige Einrichtungen, die aus-
schliesslich der teilstationären Krankenpflege dienten. Andererseits wur-
den diejenigen teilstationären Leistungen, welche durch Spitäler erbracht
wurden, in der überwiegenden Mehrheit als ambulante Leistungen abge-
rechnet; die Vereinbarung von Pauschalen für teilstationäre Behandlun-
gen bildete die Ausnahme (vgl. BBl 2004 5551, 5567, 5573 f.).
Seit dem 1. Januar 2009 gelten als stationäre Behandlung nach Art. 49
Abs. 1 KVG insbesondere Aufenthalte zur Untersuchung, Behandlung
und Pflege im Spital oder im Geburtshaus: a) von mindestens 24 Stun-
den; b) von weniger als 24 Stunden, bei denen während einer Nacht ein
Bett belegt wird. Als ambulante Behandlung nach Art. 49 Abs. 6 KVG gel-
ten alle Behandlungen, die nicht stationäre Behandlungen sind. Wieder-
holte Aufenthalte in Tages- oder Nachtkliniken gelten ebenfalls als ambu-
lante Behandlung (vgl. Art. 3 und 5 VKL, je in den seit 1. Januar 2009 gel-
tenden Fassungen; vgl. zum Ganzen GEBHARD EUGSTER, Recht-
sprechung des Bundesgerichts zum KVG, Zürich/Basel/Genf 2010 [im
Folgenden: KVG-Kommentar], Art. 25 Rz. 10 f., Art. 35 Rz. 9, Art 39
Rz. 46 f., Art. 49 Rz. 26, je m.w.H.).
Vorliegend ist unbestritten, dass die vom umstrittenen Tarif erfassten Leis-
tungen, die von den Tages- und Nachtkliniken erbracht werden, soweit es
sich dabei um OKP-Pflichtleistungen handelt, ambulante Leistungen (im
Sinne von Art. 5 VKL) darstellen.
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Seite 12
4.3
4.3.1 Die obligatorische Krankenpflegeversicherung als Hauptbestandteil
der sozialen Krankenversicherung übernimmt (nur) die Kosten für die
Leistungen gemäss den Artikeln 25–31 KVG nach Massgabe der in den
Artikeln 32–34 KVG festgelegten Voraussetzungen. Dabei setzt das KVG
nur den Leistungsrahmen und überträgt die Detailgestaltung dem Verord-
nungsgeber, der je nach Regelungsbereich entweder Pflicht- oder Nicht-
pflichtleistungen zu bezeichnen hat. Er kann die von Ärzten und Ärztinnen
oder von Chiropraktoren und Chiropraktorinnen erbrachten Leistungen
bezeichnen, deren Kosten von der obligatorischen Krankenpflegeversi-
cherung nicht oder nur unter bestimmten Bedingungen übernommen
werden (sogenannte Negativliste). Er bezeichnet die nicht von Ärzten und
Ärztinnen oder von Chiropraktoren und Chiropraktorinnen erbrachten
Leistungen nach Artikel 25 Absatz 2 sowie die Leistungen nach den Arti-
keln 26, 29 Absatz 2 Buchstaben a und c und 31 Absatz 1 näher (soge-
nannte [abschliessende] Positivliste). Er bestimmt, in welchem Umfang
die obligatorische Krankenpflegeversicherung die Kosten einer neuen
oder umstrittenen Leistung übernimmt, deren Wirksamkeit, Zweckmäs-
sigkeit oder Wirtschaftlichkeit sich noch in Abklärung befindet ([abschlies-
sende] Positivliste). Das Departement hat dieses Listenprinzip mit dem
Erlass der KLV umgesetzt, die einer beschränkten richterlichen Überprü-
fungsbefugnis unterliegt, welche dem Departement einen weiten Gestal-
tungsspielraum vorzubehalten hat. Das Listenprinzip bezweckt, Pflicht-
und Nichtpflichtleistungen zwingend und so exakt wie möglich festzule-
gen. Der aus der Umsetzung des Listenprinzips resultierende gesetzliche
Leistungskatalog ist verbindlich und erschöpfend, gleichzeitig auch be-
grenzt. Das KVG verbietet zwar nicht, dass Leistungserbringer weitere,
über den Leistungsumfang der OKP hinausgehende (Mehr-)Leistungen
erbringen, die zusätzlich zu den KVG-Tarifen in Rechnung gestellt werden
dürfen. Solche Mehrleistungen dürfen hingegen nicht von der OKP be-
zahlt werden (vgl. Urteil C-6460/2011 E. 4.2 m.w.H.).
Wie die Vorinstanz zu Recht ausführt (vgl. RRB S. 8), enthalten das Ge-
setz und die Verordnungen keine (spezifische) Umschreibung der Leis-
tungen, die von Tages- und Nachtkliniken zu Lasten der OKP erbracht
werden dürfen. Dies ist angesichts der Aufhebung der teilstationären
Leistungen und den Erbringern teilstationärer Leistungen als eigene Ka-
tegorien per 1. Januar 2009 nicht weiter überraschend. Die Beurteilung
der OKP-Pflichtigkeit der von den Tages- und Nachtkliniken erbrachten
Leistungen ist somit im allgemeinen Rahmen des KVG und des (beste-
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Seite 13
henden) Verordnungsrechts zu beurteilen (so auch das BAG in seiner
Stellungnahme [S. 4 f.]). Der von der Vorinstanz vertretenen Ansicht (vgl.
RRB S. 8 f., 11), dass gerade daraus, dass Gesetz und Verordnung keine
spezifischen Bestimmungen betreffend die von Tages- und Nachtkliniken
zu Lasten der OKP abrechenbaren Leistungen enthalten, darauf zu
schliessen ist, dass sämtliche von ihnen erbrachten Leistungen von der
OKP zu vergüten sind, kann angesichts des OKP-Listenprinzips nicht ge-
folgt werden (vgl. auch unten E. 5.4).
4.3.2 Von den Kantonsregierungen hoheitlich festgesetzte Tarife dürfen
nur OKP-Leistungen umfassen. Werden davon abweichend – gestützt auf
Art. 47 Abs. 1 KVG – Tarife hoheitlich festgesetzt, die nicht OKP-pflichtige
Leistungen umfassen, begründet dies keine Leistungspflicht zulasten der
OKP. Die OKP-Leistungen und Nicht-OKP-Leistungen sind unabhängig
voneinander nach den jeweils anwendbaren Grundsätzen und nur in Be-
zug auf die entsprechenden Leistungen zu bestimmen. Es ist insbeson-
dere nicht zulässig, von einem Gesamtbetrag für beide Leistungsarten
auszugehen und die Tarife so abzustimmen, dass der Gesamtbetrag im
Ergebnis gedeckt wird. Dies gilt insbesondere auch im Verhältnis zwi-
schen OKP-Leistungen einerseits und speziellen nicht OKP-pflichtigen
Leistungen, die von der öffentlichen Hand zu tragen sind (sogenannte
gemeinwirtschaftliche Leistungen), andererseits. Dabei gilt es zu vermei-
den, dass gemeinwirtschaftliche Leistungen durch die OKP finanziert
werden. Da vorliegend ein hoheitlich festgesetzter Tarif umstritten ist und
es sich um einen Pauschaltarif handelt, sind an die korrekte und transpa-
rente Abgrenzung erhöhte Anforderungen zu stellen. Dies gilt umso mehr,
wenn eine Überschneidung von OKP-Leistungen und gemeinwirtschaftli-
chen Leistungen naturgemäss nahe liegt (vgl. Urteil C-6460/2011
E. 4.3 ff. m.w.H.). Letzteres ist vorliegend der Fall: Bei der Betreuung
psychisch kranker Personen überschneiden sich deren Interessen an ei-
ner (im Rahmen des Listenprinzips durch die OKP finanzierten) Behand-
lung ihrer psychischen Erkrankung einerseits, und dem Interesse der be-
troffenen Personen und des Gemeinwesens an einer (durch die öffentli-
che Hand zu finanzierenden) weitgehenden Integration dieser Personen
in die Gesellschaft unter Ermöglichung einer möglichst umfassenden Au-
tonomie in der Bewältigung des Alltags andererseits, die vielfältige Mass-
nahmen der pflegenden Institutionen (vgl. bspw. oben Bst. B.d) erforder-
lich machen können. Während es durchaus sinnvoll sein kann, die Betrof-
fenen im Rahmen eines umfassenden Gesamtleistungspakets zu betreu-
en, das OKP-pflichtige und gemeinwirtschaftliche Leistungen umfasst, er-
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Seite 14
laubt dies kein Abweichen von einer korrekten Abgrenzung der beiden un-
terschiedlichen Finanzierungen.
4.4 Vorliegend machen die Beschwerdeführerinnen unter anderem gel-
tend, dass mit dem festgesetzten Tarif nicht nur OKP-Leistungen, sondern
auch in wesentlichem Ausmass gemeinwirtschaftliche Leistungen abge-
golten würden (vgl. Beschwerde S. 6, 10, 12 f., 15 f.; Schlussbemerkun-
gen S. 2, 5-7). Auch die Kliniken haben in ihren Eingaben vom 10. Mai
2011 und 4. November 2011 ihre Unsicherheit darüber zum Ausdruck ge-
bracht, ob der zur Festsetzung anstehende Tarif als Leistungsauftrag
auch Nicht-OKP-Leistungen umfassen werde und wie die Abgrenzung
und Aufteilung der Finanzierung durch die OKP und durch den Kanton er-
folgen werde (Vorakte 13). Die Kliniken, die PUE, das BAG und teilweise
die Vorinstanz gehen ebenso davon aus bzw. schliessen zumindest nicht
aus, dass nicht alle in den psychiatrischen Tages- und Nachtkliniken vor-
genommenen Behandlungen OKP-Pflichtleistungen sind und dass der
festgesetzte Tarif auch Nicht-OKP-Pflichtleistungen umfasst (vgl. oben
Sachverhalt Bst. B und C; zur Vorinstanz vgl. auch unten E. 5.2).
5.
5.1 Zu prüfen ist im Folgenden, welche der von den Tages- und Nachtkli-
niken erbrachten Leistungen vom festgesetzten Tarif umfasst werden und
ob es sich dabei ausschliesslich um OKP-Pflichtleistungen handelt.
5.1.1 Der angefochtene RRB enthält keine Definition oder Umschreibung
des vom festgesetzten Tarif erfassten Leistungspakets. Bezug genommen
wird lediglich auf "Behandlungen in den psychiatrischen Tages- und
Nachtkliniken" (Dispositiv Ziff. I) und "Leistungen der Tages- und Nacht-
kliniken". Soweit im RRB Aussagen zu den von den Tages- und Nachtkli-
niken erbrachten Leistungen gemacht werden, sind diese so allgemein
und offen formuliert (z.B. durch blosse Bezugnahme auf Literatur betref-
fend einen ganzheitlichen Ansatz bei der Behandlung psychischer Er-
krankungen [RRB S. 11]), dass sich daraus keine weitergehende Ein-
schränkung der von den Kliniken insgesamt erbrachten Leistungen und
der erbrachten OKP-Leistungen entnehmen lässt. Der RRB definiert die
vom festgesetzten Tarif umfassten Leistungen somit alleine mittels Be-
zeichnung der betreffenden Leistungserbringer. Selbst diese gröbste Dif-
ferenzierung der betroffenen Leistungen wird allerdings zusätzlich da-
durch relativiert, dass der RRB uneinheitliche Aussagen dazu macht, ob
es sich bei allen oder nur einem Teil der von den Tages- und Nachtklini-
C-3705/2012
Seite 15
ken erbrachten Leistungen um OKP-Leistungen handelt (vgl. insbesonde-
re RRB S. 10 gegenüber S. 20). Dem Wortlaut des angefochtenen Regie-
rungsratsbeschlusses lässt sich somit nicht entnehmen, welche Leistun-
gen vom festgesetzten Tarif erfasst werden und ob es sich dabei lediglich
um OKP-Pflichtleistungen handelt.
5.1.2 Auch im Rahmen des Beschwerdeverfahrens machte die Vorinstanz
unterschiedliche Aussagen dazu, inwiefern die Tages- und Nachtkliniken
auch Nicht-OKP-Pflichtleistungen erbrächten, die vom festgesetzten Tarif
umfasst würden.
So soll es sich bei sämtlichen in den Tages- und Nachtkliniken erbrachten
Leistungen um OKP-Pflichtleistungen handeln, die von Ärztinnen bzw.
Ärzten oder von auf deren Anordnungen hin handelnden Personen (Psy-
chologen, Pflegefachleute, Ergotherapeuten) erbracht würden. Dazu sei-
en auch Präventionstätigkeit und Netzwerkarbeiten zu zählen seien (vgl.
Vernehmlassung S. 4, 9-11, 13; Schlussstellungnahme S. 5 f.).
Zugleich sollten die meisten der erbrachten Leistungen OKP-
Pflichtleistungen sein, wobei auch die eigentlichen Nichtpflichtleistungen
von der OKP zu vergüten seien, da die Tages- und Nachtkliniken Kom-
plexleistungsprogramme durchführten, bei denen sich die einzelnen Vor-
kehren nicht voneinander trennen liessen, ohne dass dadurch die Er-
folgsaussichten gefährdet würden (vgl. Vernehmlassung S. 13).
Weiter umfasse der festgesetzte Tarif nicht alle von den Tages- und
Nachtkliniken erbrachten OKP-Pflichtleistungen (vgl. Schlussstellung-
nahme S. 8 f.) bzw. umfassten die im Tarif enthaltenen Leistungen nur ei-
nen Teil der in den Tages- und Nachtkliniken erbrachten Leistungen, so-
dass mit dem Tarif nur ein Kostendeckungsgrad von ca. 65 % erreicht
werde, während im RRB von einem Kostendeckungsgrad von 80 % aus-
gegangen worden sei (vgl. Vernehmlassung S. 11, 17; Schlussstellung-
nahme S. 8).
Ausserdem sollten die Leistungen in drei Gruppen unterteilt werden kön-
nen: a) Leistungen, die OKP-pflichtig seien und mit dem festgesetzten Ta-
rif den OKP-Versicherern überbunden würden; b) Leistungen, die keine
OKP-Pflichtleistungen seien und daher zurecht durch Subventionen fi-
nanziert würden; c) Leistungen, die zwar OKP-Pflichtleistungen seien,
aber trotzdem nicht den OKP-Versicherern überbunden würden. Für die-
se Unterscheidung stützt die Vorinstanz auf einen für das Jahr 2012 er-
C-3705/2012
Seite 16
stellten Leistungskatalog ab, während vor dem Jahr 2010 keine detaillier-
ten Leistungserfassungen und im Jahr 2011 (nur) während einer be-
stimmten Zeitspanne eine detaillierte Erfassung der Leistungen in den
Tages- und Nachtkliniken erfolgt sei (vgl. Vernehmlassung S. 11 f.).
5.2
5.2.1 Angesichts dieser unterschiedlichen, teilweise widersprüchlichen
Aussagen der Vorinstanz kann nicht darauf geschlossen werden, dass
der festgesetzte Tarif nur OKP-Leistungen beschlägt. Ebenso wenig kann
davon ausgegangen werden, dass der von der Vorinstanz geltend ge-
machte Behandlungskomplex von OKP-pflichtigen Leistungen dominiert
wird und deswegen auch die mit diesen qualifiziert zusammenhängenden
Nichtpflichtleistungen durch die OKP zu vergüten wären (vgl. EUGSTER,
KVG-Kommentar, Art. 25 Rz. 70 ff. m.w.H.). Ob dieser Grundsatz über-
haupt auf ambulante Leistungen allgemein und auf die Leistungen der
Tages- und Nachtkliniken im Speziellen Anwendung findet, was die Kran-
kenversicherer bestreiten (vgl. Schlussbemerkungen S. 6 f.; anders noch:
Beschwerde S. 16), kann unter diesen Umständen offen bleiben.
5.2.2 Wie bereits ausgeführt wurde, ist es unzulässig, für ambulante
OKP-Leistungen und gemeinwirtschaftliche Leistungen von einem beide
Leistungsarten umfassenden Gesamtbetrag auszugehen und die Tarife
für beide Leistungsarten so abzustimmen, dass Gesamtbetrag (nur) im
Ergebnis gedeckt wird (vgl. oben E. 4.3.2 ff). Selbst wenn die Vorinstanz
überzeugende Aussagen betreffend die konkrete Mischrechnung von
OKP- und gemeinwirtschaftlichen Leistungen bzw. deren Finanzierung
gemacht hätte (vgl. insbesondere Vernehmlassung S. 11 ff.), wäre eine
solche schon grundsätzlich unzulässig.
5.2.3 Ob eine "integrierte Behandlung akuter psychischer Krankheitsepi-
soden" gleich wirksam ist wie die stationäre Klinikbehandlung, ob es sich
bei den Leistungen der Tages- und Nachtkliniken um eine schweizweit
anerkannte Behandlungsform handelt, die wirksam, zweckmässig und
wirtschaftlich und ein fester, versorgungspolitisch sinnvoller und notwen-
diger Bestandteil der psychiatrischen Behandlungskette ist, ob mit der
Nutzung des Leistungsangebots von Tages- und Nachtkliniken eine er-
hebliche Verkürzung der Klinikaufenthaltsdauer und eine deutliche Sen-
kung der direkten Kosten erzielt werden kann und ob die von Tages- und
Nachtkliniken behandelten Versicherten stationär behandelt werden
müssten, wenn das Leistungsangebot der Tages- und Nachtkliniken nicht
C-3705/2012
Seite 17
durch die OKP finanziert würde (vgl. RRB S. 9 ff.; Vernehmlassung S. 5 f.,
14), braucht vorliegend nicht abschliessend beurteilt zu werden. Denn
dies würde (für sich alleine genommen) keinen Durchbruch des verbindli-
chen KVG-Listenprinzips rechtfertigen (vgl. oben E. 4.3.1). Ebenso wenig
kann aus der Behauptung, dass die von den Tages- und Nachtkliniken er-
brachten Leistungen vollständig durch die OKP zu vergüten wären, wenn
die Versicherten stationär behandelt würden, etwas zu Gunsten der Leis-
tungserbringer hergeleitet werden. Denn mangels genauerer Umschrei-
bung der vom umstrittenen Tarif erfassten Leistungen kann nicht beurteilt
werden, ob es sich dabei (ausschliesslich) um Leistungen handelt, die im
Rahmen der stationären Behandlungen von der OKP zu vergüten sind.
Diesbezüglich ist ausserdem darauf hinzuweisen, dass auch im Rahmen
einer stationären Behandlung nicht sämtliche Leistungen, obwohl sie vom
betroffenen Spital erbracht werden, durch die OKP finanziert werden.
Vielmehr setzt auch dort die Vergütung von erbrachten Leistungen vor-
aus, dass es sich um OKP-pflichtige Leistungen handelt, die nicht von
anderen Sozialversicherungen zu vergüten sind (vgl. oben E. 4.4.5;
BVGE 2012/18 E. 17.5 m.w.H.), wovon im Übrigen auch die Vorinstanz –
zumindest punktuell – ausgeht (vgl. RRB S. 16).
5.2.4 Im Zusammenhang mit der Abgrenzung zwischen OKP- und ge-
meinwirtschaftlichen Leistungen ist auch darauf hinzuweisen, dass die im
angefochtenen Beschluss in Bezug auf die Notwendigkeit eines ganzheit-
lichen Ansatzes angeführten Leistungskategorien (ärztliche, pflegerische,
psycho-, ergo- und physiotherapeutische Behandlungen [vgl. RRB s. 11])
dem OKP-Listenprinzip und den darin enthaltenen Einschränkungen un-
terliegen (vgl. z.B. Art. 1-3, 3b, 5 ff. KLV). Werden im Einzelfall Leistungen
ausserhalb der entsprechenden Vorgaben und Einschränkungen der KLV
erbracht, verstossen sie gegen das Listenprinzip und sind daher von der
OKP nicht zu vergüten (vgl. oben E. 4.3.1). Eine entsprechende Kontrolle
darf durch die Festsetzung eines Pauschaltarifs nicht verunmöglicht wer-
den (vgl. Urteil C-6460/2011 E. 5.6 m.w.H.). Dementsprechend könnte
nicht schon daraus, dass – wie die Vorinstanz geltend macht (vgl. Ver-
nehmlassung S. 9) – sämtliche Leistungen der Tages- und Nachtkliniken
von Ärztinnen bzw. Ärzten oder auf deren Anordnung hin von anderen
Personen (Psychologen, Pflegefachleute, Ergotherapeuten) erbracht
werden, die OKP-Pflicht dieser Leistungen abgeleitet werden. Ausserdem
ist z.B. in Bezug auf die von der Vorinstanz erwähnten "psychosozialen
Leistungen im weiteren Sinne", die "spezialisierte[n] Versorgung in sozi-
alpsychiatrischen Feldern für Arbeit, Wohnen, Schule, Familie, soziales
Netz und Alltagsgestaltung" sowie die "Präventionstätigkeit und Netz-
C-3705/2012
Seite 18
werkarbeit" (vgl. RRB S. 11; Vernehmlassung S. 10, 13) keineswegs of-
fensichtlich, dass es sich dabei um OKP-pflichtige Leistungen handelt. Es
ist ferner nicht ersichtlich, ob der Pauschaltarif auch Pflegeleistungen im
Sinn von Art. 7 Abs. 2 KLV in der bis 31. Dezember 2010 geltenden Fas-
sung (z.B. "Verabreichen von Medikamenten", "pflegerische Massnahmen
zur Umsetzung der ärztlichen Therapie im Alltag, wie Einüben von Bewäl-
tigungsstrategien und Anleitung im Umgang mit Aggression, Angst,
Wahnvorstellungen" [Bst. b Ziff. 7, 13]) als OKP-pflichtige Leistungen um-
fasst. Daher kann das Bundesverwaltungsgericht nicht prüfen, ob die
Voraussetzungen für die OKP-Pflichtigkeit dieser Leistungen erfüllt sind,
ob letztere Teil des hoheitlich festgesetzten Pauschaltarifs hätten sein
dürfen und ob das Inkrafttreten der Bestimmungen über die Neuordnung
der Pflegefinanzierung (AS 2009 3517, BBl 2005 2033; vgl. Art. 25a KVG
und Art. 7 ff. KLV [je in der ab 1. Januar 2011 geltenden Fassung]) daran
etwas ändern würde und dies bei der Tariffestsetzung hätte berücksichtigt
werden müssen, zumal dieser Zeitpunkt zwischen dem 1. Januar 2010
(Zeitpunkt des Inkrafttretens der Tariffestsetzung) und dem 6. Juni 2012
(Erlassdatum des umstrittenen RRB, ab welchem der unbefristete Tarif
weiterhin gelten soll) liegt.
5.3 Soweit das BAG eine direkte oder analoge Anwendung von Art. 7
KLV in Bezug auf die Abgrenzung der von den Tages- und Nachtkliniken
erbrachten OKP- und Nicht-OKP-Leistungen postuliert (vgl. B-act. 18
S. 5 ff.), ist Folgendes auszuführen: Art. 7 KLV betreffend Krankenpflege
zu Hause, ambulant oder im Pflegeheim umschreibt den diesbezüglichen
Leistungsbereich und führt Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner, Or-
ganisationen der Krankenpflege und Hilfe zu Hause und Pflegeheime als
betroffene Leistungserbringer auf; die KLV sieht keine analoge Anwen-
dung der entsprechenden Abgrenzungskriterien für Tages- und Nachtkli-
niken vor. Daran hat das Eidgenössische Departement des Innern im
Rahmen der im raschen Rhythmus erfolgenden Revisionen der KLV (z.B.
per 1. Januar, 1. Juli, 1. Oktober 2009 und 1. Januar 2010) nichts geän-
dert. Unter diesen Umständen ist e contrario Art. 7 KLV in Bezug auf die
Abgrenzung der von den Tages- und Nachtkliniken erbrachten OKP- und
Nicht-OKP-Leistungen weder direkt noch analog anwendbar, wovon san-
tésuisse zu Recht ausgeht, während sich die Vorinstanz und Beschwer-
degegnerinnen dazu nicht geäussert haben.
5.4 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass es der Vorinstanz unter Be-
rücksichtigung der vorliegend an eine transparente Ausscheidung von
Nicht-OKP-Leistungen zu stellenden Anforderungen (vgl. oben E. 4.3)
C-3705/2012
Seite 19
nicht gelungen ist nachzuweisen, dass das vom festgesetzten Pauschal-
tarif erfasste Leistungspaket nur OKP-Leistungen umfasst.
5.5 Die fehlende transparente Umschreibung der vom festgesetzten Pau-
schaltarif umfassten Leistungen verunmöglicht eine gerichtliche Beurtei-
lung, inwiefern sich darunter OKP-Leistungen befinden, für die kein OKP-
Tarif besteht. Da der Regierungsrat (subsidiär zu diesbezüglichen Tarif-
verhandlungen und -vereinbarungen) nur für solche Leistungen einen Ta-
rif hoheitlich festsetzen kann bzw. muss und die Leistungen vorliegend
nicht genügend bestimmbar sind, ist auf eine entsprechende Anweisung
zu verzichten.
5.6 Soweit die Vorinstanz geltend macht, dass santésuisse Obstruktion
betreibe und ihre Verhandlungspflichten verletze, was nicht belohnt wer-
den dürfe (vgl. Vernehmlassung S. 5, 7 f.), kann sie daraus nichts zu ih-
ren Gunsten herleiten, da sie nicht substantiiert genug dargelegt, dass
das Verhalten von santésuisse einen nicht zu schützenden Verstoss ge-
gen Treu und Glauben darstellt (vgl. analog im Urteil C-6460/2012 E. 5.9).
6.
Die Beschwerde von santésuisse ist somit gutzuheissen und der ange-
fochtene Regierungsratsbeschluss Nr. [...] vom 6. Juni 2012 ersatzlos
aufzuheben. Der Eventualantrag auf Aufhebung und Rückweisung der
Sache an die Vorinstanz zum Neuentscheid ist abzuweisen (vgl. oben
E. 5.5).
7.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens ist auf die weiteren in der Be-
schwerde erhobenen Rügen sowie auf die von den Parteien vorgebrach-
ten Argumente nicht näher einzugehen. Insbesondere kann offen bleiben:
- inwiefern in Bezug auf die (ausreichend genau zu umschreibenden)
OKP-Leistungen ein vertragsloser Zustand besteht, sodass dafür ein Ta-
rif hoheitlich festgesetzt werden dürfte oder müsste bzw. nach welchem
Tarif die OKP-Leistungen gegebenenfalls abzurechnen wären,
- ob ein solcher Tarif als Pauschale, als Einzelleistungstarif oder als Kom-
bination beider Tarifformen ausgestaltet werden dürfte oder müsste,
- ob der festgesetzte Tarif betragsmässig KVG-konform festgesetzt wurde,
- ob die Datenlage für die Festsetzung eines Tarifs ausreichend transpa-
rent war,
C-3705/2012
Seite 20
- ob die Beschwerdeführerinnen im Rahmen des Beschwerdeverfahrens
gegen Art. 53 Abs. 2 Bst. a KVG verstossen haben,
- ob die Vorinstanz im Rahmen des Beschwerdeverfahrens gegen Art. 53
Abs. 2 Bst. a KVG verstossen hat (vgl. z.B. Vernehmlassung S. 11 ff.;
Vernehmlassungsbeilagen 3, 5h; Schlussbemerkungen S. 7; Beilage zur
Schlussstellungnahme).
8.
Zu befinden bleibt über die Verfahrenskosten und allfällige Parteientschä-
digungen.
8.1 Das Bundesverwaltungsgericht auferlegt gemäss Art. 63 Abs. 1 und
Abs. 3 VwVG die Verfahrenskosten in der Regel der unterliegenden Par-
tei. Vorinstanzen werden keine Verfahrenskosten auferlegt (Art. 63 Abs. 2
VwVG). Unter Berücksichtigung des Umfangs und der Schwierigkeit der
Streitsache, Art der Prozessführung und finanzieller Lage der Parteien
(vgl. Art. 63 Abs. 4 bis
VwVG; zur Qualifikation als vermögensrechtliche
Streitigkeit vgl. BVGE 2010/14 E. 8.1.3) sind die Verfahrenskosten vorlie-
gend auf Fr. 4'000.- festzusetzen. Angesichts des als Unterliegen zu wer-
tenden Nichteintretens auf die Beschwerden der Beschwerdeführerinnen
2 bis 50 sind ihnen Verfahrenskosten in der Höhe von Fr. 2'000.- aufzuer-
legen und in diesem Umfang mit dem geleisteten Kostenvorschuss zu
verrechnen. Im verbleibenden Betrag von Fr. 2'000.- ist der geleistete
Kostenvorschuss den Beschwerdeführerinnen zurückzuerstatten. Der ob-
siegenden santésuisse (Beschwerdeführerin 1) sind keine Verfahrenskos-
ten aufzuerlegen. Den Beschwerdegegnerinnen (vgl. oben E. 2.5) sind
entsprechend ihrem teilweisen Unterliegen Verfahrenskosten in der Höhe
von Fr. 2'000.- aufzuerlegen.
8.2 Vor Bundesverwaltungsgericht obsiegende Parteien haben grundsätz-
lich Anspruch auf eine Parteientschädigung für die ihnen erwachsenen
notwendigen Kosten (Art. 64 Abs. 1 VwVG i.V.m. Art. 7 Abs. 1 des Reg-
lements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor
dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Obsiegt die Par-
tei nur teilweise, so ist die Parteientschädigung entsprechend zu kürzen.
Die Entschädigung wird primär der unterliegenden Gegenpartei im Rah-
men ihrer Leistungsfähigkeit auferlegt (vgl. Art. 64 Abs. 2 und 3 VwVG).
Sind die Kosten verhältnismässig gering, so kann von einer Parteient-
schädigung abgesehen werden. Keine Entschädigung ist geschuldet,
wenn der Vertreter oder die Vertreterin in einem Arbeitsverhältnis zur Par-
tei steht.
C-3705/2012
Seite 21
Der anwaltlich vertretenen santésuisse (Beschwerdeführerin 1) ist unter
angemessener Berücksichtigung des aktenkundigen und notwendigen
Aufwands zulasten der Beschwerdegegnerinnen eine reduzierte Partei-
entschädigung von insgesamt Fr. 3'000.- (inkl. Mehrwertsteuer) zuzu-
sprechen. Den unterliegenden Beschwerdeführerinnen 2 bis 50 ist keine
Parteientschädigung zuzusprechen. Da die nicht anwaltlich vertretenen
Beschwerdegegnerinnen sich im Beschwerdeverfahren nicht haben ver-
nehmen lassen, keine erheblichen notwendigen Kosten geltend machen
und nicht ersichtlich ist, dass solche in Bezug auf das Beschwerdeverfah-
ren angefallen sind, ist ihnen keine Parteientschädigung zuzusprechen.
Auch der Vorinstanz ist keine Parteientschädigung zuzusprechen (vgl.
Art. 7 Abs. 3 VGKE).
9.
Das vorliegende Urteil bringt eine Änderung des angefochtenen Be-
schlusses mit sich, weshalb der Regierungsrat anzuweisen ist, die Ziffer 2
des Dispositivs im kantonalen Amtsblatt zu veröffentlichen.
10.
Dieses Urteil ist endgültig.