Decision ID: 1e1392c2-d103-4454-81db-d05848cc7312
Year: 2013
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
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A.- X besitzt den Führerausweis der Kategorie B seit dem 26. Juni 1959. Am Montag,
21. Mai 2012, um 15.50 Uhr lenkte er seinen Personenwagen der Marke A mit dem
amtlichen Kennzeichen SG 00000 in L auf der M-Strasse bis zur Einmündung in die O-
Strasse. Dort hielt er sein Fahrzeug vor dem Signal "Kein Vortritt" an. Als er nach links
in die O-Strasse einbog, kollidierte er mit einem von rechts nahenden Personenwagen.
Die beiden Fahrzeuge wurden leicht beschädigt. Beide Lenker blieben unverletzt.
B.- Am 17. Juli 2012 eröffnete das Strassenverkehrsamt gegenüber X ein
Administrativmassnahmeverfahren und teilte ihm mit, die Missachtung des
Vortrittsrechts mit Unfallfolge sei als mittelschwere Verkehrsregelverletzung zu
qualifizieren. Gleichzeitig stellte es ihm den Entzug des Führerausweises für die Dauer
eines Monats in Aussicht. Dazu nahm X im Rahmen des rechtlichen Gehörs Stellung
und brachte im Wesentlichen vor, es sei von einer leichten Widerhandlung auszugehen,
da die Verkehrsregelverletzung nur eine geringe Gefahr für die Sicherheit anderer
hervorgerufen habe und ihn nur ein leichtes Verschulden treffe. Als Sanktion sei
deshalb maximal eine Verwarnung zu verfügen.
Am 10. August 2012 entzog das Strassenverkehrsamt X daraufhin den Führerschein für
die Dauer eines Monats wegen mittelschwerer Widerhandlung gegen das
Strassenverkehrsgesetz. Zur Begründung führte es an, X habe durch die Missachtung
des Vortrittsrechts schuldhaft einen Verkehrsunfall verursacht und dabei die
Verkehrsteilnehmer konkret gefährdet. Damit liege unabhängig vom Grad des
Verschuldens ein mittelschwerer Fall vor, weshalb der Führerausweis zwingend für
einen Monat zu entziehen sei.
Gegen diese Verfügung erhob X durch seinen Vertreter mit Eingabe vom 27. August
2012 Rekurs bei der Verwaltungsrekurskommission und beantragte, die Verfügung des
Strassenverkehrsamts vom 10. August 2012 sei aufzuheben; vom Erlass einer
Administrativmassnahme sei abzusehen, eventualiter sei gegen den Rekurrenten eine
Verwarnung auszusprechen; alles unter Kosten- und Entschädigungsfolge. Auf die
Ausführungen zur Begründung des Antrags wird, soweit erforderlich, in den

Erwägungen eingegangen. Mit Schreiben vom 26. September 2012 verzichtete das
Strassenverkehrsamt auf eine Vernehmlassung.
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Erwägungen:
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die
Verwaltungsrekurskommission ist zum Sachentscheid zuständig. Die Befugnis zur
Rekurserhebung ist gegeben. Der Rekurs vom 27. August 2012 ist rechtzeitig
eingereicht worden. Er erfüllt in formeller und inhaltlicher Hinsicht die gesetzlichen
Anforderungen (Art. 41 lit. g , 45, 47 und 48 des Gesetzes über die
Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, abgekürzt: VRP). Auf den Rekurs ist einzutreten.
2.- In tatsächlicher Hinsicht bestreitet der Rekurrent nicht, am 21. Mai 2012 beim
Einbiegen in die O-Strasse in L das Vortrittsrecht missachtet und dadurch einen Unfall
verursacht zu haben. Von diesem Sachverhalt ist deshalb auszugehen. Umstritten ist
jedoch, ob diese Widerhandlung gegen das Strassenverkehrsgesetz als mittelschwer
oder leicht zu qualifizieren ist.
a) Das Gesetz unterscheidet zwischen leichten (Art. 16a des Strassenverkehrsgesetzes,
SR 741.01, abgekürzt: SVG), mittelschweren (Art. 16b SVG) und schweren
Widerhandlungen (Art. 16c SVG). Eine leichte Widerhandlung begeht, wer durch
Verletzung von Verkehrsregeln eine geringe Gefahr für die Sicherheit anderer hervorruft
und ihn dabei nur ein leichtes Verschulden trifft (Art. 16a Abs. 1 lit. a SVG). Eine
mittelschwere Widerhandlung begeht, wer durch Verletzung von Verkehrsregeln eine
Gefahr für die Sicherheit anderer hervorruft oder in Kauf nimmt (Art. 16b Abs. 1 lit. a
SVG). Ist die Verletzung von Verkehrsregeln grob und wird dadurch eine ernstliche
Gefahr für die Sicherheit anderer hervorgerufen oder in Kauf genommen, ist die
Widerhandlung schwer (Art. 16c Abs. 1 lit. a SVG). Die mittelschwere Widerhandlung
nach Art. 16b Abs. 1 lit. a SVG stellt einen Auffangtatbestand dar. Sie liegt vor, wenn
nicht alle privilegierenden Elemente einer leichten Widerhandlung und nicht alle
qualifizierenden Elemente einer schweren Widerhandlung gegeben sind (BGE 135 III
138 E. 2.2.2).
Eine Verkehrsgefährdung liegt vor, wenn die körperliche Integrität einer Person
entweder konkret oder zumindest abstrakt gefährdet wurde. Im Recht der
Administrativmassnahmen wird dabei zwischen der einfachen und der erhöhten
abstrakten Gefährdung unterschieden. Erstere zieht keine Administrativmassnahmen
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nach sich (vgl. Art. 16 Abs. 2 SVG). Von einem solchen Fall ist jedoch nur dann
auszugehen, wenn keine anderen Verkehrsteilnehmer vom Fehlverhalten hätten
betroffen werden können. Führte dieses hingegen zu einer Verletzung eines Rechtsguts
oder einer konkreten bzw. einer erhöhten abstrakten Gefährdung der körperlichen
Integrität, hat dies eine Administrativmassnahme zur Folge (R. Schaffhauser, Die neuen
Administrativmassnahmen des Strassenverkehrsgesetzes, in: Jahrbuch zum
Strassenverkehrsrecht 2003, St. Gallen 2003, S. 181, Rz. 43 ff.). Innerhalb der erhöhten
abstrakten Gefährdung ist auf die Nähe der Verwirklichung der Gefahr abzustellen. Je
näher die Möglichkeit einer konkreten Gefährdung oder Verletzung liegt, umso
schwerer wiegt die erhöhte abstrakte Gefahr (vgl. BGE 118 IV 285 E. 3a). Eine konkrete
Gefahr liegt vor, wenn für einen bestimmten, tatsächlich daherkommenden
Verkehrsteilnehmer oder einen Mitfahrer des Täters die Gefahr einer Körperverletzung
oder gar Tötung bestand (J. Boll, Grobe Verkehrsregelverletzung, Davos 1999, S. 12).
Zudem ist das Ausmass der üblicherweise entstehenden Schädigung bei Eintritt der
Rechtsgutverletzung zu berücksichtigen (vgl. VRKE IV-2011/113 vom 24. November
2011 E. 3b, in: www.gerichte.sg.ch/Verwaltungs-rekurskommission).
Die Revision des SVG mit den neuen Bestimmungen von Art. 16a bis 16c SVG ordnet
der Gefährdung der Sicherheit allgemein eine wesentliche und eigenständige
Bedeutung zu. Der Gesetzgeber hat bewusst dem Gesichtspunkt der
Verkehrsgefährdung ein höheres Gewicht beigemessen. Insbesondere hat er das Recht
des Warnungsentzugs verselbständigt und im Hinblick auf die Erhöhung der
Verkehrssicherheit verschärft (Urteil des Bundesgerichts 1C_267/2010 vom 14.
September 2010 E. 3.4).
Wer zur Gewährung des Vortritts verpflichtet ist, darf den Vortrittsberechtigten in seiner
Fahrt nicht behindern. Er hat seine Geschwindigkeit zu mässigen und, wenn er warten
muss, vor Beginn der Verzweigung zu halten (Art. 14 Abs.1 der
Verkehrsregelnverordnung, SR 741.11, abgekürzt: VRV). Das Signal "Kein Vortritt"
verpflichtet den Fahrzeuglenker, den Fahrzeugen auf der Strasse, der er sich nähert,
den Vortritt zu gewähren (Art. 36 Abs. 2 Satz 1 der Signalisationsverordnung, SR
741.21).
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b) Der Rekurrent macht geltend, lediglich eine geringe Gefahr für die Sicherheit anderer
hervorgerufen und deshalb nur eine leichte Widerhandlung begangen zu haben.
Entsprechend sei auch kein Verkehrsteilnehmer verletzt worden und nur geringer
Sachschaden entstanden. Dass die Gefahr gering gewesen sei, ergebe sich schon aus
der konkreten Verkehrssituation an der Unfallstelle. Die M-Strasse münde dort in einem
Bogen in die O-Strasse, wobei die Verkehrsteilnehmer aus der M-Strasse keinen
Vortritt hätten. Aufgrund des steilen Winkels zwischen den beiden Strassen bei der
Einmündung müssten die Verkehrsteilnehmer, die aus der M-Strasse in die O-Strasse
einbögen, langsam fahren oder gar anhalten; anders könnten sie keine Nachschau
halten, ob die Fahrbahn frei sei oder ob auf der O-Strasse Verkehr entgegen komme.
Dies sei auch bei ihm so gewesen. Er habe vor der Einmündung angehalten, nach
anderen Verkehrsteilnehmern Ausschau gehalten und sei danach in entsprechend
langsamem Tempo in die O-Strasse eingebogen. Als er sich nach anderen
Verkehrsteilnehmern umgesehen habe, habe er das Fahrzeug des Unfallbeteiligten
nicht erkennen können. Aus dem Umstand, dass er nach dem Einbiegen in die O-
Strasse mit dem anderen Fahrzeug seitlich kollidiert sei, habe er geschlossen, dass der
andere am Unfall beteiligte Fahrer vermutlich zu schnell unterwegs gewesen sei. Das
sei jedoch ungeklärt geblieben. Unabhängig davon könne aber bereits aufgrund der
konkreten Verkehrssituation festgestellt werden, dass die Gefahr für andere gering
gewesen sei. Wer aus dem Stand losfahre und unmittelbar mit einem Fahrzeug
kollidiere, weise eine derart geringe Geschwindigkeit auf, dass gar keine grosse Gefahr
für andere Verkehrsteilnehmer entstehen könne. Auch der Bremsweg sei bei solch
geringem Tempo entsprechend kurz. Dass dies im konkreten Fall so gewesen sei,
belege der Umstand, dass nur geringer Sachschaden entstanden und keine Person zu
Schaden gekommen sei. Es handle sich folglich beim streitigen Ereignis um eine
Bagatelle.
Die Fotodokumentation der Kantonspolizei stellt die Unfallsituation deutlich dar (act. 8/
S. 12 ff.). Daraus ist ersichtlich, dass der Rekurrent das Vortrittsrecht tatsächlich
missachtet und dadurch die Kollision verursacht hat. Dies wird von ihm auch nicht
bestritten. Beim Unfall wurden keine Personen verletzt, und es entstand lediglich
geringer Sachschaden. Aus diesen Umständen kann jedoch nicht ohne weiteres
geschlossen werden, die Gefährdung sei lediglich gering gewesen. Durch die
Verkehrsregelverletzung hat der Rekurrent allfällige vortrittsberechtigte
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Verkehrsteilnehmer der Gefahr einer Körperverletzung ausgesetzt (vgl. VRKE
IV-2011/113, a.a.O., E. 3c). Diese erhebliche Gefährdung hat sich schliesslich im
konkreten Unfallereignis realisiert, bei dem sich der am Unfall beteiligte Lenker zwar
nicht verletzte, aber immerhin über Schmerzen klagte, die eine ärztliche Untersuchung
erforderten. Unter diesen Umständen kann nicht mehr von einem Bagatellfall bzw.
einem leichten Fall gemäss Art. 16a SVG gesprochen werden. Selbst wenn es sich
aber um eine geringe Gefährdung handeln sollte, wäre damit für den Rekurrenten
nichts gewonnen. Denn die leichte Widerhandlung setzt zusätzlich ein leichtes
Verschulden voraus. In diesem Zusammenhang kommt der speziellen Verkehrsführung
am Unfallort, bei der die von links kommenden Fahrzeuge zwingend in die M-Strasse
einbiegen müssen, eine besondere Bedeutung zu. Der Rekurrent konnte seine
Aufmerksamkeit hauptsächlich dem von rechts nahenden Verkehr widmen (vgl. act. 8/
S. 12). Dass er das herannahende Fahrzeug wegen dessen übersetzter
Geschwindigkeit nicht sehen konnte, ist nicht nachvollziehbar. Im Übrigen schloss der
Rekurrent anlässlich der polizeilichen Einvernahme vom 21. Mai 2012 nicht aus, den
Unfallgegner übersehen zu haben, weil dieser die Unfallstelle schon fast passiert hatte
(act. 8/S. 11).
c) Zusammenfassend ist deshalb festzustellen, dass die Vorinstanz die Missachtung
des Vortritts zu Recht als mittelschwere Widerhandlung gegen das
Strassenverkehrsgesetz qualifizierte und den Führerausweis gestützt auf Art. 16b Abs.
1 lit. a SVG entzog.
3.- Gemäss Art. 16 Abs. 3 SVG sind bei der Festsetzung der Dauer des Lernfahr- oder
Führerausweisentzugs die Umstände des Einzelfalls zu berücksichtigen, namentlich die
Gefährdung der Verkehrssicherheit, das Verschulden, der Leumund als
Motorfahrzeugführer sowie die berufliche Notwendigkeit, ein Motorfahrzeug zu führen;
die Mindestentzugsdauer darf nicht unterschritten werden. Diese beträgt gemäss
Art. 16b Abs. 2 lit. a SVG nach einer mittelschweren Widerhandlung mindestens einen
Monat.
Die Vorinstanz entzog den Führerausweis für einen Monat. Dabei handelt es sich um
die Mindestentzugsdauer, die nicht unterschritten werden darf. Auf die vom
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Rekurrenten geltend gemachte erhöhte Sanktionsempfindlichkeit aus beruflichen und
privaten Gründen kann deshalb nicht weiter eingegangen werden.
4.- Somit ergibt sich, dass der Rekurs abzuweisen ist. Dem Verfahrensausgang
entsprechend sind die amtlichen Kosten dem Rekurrenten aufzuerlegen (Art. 95 Abs. 1
VRP). Eine Entscheidgebühr von Fr. 1'200.-- erscheint angemessen (vgl. Art. 7 Ziff. 122
der Gerichtskostenverordnung, sGS 941.12). Der Kostenvorschuss von Fr. 1'200.-- ist
zu verrechnen.