Decision ID: e27161f0-f60e-5936-b502-12063032e064
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer, ein 1993 geborener syrischer Staatsangehöriger,
ersuchte am 4. Januar 2020 in der Schweiz um Asyl. In einer im Anschluss
an die Anhörung zu den Asylgründen im Bundesasylzentrum (...) Ende Ja-
nuar 2020 erstellten Protokollnotiz bestätigte der Beschwerdeführer seinen
schon zuvor geäusserten Wunsch, für den Aufenthalt in der Schweiz dem
Kanton Genf zugeteilt zu werden; dort lebe sein Bruder mit Ehefrau und
Kind. In seiner Nähe würde er sich wohlfühlen; sein Bruder sei für ihn wie
ein Vater und bei ihm würde er sich gut einleben können (Akten der Vo-
rinstanz, Asylakten [SEM-A-act.] 21).
B.
Mit Verfügung vom 6. Februar 2020 wies die Vorinstanz das Asylgesuch
des Beschwerdeführers ab, verneinte die Flüchtlingseigenschaft und wies
ihn aus der Schweiz weg. Den Vollzug der Wegweisung schob sie jedoch
zufolge Unzulässigkeit auf und ordnete an dessen Stelle die vorläufige Auf-
nahme an (SEM-A-act. 27). Mit der Umsetzung der vorläufigen Aufnahme
wurde der Kanton Solothurn beauftragt.
C.
Mit separater Verfügung ebenfalls vom 6. Februar 2020 wies die Vorinstanz
den Beschwerdeführer dem Kanton Solothurn zu (SEM-A-act. 28).
D.
Eine gegen den Asylentscheid erhobene Beschwerde wies das Bundes-
verwaltungsgericht mit Urteil D-901/2020 vom 26. Februar 2020 ab (SEM-
A-act. 37).
E.
Per Ende April 2020 wurde der Beschwerdeführer aus dem Bundesasyl-
zentrum (...) entlassen und zum weiteren Aufenthalt dem Kanton Solothurn
überstellt (SEM-A-act. 42).
F.
Mit Gesuch vom 25. September 2020 ersuchte der Beschwerdeführer bei
der Vorinstanz um Verlegung seines Wohnsitzes vom Kanton Solothurn in
den Kanton Genf zu seinem Bruder. Den Antrag begründete er im Wesent-
lichen damit, dass er unter starken Depressionen, Ängsten und Schlafstö-
rungen leide. Die familiäre Bindung zu seinem Bruder könnte ihm helfen,
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erlittene traumatische Kriegs- und Fluchterlebnisse zu verarbeiten (Akten
der Vorinstanz, Kantonswechsel [SEM-act.] 1).
G.
Der Kanton Genf verweigerte am 13. Oktober 2020 die Zustimmung zum
beantragten Kantonswechsel (SEM-act. 3). Die Vorinstanz informierte den
Beschwerdeführer in einem Schreiben vom 22. Oktober 2020 darüber und
stellte ihm die Abweisung des Kantonswechselgesuches in Aussicht (SEM-
act. 4). Hierauf entgegnete dieser mit einem Schreiben vom 3. November
2020 und machte geltend, ihm drohe aufgrund von starken Depressionen
und Ängsten ein stationärer Klinikaufenthalt. Seine Familie fehle ihm. Bei
seinem Bruder in Genf fühle er sich in vertrauter Umgebung und sicher. Mit
ihm könne er über seine schrecklichen Erlebnisse sprechen. Zwei Asyl-Be-
treuungspersonen ergänzten in einem Begleitschreiben, sie erachteten es
als sinnvoller, den Beschwerdeführer zu seinem Bruder nach Genf ziehen
zu lassen, wo er Ruhe, Erholung und Genesung finden würde, als ihn jah-
relang medikamentös und stationär zu betreuen (SEM-act. 5).
H.
Mit Verfügung vom 20. November 2020 wies die Vorinstanz das Gesuch
um Kantonswechsel ab. Sie erachtete die Voraussetzungen für einen sol-
chen Wechsel als nicht gegeben, insbesondere verneinte sie ein besonde-
res Abhängigkeitsverhältnis zwischen dem Beschwerdeführer und seinem
Bruder (SEM-act. 7).
I.
Ebenfalls am 20. November 2020 wies der Kanton Genf ein Gesuch des
Beschwerdeführers um Wiedererwägung der Verweigerung der Zustim-
mung zum Kantonswechsel ab (SEM-act. 9).
J.
Gegen die Verfügung der Vorinstanz vom 20. November 2020 erhob der
Beschwerdeführer mit Eingabe vom 18. Dezember 2020 Beschwerde beim
Bundesverwaltungsgericht. Er beantragte, die Verfügung sei aufzuheben
und ihm der Kantonswechsel in den Kanton Genf zu gewähren, eventuali-
ter sei die Verfügung aufzuheben und die Sache zur Neubeurteilung an die
Vorinstanz zurückzuweisen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuchte er
um Bewilligung der unentgeltlichen Rechtspflege sowie Verzicht auf die Er-
hebung eines Kostenvorschusses. Zudem sei ihm eine Rechtsbeiständin
oder ein Rechtsbeistand seiner Wahl zu bestellen. Der Beschwerde legte
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er unter anderem ein weiteres Schreiben seiner beiden Asyl-Betreuungs-
personen bei (Akten des Bundesverwaltungsgerichts [BVGer-act.] 1).
K.
Mit Zwischenverfügung vom 14. Januar 2021 wies das Bundesverwal-
tungsgericht das Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege ab (BVGer-
act. 3).
L.
In einer Eingabe vom 11. Februar 2021 informierte der Beschwerdeführer
das Gericht unter anderem darüber, dass während der Feiertage
2020/2021 in seine Wohnung eingebrochen worden sei. Er getraue sich
nicht mehr, sich dort aufzuhalten. Der Einbruch habe zu einer Retraumati-
sierung geführt. Gleichzeitig reichte er einen Arztbericht vom 23. Dezem-
ber 2020 sowie ein (nicht unterzeichnetes, undatiertes) Schreiben seines
Bruders ein (BVGer-act. 5). Einen weiteren Arztbericht vom 8. Februar
2021 legte er am 17. Februar 2021 ins Recht (BVGer-act. 8).
M.
Die Vorinstanz liess sich am 25. März 2021 vernehmen und beantragte die
Abweisung der Beschwerde (BVGer-act. 12).
N.
Von dem ihm gewährten Replikrecht machte der Beschwerdeführer keinen
Gebrauch (BVGer-act. 15).
O.
Auf den weiteren Akteninhalt wird, soweit rechtserheblich, in den Erwägun-
gen eingegangen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Verfügungen des SEM, die ein Gesuch um Bewilligung eines Kantons-
wechsels von vorläufig aufgenommenen Personen zum Gegenstand ha-
ben, unterliegen der Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht
(Art. 112 Abs. 1 AIG [SR 142.20] i.V.m. Art. 31 ff. VGG).
1.2 Das Rechtsmittelverfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das
VGG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG).
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1.3 Entscheide über den Kantonswechsel können gemäss Art. 85 Abs. 4
AIG nur mit der Begründung angefochten werden, sie verletzten den
Grundsatz der Einheit der Familie (BVGE 2009/54 E. 1.3.1; 2008/47 E. 1.2,
E. 1.3.2 und E. 1.3.3; Urteile des BVGer F-4445/2020 vom 14. Juni 2021
E. 1.3; F-4450/2019 vom 15. Juli 2020 E. 3.2). Der Beschwerdeführer rügt
in vertretbarer Weise eine Verletzung dieses Grundsatzes und beantragt
die Zuweisung in den Kanton Genf. Da er zudem als Adressat der ange-
fochtenen Verfügung zur Erhebung der Beschwerde legitimiert ist (Art. 48
Abs. 1 VwVG), ist auf die im Übrigen auch frist- und formgerechte Be-
schwerde einzutreten (Art. 50 Abs. 1 und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
2.
Das Bundesverwaltungsgericht wendet das Bundesrecht von Amtes we-
gen an. Massgebend ist grundsätzlich die Sachlage zum Zeitpunkt seines
Entscheides (vgl. BVGE 2014/1 E. 2 m.H.).
3.
Die Vorinstanz verfügt den Kantonswechsel einer vorläufig aufgenomme-
nen Person bei einem Anspruch auf Einheit der Familie oder bei einer
schwerwiegenden Gefährdung der gesuchstellenden oder anderer Perso-
nen. Liegen keine solchen Gründe vor, ist die Zustimmung beider betroffe-
nen Kantone zum Kantonswechsel erforderlich (Art. 21 der Verordnung
vom 11. August 1999 über den Vollzug der Weg- und Ausweisung sowie
der Landesverweisung von ausländischen Personen [VVWAL,
SR 142.281] i.V.m. Art. 22 Abs. 2 der Asylverordnung 1 vom 11. August
1999 über Verfahrensfragen [AsylV 1, SR 142.311]). Vorbehalten sind vor-
läufig aufgenommene Flüchtlinge, die im gleichen Umfang einen Anspruch
auf Kantonswechsel haben, wie er einer niedergelassenen Person gestützt
auf Art. 37 Abs. 3 AIG zusteht (BVGE 2012/2 E. 5.2.3).
4.
4.1 Dem Beschwerdeführer wurde die Flüchtlingseigenschaft nicht zuer-
kannt. Der Kanton Genf lehnte den beantragten Kantonswechsel am
13. Oktober 2020 ab. Gegen den am 20. November 2020 verweigerten
Wechsel in den Kanton Genf ist daher einzig die Rüge einer Verletzung
des Grundsatzes der Einheit der Familie zulässig (vgl. oben E. 1.3).
4.2 Der Grundsatz der Einheit der Familie im Sinne von Art. 21 VVWAL in
Verbindung mit Art. 22 Abs. 2 AsylV 1 entspricht dem Schutzbereich von
Art. 8 EMRK (BVGE 2008/47 E. 4.1; Urteile des BVGer F-2081/2020 vom
11. September 2020 E. 5.2; F-4450/2019 E. 4.2; F-3835/2018 vom
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22. Februar 2019 E. 2.4). Neben der eigentlichen Kernfamilie, das heisst
die Gemeinschaft der Ehegatten mit ihren minderjährigen Kindern, fallen
auch andere familiäre Verhältnisse in den Schutzbereich von Art. 8 EMRK,
sofern eine genügend nahe, echte und tatsächlich gelebte Beziehung be-
steht. Indizien für das Bestehen solcher Beziehungen sind das Zusammen-
leben in einem gemeinsamen Haushalt, eine finanzielle Abhängigkeit, spe-
ziell enge familiäre Bande, regelmässige Kontakte oder die Übernahme
von Verantwortung für eine andere Person. Bei hinreichender Intensität
sind auch Beziehungen zwischen nahen Verwandten, namentlich solchen
von erwachsenen Kindern zu ihren Eltern oder unter Geschwistern wesent-
lich. In diesem Fall setzt die Berufung auf Art. 8 Abs. 1 EMRK aber voraus,
dass sich die ausländische Person in einem besonderen, über die norma-
len affektiven Bindungen hinausgehenden Abhängigkeitsverhältnis zum
nahen Verwandten befindet (BGE 144 II 1 E. 6.1; 137 I 154 E. 3.4.2; 135 I
143 E. 3.1; 115 Ib 1 E. 2c; Urteil des EGMR 39051/03 Emonet und andere
gegen Schweiz vom 13. Dezember 2007 § 35 f.; JENS MEYER-LADE-
WIG/MARTIN NETTESHEIM, in: Meyer-Ladewig/Nettesheim/von Raumer
[Hrsg.], Handkommentar EMRK, 4. Aufl. 2017, Art. 8 N. 57 und N. 61).
4.3 Besondere Elemente der Abhängigkeit können sich unabhängig vom
Alter namentlich aus besonderen Betreuungs- oder Pflegebedürfnissen
wie bei körperlichen oder geistigen Behinderungen und schwerwiegenden
Krankheiten ergeben (vgl. BGE 120 Ib 257 E. 1e; 115 Ib 1 E. 2d; Urteil des
BGer 2C_339/2019 vom 14. November 2019 E. 3.4; Urteil des EGMR
65550/13 Belli und Arquier-Martinez gegen Schweiz vom 11. Dezember
2018 § 65). Die betroffene Person muss für die Bewältigung des täglichen
Lebens auf fremde Hilfe einer in der Schweiz lebenden Person angewiesen
sein. Eine lediglich moralische Unterstützung genügt dabei nicht, um ein
Abhängigkeitsverhältnis im Sinne der Rechtsprechung zu begründen (Ur-
teil 2C_339/2019 E. 3.5; BVGE 2008/47 E. 4.1.1 f.; Urteile des BVGer
F-4426/2018 vom 9. August 2018; C-3538/2016 vom 20. Juni 2016 E. 5.3;
C-2686/2016 vom 30. Mai 2016 E. 4; Urteil des EGMR 23887/16 I.M. ge-
gen Schweiz vom 9. April 2019 § 62; CHRISTOPH GRABENWARTER/KATHA-
RINA PABEL, Europäische Menschenrechtskonvention, 7. Aufl. 2021, § 22
Rz. 18). Das besondere Abhängigkeitsverhältnis muss gewachsen sein
und im Zeitpunkt der Geltendmachung des Anspruchs bestehen (Urteile
des BGer 2C_396/2021 vom 27. Mai 2021 E. 3.2; 2C_867/2016 vom
30. März 2017 E. 2.2).
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5.
Strittig ist vorliegend, ob sich der Beschwerdeführer bezüglich dem anvi-
sierten Kantonswechsel auf den Grundsatz der Einheit der Familie, respek-
tive auf ein Abhängigkeitsverhältnis zu seinem Bruder berufen kann.
5.1 Seinen eigenen Angaben im Asylverfahren zufolge verliess der Be-
schwerdeführer sein Heimatland im Januar 2013 und gelangte nach einem
mehrjährigen Aufenthalt im Nordirak im Januar 2020 in die Schweiz. Sein
Bruder befand sich im Zeitpunkt der Einreise des Beschwerdeführers be-
reits seit vier Jahren in der Schweiz. Der Beschwerdeführer gibt zwar an,
bereits vor seiner Einreise in die Schweiz mit seinem Bruder fünf Mal pro
Woche telefoniert und während der Flucht auf seine Ratschläge vertraut zu
haben. Zudem sieht er in seinem Bruder offenbar einen Vaterersatz und
bezeichnet die Beziehung als "innig" und "fusionnelle". Aufgrund der mehr-
jährigen Trennung vor der Einreise kann die Beziehung jedoch nicht als
vorbestehend, nahe und tatsächlich gelebt bezeichnet werden. Ein ge-
meinsamer Haushalt fehlt genauso, wie eine wirtschaftliche Verflechtung.
5.2 Der Beschwerdeführer behauptet das Vorliegen besonderer Elemente
einer Abhängigkeit zu seinem Bruder aufgrund eines Pflege- und Betreu-
ungsbedürfnisses.
5.2.1 Der Beschwerdeführer trägt vor, er sei auf die Nähe und den Kontakt
zu seinem Bruder angewiesen. Es liege ein psychisches Abhängigkeitsver-
hältnis vor. Der Bruder sei eine wichtige Stütze für ihn. Es sei für ihn nicht
vorstellbar, dass er ohne dessen Hilfe den Alltag bewältigen und seine trau-
matischen Ereignisse verarbeiten könne. Das Beisein seines Bruders un-
terstütze seine Traumabewältigung. Ein direkter Kontakt sei unabdingbar.
Kontakte über das Mobiltelefon seien zwar hilfreich, reichten aber nicht
aus. Er benötige viel Unterstützung in alltäglichen Belangen und die Bezie-
hung zu seinem Bruder gebe ihm emotionalen Halt (BVGer-act. 5).
5.2.2 Der Bruder seinerseits gibt an, er fürchte um das Leben des Be-
schwerdeführers. Seine Präsenz sei essentiell für dessen Therapie. Der
Beschwerdeführer brauche keine Medikamente, sondern menschliche und
familiäre Wärme, die ihn beruhige und seine Ängste und Panikattacken
eindämme (vgl. Eingabe des Beschwerdeführers vom 11. Februar 2021
[BVGer-act. 5], Beilage 2).
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5.3
5.3.1 Gemäss einem Bericht des damaligen Hausarztes vom 22. Septem-
ber 2020 leidet der Beschwerdeführer an einem posttraumatischen Syn-
drom, Depressionen sowie Verlustängsten. Aus medizinischer und psychi-
scher Sicht sei es für den Beschwerdeführer "von Vorteil", wenn er bei sei-
nem Bruder im Kanton Genf leben könnte. Dies werde ihm "Vieles erleich-
tern" (SEM-act. 1).
5.3.2 Dem Bericht einer Ärztin für allgemeine innere Medizin vom 23. De-
zember 2020 kann entnommen werden, dass sich der Beschwerdeführer
in einem normalen Allgemeinzustand befinde und zu allen Qualitäten voll-
ständig orientiert sei. Beim ehemaligen Hausarzt habe er sich wegen de-
pressiven Verstimmungen vorgestellt und sei mit Antidepressiva behandelt
worden. Im November 2020 sei er aufgrund einer Suizidalität ins Spital ein-
gewiesen worden, habe jedoch eine stationäre Aufnahme verweigert. Da-
raufhin sei er mit der Diagnose einer Depression und oralen Antidepressiva
entlassen worden. Der Beschwerdeführer nehme regelmässig Medika-
mente ein und habe eine ambulante Therapie auf Arabisch begonnen. Er
lebe in vollständiger Isolation und leide an Schlafstörungen. Eine Verwei-
gerung des Kantonswechsels werfe ihn sicherlich in eine tiefe Depression.
Eine Familienanbindung wäre motivierend für seinen weiteren "Bildungs-
weg", würde ihn aus der sozialen Isolation führen und ihm emotionalen Halt
geben. Er benötige auch eine Unterstützung in alltäglichen Belangen, die
ihm zurzeit unüberwindbar erscheinen würden (BVGer-act. 5).
5.3.3 Die (...) berichteten am 8. Februar 2021, der Beschwerdeführer be-
finde sich seit dem 2. November 2020 in ambulanter psychiatrischen Be-
handlung. Der Verlauf der Symptomatik zeige sich trotz medikamentöser
Behandlung bei aktueller psychischer Belastung schwankend; die Symp-
tomatik sei weiterhin behandlungsbedürftig (BVGer-act. 8).
5.4
5.4.1 Der Beschwerdeführer leidet an einer psychischen Beeinträchtigung.
Aus seinen Vorbringen und den medizinischen Akten zu schliessen wäre
aus gesundheitlicher Sicht ein Wohnsitzwechsel in den Kanton Genf allen-
falls sinnvoll, zumal er den Kontakt zum Bruder und dessen Familie inten-
siver pflegen könnte. Auch dürfte eine Unterstützung durch die Angehöri-
gen in Genf (nebst dem Bruder auch ein Onkel mütterlicherseits und zwei
Neffen) bei der Erledigung von Alltagsgeschäften hilfreich sein. Rein unter-
stützende, der Gesundheit zuträgliche oder soziale Gründe genügen für
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Seite 9
einen Kantonswechsel jedoch nicht (Urteil des BVGer F-5769/2020 vom
7. Dezember 2020).
5.4.2 Die Abhängigkeit eines Menschen von einem anderen steht vielmehr
im Gegensatz zu seiner erlangten Selbständigkeit (BGE 120 Ib 257 E. 1e).
Vorliegend ist weder aus den Akten ersichtlich, noch legt der Beschwerde-
führer dar, welche Aufgaben und Tätigkeiten er nicht mehr selbständig be-
streiten kann. Aus dem Schreiben des Kantons Genf vom 20. November
2020 zu schliessen, stellte er diesem sogar in Aussicht, sein Bruder könnte
für ihn eine Arbeit finden (vgl. SEM-act. 9). Der Beschwerdeführer ist zur
Bewältigung seiner täglichen Aufgaben daher keineswegs zwingend auf
fremde Hilfe angewiesen. Ein besonderes Pflege- und Betreuungsbedürf-
nis kann nicht ausgemacht werden.
5.4.3 Wenngleich die Nähe zum Bruder für die psychische Verarbeitung
traumatischer Erlebnisse und mithin für einen Therapieerfolg wichtig sein
kann, hat dies auf die bestehende, weitgehende Selbständigkeit des Be-
schwerdeführers in seiner Lebensführung keinen relevanten Einfluss. Nicht
anders verhält es sich bezüglich einer allfälligen Suizidalität infolge sozialer
Isolation. Die erforderliche medizinisch-psychiatrische Behandlung ist im
Kanton Solothurn gewährleistet. Eine motivierende, therapieförderliche
und psychische Unterstützung durch den Bruder lässt die Beziehung zu
diesem noch nicht als hinreichend intensiv erscheinen, sodass sie im Sinne
der Rechtsprechung vom Schutz der Einheit der Familie erfasst würde.
6.
Nach dem bisher Gesagten ist im Verhältnis zwischen dem Beschwerde-
führer und seinem in Genf lebenden Bruder nicht von einer hinreichend
nahen und intensiven Beziehung auszugehen, welche in Nachachtung des
Grundsatzes der Einheit der Familie im Sinne von Art. 21 VVWAL in Ver-
bindung mit Art. 22 Abs. 2 AsylV 1 (bzw. Art. 8 EMRK) besonderen Schutz
verdient. Insbesondere fehlt es an einem Abhängigkeitsverhältnis, bezie-
hungsweise an einem erheblichen und auf seinen Bruder in Genf ausge-
richteten Betreuungsbedürfnis. Die Voraussetzungen für einen Kantons-
wechsel sind somit nicht gegeben. Zu Recht hat die Vorinstanz das Kan-
tonswechselgesuch vom 25.September 2020 abgewiesen. Von weiteren
Abklärungen des Gesundheitszustandes des Beschwerdeführers sind
keine neuen, entscheidwesentlichen Erkenntnisse zu erwarten. Eine Rück-
weisung der Sache an die Vorinstanz zur weiteren Sachverhaltsabklärung
rechtfertigt sich daher nicht. Die Beschwerde ist abzuweisen.
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Seite 10
7.
Entsprechend dem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem Be-
schwerdeführer aufzuerlegen und auf insgesamt Fr. 800.– festzusetzen
(vgl. Art. 63 Abs. 1 VwVG i.V.m. Art. 1 ff. des Reglements vom 21. Februar
2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungs-
gericht [VGKE, SR 173.320.2]).
8.
Das Bundesverwaltungsgericht entscheidet in der vorliegenden Angele-
genheit endgültig (vgl. Art. 83 Bst. c Ziff. 6 BGG).
(Dispositiv nächste Seite)
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