Decision ID: 24abf9df-633e-4dc8-9886-3bdcc27c8a5b
Year: 2017
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
X._, geboren 1965,
war
zuletzt
von 1998 bis 2015 als Rettungs
sani
täterin
Z._
angestellt (
Urk.
7/14,
Urk.
7/26).
Am 18. November 2014 meldete sie sich unter Hinweis auf eine posttrauma
tische Belastungsstörung nach einem Rettungseinsatz bei der Invalidenversi
cherung zum Leistungsbezug an (Urk. 7/2). Die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, klärte die medizinische und erwerbliche Situation ab. Am 14. Juli 2015 teilte sie der Versicherten mit, dass keine Eingliederungs
mas
snahmen möglich seien (Urk. 7/22).
Nach durchgeführtem
Vorbescheidverfahren
(Urk. 7/41-43, Urk. 7/51) verneinte die IV-Stelle mit Verfügung vom 8. Februar 2017 (Urk. 7/54) einen Renten
an
spruch.
2.
Die Versicherte erhob am 10. März 2017 Beschwerde gegen die Verfügung vom 8. Februar 2017 (Urk. 7/54) und beantragte, diese sei aufzuheben und es sei festzustellen, dass sie Anspruch auf eine ganze Rente der Invalidenversicherung habe. Eventuell sei vom angerufenen Gericht eine psychiatrische Oberbegut
ach
tung zu veranlassen; subeventuell auf dem Wege der Rückweisung (Urk. 1 S. 2).
Die IV-Stelle beantragte mit Beschwerdeantwort vom 3. Mai 2017 (Urk. 6) die Abweisung der Beschwerde, was der Beschwerdeführerin am 29. Mai 2017 zur Kenntnis gebracht wurde (Urk. 8).
Mit Verfügung vom 14. August 2017 (Urk. 12) wurde sodann die Pensionskasse der Beschwerdeführerin, die Y._, zum Prozess beigeladen. Diese verzichtete mit Schreiben vom 6. September 2017 auf eine Stellungnahme (Urk. 13), was den Parteien am 11. September 2017 mit
ge
teilt wurde (Urk. 14).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1
des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts, ATSG
). Erwerbsunfähigkeit ist
der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Ge
sund
heit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung ver
blei
bende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung
des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die
Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerb
s
unfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht über
wind
bar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.2
Anspruch auf eine Rente haben gemäss
Art.
28
Abs.
1
des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG)
Versicherte, die:
a.
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betä
tigen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen wieder herstellen, erhalten oder verbessern können;
b.
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich min
des
tens 40 % arbeitsunfähig (
Art.
6 ATSG) gewesen sind; und
c.
nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (
Art.
8 ATSG) sind.
Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % besteht Anspruch auf eine
Vier
telsrente
, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 % auf eine
Dreiviertels
rente
und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 % auf eine ganze Rente (
Art.
28
Abs.
2 IVG).
1.3
Beeinträchtigungen der psychischen Gesundheit können in gleicher Weise wie körperliche Gesundheitsschäden eine Invalidität im Sinne von Art. 4 Abs. 1 IVG in Verbindung mit Art. 8 ATSG bewirken.
Rechtsprechungsgemäss
ist bei psy
chischen Beeinträchtigungen zu prüfen, ob ein seelische
s Leiden
mit Krank
heitswert besteht, welche
s
die versicherte Person auch bei Aufbietung allen guten Willens daran hindert, ein
rentenausschliessendes
Erwerbseinkommen zu erzielen (Art. 7 Abs. 2 Satz 2 ATSG;
BGE 139 V 547
E. 5;
131 V 49
E. 1.2;
130
V 352
E. 2.2.1; vgl. Urteile des Bundesgerichtes 8C_614/2015 vom 15. Dezem
ber
2015 E. 5
und 9C_125/2015 vom 18. November 2015 E.
5.4.
).
Die Annahme eines psychischen Gesundheitsschadens im Sinne von Art. 4 Abs. 1 IVG sowie Art. 3 Abs. 1 und Art. 6 ATSG setzt grundsätzlich eine lege
artis
auf die Vorgaben eines anerkannten Klassifikationssystems abgestützte psychiatrische Diagnose voraus (vgl. BGE 130 V 396; Urteile des Bundesgerichts 8C_616/2014 vom 25. Februar
201
5
E. 5.3.3.3 und 9C_739/2014 vom 30. Novem
ber 2015 E. 3.2). Eine fachärztlich festgestellte psychische Krankheit ist jedoch nicht ohne weiteres gleichbedeutend mit dem Vorliegen einer Inva
lidität. In jedem Einzelfall muss eine Beeinträchtigung der Arbeits- und Erwerbs
fähigkeit unabhängig von der Diagnose und grundsätzlich unbesehen der Ätiologie ausgewiesen und in ihrem Ausmass bestimmt sein. Es ist nach einem weitgehend objektivierten Massstab zu beurteilen, ob und inwiefern der versicherten Person trotz ihres Leidens die
Verwertung ihrer Restarbeitsfähigkeit auf dem ihr nach ihren Fähigkeiten offen stehenden ausgeglichenen Arbeits
markt noch sozial-praktisch zumutbar und für die Gesellschaft tragbar sei (BGE 141 V 281 E. 3.7.3; 136 V 279 E. 3.2.1; BGE 127 V 294 E. 4c; vgl. Urteile des Bundesgerichtes 8C_614/2015 vom 15. Dezember 20
15 E. 5 und 8C_731/2015 vom 18.
April 2016 E. 4.1).
1.4
Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung (und im Be
schwerdefall das Gericht) auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und gegebe
nenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte Person arbeits
unfähig ist (BGE 125 V 256 E.
4). Im Weiteren sind die ärztlichen Auskünfte eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage,
welche Arbeitsleistungen der versicherten Person noch zugemutet werden können
(BGE 125 V 256 E. 4 mit Hinweisen; AHI 2002 S. 70 E.
4b/cc).
1.5
Hinsichtlich des Beweiswertes eines ärztlichen Berichtes ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vor
akten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuch
tet und ob die Schlussfolgerungen in der Expertise begründet sind (BGE 134 V 231 E. 5.1, 125 V 351 E. 3a, 122 V 157 E. 1c).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin ging in der angefochtenen Verfügung (Urk. 7/54) da
von aus, dass keine schwere Störung vorliege, die nicht mehr behandelt werden könnte. Die Therapiemöglichkeiten seien noch nicht ausgeschöpft. Auch gebe es deutliche Hinweise auf eine Aggravation. Es liege daher kein invalidisierender Gesundheitsschaden vor. Nach einer Gesamtwürdigung aller Einschränkungen und Ressourcen sei davon auszugehen, dass von der Beschwerdeführerin trotz ihrer Beschwerden erwartet werden könne, in einem rentenausschliessenden Um
fang erwerbstätig zu sein. Es sei auf das Gutachten der Ärzte der A._ vom 4. März 2015 abzustellen. Es
liege ein behandelbares und nicht invalidisierendes psychisches Leiden vor. Gegen ein therapieresistentes Leiden sprächen auch die vorhandenen Ressour
cen
, das hohe Aktivitätsniveau, der fehlende Leidensdruck und die Hinweise auf Aggravation (S. 2).
2.2
Die Beschwerdeführerin vertrat den Standpunkt (Urk. 1), dass die
Ärzte der
A._
in ihrer Anamnese den Missbrauch in der Kindheit nicht erwähnt
hätten.
Sie hätten
daher das Vorliegen einer posttraumatischen Belastungsstörung in Un
kenntnis des der Krankheitsentwicklung zu Grunde liegenden Traumas verneint und ihre Diagnose einer mittelgradigen depressiven Episode, aktuell remittiert, gestellt
(S. 3 f. II. Ziff. 4)
.
Der behandelnde Psychiater habe
das
Gutachten
der
A._
kritisiert, daraufhin habe
die Y._ ein
Obergutachten bei
Dr. B._
in Auftrag gegeben. Dieser stelle fundiert begründet die Diagnose einer komplexen posttraumatischen Belastungsstörung in den Vordergrund. Gemäss
Dr. B._
sei
sie
in angestammter Tätigkeit
vollständig arbeitsun
fähig
und
zu
50
%
arbeitsfähig
mit Steigerungsmöglichkeit für
eine
admini
strative Verweistätigkeit.
Die Y._
habe gestützt darauf
eine
Rente zugesprochen
(S. 4 II. Ziff. 5)
.
Nicht nur die behandelnden Ärzte hätten
die
Diagnose einer posttraumatischen Belastungsstörung gestellt, sondern auch der Obergutachter
B._
, was die
Beschwerdegegnerin
ausblende und
wozu sie nie
Stellung genommen und
womit sie
auch das rechtliche Gehör verletzt habe
(S. 5 III. Ziff. 1, S. 7 III. Ziff. 5)
.
Das A._
-Gutachten baue auf einer ent
scheidenden Informationslücke auf
(S. 5 III. Ziff. 2)
. Sodann
sei
keine
psycho
traumatologische
Spezialisierung der Gutachter
ersichtlich (S. 6 III. Ziff. 2)
und der RAD-Arzt sei ein Neurologe
(S. 6 III. Ziff. 3)
.
2.3
Strittig und zu prüfen ist ein Rentenanspruch der Beschwerdeführerin.
3.
3.1
Die Fachpersonen der C._ berichteten am 10. Februar 2015 (Urk.
7/11
) über einen stationären Aufenthalt der Beschwerdeführerin vom 5. November 2014 bis 21. Januar 2015 (S. 1 Ziff. 1.3) und nannten die folgen
den Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit (S. 1 Ziff. 1.1):
-
Anpassungsstörung mit einer längeren depressiven Reaktion (
ICD-10 F
43.21)
-
Status nach posttraumatischer
Belastungsstörung am Arbeitsplatz 2012
Die Beschwerdeführerin
habe von Intrusionen, Flash-Backs und be
lastenden Albträumen berichtet.
Es habe eine wesentliche Verbesserung des psychopatho
log
ischen
Zustandsbildes erreicht werden können.
Es werde
eine ambulante Weiterbehandlung
empfohlen (S. 1 f. Ziff. 1.4)
. Eine Arbeit als Rettungssani
tä
terin könnte Flashbacks wie auch Intrusionen auslösen, da das Erlebte noch nicht vollends aufgearbeitet sei.
Die Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin könnten sie nicht beurteilen. Sie würden jedoch ein
Arbeitstraining und
einen
schrittweise
n
Wiedereinstieg in die Arbeitswelt
empfehlen (S. 2 f. Ziff. 1.7)
.
3.2
Dr. med. D._, Facharzt für
Psychiatrie und Psychotherapie
und prak
tischer Arzt, und Dr. med. E._, Facharzt für
Psychiatrie und Psychotherapie
, A._, erstatteten am 4. März 2015 zuhanden der Y._ ein psychiatrisches Gutachten (Urk. 7/32/2-41), welches sich auf die ihnen zur Verfügung gestellten Akten, zusätzlich angeforderten medi
zinischen Unterlagen, die eigene Exploration und Untersuchung der Versicher
ten sowie telefonische Auskünfte stützte (S. 1 f.). Sie nannten die folgende Diagnose (S. 26, S. 37):
-
mittelgradige depressive Episode (ICD-10 F32.1), aktuell remittiert
Es sei für die Beschwerdeführerin zuletzt schwierig gewesen, den Haushalt zu führen. Sie habe kaum Energie gehabt und habe nicht mehr richtig aufgeräumt (S. 15 Ziff. 4.3.2). In der letzten Zeit habe sie weniger soziale Kontakte, da sie keine Kraft mehr dazu habe. Viele hätten sich auch zurückgezogen, da sie die Beziehungen nicht mehr habe aufrechterhalten können (S. 16 Ziff. 4.3.3). Be
züg
lich Hobbys und Freizeitaktivitäten habe die Beschwerdeführerin ausgeführt, in den letzten Monaten nicht mehr viel gemacht zu haben. Neben dem nor
malen Programm in der Klinik mache sie nicht mehr viel. Sie würde manchmal abends fernsehen (S. 16 Ziff. 4.3.4).
Im Rahmen des Untersuchungsgesprächs hätten sich keine Ermüdungser
schei
nungen, keine Hinweise für nachlassende Konzentration und Aufmerksamkeit gezeigt. Die Schwingungsfähigkeit sei im Gespräch gegeben gewesen. Bei der Schilderung des Ereignisses vom 8. September 2012 habe sich kaum eine affektive Beteiligung gezeigt. Weiterhin habe sich auch die Darstellung der
Begleitumstände und des Vorfalls selbst unproblematisch, differenziert und ohne
erkennbare Erinnerungslücken gezeigt. Sie habe allerdings angegeben, dass sie sich an den Zeitraum nach dem Vorfall (Einsätze am gleichen Tag, Rückreise nach Hause) schlecht erinnern könne. Auch bei der Schilderung von Wieder
erinnerungen beziehungsweise Flashbacks mit bildhaften Erinnerungen an den sterbenden Patienten und die Diskussion mit der Notfallärztin habe sich kaum eine affektive Beteiligung gezeigt. Die Beschwerdeführerin habe dabei eher distanziert gewirkt (S. 20 Ziff. 5.2).
Gemäss subjektiven Angaben der Beschwerdeführerin
seien die psychischen Prob
leme nach einem Zwischenfall im Rahmen der beruflichen Tätigkeit als Rettungsassistentin am 8. September 2012 aufgetreten. Allfällige psychische Probleme oder psychiatrisch-psychotherapeutische Behandlungen vor diesem
Zeit
punkt seien verneint worden. Gemäss Angaben der Beschwerdeführerin habe
sie am oben genannten Datum trotz vorhandener Qualifikation und Erfah
rungen
einem schwer verunfallten Patienten aufgrund des Verhaltens der ein
satzleitenden Notfallärztin nicht helfen können. Sie habe sich sehr hilflos und blockiert gefühlt (S. 26 Ziff. 7).
Gesamthaft lägen im Zusammenhang mit dem Vorfall vom September 2012 sowie auch dem nachfolgenden Verlauf ausschliesslich subjektive Angaben der Beschwerdeführerin
vor. Erwähnenswert sei, dass sie in der Lage gewesen sei, ihre Arbeit als Rettungssanitäterin mit entsprechenden Einsätzen weiterzu
füh
ren. Im Mai 2014, mehr als eineinhalb Jahre nach dem Vorfall vom September 2012, habe die Beschwerdeführerin
ihre Hausärztin kontaktiert, welche eine Arbeitsunfähigkeit attestiert habe (S. 27 Ziff. 7).
Weder im Symptom-Checklist (SCL-90) noch im zusätzlich durchgeführten Frage
bogen zur Erfassung von negativen Antwortverzerrungen (SIMS) hätten sich Hinweise für eine Überverdeutlichungstendenz bei der Beschwerde
schilde
rung ergeben. Im Trail-Making Test, einem Screening Test zur Erfassung der
möglichen neuropsychologischen Auffälligkeiten, seien leicht unterdurch
schnitt
li
che Ergebnisse erzielt worden. Im ebenfalls durchgeführten Amsterdamer Kurz
zeitgedächtnistest (AKGT) habe die Beschwerdeführerin aussergewöhnlich auf
fällige Ergebnisse erzielt. Es sei mit an Sicherheit grenzender Wahrschein
lich
keit davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerin bei der Testdurchführung gezielt daneben geraten habe und die falschen Antworten zumindest teilweise gezielt und bewusst ausgewählt habe (S. 28 unten).
Im vorliegenden Fall könne vor allem aufgrund der langen Latenz zwischen Auf
treten des fraglich traumatischen Ereignisses und Manifestation der Beschwer
den auf der funktionellen Ebene beziehungsweise Therapieaufnahme eine post
traumatische Belastungsstörung gemäss engen ICD-10-Kriterien nicht bejaht werden. Allenfalls müsse differentialdiagnostisch eine posttraumatische Belas
tungs
störung mit spätem Beginn (
late
onset
PTBS) erwogen werden. Die von Dressing und Meyer-Lindenberg vorgeschlagenen Kriterien würden ebenfalls gegen das Vorliegen einer posttraumatischen Belastungsstörung sprechen (S. 34 oben).
Es sei anzunehmen, dass zumindest im Verlauf die Kriterien für eine mindestens mittelgradige depressive Symptomatik erfüllt gewesen seien. Zum gegenwärti
gen Zeitpunkt und nach mehrwöchiger stationärer Behandlung sei die Symp
to
matik so weit remittiert, dass die Stimmungslage sich deutlich aufgehellt habe. Gesamthaft könne daher zum gegenwärtigen Zeitpunkt eine nur noch leichte depressive Symptomatik im Sinne von einer teilremittierten mittelgra
di
gen depressiven Episode diagnostiziert werden (S. 35).
Hinsichtlich der angestammten Tätigkeit als Rettungssanitäterin, welche sehr hohe Ansprüche an Belastbarkeit, Verantwortung (gegenüber Patienten und Mitarbeitern), interpersonelle und soziale Fähigkeiten stelle, sei bedingt durch
die depressive Restsymptomatik mit emotionaler Labilität, reduzierter Anpas
sungs
fähigkeit, Flexibilität und auch defizitären interpersonellen Skills (in Krisen-/Notfallsituation) von einer schwer eingeschränkten medizinischen Leis
tungsfähigkeit auszugehen. Vor allem für die Arbeit mit Patienten in emotional belastenden Ausnahmesituationen unter Zeitdruck im Schichtdienst bestehe keine Arbeitsfähigkeit (S. 35 unten). In einer ruhigen, stressarmen Tätigkeit ohne Schichtdienst, ohne hohe Anforderungen an kognitive Funktionen, Stress
toleranz und interaktionelle Fähigkeiten und ohne Betreuung von Patienten sei von einer leicht reduzierten Leistungsfähigkeit auszugehen. Die Arbeitsun
fähigkeit sei mit 30 % zu beziffern (S. 36 oben). Vor dem Hintergrund des subjektiven Erlebens der Explorandin werde dennoch ein Einstieg mit zunächst 50-%-Pensum empfohlen, dann eine Steigerung auf 70 % innert der nächsten zwei bis drei Monate (S. 37 unten). Neben der Weiterführung der ambulanten psychiatrischen Behandlung, inklusive
Psychopharmakatherapie
, werde eine
enge Koordination zwischen Case-Managerin des Kantonsspitals Winterthur und
betreuendem Psychiater empfohlen, im Rahmen der anzustrebenden Reintegra
tion (S. 38 oben).
3.3
Dr. med. F._, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, führte mit Bericht vom 4. April 2015 (Urk. 7/17) aus, er behandle die Beschwerde
füh
rerin seit Mai 2014 (S. 1 Ziff. 1.2), und nannte die folgenden Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit (S. 1 Ziff. 1.1):
-
komplexe posttraumatische Belastungsstörung, Reaktivierung durch belastendes Einsatzereignis am 8. September 2012 (ICD-10 F43.1)
-
Persönlichkeitsveränderung nach posttraumatischer Belastungsstörung, zwanghafte, schizoide und emotional-instabile Persönlichkeit (ICD-10 F62.0)
Symptomatisch zu den genannten Diagnosen seien ein schweres somatoformes depressives Syndrom mit Suizidalität, Insomnie/Erschöpfung und Selbstpflege
defizit mit Hortungszwang. Soziophobie, soziale Isolation und erlernte Hilf
losig
keit seien ebenso symptomatisch (S. 1 Ziff. 1.1).
Nach dem Ereignis vom September 2012 sei die Beschwerdeführerin zuerst weiter
ihrer beruflichen Tätigkeit ohne Auffälligkeiten nachgegangen. Im Verlauf der nächsten 18 Monate sei es bei ihr aber zu einer zunehmenden Schlafstörung mit steigender Erschöpfung und einem ab Sommer 2013 bemerkten, schleichend
zunehmenden Verfall der Konzentration und der Merkfähigkeit mit erhöhter Fehler
anfälligkeit im Dienst und Gedächtnislücken gekommen. Die Beschwerde
führerin
habe zuerst erfolglos innerhalb der organisatorischen Strukturen des Rettungsdienstes um Hilfe ersucht. Ab Mai 2014 habe sie erkannt, dass sie ohne Hilfe einer Trauma-spezifischen Psychotherapie nicht weiterkommen würde. Daher habe sie sich an ihn gewandt und sei von ihm krankgeschrieben worden (S. 3 oben).
Seit der dienstlichen psychischen Verletzung am 8. September 2012 habe die Beschwerdeführerin mit eigenen Ressourcen versucht, die Arbeitsfähigkeit in der gewohnten Pflichttreue aufrecht zu erhalten. Dabei habe sie aber unter zunehmender Insomnie und Albträumen immer mehr Zeichen körperlicher und seelischer Erschöpfung gezeigt, zuletzt mit Merkfähigkeitsstörung, Konzentrationsverlust, Schlafangst, ESS, DSS, Depressivität, Körpergewichtszunahme und
Antriebsverlust. Tagsüber sei es zunehmend zu Flashbacks gekommen, die zuerst
nur traumhaft nachts vorgekommen seien. Die Arbeitsfähigkeit sei bereits seit April wegen mnestischer Mängel deutlich reduziert gewesen. Erst im Mai 2014 habe sich die Beschwerdeführerin, in deren Selbstbild invalidisierende Erkran
kungen bisher keinen Platz gehabt hätten, zur psychiatrischen Behandlung entschlossen. Aktuell sei eine Verwahrlosung der Wohnung und Erlöschen der Aktivitäten des täglichen Lebens (ATL) eingetreten, die Hilfeannahmefähigkeit der Beschwerdeführerin sei nicht entwickelt, da sie selber Helfer sei. Die psy
chiatrische Spitex sei angeboten und abgelehnt worden. Die Wohnung gelte als inneres Refugium und dürfe nicht betreten werden (S. 3 unten).
Die Heilungsprognose sei solange infaust, als sich die Beschwerdeführerin
nicht auf eine
traumaadaptierte
Expositionstherapie einlasse. Die Störung sei solange nur durch optimale und ständig flexibel geführte Psychotherapie beherrschbar (S. 4 oben).
Als Rettungssanitäterin bestehe eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit (S. 4 Ziff. 1.6). Im Gutachtensverfahren für die Y._ am G._ habe die Beschwerdeführerin
affektiv blockiert, nicht alle anamnestischen Angaben gegeben und dissimuliert, weshalb es sinnlos sei, die attestierte Arbeitsfähigkeit von 70 % für angepasste Tätigkeiten umzusetzen zu versuchen. Die Beschwer
de
führerin
sollte zunächst zwei bis drei Jahre berentet werden (S. 5 Ziff. 1.7). Eine Arbeitsfähigkeit sei auf längere Sicht möglich, wenn sie vorübergehend berentet werde und sich darunter auf die geeignete und störungsangepasste Behandlung und auf bessere Versorgung
einlasse. Aktuell dominiere das sozial isolierte, schizoid-zwanghafte Bild und verhindere alle subjektive Einlassung und Hilfesuche (S. 6 Ziff. 1.11).
Es sei durchaus häufig, dass PTBS und andere
Traumafolgestörungen
aufgrund von Ressourcen und
Restcopingfähigkeiten
der Opfer erst nach weiterer Deple
tion dieser Kräfte aufträten. Die zwanghaft-schizoide Struktur habe die Be
schwerdeführerin
daran gehindert, bald Hilfe zu suchen. Auch die durch die Y._-Gutachter festgestellte affektive Unbeteiligtheit und fehlende Expressivität oder Abreaktion der Beschwerdeführerin bei der Schilderung der Einsatzbe
lastung sei kein Hinweis auf bereits stattgehabte Verarbeitung oder mindere Schwere (S. 6).
3.4
Dr. med. B._, Facharzt für
Psychiatrie und Psychotherapie
, erstat
tete am 10. August 2015 zuhanden der Y._ ein psychiatrisches Gutachten (Urk. 7/28/2-38). Dabei nannte er folgende Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit (S. 24 Ziff. 6):
-
komplexe posttraumatische Belastungsstörung entsprechend einer andau
ernden Persönlichkeitsänderung nach Extrembelastung (ICD-10 F62.0) sowie Verdacht auf eine dissoziative Störung (ICD-10 F44.9) im Rahmen eines
schwergradigen
Missbrauchserlebnisses mit körperlicher und sexueller Gewalt im Alter von 11 Jahren durch eine Person ausserhalb der engeren Familie (ICD-10 F61.5)
-
leichte depressive Episode (ICD-10 F32.0)
-
akzentuierte Persönlichkeit mit zwanghaft-perfektionistischen Zügen (ICD-10 Z73.1)
-
leichtgradiges Übergewicht (167 cm, 75 kg, BMI = 26.9) im Rahmen der Behandlung mit
Zyprexa
(20 mg/d)
Das Adjektiv komplex bei der Diagnose der posttraumatischen Belastungs
stö
rung beziehe sich hier auf eine anzunehmende Persönlichkeitsänderung bezieh
ungsweise auf eine beeinträchtigte Persönlichkeitsreifung mit de facto fehlender sexueller Reifung (komplex bedeute nicht, dass eine Persönlichkeitsstörung vorliege). Entsprechend der heutigen Auffassung liessen sich bei komplexen post
traumatischen Belastungsstörungen mit dissoziativer Neigung ein scheinbar normaler Anteil (
apparently
normal
part
, ANP) sowie ein emotionaler Anteil (emotional
part
, EP) unterscheiden, wobei beim EP eine
sympathomimetische
, bewusste ängstliche Reaktion und eine
parasympathomimetische
, tonisch-immobile und amnestische Reaktion unterschieden werden. Menschen mit kom
plexer posttraumatischer Belastungsstörung könnten im Beruf lange Zeit relativ unauffällig wirken und ihre Leistung erbringen, solange sie im Zustand des (kognitiven) ANP verbleiben können. Ein Wechsel in ein EP sei indessen mit einer Berufsausübung nicht vereinbar, da ein EP eine akute Angstreaktion darstelle und
durch bestimmte, nicht vorhersehbare Trigger-Reize (im vorlie
gen
den Falle durch das plötzlich auftretende Gefühl von Hilf- und Machtlosigkeit wie anlässlich des Ereignisses vom 8. September 2012 beschrieben) ausgelöst werden könne. Die oben angegebene Diagnose müsse im Rahmen dieser Begut
achtung als wahrscheinlichste Diagnose formuliert werden. Für eine höhere diagnostische Sicherheit sei eine Längsbeobachtung und insbesondere auch eine direkte Beobachtung dissoziativer Zustände erforderlich (S. 24 Ziff. 6).
Dr. B._ berichtete über eine telefonische Fremdauskunft vom 15. Juli 2015 des
behandelndenden
Psychiaters Dr. F._, wonach die Beschwerdeführerin anankastische (zwanghafte) und hochgradig leistungsorientierte Charaktermerk
male aufweise, und er die Zwanghaftigkeit diagnostisch als zwanghafte Per
sönlichkeitsakzentuierung (ICD-10 Z73.1) einordne. Die Beschwerdeführerin habe
über den im Alter von 11 Jahren stattgefundenen sexuellen Missbrauch berich
tet, sodass davon auszugehen sei, dass es sich bei ihr um eine früh trau
ma
ti
sierte Person handle. Dr. F._ beurteile die Beschwerdeführerin in ihrer ange
stammten Tätigkeit als Rettungssanitäterin als zu 100 % arbeitsunfähig. In einer geeigneten Verweistätigkeit - wie beispielweise im Bestattungswesen - halte er sie aktuell zu 50 % arbeitsfähig. Mit einer entsprechenden beruflichen Förde
rung könne dieses Pensum nachträglich auf einen Beschäftigungsgrad von 100 % angehoben werden. Ausschlaggebend dabei sei jedoch, dass sich die Beschwerdeführerin auf eine Trauma-spezifische Therapie einlasse, denn bei adä
quater Therapie sei die Prognose gut. Mehr als die Hälfte der Betroffenen würden bereits innert eines Jahres störungsspezifischer Behandlung eine nach
haltige Besserung zeigen (S. 7 Ziff. 4).
Die Beschwerdeführerin
habe angegeben, dass sie die „Bilder“ des früheren Miss
brauchs „blockieren“ könne, die „Bilder“ im Zusammenhang mit dem Arbeits
einsatz vom 8. September 2012 könne sie jedoch nicht blockieren (S. 15 Ziff. 5.1.1.7).
Bezüglich der kognitiven Leistungen habe keine signifikante Beeinträchtigung der
Konzentration festgestellt werden können. In der Gesamtwürdigung der 3
1/2
stün
digen Exploration sei die Beeinträchtigung von Merkfähigkeit und Gedächtnis als maximal leichtgradig festgestellt worden. Die gedankliche Ein
engung auf das Ereignis vom 8. September 2012 sowie das damit verbundene Grübeln müsse hingegen als
schwergradig
bezeichnet werden. Die Beschwer
deführerin habe über
schwergradige
Schuldgefühle gegenüber dem verstorbenen Verunfallten berichtet. Antriebs- und psychomotorische Störungen seien nicht ersichtlich gewesen. Circadiane Besonderheiten hätten ebenfalls nicht vorge
legen.
Zusätzlich habe jedoch ein
schwergradiger
sozialer Rückzug vorgelegen. Die Beschwerdeführerin lebe mittlerweile vollständig zurückgezogen, sie habe auch zu den wenigen im Gutachten vom März 2015 erwähnten Bezugspersonen keinen Kontakt mehr. Es sei eine
schwergradige
Beeinträchtigung der Sexualität festzuhalten, die Beschwerdeführerin habe in ihrem Leben keine sexuellen Beziehungen gehabt (S. 16 ff. Ziff. 5.1.2).
Die Beschwerdeführerin habe angegeben, dass sie im ersten Jahr nach dem Ereignis vom September 2012 bei der Arbeit oft das Gefühl gehabt habe, dass das verstorbene Unfallopfer sich physisch bei ihr befinde. Zur Art der Beein
trächtigung ihrer Arbeitsfähigkeit in diesem Kontext habe sie keine genaueren Angaben gemacht. Die genauen Zusammenhänge der Symptomentwicklung könne sie sich nicht erklären. Im ersten Jahre nach dem besagten Ereignis habe sie sich bei der Arbeit noch relativ sicher gefühlt, danach nicht mehr. Aus ihrer Sicht sei erschwerend dazu getreten, dass lediglich sechs Tage später ihr Vater verstorben sei (S. 19 f. Ziff. 5.2).
Insgesamt hätten sich in der vorliegenden Begutachtung keine Hinweise auf Simulation oder Aggravation erkennen lassen. Auffallend bei den Schilde
rung
en sei erneut der wenig spürbare affektive Rapport und die fehlende emo
tio
nale Beteiligung bei der Schilderung belastender Lebensereignisse (Verlust der fami
liären Strukturen, Verlust der primären Bezugsperson, Verlust von Freund
schaf
ten,
Verlust der Arbeit; S. 23 unten).
In Anlehnung an die Empfehlungen der Swiss Insurance Medicine (SIM) sei zur Beurteilung der Arbeitsfähigkeit die dargelegte psychiatrische Diagnostik durch eine Erhebung von Fähigkeiten der Aktivität sowie der Partizipation mittels des Mini-ICF-App erhoben worden (S. 25 Ziff. 8). In der Gesamtheit ergebe sich keine Arbeitsfähigkeit als Rettungssanitäterin im Aussendienst (100 % Arbeits
un
fähigkeit; S. 28).
Im Innendienst oder einer verwandten Verweistätigkeit ohne Patientenkontakt (beispielsweise im administrativen Bereich) bestehe bereits heute eine Teilarbeitsfähigkeit von 50 % mit der Möglichkeit einer Steigerung auf 100 % innert längstens zweier Monate (S. 35 Ziff. 10
lit
. g).
Die Prognose für eine Remission der komplexen posttraumatischen Belastungs
störung sei bei konsequent psychiatrisch-psychotherapeutischer Behandlung - im vorliegenden Falle eine Trauma-spezifische Intervention - relativ gut. Vollre
missionen seien dabei durchaus möglich (S. 30 Ziff. 9). Nach Abklingen der depressiven Residualsymptomatik, welche bei konsequenter psychiatrisch-psy
cho
therapeutischer (antidepressiver) Behandlung innert 2 Monaten erwartet wer
de
n
könne, bestehe die Möglichkeit einer Steigerung der Arbeitsfähigkeit von 50 % auf 100 % (S. 35).
Die beiden Vorgutachter der A._ hätten die geklagten Beschwerden während der Untersuchung genügend berücksichtigt, seien indes im nachfolgenden Schrif
tenwechsel nicht in genügender Weise auf wesentliche neue Informa
tio
nen zum Beschwerdebild der Beschwerdeführerin (sexueller Missbrauch) einge
tre
ten. Daher seien die Beschwerden der Beschwerdeführerin in der Gesamtdar
stellung ungenügend berücksichtigt worden (S. 31 unten).
3.5
Med.
pract
.
H._
, Facharzt für Neurologie, Regionaler Ärztlicher Dienst
(RAD), führte mit Stellungnahme vom 6. Oktober 2015 (Urk.
7/40/3
) aus, die
Darstellung im Gutachten
von Dr. B._
sei überzeugend.
Das Beschwerde
bild gehe über eine depressive Störung hinaus und spreche für eine andauernde
Persönlichkeitsveränderung nach Extrembelastung, wobei ein Ereignis im Kindes
alter und das Ereignis vom 8. September 2012 im Rahmen eines Rettungsein
satzes relevant seien. Als
Rettungssanitäterin
sei die Beschwerdeführerin
ab Mai
20
14
zu
100
%
arbeitsunfähig
.
Eine a
ngepasst
e Tätigkeit sei ab August 2015 zu
50
%
anzunehmen
.
Eine Steigerung auf 100
%
werde im
Verlauf
als
wahr
schein
lich
erachtet. Eine
Revision
werde
in
sechs
Monaten empfohlen.
3.6
Med.
pract
. H._ führte mit Stellungnahme vom 22. März 2016 (Urk.
7/40/6
) aus, die Arbeitsunfähigkeit b
eruhe nicht auf einer posttraumatischen Belas
tungs
störung, sondern auf anderen psych
ischen
Störungen wie im Gutachten
von Dr. B._
genannt.
3.7
Dr. med. I._, Fachärztin für
Psychiatrie und Psychotherapie
, führte
mit Bericht vom 15. September 2016 (Urk. 7/38) aus, sie behandle die Beschwer
deführerin
seit Januar 2016 (S. 1 Ziff. 1.2), und nannte folgende Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit (S. 1 Ziff. 1.1):
-
komplexe PTBS mit andauernder Persönlichkeitsänderung nach Extrem
belastung (ICD-10 F62.0)
-
dissoziative Störung (ICD-10 F44.9)
-
schwere depressive Episode (
ICD-10
F32.2)
Die Beschwerdeführerin leide sehr unter
flash
backs
in Form sich immer wieder aufdrängenden Bildern vom sterbenden Patienten im Rettungsdienst und ihrer erzwungenen Untätigkeit, da die Rettungsärztin keine Massnahmen habe ergrei
fen wollen. Häufig sei sie Tag und Nacht von diesen Bildern gequält und könne dann auch nicht schlafen. Sie leide unter wiederkehrenden Albträumen bei chro
nischen Ein- und vor allem Durchschlafstörungen. Das Selbstwertgefühl sei stark
vermindert. Sie lebe sozial völlig zurückgezogen und habe keinerlei soziale Kontakte mehr. Der Aufbau einer therapeutischen Beziehung sei durch das ausgeprägte Misstrauen der Beschwerdeführerin, den Umgang mit
flash
backs
, der Motivation für eine Medikation, Aufnahme von Kontakten oder einer erneuten stationären Behandlung geprägt gewesen. Die Beschwerdeführerin habe sich zu diesen Schritten nicht bereit erklärt, gehe jedoch zurzeit zusätzlich probeweise in eine Ergotherapie. Neben Symptomen der posttraumatischen Belastungsstörung hätten sich auch ausgeprägte depressive Symptome und wiederholt suizidale Krisen mit grosser Hoffnungslosigkeit gezeigt. Im Mai 2016 habe sie eine Ausbildung in rhythmischer Massage begonnen, wo sie bisher an zwei Kursblöcken teilgenommen habe. Sie könne sich nicht konzentrieren während der Theoriestunden und auch während der Massage wisse sie oft nicht, was sie schon gemacht habe. Ihren Massageraum nutze sie für ein bis zwei Massagen pro Woche. Diese überforderten sie meistens, da sie sich nicht merken könne, was sie bereits massiert habe und auch durch den persönlichen Kontakt gestresst sei (S. 5 f. Ziff. 1.4).
Aufgrund der depressiven und posttraumatischen Symptomatik sei die Be
schwerdeführerin weiterhin in ihrem Beruf als Rettungssanitäterin und ebenso für eine Umschulung oder die Ausübung einer alternativen Tätigkeit zu 100 % arbeitsunfähig (S. 6 Ziff. 1.7).
3.8
Ein Kundenberater der Beschwerdegegnerin führte am 9. November 2016 nach einer Besprechung mit einem Juristen aus (
Urk.
7/40/7), es liege keine PTBS vor (Begründung siehe A._). Die A._ gehe von einem gezielten Täuschungs
ver
halten aus. Es liege sicher Aggravation, eventuell sogar Simulation vor. Die Behandlung sei nicht adäquat, somit fehle der Leidensdruck. Die Beschwerde
führerin habe Ressourcen (Ausbildung zur rhythmischen Massage, habe einen Therapieraum etc.). Insgesamt liege kein invalidenversicherungsrelevanter Ge
sund
heitsschaden vor.
3.9
Derselbe Kundenberater der Beschwerdegegnerin führte am 6. Januar 2017 (Urk.
7/53
) aus, die Beschwerdeführerin habe vermutlich schon vor dem Ereignis vom September 2012 Probleme am Arbeitsplatz gehabt. Nach dem Ereignis habe sie bis 25. Mai 2014 normal gearbeitet. Als sie das erste Mal für zwei Wochen ausgefallen sei, habe sie wieder gearbeitet und sei nach zwei Wochen erneut ausgefallen. Nachdem sie einen Wiedereinstieg geplant habe, habe man ihr gesagt, dass man sie beurteilen lassen müsse. Das sei vermutlich eine Kränkung gewesen. Seither sei sie nicht mehr arbeiten gegangen. Seit mindestens Anfang 2015 sei sie als ärztlich diplomierte Masseurin tätig. Sie sei auch Kranken
kassenanerkannt.
Auch hierzu gebe es Inkonsistenzen. Frau Dr. I._ gebe an, dass die Beschwerdeführerin seit Juni 2016 ein bis zwei Massagen in der Woche durchführe. Dies sei nicht korrekt. Bereits Anfang 2015 habe sie ein Inserat über ihre Gesundheitspraxis in der J._ geschaltet.
Bei ihr liege keine PTBS vor. Leichte und mittelschwere psych
ische
Störung
en seien therapeutisch
angehbar
. Die Beschwerdeführerin
habe
sich keiner
konse
quent durchgeführte Depressionstherapie
unterzogen
.
Schliesslich würden die vor
handenen Ressourcen, das zur Einschränkung im Erwerbsbereich inkonsi
stente, hohe Aktivitätsniveau im privaten Bereich (stundenlange Spaziergänge, Inhaberin einer Gesundheitspraxis) und die von den Gutachtern der A._ fest
gehaltenen Hinweise auf ein gezieltes Täuschungsverhalten gegen ein therapie
resistentes Leiden sprechen.
3.10
K._, praktischer Arzt, L._, berichtete am 25. Februar 2017 (Urk. 3) über eine konsiliarische Beurteilung der Beschwerdeführerin vom 23. Februar 2017 und nannte die folgenden Diagnosen (S. 3):
-
komplexe PTBS, ICD-10
F43.1
-
mittelgradige depressive Episode ohne somatische Symptome, ICD-10 F33.10
Als Rettungssanitäterin
sei die Beschwerdeführerin zu 100
%
arbeitsunfähig. Sie
könne sich mittelfristig einen langsamen Einstieg in eine selbständige Tätigkeit als Masseurin
mit einem Initialpensum von 20
% vorstellen.
Dieses
Pensum sollte erst dann gesteigert werden, wenn sich die
Beschwerdeführerin
hierzu in der Lage sehe
(S. 4)
.
Das Ereignis vom
September 2012
habe gewisse traumatische Affekte
(Gefühl der Hilflosigkeit, Gefühl des Kontrollverlustes, etc.)
getriggert und
es
sei
dann
zu einem Vollbild einer
komplexen
PTBS gekommen.
Therapeutisch werde eine leitliniengestützte
Psychopharmak
a
therapie
sowie parallel eine längerfristige
trau
maadaptierte
Psychotherapie
empfohlen
.
Zudem werde die
Festsetzung einer
Rente der Invalidenversicherung empfohlen
.
Nach einer gewissen Stabilisierung der Symptomatik könne an eine berufliche Wiedereingliederungsmassnahme mit zunächst 20 % bis 30 % Belastbarkeit gedacht werden, wobei allerdings die Prognose offen sei (S. 5).
4.
4.1
Anhand der medizinischen Akten steht vorliegend ein psychisches Leiden der Beschwerdeführerin im Vordergrund.
4.2
Die Beschwerdegegnerin ging in der angefochtenen Verfügung vom 8. Februar 2017 (Urk. 7/54) entgegen der Einschätzung ihres RAD davon aus, dass kein invalidisierender Gesundheitsschaden vorliege.
4.3
Dr. B._
erstellte
sein
Gutachten
vom 10. August 2015
in Kenntnis sowie in Ausei
nandersetzung mit den
Vorakten
und berücksichtigte die
von der
Be
schwerdeführer
in geklagten Beschwerden
in angemessener Weise. Das Gut
ach
ten trägt der konkreten medizinischen Situation Rechnung. So leitete Dr.
B._
die gestellten Diagnosen nach ausführlicher
Befundnahme
(Urk. 7/28
S. 9 ff.) sorgfältig her (S. 24 f.). Er nahm ausführlich zu Konsistenz und Plausibilität Stellung (S. 19 ff.) und konnte keine Hinweise auf Simulation oder Aggravation erkennen (S. 23). Zudem legte er die Einschränkungen der Arbeits
fähigkeit mittels Mini-ICF-AP Testung eingehend dar (S. 25 ff.). Schliesslich nahm er ausführlich zum Gutachten der Ärzte der A._ Stellung (S. 31 ff.).
Die Beurteilung
leuchtet in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge ein und die vorgenommenen Schlussfolgerungen zu Gesundheitszustand sowie Arbeitsfähigkeit werden ausführlich begründet.
So zeigte der Gutachter in nach
vollziehbarer Weise auf, dass die Beschwerdeführerin in ihrer bisherigen Tätig
keit als Rettungssanitäterin im Aussendienst vollständig arbeitsunfähig und in einer angepassten Tätigkeit zu 50 % arbeitsfähig ist.
Nach dem Gesagten ist z
ur Beurteilung des psychischen Leidens auf das
um
fassende
Gutachten von
Dr. B._
(vorstehend E. 3.
4
) abzustellen, welches die praxisgemässen Kriterien an beweiskräftige Entsche
idungsgrundlagen (vor
stehend E.
1.5) vollumfänglich erfüllt.
Die Beschwerdegegnerin legte nicht dar, weshalb sie zur Beurteilung des Ge
sund
heitszustandes auf das Gutachten der Ärzte der A._ und nicht auf das aktuellere Gutachten von Dr. B._ abgestellt hat. Beim Gutachten von Dr. B._ handelt es sich um ein Obergutachten, welches das Gutachten der A._ in diversen Punkten kritisierte (Urk. 7/28 S. 31 ff.). Hervorzuheben ist der Umstand, dass die Gutachter der A._ im Zeitpunkt der Erstellung des Gut
achtens keine Kenntnis des sexuellen Missbrauchs der Beschwerdeführerin in der Kindheit hatten und auch im nachfolgenden Schriftenwechsel nicht in ge
nügender Weise auf diese neue Information zum Beschwerdebild der Beschwer
deführerin eingegangen sind (S. 31 unten). Dabei handelte es sich indes um eine wesentliche Information, stellte doch das plötzlich auftretende Gefühl von Hilf- und Machtlosigkeit wie anlässlich des Ereignisses vom 8. September 2012 einen Trigger-Reiz dar (vorstehend E. 3.4). Eine wesentliche
Traumafolgestörung
(Per
sön
lichkeitsveränderungen im Rahmen einer früheren Traumatisierung sowie dissoziative Phänomene) wurde durch die
Gutachter der A._ damit nicht in der erforderlichen Tiefe exploriert (Urk. 7/28 S. 34 Mitte). Auch der RAD stellte auf das Gutachten von Dr. B._ ab. Aus diesen Gründen und angesichts der dargelegten Beweiskraft des Gutachtens von Dr. B._ ist auf dieses abzu
stellen.
4.
4
Den Ausführungen der Beschwerdegegnerin, wonach
bei der
Beschwerde
füh
rer
in kein invalidisierender Gesundheitsschaden vorliege, und von ihr trotz ihrer Beschwerden erwartet werden könne, in einem rentenausschliessenden Umfang erwerbstätig zu sein,
kann nicht beigepflichtet werden.
So führte Dr. B._ in nachvollziehbarer Weise aus, dass es sich bei der Be
schwerdeführerin mit überwiegender Wahrscheinlichkeit um eine seit der Kindheit
schwergradig
traumatisierte Person handle. So seien die Auffällig
kei
ten der Beziehungsentwicklung, die berichteten und durch den ambulanten Behandler beobachteten dissoziativen Phänomene sowie die eklatante Disso
nanz zwischen berichteten Erlebnisinhalten (siehe Schilderung früherer belas
tender Rettungseinsätze) und beobachteter, praktisch vollständig fehlender, emotionaler Reaktion der Beschwerdeführerin während des Erzählens bezeich
nend für eine komplexe
Traumafolgestörung
. Dem Ereignis vom 8. September 2012 müsse die Bedeutung einer
Retraumatisierung
und nicht die Bedeutung einer Ersttraumatisierung zugeordnet werden (Urk. 7/28 S. 34).
4.5
Dr. B._ beurteilte die Prognose für eine Remission der komplexen post
traumatischen Belastungsstörung bei konsequent psychiatrisch-psychotherapeu
tischer Behandlung, im vorliegenden Falle einer Trauma-spezifischen Inter
ven
tion, als relativ gut. Er führte aus, dass bei konsequenter Behandlung eine Stei
ge
rung der Arbeitsfähigkeit von 50 auf 100 % innert zwei Monaten in einer angepassten Tätigkeit möglich sei (vorstehend E. 3.4). Die Beschwerdegegnerin begründete die leistungsablehnende Verfügung mitunter damit, dass die Thera
piemöglichkeiten noch nicht ausgeschöpft seien (Urk. 7/54/2).
Dabei sagt ledig
lich der Umstand, dass das Leiden behandelbar ist,
grundsätzlich
noch nichts über den invalidisierenden Charakter aus.
Für die Entstehung des Anspruchs auf eine Invalidenrente im Besonderen ist vorausgesetzt, dass während eines Jahres
(ohne wesentlichen Unterbruch) eine mindestens 40%ige Arbeitsunfähigkeit nach
Art. 29 Abs. 1
lit
. b IVG bestanden hat und eine anspruchsbegründende Erwerbs
unfähigkeit weiterhin besteht
(BGE 127 V 294 E. 4
c
)
. Angesichts des doch sehr kurzen prognostizierten Zeitraums, innert welchem Dr. B._ eine Besserung erwartet hat, wäre es wohl ratsam gewesen, mit einem Entscheid über den Leistungsanspruch bis zur Wahrnehmung einer Trauma-spezifischen Interven
tion durch die Beschwerdeführerin zuzuwarten.
4.6
Weiter überzeugt nicht, wenn die Beschwerdegegnerin ausführt, ein Leidens
druck der Beschwerdeführerin fehle (Urk. 7/54/2). So befand sie sich über zwei Monate in stationärer Behandlung (vorstehend E. 3.1) und begab sich zur Trauma-spezifischen Psychotherapie zu Dr. F._ (vorstehend E. 3.3). Später nahm sie eine therapeutische Behandlung bei Dr. I._ (vorstehend E. 3.7) und K._ (vorstehend E. 3.10) wahr. Zudem erklärte Dr. F._ plau
sibel, die Beschwerdeführerin habe aufgrund ihrer zwanghaft-schizoiden Struk
tur nicht schneller psychiatrische Hilfe gesucht (vorstehend E. 3.3).
4.7
Soweit die Beschwerdegegnerin weiter erwähnte, dass deutliche Hinweise auf Aggravation bestünden (vorstehend E. 2.1), vermag dies nicht zu überzeugen. Die Gutachter der A._ führten verschiedene Tests durch. Dabei wurde beim Ams
terdamer Kurzzeitgedächtnistest (AKGT) eine zielgerichtete negative Ant
wort
verzerrung beziehungsweise Vortäuschung der kognitiven Symptome als sehr wahrscheinlich angenommen, nicht aber beim Strukturierten Fragebogen simulierter Symptome (SFSS) und der Symptom-Checklist (SCL-90), wo keine Hinweise für eine Übertreibung von Symptomen beziehungsweise für negative Antwortverzerrungen festgestellt werden konnten (vorstehend E. 3.2). Da auch Dr. B._ im Obergutachten
keine Hinweise auf Simulation oder Aggravation
erkennen konnte (vorstehend E. 3.4), ist nicht von einer Aggravation der Be
schwerdeführerin auszugehen.
4.8
Die Beschwerdegegnerin begründete die Ablehnung des Leistungsanspruchs des Weiteren mit vorhandenen Ressourcen und einem inkonsistenten, hohen Akti
vitätsniveau (Urk. 7/54/2), was nicht nachvollziehbar erscheint. So lebt die Be
schwerdeführerin mittlerweile vollständig zurückgezogen. Ihre Wohnung darf
von niemanden betreten werden (vorstehend E. 3.3). Wichtige Bezugspersonen wie
ihre Eltern und eine enge Freundin sind verstorben (Urk. 7/32 S. 15 Ziff. 4.2.
3). Aus den einzigen Aktivitäten, welche im Gutachten von Dr. B._ erwähnt sind, leitete die Beschwerdegegnerin ein hohes Aktivitätsniveau ab. So daraus, dass die Beschwerdeführerin stundenlange Spaziergänge unternehme (vorstehend E. 3.9), was gemäss Gutachten von Dr. B._ zwar zutrifft, indes für die Beschwerdeführerin vor allem eine therapeutische Bedeutung hat. Zudem erwähnte die Beschwerdegegnerin die Inhaberschaft einer Gesundheitspraxis (vor
stehend E. 3.9). Die Beschwerdeführerin hat bereits 2007 Ausbil
dungs
lehr
gänge zur klassischen Massage und zur manuellen Lymphdrainage und kom
plexen physikalischen
Entstauungstherapie
gemacht (Urk. 7/1/2-3). Im Mai 2016
hat sie zudem
eine Ausbildung in rhythmischer Massage begonnen
(vorstehend E. 3.7). Es mag zutreffen, dass unklar ist, seit wann sie Massagen anbietet (vor
stehend E. 3.9). Indes ist dies nicht weiter relevant, da eine Tätigkeit als Masseurin in
niedrigem Pensum der Einschätzung von Dr. B._ nicht ent
gegensteht, ging er doch nicht von einer vollständigen Arbeitsunfähigkeit in jeglicher Tätigkeit aus. Zudem gab die Beschwerdeführerin an, sich von den Massagen überfordert zu fühlen, da sie sich nicht merken könne, was sie bereits massiert habe und auch durch den persönlichen Kontakt gestresst sei (vor
steh
end E. 3.7). Von einem hohen, rentenausschliessenden Aktivitätsniveau kann demnach keine Rede sein.
4.9
Der RAD-Arzt bestätigte sodann im Oktober 2015, dass auf das Gutachten von Dr. B._ abgestellt werden könne und gestützt auf dessen Beurteilung eine vollständige Arbeitsunfähigkeit der Beschwerdeführerin als Rettungssanitäterin seit Mai 2014 und eine 50%ige Arbeitsunfähigkeit in angepasster Tätigkeit ab August 2015 anzunehmen sei (vgl. vorstehend E. 3.5).
Somit ist der Beurteilung der Arbeitsfähigkeit durch
Dr. B._
auch a
us rechtlicher Sicht zu folgen
.
Nicht gefolgt werden kann hingegen der behandelnden Psychiaterin Dr. I._, deren Bericht hauptsächlich auf den subjektiven Angaben der Beschwerde
führerin gründet und deren Einschätzung einer vollständigen Arbeitsunfähigkeit in jeglicher Tätigkeit ihre
Begründung
wohl zumindest teilweise
in der Erfah
rungstatsache
findet
, dass nicht nur allgemeinpraktizierende Hausärzte, s
ondern auch behandelnde Spezial
ärzte im Hinblick auf ihre auftragsrechtliche
Vertrau
ensstellung in Zweifels
fällen eher zu Gunsten ihrer Patienten aussagen (vgl. BGE 125 V 353 E. 3b/cc mit Hinweisen).
Gleiches gilt für den - nach Ver
fügungserlass erstellten - Bericht von med.
pract
. K._ (nachstehend E. 3.10), welcher zudem keine objektive Beurteilung der Arbeitsfähigkeit der Beschwer
de
führerin vornahm.
4.10
Nach dem Gesagten ist
die
Beschwerdeführer
in
mit dem im Sozialver
siche
rungsrecht massgebenden Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit ins
besondere gestützt auf das beweiskräftige Gutachten von
Dr. B._
auf
grund des derzeit invalidisierenden psychischen Gesundheitsschadens seit spätestens
Mai 2014
in
der angestammten
Tätigkeit zu 100
%
arbeitsunfähig
und seit spätestens August 2015 in einer angepassten Tätigkeit zu 50 %
arbeits
fähig.
4.11
Was im Übrigen eine von der Beschwerdeführerin geltend gemachte allfällige
Verletzung des rechtlichen Gehörs anbelangt (vorstehend E. 2.2), kann eine so
lche im vorliegenden Verfahren mit unbeschränkter Prüfungsbefugnis als geheilt gelten.
5.
5.1
Zu prüfen bleibt, wie sich die festgestellte Einschränkung der Arbeitsfähigkeit im Erwerbsbereich auswirkt.
Ein Rentenanspruch entsteht gemäss
Art.
29
Abs.
1 IVG frühestens nach Ablauf von sechs Monaten nach Geltendmachung des Leistungsanspruchs. Angesichts der Anmeldung vom
18. November 2014
(
Urk. 7/2
), welche am
20. November 2014
bei der Beschwerdegegnerin eingegangen war (vgl. Aktenverzeichnis zu
Urk. 7
S.
1), würde ein allfälliger Rentenanspruch frühestens ab dem
1. Mai 2015
bestehen.
In Bezug auf das Wartejahr im
Sinne von
Art.
28
Abs.
1
lit
. b IVG (vorstehend E.
1.2) ist vorliegend eine medizinisch attest
ierte Arbeitsunfähigkeit ab Mai 2014 ausgewiesen (vgl. vorstehend E. 3.3),
wobei
die
Beschwerdeführer
in
bis August 2015
ohne Unterbruch (
Art.
29
ter
der Verordnung über die Invaliden
versicherung, IVV) a
ls zu 100 % arbeitsunfähig gilt. Das Wartejahr ist demnach im Mai 2015 abgelaufen.
Von Mai bis August 2015 bestand eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit. Ein Ein
kommensvergleich erübrigt sich
, da bei einer vollständigen Arbeitsunfähigkeit in sämtlichen Tätigkeiten der Invaliditätsgrad 100
%
beträgt
. Ab August 2015 ist von einer 50%igen Arbeitsfähigkeit in angepassten Tätigkeiten auszugehen. Im Hinblick auf Art.
88a
Abs.
1 IVV ist
dieser Umstand erst nach Ablauf von drei weiteren Monaten zu berücksichtigen. Damit steht
der
Beschwerdeführer
in
ab 1. Mai 2015 bis 30. Oktober 2015
eine ganze Rente der Invaliden
versi
che
rung zu.
5.2
Zu prüfen bleibt, ob ab November 2015 weiterhin ein Rentenanspruch besteht. Die
Beschwerdeführerin
ist
unbestrittenermassen als zu 100
%
Er
werbstätige zu qualifizieren
. Somit ist ein Einkommensvergleich nach
Art.
16 ATSG in Verbin
dung mit
Art.
28a
Abs.
1 IVG vorzunehmen.
Für
die Invaliditätsbemessung und insbesondere den Einkommensvergleich sind
aufgrund des Zeitpunkts des Ren
ten
beginns
(BGE 129 V 222)
die Verhältnisse im Jahre 2015 massgebend.
5.3
Bei erwerbstätigen Versicherten ist der Invaliditätsgrad gemäss Art. 16 ATSG in Verbindung mit Art. 28a Abs. 1 IVG aufgrund eines Einkommensvergleichs zu bestimmen. Dazu wird das Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach Durchführung der medizinischen Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit
bei aus
geglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte (sog. Invalideneinkommen),
in Bezie
hung gesetzt zum Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht in
valid geworden wäre (sog.
Valideneinkommen
). Der Einkommens
ver
gleich hat in der Regel in der Weise zu erfolgen, dass die b
eiden hypothetischen
Erwerbseinkommen ziffernmässig möglichst genau ermittelt und einander gege
n
übergestellt werden, worauf sich aus der Einkommensdifferenz der Invaliditäts
grad bestimmen lässt (sog. allgemeine Methode des Einkommensvergleichs; BGE 130 V 343 E. 3.4.2 mit Hinweisen).
5.4
Gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung ist für die Ermittlung des
Validen
einkommens
entscheidend, was die versicherte Person im Zeitpunkt des früh
estmöglichen Rentenbeginns nach dem Beweisgrad der überwiegenden Wahr
schein
lichkeit als Gesunde tatsächlich verdient hätte. Dabei wird in der Regel am zuletzt erzielten, nötigenfalls der Teuerung und der realen Einkommens
ent
wicklung angepassten Verdienst angeknüpft, da es empirischer Erfahrung ent
spricht, dass die bisherige Tätigkeit ohne Gesundheitsschaden fortgesetzt worden
wäre. Ausnahmen müssen mit überwiegender Wahrscheinlichkeit erstellt sein (BGE 139 V 28 E. 3.3.2; BGE 135 V 58 E. 3.1; BGE 134 V 322 E. 4.1 mit Hin
weis).
5.5
Die Beschwerdeführerin war von 1998 bis 2015 beim Z._ als Rettungssanitäterin angestellt (Urk. 7/14, Urk. 7/26). Es ist davon aus
zugehen, dass sie bei guter Gesundheit weiterhin dort gearbeitet hätte. Gemäss Arbeitsgeberbericht hätte sie im Jahr 2015 einen Jahreslohn von Fr. 92‘320.-- erzielt (Urk. 7/14 Ziff. 2.11). Fraglich ist, ob die durchschnittlichen Schichtzulagen der letzten drei Jahre in der Höhe von jährlich Fr. 5‘340.-- zu berücksichtigen sind.
Bei der Ermittlung des hypothetischen
Valideneinkommens
im Rahmen des Ein
kommensvergleichs (
Art.
16 ATSG) ist relevant, was grundsätzlich zum mass
geblichen Lohn gemäss dem Bundesgesetz über die Alters- und
Hinter
lasse
nen
versicherung
(AHVG) zu zählen ist (
Art.
25
Abs.
1 IVV). Nach
Art.
5
Abs.
2 AHVG gilt als massgebender Lohn jedes Entgelt für in unselbständiger Stellung auf bestimmte oder unbestimmte Zeit geleistete Arbeit. Der massgebende Lohn umfasst auch Teuerungs- und andere Lohnzulagen, Provisionen, Gratifika
tio
nen, Naturalleistungen, Ferien- und Feiertagsentschädigungen und ähnliche Bezüge, ferner Trinkgelder, soweit diese einen wesentlichen Bestandteil des Arbeits
entgeltes darstellen.
Art.
7
lit
. a der Verordnung über die Alters- und
Hinterlassenenversicherung
(AHVV) hält fest, dass zum massgebenden Lohn auch Entschädigungen für Überzeitarbeit, Nachtarbeit und Stellvertreterdienst gehören.
Die Schichtzulagen sind demnach zu berücksichtigen, womit ein
Validenein
kommen
von Fr. 97'660.-- (Fr. 92‘320.-- + Fr. 5‘340.--) resultiert.
5.6
Für die Bestimmung des Invalideneinkommens können nach der Rechtsprechung Tabellenlöhne gemäss den vom Bundesamt für Statistik periodisch herausgegebenen Lohnstrukturerhebungen (LSE) herangezogen werden (BGE 139 V 592 E. 2.3, BGE 135 V 297 E. 5.2; BGE 129 V 472 E. 4.2.1; BGE 126 V 75 E. 3b). Dabei sind grundsätzlich die im Verfügungszeitpunkt aktuellsten veröffentlichten Tabellen der LSE zu verwenden (Urteile des Bundesgerichts 9C_699/2015 vom 6. Juli 2016 E. 5.2, 8C_78/2015 vom 10. Juli 2015 E. 4 und 9C_526/2015 vom 11. September 2015 E. 3.2.2; zur Verwendung der aktuellsten statistischen Daten bei Rentenrevisionen vgl. BGE 142 V 178 E. 2.5.8.1 und BGE 133 V 545 E. 7.1). Der Griff zur Lohnstatistik ist subsidiär, das heisst deren Beizug erfolgt nur, wenn eine Ermittlung des Invalideneinkommens aufgrund und nach Massgabe der konkreten Gegebenheiten des Einzelfalles nicht möglich ist (vgl. BGE 142 V 178 E. 2.5.7; BGE 139 V 592 E. 2.3, BGE 135 V 297 E. 5.2; vgl. auch Meyer/Reichmuth, IVG, 3. Aufl., N 55 und 89 zu Art. 28a, mit weiteren Hinweisen auf die Rechtsprechung).
5.7
Zur Ermittlung des Invalideneinkommens
sind die Tabellen der Lohnstruktur
erhebungen (LSE) des Bundesamtes für Statistik heranzuziehen
.
Es besteht kein Grundsatz, wonach stets auf die Tabelle TA1 abzustellen ist
(vgl. Urteil
8C_300/2015 vom 10. November 2015 E. 7.2). Die Beschwerdeführerin war 1982
bis 1989 als Verkäuferin, danach als Schwesternhilfe und ab 1996 als Rettungs
sanitäterin tätig (Urk. 7/15). Als Rettungssanitäterin im Innendienst oder in einer
verwandten Verweistätigkeit ohne Patientenkontakt (beispielsweise im administrativen Bereich) besteh
t
e
ine Teilarbeitsfähigkeit von 50
%
(vgl. vor-stehend E. 3.4). Aufgrund dieser verbliebenen Arbeitsfähigkeit ist das Invaliden
einkommen gestützt auf die LSE-Tabelle T17 für das Jahr 2012, Berufsgruppe 4 „Bürokräfte und verwandte Berufe“, zu bestimmen. Dem steht nicht entgegen, dass die Beschwerdeführerin in diesem Bereich über keine Ausbildung verfügt, umfasste doch die Tätigkeit als Rettungssanitäterin auch administrative Auf
gaben (vgl. Urk. 7/14/13).
Das im Jahr 2012 von Frauen
über 50 Jahren
im Durchschnitt
in der Berufs
gruppe 4 „Bürokräfte und verwandte Berufe“
erzielte
Einkommen betrug pro Monat Fr. 6‘118.-- (LSE 2012, Tabelle T17
,
Ziffer 4, Total
, Rubrik „Frauen“), mithin
Fr. 73‘416
.-- im Jahr (
Fr. 6‘118
.-- x 12).
Unter Berücksichtigung der Nominallohnentwicklung (2012: 2630 Punkte, 2015:
2686 Punkte;
www.bfs.admin.ch
, Entwicklung der Nominal
löhne, der Konsu
men
tenpreise und der Reallöhne) sowie der betriebsüblichen
wöchent
lichen Arbeitszeit im Jahr 201
5
von 41.7 Stunden
(
www.bfs.admin.ch
; Betriebs
übliche Arbeitszeit nach Wirtschaftsabteilungen) resultiert für das Jahr 2015 ein hypo
thetisches Invalideneinkommen von rund Fr. 78‘166.-- (Fr. 6‘118.-- x 12 : 40 x 41.7 x 2686 : 2630).
Auf das der Beschwerdeführerin angenommene zumutbare Pensum von
50 %
umgerechnet, resultiert ein hypothetisches Invalidenein
kommen von
rund Fr. 39‘083.--.
Wird das
Valideneinkommen
von
Fr.
97'660.-- dem Invalideneinkomm
en von rund Fr. 39‘083
.--
gegenübergestellt,
resultiert
eine Einkommenseinbusse von Fr. 58‘577.--, was einem Invali
ditätsgrad von rund
60 % entspricht
.
5.8
Wird das Invalideneinkommen auf der Grundlage von statistischen Durch
schnitts
werten ermittelt, ist der entsprechende Ausgangswert allenfalls zu kürzen. Mit dem sogenannten Leidensabzug wurde ursprünglich berücksichtigt, dass versicherte Personen, welche in ihrer letzten Tätigkeit körperliche Schwer
arbeit verrichteten und nach Eintritt des Gesundheitsschadens auch für leichtere Arbeiten nurmehr beschränkt einsatzfähig sind, in der Regel das entsprechende durchschnittliche Lohnniveau gesunder Hilfsarbeiter nicht erreichen. Der ursprüng
lich nur bei Schwerarbeitern zugelassene Abzug entwickelte sich in der Folge zu einem allgemeinen behinderungsbedingten Abzug, wobei die Recht
sprechung dem Umstand Rechnung trug, dass auch weitere persönliche und berufliche Merkmale der versicherten Person wie Alter, Dauer der Betriebs
zuge
hörigkeit, Nationalität oder Aufenthaltskategorie sowie Beschäftigungsgrad Aus
wirkungen auf die Höhe des Lohnes haben können. Ein Abzug soll aber nicht automatisch, sondern nur dann erfolgen, wenn im Einzelfall Anhaltspunkte dafür bestehen, dass die versicherte Person wegen eines oder mehrerer dieser Merkmale ihre gesundheitlich bedingte (Rest-)Arbeitsfähigkeit auf dem allge
meinen Arbeitsmarkt nur mit unterdurchschnittlichem Einkommen verwerten kann. Bei der Bestimmung der Höhe des Abzuges ist der Einfluss aller in Betracht fallenden Merkmale auf das Invalideneinkommen unter Würdigung der Umstände im Einzelfall gesamthaft zu schätzen und insgesamt auf höchstens 25
%
des Tabellenlohnes zu begrenzen (vgl. zum Ganzen BGE 126 V 75). Dabei ist zu beachten, dass allfällige bereits bei der Parallelisierung der Vergleichs
ein
kommen mitverantwortliche invaliditätsfremde Faktoren im Rahmen des soge
nannten Leidensabzuges nicht nochmals berücksichtigt werden dürfen (BGE 134 V 322 E. 5.2).
Wurde bei der Festsetzung der Höhe des Abzugs vom Tabellenlohn ein Merkmal oder ein bestimmter Aspekt eines Merkmals zu Unrecht nicht berücksichtigt, hat die Beschwerdeinstanz den Abzug gesamthaft neu zu schätzen. Es ist nicht von dem von der IV-Stelle vorgenommenen Abzug auszugehen und dieser ange
messen zu erhöhen (vgl. Urteil des Bundesgerichts 9C_796/2013 vom 28. Januar 2014 E.
3
.
2 mit Hinweis auf
SVR 2011 IV Nr. 31 S. 90, 9C_728/2009 E. 4.1.2).
Die Beschwerdeführerin ist aufgrund ihrer gesundheitlichen Einschränkung in administrativen Tätigkeiten nicht eingeschränkt.
In Würdigung sämtlicher Um
stände erscheint vorliegend ein leidensbedingter Abzug im Lichte der Recht
sprechung nicht als angemessen
.
5.9
Zusammenfassend ist somit festzuhalten, dass die Beschwerdeführerin ab 1. Mai 2015 bei einem Invaliditätsgrad von 100 % Anspruch auf eine ganze Rente und ab 1. November 2015 bei einem Invaliditätsgrad von 60 % Anspruch auf eine
Drei
viertelsrente
der Invalidenversicherung
hat. Angesichts der relativ guten
Prognose
bei konsequenter psychiatrisch-psychotherapeutischer Behandlung w
ird die Beschwerdegegnerin den Leistungsanspruchs in naher Zukunft zu über
prüfen haben.
Mit dieser Feststellung und in
teilweiser
Gutheissung der Beschwerde ist die angefochtene Verfügung somit aufzuheben.
6.
6.1
Da es im vorliegenden Verfahren um die Bewilligung oder Verweigerung von Versicherungsleistungen geht, ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Gerichts
kosten sind nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert fest
zulegen (
Art.
69
Abs.
1
bis
IVG) und auf
Fr. 9
00.-- anzusetzen. Entsprechend dem Ausgang des Verfahrens sind sie der unterliegenden Beschwerdegegnerin aufzu
erlegen.
6.2
Nach § 34 Abs. 1
GSVGer
hat die obsiegende Beschwerde führende Person An
spruch auf Ersatz der Parteikosten. Diese werden ohne Rücksicht auf den Streit
wert nach der Bedeutung der Streitsache, der Schwierigkeit des Prozesses und dem Mass des Obsiegens bemessen (§ 34 Abs. 3
GSVGer
).
Unter Berücksichtigung der vorgenannten Bemessungskriterien und beim ab Januar 2015 für Rechtsanwälte gerichtsüblichen Stundenansatz von
Fr.
220.-- (zuzüglich
MWSt
) ist die Prozessentschädigung vorliegend auf
Fr. 2‘000
.-- (inkl. Barauslagen und
MWSt
) festzusetzen.