Decision ID: e1d22a99-526f-485d-86f3-cc71d75e282b
Year: 2022
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ wurde von ihrem Hausarzt im September 2016 zur Früherfassung
angemeldet (IV-act. 2). Im Oktober 2016 reichte die Versicherte die Anmeldung zum
Bezug von IV-Leistungen ein (IV-act. 5). Sie gab an, sie habe von 1989 bis 1992 die
Berufsausbildung zur Apothekerhelferin mit eidgenössischem Fähigkeitsausweis
abgeschlossen (vgl. IV-act. 8-1). Am 14. Oktober 2016 teilte der Hausarzt mit, die
Versicherte leide an einer rezidivierenden depressiven Störung mit psychotischen
Symptomen (IV-act. 15). Am 1. Februar 2017 berichtete Dr. med. B._, Facharzt für
Psychiatrie und Psychotherapie FMH, die Versicherte sei seit dem 29. November 2016
bei ihm in Behandlung (IV-act. 22). Er habe bei ihr folgende Diagnosen erhoben:
Generalisierte Angststörung, akzentuierte emotional instabile und dependente
Persönlichkeitszüge und psycho-physische Erschöpfung in Folge reduziert verfügbarer
Stressmodulation. Am 18. April 2017, 21. September 2017 und 1. Dezember 2017 gab
Dr. B._ unveränderte Diagnosen an (IV-act. 34, 51 und 54).
A.a.
Im Auftrag der Zürich Versicherungsgesellschaft AG untersuchte Prof. Dr. med.
C._, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie FMH, am 11. Januar 2018 die
Versicherte (Fremdakten act. 3). Dr. C._ gab an, die Versicherte leide an Angst und
einer depressiven Störung, gemischt, und an einer dependenten und emotional-
instabilen Persönlichkeitsakzentuierung (DD: Kombinierte Persönlichkeitsstörung). Als
Nebendiagnose stellte er ein psycho-physisches Erschöpfungssyndrom als Folge einer
reduzierten Stressmodulationsfähigkeit fest. Ein niederschwelliger beruflicher
Wiedereinstieg sei angezeigt; Ziel sei eine niederschwellige Wiedereingliederung mit
Aufbau eines Pensums von ca. 60 bis 80% in einer möglichst wenig stressbesetzten
Position in der angestammten Tätigkeit.
A.b.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 3/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Am 26. Februar 2018 teilte die IV-Stelle der Versicherten mit, zur Klärung der
Leistungsansprüche erachte sie eine umfassende medizinische Untersuchung als
notwendig (IV-act. 65). Am 24. April 2018 erstattete die Neuroinstitut St. Gallen GmbH
ein bidisziplinäres (orthopädisches [durch Dr. med. D._ vorgenommenes] und
psychiatrisches [durch Prof. C._ vorgenommenes]) Gutachten (IV-act. 67). Die
Sachverständigen erhoben als Diagnosen mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit eine
generalisierte Angststörung. Sie gaben an, ohne Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit leide
die Versicherte an einem psycho-physischen Erschöpfungszustand, einer
Persönlichkeitsakzentuierung und einer altersentsprechenden, allenfalls diskret
rechtsseitigen AC-Gelenkarthrose ohne Bewegungseinschränkung. Der psychiatrische
Sachverständige führte aus, er habe Inkonsistenzen festgestellt. Die Versicherte habe
über deutliche berufliche Handicaps und eine schwere Antriebsstörung berichtet, die
sie für berufliche Aktivitäten stark handicapierten. Diskrepant dazu sei ihr privates
Alltagsniveau mit zahlreichen Aktivitäten. Hinweise für Verdeutlichungen seien
vorhanden; eine Aggravation oder Simulation sehe er aber nicht. Die Versicherte weise
aber auch deutliche Vermeidungstendenzen in Bezug auf eine Wiederaufnahme der
beruflichen Tätigkeit auf, da sie sich in dieser Tätigkeit nicht wohl fühle und eine
geringe Selbstwirksamkeitserwartung habe, zukünftigen problematischen Situationen
aus dem Weg gehen zu können. Aus gutachterlicher Sicht bestehe eine erhebliche
Diskrepanz zwischen der Selbstwahrnehmung der Versicherten und der
gutachterlichen Selbstbeurteilung, die auf eine erhebliche Selbstlimitierung und ein
Vermeidungsverhalten mit Flucht in die Krankenrolle zurückzuführen sei. Der
psychiatrische Sachverständige Dr. C._ gab an, aus seiner Sicht sei eine
medikamentöse Behandlung der psychischen Störung und eine störungsspezifische
Massnahme zumutbar. Die therapeutischen Massnahmen seien nicht ausgeschöpft.
Hierzu zähle unter anderem der Einsatz eines Antidepressivums. Unter diesen
leitliniengerechneten Massnahmen sei innerhalb von sechs Monaten eine signifikante
Verbesserung der Arbeitsfähigkeit auf 50% (oder mehr) zu erreichen, die weiter
steigerbar sei auf 80-100%. Dabei sei als Einschränkung im Leistungsbild anzumerken,
dass eine zumutbare Tätigkeit nur gering stressbelastet sein sollte. Schicht- und
Nachtarbeit seien zu vermeiden. Eine Tätigkeit mit überwiegendem Kundenkontakt sei
nicht leidensgerecht. Aus diesem Grund könne aktuell keine mittel- und langfristige
Arbeitsunfähigkeit attestiert werden. Aktuell sei von einer Arbeitsfähigkeit von 40% in
A.c.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 4/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
der zuletzt ausgeübten und in einer adaptierten Tätigkeit auszugehen. Der
orthopädische Sachverständige führte aus, seit der Antragsstellung habe zu keinem
Zeitpunkt ein anhaltend gesichertes orthopädisch-chirurgisches Störungsbild mit
handicapierenden Auswirkungen bestanden, das die mittel- und langfristige
Arbeitsfähigkeit der Versicherten in der zuletzt ausgeübten sowie einer adaptierten
Tätigkeit um mehr als 20% eingeschränkt hätte. Am 4. Juni 2018 notierte der RAD-Arzt
Dr. med. E._ (IV-act. 69), die Feststellung im Gutachten, die Versicherte sei bisher
noch nicht leitliniengerecht behandelt worden, sei nicht korrekt. Bereits zwischen 2013
und 2014 habe eine medikamentöse antidepressive Therapie begleitend zu einer
psychotherapeutischen Therapie stattgefunden. Dies habe zu einer Stabilisierung der
Versicherten geführt; eine Remission habe damit aber nicht erreicht werden können.
Weiter sei die vorletzte Arbeitsstelle nicht aufgrund der Erkrankungen, sondern wegen
eines Streits mit dem Vorgesetzten aufgegeben worden. Danach habe die Versicherte
eine 60%-Stelle angenommen. Korrekt sei jedoch, dass durch eine leitliniengerechte
Therapie eine Steigerung der Arbeitsfähigkeit bis zum Vollpensum erreichbar sei.
Aktuell sei der Versicherten mindestens eine halbtägige Präsenzzeit bei leicht
reduzierter Leistungsfähigkeit (insgesamt etwa 40% Rendement) zumutbar.
Am 23. Januar 2019 berichteten Fachpersonen von den Psychiatrie-Diensten
F._ (IV-act. 78), die Versicherte leide an einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung
(DD: kombinierte Persönlichkeitsstörung). Als Nebendiagnosen hätten sie eine
generalisierte Angststörung, sonstige abnorme Gewohnheiten und Störungen der
Impulskontrolle sowie akzentuierte emotional instabile und dependente
Persönlichkeitszüge und in der Vorgeschichte ein psychophysisches
Erschöpfungssyndrom erhoben. In der zuletzt ausgeübten Tätigkeit sei die Versicherte
voll arbeitsunfähig; eine ideal adaptierte Tätigkeit sei zu 40-60% möglich.
A.d.
Mit einer Mitteilung vom 11. Februar 2019 wies die IV-Stelle das Begehren um
berufliche Massnahmen ab (IV-act. 82), da aufgrund des Gesundheitszustandes derzeit
keine beruflichen Massnahmen möglich seien.
A.e.
Die Versicherte gab im Fragebogen zur Rentenabklärung betreffend
Erwerbstätigkeit/Haushalt am 27. Mai 2019 an (IV-act. 85), dass sie ohne
gesundheitliche Einschränkung zu 80% als Pharmaassistentin arbeiten würde. Am 14.
A.f.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 5/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Juni 2019 gaben die Fachpersonen der Psychiatrie-Dienste F._ im Wesentlichen
unveränderte Diagnosen an (IV-act. 87).
Am 6. September 2019 teilte die IV-Stelle der Versicherten mit, zur Klärung der
Leistungsansprüche erachte sie eine umfassende medizinische Untersuchung als
notwendig (IV-act. 91). Am 4. März 2020 erstattete die Zentrum für Interdisziplinäre
Medizinische Begutachtungen AG (ZIMB) ein polydisziplinäres (orthopädisches,
internistisches und psychiatrisches) Gutachten (IV-act. 102). Die Sachverständigen
gaben an, sie hätten keine Diagnose mit Auswirkungen die Arbeitsfähigkeit erheben
können. Ohne Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit leide die Versicherte an einer
Entwicklung körperlicher Symptome aus psychischen Gründen, an einer Neurasthenie,
anamnestisch an einem Status nach Frozen Shoulder der adominanten linken Seite
2014 und im Verlauf auch rechts (radiologisch bis auf Verschmächtigung des Recessus
axillaris links unauffälliger Befund der Schulter; klinisch unauffälliger Befund) und an
einer Laktoseintoleranz. Die Arbeitsfähigkeit sei somit sowohl in der angestammten
Tätigkeit als Apothekerhelferin wie auch in allen beruflichen Verweistätigkeiten
vollumfänglich gegeben. Auch in der Vergangenheit habe keine längerdauernde,
höhergradige Arbeitsunfähigkeit bestanden. Der psychiatrische Sachverständige führte
in seinem Teilgutachten bezüglich Konsistenz und Plausibilität aus (IV-act. 102-43), im
Selbstbeurteilungsfragebogen habe die Versicherte Werte erzielt, die für eine schwere
depressive Symptomatik sprechen würde. Eine solche Diagnose habe er jedoch in der
Untersuchung nicht objektivieren können. Gegen eine erhebliche depressive
Symptomatik sprächen das gute soziale Funktionsniveau (gute Partnerschaft,
regelmässiger Besuch von Bekannten); ein sozialer Rückzug bestehe nicht. Auch gehe
die Versicherte Freizeitbeschäftigungen nach (Velo fahren, Spazieren gehen,
Warenverkauf im Internet). Auch der geschilderte Tagesablauf habe sich im
Wesentlichen nicht beeinträchtigt gezeigt. Der Gesamteindruck in der psychiatrischen
Anamnese und in der Verhaltensbeobachtung sei unauffällig gewesen. Gemäss den
Kriterien zur gutachterlichen Konsistenzprüfung bestanden folgende Hinweise auf eine
Aggravation/Simulation: Inkonsistenz innerhalb der Beschwerdenschilderung,
Inkonsistenz zwischen Selbstschilderungen der Versicherten und
fremdanamnestischen Informationen einschliesslich Aktenlage, Inkonsistenz zwischen
subjektiver Beschwerdenschilderung und objektiven Untersuchungsbefunden,
A.g.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 6/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Inkonsistenz zwischen der Art der beklagten Beschwerden und ihres Verlaufs einerseits
und dem typischen Bild und Verlauf des betreffenden Krankheitsbilds andererseits,
Inkonsistenz zwischen behauptetem Leidensausmass und für den Gutachter fehlender
Erkennbarkeit von Leidensdruck, appellative, demonstrative, übertriebene, dramatische
oder theatralische Wirkung des Vorbringens der Klagen und schliesslich: Das
Vorbringen der Klagen habe beim Gutachter kein Gefühl des Betroffenseins, sondern
ein Gefühl des Unechten, des Falschen, der Nichteinfühlbarkeit und
Nichtverstehbarkeit entstehen lassen. Weiter nehme die Versicherte trotz der
genannten Beeinträchtigungen und Einschränkungen keine fachärztliche und
medikamentöse Hilfe in Anspruch. Nachvollziehbare Gründe für dieses Verhalten könne
die Versicherte nicht nennen. Unter Abwägung sämtlicher dargestellter Aspekte sei
vom Vorliegen einer Symptomausweitung, wenn nicht sogar einer Aggravation
auszugehen. Der orthopädische Sachverständige gab in seinem Teilgutachten an (IV-
act. 102-47 ff.), für körperlich leichte bis mittelschwere Tätigkeiten unter
Wechselbelastung (einschliesslich der in der Apotheke verrichteten Tätigkeit) bestehe
eine zeitlich und leistungsmässig uneingeschränkte Arbeitsfähigkeit. Das häufig
wiederholte Heben und Tragen von Lasten über 15kg sei zu vermeiden. Am 31. März
2020 notierte der RAD-Arzt Dr. med. G._, das ZIMB-Gutachten erfülle die
versicherungsmedizinischen Anforderungen; auf es könne abgestellt werden (IV-act.
103).
Mit einem Vorbescheid vom 15. April 2020 teilte die IV-Stelle der Versicherten mit,
sie beabsichtige, das Rentenbegehren bei einem IV-Grad von 0% abzuweisen (IV-act.
106). Am 15. Mai 2020 wandte die Versicherte ein, dass der IV-Grad anhand der
Arbeitsfähigkeitsschätzung von H._ der Psychiatrie-Dienste F._ zu errechnen sei.
Sie bat darum, entsprechende Auskünfte einzuholen (IV-act. 110-1 f.). In einem
beigelegten Schreiben vom 15. Mai 2020 hatte med. pract. I._, Fachärztin für
Psychiatrie und Psychotherapie FMH, festgehalten, die Einschätzung von H._ der
Psychiatrie-Dienste F._ sei nachvollziehbar (IV-act. 110-3 f.). Am 24. August 2020
berichteten die Fachpersonen der Psychiatrie-Dienste F._ (IV-act. 112) von im
Wesentlichen unveränderten Diagnosen. Neu gaben sie als Verdachtsdiagnose ein
Asperger-Syndrom an. Sie führten weiter aus, in der zuletzt ausgeübten Tätigkeit sei
die Versicherte voll arbeitsunfähig, eine ideal adaptierte Tätigkeit sei ihr zu 40-60%
A.h.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 7/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
zumutbar. Die IV-Stelle legte die neuen medizinischen Berichte am 2. September 2020
zur Stellungnahme der ZIMB vor (IV-act. 113). Die ZIMB-Sachverständigen führten am
26. Oktober 2020 aus (IV-act. 114), auch unter Beizug der nach der Begutachtung
ergangenen Behandlerberichte hielten sie an ihrer bisherigen Einschätzung bezüglich
Diagnose und Arbeitsfähigkeit fest. Bezüglich des Asperger-Syndroms sei lediglich von
einem Verdacht die Rede, was so zu interpretieren sei, dass die Ausprägung eher
geringer Natur sei, da ansonsten von einer gesicherten Störung auszugehen wäre. Der
Testbericht zu den Autismus-Spektrum-Störungen habe ihnen nicht vorgelegen.
Während der Begutachtung seien keine Anhaltspunkte für ein Asperger-Syndrom
erkennbar gewesen; solche seien von der Versicherten auch nicht geschildert worden.
Es habe keinen Hinweis auf obsessive Verhaltensweisen, Sonderinteressen, erhebliche
Zwänge und Veränderungsängste gegeben. Die Begutachtung sei von einer freundlich
höflichen Kommunikation geprägt gewesen. Die Versicherte sei auch beziehungsfähig;
ihren Partner kenne sie seit über 14 Jahren und sie lebe mit ihm in einer gut erlebten
Beziehung. Auch die Berufswahl spreche gegen ein Asperger-Syndrom. Menschen mit
einem Asperger-Syndrom seien sich der ausgeprägten Kommunikationsstörung
bewusst und ergriffen daher von vornherein keinen Beruf, der einen regelmässigen
Umgang mit anderen Menschen erfordere. Vergleichbares gelte für eine Mitgliedschaft
im Turnverein, die bei der Versicherten früher bestanden habe. Auch besuche die
Versicherte am Nachmittag Läden, um sich Dinge anzuschauen; dies sei ebenfalls nicht
vereinbar mit einem Asperger-Syndrom. Aufgrund der rasch auftretenden
Überforderung bei vielen Sinnesreizen und den zahlreichen Begegnungen mit anderen
Menschen würden Beschäftigungen wie ein Einkaufsbummel von Menschen mit
Asperger-Syndrom eher vermieden. Bezüglich der narzisstischen
Persönlichkeitsstörung sei in den Behandlerberichten ebenfalls nur eine
Verdachtsdiagnose festgehalten worden. Die langjährige Behandlerin gehe damit nicht
sicher davon aus, dass eine solche Störung vorliege, was dafür spreche, dass selbst
dann, wenn vom Vorliegen einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung ausgegangen
würde, diese nicht besonders stark ausgeprägt wäre. Im Übrigen habe die Versicherte
während der Begutachtung keine Eigenheiten, die auf eine Persönlichkeitsstörung
hinweisen würden, gezeigt. Bei der Begutachtung habe die Versicherte angegeben,
eine Neigung zur Aggression zu haben; dem habe sie jedoch keine grössere
Bedeutung zugemessen. Vielmehr seien von ihr depressive Symptome, Ängste und
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 8/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
intestinale Beschwerden beklagt worden. Im Übrigen gehe aus den Akten hervor, dass
die Stimmungsschwankungen medikamentös behandelt würden, wodurch sich eine
Besserung eingestellt habe. Bezüglich der Ängste läge aufgrund der Schilderungen der
Versicherten eine Sozialphobie nahe; in der Begutachtungssituation, also einer
Situation, in der typischerweise eine Sozialphobie auftrete, seien aber keine
entsprechenden Symptome festgestellt worden. Die Ursache für die diskrepante
Beurteilung durch die ZIMB-Sachverständigen einerseits und durch die Behandler
andererseits dürfte auf die unterschiedlichen Rollen zurückzuführen sein. Im Gegensatz
zu einem Sachverständigen nehme ein behandelnder Arzt in der Regel keine Prüfung
vor, ob der Patient aggraviere. Er sei mit der Therapie befasst und stehe sowohl aus
ethischer als auch aus vertraglicher Sicht auf Seiten seines Patienten; es gelte der
"Vertrauensgrundsatz", wonach ein Patient, der über Beschwerden klage, auch an
solchen leide. Dagegen sei ein Gutachter zu Neutralität und gesicherten
wissenschaftlichen Erkenntnissen verpflichtet.
Im Rahmen einer zweiten Anhörung zum Vorbescheid vom 15. April 2020 wandte
die Versicherte am 2. Februar 2021 sinngemäss ein (IV-act. 119), der psychiatrische
Teil des ZIMB-Gutachten überzeuge nicht; vielmehr sei auf die Beurteilung durch die
Behandler abzustellen, laut der sie bereits seit über drei Jahren voll arbeitsunfähig sei.
Der ZIMB-Sachverständige habe sich zu wenig mit den Behandlerberichten
auseinandergesetzt und sich kaum mit der Krankheit befasst. Die Versicherte legte
ihrer Stellungnahme unter anderem den Testbericht zur Autismus-Spektrums-
Störungs-Abklärung vom 3. April 2020 (IV-act. 120), den Bericht der
psychodiagnostischen Untersuchung vom 11. Juli 2018 (IV-act. 121) durch die
Psychiatrie-Dienste F._ sowie den Bericht der Klinik J._ vom 13. November 2020
(IV-act. 122) bei. Die neu eingereichten Behandlerberichte wurden der ZIMB durch die
IV-Stelle am 22. März 2021 zur Stellungnahme zugestellt (IV-act. 126). Am 27. Mai 2021
führten die ZIMB-Sachverständigen aus (IV-act. 127), der psychiatrische
Sachverständige komme auch unter Einbezug der neuen Berichte zu keiner anderen
Einschätzung bezüglich der Diagnosen und der Arbeitsfähigkeit. Aus diesen Berichten
ergebe sich kein neuer Erkenntnisgewinn. Zu den darin festgehaltenen Tatsachen/
Diagnosen (z.B. Persönlichkeitsstörung, Asperger-Syndrom) sei bereits Stellung
A.i.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 9/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.
genommen worden. Daher werde am bestehenden Gutachten vollumfänglich
festgehalten.
Im Rahmen einer dritten Anhörung wandte die Versicherte am 23. Juli 2021 ein (IV-
act. 134), sie sei durch die ZIMB-Sachverständigen nicht psychodiagnostisch abgeklärt
worden. Am 10. August 2021 reichte med. pract. I._ einen Bericht ein (IV-act. 136),
der durch die IV-Stelle am 21. Oktober 2021 (IV-act. 138) wiederum der ZIMB zur
Stellungnahme vorgelegt wurde. Die ZIMB-Sachverständigen hielten am 8. November
2021 fest (IV-act. 140), aus dem Bericht von Dr. I._ ergäben sich keine neuen
relevanten Aspekte, die nicht bereits ausführlich diskutiert worden seien. Im Rahmen
einer vierten Anhörung monierte die Versicherte am 8. Dezember 2021 (IV-act. 142)
weiterhin sinngemäss, dass das psychiatrische Teilgutachten der ZIMB nicht
überzeuge. Sie reichte einen Bericht der Fachpersonen der Psychiatrie-Dienste F._
vom 8. Dezember 2021 ein (IV-act. 142-2 f.). Darin hatten die Fachpersonen keine
wesentlichen neuen Diagnosen angegeben. Sie hatten ausführt, die Versicherte sei auf
dem Arbeitsmarkt (nach wie vor) nicht vermittelbar.
A.j.
Am 6. Januar 2022 verfügte die IV-Stelle wie angekündigt die Abweisung des
Rentenbegehrens bei einem IV-Grad von 0% (IV-act. 144). Sie hatte den IV-Grad
anhand der sogenannten gemischten Methode ermittelt, wobei sie davon ausgegangen
war, dass die Versicherte ohne gesundheitliche Einschränkung zu 80% erwerbstätig
und zu 20% im Haushalt tätig wäre.
A.k.
Am 7. Februar 2022 liess die Versicherte (nachfolgend: Beschwerdeführerin)
Beschwerde gegen die Verfügung der IV-Stelle (nachfolgend: Beschwerdegegnerin)
vom 6. Januar 2022 erheben (act. G 1). Sie beantragte, die angefochtene Verfügung sei
aufzuheben und ihr seien die ihr zustehenden gesetzlichen Leistungen zuzusprechen;
eventualiter sei ein Gerichtsgutachten einzuholen; subeventualiter sei die
Angelegenheit zwecks weiterer Abklärungen an die Beschwerdegegnerin
zurückzuweisen. Ausserdem ersuchte sie um die Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung und der unentgeltlichen Prozessverbeiständung. Zur Begründung ihrer
Beschwerdeanträge führte sie im Wesentlichen aus, das ZIMB-Gutachten überzeuge
nicht. Der psychiatrische ZIMB-Sachverständige habe die von den Behandlern und
B.a.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 10/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
vom Vorgutachter gestellte Diagnose der generalisierten Angststörung sowie die von
den Behandlern gestellte Diagnose einer Persönlichkeitsstörung nicht diskutiert und
sich nicht mit den Arbeitsfähigkeitsschätzungen auseinandergesetzt. Eine
uneingeschränkte Arbeitsfähigkeit in der angestammten Tätigkeit sei insbesondere mit
Blick auf die zahlreichen Stellenwechsel/Stellenverluste wegen interpersonellen
Problemen und Konflikten nicht plausibel. Auch die nachträglich eingeholte
Stellungnahme bei der ZIMB vom 26. Oktober 2020 vermöge diese Mängel nicht zu
verbessern. Der ZIMB-Sachverständige habe nicht alle Ängste berücksichtigt; es lägen
auch eine massive arbeitsbezogene Angst und eine Angst vor
Menschenansammlungen und vor der Benutzung des ÖV vor. Bezüglich der
Beurteilung von Konsistenz und Plausibilität widerspreche das ZIMB-Gutachten dem
Vorgutachten. Die Erfüllung der Kriterien zur Prüfung von Inkonsistenzen sei zu wenig
begründet und nicht sorgfältig geprüft worden. Der psychiatrische ZIMB-
Sachverständige habe sich ausserdem zu wenig mit der Persönlichkeit der
Beschwerdeführerin auseinandergesetzt. Dazu fänden sich nur oberflächliche Angaben
im Gutachten; im Übrigen verweise der psychiatrische ZIMB-Sachverständige auf das
vom internistischen ZIMB-Sachverständigen Erhobene. Weiter werde die Einstufung
der Beschwerdeführerin durch die Beschwerdegegnerin als zu 80% im Erwerb und zu
20% im Haushalt tätig bestritten; ohne Einschränkung der Gesundheit wäre sie zu
mindestens 90% arbeitstätig.
In ihrer Beschwerdeantwort vom 5. Mai 2022 beantragte die Beschwerdegegnerin
die Abweisung der Beschwerde (act. G 7). In der Begründung führte sie insbesondere
aus, dem ZIMB-Gutachten sei Beweiskraft zuzumessen; es sei vollständig. In der
Stellungnahme vom 26. Oktober 2020 sei nochmals eingehend dargelegt worden, dass
weder die Diagnose eines Asperger-Syndroms noch diejenige einer
Persönlichkeitsstörung gestellt werden könne. Aus den Akten sei keine
Verschlechterung des Gesundheitszustandes seit der Begutachtung durch das ZIMB
ersichtlich.
B.b.
Am 10. Mai 2022 bewilligte die verfahrensleitende Richterin die unentgeltliche
Rechtspflege (act. G 8).
B.c.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 11/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte

Erwägungen
1.
Mit der angefochtenen Verfügung vom 6. Januar 2022 hat die Beschwerdegegnerin
das Rentenbegehren der Beschwerdeführerin abgewiesen. Da das
Beschwerdeverfahren die Prüfung der Rechtmässigkeit dieser Verfügung zum Ziel hat,
muss es sich auf den Entscheidinhalt der angefochtenen Verfügung beschränken.
Folglich ist nur zu prüfen, ob die Beschwerdeführerin im Zeitpunkt der Eröffnung der
angefochtenen Verfügung einen Anspruch auf eine Rente der Invalidenversicherung
gehabt hat. Die Beschwerdeführerin hat in der Beschwerde die Zusprache der
gesetzlichen Leistungen verlangt, worunter neben einer Invalidenrente insbesondere
auch berufliche Eingliederungsmassnahmen fallen würden. Letztere gehören aber nicht
zum Entscheidinhalt der angefochtenen Verfügung. Im Übrigen ist ein Anspruch auf
berufliche Eingliederungsmassnahmen bereits mit einer zwar formal rechtswidrigen
(vgl. dazu Art. 74 lit. b IVV, laut dem nur Leistungszusprachen ohne Verfügung
erfolgen dürfen), aber trotzdem inzwischen verbindlichen Mitteilung vom 11. Februar
In einer Replik vom 23. Mai 2022 liess die Beschwerdeführerin an ihren
Beschwerdeanträgen festhalten (act. G 10). Sie reichte unter anderem ein von der
Zürich Versicherungsgesellschaft AG in Auftrag gegebenes Gutachten von Dr. C._
vom 20. August 2018 ein (act. G 10.1). Die Beschwerdeführerin führte aus, das
Gutachten von Dr. C._ vom 20. August 2018 sei bisher nicht in den Akten gewesen
und habe damit auch den ZIMB-Sachverständigen nicht vorgelegen. Dr. C._ hatte
darin ausgeführt, die Beschwerdeführerin leide an Angst und einer depressiven Störung
gemischt und an einer dependenten und emotional-instabilen
Persönlichkeitsakzentuierung (DD: Kombinierte Persönlichkeitsstörung). Als
Nebendiagnose hatte er ein psycho-physisches Erschöpfungssyndrom als Folge einer
reduzierten Stressmodulationsfähigkeit angegeben. Er hatte ausgeführt, seit dem
Januar 2018 sei es zu einer Verstärkung des angstbesetzten Verhaltens gekommen. In
der bisherigen wie auch in einer adaptierten Tätigkeit bestehe eine volle
Arbeitsunfähigkeit. Die therapeutischen Massnahmen seien nicht ausgeschöpft; sowohl
eine stationäre Behandlung als auch eine antidepressive Therapie sei notwendig.
B.d.
Am 27. Juni 2022 verzichtete die Beschwerdegegnerin auf die Einreichung einer
Duplik (act. G 12).
B.e.
ter
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 12/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2019 (IV-act. 82) verneint worden. Auf den Antrag um die Zusprache von beruflichen
Eingliederungsmassnahmen kann also nicht eingetreten werden.
2.
Einen Anspruch auf eine Rente der Invalidenversicherung haben Versicherte, die
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht
durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen wiederherstellen, erhalten oder
verbessern können, während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch
durchschnittlich mindestens 40% arbeitsunfähig gewesen sind und nach Ablauf dieses
Jahres zu mindestens 40% invalid sind (Art. 28 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die
Invalidenversicherung, IVG, SR 831.20). Invalidität ist die voraussichtlich bleibende
oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 des
Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts, ATSG,
SR 830.1). Erwerbsunfähigkeit ist der durch eine Beeinträchtigung der körperlichen,
geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung
und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten
auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG).
Gemäss Art. 28a Abs. 1 IVG i.V.m. Art. 16 ATSG ist die Invalidität grundsätzlich durch
einen Einkommensvergleich zu ermitteln. Dabei wird das Erwerbseinkommen, das die
versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach Durchführung der
medizinischen Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr
zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte (zumutbares
Invalideneinkommen), in Beziehung gesetzt zum Einkommen, das sie erzielen könnte,
wenn sie nicht invalid geworden wäre (Valideneinkommen). Bei nicht erwerbstätigen
Versicherten, die im Aufgabenbereich tätig sind, wird für die Bemessung der Invalidität
darauf abgestellt, in welchem Ausmass sie unfähig sind, sich im Aufgabenbereich zu
betätigen (Art. 28a Abs. 2 IVG). Bei Versicherten, die zum Teil erwerbstätig und
daneben auch im Aufgabenbereich tätig sind, kommt für den erwerblichen Teil der
Tätigkeit der Einkommensvergleich und für die Tätigkeit im Aufgabenbereich der
Betätigungsvergleich zur Anwendung; der Invaliditätsgrad bemisst sich nach der
Invalidität in beiden Bereichen (Art. 28a Abs. 3 IVG, Art. 27 Abs. 2 bis 4 IVV in der bis
zum 31. Dez. 2021 gültigen und hier noch anwendbaren Fassung).
2.1.
bis
Die Beschwerdegegnerin hat zwei Gutachten in Auftrag gegeben. Das erste
Gutachten ist von der Neuroinstitut St. Gallen GmbH am 24. April 2018 erstattet
worden. Das zweite Gutachten stammt von der ZIMB AG; es ist am 4. März 2020
erstellt worden. Bei der Begutachtung durch die Neuroinstitut St.Gallen GmbH hat Dr.
C._ mitgewirkt. Er hat die Beschwerdeführerin damit insgesamt dreimal gutachterlich
2.2.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 13/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
abgeklärt. In den beiden Gutachten im Auftrag der Zürich Versicherungsgesellschaft
hat Dr. C._ allerdings jeweils andere Diagnosen genannt (Angst und depressive
Störung gemischt und dependente und emotional-instabile Persönlichkeitsstörung, DD:
kombinierte Persönlichkeitsstörung) als im Gutachten, das im Auftrag der
Beschwerdegegnerin – zwischen dem ersten und dem zweiten Gutachten zuhanden
der Zürich Versicherungsgesellschaft – von der Neuroinstitut GmbH erstellt worden ist
(generalisierte Angststörung). In dem von der Beschwerdegegnerin in Auftrag
gegebenen Gutachten ist Dr. C._ von seinen eigenen beiden Gutachten vom Januar
2018 und vom August 2018 abgewichen, ohne dies zu begründen. Weder in seinen drei
Gutachten noch in den Akten der Beschwerdegegnerin findet sich eine Erklärung für
diese Divergenz. Hinzu kommt, dass Dr. C._ in seinem Gutachten für die
Beschwerdegegnerin zwar Hinweise für Verdeutlichungen, aber keine Aggravation und
erst recht keine Simulation angegeben hat. Er hat festgehalten, die Beschwerdeführerin
wäre nahezu vollständig arbeitsunfähig, wenn die von ihr berichteten beruflichen
Handicaps und die von ihr angegebene schwere Antriebsstörung tatsächlich vorliegen
würden. Das von der Beschwerdeführerin angegebene private Alltagsniveau sei
demgegenüber allenfalls geringfügig eingeschränkt. In seiner Würdigung der
Selbstangaben der Beschwerdeführerin hat er auf die erhebliche Selbstlimitierung und
auf das Vermeidungsverhalten (Flucht in die Krankenrolle) der Beschwerdeführerin
hingewiesen. Er hat aber nicht zu erklären vermocht, wie er hat erkennen können, dass
die Symptome der von ihm diagnostizierten generalisierten Angststörung die
Selbsteinschätzung der Beschwerdeführerin (nahezu vollständige Arbeitsunfähigkeit) in
einem sehr erheblichen Umfang, nämlich zu 60%, haben verursachen können, so dass
nur eine (objektive) Arbeitsfähigkeit von 40% verblieben ist. Unter diesen Umständen
haben das Gutachten der Neuroinstitut St. Gallen GmbH vom 24. April 2018 zuhanden
der Beschwerdegegnerin, aber auch die Gutachten von Dr. C._ vom Januar und
August 2018 nicht jene Überzeugungskraft bzw. jenen Beweiswert aufgewiesen, der
nötig gewesen wäre, um den massgebenden medizinischen Sachverhalt (als Grundlage
der gutachterlichen Arbeitsfähigkeitsschätzung) mit dem Beweisgrad der
überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu belegen. Die Beschwerdegegnerin hat deshalb
zu Recht eine erneute Begutachtung durch eine andere Stelle angeordnet. Demnach
bleibt nur zu prüfen, ob das ZIMB-Gutachten den massgebenden medizinischen
Sachverhalt und damit den Arbeitsfähigkeitsgrad der Beschwerdeführerin mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit belegt.
Ein Gutachten weist den dazu erforderlichen Beweiswert auf, wenn es für die
streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, die geklagten
Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten abgegeben worden ist, in der
2.3.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 14/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beurteilung der medizinischen Zusammenhänge sowie der medizinischen Situation
einleuchtet und die Schlussfolgerungen der Experten begründet sind (vgl. etwa BGE
125 V 351, E. 3a; zum sog. strukturierten Beweisverfahren bei psychischen
Erkrankungen BGE 141 V 281 und BGE 143 V 418). Die ZIMB-Sachverständigen haben
die medizinischen Vorakten eingehend gewürdigt und die subjektiven Klagen der
Beschwerdeführerin umfassend wiedergegeben. In ihren Teilgutachten haben sie die
von ihnen erhobenen objektiven klinischen Befunde anschaulich und vollständig
dargelegt und in ihrer Art und Schwere gewürdigt, wobei sie sich auch mit den
Angaben der Beschwerdeführerin auseinandergesetzt haben. Sie haben ihre
versicherungsmedizinische Beurteilung detailliert begründet. Nichts deutet darauf hin,
dass sie eine wesentliche medizinische Tatsache übersehen oder versehentlich
ignoriert hätten. Der für ihre Beurteilung massgebende medizinische Sachverhalt ist
den Sachverständigen der ZIMB also vollumfänglich bekannt gewesen. Das im
Rahmen des Beschwerdeverfahrens nachträglich eingereichte Gutachten von Dr. C._
vom 21. August 2018 vermag daran nichts zu ändern, da es keine neue relevante
Tatsache liefert, die den Gutachtern nicht bereits bekannt gewesen wäre, zumal im
Gutachten vom Januar 2018 die gleichen Diagnosen angegeben worden sind und die
Beweiskraft der Gutachten durch Dr. C._, wie oben ausgeführt, ohnehin nicht
gegeben ist. Die Sachverständigen haben deutliche Diskrepanzen/Inkonsistenzen
aufgezeigt. Der psychiatrische Sachverständige hat insbesondere darauf hingewiesen
(und in der Stellungnahme vom 26. Oktober 2020 [IV-act. 114] nochmals betont), dass
das Ausmass der ihm von der Beschwerdeführerin beschriebenen Erschöpfung/
Antriebslosigkeit nicht vereinbar gewesen sei mit den von der Beschwerdeführerin
geschilderten Alltagsaktivitäten. Die von den ZIMB-Sachverständigen abschliessend
abgegebene interdisziplinäre Beurteilung der Arbeitsfähigkeit überzeugt und ist mit den
in den Teilgutachten enthaltenen Würdigungen vereinbar. Zusammenfassend belegt
das ZIMB-Gutachten den massgebenden medizinischen Sachverhalt mit dem
Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit und die von den beteiligten
Gutachtern gemeinsam abgegebene Arbeitsfähigkeitsschätzung überzeugt.
Nachfolgend sind die Einwände der Beschwerdeführerin gegen das ZIMB-
Gutachten zu würdigen.
2.4.
Die Beschwerdeführerin hat moniert, der psychiatrische ZIMB-Gutachter habe
die von den Behandlern diagnostizierte, von ihm selbst aber verworfene Angst- und
Persönlichkeitsstörung nicht diskutiert. Die Beschwerdegegnerin hat die ihr im Rahmen
des ersten Vorbescheidsverfahrens eingereichten Arztberichte den ZIMB-
Sachverständigen vorgelegt und um eine ergänzende Stellungnahme dazu gebeten.
2.4.1.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 15/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Die ZIMB-Sachverständigen haben am 26. Oktober 2020 (IV-act. 114) ausgeführt, bei
den Untersuchungen anlässlich der Begutachtung seien keine Eigenheiten festgestellt
worden, die auf eine Persönlichkeitsstörung hinweisen würden. Hinweise darauf, dass
die ZIMB-Sachverständigen über eine Eigenheit der Beschwerdeführerin nicht
informiert gewesen wären, fehlen. Die ZIMB-Sachverständigen haben − entgegen den
Vorbringen der Beschwerdeführerin − Kenntnis von sämtlichen Ängsten der
Beschwerdeführerin gehabt; diese sind bereits in den Vorakten teilweise durch die
Behandler festgehalten worden und die Beschwerdeführerin hat ihre im Vordergrund
stehenden Ängste im Rahmen der persönlichen Befragung gegenüber den Gutachtern
dargelegt. Gestützt darauf sind die ZIMB-Sachverständigen zum überzeugenden
Schluss gekommen, dass die Kriterien einer Angststörung nicht erfüllt seien und eher
eine Neurasthenie (ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit) vorliege. Die ZIMB-
Sachverständigen haben sich damit sowohl mit den Ängsten als auch mit der
Persönlichkeit der Beschwerdeführerin vertieft auseinandergesetzt und sind zum
plausiblen Schluss gekommen, dass keine Angst- oder Persönlichkeitsstörung vorliegt.
Weiter hat die Beschwerdeführerin bemängelt, dass eine volle Arbeitsfähigkeit
schon aufgrund der zahlreichen Stellenwechsel nicht nachvollziehbar sei. Die ZIMB-
Sachverständigen haben mit einer überzeugenden Begründung dargelegt, dass die
Häufigkeit der Stellenwechsel nicht auf eine objektiv bestehende
Gesundheitsbeeinträchtigung, sondern auf die jeweilige Befindlichkeit bzw. auf die
subjektive Krankheitsüberzeugung der Beschwerdeführerin zurückzuführen gewesen
ist.
2.4.2.
Die Beschwerdeführerin hat zudem kritisiert, dass die ZIMB-Sachverständigen
das Vorliegen von Inkonsistenzen zu wenig begründet hätten. Insbesondere der
psychiatrische Sachverständige hat in seinem Teilgutachten jedoch ausgeführt, dass er
deutliche Inkonsistenzen festgestellt habe. Er hat angegeben, worin die Widersprüche
bestanden haben (z.B. sei die Schilderung der Erschöpfung/Antriebslosigkeit bzw. der
schweren Depression nicht mit den Alltagsaktivitäten und dem Gesamteindruck
während der Untersuchung vereinbar gewesen) und er hat aufgelistet, welche Arten
von Inkonsistenzen er festgestellt hat (Inkonsistenz bei der Beschwerdeschilderung,
zwischen den Selbstschilderungen der Beschwerdeführerin und den
fremdanamnestischen Informationen einschliesslich der Aktenlage, zwischen der
subjektiven Beschwerdenschilderung und den objektiven Untersuchungsbefunden,
zwischen der Art der beklagten Beschwerden, ihres Verlaufs und dem typischen Bild/
Verlauf des betreffenden Krankheitsbildes, zwischen dem behaupteten
Leidensausmass und der für den Gutachter fehlenden Erkennbarkeit eines
2.4.3.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 16/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Leidensdrucks, appellative, demonstrative übertriebene, dramatische oder
theatralische Wirkung des Vorbringens der Klagen, kein Gefühl des Betroffenseins,
sondern ein Gefühl des Unechten, des Falschen, der Nichteinfühlbarkeit und der
Nichtverstehbarkeit als Reaktion des Sachverständigen auf die Klagen der
Beschwerdeführerin). Damit hat der psychiatrische ZIMB-Sachverständige − entgegen
den Vorbringen der Beschwerdeführerin − ausführlich und überzeugend dargelegt,
welche Inkonsistenzen er bei der Beschwerdeführerin im Rahmen der Begutachtung
eruiert hat.
Zusammenfassend vermögen die Einwände der Beschwerdeführerin keine Zweifel
am ZIMB-Gutachten zu erwecken. Damit ist mit überwiegender Wahrscheinlichkeit
erwiesen, dass die Beschwerdeführerin in ihrer bisherigen Tätigkeit als
Apothekerhelferin nicht eingeschränkt ist. Auch in der Vergangenheit hat sie ihren
angestammten Beruf stets ausüben können; eine länger dauernde, höhergradige
Arbeitsunfähigkeit hat nie bestanden, so dass das sogenannte Wartejahr (Art. 28 Abs. 1
lit. b IVG) als eine von mehreren Voraussetzungen eines Rentenanspruchs nicht erfüllt
ist.
2.5.
Im Übrigen wäre selbst bei einer Erfüllung des Wartejahres keine einen
Rentenanspruch begründende Invalidität gegeben. Da der Beschwerdeführerin seit
jeher sämtliche Tätigkeiten möglich und zumutbar sind, entspricht das zumutbare
erzielbare Invalideneinkommen nämlich dem Valideneinkommen. Der Invaliditätsgrad
ist deshalb anhand eines sogenannten Prozentvergleichs zu ermitteln; er entspricht
also dem Arbeitsunfähigkeitsgrad, allenfalls (analog dem sog. Tabellenlohnabzug)
korrigiert um einen zusätzlichen Abzug. Im hier zu beurteilenden Fall ist kein
zusätzlicher Abzug gerechtfertigt, da ein potentieller Arbeitgeber bei der Beschäftigung
der Beschwerdeführerin keine betriebswirtschaftlich-ökonomischen Nachteile in Kauf
nehmen müsste, denn die Beschwerdeführerin weist keine IV-relevanten
gesundheitlichen Einschränkungen auf. Ob die Beschwerdeführerin im fiktiven
Gesundheitsfall 80% oder mehr arbeitstätig wäre, kann offen bleiben, denn selbst bei
einer Anwendung der gemischten Methode (bei einem Beschäftigungsgrad von 80%
oder einem solchen von 90%) resultiert aufgrund der uneingeschränkten
Arbeitsfähigkeit im erwerblichen Bereich, unabhängig von der Höhe einer allfälligen
Einschränkung bei der Besorgung des eigenen Haushalts ein IV-Grad von maximal
10% bzw. 20%.
2.6.
Dementsprechend hat die Beschwerdegegnerin einen Anspruch der
Beschwerdeführerin auf eine IV-Rente zu Recht verneint; die Beschwerde betreffend
2.7.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 17/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.