Decision ID: 9638fdea-dd52-4684-a955-c23dc02bcf8a
Year: 2022
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ (nachfolgend: Versicherter) meldete sich am 26. November 1997 wegen
einer abdominalen Schussverletzung und einer posttraumatischen Belastungsstörung
zum Bezug von IV-Leistungen an (IV-act. 5). Die IV-Stelle nahm in der Folge
medizinische Abklärungen vor (siehe u.a. das interdisziplinäre [internistische,
neurologische, rheumatologische, chirurgische und psychiatrische] Gutachten des
Zentrums für Medizinische Begutachtung ZMB vom 19. August 1999, IV-act. 43). Im
interdisziplinären (internistischen, chirurgischen, neurologischen und psychiatrischen)
Verlaufsgutachten der ZMB vom 12. Juli 2001 erwähnten die Experten als Diagnosen:
eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung (narzisstischer Mechanismus), einen
Status nach posttraumatischer Belastungsstörung; einen Status nach Diagnose einer
andauernden Persönlichkeitsstörung nach Extrembelastung 7/1999 (DD: Entwicklung
körperlicher Symptome aus psychischen Gründen), einen Status nach
Schussverletzung am ._ 1996 mit Perforation des Sigma und des rechten Ureters,
einen Status nach mehreren operativen Eingriffen, einen Status nach Laparotomie am
17. Januar 2000 mit Adhäsiolyse und Narbenhernienplastik, eine residuelle Neuropathie
mehrerer inguinaler Nerven und einen Status nach lumbaler Sympathikolyse LWK 1
und 2 rechts. Aus somatischer Sicht hätten keine funktionellen Störungen gefunden
werden können. Die gesundheitliche Situation sei stabilisiert, der Allgemeinzustand gut,
die Muskulatur sehr gut entwickelt und die Laborbefunde unauffällig. Aufgrund des
psychiatrischen Krankheitsbilds sei der Versicherte zum aktuellen Zeitpunkt in seiner
A.a.
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Arbeitsfähigkeit erheblich beeinträchtigt (IV-act. 77). Im Rahmen eines vom
Versicherungsgericht am 4. Dezember 2001, UV 1999/29, genehmigten Vergleichs
verpflichtete sich die für die Folgen der Schussverletzung leistungspflichtige Suva zur
Zahlung einer 75%igen Invalidenrente (IV-act. 85). Mit Verfügung vom 20. August 2002
sprach die IV-Stelle dem Versicherten ebenfalls ausgehend von einem 75%igen
Invaliditätsgrad mit Wirkung ab 1. Februar 1997 eine ganze Rente samt Zusatzrenten
zu (IV-act. 101).
Im Rahmen einer von Amtes wegen eingeleiteten Revision gelangte die IV-Stelle
zur Auffassung, dass der Versicherte weiterhin Anspruch auf die bisherige
Invalidenrente habe (Mitteilung vom 5. März 2007, IV-act. 124).
A.b.
Anlässlich einer weiteren von Amtes wegen eingeleiteten Revision gab der Ver
sicherte im Fragebogen vom 11. April 2011 an, sein Gesundheitszustand sei seither
gleichgeblieben (IV-act. 111). Der behandelnde Dr. med. B._, Facharzt für Allgemeine
Medizin, hielt den Versicherten nicht mehr für arbeitsfähig. Sein Gesundheitszustand
sei stationär bis verschlechtert (Verlaufsbericht vom 20. Mai 2011, IV-act. 115). Die IV-
Stelle erhielt am 16. Juni 2011 einen anonymen «internen» Hinweis, wonach sich der
Versicherte «bester Gesundheit» erfreue (Meldeblatt – Hinweis BVM vom 16. Juni 2011,
IV-act. 122). Im Nachgang zu einer medizinischen Stellungnahme des Mitarbeiters der
IV-Stelle Dr. med. C._ vom 6. Juli 2011 (IV-act. 117) fand in deren Auftrag eine
Observation des Versicherten statt (zu den Ergebnissen der im Zeitraum vom
13. September bis 19. November 2011 durchgeführten Überwachung siehe den
Überwachungsbericht vom 10. Dezember 2011, IV-act. 124, samt separater DVD, act.
G 4.3). Am 7. Februar 2012 fand in der IV-Stelle ein Standortgespräch statt, an dem der
Versicherte mit den Observationsergebnissen konfrontiert wurde (IV-act. 131 ff.).
A.c.
Im Auftrag der IV-Stelle wurde der Versicherte am 21. und 22. August sowie am
20. September 2012 in der ABI Aerztliches Begutachtungsinstitut GmbH polydisziplinär
(internistisch, psychiatrisch, neurologisch und chirurgisch) begutachtet. Die Experten
diagnostizierten mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit: einen Status nach
Durchschussverletzung von lumbodorsal rechts nach inguinal links am ._ 1996 mit
Durchtrennung des rechten Ureters und Perforation des Sigmoids, einen Verdacht auf
vorwiegend tendomyogene Schmerzen im Unterbauch und Inguinalbereich
A.d.
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rechtsbetont sowie im Bereich des rechten Beckens knapp unter dem Beckenkamm
(ICD-10: M77.9) und eine Sensibilitätsstörung mit verminderter Berührungs- und
Schmerzempfindung links inguinal partiell im sensiblem Versorgungsgebiet des
N. ilioinguinalis links (ICD-10: G62.9). Ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit bestehe
u.a. eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung (ICD-10: F45.4). Für körperlich
leichte bis intermittierend mittelschwere Tätigkeiten bescheinigten die Gutachter dem
Versicherten eine 100%ige Arbeitsfähigkeit (Gutachten vom 17. September 2012,
Eingang IV-Stelle am 2. November 2012, IV-act. 145-2 ff.; zur Würdigung durch
Dr. C._ siehe dessen Stellungnahme vom 14. November 2012, IV-act. 146).
Die IV-Stelle gelangte zur Auffassung, dass die Einstellung der Rente sowohl
gestützt auf eine Revision im Sinn einer Anpassung als auch auf eine Wiedererwägung
erfolgen könne (Stellungnahme des zuständigen Juristen der IV-Stelle vom 24. Mai
2013, IV-act. 152). Mit Vorbescheid vom 6. August 2013 stellte die IV-Stelle dem
Versicherten die Einstellung der Rentenleistung in Aussicht (IV-act. 154). Dagegen
erhob der Versicherte am 16. September 2013 durch seinen damaligen Rechtsvertreter
Einwand und reichte zwei Stellungnahmen von Dr. B._ vom 27. August und
9. September 2013 ein (IV-act. 165 f.). Die IV-Stelle leitete daraufhin Massnahmen
hinsichtlich einer beruflichen Wiedereingliederung ein (vgl. zum Ganzen
Verlaufsprotokoll Eingliederungsberatung vom 23. Juni 2015, IV-act. 206), jedoch
gelang es nicht, den Versicherten in den ersten Arbeitsmarkt zu integrieren (vgl. zur
Abweisung des Gesuchs um berufliche Massnahmen die Mitteilung vom 25. Juni 2015,
IV-act. 208).
A.e.
Dr. B._ berichtete am 14. September 2015, der Versicherte sei seit Jahren und
bis auf Weiteres 100 % arbeitsunfähig (IV-act. 216). Der den Versicherten seit
5. September 2013 behandelnde Dr. med. D._, Facharzt für Psychiatrie und
Psychotherapie, diagnostizierte eine posttraumatische Belastungsstörung (ICD-10:
F43.1) und eine anhaltende depressive Herabgestimmtheit im Rahmen einer
misslungenen Traumaverarbeitung (ICD-10: F34.9). Er hielt den Versicherten für 100 %
arbeitsunfähig (Bericht vom 20. September 2015, IV-act. 217). Die Mitarbeiterin der IV-
Stelle Dr. med. E._, Fachärztin für Neurologie, hielt nach einer Würdigung der
Berichte der behandelnden Ärzte eine psychiatrische Verlaufsbegutachtung für indiziert
(Stellungnahme vom 1. Dezember 2015, IV-act. 218). Gegen die mit
A.f.
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Zwischenverfügung vom 1. Februar 2016 angeordnete monodisziplinäre Begutachtung
(IV-act. 225) wurde Beschwerde erhoben. Das Versicherungsgericht hiess die
Beschwerde teilweise gut und wies die Sache zur Verbesserung des Fragekatalogs
zurück (Entscheid vom 28. September 2016, IV 2016/80, IV-act. 241). Am 6. Juli 2016
verfügte die IV-Stelle die vorsorgliche Einstellung der Rente mit sofortiger Wirkung (IV-
act. 238).
Vom 2. bis 7. September 2016 war der Versicherte in der Klinik für Allgemein-,
Viszeral-, Endokrin- und Transplantationschirurgie am Kantonsspital St. Gallen (KSSG)
hospitalisiert. Dort erfolgte am 2. September 2016 ein operativer Eingriff (Narbenrepair
mit Netz; definitiver Austrittsbericht vom 9. September 2016, IV-act. 243-3 f.). Wegen
eines in der Folge aufgetretenen subfaszialen Hämatoms wurde der Versicherte vom
16. bis 23. September 2016 erneut im KSSG behandelt. Am 23. September 2016
konnte er in gutem Allgemeinzustand nach Hause entlassen werden (IV-act. 245-6 ff.;
siehe auch die Stellungnahme vom 14. Dezember 2016, IV-act. 252, sowie den
Untersuchungsbericht des Schmerzzentrums am KSSG vom 5. April 2017, IV-
act. 259-4 ff.). Am 21. Oktober 2016 äusserte sich Dr. B._ zum damaligen
Gesundheitszustand des Versicherten und bescheinigte diesem unverändert eine
100%ige Arbeitsunfähigkeit (IV-act. 245-17 f.). Dr. E._ empfahl aufgrund der
aktualisierten medizinischen Unterlagen, der Begutachtungsauftrag sei auf die
Disziplinen der Chirurgie und der Neurologie auszuweiten (Stellungnahme vom 30. Mai
2017, IV-act. 260).
A.g.
Die zuständige Mitarbeiterin der IV-Stelle bejahte die Verwertbarkeit des
Observationsmaterials unter Berücksichtigung der neu ergangenen
bundesgerichtlichen Rechtsprechung (BGE 143 I 377; Stellungnahme vom
28. September 2017, IV-act. 263).
A.h.
Mit Mitteilung vom 30. April 2016 kündigte die IV-Stelle dem Versicherten an, dass
eine polydisziplinäre Begutachtung notwendig sei (IV-act. 272).
A.i.
Im Verlaufsbericht vom 4. Mai 2018 führte Dr. D._ aus, der Gesundheitszustand
des Versicherten sei aus körperlicher Sicht unverändert. Psychisch sei der Versicherte
zuletzt deutlich leidender gewesen (IV-act. 273-2 f.).
A.j.
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Am 19. Januar 2019 erstatteten die medizinischen Sachverständigen der estimed
AG, MEDAS, der IV-Stelle ein polydisziplinäres (chirurgisches, allgemeininternistisches,
neurologisches und psychiatrisches) Gutachten, das sich auf Untersuchungen vom
22. Oktober, 6. und 9. November 2018 sowie 4. Januar 2019 stützte. Die estimed-
Sachverständigen stellten als Diagnose, der sie eine Auswirkung auf die
Arbeitsfähigkeit beimassen, eine schmerzhafte Bewegungseinschränkung der
Abdomenvorderwand im Bereich des Unterbauchs. Des Weiteren diagnostizierten sie
weitere Krankheiten, u.a. eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung (ICD-10:
F45.4), denen sie eine Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit absprachen. Sowohl für die
angestammte Hilfsarbeitertätigkeit als auch eine Verweistätigkeit bescheinigten sie
dem Versicherten eine 20%ige Arbeitsunfähigkeit. Der psychiatrische Sachverständige
führte zum Verlauf aus, es sei vorstellbar, dass beim Versicherten kurzzeitig nach dem
Ereignis, bei dem ihm eine Schussverletzung beigebracht worden sei, im Rahmen der
Anpassungsstörung aufgrund einer psychiatrischen Diagnose zumindest eine
(Teil-)Arbeitsunfähigkeit hätte bestehen können. Im weiteren Verlauf bis zu 2 Jahre
nach dem Ereignis hätte diese Situation anhalten können und eventuell hätte, ohne
dass sich dies im Einzelnen nachvollziehen lasse, gegebenenfalls vor dem Hintergrund
einer depressiven Symptomatik, eine erneute (Teil-)Arbeitsunfähigkeit aufgetreten sein
können. Aus somatischer Sicht gelte die bescheinigte 80%ige Arbeitsfähigkeit nach
dem 2. September 2016, spätestens 6 Monate postoperativ. Vorher habe aus
somatischer Sicht ab dem ABI-Gutachten von 2012 eine 100%ige Arbeitsfähigkeit
bestanden (IV-act. 297, insbesondere IV-act. 297-14 ff.). Der psychiatrische
Sachverständige wies im Rahmen seiner Beurteilung darauf hin, dass mangels
gesetzlicher Grundlage für Observationen im Bereich der Invalidenversicherung auf die
Sichtung und Besprechung allfälliger Observationsmaterialien verzichtet worden sei (IV-
act. 302-19). Dr. E._ hielt das estimed-Gutachten für überzeugend und verneinte,
dass sich der Gesundheitszustand gegenüber dem ABI-Gutachten wesentlich
verändert habe (Stellungnahme vom 8. Februar 2019, IV-act. 304).
A.k.
Mit Vorbescheid vom 15. April 2019 zeigte die IV-Stelle dem Versicherten ihr
Vorhaben an, die Rentenleistungen wiedererwägungsweise per Ende Juli 2016
einzustellen (IV-act. 309). Dagegen erhob der Versicherte durch seinen damaligen
Rechtsvertreter am 27. Mai 2019 Einwand (IV-act. 313; zur ergänzenden Begründung
A.l.
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B.
vom 27. Juni 2019 siehe IV-act. 315 sowie zu den Stellungnahmen von Dr. B._ vom
28. Mai 2019 siehe IV-act. 315-7 ff. und von Dr. D._ vom 11. Juni 2019 siehe IV-
act. 315-11 ff.). Dr. E._ empfahl am 22. Juli 2019, die vorgebrachte Kritik den
estimed-Gutachtern zur Stellungnahme zu unterbreiten (IV-act. 316). Vom 9. bis
12. September 2019 befand sich der Versicherte zur stationären Behandlung im KSSG.
Die dortigen medizinischen Fachpersonen diagnostizierten einen mechanischen
Dünndarmsubileus. Bei Austritt stellten sie einen guten Allgemeinzustand fest
(Austrittsbericht vom 12. September 2019, IV-act. 323). Am 27. Januar 2020 äusserte
sich der ärztliche Leiter der estimed AG zur Kritik des Versicherten und der ihn
behandelnden medizinischen Fachpersonen dahingehend, dass an der gutachterlichen
Diagnosestellung und Arbeitsfähigkeitsschätzung festgehalten werde (IV-act. 330).
Dr. E._ empfahl, für die Prüfung des Rentenanspruchs auf die Beurteilung der
estimed-Sachverständigen abzustellen (Stellungnahme vom 6. Februar 2020, IV-
act. 334). Daraufhin teilte die IV-Stelle dem Versicherten am 11. Februar 2020 mit, dass
sie an der bereits in Aussicht gestellten Renteneinstellung festhalten werde (IV-
act. 336). Am 12. März 2020 liess der Versicherte der IV-Stelle eine weitere
Stellungnahme von Dr. B._ vom 9. März 2020 (IV-act. 340-2 ff.) zukommen. Am
2. April 2020 reichte der Versicherte den Austrittsbericht des KSSG vom 16. März 2020
ein, wo er wegen eines mechanischen Dünndarmileus mit Kalibersprung im linken
Mittelbauch vom 7. bis 11. März 2020 hospitalisiert gewesen und bei regelrechtem
Allgemeinzustand wieder ausgetreten war (IV-act. 342). Dr. E._ vertrat den
Standpunkt, dass die neuerliche Kritik von Dr. B._ nicht geeignet sei, die
Aussagekraft des estimed-Gutachtens zu erschüttern (Stellungnahme vom 18. Mai
2020, IV-act. 343), woraufhin die IV-Stelle am 3. Juni 2020 die Einstellung der Rente auf
Ende Juli 2016 verfügte (IV-act. 345).
Gegen die Verfügung vom 3. Juni 2020 richtet sich die vorliegende Beschwerde
vom 6. Juli 2020. Der Versicherte (nachfolgend: Beschwerdeführer) beantragt, neu
vertreten durch Rechtsanwältin Franziska B._, darin deren Aufhebung. Es sei ihm ab
Ende Juli 2016 weiterhin eine ganze IV-Rente zuzusprechen. Eventualiter sei ein
polydisziplinäres Gerichtsgutachten einzuholen. Subeventualiter seien ihm die
gesetzlichen Leistungen zuzusprechen; alles unter Kosten- und Entschädigungsfolge.
B.a.
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Zur Begründung bringt der Beschwerdeführer im Wesentlichen vor, weder die
Voraussetzungen für eine Wiedererwägung der ursprünglichen Rentenverfügung vom
20. August 2002 noch diejenigen für eine revisionsweise Anpassung dieser Verfügung
seien erfüllt. Zudem bestreitet der Beschwerdeführer die Verwertbarkeit des
Observationsmaterials. Die widerrechtliche Observation nehme sowohl dem ABI-
Gutachten als auch dem estimed-Gutachten von vornherein den Beweiswert. Des
Weiteren spricht der Beschwerdeführer dem estimed-Gutachten die Beweiskraft unter
Verweis auf die Einschätzungen der behandelnden medizinischen Fachpersonen ab.
Ausserdem rügt der Beschwerdeführer, dass die IV-Stelle (nachfolgend:
Beschwerdegegnerin) den Rentenanspruch ohnehin nicht hätte aufheben dürfen, ohne
vorgängig Wiedereingliederungsmassnahmen anzuordnen, welche ihn befähigen und in
die Lage bringen würden, das von der Beschwerdegegnerin geltend gemachte
medizinisch-theoretisch (wieder) ausgewiesene Leistungspotenzial auszuschöpfen und
erwerblich zu verwerten (act. G 1).
Die Beschwerdegegnerin beantragt in der Beschwerdeantwort vom
29. September 2020 die Abweisung der Beschwerde. In verfahrensrechtlicher Hinsicht
macht sie geltend, die Zulässigkeit einer substituierten Begründung (einer
Renteneinstellung) gelte in jedem möglichen Verhältnis unter den in Betracht fallenden
Rückkommenstiteln. Streitgegenstand sei vorliegend die Renteneinstellung als solche
und nicht deren rechtliche Begründung. Im Hinblick auf die
Wiedererwägungsvoraussetzungen vertritt die Beschwerdegegnerin den Standpunkt,
die ursprüngliche Rentenzusprache habe sich nicht auf einen spruchreif abgeklärten
Sachverhalt gestützt. Darüber hinaus seien auch die Voraussetzungen für eine
Anpassung der ursprünglichen Rentenverfügung erfüllt. Es bestehe kein Zweifel daran,
dass sich der medizinische Sachverhalt seit der Verfügung vom 20. August 2002
entwickelt habe. Allein schon die Tatsache, dass sich der Beschwerdeführer in der
Zwischenzeit neuen Eingriffen habe unterziehen müssen, rechtfertige eine
Neubeurteilung des Rentenanspruchs. Zudem lägen heute noch deutlichere Anzeichen
für Aggravation vor. Dabei sei auch zu berücksichtigen, dass die Hürden für die
Annahme einer relevanten Verbesserung nicht zu hoch anzusetzen seien, wenn die
Rente auf der Basis einer unzureichenden Aktenlage zugesprochen worden sei. Das
Observationsmaterial sei verwertbar, insbesondere habe ein Anfangsverdacht
B.b.
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Auf die Vorbringen der Verfahrensbeteiligten zur Begründung ihrer Anträge sowie die
Akten wird, soweit für den Entscheid relevant, in den nachstehenden Erwägungen ein
gegangen.

Erwägungen
1.
Zwischen den Parteien umstritten und nachfolgend zu prüfen ist die Rechtmässigkeit
der von der Beschwerdegegnerin am 3. Juni 2020 verfügten Einstellung der Rente per
31. Juli 2016.
2.
Die Beschwerdegegnerin erachtet die verfügte Renteneinstellung u.a. deshalb für
rechtmässig, weil die Voraussetzungen für eine Wiedererwägung erfüllt seien.
vorgelegen. Bei der Würdigung der von den gutachterlichen Beurteilungen
abweichenden Stellungnahmen von Dr. B._ sei zu berücksichtigen, dass sich dieser
zum Anwalt des Beschwerdeführers gemacht und sich immer wieder für dessen
Interessen eingesetzt habe, womit er befangen erscheine. Eine objektive Beurteilung
sei von ihm deshalb nicht zu erwarten. Bei der Kritik des Beschwerdeführers betreffend
Wiedereingliederungsmassnahmen übersehe er, dass er bei der Eingliederung
unterstützt worden sei. Die Bemühungen seien an der subjektiven
Krankheitsüberzeugung und an der mangelhaften Motivation des Beschwerdeführers
gescheitert. Der Beschwerdeführer habe den Abschluss der Eingliederung
widerspruchslos akzeptiert. Ein Anspruch auf weitere Massnahmen bestehe nicht (act.
G 4).
In der Replik vom 25. Januar 2021 hält der Beschwerdeführer unverändert an
seinen Beschwerdeanträgen fest (act. G 10).
B.c.
Die Beschwerdegegnerin hält in der Duplik vom 26. Februar 2021 ihrerseits
unverändert an der beantragten Beschwerdeabweisung fest (act. G 12).
B.d.
Laut Art. 53 Abs. 2 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozial
versicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) kann der Versicherungsträger auf formell
2.1.
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rechtskräftige Verfügungen oder Einspracheentscheide zurückkommen, wenn diese
zweifellos unrichtig sind und wenn ihre Berichtigung von erheblicher Bedeutung ist. Die
Wiedererwägung dient der Korrektur einer anfänglich unrichtigen Rechtsanwendung
einschliesslich unrichtiger Feststellung im Sinn der Würdigung des Sachverhalts. Das
Erfordernis der zweifellosen Unrichtigkeit ist in der Regel erfüllt, wenn eine
Leistungszusprache aufgrund falscher oder unzutreffender Rechtsregeln erfolgt ist oder
wenn massgebliche Bestimmungen nicht oder unrichtig angewandt wurden. Anders
verhält es sich, wenn der Wiedererwägungsgrund im Bereich materieller
Anspruchsvoraussetzungen (wie etwa der Invaliditätsbemessung oder
Arbeitsunfähigkeitsschätzung) liegt, deren Beurteilung notwendigerweise
Ermessenszüge aufweist (siehe etwa das Urteil des Bundesgerichts vom 20. November
2019, 9C_525/2019, E. 4.1). Erscheint die Beurteilung einzelner Schritte bei der
Feststellung solcher Anspruchsvoraussetzungen vor dem Hintergrund der Sach- und
Rechtslage, wie sie sich im Zeitpunkt der rechtskräftigen Leistungszusprechung
darbot, als vertretbar, scheidet die Annahme zweifelloser Unrichtigkeit aus. Zweifellos
ist die Unrichtigkeit, wenn kein vernünftiger Zweifel daran möglich ist, dass die
Verfügung unrichtig war. Es ist nur ein einziger Schluss – derjenige auf die Unrichtigkeit
der Verfügung – denkbar (Urteil des Bundesgerichts vom 23. November 2012,
8C_368/2012, E. 2.2).
Der Rentenzusprache vom 20. August 2002 legte die Beschwerdegegnerin einen
75%igen Invaliditätsgrad zugrunde (IV-act. 101). Zwar gelangten die ZMB-
Sachverständigen im Gutachten von 19. August 1999 noch zur Auffassung, dass der
Beschwerdeführer (lediglich) zu 30 % in seiner Arbeitsfähigkeit beeinträchtigt sei (IV-
act. 43-21). Unter dem Eindruck der – bei bescheinigter sehr guten Motivation des
Beschwerdeführers (IV-act. 60-2 oben und IV-act. 61) – aus gesundheitlichen Gründen
abgebrochenen beruflichen Massnahme (siehe den Bericht der OBV
Ostschweizerischer Blindenfürsorgeverein vom 10. Dezember 1999, IV-act. 60, worin
Fehlzeiten von im Durchschnitt mehr als 50 % beschrieben wurden) und der davon
abweichenden Beurteilung von Dr. B._ vom 18. Februar 2000 (100%ige
Arbeitsunfähigkeit; IV-act. 74) revidierte der psychiatrische ZMB-Sachverständige im
weiteren Gutachten vom 12. Juli 2001 seine bisherige Beurteilung (IV-act. 77-26).
Nunmehr gelangte er zur Auffassung, dass aufgrund des Leidensbilds
(ausserordentliche Fixierung auf die Schmerzverarbeitung, «das heisst, es ist damit zu
rechnen, dass der Versicherte bei der Wiederaufnahme der Arbeit sofort mit einer
Verstärkung der Symptomatik reagiert») von einer sehr ungünstigen Prognose
ausgegangen werden müsse (IV-act. 77-21 Mitte). Die bestehende Arbeitsfähigkeit des
Versicherten sei «recht schwierig zu beurteilen». Die Beeinträchtigung der
2.2.
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3.
Die Beschwerdegegnerin hält die von ihr angeordnete Renteneinstellung aufgrund der
von ihr zitierten bundesgerichtlichen Rechtsprechung (Urteile vom 21. März 2016,
9C_880/2015, E. 3.2 und vom 9. Mai 2017, 9C_800/2016, E. 2.2) mit der substituierten
Begründung der Revision im Sinn von aArt. 17 Abs. 1 ATSG (in der vorliegend anwend
baren, bis zum 31. Dezember 2021 gültigen Fassung; vgl. Urteil des Bundesgerichts
vom 23. Februar 2022, 8C_455/2021, E. 2) für rechtmässig.
Arbeitsfähigkeit werde «durch das psychische Erleben des Versicherten bedingt, die
Schmerzsensationen, welche der Versicherte erlebt, sind jedoch mehr oder weniger
immer vorhanden, so dass davon auszugehen ist, dass auch bei einer leichten Tätigkeit
der Versicherte in seiner Arbeitsfähigkeit erheblich beeinträchtigt ist» (IV-act. 77-21). Im
Licht dieser Umstände erscheint es zumindest noch als vertretbar und kann jedenfalls
nicht als zweifellos unrichtig bezeichnet werden, wenn der zuständige RAD-Arzt auf
eine grösstenteils aufgehobene Erwerbsfähigkeit schloss bzw. eine 75%ige
Erwerbsunfähigkeit als korrekt bezeichnete (siehe die Notiz vom 24. Januar 2002, IV-
act. 88), folglich keine weiteren Abklärungen mehr für erforderlich erachtete und damit
die im unfallversicherungsrechtlichen Verfahren gewonnene Erkenntnis (siehe hierzu
den Entscheid des Versicherungsgerichts vom 4. Dezember 2001, UV 1999/29, IV-
act. 85) bestätigte. Demnach fällt eine wiedererwägungsweise Korrektur der Verfügung
vom 20. August 2002 ausser Betracht, zumal eine Arbeitsunfähigkeitsschätzung
ohnehin Ermessenszüge aufweist.
Ändert sich der Invaliditätsgrad einer Rentenbezügerin oder eines Rentenbezügers
erheblich, so wird die Rente von Amtes wegen oder auf Gesuch hin für die Zukunft
entsprechend erhöht, herabgesetzt oder aufgehoben (aArt. 17 Abs. 1 ATSG). Nach der
Rechtsprechung des Bundesgerichts ist der Rentenanspruch in rechtlicher und
tatsächlicher Hinsicht umfassend («allseitig») zu prüfen, sobald ein einzelner
Revisionsgrund vorliegt, wobei keine Bindung an frühere Beurteilungen besteht. Dabei
kann unter Umständen auch eine Verschlechterung des Gesundheitszustandes Anlass
für eine Aufhebung der Rente sein (Urteil des Bundesgerichts vom 26. Februar 2021,
9C_361/2020, E. 3.2). Unter Umständen kann auch ein früher nicht gezeigtes Verhalten
eine im Sinn von aArt. 17 Abs. 1 ATSG relevante Tatsachenänderung darstellen, wenn
sich dieses auf den Invaliditätsgrad und damit auf den Umfang des Rentenanspruchs
auswirken kann. Dies trifft etwa zu bei Versicherten mit einem Beschwerdebild, auf das
die Rechtsprechung gemäss BGE 141 V 281 anwendbar ist, wenn ein Ausschlussgrund
vorliegt, d.h. die Leistungseinschränkung auf Aggravation oder einer ähnlichen
3.1.
https://www.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=all&query_words=9C_302%2F2021&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F141-V-281%3Ade&number_of_ranks=0#page281
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 12/24
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Konstellation beruht, die eindeutig über die blosse (unbewusste) Tendenz zur
Schmerzausweitung und -verdeutlichung hinausgeht (Urteil des Bundesgerichts vom
11. November 2021, 9C_302/2021, E. 4.2).
Wie sich aus den diesbezüglich überzeugenden Ausführungen im estimed-
Gutachten ergibt, hat sich der Sachverhalt seit der für die Vergleichsbeurteilung mass
gebenden Rentenverfügung vom 20. August 2002 jedenfalls in somatischer Hinsicht ab
September 2016 verschlechtert (siehe IV-act. 297-18). Diese Verschlechterung und die
vom chirurgischen estimed-Gutachter in der Folge bescheinigte 20%ige
Arbeitsunfähigkeit stellt vorliegend – jedenfalls im invalidenversicherungsrechtlichen
Verfahren – für sich allein keinen Revisionsgrund dar. Denn diese Verschlechterung ist
von vornherein nicht geeignet, eine leistungsrechtlich erhebliche Veränderung des
Invaliditätsgrads zu begründen, weil dem Beschwerdeführer bereits aufgrund eines
75%igen Invaliditätsgrads eine ganze Rente zugesprochen wurde. Da sich im Fall des
Beschwerdeführers eine Verschlechterung seines Gesundheitszustands nicht mehr auf
seinen Anspruch auswirken kann, fehlt es am Tatbestand der Erheblichkeit (zur
Voraussetzung der «rentenwirksamen» Sachverhaltsänderung siehe etwa Urteil des
Bundesgerichts vom 20. Februar 2019, 8C_676/2018, E. 3.2). Entgegen der
Betrachtungsweise der Beschwerdegegnerin genügte es deshalb im Fall des
Beschwerdeführers für eine Revision im Sinn von aArt. 17 Abs. 1 ATSG noch nicht,
dass sich der Sachverhalt im Verlauf bloss «entwickelt» hat und vorübergehende
Verschlechterungen aufgetreten sind (act. G 4, III. Rz 4). Nach der Sichtweise der
Beschwerdegegnerin müsste im Übrigen bereits jede kurzfristige Krankschreibung als
Revisionsgrund und Anlass für eine «allseitige» Rentenprüfung betrachtet werden, was
sich aber mit der Tatbestandsvoraussetzung der Rentenwirksamkeit bzw. -
erheblichkeit nicht vereinbaren lässt.
3.2.
Zu prüfen bleibt deshalb, ob Hinweise vorliegen, die auf eine rentenwirksame
Verbesserung des Gesundheitszustands des Beschwerdeführers seit der
Rentenverfügung vom 20. August 2002 hinweisen. Dabei gilt es bei der
Vergleichsbeurteilung zu beachten, dass die damalige Rentenzusprache auf dem
gemäss Verlaufsgutachten des ZMB vom 12. Juli 2001 festgestellten Sachverhalt
beruhte.
3.3.
Der ursprünglichen Rentenzusprache lag – zumindest zu einem wesentlichen Teil –
eine posttraumatische Belastungsstörung mit Anzeichen einer psychogenen
Überlagerung der Unfallfolgen zugrunde, wie sie bereits von Dr. med. F._, Facharzt
für Psychiatrie und Psychotherapie, im Gutachten vom 10. Juni 1998 diagnostiziert
worden war (IV-act. 32-5). Der psychiatrische ZMB-Gutachter führte die anhaltende
3.4.
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somatoforme Schmerzstörung ebenfalls auf die Schussverletzung zurück und
diagnostizierte zusätzlich einen Status sowohl nach posttraumatischer
Belastungsstörung als auch nach Diagnose einer andauernden
Persönlichkeitsänderung nach Extrembelastung (IV-act. 77-22). Die Wurzeln der
Schmerzen lägen hauptsächlich in der psychischen Integritätsschädigung und des
dadurch bedingten Teufelskreises (IV-act. 77-21 oben und unten sowie IV-act. 77-26;
siehe hierzu auch die Ausführungen des psychiatrischen estimed-Gutachters in IV-
act. 302-25 unten). Im ABI-Gutachten wurde festgestellt, dass in der Zeit nach dem
zweiten ZMB-Gutachten ausschliesslich noch eine somatoforme Schmerzstörung habe
diagnostiziert werden können (IV-act. 145, S. 21). In damit zu vereinbarender Weise
gelangte der psychiatrische estimed-Gutachter zur Auffassung (zur Beweiskraft von
dessen Einschätzung siehe nachfolgende E. 4.8), dass sowohl die posttraumatische
Belastungsstörung als auch eine Persönlichkeitsveränderung nach Extrembelastung
samt depressiver Symptomatik inzwischen vollumfänglich abgeklungen seien (IV-
act. 302-26 f.; siehe auch zum Ausschluss einer durch eine Traumafolgestörung
mitbeeinflussten Symptomatik im Zeitpunkt der Begutachtung IV-act. 302-26 Mitte; zur
Verlaufsbeurteilung siehe auch IV-act. 302-33 unten). Er diagnostizierte denn auch
einzig noch eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung (IV-act. 302-24). Vor
diesem Hintergrund ist eine wesentliche Veränderung des psychischen Leidensbilds,
wie es der ursprünglichen Rentenzusprache zugrunde lag, zu bejahen. Gegen eine
seither eingetretene Veränderung des psychischen Leidensbilds spricht nicht, dass
Dr. E._ am 8. Februar 2019 eine Veränderung des Gesundheitszustands verneinte,
bezog sie sich doch bei dieser Antwort auf die Sachverhaltsentwicklung seit dem ABI-
Gutachten (November 2012, IV-act. 304-3). Es kann deshalb offenbleiben, ob die im
estimed-Gutachten beschriebenen Inkonsistenzen und mindestens teilweise
bewussten aggravatorischen Anteile (IV-act. 302-28 und IV-act. 302-31; zu den
diffusen Aussagen des Beschwerdeführers siehe IV-act. 302-26) einen eigenständigen
Revisionsgrund im Sinn der bundesgerichtlichen Rechtsprechung darstellen (siehe
hierzu das Urteil des Bundesgerichts vom 11. November 2021, 9C_302/2021, E. 4.2
und E. 4.2.1).
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4.
Des Weiteren ist zu prüfen, ob der medizinische Sachverhalt bis zum für die
gerichtliche Beurteilung massgeblichen Zeitpunkt des Erlasses der angefochtenen
Verfügung (3. Juni 2020; siehe hierzu BGE 138 V 535 f. E. 2.2) mit dem estimed-
Gutachten als spruchreif abgeklärt betrachtet werden kann, was der Beschwerdeführer
bestreitet.
Vorweg ist der Einwand des Beschwerdeführers zu prüfen, das
Observationsmaterial sei nicht verwertbar, da es insbesondere an der objektiven
Gebotenheit der Observation bzw. dem Anfangsverdacht fehle (act. G 1, IV. Rz 3.1 ff.,
und act. G 10, III. Rz 2). Gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung ist die Rüge
eines mangelnden Anfangsverdachts für die Frage nach der Verwertbarkeit
rechtswidrig beschafften Observationsmaterials nicht von entscheidender Bedeutung
(Urteile des Bundesgerichts vom 26. Mai 2020, 8C_54/2020, E. 5 und E. 8.1, und vom
16. Dezember 2019, 9C_308/2019, E. 2.2). Ohnehin legte die Beschwerdegegnerin in
der Duplik vom 26. Februar 2021 nochmals ausführlich dar, dass ein begründeter
Anfangsverdacht und die Voraussetzungen der Verwertbarkeit rechtswidrig beschafften
Observationsmaterials im Sinn der soeben referenzierten bundesgerichtlichen
Rechtsprechung erfüllt waren (act. G 12). Selbst wenn die Verwertbarkeit des
Observationsmaterials verneint würde, würde dies jedenfalls keinen Mangel an der
Beurteilung des psychiatrischen estimed-Gutachtens begründen. Denn dieser
verzichtete auf eine Sichtung und Besprechung des Observationsmaterials (IV-
act. 302-19 unten).
4.1.
Aufgabe der medizinischen Fachpersonen ist es, den Gesundheitszustand zu
beurteilen und insbesondere zur Frage Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und
bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 261
E. 4). Hinsichtlich des Beweiswerts eines medizinischen Berichts ist entscheidend, ob
er für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch
die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten abgegeben
worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der
Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen der
medizinischen Fachpersonen begründet sind (BGE 125 V 352 E. 3a).
4.2.
Bezüglich des vom Beschwerdeführer beklagten nicht somatischen Leidensbilds
ist Folgendem Rechnung zu tragen: Bei psychischen oder psychosomatischen
Krankheiten steht das Beweisproblem im Vordergrund, da sich die Beurteilung dieser
Gesundheitsschäden und der dadurch bedingten Arbeitsunfähigkeiten – mangels
4.3.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 15/24
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zuverlässiger bzw. bewährter Messmethodik – zwangsläufig zunächst auf die Angaben
der versicherten Person und deren Leidenspräsentation stützen und es an einer
eigentlichen davon unabhängigen, direkten Objektivierbarkeit fehlt. Deshalb ist die um
fassende Prüfung der Konsistenz und der Plausibilität der Leidensschilderung sowie -
präsentation für die möglichst objektive bzw. medizinisch-wirklichkeitsgetreue
Beurteilung der gesundheitlichen Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit von zentraler
Bedeutung (siehe etwa BGE 141 V 281). Um eine möglichst objektive, von der
Selbsteinschätzung der versicherten Person unabhängige, der tatsächlichen
Funktionsfähigkeit entsprechende Arbeitsfähigkeitsbeurteilung im Sinn von Art. 7
Abs. 1 und 2 ATSG zu gewährleisten (vgl. hierzu bzw. zur Massgeblichkeit des
tatsächlich erreichbaren Leistungsvermögens etwa das Urteil des Bundesgerichts vom
11. Mai 2020, 9C_765/2019, E. 4.2), haben die medizinischen Fachpersonen nebst den
Erkenntnissen der eigenen Untersuchung deshalb nach Möglichkeit bei ihrer Expertise
sämtliche Lebensaspekte zu würdigen, bei denen Beeinträchtigungen und Ressourcen
einer versicherten Person in Erscheinung treten. Dabei sich zeigende Umstände wie
etwa Inkonsistenzen, die auf krankheitsfremde Faktoren deuten oder ernsthafte Zweifel
am objektiven Umfang der geklagten gesundheitlichen Beeinträchtigung begründen,
sind zu benennen. Geltend gemachte Beeinträchtigungen, die auf solchen
krankheitsfremden bzw. nicht krankheitswertigen Faktoren beruhen oder zweifelhaft
erscheinen, sind bei der Beurteilung des Gesundheitsschadens sowie der Arbeits
fähigkeit auszuklammern. Denn massgebend für die Ermittlung der Erwerbsunfähigkeit
bzw. Invalidität sind nur gesundheitliche Beeinträchtigungen, deren Vorhandensein aus
objektiver Sicht mit dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit bejaht
werden kann. Aus diesen Gründen sehen die Qualitätsleitlinien für
versicherungspsychiatrische Gutachten der Schweizerischen Gesellschaft für
Psychiatrie und Psychotherapie (SGPP, 3. vollständig überarbeitete und ergänzte
Auflage, 16. Juni 2016) denn auch vor, dass eine Stellungnahme zur Authentizität von
Beschwerden, von präsentierten Symptomen und von Leistungseinschränkungen
obligatorischer Bestandteil eines versicherungspsychiatrischen Gutachtens zu sein hat.
Das beinhaltet eine Stellungnahme zur Frage, ob die berichteten Beschwerden und
präsentierten Symptome in sich konsistent sind oder ob Diskrepanzen, allenfalls sogar
Widersprüche bestehen. Dies gelingt am ehesten durch eine Gegenüberstellung der
erhobenen Informationen mit Hilfe der verschiedensten methodischen Zugänge.
Diesbezüglich sind Hinweise aus der Verhaltensbeobachtung und dem
Anamneseverlauf relevant (Qualitätsleitlinien, S. 29). Eine besondere Bedeutung bei der
Exploration kommt der detaillierten Beschreibung eines üblichen Tagesablaufs durch
die versicherte Person zu, da sich hieraus häufig Hinweise auf Interessen, Aktivitäten,
Alltagsgewohnheiten und damit Potential und Ressourcen, jedoch auch Diskrepanzen
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 16/24
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zu anderen Angaben oder zum Verhalten in der Untersuchung ergeben
(Qualitätsleitlinien, S. 16; siehe zum Ganzen den Entscheid des Versicherungsgerichts
vom 5. Juni 2020, IV 2018/124, E. 3.1).
Im Bestreben, eine möglichst objektive bzw. medizinisch-wirklichkeitsgetreue
Beurteilung der gesundheitlichen Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit des
Beschwerdeführers vorzunehmen (siehe hierzu vorstehende E. 4.3), hat der
psychiatrische estimed-Gutachter im Rahmen der Begutachtung des
Beschwerdeführers – entgegen der Kritik von Dr. B._ (IV-act. 315-8) – u.a. eine
überzeugende Konsistenz- und Ressourcenprüfung vorgenommen (siehe hierzu etwa
IV-act. 302-28 und IV-act. 302-31 f.; siehe auch vorstehende E. 3.4 am Schluss). Im
Gegensatz hierzu gründet die Arbeitsfähigkeitsschätzung sowohl von Dr. B._ (siehe
hierzu etwa die Stellungnahme vom 28. Mai 2019, IV-act. 315-7 ff.) als auch von
Dr. D._ (siehe hierzu dessen Stellungnahme vom 11. Juni 2019, IV-act. 315-11 ff.;
vgl. auch den Verlaufsbericht vom 4. Mai 2018, IV-act. 273-2 f.) im Wesentlichen in
einer unkritischen Übernahme der Selbsteinschätzung des Beschwerdeführers bzw.
von dessen Leidensangaben und -präsentation. Aus deren Beurteilungen ergeben sich
ausserdem keine objektiv relevanten Gesichtspunkte, die der psychiatrische estimed-
Gutachter übersehen hätte. Vielmehr geht sowohl die Beurteilung von Dr. B._ als
auch von Dr. D._ in einer bloss anderen Interpretation desselben Sachverhalts auf,
wobei sie sich hierfür – wie bereits erwähnt – primär auf die Leidensdarstellung des
Beschwerdeführers stützen. Zudem berücksichtigt Dr. D._ auch eine «Zuspitzung der
Fehde», vor allem falls der Beschwerdeführer durch die «Maschen der IV» falle (IV-
act. 315-13), was als krankheitsfremder und damit invaliditätsfremder Faktor in der
medizinischen Beurteilung unberücksichtigt zu bleiben hat. Im Übrigen erscheint es in
sich widersprüchlich, dass Dr. B._ den Beschwerdeführer für fähig hält, – abgesehen
von schweren körperlichen Verrichtungen – die Haushaltsarbeiten zu erledigen, ihn
jedoch für jegliche leidensangepasste Erwerbstätigkeit für vollständig arbeitsunfähig
schreibt (IV-act 115-4).
4.4.
Soweit Dr. D._ kritische Ausführungen zu testpsychologischen Untersuchungen
vornimmt (IV-act. 315-12), so werden dadurch keine ernsthaften Zweifel am
psychiatrischen Teil des estimed-Gutachtens begründet. Denn einerseits handelt es
sich dabei um bloss ergänzende Untersuchungen, die andererseits primär auf die
Leidensangaben und -präsentation der zu Explorierenden beruhen und damit
hauptsächlich einen Selbstbeurteilungscharakter haben. Nichts anderes gilt bezüglich
des von Dr. B._ durchgeführten Beck Depression Inventars (IV-act. 340-4 f.; Urteil
des Bundesgerichts vom 12. Juli 2018, 9C_302/2018, E. 4.2.2). Im Übrigen hat der
4.5.
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psychiatrische estimed-Gutachter eine Zusatzuntersuchung mittels Hamilton
Depression Scale durchgeführt (siehe hierzu IV-act. 330-7 ff.). Soweit Dr. B._ in
diesem Zusammenhang vorbringt, der Beschwerdeführer habe in den letzten «ca.
6 Mten ungewollt 10 kg abgenommen» (IV-act. 340-2 unten), vermag er keinen Mangel
an der gutachterlichen Beurteilung darzutun. Zunächst fehlen nähere Angaben zu den
Grundlagen, auf welche Dr. B._ die von ihm genannte Differenz stützt. Ausserdem
spricht der retrospektive Gewichtsverlauf des Beschwerdeführers gerade für die
anzunehmende gesundheitliche Verbesserung seit der Rentenzusprache (siehe hierzu
vorstehende E. 3.4). So hatte der Beschwerdeführer im Zeitpunkt der zweiten
Begutachtung im ZMB im Mai 2001 88 kg gewogen (IV-act. 77-13). Im ABI-Gutachten
vom 17. September 2012 wird ein Gewicht von 97 kg (IV-act. 145, S. 15) und im
allgemeininternistischen estimed-Teilgutachten vom 22. Oktober 2018 ein Gewicht von
99 kg dokumentiert (IV-act. 300-12 unten). Ferner gab der Beschwerdeführer selbst an,
sein Appetit sei nicht schlechter als sonst (IV-act. 340-5), weshalb eine psychische
Ursache für einen allfälligen nach der estimed-Begutachtung erfolgten Gewichtsverlust
ohnehin fraglich erscheint. Hinsichtlich der sich auf die Aussagen der behandelnden
medizinischen Fachpersonen stützenden Kritik des Beschwerdeführers (act. G 1, IV.
Rz 5.3 ff.) bleibt anzufügen, dass für die psychiatrische Beurteilung die klinische
Untersuchung mit Anamneseerhebung, Symptomerfassung und
Verhaltensbeobachtung massgebend ist (Urteil des Bundesgerichts vom 17. Oktober
2014, 8C_578/2014, E. 4.2.7), wie sie vom psychiatrischen estimed-Gutachter
vorgenommen wurde. In Anbetracht der Alltagsaktivitäten des Beschwerdeführers
(siehe hierzu, namentlich bezüglich Einkaufsaktivitäten und Besuchen von
Fussballspielen etwa IV-act. 302-14 und IV-act. 302-18) ist nicht nachvollziehbar, dass
Dr. D._ den Beschwerdeführer krankheitsbedingt sogar überhaupt nicht mehr fähig
hält, an einer stationären psychiatrischen oder psychosomatischen Behandlung
teilzunehmen. Dabei bleibt unklar, was Dr. D._ mit der Ausführung, der
Beschwerdeführer würde «sich durch eine entsprechende Verordnung in seiner
Subjektivität nicht ernst genommen fühlen» (IV-act. 315-14), zum Ausdruck bringen
möchte. Jedenfalls lässt sich die Angabe von Dr. D._, dem Beschwerdeführer sei es
nicht möglich, zu neuen Helfern und einer neuen sozialen Umgebung ausreichend
Vertrauen aufzubauen (IV-act. 315-14), nicht mit seinem Verhalten anlässlich der im
KSSG erfolgten stationären Behandlungen (siehe hierzu IV-act. 323 und IV-act. 342)
oder anlässlich der Wiedereingliederungsbemühungen (IV-act. 205 f. und IV-act. 212)
vereinbaren. Daraus ergeben sich jedenfalls keine Hinweise auf eine schlechte
Kontaktfähigkeit oder Vertrauensbildungsfähigkeit des Beschwerdeführers. Zu
berücksichtigen ist ferner, dass ein den Beweisanforderungen grundsätzlich
genügendes medizinisches Gutachten (BGE 125 V 351 f. E. 3a und b), wie das
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estimed-Gutachten, nicht stets in Frage gestellt werden kann und Anlass zu weiteren
Abklärungen besteht, wenn und sobald die behandelnden medizinischen
Fachpersonen nachher zu einer unterschiedlichen Beurteilung gelangen oder an
vorgängig geäusserten abweichenden Auffassungen festhalten. Anders verhält es sich
nur, wenn – anders als im hier zu beurteilenden Fall – objektiv feststellbare
Gesichtspunkte vorgebracht werden, welche im Rahmen der Begutachtung unerkannt
geblieben waren und die geeignet sind, zu einer anderen Beurteilung zu führen (Urteil
des Bundesgerichts vom 17. Februar 2021, 8C_783/2020, E. 5.2 mit Hinweis). Ferner
kann eine psychiatrische Exploration von der Natur der Sache her nicht ermessensfrei
erfolgen. Sie eröffnet einer psychiatrischen Fachperson – sei sie nun in therapeutischer
oder in begutachtender Funktion – daher praktisch immer einen gewissen Spielraum,
innerhalb dessen verschiedene medizinisch-psychiatrische Interpretationen möglich,
zulässig und zu respektieren sind, sofern die Beurteilung des Experten oder der
Expertin die Beweisanforderungen erfüllt (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 5. März
2009, 8C_694/2008, E. 5.1.1).
Zweifel an der Einschätzung von Dr. B._ liegen auch in dessen Formulierungen
begründet, die eine Unumstösslichkeit und Sicherheit vorgeben («Eine somatoforme
Schmerzstörung besteht mit Sicherheit, eine Depression ebenso.», IV-act. 315-7 unten;
«völlig unterbewertet», «krasse Untertreibung», «völlig empathielos», IV-act. 315-8;
«keinerlei Schmerzausbreitung», IV-act. 315-9), die es bei der Prüfung der vorliegend in
Betracht fallenden komplexen psychischen Leidensbildern nicht gibt. Ausserdem
beruht etwa die Annahme von Dr. B._, der Beschwerdeführer habe keine Interessen
(IV-act. 315-7), auf einer unkritischen Übernahme der Selbsteinschätzung des
Beschwerdeführers, die sich als widersprüchlich erweist. So interessiert sich dieser
immerhin stark für Fussballspiele seines Sohnes und am Fernsehen (IV-act. 302-14; zur
Angabe des Beschwerdeführers, dass er Fussball «liebe» siehe IV-act. 131-6), womit
auch die von Dr. D._ vermutete «Unfähigkeit zur Freude» (IV-act. 315-14 oben) als
fraglich erscheint. Als aktenwidrig erweist sich der Vorwurf von Dr. B._, die «vielen
Schmerztherapien (Bellikon, KSSG)» seien nicht erwähnt worden (IV-act. 315-9), fanden
diese doch ausdrücklich Eingang in das estimed-Gutachten (siehe IV-act. 302-8 ff.).
Des Weiteren wirken die Stellungnahmen von Dr. B._ – der im Übrigen nicht über
eine fachpsychiatrische Ausbildung verfügt – als über die Grenze der Objektivität
hinausgehende Parteiergreifung zugunsten seines Patienten, womit bei deren
Würdigung der Erfahrungstatsache Rechnung zu tragen ist, dass (insbesondere
jahrelang hausärztlich) behandelnde medizinische Fachpersonen im Hinblick auf ihre
auftragsrechtliche Vertrauensstellung in Zweifelsfällen mitunter eher zugunsten ihrer
Patienten und Patientinnen aussagen (siehe etwa das Urteil des Bundesgerichts vom
4.6.
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8. September 2021, 8C_337/2021, E. 5.1 mit Hinweis auf BGE 135 V 465; zu den auf
eine Voreingenommenheit schliessenden Aussagen siehe etwa: «[...] es ist mir immer
noch unverständlich, wieso die IV an diesem armen Patienten ein Exempel statuieren
möchte», IV-act. 245-17 unten; «Nach dem unverständlichen Willkürentscheid der IV
mit der Verweigerung weiterer Rentenzahlungen wurde grossmaulig die Unterstützung
bei der Wiedereingliederung durch die IV versprochen», IV-act. 189; zu den
unberechtigten an die Suva gerichteten Schuldvorwürfe, die von Dr. B._ für die
psychische Fehlverarbeitung mitverantwortlich gemacht wird, siehe IV-act. 166-3: «[...]
war diese Verarbeitung schwierig, vor allem auch infolge der miserablen Unterstützung
durch die SUVA»; siehe auch die anklagenden, inhaltlich nicht gerechtfertigten
Ausführungen von Dr. B._ in IV-act. 145-46). Fragen sowohl an der Sachlichkeit als
auch an der Zuverlässigkeit der Beurteilung von Dr. B._ entstehen auch dadurch,
dass er seine eigene Einschätzung durch eine Medizinstudentin bestätigt sieht, «ohne
dass sie irgendeine Kenntnis der Vorgeschichte hatte» (IV-act. 340-2).
Der Beschwerdeführer macht zudem geltend, die estimed-Gutachter hätten bei
ihrer Beurteilung das ABI-Gutachten miteinbezogen, und rügt, die damalige
Auftragsvergabe an die ABI sei nicht nach dem Zufallsprinzip erfolgt (act. G 1,
IV. Rz 4.1). Dieses Vorbringen zielt schon allein deshalb ins Leere, da eine allfällige
Missachtung des Zufallsprinzips bei der Auftragsvergabe nicht zur Unverwertbarkeit
des ABI-Gutachtens und erst recht nicht des estimed-Gutachtens führt. Der
Beschwerdeführer bringt nicht substanziiert vor und es ist auch nicht ersichtlich, dass
ein allfälliger formeller Mangel bei der Vergabe des Auftrags an die ABI geeignet sein
könnte, einen inhaltlichen Mangel des eigenständigen estimed-Gutachtens zu
begründen.
4.7.
Bei der Würdigung des estimed-Gutachtens (siehe auch die ergänzende
Stellungnahme vom 27. Januar 2020, IV-act. 330-2 ff.) fällt ins Gewicht, dass es auf
eigenständigen polydisziplinären Abklärungen beruht und für die streitigen Belange
umfassend ist. Die medizinischen Vorakten wurden verwertet. Die vom
Beschwerdeführer geklagten Leiden wurden zur Kenntnis genommen und – u.a. im
Rahmen einer Konsistenz- und Ressourcenprüfung – gewürdigt. Es bestehen keine
Anhaltspunkte dafür, dass objektiv wesentliche Tatsachen nicht oder unzutreffend
berücksichtigt worden wären. Solche ergeben sich denn auch weder aus den Akten
noch den Ausführungen des Beschwerdeführers oder der ihn behandelnden
medizinischen Fachpersonen. Hinzu kommt, dass bereits die ABI-Gutachter zum
Schluss gelangten, dass keine gesundheitlichen Leiden mehr bestünden, die zu einer
erheblichen Einschränkung der Arbeitsfähigkeit bezogen auf leidensangepasste
4.8.
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5.
Der Beschwerdeführer bringt gegen die Aufhebung seines Rentenanspruchs im
Beschwerdeverfahren erstmals vor, es hätten vorab Wiedereingliederungsmassnahmen
durchgeführt werden müssen (act. G 1, IV. Rz 6).
Tätigkeiten führen würden (IV-act. 145). Des Weiteren ergeben sich aus den Akten auch
keine Hinweise auf eine dauerhafte Verschlechterung des Gesundheitszustands seit
der estimed-Begutachtung. Der Vollständigkeit halber bleibt zu erwähnen, dass der
Beschwerdeführer nach seiner stationären Behandlung vom 9. bis 12. September 2019
bei gutem Allgemeinzustand, «schmerzfrei unter gewohnter analgetischer Therapie»,
entlassen werden konnte (IV-act. 323-3 Mitte; zur Schmerzfreiheit bei Austritt nach der
neuerlichen stationären Behandlung im März 2020 siehe IV-act. 342-3 oben). Gestützt
auf das estimed-Gutachten ist daher davon auszugehen, dass sich der (psychische)
Gesundheitszustand verbesserte und der Beschwerdeführer spätestens ab dem
Zeitpunkt der Untersuchung durch den psychiatrischen estimed-Gutachter am
6. November 2018 zumindest bezogen auf leidensangepasste Tätigkeiten über eine
80%ige Arbeitsfähigkeit verfügt (IV-act. 297-17 f.).
Fehlt der Eingliederungswille bzw. die subjektive Eingliederungsfähigkeit, d.h. ist
die Eingliederungsbereitschaft aus invaliditätsfremden Gründen nicht gegeben, darf die
Rente auch bei qualifizierten Fällen (Rentenaufhebung bzw. -herabsetzung nach mehr
als 15-jähriger Bezugsdauer oder bei Personen, die das 55. Altersjahr zurückgelegt
haben; vgl. hierzu BGE 145 V 212 E. 5.2.3) ohne vorgängige Prüfung von Massnahmen
der (Wieder-)Eingliederung und ohne Durchführung des Mahn- und
Bedenkzeitverfahrens nach Art. 21 Abs. 4 ATSG herabgesetzt oder aufgehoben
werden. Berufliche Massnahmen können zwar unter anderem dazu dienen, subjektive
Eingliederungshindernisse im Sinn einer Krankheitsüberzeugung der versicherten
Person zu beseitigen. Es bedarf indessen auch diesfalls eines Eingliederungswillens
bzw. einer entsprechenden Motivation der versicherten Person. Es sind insbesondere
die gegenüber der Verwaltung und den medizinischen Experten gemachten Aussagen
betreffend Krankheitsüberzeugung bzw. Arbeitsmotivation zu berücksichtigen.
Ebenfalls von Belang sein können die im Vorbescheidverfahren und vor kantonalem
Versicherungsgericht gemachten Ausführungen resp. gestellten Anträge (Urteil des
Bundesgerichts vom 7. Juni 2021, 8C_138/2021, E. 5.1 mit Hinweisen).
5.1.
Die Beschwerdegegnerin führt unter diesem Aspekt zu Recht ins Feld (act. G 4,
III. Rz 10), dass die von ihr früher bereits erbrachten Eingliederungsbemühungen
hauptsächlich an der Krankheitsüberzeugung und an der mangelhaften Motivation des
5.2.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 21/24
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6.
Da sich keine Hinweise aus den Akten ergeben, dass der Beschwerdeführer als
Gesunder über eine Erwerbsfähigkeit verfügt hätte (zu den ehemals vom
Beschwerdeführer erzielten Einkommen siehe die Angaben der früheren Arbeitgeberin
vom 16. Dezember 1997, IV-act. 9-2), die über dem statistischen Hilfsarbeiterlohn
liegen würde (siehe hierzu Anhang 2: Lohnentwicklung der IVG-Gesetzesausgabe der
Informationsstelle AHV/IV von 2005), kann offenbleiben, ob die von den estimed-
Gutachtern bescheinigte 80%ige Arbeitsfähigkeit nicht bloss für eine ideal
leidensangepasste, sondern auch für die angestammte Tätigkeit gilt. Denn so oder
anders fiele für die Bestimmung des Invaliditätsgrads ein Prozentvergleich in Betracht
(siehe zum Prozentvergleich etwa das Urteil des Bundesgerichts vom 6. April 2016,
8C_628/2015, E. 5.3.1 mit Hinweisen). Bei der Bemessung des Tabellenlohnabzugs
kann die exakte Bestimmung offenbleiben. Denn selbst wenn zugunsten des
Beschwerdeführers aufgrund der langen Abwesenheit vom Arbeitsmarkt ein Abzug
zugebilligt würde, fiele – wenn überhaupt – ein Abzug von höchstens 15 % in Betracht.
Die qualitativen Anforderungen an eine zumutbare Tätigkeit sind nämlich nicht
einschneidend und vom Erwerbsalter her ergeben sich keine relevanten
Einschränkungen (siehe auch vorstehende E. 5.2 am Schluss). Zudem verfügt er über
Beschwerdeführers gescheitert sind (IV-act. 206-7, IV-act. 208 und IV-act. 214). Auch
danach verharrte der Beschwerdeführer im gesamten Verwaltungsverfahren in seiner
Krankheitsüberzeugung und es lassen sich keine Hinweise auf eine ernsthafte
Eingliederungsmotivation erkennen (siehe zur deutlich eingeschränkten Motivation IV-
act. 302-22). Der psychiatrische estimed-Gutachter gelangte ebenfalls zur Auffassung,
es müsse davon ausgegangen werden, dass beim Beschwerdeführer eine –
bewältigbare – subjektive Überzeugung bestehe, nicht mehr arbeitsfähig zu sein (IV-
act. 302-32). Unter diesen Umständen hatte die Beschwerdegegnerin vor der
Rentenaufhebung keine weitere Wiedereingliederungsunterstützung zu erbringen. Mit
Blick auf das noch nicht allzu weit fortgeschrittene Erwerbsalter des
Beschwerdeführers (IV-act. 5-1), der lediglich noch um 20 % eingeschränkten
Arbeitsfähigkeit (IV-act. 297-17) und dem Umstand, dass der Umsetzung der
wiedergewonnenen Arbeitsfähigkeit hauptsächlich die Krankheitsüberzeugung des
Beschwerdeführers im Weg stand bzw. steht, kann trotz der schon langen
Abwesenheit vom Arbeitsmarkt nicht davon ausgegangen werden, dass die 80%ige
Arbeitsfähigkeit auf einem ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG) nicht
mehr verwertbar wäre (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 8. Januar 2021,
8C_720/2020, E. 7.2), zumal der Beschwerdeführer noch über gewisse Ressourcen
verfügt (siehe etwa nachstehende E. 6 am Schluss).
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ein handwerkliches Geschick und vermochte im Rahmen von Integrationsmassnahmen
die dort zu verrichtenden Arbeiten gewissenhaft und speditiv auszuführen (siehe hierzu
den Schlussbericht über die Integrationsmassnahmen vom 7. Juli 2015, IV-act. 212-2
oben). Bei einem 15%igen Tabellenlohnabzug und einer 80%igen Arbeitsfähigkeit
würde ein nicht mehr rentenbegründender Invaliditätsgrad von 32 % (20 % + [80 %
x 15 %]) resultieren.
7.
Schliesslich bleibt der Zeitpunkt der Rentenaufhebung zu prüfen. Die
Beschwerdegegnerin verfügte die Aufhebung per Ende Juli 2016 und stellte dabei auf
die am 6. Juli 2016 verfügte vorsorgliche Renteneinstellung ab (IV-act. 238). Vorliegend
gilt es zu berücksichtigen, dass aus den bloss knapp substanziierten Ausführungen der
Beschwerdegegnerin (IV-act. 345-5 unten) weder eine konkrete Meldepflichtverletzung
oder eine konkret unrichtige Erwirkung der Rentenleistung hervorgeht, die sie zu einer
rückwirkenden Rentenaufhebung im Sinn von Art. 88 Abs. 2 lit. b der Verordnung
über die Invalidenversicherung (IVV; SR 831.201) berechtigen würde. Ein solches
Fehlverhalten ist auch nicht ausgewiesen. Insbesondere ergeben sich auch aus dem
Observationsmaterial keine im Sinn des damals gültigen Art. 88 Abs. 2 lit. b IVV
meldebedürftigen neuen Umstände aus den Alltagsaktivitäten, die der
Beschwerdegegnerin nicht bereits bekannt waren (zu den früher bei der ZMB-
Erstbegutachtung geschilderten Alltagsaktivitäten wie etwa Einkäufe siehe IV-
act. 43-16 f.). Hinzu kommt, dass die anzunehmende gesundheitliche Verbesserung
einen eher schleichenden Eindruck vermittelt (vgl. vorstehende E. 3.4). Deshalb hat die
Aufhebung des Rentenanspruchs des Beschwerdeführers grundsätzlich ex nunc et pro
futuro zu erfolgen. Es gilt folglich für die Zukunft einen rechtskonformen Zustand
herzustellen (Art. 88 Abs. 2 lit. a IVV). Daran vermag die lediglich als vorsorgliche
Massnahme am 6. Juli 2016 verfügte Renteneinstellung nichts zu ändern, beschlägt
diese doch einzig die Vollstreckungsebene zu einem Zeitpunkt, als der Sachverhalt
noch gar nicht spruchreif abgeklärt war, und dient folglich ausschliesslich der
Begrenzung eines Ausfallsrisikos von allfälligen Rückforderungen im Fall einer
rückwirkenden Rentenherabsetzung im Hauptverfahren. Der vorsorglichen
Renteneinstellung kommt aber keine materielle Wirkung bezüglich des erst im
Hauptverfahren festzulegenden Einstellungs- bzw. Aufhebungszeitpunkts zu (vgl. Urteil
des Bundesgerichts vom 28. Mai 2020, 8C_594/2019, E. 4.4), zumal sie vorliegend in
einem Zeitpunkt gefällt wurde, als der Sachverhalt noch gar nicht spruchreif erstellt war
und deshalb als missbräuchliche Provozierung eines möglichst frühen
Einstellungszeitpunkts qualifiziert werden müsste (siehe hierzu etwa das Urteil des
Bundesgerichts vom 28. August 2017, 8C_118/2017, E. 3.1 mit Hinweisen), falls ihr
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© Kanton St.Gallen 2023 Seite 23/24
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St.Galler Gerichte
eine materielle Wirkung zugebilligt würde. In Nachachtung von Art. 88 Abs. 2 lit. a IVV
ist die Rente folglich ab dem ersten Tag des zweiten der Zustellung der vorliegend
angefochtenen Verfügung vom 3. Juni 2020 folgenden Monats und damit ab 1. August
2020 aufzuheben.
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