Decision ID: bb3710cc-8852-4e82-a049-8a9c101eb989
Year: 2022
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich im November 2008 zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung an (IV-act. 1). Sie gab an, an Schulter- und Armbeschwerden zu
leiden. Sie habe in C._ die Grundschule besucht und sei zuletzt als L._ tätig
gewesen. In einem im Auftrag der IV-Stelle angefertigten polydisziplinären Gutachten
der Medas Ostschweiz vom 11. Juni 2009 (Psychiatrisch, internistisch/
rheumatologisch; IV-act. 40) erhoben die Sachverständigen folgende Diagnosen mit
Einschränkung der zumutbaren Arbeitsfähigkeit: Chronisches Schmerzsyndrom
cervicobrachial rechts, Status nach schulterarthroskopischem Eingriff 08/2006 wegen
Tendinose der Supraspinatussehne im Ansatzbereich mit leichter Partialruptur,
psychoreaktiv ausgelöste, mittelgradige depressive Episode mit somatischem Syndrom
und psychische Überlagerung der körperlichen Beschwerden. Die Sachverständigen
führten aus, aus interdisziplinärer Sicht betrage die Einschränkung der Arbeitsfähigkeit
für adaptierte Tätigkeiten aufgrund der funktionellen Beschwerden, möglicher
Operationsfolgen mit Narben und der psychischen Überlagerung insgesamt 30%. Der
psychiatrische Sachverständige erläuterte in seinem Consiliargutachten aus (IV-act.
40-16 ff.), das mittelgradige depressive Zustandsbild bestehe infolge der Krankheit
(Schmerzen im Nacken sowie in der rechten Schulter und im Arm, welche auch durch
die Behandlung und eine Operation nicht besserten) und der schwierigen
psychosozialen Belastungssituation seit April 2008 (zweiter Sohn kurz nach der Geburt
verstorben; betrogen vom Ehemann, welcher mit seiner Freundin ein aussereheliches
Kind bekam; Trennung vom Ehemann, nachdem sie von der Affäre erfuhr; trotz
Trennung räumliches Zusammenleben mit dem Ehemann aufgrund der finanziellen
Situation). Allein aufgrund der psychischen Gründe bestehe eine Arbeitsunfähigkeit von
25%. Am 1. Juli 2009 notierte die RAD-Ärztin Dr. med. D._, auf das MEDAS-
Gutachten könne abgestellt werden (IV-act. 41). Nach einem Vorbescheidsverfahren
(Vorbescheid vom 7. September 2009 [IV-act. 47 f.], Einsprache vom 5. Oktober 2009
[IV-act. 53]) sprach die IV-Stelle der Versicherten mit einer Verfügung vom 20. Januar
2010 bei einem IV-Grad von 40% rückwirkend ab dem 1. August 2008 eine
Viertelsrente zu (IV-act. 58).
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 3/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.
Im Oktober 2013 ersuchte die Versicherte um eine Erhöhung der Viertelsrente auf
eine ganze Rente (IV-act. 63 und 65). Am 13. November 2013 teilte die IV-Stelle der
Versicherten mit (IV-act. 71), dass sie bei der Überprüfung des IV-Grades keine renten
relevante Änderung habe feststellen können, weshalb weiterhin ein Anspruch auf die
bisherige Viertelsrente bestehe. Auf Verlangen der Versicherten erliess die IV-Stelle am
10. Dezember 2013 eine beschwerdefähige Verfügung (IV-act. 74), in welcher sie den
Anspruch auf die bisherige Viertelsrente bestätigte und das Begehren um eine
Erhöhung der Rente abwies. Die dagegen erhobene Beschwerde hiess das
Versicherungsgericht mit einem Entscheid vom 19. April 2016 (IV 2014/17) teilweise gut
(IV-act. 86). Es hob die Verfügung vom 10. Dezember 2013 auf und wies die Sache zur
weiteren Abklärung an die IV-Stelle zurück. Zur Begründung hielt es im Wesentlichen
fest, die IV-Stelle habe den medizinischen Sachverhalt ungenügend abgeklärt. Dieser
Rückweisungsentscheid erwuchs unangefochten in Rechtskraft.
B.a.
Am 29. September 2016 teilte die IV-Stelle der Versicherten mit, dass sie eine
polydisziplinäre medizinische Untersuchung als notwendig erachte (IV-act. 121). Am 3.
April 2017 erstattete die PMEDA ein polydisziplinäres (internistisches, neurologisches,
orthopädisches und psychiatrisches) Gutachten (IV-act. 135). Die Sachverständigen
erhoben folgende Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit: Zustand nach
HWS-Operation C5/6, C6/7 rechts am 11.06.2009 ohne Hinweise auf das Vorliegen
einer Myelonaffektion oder radikulärer Ausfälle, leichtgradige
Vestibularorganschädigung, Status nach zervikaler
Bandscheibendekompressionsoperation 06/2009, Impingement-Syndrom rechtes
Schultergelenk bei Schultereckgelenkarthrose und Rotatorenmanschettendegeneration
nach arthroskopischer Dekompression 08/2006 und leichtgradige ulnare
Epicondylopathie beider Ellbogengelenke. Als Diagnosen ohne Auswirkung auf die
Arbeitsfähigkeit gaben sie eine arterielle Hypertonie und einen Diabetes mellitus an. Der
neurologische Sachverständige führte aus, aufgrund der erhobenen Diagnosen liege
allenfalls eine qualitative Minderung der Arbeitsfähigkeit mit einer nicht gegebenen
Eignung zu Arbeiten, die eine höhere Standsicherheit erforderten, vor. Der
orthopädische Sachverständige erläuterte, der Versicherten seien überwiegend leichte
körperliche Arbeiten ohne Zwangshaltung der Schulter-Nacken-Region zu 100%
B.b.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 4/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
zumutbar. Zu vermeiden seien wiederkehrende Reklinationsbelastungen der
Halswirbelsäule, wiederkehrende Tätigkeiten mit rechtsseitigem oder beidhändigem
Armeinsatz in Augenhöhe oder über Kopf. Für die zuletzt ausgeübte körperlich leichte
Tätigkeit als L._ sei unter Beachtung einer optimalen Arbeitsplatzergonomie und
eines notwendigen gelegentlichen Haltungswechsels eine im Wesentlichen
uneingeschränkte Arbeitsfähigkeit von 100% möglich. Der psychiatrische
Sachverständige erhob keine Diagnosen mit Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit und
auch er sprach der Versicherten eine vollschichtige Arbeitsfähigkeit im angestammten
Bereich und für den gesamten Arbeitsmarkt zu. Er führte aus, anlässlich der früheren
Begutachtung sei ein leichtgradiges depressives Syndrom attestiert worden; derzeit
liege jedoch keine namhafte Depressivität mehr vor. Die RAD-Ärztin Dr. D._ notierte
am 15. Mai 2017 sinngemäss (IV-act. 136), auf das PMEDA-Gutachten könne
abgestellt werden. Aus medizinischer Sicht habe sich der Gesundheitszustand
verbessert. Nach einem Vorbescheidsverfahren verfügte die IV-Stelle am 4. September
2017 bei einem IV-Grad von 0% die revisionsweise Aufhebung der Rente auf das Ende
des der Zustellung der Verfügung folgenden Monats (IV-act. 147).
Am 4. Oktober 2017 liess die Versicherte Beschwerde gegen die Verfügung vom 4.
September 2017 erheben. Sie beantragte sinngemäss die Aufhebung der
angefochtenen Verfügung, die Zusprache der gesetzlichen Leistungen ("eine
angemessene Rente") und die Kostenübernahme für die Begleitung durch den
Ehemann zu den Untersuchungen (IV-act. 148). Zur Begründung führte sie sinngemäss
aus, die Sachbearbeiterin E._ sei in der Sache befangen; sie sei in der Ablehnung
jeglicher Leistungen festgefahren, weshalb die Sachbearbeitung einer anderen Person
zu übertragen sei. Die IV-Stelle beantragte am 24. November 2017 die Abweisung der
Beschwerde (IV-act. 152). In einem Entscheid vom 19. Dezember 2019 (IV 2017/364)
hiess das Versicherungsgericht die Beschwerde der Versicherten teilweise gut, hob die
Verfügungen vom 4. September 2017 und 3. August 2017 (Kostenübernahme durch die
Begleitperson) auf und wies die Sache zur Neuverfügung im Sinne der Erwägungen an
die IV-Stelle zurück (IV-act. 159). Es führte unter anderem aus, die IV-Stelle habe die
Ausstandsregelung gemäss Art. 36 Abs. 2 ATSG verletzt. Sie hätte über das
Ausstandsbegehren der Versicherten in der Form einer selbständigen eröffneten
Zwischenverfügung entscheiden müssen; dies sei nicht erfolgt.
B.c.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 5/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Am 15. Januar 2019 berichtete Dr. med. F._, Facharzt für Oto-Rhino-
Laryngologie, gegenüber dem Hausarzt PD Dr. med. G._, Facharzt für Allgemeine
Innere Medizin FMH, die Versicherte leide an einer Presbyacusis, Otitis media chronica
simplex links mit Entzündungsschub (IV-act. 175). Am 25. Mai 2020 berichtete Dr.
F._ gegenüber der IV-Stelle (IV-act. 173), bei der Reinigung des linken Gehörgangs
habe er eine grosse basale Trommelfellperforation festgestellt. Die letzte Untersuchung
habe im Mai 2019 stattgefunden. Damals habe sich die basale Trommelfellperforation
links reizlos gezeigt. Funktionell bestehe eine beginnende Presbyakusis rechts und eine
entsprechende Schwerhörigkeit links aufgrund der Trommelfellperforation; eine
Hörgeräteversorgung sei scheinbar vor Jahren abgelehnt worden. Bereits am 18. Juli
2017 hatten Fachpersonen der Hals-Nasen-Ohrenklinik des Kantonsspitals St. Gallen
berichtet (IV-act. 176-7), die Versicherte leide an einem unklaren rezidivierenden
Drehschwindel mit Gangunsicherheit, einer Otitis media simplex links und rechts und
einem Status nach Rhinoplastik und Facelift in C._. Am 3. Oktober 2017 hatten sie
berichtet (IV-act. 176-10), die Versicherte habe aktuell keinen Schwindel mehr, jedoch
bestünden eine Hörminderung links sowie intermittierend ein Tinnitus beidseits. Die
Versicherte sei im Alltag durch die Hörminderung nicht beeinträchtigt; sie lehne eine
Hörgeräteversorgung ab. Am 3. August 2020 notierte die RAD-Ärztin Dr. med. D._
(IV-act. 188), mit den neu eingereichten Berichten sei keine Verschlechterung des
Gesundheitszustandes mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit nachgewiesen worden.
Aus medizinischer Sicht habe sich der Gesundheitszustand seit der letzten
Begutachtung durch die MEDAS im Jahre 2009 verbessert, da die damals noch
vorhandene mittelgradig depressive Episode mit somatischem Syndrom, die zu einer
Einschränkung der Arbeitsfähigkeit geführt habe, aktuell nicht mehr nachweisbar sei.
Die anlässlich der Begutachtung im Januar 2017 bestehende Schwindelsymptomatik
sei mittlerweile verschwunden. In der Zwischenzeit sei eine sogenannte Presbyakusis
("Altersschwerhörigkeit") festgestellt worden; die Versicherte habe jedoch die
Behandlung mit einem Hörgerät weiterhin abgelehnt. Da seit der Begutachtung im Jahr
2017 keine relevante gesundheitliche Veränderung stattgefunden habe, könne
weiterhin auf das Gutachten abgestellt werden. Mit einem Vorbescheid vom 4. August
2020 kündigte die IV-Stelle der Versicherten an (IV-act. 191), dass sie vorsehe, die
Rente per 31. Oktober 2017 eingestellt zu lassen.
B.d.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 6/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Am 3. September 2020 liess die Versicherte Einwand gegen den Vorbescheid vom
4. August 2020 erheben (IV-act. 195). Sie führte aus, sie begebe sich erneut in ärztliche
Behandlung; die Fachärzte würden in den nächsten Tagen bekannt gegeben.
B.e.
Am 30. Oktober 2020 reichte die Praxis für Rheumatologie H._ unter anderem
folgende Berichte ein: Bericht von Dr. med. I._, Facharzt für orthopädische Chirurgie
und Traumatologie des Bewegungsapparates, für physikalische Medizin und
Rehabilitation und für Rheumatologie FMH, vom 30. Oktober 2020 (IV-act. 200) und
Berichte der Radiologie der Klinik J._ vom 29. Oktober 2020 (IV-act. 201 und 202)
und 22. Oktober 2020 (IV-act. 203). Im Bericht vom 22. Oktober 2020 hatte Dr. med.
K._, Fachärztin für Radiologie FMH, bezüglich der HWS festgehalten: "Erhaltene
physiologische Halslordose und Geradstellung der HWS in der ap-Aufnahme.
Degenerative Veränderungen in den mittleren HWS-Segmenten mit
Bandscheibenhöhenminderung vor allem in C4/5 und C5/6. Zeichen der Uncarthrose.
Fortgeschrittene Spondylarthrose. Minimale Rückversetzung des Wirbelkörpers C4
über C5 von ca. 3mm in der Neutralstellung, was unverändert bleibt bei Reklination,
sich jedoch bei Inklination etwas aufhebt. Ansonsten kein Nachweis einer
intersegmentalen Instabilität bei Bewegung". Bezüglich der Schultern hatte Dr. K._
einen unauffälligen Befund angegeben. Am 29. Oktober 2020 hatte Dr. med. M._,
Fachärztin für Radiologie FMH, berichtet, bei der Versicherten lägen betreffend die
LWS eine multisegmentale Facettengelenksarthrose und Osteochondrose mit foraminal
ausladenden Diskusprotrusionen akzentuiert bei L4/5 links und bezüglich der HWS eine
ausgeprägte multisegmentale Facettengelenksarthrose und Osteochondrose, weniger
betonte Uncovertebralarthrose mit Einengung der Neuroforamina bei C3/4 und
insbesondere C4/5 beidseits, aber kein Bandscheibenvorfall vor. Dr. I._ gab am 30.
Oktober 2020 an, die Versicherte leide an einer Polyarthralgie und Polymyalgie im
Rahmen des symptomatischen Hyperlaxizitätssyndroms (DD sekundäre entzündlich-
rheumatologischer Grunderkrankung), an einer chronischen Schmerzstörung mit
somatischen (zervikospondylogenes Schmerzsyndrom mit intermittierendem
vertebragenem Schwindel, schmerzhafte Bewegungseinschränkung der Schultern bei
Status nach subakromialer Dekompression rechts 2006 und Ellbogengelenke mit
symptomatischem Sulcus ulnaris Syndrom rechts > links) und psychischen (Depression
und dysfunktionale Affektregulation) Faktoren, an einem persistierenden Hörschaden
B.f.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 7/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
bds. und einer Partizipationsstörung hinsichtlich Lautstärke und Geräuschkulisse/
Menschenansammlungen bei Status nach Barotrauma bds. am 03.11.2016 mit
Trommelfellruptur und konsekutiver Hörminderung und Gangbildbeeinträchtigung
sowie an einer Hyperlipoproteinämie, usCrP positiv. Die Segmentdegenerationen
sowohl im Halswirbelsäulen- als auch im Lendenwirbelsäulenbereich seien nicht neu,
sondern im zurückliegenden Beobachtungszeitraum vorbestehend und hätten auch im
Begutachtungszeitraum im Januar 2017 mit an Sicherheit grenzender
Wahrscheinlichkeit bereits vorgelegen. Die quantitativen Einschränkungen
insbesondere aufgrund der chronischen Schmerzstörung mit somatischen und
psychischen Faktoren, aber auch durch die nicht kompensierte Beeinträchtigung der
gesamthaften Ohrfunktion einschliesslich der Gleichgewichtsfunktion, sei so
gravierend, dass trotz Bereitstellung eines leidensadaptierten Arbeitsplatzes eine
erhebliche zeitliche Beeinträchtigung arbeitstäglich resultiere, weshalb die
arbeitstägliche Leistungsfähigkeit auf höchstens 50% zu begrenzen sei.
Am 1. Dezember 2020 liess die Versicherte geltend machen (IV-act. 205 f.), sie sei
mit dem PMEDA-Gutachten nicht einverstanden, insbesondere weil unwahre Aussagen
dokumentiert bzw. wertvolle Details weggelassen sowie Untersuchungen ohne die
notwendigen Instrumente und Messgeräte gemacht worden seien.
B.g.
Am 22. Dezember 2020 notierte die RAD-Ärztin Dr. D._ (IV-act. 207), aus
psychiatrischer Sicht sei seit dem MEDAS-Gutachten eine Verbesserung des
Gesundheitszustandes eingetreten; eine mittelgradige depressive Episode mit
somatischem Syndrom sei anlässlich der PMEDA-Begutachtung nicht mehr
nachweisbar gewesen. Aus somatischer Sicht habe sich gestützt auf die vorliegenden
Befunde, bestätigt auch durch Herrn Dr. I._ in seinem Bericht vom 30. Oktober 2020,
keine relevante Befundänderung ergeben und gemäss der Beurteilung im PMEDA-
Gutachten liege aus somatischer Sicht auch keine somatische Verschlechterung mit
Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit seit dem MEDAS-Gutachten vom 11. September
2009 vor. Aus versicherungsmedizinischer Sicht könne weiterhin auf das PMEDA-
Gutachten abgestützt werden. Am 14. Januar 2021 verfügte die IV-Stelle, die Rente
bleibe ab dem 31. Oktober 2017 eingestellt (IV-act. 208).
B.h.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 8/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
C.

Erwägungen
1.
Am 14. Februar 2021 liess die Versicherte (nachfolgend: Beschwerdeführerin)
Beschwerde gegen die Verfügung der IV-Stelle (nachfolgend: Beschwerdegegnerin)
vom 14. Januar 2021 erheben (act. G 1). Sie beantragte die Aufhebung der
angefochtenen Verfügung und die Zusprache mindestens einer halben Rente seit
Oktober 2013. Auf das PMEDA-Gutachten könne nicht abgestellt werden.
Untersuchungen und Tests seien schlampig und zum Teil nach Augenmass
durchgeführt, pathologische Befunde aufgrund fehlender Mess- und
Untersuchungseinrichtungen mutmasslich falsch oder unvollständig erhoben worden.
Die Sachverständigen hätten dem von der Beschwerdegegnerin in der Fragestellung
formulierten Wunsch, Aggravation in irgendeiner Form feststellen zu können,
entsprochen. Ergänzend führte sie aus, die Beschwerdegegnerin habe die Kosten für
die medizinischen Abklärungen im Zusammenhang mit dem "Gutachten" von Dr. I._
zu übernehmen.
C.a.
Am 16. April 2021 beantragte die Beschwerdegegnerin die Abweisung der
Beschwerde (act. G 6).
C.b.
In einer Replik vom 21. Mai 2021 liess die Beschwerdeführerin an ihren Anträgen
festhalten (act. G 13). Ergänzend beantragte sie die Übernahme weiterer Kosten durch
die Beschwerdegegnerin.
C.c.
Am 3. Juni 2021 hiess das Versicherungsgericht das Gesuch um Bewilligung der
unentgeltlichen Rechtspflege (Befreiung von den Gerichtskosten) gut (act. G 15).
C.d.
Die Beschwerdegegnerin verzichtete am 8. Juni 2021 auf die Einreichung einer
Duplik (act. G 17).
C.e.
Bei der angefochtenen Verfügung vom 14. Januar 2021 handelt es sich um eine
Revisionsverfügung im Sinne des Art. 17 Abs. 1 ATSG, mit der die
Beschwerdegegnerin die am 20. Januar 2010 zugesprochene ganze Rente der
Beschwerdeführerin unter Hinweis auf eine wesentliche Verbesserung des
1.1.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 9/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.
Gesundheitszustandes in den vergangenen Jahren mit Wirkung ex nunc et pro futuro
aufgehoben hat. Da dieses Beschwerdeverfahren die Überprüfung der angefochtenen
Verfügung auf deren Rechtmässigkeit bezweckt, muss sein Gegenstand jenem des mit
der angefochtenen Verfügung abgeschlossenen Verwaltungsverfahrens entsprechen.
Das bedeutet, dass in diesem Beschwerdeverfahren zu prüfen ist, ob nach dem
20. Januar 2010 eine relevante Sachverhaltsveränderung eingetreten ist, die es erlaubt
hat, die laufende Rente aufzuheben.
Auf den Antrag betreffend die Kostenübernahme für den Bericht von Dr. I._ vom
30. Oktober 2020 (act. G 1.3) sowie für die Rechnungen für Behandlungen im Oktober
2020 (act. G 13.1 bis G 13.4) ist nicht einzutreten, denn hierbei handelt es sich um
Kosten, die der Beschwerdeführerin im Rahmen des Verwaltungsverfahrens, also vor
Erlass der angefochtenen Verfügung vom 14. Januar 2021, erwachsen sind. Bezüglich
dieser Kosten liegt keine anfechtbare Verfügung vor; eine solche hätte von der
Beschwerdeführerin im Verwaltungsverfahren verlangt werden müssen. Da sie keine
anfechtbare Verfügung verlangt hat, ist auch keine Beschwerdeerhebung möglich.
Streitgegenstand der in diesem Beschwerdeverfahren angefochtenen Verfügung bildet
allein die revisionsweise Aufhebung der Invalidenrente; so befassen sich auch das
Dispositiv und die Begründung lediglich mit der revisionsweisen Aufhebung der
Invalidenrente. Die Übernahme der Kosten für von der Beschwerdeführerin eingeholte
Berichte im Verwaltungsverfahren bilden folglich nicht Streitgegenstand der
angefochtenen Verfügung.
1.2.
Ändert sich der Invaliditätsgrad eines Rentenbezügers erheblich, so wird die Rente
gemäss dem Art. 17 Abs. 1 ATSG für die Zukunft entsprechend erhöht, herabgesetzt
oder aufgehoben. Für die Beantwortung der Frage, ob sich der massgebende
Sachverhalt seit der ursprünglichen Rentenzusprache erheblich verändert hat, ist der
Sachverhalt im Zeitpunkt des Abschlusses des Rentenrevisionsverfahrens mit jenem im
Zeitpunkt der ursprünglichen Rentenzusprache zu vergleichen. Die ursprüngliche
rentenzusprechende Verfügung vom 20. Januar 2010 hat sich in medizinischer Hinsicht
massgebend auf das Gutachten der MEDAS vom 11. Juni 2009 gestützt, laut dem die
Beschwerdeführerin damals mit Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit an einem
chronischen Schmerzsyndrom cervicobrachial rechts, einem Status nach
schulterarthroskopischem Eingriff 08/2006 wegen Tendinose der Supraspinatussehne
im Ansatzbereich mit leichter Partialruptur, einer psychoreaktiv ausgelösten,
mittelgradigen depressiven Episode mit somatischem Syndrom und psychischer
Überlagerung der körperlichen Beschwerden gelitten hatte, weshalb ihr eine 30%ige
2.1.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 10/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Arbeitsunfähigkeit attestiert worden war, wobei der psychiatrische Sachverständige
angegeben hatte, allein aus psychischen Gründen bestehe eine Arbeitsunfähigkeit von
25%. Für die Überprüfung der angefochtenen Rentenrevisionsverfügung ist folglich
massgebend, ob die Beschwerdeführerin am 31. Oktober 2017 (Zeitpunkt der
Renteneinstellung gemäss der angefochtenen Verfügung; vgl. dazu auch nachfolgend
Erw. 2.6) noch immer wegen eines chronischen Schmerzsyndroms cervicobrachial
rechts, eines Status nach schulterarthroskopischem Eingriff 08/2006 wegen Tendinose
der Supraspinatussehne im Ansatzbereich mit leichter Partialruptur, einer
psychoreaktiv ausgelösten, mittelgradigen depressiven Episode mit somatischem
Syndrom und psychischer Überlagerung der körperlichen Beschwerden zu 30%
arbeitsunfähig gewesen und damit zu 40% invalid gewesen ist.
Angesichts der im Rentenrevisionsverfahren festgestellten Tendenz der
Beschwerdeführerin, ihre Beschwerden zu verdeutlichen (vgl. insbesondere IV-act.
135-14, 135-20, 135-22 und 135-35 f., worin die Sachverständigen insbesondere eine
Diskrepanz zwischen der Schmerzangabe und der frei anmutenden Bewegung der
Schultergelenke, eine ostentative Präsentation und eine demonstrativ anmutende
Stand- und Gangstörung beschrieben haben), könnte die Auffassung vertreten werden,
dass das Gutachten der MEDAS vom 11. Juni 2009 retrospektiv nicht zu überzeugen
vermöge, weil sich die Sachverständigen der MEDAS nicht zu einer allfälligen
Aggravation oder Simulation geäussert haben und weil sie sich folglich möglicherweise
über den damaligen wahren Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin haben
täuschen lassen. Selbst wenn das Gutachten der MEDAS vom 11. Juni 2009 als nicht
überzeugend qualifiziert werden müsste, würde sich in diesem Beschwerdeverfahren
die Frage stellen, ob die Beschwerdeführerin am 31. Oktober 2017, also zum Zeitpunkt
der Renteneinstellung gemäss der angefochtenen Verfügung, noch immer wegen
einem chronischen Schmerzsyndrom cervicobrachial rechts, einem Status nach
schulterarthroskopischem Eingriff 08/2006 wegen Tendinose der Supraspinatussehne
im Ansatzbereich mit leichter Partialruptur, einer psychoreaktiv ausgelösten,
mittelgradigen depressiven Episode mit somatischem Syndrom und psychischer
Überlagerung der körperlichen Beschwerden zu 30% arbeitsunfähig gewesen ist. Der
für die Anwendung des Art. 17 Abs. 1 ATSG zwingende Sachverhaltsvergleich setzt
nämlich voraus, dass der reale Sachverhalt für beide Vergleichszeitpunkte mit dem
erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit feststeht. Wenn das
nicht der Fall ist, liegt eine objektive Beweislosigkeit hinsichtlich des realen
Sachverhaltes im Zeitpunkt der ursprünglichen Rentenzusprache vor. Diese würde an
sich den Vergleich jenes Sachverhaltes mit dem aktuellen Sachverhalt im Zeitpunkt des
Abschlusses des Rentenrevisionsverfahrens verunmöglichen. Dadurch würde aber die
2.2.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 11/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
auf einem ungenügend abgeklärten Sachverhalt beruhende Rentenzusprache
„revisionsresistent“, denn jede Rentenrevision müsste zufolge der Unmöglichkeit des
Sachverhaltsvergleichs scheitern. Dies liefe offenkundig dem Sinn und Zweck des Art.
17 Abs. 1 ATSG zuwider. Folglich muss die Revision einer Rente auch dann zulässig
sein, wenn der Sachverhalt zum Zeitpunkt der ursprünglichen Rentenzusprache nicht
mit dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit feststeht. In
einem solchen Fall muss der (überwiegend wahrscheinliche) Sachverhalt im Zeitpunkt
des Abschlusses des Rentenrevisionsverfahrens mit jener Sachverhaltsannahme
verglichen werden, die bei der ursprünglichen Rentenzusprache unter den gesetzlichen
Tatbestand subsumiert und damit der rentenzusprechenden Verfügung zugrunde
gelegt worden ist. Ein Revisionsgrund liegt in einem solchen Fall vor, wenn der aktuelle
Sachverhalt nicht mehr jener Sachverhaltsannahme entspricht, auf die die IV-Stelle bei
der ursprünglichen Rentenzusprache abgestellt hat (vgl. statt vieler den Entscheid IV
2018/14 des Versicherungsgerichtes des Kantons St.Gallen vom 27. April 2020, E. 2.1).
Wenn also für die Überprüfung der angefochtenen Revisionsverfügung vom 14. Januar
2021 nicht auf das Gutachten der MEDAS-Gutachten vom 11. Juni 2009 abgestellt
werden könnte, wäre für den zwingend erforderlichen Sachverhaltsvergleich die der
ursprünglichen rentenzusprechenden Verfügung vom 20. Januar 2010 zugrunde
gelegte Annahme massgebend, dass die Beschwerdeführerin damals insbesondere
wegen eines chronischen Schmerzsyndroms cervicobrachial rechts, eines Status nach
schulterarthroskopischem Eingriff 08/2006 wegen Tendinose der Supraspinatussehne
im Ansatzbereich mit leichter Partialruptur, einer psychoreaktiv ausgelösten,
mittelgradigen depressiven Episode mit somatischem Syndrom und psychischer
Überlagerung der körperlichen Beschwerden zu 30% arbeitsunfähig gewesen sei.
Die Beschwerdeführerin ist während des Rentenrevisionsverfahrens durch die
Sachverständigen der PMEDA polydisziplinär begutachtet worden. Sie haben die
Beschwerdeführerin je umfassend persönlich untersucht und sie haben die Vorakten
eingehend gewürdigt. Sie sind mit dem für ihre medizinische Beurteilung
massgebenden Sachverhalt also vertraut gewesen. Sie haben einerseits die subjektiven
Klagen der Beschwerdeführerin und andererseits – klar davon abgegrenzt – die von
ihnen erhobenen objektiven klinischen Befunde ausführlich wiedergegeben.
Schliesslich haben sie die von ihnen erhobenen Diagnosen aufgelistet und deren
Herleitung erläutert. Im Rahmen der zusammenfassenden Konsensbeurteilung haben
sie sodann eine Arbeitsfähigkeitsschätzung abgegeben.
2.3.
Die Sachverständigen haben aus den objektiven Ergebnissen überzeugend auf
eine uneingeschränkte Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin geschlossen. Das
2.4.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 12/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Gutachten enthält keine Hinweise, die Zweifel an dieser Einschätzung wecken würden.
Bleibt die Frage zu beantworten, ob die Berichte der behandelnden Ärzte
(insbesondere von Dr. I._ und Dr. F._) Zweifel am PMEDA Gutachten vom 3. April
2017 zu wecken vermögen. Dr. F._ hat in seinem Bericht vom 15. Januar 2019 die
Diagnose einer Presbyacusis erhoben; diese "Altersschwerhörigkeit" kann gemäss der
RAD-Ärztin mittels eines Hörgerätes behoben werden, welches von der
Beschwerdeführerin bisher aber abgelehnt worden ist. Damit geht also in
Übereinstimmung mit der RAD-Ärztin keine arbeitsfähigkeitsrelevante
Gesundheitsverschlechterung einher. Dr. I._ hat in seinem Bericht vom 30. Oktober
2020 angegeben, die Segmentsdegenerationen sowohl im Bereich der Halswirbel- und
auch der Lendenwirbelsäule seien nicht neu und hätten im Begutachtungszeitraum
(2017) bereits bestanden. Insgesamt geht aus dem Bericht von Dr. I._ nichts hervor,
was auf eine Verschlechterung des Gesundheitszustandes seit der Begutachtung
hindeuten würde. Ebenfalls ist dem Bericht nichts zu entnehmen, das Zweifel am
Gutachten erwecken würde. Im Übrigen hat Dr. I._ kein
Symptomvalidierungsverfahren vorgenommen und bezüglich der Beschwerden
lediglich auf die subjektiven Klagen der Beschwerdeführerin abgestellt, ohne diese
Klagen kritisch zu würdigen. Bei der Würdigung der Behandlerberichte ist im Übrigen
der Erfahrungstatsache Rechnung zu tragen, dass die behandelnden Ärzte aufgrund
ihrer auftragsrechtlichen Vertrauensstellung im Zweifel eher zugunsten ihrer Patienten
auszusagen pflegen und dazu neigen, die pessimistischen Beschwerdeschilderungen
ihrer Patienten als objektiv ausgewiesen zu qualifizieren (vgl. BGE 125 V 353 E. 3b.cc;
Urteil des Eidgenössischen Versicherungsgerichts vom 5. April 2004, I 814/03 E. 2.4.2).
Die Berichte von Dr. I._ und Dr. F._ sind damit nicht geeignet, Zweifel am PMEDA-
Gutachten zu wecken. Entgegen den Behauptungen der Beschwerdeführerin sind
keine Hinweise vorhanden, dass die Untersuchungen durch die PMEDA-
Sachverständigen ohne die benötigten Mess- und Untersuchungsinstrumente oder gar
"schlampig" durchgeführt worden wären. Die Beschwerdeführerin hat diese
Behauptung denn auch nicht belegen können. Auf das PMEDA-Gutachten vom 3. April
2017 kann damit abgestellt werden. Zusammenfassend steht also mit dem
erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit fest, dass die
Beschwerdeführerin im Zeitpunkt der verfügten Renteneinstellung (31. Oktober 2017) in
einer adaptierten Tätigkeit uneingeschränkt arbeitsfähig gewesen ist.
Der Vergleich zwischen dem medizinischen Sachverhalt im Zeitpunkt der Eröffnung
der angefochtenen Rentenrevisionsverfügung und der Sachverhaltsannahme, die der
ursprünglichen rentenzusprechenden Verfügung zugrunde gelegt worden ist, zeigt
damit eine erhebliche Verbesserung des Gesundheitszustandes der
2.5.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 13/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdeführerin seit der Rentenzusprache. Insbesondere hat keine psychiatrische
Diagnose mit Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit mehr vorgelegen; der
psychiatrische Sachverständige hat vermerkt, dass keine namhafte Depressivität mehr
bestehe. Die Angabe im PMEDA-Gutachten vom 3. April 2017 (IV-act. 135-40), wonach
sich der Gesundheitszustand und die Arbeitsfähigkeit seit dem MEDAS-Gutachten im
Juni 2009 nicht wesentlich und anhaltend verändert hätten, ist daher nicht
überzeugend, da bereits aufgrund der veränderten psychiatrischen Diagnosen
offensichtlich eine Verbesserung des Gesundheitszustandes eingetreten ist. Deshalb
hat die Beschwerdegegnerin die laufende Rente zu Recht in Anwendung des Art. 17
Abs. 1 ATSG aufgehoben. Da die Beschwerdeführerin vor dem Eintritt der
Gesundheitsbeeinträchtigung als Hilfsarbeiterin (L._) tätig gewesen war und da ihr
leidensadaptierte Hilfsarbeiten zumutbar sind, entspricht der Ausgangswert des
zumutbarerweise erzielbaren Invalideneinkommens dem Valideneinkommen. Der
Betrag kann bei der Berechnung des Invaliditätsgrades folglich mathematisch keine
Rolle spielen. Der Invaliditätsgrad ist also anhand eines sogenannten Prozentvergleichs
zu ermitteln, was bedeutet, dass er dem Arbeitsunfähigkeitsgrad entspricht. Der
Arbeitsunfähigkeitsgrad beträgt null Prozent. Der Prozentvergleich ergibt folglich einen
Invaliditätsgrad von null Prozent. Die Beschwerdeführerin hat deshalb keinen Anspruch
mehr auf eine Rente der Invalidenversicherung gehabt.
Das Dispositiv der angefochtenen Verfügung lautet: "Die Rente bleibt seit
31.10.2017 eingestellt". Dies wird damit begründet, dass die Beschwerdegegnerin
bereits mit einer Verfügung vom 4. September 2017, welche vom Versicherungsgericht
mit Entscheid vom 19. Dezember 2019 jedoch aufgehoben worden sei, die laufende
Viertelsrente per 31. Oktober 2017 habe aufheben wollen. Die Beschwerdegegnerin ist
also davon ausgegangen, dass der Wirkungszeitpunkt der hier angefochtenen
Verfügung vom 14. Januar 2021 entgegen dem Wortlaut des Art. 88 Abs. 2 lit. a IVV
nicht der erste Tag des zweiten auf die Zustellung der angefochtenen Verfügung
folgenden Monats, sondern der erste Tag des zweiten auf die Zustellung der
aufgehobenen Verfügung vom 4. September 2017 folgenden Monats, also der 31.
Oktober 2017 sei. Die Aufhebungsverfügung vom 4. September 2017 ist vom Gericht
im Urteil vom 19. Dezember 2019 vollumfänglich aufgehoben worden; sie hat also nicht
in einem (notwendigerweise rein feststellenden) Teil, nämlich in Bezug auf den
Wirkungszeitpunkt der Revision, weiter bestanden. Die hier angefochtene Verfügung
kann die Verfügung vom 4. September 2017 also nicht ergänzt haben. Der Wortlaut des
Art. 88 Abs. 2 lit. a IVV ist klar: Nur die Aufhebungsverfügung kann den
Wirkungszeitpunkt definieren. Da es in diesem Fall nur eine Aufhebungsverfügung,
nämlich die hier angefochtene Verfügung vom 14. Januar 2021 gibt, müsste die
2.6.
bis
bis
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 14/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
revisionsweise Aufhebung der Rente also per 28. Februar 2021 (und nicht per 31.
Oktober 2017) erfolgen. Die lit. b des Art. 88 Abs. 2 IVV sieht zwar zwei Ausnahmen
von der Regel des Abs. 1 vor, aber diese beiden Ausnahmen sind im Fall der
Beschwerdeführerin nicht gegeben. Es lässt sich nämlich nicht belegen, dass die
Beschwerdeführerin die Rentenzusprache unrechtmässig erwirkt hätte und die
Beschwerdeführerin hat auch keine zumutbare Meldepflicht verletzt. Die lit. b des Art.
88 Abs. 2 IVV ist trotzdem von Bedeutung, denn sie liefert den Schlüssel zur richtigen
Interpretation beider litterae des Art. 88 Abs. 2 IVV: Wer eine Rente unrechtmässig
erwirkt hat, hat kein schutzwürdiges Vertrauen in die ursprüngliche Rentenzusprache
bis zum Erlass der Aufhebungsverfügung (bzw. bis zum letzten Tag das auf die
Eröffnung der Aufhebungsverfügung folgenden ganzen Monats). Dasselbe gilt für die
rentenbeziehende Person, die eine Sachverhaltsveränderung, die den Invaliditätsgrad
sinken lässt, pflichtwidrig nicht rechtzeitig meldet. Die lit. a des Art. 88 Abs. 2 IVV
beruht also auf dem Gedanken, dass eine nach dem Eintritt einer den Invaliditätsgrad
senkenden Sachverhaltsveränderung ausgerichtete, nun aber zu hohe Rente nicht auf
den Zeitpunkt des Eintritts dieser Sachverhaltsveränderung, sondern erst mit der
Eröffnung der entsprechenden Herabsetzungs- oder Aufhebungsverfügung eingestellt
werden soll, weil erst mit dieser Verfügung das Vertrauen in die frühere
Rentenzusprache "zerstört" wird. Die Beschwerdeführerin hat in die Rentenzusprache
vom 20. Januar 2010 vertrauen dürfen, bis die Aufhebungsverfügung vom 4.
September 2017 ergangen ist. Auch wenn diese Verfügung vom Gericht aufgehoben
worden ist, um zusätzliche Sachverhaltsabklärungen durch die Beschwerdegegnerin zu
erreichen, hat die Beschwerdeführerin ab diesem Moment damit rechnen müssen, dass
die weiteren Abklärungen das Ergebnis der bis dahin erfolgten Abklärungen bestätigen
würden, dass es also zu einer Rentenaufhebung kommen könnte. Mit der
Aufhebungsverfügung vom 4. September 2017 ist das Vertrauen in die
Rentenzusprache vom 20. Januar 2010 also "zerstört" worden bzw. nicht mehr
schutzwürdig gewesen, weshalb die Anwendung des Art. 88 Abs. 2 lit. a IVV nicht zu
rechtfertigen ist. Der Schutz eines nicht mehr schutzwürdigen Vertrauens wäre nämlich
durch den Art. 9 BV nicht abgedeckt, würde also gegen das Legalitätsprinzip
verstossen und hätte zudem eine nicht zu rechtfertigende Ungleichbehandlung zur
Folge. Die lit. b des Art. 88 Abs. 2 IVV erweist sich damit als lückenhaft, denn sie
regelt nicht alle Ausnahmen zu Art. 88 Abs. 2 lit. a IVV. Diese Lücke ist durch eine
dritte Ausnahme zu füllen: In Fällen wie demjenigen der Beschwerdeführerin ist in einer
Herabsetzungs- oder Aufhebungsverfügung auf das Wirkungsdatum einer früheren
Herabsetzungs- oder Aufhebungsverfügung abzustellen, wenn diese frühere Verfügung
vom Gericht aufgehoben und durch eine Rückweisung zur ergänzenden Abklärung des
Sachverhalts ersetzt worden ist (vgl. dazu auch den noch nicht rechtskräftigen
bis
bis
bis
bis
bis
bis
bis
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 15/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.
Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis
Fr. 1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Die Gerichtskosten sind angesichts des
durchschnittlichen Verfahrensaufwandes auf Fr. 600.-- festzusetzen. Dem Ausgang des
Verfahrens entsprechend sind sie vollumfänglich der Beschwerdeführerin aufzuerlegen.
Zufolge unentgeltlicher Rechtspflege (Befreiung von den Gerichtskosten) ist sie von der
Bezahlung zu befreien. Eine Partei, der die unentgeltliche Rechtspflege gewährt wurde,
ist zur Nachzahlung der Gerichtskosten und zur Rückerstattung der
Parteientschädigung verpflichtet, sobald sie dazu in der Lage ist (Art. 123 ZPO i.V.m.
Art. 99 Abs. 2 VRP SG [sGS 951.1]).