Decision ID: e22d78da-4f6a-48e7-8183-8d9d66b25332
Year: 2018
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a A._ wurde im Dezember 2012 unter Hinweis auf ein Geburtsgebrechen (Ziff. 404
Anh. GgV) zum Bezug von Leistungen der Invalidenversicherung angemeldet (IV-act. 1).
Der Kinderarzt Dr. med. B._ berichtete im Januar 2013 (IV-act. 7), der Versicherte
leide an einem frühkindlichen psychoorganischen Syndrom. Schon bei der Geburt sei
ein Plagio cephalus festgestellt worden. In den ersten Lebensmonaten habe der
Versicherte extrem geschrien und wenig Spontanmotorik gezeigt. Später seien
Wutanfälle und eine umschriebene Entwicklungsstörung der Motorik in den
Vordergrund getreten. Bei Untersuchungen wegen eines Herzgeräusches habe man
einen offenen Ductus botalli ohne hämodynamische Wirksamkeit festgestellt. Bei einer
Untersuchung im September 2012 habe Dr. B._ eine eher tiefe
Muskelgrundspannung, Genu valga und schlaffe Knick-Senk-Füsse festgestellt. Mit
einer Mitteilung vom 18. April 2013 stellte die IV-Stelle fest (IV-act. 16), dass der
Versicherte am Geburtsgebrechen Ziff. 404 Anh. GgV litt. Sie sicherte die Vergütung
der im Zeitraum bis zum 31. August 2017 anfallenden Kosten für die zur Behandlung
dieses Geburtsgebrechens notwendigen medizinischen Massnahmen zu.
A.b Im April 2016 wurde der Versicherte erneut zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung angemeldet, wobei die Eltern auf eine Behandlung im
Ostschweizer Kinderspital im Zusammenhang mit einer Fussproblematik hinwiesen (IV-
act. 42). Bereits im Februar 2015 war die Vergütung der Kosten für eine orthopädische
Fussbettung bei Knick-Plattfüssen beidseits beantragt worden (IV-act. 25 f.). Im
Dezember 2015 hatten die kinder- und jugendpsychiatrischen Dienste berichtet (IV-act.
41), der Versicherte, der die CP-Schule besuche, leide an einer emotionalen Störung
des Kindesalters (mit Ängstlichkeit, Unsicherheit und emotionaler Hemmung), an einem
ADHS, an einer umschriebenen Entwicklungsstörung der motorischen Funktionen, an
einer Lese- und Rechtschreibstörung sowie an Knick-Senk-Füssen. Im Mai 2016 teilte
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der Kinderorthopäde Dr. med. C._ vom Ostschweizer Kinderspital mit (IV-act. 49),
der Versicherte leide an einem Hallux valgus interphalangeus beidseits und an einem
flexiblen Knick-Plattfuss beidseits. Es handle sich um ein Geburtsgebrechen im Sinne
der Ziff. 193 Anh. GgV. Der Versicherte habe immer wieder über Schmerzen im Bereich
beider Füsse geklagt; die Belastungsfähigkeit sei eingeschränkt gewesen. Teilweise
hätten sich Schwielen im Bereich der Grosszehen und am medialen Fussrand gebildet.
Am 23. Februar 2016 seien eine medial zuklappende Osteotomie der proximalen
Phalanx an beiden Grosszehen und eine subtalare Schraubenarthrorise beidseits
durchgeführt worden.
A.c Mit einem Vorbescheid vom 26. Juli 2016 kündigte die IV-Stelle den Eltern des
Versicherten die Abweisung des Begehrens um die Vergütung der Kosten für die
Behandlung an den Füssen an (IV-act. 55). Zur Begründung führte sie an, eine
Kostenübernahme gestützt auf den Art. 13 IVG und die Ziff. 193 Anh. GgV setze die
Diagnose eines angeborenen Plattfusses in den ersten Lebenswochen voraus. Diese
Voraussetzung sei hier nicht erfüllt, da der Plattfuss erst im 10. Lebensjahr
diagnostiziert worden sei. Auch die Anspruchsvoraussetzungen des Art. 12 IVG seien
nicht erfüllt. Dagegen liess der nun anwaltlich vertretene Versicherte am 30. September
2016 einwenden (IV-act. 59), der Kinderarzt Dr. med. D._ habe bestätigt, dass der
Versicherte an einer angeborenen muskulären Hypotonie leide, die bereits im
Säuglingsalter eine physiotherapeutische Begleitung erfordert habe. Die IV-Stelle
tätigte in der Folge weitere Abklärungen, woraufhin ihr verschiedene medizinische
Berichte zugingen: Eine Physiotherapeutin hatte im Mai 2007 über eine Asymmetrie,
eine Kopfschiefhaltung und einen Entwicklungsrückstand berichtet, ohne eine
Problematik im Bereich der Füsse zu erwähnen (IV-act. 76–1 f.); auch Dr. D._ hatte in
einem ausführlichen Bericht vom Mai 2008 und in einem weiteren Bericht vom
Dezember 2008 keine Angaben zu einer allfälligen Fussproblematik gemacht (IV-act.
76–4 ff.); erst im Oktober 2009 hatte der Kinderorthopäde Dr. med. E._ über einen
flexiblen kindlichen Knick-Senk-Fuss berichtet und angegeben, der Versicherte
benötige keine Einlagen, sondern müsse möglichst zur Bewegung motiviert werden (IV-
act. 76–9); im Juni 2011 hatte Dr. E._ mitgeteilt, der Knick-Senk-Fuss sei am ehesten
aufgrund einer relativen Wadenmuskulaturverkürzung im Rahmen des Wachstums
aufgetreten, wobei sich in der Untersuchung aber eine sehr gute Fussbeschwielung
gezeigt habe (IV-act. 76–10 f.). Am 8. Mai 2017 notierte der Neuropädiater Dr. med.
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Keller vom IV-internen regionalen ärztlichen Dienst (RAD), die neu eingereichten
Berichte belegten keinen angeborenen Plattfuss, sondern sprächen vielmehr für eine
erworbene Deformität infolge einer Muskelschwäche (IV-act. 77). Mit einer Verfügung
vom 22. Mai 2017 wies die IV-Stelle das Leistungsbegehren betreffend die Vergütung
der Kosten für die Behandlung der Knick-Senk-Füsse ab (IV-act. 83). Zur Begründung
führte sie an, eine Kostenübernahme gestützt auf den Art. 13 IVG und die Ziff. 193 Anh.
GgV setze die Diagnose eines angeborenen Plattfusses in den ersten Lebenswochen
voraus. Diese Voraussetzung sei hier nicht erfüllt, da der Plattfuss erst im 10.
Lebensjahr diagnostiziert worden sei. Auch die Anspruchsvoraussetzungen des Art. 12
IVG seien nicht erfüllt.
B.
B.a Am 22. Juni 2017 liess der Versicherte (nachfolgend: der Beschwerdeführer) eine
Beschwerde gegen die Verfügung vom 22. Mai 2017 erheben (act. G 1). Sein
Rechtsvertreter beantragte die Aufhebung der angefochtenen Verfügung, eine
Kostengutsprache für die zur Behandlung des Geburtsgebrechens Ziff. 193 Anh. GgV
notwendigen medizinischen Massnahmen, eventualiter eine Kostengutsprache für die
Behandlung der Plattfüsse gestützt auf den Art. 12 IVG und subeventualiter die
Rückweisung der Sache zur weiteren Abklärung an die IV-Stelle (nachfolgend: die
Beschwerdegegnerin). Zur Begründung führte er aus, Dr. D._, der den
Beschwerdeführer schon im ersten Lebensjahr behandelt habe, habe bestätigt, dass
dieser an einer angeborenen muskulären Hypotonie mit einer Schwäche der
Fussmuskulatur leide, die bereits im Säuglingsalter eine physiotherapeutische
Behandlung notwendig gemacht habe. Am 19. Juni 2017 habe Dr. D._ nochmals
darauf hingewiesen, dass die Deformität bereits im Säuglingsalter vorhanden gewesen
sei, dass für die Behandlung aber die gravierenderen Probleme im Vordergrund
gestanden hätten (vgl. act. G 1.1.3). Damit stehe fest, dass der Beschwerdeführer an
einem Geburtsgebrechen leide, für das die Beschwerdegegnerin eine Leistungspflicht
treffe. Auch die Voraussetzungen des Art. 12 IVG seien erfüllt, denn der
Beschwerdeführer könne aktuell nicht länger als eine halbe Stunde stehen, weshalb er
eine weitere Behandlung benötige. Ansonsten wäre er in seiner Berufswahl stark
eingeschränkt. Am 8. August 2017 liess der Beschwerdeführer unter Hinweis auf
aktuelle medizinische Berichte geltend machen (act. G 4), dass sich die
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Schmerzsituation im Bereich der Füsse durch die Operation und durch medial
abstützende Schuheinlagen deutlich gebessert hätten, womit erstellt sei, dass die
Behandlung geeignet sei, seine Erwerbsfähigkeit vor einer wesentlichen
Beeinträchtigung zu bewahren (act. G 4).
B.b Die Beschwerdegegnerin beantragte am 22. September 2017 die Abweisung der
Beschwerde (act. G 6). Zur Begründung führte sie an, der RAD-Arzt Dr. med. F._
habe am 28. Juli 2017 in einer ausführlichen Stellungnahme nochmals überzeugend
dargelegt, dass von den behandelnden Ärzten nie ein kongenitaler Plattfuss
diagnostiziert worden sei, weshalb es sich bezüglich der Fussproblematik nicht um ein
Geburtsgebrechen im Sinne des Art. 13 IVG handeln könne. Da sich die Behandlung
gegen ein sekundäres labiles pathologisches Geschehen gerichtet habe, sei ein
Eingliederungscharakter zu verneinen. Angesichts des aktenmässig dokumentierten
allgemeinen Entwicklungsrückstandes des Beschwerdeführers sei der
Eingliederungserfolg ohnehin fraglich. Auch die Voraussetzungen des Art. 12 IVG seien
deshalb nicht erfüllt.
B.c Der Beschwerdeführer liess am 3. November 2017 an seinen Anträgen festhalten
(act. G 8). Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik (act. G 10).
B.d Am 20. Dezember 2017 liess der Beschwerdeführer eine Honorarnote seines
Rechtsvertreters einreichen (act. G 12).

Erwägungen
1.
Gemäss dem Art. 13 Abs. 1 IVG hat eine versicherte Person bis zum vollendeten 20.
Altersjahr einen Anspruch auf die zur Behandlung eines Geburtsgebrechens
notwendigen medizinischen Massnahmen. Laut dem Art. 12 Abs. 1 IVG hat eine
versicherte Person zudem bis zum vollendeten 20. Altersjahr einen Anspruch auf
medizinische Massnahmen, die nicht auf die Behandlung des Leidens an sich, sondern
unmittelbar auf die Eingliederung ins Erwerbsleben gerichtet und geeignet sind, die
Erwerbsfähigkeit dauernd und wesentlich zu verbessern oder vor einer wesentlichen
Beeinträchtigung zu bewahren. Die Art. 12 und 13 IVG stimmen bezüglich der
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Anspruchsvoraussetzungen weitgehend überein und sehen dieselbe
Rechtsfolgeanordnung vor, nämlich die Vergütung der Kosten von medizinischen
Massnahmen durch die Invalidenversicherung. Der Unterschied zwischen den beiden
Normen besteht darin, dass ein Leistungsanspruch gestützt auf den Art. 13 IVG auf
jene explizit aufgelisteten Geburtsgebrechen beschränkt ist, die eine Leistungspflicht
der Invalidenversicherung begründen können (Art. 13 Abs. 2 IVG und GgV), während
der Leistungsanspruch gestützt auf den Art. 12 IVG auf eingliederungswirksame
Behandlungen beschränkt ist. Im Anwendungsbereich des Art. 13 IVG spielt die
Eingliederungswirksamkeit keine Rolle. Im Anwendungsbereich des Art. 12 IVG ist es
dagegen unerheblich, ob es sich bei der Gesundheitsbeeinträchtigung um ein Geburts-
oder um ein erworbenes Gebrechen handelt. Für die Prüfung eines
Leistungsbegehrens, das auf eine medizinische Massnahme abzielt, muss in aller Regel
geprüft werden, ob ein Anspruch gestützt auf den Art. 13 IVG oder gestützt auf den Art.
12 IVG besteht. Die Beschwerdegegnerin hat vorliegend bei der Anspruchsprüfung zu
Recht beide Normen berücksichtigt. Den Gegenstand dieses Beschwerdeverfahrens
bildet folglich zunächst die Frage, ob der Beschwerdeführer – gestützt auf den Art. 13
IVG oder gestützt auf den Art. 12 IVG – einen Anspruch auf eine Vergütung der Kosten
für die Behandlung an seinen Füssen hat.
2.
Der Kinderarzt Dr. D._, der den Beschwerdeführer bereits im ersten Lebensjahr
behandelt hatte, hat angegeben, dass dieser bereits damals an einer muskulären
Hypotonie gelitten habe, zu der unter anderem auch eine Schwäche der
Fussmuskulatur gehört habe. Der Beschwerdeführer sei diesbezüglich schon im ersten
Lebensjahr physiotherapeutisch behandelt worden. In der Folge hätten die übrigen,
schwerwiegenderen Gebrechen im Vordergrund gestanden, weshalb die
Fussproblematik zunächst in den Berichten keine Erwähnung mehr gefunden habe.
Diese Ausführungen sind plausibel, aber sie sagen nichts darüber aus, ob der
Beschwerdeführer an einem angeborenen Plattfuss im Sinne der Ziff. 193 Anh. GgV
gelitten hat. Der Kinderorthopäde Dr. E._ hat zudem mit einer auch für einen
medizinischen Laien verständlichen und überzeugenden Begründung dargelegt, dass
die von ihm als flexibler kindlicher Knick-Senk-Fuss beidseits diagnostizierte Anomalie
eine Folgeerscheinung einer verkürzten Wadenmuskulatur sei. Das spricht für ein
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erworbenes und nicht für ein angeborenes Gebrechen. Trotzdem besteht die
Möglichkeit, dass die Problematik ihre Ursache in einem Geburtsgebrechen haben
könnte, das unter die Ziff. 193 Anh. GgV zu subsumieren wäre. Den weiteren
medizinischen Berichten lässt sich hierzu nichts Näheres entnehmen.
Zusammenfassend kann also anhand der vorhandenen Akten die Frage, ob das
Gebrechen angeboren oder erworben sei, nicht mit dem erforderlichen Beweisgrad der
überwiegenden Wahrscheinlichkeit beantwortet werden. Da davon ausgegangen
werden muss, dass keine weiteren medizinischen Berichte vorhanden sind, die sich
näher zu dieser Frage äussern würden, muss in antizipierender Beweiswürdigung von
einer objektiven Beweislosigkeit ausgegangen werden. Mangels einer spezifischen
gesetzlichen Grundlage wirkt sich diese Beweislosigkeit in einer lückenfüllenden
analogen Anwendung des Art. 8 ZGB zulasten des Beschwerdeführers aus, der aus der
unbewiesenen Tatsache einen Vorteil zu seinen Gunsten ableiten könnte. Das
bedeutet, dass er keinen Anspruch auf Leistungen der Invalidenversicherung gestützt
auf den Art. 13 IVG in Verbindung mit der Ziff. 193 Anh. GgV hat. Folglich hat die
Beschwerdegegnerin die Anwendbarkeit des Art. 13 IVG zu Recht verneint.
3.
3.1 Die angefochtene Verfügung enthält hinsichtlich des Anspruchs des
Beschwerdeführers auf eine Vergütung der Kosten für die Behandlung an seinen
Füssen gestützt auf den Art. 12 IVG keine ausreichende Begründung. Der Verfügung
lässt sich nur entnehmen, dass nach der Ansicht der Beschwerdegegnerin die
Anspruchsvoraussetzungen nicht erfüllt seien. Später, nämlich im Juli 2017, hat sich
dann der RAD-Arzt Dr. F._ dazu geäussert. Er hat festgehalten, dass es sich um eine
Symptombehandlung, nämlich um die Beseitigung der Schmerzen und um die
Verbesserung der Belastungsfähigkeit, gehandelt habe, was nicht als eine
Eingliederungsmassnahme qualifiziert werden könne. In den Unterlagen fehlten
Hinweise darauf, dass der Eingriff die Fähigkeit des Beschwerdeführers, sich „im
Aufgabenbereich zu betätigen“ hätte verbessern sollen. Ausserdem gälten
Massnahmen, die sich gegen einen Hallux valgus richteten, gemäss dem
Kreisschreiben über die medizinischen Eingliederungsmassnahmen der
Invalidenversicherung (KSME) nicht als Eingliederungsmassnahmen. Das Argument des
RAD-Arztes, die Eingriffe hätten nur der Behandlung der Symptome gedient, geht an
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der Sache vorbei, denn massgebend für die Anwendung des Art. 12 IVG ist nur, ob es
sich um eine reine Behandlung des Leidens an sich oder aber um eine einen
Eingliederungszweck verfolgende Behandlung gehandelt hat. Da der Beschwerdeführer
noch sehr jung ist und da es noch Jahre dauern wird, bis er sich für eine spezifische
berufliche Ausbildung wird entscheiden müssen, hat die Behandlung an den Füssen
natürlich keinen konkreten Eingliederungszweck verfolgen können. Die entscheidende
Frage lautet deshalb nicht, ob sie die Erwerbsfähigkeit des Beschwerdeführers
(konkret) verbessert hat, sondern vielmehr, ob die spätere Eingliederungs- und
Erwerbsfähigkeit des Beschwerdeführers beeinträchtigt wäre, wenn er nicht an den
Füssen behandelt worden wäre. Diese Frage ist eindeutig zu bejahen, denn die
Schmerzen und die verminderte Belastbarkeit der Füsse hätten die Arbeitsfähigkeit des
Beschwerdeführers zumindest für sämtliche Tätigkeiten, die nicht ausschliesslich
sitzend verrichtet werden können, massgebend beeinträchtigt. Gerade angesichts der
aktenkundigen Einschränkungen des Beschwerdeführers in kognitiver Hinsicht muss
davon ausgegangen werden, dass für diesen später eher praktische Tätigkeiten in
Frage kommen dürften, die erfahrungsgemäss in aller Regel nicht rein sitzend verrichtet
werden können. Deshalb ist es für die Eingliederungs- und Erwerbsfähigkeit umso
wichtiger, dass die Beeinträchtigungen an den Füssen beseitigt worden sind. Die
erfolgte Behandlung ist also eindeutig eingliederungswirksam im Sinne des Art. 12 IVG
gewesen.
3.2 Die vom RAD-Arzt Dr. F._ erwähnte Rz. 737/938.4 KSME ist eine
Interpretationshilfe der Aufsichtsbehörde der Beschwerdegegnerin für die Auslegung
des Art. 12 IVG, die seit der fünften IVG-Revision als überholt qualifiziert werden muss.
Vor der mit der fünften IVG-Revision eingeführten Beschränkung der medizinischen
Massnahmen auf Versicherte, die das 20. Altersjahr noch nicht vollendet haben,
bestand der „Standard-Anwendungsfall“ des Art. 12 IVG in der Vergütung von
medizinischen Massnahmen für Personen, die bereits erwerbstätig gewesen waren.
Dabei konnte der Art. 12 IVG nur Massnahmen erfassen, die auf die Wiederherstellung,
Erhaltung oder Verbesserung der Erwerbsfähigkeit abzielten. Wenn die
Invalidenversicherung auch jene medizinischen Massnahmen übernommen hätte, die
nur „nebenbei“ einen Eingliederungserfolg gehabt hätten, hätte sie im Ergebnis für fast
alle Heilbehandlungsmassnahmen eine Leistungspflicht getroffen, da kaum eine
Heilbehandlungsmassnahme komplett eingliederungsirrelevant sein dürfte. Damit wäre
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die Invalidenversicherung zur Volkskrankenversicherung für alle Versicherten
geworden, die das ordentliche Rentenalter noch nicht erreicht hatten. Aus diesem
Grund hat das Bundesgericht unter anderem eine Leistungspflicht der
Invalidenversicherung in jenen Fällen grundsätzlich verneint, in denen bei Erwachsenen
ein labiler Gesundheitszustand bestanden hat (vgl. ULRICH MEYER/MARCO
REICHMUTH, Rechtsprechung des Bundesgerichtes zum IVG, 3.Aufl. 2014, Art. 12 N
31, mit Hinweisen). In Bezug auf Minderjährige hat das Bundesgericht (im Sinne einer
Ausnahme von diesem Grundsatz) seit jeher auch Behandlungen bei einem labilen
Zustand als medizinische Massnahmen qualifiziert, nämlich immer dann, wenn ohne
die entsprechende Behandlung eine Heilung mit Defekt oder ein sonstwie stabilisierter
Zustand hätte erwartet werden müssen, der die Berufsbildung oder die
Erwerbsfähigkeit beeinträchtigt hätte (vgl. MEYER/REICHMUTH, a.a.O., Art. 12 N 33,
mit Hinweisen). Nach der Einführung der Beschränkung des Anspruchs auf
medizinische Massnahmen für Personen, die das 20. Altersjahr noch nicht vollendet
haben, ist diese „Ausnahme“ zum nun allein noch in Frage kommenden (neuen)
„Standard-Fall“ geworden. Mit anderen Worten hat sich der Sinn und Zweck des Art.
12 IVG mit der Einführung der Beschränkung auf Versicherte, die das 20. Altersjahr
noch nicht vollendet haben, entscheidend verschoben. Dieser Umstand hat eine
komplett neue Interpretation des Art. 12 IVG erfordert, was eine tiefgreifende Revision
der Interpretationshilfen der Aufsichtsbehörde im KSME hätte zur Folge haben müssen.
Aus nicht nachvollziehbaren Gründen ist der grundlegende Bedeutungswandel des Art.
12 IVG in der Verwaltungspraxis allerdings kaum beachtet worden; das KSME enthält
deshalb bis heute Interpretationsansätze, die dem neuen Sinn und Zweck des Art. 12
IVG keine Rechnung tragen und aus diesem Grund bei der Auslegung des Art. 12 IVG
keine Berücksichtigung mehr finden dürfen. Die Rz. 737/938.4 KSME ist eine jener
Interpretationshilfen, die ganz offensichtlich noch die altrechtliche Regelung vor Augen
haben und nicht mehr zur neuen Regelung passen. Für die Vermeidung von
Beeinträchtigungen bei der späteren Eingliederung oder Erwerbstätigkeit eines
minderjährigen Versicherten kann es nämlich keine entscheidende Rolle spielen, ob
sich ein medizinischer Eingriff gegen eine Deformation des knöchernen Skeletts oder
gegen Sehnen- oder Bänderveränderungen richtet. Auch im zweiten Fall ist ein
entsprechender Eingriff eine Eingliederungsmassnahme, wenn er eine spätere
Einschränkung der Eingliederungs- oder Erwerbsfähigkeit verhindert. Da dies
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vorliegend der Fall gewesen ist, ist die durchgeführte Behandlung an den Füssen als
eine eingliederungsrelevante medizinische Massnahme im Sinne des Art. 12 IVG zu
qualifizieren.
3.3 Die Beschwerdegegnerin hat geltend gemacht, es sei fraglich, ob der
Beschwerdeführer je einer Erwerbstätigkeit werde nachgehen können. Dem ist
entgegen zu halten, dass nicht nur die Fähigkeit im ersten („ungeschützten“)
Arbeitsmarkt erwerbstätig sein zu können, vom Eingliederungszweck des Art. 12 IVG
erfasst ist. Auch eine Vorbereitung auf eine Tätigkeit in einem geschützten Rahmen gilt
als eine anspruchsbegründende Eingliederungsmassnahme (vgl. Art. 16 Abs. 2 lit. a
IVG), sofern die versicherte Person dabei einen relevanten ökonomischen Mehrwert
generieren kann. Laut der bundesgerichtlichen Rechtsprechung muss die versicherte
Person ein Erwerbseinkommen erzielen können, das mindestens einen beachtlichen
Teil der Unterhaltskosten deckt (AHI 2000 S. 187 ff.). Praxisgemäss wird ein
Leistungslohn von mindestens 2.55 Franken pro Stunde vorausgesetzt (Rz. 2010
KSBE). Die Frage, ob das pauschale Abstellen auf diesen eher willkürlich anmutenden
Stundenlohn die Abgrenzung zwischen einer ökonomisch relevanten Tätigkeit im
geschützten Bereich und einer reinen Beschäftigungstherapie in einer gesetzmässigen
Weise erlaubt, kann im vorliegenden Verfahren offen gelassen werden, da angesichts
des jungen Alters des Beschwerdeführers noch keine konkrete Massnahme zur
Diskussion steht. Entscheidend ist jedenfalls, dass eine Tätigkeit in einer geschützten
Werkstätte, mit der ein relevantes Einkommen erzielt werden kann, als ein
Eingliederungsziel zu qualifizieren ist, das einen Anspruch auf
Eingliederungsmassnahmen der Invalidenversicherung verschafft (vgl. dazu auch den
Entscheid IV 2016/61 des St. Galler Versicherungsgerichtes vom 7. September 2017,
E. 1.1). Nach der bundesgerichtlichen Terminologie muss die spätere ökonomisch
relevante Erwerbsfähigkeit „mit überwiegender Wahrscheinlichkeit“ feststehen. Ein
solcher Nachweis kann aber nicht geführt werden, denn es geht dabei nicht um ein
Sachverhaltselement, das sich mit dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit ermitteln liesse, sondern um eine Prognose für die Zukunft, die
naturgemäss nicht beweisbar ist. Folglich kann in Bezug auf die spätere
Erwerbsfähigkeit nur mit Plausibilitäten operiert werden. Je jünger eine versicherte
Person ist und je weiter eine allfällige spätere Erwerbsfähigkeit in der Zukunft liegt,
umso schwieriger ist es, eine plausible Prognose abzugeben. Dabei ist auch zu
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berücksichtigen, dass die ersten Lebensjahre eines Menschen in aller Regel von einer
stetigen Entwicklung geprägt sind, was Prognosen über einen Zeitraum von vielen
Jahren regelmässig verunmöglicht. In Bezug auf Kinder wird es daher nur in wenigen
Ausnahmefällen möglich sein, eine spätere Eingliederungsunfähigkeit mit der
notwendigen Plausibilität zu prognostizieren. In aller Regel muss deshalb wohl bei
(jüngeren) Kindern eine objektive Beweislosigkeit angenommen werden. Den Nachteil
dieser Beweislosigkeit müssten an sich die Versicherten tragen, die aus der
unbewiesen gebliebenen Anspruchsvoraussetzung einen Vorteil für sich ableiten
könnten (vgl. Art. 8 ZGB). Das hätte aber zur Folge, dass die Anwendung des Art. 12
IVG auf wenige Fallkonstellationen beschränkt würde. Dies liesse sich offenkundig
nicht mit dem Sinn und Zweck des Art. 12 IVG vereinbaren, der auf eine Optimierung
der (späteren) Erwerbsfähigkeit und damit auf eine Minimierung des Risikos, eine Rente
auszahlen zu müssen, abzielt. Jede durchgeführte Eingliederungsmassnahme leistet
grundsätzlich einen Beitrag zu dieser Optimierung; jede verweigerte
Eingliederungsmassnahme gefährdet eine spätere Erwerbsfähigkeit. Je früher eine
Eingliederungsmassnahme durchgeführt wird, umso bessere Erfolge sind davon für die
spätere Erwerbsfähigkeit zu erwarten. Kurz vor dem Beginn einer allfälligen beruflichen
Eingliederung dürfte von medizinischen Massnahmen nämlich in aller Regel nicht mehr
derselbe Erfolg wie von frühzeitig begonnenen und dann über Jahre hinweg
konsequent durchgeführten medizinischen Massnahmen erwartet werden. Das spricht
ebenfalls für die Notwendigkeit, selbst bei einer unsicheren Prognose so früh als
möglich mit medizinischen Massnahmen zu beginnen. Angesichts des Umstandes,
dass Eingliederungsmassnahmen im Verhältnis zu Rentenleistungen in aller Regel
wesentlich kostengünstiger sind, ist die Verweigerung einer Eingliederungsmassnahme,
die das Risiko einer späteren Rentenleistung erhöht, als unverhältnismässig zu
qualifizieren. Vor diesem Hintergrund drängt sich eine Umkehr der Beweislast auf:
Wenn nicht mit einer hohen Plausibilität feststeht, dass die versicherte Person später
selbst im besten Fall und trotz maximaler Unterstützung durch die
Invalidenversicherung kein ökonomisch relevantes Erwerbseinkommen wird erzielen
können (weshalb Eingliederungsmassnahmen zum Vorneherein ohne jeden Einfluss auf
einen späteren Rentenanspruch wären), muss – dem Sinn und Zweck des Art. 12 IVG
entsprechend – ein Anspruch auf eine medizinische Eingliederungsmass¬nahme bejaht
werden (sofern auch die übrigen Voraussetzungen erfüllt sind). Da der
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Beschwerdeführer im Zeitpunkt der Eröffnung der angefochtenen Verfügung erst elf
Jahre alt gewesen ist, da er trotz seines allgemeinen Entwicklungsrückstandes über
eine im Normalbereich liegende Intelligenz verfügt und da keine Umstände ersichtlich
sind, die eine spätere ökonomisch relevante Erwerbsfähigkeit zum Vorneherein als
unrealistisch erscheinen liessen, kann keine ausreichend plausible Prognose bezüglich
einer späteren Eingliederungsfähigkeit abgegeben werden. Folglich rechtfertigt es sich
nicht, dem Beschwerdeführer die Vergütung der Kosten für die Behandlung an seinen
Füssen vorzuenthalten und damit eine spätere Beeinträchtigung seiner Eingliederungs-
und Erwerbsfähigkeit zu riskieren.
3.4 Zusammenfassend steht fest, dass der Beschwerdeführer gestützt auf den Art. 12
IVG einen Anspruch auf die Vergütung der Kosten einer wirksamen und
zweckmässigen Behandlung an seinen Füssen hat. Die Sache ist folglich in Aufhebung
der angefochtenen Verfügung vom 22. Mai 2017 zur Fortsetzung des
Verwaltungsverfahrens, das heisst zur Prüfung der weiteren
Anspruchsvoraussetzungen und zur anschliessenden Zusprache der notwendigen
Massnahmen, an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
4.
Die angefochtene Verfügung erweist sich damit als rechtswidrig, weshalb sie
aufzuheben ist. Die Gerichtskosten sind der unterliegenden Beschwerdegegnerin
aufzuerlegen. Dem Beschwerdeführer wird der von ihm geleistete Kostenvorschuss
zurückerstattet. Die Beschwerdegegnerin hat dem Beschwerdeführer eine
Parteientschädigung auszurichten. Angesichts des geringen Aktenumfangs und der
Beschränkung des Verfahrens auf wenige isolierte Rechtsfragen ist der erforderliche
Vertretungsaufwand als deutlich unterdurch¬schnittlich zu qualifizieren. Die
eingereichte Honorarnote über 4’185 Franken erweist sich vor diesem Hintergrund als
deutlich übersetzt. Die Entschädigung wird praxisgemäss auf 2’500 Franken
(einschliesslich Barauslagen und Mehrwertsteuer) festgesetzt.