Decision ID: 4c5d6b3f-d49a-48d7-a272-19dfb5fcb73c
Year: 2011
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.- Am Dienstag, 16. November 2010, 12.17 Uhr, lenkte X einen Personenwagen in A
bei einer zulässigen Höchstgeschwindigkeit innerorts von 50 km/h mit einer
Geschwindigkeit von 76 km/h (nach Abzug der Sicherheitsmarge). Das
Untersuchungsamt Uznach verurteilte sie mit Strafbefehl vom 19. Januar 2011 wegen
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grober Verletzung der Verkehrsregeln zu einer bedingten Geldstrafe von 12
Tagessätzen zu je Fr. 100.-- und einer Busse von Fr. 600.--.
Am Freitag, 24. Dezember 2010, 05.46 Uhr, überschritt X mit einem Personenwagen in
B die zulässige Höchstgeschwindigkeit innerorts von 60 km/h um 25 km/h. Mit
Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Winterthur/Unterland vom 28. März 2011 wurde sie
der groben Verletzung der Verkehrsregeln schuldig erklärt und im Zusatz zum
Strafbefehl des Untersuchungsamts Uznach vom 19. Januar 2011 zu einer bedingten
Geldstrafe von 10 Tagessätzen zu je Fr. 110.-- sowie einer Busse von Fr. 300.--
verurteilt.
Am Dienstag, 4. Januar 2011, 6.14 Uhr, fuhr sie ebenfalls in B bei einer signalisierten
Höchstgeschwindigkeit innerorts von 60 km/h mit 78 km/h. Mit Strafbefehl des
Polizeirichteramts Unterland vom 21. Februar 2011 wurde X deswegen zu einer Busse
von Fr. 370.-- verurteilt.
B.- Das Strassenverkehrs- und Schifffahrtsamt des Kantons St. Gallen entzog den
Führerausweis wegen Überschreitens der Höchstgeschwindigkeit in drei Fällen mit
Verfügung vom 9. März 2011 für die Dauer von vier Monaten. Gegen diese Verfügung
erhob X mit Eingabe vom 22. März 2011 Rekurs bei der Verwaltungsrekurskommission
mit den Anträgen, der Führerausweis sei nur für einen Monat zu entziehen und sie sei
zum Besuch eines "Antiraserkurses" oder eines Kurses für das Beherrschen des
Fahrzeugs zu verpflichten. Eventualiter sei ihr die Bewilligung zu erteilen, in den 4
Monaten des Führerausweisentzugs während der Arbeitszeit zu fahren. Schliesslich sei
der Abgabetermin "zu verzögern". Auf die Ausführungen zur Begründung der Anträge

wird, soweit erforderlich, in den Erwägungen eingegangen. Die Vorinstanz verzichtete
auf eine Vernehmlassung.
Erwägungen:
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die
Verwaltungsrekurskommission ist zum Sachentscheid zuständig. Die Befugnis zur
Rekurserhebung ist gegeben. Der Rekurs vom 22. März 2011 ist rechtzeitig eingereicht
worden und erfüllt in formeller und inhaltlicher Hinsicht die gesetzlichen Anforderungen
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(Art. 41 lit. g , 45, 47, 48 und 58 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 30 des Gesetzes über
die Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, abgekürzt: VRP).
2.- Gemäss Art. 16 Abs. 2 des Strassenverkehrsgesetzes (SR 741.01, abgekürzt: SVG)
wird nach Widerhandlungen gegen die Strassenverkehrsvorschriften, bei denen das
Verfahren nach dem Ordnungsbussengesetz vom 24. Juni 1970 (SR 741.03)
ausgeschlossen ist, der Lernfahr- oder Führerausweis entzogen oder eine Verwarnung
ausgesprochen. Das Gesetz unterscheidet zwischen leichten (Art. 16a SVG),
mittelschweren (Art. 16b SVG) und schweren Widerhandlungen (Art. 16c SVG).
a) Signale und Markierungen sowie Weisungen der Polizei sind zu befolgen (Art. 27
Abs. 1 SVG). Die allgemeine Höchstgeschwindigkeit für Fahrzeuge beträgt unter
günstigen Strassen-, Verkehrs- und Sichtverhältnissen 50 km/h in Ortschaften (Art. 32
Abs. 2 SVG in Verbindung mit Art. 4a Abs. 1 lit. a der Verkehrsregelnverordnung; SR
741.11). Nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung begeht ungeachtet der
konkreten Umstände objektiv eine schwere Verkehrsregelverletzung, wer die zulässige
Höchstgeschwindigkeit innerorts um 25 km/h oder mehr überschreitet
(vgl. BGE 132 II 234 E. 3.1 mit Hinweisen). In subjektiver Hinsicht verlangen die
Bestimmungen ein rücksichtsloses oder sonst schwerwiegend verkehrswidriges
Verhalten, d.h. ein schweres Verschulden, bei fahrlässigem Handeln mindestens grobe
Fahrlässigkeit. Dies ist immer dann zu bejahen, wenn der Täter sich der allgemeinen
Gefährlichkeit seiner verkehrswidrigen Fahrweise bewusst ist. Grobe Fahrlässigkeit
kann aber auch vorliegen, wenn der Täter die Gefährdung anderer Verkehrsteilnehmer
pflichtwidrig gar nicht in Betracht zieht, also unbewusst fahrlässig handelt. In solchen
Fällen bedarf jedoch die Annahme grober Fahrlässigkeit einer sorgfältigen Prüfung. Sie
wird nur zu bejahen sein, wenn das Nichtbedenken der Gefährdung anderer
Verkehrsteilnehmer ebenfalls auf Rücksichtslosigkeit beruht und daher besonders
vorwerfbar ist (vgl. BGE 118 IV 285 E. 4). Eine schwere Widerhandlung im Sinn von Art.
16c Abs. 1 lit. a SVG begeht, wer durch grobe Verletzung von Verkehrsregeln eine
ernstliche Gefahr für die Sicherheit anderer hervorruft oder in Kauf nimmt. Die
Bestimmung entspricht in Wortlaut und Sinn der Strafbestimmung von Art. 90 Ziff. 2
SVG (vgl. BGE 132 II 234 E. 3.2). Bei einer Überschreitung der zulässigen
Höchstgeschwindigkeit, die in objektiver Hinsicht den Tatbestand von Art. 90 Ziff. 2
bzw. Art. 16c Abs. 1 lit. a SVG erfüllt, ist jedoch davon auszugehen, dass dem Lenker
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eine solche Überschreitung nicht verborgen bleiben kann und sie zumindest auf grober
Fahrlässigkeit beruht (vgl. R. Schaffhauser, Grundriss des schweizerischen
Strassenverkehrsrechts, Band III: Die Administrativmassnahmen, Bern 1995, Rz. 2305
sowie Urteil der Verwaltungsrekurskommission VRKE IV-2003/63 vom 3. März 2004,
E. 4c/aa, publiziert in: www.gerichte.sg.ch/Rechtsprechung).
Die Geschwindigkeitskontrollen innerorts ergaben Überschreitungen der zulässigen
Höchstgeschwindigkeit von 26, 25 und 18 km/h. Dies wird von der Rekurrentin nicht
bestritten. Sie wurde wegen der Geschwindigkeitsüberschreitungen von 25 und 26 km/
h strafrechtlich der groben Verletzung von Verkehrsregeln nach Art. 90 Ziff. 2 SVG
schuldig gesprochen. Diese Strafurteile hat sie nicht angefochten. Die Rekurrentin hat
folglich Art. 27 Abs. 1 und Art. 32 Abs. 2 SVG in Verbindung mit Art. 4a Abs. 1 lit. a der
Verkehrsregelnverordnung (SR 741.11) schuldhaft verletzt und schwere
Widerhandlungen gegen die Strassenverkehrsbestimmungen im Sinn von Art. 16c Abs.
1 lit. a SVG begangen. Bei der dritten Geschwindigkeitsüberschreitung von 18 km/h
handelt es sich demgegenüber um eine leichte Widerhandlung gemäss Art. 16a Abs. 1
lit. a SVG.
3.- Gemäss Art. 16 Abs. 3 SVG sind bei der Festsetzung der Dauer des Lernfahr- oder
Führerausweisentzugs die Umstände des Einzelfalls zu berücksichtigen, namentlich die
Gefährdung der Verkehrssicherheit, das Verschulden, der Leumund als
Motorfahrzeugführer sowie die berufliche Notwendigkeit, ein Motorfahrzeug zu führen.
Die Mindestentzugsdauer darf jedoch nicht unterschritten werden; sie beträgt für die
schwere Widerhandlung gegen Strassenverkehrsvorschriften (Art. 16c Abs. 2 lit. a SVG)
3 Monate.
a) Die Vorinstanz ist von der gesetzlich vorgeschriebenen minimalen Entzugsdauer von
3 Monaten abgewichen und hat der Rekurrentin den Führerausweis für die Dauer von 4
Monaten entzogen. Zur Begründung wird in der angefochtenen Verfügung ausgeführt,
da drei Vorfälle gemeinsam administrativrechtlich sanktioniert würden, rechtfertige sich
eine Erhöhung der Entzugsdauer. Massnahmereduzierend wirke sich die berufliche
Angewiesenheit aus.
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Die Rekurrentin macht geltend, sie wohne alleine und arbeite mit einem Vollzeitpensum
bei der Spitex. In ihrem Beruf sei sie auf den Führerausweis angewiesen. Die Spitex
betreue 4 Gemeinden. Jeder Mitarbeiter sei bei seiner Tour auf sich allein gestellt. Von
den Klienten müssten Unterlagen und Material (Duschbrett, Inkontinenzmaterial,
Rollstuhl, Blutdruckgerät etc.) mitgenommen werden. Dies sei mit einem Motorfahrrad
nicht möglich. Bei einem Führerausweisentzug für die Dauer von 4 Monaten müsse sie
4 Monate unbezahlten Urlaub nehmen und hätte während dieser Zeit kein Einkommen.
Sie könnte dann die Rechnungen wie auch die Monatsmieten für ihre Wohnung nicht
bezahlen.
b) Die Rekurrentin übertrat am 16. November und 24. Dezember 2010 sowie am
4. Januar 2011 die zulässigen Geschwindigkeiten. Gemäss Art. 49 Abs. 1 StGB
verurteilt das Gericht einen Täter, der durch eine oder mehrere Handlungen die
Voraussetzungen für mehrere gleichartige Strafen erfüllt, zu der Strafe der schwersten
Straftat und erhöht diese angemessen. Art. 49 StGB ist analog anzuwenden, wenn
mehrere administrativrechtliche Führerausweisentzugsgründe nach Art. 16 Abs. 3 SVG
vorliegen (BSK Strafrecht I-Ackermann, Art. 49 N 40; Urteil des Bundesgerichts 6A.
74/2005 vom 15. März 2006, E. 5.3). Folglich ist nicht für jede Verkehrsregelverletzung
eine einzelne Massnahme anzuordnen. Vielmehr ist die für die schwerste Verletzung
verfügte Massnahme angemessen zu verschärfen, um so zu einer Gesamtsanktion zu
gelangen, welche allen Verfehlungen Rechnung trägt (Urteil des Bundesgerichts vom 8.
Januar 1999 in Sachen M.B., S. 4).
Am 16. November 2010 fuhr die Rekurrentin innerorts 26 km/h zu schnell und beging
damit eine schwere Widerhandlung gegen die Strassenverkehrsvorschriften. Am 24.
Dezember 2010 überschritt sie die zulässige Höchstgeschwindigkeit von 60 km/h um
25 km/h. Dabei handelt es sich ebenfalls um eine schwere Widerhandlung gegen die
Verkehrsregeln, welche zu einer Erhöhung der Entzugsdauer führt. Mit der
Geschwindigkeitsüberschreitung vom 4. Januar 2011 um 18 km/h innerorts beging die
Rekurrentin zudem eine leichte Widerhandlung im Sinn von Art. 16a Abs. 1 lit. a SVG.
Dieser dritte Vorfall ist leicht massnahmeerhöhend zu berücksichtigen. Insgesamt
erscheint eine Entzugsdauer von 6 Monaten für alle drei Ereignisse als angemessen.
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c) Zu prüfen bleibt die berufliche Angewiesenheit auf den Führerausweis. Bei der
beruflichen Notwendigkeit, ein Fahrzeug zu führen, ist dem Grundsatz der
Verhältnismässigkeit Rechnung zu tragen und deshalb zu berücksichtigen, in welchem
Masse ein Fahrzeugführer stärker als der normale Fahrer vom Führerausweisentzug
betroffen ist. Im Einzelfall ist daher zu bestimmen, in welchem Grad der Betroffene auf
den Führerausweis angewiesen ist. Ob und wie weit eine berufliche Angewiesenheit
schliesslich für sich allein oder zusammen mit anderen Beurteilungsmerkmalen (z.B.
einem getrübten automobilistischen Leumund) zu einer Herabsetzung der
Entzugsdauer führt, ist erst im Rahmen einer Gesamtbeurteilung aller wesentlichen
Elemente zu prüfen (vgl. BGE 123 II 572 E. 2c). Eine berufliche Notwendigkeit, ein
Fahrzeug zu führen, wird nach der Praxis des Bundesgerichts grundsätzlich nur
angenommen, wenn die Ausübung des Berufs durch den Führerausweisentzug
materiell verboten wird, wie dies z.B. bei einem Berufschauffeur der Fall ist, der für die
Fahrdienste entschädigt wird. Dasselbe gilt, wenn die Unmöglichkeit, ein Fahrzeug zu
führen, einen solchen Einkommensverlust oder so beachtliche Kosten verursachen
würde, dass diese Massnahme offensichtlich als unverhältnismässig erscheint (Praxis
1990 Nr. 150).
Der Rekurrentin wird die Berufsausübung durch den Führerausweisentzug zwar nicht
gänzlich verunmöglicht; insoweit ist sie nicht in gleicher Weise wie ein Berufschauffeur
auf den Führerausweis angewiesen. Die mit dem Ausweisentzug verbundenen
Unannehmlichkeiten sind deshalb als notwendige Folge der
Verkehrsgefährdungsdelikte und des mit der Administrativmassnahme beabsichtigten
Warneffekts grundsätzlich hinzunehmen. Es ist aber nicht zu übersehen, dass die
Rekurrentin zur Ausübung ihrer beruflichen Tätigkeit in erheblichem Mass auf ein
Fahrzeug angewiesen ist. Sie muss täglich Patienten in vier verschiedenen Gemeinden
betreuen und auch Material transportieren. Es ist ihr daher eine mittelgradig erhöhte
Sanktionsempfindlichkeit zuzubilligen, weshalb die Entzugsdauer um zwei Monate zu
reduzieren ist.
d) Eine Teilnahme an einem Kurs für verkehrsauffällige Fahrzeuglenkende kann bei
erfolgreichem Besuch zur vorzeitigen Rückgabe des Führerausweises gemäss Art. 17
Abs. 1 SVG führen. Die alleinige Absichtsbekundung, einen solchen Kurs zu besuchen,
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ist bei der Bemessung der Entzugsdauer nicht massnahmemindernd zu
berücksichtigen.
e) Zusammenfassend ist die Erhöhung der Mindestentzugsdauer von 3 auf 4 Monate
unter Würdigung aller Beurteilungskriterien nicht zu beanstanden.
4.- Die Rekurrentin stellt das Eventualbegehren, der Führerausweis sei ihr nur für die
private Nutzung zu entziehen, Arbeitsfahrten seien ihr demgegenüber zu erlauben. Im
Administrativmassnahmerecht des SVG ist ein solcher differenzierter
Führerausweisentzug nicht vorgesehen (vgl. Art. 16 Abs. 2 SVG), weshalb dieser Antrag
abzuweisen ist.
5.- Im Rekurs wird schliesslich beantragt, den Abgabetermin "zu verzögern". Der
Zeitraum des Vollzugs einer Massnahme ergibt sich aus dem Verfahrensablauf. Ob der
Vollzug auf einen für den Betroffenen günstigen oder ungünstigen Zeitraum fällt, ist
grundsätzlich nicht von Belang (vgl. VRKE IV-2008/143, E. 2c S. 6). Wann der
Führerausweis abzugeben ist, ist eine Vollzugsfrage, zu welcher sich das Gericht nicht
äussert (vgl. Art. 102 VRP). Vielmehr ist die Festlegung dieses Zeitpunkts Aufgabe der
Vorinstanz, und zwar nach dem Eintritt der Rechtskraft dieses Urteils. Die
Verwaltungsrekurskommission ist zum Entscheid über Vollzugsfragen nicht zuständig.
Dementsprechend ist auf den Rekurs in diesem Punkt nicht einzutreten. Praxisgemäss
ist das Strassenverkehrsamt in der Regel bereit, begründete Verschiebungsgesuche
innerhalb eines bestimmten zeitlichen Rahmens zu bewilligen.
6.- Der Rekurs ist abzuweisen, soweit darauf einzutreten ist. Dem Verfahrensausgang
entsprechend sind die amtlichen Kosten der Rekurrentin aufzuerlegen (Art. 95 Abs. 1
VRP). Eine Entscheidgebühr von Fr. 1'200.-- erscheint angemessen (vgl. Art. 7 Ziff. 122
der Gerichtskostenverordnung, sGS 941.12). Der Kostenvorschuss ist zu verrechnen.