Decision ID: 031ee89a-070f-5b60-a915-79bb9b8ce13c
Year: 2018
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a A._, erlitt am 31. Oktober 1991 einen fremdverschuldeten Verkehrsunfall
(Unfallmeldung vom 5. November 1991, UV-act. 1). Dabei zog er sich ein Schädel-Hirn-
Trauma, multiple Wunden im Schulterbereich und am Kopf zu. Wegen eines Epi- und
Subduralhämatoms wurde am 2. November 1991 eine Trepanation durchgeführt
(Arztzeugnis von Dr. med. B._, Facharzt für Allgemeine Medizin FMH, UV-act. 2). Die
Suva erbrachte in der Folge Heilbehandlungs- und Taggeldleistungen.
A.b Im nervenärztlichen Sachverständigengutachten vom 10. Dezember 1992 hielt Dr.
med. C._, Facharzt für Neurologie und Psychiatrie, als Unfallverletzungsfolgen fest:
subjektive Restbeschwerden indirekt mühsam erhebbar; mehrfache an sich blande
Narben im Bereich des Hinterhaupts sowie der Schulterhöhen und des linken
Schulterblattes; eine Mischsymptomatik eines posttraumatischen Psychosyndroms
und eines erheblichen reaktiv-psychogenen Verhaltensmusters. Die massivsten
psychogenen Reaktionen hätten zumindest bei der einmaligen Untersuchung vom 20.
Oktober 1992 jegliche seriöse Trennung des Faktors „hirnorganisches
Psychosyndrom“ und des zusätzlich verursachenden Faktors der rein sekundären
psychogenen Mechanismen vereitelt. Daher empfahl Dr. C._ eine stationäre
Abklärung in einer neurologischen Klinik (UV-act. 57). Vom 9. Februar bis 1. April 1993
befand sich der Versicherte in der Rehabilitationsklinik Bellikon. Die dort behandelnden
medizinischen Fachpersonen führten im Austrittsbericht vom 6. April 1993 aus, als
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Unfallfolgen lägen eine mittelschwere bis schwere neuropsychologische
Funktionsstörung mit posttraumatischer Wesensveränderung und eine Cephalea vor.
Möglich sei eine Innenohrschwerhörigkeit rechts. Der Versicherte sei seit dem
Unfalldatum 100% arbeitsunfähig (UV-act. 62). Im Verlaufsbericht vom 7. Juni 1993
gelangten die medizinischen Fachpersonen der Klinik für Neurologie am Kantonsspital
St.Gallen (KSSG) zu gleichen Schlüssen (UV-act. 70). Am 2. November 1993 fand in der
Rehabilitationsklinik eine ambulante neuropsychologische Untersuchung des
Versicherten statt. Die medizinischen Fachpersonen berichteten am 3. November 1993,
die Befunde seien jetzt insgesamt als schwere neuropsychologische Funktionsstörung
zu gewichten, wobei die psychopathologische Fehlentwicklung bei persistierender
Schmerzsymptomatik als Unfallfolge zu werten sei (UV-act. 79; siehe auch die
ergänzende Stellungnahme vom 24. November 1993 [Datum Posteingang], UV-act. 78).
Dr. med. D._, Facharzt für Chirurgie, Suva Abteilung Unfallmedizin, schätzte den
Integritätsschaden beim Versicherten auf 70% (Beurteilung vom 9. Dezember 1993,
UV-act. 81). Am 17. Dezember 1993 teilte die Suva dem Versicherten mit, dass die
Heilbehandlungs- und Taggeldleistungen per 31. Januar 1994 eingestellt würden (UV-
act. 82). Mit Verfügung vom 10. Januar 1994 sprach die Suva dem Versicherten ab 1.
Februar 1994 eine Invalidenrente für eine 100%ige Erwerbsunfähigkeit und eine
Integritätsentschädigung für eine 70%ige Integritätseinbusse zu (UV-act. 84). Die IV-
Stelle sprach dem Versicherten am 22. April 1994 mit Wirkung ab 1. Oktober 1992 eine
ganze Rente zu (IV-act. 24), weshalb die Suva rückwirkend ab 1. Februar 1994 eine
Komplementärrente festsetzte (Verfügung vom 31. Mai 1994, UV-act. 89).
A.c Im Rahmen eines von Amtes wegen eingeleiteten Revisionsverfahrens bestätigte
die Suva am 8. März 1996 den Rentenanspruch des Versicherten (UV-act. 104).
A.d Im Rahmen eines neuerlichen von Amtes wegen eingeleiteten
Rentenrevisionsverfahrens und zur Abklärung eines Anspruchs auf eine
Hilflosenentschädigung war der Versicherte vom 23. Februar bis 1. März 2000 in der
Rehabilitationsklinik Bellikon hospitalisiert. Die dort betreuenden Ärztinnen berichteten,
bei Eintritt hätten immer noch deutliche interaktionelle Verhaltensauffälligkeiten mit
zweitweise kaum vorhandener Ansprechbarkeit imponiert. Zeitweise seien vom
Versicherten verbale Aufträge befolgt worden. Gemäss eigenen Beobachtungen sei er
stark hilfsbedürftig und in Eigenaktivitäten deutlich eingeschränkt. Aus rein
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
neurologischer Sicht hätten kleine Unsicherheiten bei Gleichgewichtsreaktionen
festgestellt werden können. Es müsse jedoch hinzugefügt werden, dass die
neurologische Examination nicht vollständig habe ausgeführt werden können wegen
fehlender Kooperation. Im grobmotorischen Bereich seien die Funktionen gut erhalten,
so dass eine volle Mobilität des Versicherten gegeben sei. Abschliessend könne mit
allen zu bedenkenden Einschränkungen in der alltäglichen Beobachtung des
Versicherten eine deutliche Hilflosigkeit bestätigt werden (Austrittsbericht vom 23. März
2000, UV-act. 123). Mit Verfügung vom 4. Oktober 2000 sprach die Suva dem
Versicherten ab 1. Juni 1999 eine Hilflosenentschädigung für eine Hilflosigkeit leichten
Grads zu (UV-act. 129).
A.e Vom 11. bis 26. Oktober 2004 befand sich der Versicherte erneut stationär in der
Rehabilitationsklinik Bellikon (UV-act. 156). Er wurde dort am 12. Oktober 2004
psychiatrisch und am 13. Oktober 2004 neuropsychologisch untersucht. Im
psychiatrischen Untersuchungsbericht vom 13. Oktober 2004 führte Dr. med. E._ im
Rahmen der Diagnosestellung aus, es bestehe keine hinlänglich abgrenzbare oder
klare psychopathologische Störung von Krankheitswert. Es liege ein abnormes
Krankheitsverhalten im Sinn einer Präsentation eines massiven Nichtwissens in
verschiedener Hinsicht, inhaltlich und in Bezug auf die Befundlage jedoch inkonsistent,
vor. Zeichen einer dissoziativen Störung hätten nicht festgestellt werden können. Die
Befunde seien nicht beweisend für ein bewusst gesteuertes Vorgeben von Defiziten,
doch spreche auch nichts eindeutig dagegen. Im Mindesten bestehe ein
bewusstseinsnahes Danebenantworten im Sinn einer Pseudodemenz (UV-act. 154).
Lic. phil. F._, Fachpsychologin für Neuropsychologie FSP, gab im von Dr. med.
G._, Facharzt FMH für Neurologie und Physikalische Medizin und Rehabilitation,
visierten neuropsychologischen Untersuchungsbericht vom 22. Oktober 2004 an, der
Versicherte sei affektiv-emotional, aber auch geistig nicht erreichbar. Es sei kein
verlässlicher Kontakt herstellbar, geschweige denn eine kohärente Kooperation im
Gespräch oder bei einer anderen Aktivität etablierbar. Das aktuelle Zustandsbild sei mit
nicht mehr näher bestimmbaren posttraumatischen kognitiven Einschränkungen
weiterhin durch die im Verlauf eingetretene Fehlverarbeitung mit erheblichen,
interaktionellen Verhaltensauffälligkeiten deutlich dominiert. Das Ausmass des
gesamten Zustandsbilds werde weiterhin als mittelschwer bis schwer beurteilt. Der
Versicherte sei nicht in der Lage, zu erwerblichen Zwecken in der freien Wirtschaft
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
arbeitstätig zu sein (UV-act. 155). In der von Dr. E._ und lic. phil. F._
mitunterzeichneten neurologischen Stellungnahme vom 3. Januar 2005 führte der
Oberarzt der Neurorehabilitation an der Rehabilitationsklinik Bellikon, Prof. Dr. med.
H._, Facharzt für Neurologie, aus, dass etwaige primär unfallbedingte hirnorganische
Komponenten in der Erklärung der vom Versicherten gebotenen
Verhaltensauffälligkeiten allenfalls eine untergeordnete Rolle spielen könnten und ganz
im Hintergrund der Symptomatik stehen müssten. Für sich allein genommen seien sie
sicher nicht geeignet, das Verhalten des Versicherten zu erklären. Hinweise auf eine
psychiatrische oder psychosomatische Störung fänden sich nicht. Der aus den
Aktenunterlagen ersichtliche Erklärungsansatz, dass es sich um eine schmerzbedingte
psychopathologische Fehlentwicklung handle, sei aufgrund der klinisch-
wissenschaftlichen Datenlage und des konkreten Befunds eher unwahrscheinlich. Zu
diskutieren wäre ein bewusst manipulatives Verhalten, wenngleich dieses nicht positiv
beweisbar gewesen sei. Der Versicherte präsentiere ein Verhalten, das nicht mit einer
kommerziellen Tätigkeit auf dem Arbeitsmarkt vereinbar wäre. Ursächlich hierfür seien
mit überwiegender Wahrscheinlichkeit nicht primär hirnorganische Schäden, sondern
das von ihm erlernte Verhalten, dessen Ursache nicht klar ersichtlich sei (UV-act. 161).
Auf Nachfrage der Suva-Rechtsabteilung teilte Prof. H._ am 7. März 2005 mit,
medizinische Massnahmen, um die medizinischen Zweifel zu erhärten oder zu
widerlegen, seien nicht angezeigt. Auch von einem nochmaligen Aufenthalt in der
Rehabilitationsklinik Bellikon sei wahrscheinlich kein Erkenntnisgewinn zu erwarten.
Vielmehr wäre es von Nöten, den Versicherten in Situationen zu beobachten, in denen
er sich unbeobachtet fühle. Sollte dieser hierbei Verhaltensweisen zeigen, die nicht mit
einer starken Beeinträchtigung vereinbar wären, wären die Zweifel erhärtet. Eine
Überwachung des Versicherten durch Privatdetektive sei sinnvoll (UV-act. 192-2).
A.f Am 26. und 27. April 2005 sowie am 19. und 20. Mai 2005 wurde der Versicherte
observiert. Im Ermittlungsbericht vom 17. Juni 2005 kamen die Abklärungspersonen
zum Schluss, der Versicherte habe nie bei beruflichen Aktivitäten beobachtet werden
können. Hingegen sei er ausser Haus wiederholt allein, mit seiner Frau oder seinen
Kindern unterwegs gewesen. Er habe sich mit Leuten unterhalten, an einem Handy
manipuliert und problemlos seiner Tochter hinterher rennen können, als diese mit ihrem
Trottinett eine abfallende Strasse hinuntergefahren sei. Insgesamt hätten keine
Anzeichen von körperlicher Einschränkung, Verwirrtheit oder besonderer sozialer
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Zurückgezogenheit beobachtet werden können (UV-act. 192-3). Prof. H._ und Dr.
E._ nahmen am 12. August 2005 Stellung zu den Observationsergebnissen. Das
beobachtete Führen eines Kraftfahrzeugs erfordere eine nicht unerhebliche
Steuerungsfähigkeit. Aus dem Video gehe hervor, dass der Versicherte mehrfach
gezielt unterwegs gewesen sei, adäquat auf Umweltereignisse reagiert habe und sich
mit der Umwelt gezielt auseinandergesetzt habe. Insgesamt bestehe eine erhebliche
Diskrepanz zwischen dem Verhalten des Versicherten in der Rehabilitationsklinik
Bellikon und dem Verhalten, das aus dem Observationsmaterial ersichtlich sei. Weder
neurologische noch psychiatrische Störungsbilder seien geeignet, die Diskrepanz zu
erklären. Insofern sei davon auszugehen, dass es sich um eine bewusstseinsnahe,
wahrscheinlich bewusste Verhaltensänderung des Versicherten handeln müsse (UV-
act. 192-5).
A.g Am 20. März 2006 erstattete die Suva eine Strafanzeige „wegen Betrug u.a.“ (UV-
act. 192). Sie teilte dem Versicherten am 10. August 2006 mit, neu bekannt gewordene
Tatsachen zwängen sie, die Haftungsfrage zu überprüfen. Die Rentenleistungen sowie
die Hilflosenentschädigung blieben vorerst eingestellt (UV-act. 198). Die Suva forderte
mit Verfügung vom 5. Dezember 2006 vom Versicherten seit 1. Januar 1994
unrechtmässig ausgerichtete Leistungen im Betrag von Fr. 272‘814.-- zurück (UV-act.
206). Dagegen erhob der Versicherte am 8. Dezember 2006 Einsprache (UV-act. 207).
Das Strafverfahren gegen den Versicherten wegen des Verdachts des Betrugs wurde
am 28. Juni 2007 aufgehoben (UV-act. 215).
A.h Im Auftrag der Suva wurde der Versicherte am 19. und 26. Februar 2009 in der
ZVMB GmbH polydisziplinär (neuropsychologisch, internistisch, psychiatrisch und
neurologisch) begutachtet. Die Experten diagnostizierten im Gutachten vom 31. März
2009: einen Status nach Schädel-Hirn-Trauma am 31. Oktober 1991 mit/bei
Epiduralhämatom rechts parietal und rechts temporo-basal, Hämatomevakuation am 2.
November 1991 und computertomographisch nachgewiesenen leichten
Veränderungen des Gehirns sowie medizinisch nicht erklärbarer Entwicklung eines im
Verlauf schwankenden und inkonsistenten Beschwerde- und Symptomkomplexes mit
Hinweisen auf eine intentionale Steuerung des Verhaltens (artifizielle Störung); eine
unfallfremde Lumboischialgie L5 rechts, konservativ und operativ behandelt. Es fehle
ein organisches Substrat sowie eine plausible medizinische Erklärung, um aufgrund der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Unfallfolgen ab 1. Januar 1994 eine Minderung der Leistungsfähigkeit zu begründen
(UV-act. 233). Eine am 8. Juli 2009 durchgeführte MRI-Untersuchung „Neurocranium
nativ“ ergab folgenden Befund: „Leicht eingeschränkte Beurteilbarkeit aufgrund von
Bewegungsunruhe. Z. n. Schädeltepanation rechts temporoparietal. Zwei punktförmige
Signalintensitätsstörungen kortikal hochfrontal links, in erster Linie vereinbar mit
narbigen Alterationen. Vereinzelte Glioseherde im periventrikulären Marklager beidseits.
Leichtgradig erweitertes, symmetrisches, mittelständiges Ventrikelsystem bei leichter
subkortikaler Hirnatrophie. Im Übrigen altersentsprechend normales natives
kraniozerebrales Kernspintomogramm“ (UV-act. 239).
A.i Am 20. Februar 2012 (UV-act. 273) reichte der Versicherte ein neurologisches und
psychiatrisches Privatgutachten von Dr. med. I._, Facharzt FMH für Psychiatrie und
Psychotherapie, und Dr. med. J._, Facharzt FMH für Neurologie/
Verhaltensneurologie SGVN, vom 15. Februar 2012 ein. Dieses stützt sich auf eine
persönliche Untersuchung des Versicherten vom 27. Juni 2011. Der neurologische
Experte diagnostizierte einen Zustand nach Verkehrsunfall mit heute noch bestehenden
mittelschweren bis schweren Hirnfunktionsstörungen mit Wesensveränderung,
Frontalhirndefiziten sowie auch Beeinträchtigung subkortikaler Funktionen. Ferner
bestünden posttraumatische Kopfschmerzen, ein Zustand nach radikulärer Reiz- und
Ausfallsymptomatik der Wurzel L4 links bei Diskushernie mit noch leicht bis höchstens
mässig ausgeprägtem linksbetontem Lumbovertebralsyndrom sowie fraglich diskreter
radikulärer Ausfallsymptomatik links bei Zustand nach Dekompression L4/5 und
Isthmotomie L5 rechts am 19. Juni 2006 sowie Redekompression und Freilegung der
Nervenwurzel L5 im Verlauf am 19. Juni 2007. Aus psychiatrischer Sicht bestehe ein
Verdacht auf eine Frontalhirnstörung mit Wesensveränderung, DD: dementielle
Erkrankung. Es müsse festgehalten werden, dass die Befunde und Symptome des
Exploranden konsistent seien mit den übrigen Verhaltensbeschreibungen und es
schwer vorstellbar sei, dass der Explorand mit einer willentlich gesteuerten, kognitiven
Leistung dieses Verhalten, das geprägt sei von Hinweisen auf eine
Frontalhirnproblematik bzw. eine organische Persönlichkeitsstörung, vollumfänglich
simulieren könne. Das Leiden sei mit grosser Wahrscheinlichkeit organisch bedingt. Im
Rahmen der Konsensbeurteilung kamen die Dres. J._ und K._ zum Schluss, der
Versicherte sei stark wesensverändert, kognitiv in erheblichem Mass beeinträchtigt,
habe keinerlei Konzept seiner eigenen Beeinträchtigung und sei für jegliche Tätigkeit
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
als 100% arbeitsunfähig zu betrachten. Zudem bestehe eine Hilflosigkeit, die
zumindest im leichten Rahmen ausgewiesen sei (UV-act. 272).
A.j Mit Entscheid vom 24. Mai 2013, IV 2011/123, wies das Versicherungsgericht die
Beschwerde des Versicherten gegen die von der IV-Stelle am 25. Februar 2011
verfügte sofortige Renteneinstellung ab (UV-act. 281). Die vom Versicherten dagegen
erhobene Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten wies das
Bundesgericht mit Urteil vom 15. November 2013, 9C_586/2013, ab (UV-act. 284).
A.k Im bei der Suva seit 2006 hängigen Einspracheverfahren schlug der Versicherte
mit Blick auf einen allfälligen Vergleich vor, eine anpassungsrechtlich erhebliche
Verbesserung des Gesundheitszustands ab 31. März 2009 anzunehmen und die
Leistungen auf dieses Datum hin einzustellen (Stellungnahme vom 24. September
2014, UV-act. 297). In der Verfügung vom 14. Oktober 2014, hiess die Suva die
„Einsprache vom 8.12.2006 teilweise gut“ und stellte die Rentenleistungen und die
Hilflosenentschädigung per 1. Mai 2005 (Zeitpunkt Observation) ein. Für unrechtmässig
im Zeitraum vom 1. Mai 2005 bis 31. August 2006 ausgerichtete Leistungen forderte
sie vom Versicherten einen Betrag von Fr. 18‘560.-- zurück (UV-act. 298). Der
Versicherte beantragte am 16. Oktober 2014, die Verfügung vom 14. Oktober 2014 sei
aufzuheben und stattdessen ein Einspracheentscheid „- wir sind in einem
Einspracheverfahren -“ zu erlassen, der mittels Beschwerde an das
Versicherungsgericht angefochten werden könne (UV-act. 301). Am 10. November
2014 erhob der Versicherte gegen die Verfügung vom 14. Oktober 2014 Einsprache
und beantragte deren Aufhebung (UV-act. 300). Die Suva wies die Einsprache ab
(Einspracheentscheid vom 17. März 2015, UV-act. 304).
B.
B.a Gegen den Einspracheentscheid vom 17. März 2015 richtet sich die vorliegende
Beschwerde vom 28. April 2015. Der Beschwerdeführer beantragt darin dessen
Aufhebung. Es seien ihm auch über den „31. August 2006“ hinaus die gesetzlichen
Leistungen, „insbesondere Rente inklusive Teuerungszulage und
Hilflosenentschädigung“, zuzüglich Verzugszinsen zuzusprechen und zu entrichten.
Allenfalls seien weitere Abklärungen vorzunehmen; alles unter Kosten- und
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Entschädigungsfolge. Zur Begründung führt der Beschwerdeführer im Wesentlichen
aus, er sei über den Einstellungszeitpunkt hinaus unverändert zu 100% arbeitsunfähig
und hilflos. Selbst wenn von einer gesundheitlichen Verbesserung auszugehen wäre, so
sei deren Beginn entsprechend der im invalidenversicherungsrechtlichen Verfahren
rechtskräftig gewordenen Leistungseinstellung auf Ende März 2009 festzusetzen. Die
von der Beschwerdegegnerin geltend gemachte Rückforderung sei ausserdem
verwirkt, da die Beschwerdegegnerin die Verfügung vom 5. Dezember 2006
aufgehoben und am 14. Oktober 2014 über die Leistungseinstellung neu verfügt habe
(act. G 1). Mit der Beschwerde reichte der Beschwerdeführer verschiedene
medizinische Berichte ein. Die behandelnde Dr. med. L._, Fachärztin für Psychiatrie
und Psychotherapie FMH, führte im Bericht vom 9. April 2015 aus, dass sie sich der
Beurteilung der Privatgutachter anschliesse (act. G 1.2). Im psychologischen Bericht
der Rheinburg-Klinik vom 18. Dezember 2014 hatten die medizinischen Fachpersonen
angegeben, der Beschwerdeführer leide an einer insgesamt mittelschweren bis
schweren kognitiven Funktionsstörung (siehe hierzu sowie zum Begleitbrief der
Rheinburg Klinik vom 19. Dezember 2014, act. G 1.3).
B.b Die Beschwerdegegnerin beantragt in der Beschwerdeantwort vom 28. Mai 2015
die Abweisung der Beschwerde. Gestützt auf die Observationsergebnisse und die
diese würdigenden medizinischen Beurteilungen sei mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass seit der Observation von April/Mai 2005
ein stabiler Gesundheitszustand mit uneingeschränkter Arbeitsfähigkeit bestanden
habe. Die Rückforderung sei am 5. Dezember 2006 klarerweise innerhalb der 5-jährigen
Verwirkungsfrist erlassen worden. Daran habe die Neuverfügung vom 14. Oktober 2014
nichts geändert. Die vom Beschwerdeführer im Beschwerdeverfahren eingereichten
medizinischen Unterlagen seien nicht aussagekräftig, da darin keine
Auseinandersetzung mit seinem inkonsistenten Verhalten vorgenommen worden sei. Im
Übrigen sei der Inhalt der neu aufgelegten Berichte lediglich Ausdruck dafür, dass die
bereits gerichtlich festgestellte Irreführung des Beschwerdeführers gegenüber den
untersuchenden Ärzten anhalte (act. G 6).
B.c Mit Präsidialverfügung vom 13. August 2015 wurde dem Gesuch des
Beschwerdeführers um Bewilligung der unentgeltlichen Rechtspflege (Befreiung von
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
den Gerichtskosten und Bewilligung der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung)
entsprochen (act. G 13).
B.d In der Replik vom 24. September 2015 hielt der Beschwerdeführer unverändert an
der Beschwerde fest (act. G 20).
B.e Die Beschwerdegegnerin erneuerte in der Duplik vom 27. Oktober 2015 den
Antrag auf Abweisung der Beschwerde (act. G 22).
B.f Mit Eingabe vom 21. Oktober 2016 wies der Beschwerdeführer auf den Entscheid
des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR) vom 18. Oktober 2016 in
Sachen Vukota-Bojic gegen die Schweiz hin, worin das Fehlen einer zureichenden
rechtlichen Grundlage für Überwachungsmassnahmen durch Unfallversicherer
festgestellt worden war (act. G 24).
B.g Am 23. Februar 2018 räumte das Versicherungsgericht den Parteien Gelegenheit
zur Stellungnahme zum Urteil des EGMR in Sachen Vukota-Bojic gegen die Schweiz
sowie zur danach ergangenen Rechtsprechung des Bundesgerichts zur Unzulässigkeit
von Observationen und zur Verwertbarkeit illegal beschafften Observationsmaterials ein
(act. G 26). Die Beschwerdegegnerin vertrat die Auffassung, das Observationsmaterial
sei verwertbar (Eingabe vom 13. März 2018, act. G 27). Demgegenüber brachte der
Beschwerdeführer am 16. März 2018 vor, das illegal beschaffte Observationsmaterial
dürfe im Beschwerdeverfahren nicht verwertet werden. Des Weiteren zeigte er seine
Bereitschaft für einen Vergleich an (act. G 28). Die Beschwerdegegnerin teilte am 29.
März 2018 mit, sie sei nicht an einem Vergleich interessiert (act. G 30).

Erwägungen
1.
Der Entscheid vom 14. Oktober 2014 ist entgegen der versehentlich vorgenommenen
Formulierung „teilweise Gutheissung der Einsprache“ als Verfügung zu qualifizieren.
Sowohl aus dem Entscheidinhalt als auch aus dem späteren Verhalten der
Beschwerdegegnerin (Erlass des vorliegend angefochtenen Einspracheentscheids vom
17. März 2015, UV-act. 304) ergibt sich, dass die Beschwerdegegnerin beabsichtigte,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
die ursprüngliche Verfügung vom 5. Dezember 2006 (UV-act. 206) zu widerrufen, das
Einspracheverfahren abzuschreiben und eine neue Verfügung zu erlassen. Diese
Sichtweise entspricht wohl auch derjenigen der Parteien, die nicht geltend gemacht
haben, dass die Verfügung vom 14. Oktober 2014 eigentlich ein Einspracheentscheid
sei (siehe auch für die Sichtweise des Beschwerdeführers UV-act. 301). Gegenstand
des angefochtenen Einspracheentscheids vom 17. März 2015 bilden die auf dem Weg
der Anpassung erfolgte Einstellung der Rentenleistung und der Hilflosenentschädigung
sowie die Rückforderung der im Zeitraum vom 1. Mai bis 31. August 2006 erbrachten
Rentenleistung und Hilflosenentschädigung im Betrag von Fr. 18‘560.--.
1.1 Am 1. Januar 2017 sind die revidierten Bestimmungen des Bundesgesetzes über
die Unfallversicherung (UVG; SR 832.20) und der Verordnung über die
Unfallversicherung (UVV; SR 832.202) in Kraft getreten. Gemäss Abs. 1 der
Übergangsbestimmungen zur Änderung vom 25. September 2015 werden
Versicherungsleistungen für Unfälle, die sich vor deren Inkrafttreten ereignet haben,
und für Berufskrankheiten, die vor diesem Zeitpunkt ausgebrochen sind, nach
bisherigem Recht gewährt. Vorliegend finden, nachdem der Streitigkeit ein Unfall aus
dem Jahr 1991 zu Grunde liegt, die bis 31. Dezember 2016 gültigen Bestimmungen
Anwendung.
1.2 Ist die versicherte Person infolge des Unfalls zu mindestens 10% invalid (Art. 8 des
Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG; SR
830.1]), so hat sie Anspruch auf eine Invalidenrente (Art. 18 Abs. 1 UVG). Invalidität ist
die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise
Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 ATSG; zur Erwerbsunfähigkeit siehe Art. 7 ATSG). Die
Invalidenrente beträgt bei Vollinvalidität 80% des versicherten Verdienstes; bei Teilinva-
lidität wird sie entsprechend gekürzt (Art. 20 Abs. 1 UVG).
1.3 Gemäss Art. 26 Abs. 1 UVG hat die versicherte Person bei Hilflosigkeit (Art. 9
ATSG) Anspruch auf eine Hilflosenentschädigung. Sie wird nach dem Grad der
Hilflosigkeit bemessen (Art. 27 Satz 1 UVG). Ihr Monatsbetrag beläuft sich auf
mindestens den doppelten und höchstens den sechsfachen Höchstbetrag des
versicherten Tages¬verdienstes (Art. 27 Satz 2 UVG). Die monatliche
Hilflosenentschädigung beträgt bei Hilflosigkeit schweren Grads das Sechsfache, bei
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Hilflosigkeit mittleren Grads das Vierfache und bei Hilflosigkeit leichten Grads das
Doppelte des Höchstbetrags des versicherten Tagesverdienstes (Art. 37 Satz 1 UVV).
Der Anspruch erlischt am Ende des Monats, in dem die Anspruchsvoraussetzungen
dahinfallen oder der Berechtigte stirbt (Art. 37 Satz 2 UVV).
1.4 Ändert sich der Invaliditätsgrad einer Rentenbezügerin oder eines Rentenbezügers
erheblich, so wird die Rente von Amtes wegen oder auf Gesuch hin für die Zukunft
entsprechend erhöht, herabgesetzt oder aufgehoben (Art. 17 Abs. 1 ATSG). Auch jede
andere formell rechtskräftig zugesprochene Dauerleistung wird von Amtes wegen oder
auf Gesuch hin erhöht, herabgesetzt oder aufgehoben, wenn sich der ihr zu Grunde
liegende Sachverhalt nachträglich erheblich verändert hat (Art. 17 Abs. 2 ATSG).
2.
Zunächst ist die zwischen den Parteien umstrittene Frage zu prüfen, ob das
Observationsmaterial und sich darauf stützende medizinische Beurteilungen verwertbar
sind.
2.1 Für die von der Beschwerdegegnerin veranlasste Observation fehlt die gesetzliche
Grundlage, womit allein schon deshalb die Observationsergebnisse unrechtmässig
erhoben worden sind (siehe bezüglich der Konventionswidrigkeit das Urteil des EGMR
in Sachen Vukota-Bojic gegen Schweiz, Urteil no. 61838/10, vom 18. Oktober 2016,
und zur Verfassungswidrigkeit den Entscheid des Versicherungsgerichts vom 6.
Dezember 2016, IV 2016/145, E. 3).
2.2 Was die Verwertbarkeit illegal beschaffter Beweismittel anbelangt, so ist das
Bundesgericht in BGE 143 I 377 im Wesentlichen zur Auffassung gelangt, dass von der
IV-Stelle in Auftrag gegebenes, illegal beschafftes Observationsmaterial grundsätzlich
verwertbar sei, sofern die Überwachung im öffentlich einsehbaren Raum erfolgt sei (E.
5.1 ff.; bestätigt etwa im Urteil des Bundesgerichts vom 9. November 2017,
9C_328/2017). Das Versicherungsgericht hat die Frage der Verwertbarkeit in seiner
bisherigen Rechtsprechung differenziert beurteilt. Das Bundesgericht räumt dem
Interesse des Sozialversicherers und der Versichertengemeinschaft an der
Verhinderung unrechtmässiger Leistungsbezüge eine vorrangige Stellung in der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Interessenabwägung ein (BGE 143 I 386 E. 5.1.2; THOMAS GÄCHTER/MICHAEL E.
MEIER, Rechtswidrige Observationen in der IV - Verwertbarkeit der
Observationserkenntnisse, Bemerkungen zum Leitentscheid 9C_806/2016 vom 14. Juli
2017, in: Jusletter vom 14. August 2017, Rz 104). Diese Rechtsprechung wird in der
Lehre mit überzeugenden Argumenten in Frage gestellt (GÄCHTER/MEIER, a.a.O.,
insbesondere Rz 96 ff.). Die Ausführungen des Bundesgerichts zur
Interessenabwägung im Einzelfall werden als „blosses Lippenbekenntnis“ kritisiert
(GÄCHTER/MEIER, a.a.O., Rz 103 mit zahlreichen Hinweisen auf die Lehre). Soweit
ersichtlich, hat das Bundesgericht in den seither ergangen zahlreichen Fällen die
Verwertbarkeit illegal beschafften Observationsmaterials ausnahmslos bejaht (siehe
anstatt vieler etwa die Urteile des Bundesgerichts vom 15. Februar 2018,
9C_248/2017, E. 4.4.1 f., oder vom 22. Februar 2018, 9C_882/2017, E. 3.2.1 ff.; siehe
auch GÄCHTER/MEIER, a.a.O., Rz 102 mit Hinweisen). Im Ergebnis führt dies zu einer
faktischen Nichtumsetzung des Grundrechtsschutzes und zu einer (erneuten)
Konventions- und Verfassungsverletzung (siehe auch GÄCHTER/MEIER, a.a.O., Rz 112
f.). Der bislang in der Rechtsprechung stets postulierte „Ausnahmecharakter“ der
Verwertung widerrechtlicher Beweise ist dadurch verloren gegangen (siehe hierzu die
Kritik von GÄCHTER/MEIER, a.a.O., Rz 101 mit Hinweisen) und die Rechtsprechung
des Bundesgerichts erscheint wenig ergebnisoffen (siehe auch GÄCHTER/MEIER,
a.a.O., Rz 103). Die Verwertbarkeitsrechtsprechung des Bundesgerichts scheint die im
Licht von Verfassung und Konvention problematische Folge zu haben, dass auch nach
dem Urteil des EGMR vom 18. Oktober 2016 illegal durchgeführte Observationen ohne
weiteres regelmässig als verwertbar zu qualifizieren wären. Vorliegend kann jedoch
offen bleiben, ob dies tatsächlich der Absicht des Bundesgerichts entspricht und wie
gegebenenfalls damit umzugehen wäre, wie sich aus den nachfolgenden Erwägungen
ergibt.
2.3 Wie in der Lehre für die Prüfung der Verwertbarkeit illegal beschafften
Beweismaterials gefordert, ist im Rahmen einer ergebnisoffenen, umfassenden
Interessenabwägung auch den Schutzinteressen der verletzten Rechtsgüter gebührend
Rechnung zu tragen. Die verletzten Rechtsgüter sind einerseits die Privatsphäre der
versicherten Person (Art. 13 der Bundesverfassung der Schweizerischen
Eidgenossenschaft [BV; SR 101]; Art. 8 der Konvention zum Schutze der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Menschenrechte und Grundfreiheiten [EMRK; SR 0.101]) und andererseits auch das
Legalitätsprinzip (Art. 5 Abs. 1 BV) als solches (GÄCHTER/MEIER, a.a.O., Rz 104).
2.4 Vorliegend ist von Bedeutung, dass die heimlich und gezielte Foto-/
Videoüberwachung ausschliesslich das Verhalten des Beschwerdeführers im
öffentlichen Raum betraf. Nicht Gegenstand bildete das Verhalten des
Beschwerdeführers im - auch nicht im aus dem öffentlichen Raum einsehbaren -
privaten Raum (siehe das Observationsmaterial in UV-act. 192). Der mittels
technischem Aufzeichnungsgerät erfolgte Grundrechtseingriff wiegt damit im Vergleich
zu Observationen, die das allenfalls aus dem öffentlichen Raum einsehbare Verhalten
einer versicherten Person auf privatem Grund bzw. im privaten Raum festhalten,
bedeutend leichter. Der Beschwerdeführer wurde auch nicht bei der Ausübung einer
dem Geheimbereich zuzurechnenden Tätigkeit (wie etwa einem Geldtransfer an einem
Bankomaten) überwacht. Die Überwachung fand ausserdem an lediglich vier Tagen in
einem Zeitraum von knapp vier Wochen statt (26. und 27. April, 19. und 20. Mai 2005;
UV-act. 192). Insgesamt erscheint die Observation nicht als schwerwiegender Eingriff
in die Privatsphäre des Beschwerdeführers.
2.5 Ausschlaggebend ist weiter, dass die medizinischen Fachpersonen der Rehaklinik
Bellikon erhebliche Inkonsistenzen beim Verhalten des Beschwerdeführers feststellten.
Er präsentiere „in verschiedenster Hinsicht ein massives Nichtwissen auf einfachste
Fragen und weicht verschiedensten Fragen oder der Möglichkeit des Nachfragens aus
[...]“. Er wirke mindestens hintergründig durchaus präsent. Man gewinne den Eindruck,
dass er sich hinter den rituellen Verweisen auf die Frau, die ihm alles sage und alles
wisse, gleichsam verstecken wolle. Die gezeigten Befunde und Angaben seien
inkonsistent, die ganze Situation wenig transparent, auch auf der emotionalen Ebene.
Im Mindesten bestehe ein bewusstseinsnahes Danebenantworten im Sinn einer
Pseudodemenz (Bericht Dr. E._ vom 13. Oktober 2004, UV-act. 154-4 f.). Prof. H._
berichtete, bei der aktuellen Untersuchung seien überhaupt keine sinnvollen
Äusserungen mehr zustande gekommen. Es habe eine Reihe von Hinweisen gegeben,
dass der Beschwerdeführer in den Untersuchungssituationen nicht ideal kooperiert
habe (neurologische Stellungnahme vom 3. Januar 2005, UV-act. 161-9 f.; siehe zu den
Inkonsistenzen und dem erlernten Verhaltensmuster auch die interdisziplinäre
Beantwortung der von der Suva gestellten Fragen in UV-act. 161-11 f.: Fragen 4 f., 9
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
und 10.1; siehe auch die Stellungnahme von Prof. H._ vom 7. März 2005, UV-act.
192). Prof. H._ teilte auf Nachfrage der Beschwerdegegnerin mit, medizinische
Massnahmen, um die Zweifel zu zerstreuen, böten sich nicht an. „Vielmehr ist nach
Überzeugung des Unterzeichnenden einziges Mittel, um die medizinischen Zweifel zu
zerstreuen oder erhärten, die Observation des Versicherten in Situationen, in denen er
selbst sich unbeobachtet fühlt“. Eine Überwachung sei das einzig wirksame Mittel zur
Erhärtung oder Widerlegung der Zweifel an den medizinischen Gründen für die
Beeinträchtigungen (S. 2 des Berichts vom 7. März 2005, UV-act. 192). Gestützt auf
diese schlüssig begründete Einschätzung war damals mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit einerseits davon auszugehen, dass sämtliche medizinischen
Abklärungen ausgeschöpft waren und andererseits, dass eine Klärung der trotzdem
verbliebenen erheblichen Zweifel über den damaligen Gesundheitszustand des
Beschwerdeführers bzw. eine aussagekräftige Beurteilung der Erwerbsunfähigkeit und
deren Verlauf ohne eine Überwachung des Beschwerdeführers nicht möglich gewesen
wäre. In damit zu vereinbarender Weise hielten die ZVMB-Gutachter später fest,
„analog zu dieser Inkonsistenz in seinen subjektiven Angaben fielen auch die Befunde -
wie auch schon in den früheren in den Akten dokumentierten Untersuchungen -
erheblich inkonsistent und nicht verwertbar aus“ (UV-act. 233-22 f.; zum intentionalen
Verhalten im Zusammenhang mit den Inkonsistenzen siehe UV-act. 233-25). Dr. B._
gab anlässlich der Einvernahme beim Untersuchungsamt Gossau vom 3. April 2017
ebenfalls an, „so Tests durchführen ist mit ihm natürlich grundsätzlich sehr schwierig.
Man kann eigentlich nur sein Verhalten beobachten“ (UV-act. 214, S. 6 des
Einvernahmeprotokolls). Auch im Privatgutachten der Dres. J._ und K._ vom 15.
Februar 2012 wurde darauf hingewiesen, dass Validierungsverfahren nicht sinnvoll
durchgeführt werden könnten (UV-act. 272-17).
2.6 Nach dem Gesagten war die vergleichsweise nicht schwerwiegend in die
Grundrechte des Beschwerdeführers eingreifende Observation das letzte verbliebene
Mittel (ultima ratio) für eine objektive Abklärung, weshalb das Observationsmaterial und
die sich darauf stützenden medizinischen Einschätzungen ausnahmsweise für die
Beurteilung der sozialversicherungsrechtlichen Leistungsansprüche verwertbar sind.
Vor diesem Hintergrund kann offen bleiben, ob das zweifelhafte Verhalten des
Beschwerdeführers zu einer Umkehr der Beweislastverteilung im Revisionsverfahren
führen könnte.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.
Des Weiteren ist die Frage zu beurteilen, ob der Sachverhalt in medizinischer Sicht
hinreichend erstellt ist.
3.1 Im invalidenversicherungsrechtlichen Verfahren ist das Versicherungsgericht bei
der Würdigung der medizinischen Aktenlage, insbesondere auch des Privatgutachtens
der Dres. J._ und K._, zur Auffassung gelangt, dass die Beurteilung der ZVMB-
Gutachter beweiskräftig ist, sich der Gesundheitszustand des Beschwerdeführers
erheblich verbessert habe und er wieder über eine 100%ige Arbeitsfähigkeit verfügt
(Entscheid des Versicherungsgerichts vom 24. Mai 2013, IV 2011/123, E. 4.6 ff., UV-
act. 281; bestätigt im Urteil des Bundesgerichts vom 15. November 2013,
9C_586/2013, UV-act. 284). Darauf ist zu verweisen.
3.2 Der Beschwerdeführer vermag nichts vorzubringen, was im
unfallversicherungsrechtlichen Verfahren eine abweichende medizinische
Beweiswürdigung nahe legen würde, worauf auch die Beschwerdegegnerin zutreffend
hingewiesen hat (act. G 6, Rz 5.4). Dies gilt insbesondere mit Blick auf den von ihm
eingereichten Bericht der behandelnden Dr. L._ vom 9. April 2015 (act. G 1.2). Wie
dem Privatgutachten fehlt auch der Einschätzung von Dr. L._ eine von der
Selbsteinschätzung des Beschwerdeführers losgelöste objektive Prüfung der geklagten
bzw. präsentierten Leiden. Die behandelnde Ärztin setzt sich nicht mit den zahlreichen
Inkonsistenzen auseinander. Ausserdem benennt sie keine objektiven Gesichtspunkte,
welche die ZVMB-Gutachter ausser Acht gelassen hätten. Vielmehr beruht ihre davon
abweichende Beurteilung auf einer unterschiedlichen Interpretation der
Leidensangaben und -präsentation. Gleiches gilt hinsichtlich des psychologischen
Berichts der Rheinburg-Klink vom 18. Dezember 2014. Aus dem Begleitbrief vom 19.
Dezember 2014 geht ferner hervor, dass den medizinischen Fachpersonen der
Rheinburg-Klinik keine Vorakten zur Verfügung standen („Inwiefern eine
Verschlechterung der Befunde vorliegt, kann mangels psychologischer Vorbefunde
nicht beurteilt werden“; act. G 1.3).
3.3 Was die lumbalen Leiden des Beschwerdeführers anbelangt, aufgrund derer er
konservativ und operativ behandelt werden musste, so sind diese unfallfremd (ZVMB-
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Gutachten vom 31. März 2009, UV-act. 233-25). Sich daraus ergebende allfällige
Beeinträchtigungen und die Leidensentwicklung sind daher im Rahmen der
unfallversicherungsrechtlichen Leistungsbeurteilung ausser Acht zu lassen. Lediglich
der Vollständigkeit halber ist darauf hinzuweisen, dass das Versicherungsgericht dem
Rückenleiden keine relevante Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit beigemessen hat
(Entscheid des Versicherungsgerichts vom 24. Mai 2013, IV 2011/123, E. 4.8, UV-act.
281).
4.
Zu beurteilen ist des Weiteren der Zeitpunkt der Leistungseinstellung.
4.1 Das Versicherungsgericht hielt im invalidenversicherungsrechtlichen Verfahren
betreffend den Einstellungszeitpunkt fest, gestützt auf die Ergebnisse des
Ermittlungsberichts vom 17. Juni 2005 und die diese umfassend sowie plausibel
würdigenden medizinischen Stellungnahmen der Rehaklinik Bellikon vom 12. und 30.
August 2005 sei davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer während der
Observation normale Verhaltensweisen gezeigt habe und dass er - angesichts der dazu
diskrepanten Verhaltensweisen während des Klinikaufenthalts - über eine erhebliche
Modulationsfähigkeit seines Verhaltensrepertoires verfügen müsse, was eine gute
kognitive Leistungsfähigkeit voraussetze (Entscheid des Versicherungsgerichts vom 24.
Mai 2013, IV 2011/123, E. 5.2, UV-act. 281). Gestützt auf diese nach wie vor
überzeugenden Überlegungen und da der genannten medizinischen Einschätzung u.a.
die bereits am 26. und 27. April 2005 erhobenen Observationsergebnisse zugrunde
liegen, kann mit überwiegender Wahrscheinlichkeit bereits zu diesem Zeitpunkt von
einer gesundheitlichen Verbesserung ausgegangen werden. Auch die ZVMB-Gutachter
vertraten bei der Würdigung der Observationsergebnisse den Standpunkt, dass der
Beschwerdeführer darauf normale Verhaltensweisen und Kommunikationsfähigkeiten
zeige (UV-act. 233-24 Mitte; UV-act. 283-25 Mitte). Auf der Grundlage der genannten
Einschätzungen der Rehaklinik Bellikon, die sich mit der Beurteilung der ZVMB-
Gutachter vereinbaren lassen, kann weiter davon ausgegangen werden, dass der
Beschwerdeführer bereits im April 2005 über eine 100%ige Arbeitsfähigkeit verfügt und
an keiner relevanten Hilflosigkeit mehr gelitten hat. Die von der Beschwerdegegnerin
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 18/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
auf den 1. Mai 2005 angeordnete Aufhebung der Dauerleistungen (Rente und
Hilflosenentschädigung) ist daher nicht zu beanstanden.
4.2 An dieser Sichtweise vermag nichts zu ändern, dass das Versicherungsgericht im
invalidenversicherungsrechtlichen Verfahren ausführte, eine revisionsrelevante
Verbesserung sei spätestens mit dem ZVMB-Gutachten vom 31. März 2009 dargetan
(Entscheid des Versicherungsgerichts vom 24. Mai 2013, IV 2011/123, E. 4.5 am
Schluss, UV-act. 281). Denn für die damalige vollumfängliche Abweisung der
Beschwerde des Beschwerdeführers war ein allfälliger früherer Revisionszeitpunkt nicht
von Bedeutung, weshalb die Frage nach einem früheren Einstellungszeitpunkt offen
gelassen wurde. Immerhin wies das Versicherungsgericht am selben Ort nach einer
ausführlichen Diskussion u.a. des Observationsmaterials und der Beurteilungen der
Rehaklinik Bellikon darauf hin, dass eine revisionsweise Verbesserung des
Gesundheitszustands „wohl schon im Zeitpunkt der Observation“ dargetan sei. Dies
deckt sich mit den übrigen Ausführungen des Versicherungsgerichts zum Beginn der
Renteneinstellung (siehe hierzu vorstehende E. 4.1).
5.
Zu prüfen bleibt damit die angeordnete Rückforderung für im Zeitraum vom 1. Mai
2005 bis 31. August 2006 zu Unrecht ausgerichtete Rentenleistungen und
Hilflosenentschädigungen im Betrag von Fr. 18‘560.--.
5.1 Unrechtmässig bezogene Leistungen sind zurückzuerstatten. Wer Leistungen in
gutem Glauben empfangen hat, muss sie nicht zurückerstatten, wenn eine grosse
Härte vorliegt (Art. 25 Abs. 1 ATSG). Der Rückforderungsanspruch erlischt mit dem
Ablauf eines Jahres, nachdem die Versicherungseinrichtung davon Kenntnis erhalten
hat, spätestens aber mit dem Ablauf von fünf Jahren nach der Entrichtung der
einzelnen Leistung. Wird der Rückerstattungsanspruch aus einer strafbaren Handlung
hergeleitet, für welche das Strafrecht eine längere Verjährungsfrist vorsieht, so ist diese
Frist massgebend (Art. 25 Abs. 2 ATSG).
5.2 Zunächst ist festzuhalten, dass der Betrag der angeordneten Rückforderung vom
Beschwerdeführer an sich nicht bestritten wird (vgl. act. G 1 und act. G 20). Es ergeben
sich auch aus den Akten keine Hinweise auf eine fehlerhafte Berechnung.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 19/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
5.3 Der Beschwerdeführer bringt vor, die Rückforderung sei verwirkt, da die
Beschwerdegegnerin die ursprüngliche Rückforderungsverfügung vom 5. Dezember
2006 (siehe hierzu UV-act. 206) widerrufen habe und die spätere
Rückforderungsverfügung vom 14. Oktober 2014 (siehe hierzu: UV-act. 298) nach der
Verwirkungsfrist erlassen worden sei (act. G 1, S. 5, und G 20, S. 2). Dieser Sichtweise
kann nicht gefolgt werden. Die Beschwerdegegnerin hatte mit Verfügung vom 5.
Dezember 2006 innert der Verwirkungsfrist ihre Ansprüche geltend gemacht und
dadurch den Eintritt der Verwirkung gehemmt. Mit Verfügung vom 14. Oktober 2014
hat die Beschwerdegegnerin bei hängigem Einspracheverfahren die Verfügung vom 5.
Dezember 2006 lediglich inhaltlich teilweise zugunsten des Beschwerdeführers
korrigiert, was zwangsläufig deren vorgängigen Widerruf voraussetzt (siehe
vorstehende E. 1). Es ist weder erkennbar noch nachvollziehbar vom Beschwerdeführer
dargelegt worden, inwiefern die von der Beschwerdegegnerin vorgenommene
betragliche Korrektur die fristwahrende Wirkung der ursprünglichen
Rückforderungsverfügung bzw. die Hemmung der Verwirkung im hängigen
Rückforderungsverfahren nachträglich ex tunc unwirksam macht. Es gilt diesfalls nichts
anderes, als wenn die Verfügung durch einen Einspracheentscheid ersetzt worden
wäre. Im invalidenversicherungsrechtlichen Verfahren gilt im Übrigen bereits der Erlass
des Vorbescheids als fristwahrend (Urteil des Bundesgerichts vom 8. Februar 2011,
8C_699/2010, E. 2, und vom 15. Mai 2014, 8C_203/2014, E. 4.2), der selbst keine
Rechtskraft erlangen kann und an dessen Stelle später die Verfügung tritt.
6.
6.1 Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen.
6.2 Gerichtskosten sind keine zu erheben (Art. 61 lit. a ATSG).
6.3 Der Staat bezahlt zufolge der am 13. August 2015 bewilligten (act. G 13)
unentgeltlichen Rechtsverbeiständung die Kosten der Rechtsvertretung des
Beschwerdeführers. Die Parteientschädigung wird vom Versicherungsgericht
festgesetzt und ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache
und nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen (Art. 61 lit. g ATSG). In der
Verwaltungsrechtspflege beträgt das Honorar vor Versicherungsgericht nach Art. 22
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 20/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Abs. 1 lit. b der Honorarordnung (HonO; sGS 963.75) pauschal Fr. 1'000.-- bis Fr.
12'000.--. Der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers hat keine Kostennote
eingereicht. In der vorliegend zu beurteilenden Angelegenheit erscheint eine pauschale
Parteientschädigung von Fr. 4'000.-- angemessen. Diese ist um einen Fünftel zu kürzen
(vgl. Art. 31 Abs. 3 des Anwaltsgesetzes, sGS 963.70). Somit hat der Staat den
Rechtsvertreter des Beschwerdeführers mit Fr. 3'200.-- (einschliesslich Barauslagen
und Mehrwertsteuer) zu entschädigen.
6.4 Eine Partei, der die unentgeltliche Rechtspflege gewährt wurde, ist zur
Nachzahlung verpflichtet, sobald sie dazu in der Lage ist (Art. 123 der Schweizerischen
Zivilprozessordnung [ZPO; SR 272] i.V.m. Art. 99 Abs. 2 des Gesetzes über die
Verwaltungsrechtspflege [VRP; sGS 951.1]).