Decision ID: 38fbf8f7-d063-4e45-a1c5-b264cc011f1e
Year: 2014
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführer,
vertreten durch Rechtsdienst Integration Handicap, Bürglistrasse 11, 8002 Zürich,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
Rente
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Sachverhalt:
A.
A.a Der Vater von A._, geboren 19_, meldete diesen am 17. Januar 1989 wegen
eines Sprachgebrechens zum Bezug von IV-Leistungen für Minderjährige an (act.
G 5.1). Der behandelnde Kinderarzt diagnostizierte im Bericht vom 18. Mai 1989 eine
Dyslalie und Dysgrammatismus bei Dysphasie (act. G 5.4). In der Folge erteilte die IV-
Stelle Kostengutsprache für Sprachheilunterricht (act. G 5.7), für Sonderschulung (act.
G 5.13, G 5.20 und G 5.32) sowie für medizinische Massnahmen (notwendige
medizinische Massnahmen zur Behandlung des Geburtsgebrechens Ziff. 404, act.
G 5.15 f. und G 5.28). Im Sommer 2001 schloss der Versicherte eine Anlehre als
Metallbearbeiter/Mechanik ab (Anlehr-Ausweis vom 8. August 2001, act. G 5.53-4).
A.b Am 2. September 2004 meldete sich der Versicherte, der zu diesem Zeitpunkt in
einem für die Dauer vom 1. November 2003 bis 30. Oktober 2004 befristeten
Arbeitsverhältnis in einem Betrieb der B._ stand (act. G 5.40 und G 5.47), zum Bezug
von IV-Leistungen für Erwachsene an (Berufsberatung, Umschulung,
Wiedereinschulung und Arbeitsvermittlung; act. G 5.39). Der IV-Berufsberater
berichtete am 31. Mai 2001, der Versicherte habe nach der Anlehre den Einstieg in der
freien Wirtschaft nicht geschafft. Er sei seit 5 Jahren mehr oder weniger arbeitslos. Die
bei der Wiederanmeldung angegebenen Rückenprobleme seien das kleinste Problem.
Sehr viel gravierender sei die intellektuelle Leistungsverminderung, gepaart mit
inzwischen gewachsenen psychischen Problemen. Eine Eingliederung könne nur
schrittweise erfolgen (act. G 5.76). Gestützt auf den Antrag des Berufsberaters
gewährte die IV-Stelle am 11. Juli 2006 Kostengutsprache für die Mehrkosten für das
Berufsvorbereitungsjahr im Rahmen der erstmaligen beruflichen Ausbildung im C._
für die Dauer vom 1. Juli 2006 bis 30. Juni 2007 (act. G 5.81). Am 7. August 2007 teilte
die IV-Stelle dem Versicherten mit, sie übernehme die Mehrkosten für die Fortsetzung
der erstmaligen beruflichen Massnahme zum Lageristen im C._ für die Dauer vom
1. Juli 2007 bis 30. Juni 2009 (act. G 5.91). Aufgrund des eskalierenden
Alkoholkonsums des Versicherten wurde die erstmalige berufliche Ausbildung per
31. März 2008 abgebrochen (Mitteilung vom 10. April 2008, act. G 5.97; vgl. auch act.
G 5.95). Eine Fortsetzung der erstmaligen beruflichen Ausbildung hielt der RAD-Arzt
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Dr. med. D._, Facharzt u.a. für Innere Medizin, erst nach länger dauernder
Alkoholabstinenz für möglich (Stellungnahme vom 29. Mai 2008, act. G 5.98). Nach
dem vom 14. bis 26. August 2008 im Spital E._ erfolgten körperlichen Alkoholentzug
(siehe hierzu den Bericht vom 29. August 2008, act. G 5.106-5 f., sowie vom
19. September 2008, act. G 5.106-1 ff.) trat der Versicherte am 2. Februar 2009 in den
F._ Zentrum für Suchttherapie und Rehabilitation, ein. Die dort erfolgte stationäre
Suchttherapie dauerte vom 2. Februar bis 4. Juni 2009. Im Austrittsbericht vom 4. Juni
2009 führten die Betreuungspersonen des F._ aus, der Versicherte habe in der
Arbeitsagogik in der Metallwerkstatt vorwiegend im Recycling gearbeitet. Er sei
motiviert gewesen und habe qualitativ sowie quantitativ gut gearbeitet. Die allgemeinen
Regeln habe er gut eingehalten. Während seines Aufenthalts sei er rückfallfrei
geblieben. Die Zusammenarbeit sei vorerst beendet worden, weil sich im Verlauf des
Therapieaufenthalts gezeigt habe, dass der Widerstand des Versicherten die
Bearbeitung zentraler Themen bisher behindert habe. Falls er eine realisierbare
Zielsetzung formuliere und aktiv im stationären Rahmen des F._ daran arbeiten wolle,
sei ein Wiedereintritt möglich (act. G 5.125).
A.c Im Auftrag der IV-Stelle wurde der Versicherte am 21. September 2009 durch
Dr. med. G._, Facharzt Psychiatrie und Psychotherapie FMH, begutachtet. Im
psychiatrischen Gutachten vom 30. September 2009 diagnostizierte der Experte mit
Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit eine rezidivierende depressive Störung,
gegenwärtig leichte depressive Episode (ICD-10: F33.0), eine hyperkinetische Störung
des Sozialverhaltens mit Aufmerksamkeits- und Aktivitätsdefizit (ICD-10: F90.1) sowie
akzentuierte Persönlichkeitszüge mit abhängigen und selbstunsicher-vermeidenden
Anteilen (ICD-10: Z73.1). Ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit bestünden
Störungen durch Alkohol, Alkoholabhängigkeitssyndrom, gegenwärtig abstinent
(ICD-10: F10.20). Die vom Hausarzt postulierte intellektuelle Minderbegabung könne
anhand der durchgeführten psychologischen Testung nicht bestätigt werden. In der
angestammten Tätigkeit als Auszubildender Logistik sowie in anderen adaptierten
Tätigkeiten bestehe eine 30%ige Arbeitsunfähigkeit. Eine Einschränkung der
Arbeitsfähigkeit von mindestens 20% bestehe schon seit der Jugendzeit, also schon
seit der ersten Anlehre. Als berufliche Massnahme empfahl Dr. G._, die schon
geplante Ausbildung zum Logistikassistenten zu unterstützen (act. G 5.142).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.d Vom 1. Februar bis 30. April 2010 arbeitete der Versicherte im Rahmen einer
beruflichen
Abklärung in einer Industriewerkstatt des Vereins H._ (vgl. act. G 5.157 und G 5.159).
Die betreuende Sozialarbeiterin berichtete am 13./14. April 2010, der Versicherte habe
mit einem 50%igen Pensum begonnen, das er innerhalb der Massnahmendauer auf
100% gesteigert habe. Der Versicherte habe aktiv, kooperativ und positiv
mitgearbeitet. Eine Eingliederung in den 1. Arbeitsmarkt scheine realistisch; sie
empfehle eine Berentung von 50%, da der Versicherte vorläufig auf eine Begleitung
angewiesen sei. Unter günstigen Voraussetzungen sei der Versicherte in der Lage, eine
75 bis 100%ige Arbeitsleistung zu erbringen. Ein besonderes Plus seien seine
konstante und verlässliche Art sowie seine Ausdauer für serielle Produktionsarbeiten
(act. G 5.168). Am 17. Mai 2010 erteilte die IV-Stelle eine weitere Kostengutsprache für
ein Arbeitstraining im Verein H._ (act. G 5.174), das vom 1. Mai bis 31. Oktober 2010
durchgeführt wurde. Im Abschlussbericht des Arbeitstrainings vom 27. Oktober 2010
gab die abklärende Sozialarbeiterin an, der Versicherte habe in einem 100%igen
Pensum in der Industriewerkstatt gearbeitet (bis 28. September 2010) und danach (ab
dem 29. September 2010) ein auswärtiges Praktikum bei einem I._ absolviert.
Aufgrund guter Leistungen habe der Versicherte die Möglichkeit, für weitere 2 Monate
im I._ zu arbeiten und in weitere Einsatzmöglichkeiten eingeführt zu werden. Falls die
Einführungsphase erfolgreich abgeschlossen werden könne, habe er Aussicht auf eine
Festanstellung ab Januar 2011. Der Versicherte habe durchaus Potential, auf dem
1. Arbeitsmarkt zu bestehen. Allerdings benötige er in der Vorbereitungs- und
Umsetzungsphase aktive Unterstützung von Dritten (act. G 5.191-1 ff.). Anlässlich des
Standortgesprächs vom 24. Dezember 2010 berichtete der Geschäftsführer des I._,
während der (Pneuwechsel-)Saison, die nur wenige Woche gedauert habe, habe der
Versicherte einen guten Einsatz bei den Routinearbeiten geleistet. In der jetzigen
"Nachsaison" könne er jedoch nur bedingt eingesetzt werden, da er wegen seines
Arbeitstempos bei anderen Tätigkeiten nicht mithalten könne. Deshalb erhalte der
Versicherte kein Angebot für eine Festanstellung (act. G 5.191-5 f.).
A.e Die IV-Stelle verlängerte die Kostengutsprache für ein Arbeitstraining im Verein
H._ für die Dauer vom 1. November 2010 bis 31. Januar 2011 (act. G 5.195). Im
Abschlussbericht vom 25. Januar 2011 hielt die Sozialarbeiterin fest, der Versicherte
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
habe bewiesen, dass er ein 100%iges Pensum gut bewältigen könne und ein verläss
licher und pflichtbewusster Mitarbeiter sei. Im strukturierten Umfeld und bei serieller
Arbeit sei er zu einer guten Arbeitsleistung fähig. Allerdings sei die Arbeitsleistung
Schwankungen unterworfen und im Vergleich zu anderen vermindert. Er sei auf eine
konstante Begleitung angewiesen, um die Schwierigkeiten des Arbeitsalltags zu
bewältigen, da sowohl seine Eigeninitiative als auch seine Selbstständigkeit Grenzen
hätten (act. G 5.197). Im Schlussbericht der beruflichen Eingliederung vom 21. Februar
2011 wurde von einer 50%igen Produktivität bei 100%iger Präsenzzeit ausgegangen;
die Erwerbsfähigkeit lasse sich nicht weiter steigern. Der Versicherte sei nun auf dem
RAV angemeldet (act. G 5.200). Am 5. Mai 2011 teilte die IV-Stelle dem Versicherten
mit, die beruflichen Massnahmen seien erfolgreich abgeschlossen worden (act.
G 5.203).
A.f Der behandelnde Dr. med. J._, Facharzt FMH für Allgemeine Medizin, vertrat im
Bericht vom 16. Juni 2011 (Datum Posteingang IV-Stelle) die Auffassung, die
beruflichen Massnahmen seien nicht erfolgreich abgeschlossen worden. Seines
Erachtens müsse der Versicherte unbedingt in ein "überwachtes
Beschäftigungsprogramm integriert" werden. Der soziale und persönliche Abstieg sei
ansonsten programmiert. Ein Rückfall in die Alkoholproblematik sei zu erwarten (act.
G 5.210). Die RAD-Ärztin Dr. med. K._, Fachärztin für Psychiatrie und
Psychotherapie, empfahl daraufhin eine psychiatrische Verlaufsbegutachtung bei
Dr. G._ (Stellungnahme vom 23. August 2011, act. G 5.214), die am 4. November
2011 stattfand. Dr. G._ diagnostizierte im Verlaufsgutachten vom 26. November 2011
mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit eine rezidivierende depressive Störung,
gegenwärtig leichte bis zeitweilig mittelgradige depressive Episode (ICD-10. F33.0/
F33.1), eine hyperkinetische Störung des Sozialverhaltens mit Aufmerksamkeits- und
Aktivitätsdefizit (ICD-10: F90.1) sowie akzentuierte Persönlichkeitszüge mit abhängigen
und selbstunsicher-vermeidenden Anteilen (ICD-10: Z73.1). Ohne Auswirkung auf die
Arbeitsfähigkeit seien Störungen durch Alkohol, Alkoholabhängigkeitssyndrom,
gegenwärtig abstinent (ICD-10: F10.20). Der Versicherte hoffe, dass er eine 50%ige IV-
Rente bekäme, wie sie ihm auch sein IV-Berufsberater versprochen habe (act.
G 5.219-7). Es sei seit der letzten Begutachtung eine leichte Verschlechterung des
Gesundheitszustands eingetreten, seit der Versicherte kurzzeitig in einer insuffizienten
Behandlung mit schnell wechselnden Therapeutinnen gewesen sei und er diese
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
schliesslich abgebrochen sowie das Antidepressivum abgesetzt habe. Aus
psychiatrischer Sicht bestehe für leidensangepasste Tätigkeiten eine 40%ige
Arbeitsunfähigkeit. Eine schrittweise Verminderung der Arbeitsunfähigkeit sei durch
geeignete IV-Eingliederungsmassnahmen voraussichtlich noch zu erwarten. Bezüglich
beruflicher Eingliederungsmassnahmen sei zu empfehlen, den Versicherten weiterhin
zu unterstützen. Weshalb die Ausbildung zum Logistikassistenten von der IV-Stelle
nicht unterstützt worden sei, bzw. nicht fortgesetzt worden sei, gehe aus dem IV-
Dossier nicht hervor. Aus medizinischer Sicht sei es sinnvoll, die Anlehre in einer für
den Versicherten geeigneten Einrichtung fortzusetzen (act. G 5.219). Die RAD-Ärztin
Dr. K._ vertrat in der Stellungnahme vom 12. Dezember 2011 die Auffassung, es sei
nicht der gutachterlichen, medizinisch-theoretischen Arbeitsfähigkeitsschätzung,
sondern der praxisnahen Beurteilung der Verantwortlichen des Arbeitstrainings und der
Berufsberatung zu folgen und von einer 50%igen Arbeitsfähigkeit auszugehen (act.
G 5.220).
A.g Ausgehend von der gutachterlich bescheinigten Arbeitsfähigkeit von 60% stellte
die IV-Stelle dem Versicherten mit Vorbescheid vom 20. März 2012 die Zusprache einer
Viertelsrente mit Wirkung ab 1. Februar 2011 in Aussicht (act. G 5.224). Dagegen erhob
der Versicherte am 3. April 2012 Einwand (act. G 5.225-3), der vom behandelnden
Dr. med. L._, praktischer Arzt, damit begründet wurde, dass dem Versicherten
aufgrund seines intellektuellen Defizits keine "wirtschaftlich sinnvolle Betätigung auf
dem freien Arbeitsmarkt" möglich sei. Des Weiteren bat er um eine Überprüfung des
Falls durch einen neurologischen Experten (act. G 5.225-1 ff.). Der RAD-Arzt Dr. D._
sah aufgrund des Einwands keinen Anlass, weitere medizinische Abklärungen
vorzunehmen oder die Verwertbarkeit der Restarbeitsfähigkeit in Frage zu stellen
(Stellungnahme vom 9. Mai 2012, act. G 5.226). Am 6. Juli 2012 verfügte die IV-Stelle
die Zusprache einer Viertelsrente mit Wirkung ab 1. Februar 2011 (act. G 5.230).
B.
B.a Gegen die Verfügung vom 6. Juli 2012 richtet sich die vorliegende Beschwerde
vom 6. September 2012. Der Beschwerdeführer beantragt darin unter Kosten- und
Entschädigungsfolge deren Aufhebung und die Zusprache einer Dreiviertelsrente.
Eventualiter sei ihm eine halbe Rente zuzusprechen. Zur Begründung führt er im
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Wesentlichen aus, es bestehe höchstens eine 50%ige Restarbeitsfähigkeit. Unter
Berücksichtigung eines 20%igen Tabellenlohnabzugs resultiere ein Anspruch auf eine
Dreiviertelsrente (act. G 1).
B.b Die Beschwerdegegnerin beantragt in der Beschwerdeantwort vom 25. Oktober
2012 die Abweisung der Beschwerde. Sie bringt vor, der Rentenanspruch sei zu Recht
auf die beweiskräftige Arbeitsfähigkeitsschätzung von Dr. G._ gestützt worden.
Gründe, die einen Tabellenlohnabzug rechtfertigten, lägen nicht vor (act. G 5).
B.c Mit Präsidialverfügung vom 31. Oktober 2012 wird dem Gesuch des
Beschwerdeführers um Bewilligung der unentgeltlichen Rechtspflege (Befreiung von
den Gerichtskosten und Bewilligung der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung)
entsprochen (act. G 6).
B.d Der Beschwerdeführer hat auf eine Replik verzichtet (act. G 8).

Erwägungen:
1.
Anfechtungs- und Streitgegenstand bildet einzig der Umfang der Rentenleistungen.
Über den Anspruch auf berufliche Massnahmen hat die Beschwerdegegnerin in der
Mitteilung vom 5. Mai 2011 befunden (Abschluss; act. G 5.203), die vom
Beschwerdeführer unangefochten blieb.
2.
Am 1. Januar 2004 sind die neuen Normen der 4. IV-Revision, am 1. Januar 2008 sind
die im Zug der 5. IV-Revision und am 1. Januar 2012 die aufgrund der IV-Revision 6A
geänderten Bestimmungen des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG;
SR 831.20), der Verordnung über die Invalidenversicherung (IVV; SR 831.201) und des
Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG;
SR 830.1) in Kraft getreten. In materiell-rechtlicher Hinsicht gilt der allgemeine
übergangsrechtliche Grundsatz, dass der Beurteilung jene Rechtsnormen zu Grunde zu
legen sind, die bei Erlass des angefochtenen Entscheids beziehungsweise im Zeitpunkt
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
gegolten haben, als sich der zu den materiellen Rechtsfolgen führende Sachverhalt
verwirklicht hat (vgl. BGE 127 V 467 E. 1, 126 V 136 E. 4b, je mit Hinweisen). Die
angefochtene Verfügung ist am 6. Juli 2012 ergangen (act. G 5.230), wobei ein
Sachverhalt zu beurteilen ist (seit der Jugendzeit bestehender Gesundheitsschaden mit
mindestens 20%iger Arbeitsunfähigkeit, act. G 5.142-13), der vor dem Inkrafttreten der
revidierten Bestimmungen der 4., 5. und 6A IV-Revision begonnen hat (die Anmeldung
zum Bezug von IV-Leistungen für Erwachsene erfolgte am 2. September 2004, act.
G 5.43). Daher und aufgrund dessen, dass der Rechtsstreit u.a. eine Dauerleistung
betrifft, über die noch nicht rechtskräftig verfügt wurde, ist entsprechend den
allgemeinen intertemporalrechtlichen Regeln für die Zeit bis 31. Dezember 2003 bzw.
bis 31. Dezember 2007 bzw. bis 31. Dezember 2011 auf die damals geltenden
Bestimmungen und ab 1. Januar 2012 auf die neuen Normen der 6A IV-Revision
abzustellen (vgl. zur 4. IV-Revision: BGE 130 V 445 ff.; Urteil des Bundesgerichts vom
7. Juni 2006, I 428/04, E. 1). Nachfolgend werden die seit 1. Januar 2012 gültigen
Bestimmungen des ATSG und IVG wiedergegeben, soweit nicht ausdrücklich auf die
altrechtlichen Bestimmungen verwiesen wird.
3.
3.1 Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder
teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 ATSG). Die Invalidität kann Folge von
Geburtsgebrechen, Krankheit oder Unfall sein (Art. 4 Abs. 1 IVG). Erwerbsunfähigkeit
ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen
Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung
verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in
Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG).
3.2 Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung (und im
Beschwerdefall das Gericht) auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und
gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des
Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung
zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte
Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 261 E. 4). Im Weiteren sind die ärztlichen
Auskünfte eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Arbeitsleistungen der versicherten Person noch zugemutet werden können (BGE 125 V
261 E. 4 mit Hinweisen). Für das gesamte Verwaltungs- und
Verwaltungsgerichtsbeschwerdeverfahren gilt der Grundsatz der freien
Beweiswürdigung. Danach haben Versicherungsträger und Sozialversicherungsgericht
die Beweise frei, d.h. ohne Bindung an förmliche Beweisregeln, sowie umfassend und
pflichtgemäss zu würdigen. Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist
entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen
Untersuchungen beruht, die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der
Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Beurteilung der medizinischen
Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und
ob die Schlussfolgerungen des Experten begründet sind (BGE 125 V 352 E. 3a mit
Hinweisen).
3.3 Gemäss aArt. 28 Abs. 1 IVG (in der bis 31. Dezember 2003 gültigen Fassung)
besteht der Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn die versicherte Person
mindestens zu zwei Dritteln, derjenige auf eine halbe Rente, wenn sie wenigstens zur
Hälfte invalid ist. Liegt ein Invaliditätsgrad von mindestens 40% vor, so besteht ein
Anspruch auf eine Viertelsrente. Nach aArt. 28 Abs. 1 IVG (in der vom 1. Januar 2004
bis 31. Dezember 2007 gültigen Fassung) und Art. 28 Abs. 2 IVG (in der seit 1. Januar
2008 gültigen Fassung) besteht der Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn die
versicherte Person mindestens zu 70%, derjenige auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie
mindestens zu 60% invalid ist. Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50% besteht
ein Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40%
ein Anspruch auf eine Viertelsrente).
4.
In einem ersten Schritt ist die Frage zu beantworten, auf welcher Grundlage der
Rentenanspruch des Beschwerdeführers zu bestimmen ist. Die Beschwerdegegnerin
stützt sich in der angefochtenen Verfügung (act. G 5.230) auf die von Dr. G._ im
Verlaufsgutachten vom 26. November 2011 vorgenommene Arbeitsfähigkeitsschätzung
(60%ige Arbeitsfähigkeit für leidensangepasste Tätigkeiten; act. G 5.219).
Demgegenüber hält der Beschwerdeführer unter Hinweis auf die Einschätzungen der
RAD-Ärztin Dr. K._, die Abschlussberichte des Vereins H._ und der IV-
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Eingliederungsverantwortlichen eine Arbeitsfähigkeit von höchstens 50% für zutreffend
(act. G 1).
4.1 Dr. G._ bescheinigte im Verlaufsgutachten vom 26. November 2011 für
leidensangepasste Tätigkeiten eine 40%ige Arbeitsunfähigkeit. Der
Gesundheitszustand habe sich seit der nach der Begutachtung vom 21. September
2009 erfolgten insuffizienten Behandlung mit schnell wechselnden
Psychotherapeutinnen und deren Abbruch sowie Absetzung des Antidepressivums
leicht verschlechtert (act. G 5.219-14). Das Verlaufsgutachten erfüllt grundsätzlich die
rechtsprechungsgemässen Anforderungen an beweiskräftige medizinische Expertisen
(BGE 125 V 351 E. 3b/bb). Der Beschwerdeführer benennt keine konkreten Mängel.
Anlass für eine fachneurologische Überprüfung, wie sie von Dr. L._ anbegehrt wurde
(act. G 5.225-2), besteht nicht, da sich aus den Akten keine Hinweise für deren
Erforderlichkeit ergeben (insbesondere auch nicht aus dem Verlaufsbericht des damals
behandelnden Dr. med. M._, Facharzt für Neurologie sowie Psychiatrie und
Psychotherapie, vom 21. September 2009, act. G 5.141) und Dr. G._ im Rahmen der
klinischen Untersuchung in der Lage war, die in den Vorakten beschriebene
psychointellektuelle Minderbegabung zu beurteilen bzw. auszuschliessen (act.
G 5.219-13).
4.2
4.2.1 Im Abschlussbericht des Vereins H._ vom 13./14. April 2010 führte die
Sozialarbeiterin aus, der Versicherte sei in der Lage, eine 75 bis 100%ige
Arbeitsleistung zu erbringen. Allerdings werde eine "Berentung von 50%" empfohlen
(act. G 5.168-4). Am 25. Januar 2011 hielt sie fest, bei seriellen Routinearbeiten habe
der Versicherte einen durchschnittlichen Leistungsgrad von 75% erreicht. Die
Leistungsfähigkeit schwanke zwischen 55 bis 100%. Während eines Praktikums auf
dem 1. Arbeitsmarkt (vgl. hierzu das Protokoll des Standortgesprächs vom
24. Dezember 2010, act. G 5.191-5 f.) habe der Versicherte je nach Auftrag einen
Leistungsgrad von 35 bis 60% erreicht. Damit der Versicherte für einen Arbeitgeber
"interessant" sei und dauerhaft auf dem 1. Arbeitsmarkt bestehen könne, benötige er
eine 50%ige IV-Rente (act. G 5.197-3). Die Leistungsfähigkeit des Versicherten auf dem
1. Arbeitsmarkt pendle sich auf 50% ein (act. G 5.197-4).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.2.2 Diese Einschätzung erscheint insoweit plausibel, als die Beurteilung die
erwerbliche Verwertbarkeit in den Vordergrund rückt. Rechtsprechungsgemäss kann
denn auch den Ergebnissen leistungsorientierter beruflicher Abklärungen nicht jegliche
Aussagekraft für die Beurteilung der Restarbeitsfähigkeit abgesprochen werden (vgl.
Urteil des Bundesgerichts vom 20. November 2013, 8C_142/2013, E. 3.5 mit
Hinweisen). Indes ist zu beachten, dass es für die beruflichen Abklärungspersonen
regelmässig nur beschränkt möglich sein dürfte, das Ausmass eines psychischen
Leidens und der damit verbundenen Einschränkungen zu beurteilen, weshalb bei
widersprüchlichen Einschätzungen die sämtliche Beweisanforderungen (vgl. hierzu
BGE 125 V 352 E. 3a) erfüllende fachpsychiatrische Expertise gegenüber den
Ergebnissen der beruflichen Abklärung den Vorrang geniesst (vgl. Urteil des
Versicherungsgerichts vom 4. Dezember 2012, IV 2011/33, E. 2.1.5). Dabei ist
vorliegend weiter von Bedeutung, dass sich die Sozialarbeiterin primär zum
Rentenanspruch äusserte (der Beschwerdeführer "benötigt [...] eine 50%ige IV-Rente",
act. G 5.197-3; vgl. zur früheren Empfehlung einer 50%igen Rente auch act. G 5.168-4)
und die gezeigten Leistungen des Beschwerdeführers durchaus mit der von Dr. G._
bescheinigten Arbeitsfähigkeit vereinbar sind ("durchschnittlicher Leistungsgrad von
75% erreicht"; "je nach Auftrag einen Leistungsgrad von 35 bis 60%" auf dem
1. Arbeitsmarkt, act. G 5.197-3; "guten Einsatz bei den Routinearbeiten" während des
Praktikums im 1. Arbeitsmarkt gezeigt, act. G 5.191-5).
4.2.3 Die RAD-Ärztin Dr. K._ gab - ohne nähere Begründung - den Ergebnissen
der "praxisnahen Beurteilung" gegenüber der medizinisch-theoretischen Einschätzung
von Dr. G._ den Vorzug (Stellungnahme vom 12. Dezember 2011, act. G 5.220-2).
4.3 Nach dem vorstehend Gesagten bestehen hinsichtlich der Überzeugungskraft
grundsätzlich zwei vergleichbare Beurteilungen der Restarbeitsfähigkeit, die zum einen,
nur leicht (10%iger Unterschied) voneinander abweichen und zum anderen
unterschiedliche Gesichtspunkte in den Vordergrund rücken (einerseits die medzinisch-
theoretische Einschätzung und andererseits die erwerbliche Verwertbarkeit).
Angesichts dessen, dass Dr. K._ keine Mängel an der gutachterlichen Beurteilung
aufzeigt, diese auf fachärztlicher Beurteilung mit eigener Untersuchung beruht und
vorliegend ein psychisches Leiden im Vordergrund steht, gibt das Gericht der
beweiskräftigen gutachterlichen Arbeitsfähigkeitsschätzung (60%ige Arbeitsfähigkeit)
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
den Vorzug. Selbst wenn auf die - vom RAD bestätigten - beruflichen
Abklärungsergebnisse (50%ige Arbeitsfähigkeit) abgestellt würde, bliebe dies
leistungsrechtlich ohne Relevanz (vgl. nachstehende E. 5.3).
5.
Ausgehend von einer 60%igen Restarbeitsfähigkeit für leidensangepasste Tätigkeiten
ist im Rahmen eines Einkommensvergleichs der Invaliditätsgrad zu bestimmen.
5.1 Bei der Bestimmung des Valideneinkommens gilt es zu beachten, dass in Fällen,
in denen die versicherte Person wegen der Invalidität keine zureichenden beruflichen
Kenntnisse erwerben konnte, das Erwerbseinkommen, das sie als Nichtinvalide
erzielten könnte, den nach Alter abgestuften Prozentsätzen des statistischen
Tabellenlohns (jährlich aktualisierter Medianwert gemäss der Lohnstrukturerhebung des
Bundesamtes für Statistik) gemäss Art. 26 Abs. 1 IVV entspricht. Unter diese Regelung
fallen Versicherte, die seit ihrer Geburt oder Kindheit einen Gesundheitsschaden
aufweisen und deshalb keine zureichenden beruflichen Kenntnisse erwerben konnten.
Als Erwerb von zureichenden beruflichen Kenntnissen gilt im Allgemeinen die
abgeschlossene Berufsbildung. Dazu gehören auch Anlehren, sofern sie auf einem
besonders der Invalidität angepassten Bildungsweg ungefähr die gleichen Kenntnisse
vermitteln wie eine eigentliche Lehre oder ordentliche Ausbildung und der versicherten
Person praktisch die gleichen Verdienstmöglichkeiten eröffnen (Urteil des
Eidgenössischen Versicherungsgerichts [seit 1. Januar 2007: Sozialrechtliche
Abteilungen des Bundesgerichts] vom 7. Juni 2005, I 108/05, E. 5.1.1 mit Hinweisen).
5.1.1 Der Beschwerdeführer leidet bereits seit seiner Kindheit an einem relevanten
Gesundheitsschaden, weshalb die Beschwerdegegnerin denn auch Kostengutsprache
für Sprachheilunterricht (act. G 5.7), für Sonderschulung (act. G 5.13, G 5.20 und
G 5.32) sowie für medizinische Massnahmen (notwendige medizinische Massnahmen
zur Behandlung des Geburtsgebrechens Ziff. 404, act. G 5.16 und G 5.28) gewährte.
Damit gehen die Ausführungen von Dr. G._ im Verlaufsgutachten vom 26. November
2011 einher, wonach "weiterhin aufgrund eines seit der Jugendzeit bestehenden
Gesundheitsschadens relevante Einschränkungen in der Arbeits- und
Leistungsfähigkeit ausgewiesen sind" (act. G 5.219-11). Zwar schloss der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdeführer eine Anlehre als Metallbearbeiter/Mechanik ab (act. G 5.53-4).
Allerdings wurde der Ausbildungsabschluss bloss "knapp" erreicht und der Lehrbetrieb
hat den Beschwerdeführer nach dem Lehrverhältnis wegen eingeschränkter
Leistungsfähigkeit entlassen (Schlussbericht des Berufsberaters vom 7. Oktober 2005,
act. G 5.56).
5.1.2 Vor diesem Hintergrund ist mit überwiegender Wahrscheinlichkeit dargetan,
dass die abgeschlossene Anlehre dem Beschwerdeführer nicht die gleichen
Verdienstmöglichkeiten eröffnet, wie eine eigentliche Lehre oder ordentliche
Ausbildung. Diese Sichtweise wird durch die Beschwerdegegnerin bestätigt, die nach
der abgeschlossenen Anlehre am 11. Juli 2006 Kostengutsprache für eine erstmalige
berufliche Ausbildung erteilte (act. G 5.81). Damit ist das Valideneinkommen gestützt
auf Art. 26 IVV zu bestimmen.
5.1.3 Im Zeitpunkt der angefochtenen Verfügung vom 6. Juli 2012 (act. G 5.230)
hatte der am 9. September 19_ geborene Beschwerdeführer (act. G 5.1) das 30igste
Altersjahr noch nicht erreicht, weshalb der massgebende Jahreslohn gemäss Art. 26
Abs. 1 IVV lediglich zu 90% berücksichtigt wird. Im Zeitpunkt des verfügten
Rentenbeginns (1. Februar 2011) betrug der massgebende Jahreslohn Fr. 76'000.--,
woraus ein Valideneinkommen von Fr. 68'400.-- (Fr. 76'000.-- x 0.9) resultiert.
5.2 Mit den Parteien (act. G 5.227 und G 1, S. 11) ist für die Bestimmung des
Invalideneinkommens der LSE-Durchschnittslohn für Hilfsarbeiter heranzuziehen.
Dieser beträgt für das Jahr 2011 Fr. 61'910.--. Zu prüfen bleibt noch die Höhe eines
allfälligen Tabellenlohnabzugs. Der Beschwerdeführer macht wegen der zu
beachtenden qualitativen Einschränkungen und der Teilzeitbeschäftigung einen Abzug
in der Höhe von 20% geltend (act. G 1, S. 10). Die Beschwerdegegnerin sieht
demgegenüber keine Rechtfertigung für einen Abzug (act. G 5).
5.2.1 Nach der Rechtsprechung hängt die Frage, ob und in welchem Ausmass
Tabellenlöhne herabzusetzen sind, von sämtlichen persönlichen und beruflichen
Umständen – auch von invaliditätsfremden Faktoren – des konkreten Einzelfalles ab
(namentlich leidensbedingte Einschränkung, Alter, Dienstjahre, Nationalität/
Aufenthaltskategorie und Beschäftigungsgrad), die nach pflichtgemässem Ermessen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
gesamthaft zu schätzen sind, wobei der maximal zulässige Abzug auf 25%
festzusetzen ist. Eine schematische Vornahme des Tabellenlohnabzuges ist unzulässig
(BGE 126 V 79 E. 5b).
5.2.2 Bei einer leidensangepassten Tätigkeit sind gemäss Einschätzung von
Dr. G._ folgende qualitativen Einschränkungen zu beachten: Tätigkeiten, die keine
besonders hohen Anforderungen an die Stress- und Frustrationstoleranz stellen. Es
handle sich um Tätigkeiten, die Publikumsverkehr oder besondere Verantwortung für
andere Menschen, bzw. besondere Anforderungen an die sozialen Kompetenzen nicht
beinhalten (act. G 5.219-12). Die Beschwerdegegnerin verneint einen Abzugsgrund, da
die gesundheitlichen Einschränkungen bereits in der Einschätzung der Arbeitsfähigkeit
berücksichtigt seien (act. G 5, Rz 5). Dabei verkennt sie, dass diese qualitativen
Einschränkungen in quantitativer Hinsicht keinen Eingang in die gutachterliche
Bemessung der Arbeitsfähigkeit gefunden haben. Die Gefahr einer unzulässigen
doppelten Berücksichtigung (vgl. hierzu Urteil des Bundesgerichts vom 24. Januar
2011, 8C_530/2011, E. 4.2) besteht vorliegend nicht. Die qualitativen Einschränkungen
engen das Spektrum des noch möglichen Fächers an Arbeitsgelegenheiten erheblich
ein und dürften sich negativ auf den zu erwartenden Lohn auswirken, weshalb ein
Abzugsgrund zu bejahen ist (vgl. in diesem Kontext Urteil des Bundesgerichts vom
28. Januar 2014, 9C_796/2013, E. 3.4: "Wem heutzutage zeitlicher und
leistungsmässiger Druck nicht zugemutet werden kann, muss auch bei ausgeglichener
Arbeitsmarktlage mit einer verglichen mit
einem Gesunden tieferen Entlöhnung rechnen [...]").
5.2.3 Nachdem das Bundesgericht in BGE 126 V 75 einen Teilzeitabzug bei männ
lichen Versicherten kategorisch ablehnte, bejaht es in der jüngeren Rechtsprechung
eine lohnwirksame Benachteiligung dieser Beschäftigungsform (anstatt vieler: Urteil
des Bundesgerichts vom 28. Januar 2014, 9C_796/2013, E. 3.4). Weder der Gutachter
Dr. G._ (act. G 5.219) noch die RAD-Ärztin Dr. K._ (act. G 5.220-2) machten
Ausführungen zum Beschäftigungsgrad. Während der beruflichen Abklärung und im
Arbeitstraining arbeitete der Beschwerdeführer im Rahmen eines 100%igen
Beschäftigungsgrads (act. G 5.197-3). Die darin gezeigte Leistungsfähigkeit ist gemäss
Feststellungen der Abklärungsperson vermindert und Schwankungen unterworfen (act.
G 5.197-4). Des Weiteren ist sein Arbeitstempo verlangsamt ("könne man ihn jedoch
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
nur bedingt einsetzen, da er von seinem Arbeitstempo bei anderen Tätigkeiten nicht
mithalten könne"; act. G 5.197-2). Vor diesem Hintergrund ist davon auszugehen, dass
der Beschwerdeführer für die Verwertung seiner Restarbeitsfähigkeit einer ganztägigen
Präsenz bedarf, was auch der Schlussbericht des Eingliederungsverantwortlichen vom
21. Februar 2011 bestätigt (100% Präsenzzeit, bei 50%iger Produktivität, act. G 5.200).
Das Bundesgericht verneint indessen bei ganztägiger Präsenz mit reduzierter
Leistungsfähigkeit einen Abzugsgrund (etwa Urteile des Bundesgerichts vom 4. April
2012, 8C_20/2012, E. 3.3 mit Hinweis, und vom 16. August 2012, 8C_344/2012,
E. 3.2).
5.2.4 Weitere Umstände, die einen Abzug zu rechtfertigen vermöchten, sind weder
dargetan noch ersichtlich. Den genannten lohnwirksamen Nachteilen (vorstehende
E. 5.2.2) scheint ein 10%iger Abzug angemessen.
5.3 Unter Berücksichtigung einer 60%igen Restarbeitsfähigkeit sowie eines 10%igen
Tabellenlohnabzugs resultieren ein Invalideneinkommen von Fr. 33'431.-- (Fr. 61'910.--
x 0.6 x 0.9), eine Erwerbseinbusse von Fr. 34'969.-- (Fr. 68'400.-- - Fr. 33'431.--) und
ein Invaliditätsgrad von 51% ([Fr. 34'969.-- / Fr. 68'400.--] x 100). Der
Beschwerdeführer hat damit ab 1. Februar 2011 einen Anspruch auf eine halbe Rente.
Würde der Einschätzung der beruflichen Abklärung gefolgt und der Bemessung des
Invalideneinkommens eine sämtliche Aspekte berücksichtigende 50%ige
Arbeitsfähigkeit zu Grunde gelegt, resultierten ein Invalideneinkommen von
Fr. 30'955.-- (Fr. 61'910.-- x 0.5), eine Erwerbseinbusse von Fr. 37'445.-- (Fr. 68'400.--
- Fr. 30'955.--), ein Invaliditätsgrad von aufgerundet 55% ([Fr. 37'445.-- / Fr. 68'400.--]
x 100) und damit ebenfalls ein Anspruch auf eine halbe Rente. Ein Tabellenlohnabzug
fiele diesfalls ausser Betracht, da die lohnwirksamen Nachteile bereits bei der - nicht
bloss medizinisch-theoretischen - Umschreibung der Restarbeitsfähigkeit durch die
Abklärungsperson berücksichtigt sind (act. G 5.197; dies im Gegensatz zur
gutachterlichen Einschätzung; vgl. auch RAD-Stellungnahme vom 12. Dezember 2011,
act. G 5.220-2), wie der Eingliederungsverantwortliche schlüssig dargelegt hat
(Schlussbericht vom 21. Februar 2011, act. G 5.200), und nicht noch ein zweites Mal im
Rahmen des Tabellenlohnabzugs Eingang in die Bestimmung des
Invalideneinkommens finden dürften (zur Unzulässigkeit der doppelten
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Berücksichtigung siehe Urteil des Bundesgerichts vom 24. Januar 2011, 8C_530/2010,
E. 4.2).
6.
Der Beschwerdeführer hat nach dem Gesagten ab 1. Februar 2011 (Ende der
Taggeldleistungen, act. G 5.199) Anspruch auf eine halbe Rente. Es stellt sich die
Frage, ob der Beschwerdeführer bereits vor diesem Zeitpunkt einen - mit Blick auf die
Perioden des Taggeldleistungsbezugs (vgl. zu den Taggeldleistungen der Periode
3. Juli 2006 bis 31. Dezember 2008 act. G 5.83 f., G 5.93 f.; zu den vom 1. Februar
2010 bis 31. Januar 2011 bezogenen Taggeldleistungen siehe act. G 5.165, G 5.178
und G 5.198 f.; zum Ausschluss von Rentenleistungen während dieser Zeit siehe
Art. 43 Abs. 2 IVG) vorübergehenden Anspruch auf Rentenleistungen hat. Die
Beschwerdegegnerin hat diesbezüglich bislang keine Abklärungen getroffen, weshalb
sich die Sache hinsichtlich eines zurückliegenden vorübergehenden Rentenanspruchs
als noch nicht spruchreif erweist und deshalb an die Beschwerdegegnerin
zurückzuweisen ist.
7.
7.1 In teilweiser Gutheissung der Beschwerde vom 6. September 2012 ist die
Verfügung vom 6. Juli 2012 aufzuheben und dem Beschwerdeführer mit Wirkung ab
1. Februar 2011 eine halbe Rente zuzusprechen. Zur Festsetzung der Rentenhöhe und
zur Vornahme weiterer Abklärungen bezüglich eines allfälligen zurückliegenden
vorübergehenden Rentenanspruchs ist die Sache im Sinn der Erwägungen an die
Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
7.2 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis
Fr. 1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.--
erscheint in der vorliegend zu beurteilenden Angelegenheit als angemessen. Dem
Ausgang des Verfahrens entsprechend sind sie vollumfänglich der
Beschwerdegegnerin aufzuerlegen (vgl. betreffend Überklagung Urteil des
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 19. Dezember 2011, IV 2009/459,
E. 5.2 f.).
7.3 Gemäss Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende beschwerdeführende Partei
Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Die Parteientschädigung wird vom
Versicherungsgericht festgesetzt und ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der
Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen. In
der Verwaltungsrechtspflege beträgt das Honorar vor Versicherungsgericht nach
Art. 22 Abs. 1 lit. b HonO (sGS 963.75) pauschal Fr. 1'000.-- bis Fr. 12'000.--. Im hier
zu beurteilenden Fall erscheint mit Blick auf vergleichbare Fälle (vgl. etwa Urteil des
Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 15. Juni 2012, IV 2010/158) eine
Parteientschädigung von Fr. 3'500.-- (inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer) als
angemessen. Die Festsetzung einer Entschädigung aus der gewährten unentgeltlichen
Rechtsverbeiständung (act. G 6) erübrigt sich.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP