Decision ID: 059725d0-e5a6-56ec-a6e9-5f24c9b4d3ae
Year: 2020
Language: de
Court: AG_OGA
Chamber: AG_OGA_002
Canton: AG
Region: Northwestern_Switzerland
Law Area: civil_law

Der Vizepräsident entnimmt den Akten:
1.
Die Gesuchstellerin ist eine Aktiengesellschaft mit Sitz in M. (AG). Sie be-
zweckt _. Ihr Aktienkapital beträgt Fr. 100'000.00, aufgeteilt in 100
Namenaktien zu Fr. 1'000.00.
2.
Am 19. Dezember 2019 wurde die Löschung von D.O. als Mitglied des Ver-
waltungsrats der Gesuchstellerin im Schweizerischen Handelsamtsblatt
(SHAB) publiziert.
3.
Mit Schreiben vom 26. Februar 2020 forderte das Handelsregisteramt des
Kantons Aargau die Gesuchstellerin auf, innert 30 Tagen den rechtmässi-
gen Zustand wiederherzustellen und die entsprechende Eintragung anzu-
melden. Die angesetzte Frist ist unbenützt abgelaufen.
4.
Mit Gesuch vom 7. April 2020 stellte das Handelsregisteramt des Kantons
Aargau gemäss Art. 941a Abs. 1 OR den Antrag, aufgrund von Mängeln in
der gesetzlich vorgeschriebenen Organisation der Gesuchstellerin seien
die erforderlichen Massnahmen im Sinne von Art. 731b OR zu ergreifen.
5.
Die Bestätigung vom 14. April 2020 über den Eingang des Gesuchs konnte
der Gesuchstellerin an der im Handelsregister eingetragenen Domi-
ziladresse nicht zugestellt werden.
6.
Mittels öffentlicher Bekanntmachung im SHAB vom 24. April 2020 wurde
den Parteien der Eingang des Gesuchs bestätigt und der Gesuchstellerin
eine Frist von 20 Tagen zur Erstattung einer schriftlichen Antwort ange-
setzt. Die Gesuchstellerin liess sich innert Frist nicht vernehmen.
7.
Mittels öffentlicher Bekanntmachung im SHAB vom 26. Mai 2020 wurde der
Gesuchstellerin eine letzte Frist von 10 Tagen angesetzt verbunden mit der
Androhung, dass bei erneuter Säumnis das Gericht einen Endentscheid
fällt. Der Gesuchstellerin wurde zudem angedroht, dass im Säumnisfall das
Gericht die Auflösung der Gesuchstellerin und die Liquidation nach den
Vorschriften über den Konkurs anordnet, sofern ein Mangel in der Organi-
sation der Gesellschaft vorliegt (Art. 731b Abs. 1 Ziff. 3 OR). Die Gesuch-
stellerin liess sich innert letzter Frist nicht vernehmen.
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8.
Mit Entscheid vom 10. Juni 2020 ordnete der Vizepräsident des Handels-
gerichts des Kantons Aargau im Verfahren HSU.2020.27 die Auflösung der
Gesuchstellerin und deren Liquidation nach den Vorschriften des Konkur-
ses an, nachdem diese ihre Organisationsmängel bezüglich fehlender
rechtmässiger Vertretung durch ein Geschäftsführungsmitglied (oder einen
Direktor) mit Wohnsitz in der Schweiz trotz entsprechender Säumnisandro-
hung nicht behoben hatte. Dieser Entscheid ist in Rechtskraft erwachsen.
Die Gesuchstellerin befindet sich seitdem im Liquidationsstadium.
9.
Am 31. Juli 2020 erkundigte sich B.W. von der C. AG telefonisch beim Han-
delsgericht des Kantons Aargau, ob bezüglich des Entscheids vom 10. Juni
2020 im Verfahren HSU.2020.27 die Rechtsmittelfrist bereits abgelaufen
sei. Bezüglich einem allfälligen Gesuch um Fristwiederherstellung wurde
ihm ausdrücklich geraten, die Rechtslage vorab mit einem Rechtsanwalt
abzusprechen.
10.
Mit Eingabe vom 6. August 2020 stellte H.E., Verwaltungsratspräsident der
Gesuchstellerin, den Antrag, es sei die verfügte Löschung der Gesuchstel-
lerin zu widerrufen und die Gesellschaft wieder im Handelsregister des
Kantons Aargau einzutragen.
Mit Entscheid vom 10. August 2020 wies der Vizepräsident des Handels-
gerichts des Kantons Aargau diesen Antrag im Verfahren HSU.2020.68 ab,
da das Handelsgericht für Widereintragungsverfahren, bei denen es sich
um gerichtliche Anordnung der freiwilligen Gerichtsbarkeit handelt, sachlich
nicht zuständig sei. Soweit der Antrag als Revisionsgesuch verstanden
werden könnte, wäre auch darauf nicht einzutreten, da H.E. nicht Partei des
Organisationsmängelverfahrens (HSU.2020.27) gewesen sei. Zudem
seien keine Revisionsgründe ersichtlich gewesen.
11.
Mit Gesuch vom 18. August 2020 (Postaufgabe: 18. August 2020) stellte
die Gesuchstellerin einen Antrag um Gewährung einer Nachfrist gemäss
Art. 148 ZPO.
Zur Begründung führte die Gesuchstellerin im Wesentlichen aus, D.O. sei
am 19. Dezember 2019 als Verwaltungsratsmitglied der Gesuchstellerin
abberufen worden, da er seinen Pflichten nicht nachgekommen sei, insbe-
sondere habe er die Korrespondenz der Gesellschaft nicht weitergeleitet.
Der Verwaltungsratsratspräsident der Gesuchstellerin habe vom Organisa-
tionsmängelverfahren keine Kenntnis gehabt. Auch der Gesuchsgegner
habe ihn diesbezüglich nicht informiert. Aufgrund der Corona-Pandemie sei
- 4 -
dem Verwaltungsratspräsidenten eine Reise in die Schweiz verwehrt ge-
wesen, um sämtliche Angelegenheiten ordnungsgemäss zu klären. Am
2. August 2020 sei eine Mitarbeiterin einer Tochtergesellschaft per Zufall
auf den im SHAB publizierten Entscheid vom 10. Juni 2020 aufmerksam
gemacht worden. Der Verwaltungsratspräsident der Gesuchstellerin habe
am 5. August 2020 beim Handelsgericht des Kantons Aargau einen Antrag
auf Wiedereintragung gestellt. Auf diesen sei mit Entscheid vom 10. August
2020 nicht eingetreten worden. Am 17. August 2020 habe er den heutigen
Rechtsvertreter mandatiert. Wiederherstellungsgesuche gemäss Art. 148
ZPO seien auch in Organisationsmängelverfahren zulässig. Die Frist von
Art. 148 Abs. 2 ZPO sei vorliegend gewahrt, da die Gesuchstellerin erst am
2. August 2020 Kenntnis ihrer Auflösung und Liquidation erhalten und die
10-tägige Frist gemäss dem Urteil HE110365 des Einzelrichters des Han-
delsgerichts des Kantons Zürich vom 30. November 2011 erst mit Beauf-
tragung des Rechtsvertreters am 17. August 2020 zu laufen begonnen
habe. Unabhängig dessen würden die Gerichtsferien vom 15. Juli bis
15. August 2020 einem Fristablauf entgegenstehen. Aufgrund der Ortsab-
wesenheit des Verwaltungsratspräsidenten sei auch das Erfordernis des
leichten Verschuldens erfüllt. Schliesslich sei die Wiederherstellung für den
Ausgang des Verfahrens auch nicht offensichtlich unerheblich, da die Ge-
suchstellerin über substantielle Beteiligungen im Ausland verfügen würde
und wirtschaftliche Werte nicht ohne Not vernichtet werden sollten.
12.
12.1.
Mit Verfügung vom 14. August 2020 erhob der Vizepräsident des Handels-
gerichts des Kantons Aargau von der Gesuchstellerin einen Gerichtskos-
tenvorschuss, setzte dem Gesuchsgegner Frist bis zum 3. September 2020
zur Einreichung einer freiwilligen Stellungnahme und zog die Akten der Ver-
fahren HSU.2020.27 und HSU.2020.68 bei. Er ersuchte zudem das Kon-
kursamt des Kantons Aargau, einstweilen keine weiteren Vollstreckungs-
handlungen vorzunehmen.
12.2.
Die Gesuchstellerin leistete den Gerichtskostenvorschuss fristgerecht.
13.
Der Gesuchsgegner reichte innert Frist keine Stellungnahme ein.
- 5 -

Der Vizepräsident zieht in Erwägung:
1.
Gemäss Art. 148 Abs. 1 ZPO kann das Gericht auf Gesuch einer säumigen
Partei unter anderem eine Nachfrist gewähren, wenn diese glaubhaft
macht, dass sie kein oder nur ein leichtes Verschulden trifft. Das Gesuch
um Wiederherstellung ist gemäss Art. 148 Abs. 2 ZPO innert zehn Tagen
seit Wegfall des Säumnisgrundes zu stellen. Die Wiederherstellung kann,
wenn ein Entscheid eröffnet worden ist, nur innerhalb von sechs Monaten
seit Eintritt der Rechtskraft verlangt werden (Art. 148 Abs. 3 ZPO).
Die Möglichkeit der Wiederherstellung versäumter Fristen und Termine ist
ein allgemeiner Grundsatz des Prozessrechts1 und bezweckt, die Gefahren
des prozessualen Formalismus abzuschwächen, wenn ein Missverhältnis
zwischen der Grösse des Verschuldens und den an die Säumnis ange-
knüpften Rechtsnachteilen besteht.2
2.
Die Gesuchstellerin beantragt die Gewährung einer Nachfrist gemäss Art.
148 ZPO. In Gesuch Rz. 29 führt sie aus, dass die beantragte Nachfrist zur
Wiederherstellung des rechtmässigen Zustands zu gewähren sei. Eine sol-
che Frist wurde der Gesuchstellerin vom Handelsgericht jedoch nie ange-
setzt, weshalb diesbezüglich auch keine Wiederherstellung möglich ist.
Nach Treu und Glauben ausgelegt (vgl. Art. 52 ZPO), ist der Antrag der
Gesuchstellerin so zu verstehen, dass sie die ihr mit Verfügung vom
25. Mai 2020 im Verfahren HSU.2020.27 angesetzte letzte, nicht erstreck-
bare Frist von 10 Tagen zur Erstattung einer schriftlichen Antwort, wieder-
hergestellt haben möchte.
3.
3.1.
Das Erfordernis der Säumnis der Gesuchstellerin ist erfüllt. Eine Partei ist
unter anderem säumig, wenn sie eine Prozesshandlung nicht fristgerecht
vornimmt (Art. 147 Abs. 1 ZPO). Vorliegend hat die Gesuchstellerin ihre
Antwort zum Gesuch des Gesuchsgegners vom 7. April 2020 im Verfahren
HSU.2020.27 nicht innert richterlich angesetzter Frist erstattet. Sie gilt da-
her als säumig.
3.2.
Die absolute Frist von sechs Monaten seit Eintritt der Rechtskraft (vgl.
Art. 148 Abs. 3 ZPO) ist ohne weiteres eingehalten worden. Fraglich ist hin-
1 BGE 117 Ia 297 E. 3. 2 SCHNEUWLY, Die Wiederherstellung nach Art. 148 f. ZPO im Organisationsmängelverfahren, RE-
PRAX 2016, S. 30.
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gegen, ob die relative Frist von zehn Tagen seit Wegfall des Säumnis-
grunds (Art. 148 Abs. 2 ZPO) eingehalten wurde. Der Wegfall des Säum-
nisgrundes beginnt in dem Zeitpunkt, in welchem die Partei erkannt hat o-
der hätte erkennen müssen, dass sie die Frist oder den Termin versäumt
hat.3 Dabei genügt die Zumutbarkeit, Dritte mit der Wahrung seiner Interes-
sen zu beauftragen.4
Als Säumnisgrund, d.h. aus welchem Grund sie im Verfahren HSU.2020.27
keine Gesuchsantwort erstattete, gibt die Gesuchstellerin an, sie habe vom
Organisationsmängelverfahren keine Kenntnis gehabt (Gesuch Rz. 4, 8
und 18). Sie habe dieses erst am 2. August 2020 zur Kenntnis genommen,
als eine Mitarbeiterin einer Tochtergesellschaft sie darauf aufmerksam ge-
macht habe. Das ist nicht glaubhaft: Der ehemalige Treuhänder der Ge-
suchstellerin, B.W., hat sich am 31. Juli 2020 beim Handelsgericht des
Kantons Aargau bezüglich der Rechtskraft des Entscheids vom 10. Juni
2020 im Verfahren HSU.2020.27 erkundigt. Demnach wusste dieser bzw.
die C. AG., welche die Gesuchstellerin betreute, spätestens am 31. Juli
2020 vom Organisationsmängelverfahren HSU.2020.27 und der Säumnis.
Mit Eingabe vom 6. August 2020 ersuchte der Verwaltungsratspräsident
der Gesuchstellerin, H.E., im Verfahren HSU.2020.68 zudem um Wieder-
eintragung der Gesuchstellerin. Namens der C. AG. reichte B.W. mit Ein-
gabe vom 7. August 2020 die im Beilagenverzeichnis erwähnten Urkunden
nach. Der Verwaltungsratspräsident der Gesuchstellerin, H.E., und damit
die Gesuchstellerin (vgl. Art. 718a Abs. 1 OR), wussten damit wahrschein-
lich bereits vor dem Telefonanruf von B.W. vom 31. Juli 2020, sicherlich
aber spätestens seit der Einreichung des Gesuchs um Wiedereintragung
der Gesuchstellerin vom 6. August 2020 um den entsprechenden Säum-
nisgrund. Der vorliegende Antrag vom 18. August 2020 um Gewährung ei-
ner Nachfrist gemäss Art. 148 ZPO erfolgte damit mehr als 10 Tage seit
Wegfall des Säumnisgrundes. Dass die Gesuchstellerin ihren Rechtsver-
treter erst am 17. August 2020 mandatierte, mag an dieser Verspätung
nicht zu ändern: Die Gesuchstellerin wurde von der C. AG. entsprechend
betreut. Deren Verwaltungsratspräsident B.W. wurde anlässlich seiner te-
lefonischen Anfrage vom 31. Juli 2020 ausdrücklich empfohlen, die Rechts-
lage betreffend einer möglichen Fristwiederherstellung vorab mit einem
Rechtsanwalt abzusprechen. Dies hat die C. AG. und die Gesuchstellerin
offenbar unterlassen und stattdessen hat der Verwaltungsratspräsident der
Gesuchstellerin, H.E., im Verfahren HSU.2020.68 am 6. August 2020 beim
Handelsgericht ein Gesuch um Wiedereintragung der Gesuchstellerin ge-
stellt. Der Gesuchstellerin war es damit zumutbar, vor der Einreichung die-
ses Gesuchs einen Rechtsvertreter mit der Wahrung ihrer Interessen zu
beauftragen. Diese Unterlassung hat sie sich selbst zuzuschreiben.
3 STAEHELIN/STAEHELIN/GROLIMUND, Zivilprozessrecht, 3. Aufl. 2019, § 17. N. 15. 4 KUKO ZPO-HOFFMANN-NOWOTNY, 2. Aufl. 2014, Art. 148 N. 10 mit Verweis auf BGE 119 II 86
E. 2a.
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Schliesslich haben die Gerichtsferien vom 15. Juli bis 15. August 2020 (vgl.
Art. 145 Abs. lit. b ZPO) keinen Einfluss auf die 10-Tagesfrist von Art. 148
Abs. 2 ZPO: Das Verfahren betreffend Mängel in der Organisation der Ge-
sellschaft gemäss Art. 731b OR wird gestützt auf Art. 250 lit. c Ziff. 6 ZPO
im summarischen Verfahren durchgeführt. Folglich ist auch ein Gesuch um
Fristwiederherstellung gemäss Art. 148 ZPO betreffend ein Organisations-
mängelverfahren im summarischen Verfahren zu beurteilen. Im summari-
schen Verfahren gilt der Fristenstillstand der Gerichtsferien nicht (Art. 145
Abs. 2 lit. b ZPO).
Im Übrigen ist kein Grund ersichtlich, weshalb der Gesuchstellerin bzw.
H.E. kein oder nur ein leichtes Verschulden zukommen soll. Obwohl die
Gesuchstellerin und H.E. spätestens seit dem 19. Dezember 2019 – dem
Tag der Abberufung von D.O. – darum wussten, dass die Korrespondenz
der Gesellschaft nicht weitergeleitet wird (Gesuch Rz. 3), haben sie keiner-
lei Anstalten getroffen, damit die Korrespondenz entsprechend weitergelei-
tet wird. Damit wurden selbst die elementarsten Sorgfaltspflichten des cor-
porate houskeeping nicht beachtet. Es liegt daher ein zumindest mittel-
schweres und damit nicht mehr bloss leichtes Verschulden vor.
3.3.
Zusammenfassend ist das Gesuch vom 18. August 2020 infolge Versäum-
nis der relativen Frist von Art. 148 Abs. 2 ZPO und infolge Vorliegens eines
mindestens mittelschweren Verschuldens abzuweisen.
4.
Die Kosten für das Wiederherstellungsverfahren sind unabhängig vom Ver-
fahrensausgang des Organisationsmängelverfahrens nach dem Verursa-
cherprinzip, d.h. zulasten der säumigen Partei, dessen Gesuch abzuweisen
ist, zu verlegen.5 Demnach sind die auf Fr. 750.00 festzusetzenden Ge-
richtskosten der Gesuchstellerin aufzuerlegen. Sie werden mit dem von ihr
geleisteten Kostenvorschuss verrechnet (Art. 111 Abs. 1 ZPO). Eine Par-
teientschädigung ist dem Gesuchsgegner bereits mangels Aufwand nicht
zuzusprechen.
5.
Dieser Entscheid ist gemäss Art. 149 ZPO endgültig.
5 STAEHELIN in: Sutter-Somm/Hasenböhler/Leuenberger (Hrsg.) Kommentar zur Schweizerischen Zi-
vilprozessordnung, 3. Aufl. 2016, Art. 149 N. 5 i.f.
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