Decision ID: 6be53415-001e-56dd-88b6-2e61e105f5e3
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer reiste am 8. November 2019 in die Schweiz ein und
suchte am gleichen Tag um Asyl nach. Am 13. November 2020 bevollmäch-
tigte er die ihm zugewiesene Rechtsvertretung. Die Vorinstanz führte am
14. November 2019 die Personalienaufnahme (PA) und am 29. Januar
2020 sowie am 19. Februar 2020 die Anhörung zu den Asylgründen durch.
Im Wesentlichen machte der Beschwerdeführer geltend, er sei afghani-
scher Staatsangehöriger, tadschikischer Ethnie und stamme aus Herat.
Seine Eltern und Geschwister würden mittlerweile im B._ leben. Im
Jahr 2017 habe er ein (...)studium abgeschlossen. Während des Studiums
habe er jeweils zwei Jahre lang bei einem (...) im (...) und in einem (...)
gearbeitet, welches sich für (...) engagiert habe.
Zu seinen Asylgründen führte er aus, an der Universität habe er eine Frau
namens C._ kennengelernt. Sie hätten miteinander eine ausser-
eheliche Beziehung geführt. Nachdem er am (...) 2017 seine (...) abgege-
ben habe, habe sie ihm erzählt, dass sie schwanger sei. Er habe befürch-
tet, ihre Familie würde ihn töten. Ihr Vater sei (...), mithin eine bekannte
Persönlichkeit. Sie hätten vereinbart, zusammen zu fliehen. Ein Freund na-
mens D._ und eine Freundin namens E._ hätten sich bereit
erklärt, ihnen dabei zu helfen. Sie hätten auf die (...) von E._ ge-
wartet, damit diese nachher die Ausreise in die Wege hätte leiten können.
Seine Freundin habe aber (...)probleme, wegen derer sie bereits früher in
Behandlung gewesen sei. (...) habe sie deswegen untersucht, ihre
Schwangerschaft bemerkt und ihre Eltern darüber informiert. Ihre Eltern
hätten sie geschlagen und gefragt, wer der Vater sei. Sie habe aber nichts
gesagt. Seine Freundin habe ihre Schwester gebeten, ihn zu warnen und
zur Ausreise zu bewegen. Daraufhin habe er sich zwei Tage lang bei
D._ versteckt. Dann habe er seine Mutter angerufen. Diese habe
ihm mitgeteilt, Soldaten hätten seine Brüder und seinen Vater geschlagen
und den Vater mitgenommen. Seinem Vater sei dabei der (...) gebrochen
worden, der später habe (...) werden müssen. Seine Mutter habe ihn ge-
warnt, dass er nicht mehr nach Hause kommen dürfe. Er habe E._
angerufen, die sogleich seine Ausreise organisiert habe. Am 28. Januar
2018 habe er Afghanistan verlassen. Ein paar Tage nach der Ausreise, als
er im B._ gewesen sei, habe er seine Familie kontaktiert. Er habe
erfahren, dass sein Vater nach einer Woche freigelassen worden sei. Zu-
dem sei der (...), welchem C._ versprochen gewesen sei, immer
wieder bei seiner Familie aufgetaucht. Sein Vater habe zudem bemerkt,
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dass er beobachtet worden sei. Deshalb habe seine Familie Afghanistan
ebenfalls verlassen und sei in den B._ gegangen. Zu C._
habe er keinen Kontakt mehr gehabt.
B.
Mit Verfügung vom 28. Februar 2020 stellte die Vorinstanz fest, der Be-
schwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte sein Asylge-
such ab, verfügte die Wegweisung aus der Schweiz und schob den Vollzug
wegen Unzumutbarkeit zu Gunsten einer vorläufigen Aufnahme auf.
Gleichentags legte die zugewiesene Rechtsvertretung ihr Mandat nieder.
C.
Mit Eingabe vom 10. März 2020 reichte der Beschwerdeführer gegen die-
sen Entscheid Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht ein. Er bean-
tragt, es seien die Dispositivziffern 1, 2 und 3 der angefochtenen Verfügung
aufzuheben, er sei als Flüchtling anzuerkennen und es sei ihm Asyl zu ge-
währen. Eventualiter sei die angefochtene Verfügung in Bezug auf die
Flüchtlingseigenschaft und die Asylgewährung zur rechtsgenüglichen
Sachverhaltsabklärung und Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzu-
weisen. Es sei die unentgeltliche Prozessführung zu gewähren, insbeson-
dere sei von der Erhebung eines Kostenvorschusses abzusehen.
D.
Mit Schreiben vom 11. März 2020 bestätigte das Gericht den Eingang der
Beschwerde.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche
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Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb
das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der Be-
schwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
2.1 Gegenstand des vorliegenden Verfahrens bildet die Flüchtlingseigen-
schaft, der Asylpunkt sowie die verfügte Wegweisung. Der Wegweisungs-
vollzug ist nicht mehr zu prüfen, nachdem die Vorinstanz den Beschwerde-
führer in der Schweiz vorläufig aufgenommen hat.
2.2 Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rü-
gen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
3.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachste-
hend aufgezeigt, handelt es sich um eine solche, weshalb das Urteil nur
summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG).
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
4.
Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grundsätz-
lich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land,
in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zu-
gehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politi-
schen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder begrün-
dete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1
AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Lei-
bes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträg-
lichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
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5.
5.1 Die Vorinstanz gelangt in der angefochtenen Verfügung unter Hinweis
auf die Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts zum Schluss, den
Vorbringen des Beschwerdeführers komme keine Asylrelevanz zu. Den er-
wähnten Vergeltungsmassnahmen durch die Familie von C._ sowie
die Befürchtung der Einleitung eines Strafverfahrens durch die afghani-
schen Behörden liege kein asylrelevantes Motiv im Sinne von Art. 3 AsylG
zugrunde. Allfällige private Massnahmen durch C._s Familie wür-
den hauptsächlich in gesellschaftlichen und kulturellen Auffassungen grün-
den und den Beschwerdeführer in keiner Eigenschaft treffen, die gemäss
Art. 3 AsylG asylrelevant sei. Auch der Umstand, dass ausserehelicher Ge-
schlechtsverkehr in Afghanistan teilweise hart bestraft werde, führe nicht
zur Anerkennung als Flüchtling. Selbst wenn der Beschwerdeführer auf-
grund der Beziehung zu C._ angezeigt worden wäre, würde die
Flucht vor einer rechtsstaatlich legitimen Strafverfolgung grundsätzlich kein
Grund für die Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft begründen. Die all-
gemein unsichere Lage in Herat sei schliesslich ebenfalls nicht asylrele-
vant.
5.2 Der Beschwerdeführer macht in der Rechtsmitteleingabe geltend, die
Vorinstanz habe das Vorliegen der Flüchtlingseigenschaft zu Unrecht ver-
neint, mithin Art. 3 AsylG verletzt. Entgegen der vorinstanzlichen Auffas-
sung liege ein flüchtlingsrechtlich relevantes Motiv vor. Aussereheliche Be-
ziehungen (Zina) seien sowohl nach dem afghanischen Strafgesetzbuch
als auch nach der Scharia strafbar. Der Vater von C._ sei ein ein-
flussreicher (...) in der Region. Er pflege Beziehungen zu Behörden und
der Polizei. Ihm würden deshalb bei einer Rückkehr nach Afghanistan mit
erheblicher Wahrscheinlichkeit ernsthafte Nachteile seitens C._s
Vater wegen der Verletzung der Familienehre drohen. Von der Schutzfä-
higkeit und -willigkeit der afghanischen Behörden sei nicht auszugehen.
Darüber hinaus würde er mit erheblicher Wahrscheinlichkeit behördlichen
Massnahmen ausgesetzt sein. Aussereheliche Beziehungen seien in Af-
ghanistan strafbar. Eine legitime Strafverfolgung liege im vorliegenden Fall
nicht vor, vor allem weil der Vater von C._ ein (...) sei und mit seinen
Beziehungen zu den Behörden das Verfahren beeinflussen könne. Auch
könne der Konflikt nicht – ohne staatliche Intervention – unter den beiden
involvierten Familien geregelt werden, da C._ aus einer höheren
Schicht stamme und ihrem (...) versprochen gewesen sei. Er und
C._ hätten gegen kulturelle Wertvorstellungen und soziale Normen
verstossen. Bei einer Rückkehr würde er aus einem Motiv nach Art. 3
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AsylG, namentlich der Verletzung traditionell geltender Wertvorstellungen
und Verstoss gegen vorherrschende Bräuche, verfolgt werden.
6.
6.1 Der Beschwerdeführer bringt vor, ihm drohten wegen der aussereheli-
chen Beziehung mit C._ sowohl Verfolgungsmassnahmen durch
ihre Familie als auch die afghanischen Strafbehörden. Die Vorinstanz hat
in der angefochtenen Verfügung einlässlich begründet, weshalb die Vor-
bringen des Beschwerdeführers den Anforderungen an die Flüchtlingsei-
genschaft nicht zu genügen vermögen. Dem Beschwerdeführer gelingt es
mit seinen Ausführungen in der Rechtsmitteleingabe nicht, den vorinstanz-
lichen Erwägungen etwas Stichhaltiges entgegenzuhalten. Mit der Vo-
rinstanz und entgegen der Argumentation in der Beschwerde ist festzustel-
len, dass die geltend gemachten Asylgründe des Beschwerdeführers we-
der aufgrund privater Massnahmen noch der Einleitung eines Strafverfah-
rens seitens der afghanischen Behörden zur Erfüllung der Flüchtlingsei-
genschaft gemäss Art. 3 AsylG führen, da es an einem flüchtlingsrechtlich
relevanten Verfolgungsmotiv fehlt (vgl. Urteile BVGer E-2742/2019 vom 14.
Juni 2019 E. 6.2; E-1457/2017 vom 26. Juni 2018 E. 7.1 f.; E-3930/2014
vom 22. Dezember 2015 E. 6.1.2 ff. und E-7457/2014 vom 9. September
2015 E. 5.3 und E. 5.5). Daran vermag der Umstand, dass der Vater von
C._ ein (...) ist, nichts zu ändern. Der Beschwerdeführer legt denn
auch nicht näher dar, wie sich die Funktion des Vaters von C._ als
(...) konkret ausgestaltet und weshalb dieser dadurch Einfluss auf ein mög-
liches Strafverfahren nehmen könnte. Den Akten lassen sich keine Anhalts-
punkte entnehmen, dass eine dem Beschwerdeführer allfällig drohende
Strafverfolgung illegitim sein würde, ihm mithin ein Politmalus droht (vgl.
dazu BVGE 2014/28). Um Wiederholungen zu vermeiden, kann im Übrigen
auf die zutreffenden Erwägungen in der angefochtenen Verfügung verwie-
sen werden.
6.2 Ob der Beschwerdeführer bei einer (hypothetischen) heutigen Rück-
kehr nach Afghanistan allenfalls eine menschenrechtswidrige Behandlung
im Sinne von Art. 3 EMRK zu gewärtigen hätte, ist aufgrund der von der
Vorinstanz angeordneten vorläufigen Aufnahme und der Alternativität der
Vollzugshindernisse (BVGE 2009/51 E. 5.4) nicht Gegenstand des vorlie-
genden Verfahrens.
6.3 Betreffend die vorinstanzliche Schlussfolgerung, die allgemein unsi-
chere Lage in Herat sei nicht asylrelevant, rügt der Beschwerdeführer keine
Bundesrechtsverletzung. Es ist deshalb nicht näher darauf einzugehen.
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6.4 Zusammenfassend hat die Vorinstanz das Vorliegen der Flüchtlingsei-
genschaft zu Recht verneint und das Asylgesuch des Beschwerdeführers
abgelehnt.
7.
7.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
7.2 Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche
Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol-
chen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (vgl. BVGE
2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
8.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig
sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Für eine Rückweisung
der Sache an die Vorinstanz besteht keine Veranlassung. Die Beschwerde
ist abzuweisen.
9.
9.1 Der Beschwerdeführer beantragt die Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung. Gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG befreit die Beschwer-
deinstanz eine Partei, die nicht über die erforderlichen Mittel verfügt, auf
Antrag von der Bezahlung der Verfahrenskosten, sofern ihr Begehren nicht
aussichtslos erscheint.
Aufgrund der vorstehenden Erwägungen ergibt sich, dass die Vorbringen
als aussichtslos zu gelten haben. Damit ist eine der kumulativ zu erfüllen-
den Voraussetzungen zur Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung
nicht erfüllt. Das Gesuch ist abzuweisen.
9.2 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem Be-
schwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt
Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008
über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
[VGKE, SR 173.320.2]).
9.3 Mit dem vorliegenden Urteil ist der Antrag auf Verzicht auf die Erhe-
bung eines Kostenvorschusses gegenstandslos geworden.
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