Decision ID: 23524934-10cf-558a-a747-3b490c701213
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer ersuchte am 8. Juli 2020 in der Schweiz um Asyl.
Ein Abgleich mit der Fingerabdruck-Datenbank "Eurodac" ergab, dass er
bereits am 3. Juli 2015 und am 24. April 2019 in Deutschland und am
15. Februar 2019 in Frankreich Asyl beantragt hatte.
Anlässlich der Befragung vom 15. Juli 2020 wurde dem Beschwerdeführer
das rechtliche Gehör zu einem allfälligen Nichteintretensentscheid und der
Möglichkeit einer Überstellung nach Deutschland gewährt, welches ge-
mäss Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und
des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren
zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem
Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten
Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-
VO), grundsätzlich für die Behandlung ihres Asylgesuchs zuständig sei.
Die grundsätzliche Zuständigkeit dieses Mitgliedstaates wurde vom
Beschwerdeführer nicht bestritten. Jedoch machte er geltend, alles ver-
sucht zu haben, um in Deutschland eine Aufenthaltsbewilligung zu erhal-
ten. Sein Gesuch sei jedoch abgelehnt worden. Es gäbe noch die Möglich-
keit der standesamtlichen Heirat mit seiner religiös angetrauten Ehefrau,
welche im Besitz einer dreijährigen Aufenthaltsbewilligung für Deutschland
sei. Aus persönlichen Gründen wolle er dies jedoch nicht. Gesundheitlich
gehe es ihm besser. Seit vier Jahren habe er jedoch Probleme beim Ein-
schlafen, weswegen er in Deutschland in psychologischer Behandlung ge-
wesen sei.
B.
Am 10. Juli 2020 ersuchte das SEM die deutschen Behörden um Rück-
übernahme des Beschwerdeführers gemäss Art. 18 Abs. 1 Bst. d Dublin-
III-VO. Diesem Gesuch wurde am 16. Juli 2020 entsprochen.
C.
Mit Verfügung vom 20. Juli 2020 (eröffnet am 22. Juli 2020) trat das SEM
in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf das Asyl-
gesuch des Beschwerdeführers nicht ein und verfügte die Überstellung
nach Deutschland, welches gemäss Dublin-III-VO für die Behandlung
seines Asylgesuchs zuständig ist. Gleichzeitig verfügte das SEM den Voll-
zug der Wegweisung dorthin und stellte fest, einer allfälligen Beschwerde
gegen den Entscheid komme keine aufschiebende Wirkung zu.
F-3812/2020
Seite 3
D.
Die zugewiesene Rechtsvertretung zeigte mit Schreiben vom 22. Juli 2020
die Beendigung des Mandatsverhältnisses an.
E.
Mit Beschwerde vom 27. Juli 2020 an das Bundesverwaltungsgericht
beantragte der Beschwerdeführer sinngemäss, die angefochtene Verfü-
gung sei aufzuheben und auf sein Asylgesuch sei einzutreten.
F.
Mit superprovisorischer Massnahme vom 29. Juli 2020 setzte das Bundes-
verwaltungsgericht den Vollzug der Überstellung per sofort einstweilen
aus. Gleichentags trafen die vorinstanzlichen Akten beim Bundesverwal-
tungsgericht ein.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurtei-
lung von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig
und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorlie-
gend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG). Der Be-
schwerdeführer ist als Verfügungsadressat zur Beschwerdeführung legiti-
miert (Art. 48 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Be-
schwerde (Art. 108 Abs. 3 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG) ist einzutreten.
1.2 Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rü-
gen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des
Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
2.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachste-
hend aufgezeigt, handelt es sich vorliegend um eine solche, weshalb der
Beschwerdeentscheid nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2
AsylG).
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde vorliegend auf die Durchführung
eines Schriftenwechsels verzichtet.
F-3812/2020
Seite 4
3.
3.1. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
3.2. Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1;
2012/4 E. 2.2, je m.w.H.).
4.
4.1. Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmung des staatsvertraglich zuständigen
Staates prüft das SEM die Zuständigkeitskriterien gemäss Dublin-III-VO.
Führt diese Prüfung zur Feststellung, dass ein anderer Mitgliedstaat für die
Prüfung des Asylgesuchs zuständig ist, tritt das SEM, nachdem der betref-
fende Mitgliedstaat einer Überstellung oder Rücküberstellung zugestimmt
hat, auf das Asylgesuch nicht ein (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 6.2).
4.2. Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als
zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung des Mit-
gliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals ein
Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO).
Im Fall eines sogenannten Aufnahmeverfahrens (engl.: take charge) sind
die in Kapitel III (Art. 8–15 Dublin-III-VO) genannten Kriterien in der dort
aufgeführten Rangfolge (Prinzip der Hierarchie der Zuständigkeitskriterien;
vgl. Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO) anzuwenden, und es ist von der Situation
im Zeitpunkt, in dem der Antragsteller erstmals einen Antrag in einem Mit-
gliedstaat gestellt hat, auszugehen (Art. 7 Abs. 2 Dublin-III-VO). Im Rah-
men eines Wiederaufnahmeverfahrens (engl.: take back) findet demge-
genüber grundsätzlich keine (erneute) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel
III statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1 m.w.H.).
F-3812/2020
Seite 5
Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller in den eigentlich zustän-
digen Mitgliedstaat zu überstellen, weil es wesentliche Gründe für die An-
nahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für An-
tragsteller in jenem Mitgliedstaat systemische Schwachstellen aufweisen,
die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behandlung
im Sinne von Artikel 4 der Charta der Grundrechte der Europäischen Union
(2012/C 326/02, nachfolgend: EU-Grundrechtecharta) mit sich bringen, ist
zu prüfen, ob aufgrund dieser Kriterien ein anderer Mitgliedstaat als zu-
ständig bestimmt werden kann. Kann kein anderer Staat als zuständig be-
stimmt werden, wird der die Zuständigkeit prüfende Mitgliedstaat zuständig
(Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO).
4.3. Der nach dieser Verordnung zuständige Mitgliedstaat ist verpflichtet,
einen Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen, dessen Antrag abgelehnt
wurde und der in einem anderen Mitgliedstaat einen Antrag gestellt hat
oder der sich im Hoheitsgebiet eines anderen Mitgliedstaats ohne Aufent-
haltstitel aufhält, nach Massgabe der Artikel 23, 24, 25 und 29 wieder auf-
zunehmen (Art. 18 Abs. 1 Bst. d Dublin-III-VO).
Jeder Mitgliedstaat kann abweichend von Art. 3 Abs. 1 beschliessen, einen
bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen gestellten An-
trag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn er nach den in dieser
Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prüfung zuständig ist
(Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO; sog. Selbsteintrittsrecht). Sowohl der
Mitgliedstaat, in dem ein Antrag auf internationalen Schutz gestellt worden
ist und der das Verfahren zur Bestimmung des zuständigen Mitgliedstaates
durchführt, als auch der zuständige Mitgliedstaat kann vor der Erstent-
scheidung in der Sache jederzeit einen anderen Mitgliedstaat ersuchen,
den Antragsteller aus humanitären Gründen oder zum Zweck der Zusam-
menführung verwandter Personen aufzunehmen, wobei die betroffenen
Personen diesem Vorgehen schriftlich zustimmen müssen (Art. 17 Abs. 2
Satz 1 Dublin-III-VO; sog. humanitäre Klausel).
5.
5.1. Ein Abgleich der Fingerabdrücke des Beschwerdeführers mit der "Eu-
rodac"-Datenbank ergab, dass dieser am 3. Juli 2015 und am 24. April
2019 in Deutschland Asylgesuche eingereicht hatte. Das SEM ersuchte
deshalb die deutschen Behörden am 10. Juli 2020 um Wiederaufnahme
des Beschwerdeführers gestützt auf Art. 23 Dublin-III-VO. Diese stimmten
dem Gesuch am 16. Juli 2020 zu.
F-3812/2020
Seite 6
Der Beschwerdeführer bestreitet nicht, in Deutschland ein Asylgesuch ein-
gereicht zu haben, und auch die grundsätzliche Zuständigkeit dieses Mit-
gliedstaates blieb unbestritten.
5.2. Im Lichte von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO ist zu prüfen, ob es wesentli-
che Gründe für die Annahme gibt, das Asylverfahren und die Aufnahmebe-
dingungen für Asylsuchende in Deutschland würden systemische
Schwachstellen aufweisen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder
entwürdigenden Behandlung im Sinne des Artikels 4 der EU-Grund-
rechtecharta mit sich bringen würden.
5.2.1. Auf Beschwerdeebene macht der Beschwerdeführer geltend, es sei
für ihn unmöglich gewesen, in Deutschland zu bleiben. Er habe dort mit
einer christlichen Organisation zusammengearbeitet, weshalb seine Bezie-
hung zu seinen muslimischen Landsleuten erschwert worden sei; er sei
verstossen und bedroht worden. Moralische Unterstützung habe er nur von
seinen Eltern erhalten. Seine Partnerin sei gegen seine Zusammenarbeit
mit der christlichen Organisation gewesen und habe ihm mitgeteilt, er
könne nur mit ihr zusammenbleiben, wenn er diese Arbeit aufgebe, den
Kontakt zu seinen Eltern abbreche und wieder der muslimischen Gemein-
schaft beitrete. Er habe sich den Einschüchterungsmethoden und den Dro-
hungen seiner muslimischen Landsleute nicht beugen wollen und ein Zu-
sammenleben mit seiner Partnerin sei nicht mehr möglich gewesen, wes-
halb er sie verlassen habe. Dies habe zu einem definitiven Bruch mit der
muslimischen Gemeinschaft geführt. Daraufhin habe er anonyme telefoni-
sche Drohungen erhalten und seine Eltern seien in Afghanistan auf der
Strasse beschimpft worden. Zudem sei in seine Wohnung eingebrochen
worden, als er nicht zu Hause gewesen sei. Die Wohnung sei demoliert
und auf den Spiegel sei ein rotes Kreuz gezeichnet worden. Die christliche
Organisation habe ihm geraten, keine Anzeige zu erstatten, um sein Leben
nicht noch mehr in Gefahr zu bringen. Aus diesen Gründen habe er
Deutschland verlassen.
5.2.2. Deutschland ist Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom
10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche
oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Ab-
kommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK,
SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967 (SR
0.142.301) und kommt seinen diesbezüglichen völkerrechtlichen Verpflich-
tungen nach. Es darf davon ausgegangen werden, dieser Staat anerkenne
und schütze die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richtlinien
des Europäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni
F-3812/2020
Seite 7
2013 zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aberkennung
des internationalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) sowie 2013/33/EU
vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Aufnahme von Per-
sonen, die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnahmerichtlinie) er-
geben. Es bestehen keine Hinweise darauf, der deutsche Staat sei nicht
schutzfähig und schutzwillig. Dem Beschwerdeführer steht es damit frei,
sich bezüglich der Drohungen von Seiten der muslimischen Gemeinschaft
an die zuständigen deutschen Behörden zu wenden. Unter diesen Umstän-
den ist die Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO nicht gerechtfertigt.
5.3. Der Beschwerdeführer fordert implizit die Anwendung der Ermessens-
klausel von Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO, respektive der – das Selbstein-
trittsrecht im Landesrecht konkretisierenden – Bestimmung von Art. 29a
Abs. 3 der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311),
gemäss welcher das SEM das Asylgesuch "aus humanitären Gründen"
auch dann behandeln kann, wenn dafür gemäss Dublin-III-VO ein anderer
Staat zuständig wäre.
Der Beschwerdeführer hat kein konkretes und ernsthaftes Risiko dargetan,
die deutschen Behörden würden sich weigern, ihn wieder aufzunehmen
und seinen Antrag auf internationalen Schutz unter Einhaltung der Regeln
der Verfahrensrichtlinie zu prüfen. Den Akten sind denn auch keine Gründe
für die Annahme zu entnehmen, Deutschland werde in seinem Fall den
Grundsatz des Non-Refoulement missachten und ihn zur Ausreise in ein
Land zwingen, in dem sein Leib, sein Leben oder seine Freiheit aus einem
Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem er Gefahr laufen
würde, zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden. Ausser-
dem hat er nicht dargetan, die ihn bei einer Rückführung erwartenden Be-
dingungen in Deutschland seien derart schlecht, dass sie zu einer Verlet-
zung von Art. 4 der EU-Grundrechtecharta, Art. 3 EMRK oder Art. 3 FoK
führen könnten. Es liegen keine Hinweise dafür vor, dass die Behandlung
seines Asylgesuchs mangelhaft gewesen sein könnte und seine Wegwei-
sung in Verletzung des Non-Refoulement-Prinzips verfügt worden wäre. In
diesem Zusammenhang ist der Vollständigkeit halber festzustellen, dass
ein definitiver Entscheid über ein Asylgesuch und die Wegweisung in das
Heimatland nicht per se eine Verletzung des Non-Refoulement-Prinzips
darstellen. Das Prinzip der Überprüfung eines Asylgesuchs durch einen
einzigen Mitgliedstaat ("one chance only") dient im Gegenteil der Vermei-
dung von multiplen Asylgesuchen in verschiedenen Staaten (sogenanntes
"asylum shopping"; vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 8.5.3.3). Vorliegend führt die
Überstellung des Beschwerdeführers nach Deutschland gemäss Akten
nicht zu einer Kettenabschiebung, welche gegen das Non-Refoulement-
F-3812/2020
Seite 8
Prinzip verstossen würde, wie es in Art. 33 FK verankert ist (und sich aus-
serdem aus Art. 4 der EU-Grundrechtecharta, Art. 3 EMRK oder Art. 3 FoK
ableiten lässt).
Der Beschwerdeführer hat auch keine konkreten Hinweise für die An-
nahme dargetan, Deutschland würde ihm dauerhaft die ihm gemäss Auf-
nahmerichtlinie zustehenden minimalen Lebensbedingungen vorenthalten.
Bei einer allfälligen vorübergehenden Einschränkung könnte er sich im Üb-
rigen nötigenfalls an die deutschen Behörden wenden und die ihm zu-
stehenden Aufnahmebedingungen auf dem Rechtsweg einfordern (vgl.
Art. 26 Aufnahmerichtlinie).
Der Beschwerdeführer macht geltend, er leide an Schlaf- und Essensstö-
rungen. In Deutschland sei er ärztlich gut betreut gewesen, seine Medika-
mente hätten jedoch nicht mehr gewirkt. Am Tag seines Termins bei einem
Psychologen in B._ sei er nach C._ transferiert worden,
weshalb er bis heute keine medizinischen Unterlagen zu seinem Gesund-
heitszustand habe einreichen können. Anlässlich der Befragung durch die
Vorinstanz führte der Beschwerdeführer aus, es gehe ihm besser. Er habe
seit vier Jahren Probleme beim Einschlafen und sei in Deutschland deswe-
gen in psychologischer Behandlung gewesen (vgl. SEM-Akten act.
1069263-18). Seine gesundheitlichen Probleme sind damit nicht derart
gravierend, als dass eine Überstellung nach Deutschland eine tatsächliche
Gefahr (real risk) einer Verletzung von Art. 3 EMRK mit sich bringen würde
(vgl. BVGE 2011/9 E. 7 mit Hinweisen auf die Rechtsprechung des EGMR
sowie Urteil des EGMR P. gegen Belgien vom 13. Dezember 2016 [Nr.
41738/10]).
Für einen Selbsteintritt der Schweiz gemäss Art. 29a Abs. 3 AsylV1 in Ver-
bindung mit Art. 17 Dublin-III-VO besteht demnach keine Veranlassung.
Eine Ermessenunterschreitung liegt nicht vor. Der Vollständigkeit halber ist
festzuhalten, dass die Dublin-III-VO den Schutzsuchenden kein Recht ein-
räumt, den ihren Antrag prüfenden Staat selber auszuwählen (vgl. auch
BVGE 2010/45 E. 8.3).
5.4. Allfällige Verzögerungen aufgrund der herrschenden Situation im Zu-
sammenhang mit der COVID-19-Pandemie stellen – gemäss aktuellem
Kenntnisstand – lediglich temporäre Vollzugshindernisse dar und vermö-
gen am Ausgang des vorliegenden Verfahrens nichts zu ändern (vgl. Urteil
des BVGer F-1829/2020 vom 9. April 2020 E. 5.2).
F-3812/2020
Seite 9
6.
Das SEM ist demnach zu Recht in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b
AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eingetreten. Da
der Beschwerdeführer nicht im Besitz einer gültigen Aufenthalts- oder Nie-
derlassungsbewilligung ist, wurde die Überstellung nach Deutschland in
Anwendung von Art. 44 AsylG ebenfalls zu Recht angeordnet (Art. 32
Bst. a AsylV 1).
7.
Da das Fehlen von Überstellungshindernissen bereits Voraussetzung des
Nichteintretensentscheides gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG ist, sind
allfällige Vollzugshindernisse gemäss Art. 83 Abs. 3 und 4 AIG (SR 142.20)
unter diesen Umständen nicht mehr zu prüfen (vgl. BVGE 2015/18 E. 5.2
m.w.H.).
8.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen und die Verfügung
des SEM zu bestätigen.
9.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem Beschwerde-
führer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.–
festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die
Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE,
SR 173.320.2]).
10.
Mit dem vorliegenden Urteil fällt der am 29. Juli 2020 verfügte Vollzugs-
stopp dahin.
(Dispositiv nächste Seite)
F-3812/2020
Seite 10