Decision ID: 19c04cc9-b0b9-46d3-a76c-0dcbd6ea9d19
Year: 2022
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich im September 2010 zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung an (IV-act. 114 und 116). Im Auftrag der IV-Stelle erstattete die
medizinische Abklärungsstelle (MEDAS) Interlaken Unterseen GmbH am 29. Oktober
2013 ein polydisziplinäres Gutachten (IV-act. 158). Die Sachverständigen hielten fest,
der Versicherte leide an einer koronaren Herzkrankheit bei einem Status nach einem im
Februar 2005 erlittenen infero-posterioren Mykardinfarkt, einer residuellen peripheren
RIVA-Stenose, einer nicht stenosierenden Koronaratheromatose und einer mittelschwer
eingeschränkten Leistungsfähigkeit, an einer chronisch obstruktiven
Lungenerkrankung, an einer rezidivierenden Urtikaria, an rezidivierenden Anaphylaxien,
an einer chronischen eosinophil-entzündlichen Respirationssymptomatik, an einem
leichtgradigen Schmerzsyndrom im linken lumbo-sakralen Übergang sowie an einer
muskulären Dysbalance des Beckengürtels. Die früher ausgeübte Tätigkeit als
Plattenleger sei ihm definitiv nicht mehr zumutbar. Seit Januar 2010 bestehe aufgrund
der somatischen Beeinträchtigungen auch für eine ideal leidensadaptierte Tätigkeit nur
noch eine Teilarbeitsfähigkeit im Umfang von 75 Prozent. Mit einer Verfügung vom 7.
August 2014 wies die IV-Stelle das Rentenbegehren des Versicherten mangels eines
rentenbegründenden Invaliditätsgrades ab (IV-act. 182). Diese Verfügung erwuchs
unangefochten in formelle Rechtskraft.
A.a.
Im Januar 2015 meldete sich der Versicherte erneut zum Leistungsbezug an (IV-
act. 183). Nachdem er verschiedene medizinische Berichte eingereicht hatte und
nachdem Dr. med. B._ vom IV-internen regionalen ärztlichen Dienst (RAD)
festgehalten hatte, dass eine Verschlechterung des Gesundheitszustandes seit dem 7.
August 2014 nicht auszuschliessen sei (IV-act. 222), trat die IV-Stelle auf die
Wiederanmeldung ein (vgl. IV-act. 226). Sie beauftragte die MEDAS Interlaken
Unterseen GmbH mit einer Verlaufsbegutachtung. Das Gutachten wurde am 11.
A.b.
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B.
November 2016 erstellt (IV-act. 257). Die Sachverständigen führten aus, der Versicherte
leide an einer chronisch obstruktiven Lungenerkrankung, an einer koronaren
Herzkrankheit, an einem generalisierten myofascialen Schmerzsyndrom, an einem
chronifizierten lumbo-spondylogenen Syndrom sowie – ohne Auswirkung auf die
Arbeitsfähigkeit – an einer chronisch idiopathischen Urtikaria, an einer chronischen
Polyposis nasi und an einem Vitamin D-Mangel. Zudem bestünden Hinweise auf eine
Anpassungsstörung. Der Gesundheitszustand habe sich seit der letzten Begutachtung
nicht relevant verändert. Insbesondere hätten sich keine Anhaltspunkte finden lassen,
die für eine Verschlechterung der kardiopulmonalen Leistungsfähigkeit seit der
Begutachtung im Jahr 2013 sprechen würden. Der kardiologische Sachverständige
hatte in seinem Teilgutachten festgehalten, der echokardiographische Befund sei im
Wesentlichen mit jenem im Jahr 2013 identisch gewesen. Die Spiroergometrie sei
durch extrakardiale Ursachen beeinflusst worden, weshalb ein Vergleich mit den
Ergebnissen der Erstbegutachtung nicht möglich sei. Objektiv liege eine mittelschwere
Schädigung der linksventrikulären systolischen Funktion bei einem Status nach einem
Infarkt vor. Eine Herzinsuffizienz sei nicht gegeben. Dass die linksventrikuläre
Funktionseinschränkung zu einer Leistungseinschränkung führe, sei denkbar, habe
aber in der Spiroergometrie nicht erhoben werden können, da diese aus anderen
Gründen abgebrochen worden sei. Unverändert sei der Versicherte als Plattenleger voll
arbeitsunfähig. Für eine angepasste Tätigkeit könne der genaue Grad der
Arbeitsfähigkeit nicht angegeben werden, da die Spiroergometrie aus nicht-kardialen
Gründen vor dem Erreichen der Leistungsgrenze abgebrochen worden sei. Mit einer
Verfügung vom 17. Oktober 2017 wies die IV-Stelle das Rentenbegehren des
Versicherten mangels eines rentenbegründenden Invaliditätsgrades ab (IV-act. 277).
Der Versicherte (nachfolgend: der Beschwerdeführer) erhob am 2. November 2017
eine Beschwerde gegen die Verfügung vom 17. Oktober 2017 (vgl. IV 2017/382, act. G
1 und 9). Er beantragte die Aufhebung der angefochtenen Verfügung und die
Zusprache einer ganzen Rente ab wann rechtens, spätestens ab September 2015. Das
Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen hob die Verfügung vom 17. Oktober 2017
mit einem Entscheid vom 12. Mai 2020 auf (IV 2017/382) und es wies die Sache zur
weiteren Abklärung und anschliessenden neuen Verfügung im Sinne der Erwägungen
B.a.
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an die IV-Stelle (nachfolgend: die Beschwerdegegnerin) zurück. Zur Begründung führte
es an, die interdisziplinäre Arbeitsfähigkeitsschätzung im Gutachten der MEDAS
Interlaken Unterseen GmbH vom 11. November 2016 überzeuge nicht, weil sie ohne
die Berücksichtigung des kardiologischen Teilgutachtens erfolgt sein müsse, da der
kardiologische Sachverständige gar keine Arbeitsfähigkeitsschätzung für eine
leidensadaptierte Tätigkeit abgegeben habe. Der Mangel des Gutachtens sei auf eine
unzureichende Mitwirkung des Beschwerdeführers bei der kardiologischen Abklärung
zurückzuführen. Die Beschwerdegegnerin hätte eine weitere kardiologische Abklärung
anordnen und den Beschwerdeführer in Anwendung des Art. 43 Abs. 3 ATSG zur
Mitwirkung bei dieser Abklärung mahnen müssen. Zudem hätte sie weitere
Abklärungen betreffend die Erwerbsfähigkeit des Beschwerdeführers ohne die
Gesundheitsbeeinträchtigung und des Betrages des Valideneinkommens tätigen
müssen. Der massgebende Sachverhalt erweise sich damit in zwei Punkten als
ungenügend abgeklärt. Die Sache sei zur Vervollständigung der Sachverhaltsermittlung
an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
Die Beschwerdegegnerin erhob am 2. Juni 2020 eine Beschwerde gegen den
Entscheid IV 2017/382 des St. Galler Versicherungsgerichtes vom 12. Mai 2020. Das
Bundesgericht hob den Entscheid IV 2017/382 mit einem Urteil vom 8. September
2020 auf (9C_354/2020). Es hielt fest, das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen
hätte selbst ein kardiologisches Verlaufsgutachten einholen müssen; die Rückweisung
an die Beschwerdegegnerin sei diesbezüglich als
bundesgerichtsrechtsprechungswidrig zu qualifizieren. Auch die Rückweisung zur
Ermittlung des Valideneinkommens sei unzulässig gewesen, denn das Verfahren habe
eine Wiederanmeldung betroffen, weshalb sich die Frage nach der Höhe des
Valideneinkommens nur hätte stellen können, wenn sich der massgebende Sachverhalt
seit der Abweisung des ersten Rentenbegehrens massgebend verändert hätte. Der von
der Beschwerdegegnerin geäusserte Verdacht, das Versicherungsgericht habe mit der
zusätzlichen Rückweisung zur Ermittlung des Valideneinkommens nur eine Umgehung
der bundesgerichtlichen Praxis zur Einholung von Gerichtsgutachten bezwecken
wollen, sei nicht von der Hand zu weisen.
B.b.
Das Versicherungsgericht teilte den Parteien am 23. April 2021 mit, dass es die
Einholung eines kardiologischen Gutachtens bei Prof. Dr. med. C._ vorsehe (act. G
B.c.
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2). Die Beschwerdegegnerin beantragte am 7. Mai 2021, dass dem Sachverständigen
zusätzliche Fragen insbesondere zum Verlauf seit Oktober 2013 gestellt würden (act. G
3). Der Beschwerdeführer erklärte sich mit dem Vorgehen, der Person des
Sachverständigen und den vorgesehenen Fragen des Versicherungsgerichtes
einverstanden (act. G 4). Am 19. Mai 2021 beauftragte das Versicherungsgericht Prof.
Dr. C._, anhand einer kardiologischen Begutachtung die Fragen des
Versicherungsgerichtes und der Beschwerdegegnerin zu beantworten (act. G 6).
Der Sachverständige Prof. Dr. C._ erstattete das kardiologische
Gerichtsgutachten am 18. August 2021 (act. G 9). Er hielt fest, der Beschwerdeführer
habe über eine Schockabgabe am 1. August 2018 und über eine in der Folge erhöhte
Angst vor erneuten Schockabgaben berichtet. Weitere akute koronare Ereignisse oder
kardial bedingte Hospitalisationen seien nach den Angaben des Beschwerdeführers
seit der letzten Begutachtung im September 2016 nicht erfolgt. Die Frage nach den
Symptomen einer Angina pectoris habe er verneint. Er habe angegeben, dass er nur
bei längeren Belastungen an einer Dyspnoe leide. Er sei befähigt, zwei bis drei
Stockwerke hochzugehen, ohne eine Pause einlegen zu müssen. Die Fragen nach den
Symptomen einer nächtlichen Orthopnoe, einer paroxysmalen nächtlichen Dyspnoe
und einer Nykturie habe er verneint. Bei der klinischen Untersuchung vom 16. Juli 2021
seien objektiv unauffällige Befunde erhoben worden. Auch die Ergebnisse der am
selben Tag durchgeführten Spiroergometrie seien weitgehend unauffällig gewesen. Ab
etwa 80 Watt Belastung habe der Beschwerdeführer eine deutliche motivationale
Unterstützung benötigt, um einen verfrühten Abbruch zu vermeiden. Der Abbruch sei
schliesslich wegen einer Dyspnoe sowie wegen einer muskulären Erschöpfung bei
einer normalen globalen Leistungsfähigkeit von 142 Watt = 103 Prozent des Solls
erfolgt. Der echokardiographische Befund habe einen dilatierten linken Ventrikel mit
einer mittelschwer eingeschränkten Pumpfunktion ohne Stauung und ohne Hinweise
auf eine pulmonale oder venöse Stauung gezeigt. Diagnostisch lägen ein Status nach
einem infero-postero-lateralen Myokardinfarkt im Jahr 2005, eine nicht-stenosierende
Koronaratheromatose sowie eine eingeschränkte systolische linksventrikuläre Funktion
ohne Zeichen einer symptomatischen Herzinsuffizienz vor. Für eine ideal
leidensadaptierte – körperlich nicht bis höchstens leicht belastende – Tätigkeit sei aus
kardiologischer Sicht ein Arbeitsfähigkeitsgrad von 75 Prozent zu attestieren. Die
B.d.
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Einschränkung von 25 Prozent begründe sich mit der Einschränkung der
Dauerleistungsfähigkeit im Rahmen der eingeschränkten Pumpfunktion sowie der
chronischen Herzmedikation. Die Arbeitsfähigkeit könne durch medizinische
Massnahmen nicht weiter gesteigert werden. In kardialer Hinsicht habe sich seit der
ersten Begutachtung im Oktober 2013 nichts verändert. Bereits damals sei ein
Arbeitsfähigkeitsgrad von 75 Prozent attestiert worden. Die Begründung des
kardiologischen Sachverständigen im Verlaufsgutachten vom September 2016, wegen
des verfrühten Abbruchs der Spiroergometrie könne er keinen genauen
Arbeitsfähigkeitsgrad attestieren, sei zwar grundsätzlich korrekt, aber für die
Konsensfindung wäre es einfacher gewesen, wenn im kardiologischen Teilgutachten
explizit erwähnt worden wäre, dass sich der kardiale Befund seit dem Jahr 2013 nicht
verändert hatte und dass deshalb im Vergleich zur Vorbegutachtung im Jahr 2013 eine
unveränderte Arbeitsfähigkeit für eine ideal leidensadaptierte Tätigkeit bestehe.
Die Beschwerdegegnerin nahm am 31. August 2021 eingehend Stellung zum
Gerichtsgutachten von Prof. Dr. C._ (act. G 11). Sie qualifizierte es als überzeugend.
Zusätzlich legte sie nochmals ausführlich ihre Auffassung zu den verfahrensrechtlichen
Besonderheiten im Zusammenhang mit einer Wiederanmeldung dar. Der
Beschwerdeführer verzichtete am 12. November 2021 auf eine Stellungnahme zum
Gerichtsgutachten (act. G 16). Er liess einen Bericht des Internisten Dr. med. D._ vom
22. September 2021 einreichen (act. G 16.1), der die Arbeitsfähigkeitsschätzung von
Prof. Dr. C._ als überzeugend qualifiziert, aber die Frage aufgeworfen hatte, in
welchem Umfang der Beschwerdeführer vor dem Wechsel der Medikation aus
pneumologischer Sicht arbeitsfähig gewesen sei.
B.e.
Am 29. Dezember 2021 liess der Beschwerdeführer zwei weitere medizinische
Berichte einreichen (act. G 20): Der Pneumologe Dr. med. E._ hatte am 3. Dezember
2021 festgehalten (act. G 20.1), im Januar 2017 habe er für körperlich nicht belastende
Tätigkeiten lediglich einen Arbeitsfähigkeitsgrad von 20 Prozent attestieren können, da
sich der Beschwerdeführer damals in einer schlechten pulmonalen Verfassung
befunden habe; erst nach dem Medikamentenwechsel sei es zu einer erfreulichen
Entwicklung in den Jahren 2017–2020 gekommen; der Oto-Rhino-Laryngologe Dr.
med. F._ hatte am 23. Dezember 2021 geltend gemacht (act. G 20.2), seit Januar
2016 habe der Beschwerdeführer immer wieder an einer Rezidiv-Polyposis und auch
B.f.
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Erwägungen
1.
Dieses Beschwerdeverfahren bezweckt die Überprüfung der angefochtenen Verfügung
vom 17. Oktober 2017 auf deren Rechtmässigkeit, weshalb sein Gegenstand jenem
des vorangegangenen Verwaltungsverfahrens entsprechen muss. Dieses hat sich um
die Frage gedreht, ob der Beschwerdeführer nach seiner (erneuten) Anmeldung zum
Leistungsbezug im Januar 2015 einen Anspruch auf eine Rente der
Invalidenversicherung gehabt hat. Für die Beantwortung dieser Frage ist der
Sachverhalt bis zum Zeitpunkt des Abschlusses des Verwaltungsverfahrens respektive
bis zur Eröffnung der Verfügung vom 17. Oktober 2017 massgebend gewesen.
Entgegen der sich an der Praxis des Bundesgerichtes orientierenden Auffassung der
Beschwerdegegnerin ist dieses Verwaltungsverfahren nicht auf die Frage nach einem
allfälligen Revisionsbedarf (Art. 17 Abs. 1 ATSG) der am 7. August 2014 verfügten
„Nichtrente“ beschränkt gewesen, denn der Art. 17 Abs. 1 ATSG lässt seinem klaren
Wortlaut nach nur die Revision einer laufenden Rente zu und die verfahrensrechtlichen
Normen betreffend die Prüfung eines Leistungsbegehrens unterscheiden nicht
zwischen einer erstmaligen und einer wiederholten Anmeldung zum Leistungsbezug.
Der Rentenanspruch des Beschwerdeführers hat deshalb umfassend und ohne eine
Bindung an die Verfügung vom 7. August 2014 geprüft werden müssen. Im Übrigen
gälte nichts anderes, wenn man der (gesetzwidrigen) Auffassung der
Beschwerdegegnerin respektive des Bundesgerichtes folgen würde: Nach dieser soll
es sich bei einem Verwaltungsverfahren betreffend eine Wiederanmeldung zwar um ein
dem Revisionsverfahren analoges Verfahren handeln, was an sich bedeuten müsste,
dass sich das Abklärungsverfahren und die Sachverhaltswürdigung ausschliesslich auf
Veränderungen des massgebenden Sachverhaltes seit der Abweisung eines früheren
Rentenbegehrens beschränken müssten. Aber nach der Auffassung der
Beschwerdegegnerin beziehungsweise des Bundesgerichtes soll in jedem
Revisionsverfahren – und damit auch in einem revisionsanalogen Verfahren betreffend
eine Wiederanmeldung zum Rentenbezug – eine umfassende Prüfung und Würdigung
des gesamten Sachverhaltes möglich sein, was zur Folge haben soll, dass auch
unverändert gebliebene Elemente des anspruchsrelevanten Sachverhaltes erneut
gewürdigt werden müssen, wobei keine Bindung an eine frühere Verfügung, an ein
früheres Urteil eines kantonalen Versicherungsgerichtes oder an ein früheres
an Infizierungen gelitten, die sich jeweils auf die pulmonale Symptomatik ausgewirkt
hätten. Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Stellungnahme (act. G 22).
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Bundesgerichtsurteil bestehen soll. Würde man dieser Auffassung folgen, wäre der
Prüfungsumfang in einem Revisionsverfahren mit jenem in einem Verfahren betreffend
eine erstmalige Anmeldung zum Leistungsbezug identisch, weil der gesamte
massgebende Sachverhalt umfassend neu abgeklärt und gewürdigt werden müsste.
Das müsste natürlich auch für ein Verfahren betreffend eine Wiederanmeldung zum
Rentenbezug gelten, wobei es keine Rolle spielen könnte, ob man ein solches
Verfahren als ein „Revisionsverfahren“ nach der bundesgerichtlichen Terminologie
qualifizieren würde. So oder anders hat das Rentenbegehren des Beschwerdeführers
also umfassend geprüft werden müssen.
2.
Gemäss dem Art. 28 Abs. 1 IVG hat eine versicherte Person einen Anspruch auf
eine Rente der Invalidenversicherung, wenn sie ihre Erwerbsfähigkeit nicht durch
zumutbare Eingliederungsmassnahmen wieder herstellen, erhalten oder verbessern
kann, wenn sie während eines Jahres ohne einen wesentlichen Unterbruch
durchschnittlich mindestens 40 Prozent arbeitsunfähig gewesen ist und wenn sie nach
dem Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 Prozent invalid ist. Für die Bemessung der
Invalidität wird gemäss dem Art. 28 Abs. 1 IVG in Verbindung mit dem Art. 16 ATSG
das Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach dem Eintritt der
Gesundheitsbeeinträchtigung und nach der Durchführung der medizinischen
Behandlung sowie allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare
Tätigkeit bei einer ausgeglichenen Arbeitsmarktlage erzielen könnte, in Beziehung zu
jenem Erwerbseinkommen gesetzt, das sie erzielen könnte, wenn sie gesund geblieben
wäre.
2.1.
Der Beschwerdeführer hat angegeben, dass er seit dem Jahr 1986 als Plattenleger
erwerbstätig gewesen sei. Er hat allerdings nicht über eine entsprechende berufliche
Ausbildung verfügt. Folglich stellt sich die Frage, ob er nach seiner jahrzehntelangen
praktischen Tätigkeit über berufliche Fähigkeiten, Kenntnisse und Erfahrungen verfügt
hat, die jenen eines gelernten Plattenlegers gleichen Alters entsprochen haben. Das
Versicherungsgericht hat in seinem Entscheid IV 2017/382 vom 12. Mai 2020
festgehalten, dass die Beschwerdegegnerin bezüglich dieser Frage weitere
Abklärungen hätte tätigen müssen. Es liegt auf der Hand, dass das Valideneinkommen
nicht hat bemessen werden können, solange der massgebende Sachverhalt
diesbezüglich noch nicht ermittelt gewesen ist. Das Bundesgericht hat behauptet, das
Versicherungsgericht habe dies nur vorgeschoben, um eine
bundesgerichtsrechtsprechungswidrige Rückweisung zur erneuten medizinischen
Begutachtung zu rechtfertigen. „Begründet“ hat es diese Behauptung mit dem „ins
2.2.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 9/11
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Auge stechenden“ Umstand, dass das Versicherungsgericht in seinem früheren
Entscheid IV 2010/41 vom 17. Juli 2012 keine Veranlassung für weitere Abklärungen
bezüglich des Valideneinkommens gesehen habe. Das Bundesgericht hat natürlich
nicht im Blick haben können, dass sich die Rechtsprechung des
Versicherungsgerichtes des Kantons St. Gallen in den Jahren 2012–2020 bezüglich der
erwerblichen Komponenten der Invaliditätsbemessung weiter entwickelt hatte und dass
diesem Punkt im Jahr 2020 tendenziell mehr Bedeutung zugemessen worden war als
noch im Jahr 2012. Das spielt aber für das vorliegende Verfahren keine Rolle, weil das
Bundesgericht dem Versicherungsgericht (aus nicht nachvollziehbaren Gründen)
verbindlich vorgegeben hat, auf das Valideneinkommen in der früheren Verfügung vom
7. August 2014 abzustellen, falls das kardiologische Gerichtsgutachten ergeben sollte,
dass sich der kardiologische Sachverhalt seit dem 7. August 2014 nicht wesentlich
verändert habe, was nun der Fall ist (vgl. die nachstehende E. 2.3). Für die Bemessung
der Invalidität muss folglich auf ein – offensichtlich zu tiefes - Valideneinkommen von
57’996 Franken abgestellt werden.
Das Versicherungsgericht hat in seinem Entscheid IV 2017/382 ausführlich
begründet dargelegt (E. 3.4 ff.), dass die beiden Gutachten der MEDAS Interlaken
Unterseen GmbH – abgesehen von der fehlenden kardiologischen
Arbeitsfähigkeitsschätzung für leidensadaptierte Tätigkeiten im Verlaufsgutachten –
eine überzeugende Arbeitsfähigkeitsschätzung enthielten und dass die Einwände der
behandelnden Ärzte Dr. D._ und Dr. E._ nicht geeignet seien, Zweifel an der
Überzeugungskraft der beiden Gutachten zu wecken. Die vom Beschwerdeführer nach
dem Eingang des kardiologischen Gerichtsgutachtens von Prof. Dr. C._
eingereichten Stellungnahmen der beiden behandelnden Ärzte Dr. D._ und Dr. E._
haben keine Hinweise enthalten, die es rechtfertigen könnten, den medizinischen
Sachverhalt nachträglich doch noch anders zu würdigen. Im Wesentlichen haben die
beiden behandelnden Ärzte lediglich ihre früheren Angaben wiederholt; sie haben es
auch unterlassen, sich mit der Sachverhaltswürdigung des Versicherungsgerichtes im
Entscheid IV 2017/382 auseinander zu setzen. Bezüglich der fehlenden
Arbeitsfähigkeitsschätzung für leidensadaptierte Tätigkeiten aus kardiologischer Sicht
im Verlaufsgutachten der MEDAS Interlaken Unterseen GmbH ist zu prüfen, ob das
kardiologische Gerichtsgutachten von Prof. Dr. C._ eine überzeugende Antwort auf
die noch offene Frage enthält. Der kardiologische Sachverständige Prof. Dr. C._ hat
den für seine Beurteilung massgebenden Sachverhalt eingehend erhoben. Ihm ist es
auch gelungen, den Beschwerdeführer bei der Spiroergometrie zu motivieren, die
kardiale Leistungsgrenze zu erreichen, sodass er über aussagekräftige objektive
Ergebnisse der Spiroergometrie verfügt hat. Er hat mit einer ausführlichen, für
2.3.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 10/11
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3.
Der Verfahrensaufwand ist als weit überdurchschnittlich zu qualifizieren, weshalb die
Gerichtskosten auf 1’000 Franken festzusetzen sind. An sich müsste der unterliegende
Beschwerdeführer die Gerichtskosten bezahlen. Da ihm aber die unentgeltliche
Prozessführung bewilligt worden ist, ist er von der Pflicht zur Bezahlung der
Gerichtskosten befreit. Die Kosten für das Gerichtsgutachten von insgesamt 516.25 +
medizinische Laien nachvollziehbaren und überzeugenden Begründung anhand der
objektiven klinischen Befunde aufgezeigt, dass der Gesundheitszustand des
Beschwerdeführers aus kardiologischer Sicht seit der ersten Begutachtung im Jahr
2013 unverändert geblieben war und dass der Beschwerdeführer nach wie vor zu 75
Prozent arbeitsfähig für ideal leidensadaptierte Tätigkeiten gewesen ist, wobei Prof. Dr.
C._ diese Arbeitsfähigkeitsschätzung überzeugend mit einer eingeschränkten
Dauerleistungsfähigkeit im Rahmen der eingeschränkten Pumpfunktion sowie der
chronischen Herzmedikation begründet hat. Das Gutachten ist in sich widerspruchsfrei
und es enthält eine sorgfältige und schlüssige Auseinandersetzung mit den
massgebenden medizinischen Vorakten. Ein Hinweis, der Zweifel an der
Überzeugungskraft des Gerichtsgutachtens von Prof. Dr. C._ wecken würde, ist nicht
ersichtlich. Zusätzlich ist zu berücksichtigen, dass es sich bei diesem
Gerichtsgutachten um ein Beweismittel der „ersten Klasse“ innerhalb der vom
Bundesgericht eingeführten „Beweiskaskade“ von medizinischen Beweismitteln
handelt, das alle anderen Beweismittel auf niedrigere Ränge verweist (vgl. dazu etwa
den Entscheid des St. Galler Versicherungsgerichtes IV 2019/277 vom 24. August
2021, E. 4.1, mit zahlreichen Hinweisen auf die bundesgerichtliche Rechtsprechung).
Gestützt auf die ausführlich begründeten Ausführungen des
Versicherungsgerichtes in dessen Entscheid IV 2017/382 (vgl. E. 4.3) ist für die
Bemessung des zumutbarerweise erzielbaren Invalideneinkommens – unter
Berücksichtigung eines Tabellenlohnabzuges von zehn Prozent – auf einen
Ausgangswert von 90 Prozent von 66’633 Franken, also auf einen Ausgangswert von
59’970 Franken, abzustellen. Unter Berücksichtigung des interdisziplinär
ausschlaggebenden Arbeitsfähigkeitsgrades von 25 Prozent resultiert ein
Invalideneinkommen von 44’977 Franken. Aus dem Vergleich mit dem (vom
Bundesgericht verbindlich vorgegebenen) Valideneinkommen von 57’996 Franken
resultiert ein Invaliditätsgrad von 22,45 Prozent. Da erst ab einem Invaliditätsgrad von
40 Prozent ein Anspruch auf eine Invalidenrente besteht, erweist sich die angefochtene
Verfügung vom 17. Oktober 2017 im Ergebnis als rechtmässig, weshalb die
Beschwerde abzuweisen ist.
2.4.
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6’729.40 = 7’245.65 Franken (vgl. act. G 8 f.) gehören zu den Abklärungskosten nach
Art. 45 Abs. 1 Satz 2 ATSG, weshalb sie der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen sind,
zumal das Bundesgericht klargestellt hat, dass die Beschwerdegegnerin ihre
Abklärungspflicht verletzt hat, denn ohne eine Verletzung der Abklärungspflicht hätte
kein Bedarf nach einem Gerichtsgutachten bestanden. Zufolge der Bewilligung der
unentgeltlichen Rechtsverbeiständung hat der Staat dem Rechtsvertreter des
Beschwerdeführers eine Entschädigung auszurichten, die 80 Prozent des
erforderlichen Vertretungsaufwandes abdeckt (Art. 31 Abs. 3 AnwG). Der
Vertretungsaufwand ist als insgesamt überdurchschnittlich zu qualifizieren, weil sich
der Rechtsvertreter unter anderem mit dem kardiologischen Gerichtsgutachten hat
auseinandersetzen müssen. Die Entschädigung ist deshalb auf 80 Prozent von 6’000
Franken, also auf 4’800 Franken, festzusetzen. Sollten es seine wirtschaftlichen
Verhältnisse dereinst gestatten, wird der Beschwerdeführer zur Nachzahlung der
Gerichtskosten und zur Rückerstattung der Entschädigung für die unentgeltliche
Rechtsverbeiständung verpflichtet werden können (Art. 99 Abs. 2 VRP i.V.m. Art. 123
ZPO).