Decision ID: 534861b4-1faf-560d-88bc-2e3f59749424
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer – ein der Ethnie der Welayte angehörender äthiopi-
scher Staatsangehöriger aus Addis Abeba − reiste am (...) 2015 in die
Schweiz ein und stellte am 2. Juli 2015 im Empfangs- und Verfahrenszent-
rum (EVZ) B._ ein Asylgesuch. Am 9. Juli 2015 fand seine summa-
rische Befragung zur Person (BzP) im EVZ und am 24. Januar 2017 die
Anhörung zu den Asylgründen gemäss Art. 29 Abs. 1 AsylG (SR 142.31)
statt.
B.
B.a Der Beschwerdeführer brachte zur Begründung seines Asylgesuchs im
Wesentlichen vor, seine Familie sei schon während seiner Kindheit wegen
ihrer ethnischen Zugehörigkeit sowie ihres protestantischen Glaubens von
der Gesellschaft ausgeschlossen worden, und sie seien unter Druck
gesetzt worden, weil sie Gegner der damaligen Regierung gewesen seien.
Er selber habe ab 2006 in einem (...) als (...)technologe ([...]) (...) und von
(...) bis (...) ein Studium als (...)-Ingenieur absolviert. Zudem habe er in
Addis Abeba ein (...)-Büro betrieben, wobei er Websites entwickelt habe.
Unter anderem habe er zusammen mit einem Freund immer wieder Lands-
leuten geholfen, den Zugang zu von den Behörden blockierten oppositio-
nellen Websites wiederherzustellen, und er habe im Internet publizierte In-
formationen gesammelt und weitergegeben. Wegen dieser Dienstleistun-
gen sei er sehr bekannt gewesen. Viele Leute die Ähnliches gemacht hät-
ten, seien auf der Strasse zusammengeschlagen worden. Er persönlich
habe keine derartigen Übergriffe erlebt. Er sei aber im Rahmen seiner be-
ruflichen Tätigkeit gemobbt und ausgestossen worden. Man habe ihm un-
ter anderem beim Kauf eines Hauses und bei seinen Bemühungen, sein
Geschäft zu expandieren, bürokratische Hindernisse in den Weg gelegt.
Darüber hinaus habe er sich, mit Ausnahme der Teilnahme an einer De-
monstration im Jahr 2005, nicht politisch betätigt. Ende 2008 hätten Regie-
rungsvertreter ihn dafür gewinnen wollen, mit ihnen zusammenzuarbeiten,
namentlich für sie als Spitzel tätig zu sein. Ansonsten habe er keine Behör-
denkontakte gehabt. Im Jahr 2009 habe die Regierung mit dem Erlass ei-
nes neuen Gesetzes begonnen, die Aktivitäten im Internet zu kontrollieren.
Falls er wegen seiner Tätigkeit des Deblockierens verbotener Websites
überführt worden wäre, hätte ihm eine Gefängnisstrafe von mindestens
15 Jahren gedroht. Personen, die gegen dieses Gesetz verstiessen, wür-
den als Terroristen bezeichnet. Ab 2014 sei die Situation schlimmer gewor-
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den, weil es Personen mit einem Internetzugang untersagt worden sei, In-
formationen zu veröffentlichen. Viele Leute seien deswegen ausspioniert
und inhaftiert worden. Er habe aufgrund dieser Umstände grosse Angst
gehabt und sich deswegen im September 2014 nicht mehr getraut, das
Haus zu verlassen. Im Übrigen habe er zusammen mit zwei Kollegen ein
Projekt verfolgt, welches seinem Heimatland gedient hätte. Dies sei ihnen
jedoch von Seiten der äthiopischen Regierung untersagt worden, weil sie
keiner Partei an-gehört hätten. Weil er das Gespräch mit Regierungsver-
tretern über dieses Projekt elektronisch aufgezeichnet habe, sei er mehr-
mals telefonisch bedroht worden.
B.b Er sei legal auf dem Luftweg via C._ in die Schweiz gereist mit
einem Visum, welches ihm zum Zwecke der Teilnahme an (...) B._
ausgestellt worden sei. Während seines Aufenthalts in B._ habe er
von seinem Freund erfahren, dass die äthiopischen Behörden sich bei die-
sem nach seinem Verbleib (Beschwerdeführer) erkundigt hätten; er sei ge-
warnt worden, dass er im Falle einer Rückkehr nach Äthiopien schon am
Flughafen verhaftet würde. Sein Freund werde auch gesucht und habe sich
deswegen versteckt. Die Behörden hätten auch seine Familienangehöri-
gen (Beschwerdeführer) und weitere Kollegen nach seinem Verbleib ge-
fragt. Seine Familie stehe unter Beobachtung. Er sei zudem in der Schweiz
von einem Landsmann verfolgt worden und habe Anrufe von unbekannten
Telefonnummern erhalten. Er befürchte auch hier, verschleppt zu werden.
Auf einer Zugsfahrt sei ihm eine Tasche mit Identitätsdokumenten und an-
deren Unterlagen abhandengekommen. Er vermute, dass diese ihm von
einem mitreisenden Landsmann gestohlen worden sei, der ihn verfolgt
habe. Er befürchte, im Falle einer Rückkehr nach Äthiopien wegen seiner
regierungskritischen Veröffentlichungen als Terrorist zum Tode verurteilt zu
werden.
B.c Zum Beleg seiner Vorbringen reichte der Beschwerdeführer folgende
Dokumente ein:
− Viber-Ausdrucke von Gesprächen des Beschwerdeführers mit seinem
Freund D._
− Schriftliche Aufzeichnungen des Beschwerdeführers betreffend seine
Biographie und seine Probleme vom 30. Juni 2015
− Unterlagen betreffend die Visums-Erteilung sowie die (...)
− Arbeitszeugnis des (...), vom 13. November 2015
− Unterstützungsschreiben eines Arbeitskollegen vom 23. November
2015
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− Schriftlicher Lebenslauf vom 24. Januar 2017
− Ausdrucke von E-Mail-Korrespondenzen mit Geschäftsbekannten
− Ausdruck eines Nachrichtenartikels betreffend das Vorgehen der äthio-
pischen Regierung gegen Internet-Nachrichtendienste
− Zwei Fotos von Kundgebungen in Äthiopien ([...] 2015) beziehungs-
weise der Schweiz ([...] 2016)
− Kündigungsschreiben des Beschwerdeführers aus dem Jahre 2006
− Unterlagen betreffend vom Beschwerdeführer in der Schweiz besuchte
respektive geleitete (...)
− Identitäts- und Schuldokumente in Kopie
− Liste von in Äthiopien gesperrten Websites
− Ausdrucke von diversen Newsartikeln betreffend das Vorgehen des
äthiopischen Regimes gegen die Opposition
− Ausdrucke von fünf von Professor E._ verfassten und auf seiner
Website publizierten Kommentaren zur Menschenrechtssituation in
Äthiopien
− CD-ROM mit einer Audio-Aufnahme eines Gesprächs mit Regierungs-
vertretern betreffend ein gescheitertes Projekt des Beschwerdeführers
C.
Mit Verfügung vom 31. Dezember 2018 (eröffnet am 4. Januar 2019) stellte
das SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft
nicht, wies sein Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung aus der
Schweiz sowie den Vollzug an.
D.
D.a Mit Eingabe seiner Rechtsvertretung vom 3. Februar 2019 erhob der
Beschwerdeführer gegen diesen Entscheid beim Bundesverwaltungs-
gericht Beschwerde und beantragte, die vorinstanzliche Verfügung sei auf-
zuheben und es sei ihm die Flüchtlingseigenschaft zuzuerkennen und Asyl
zu gewähren; eventualiter sei die vorläufige Aufnahme anzuordnen, sube-
ventualiter sei die Sache zur vertieften Abklärung und Neubeurteilung an
die Vorinstanz zurückzuweisen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuchte
er um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und um Verzicht auf
die Erhebung eines Kostenvorschusses.
D.b Zum Beleg seiner Vorbringen reichte der Beschwerdeführer nebst
Kopien der vorinstanzlichen Akten folgende Beweismittel ein:
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− schriftliche Aufzeichnungen des Beschwerdeführers mit biographischen
Angaben und Ausführungen zu seinen Problemen ("My life story")
− Internet-Artikel von BBC News vom 19. Oktober 2006
− Wikipedia-Artikel betreffend Proxy (Rechnernetz)
− Gutachten über die rechtliche Situation bezüglich der Tätigkeiten des
Beschwerdeführers in Äthiopien von Dr. F._, Rechtsanwalt,
G._, vom 1. Februar 2019
− Abklärungsbericht der Psychiatrie H._ vom 9. Januar 2019
− Screenshots einer Whatsapp-Konversation zwischen dem Beschwerde-
führer und seiner Rechtsvertreterin
− Empfehlungsschreiben der Firma (...), Bern, vom 29. Januar 2019
− Arbeitszeugnis von (...) vom Februar 2019
− Länderanalyse der Schweizerischen Flüchtlingshilfe (SFH) betreffend
Überwachung exilpolitischer Aktivitäten von Äthiopiern vom 26. Sep-
tember 2018
− Ethiopia 2017 Human Rights Report des US State Departments
− Auskunft der SFH-Länderanalyse betreffen psychiatrische Versorgung
in Äthiopien vom 5. September 2013.
− Screen Shot Reverse Image Search von Google
− Sozialhilfebestätigung der ORS Service AG vom 15. Januar 2019
E.
Mit Instruktionsverfügung vom 13. Februar 2019 hiess die damalige In-
struktionsrichterin das Gesuch um unentgeltliche Prozessführung im Sinne
von Art. 65 Abs. 1 VwVG gut und verzichtet antragsgemäss auf die Erhe-
bung eines Kostenvorschusses. Ferner wurde die Vorinstanz zur Einrei-
chung einer Vernehmlassung eingeladen.
F.
In seiner Vernehmlassung vom 25. Februar 2019 hielt das SEM an seiner
Verfügung fest und beantragte die Abweisung der Beschwerde.
Die Vernehmlassung wurde dem Beschwerdeführer am 27. Februar 2019
zur Kenntnis gebracht.
G.
Mit Eingabe vom 8. März 2019 reichte der Beschwerdeführer eine Stellung-
nahme zur vorinstanzlichen Vernehmlassung ein. In der Beilage wurde
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eine zusammenfassende Transkription von Gesprächen zwischen dem Be-
schwerdeführer und Freunden einerseits sowie den Behördenvertretern
Dr. I._ und Dr. J._ andererseits eingereicht.
H.
Mit Schreiben vom 11. August 2020 teilte die Rechtvertretung die Ände-
rung ihrer Zustelladresse mit.
I.
Mit Schreiben vom 29. Oktober 2020 erkundigte sich die Rechtsvertretung
nach dem Verfahrensstand und ersuchte um ein baldiges Urteil.
Dieses Schreiben wurde von der Instruktionsrichterin mit Schreiben vom
3. November 2020 beantwortet.
J.
Aus organisatorischen Gründen übertrug die Abteilungsleitung das Be-
schwerdeverfahren im Februar 2021 dem vorsitzenden Richter zur weite-
ren Behandlung.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche
Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb
das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
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(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der Be-
schwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG).
1.5 Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Die Vorinstanz begründete ihre Verfügung folgendermassen:
3.1.1 Der Beschwerdeführer habe grundsätzlich keine relevanten Vor-
fluchtgründe geltend gemacht. Er sei gemäss seinen Angaben nie verhaftet
oder inhaftiert worden und habe vor seiner Ausreise keine Probleme mit
den äthiopischen Behörden gehabt. Im Weiteren habe er sich auf die
allgemeine politische Lage in Äthiopien sowie die gesetzliche Situation be-
treffend den Internetzugang und die Sperrung von Websites bezogen. Hier-
bei handle es sich, ebenso wie bei seinen Hinweisen auf die Probleme von
anderen Personen, nicht um Asylgründe im Sinne von Art. 3 AsylG. Der
Versuch, ihn als Spitzel anzuwerben, die Drohungen im Jahr 2008 sowie
seine Demonstrationsteilnahme im Jahr 2005 seien nicht kausal für seine
Ausreise im Jahr 2015 gewesen.
Auch die vom Beschwerdeführer vorgebrachten Nachfluchtgründe würden
sich als nicht relevant erweisen. Seine diesbezüglichen Ausführungen und
die zu den Akten gereichten Beweismittel würden im Wesentlichen die
allgemeine politische und menschenrechtliche Situation betreffen, und
es fehle ein persönlicher und zielgerichteter Konnex zu seiner Person.
Aus dem Viber-Gesprächsverlauf seien keine konkreten, objektiven Hin-
weise dafür ersichtlich, dass er in Äthiopien seit seiner Ausreise gesucht
werde und ihm bei einer Rückkehr mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und
in absehbarer Zukunft eine Haftstrafe drohe. Dieses Beweismittel sowie die
eingereichten Referenz- und Gefälligkeitsschreiben seien nicht geeignet,
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eine objektiv begründete Frucht vor asylrelevanter Verfolgung zu belegen.
Aus diesen Gründen sowie in Anbetracht der legalen Ausreise des Be-
schwerdeführers sei davon auszugehen, dass die von ihm geltend ge-
machte Verfolgungsfurcht rein subjektiver Natur sei.
3.1.2 Im Weiteren liege auch kein qualifiziertes exilpolitisches Engagement
vor. Es bestehe kein Grund zur Annahme, dass der Beschwerdeführer
bereits vor seiner Ausreise als aktiver Regimegegner in den Fokus der
äthiopischen Behörden geraten sei; demnach sei auch nicht davon auszu-
gehen, dass er in der Schweiz unter spezieller Beobachtung von dieser
Seite stehe und als konkrete Bedrohung wahrgenommen werde. Eine
einzige Teilnahme an einer Kundgebung stelle keine besonders exponierte
exilpolitische Tätigkeit dar. Im Übrigen seien die Schilderungen des
Beschwerdeführers, wonach er in der Schweiz durch einen Landsmann
verfolgt und bestohlen worden sei, widersprüchlich und deshalb als un-
glaubhaft zu qualifizieren. Dies verstärke den Eindruck einer rein subjekti-
ven Furcht. Demnach sei auch das Vorliegen von Nachfluchtgründen
im Sinne von Art. 54 AsylG zu verneinen.
3.1.3 Ferner würden sich aus den Akten keine Anhaltspunkte dafür
ergeben, dass dem Beschwerdeführer im Falle einer Rückkehr in den
Heimatstaat mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit eine durch Art. 3 EMRK
verbotene Strafe oder Behandlung drohe. Ein Wegweisungsvollzug nach
Äthiopien sei gemäss konstanter Rechtsprechung grundsätzlich zumutbar.
Auch unter Berücksichtigung der angespannten Lage in verschiedenen
Landesteilen liege keine Situation allgemeiner Gewalt im Sinne von Art. 83
Abs. 4 AIG (SR 142.20) vor. Sodann seien auch keine individuellen Weg-
weisungshindernisse gegeben. Der Beschwerdeführer habe angesichts
seiner Ausbildung und beruflichen Erfahrung die Möglichkeit, bei einer
Rückkehr sein wirtschaftliches Fortkommen zu sichern und verfüge zudem
über ein Familien- und Beziehungsnetz in der Heimat.
3.2
3.2.1 In der Beschwerdeeingabe wurde zunächst der Sachverhalt dahin-
gehend präzisiert, dass der Beschwerdeführer (...) habe für die Menschen,
die bei den gewaltsamen Auseinandersetzungen im Nachgang der Wahlen
im Jahr 2005 verletzt worden seien und auch selber an einer regimekriti-
schen Demonstration teilgenommen habe. Diese Ereignisse hätten seine
kritische Einstellung gegenüber dem äthiopischen Regime geweckt. Er
habe sich hierzu in der Befragung nicht näher äussern können, weil er vom
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Befrager unterbrochen worden sei. Im Jahr 2009 sei er bei seiner Arbeits-
stelle im (...) von den Vorgesetzten gemobbt worden und habe die meisten
seiner Aufträge verloren. Im Jahr 2010 habe er zusammen mit seinem
Freund K._ privat begonnen, Websites zu entwickeln. Sein Freund
habe ebenfalls eine regimekritische Einstellung gehabt und sei deswegen
bereits im Gefängnis gewesen. Zu diesem Umstand sei er von der Vo-
rinstanz nicht befragt worden. Aufgrund von Konflikten an seinem Arbeits-
platz habe er im Jahr 2013 zusammen mit K._ eine (...)firma ge-
gründet. Sie hätten mehrfach versucht, Regierungsaufträge zu erhalten,
seien damit aber immer gescheitert. Bei einer Gelegenheit habe er sich,
als er einen Auftrag nicht erhalten habe, zu regimekritischen Äusserungen
in der Öffentlichkeit hinreissen lassen. Er leide seit Langem an Angststö-
rungen. Diese hätten sich in der Schweiz regelmässig so zugespitzt, dass
seine Rechtsvertreterin wiederholt habe intervenieren oder seine Betreu-
ungspersonen avisieren müssen. Nachdem er im (...) 2018 einen Thera-
pieplatz erhalten habe, habe sich die Situation stabilisiert. Nach seiner Ein-
reise in die Schweiz hätten fremde Personen Erkundigungen über die Auf-
enthaltsorte von ihm und seinen Angehörigen eingezogen. Von einem
Freund namens D._ habe er erfahren, dass in seiner Sache ermit-
telt werde. Dies ergebe sich aus den eingereichten Viber-Protokollen.
3.2.2 Eine Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft könne sich auch dann
rechtfertigen, wenn die betroffene Person vor ihrer Flucht noch keiner Ver-
folgung ausgesetzt gewesen sei, aber begründeter Furcht habe, in Zukunft
verfolgt zu werden. Auch eine bloss allgemeine Verfolgungsgefahr könne
genügen, beispielsweise im Falle von Personen, die sich öffentlich gegen
das Regime ihre Heimatstaats gestellt hätten, falls dieses hart gegen Op-
positionelle vorgehe. Er habe sich erwiesenermassen politisch aktiv gegen
das äthiopische Regime engagiert. Als politische Aktivitäten würden auch
solche Arten des Widerstandes gelten, wie er sie mit seinen Informatik-
Tätigkeiten ausgeübt habe. Das Umgehen von Internetsperren stelle eine
klare politische Handlung dar, mit welcher er sich gegen die Zensurpolitik
des Regimes gewehrt habe. Dass er bis zu seiner Ausreise keine Nachteile
erlitten habe, sei allein dem Zufall und seinem äusserst vorsichtigen Ver-
halten zu verdanken. Die Situation in Äthiopien habe sich aber über die
Jahre mehr und mehr zugespitzt und die Repressalien hätten zugenom-
men. Sein Geschäftspartner sei konkret bedroht worden und mittlerweile
verschwunden. Es müsse davon ausgegangen werden, dass er aufgrund
des politischen Engagements zusammen mit dem Beschwerdeführer
Opfer von Folter und unmenschlicher Behandlung geworden oder möglich-
erweise gar getötet worden sei. Es sei nicht ersichtlich, weshalb ihm im
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Falle einer Rückkehr nach Äthiopien nicht dasselbe Schicksal erwarten
würde. Inwiefern seine Aktivitäten als unpolitische Handlungen qualifiziert
werden könnten, sei der angefochtenen Verfügung nicht zu entnehmen.
Der gegen ihn aus dem Umstand, dass er legal aus Äthiopien ausgereist
sei, erhobene Vorwurf, sei zurückzuweisen. Angesichts seiner gesundheit-
lichen Probleme sei nachvollziehbar, dass er nicht den äusserst gefährli-
chen Weg einer illegalen Ausreise gewählt, sondern die Gelegenheit zum
Erhalt eines Visums genutzt habe. Im Weiteren entbehre es jeder Grund-
lage, dass die Vorinstanz die Hinweise auf eine künftige Verfolgung als un-
glaubhaft bewertet habe. Es bestünden keine Hinweise dafür, dass die ein-
gereichten Beweisunterlagen gefälscht seien. Es habe von ihm nicht ver-
langt werden können, noch länger in seinem Herkunftsland auszuharren
und den Eintritt tatsächlicher Verfolgungsmassnahmen abzuwarten. Es sei
hinlänglich bekannt, dass die Menschenrechtslage in Äthiopien prekär sei
und Regimekritiker mit drastischen Massnahmen zum Schweigen gebracht
würden. Die Feststellung in Ziffer 1.3. der angefochtenen Verfügung,
er habe sich vor der Ausreise nicht politisch betätigt, sei aktenwidrig. Zu-
dem sei erwiesen, dass der äthiopische Geheimdienst Ableger in der
Schweiz habe, welche namentlich Regimegegner bei Kundgebungen aus-
spionieren würden. Eine Identifizierung aufgrund von Fotos sei problemlos
möglich. Der angebliche Widerspruch in seinen Aussagen zum Verlust sei-
ner Tasche in der Schweiz sei konstruiert. Dieser Vorfall sei nicht von Re-
levanz. Die Gesamtheit seiner Tätigkeiten seien unmissverständlich als po-
litisch und regimekritisch zu bewerten. Er habe gemäss den in Äthiopien
geltenden Gesetzen eine Haftstrafe von bis zu 15 Jahren zu befürchten.
Regimekritische Tätigkeiten würden generell unter die Anti-Terror-
Gesetzgebung fallen, welche äusserst drastische Sanktionen vorsehe.
Das Regime verwende erwiesenermassen Spionagesoftware zur Verfol-
gung von Internetaktivitäten seiner Einwohner. Dass die Behörden auch
auf aussergesetzliche Mittel zurückgreifen würden, um seine Handlungen
zu sanktionieren, ergebe sich daraus, dass er bei seiner Familie gesucht
werde und sein Geschäftspartner verschwunden sei. Demnach habe er be-
gründete Furcht, schwerwiegende Nachteile zu erleiden, und es sei ihm
demnach die Flüchtlingseigenschaft zuzuerkennen und Asyl zu gewähren.
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3.2.3 Im Übrigen würden die ihm drohenden drastischen Sanktionen und
unmenschlichen Haftbedingungen gegen Art. 3 EMRK verstossen, wes-
halb der Wegweisungsvollzug auch als unzulässig zu qualifizieren sei.
Darüber hinaus wäre eine Wegweisung angesichts seiner psychischen
Probleme auch unzumutbar. Er leide unter schweren Angstzuständen und
Depressionen und habe mehrere suizidale Episoden erlebt. Die erforderli-
che psychologische Betreuung wäre in Äthiopien angesichts der generell
ungenügenden psychiatrischen Versorgung nicht erhältlich. Auch der Zu-
gang zu den Medikamenten, auf deren Einnahme er dringend angewiesen
sei, wäre nicht sichergestellt. Dies würde zu einer grossen Gefährdung füh-
ren.
3.2.4 Schliesslich sei festzustellen, dass die Vorinstanz den Sachverhalt
unvollständig abgeklärt habe. Der Befrager habe ihn in der Anhörung
immer wieder unterbrochen, wenn er etwas vertieft habe darlegen wollen.
Es seien ihm keine detaillierten Fragen zu den technischen Gegebenheiten
sowie zur Rechtslage in Äthiopien gestellt worden, obwohl dies wichtig ge-
wesen wäre, um seine Glaubhaftigkeit zu überprüfen und die politische
Dimension seiner Tätigkeit zu verstehen. Der Umstand, dass Internet-
Delikte in Äthiopien als politische Delikte geahndet würden, sei von der
Vorinstanz ungenügend berücksichtigt worden. Diese hätte auch nach
Sachverhaltselementen forschen müssen, die für ihn sprechen würden.
Im Weiteren habe das SEM sich nur oberflächlich mit seiner tatsächlichen
Gefährdungssituation auseinandergesetzt, und die konkreten Hinweise auf
eine persönliche Verfolgung nicht genügend analysiert. Schliesslich sei
auch die Frage der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs nicht hinrei-
chend abgeklärt worden. Die Vorinstanz hätte nähere Abklärungen zu sei-
nem Gesundheitszustand sowie den diesbezüglichen Behandlungsmög-
lichkeiten im Heimatstaat vornehmen müssen.
3.3 In ihrer Vernehmlassung wies die Vorinstanz darauf hin, die Unterbre-
chungen des Beschwerdeführers in der Anhörung seien erforderlich gewe-
sen, um ihn daran zu erinnern, seine persönlichen Gründe für die Ausreise
respektive den Konnex zwischen seinen Angaben und seiner Person dar-
zulegen oder um Fragen zu präzisieren. Er habe sich frei und ausführlich
äussern können, der Sachverhalt sei hinreichend abgeklärt worden und es
liege keine Verletzung des rechtlichen Gehörs vor. Im Weiteren sei dem
Beschwerdeführer bei beiden Befragungen das rechtliche Gehör zu sei-
nem Gesundheitszustand gewährt worden, und er habe jeweils angege-
ben, dass es ihm gut gehe. Seine psychischen Probleme hätten bereits vor
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Seite 12
seiner Ausreise bestanden und nicht zu einer existenziellen Notlage ge-
führt. Es könne davon ausgegangen werden, dass das auch bei seiner
Rückkehr nicht der Fall sein werde. Schliesslich werde daran festgehalten,
dass weder aus den eingereichten Beweismitteln noch aus den Angaben
des Beschwerdeführers Anhaltspunkte für eine zielgerichtete und kausale
Verfolgung oder eine begründete Furcht vor einer solchen erkennbar seien.
3.4 In seiner Stellungnahme vom 8. März 2019 hielt der Beschwerdeführer
daran fest, dass von der Vorinstanz entscheidende Ergänzungsfragen
nicht gestellt worden seien, namentlich dazu, was ihm und seinen Freun-
den im Zusammenhang mit dem Vorfall, bei welchem ihnen ein Regie-
rungsauftrag verweigert worden sei, angetan worden sei, sowie zum politi-
schen Inhalt der von ihm deblockierten Internetseiten und den technischen
Gegebenheiten seiner Tätigkeit. Entgegen der Feststellung der Vorinstanz
leide er nach Auffassung seiner behandelnden Ärztin nicht an einem Ver-
folgungswahn. Es liege kein Realitätsverlust vor. Sein Zustand sei durch-
aus mit der Lage in seinem Heimatland und vor allem seiner eigenen Situ-
ation erklärbar. Er habe sich nach äthiopischem Recht strafbar gemacht,
wobei die äthiopischen Gesetze in dieser Hinsicht gegen den "Ordre
public" verstossen würden. Er sei ausgereist, weil der Druck für ihn in sei-
nem Heimatland zu gross geworden sei und seine Krankheit sich ver-
schlimmert habe. Es sei ihm nicht mehr zuzumuten gewesen, seine weit-
gehenden Vorsichtsmassnahmen weiterzuführen, um einer langjährige
Gefängnisstrafe zu entgehen.
In der Beilage der Stellungnahme werde eine Zusammenfassung des Ge-
sprächs des Beschwerdeführers und eines Geschäftspartners mit
Dr. I._ und Dr. J._ eingereicht. Dessen Verlauf zeige, dass
er und seine Freunde gegen ein staatliches Monopol hätten ankämpfen
müssen. Sie hätten sich durch ihr regimekritisches Verhalten so unbeliebt
gemacht, dass sie nach diesem Gespräch von Offiziellen der Regierung
sowie auch von Angestellten der Konkurrenzfirma "(...)" bedroht worden
seien. Dies habe ihn darin bestärkt, dass er sich gegen das äthiopische
Regime engagieren müsse, um in seinem Land etwas zu verändern.
4.
4.1 Im Verwaltungs- und namentlich im Asylverfahren gilt der Unter-
suchungsgrundsatz, das heisst die Behörde stellt den rechtserheblichen
Sachverhalt von Amtes wegen fest (Art. 6 AsylG i.V.m. Art. 12 VwVG;
vgl. Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Für das erstinstanzliche Asylverfahren
bedeutet dies, dass das SEM zur richtigen und vollständigen Ermittlung
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Seite 13
und zur Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts verpflichtet ist
und auch nach allen Elementen zu forschen hat, die zugunsten der asyl-
suchenden Person sprechen. Der Untersuchungsgrundsatz gilt nicht un-
eingeschränkt, zumal er sein Korrelat in der Mitwirkungspflicht des Asyl-
suchenden findet (Art. 13 VwVG und Art. 8 AsylG; vgl. CHRISTOPH AUER,
in: Auer/Müller/Schindler [Hrsg.], Kommentar zum Bundesgesetz über das
Verwaltungsverfahren [VwVG], 2. Aufl. 2019, Art. 12 Rz. 9; BVGE 2012/21
E. 5.1). Die entscheidende Behörde darf sich trotz des Untersuchungs-
grundsatzes in der Regel darauf beschränken, die Vorbringen einer asyl-
suchenden Person zu würdigen und die von ihr angebotenen Beweise ab-
zunehmen, ohne weitere Abklärungen vornehmen zu müssen. Nach Lehre
und Praxis besteht eine Notwendigkeit für über die Befragung hinausge-
hende Abklärungen insbesondere dann, wenn aufgrund der Vorbringen der
asylsuchenden Person und der von ihr eingereichten oder angebotenen
Beweismittel Zweifel und Unsicherheiten am Sachverhalt weiterbestehen,
die voraussichtlich mit Ermittlungen von Amtes wegen beseitigt werden
können (vgl. BVGE 2009/50 E. 10.2.1 S. 734 m.H.a. Entscheidungen und
Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 1995
Nr. 23 E. 5a).
4.2 Der Grundsatz des rechtlichen Gehörs (Art. 29 Abs. 2 BV, Art. 29
VwVG, Art. 32 Abs. 1 VwVG) verlangt, dass die verfügende Behörde die
Vorbringen des Betroffenen tatsächlich hört, sorgfältig und ernsthaft prüft
und in der Entscheidfindung berücksichtigt, was sich entsprechend in der
Entscheidbegründung niederschlagen muss (vgl. Art. 35 Abs. 1 VwVG).
4.3 Nach Auffassung des Gerichts hat die Vorinstanz diesen Anforderun-
gen im vorliegenden Verfahren Genüge getan. Sie hat die in asylrechtlicher
Hinsicht relevanten Elemente der Vorbringen des Beschwerdeführers hin-
reichend abgeklärt und gewürdigt. Hieran vermag der Umstand nichts zu
ändern, dass er bei der Anhörung mehrmals vom Befrager unterbrochen
werden musste. Wie in der Vernehmlassung vom 25. Februar 2019 zutref-
fend dargelegt wurde, waren diese Unterbrechungen im Hinblick auf eine
korrekte Sachverhaltsabklärung erforderlich, und der Beschwerdeführer
wurde dadurch nicht daran gehindert, die Gründe für sein Asylbegehren
ausführlich und vollständig darzulegen. Dass dem Beschwerdeführer keine
näheren Fragen zu den Problemen seines Freundes K._ gestellt
wurden, ist schon deshalb nicht zu beanstanden, weil er diese anlässlich
der Befragungen nicht erwähnte. Inwiefern den technischen Aspekten
seiner Tätigkeit in asylrechtlicher Hinsicht eine wesentliche Bedeutung
zukommen sollte, ist nicht ersichtlich. Auch das Argument, die Rechtslage
in Äthiopien sei nicht hinreichend abgeklärt worden, überzeugt nicht.
E-592/2019
Seite 14
4.4 Im Übrigen ist es nicht Sache der Behörde, bei fehlenden Hinweisen
des Gesuchstellers nach allfälligen Wegweisungsvollzugshindernissen
zu forschen. Der Beschwerdeführer wurde in der BzP explizit darauf hin-
gewiesen, dass er für sein Asylverfahren massgebliche gesundheitliche
Beeinträchtigungen unmittelbar nach der Gesuchseinreichung geltend ma-
chen müsse. Dies hat er jedoch unterlassen, und gab vielmehr im Rahmen
der beiden Befragungen zu Protokoll, sein Gesundheitszustand sei gut
(vgl. Akten SEM A6 S. 9 ["Ich bin gesund"] und A16 S. 14 F74 ["Gesund-
heitlich geht es mir gut, ich fühle mich gut"]). Auch in der Folge hat der
Beschwerdeführer, welcher seine Rechtsvertretung bereits im Laufe des
erstinstanzlichen Verfahrens mandatiert hat, bis zum Erlass der angefoch-
tenen Verfügung weder auf das Vorliegen gesundheitlicher Probleme hin-
gewiesen, noch entsprechende Beweismittel eingereicht. Unter diesen
Umständen kann dem SEM offensichtlich nicht vorgeworfen werden, erfor-
derliche medizinische Abklärungen unterlassen zu haben.
4.5 Insgesamt ist festzustellen, dass der wesentliche Sachverhalt vom
SEM unter Einhalten der massgeblichen Verfahrensvorschriften hinrei-
chend erstellt und abgeklärt wurde. Der Eventualantrag, die Sache sei zur
vertieften Abklärung und Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuwei-
sen, ist abzuweisen.
5.
5.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
Keine Flüchtlinge sind Personen, die Gründe geltend machen, die wegen
ihres Verhaltens nach der Ausreise entstanden sind und weder Ausdruck
noch Fortsetzung einer bereits im Heimat- oder Herkunftsstaat bestehen-
den Überzeugung oder Ausrichtung sind, wobei die Einhaltung des Abkom-
mens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK,
SR 0.142.30) vorbehalten bleibt (Art. 3 Abs. 4 AsylG).
E-592/2019
Seite 15
5.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
6.
6.1 Nach Lehre und Rechtsprechung erfüllt eine asylsuchende Person die
Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG, wenn sie Nachteile von
bestimmter Intensität erlitten hat, beziehungsweise solche mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft befürchten muss, sofern ihr
die Nachteile gezielt und aufgrund bestimmter, in Art. 3 Abs. 1 AsylG auf-
gezählter Verfolgungsmotive zugefügt worden sind, respektive zugefügt zu
werden drohen, und vor denen sie keinen ausreichenden staatlichen Schutz
erwarten kann (vgl. BVGE 2007/31 E. 5.2 f. und 2008/4 E. 5.2, je m.w.H.).
Eine begründete Furcht vor Verfolgung im Sinne dieser Bestimmung liegt
vor, wenn ein konkreter Anlass zur Annahme besteht, Letztere hätte sich
– aus der Sicht im Zeitpunkt der Ausreise – mit beachtlicher Wahrschein-
lichkeit und in absehbarer Zeit verwirklicht oder werde sich – auch aus heu-
tiger Sicht – mit ebensolcher Wahrscheinlichkeit in absehbarer Zukunft ver-
wirklichen. Es müssen demnach hinreichende Anhaltspunkte für eine kon-
krete Bedrohung vorhanden sein, die bei jedem Menschen in vergleichba-
rer Lage Furcht vor Verfolgung und damit den Entschluss zur Flucht her-
vorrufen würden. Aufgrund der Subsidiarität des flüchtlingsrechtlichen
Schutzes setzt die Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft ausserdem
voraus, dass die betroffene Person in ihrem Heimat- oder Herkunftsstaat
keinen ausreichenden Schutz finden kann (vgl. BVGE 2011/51 E. 6,
2008/12 E. 7.2.6.2 und 2008/4 E. 5.2). Ausgangspunkt für die Beurteilung
der Flüchtlingseigenschaft ist die Frage nach der im Zeitpunkt der Ausreise
vorhandenen Verfolgung oder begründeten Furcht vor einer solchen. Die
Situation im Zeitpunkt des Asylentscheids ist jedoch im Rahmen der Prü-
fung nach der Aktualität der Verfolgungsfurcht ebenfalls wesentlich. Verän-
derungen der objektiven Situation im Heimatstaat zwischen Ausreise und
Asylentscheid sind deshalb zugunsten und zulasten der das Asylgesuch
stellenden Person zu berücksichtigen (vgl. zum Ganzen BVGE 2011/51
E. 6, 2011/50 E. 3.1.1 und 3.1.2, 2010/57 E. 2, 2008/34 E. 7.1, 2008/12
E. 5.2 und 2008/4 E. 5.2, jeweils m.w.H.; WALTER STÖCKLI, Asyl, in:
Uebersax / Rudin / Hugi Yar / Geiser [Hrsg.], Ausländerrecht, 2. Aufl., 2009,
Rz. 11.17 und 11.18).
E-592/2019
Seite 16
6.2
6.2.1 Den Akten ist zu entnehmen, dass der Beschwerdeführer vor seiner
Ausreise wegen seines Engagements zur Verbreitung regimekritischer
Publikationen im Internet keine wesentlichen Nachteile seitens der äthiopi-
schen Behörden erlitten hat. Seine Vorbringen lassen darauf schliessen,
dass der Grund für seine Flucht in erster Linie die Furcht vor einer mögli-
chen zukünftigen Verfolgung war. Die Erklärung, es sei allein dem Zufall
und seinem vorsichtigen Verhalten zu verdanken, dass er unbehelligt ge-
blieben sei, erscheint wenig stichhaltig angesichts der Tatsache, dass er
gemäss seinen Schilderungen diese Tätigkeit über längere Zeit ausübte
und zahlreiche Personen davon gewusst und seine Dienstleistungen in
Anspruch genommen haben sollen. Die Drohungen, die gemäss Angaben
des Beschwerdeführers gegen ihn ausgestossen wurden, nachdem er sich
im Jahre 2013 bei einem geschäftlichen Gespräch mit Behördenvertretern
zu regimekritischen Äusserungen habe hinreissen lassen, wurden von ihm
nicht näher konkretisiert, und er hat keine weitergehenden Verfolgungs-
massnahmen in diesem Zusammenhang geltend gemacht. Diese Vorfälle
sind deshalb nicht als asylrechtlich relevante Verfolgung zu bewerten.
6.2.2 Zu bestätigen ist auch die Argumentation der Vorinstanz, wonach den
vom Beschwerdeführer geschilderten Ereignissen in den Jahren 2005 und
2008 mangels eines zeitlich und sachlich kausalen Zusammenhangs mit
seiner Ausreise keine Asylrelevanz beigemessen werden kann. Nach dem
Gesagten liegen keine konkreten Anhaltspunkte für ein relevantes Verfol-
gungsinteresse der äthiopischen Behörden am Beschwerdeführer im Zeit-
punkt seiner Ausreise vor. Diese Beurteilung wird dadurch untermauert,
dass er gemäss seinen Angaben legal und kontrolliert über den Flughafen
Addis Abeba ausreiste.
6.3 Sodann besteht auch kein Grund zur Annahme, dass diese Einschät-
zung im heutigen Zeitpunkt nicht mehr zutreffend wäre und nunmehr von
einem erhöhten Verfolgungsrisiko auszugehen wäre.
6.3.1 Nach dem Amtsantritt von Premierminister Abiy Ahmed im April 2018
waren Fortschritte in Bezug auf die Pressefreiheit in Äthiopien zu verzeich-
nen. Nach Berichten von Nichtregierungsorganisationen hat die Anzahl an
Verhaftungen, Misshandlungen und Behelligungen wegen regimekritischer
Äusserungen erheblich abgenommen, und die neue Regierung hat die Op-
positionellen im Exil zur Rückkehr und zur Teilnahme am politischen Pro-
zess in Äthiopien aufgerufen. Tausende von politischen Gefangenen wur-
E-592/2019
Seite 17
den seit April 2018 begnadigt und freigelassen. Namentlich wurde der Zu-
gang zu 264 zuvor blockierten Websites und Blogs wieder gewährleistet.
Allerdings ist festzustellen, dass die äthiopische Gesetzgebung gegen
Computerkriminalität (Computer Crime Proclamation von 2016) einige sehr
allgemein formulierte Bestimmungen enthält und deshalb die Befürchtung
besteht, dass diese zur Einschränkung der Meinungsäusserungsfreiheit
missbraucht werden könnten. Blockaden des Internetzugangs sowie von
sozialen Medien und Kommunikationsplattformen wurden – namentlich im
Zusammenhang mit ethnischen Gewaltausbrüchen – zwar wiederholt ver-
hängt, waren aber lokal und/oder zeitlich begrenzt. Das Bundesverwal-
tungsgericht verkennt nicht, dass die Situation in Äthiopien weiterhin von
ethnischen Spannungen und entsprechenden Unruhen sowie teilweise
massiven Menschenrechtsverletzungen äthiopischer Sicherheitskräfte ge-
prägt ist. Der eingeleitete Demokratisierungsprozess ist nach wie vor als
fragil einzuschätzen. Insgesamt kann aber davon ausgegangen werden,
dass die allgemeine Lage in Äthiopien sich seit der Wahl von Abiy Ahmed
zum Premierminister deutlich zum Positiven verändert hat (vgl. Referenz-
urteil D-6630/2018 vom 6. Mai 2019 und Urteil des BVGer E-1865/2020
vom 24. Juli 2020 E. 5, je mit weiteren Hinweisen; AMNESTY INTER-
NATIONAL, OPED Ethiopia: Fragile new-found press freedom must be
buttressed in law and practice, 3. Mai 2019 <https://www.am-
nesty.org/en/latest/news/2019/05/oped-ethiopia-fragile-new-found-press-
freedom-must-b e-buttressed-in-law-and-practice>/; REPORTERS WITHOUT
BORDERS, New era for Ethiopia’s journalists, 2. April 2019,
<https://rsf.org/en/news/new-era-ethiopias-journalists>; US DEPARTMENT
OF STATE, Country Report on Human Rights Practices 2019 – Ethiopia,
Section 2; FREEDOM HOUSE, Freedom on the net – Ethiopia, 2020
<https://freedomhouse.org/country/ethiopia/freedom-net/2020>).
6.3.2 Vor dem Hintergrund dieser Feststellungen erscheint die Furcht des
Beschwerdeführers, aufgrund des von ihm dargelegten früheren Engage-
ments zur Verbreitung regimekritischer Publikationen von den äthiopischen
Behörden des Terrorismus beschuldigt und Opfer einer illegitimen straf-
rechtlichen Verfolgung zu werden, nicht berechtigt.
6.3.3 Die vom Beschwerdeführer eingereichten Beweismittel sowie die
Ausführungen in der Beschwerdeeingabe vermögen an dieser Einschät-
zung nichts zu ändern. Das am (...) 2019 verfasste Gutachten von
Prof. F._ basiert im Wesentlichen auf der Situation in Äthiopien im
Erstellungszeitpunkt und rechtfertigt angesichts der oben dargelegten seit-
her eingetretenen Verbesserungen der Menschenrechtslage nicht den
E-592/2019
Seite 18
Schluss auf eine aktuell bestehende begründete Furcht des Beschwerde-
führers vor Verfolgung. Dass sein Geschäftspartner K._ bedroht
und mutmasslich inhaftiert und misshandelt worden sei, erwähnte er im
Rahmen der Anhörungen nicht. Es handelt sich hierbei um eine nachge-
schobene und überdies im Wesentlichen auf Vermutungen basierende
Behauptung. Die Aufzeichnungen eines Viber-Gesprächs mit dem Ge-
schäftsfreund D._ im Jahr 2015, in welchem dieser aussagte, er sei
bedroht und nach der Adresse und der Telefonnummer des Beschwerde-
führers gefragt worden, lassen nicht mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit
auf eine gezielte Verfolgung asylrelevanter Intensität schliessen. Dies trifft
auch auf das Vorbringen des Beschwerdeführers zu, seine Familienange-
hörigen seien nach ihm befragt und bedroht worden und hätten deshalb
ihren Wohnort gewechselt. Im Übrigen wurde nicht dargetan, dass diese
Personen aktuell weiterhin relevanten Behelligungen ausgesetzt seien. Die
eingereichten Newsartikel und Kommentare zur allgemeinen Situation in
Äthiopien aus den Jahren 2010 bis 2016 weisen keinen konkreten Bezug
zum Beschwerdeführer auf, und beziehen sich überdies nicht auf die aktu-
elle Situation in Äthiopien.
6.4 Im Weiteren teilt das Bundesverwaltungsgericht die Einschätzung der
Vorinstanz, wonach das vom Beschwerdeführer geltend gemachte exil-
politische Engagement in der Schweiz nicht geeignet ist, eine begründete
Furcht vor Verfolgung im Heimatstaat glaubhaft zu machen. Es ist nicht
davon auszugehen, dass er sich mit der einmaligen Demonstrationsteil-
nahme im Januar 2016 besonders exponiert hat; der Beschwerdeführer
weist mithin auch unter diesem Blickwinkel kein Profil auf, welches ihn in
den Fokus der äthiopischen Regierung rücken dürfte. Die Vorbringen des
Beschwerdeführers, wonach er in der Schweiz von Landsleuten observiert
und verfolgt worden sei, namentlich dass ihm eine Tasche mit wichtigen
Dokumenten gestohlen worden sei, beruhen wiederum im Wesentlichen
auf unsubstanziierten Vermutungen und lassen nicht auf eine begründete
Furcht vor asylrelevanter Verfolgung schliessen.
6.5 Zusammenfassend ist es dem Beschwerdeführer somit nicht gelungen,
eine relevante Verfolgungsgefahr im Sinn von Art. 3 respektive Art. 54
AsylG nachzuweisen oder glaubhaft darzutun. Das SEM hat folglich zu
Recht seine Flüchtlingseigenschaft verneint und das Asylgesuch abgewie-
sen.
E-592/2019
Seite 19
7.
7.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
7.2 Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
8.
8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
8.2
8.2.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
8.2.2 So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land
gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem
Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft,
zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1
AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über
die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember
1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-
gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3
EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender
Strafe oder Behandlung unterworfen werden.
E-592/2019
Seite 20
8.2.3 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend da-
rauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur
Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem
Beschwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr-
dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG
verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren
keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers in den
Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
8.2.4 Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerde-
führers noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer
Ausschaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit
einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behand-
lung ausgesetzt wäre. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofes für
Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses
müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr ("real risk") nachwei-
sen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter
oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR
Saadi gegen Italien 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06,
§§ 124–127 m.w.H.). Auch die allgemeine Menschenrechtssituation in
Äthiopien lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt nicht als
unzulässig erscheinen.
8.2.5 Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im
Sinne der asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig.
8.3
8.3.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
8.3.2 Das Bundesverwaltungsgericht geht in konstanter Praxis von der
grundsätzlichen Zumutbarkeit des Vollzugs von Wegweisungen nach Äthi-
opiens aus. Die allgemeine Lage ist weder durch Krieg, Bürgerkrieg noch
durch eine Situation allgemeiner Gewalt gekennzeichnet, aufgrund derer
die Zivilbevölkerung allgemein als konkret gefährdet bezeichnet werden
müsste (vgl. BVGE 2011/25 E. 8.3, bestätigt bspw. in Referenzurteil des
BVGer D-6630/2018 vom 6. Mai 2019 E. 12.2). An dieser Praxis hält das
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Seite 21
Gericht – jedenfalls für die nicht betroffenen Landesteile – auch unter
Berücksichtigung der Ende 2020 ausgebrochenen gewaltsamen Aus-
einandersetzungen in der nördlichen Grenzprovinz Tigray fest (vgl. etwa
Urteile BVGer E-3152/2020 vom 1. März 2021 E. 7.2 oder E-2451/2020
vom 19. Februar 2021 E. 10.3).
8.3.3 Der Beschwerdeführer stammt nicht aus dem Norden des Landes,
sondern aus Addis Abeba. Die allgemeine Sicherheitslage im Heimatstaat
des Beschwerdeführers spricht somit nicht gegen die Zumutbarkeit des
Wegweisungsvollzugs.
8.3.4 Nach Auffassung des Gerichts hat die Vorinstanz ferner zu Recht
auch das Bestehen individueller Wegweisungshindernisse verneint. Der
Beschwerdeführer verfügt über eine überdurchschnittlich gute Ausbildung
sowie berufliche Erfahrung und dürfte demnach – allenfalls mit Unterstüt-
zung seines familiären Bezugsnetzes − in der Lage sein, seine wirtschaft-
liche Existenz selbstständig sicherzustellen.
8.3.5 In Bezug auf die vom Beschwerdeführer geltend gemachten gesund-
heitlichen Probleme ist Folgendes festzustellen:
8.3.5.1 Gemäss ständiger Rechtsprechung des Bundesverwaltungsge-
richts kann sich der Vollzug der Wegweisung wegen einer medizinischen
Notlage als unzumutbar erweisen, wenn für die betroffene Person bei einer
Rückkehr in die Heimat eine wesentliche medizinische Behandlung nicht
erhältlich wäre. Allein der Umstand, dass die Spitalinfrastruktur oder das
medizinische Fachwissen im Heimatstaat nicht dasselbe Niveau aufweisen
wie in der Schweiz, reicht dabei nicht aus. Von der Unzumutbarkeit des
Wegweisungsvollzugs ist erst dann auszugehen, wenn die ungenügende
Möglichkeit der Weiterbehandlung eine drastische und lebensbedrohende
Verschlechterung des Gesundheitszustandes nach sich ziehen würde (vgl.
BVGE 2009/2 E. 9.3.2 und 2011/50 E. 8.3).
8.3.5.2 Das Bundesverwaltungsgericht hat sich zur Behandelbarkeit von
schweren psychischen Krankheiten in Äthiopien bereits in verschiedenen
Entscheiden geäussert. Dabei wurde namentlich im Zusammenhang mit
den Diagnosen (schwere) PTBS und Depression festgestellt, dass sich
diese grundsätzlich auch in Äthiopien behandeln lassen (vgl. Urteil des
BVGer E-3090/2018 vom 4. Juni 2018 E. 6.4.1 mit Hinweisen etwa auf
E-1042/2016 vom 4. März 2016 E. 5.4 und D-4404/2014 vom 5. Februar
2015 E. 8.4.3; in jüngerer Zeit D-4436/2020 vom 16. Oktober 2020 E. 4.3
E-592/2019
Seite 22
m.H.). In Äthiopien sind mehrere Medikamente zur Behandlung von
depressiven Episoden und PTBS erhältlich, und es gibt in Addis Abeba
verschiedene Einrichtungen, welche psychiatrische Behandlungen anbie-
ten. Auch wenn das Amanuel Mental Hospital dort das einzige auf psychi-
sche Erkrankungen spezialisierte öffentliche Krankenhaus ist, verfügen
verschiedene weitere Spitäler über psychiatrische Abteilungen und bieten
ambulante Behandlungen an. Daneben gibt es private Kliniken, in welchen
sich psychische Beschwerden behandeln lassen (vgl. SFH, Éthiopie: accès
à des soins psychiatriques et psychothérapeutiques, 29.5.2020). Zwar trifft
es zu, dass das Gesundheitssystem in Äthiopien – gerade im Bereich der
psychiatrischen Versorgung – Defizite aufweist. Dennoch ist darauf hinzu-
weisen, dass sich in den letzten Jahren deutliche Verbesserungen gezeigt
haben und die Basisleistungen im Prinzip kostenlos sind und von der gan-
zen Bevölkerung in Anspruch genommen werden können (vgl. Referenz-
urteil D-6630/2018 vom 6. Mai 2019 E. 12.3.4; Urteil BVGer D-3579/2018
vom 18. Dezember 2020 E. 6).
8.3.5.3 Unter diesen Umständen kann davon ausgegangen werden, dass
eine adäquate Behandlung des Beschwerdeführers im Heimatstaat ge-
währleistet ist und die Rückkehr in den Heimatstaat – gegebenenfalls unter
Inanspruchnahme von medizinischer Rückkehrhilfe gemäss Art. 75 der
Asylverordnung 2 vom 11. August 1999 (AsylV 2, SR 142.312) – nicht zu
einer raschen und lebensgefährdenden Beeinträchtigung seines Gesund-
heitszustands führen wird.
8.3.6 Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung auch
als zumutbar.
8.4 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
8.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
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Seite 23
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
10.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Beschwer-
deführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Nachdem die vormalige In-
struktionsrichterin sein Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Pro-
zessführung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG mit Instruktionsverfügung vom
13. Februar 2019 gutgeheissen hatte und den Akten keine Hinweise auf
eine massgebende Veränderung der finanziellen Verhältnisse zu entneh-
men sind, ist jedoch auf eine Kostenauflage zu verzichten.
(Dispositiv nächste Seite)
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