Decision ID: c4032148-3b15-4d50-a86e-5e6238828726
Year: 2021
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
X._
, geboren 1988,
gelernter kaufmännischer Angestellter,
war zu
letzt vom
1.
J
uni bis
8.
Juli 2017
als
Bootswart/
Hilfsarbeiter
in der Bootsver
mietung
und Wer
f
t der
Z._
AG
tätig (vgl.
Urk.
8/19
/1
,
Urk.
8/51 =
Urk.
3/4)
.
Unter
Hinweis auf ein
seit Januar 2017 bestehendes
psychisches Leiden
meldete er sich
am 1
3.
Juli 2018
(Eingangsdatum)
bei der
Invalidenversicherung
zum
Leistungsbezug an
(
Urk.
8/7
Ziff.
6.1)
.
Die
Sozialversicherungsanstalt des Kantons
Zürich,
IV-Stelle
,
gewährte dem Versicherten mit Mitteilung vom 2
2.
November 2018 Kostengutsprache für ein Belastbarkeitstraining vom
5.
November 2018 bis
4.
Februar 2019
und hielt fest, dass er während der Dauer der Massnahme kein
en
Anspruch auf ein IV-Taggeld h
abe (
Urk.
8/18). Im Verlauf des Belastbarkeits
trainings
verschlechterte
sich der Gesundheitszustand des
Versicherten, so
dass er
per Ende Januar 2019 nicht mehr
daran
teilnehmen konnte und die Eingliede
rungsmassnahmen
schliesslich
mit Mitteilung vom 1
8.
Februar 2019 abge
schlos
sen wurden (
Urk.
8/20).
In der Folge erteilte die IV-Stelle mit Mitteilung vom 1
9.
März 2020 Kosten
gut
sprache für eine berufspraktische Vorbereitung bei der
A._
-Stiftung vom 1
6.
März bis 1
5.
Juni 2020,
verlängert mit Mitteilung vom
4.
Juni 2020,
wobei
dem Versi
cherten
für die Dauer der Massnahme
wiederum
kein IV-Taggeld
zugesprochen wurde (
Urk.
8/32,
Urk.
8/34). Nach Beendigung der Vorbereitungsmassnahme per 3
1.
Juli 2020
sprach die IV-Stelle dem Versicherten mit Mitteilung vom 2
1.
Juli 2020 ein
en
Arbeitsversuch
bei der
B._
AG
vom
3.
August
2020 bis
2.
Februar 2021
zu und teilte ihm mit, dass er keinen Anspruch auf ein IV-Taggeld habe (
Urk.
8/41).
Mit Schreiben vom 2
8.
Juli 2020 respektive vom 2
1.
September 2020
ersuchte
der Beschwerdeführer
die Beschwerdegegnerin um
Zustellung einer
beschwerdefähige
n
Verfügung
betreffend die
Ablehnung des Tag
geldanspruchs
(
Urk.
8/43,
Urk.
8/47).
Nach durchgeführtem
Vorbescheidver
fahren
(
Urk.
8/49,
Urk.
8/55) verneinte die IV-Stelle mit Verfügung vom 1
6.
Novem
ber 2020
einen Anspruch des Versicherten auf Taggelder der Invalidenversicherung (
Urk.
8/62 =
Urk.
2).
2.
Der Versicherte erhob am
1.
Dezember 2020 Beschwerde gegen die Verfügung vom 1
6.
November 2020 (
Urk.
2)
und beantragte, diese sei aufzuheben und es sei ihm ein Taggeld zuzusprechen (
Urk.
1 S. 2
Ziff.
1-2). Mit Beschwerdeantwort vom 2
5.
Januar 2021 beantragte die IV-Stelle die Abweisung der Beschwerde (
Urk.
7).
Mit Gerichtsverfügung vom 1
5.
März 2021 wurde antragsgemäss (vgl.
Urk.
1 S. 2
Ziff.
3) die unentgeltliche Prozessführung bewilligt und dem Beschwerdeführer die Beschwerdeantwort zugestellt (
Urk.
9).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Versicherte haben gemäss
Art.
22
des Bundesgesetzes über die Invalidenver
si
cherung (IVG)
während der Durchführung von Eingliederungsmassnahmen nach Art. 8 Abs. 3 Anspruch auf ein Taggeld, wenn sie an wenigstens drei aufeinander folgenden Tagen wegen der Massnahmen verhindert sind, einer Arbeit nachzu
gehen, oder in ihrer gewohnten Tätigkeit zu mindestens 50 % arbeitsunfähig (Art. 6
des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversiche
rungs
rechts, ATSG
) sind (Abs. 1).
1.2
Als erwerbstätig gelten gemäss
Art.
20
sexies
Abs.
1
der Verordnung über die Inva
lidenversicherung (IVV)
Versicherte, die unmittelbar vor Beginn ihrer Arbeitsun
fähigkeit (
Art.
6 ATSG) eine Erwerbstätigkeit ausgeübt
haben (
lit
. a).
Den erwerbs
tätigen Versicherten gleichgestellt sind arbeitslose Versicherte, die Anspruch auf eine Leistung der Arbeitslosenversicherung haben oder mindestens bis zum Ein
tritt der Arbeitsunfähigkeit hatten (
Abs.
2
lit
. a) sowie Versicherte, die nach
kran
k
heits
- oder unfallbedingter Aufgabe der Erwerbstätigkeit Taggelder als Ersatz
einkommen beziehen (
lit
. b).
Gemäss Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) ist für die Feststellung des Erwerbsstatus gemäss
Art.
20
sexies
IVV nicht der Zeitpunkt des Taggeldanspruchs massgebend, sondern jener der Arbeitsunfähigkeit; dieser richtet sich nach
Art.
28
Abs.
1
lit
. b IVG und fällt mit dem Beginn der einjährigen Wartezeit für den Rentenanspruch zusammen (IV-Rundschreiben Nr. 279 vom 2
0.
Mai 2009 Ziffer 2). Laut
Art.
6 ATSG wird Arbeitsunfähigkeit als die durch eine Beein
träch
tigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit bedingte, volle oder teilweise Unfähigkeit, im bisherigen Beruf oder Aufgabenbereich zumut
bare Arbeit zu leisten, definiert, wobei bei langer Dauer auch die zumutbare Tätigkeit in einem anderen Beruf oder Aufgabenbereich berücksichtigt wird.
Der Beweis des Glaubhaftmachens – bezüglich der Aufnahme einer Erwerbs
tätig
keit nach Eintritt der Arbeitsunfähigkeit – gilt zudem als geleistet, wenn die IV-Stelle die Überzeugung gewinnt, die versicherte Person hätte ohne Eintritt der Arbeitsunfähigkeit mit überwiegender Wahrscheinlichkeit eine Erwerbstätigkeit
von längerer Dauer aufgenommen. Eine einfache Absichtserklärung genügt dem
nach nicht. Vom Taggeldanspruch ausgeschlossen sind Versicherte, die im Zeit
punkt der Arbeitsunfähigkeit keine überprüfbaren Erwerbsabsichten haben (IV-Rundschreiben Nr. 279 vom 2
0.
Mai 2009 Ziffer 3 f.; vgl. auch
Rz
1003.3 des Kreisschreibens über die Taggelder der
Invalidenversicherung
(
KSTI
), in der vom
1.
Januar 2019 bis 3
1.
Dezember 2020 geltenden Fassung
)
.
1.3
Bei einem Kreisschreiben handelt es sich um eine von der Aufsichtsbehörde für richtig befundene Auslegung von Gesetz und Verordnung. Die Weisung ist ihrer Natur nach keine Rechtsnorm, sondern eine im Interesse der gleichmässigen Ge
setzesanwendung abgegebene Meinungsäusserung der sachlich zuständigen Auf
sichtsbehörde. Solche Verwaltungsweisungen sind wohl für die Durchführungs
organe, nicht aber für die Gerichtsinstanzen verbindlich (BGE 118 V 206 E. 4c, vgl. auch 123 II 16 E. 7, 119 V 255 E. 3a mit Hinweisen). Das Gericht soll sie bei seiner Entscheidung mitberücksichtigen, sofern sie eine dem Einzelfall angepasste und gerecht werdende Auslegung der anwendbaren gesetzlichen Bestimmungen zulassen. Es weicht anderseits insoweit von den Weisungen ab, als sie mit den anwendbaren gesetzlichen Bestimmungen nicht vereinbar sind (BGE 123 V 70 E. 4a mit Hinweisen).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin ging in der angefochtenen Verfügung (
Urk.
2) davon aus
, dass versicherte Personen, die unmittelbar vor ihrer Arbeitsunfähigkeit erwerbs
tätig gewesen seien, Anspruch auf Taggeld hätten. Gemäss den Akten sei der Beschwerdeführer letztmals im Juli 2017 erwerbstätig gewesen. Laut Arztbericht von
Dr.
C._
vom 2
3.
Mai 2018 sei der Beschwerdeführer seit September 2017 bei ihm in Behandlung und seit 1
5.
September 2017 arbeitsunfähig. Über frü
here Krankschreibungen seien keine Unterlagen vorhanden, insbesondere
wür
den
Nachweise (Arztberichte, Arbeitsunfähigkeitszeugnisse, Berichte von allfälli
gen stationären Behandlungen etc.) vor September 2017
fehlen
, welche eine Arbeitsunfähigkeit bestätig
ten
. Ein Anspruch auf IV-Taggelder sei nicht ausge
wiesen, da bei Eintritt des Gesundheitsschadens keine Festanstellung oder ein
Ersatzeinkommen bestanden habe. Gemäss
Einwandschreiben
vom
6.
Oktober 2
020 habe der Beschwerdeführer aus gesundheitlichen Gründen seine letzte An
stellung bei
Z._
in der Probezeit beendet. Er habe sich daraufhin aber nicht bei der Arbeitslosenversicherung angemeldet.
Zudem sei eine
Arbeitsunfähigkeit erst
ab 1
5.
September 2017 attestiert worden
. Ein Anspruch auf ein IV-Taggeld könne nur erfolgen, wenn die versicherte Person unmittelbar vor ihrer Arbeitsun
fähigkeit ein Erwerbseinkommen generiert habe. Dies könn
e in Form von Lohn,
Arbeitslosentaggeld und
Unfall-
oder
Krankentaggeld
sein, was beim
Beschwer
deführer nicht der Fall
sei
. Zusammenfassend
würden
N
achweise aus dem Jahr 2017 fehl
en, welche eine Arbeitsunfähigkeit ab oder
vor Juli 2017 bestätigten
, weshalb am Entscheid festgehalten werde (S. 2).
2.2
Demgegenüber wandte der Beschwerdeführer im Wesentlichen ein (
Urk.
1)
, aus seinem IK-Auszug gehe klar hervor, dass er während Jahren immer gearbeitet habe und bereits deshalb keinesfalls davon auszugehen sei, dass er freiwillig keiner Erwerbstätigkeit mehr nachgegangen sei. Er habe zuletzt von Juni bis Dezember 2017 einen Arbeitsvertrag bei
Z._
gehabt. Dieses Arbeitsverhältnis sei
bereits wenige Tage nach Aufnahme der Arbeitstätigkeit innert der Probezeit wieder beendet worden. Der Beschwerdeführer sei aus gesundheitlichen Gründen nicht in der Lage gewesen, die Anforderungen an diese Stelle zu erfüllen. Dieser Sachverhalt sei bereits dem Leitfaden zur Früherfassung vom Juni 2018 zu entnehmen. Im Rahmen des Erstgesprächs bei den Sozialen Diensten der Stadt Zürich habe er diesen Sachverhalt analog geschildert. Die Abklärung habe erge
ben, dass er aufgrund der laufenden Rahmenfrist auch noch Anspruch auf Arbeits
losentaggeld gehabt hätte. Aufgrund der weiter bestehenden Arbeitsunfähigkeit
sei
jedoch auf eine erneute Anmeldung für Arbeitslosentaggeld verzichtet wor
den. Ebenso gebe es keine Veranlassung davon auszugehen, dass er keine Arbeits
tätigkeit mehr aufgenommen hätte, wenn er an keinen gesundheitlichen Ein
schränkungen leiden würde. Auch aus diesem Grund seien die Voraussetzungen erfüllt und er habe Anspruch auf Taggelder der Invalidenversicherung (S. 5
Ziff.
4-8). Zusammenfassend sei weiterhin nicht verständlich, weshalb die IV-St
elle einen Anspruch auf Taggelder der Invalidenversicherung abgelehnt habe. Er wäre im Gesundheitsfall weiterhin erwerbstätig, habe seine letzte Stelle aus gesund
heitlichen Gründen beenden müssen und wäre entsprechend auch zum Bezug von Arbeitslosentaggeld legitimiert gewesen (S. 6).
2.3
Streitig und zu prüfen ist der Anspruch des Beschwerdeführers auf Taggelder
während der
Eingliederungsmassnahmen.
3.
3.1
Im Rahmen des
Check-In-Gespräch
s
vom 1
9.
September 2017
bei den Sozialen Diensten
der Stadt Zürich
(
Urk.
8/
52
=
Urk.
3/5)
habe der Beschwerdeführer angegeben, seit längerer Zeit unter Depression
en
zu leiden.
Er werde bei seinem Psychiater ein Arztzeugnis verlangen, da er sich nicht in der Lage sehe, einer Arbeit nachgehen zu können.
Das letz
te feste Arbeitsverhältnis sei
während der Probezeit
durch ihn
aufgelöst worden, da er gemerkt habe, dass er die Anfor
derungen nicht erfülle (S. 1). Er sei seit Anfang August 2017 arbeitslos, zuvor habe er eineinhalb Monate gearbeitet. Das Arbeitsverhältnis in der Gastronomie sei in der Probezeit wieder aufgelöst worden. Er habe die Stelle mündlich ge
kündigt, da er die an ihn gestellten Anforderungen aufgrund seiner Krankheit nicht habe erfüllen können. Zuvor habe er länger gar nicht gearbeitet. Die letzte längere Anstellung habe er bei
D._
gehabt, dieses Arbeitsverhältnis sei vor zirka zwei Jahren beendet worden. Mit seinen Einnahmen sei er nur knapp über die Runden gekommen, hin und wieder habe ihn sein Vate
r finanziell unterstützt. Die letzten Mieten habe seine
Mutter für ihn bezahlt. Zuletzt habe er im Januar 2017 Arbeitslosentaggelder erhalten. Beim Regionalen Arbeitsvermittlungszen
trum (RAV) respektive der Arbeitslosenkasse habe er sich nicht mehr gemeldet, da er sich nicht in der Lage fühle, die an ihn gestellten Anforderungen erfüllen zu können (S. 2).
3.2
Med.
pract
.
E._
und
Dr.
med.
C._
, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, führte
n
im Bericht vom 2
3.
Mai 2018 (
Urk.
8/3
=
Urk.
8/4
=
Urk.
8/12
) aus, dass
sie
den Beschwerdeführer seit
9.
S
eptember 2017 ambulant behandelten
(
Ziff.
1.1), und nannte
n
die folgende
n
Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit (
Ziff.
2.
5
):
-
rezidivierende mittelgradige Depression (ICD-10 F33.1)
-
Verdacht auf ADS (Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom)
-
Spielsucht (Internet)
Vom 1
5.
September 2017 bis 1
8.
Februar 2018
sei der Beschwerdeführer zu
100
%
arbeitsunfähig gewesen
und vom 3
0.
März bis 3
1.
Mai 2018
liege eine
60%ige Arbeitsunfähigkeit
vor
(
Ziff.
1.3).
Die bisherige respektive eine dem Leiden angepasste Tätigkeit sei dem Beschwerdeführer maximal zwei Stunden pro Tag zumutbar (
Ziff.
4.1-4.2).
3.3
Mit Bericht vom 2
1.
Juni 2019 (
Urk.
8/25) diagnostizierte
Dr.
med.
F._
, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, ein pathologisches Spielen (ICD-10 F63.0) mit gestörter Eigenregulation
und Tendenz zur Verwahrlosung seit der Jugend
. Der Beschwerdeführer sei derzeit nicht arbeitsfähig (
Ziff.
1.2) und werde in einer vollstationären Therapieklinik in
G._
behandelt (
Ziff.
3.1).
3.4
Die Ärzte der Universitären Psychiatrischen Kliniken
H._
stellten im Bericht vom 2
7.
September 2019 über den stationären Aufenthalt vom 1
4.
Juni bis 2
7.
September 2019 (
Urk.
8/27/8-11) die folgenden Diagnosen (S. 1):
-
sonstige abnorme Gewohnheiten und Störungen der Impulskontrolle (ICD-10 F63.8)
-
rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig mittelgradige Episode (ICD-10 F33.1)
-
einfache Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung (ICD-10 F90.0)
Der Beschwerdeführer habe bei Eintritt berichtet, dass er sich in den letzten zwei Jahren sozial isoliert habe, sehr viel zu Hause gewesen sei und
gegamed
habe, wobei es auch zu einer Tag-Nacht-Umkehr gekommen sei und er den Haushalt sowie die eigene Selbstfürsorge vernachlässigt habe (S. 1).
Sie empfahlen die wei
tere intensive psychotherapeutische Behandlung sowie Unterstützung in der Lebens
führung. Diesbezüglich erfolge zunächst die weitere tagesklinische Be
hand
lung in der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich (S. 3).
3.5
Die Fachpersonen der Universitätsklinik
I._
(vgl.
Urk.
8/28) führten
im Bericht vom
3
0.
Januar
2020 (
Urk.
8/30) aus, dass sie den Beschwerdeführer seit 3
0.
September 2019
teilstationär
behandelten (
Ziff.
1.1
,
Ziff.
2.1
), und nannten die folgenden Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit (
Ziff.
2.5):
-
sonstige abnorme Gewohnheiten und Störungen der Impulskontrolle (
online
gaming
disorder
;
ICD-10 F63.8)
-
rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig
remittiert (ICD-10 F33.4
)
-
einfache Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung (ICD-10 F90.0)
Die Fachpersonen attestierten dem Beschwerdeführer seit
3
0.
September 2019 eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit für jegliche Tätigkeiten im ersten Arbeitsmarkt (
Ziff.
1.3). Die bisherige respektive eine dem Leiden angepasste Tätigkeit sei dem Beschwerdeführer in einem zirka 50%-Pensum mit sukzessiver Steigerung zu
mutbar. Aus ihrer Sicht sei ein Jobcoaching und Praktikum im ersten Arbeits
markt sinnvoll (
Ziff.
4.2-4.3).
4.
4.1
Aus den
Akten geht hervor,
dass der Beschwer
deführer zuletzt mit einem vom
1.
Juni bis 3
1.
Dezember 2017
befristeten Arbeit
svertrag bei der
Z._
AG als
Bootswart und Hilfsarbeiter
angestellt
war (
Urk.
8/51 =
Urk.
3/4
). Gemäss Arbeit
sbestätigung des Arbeitgebers war der letzte Arbeitstag am
8.
Juli
2017 (
Urk.
8/19
/1
). Zur Beendigung des Arbeitsverhältnisses äusserte sich der Beschwer
deführer dahingehend, dass er das Arbeitsverhältnis noch während der Probezeit gekündigt habe, da er die an ihn gestellten Anforderungen aufgrund seiner ge
sundheitlichen Beschwerden nicht habe
erfüllen können (vorstehend E. 2.2, E. 3.1
)
.
Zuvor war er bis zum 1
8.
Januar 2017 bei der Arbeitslosenkasse
Unia
angemeldet
(vgl.
Urk.
3/6 S. 4)
und erhielt von März bis August 2016 sowie von Oktober 2016 bis Januar 201
7 Arbeitslosentaggelder (vgl. Auszug aus dem individuellen Konto (IK-
Auszug
) vom 2
4.
Juli 2018,
Urk.
8/11;
Urk.
3/7), wobei die
Rahmenfrist für den Bezug von Leistungen der Arbeitslosenversicherung vom 1
5.
Februar 2016 bis 1
4.
Februar 2018
dauerte
(vgl.
Urk.
3/7).
Für den
Zeitraum
zwischen der Ab
meldung von der Arbeitslosenkasse
im Januar 2017
und
der Aufnahme der Tätigkeit bei der
Z._
AG im Juni 2017
gehen aus dem IK-Auszug keine wei
teren Erwerb
stätigkeiten hervor (vgl.
Urk.
8
/11).
4.2
Nach
Art.
20
sexies
Abs.
1
lit
. a IVV gelten Versicherte
, die
unmittelbar vor Beginn ihrer Arbeitsunfähigkeit (
Art.
6 ATSG) eine Erwerbstätigkeit ausgeübt habe
n, als erwerbstätig. Hinsichtlich der Abgrenzung zwischen Erwerbstätigen und Nicht-Erwerbstätigen
hielt
das BSV im IV-Rundschreiben Nr. 279 vom 2
0.
Mai 2009 (vgl. vorstehend E.
1.2
)
fest
, dass ein Taggeldanspruch insbesondere nur no
ch jenen Personen zustehen soll
, die vor der Arbeitsunfähi
gkeit erwerbstätig waren
.
Das IV-Taggeld soll somit nur noch dem eigentlichen Zweck zugeführt werden, nämlich dem E
rsatz für ein effektives Einkom
men, das wegen der Durchführung von Abklärungs- und Eingliederungsmass
n
ahmen nicht erzielt werden kann
(vgl. auch Botschaft zur
5.
IV-Revision
, BBL 2005 4537
Ziff.
1.6.2.1
). Nichterwerbs
tätige Personen
h
aben
hingegen keinen Anspruch mehr auf ein IV-Taggeld
.
Für die Frage nach der Feststellung des Erwerbsstatus
ist
demnach nicht der Zeitpunkt des Taggeldanspruchs massgebend, sondern derjenige der Arbeitsunfähigkeit. Der Zeitpunkt der Arbeitsunfähigkeit gemäss
Art.
20
sexies
IVV richte
t
sich nach
Art.
28
Abs.
1
li
t
. b IVG und
fällt
mit dem Beginn der einjäh
rigen Wartezeit für den Rentenanspruch zusammen (AHI 2003 S. 287 E. 3a/
bb
mit Hinweisen).
Aus dem Bericht von med.
pract
.
E._
und
Dr.
C._
v
om 2
3.
Mai
2018
(vorstehend E.
3.2
) geht hervor, dass die psychiatrische Behandlung des Beschwe
r
deführers am
9.
September 2017
und somit
rund zwei Monate nach der vor
zeitigen Beendigung des Arbeitsverhältnisses
bei der
Z._
AG
aufgenommen
wurde und der Beschwerdeführer
seit 1
5.
September 2017
arbeitsunfähig ist
. A
uch wenn der Beschwerdeführer
geltend machte
, er sei aus gesundheitlichen Gründen nicht in der Lage gewesen, den Anforderungen an die Arbeitsstelle gerecht zu werden,
ergeben sich anhand der medizinischen Aktenlage keine Anhaltspunkte für eine im Zeitpunkt der Anstellung bei der
Z._
A
G bestehende Arbeitsun
fähigkeit
.
Des Weiteren gab der Beschwerdeführer auch im - offenbar vom be
handelnden Psychiater ausgefüllten - Formular zur Früherfassung vom 3
1.
Mai 2018 an, seit 1
5.
September 2017
arbeitsunf
ähig zu sein
(
Urk.
8/5
Ziff.
2)
.
Der Zeitpunkt des Eintritts der Arbeitsunfähigkeit muss mit dem im Sozialversi
che
rungsrecht üblichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit nachge
wiesen sein. Dieser Nachweis darf nicht durch nachträgliche erwerbliche oder medizinische Annahmen und spekulative Überlegungen ersetzt werden
und auch eine
erst nach Jahren rückwirkend festgelegte medizinisch-theoretische Arbeits
un
fähigkeit genügt nicht.
So ist beispielsweise
eine in der beruflichen Tätigkeit im Vergleich zu einer gesunden Person tatsächlich nur reduziert erbrachte Leis
tung für sich allein gesehen in aller Regel
nicht
ausreichend für die Bejahung einer Arbeitsunfähigkeit im Sinne des Gesetzes.
Vielmehr bedarf es dazu regel
mässig zusätzlich einer (überzeugenden) medizinischen Einschätzung, die
ordent
liche
rweise
echtzeitlicher Natur ist
(Urteil des Bundesgerichts 8C_204/2012 vom 1
9.
Juli 2012 E. 3.2 mit weiteren Hinweisen)
.
Vorliegend fehlt eine solche
medi
zinische Einschätzung
für
den Nachweis einer
bereits
im Zeitpunkt der Anstellung bei der
Z._
AG
bestehenden Arbeitsunfähigkeit.
Zur Beurteilung der massgebenden Arbeitsunfähigkeit des Beschwerdeführers ist d
emgemäss auf den Bericht von med.
pract
.
E._
und
Dr.
C._
vom 2
3.
Mai 2018 (vorstehend E.
3.2
) abzustellen und von einer Arbeitsunfähigkeit ab
1
5.
September 2017 auszugehen.
Die
Tätigkeit
des Beschwerdeführers
bei der
Z._
AG dauerte vom
1.
Juni bis
8.
Juli 2017 (vgl. vorstehend E. 4.1
). Am 1
3.
September 2017 stellte er den Antrag auf wirtschaftliche Sozialhilfe, wobei der Unterstützungsbeginn am
1.
September 2017 war (vgl. Aktennotiz über das Abklärungsgespräch vom 2
6.
Oktober 2017,
Urk.
3/6
S. 5
).
Damit hat der Be
schwerdeführer unmittelbar vor Beginn der massgeblichen Arbeitsunfähigkeit keine Erwerbstätigkeit ausgeübt, weshalb
die Voraussetzungen von
Art.
20
sexies
Abs.
1
lit
. a IVV
vorliegend nich
t erfüllt sind.
4.3
Mit
Verweis auf die Bestimmungen des KSTI
machte der Beschwerdeführer
ferner
geltend, es gebe keine Veranlassung davon auszugehen, dass er keine Arbeits
tätigkeit mehr aufgenommen hätte, wenn er an keinen gesundheitlichen Ein
schränkungen leiden würde. Auch aus diesem Grund habe er Anspruch auf Tag
gelder der Invalidenversicherung (vgl. vorstehend E. 2.2).
Zu
Art.
20
sexies
Abs.
1
lit
. b IVV
, wonach
Versicherte, die glaubhaft machen, dass sie nach Eintritt der Arbeitsunfähigkeit eine Erwerbstätigkeit von längerer Dauer aufge
nommen hätten,
als erwerbstätig gelten,
äusserte sich das Bundesgericht
eingehend
in BGE 146 V 271 und gelangte zum Schluss, dass
der Verordnungs
bestimmung
mangels einer
gesetzliche
n
Gru
ndlage die Anwendung versagt bleiben muss
. Dies begründete das Bundesgericht damit, dass gemäss der
bundes
rätlichen
Botschaft vom 2
2.
Juni 2005 mit der
5.
IV-Revision unter anderem eine Anpassung des IV-Taggeldsystems erfolgen sollte, um negative Anreizwirkungen zu beseitigen
.
Mit der Änderung von
Art.
23
Abs.
2 IVG ist die Aufhebung der Mindestgarantie von 30
%
des Höchstbetrages des Taggeldes nach
Art.
24
Abs.
1 IVG für Versicherte umgesetzt worden, die vor der Eingliederung nicht erwerbs
tätig waren
(E. 6.2.1.1).
Der Bundesrat
setzte
die Aufhebung des Mindesttaggeldes für Nichterwerbstätige in der Verordnung indes nicht um
und übersah
, dass die Grundlage für diese Verordnungsb
estimmung mit der Neuformulierung
des
Art.
23 IVG im Rahmen der
5.
IV-Revision weggefa
llen war
. Jedenfalls für die Zeit nach Inkrafttreten der mit der
5.
IV-Revision vorgenommenen Gesetzes
ände
rungen auf den
1.
Januar 2008 m
uss
die Verordnungsbestimmung als gesetz
widrig qualifiziert werden, weil sie die dem Bundesrat delegierten Kompetenzen
sprengt
(E. 7, vgl. zum Ganzen
Meier,
Nr. 21
Bundesgericht, I. sozialrechtliche Abteilung, Urteil 8C_508/2019 vom 2
7.
Mai 2020 = BGE 146 V 271 (d)
, in: SZS 3/2021, S. 156-157
).
B
ei einer mangelnden
Gesetzesgrundlage für einen Taggeldanspruch Nichter
werbstätiger
erübrigen sich
Erörterungen zu den Beweisanforderungen an die Glaubhaftmachung im Sinne von
Art.
20
sexies
Abs.
1
lit
. b IVV
, denn der
Ver
ordnungsbestimmung sowie den entsprechenden Bestimmungen des KSTI in der vom
1.
Januar
2019
bis 3
1.
Dezember
2020
geltenden Fassung
muss die Anwen
dung versagt bleiben
(vgl. auch
die in der seit
1.
Januar 2021 geltenden Fassung des KSTI
vorgenommenen Änderungen
, S. 2-3)
.
4.4
Nach
Art.
20
sexies
Abs.
2
lit
. a
IVV
sind
arbeitslose Versicherte, die Anspruch auf ein
e Leistung der Arbeitslosen
versicherung haben oder mindestens bis zum Ein
tritt der Arbeitsunfähigkeit hatten
, den erwerbstätigen Versicherten gleichgestellt.
In
Art.
8
Abs.
1
des Bundesgesetzes über die obligatorische Arbeitslosenversi
cherung und die Insolvenzentschädigung (AVIG)
werden die Anspruchsvoraus
setz
ungen für den Bezug einer Arbeitslosenentschädigung geregelt.
Für den An
spruch ist insbesondere erforderlich, dass die versicherte P
erson
ga
nz oder teil
weise arbeitslos
(
lit
. a)
und
vermittlungsfähig ist (
lit
. f) und die Kontrollvor
schriften erfüllt (
lit
. g).
Als
ganz oder teilweise arbeitslos
gilt die arbeitssuchende Person gemäss
Art.
10
Abs.
3 AVIG erst, wenn sie sich zur Arbeitsvermittlung angemeldet hat.
Gemäss Aktenlage meldete sich der Beschwerdeführer per 1
8.
Januar 2017 bei der Arbeitslosenkasse
Unia
ab, obwohl die Rahmenfrist für den Leistungsbezug noch bis 1
4.
Februar 2018 geda
uert hätte (vgl. vorstehend E. 4.1
).
Bei
Eintritt der Arbeitsunfähigkeit am 1
5.
Sept
ember 2017 (vgl. vorstehend E. 4.2
)
war er
somit
nicht mehr zur Arbeitsvermittlung angemeldet und galt
weder
als arbeitslos
im Sinne des AVIG noch war er vermittlungsfähig oder
erfüllte die Kontroll
vor
schriften.
Demgemäss hatte er bei
Eintritt der Arbeitsunfähigkeit keinen Anspruch auf
Leistu
ngen der Invalidenversicherung, weshalb er die
Voraussetzungen von
Art.
20
sexies
Abs.
2
lit
. a
IVV
nicht
zu erfüllen vermag.
4.5
Zusammenfassend
kann festgehalten werden, dass
der Beschwerdeführer
die Anspruchsvoraussetzungen für den Bezug von Taggeldern der Invalidenver
si
che
rung während der Durchführung von Eingliederungsmassnahmen nicht erfüllt,
da
er
nicht als erwerbstätig im Sinne von
Art.
20
sexies
IVV zu betrachten (
vgl.
vor
stehend E. 4.2-4.4
) und ein Mindesttaggeld für Nichterwerbstätige auf Ge
setzes
stufe nicht mehr vorgesehen ist (
vgl.
vorstehend E. 4.3
;
BGE 146 V 271 E. 7).
Damit ist die Beschwerde abzuweisen.
5.
5.1
Da es um die Bewilligung oder Verweigerung von Versicherungsleistungen geht, ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Gerichtskosten sind nach dem Ver
fah
rens
aufwand und unabhängig vom Streitwert festzulegen (
Art.
69
Abs.
1
bis
IVG) und auf
Fr.
5
00.-- anzusetzen. Entsprechend dem Ausgang des Verfahrens sin
d sie dem
u
nterliegenden Beschwerdeführer aufzuerlegen, zufolge Gewährung der un
ent
geltlichen Prozessführung jedoch einstweilen auf die Gerichtskasse zu nehmen.
5.2
Der Beschwerdeführer ist auf
§
16
Abs.
4
des Gesetzes über das Sozialver
siche
rungsgericht (
GSVGer
)
hinzuweisen, wonach er zur Nachzahlung der Prozess
kosten verpflichtet ist, sobald er dazu in der Lage ist.