Decision ID: ea05f9ee-c059-4db3-a139-1bc5d716f7d0
Year: 2008
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
G._,
Beschwerdeführer,
vertreten durch Rechtsanwältin lic. iur. Linda Keller, Waisenhausstrasse 17, Postfach,
9001 St. Gallen,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdegegnerin,
betreffend
Rente
Sachverhalt:
A.
A.a Der 1950 geborene G._ meldete sich am 22. Februar 2006 bei der
Invalidenversicherung an und beantragte namentlich eine Rente. Er gab an, keine
spezifische Ausbildung absolviert zu haben. Im November 1968 sei er in die Schweiz
gekommen, wo er als Hilfsspengler, zuletzt bei der A._ AG in St. Gallen, gearbeitet
habe. Per 30. September 2005 sei das Arbeitsverhältnis durch den Arbeitgeber
gekündigt worden. Er leide an Arthrose in den Knien, im rechten Knie sei ihm anlässlich
einer ersten Operation am 4. Februar 2005 eine Totalprothese eingesetzt und später
ausgewechselt worden. Seit dem 26. Mai 2005 sei er zu 100% arbeitsunfähig
(act. G 7.1/1).
A.b Im Fragebogen für den Arbeitgeber (act. G 7.1/11) gab die A._ AG, St. Gallen, an,
der Versicherte sei vom 1. Juli 2004 bis 30. September 2005 als Hilfsspengler bei ihr
beschäftigt gewesen. Das Arbeitsverhältnis sei aus wirtschaftlichen Gründen von ihr
aufgelöst worden. Seit dem 1. Januar 2005 habe der Versicherte monatlich Fr. 4'250.--
brutto verdient. Mit Schreiben vom 2. Mai 2006 (act. G 7.1/13) reichte die A._ AG
eine Arbeitsplatzbeschreibung nach. Der Versicherte habe aus Blechtafeln Kanal- und
Formteile bearbeitet, Rahmenverbindungen mit der Pressfügemaschine gepunktet und
Bleche zu Formteilen abgekantet. Die fabrizierten Lüftungskanalteile hätten jeweils per
LKW versandt bzw. bereitgestellt werden müssen. Er habe Bleche heben und tragen
müssen. Zu 85% der Arbeitszeit habe er im Stehen gearbeitet.
A.c Mit Arztbericht vom 20. März 2006 (act. G 7.1/8) teilte Dr. med. B._, Spezialarzt
für Orthopädische Chirurgie FMH, mit, der Versicherte leide an einer schweren
Gonarthrose der Knie beidseits bei einem Status nach Knie-Totalprothese rechts. Der
Gesundheitszustand des Versicherten sei stationär. Seit dem 26. Mai 2005 und bis auf
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Weiteres sei er zu 100% arbeitsunfähig. Am 27. Mai 2005 sei eine Knie-Totalprothese
rechts eingesetzt worden. Im weiteren Verlauf sei eine progrediente Insuffizienz der
Kollateralbänder medial und lateral aufgetreten, weshalb eine operative Revision, ein
Inlay-Wechsel zum besseren Gelenksfluss durchgeführt worden sei. Zu Beginn sei die
Stabilität gut gewesen, dann seien wieder progrediente Instabilitätssymptome
aufgetreten. Dank intensivster andauernder physiotherapeutischer Behandlung habe
sich die Gesamtsituation in letzter Zeit wieder verbessert. In der bisherigen Tätigkeit sei
der Versicherte zu 100% arbeitsunfähig. Nur eine sitzende Tätigkeit sei noch möglich,
nach einer gewissen Anpassungsphase sei diese allenfalls vollumfänglich möglich.
A.d Mit Verlaufsbericht vom 1. Juni 2006 (act. G 7.1/15) teilte Dr. med. B._ mit, der
Gesundheitszustand des Versicherten habe sich verschlechtert. Trotz erneuter
operativer Stabilisierung des rechten Kniegelenks sei nach zuerst guter Stabilität
wieder eine progrediente Weichteilinstabilität aufgetreten, weshalb die Implantation
einer achsgeführten Knie-Totalprothese vorgenommen werden müsse. Das rechte Knie
sei nicht belastbar. Eine sitzende Tätigkeit sei dem Versicherten wohl vollumfänglich
zumutbar.
A.e Die IV-Stelle ermittelte daraufhin bei einem Valideneinkommen von Fr. 53'025.--
und einem Invalideneinkommen von Fr. 47'723.-- einen Invaliditätsgrad von 10% und
lehnte mit Vorbescheid vom 8. August 2006 (act. G 7.1/20) das Rentenbegehren ab.
A.f Gegen diesen Vorbescheid erhob Rechtsanwalt lic. iur. Adrian Kamber für den
Versicherten am 8. September 2006 (act. G 7.1/24) Einwand mit dem Antrag, das
Verfahren bis zum Abschluss der medizinischen Behandlung des Versicherten zu
sistieren, eventualiter weitere ärztliche Zeugnisse bzw. Gutachten einzuholen. Zur
Begründung führte Rechtsanwalt Kamber aus, die gesundheitliche Situation des
Versicherten sei momentan instabil bzw. nicht abschätzbar, weshalb im jetzigen
Zeitpunkt nicht davon gesprochen werden könne, dass dem Versicherten eine
vollzeitliche leidensangepasste Tätigkeit zumutbar sei. Im Übrigen habe die IV-Stelle
das Valideneinkommen nicht korrekt ermittelt. Aus den Lohnabrechnungen des
Arbeitgebers ergebe sich, dass der Versicherte Anspruch auf einen 13. Monatslohn
habe, was von der IV-Stelle nicht berücksichtigt worden sei. Beim Invalideneinkommen
sei aufgrund des fortgeschrittenen Alters des Versicherten und der Tatsache, dass er
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
über keine adäquate Schulbildung verfüge, ein Leidensabzug von 25%, nicht nur von
10%, vorzunehmen.
Mit Schreiben vom 5. Oktober 2006 (act. G 7.1/28) teilte Rechtsanwalt Kamber mit,
gemäss beigelegter Bestätigung von Dr. med. B._ (act. G 7.1/29) werde sich der
Versicherte am 3. November 2006 einer grossen Kniegelenksoperation unterziehen
müssen, wobei ihm ein achsgeführtes Implantat eingesetzt werden müsse. Die
medizinische Behandlung des Versicherten könne damit nicht als abgeschlossen
betrachtet werden, weshalb das Verfahren zu sistieren sei.
A.g Auf Anfrage hin hielt der Regionale Ärztliche Dienst (RAD) Ostschweiz am
3. November 2006 (act. G 7.1/30) fest, da wegen Instabilität des zweimal voroperierten
Knies eine Reoperation notwendig sei und bei den vorliegenden medizinischen
Vorgaben grosse Wiedereingriffe notwendig seien, könne nicht am Entscheid
festgehalten werden. In sechs Monaten sei ein weiteres Arztzeugnis einzuholen.
Die IV-Stelle teilte daraufhin Rechtsanwalt Kamber am 22. November 2006
(act. G 7.1/31) mit, das Verfahren werde bis Frühjahr 2007 sistiert.
A.h Im Verlaufsbericht vom 12. März 2007 (act. G 7.1/32) führte Dr. med. B._ aus, der
Gesundheitszustand des Versicherten habe sich verbessert. Die Diagnose laute
unverändert auf Gonarthrose links und Knie-Totalprothese rechts. Es sei eine neue
operative Behandlung mit Implantation einer achsgeführten Rotationsprothese
durchgeführt worden, womit jetzt eine gute Kniegelenksstabilität erreicht worden sei.
Restbeschwerden bestünden vor allem patellär rechts. Links träten
belastungsabhängige gonarthrotisch bedingte Beschwerden auf. Die Prognose für das
linke Knie sei eher ungünstig wegen zu erwartender Progredienz der Arthrose. Rechts
seien Restbeschwerden peripatellär möglich. Das linke Knie sei wegen der Arthrose
nicht belastbar, die Belastbarkeit des rechten Knies sei wegen peripatellärer
Restbeschwerden vermindert. In einer sitzenden Tätigkeit sei dem Versicherten ein
volles Arbeitspensum möglich.
A.i Gestützt auf diesen Verlaufsbericht und die Stellungnahme des RAD Ostschweiz
vom 10. April 2007 (act. G 7.1/33) wies die IV-Stelle mit Verfügung vom 11. April 2007
(act. G 7.1/34) bei einem Invaliditätsgrad von 10% das Rentenbegehren ab.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.
Gegen diese Verfügung richtet sich die von Rechtsanwalt lic. iur. Adrian Kamber für
den Versicherten am 16. Mai 2007 (act. G 1) erhobene Beschwerde mit den Anträgen,
die Verfügung vom 11. April 2007 sei aufzuheben und dem Beschwerdeführer sei ab
26. Mai 2006 eine IV-Rente basierend auf einem Invaliditätsgrad von mindestens 70%
zuzusprechen. Eventualiter sei die Angelegenheit zur Neubeurteilung bzw. zur
Ergänzung des Sachverhalts an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Der
Beschwerdeführer lässt zudem die unentgeltliche Rechtsverbeiständung beantragen.
Zur Begründung führt Rechtsanwalt Kamber im Wesentlichen aus, indem die
Beschwerdegegnerin bei Dr. B._ einen Verlaufsbericht und beim RAD eine
Stellungnahme eingeholt habe, ohne dass dem Beschwerdeführer die Einholung dieser
Berichte angekündigt noch ihm Gelegenheit gegeben worden sei, allfällige
Ergänzungsfragen zu stellen und ihm der Inhalt dieser Berichte vor Erlass der
angefochtenen Verfügung nicht zur Kenntnis gebracht worden sei, habe sie das
rechtliche Gehör des Beschwerdeführers verletzt. Zudem sei der Gesundheitszustand
des Beschwerdeführers im jetzigen Zeitpunkt nicht als derart stabil zu bezeichnen,
dass eine allfällige Restarbeitsfähigkeit abschliessend beurteilt werden könne. So sei
nicht geklärt, welche Auswirkungen die Restbeschwerden im rechten Knie sowie die
allenfalls zu erwartende Progredienz der Arthrose im linken Knie auf die
Restarbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers haben könnten. Im Übrigen sei die
Einschätzung von Dr. B._ bereits aufgrund seiner eigenen Ausführungen nicht
nachvollziehbar. So attestiere er dem Beschwerdeführer eine volle Arbeitsfähigkeit in
sitzender Tätigkeit, halte aber fest, das linke Knie des Beschwerdeführers sei
überhaupt nicht und das rechte nur vermindert belastbar. Zudem sei dem
Beschwerdeführer wegen seines fortgeschrittenen Alters und der Tatsache, dass er
über keine adäquate Schulbildung verfüge, ein Leidensabzug von mindestens 25% zu
gewähren.
Mit Schreiben vom 13. Juni 2007 (act. G 4) lässt der Beschwerdeführer das Gesuch um
Erteilung der unentgeltlichen Prozessführung zurückziehen.
C.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Die Beschwerdegegnerin beantragt mit Beschwerdeantwort vom 13. August 2007
(act. G 7) Abweisung der Beschwerde. Ein Abschluss der medizinischen Behandlung
sei bei der Rentenfrage nicht relevant. Auch wenn die medizinische Behandlung
weitergehe, stehe fest, dass zurzeit eine volle Arbeitsfähigkeit in einer sitzenden
Tätigkeit bestehe. Da aus orthopädischer Sicht keine Einschränkung der
Arbeitsfähigkeit in einer adaptierten Tätigkeit vorliege, werde der Versicherte nur eine
minimale Erwerbseinbusse beim Wechsel der bisherigen in eine angepasste Tätigkeit
erleiden. Es könne daher offenbleiben, ob ein Leidensabzug von 10% oder, wie vom
Rechtsvertreter des Beschwerdeführers geltend gemacht, von 25% vorzunehmen sei.
Der Invaliditätsgrad liege so oder so unter 40% und der Beschwerdeführer habe keinen
Rentenanspruch. Bezüglich der geltend gemachten Verletzung des rechtlichen Gehörs
sei festzuhalten, dass die Sistierung des Verfahrens und das Einholen eines
Verlaufsberichts auf Wunsch des Rechtsvertreters des Beschwerdeführers erfolgt sei.
Nachdem Dr. B._ in seinem Bericht vom 12. März 2007 die bereits in den Berichten
vom 20. März und 22. Juni 2006 attestierte volle Arbeitsfähigkeit in adaptierter Tätigkeit
bestätigt habe, sei alles beim Alten geblieben und der Vorbescheid vom 8. August 2006
habe wieder Gültigkeit gehabt. Es könne somit nicht von einer Verletzung des
rechtlichen Gehörs gesprochen werden.
D.
Mit Replik vom 26. Oktober 2007 (act. G 13) lässt der Beschwerdeführer an den
Beschwerdeanträgen festhalten. Er sei seit dem 26. Mai 2005 wegen einer schweren
Gonarthrose und progredienter Bandinstabilität vollständig arbeitsunfähig. Weder eine
sitzende noch eine stehende oder gehende Tätigkeit sei ihm zumutbar, er sei sogar
ohne Arbeitsbelastung erheblich eingeschränkt. Diese vollständige Arbeitsunfähigkeit
bestehe bereits seit längerer Zeit. Dies bestätige auch Dr. B._ in seinem beigelegten
Schreiben vom 18. Oktober 2007 (act. G 13.1).
E.
Mit Duplik vom 6. November 2007 (act. G 15) hält die Beschwerdegegnerin an ihrem
Antrag auf Abweisung der Beschwerde fest. Gemäss dem Bericht von Dr. B._ vom
18. Oktober 2007 träten noch keine Schmerzen auf, wenn der Beschwerdeführer 15 bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
20 Minuten sitze und dann wieder aufstehe. Auch sei das Stehen für eine halbe Stunde
möglich, wenn er sich immer etwas dabei bewege. Somit sei eine adaptierte
(wechselbelastende) Tätigkeit nach wie vor zumutbar. Zudem sei nicht der aktuelle
Gesundheitszustand, sondern jener im Verfügungszeitpunkt massgebend. Damals sei
eine leidensangepasste Tätigkeit sicher voll zumutbar gewesen.

Erwägungen:
1.
Am 1. Januar 2008 ist die 5. IV-Revision in Kraft getreten. Dadurch sind im
Bundesgesetz über die Invalidenversicherung (IVG; SR 831.20) verschiedene
Änderungen erfolgt. Da die streitige Verfügung am 11. April 2007, mithin vor dem
1. Januar 2008, erging, sind vorliegend noch die bis zum 31. Dezember 2007 geltenden
materiellen Bestimmungen anwendbar (BGE 127 V 467 E. 1 und BGE 121 V 366 E. 1b).
2.
2.1 Nach Art. 28 Abs. 1 IVG besteht der Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn
die versicherte Person mindestens zu 70%, und derjenige auf eine Dreiviertelsrente,
wenn sie mindestens zu 60% invalid ist. Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens
50% besteht Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem Invaliditätsgrad von
mindestens 40% Anspruch auf eine Viertelsrente. Unter Invalidität wird die
voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise
Erwerbsunfähigkeit verstanden (Art. 8 Abs. 1 ATSG). Erwerbsunfähigkeit ist der durch
eine Beeinträchtigung der körperlichen oder geistigen Gesundheit verursachte und
nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise
Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen
Arbeitsmarkt (Art. 7 ATSG).
2.2 Die Invaliditätsbemessung soll das Mass der Zurücksetzung der erwerblichen
Leistungsfähigkeit infolge gesundheitlicher Beeinträchtigung ergeben. Um den
Invaliditätsgrad festlegen zu können, sind daher medizinische Grundlagen wesentlich.
Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beschreiben und
dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
versicherte Person arbeitsunfähig ist. Die ärztlichen Auskünfte sind in der Folge eine
wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche Arbeitsleistungen der
versicherten Person noch zugemutet werden können (BGE 125 V 261 E. 4; ZAK 1982
S. 34; Rz 3047 f des vom Bundesamt für Sozialversicherungen erlassenen
Kreisschreibens über die Invalidität und Hilflosigkeit in der Invalidenversicherung =
KSIH). Die IV-Stelle hat zu prüfen, wie sich die invaliditätsbedingten Faktoren auf die
Vermittlungsfähigkeit und die Erwerbsmöglichkeiten auswirken (Rz 3049 KSIH). Ob die
versicherte Person eine ihr zumutbare Tätigkeit auch tatsächlich ausübt, ist für die
Invaliditätsbemessung hingegen unerheblich (Rz 3046 KSIH).
3.
3.1 Strittig ist vorliegend die Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers in adaptierter
Tätigkeit. Die Beschwerdegegnerin geht in ihrer Verfügung vom 11. April 2007
(act. G 7.1/34) gestützt auf den Verlaufsbericht von Dr. med. B._ vom 12. März 2007
davon aus, dass der Beschwerdeführer in einer sitzenden Tätigkeit zu 100%
arbeitsfähig sei. Der Beschwerdegegner macht demgegenüber geltend, seine
Arbeitsfähigkeit sei weit geringer, denn er sei nicht in der Lage, längere Zeit zu sitzen.
Dr. B._ bestätige in seinem Schreiben vom 18. Oktober 2007 (act. G 13.1), dass dem
Beschwerdeführer wegen patellärer Beschwerden und zunehmender Schmerzen im
linken Knie weder eine stehende noch gehende noch sitzende Tätigkeit zumutbar sei.
3.2 Wie die Beschwerdegegnerin zutreffend ausführt, ist grundsätzlich die Situation im
Zeitpunkt des Verfügungserlasses, vorliegend der 11. April 2007, massgeblich. Zu
diesem Zeitpunkt ist gemäss den vorhandenen Unterlagen eine volle Arbeitsfähigkeit
des Beschwerdeführers in adaptierter Tätigkeit ausgewiesen. Dr. B._ diagnostiziert
beim Beschwerdeführer in seinem Verlaufsbericht vom 12. März 2007 eine Gonarthrose
links und eine Knie-Totalprothese rechts. Die Kniegelenksstabilität sei nach der neuen
operativen Behandlung mit Implantation einer achsgeführten Rotationsprothese gut,
Restbeschwerden bestünden vor allem patellär rechts. Links seien
belastungsabhängige gonarthrotisch bedingte Beschwerden vorhanden. Die Prognose
für das linke Knie sei eher ungünstig wegen der zu erwartenden Progredienz der
Arthrose, rechts seien Restbeschwerden peripatellär möglich. Wegen der Arthrose sei
das linke Knie nicht belastbar, beim rechten Knie bestünde wegen der peripatellären
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Restbeschwerden eine verminderte Belastbarkeit. In einer sitzenden Tätigkeit sei dem
Beschwerdeführer ein volles Arbeitspensum möglich.
Sieben Monate später jedoch, im Schreiben vom 18. Oktober 2007, diagnostiziert Dr.
B._ einen Status nach Knie-Totalprothese bei schwerer Gonarthrose und
progredienter Bandinstabilität sowie einen Status nach Reoperation und Implantation
eines achsgeführten stabilen Systems: RT-Plus Solution und attestiert dem
Beschwerdeführer eine Arbeitsunfähigkeit von 100%. Patelläre Beschwerden hätten
wohl schon anlässlich der Kontrolle vom 5. März 2007 bestanden, aufgrund derer das
Zeugnis vom 12. März 2007 ausgestellt wurde. Diese Problematik habe sich im
weiteren Verlauf zunehmend verstärkt. Zunehmend träten auch Schmerzen im linken
Knie auf, welches ebenfalls degenerative Veränderungen aufweise und durch die
Entlastung rechts überlastet werde. Der Beschwerdeführer könne nach eigenen
Angaben höchstens zehn Minuten gehen ohne anhalten zu müssen, wegen dann
massiv auftretenden Schmerzen im Kniescheibenbereich. Beim Sitzen würden
Schmerzen schon nach weniger als einer halben Stunde auftreten, so dass er immer
wieder aufstehen müsse. Stehen könne er wohl eine halbe Stunde, müsse sich aber
immer etwas dabei bewegen. Unter diesen Voraussetzungen sei dem
Beschwerdeführer weder eine stehende noch gehende noch sitzende Tätigkeit
zumutbar.
3.3 Indem Dr. B._ seine Einschätzung der Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers
innert nur sieben Monaten, bei gleichbleibender Diagnose, wesentlich geändert hat,
weckt dies grundlegende Zweifel an seinen Einschätzungen, namentlich auch den
früheren. Es ist nicht nachvollziehbar, dass sich die Arbeitsfähigkeit des
Beschwerdeführers in adaptierter Tätigkeit innerhalb eines so kurzen Zeitrahmens in
einem solchen Ausmass verschlechtert haben soll. Vielmehr ist anzunehmen, dass im
Zeitpunkt des Verlaufsberichts vom März 2007 noch kein stabilisierter
Gesundheitszustand vorlag und die Prognose des behandelnden Arztes deswegen
möglicherweise zu günstig ausfiel. Auf die Arztberichte von Dr. B._ kann daher nicht
abgestellt werden. Die Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers in adaptierter Tätigkeit
ist somit nicht klar und die Beschwerdegegnerin hat ergänzende medizinische
Abklärungen durchzuführen. Je nach deren Ergebnis wird die Beschwerdegegnerin
alsdann auch prüfen müssen, ob und allenfalls welche Unterstützung zur beruflichen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Wiedereingliederung (Arbeitsvermittlung, evtl. Einarbeitungshilfen) erforderlich sind.
Denn in der früher ausgeübten Tätigkeit als Hilfsspengler ist eine Arbeitsfähigkeit
unbestrittenermassen und nachweislich nicht mehr gegeben. Dabei ist offen geblieben,
ob die Zeit der Arbeitsunfähigkeit - geprägt auch durch die lange und wechselhafte
Behandlung ab Mai 2005 - nicht eine (vorübergehende) Rente rechtfertigt. Nach
Vorliegen der nachzuholenden medizinischen Beurteilung der verbliebenen
Arbeitsfähigkeit - sowohl was die Art der adaptierten Tätigkeit angeht, als auch das
zumutbare Ausmass -, wird die Beschwerdegegnerin auch darüber zu befinden haben.
3.4 Bei diesem Verfahrensausgang kann offenbleiben, ob die Beschwerdegegnerin,
indem sie die angefochtene Verfügung erlassen hat, ohne die zuvor eingeholten
Berichte von Dr. B._ und des RAD vorgängig dem Beschwerdeführer zur Kenntnis zu
bringen, dessen Anspruch auf rechtliches Gehör so schwer verletzt hat, dass dies eine
Rückweisung rechtfertigen könnte.
4.
4.1 Nach dem Gesagten ist die angefochtene Verfügung vom 11. April 2007
aufzuheben und die Sache ist zur Vornahme der weiteren Abklärungen im Sinne der
Erwägungen und zu neuer Verfügung an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
4.2 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis
Fr. 1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Vorliegend erscheint eine Gerichtsgebühr
von Fr. 600.-- als angemessen. Da die Rückweisung zur Neubeurteilung praxisgemäss
als volles Obsiegen gilt (ZAK 1987 S. 268 E. 5a), ist die Gerichtsgebühr der
Beschwerdegegnerin aufzuerlegen. Der geleistete Kostenvorschuss von Fr. 600.-- ist
dem Beschwerdeführer zurückzuerstatten.
4.3 Bei diesem Verfahrensausgang hat der Beschwerdeführer Anspruch auf eine
Parteientschädigung. Unter Berücksichtigung von Art. 61 lit. g ATSG erscheint eine
Entschädigung von Fr. 3'500.-- (inkl. Barauslagen und Mehrwertsteuer) als
angemessen.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 53 GerG