Decision ID: f23520ef-80dd-486a-a348-48f98b8b384c
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer – ein ethnischer Kurde mit türkischer Staatsbürger-
schaft aus dem Dorf Uzün Kuyü, Provinz Adiyaman − reiste am 20. März
2017 in die Schweiz ein und suchte gleichentags im Empfangs- und Ver-
fahrenszentrum (EVZ) Kreuzlingen um Asyl nach. Am 23. März 2017 fand
die Befragung zur Person (BzP) und am 24. April 2017 die Anhörung zu
den Asylgründen statt.
B.
Zur Begründung des Asylgesuchs brachte der Beschwerdeführer im We-
sentlichen vor, er sei seitens der Behörden unter politischen Druck versetzt
worden. Seine Familie erleide in ihrem Dorf seit Jahren Repressalien und
werde verfolgt, weil sein der HDP (Demokratische Partei der Völker) ange-
höriger Cousin vor zehn bis fünfzehn Jahren wegen der Mitgliedschaft in
der illegalen Organisation verurteilt worden sei, aber auch weil sie die Re-
gierungspartei AKP (Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung) nie unter-
stützt habe. Der Beschwerdeführer habe die HDP unterstützt und deren
Veranstaltungen beigewohnt. Nach der Machtergreifung durch die AKP sei
er in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren ständig umhergereist (beispiels-
weise nach Adana und Antep, in Nachbardörfer, in die Berge), während-
dessen er von den Behörden vergeblich im Dorf gesucht worden sei. Er
habe sich einmal einer Personenkontrolle unterziehen müssen, bei welcher
er sich aber nicht als A._ zu erkennen gegeben habe. Im Weiteren
sei er von den türkischen Behörden zur Stimmabgabe für ein Referendum
gedrängt worden, wobei ihm bei deren Verweigerung angedroht worden
sei, versprochene Hilfsleistungen in Form von Heizkohle und Lebensmittel
würden eingestellt. Auch sein als Lehrer und Delegierter der HDP tätig ge-
wesener Bruder sei immer unterwegs gewesen. Mit einem Schlepper sei
der Beschwerdeführer für Euro 6000.– in einer zweitägigen Lastwagenfahrt
über ihm unbekannte Länder in die Schweiz gelangt.
Zum Nachweis seiner Identität reichte der Beschwerdeführer seine Identi-
tätskarte ein. Zu seinem Gesundheitszustand brachte er vor, seit ungefähr
zwei Jahren an psychischen Problemen zu leiden sowie in der Schweiz in
ärztlicher Behandlung zu sein.
C.
Das SEM verneinte mit Entscheid vom 20. Juli 2017 die Flüchtlingseigen-
schaft des Beschwerdeführers, wies dessen Asylgesuch erstmals ab und
ordnete die Wegweisung aus der Schweiz sowie den Vollzug an.
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D.
Der Beschwerdeführer erhob mit Eingabe vom 21. August 2017 gegen die-
sen Entscheid beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde (Verfahren
D-4702/2017) und legte nebst den vorinstanzlichen Befragungsprotokollen
des SEM im Wesentlichen Presseberichte von n-tv vom 2. Dezember 2016
und der NZZ vom 24. März 2017 sowie ein Dokument betreffend Meldung
eines medizinischen Falles vom 15. Mai 2017 bei.
E.
Am 16. Juli 2018 brachte er in einer Beschwerdeergänzung vor, ein ihm
Unbekannter namens E.D. habe bei der türkischen Generalstaatsanwalt-
schaft Anzeige gegen ihn erstattet und es sei ein Strafverfahren wegen
Terrorpropaganda und Beleidigung des Staatspräsidenten und des türki-
schen Staates eröffnet worden. Als Beweismittel legte er diverse Doku-
mentkopien bei (sechs Facebook-Auszüge sowie seitens der General-
staatsanwaltschaft Bakirköy ein Anhörungsprotokoll betreffend E.D. vom
17. März 2018, ein Schreiben [Büro für Cyberkriminalität] vom 19. März
2018 und einen Unzuständigkeitsentscheid vom 24. April 2018; A37/28).
Im Verlauf des Verfahrens wurden weitere Beweismittel eingereicht (u.a.
Eröffnungsbeschluss des Strafgerichts in Istanbul vom 23. August 2019
und Antragsgenehmigung vom 25. Februar 2019).
F.
Das SEM hob mit Verfügung vom 24. Januar 2020 seinen Entscheid vom
20. Juli 2017 im Rahmen des Schriftenwechsels auf und nahm das
vorinstanzliche Verfahren (N 692 123) wieder auf, weshalb das Bundesver-
waltungsgericht mit Urteil D-4702/2017 vom 29. Januar 2020 das Be-
schwerdeverfahren infolge Gegenstandslosigkeit abschrieb.
G.
Mit Entscheid vom 1. April 2021 verneinte das SEM die Flüchtlingseigen-
schaft des Beschwerdeführers, lehnte dessen Asylgesuch vom 20. März
2017 erneut ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz sowie den
Vollzug an.
H.
Der Beschwerdeführer erhob mit Eingabe seiner Rechtsvertretung vom
10. Mai 2021 gegen diesen Entscheid beim Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerde und beantragte, die angefochtene Verfügung sei unter Feststel-
lung der Flüchtlingseigenschaft und der Gewährung von Asyl aufzuheben,
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eventualiter sei er in der Schweiz vorläufig aufzunehmen. In verfahrens-
rechtlicher Hinsicht wurde um Gewährung der unentgeltlichen Prozessfüh-
rung inklusive Verzicht auf das Erheben eines Kostenvorschusses und um
die Einsetzung des rubrizierten Rechtsanwaltes als unentgeltlichen
Rechtsvertreter sowie um die Erteilung der aufschiebenden Wirkung er-
sucht.
Zur Stützung seiner Vorbringen reichte der Beschwerdeführer, nebst dem
vorinstanzlichen Entscheid und einer Fürsorgebestätigung vom 3. Mai
2021, im Wesentlichen Kopien diverser – auch aus den Akten der
Vorinstanz bekannter – Dokumente ein (drei Befragungsprotokolle aus den
vorinstanzlichen Akten; Pressberichte von n-tv vom 2. Dezember 2016, der
NZZ vom 24. März 2017, der Tagesschau vom 27. Januar 2021 und des
deutschen Bundestages vom 18. März 2021; medizinisches Dokument
vom 15. Mai 2017 sowie ein medizinischer Sammelbeleg; Facebook-Profil
und -Kommentare; Schreiben des Büros für Cyberkriminalität vom 19. März
2018; Unzuständigkeitsentscheid der Generalstaatsanwaltschaft Bakirköy
vom 24. April 2018; Eröffnungsbeschluss des Strafgerichts Istanbul vom
23. August 2019; Antragsgenehmigung vom 25. Februar 2019; handschrift-
licher Rapport der lokalen Gendarmerie vom 16. April 2019; Schreiben von
Rechtsanwalt Ferat Bogatekin vom 2. Mai 2021 inkl. Übersetzung).
I.
Der Instruktionsrichter hiess mit Verfügung vom 8. September 2021 unter
Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses die Gesuche um Ge-
währung der unentgeltlichen Prozessführung und der amtlichen Rechtsver-
beiständung gut. Gleichzeitig wurde dem Beschwerdeführer Rechtsanwalt
Martin Kessler als amtliche Rechtsvertretung beigegeben und das SEM zur
Vernehmlassung eingeladen.
J.
Das SEM hielt in seiner Eingabe vom 13. September 2021 pauschal an
seinen bisherigen Erwägungen fest, welche dem Beschwerdeführer am
15. September 2021 zur Kenntnis gebracht wurde.
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Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
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Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.
4.1 Die Vorinstanz wies das Asylbegehren des Beschwerdeführers mit der
Begründung ab, seine Vorbringen vermöchten den Anforderungen an die
Glaubhaftigkeit sowie an die Flüchtlingseigenschaft nicht zu genügen.
Seine geltend gemachten Probleme mit dem türkischen Staat aufgrund sei-
ner Ethnie und der eigenen wie auch der politischen Tätigkeiten seiner Fa-
milie seien trotz Nachfrage unsubstanziiert und daher unglaubhaft darge-
legt worden.
Das Vorbringen, er sei im Hinblick auf die Abstimmung über das Verfas-
sungsreferendum am 16. April 2017 noch stärker als früher als Oppositio-
neller gegen aussen in Erscheinung getreten, indem er in der HDP zahlrei-
che Demonstrationen gegen das Regime, namentlich in Diyarbakir, Adi-
yaman und Antep organisiert, sich bei der Propaganda gegen die AKP en-
gagiert und sich somit vermehrt exponiert habe, überzeuge nicht. Es wäre
zumindest zu erwarten gewesen, dass er bereits in der Anhörung vom
24. April 2017 eine angebliche Mitgliedschaft bei der HDP erwähnt und
nicht nur von einem Engagement berichtet hätte (Teilnahme an Veranstal-
tungen der HDP und an Auftritten von Selahattin Demirtas). Aber auch ein-
fache Mitglieder der HDP seien im Regelfall keinen staatlichen Massnah-
men flüchtlingsrechtlich relevanten Ausmasses ausgesetzt. Über die Su-
che durch die Behörden habe er kaum etwas erzählen können und seine
Erklärung, sich während eines Telefonanrufes bei seiner Familie nicht nä-
her danach erkundigt haben zu können, weil er sich habe kurzhalten müs-
sen (ausgeliehenes, fremdes Telefon), sei haltlos.
An der Unglaubhaftigkeit würden auch die Vorbringen in der damaligen Be-
schwerde vom 21. August 2017 nichts ändern. Der darin enthaltene ärztli-
che Bericht vom 9. November 2018 halte zwar fest, der Beschwerdeführer
habe sich aufgrund seiner politischen Aktivitäten jahrelang versteckt sowie
polizeiliche Gewalt erlitten und nenne als Grund für seine Flucht das zufäl-
lige Entdecken seines Namens auf einer Liste der Polizei. Nebst einer pa-
ranoiden oder katatonen Schizophrenie sowie einer längeren depressiven
Reaktion mit paranoiden Zügen sei eine posttraumatische Belastungsstö-
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rung (PTBS; nicht gesichert) diagnostiziert worden. Hierzu sei aber festzu-
stellen, dass seine psychischen Probleme und die in diesem Zusammen-
hang gemachte Anamnese keine Beweiskraft für die angeblich erlittene
und vom SEM als unglaubhaft qualifizierte behördliche Verfolgung darstell-
ten und deshalb der Arztbericht zu keiner anderen Einschätzung führe.
Bezüglich der Probleme mit den türkischen Behörden aufgrund der poli-
tisch tätigen Familienmitglieder (Bruder und Cousin) seien die Schilderun-
gen des Beschwerdeführers ebenfalls vage und unsubstantiiert ausgefal-
len. Er habe die Verfolgung und Gefährdung des Bruders als HDP-Dele-
gierter stereotyp und nicht konkret beschrieben. Zudem erstaune die feh-
lende Kenntnis über dessen Entlassung, den Wegzug aus dem Dorf wie
auch betreffend Dauer der Lehrtätigkeit. Nicht nur unsubstantiiert, sondern
auch widersprüchlich seien die Angaben des Beschwerdeführers betref-
fend seinen Cousin, dessen politische Verfolgung und Haft er als Haupt-
grund für seine Probleme genannt habe. Die angeblichen Probleme des
Beschwerdeführers mit den türkischen Behörden seien jedoch nicht nach-
zuvollziehen, wenn gemäss eigenen Angaben der Cousin vor Jahren aus
dem Gefängnis entlassen worden sei und weiterhin als HDP-Verantwortli-
cher unbehelligt im Dorf leben könne.
Es seien keine glaubhaften Elemente für ein politisches Profil des Be-
schwerdeführers zu erkennen, das ihn ins Visier des türkischen Staates
rücken könnte.
Hinsichtlich exilpolitischer Aktivitäten habe er mehrere Facebook-Einträge
vom 16. März 2018 (mit Übersetzung) eingereicht, in welchen er Verbre-
chen des türkischen Staates an Kurden kommentiert und die Kommentare
geteilt habe. Am 17. März 2018 sei er von einer ihm unbekannten Person
namens E. D. bei der Generalstaatsanwaltschaft Bakirköy angezeigt wor-
den. Aufgrund der eingereichten Beweismittel sei das Bestehen eines straf-
rechtlichen Ermittlungsverfahrens gegen den Beschwerdeführer (wegen
Erniedrigung der türkischen Militäreinheit) im Zusammenhang mit einem
Eintrag auf seiner Facebook-Seite erstellt. Bei «Ersttätern», also Perso-
nen, die vorher nicht mit dem Gesetz in Konflikt geraten seien, würden
Strafen häufig auf Bewährung ausgesprochen (Art. 51 des türkischen
Strafgesetzbuches) oder die «Verkündung des Strafurteils» werde aufge-
schoben (Art. 231 Absatz 5 der türkischen Strafprozessordnung). Das Auf-
schieben der Verkündung des Urteils bedeute, dass das ergangene Urteil
für den Angeklagten keine rechtlichen Folgen nach sich ziehe. Würden
Personen nach einer bedingt ausgesprochenen Strafe oder nach Aufschub
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der Verkündung des Urteils erneut straffällig oder gegen Bewährungsauf-
lagen verstossen, müssten sie unter Umständen zwar die Strafe trotzdem
verbüssen. Für diese Personen bestehe aber keine beachtliche Wahr-
scheinlichkeit, in absehbarer Zeit flüchtlingsrelevante Verfolgungsmass-
nahmen zu erleiden. Aufgrund des niederschwelligen politischen Profils
und als «Ersttäter» sei für diese Personen ausserdem die Wahrscheinlich-
keit gering, im Falle einer Verurteilung zu einer unbedingten Haftstrafe ver-
urteilt zu werden. Falls dennoch eine unbedingte Haftstrafe verhängt
würde, müsste diese aufgrund der türkischen Strafvollzugsgesetzgebung
in der Regel nicht im Gefängnis verbüsst werden. Das Strafmass für eine
Verurteilung wegen der erwähnten Straftatbestände bleibe nach Erfahrung
des SEM in der Regel unter zwei Jahren. Damit würden verurteilte Perso-
nen direkt in den offenen Strafvollzug kommen (bei Haftstrafen bis 3 Jahre)
und müssten in den meisten Fällen die Strafe nicht im Gefängnis verbüs-
sen. Allenfalls würden die Personen für eine gewisse Zeit Bewährungs-
massnahmen unterstellt, die aber nicht als flüchtlingsrechtlich relevant zu
erachten seien. Es würden keine Hinweise auf einen fehlenden Zugang zu
einem fairen und gerechten Verfahren vorliegen. Vorliegend stütze sich das
eingeleitete Strafverfahren gemäss Art. 301 Abs. 2 des türkischen Strafge-
setzbuchs einzig auf einen Facebook-Artikel. Aus den Akten seien keine
Hinweise auf einen Aufruf seinerseits zu strafbaren Handlungen vorhanden
und es werde entgegen der Behauptung des Beschwerdeführers kein
Strafverfahren wegen Terrorpropaganda gegen ihn geführt. Die Vorbringen
im Zusammenhang mit seiner Strafverfolgung seien damit flüchtlingsrecht-
lich nicht relevant.
4.2 In der Beschwerde wird entgegnet, die Vorbringen des Beschwerde-
führers seien nicht unglaubhaft, denn es sei allgemein bekannt, dass An-
gehörige der kurdischen Bevölkerung in der Türkei Schikanen und Benach-
teiligungen verschiedenster Art ausgesetzt seien. Er sei am 16. März 2017
aus der Türkei geflohen, weil er als politisch exponierte Person (Mitglied
HDP, Organisator von Kundgebungen und Demonstrationen) aufgrund des
zuletzt immer willkürlicheren und rücksichtsloseren Vorgehens der türki-
schen Behörden und des Militärs gegen Mitglieder der Opposition unter
psychischem Druck gestanden und sich gefürchtet habe, ohne Aussicht auf
ein rechtsstaatliches Verfahren verhaftet zu werden und physische Miss-
handlungen zu erleiden. Entgegen der Behauptung in der vorinstanzlichen
Verfügung habe er bereits in der Anhörung erwähnt, die HDP unterstützt
zu haben, weshalb nicht unglaubhaft sei, dass er HDP-Mitglied gewesen
sei. Das Risiko bei einer Rückkehr massive Nachtteile zu erleiden, sei auf-
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grund von Presseberichten allgemein bekannt, zumal der Beschwerdefüh-
rer per Haftbefehl gesucht werde. Er weise als HDP-Mitglied und wegen
der Teilnahme an politischen Veranstaltungen ein geschärftes politisches
Profil auf und sei individuell sowie intensiver betroffen als die kurdische
Bevölkerung im Allgemeinen. Die Repressionen der Behörden gegen ihn,
als nebst seinem betagten Vater einziges erwachsenes Familienmitglied
im Haushalt, seien glaubhaft. Weiteren Nachteilen (als den berichteten)
habe er sich durch sein stetiges Unterwegssein entziehen können; er sei
nur nachts ins Dorf zurückgekehrt. Deshalb habe er auch keine konkreten
Angaben zu (weiteren) erlittenen Nachteilen beziehungsweise Repressa-
lien machen können, wobei er auch nur auf generelle Weise dazu befragt
worden sei. Die jahrelange Verfolgung und das ständige Auf-der-Flucht-
Sein, hätten seine Gesundheit beeinträchtigt (PTBS). Sein Arzt halte im
Gegensatz zur Vorinstanz die festgestellte Diagnose mit der erlittenen Ver-
folgung des Beschwerdeführers für vereinbar und letztere auch für glaub-
haft.
Es sei alsdann nachzuvollziehen, dass er sich kurzgehalten habe, als er
von der behördlichen Suche nach ihm in einem Telefongespräch mit sei-
nem Bruder erfahren habe, weil er dem Telefonbesitzer keine zu hohen
Kosten habe verursachen wollen sowie befürchtet habe, abgehört zu wer-
den. Selbst wenn er ferner keine detaillierten Angaben zum Lebenslauf sei-
nes Bruders gemacht habe, sei nicht zu bestreiten, dass Anhänger der Op-
position Nachteilen ausgesetzt seien und Repressalien zu erleiden hätten.
Zudem seien die Aussagen des Beschwerdeführers hinsichtlich seines
Cousins auch nicht allein deshalb unglaubhaft, weil dieser seit seiner Haft-
entlassung weiterhin als HDP-Verantwortlicher unbehelligt im Dorf leben
könne. Dieser halte sich im Gegensatz zum Beschwerdeführer nämlich im
Hintergrund und sei kaum mehr politisch engagiert.
Aus den eingereichten Unterlagen ergebe sich, dass gegen den Beschwer-
deführer ein Strafverfahren in der Türkei geführt werde, weil er von seinem
Meinungsäusserungsrecht auf Facebook Gebrauch gemacht habe. Dabei
sei erwähnenswert, dass er nur einen Tag nach den Publikationen auf Fa-
cebook angezeigt worden sei. Der Schlussfolgerung der Vorinstanz hin-
sichtlich einer möglichen zu erwartenden Strafe auf Bewährung seien die
Angaben des Rechtsvertreters des Beschwerdeführers in der Türkei ent-
gegenzusetzen, gemäss welchen ihm eine (unbedingte) Strafe von bis zu
zwei Jahren drohe, weil er als Oppositioneller gelte und wegen seiner Eth-
nie ins Blickfeld der Behörde geraten sei. Im Weiteren seien seine Famili-
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enmitglieder mehrfach auf der Polizeiwache nach ihm und seinem Aufent-
haltsort befragt worden, was ebenfalls auf sein verschärftes politisches
Profil hinweise.
5.
5.1 Die Vorinstanz hat die Vorbringen des Beschwerdeführers in der ange-
fochtenen Verfügung mit ausführlicher und überzeugender Begründung als
unglaubhaft qualifiziert, die Flüchtlingseigenschaft verneint und das Asyl-
gesuch folgerichtig abgewiesen. Zur Vermeidung von Wiederholungen
kann auf E. 4.1 hiervor verwiesen werden. Die Ausführungen auf Be-
schwerdeebene sowie die eingereichten Beweismittel führen zu keiner an-
deren Betrachtungsweise.
5.2 Vorab ist festzustellen, dass sich die verfahrensrechtliche Rüge des
Beschwerdeführers der ungenügenden Sachverhaltsfeststellung (Be-
schwerde, S. 4) als unberechtigt erweist.
Die Vorinstanz hat sich in der angefochtenen Verfügung mit den wesentli-
chen Aspekten der Asylvorbringen in gebührender Ausführlichkeit ausei-
nandergesetzt und ihre Schlussfolgerungen hinreichend begründet. Den
Akten sind keine Hinweise auf eine Verletzung des rechtlichen Gehörs, der
gehörigen Sachverhaltsfeststellung oder der Begründungspflicht zu ent-
nehmen. Zudem wurde die Rüge auch nicht näher begründet. Bei der in
der Beschwerde (indirekt) geltend gemachten falschen Einschätzung des
politischen Profils des Beschwerdeführers handelt es sich jedenfalls um
eine materielle Würdigung und nicht um eine gegebenenfalls unzu-
reichende Sachverhaltsfeststellung.
Das diesbezügliche Eventualbegehren ist deshalb abzuweisen.
5.3 Zu Recht wurde in der angefochtenen Verfügung auf die auffällige Sub-
stanzlosigkeit der Vorbringen des Beschwerdeführers hingewiesen, insbe-
sondere hinsichtlich des Werdegangs des Bruders und des aus der Haft
entlassenen, nicht weiter behelligten Cousins. Die Detailarmut der Schilde-
rung betreffend den Bruder wird auf Beschwerdeebene nicht substantiiert
bestritten und die diesbezügliche Erklärung mit einem Verweis auf allge-
mein bekannte Nachteile für Anhänger der Opposition ist unbehelflich (Be-
schwerde, S. 17). Auch vermag das Argument des Beschwerdeführers, der
Cousin könne aufgrund seiner politischen Zurückhaltung unbehelligt im
Dorf leben, nicht zu überzeugen, tritt dieser doch – unbestrittenermassen
– nach wie vor als Parteiverantwortlicher auf (Beschwerde, S. 17). Weiter
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vermag sich der Beschwerdeführer mit der blossen Behauptung, seine Fa-
milienmitglieder seien auf der Polizeiwache mehrfach nach ihm befragt
worden, nichts zu seinen Gunsten abzuleiten (Beschwerde, S. 19). Als-
dann räumt der Beschwerdeführer selbst ein, keinen (weiteren) Nachteilen
(als dem Druck bei der Referendumsabstimmung oder einer Personenkon-
trolle) ausgesetzt gewesen zu sein, weshalb er auch keine detaillierteren
Angaben habe machen können (Beschwerde, S. 15). Im Weiteren wäre es
durchaus plausibel und hätte von ihm erwartet werden dürfen, nach dem
telefonischen Erhalt der Information behördlich gesucht zu werden, mög-
lichst alles darüber in Erfahrung bringen zu wollen und dass ihm hierzu die
Telefonkosten eines Fremden, welche er ausserdem hätte begleichen kön-
nen, nicht wichtiger als seine Sicherheit gewesen wären (Beschwerde,
S. 16 f.). Seine diesbezüglichen Angaben vermögen an der von der
Vorinstanz zu Recht festgestellten Unglaubhaftigkeit seiner Vorbringen
nichts zu ändern. Ebenso vermögen seine Ausführungen auf Beschwerde-
ebene betreffend Mitgliedschaft bei der HDP nicht zu überzeugen, zumal
er selbst einräumt, in der Anhörung von einer «Unterstützung der Partei»
gesprochen zu haben (Beschwerde, S. 15). Aufgrund einer erfolgten Un-
terstützung kann entgegen der Behauptung auf Beschwerdeebene nicht
ohne Weiteres auf eine Mitgliedschaft geschlossen werden. Es ist jedoch
unabhängig von der Glaubhaftigkeit der behaupteten Mitgliedschaft mit der
Vorinstanz festzuhalten, dass selbst bei einer vermuteten «einfachen Mit-
gliedschaft» nicht von einer exponierten politischen Stellung auszugehen
wäre. Im Weiteren sind vorliegend die Hinweise auf und Beilage von öffent-
lich zugänglichen Presseberichten für die Glaubhaftmachung einer Verfol-
gung oder das Bejahen der Flüchtlingseigenschaft mangels individuell kon-
kreten Bezugs zum Beschwerdeführer unbehelflich. Die Vorinstanz hat als-
dann entgegen der Behauptung des Beschwerdeführers zutreffend festge-
stellt, dass ein Arztbericht eine psychische Störung beziehungsweise eine
Traumatisierung zwar belegen kann, nicht aber deren genaue Ursache
(vgl. Urteil des BVGer E-1728/2020 vom 16. Juni 2021 E. 9.3 m.w.H.). An
der fehlenden Glaubhaftigkeit der Vorbringen vermögen die eingereichten
medizinischen Dokumente daher nichts zu ändern.
5.4 Somit ist es dem Beschwerdeführer nicht gelungen, eine Verfolgungs-
gefahr im Zeitpunkt der Ausreise glaubhaft zu machen.
5.5
5.5.1 Die geltend gemachten exilpolitischen Tätigkeiten des Beschwerde-
führers (Facebook Posts) sind unter dem Gesichtspunkt subjektiver Nach-
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Seite 12
fluchtgründe im Sinne von Art. 54 AsylG zu prüfen. Subjektive Nachflucht-
gründe sind anzunehmen, wenn eine asylsuchende Person erst durch die
Flucht aus dem Heimat- oder Herkunftsstaat oder wegen ihres Verhaltens
nach der Ausreise eine Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG zu befürchten
hat. Wesentlich ist, ob die heimatlichen Behörden das Verhalten des Asyl-
suchenden als staatsfeindlich einstufen und dieser deswegen bei einer
Rückkehr eine Verfolgung befürchten muss. Personen mit subjektiven
Nachfluchtgründen erhalten zwar kein Asyl, werden jedoch als Flüchtlinge
vorläufig aufgenommen (Art. 54 AsylG; vgl. BVGE 2009/28 E. 7.1).
5.5.2 Die Vorinstanz hat sich mit den verschiedenen eingereichten Beweis-
mitteln des Beschwerdeführers (vgl. Sachverhalt Buchstaben D und E) ein-
gehend auseinandergesetzt und ausführlich sowie nachvollziehbar darge-
legt, weshalb es sich dabei um kein flüchtlingsrechtlich relevantes Vorbrin-
gen handelt (beispielsweise keine zu erwartende Gefängnisstrafe, kein
Vorwurf der Terrorpropaganda; vgl. E. 4.2 des vorliegenden Urteils sowie
Ziffer II/2.2). Die bereits vorinstanzlich und nun zum grössten Teil erneut
auf Beschwerdeebene eingereichten Unterlagen vermögen an dieser Ein-
schätzung nichts zu ändern; ebensowenig wie der Hinweis auf das Schrei-
ben des Rechtsanwaltes in der Türkei, worin dieser ohne nähere Angaben
von einer zu erwartenden Haftstrafe von bis zu zwei Jahren ausgeht.
Hierzu kann auf die zu bestätigenden Ausführungen der Vorinstanz zur
strafrechtlichen Verfolgung im Heimatstaat (kein zu erwartender Gefäng-
nisaufenthalt bei Haftstrafen bis zu drei Jahren; vgl. E. 4.1) sowie auf die
Ausführungen im vorinstanzlichen Entscheid (Ziff. II/2.2) verwiesen wer-
den. Auch wenn in Anbetracht der Beweismittel ein in der Türkei eingelei-
tetes Strafverfahren als glaubhaft zu erachten sein sollte, ist diesem Vor-
bringen folglich (mangels hinreichender Intensität) zu Recht keine flücht-
lingsrechtliche Relevanz beizumessen.
Es ist wegen den geltend gemachten exilpolitischen Aktivitäten nicht von
einer begründeten Furcht vor zukünftiger flüchtlingsrechtlich beachtlicher
Verfolgung auszugehen. Vorliegend bestehen keine subjektiven Nach-
fluchtgründe und somit ist die Flüchtlingseigenschaft auch aus diesem
Grund nicht erfüllt.
5.6 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass es dem Beschwerdeführer
nicht gelungen ist, eine im Sinne von Art. 3 AsylG relevante Verfolgungs-
gefahr nachzuweisen oder glaubhaft darzutun. Die Vorinstanz hat sein
Asylgesuch demzufolge zu Recht abgelehnt.
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Seite 13
6.
6.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
6.2 Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
7.
7.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
7.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
7.3 Da der Beschwerdeführer die Flüchtlingseigenschaft nicht erfüllt, ist –
wie von der Vorinstanz zutreffend festgehalten – das flüchtlingsrechtliche
Rückschiebungsverbot von Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli
1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) und Art. 5
AsylG nicht anwendbar. Die Zulässigkeit des Vollzugs beurteilt sich viel-
mehr nach den allgemeinen verfassungs- und völkerrechtlichen Bestim-
mungen (Art. 25 Abs. 3 BV; Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember
1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-
gende Behandlung oder Strafe [FoK, SR 0.105]; Art. 3 EMRK).
Weder aus den Aussagen des Beschwerdeführers noch aus den Akten er-
geben sich – entgegen der Behauptung in der Beschwerde – Anhalts-
punkte dafür, dass er für den Fall einer Ausschaffung in den Heimatstaat
dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1
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FoK verbotenen Strafe oder Behandlung ausgesetzt wäre. Gemäss der
Praxis des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte (EGMR) so-
wie jener des UN-Anti-Folterausschusses müsste der Beschwerdeführer
eine konkrete Gefahr ("real risk") nachweisen oder glaubhaft machen, dass
ihm im Fall einer Rückschiebung Folter oder unmenschliche Behandlung
drohen würde (vgl. Urteil des EGMR Saadi gegen Italien vom 28. Februar
2008, Grosse Kammer 37201/06, §§ 124–127 m.w.H.). Auch lässt die all-
gemeine Menschenrechtssituation in der Türkei nicht auf das Bestehen ei-
nes "real risk" einer völkerrechtswidrigen Behandlung schliessen (vgl. Ur-
teil des BVGer E-125/2021 vom 4. Februar 2021 E. 8.3). Nach dem Ge-
sagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im Sinne der landes- als
auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig.
7.4 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind.
7.4.1 Auch unter Berücksichtigung des Wiederaufflammens des türkisch-
kurdischen Konfliktes sowie der bewaffneten Auseinandersetzungen
zwischen der PKK und staatlichen Sicherheitskräften seit Juli 2015 in
verschiedenen Provinzen im Südosten des Landes (im Einzelnen: Batman,
Diyarbakir, Mardin, Siirt, Urfa und Van, anders als die Provinzen Hakkari
und Sirnak, zu den Letzteren BVGE 2013/2 E. 9.6) sowie der Ent-
wicklungen nach dem Militärputschversuch im Juli 2016 ist gemäss
konstanter Praxis des Bundesverwaltungsgerichts nicht von einer Situation
allgemeiner Gewalt oder bürgerkriegsähnlichen Verhältnissen in der Türkei
– auch nicht für Angehörige der kurdischen Ethnie – auszugehen (vgl. Urteil
des BVGer E-4607/2021 vom 12. Januar 2022 E. 9.3 m.w.H.).
7.4.2 Darüber hinaus sind keine individuellen Gründe ersichtlich, die gegen
einen Wegweisungsvollzug sprechen. Der relativ junge Beschwerdeführer
verfügt als Bauer über Arbeitserfahrung (vgl. Verfahren D-4702/2017, A7/3
f.), was ihm beim Aufbau einer neuen wirtschaftlichen Existenz entgegen-
kommen wird. Zudem leben zahlreiche Verwandte, unter anderem seine
Geschwister, Eltern und sein Cousin in der Türkei (vgl. D-4702/2017, A7/5).
Sofern notwendig steht ihm wohl auch die Möglichkeit offen, im Haushalt
seiner Eltern, mit welchen er bereits vor seiner Ausreise zusammenlebte,
erneut unterzukommen. Demnach kann er im Heimatstaat auf ein familiä-
res Beziehungsnetz und allenfalls finanzielle Unterstützung zurückgreifen.
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7.4.3 Weiter ist festzuhalten, dass auch die medizinischen Beeinträchti-
gungen des Beschwerdeführers der Zumutbarkeit des Wegweisungsvoll-
zugs nicht entgegenstehen. Auf Unzumutbarkeit des Wegweisungsvoll-
zugs aus medizinischen Gründen ist nach Lehre und konstanter Praxis nur
dann zu schliessen, wenn eine notwendige medizinische Behandlung im
Heimatland nicht zur Verfügung steht und die Rückkehr zu einer raschen
und lebensgefährdenden Beeinträchtigung des Gesundheitszustands der
betroffenen Person führen würde (vgl. BVGE 2011/50 E. 8.3 und 2009/2
E. 9.3.2 je m.w.H.). Gemäss dem Austrittsbericht von Dr. med. B._,
Gravita / SRK St. Gallen, Zentrum für Psychotraumatologie, vom 23. No-
vember 2018 leidet der Beschwerdeführer an einer längeren depressiven
Reaktion mit paranoiden Zügen mit Verdacht auf eine PTBS sowie an einer
(...) Schizophrenie. Er wird gemäss der Bestätigung von Dr. med.
C._ vom 12. Oktober 2018 seit dem 13. März 2018 wegen psychi-
scher Störungen behandelt (Beschwerde, Beilagen 10). In der Beschwerde
wurde keine veränderte Situation des Gesundheitszustandes geltend ge-
macht, sondern es werden die genannten medizinischen Dokumente bei-
gelegt. Bei dieser Sachlage ist nicht von einer medizinischen Notlage im
Sinne der vorstehend dargelegten Rechtsprechung auszugehen. Sofern
der Beschwerdeführer weiterhin einer Behandlung seiner psychischen Be-
schwerden bedarf, ist gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts da-
von auszugehen, dass diese in der Türkei möglich ist (vgl. Urteil des BVGer
E-3590/2020 vom 24. August 2020 E. 9.4.1 m.w.H.). Einem allfälligen spe-
zifischen Behandlungsbedarf kann im Rahmen der medizinischen Rück-
kehrhilfe und einer möglichen vorübergehenden Verschlechterung des Ge-
sundheitszustandes durch entsprechende Ausgestaltung der Vollzugsmo-
dalitäten Rechnung getragen werden (vgl. dazu etwa Urteil des BVGer E-
4643/2020 vom 23. Oktober 2020 E. 8.5.5). Es ist deshalb nicht anzuneh-
men, seine Rückkehr in die Türkei würde zu einer raschen und lebensge-
fährdenden Beeinträchtigung seines Gesundheitszustandes führen.
7.4.4 Zusammenfassend ist somit festzuhalten, dass weder seinen Aussa-
gen im Rahmen des vorinstanzlichen Verfahrens noch den Beschwerde-
vorbringen konkrete Gründe entnommen werden können, welche es als
wahrscheinlich erscheinen liessen, dass der Beschwerdeführer im Falle ei-
ner Rückkehr in sein Heimatland in eine existenzielle Notlage geraten
würde. Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung auch
als zumutbar.
7.5 Schliesslich verfügt der Beschwerdeführer über einen gültigen Identi-
tätsausweis und obliegt es ihm, sich bei der zuständigen Vertretung des
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Herkunftsstaates die für eine Rückkehr notwendigen Reisedokumente zu
beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE 2008/34 E. 12),
weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu bezeichnen ist
(Art. 83 Abs. 2 AIG).
7.6 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Die Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
8.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und auch sonst nicht zu beanstanden ist
(Art. 106 Abs. 1 AsylG und Art. 49 VwVG). Die Beschwerde ist abzuweisen.
9.
9.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Beschwer-
deführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da jedoch mit Zwischenver-
fügung vom 8. September 2021 die unentgeltliche Prozessführung gemäss
Art. 65 Abs. 1 VwVG gewährt wurde und sich seine Verhältnisse zwischen-
zeitlich nicht wesentlich verändert haben (Beschwerde, Beilagen 24 bis
26), sind keine Verfahrenskosten zu erheben.
9.2 Mit derselben Verfügung wurde ausserdem das Gesuch um amtliche
Verbeiständung gutgeheissen und dem Beschwerdeführer sein Rechtsver-
treter als Rechtsbeistand bestellt. Demnach ist diesem ein amtliches Ho-
norar für seine notwendigen Aufwendungen im Beschwerdeverfahren aus-
zurichten.
Bei der Festsetzung des amtlichen Honorars wird in der Regel von einem
Stundenansatz von Fr. 200.– bis Fr. 220.– für Anwältinnen und Anwälte
und Fr. 100.– bis Fr. 150.– für nicht-anwaltliche Vertreterinnen und Vertre-
ter ausgegangen (vgl. Art. 12 i.V.m. Art. 10 Abs. 2 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]) und nur der notwendige Auf-
wand entschädigt (vgl. Art. 8 Abs. 2 VGKE). Der Rechtsvertreter hat keine
Kostennote eingereicht. Sein Honorar ist auf Fr. 1'800.– (inklusive Ausla-
gen und Mehrwertsteuerzuschlag) festzulegen.
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