Decision ID: 513a927a-74c0-4d55-b82e-c1b9ac52de43
Year: 2018
Language: de
Court: SG_VG
Chamber: SG_VG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

Das Verwaltungsgericht stellt fest:
A. A._ erwarb am 7. Januar 2012 den Führerausweis für die Fahrzeugkategorie B. Das
Strassenverkehrs- und Schifffahrtsamt des Kantons St. Gallen verwarnte ihn mit
Verfügung vom 9. September 2014, nachdem er am 18. Mai 2014 die signalisierte
Höchstgeschwindigkeit von 120 km/h um 27 km/h überschritten hatte.
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B. Am Samstag, 4. Februar 2017, ca. 4.54 Uhr, verursachte A._ als Lenker eines
Personenwagens im Bereich der Strassenkreuzung Tösstalstrasse/Girenbadstrasse in
Turbenthal einen Selbstunfall. Er war von der Tösstalstrasse abgekommen und in die
Ladenfront eines Fahrradgeschäfts geprallt. A._ verletzte sich dabei leicht (Prellung
der rechten Hand und der Rippen, Nasenbluten) und es entstand erheblicher
Sachschaden. Das Statthalteramt Bezirk Winterthur sprach A._ mit Strafbefehl vom
3. Juli 2017 wegen einfacher Verletzung der Verkehrsregeln infolge Nichtanpassens der
Geschwindigkeit an die Strassenverhältnisse und Nichtbeherrschens des Fahrzeugs
schuldig und bestrafte ihn mit einer Busse von CHF 300.
Das Strassenverkehrsamt nahm am 17. November 2017 nach Vorliegen des
rechtskräftigen Strafbefehls das am 11. Mai 2017 wegen des Vorfalls vom 4. Februar
2017 eingeleitete und am 15. Juni 2017 sistierte Administrativmassnahmen-Verfahren
wieder auf und gab ihm die Möglichkeit, eine abschliessende Stellungnahme
einzureichen; diese erfolgte am 30. November 2017. Mit Verfügung vom 8. Januar 2018
entzog das Strassenverkehrsamt A._ den Führerausweis für einen Monat wegen
mittelschwerer Widerhandlung gegen die Strassenverkehrsvorschriften. Einen dagegen
erhobenen Rekurs wies die Verwaltungsrekurskommission mit Entscheid vom 31. Mai
2018 ab. Soweit das Strassenverkehrsamt bereits den Zeitpunkt der Abgabe des
Führerausweises angeordnet hatte, wurde die Verfügung in diesem Punkt zufolge
Gegenstandslosigkeit aufgehoben.
C. A._ (Beschwerdeführer) erhob gegen den am 7. Juni 2018 zugestellten Entscheid
der Verwaltungsrekurskommission (Vorinstanz) mit Eingabe vom 13. Juni 2018 (Datum
Postaufgabe) Beschwerde beim Verwaltungsgericht mit den Anträgen, unter Kosten-
und Entschädigungsfolge sei der angefochtene Entscheid aufzuheben; es sei eine
leichte Widerhandlung gegen das Strassenverkehrsgesetz bezüglich des
Verkehrsunfalls vom 4. Februar 2017 festzustellen und eine Verwarnung gegen den
Beschwerdeführer auszusprechen. Gleichzeitig ersuchte er um Gewährung der
aufschiebenden Wirkung. Mit Schreiben vom 14. Juni 2018 wies der
Abteilungspräsident darauf hin, dass die Beschwerde von Gesetzes wegen
aufschiebende Wirkung habe, weshalb das entsprechende Rechtsbegehren
gegenstandslos sei. Unter Verweis auf die Erwägungen des angefochtenen
Entscheides beantragte die Vorinstanz am 28. Juni 2018 die Abweisung der
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Beschwerde. Der Beschwerdegegner verzichtete am 5. Juli 2018 auf eine
Vernehmlassung.
Auf die Ausführungen der Vorinstanz im angefochtenen Entscheid und des
Beschwerdeführers zur Begründung seiner Anträge sowie die Akten wird, soweit
wesentlich, in den Erwägungen eingegangen.

Darüber zieht das Verwaltungsgericht in Erwägung:
1. [...]
2.
2.1. Nach Art. 16 Abs. 2 des Strassenverkehrsgesetzes (SR 741.01, SVG) wird nach
Widerhandlungen gegen die Strassenverkehrsvorschriften, bei denen das Verfahren
nach dem Ordnungsbussengesetz (SR 741.03, OBG) ausgeschlossen ist, der Lernfahr-
oder Führerausweis entzogen oder eine Verwarnung ausgesprochen. Das Gesetz
unterscheidet in Art. 16a bis 16c SVG zwischen leichten, mittelschweren und schweren
Widerhandlungen. Eine leichte Widerhandlung begeht, wer durch Verletzung von
Verkehrsregeln eine geringe Gefahr für die Sicherheit anderer hervorruft und ihn dabei
nur ein leichtes Verschulden trifft (Art. 16a Abs. 1 Ingress und lit. a SVG). Eine schwere
Widerhandlung liegt vor, wenn durch eine grobe Verletzung von Verkehrsregeln eine
ernstliche Gefahr für die Sicherheit anderer hervorgerufen oder in Kauf genommen wird
(Art. 16c Abs. 1 Ingress und lit. a SVG). Die mittelschwere Widerhandlung (Art. 16b Abs.
1 Ingress und lit. a SVG) stellt einen Auffangtatbestand dar. Sie liegt vor, wenn nicht
alle privilegierenden Elemente einer leichten Widerhandlung und nicht alle
qualifizierenden Elemente einer schweren Widerhandlung gegeben sind (vgl. BGE 135
II 138 E. 2.2.2).
2.2. Mit der Beschwerde an das Verwaltungsgericht können Rechtsverletzungen
geltend gemacht werden (Art. 61 Abs. 1 VRP). Die Rüge fehlerhafter Rechtsanwendung
kann dadurch begründet sein, dass die angewendete Norm ungültig ist, ein unrichtiger
Rechtssatz oder ein Rechtssatz unrichtig angewendet wurde oder die
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Ermessensbetätigung fehlerhaft ist (Cavelti/Vögeli, Verwaltungsgerichtsbarkeit im
Kanton St. Gallen – dargestellt an den Verfahren vor dem Verwaltungsgericht, 2. Aufl.
2003, Rz. 585). Der Beschwerdeführer kann sich ausserdem darauf berufen, die
angefochtene Verfügung oder der angefochtene Entscheid beruhe auf einem unrichtig
oder unvollständig festgestellten Sachverhalt (Art. 61 Abs. 2 VRP). Unrichtig ist ein
Sachverhalt festgestellt, wenn aus den vorhandenen Beweismaterialien unrichtige
Schlüsse gezogen werden, insbesondere indem der Sachverhalt falsch oder
aktenwidrig festgestellt wird oder indem Beweise unrichtig gewürdigt werden (Cavelti/
Vögeli, a.a.O., Rz. 587). Im Übrigen ist die Administrativbehörde (Strassenverkehrs-
und Schifffahrtsamt) nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung grundsätzlich an
die tatsächlichen Feststellungen der Strafbehörde gebunden (vgl. BGer 1C_446/2011
vom 15. März 2012, E. 5.1 mit Hinweisen unter anderem auf BGE 137 I 363 E. 2.3.2
und 136 II 447 E. 3.1).
3.
3.1. Aufgrund des in Rechtskraft erwachsenen Strafurteils vom 3. Juli 2017 und des
diesem zugrunde liegenden Sachverhalts ist unbestritten davon auszugehen, dass der
Beschwerdeführer am 4. Februar 2017, ca. 4.54 Uhr, im Bereich der Strassenkreuzung
Tösstalerstrasse/Girenbadstrasse in Turbenthal zufolge Nichtanpassens der
Geschwindigkeit an die Strassenverhältnisse und Nichtbeherrschens des Fahrzeugs
einen Selbstunfall verursachte, indem er von der Tösstalstrasse abkam und in die
Ladenfront eines Fahrradgeschäfts prallte (act. 7/9/26 f.). Gemäss Unfallrapport vom
16. April 2017 herrschten schwache Verkehrsbedingungen und der Strassenzustand
war bei bedeckter Witterung und nächtlichen Lichtverhältnissen feucht. Die
Strassenbeleuchtung war ausserdem ausser Betrieb (act. 7/9/8). Soweit der
Beschwerdeführer folglich geltend macht, die Strasse sei gut beleuchtet gewesen,
kann ihm nicht gefolgt werden. Zu berücksichtigten ist diesbezüglich, dass die
Strassenbeleuchtung im Kanton Zürich in der Nacht grundsätzlich von 24 Uhr bis 5 Uhr
ausgeschaltet sind (vgl. Beleuchtungsreglement des zürcherischen Tiefbauamts,
abrufbar unter https://tba.zh.ch/internet/baudirektion/tba/de/planung_bau/
betriebs_und_sicherheitsausruestungen/formulare_merkblaetter.html). Folglich ist
gestützt auf die Feststellung im Unfallrapport davon auszugehen, dass die
Strassenbeleuchtung zum Ereigniszeitpunkt von 4.54 Uhr ausgeschaltet war. Die
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Unfallaufnahme erfolgte dagegen frühestens nach dem Eintreffen der Polizei um
5.14 Uhr, weshalb die Strassenlampe auf den Fotos des Unfallrapports denn auch
leuchtet (vgl. act. 7/9/7, 11).
3.2. Im Strafbefehl wurde das Verhalten des Beschwerdeführers als einfache
Verkehrsregelverletzung gemäss Art. 90 Abs. 1 SVG in Verbindung mit Art. 31 Abs. 1
und Art. 32 Abs. 1 SVG qualifiziert (act. 7/9/26). Nach der Rechtsprechung (BGE 135 II
138 E. 2.4) erfasst Art. 90 Abs. 1 SVG administrativrechtlich leichte und mittelschwere
Widerhandlungen. Im Weiteren ist nach Art. 16a Abs. 1 lit. a SVG für die Annahme
eines leichten Falles kumulativ ein leichtes Verschulden und eine leichte Gefährdung
erforderlich (BGE 135 II 138 E. 2.2.3). Die Vorinstanz stufte die Gefährdung als nicht
leicht ein. Sie begründete dies im Wesentlichen damit, zum fraglichen Zeitpunkt seien
weitere Verkehrsteilnehmer im Blickfeld des Beschwerdeführers unterwegs gewesen,
weshalb ihm nicht gefolgt werden könne, die potenzielle Gefährdung sei reduziert
gewesen. Weiter scheint es durchaus möglich, dass zu dieser frühmorgendlichen Zeit
bereits Fussgänger unterwegs seien, und zwar insbesondere wenn es sich wie hier um
einen Innerortsbereich in der Nähe eines Fussgängerstreifens handle. Ebenfalls nicht
ausgeschlossen werden könne eine Gefährdung derjenigen Personen, die sich im
Unfallzeitpunkt im betreffenden Gebäude aufgehalten hätten. Der Beschwerdeführer
habe daher durch die (schuldhafte) Verletzung von Verkehrsregeln eine nicht mehr
geringe Gefahr für die Sicherheit anderer hervorgerufen. Schliesslich sei fraglich, ob
dem Beschwerdeführer lediglich nur ein leichtes Verschulden vorzuwerfen wäre.
Letztlich müsse auf Fragen zum Verschulden aber nicht weiter eingegangen werden,
denn die Annahme einer leichten Widerhandlung komme bereits mangels Vorliegens
einer geringen Gefährdung nicht in Betracht.
3.3. Diese vorinstanzlichen Darlegungen erweisen sich als nachvollziehbar, in sich
schlüssig und überzeugend begründet. Gemäss Art. 31 Abs. 1 SVG hat der Lenker sein
Fahrzeug ständig so zu beherrschen, dass er seinen Vorsichtspflichten nachkommen
kann. Er muss jederzeit in der Lage sein, auf die jeweils erforderliche Weise auf das
Fahrzeug einzuwirken und auf jede Gefahr ohne Zeitverlust zweckmässig zu reagieren.
Er muss seine Aufmerksamkeit der Strasse und dem Verkehr zuwenden (Art. 3 Abs. 1
der Verkehrsregelverordnung, SR 741.11, VRV). Das Mass der Aufmerksamkeit, das
vom Fahrzeuglenker verlangt wird, richtet sich nach den gesamten Umständen,
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namentlich der Verkehrsdichte, den örtlichen Verhältnissen, der Zeit, der Sicht und den
voraussehbaren Gefahrenquellen. Nach Art. 32 Abs. 1 SVG, welcher durch Art. 4 VRV
konkretisiert wird, ist die Geschwindigkeit ausserdem stets den Umständen
anzupassen, namentlich den Besonderheiten von Fahrzeug und Ladung, sowie den
Strassen-, Verkehrs- und Sichtverhältnissen. Der Fahrzeugführer hat langsam zu
fahren, wo die Strasse verschneit, vereist, mit nassem Laub oder Splitt bedeckt ist
(Art. 4 Abs. 2 VRV). Besondere Vorsicht ist generell zur Winterzeit geboten, wenn Kälte
und Nebel auf verschneiter oder feuchter, aber auch auf schneefreier und bisher
trockener Strasse zu Glatteis führen können (P. Weissenberger, Kommentar SVG und
OBG, 2. Aufl. 2015, Art. 32 N 16).
Der Beschwerdeführer hat diese Verkehrsregeln unstreitig verletzt und einen
Selbstunfall verursacht, indem er innerorts ins Schleudern geriet und so sein Fahrzeug
nicht mehr unter Kontrolle halten konnte. Durch seinen Fahrfehler mit Unfallfolgen hat
er sich zwar primär selbst erheblich gefährdet und konkret verletzt sowie Sachschäden
am eigenen Fahrzeug, an der Hausfassade und an den ausgestellten Fahrrädern
verursacht. Zwar kam es glücklicherweise zu keinen schwereren Unfallfolgen und auch
zu keiner direkten oder indirekten Unfallbeteiligung von dritten Personen. Dies schliesst
jedoch eine massgebliche Gefahr für andere Verkehrsteilnehmer (im Sinn von Art. 16b
Abs. 1 lit. a SVG) nicht aus: Der Unfall ereignete sich innerorts bei nasser Fahrbahn in
einer leichten Kurve in der Nähe eines Fussgängerstreifens. Nach der allgemeinen
Lebenserfahrung besteht in solchen Situationen, gerade auch innerorts, ein grosses
Risiko von Folgeunfällen, weil das Verhalten eines solchen Fahrzeugs unberechenbar
ist. Es bestand die naheliegende Gefahr, dass vorausfahrende oder nachfolgende
Fahrzeuglenker durch das schleudernde Unfallfahrzeug auf sehr gefährliche Weise
überrascht oder irritiert werden konnten. Eine zumindest abstrakte Gefahr bestand
angesichts des unkontrollierten Schleuderns des Unfallfahrzeugs zudem auch für den
Gegenverkehr, aber insbesondere auch für Fussgänger, schleuderte das vom
Beschwerdeführer gelenkte Fahrzeug doch unkontrolliert über einen
Fussgängerstreifen, bevor es in der Folge mit der Hausfassade kollidierte. Der
Beschwerdeführer beschädigte dabei sowohl das von ihm benutzte Fahrzeug als auch
die Hausfassade und die im oder vor dem Ladenlokal ausgestellten Fahrräder massiv
(vgl. act. 7/9/11 f.). Auf jeden Fall verursachte er einen Sachschaden in der Höhe von
CHF 70'000 (act. 7/9/8). Dass es sich beim Unfallereignis nicht mehr nur um einen
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leichten Aufprall gehandelt haben kann, zeigt sich im Übrigen eindrücklich auch darin,
dass die Fahrer- und Beifahrerairbags ausgelöst wurden (act. 7/9/6). In derartigen
Fällen ist grundsätzlich von einer erhöhten abstrakten Gefährdung und damit von
einem mittelschweren Fall auszugehen; die Gefahr für die Sicherheit anderer kann bei
solchen Konstellationen nicht mehr als gering eingestuft werden (vgl. BGE 136 I 345
E. 6.4; BGE 126 II 192 E. 2; BGer 1C_83/2010 vom 12. Juli 2010 E. 5.1). Ob der Unfall
auf ein Abbrems-, Lenk- oder Schaltmanöver oder eine Kombination dieser Faktoren
zurückzuführen ist, ist letztlich nicht entscheidend, da auf die Frage des Verschuldens
mangels Vorliegens einer geringen Gefährdung nicht weiter einzugehen ist. Denn die
Gefährdung der Sicherheit anderer stellt nach dem seit der am 1. Januar 2005 in Kraft
getretene Revision des Strassenverkehrsrechts einen wesentlichen und eigenständigen
Gesichtspunkt dar (vgl. ausführlich BGer 1C_266/2014 vom 17. Februar 2015 E. 3.6 mit
Hinweis auf BGE 135 II 138 E. 2.2.3). Im Übrigen kann die Tatsache, dass der
Beschwerdeführer die Kontrolle über sein Fahrzeug verloren hat und ins Schleudern
kam, nicht alleine auf das Zusammenspiel unglücklicher Umstände zurückgeführt
werden. Dies umso weniger, als die vor ihm fahrenden Fahrzeuge die fragliche Stelle
ohne zu schleudern passiert haben ("Ich weiss nicht, wieso ich ins Rutschen kam; die
anderen Fahrzeuge hatten an dieser Stelle keine Probleme", act. 7/9/7). Selbst wenn
den Beschwerdeführer nur ein leichtes Verschulden treffen würde, wäre unter den
dargelegten Umständen die Annahme einer bloss leichten Widerhandlung
praxisgemäss ausgeschlossen.
Nach dem Gesagten ist daher mit der Vorinstanz von einer mittelschweren
Widerhandlung gemäss Art. 16b Abs. 1 lit. a SVG auszugehen.
3.4. [...]
4. [...]