Decision ID: 95332522-2eae-4940-989b-7e173aa8635c
Year: 2021
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
X._
, geboren 19
67
, ist
niederländi
scher Staatsange
höri
g
er
. Nachdem er am
4.
Januar
2019
zur Aufnahme einer Erwerbstätigkeit
aus seinem Heimatland in die Schweiz gezogen war
(Urk. 6/
4)
, e
rsuchte
er
am
1
4.
Januar
2019
unter Hinweis auf einen
bloss
temporären Aufenthalt
um Befrei
ung von
der
schweizerischen
Krankenver
sicherungspflicht (Urk.
6/
1 S. 2 f.
). Mit Verfügung vom
24. Jun
i 2019 wies
die Gesundheitsdirektion des Kantons Züri
ch (nachfolgend: Gesundheitsdirek
tion
) das Gesuch ab
(Urk. 6/
5
)
.
D
agegen
erhob
X._
am
17
. Juli 2019 Einsprache
(Urk. 6/
7
)
, woraufhin die Gesundheitsdirektion weitere Unterlagen ein
forder
te
(Urk. 6/
12-13). In der Folge wies sie
die
Einsprache
mit Entscheid vom
9.
März 2021
ab (Urk.
6/
14
= Urk. 2).
2.
Gegen den
Einspracheentscheid
vom
9.
März 2021
(Urk. 2) erhob
X._
am
3
0.
März
2021 Beschwerde und beantragte
sinngemäss
, dieser sei aufzuheben und
er
sei von der Krankenversicherungspflicht
in der Schweiz
zu
befreien
(Urk. 1).
Die Gesundheitsdirektion
schloss in ihrer
Beschwerdeantwort vom
1
1.
Mai
2021
auf
Abweisung der Beschwerde
(
Urk.
5)
, was dem Beschwerde
führer am
17. Mai
2021 zur Kenntnis gebracht wurde (Urk.
7
).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
Die Beschwerdegegnerin hat im angefochtenen
Einspracheentscheid
zutreffend dargelegt, dass im vorliegenden Fall schweiz
erisches Recht zur Anwendung ge
langt (Urk. 2 S. 2 Ziff. 1). Auf diese unbestritte
n gebliebenen und korrekten Aus
führungen wird verwiesen.
2.
2.1
Art. 3 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Krankenversicherung (KVG) schreibt vor, dass sich jede Person mit Wohnsitz in der Schweiz innert drei Monaten nach der
Wohnsitznahme
oder der Geburt in der Schweiz für Krankenpflege versichern oder von ihrem gesetzlichen Vertret
er beziehungsweise ihrer gesetzlichen Ver
tre
terin versichern lassen muss.
Der Wohnsitz bestimmt sich nach Art. 23-26 des
schweizerischen
Zivilge
setz
buches (ZGB; Art. 13 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts, ATSG
; für den Wohnsitzbegriff gemäss Art. 3 Abs. 1 KVG im Besonderen verweist der Verordnungsgeber in Art. 1 Abs. 1 der Verord
nung über die Krankenversicherung [KVV] ebenfalls auf Art. 23-26 ZGB
)
. Nach Art. 23 Abs. 1 ZGB befindet sich der Wohnsitz einer Person an dem Ort, wo sie sich mit der Absicht dauernden Verbleibens aufhält.
Gestützt auf
Art.
3
Abs.
3
lit
. a KVG hat der Bundesrat die Versicherungspflicht
zudem
in
Art.
1
Abs.
2
lit
. a KVV
auf
Ausländer und Ausländerinnen mit einer
mindestens drei Monate gültig
en
Aufent
haltsbewilligung
ausgedehnt.
Dieses allgemeine
Versicherungsobligatorium
für die gesamte schweizerische Wohn
bevölkerung stellt ein unverzichtbares Instrument zur Gewährleistung der Solidarität zwischen Gesunden und Kranken dar (Gebhard
Eugster
,
Krankenver
sicherung,
in: Schwei
zerisches Bundesverwaltungsrecht
[SBVR]
, Soziale Sicher
heit,
3.
Aufl. 2016, S. 418
Rz
. 29).
In Anbetracht dieser gesetzgeberischen Absicht is
t es folgerichtig, dass die Aus
nahmen von der Versicherungspflicht und damit
von der Zugehörigkeit zur Soli
dargemeinschaft eng umschrieben werden. Der Zweck des
Obligatoriums
besteht
nicht nur darin, zu verhindern, dass infolge Fehl
ens einer Versicherung unter Um
ständen bei Risikoeintritt das Gemei
nwesen für höhere oder alle Kosten aufkom
men muss, sondern auch darin, die Solidarität
zwischen Gesunden und Kran
ken zu gewä
hrleisten (BGE 132 V 310 E. 8.3 und
E.
8.5.6).
2.2
Art. 3 Abs. 2 KVG ermächtigt den Bundes
rat, Ausnahmen von der Versicherungs
pflicht vorzusehen. Die Ausnahmen gib
t es in der Form der Nichtunterstel
lung, die nach Gesetz oder Verordnung automatisch
eintritt (Art. 2 Abs. 1
KVV), und in der Form der Befreiung auf Gesuch hin, welche ein Tätigwerden der ver
si
cherten Person erfordert (Art. 2 Abs. 2 bis Abs. 8 KVV). Die Ausnah
men
gemäss
Verordnung stellen
abschlies
sende
Aufzählungen dar und unterliegen grund
sä
tz
lich einer restriktiven Inter
pretation (
Eugster
, a.a.O., S. 423
Rz
46; BGE 134 V 34 E. 5.5).
Zu den auf Gesuch hin von der Versich
erungspflicht ausgenommenen Per
sonen
gehören nach Art. 2 Abs. 8 KVV
di
ejenigen, für welche eine Unter
stellung unter die schweizeris
che Versicherung eine klare Verschlechte
rung des bisherigen Ver
sicherungsschu
tzes oder der bisherigen Kosten
deckung zur Folge hätte und die
sich aufgrund ihres Alters und/oder ihres Gesundheitszustandes nicht oder nur zu
kaum tragbaren Bedingungen im bisherigen Umfang zusatzversichern könn
t
en.
Voraussetzung ist mithin, dass die Abschlussschwierigkeiten
ihren Grund im Alter oder Gesundheitszustand der versicherten Person haben, was den Kreis der Normadressaten entsprechend einschränkt (
Eugster
, a.a.O., S. 427
Rz
59 mit Hinweis auf die in BGE 132 V 310 nicht publizierte E. 6.3).
Hinzu kommt, dass n
icht j
ede bestehende oder vorbestandene Krankheit mit den genannten Risiken für einen Zusatzversicherungsabschluss zur Befreiung von der Versiche
rungs
pflicht
berechtigt
.
Allgemein ist d
ie Risikoprüfung bei den Zusatz
versicherern in der Schweiz sehr streng, so dass Gesund
heitsfaktoren relativ rasch zur Verwei
ge
rung eines Versicherungs
vertrages führen. Die kritische Altersgrenze ist in der Schweiz für Spital
zusatz
versicherungen bei 55 Jahren anzusetzen. Es genügt dabei nicht, dass die ausländische Versicherung der schweizerischen Versiche
rung gleich
wertig ist, sondern sie muss von den versicherten Positionen her im Minimum dem gesetzlichen Pflichtleistungskatalog entsprechen und von der Kostendeckung her klar über den Pflichtleistungstarifen liegen. Anders als in
Art.
2
Abs.
2 KVV kann der Versicherungsschutz nach
Art.
2
Abs.
4 bis 8 KVV auch auf einer nichtobligatorischen, privaten Versicherung beruhen (
Eugster
,
a.a.O.,
S.
428
Rz
60
).
3.
3.1
Die Beschwerdegegnerin ging im angefochtenen Entscheid
vom 9. März 2021
davon aus,
beim Beschwerdeführer bestehe grundsätzlich keine Befreiungs
mög
lichkeit, sondern es komme lediglich eine Härtefallprüfung gemäss
Art.
2
Abs.
8 KVV in Frage (
Urk.
2 S. 3).
Bezüglich der Voraussetzungen dieser Bestimmung hielt sie fest, der Beschwerdeführer habe nicht dargelegt, ob oder inwiefern er sich aufgrund seines Alters und/oder seines Gesundheitszustandes nicht oder nur zu kaum tragbaren Bedingungen im bisherigen Umfang in der Schweiz zusatz
versichern könnte. Ebenso wenig habe er mittels Dokum
ent
e
n
belegt, dass seine ausländische
Versicherung insgesamt ein dem Leistungsrecht der obligatorischen Krankenpflegeversicherung (OKP)
gleichwertigen Versicherungsschutz biete. Fehle es an der Gleichwertigkeit, könne der Abschluss einer obligatorischen Krankenversicherung in der Schweiz nicht als klare Verschlechterung gelten. Nach dem Gesagten
komme
eine Befreiung des Beschwerdeführers gestützt auf
Art.
2
Abs.
8 KVV nicht in
Frage
. Ferner bringe der Beschwerdeführer nicht vor, einer der übrigen Personengruppen anzugehören, welche nach
Art.
2 und 6 KVV vom schweizerischen
Versicherungsobligatorium
ausgenommen
seien
oder davon befreit werden könn
t
en
(
Urk.
2 S. 4).
3.2
Der Beschwerdeführer
führte
in seiner Beschwerde vom 30. März 2021
aus
,
Art. 6
Abs.
1 KVV schütze Personen mit ausländischer Krankenversicherung, für welche eine Unterstellung unter die schweizerische Versicherung eine klare Verschlech
terung des bisherigen Versicherungsschutzes oder der bisherigen Kostendeckung zur Folge hätte. Es treffe zwar zu, dass er keine sofortige Verschlechterung erleide, doch sei zu berücksichtigen, dass er beim Verlassen der Schweiz mit Rückkehr zu seiner internationalen Versicherung eine klare Verschlechterung des Versiche
rungs
schutzes und der Kostendeckung zu befürchten habe. Dies gelte namentlich für den Fall, dass er in der Zwischenzeit ernsthaft erkranken werde. Im grossen Ganzen bedeute daher der Wechsel von der internationalen zur schweizerischen Versicherung und später zurück zur internationalen Versicherung eine klare Verschlechterung.
Dieser zweite/zukünftige Teil seiner Situation sei zu Unrecht unberücksichtigt geblieben (
Urk.
1).
3.3
In ihrer Beschwerdeantwort vom 1
1.
Mai 2021 wies die Beschwerdegegnerin darauf hin, dass keine Hinweise darauf bestünden, dass der Beschwerdeführer ein institutionell Begünstigter im Sinne von
Art.
6
Abs.
1 KVV sei. Sodann genüge die theoretische Möglichkeit einer späteren Erkrankung den strengen Anforde
rungen von
Art.
2
Abs.
8 KVV nicht (
Urk.
5 S. 3-4).
4.
4.1
Der Beschwerdeführer hat seinen Wohnsitz
unbestrittenermassen
in der Schweiz
(
Urk.
6/4 S. 1)
und ist im Besitz einer Aufenthaltsbewilligung
für eine Dauer von mehr als drei Monaten (
Urk.
2 S. 3, vgl. auch die Aufenthaltsbewilligung seiner Ehefrau,
Urk.
6/
7 S. 4
)
. So
mit
ist er
nach
Art.
3
Abs.
1 KVG,
Art.
1
Abs.
1 und Abs. 2
lit
. f KVV
grundsätzlich verpflichtet, sich in der Schweiz für Krankenpflege versichern zu lassen, was im Übrigen auch unbestritten ist.
4.2
Der vom Beschwerdeführer angeführte
Art.
6
Abs.
1 KVV besagt, dass Personen nach
Art.
2
Abs.
2
lit
. a und c des
Bundesgesetzes über die von der Schweiz als Gaststaat gewährten Vorrechte, Immunitäten und Erleichterungen sowie finan
ziellen Beiträge (Gaststaatgesetz, GSG),
welche
Vorrechte, Immunitäten und Erleichterungen geniessen, mit Ausnahme der privaten Hausangestellten nicht ver
sicherungspflichtig sind. In
Art.
2
Abs.
2
lit
. a und c
GSG
werden
Personen
aufgeführt
, die
in offizieller Eigenschaft für einen institutionellen Begünstigten nach
Art.
2
Abs.
1
GSG
tätig sind
(BGE
129 V 159 E. 3.6.1)
. Da der Beschwer
deführer bei der Y._
- mithin einem privaten Unternehmen - arbeitet (
Urk.
6/1 S. 4), wird er nicht vom persönlichen Geltungsbereich von
Art.
6 KVV erfasst.
Eine Anwendung von
Art.
6
Abs.
1 KVV fällt daher ausser Betracht.
4.3
Betreffend die Ausnahmeregelung von
Art.
2
Abs.
8 KVV ist im Auge zu behalten, dass
Ausnahmen von der Versicherungspflicht
angesichts der
gesetzgeberisch gewollte
n
Solidarität zwischen Gesunden und Kranken
generell eng zu hal
ten
sind. Es
ist der Befürchtung des Gesetzgebers Rechnung zu tragen, dass sich das schweizerische
Obligatorium
unterlaufen liess
e, wenn beispielsweise der Nach
weis einer ausländischen freiwilligen privaten Versicherung allgemein als Befrei
ungsgrund akzeptiert würde (BGE 132 V 310 E. 8.
3
). Für die Anwendung von
Art.
2
Abs.
8 KVV sind daher strenge Massstäbe zu setzen. Insbesondere darf diese Bestimmung nicht dazu dienen, blosse Nachteile zu verhindern, die eine
Person dadurch erleidet, dass das sch
weizerische System den Versiche
rungs
schutz
, den sie bisher unter dem ausländischen System genoss, überhaupt nicht oder nicht zu gleich
günstigen Bedingungen vorsieht
. Sie soll aber immerhin den Nachteil vermeiden, der daraus resultiert, dass eine Perso
n bis zum Erreichen ihres bisherigen ausländi
schen Versicherungsniveaus von in der Sch
weiz tatsächlich
vorhandenen An
geboten wegen ihres Alters und/oder Gesundheitszustandes nicht
oder nur zu kaum tragbaren Bedingungen Gebrauch machen kann (BGE 132 V 310 E. 8.5.6; Urteil des Bundesgerichts 9C_510/2011 vom 1
2.
September 2011 E.
2.2
, vgl. auch vorstehende E. 2.2
).
Der
1967
geborene Beschwerdeführer ist weniger als 55 Jahre alt und er macht auch keine
aktuellen
Erkrankungen geltend,
die
sein
en
Versicherungsschutz in der Schweiz beeinträchtig
en könnten
. Es ist einzig eine
Otosklerose bekannt, wobei Ausgaben für damit zusammenhängende Probleme bereits von der bishe
rigen Versicherung ausges
chlossen wurden (Urk. 6/4 S. 5), weshalb diesbezüglich keine Verschlechterung des Versicherungsschutzes zu erwarten ist.
Das Vorbringen des Beschwerdeführers, dass er bei einem allfälligen späteren Wechsel zurück zu seiner internationalen Versicherung möglicherweise Nachteile erleiden wird (
Urk.
1), ist nicht von der Hand zu weisen; indes wird dieser Sach
verhalt vom eng auszulegenden
Art.
2
Abs.
8 KVV nicht erfasst
(vgl. auch BGE 132 V 310 E. 8.5.1 mit Hinweis auf BGE 129 V 1
59
E. 3.1)
.
Der Umstand, dass eine Ausreise aus der Schweiz nicht auszuschliessen ist und bei der Kündigung des bisherigen Versicherungsverhältnisses gewisse Vorteile nicht erhalten werden
können,
rechtfertigt
keine Ausnahme vom
Versicherungsobligatorium
nach
Art.
2
Abs.
8 KVV (Urteil des Bundesgerichts 9C_304/2017 vom 2
7.
September 2017 E.
4.1.3 mit Hinweis).
Der Wortlaut
von
Art.
2
Abs.
8 KVV dec
k
t den Fall jener Personen nicht ab, die nur vorübergehend in der Schweiz wohnen und
riskieren,
nach der Rückkehr ins Ausland dort eine wegen der schweizerischen V
ersiche
rungspflicht aufgegebene
private Krankenversicherung aus Gründen des Alters
oder der Gesundheit nicht oder nicht mehr in der gleichen Qualität zu erhalten (
Eugster
, a.a.O., S. 428
Rz
60; vgl. auch BGE 132 V 310 E. 8.5.6).
4.4
Da die Ausnahmen von der Versicherungspflicht gemäss KVV eine abschliessende Aufzählung darstellen (vgl. E.
2.2
vorstehend) und nach dem Gesagten keine da
von vorliegt, steht fest, dass d
ie
Beschwerdegegn
erin die Vorausset
zungen für ein
e Befreiung von der Versicherungspflicht
zu Recht
verneint
hat
.
Dies führt zur Ab
weisung der Beschwerde.