Decision ID: bb0fa1d0-55c2-5c59-9cb8-6b9c5e683354
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführenden sind irakische Staatsangehörige kurdischer
Ethnie und yezidischer Religionszugehörigkeit und stammen aus dem Dorf
C._ im Bezirk Sinjar (arabisch) beziehungsweise Şengal (kurdisch)
in der Provinz Ninawa (arabisch) beziehungsweise Neynewa (kurdisch).
Gemäss eigenen Angaben verliessen sie ihren Heimatstaat am 3. Septem-
ber 2016 in Richtung Türkei. Am 15. November 2016 reisten sie unkontrol-
liert in die Schweiz ein und ersuchten gleichentags beim damaligen Emp-
fangs- und Verfahrenszentrum Basel um Asyl. Am 22. November 2016 wur-
den sie durch das Staatssekretariat für Migration (SEM) summarisch be-
fragt und am 15. April 2019 eingehend zu den Gründen ihrer Asylgesuche
angehört. Zwischenzeitlich wurden sie für die Dauer der Asylverfahren dem
Kanton D._ zugewiesen.
B.
Die Beschwerdeführenden machten anlässlich ihrer Anhörungen im We-
sentlichen geltend, in ihrer Herkunftsregion seien Angehörige der yezidi-
schen Bevölkerungsgruppe seit langem diskriminiert und verfolgt worden.
Am 3. August 2014 sei ihr Heimatdorf durch die extremistisch-islamistische
Organisation "Islamischer Staat" (IS) angegriffen worden, weshalb sie als
Angehörige der yezidischen Religion hätten fliehen müssen. Sogar von
muslimischen Nachbarn, mit denen sie zuvor problemlos zusammengelebt
hätten, sei ihnen nach dem Leben getrachtet worden. In der Folge hätten
sie bis zu ihrer Ausreise aus dem Irak in einem Flüchtlingslager in Zakho
(Provinz Dohuk) gelebt. Jedoch sei auch in Zakho die Situation für Yezidin-
nen und Yeziden sehr unsicher gewesen. Im Nordirak seien durch den IS
an Angehörigen der yezidischen Minderheit zahlreiche Greueltaten verübt
worden. Ein Cousin des Beschwerdeführers sei durch die erwähnte Grup-
pierung im Jahr 2014 entführt worden und erst drei Jahre später wieder
freigekommen. Wegen der unsicheren Lage hätten sie sich schliesslich zur
Ausreise entschieden.
C.
Mit Eingabe an das SEM vom 14. März 2019 teilte der Rechtsvertreter un-
ter anderem seine Mandatierung mit.
D.
D.a Mit Eingabe an das SEM vom 9. August 2019 teilte der Rechtsvertreter
mit, der Beschwerdeführer (Ehemann) sei an einem bösartigen Mastdarm-
krebs erkrankt und deswegen operiert worden.
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D.b Mit Zwischenverfügung vom 12. Februar 2020 forderte das SEM den
Rechtsvertreter zur Einreichung eines medizinischen Berichts in Bezug auf
den Beschwerdeführer auf.
D.c Mit Eingabe vom 28. Februar 2020 übermittelte der Rechtsvertreter
dem Staatssekretariat den verlangten medizinischen Bericht.
E.
Mit Verfügung vom 8. Juli 2020 (Datum der Eröffnung: 9. Juli 2020) lehnte
das SEM die Asylgesuche der Beschwerdeführenden ab. Gleichzeitig ord-
nete es wegen Unzumutbarkeit des Vollzugs der Wegweisung die vorläu-
fige Aufnahme in der Schweiz an. Zur Begründung der Ablehnung der Asyl-
gesuche führte das Staatssekretariat im Wesentlichen aus, die betreffen-
den Vorbringen der Beschwerdeführenden seien nicht asylrelevant.
F.
Mit Eingabe an das SEM vom 9. Juli 2020 ersuchte der Rechtsvertreter um
Einsicht in die Verfahrensakten. Diesem Antrag entsprach das Staatssek-
retariat mit Schreiben vom 27. Juli 2020.
G.
Mit Eingabe ihres Rechtsvertreters vom 7. August 2020 fochten die Be-
schwerdeführenden den Asylentscheid des SEM beim Bundesverwal-
tungsgericht an. Dabei beantragten sie die Aufhebung der Ziffern 1–3 der
genannten Verfügung, die Feststellung ihrer Flüchtlingseigenschaft und die
Gewährung des Asyls. In prozessualer Hinsicht ersuchten sie um Gewäh-
rung der unentgeltlichen Prozessführung im Sinne von Art. 65 Abs. 1
VwVG und um Bestellung eines amtlichen Rechtsbeistands gemäss
aArt. 110a des Asylgesetzes (AsylG, SR 142.31). Auf die Begründung der
Beschwerde wird, soweit für den Entscheid wesentlich, in den Erwägungen
eingegangen.
H.
Mit Zwischenverfügung der Instruktionsrichterin vom 18. August 2020 wur-
den die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und
um Bestellung eines amtlichen Rechtsbeistands ‒ als welcher der bishe-
rige Rechtsvertreter eingesetzt wurde ‒ gutgeheissen.
I.
Mit Vernehmlassung vom 24. August 2020 hielt das SEM vollumfänglich an
seinen Erwägungen fest und beantragte die Abweisung der Beschwerde.
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Hiervon wurde den Beschwerdeführenden mit Schreiben vom 27. August
2020 Kenntnis gegeben.
J.
Mit Eingabe ihres Rechtsvertreters vom 28. August 2020 übermittelten die
Beschwerdeführenden eine Stellungnahme zur Situation der Yezidinnen
und Yeziden in ihrer Heimatregion im Nordirak.
K.
Mit Eingabe ihres Rechtsvertreters vom 20. August 2021 äusserten sich
die Beschwerdeführenden erneut zur Verfolgung der yezidischen Volks-
gruppe im Nordirak und reichten eine Honorarabrechnung ein.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Über Beschwerden ge-
gen Verfügungen, die gestützt auf das AsylG durch das SEM erlassen wor-
den sind, entscheidet das Bundesverwaltungsgericht grundsätzlich (mit
Ausnahme von Verfahren betreffend Personen, gegen die ein Ausliefe-
rungsersuchen des Staates vorliegt, vor welchem sie Schutz suchen) end-
gültig (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31–33 VGG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Für das vorliegende Verfahren gilt nach der am 1. März 2019 in Kraft
getretenen Änderung des AsylG das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Über-
gangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015).
1.3 Mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht können im Anwen-
dungsbereich des AsylG die Verletzung von Bundesrecht, einschliesslich
Missbrauch und Überschreitung des Ermessens, sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
2.
Die Beschwerdeführenden sind legitimiert; auf ihre frist- und formgerecht
eingereichte Beschwerde ist einzutreten (Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1
AsylG; Art. 37 VGG i.V.m. Art. 48 Abs. 1 und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
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3.
Die Beschwerde richtet sich ausschliesslich gegen die Ziff. 1–3 des Dispo-
sitivs der angefochtenen Verfügung (Ablehnung des Asylgesuchs, die Fest-
stellung des SEM, die Beschwerdeführenden würden die Flüchtlingseigen-
schaft nicht erfüllen, sowie die Wegweisung). Die Frage des Vollzugs bildet
damit nicht Gegenstand des Beschwerdeverfahrens.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Als Flüchtling wird eine Person anerkannt, wenn sie in ihrem
Heimatstaat oder im Land, wo sie zuletzt wohnte, wegen ihrer Rasse, Re-
ligion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe
oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen aus-
gesetzt ist oder begründete Furcht hat, solchen Nachteilen ausgesetzt zu
werden. Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung von
Leib, Leben oder Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen
psychischen Druck bewirken. Den frauenspezifischen Fluchtgründen ist
Rechnung zu tragen (Art. 3 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Glaubhaft gemacht ist die Flüchtlings-
eigenschaft, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit für gegeben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vor-
bringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich wi-
dersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich auf
gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
5.
5.1 Das SEM begründete die Ablehnung der Asylgesuche zum einen da-
mit, die Beschwerdeführenden hätten nichts vorgebracht, was auf eine in-
dividuelle Verfolgung aus einem asylrechtlich relevanten Motiv im Heimat-
staat hindeuten würde.
Zum anderen hielt die Vorinstanz dafür, auch der Zugehörigkeit der Be-
schwerdeführenden zur yezidischen Bevölkerungsgruppe komme keine
Asylrelevanz zu. Im Referenzurteil D-4600/2014 vom 29. November 2016
habe das Bundesverwaltungsgericht die Voraussetzungen einer Kollektiv-
verfolgung der Yezidinnen und Yeziden im Irak angesichts des Vormar-
sches des IS und dessen äusserst brutalen Vorgehens gegen nahezu alle
Angehörigen der yezidischen Bevölkerungsgruppe als erfüllt erachtet. Die
Machtverhältnisse in der Provinz Ninawa hätten sich inzwischen jedoch
grundlegend geändert, indem der IS seine Herrschaft nahezu vollständig
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verloren habe. Es sei deshalb zu beurteilen, ob die Voraussetzungen einer
Kollektivverfolgung der Yezidinnen und Yeziden im Irak zum heutigen Zeit-
punkt weiterhin als erfüllt betrachtet werden könnten. Im Ergebnis habe
sich die Situation in der Provinz Ninawa für die yezidische Bevölkerung
insgesamt nachhaltig verbessert und stabilisiert. Seit dem territorialen
Herrschaftsverlust des IS bestünden keine konkreten Anhaltspunkte, dass
diese Terrorgruppe in absehbarer Zeit in der Lage wäre, die Provinz
Ninawa oder ein anderes Gebiet des Iraks zu erobern und die Yezidinnen
und Yeziden systematisch zu verfolgen. Zum heutigen Zeitpunkt sei nicht
mehr davon auszugehen, dass sämtliche Angehörigen der yezidischen
Volksgruppe im Irak mit erheblicher Wahrscheinlichkeit eine objektiv be-
gründete Verfolgungsfurcht zu gewärtigen hätten. Somit sei nicht mehr von
einer Kollektivverfolgung von Yezidinnen und Yeziden im Irak auszugehen.
5.2 Mit der Beschwerdeschrift wird im Wesentlichen geltend gemacht, die
Beschwerdeführenden hätten am 15. November 2016 um Asyl ersucht und
seien erst am 15. April 2019 eingehend zu den Gründen ihrer Asylgesuche
angehört worden. Sie seien unbestrittenermassen Angehörige der yezidi-
schen Religion und würden aus dem Irak stammen. Die Vorinstanz ver-
weise in ihrem Entscheid explizit darauf, dass Yezidinnen und Yeziden aus
der Provinz Ninawa gemäss dem Referenzurteil D-4600/2014 vom 29. No-
vember 2016 kollektiv verfolgt seien und ihnen deshalb Asyl gewährt wer-
den müsse. Die Beschwerdeführenden hätten somit während der gesam-
ten Zeit ihres erstinstanzlichen Asylverfahrens bereits Anspruch auf die An-
erkennung als Flüchtlinge gehabt, was nur wegen Verfahrensverschlep-
pung durch das SEM nicht bereits festgestellt worden sei. Anders als von
der Vorinstanz angenommen habe sich die Situation im Nordirak in der
Zwischenzeit auch nicht in grundlegender Weise verändert, sondern es sei
weiterhin von einer Kollektivverfolgung der yezidischen Bevölkerungs-
gruppe auszugehen.
5.3 Im vorliegenden Fall ist in erster Linie die Frage einer Kollektivverfol-
gung von Yezidinnen und Yeziden in der Herkunftsregion der Beschwerde-
führenden im Irak von entscheidwesentlicher Bedeutung.
5.3.1 Eine Kollektivverfolgung liegt gemäss der Rechtsprechung des Bun-
desverwaltungsgerichts vor, wenn eine relativ grosse Anzahl Personen ei-
nes bestimmten Kollektivs einer asylrelevanten Verfolgung ausgesetzt ist.
Die flüchtlingsrechtlich zu beurteilenden Massnahmen müssen dabei in ge-
zielter Art und Weise auf das Kollektiv gerichtet sein und eine gewisse In-
tensität aufweisen. Aus der Verfolgung einzelner, zum Kollektiv gehörender
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Personen kann dabei nicht ohne Weiteres auf die Verfolgung des Kollektivs
geschlossen werden. Die gezielten und intensiven Nachteile müssen viel-
mehr zum Ziel haben, möglichst alle Mitglieder des Kollektivs zu treffen,
und sie müssen in Relation zur Grösse des Kollektivs eine bestimmte
Dichte aufweisen, so dass der Einzelne aus der erheblichen Wahrschein-
lichkeit heraus, selbst verfolgt zu werden, objektiv begründete Furcht hat
(vgl. BVGE 2014/32 E. 7.2, 2013/21 E. 9.1, 2013/12 E. 6, 2013/11 E. 5.4.2,
2011/16 E. 5, jeweils m.w.H.).
5.3.2 Zunächst ist – mit Blick auf den Wortlaut der angefochtenen Verfü-
gung – präzisierend festzuhalten, dass die im länderspezifischen Refe-
renzurteil D-4600/2014 vom 29. November 2016 getroffene Beurteilung,
wonach von einer Kollektivverfolgung der Yezidinnen und Yeziden auszu-
gehen sei, sich nicht auf das gesamte Staatsgebiet des Iraks, sondern aus-
schliesslich auf die Angehörigen dieser Volksgruppe bezog, die aus der
nordirakischen Provinz Ninawa stammen.
5.3.3 Des Weiteren ist der Feststellung in der Beschwerdeschrift beizu-
pflichten, dass die Beschwerdeführenden, nachdem das SEM weder ihre
Zugehörigkeit zur yezidischen Volksgruppe noch ihre Herkunft aus der Pro-
vinz Ninawa in Zweifel zog, aufgrund des erwähnten Referenzurteils be-
reits kurze Zeit nach der Stellung ihrer Asylgesuche am 15. November
2016 unter dem Aspekt der Kollektivverfolgung als Flüchtlinge zu anerken-
nen gewesen wären. Der Umstand, dass die Vorinstanz ihren Asylent-
scheid erst mehr als dreieinhalb Jahre später fällte, ist unter diesen Um-
ständen als nicht nachvollziehbar zu bezeichnen.
5.3.4 Das Bundesverwaltungsgericht hat sich mit der auch in der vorlie-
gend angefochtenen Verfügung getroffenen Einschätzung des SEM, es sei
in Abweichung vom Referenzurteil vom 29. November 2016 nunmehr von
keiner Kollektivverfolgung der Yezidinnen und Yeziden in der nordiraki-
schen Provinz Ninawa mehr auszugehen, jüngst im länderspezifischen Ko-
ordinationsentscheid D-4038/2020 vom 24. Juni 2021 (als Referenzurteil
publiziert) auseinandergesetzt. Dabei wurden die allgemeine politische Si-
tuation und die Sicherheitslage der Angehörigen der yezidischen Bevölke-
rungsgruppe in der Provinz Ninawa einer eingehenden Analyse unterzo-
gen. Demnach agiert der IS nach dem Verlust seiner territorialen Herrschaft
nun aus dem Untergrund und ist nach wie vor als ernstzunehmende Be-
drohung einzustufen. Die genannte Organisation ist in Bezug auf die Yezi-
dinnen und Yeziden nicht von seiner Ideologie abgerückt, diese religiöse
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Minderheit zu vernichten. Weiterhin werden mehr als 2'800 Personen yezi-
discher Religionszugehörigkeit vermisst, und die Auswirkungen der vom IS
begangenen massenhaften Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die
Menschlichkeit halten damit an. Die Sicherheitslage in der Provinz Ninawa
muss generell als höchst volatil bezeichnet werden. Ausserdem hat ein
Wiederaufbau der zivilen Infrastruktur in den zerstörten Gebieten bis anhin
nicht stattgefunden. Rückkehrbewegungen von Angehörigen der yezidi-
schen Minderheit in die Provinz Ninawa und insbesondere den Bezirk Sin-
jar finden nur sehr zögerlich statt, wobei als Hinderungsgrund von einem
Grossteil der intern Vertriebenen die schlechte Sicherheitslage genannt
wird. Auch die fehlende Versöhnung mit den arabischen Nachbarn, die zum
Teil mit dem IS kooperierten, hält die Vertriebenen von der Rückkehr ab.
Angesichts der aktuellen Situation und den Erfahrungen der Vergangen-
heit – die yezidische Gemeinschaft wurde von den Peshmerga (Streitkräfte
der nordirakischen Autonomen Region Kurdistan) im August 2014 schutz-
los dem vorrückenden IS preisgegeben – sind zudem auch Zweifel an der
Schutzfähigkeit und der Schutzwilligkeit der lokalen staatlichen Sicher-
heitskräfte angebracht (a.a.O., E. 6 und 7). Somit gelangte das Gericht im
jüngsten Referenzurteil zur Beurteilung, dass sich die Situation für die ye-
zidische Bevölkerung in der Provinz Ninawa hinsichtlich einer asylrechtlich
relevanten Verfolgungsgefahr im Verhältnis zum Urteil D-4600/2014 vom
29. November 2016 nicht nachhaltig verbessert und stabilisiert hat. Es ist
deshalb weiterhin davon auszugehen, dass Angehörige der yezidischen
Volksgruppe aus der nordirakischen Provinz Ninawa eine objektiv begrün-
dete Furcht vor Verfolgung haben, womit von einer Kollektivverfolgung aus-
zugehen ist.
5.3.5 Im vorliegenden Fall wird durch die Vorinstanz nicht in Zweifel gezo-
gen, dass die Beschwerdeführenden, wie von ihnen geltend gemacht, ye-
zidischer Religionszugehörigkeit sind und aus dem Bezirk Sinjar in der Pro-
vinz Ninawa stammen. Folglich haben die Beschwerdeführenden eine ob-
jektiv begründete und weiterhin anhaltende Furcht vor asylrechtlich rele-
vanten Verfolgungsmassnahmen.
5.4
5.4.1 Weiter ist auch nicht vom Vorhandensein einer innerstaatlichen
Fluchtalternative in einer anderen Region des Iraks ausserhalb der Provinz
Ninawa auszugehen.
5.4.2 In Frage kämen diesbezüglich für die Beschwerdeführenden, die ne-
ben der yezidischen Volksgruppe auch der kurdischen Ethnie angehören,
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die drei autonomen kurdischen Nordprovinzen Dohuk, Erbil und Suleima-
niya. Allerdings setzt das Vorhandensein einer innerstaatlichen Schutzal-
ternative in einem anderen Landesteil voraus, dass der betroffenen Person
zugemutet werden kann, sich dort niederzulassen und sich eine neue Exis-
tenz aufzubauen. Bei der Prüfung dieser Frage sind die allgemeinen Ver-
hältnisse am Zufluchtsort und die persönlichen Umstände der von Verfol-
gung betroffenen Person in Augenschein zu nehmen, und es ist eine indi-
viduelle Einzelfallprüfung unter Berücksichtigung des länderspezifischen
Kontextes durchzuführen (vgl. BVGE 2011/51 E. 8). Weiter ist nach gelten-
der Praxis unter dem Aspekt der Zumutbarkeit des dauerhaften Aufenthalts
in den Provinzen Dohuk, Erbil und Suleimaniya vorauszusetzen, dass die
betroffene Person ursprünglich aus dieser Region stammt oder eine län-
gere Zeit dort gelebt hat und über ein soziales Netz (Familie, Verwandt-
schaft oder Bekanntenkreis) oder über Beziehungen zu den dort herr-
schenden Parteien verfügt (vgl. BVGE 2013/1 E. 6.3.5.1).
5.4.3 Im vorliegenden Fall sind die relevanten Kriterien bezüglich der aus
der Provinz Ninawa stammenden Beschwerdeführenden nicht erfüllt. Zwar
lebten sie nach ihrer Flucht aus der Provinz Ninawa bis zu ihrer Ausreise
aus dem Irak in einem Flüchtlingslager in Zakho in der Provinz Dohuk. Je-
doch führten sie im vorinstanzlichen Verfahren in glaubhafter Weise aus,
dass ihre Lebensumstände im Flüchtlingslager äusserst schwierig gewe-
sen seien. So hätten sie dort nicht einmal ausreichend Trinkwasser gehabt.
Zu berücksichtigen ist ausserdem, dass der Beschwerdeführer, wie aus
den im vorinstanzlichen Verfahren eingereichten ärztlichen Zeugnissen
hervorgeht, an einer schweren Krebserkrankung leidet. Im Übrigen ist an-
zumerken, dass mit der angefochtenen Verfügung auch bereits die Vor-
instanz zur Einschätzung gelangte, der Vollzug der Wegweisung der Be-
schwerdeführenden in den Irak sei als unzumutbar zu erachten, wobei
auch der zweijährige Aufenthalt in einem Flüchtlingslager keine innerstaat-
liche Aufenthaltsalternative zu gewährleisten vermöge.
6.
Aus den angestellten Erwägungen ergibt sich, dass die Beschwerdefüh-
renden die Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG erfüllen. Folg-
lich ist die Beschwerde gutzuheissen, die Ziffern 1–3 der angefochtenen
Verfügung sind aufzuheben, die Beschwerdeführenden sind als Flüchtlinge
anzuerkennen, und das SEM ist anzuweisen, ihnen in der Schweiz Asyl zu
gewähren.
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7.
7.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben
(Art. 63 Abs. 1–3 VwVG i.V.m. Art. 37 VGG).
7.2 Gemäss Art. 64 Abs. 1 VwVG i.V.m. Art. 37 VGG kann die Beschwer-
deinstanz der ganz oder teilweise obsiegenden Partei von Amtes wegen
oder auf Begehren eine Entschädigung für die ihr erwachsenen notwendi-
gen und verhältnismässig hohen Kosten zusprechen (vgl. für die Grund-
sätze der Bemessung der Parteientschädigung ausserdem Art. 7 ff. des
Reglements über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesver-
waltungsgericht vom 21. Februar 2008 [VGKE, SR 173.320.2]). Gestützt
auf die in Betracht zu ziehenden Bemessungsfaktoren (Art. 9‒13 VGKE)
und die als angemessen erscheinende Kostennote des Rechtsvertreters
vom 20. August 2021 sind den Beschwerdeführenden Fr. 3'010.65 (inkl.
Auslagen und Mehrwertsteuer) zuzusprechen. Dieser Betrag ist den Be-
schwerdeführenden durch das SEM zu entrichten.
7.3 Der Anspruch auf amtliches Honorar des als amtlicher Rechtsbeistand
im Sinne von aArt. 110a AsylG eingesetzten Rechtsvertreters wird damit
gegenstandslos.
(Dispositiv nächste Seite)
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