Decision ID: f8959912-42c3-4118-9b9c-b5ce5f3cfb26
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Das Bundesverwaltungsgericht stellt fest,
dass der Beschwerdeführer am 24. Januar 2022 in der Schweiz um Asyl
nachsuchte,
dass er am 4. Februar 2022 der im Bundesasylzentrum (BAZ) Region
B._ tätigen Rechtsvertretungsorganisation Vollmacht erteilte,
dass er gemäss der Fingerabdruck-Datenbank (Zentraleinheit Eurodac)
am 22. November 2022 in Italien illegal in das Hoheitsgebiet der Dublin-
Staaten eingereist ist und das SEM gestützt hierauf am 10. Februar 2022
die italienischen Behörden um Übernahme des Beschwerdeführers er-
suchte, die hierzu innert Frist keine Stellung nahmen,
dass dem Beschwerdeführer anlässlich des Dublin-Gesprächs vom
10. Februar 2022 das rechtliche Gehör zur mutmasslichen Zuständigkeit
Italiens und zu seinem Gesundheitszustand gewährt wurde,
dass das SEM mit Verfügung vom 20. April 2022 (eröffnet am 21. April
2022) auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eintrat, dessen
Wegweisung aus der Schweiz nach Italien anordnete, eine Ausreisefrist
ansetzte, den zuständigen Kanton mit dem Vollzug der Wegweisung be-
auftragte, die editionspflichtigen Akten aushändigte und feststellte, einer
Beschwerde komme keine aufschiebende Wirkung zu,
dass die Rechtsvertretung des Beschwerdeführers ihr Mandat am 21. April
2022 niederlegte,
dass der Beschwerdeführer mit Eingabe vom 27. April 2022 beim Bundes-
verwaltungsgericht Beschwerde einreichte,
dass er beantragte, die Verfügung des SEM vom 20. April 2022 sei vollum-
fänglich aufzuheben und dieses sei anzuweisen, auf das Asylgesuch ein-
zutreten sowie das Asylverfahren in der Schweiz durchzuführen,
dass eventualiter die Sache zur Neubeurteilung an das SEM zurückzuwei-
sen sei,
dass er in prozessualer Hinsicht beantragte, der Beschwerde sei die auf-
schiebende Wirkung zu erteilen und im Sinne superprovisorischer Mass-
nahmen seien die Vollzugsbehörden anzuweisen, von einer Überstellung
nach Italien abzusehen, bis das Bundesverwaltungsgericht über die auf-
schiebende Wirkung entschieden habe,
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dass auf die Erhebung eines Kostenvorschusses zu verzichten und die un-
entgeltliche Prozessführung zu gewähren sei,

und zieht in Erwägung,
dass das Bundesverwaltungsgericht auf dem Gebiet des Asyls in der Regel
– und so auch vorliegend – endgültig über Beschwerden gegen Verfügun-
gen des SEM entscheidet (vgl. dazu Art. 105 des Asylgesetzes [AsylG,
SR 142.31] i.V.m. Art. 31‒33 VGG und Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG),
dass sich das Verfahren nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG richtet,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG),
dass sich die Kognition des Gerichts beziehungsweise die zulässigen Rü-
gen im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG richten,
dass der Beschwerdeführer zur Einreichung der Beschwerde legitimiert ist
(Art. 48 Abs. 1 VwVG), seine Eingabe den formellen Anforderungen an
eine Beschwerde genügt (Art. 52 Abs. 1 VwVG) und er seine Beschwerde
fristgerecht eingereicht hat (Art. 108 Abs. 3 AsylG), womit auf diese einzu-
treten ist,
dass bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es die
Vorinstanz ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu über-
prüfen (Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), die Beurteilungskompetenz der Be-
schwerdeinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt ist, ob die
Vorinstanz zu Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE
2017 VI/5 E. 3.1, 2012/4 E. 2.2),
dass sich die Beschwerde – wie nachfolgend aufgezeigt – als offensichtlich
unbegründet erweist, weshalb über diese in einzelrichterlicher Zuständig-
keit mit Zustimmung einer zweiten Richterin oder eines zweiten Richters
zu entscheiden ist (Art. 111 Bst. e AsylG),
dass gleichzeitig auf einen Schriftenwechsel zu verzichten und der Ent-
scheid nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG),
dass auf Asylgesuche in der Regel nicht eingetreten wird, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG),
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dass das SEM zur Bestimmung des staatsvertraglich zuständigen Staates
die Zuständigkeitskriterien nach der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des
Europäischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festle-
gung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der
für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen
in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zu-
ständig ist (Dublin-III-VO) prüft,
dass wenn diese Prüfung zur Feststellung führt, dass ein anderer Mitglied-
staat für die Prüfung des Asylgesuchs zuständig ist, das SEM, nachdem
der betreffende Mitgliedstaat einer Überstellung oder Rücküberstellung zu-
gestimmt hat – oder bei fingierter Zustimmung –, auf das Asylgesuch
grundsätzlich nicht eintritt (vgl. BVGE 2015/41 E. 3.1),
dass die Vorinstanz anhand der Zentraleinheit Eurodac zu Recht die Zu-
ständigkeit Italiens erkannte und die italienischen Behörden – gestützt auf
Art. 13 Abs. 1 Dublin-III-VO – um Übernahme ersuchte,
dass die italienischen Behörden das Ersuchen innert der in Art. 22 Abs. 1
Dublin-III-VO vorgesehenen Frist unbeantwortet liessen, womit sie ihre Zu-
ständigkeit implizit anerkannten (Art. 22 Abs. 7 Dublin-III-VO),
dass damit die Zuständigkeit Italiens grundsätzlich gegeben ist,
dass es namentlich nicht von Belang ist, wenn sich der Beschwerdeführer
in Italien nicht hat registrieren lassen wollen beziehungsweise sein Zielland
die Schweiz war, zumal die Dublin-III-VO den Schutzsuchenden kein Recht
einräumt, den Antrag prüfenden Staat auszuwählen (vgl. BVGE 2010/45
E. 8.3),
dass auch nicht von Belang ist, dass die italienischen Behörden dem Ersu-
chen um Übernahme nicht explizit zugestimmt haben, da in diesem Fall
davon auszugehen ist, dass dem Aufnahmegesuch stattgegeben wurde,
was die Verpflichtung Italiens nach sich zieht, den Beschwerdeführer auf-
zunehmen und angemessene Vorkehrungen für seine Ankunft zu treffen
(Art. 22 Abs. 7 Dublin-III-VO),
dass damit die Grundlage für einen Nichteintretensentscheid in Anwendung
von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG und die Anordnung einer Wegweisung
nach Italien gegeben ist,
dass sich der Beschwerdeführer anlässlich des rechtlichen Gehörs vom
10. Februar 2022 mit der Begründung gegen eine Überstellung nach Italien
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aussprach, dort kein Asylgesuch eingereicht zu haben, medizinisch nicht
behandelt worden zu sein, sich auf der Strasse wiedergefunden zu haben
sowie bedroht und bestohlen worden zu sein,
dass er zudem Hautprobleme sowie Albträume habe und viel Lärm höre,
wohingegen seine Bauch- und Kopfprobleme, die er in Italien gehabt habe,
inzwischen besser geworden seien,
dass er diesbezüglich auf Beschwerdeebene ergänzt, er sei in Italien zur
Abgabe seiner Fingerabdrücke gezwungen worden, habe dort keinen Zu-
gang zu einem Verfahren, seine Schwester – die in ihrer persönlichen Si-
tuation auf seine Unterstützung angewiesen sei – lebe in C._ und
zudem drohe das ohnehin bereits mangelhafte italienische Asylsystem auf-
grund der Ukraine-Krise überlastet zu werden,
dass aufgrund der Aktenlage indessen keine Sachverhaltsumstände er-
sichtlich sind, die in rechtserheblicher Weise gegen eine Wegweisung in
den für ihn zuständigen Dublin-Vertragsstaat sprechen würden,
dass selbst wenn zutreffen würde, dass der Beschwerdeführer seine Fin-
gerabdrücke in Italien nicht freiwillig, sondern unter Zwang abgegeben
habe, eine Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO nicht gerechtfertigt
wäre, da sich aus einem solchen Vorkommnis nicht ableiten lässt, dass
systemische Schwachstellen bestehen, welche nahelegen, dass der Be-
schwerdeführer bei einer Rückkehr nach Italien mit einer gewissen Wahr-
scheinlichkeit einer Art. 3 EMRK widersprechenden Behandlung ausge-
setzt wäre,
dass in dieser Hinsicht festzuhalten ist, dass Italien Signatarstaat der
EMRK (SR 0.101), des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen
Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behand-
lung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Abkommens vom 28. Juli 1951
über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) sowie des Zu-
satzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967 (SR 0.142.301) ist, wobei Ita-
lien nach Auffassung der Schweiz grundsätzlich seinen diesbezüglichen
völkerrechtlichen Verpflichtungen nachkommt,
dass die Schweiz gleichzeitig davon ausgeht, Italien anerkenne und
schütze die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richtlinien des
Europäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni 2013
zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aberkennung des in-
ternationalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) und 2013/33/EU vom
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26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Aufnahme von Personen,
die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnahmerichtlinie), ergeben,
dass im letztgenannten Zusammenhang zwar nicht von der Hand zu wei-
sen ist, dass die in Italien herrschenden Aufnahmebedingungen schon wie-
derholt zu Klagen Anlass gaben, wozu sich das Bundesverwaltungsgericht
bereits mehrfach geäussert hat (vgl. z. B. BVGE 2015/4 E. 4, 2016/2 E. 5,
2017 VI/5 E. 8.4 und 2017 VI/10 E. 5 sowie BVGer-Urteile F-6330/2020
vom 18. Oktober 2021 E. 10 und E-962/2019 vom 17. Dezember 2019
[beide publiziert als Referenzurteil]),
dass sich allerdings auch damit nichts daran geändert hat, dass das Ge-
richt im Falle von Personen, die – wie der volljährige und alleinstehende
Beschwerdeführer – keine besondere Verletzlichkeit erkennen lassen,
ohne Einschränkung von der Zulässigkeit der Überstellung nach Italien
ausgeht,
dass die unsubstanziierten Beschwerdeausführungen hieran nichts zu än-
dern vermögen und – auch unter Berücksichtigung der Flüchtlingsströme
aufgrund des aktuellen Ukraine-Konflikts – ebenfalls keinen Anlass zur An-
nahme geben, der Beschwerdeführer wäre in Italien ernsthaft gefährdet,
dass auch die vom Beschwerdeführer behaupteten gesundheitlichen Prob-
leme kein Hindernis für seine Überstellung nach Italien darstellen, zumal Ita-
lien über eine ausreichende medizinische Infrastruktur verfügt und es keinen
Grund zur Annahme gibt, dem Beschwerdeführer werde dort notwendige
medizinische Behandlung verweigert,
dass sich der Beschwerdeführer – nach Einreichung eines Asylgesuchs –
bei Bedarf im Übrigen an die italienischen Behörden wenden und die ihm
zustehenden Aufnahmebedingungen auf dem Rechtsweg einfordern kann
(vgl. Art. 26 Aufnahmerichtlinie),
dass sich – neben den staatlichen Strukturen – auch zahlreiche private
Hilfsorganisationen der Betreuung von Asylsuchenden und Flüchtlingen
annehmen, bei denen er bei Bedarf ebenfalls um Unterstützung nachsu-
chen kann,
dass schliesslich die in der Beschwerde erwähnte Schwester in C._
im vorinstanzlichen Verfahren unerwähnt blieb und auch keine Familienan-
gehörige des Beschwerdeführers im Sinne von Art. 2 Bst. g Dublin-III-VO
darstellt,
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dass im Übrigen deren Abhängigkeit weder belegt noch ansatzweise be-
gründet wurde, weshalb auch nicht von einem Abhängigkeitsverhältnis im
Sinne von Art. 16 Abs. 1 Dublin-III-VO auszugehen und deren Anwesen-
heitsstatus in casu nicht zu prüfen ist,
dass demgemäss kein Grund für einen Selbsteintritt auf das Asylgesuch
respektive für eine Anwendung der Ermessensklausel nach Art. 17 Abs. 1
Dublin-III-VO in Verbindung mit Art. 29a Abs. 3 AsylV1 ersichtlich ist,
dass in diesem Zusammenhang festzustellen bleibt, dass sich das SEM
aufgrund der Aktenlage auf eine summarische Würdigung der vorliegenden
Sache unter dem Aspekt von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 beschränken durfte,
da es sich beim Beschwerdeführer gemäss Aktenlage – wie vom SEM zu
Recht erkannt – nicht um eine besonders verletzliche Person handelt,
dass nach dem Gesagten der Nichteintretensentscheid in Anwendung von
Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG in keinem Punkt zu bemängeln ist,
dass gleichzeitig die Anordnung der Wegweisung nach Italien der Syste-
matik des Dublin-Verfahrens entspricht und im Einklang mit der Bestim-
mung von Art. 44 (erster Satz) AsylG steht,
dass schliesslich der Vollständigkeit halber darauf hinzuweisen ist, dass
allfällige Verzögerungen aufgrund der herrschenden Situation im Zusam-
menhang mit der COVID-19-Pandemie gemäss aktuellem Kenntnisstand
lediglich temporäre Vollzugshindernisse darstellen und daher am Ausgang
des vorliegenden Verfahrens nichts zu ändern vermögen (vgl. Urteil des
BVGer F-1829/2020 vom 9. April 2020 E. 5.2),
dass nach vorstehenden Erwägungen die angefochtene Verfügung zu be-
stätigen und die eingereichte Beschwerde als offensichtlich unbegründet
abzuweisen ist,
dass nach dem Gesagten auch kein Anlass zur Rückweisung der Sache
an die Vorinstanz besteht, weshalb der entsprechende Eventualantrag ab-
zuweisen ist,
dass das Beschwerdeverfahren mit vorliegendem Urteil abgeschlossen ist,
weshalb die Begehren auf Erteilung der aufschiebenden Wirkung mit ent-
sprechender Anweisung an die zuständigen Behörden und auf Erlass des
Kostenvorschusses gegenstandslos geworden sind,
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dass das mit der Beschwerde gestellte Gesuch um Gewährung der unent-
geltlichen Prozessführung abzuweisen ist, da die Begehren – wie sich aus
den vorstehenden Erwägungen ergibt – als aussichtlos zu bezeichnen wa-
ren, weshalb die Voraussetzungen von Art. 65 Abs. 1 VwVG nicht erfüllt
sind,
dass bei diesem Ausgang des Verfahrens die Verfahrenskosten von
Fr. 750.– (Art. 1‒3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten
und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE,
SR 173.320.2]) dem Beschwerdeführer aufzuerlegen sind (Art. 63 Abs. 1
VwVG).
(Dispositiv nächste Seite)
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