Decision ID: cef99de5-739c-5d55-81fa-a09419709d31
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der am (...) geborene deutsche Staatsangehörige A._ (nachfol-
gend: Versicherter oder Beschwerdeführer) ist gelernter Maurer, wohnt in
Deutschland, arbeitete – mit Unterbrüchen – von Juni 2003 bis September
2015 als Grenzgänger in der Schweiz und entrichtete in dieser Zeit Bei-
träge an die Alters-, Invaliden- und Hinterlassenenversicherung. Wegen
der Folgen der bei einem Nichtbetriebsunfall (Kopfsprung in seichtes Was-
ser) am 12. September 2015 an Kopf und Wirbelsäule erlittenen Verletzun-
gen meldete er sich zunächst bei der Schweizerischen Unfallversiche-
rungsanstalt (SUVA) und im Juni 2016 bei der IV-Stelle des Kantons
B._ (nachfolgend: IV-Stelle) zum Leistungsbezug an (Akten der IV-
Stelle gemäss Aktenverzeichnis und -nummerierung vom 24.05.2019 [act.]
11 [IK-Auszug]; act. 1, S. 1 - 156; act. 4 - 8, 13).
B.
B.a Die IV-Stelle führte daraufhin erwerbliche und medizinische Abklärun-
gen durch und zog weitere Akten der SUVA bei (act. 14 - 18; act. 19, S. 1 -
304; act. 23, S. 1 - 106).
B.b Mit Verfügung vom 13. Juni 2017 sprach die SUVA dem Versicherten
gestützt auf einen Invaliditätsgrad von 17 % ab 1. Juni 2017 eine (infolge
Eingehens eines Wagnisses) gekürzte Invalidenrente von monatlich
Fr. 215.70 und eine Integritätsentschädigung von Fr. 15'750.- (Integritäts-
einbusse: 25 %) zu (act. 29). Gestützt auf ein Urteil des Bundesgerichts
(8C_128/2017 vom 2. August 2017) sah die SUVA mit Schreiben vom
20. September 2017 von einer Kürzung ab und sprach dem Versicherten
eine ungekürzte Invalidenrente von monatlich Fr. 431.35 und eine unge-
kürzte Integritätsentschädigung von Fr. 31'500.- zu. Gleichzeitig teilte sie
dem Versicherten mit, dass die am 14. Juli 2017 gegen die Verfügung vom
13. Juni 2017 erhobene Einsprache pendent sei (act. 33).
B.c Mit Einspracheentscheid vom 3. Mai 2018 wies die SUVA die vom Ver-
sicherten gegen die Verfügung vom 13. Juni 2017 erhobene Einsprache ab
(act. 38).
B.d Gestützt auf eine Aktenbeurteilung hielt RAD-Arzt C._, Fach-
arzt für Allgemeine Innere Medizin FMH und zertifizierter Gutachter SIM,
mit Bericht vom 5. Februar 2018 im Wesentlichen fest, die deutlich einge-
schränkte HWS-Beweglichkeit nach Spondylodese einer instabilen HWK
C-1601/2019
Seite 3
6-Fraktur mit traumatischer Diskushernie und Läsion der Wurzelaxilla C 7
links mit persistierenden, belastungsabhängigen und Ruheschmerzen so-
wie Sensibilitätsstörungen Dig I – III der linken adominanten Hand bedinge,
dass die vom Versicherten zuletzt ausgeübte Tätigkeit als Fassaden-Iso-
leur nicht mehr zumutbar sei. In einer der HWS-Problematik angepassten
körperlich leichten Tätigkeit ohne HWS-Zwangshaltungen bestehe spätes-
tens ab dem Zeitpunkt des Spitalaustritts aus der Rehaklinik E._
zumindest eine Teilarbeitsfähigkeit mit zu erwartender Steigerung auf ein
80 %-Pensum bis zum Zeitpunkt der erfolgten kreisärztlichen Abschluss-
Untersuchung im März 2017 (act. 34).
B.e Mit Vorbescheid vom 18. April 2018 kündigte die IV-Stelle dem Versi-
cherten an, ihm ab 1. Dezember 2016 eine ganze, ab 1. Januar 2017 eine
halbe und ab 1. April 2017 – befristet bis 31. Mai 2017 – eine Viertelsrente
auszurichten. Zur Begründung brachte die IV-Stelle insbesondere vor, laut
Einschätzung ihres regionalärztlichen Dienstes sei ihm die zuletzt ausge-
übte Tätigkeit als Maurer/Fassadenisoleur nicht mehr zumutbar. Bei der
Ausübung einer angepassten, körperlich leichten Tätigkeit ohne Halswir-
belsäulen-Zwangshaltungen bestehe jedoch ab 8. Oktober 2016 eine
50 %ige, ab 1. Januar 2017 eine 65 %ige und ab 21. März 2017 eine
80 %ige Arbeitsfähigkeit. Ab 1. Juni 2017 bestehe bei einem Invaliditäts-
grad von 32 % kein Anspruch mehr auf eine Invalidenrente (act. 36, S. 1 -
6).
B.f Mit Verfügungen vom 19. Juni 2018 sprach die IVSTA dem Versicherten
für die Zeit vom 1. Dezember bis 31. Dezember 2016 eine ganze Rente,
für die Zeit vom 1. Januar bis 31. März 2017 eine halbe Invalidenrente so-
wie vom 1. April bis 31. Mai 2017 eine Viertelsrente zu (act. 41, S. 1 - 22).
C.
C.a Gegen diese Verfügungen erhob der Beschwerdeführer, vertreten
durch Rechtsanwalt lic. iur. Reto von Glutz, mit Eingabe vom 20. August
2018 (Akten im Beschwerdeverfahren [BVGer act.] 1) beim Verwaltungs-
gericht des Kantons Zug Beschwerde mit folgenden Anträgen:
1. Die Verfügung der IV-Stelle B._ vom 19. Juli 2018 betreffend IV-
Rente sei aufzuheben.
2. Es sei dem Beschwerdeführer mit Wirkung ab 01.12.2016 eine ganze In-
validenrente auf der Basis eines IV-Grades von mind. 70 % zuzusprechen.
C-1601/2019
Seite 4
3. Ev. sei dem Beschwerdeführer mit Wirkung ab 01.12.2016 eine halbe In-
validenrente auf der Basis eines IV-Grades von mind. 50 % zuzusprechen.
4. Subeventuell sei die Angelegenheit an die Vorinstanz zurückzuweisen,
damit diese die erforderlichen medizinischen Abklärungen in Form einer
verwaltungsexternen polydisziplinären Begutachtung vornehme (rheuma-
tologisch-orthopädisch, neurologisch und psychiatrisch) und danach ge-
stützt auf die Ergebnisse dieser Abklärungen über den Rentenanspruch
des Beschwerdeführers ab 01.12.2016 entscheide.
5. Es sei dem Beschwerdeführer für das vorliegende Beschwerdeverfahren die vollumfängliche unentgeltliche Rechtspflege und Verbeiständung
durch den unterzeichnenden Rechtsanwalt zu gewähren.
C.b Mit Urteil vom 25. Januar 2019 trat das Verwaltungsgericht des Kan-
tons B._ mangels Zuständigkeit auf die Beschwerde des Beschwer-
deführers nicht ein und überwies die Akten an das Bundesverwaltungsge-
richt zur weiteren Behandlung der Beschwerde (BVGer act. 2 samt Beila-
gen).
C.c Unter Verweis auf die Stellungnahme der IV-Stelle vom 12. Juni 2019
stellte die Vorinstanz mit Vernehmlassung vom 18. Juni 2019 den Antrag
auf Abweisung der Beschwerde und Bestätigung der angefochtenen Ver-
fügung (BVGer act. 9).
C.d Mit Zwischenverfügung vom 5. Juli 2019 hiess das Bundesverwal-
tungsgericht das Gesuch des Beschwerdeführers um unentgeltliche Pro-
zessführung und Verbeiständung gut und ordnete ihm Rechtsanwalt lic. iur.
Reto von Glutz bei (BVGer act. 10).
C.e Mit Zwischenverfügung vom 5. Juli 2019 wurde die SUVA ersucht, dem
Bundesverwaltungsgericht bis zum 5. August 2019 die vollständigen Akten
des UVG-Schadenfalls 25.43746.15.3 zur Verfügung zu stellen (BVGer
act. 11).
C.f In seiner Replik vom 25. September 2019 hielt der Beschwerdeführer
vollumfänglich an seinen in der Beschwerde gestellten Anträgen fest
(BVGer act. 17).
C.g Mit Duplik vom 28. Oktober 2019 hielt die Vorinstanz – unter Verweis
auf eine Stellungnahme der IV-Stelle vom 22. Oktober 2019 – an ihrem
Antrag auf Abweisung der Beschwerde und Bestätigung der angefochte-
nen Verfügung fest (BVGer act. 19 samt Beilage).
C-1601/2019
Seite 5
C.h Mit Verfügung vom 31. Oktober 2019 schloss der Instruktionsrichter
den Schriftwechsel – vorbehältlich weiterer Instruktionsmassnahmen – am
11. November 2019 ab (BVGer act. 20).
C.i Mit unaufgeforderter Eingabe seines Rechtsvertreters vom 22. April
2020 liess der Beschwerdeführer dem Bundesverwaltungsgericht die sozi-
almedizinische gutachterliche Stellungnahme der Bundesagentur für Arbeit
vom 21. März 2019 zukommen (BVGer act. 23 samt Beilage).
C.j Mit Schreiben vom 18. Mai 2020 übermittelte die Vorinstanz dem Bun-
desverwaltungsgericht einen abschlägigen Entscheid der Deutschen Ren-
tenversicherung vom 20. April 2020 (BVGer act. 25 samt Beilage).
C.k Mit Eingabe seines Rechtsvertreters vom 10. Juli 2020 liess der Be-
schwerdeführer dem Bundesverwaltungsgericht ein neurochirurgisches
Fachgutachten von Prof. h.c. Dr. med. D._ vom 24. Juni 2020 zu-
kommen (BVGer act. 27 samt Beilage).
C.l Mit Eingabe vom 30. Juli 2020 hielt die Vorinstanz unter Verweis auf
eine Stellungnahme der IV-Stelle vom 27. Juli 2020 an ihrem Antrag auf
Abweisung der Beschwerde fest (BVGer act. 29 samt Beilage).
C.m Mit Verfügung vom 13. August 2020 liess der Instruktionsrichter dem
Beschwerdeführer eine Kopie der abschliessenden Stellungnahme der IV-
STA samt Beilage zukommen (BVGer act. 30).
D.
Auf die weiteren Vorbringen der Parteien sowie die eingereichten Beweis-
mittel ist – soweit für die Entscheidfindung erforderlich – in den nachfolgen-
den Erwägungen einzugehen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Das Bundesverwaltungsgericht ist zur Behandlung der vorliegenden Be-
schwerde zuständig (Art. 31, 32 und 33 Bst. d VGG; Art. 69 Abs. 1 Bst. b
IVG [SR 831.20]) und der Beschwerdeführer ist als Adressat der angefoch-
tenen Verfügungen durch diese besonders berührt und hat ein schutzwür-
diges Interesse an deren Aufhebung oder Abänderung, weshalb er zur Er-
hebung der Beschwerde legitimiert ist (Art. 59 ATSG [SR 830.1]; vgl. auch
C-1601/2019
Seite 6
Art. 48 Abs. 1 VwVG). Nachdem das Bundesverwaltungsgericht die unent-
geltliche Rechtspflege und Verbeiständung bewilligt hat (vgl. Sachverhalt,
Bst. C.d hievor), ist auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde
vom 20. August 2018 einzutreten (Art. 60 Abs. 1 ATSG; vgl. auch Art. 50
Abs. 1 und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
2.
Wie in der Zuständigkeitsregelung des Art. 40 Abs. 2 IVV (SR 831.201) vor-
gesehen, hat die kantonale IV-Stelle, in deren Tätigkeitsgebiet der Be-
schwerdeführer als Grenzgänger eine Erwerbstätigkeit ausgeübt hat, das
Leistungsbegehren entgegengenommen und geprüft, während die Vor-
instanz die angefochtenen Verfügungen vom 19. Juni 2018 erlassen hat.
Diese Verfügungen, mit denen die Vorinstanz den Leistungsbegehren des
Beschwerdeführers nur teilweise entsprochen hat, bilden Anfechtungsob-
jekte und damit Begrenzung des Streitgegenstandes des vorliegenden Be-
schwerdeverfahrens (vgl. BGE 131 V 164 E. 2.1).
3.
3.1 Das Sozialversicherungsgericht stellt bei der Beurteilung einer Streit-
sache in der Regel auf den bis zum Zeitpunkt des Erlasses der streitigen
Verwaltungsverfügung (hier: 19. Juni 2018) eingetretenen Sachverhalt ab
(BGE 132 V 215 E. 3.1.1). Neue Tatsachen, die sich vor Erlass der streiti-
gen Verfügung verwirklicht haben, die der Vorinstanz aber nicht bekannt
waren oder von ihr nicht berücksichtigt wurden (unechte Noven), können
im Verfahren vor dem Sozialversicherungsgericht vorgebracht werden und
sind zu würdigen. Gleiches gilt auch für neue Beweismittel (ANDRÉ MO-
SER/MICHAEL BEUSCH/LORENZ KNEUBÜHLER, Prozessieren vor dem Bun-
desverwaltungsgericht, 2. Aufl. 2013, S. 117 Rz. 2.204). Später eingetre-
tene Tatsachen (echte Noven), die zu einer Änderung des Sachverhalts
geführt haben, sind grundsätzlich nicht im Rahmen des hängigen, sondern
gegebenenfalls im Rahmen eines weiteren Verfahrens zu berücksichtigen
(BGE 132 V 215 E. 3.1.1; BGE 121 V 362 E. 1b mit Hinweisen; vgl. auch
Urteil des BGer 9C_24/2008 vom 27. Mai 2008 E. 2.3.1).
3.2 Der Beschwerdeführer ist deutscher Staatsangehöriger, wohnt in
Deutschland und war in der Schweiz erwerbstätig. Damit gelangen das
Freizügigkeitsabkommen vom 21. Juni 1999 (FZA, SR 0.142.112.681) und
die Regelwerke der Gemeinschaft zur Koordinierung der Systeme der so-
zialen Sicherheit gemäss Anhang II des FZA, insbesondere die für die
Schweiz am 1. April 2012 in Kraft getretenen Verordnungen (EG)
C-1601/2019
Seite 7
Nr. 883/2004 (SR 0.831.109.268.1) und Nr. 987/2009 (SR
0.831.109.268.11), zur Anwendung. Seit dem 1. Januar 2015 sind auch die
durch die Verordnungen (EU) Nr. 1244/2010, Nr. 465/2012 und
Nr. 1224/2012 erfolgten Änderungen in den Beziehungen zwischen der
Schweiz und den EU-Mitgliedstaaten anwendbar. Das Vorliegen einer an-
spruchserheblichen Invalidität beurteilt sich indes auch im Anwendungsbe-
reich des FZA und der Koordinierungsvorschriften nach schweizerischem
Recht (vgl. BGE 130 V 253 E. 2.4; Urteil des BGer 9C_573/2012 vom
16. Januar 2013 E. 4).
3.3 Anspruch auf eine Rente der schweizerischen Invalidenversicherung
hat, wer invalid im Sinne des Gesetzes ist (vgl. Art. 8 Abs. 1 ATSG) und
beim Eintritt der Invalidität während der gesetzlich vorgesehenen Dauer
Beiträge an die Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenversicherung
(AHV/IV) geleistet hat, das heisst während mindestens drei Jahren laut
Art. 36 Abs. 1 IVG.
Der Beschwerdeführer hat unbestrittenermassen während mehr als drei
Jahren Beiträge an die schweizerische AHV/IV geleistet (vgl. IK-Auszug,
act. 11), so dass die Voraussetzung der Mindestbeitragsdauer für den An-
spruch auf eine ordentliche Invalidenrente erfüllt ist.
3.4 Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde
ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 ATSG). Die Invalidi-
tät kann Folge von Geburtsgebrechen, Krankheit oder Unfall sein (Art. 4
Abs. 1 IVG). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körper-
lichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zu-
mutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teil-
weise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden
ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des
Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der
gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfä-
higkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar
ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG). Arbeitsunfähigkeit ist die durch eine Beeinträchti-
gung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit bedingte,
volle oder teilweise Unfähigkeit, im bisherigen Beruf oder Aufgabenbereich
zumutbare Arbeit zu leisten. Bei langer Dauer wird auch die zumutbare Tä-
tigkeit in einem anderen Beruf oder Aufgabenbereich berücksichtigt (Art. 6
ATSG).
C-1601/2019
Seite 8
3.5 Anspruch auf eine Invalidenrente haben gemäss Art. 28 Abs. 1 IVG
Versicherte, die ihre Erwerbsfähigkeit nicht durch zumutbare Eingliede-
rungsmassnahmen wiederherstellen, erhalten oder verbessern können
(Bst. a), während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durch-
schnittlich mindestens 40 % arbeitsunfähig (Art. 6 ATSG) gewesen sind
(Bst. b) und nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (Art. 8
ATSG) sind (Bst. c). Art. 29 Abs. 1 IVG sieht vor, dass der Rentenanspruch
frühestens nach Ablauf von sechs Monaten nach Geltendmachung des
Leistungsanspruchs nach Art. 29 Abs. 1 ATSG, jedoch frühestens im Mo-
nat, der auf die Vollendung des 18. Altersjahrs folgt, entsteht.
3.6 Gemäss Art. 28 Abs. 2 IVG besteht der Anspruch auf eine ganze Rente,
wenn die versicherte Person mindestens 70 %, derjenige auf eine Dreivier-
telsrente, wenn sie mindestens 60 % invalid ist. Bei einem Invaliditätsgrad
von mindestens 50 % besteht Anspruch auf eine halbe Rente und bei ei-
nem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % ein solcher auf eine Viertels-
rente. Nach Art. 29 Abs. 4 IVG werden Renten, die einem Invaliditätsgrad
von weniger als 50 % entsprechen, nur an Versicherte ausgerichtet, die
ihren Wohnsitz und gewöhnlichen Aufenthalt (Art. 13 ATSG) in der Schweiz
haben, soweit nicht zwischenstaatliche Vereinbarungen eine abweichende
Regelung vorsehen. Eine solche Ausnahme gilt seit dem 1. Juni 2002 für
Staatsangehörige eines Mitgliedstaates der EU und der Schweiz, sofern
sie in einem Mitgliedstaat der EU Wohnsitz haben (Art. 7 VO [EG]
883/2004; BGE 130 V 253 E. 2.3 und 3.1).
3.7
3.7.1 Bei der Beurteilung der Arbeits(un)fähigkeit stützen sich die Verwal-
tung und – im Beschwerdefall – das Gericht auf Unterlagen, die von ärztli-
chen und gegebenenfalls auch anderen Fachleuten zur Verfügung zu stel-
len sind. Ärztliche Aufgabe ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen
und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher
Tätigkeiten die versicherte Person arbeitsfähig ist. Hinsichtlich des Beweis-
wertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob dieser für die streitigen Be-
lange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die ge-
klagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese)
abgegeben worden ist, in der Beurteilung der medizinischen Zusammen-
hänge sowie der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schluss-
folgerungen der Expertinnen und Experten begründet sind (BGE 134 V 231
E. 5.1; 125 V 351 E. 3a). Eine begutachtende medizinische Fachperson
C-1601/2019
Seite 9
muss über die notwendigen fachlichen Qualifikationen verfügen (Urteil des
BGer 9C_555/2017 vom 22. November 2017 E. 3.1 mit Hinweisen).
3.7.2 Nach Art. 43 Abs. 1 ATSG prüft der Versicherungsträger die Begeh-
ren, nimmt die notwendigen Abklärungen von Amtes wegen vor und holt
die erforderlichen Auskünfte ein (Satz 1). Das Gesetz weist dem Durchfüh-
rungsorgan die Aufgabe zu, den rechtserheblichen Sachverhalt nach dem
Untersuchungsgrundsatz abzuklären, so dass gestützt darauf die Verfü-
gung über die in Frage stehende Leistung ergehen kann (Art. 49 ATSG;
SUSANNE LEUZINGER-NAEF, Die Auswahl der medizinischen Sachverstän-
digen im Sozialversicherungsverfahren [Art. 44 ATSG], in: Riemer-
Kafka/Rumo-Jungo [Hrsg.], Soziale Sicherheit – Soziale Unsicherheit,
Bern 2010, S. 413 f.). Auf dem Gebiet der Invalidenversicherung obliegen
diese Pflichten der (zuständigen) Invalidenversicherungsstelle (Art. 54 - 56
in Verbindung mit Art. 57 Abs. 1 lit. c - g IVG).
3.7.3 Die Stellungnahmen des RAD oder des medizinischen Dienstes der
IVSTA, welche nicht auf eigenen Untersuchungen beruhen, können wie
Aktengutachten beweiskräftig sein, sofern ein lückenloser Befund vorliegt
und es im Wesentlichen nur um die fachärztliche Beurteilung eines an sich
feststehenden medizinischen Sachverhalts geht, mithin die direkte ärztli-
che Befassung mit der versicherten Person in den Hintergrund rückt (vgl.
Urteile des BGer 9C_524/2017 vom 21. März 2018 E. 5.1; 9C_28/2015
vom 8. Juni 2015 E. 3.2; 9C_196/2014 vom 18. Juni 2014 E. 5.1.1, je mit
Hinweisen). Die Aufgabe der versicherungsinternen Fachpersonen besteht
insbesondere darin, aus medizinischer Sicht – gewissermassen als Hilfe-
stellung für die medizinischen Laien in Verwaltung und Gerichten, welche
in der Folge über den Leistungsanspruch zu entscheiden haben – den me-
dizinischen Sachverhalt zusammenzufassen und versicherungsmedizi-
nisch zu würdigen (vgl. SVR 2009 IV Nr. 50 [Urteil 8C_756/2008] E. 4.4 mit
Hinweis; Urteil des BGer 9C_692/2014 vom 22. Januar 2015 E. 3.3). Sie
haben die vorhandenen Befunde aus medizinischer Sicht zu würdigen,
wozu namentlich auch gehört, bei widersprüchlichen medizinischen Akten
eine Wertung vorzunehmen und zu beurteilen, ob auf die eine oder die an-
dere Ansicht abzustellen oder aber eine zusätzliche Untersuchung vorzu-
nehmen ist (BGE 142 V 58 E. 5.1). Enthalten die Akten für die streitigen
Belange keine beweistauglichen Unterlagen, kann die Stellungnahme ei-
ner versicherungsinternen Fachperson in der Regel keine abschliessende
Beurteilungsgrundlage bilden, sondern nur zu weitergehenden Abklärun-
gen Anlass geben (vgl. Urteil des BGer 9C_58/2011 vom 25. März 2011
E. 3.3). Auf das Ergebnis versicherungsinterner ärztlicher Abklärungen –
C-1601/2019
Seite 10
zu denen die RAD-Berichte gehören – kann bereits bei Vorliegen geringer
Zweifel an ihrer Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit nicht abgestellt werden
(BGE 139 V 225 E. 5.2 S. 229; 135 V 465 E. 4.4 S. 469 f.; vgl. betreffend
RAD Urteile des BGer 9C_159/2016 vom 2. November 2016 E. 2.2 f.;
8C_197/2014 vom 3. Oktober 2014 E. 4).
3.7.4 Geht es um eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung, ein da-
mit vergleichbares psychosomatisches Leiden (vgl. BGE 140 V 8
E. 2.2.1.3) oder depressive Störungen leicht- bis mittelgradiger Natur (BGE
143 V 409), sind für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit systematisierte In-
dikatoren beachtlich, die – unter Berücksichtigung leistungshindernder
äusserer Belastungsfaktoren einerseits und Kompensationspotentialen
(Ressourcen) anderseits – erlauben, das tatsächlich erreichbare Leis-
tungsvermögen einzuschätzen (BGE 141 V 281 E. 2, E. 3.4 - 3.6 und 4.1;
143 V 418 E. 6 ff.).
3.8 Überdies hat auch die Prüfung, ob eine psychische Erkrankung eine
rentenbegründende Invalidität zu begründen vermag, grundsätzlich an-
hand eines strukturierten Beweisverfahrens nach BGE 141 V 281 zu erfol-
gen (BGE 143 V 409 E. 4.5; 143 V 418 E. 6 ff.). Demnach sind nach dieser
neuesten bundesgerichtlichen Rechtsprechung grundsätzlich sämtliche
psychischen Krankheiten einem strukturierten Beweisverfahren zu unter-
ziehen (BGE 143 V 416 E. 7.1; vgl. dazu auch THOMAS GÄCHTER/MICHAEL
E. MEIER, Praxisänderung zu Depressionen und anderen psychischen Lei-
den, in: Jusletter 15. Januar 2018; vgl. zu den Ausnahmen vom strukturier-
ten Beweisverfahren BGE 143 V 416 E. 7.1).
3.9 Mit BGE 145 V 215 hat das Bundesgericht vor dem Hintergrund der
Rechtsprechung zur Ausdehnung des strukturierten Beweisverfahrens ge-
mäss BGE 141 V 281 auf sämtliche psychischen Störungen (BGE 143 V
409 und 418) und nach vertiefter Auseinandersetzung mit den Erkenntnis-
sen der Medizin die bisherige Rechtsprechung, wonach primäre Abhängig-
keitssyndrome bzw. Substanzkonsumstörungen von vornherein keine in-
validenversicherungsrechtlich relevanten Gesundheitsschäden darstellen
können und ihre funktionellen Auswirkungen deshalb keiner näheren Ab-
klärung bedürfen, fallen gelassen (E. 5.3.3). Es ist zum Schluss gelangt,
dass fortan – gleich wie bei allen anderen psychischen Erkrankungen –
nach dem strukturierten Beweisverfahren zu ermitteln sei, ob und gegebe-
nenfalls inwieweit sich ein fachärztlich diagnostiziertes Abhängigkeitssyn-
drom im Einzelfall auf die Arbeitsfähigkeit der versicherten Person aus-
https://www.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=all&query_words=8C_453%2F2019+vom+3.+Februar+2020+&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F145-V-215%3Ade&number_of_ranks=0#page215 https://www.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=all&query_words=8C_453%2F2019+vom+3.+Februar+2020+&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F141-V-281%3Ade&number_of_ranks=0#page281 https://www.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=all&query_words=8C_453%2F2019+vom+3.+Februar+2020+&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F143-V-409%3Ade&number_of_ranks=0#page409 https://www.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=all&query_words=8C_453%2F2019+vom+3.+Februar+2020+&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F143-V-409%3Ade&number_of_ranks=0#page409
C-1601/2019
Seite 11
wirke. Dabei kann und muss im Rahmen des strukturierten Beweisverfah-
rens insbesondere dem Schweregrad der Abhängigkeit im konkreten Ein-
zelfall Rechnung getragen werden (E. 6.3). Diesem komme nicht zuletzt
deshalb Bedeutung zu, weil bei Abhängigkeitserkrankungen – wie auch bei
anderen psychischen Störungen – oft eine Gemengelage aus krankheits-
wertiger Störung sowie psychosozialen und soziokulturellen Faktoren vor-
liege. Letztere seien auch bei Abhängigkeitserkrankungen auszuklam-
mern, wenn sie direkt negative funktionelle Folgen zeitigen würden. Weiter
wird im Urteil festgehalten, dass auch bei Vorliegen eines Abhängigkeits-
syndroms die Schadenminderungspflicht (Art. 7 IVG) zur Anwendung
komme, so dass von der versicherten Person etwa die aktive Teilnahme an
zumutbaren medizinischen Behandlungen verlangt werden könne (Art. 7
Abs. 2 lit. d IVG). Komme sie den ihr auferlegten Schadenminderungs-
pflichten nicht nach, sondern erhalte sie willentlich den krankhaften Zu-
stand aufrecht, sei nach Art. 7b Abs. 1 IVG i.V.m. Art. 21 Abs. 4 ATSG eine
Verweigerung oder Kürzung der Leistungen möglich (E. 5.3.1).
3.10 Ausgangspunkt der Prüfung und damit erste Voraussetzung für eine
Anspruchsberechtigung auf der Grundlage des strukturierten Beweisver-
fahrens bildet eine lege artis gestellte Diagnose mit Auswirkung auf die Ar-
beitsfähigkeit (vgl. BGE 141 V 281 E. 2.1; 143 V 418 E. 6 und E. 8.1). Eine
invalidenversicherungsrechtlich erhebliche Gesundheitsbeeinträchtigung
liegt nur vor, wenn die Diagnose im Rahmen einer Prüfung auf der ersten
Ebene auch unter dem Gesichtspunkt der Ausschlussgründe nach BGE
131 V 49 standhält. Danach liegt regelmässig keine versicherte Gesund-
heitsschädigung vor, soweit die Leistungseinschränkung auf Aggravation
oder einer ähnlichen Erscheinung beruht (BGE 141 V 281 E. 2.2 und
E. 2.2.1).
3.11 Liegt auch unter dem Gesichtspunkt der Ausschlussgründe eine ver-
sicherte Gesundheitsschädigung vor, erfolgt auf der zweiten Ebene an-
hand eines normativen Prüfungsrasters mit einem Katalog von Indikatoren
eine ergebnisoffene symmetrische Beurteilung des – unter Berücksichti-
gung leistungshindernder äusserer Belastungsfaktoren einerseits und
Kompensationspotentialen (Ressourcen) anderseits – tatsächlich erreich-
baren Leistungsvermögens (BGE 141 V 281 E. 3.6). Die für die Beurteilung
der Arbeitsfähigkeit erwähnten Indikatoren hat das Bundesgericht wie folgt
systematisiert (BGE 141 V 281 E. 4.1.3): Kategorie «funktioneller Schwe-
regrad» (E. 4.3) mit den Komplexen «Gesundheitsschädigung» (Ausprä-
gung der diagnoserelevanten Befunde und Symptome; Behandlungs- und
C-1601/2019
Seite 12
Eingliederungserfolg oder -resistenz; Komorbiditäten [E. 4.3.1]), «Persön-
lichkeit» (Persönlichkeitsentwicklung und -struktur, grundlegende psychi-
sche Funktionen [E. 4.3.2]) und «sozialer Kontext» (E. 4.3.3) sowie Kate-
gorie «Konsistenz» (Gesichtspunkte des Verhaltens [E. 4.4]) mit den Fak-
toren gleichmässige Einschränkung des Aktivitätenniveaus in allen ver-
gleichbaren Lebensbereichen (E. 4.4.1) und behandlungs- und eingliede-
rungsanamnestisch ausgewiesener Leidensdruck (E. 4.4.2).
3.12 Nach Art. 46 Abs. 3 VO Nr. 883/2004 ist die vom Träger eines Staates
getroffene Entscheidung über die Invalidität eines Antragstellers für den
Träger eines anderen betroffenen Staates nur dann verbindlich, wenn die
in den Rechtsvorschriften dieser Staaten festgelegten Tatbestandsmerk-
male der Invalidität in Anhang VII dieser Verordnung als übereinstimmend
anerkannt sind. Eine solche anerkannte Übereinstimmung besteht für das
Verhältnis zwischen Deutschland und der Schweiz (ebenso wie für das Ver-
hältnis zwischen den übrigen EU-Mitgliedstaaten und der Schweiz) nicht.
Der Invaliditätsgrad bestimmt sich daher auch unter dem Geltungsbereich
des FZA nach schweizerischem Recht (vgl. hierzu auch BGE 130 V 253
E. 2.4; vgl. auch ZAK 1989 S. 320 E.2).
Die Feststellungen der aus dem Ausland stammenden Beweismittel, wie
insbesondere auch ärztliche Berichte und Gutachten, unterliegen der freien
Beweiswürdigung des Gerichts (vgl. Urteil des Eidgenössischen Versiche-
rungsgerichts [EVG, ab 1. Januar 2007: Sozialrechtliche Abteilungen des
Bundesgerichts] vom 11. Dezember 1981 i.S. D; EVG vom 11. Dezember
1981 i.S. D; zum Grundsatz der freien Beweiswürdigung: BGE 125 V 351
E. 3a).
4.
4.1 Die Vorinstanz hält in den angefochtenen Verfügungen fest, gemäss
Einschätzung des regionalen ärztlichen Dienstes sei dem Beschwerdefüh-
rer die zuletzt ausgeübte Tätigkeit als Maurer/Fassadenisoleur nicht mehr
zumutbar. Bei der Ausübung einer angepassten, körperlich leichten Tätig-
keit ohne Halswirbelsäulen-Zwangshaltung bestehe jedoch ab 8. Oktober
2016 eine Arbeitsfähigkeit von 50 %, ab 1. Januar 2017 eine solche von
65 % und ab 21. März 2017 eine solche von 80 % (act. 45 - 47). In ihrer
Beschwerdevernehmlassung vom 12. Juni 2019 führt sie ergänzend aus,
sie habe sich bei Beurteilung «vollumfänglich auf die Grundlage der SUVA»
gestützt. Zu beurteilen seien lediglich reine Unfallfolgen, so dass sie voll-
C-1601/2019
Seite 13
umfänglich auf die Akten der SUVA abgestellt habe. Für eine relevante psy-
chische Problematik bestünden keine Hinweise, zumal weder eine entspre-
chende Behandlung noch eine weitergehende Diagnostik stattgefunden
habe. Neuropsychologisch und psychosomatisch hätten Abklärungen in
der Rehaklinik E._ stattgefunden. Die IV-Stelle habe eine leichte
Einschränkung attestiert; diese sei allerdings nicht rentenrelevant. Die IV-
Stelle stütze sich auf den kreisärztlichen Abschlussuntersuchungsbericht.
Dieser halte im Gegensatz zur Rehaklinik E._ mittelschwere Tätig-
keiten für nicht mehr zumutbar. Entsprechend dem RAD-Bericht vom
5. Februar 2018 gestehe die IV-Stelle dem Beschwerdeführer eine Leis-
tungsreduktion von 20 % infolge schmerzbedingt vermehrten Pausenbe-
darfs zu (BVGer act. 9 samt Beilage). In ihrer Duplik fügt die Vorinstanz
unter Verweis auf die Stellungnahme der IV-Stelle hinzu, dass bezüglich
der somatischen Beschwerden in Übereinstimmung mit dem Urteil des Ver-
waltungsgerichts des Kantons B._ vom 23. Mai 2019 auf die Beur-
teilung des SUVA-Kreisarztes abgestellt werden könne. Der Schmerzprob-
lematik habe sie angemessen Rechnung getragen, indem sie in Ausdeh-
nung der von der SUVA festgestellten Arbeitsunfähigkeit zusätzlich eine
Einschränkung von 20 % für vermehrten Pausenbedarf infolge der Schmer-
zen anerkannt habe (vgl. RAD-Bericht vom 5. Februar 2018). Es hätten
keine Hinweise dafür vorgelegen, dass in neuropsychologischer Hinsicht
weitere Abklärungen notwendig gewesen wären. Nachdem der Beschwer-
deführer gegen den Vorbescheid keinen Einwand erhoben habe, seien
auch keine weiteren Abklärungen geboten gewesen. Der Beschwerdefüh-
rer lege zudem auch keine Berichte ins Recht, welche auf zusätzliche ge-
sundheitliche Probleme schliessen lassen würden (BVGer act. 19 samt
Beilage).
4.2 Dem hält der Beschwerdeführer im Wesentlichen entgegen, die Vor-
instanz habe sich bei ihrer Beurteilung offensichtlich auf veraltete medizi-
nische Unterlagen der SUVA gestützt. Durch ihren Verzicht auf eigene Ab-
klärungen habe sie die ihr obliegende Abklärungspflicht verletzt. Es gehe
nicht an, dass die IV-Stelle auf unbestätigte Prognosen der Rehaklinik
E._ abstelle, ohne eigene medizinische Abklärungen vorzuneh-
men. Bei der Rentenbemessung sei überdies ein deutlich zu hohes Invali-
deneinkommen berücksichtigt worden (BVGer act. 1). Replicando führt er
ergänzend aus, das Verwaltungsgericht des Kantons B._ habe im
UV-Verfahren seine Beschwerde mit Urteil vom 23. Mai 2019 abgewiesen
und damit im Ergebnis auf die Beurteilung des SUVA-Kreisarztes und die
darin festgestellte vollständige Arbeitsfähigkeit in einer leidensangepass-
ten Tätigkeit abgestellt. Bei der Beurteilung der Leistungsfähigkeit für eine
C-1601/2019
Seite 14
leidensangepasste Tätigkeit hätten sich die SUVA und das Verwaltungsge-
richt ausschliesslich auf die somatisch nachweisbaren Unfallfolgen ge-
stützt. Für die organisch nicht nachweisbaren Folgen (Commotio cerebri,
psychische Beschwerden) habe die SUVA in Nachachtung der für psychi-
sche Unfallfolgen geltenden Rechtsprechung (BGE 115 V 133) den adä-
quaten Kausalzusammenhang verneint. Die Vorinstanz habe es pflichtwid-
rig unterlassen, ihn in neuropsychologischer Hinsicht abzuklären. Insbe-
sondere hätte sie die Auswirkungen der psychiatrischen Symptomatik auf
die Arbeitsfähigkeit nach der neuen Indikatoren-Rechtsprechung (BGE 141
V 281) abklären müssen. Zu Unrecht habe sich die Vorinstanz ausschliess-
lich auf die SUVA-Akten abgestützt. Dies sei deshalb falsch, weil einerseits
die fast zwei Jahre alten Berichte nicht mehr aktuell seien und anderseits
psychiatrische Gesundheitsprobleme im IV-Verfahren hätten berücksichtigt
werden müssen, da Adäquanzkriterien hier keine Rolle spielten (BVGer
act. 17).
5.
Nachfolgend ist vorab zu prüfen, ob die Vorinstanz ihrer Abklärungspflicht
im Sinne von Art. 43 Abs. 1 ATSG rechtsgenüglich nachgekommen ist. Zum
Gesundheitszustand bzw. zur Arbeits- und Leistungsfähigkeit des Be-
schwerdeführers lässt sich den medizinischen Akten im Wesentlichen das
Folgende entnehmen:
5.1 Mit Austrittsbericht vom 23. September 2015 diagnostizierten die ver-
antwortlichen Ärzte einen Status nach Kopfsprung in seichtes Wasser mit
instabiler Fraktur der hinteren Wirbelbogen-Laminae beidseits HWK 6
mit/bei Gelenksfortsatzfraktur und Subluxation C 6/7 mit fragmentbedingter
Foramenverlegung C 6/7 links, eine Fraktur proc. transversus und proc.
spinosus HWK 6 links, eine traumatische Anterolisthesis HWK 6/7 mit/bei
Spondylolisthesis Meyerding Io C 6/7, einen traumatischen Bandscheiben-
prolaps links mit Sequestration nach cranial C 6/7, progrediente sensomo-
torische Defizite beim Arm links (Commotio cerebri Grad I), eine oberfläch-
liche Schürfwunde am Unterarm links, ein Hämatotympanon links sowie
einen Status nach Rissquetschwunde rechts frontal mit sekundärer Wund-
infektion. Ferner führten die Ärzte aus, dass die neurologische Untersu-
chung weiterhin eine Hyperästhesie der Dig I und II links sowie eine objek-
tiv nicht fassbare leichte Hemihypästhesie links ergeben habe. Der Versi-
cherte habe in einem guten Allgemeinzustand und ohne ein neues neuro-
logisches Defizit am 25. September 2015 in die häusliche Umgebung ent-
lassen werden können. Es bestehe eine Arbeitsunfähigkeit von 100 % für
C-1601/2019
Seite 15
die Zeit vom 12. September 2015 bis (einstweilen) 31. Oktober 2015
(SUVA-act. 12).
5.2 Dr. med. F._, Fachärztin für Oto-Rhino-Laryngologie, hielt mit
Bericht vom 4. Oktober 2016 insbesondere fest, die durchgeführten Unter-
suchungen hätten eine regelrechte peripher vestibuläre Gleichgewichts-
funktion sowie eine weitgehend regelrechte zentrale vestibuläre Gleichge-
wichtsfunktion ergeben. Beim Videokopfimpulstest des lateralen Bogen-
ganges sei ein verminderter Gain beidseits aufgefallen, welcher vigilanz-
bedingt bei zentralwirksamer Medikamenteneinnahme (Tramagit) zu beur-
teilen sei. Ansonsten sei ein objektivierbarer pathodiagnostischer System-
befund nicht nachweisbar. Auch das Gehör liege im altersentsprechenden
Normbereich. Aus ORL-ärztlicher Sicht würde theoretisch einer Eingliede-
rung im bisher ausgeübten Beruf als Maurer bei normaler Gleichgewichts-
funktion nichts entgegenstehen. Solange subjektiv allerdings ein Schwin-
del bestehe, sollten Arbeiten mit Absturzgefahr (auf Gerüsten, Leitern und
Podesten) sowie Arbeiten, bei denen Körperteile durch rotierende Maschi-
nenelemente erfasst werden könnten, unterbleiben (SUVA-act. 116).
5.3 Im Anschluss an einen stationären Aufenthalt vom 13. September bis
7. Oktober 2016 hielten die verantwortlichen Ärzte der Rehaklinik
E._ mit Austrittsbericht vom 7. Oktober 2016 insbesondere fest,
beim Austritt habe der Beschwerdeführer weiterhin über HWS-Beschwer-
den/-Schmerzen sowie Parästhesien auf der linken Seite (Dig I-III) und Arm
(insbesondere Unterarm, Schulter und Oberarm), durch Schmerzen stark
beeinträchtigtes Aufrechtsitzen, Schwindel (Drehschwindel), Gedächtnis-
probleme sowie Kopfschmerzen, Müdigkeit und Erschöpfungsgefühl ge-
klagt. Entsprechend dem neuropsychologischen Bericht aus der Rehaklinik
E._ vom 5. Oktober 2016 seien die chronischen Schmerzen und die
Schlafstörung vordergründig leistungsmindernd für die berufliche, körperli-
che Tätigkeit. Die kognitiven Defizite seien massgeblich an die genannten
Beschwerden gebunden. In neuropsychologischer Hinsicht wurde eine
leichte neuropsychologische Störung mit Defiziten attentionaler, exekutiver
und mnestischer Teilfunktionen sowie affektiven Veränderungen (Reizbar-
keit, Ungeduld), ätiologisch bei allfälliger leichter traumatischer Hirnverlet-
zung mit möglicher Hirnschädigung, chronischen Schmerzen und Schlaf-
störungen sowie unklarem langjährigen Alkoholabusus festgehalten. Die
bisherige, körperlich schwere Arbeit sei nicht mehr zumutbar. Leichte bis
mittelschwere Arbeiten seien dem Beschwerdeführer indes ganztags zu-
mutbar; ausgeschlossen seien lediglich Tätigkeiten mit länger dauernden
C-1601/2019
Seite 16
Belastungen über der Brusthöhe sowie Arbeiten mit Exposition der Wirbel-
säule/HWS gegenüber Schlägen und Vibrationen. Unter Berücksichtigung
der derzeit noch leicht reduzierten kognitiven Leistungsfähigkeit sollten in
einer Anfangsphase einer beruflichen Eingliederung während einer Zeit-
spanne von rund 6 - 8 Wochen zusätzliche Pausen im Umfang von etwa
2 Stunden, verteilt auf den ganzen Tag in Form von Kurzpausen, zugestan-
den werden. Aus ORL-ärztlicher Sicht sollten überdies Arbeiten mit Ab-
sturzgefahr und Arbeiten, bei denen Körperteile durch rotierende Maschi-
nenelemente erfasst werden könnten, unterbleiben (SUVA-act. 123).
5.4 Gestützt auf eine Abschlussuntersuchung hielt SUVA-Kreisarzt, Dr.
med. G._, Facharzt für Chirurgie, mit Bericht vom 23. März 2017
(signiert am 28. März 2017) fest, es bestehe eine osteosynthetisch ver-
sorgte instabile Fraktur der Halswirbelsäule (HWK 6) mit traumatischem
Bandscheibenprolaps links mit residueller Sensibilitätsstörung des Dau-
mens sowie des Zeige- und Mittelfingers links. Operationsbedingt bestehe
eine deutliche Einschränkung der Halswirbelsäulenbeweglichkeit in allen
Ebenen. Von weiteren medizinischen Massnahmen sei keine namhafte
Verbesserung des Gesundheitszustandes mehr zu erwarten. In Abwei-
chung vom Zumutbarkeitsprofil der Rehaklinik E._ erachte er beim
Beschwerdeführer eine leichte körperliche Tätigkeit ganztags für zumutbar.
Die Fähigkeit, auf Dauer mittelschwere Arbeiten zu verrichten, sehe er
nicht. Ansonsten hätten die von der Rehaklinik E._ ausformulierten
Einschränkungen vollumfänglich Gültigkeit. Die Integritätseinbusse sei in
Anwendung der SUVA-Gliedertabelle 7.2 auf 25 % festzusetzen (SUVA-
act. 152 und 153).
5.5 RAD-Arzt C._, Facharzt für Allgemeine Innere Medizin FMH
und zertifizierter Gutachter SIM, führte in seinem Bericht vom 5. Februar
2018 im Wesentlichen aus, als funktionelle Auswirkungen auf die Arbeits-
fähigkeit seien die Minderbelastbarkeit der HWS (verminderte Beweglich-
keit, residuelle Schmerzen), der subjektive Schwindel sowie die leichtgra-
digen kognitiven Minderleistungen festzuhalten. Die deutlich einge-
schränkte HWS-Beweglichkeit nach Spondylodese einer instabilen HWK
6-Fraktur mit traumatischer Diskushernie und Läsion der Wurzelaxilla C 7
links mit persistierenden, belastungsabhängigen und Ruheschmerzen so-
wie Sensibilitätsstörungen Dig I-III der linken adominanten Hand beding-
ten, dass die vom Beschwerdeführer zuletzt ausgeübte Tätigkeit als Fas-
saden-Isoleur nicht mehr zumutbar sei. In einer der HWS-Problematik an-
gepassten körperlich leichten Tätigkeit ohne HWS-Zwangshaltungen be-
stehe spätestens ab dem Zeitpunkt des Spitalaustritts aus der Rehaklinik
C-1601/2019
Seite 17
E._ zumindest eine Teilarbeitsfähigkeit mit zu erwartender Steige-
rung auf ein 80 %-Pensum bis zum Zeitpunkt der erfolgten kreisärztlichen
Abschluss-Untersuchung im März 2017. Bezogen auf eine angepasste
Verweistätigkeit bestehe für die Zeit vom 12. September 2015 bis 7. Okto-
ber 2016 eine Arbeitsunfähigkeit von 100 %, für die Zeit vom 8. Oktober
2016 bis 31. Dezember 2016 eine Arbeitsunfähigkeit von 50 %, vom 1. Ja-
nuar 2017 bis 20. März 2017 eine Arbeitsunfähigkeit von 35 % und ab
21. März 2017 eine Einschränkung von 20 %. Die Leistungseinschränkung
von 20 % resultiere aus dem schmerzbedingten erhöhten Pausenbedarf
(act. 34).
6.
6.1 Die Vorinstanz stützte ihre Beurteilung in der angefochtenen Verfügung
auf die Aktenbeurteilung des RAD-Arztes C._ vom 5. Februar 2018
(act. 34), welcher seinerseits im Wesentlichen auf den Austrittsbericht der
Rehaklinik E._ vom 7. Oktober 2016 (act. 123) und die kreisärztli-
che Abschlussuntersuchung vom 20. März 2017 abgestellt hat (SUVA-
act. 152 f.). Eine umfassende eigenständige medizinische Prüfung ist of-
fensichtlich nicht erfolgt.
6.1.1 Nach der geltenden Rechtsprechung (BGE 133 V 549) besteht für die
Invalidenversicherung keine Bindungswirkung an die Invaliditätsschätzung
der Unfallversicherung, weshalb die IV-Stellen auch nicht zur Einsprache
gegen die Verfügung und zur Beschwerde gegen den Einspracheentscheid
des Unfallversicherers über den Rentenanspruch als solchen oder den In-
validitätsgrad berechtigt sind. Allerdings schliesst das Bundesgericht in
BGE 133 V 549 E. 6.4 S. 555 f. nicht aus, dass die IV-Stellen oder im Be-
schwerdefall die kantonalen Gerichte die Unfallversicherungsakten beizie-
hen und gestützt darauf den Invaliditätsgrad für den Bereich der Invaliden-
versicherung bestimmen können.
Mit Blick auf die fehlende Bindungswirkung haben die IV-Stellen und die
Unfallversicherer die Invaliditätsbemessung in jedem einzelnen Fall selb-
ständig vorzunehmen. Sie dürfen sich somit nicht ohne weitere eigene Prü-
fung mit der blossen Übernahme des Invaliditätsgrades der jeweils ande-
ren Stelle begnügen (vgl. BGE 133 V 549 E. 6.1 S. 553 m. H., bestätigt mit
Urteil des BGer 8C_549/2016 vom 19. Januar 2017 E. 5.1).
6.1.2 Vorliegend hat die IV-Stelle zwar den von der SUVA mit 17 % festge-
setzten IV-Grad (SUVA-act. 187) nicht pauschal übernommen, sondern
https://www.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=all&query_words=8C_206%2F2007&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F133-V-549%3Ade&number_of_ranks=0#page549 https://www.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=all&query_words=8C_206%2F2007&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F133-V-549%3Ade&number_of_ranks=0#page549 https://www.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=all&query_words=8C_549%2F2016&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F133-V-549%3Ade&number_of_ranks=0#page549
C-1601/2019
Seite 18
vielmehr eine eigene Rentenbemessung vorgenommen. Allerdings hat sie
sich in medizinischer Hinsicht im Wesentlichen auf die Beurteilungen des
SUVA-Kreisarztes und der Rehaklinik E._ gestützt sowie die darauf
basierende summarische Aktenbeurteilung des RAD-Arztes übernommen,
ohne sich substanziiert und umfassend mit sämtlichen hier infrage stehen-
den Befunden, Diagnosen und leistungsrelevanten Faktoren auseinander
zu setzen. Sie hat nicht beachtet, dass sich die Leistungspflicht des Unfall-
versicherers auf natürlich kausale Unfallfolgen und Berufskrankheiten be-
schränkt, die zudem in einem adäquaten kausalen Zusammenhang stehen
müssen. Das Adäquanzerfordernis im UV-Bereich führt häufig dazu, dass
namentlich psychische Krankheiten von der Leistungspflicht ausgenom-
men bleiben.
6.1.3 Vorab ist aufgrund der vorliegenden Akten davon auszugehen, dass
sich die Schmerzen im Bereich der HWS in relevantem Ausmass auf die
Leistungsfähigkeit des Beschwerdeführers auswirken (vgl. dazu RAD-Be-
richt vom 5. Februar 2018, act. 34, S. 2 f.). Im konkreten Fall ist indes so-
wohl eine eingehende Prüfung der Ausprägung der relevanten Befunde als
auch eine Klassifikation der gestellten Diagnosen nach Massgabe eines
anerkannten Klassifikationssystems unterblieben.
6.1.4 Hinzu kommt, dass im SUVA-Verfahren ausschliesslich die organisch
nachweisbaren Restfolgen des Unfalls abgeklärt worden sind (vgl. dazu die
kreisärztliche Abschlussuntersuchung, SUVA-act. 152, S. 1). Mit Blick auf
das Erfordernis der Unfallkausalität im UV-Verfahren waren von der SUVA
nur die Gesundheitsbeeinträchtigungen abzuklären, welche in einem na-
türlichen und zusätzlich in einem adäquaten Kausalzusammenhang mit
dem Unfallereignis vom 12. September 2015 standen. Demgegenüber sind
im vorliegenden IV-Verfahren nicht nur die unfall-, sondern auch die krank-
heitsbedingten Beeinträchtigungen zu berücksichtigen.
6.1.5 Vorliegend ist insbesondere erstellt, dass der Beschwerdeführer den
Kopfsprung in seichtes Wasser in einem massiven Rauschzustand mit ei-
nem nachgewiesenen Blutalkoholgehalt von 2.2 Gew.-%o vorgenommen
hat. Überdies ist im Austrittsbericht der Rehaklinik E._ von einem
unklaren langjährigen C2-Abusus die Rede (SUVA-act. 123, S. 2).
Mit Blick auf die vorstehend dargelegte neueste bundesgerichtliche Praxis
(E. 3.9 hievor) bedarf auch die Abklärung der Alkoholsuchtproblematik und
die Prüfung des Einflusses des übermässigen Alkoholkonsums auf die
Leistungsfähigkeit einer gutachterlichen Prüfung nach den Vorgaben des
C-1601/2019
Seite 19
strukturierten Beweisverfahrens. Es ist zu ermitteln, ob und gegebenenfalls
inwieweit sich das Abhängigkeitssyndrom im konkreten Fall auf die Arbeits-
fähigkeit des Beschwerdeführers auswirkt.
Wenn sich die Vorinstanz ungeachtet der offensichtlichen Hinweise auf
eine bestehende Suchtproblematik auf die blosse Feststellung eines Ver-
dachts auf eine Suchtproblematik beschränkt hat, ohne diesbezüglich wei-
tere Abklärungen in die Wege zu leiten, ist sie der ihr obliegenden Unter-
suchungspflicht mit Blick auf die neuste bundesgerichtliche Rechtspre-
chung nicht rechtsgenüglich nachgekommen.
6.2 Mit Blick auf die chronische Schmerzstörung und die konkreten Hin-
weise auf eine Alkoholsucht-Problematik erweisen sich die Abklärungen
der Vorinstanz demnach als ungenügend. Es bedarf sowohl unter dem As-
pekt der chronischen Schmerzstörung als auch (mit Blick auf die neueste
Rechtsprechung zu den Suchtabhängigkeiten) für die Beurteilung der Al-
koholsucht-Problematik eines indikatorengeleiteten strukturierten Beweis-
verfahrens, welches – unter Berücksichtigung leistungshindernder äusse-
rer Belastungsfaktoren einerseits und Kompensationspotentialen (Res-
sourcen) anderseits – erlaubt, das tatsächlich erreichbare Leistungsvermö-
gen einzuschätzen (BGE 141 V 281 E. 2, E. 3.4 - 3.6 und 4.1; 145 V 215).
6.3 Das Abstellen auf die Abklärungen und Akten des Unfallversicherers
wäre zwar für sich allein nicht zu beanstanden gewesen, wenn die Unfall-
restfolgen bei einem sonst gesunden Versicherten vorgelegen hätten. Al-
lerdings sind vorliegend nicht ausschliesslich (natürlich und adäquat) un-
fallkausale Gesundheitsbeeinträchtigungen zu beurteilen. Vielmehr beste-
hen konkrete Anhaltspunkte für krankheitsbedingte Leistungseinbussen,
welche die Invalidenversicherung nicht ausklammern darf. Diese müssen
in die medizinische und erwerbliche Abklärung einbezogen werden.
Damit steht fest, dass sich der gesundheitliche Zustand und insbesondere
dessen Auswirkungen auf die Arbeits- und Leistungsfähigkeit unter Berück-
sichtigung der Akten, wie sie der Vorinstanz im Zeitpunkt des Erlasses der
angefochtenen Verfügungen vom 19. Juni 2018 zur Disposition standen,
nicht schlüssig beurteilen lassen.
7.
7.1 Zu prüfen ist in einem weiteren Schritt, ob die vom Beschwerdeführer
im Beschwerdeverfahren neu eingereichten Gutachten, insbesondere die
sozialmedizinische gutachterliche Stellungnahme von Dr. med. H._
https://www.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=all&query_words=8C_453%2F2019+vom+3.+Februar+2020+&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F145-V-215%3Ade&number_of_ranks=0#page215
C-1601/2019
Seite 20
vom 21. März 2019 (Beilage zu BVGer act. 23) und das neurochirurgische
Fachgutachten der Dres. med. D._ und I._ vom 24. Juni
2020 (Beilage zu BVGer act. 27), zu berücksichtigen sind und bejahenden-
falls, inwiefern sie eine rechtsgenügliche Beurteilung der funktionellen
Leistungsfähigkeit erlauben.
7.2 Wie vorstehend (E. 3.1 hievor) dargelegt, hat das Sozialversicherungs-
gericht nach der Rechtsprechung grundsätzlich auf den bis zum Zeitpunkt
des Erlasses der streitigen Verfügungen eingetretenen Sachverhalt abzu-
stellen (hier: 19. Juni 2018). Auch sind Tatsachen, die sich erst später ver-
wirklichen, im hängigen Verfahren soweit zu berücksichtigen, als sie mit
dem Streitgegenstand in engem Sachzusammenhang stehen und geeignet
sind, die Beurteilung im Zeitpunkt des Erlasses der Verfügung zu beein-
flussen (vgl. Urteil des BGer 9C_175/2018 vom 16. April 2018 E. 3.3.2).
BGer 8C_24/2008 vom 27. Mai 2008 E. 2.3.1). Die nachfolgend darzule-
genden gutachterlichen Feststellungen knüpfen an einen medizinischen
Sachverhalt an, der zur Hauptsache bereits im Zeitpunkt der angefochte-
nen Verfügung vorlag. Insoweit steht einer Berücksichtigung dieser Er-
kenntnisse im vorliegenden Verfahren nichts entgegen.
7.3 Dr. med. H._ führte in ihrer (zuhanden der Bundesagentur für
Arbeit) verfassten gutachterlichen Stellungnahme vom 21. März 2019 im
Wesentlichen aus, der Beschwerdeführer sei täglich weniger als 3 Stunden
(wöchentlich unter 15 Stunden) leistungsfähig. Zur Begründung führte die
Ärztin insbesondere aus, aufgrund der Schwere der Erkrankung und der
erforderlichen Behandlungsbedürftigkeit sei davon auszugehen, dass das
Leistungsvermögen für den allgemeinen Arbeitsmarkt länger als 6 Monate
deutlich gemindert (unter 3 Stunden täglich) bzw. aufgehoben sei (Beilage
zu BVGer act. 23).
7.4 Gestützt auf eine klinische Untersuchung des Beschwerdeführers und
die ihnen zur Verfügung gestellten Akten hielten die Neurochirurgen Dres.
med. D._ und I._ in ihrem neurochirurgischen Fachgutach-
ten vom 24. Juni 2020 eine posttraumatische Bewegungseinschränkung
der mittleren Halswirbelsäule und des zervicothorakalen Überganges,
zentral vegetative Störungen mit bewegungsabhängigem Schwindel, ein
chronisches Schmerzsyndrom mit Schlafstörungen und konsekutiven
leichtgradigen kognitiven Einschränkungen sowie ein partielles neurologi-
sches Defizit sensomotorisch für C7 links mit Gefühlsstörung an den dau-
menseitigen Fingern und einer leichten Armstreckerschwäche fest. Beim
Beschwerdeführer sei eine Bewegungseinschränkung nicht nur der Hals-,
C-1601/2019
Seite 21
sondern auch der Brustwirbelsäule zu berücksichtigen. Neurologisch finde
sich eine sensible Störung vergleichbar dem Radialis- und vor allem dem
Medianus-Versorgungsgebiet. Darüber hinaus bestehe eine Schwäche der
Hand, die sich analog einer partiellen Ulnaris-Schädigung auswirke. Das
chronische Schmerzsyndrom führe zu Schlafstörungen und in der Folge
auch zu leichten zentral vegetativen Einschränkungen der kognitiven Fä-
higkeiten. Bezogen auf die zuletzt ausgeübte Tätigkeit sei der Beschwer-
deführer weniger als 3 Stunden arbeitsfähig. In der Kognition sei er wenig
und in der Kommunikation sei er gar nicht eingeschränkt. In körperlicher
Hinsicht sei er belastbar, unter Ausschluss von Zwangshaltungen, häufi-
gem Heben von Lasten über 20 kg sowie Überkopfarbeiten. Die Leistungen
seien nur unter Wechsel von Sitzen, Stehen und Laufen möglich, wobei
zusätzliche Ruhezeiten notwendig seien. Ausgeschlossen seien sodann
Tätigkeiten unter Witterungseinflüssen und Arbeiten auf Leitern und Gerüs-
ten sowie alle Arbeiten, welche eine erhöhte Standfestigkeit erforderten.
Für eine leidensangepasste Tätigkeit sei er regelmässig zwischen 3 bis 6
Stunden täglich arbeitsfähig (Beilage zu BVGer act. 27).
7.5 Die im Beschwerdeverfahren eingereichten gutachterlichen Stellung-
nahmen vermögen die vorstehend dargelegten Lücken bei der Feststellung
des medizinischen Sachverhaltes nicht rechtsgenüglich zu kompensieren.
7.5.1 Vorab genügen die neu ins Recht gelegten gutachterlichen Stellung-
nahmen bereits deshalb den Anforderungen an die Beweiskraft nicht, weil
sie zum einen die Vorgaben des indikatorengeleiteten Beweisverfahrens
offensichtlich nicht beachten. Die Stellungnahmen stützen sich zum andern
auch nicht auf alle relevanten Vorakten ab (vgl. zu diesem GABRIELA RIE-
MER-KAFKA, Versicherungsmedizinische Gutachten, 3. Aufl. 2017, S. 43
und 57). Darüber hinaus erweisen sie sich auch nicht als umfassend, zumal
darin nicht zur Frage der Alkoholabhängigkeit und deren Folgen auf die
Leistungsfähigkeit Stellung genommen wird. Schliesslich fehlt es auch un-
ter Einbezug der nachgereichten Stellungnahmen weiterhin an einer inter-
disziplinären Gesamtbeurteilung – welche im Rahmen einer Konsensbe-
sprechung hätte erstellt werden können – einschliesslich einer nachvoll-
ziehbaren Begründung der Gesamt-Arbeitsunfähigkeit und Gesamt-Ar-
beitsfähigkeit (vgl. dazu auch RIEMER-KAFKA, a.a.O., S. 60; BGE 137 V
210 E. 1.2.4 S. 224; SVR 2008 IV Nr. 15 S. 43, I 514/06 E. 2.1). Auch wenn
eine zusammenfassende Beurteilung auf der Grundlage einer Konsensdis-
kussion der an der Begutachtung mitwirkenden Fachärzte oder unter Lei-
tung eines fallführenden Arztes zur Zusammenführung und Darlegung der
Ergebnisse aus den einzelnen Fachrichtungen rechtsprechungsgemäss
http://relevancy.bger.ch/php/clir/http/index.php?lang=de&type=show_document&page=1&from_date=&to_date=&from_year=1954&to_year=2020&sort=relevance&insertion_date=&from_date_push=&top_subcollection_clir=bge&query_words=&part=all&de_fr=&de_it=&fr_de=&fr_it=&it_de=&it_fr=&orig=&translation=&rank=0&highlight_docid=atf%3A%2F%2F137-V-210%3Ade&number_of_ranks=0&azaclir=clir#page210 http://relevancy.bger.ch/php/clir/http/index.php?lang=de&type=show_document&page=1&from_date=&to_date=&from_year=1954&to_year=2020&sort=relevance&insertion_date=&from_date_push=&top_subcollection_clir=bge&query_words=&part=all&de_fr=&de_it=&fr_de=&fr_it=&it_de=&it_fr=&orig=&translation=&rank=0&highlight_docid=atf%3A%2F%2F137-V-210%3Ade&number_of_ranks=0&azaclir=clir#page210
C-1601/2019
Seite 22
grundsätzlich nicht zwingend ist (vgl. dazu BGE 143 V 124 E. 2.2.4), wäre
es im konkreten Fall notwendig gewesen, gestützt auf die in den jeweiligen
Fachbereichen festgehaltenen Einschränkungen zumindest eine Gesamt-
bewertung vorzunehmen.
7.5.2 Hinzu kommt, dass die Deutsche Rentenversicherung ein von der
schweizerischen Invalidenversicherung wesentlich abweichendes Renten-
abstufungssystem kennt. Gemäss § 43 Abs. 1 des SGB (Sozialgesetz-
buchs) VI gelten Versicherte als teilweise erwerbsgemindert, wenn sie we-
gen Krankheit oder Behinderung auf nicht absehbare Zeit ausserstande
sind, unter den üblichen Bedingungen des allgemeinen Arbeitsmarktes
mindestens 6 Stunden täglich erwerbstätig zu sein. Als voll erwerbsgemin-
dert werden demgegenüber insbesondere Versicherte eingestuft, die we-
gen Krankheit oder Behinderung auf nicht absehbare Zeit ausserstande
sind, unter den üblichen Bedingungen des allgemeinen Arbeitsmarktes
mindestens 3 Stunden täglich erwerbstätig zu sein (§ 43 Abs. 2 SGB). Mit
Blick auf diese vom schweizerischen IV-Rentenabstufungssystem abwei-
chende Regelung weisen die (an das deutsche Bemessungssystem an-
knüpfenden) Schlussfolgerungen im neurochirurgischen Fachgutachten
(Beilage zu BVGer act. 27, S. 8 f.) jedenfalls im vorliegenden Fall nicht die
für die schweizerische Rentenbemessung erforderliche, rechtsgenügliche
Präzision auf (vgl. zur feineren Rentenabstufung nach schweizerischem
Recht: Art. 28 Abs. 2 IVG). Im Übrigen haben die schweizerischen Behör-
den die Rentenprüfung unabhängig vom Ergebnis der ausländischen IV-
Verfahren vorzunehmen, so dass eine Bindungswirkung der Verfügung der
Deutschen Rentenversicherung vom 20. April 2020 (Beilage zu BVGer
act. 25) entfällt.
7.6 Damit steht auch unter Berücksichtigung der im Beschwerdeverfahren
eingereichten Stellungnahmen fest, dass der rechtserhebliche medizini-
sche Sachverhalt nicht rechtsgenüglich abgeklärt worden ist. Dies gilt
umso mehr, als sich die IVSTA vorliegend auf die versicherungsinternen
Aktenbeurteilungen ihres RAD gestützt hat und in diesem Zusammenhang
bereits bei nur geringen Zweifeln an der Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit
der ärztlichen Feststellungen ergänzende Abklärungen vorzunehmen sind
und hier keine abschliessende und verlässliche Schlussfolgerung möglich
ist. Überdies erlauben auch die im Beschwerdeverfahren nachgereichten
gutachterlichen Stellungnahmen keine abschliessende Beurteilung nach
Massgabe der systematisierten Indikatoren des strukturierten Beweisver-
fahrens. Es kann mithin vorliegend nicht auf die Abnahme weiterer Beweise
verzichtet werden, da von einer zusätzlichen, medizinisch nachvollziehbar
C-1601/2019
Seite 23
und schlüssig begründeten fachärztlichen Beurteilung neue verwertbare
und entscheidrelevante Erkenntnisse zu erwarten sind (vgl. dazu auch Ur-
teil des BGer 8C_189/2008 vom 4. Juli 2008 E. 5 mit Hinweisen). Eine an-
tizipierte Beweiswürdigung fällt demnach ausser Betracht. Insgesamt fehlt
es nach dem Gesagten sowohl unter Berücksichtigung der bis zum Zeit-
punkt der angefochtenen Verfügungen vom 19. Juni 2018 vorliegenden Ak-
ten als auch unter Einbezug der im Beschwerdeverfahren eingereichten
Arztberichte an einer der bundesgerichtlichen Rechtsprechung genügen-
den medizinischen Beurteilungsgrundlage.
8.
8.1 Zusammengefasst folgt aus dem Gesagten, dass die Vorinstanz ihrer
Untersuchungspflicht nach Art. 43 Abs. 1 ATSG nicht hinreichend nachge-
kommen ist und den Sachverhalt unvollständig festgestellt hat. Die vorlie-
genden medizinischen Unterlagen bilden demnach keine verlässliche und
schlüssige Grundlage zur Beurteilung von Art und Ausprägung der infrage
stehenden Diagnosen. Die angefochtenen Verfügungen vom 19. Juni 2018
sind deshalb aufzuheben. Nachdem die angefochtenen Verfügungen ge-
stützt auf eine unvollständige Sachverhaltsabklärung ergangen sind, ist die
Sache in Anwendung von Art. 61 Abs. 1 VwVG zur Vornahme der notwen-
digen medizinischen Abklärungen und hernach neuem Entscheid an die
Vorinstanz zurückzuweisen. Diese Rückweisung an die Vorinstanz erfolgt
in Übereinstimmung mit der bundesgerichtlichen Rechtsprechung, gemäss
welcher eine Rückweisung an die IV-Stelle insbesondere im Falle einer
notwendigen Erhebung einer bisher vollständig ungeklärten Frage möglich
ist (BGE 137 V 210 E. 4.4.1.4), wenn die Vorinstanz – wie vorliegend –
noch kein versicherungsexternes Gutachten eingeholt respektive den Leis-
tungsanspruch noch nicht nach der geänderten bundesgerichtlichen
Rechtsprechung geprüft hat und die massgeblichen Fragen im Zusammen-
hang mit erhöhten Anforderungen an die Diagnosestellung und dem struk-
turierten Beweisverfahren in Nachachtung der neuen bundesgerichtlichen
Rechtsprechung noch ungeklärt sind (vgl. Urteil des BGer 9C_450/2015
vom 29. März 2016 E. 4.2.2; Urteile des BVGer C-4329/2014 vom 11. Ja-
nuar 2017 E. 10.2, C-5000/2014 vom 21. Oktober 2016 E. 7 und C-
4265/2014 vom 21. Januar 2016 E. 7).
8.2 Vorliegend stehen HWS-Beschwerden sowie Parästhesien auf der lin-
ken Seite (Dig I-III) und am Arm (insbesondere Unterarm, Schulter und
Oberarm), ein Schwindel (Drehschwindel), Gedächtnisprobleme sowie
C-1601/2019
Seite 24
Kopfschmerzen, eine Alkoholabhängigkeit, eine Müdigkeit und ein Er-
schöpfungsgefühl sowie chronische Schmerzen und eine Schlafstörung
zur Diskussion.
Unabhängig davon, ob es sich um Erkrankungen oder Unfallfolgen handelt,
wird die Invalidenversicherung sämtliche Gesundheitsbeeinträchtigungen
zu berücksichtigen haben. Vorliegend sind Expertisen in den Fachberei-
chen Orthopädie und Neurologie (Frakturen HWK 6 und C6/7, Anterolishe-
sis HWK 6/7, Spondylolisthesis C6/7, Kribbelparästhesien Dig I-III), der
Neuropsychologie (Commotio cerebri, Gedächtnis- und Konzentrations-
probleme) sowie der Psychiatrie (Alkoholabusus, Schlafstörung) geboten.
Ob neben den genannten Fachdisziplinen auch noch weitere Spezialisten
beigezogen werden, ist dem pflichtgemässen Ermessen der Gutachter zu
überlassen, zumal es primär ihre Aufgabe ist, aufgrund der konkreten Fra-
gestellung über die erforderlichen Untersuchungen zu befinden (vgl. dazu
Urteil des BGer 8C_124/2008 vom 17. Oktober 2008 E.6.3.1). Mit der in-
terdisziplinären Begutachtung kann auch sichergestellt werden, dass alle
relevanten Gesundheitsschädigungen erfasst und die daraus jeweils abge-
leiteten Einflüsse auf die Arbeitsfähigkeit würdigend in einem Gesamter-
gebnis ausgedrückt werden (vgl. dazu SVR 2008 IV Nr. 15 S. 44, E. 2.1).
Darüber hinaus sind mit Blick auf die Suchtproblematik auch die Vorgaben
des strukturierten Beweisverfahrens zu beachten.
8.3 Die polydisziplinäre Begutachtung hat vorliegend in der Schweiz zu er-
folgen, zumal die Abklärungsstelle mit den Grundsätzen der schweizeri-
schen Versicherungsmedizin vertraut sein muss (vgl. dazu Urteil des BGer
9C_235/2013 vom 10. September 2013 E. 3.2; Urteile des BVGer C-
5204/2017 vom 25. März 2019 E. 10.2; C-4677/2011 vom 18. Oktober 2013
E. 3.6.3). Der dem Gutachtensauftrag beizulegende Fragenkatalog hat
sämtliche Standardindikatoren der neuen Rechtsprechung (BGE 141 V
281 E. 4.1.3; BGE 145 V 215 E. 5.3 sowie E. 6.1 - 6.3) zu berücksichtigen.
Dem Beschwerdeführer ist das rechtliche Gehör zu gewähren und es ist
ihm Gelegenheit zu geben, Zusatzfragen zu stellen (BGE 137 V 210
E. 3.4.2.9 S. 258 ff.).
Es sind zudem keine Gründe ersichtlich, welche eine Begutachtung in der
Schweiz als unverhältnismässig erscheinen liessen. Des Weiteren erfolgt
die Gutachterauswahl bei polydisziplinären Begutachtungen in der
Schweiz nach dem Zufallsprinzip (vgl. dazu BGE 139 V 349 E. 5.2.1
S. 354), was im Interesse der Verfahrensbeteiligten liegt.
https://www.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=all&query_words=8C_453%2F2019+vom+3.+Februar+2020+&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F145-V-215%3Ade&number_of_ranks=0#page215 http://relevancy.bger.ch/php/aza/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=all&query_words=8C_690%2F2014&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F137-V-210%3Ade&number_of_ranks=0#page210
C-1601/2019
Seite 25
8.4 Die Beschwerde ist demnach insoweit gutzuheissen, als die angefoch-
tenen Verfügungen vom 19. Juni 2018 aufzuheben und die Akten im Sinne
der Erwägungen 8.1 bis 8.3 zur Durchführung weiterer Abklärungen und
anschliessendem Erlass einer neuen Verfügung an die Vorinstanz zurück-
zuweisen sind.
9.
Zu befinden bleibt über die Verfahrenskosten und eine allfällige Parteient-
schädigung.
9.1 Das Bundesverwaltungsgericht auferlegt gemäss Art. 63 Abs. 1 VwVG
die Verfahrenskosten in der Regel der unterliegenden Partei. Da eine
Rückweisung praxisgemäss als Obsiegen der Beschwerde führenden Par-
tei gilt (BGE 132 V 215 E. 6), sind im vorliegenden Fall dem Beschwerde-
führer keine Verfahrenskosten aufzuerlegen. Der Vorinstanz werden eben-
falls keine Verfahrenskosten auferlegt (Art. 63 Abs. 2 VwVG).
9.2 Der Beschwerdeführer hat Anspruch auf eine Parteientschädigung, die
von der Vorinstanz zu leisten ist (Art. 64 Abs. 1 und 2 VwVG i.V.m. Art. 7 ff.
des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigun-
gen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Da keine
Kostennote eingereicht wurde, ist die Entschädigung aufgrund der Akten
festzusetzen (14 Abs. 2 Satz 2 VGKE). Unter Berücksichtigung des gebo-
tenen und aktenkundigen Aufwandes wird die Parteientschädigung (inkl.
Auslagenersatz, exkl. MWSt) auf Fr. 2'800.- festgelegt (Art. 10 VGKE). Da-
mit entfaltet die am 5. Juli 2019 gewährte unentgeltliche Rechtspflege
keine Rechtswirkung.
(Für das Urteilsdispositiv wird auf die nächste Seite verwiesen).
C-1601/2019
Seite 26