Decision ID: a56728bd-a51d-547f-8144-c0ee4a92a7da
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer ersuchte am 27. Februar 2017 in der Schweiz um
Asyl. Am 8. März 2017 wurde er summarisch befragt und am 16. Januar
2020 einlässlich zu seinen Asylgründen angehört.
Zu seinem persönlichen Hintergrund und zur Begründung seines Gesuchs
machte er geltend, er sei türkischer Staatsangehöriger und gehöre der Min-
derheit der alevitischen Araber an. Er stamme aus B._, Hatay; zu-
letzt habe er in C._ gelebt. Ab 2013 habe er regelmässig an den
Gezi-Protesten in C._ teilgenommen. Die Polizei habe Wasserwer-
fer eingesetzt, Filmaufnahmen gemacht und immer wieder Menschen ver-
haftet. Die Demonstrierenden seien beleidigt und erniedrigt worden. Der
Staat habe zudem Schlägertrupps engagiert, welche auch ihn mit Schlag-
stöcken angegriffen hätten. Er habe immer wieder fliehen und sich im
Quartier verstecken müssen, sei aber nie verhaftet worden. Weiter habe er
Angst vor den Mitgliedern des sogenannten Islamischen Staat (IS) gehabt,
die ihn bedroht hätten. Zudem hätten Aleviten keine Rechte in der Türkei
und würden ausgegrenzt. Aus diesem Grund habe er sich 1997 einige Mo-
nate in D._ und zwischen 2005 und 2012 in E._ aufgehal-
ten. Er habe seine Meinung auf Facebook kundgetan und die Aleviten in
Schutz genommen. Weil er in der Türkei keine Lebenssicherheit habe, sei
er ausgereist.
Im Verlauf des erstinstanzlichen Verfahrens reichte er Kopien seiner Iden-
titätskarte sowie einer abgelaufenen spanischen Aufenthaltserlaubnis zu
den Akten.
B.
Mit Verfügung vom 25. Februar 2020 – eröffnet am 27. Februar 2020 –
stellte das SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigen-
schaft nicht, lehnte sein Asylgesuch ab und verfügte die Wegweisung so-
wie deren Vollzug aus der Schweiz.
C.
Mit Eingabe seiner Rechtsvertretung vom 24. März 2020 liess er beim Bun-
desverwaltungsgericht Beschwerde gegen diesen Entscheid erheben. Zur
Hauptsache beantragte er, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben
und ihm sei in Feststellung der Flüchtlingseigenschaft Asyl zu gewähren.
Eventualiter sei die Unzulässigkeit beziehungsweise Unzumutbarkeit des
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Wegweisungsvollzugs festzustellen und seine vorläufige Aufnahme anzu-
ordnen. Subeventualiter sei die Sache zur Neubeurteilung an das SEM zu-
rückzuweisen. In formeller Hinsicht ersuchte er um Gewährung der unent-
geltlichen Rechtspflege und um Einsetzung seines Rechtsvertreters als
amtlicher Rechtsbeistand. Mit der Beschwerdeschrift reichte er in Kopie ei-
nen Brief eines türkischen Rechtsanwalts mit deutscher Übersetzung, Ko-
pien seiner Facebook-Seite und von 69 Facebook-Posts mit deutscher
Übersetzung, diverse Artikel, Medienmitteilungen und Länderberichte zur
Türkei und Syrien, eine Unterstützungsbestätigung sowie einen Arbeitsver-
trag über eine geringfügige Beschäftigung im (...)bereich zu den Akten.
D.
Am 25. März 2020 bestätigte das Gericht dem Beschwerdeführer den Ein-
gang seiner Beschwerde.
E.
Mit Schreiben vom 27. März 2020 reichte der Beschwerdeführer den Brief
des türkischen Anwalts im Original nach.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das Bundesverwaltungsgericht ist zuständig für Beschwerden gegen
Verfügungen auf dem Gebiet des Asyls und entscheidet regelmässig – so
auch hier – endgültig (Art. 5 VwVG, Art. 31 ff. VGG, Art. 105 AsylG [SR
142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden und der
Beschwerdeführer ist beschwerdelegitimiert (Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1
AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist
einzutreten.
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2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). Die Voraussetzungen für
die Glaubhaftmachung sind durch das Bundesverwaltungsgericht in stän-
diger Praxis definiert worden. Auf die einschlägige Rechtsprechung sei hier
verwiesen (vgl. ausführlich BVGE 2015/3 E. 6.5.1; 2013/11 E. 5.1; 2012/5
E. 2.2; 2010/57 E. 2.3).
5.
5.1 Die Vorinstanz begründete ihren ablehnenden Entscheid damit, den
Aussagen des Beschwerdeführers sei nicht zu entnehmen, dass er festge-
nommen worden oder ein formelles Strafverfahren gegen ihn eingeleitet
worden sei, dies obwohl er nach eigenen Angaben seit 2013 an den Pro-
testen teilgenommen und die Polizei dabei auch Filmaufnahmen gemacht
habe. Seine Aussage, man wisse nicht, was morgen passieren könne, sei
nicht geeignet, eine Verfolgungssituation asylrelevanten Ausmasses für ihn
herzuleiten. Insgesamt seien keine Anhaltspunkte ersichtlich, dass er einer
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solchen Gefährdung in der Türkei ausgesetzt gewesen wäre oder bei einer
Rückkehr zu befürchten hätte. Der Umstand, dass die Polizei anlässlich
der Proteste Wasserwerfer eingesetzt und Demonstrierende erniedrigt so-
wie beleidigt habe, vermöge daran nichts zu ändern, zumal auch andere
Protestteilnehmende in ähnlicher Weise betroffen gewesen seien. Weiter
sei bekannt, dass Kurden und Aleviten in der Türkei schikaniert und be-
nachteiligt werden könnten. Dabei handle es sich aber im Allgemeinen
nicht um ernsthafte Nachteile im Sinne des Asylgesetzes. Die vorliegend
geltend gemachten Benachteiligungen gingen in ihrer Intensität nicht über
die Nachteile hinaus, welche Teile der kurdischen und alevitischen Bevöl-
kerung in der Türkei in ähnlicher Weise treffen könnten. Schliesslich seien
auch die dargelegten Drohungen von Angehörigen des IS aufgrund ihrer
Art und Intensität nicht geeignet, ein menschenwürdiges Leben in der Tür-
kei zu verunmöglichen oder in unzumutbarer Weise zu erschweren.
5.2 In seiner Beschwerdeschrift wiederholte der Beschwerdeführer im We-
sentlichen seine Asylvorbringen. Überdies äusserte er sich unter Bezug auf
die eingereichten Artikel, Medienmitteilungen und Länderberichte zum Bür-
gerkrieg in Syrien, der Situation arabischer Aleviten in der Südtürkei und
der aktuellen politischen Situation in der Türkei. Wegen des syrischen Bür-
gerkriegs stünden arabische Aleviten seit Jahren im Visier der türkischen
Regierung. Diese Situation sei besonders für jene gefährlich, welche ihre
oppositionelle Haltung und ihre Unterstützung für Baschar al-Assad offen-
barten. Zudem seien in der Türkei tausende Strafverfahren aufgrund der
friedlichen Wahrnehmung des Rechts auf freie Meinungsäusserung ange-
strengt worden. Viele Ermittlungen würden im Geheimen durchgeführt.
Aufgrund seiner aktiven Beteiligung an den Gezi-Protesten und seiner Fa-
cebook-Posts mit harter Kritik gegen Recep Tayyip Erdogan und die türki-
sche Regierung sowie mit Unterstützungsaufrufen zugunsten der syri-
schen Regierung und von al-Assad befürchte er, bei seiner Rückkehr ver-
haftet und in einem unfairen Strafverfahren verurteilt zu werden.
6.
Eine eingehende Prüfung ergibt, dass die Vorbringen des Beschwerdefüh-
rers nicht geeignet sind, eine asylrelevante Verfolgung nachzuweisen oder
zumindest glaubhaft zu machen.
6.1 Wie von der Vorinstanz zutreffend festgehalten, sind den Akten keine
Hinweise darauf zu entnehmen, dass der Beschwerdeführer aufgrund sei-
ner Teilnahme an Protesten seit dem Jahr 2013 in C._ verhaftet
wurde oder in sonstiger Weise asylrelevanten Massnahmen ausgesetzt
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war, dies, obwohl er unzählige Male an den Protesten teilgenommen haben
will. Die Übergriffe durch Schlägertrupps, der Einsatz von Wasserwerfern,
die Filmaufnahmen sowie die Beleidigungen und Erniedrigungen stellen
gemäss Aktenlage keine Massnahmen dar, welche ihn persönlich treffen
sollten oder überhaupt ein asylerhebliches Ausmass erreichten. Der Be-
schwerdeschrift sind keine Vorbringen zu entnehmen, die eine andere Ein-
schätzung rechtfertigen könnten. Im Gegenteil lassen die zahlreichen ein-
gereichten Facebook-Posts darauf schliessen, dass der Beschwerdeführer
trotz der darin geäusserten Kritik an der türkischen Regierung über meh-
rere Jahre offensichtlich nicht ins Visier der türkischen Behörden geriet und
Verhaftungen oder gar einem Strafverfahren ausgesetzt war. Mangels An-
haltspunkten für eine individuelle Verfolgung erübrigt es sich, auf die allge-
meinen Beschwerdevorbringen des Beschwerdeführers zur Lage von poli-
tisch Oppositionellen in der Türkei und insbesondere von arabischen Ale-
viten (vgl. dazu weiter E. 6.2) einzugehen. Ergänzend sei angemerkt, dass
die Facebook-Posts mit der Ausreise aus der Türkei enden, womit auch
nicht davon auszugehen ist, er könnte überhaupt im Hinblick auf exilpoliti-
sche Aktivitäten in den Fokus der Behörden geraten und behelligt werden,
geschweige denn, ein Strafverfahren bei einer Rückkehr gewärtigen. Ein
exilpolitisches Engagement hat er in der Anhörung zudem selbst explizit
verneint. Soweit er auf Beschwerdeebene geltend macht, es könne nicht
ausgeschlossen werden, dass ein Strafverfahren eingeleitet wurde, hat er
keine entsprechenden Beweismittel vorgelegt. Unter Berücksichtigung der
vorstehend dargelegten Aktenlage mussten sich zudem weder die Vo-
rinstanz noch das Gericht gehalten sehen, diesbezüglich nähere Abklärun-
gen zu tätigen.
6.2 Weiter sind die vorinstanzlichen Erwägungen zur Unterdrückung des
Beschwerdeführers als arabischer Alevit vollumfänglich zu stützen. Zwar
handelt es sich bei ihm nicht um einen Kurden, sondern einen Araber. Im
Hinblick auf Letztere sowie auf Menschen mit anderer Glaubensausrich-
tung können allfällige Diskriminierungen in der Türkei nicht ausgeschlos-
sen werden. Soweit der Beschwerdeführer mit seinen Vorbringen eine Kol-
lektivverfolgung geltend macht, ist er jedoch darauf zu verweisen, dass das
Bundesverwaltungsgericht praxisgemäss sehr hohe Anforderungen für die
Annahme einer Kollektivverfolgung stellt (vgl. BVGE 2013/11 E. 5.4.1
m.w.H.). Die von ihm erwähnten allgemeinen Behelligungen weisen die für
eine Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft erforderliche Intensität nicht
auf, weshalb keine Kollektivverfolgung von Angehörigen solcher Gruppie-
rungen anzunehmen ist. Die Ausführungen des Beschwerdeführers auf Be-
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schwerdeebene zur allgemeinen Situation von arabischen Aleviten na-
mentlich in der Südtürkei vermögen an dieser Einschätzung nichts zu än-
dern, zumal ihnen auch nicht eine gezielte und persönliche Verfolgung des
Beschwerdeführers aufgrund seiner Zugehörigkeit zu den arabischen Ale-
viten entnommen werden kann.
6.3 Schliesslich ist mit der Vorinstanz einig zu gehen, dass die geltend ge-
machten Drohungen von Mitgliedern des IS aufgrund ihrer Art und Intensi-
tät nicht geeignet sind, ein menschenwürdiges Leben in der Türkei zu ver-
unmöglichen oder in unzumutbarer Weise zu erschweren. Aus den Akten
ergeben sich im Übrigen keine Anhaltspunkte dafür, dass die gegen den
Beschwerdeführer gerichteten Bedrohungen – ihre Glaubhaftmachung im-
mer unterstellt – über das hinausgingen, was die Bevölkerung in der Süd-
türkei üblicherweise zu erdulden hatte.
6.4 Gesamthaft ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer in der Türkei
keiner asylrelevanten Verfolgung ausgesetzt war. Mangels entsprechender
Anhaltspunkte ist zudem nicht davon auszugehen, dass er ernsthafte
Nachteile im Sinne von Art. 3 AsylG bei einer Rückkehr zu befürchten hätte.
7.
7.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
7.2 Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
8.
8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Bei der Geltendmachung von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt ge-
mäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard
wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu be-
weisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens
glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
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8.2
8.2.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz (insbesondere Art. 5 Abs. 1 AsylG, Art. 33 Abs. 1 des Abkom-
mens über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30], Art. 25
Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen
Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behand-
lung oder Strafe [FoK, SR 0.105] und Art. 3 EMRK) einer Weiterreise der
Ausländerin oder des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder einen
Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AlG).
8.2.2 Die Vorinstanz hat in der angefochtenen Verfügung mit zutreffender
Begründung erkannt, dass der in Art. 5 AsylG verankerte Grundsatz der
Nichtrückschiebung mangels Erfüllung der Flüchtlingseigenschaft keine
Anwendung findet und keine anderweitigen völkerrechtlichen Vollzugshin-
dernisse erkennbar sind. Auch die allgemeine Menschenrechtssituation im
Heimatstaat lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt nicht
als unzulässig erscheinen. Aus den Akten ergeben sich keine konkreten
Anhaltspunkte dafür, dass der Beschwerdeführer bei einer Rückkehr in die
Türkei mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit persönlich gefährdet wäre (vgl.
E. 6). Der Hinweis in der Beschwerde auf die allgemeine Lage für politisch
aktive Personen in der Türkei und namentlich arabische Aleviten in der
Südtürkei vermag daran nichts zu ändern. Der Vollzug der Wegweisung ist
zulässig.
8.3
8.3.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
8.3.2 In der Türkei herrscht keine landesweite Situation allgemeiner Ge-
walt. Ausgenommen sind die Provinzen Hakkari und Sirnak; dorthin ist der
Wegweisungsvollzug als generell nicht zumutbar zu qualifizieren (vgl.
BVGE 2013/2 E. 9.6.1; Urteil des BVGer E-7083/2017 vom 3. Dezember
2019 E. 9.5 m.w.H.). Ebenfalls häufig von gewaltsamen Auseinanderset-
zungen betroffen sind weitere Provinzen im Südosten der Türkei, unter an-
derem auch die Provinz Hatay, aus der der Beschwerdeführer stammt (vgl.
Urteile des BVGer E-1948/2018 vom 12. Juni 2018 E. 7.3.1 [als Referenz-
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urteil publiziert] und E-6536/2017 vom 16. Dezember 2019 E. 8.2). Im Ver-
lauf des vergangenen Jahres lagen die Gewaltereignisse in Hatay jedoch
tief, so waren im letzten Jahr fünf Gewaltopfer zu beklagen und im Jahr
davor deren vier (vgl. http://www.crisisgroup.be/interactives/turkey/). Von
einer Situation der allgemeinen Gewalt kann damit in der Heimatprovinz
des Beschwerdeführers nicht ausgegangen werden. Ohnehin wäre aber
vom Bestehen einer innerstaatlichen Ausweichmöglichkeit für den Be-
schwerdeführer auszugehen (vgl. nachfolgend).
8.3.3 Bei der Prüfung einer individuell zumutbaren innerstaatlichen Aufent-
haltsalternative sind gemäss einer gefestigten Rechtsprechung der vorma-
ligen Schweizerischen Asylrekurskommission (ARK) insbesondere die Fra-
gen nach der Sicherung des wirtschaftlichen Existenzminimums, des Be-
zugs zum möglichen Zufluchtsort und der Möglichkeit der dortigen sozialen
Integration zu beantworten (für die massgebenden individuellen Prüfkrite-
rien vgl. Entscheidungen und Mitteilungen der ARK [EMARK] 1996 Nr. 2
E. 6b); das Bundesverwaltungsgericht setzt diese Praxis fort und beachtet
dabei die gleichen Kriterien wie zuvor die ARK (vgl. [auch zu den Anforde-
rungen an eine innerstaatliche Aufenthaltsalternative in verschiedenen
Länderkontexten] BVGE 2011/24 E. 13.3; BVGE 2013/1 E. 6.3.5, BVGE
2008/5 E. 7.5 ff., zuletzt etwa Urteil des BVGer E-6536/2017 vom 16. De-
zember 2019 E. 8.3).
Beim Beschwerdeführer ist davon auszugehen, dass er im Westen der Tür-
kei eine innerstaatliche Aufenthaltsalternative wählen kann. Den Akten ist
zu entnehmen, dass er sich verschiedentlich in Istanbul aufhielt, so auch
für kurze Zeit vor seiner Ausreise. Für die Zumutbarkeit eines Ortes im
Westen als individueller Aufenthaltsalternative ist im konkreten Fall zu be-
rücksichtigen, dass der Beschwerdeführer gesund und in einem arbeitsfä-
higen Alter ist, türkisch und arabisch spricht, eine fünfjährige Schulbildung
und mehrjährige Berufserfahrung (unter anderem als Inhaber einer [...])
aufweist sowie auf ein grosses familiäres Beziehungsnetz, namentlich
seine Mutter und zahlreiche Geschwister, in der Türkei zurückgreifen kann.
Letzteren geht es nach eigenen Angaben des Beschwerdeführers wirt-
schaftlich gut. Mithin könnten sie ihn finanziell bei der Reintegration in einer
anderen Region im Westen der Türkei unterstützen. Auch lebt seine er-
wachsene Tochter in E._, welche ihm im Bedarfsfall ebenfalls be-
hilflich sein könnte. Nicht zuletzt hat der Beschwerdeführer eine gewisse
Zeit in D._, E._ und nun der Schweiz gelebt und sich ge-
mäss Aktenlage bis zu einem gewissen Grad beruflich und sozial vor Ort
integrieren können. Es ist nach dem zuvor Gesagten davon auszugehen,
http://www.crisisgroup.be/interactives/turkey/
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dass ihm dies erst recht in einem anderen Teil der Türkei möglich sein wird,
einem Land, mit dessen Sprache, Kultur und Gewohnheiten er aufgewach-
sen und vertraut ist.
8.3.4 Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung auch
als zumutbar.
8.4 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
8.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
10.
10.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem
Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Die Beschwerde
erwies sich jedoch nicht von Vornherein als aussichtslos. Zudem ist der
Beschwerdeführer gemäss Aktenlage – auch unter Berücksichtigung sei-
ner geringfügigen Beschäftigung – als bedürftig zu erachten. Das mit der
Beschwerde gestellte Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechts-
pflege gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG ist danach gutzuheissen. Folglich hat
der Beschwerdeführer keine Verfahrenskosten zu tragen.
10.2 Nach dem zuvor Gesagten wäre grundsätzlich auch das Gesuch um
amtliche Rechtsverbeiständung gutzuheissen (vgl. aArt. 110a Abs. 1 Bst. a
AsylG i.V.m. Art. 31a aAbs. 4 und Art. 44 AsylG). Wie im Verfahren
(...) geprüft und mit Zwischenverfügung vom (...) festgehalten, erfüllt der
rubrizierte Rechtsvertreter Saban Murat Özten jedoch (bislang) die Voraus-
setzungen für die Beiordnung als amtlicher Rechtsbeistand gemäss
aArt. 110a Abs. 3 AsylG nicht. Folglich ist das Gesuch um amtliche Rechts-
verbeiständung abzuweisen. Da vorliegend keine über die Einreichung der
Beschwerdeschrift hinausgehenden Verfahrensschritte notwendig waren,
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erübrigt es sich überdies, dem Beschwerdeführer die Möglichkeit zur nach-
träglichen Mandatierung eines Rechtsbeistands oder einer Rechtsbeistän-
din einzuräumen, welcher respektive welche die Voraussetzungen von
aArt. 110a Abs. 3 AsylG erfüllt.
(Dispositiv nächste Seite)
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