Decision ID: 56058d13-cb91-55b4-805d-226f8394953f
Year: 2021
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ (nachfolgend: Versicherter) meldete sich am 11. November 2014 bei der IV-
Stelle des Kantons St. Gallen (nachfolgend: IV-Stelle) für berufliche Massnahmen und
Rentenleistungen an (IV-act. 1). Er hatte sich damals noch in einem seit fast zwanzig
Jahren bestehenden Arbeitsverhältnis als Maschinenbediener bei der B._ befunden
(IV-act. 22), jedoch war er nach am _ 2014 erhaltener Kündigung (vgl. IV-act. 22-7)
seit dem [...] von Dr. med. C._, Facharzt für Psychiatrie und Neurologie, santémed
Gesundheitszentrum D._, zu 100 % arbeitsunfähig geschrieben worden (IV-act. 1-3
f.; Fremdakten act. 1-1 ff.). Bei zunehmender Verschlechterung des depressiven
Zustandes hatte Dr. C._ den Versicherten der psychiatrischen Klinik E._
zugewiesen (vgl. IV-act. 26-3, oben), wo dieser vom 11. August bis 23. Oktober 2014
hospitalisiert worden war. Die behandelnden Ärzte der psychiatrischen Klinik E._
hatten eine mittelgradige depressive Episode mit somatischem Syndrom diagnostiziert
(IV-act. 23). Ab dem 28. Oktober 2014 hatte sich der Versicherte in teilstationärer
Behandlung in der Tagesklinik F._ befunden (IV-act. 26-3, oben, und 28-1), wo
A.a.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 3/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
wiederum die Diagnose einer mittelgradigen depressiven Episode mit somatischem
Syndrom gestellt worden und eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit attestiert worden war
(vgl. IV-act. 26).
Am _ 2015 endete die Anstellung des Versicherten (IV-act. 22-2 und 22-7).
Anlässlich einer Standortbesprechung in der Tagesklinik F._ vom _ 2015 beschrieb
der Versicherte seine Situation als dramatisch. Die laufende Trennung von seiner
Ehefrau zerre stark an ihm. Seine Ehefrau tauche immer wieder bei ihm auf und
provoziere ihn sowie seine neue Freundin. Neben dieser familiären Belastung habe er
grosse finanzielle Sorgen und werde aktuell betrieben (IV-act. 30). Am 25. Juni 2015
berichtete med. pract. G._, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, dass der
Versicherte Ende Mai 2015 aus der Tagesklinik ausgetreten sei, wobei bei Austritt noch
immer eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit bestanden habe. Der weitere Verlauf der
Arbeitsfähigkeit sei durch den nachbehandelnden Dr. C._ zu beurteilen (IV-act. 35;
zum Zeitpunkt des Austritts vgl. ferner IV-act. 54-3, oben). Am 29. September 2015
erstattete Dr. med. H._, Arzt für Psychiatrie und Psychotherapie FMH, im Auftrag der
SWICA Krankenversicherung AG eine psychiatrische Kurzbeurteilung (Fremdakten, act.
G 12). Als Diagnose mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit nannte er eine
mittelgradige depressive Episode mit somatischem Syndrom (Fremdakten, act. G
12-10). Sodann kam Dr. H._ zum Schluss, dass eine erneute, zeitnahe tagesklinische
Behandlung indiziert sei. Einen Monat nach Beginn dieser Behandlung sei von einer
50%igen Arbeitsfähigkeit im angestammten Beruf respektive einer Tätigkeit mit
vergleichbarem Anforderungsprofil auszugehen. Zwei Monate nach Beginn der
insgesamt nur für zwei Monate indizierten Behandlung sei eine 75%ige Arbeitsfähigkeit
und nach einem weiteren Monat eine 100%ige Arbeitsfähigkeit anzunehmen
(Fremdakten, act. G 12-12). Am 28. Oktober 2015 kam es zum Wiedereintritt des
Versicherten in die Tagesklinik F._ (vgl. IV-act. 54-3, oben). Am 18. Januar 2016
nannte med. pract. I._, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Tagesklinik
F._, als Diagnose eine rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig mittelgradige
Episode mit somatischem Syndrom (IV-act. 54-2), und ging wiederum von einer
100%igen Arbeitsunfähigkeit aus, prognostizierte jedoch für den März 2016 eine
50%ige Arbeitsfähigkeit (IV-act. 54-5). Ab dem 1. März 2016 attestierte med. pract.
I._ schliesslich noch eine 80%ige Arbeitsunfähigkeit (IV-act. 58).
A.b.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 4/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Am 16. März 2016 unterzeichnete der Versicherte einen Eingliederungsplan der IV-
Stelle (IV-act. 60). Mit Mitteilung vom 17. März 2016 gewährte die IV-Stelle dem
Versicherten Beratung und Unterstützung bei der Stellensuche (IV-act. 63). Ab dem 5.
April 2016 nahm der Versicherte mit einem Arbeitspensum von 20 % an einem
Einsatzprogramm im J._ teil (vgl. IV-act. 73 und 75) bei gleichzeitiger Weiterführung
des Aufenthaltes in der Tagesklinik F._ (vgl. IV-act. 73 f. und 80-2, unten). Am 13. Mai
2016 erfolgte der Austritt aus der Tagesklinik. Im Austrittsbericht vom 10. Juni 2016
nannte med. pract. I._ als Diagnosen eine rezidivierende depressive Störung,
gegenwärtig mittelgradige Episode mit somatischem Syndrom, sowie eine andauernde
Persönlichkeitsänderung nach psychischer Krankheit. Weiter hielt er fest, dass sich die
Depression bei gedanklicher Einengung auf die psychosoziale Belastungssituation nur
langsam aufgehellt habe. Im Verlauf habe sich eine immer deutlicher ausgeprägte
Verbitterung gezeigt mit der Überzeugung, von verschiedenen Seiten (Arbeitgeber,
Arbeitskollegen und Ehefrau) ungerecht behandelt und geschädigt worden zu sein. Der
Versicherte sei oft tagelang auf diese Gedankeninhalte eingeengt gewesen und habe
gegenüber den Personen, die er für sein Leid verantwortlich mache, einen starken Groll
entwickelt. Diese Externalisierung sei zwar immer wieder thematisiert worden, habe
aber letztlich nicht aufgelöst werden können, sodass eine andauernde
Persönlichkeitsänderung im Sinne eines Verbitterungssyndroms diagnostiziert worden
sei. Die Arbeitsunfähigkeit schätzte med. pract. I._ noch immer auf 80 % (IV-act. 80).
In einem Bericht vom 4. August 2016 ging auch Dr. C._ von einer ca. 80%igen
Arbeitsunfähigkeit aus (IV-act. 83). Am 23. September 2016 hielt der regionale ärztliche
Dienst (RAD) fest, dass aufgrund der Persönlichkeitsänderung mit starker Verbitterung
und Externalisierung, die immer wieder zu depressiven Phasen geführt habe, maximal
eine 20-30%ige Arbeitsfähigkeit vorhanden sei. Eine weitere Steigerung sei nicht
absehbar. Auch berufspraktisch hätten sich die Schwierigkeiten gezeigt. Der
Versicherte habe das Pensum im Rahmen des Einsatzprogrammes nicht über 30 %
steigern können (IV-act. 88-2). Mit Mitteilung vom 27. September 2016 lehnte die IV-
Stelle einen Anspruch auf weitere berufliche Massnahmen ab (IV-act. 92).
A.c.
Am 15. Dezember 2016 hielt Dr. C._ fest, dass sich im Vergleich zu seinem
Verlaufsbericht vom 4. August 2016 keine Änderungen ergeben hätten (IV-act. 97). Am
15. Februar 2017 führte der RAD aus, dass sich nun eine Chronifizierung der
A.d.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 5/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
depressiven Symptomatik als eigenständiges und nicht mehr ausschliesslich von
psychosozialen Faktoren bestimmtes Krankheitsgeschehen manifestiert habe. Er teilte
jedoch die Schätzung der Arbeitsfähigkeit von Dr. C._ nicht mehr, sondern ging neu
von einer 60-70%igen Arbeitsfähigkeit aus, wobei er diese medizintheoretische
Einschätzung explizit als vorläufig bezeichnete (vgl. IV-act. 99-4). Vom 10. Juli bis 19.
August 2017 hielt sich der Versicherte stationär in der Klinik K._ auf, wo die
behandelnden Ärzte aus psychiatrischer Sicht wiederum eine rezidivierende depressive
Störung, gegenwärtig mittelgradige Episode, diagnostizierten und dem Versicherten bis
zum 3. September 2017 eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit attestierten (IV-act. 124).
Am 30. November 2017 erstattete Prof. Dr. med. L._, FMH Psychiatrie und
Psychotherapie, FMH Neurologie, im Auftrag der IV-Stelle ein psychiatrisches
Gutachten (IV-act. 128). Als psychiatrische Diagnose mit Auswirkung auf die
Arbeitsfähigkeit nannte er eine beginnend chronifizierte, rezidivierende depressive
Störung (depressive Episode, über zwei Jahre anhaltend), gegenwärtig und im Verlauf
überwiegend mittelgradig (IV-act. 128-76). Sodann kam Prof. L._ zum Schluss, dass
aus rein medizinischer Sicht auf der Grundlage eines bio-psycho-sozialen
Gesundheitsverständnisses ohne Berücksichtigung eventueller IV-fremder Faktoren
sowohl in der zuletzt ausgeübten als auch in adaptierten Tätigkeiten seit dem 27. Mai
2014 anhaltend eine 50%ige Arbeitsunfähigkeit bestehe. Während der teilstationären
und stationären Aufenthalte sei eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit anzunehmen (IV-
act. 128-77). In seiner Stellungnahme vom 11. Januar 2018 bezeichnete der RAD das
Gutachten als umfassend und nachvollziehbar. Aus versicherungsmedizinischer Sicht
könne darauf abgestellt werden (IV-act. 131). Namentlich aufgrund in der Begutachtung
sowie im Austrittsbericht der Klinik K._ angesprochener Knieprobleme, Schulter- und
Kopfschmerzen sowie Nackenbeschwerden (vgl. IV-act. 124, 128-61, 128-73 und
128-76) holte die IV-Stelle jedoch noch weitere ärztliche Berichte ein (vgl. IV-act. 131
ff.), die das Vorliegen multisegmentaler Degenerationen der Halswirbelsäule, eine
Gonarthrose rechtsbetont sowie Degenerationen des rechten Schultergelenks
bestätigten (vgl. IV-act. 134 ff.).
A.e.
Am 23. Juli 2018 erstatteten Prof. L._ und Dr. med. M._, FMH Orthopädische
Chirurgie und Traumatologie des Bewegungsapparates, im Auftrag der IV-Stelle ein
bidisziplinäres (psychiatrisches und orthopädisches) Gutachten (IV-act. 149). Als
A.f.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 6/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Diagnosen mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit nannten die Gutachter in ihrer
integrativen Beurteilung ein chronisches zervikozephales Schmerzsyndrom ohne
Radikulopathie, eine Belastungs- und Bewegungseinschränkung des rechten
Schultergelenks, eine medial betonte Gonarthrose des rechten Kniegelenks mit einer
Chondropathie bei einem 1x1 cm messenden Knorpeldefekt des medialen
Femurkondylus und medial betonter Meniskopathie sowie eine chronifizierte,
rezidivierende depressive Störung (depressive Episode über zwei Jahre anhaltend),
gegenwärtig und im Verlauf überwiegend mittelgradig (IV-act. 149-9). Sodann kamen
die Sachverständigen zum Schluss, dass der Versicherte aus orthopädischer Sicht in
seiner angestammten Tätigkeit nicht mehr arbeitsfähig sei (IV-act. 149-14). Für
angepasste Tätigkeiten bestünden zahlreiche qualitative Einschränkungen (vgl. IV-
act. 149-11 f.). Unter Berücksichtigung sämtlicher Schonkriterien bestehe aus
orthopädischer Sicht in einer körperlich leichten bis intermittierend mittelschweren,
wechselbelastenden, jedoch überwiegend sitzenden Tätigkeit bezogen auf ein volles
Arbeitspensum eine 100%ige Arbeitsfähigkeit (IV-act. 149-14). Aus psychiatrischer
Sicht sei die rezidivierende depressive Störung zunächst eine Folge der maladaptiven
Verarbeitung multipler psychosozialer Probleme des Versicherten und seiner
Wertvorstellungen gewesen, jedoch habe sich mit der Depression eine ICD-gelistete
psychiatrische Störung entwickelt. Aus rein psychiatrischer Sicht und einem bio-
psychosozialen Krankheitsmodell folgend lägen seit der Krankschreibung vom 27. Mai
2014 Einschränkungen vor, die bis November 2017 die Arbeitsfähigkeit im Verlauf
schätzungsweise um 50 % (bezogen auf ein Vollpensum) reduzierten. Ab Dezember
2017 habe sich das Störungsbild mit dem Hinzutreten der Schmerzexazerbation
verschlechtert. Seither bestehe eine 70%ige Arbeitsunfähigkeit (IV-act. 149-14). Der
RAD bezeichnete das Gutachten am 13. August 2018 als umfassend und
nachvollziehbar. Aus versicherungsärztlicher Sicht könne die administrative
Entscheidung darauf abgestützt werden. Die Einschätzung der Diagnosen respektive
der psychosozialen Belastungsfaktoren obliege dem Rechtsanwender (IV-act. 154).
Mit Schreiben vom 11. September 2018 gelangte die IV-Stelle mit Rückfragen an
die Gutachter. Sie forderte die Sachverständigen zu einer Beurteilung der
Arbeitsfähigkeit unter Ausschluss soziokultureller und psychosozialer Aspekte auf.
Weiter wollte sie von den Sachverständigen wissen, ob aus juristischer Sicht davon
A.g.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 7/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
ausgegangen werden könne, dass ohne die IV-fremden Belastungsfaktoren kein
psychischer Gesundheitsschaden entstanden wäre und ob weiterhin vom Vorliegen
einer depressiven Symptomatik auszugehen wäre, wenn die psychosozialen
Belastungsfaktoren wegfallen würden (IV-act. 155). In seiner Stellungnahme vom 24.
Januar 2019 hielt Prof. L._ fest, dass er die soziokulturellen und psychosozialen
Aspekte und deren auslösende bzw. unterhaltende Wirkung auf das psychiatrische
Störungsbild im Gutachten genau beschrieben habe. Er habe im Gutachten die
Einschätzung der Arbeitsfähigkeit ausgehend von einem bio-psycho-sozialen
Krankheitsmodell getroffen. Dies nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, dass
psychosoziale Belastungsfaktoren in fast allen Lebenssituationen eruierbar seien und
Krankheitsverläufe mehr oder weniger immer modulierten. Nun werde er seitens der IV-
Stelle aufgefordert, eine Arbeitsfähigkeitsschätzung unter Ausschluss dieser Aspekte
zu treffen. Dies sei aufgrund des Vorgesagten aus medizinischer Sicht ein Paradoxon.
Eine einstündige diesbezügliche Sitzung mit dem Rechtsdienst der IV-Stelle sei ohne
Ergebnis geblieben. Er möchte auf eine Veranstaltung für IV-Gutachter hinweisen, in
welcher die von einem Gutachter vorgenommene Beurteilung der Arbeitsfähigkeit unter
Ausschluss von psychosozialen Faktoren als Präjudizierung gewertet worden sei. Es
sei fraglich, wie eine Arbeitsfähigkeitsschätzung vonstattengehen solle, wenn juristisch
ein bio-psychisches und medizinisch ein bio-psycho-soziales Krankheitsmodell verfolgt
werde, jedoch keine juristische Parallelüberprüfung der Gutachten stattfinden solle.
Dies könnte eigentlich nur bedeuten, dass der medizinische Gutachter die juristische
Stellungnahme erledigen müsse. Weiter wies Prof. L._ darauf hin, dass es sich bei
den von ihm beim Versicherten diagnostizierten Störungen um ICD-10 konforme
Erkrankungen handle. Da die soziokulturellen Grundwerte des Versicherten eine Basis
für die affektive Störung geboten hätten, gehe er davon aus, dass soziokulturelle
Grundwerte Grundaspekte der Persönlichkeit seien, sodass er aus medizinischer Sicht
unter Ausschluss soziokultureller Aspekte zu keiner anderen Bewertung der
Arbeitsfähigkeit komme. Die Bedrohungen durch die Familienangehörigen der Ehefrau
des Versicherten seien krankheitsfördernd und -unterhaltend. Der Versicherte könne
sich diesem psychosozialen Belastungsfaktor mit Auswirkungen auf seine
Psychopathologie nicht entziehen, obschon er es versucht habe. Aus medizinischer
Sicht sei die Einschätzung der Arbeitsfähigkeit daher auch unter Ausschluss dieses
psychosozialen Faktors zu bestätigen. Es könne also nicht davon ausgegangen
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 8/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
werden, dass ohne die IV-fremden Faktoren kein psychischer Gesundheitsschaden
entstanden wäre. Wenn die psychosozialen Faktoren wegfallen würden, wäre aber
zumindest davon auszugehen, dass die Depression deutlich schwächer ausfallen
würde. Ob diese komplett sistieren würde, könne er nicht sagen. Die psychosozialen
Belastungsfaktoren hätten eine direkte Wirkung auf die Psychopathologie, jedoch
könne sich der Versicherte diesen nicht entziehen (IV-act. 159). In einer Stellungnahme
vom 13. Februar 2019 hielt Dr. med. N._, Mitarbeiterin der IV-Stelle, fest, dass sich
keine Inkonsistenzen feststellen liessen. Das Krankheitsbild wirke insgesamt
authentisch. Aus versicherungsmedizinischer Sicht sei der Einbezug psychosozialer
Faktoren in die Arbeitsfähigkeitsschätzung problematisch (IV-act. 160).
Nach der Einholung eines weiteren Berichtes bei Dr. C._ (IV-act. 168-3 ff.; zu
einem eingeholten Bericht des Hausarztes vgl. IV-act. 165) sowie einer Stellungnahme
eines internen Juristen (vgl. IV-act. 173) stellte die IV-Stelle dem Versicherten mit
Vorbescheid vom 13. November 2019 die Abweisung des Rentenbegehrens in
Aussicht. Zur Begründung wurde im Wesentlichen ausgeführt, dass die Aktenlage von
Darstellungen der verschiedenen psychosozialen Belastungsfaktoren geprägt sei.
Diese seien bei der Beurteilung eines IV-relevanten Gesundheitsschadens jedoch
auszuscheiden. Im vorliegenden Fall sei die aus medizinischer Sicht attestierte
Arbeitsunfähigkeit mit seltener Klarheit durch die psychosozialen Belastungen geprägt.
Gemäss gutachterlicher Beurteilung könne zwar nicht mit Sicherheit gesagt werden,
dass ohne die IV-fremden Faktoren kein psychischer Gesundheitsschaden erstanden
wäre. Dies heisse aber auch, dass eine von den Belastungsfaktoren unabhängige
Erkrankung nicht überwiegend wahrscheinlich sei. Zusammenfassend könne der vom
bio-psycho-sozialen Krankheitsmodell bestimmten Arbeitsfähigkeitsschätzung des
Gutachters aus versicherungsrechtlicher Sicht nicht gefolgt werden. Eine psychisch
bedingte Arbeitsunfähigkeit könne nicht anerkannt werden. Demnach gelte der
Versicherte in einer den somatischen Adaptationskriterien angepassten Arbeit als voll
arbeitsfähig (IV-act. 174).
A.h.
Gegen diesen Vorbescheid liess der Versicherte, vertreten durch Pro Infirmis, St.
Gallen-Appenzell, am 10. Dezember 2019 Einwand erheben (IV-act. 180).
A.i.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 9/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.
Mit Verfügung vom 15. Januar 2020 wies die IV-Stelle das Rentenbegehren mit im
Wesentlichen gleicher Begründung wie im Vorbescheid bei einem Invaliditätsgrad von
0 % ab (IV-act. 181).
A.j.
Gegen diese Verfügung liess der Versicherte (nachfolgend: Beschwerdeführer),
vertreten durch Rechtsanwältin J. Husidic, St. Gallen, am 11. Februar 2020
Beschwerde erheben. Er liess beantragen, die Verfügung der IV-Stelle (nachfolgend:
Beschwerdegegnerin) vom 15. Januar 2019 sei aufzuheben und die
Beschwerdegegnerin zu verpflichten, ihm ab dem 1. Mai 2015 eine durch das Gericht
zu bestimmende Invalidenrente auszurichten. Eventualiter sei die Sache zu weiteren
medizinischen Abklärungen, insbesondere für psychiatrische und orthopädische
Abklärungen, an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen, wobei diese zu verpflichten
sei, ein neues medizinisches Gutachten einzuholen; alles unter Kosten- und
Entschädigungsfolge zulasten der Beschwerdegegnerin (act. G 1). Weiter liess der
Beschwerdeführer die Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung sowie
Rechtsverbeiständung beantragen (act. G 1 und 6). Mit Schreiben vom 25. Februar
2020 liess der Beschwerdeführer einen Bericht von Dr. C._ vom 19. Februar 2020
einreichen (act. G 4 und 4.1).
B.a.
In ihrer Beschwerdeantwort vom 30. März 2020 beantragte die
Beschwerdegegnerin die Abweisung der Beschwerde (act. G 7).
B.b.
Am 8. April 2020 entsprach die verfahrensleitende Richterin dem Gesuch um
Bewilligung der unentgeltlichen Rechtspflege (Befreiung von den Gerichtskosten und
Bewilligung der unentgeltliche Rechtsverbeiständung) für das Verfahren vor
Versicherungsgericht (act. G 8).
B.c.
In seiner Replik vom 1. Mai 2020 liess der Beschwerdeführer unverändert an den
in der Beschwerde gestellten Anträgen festhalten (act. G 10).
B.d.
In einem Schreiben vom 8. Mai 2020 hielt die Beschwerdegegnerin an dem in der
Beschwerdeantwort gestellten Antrag fest und verzichtete auf die Erstattung einer
ausführlichen Duplik (act. G 12).
B.e.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 10/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte

Erwägungen
1.
Vorliegend strittig und zu prüfen ist der Anspruch des Beschwerdeführers auf eine
Invalidenrente.
2.
Am 9. Juni 2020 wurde dem Versicherungsgericht die Übernahme des Mandats
durch Rechtsanwältin A. Guyot, St. Gallen, angezeigt (act. G 14 und 14.1).
B.f.
Einen Anspruch auf eine Rente der Invalidenversicherung haben Versicherte, die
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht
durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen wiederherstellen, erhalten oder
verbessern können, während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch
durchschnittlich mindestens 40 % arbeitsunfähig gewesen sind und nach Ablauf dieses
Jahres zu mindestens 40 % invalid sind (Art. 28 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die
Invalidenversicherung [IVG; SR 831.20]). Invalidität ist gemäss Art. 8 Abs. 1 des
Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR
830.1) die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise
Erwerbsunfähigkeit. Erwerbsunfähigkeit wird in Art. 7 Abs. 1 ATSG als der durch eine
Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte
und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise
Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichen
Arbeitsmarkt definiert. Die Invalidität ist grundsätzlich durch einen
Einkommensvergleich zu ermitteln. Dabei wird das Erwerbseinkommen, das die
versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach Durchführung der
medizinischen Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr
zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen kann, in Beziehung
gesetzt zum Einkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre
(Art. 16 ATSG). Nach Art. 28 Abs. 2 IVG besteht ein Anspruch auf eine ganze
Invalidenrente, wenn die versicherte Person mindestens zu 70 %, auf eine
Dreiviertelsrente, wenn sie mindestens zu 60 % invalid ist. Bei einem Invaliditätsgrad
von mindestens 50 % besteht ein Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem
Invaliditätsgrad von mindestens 40 % ein Anspruch auf eine Viertelsrente.
2.1.
Um den Arbeitsfähigkeitsgrad bestimmen zu können, ist die Verwaltung - und im
Beschwerdefall das Gericht - auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und
2.2.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 11/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.
gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des
Arztes oder der Ärztin ist es dabei, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu
Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die
versicherte Person arbeitsfähig ist (BGE 125 V 261 E. 4). Hinsichtlich des Beweiswerts
eines Arztberichts ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange
umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten
Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten bzw. der Anamnese abgegeben
worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der
Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen der
Fachperson begründet sind (BGE 125 V 352 E. 3a mit Hinweis).
Zunächst ist zu prüfen, ob der Arbeitsfähigkeitsgrad des Beschwerdeführers mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit feststeht (zum Beweismass siehe BGE 138 V 221 E.
6; Urteil des Bundesgerichts vom 2. August 2017, 8C_128/2017, E. 2).
3.1.
Das Gutachten von Prof. L._ und Dr. M._ vom Juli 2018, in welchem dem
Beschwerdeführer ab der Krankschreibung vom 27. Mai 2014 zunächst eine 50%ige
und ab Dezember 2017 eine 70%ige Arbeitsunfähigkeit attestiert worden ist (vgl. IV-
act. 149-14), beruht auf eigenständigen Abklärungen und berücksichtigt die Vorakten.
Den vom Beschwerdeführer geklagten Beschwerden haben die Gutachter ebenfalls
Beachtung geschenkt. Weiter bestehen keine Anhaltspunkte dafür, dass objektiv
wesentliche Tatsachen im Gutachten nicht berücksichtigt worden wären. Es gibt
insgesamt keine Anhaltspunkte dafür, dass die Sachverständigen im Rahmen der
Begutachtung nicht lege artis vorgegangen wären (vgl. IV-act. 149). Gleiches gilt
allerdings für das von Prof. L._ am 30. November 2017 erstattete psychiatrische
Gutachten (vgl. IV-act. 128), in welchem er dem Beschwerdeführer abgesehen von den
stationären und teilstationären Aufenthalten ab dem 27. Mai 2014 eine 50%ige
Arbeitsunfähigkeit attestiert hat (IV-act. 128-77). Die zweite Begutachtung bei Prof.
L._ unter zusätzlichem Beizug des orthopädischen Sachverständigen Dr. M._ hat
die Beschwerdegegnerin im Wesentlichen aufgrund der im Austrittsbericht der Klinik
K._ vom 12. September 2017 sowie der im Rahmen der ersten Begutachtung
angesprochenen somatischen Beschwerden (Knieprobleme, Schulter-, Kopf- und
Nackenschmerzen) veranlasst (vgl. IV-act. 124, 128-61, 128-73 und 128-76). Aufgrund
der somatischen Beschwerden haben Prof. L._ und Dr. M._ in ihrem Gutachten
vom Juli 2018 dem Beschwerdeführer jedoch keine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit
in leidensangepassten Tätigkeiten attestiert (IV-act. 149-14). Die zugestandene
Arbeitsunfähigkeit beruht ausschliesslich auf der psychischen Problematik. Als einzige
3.2.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 12/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
psychiatrische Diagnose mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit haben die
Sachverständigen im interdisziplinären Konsens ihres Gutachtens vom Juli 2018 eine
chronifizierte, rezidivierende depressive Störung (depressive Episode über zwei Jahre
anhaltend), gegenwärtig und im Verlauf überwiegend mittelgradig, angegeben (IV-
act. 149-9). Damit liegt im Wesentlichen dieselbe Diagnose wie im Gutachten vom
November 2017 vor (vgl. IV-act. 128-76). Auch der im zweiten Gutachten erhobene
Psychostatus lässt nicht nachvollziehbar auf eine Verschlechterung des psychischen
Zustandes zwischen den beiden Begutachtungen schliessen (vgl. IV-act. 149-69 ff. und
128-65 ff.). Hinsichtlich des formalen Gedankengangs scheint sich sogar eine
Verbesserung eingestellt zu haben. Während dieser im Gutachten vom November 2017
noch als im Tempo leicht verzögert beschrieben worden war, ist eine solche
Verzögerung im Rahmen der zweiten Begutachtung nicht mehr festgestellt worden.
Auch beim Appetit und dem sexuellen Antrieb scheint sich die Situation eher
verbessert zu haben (vgl. IV-act. 128-66 und 149-70). Schliesslich unterscheidet sich
auch der vom Beschwerdeführer im Rahmen der zweiten Begutachtung geschilderte
Tagesablauf nur wenig von demjenigen, den er in der ersten Begutachtung dargelegt
hat (etwa zur neuen Einnahme eines Frühstücks vgl. IV-act. 128-63 und 149-68). Ein
massiv verschlechtertes Aktivitätsniveau ist somit nicht erkennbar. Folglich lässt sich
für das Gericht nicht schlüssig nachvollziehen, weshalb sich die Arbeitsunfähigkeit aus
psychischen Gründen zwischen der Erstattung des ersten und des zweiten Gutachtens
durch Prof. L._ um 20 % erhöht haben soll. Das Gutachten vom Juli 2018 ist in
diesem Punkt nicht schlüssig. Prof. L._ begründet die ab Dezember 2017
eingetretene Verschlechterung im Wesentlichen damit, dass sich das Störungsbild
aufgrund des Hinzutretens der Schmerzexazerbation ab Dezember 2017 verschlechtert
habe mit einem zunehmenden Rückzug in die Kranken- und Opferrolle (vgl. IV-
act. 149-112 f.). Angesichts dessen, dass aus somatischer Sicht im Gutachten vom
Juli 2018 jedoch eine 100%ige Arbeitsfähigkeit attestiert worden ist, aus
psychiatrischer Sicht keine Schmerzverarbeitungsstörung mit Auswirkung auf die
Arbeitsfähigkeit diagnostiziert worden ist und sich auch aus den im Rahmen der
Untersuchung erhobenen Befunden nicht klar fassbar eine wesentliche
Zustandsverschlechterung eruieren lässt, überzeugt diese Begründung nicht. Dies gilt
umso mehr, als dass auch aus dem Bericht von Dr. C._ vom 6. Juni 2019 kein Verlauf
hervorgeht, der eine namhafte Verschlechterung der psychischen Situation zwischen
den beiden Begutachtungen nahelegen würde (vgl. IV-act. 168-3 ff.). Ganz generell
fehlen dokumentierte medizinische Behandlungen zwischen den beiden
Begutachtungen, die auf eine wesentliche Verschlechterung der Arbeitsunfähigkeit
schliessen lassen würden, zumal die in den beiden Gutachten genannte
Therapiefrequenz unverändert geblieben ist (vgl. IV-act. 128-64 und 149-69). Eine 50 %
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 13/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.
übersteigende Arbeitsunfähigkeit kann somit nicht mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit angenommen werden. Vielmehr ist auf die von Prof. L._ im
Gutachten vom November 2017 überzeugend dargelegte 50%ige Arbeitsunfähigkeit
abzustellen.
Die Beschwerdegegnerin sieht aus rechtlichen Gründen überhaupt keine
Arbeitsunfähigkeit als überwiegend wahrscheinlich bewiesen an (vgl. IV-act. 181-3; act.
G 7). Sie macht im Wesentlichen geltend, Prof. L._ habe sich auf ein - aus
invalidenversicherungsrechtlicher Sicht nicht massgebendes - bio-psycho-soziales
Krankheitsmodell gestützt. Bei seiner Einschätzung der Arbeitsfähigkeit habe er die
psychosozialen und soziokulturellen Einflussfaktoren explizit nicht ausgeschlossen,
weshalb durch den Rechtsanwender zwingend zu überprüfen sei, ob bzw. in welchem
Umfang eine Arbeitsunfähigkeit aus rechtlicher Sicht anerkannt werden könne. Da die
diagnostizierte Depression gemäss der Einschätzung von Prof. L._ bei Wegfall der
Belastungsfaktoren deutlich schwächer ausfallen, allenfalls sogar sistieren würde, sei
eine Arbeitsunfähigkeit aus rechtlicher Sicht nicht mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit ausgewiesen. Ob die Depression beim Wegfall der
Belastungsfaktoren komplett sistieren würde, sei aus invalidenversicherungsrechtlicher
Sicht nicht relevant. Denn schon bei einer deutlich schwächer ausgeprägten
Depression wäre eine relevante Arbeitsunfähigkeit nicht überwiegend wahrscheinlich
(act. G 7).
4.1.
Nach Art. 7 Abs. 2 ATSG sind für die Beurteilung des Vorliegens einer
Erwerbsunfähigkeit ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung
zu berücksichtigen (vgl. auch Art. 6 ATSG, Art. 4 Abs. 1 IVG). Für die Annahme einer
Invalidität braucht es somit ein medizinisches Substrat, das ärztlicherseits schlüssig
festgestellt wird und nachgewiesenermassen die Arbeits- und Erwerbsunfähigkeit
beeinträchtigt. Das bedeutet gemäss der bundesgerichtlichen Rechtsprechung, dass
das klinische Beschwerdebild nicht einzig in Beeinträchtigungen, welche von den
belastenden soziokulturellen Faktoren herrühren, bestehen darf, sondern davon
psychiatrisch zu unterscheidende Befunde zu umfassen hat, zum Beispiel eine von
Verstimmungszuständen klar unterscheidbare andauernde Depression im
fachmedizinischen Sinne oder einen damit vergleichbaren psychischen
Leidenszustand. Wenn ein solch verselbstständigtes psychisches Leiden mit
erheblicher Auswirkung auf die Arbeits- und Erwerbsfähigkeit ausgewiesen ist, kann
eine rentenbegründende Invalidität nicht allein mit dem Hinweis auf das Vorhandensein
soziokultureller oder psychosozialer Belastungsfaktoren verneint werden. Denn die
4.2.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 14/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Invalidenversicherung hat finalen, nicht kausalen Charakter. Die Ursache einer
einwandfrei festgestellten psychischen Erkrankung ist daher
invalidenversicherungsrechtlich nicht von Bedeutung (Urteil des Bundesgerichts vom 5.
August 2020, 8C_207/2020, E. 5.2.2 mit Hinweisen; BGE 127 V 299 E. 5a). Der
Umstand allein, dass psychosoziale oder soziokulturelle Umstände bei der Entstehung
einer Gesundheitsschädigung eine wichtige Rolle gespielt haben, tangiert deren
Anspruchserheblichkeit also nicht (Urteil des Bundesgerichts vom 7. Januar 2015,
9C_140/2014, E. 3.3 mit Hinweisen). Psychosoziale Belastungsfaktoren können somit
mittelbar zur Invalidität beitragen, wenn und soweit sie zu einer eigentlichen
Beeinträchtigung der psychischen Integrität führen, welche ihrerseits eine
Einschränkung der Arbeitsfähigkeit bewirkt, wenn sie einen verselbständigten
Gesundheitsschaden aufrechterhalten oder den Wirkungsgrad seiner Folgen
verschlimmern (Urteil des Bundesgerichts vom 22. Juni 2018, 9C_680/2017, E. 5.2 mit
Hinweisen). In diesen Konstellationen tragen die als solche nicht versicherten sozialen
Faktoren zum Umfang der verselbständigten Gesundheitsschädigung bei (Urteil des
Bundesgerichts vom 7. Januar 2015, 9C_140/2014, E. 3.3).
Gestützt auf die Beurteilungen von Prof. L._ sowie unter Berücksichtigung der
gesamten Aktenlage ist zwar anzunehmen, dass zahlreiche psychosoziale
Belastungsfaktoren wie namentlich die Kündigung des langjährigen
Anstellungsverhältnisses sowie die Trennungsproblematik zur Entstehung und
Aufrechterhaltung der von Prof. L._ diagnostizierten rezidivierenden depressiven
Störung beigetragen haben bzw. noch immer beitragen, allenfalls sogar die
Hauptursachen für deren Entstehung gewesen sind. Dies ist für die
Invalidenversicherung als finale Versicherung jedoch irrelevant (vgl. E. 3.4). Prof. L._
hat zu Recht darauf hingewiesen, dass sich psychosoziale Belastungsfaktoren nämlich
in fast allen Lebenssituationen eruieren lassen und Krankheitsverläufe mehr oder
weniger immer mitmodulieren (vgl. IV-act. 159). Solche Belastungsfaktoren lassen sich
kaum vom medizinischen Leiden im eigentlichen Sinne trennen (vgl. BGE 127 V 299
E. 5a). Folglich ist es nachvollziehbar, dass Prof. L._ im konkreten Fall des
Beschwerdeführers, der nach Eindruck der Akten ein komplexes, durchaus
verwobenes Krankheitsgeschehen aufweist, die Forderung der Beschwerdegegnerin,
eine Einschätzung der Arbeitsfähigkeit unter Ausschluss psychosozialer
Belastungsfaktoren abzugeben, als Paradoxon empfunden hat (vgl. IV-act. 159). Es ist
nicht zu beanstanden, dass Prof. L._ bei der Schätzung der medizinischen
Arbeitsunfähigkeit auf die gesundheitlichen Einschränkungen, die auch durch
psychosoziale Faktoren beeinflusst sind, abgestellt hat. Für die Beurteilung der
Arbeitsunfähigkeit primär entscheidend sind nämlich die gesundheitlichen
4.3.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 15/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beeinträchtigungen (vgl. Art. 6 und 7 Abs. 2 ATSG). Die Beschwerdegegnerin verkennt,
dass im vorliegenden Fall ein eigenständiges medizinisches Substrat mit funktionellen
Auswirkungen ärztlicherseits schlüssig festgestellt worden ist. Prof. L._ hat
nachvollziehbar ausgeführt, dass die rezidivierende depressive Störung zunächst eine
Folge der maladaptiven Verarbeitung multipler psychosozialer Probleme und
Wertevorstellungen des Beschwerdeführers gewesen sei, sich jedoch mit der
Depression eine ICD-gelistete psychische Störung entwickelt habe (vgl. IV-act. 149-14
und 149-112). In seiner Stellungnahme vom 24. Januar 2019 hat er explizit darauf
hingewiesen, dass es sich bei den von ihm beim Beschwerdeführer diagnostizierten
Störungen um ICD-10 konforme Erkrankungen handle (vgl. IV-act. 159). Der RAD hatte
bereits in einer Stellungnahme vom 15. Februar 2017 festgehalten, dass sich eine
Chronifizierung der depressiven Symptomatik als eigenständiges und nicht mehr
ausschliesslich von psychosozialen Faktoren bestimmtes Krankheitsgeschehen
manifestiert habe (vgl. IV-act. 99-4). Auch der behandelnde Psychiater Dr. C._ geht
von einer Verselbständigung der durch die Kündigung ausgelösten Erkrankung aus und
hat sogar - im Gegensatz zu Prof. L._ - eine Persönlichkeitsänderung diagnostiziert
(vgl. act. G 4.1). Es attestieren also mehrere Ärzte einen verselbständigten
Gesundheitsschaden. Selbst wenn sich die von Prof. L._ diagnostizierte depressive
Störung bei Wegfall der psychosozialen Belastungsfaktoren verbessern oder
möglicherweise gar wegfallen würde, wie dies die Beschwerdegegnerin mit Verweis auf
die Stellungnahme von Prof. L._ vom 24. Januar 2019 (IV-act. 159) behauptet
(vgl. act. G 7), ändert dies nichts an der invalidenversicherungsrechtlichen Relevanz der
aktuell ärztlicherseits festgestellten Pathologie. Wie bereits beschrieben, geht nämlich
auch die Rechtsprechung davon aus, dass psychosoziale Belastungsfaktoren einen
verselbständigten Gesundheitsschaden aufrechterhalten oder den Wirkungsgrad seiner
Folgen verschlimmern können, ohne dass dem Gesundheitsschaden deshalb die
invalidenversicherungsrechtliche Relevanz abzusprechen wäre (vgl. E. 3.4). Das
Zusammenspiel zwischen den psychosozialen Faktoren und der Psychopathologie hat
Prof. L._ in seiner Stellungnahme vom 24. Januar 2019 bezogen auf den konkreten
Fall denn auch anschaulich erläutert. Er hat ausgeführt, dass die soziokulturellen
Grundwerte des Beschwerdeführers eine Basis für die affektive Störung geboten
hätten. Daher gehe er, Prof. L._, davon aus, dass soziokulturelle Grundwerte
Grundaspekte der Persönlichkeit seien, sodass er aus medizinischer Sicht unter
Ausschluss soziokultureller Aspekte zu keiner anderen Bewertung der Arbeitsfähigkeit
komme. Die Bedrohungen, denen sich der Beschwerdeführer ausgesetzt fühle, seien
krankheitsfördernd und -unterhaltend. Der Beschwerdeführer könne sich diesem
psychosozialen Belastungsfaktor mit Auswirkungen auf seine Psychopathologie nicht
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 16/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
entziehen. Aus medizinischer Sicht sei die Einschätzung der Arbeitsfähigkeit daher
auch unter Ausschluss dieses psychosozialen Faktors zu bestätigen (vgl. IV-act. 159).
Zudem hat sich Prof. L._ bei seinen Beurteilungen am vom Bundesgericht für
alle psychischen Erkrankungen als anwendbar erklärten strukturierten Beweisverfahren
orientiert (vgl. IV-act. 149; BGE 143 V 418). Dabei beurteilt sich das Vorliegen einer
rechtlich relevanten Arbeits- und Erwerbsunfähigkeit anhand von systematisierten
Indikatoren, die - unter Berücksichtigung von leistungshindernden äusseren
Belastungsfaktoren einerseits und von Kompensationspotentialen (Ressourcen)
anderseits - erlauben, das tatsächlich erreichbare Leistungsvermögen einzuschätzen
(vgl. BGE 141 V 281 und 143 V 418; Urteil des Bundesgerichts vom 22. Juni 2018,
9C_680/2017, E. 5.1). Den Belastungsfaktoren wird somit im Rahmen des strukturierten
Beweisverfahrens bei der Festlegung der Arbeitsfähigkeit ohnehin entsprechend
Rechnung getragen. Für eine von den medizinischen Einschätzungen losgelöste
juristische Parallelüberprüfung bleibt somit grundsätzlich kein Raum (vgl. Urteil des
Bundesgerichts vom 4. Juni 2018, 9C_194/2018, E. 4.1 mit Hinweisen). Daran ändert
nichts, dass Prof. L._ darauf hingewiesen hat, die Bewertung der soziokulturellen
Faktoren überlasse er dem Rechtsanwender (vgl. z.B. IV-act. 149-112; vgl. ferner
Vorgutachten von Prof. L._ vom 30. November 2017, IV-act. 128-75). Wie aus seiner
Stellungnahme vom 24. Januar 2019 erhellt, hat er damit im Wesentlichen lediglich zum
Ausdruck gebracht, dass es ihm nicht möglich ist, allfällige juristische
Parallelüberprüfungen seiner Arbeitsfähigkeitsschätzung vorzunehmen (vgl. IV-
act. 159). Ein Gutachter hat sich zwar an den normativen Rahmenbedingungen, die der
Auftraggeber mittels Fragestellung vorgibt, zu orientieren. Die Rechtsanwendung ist
jedoch primär Aufgabe des Rechtsanwenders. Dieser hat die Beweiskraft eines
Gutachtens aus rechtlicher Sicht zu überprüfen (vgl. E. 2.2; vgl. ferner Entscheid des
Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 15. November 2018, IV 2016/373,
E. 3.1.3). Eine von den medizinischen Einschätzungen losgelöste juristische
Parallelüberprüfung der Arbeitsfähigkeit steht den Rechtsanwendenden aber auch
durch das strukturierte Beweisverfahren nicht offen (Urteil des Bundesgerichts vom 4.
Juni 2018, 9C_194/2018, E. 4.1 mit Hinweisen).
4.4.
Nach dem Gesagten rechtfertigen die von der Beschwerdegegnerin vorgebrachten
Rechtsgründe kein Abweichen von der im ersten Gutachten von Prof. L._ schlüssig
und plausibel begründeten Einschränkung der Arbeitsfähigkeit um 50 %. Folglich ist
seit der Krankschreibung vom 27. Mai 2014 - abgesehen von den stationären und
teilstationären Aufenthalten mit 100%iger Arbeitsunfähigkeit - im Verlauf von einer
4.5.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 17/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
5.
50%igen Arbeitsunfähigkeit in optimal leidensangepassten Tätigkeiten auszugehen
(vgl. E. 3; vgl. IV-act. 128-77 und 149-14).
Ausgehend von dieser Arbeitsunfähigkeit von 50 % bleiben die erwerblichen
Auswirkungen der Leistungsbeeinträchtigung zu prüfen. Dabei ist der Invaliditätsgrad
anhand eines Einkommensvergleichs zu bestimmen (vgl. E. 2).
5.1.
Für den Einkommensvergleich sind grundsätzlich die Verhältnisse im Zeitpunkt des
Beginns des Rentenanspruchs entscheidend (vgl. BGE 129 V 222). Die Anmeldung des
Beschwerdeführers ist bei der Beschwerdegegnerin am 11. November 2014
eingegangen (IV-act. 1). Der frühestmögliche Rentenbeginn i.S.v. Art. 29 Abs. 1 und 3
IVG fällt somit auf den 1. Mai 2015. Das Wartejahr i.S.v. Art. 28 IVG ist ebenfalls im Mai
2015 erfüllt worden, da der Beschwerdeführer seit dem 27. Mai 2014 krankgeschrieben
ist (vgl. IV-act. 149-14). Massgebend für den Einkommensvergleich ist somit das Jahr
2015.
5.2.
Gemäss den Angaben der ehemaligen Arbeitgeberin hätte der Beschwerdeführer
in der angestammten Tätigkeit bei einer Wochenarbeitszeit von 42 Stunden im Jahr
2014 ein Jahresgehalt von Fr. 62'725.-- erzielt (vgl. IV-act. 22-3). Unter
Berücksichtigung der Nominallohnentwicklung bis zum Jahr 2015 resultiert ein
Jahreseinkommen von gerundet Fr. 62'895.-- (Fr. 62'725.-- / 2220 x 2226; vgl. Tabelle
T 39 des Bundesamtes für Statistik, Entwicklung der Nominallöhne, der
Konsumentenpreise und der Reallöhne, 2010-2018). Angepasst an eine wöchentliche
Arbeitszeit von 41.7 Stunden ergibt sich ein Jahreslohn von gerundet Fr. 62'446.--
(Fr. 62'895.--/ 42 x 41.7).
5.3.
Für das Invalideneinkommen ist mangels aktuell ausgeübter Erwerbstätigkeit
grundsätzlich auf den statistischen Zentralwert der schweizerischen
Lohnstrukturerhebung (LSE) 2014 (nominallohnangepasst bis zum Jahr 2015) für im
Kompetenzniveau 1 beschäftigte Männer bei einer durchschnittlichen wöchentlichen
Arbeitszeit von 41.7 Stunden abzustellen. Dies ergibt bei einem Arbeitspensum von
100 % ein Jahreseinkommen von Fr. 66'633.-- (vgl. Anhang 2 der Gesetzesausgabe
der Informationsstelle AHV/IV, Ausgabe 2019). Bei den LSE-Daten handelt es sich
allerdings lediglich um statistische Durchschnittswerte, was sich daran zeigt, dass der
Beschwerdeführer im vorliegenden Fall als Gesunder in einem Pensum von 100 % ein
unter dem LSE-Wert liegendes Einkommen erzielt hat. Da die Akten keinerlei
Anhaltspunkte dafür liefern, dass der Beschwerdeführer freiwillig auf ein höheres
Einkommen verzichtet hat, ist anzunehmen, dass die Unterdurchschnittlichkeit seines
5.4.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 18/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
6.
Validenlohns auf die für die Invaliditätsbemessung nicht zu berücksichtigenden Zwänge
des realen Arbeitsmarktes zurückzuführen ist. Aus diesem Grund ist das
Valideneinkommen auf den LSE-Lohn anzuheben. Da demnach im vorliegenden Fall
sowohl hinsichtlich des hypothetischen Valideneinkommens als auch bezüglich des
Invalideneinkommens derselbe Lohn für ein Pensum von 100 % zugrunde zu legen ist,
kann der Einkommensvergleich anhand eines sogenannten Prozentvergleichs
vorgenommen werden. Dabei entspricht der Invaliditätsgrad dem Grad der
Arbeitsunfähigkeit, allenfalls unter Berücksichtigung eines Abzugs vom Tabellenlohn
(vgl. BGE 126 V 75). Die Vornahme eines Tabellenlohnabzugs ist vorliegend nicht
angezeigt. Zwar bestehen beim Beschwerdeführer zahlreiche gesundheitliche
Einschränkungen, jedoch wird diesen im Rahmen der 50%igen Arbeitsunfähigkeit
bereits ausreichend Rechnung getragen. Namentlich ist anzunehmen, dass allfällige
durch die orthopädischen Leiden bedingten Verwertungsschwierigkeiten der
Restarbeitsfähigkeit bereits in der aus psychiatrischer Sicht attestierten 50%igen
Arbeitsunfähigkeit aufgehen. Bei einem Arbeitsunfähigkeitsgrad von 50 %, wie er ab
Mai 2015 anzunehmen ist, ergibt sich folglich ein Invaliditätsgrad von 50 % und damit
ein Anspruch auf eine halbe Invalidenrente.
Zusammenfassend ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung in Gutheissung
der Beschwerde aufzuheben ist. Dem Beschwerdeführer ist rückwirkend ab 1. Mai
2015 eine halbe Invalidenrente zuzusprechen.
6.1.
Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr.
1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- erscheint
mit Blick auf vergleichbare Fälle als angemessen. Dem Ausgang des Verfahrens
entsprechend ist sie vollumfänglich der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen.
6.2.
bis
Gemäss Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende Beschwerde führende Partei
Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Die Parteientschädigung wird vom
Versicherungsgericht festgesetzt und ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der
Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen (Art.
61 lit. g ATSG). Im hier zu beurteilenden Fall erscheint eine pauschale
Parteientschädigung von Fr. 3'500.-- (inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer) als
angemessen.
6.3.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 19/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte