Decision ID: 73a48d8e-f1d5-547d-aa7f-88a1c3003f58
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführenden 1 und 2 (miteinander verheiratete, 1953 bzw.
1956 geborene syrische Staatsangehörige) gelangten am 17. August 2018
mit von der Schweizer Botschaft in Beirut ausgestellten humanitären Visa
in die Schweiz und stellten am 22. August 2018 im Empfangs- und Verfah-
renszentrum (EVZ) C._ je ein Asylgesuch. Anlässlich der Befragung
zur Person (BzP) vom 31. August 2018 im EVZ D._ äusserten sie
den Wunsch, für den Aufenthalt während des Asylverfahrens dem Kanton
E._ zugeteilt zu werden, wo ihre Tochter (...) und deren Familie
lebe. Diesen Wunsch bekräftigten sie gegenüber dem SEM am 5. Septem-
ber 2018 (vgl. "Rechtliches Gehör betreffend Kantonszuweisung").
B.
Mit Verfügung vom 5. September 2018 wies die Vorinstanz die Beschwer-
deführenden in Anwendung von Art. 27 AsylG (SR 142.31) sowie Art. 21
und Art. 22 der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR
142.311) für die Dauer des Verfahrens dem Kanton F._ zu und ent-
zog einer allfälligen Beschwerde die aufschiebende Wirkung. Das Staats-
sekretariat hielt im Zuweisungsentscheid fest, dieser könne nur mit der Be-
gründung angefochten werden, er verletze den Grundsatz der Einheit der
Familie.
C.
Mit Rechtsmitteleingabe vom 17. September 2018 an das Bundesverwal-
tungsgericht beantragen die Beschwerdeführenden, dem Kanton
E._ zugewiesen zu werden. Zur Begründung bringen sie im We-
sentlichen vor, sie litten an zahlreichen gesundheitlichen Problemen und
seien deshalb auf die Hilfe ihrer in der Schweiz lebenden Kinder angewie-
sen. Ihre älteste, mit ihrer Familie im Kanton E._ wohnhafte Tochter,
hätte als Familienfrau die Kapazitäten, sich um die Pflege und Unterstüt-
zung ihrer Eltern zu kümmern. Aufgrund ihrer schweren körperlichen und
psychischen Erkrankungen sei in casu von einem Abhängigkeitsverhältnis
zu den erwachsenen Kindern, insbesondere zur ältesten Tochter, auszu-
gehen.
Der Beschwerdeschrift war unter anderem ein ärztliches Zeugnis vom
11. September 2018 beigelegt.
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D.
Mit Zwischenverfügung vom 2. Oktober 2018 wies das Bundesverwal-
tungsgericht das gleichzeitig mit der Beschwerde eingereichte Gesuch um
unentgeltliche Prozessführung und Verbeiständung ab.
E.
Mit ergänzender Eingabe vom 22. Oktober 2018 reichen die Beschwerde-
führenden zwei weitere ärztliche Berichte vom 5. Oktober 2018 und 19. Ok-
tober 2018 zu den Akten und bringen im Weiteren vor, sie müssten infolge
ihrer vielfachen körperlichen und psychischen Erkrankungen häufige Arzt-
termine wahrnehmen. In (...) hätten sie weder Zugang zu einem arabisch
sprechenden Arzt noch seien ihre Kinder in der Nähe, um sie im Alltag un-
terstützen zu können.
F.
In ihrer Vernehmlassung vom 29. November 2018 beantragt die Vorinstanz
sinngemäss die Abweisung der Beschwerde und hält ergänzend fest, die
Beschwerdeführenden hätten in der BzP angegeben, verschiedene Leiden
schon seit fünf Jahren zu haben, welche sie im Heimatland behandelt hät-
ten. Komme hinzu, dass sich ihre älteste Tochter bereits seit (...) in der
Schweiz befinde und die Betroffenen daher lange Zeit voneinander ge-
trennt gewesen seien.
G.
In ihrer Replik vom 18. Januar 2019 führen die Beschwerdeführenden aus,
der Umstand, dass sie lange Zeit ohne die Hilfe ihrer Kinder hätten aus-
kommen müssen, spreche nicht per se gegen das aktuell bestehende Ab-
hängigkeitsverhältnis, seien sie doch in ihrem Heimatland ohne deren Hilfe
"irgendwie über die Runde gekommen" und hätten während dieser Zeit viel
gelitten.
H.
Am 21. Januar 2019 wurde der in Aussicht gestellte ärztliche Bericht eines
Arabisch sprechenden Arztes aus G._ vom 18. Januar 2019 nach-
gereicht.
I.
Mit Eingabe vom 25. März 2020 reichten die Beschwerdeführenden einen
ärztlichen Bericht der Urologie H._ vom 31. Juli 2019 sowie ein ärzt-
liches Zeugnis des behandelnden Psychiaters vom 4. März 2020 zu den
Akten.
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Seite 4
J.
Am 15. Mai 2020 wurden ein an die (...) adressierter Bericht der Asylbe-
treuung Kanton F._ vom 8. Mai 2020 und mit Eingabe vom 17. Juni
2020 schliesslich der in Aussicht gestellte Bericht der behandelnden Psy-
chiaterin des Beschwerdeführers vom 9. Juni 2020 nachgereicht.
K.
Nach weiteren ausführlichen Anhörungen der Betroffenen zu ihren Asyl-
gründen lehnte das SEM mit Verfügung vom 28. Mai 2020 deren Asylge-
suche ab und ordnete ihre Wegweisung an. Wegen der Unzumutbarkeit
des Wegweisungsvollzugs nach Syrien wurde jedoch gleichzeitig ihre vor-
läufige Aufnahme verfügt, wobei der Kanton F._ mit deren Umset-
zung beauftragt wurde.
L.
Auf den weiteren Akteninhalt wird, soweit rechtserheblich, in den Erwägun-
gen eingegangen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Beim Entscheid des SEM über die Zuweisung einer asylsuchenden
Person an einen Kanton handelt es sich um eine selbständig anfechtbare
Zwischenverfügung (Art. 27 Abs. 3 i.V.m. Art. 107 Abs. 1 AsylG, Art. 46
VwVG).
1.2 Die Zuständigkeit zur Behandlung von Beschwerden gegen Zuwei-
sungsentscheide des SEM liegt beim Bundesverwaltungsgericht (Art. 105
AsylG i.V.m. Art. 31 ff. VGG).
1.3 Das Rechtsmittelverfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht richtet
sich nach dem VwVG, soweit das VGG nichts anderes bestimmt (Art. 37
VGG, Art. 2 Abs. 4 VwVG, Art. 6 AsylG).
1.4 Die Beschwerdeführenden sind als Verfügungsadressaten zur Ergrei-
fung des Rechtsmittels legitimiert. Auf die frist- und formgerecht einge-
reichte Beschwerde ist einzutreten (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und
Art. 48 Abs. 1 VwVG).
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Seite 5
1.5 Entscheide über die Zuweisung der asylsuchenden Person an einen
Kanton oder über den Kantonswechsel können gemäss Art. 27 Abs. 3
AsylG nur mit der Begründung angefochten werden, sie verletzten den
Grundsatz der Einheit der Familie. Formelle Rügen sind insoweit zulässig,
als sie im Zusammenhang mit der Frage des Grundsatzes der Einheit der
Familie stehen (BVGE 2008/47 E. 1.3).
1.6 Das Bundesverwaltungsgericht entscheidet in der vorliegenden Ange-
legenheit endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
2.
Für das vorliegende Verfahren gelangt das bisherige Asylgesetz und nicht
das am 1. März 2019 in Kraft getretene geänderte Gesetz zur Anwendung
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
3.
Mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht kann die Verletzung
von Bundesrecht einschliesslich Überschreitung oder Missbrauch des Er-
messens, die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheb-
lichen Sachverhaltes und – sofern nicht eine kantonale Behörde als Be-
schwerdeinstanz verfügt hat – die Unangemessenheit gerügt werden
(Art. 49 VwVG). Das Bundesverwaltungsgericht wendet im Beschwerde-
verfahren das Bundesrecht von Amtes wegen an. Es ist gemäss Art. 62
Abs. 4 VwVG an die Begründung der Begehren nicht gebunden und kann
die Beschwerde auch aus anderen als den geltend gemachten Gründen
gutheissen oder abweisen. Massgebend ist grundsätzlich die Sachlage
zum Zeitpunkt seines Entscheides (vgl. BGE 139 II 534 E. 5.4.1 und BVGE
2014/1 E. 2).
4.
4.1 Gemäss Art. 27 Abs. 3 AsylG weist das SEM die Asylsuchenden den
Kantonen zu und trägt dabei den schützenswerten Interessen der Kanto-
ne und der Asylsuchenden Rechnung. Die Verteilung erfolgt nach einem
Schlüssel gemäss Art. 21 AsylV 1, wobei das SEM bei der Verteilung be-
reits in der Schweiz lebende Familienangehörige, die Staatsangehörigkeit
der Asylsuchenden und besonders betreuungsintensive Fälle berücksich-
tigt (Art. 22 Abs. 1 AsylV 1).
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4.2 Gemäss der Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts wird der
Begriff "Einheit der Familie" im Asylgesetz einheitlich verwendet und ent-
spricht dem Schutzbereich von Art. 8 EMRK. Demnach fallen in der Regel
Ehegatten, eingetragene Partnerinnen und Partner, die in dauernder ehe-
ähnlicher Gemeinschaft zusammenlebenden Personen sowie deren min-
derjährige Kinder in diesen Schutzbereich (vgl. Art. 1a Bst. e AsylV 1). An-
dere familiäre Beziehungen stehen nur in besonderen Fällen unter dem
Schutz dieser Bestimmung. Hinsichtlich Beziehungen zwischen nahen Ver-
wandten ausserhalb der Kernfamilie, namentlich solchen von erwachsenen
Kindern zu ihren Eltern oder Geschwistern, setzt die Berufung auf Art. 8
Abs. 1 EMRK voraus, dass sich die ausländische Person in einem beson-
deren, über die normalen affektiven Bindungen hinausgehenden Abhän-
gigkeitsverhältnis zum anwesenheitsberechtigten (erwachsenen) Kind be-
findet (vgl. BGE 144 II 2 E. 6.1; 137 I 154 E. 3.4.2). Erforderlich für die
Anwendung des erweiterten Familienbegriffs ist somit in jedem Fall ein be-
stehendes, familienähnliches Zusammenleben (Urteil des BGer
2C_867/2016 vom 30. März 2017 E. 2.2). Das darüber hinausgehende Ab-
hängigkeitsverhältnis kann sich unabhängig vom Alter namentlich aus be-
sonderen Betreuungs- oder Pflegebedürfnissen wie bei körperlichen oder
geistigen Behinderungen und schwerwiegenden Krankheiten ergeben. Lie-
gen keine solchen Umstände vor, hängt die Abhängigkeit regelmässig vom
Alter beziehungsweise Entwicklungsstand der betreffenden Person ab (vgl.
BGE 120 Ib 257 E. 1e). Die Beschwerdeführenden bilden mit ihren hier
ansässigen, allesamt volljährigen Kindern unbestrittenermassen keine
Kernfamilie, so dass im Folgenden zu prüfen ist, ob – insbesondere zur
Tochter (...) – ein Abhängigkeitsverhältnis im Sinne der zitierten Rechtspre-
chung vorliegt.
5.
5.1 Ob die Beschwerdeführenden in einem Abhängigkeitsverhältnis zu ih-
rer im Kanton E._ lebenden Tochter stehen, ist aufgrund der nach-
folgenden Erwägungen fraglich. Den vorinstanzlichen Akten und ihren Vor-
bringen im Rechtsmittelverfahren lässt sich entnehmen, dass die mittler-
weile 64-jährigen beziehungsweise 67-jährigen Eheleute an körperlichen
und psychischen Erkrankungen leiden, die regelmässige Arztbesuche not-
wendig machen. Anlässlich seiner Befragung zur Person (BzP) vom
31. August 2018 gab der Beschwerdeführer denn auch zu Protokoll, er
leide seit fünf Jahren an einer vergrösserten Prostata, einem schwachen
Herz sowie an Asthma, weswegen er in Syrien in Behandlung gewesen sei.
Demgegenüber gab seine Ehefrau an, vor ungefähr fünf Jahren hätte sie
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einen Bandscheibenvorfall erlitten, weswegen sie im Heimatland in regel-
mässiger ärztlicher Behandlung gewesen sei, auch wegen Ohrenschmer-
zen. Infolge des Krieges in Syrien leide sie auch an psychischen Störun-
gen. Die eingereichten ärztlichen und psychiatrischen Berichte bestätigen
denn auch die erwähnten Leiden der Beschwerdeführenden, welche seit
ihrer Einreise in der Schweiz die Hilfe zahlreicher medizinischer Fachper-
sonen aus verschiedenen Kantonen in Anspruch nehmen konnten. Aus ih-
rem Hinweis, in ihrem Aufenthaltskanton gäbe es keinen Arabisch spre-
chenden Arzt, vermögen sie jedenfalls nichts zu ihren Gunsten abzuleiten.
Zum einen konnte bereits im Aufenthaltskanton die notwendige medizini-
sche Versorgung sichergestellt werden (vgl. Arztzeugnisse von Dr. med.
D._, (...), vom 11. September 2018 und 5. Oktober 2018). Zum an-
dern war es ihnen in der Vergangenheit denn auch möglich, mit Unterstüt-
zung ihrer volljährigen Kinder die Hilfe ausserkantonaler und Arabisch
sprechender Ärzte und Psychiaterinnen in Anspruch zu nehmen (vgl. ärzt-
liche Berichte vom 19. Oktober 2018 und 18. Januar 2019 von Dr. med.
E._, G._, ärztliches Zeugnis vom 4. März 2020 von Dr. med.
F._, I._ sowie ärztliche Bestätigung vom 9. Juni 2020 von
Psychotherapeutin J._, G._).
5.2 Die eben beschriebenen gesundheitlichen Probleme sollen nicht in Ab-
rede gestellt werden. Sie sind aber nicht schwerwiegend, zumal sie medi-
zinisch gut behandelbar sind, was sich auch aus den Ausführungen der
Beschwerdeführenden anlässlich ihrer kürzlichen Befragung im Asylver-
fahren ergibt (vgl. "Protokoll Anhörung Bund direkt (Erste Anhörung)" vom
18. Februar 2020, je S. 2). Zudem dürften die erwähnten psychischen
Probleme (posttraumatische Belastungsstörung) in engem Zusammen-
hang mit den kriegerischen Ereignissen in ihrem Heimatland sowie mit dem
ungewissen Ausgang ihres Asylverfahrens gestanden haben (vgl. auch das
erwähnte ärztliche Zeugnis vom 4. März 2020). Diese, nicht in Abrede ge-
stellte psychische Belastung dürfte mit ihrer vorläufigen Aufnahme in der
Schweiz nun weitgehend weggefallen sein (vgl. Bst. K des Sachverhalts).
5.3 Somit ist aufgrund der vorstehenden Erwägungen festzuhalten, dass
der verständliche Wunsch der Beschwerdeführenden, von ihrer ältesten
Tochter im Alltag (besser) unterstützt zu werden, nicht ausreicht, um ein
dem Schutzgedanken von Art. 8 EMRK entsprechendes verwandtschaftli-
ches Abhängigkeitsverhältnis bejahen zu können. Abgesehen davon kann
aufgrund der langjährigen Trennung von ihrer Tochter, welche sich bereits
seit (...) in der Schweiz befindet, nicht von einer vorbestehenden nahen,
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tatsächlich gelebten Beziehung im Sinne der zitierten Rechtsprechung
(siehe E. 4.2) ausgegangen werden.
5.4 Zusammenfassend hat die Zuweisung der Beschwerdeführenden in
den Kanton F._ den Grundsatz der Einheit der Familie im Sinne von
Art. 27 Abs. 3 AsylG nicht verletzt.
6.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
nicht zu beanstanden ist (Art. 106 AsylG). Die Beschwerde ist daher abzu-
weisen.
7.
Entsprechend dem Ausgang des Verfahrens sind den Beschwerdeführen-
den die Verfahrenskosten aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG, Art. 1 ff. des
Reglements über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesver-
waltungsgericht vom 21. Februar 2008 [VGKE, SR 173.320.2]).
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