Decision ID: c8a14d16-a3a6-4e4c-8e68-72377c2ebed9
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin – eine Staatsangehörige von Somalia – reiste
nach ihren Angaben im September 2019 aus ihrem Heimatland in die Tür-
kei und von dort weiter nach Griechenland. In der europäischen Fingerab-
druck-Datenbank (Eurodac) ist vermerkt, dass sie am 15. November 2019
in Griechenland um Asyl nachgesucht hatte. Am 3. Juni 2020 wurde ihr von
den griechischen Behörden der Flüchtlingsstatus gewährt.
B.
Gemäss eigenen Angaben verliess die Beschwerdeführerin am 7. August
2021 Griechenland und reiste in die Schweiz, wo sie am 9. August 2021
um Asyl nachsuchte.
C.
Am 17. August 2021 fand die Personalienaufnahme und am 23. August
2021 das sogenannte Dublin-Gespräch statt. In diesem Rahmen brachte
die Beschwerdeführerin vor, ihr sei in Griechenland Flüchtlingsstatus zuer-
kannt worden. Sie habe ausser in der Schweiz und in Griechenland in kei-
nem anderen europäischen Land um Schutz nachgesucht.
D.
Ebenfalls am 23. August 2021 wurde sie von der Vorinstanz aufgefordert
sich innert Frist zu einer allfälligen Überstellung nach Griechenland zu äus-
sern. In der über ihre Rechtsvertretung eingereichten schriftlichen Stellung-
nahme im Rahmen des rechtlichen Gehörs vom 27. August 2021 brachte
sie vor, dass bezüglich ihres Gesundheitszustandes verschiedene ärztliche
Untersuchungen ausstehend seien. Sie brachte weiter vor, die Aussicht auf
eine Rückkehr nach Griechenland erfülle sie mit Furcht, da sie eine Zukunft
in prekären Verhältnisses und in Armut befürchten müsse. Sie sei erschüt-
tert darüber, dass ihr im Rahmen des persönlichen Gesprächs vom 23. Au-
gust 2021 nicht die Gelegenheit gegeben worden sei, sich zu den Gründen
zu äussern, aus denen sie Griechenland verlassen habe. Ihr sei in Grie-
chenland internationaler Schutz gewährt worden, ohne dass eine Anhö-
rung durchgeführt worden sei und auch anlässlich der Information über die
Schutzgewährung habe sie keine Informationen erhalten, wohin sie sich
wenden könne, um Unterkunft zu finden und eine Arbeitsstelle zu suchen.
Sie habe angesichts dieser Umstände am 17. Juli 2020 mit anderen Per-
sonen Lesbos verlassen und sei nach Athen gegangen. Dort habe sie 10
Tage in der Wohnung eines Onkels eines der anderen Mädchen («raga-
zze») wohnen können, habe die Wohnung aber dann verlassen müssen.
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Auf der Strasse habe sie dann eine Gruppe von Männern aus Somalia ken-
nengelernt, die sie in einer Wohnung mit insgesamt 25 anderen Personen
– Männer und Frauen – beherbergt hätten. Sie habe im Austausch für die
Wohnmöglichkeit die gesamten häuslichen Arbeiten übernommen. Ange-
sichts der Situation, in der sie sich befand, habe sie Griechenland am 7.
August 2021 verlassen. Sie habe bei einer allfälligen Rückkehr nach Grie-
chenland kein familiäres oder soziales Netz auf das sie zurückgreifen
könne und sie wisse nicht, wohin sie sich dort für Hilfe und Unterstützung
wenden solle. Neben diesen Umständen brachte die Beschwerdeführerin
vor, dass aufgrund ihrer Vulnerabilität, eine Gefahr der unmenschlichen
und erniedrigenden Behandlung drohe und wies in diesem Kontext auf ver-
schiedene Berichte zur Situation auf den ägäischen Inseln sowie zur Situ-
ation von international schutzberechtigten Personen in Griechenland hin.
E.
E.a Am 23. August 2021 ersuchte das SEM die griechischen Behörden ge-
stützt auf die Richtlinie 2008/115/EG des Europäischen Parlaments und
des Rates vom 16. Dezember 2008 über gemeinsame Normen und Ver-
fahren in den Mitgliedstaaten zur Rückführung illegal aufhältiger Dritt-
staatsangehöriger (nachfolgend: Rückführungsrichtlinie) und das bilaterale
Abkommen zwischen dem Schweizerischen Bundesrat und der Regierung
der Hellenischen Republik über die Rückübernahme von Personen mit ir-
regulärem Aufenthalt vom 28. August 2006 (SR 0.142.113.729) um Rück-
übernahme der Beschwerdeführerin.
E.b Am 25. August 2021 stimmten die griechischen Behörden der Rück-
übernahme zu und bestätigten, dass die Beschwerdeführerin am 3. Juni
2020 den Flüchtlingsstatus erhalten habe und über eine bis zum 14. Juni
2023 gültige Aufenthaltsbewilligung verfüge.
F.
F.a Am 7. Oktober 2021 händigte das SEM der Beschwerdeführerin den
Entscheidentwurf zur Stellungnahme aus.
F.b Am folgenden Tag nahm die Beschwerdeführerin Stellung.
G.
Mit Verfügung vom 11. Oktober 2021 – eröffnet am selben Tag – trat das
SEM in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. a AsylG auf das Asylgesuch
der Beschwerdeführerin nicht ein und ordnete die Wegweisung aus der
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Schweiz sowie den Vollzug an und händigte der Beschwerdeführerin die
editionspflichtigen Akten aus.
H.
Mit Eingabe vom 15. Oktober 2021 erhob die Beschwerdeführerin beim
Bundesverwaltungsgericht Beschwerde gegen diese Verfügung und
beantragte dabei zur Hauptsache die Aufhebung der angefochtenen Ver-
fügung, verbunden mit dem Antrag auf ihr Asylgesuch einzutreten und die
vorläufige Aufnahme aufgrund der Unzulässigkeit und/oder Unzumutbar-
keit des Wegweisungsvollzuges anzuordnen, eventualiter die Sache zur
vollständigen Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. In pro-
zessualer Hinsicht ersuchte sie daneben um Befreiung von der Bezahlung
der Verfahrenskosten unter Gewährung der teilweisen unentgeltlichen
Rechtspflege und um Befreiung von der Kostenvorschusspflicht.
I.
Mit Verfügung vom 29. Oktober 2021 hiess das Bundesverwaltungsgericht
die Gesuche um unentgeltliche Prozessführung und Verzicht auf Erhebung
eines Kostenvorschusses gut.
J.
In seiner Vernehmlassung vom 9. November 2021 hielt das SEM unter Ver-
weis auf seine bisherigen Erwägungen an der angefochtenen Verfügung
fest und beantragte die Abweisung der Beschwerde.
K.
In ihrer Replik erklärte die Beschwerdeführerin an ihren Anträgen und ge-
machten Ausführungen aus der Beschwerdeschrift festzuhalten und
reichte zur Untermauerung ihrer Vorbringen drei weitere ärztliche Beschei-
nigungen datierend vom 3., 12. und 15. November 2021 zu den Akten.
L.
Mit Zwischenverfügung vom 29. April 2022 lud das Bundesverwaltungsge-
richt im Lichte seines aktuellen Referenzurteils E - 3427/2021,
E - 3431/2021 vom 28. März 2022 zur Situation von schutzberechtigten
Personen in Griechenland die Vorinstanz zu einer zweiten Vernehmlas-
sung ein.
M.
In seiner Vernehmlassung vom 4. Mai 2022 machte das SEM geltend, die
Beschwerdeführerin sei nicht als besonders schutzbedürftig im Sinne der
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Rechtsprechung anzusehen. Im Übrigen hielt es an seinen bisherigen Er-
wägungen fest und schloss auf Abweisung der Beschwerde.
N.
In ihrer Replik vom 27. Mai 2022 betonte die Beschwerdeführerin noch-
mals, dass sie besonders schutzbedürftig sei und hielt an ihren bisherigen
Anträgen fest. Sie legte zudem zwei medizinische Verlaufsberichte datie-
rend vom 25. Mai 2022 vor.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – und so auch vorliegend –
endgültig (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die
Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen,
ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und Art. 108 Abs. 3 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
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(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1;
2012/4 E. 2.2, je m.w.H.).
3.2 Gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. a AsylG wird auf ein Asylgesuch in der
Regel nicht eingetreten, wenn die asylsuchende Person in einen nach
Art. 6a Abs. 2 Bst. b AsylG als sicher bezeichneten Drittstaat zurückkehren
kann, in welchem sie sich vorher aufgehalten hat.
3.3 Der Bundesrat bezeichnet Staaten, in denen nach seinen Feststellun-
gen effektiver Schutz vor Rückschiebung im Sinne von Art. 5 Abs. 1 AsylG
besteht, als sichere Drittstaaten (Art. 6a Abs. 2 Bst. b AsylG). Mit Beschluss
des Bundesrates vom 14. Dezember 2007 wurden sämtliche Länder der
Europäischen Union (EU) und der Europäischen Freihandelsassoziation
(EFTA) als sichere Drittstaaten bezeichnet. Bei Griechenland als Mitglied-
staat der EU handelt es sich um einen sicheren Drittstaat im Sinne von
Art. 6a Abs. 2 Bst. b AsylG. Den vorinstanzlichen Akten ist sodann zu ent-
nehmen, dass der Beschwerdeführerin in Griechenland internationaler
Schutz gewährt worden ist und die griechischen Behörden ihrer Rücküber-
nahme ausdrücklich zugestimmt haben. Demnach sind die Voraussetzun-
gen für einen Nichteintretensentscheid grundsätzlich gegeben.
4.
4.1 Das Bundesverwaltungsgericht hat sich im Referenzurteil
E - 3427/2021, E-3431/2021 vom 28. März 2022 einlässlich mit der Situa-
tion in Griechenland auseinandergesetzt und an seiner bisherigen Recht-
sprechung festgehalten, wonach der Vollzug der Wegweisung nach Grie-
chenland für Personen, die dort einen Schutzstatus erhalten haben, grund-
sätzlich zulässig ist. Das Gericht geht nicht von einer Situation aus, in der
jeder Person mit Schutzstatus in Griechenland eine unmenschliche oder
erniedrigende Behandlung im Sinne einer drohenden Verletzung von Art. 3
EMRK drohen würde. Trotz existierender Schwachstellen kann nicht von
einem dysfunktionalen Aufnahmesystem gesprochen werden. Gewisse
Angebote existieren in Griechenland, die auch für Schutzberechtigte offen-
stehen, wenn auch die Kapazitäten kaum ausreichend sein dürften und Inf-
rastrukturhilfen und Angebote bisher vor allem von internationalen Akteu-
ren, zuvorderst der EU, dem Hohen Flüchtlingskommissariat der Vereinten
Nationen für Flüchtlinge (UNHCR) und der Internationalen Organisation für
Migration (IOM) abhängen, die – in Zusammenarbeit mit der lokalen Zivil-
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Seite 7
gesellschaft – Leistungen erbringen und finanzieren. Trotz dieser schwieri-
gen Verhältnisse geht das Bundesverwaltungsgericht davon aus, dass
schutzberechtigte Personen grundsätzlich in der Lage sind, ihre existenzi-
ellen Bedürfnisse abzudecken. Auch ist davon auszugehen, dass Rück-
kehrenden keine menschenunwürdige Behandlung droht, weshalb für sie
kein «real risk» einer völkerrechtswidrigen Behandlung besteht. An dieser
Einschätzung vermögen auch die vom Beschwerdeführer sowohl im erst-
instanzlichen Verfahren als auch auf Beschwerdeebene angerufenen Län-
derberichte und Urteile deutscher Verwaltungsgerichte nichts zu ändern.
4.2 Gestützt auf Art. 83 Abs. 5 AIG besteht ferner die Vermutung, dass eine
Wegweisung in einen EU- oder EFTA-Staat in der Regel zumutbar ist (Re-
ferenzurteil E-3427/2021, E-3431/2021 E. 11.3). Die Legalvermutung der
Zumutbarkeit des Vollzugs der Wegweisung gilt bezüglich Griechenland
grundsätzlich auch für vulnerable Personen, wie zum Beispiel Schwangere
oder Personen, die an gesundheitlichen Problemen leiden, die nicht als
schwerwiegende Erkrankung einzustufen sind (vgl. a.a.O. E. 11.5.1). Es
obliegt grundsätzlich der betroffenen Person, diese Legalvermutung umzu-
stossen. Dazu hat sie ernsthafte Anhaltpunkte dafür vorzubringen, dass die
Behörden im konkreten Fall das Völkerrecht verletzen, ihr nicht den not-
wendigen Schutz gewähren oder sie menschenunwürdigen Lebensum-
ständen aussetzen würden respektive, dass sie in Griechenland aufgrund
von individuellen Umständen sozialer, wirtschaftlicher oder gesundheitli-
cher Art in eine existenzielle Notlage geraten würde (vgl. Referenzurteil
E - 3427/2021, E-3431/2021 E. 11.4).
4.3 Gleichzeitig hielt das Gericht fest, dass die Legalvermutung der Zumut-
barkeit des Vollzuges der Wegweisung bei Personen, welche aufgrund ih-
rer besonders hohen Verletzlichkeit im Falle einer Rückkehr nach Grie-
chenland Gefahr laufen, dauerhaft in eine schwere Notlage zu geraten, weil
sie nicht in der Lage sind, aus eigener Kraft die ihnen zustehenden Rechte
vor Ort einzufordern, nicht aufrechterhalten werden kann. Das Gericht er-
achtet den Vollzug der Wegweisung von äusserst vulnerablen schutzbe-
rechtigten Personen, wie zum Beispiel unbegleiteten Minderjährigen oder
Personen, deren psychische oder physische Gesundheit in besonders
schwerwiegender Weise beeinträchtigt ist, grundsätzlich als unzumutbar,
ausser es bestehen besonders begünstigende Umstände, aufgrund derer
ausnahmsweise von der Zumutbarkeit des Vollzugs der Wegweisung aus-
gegangen werden kann. Solche besonders begünstigenden Umstände
sind namentlich dann gegeben, wenn davon auszugehen ist, dass die äus-
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Seite 8
serst vulnerablen Rückkehrenden Zugang zu einer angemessenen Unter-
kunft, Grundversorgung, benötigten Gesundheitsleistungen und Hilfe zur
sozialen sowie wirtschaftlichen Integration haben werden. Die Vorinstanz
ist gehalten, in Fällen, in denen die Gesuchstellenden zum genannten Per-
sonenkreis der äusserst Verletzlichen gehören, vertiefte Abklärungen vor-
zunehmen. Sind keine besonders begünstigenden Faktoren gegeben, so
ist der Vollzug der Wegweisung von äusserst verletzlichen Personen als
unzumutbar zu bezeichnen (vgl. Referenzurteil E - 3427/2021,
E - 3431/2021 E. 11.5.3).
4.4 Im Lichte dieser Rechtsprechung kommt es vorliegend entscheidend
auf die Fragen an, ob die Beschwerdeführerin als äussert verletzlich zu
bezeichnen ist oder ob sie ernsthafte Anhaltspunkte dafür vorgebracht hat,
dass sie aufgrund von individuellen Umständen sozialer, wirtschaftlicher
oder gesundheitlicher Art in eine existenzielle Notlage geraten würde.
5.
5.1 Die Vorinstanz hält in ihrer Verfügung fest, die Beschwerdeführerin
habe eine drohende Verletzung von Art. 3 EMRK nicht glaubhaft gemacht
und es ergäben sich auch aus den allgemeinen Umständen in Griechen-
land keine Anhaltspunkte für ein drohendes reales Risiko bei einer allfälli-
gen Rückkehr. Insbesondere seien die Furcht der Beschwerdeführerin vor
Griechenland und die Sorge um ihre in der Heimat verbliebenen Kinder
keine Gründe, die gegen eine Rückkehr nach Griechenland sprächen.
Auch sei den allgemeinen Informationen über die Situation in Griechenland
nicht zu entnehmen, dass die Beschwerdeführerin individuell bei Rückkehr
gefährdet sein könnte. Im Hinblick auf die von der Beschwerdeführerin in
der Stellungnahme zum Entscheidentwurf geltend gemachten sexuellen
Übergriffe habe sie keine Beweismittel vorgelegt und habe diese erst in
einem späten Verfahrensstadium geltend gemacht, zudem sei darauf hin-
zuweisen, dass Griechenland ein Rechtstaat mit einem funktionierenden
Polizeiwesen sei. Die Polizei sei dazu in der Lage, effektiven Schutz zu
bieten und es gebe keine Hinweise, dass die griechischen Behörden kei-
nen Schutz gegen die Übergriffe Dritter zur Verfügung stellen würden. Die
Beschwerdeführerin sei daher darauf zu verweisen, sich an die griechi-
schen Behörden zu wenden, wenn sie konkreten Bedrohungen ausgesetzt
sei. Angesichts dieser Sachlage spreche nichts gegen den Wegweisungs-
vollzug nach Griechenland.
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Seite 9
5.2 In der Beschwerdeschrift macht die Beschwerdeführerin insbesondere
geltend, dass sie psychisch sehr belastet sei, was sich auch körperlich aus-
wirke und dass eine Gefahr einer Verletzung von Art. 3 EMRK bestehe. Sie
sei in Griechenland wiederholt sexueller Gewalt ausgesetzt gewesen, ge-
gen die sie sich nicht zur Wehr habe setzen können. Sie schildert in der
Beschwerde klarstellend eine besonders prägende Situation zu sexuellen
Übergriffen von Seiten des Verwalters des Hauses, in dem sie gelebt habe.
Zwar habe sie die Polizei benachrichtigt, diese habe jedoch gegen den
Verwalter, der über eine Bewilligung verfüge und griechisch sprechen
könne, nichts unternommen. Desweiteren macht sie unter Verweis auf di-
verse Länderberichte und Gerichtsurteile geltend, dass der Wegweisungs-
vollzug unzulässig sei und dass das SEM zudem durch die Pandemie be-
dingte Verschlechterungen der Situation ignoriere. Darüber hinaus macht
sie geltend, das SEM sei auf ihr Vorbringen, sie sei sexuellen Übergriffen
ausgesetzt gewesen, nicht eingegangen und rügt damit Verletzungen des
rechtlichen Gehörs und des Untersuchungsgrundsatzes im Hinblick auf die
Prüfung eines individuellen Überstellungsverbots.
5.3 In seiner Vernehmlassung vom 9. November 2021 hielt das SEM an
seinen Ausführungen fest und betonte nochmals, dass die gesundheitli-
chen Probleme nicht als schwerwiegend einzuschätzen seien. Die geltend
gemachten sexuellen Übergriffe seien verspätet vorgebracht und nicht wei-
ter belegt worden. Ohnehin hätte die Beschwerdeführerin diesbezüglich
Hilfe bei den griechischen Behörden finden können und müssen, was sie
versäumt habe. Der Gesamtsachverhalt stelle sich auch angesichts der mit
der Beschwerde neu eingebrachten Berichte und Gerichtsentscheidungen
aus Sicht des SEM nicht anders dar, als bereits im Entscheid ausgeführt,
weshalb es an seinen Ausführungen und dem Antrag, die Beschwerde ab-
zuweisen, festhalte.
5.4 In ihrer Replik vom 26. November 2021 betonte die Beschwerdeführe-
rin, dass sie an den Ausführungen und Anträgen aus der Beschwerde-
schrift vollumfassend festhalte. Darüber hinaus führte sie zur gesundheitli-
chen Situation aus, dass sie starke physische und psychische Beschwer-
den habe. Insgesamt und aufgrund der vergangenen Erfahrungen sei es
ihr nicht zumutbar, sich für Hilfe und Unterstützung an die griechischen Be-
hörden zu wenden.
D-4560/2021
Seite 10
5.5 In seiner zweiten Vernehmlassung vom 4. Mai 2022 betonte das SEM,
dass es an seiner Beurteilung der Situation auch im Lichte des Referenz-
urteils E-3427/2021, E-3431/2021 festhalte und betonte, dass die gesund-
heitlichen Beschwerden der Beschwerdeführerin nicht als schwerwiegend
eingestuft werden könnten. Im Übrigen verwies es auf seine bisherigen
Ausführungen und schloss auf Beschwerdeabweisung.
5.6 In ihrer Replik vom 27. Mai 2022 machte die Beschwerdeführerin über
ihre Rechtsvertretung nochmals geltend, dass das SEM es unterlassen
habe, ihre Situation genau abzuklären. Darüber hinaus macht sie geltend,
dass es der Vorinstanz nicht gelungen sei, sie als Opfer sexueller Gewalt
zu identifizieren. Zudem habe sie auch in der Schweiz Schwierigkeiten, die
notwendige Hilfe einzuverlangen, die sie wegen ihrer körperlichen Be-
schwerden und psychischen Belastungen benötige. Es falle ihr schwer,
über solche Fragen mit Fremden zu sprechen, was ein zusätzlicher Faktor
sei, weshalb es absehbar sei, dass sie bei Rückkehr in eine schwere Not-
lage geraten würde. Jedenfalls lägen keine begünstigenden Faktoren im
Sinne der jüngsten Rechtsprechung vor.
6.
6.1 Die erhobenen formellen Rügen sind vorab zu prüfen, da sie allenfalls
geeignet sein könnten, eine Kassation der erstinstanzlichen Verfügung zu
bewirken (vgl. BVGE 2013/34 E. 4.2).
6.2 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches
Gehör, welches als Mitwirkungsrecht alle Befugnisse umfasst, die einer
Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt
wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 144 I 11 E. 5.3; BVGE
2009/35 E. 6.4.1). Mit dem Gehörsanspruch korreliert die Pflicht der Be-
hörden, die Vorbringen einerseits tatsächlich zu hören, sorgfältig zu prüfen
und in ihrer Entscheidfindung angemessen zu berücksichtigen – was ge-
wissermassen das Kernstück des rechtlichen Gehörs ausmacht (vgl.
WALDMANN/BICKEL, in: Praxiskommentar VwVG, 2. Aufl. 2016, Art. 32
Rz. 18; BGE 123 I 31 E. 2c) – und andererseits der gesuchstellenden Per-
son gegenüber im Rahmen einer Verfügung mitzuteilen, wieso der Ent-
scheid so und nicht anders ausgefallen ist, beziehungsweise warum ihren
Anträgen nicht stattgegeben wird. Demgegenüber ist nicht erforderlich ist,
dass sich die Begründung mit allen Parteistandpunkten einlässlich ausei-
nandersetzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich widerlegt (vgl.
BGE 143 III 65 E. 5.2).
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Seite 11
6.3 Gleichzeitig gilt im Asylverfahren – wie in anderen Verwaltungsverfah-
ren – der Untersuchungsgrundsatz (Art. 6 AsylG i.V.m. Art. 12 VwVG),
nachdem die entscheidende Behörde den Sachverhalt von sich aus abklä-
ren, was heisst, dass sie verantwortlich für die Beschaffung der für den
Entscheid notwendigen Unterlagen und das Abklären sämtlicher rechtsre-
levanter Tatsachen ist (KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungsverfahren
und Verwaltungsrechtspflege des Bundes, 3. Aufl. 2013, Rz. 142; KRAUS-
KOPF/EMMENEGGER/BABEY, Praxiskommentar Verwaltungsverfah-
rensgesetz, 2. Aufl. 2016, Rz. 20 ff. zu Art. 12 VwVG). Das bedeutet, dass
die Sachverhaltsfeststellung unvollständig ist, wenn nicht alle für den Ent-
scheid rechtswesentlichen Sachumstände berücksichtigt werden (vgl.
KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, a.a.O., Rz. 1043).
6.4 Der Untersuchungsgrundsatz findet seine Grenze an der Mitwirkungs-
pflicht der Asylsuchenden (Art. 8 AsylG; Art. 13 VwVG), wozu insbesondere
gehört, die Identität offenzulegen und vorhandene Identitätspapiere abzu-
geben, an der Feststellung des Sachverhaltes mitzuwirken. In Drittstaaten-
fällen – wie dem vorliegenden – ist zusätzlich die Umstossung der Legal-
vermutung der Sicherheit des Drittstaats erforderlich, so dass es der Be-
schwerdeführerin obliegt, ernsthafte Anhaltspunkte für eine drohende Ge-
fahr der unmenschlichen oder erniedrigenden Behandlung vorzubringen.
6.5 Im Lichte der vorgängig dargelegten aktuellen Rechtsprechung sowie
der Beschwerdevorbringen stellt sich damit insbesondere die Frage, ob der
Sachverhalt bezüglich Anhaltspunkte, dass die Beschwerdeführerin auf-
grund von individuellen Umständen in eine existenzielle Notlage geraten
könnte, beziehungsweise einer bestehenden Vulnerabilität genügend er-
stellt wurde. Dies nicht zuletzt auch im Hinblick auf die Ausübung des
pflichtgemässen Ermessens durch die Vorinstanz.
6.5.1 Der Vorinstanz ist in der Analyse recht zu geben, dass die vorge-
brachten gesundheitlichen Probleme für sich genommen keinen Anlass ge-
ben, davon auszugehen, die Beschwerdeführerin könnte bei einer allfälli-
gen Rückkehr nach Griechenland in eine existentielle Notlage geraten, so
dass diesbezüglich keine weiteren Abklärungen erforderlich waren.
6.5.2 Angesichts der Angaben der Beschwerdeführerin (anlässlich des
Dublin-Gesprächs und in der Stellungnahme im Rahmen der Gehörsge-
währung zur Wegweisung nach Griechenland sowie in der Stellungnahme
zum Entscheidentwurf) ergeben sich jedoch Hinweise auf eine besondere
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Seite 12
Vulnerabilität aus anderen Gründen, insbesondere aus den von ihr geschil-
derte zeitlichen Abläufen und der Wohnsituation in Athen. Mit Blick auf die
generelle Situation für Asylsuchende und anerkannte Schutzberechtigte in
Griechenland erscheint durchaus nachvollziehbar, dass die erstmals in der
Stellungnahme zum Entscheidentwurf genauer geschilderten Übergriffe
sexueller Art, stattgefunden haben könnten. Da die Beschwerdeführerin
bereits in der Erstbefragung geltend gemacht hatte, etwa ein Jahr ohne
staatliche Unterstützung in Athen gelebt zu haben und in der Gehörsge-
währung rügt, dass sie zu den Gründen ihrer Ausreise aus Griechenland
nicht befragt worden sei, kann das detaillierte Vorbringen in der Stellung-
nahme zum Entscheidentwurf auch nicht als verspätet gewertet werden,
da dies der Zeitpunkt war, zu dem die Beschwerdeführerin den nächsten
direkten Kontakt zur Vorinstanz hatte.
6.5.3 Die Aussagen der Beschwerdeführerin weisen einige Qualität auf und
lassen sich in das allgemeine Bild der Aufnahme- und Lebensbedingungen
für schutzberechtigte Personen einfügen (vgl. dazu ausführlich Referenz-
urteil E-3427/2021, E-3431/2021 E. 8 und 9). Eine besondere Schutzbe-
dürftigkeit konnte zwar noch nicht nachgewiesen respektive überwiegend
glaubhaft gemacht werden, diese kann allerdings aufgrund der aktuellen
Beweislage auch nicht mit genügender Sicherheit ausgeschlossen werden.
Insgesamt ist nicht nachvollziehbar, warum das SEM vor der Entscheidfin-
dung diesbezüglich keine weiteren Abklärungen vorgenommen hat. Auch
im Rahmen der Entscheidbegründung ist die Vorinstanz nur insoweit auf
die entsprechenden Vorbringen eingegangen, als es diese als verspätet
und daher wenig glaubhaft bezeichnet beziehungsweise die Schutzmög-
lichkeit pauschal als gegeben erachtet hat. Das SEM hat in diesem Kontext
fast vollständig auf die erforderliche Abwägung verzichtet, die für die
Glaubhaftigkeit der geschilderten Übergriffe sprechenden Faktoren nicht in
den Blick genommen und sich beispielsweise nicht mit der Tatsache be-
schäftigt, dass eine als schutzberechtigt anerkannte, ohne staatliche Un-
terstützung in Athen lebende, alleinstehende Frau, die schon einmal Miss-
brauchserfahrungen gemacht hat, ein hohes Risiko hat, erneut solchen
Übergriffen ausgesetzt zu sein (vgl. etwa Austrian Centre for Country of
Origin & Asylum Research and Documentation [ACCORD], Griechenland:
Versorgungslage und Unterstützungsleistungen für [nach Griechenland zu-
rückkehrende] Personen mit internationalem Schutzstatus [a-11601],
26.08.2021, a-11601-1-mit+Anhang.pdf (ecoi.net), S. 31 f.). Angesichts der
im Referenzurteil dargelegten äusserst schwierigen Verhältnissen vor Ort
und mit Blick auf die Gefahr, erneut sexueller Ausbeutung ausgesetzt zu
D-4560/2021
Seite 13
werden, beziehungsweise die Frage der Zumutbarkeit und Möglichkeit po-
lizeilichen Schutz gegen Übergriffe zu erlangen, ist es vorliegend notwen-
dig, den Sachverhalt bezüglich des bereits Erlebten zu klären.
6.6 Das SEM hat weder bei der Erstbefragung noch im Anschluss an die
schriftliche Stellungnahme im Rahmen der Gehörsgewährung weitere Ab-
klärungen vorgenommen, obwohl sich entsprechende Instruktionsmass-
nahmen und Abklärungen etwa im Rahmen einer gezielten erneuten Ge-
hörsgewährung oder erneuten Befragung aufgedrängt hätten. Basierend
auf dieser Aktenlage konnte die von der Vorinstanz getroffene Feststellung,
die Übergriffe seien nicht glaubhaft gemacht beziehungsweise für die
Frage der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs nicht weiter relevant,
nicht mit der notwendigen Sicherheit getroffen beziehungsweise das Er-
messen nicht pflichtgemäss ausgeübt werden.
7.
Die Abklärungen der Vorinstanz sind nach dem Gesagten als unvollständig
zu bezeichnen. Die Rüge der Verletzung des rechtlichen Gehörs und des
Untersuchungsgrundsatzes ist begründet. Dementsprechend ist die Be-
schwerde im Hinblick auf den Eventualantrag gutzuheissen.
8.
8.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG).
8.2 Der vertretenen Beschwerdeführerin ist keine Parteientschädigung
auszurichten, da es sich vorliegend um eine zugewiesene unentgeltliche
Rechtsvertretung im Sinne von Art. 102h AsylG handelt, deren Leistungen
vom Bund nach Massgabe von Art. 102k AsylG entschädigt werden (vgl.
auch Art. 111ater AsylG).
(Dispositiv nächste Seite)
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