Decision ID: bb0804cb-719a-428e-a7cd-643749931646
Year: 2018
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
X._, geboren 1960,
ist bei der
Swica Krankenversicherung AG (nachfolgend: Swica
) obligat
orisch krankenpflegeversichert
.
Mit Schreiben vom 9. November 2016 (Urk. 11/6/3) bemängelte die Gemeinde O._ ZH, dass die Kostenübernahme für Stomamaterial für die Jahre 2015 bis 2017 nur nach
Mittel- und Gegenständeliste
(MiGeL) zugesprochen worden sei, obwohl die Versicherte einen erhöhten Bedarf aufweise und beantragte eine einsprachefähige Verfügung. Mit Verfügung vom 30. November 2016 erteilte die Swica Kostengutsprache für die Jahre 2015, 2016 und 2017 im Umfang von je
weils Fr. 11‘700.-- (Urk. 11/8). Die dagegen am 16. Dezember 2016
erhobene Ein
sprache (Urk.
11/9
)
wies
die
Swica mit Einspracheentscheid vom 16
.
März 2017 ab (Urk. 11
/1
1
= Urk. 2).
2.
Die Versicherte erhob am 10
.
April bzw. am 4. Mai 2017
Beschwerde gege
n den Einspracheentscheid vom 16
.
März 2017
(Urk. 2) und
stellte die folgenden An
träge (Urk. 1 S. 2, Urk. 6 S. 2):
1.
Der Einspracheentscheid der Swica vom 16. März 2017 und die Verfügung der Swica vom 30. November 2016 seien aufzuheben.
2.
Die Beschwerdegegnerin sei zu verpflichten, der Beschwerdeführerin (wie schon für 2014) auch für die Zeit von Januar 2015 bis September 2016 Kosten für Stomamaterial von je Fr. 118.-- für jeden Behandlungstag zuhause zu vergüten.
3.
Die Beschwerdegegnerin sei zu verpflichten, der Beschwerdeführerin ab Oktober 2016 die vollen Kosten für Stomamaterial für jeden Behandlungstag zuhause zu vergüten oder im Sinne eines Eventualantrages wenigstens die Hälfte dieser Kosten.
4.
Die Beschwerdegegnerin sei anzuweisen, die Vergütungen gemäss Ziffern 2 und 3 hinsichtlich der durch die Gemeinde O._ mittels Sozialhilfe subsidiär be
reits übernommenen Kosten durch Rückvergütung an die Gemeinde O._ mit Bezug auf die noch nicht von O._ bezahlten Rechnungen durch Über
weisung an die Lieferantin Y._ vorzunehmen.
5.
Der Beschwerdeführerin sei eine Parteienentschädigung zuzusprechen.
Mit Beschwerdeantwort vom 24
.
Mai
2017 beantragte die
Swica
die
Abweisung der Beschwerde (Urk. 10), was der
Beschwerdeführer
in am 30
.
Mai
2017 zur
Kenntnis gebracht wurde (Urk. 12
).

Das Gericht zieht in Erwägung:
1.
1.1
Art. 24 des Bundesgesetzes über die Krankenversicherung (KVG) verpflichtet die Krankenkassen, aus der obligatorischen Krankenpflegeversicherung die Kosten für die in Art. 25-31 KVG aufgelisteten Leistungen nach Massgabe der in Art. 32-34 KVG festgelegten Voraussetzungen zu übernehmen.
Gemäss Art. 25 Abs. 1 KVG übernimmt die obligatorische Krankenpflegeversicherung die Kosten für jene Leistungen, die der Diagnose oder Behandlung einer Krankheit und ihrer Folgen dienen
. Diese Leistungen umfassen unter anderem die ärztlich verordne
ten, der Untersuchung oder Behandlung dienenden Mittel und Gegenstände (Art. 25 Abs. 2 lit. b KVG).
In Art. 32 Abs. 1 KVG wird als generelle Voraussetzung für die Pflicht zur Kos
tenübernahme verlangt, dass die Leistungen nach Art. 25-31 KVG wirksam, zweckmässig und wirtschaftlich sind, wobei die Wirksamkeit nach wissenschaft
lichen Methoden nachgewiesen sein muss.
1.2
Gemäss Art. 52 Abs. 1 lit. a Ziff. 3 KVG erlässt das Eidgenössische Departement des Innern (EDI) Bestimmungen über die Leistungspflicht und den Umfang der Vergütung bei Mitteln und Gegenständen, die der Untersuchung oder Behandlung dienen. Nach Anhören der zuständigen Kommission bezeichnet es die von der obligatorischen Krankenpflegeversicherung zu übernehmenden Mittel und Ge
genstände nach Art. 52 Abs. 1 lit. a Ziff. 3 KVG (Art. 33 lit. e der Verordnung über die Krankenversicherung, KVV).
Gemäss Art. 20 der Verordnung über Leistungen in der obligatorischen Kranken
pflegeversicherung (Krankenpflege-Leistungsverordnung, KLV) leistet die Versi
cherung eine Vergütung an Mittel und Gegenstände, die der Behandlung oder der Untersuchung im Sinne einer Überwachung der Behandlung einer Krankheit und ihrer Folgen dienen, die auf ärztliche Anordnung von einer Abgabestelle nach Art. 55 KVV abgegeben werden und von der versicherten Person selbst oder mit Hilfe einer nichtberuflich an der Untersuchung oder der Behandlung mitwirken
den Person angewendet werden. Die Mittel und Gegenstände sind in der Mittel- und Gegenstände-Liste (
MiGeL
)
im Anhang 2 der KLV nach Arten und Produkt
gruppen aufgeführt (Art. 20a Abs. 1 KLV).
1.3
Nach der Rechtsprechung handelt es sich bei der
MiGeL
um eine abschliessende (Positiv-) Liste. Mittel und Gegenstände, die nicht auf der
MiGeL
aufgeführt sind, gehen nicht zu Lasten der obligatorischen Krankenpflegeversicherung (BGE 136 V 84 E. 2.2 mit Hinweisen). Die Verrechnung unter einer ähnlichen Positions
nummer ist unzulässig (RKUV
2006 Nr. KV 360 S. 134 E. 5.1).
Gemäss Art. 24 Abs. 1 KLV werden die Mittel und Gegenstände höchstens zu dem Betrag vergü
tet, der in der Liste für die entsprechende Art von Mitteln und Gegenständen angegeben ist.
Liegt der von der Abgabestelle
für ein Produkt in Rechnung ge
stellte Betrag über dem in der Liste für d
ie entsprechende Produkteart an
gegebenen Betrag, so geht die Differenz
zu Lasten der versicherten Per
son (
Art.
24
Abs.
2 KLV)
.
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin
begründete ihren
Einspracheentscheid (Urk. 2)
damit, dass sie mit der Kostengutsprache gemäss der in der MiGeL vorgesehenen Höchst
beträge ihre gesetzliche Leistungspflicht vollumfänglich erfüllt habe. Es sei keine Besitzstandsgarantie vorgesehen, wenn die Krankenversicherung im Einzelfall mehr zuspreche, als gesetzlich vorgesehen sei (S. 3 Ziff. 3). Zutreffend sei, dass in bestimmten Fällen weitere Kosten zugesprochen werden könnten. Diese Mög
lichkeit begründe jedoch keinen Rechtsanspruch der versicherten Person. Der An
spruch beschränke sich auf die Höchstbeträge gemäss MiGeL (S. 3 Ziff. 4). Auch begründe die Tatsache, dass die Beschwerdeführerin einen erhöhten Bedarf auf
weise, für sich allein keinen über die Höchstbeträge hinausgehenden Anspruch auf Leistungen der Krankenversicherung. Gemäss Art. 24 Abs. 2 KLV gehe die Differenz zwischen den Höchstbeträgen und den von der Abgabestelle in Rech
nung gestellten Beträgen zu Lasten der versicherten Person (S. 3 Ziff. 5).
2.2
Dagegen machte die Beschwerdeführerin in ihrer Beschwerde (Urk. 1, Urk. 6)
gel
tend,
b
ei ihr liege eine sehr komplexe Situation vor. Auch bestehe keinerlei Ein
sparpotential, und der erhöhte Materialverbrauch sei ausgewiesen (S. 4 Ziff. 1.6-7).
Diesen besonderen Verhältnissen des Einzelfalls habe die Beschwerdegegnerin mit ihren Schreiben vom 28. November 2013 und vom 27. Februar 2014 denn auch teilweise Rechnung getragen. Weshalb sie dann nur noch die maximalen Beiträge von insgesamt Fr. 11‘700.-- übernehmen wolle, obwohl sich der Gesund
heitszustand nicht gebessert habe und der Materialbedarf seit spätestens Oktober 2016 sogar noch höher sei, sei nicht begründet worden (S. 8 Ziff. 2.7-2.8). Diese grundlose und massive Reduktion widerspreche dem Grundsatz von Treu und Glauben. Zudem sei es ja gerade Sinn und Zweck der Ausnahmeregelung bezie
hungsweise der Möglichkeit zum Überschreiten dieser Beträge, dass in Fällen, wo ein stark erhöhter Bedarf nötig und ausgewiesen sei, erheblich höhere Beiträge übernommen würden (S. 9 Ziff. 2.9-10). Sofern die Voraussetzungen gemäss Ziff. 29 MiGeL erfüllt seien, liege ein ausnahmsweises Überschreiten der ordentli
chen Beiträge nicht im Belieben der Krankenkasse. Vielmehr habe sie das auf dieser Bestimmung beruhende Ermessen pflichtgemäss und korrekt auszuüben
(S. 6 f. Ziff. 2.1-2.3). Die Beschwerdegegnerin habe von diesem eingeräumten Er
messen pflichtwidrig keinen Gebrauch gemacht und den besonderen Umständen des Einzelfalles nicht Rechnung getragen (S. 7 Ziff. 2.4, S. 7 f. Ziff. 2.6). Ziff. 29 MiGeL stelle eine Ausnahme von Art. 24 KLV dar und gehe dieser Bestimmung vor (S. 7 Ziff. 2.5, S. 10 Ziff. 2.11-12).
3.
3.1
Unbestritten ist, dass die Beschwerdegegnerin für das von der Beschwerdeführerin benötigte Stomamaterial in den Jahren 2015 bis 2017 mit jeweils Fr. 6'300.-- für die Colostomie und Fr. 5'400.-- für die Ileostomie die Höchstbeträge gemäss Mi
GeL vergütet hat. Strittig und zu prüfen ist, ob und in welchem Umfang die Be
schwerdegegnerin die über die Maximalbeträge der MiGeL hinausgehenden Ma
terialkosten in den Jahren 2015 bis 2017 zu übernehmen hat.
3
.2
Wie bereits dargelegt (vgl. vorstehend E. 1.3)
, werden die Mittel und Gegenstände höchstens zu dem Betrag vergütet, der in der Liste für die entsprechende Art von Mitteln und Gegenständen angegeben ist. Sodann ist als generelle Voraussetzung für die Pflicht zur Kostenübernahme verlangt, dass die Leistungen – worunter auch die Mittel und Gegenstände nach
MiGeL
fallen - wirksam, zweckmässig und wirtschaftlich sind (
vgl.
vorstehend E. 1.1).
Unbestritten ist vorliegend ein Mehrbedarf der Beschwerdeführerin an Stomama
terial, der weit über den in den Positionen 29.01-2 der MiGeL festgelegten Maxi
malbeträgen für Colostomieversorgung sowie Ileostomie- und Fistelversorgung liegt (vgl. auch Urk. 11/7).
Entgegen der Ansicht der Beschwerdeführerin kann jedoch aus der als „Kann-Vorschrift“ formulierten Position 29 der MiGeL kein Rechtsanspruch auf Über
nahme der über den in Position 29.01 und 29.02 der MiGeL festgelegten Maxi
malbeträge anfallenden Materialkosten abgeleitet werden, zumal es sich gemäss Art. 24 Abs. 1 KLV um eine
gesetzgeberisch gewollte Festbetragsgrenze handelt (vgl. dazu auch Urteil des Bundesgerichts 9C_216/2012 vom 18. Dezember 2012 E. 4). Dies hat zur Folge, dass auch bei medizinisch begründeten Spezialfällen grundsätzlich kein Anspruch auf Übernahme
der Mehrkosten besteht.
In den Erläuterungen der MiGeL zu der Vergütung wird weiter deutlich ausge
führt, dass die in
der MiGeL aufgeführten Höchstvergütungsbeträge (HVB) den Betrag dar
stellen,
der maximal von den Versicherern im Rahmen der obligatori
schen Krankenpflegeversicherung
vergütet werden kann (
Art.
24
Abs.
1 KLV).
Demnach kann entgegen der Ansicht der Beschwerdeführerin aus dem Umstand, dass in den Jahren 2013 und 2014
höhere Materialkosten von der Beschwerde
gegnerin übernommen worden sind
, kein Anspruch aus Treu und Glauben her
geleitet werden, da sich die gesetzliche Regelung als klar formuliert erweist.
Aufgrund des Gesagten erweist sich der Einspracheentscheid vom 16
.
März 2017
als rechtens, was zur Abweisung der Beschwerde führt.
4.
Das Verfahren ist kostenlos.