Decision ID: f124df44-672c-47b6-a487-8b2f3febc9cd
Year: 2016
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.- X besitzt den Führerausweis für die Fahrzeugkategorien A1, B, D1, BE und D1E seit
dem 10. Juni 1992 und denjenigen für die Fahrzeugkategorien C und C1E seit dem
12. Januar 1995. Mit Abschlussbericht vom 11. Januar 2015 zeigte ihn die
Landespolizeidirektion Vorarlberg wegen Verdachts auf Körperverletzung bei der
Staatsanwaltschaft Feldkirch an. Er wurde beschuldigt, am Mittwoch, 17. September
2014, 16.15 Uhr, in Wolfurt auf der L 190 in Richtung Lauterach einen anderen
Verkehrsteilnehmer mehrmals provoziert und anschliessend tätlich angegriffen zu
haben. Er habe dem im Auto sitzenden Opfer durchs offene Seitenfenster vier
Faustschläge gegen den Kopf versetzt und dabei das Gesicht getroffen. Anschliessend
sei er geflüchtet. Das Bezirksgericht Bregenz sprach den abwesenden X mit Urteil vom
6. März 2015 der Körperverletzung schuldig und verurteilte ihn zu einer Geldstrafe von
80 Tagessätzen zu € 50.–. Am 20. Mai 2015 teilte das Bezirksgericht Bregenz mit, dass
das Urteil vom 6. März 2015 rechtskräftig und seit dem 12. Mai 2015 vollstreckbar sei.
B.- Am 2. Juni 2015 teilte das Strassenverkehrsamt X mit, es habe Kenntnis vom
Abwesenheitsurteil des Bezirksgerichts Bregenz vom 6. März 2015 erhalten. Aufgrund
des Vorfalls vom 17. September 2014 bestünden Zweifel an seiner Fahreignung. X
erhielt Gelegenheit, sich zur vorgesehenen Anordnung einer verkehrspsychologischen
Untersuchung zu äussern. Sein Rechtsvertreter beantragte am 19. Juni 2015 die
Sistierung des Verfahrens. X sei im Verfahren vor dem Bezirksgericht Bregenz seiner
Rechte „beraubt“ worden. Er gehe davon aus, dass das Abwesenheitsurteil
aufgehoben und ein ordentliches Verfahren durchgeführt werde. Das
Strassenverkehrsamt erwog, der dem Urteil zugrunde liegende Sachverhalt erscheine
schlüssig und glaubwürdig, und forderte X mit Verfügung vom 3. Juli 2015 auf, sich
verkehrspsychologisch untersuchen zu lassen.
C.- Mit Rekurs vom 14. Juli 2015 und Ergänzung vom 12. August 2015 beantragte X
durch seinen Rechtsvertreter bei der Verwaltungsrekurskommission, die
Zwischenverfügung des Strassenverkehrsamts vom 3. Juli 2015 sei unter Kosten- und
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/8
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Entschädigungsfolge aufzuheben. Auf die Ausführungen zur Begründung des Antrags

wird, soweit erforderlich, in den Erwägungen eingegangen.
Mit Schreiben vom 10. Juli 2015 (Eingang beim Strassenverkehrsamt am 21. Juli 2015)
teilte das Bezirksgericht Bregenz mit, das Abwesenheitsurteil vom 6. März 2015 sei
noch nicht in Rechtskraft erwachsen. Die Mitteilung vom 20. Mai 2015 sei falsch
gewesen. Das Urteil wurde mit Entscheid des Landgerichts Feldkirch vom 7. Juli 2015
als Folge der Gutheissung der von X am 12. Mai 2015 eingereichten Beschwerde
aufgehoben.
Das Strassenverkehrsamt verzichtete mit Schreiben vom 1. September 2015 auf eine
Vernehmlassung.
Erwägungen:
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die
Verwaltungsrekurskommission ist zum Sachentscheid zuständig. Die Befugnis zur
Rekurserhebung ist gegeben. Der Rekurs vom 14. Juli 2015 ist rechtzeitig eingereicht
worden und erfüllt zusammen mit der Ergänzung vom 12. August 2015 die gesetzlichen
Anforderungen in formeller und inhaltlicher Hinsicht (Art. 41 lit. g , 45, 47 und 48 des
Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, abgekürzt: VRP). Auf den
Rekurs ist einzutreten.
2.- Anfechtungsobjekt ist die Verfügung der Vorinstanz vom 3. Juli 2015, mit der eine
verkehrspsychologische Untersuchung angeordnet wurde.
a) Die Landespolizeidirektion Vorarlberg erstellte über den Vorfall vom 17. September
2014 einen Abschlussbericht. Danach wurden zwei Zeugen und das Opfer befragt.
Letzteres gab zu Protokoll, zwischen ihm und dem Lenker eines Fahrzeugs der Marke
Audi mit Schweizer Kontrollschildern sei es zu gegenseitigen Provokationen
gekommen. Im Verkehrskreisel am Ortsanfang von Lauterach sei der direkt vor ihm
fahrende Audi beinahe stehengeblieben, worauf er in Richtung Güterbahnhof Wolfurt
ausgefahren sei. Er habe anschliessend verkehrsbedingt anhalten müssen, worauf der
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/8
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Lenker des Audis sein Fahrzeug am gegenüberliegenden Strassenrand abgestellt habe,
zu ihm gerannt sei und ihn mehrmals mit den Fäusten gegen den Kopf geschlagen
habe. Den mutmasslichen Täter konnte er nachträglich anhand verschiedener Fotos
nicht zweifelsfrei identifizieren. Die beiden Zeugen bestätigten die Schilderung des
Opfers, soweit sie sich auf die Tätlichkeit bezog. Zu den gegenseitigen Provokationen
im Vorfeld und über die Fahrt zum Ort des Vorfalls äusserten sie sich nicht. Aufgrund
des Hinweises eines Zeugen identifizierte die Landespolizei den Rekurrenten als Halter
des Tatfahrzeuges. Er wurde am 23. Oktober 2014 durch die Kantonspolizei St. Gallen
rechtshilfeweise befragt und gab zusammengefasst zu Protokoll, am 17. September
2014 möglicherweise in Österreich unterwegs gewesen zu sein, von den ihm zur Last
gelegten Provokationen im Strassenverkehr und der anschliessenden Tätlichkeit jedoch
nichts zu wissen.
b) Die Vorinstanz stützte die angefochtene Verfügung auf das Abwesenheitsurteil des
Bezirksgerichts Bregenz vom 6. März 2015. Sie führte aus, gemäss Urteil habe sich der
Rekurrent im Strassenverkehr auffällig verhalten und sei der Körperverletzung schuldig
gesprochen worden. Der im Urteil dargestellte Sachverhalt sei schlüssig und
glaubwürdig, weshalb eine verkehrspsychologische Untersuchung erforderlich sei.
Dem hält der Rekurrent zusammengefasst entgegen, das Urteil des Bezirksgerichts
Bregenz vom 6. März 2015 sei nicht rechtskräftig. Es sei festgestellt worden, dass er
dagegen fristgerecht Einsprache erhoben habe und nun über dieses Rechtsmittel zu
befinden sei. Folglich fehle der von der Vorinstanz dargestellten Sachlage die
Grundlage. Es sei nicht nachgewiesen, dass er Dritte provoziert und eine
Körperverletzung begangen habe. Die Vorinstanz könne dies auch nicht mit Verweis
auf Aussageprotokolle oder Polizeiberichte untermauern. Weder lägen unterzeichnete
Protokolle zu den Zeugenbefragungen bei den Akten, noch sei das in Österreich
geführte Verfahren vollständig. Auf polizeilich (zusammenfassend) protokollierte
(angebliche) Aussagen Dritter könne ohne Richtigkeitsbescheinigung nicht abgestellt
werden. Gestützt auf nicht belegte Behauptungen eines Strafklägers könne er nicht
verpflichtet werden, sich einer verkehrspsychologischen Untersuchung zu unterziehen.
c) Eine Grundvoraussetzung für die Erteilung des Führerausweises ist die Fahreignung.
Dieser Begriff umschreibt die körperlichen und geistigen Voraussetzungen, um ein
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/8
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Fahrzeug im Strassenverkehr sicher lenken zu können. Die Fahreignung muss
grundsätzlich dauernd vorliegen (BGE 133 II 384 E. 3.1). Der Führerausweis ist zu
entziehen, wenn festgestellt wird, dass die gesetzlichen Voraussetzungen zur Erteilung
nicht oder nicht mehr bestehen (Art. 16 Abs. 1 des Strassenverkehrsgesetzes
[SR 741.01, abgekürzt: SVG]). Bestehen Zweifel an der Fahreignung einer Person, so
wird diese einer Fahreignungsuntersuchung unterzogen. Art. 15d Abs. 1 SVG nennt
beispielhaft die fünf wichtigsten Fallgruppen, die Zweifel an der Fahreignung
begründen und bei denen eine Abklärung in der Regel zwingend erforderlich ist (vgl. lit.
a-e). Es handelt sich dabei namentlich um die Abhängigkeit von Alkohol und
Betäubungsmitteln, schwerste Verkehrsregelverletzungen, psychische Erkrankungen,
die zur Arbeitsunfähigkeit und Invalidität führen, und ganz allgemein Meldungen von
Ärzten, dass eine Krankheit vorliegt, die das sichere Führen von Motorfahrzeugen
ausschliesst oder ausschliessen könnte. Da diese Aufzählung nicht abschliessend ist,
sind weitere Fälle denkbar. So steht die charakterliche Eignung zum Führen von
Motorfahrzeugen auch bei Personen in Frage, die zu Aggressivität neigen, Konflikte
nicht adäquat verarbeiten können und gegen Stress nicht resistent sind (Philippe
Weissenberger, Kommentar SVG und OBG, 2. Aufl., Zürich/St. Gallen 2015, Art. 15d
SVG N 4 und 84; Urteil des Bundesgerichts [BGer] 6A.38/2003 vom 12. August 2003 E.
5.2). Die Anordnung einer verkehrspsychologischen Untersuchung setzt konkrete
Anhaltspunkte dafür voraus, dass der fragliche Inhaber des Führerausweises mit hoher
Wahrscheinlichkeit mehr als jede andere Person der Gefahr ausgesetzt ist, sich in
einem Zustand ans Steuer eines Fahrzeuges zu setzen, der das sichere Führen nicht
mehr gewährleistet (vgl. BGE 127 II 122 E. 3c; 124 II 559 E. 3d, je mit Hinweisen; BSK
SVG-Bickel, Art. 14 N 43).
Bei einem im Ausland begangenen Delikt muss die Entzugsbehörde des
Wohnsitzkantons von den Tatumständen umfassende Kenntnis erhalten haben. Dies
dürfte dann der Fall sein, wenn das fehlerhafte Verkehrsverhalten eines Schweizers im
Ausland Anlass zu einer gründlichen Sachverhaltsabklärung durch die ausländischen
Polizei- und Strafbehörden gab und die Tatbestandsfeststellung dieser Behörden
hinsichtlich der Fehlerhaftigkeit des Verkehrsverhaltens die schweizerischen
Entzugsbehörde zu überzeugen vermag; namentlich dürfen die von den ausländischen
Behörden eruierten Tatumstände keine Zweifel offen lassen. Es müssen eindeutige
Schlüsse im Hinblick auf die zu verfügende Verwaltungsmassnahme gezogen werden
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/8
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
können, denn es ist den schweizerischen Verwaltungsbehörden in der Regel nicht
möglich, selber Erhebungen zur Sache anzustellen. Diese für den Warnungsentzug
aufgestellten Grundsätze sind sinngemäss auch im Verfahren eines Sicherungsentzugs
zu beachten (vgl. BGE 102 Ib 59 E. 3; BSK SVG-Rütsche/Weber, Art. 16c N 11 f.),
wenn eine fehlende Fahreignung aus charakterlichen Gründen zur Diskussion steht (vgl.
Urteil der Verwaltungsrekurskommission [VRKE] IV-2014/184 vom 30. April 2015 E. 2a).
d) Die Vorinstanz ging im Verfügungszeitpunkt (3. Juli 2015) aufgrund der
Bescheinigung vom 20. Mai 2015 davon aus, der Rekurrent sei rechtskräftig wegen
Körperverletzung verurteilt worden. Erst am 21. Juli 2015, mithin nach Rekurserhebung,
teilte das Bezirksgericht Bregenz der Vorinstanz mit, das Urteil vom 6. März 2015 sei
noch nicht in Rechtskraft erwachsen. Die frühere, anders lautende Mitteilung sei falsch
gewesen. Dem Rekurrenten ist folglich zurzeit strafrechtlich nichts vorzuwerfen; es gilt
die Unschuldsvermutung (vgl. dazu Hauser/Schweri/Hartmann, Schweizerisches
Strafprozessrecht, 6. Aufl. 2005, § 39 N 21). Ob er sich als Folge gegenseitiger
Provokationen im Strassenverkehr der Körperverletzung schuldig machte, wird im
Strafverfahren in Österreich zu klären sein. Da das Administrativmassnahmeverfahren
im Hinblick auf einen Sicherungsentzug eröffnet wurde, war die Vorinstanz jedoch
grundsätzlich nicht gehalten, dieses nachträglich zu sistieren und das Strafurteil
abzuwarten. In diesem Verfahren ist zu prüfen, ob der Rekurrent noch fähig ist, ein
Motorfahrzeug zu führen, oder ob ihm dies aus Gründen der Verkehrssicherheit
untersagt werden soll. Dass in solchen Fällen entsprechende Schritte sofort einzuleiten
sind, versteht sich angesichts der Natur der Sache von selbst (BGE 122 II 359 E. 2b).
Die Vorinstanz ging jedoch offensichtlich nicht von einer hohen Dringlichkeit und
Gefährdung aus. Andernfalls hätte sie dem Rekurrenten den Führerausweis vorsorglich
entziehen müssen. Unter diesen Umständen wäre eine Sistierung des Verfahrens
sachgerecht gewesen, denn durch die Aufhebung des Strafurteils wurde der
vorinstanzlichen Verfügung – die sich ausschliesslich auf die Feststellungen im
Strafurteil stützte – eine wesentliche Grundlage entzogen. Da es an einer
rechtskräftigen Verurteilung des Rekurrenten fehlt, kann ihm aufgrund der
Unschuldsvermutung im Administrativmassnahmeverfahren nicht vorgeworfen werden,
einen anderen Fahrzeuglenker tätlich angriffen und verletzt zu haben. Es gibt bis jetzt
keinen im Strafverfahren festgestellten Sachverhalt, auf den sich die Vorinstanz stützen
könnte und von dem Sie nur abweichen dürfte, wenn sie eigene Abklärungen zum
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/8
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Sachverhalt getroffen hätte (vgl. zur Bindung an das Strafurteil Weissenberger, a.a.O.,
Vorbemerkungen zu Art. 16 ff. SVG N 10). Deshalb bleibt nun nichts anderes übrig, als
den Ausgang des österreichischen Strafverfahrens abzuwarten. Bevor ein
rechtskräftiges Strafurteil vorliegt, kann im vorliegenden Fall über die Frage, ob eine
verkehrspsychologische Untersuchung anzuordnen ist, nicht verfügt werden.
3.- Somit ergibt sich, dass die verkehrspsychologische Untersuchung des Rekurrenten
zu Unrecht angeordnet wurde. Der Rekurs ist gutzuheissen, und die angefochtene
Verfügung der Vorinstanz vom 3. Juli 2015 ist aufzuheben. Dem Verfahrensausgang
entsprechend sind die amtlichen Kosten dem Staat aufzuerlegen. Eine
Entscheidgebühr von Fr. 1'200.– erscheint angemessen (vgl. Art. 7 Ziff. 122 der
Gerichtskostenverordnung, sGS 941.12). Dem Rekurrenten ist der Kostenvorschuss
von Fr. 1'200.– zurückzuerstatten.
Der Rekurrent hat Anspruch auf volle Entschädigung der ausseramtlichen Kosten
(Art. 98 VRP und Art. 98 VRP), soweit diese aufgrund der Rechts- und Sachlage als
notwendig und angemessen erscheinen (Art. 98 Abs. 2 VRP). Im Rekursverfahren war
der Beizug eines Rechtsbeistandes geboten. Der Rechtsvertreter hat eine Kostennote
über Fr. 1‘620.– (Honorar Fr. 1‘500.–, Mehrwertsteuer Fr. 120.–) eingereicht. Im
Verfahren vor der Verwaltungsrekurskommission wird das Honorar als Pauschale
ausgerichtet; der Rahmen liegt zwischen Fr. 1'000.– und Fr. 12'000.– (Art. 22 Abs. 1
lit. b der Honorarordnung für Rechtsanwälte und Rechtsagenten, sGS 963.75;
abgekürzt: HonO). Innerhalb dieses Rahmens wird das Grundhonorar nach den
besonderen Umständen, namentlich nach Art und Umfang der Bemühungen, der
Schwierigkeit des Falles und den wirtschaftlichen Verhältnissen der Beteiligten,
bemessen (Art. 19 HonO). Umstritten war lediglich die Frage, ob die Anordnung einer
verkehrspsychologischen Untersuchung zulässig war. Angesichts des geringen
Aktenumfangs sowie des eingeschränkten Prozessthemas erscheint das geltend
gemachte Honorar von Fr. 1‘620.– (Barauslagen und Mehrwertsteuer inbegriffen,
Art. 28 Abs. 1 und Art. 29 HonO) noch als tarifkonform, weshalb der Rekurrent in
dieser Höhe von der Vorinstanz zu entschädigen ist.