Decision ID: 81cf5a26-0f9e-4946-881d-5b1631034fef
Year: 2020
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich am 19. September 2018 beim Regionalen
Arbeitsvermittlungszentrum Heerbrugg (nachfolgend: RAV) zur Arbeitsvermittlung an
(vgl. act. G3.1/A1 und G3.1/B1). Aufgrund eines Arbeitsunfalls im Juni 2017 und der
daraus folgenden Arbeitsunfähigkeit war sein letztes Anstellungsverhältnis per 31. März
2018 beendet worden (vgl. act. G3.1/A2 und A17 f.). Die Suva erachtete den
Versicherten am 28. Juni 2018 in seiner angestammten Tätigkeit zwar als vollständig
arbeitsunfähig, in einer adaptierten Tätigkeit jedoch als zu 100% arbeitsfähig. Sie
gewährte ihm für die Neuorientierung eine Übergangsfrist bis 30. November 2018 und
erbrachte bis zu diesem Zeitpunkt Taggeldleistungen (vgl. act. G3.1/B4).
A.a.
Mit Schreiben vom 7. Januar 2019 wurde der Versicherte eingeladen, den Kurs
"Bewerbungscoaching" vom 17. Januar 2019 bis 28. Januar 2019 zu besuchen
(act. G3.1/A25). Am 11. Januar 2019 wurde er angewiesen, am Einsatzprogramm Z._
vom 31. Januar 2019 bis 10. Mai 2019 teilzunehmen (act. G3.1/A27).
A.b.
An den ersten vier Kurstagen besuchte der Versicherte das Bewerbungscoaching
lediglich an zwei halben Tagen, mit der Begründung, wegen Vorstellungsgesprächen
und der Betreuung seines Kindes verhindert zu sein. Da die Erreichung der Kursziele
dadurch unmöglich wurde, wurde das Bewerbungscoaching abgebrochen (act. G3.1/
A28, A30 und A96-5; vgl. auch act. G3.1/A34-2).
A.c.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Im Formular "Bescheinigung Kinderbetreuung (Obhutsnachweis)" vom 25. Januar
2019 gab der Versicherte an, er betreue sein im Jahr 2013 geborenes Kind am Montag
ganztags bis Dienstag 7:50 Uhr (Kindergarten), am Donnerstag ab 18:00 Uhr bis Freitag
7:50 Uhr (Kinderhort) sowie jedes zweite Wochenende (act. G3.1/A33 und A34).
A.d.
Mit E-Mail vom 31. Januar 2019 informierte der Versicherte das RAV im
Wesentlichen darüber, er komme mit Arbeitssuche und Bewerben, 50%
Kinderbetreuung, vier Stunden Lernen pro Tag für die von der SVA bezahlte
Ausbildung, der Planung seiner selbständigen Erwerbstätigkeit und den
Dauerschmerzen, an denen er leide und die ihm den Schlaf raubten, an seine Grenzen.
Er bitte deshalb darum, ihn in ein Arbeitsprogramm in B._ oder C._ zuzuweisen,
welches seinem Wohnort näher liegen würde als das Einsatzprogramm Mensch –
Natur. So müsste er nicht täglich zwei Stunden als energieraubende Fahrtzeit opfern
(vgl. act. G3.1/A36).
A.e.
Mit Schreiben vom 4. Februar 2019 teilte das RAV dem Versicherten mit, dass
wegen seiner Angaben im E-Mail vom 31. Januar 2019 seine Vermittlungsfähigkeit
geprüft werde. Es gab ihm Gelegenheit zur Stellungnahme (act. G3.1/A39). Am
6. Februar 2019 teilte der Versicherte dem RAV mit, da er unter Dauerschmerzen leide,
müssten ergonomische Anpassungen berücksichtigt werden und sein Tätigkeitsfeld sei
eingeschränkt. Zu berücksichtigen sei auch sein Lernstudium von vier Stunden pro Tag
und die Kinderbetreuung von 50% sowie Zeit für den Aufbau der Selbständigkeit. Er
gab an, am Dienstag und Mittwoch je für einen halben Tag und am Donnerstag
ganztägig, bzw. am Dienstag ab 9:00 Uhr, am Mittwoch ab 12:00 Uhr und am
Donnerstag bis 17:00 Uhr bereit und in der Lage zu sein, auf Dauer regelmässig eine
unselbständige Tätigkeit auszuüben (act. G3.1/A46 f.).
A.f.
Vom 4. Februar 2019 bis 17. Februar 2019 war der Versicherte zu 100% krank
geschrieben (act. G3.1/A44). Mit Zeugnis vom 18. Februar 2019 bescheinigte Dr. med.
D._, Allgemeine Innere Medizin, die Arbeitsfähigkeit des Versicherten betrage 35%
(15 Stunden pro Woche) vom 18. Februar 2019 bis 3. März 2019 (später verlängert bis
5. März 2019, siehe act. G3.1/A71-4) für eine leichte bis mittelschwere Tätigkeit mit der
Einschränkung, dass körperferne Tätigkeiten nur gelegentlich und Armhaltungen über
Schulterhöhe nur selten gefordert seien. Dauernde, auch leichte Belastungen des
A.g.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
linken Arms oder Tätigkeiten, die zu starken Erschütterungen oder Vibrationen des
linken Arms führten, seien nicht zumutbar (act. G3.1/A60).
Am 20. Februar 2019 teilte der Versicherte per E-Mail sinngemäss mit, im
Einsatzprogramm werde keine Rücksicht auf seine gesundheitlichen Einschränkungen
genommen. Bei der Schilfverarbeitung müsse er monotone Dreh-Druck-
Zugbewegungsmuster machen, welche zu Dauerschmerzen führen würden, sodass er
gezwungen sei, öfters zu pausieren (act. G3.1/A54).
A.h.
Auf Nachfrage hin (act. G3.1/A62) teilte der Versicherte am 25. Februar 2019 mit, er
könne keine konkreten Angaben betreffend Selbständigkeit machen. Die Aufbauphase
sei am Laufen. Er nutze seine freien Tage (gemäss Arzterlaubnis 35%; act. G3.1/A67).
Am 2. März 2019 führte der Versicherte weiter aus, der Unfall sei der Auslöser
gewesen, die Selbständigkeit zum Haupterwerb zu wandeln (act. G3.1/A68).
A.i.
Mit Zeugnissen vom 6. und 12. März 2019 wurde der Versicherte vom 6. März 2019
bis 10. April 2019 zu 100% arbeitsunfähig geschrieben (act. G3.1/A69 und A71-2). Mit
Schreiben vom 11. März 2019 an die Arbeitslosenkasse machte der Versicherte
geltend, das Einsatzprogramm schade seiner Genesung. Eine Praktikumsstelle als
Mentor bei Z._ oder als Gruppencoach beim RAV selber wären die Alternativen
(act. G3.1/A70).
A.j.
Mit Verfügung vom 27. März 2019 aberkannte das RAV die Vermittlungsfähigkeit
des Versicherten ab 1. Februar 2019. Angesichts der vom Versicherten gemachten An
gaben hinsichtlich Einschränkungen betreffend Tätigkeit, zeitlicher Verfügbarkeit
(Kinderbetreuung, Weiterbildung, Lernzeit, selbständige Erwerbstätigkeit), wechselnden
Phasen mit schwankendem unklarem Gesundheitszustand ohne derzeitige Möglichkeit
eines konstanten Beschäftigungsgrads und der fehlenden Bereitschaft, einen längeren
Arbeitsweg auf sich zu nehmen, seien einer regelmässigen unselbständigen
Erwerbstätigkeit derart enge Grenzen gesetzt, dass mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit keine Arbeitgeberin bereit wäre, den Versicherten unter diesen
Umständen einzustellen. Deshalb müsse seine Vermittlungsfähigkeit ab 1. Februar
2019 verneint werden (act. G3.1/A78).
A.k.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.
Am 1. April 2019 wurde das Einsatzprogramm Z._ bei andauernder vollständiger
Arbeitsunfähigkeit des Versicherten vorzeitig per 31. März 2019 beendet (act. G3.1/
A79).
A.l.
Am 3. April 2019 erhob der Versicherte gegen die Verfügung vom 27. März 2019
Einsprache. Er brachte im Wesentlichen vor, er habe an fünf Tagen insgesamt 21.75
Stunden im Einsatzprojekt Z._ gearbeitet. Vorher und nachher sei er im Krankenstand
gewesen, weil das RAV sich nicht an die ärztliche Verfügung gehalten habe und ihm
unzumutbare Arbeit zugeteilt habe. Er habe guten Willen gezeigt und diese Arbeit
absolviert, daraufhin aber unter vermehrten Schmerzen bis hin zu Taubheitsgefühl in
den Fingern gelitten. Er habe mehrmals darauf hingewiesen, dass er gewillt sei, in einer
anderen Arbeitsstätte zu zumutbaren Bedingungen laut Arztzeugnis zu arbeiten. Von
Seiten des RAV sei gegen seine Gesundheit gearbeitet worden und ihm sei die
weitmöglichste Arbeitsstätte aufgezwungen worden. Wenn ihm in der Nähe eine Arbeit
zugeteilt werde, die seiner Behinderung entspreche, so sei auch eine regelmässige
Arbeitszeit möglich und die Kinderbetreuung könne fremdorganisiert werden (act. G3.1/
A82).
A.m.
Mit Entscheid vom 9. Mai 2019 wies das RAV die Einsprache ab. Zur Begründung
führte es aus, eine regelmässige Teilnahme am Einsatzprogramm habe nicht
stattgefunden. Die Äusserung des Versicherten, das Einsatzprogramm sei nicht
zumutbar gewesen, entbehre jeglicher Grundlage. Da kaum ein Arbeitstraining möglich
gewesen sei und eine Vielzahl an Einschränkungen und Hindernissen, Bindungen und
Dispositionen bestehen würden, erscheine eine konstante Beschäftigung im ersten
Arbeitsmarkt derzeit auch unter Einbezug von Nischenarbeitsplätzen ausgeschlossen.
Die Vermittlungsfähigkeit müsse deshalb verneint werden. Dementsprechend habe der
Versicherte ab 1. Februar 2019 keinen Anspruch auf Leistungen der
Arbeitslosenversicherung (act. G3.1/A97).
A.n.
Gegen diesen Entscheid erhebt A._ am 13. Mai 2019 Beschwerde. Er macht im
Wesentlichen geltend, der Schaden sei durch einen Arbeitsunfall entstanden. Obwohl
der SUVA Sicherheitsmängel gemeldet worden seien, seien die
Sicherheitsvorkehrungen von den verantwortlichen Instanzen nicht in Kraft gesetzt
B.a.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte

Erwägungen
1.
Streitig ist, ob der Beschwerdeführer ab 1. Februar 2019 Anspruch auf
Arbeitslosenentschädigung hat. Der Arbeitsunfall des Beschwerdeführers im Jahr 2017
ist nicht Gegenstand des vorliegend angefochtenen Einspracheentscheides betreffend
Vermittlungsfähigkeit. Die Ausführungen des Beschwerdeführers betreffend
Sicherheitsmängel und SUVA können deshalb im vorliegenden Verfahren nicht geprüft
werden.
2.
worden. Die "Armartikulation" sei stark eingeschränkt. Diesbezüglich fordere er ein
externes neutrales Sachgutachten. Er starte einen neuen Versuch, mit medizinischen
Massnahmen seinen Dauerschmerz zu minimieren. Ihn mit Zwang und Druck Arbeiten
verrichten zu lassen, welche ihm unmöglich gelingen könnten, widerspreche der
Menschenwürde und diene nicht der Genesung (act. G1).
Mit Beschwerdeantwort vom 13. Juni 2019 beantragt der Beschwerdegegner
unter Verweis auf den Einspracheentscheid die Abweisung der Beschwerde (act. G3).
B.b.
Der Beschwerdeführer verzichtet auf eine Replik (vgl. act. G4).B.c.
Eine der gesetzlichen Voraussetzungen für den Anspruch auf
Arbeitslosenentschädigung ist die Vermittlungsfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 lit. f des
Bundesgesetzes über die obligatorische Arbeitslosenversicherung und die
Insolvenzentschädigung [AVIG; SR 837.0]).
2.1.
Die arbeitslose Person ist vermittlungsfähig, wenn sie bereit, in der Lage und
berechtigt ist, eine zumutbare Arbeit anzunehmen und an Eingliederungsmassnahmen
teilzunehmen (Art. 15 Abs. 1 AVIG). Die Vermittlungsfähigkeit ist prospektiv zu
beurteilen, d.h. von jenem Zeitpunkt aus und unter Würdigung jener Verhältnisse, die
bei Erlass der angefochtenen Verfügung gegeben waren. Der Begriff der
Vermittlungsfähigkeit schliesst graduelle Abstufungen aus. Entweder ist eine
versicherte Person vermittlungsfähig oder sie ist es nicht (Kupfer Bucher,
Rechtsprechung des Bundesgerichts zum AVIG, 5. Aufl., Zürich/Basel/Genf 2019,
S. 89).
2.2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Zur Vermittlungsfähigkeit gehört nebst der Arbeitsfähigkeit im objektiven Sinn
subjektiv auch die Bereitschaft, die Arbeitskraft entsprechend den persönlichen
Verhältnissen während der üblichen Arbeitszeit einzusetzen (BGE 125 V 51 E. 6a mit
Hinweisen). Inhalt der Vermittlungsbereitschaft ist auch die Bereitschaft, an
Eingliederungsmassnahmen teilzunehmen und Weisungen der Durchführungsorgane
zu befolgen. Darunter sind sämtliche Massnahmen zu verstehen, welche der möglichst
raschen Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt dienen (Thomas Nussbaumer,
Schweizerisches Bundesverwaltungsrecht, Band XIV, Soziale Sicherheit, 3. Aufl. Basel
2016, Rz 271). Zur Bejahung der Vermittlungsbereitschaft genügt die Willenshaltung
oder die bloss verbal erklärte Vermittlungsbereitschaft nicht; die versicherte Person ist
vielmehr gehalten, sich der öffentlichen Arbeitsvermittlung zur Verfügung zu stellen,
angebotene zumutbare Arbeit anzunehmen und sich selbst intensiv nach einer
zumutbaren Stelle umzusehen (Kupfer Bucher, a.a.O., S. 105).
2.3.
Die Tatsache allein, dass eine versicherte Person eine selbständige
Erwerbstätigkeit aufnehmen oder aufbauen möchte, führt nicht zu einer Verneinung der
Vermittlungsfähigkeit. Vielmehr muss unter Berücksichtigung aller Umstände des
konkreten Falles geprüft werden, ob die versicherte Person noch bereit und in der Lage
ist, in Anbetracht der für eine Anstellung noch zur Verfügung stehenden Zeit und der
dafür in Frage kommenden Anzahl Arbeitgeber eine entsprechende Arbeit
anzunehmen. Die Vermittlungsfähigkeit ist zu verneinen, wenn die Gegebenheiten dafür
sprechen, dass die selbständige Erwerbstätigkeit ein Ausmass angenommen hat,
wodurch sie nur noch zum kleinsten Teil ausserhalb der normalen Arbeitszeit bewältigt
werden kann und die Ausübung einer Arbeitnehmertätigkeit zu den üblichen Zeiten
somit ausgeschlossen scheint. Werden (bei teilweiser Arbeitslosigkeit und
selbständiger Erwerbstätigkeit) an die Arbeitszeit Bedingungen gestellt, die eine neue
Beschäftigung verunmöglichen oder erheblich erschweren, ist von einer
Vermittlungsunfähigkeit auszugehen. Ob sich das Ausmass der Ausübung einer
selbständigen Erwerbstätigkeit auf die Verfügbarkeit der versicherten Person auswirkt,
bleibt im Einzelfall abzuklären (vgl. Kupfer Bucher, a.a.O., S. 96 ff. mit Hinweisen).
2.4.
Auch der Umstand, dass versicherte Personen sich im Hinblick auf anderweitige,
namentlich familiäre Verpflichtungen oder besondere persönliche Umstände lediglich
während gewisser Tages- oder Wochenstunden erwerblich betätigen wollen oder
Eltern betreuungspflichtiger Kinder eine Arbeit in Gegenschicht zum Ehegatten
wünschen, begründet allein noch keine Vermittlungsunfähigkeit. Diese Rechtsfolge tritt
indes dann ein, wenn der versicherten Person bei der Auswahl des Arbeitsplatzes aus
familiären oder persönlichen Gründen nachweislich derart enge Grenzen gesetzt sind,
2.5.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.
dass das Finden einer passenden Stelle sehr ungewiss ist. Erscheint im Verlauf der
Bezugsdauer der Wille oder die Möglichkeit, die Kinderbetreuung einer Drittperson
anzuvertrauen, aufgrund von Äusserungen oder des Verhaltens der versicherten Person
zweifelhaft, ist die Vermittlungsfähigkeit im Hinblick auf die konkrete Möglichkeit der
Kinderbetreuung zu prüfen (Kupfer Bucher, a.a.O., S. 103).
Die körperlich oder geistig behinderte Person gilt als vermittlungsfähig, wenn ihr
bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage, unter Berücksichtigung ihrer Behinderung, auf
dem Arbeitsmarkt eine zumutbare Arbeit vermittelt werden könnte (Art. 15 Abs. 2
AVIG). Diese Bestimmung erfüllt zwei Funktionen. Einerseits stellt sie an ein Element
der Vermittlungsfähigkeit, die Arbeitsfähigkeit, geringere Anforderungen und sichert
damit den Behinderten ihre Anspruchsberechtigung im System der
Arbeitslosenversicherung. Andererseits nimmt sie die Koordination zu anderen
Sozialversicherungszweigen, insbesondere zur IV, vor. Unter Behinderung im Sinne von
Art. 15 Abs. 2 AVIG ist eine dauernde und erhebliche Beeinträchtigung der Arbeits- und
Erwerbsfähigkeit zu verstehen, die allerdings nicht im
invalidenversicherungsrechtlichen Sinne invalidisierend wirken muss. Die Beurteilung
der Vermittlungsfähigkeit erfolgt – abweichend vom Normalfall – aufgrund von zwei
Kriterien. Einerseits ist die Vermittelbarkeit des Behinderten "unter Berücksichtigung
seiner Behinderung" zu prüfen, weshalb nur Einsatzmöglichkeiten in Betracht gezogen
werden dürfen, bei denen auf die gesundheitlichen Leistungsdefizite Rücksicht
genommen wird. Andererseits ist der Begriff "ausgeglichene Arbeitsmarktlage"
Bezugsgrösse, der auch Arbeits- und Stellenangebote umfasst, bei welchen Behinderte
mit einem sozialen Entgegenkommen durch die Arbeitgeber rechnen können. Nur noch
die Erwerbslosigkeit, welche voll oder stark überwiegend auf den Gesundheitszustand
eines Behinderten zurückzuführen ist, sollte nicht mehr zu dem von der
Arbeitslosenversicherung gedeckten Risiko gehören (Nussbaumer, a.a.O., Rz 279 ff.).
Das subjektive Element der Vermittlungsbereitschaft ist auch bei der Überprüfung der
Vermittlungsfähigkeit behinderter Personen zu beachten. Eine versicherte Person, die
sich bis zum Entscheid der Invalidenversicherung als nicht arbeitsfähig erachtet und
weder Arbeit sucht noch eine zumutbare Arbeit annimmt, ist nicht vermittlungsfähig
(Kupfer Bucher, a.a.O., S. 113).
2.6.
Vorliegend macht der Beschwerdeführer insbesondere geltend, er sei
gesundheitlich eingeschränkt. Nach dem ersten Tag (31. Januar 2019) nahm er nicht
mehr im geplanten Umfang am Einsatzprogramm Z._ teil, sondern wurde zuerst
vollständig und später zu 65% arbeitsunfähig geschrieben. Seine (verbleibende)
3.1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Arbeitsfähigkeit war insofern eingeschränkt, als sie nur für eine leichte bis
mittelschwere Tätigkeit bei nur gelegentlich körperfernen Tätigkeiten und seltenen
Armhaltungen über Schulterhöhe bestand. Hinzu kam, dass dauernde, auch leichte
Belastungen des linken Arms oder Tätigkeiten, die zu starken Erschütterungen oder
Vibrationen des linken Arms führten, von Seiten des behandelnden Arztes als
unzumutbar bezeichnet wurden (act. G3.1/A44, A60 und A71-4). Während der
Beschwerdeführer selbst angibt, an fünf Tagen insgesamt 21.75 Stunden im
Einsatzprogramm anwesend gewesen zu sein (act. G3.1/A82), wurde seitens des
Einsatzprogramms gemeldet, er sei insgesamt an sieben Tagen anwesend gewesen
(act. G3.1/A87-3; vgl. auch act. G3.1/A55 f.). Da das Einsatzprogramm vom 31. Januar
2019 bis 10. Mai 2019 hätte dauern sollen und per 31. März 2019 nach andauernder
vollständiger Arbeitsunfähigkeit vorzeitig beendet wurde (vgl. act. G3.1/A27 und A79),
ist jedenfalls erstellt, dass der Beschwerdeführer unter Angabe von gesundheitlichen
Gründen nur in äusserst geringem zeitlichem Umfang daran teilgenommen hat.
Das Einsatzprogramm Z._ richtet sich an Stellensuchende, wird aber auch für bei
der SUVA oder IV angemeldete Personen angeboten. Es verfolgt das Ziel der
Reintegration in den Arbeitsmarkt. Es bietet in verschiedenen Arbeitsbereichen unter
anderem Aufbau- und Belastbarkeitstrainings an. Im Beurteilungsbogen gab die
Programmleitung am 15. April 2019 unter anderem an, die Arbeitszeiten seien flexibel
den Bedürfnissen des Beschwerdeführers angepasst worden. Seine Aufgaben seien
"Schilf schälen" und "Kehlmaschine mit Vorschubapparat bedienen" gewesen, wobei
es sich hierbei um körperlich sehr leichte Tätigkeiten gehandelt habe, welche seine
gesundheitlichen Voraussetzungen berücksichtigt hätten. Das Jobcoaching habe nicht
stattfinden können, da mit dem Beschwerdeführer gemäss eigener Aussage wegen der
Betreuung seines Kindes, Weiterbildung und eigener Klienten kein Termin habe
abgemacht werden können (act. G3.1/A87). Zwar führt eine gesundheitlich bedingte
Einschränkung der Arbeitsfähigkeit nicht ohne Weiteres zur Vermittlungsunfähigkeit.
Vorliegend war der Beschwerdeführer jedoch nur am Einführungstag am 31. Januar
2019 noch zu 100% arbeitsfähig geschrieben (wobei die Arbeitszeiten für den ersten
Arbeitstag von 10:00 bis 16:50 Uhr dauern), tags darauf hat er sich wegen eines
Familienvorkommnisses abgemeldet, danach war er zuerst zu 100%, anschliessend zu
65% und bald darauf wieder zu 100% arbeitsunfähig geschrieben (vgl. act. G3.1/A55 f.,
A69, A71-4 und A71-2). Dies, obschon ihm das Einsatzprogramm einen geschützten
Rahmen bot und er körperlich sehr leichte Tätigkeiten hätte ausführen können, welche
seine gesundheitlichen Einschränkungen berücksichtigten.
3.2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Soweit der Beschwerdeführer geltend macht, der Beschwerdegegner habe seine
Gesundheit und Genesung sabotiert, indem der Weg zum Einsatzprogramm zu weit
gewesen sei und die Arbeit ihm Schmerzen verursacht habe, kann ihm aus folgenden
Gründen nicht Recht gegeben werden: Weder aus den vorgelegten Arztzeugnissen
noch aus den übrigen Akten ergibt sich eine Einschränkung der Reisefähigkeit des
Beschwerdeführers. Namentlich sind keine gesundheitlichen Gründe ersichtlich,
welche einen einfachen Arbeitsweg von rund einer Stunde (bzw. einen Arbeitsweg von
täglich insgesamt zwei Stunden) als unzumutbar erscheinen lassen. Im
Einsatzprogramm musste der Beschwerdeführer keine mittelschweren oder gar
schweren körperlichen Tätigkeiten ausführen. Gemäss der Programmleitung waren die
Aufgaben körperlich leicht und adaptiert. Zudem klagte der Beschwerdeführer bereits
mit E-Mail vom 31. Januar 2019, welches um 8:44 Uhr (und damit vor Beginn des
Einsatzprogrammes um 10:00 Uhr, siehe act. G3.1/A56) verschickt wurde, über einen
Dauerschmerz, der ihm den Schlaf raube. Er schilderte sogar, dass bereits die Tests
bei seinem Hausarzt zur Analyse der Schmerzen ein unangenehmes
Schmerzempfinden bei ihm ausgelöst hätten und er danach habe Schmerzmittel
nehmen und Ruhe einplanen müssen (act. G3.1/A36). Es ist daher nicht überwiegend
wahrscheinlich, dass der Beschwerdeführer wegen ungeeigneter Aufgaben im
Einsatzprogramm seine Arbeitsfähigkeit nach und nach (wieder) verloren hat.
Überzeugender ist, dass der Beschwerdeführer von Beginn des Einsatzprogramms
weg nicht in der Lage oder nicht bereit war, auch nur ein minimales Arbeitspensum zu
bewältigen. Es war noch nicht einmal möglich, regelmässige Anwesenheitszeiten auf
einem tiefen Niveau zu etablieren. Somit ist auch unter Berücksichtigung eines
ausgeglichenen Arbeitsmarktes und eines sozialen Entgegenkommens eines
potentiellen Arbeitgebers kaum ein Nischenarbeitsplatz denkbar, welchen der
Beschwerdeführer besetzen könnte.
3.3.
Erschwerend kommt hinzu, dass der Beschwerdeführer Erziehungs- und
Betreuungspflichten gegenüber seinem 2013 geborenen Kind hat. Zwar machte er in
seiner Einsprache geltend, wenn ihm eine zumutbare Arbeit zugeteilt werde, so sei
auch eine regelmässige Arbeitszeit möglich und die Kinderbetreuung könne
fremdorganisiert werden. Dass der Beschwerdeführer keine regelmässigen
Arbeitszeiten leisten kann oder will, hat er, wie bereits dargelegt, anlässlich des
Einsatzprogrammes eindrücklich demonstriert. Auch die Organisation einer
Fremdbetreuung seines Kindes erscheint zweifelhaft. Der Beschwerdeführer hat
nämlich durch einen Gerichtsentscheid bzw. eine später unter Mithilfe der Sozialen
Dienste aufgestellte Betreuungsregelung festgelegte umfangreiche und zeitlich genau
geregelte Betreuungspflichten, die er nicht einseitig flexibel abändern kann (act. G3.1/
3.4.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A45-4 ff. und A34). Der Beschwerdeführer machte denn auch gegenüber dem
Beschwerdegegner detaillierte Betreuungszeiten geltend (act. G3.1/A33). Sowohl für
den Zeitraum des angeordneten Bewerbungscoachings als auch während des
Einsatzprogramms wurden sodann Abwesenheiten verzeichnet, die der
Beschwerdeführer offenbar mit Familienvorkommnissen bzw. Betreuungspflichten
begründete (vgl. act. G3.1/A55 f. und A28; zwar meldete der Beschwerdeführer sich
beim Bewerbungscoaching nebst der Kinderbetreuung auch wegen
Bewerbungsgesprächen ab, er wies aber am 25. Januar 2019 kein
Vorstellungsgespräch für den Januar 2019 aus, vgl. act. G3.1/A35, sodass nur noch die
Kinderbetreuung als nachvollziehbarer Grund für seine Absenzen verbleibt).
Mindestens für den Zeitraum bis zum Erlass des vorliegend angefochtenen Entscheids
waren dem Beschwerdeführer deshalb auch in familiärer Hinsicht wegen der für die
Kinderbetreuung reservierten Zeiten enge Grenzen bei der Auswahl des Arbeitsplatzes
gesetzt, die zusammen mit den weiteren Umständen das Finden einer passenden
Stelle sehr ungewiss erscheinen liessen.
Zu beachten ist weiter, dass der Beschwerdeführer auch seine selbständige
Erwerbstätigkeit ausbauen möchte. So gab er gegenüber dem Beschwerdegegner an,
der Unfall sei der Auslöser gewesen, die Selbständigkeit zum Haupterwerb zu wandeln
(act. G3.1/A68). Als er Angaben zu seiner zeitlichen Verfügbarkeit machte, gab er an,
den Mittwoch Morgen, Freitag Nachmittag und das Wochenende für seine
Selbständigkeit zu nutzen (act. G3.1./A47). Auch fehlte er im Einsatzprogramm offenbar
teilweise wegen Terminen mit eigenen Klienten (act. G3.1/A87). Zusammen mit den
Zeiten, während welchen der Beschwerdeführer sein Kind betreut, verbleiben kaum
noch Zeiten, während denen er unselbständig erwerbstätig sein könnte und welche für
einen potentiellen Arbeitgeber attraktiv wären.
3.5.
Schliesslich wird der Beschwerdeführer auch von einer durch die
Invalidenversicherung finanzierten Weiterbildung in Anspruch genommen, die bis 2020
dauert (vgl. act. G3.1/A96-8). Zwar relativierte er später seine Angaben zum
Lernaufwand, im Januar bzw. Februar 2019 machte er aber noch geltend, er benötige
täglich vier Stunden für das Lernen (vgl. act. G3.1/A36 und A46 f.). Insgesamt verbleibt
dem Beschwerdeführer somit angesichts der für die Kinderbetreuung, den Aufbau der
selbständigen Erwerbstätigkeit und das Lernen für die Ausbildung reservierten Zeiten
und mit Blick auf die von ihm geltend gemachten gesundheitlichen Einschränkungen
keine für eine unselbständige Erwerbstätigkeit verwertbare Arbeitsfähigkeit mehr.
3.6.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.