Decision ID: aad6aa4d-869f-589c-b623-fc73d72ae9fd
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Am 18. Dezember 2016 reiste der Beschwerdeführer, welcher keine Iden-
titätsdokumente auf sich trug, erstmals mit dem Zug von Italien herkom-
mend illegal in die Schweiz ein. Anlässlich der Überprüfung durch das
Grenzwachtkorps (GWK) in Locarno gab er an, B._ zu heissen, am
(...) in C._ geboren zu sein und aus Somalia zu stammen. Im An-
schluss an die Kontrolle wurde ihm die Einreise in die Schweiz verwehrt
und er wurde zurückgewiesen.
B.
Am 25. Dezember 2016 reiste der Beschwerdeführer erneut per Zug via
Italien in die Schweiz ein, wobei er wiederum keinen Ausweis bei sich hatte.
Gegenüber dem GWK gab er sich diesmal als D._ aus und machte
geltend, am (...) in C._ geboren und somalischer Staatsangehörig-
keit zu sein.
C.
C.a Der Beschwerdeführer suchte am 26. Dezember 2016 beim Emp-
fangs- und Verfahrenszentrum (EVZ) E._ um Asyl nach.
C.b Auf dem am gleichen Tag erstellten Personalienblatt gab er als Name
F._ und als Geburtsdatum den "(...)" respektive den "(...)" an. Wei-
ter machte er darin geltend, in C._ auf die Welt gekommen und so-
malischer Staatsangehörigkeit zu sein.
D.
D.a Am 12. Januar 2017 wurde er im EVZ G._ zu seiner Person,
seinem Reiseweg und summarisch zu seinen Gesuchsgründen befragt
(Befragung zur Person [BzP]).
D.b Zur Begründung seines Gesuchs machte der Beschwerdeführer im
Wesentlichen geltend, H._ zu heissen und am (...) in C._
geboren zu sein. Weiter führte er aus, somalischer Staatsangehöriger so-
malischer Ethnie zu sein und zuletzt im Quartier I._, Suka
J._ in C._ gewohnt zu haben. Seine Eltern, K._ und
L._, seien von Al-Shabaab umgebracht worden, als er noch ein
Kind gewesen sei, weshalb er bei seinem Onkel und dessen Ehefrau auf-
gewachsen sei. Die Schule habe er bis zur zweiten Klasse im Jahre (...)
besucht. Er habe keinen Beruf erlernt, allerdings habe er (...) gearbeitet
und (...). Als Asylgrund gab er an, vor Al-Shabaab geflohen zu sein, keine
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Familie und keine Nahrung gehabt zu haben. Weiter führte er aus, auf der
Suche nach einer besseren Zukunft zu sein und eine Ausbildung absolvie-
ren zu wollen. Zu seiner Familie oder anderen Bezugspersonen in seinem
Heimatland habe er seit seiner Ausreise keinen Kontakt mehr.
Im Rahmen des rechtlichen Gehörs teilte ihm die Vorinstanz mit, dass er
aufgrund seiner Aussagen und des Umstands, dass er keine Papiere ein-
gereicht habe, für den weiteren Verlauf des Asylverfahrens mit dem Ge-
burtsdatum (...) erfasst werde. Zudem gewährte sie ihm das rechtliche Ge-
hör zum medizinischen Sachverhalt, woraufhin der Beschwerdeführer gel-
tend machte, an (...) und einer (...) zu leiden.
E.
Mit undatiertem, in englischer Sprache, handschriftlich verfasstem Schrei-
ben (Posteingang beim SEM: 13. Januar 2017) gestand der Beschwerde-
führer, bei der BzP falsche Angaben gemacht zu haben. Er sei Äthiopier
somalischer Ethnie ("somali itobia") und hätte lange in Äthiopien und nur
kurze Zeit in C._ gelebt.
F.
Mit Schreiben vom 3. März 2017 wurde dem Beschwerdeführer mitgeteilt,
dass das eingeleitete Dublin-Verfahren beendet und das nationale Asyl-
und Wegweisungsverfahren durchgeführt werde.
G.
Mit Verfügung vom 8. März 2017 wurde der Beschwerdeführer dem Kanton
G._ zugewiesen.
H.
H.a Anlässlich der Anhörung vom 7. November 2018 wurde der Beschwer-
deführer – im Beisein einer Hilfswerkvertretung (HWV) – eingehend zu den
Gründen seines Asylgesuchs befragt.
H.b Bei dieser Befragung brachte er sinngemäss vor, er sei äthiopischer
Staatsangehöriger somalischer Ethnie und würde aus M._ (Region
N._ oder O._) stammen. Hinsichtlich seiner Clan-Zugehö-
rigkeit machte er zunächst geltend, zum P._ zu gehören. Anschlies-
send gab er zu Protokoll, sein Vater sei Q._, danach R._
und danach S._; seine Mutter sei T._ und danach
U._. Weitere Kenntnisse über die Clan-Kunde habe er nicht. Als
Q._-Angehöriger sei er allerdings verachtet und als "V._"
beschimpft worden. Seine Eltern seien Bauern und Viehzüchter gewesen
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und sie hätten während der Regenzeit im nomadischen Gebiet W._
in M._ gelebt. Da seine Eltern – als er sieben Jahre alt gewesen
sei – umgebracht worden seien, sei er nach deren Tod bei seinen Grossel-
tern mütterlicherseits, X._ und Y._, aufgewachsen. Sie hät-
ten ein (halb-) nomadisches Leben geführt. Er sei nie zur Schule gegangen
und habe lediglich während einer Regensaison die Koranschule besucht.
Manchmal habe er seinen Onkel mütterlicherseits, Z._, welcher
abends eine Privatschule besucht habe, begleitet. Während der Einver-
nahme zeigte der Beschwerdeführer auf seinem Mobiltelefon ein Schul-
zeugnis der achten Klasse. Dies habe er jedoch nur, weil sein Onkel – wie
dies üblich sei – die Prüfungen für ihn absolviert habe.
Hinsichtlich der Fluchtgründe gab der Beschwerdeführer an, als Hirte tätig
gewesen sein, wobei er die Kühe, Ziegen und Schafe seines Grossvaters
gehütet habe. Eines Tages seien drei Männer zu ihm gekommen und hät-
ten "zwei Stück seiner Herde" von ihm verlangt. Er habe geantwortet, er
sei nur der Hirte und könne dies nicht entscheiden. Daraufhin hätten sie
ihn mit einem Bajonett und einer Machete (Manjo) angegriffen und verletzt.
Er habe zwar fliehen können, als er weggerannt sei, sei er aber gestürzt,
dabei auf einen Stein gefallen und infolgedessen bewusstlos geworden. Er
sei erst im Spital in M._ wieder zu sich gekommen. Weil er die
Herde alleine gelassen habe, sei sein Grossvater sehr wütend auf ihn ge-
wesen und habe ihm schwere Vorwürfe gemacht. Aufgrund dessen habe
er sich aus Angst nicht mehr getraut, nach Hause zu gehen, und habe ei-
nige Monate in M._ wie ein Strassenkind gelebt. Zu seinen Gros-
seltern habe er seitdem keinen Kontakt mehr gehabt. Auch habe er keine
weiteren Familienangehörige gehabt, zu welchen er hätte gehen können.
Als er seinen Onkel zufällig wieder getroffen habe, habe ihn dieser ermu-
tigt, das Wohngebiet zu verlassen. Da er weder über eine Ausbildung noch
eine Existenzgrundlage verfügt habe und demnach auch keine Zukunfts-
möglichkeiten gehabt hätte, habe er schliesslich am 20. August 2008 nach
äthiopischem Kalender beziehungsweise am 28. April 2016 nach gregori-
anischem Kalender sein Heimatland verlassen. Er sei zunächst mit einem
Kat-Fahrzeug nach Aa._ und dann mit dem Bus weiter bis nach
Bb._ gereist. Von dort aus sei er – jeweils mit Hilfe eines Schlep-
pers – in den Sudan, nach Libyen und schliesslich per Boot nach Italien
gelangt. Für die Reise habe er, da er kein Geld gehabt habe, nichts bezahlt.
Gesundheitlich gehe es ihm gut; er sei medizinisch behandelt worden. Er-
gänzend führte er noch an, an (...) zu leiden.
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I.
Mit Eingabe vom 9. November 2018 wurde eine Kopie eines äthiopischen
Schulzeugnisses der achten Klasse zu den Akten gereicht.
J.
Mit am darauf folgenden Tag eröffneter Verfügung vom 8. Oktober 2019
ordnete das SEM an, die Nationalität des Beschwerdeführers werde im
zentralen Migrationsinformationssystem ZEMIS auf Äthiopien mutiert. Zu-
gleich hielt es fest, sein Geburtsdatum bleibe unverändert als der (...) er-
fasst. Weiter stellte es fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingsei-
genschaft nicht, lehnte sein Asylgesuch ab, verfügte seine Wegweisung
aus der Schweiz und ordnete den Vollzug an.
K.
K.a Mit Eingabe datierend vom 7. November 2019 (Posteingang: 8. No-
vember 2019) erhob der Beschwerdeführer – handelnd durch die rubri-
zierte Rechtsvertreterin, lic. iur. LL.M. Susanne Sadri – Beschwerde beim
Bundesverwaltungsgericht gegen diesen Entscheid. In materieller Hinsicht
beantragte er darin die Aufhebung der angefochtenen Verfügung, die Fest-
stellung der Unzulässigkeit und Unzumutbarkeit des Vollzugs der Wegwei-
sung und die Gewährung der vorläufigen Aufnahme. In verfahrensrechtli-
cher Hinsicht ersuchte er um unentgeltliche Prozessführung inklusive Ver-
zicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses.
K.b Als Beschwerdebeilagen wurden zur Stützung der Vorbringen nebst
der angefochtenen Verfügung der Vorinstanz und einer Vollmacht auch ein
Schreiben der somalischen Vertretung in der Schweiz datierend vom
22. Oktober 2019 samt Kopie des Briefumschlags, Farbkopien der somali-
schen Geburtsurkunden und der Identifikationsbestätigungen des Be-
schwerdeführers sowie seines Onkels und eine Kopie des Schreibens an
die somalische und äthiopische Vertretung in der Schweiz vom 21. Okto-
ber 2019 als Beweismittel zu den Akten gereicht.
L.
L.a Der zuständige Instruktionsrichter teilte dem Beschwerdeführer mit
Zwischenverfügung vom 15. November 2019 mit, er dürfe den Abschluss
des Verfahrens in der Schweiz abwarten. Sodann hiess er das Gesuch um
Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege im Sinne von Art. 65
Abs. 1 VwVG unter der Voraussetzung des Nachreichens einer Fürsorge-
bestätigung und unter Vorbehalt der Veränderung der finanziellen Lage
gut. Weiter wurde der Beschwerdeführer aufgefordert, innert angesetzter
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Frist seine prozessuale Bedürftigkeit mittels einer Fürsorgebestätigung
nachzuweisen, andernfalls werde auf die Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung und die Erhebung des Kostenvorschusses zurückgekom-
men. Schliesslich wurde die Vorinstanz zur Einreichung einer Vernehmlas-
sung eingeladen.
L.b Mit Eingabe datierend vom 19. November 2019 (Posteingang: 20. De-
zember 2020) reichte der Beschwerdeführer – handelnd durch seine
Rechtsvertreterin – zum Nachweis der Bedürftigkeit seine Lohnabrechnun-
gen vom Oktober 2019 sowie diverse Unterlagen betreffend seine Lebens-
haltungskosten zu den Akten. Ausserdem legte er eine Übersetzung der
Bestätigung seiner Geburtsurkunde und der Identifikationsbestätigung bei.
L.c Mit Schreiben vom 2. Dezember 2019 (Posteingang: 3. Dezem-
ber 2019) liess sich die Vorinstanz vernehmen und hielt dabei vollumfäng-
lich an ihren bisherigen Erwägungen fest.
L.d Mit Zwischenverfügung vom 5. Dezember 2019 wurde der Beschwer-
deführer aufgefordert, das Formular "Gesuch um unentgeltliche Rechts-
pflege" ausgefüllt und mit den nötigen Beweismittel versehen einzureichen,
andernfalls ein Kostenvorschuss erhoben werde. Des Weiteren wurde dem
Beschwerdeführer die Vernehmlassung zur Kenntnis gebracht und ihm die
Möglichkeit gewährt, eine Replik und entsprechende Beweismittel einzu-
reichen.
L.e Mit Schreiben vom 19. Dezember 2019 (Posteingang: 20. Dezem-
ber 2019) reichte der Beschwerdeführer das erwähnte Formular und meh-
rere Belege ein, um seine finanziellen Verhältnisse darzulegen. Zudem
replizierte er und hielt dabei an seinen Rechtsbegehren fest.
L.f Mit Verfügung vom 23. Dezember 2019 wurde das Gesuch um Gewäh-
rung der unentgeltlichen Prozessführung abgewiesen. Infolgedessen
wurde der Beschwerdeführer zur Bezahlung eines Kostenvorschusses in
der Höhe von Fr. 750.– aufgefordert.
L.g Der Beschwerdeführer bezahlte daraufhin den Kostenvorschuss frist-
gerecht am 4. Januar 2020 ein.
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Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das Asylgesetz (AsylG) nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und
Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist die Teilrevision des AsylG vom 26. Juni 1998
(AS 2016 3101) in Kraft getreten. Für das vorliegende Verfahren gilt das
bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung
des AsylG vom 25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht (aArt. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 105 i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52 Abs. 1 VwVG). Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung; er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 AsylG i.V.m.
Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist demge-
mäss einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Bereich des Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG
(vgl. Art. 112 des Ausländer- und Integrationsgesetzes [AIG; SR 142.20]
sowie BVGE 2014/26 E. 5).
3.
Der (vertretene) Beschwerdeführer beantragt für den Fall der Aufhebung
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der angefochtenen Verfügung einzig die Feststellung von Wegweisungs-
vollzugshindernissen. Die Thematik der Eintragung der Daten im ZEMIS
wird in der Beschwerde nicht erwähnt. Vielmehr ergibt sich aus den Aus-
führungen auf Beschwerdeebene, dass er die Frage seiner Staatsangehö-
rigkeit nur im Zusammenhang mit dem angeordneten Wegweisungsvollzug
geprüft haben will. Bei dieser Sachlage ist davon auszugehen, dass die
Änderung von Nationalität und Geburtsdatum im ZEMIS, die Verneinung
der Flüchtlingseigenschaft, die Ablehnung des Asylgesuchs sowie die An-
ordnung der Wegweisung im vorliegenden Beschwerdeverfahren als nicht
angefochten zu betrachten sind. Gegenstand des vorliegenden Verfahrens
bildet demnach einzig die Frage, ob die Vorinstanz den Wegweisungsvoll-
zug nach Äthiopien zu Recht als durchführbar erklärte oder ob allenfalls
anstelle des Vollzugs eine vorläufige Aufnahme anzuordnen ist.
4.
4.1 Vorliegend erweist sich die Feststellung der Staatsangehörigkeit des
Beschwerdeführers, soweit es um die Frage des Wegweisungsvollzugs
geht, nach wie vor als strittig. Weder das SEM noch der Beschwerdeführer
gehen von einer Staatenlosigkeit des Letzteren aus, sondern der Be-
schwerdeführer bezeichnet sich selber als somalischen Staatsangehöri-
gen, wohingegen ihn das SEM als äthiopischen Staatsangehörigen quali-
fiziert. Damit hätte der jeweils andere Staat Drittstaatqualität (vgl. Art. 83
Abs. 2 und 3 AIG). Vorab ist somit zu prüfen, von welcher Staatsangehö-
rigkeit des Beschwerdeführers auszugehen ist.
4.2
4.2.1 Die Vorinstanz führte hinsichtlich der Staatsangehörigkeit des Be-
schwerdeführers in der angefochtenen Verfügung vom 8. Oktober 2019
aus, er habe in der BzP ausgesagt, er sei somalischer Staatsbürger, wes-
halb er in der Folge auch als solcher erfasst worden sei. Er habe dabei
allerdings nur äusserst vage Angaben zu seinem angeblichen Leben in So-
malia oder seinem angeblichen Wohnort C._ machen können. Aus-
ser den entsprechenden Aussagen in der BzP gebe es sodann keine Hin-
weise darauf, dass er Somalier sei. Unmittelbar danach habe er denn auch
seine Angaben zur somalischen Staatsangehörigkeit in seinem Schreiben
vom 13. Januar 2017 widerrufen. Anlässlich der Anhörung habe er – gleich
zu Beginn und von sich aus – wiederholt, seine ursprünglichen Angaben
seien falsch und er sei äthiopischer Staatsbürger. Bei der Befragung habe
er auch zumindest einigermassen überzeugende Angaben zu seiner gel-
tend gemachten Wohngegend in Äthiopien machen können. So habe er
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während der Anhörung immer wieder entsprechende Details, die auf Orts-
kenntnis hindeuten würden, genannt. Ausserdem habe er eine Kopie eines
äthiopischen Schulzeugnisses zu den Akten gereicht. Schliesslich er-
scheine auch seine Erklärung, andere ethnische Somalier hätten ihm an-
fangs geraten, sich als Somalier auszugeben, zumindest denkbar. Die
Vorinstanz hielt schliesslich zusammenfassend fest, es gebe wesentlich
mehr Hinweise auf eine äthiopische als auf eine somalische Staatsbürger-
schaft, weshalb mit überwiegender Wahrscheinlichkeit davon auszugehen
sei, er sei Äthiopier.
4.2.2 Auf Beschwerdeebene wandte der Beschwerdeführer – handelnd
durch seine Rechtsvertreterin – in Bezug auf seine Nationalität ein, er habe
sowohl der somalischen als auch der äthiopischen Vertretung in der
Schweiz einen Brief geschrieben und sie um Bestätigung respektive Ab-
lehnung seiner Staatszugehörigkeit gebeten. Die somalische Botschaft
habe anhand eines halbstündigen Gesprächs seine somalische Nationali-
tät bestätigt. Demgegenüber habe ein Mitarbeiter der äthiopischen Bot-
schaft, nachdem er diese aufgesucht habe, seiner Rechtsvertreterin tele-
fonisch mitgeteilt, dass er aufgrund seiner Sprache, Kultur und Abstam-
mung sowie seiner Geburt in C._ zwar sicher keine äthiopische Na-
tionalität besitze, er jedoch nicht befugt sei, eine andere Staatsangehörig-
keit zu bestätigen. In der Zwischenzeit habe er auch seinen Onkel telefo-
nisch erreichen können, welcher ihn wegen der Verheimlichung seiner so-
malischen Staatsangehörigkeit getadelt habe. In der Folge habe dieser ihm
per Whatsapp dessen eigene als auch seine Geburtsurkunde geschickt.
Weiter hielt der Beschwerdeführer fest, er sei viel zu jung und im Umgang
mit den Behörden unerfahren. Er sei dem Rat eines anderen Asylsuchen-
den gefolgt, welcher für ihn ein Schreiben mit falschen Angaben ausgefer-
tigt habe. Er bereue es sehr, falsche Angaben gemacht und ein gefälschtes
äthiopisches Schulzeugnis eingereicht zu haben. Um seine Reue zu be-
weisen und seine Mitwirkungspflicht nunmehr ernst zu nehmen, habe er
alle möglichen Bemühungen unternommen, um seine Staatsangehörigkeit
mit korrekten und echten Dokumenten zu belegen.
4.2.3 Die Vorinstanz hielt diesen Beschwerdevorbringen in ihrer Vernehm-
lassung vom 2. Dezember 2019 im Wesentlichen entgegen, die somali-
schen Behörden würden Identitätsbestätigungen, Geburtsurkunden, elekt-
ronische Reisepässe und Heiratsurkunden ausstellen, welche auf mündli-
chen Angaben der Beantragenden beruhen würden. Solche Dokumente
seien auf betrügerische Art und Weise leicht erhältlich, enthielten falsche
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Identitätsinformationen und würden auch an unberechtigte Personen aus-
gestellt. Folglich würden weder die bereits eingereichte Kopie noch das
angekündigte Original der Geburtsurkunde des Beschwerdeführers seine
somalische Staatsangehörigkeit zu belegen vermögen. Einzig somalische
diplomatische Reisepässe würden als rechtsgenügliche Dokumente aner-
kannt werden. Hinsichtlich des Schreibens der somalischen Vertretung in
der Schweiz führte die Vorinstanz aus, solche Dokumente hätten keinen
Beweiswert. Somalische Identitätsdokumente, darunter Geburtsurkunden,
Identitätsbestätigungen, Heiratsurkunden und sogenannte "attestation de
passeport", könnten auf Antrag hin von der permanenten Mission der So-
malischen Republik in Genf ausgestellt werden. In Somalia gebe es kei-
nerlei Personalregister, deshalb könne sich die permanente Mission der
Somalischen Republik im Ausland meistens nur auf die mündlichen Anga-
ben der antragsstellenden Person stützen. Sodann sei die Aussage des
Vertreters der äthiopischen Botschaft in der Schweiz unbelegt und beruhe
lediglich auf Angaben der Rechtsvertreterin. Zudem sei keine überzeu-
gende Grundlage ersichtlich, auf welcher die angebliche Einschätzung
hätte basieren können. Folglich hätte auch ein entsprechendes Schreiben
der äthiopischen Botschaft keinen Beweiswert. Schliesslich wurde vorge-
bracht, der Beschwerdeführer habe gegenüber dem SEM ursprünglich die
somalische Staatsangehörigkeit behauptet. In der Anhörung habe er dies
korrigiert und angegeben, in Wirklichkeit äthiopischer Staatsangehöriger
zu sein. Im Zeitraum von fast einem Jahr zwischen der Anhörung und dem
Asylentscheid des SEM habe er die Angaben aus der Anhörung nicht kor-
rigiert. Dass er jetzt nach dem Entscheid des SEM wieder angebe, doch
somalischer Staatsbürger zu sein, überzeuge nicht und sei als Schutzbe-
hauptung einzustufen.
4.2.4 In der Replik vom 19. Dezember 2019 wurde eingewendet, die ge-
äusserte Beurteilung des SEM, wonach das Schreiben der somalischen
Vertretung in der Schweiz keinen Beweiswert habe, sei sehr befremdlich.
Der Beschwerdeführer warf dabei die Frage auf, ob denn das Schreiben
der somalischen Vertretung nichts wert sei und dies obwohl sie doch die
Vertreterin des Landes Somalia sei. Hierzu müsse gesagt werden, das
Schreiben sei nicht – wie von der Vorinstanz behauptet – einfach ausge-
fertigt worden, sondern erst nach langem Gespräch mit dem Beschwerde-
führer und nach vielen Fragen über seine Familie, seine Herkunft und seine
somalischen Sprachkenntnisse sowie Traditionen. Der Argumentation des
SEM nach, werde demnach ein von der somalischen Vertretung in der
Schweiz ausgestellter Pass von diesem nicht mehr akzeptiert. Vor diesem
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Seite 11
Hintergrund beharre der Beschwerdeführer nach wie vor auf einer somali-
schen Staatsangehörigkeit.
4.3
4.3.1 Das Verwaltungs- respektive Asylverfahren wird – als Teilgehalt des
in Art. 29 Abs. 2 BV garantierten Anspruchs auf rechtliches Gehör – vom
Untersuchungsgrundsatz beherrscht (Art. 12 VwVG i.V.m. Art. 6 AsylG).
Demnach hat die Behörde von Amtes wegen für die richtige und vollstän-
dige Abklärung des rechtserheblichen Sachverhaltes zu sorgen, die für das
Verfahren notwendigen Unterlagen zu beschaffen, alle sach- und ent-
scheidwesentlichen Tatsachen und Ergebnisse in den Akten festzuhalten
und ordnungsgemäss darüber Beweis zu führen. Der Untersuchungs-
grundsatz gilt indes nicht uneingeschränkt; er findet sein Korrelat in der
Mitwirkungspflicht der asylsuchenden Person (Art. 13 VwVG und
Art. 8 AsylG). Diese hat ihre Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 7 AsylG
nachzuweisen oder zumindest glaubhaft zu machen. Das Bundesverwal-
tungsgericht hat die Anforderungen an das Glaubhaftmachen der Vorbrin-
gen in verschiedenen Entscheiden dargelegt und folgt dabei ständiger Pra-
xis. Darauf kann hier verwiesen werden (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1 sowie
2012/5 E. 2.2).
4.3.2 Zunächst ist festzuhalten, dass sich der Beschwerdeführer im Laufe
des Asylverfahrens – unbestrittenermassen – wiederholt widersprüchlich
zu seiner Identität, seiner Herkunft und seiner Nationalität äusserte, womit
seine diesbezüglichen Angaben unglaubhaft ausgefallen sind. Damit ist er
auch der Mitwirkungspflicht bei der Abklärung des vorliegenden Sachver-
halts nicht hinreichend nachgekommen. So gab der Beschwerdeführer,
welcher jeweils unterschiedliche Namen und Geburtsdaten nannte, sowohl
bei seiner Einreise am 18. Dezember 2016 als auch am 25. Dezem-
ber 2016 anlässlich der Kontrolle des GWK an, die somalische Staatsbür-
gerschaft zu besitzen (vgl. SEM-Akten A/1 und A/5). Auf dem von ihm
handschriftlich ausgefüllten Personalienblatt des EVZ E._ vom
26. Dezember 2016, worin er wiederum einen neuen Namen sowie ein an-
deres Geburtsdatum anführte, gab er ebenfalls Somalia als Staatsangehö-
rigkeit an (vgl. SEM-Akte A/2). Auch anlässlich der BzP gab der Beschwer-
deführer noch zu Protokoll, die somalische Staatsbürgerschaft zu besitzen
und der somalischen Ethnie anzugehören (vgl. SEM-Akte A/9, Zif-
fer 1.07 ff.). Demgegenüber stellte er in seinem Schreiben vom 13. Ja-
nuar 2017 klar, seine Nationalität sei "somali itobia" (vgl. SEM-Akte A/17).
Auch anlässlich der Anhörung machte er geltend, seine Angaben während
der BzP seien nicht richtig gewesen. Er sei bei seiner Einreise traumatisiert
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Seite 12
und krank gewesen, ausserdem hätten ihn somalische Asylbewerber be-
einflusst, weshalb er falsch ausgesagt habe. In der Folge blieb er ausdrück-
lich dabei, nicht Somalier, sondern Äthiopier zu sein (vgl. SEM-Akte A/27,
F 6 ff., F 145). Demgegenüber behauptete er auf Beschwerdeebene plötz-
lich wieder, die Staatsangehörigkeit Somalias zu besitzen. Aufgrund dieser
zahlreichen Ungereimtheiten ist es offensichtlich, dass der Beschwerde-
führer die Asylbehörden über seine Identität und Herkunft zu täuschen ver-
suchte. Ein solches Aussageverhalten beeinträchtigt die persönliche
Glaubwürdigkeit des Beschwerdeführers.
4.3.3 Obwohl der Beschwerdeführer sowohl in der BzP als auch in der An-
hörung erklärte, über keine Reise- oder Identitätsdokumente zu verfügen
(vgl. SEM-Akte A/9, Ziffer 4.07 und A/27, F 7 und F 13), reichte er auf Be-
schwerdeebene erstaunlicherweise eine Kopie seiner somalischen Ge-
burtsurkunde ein und stellte in Aussicht, das entsprechende Originaldoku-
ment baldmöglichst nachzureichen. Hierzu führte er in seiner Rechtsmittel-
schrift aus, er habe nicht gewusst, dass er eine solche Urkunde besitze.
Erst sein Onkel habe ihn per Telefon darüber informiert. Diese Erklärung
vermag nicht zu überzeugen und ist als Schutzbehauptung einzustufen.
Zudem ist eine Kopie leicht fälsch- und manipulierbar, womit ihr Beweiswert
ohnehin nur gering ist. Ebenso kann die eingereichte Kopie der Geburtsur-
kunde seines Onkels nicht auf ihre Echtheit hin überprüft werden. Die als
Kopien eingereichten Beweismittel sind demnach als untauglich einzustu-
fen und somit nicht geeignet, seine somalische Staatsangehörigkeit zu be-
legen.
4.3.4 Zum Nachweis seiner Herkunft und Nationalität reichte der Be-
schwerdeführer mit seiner Beschwerdeschrift, wie bereits erwähnt, ein Do-
kument mit dem Titel "Certificat de naissance" der „Embassy/Permanent
Mission of the Federal Republic of Somalia to Switzerland“ zu den Akten.
Somalia verfügt weder über ein zentrales Geburtenregister noch über an-
dere Personenregister, mit deren Hilfe die somalischen Behörden die Iden-
tität vorsprechender Personen überprüfen könnten. Grundlage für die Aus-
stellung von Dokumenten sind mündliche Angaben und nicht Informationen
aus Unterlagen oder Registern (vgl. u.a. Urteile des BVGer E-2871/2016
vom 24. Mai 2016 E. 4.32.2 und E-1410/2018 vom 23. März 2018 E. 6.2,
m.w.H.), weshalb dem eingereichten Schreiben der Permanenten Mission
der Republik Somalia in Genf kein Beweiswert zukommt.
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Im Übrigen wird in der Bestätigung als Geburtsdatum der (...) aufgeführt,
womit der Inhalt nicht mit den Aussagen des Beschwerdeführers im
vorinstanzlichen Verfahren übereinstimmt (vgl. SEM-Akte A/1, A/2, A/5,
A/9, Ziffer 1.06 und Ziffer 8.01 sowie A/27, F 89, F 110 und F 144 ff.).
4.3.5 Sodann sprechen die Ausführungen des Beschwerdeführers zu sei-
nem Lebenslauf, seiner Clan-Zugehörigkeit, seinen verschiedenen Aufent-
haltsorten, den geographischen Gegebenheiten anlässlich der Anhörung
sowie die Einreichung seines Schulzeugnisses für die Annahme der äthio-
pischen Nationalität. Dies im Vergleich zu seinen lediglich vagen und un-
substantiiert gebliebenen Angaben während der BzP zu seiner somali-
schen Herkunft. Diesbezüglich kann – um Wiederholungen zu vermeiden –
auf die zutreffenden Erwägungen in der vorinstanzlichen Verfügung sowie
in deren Vernehmlassung verwiesen werden.
4.3.6 Soweit auf Beschwerdeebene erstmals geltend gemacht wird, dass
der Beschwerdeführer lediglich gemäss Auskunft des Onkels über seine
Nationalität aufgeklärt worden sei, erweckt dies einen realitätsfremden Ein-
druck. Von einem jungen Erwachsenen kann erwartet werden, dass er
seine Staatsangehörigkeit kennt und diese nicht erst nach Abschluss des
erstinstanzlichen Asylverfahrens bei seinem Onkel erfragen muss, bei dem
er fast sein gesamtes bisheriges Leben verbracht hatte. Das Argument, der
Beschwerdeführer habe aufgrund seiner damaligen Minderjährigkeit keine
genaue Kenntnis über seine Nationalität und Herkunft gehabt, überzeugt
deshalb nicht.
4.4 Hinsichtlich der Nationalität des Beschwerdeführers kommt das Gericht
aufgrund der Aktenlage zum Schluss, dass die vom SEM ausführlich dar-
gelegten Gründe zur Annahme der äthiopischen Staatszugehörigkeit über-
zeugend sind und der Beschwerdeführer demnach nicht somalischer, son-
dern äthiopischer Staatsangehörigkeit ist. Diesbezüglich kann denn auch
zur Vermeidung von Wiederholungen auf die entsprechenden Erwägungen
in der angefochtenen Verfügung verwiesen werden. Die eingereichten Be-
weismittel sind nicht geeignet, die behauptete somalische Staatsbürger-
schaft zu belegen. Ausserdem hat der Beschwerdeführer keine ernstzu-
nehmenden Bemühungen unternommen, rechtsgenügliche (Identitäts-)
Dokumente einzureichen, welche seine Angaben bestätigen könnten. Ins-
gesamt müssen seine Vorbringen anlässlich der BzP sowie auf Beschwer-
deebene somit als unglaubhaft qualifiziert werden. Soweit das Gericht auf-
grund der Verletzung der Mitwirkungspflicht des Beschwerdeführers den
Sachverhalt nicht vollständig abklären konnte (vgl. dazu nachfolgend
D-5873/2019
Seite 14
E. 7.3.2), hat der Beschwerdeführer die daraus resultierenden Folgen
selbst zu tragen.
5.
5.1 Die Vorinstanz beurteilte den Wegweisungsvollzug in ihrer Verfügung
vom 8. Oktober 2019 als zulässig, zumutbar sowie möglich. Zur Begrün-
dung führte sie Folgendes aus:
Zwar seien Wegweisungsvollzugshindernisse grundsätzlich von Amtes we-
gen zu prüfen. Diese Untersuchungspflicht finde aber ihre Grenzen an der
Mitwirkungspflicht des Gesuchstellers, der im Übrigen auch die Substanti-
ierungslast trage. Es sei nach ständiger Rechtsprechung nicht Sache der
Asylbehörden, bei fehlenden Hinweisen seitens des Gesuchstellers nach
möglichen Wegweisungsvollzugshindernissen in hypothetischen Her-
kunftsländern zu forschen.
Im Folgenden wurde anhand verschiedener Beispiele aufgezeigt, dass die
Angaben des Beschwerdeführers zu seinem Lebenslauf und seiner Situa-
tion in Äthiopien nicht glaubhaft seien. So habe der Beschwerdeführer in
der Anhörung ausgesagt, er habe nur während einer Regensaison eine
Koranschule und sonst keine Schule besucht gehabt; dennoch habe er
eine Kopie eines Schulzeugnisses der achten Klasse eingereicht. Die
nachträgliche Erklärung für diesen Widerspruch, wonach es üblich gewe-
sen sei, dass man in der Prüfung vertreten worden sei, sei denn auch nicht
überzeugend. Zudem habe er bei seiner Ankunft im EVZ das Personalien-
blatt selber ausgefüllt. Ein Vergleich der Schrift auf diesem Dokument mit
jener des Schreibens vom 13. Januar 2017 erwecke zudem den Eindruck,
dass er auch dieses selber geschrieben habe; beides passe nicht zu seiner
Angabe, dass er kaum eine Schulbildung gehabt habe. Er habe zwar an-
gegeben, das Schreiben habe jemand anderes für ihn verfasst, allerdings
sei dem Schreiben kein entsprechender Hinweis zu entnehmen. Auch
seine nachträgliche Erklärung bezüglich seiner Schulbildung, er habe
manchmal seinen Onkel begleitet gehabt, wenn er eine Privatschule be-
sucht habe, habe nicht überzeugt. Weiter habe er angegeben, ein Noma-
denleben geführt und als Hirte gearbeitet zu haben. Er habe diese angeb-
liche Tätigkeit aber nur oberflächlich beschreiben können, was erhebliche
Zweifel daran geweckt habe, dass er, wie angegeben, ausschliesslich als
Hirte gearbeitet habe. An dieser Einschätzung könne auch seine relativ
substantiierte Wiedergabe des Vorfalls mit den drei Männern nichts ändern,
da sich dieser auch während eines nur ausnahmsweisen Aufenthalts sei-
nerseits bei der Herde oder in einem gänzlich anderen Kontext abgespielt
D-5873/2019
Seite 15
haben könnte. Der Beschwerdeführer habe auch unstimmige Angaben zu
seiner Clanzugehörigkeit gemacht. Zunächst habe er gesagt, seine Eltern
seien P._-Clanangehörige. Später habe er gesagt, seine Clanzuge-
hörigkeit von seinem Vater her sei Q._, danach R._, danach
S._ und seine Mutter sei T._ danach U._. Den
P._ habe er dabei nicht erwähnt. Keiner der angegeben Clan-Na-
men fände sich in Übersichten zu Clans in Somalia. Der P._ sei
denn auch innerhalb der äthiopischen Somali-Region dominierend, was
wiederum nicht zur geltend gemachten Verachtung seines Clans passen
würde. Weiter habe er auch kaum Angaben zu den Clans in seiner Wohn-
gegend gemacht. Seine Erklärung, er wäre Nomade gewesen und hätte
von diesem Thema keine Ahnung gehabt, da er keine Zeit gehabt hätte,
über das Clan-Thema zu sprechen, wirke wie eine Schutzbehauptung und
überzeuge nicht. Vielmehr sei gerade in einem ländlichen Gebiet zu erwar-
ten gewesen, dass die Clan-Strukturen eine wesentliche Rolle spielen wür-
den und ihm deshalb bekannt gewesen seien. Dies mache er im Übrigen
auch indirekt selbst durch die angeblichen Probleme wegen seiner eigenen
Clan-Zugehörigkeit geltend; diesbezüglich habe er auch zur Erklärung aus-
geführt, andere Leute hätten seine Clan-Zugehörigkeit gekannt, weil das
Dorf klein gewesen sei und die Leute in der Gegend sich gegenseitig ge-
kannt hätten. Weiter überrasche im Kontext seiner Herkunft die Angabe,
dass er Einzelkind sei und auch sonst kaum Verwandte gehabt und über
diese nichts gewusst habe, zumal er dafür auch keine weiteren Erklärun-
gen abgegeben habe. Es entstehe der Eindruck, dass er bei der Frage
nach Verwandten gezielt lediglich jene aufgeführt habe, die er bereits zuvor
erwähnt habe, nämlich seine Grosseltern und seinen Onkel mütterlicher-
seits. Er habe weiter auch keine Erklärung dafür abgeben können, warum
er mit seinen Verwandten seit 2017 keinen Kontakt mehr gehabt habe.
Auch unter Berücksichtigung des geltend gemachten Problems mit seinem
Grossvater sei doch zumindest zu erwarten gewesen, dass er mit dem On-
kel in Kontakt geblieben wäre, mit dem er vor der Ausreise offenbar ein
gutes Verhältnis gehabt und der ihm das erwähnte Schulzeugnis geschickt
hätte. Er habe auch nach der Korrektur der ursprünglich geltend gemach-
ten somalischen Staatsangehörigkeit widersprüchliche Angaben zu sei-
nem Lebenslauf gemacht. Im Schreiben vom 13. Januar 2017 habe er an-
gegeben, kurze Zeit in C._ gelebt zu haben, in der Anhörung habe
er dagegen ausgesagt, er sei nie in Somalia gewesen. Schliesslich sei
auch seine Beschreibung der Reise von Äthiopien bis in die Schweiz teil-
weise nicht überzeugend; beispielsweise wie er in Bb._ sofort einen
Schlepper für die Weiterreise gefunden und insbesondere, dass er für
D-5873/2019
Seite 16
seine gesamte Reise nichts bezahlt habe. Es dränge sich vielmehr die Ver-
mutung auf, dass er bei seiner Reise sowohl logistisch als auch finanziell
von jemandem unterstützt worden sei.
Angesichts dieser zahlreichen unglaubhaften Aussagen müsse davon aus-
gegangen werden, dass er nicht bereit sei, wahrheitsgemäss über seine
persönliche und familiäre Situation im Heimatland Auskunft zu geben. Es
sei dem SEM deshalb nicht möglich, sich in voller Kenntnis der tatsächli-
chen persönlichen und familiären Situation zur Zumutbarkeit des Vollzugs
der Wegweisung zu äussern.
Schliesslich hielt die Vorinstanz bezüglich der verschiedenen geltend ge-
machten gesundheitlichen Probleme fest, den Akten seien keine Unterla-
gen zu medizinischen Beeinträchtigungen zu entnehmen. Es gebe keinen
Grund zur Annahme, dass eine allenfalls nötige Behandlung der geltend
gemachten (...) in Äthiopien nicht möglich wäre. Es stehe ihm zudem frei,
bei der kantonalen Rückkehrberatungsstelle medizinische Rückkehrhilfe,
beispielsweise durch die Abgabe von Medikamenten, zu beantragen.
Der Vollzug der Wegweisung in den Heimatstaat erweise sich daher als
zumutbar.
Sodann sei der Wegweisungsvollzug technisch möglich und praktisch
durchführbar.
5.2 In der Rechtsmittelschrift vom 7. November 2019 wurde zur Begrün-
dung der Unzumutbarkeit des Vollzugs der Wegweisung vorgebracht, es
möge zwar sein, dass der mit Behörden unerfahrene und junge Beschwer-
deführer einen Fehler gemacht habe, sich von einem Fremden beeinflus-
sen liess und falsche Angaben machte, dennoch werde nicht eingesehen,
weshalb die Vorinstanz angeblich "widersprüchliche" Angaben auslege und
ohne einen stichhaltigen Beweis daraus ihre Ablehnungsargumentation ab-
leite. Es stehe fest, dass die Eltern des Beschwerdeführers aus Somalia
stammen würden und er in C._ geboren sei. Er wisse, dass seine
Eltern dem Sub-Clan der P._ angehören. Väterlicherseits gehöre er
zu den Q._, R._ und S._ und mütterlicherseits wisse
er nur, dass ein Ururgrossvater von den T._ und U._
stamme. Die P._ seien einer der grossen Clans von Cc._
und würden in Somalia, Äthiopien, Kenia und Jibuti leben. Jeder dieser
Sub-Clans habe diverse untergeordnete Sub-Sub-Clans. Die Tatsache,
wonach das SEM über diese Sub bzw. Sub-Sub-Clans nichts gehört habe,
D-5873/2019
Seite 17
heisse noch lange nicht, dass diese nicht existieren würden. Das SEM ver-
passe es, den besonderen Umständen, in denen sich der Beschwerdefüh-
rer befunden habe (ohne Eltern und Ausbildung als Nomade an immer wie-
der unterschiedlichen Orten lebend), genügend Achtung zu schenken.
Der Beschwerdeführer hoffe, seine ausgesprochene Reue werde vom Ge-
richt ernst genommen und seine Haltung werde unter dem Gesichtspunkt
seines Alters und aller Umstände als nachvollziehbar erachtet. Er sei ein
somalischer Nomade und sei zwischen Somalia und Äthiopien gewandert.
Er sei von bewaffneten Männern angegriffen worden, welche die ihm an-
vertrauten Schafe mitgenommen und ihm mit dem Tod gedroht hätten. Da
seine Eltern von bewaffneten Milizen umgebracht worden seien, habe er
vor ihnen unbeschreibliche Angst bekommen. Auf der anderen Seite habe
er den Verlust der Tiere nicht ersetzen können, weshalb er die Flucht er-
griffen habe und in Europa um Schutz nachgesucht habe.
Aufgrund der chaotischen Lage in Somalia, der andauernden Gewaltsitua-
tion und der Menschenrechtsverletzungen, erachte der Beschwerdeführer
als somalischer Staatsangehöriger aus dem Süden, den Vollzug der Weg-
weisung als unzumutbar. Er könne ohne tragfähiges Beziehungsnetz, ohne
Ausbildung und Arbeit in anderen Teilen des Landes äusserst schwierig
eine Existenzgrundlage aufbauen und langfristig in Sicherheit und Würde
leben. Deshalb sei der Vollzug der Wegweisung gemäss Art. 83 Abs. 2 AIG
unzumutbar und die vorläufige Aufnahme auszusprechen.
5.3 In der Vernehmlassung vom 2. Dezember 2019 hielt die Vorinstanz hin-
sichtlich des Wegweisungsvollzugs fest, die Beschwerdeschrift enthalte
keine neuen erheblichen Tatsachen oder Beweismittel, welche eine Ände-
rung ihres Standpunktes rechtfertigen könne und beantragte die Abwei-
sung der Beschwerde.
5.4 In der Replik vom 19. Dezember 2019 hielt der rechtlich vertretene Be-
schwerdeführer an seinen Rechtsbegehren fest.
6.
6.1 Nachdem von der äthiopischen Staatsangehörigkeit des Beschwerde-
führers auszugehen ist, ist im Folgenden der Vollzug der Wegweisung nach
Äthiopien zu prüfen.
6.2 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das Staatssekretariat das Anwesenheitsverhältnis
D-5873/2019
Seite 18
nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme
(Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG).
6.3 Bezüglich der Geltendmachung von Wegweisungsvollzugshindernis-
sen gilt gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Be-
weisstandard wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst,
sie sind zu beweisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls
wenigstens glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
7.
7.1 Nachfolgend ist zu prüfen, ob die Vorinstanz den Vollzug der Wegwei-
sung des Beschwerdeführers nach Äthiopien zu Recht als zulässig, zumut-
bar und möglich bezeichnet hat.
7.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83
Abs. 3 AIG).
7.2.1 So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land
gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem
Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft,
zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5
Abs. 1 AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli
1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezem-
ber 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder ernied-
rigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu
Art. 3 EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedri-
gender Strafe oder Behandlung unterworfen werden.
7.2.2 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend da-
rauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur
Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem
Beschwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr-
dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG
verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren
keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers in den
Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
D-5873/2019
Seite 19
7.2.3 Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerde-
führers noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer
Ausschaffung nach Äthiopien dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit ei-
ner nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung
ausgesetzt wäre. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofes für
Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses
müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr ("real risk") nachwei-
sen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter
oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR
Saadi gegen Italien 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06, §§ 124–
127 m.w.H.). Eine entsprechende konkrete Gefahr, die dem Beschwerde-
führer für den Fall einer Ausschaffung drohen könnte, ist im vorliegenden
Fall nicht ersichtlich. Auch die allgemeine Menschenrechtssituation in Äthi-
opien lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt nicht als un-
zulässig erscheinen.
7.2.4 Die Ausweisung einer unter gesundheitlichen Beschwerden leiden-
den Person kann nur ganz ausnahmsweise einen Verstoss gegen
Art. 3 EMRK darstellen. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn die be-
troffene Person sich in einem fortgeschrittenen oder terminalen Krankheits-
stadium und bereits in Todesnähe befindet, nach einer Überstellung mit
dem sicheren Tod rechnen müsste und dabei keinerlei soziale Unterstüt-
zung erwarten könnte (vgl. BVGE 2011/9 E. 7 m.H. auf die damalige Praxis
des EGMR sowie BVGE 2009/2 E. 9.1.3). Eine weitere vom EGMR defi-
nierte Konstellation betrifft Schwerkranke, die durch die Abschiebung
– mangels angemessener medizinischer Behandlung im Zielstaat – mit ei-
nem realen Risiko konfrontiert würden, einer ernsten, raschen und unwie-
derbringlichen Verschlechterung ihres Gesundheitszustands ausgesetzt
zu werden, die zu intensivem Leiden oder einer erheblichen Verkürzung
der Lebenserwartung führen würde (vgl. Urteil des EGMR Paposhvili ge-
gen Belgien 13. Dezember 2016, Grosse Kammer 41738/10, §§ 180–193
m.w.H.; BVGE 2017 VI/7 E. 6).
Im vorliegenden Verfahren ist eine solche Situation – wie sich aus den
nachfolgenden Erwägungen ergibt (vgl. E. 7.3.3.) – nicht gegeben, zumal
die anlässlich der Anhörungen geltend gemachten medizinischen Beein-
trächtigungen in der Beschwerde nicht mehr vorgebracht wurden.
7.2.5 Insgesamt liegen somit keine hinreichenden Anhaltspunkte vor, dass
ihm im Fall einer Rückkehr in sein Heimatland eine Verletzung von völker-
rechtlichen Vorschriften drohen wird. Infolgedessen ist der Vollzug der
D-5873/2019
Seite 20
Wegweisung sowohl im Sinne der asyl- als auch der völkerrechtlichen
Bestimmungen zulässig.
7.3 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
7.3.1 Das Bundesverwaltungsgericht geht in konstanter Praxis von der
grundsätzlichen Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs in alle Regionen
Äthiopiens aus. Trotz der weiterhin herrschenden ethnischen Spannungen
und Protestbewegungen in Äthiopien ist die Situation seit Amtsantritt von
Premierminister Abiy Ahmed stabiler. Die allgemeine Lage in Äthiopien ist
weder durch Krieg, Bürgerkrieg noch durch eine Situation allgemeiner Ge-
walt gekennzeichnet, aufgrund derer die Zivilbevölkerung allgemein als
konkret gefährdet bezeichnet werden müsste (vgl. Referenzurteil des
BVGer D-6630/2018 vom 6. Mai 2019 E. 12.2, in Bestätigung von
BVGE 2011/25 E. 8.3).
Die Lebensbedingungen in Äthiopien sind allerdings nach wie vor prekär,
weshalb gemäss konstanter Praxis zur Existenzsicherung genügend finan-
zielle Mittel, berufliche Fähigkeiten sowie ein intaktes Beziehungsnetz er-
forderlich sind, um individuell die Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs
bestätigen zu können (vgl. Referenzurteil des BVGer D-6630/2018 vom
6. Mai 2019 E. 12.4, in Bestätigung von BVGE 2011/25 E. 8.4).
7.3.2 Das SEM hielt in der angefochtenen Verfügung zutreffend fest, es
lägen – angesichts des Umstands, dass der Beschwerdeführer nicht bereit
sei, wahrheitsgemäss über seine persönliche und familiäre Situation im
Heimatland Auskunft zu geben – keine Hinweise für eine konkrete Gefähr-
dung vor. Verunmöglicht eine asylsuchende Person durch die Verletzung
ihrer Mitwirkungspflicht eine sinnvolle Prüfung, ob ihr im tatsächlichen Hei-
mat- oder Herkunftsstaat Gefahr droht, so kann es unter diesen, von der
asylsuchenden Person selbst herbeigeführten Umständen, nach Treu und
Glauben nicht Sache der Asylbehörden sein, nach allfälligen Wegwei-
sungsvollzugshindernissen zu forschen. Der Beschwerdeführer hat die
Folgen seiner mangelhaften Mitwirkung insofern zu tragen, als seitens der
Asylbehörden der Schluss gezogen werden muss, es spreche nichts ge-
gen eine Rückkehr an den bisherigen Aufenthaltsort (vgl. hierzu auch
D-5873/2019
Seite 21
BVGE 2014/12 E. 6). Somit erweist sich der Vollzug der Wegweisung vor-
liegend als zumutbar.
7.3.3 Ergänzend ist festzuhalten, dass aus gesundheitlichen Gründen nur
dann auf Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs zu schliessen wäre,
wenn eine notwendige medizinische Behandlung im Heimatland schlicht
nicht zur Verfügung steht und die Rückkehr zu einer raschen und lebens-
gefährdenden Beeinträchtigung des Gesundheitszustands, zur Invalidität
oder gar zum Tod der betroffenen Person führt. Als wesentlich wird dabei
die allgemeine und dringende medizinische Behandlung erachtet, welche
zur Gewährleistung einer menschenunwürdigen Existenz absolut notwen-
dig ist. Unzumutbarkeit liegt jedenfalls dann noch nicht vor, wenn im Hei-
mat- oder Herkunftsstaat eine nicht dem schweizerischen Standard ent-
sprechende medizinische Behandlung möglich ist (vgl. BVGE 2011/50
E. 8.3, 2009/52 E. 10.1, 2009/51 E. 5.5, 2009/28 E. 9.3.1, 2009/2 E. 9.3.2).
Die vom Beschwerdeführer anlässlich der Befragungen vorgebrachten ge-
sundheitlichen Beschwerden ([...]) vermögen nicht gegen die Zumutbarkeit
des Wegweisungsvollzugs zu sprechen. Anlässlich der Anhörung gab er
diesbezüglich denn auch an, er sei medizinisch behandelt worden und es
gehe ihm heute gut (vgl. SEM-Akte A/27, F 87). Ergänzend fügte er an,
nach wie vor an (...) zu leiden (vgl. SEM-Akte A/27, S. 19). Im Übrigen
wurden zu diesen gesundheitlichen Beeinträchtigungen im Verlaufe des
Verfahrens keinerlei medizinischen Unterlagen eingereicht. Damit ist die
von der Rechtsprechung für die Unzumutbarkeit des Vollzugs geforderte
hohe Schwelle der gesundheitlichen Beeinträchtigung aufgrund der Akten-
lage nicht erfüllt (vgl. BVGE 2011/9 E. 7, mit Hinweise auf die Praxis des
EGMR). Es kann davon ausgegangen werden, dass der Beschwerdeführer
gegebenenfalls – wenn auch unter erschwerten Bedingungen – Zugang zu
erforderlicher medizinischer Behandlung in seinem Heimatland hat. Zudem
kann seinen Bedürfnissen nötigenfalls durch medizinische Rückkehrhilfe
(zum Beispiel in der Form der Mitnahme eines Medikamentenvorrats aus
der Schweiz) Rechnung getragen werden (vgl. Art. 93 Abs. 1 Bst. d AsylG,
Art. 75 AsylV 2).
7.3.4 Unter Berücksichtigung aller wesentlichen Gesichtspunkte erweist
sich der Vollzug der Wegweisung sowohl unter allgemeinen als auch unter
individuellen Gesichtspunkten als zumutbar. Die Rüge, wonach das SEM
den Sachverhalt nicht unter Berücksichtigung der besonderen Umstände,
in welchen sich der Beschwerdeführer befand, festgestellt haben soll, er-
weist sich nach dem Gesagten als unbegründet.
D-5873/2019
Seite 22
7.4 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und BVGE 2008/34
E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu bezeich-
nen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
7.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
8.
Aus den angestellten Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Ver-
fügung Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt rich-
tig sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG, Art. 49 VwVG) und
– soweit diesbezüglich überprüfbar – angemessen ist. Es erübrigt sich da-
her, auf die weiteren geltend gemachten Beschwerdevorbringen und ein-
gereichten Beweismittel einzugehen. Die Beschwerde ist folglich abzuwei-
sen.
9.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem Beschwerdefüh-
rer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.– fest-
zusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten
und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE,
SR 173.320.2]). Dabei ist zur Begleichung der Verfahrenskosten der am
4. Januar 2020 in selber Höhe geleistete Kostenvorschuss zu verwenden.
(Dispositiv nächste Seite)
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Seite 23