Decision ID: 2a04a92e-f8b5-5f32-9246-23be5f6994c2
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer suchte am 4. Dezember 2019 in der Schweiz um
Asyl nach. In der Folge wurde er dem Bundesasylzentrum (BAZ)
B._ zugewiesen. Anlässlich der Personalienaufnahme (PA) vom
12. Dezember 2019 und der Anhörung vom 29. April 2020 machte er im
Wesentlichen Folgendes geltend:
Er stamme aus dem Dorf C._, im Distrikt D._ in der Provinz
E._, wo er mit seinen Eltern und seinen Geschwistern gelebt habe.
Aufgrund der Taliban und weil er zusammen mit dem Vater für den Lebens-
unterhalt der Familie habe aufkommen müssen, sei er nicht zur Schule ge-
gangen. Er habe unter anderem in einem Restaurant, in einer Autowerk-
statt und schliesslich bis zu seiner Ausreise als Taxifahrer gearbeitet. Er
habe hauptsächlich Personen von F._ an der offiziellen Grenze
nach Pakistan vorbei über zwei Militärposten nach G._ in Pakistan
gefahren. Eines Tages habe er einen Fahrgast von G._ mitgenom-
men, der zwei Speiseölkanister bei sich gehabt habe. Diese seien im Kof-
ferraum verstaut worden. Anlässlich der Kontrolle am afghanischen Militär-
posten sei auch der Kofferraum durchsucht worden. Dabei habe sich her-
ausgestellt, dass der Inhalt der Kanister nicht aus Speiseöl bestanden
habe, sondern Stoffe für die Bombenherstellung gewesen seien. Die Sol-
daten hätten ihn zunächst der Zusammenarbeit mit diesem Fahrgast ver-
dächtigt, die anderen Fahrgäste hätten ihn jedoch entlastet. Der Fahrgast
sei in der Folge von den Soldaten mitgenommen worden. Man habe die
Personalien und die Autonummer des Beschwerdeführers notiert sowie
ihm eine Telefonnummer ausgehändigt, um sich bei allfälligen Problemen
melden zu können. Zuhause habe er seinem Vater davon berichtet, wel-
cher ihm vorgeschlagen habe, in den nächsten Tagen zu Hause zu bleiben.
Er sei in der Folge vom Militärposten für eine Aussage aufgeboten worden.
Er sei zum Fahrgast befragt und darauf hingewiesen worden, alles Ver-
dächtige zu melden. Zwei Tage nach dem Vorfall habe er einen Anruf von
den Taliban erhalten. Der unbekannte Anrufer habe ihn zu einem Treffen
aufgefordert, worauf er ausweichend geantwortet habe. Darauf habe man
ihn gefragt, wo der Fahrgast inhaftiert worden sei und welche Personen
hierfür verantwortlich gewesen seien. Er habe geantwortet, sich nicht mehr
daran erinnern zu können. Der Anrufer habe ihm zwei Stunden Zeit gege-
ben, um darüber nachzudenken. Sein Vater habe ihm geraten, sein Mobil-
telefon auszuschalten und das Problem dem Militärposten zu melden, was
er in der Folge auch getan habe. Sein Vater habe sich sodann auf den Weg
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gemacht, um eine neue Taxiroute zu erkunden, und sei nicht mehr nach
Hause zurückgekehrt. Zwei Tage später sei sein Leichnam von Dorfbewoh-
nern gefunden und in die Moschee gebracht worden. Sie hätten den Vater
noch am selben Tag beerdigt. Seine Mutter habe ihm nahegelegt, das Land
zu verlassen. Tags darauf, es sei im (...) oder (...) 2017 gewesen, sei er zu
einem Freund gegangen, welcher ihm dabei geholfen habe, das Land zu
verlassen. Über Pakistan, den Iran, die Türkei und diverse andere Länder
sei er im (...) 2017 nach Griechenland gelangt, wo er ein Asylgesuch ein-
gereicht habe. Dieses Asylgesuch sei jedoch abgelehnt worden, über den
Ausgang eines Beschwerdeverfahrens wisse er nicht Bescheid. Über Al-
banien, Kosovo, Bosnien, Kroatien, Slowenien und Italien sei er schliess-
lich in die Schweiz gelangt.
Nach seiner Ausreise seien die Taliban noch drei Mal bei seiner Mutter vor-
beigekommen. Beim letzten Mal hätten sie ihr ein ihn betreffendes Droh-
schreiben ausgehändigt. In der Folge habe seine Mutter aus Furcht das
Dorf verlassen und sei zu einem Verwandten gezogen.
Der Beschwerdeführer reichte ein Foto eines angeblichen Drohschreibens
der Taliban inklusive englischer Übersetzung, ein Foto seiner Tazkira sowie
diverse Arztberichte zu den Akten.
B.
Am 7. Mai 2020 gab das SEM dem Beschwerdeführer Gelegenheit, sich
zum Entscheidentwurf zu äussern. Die Stellungnahme erfolgte mit Schrei-
ben vom 8. Mai 2020.
Darin machte der Beschwerdeführer unter anderem erstmals ergänzend
geltend, dass die Behörden ihm gegenüber eine Drohung ausgesprochen
hätten, sollte er sie an die Taliban verraten. Er befürchte deshalb, sowohl
von den Taliban als auch den örtlichen Behörden in asylrelevanter Weise
verfolgt zu werden.
C.
Mit Verfügung vom 12. Mai 2020 – eröffnet gleichentags – verneinte die
Vorinstanz die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers (Dispositiv-
ziffer 1) und lehnte sein Asylgesuch ab (Dispositivziffer 2). Gleichzeitig ord-
nete sie seine Wegweisung aus der Schweiz an (Dispositivziffer 3). Der
Vollzug wurde jedoch aufgrund der Unzulässigkeit zugunsten einer vorläu-
figen Aufnahme aufgeschoben (Dispositivziffer 4-6). Zudem händigte sie
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ihm die editionspflichtigen Akten gemäss Aktenverzeichnis aus (Dispositiv-
ziffer 7). Auf die Begründung wird – soweit wesentlich – in den nachfolgen-
den Erwägungen eingegangen.
D.
Mit Beschwerde vom 11. Juni 2020 an das Bundesverwaltungsgericht be-
antragte der Beschwerdeführer die Aufhebung der angefochtenen Verfü-
gung in den Dispositivziffern 1-3, die Feststellung der Flüchtlingseigen-
schaft und die Gewährung von Asyl. Eventualiter sei die angefochtene Ver-
fügung aufzuheben und die Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz
zurückzuweisen. In prozessualer Hinsicht beantragte er die Gewährung
der unentgeltlichen Prozessführung inklusive Verzicht auf die Erhebung ei-
nes Kostenvorschusses. Auf die Begründung wird – soweit wesentlich – in
den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
Der Beschwerdeführer reichte fünf Arztberichte, ein Schreiben an das SEM
vom (...) Mai 2020 sowie einen elektronischen Schriftverkehr mit dem SEM
vom (...) Juni 2020 ins Recht.
E.
Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am
12. Juni 2020 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 1 AsylG
[SR 142.31]).

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend – endgül-
tig (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
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daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (vgl. BVGE 2014/26
E. 5).
3.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachste-
hend aufgezeigt, handelt es sich vorliegend um eine solche, weshalb das
Urteil nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG).
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). Das Bundesverwaltungsge-
richt hat die Anforderungen an das Glaubhaftmachen in verschiedenen
Entscheiden dargelegt und folgt dabei ständiger Praxis (vgl. BVGE 2015/3
E. 6.5.1 m.w.H.).
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5.
5.1 Die Vorinstanz befand in ihrem Asylentscheid, dass die vom Beschwer-
deführer vorgebrachten Nachteile keine asylbeachtliche Verfolgung im
Sinne von Art. 3 AsylG darstellten, da sie der allgemeinen politischen und
kriegerischen Lage in Afghanistan geschuldet seien.
Die von ihm geschilderten Probleme mit den Taliban hätten einen rein kri-
minellen Ursprung. Als Taxifahrer sei er unschuldigerweise an der Entde-
ckung der geschmuggelten Bestandteile für die Herstellung von Bomben
beteiligt gewesen. Deswegen sei er in der Folge von den Taliban bedroht
worden. Die eingereichten Beweismittel bekräftigten diese Einschätzung.
Dieser Schluss werde auch dadurch bestätigt, dass er an der Anhörung
erwähnt habe, die Taliban hätten durch den Telefonanruf lediglich den Auf-
enthaltsort des festgenommenen Taliban herausfinden wollen und dass
dies alles gewesen sei.
Im Weiteren seien seine in der Stellungnahme zum Entscheidentwurf erst-
malig erwähnten Vorbringen in Bezug auf eine mögliche Beschuldigung
des Verrats durch die Behörden nachgeschoben und deshalb nicht glaub-
haft. In der Anhörung habe er seine Rolle in Bezug auf die Behörden an-
ders geschildert und explizit erwähnt, dass der Kommandant ihm geglaubt
habe. Er habe gar eine Telefonnummer erhalten, damit er sich bei erneu-
tem Verdacht hätte melden können, und sei auf die Gefährlichkeit der Tali-
ban hingewiesen worden. Daraus lasse sich in keiner Weise eine Beschul-
digung des Verrats durch die Behörden ableiten. Eine solche habe er an
der Anhörung auch mit keinem Wort erwähnt. Insbesondere sei er auch
gegen Ende der Anhörung zweimal gefragt worden, ob er die Gelegenheit
gehabt habe, alle Asylgründe darzulegen, was er bestätigt habe. Die an
seine Rechtsvertretung gerichtete Frage, ob Fragen oder Themenbereiche
zur korrekten Erstellung des Sachverhaltes beständen, sei ebenfalls un-
missverständlich verneint worden. Dass es sich beim erwähnten Komman-
danten um Colonel H._ handle – dessen Name er entgegen der
Darstellung seiner Rechtsvertretung bei der Anhörung nicht erwähnt habe
– und der gemäss dem nachgereichten Zeitungsartikel nach seiner Aus-
reise bei einem Attentat der Taliban umgekommen sei, ändere nichts an
dieser Einschätzung. Ein Zusammenhang zwischen seinen Vorbringen und
dem Tod des Colonels sei aus den Akten nicht ersichtlich. Folglich könne
daraus nicht abgeleitet werden, dass er aus einem asylrechtlich relevanten
Grund von den Taliban verfolgt worden sei.
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5.2
5.2.1 Zur Begründung seiner Beschwerde brachte der Beschwerdeführer
zunächst neue Sachverhaltselemente vor, in deren Zusammenhang er ver-
fahrensrechtliche Rügen erhebt. Im Jahr 2019 sei der Cousin des Be-
schwerdeführers – der zu der Zeit seine Mutter und Geschwister beher-
bergt habe – von der Polizei mitgenommen und gefragt worden, weshalb
die Familie des Beschwerdeführers bei ihm lebe. Sie hätten überdies sei-
nen Aufenthaltsort wissen wollen. Im Frühjahr 2020 sei die Familie wiede-
rum von Polizisten aufgesucht worden. Sie hätten nach ihm gefragt und
das Haus durchsucht. Daraufhin sei seine Mutter mit seinen Geschwistern
in eine andere Stadt gezogen.
Diese wichtigen Ereignisse seien ihm aufgrund seines schlechten Zu-
stands an der Anhörung entfallen. Durch seine somatischen und psychi-
schen gesundheitlichen Beschwerden sowie das Fasten während des Ra-
madan sei er an der Anhörung sehr geschwächt und seine Konzentration
eingeschränkt gewesen. Seine Rechtsvertretung habe das SEM in der
Stellungnahme zum Entscheidentwurf darauf hingewiesen, dass der Sach-
verhalt nicht vollständig erstellt worden sei und eine vertiefte Anhörung be-
antragt. Am 11. Mai 2020 (recte: 8. Mai 2020) sei er darüber informiert wor-
den, dass aufgrund der Stellungnahme sowie der Konsultation der Akten
eine zweite Anhörung angesetzt werden sollte. Dem widersprechend sei
am 12. Mai 2020 der Asylentscheid ergangen. Eine vertiefte Abklärung des
Sachverhalts wäre zwingend erforderlich gewesen. Dadurch habe das
SEM den Untersuchungsgrundsatz sowie sein rechtliches Gehör verletzt.
Indem das SEM die mit der Stellungnahme vorgebrachten neuen Tatsa-
chen pauschal für unglaubhaft befunden und nicht entsprechend gewürdigt
habe, sei zudem die Begründungspflicht verletzt.
Ebenso habe die Vorinstanz den medizinischen Sachverhalt im Hinblick
auf seine PTBS (posttraumatische Belastungsstörung) und mit Blick auf die
Glaubhaftigkeit der neuen Vorbringen weder genügend abgeklärt noch im
Entscheid berücksichtigt.
5.2.2 In materieller Hinsicht machte der Beschwerdeführer im Wesentli-
chen geltend, sowohl von den Taliban als auch den afghanischen Behör-
den in asylrelevanter Weise verfolgt zu werden.
Seine Furcht, bei einer Rückkehr von den Taliban aufgespürt und getötet
zu werden, erscheine vor dem Hintergrund der Umstände der Ermordung
seines Vaters plausibel und nachvollziehbar. Aus Sicht der Taliban habe er
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sich als Gegner exponiert, da beim Zwischenfall mit den Kanistern des
Fahrgastes eines ihrer Mitglieder verhaftet worden sei. Er habe anschlies-
send auch mit den Polizeibehörden zusammengearbeitet, indem er am
Verhör teilgenommen habe. Da er den Taliban die gewünschten Informati-
onen nicht geliefert habe, würden diese ihn der Zusammenarbeit mit der
Polizei verdächtigen. Es könne zudem davon ausgegangen werden, dass
die Taliban von seiner Kontaktaufnahme mit dem Kommandanten der
Grenzpolizei nach dem Telefonat erfahren hätten. Er sei in den Augen der
Taliban somit ein Verräter und entspreche dem vom Bundesverwaltungs-
gericht definierten Risikoprofil, womit er einem erhöhten Verfolgungsrisiko
ausgesetzt sei. Die afghanische Polizei könne ihm keinen Schutz bieten.
Diese wäre in seinem Fall auch nicht schutzwillig. Da der Vater in der öf-
fentlichen Moschee aufgebahrt worden sei, sei anzunehmen, dass die Po-
lizei von der Ermordung Kenntnis gehabt habe. Da er kurz darauf ver-
schwunden und der Kommandant H._ ein halbes Jahr später bei
einem Attentat getötet worden sei, befürchte er, dass die Polizei ihn des
Verrats verdächtige. Die Befürchtung basiere auf dem Umstand, dass
seine Familie durch die Polizei aufgespürt, nach seinem Verbleib gefragt
und sein Cousin zu einem Verhör mitgenommen worden sei. Die Polizei
habe dem Beschwerdeführer bei seinem Verhör auch gesagt, man würde
ihm nicht verzeihen, wenn er die Behörden an die Taliban verraten würde.
Deshalb befürchte er, dass sich die Polizei bei seiner Rückkehr für den
vermeintlichen Verrat an ihm rächen würde.
6.
6.1 Nach Prüfung der Akten gelangt das Bundesverwaltungsgericht zum
Schluss, dass das SEM den Sachverhalt korrekt erstellt und gewürdigt so-
wie die Vorbringen des Beschwerdeführers zu Recht für nicht asylrelevant,
respektive – bezogen auf die mit der Stellungnahme zum Entscheidentwurf
erstmalig erwähnten Sachverhaltselemente – für unglaubhaft befunden
hat. Die mit der Beschwerdeschrift geltend gemachten neuen Vorbringen
vermögen an dieser Einschätzung nichts zu ändern, zumal diese zur
Hauptsache auf reinen Vermutungen basieren. Zur Vermeidung von Wie-
derholungen kann mit den nachfolgenden Erwägungen daher auf die zu-
treffenden Erwägungen der Vorinstanz in der angefochtenen Verfügung
(dort E. II; vgl. auch Zusammenfassung in E. 5.1) verwiesen werden.
6.2 Vorab ist auf die formellen Rügen der Verletzung der Untersuchungs-
pflicht sowie der Begründungspflicht respektive der Verletzung des rechtli-
chen Gehörs des Beschwerdeführers durch die Vorinstanz im Zusammen-
hang mit seinen neuen Vorbringen sowie der PTBS einzugehen (vgl. hierzu
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die detaillierte Wiedergabe der Rügen in E. 5.2.1), da diese allenfalls ge-
eignet wären, eine Kassation der angefochtenen Verfügung zu bewirken.
6.2.1 Entgegen der Ansicht des Beschwerdeführers hat die Vorinstanz die
mit der Stellungnahme vorgebrachten neuen Tatsachen – namentlich die
Bedrohung durch die Behörden – in ihrem Asylentscheid nicht lediglich
«pauschal» für unglaubhaft befunden. Vielmehr hat sie sich ausreichend
ausführlich mit diesem Vorbringen auseinandergesetzt und diese im Kon-
text seiner Aussagen anlässlich der Anhörung gewürdigt. Aus den entspre-
chenden Erwägungen geht nachvollziehbar hervor, wie und weshalb die
Vorinstanz zur Schlussfolgerung gelangte, dieses Vorbringen sei nachge-
schoben und somit nicht glaubhaft. Damit war dem Beschwerdeführer eine
sachgerechte Anfechtung der Verfügung ohne weiteres möglich. Eine Ver-
letzung der Begründungspflicht ist nicht ersichtlich.
Dem Anhörungsprotokoll sind im Weiteren keine Anzeichen zu entnehmen,
welche auf eine unvollständige Sachverhaltsschilderung des Beschwerde-
führers – und insbesondere auf eine Drohung seitens der Behörden –
schliessen liessen. Im Gegenteil: Wie das SEM zu Recht anführt, erhellt
sich aus seinen Schilderungen vielmehr ein grundsätzlich gutes und res-
pektvolles Verhältnis zu den involvierten Beamten. Der Beschwerdeführer
erhielt ausreichend Gelegenheit, sämtliche Asylgründe darzulegen (vgl.
vorinstanzliche Akten 1058144-43 [nachfolgend Akte 43], F91, F95, F97,
F100, F116 und F118). Für die Vorinstanz bestand somit kein Anlass, wei-
tere Sachverhaltsabklärungen vorzunehmen und eine Verletzung des Un-
tersuchungsgrundsatzes kann verneint werden.
Dies gilt auch für die diagnostizierte PTBS des Beschwerdeführers, zumal
diese nicht geeignet ist, die verspäteten Vorbringen zu erklären. Die Diag-
nose der PTBS findet sich erstmals im Arztbericht vom (...) April 2020 (vgl.
Akte 19, Beweismittel Nr. 9; vgl. zuletzt Arztbericht vom (...) Mai 2020, Akte
57). Eine mangelnde Konzentrationsfähigkeit wird indessen in den äus-
serst knappen Arztberichten nicht erwähnt. Aus den Akten ergeben sich
auch lediglich allgemeine Hinweise, dass er an der Anhörung – aufgrund
seines Fastens – in etwas geschwächtem Zustand erschienen ist (vgl. Akte
43, Einleitende Fragen, S. 2, F41, F91). Es liegen jedoch keine Anzeichen
für eine ungenügende Vernehmungsfähigkeit vor. Er wurde von seiner
Rechtsvertretung eingangs dazu ermuntert, sich zu melden, falls er eine
Pause benötige (vgl. Akte 43, F41). An der Anhörung wurde er überdies
noch einmal darauf hingewiesen, allfällige gesundheitliche Beeinträchti-
gungen, welche für sein Asylverfahren massgeblich seien, zu melden. In
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der Folge wurde noch einmal ausführlich über seinen Gesundheitszustand
gesprochen (vgl. Akte 43, F 82 ff.). Dabei machte der Beschwerdeführer
auf das bevorstehende psychologische Erstgespräch am (...) April 2020
aufmerksam. Er führte weiter aus, aufgrund seiner Kopfschmerzen, Schlaf-
probleme und Alpträume einen Psychologen sehen zu wollen (vgl. Akte 43,
F84 ff.). Allfällige Schwierigkeiten in Bezug auf die Anhörung oder seine
Erinnerungsfähigkeit wurden aber weder von ihm geäussert, noch sind sol-
che aufgrund der Aktenlage erkennbar. Er war denn auch an anderer Stelle
problemlos in der Lage, seine Ausführungen nachträglich zu korrigieren
und zu ergänzen (vgl. Akte 43, F93 ff.). Eine von ihm erbetene Pause wurde
ohne weiteres gewährt (vgl. Akte 43, F92). Im weiteren Verlauf der Anhö-
rung beklagten sich weder der Beschwerdeführer selbst noch die anwe-
sende Rechtsvertretung über eine mangelnde Vernehmungsfähigkeit. Ein-
wände zum Protokoll wurden keine angebracht. Nach dem Ausgeführten
sind die nicht erwähnten – und erst später nachgeschobenen – Aspekte
des Sachverhalts nicht auf etwaige Konzentrationsschwierigkeiten oder
eine ungenügende Vernehmungsfähigkeit anlässlich der Anhörung zurück-
zuführen.
Die Vorinstanz hat folglich zu Recht auf die protokollierten Aussagen des
Beschwerdeführers abgestellt. Der rechtserhebliche Sachverhalt wurde
von der Vorinstanz richtig und vollständig erstellt.
6.2.2 Die formellen Rügen erweisen sich somit als unbegründet und es be-
steht kein Anlass, die angefochtene Verfügung aus diesen Gründen aufzu-
heben und an die Vorinstanz zurückzuweisen.
6.3
6.3.1 Hinsichtlich der an der Anhörung geltend gemachten Verfolgung des
Beschwerdeführers durch die Taliban kann vollumfänglich auf die zutref-
fenden Erwägungen der Vorinstanz verwiesen werden, denen das Gericht
nichts anzufügen hat. Zu den Argumenten des Beschwerdeführers auf Be-
schwerdeebene ist ergänzend Folgendes festzuhalten:
Aus dem Verweis des Beschwerdeführers auf die Rechtsprechung des
Bundesverwaltungsgerichts zu exponierten Personen, welche ein erhöhtes
Verfolgungsrisiko durch die Taliban aufweisen (vgl. an Stelle vieler: Urteil
des BVGer D-2879/2018 vom 7. Mai 2020 E. 7.4.2), kann er nichts zu sei-
nen Gunsten ableiten. Es ergeben sich aus den von ihm geschilderten Er-
eignissen keine konkreten Hinweise darauf, dass er von den Taliban als
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Unterstützer der afghanischen Regierung oder der internationalen Ge-
meinschaft wahrgenommen wird. Es ergeben sich aus den Akten auch
keine konkreten Hinweise darauf, dass die Taliban ihn der Zusammenarbeit
mit der Polizei verdächtigen würden oder von seiner Kontaktaufnahme mit
dem Kommandanten nach dem angeblichen Anruf der Taliban erfahren
hätten. Bezeichnenderweise enthält auch der dem SEM eingereichte Droh-
brief der Taliban (vgl. Akte 19, Beweismittel Nr. 6) – dessen Echtheit vorlie-
gend offengelassen werden kann – der Übersetzung nach zu urteilen keine
diesbezüglichen Vorwürfe. Die angebliche Tötungsabsicht der Taliban wird
damit begründet, dass er der telefonischen Aufforderung, den für die Ver-
haftung verantwortlichen Militärposten respektive die verantwortlichen Po-
lizisten zu verraten, nicht nachgekommen sei (vgl. a.a.O. «[...] many times
instructed you on telephone that tell us those check post and also Police
Man, but you did not follow the orders, so we killed your father, and now
we are force to kill you as well» [sic!]). Bei den diesbezüglichen Befürch-
tungen des Beschwerdeführers handelt es sich lediglich um Vermutungen,
welche keinerlei Stütze in den Akten finden. Die Schlussfolgerung des
SEM, dass der Verfolgung durch die Taliban kein Verfolgungsmotiv im
Sinne von Art. 3 AsylG zugrunde liegt, ist demnach zu stützen.
6.3.2 Betreffend die erstmalig in der Stellungnahme zum Entscheidentwurf
erwähnte Drohung der afghanischen (Polizei-)Behörden sowie den geltend
gemachten Zusammenhang zwischen dem Attentat auf den Kommandan-
ten und seinen Verfolgungsvorbringen schliesst sich das Gericht den zu-
treffenden Erwägungen der Vorinstanz vollumfänglich an. Eine Verfolgung
durch die afghanischen Behörden findet keinerlei Stütze in den Befragun-
gen und wurde vom SEM zu Recht als nachgeschoben und damit unglaub-
haft qualifiziert.
Ebenso sind die auf Beschwerdeebene erstmals geltend gemachten Be-
helligungen seiner in der Heimat verbliebenen Familie durch die Polizei im
Jahr 2019 sowie anfangs 2020 als nachgeschoben und damit als unglaub-
haft zu qualifizieren. Es wäre dem Beschwerdeführer trotz seiner PTBS
(vgl. Ausführungen in E. 6.2.1) problemlos möglich gewesen, diese Vor-
kommnisse an der Anhörung zu erwähnen. Zumindest hätte spätestens mit
der Stellungnahme zum Entscheidentwurf – wo er auch erstmalig die an-
gebliche Bedrohung seitens der Behörden erwähnte – von ihm erwartet
werden können, nun sämtliche «vergessenen» zentralen Sachverhaltsas-
pekte zu thematisieren. Ohnehin wäre selbst bei Wahrunterstellung dieser
Vorbringen den entsprechenden Ausführungen zum zweimaligen Besuch
der Polizei und der Befragung seines Cousins kein konkreter Hinweis auf
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eine asylrelevante Verfolgung zu entnehmen. Es handelt sich dabei ledig-
lich um eine vage Befürchtung des Beschwerdeführers, welche er nicht
weiter zu substanziieren vermochte.
6.4 Nach dem Ausgeführten ist nicht davon auszugehen, dass der Be-
schwerdeführer in Afghanistan von den Taliban oder den afghanischen Be-
hörden in asylrelevanter Weise verfolgt wurde respektive im Falle einer hy-
pothetischen Rückkehr eine solche zu befürchten hätte. Das SEM hat so-
mit zu Recht seine Flüchtlingseigenschaft verneint und sein Asylgesuch
abgelehnt.
7.
Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt
es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug
an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44
AsylG).
Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine ausländer-
rechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung
einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht ange-
ordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
8.
Nachdem das SEM in seiner Verfügung vom 12. Mai 2020 die Unzulässig-
keit des Wegweisungsvollzugs feststellte und die vorläufige Aufnahme an-
ordnete, erübrigen sich praxisgemäss weitere Ausführungen zur Zumutbar-
keit und Möglichkeit des Wegweisungsvollzugs.
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig
sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist ab-
zuweisen.
10.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem Beschwerdefüh-
rer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.– fest-
zusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten
und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR
173.320.2]).
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Angesichts der aus den vorstehenden Erwägungen hervorgehenden Aus-
sichtslosigkeit der Beschwerde ist das Gesuch um Gewährung der unent-
geltlichen Prozessführung abzuweisen. Jenes um Verzicht auf die Erhe-
bung eines Kostenvorschusses ist mit dem vorliegend instruktionslos erge-
henden, verfahrensabschliessenden Urteil in der Sache hinfällig.
(Dispositiv nächste Seite)
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