Decision ID: f17f2624-fdd9-49a0-aa9a-523704782134
Year: 2008
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
O._,
Beschwerdeführer,
gegen
Basler Versicherungs-Gesellschaft, Aeschengraben 21, Postfach, 4002 Basel,
Beschwerdegegnerin,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Simon Krauter, S-E-K Advokaten, Dorfstrasse 21,
8356 Ettenhausen TG,
betreffend
Invalidenrente (versicherter Verdienst)
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Sachverhalt:
A.
A.a Der 1949 geborene O._ war bei A._ und der B._ tätig und dadurch bei der
Basler Versicherungs-Gesellschaft (nachfolgend: Unfallversicherung) unfallversichert,
als er am 12. Oktober 1997 in C._ einen Autounfall erlitt, bei welchem er sich
gesundheitliche Beeinträchtigungen im Bereich der Halswirbelsäule und der linken
Schulter zuzog (UV-act. 2/161, 7/34, 7/64). Anlässlich eines weiteren Autounfalls vom
24. Februar 2002 in Südafrika zog er sich Kopf-, Schulter- und Armverletzungen zu
(UV-act. 2/79). Im Zeitpunkt dieses Unfalls war er für die D._ tätig und dadurch
ebenfalls bei der Unfallversicherung versichert. Diese anerkannte ihre Leistungspflicht
für beide Ereignisse. Die Invalidenversicherung richtete dem Versicherten ab Januar
2000 eine IV-Rente auf der Basis eines IV-Grads von 50% und ab Juni 2001 eine
solche auf der Basis eines IV-Grads von 70% aus (UV-act. 7/12, 1/6).
A.b Nach Durchführung von medizinischen Behandlungen und Abklärungen sprach
die Unfallversicherung dem Versicherten am 20. März 2007 verfügungsweise eine
Invalidenrente (als Komplementärrente zur IV-Rente) mit Wirkung ab 1. Februar 2007
auf der Basis eines IV-Grads von 89 % zu. Der Rentenberechnung legte sie einen
versicherten Jahresverdienst von Fr. 91'094.70 (Verdienst im Jahr vor dem
Rentenbeginn) zugrunde (UV-act. 5/17 ff). Die hiegegen vom Versicherten erhobene
Einsprache vom 4. April 2007 (UV-act. 5/8) wies die Unfallversicherung mit
Einspracheentscheid vom 26. Oktober 2007 ab.
B.
B.a Gegen diesen Entscheid erhob der Versicherte mit Eingabe vom 21. November
2007 Beschwerde. Er beantragte sinngemäss die Zugrundelegung eines versicherten
Jahresverdienstes von Fr. 98'800.-- (Fr. 7'600.-- x 13). Zur Begründung legte er dar, die
Beschwerdegegnerin ziehe Löhne aus den Jahren 1998, 1999 und 2000 heran, obwohl
er den entscheidenden Unfall für die definitive Invalidität erst am 24. Februar 2002
erlitten habe. Durch den Unfall im Jahr 1997 sei keine Vollinvalidität gegeben gewesen.
Auch habe sich in den Jahren 2001 bis 2006 seine Stellung bei der D._ dahingehend
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
verbessert, als er die Betreuung der Kunden in Afrika übernommen habe. Deshalb habe
die D._ auf Anfrage der Beschwerdegegnerin auch bestätigt, dass er bei 100%
Arbeitsfähigkeit Fr. 119'600.-- (2005) und Fr. 127'400.-- (2006) verdient hätte.
B.b In der Beschwerdeantwort vom 14. Dezember 2007 beantragte Rechtsanwalt lic.
iur. Simon Krauter, Ettenhausen-Aadorf, für die Unfallversicherung Abweisung der
Beschwerde. Zur Begründung verwies er auf die Ausführungen im angefochtenen
Entscheid und legte unter anderem dar, bei der Festsetzung des versicherten
Verdienstes sei beim angestammten Arbeitsverhältnis anzuknüpfen.
Arbeitsverhältnisse, die erst nach dem Unfallereignis angetreten würden, fielen ausser
Betracht. Veränderungen des von der versicherten Person ohne den Versicherungsfall
mutmasslich erzielbaren Jahresverdienstes sollten keinen Einfluss auf die Rente der
Unfallversicherung haben. Vom Beschwerdeführer bzw. von dessen Arbeitgeberin
seien zum Teil sehr unterschiedliche bzw. widersprüchliche Angaben zum Einkommen
gemacht worden. Da mit grosser Wahrscheinlichkeit erst der zweite Verkehrsunfall vom
24. Februar 2002 zu einer insgesamt beinahe vollständigen Invalidität des
Beschwerdeführers geführt habe, rechtfertige es sich, grundsätzlich auf die
Einkommensverhältnisse im Jahr 2002 abzustellen. Da nach der Rechtsprechung
lediglich die allgemeine, d.h. nicht eine individuelle Lohnentwicklung zu
berücksichtigen sei und andere Faktoren keine Rolle spielen dürften, sei die von der
Beschwerdegegnerin vorgenommene Anpassung des versicherten Verdienstes an die
allgemeine statistische Lohnentwicklung nicht zu beanstanden, zumal sie mit dem
Einverständnis des Beschwerdeführers erfolgt sei. Zudem deute nichts darauf hin, dass
der Beschwerdeführer ohne Unfall in eine besser bezahlte Stellung gewechselt hätte.
B.c Mit Replik vom 21. Januar 2008 hielt der Beschwerdeführer an seinem
Standpunkt fest. In der Duplik vom 1. Februar 2008 bestätigte der Rechtsvertreter der
Beschwerdegegnerin seinen Antrag und seine Ausführungen.

Erwägungen:
1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
1.1 Vorliegend ist streitig, welcher versicherte Verdienst der ab 1. Februar 2007
laufenden Rente des Beschwerdeführers zugrunde zu legen ist. - Als versicherter
Verdienst gilt für die Bemessung der Renten der (nach der Bundesgesetzgebung über
die AHV massgebende) innerhalb eines Jahres vor dem Unfall bezogene Lohn (Art. 15
Abs. 1 UVG und Art. 22 Abs. 2 UVV). Beginnt die Rente mehr als fünf Jahre nach dem
Unfall, so ist der Lohn massgebend, den die versicherte Person ohne den Unfall im
Jahr vor dem Rentenbeginn bezogen hätte, sofern er höher ist als der letzte vor dem
Unfall erzielte Lohn (Art. 24 Abs. 2 UVV). Im Rahmen von Art. 24 Abs. 2 UVV sind nach
der Rechtsprechung lediglich die allgemeine Lohnentwicklung, nicht aber andere den
versicherten Verdienst beeinflussende Änderungen in den erwerblichen Verhältnissen
zu berücksichtigen. Art. 24 Abs. 2 UVV soll lediglich verhindern, dass die versicherte
Person zufolge Verzögerung in der Rentenfestsetzung einen Nachteil erleidet, wenn die
Löhne steigen (BGE 127 V 165 Erw. 3b). Der versicherte Verdienst und das
Erwerbseinkommen, das die versicherte Person erzielen könnte, wenn sie nicht invalid
geworden wäre (Valideneinkommen), bemessen sich nicht nach den gleichen Kriterien.
Vielmehr entspricht es dem Willen des Gesetzgebers, dass Veränderungen des von der
versicherten Person ohne den Versicherungsfall mutmasslich erzielbaren
Jahresverdienst keinen Einfluss auf die Rente der Unfallversicherung haben sollen
(RKUV 1999 U 328, 110 Erw. 3c am Schluss). Bei der Auslegung von Art. 24 Abs. 2
UVV ist nicht jeder Bezug zur Grundregel des Art. 15 Abs. 1 UVG in Verbindung mit Art.
22 Abs. 4 UVV aufgehoben. Auch wenn die Rente mehr als fünf Jahre nach dem Unfall
beginnt, ist bei der Bestimmung des versicherten Verdienstes an das Arbeitsverhältnis
im Zeitpunkt des versicherten Unfalls anzuknüpfen (RKUV 1999 U 340, 404 Erw. 3c).
Sodann sprechen Sinn und Zweck des Art. 24 Abs. 2 UVV sowie die Taggeldordnung,
aber auch Gründe der Praktikabilität, dafür, bei mehr als fünf Jahre nach dem Unfall
beginnenden Renten bei der Bemessung des versicherten Verdienstes auf die
allgemeine statistische Nominallohnentwicklung im angestammten Tätigkeitsbereich
und nicht auf die Lohnentwicklung beim konkreten Arbeitgeber abzustellen (Urteil des
Eidgenössischen Versicherungsgerichts [EVG; seit 1. Januar 2007: sozialrechtliche
Abteilungen des Bundesgerichts] vom 14. September 2006 i/S B. [U 79/06] Erw. 4.2.3).
1.2 Gemäss Unfallmeldung vom 24. Oktober 1997 belief sich der Lohn des
Beschwerdeführers im Jahr 1997 auf Fr. 6'000.-- pro Monat (Grundlohn) bzw. Fr.
72'000.-- im Jahr (UV-act. 2/161; vgl. auch UV-act. 5/53, 5/57f). Im Fragebogen für den
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Arbeitgeber gab die D._ zuhanden der Invalidenversicherung am 5. November 2000
Jahreslöhne bei voller Erwerbsfähigkeit für 1998/1999 von Fr. 72'000.-- (12 x Fr.
6'000.--) und für 2000 von Fr. 78'000.-- (13 x Fr. 6'000.--) an (UV-act. 7/49f). Aus den
Lohnabrechnungen für 2002 ist ein Brutto-Monatslohn von Fr. 6'825.-- (Fr. 61'425.-- : 9
Monate; UV-act. 2/51) bzw. ein solcher von Fr. 6'860.-- ersichtlich, wobei als
Lohnbestandteile der Bruttolohn von Fr. 6'500.-- zuzüglich Benzin- und Telefonspesen
von insgesamt Fr. 360.-- angegeben wurden (UV-act. UV-act. 2/52). Mit Schreiben vom
23. Oktober 2002 gab die D._ einen Jahreslohn 2002 von Fr. 87'380.-- an (13 x Fr.
6'500.-- + Naturallohnbezüge von Fr. 2'880.--; UV-act. 2/49, 5/25). Im Schreiben vom
19. März 2003 bescheinigte die D._ für 2003 einen Bruttolohn von Fr. 7'600.--
monatlich sowie einen 13. Monatslohn in gleicher Höhe (UV-act. 2/45). Den
Lohnabrechnungen der D._ für 2003 lässt sich ein Monatslohn von Fr. 7'600.-- bzw.
ein Jahresbetreffnis 2003 von Fr. 91'200.-- (diesmal ohne 13. Monatslohn) entnehmen,
und derjenigen für Januar 2004 ein solches von Fr. 8'700.--, wobei die Arbeitgeberin
festhielt, in den Löhnen seien die Taggeldzahlungen der Beschwerdegegnerin
eingerechnet. Überdies vermerkte sie, ohne Unfall vom 24. Februar 2002 und mit einem
100%-Arbeitspensum könnte der Beschwerdeführer ca. Fr. 118'000.-- (2003) bzw. ca.
Fr. 134'000.-- (2004) verdienen (vgl. UV-act. 2/4, 2/8, 2/9, 5/13f, 2/28, 2/29, 2/48). Auf
Anfrage der Beschwerdegegnerin vom 22. Mai 2006, welches Einkommen der
Beschwerdeführer in den Jahren 2005 und 2006 bei einem Pensum von 100% ohne
Unfall erzielt hätte, gab die D._ Bruttolöhne (einschliesslich 13. Monatslohn) von
Fr. 119'600.-- (2005) und Fr. 127'400.-- (2006) an (UV-act. 5/41-43).
1.3 Im Schreiben vom 12. März 2007 machte der Beschwerdeführer geltend, ein
versicherter Verdienst von Fr. 86'911.60, wie ihn die Beschwerdegegnerin vorgesehen
hatte, sei falsch, da bereits der Lohn im Jahr 2002 Fr. 96'200.-- betragen habe (UV-act.
5/28). Hierauf machte die Beschwerdegegnerin den Beschwerdeführer im Rahmen
eines Telefongesprächs auf die Widersprüchlichkeit der Lohnangaben aufmerksam
(UV-act. 5/23). Tatsächlich bescheinigte die Arbeitgeberin wie erwähnt für 2002 ein
Jahresbetreffnis von Fr. 87'380.-- (UV-act. 2/49, 5/25). Ausgehend von den
Arbeitgeberangaben entwickelte sich der Jahreslohn des Beschwerdeführers seit dem
ersten Unfall vom 12. Oktober 1997 von Fr. 72'000.-- (1997) auf Fr. 87'380.-- (2002),
wobei sich am 24. Februar 2002 der zweite Unfall ereignet hatte und der
Beschwerdeführer für 2002 wie erwähnt einen von den Arbeitgeberangaben
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
abweichenden, erheblich höheren Betrag (Fr. 96'200.--) geltend machte. Für 2003 und
2004 ergab sich gemäss Arbeitgeberbescheinigung nochmals eine beträchtliche
Steigerung auf Fr. 91'200.-- bzw. Fr. 98'800.-- (Fr. 7'600.-- x 12 bzw. x 13) und Fr.
104'400.-- (Fr. 8'700.-- x 12). Diese Einkommenserhöhungen im Nachgang zu den
beiden Unfällen lassen sich - soweit sie mit Blick auf die erwähnten Widersprüche und
den Umstand, dass im individuellen Konto seit 2000 keine Einträge mehr erfolgt waren
(vgl. UV-act. 2/11ff), überhaupt als belegt gelten können - nicht mit der allgemeinen
Lohnentwicklung erklären. Wenn die Arbeitgeberin auf den Lohnbelegen überdies
Jahreseinkommen von Fr. 118'000.-- (2003; UV-act. 2/9), Fr. 134'000.-- (2004; UV-act.
2/8), Fr. 119'600.-- (2005; UV-act. 5/42) und Fr. 127'400.-- (2006; UV-act. 5/41)
meldete, so ist festzuhalten, dass es sich dabei offenbar um mutmassliche Beträge
handelt, welche allenfalls als Basis des Valideneinkommens in Betracht kommen.
Grundlage für die Bemessung des versicherten Verdienstes können diese Beträge zum
vornherein nicht bilden (vgl. dazu auch vorstehende Erwägung 1.1). Unter diesen
Umständen lässt es sich grundsätzlich nicht beanstanden, dass die
Beschwerdegegnerin als Basis für die Bemessung des versicherten Verdienstes den
Lohn des Jahres 2002 nahm und diesen anhand der statistischen Lohnentwicklung an
die Verhältnisse des Jahres 2006 anpasste (UV-act. 5/24). Diese Lösung erscheint
insofern vertretbar, als sie den gegebenen Unwägbarkeiten und Widersprüchen
gerecht wird, mit den dargelegten rechtlichen Voraussetzungen in Einklang steht und
zugunsten des Beschwerdeführers auch die erhebliche Einkommensentwicklung im
Jahr 2002 noch berücksichtigt. Weitere Abklärungen wären nicht geeignet, ein mit den
tatsächlichen Verhältnissen überwiegend wahrscheinlich besser übereinstimmendes
Resultat zu erbringen. Hingegen haben sich bei den Berechnungen der
Beschwerdegegnerin insofern Fehler eingeschlichen, als sie die
Nominallohnentwicklung 2002 mit Fr. 1'123.30 (statt Fr. 1'223.30) berücksichtigte und
bei der Nominallohnentwicklung für 2005 und 2006 von je einem Prozent (statt 1.2%
für 2005 und 1.6% für 2006 gemäss Lohnstatistikerhebungen des Bundesamtes für
Statistik) ausgegangen war. Die nominelle Anpassung des Lohnes 2002 an die
Verhältnisse des Jahres 2006 (Verdienst im Jahr vor dem Rentenbeginn) führt
dementsprechend zu einem Betrag von Fr. 91'378.30 (statt Fr. 91'094.70).
2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Im Sinn der vorstehenden Erwägungen ist die Beschwerde unter Aufhebung des
Einspracheentscheids vom 26. Oktober 2007 in dem Sinn gutzuheissen, dass der
versicherte Verdienst für die ab Februar 2007 laufende Rente des Beschwerdeführers
auf Fr. 91'378.30 festgelegt wird. Gerichtskosten sind keine zu erheben (Art. 61 lit. a
ATSG).
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 53 GerG