Decision ID: 018b088f-01dd-5730-b46b-52ec1a38a7be
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Gemäss den Protokollen der jeweiligen Personalienaufnahme von
A._ (Beschwerdeführer) und B._ (Beschwerdeführerin) vom
17. Dezember 2019 verliessen die Beschwerdeführenden am (...) Dezem-
ber 2019 Kolumbien und suchten am 11. Dezember 2019 in der Schweiz
um Asyl nach.
B.
B.a Anlässlich seiner Anhörung vom 20. Januar 2020 brachte der Be-
schwerdeführer im Wesentlichen vor, er sei in E._ (Departamento
Caldas) geboren und im Jahr 1986 nach Cali respektive F._ (De-
partamento Valle del Cauca) gezogen. Nach der Scheidung der Eltern im
Jahr 1990 habe er bis zu seinem Militärdienst bei verschiedenen Familien-
mitgliedern gelebt. Im Jahr 1997 habe er sich in F._ – zunächst bei
seinem Bruder – niedergelassen (Vorhabens-Nr. [...], A14 F8 f.). Im Jahr
2010 sei dieser Bruder (G._) erschossen worden (A14 F10 und 81).
Zur Begründung seines Asylgesuchs brachte der Beschwerdeführer im
Wesentlichen vor, er sei bis Ende September 2019 als (...) angestellt ge-
wesen (A14 F18 ff.). Ausserdem habe er im Jahr 2013 mit seinem Bruder
H._ (A14 F30) ein Geschäft in I._ (Departamento Cauca)
gegründet und seither geführt (A14 F18 ff. und 44 ff.). Von ihnen sei, wie
von vielen andern (A14 F53), seit (...) 2019 mehrmals eine Zahlung von
20 Mio. kolumbianischen Pesos unter Androhung von Gewalt gefordert
worden (A14 F50 ff.). Es sei unklar, wer hinter dieser Schutzgelderpres-
sung stehe (A14 F52). Sein Bruder habe schon am (...) 2019 versucht, bei
der Polizei Schutz zu beantragen (A14 F50). Am (...) und (...) 2019 sei der
Beschwerdeführer im Geschäft mit dem Leben bedroht worden, weshalb
er anschliessend nicht mehr dorthin gegangen sei (A14 F50 und 59). Am
(...) 2019 habe er bei der Polizei Anzeige erstattet. Nach weiteren Drohan-
rufen habe sein Bruder am (...) 2019 nochmals erfolglos versucht, bei der
Staatsanwaltschaft Anzeige zu erstatten (A14 F50, 68 ff. und 84 ff.). Weil
der Beschwerdeführer das Leben seiner Familie habe schützen wollen und
schon sein anderer Bruder, welcher 2010 ebenfalls bedroht worden sei,
umgekommen sei (A14 F67 und 81 f.), sei er schliesslich mit seiner Familie
aus Kolumbien ausgereist (A14 F50).
B.b Die Beschwerdeführerin brachte an ihrer Anhörung vom 20. Januar
2020 keine eigenen Asylgründe vor (A34 F64 ff.).
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C.
Am 28. Januar 2020 erhielt die Rechtsvertretung Gelegenheit, zum Ent-
scheidentwurf des SEM Stellung zu nehmen. Sie nahm diese Gelegenheit
mit Schreiben vom 29. Januar 2020 unter Hinweis auf einen Zeitungsartikel
der Wiener Zeitung Online (vom 23. November 2019) und auf eine Beilage
eines Artikels vom 30. Dezember 2019 wahr.
D.
Mit Verfügung vom 30. Januar 2020 verneinte das SEM die Flüchtlingsei-
genschaft der Beschwerdeführenden, lehnte ihre Asylgesuche ab, wies sie
aus der Schweiz weg und ordnete den Vollzug dieser Wegweisung an. Auf
die Begründung dieses Entscheides wird – soweit entscheidwesentlich –
später eingegangen.
E.
Gegen diese Verfügung reichten die Beschwerdeführenden durch ihre
Rechtsvertretung am 10. Februar 2020 Beschwerde beim Bundesverwal-
tungsgericht ein. Dabei beantragten sie, dass sie nach Aufhebung der Zif-
fern 3 bis 5 des Verfügungsdispositivs aufgrund der Unzulässigkeit vorläu-
fig aufzunehmen seien. Eventualiter sei die Sache zur erneuten Sachver-
haltsabklärung an die Vorinstanz zurückzuweisen. In verfahrensrechtlicher
Hinsicht sei auf die Erhebung eines Kostenvorschusses zu verzichten und
die unentgeltliche Prozessführung zu gewähren. Auf die Begründung der
Rechtsmitteleingabe wird – soweit entscheidwesentlich – in den nachfol-
genden Erwägungen eingegangen.
Gleichzeitig reichten sie einen Bericht von SWP-Aktuell (Stiftung Wissen-
schaft und Politik) vom August 2019 («Kolumbien auf dem Weg zum Mini-
malfrieden») und zwei Berichte über die Heimatregion der Beschwerdefüh-
renden ein.
F.
Mit Verfügung vom 12. Februar 2020 hiess die Instruktionsrichterin das Ge-
such um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung (Art. 65 Abs. 1
VwVG) gut und verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses.
Die Vorinstanz wurde gleichzeitig zur Einreichung einer Vernehmlassung
eingeladen.
G.
Das SEM reichte am 18. Februar 2020 seine Vernehmlassung ein und
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stellte zusammenfassend fest, die Beschwerde enthalte keine neuen er-
heblichen Tatsachen oder Beweismittel, welche eine Änderung seines
Standpunktes rechtfertigen könnten. Auf die Begründung wird – soweit ent-
scheidwesentlich – später eingegangen.
H.
Am 2. März 2020 nahmen die Beschwerdeführenden ihr Replikrecht wahr.
Auf die Begründung wird – soweit entscheidwesentlich – in den Erwägun-
gen eingegangen.
I.
Im vorinstanzlichen Dossier befinden sich unter anderem verschiedene
Identitätsausweise des Beschwerdeführers; Kopien seiner polizeilichen
Anzeigen und derjenigen seines Bruders vom (...) 2019; ein Schreiben mit
polizeilichen Empfehlungen; ein Auszug aus dem Sterberegister bezüglich
G._, gestorben am (...) 2010, sowie verschiedene Antwortschrei-
ben des Innenministeriums, der Sozialen Wohlfahrt, des Präsidialamtes
und des UN-Hochkommissariats für Flüchtlinge (UNHCR) – alle mit Datum
vom (...) 2019 (A14 F88 ff.).
J.
Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am
11. Februar 2020 in elektronischer Form vor (Art. 109 Abs. 1 AsylG
[SR 142.31]).

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Über Beschwerden ge-
gen Verfügungen, die gestützt auf das AsylG durch das SEM erlassen wor-
den sind, entscheidet das Bundesverwaltungsgericht grundsätzlich (mit
Ausnahme von Verfahren betreffend Personen, gegen die ein Ausliefe-
rungsersuchen des Staates vorliegt, vor welchem sie Schutz suchen) end-
gültig (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31-33 VGG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
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1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die Be-
schwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben
ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und Art. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf
die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
Die Beschwerde richtet sich aus materieller Sicht ausschliesslich gegen
den von der Vorinstanz angeordneten Vollzug der Wegweisung. Die Dis-
positivziffern 1 und 2 der angefochtenen Verfügung (Asyl und Flüchtlings-
eigenschaft) sind mangels Anfechtung in Rechtskraft erwachsen. Ziffer 3
des Verfügungsdispositivs (Wegweisung, Art. 44 AsylG) ist mangels Be-
gründung nicht Gegenstand des vorliegenden Verfahrens.
4.
4.1 In der Beschwerde wurde zunächst gerügt, die Vorinstanz habe ihre
Untersuchungspflicht verletzt, da sie es versäumt habe, eine konkrete, ört-
liche und zeitliche Auseinandersetzung mit der Schutzfähigkeit und -willig-
keit der kolumbianischen Behörden vorzunehmen, obwohl es Hinweise da-
für gebe, dass diese ungenügend und fraglich seien. Es sei bereits an der
Anhörung thematisiert worden, dass es in den letzten Monaten mehrere
Anschläge beziehungsweise Ermordungen durch rebellische respektive
paramilitärische Gruppierungen gegeben habe, welche direkt gegen die
Schutzinfrastruktur gerichtet gewesen seien. In Anbetracht dessen wäre
die Vorinstanz verpflichtet gewesen, sich mit dieser Thematik genauer aus-
einanderzusetzen.
4.2 Betreffend die vorab zu prüfenden Rügen der Verletzung des Untersu-
chungsgrundsatzes ist festzuhalten, dass im Verwaltungsverfahren der Un-
tersuchungsgrundsatz und die Pflicht zur vollständigen und richtigen Ab-
klärung des rechtserheblichen Sachverhalts gilt (Art. 6 AsylG i.V.m. Art. 12
VwVG). Demnach hat die Behörde von Amtes wegen für die richtige und
vollständige Abklärung des rechtserheblichen Sachverhaltes zu sorgen,
die für das Verfahren notwendigen Unterlagen zu beschaffen, die rechtlich
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relevanten Umstände abzuklären und ordnungsgemäss darüber Beweis zu
führen. Unvollständig ist die Sachverhaltsfeststellung, wenn nicht alle für
den Entscheid rechtsrelevanten Sachumstände berücksichtigt wurden, un-
richtig, wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidriger Sachverhalt zu-
grunde gelegt wird, etwa weil die Rechtserheblichkeit einer Tatsache zu
Unrecht verneint wird, so dass diese nicht zum Gegenstand eines Beweis-
verfahrens gemacht wird, oder weil Beweise falsch gewürdigt worden sind
(vgl. KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltungs-
rechtspflege des Bundes, 3. Aufl. 2013, Rz. 1043 f.). Der Untersuchungs-
grundsatz gilt zwar nicht uneingeschränkt, zumal er sein Korrelat in der
Mitwirkungspflicht des Asylsuchenden findet (vgl. Art. 13 VwVG und Art. 8
AsylG).
4.3 Das SEM hat in seiner Verfügung (und in seiner Vernehmlassung) fest-
gestellt, dass die Vorbringen des Beschwerdeführers betreffend Schutz-
gelderpressung nicht im Sinne von Art. 3 AsylG asylrelevant seien. Es be-
gründete diesen Entscheid mit einer grundsätzlich funktionierenden und
zumutbaren Schutzinfrastruktur des kolumbianischen Staates. Das SEM
äusserte sich auch zu den Einwänden des Beschwerdeführers, dass die
polizeilichen Massnahmen Alibiübungen gewesen seien. Aus subjektiver
Sicht sei die Furcht des Beschwerdeführers verständlich, indes lasse diese
sich aus objektiver Sicht nicht bestätigen. Es seien keine Hinweise ersicht-
lich, dass es dem Beschwerdeführer und seiner Familie nicht möglich sei,
sich in Zukunft in F._ unbehelligt aufhalten zu können, zumal die
dortige Polizei noch nicht über die Sachlage informiert worden sei. Auch
wenn sich die Verfolgungsmassnahmen wider Erwarten auf den Wohnort
ausdehnen würden, stehe ihnen ein alternativer Wohnort in E._ zur
Verfügung, wo sich auch weitere Familienmitglieder aufhalten würden.
4.4 Das SEM hat sich hinreichend dazu geäussert, aus welchen Gründen
es einen Aufenthalt in F._ respektive am alternativen Wohnort
E._ für zumutbar hält. Auch hat es alle eingereichten Beweismittel
gewürdigt. Ein weiterer Abklärungsbedarf ist vorliegend nicht ersichtlich. Im
Übrigen beschlägt der blosse Umstand, dass das SEM die Vorbringen res-
pektive die Gefahrenlage anders einschätzt als der Beschwerdeführer,
nicht seine Abklärungspflicht, sondern stellt eine materielle Frage dar.
4.5 Zusammenfassend besteht keine Veranlassung, die Sache aus formel-
len Gründen aufzuheben und an die Vorinstanz zurückzuweisen. Diese
Rüge ist daher abzuweisen.
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5.
5.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
5.2 Das SEM begründete seine Verfügung dahingehend, dass der kolum-
bianische Staat grundsätzlich über eine funktionierende Schutzinfrastruk-
tur, insbesondere über einen funktionierenden Polizeiapparat und ein
Rechts- und Justizsystem verfüge. Weil Kolumbien die Aktivitäten von Kri-
minellen und der Guerilla im Rahmen seiner Möglichkeiten bekämpfe, sei
auch von der Schutzwilligkeit dieses Landes auszugehen (unter Hinweis
auf die Urteile des BVGer D-1122/2007 vom 4. Mai 2010 und E-7676/2015
vom 29. Januar 2016).
Diese Annahme sei im vorliegenden Fall dadurch bestätigt worden, dass
die Anzeigen des Beschwerdeführers und dessen Bruders entgegenge-
nommen worden seien und die Polizei die Beschwerdeführenden zuhause
in F._ aufgesucht habe. Auch habe die Staatsanwaltschaft das Ge-
schäftslokal in I._ besucht. Hinsichtlich des Einwandes, dieser
Schutz sei nur ungenügend gewesen, sei darauf hinzuweisen, dass es kei-
nem Staat gelinge, die absolute Sicherheit aller seiner Bürger jederzeit und
überall zu garantieren. Massgebend sei, dass die Inanspruchnahme des
innerstaatlichen Schutzsystems den Betroffenen objektiv zugänglich und
individuell zumutbar sei (unter Hinweis auf BVGE 2008/4 E. 5.2 und E-
MARK 2006 Nr. 18 E. 10.3.1 f.), was vorliegend durch die geschilderten
polizeilichen Massnahmen bestätigt sei. Diese als Alibihandlung zu be-
zeichnen, sei nicht nachvollziehbar, immerhin sei dem Bruder auch ein Not-
fallkontakt ausgehändigt worden. Ferner sei auch darauf hinzuweisen,
dass die Beschwerdeführenden zuhause in F._ nie von den Erpres-
sern kontaktiert worden seien; auch die Kinder seien noch bis zur Ausreise
zur Schule gegangen.
In subjektiver Hinsicht sei es zwar verständlich, dass die Beschwerdefüh-
renden befürchteten, ihnen könnte etwas zustossen. In objektiver Hinsicht
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seien den Akten indes dafür keine Hinweise zu entnehmen. Immerhin habe
der Beschwerdeführer noch eineinhalb Monate (bis zur Ausreise) in
F._ verbracht und sei, seit er nicht mehr im Geschäft gewesen sei,
von niemanden kontaktiert worden. Sollten sich die Verfolgungsmassnah-
men wider Erwarten auf den Wohnort ausdehnen, habe er die Möglichkeit,
die lokalen Behörden in F._ über die Einzelheiten der Gescheh-
nisse in Kenntnis zu setzen. Die Schutzfähigkeit dieser Behörde könne
nicht zum vornherein abgesprochen werden. Ausserdem befinde sich
F._ nicht im Gebiet, wo die Akteure des gegenwärtigen Konfliktes
aktiv seien (vgl. Bericht der SWP-Aktuell vom August 2019). Überdies
würde als alternativer Wohnort sein Geburtsort E._ zur Verfügung
stehen, wo auch heute noch Familienangehörige leben würden.
Zusammenfassend sei festzustellen, dass keine Hinweise bestehen wür-
den, dass es den Beschwerdeführenden nicht möglich sei, sich in Zukunft
unbehelligt in F._ aufhalten zu können. Die eingereichten Doku-
mente würden an dieser Einschätzung nichts zu ändern vermögen, zumal
diese die Bemühungen um Schutzsuche der Beschwerdeführenden und
die daraufhin aufgenommen polizeilichen Massnahmen belegen würden.
5.3 Bezüglich einer Verletzung von Art. 3 EMRK (vgl. hierzu Urteil des
EGMR [Europäischer Gerichtshof für Menschenrechte] Bahaddar gegen
die Niederlande vom 19. Februar 1998, 25894/94, § 78), so der Beschwer-
deführer in seiner Beschwerde, könnten als Gefahrenquelle auch rein pri-
vate Gruppierungen in Frage kommen, wenn der Staat nicht in der Lage
oder willens sei, geeignete Schutzmassnahmen zu ergreifen.
Für die Bejahung der Schutzfähigkeit sei die absolute Sicherheit nicht not-
wendig, erforderlich sei indes eine funktionierende und effiziente Schutz-
infrastruktur (unter Hinweis auf BVGE 2008/4 E. 5.2). I._, der Ar-
beitsort des Beschwerdeführers, befinde sich in einem umkämpften Gebiet
wie der Bericht der SWP-Aktuell vom August 2019 darlege. Der vorge-
brachte Anschlag auf die Polizeistelle in I._ (A14 F50) diene als
Hinweis für die mangelnde Schutzfähigkeit. Weiter sei kürzlich ein hoch-
rangiger Staatsanwalt, welcher die organisierte Kriminalität untersucht
habe, ermordet worden. F._, der Wohnort des Beschwerdeführers,
liege unmittelbar neben dem umkämpften Gebiet. Folglich fehle eine effek-
tive und ausreichende Kontrolle der Polizei und der Justizbehörden im be-
troffenen Gebiet, weshalb die Schutzfähigkeit des kolumbianischen Staa-
tes am Arbeits- und Wohnort des Beschwerdeführers nicht gegeben sei.
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Ferner sei auch die vorgeschlagene innerstaatliche Aufenthaltsalternative
nicht zumutbar, weil der Beschwerdeführer zu seinem Geburtsort
E._ keinen Bezug habe. Diesbezüglich ergänzte er seine Biogra-
phie, dass er mit seinem Vater endgültig gebrochen habe, als er diesen –
nach der Scheidung der Eltern – wegen sexuellen Übergriffen an seiner
jüngeren Schwester angezeigt habe. Dieses Ereignis habe auch dazu ge-
führt, dass die Mutter und die Schwester nach Venezuela ausgewandert
seien. Als einzige familiäre Bezugsperson habe er nur seinen verstorbenen
Bruder gehabt.
Zusammenfassend sei erstellt, dass der Vollzug der Wegweisung vorlie-
gend unzulässig sei, weshalb die Beschwerdeführenden vorläufig aufzu-
nehmen seien.
5.4 In seiner Vernehmlassung hielt das SEM bezüglich der Schutzfähigkeit
und -willigkeit von Kolumbien fest, dass die Szenarien einer fehlenden res-
pektive ungenügenden Schutzgewährung durch die lokalen Behörden in
F._ vorliegend sehr hypothetisch seien. Wie bereits dargelegt, wür-
den keine Anhaltspunkte dafür bestehen, dass die Beschwerdeführenden
auch am Wohnort verfolgt würden. Ausserdem seien die dortigen Behör-
den, wie der Stellungnahme zum Entscheidentwurf zu entnehmen sei,
nicht über die Ereignisse informiert gewesen. Die Suche nach Schutz sei
zwar von verschiedenen Stellen an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet
worden, indes habe der Beschwerdeführer nie mit dieser Kontakt aufge-
nommen. Ausserdem wäre auch ein anwaltlicher Beizug durchaus möglich
und zumutbar gewesen. Folglich seien weitere Abklärungen in Bezug auf
die Schutzfähigkeit und -willigkeit des kolumbianischen Staates nicht sinn-
voll.
Hinsichtlich des alternativen Wohnortes blieb das SEM dabei, dass der Ge-
burtsort E._ dafür in Frage komme. Die erwähnten Vorfälle nach
der Scheidung seien, unabhängig von deren Glaubhaftigkeit, nicht geeig-
net, die Inanspruchnahme einer innerstaatlichen Aufenthaltsalternative als
unzumutbar erscheinen zu lassen.
5.5 In der Replik erwiderten die Beschwerdeführenden, dass es zweifellos
Anhaltspunkte dafür gebe, dass sich die Verfolgungsmassnahmen bei ihrer
Rückkehr auch auf ihren Wohnort ausdehnen könnten, zumal die Erpres-
ser mehrmals Details über F._ preisgegeben hätten. Ausserdem
spreche es gegen die Schutzfähigkeit und -willigkeit der kolumbianischen
Behörden, dass die Polizei von F._ bei ihrem Besuch im Haus der
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Beschwerdeführenden nicht über die getätigten Anzeigen informiert gewe-
sen seien.
Bezüglich des alternativen Wohnortes in E._ sei es für die dort le-
benden Familienangehörigen unzumutbar, die Beschwerdeführenden zu
unterstützen, zumal sich diese im Streit mit seinem Vater hinter Letztge-
nannten gestellt hätten. Weitere entfernte Verwandte – wie zwei Neffen des
Beschwerdeführers – seien inzwischen durch kriminelle Banden umge-
kommen, was darauf hindeute, dass E._ als Wohnort für die Be-
schwerdeführenden unzumutbar sei.
Schliesslich sei auch darauf hinzuweisen, dass eine Kontaktaufnahme mit
dem Bruder – H._ – nicht möglich sei. Dieser habe sich seit Dezem-
ber 2019 nicht mehr beim Beschwerdeführer gemeldet, weshalb anzuneh-
men sei, er sei verschollen.
6.
6.1 Im vorliegenden Fall wird nur die vorläufige Aufnahme wegen Unzuläs-
sigkeit des Wegweisungsvollzugs begehrt. Von Amtes wegen wird das Ge-
richt nachfolgend jedoch auch die weiteren Vollzugshindernisse (Unzumut-
barkeit und Unmöglichkeit) prüfen. Unbestritten ist, dass die Vorinstanz die
geschilderten Ereignisse als glaubhaft qualifiziert hat.
6.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
6.2.1 So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land
gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem
Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft,
zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1
AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über
die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember
1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-
gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3
EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender
Strafe oder Behandlung unterworfen werden.
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6.2.2 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend da-
rauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur
Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es den Be-
schwerdeführenden nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Ge-
fährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5
AsylG verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Ver-
fahren keine Anwendung finden. Eine Rückkehr der Beschwerdeführenden
in den Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG recht-
mässig.
6.2.3 Bezüglich des Prinzips des menschenrechtlichen Non-Refoulements
ist der Wegweisungsvollzug gemäss Art. 3 EMRK unzulässig, wenn nach-
weisbar ernsthafte Gründe dafürsprechen, dass die betroffene Person im
Falle der Wegweisung respektive ihres Vollzugs tatsächlich Gefahr läuft,
sich im Zielland einer menschenrechtswidrigen Behandlung ausgesetzt zu
sehen. Wird ein solches Risiko mit stichhaltigen Gründen konkret und
ernsthaft glaubhaft gemacht («real risk»), ist der Wegweisungsvollzug un-
zulässig (vgl. Urteil des EGMR F.G. gegen Schweden vom 23. März 2016,
Grosse Kammer 43611/11, § 110 m.w.H.).
Art. 3 EMRK bietet auch Schutz vor entsprechenden verpönten Handlun-
gen, die von Privaten – sogenannten nichtstaatlichen Akteuren – ausge-
hen, wenn die staatlichen Behörden nicht schutzfähig beziehungsweise -
willig sind (vgl. Urteile des BGer 2C_868/2016 und 2C_869/2016 vom
23. Juni 2017 E. 5.2.2; Urteil des EGMR J.K. et al. gegen Schweden vom
23. August 2016, Grosse Kammer 59166/12, § 80 ff. und Urteil des BVGer
D-5101/2006 vom 11. Februar 2009 E. 4.2; je m.w.H.).
6.2.3.1 Die Beschwerdeführenden haben im Wesentlichen geltend ge-
macht, in I._ wie auch in F._ in Gefahr zu sein respektive
von den zuständigen Behörden nicht hinreichend beschützt zu werden.
Der Bruder des Beschwerdeführers habe konkret am (...) 2019 bei der
Staatsanwaltschaft I._ (fiscalía local) des Departamento de Policía
Cauca (DEACU) Anzeige erstattet (A14 F50, Beweismittel 5 des Verzeich-
nisses). Einige Tage lang seien der Beschwerdeführer und sein Bruder von
dieser routinemässig besucht worden; dies in einer Gegend, in welcher be-
nachbarte Geschäfte und Lokale sowie die örtliche Polizeistelle angegriffen
werden (A14 F50; vgl. auch Artikel der Wiener Zeitung Online vom 23. No-
vember 2019 «Anschlag auf kolumbianische Polizeistation fordert drei Tote
– Eine Wache im Südwesten des unruhegebeutelten Landes wurde mit
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Seite 12
Gasflaschen angegriffen», besucht am 12. März 2020). Am (...) und am
(...) 2019 wurde der Beschwerdeführer im Geschäft von einer – jeweils
anderen – Person besucht, welche für seinen Schutz und denjenigen sei-
ner Familie 20 Mio. kolumbianische Pesos verlangten; dabei wurde zu ver-
stehen gegeben, dass sie genaue Details seines Privatlebens wüssten
(A14 F50). Daraufhin wandte er sich an verschiedene Institutionen, um sich
über Schutzmöglichkeiten zu informieren (A14 F50, Beweismittel 8 bis 10
sowie 12 bis 14 des Verzeichnisses), welche im Wesentlichen dahinge-
hend geantwortet haben, dass die Anzeige weitergeleitet wurde. Ausser-
dem erstattete er bei der Kriminalpolizei in I._ am (...) 2019 eine
Anzeige (A14 F50, Beweismittel 11 des Verzeichnisses). Daraufhin be-
suchten ihn Polizisten und erklärten ihm, wie er sich verhalten müsse (A14
F50). Nach weiteren Drohanrufen wandte sich der Bruder am (...) 2019
nochmals an die Kriminalpolizei in I._ (A14 F50, Beweismittel 2 des
Verzeichnisses).
6.2.3.2 Es ist anzuerkennen, dass sich der Beschwerdeführer eingehend
um behördlichen Schutz bemüht hat, wie aus den Beweismitteln ersichtlich
ist. Bezüglich Kolumbien ist jedoch grundsätzlich von einem Rechtsstaat
auszugehen. Ob im vorliegenden Fall von einer effizienten Schutzinfra-
struktur – wie polizeiliche Aufgaben wahrnehmende Organe und ein
Rechts- und Justizsystem, das eine effektive Strafverfolgung ermöglicht
(vgl. BVGE 2011/51 E. 7.3) – in der hier relevanten Gegend Kolumbiens
gesprochen werden kann, kann mit Blick auf die Möglichkeit einer Aufent-
haltsalternative (vgl. nachfolgend E. 6.2.3.3) offengelassen werden.
6.2.3.3 Eine interne Schutzalternative im Herkunftsstaat kann einer Verlet-
zung von Art. 3 EMRK entgegenstehen. Ein anderer Ort im Zielstaat kann
allerdings dann den Beschwerdeführenden nicht zugemutet werden, wenn
dort keine hinreichenden sozialen Bedingungen herrschen, die ein men-
schenwürdiges Dasein ermöglichen (vgl. Urteil des EGMR Sufi und Elmi
gegen das Vereinigte Königreich vom 28. Juni 2011, 8319/07 und
11449/07, § 266 ff.).
Im vorliegenden Fall ist zu bestätigen, dass in Kolumbien eine innerstaatli-
che Ausweichmöglichkeit besteht mit hinreichenden sozialen Bedingun-
gen, die ein menschenwürdiges Dasein der Beschwerdeführenden ermög-
lichen. Es ist davon auszugehen, dass es sich bei der glaubhaft geschil-
derten Schutzgelderpressung um ein lokales Verbrechen handelt, respek-
tive dass die unbekannte Täterschaft nicht die Kontrolle über das gesamte
Staatsgebiet ausübt. Zwar haben die Beschwerdeführenden angegeben,
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Seite 13
dass sie überall in Kolumbien in Gefahr seien. Dieser Einschätzung kann
indes nicht gefolgt werden; dementsprechend kann eine innerstaatliche
Schutzalternative angenommen werden, sofern diese zumutbar ist. Vorlie-
gend ist es den Beschwerdeführenden zuzumuten, sich beispielsweise in
Bogotá niederzulassen, auch wenn sie bis anhin noch nie dort gewohnt
und auch keine familiären Beziehungen dorthin haben. Diese Wohnalter-
native ist für sie zugänglich und sie können sich dort dank der Niederlas-
sungsfreiheit legal aufhalten. Es ist ihnen zuzumuten – auch aufgrund der
jeweiligen Lebens- und Berufserfahrung – sich dorthin zu begeben, um sich
dort eine neue Existenz aufzubauen.
6.2.3.4 Nach dem Gesagten, ist davon auszugehen, dass es den Be-
schwerdeführenden zuzumuten ist, sich ausserhalb der lokalen Gefähr-
dungssituation eine neue Existenz in einer anderen Landesgegend aufzu-
bauen. Der Vollzug der Wegweisung ist auch im Sinne der völkerrechtli-
chen Bestimmung zulässig.
6.3 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
Nach dem soeben Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung
auch als zumutbar.
6.4 Schliesslich obliegt es den Beschwerdeführenden, sich bei der zustän-
digen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen
Reisedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch
BVGE 2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als mög-
lich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
6.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig bezeichnet. Eine Anordnung der vorläufigen Aufnahme
fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1-4 AIG).
7.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
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8.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten den Beschwerde-
führenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Indes wurde mit Verfügung
vom 12. Februar 2020 das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung gutgeheissen. Es sind dementsprechend keine Verfah-
renskosten aufzuerlegen.
(Dispositiv nächste Seite)
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