Decision ID: 68bd32f3-0c00-524d-84f5-85d176877b89
Year: 2016
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Das Bundesverwaltungsgericht stellt fest,
dass die Beschwerdeführenden am 22. Dezember 2015 in die Schweiz
einreisten und am 23. Dezember 2015 Asylgesuche stellten,
dass sie vom SEM am 28. Dezember 2015 zur Person, zum Reiseweg und
summarisch zu den Gesuchsgründen befragt wurden,
dass sie vorbrachten, syrische Staatsbürger arabischer Ethnie zu sein und
das Land Anfang Dezember 2015 insbesondere wegen der Bedrohung
durch den sogenannten Islamischen Staat (IS) verlassen zu haben,
dass sie betreffend Reiseroute angaben, über die Türkei, Griechenland,
Mazedonien, Serbien, Kroatien, Slowenien, Österreich und Deutschland in
die Schweiz gelangt zu sein,
dass die Beschwerdeführenden gemäss einer Abfrage der Eurodac-Daten-
bank am 15. Dezember 2015 in Deutschland Asylgesuche gestellt hatten
und die Abfrage noch weitere Treffer ergab,
dass ihnen das SEM anlässlich der erwähnten Befragungen das rechtliche
Gehör zu einer allfälligen Wegweisung möglicherweise nach Deutschland
sowie anderen Ländern gestützt auf das Dublin-Verfahren gewährte,
dass sie bezüglich Deutschland vorbrachten, die dortige Situation für
Flüchtlinge sei schwierig und nicht hinreichend sicher,
dass die Beschwerdeführerin im Hinblick auf allfällige medizinischen Be-
schwerden erklärte, sie sei im siebten Monat schwanger, aber gesund,
dass auch der Beschwerdeführer keine gesundheitlichen Probleme gel-
tend machte,
dass das SEM am 12. Januar 2016 – gemäss den Bestimmungen der Ver-
ordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates
vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestim-
mung des Mitgliedstaates, der für die Prüfung eines von einem Drittstaats-
angehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags
auf internationalen Schutz zuständig ist (Dublin-III-VO) – innert relevanter
Frist ein Ersuchen um Wiederaufnahme der Beschwerdeführenden an
Deutschland richtete,
D-704/2016
Seite 3
dass die deutschen Behörden diesem Ersuchen am 15. Januar 2016 ent-
sprachen,
dass das SEM mit Verfügung vom 27. Januar 2016 (eröffnet am 1. Februar
2016) in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf die
Asylgesuche der Beschwerdeführenden nicht eintrat und deren Wegwei-
sung aus der Schweiz nach Deutschland anordnete, wobei die Vorinstanz
in ihrem Entscheid – unter Verweis auf die einschlägigen Bestimmungen
des Dublin-Verfahrens und die Asylgesuchseinreichungen in Deutschland,
verbunden mit entsprechender Daktyloskopierung – festhielt, Deutschland
sei für das Asylverfahren zuständig,
dass die deutschen Behörden ihrer Übernahme zugestimmt hätten und ge-
gen eine Überstellung keine rechtserheblichen Gründe vorgebracht wor-
den seien,
dass keine Anhaltspunkte dafür vorlägen, Deutschland würde sich nicht an
die relevanten völkerrechtlichen Verpflichtungen halten, und in Würdigung
der Aktenlage kein Selbsteintritt in Betracht komme,
dass die deutschen Behörden sowohl schutzwillig wie auch schutzfähig
seien und allfällige Übergriffe von Drittpersonen geahndet würden,
dass das SEM eine Ausreisefrist auf den Tag nach Ablauf der Beschwerde-
frist ansetzte, den zuständigen Kanton mit dem Vollzug der Wegweisung
beauftragte, den Beschwerdeführenden die editionspflichtigen Akten aus-
händigte und festhielt, einer allfälligen Beschwerde gegen diesen Ent-
scheid komme keine aufschiebende Wirkung zu,
dass für die Entscheidbegründung auf die Akten verwiesen werden kann,
dass die Beschwerdeführenden gegen diesen Nichteintretensentscheid mit
arabischsprachiger Eingabe vom 3. Februar 2016 Beschwerde erhoben
und Unterlagen im Zusammenhang mit ihrer prozessualen Bedürftigkeit
übermittelten,
dass sie vom Gericht mit Zwischenverfügung vom 5. Februar 2016 aufge-
fordert wurden, innert Frist eine Beschwerdeverbesserung in einer Amts-
sprache einzureichen,
dass die Beschwerdeführenden am 10. Februar 2016 fristgemäss eine Be-
schwerdeverbesserung einreichten,
D-704/2016
Seite 4
dass sie die Aufhebung der vorinstanzlichen Verfügung, die Feststellung
ihrer Flüchtlingseigenschaft und die Asylgewährung sowie die Feststellung
der Unzulässigkeit, Unzumutbarkeit und Unmöglichkeit des Wegweisungs-
vollzugs und entsprechend die vorläufige Aufnahme in der Schweiz bean-
tragten,
dass die unentgeltliche Rechtspflege samt Entbindung von der Vorschuss-
leistungspflicht (Art. 65 Abs. 1 und 2 VwVG) und eventualiter die Wieder-
herstellung der aufschiebenden Wirkung der Beschwerde zu gewähren sei,
dass die zuständige Behörde vorsorglich anzuweisen sei, die Kontaktauf-
nahme mit den Behörden ihres Heimat- oder Herkunftsstaates sowie jegli-
che Datenweitergabe an dieselben zu unterlassen,
dass eine an sie gerichtete separate Verfügung zu erlassen sei, falls ein
Datentransfer bereits erfolgt sei,
dass sie zur Begründung vorbrachten, das Ziel ihrer Reise sei immer die
Schweiz gewesen, da sie hier schon Familie hätten, und ihre Registrierung
in Deutschland nur erfolgt sei, um nicht von dort weggewiesen zu werden,
dass sie gleichzeitig geltend machten, sie möchten in der Schweiz bleiben,
da die Beschwerdeführerin im 8. Monat schwanger sei, die Niederkunft in
Kürze erfolgen werde und das Kind nicht gut entwickelt sei,
dass schliesslich auch aus sprachlichen Gründen ihre Integrationschancen
in der Schweiz grösser als in Deutschland seien, weshalb sie unbedingt
hier bleiben möchten,
dass für weitere Vorbringen auf die Akten verwiesen werden kann,

und zieht in Erwägung,
dass das Bundesverwaltungsgericht auf dem Gebiet des Asyls endgültig
über Beschwerden gegen Verfügungen des SEM entscheidet, ausser
– was vorliegend nicht der Fall ist – bei Vorliegen eines Auslieferungsge-
suches des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Person Schutz
sucht (vgl. dazu Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31-33 VGG [SR 173.32] sowie
Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG [SR 173.110]),
D-704/2016
Seite 5
dass sich das Verfahren nach dem VwVG richtet, soweit das VGG oder
das AsylG nichts anderes bestimmen (Art. 37 VGG; Art. 6 und 105 ff.
AsylG),
dass die Beschwerdeführenden legitimiert sind (Art. 48 Abs. 1 VwVG) und
sich ihre Beschwerdeverbesserung als frist- und formgerecht erweist
(Art. 52 Abs. 1 und 2 VwVG), womit auf die Beschwerde – vorbehältlich
nachfolgender Einschränkungen – einzutreten ist,
dass die Beurteilung von Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide,
mit denen es das SEM ablehnt, ein Asylgesuch auf seine materielle Be-
gründetheit hin zu überprüfen, grundsätzlich auf die Überprüfung der Frage
beschränkt ist, ob das Staatssekretariat zu Recht auf das Gesuch nicht
eingetreten ist, weshalb sich das Bundesverwaltungsgericht – sofern es
den Nichteintretensentscheid als unrechtmässig erachtet – einer selbstän-
digen materiellen Prüfung enthält, die angefochtene Verfügung aufhebt
und die Sache zur neuen Entscheidung an die Vorinstanz zurückweist (vgl.
dazu BVGE 2012/4 E. 2.2 m.w.H.),
dass im vorliegenden Verfahren die Frage der materiellen Begründetheit
der Asylgesuche nicht zu überprüfen ist, sondern lediglich, ob der ange-
fochtene Nichteintretensentscheid den massgeblichen Bestimmungen zum
Dublin-Verfahren genügt,
dass auf die Beschwerdeanträge, es sei die Flüchtlingseigenschaft festzu-
stellen und Asyl zu gewähren, demnach nicht einzutreten ist,
dass mit dem vorliegenden Entscheid in der Hauptsache der Antrag auf
Erlass einer vorsorglichen Massnahme respektive Gewährung der auf-
schiebenden Wirkung der Beschwerde im Sinne von Art. 107a AsylG ge-
genstandslos wird,
dass die Beschwerde – wie nachfolgend aufgezeigt – als offensichtlich un-
begründet zu erkennen ist, weshalb darüber in einzelrichterlicher Zustän-
digkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters oder einer zweiten Richterin
zu entscheiden ist (Art. 111 Bst. e AsylG),
dass gleichzeitig auf einen Schriftenwechsel zu verzichten und der Ent-
scheid nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG),
dass mit Beschwerde die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige und
D-704/2016
Seite 6
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden können (Art. 106 Abs. 1 AsylG),
dass auf Asylgesuche in der Regel nicht eingetreten wird, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, welcher für die Durchführung
des Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist
(Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG),
dass die Beschwerdeführenden aktenkundig am 15. Dezember 2015 in
Deutschland daktyloskopiert wurden und Asylgesuche stellten,
dass bei dieser Sachlage – gemäss der vom SEM erwähnten Bestimmung
von Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin-III-VO – Deutschland für die Prüfung ihrer
Asylanträge zuständig ist, was von den deutschen Behörden mit Abgabe
der Erklärung vom 15. Januar 2016 betreffend die Wiederaufnahme der
Beschwerdeführenden ausdrücklich anerkannt wurde,
dass die Beschwerdeführenden die grundsätzliche Zuständigkeit dieses
Landes nicht bestreiten und damit die Grundlage für einen Nichteintreten-
sentscheid in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG offensichtlich
gegeben ist,
dass die Beschwerdeführenden gegen eine Rückführung nach Deutsch-
land einwenden, ihr Ziel sei schon immer die Schweiz gewesen, hier hätten
sie grössere Integrationschancen als in Deutschland und die Geburt ihres
Kindes erfolge bald, was ebenfalls zu berücksichtigen sei,
dass den Beschwerdeführenden in dieser Hinsicht vorab entgegenzuhal-
ten ist, dass es nicht die Sache der asylsuchenden Person ist, den für das
Asylverfahren zuständigen Staat selbst zu bestimmen, sondern die Bestim-
mung des zuständigen Staates nach der Dublin-III-VO erfolgt und alleine
den beteiligten Dublin-Vertragsstaaten obliegt (vgl. BVGE 2010/45 E. 8.3),
dass den Akten keine Hinweise auf Familienangehörige im Sinne von Art.
9 ff. Dublin-III-VO zu entnehmen sind (vgl. Beschwerdeergänzung vom
10. Februar 2016),
dass Deutschland Signatarstaat der Konvention vom 4. November 1950
zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten (EMRK, SR 0.101),
des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere
grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe
D-704/2016
Seite 7
(FoK, SR 0.105) und des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechts-
stellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der
FK vom 31. Januar 1967 (SR 0.142.301) ist und seinen diesbezüglichen
völkerrechtlichen Verpflichtungen nachkommt,
dass zwar gegenwärtig aus Kapazitätsgründen gewisse Schwierigkeiten
der deutschen Behörden im Umgang mit Asylsuchenden zu erkennen sind,
es indes keine wesentlichen Gründe für die Annahme gibt, das Asylverfah-
ren und die Aufnahmebedingungen für Antragsteller in Deutschland wür-
den systemische Schwachstellen aufweisen, die die konkrete Gefahr einer
unmenschlichen oder entwürdigenden Behandlung im Sinne von Art. 4 der
EU-Grundrechtecharta mit sich bringen,
dass vielmehr davon ausgegangen werden darf, Deutschland anerkenne
und schütze die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richtlinien
des Europäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni
2013 zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aberkennung
des internationalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) und 2013/33/EU
vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Aufnahme von Per-
sonen, die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnahmerichtlinie) er-
geben,
dass im Falle der Beschwerdeführenden, welche sich anlässlich der Gesu-
cheinreichung als gesund bezeichneten, davon ausgegangen werden darf,
sie seien durchaus in der Lage, in Deutschland gegenüber den dort zustän-
digen Behörden ihre Rechte wahrzunehmen,
dass die medizinische Struktur vor Ort der Beschwerdeführerin eine fach-
ärztlich begleitete Niederkunft auch in Deutschland garantiert,
dass diesen Erwägungen gemäss Deutschland für die Behandlung der
Asylanträge der Beschwerdeführenden zuständig ist und aufgrund der Ak-
ten keine Gründe ersichtlich sind, welche zu einem Selbsteintritt auf die
Gesuche in Anwendung der Ermessensklausel gemäss Art. 17 Abs. 1 Dub-
lin-III-VO führen würden, indem die Schweiz aus völkerrechtlichen Grün-
den geradezu verpflichtet wäre, sich für das Gesuch als zuständig zu er-
klären (vgl. dazu BVGE 2010/45 E. 5),
dass die Beschwerdeführenden auch aus der Bestimmung von Art. 29a
Abs. 3 Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311)
nichts für sich ableiten können, da die Bestimmung von Art. 29a Abs. 3
D-704/2016
Seite 8
AsylV1 (i.V.m. Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO) dem SEM einen Ermessens-
spielraum einräumt und vor dem Hintergrund der persönlichen Situation
der Beschwerdeführenden und der genügenden Auseinandersetzung des
Staatssekretariats mit dieser kein Anlass zur Annahme besteht, das SEM
hätte seinen Ermessensspielraum nicht ordnungsgemäss genutzt, womit
jedenfalls keine Rechtsverletzung (im Sinne von Art. 106 Abs. 1 Bst. a
AsylG) ersichtlich ist (vgl. Urteil des Bundesverwaltungsgerichts E-
641/2014 vom 13. März 2015 E. 4 ff.),
dass zusammenfassend der Nichteintretensentscheid in Anwendung von
Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG zu bestätigen ist,
dass die Anordnung der Wegweisung nach Deutschland der Systematik
des Dublin-Verfahrens entspricht, im Einklang mit der Bestimmung von
Art. 44 AsylG steht und ebenfalls zu bestätigen ist,
dass nach vorstehenden Erwägungen die angefochtene Verfügung nicht
zu beanstanden und die eingereichte Beschwerde als offensichtlich unbe-
gründet abzuweisen ist,
dass bei dieser Sachlage auf die Anträge der Beschwerdeführenden hin-
sichtlich Datentransfers nicht einzugehen ist, zumal im Zusammenhang mit
einer Dublin-Überstellung ohnehin keine Daten an den Heimatstaat weiter-
geleitet werden,
dass die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege (im
Sinne von Art. 65 Abs. 1 und 2 VwVG) abzuweisen sind, da sich die Be-
schwerde von Anfang an als aussichtslos erwies,
dass die Kosten des Verfahrens von Fr. 600.– den Beschwerdeführenden
aufzuerlegen sind (Art. 63 Abs. 1 VwVG; Art. 1-3 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
D-704/2016
Seite 9