Decision ID: 28324188-3589-55d7-9932-c30a425a0ecf
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die kurdische Beschwerdeführerin verliess ihr Heimatland eigenen Anga-
ben zufolge im Sommer 2016 und reiste vier Monate später illegal in die
Schweiz ein. Am 2. November 2016 stellte sie hier ein Asylgesuch.
B.
B.a Im Rahmen der Befragung zur Person (BzP) wurde die Beschwerde-
führerin am 26. November 2016 summarisch befragt. Am 4. Januar 2018
2018 wurde sie eingehend zu ihren Asylgründen angehört. Bei ihren Befra-
gungen machte sie im Wesentlichen Folgendes geltend:
B.b Sie stamme aus einem Dorf in der Nähe der Stadt B._, wo sie
mit ihrem Vater und mehreren Geschwistern gelebt habe. Sie habe sich nie
politisch betätigt und keine Probleme mit den heimatlichen Behörden ge-
habt. In Syrien herrsche Krieg und die allgemeinen Lebensbedingungen
seien schwierig. Ein Cousin ihres Vaters, der ein Kader der PKK (Partiya
Karkerên Kurdistanê) gewesen sei, habe ihnen angekündigt, dass sie von
dieser Partei rekrutiert werden solle. Weil sie nicht zur Waffe habe greifen
wollen, habe der Vater auf Anraten seines Cousins hin entschieden, sie
mithilfe eines Schleppers zur Schwester (C._, N [...]) in die Schweiz
zu schicken. Etwa vier Tage später sei sie ausgereist. In dieser kurzen Zeit
seien die "Apochis" dreimal frühmorgens zum Haus der Familie gekom-
men, um sie zu rekrutieren, wobei der Vater ihnen immer gesagt habe, dass
sie nicht zu Hause sei. Nach der Ausreise seien sie noch einige Male vor-
beigekommen, danach hätten diese Besuche aufgehört.
C.
Mit Verfügung vom 8. Januar 2019 verneinte das SEM die Flüchtlingsei-
genschaft der Beschwerdeführerin, wies ihr Asylgesuch ab und ordnete die
Wegweisung aus der Schweiz an, wobei es den Wegweisungsvollzug in-
folge Unzumutbarkeit zugunsten einer vorläufigen Aufnahme aufschob.
D.
Der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin liess dem SEM am 4. Februar
2019 seine Vollmacht zukommen und stellte ein Akteneinsichtsgesuch.
E.
Am 7. Februar 2019 gewährte das SEM der Beschwerdeführerin Einsicht
in ihre Akten (Postversand gleichentags).
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Seite 3
F.
Mit Eingabe an das Bundesverwaltungsgericht vom 7. Februar 2019 liess
die Beschwerdeführerin den vorinstanzlichen Asylentscheid anfechten. Sie
beantragte die Aufhebung der angefochtenen Verfügung und die Rückwei-
sung der Sache an das SEM zur korrekten Abklärung und Feststellung des
rechtserheblichen Sachverhalts und zur Neubeurteilung; eventuell sei ihre
Flüchtlingseigenschaft festzustellen und ihr Asyl zu gewähren; subeventu-
ell sei sie als Flüchtling vorläufig aufzunehmen. In verfahrensrechtlicher
Hinsicht ersuchte sie um Gewährung der Akteneinsicht sowie der unent-
geltlichen Prozessführung und um Verzicht auf die Erhebung eines Kos-
tenvorschusses.
G.
Die vormals zuständige Instruktionsrichterin stellte mit Verfügung vom
12. Februar 2019 einerseits fest, dass das SEM gemäss Akten seinen Asyl-
entscheid vom 8. Januar 2019 eingeschrieben an die letzte bekannte
Adresse der Beschwerdeführerin verschickt, die Verfügung von dieser
jedoch bis zum Ende der Abholfrist (am 16. Januar 2019) nicht abgeholt
worden sei; der Asylentscheid gelte demnach aufgrund der gesetzlichen
Zustellungsfiktion als am 16. Januar 2019 eröffnet; andererseits habe das
SEM dem Akteneinsichtsgesuch der Beschwerdeführerin bereits entspro-
chen. In der Instruktionsverfügung wurde der Beschwerdeführerin die Mög-
lichkeit geboten innert Frist eine Beschwerdeverbesserung einzureichen
(oder ihre Beschwerde ohne Kostenfolge zurückzuziehen).
H.
Am 20. Februar 2019 liess die Beschwerdeführerin an ihrem Rechtsmittel
festhalten und ihre Beschwerdeergänzung zu den Akten reichen.
I.
Mit Instruktionsverfügung vom 25. Februar 2019 hiess die Instruktions-
richterin – unter Vorbehalt des Nachreichens einer Fürsorgebestätigung –
das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gut und
verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Der Beschwerde-
führerin wurde Frist gesetzt, um ihre Bedürftigkeit zu belegen. Zudem
wurde der Vorinstanz Gelegenheit geboten, eine Vernehmlassung einzu-
reichen.
J.
Am 1. März 2019 liess die Beschwerdeführerin eine aktuelle Fürsorgebe-
stätigung zu den Akten reichen.
E-680/2019
Seite 4
K.
Die Vorinstanz liess sich am 11. März 2019 vernehmen und beantragte die
Abweisung der Beschwerde. Die Vernehmlassung wurde der Beschwerde-
führerin am 15. März 2019 zur Kenntnis gebracht.
L.
In einer Eingabe vom 16. Oktober 2019 äusserte sich die Beschwerdefüh-
rerin zur Entwicklung der Lage im Norden Syriens. Sie liess das Gericht
darum ersuchen, ihr zu gegebener Zeit eine Frist zur länderspezifischen
Aktualisierung der Beschwerdebegründung zu setzen.
M.
Anfang des Jahres 2021 überwies die Leitung der Abteilung V das
Beschwerdeverfahren aus organisatorischen Gründen dem vorsitzenden
Richter zur weiteren Behandlung.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinn von
Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zu-
ständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entscheidet
auf dem Gebiet des Asyls – in der Regel und auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die
Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen,
ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein
E-680/2019
Seite 5
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG).
1.5 Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
Soweit die Beschwerdeführerin in ihrer Eingabe vom 16. Oktober 2019
beantragen lässt, es sei ihr eine Frist zur länderspezifischen Aktualisierung
der Beschwerdebegründung zu setzen, besteht hierfür keine Veranlassung
(vgl. in diesem Zusammenhang auch Art. 32 Abs. 2 VwVG). Dieser Ver-
fahrensantrag ist abzuweisen.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken; den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
Keine Flüchtlinge sind Personen, die wegen Wehrdienstverweigerung oder
Desertion ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder begründete Furcht
haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden, wobei die Einhaltung
des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge
(FK, SR 0.142.30) vorbehalten bleibt (Art. 3 Abs. 3 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
E-680/2019
Seite 6
5.
5.1 Die Vorinstanz begründete ihren ablehnenden Entscheid mit der
fehlenden asylrechtlichen Relevanz der von der Beschwerdeführerin
beschriebenen allgemeinen Kriegssituation. Was die geltend gemachten
Behelligungen durch die PKK anbelange, sei einerseits festzustellen, dass
die Beschwerdeführerin nie direkten Kontakt mit PKK-Mitgliedern (im Hin-
blick auf eine allfällige Rekrutierung) gehabt habe. Die Furcht vor einer
Rekrutierung müsse unter diesen Umständen als hypothetisch bezeichnet
werden. Abgesehen davon wäre eine Rekrutierung durch die PKK respek-
tive eine diesbezügliche Refraktion gemäss Rechtsprechung des Bundes-
verwaltungsgerichts flüchtlingsrechtlich ohnehin nicht relevant.
5.2 Die Beschwerdeführerin lässt neben verschiedenen prozessualen Rü-
gen inhaltlich insbesondere vortragen, die Vorinstanz habe in der ange-
fochtenen Verfügung gänzlich ausser Acht gelassen, dass sie aus einer
politisch aktiven Familie stamme und – neben einer drohenden Zwangs-
rekrutierung respektive einer flüchtlingsrechtlich relevanten Bestrafung
wegen ihrer Refraktion – auch eine Reflexverfolgung zu gewärtigen habe.
6.
6.1 Auf Beschwerdeebene werden verschiedene formelle Rüge erhoben,
die vorab zu prüfen sind.
6.2
6.2.1 In der Beschwerde vom 7. Februar 2019 wurde geltend gemacht, das
SEM habe keine Einsicht in die Akten gewährt und den Asylentscheid
– unter schwerwiegender Verletzung der entsprechenden Zustellbestim-
mungen – nicht rechtsgültig eröffnet (vgl. Beschwerde S. 3 f.).
6.2.2 Nach Durchsicht der Akten ist festzustellen, dass der Asylentscheid
vom SEM korrekt an die letzte bekannte Adresse der Beschwerdeführerin
eröffnet worden ist (vgl. auch oben, Sachverhalt, Bst. G). Daran ändert
auch die Tatsache nichts, dass sie diese Verfügung auf der Post nicht ab-
geholt hat (Art. 12 Abs. 1 AsylG).
6.2.3 Das Akteneinsichtsgesuch der Beschwerdeführerin ging beim SEM
am Nachmittag des 4. Februar 2019 per Telefax ein (vgl. SEM-Akten A20).
Diesem Begehren wurde mit Zwischenverfügung vom 7. Februar 2019
– demnach drei Arbeitstage später – entsprochen. Von einer Verletzung
des Akteneinsichtsrechts durch dieses Vorgehen (vgl. Beschwerde S. 4) ist
offensichtlich nicht auszugehen.
E-680/2019
Seite 7
6.3
6.3.1 In der Beschwerde wird überdies geltend gemacht, es sei "davon
auszugehen, dass das SEM auch bei der Gewährung der Einsicht in die
Akten zu Unrecht die Einsicht in gewisse Unterlagen verweigern" werde
(vgl. Beschwerde S. 4).
6.3.2 Auf diese pauschale und in keiner Weise begründete Rüge ist nicht
weiter einzugehen, zumal nach erfolgter Akteneinsicht (in der Beschwer-
deergänzung vom 20. Februar 2019) mit keinem Wort bekräftigt und kon-
kretisiert wird, was das SEM bei der Gewährung der Einsicht denn nun
alles falsch gemacht habe.
6.4
6.4.1 Die Beschwerdeführerin lässt in ihrem Rechtsmittel die Rügen erhe-
ben, das SEM habe "die Abklärungspflicht in mehrfacher Hinsicht schwer-
wiegend verletzt [...], insbesondere betreffend die Durchführung der Anhö-
rung, die Erfassung der Beweismittel und die Übersetzung derselben" (vgl.
Beschwerde S. 6).
6.4.2 Das Gericht stellt fest, dass auch diese Rügen alle zu einem Zeit-
punkt erhoben wurden, als weder die Beschwerdeführerin noch ihr Rechts-
vertreter Kenntnis vom Inhalt der Akten (und von der Begründung der an-
gefochtenen Verfügung) hatten.
6.4.3 Diese prozessualen Behauptungen wurden in der Beschwerde in
scharfem Ton vorgetragen; die angeblichen prozessualen Verfehlungen
des SEM werden als "schwerwiegend" bezeichnet. Bei Durchsicht der Ak-
ten erweisen sich die Vorhaltungen allerdings als völlig haltlos.
6.4.4 Nach erfolgter Akteneinsicht wurden denn auch die Rügen der feh-
lerhaften Durchführung der Anhörung, der falschen Erfassung von Beweis-
mitteln und deren ungenügender Übersetzung mit keinem Wort konkreti-
siert. Die Beschwerdeführerin lässt diese scharf formulierten Vorwürfe
ihres Rechtsvertreters aber auch nicht zurücknehmen oder relativieren.
6.4.5 Ein solches prozessuales Verhalten grenzt an mutwillige Prozessfüh-
rung (vgl. Art. 60 Abs. 2 VwVG) und ist zurückzuweisen.
6.5
6.5.1 Schliesslich wird in den beiden Eingaben gerügt, das SEM habe vor
seiner Entscheidung die Akten der Verwandten der Beschwerdeführerin in
der Schweiz zu Unrecht nicht beigezogen.
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6.5.2 Diese Rüge ist insoweit nachvollziehbar, als sich aus den Akten tat-
sächlich nicht ergibt, ob und gegebenenfalls in welcher Form das SEM die
Akten der in der Schweiz lebenden Schwester oder des Neffen der Be-
schwerdeführerin – beiden wurde hierzulande Asyl gewährt – vor ihrer Ent-
scheidung zur Kenntnis genommen hat.
6.5.3 Bei näherer Betrachtung ist allerdings festzustellen, dass die
Beschwerdeführerin bei keiner ihrer Befragungen auch nur ansatzweise
erwähnt hatte, dass sie oder ihre Angehörigen wegen dieser Verwandten
je irgendwelche Probleme gehabt hätten. Der Beizug dieser Akten er-
scheint schon aus diesem Grund nicht als zwingend.
6.5.4 Zu ihrer Schwester führte die Beschwerdeführerin anlässlich der An-
hörung vom 4. Januar 2018 aus, deren Mann habe als Vorsteher
("Mokhtar") ihres Heimatdorfs Probleme mit den staatlichen Behörden be-
kommen und deswegen mit seiner ganzen Familie ausreisen müssen (vgl.
Protokoll A14 ad F30 ff.). Bereits die Durchsicht der Daten der Schwester
im Zentralen Migrationssystem (ZEMIS) ergibt jedoch, dass bei ihr die ori-
ginäre Flüchtlingseigenschaft rechtskräftig verneint und sie bloss in An-
wendung von Art. 51 AsylG in das Familienasyl ihres Mannes einbezogen
worden ist. Bei der Ehefrau des Dorfvorstehers war demnach offensichtlich
keine Reflexverfolgung festzustellen. Wieso dessen Schwägerin ein höhe-
res Risiko einer Anschlussverfolgung als die Ehefrau aufweisen soll, ist
nicht einsichtig (und wurde von der Beschwerdeführerin auch mit keinem
Wort erläutert). Der Beizug und die Auswertung der Akten N (...) durfte
auch unter diesem Blickwinkel unterbleiben.
Eine Durchsicht dieser Akten durch das Bundesverwaltungsgericht ergibt
im Übrigen, dass die Schwester am Ende des erstinstanzlichen Asylverfah-
rens durch den Rechtsanwalt der Beschwerdeführerin vertreten war, der
– auf Anfrage des SEM hin – mit Erklärung vom 28. Oktober 2014 namens
seiner damaligen Mandantin auf die Prüfung deren originärer Flüchtlings-
eigenschaft verzichtete und bloss die Gewährung von Familienasyl bean-
tragte (vgl. N [...], Aktenstück B15). Dass nun dieser Rechtsvertreter in sei-
ner Beschwerdeergänzung vom 20. Februar 2019 prominent auf eine pro-
tokollierte Aussage seiner heutigen Klientin (Beschwerdeführerin) hinweist,
wonach "ihre Schwester und ihr Schwager Syrien aufgrund politischer
Probleme und aufgrund der Verfolgung durch das syrische Regime" hätten
verlassen müssen, wirkt unter diesen Umständen nicht redlich (vgl. Be-
schwerdeergänzung S. 2 [Hervorhebung durch BVGer]). Abgesehen da-
von lässt sich die zitierte Darstellung kaum mit den tatsächlich protokollier-
ten Aussagen der Beschwerdeführerin vereinbaren (vgl. Protokoll ad F33:
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Seite 9
"Savez-vous pourquoi votre sœur et son mari ont décidé de quitter la Sy-
rie? Je sais que mon beau-frère a dû quitter le pays à cause du régime
syrien. Et il ne pouvait pas partir sans sa famille").
6.5.5 Ihren Neffen (D._, N [...]) erwähnte die Beschwerdeführerin
anlässlich der Anhörung nicht; er wurde von ihr einzig in der BzP – unter
der Rubrik "Verwandte in der Schweiz" aufgelistet. Ausserdem führte sie
damals aus, alle Kinder ihrer Schwester C._ und zudem auch die
Kinder ihres Bruders E._ würden in der Schweiz leben. D._
stellte bereits im Jahr 2008 in der Schweiz ein Asylgesuch, und im Jahr
2012 wurde ihm in der Schweiz Asyl gewährt. Auch die Auswertung der
Akten N [...] durfte unter den gegebenen Umständen unterbleiben.
In diesem Zusammenhang bleibt festzustellen, dass auch der Neffe
D._ im Beschwerdeverfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht
durch den Anwalt der Beschwerdeführerin vertreten war und dieser in den
Eingaben des vorliegenden Verfahrens trotzdem mit keinem Wort erläutert,
inwiefern seine heutige Mandantin wegen dieses Neffen einer Reflexver-
folgung ausgesetzt sein könnte.
6.6 Die in den beiden Eingaben der Beschwerdeführerin wiederholt
behauptete Verletzung ihres rechtlichen Gehörs und der vorinstanzlichen
Abklärungspflicht lässt sich nach Durchsicht der Akten nicht bestätigen.
Auch diese Rügen erweisen sich als unbegründet.
6.7 Zusammenfassend ist festzustellen, dass kein Grund für die Kassation
der angefochtenen Verfügung besteht. Die wiederholten Belehrungen in
den Eingaben der Beschwerdeführerin, die angefochtene Verfügung müs-
se "zwingend" aufgehoben werden, sind unzutreffend. Ihr Hauptantrag ist
abzuweisen.
7.
In materiell-rechtlicher Hinsicht hält das Gericht Folgendes fest:
7.1
7.1.1 In der Beschwerde wird gerügt, das SEM sei "zu Unrecht von der
Unglaubhaftigkeit der Vorbringen ausgegangen"; die Ausführungen der Be-
schwerdeführerin seien vielmehr glaubhaft. Das SEM habe dadurch "Art. 7
AsylG sowie Art. 9 BV schwerwiegend verletzt" (vgl. Beschwerde S. 6).
E-680/2019
Seite 10
7.1.2 Diese Beschwerdebegründung ist unbehelflich, weil das SEM von
der Glaubhaftigkeit der zu beurteilenden Vorbringen ausgegangen ist, hin-
gegen deren asylrechtliche Relevanz verneint hat.
7.2 Nach Prüfung der Akten der Beschwerdeführerin kommt das Bundes-
verwaltungsgericht zum Schluss, dass die Vorinstanz die Vorbringen der
Beschwerdeführerin zu Recht als flüchtlingsrechtlich irrelevant qualifiziert
hat. Die Ausführungen in den Eingaben der Beschwerdeführerin vermögen
den Erwägungen des SEM nichts Stichhaltiges entgegenzusetzen. Somit
kann vorab auf die zutreffenden Erwägungen in der angefochtenen Verfü-
gung verwiesen werden.
Ergänzend hält das Bundesverwaltungsgericht Folgendes fest:
7.3
7.3.1 Die Beschwerdeführerin hat ihr Asylgesuch mit der drohenden
Zwangsrekrutierung durch die PKK begründet. Auf Beschwerdeebene wird
zudem erstmals eine analoge Verpflichtung durch PYD (Partiya Yekîtiya
Demokrat) respektive die YPG (Yekîneyên Parastina Gel) thematisiert (vgl.
Beschwerdeergänzung S. 3 und 4 f.).
7.3.2 Das Bundesverwaltungsgericht qualifiziert die Wehrpflicht durch
kurdische Milizen, respektive eine im (hypothetischen) Fall der Rückkehr
nach Syrien diesbezüglich allenfalls zu befürchtende Zwangsrekrutierung
in konstanter Praxis als flüchtlingsrechtlich nicht relevant, weil bei einer
Weigerung keine relevanten Nachteile im Sinn von Art. 3 Abs. 2 AsylG dro-
hen (vgl. das Referenzurteil BVGer D-5329/2014 vom 23. Juni 2015 E. 5.3
und statt vieler das Urteil BVGer E-4868/2019 vom 14. Juli 2020 E. 6.3).
7.4
7.4.1 Soweit auf Beschwerdeebene eine drohende Reflexverfolgung gel-
tend gemacht wird, überzeugt dies nicht, weil die Beschwerdeführerin zur
Begründung ihres Asylgesuchs nicht geltend gemacht hatte, dass sie und
ihre Angehörigen wegen politischer Aktivitäten von Verwandten irgendwel-
che Probleme gehabt hätten. Von ihrer in der Schweiz lebenden Schwester
lässt sich eine Anschlussverfolgung, wie erwähnt, schon deshalb nicht ab-
leiten, weil diese selber die originäre Flüchtlingseigenschaft nicht aufweist
(vgl. oben E. 5.4.3).
7.4.2 Soweit die Beschwerdeführerin neben der Reflexverfolgung auf ihr
eigenes "politisch-ethnische[s] Profil" hinweisen lässt (vgl. Beschwerdeer-
gänzung S. 7), lässt sich dies nicht mit ihren protokollierten Ausführungen
E-680/2019
Seite 11
vereinbaren, gemäss welchen sie als Hausfrau in der Wohngemeinschaft
ihres Vaters tätig gewesen sei, sich selber aber nie in irgendeiner Form
politisch betätigt habe (vgl. Protokoll A6 S. 7, Protokoll A14 ad F65).
7.4.3 Von den durch die Bürgerkriegssituation hervorgerufenen Nachteilen,
namentlich von der schlechten Sicherheitslage und von den auch in ande-
rer Hinsicht prekären Lebensbedingungen ist ein Grossteil der syrischen
Bevölkerung betroffen. Solchen Nachteilen ist daher die asylrechtliche Ge-
zieltheit abzusprechen (vgl. statt vieler WALTER STÖCKLI, Asyl, in: Aus-
länderrecht, 2. Aufl. 2009, Rz. 11.16 m.w.H.).
7.4.4 Auch die Zugehörigkeit zur kurdischen Ethnie genügt bei syrischen
Staatsangehörigen für sich alleine nicht, um die Flüchtlingseigenschaft zu
begründen; die Rechtsprechung verneint das Vorliegen einer Kollektiv-
verfolgung von Kurden in Syrien (vgl. etwa die Urteile BVGer E-3969/2017
vom 22. Mai 2019 E. 8.1 sowie E-5409/2016 vom 1. April 2019 E. 4.3).
7.5 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Vorinstanz zu Recht die
Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführerin verneint und ihr Asylge-
such abgewiesen hat.
8.
Lehnt das SEM ein Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, verfügt es
in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an;
es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44
AsylG).
Die Beschwerdeführerin verfügt insbesondere weder über eine ausländer-
rechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung
einer solche. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht ange-
ordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
9.
Nachdem das SEM in seiner Verfügung vom 8. Januar 2019 angesichts
der Lage in Syrien die Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs festge-
stellt und die vorläufige Aufnahme der Beschwerdeführerin angeordnet hat,
erübrigen sich praxisgemäss weitere Ausführungen zur Zulässigkeit und
Möglichkeit des Wegweisungsvollzugs.
10.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig
sowie vollständig feststellt. Die Beschwerde ist abzuweisen.
E-680/2019
Seite 12
11.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten der Beschwerde-
führerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da mit Instruktionsverfügung
vom 25. Februar 2019 ihr Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Pro-
zessführung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG gutgeheissen wurde und keine
Anhaltspunkte dafür vorliegen, dass sich ihre finanzielle Lage seither ent-
scheidrelevant verändert hätte, ist von der Auflage von Verfahrenskosten
abzusehen.
(Dispositiv nächste Seite)
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Seite 13