Decision ID: 44333e6d-51c3-4244-9438-14cd8cb80ee3
Year: 2010
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Entscheid Versicherungsgericht, 18.05.2010 Art. 8 ATSG, Art. 8 und 28 IVG. Rückweisung der Sache zur ergänzenden medizinischen Abklärung, weil sich der Sachverhalt aufgrund der vorhandenen medizinischen Akten, insbesondere der Beurteilung der behandelnden Ärztin und der davon (wegen Nichtnachvollziehbarkeit dieser Einschätzung der Arbeitsfähigkeit in einer angepassten Arbeit) abweichenden Beurteilung des RAD (ohne zugrunde liegende klinische Untersuchung), nicht ausreichend zuverlässig beurteilen lässt (Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 18. Mai 2010, IV 2008/367).
Abteilungspräsidentin Karin Huber-Studerus, Versicherungsrichterinnen Monika
Gehrer-Hug und Marie-Theres Rüegg Haltinner; Gerichtsschreiberin Fides Hautle
Entscheid vom 18. Mai 2010
in Sachen
W._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Bruno A. Hubatka, Obere Bahnhofstrasse 24,
Postfach, 9501 Wil,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
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betreffend
Rente; berufliche Massnahmen
Sachverhalt:
A.
A.a Die 1954 geborene W._ beantragte am 26./28. Februar 2008 bei der
Invalidenversicherung eine Rente. Sie gab an, sie habe eine Anlehre als Coiffeuse
gemacht. Seit einem G._-Unfall im August 1980 (Bruch beider Sprunggelenke) sei sie
in ihrem Alltag beim Gehen und Stehen eingeschränkt. Sie habe täglich Schmerzen,
morgens stark. Ihr Gesundheitszustand habe sich in den letzten Jahren durch Arthrose
verschlechtert. Vom 1. Oktober 2004 bis 30. April 2006 sei sie arbeitslos gewesen, seit
1. Mai 2006 sei sie ausgesteuert. Sie beziehe Sozialhilfe (IV-act. 1).
A.b Während der Frühinterventionsphase beurteilte der Regionale Ärztliche Dienst
(RAD) der Invalidenversicherung am 10. März 2008 das Eingliederungspotential der
Versicherten als sehr klein.
A.c Die kantonale Arbeitslosenkasse meldete der Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle
des Kantons St. Gallen am 6. März 2008 auf Anfrage, die Versicherte sei seit dem
1. Oktober 2004 als arbeitslos gemeldet. Zu Beginn habe sie eine Arbeitsstelle zu 50 %
gesucht, ab 1. Dezember 2004 zu 60 %, ab 1. April 2005 zu 80 % und zuletzt ab
1. Januar 2006 zu 100 %. Die Vermittlungsfähigkeit sei entsprechend festgelegt
worden. Der versicherte Verdienst habe bei einem Beschäftigungsgrad von 81.56 %
Fr. 2'676.-- betragen. Die Aussteuerung sei am 15. Mai 2006 erfolgt. Bei der
Stellensuche werde die Versicherte nicht mehr unterstützt. Beigelegt wurde ein
Arztzeugnis von Dr. med. A._, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie FMH,
vom 17. Mai 2006. Dr. A._ hatte der Versicherten eine volle Arbeitsunfähigkeit seit 8.
Mai 2006 bis auf weiteres bescheinigt (IV-act. 9).
A.d Dr. med. B._, Ärztin für Allgemeine Medizin, gab in ihrem Arztbericht vom 18.
April 2008 als Diagnose mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit an: Knick-, Senk- und
Spreizfuss beidseits bei (erstens) Status nach OSG-Trauma beidseits vor 27 Jahren,
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(zweitens) cuneiforme-naviculare Arthrose beidseits, Fersensporn beidseits und
(drittens) beginnender USG- und OSG-Arthrose. Die Versicherte stehe seit Dezember
2007 bei ihr in Behandlung. Der Gesundheitszustand sei sich verschlechternd,
medizinische Massnahmen würden die Arbeitsfähigkeit nicht verbessern können und
berufliche Massnahmen seien nicht angezeigt. Die Versicherte benötige Einlagen
(Hilfsmittel). Die bisherige Tätigkeit sei nicht mehr zumutbar. Bei der bisherigen
Tätigkeit bestünden Dauerschmerzen: Stehen sei nicht mehr als zwei Stunden lang
möglich, nach vier Stunden wirkten sie sich auch im Sitzen aus. Es bestehe dabei eine
verminderte Leistungsfähigkeit von 50 %. Leichtere, im Sitzen zu verrichtende
Tätigkeiten seien der Versicherten an vier Stunden täglich (50 %) zumutbar. Dr. B._
legte einen Bericht eines Röntgeninstituts vom 28. Dezember 2007 und einen Bericht
der Klinik für Orthopädische Chirurgie am Kantonsspital St. Gallen vom 25. Februar
2008 bei (IV-act. 13).
A.e Der RAD hielt am 2. Juni 2008 dafür, die vorwiegend im Stehen zu verrichtende
Tätigkeit als Coiffeuse sei nicht mehr zu empfehlen. Bei Vermeiden von längeren
Gehstrecken, von Gehen auf unebenem Grund und von längerem Stehen bestehe
keine Einschränkung in einer Tätigkeit. In adaptierter Tätigkeit sei die Versicherte also
voll arbeitsfähig. Die Einschätzung von Dr. B._, wonach die Versicherte dort nur zu
50 % arbeitsfähig sein solle, sei nicht nachvollziehbar (IV-act. 20).
A.f Mit zwei Vorbescheiden (IV-act. 23 ff.) stellte die IV-Stelle der Versicherten am
3. Juni 2008 die Abweisung des Rentenanspruchs (Invaliditätsgrad null) und des
Anspruchs auf berufliche Massnahmen (keine Notwendigkeit) in Aussicht.
A.g Dr. B._ wandte am 1. Juli 2008 (IV-act. 28) für die mitunterzeichnende
Versicherte ein, der Invaliditätsgrad der Versicherten liege nach ihrer Auffassung bei
mehr als 40 %. Sie sei nicht eingegliedert. Trotz entsprechender Bemühungen habe sie
ihrer Schmerzen wegen keinen Arbeitsplatz gefunden. Eine Umschulung sei notwendig.
Als Beilage reichte Dr. B._ einen Bericht über eine weitere bildgebende Diagnostik
vom 6. Juni 2008 ein, wonach sich im Verlauf eine zunehmende Volumenminderung
des Os naviculare mit Verdacht auf Sinterung gezeigt habe und zum Ausschluss einer
Osteonekrose eine ergänzende MRT-Untersuchung empfohlen sei. Ferner werde ein
Spezialistenbericht von Dr. C._ folgen.
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A.h Mit zwei Verfügungen vom 31. Juli 2008 lehnte die Sozialversicherungsanstalt/IV-
Stelle eine Leistungspflicht ab. Als Coiffeuse bestehe eine Einschränkung der
Arbeitsfähigkeit, für leichte bis mittelschwere körperlich adaptierte Arbeiten aber
betrage die Arbeitsfähigkeit zumutbarerweise 100 %. In den nachgereichten
Unterlagen würden keine neuen medizinisch objektivierbaren wesentlichen Änderungen
der Befunde oder Symptome mitgeteilt. Eine invaliditätsbedingte Erwerbseinbusse sei
nicht zu verzeichnen (Validen- und Invalideneinkommen je Fr. 50'881.--). Ein
Rentenanspruch bestehe nicht. Die Versicherte sei angemessen eingegliedert;
berufliche Massnahmen seien nicht notwendig (IV-act. 30 f.).
B.
Gegen diese beiden Verfügungen richtet sich die Beschwerde vom 5. September 2008
(Poststempel: 6. September 2008). Die Beschwerdeführerin beantragt die Zusprechung
beruflicher Massnahmen und einer Rente von 50 %, ausserdem eine unentgeltliche
Verbeiständung. Sie sei nicht angemessen eingegliedert, sondern seit 1. Juni 2006 vom
Sozialamt abhängig. Gemäss Dr. B._ liege ihr Invaliditätsgrad über 40 %. - Am
7./9. Oktober 2008 hat die Beschwerdeführerin ihren Rechtsvertreter bezeichnet und
die eingeforderten Unterlagen zum Gesuch um unentgeltliche Prozessführung
eingereicht.
C.
In ihrer Beschwerdeantwort vom 28. Oktober 2008 beantragt die Beschwerdegegnerin
die Abweisung der Beschwerde. Im Bericht über die bildgebende Diagnostik vom 6.
Juni 2008 würden im Wesentlichen die bereits bekannten Diagnosen aufgeführt und
keine Angaben zur Arbeitsfähigkeit gemacht. Es bestehe deshalb kein Anlass, von der
Einschätzung des RAD abzuweichen. Die Beschwerdeführerin sei in einer adaptierten
Tätigkeit zu 100 % arbeitsfähig. Da sie viele Jahre lang gar nicht erwerbstätig gewesen
sei und ansonsten offenbar hauptsächlich teilzeitlich gearbeitet habe, sei es ihr bei der
bestätigten Arbeitsfähigkeit in adaptierter Tätigkeit ohne weiteres möglich und
zumutbar, ein Einkommen in der Höhe des früher erzielten zu generieren. Die
Rentenabweisung sei zu Recht ergangen. Die Begründung, die Beschwerdeführerin sei
angemessen eingegliedert, sei unglücklich formuliert, da sie aktuell keine Stelle habe.
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Jedoch könnte und müsste sie irgendeine Arbeit, die den adaptierten Bedingungen
entspreche, annehmen und wäre so angemessen eingegliedert. Bereits früher - auch
nach dem Unfall 1980 - habe sie an diversen Arbeitsstellen in verschiedenen Branchen
gearbeitet. Das wäre nach der medizinischen Aktenlage auch jetzt noch ohne weiteres
möglich. Berufliche Massnahmen seien daher nicht zuzusprechen.
D.
Am 5. November 2008 hat die Gerichtsleitung das Gesuch um unentgeltliche
Prozessführung (Befreiung von den Gerichtskosten und Bewilligung der unentgeltlichen
Rechtsverbeiständung) vor Versicherungsgericht bewilligt.
E.
Mit Replik vom 9. Dezember 2008 reicht Rechtsanwalt lic. iur. Bruno A. Hubatka als
Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin verschiedene Akten (zum Lebenslauf, dem
G._-Unfall, zu Leistungsbezügen bei der Krankenkasse, zu Ausbildungen und zu
Behandlungen und Therapien) ein. Die Beschwerdegegnerin habe nur spärlich
Unterlagen beigezogen. Aus den neu eingereichten Akten ergebe sich, dass der
Beschwerdeführerin eine Tätigkeit im angestammten Beruf als Coiffeuse nicht mehr
möglich sei. Es seien bleibende medizinische Einschränkungen vorhanden und es frage
sich, ob damit überhaupt noch eine berufliche Tätigkeit ausgeübt werden könne. Die
behandelnden Medizinalpersonen seien bezüglich der Berufsmöglichkeiten der
Beschwerdeführerin ratlos. Die Beschwerdegegnerin habe ihr bei dieser Sachlage ohne
Abklärung einer Wiedereingliederung oder Berufsberatung und ohne Bezeichnung einer
konkret möglichen Tätigkeit das Einkommen einer anderen Beschäftigung
angerechnet. Eine solche pauschale Feststellung ohne Prüfung der
Vermittlungsfähigkeit auf dem Arbeitsmarkt entspreche nicht den gesetzlichen
Anforderungen. Wie die Weiterbildungsbeilagen zeigten, sei die Beschwerdeführerin
mit grosser Offenheit bereit, sich beruflich anzupassen. Die Beschwerdegegnerin habe
Wiedereingliederungsbemühungen an die Hand zu nehmen und könne allenfalls die
Arbeitslosenkasse beauftragen. Die 54-jährige Beschwerdeführerin habe noch eine
Aktivitätsdauer von zehn Jahren auf dem Arbeitsmarkt vor sich und wolle aus der
Sozialhilfeabhängigkeit herauskommen. Sie bevorzuge eine Tätigkeit im alternativ-
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medizinischen Bereich. Jedenfalls aber benötige sie eine Umschulung in eine Tätigkeit
mit Sitzgelegenheit und ohne körperliche Beanspruchung. Aufgrund der vorhandenen
Akten lasse sich wohl kein Entscheid treffen. Vielmehr seien ergänzende Abklärungen
anzuordnen. Beigelegt war etwa eine ärztliche Bestätigung von Dr. med. D._,
Allgemeine Medizin FMH, vom 10. November 2008, wonach die Beschwerdeführerin
aufgrund der Arthrose in den Sprunggelenken nicht mehr länger als eine Stunde
anhaltend Stehen und nicht länger als eine halbe Stunde anhaltend Gehen könne. Eine
im Sitzen zu verrichtende Bürotätigkeit könnte sie (im Unterschied zum gelernten Beruf)
noch zu 50 % verrichten. Der Chiropraktor Dr. E._ hatte Dr. med. F._,
Allgemeinmedizin, am 6. Februar 2006 berichtet, es seien am ehesten ein
lumbosakrales spondylogenes Schmerzsyndrom und ein iliosakrales Reizsyndrom links
zu diagnostizieren. Dr. F._ hatte am 12. November 2008 bescheinigt, die
Beschwerdeführerin stehe seit März 2005 unter anderem wegen chronischer
Beschwerden des Bewegungsapparates in klassisch homöopathischer Behandlung.
F.
Die Beschwerdegegnerin hat am 15./18. Dezember 2008 auf die Einreichung einer
Duplik verzichtet und hält unter Hinweis auf die Ausführungen in der
Beschwerdeantwort am Antrag auf Abweisung der Beschwerde fest.

Erwägungen:
1.
1.1 Am 1. Januar 2008 ist die 5. IV-Revision in Kraft getreten. Die Beschwerdegegnerin
hat die angefochtenen Verfügungen am 31. Juli 2008, also unter der Geltung des
Rechts dieser Revision, erlassen. Zu beurteilen ist der Sachverhalt, wie er sich bis zum
Zeitpunkt des Erlasses dieser Verfügung entwickelt hat. Dieser Sachverhalt reicht in
eine Zeit vor Inkrafttreten der 5. IV-Revision zurück. Die 5. IV-Revision enthält keine die
Rente betreffende übergangsrechtliche Bestimmung. Das Bundesamt für
Sozialversicherungen unterstellt aber zu Recht eine ausfüllungsbedürftige Lücke (vgl.
das Rundschreiben Nr. 253 vom 12. Dezember 2007). Die Definition der Sachverhalte,
auf die noch altes Recht anwendbar sein soll, sollte durch ein materiell-rechtliches,
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unbeeinflussbares Merkmal erfolgen. In Frage kommen der Zeitpunkt der Entstehung
des Auszahlungsanspruchs oder der Eintritt des Versicherungsfalls, beide definiert
nach dem alten, ausser Kraft getretenen Recht (zum Ganzen im Detail der Entscheid
des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen i/S M. vom 28. Oktober 2009, IV
2009/5). Bezüglich des Rentenbeginns sind deshalb vorliegend angesichts der IV-
Anmeldung von Februar 2008 und des zurückliegenden Eintritts der Arbeitsunfähigkeit
(möglicherweise im Mai 2006) die bis zum 31. Dezember 2007 gültig gewesenen
Bestimmungen (im Folgenden angeführt) anzuwenden. Für die Invaliditätsbemessung
hat sich indessen keine Änderung der Rechtslage ergeben.
1.2 Mit den angefochtenen Verfügungen hat die Beschwerdegegnerin das
Leistungsgesuch der Beschwerdeführerin (in Bezug auf die Ansprüche auf berufliche
Massnahmen und auf eine Rente) abgewiesen.
2.
2.1 Unter Invalidität wird die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde
ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit verstanden (Art. 8 Abs. 1 ATSG). Für den
Anspruch auf Eingliederungsmassnahmen wie für denjenigen auf eine Rente sind
zunächst die medizinischen Vorbedingungen für eine Erwerbstätigkeit von Bedeutung.
Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beschreiben und
dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die
versicherte Person arbeitsunfähig ist. Die ärztlichen Auskünfte sind in der Folge eine
wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche Arbeitsleistungen der
versicherten Person noch zugemutet werden können (BGE 125 V 261 E. 4; ZAK 1982
S. 34). Ob die versicherte Person eine ihr zumutbare Tätigkeit auch tatsächlich ausübt,
ist für die Invaliditätsbemessung hingegen unerheblich (Rz 3046 des vom Bundesamt
für Sozialversicherungen erlassenen Kreisschreibens über die Invalidität und
Hilflosigkeit in der Invalidenversicherung = KSIH).
2.2 Versicherungsträger und Sozialversicherungsrichter haben die Beweise frei, d.h.
ohne Bindung an förmliche Beweisregeln, sowie umfassend und pflichtgemäss zu
würdigen. Alle Beweismittel sind, unabhängig davon, von wem sie stammen, objektiv
zu prüfen und es ist danach zu entscheiden, ob die verfügbaren Unterlagen eine
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zuverlässige Beurteilung des streitigen Rechtsanspruches gestatten (vgl. BGE 125 V
351).
2.3 Bei der Würdigung von Berichten der behandelnden Ärzte ist nach der
Rechtsprechung des Bundesgerichts der Erfahrungstatsache Rechnung zu tragen,
dass es ihrer auftragsrechtlichen Vertrauensstellung wegen mitunter vorkommt, dass
sie in Zweifelsfällen eher zu Gunsten ihrer Patienten aussagen (so etwa der Entscheid
des Eidgenössischen Versicherungsgerichts i/S C. vom 6. Dezember 2006, I 329/06;
BGE 125 V 353 E. 3b/cc; vgl. Ulrich Meyer, Rechtsprechung des Bundesgerichts zum
IVG, S. 229 f.). Es muss bei ihnen auch damit gerechnet werden, dass sie sich durch
die "Macht des Faktischen" von der pessimistischen subjektiven Einstellung ihrer
Patienten überzeugen lassen (so der nicht veröffentlichte Entscheid des
Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen i/S A.M.-C. vom 27. März 2003). Der
Umstand allein, dass eine Einschätzung vom behandelnden Mediziner stammt, darf
aber nicht dazu führen, sie als von vornherein unbeachtlich einzustufen (vgl.
Bundesgerichtsentscheid i/S B. vom 27. Mai 2008, 9C_24/08).
2.4 Die regionalen ärztlichen Dienste setzen gemäss Art. 59 Abs. 2 IVG die für die
Invalidenversicherung nach Art. 6 ATSG massgebende funktionelle Leistungsfähigkeit
der Versicherten fest, eine zumutbare Erwerbstätigkeit oder Tätigkeit im
Aufgabenbereich auszuüben. Nach Art. 49 Abs. 1 IVV beurteilen sie die medizinischen
Voraussetzungen des Leistungsanspruchs. Die geeigneten Prüfmethoden können sie
im Rahmen ihrer medizinischen Fachkompetenz und der allgemeinen fachlichen
Weisungen des Bundesamtes frei wählen. Gemäss Art. 49 Abs. 2 IVV können sie bei
Bedarf selber ärztliche Untersuchungen von Versicherten durchführen. Sie halten die
Untersuchungsergebnisse schriftlich fest. Entgegen dem in der Rechtsprechung
(Bundesgerichtsentscheid i/S Z. vom 14. Juli 2009, 9C_323/09) erweckten Eindruck ist
aus der Anleitung des Art. 49 Abs. 2 IVV zur Arbeitsweise des RAD nichts zur Frage
abzuleiten, ob im Einzelfall eigene Untersuchungen erforderlich sind oder nicht. Das
Absehen von eigenen Untersuchungen kann ein Grund sein, um einen RAD-Bericht in
Frage zu stellen. Dies gilt insbesondere, wenn es nicht um die Beurteilung eines im
Wesentlichen bereits feststehenden medizinischen Sachverhalts geht und die direkte
ärztliche Befassung mit der versicherten Person unentbehrlich ist (vgl. Entscheid des
Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen i/S G. vom 10. März 2010, IV 2009/93;
bis
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vgl. auch Entscheide des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen i/S G. vom
11. März 2010, IV 2008/427, und i/S K. vom 17. Juni 2009, IV 2007/454). Auch auf
Stellungnahmen des RAD kann nur abgestellt werden, wenn sie den allgemeinen
beweisrechtlichen Anforderungen an einen ärztlichen Bericht genügen (vgl. Entscheid
des Eidgenössischen Versicherungsgerichts i/S M. vom 15. Dezember 2006, I 694/05
E. 2).
3.
3.1 Zum Gesundheitszustand und der Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin liegt
bei den Akten zunächst der IV-Arztbericht von Dr. B._ vom 18. April 2008. Danach ist
der Beschwerdeführerin die bisherige Tätigkeit nicht mehr zumutbar, leichtere, im
Sitzen zu verrichtende Tätigkeiten sind noch zu 50 %, d.h. an vier Stunden täglich,
zumutbar. Die Arbeitsunfähigkeit ergibt sich aus beidseitigen Fuss- und
Sprunggelenksleiden (Knick-, Senk- und Spreizfuss, Status nach OSG-Trauma vor 27
Jahren, cuneiforme-naviculare Arthrose, Fersensporn und beginnende USG- und OSG-
Arthrose).
3.2 Diese Arbeitsfähigkeitsschätzung der behandelnden Ärztin für eine adaptierte
Tätigkeit, begründet mit Dauerschmerzen, die sich nach vier Stunden auch im Sitzen
auswirkten, hielt der RAD für nicht nachvollziehbar. Würden längeres Stehen und
Gehen und Gehen auf unebenem Grund vermieden, so beeinträchtige das Leiden die
Arbeitsfähigkeit nicht.
3.3 Dass auch die Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin in einer adaptierten, also
die Füsse und Sprunggelenke nicht beanspruchenden Tätigkeit zur Hälfte
eingeschränkt sei, ist tatsächlich aufgrund des Arztzeugnisses von Dr. B._ nicht von
vornherein plausibel und die Auffassung des RAD also nicht ohne weiteres von der
Hand zu weisen.
3.4 Bei dieser dürftigen Beweislage wären allerdings ergänzende Abklärungen
unabdingbar gewesen. Der RAD hat mit seiner Arbeitsfähigkeitsschätzung nicht das
Abstellen auf die eine oder die andere in den Akten wiedergegebene medizinische
Würdigung befürwortet, sondern eine eigene Arbeitsfähigkeitsschätzung abgegeben,
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die durch keine andere medizinische Beurteilung - eines Arztes oder Gutachters,
welcher die Beschwerdeführerin selber untersucht hätte - gestützt wird. Begründet
wird die Arbeitsfähigkeit von 100 % in adaptierter Tätigkeit vom RAD allein damit, dass
die Beurteilung der behandelnden Ärztin nicht nachvollziehbar sei. Die RAD-
Arbeitsfähigkeitsschätzung ist aber nicht das Ergebnis einer eigenen Befunderhebung.
Eine überwiegende Wahrscheinlichkeit hat die Einschätzung einer vollen
Arbeitsfähigkeit bei diesen Gegebenheiten nicht für sich.
3.5 Die erforderliche Klärung ergibt sich auch nicht aus den nach der RAD-Beurteilung
eingereichten medizinischen Akten. Dr. B._ erklärte die nach ihrer Auffassung 40 %
übersteigende "Invalidität" im Einwand gegen den Vorbescheid damit, dass die
Beschwerdeführerin nicht eingegliedert sei und der Schmerzen wegen keinen
Arbeitsplatz gefunden habe. Sie legte einen Bericht über eine bildgebende Diagnostik
vom 6. Juni 2008 ein, worin zum Ausschluss einer Osteonekrose eine MRT-
Untersuchung empfohlen wurde. Nach der Aktenlage ist noch keine entsprechende
Abklärung erfolgt. Beim medizinischen Laien weckt der geäusserte Verdacht auf eine
Sinterung und/oder eine allfällige Osteonekrose Zweifel an der Verlässlichkeit der
Arbeitsfähigkeitsschätzung von 100 %, selbst wenn sie sich auf angepasste Arbeiten
bezieht. Dr. D._, Arzt im gleichen Zentrum wie Dr. B._, bestätigte (am
10. November 2008, nach dem Zeitpunkt des Erlasses der angefochtenen Verfügung)
deren Arbeitsfähigkeitsschätzung von 50 % für eine im Sitzen zu verrichtende Arbeit,
ohne allerdings eine Begründung abzugeben. Weitere Arbeitsfähigkeitsschätzungen
sind nicht vorhanden.
3.6 Dazu kommt, dass sich den mit der Replik eingereichten Aufschrieben der
Beschwerdeführerin entnehmen lässt, dass sie ärztliche Hilfe auch weiterer
Beschwerden wegen (Nacken, untere Wirbelsäule/Becken, rechtes Knie) gesucht hat.
Dr. F._ etwa bescheinigte denn auch am 12. November 2008, dass sie seit März
2005 wegen chronischer Beschwerden des Bewegungsapparates in Behandlung stehe,
die als Langzeitfolgen einer beidseitigen Sprunggelenksverletzung zu beurteilen seien.
Der Chiropraktor Dr. E._ hat am 6. Februar 2006 von einem lumbosakralen
spondylogenen Schmerzsyndrom und einem iliosakralen Reizsyndrom links berichtet.
Diese Beeinträchtigungen haben im IV-Arztbericht von Dr. B._ keine Erwähnung
gefunden. Welchen Grund das hat, wird nicht ersichtlich. Aktenkundig geworden ist
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ferner, dass die Beschwerdeführerin in den Jahren 2005 und 2006 bei Dr. A._ in
Behandlung gestanden hatte. Unter diesen Umständen erscheint eine ergänzende
medizinische Abklärung, welche auf der Erhebung einer umfassenden Anamnese und
der Befunde basiert, unerlässlich.
4.
4.1 Im Sinne der vorstehenden Erwägungen ist die Beschwerde unter Aufhebung der
angefochtenen Verfügungen vom 31. Juli 2008 teilweise gutzuheissen und die Sache
ist zu ergänzenden medizinischen Abklärungen im Sinne der Erwägungen und zu
entsprechender neuer Verfügung an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
4.2 Eine Rückweisung zur weiteren Abklärung der Streitsache und anschliessender
neuer Verfügung an die Beschwerdegegnerin stellt praxisgemäss aus prozessualer
Sicht in Bezug auf die Kosten ein vollständiges Obsiegen dar (vgl. SVR 1995 IV Nr. 51
S. 143; ZAK 1987 S. 266 E. 5a). Angesichts des Unterliegens der Beschwerdegegnerin
rechtfertigt es sich, ihr die Gerichtskosten, die nach dem Verfahrensaufwand und
unabhängig vom Streitwert festgelegt werden (Art. 69 Abs. 1 IVG), gesamthaft
aufzuerlegen (vgl. Art. 95 Abs. 1 VRP/SG). Eine Entscheidgebühr von Fr. 600.--
erscheint angemessen. Die Bewilligung der unentgeltlichen Prozessführung (Befreiung
von den Gerichtskosten und Bewilligung der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung)
vom 5. November 2008 ist damit obsolet geworden.
4.3 Die Beschwerdeführerin hat bei vollem Obsiegen Anspruch auf Ersatz der
Parteikosten, die vom Gericht ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung
der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen werden (Art. 61
lit. g ATSG; vgl. auch Art. 98 ff. VRP). In der Verwaltungsrechtspflege beträgt das
Honorar vor Versicherungsgericht nach Art. 22 Abs. 1 lit. b HonO (sGS 963.75)
pauschal Fr. 1'000.-- bis Fr. 12'000.--. Der Bedeutung der Streitsache und dem
merklich unterdurchschnittlichen Aufwand angemessen erscheint vorliegend eine
Parteientschädigung von Fr. 2'000.-- (einschliesslich Barauslagen und Mehrwertsteuer).
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 53 GerG
bis
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