Decision ID: a68f950a-ed39-5fcf-8abe-24818ad2a128
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Der Beschwerdeführer suchte am 18. Juni 2014 im Empfangs- und
Verfahrenszentrum (EVZ) des SEM in B._ um Asyl nach. Dort
wurde er am 3. Juli 2014 zu seiner Person, zu seinem Reiseweg und sum-
marisch zu seinen Asylgründen befragt (Befragung zur Person [BzP]). Am
16. Dezember 2014 hörte ihn das SEM ausführlich zu seinen Asylgründen
an (Anhörung).
Zur Begründung seines Asylgesuchs brachte er im Wesentlichen vor, er sei
eritreischer Staatsangehöriger der Ethnie Tigre und in C._
(D._) geboren. Im Jahr 1994 – im Alter von (...) Jahren – sei er mit
seiner Familie nach Eritrea zurückgekehrt, wo er fortan in E._ (Re-
gion F._) gelebt habe. Auf den Besuch der regulären Schule habe
er aus Angst vor einer Einziehung in den Nationaldienst verzichtet. Statt-
dessen sei er als Hirte fast die ganze Zeit in der Wüste unterwegs gewe-
sen. Im Alter von (...) Jahren habe er mit dem Besuch der Koranschule
begonnen, wobei er sich stets versteckt aufgehalten habe, wenn es zu
Razzien gekommen sei. Um dem Nationaldienst zu entkommen, habe er
seit dem Jahr 2009 vorgehabt, Eritrea zu verlassen. Aus diesem Grund
habe er sich im selben Jahr in G._ – im Rahmen der Hochzeitsfei-
erlichkeiten seiner (...) – eine Identitätskarte ausstellen lassen. Aus Furcht
vor den Konsequenzen habe er damals aber keinen Ausreiseversuch un-
ternommen und sei nach E._ zurückgekehrt. Im Jahre 2011 sei sein
(...) unter dem Verdacht, mit den (...) zusammenzuarbeiten, inhaftiert wor-
den, woraufhin er dessen Geschäft (eine [...]) weitergeführt habe. Ein Jahr
später sei er in eine Razzia gekommen. Aufgrund eines geschwollenen
Fusses infolge eines Schlangenbisses hätten die Soldaten jedoch darauf
verzichtet, ihn in den Nationaldienst einzuziehen. Am 20. Mai 2013 sei so-
dann seine (...) beim Versuch, das Land illegal zu verlassen, von Regie-
rungssoldaten aufgegriffen worden. Daraufhin sei er selbst am 28. Mai
2013 von Regierungssoldaten an seinem Arbeitsplatz in der (...) aufge-
sucht und anschliessend in H._ (ebenfalls Region F._) für
drei respektive sieben Tage inhaftiert worden. Unter dem Vorwurf, seiner
(...) bei der Flucht geholfen zu haben, sei er verhört und geschlagen wor-
den. Nachdem er in der Haft krank geworden sei, habe man ihn ins Spital
von H._ transferiert. Von dort aus sei ihm Mitte Juni 2013 nach ei-
nem fünf- respektive zehntägigen Spitalaufenthalt die Flucht gelungen.
Rund eine Woche später habe er Eritrea illegal verlassen. Nach der Flucht
D-5094/2019
Seite 3
hätten sich die eritreischen Behörden bei seiner Familie zu Hause nach
seinem Verbleib erkundigt.
Zur Stützung seiner Vorbringen reichte er seine eritreische Identitätskarte
(im Original) sowie diejenigen seiner (...) (jeweils in Kopie) zu den Akten.
A.b Mit Verfügung vom 9. Oktober 2015 stellte das SEM fest, der Be-
schwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte sein Asylge-
such ab, verfügte die Wegweisung aus der Schweiz und ordnete den Voll-
zug an. Zur Begründung machte es im Wesentlichen geltend, die Vorbrin-
gen des Beschwerdeführers hielten den Anforderungen an die Glaubhaf-
tigkeit nicht stand. Aufgrund der tatsachenwidrigen, unsubstanziierten und
widersprüchlichen Angaben sowie der mangelnden Tigrinya-Kenntnisse
des Beschwerdeführers könne dessen eritreische Herkunft sowie dessen
langjähriger Aufenthalt in Eritrea nicht geglaubt werden. Vielmehr sei da-
von auszugehen, dass der Beschwerdeführer versuche, seine wahre Nati-
onalität zu verbergen und sich als Eritreer auszugeben. Er sei auch nicht
in der Lage gewesen, die von ihm behauptete eritreische Herkunft mit taug-
lichen und rechtsgenüglichen Beweismitteln zu belegen, zumal es sich bei
den eingereichten Identitätskarten nur um Kopien und nicht um Originaldo-
kumente handle.
A.c Die dagegen am 12. November 2015 erhobene Beschwerde hiess das
Bundesverwaltungsgericht mit Urteil D-7302/2015 vom 8. März 2016 gut,
soweit die Aufhebung der vorinstanzlichen Verfügung beantragt wurde. Im
Wesentlichen wurde darauf erkannt, die Vorinstanz habe den rechtserheb-
lichen Sachverhalt nicht vollständig abgeklärt. Durch die Nichtberücksich-
tigung eines wesentlichen Vorbringens (Einreichung der eritreischen Iden-
titätskarte im Original) beziehungsweise der «völlig undifferenzierten Wür-
digung derselben» habe die Vorinstanz auch ihre Begründungspflicht und
den Anspruch des Beschwerdeführers auf rechtliches Gehör verletzt. Es
wies das Verfahren zur Abklärung des vollständigen rechtserheblichen
Sachverhalts und zur Neubeurteilung der Sache an die Vorinstanz zurück.
B.
Mit Verfügung vom 3. September 2019 – eröffnet am 10. September 2019
– stellte das SEM erneut fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlings-
eigenschaft nicht, lehnte sein Asylgesuch ab, verfügte die Wegweisung aus
der Schweiz und ordnete den Vollzug an.
D-5094/2019
Seite 4
C.
Mit handschriftlich ergänzter Formular-Eingabe vom 1. Oktober 2019 (Da-
tum des Poststempels) erhob der Beschwerdeführer gegen diesen Ent-
scheid Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht. Darin beantragte er,
die angefochtene Verfügung sei aufzuheben, er sei als Flüchtling anzuer-
kennen und ihm sei Asyl zu gewähren. In verfahrensrechtlicher Hinsicht
ersuchte er um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung sowie um
Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses.
Der Beschwerde lagen die angefochtene Verfügung sowie eine Fürsorge-
bestätigung vom 1. Oktober 2019 bei.
D.
Mit Schreiben vom 2. Oktober 2019 bestätigte das Bundesverwaltungsge-
richt den Eingang der Beschwerde.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG vom 26. Juni 1998
(AS 2016 3101; SR 142.31) in Kraft getreten. Für das vorliegende Verfah-
ren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur
Änderung des AsylG vom 25. September 2015).
1.2 Am 1. Januar 2019 wurde das Ausländergesetz vom 16. Dezember
2005 (AuG, SR 142.20) teilrevidiert (AS 2018 3171) und in Ausländer- und
Integrationsgesetz (AIG) umbenannt. Der vorliegend anzuwendende Ge-
setzesartikel (Art. 83 Abs. 1–4) ist unverändert vom AuG ins AIG übernom-
men worden, weshalb das Gericht nachfolgend die neue Gesetzesbezeich-
nung verwenden wird.
1.3 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG und entscheidet auf dem
Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend – endgültig (Art. 83
Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG). Der Beschwerdeführer ist als Verfü-
gungsadressat zur Beschwerdeführung legitimiert (Art. 48 VwVG). Auf die
frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten (aArt. 108
Abs. 1 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
D-5094/2019
Seite 5
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachste-
hend aufgezeigt, handelt es sich um eine solche, weshalb das Urteil nur
summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG).
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf einen Schriftenwechsel ver-
zichtet.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). Das Bundesverwaltungsge-
richt hat die Anforderungen an das Glaubhaftmachen der Vorbringen in ver-
schiedenen Entscheiden dargelegt und folgt dabei ständiger Praxis. Darauf
kann hier verwiesen werden (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1 m.w.H.).
4.3 Wer sich darauf beruft, dass durch seine Ausreise aus dem Heimat-
oder Herkunftsstaat oder wegen seines Verhaltens nach der Ausreise eine
Gefährdungssituation erst geschaffen worden sei, macht sogenannte sub-
jektive Nachfluchtgründe im Sinne von Art. 54 AsylG geltend. Subjektive
D-5094/2019
Seite 6
Nachfluchtgründe begründen zwar die Flüchtlingseigenschaft im Sinne von
Art. 3 AsylG, führen jedoch nach Art. 54 AsylG zum Ausschluss des Asyls,
unabhängig davon, ob sie missbräuchlich oder nicht missbräuchlich ge-
setzt wurden (vgl. BVGE 2009/28 E. 7.1). Stattdessen werden Personen,
die subjektive Nachfluchtgründe nachweisen oder glaubhaft machen kön-
nen, als Flüchtlinge vorläufig aufgenommen.
5.
5.1 Die Vorinstanz kommt in der angefochtenen Verfügung zum Schluss,
die Vorbringen des Beschwerdeführers würden weder den Anforderungen
an die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG noch den Anforderun-
gen an die Glaubhaftigkeit gemäss Art. 7 AsylG standhalten.
Zur Begründung führte sie im Wesentlichen aus, seine Vorbringen würden
Widersprüche und Ungereimtheiten aufweisen und widersprächen teil-
weise auch der Realität. So habe er anlässlich der BzP angegeben, sein
(...) sei im Jahr 2011 von den eritreischen Behörden aufgrund des Ver-
dachts auf eine Zusammenarbeit mit den (...) inhaftiert worden. In der An-
hörung habe er angefügt, dass sein (...) von der Regierung festgenommen
worden sei, als dieser in die Moschee zum Beten gegangen sei, mehr
wisse er nicht darüber. Indessen erstaune, dass er über die Festnahme
seines (...) so wenig zu berichten wisse, zumal dessen Festnahme als Ver-
sorger der Familie gewichtige finanzielle Konsequenzen mit sich gebracht
haben dürfte. Weiter habe er zu Protokoll gegeben, bezüglich des Militär-
dienstes keine weiteren Probleme gehabt zu haben. Er sei fast die ganze
Zeit mit den Tieren in der Wüste gewesen und habe sich dort versteckt
gehalten. Wenn es Razzien gegeben habe, sei er stets abwesend gewe-
sen. Im Widerspruch hierzu habe er ausgeführt, in der (...) seines (...) ge-
arbeitet zu haben. Dort sei er vom Spitzel der Regierung namens
I._, der in der Gegend bekannt gewesen sei, aufgesucht worden,
als seine (...) versucht habe, das Land illegal zu verlassen. Aufgrund des-
sen sei davon auszugehen, dass I._ und somit die eritreischen Be-
hörden bestens informiert gewesen sein mussten, dass der Beschwerde-
führer keinen Militärdienst geleistet habe. Aufgrund dessen sei auch davon
auszugehen, dass die eritreischen Behörden kein Interesse daran gehabt
haben dürften, den Beschwerdeführer in den Militärdienst einzuziehen.
Dies gelte umso mehr, als es I._, der den Beschwerdeführer und
seinen Arbeitsplatz angeblich gekannt habe, ein Leichtes gewesen wäre,
ihn an die eritreischen Militärbehörden zu denunzieren. Darüber hinaus
würden seine Schilderungen zu seinem Gefängnisaufenthalt erheblich
voneinander abweichen. Anlässlich der BzP habe er angegeben, in der
D-5094/2019
Seite 7
Haft sieben Tage geschlagen worden zu sein und zehn Tage im Spital ver-
bracht zu haben. An der Anhörung habe er hingegen behauptet, drei Tage
lang geschlagen worden zu sein und vier Tage Spitalaufenthalt hinter sich
zu haben. Gegen Ende der Anhörung auf diese Ungereimtheiten aufmerk-
sam gemacht, habe er sie nicht zu erklären vermocht. Darüber hinaus habe
der Beschwerdeführer unpräzise Angaben über den Moment seiner illega-
len Ausreise aus Eritrea gemacht. In der BzP habe er zunächst zu Protokoll
gegeben, Eritrea im Oktober 2012 verlassen zu haben. Im weiteren Verlauf
der BzP habe er im Widerspruch dazu von Mitte Juni 2013 gesprochen. In
der Anhörung habe er sodann angegeben, Eritrea am 16. respektive
17. Juni 2013 verlassen zu haben. Auf diese Widersprüche angesprochen,
habe er lediglich zu Protokoll gegeben, Juni 2013 sei richtig. Vor diesem
Hintergrund sei davon auszugehen, dass er die geltend gemachten Vor-
bringen nicht wie von ihm geschildert oder nicht im geltend gemachten
Kontext oder Umfang erlebt haben könne.
Schliesslich sei gemäss dem Koordinationsurteil des Bundesverwaltungs-
gerichts D-7898/2015 vom 30. Januar 2017 nicht mit überwiegender Wahr-
scheinlichkeit davon auszugehen, dass sich eritreische Staatsangehörige
aufgrund einer illegalen Ausreise mit Sanktionen ihres Heimatstaates kon-
frontiert sähen, die bezüglich ihrer Intensität und der politischen Motivation
des Staates ernsthafte Nachteile gemäss Art. 3 Abs. 2 AsylG darstellen
würden. Andere Anknüpfungspunkte, welche ihn in den Augen des eritrei-
schen Regimes als missliebige Person erscheinen liessen, seien nicht er-
sichtlich. Somit bleibe festzuhalten, dass die geltend gemachte illegale
Ausreise alleine keine Furcht vor einer zukünftigen asylrelevanten Verfol-
gung zu begründen vermöge.
5.2 Der Beschwerdeführer entgegnete in der Rechtsmittelschrift im We-
sentlichen, der vorinstanzliche Entscheid beruhe auf einer falschen Ein-
schätzung der Situation. Vorab sei darauf hinzuweisen, dass seine eritrei-
sche Staatsangehörigkeit durch die Einreichung seiner Identitätskarte so-
wie derjenigen seiner (...) belegt sei. Sodann drohe ihm bei einer Rückkehr
in seinen Heimatstaat Eritrea eine erneute Inhaftierung – und damit zusam-
menhängend – eine unmenschliche Behandlung. Die unterschiedlichen
Zeitangaben hinsichtlich der Haftdauer sowie des Spitalaufenthalts würden
zusammenhängen. In solchen Umgebungen sei es schwierig, den Zeitab-
lauf richtig einzuordnen. Diese Tagesunterschiede könnten kulturell be-
dingt sein, aber auch mit Stressfaktoren in Verbindung gebracht werden.
Andererseits könnten auch Missverständnisse im Rahmen der Überset-
zung hierzu geführt haben. Durch die erlittenen Misshandlungen während
D-5094/2019
Seite 8
der Haft sei er traumatisiert und leide unter Albträume. An der Anhörung
habe er zudem mehrmals auf seine während der Haft zugefügten körperli-
chen Verletzungen hingewiesen, was die Vorinstanz in der angefochtenen
Verfügung unberücksichtigt gelassen habe. Bezüglich der physischen und
psychischen Beschwerden werde er zu einem späteren Zeitpunkt ärztliche
Atteste zu den Akten reichen. Schliesslich sei ihm das rechtliche Gehör
trotz der zahlreichen Verfahrensstandsanfragen nicht gewährt worden, ob-
wohl seit dem Beginn des Asylverfahrens einzig zwei Anhörungen stattge-
funden hätten.
6.
6.1 In der Beschwerde werden formelle Rügen erhoben, welche vorab zu
beurteilen sind, da sie gegebenenfalls geeignet sind, eine Kassation der
vorinstanzlichen Verfügung zu bewirken. Der Beschwerdeführer wirft der
Vorinstanz sinngemäss eine Verletzung der Prüfungs- und Begründungs-
pflicht (respektive allgemein des Anspruchs auf rechtliches Gehör) sowie
die unrichtige und unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sach-
verhalts vor.
6.2 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches
Gehör, welcher als Mitwirkungsrecht alle Befugnisse umfasst, die einer
Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt
wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 135 II 286 E. 5.1; BVGE
2009/35 E. 6.4.1). Mit dem Gehörsanspruch korreliert die Pflicht der Be-
hörden, die Vorbringen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und in ihrer
Entscheidfindung angemessen zu berücksichtigen. Nicht erforderlich ist,
dass sich die Begründung mit allen Parteistandpunkten einlässlich ausei-
nandersetzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich widerlegt (vgl.
BGE 136 I 184 E. 2.2.1).
Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen
Sachverhalts in Verletzung der behördlichen Untersuchungspflicht bildet
einen Beschwerdegrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Unrichtig ist die
Sachverhaltsfeststellung dann, wenn der Verfügung ein falscher und ak-
tenwidriger oder nicht weiter belegbarer Sachverhalt zugrunde gelegt
wurde. Unvollständig ist sie, wenn die Behörde trotz Untersuchungsma-
xime den Sachverhalt nicht von Amtes wegen abgeklärt oder nicht alle für
die Entscheidung wesentlichen Sachumstände berücksichtigt hat (vgl.
dazu CHRISTOPH AUER/ANJA MARTINA BINDER, in: Kommentar zum Bundes-
gesetz über das Verwaltungsverfahren [VwVG], 2. Aufl. 2019, Art. 12 N 16).
D-5094/2019
Seite 9
6.3 Bezüglich der Sachverhaltsabklärung ist vorab klarzustellen, dass mit
dem Kassationsurteil D-7302/2015 vom 8. März 2016 darauf erkannt
wurde, die Vorinstanz wäre gehalten gewesen, den Sachverhalt – unter
Berücksichtigung der eingereichten eritreischen Identitätskarte im Original
– rechtsgenüglich abzuklären. In der neu ergangenen und vorliegend an-
gefochtenen Verfügung der Vorinstanz vom 3. September 2019 wurde der
rechtserhebliche Sachverhalt hinreichend festgestellt, indem sie die Ver-
säumnisse nachgeholt hat. Sodann hat der Beschwerdeführer im vo-
rinstanzlichen Verfahren im Rahmen der Anhörung die Möglichkeit gehabt,
sich umfassend – auch in einem freien Bericht (vgl. A18/26 F63) – zu sei-
nen Asylgründen zu äussern. Aus den Akten sind keine konkreten Anhalts-
punkte ersichtlich, gestützt auf welche eine ergänzende Anhörung ange-
zeigt gewesen wäre. Alleine der Umstand, dass die Vorinstanz zu einer
anderen Einschätzung zu den vorliegend zu beurteilenden Gegebenheiten
gelangt als vom Beschwerdeführer vertreten, und sie auch eine andere
Würdigung der Vorbringen vornimmt, als vom Beschwerdeführer erwartet,
spricht nicht für eine ungenügende Sachverhaltsfeststellung.
6.4 Die Vorinstanz hat auch die Begründungspflicht nicht verletzt. In der
angefochtenen Verfügung wurden die geltend gemachten wesentlichen
Vorbringen aufgeführt. Die Vorinstanz hat in einer Gesamtwürdigung dieser
Vorbringen nachvollziehbar aufgezeigt, von welchen Überlegungen sie
sich leiten liess. Eine darauf gestützte sachgerechte Anfechtung war denn
auch möglich. Der Umstand, dass der Beschwerdeführer die Folgerungen
der Vorinstanz, die sie aus der Würdigung der gesamten Vorbringen zieht,
nicht teilt, ist ihr nicht als eine Verletzung der Begründungspflicht anzulas-
ten, sondern betrifft eine materielle Frage.
6.5 Aufgrund des Gesagten besteht keine Veranlassung, die angefochtene
Verfügung aus formellen Gründen aufzuheben und die Sache an die Vor-
instanz zurückzuweisen.
7.
7.1 Das Bundesverwaltungsgericht gelangt nach Prüfung der Akten – in
Übereinstimmung mit der Vorinstanz – zum Schluss, dass es dem Be-
schwerdeführer nicht gelingt, eine asylbeachtliche Verfolgung im Sinne von
Art. 3 und Art. 7 AsylG glaubhaft zu machen. Auf die betreffenden Ausfüh-
rungen in der angefochtenen Verfügung (vgl. die Zusammenfassung der
entsprechenden Erwägungen in E. 5.1 des vorliegenden Urteils) kann mit
D-5094/2019
Seite 10
den nachfolgenden Ergänzungen verwiesen werden. Die Rechtsmittelein-
gabe hält dem nichts Stichhaltiges entgegen und erschöpft sich vielmehr
in Erklärungsversuchen.
7.1.1 Übereinstimmend mit der Vorinstanz ist zunächst festzuhalten, dass
die heimatlichen Behörden kein Interesse daran gehabt haben dürften, den
Beschwerdeführer in den Nationaldienst einzuziehen, respektive ist davon
auszugehen, dass sich der Beschwerdeführer nicht vor einer Einziehung
gefürchtet hat. Zunächst widerspricht es der allgemeinen Erfahrung und
Logik des Handelns, dass der Beschwerdeführer – trotz der drohenden
Einziehung in den Nationaldienst – die Koranschule besuchte, in der (...)
arbeitete und die heimatlichen Behörden aufgesucht hat, um sich eine
Identitätskarte ausstellen zu lassen (vgl. A18/26 F189). Sodann gilt es da-
rauf hinzuweisen, dass der Beschwerdeführer die Frage, ob er vor der gel-
tend gemachten Inhaftierung im Mai 2013 mit den Behörden oder der Po-
lizei irgendwelche Probleme hatte, explizit verneinte (vgl. A18/26 F81).
Gleichzeitig fügte er an, dass er zwar einmal in eine Razzia gekommen sei,
ihn die Soldaten aber aufgrund eines geschwollenen Fusses nicht in den
Nationaldienst eingezogen hätten (vgl. A18/26 F81), was darüber hinaus
realitätsfremd erscheint.
7.1.2 Weiter ist der Vorinstanz Recht zu geben, dass die Vorbringen des
Beschwerdeführers zur Inhaftierung und dem anschliessenden Spitalau-
fenthalt zeitliche Abweichungen aufweisen (vgl. SEM-Akten A8/13
Ziff. 7.01; A18/26 F63, F232-233). Die Erklärungsversuche in der Rechts-
mitteleingabe – fehlendes Zeitgefühl in solchen Umständen, kulturelle Un-
terschiede sowie Stressfaktoren – vermögen das Gericht nicht zu überzeu-
gen. Diesbezüglich ist festzuhalten, dass ein Asylbewerber grundsätzlich
nur eigene Erlebnisse zu schildern hat und nicht komplizierte theoretische
oder abstrakte Erörterungen anzustellen braucht. Da lediglich selber Erleb-
tes wiederzugeben ist, darf erwartet werden, dass der Sachverhalt in den
wesentlichen Zügen wiederholt übereinstimmend wiedergegeben werden
kann, zumal es sich bei den geschilderten Vorkommnissen um einschnei-
dende Ereignisse handelt, die erfahrungsgemäss besonders gut im Ge-
dächtnis haften bleiben. Auch der Einwand, dass die Ungereimtheiten
durch die Übersetzung entstanden sein könnten, ist offensichtlich nicht
stichhaltig, zumal der Beschwerdeführer die Richtigkeit und Vollständigkeit
des Protokolls anlässlich der Rückübersetzung unterschriftlich bestätigte
und dieses ergänzen liess (vgl. A18/26 S. 25).
D-5094/2019
Seite 11
7.1.3 Darüber hinaus ist festzustellen, dass sich der Beschwerdeführer zur
Inhaftierung, dem anschliessenden Spitalaufenthalt und der angeblichen
Flucht aus dem Spital lediglich pauschal und auf wenig substantiierte
Weise äusserte. Auch auf (mehrmalige) Nachfrage vermochte der Be-
schwerdeführer seine Schilderungen nicht zu präzisieren (vgl. A18/26 F92-
94, F107-113, F116-139), weshalb sie nicht den Eindruck vermitteln, dass
sie auf persönlichen Erlebnissen beruhen. Zudem verstrickte er sich hin-
sichtlich der Haft in weitere Widersprüche, indem er in der BzP vorbrachte,
die Soldaten hätten von ihm wissen wollen, mit welcher Oppositionsgruppe
er zusammenarbeite (vgl. A8/13 Ziff. 7.01). Im Widerspruch hierzu erklärte
er anlässlich der Anhörung, er sei danach gefragt worden, welchen Schlep-
per er unterstütze (vgl. A18/26 F239). Nach dem Gesagten muss denn
auch von insgesamt konstruierten Gesuchsvorbringen ausgegangen wer-
den. An dieser Einschätzung würden auch die in Aussicht gestellten ärztli-
chen Bescheinigungen nichts zu ändern vermögen. Diesbezüglich ist fest-
zuhalten, dass ein Arztbericht lediglich über einen Befund Auskunft geben
kann, jedoch nicht die Situation zu belegen vermag, anlässlich derer die
Verletzungen entstanden sind respektive keinen Beweis für das geltend
gemachte traumatisierende Ereignis bildet. Sodann ist das pauschale Vor-
bringen, die Behörden hätten ihn nach seiner Flucht bei seiner Familie zu
Hause gesucht, als blosse Schutzbehauptung zu werten.
7.2 Somit ist im Sinne eines Zwischenergebnisses festzuhalten, dass es
dem Beschwerdeführer nicht gelungen ist, die Flüchtlingseigenschaft auf-
grund von Vorfluchtgründen nachzuweisen oder zumindest glaubhaft zu
machen.
7.3 Bezüglich der behaupteten illegalen Ausreise des Beschwerdeführers
hat die Vorinstanz sodann zu Recht auf die aktuelle Praxis des Bundesver-
waltungsgerichts verwiesen, gemäss welcher nicht mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit davon auszugehen ist, dass einer Person einzig auf-
grund ihrer illegalen Ausreise aus Eritrea eine asylrelevante Verfolgung
droht (vgl. Referenzurteil des BVGer D-7898/2015 vom 30. Januar 2017
E. 4.1 und 5.1 f.). Sie hat zudem zutreffend angeführt, dass vorliegend
keine anderen Anknüpfungspunkte ersichtlich seien, welche den Be-
schwerdeführer in den Augen des eritreischen Regimes als missliebige
Person erscheinen lassen könnten. Der vom Beschwerdeführer vorge-
brachten illegalen Ausreise aus Eritrea ist somit praxisgemäss keine flücht-
lingsrechtliche Relevanz beizumessen.
D-5094/2019
Seite 12
7.4 Nach dem Gesagten ist es dem Beschwerdeführer nicht gelungen, eine
flüchtlingsrechtlich relevante Gefährdung aufgrund von subjektiven Nach-
fluchtgründen nachzuweisen oder glaubhaft zu machen. Die Vorinstanz hat
folglich zu Recht seine Flüchtlingseigenschaft verneint und sein Asylge-
such abgelehnt.
8.
8.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
8.2 Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
9.
9.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
9.2
9.2.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG). So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land
gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem
Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft,
zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1
AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über
die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gemäss Art. 25
Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen
D-5094/2019
Seite 13
Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behand-
lung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3 EMRK darf nie-
mand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Be-
handlung unterworfen werden. Art. 4 EMRK beinhaltet die Verbote der
Sklaverei und Leibeigenschaft (Abs. 1) sowie der Zwangs- oder Pflichtar-
beit (Abs. 2 und 3).
9.2.2 Da es dem Beschwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich
erhebliche Gefährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der
in Art. 5 AsylG verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegen-
den Verfahren keine Anwendung finden. Die Zulässigkeit des Vollzugs be-
urteilt sich deshalb vielmehr nach den übrigen verfassungs- und völker-
rechtlichen Bestimmungen (Art. 25 Abs. 3 BV; Art. 3 des Übereinkommens
vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschli-
che oder erniedrigende Behandlung oder Strafe [FoK, SR 0.105]; Art. 3
und 4 EMRK).
9.2.3 Der Beschwerdeführer vermochte, wie oben dargelegt (vgl. oben
E. 7.1.1), keine drohende Einziehung in den Nationaldienst glaubhaft zu
machen. Da er sich jedoch grundsätzlich im wehrpflichtigen Alter befindet,
und aufgrund der Akten nicht davon auszugehen ist, dass er bereits Natio-
naldienst geleistet hat und aus diesem entlassen wurde, ist zu prüfen, ob
ihm bei einer Rückkehr nach Eritrea und einem allfälligen Einzug in den
Nationaldienst eine völkerrechtswidrige Behandlung droht.
9.2.4 Die Frage der Zulässigkeit des Wegweisungsvollzugs bei bevorste-
hender Einziehung in den Nationaldienst ist vom Bundesverwaltungsge-
richt in einem Grundsatzurteil geklärt worden (vgl. BVGE 2018 VI/4). Das
Gericht hat die Zulässigkeit des Wegweisungsvollzugs im genannten Urteil
sowohl unter dem Gesichtspunkt des Verbots der Sklaverei und Leibeigen-
schaft (Art. 4 Abs. 1 EMRK) und des Zwangsarbeitsverbots (Art. 4 Abs. 2
EMRK) als auch unter jenem des Verbots der Folter und der unmenschli-
chen und erniedrigenden Behandlung (Art. 3 EMRK) geprüft und bejaht.
Von einer drohenden Verletzung dieser völkerrechtlichen Bestimmungen
ist demnach selbst bei einer allfälligen Einziehung des Beschwerdeführers
in den Nationaldienst nicht auszugehen.
9.2.5 Aus den Akten ergeben sich sodann – selbst bei einem Einzug in den
Nationaldienst – keine Anhaltspunkte für die Annahme, der Beschwerde-
führer müsste bei einer Rückkehr in den Heimatstaat dort mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit eine nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotene
D-5094/2019
Seite 14
Strafe oder Behandlung befürchten. Auch die problematische allgemeine
Menschenrechtssituation in Eritrea lässt den Wegweisungsvollzug zum
heutigen Zeitpunkt praxisgemäss nicht als unzulässig erscheinen.
9.2.6 Abschliessend ist darauf hinzuweisen, dass das Bundesverwaltungs-
gericht die Zulässigkeit des Wegweisungsvollzuges – aufgrund des Feh-
lens eines Rückübernahmeabkommens zwischen der Schweiz und Eritrea
– lediglich für freiwillige Rückkehrer beurteilte und die Zulässigkeit zwangs-
weiser Rückführungen ausdrücklich offen liess (vgl. Urteil BVGE 2018 VI/4
E. 6.1.7).
9.2.7 Der Vollzug der Wegweisung des Beschwerdeführers erweist sich
damit – sowohl im Sinne der landes- als auch der völkerrechtlichen Best-
immungen – als zulässig.
9.3
9.3.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
9.3.2 Im bereits zitierten BVGE 2018 VI/4 kam das Bundesverwaltungsge-
richt auch zum Schluss, dass die drohende Einziehung in den National-
dienst nicht zur Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs führe (a.a.O.
E. 6.2.3-6.2.5). Eine allfällige Einziehung des Beschwerdeführers in den
Nationaldienst bei einer (freiwilligen) Rückkehr nach Eritrea führt damit
nicht zur Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs.
9.3.3 Gemäss der aktuellen Rechtsprechung kann in Eritrea nicht von ei-
nem Krieg, Bürgerkrieg oder einer Situation allgemeiner Gewalt bezie-
hungsweise einer generellen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs
ausgegangen werden. In jüngster Zeit haben sich die Lebensbedingungen
in einigen Bereichen verbessert. Zwar ist die wirtschaftliche Lage nach wie
vor schwierig. Die medizinische Grundversorgung, die Ernährungssitua-
tion, der Zugang zu Wasser und zur Bildung haben sich aber stabilisiert.
Der Krieg ist seit Jahren beendet und ernsthafte ethnische oder religiöse
Konflikte sind nicht zu verzeichnen. Zu erwähnen sind an dieser Stelle auch
die umfangreichen Zahlungen aus der Diaspora, von denen ein Grossteil
der Bevölkerung profitiert. Angesichts der schwierigen allgemeinen Lage
D-5094/2019
Seite 15
des Landes muss jedoch in Einzelfällen nach wie vor von einer Existenz-
bedrohung ausgegangen werden, wenn besondere Umstände vorliegen.
Anders als noch unter der früheren Rechtsprechung sind begünstigende
individuelle Faktoren jedoch nicht mehr zwingende Voraussetzung für die
Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs (vgl. Referenzurteil des BVGer
D-2311/2016 vom 17. August 2017 E. 16 f.).
Vorliegend kann nicht auf die Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs
aufgrund in der Person des Beschwerdeführers liegender Gründe ge-
schlossen werden. Es handelt sich bei ihm um einen jungen Mann ohne
aktenkundige gesundheitliche Probleme (vgl. A8/13 Ziff. 8.02; A18/26
F242). Er besuchte eigenen Angaben zufolge mehrere Jahre die Koran-
schule und verfügt über Arbeitserfahrungen in der Landwirtschaft (vgl.
A8/13 Ziff. 1.17.04 f.; A18/26 F19-20, F24, F47). Nach wie vor leben auch
seine (...) sowie Familienangehörige in Eritrea ([...], vgl. A8/13 Ziff. 1.14,
Ziff. 3.01; A18/26 F37-39). Besondere individuelle Umstände, aufgrund de-
rer bei einer Rückkehr nach Eritrea von einer existenziellen Bedrohung
ausgegangen werden müsste, sind den Akten nicht zu entnehmen.
9.3.4 Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung nicht
als unzumutbar im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG.
9.4 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG). Dass eine zwangsweise Rückkehr zur
Zeit nicht möglich ist, ändert daran nichts.
9.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Die Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
10.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und auch sonst nicht zu beanstanden ist
(Art. 106 Abs. 1 AsylG und Art. 49 VwVG). Die Beschwerde ist abzuweisen.
11.
11.1 Der Beschwerdeführer beantragt die Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG. Aufgrund der vorstehenden
Erwägungen ergibt sich, dass seine Begehren als aussichtslos zu gelten
D-5094/2019
Seite 16
haben. Damit ist eine der kumulativ zu erfüllenden Voraussetzungen nicht
gegeben, weshalb das Gesuch ungeachtet der ausgewiesenen Mittellosig-
keit abzuweisen ist.
11.2 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem
Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt
Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008
über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
[VGKE, SR 173.320.2]). Das Gesuch um Verzicht auf die Erhebung eines
Kostenvorschusses ist mit vorliegendem Direktentscheid gegenstandslos
geworden.
(Dispositiv nächste Seite)
D-5094/2019
Seite 17