Decision ID: 81d11d2a-88d1-449c-938d-b0752d4f82c9
Year: 2021
Language: de
Court: SH_OG
Chamber: SH_OG_001
Canton: SH
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
Am 15. Oktober 2021 entzog die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde des
Kantons Schaffhausen (KESB) den Eltern A.A. und B.A. superprovisorisch das
Aufenthaltsbestimmungsrecht über C.A., geb. X. September 2021, und brachte
diesen im geschlossenen Kinderzimmer des Kantonsspitals Schaffhausen unter.
Weiter errichtete die KESB für C.A. vorsorglich eine Beistandschaft nach Art. 308
Abs. 1 und 2 ZGB. Diesen Beschluss eröffnete die KESB vorerst im Dispositiv.
A.A. und B.A. erhoben daraufhin beim Obergericht Beschwerde und verlangten, es
sei die Vollstreckbarkeit des Beschlusses vom 15. Oktober 2021 aufzuschieben
und die aufschiebende Wirkung der Beschwerde wiederherzustellen. Weiter bean-
tragten sie, ihnen sei superprovisorisch das Aufenthaltsbestimmungsrecht unver-
züglich zurückzuübertragen und zu gestatten, aus dem Spital auszutreten.
Mit Verfügung vom 26. Oktober 2021 (OGE 30/2021/19) trat das Obergericht auf
die Beschwerde nicht ein. Es wies darauf hin, dass gegen den vorerst im Dispositiv
eröffneten und damit unbegründeten Beschluss der KESB vom 15. Oktober 2021
noch keine Beschwerdemöglichkeit gegeben sei.
Gleichentags, d.h. am 26. Oktober 2021, übertrug die KESB das Aufenthaltsbe-
stimmungsrecht über C.A. zurück an die A.A. und B.A. und erteilte diesen gestützt
auf Art. 307 Abs. 1 ZGB i.V.m. Art. 445 Abs. 1 ZGB die Weisung, zur Kontrolle der
gedeihlichen Entwicklung sowie zur Unterstützung bei der Pflege und Betreuung
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von C.A. tägliche Hebammenbesuche in Anspruch zu nehmen. Sodann wurden die
Beschwerdeführer angewiesen, wöchentlich Beratungsgespräche bei der Mütter-
und Väterberatung der Spitex Region X. sowie einmal pro Woche ein Beratungs-
gespräch der Mütter- und Väterberatung im Rahmen eines Hausbesuchs in An-
spruch zu nehmen. Die vorsorglich angeordnete Beistandschaft für C.A. wurde fort-
geführt unter Anpassung des Aufgabenbereichs an die erteilten Weisungen. Dieser
Entscheid erging im Dispositiv unter dem Hinweis, dass die Verfahrensbeteiligten
innert 10 Tagen nach Empfang bei der KESB die schriftlich begründete Ausferti-
gung dieses Beschlusses verlangen könnten. Einer allfälligen Beschwerde gegen
diesen Entscheid wurde die aufschiebende Wirkung entzogen.
Am 2. November 2021 verlangten A.A. und B.A. bei der KESB die Begründung des
Beschlusses vom 26. Oktober 2021. Gleichentags gelangten sie erneut an das
Obergericht mit dem Antrag, die Vollstreckbarkeit des Beschlusses vom 2. Novem-
ber 2021 sei aufzuschieben.

Aus den Erwägungen
1.1. Gemäss Art. 445 i.V.m. Art. 314 Abs. 1 ZGB trifft die KESB alle für die
Dauer des Verfahrens notwendigen vorsorglichen Massnahmen. Sie kann
insbesondere eine Massnahme des Kindesschutzes vorsorglich anordnen
(Abs. 1). Gegen Entscheide über vorsorgliche Massnahmen kann innert zehn
Tagen nach deren Mitteilung schriftlich und begründet beim Obergericht
Beschwerde erhoben werden (Abs. 3; Art. 450 Abs. 1 und 3 ZGB; Art. 41 Abs. 1
des Justizgesetzes vom 9. November 2009 [JG, SHR 173.200]). Wie bereits im
Verfahren OGE 30/2021/19 ausdrücklich festgehalten, wird die Beschwerdefrist
jedoch in jedem Fall erst mit der Zustellung des begründeten Entscheids ausgelöst
(Art. 450f ZGB i.V.m. Art. 311 Abs. 1 und Art. 321 Abs. 1 ZPO). Solange die
Begründung nicht vorliegt, ist weder eine begründete Beschwerde noch eine
Überprüfung des Beschlusses im Rechtsmittelverfahren möglich, weshalb auf eine
vorzeitige Beschwerde nicht einzutreten ist (vgl. Laurent Killias, in:
Hausheer/Walter [Hrsg.], Berner Kommentar, Schweizerische
Zivilprozessordnung, Bd. I, Bern 2012, Art. 239 N. 20, S. 2387; Steck/Brunner, in:
Spühler/Tenchio/Infanger [Hrsg.], Basler Kommentar, Schweizerische
Zivilprozessordnung [ZPO], 3. A., Basel 2017, Art. 239 N. 13, S. 1386).
1.2. Der Schweizerische Gesetzgeber knüpft die Vollstreckbarkeit eines
Entscheids bewusst nicht an die formelle Rechtskraft an. Unter anderem bei
vorsorglichen Massnahmen ist die sofortige Vollstreckbarkeit sogar die Regel (vgl.
Art. 315 Abs. 4 lit. b ZPO). Da im Kindesschutz sowohl erst- als auch
zweitinstanzliche Entscheide vorab unbegründet eröffnet werden können (Art. 239
ZPO und Art. 53 des Gesetzes über die Einführung des Schweizerischen
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Zivilgesetzbuches vom 27. Juni 2011 [EG ZGB, SHR 210.1] i.V.m. Art. 57e JG und
Art. 46 EG ZGB), kann dies dazu führen, dass ein Entscheid vollstreckbar wird,
bevor eine Rechtsmittelmöglichkeit besteht. In diesen Fällen ist zunächst bei der
entscheidenden Behörde die schriftliche Begründung zu verlangen.
1.3. Einzelne Kantone versuchen der auftretenden Problematik bei
unbegründeten beschwerdefähigen Entscheiden dadurch entgegenzutreten, dass
sie während der Schwebezeit zwischen der Entscheideröffnung im Dispositiv und
der Zustellung des begründeten Entscheids entweder in analoger Anwendung von
Art. 112 Abs. 2 BGG generell einen Vollstreckbarkeitsaufschub vorsehen oder
indem sie die obere Instanz in Anwendung des vorsorglichen Massnahmenrechts
für zuständig erklären, über einen Aufschub zu befinden (vgl. zum Ganzen
Markus/Huber-Lehmann, Erteilung und Entzug der Vollstreckbarkeit, AJP 2020
S. 1555 ff.).
1.4. Der Kanton Schaffhausen kennt keine entsprechende Praxis. Das
Obergericht als Rechtsmittelinstanz in Kindes- und Erwachsenenschutzsachen ist
erst nach Einlegung eines Rechtsmittels zuständig, über die vorzeitige Bewilligung
der Vollstreckbarkeit des Entscheids (oder deren Aufschub) zu befinden. Zwischen
Entscheideröffnung und Rechtsmittelhängigkeit besteht keine Möglichkeit eines
Vollstreckbarkeitsaufschubs, zumal wenn es sich wie vorliegend um
Kindesschutzmassnahmen handelt. Darauf wurden die anwaltlich vertretenen
Gesuchsteller bereits im Entscheid OGE 30/2021/19 hingewiesen. Gerade
dringliche Kindesschutzmassnahmen müssen umgehend installiert werden
können und es sollen bewusst keine entsprechenden Verzögerungsmöglichkeiten
eröffnet werden, da andernfalls die Wirksamkeit der Massnahmen ins Leere zu
laufen drohte. In diesem Bereich ist der Nachteil, den die unterliegende Partei
dadurch erfährt, dass sie zunächst eine Begründung verlangen muss, zu
relativieren. Auch aus prozessökonomischen Gründen ist die Praxis eines
vorzeitigen Vollstreckungsaufschubs im vorsorglichen Kindesschutz nicht
sachgerecht. So widerspricht es dem Ziel eines möglichst raschen Verfahrens,
wenn sich das Obergericht als Rechtsmittelinstanz quasi in überholender
Zuständigkeit zunächst selbst einen Überblick über die tatsächlichen Verhältnisse
verschaffen und hierzu auch die Akten der KESB beiziehen muss, obwohl die
KESB selbst noch mit der Entscheidbegründung beschäftigt ist. Das Obergericht
hätte sodann eine Hauptsachenprognose zu treffen, ohne die Beweggründe der
KESB als sachnähere Vorinstanz zu kennen. Entsprechend soll de lege ferenda
im Zuge der ZPO-Revision neu ausdrücklich die Zuständigkeit des
erstinstanzlichen Gerichts zur Anordnung des Vollstreckbarkeitsaufschubs
verankert werden (Art. 236 Abs. 4 E-ZPO; Entwurf Schweizerische
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Zivilprozessordnung [Verbesserung und Praxistauglichkeit und der
Rechtsdurchsetzung], BBl 2020 2785 ff.).
1.5. Ergänzend ist festzuhalten, dass selbst wenn das Obergericht auf die
Sache eintreten könnte, das Gesuch um vorzeitigen Vollstreckungsaufschub als
offensichtlich unbegründet abzuweisen wäre. So wird nicht ansatzweise dargelegt,
dass mit dem angefochtenen Entscheid der KESB ein Rechtszustand geschaffen
würde, der nur schwer wieder rückgängig gemacht werden könnte. Die
Gesuchsteller verhalten sich sodann widersprüchlich, wenn sie die äusserste
Dringlichkeit eines Vollstreckungsaufschubs betonen und vorbringen, es sei ihnen
nicht zuzumuten, die Begründung des Beschlusses vom 26. Oktober 2021
abzuwarten, sie selbst aber erst am 2. November 2021, also gleichzeitig mit dem
vorliegenden Begehren an das Obergericht, bei der KESB überhaupt erst formell
eine Begründung verlangten. Ebenso wenig sind die behaupteten schwersten
Eingriffe in die Persönlichkeits- und Freiheitsrechte noch die angeblich massivsten
Eingriffe in die Privatsphäre der Gesuchsteller ersichtlich. Vielmehr ist – soweit das
Obergericht dies im jetzigen Zeitpunkt überhaupt beurteilen kann – nach
vorläufiger Einschätzung davon auszugehen, dass sich die Gesuchsteller gegen
(entsprechend mildere) Ersatzmassnahmen wehren, mit welchen vorliegend
erreicht wurde, dass die vorsorglich angeordnete Unterbringung im Kantonsspital
aufgehoben bzw. das Aufenthaltsbestimmungsrecht an die Gesuchsteller
rückübertragen werden konnte. Die angeordneten Massnahmen stehen sodann
allesamt im Zusammenhang mit der Versorgung und Pflege eines wenige Wochen
alten Säuglings, wobei es sich um sehr sensible und entsprechend hoch zu
gewichtende Kindesinteressen handelt.
1.6. Vor diesem Hintergrund ist auf das Gesuch nicht einzutreten.