Decision ID: 985b8eb8-3bde-537d-9306-29579a7db060
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer suchte am 14. Oktober 2021 in der Schweiz um
Asyl nach. Ein Abgleich seiner Fingerabdrücke mit der Eurodac-Datenbank
ergab, dass er am 26. August 2021 in Italien bereits ein Asylgesuch gestellt
hatte. Zudem ergab ein Abgleich mit dem zentralen Visa-Informationssys-
tem (CS-VIS), dass Italien ihm am 28. August 2021 ein für diesen Tag gül-
tiges Visum ausgestellt hatte.
B.
B.a
Am 20. Oktober 2021 fand die Personalienaufnahme (PA) des Beschwer-
deführers statt und am 26. Oktober 2021 erfolgte das persönliche Ge-
spräch gemäss Art. 5 der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen
Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien
und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung ei-
nes von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mit-
gliedstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist
(nachfolgend: Dublin-III-VO).
Der Beschwerdeführer machte dabei im Wesentlichen geltend, er habe
seine Heimat am 24. August 2021 mit dem Flugzeug verlassen. In Italien
sei er am 26. August 2021 angekommen. Er sei nicht mit einem Visum
nach Italien gekommen und habe dort auch kein Asylgesuch eingereicht.
Seine Fingerabdrücke seien ihm von den italienischen Behörden mit der
Begründung abgenommen worden, dass diese sicherheitsrelevant seien.
B.b Das SEM gewährte dem Beschwerdeführer im Rahmen des Dublin-
Gesprächs das rechtliche Gehör zu einem allfälligen Nichteintretensent-
scheid und der Möglichkeit der Überstellung nach Italien. Der Beschwer-
deführer machte diesbezüglich geltend, dass er in Italien in einem Zelt un-
tergebracht worden sei. Es sei sehr kalt gewesen und man habe sich nir-
gends aufwärmen können. Er sei immer wieder transferiert worden und
nach zwei Wochen hätte er kein Geld mehr bekommen, drei Tage lang
habe er auch nichts mehr zu essen gehabt. Er habe den zuständigen Per-
sonen deswegen Nachrichten geschickt, diese hätten sich aber immer nur
entschuldigt und sonst nichts getan. Schliesslich sei er in die Schweiz ge-
reist. Auf Nachfrage seiner damaligen Rechtsvertretung hin gab er zu Pro-
tokoll, dass er nur mit der Kleidung am Leib aus Afghanistan ausgereist sei.
In Italien habe er keine neue Kleidung erhalten, obwohl es sehr kalt gewe-
sen sei. Die zuständigen Personen in Italien hätten sich wohl so verhalten,
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damit er (der Beschwerdeführer) von sich aus weggehe. Auf gesundheitli-
che Probleme angesprochen, führte er aus, dass er eine Geschwulst am
Hinterkopf gehabt habe. In Italien sei er deswegen beim Arzt gewesen und
habe ein Rezept erhalten. Nach einer Woche habe ihm der Projektleiter
mitgeteilt, dass die Medikamente zu teuer seien, weshalb er vom Projekt-
leiter gebrauchte Medikamente erhalten habe. In der Schweiz gehe es ihm
diesbezüglich besser. Psychisch gehe es ihm jedoch nicht gut aufgrund der
Ereignisse in Afghanistan.
C.
Am 26. Oktober 2021 ersuchte das SEM gestützt auf die Ergebnisse der
Eurodac-Datenbank sowie die Aussagen des Beschwerdeführers die itali-
enischen Behörden um Wiederaufnahme des Beschwerdeführers gemäss
Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin-III-VO. Die italienischen Behörden nahmen in-
nert der festgelegten Frist zum Übernahmeersuchen keine Stellung.
D.
Mit Schreibe vom 4. November 2021 reichte die damalige Rechtsvertre-
tung des Beschwerdeführers verschiedene medizinische Unterlagen sowie
vier Seiten Screenshots einer WhatsApp Unterhaltung mit dem (angebli-
chen) Betreuer aus dem italienischen Camp zu den Akten.
E.
Mit Verfügung vom 11. November 2021 (eröffnet am 12. November 2021)
trat das SEM in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31)
auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein, verfügte dessen
Überstellung nach Italien, welches gemäss Dublin-III-VO für die Behand-
lung seines Asylgesuche zuständig sei, und forderte ihn auf, die Schweiz
am Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen. Gleichzeitig ver-
fügte es die Aushändigung der editionspflichtigen Akten und stellte fest, ei-
ner allfälligen Beschwerde gegen den Entscheid komme keine aufschie-
bende Wirkung zu.
F.
Mit Schreiben vom 12. November 2021 teilte die damalige Rechtsvertre-
tung die Beendigung des Mandats mit dem Beschwerdeführer mit.
G.
Mit Eingabe vom 18. November 2021 erhob der Beschwerdeführer beim
Bundesverwaltungsgericht Beschwerde und beantragte, die Verfügung
vom 10. November 2021 sei aufzuheben und sein Asylgesuch sei in der
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Schweiz zu prüfen. In prozessualer Hinsicht beantragte er die Gewährung
der aufschiebenden Wirkung sowie der unentgeltlichen Prozessführung in-
klusive Verzicht auf die Kostenvorschusserhebung.
H.
Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am
19. November 2021 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 3 AsylG).

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – und so auch vorliegend –
endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Der Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
AsylG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Die Beschwerde ist zwar nicht in einer
Amtssprache des Bundes abgefasst, vorliegend kann aber praxisgemäss
auf eine Rückweisung der Beschwerde zur Verbesserung verzichtet wer-
den, weil die in englischer Sprache verfassten Ausführungen genügend
verständlich sind. Somit ist auf die frist- und formgerecht eingereichte Be-
schwerde einzutreten (Art. 108 Abs. 3 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
2.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachste-
hend aufgezeigt, handelt es sich um eine solche.
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Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
3.
3.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
3.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1;
2012/4 E. 2.2, je m.w.H.).
4.
4.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmung des staatsvertraglich zuständigen
Staates prüft das SEM die Zuständigkeitskriterien gemäss Dublin-III-VO.
Führt diese Prüfung zur Feststellung, dass ein anderer Mitgliedstaat für die
Prüfung des Asylgesuchs zuständig ist, tritt das SEM, nachdem der betref-
fende Mitgliedstaat einer Überstellung oder Rücküberstellung zugestimmt
hat, auf das Asylgesuch nicht ein (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 6.2).
4.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als
zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung des zu-
ständigen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat
erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO).
Im Fall eines sogenannten Aufnahmeverfahrens (engl.: take charge) sind
die in Kapitel III (Art. 8–15 Dublin-III-VO) genannten Kriterien in der dort
aufgeführten Rangfolge (Prinzip der Hierarchie der Zuständigkeitskriterien;
vgl. Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO) anzuwenden, und es ist von der Situation
im Zeitpunkt, in dem der Antragsteller erstmals einen Antrag in einem Mit-
gliedstaat gestellt hat, auszugehen (Art. 7 Abs. 2 Dublin-III-VO). Im Rah-
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men eines Wiederaufnahmeverfahrens (engl.: take back) findet demge-
genüber grundsätzlich keine (erneute) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel
III statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1 m.w.H.).
Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller in den eigentlich zustän-
digen Mitgliedstaat zu überstellen, weil es wesentliche Gründe für die An-
nahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für An-
tragsteller in jenem Mitgliedstaat systemische Schwachstellen aufweisen,
die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behandlung
im Sinne von Artikel 4 der Charta der Grundrechte der Europäischen Union
(2012/C 326/02, nachfolgend: EU-Grundrechtecharta) mit sich bringen, ist
zu prüfen, ob aufgrund dieser Kriterien ein anderer Mitgliedstaat als zu-
ständig bestimmt werden kann. Kann kein anderer Mitgliedstaat als zustän-
dig bestimmt werden, wird der die Zuständigkeit prüfende Mitgliedstaat
zum zuständigen Mitgliedstaat (Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO).
4.3 Der nach dieser Verordnung zuständige Mitgliedstaat ist verpflichtet,
einen Antragsteller, der während der Prüfung seines Antrags in einem an-
deren Mitgliedstaat einen Antrag gestellt hat oder der sich im Hoheitsgebiet
eines anderen Mitgliedstaats ohne Aufenthaltstitel aufhält, nach Massgabe
der Artikel 23, 24, 25 und 29 wieder aufzunehmen (Art. 18 Abs. 1 Bst. b
Dublin-III-VO).
4.4 Ein Abgleich der Fingerabdrücke des Beschwerdeführers mit der Euro-
dac-Datenbank ergab, dass dieser am 26. August 2021 in Italien ein Asyl-
gesuch eingereicht hatte. Das SEM ersuchte deshalb die italienischen Be-
hörden am 26. Oktober 2021 um Wiederaufnahme des Beschwerdeführers
gemäss Art. 23 in Verbindung mit Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin-III-VO. Die
italienischen Behörden liessen das Aufnahmegesuch gestützt auf Art. 18
Abs. 1 Bst. b Dublin-II-VO vom 26. Oktober 2021 innert der in Art. 25
Abs. 1 Dublin-III-VO vorgesehenen Frist unbeantwortet, womit sie die Zu-
ständigkeit implizit anerkannten (Art. 25 Abs. 2 Dublin-III-VO). Die grund-
sätzliche Zuständigkeit Italiens ist somit gegeben und wird als solche in der
Beschwerde auch nicht bestritten.
5.
5.1 Im Lichte von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO ist zu prüfen, ob es wesentli-
che Gründe für die Annahme gibt, das Asylverfahren und die Aufnahmebe-
dingungen für Asylsuchende in Italien würden systemische Schwachstellen
aufweisen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden
Behandlung im Sinne des Artikels 4 der EU-Grundrechtecharta mit sich
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bringen würden. Das Bundesverwaltungsgericht hat in einem Referenzur-
teil zu Italien nach eingehender Analyse festgehalten, dass das italienische
Asylsystem auch weiterhin zwar Schwachstellen, nicht aber systemische
Mängel aufweist (vgl. Referenzurteil E-962/2019 vom 17. Dezember 2019
E. 6.3). Am 20. Dezember 2020 ist das Umwandlungsgesetz Nr. 173/2020
zum Gesetzesdekret Nr. 130/2020 vom 21. Oktober 2020 in Kraft getreten.
Das Gesetzesdekret Nr. 130/2020 sieht eine umfassende Reform des Auf-
nahmesystems für Asylsuchende in Italien vor, indem zentrale Bestimmun-
gen des sogenannten Salvini-Dekrets geändert wurden und ein engver-
flochtenes Aufnahme- und Integrationssystem implementiert wurde. Das
neue Aufnahmesystem ist vergleichbar mit jenem, das vor Erlass des Sal-
vini-Dekrets bestanden hat. Nach dem Anmeldeverfahren werden die Asyl-
suchenden in das Aufnahme- und Integrationssystem SAI (Sistema di
accoglienza e integrazione) überführt, welches nunmehr wieder allen Asyl-
suchenden, also auch den im Rahmen des Dublin-Verfahrens nach Italien
überstellten Personen, offensteht. Schutzbedürftige Personen, die einer
besonderen Form der Unterstützung bedürfen, geniessen bei der Überstel-
lung von einem Erstaufnahmezentrum in das SAI Priorität (zum Ganzen
vgl. Referenzurteil des BVGer F-6330/2020 vom 18. Oktober 2021
E. 10.5).
5.2 Italien ist Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom 10. De-
zember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder er-
niedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Abkommens
vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR
0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967 (SR
0.142.301) und kommt seinen diesbezüglichen völkerrechtlichen Verpflich-
tungen nach. Es darf davon ausgegangen werden, dieser Staat anerkenne
und schütze die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richtlinien
des Europäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni
2013 zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aberkennung
des internationalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) sowie 2013/33/EU
vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Aufnahme von Per-
sonen, die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnahmerichtlinie) er-
geben. Diese Vermutung, wonach Italien seinen völkerrechtlichen Ver-
pflichtungen nachkomme, kann durch konkrete und erhebliche Vorbringen
im Einzelfall erschüttert werden (vgl. das Referenzurteil E-962/2019 vom
17. Dezember 2019 E. 5; vgl. BVGE 2011/9 E. 6; 2010/45 E. 7.5 m.w.H.).
5.3 Der Beschwerdeführer machte in seiner Beschwerdeschrift – grund-
sätzlich dasselbe, wie bereits im vorinstanzlichen Verfahren – geltend: Er
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und sein Bruder ([...]) seien in Italien in Zelten untergebracht gewesen. Da
das Wetter immer kälter geworden sei und sie lediglich die Kleider gehabt
hätten, mit denen sie geflohen seien, hätten sie im Camp nach anderer
Kleidung gefragt, jedoch keine bekommen. Er und sein Bruder seien da-
raufhin krank geworden und hätten nach einem Arzt verlangt. Die Verant-
wortlichen des Camps hätten sich jedoch nicht darum gekümmert. Sie hät-
ten auch nicht genügend zu Essen gehabt und Geld hätten er und sein
Bruder in Italien auch keines erhalten. Ihnen sei gesagt worden, dass wenn
sie mit den Umständen in Italien nicht zufrieden seien, sie überall hinkönn-
ten. Daraufhin hätten er und sein Bruder sich bei einem Anwalt des Camps
erkundigt und dieser habe ihnen gesagt, dass sie Italien verlassen müss-
ten, bevor das Interview bei der Polizei stattfinden würde. Deshalb habe er
Italien zusammen mit seinem Bruder verlassen und sei in die Schweiz ge-
reist. Zur Untermauerung dieser Vorbringen legte der Beschwerdeführer im
vorinstanzlichen Verfahren vier Seiten einer WhatsApp Unterhaltung ins
Recht.
Der Beschwerdeführer fordert mit diesen Vorbringen implizit die Anwen-
dung der Ermessensklausel von Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO, respektive
der – das Selbsteintrittsrecht im Landesrecht konkretisierenden – Bestim-
mung von Art. 29a Abs. 3 der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999
(AsylV 1, SR 142.311), gemäss welcher das SEM das Asylgesuch "aus hu-
manitären Gründen" auch dann behandeln kann, wenn dafür gemäss Dub-
lin-III-VO ein anderer Staat zuständig wäre.
5.3.1 Der Beschwerdeführer hat kein konkretes und ernsthaftes Risiko dar-
getan, die italienischen Behörden würden sich weigern, ihn wieder aufzu-
nehmen und seinen Antrag auf internationalen Schutz unter Einhaltung der
Regeln der Verfahrensrichtlinie zu prüfen. Den Akten sind denn auch keine
Gründe für die Annahme zu entnehmen, Italien werde in seinem Fall den
Grundsatz des Non-Refoulement missachten und ihn zur Ausreise in ein
Land zwingen, in dem sein Leib, sein Leben oder seine Freiheit aus einem
Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem er Gefahr laufen
würde, zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden. Ausser-
dem hat der Beschwerdeführer nicht dargetan, die ihn bei einer Rückfüh-
rung erwartenden Bedingungen in Italien seien derart schlecht, dass sie zu
einer Verletzung von Art. 4 der EU-Grundrechtecharta, Art. 3 EMRK oder
Art. 3 FoK führen könnten.
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5.3.2 Der Beschwerdeführer hat auch keine konkreten Hinweise für die An-
nahme dargetan, Italien würde ihm dauerhaft die ihm gemäss Aufnahme-
richtlinie zustehenden minimalen Lebensbedingungen vorenthalten. Insbe-
sondere sind die vorinstanzlich eingereichten WhatsApp Nachrichten nicht
dazu geeignet eine solche Vorenthaltung zu begründen, da es sich diesbe-
züglich um eine blosse Parteibehauptung handelt (vgl. auch Verfügung des
SEM vom 10. November 2021, Ziff. II). Zudem ist festzuhalten, dass der
Beschwerdeführer wegen seiner (...) in Italien einen Arzt aufsuchen konnte
und Medikamente erhalten hatte (SEM-Akte 1112042-12/3). Bei einer all-
fälligen vorübergehenden Einschränkung könnte er sich im Übrigen nöti-
genfalls an die italienischen Behörden wenden und die ihm zustehenden
Aufnahmebedingungen auf dem Rechtsweg einfordern (vgl. Art. 26 Auf-
nahmerichtlinie).
5.3.3 Eine zwangsweise Rückweisung von Personen mit gesundheitlichen
Problemen kann nur ganz ausnahmsweise einen Verstoss gegen Art. 3
EMRK darstellen. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn die betroffene
Person sich in einem fortgeschrittenen oder terminalen Krankheitsstadium
und bereits in Todesnähe befindet, nach einer Überstellung mit dem siche-
ren Tod rechnen müsste und dabei keinerlei soziale Unterstützung erwar-
ten könnte (vgl. BVGE 2011/9 E. 7 mit Hinweisen auf die damalige Praxis
des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte [EGMR]). Eine wei-
tere vom EGMR definierte Konstellation betrifft Schwerkranke, die durch
die Abschiebung – mangels angemessener medizinischer Behandlung im
Zielstaat – mit einem realen Risiko konfrontiert würden, einer ernsten, ra-
schen und unwiederbringlichen Verschlechterung ihres Gesundheitszu-
stands ausgesetzt zu werden, die zu intensivem Leiden oder einer erheb-
lichen Verkürzung der Lebenserwartung führen würde (vgl. Urteil des
EGMR Paposhvili gegen Belgien 13. Dezember 2016, Grosse Kammer
41738/10, §§ 180–193 m.w.H.).
Eine solche Situation ist vorliegend nicht gegeben. Anlässlich des Dublin-
Gesprächs vom 26. Oktober 2021 gab der Beschwerdeführer an, eine (...)
gehabt zu haben, für welche er in Italien (gebrauchte) Medikamente erhal-
ten habe. Psychisch gehe es ihm aufgrund der Ereignisse in Afghanistan
schlecht. Gemäss den im Recht liegenden medizinischen Unterlagen litt
der Beschwerdeführer unter einem (...) (SEM-Akte 1112042-18/2). Der (...)
wurde gemäss Arztbericht vom 21. Oktober 2021 am 20. Oktober 2021
notfallmässig im (...) eröffnet und medizinisch versorgt (SEM-Akte
1112042-19/2). Der Beschwerdeführer konnte damit nicht nachweisen,
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dass er nicht reisefähig sei oder eine Überstellung seine Gesundheit ernst-
haft gefährden würde. Sein Gesundheitszustand vermag eine Unzulässig-
keit im Sinne dieser restriktiven Rechtsprechung nicht zu rechtfertigen. Die
gesundheitlichen Probleme sind auch nicht von einer derartigen Schwere,
dass aus humanitären Gründen von einer Überstellung abgesehen werden
müsste. Zudem ist nochmals darauf hinzuweisen, dass der Beschwerde-
führer in Italien – entgegen der beschwerdeweisen Ausführungen – auf-
grund seiner Beschwerden einen Arzt aufsuchen konnte und Medikamente
erhalten hatte (SEM-Akte 1112042-12/3). Sodann geht das Bundesverwal-
tungsgericht im Einklang mit dem SEM davon aus, dass Italien über eine
für die Behandlung der gesundheitlichen beziehungsweise psychischen
Probleme der Beschwerdeführenden ausreichende medizinische Infra-
struktur verfügt (vgl. Referenzurteil D-2846/2020 vom 16. Juli 2020 E. 6.2.1
je mit weiteren Hinweisen). Es darf davon ausgegangen werden, dass die-
ser Dublin-Mitgliedstaat die sich aus der Aufnahmerichtlinie ergebenden
Rechte anerkennt und schützt. Es liegen keine Hinweise vor, wonach Ita-
lien dem Beschwerdeführer eine adäquate medizinische Behandlung ver-
weigern würde. Der Zugang für asylsuchende Personen zum italienischen
Gesundheitssystem über die Notversorgung hinaus ist derzeit grundsätz-
lich gewährleistet, auch wenn es in der Praxis zu zeitlichen Verzögerungen
kommen kann (vgl. Urteil E-962/2019 E. 6.2.7). Der Beschwerdeführer
kann sich nötigenfalls auch diesbezüglich an die italienischen Behörden
wenden und die ihm zustehenden Aufnahmebedingungen auf dem Rechts-
weg einfordern (vgl. Art. 26 Aufnahmerichtlinie).
5.4 Nach dem Gesagten besteht kein Grund für eine Anwendung der Er-
messensklauseln von Art. 17 Dublin-III-VO. Der Vollständigkeit halber ist
festzuhalten, dass die Dublin-III-VO den Schutzsuchenden kein Recht ein-
räumt, den ihren Antrag prüfenden Staat selber auszuwählen (vgl. auch
BVGE 2010/45 E. 8.3).
5.5 Somit bleibt Italien der für die Behandlung der Asylgesuche des
Beschwerdeführers zuständige Mitgliedstaat gemäss Dublin-III-VO. Italien
ist verpflichtet, das Asylverfahren gemäss Art. 23 Dublin-III-VO wieder-
aufzunehmen.
6.
Das SEM ist demnach zu Recht in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b
AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eingetreten. Da
der Beschwerdeführer nicht im Besitz einer gültigen Aufenthalts- oder Nie-
http://links.weblaw.ch/BVGer-E-962/2019
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derlassungsbewilligung ist, wurde die Überstellung nach Italien in Anwen-
dung von Art. 44 AsylG ebenfalls zu Recht angeordnet (Art. 32 Bst. a
AsylV 1).
7.
Da das Fehlen von Überstellungshindernissen bereits Voraussetzung des
Nichteintretensentscheides gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG ist, sind
allfällige Vollzugshindernisse gemäss Art. 83 Abs. 3 und 4 AIG (SR 142.20)
unter diesen Umständen nicht mehr zu prüfen (vgl. BVGE 2015/18 E. 5.2
m.w.H.).
8.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen und die Verfügung
des SEM zu bestätigen.
Das Beschwerdeverfahren ist mit vorliegendem Urteil abgeschlossen, wes-
halb sich der Antrag auf Gewährung der aufschiebenden Wirkung als ge-
genstandslos erweist.
9.
Das mit der Beschwerde gestellte Gesuch um Gewährung der unentgeltli-
chen Prozessführung ist abzuweisen, da die Begehren – wie sich aus den
vorstehenden Erwägungen ergibt – aussichtlos waren, weshalb die Vor-
aussetzungen von Art. 65 Abs. 1 VwVG nicht erfüllt sind. Das Gesuch um
Befreiung von der Kostenvorschusspflicht wird mit dem vorliegenden Ent-
scheid in der Sache gegenstandslos.
10.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem
Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt
Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008
über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
[VGKE, SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
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