Decision ID: 87a2e0b4-1259-478b-8946-ee07a0d4c91c
Year: 2015
Language: de
Court: CH_BSTG
Chamber: CH_BSTG_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: penal_law

Sachverhalt:
A. Es geht in diesem Gerichtsstandsverfahren darum, welcher Kanton zustän-
dig ist, den Einbruchdiebstahl vom 20. März 2014 zu untersuchen, began-
gen von den Unbekannten C und D zwischen 10:15 Uhr und 12:00 Uhr
in Z. (ZH). Im Gerichtsstandsverfahren ist dabei auch die Rolle von A. strit-
tig.
Die Tat sei der Kantonspolizei Zürich gleichentags angezeigt worden. Die
Zürcher Abklärungen ergaben, dass sich die Täterschaft mit einem dunklen
Personenwagen der Marke Audi (Kennzeichen 1) vom Tatort entfernt habe.
Das Fahrzeug sei auf B. eingelöst und nicht als gestohlen gemeldet gewe-
sen. Eine Radaranlage in Z. habe den Personenwagen am 20. März 2014,
12:13 Uhr, erfasst, als er mit übersetzter Geschwindigkeit in Richtung Y.
gefahren sei. Das Radarbild zeige, dass B. nicht im Wagen sass, sondern
vielmehr zwei unbekannte Männer (genannt C. und D.). B. sagte aus, A.
seinen Audi ab Januar 2014 überlassen zu haben (act. 1 S. 2 f., act. 1.2
S. 1; act. 1.1 S. 2).
B. Die Staatsanwaltschaft Baden (AG) ermittelte bereits gegen A. Es bestand
am 1. April 2014 der Verdacht, dass sie Einbrechern an ihrem Wohnort in
X. (AG) eine Unterkunft besorgt und Fahrzeuge zur Verfügung gestellt ha-
be (Antrag auf Anordnung von Untersuchungshaft vom 4. April 2014, S. 2,
in Urk. AG Rubrik 3). Von X. aus sollen E. und F. in den Kantonen Aargau,
Solothurn und Luzern Einbruchdiebstähle begangen haben. Aufgrund von
Hinweisen aus ihrem eigenen Verfahren hatte die Staatsanwaltschaft Ba-
den zudem ein Verfahren wegen des Einbruchdiebstahls in Z. gegen die
unbekannten C. und D. eröffnet (act. 3 S. 1). Damals wurde noch vermutet,
bei C./D. könnte es sich um E./F. handeln, was später aber ausgeschlos-
sen wurde (Aktennotiz der Staatsanwaltschaft Baden vom 4. April 2014, in
Urk. ZH).
Die Kantonspolizei Aargau nahm A. am 4. April 2014 wegen "Verdacht
Verübung von banden- und gewerbsmässigen Einbruchdiebstählen" vorläu-
fig fest (Rapport vom 4. April 2014, in Urk. AG Rubrik 3). Der Kanton Aar-
gau scheint wegen des Delikts in Z. formell kein Verfahren gegen A. eröff-
net zu haben.
C. Die Staatsanwaltschaft Baden stellte am 7. April 2014 eine Gerichtsstands-
anfrage an die Staatsanwaltschaft Limmattal/Albis (ZH). Sie ersuchte um
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Übernahme ihres Verfahrens gegen C. und D. (act. 1.1; Verfah-
ren ST.2014.1682).
Die Staatsanwaltschaft Limmattal/Albis lehnte die Übernahme am
8. Mai 2014 ab und ersuchte zugleich den Kanton Aargau um Übernahme
ihres Verfahrens gegen C., D. und B. (act. 1.2; Verfahren A-6/2014/1675).
D. Am 18. August 2014 ersuchte die Staatsanwaltschaft Baden den Kanton
Luzern, ihre Verfahren gegen E., F. und A. zu übernehmen (Gerichts-
standsanfrage in Urk. LU), denn der Kanton Luzern ermittelte ebenfalls und
schon länger als der Kanton Aargau gegen E. und F. und zwar wegen ban-
den- und gewerbsmässigen Einbruchsdiebstählen im Kanton Luzern (Ge-
richtsstandsanfrage, S. 6).
Am 2./17. September 2014 übernahm die Staatsanwaltschaft Emmen (LU)
den Grossteil des Aargauer Verfahrens (act. 1.7, 1.8, 1.9). Das an den
Kanton Luzern abgetretene Verfahren gegen A. betraf einfache Körperver-
letzung, mehrfacher Diebstahl, Gehilfenschaft zu banden- und gewerbs-
mässigem Diebstahl, Gehilfenschaft zu mehrfacher Sachbeschädigung,
mehrfacher betrügerischer Missbrauch einer Datenverarbeitungsanlage,
Gehilfenschaft zu mehrfachem Hausfriedensbruch und Förderung des
rechtswidrigen Aufenthaltes (Gerichtsstandsanfrage, S. 4 f.).
Der Kanton Zürich war an diesem Meinungsaustausch nicht beteiligt und
das Delikt in Z. war weder im Meinungsaustausch zwischen Aargau und
Luzern noch in der Luzerner Übernahmeverfügung erwähnt.
E. Am 19. September 2014 führte die Staatsanwaltschaft Baden die Gerichts-
standskorrespondenz mit der Zürcher Oberstaatsanwaltschaft weiter
(act. 1.4). Diese lehnte eine Übernahme ab und teilte dies am 23. Okto-
ber 2014 der Aargauer Oberstaatsanwaltschaft mit (act. 1.5), welche im
Schreiben vom 6. November 2014 an der Zürcher Zuständigkeit festhielt
(act. 1.6).
F. Die Oberstaatsanwaltschaft des Kantons Zürich rief am 19. Novem-
ber 2014 das Bundesstrafgericht an und ersuchte um Bestimmung des Ge-
richtsstands bezüglich des Delikts in Z. (act. 1). Sie beantragt, der Kanton
Aargau sei als zuständig zu erklären. Der Kanton Aargau wiederum sieht
den Kanton Zürich in der Pflicht, das Strafverfahren zu führen (act. 3).
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Weder der Kanton Aargau noch der Kanton Zürich sahen eine Zuständig-
keit des Kantons Luzern im vorliegenden Gerichtsstandsverfahren als mög-
lich an. Das Luzerner Verfahren gegen A. ist zwischenzeitlich auch erledigt
(rechtskräftiger Luzerner Strafbefehl vom 24. September 2014). Der Kanton
Zürich wirft aber auf, ob der Kanton Aargau nicht zu lange untätig geblie-
ben sei; dagegen verweist der Kanton Aargau unter anderem auf das Ab-
tretungsverfahren mit dem Kanton Luzern.
Die Beschwerdekammer stellte es in der Folge dem Kanton Luzern frei,
sich im Gerichtsstandsverfahren ebenfalls zu äussern (act. 2), was dieser
auch tat. Der Kanton Luzern beantragt, die Zuständigkeit des Kantons Aar-
gau sei festzustellen (act. 4). Die Eingaben wurden den Beteiligten am
10. Dezember 2014 zur Kenntnis zugestellt (act. 6).
Auf die Ausführungen der Parteien und die eingereichten Akten wird, so-
weit erforderlich, in den nachfolgenden rechtlichen Erwägungen Bezug ge-
nommen.

Die Beschwerdekammer zieht in Erwägung:
1. Die Eintretensvoraussetzungen (Frist, Form, durchgeführter Meinungsaus-
tausch zwischen den zuständigen Behörden, vgl. Beschluss des Bun-
desstrafgerichts BG.2014.7 vom 21. März 2014, E. 1) sind vorliegend nicht
umstritten und erfüllt. Auf das Gesuch um Bestimmung des Gerichtsstan-
des ist folglich einzutreten.
2.
2.1 Im Einzelnen legen die Parteien dar:
2.1.1 Der Kanton Zürich weist auf die rund viermonatige Untätigkeit des Kantons
Aargau hin (vom 8. Mai 2014 bis 19. September 2014). Aus den Akten sei
nichts ersichtlich, was ein so langes Zuwarten gerechtfertigt hätte. Der Kan-
ton Aargau habe damit seine Zuständigkeit konkludent anerkannt. Die für
eine Anerkennung erforderlichen Anknüpfungspunkte im Kanton Aargau
lägen vor: C. und D. hätten in X. bei A. Wohnung und Wagen erhalten
(act. 1 S. 5–7 Ziff. 2–4).
A. sei nach dem Grundsatz von in dubio pro duriore als Mittäterin des De-
likts in Z. zu betrachten. B. komme allenfalls als Gehilfe in Frage. Im Zu-
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sammenhang mit der Abtretung an den Kanton Luzern stehe zudem "der
Vorwurf des bandenmässigen Diebstahls im Raume" (Art. 34 Abs. 1 StPO
Gerichtsstand des schwersten Delikts). Auch die ersten Verfolgungshand-
lungen in diesem Komplex (Art. 33 Abs. 2 StPO forum praeventionis) habe
der Kanton Aargau vorgenommen (act. 1 S. 7 f. Ziff. 5).
2.1.2 Der Kanton Aargau führt aus, in den fraglichen rund vier Monaten habe die
Kantonspolizei durchaus ermittelt. Die Staatsanwaltschaft habe sofort das
Übernahmebegehren an Zürich gestellt, als klar war, dass E. oder F. nicht
C. und D. seien. Für den Kanton Aargau sei dafür entscheidend gewesen,
ob das weitere Verfahren durch ihn oder durch den Kanton Luzern weiter-
zuführen sei. Sei diese Frage einmal entschieden gewesen, habe ein unnö-
tiges Hin und Her vermieden und dem Kanton Zürich geantwortet werden
können (act. 3 S. 1 f.).
2.2 Die Kantone Luzern und Zürich waren gleichzeitig und jeweils separat im
Meinungsaustausch mit dem Kanton Aargau. Mit den Akten des Kantons
Luzern kann die Beschwerdekammer insgesamt den Tatverdacht zur Zeit
der Gerichtsstandskorrespondenzen nachvollziehen:
Bereits im Jahr 2013 wurden zwei bei A. logierende Litauer per Strafbefehl
wegen Einbruchdiebstahls verurteilt. A. scheint regelmässig eine Logistik-
basis für Einbrecher gewesen zu sein, vorliegend sowohl für das Duo E./F.
(die drei stammen aus dem gleichen litauischen Dorf), wie auch für die
mutmasslichen Osteuropäer C./D: Sie organisierte allen Unterkünfte. Sie
besorgte E./F. die Wäsche. Sodann war sie daran beteiligt, dass E./F. und
C./D. je zu einem Fahrzeug kamen. B. wohnte in W. (AG), war der Halter
des von C./D. in Z. genutzten Fahrzeuges und ein Bekannter von A. Der
Personenwagen wurde von der Polizei mehrfach in X. beim Wohnort von A.
beobachtet (vgl. Antrag der Kantonspolizei Aargau betr. technische Über-
wachung vom 1. April 2014, S. 1–3, in Urk. ZH pag. 12; Schlussbericht der
Kantonspolizei Aargau vom 11. August 2014, S. 18 ff., 22 ff., in Urk. LU). C.
und D. sollen sich nicht mehr in der Schweiz befinden, da auch der Wagen
hierzulande nicht mehr gesichtet wurde und sich laut A. in Litauen befinden
soll (Aktennotiz der Staatsanwaltschaft Baden vom 4. April 2014, in
Urk. ZH; Einvernahme A. vom 25. April 2014, S. 8 und Rapport der Kan-
tonspolizei Aargau vom 31. Juli 2014, S. 3, 8, beide in Urk. LU Regis-
ter 3.2).
Die Polizei durchsuchte die Wohnung von A. und entdeckte in einem ver-
schlossenen Sideboard Deliktsgut aus Einbrüchen von E. und F. (Einver-
nahme vom 5. August 2014, S. 2, in Urk. AG Register 6). Auch wurde eine
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wohl aus dem Einbruch in Z. stammende Halskette gefunden (Vollzugsbe-
richt vom 31. Juli 2014, S. 2, in Urk. AG Rubrik 4).
2.3 Der Meinungsaustausch ist über sämtliche Delikte und mit den Kantonen
zu führen, deren Zuständigkeit ernsthaft in Frage kommt. Es sticht ins Au-
ge, dass die Aargauer Korrespondenzen mit den Kantonen Luzern und Zü-
rich einen zusammenhängenden Verdachtskomplex betreffen. Somit wären
die Gerichtsstandsverfahren mit den Kantonen Luzern und Zürich nicht ge-
staffelt (separat), sondern über den ganzen Deliktskomplex und gemein-
sam zu führen gewesen. Der Kanton Aargau macht auch nicht geltend,
währenddessen Abklärungen zum Delikt in Z. und damit zum Zürcher Ge-
richtsstand getätigt zu haben. Mit einem Teil der gemeinsam zu behan-
delnden Streitigkeiten vier Monate zuzuwarten war aus diesen Gründen
nicht gerechtfertigt. Vielmehr anerkannte der Kanton Aargau mit seinem
teilweisen Zuwarten während vier Monaten seine Zuständigkeit gegenüber
dem Kanton Zürich konkludent (vgl. TPF 2011 178).
Ausserdem bestand – zumal bei der Beurteilung der Gerichtsstandsfrage
der Grundsatz in dubio pro duriore gilt (Beschluss des Bundesstrafge-
richts BG.2014.18 vom 21. August 2014, E. 2.3) – schon früh der Verdacht,
dass A. im Zusammenhang mit Einbruchdiebstählen in Z. und anderswo
nicht nur eine untergeordnete Rolle spielen könnte. Ein örtlicher Anknüp-
fungspunkt ist mit den Tathandlungen von A. im Kanton Aargau gegeben.
Somit ist der Kanton Aargau auch nach Art. 33 Abs. 2 StPO (erste Verfol-
gungshandlungen gegen Mittäter) für den hier umstrittenen Sachverhalt in
Z. zuständig.
2.4 Damit ist der Kanton Aargau berechtigt und verpflichtet, die strafbaren
Handlungen, welche Gegenstand des staatsanwaltschaftlichen Meinungs-
austausches mit dem Kanton Zürich sind (obige Erwägung lit. C und E), zu
verfolgen und zu beurteilen. Von der Staatsanwaltschaft Baden ist überdies
zu prüfen, ob wegen der Vorfälle in Z. ein Strafverfahren gegen A. zu eröff-
nen ist.
2.5 Es sind keine Gerichtskosten zu erheben (Art. 423 Abs. 1 StPO).
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