Decision ID: 11a0d53b-9e95-4f84-9b0e-38df6177f35f
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin ist eine syrische Staatsangehörige kurdischer Eth-
nie aus C._ mit letzten Wohnsitzen in Damaskus, Qamishli und
C._. Gemäss eigenen Angaben verliess sie ihren Heimatstaat im
März 2013 in Richtung Türkei. Am 16. November 2015 reiste sie in die
Schweiz ein und stellte am 3. Dezember 2015 im Empfangs- und Verfah-
renszentrum D._ ein Asylgesuch. Am 24. Dezember 2015 wurde
sie summarisch zu ihrer Person (BzP) befragt.
Dabei machte sie geltend, sie sei Studentin an der philosophischen Fakul-
tät der Universität in Damaskus gewesen. Als die Revolution ausgebrochen
sei, habe sie an Demonstrationen teilgenommen, dreimal sei nichts pas-
siert. Beim vierten Mal, am 10. Juni 2012, seien sie und einige ihrer Mitstu-
dierenden aufgegriffen und aufs Revier der Studentenpolizei gebracht wor-
den. Ihnen sei gesagt worden, sie dürften nicht mehr an solchen Demonst-
rationen teilnehmen und sie könnten nicht mehr studieren, da sie die nati-
onale Sicherheit gefährden würden. Sie seien an einen ihr unbekannten
Ort gebracht worden. Dort seien die Frauen schikaniert und «psychisch
bekämpft», die Männer gefoltert worden. Auch seien Dinge passiert, die sie
nicht in Anwesenheit von Männern berichten wolle. Nach 17 Tagen sei je-
mand gekommen und habe sie alleine nach draussen gebracht, wo ihr Va-
ter auf sie gewartet habe. Dieser habe ihr erzählt, er habe 500'000 syrische
Lira bezahlt für ihre Freilassung. Er habe über einen ihm bekannten Offizier
im Rentenalter ausfindig gemacht, wo sie festgehalten worden sei, und die-
ser habe ihre Freilassung organisieren können. In der Folge sei sie mit ihrer
Familie ins kurdische Gebiet aufgebrochen. Ihr Vater habe ihr erklärt, da
sie durch Schmiergeld freigekommen sei, könnten die Behörden sie wieder
inhaftieren. Als sie sich im kurdischen Gebiet aufgehalten habe, habe sie
sich nicht getraut, nach draussen zu gehen. Sie habe sich versteckt gehal-
ten. Ihr Vater habe den Apoci-Leuten Ersatzabgaben bezahlen müssen,
damit sie und ihre Brüder sich diesen nicht hätten anschliessen müssen.
Schliesslich habe ihr Vater entschieden, dass die Familie nach Europa auf-
brechen solle, damit die Beschwerdeführerin und ihr Bruder wieder studie-
ren könnten und da die Behandlung der Herzkrankheit des anderen Bru-
ders in Syrien unmöglich geworden sei.
B.
Mit Verfügung vom 17. März 2016 trat das SEM auf das Asylgesuch der
Beschwerdeführerin nicht ein und wies diese nach Kroatien weg. Gegen
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diese Verfügung erhob sie am 8. April 2016 Beschwerde. Am (...) kam das
Kind der Beschwerdeführerin, B._, zur Welt und am 24. Juli 2017
heiratete sie dessen Vater, E._ (N [...]), welcher in der Schweiz über
eine vorläufige Aufnahme verfügte. Im Rahmen eines Schriftenwechsels
hob die Vorinstanz deshalb am 28. August 2017 ihren Entscheid vom 17.
März 2016 wiedererwägungsweise auf und hielt fest, dass das nationale
Asylverfahren wiederaufgenommen und gemäss den gesetzlichen Vor-
schriften durchgeführt werde. Das Beschwerdeverfahren wurde in der
Folge mit Entscheid vom 31. August 2017 infolge Gegenstandslosigkeit ab-
geschrieben (D-2172/2016).
C.
Am 15. Oktober 2018 wurde die Beschwerdeführerin eingehend zu ihren
Asylgründen befragt. Anlässlich dieser Anhörung machte sie im Wesentli-
chen geltend, sie sei bis zur 4. Klasse in C._ aufgewachsen, dann
sei die Familie nach Damaskus gezogen. Dort habe sie an der philosophi-
schen Fakultät studiert. Im Jahr 2010 sei sie Mitglied der Parti-Partei ge-
worden. Für diese Partei habe sie verschiedene Aktivitäten ausgeführt, wie
beispielsweise Zeitungen verteilen. Einmal habe sie sich einverstanden er-
klärt, eine Sitzung bei sich zu Hause durchzuführen. Irgendwie habe die
Universität Verdacht geschöpft, dass sie Parteimitglied sei. Sie hätten ihr
gesagt, dies sei ein Platz zum Lernen und nicht für politische Aktivitäten.
Ihr sei angedroht worden, dass sie, wenn sie politisch aktiv sei, von der
Universität ausgeschlossen werde. Als die Revolution ausgebrochen sei,
habe sie mit anderen Studenten an friedlichen Demonstrationen teilgenom-
men. Die ersten dreimal sei dabei nichts vorgefallen. Bei ihrer vierten Teil-
nahme, am 10. Juni 2012, sei die Demonstration kurz nach Beginn vom
Sicherheitsdienst gestürmt worden. Sie seien aufgegriffen und auf ein Stu-
dentenpolizeirevier gebracht worden. Dort sei ihnen gesagt worden, die
Teilnahme an Demonstrationen sei verboten. Ein Sicherheitsbeamter habe
ihren Studentenausweis zerrissen und gesagt, nun habe sie Freiheit; sie
müsse die Universität Damaskus vergessen, wenn sie denn am Leben
bleibe. Daraufhin sei sie zusammen mit anderen Studenten mit verbunde-
nen Augen in einem Minibus weggebracht und an einem ihr unbekannten,
dunklen Ort festgehalten worden. Dort sei sie als erstes «kontrolliert» wor-
den. Sie habe sich nackt ausziehen müssen und sei vom Sicherheitsbe-
amten einfach angestarrt worden. Sie habe gezittert vor Angst. Sie habe
sich dann wieder anziehen dürfen und sei in ein Zimmer gebracht worden.
Irgendwann, sie wisse nicht, wie viele Tage vergangen seien, sei sie in ei-
nen Befragungsraum gebracht worden, mit verbundenen Augen und hinter
dem Rücken gefesselten Händen. Sie sei dort aber nicht befragt, sondern
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belästigt, gedemütigt und müde gemacht worden. In der Folge sei sie in
eine Zelle mit vier weiteren Mädchen gebracht worden. Eines Tages sei sie
mitgenommen und in ein separates Zimmer gebracht worden. Dort sei sie
zu anderen Demonstrationsteilnehmerinnen befragt und geschlagen wor-
den. Danach habe ihr ganzer Körper geschmerzt. Einen oder zwei Tage
später sei sie erneut in dieses Zimmer gebracht und angehalten worden,
ein Blatt zu unterschreiben. Sie habe versucht, ihre Unterschrift zu verwei-
gern. Aufgrund ihrer verbundenen Augen habe sie nicht sehen können,
was auf dem Papier geschrieben gewesen sei. Auf ihre Bitte hin sei ihr die
Augenbinde abgenommen worden, aber sie habe keine Zeit gehabt, das
Papier durchzulesen, nur den Titel habe sie gesehen. Ihr sei befohlen wor-
den, schnell zu unterschreiben, dies habe sie getan und das Blatt sei sofort
entfernt worden. Was sie habe entziffern können sei «Zerstörung des Lan-
des und schüren und Jugendliche bewaffnen lassen». Dies habe sie scho-
ckiert, da man mit einer solchen Beschuldigung hingerichtet werde. Wäh-
rend ihrer Gefangenschaft habe sie Schreie und Folterungen von anderen
gehört, dies sei grausam gewesen. Eines Tages (später habe sie erfahren,
dass es der 27. Juni 2012 gewesen sei) sei in der Nacht ein Offizier zu ihr
gekommen, habe ihre Augen verbunden, sie in ein Zimmer gebracht und
gesagt, er werde sie mit dem Auto wegfahren und sie müsse sich ruhig
verhalten. Er habe sie in den Kofferraum eines Autos getan. Irgendwann
habe das Auto gestoppt und ihr Vater und ein ihm bekannter pensionierter
Offizier seien gekommen. Sie habe sich beim Anblick ihres Vaters gefühlt
wie neu geboren. Er habe sie zur Schwester einer Kollegin von ihr ge-
bracht. Dort sei sie einige Tage versteckt geblieben, bis die Familie Damas-
kus habe verlassen können. Der Vater habe hierzu einen LKW organisiert,
so seien sie nach Qamishli gereist. Später habe ihr Vater ihr erzählt, dass
er für ihre Freilassung 500'000 syrische Lira bezahlt habe. Er habe über
jenen ehemaligen Offizier in Erfahrung bringen können, wo sie festgehalten
worden sei und mit dessen Hilfe ihre Freilassung organisieren können. Ihr
Vater habe ihr erklärt, sie sei illegal durch Schmiergeld freigekommen, wes-
halb die Behörden sie wieder inhaftieren könnten. Sie habe sich deshalb
nicht mehr getraut, nach draussen zu gehen. Sie sei aber nicht in Qamishli
geblieben, sondern zu ihrem Grossvater nach C._ gegangen. Ihr
Vater habe ihr gesagt, sie solle sich dort versteckt halten. Ein Bruder ihres
Vaters sei Mitglied der PYD (Partiya Yekitiya Demokrat) und diese Partei
habe ihren Vater unter Druck gesetzt und gesagt, mindestens zwei seiner
Kinder müssten mit ihnen kämpfen. Ihr Vater sei aber für Frieden ohne Ge-
walt gewesen und habe erklärt, er könne lediglich finanziell helfen, er wolle
nicht, dass seine Kinder ein Gewehr trügen. Einer ihrer Brüder habe sich
für die Wirtschaftshochschule angemeldet und zu diesem Zweck seinen
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Militärdienst aufgeschoben. Der Vater habe sodann immer Ersatzabgaben
bezahlt. In dieser Zeit sei ein Cousin von ihr von der PYD zwangsrekrutiert
worden und habe zwei Jahre in den Bergen kämpfen müssen. Während
der Zeit in C._ habe sie irgendwann begonnen, ab und zu an Frei-
tagsdemonstrationen teilzunehmen. Als ihr Vater davon erfahren habe,
habe er sich grosse Sorgen gemacht. Schliesslich sei er zum Schluss ge-
kommen, dass die Lage hoffnungslos sei und die Familie nach Europa auf-
brechen solle, und habe einen Schlepper gefunden. Einer ihrer Brüder
habe ausserdem eine Herzkrankheit, deren Behandlung in Syrien unmög-
lich geworden sei. Sie seien deshalb im März 2013 in die Türkei gereist.
Dort sei sie im Juni 2014 religiös mit ihrem Ehemann getraut worden. Ihre
Eltern seien in der Türkei verblieben. Sie habe noch eine Schwester und
einen Onkel in Syrien, ihre anderen Geschwister seien in Deutschland und
Österreich.
D.
Mit Verfügung vom 1. November 2019 (eröffnet 5. November 2019) lehnte
das SEM die Asylgesuche der Beschwerdeführenden ab. Gleichzeitig ord-
nete es wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs die vorläufige
Aufnahme in der Schweiz an.
E.
Mit Eingabe vom 27. November 2019 focht die Beschwerdeführerin die
Verfügung des SEM beim Bundesverwaltungsgericht an. Dabei beantragte
sie die Aufhebung der vorinstanzlichen Verfügung und die Anerkennung
der Flüchtlingseigenschaft sowie die Gewährung von Asyl. In prozessualer
Hinsicht beantragte sie die Gewährung der unentgeltlichen Prozessfüh-
rung.
F.
Mit Zwischenverfügung vom 4. Dezember 2019 hielt die Instruktionsrichte-
rin den legalen Aufenthalt der Beschwerdeführenden in der Schweiz fest,
hiess das Gesuch um unentgeltliche Prozessführung gut, verzichtete auf
die Erhebung eines Kostenvorschusses und setzte der Vorinstanz Frist zur
Einreichung einer Vernehmlassung.
G.
Mit Vernehmlassung vom 18. Dezember 2019 stellte das SEM fest, die Be-
schwerde enthalte keine neuen erheblichen Tatsachen oder Beweismittel,
welche eine Änderung seines Standpunktes rechtfertigen könnten. Am
3. Januar 2020 replizierte die Beschwerdeführerin.
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H.
Das Kind der Beschwerdeführerin erhielt am 10. Februar 2020 vom Kanton
F._ eine Aufenthaltsbewilligung. Aus diesem Grund hob die Vo-
rinstanz am 27. Februar 2020 dessen vorläufige Aufnahme auf.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die
Beschwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben
ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung; sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf
die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (vgl. BVGE 2014/26
E. 5).
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3.
Mit Verfügung vom 1. November 2019 ordnete die Vorinstanz die vorläufige
Aufnahme in der Schweiz an. Entsprechend richtet sich die Beschwerde-
eingabe ausschliesslich gegen die Ablehnung der Asylgesuche, die Fest-
stellung des SEM, die Beschwerdeführenden erfüllten die Flüchtlingsei-
genschaft nicht, sowie die Anordnung der Wegweisung. Die Frage des Voll-
zugs der Wegweisung bildet damit mangels Rechtschutzinteresses nicht
Gegenstand des Beschwerdeverfahrens. Hinsichtlich des Kindes bildet
auch die Frage der Wegweisung aufgrund der erteilten Aufenthaltsbewilli-
gung nicht mehr Gegenstand des vorliegenden Verfahrens.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Glaubhaftmachung im Sinne von Art. 7
Abs. 2 AsylG bedeutet – im Gegensatz zum strikten Beweis – ein reduzier-
tes Beweismass und lässt Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den
Vorbringen der gesuchstellenden Person. Entscheidend ist, ob die für die
Richtigkeit der Sachverhaltsdarstellung sprechenden Gründe überwiegen
oder nicht. Dabei ist auf eine objektivierte Sichtweise abzustellen. Eine we-
sentliche Voraussetzung für die Glaubhaftmachung eines Verfolgungs-
schicksals ist eine die eigenen Erlebnisse betreffende substantiierte, im
Wesentlichen widerspruchsfreie und konkrete Schilderung der dargelegten
Vorkommnisse. Die wahrheitsgemässe Schilderung einer tatsächlich erlit-
tenen Verfolgung ist gekennzeichnet durch Korrektheit, Originalität, hinrei-
chende Präzision und innere Übereinstimmung. Unglaubhaft wird eine
Schilderung von Erlebnissen insbesondere bei wechselnden, widersprüch-
lichen, gesteigerten oder nachgeschobenen Vorbringen. Bei der Beurtei-
lung der Glaubhaftmachung geht es um eine Gesamtbeurteilung aller Ele-
mente (Übereinstimmung bezüglich des wesentlichen Sachverhaltes, Sub-
stantiiertheit und Plausibilität der Angaben, persönliche Glaubwürdigkeit
usw.), die für oder gegen den Gesuchsteller sprechen. Glaubhaft ist eine
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Sachverhaltsdarstellung, wenn die positiven Elemente überwiegen. Für die
Glaubhaftmachung reicht es demnach nicht aus, wenn der Inhalt der Vor-
bringen zwar möglich ist, aber in Würdigung der gesamten Aspekte we-
sentliche und überwiegende Umstände gegen die vorgebrachte Sachver-
haltsdarstellung sprechen (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1 und 2013/11 E. 5.1,
jeweils m.w.H.).
5.
5.1 Die Vorinstanz begründete ihre Verfügung im Wesentlichen damit, sie
halte die Vorbringen der Beschwerdeführerin betreffend ihre Verhaftung
nicht für glaubhaft. So sei nicht nachvollziehbar, weshalb der pensionierte
Offizier, der mit ihrem Vater befreundet gewesen sei, sie erst nach 17 Ta-
gen befreit habe. Zudem widerspreche es jeder Logik, dass sie nach der
angeblich sehr schlimmen Erfahrung, die sie in Haft gemacht habe, trotz-
dem weiterhin an Demonstrationen teilgenommen haben wolle, zumal sie
um das Risiko, wieder verhaftet werden zu können, gewusst habe.
Schliesslich sei auch nicht nachvollziehbar, weshalb die Sicherheitsleute
sie nicht direkt an ihrem Wohnort aufgesucht, sondern sich angeblich bei
einem Nachbarn über ihren Verbleib erkundigt hätten. Bezüglich der Rek-
rutierungsversuche durch die YPG hielt die Vorinstanz fest, da gemäss ih-
ren Angaben nichts weiter vorgefallen sei, werde davon ausgegangen,
dass ihre Familie ausser der Entrichtung eines Entgelts keine weitergehen-
den Folgen erlitten habe. Dieses Vorbringen sei deshalb als nicht asylrele-
vant zu qualifizieren.
5.2 Dem wurde in der Beschwerde entgegnet, dass das SEM bei seiner
Begründung der Unglaubhaftigkeit verkenne, dass ein ehemaliger Offizier
nicht ohne Weiteres eine Freilassung anordnen könne. Dafür spreche auch
die Aussage der Beschwerdeführerin, dass dieser Offizier nicht primär aus
Angst um sie besorgt gewesen sei und ihrem Vater gesagt habe, sie solle
das Haus nicht verlassen, sondern da er Angst um sich selber gehabt habe,
weil er ihr geholfen habe. Ferner beweise die Tatsache, dass sie auch nach
ihrer Verhaftung weiter an Demonstrationen teilgenommen habe, ihre Ent-
schlossenheit und Hartnäckigkeit, Widerstand gegenüber dem syrischen
Regime auszuüben. Sie sei seit 2009 Mitglied der Parti-Partei und habe
diese aktiv unterstützt. Ihre persönliche Überzeugung habe die Angst vor
einer erneuten Inhaftierung zu überwiegen vermocht. Die Beschwerdefüh-
rerin werde aufgrund ihrer politischen Aktivität und wiederholten Teilnahme
an Demonstrationen vom syrischen Regime mit grosser Wahrscheinlichkeit
als Oppositionelle wahrgenommen. Es sei bekannt, dass die syrischen Si-
cherheitskräfte seit dem Ausbruch des Konflikts in Syrien im März 2011
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gegen tatsächliche oder vermeintliche Regimegegnerinnen und Regime-
gegner mit grösster Brutalität und Rücksichtslosigkeit vorgehe. Personen,
die durch staatliche syrische Sicherheitskräfte als Regimegegner identifi-
ziert würden, hätten im Falle einer Rückkehr nach Syrien eine Behandlung
zu erwarten, die einer flüchtlingsrechtlich relevanten Verfolgung im Sinne
von Art. 3 AsylG gleichkomme. Schliesslich wurde in der Beschwerde da-
rauf hingewiesen, dass die gesamte Familie des Ehemannes der Be-
schwerdeführerin in der Schweiz Asyl erhalten habe. Dies begründe eine
Reflexverfolgung. Die Reflexverfolgung sei in Syrien ein vertrautes politi-
sches Instrument. Es sei somit festzuhalten, dass die Beschwerdeführerin
eine begründete Furcht gemäss Art. 3 AsylG vor Nachteilen durch das sy-
rische Regime und eine persönliche Verfolgung zu befürchten habe. Sie
erfülle deshalb die Flüchtlingseigenschaft und ihr sei Asyl zu gewähren.
5.3 In ihrer Vernehmlassung führte die Vorinstanz aus, die von der Be-
schwerdeführerin geltend gemachten politischen Tätigkeiten seien nieder-
schwellig gewesen und auch anlässlich der Demonstration, bei welcher sie
verhaftet worden sei, sei sie nicht gezielt und konkret verfolgt, sondern zu-
fällig verhaftet worden. Das Asylgesuch des Ehemannes der Beschwerde-
führerin sei ebenfalls mangels eines politischen Profils abgewiesen wor-
den. Im Übrigen werde auf die Erwägungen verwiesen, an welchen vollum-
fänglich festgehalten werde.
5.4 Dem entgegnete die Beschwerdeführerin in ihrer Replik im Wesentli-
chen, sie sei im Rahmen ihrer 17-tägigen Inhaftierung als Regimegegnerin
identifiziert worden. Ausserdem sei sie während dieser Zeit wiederholt schi-
kaniert worden und Gewalt ausgesetzt gewesen. Es liege somit sehr wohl
eine persönliche Verfolgung und damit eine begründete Furcht bei einer
Rückkehr nach Syrien vor.
6.
6.1 Aus den vorinstanzlichen Befragungs- und Anhörungsprotokollen
ergibt sich, dass die Beschwerdeführerin in durchgehend detaillierter und
lebensnaher Weise dargelegt hat, wie sie an der Universität in Damaskus
an Demonstrationen gegen das syrische Regime teilnahm, wie die staatli-
chen Sicherheitskräfte gegen diese Kundgebungen vorgingen und sie
selbst am 10. Juni 2012 anlässlich einer solchen Demonstration verhaftet
und festgehalten wurde. Ebenso in nachvollziehbarer und übereinstimmen-
der Weise schildert die Beschwerdeführerin, dass sie sich zu Beginn der
Haft für eine «Kontrolle» habe ausziehen müssen und später zu Befragun-
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gen mitgenommen und geschlagen worden sei. Die Erzählungen der Be-
schwerdeführerin anlässlich der BzP weisen eine Vielzahl von Glaubhaf-
tigkeitselementen und Realkennzeichen auf und stimmen weitgehend mit
jenen der Anhörung betreffend ihre Festnahme und Inhaftierung überein.
Sie können nicht aus den von der Vorinstanz angeführten Gründen als un-
glaubhaft qualifiziert werden. So scheint die Begründung, es sei nicht nach-
vollziehbar, dass der ihrem Vater bekannte pensionierte Offizier sie erst 17
Tage nach ihrer Festnahme befreit haben solle, gesucht, hat die Beschwer-
deführerin doch beschrieben, wie ihr Vater über eben diesen Offizier zuerst
habe ausfindig machen müssen, wo sie sich aufhalte und dieser dann ihre
(illegale) Freilassung organisiert habe. So habe ihr ihr Vater gesagt, da sie
durch Schmiergeld und somit illegal freigekommen sei, könne sie wieder
verhaftet werden (vgl. A5, S. 8). Die Aussagen der Beschwerdeführerin an-
lässlich der BzP erscheinen allgemein authentisch und lebensnah. Dies
zeigt sich beispielsweise in ihrer Schilderung der körperlichen Kontrolle,
wo sie sich habe ausziehen müssen. Bereits anlässlich der BzP sagt sie
auf die Frage, ob es etwas gebe, was sie nur im Frauenteam erzählen wolle
«Ja. Vielleicht ist das für Sie nicht dramatisch, aber für uns schon». Bei der
Anhörung erklärt sie dann, sie hätte vor einem Mann nicht sagen können,
wie sie sich habe ausziehen müssen und wie die Kontrolleure sie ange-
schaut hätten (vgl. A57, F128).
Somit kommt das Gericht zum Schluss, dass jene Vorbringen, die bereits
anlässlich der BzP geltend gemacht wurden, als glaubhaft erachtet wer-
den. Diese Feststellung bezieht sich darauf, dass ihr die Teilnahme an re-
gimekritischen Demonstrationen und die Verhaftung in diesem Zusammen-
hang geglaubt werden. Aufgrund der Festnahme ist mit hoher Wahrschein-
lichkeit davon auszugehen, dass sie durch die staatlichen Behörden als
Teilnehmerin der besagten Demonstrationen und in Haft Genommene na-
mentlich identifiziert wurde, zumal es keinen Grund gibt, ihre Aussage, sie
habe ein Papier unterzeichnen müssen, in Frage zu stellen.
Anlässlich der Anhörung hat die Beschwerdeführerin ihre Vorbringen, ins-
besondere ihre politische Tätigkeit, in erheblichem Masse umfangreicher
dargestellt. Dies erscheint teilweise mit den Aussagen an der BzP nicht
vereinbar, nachgeschoben und deshalb nicht glaubhaft. So erklärte sie bei-
spielsweise anlässlich der BzP, sie habe sich nach ihrer Freilassung immer
versteckt gehalten, bei der Anhörung machte sie jedoch geltend, sie habe
weiterhin an Freitagsdemonstrationen teilgenommen. Ferner erklärte sie
an der BzP, sie sei vor der Revolution nicht politisch tätig gewesen, anläss-
lich der Anhörung machte sie aber geltend, der Parti-Partei bereits im Jahr
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2010 beigetreten zu sein. Diese Vorbringen, welche den anlässlich der BzP
geltend gemachten Sachverhalt mit gänzlich neuen Vorbringen ausschmü-
cken oder in Widerspruch zu diesem stehen, können ihr nicht geglaubt wer-
den. Jedoch vermag diese Einschätzung nichts daran zu ändern, dass die
Beschwerdeführerin aufgrund ihrer Inhaftierung mit hoher Wahrscheinlich-
keit namentlich identifiziert wurde und deshalb davon auszugehen ist, dass
sie für die syrischen Behörden als Regimegegnerin gilt, zumal ihr als Stu-
dentin noch besonderes Potenzial zur Opposition unterstellt werden dürfte.
6.2 Die staatlichen syrischen Sicherheitskräfte gehen seit Ausbruch des
bewaffneten Konflikts im März 2011, wie durch eine Vielzahl von Berichten
belegt ist, mit grösster Brutalität und Rücksichtslosigkeit gegen tatsächli-
che oder vermeintliche Regimegegner vor. Personen, die sich an Demonst-
rationen gegen das Assad-Regime beteiligt haben, sind in grosser Zahl von
Verhaftung, Folter sowie willkürlicher Tötung betroffen (vgl. Urteil BVGer
D-5779/2013 vom 28. Oktober 2015 [als Referenzurteil auf www.bvger.ch
publiziert]). Mit anderen Worten: Personen, die durch die staatlichen syri-
schen Sicherheitskräfte als Gegner des Regimes identifiziert werden, ha-
ben wegen ihrer tatsächlichen oder unterstellten politischen Anschauungen
eine Behandlung zu erwarten, die einer flüchtlingsrechtlich relevanten Ver-
folgung im Sinne von Art. 3 AsylG gleichkommt (a.a.O. E. 5.7.2).
6.3 Wie zuvor festgehalten wird als glaubhaft erachtet, dass die Beschwer-
deführerin aufgrund ihrer Beteiligung an regimekritischen Demonstrationen
im Zeitraum seit dem Ausbruch des derzeitigen Konflikts in Syrien festge-
halten wurde. Somit wurde sie mit hoher Wahrscheinlichkeit durch die
staatlichen Sicherheitskräfte als Regimegegnerin identifiziert. Sie hätte
also im Falle einer Rückkehr nach Syrien zum heutigen Zeitpunkt ernst-
hafte Nachteile im Sinne von Art. 3 AsylG zu befürchten. Diese Gefahr und
die bereits erlittene Verfolgung (zur nachvollziehbarerweise erhöhten
Furcht einer Person, die bereits früher staatlicher Verfolgung ausgesetzt
war, vgl. BVGE 2010/9 E. 5.2 S. 120) lassen angesichts der unverändert
repressiven Situation in Syrien denn auch ohne weiteres eine aktuelle, ob-
jektiv begründete Furcht vor künftiger Verfolgung bejahen. Da die Verfol-
gung von staatlichen Organen ausgeht und die Sicherheitslage auf dem
ganzen Staatsgebiet Syriens vom herrschenden Bürgerkrieg in stärkerem
oder weniger starkem Ausmass beeinträchtigt ist, scheidet die Möglichkeit
einer landesinternen Schutzalternative von vornherein aus.
6.4 Damit ergibt sich, dass die Beschwerdeführerin die Flüchtlingseigen-
schaft im Sinne von Art. 3 AsylG erfüllt. Folglich ist die Beschwerde insofern
http://www.bvger.ch/ http://www.bvger.ch/publiws/download?decisionId=477a1f90-e033-4f14-b947-2f967bea4317
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gutzuheissen, als damit die Aufhebung der angefochtenen Verfügung – so-
weit die Ablehnung des Asylgesuchs und die Anordnung der Wegweisung
betreffend – beantragt wird. Das SEM ist anzuweisen, die Beschwerdefüh-
rerin als Flüchtling anzuerkennen.
6.5 Da den Akten keine Hinweise auf das Bestehen von Asylausschluss-
gründen (vgl. Art. 53–55 AsylG) zu entnehmen sind, ist das SEM angewie-
sen, ihr Asyl zu gewähren.
6.6 Das Kind der Beschwerdeführerin ist aufgrund von Art. 51 Abs. 3 AsylG
ebenfalls als Flüchtling anzuerkennen und ihm ist – mangels Vorliegen von
besonderen Gründen – Asyl in der Schweiz zu gewähren.
7.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63
Abs. 1 und 2 VwVG).
8.
Den vertretenen Beschwerdeführenden ist angesichts ihres Obsiegens in
Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die
ihnen notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen.
Es wurde keine Kostennote eingereicht, weshalb die notwendigen Partei-
kosten aufgrund der Akten zu bestimmen sind (Art. 14 Abs. 2 in fine
VGKE). Gestützt auf die in Betracht zu ziehenden Bemessungsfaktoren
(Art. 9–13 VGKE) ist den Beschwerdeführenden zulasten der Vorinstanz
eine Parteientschädigung von insgesamt Fr. 1000.– zuzusprechen.
(Dispositiv nächste Seite)
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