Decision ID: 5e3ea64e-06dc-444a-af8d-e2a0cba14c68
Year: 2021
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
Am 8. April 2020 meldete die A._ AG (nachfolgend: Arbeitgeberin) beim Amt für
Wirtschaft und Arbeit (nachfolgend: AWA) Kurzarbeit für den Gesamtbetrieb an. Sie
begründete ihre Voranmeldung damit, seit Inkrafttreten der Massnahmen zur
Eindämmung der COVID-19-Pandemie sei ihre Neukundennachfrage sowie ihr
Kundendienst-Volumen um je 20 % gesunken. Der Personalbestand belaufe sich auf
126, wovon 12 Mitarbeitende in gekündigtem Arbeitsverhältnis seien. Von Kurzarbeit
seien 22 Mitarbeitende betroffen. Der voraussichtliche prozentuale Arbeitsausfall pro
Monat/Abrechnungsperiode belaufe sich auf 740 %. Dem Formular für die
Voranmeldung legte die Arbeitgeberin ein Organigramm sowie ein internes Mail an die
Mitarbeitenden vom 7. April 2020, 15:16 Uhr, bei (act. G3.1/A3 f.).
A.a.
Mit Verfügung vom 16. April 2020 hielt das AWA fest, sofern die übrigen
Anspruchsvoraussetzungen erfüllt seien, könne die Arbeitslosenkasse (nachfolgend:
Kasse) ab 8. April 2020 Kurzarbeitsentschädigung ausrichten (act. G3.1/A9).
A.b.
Mit E-Mail vom 9. Juli 2020 teilte die Arbeitgeberin der Kasse mit, bei der
Zusammenstellung der Abrechnungsunterlagen habe sie festgestellt, dass ihr ein
Fehler unterlaufen sei. Sie habe auf dem Voranmeldungsformular "Gesamtbetrieb" statt
A.c.
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B.
"Betriebsabteilung" angekreuzt. Sie bat um eine rückwirkende Anpassung der
Voranmeldung (act. G3.1/A10).
Mit Verfügung vom 21. Juli 2020 wies das AWA dieses Gesuch, welches es als
Revisionsgesuch behandelte, ab (act. G3.1/A12). Gegen die Verfügung vom 21. Juli
2020 erhob die Arbeitgeberin, nun vertreten durch Rechtsanwalt Matthias Hüberli, am
21. August 2020 Einsprache (act. G1.15). Mit Schreiben vom 27. November 2020
gewährte das AWA der Arbeitgeberin das rechtliche Gehör im Einspracheverfahren
(act. G3.1/A22). Am 8. Dezember 2020 gab die Arbeitgeberin eine ausführliche
Stellungnahme ab (act. G3.1/A23).
A.d.
Mit Entscheid vom 28. Dezember 2020 hiess das AWA die Einsprache teilweise
gut. Unter Vorbehalt des Vorliegens der übrigen gesetzlichen Voraussetzungen könne
die Kasse vom 8. April 2020 bis 8. Juli 2020 in Bezug auf den Gesamtbetrieb und vom
9. Juli 2020 bis 31. August 2020 in Bezug auf die Betriebsabteilung B._
Kurzarbeitsentschädigung ausrichten. Das Wiedererwägungsgesuch wies es ab. Zur
Begründung führte es im Wesentlichen aus, dass für die Zeit bis zum 9. Juli 2020
weder die Voraussetzungen für eine Revision noch jene für eine Wiedererwägung
gegeben seien, kein überspitzter Formalismus vorliege und auch ein Widerruf der
Verfügung vom 16. April 2020 mit Wiederherstellung der Frist für eine Voranmeldung
für die Betriebsabteilung COO nicht in Frage komme (act. G3.1/A24).
A.e.
Gegen diesen Entscheid erhebt die A._ AG am 27. Januar 2021 (Postaufgabe)
Beschwerde. Sie beantragt, der Einspracheentscheid vom 28. Dezember 2020 sei
aufzuheben und der Beschwerdeführerin sei die Kurzarbeit seit 8. April 2020 bis und
mit Ende Juli 2020 unter Bezugnahme auf die Betriebsabteilung B._ zu bewilligen.
Eventualiter sei der Einspracheentscheid vom 28. Dezember 2020 aufzuheben und die
Sache an die Vorinstanz zur Neubeurteilung zurückzuweisen. Unter Kosten- und
Entschädigungsfolgen zu Lasten des Beschwerdegegners. Zur Begründung führt sie im
Wesentlichen aus, durch die COVID-19-Pandemie sei die Abteilung B._, welche aus
den Bereichen C._, D._ und E._ bestehe, stark betroffen gewesen, die anderen
Abteilungen hingegen nicht. Mit E-Mail vom 7. April 2020 habe der CEO der
Beschwerdeführerin die gesamte Belegschaft betreffend Reorganisation sowie
B.a.
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Anmeldung zur Kurzarbeit informiert. Es sei ausdrücklich festgehalten worden, dass die
COVID-19-Pandemie einen voraussichtlichen Einfluss von 20 % auf das
Neukundengeschäft haben werde und zwecks Sicherung der Arbeitsplätze Kurzarbeit
angemeldet werde. Mit dem Neukundengeschäft beschäftige sich bei der
Beschwerdeführerin ausschliesslich die Betriebsabteilung B._. Mit einer weiteren E-
Mail vom 9. April 2020 habe der CEO seinem Team insbesondere mitgeteilt, dass
22 Mitarbeitende in Kurzarbeit gehen würden und für 740 Stellenprozente Kurzarbeit
angemeldet worden sei. Nachdem der Beschwerdegegner ihr empfohlen habe, die
Anträge gebündelt einzureichen, habe die Beschwerdeführerin am 9. Juli 2020 den
Versand der Formulare "Antrag und Abrechnung Kurzarbeitsentschädigung" der
Monate April bis Juni 2020 vorbereitet. Bei der Durchsicht der Unterlagen sei ihr
aufgefallen, dass sie in der Voranmeldung fälschlicherweise "Gesamtbetrieb" statt
"Betriebsabteilung" angekreuzt habe. Ursprünglich habe die Beschwerdeführerin den
Gesamtbetrieb anmelden wollen, zumal die wirtschaftliche Lage unsicher gewesen und
auf der Webpage des Beschwerdegegners zu lesen gewesen sei, dass in der Regel der
Gesamtbetrieb anzumelden sei. Das Formular sei dementsprechend vorbereitet
worden. Dann, noch im Vorfeld zur Voranmeldung, habe die Beschwerdeführerin
jedoch entschieden, nur die Betriebsabteilung B._ zur Kurzarbeit voranzumelden,
weil nur diese von der Pandemie wesentlich betroffen gewesen sei. Die Begründung
und die Anzahl zur Kurzarbeit vorangemeldeter Personen stimme. Es seien nur
Mitarbeitende aus der Betriebsabteilung B._ angemeldet worden. Jedoch sei
verpasst worden, "Betriebsabteilung" statt "Gesamtbetrieb" anzukreuzen. Die
Verfügung des Beschwerdegegners vom 16. April 2020 habe gerade suggeriert, die
eingereichte Voranmeldung sei in Ordnung. Darin sei nirgendwo ein Verweis darauf,
dass der Gesamtbetrieb angemeldet worden sei. Die Meldung des Eingabefehlers an
die Behörden sei direkt nach der Feststellung des Fehlers erfolgt. Dabei handle es sich
um eine wesentliche neue Tatsache, welche zum Entscheidzeitpunkt bereits
vorgelegen habe, aber der Beschwerdeführerin erst am 9. Juli 2020 bekannt geworden
sei. Damit seien die Voraussetzungen für eine Revision gegeben. Die Verfügung vom
16. April 2020 sei zudem aufgrund des Eingabe- resp. Schreibfehlers zweifellos
unrichtig und ihre Berichtigung von erheblicher Bedeutung, denn es gehe um die
Ausrichtung von Fr. 105'059.70 Kurzarbeitsentschädigung. Somit seien auch die
Voraussetzungen für eine Wiedererwägung gegeben. Eine Nichtberücksichtigung des
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Eingabe- resp. Schreibfehlers durch den Beschwerdegegner würde schliesslich gegen
mehrere Rechtsgrundsätze des Schweizerischen Verfassungs- und Verwaltungsrechtes
verstossen, namentlich gegen das Verbot des überspitzten Formalismus, und eine
Rechtsverweigerung darstellen. Der Entscheid des Beschwerdegegners stehe zur
tatsächlichen Situation in Widerspruch und laufe dem Gerechtigkeitsgedanken in
stossender Weise zuwider. Für den Zeitraum ab 9. Juli 2020 habe der
Beschwerdegegner dem Antrag der Beschwerdeführerin entsprochen, für die Periode
vom 8. April bis 8. Juli 2020 jedoch nicht, obwohl sachlich exakt das Gleiche passiert
sei. Hätte die Beschwerdeführerin gewusst, dass sie für die gemeldeten
Arbeitnehmenden keine Kurzarbeitsentschädigung erhalten würde, so hätte sie
aufgrund der finanziellen Situation Entlassungen vornehmen müssen. Die
Beschwerdeführerin hätte für die Betriebsabteilung B._ einen Anspruch auf die
Entrichtung von Kurzarbeitsentschädigung. Eine Verweigerung dieses Anspruchs einzig
aufgrund eines Eingabe- resp. Schreibfehlers stehe dem Sinn und Zweck der
gesetzlichen Regelung zur Kurzarbeitsentschädigung entgegen, sei unhaltbar sowie
missbräuchlich und verstosse gegen Treu und Glauben (act. G1).
Mit Beschwerdeantwort vom 11. Februar 2021 beantragt der Beschwerdegegner
die Abweisung der Beschwerde. Da Kurzarbeit nicht rückwirkend bewilligt werden
könne, sei ein Wechsel vom Gesamtbetrieb zu Betriebsabteilungen immer nur für die
Zukunft möglich. Aus den Angaben im Formular "Voranmeldung von Kurzarbeit" vom
8. April 2020 sei für den Beschwerdegegner kein Irrtum erkennbar gewesen. Der
geltend gemachte Irrtum habe zum Verfügungszeitpunkt noch nicht bestanden. Er
habe sich vielmehr erst aufgrund eines veränderten Sachverhaltes ergeben. Daher
bestehe kein Revisionsgrund (act. G3).
B.b.
Mit Replik vom 8. März 2021 bringt die Beschwerdeführerin vor, die
Grundannahme des Beschwerdegegners, wonach nachträglich eine Änderung in der
Willensbildung stattgefunden habe, sei unzutreffend. Bereits zum Zeitpunkt der
Einreichung der Voranmeldung habe die Beschwerdeführerin nur die Betriebsabteilung
B._ anmelden wollen. Ihr sei erst am 9. Juli 2020 bekannt geworden, dass sie in der
Voranmeldung einen Fehler gemacht habe. Es sei ihr daher unmöglich gewesen, früher
auf das Missgeschick zu reagieren (act. G5).
B.c.
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Erwägungen
1.
2.
Die Verfügung vom 16. April 2020 (act. G3.1/A9) ist unangefochten in Rechtskraft
erwachsen. Diese Verfügung bezog sich unstreitig auf den Gesamtbetrieb. Gestützt auf
diese Verfügung konnte die Kasse folgerichtig nur prüfen, ob sich aus dem
Arbeitsausfall des Gesamtbetriebs ein Anspruch auf Kurzarbeitsentschädigung ergab,
was unstreitig nicht der Fall war (vgl. act. G3.1/A16, G3.1/B10 und G3.1/B9).
1.1.
Im angefochtenen Einspracheentscheid kam der Beschwerdegegner zum Schluss,
dass die Verfügung vom 16. April 2020 weder in Revision gezogen noch
wiedererwogen werden kann. Allerdings gestand der Beschwerdegegner der
Beschwerdeführerin zu, dass die Arbeitslosenkasse unter Vorbehalt des Vorliegens der
übrigen gesetzlichen Voraussetzungen vom 9. Juli 2020 bis 31. August 2020
Kurzarbeitsentschädigung für die Betriebsabteilung B._ abrechnen könne. Streitig
und zu prüfen ist, ob die Voraussetzungen für eine Revision oder Wiedererwägung
gegeben sind und ob rückwirkend auf den 8. April 2020 die Betriebsabteilung B._
statt des Gesamtbetriebs zur Kurzarbeit vorangemeldet werden kann.
1.2.
Nach Art. 31 Abs. 1 lit. b und d des Bundesgesetzes über die obligatorische
Arbeitslosenversicherung und die Insolvenzentschädigung (AVIG; SR 837.0) haben
Arbeitnehmende, deren Arbeitszeit verkürzt oder deren Beschäftigung ganz eingestellt
wird, Anspruch auf Kurzarbeitsentschädigung, wenn der Arbeitsausfall anrechenbar
und voraussichtlich vorübergehend ist. Weiter muss erwartet werden können, dass
durch die Kurzarbeit Arbeitsplätze erhalten werden. Ein Arbeitsausfall ist unter anderem
anrechenbar, wenn er auf wirtschaftliche Gründe zurückzuführen und unvermeidbar ist
(Art. 32 Abs. 1 lit. a AVIG). Damit ein Arbeitsausfall anrechenbar ist, muss er je
Abrechnungsperiode mindestens 10 % der Arbeitsstunden ausmachen, die von den
Arbeitnehmenden des Betriebes normalerweise insgesamt geleistet werden (Art. 32
Abs. 1 lit. b AVIG).
2.1.
Gemäss Art. 32 Abs. 4 AVIG in Verbindung mit Art. 52 Abs. 1 lit. a und b der
Verordnung über die obligatorische Arbeitslosenversicherung und die
Insolvenzentschädigung (AVIV; SR 837.02) ist eine Betriebsabteilung einem Betrieb
gleichgestellt, wenn sie eine mit eigenen personellen und technischen Mitteln
ausgestattete organisatorische Einheit bildet, die einer eigenen innerbetrieblichen
2.2.
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selbständigen Leitung untersteht oder Leistungen erbringt, die auch von selbständigen
Betrieben erbracht und auf dem Markt angeboten werden könnten.
Falls eine Arbeitgeberin für ihre Arbeitnehmenden Kurzarbeitsentschädigung
geltend machen möchte, muss sie dies der kantonalen Amtsstelle zehn Tage vor
Beginn der Kurzarbeit schriftlich melden (Art. 36 Abs. 1 AVIG). In der Zeit vom 26. März
2020 bis zum 31. Mai 2020 musste keine Voranmeldefrist abgewartet, wohl aber eine
Anmeldung eingereicht werden (Art. 8b der Verordnung über Massnahmen im Bereich
der Arbeitslosenversicherung im Zusammenhang mit dem Coronavirus [COVID-19-
Verordnung Arbeitslosenversicherung] SR 837.033 in den Fassungen vom 26. März
2020 und vom 1. Juni 2020 [AS 2020 1075 und AS 2020 1777]). In dieser sogenannten
Voranmeldung muss die Arbeitgeberin die Zahl der im Betrieb Beschäftigten, die Zahl
der von der Kurzarbeit betroffenen Arbeitnehmenden, das Ausmass und die
voraussichtliche Dauer der Kurzarbeit sowie die Kasse, bei der sie den Anspruch
geltend machen will, angeben (Art. 36 Abs. 2 lit. a bis lit. c AVIG). Weiter hat die
Arbeitgeberin die Notwendigkeit der Kurzarbeit zu begründen und glaubhaft zu
machen, dass die Anspruchsvoraussetzungen nach Art. 31 Abs. 1 AVIG und Art. 32
Abs. 1 lit. a AVIG erfüllt sind. Falls die kantonale Amtsstelle eine oder mehrere
Anspruchsvoraussetzungen für nicht erfüllt hält, erhebt sie mittels Verfügung Einspruch
gegen die Auszahlung der Entschädigung (Art. 36 Abs. 4 AVIG).
2.3.
Mit der Voranmeldung von Kurzarbeit einer Betriebsabteilung muss die
Arbeitgeberin ein Organigramm des Gesamtbetriebes vorlegen (Art. 52 Abs. 2 AVIV).
Für welche Organisationseinheit Kurzarbeitsentschädigung ausgerichtet werden kann,
ist eine betriebsbezogene Anspruchsvoraussetzung, deren Beurteilung (abschliessend)
in die Zuständigkeit der kantonalen Amtsstelle fällt (vgl. auch Kreisschreiben des Seco
über die Kurzarbeitsentschädigung [AVIG-Praxis KAE], Fassung Januar 2020, Rz G16).
Davon zu unterscheiden sind Berechnungselemente, die zwar den Betrieb als
Bezugsgrösse haben und den Anspruch beeinflussen, hingegen von der Kasse zu
überprüfen sind, etwa das Erfordernis des Arbeitsausfalls von mindestens 10 % im
Sinn von Art. 32 Abs. 1 lit. b AVIG (vgl. AVIG-Praxis KAE, Rz C29). In diesem
Zusammenhang hat die Kasse jene Organisationseinheit (Betrieb/Betriebsabteilung) als
Ausgangspunkt ihrer Berechnung des Mindestarbeitsausfalls zu nehmen, für welche
die kantonale Amtsstelle im Sinne von Art. 36 AVIG die Überprüfung vorgenommen und
die Bewilligung der Kurzarbeit erteilt hat.
2.4.
Formell rechtskräftige Verfügungen und Einspracheentscheide müssen in Revision
gezogen werden, wenn die versicherte Person oder der Versicherungsträger nach
deren Erlass erhebliche neue Tatsachen entdeckt oder Beweismittel auffindet, deren
2.5.
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3.
Beibringung zuvor nicht möglich war (Art. 53 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den
Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG; SR 830.1]). Mit dem Begriff des
Entdeckens wird betont, dass es sich um Tatsachen handeln muss, die im Zeitpunkt
der Entscheidfällung bereits vorlagen, indessen (noch) nicht bekannt waren. Soweit
sich die Tatsache nachträglich ergeben hat, ist die Frage zu prüfen, ob die Verfügung
an diese Entwicklung anzupassen ist (Anpassung; vgl. Art. 17 ATSG). Es muss sich um
eine erhebliche Tatsache handeln, mithin um eine Tatsache, die geeignet ist, die
tatsächliche Grundlage des Entscheids dahingehend zu ändern, dass bei erneuter
Entscheidfällung ein anderer Entscheid resultiert. Dabei muss mit dem üblichen
Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit erstellt sein, dass die bisherige
Entscheidung unrichtig ist und an ihrer Stelle eine neue (materiell abweichende)
Entscheidung gefällt werden muss (Ueli Kieser, ATSG-Kommentar, 4. Aufl. 2020,
Art. 53 N 24 ff.). Nach der Rechtsprechung ist eine Tatsache auch dann noch als neu
zu betrachten, wenn sie zwar aktenkundig war, jedoch bei der Entscheidfällung
übersehen wurde (Kieser, a.a.O., Art. 53 N 28).
Der Versicherungsträger kann auf formell rechtskräftige Verfügungen oder
Einspracheentscheide zurückkommen, wenn diese zweifellos unrichtig sind und wenn
ihre Berichtigung von erheblicher Bedeutung ist (Wiedererwägung; Art. 53 Abs. 2
ATSG). Wann die Unrichtigkeit zweifellos ist, beurteilt sich nach dem Ausmass der
Überzeugung, wonach die bisherige Entscheidung unrichtig war. Es darf kein
vernünftiger Zweifel daran möglich sein, dass eine Unrichtigkeit vorliegt. Eine
zweifellose Unrichtigkeit betrifft in der Regel einen Verwaltungsentscheid aufgrund
falsch oder unzutreffend verstandener Rechtsregeln oder einen Verwaltungsentscheid,
der massgebliche Bestimmungen nicht oder unrichtig angewandt hat. Erheblich ist eine
Berichtigung dann, wenn es um einen Betrag von wenigen bzw. einigen Hundert
Franken geht (Kieser, a.a.O., Art. 53 N 58 ff.). Der Entscheid über die Vornahme der
Wiedererwägung ist gemäss Gesetzeswortlaut und bundesgerichtlicher
Rechtsprechung in das Ermessen des Versicherungsträgers gestellt (vgl. Kieser, a.a.O.,
Art. 53 N 77).
2.6.
Der Beschwerdegegner geht davon aus, die Beschwerdeführerin habe
ursprünglich bewusst den Gesamtbetrieb angemeldet und zu einem späteren Zeitpunkt
eine rückwirkende Änderung der Voranmeldung vom Gesamtbetrieb zur
Betriebsabteilung beantragt (act. G3.1/A24 und act. G3). Er stützt sich dabei auf eine
telefonische Besprechung mit einer Sachbearbeiterin der Beschwerdeführerin (vgl.
Aktennotiz vom 15. Juli 2020; act. G3.1/A11). Würde von diesem Sachverhalt
3.1.
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ausgegangen, hätte die Beschwerdeführerin "auf Vorrat" Kurzarbeit für den
Gesamtbetrieb angemeldet und später, als die Arbeitsausfälle nicht im befürchteten
Ausmass eingetreten sind, festgestellt, dass für den Gesamtbetrieb kein Anspruch auf
Kurzarbeitsentschädigung besteht, für die Betriebsabteilung hingegen schon. Auch
wenn zum Zeitpunkt der Voranmeldung die Entwicklung noch nicht absehbar war, wäre
die Verfügung vom 16. April 2020 unter diesen Umständen weder hinsichtlich des
Sachverhalts noch der Rechtslage anfänglich unrichtig, sodass kein Rückkommenstitel
gegeben wäre, welcher eine nachträgliche Korrektur ermöglichen würde. Vielmehr
wären die Veränderungen (Arbeitsausfall in geringerem Ausmass als befürchtet) erst im
Verlauf eingetreten. Gemäss Art. 36 Abs. 1 lit. a und b AVIG hat die Arbeitgeberin
bereits in der Voranmeldung definitiv anzugeben, für wie viele Arbeitnehmende und in
welchem Ausmass sie Kurzarbeit durchführen will. Lediglich bei der Dauer ist eine
vorläufige Angabe ("voraussichtliche Dauer") vorgesehen (vgl. auch das
Voranmeldeformular, wo der Personalbestand insgesamt und die Anzahl der von
Kurzarbeit betroffenen Mitarbeitenden ebenfalls aufzuführen ist). Somit ist eine
rückwirkende Abänderung der rechtskräftig gewordenen Kurzarbeitsbewilligung vom
Gesamtbetrieb auf eine Betriebsabteilung bei dem vom Beschwerdegegner
angenommenen Sachverhalt nicht möglich.
Die Beschwerdeführerin macht geltend, entgegen der Auffassung des
Beschwerdegegners habe sie von Anfang an ausschliesslich für eine Betriebsabteilung,
nicht für den Gesamtbetrieb, Kurzarbeit voranmelden wollen. Auf dem Formular
"Voranmeldung von Kurzarbeit" wird klar zwischen Gesamtbetrieb und
Betriebsabteilung unterschieden. Die Beschwerdeführerin hat angekreuzt, dass sie für
den Gesamtbetrieb Kurzarbeit anmelde (act. G3.1/A2). Wird auf die Behauptung der
Beschwerdeführerin abgestellt und davon ausgegangen, dass es sich hierbei um einen
(Eingabe- oder Schreib-)Fehler bzw. ein Missgeschick handelte, liegt – wie der
Beschwerdegegner in der Beschwerdeantwort ausführt – ein sogenannter
Erklärungsirrtum vor. Dabei liegt der Irrtum nicht in der Willensbildung, sondern in der
Willenserklärung. Der Irrende erklärt etwas, was nicht seinem Willen entspricht.
3.2.
Ein solcher Irrtum war für den Beschwerdegegner nicht erkennbar. Insbesondere
hat die Beschwerdeführerin nicht nur "Gesamtbetrieb" angekreuzt. Sie hat das Feld
"Betriebsabteilung" nicht angekreuzt und auch das Feld zur Bezeichnung der
betroffenen Betriebsabteilung leer gelassen. Zudem hat sie den Personalbestand des
Gesamtbetriebs, nicht der Betriebsabteilung, angegeben. Als Grund für die
Notwendigkeit von Kurzarbeit hat sie zwar angegeben, die Neukundennachfragen und
das Kundendienstvolumen seien um je 20 % gesunken, hat in diesem Zusammenhang
3.3.
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aber nicht erwähnt, dass hiervon eine bestimmte Betriebsabteilung (und nur diese
Abteilung) betroffen sei. Sie gab an, dass 22 Mitarbeitende von Kurzarbeit betroffen
seien. Aus dem von ihr eingereichten Organigramm liess sich jedoch nicht erkennen,
dass diese Mitarbeitende alle einer bestimmten Betriebsabteilung angehörten
(act. G3.1/A2). Die Beschwerdeführerin hat dem Beschwerdegegner mit der
Voranmeldung das interne E-Mail vom 7. April 2020, 15:16 Uhr, eingereicht (act. G3.1/
A1). Daraus ergab sich jedoch ebenfalls kein Hinweis, dass nur für eine
Betriebsabteilung Kurzarbeit eingeführt werden sollte. Selbst im internen E-Mail vom
7. April 2020, 12:21 Uhr, welches dem Beschwerdegegner im April 2020 noch nicht
bekannt war, sondern im Rahmen des Beschwerdeverfahrens eingereicht wurde
(act. G1.3), wird nicht von der Einführung von Kurzarbeit für eine Betriebsabteilung
gesprochen, sondern werden lediglich die betroffenen Mitarbeitenden aufgelistet.
Schliesslich wurde auch im E-Mail vom 9. April 2020 an das RAV B._ betreffend
Meldung von Personalmassnahmen (Kündigungen) lediglich erwähnt, dass für
22 Mitarbeitende Kurzarbeit habe angemeldet werden müssen, sodass sich auch in
dieser Nachricht kein Hinweis darauf findet, dass nur eine Betriebsabteilung hätte
angemeldet werden sollen (vgl. act. G3.1/A8). Aus den Angaben auf dem Formular
"Voranmeldung für Kurzarbeit" war sodann nicht erkennbar, dass die
Beschwerdeführerin mutmasslich keinen Anspruch auf Kurzarbeitsentschädigung für
den Gesamtbetrieb haben würde.
Da aus den eingereichten Unterlagen kein Irrtum erkennbar war, ist in objektiver
Hinsicht eine Voranmeldung für den Gesamtbetrieb erfolgt und der Beschwerdegegner
musste und durfte von einer solchen Voranmeldung ausgehen. Der Fehler trat intern
bei der Beschwerdeführerin auf. Weshalb es zu diesem Fehler kam, ist für den
Beschwerdegegner irrelevant. Die Beschwerdeführerin muss sich das Verhalten und
das Wissen ihrer Mitarbeitenden als eigenes Verhalten und eigenes Wissen anrechnen
lassen. Sie hat das Formular "Voranmeldung von Kurzarbeit" ausgefüllt und mit ihrer
Unterschrift bestätigt, wahrheitsgetreue Angaben gemacht zu haben (vgl. act. G3.1/
A2). Sie kann sich deshalb nicht darauf berufen, den Inhalt dieses Formulars nicht
gekannt oder den Fehler erst am 9. Juli 2020 bemerkt zu haben, sondern muss sich
dessen Inhalt entgegenhalten lassen. Ob sie den Fehler früher hätte erkennen können
(z. B. durch Prüfung der Verfügung vom 16. April 2020, in welcher neben der BUR-Nr.
der Vermerk "Gesamtbetrieb" steht und darauf hingewiesen wird, dass der
Arbeitsausfall u. a. nur anrechenbar ist, wenn er mindestens 10 % der Arbeitsstunden
ausmacht, die von allen anspruchsberechtigten Arbeitnehmenden des Betriebs bzw.
der anerkannten Betriebsabteilung in der Anspruchsperiode normalerweise geleistet
werden; act. G3.1/A9), ist somit nicht von Belang. Die Beschwerdeführerin hat
3.4.
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4.