Decision ID: a00e6713-7a35-5097-927d-2c88830adfa3
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer reiste eigenen Angaben zufolge – am 20. Juni 2017
in die Schweiz ein und suchte tags darauf um Asyl nach. Am 28. Juni 2017
fand im Empfangs- und Verfahrenszentrum die Befragung zur Person statt
(BzP). Die Vorinstanz hörte ihn am 9. April 2020 vertieft zu seinen Asyl-
gründen an.
Im Wesentlichen macht der Beschwerdeführer geltend, er gehöre der ta-
milischen Ethnie an und stamme aus dem Dorf B._, Distrikt
C._. Er verfüge über einen (...) Schulabschluss und habe vor seiner
Ausreise im (...) eines Verwandten gearbeitet. Im Mai 2017 sei er zufällig
Zeuge der Entführung einer jungen Frau geworden. Als Einschüchterung
hätten ihn die Entführer noch am Tatort mit einer Waffe bedroht und ein
Foto von ihm gemacht. Er habe, nachdem ihm sein Vater von einer Anzeige
bei der Polizei abgeraten habe, den Vorfall einem Parlamentarier gemel-
det. Zwei Wochen später habe sein Onkel den Vater darüber informiert,
dass Leute die Fotografie des Beschwerdeführers herumzeigen und sich
nach ihm erkundigen würden. Der Vater habe ihn daraufhin auf der Arbeit
angerufen und ihn dazu angehalten, nicht nach Hause zu kommen. Er
habe deshalb eine Weile beim Verwandten gelebt, welchem der (...) ge-
hört. Als er sich eines Tages dazu entschieden habe, wieder nach Hause
zurückzukehren, sei er auf dem Heimweg von Unbekannten mit einem Mi-
nibus entführt, misshandelt und gefesselt in eine Hütte gebracht worden.
Es sei ihm gelungen, seinen Peinigern zu entfliehen, indem er seine Fes-
seln gelöst habe und aus der Hütte geschlichen sei. Er habe sich zu seiner
Familie begeben. Sein Vater habe sofort seine Flucht organisiert. Er habe
sich noch kurze Zeit im Land aufgehalten und sei dann im Juni 2017 über
Colombo ausgereist. Im Dezember 2019 sei sein Vater von Unbekannten
bedroht und nach dem Verbleib des Beschwerdeführers befragt worden.
Der Vater habe daraufhin Anzeige bei der Polizei erstattet.
Als Beweismittel reichte der Beschwerdeführer seine Identitätskarte, sei-
nen Führerausweis, seinen Geburtsschein, Zeitungsartikel sowie die Be-
stätigung einer Polizeianzeige zu den Akten.
B.
Mit Verfügung vom 1. Juli 2020 stellte die Vorinstanz fest, der Beschwer-
deführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte das Asylgesuch ab,
verfügte die Wegweisung aus der Schweiz und ordnetet den Vollzug der
Wegweisung an.
E-3931/2020
Seite 3
C.
Mit Eingabe vom 5. August 2020 reichte der Beschwerdeführer gegen den
Entscheid der Vorinstanz Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht
ein. Vorab beantragt er, das Gericht habe unverzüglich darzulegen, welche
Gerichtspersonen mit der Behandlung der vorliegenden Sache betraut
seien. Gleichzeitig sei bekannt zu geben, wie diese Gerichtspersonen aus-
gewählt worden seien. Falls in die Auswahl eingegriffen worden sei, habe
das Gericht die objektiven Kriterien bekannt zu geben, nach denen diese
Gerichtspersonen ausgewählt worden seien. Dem Beschwerdeführer sei
dazu Einsicht in die Datei der Software des Gerichts zu gewähren, mit wel-
cher diese Auswahl nach Eingang der Beschwerde kreiert worden sei und
es sei offenzulegen, wer diese Auswahl getroffen habe. Sodann sei ihm
vollständige Einsicht in die gesamten Akten der Vorinstanz zu gewähren
und angemessene Frist zur Einreichung einer Beschwerdeergänzung an-
zusetzen. Des Weiteren sei die angefochtene Verfügung wegen Verletzung
des rechtlichen Gehörs aufzuheben und die Sache an die Vorinstanz zu-
rückzuweisen. Eventualiter sei die Verfügung wegen der Verletzung der
Begründungspflicht, subeventualiter zur Feststellung des vollständigen
und richtigen rechtserheblichen Sachverhaltes aufzuheben und an die Vor-
instanz zurückzuweisen. Sub-subeventualiter sei die Verfügung aufzuhe-
ben, seine Flüchtlingseigenschaft festzustellen und ihm in der Schweiz
Asyl zu gewähren. Sub-sub-subeventualiter seien die Dispositivziffern 3 bis
5 der angefochtenen Verfügung aufzuheben und es sei die Unzulässigkeit
oder zumindest die Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzuges festzustel-
len. Im Sinne eines Beweisantrages verlangt er schliesslich, er sei erneut
beziehungsweise er sei zu denjenigen Sachverhalten, zu welchen er sich
bisher nicht habe äussern können, anzuhören.
Zusammen mit der Beschwerdeschrift reichte der Beschwerdeführer unter
anderem einen Länderbericht, eine Polizeianzeige mit Übersetzung sowie
eine CD-ROM mit weiteren Unterlagen, insbesondere Lageberichte zu Sri
Lanka, Medienmitteilungen sowie Rechtsgutachten, zu den Akten.
D.
Mit Zwischenverfügung vom 7. September 2020 gab die Instruktionsrichte-
rin dem Beschwerdeführer den mit der Sache betrauten Spruchkörper be-
kannt und wies die Gesuche um Akteneinsicht sowie Ansetzung einer Frist
zur Beschwerdeergänzung ab.
E.
In seiner Eingabe vom 9. September 2020 erklärte der Beschwerdeführer
E-3931/2020
Seite 4
gegenüber dem Gericht, dass er keine vollständige Akteneinsicht erhalten
habe und davon ausgehe, die Vorinstanz habe die Akten nie versendet.
F.
Mit Zwischenverfügung vom 14. September 2020 stellte die Instruktions-
richterin die Akten der Vorinstanz zur Stellungnahme betreffend Gewäh-
rung des Akteneinsichtsrechts zu.
G.
Die Vorinstanz reichte am 1. Oktober 2020 beim Gericht einen Zustellungs-
beleg ein, gemäss welchem ihrer Ansicht nach ersichtlich sei, dass dem
Rechtsvertreter des Beschwerdeführers die Akten am 20. Juli 2020 zuge-
stellt worden seien.
H.
Mit Zwischenverfügung vom 5. Oktober 2020 wies die Instruktionsrichterin
die Gesuche um Akteneinsicht sowie Ansetzung einer Frist zur Beschwer-
deergänzung ein weiteres Mal ab.
I.
In seiner Eingabe vom 8. Oktober 2020 erklärte der Beschwerdeführer, die
Person, welche gemäss Sendeverfolgung den Aktenempfang unterschrift-
lich bestätigt habe, könne nicht seiner Rechtsvertretung zugeordnet wer-
den.
J.
Die Instruktionsrichterin stellte der Vorinstanz mit Instruktionsverfügung
vom 12. Oktober 2020 erneut die Akten zur Stellungnahme zu. Ferner hielt
sie fest, soweit sich die Vorinstanz dazu entscheiden sollte, dem Beschwer-
deführer Akteneinsicht zu gewähren, diesem Gelegenheit eingeräumt
werde, innert 15 Tagen nach Zustellung der Akten eine Stellungnahme ein-
zureichen.
K.
Nachdem die Vorinstanz dem Beschwerdeführer mit Schreiben vom
22. Oktober 2020 Akteneinsicht gewährt hatte, nahm dieser mit Eingabe
vom 9. November 2020 ergänzend Stellung.
L.
Gestützt auf Art. 31 Abs. 3 des Geschäftsreglements für das Bundesver-
waltungsgericht (VGR, SR 173.320.1) wurde am 11. Dezember 2020 die
E-3931/2020
Seite 5
bis dahin zuständige Instruktionsrichterin durch Richterin Muriel Beck Ka-
dima ersetzt, was dem Beschwerdeführer mit Zwischenverfügung vom
5. Februar 2021 mitgeteilt wurde. Gleichzeitig wurde er dazu eingeladen,
dem Gericht innert angesetzter Frist Übersetzungen der von ihm zu den
Akten gereichten Zeitungsartikel zukommen zu lassen.
M.
Am 22. Februar 2021 liess der Beschwerdeführer dem Gericht innert an-
gesetzter Frist Übersetzungen der Zeitungsartikel zukommen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Am 1. März 2019 ist die Teilrevision (AS 2016 3101) des Asylgesetzes
in Kraft getreten. Für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.2 Am 1. Januar 2019 wurde das Ausländergesetz vom 16. Dezember
2005 (AuG, SR 142.20) teilrevidiert (AS 2018 3171) und in Ausländer- und
Integrationsgesetz (AIG) umbenannt. Der vorliegend anzuwendende Ge-
setzesartikel (Art. 83 Abs. 1–4) ist unverändert vom AuG ins AIG übernom-
men worden. Das Gericht verwendet nachfolgend die neue Gesetzesbe-
zeichnung.
2.
Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung
von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und
entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend –
endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG). Der Beschwerdeführer
ist als Verfügungsadressat zur Beschwerdeführung legitimiert (Art. 48
VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist – unter
nachfolgendem Vorbehalt – einzutreten (aArt. 108 Abs. 1 AsylG und Art. 52
Abs. 1 VwVG).
3.
Im Zusammenhang mit der Spruchkörperbildung beantragt der Beschwer-
deführer vorab im Wesentlichen, dass Auskunft darüber zu erteilen sei, ob
in den Automatismus der Spruchkörperbildung eingegriffen wurde. Die au-
E-3931/2020
Seite 6
tomatisierte Geschäftsverteilung und Verfahrensabwicklung am Bundes-
verwaltungsgericht betreffen gerichtsinterne Arbeitsschritte. Diesbezüglich
ist auf die geltende Praxis (Teilurteil des BVGer D-1549/2017 vom 2. Mai
2018 E. 4.3) und die betreffenden Bestimmungen des Geschäftsregle-
ments vom 17. April 2008 für das Bundesverwaltungsgericht (VGR; SR.
173.320.1) zu verweisen. Auf diesen Antrag ist daher praxisgemäss nicht
einzutreten. Bei dieser Ausgangslage ist auch auf den weiteren Teilantrag,
im Falle eines Eingriffs die objektiven Kriterien bekannt zu geben, nicht
einzutreten (vgl. statt vieler: Urteil des BVGer E-2110/2020 vom 11. Juni
2020 E. 2). Soweit darüber hinaus um Einsicht in die Softwaredatei des
BVGer ersucht wird und um Bekanntgabe der Person, die diese Auswahl
getroffen hat, ist auf diese Anträge ebenfalls nicht einzutreten, da diese
Auskunftsersuchen in engem Zusammenhang mit den vorstehend erwähn-
ten Anträgen stehen beziehungsweise deren vorgängige Behandlung be-
dingen.
4.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
5.
5.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
5.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
E-3931/2020
Seite 7
Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaubhaft-
machen der Vorbringen in verschiedenen Entscheiden dargelegt und folgt
dabei ständiger Praxis. Darauf kann verwiesen werden (vgl. BVGE 2015/3
E. 6.5.1 sowie 2012/5 E. 2.2).
6.
Die Vorinstanz gelangt in der angefochtenen Verfügung zum Schluss, die
Vorbringen des Beschwerdeführers hielten weder den Anforderungen an
das Glaubhaftmachen gemäss Art. 7 AsylG noch denjenigen an die Flücht-
lingseigenschaft nach Art. 3 AsylG stand.
Zur Begründung führt die Vorinstanz aus, die Vorbringen des Beschwerde-
führers würden insofern merkwürdig anmuten, als die Verfolger nicht gleich
Massnahmen gegen ihn anlässlich der beobachteten Entführung ergriffen
hätten, sondern lediglich ein Foto von ihm gemacht haben sollen, um ihn
dann später zu suchen. Sodann falle auf, dass die Verfolgungsgeschichte
von Zufällen geprägt sei, indem der Beschwerdeführer zum Beispiel, nach-
dem er bei seinem Arbeitgeber beziehungsweise Verwandten unterge-
taucht sei, auf dem Heimweg von den Verfolgern aufgefunden worden sei,
ohne dass diese von seiner Identität oder Wohnadresse Kenntnis gehabt
hätten. Ferner seien die Schilderungen seiner Flucht aus der Hütte unsub-
stantiiert ausgefallen. Darüber hinaus wäre selbst bei Wahrunterstellung,
unter anderem in Anbetracht der grundsätzlichen Schutzfähigkeit und
Schutzwilligkeit des sri-lankischen Staates, nicht von seiner Flüchtlingsei-
genschaft auszugehen. Insbesondere habe er sich mit seinem Problem
nicht an die heimatlichen Polizeibehörden gewandt. Schliesslich gebe auch
die praxisgemäss durchzuführende Prüfung der Risikofaktoren keinen An-
lass zur Annahme, er wäre bei einer Rückkehr in sein Heimatland flücht-
lingsrechtlich relevanter Verfolgung ausgesetzt.
7.
In der Rechtsmitteleingabe rügt der Beschwerdeführer vorab eine Verlet-
zung des rechtlichen Gehörs, weil zwischen BzP und Anhörung ein zeitli-
cher Abstand von beinahe drei Jahren liege, nur eine pauschale Einschät-
zung der Glaubhaftigkeit der Fluchtvorbringen gemacht worden und an-
lässlich der Anhörung sein Risikoprofil nicht korrekt ermittelt worden sei.
Sodann sei die Begründungspflicht dadurch verletzt worden, dass die
Vorinstanz sich nicht mit dem LTTE-Hintergrund seiner Familie auseinan-
dergesetzt habe. Darin, sowie im nicht berücksichtigten Umstand, dass an-
dere Familienmitglieder aus dem Heimatland geflohen seien, sieht er dar-
E-3931/2020
Seite 8
über hinaus eine Verletzung der Pflicht zur sorgfältigen Sachverhaltsabklä-
rung begründet. Des Weiteren stelle die Verfügung bei der Beurteilung sei-
ner Situation auf eine unzutreffende Lageanalyse zu Sri Lanka ab. Nicht
zuletzt aufgrund des Machtzuwachses der seit November 2019 amtieren-
den Regierung, der zunehmenden Militarisierung des Landes sowie der
Verschärfung der Menschenrechtslage sei den von der Rechtsprechung
entwickelten Risikofaktoren besondere Bedeutung beizumessen. Ferner
seien seine Fluchtvorbringen – entgegen der Ansicht der Vorinstanz – als
widerspruchsfrei, nachvollziehbar und im Ergebnis als glaubhaft sowie
flüchtlingsrechtlich relevant zu qualifizieren. Insbesondere sei überwiegend
wahrscheinlich, dass er Zeuge einer staatlich geduldeten Entführung ge-
worden sei. Auch erfülle er mehrere Risikofaktoren, welche insgesamt ge-
gen eine Rückkehr in sein Heimatland sprechen würden.
8.
In seiner Eingabe vom 9. November 2020 macht der Beschwerdeführer
weiter geltend, die Vorinstanz sei ihrer Pflicht, die von ihm eingereichten
Zeitungsartikel zu übersetzen, nicht nachgekommen beziehungsweise
habe sie diese Beweismittel unberücksichtigt gelassen. Ferner ergebe sich
aus diversen in den Befragungsprotokollen festgehaltenen Aussagen des
Beschwerdeführers, dass die Begründung in der angefochtenen Verfügung
mangelhaft sei. Aus diesen ergänzenden Ausführungen gehe klar hervor,
dass die Vorinstanz seine Verfahrensrechte mehrfach verletzt habe, wes-
halb der angefochtene Entscheid aufzuheben sei.
9.
Die vom Beschwerdeführer erhobenen formellen Rügen der Verletzung
des rechtlichen Gehörs beziehungsweise der Begründungspflicht sowie
der unrichtigen Sachverhaltserstellung sind vorab zu behandeln, da sie ge-
eignet sein könnten, eine Kassation der vorinstanzlichen Verfügung zu be-
wirken.
9.1 Der Beschwerdeführer rügt eine Verletzung des Anspruchs auf rechtli-
ches Gehör, weil zwischen BzP und Anhörung ein zeitlicher Abstand von
beinahe drei Jahren liegt.
Eine zeitnahe Anhörung ist durchaus wünschenswert. Gemäss konstanter
Rechtsprechung ist daraus jedoch nicht auf eine Verletzung des rechtli-
chen Gehörs zu schliessen, zumal es sich dabei nicht um eine justiziable
Verfahrenspflicht handelt (vgl. statt vieler: Urteil des BVGer E-1277/2018
vom 3. April 2018 E. 4.3). Die zwischen den Befragungen verstrichene Zeit
E-3931/2020
Seite 9
stellt keine Verletzung der Verfahrensrechte des Beschwerdeführers dar,
ist jedoch bei der Beurteilung der Glaubhaftigkeit seiner Vorbringen ange-
messen zu berücksichtigen.
9.2 Weiter sieht der Beschwerdeführer eine Verletzung des Anspruchs auf
Gewährung des rechtlichen Gehörs darin begründet, dass die Vorinstanz
keine Glaubhaftigkeitsprüfung vorgenommen beziehungsweise diesbe-
züglich nur pauschale Ausführungen gemacht habe.
Hierzu ist festzuhalten, dass die Vorinstanz in ihren Erwägungen zur
Glaubhaftigkeit der Fluchtvorbringen unter Verweis auf konkrete Aussagen
des Beschwerdeführers klar festhält, dass die Schilderungen ihrer Meinung
nach zahlreiche Zufälligkeiten sowie Auffälligkeiten aufweisen würden und
weshalb die Vorbringen aus ihrer Sicht nicht nachvollziehbar seien. Die Be-
gründungsdichte ermöglichte dem Beschwerdeführer eine sachgerechte
Anfechtung des Entscheids, weshalb sich die Rüge im Ergebnis als unbe-
gründet erweist.
9.3 Betreffend seine Ausführungen zum Lagebericht des SEM vom 16. Au-
gust 2016 ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer mit dem Hinweis
auf nicht offengelegte Referenzen und der darauf basierenden Mutmas-
sung, die Lageeinschätzung des SEM stütze sich auf manipulierte bezie-
hungsweise nicht existierende Quellen, die Qualität und Vertrauenswürdig-
keit des Berichts nicht ernsthaft in Frage zu stellen vermag. Insgesamt
kann nicht festgestellt werden, die Vorinstanz sei – soweit für die spezifi-
sche Sachverhaltskonstellation überhaupt relevant – bei ihrer Beurteilung
von einem fehlerhaften Lagebild ausgegangen oder habe diesbezüglich
den Sachverhalt nicht mit der gehörigen Sorgfalt abgeklärt. Soweit der Be-
schwerdeführer der Auffassung ist, die Vorinstanz habe die Gefahr vor Ver-
folgung falsch eingeschätzt, ist dies als Würdigung des Sachverhalts nach-
folgend zu behandeln (vgl. E. 10 f.).
9.4 Soweit der Beschwerdeführer im Zusammenhang mit von ihm einge-
reichten Zeitungsartikel sowie seinem familiären Hintergrund eine Verlet-
zung seiner Verfahrensrechte durch die Vorinstanz rügt und die Durchfüh-
rung einer erneuten Anhörung beantragt, ist darauf nachfolgend unter
E. 10.1 sowie E. 11.3 einzugehen.
9.5 Die formellen Rügen erweisen sich insgesamt als unbegründet, wes-
halb keine Veranlassung besteht, die Sache aus formellen Gründen aufzu-
heben und an die Vorinstanz zurückzuweisen. Die diesbezüglichen
E-3931/2020
Seite 10
Rechtsbegehren sind somit abzuweisen (siehe dazu auch nachfolgend
E. 10.1 sowie E. 11.3).
10.
10.1 Im Zusammenhang mit der Frage der Glaubhaftigkeit der Fluchtvor-
bringen ist mit der Vorinstanz darin übereinzugehen, dass die Verfolgungs-
geschichte des Beschwerdeführers von zahlreichen Zufälligkeiten geprägt
und in sich nicht schlüssig ist. So hätten sich gemäss seinen Schilderungen
die Entführer – nachdem sie bemerkt hätten, dass sie von ihm bei der Ent-
führung einer jungen Frau beobachtet worden seien – vorerst dazu ent-
schlossen, nicht gleich am Tatort seiner habhaft zu werden, sondern ihn
mittels Vorzeigen einer Waffe und dem fotografischen Festhalten seiner
Person einzuschüchtern. Wegen diesem Vorfall sei er jedoch rund einen
Monat später selbst entführt und misshandelt worden, zu einem Zeitpunkt
also, in welchem er bereits gegenüber zahlreichen Personen von seinen
Beobachtungen hätte berichten können und dies auch getan habe. Inso-
fern erhellt aus einer objektiven Perspektive nicht ohne Weiteres, was sich
die Verfolger von seiner Entführung versprochen haben könnten. Der ver-
bale Austausch zwischen ihm und den Entführern, welcher diesbezüglich
Anhaltspunkte für die Motive seiner Peiniger liefern könnte, ist gerade der
Punkt, an welchen sich der Beschwerdeführer nicht mehr besonders erin-
nern könne (abgesehen von der Erwähnung einer nicht näher spezifizier-
ten Menschenrechtsorganisation und einer Person; vgl. SEM-Akten A29/22
F100 und F118). Sodann ist auch bemerkenswert, dass sich der Beschwer-
deführer nicht daran erinnern kann, wie es ihm gelungen sein soll, sich von
seinen Fesseln zu befreien (vgl. a.a.O. F108 und F112). Auch wenn seine
Vorbringen diesbezüglich vereinzelt widersprüchlich ausfallen, ist aufgrund
seiner Aussagen ferner davon auszugehen, dass sich der Beschwerdefüh-
rer und seine Verfolger nicht kannten (vgl. a.a.O. F43 und F59 ff). Insofern
darf zumindest als aussergewöhnlich bezeichnet werden, dass sich ihre
Wege, einen Monat nach der ersten Begegnung, wieder kreuzten, wobei
aus den Aussagen des Beschwerdeführers zu schliessen ist, die Begeg-
nung habe am Abend oder in der Nacht in einer schlecht beleuchteten Ge-
gend stattgefunden. Dabei sei auch nicht auszuschliessen, dass es sich
bei der zweiten Begegnung um andere Personen als beim ersten Mal ge-
handelt haben könnte (vgl. a.a.O. F43 und F90 ff.). Dass er, wie er an-
nimmt, seit längerer Zeit beobachtet worden sei (vgl. a.a.O. F92) und die
Entführer ihn an diesem Tag somit in gezielter und planmässiger Weise
aufgesucht und entführt hätten, scheint wenig wahrscheinlich, hätten sie
doch in diesem Fall bereits wesentlich früher seiner habhaft werden kön-
nen. Dass es sich bei der Begegnung viel eher um einen Zufall gehandelt
E-3931/2020
Seite 11
haben müsste, spricht auch, dass der Beschwerdeführer an diesem Tag
den Bus verpasst und einen anderen Heimweg eingeschlagen habe (vgl.
a.a.O. F43).
Zu dieser von Auffälligkeiten und Zufällen geprägten Schilderung seiner
Fluchtumstände kommt hinzu, dass die Verfolger – nachdem sie sich nach
der Entführung offenbar lange Zeit nicht mehr bemerkbar gemacht haben
– nun nach zweieinhalb Jahren den Vater des Beschwerdeführers bedroht
und sich nach seinem Verbleib erkundigt haben sollen. Insbesondere ist
schwer nachvollziehbar, dass die dem Beschwerdeführer nicht näher be-
kannten Peiniger nach all der verstrichenen Zeit nun verlangen würden,
der Beschwerdeführer habe sich bei ihnen zu "melden", offenbar ohne da-
bei vorzugeben, wie oder wo er dies zu tun habe. Sodann fällt auf, dass
die Verfolger bei ihren Entführungen offenbar keine Masken zu tragen pfle-
gen, während sie sich bei der Behelligung von Familienmitgliedern ihrer
Opfer vermummen (vgl. a.a.O. F13 ff.). Aus dem Umstand, dass der Vater
gemäss den eingereichten Dokumenten diese Behelligung bei der Polizei
zur Anzeige brachte, vermag der Beschwerdeführer – in Anbetracht des
bereits Ausgeführten – im Ergebnis nichts zu seinen Gunsten abzuleiten.
Es handelt sich zudem um die Aussage eines seiner nächsten Familienan-
gehörigen, weshalb den Dokumenten – auch ohne Beurteilung deren Echt-
heit – bereits inhaltlich lediglich verminderter Beweiswert zu attestieren ist.
Dass die Schilderungen des Beschwerdeführers sodann in einzelnen
Punkten voneinander abweichen (Erwähnung, die entführte Frau habe sich
im Meer beziehungsweise in einem Bach gewaschen, abweichende Anga-
ben betreffend Altersschätzung der angeblich entführten Frau sowie abwei-
chende Angaben betreffend das Verwandtschaftsverhältnis zu seinem Ar-
beitgeber [vgl. a.a.O. F147 ff.]), vermag für sich alleine den Schluss der
Unglaubhaftigkeit der Fluchtvorbringen nicht zu rechtfertigen, stellt vorlie-
gend jedoch ein weiteres Indiz dafür dar, dass die von ihm geschilderten
Fluchtgründe konstruiert sind. Die aufgezeigten Unregelmässigkeiten sei-
ner Fluchtgeschichte lassen sich im Übrigen auch nicht durch die verstri-
chene Zeit zwischen BzP und Anhörung erklären.
Der Beschwerdeführer vermag schliesslich auch nichts aus den übersetz-
ten Zeitungsartikeln zu seinen Gunsten abzuleiten. Wie er selbst ausführt,
weisen diese keinen direkten Bezug zu seiner individuellen Flucht auf. Ins-
besondere vermag der Umstand, dass die Artikel unter anderem von sexu-
eller Folter berichten und der Beschwerdeführer vorgibt, ebenfalls solche
E-3931/2020
Seite 12
erlitten zu haben, die dargelegten Ungereimtheiten in seiner Fluchtge-
schichte nicht aufzulösen. Entgegen seiner Ansicht war das SEM – insbe-
sondere aufgrund des von ihm gemachten Hinweises, der Artikel weise kei-
nen direkten Bezug zur von ihm beschriebenen Entführung auf (vgl. a.a.O.
F11) – nicht gehalten, den Artikel einer vertieften Würdigung zu unterzie-
hen. Die in diesem Zusammenhang erhobene Rüge der Verletzung seiner
Verfahrensrechte erweist sich als unbegründet.
10.2 Nach dem Ausgeführten ist festzuhalten, dass es dem Beschwerde-
führer im Ergebnis nicht gelingt glaubhaft darzulegen, er sei im Zeitpunkt
seiner Ausreise in flüchtlingsrechtlich relevanter Weise verfolgt worden.
10.3 Als Ergänzung sei an dieser Stelle angemerkt, dass das Bundesver-
waltungsgericht praxisgemäss von der Schutzfähigkeit- und Schutzwillig-
keit des sri-lankischen Staates gegenüber seinen Bürgern ausgeht (vgl.
Urteil des BVGer E-2110/2020 vom 11. Juni 2020 E. 7.1. m.w.H.). Insofern
ist mit der Vorinstanz darin übereinzugehen, dass der Beschwerdeführer
aufgrund fehlender flüchtlingsrechtlicher Relevanz seiner Vorbringen
selbst bei Wahrheitsunterstellung die Flüchtlingseigenschaft nicht erfüllen
dürfte. Zu den diesbezüglichen Einwänden des Beschwerdeführers, wel-
cher in diesem Zusammenhang insbesondere seinen familiären Hinter-
grund geltend macht, kann auf die folgenden Erwägungen verwiesen wer-
den.
11.
11.1 Hinsichtlich der nachfolgenden Einschätzung der Risikofaktoren bei
einer Rückkehr nach Sri Lanka ist vorauszuschicken, dass sich das Gericht
den dort stattgefundenen Veränderungen – zu nennen sind insbesondere
die Osteranschläge im Frühjahr 2019 sowie der Regierungswechsel im No-
vember 2019 – bewusst ist. Es beobachtet die Entwicklungen aufmerksam
und berücksichtigt diese bei seiner Entscheidfindung. Zwar ist beim derzei-
tigen Kenntnisstand durchaus von einer möglichen Akzentuierung der Ge-
fährdungslage auszugehen, der Personen mit einem bestimmten Risi-
koprofil ausgesetzt sind beziehungsweise bereits vorher ausgesetzt waren
(vgl. Referenzurteil des Bundesverwaltungsgerichts E-1866/2015 vom
15. Juli 2016; HRW, Sri Lanka: Families of "Disappeared" Threatened,
16.02.2020). Dennoch gibt es zum heutigen Zeitpunkt keinen Grund zur
Annahme, dass seit dem Machtwechsel in Sri Lanka ganze Bevölkerungs-
gruppen kollektiv einer Verfolgungsgefahr ausgesetzt wären. Unter diesen
Umständen ist im Einzelfall zu prüfen, ob ein persönlicher Bezug der asyl-
suchenden Personen zur Präsidentschaftswahl vom 16. November 2019
E-3931/2020
Seite 13
respektive deren Folgen besteht (vgl. dazu die Rechtsprechung aus jünge-
rer Zeit: Urteile des BVGer E-2669/2017 vom 8. Mai 2020 E. 7.4.3 f.,
D-4628/2017 vom 30. April 2020 E. 6.4 sowie E-1837/2020 vom 27. April
2020 E. 6.1).
11.2 Im Referenzurteil E-1866/2015 vom 15. Juli 2016 hat das Bundesver-
waltungsgericht festgehalten, dass aus Europa respektive der Schweiz zu-
rückkehrende tamilische Asylsuchende nicht generell einer ernstzuneh-
menden Gefahr von Verhaftung und Folter ausgesetzt seien. Das Gericht
orientiert sich bei der Beurteilung des Risikos von Rückkehrern, Opfer
ernsthafter Nachteile in Form von Verhaftung und Folter zu werden, an ver-
schiedenen Risikofaktoren. Dabei handelt es sich um das Vorhandensein
einer tatsächlichen oder vermeintlichen, aktuellen oder vergangenen Ver-
bindung zu den LTTE, um die Teilnahme an exilpolitischen regimekritischen
Handlungen und um das Vorliegen früherer Verhaftungen durch die sri-lan-
kischen Behörden, üblicherweise im Zusammenhang mit einer tatsächli-
chen oder vermuteten Verbindung zu den LTTE (sog. stark risikobegrün-
dende Faktoren). Einem gesteigerten Risiko, genau befragt und überprüft
zu werden, unterliegen ausserdem Personen, die ohne die erforderlichen
Identitätspapiere nach Sri Lanka einreisen wollen, die zwangsweise nach
Sri Lanka zurückgeführt werden oder die über die Internationale Organisa-
tion für Migration (IOM) nach Sri Lanka zurückkehren, sowie Personen mit
gut sichtbaren Narben (sog. schwach risikobegründende Faktoren). Das
Gericht wägt im Einzelfall ab, ob die konkret glaubhaft gemachten Risiko-
faktoren eine asylrechtlich relevante Gefährdung der betreffenden Person
ergeben. Dabei zieht es in Betracht, dass insbesondere jene Rückkehrer
eine begründete Furcht vor ernsthaften Nachteilen im Sinne von Art. 3
AsylG haben, denen seitens der sri-lankischen Behörden zugeschrieben
wird, dass sie bestrebt sind, den tamilischen Separatismus wiederaufleben
zu lassen (vgl. a.a.O. E. 8). Diese Praxis gilt auch unter der in E. 11.1 be-
reits dargelegten Lageeinschätzung in Zusammenhang mit den jüngeren
Entwicklungen in Sri Lanka weiter.
In diesem Zusammenhang bringt der Beschwerdeführer vor, dass insbe-
sondere sein familiärer Hintergrund bei der Prüfung des Vorhandenseins
möglicher Risikofaktoren zu berücksichtigen sei. Diesbezüglich ist festzu-
stellen, dass aus den Darstellungen des Beschwerdeführers zu seinen
Fluchtgründen nicht hervorgeht, er hätte aufgrund der Aktivitäten seiner
nächsten Angehörigen – insbesondere seines im Jahr (...) in die Schweiz
geflohenen Bruders oder der auf Beschwerdeebene vorgebrachten
LTTE-Verbindungen seines Vaters – bis zu seiner Ausreise im Jahre (...)
E-3931/2020
Seite 14
Probleme gehabt. Insbesondere ergeben sich auch keine konkreten Hin-
weise auf relevante Aspekte aus der Beschwerde (vgl. Beschwerde S. 10,
12 ff., 35). Bezüglich der geltend gemachten LTTE-Verbindung des Vaters
(Transporte für die LTTE während des Bürgerkrieges) geht aus den Akten
nicht hervor, dass diese den heimatlichen Behörden bekannt ist bezie-
hungsweise dass der Vater nach Kriegsende deshalb selber jemals behel-
ligt worden wäre. In der Beschwerde wird gar verneint, dass der Vater je
Probleme mit den Behörden gehabt hat (Beschwerde S. 35). Damit ist auch
nicht darauf zu schliessen, der nicht beziehungsweise nicht in exponierter
Weise politisch tätige Beschwerdeführer sei aufgrund seines mehrjährigen
Aufenthaltes in der Schweiz, während welchem er möglicherweise in Kon-
takt mit seinem Bruder stand, in das Blickfeld der heimatlichen Behörden
gerückt. Bei dieser Ausgangslage ist nicht davon auszugehen, er sei bei
einer Rückkehr mit einer hohen Wahrscheinlichkeit flüchtlingsrechtlich re-
levanter Verfolgung ausgesetzt.
11.3 Anzumerken bleibt, dass angesichts des vorstehend Ausgeführten
nicht zu beanstanden ist, dass sich die Vorinstanz bei der Einschätzung
der Verfolgungsgefahr nicht vertieft mit dem familiären Hintergrund des Be-
schwerdeführers auseinandersetzte. Dass der Vater Verbindungen zur
LTTE aufgewiesen haben soll, wurde zudem erst auf Beschwerdeebene
vorgebracht. Es ist im Ergebnis nicht festzustellen, die Vorinstanz habe
diesbezüglich Verfahrensrechte des Beschwerdeführers verletzt und die
Durchführung einer erneuten Anhörung erweist sich nicht als angezeigt
(vgl. auch E. 9).
12.
Aufgrund der vorstehenden Erwägungen ist im Ergebnis festzuhalten, dass
die Vorinstanz die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers zu Recht
verneint und sein Asylgesuch abgelehnt hat.
13.
13.1 Lehnt das Staatssekretariat das Asylgesuch ab oder tritt es darauf
nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und
ordnet den Vollzug an (Art. 44 AsylG).
13.2 Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche
Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol-
chen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44
AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
E-3931/2020
Seite 15
14.
14.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das Staatssekretariat das Anwesenheitsverhältnis
nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme
(Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
14.2
14.2.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun-
gen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund
nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Aus-
reise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl.
ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechts-
stellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember
1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-
gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3
der Konvention vom 4. November 1950 zum Schutze der Menschenrechte
und Grundfreiheiten (EMRK, SR 0.101) darf niemand der Folter oder un-
menschlicher oder erniedrigender Strafe oder Behandlung unterworfen
werden.
14.2.2 Da es dem Beschwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich
erhebliche Gefährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der
in Art. 5 AsylG verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegen-
den Verfahren keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des
Beschwerdeführers in den Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von
Art. 5 AsylG rechtmässig.
14.2.3 Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerde-
führers noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer
E-3931/2020
Seite 16
Ausschaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit
einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behand-
lung ausgesetzt wäre. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofes für
Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses
müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr ("real risk") nachwei-
sen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter
oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR
Saadi gegen Italien 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06, §§ 124–
127 m.w.H.). Zudem ergeben sich auch keine konkreten Hinweise darauf,
dass er bei einer Rückkehr nach Sri Lanka mit beachtlicher Wahrschein-
lichkeit Massnahmen zu befürchten hätte, die über einen sogenannten
"Background Check" (Befragung und Überprüfung von Tätigkeiten im In-
und Ausland) hinausgehen würden, oder dass er persönlich gefährdet
wäre.
14.2.4 Die allgemeine Menschenrechtssituation in Sri Lanka für sich alleine
lässt den Wegweisungsvollzug nach Auffassung des Gerichts nicht unzu-
lässig erscheinen (vgl. Urteil des BVGer E-1866/2015 vom 15. Juli 2016
E. 12.2). Auch der EGMR hat sich mit der Gefährdungssituation im Hinblick
auf eine EMRK-widrige Behandlung namentlich für Tamilen, die aus einem
europäischen Land nach Sri Lanka zurückkehren müssen, wiederholt be-
fasst (vgl. EGMR, R.J. gegen Frankreich, Urteil vom 19. September 2013,
Beschwerde Nr. 10466/11; E.G. gegen Grossbritannien, a.a.O.; T.N. gegen
Dänemark, Urteil vom 20. Januar 2011, Beschwerde Nr. 20594/08; P.K. ge-
gen Dänemark, Urteil vom 20. Januar 2011, Beschwerde Nr. 54705/08;
Rechtsprechung zuletzt bestätigt in J.G. gegen Polen, Entscheidung vom
11. Juli 2017, Beschwerde Nr. 44114/14). Dabei unterstreicht der Gerichts-
hof, dass nicht in genereller Weise davon auszugehen sei, zurückkehren-
den Tamilen drohe eine unmenschliche Behandlung. Daran vermag auch
der Regierungswechsel vom November 2019 nichts zu ändern.
14.2.5 Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im
Sinn der flüchtlings- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zuläs-
sig.
14.3
14.3.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind.
E-3931/2020
Seite 17
14.3.2 Der bewaffnete Konflikt zwischen der sri-lankischen Regierung und
den LTTE ist im Mai 2009 zu Ende gegangen. Aktuell herrscht in Sri Lanka
weder Krieg noch eine Situation allgemeiner Gewalt. Der Beschwerdefüh-
rer stammt aus dem Gebiet Jaffna. Nach einer eingehenden Analyse der
sicherheitspolitischen Lage in Sri Lanka ist das Bundesverwaltungsgericht
zum Schluss gekommen, dass der Wegweisungsvollzug in die Nordprovinz
zumutbar ist, wenn das Vorliegen der individuellen Zumutbarkeitskriterien
(insbesondere Existenz eines tragfähigen familiären oder sozialen Bezie-
hungsnetzes sowie Aussichten auf eine gesicherte Einkommens- und
Wohnsituation) bejaht werden kann (vgl. Urteil E-1866/2015 E. 13.4).
14.3.3 Die Vorinstanz hat in der angefochtenen Verfügung bereits zutref-
fend ausgeführt, der Beschwerdeführer verfüge über einen Schulab-
schluss, Berufserfahrung sowie ein dichtes familiäres Netzwerk im Heimat-
land, weshalb sich der Vollzug auch in individueller Hinsicht als zumutbar
erweise. Es kann diesbezüglich auf die Ausführungen der Vorinstanz ver-
wiesen werden. Die auf Beschwerdeebene geltend gemachte fortgeschrit-
tene Integration des Beschwerdeführers während seines Aufenthaltes in
der Schweiz steht – unter anderem mit Blick auf seine Sozialisation in Sri
Lanka – dem Wegweisungsvollzug nicht entgegen. Soweit der Beschwer-
deführer ferner die Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzuges daraus ab-
leitet, dass die herrschende Pandemie zu einer faktischen Unmöglichkeit
des Wegweisungsvollzuges führe, ist auf das Nachstehende zu verweisen.
14.4 Es obliegt dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständigen Vertre-
tung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Reisedoku-
mente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG). Allfällig im Zusammenhang mit dem
Coronavirus verfügte Einreiseverbote und ähnliche Massnahmen durch die
sri-lankischen Behörden stehen dem Wegweisungsvollzug – angesichts ih-
res vorübergehenden Charakters – nicht entgegen (vgl. Urteile des BVGer
D-968/2020 vom 31. März 2020; E-1575/2020 vom 19. Mai 2020 E. 9.4.3).
14.5 Zusammenfassend ist der Wegweisungsvollzug als zulässig, zumut-
bar und möglich zu bezeichnen. Eine Anordnung der vorläufigen Aufnahme
fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
15.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
E-3931/2020
Seite 18
Bundesrecht nicht verletzt und – soweit diesbezüglich überprüfbar – ange-
messen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen, soweit darauf einzutreten ist.
16.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem Beschwerdefüh-
rer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und in Anbetracht des Umfanges
seiner Rechtsmitteleingabe – in weiten Teilen ohne direkten persönlichen
Bezug zu seinen Vorbringen – praxisgemäss auf insgesamt Fr. 1'500.–
festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die
Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE;
SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
E-3931/2020
Seite 19