Decision ID: 69a189d5-f415-54a3-b0c0-722615873405
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin – ein eritreische Staatsangehörige tigrinischer
Ethnie aus B._ (C._) – suchte am 11. April 2018 in der
Schweiz um Asyl nach. Anlässlich der Summarbefragung vom 24. April
2018 und der einlässlichen Anhörung vom 7. September 2018 machte sie
im Wesentlichen geltend, sie sei im Oktober 2016 in Eritrea zum Militär-
dienst aufgeboten worden. Weil sie aber keine Soldatin habe werden wol-
len, sei sie in der Folge im Oktober oder November 2016 illegal aus Eritrea
ausgereist und via Äthiopien, den Sudan, Libyen und Italien in die Schweiz
gelangt.
B.
Mit am 20. März 2020 eröffneter Verfügung vom 17. März 2020 stellte das
SEM fest, die Beschwerdeführerin erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht,
lehnte das Asylgesuch ab, verfügte die Wegweisung aus der Schweiz und
beauftragte den zuständigen Kanton mit dem Vollzug der Wegweisung.
C.
Mit Eingabe vom 16. April 2020 erhob die Beschwerdeführerin beim Bun-
desverwaltungsgericht gegen diesen Entscheid Beschwerde und bean-
tragte, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben und ihr Asyl zu gewäh-
ren. Eventualiter sei sie wegen Unzulässigkeit, Unzumutbarkeit und Un-
möglichkeit des Wegweisungsvollzugs vorläufig aufzunehmen. Sub-even-
tualiter sei die Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuwei-
sen. In prozessualer Hinsicht ersuchte sie um Gewährung der unentgeltli-
chen Prozessführung, Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses
und um amtliche Verbeiständung.
Als Beilage zur Beschwerde reichte die Beschwerdeführerin einen ärztli-
chen Austrittsbericht des Zentrums für Psychotraumatologie, Gravita, SRK
St. Gallen, datiert vom 8. August 2019, ein.
D.
Mit Schreiben vom 17. April 2020 bestätigte das Bundesverwaltungsgericht
den Eingang der Beschwerde.
E.
Mit Eingabe vom 20. April 2020 (dem Gericht per Fax übermittelt; Postauf-
gabe am 21. April 2020) reichte die Beschwerdeführerin – nun handelnd
durch ihren Rechtsvertreter – eine Beschwerdeergänzung ein.
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F.
Mit Eingabe vom 24. April 2020 reichte der Rechtsvertreter der Beschwer-
deführerin eine Fürsorgebestätigung vom 20. April 2020 nach.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der
Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September
2015). Am 1. Januar 2019 wurde zudem das Ausländergesetz vom 16. De-
zember 2005 (AuG, SR 142.20) teilrevidiert (AS 2018 3171) und in Auslän-
der- und Integrationsgesetz (AIG) umbenannt. Der vorliegend anzuwen-
dende Gesetzesartikel (Art. 83 Abs. 1–4) ist unverändert vom AuG ins AIG
übernommen worden, weshalb das Gericht nachfolgend die neue Geset-
zesbezeichnung verwenden wird.
1.2 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurtei-
lung von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig
und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorlie-
gend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG [SR 142.31]).
Die Beschwerdeführerin ist als Verfügungsadressatin zur Beschwerdefüh-
rung legitimiert (Art. 48 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte
Beschwerde ist einzutreten (aArt. 108 Abs. 1 AsylG und Art. 52 Abs. 1
VwVG).
2.
2.1 Das Bundesverwaltungsgericht überprüft die angefochtene Verfügung
in Asylsachen auf Verletzung von Bundesrecht sowie unrichtige oder un-
vollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts hin (Art. 106
Abs. 1 AsylG), im Bereich des Ausländerrechts zudem auch auf Unange-
messenheit (Art. 49 VwVG).
2.2 Die Beschwerde erweist sich als offensichtlich unbegründet und ist im
Verfahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung einer zweiten
Richterin (Art. 111 Bst. e AsylG), ohne Weiterungen und mit summarischer
Begründung zu behandeln (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG).
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
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Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden. Als
ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Le-
bens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psy-
chischen Druck bewirken (vgl. Art. 3 AsylG). Den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen.
3.2 Flüchtlingen wird nach Art. 54 AsylG kein Asyl gewährt, wenn sie erst
durch ihre Ausreise aus dem Heimat- oder Herkunftsstaat oder wegen ih-
res Verhaltens nach der Ausreise Flüchtlinge im Sinne von Art. 3 AsylG
wurden (subjektive Nachfluchtgründe).
3.3 Die Flüchtlingseigenschaft muss nachweisen oder zumindest glaubhaft
machen, wer um Asyl nachsucht (Art. 7 Abs. 1 AsylG). Glaubhaft gemacht
ist die Flüchtlingseigenschaft, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit für gegeben hält. Unglaubhaft sind ins-
besondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet
oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder
massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt wer-
den (Art. 7 Abs. 2 und 3 AsylG). Das Bundesverwaltungsgericht hat die An-
forderungen an das Glaubhaftmachen der Vorbringen in einem publizierten
Entscheid dargelegt und folgt dabei ständiger Praxis. Darauf kann hier ver-
wiesen werden (BVGE 2015/3 E. 6.5.1, m.w.H.).
4.
4.1 Entgegen der in der Beschwerde und in der Beschwerdeergänzung
vertretenen Auffassung hat sich das SEM im vorliegenden Fall keine un-
richtige Anwendung der Beweisregel von Art. 7 AsylG vorzuwerfen. Wie in
der angefochtenen Verfügung mit umfassender Begründung zutreffend er-
läutert wird, halten die Vorbringen der Beschwerdeführerin in den wesent-
lichen Punkten den Anforderungen an das reduzierte Beweismass des
Glaubhaftmachens nicht stand. Namentlich bestätigen sich die von der Vor-
instanz in der angefochtenen Verfügung festgestellten Unstimmigkeiten
betreffend die Umstände ihrer angeblichen militärischen Einberufung. Im
Gegensatz zu ihren Aussagen in der BzP, dass sie anstelle ihres Bruders,
der sich dem Militärdienst entzogen und sich (...) ausser Landes begeben
habe, zum Militärdienst aufgeboten worden sei (vgl. act. A5, Ziff. 7.02),
liess sie in der Anhörung verlauten, ihr militärisches Aufgebot habe in kei-
nem Zusammenhang zur Person ihres Bruders gestanden (vgl. act. A15,
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F49). Sodann führte die Beschwerdeführerin in der BzP zunächst aus, vor
ihrem erstmaligen militärischen Aufgebot im Oktober 2016 hätten sie und
ihre Familie nie Kontakt mit den eritreischen Behörden gehabt (vgl. act. A5,
Ziff. 7.02). Dagegen erklärte sie in der Anhörung im Unterschied hierzu, sie
sei bereits vor Oktober 2016 von den eritreischen Behörden zu Hause auf-
gesucht und ihrer Familie sei jeweils vormittags ein behördliches Schreiben
für sie überbracht worden, worauf sie sich bis zur ihrer Ausreise aus Angst
bei ihrer Tante versteckt gehalten habe (vgl. act. A15, F36 ff.). Die Hinweise
in der Beschwerde (vgl. daselbst, S. 2 f.) und in der Beschwerdeergänzung
(vgl. daselbst, S. 5 f.) auf die angebliche schlechte psychische Verfassung
der Beschwerdeführerin und auf angebliche Verständigungsschwierigkei-
ten in den Befragungen vermögen die von der Vorinstanz zu Recht aufge-
führten Unglaubhaftigkeitselemente in ihren Vorbingen nicht plausibel zu
erklären. Aus den Befragungsprotokollen ergeben sich keine konkreten
Hinweise darauf, dass die Urteilsfähigkeit der Beschwerdeführerin anläss-
lich der Befragungen derart eingeschränkt gewesen wäre, dass ihre Pro-
zessfähigkeit hätte in Frage gestellt werden müssen. Im Weiteren sind den
Befragungsprotokollen auch keine Hinweise auf Verständigungsschwierig-
keiten zu entnehmen. Viel mehr konnte die Beschwerdeführerin ihre Asyl-
gründe im Rahmen der Anhörung umfassend schildern und bestätigte auf
Nachfrage, sie habe alle Fluchtgründe vortragen können (vgl. act. A15,
F97). Das SEM hat im Ergebnis somit hinreichend und nachvollziehbar be-
gründet, dass sich aufgrund des gesamten Aussageverhaltens der Be-
schwerdeführerin ein stark konstruiertes Bild einer Verfolgungssituation
ergibt (vgl. zur Unglaubhaftigkeit nachgeschobener oder diametral abwei-
chender Asylvorbringen bereits EMARK 1993/3 E. 3, S. 13). Der Be-
schwerdeführerin ist es demnach nicht gelungen, nachzuweisen oder
glaubhaft zu machen, dass sie in Eritrea aufgrund von Vorfällen vor ihrer
Ausreise begründete Furcht vor ernsthaften Nachteilen im Sinne von Art. 3
Abs. 2 AsylG hatte. Es erübrigt sich somit, auf weitere Beschwerdevorbrin-
gen detaillierter einzugehen, weil sie am Ergebnis nichts ändern können.
4.2 Was die geltend gemachte illegale Ausreise der Beschwerdeführerin
aus Eritrea betrifft, stützt sich die Vorinstanz zu Recht auf das Urteil des
Bundesverwaltungsgerichts D-7898/2015 vom 30. Januar 2017 (als Refe-
renzurteil publiziert). Nach diesem bedarf es für die Begründung der Flücht-
lingseigenschaft aufgrund subjektiver Nachfluchtgründe im eritreischen
Kontext neben der illegalen Ausreise zusätzlicher Anknüpfungspunkte,
welche zu einer Schärfung des Profils und dadurch zu einer flüchtlings-
rechtlich relevanten Verfolgungsgefahr führen (E. 5.2). Da es der Be-
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schwerdeführerin nicht gelungen ist, ein vorbestehendes Verfolgungsinte-
resse der eritreischen Behörden an ihr nachzuweisen beziehungsweise
glaubhaft zu machen, bestehen keine Hinweise darauf, dass – neben der
geltend gemachten illegalen Ausreise – zusätzliche Anknüpfungspunkte
existieren, welche sie in den Augen der eritreischen Behörden als misslie-
bige Person erscheinen lassen würden.
4.3 Die Vorinstanz hat das Vorliegen sowohl von Vorflucht- als auch von
Nachfluchtgründen somit zu Recht verneint. Folgerichtig blieb der Be-
schwerdeführerin die Gewährung des Asyls durch die schweizerischen Be-
hörden versagt (Art. 2 Abs. 1 und Art. 49 AsylG). Die Ablehnung des ent-
sprechenden Gesuchs durch die Vorinstanz ist zu bestätigen.
5.
5.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
5.2 Die Beschwerdeführerin verfügt weder über eine ausländerrechtliche
Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol-
chen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44
AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
6.
6.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das Staatssekretariat das Anwesenheitsverhältnis
nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme
(Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG).
6.2 Bezüglich des Geltendmachens von Wegweisungsvollzugshindernis-
sen gilt gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Be-
weisstandard wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst,
sie sind zu beweisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls
wenigstens glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
7.
7.1 Die Vorinstanz beurteilt den Wegweisungsvollzug in ihrer angefochte-
nen Verfügung als zulässig, zumutbar und möglich.
7.2 Die Beschwerdeführerin führt in ihrem Rechtsmittel im Wesentlichen
aus, der Wegweisungsvollzug sei angesichts der ihr in Eritrea drohenden
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Einziehung in den Nationaldienst unzulässig. Sie macht sinngemäss gel-
tend, der von der Vorinstanz angeordnete Vollzug verletze Art. 3 und 4
Abs. 1 und 2 EMRK.
7.3 Aufgrund des Alters der Beschwerdeführerin bei ihrer Ausreise aus Erit-
rea erscheint ihre Befürchtung, bei einer Rückkehr in den Nationaldienst
eingezogen zu werden, nicht gänzlich unplausibel (vgl. das Urteil des
BVGer D-2311/2016 vom 17. August 2017, E. 13.2-13.4 [als Referenzurteil
publiziert]). Die Frage kann aber angesichts nachfolgender Erwägungen
offenbleiben (vgl. unten E. 8.4).
8.
8.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
8.2 So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land ge-
zwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem
Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft,
zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1
AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über
die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember
1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-
gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3
EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender
Strafe oder Behandlung unterworfen werden. Art. 4 EMRK beinhaltet die
Verbote der Sklaverei und Leibeigenschaft (Abs. 1) sowie der Zwangs-
oder Pflichtarbeit (Abs. 2 und 3).
8.3 Das flüchtlingsrechtliche Refoulement-Verbot schützt nur Personen,
welche die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es sich bei der Beschwer-
deführerin, wie oben festgestellt, nicht um einen Flüchtling handelt, kann
der in Art. 5 AsylG verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung auf ihren
Fall keine Anwendung finden. Eine Rückschaffung der Beschwerdeführerin
in den Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG recht-
mässig. Die Zulässigkeit des Vollzugs beurteilt sich deshalb vielmehr nach
den übrigen verfassungs- und völkerrechtlichen Bestimmungen
(Art. 25 Abs. 3 BV; Art. 3 FoK Art. 3 und 4 EMRK).
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8.4 Gemäss dem Koordinationsentscheid des Bundesverwaltungsgerichts
BVGE 2018 VI/4 vom 10. Juli 2018 E. 6.1 insbes. 6.1.6 und E. 6.1.8 stehen
das Verbot der Sklaverei und der Leibeigenschaft (Art. 4 Abs. 1 EMRK)
dem Vollzug der Wegweisung der Beschwerdeführerin auch bei einer an-
stehenden Einziehung in den Nationaldienst nicht entgegen. Sodann ist
gemäss dem erwähnten Koordinationsentscheid auch nicht davon auszu-
gehen, es bestehe generell das ernsthafte Risiko einer krassen Verletzung
des Verbots der Zwangs- und Pflichtarbeit während des Nationaldiensts im
Sinne von Art. 4 Abs. 2 EMRK sowie einer Verletzung des Verbots von
Art. 3 EMRK.
8.5 Aus den Akten ergeben sich – selbst bei einem Einzug in den National-
dienst – keine Anhaltspunkte für die Annahme, die Beschwerdeführerin
müsste bei einer Rückkehr in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahr-
scheinlichkeit eine nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe
oder Behandlung befürchten. Auch die problematische allgemeine Men-
schenrechtssituation in Eritrea lässt den Wegweisungsvollzug zum heuti-
gen Zeitpunkt praxisgemäss nicht als unzulässig erscheinen.
8.6 Abschliessend ist darauf hinzuweisen, dass das Bundesverwaltungs-
gericht die Zulässigkeit des Wegweisungsvollzuges – aufgrund des Feh-
lens eines Rückübernahmeabkommens zwischen der Schweiz und Eritrea
– lediglich für freiwillige Rückkehrer beurteilte und die Zulässigkeit zwangs-
weiser Rückführungen ausdrücklich offen liess (vgl. Urteil BVGE 2018 VI/4
E. 6.1.7).
8.7 Der Vollzug der Wegweisung der Beschwerdeführerin erweist sich da-
mit – sowohl im Sinn der landes- als auch der völkerrechtlichen Bestim-
mungen – als zulässig.
9.
9.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
9.2 Gemäss dem zitierten Koordinationsentscheid (E. 6.2) vermag die be-
vorstehende Einziehung in den eritreischen Nationaldienst allein nicht zur
Annahme einer existenziellen Gefährdung zu führen.
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Seite 9
9.3 In seinem Urteil D-2311/2016 vom 17. August 2017 (als Referenzurteil
publiziert) hatte sich das Bundesverwaltungsgericht ausführlich mit der Zu-
mutbarkeit des Wegweisungsvollzugs nach Eritrea beschäftigt. Dabei kam
es zum Schluss, die frühere Praxis, dass eine Rückkehr nur bei begünsti-
genden individuellen Umständen zumutbar sei (vgl. Entscheidungen und
Mitteilungen der vormaligen Schweizerischen Asylrekurskommission
[EMARK] 2005 Nr. 12), sei nicht länger berechtigt. Angesichts der schwie-
rigen allgemeinen – und insbesondere wirtschaftlichen – Lage des Landes
müsse bei Vorliegen besonderer individueller Umstände aber nach wie vor
von einer Existenzbedrohung ausgegangen werden. Die Frage der Zumut-
barkeit bleibe daher im Einzelfall zu beurteilen (vgl. Referenzurteil
D-2311/2016 E. 17.2).
Vorliegend sind keine individuellen Gründe ersichtlich, welche die Rück-
kehr der Beschwerdeführerin nach Eritrea als unzumutbar erscheinen lies-
sen. Bei der Beschwerdeführerin handelt es sich um eine junge Frau mit
einem breiten Netz an verwandtschaftlichen Beziehungen in Eritrea (Mut-
ter, Vater, Geschwister; vgl. act. A5, Ziff. 7.02). Zudem verfügt sie über
Schulbildung und über Arbeitserfahrung in der Landwirtschaft (vgl. act. A5,
Ziff. 1.17.04; 1.17.05). Die Beschwerdeführerin machte anlässlich ihrer Be-
fragungen geltend, wegen psychischer Probleme in Italien in medizinischer
Behandlung gewesen zu sein. Sodann begab sie sich den Akten zufolge
zwischen dem 6. Mai 2019 und 8. August 2019 in tagesklinische Behand-
lung ins (...), (...) D._ (im Nachfolgenden: [...]). Gemäss dem ärzt-
lichen Austrittsbericht des (...) vom 8. August 2019 leidet die Beschwerde-
führerin im Wesentlichen unter einer Posttraumatischen Belastungsstö-
rung (PTDS) und einer Anpassungsstörung. Dem genannten Bericht ist so-
dann weiter zu entnehmen, dass die Beschwerdeführerin die tagesklini-
sche Therapie im (...) wegen «gebessertem Zustand» auf eigenen Wunsch
nicht weitergeführt hat. Vor diesem Hintergrund ist nicht davon auszuge-
hen, dass die Beschwerdeführerin auf eine weitere ärztliche Betreuung an-
gewiesen ist. Soweit eine solche bei einer Rückkehr in den Heimatstaat
dennoch indiziert sein sollte, kann sie sich in Eritrea in medizinische Be-
handlung begeben. Das Bundesverwaltungsgericht geht nämlich davon
aus, dass psychische Erkrankungen in Eritrea grundsätzlich behandelbar
sind (vgl. hierzu bspw. auch das Urteil des BVGer D-5898/16 vom 12. Feb-
ruar 2020 E. 9.1.3 und E. 9.2.2 [Bejahung der Zulässigkeit und Zumutbar-
keit des Wegweisungsvollzugs nach Eritrea bei einer Person mit komplexer
PTBS]). Besondere Umstände, aufgrund derer von einer Existenzbedro-
hung ausgegangen werden müsste, sind vorliegend keine ersichtlich. Auf-
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grund der grundsätzlichen Behandelbarkeit der gesundheitlichen Be-
schwerden der Beschwerdeführerin in Eritrea war das SEM nicht gehalten,
diesbezüglich weitergehende medizinische Abklärungen vorzunehmen.
Bei dieser Sachlage erweist sich die Rüge in der Beschwerdeergänzung
(vgl. daselbst, S. 9), das SEM habe den medizinischen Sachverhalt unge-
nügend abgeklärt, als unbegründet. Zur Rückweisung der Sache an die
Vorinstanz besteht demnach kein Anlass.
9.4 Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung nicht als
unzumutbar im Sinn von Art. 83 Abs. 4 AIG.
10.
Schliesslich obliegt es der Beschwerdeführerin, sich bei der zuständigen
Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Reise-
dokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG). Dass zurzeit eine zwangsweise Rück-
schaffung nach Eritrea nicht zu Gebote steht, steht der Feststellung der
Möglichkeit des Vollzugs nicht entgegen, zumal eine freiwillige Rückkehr
möglich ist.
11.
Zusammenfassend ist festzustellen, dass die Vorinstanz den Wegwei-
sungsvollzug zu Recht als zulässig, zumutbar und möglich qualifiziert hat.
Die Anordnung der vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht
(Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
12.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit überprüfbar –
angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
13.
Die Beschwerdeführerin beantragt die Gewährung der unentgeltlichen
Rechtspflege gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG. Aufgrund der vorstehenden
Erwägungen ergibt sich, dass ihre Begehren als von vornherein aussichts-
los zu gelten haben. Damit ist eine der kumulativ zu erfüllenden Vorausset-
zungen nicht gegeben, weshalb dem Gesuch nicht stattzugeben ist. Aus
demselben Grund kann auch dem Gesuch um unentgeltliche Rechtsver-
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beiständung nicht stattgegeben werden. Bei diesem Ausgang des Verfah-
rens sind die Kosten von Fr. 750.– (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Feb-
ruar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwal-
tungsgericht [VGKE], SR 173.320.2) somit der Beschwerdeführerin aufzu-
erlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Mit dem vorliegenden Urteil ist der Antrag
auf Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses gegenstandslos
geworden.
(Dispositiv nächste Seite)
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