Decision ID: 2fcbf6bb-c4b2-5b65-9178-873cdd2874bb
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer suchte am (...) November 2015 in der Schweiz um
Asyl nach. Anlässlich der Befragung zur Person (BzP) vom 18. November
2015 und der Anhörung vom 2. Mai 2018 machte er im Wesentlichen Fol-
gendes geltend:
Er sei afghanischer Staatsangehöriger der Ethnie Hazara und habe bis zu
seiner Ausreise in B._, Distrikt C._, Provinz Ghazni (BzP)
beziehungsweise in B._, auch D._ genannt, im Dorf
C._, Distrikt E._, Provinz M._ (Anhörung) gelebt. Er
habe aus finanziellen Gründen die Schule nicht besuchen können und sei
daher Analphabet. Um zum Unterhalt der Familie beizutragen, habe er in
der Landwirtschaft gearbeitet. Vor seiner Ausreise habe er mit seinem Va-
ter (BzP) beziehungsweise ohne diesen (Anhörung) während zwei Jahren
(BzP) beziehungsweise acht bis neun Monaten (Anhörung) mit ausländi-
schen Personen auf (...) zusammengearbeitet. Er sei von einer Person na-
mens F._ engagiert worden beziehungsweise die Auftraggeber hät-
ten ihre Namen nicht genannt. Sein Vorgesetzter habe G._ geheis-
sen. Seine Aufgabe habe darin bestanden, in einem (...) (...) zu errichten.
Personen, die mit Ausländern zusammengearbeitet hätten, seien von den
Taliban bedroht und dazu aufgefordert worden, sich ihnen zu stellen. Diese
hätten ihn laut Aussagen an der BzP ungefähr einen Monat vor seiner Aus-
reise auf dem Heimweg abgefangen und in die Zentrale mitgenommen.
Dort hätten sie eine Liste mit Fotos aller Mitarbeitenden des (...) gehabt,
auf welcher er aber nicht zu sehen gewesen sei. Da aber jemand behauptet
habe, dass er im (...) arbeite, hätten sie ihn geschlagen. An der Anhörung
erklärte er, die Taliban hätten ihn auf den eigenen Ländereien ausfindig
gemacht, ihn ins Gebiet der Taliban bei der Ortschaft H._ gebracht,
durchsucht, geschlagen und schliesslich freigelassen, da sie nichts gefun-
den hätten. Er sei zwar nie konkret bedroht worden, sein Vater habe ihn
aber ungefähr im (...) 2014 in den Iran geschickt, wo er ein Jahr (...) gear-
beitet habe. Ungefähr sechs Monate nach seiner Ausreise habe er vernom-
men, dass die Taliban seinen Vater verhaftet hätten. Kurz vor seiner Wei-
terreise habe ihm die Mutter mitgeteilt, dass der Vater noch immer nicht
zurück und womöglich tot sei.
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B.
Mit Verfügung vom 6. Juni 2018 verneinte das SEM die Flüchtlingseigen-
schaft des Beschwerdeführers und lehnte sein Asylgesuch ab. Gleichzeitig
ordnete es seine Wegweisung aus der Schweiz und den Vollzug an.
C.
Mit Beschwerde vom 11. Juli 2018 an das Bundesverwaltungsgericht be-
antragte der Beschwerdeführer, ihm sei in Abänderung der angefochtenen
Verfügung Asyl zu gewähren. Eventualiter sei die vorläufige Aufnahme in-
folge Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs anzuordnen.
In prozessualer Hinsicht ersuchte er um Gewährung der unentgeltlichen
Rechtspflege unter Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses
sowie um die Beiordnung des rubrizierten Rechtsvertreters als unentgeltli-
chen Rechtsbeistand.
Mit der Beschwerde reichte er eine Vollmacht (BM 1), diverse Akten des
vorinstanzlichen Verfahrens (BM 2–4), einen Kartenausschnitt der Umge-
bung von I._ mit Hinweisen (BM 5), zwei Fotografien dieser Umge-
bung (BM 6 & 7), einen Bericht des Afghanistan Analysts Network (AAN)
vom 2. September 2015 mit dem Titel "(...)" (BM 8) sowie einen Auszug
seines Postkontos vom Mai 2018 (BM 9) zu den Akten.
D.
Am 13. Juli 2018 bestätigte das Bundesverwaltungsgericht den Eingang
der Beschwerde und verfügte, der Beschwerdeführer könne den Ausgang
des Verfahrens einstweilen in der Schweiz abwarten.
E.
Mit Zwischenverfügung vom 23. Juli 2018 hiess die damals zuständige In-
struktionsrichterin das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechts-
pflege gut, verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und
setzte den rubrizierten Rechtsvertreter als amtlichen Rechtsbeistand ein.
F.
Mit Eingabe vom 28. August 2018 informierte der Rechtsvertreter des Be-
schwerdeführers das Gericht über den Eingang einer Postsendung aus Af-
ghanistan. Der Beschwerdeführer habe eine Bestätigung seines früheren
Wohnsitzes in B._ (BM 10) sowie einen an ihn gerichteten Drohbrief
der Taliban (BM 11) erhalten. Er werde diese Dokumente schnellstmöglich
übersetzen lassen und nachreichen.
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Seite 4
G.
Mit Schreiben vom 10. September 2018 reichte der Rechtsvertreter die an-
gekündigten Dokumente in Kopie nach, wobei er darauf hinwies, die Origi-
nale würden aufgrund ihrer Fragilität nicht eingesandt, was aber auf
Wunsch nachgeholt werden könne. Der Name B._ / D._ sei
für den Übersetzer nicht zu entziffern gewesen, weshalb er eine entspre-
chende Nachfrage beim Übersetzungsbüro gestellt habe, auf deren Beant-
wortung er noch warte. Dem Schreiben legte er seine Honorarnote bei.
H.
Am 20. September 2018 informiere der Rechtsvertreter das Bundesverwal-
tungsgericht über das Ergebnis der erwähnten Nachfrage. Danach könne
die unleserliche Ortschaft "J._" heissen, was das Übersetzungs-
büro jedoch nicht habe beglaubigen wollen, weshalb er den Ausdruck des
entsprechenden E-Mails (BM 12) beilege.
I.
Mit Eingabe vom 29. Oktober 2019 reichte der Rechtsvertreter des Be-
schwerdeführers eine aufdatierte Kostennote ein.
J.
J.a Mit Instruktionsverfügung vom 20. Januar 2021 lud die neu zuständige
Instruktionsrichterin die Vorinstanz zur Vernehmlassung ein. Das SEM kam
dieser Einladung mit Einreichung der Vernehmlassung vom 1. Februar
2021 nach.
J.b Mit Instruktionsverfügung vom 5. Februar 2021 wurde dem Beschwer-
deführer die Gelegenheit zur Replik eingeräumt, welche er mit Eingabe
vom 12. März 2021 wahrnahm. Seiner Eingabe legte er die Todesanzeige
seines Vaters (BM 13), einen Screenshot einer Whatsapp-Nachricht
(BM14), Fotos der Tazkira seines Vaters (BM 15) – alles mit Übersetzung
– sowie Sammelbelege betreffend seine finanziellen Verhältnisse (BM 16)
bei.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
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Seite 5
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Das vorliegende Verfahren richtet sich nach altem Recht (Abs. 1 der
Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September
2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der Be-
schwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung; er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Der Beschwerdeführer rügt insbesondere eine unrichtige und unvoll-
ständige Feststellung des Sachverhalts sowie eine Verletzung des rechtli-
chen Gehörs. Diese formellen Rügen sind vorab zu prüfen, da sie allenfalls
geeignet sein könnten, eine Kassation der erstinstanzlichen Verfügung zu
bewirken (vgl. BVGE 2013/34 E. 4.2).
3.2 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches
Gehör, welcher als Mitwirkungsrecht alle Befugnisse umfasst, die einer
Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt
wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 144 I 11 E. 5.3; BVGE
2009/35 E. 6.4.1). Aus der Begründungspflicht als Teilgehalt des rechtli-
chen Gehörs ergibt sich, dass die Abfassung der Begründung dem Be-
troffenen ermöglichen soll, den Entscheid sachgerecht anzufechten, was
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nur der Fall ist, wenn sich sowohl der Betroffene als auch die Rechtsmitte-
linstanz über die Tragweite des Entscheides ein Bild machen können. Die
Begründungsdichte richtet sich dabei nach dem Verfügungsgegenstand,
den Verfahrensumständen und den Interessen des Betroffenen, wobei bei
schwerwiegenden Eingriffen in die rechtlich geschützten Interessen des
Betroffenen – und um solche geht es bei Verfahren betreffend Asyl und
Wegweisung – eine sorgfältige Begründung verlangt wird (vgl. BVGE
2011/37 E. 5.4.1; BVGE 2008/47 E. 3.2). Nicht erforderlich ist, dass sich
die Begründung mit allen Parteistandpunkten einlässlich auseinandersetzt
und jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich widerlegt (vgl. BGE 143 III 65
E. 5.2).
Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sach-
verhalts in Verletzung der behördlichen Untersuchungspflicht bildet einen
Beschwerdegrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Unrichtig ist die Sachver-
haltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidriger Sach-
verhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch gewürdigt worden sind;
unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Entscheid rechtswesentlichen
Sachumstände berücksichtigt werden (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwal-
tungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes, 3. Aufl., 2013,
Rz. 1043).
3.3 Der Beschwerdeführer macht geltend, die Verständigung zwischen ihm
und den schweizerischen Behörden sei offensichtlich das Hauptproblem
des Asylverfahrens gewesen. Darauf habe er anlässlich der Anhörung
mehrfach hingewiesen. Bezeichnenderweise habe er sogar gemeint, der
Dolmetscher spreche Farsi und nicht Dari. Das SEM habe lediglich ange-
geben, dass der Dolmetscher aus Afghanistan stamme, womit aber nichts
zu dessen Dialekt gesagt worden sei. Es sei folglich unter Zuhilfenahme
eines anderen Dolmetschers, welcher seinen Dialekt spreche, erneut zu
seiner Herkunft und Flucht zu befragen. Die Vorinstanz habe ihn zudem
nicht nachvollziehbar zitiert, indem sie in Bezug auf die Arbeit im (...) mehr-
fach „A20" unter Verweis auf verschiedene Seitenangaben im Anhörungs-
protokoll vom 2. Mai 2018 angebe. Antwort Nr. 20 des Protokolls befinde
sich aber auf S. 4 und beziehe sich auf seine Heimatregion. Überdies habe
das SEM die eigentlichen Asylgründe und die Zumutbarkeit des Wegwei-
sungsvollzugs nicht geprüft. Ihm sei daher keine Auseinandersetzung mit
den vorinstanzlichen Erwägungen möglich gewesen.
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Seite 7
3.4
3.4.1 Es ist zunächst festzuhalten, dass das SEM den Beschwerdeführer
korrekt zitiert. Die Bezeichnung "A20" verweist auf die Akte 20 (das Anhö-
rungsprotokoll) und nicht auf die Frage 20 dieses Protokolls, das «A» be-
zieht sich auf den Umstand, dass es sich um das erste Asylverfahren des
Beschwerdeführers handelt. Die diesbezügliche Rüge des Beschwerde-
führers erweist sich als unbegründet.
3.4.2 Nach Auffassung des Bundesverwaltungsgerichts lassen sich den
Akten keine Hinweise auf eine unrichtige oder unvollständige Feststellung
des rechtserheblichen Sachverhalts entnehmen. Die in diesem Zusammen-
hang geltend gemachten Verständigungsprobleme an der BzP und Anhö-
rung finden in den Akten keine Stütze. Der Beschwerdeführer hat sowohl
am Anfang als auch am Ende der BzP erklärt, den Dolmetscher gut zu ver-
stehen. Auch dem Anhörungsprotokoll, dessen Richtigkeit der Beschwer-
deführer mit seiner Unterschrift bestätigt hat, sind keine konkreten Anhalts-
punkte für erhebliche Verständigungsschwierigkeiten zu entnehmen, zu-
mal der Beschwerdeführer anlässlich der Rückübersetzung durchaus in
der Lage war Korrekturen anzubringen. Schliesslich hat auch die Hilfs-
werksvertretung (HWV) keinen Hinweis auf Verständigungsprobleme an-
gebracht. Im Übrigen betrifft die Frage, ob die Vorinstanz bei der Prüfung
der Glaubhaftigkeit der Asylvorbringen mögliche Ungenauigkeiten der
Übersetzungen durch den bei der ersten Anhörung eingesetzten Dolmet-
scher gebührend berücksichtigt hat, nicht das rechtliche Gehör oder die
Erstellung des Sachverhalts, sondern ist eine Frage der rechtlichen Würdi-
gung der vorgebrachten Asylgründe.
3.4.3 Eine Verletzung der Begründungspflicht liegt ebenfalls nicht vor. Die
Asylvorbringen sind als nicht glaubhaft erachtet worden, wobei die
Vorinstanz den Weg zu dieser Schlussfolgerung klar darlegte. Aufgrund der
von ihr festgestellten Unglaubhaftigkeit der vorgebrachten Asylgründe war
sie auch nicht dazu angehalten, deren Asylrelevanz zu überprüfen. Das
SEM hat sich in der angefochtenen Verfügung mit den wesentlichen Vor-
bringen des Beschwerdeführers in erforderlichem Umfang und genügender
Differenziertheit auseinandergesetzt und in nachvollziehbarer Weise die
Überlegungen genannt, welche seinem Entscheid zugrunde lagen. Insge-
samt kann davon ausgegangen werden, dass dem Beschwerdeführer im
Rahmen des vorinstanzlichen Verfahrens in rechtsgenüglicher Weise die
Möglichkeit gewährt wurde, seine Asylgründe vollständig vorzubringen.
Schliesslich war eine sachgerechte Anfechtung der vorinstanzlichen Verfü-
gung – wie die vorliegende Beschwerde zeigt – möglich.
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Seite 8
3.5 Die formellen Rügen erweisen sich insgesamt als unbegründet, wes-
halb keine Veranlassung besteht, die Sache aus formellen Gründen aufzu-
heben und an die Vorinstanz zurückzuweisen. Die diesbezüglichen
Rechtsbegehren sind somit abzuweisen.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG erfüllt eine asylsu-
chende Person nach Lehre und Rechtsprechung dann, wenn sie Nachteile
von bestimmter Intensität erlitten hat beziehungsweise mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft befürchten muss, welche ihr
gezielt und aufgrund bestimmter Verfolgungsmotive durch Organe des Hei-
matstaates oder durch nichtstaatliche Akteure zugefügt worden sind bezie-
hungsweise zugefügt zu werden drohen (vgl. BVGE 2008/4 E. 5.2). Eine
begründete Furcht vor Verfolgung im Sinne von Art. 3 Abs. 1 AsylG liegt
vor, wenn ein konkreter Anlass zur Annahme besteht, die Verfolgung hätte
sich – aus der Sicht im Zeitpunkt der Ausreise – mit beachtlicher Wahr-
scheinlichkeit und in absehbarer Zeit verwirklicht oder werde sich – auch
aus heutiger Sicht – mit ebensolcher Wahrscheinlichkeit in absehbarer Zu-
kunft verwirklichen. Es müssen demnach hinreichende Anhaltspunkte für
eine konkrete Bedrohung vorhanden sein, die bei jedem Menschen in ver-
gleichbarer Lage Furcht vor Verfolgung und damit den Entschluss zur
Flucht hervorrufen würden. Die erlittene Verfolgung oder die begründete
Furcht vor zukünftiger Verfolgung muss zudem sachlich und zeitlich kausal
für die Ausreise aus dem Heimat- oder Herkunftsstaat und grundsätzlich
auch im Zeitpunkt des Asylentscheides noch aktuell sein. Anspruch auf
Asyl hat somit nur, wer im Zeitpunkt der Ausreise ernsthaften Nachteilen
im Sinne von Art. 3 AsylG ausgesetzt war (Vorfluchtgründe) oder aufgrund
von äusseren, nach der Ausreise eingetretenen Umständen, auf die er kei-
nen Einfluss nehmen konnte, bei einer Rückkehr ins Heimatland solche
ernsthaften Nachteile befürchten müsste (sogenannte objektive Nach-
fluchtgründe).
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Seite 9
4.3 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Glaubhaftmachung im Sinne des Art. 7
Abs. 2 AsylG bedeutet – im Gegensatz zum strikten Beweis – ein reduzier-
tes Beweismass und lässt durchaus Raum für gewisse Einwände und
Zweifel an den Vorbringen des Gesuchstellers. Entscheidend ist, ob die
Gründe, die für die Richtigkeit der gesuchstellerischen Sachverhaltsdar-
stellung sprechen, überwiegen oder nicht. Dabei ist auf eine objektivierte
Sichtweise abzustellen. Eine wesentliche Voraussetzung für die Glaubhaft-
machung einer Verfolgung ist eine die eigenen Erlebnisse betreffende, sub-
stanziierte, im Wesentlichen widerspruchsfreie und konkrete Schilderung
der dargelegten Vorkommnisse. Die wahrheitsgemässe Schilderung einer
tatsächlich erlittenen Verfolgung ist gekennzeichnet durch Korrektheit, Ori-
ginalität, hinreichende Präzision und innere Übereinstimmung. Unglaub-
haft wird eine Schilderung von Erlebnissen insbesondere bei wechselnden,
widersprüchlichen, gesteigerten oder nachgeschobenen Vorbringen. Bei
der Beurteilung der Glaubhaftmachung geht es um eine Gesamtbeurtei-
lung aller Elemente (Übereinstimmung bezüglich des wesentlichen Sach-
verhaltes, Substanziiertheit und Plausibilität der Angaben, persönliche
Glaubwürdigkeit usw.), die für oder gegen den Gesuchsteller sprechen.
Glaubhaft ist eine Sachverhaltsdarstellung, wenn die positiven Elemente
überwiegen. Für die Glaubhaftmachung reicht es demnach nicht aus, wenn
der Inhalt der Vorbringen zwar möglich ist, aber in Würdigung der gesam-
ten Aspekte wesentliche und überwiegende Umstände gegen die vorge-
brachte Sachverhaltsdarstellung sprechen (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1
m.w.H.).
5.
5.1 Zur Begründung des Asylentscheids führte die Vorinstanz aus, die Vor-
bringen des Beschwerdeführers hielten den Anforderungen an die Glaub-
haftigkeit gemäss Art. 7 AsylG nicht stand, weshalb sie nicht auf deren Asyl-
relevanz geprüft werden müssten.
Der Beschwerdeführer habe nicht widerspruchsfrei angeben können, wo-
her genau er stamme und wo er bis zur Ausreise aus Afghanistan gelebt
habe. Anlässlich der BzP habe er von der Provinz Ghazni gesprochen, an
der Anhörung wiederum von der Provinz Tarin Kut. Weiter müsse festge-
halten werden, dass es sich bei C._ um eine Provinz und nicht um
eine Ortschaft und bei Tarin Kut um die Hauptstadt der Provinz Uruzgan,
nicht um eine Provinz handle. Ausserdem habe er die Ortschaft, in der er
monatlich eingekauft und landwirtschaftliche Erzeugnisse sowie Tiere ver-
kauft habe, nicht namentlich nennen können. Das SEM habe weder
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B._ (D._) noch die vier angegebenen Nachbardörfer finden
können, sondern einzig K._, das im Distrikt E._ liege. Eine
Ortschaft namens L._ – nicht D._ – befinde sich im Distrikt
M._, welches aber nicht mehr in Fussdistanz von K._ liege.
Auch die Vorbringen betreffend seine Arbeit im (...) und die Bedrohung
durch die Taliban seien äusserst widersprüchlich und unsubstanziiert aus-
gefallen. So habe er einerseits geltend gemacht, zwei Jahre vor seiner
Ausreise zusammen mit seinem Vater für die Englisch sprechenden Aus-
länder gearbeitet zu haben, und andererseits angegeben, nur er habe dort
gearbeitet und zwar nur acht bis neun Monate lang; mit den Ausländern
habe er nie Kontakt gehabt. Auch die Frage, wer ihn engagiert habe, habe
er nicht klären können. Anlässlich der BzP habe er behauptet, er sei von
F._ eingestellt worden, der wiederum die Aufträge aus dem Ausland
entgegengenommen habe. An der Anhörung habe er wiederum erklärt,
sein direkter Vorgesetzter habe G._ geheissen; F._ sei ein
Freund von ihm gewesen, der mit ihm dort gearbeitet habe. Weiter habe er
an der BzP behauptet, die Taliban hätten ihn in die Zentrale gebracht. An-
lässlich der Anhörung habe er hingegen erklärt, er sei in einen Obstgarten
gebracht worden und wisse nicht, wo sich die Zentrale befinde. Sämtliche
Widersprüche habe er mit seinem Zustand nach der Reise und der fehler-
haften Übersetzung zu erklären versucht, was nicht zu überzeugen ver-
möge.
Die Angaben zu seiner Biographie sowie zu seiner Herkunft seien aufgrund
dieser teils krassen Widersprüche unglaubhaft und erweckten den Ein-
druck, als ob er die tatsächlichen Umstände verheimlichen wollte. Er ver-
letze durch sein Verhalten seine ihm obliegende Mitwirkungspflicht und er-
schüttere damit auch seine persönliche Glaubwürdigkeit.
5.2 In der Beschwerdeschrift bringt der Beschwerdeführer vor, die Vor-
instanz stütze sich bei der Begründung ihres Entscheides ausschliesslich
auf einige angebliche Widersprüche in den beiden Befragungen, die zwei-
einhalb Jahre auseinandergelegen hätten. Er habe mehrmals angegeben
Analphabet zu sein und seinen Heimatort nie verlassen zu haben, entspre-
chend könne er Namen von Ländern, Regionen, Provinzen und Ortschaf-
ten nur vom Hörensagen her kennen. Da er nie eine Schulbildung genos-
sen habe, wisse er auch nicht genau, was Provinz, Stadt, Dorf oder Weiler
genau bedeute und in welcher Relation diese Begriffe zueinander stünden.
Entsprechend sei er bei den Befragungen auch überfordert gewesen. Da-
mit liessen sich die nicht immer hundertprozentig deckungsgleichen, sich
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aber keineswegs ausschliessenden Auskünfte ohne weiteres erklären. Er
habe überdies mehrfach auf Verständigungsprobleme hingewiesen.
Er habe immer angegeben, in B._ geboren zu sein und dabei auch
auf den Aliasnamen D._ verwiesen. Diese Ortschaft sowie die um-
liegenden Dörfer, die er genannt habe, seien auf Google Maps schnell zu
finden. Dort sei auch der (...), an welchem er mitgearbeitet habe, der Bazar
sowie das (...) ersichtlich. Seine mündlichen Ausführungen würden mit der
Landkarte übereinstimmen. Besonders interessant sei, dass auch die Be-
zeichnung "C._" zu erkennen sei, ein Dorf (...). Dies erkläre die
Verwirrung um die Grösse dieser Ortschaft. Auch die angegebene Distanz
zum Bazar passe zu den Grössenverhältnissen gemäss Karte. Die Ausfüh-
rungen der Vorinstanz zum Ort L._ seien irrelevant, zumal er nie
davon gesprochen habe.
Hinsichtlich seiner Arbeit im (...) sei klar zu erkennen, dass er mit "Auslän-
dern" einzig ausländische Streitkräfte gemeint habe. Ausserdem sei offen-
sichtlich, dass er beim (...) der International Security Assistance Force
(ISAF) (...). Heute werde (...) von der Afghanischen Nationalarmee (ANA)
(...), welches auf der Karte erkennbar sei. Bekannt sei, dass die Taliban
jeden verfolgten, der ihren Feinden, das heisst den Regierungstruppen o-
der den internationalen Streitkräften, auf irgendeine Weise helfe. Damit
seien alle am (...) beteiligten Afghanen dem Tode geweiht. Die von der
Vorinstanz bemängelten Differenzen betreffend Länge der Arbeit (...), Bei-
sein seines Vaters (...) und dem Namen des Vorgesetzten seien der unge-
nauen Übersetzung geschuldet, soweit es sich überhaupt um Differenzen
handle. Hinsichtlich der Länge des Arbeitseinsatzes habe er keine unter-
schiedlichen Angaben gemacht. Die variierenden Zeitangaben seien in An-
betracht des Kriegszustandes, seines Analphabetismus, seines damaligen
minderjährigen Alters sowie der zeitlichen Distanz von rund 30 Monaten
zwischen den Befragungen gut nachzuvollziehen. Sein Freund F._
habe ihm den Job bei den Streitkräften vermittelt und selbst dort gearbeitet.
Er habe zu keinem Zeitpunkt gesagt, dass dieser sein Vorgesetzter gewe-
sen sei. Die Mitarbeit seines Vaters auf dem (...) scheine einem Überset-
zungsproblem anlässlich der BzP geschuldet zu sein. Es sei selbstver-
ständlich, dass die (...) dort ein- und ausgingen, zumal sie vor Ort im Krieg
seien. Dabei würden die einheimischen Arbeiter mitbekommen, welche
Sprache die Ausländer sprechen würden. Folglich sei auch die Bezeich-
nung, man habe mit den Ausländern gearbeitet, im Gesamtkontext nicht
falsch.
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Auch im Zusammenhang mit der Verfolgung durch die Taliban würden sich
seine Angaben nicht widersprechen. Die Vorinstanz störe sich einzig am
Wort "Zentrale", welches er bei der zweiten Befragung als falsche Überset-
zung bezeichnet habe. Wegen diesem Wort alleine sei die Geschichte aber
nicht widersprüchlich. Vielmehr habe er zwei Mal erzählt, dass er von den
eigenen Ländereien der Familie mitgenommen und in ein von den Taliban
kontrolliertes Gebiet auf die andere Seite des Flusses verbracht worden
sei. Ob dies "die Zentrale" oder einfach ein Rückzugsgebiet der Taliban
gewesen sei, könne er nicht wissen. Indes sei ohne weiteres glaubhaft,
dass der Dolmetscher seine Erzählung, wonach die Taliban ihn "zu sich"
mitgenommen hätten, als "zur Zentrale verbracht" übersetzt habe. Seine
Vorbringen zur Entführung durch die Taliban liessen sich zudem bestens
auf dem aufgelegten Kartenausschnitt nachvollziehen.
5.3 In seinen Beschwerdeergänzungen vom 10. und 20. September 2018
fügte der Beschwerdeführer hinzu, dass er sowohl in der Wohnsitzbestäti-
gung als auch im Drohbrief der Taliban als N._, bezeichnet werde.
Dies decke sich mit den Angaben, die er bereits anlässlich der BzP ge-
macht habe. Der Drohbrief der Taliban beziehe sich explizit auf die Mitar-
beit (...). Wie in der Beschwerde dargelegt, existiere eine Liste mit Perso-
nen, die mit den Ausländern kooperiert hätten und deshalb gesucht wür-
den. Dazu gehöre auch er. Entsprechend habe ihm der Stadtrat auch gleich
seinen Fluchtgrund bestätigt. Mit dem Hinweis des Übersetzungsbüros sei
nun glaubhaft dargelegt, dass er – wie stets erklärt – aus B._ be-
ziehungsweise D._ / J._ stamme.
5.4 In ihrer Vernehmlassung hielt die Vorinstanz fest, dass die Hinweise
des Beschwerdeführers auf Verständigungsprobleme als Schutzbehaup-
tung bewertet werden müssten. Das SEM halte sich im Übrigen nicht mit
den verschiedenen Schreibweisen von C._ auf, sondern stütze sich
auf den Umstand, dass unterschiedliche Provinzen genannt worden seien
und es zu einer Verwechslung zwischen Provinz und Hauptstadt gekom-
men sei. Die Aussagen des Beschwerdeführers erweckten generell den
Eindruck, dass seine Geografiekenntnisse nicht sehr sattelfest seien. So
habe er auch des Öfteren eine konkret an ihn gerichtete Frage nicht beant-
wortet und sich mit seiner Antwort möglichst nicht festgelegt. Es überzeuge
nicht, diesen Umstand mit Verständigungsproblemen zu begründen. Über-
dies sei der Beschwerdeführer nicht ansatzweise in der Lage gewesen,
seine Ausreise in den Iran zu beschreiben, was wiederum die Annahme
erhärte, dass er nicht am angegeben Ort sozialisiert worden sei. Betreffend
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die detaillierten Angaben in der Beschwerde – welche in krassem Wider-
spruch zu den äusserst undifferenzierten und substanzlosen Aussagen an-
lässlich der beiden Befragungen stünden – müsse davon ausgegangen
werden, dass sich der Beschwerdeführer besagtes offenkundiges Wissen
nachträglich angeeignet habe und so in der Lage gewesen sei, bei seiner
Rechtsvertretung entsprechend detaillierte Angaben zu machen. Das SEM
erwarte trotz Analphabetismus, dass eine Person, die in besagter Gegend
aufgewachsen sei, in der Lage sei, Städte, Dörfer und Provinzen zu be-
nennen, übereinstimmende Aussagen zu machen und rudimentär Auskunft
über Distanzen zu geben. Gerade Analphabeten, die gezwungen seien,
sich viele Sachen zu merken, verfügten meist über ein fundiertes Wissen
über ihr direktes Umfeld.
Der Beschwerdeführer habe unmissverständlich behauptet, für eine Per-
son namens F._ gearbeitet zu haben. Dieser habe die Aufträge von
den Ausländern erhalten und ihn engagiert. Entgegen den Vorbringen in
der Beschwerde erachte das SEM eine angegebene Zeitdauer von acht
bis neun Monaten nicht übereinstimmend mit einer angegebenen Zeit-
dauer von ein bis zwei Jahren.
Schliesslich vermöchten die zu den Akten gereichten Beweismittel keinen
Beweiswert zu entfalten. So könne die Authentizität besagter zwei Schrei-
ben nicht beurteilt werden, zudem könnten solche Schreiben problemlos
gefälscht, gekauft beziehungsweise aus Gefälligkeit verfasst worden sein.
Der beigebrachte Länderbericht betreffe die allgemeine Situation in
E._ und nicht diejenige des Beschwerdeführers.
5.5 In seiner Replik erklärt der Beschwerdeführer, dass vor Kurzem sein
Vater verstorben sei. Der Todesanzeige könne entnommen werden, dass
dieser in B._ beigesetzt worden sei. Ausserdem deckten sich seine
detaillierten Aussagen in der Beschwerdeschrift zu den Ortschaften mit sei-
nen gemachten Angaben anlässlich der Befragungen. Er wäre gar nicht in
der Lage gewesen, sich dieses Wissen nachträglich anzueignen. Schliess-
lich sei hinsichtlich der Ausreise aus Afghanistan festzuhalten, dass die
Schlepper keine Namen der Ortschaften genannt hätten, er nie aus den
Fahrzeugen ausgestiegen sei und sie oft in der Nacht unterwegs gewesen
seien. Ausserdem seien die Angaben in den beiden Befragungen absolut
kongruent erfolgt. Hinsichtlich der Arbeit im (...) fügte er erklärend hinzu,
dass er acht bis neun Monate mitgearbeitet habe, der gesamte (...) indes
rund zwei Jahre gedauert habe. F._ sei sein Freund und auch Job-
vermittler gewesen. Er habe ausserdem angeboten, die Originale des
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Seite 14
Drohbriefs sowie der Wohnsitzbestätigung einzureichen, sei bis heute aber
nicht dazu aufgefordert worden. Die Beweismittel hätten demgemäss je-
denfalls nicht per se keinerlei, sondern unter Umständen maximal einen
verminderten Beweiswert.
6.
6.1 Zunächst ist zu prüfen, ob die Vorinstanz zu Recht die Aussagen des
Beschwerdeführers als unglaubhaft eingestuft hat.
Der Beschwerdeführer bezeichnete seinen Heimatort durchgehend mit
"B._" beziehungsweise «D._» (vgl. A7 Ziff. 1.07, Ziff. 2.01 f.,
Ziff. 3.01 und A20 F15 f., F21). Er war in der Lage, verschiedene Dörfer
beziehungsweise Weiler in der Umgebung von B._ zu nennen (vgl.
u.a. A20 F20). Auch wenn nicht sämtliche vom Beschwerdeführer genann-
ten Dörfer kartographiert sind, lassen sich doch einige der von ihm zitierten
Ortschaften auf Online-Kartendiensten finden: Gibt man beispielsweise
den Namen C._ in Google Maps ein, erhält man einen Überblick
über die Provinz Uruzgan und erkennt den Distrikt E._ sowie die
Ortschaft C._, in deren Nähe sich wiederum K._ befindet.
Die Aussagen des Beschwerdeführers zu seiner Herkunftsregion sind in
vieler Hinsicht mit dem Kartenmaterial vereinbar, was in der Beschwerde-
schrift nachvollziehbar und detailliert aufgezeigt wird (vgl. Zusammenfas-
sung in E. 5.2 und die detaillierten Angaben während der Anhörung, A20
F25 f., F31, F36, F57 f.). Weitere Indizien für die Herkunft des Beschwer-
deführers stellen die nachgereichte Wohnsitzbestätigung (BM 10) sowie
die Todesanzeige (BM 13) seines Vaters dar. Letzterer kann insbesondere
der Name der Ortschaft I._ entnommen werden, die nur wenige Ki-
lometer von C._ entfernt liegt. Der Beschwerdeführer weist ferner
auf die geografisch voneinander getrennten Gebiete der Paschtunen und
der Hazara hin, was mit einschlägigen Länderberichten übereinstimmt (vgl.
A20 F59 und AAN [BM 8], a.a.O., S. 2). Dass der Beschwerdeführer an-
lässlich der BzP von der Provinz Ghazni gesprochen hat, kann allenfalls
damit erklärt werden, dass die Ortschaft C._. Letztlich vermag diese
Unstimmigkeit aber nichts daran zu ändern, dass es mit Blick auf die An-
gaben des Beschwerdeführers überwiegend wahrscheinlich erscheint,
dass er aus der Provinz Uruzgan stammt, zumal auch keine Hinweise vor-
liegen, dass er aus einer anderen Provinz stammen könnte. Es ist folglich
auch vernachlässigbar, dass der Beschwerdeführer den Namen der Pro-
vinz mit deren Hauptstadt Tarin Kut verwechselt hat, zumal er sich auf ent-
sprechenden Vorhalt sogleich korrigierte (vgl. A20 F19). Auf der Landkarte
ist sodann auch zu erkennen, dass es in der Umgebung von B._
E-4042/2018
Seite 15
keine grössere Stadt gibt, was ebenfalls mit den Aussagen des Beschwer-
deführers übereinstimmt (vgl. A20 F24). Die vorinstanzliche Auffassung in
der Vernehmlassung, wonach sich der Beschwerdeführer seine Geogra-
fiekenntnisse im Nachhinein erarbeitet haben müsse, erscheint nicht ge-
rechtfertigt, wurden doch die Aussagen – die mit den Informationen auf
dem Kartenmaterial übereinstimmen – bereits anlässlich seiner Befragun-
gen gemacht. Im Übrigen kann vom Beschwerdeführer, der nie die Schule
besucht und die Ortschaft C._ bis zur Ausreise offenbar nie verlas-
sen hat, nicht erwartet werden, dass er "sattelfeste" Geografiekenntnisse
besitzt und fähig ist, differenzierte Angaben bezüglich sämtlicher Distrikte
und Provinzen zu machen (vgl. A7 Ziff. 1.17.05 und A20 F14, F22).
Auch bezüglich der Ausreise erweisen sich seine Angaben als durchaus
plausibel und lebensnah. Dass er mit einem Transporter nach O._
gefahren sei, erklärte er in der Anhörung damit, dass drei der Strassen, die
zu diesem Ort führten, für Autos nicht befahrbar gewesen seien. Nach
M._ habe er nicht reisen können, da diese Strecke unter der Kon-
trolle der Taliban gestanden habe. Dies stimmt mit Länderberichten überein
(vgl. ACCORD - Austrian Centre for Country of Origin and Asylum Rese-
arch and Documentation: Anfragebeantwortung zu Afghanistan: Informati-
onen zur Sicherheitslage in der Provinz Uruzgan, wer hat die Kontrolle über
die Provinz, Einfluss der Taliban [a-9551-1], 25. März 2016; European Asy-
lum Office [EASO], "Country of Origin Information Report: Afghanistan, Af-
ghanistan Security Situation Update", Januar 2016, S. 85). Er habe aus-
serdem nicht beim Fahrer sitzen dürfen, sondern hinten neben den zu
transportierenden Waren Platz nehmen müssen (vgl. A7 Ziff. 5.01, A20 F98
– F102). Zur Überquerung der iranischen Grenze seien sie durch die Wüste
gelaufen, wo er zuletzt mit den noch übrigen dreizehn Personen in einen
Toyota Pride gestiegen sei (vgl. A7 Ziff. 5.01). Der Vorwurf der Vorinstanz,
der Beschwerdeführer habe seine Ausreise in den Iran nicht ansatzweise
beschreiben können, ist somit unberechtigt. Dass er die Ortschaften, an
denen er lediglich vorbeigefahren ist, nicht benennen konnte, vermag da-
ran nichts zu ändern.
6.2 Das Bundesverwaltungsgericht geht somit entgegen der Ausführungen
der Vorinstanz davon aus, dass der Beschwerdeführer aus B._ bei
der Ortschaft C._, Distrikt E._, Provinz Uruzgan stammt.
E-4042/2018
Seite 16
7.
7.1 Betreffend die geltend gemachte Arbeit (...) sowie die Festnahme
durch die Taliban ist vorab Folgendes festzuhalten: Bestimme Personen-
gruppen in Afghanistan sind aufgrund ihrer Exponiertheit einem erhöhten
Verfolgungsrisiko ausgesetzt. Dazu gehören unter anderem westlich orien-
tierte oder der afghanischen Gesellschaftsordnung aus anderen Gründen
nicht entsprechende Personen, die mit den internationalen Truppen zu-
sammenarbeiteten. Einem besonders hohen Risiko sind gemäss verschie-
denen Quellen Personen ausgesetzt, die regelmässig bei den Militärbasen
gesehen wurden und eng mit den Militärangehörigen zusammenarbeite-
ten. Diese sind besonders gefährdet, weil extremistisch oder fanatisch ein-
gestellte Gruppierungen – namentlich die Taliban – Muslime, welche für die
ihrer Meinung nach ungläubigen Besetzer im Land arbeiten, als Verräter
betrachten, die es hart zu bestrafen gelte (vgl. CORINNE TROXLER, SFH:
"Afghanistan: Gefährdungsprofile" Update der SFH-Länderanalyse vom
30. September 2020, insbesondere S. 10; UNHCR Eligibility Guidelines for
Assessing the International Protection Needs of Asylum-Seekers from Af-
ghanistan, 19. April 2016, S. 34 ff.).
7.2 Im Zeitpunkt der Ausreise des Beschwerdeführers (Ende 2014) kontrol-
lierten die Taliban bereits Teile der Provinz Uruzgan und des Distrikts
E._. Zwischen November 2014 und August 2015 gab es intensive
Zusammenstösse zwischen den Sicherheitskräften und den Taliban, die
mitunter durch den ethnischen Konflikt zwischen den Hazara und den
Paschtunen beeinflusst waren. Personen, die für internationale Truppen
oder die Regierung gearbeitet haben, waren in dieser Umgebung beson-
ders gefährdet. Die Taliban verlangten, dass sich im Distrikt E._ alle
Personen meldeten, die für die internationalen Truppen oder die Regierung
tätig waren; in diesem Zusammenhang existiere eine Liste mit 116 Namen.
Ferner forderten die Taliban die Bevölkerung des Gebietes I._ auf,
die verbleibenden Armeestreitkräfte zu vertreiben und deren Waffen den
Taliban zu übergeben (vgl. AAN a.a.O., S. 7; vgl. auch Entscheid des Bun-
desverwaltungsgerichts Österreich W233 2112016-1/13E vom 7. Novem-
ber 2016, E. 2.6, Schnellrecherche der SFH-Länderanalyse vom 6. Juni
2016 zu Afghanistan: Sicherheitslage in C._, Gefährdung von Ha-
zaras, Gefährdung von Polizeikräften, S. 1-9; ACCORD, Informationen zur
Sicherheitslage in der Provinz Uruzgan, a.a.O.; EASO, Afghanistan
Security Situation, a.a.O., S. 85, vgl. auch Karte mit von Taliban kontrol-
lierten Orten: Roggio, Bill / Weiss, Caleb / Megahan, Patrick: Map of Taliban
controlled and contested districts in Afghanistan, Stand: 3. März 2016,
E-4042/2018
Seite 17
https://www.google.com/maps/d/viewer?mid=zDzQXfEc6t
T8.k5Httq4pfKEg, abgerufen am 20. Oktober 2021).
7.3 Vor diesem Hintergrund ist nun die Glaubhaftigkeit der Aussagen des
Beschwerdeführers hinsichtlich der Arbeit im (...) und der Verfolgung durch
die Taliban sowie deren Asylrelevanz zu beurteilen. Die Vorinstanz wirft
diesbezüglich dem Beschwerdeführer vor, widersprüchliche Angaben be-
treffend die Dauer seiner Arbeit (...), das Beisein seines Vaters auf dem
(...) und den Namen des Vorgesetzten gemacht zu haben.
Der Beschwerdeführer macht geltend, in einem (...) gearbeitet zu haben,
in welchem bis (...). Er erklärt, dass die Arbeiten grundsätzlich von den
ausländischen Truppen vergeben worden seien, die Arbeit am (...) aber
von Einheimischen geleitet worden sei (vgl. A7 Ziff. 7.02 und A20 F81,
F91). Diesbezüglich ist – entgegen der Auffassung der Vorinstanz – kein
Widerspruch zu erkennen. Die Ungereimtheit hinsichtlich der zeitlichen An-
gaben vermag der Beschwerdeführer jedoch nicht zu erklären. Er ver-
suchte dann auch nicht, diesen Widerspruch an der Anhörung aufzulösen,
sondern machte lediglich sprachliche Probleme geltend (vgl. A20 F89). Der
Erklärungsversuch auf Beschwerdeebene, wonach er selbst während acht
bis neun Monaten am (...) mitgearbeitet habe, die ganze (...) insgesamt
aber zwei Jahre in Anspruch genommen habe, vermag nicht zu überzeu-
gen, zumal er an der BzP zwei Mal klar angab, ein bis zwei Jahre dort
gearbeitet zu haben (vgl. A7 Ziff. 7.01 f. und A20 F80, F89 und Replik).
Hinsichtlich der vorgesetzten Personen kann grundsätzlich auf die zutref-
fende Argumentation der Vorinstanz verwiesen werden (vgl. E. 5.1). Die
Aussage in der BzP, dass F._ die Aufträge von den Ausländern er-
halten habe (vgl. A7 Ziff. 7.02), weicht klar von derjenigen anlässlich der
Anhörung ab, wonach sich die Personen, welche die Aufträge von den Aus-
ländern entgegengenommen hätten, namentlich nicht zu erkennen gege-
ben hätten (vgl. A20 F82 f.). Auch der Widerspruch hinsichtlich der Beteili-
gung seines Vaters an den (...) ist kaum mit einem Übersetzungsfehler zu
erklären, zumal es im betreffenden Satz an der BzP klar um die Arbeit ging
und nicht um allfällige Drohungen durch die Taliban, die der Vater befürch-
tet habe (vgl. A7 Ziff. 7.01 und A20 F88, F92).
Entgegen der Auffassung der Vorinstanz hält das Bundesverwaltungsge-
richt zwar die einmalige Festnahme durch die Taliban für glaubhaft. Aller-
dings kann dem Beschwerdeführer nicht geglaubt werden, dass anlässlich
dieser Festnahme jemand behauptet habe, er arbeite für die ausländischen
Truppen. Zum einen hat er dies an der Anhörung nicht mehr erwähnt (vgl.
https://www.google.com/maps/d/viewer?mid=zDzQXfEc6t
E-4042/2018
Seite 18
A7 Ziff. 7.02, A20 F128 ff.) und zum anderen gab er selbst an, nicht sicher
zu sein, ob die Taliban wussten, dass er für die ausländischen Truppen
gearbeitet hatte (vgl. A20 F130 f.). Der im (...) 2015 – ein Jahr nach der
Ausreise des Beschwerdeführers – angeblich ausgestellte Drohbrief der
Taliban ist nicht geeignet, um eine gezielte – über die einmalige Festnahme
hinausgehende – Verfolgung glaubhaft zu machen, zumal derartige Doku-
mente – wie vom SEM zutreffend bemerkt – ohne Weiteres gefälscht oder
käuflich erworben werden können. Ausserdem ist nicht nachvollziehbar,
warum die Taliban ihm einen solchen Drohbrief rund ein Jahr nach seiner
Ausreise hätten zustellen sollen (vgl. BM 11). Dies gilt umso mehr, als der
Beschwerdeführer geltend macht, die Taliban hätten ein halbes Jahr nach
seiner Ausreise seinen Vater entführt, weshalb ihnen spätestens dann be-
kannt gewesen sein sollte, dass er sich nicht mehr zu Hause aufhält. Als
Grund für das Verlassen seines Heimatstaates gab der Beschwerdeführer
zudem an, sein Vater habe ihn zur Ausreise bewogen beziehungsweise er
wolle die Zukunft seiner Familie sichern, sollte seinem Vater etwas zustos-
sen (vgl. A7 Ziff. 7.01). Dies erweckt nicht den Eindruck, dass er sich im
Zeitpunkt der Flucht selbst vor einer konkreten Verfolgung durch die Tali-
ban gefürchtet hätte.
7.4 Nach einer Gesamtwürdigung ist weder von der Glaubhaftigkeit der
Aussagen hinsichtlich des Arbeitseinsatzes für die ausländischen Truppen
noch von einer asylrelevanten Verfolgung durch die Taliban auszugehen.
Angesichts der genannten Widersprüche, die nicht durch Verständigungs-
schwierigkeiten zu erklären sind, kann das Gericht nicht mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass der Beschwerdeführer tatsäch-
lich für die ausländischen Truppen tätig war. Aber selbst bei Wahrunterstel-
lung würde sich am Ergebnis nichts ändern, da die Taliban offenbar nichts
von seinem Einsatz erfahren haben, weshalb er auch auf der besagten
Liste nicht vermerkt und freigelassen worden war (vgl. A7 Ziff. 7.02). Es ist
daher nicht von einer exponierten Tätigkeit für die ausländischen militäri-
schen Truppen auszugehen und auch nicht ersichtlich, inwiefern der Be-
schwerdeführer zum heutigen Zeitpunkt ein Risikoprofil im Sinne der von
ihm angerufenen Praxis zu Afghanistan erfüllen würde.
7.5 Damit konnte der Beschwerdeführer zwar glaubhaft machen, aus der
Provinz Uruzgan zu stammen, was nachfolgend bei der Prüfung des Weg-
weisungsvollzugs zu beachten sein wird. Allerdings ist es ihm nicht gelun-
gen, eine im Zeitpunkt seiner Ausreise aus dem Heimatstaat bestehende
oder mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft dro-
E-4042/2018
Seite 19
hende asylbeachtliche Verfolgungssituation glaubhaft darzutun. Zusam-
menfassend kann somit festgehalten werden, dass keine flüchtlingsrecht-
lich relevanten Verfolgungsgründe im Sinne von Art. 3 AsylG ersichtlich
sind, weshalb die Vorinstanz zu Recht die Flüchtlingseigenschaft verneint
und das Asylgesuch abgelehnt hat.
8.
8.1 Lehnt das Staatssekretariat das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht
ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet
den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Fa-
milie (Art. 44 AsylG).
8.2 Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet
(Art. 44 AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
9.
9.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das Staatssekretariat das Anwesenheitsverhältnis
nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme
(Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG).
9.2 Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt ge-
mäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard
wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu be-
weisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens
glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
10.
10.1 Die drei Bedingungen für einen Verzicht auf den Vollzug der Wegwei-
sung (Unzulässigkeit, Unzumutbarkeit und Unmöglichkeit) sind alternativer
Natur: Sobald eine von ihnen erfüllt ist, ist der Vollzug der Wegweisung als
undurchführbar zu betrachten und die weitere Anwesenheit in der Schweiz
gemäss den Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme zu regeln (vgl.
BVGE 2009/51 E. 5.4, 2013/1 E. 6.2). Weil sich vorliegend der Vollzug der
Wegweisung aus den nachfolgend aufgezeigten Gründen als unzumutbar
erweist, kann auf eine Erörterung der beiden anderen Kriterien verzichtet
werden.
E-4042/2018
Seite 20
10.2 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
10.3
10.3.1 In Bezug auf den Wegweisungsvollzug führte das SEM aus, den
Akten seien keine konkreten Hinweise auf eine Verletzung von Art. 3 EMRK
im Falle einer Rückkehr nach Afghanistan zu entnehmen. Eine Rückkehr
in die Provinz Ghazni oder in die Provinz Uruzgan wäre zwar aufgrund der
dort herrschenden Sicherheitslage und humanitären Situation als unzumut-
bar zu erachten. Die Angaben des Beschwerdeführers zu seiner Herkunft
seien aber unglaubhaft ausgefallen, weshalb es dem SEM nicht möglich
sei, sich in voller Kenntnis der tatsächlichen persönlichen und familiären
Situation zur Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs zu äussern. Zwar
seien die Wegweisungsvollzugshindernisse grundsätzlich von Amtes we-
gen zu prüfen; diese Untersuchungspflicht finde jedoch ihre Grenzen an
der Mitwirkungs- und Wahrheitspflicht der Gesuchsteller. Es sei nach stän-
diger Rechtsprechung nicht Aufgabe der Asylbehörden, bei fehlenden Hin-
weisen seitens des Gesuchstellers nach allfälligen Wegweisungsvollzugs-
hindernisse zu forschen. Somit gebe es auch keine Hinweise dafür, dass
eine konkrete Gefährdung im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG vorliege. Aus-
serdem sei der Vollzug der Wegweisung technisch möglich und praktisch
durchführbar.
10.3.2 Der Beschwerdeführer ist der Ansicht, dass sich die Vorinstanz hin-
sichtlich der Prüfung des Wegweisungsvollzugs widerspreche. Einerseits
werde ausgeführt, die Zumutbarkeit könne aufgrund der fehlenden Mitwir-
kung nicht erwogen werden. Andererseits werde konkret festgehalten, die
Wegweisung sei zumutbar. Er komme aus dem kleinen Dorf B._,
das neben I._ in der Region E._ in der Provinz Uruzgan
liege. Gemäss bundesverwaltungsgerichtlicher Rechtssprechungspraxis
sei der Vollzug der Wegweisung an diesen Ort unzumutbar, so dass min-
destens die vorläufige Aufnahme zu verfügen sei.
10.4
10.4.1 Bezüglich der allgemeinen Lage in Afghanistan hat das Bundesver-
waltungsgericht nach eingehender Lageanalyse in dem als Referenzurteil
publizierten Entscheid D-5800/2016 vom 13. Oktober 2017 festgestellt,
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Seite 21
dass sich seit seinem letzten Länderurteil von 2011 (vgl. BVGE 2011/7) in
allen Regionen eine deutliche Verschlechterung der Sicherheitslage erge-
ben habe. Es bestünden in weiten Teilen Afghanistans derart schwierige
humanitäre Bedingungen, dass die Situation als existenzbedrohend im
Sinne von Art. 83 Abs. 4 AuG zu qualifizieren sei. Der Wegweisungsvollzug
sei deshalb als unzumutbar zu beurteilen (Urteil D-5800/2016 E. 8.4). Von
dieser allgemeinen Feststellung wurde bis anhin nur im Falle der Städte
Kabul, Mazar-i-Sharif und Herat abgewichen, wenn besonders begünsti-
gende Faktoren gegeben waren (vgl. D-5800/2016; BVGE 2011/49, bestä-
tigt in D-4287/2010 vom 8. Februar 2019 [als Referenzurteil publiziert] so-
wie BVGE 2011/49).
10.4.2 Vorliegend ist festzustellen, dass keine grobe Verletzung der Mitwir-
kungs- und Wahrheitspflicht vorliegt, die es der Vorinstanz verunmöglicht
hätte, den Vollzug der Wegweisung des Beschwerdeführers nach Afgha-
nistan materiell zu prüfen. Auch wenn der Beschwerdeführer teilweise un-
stimmige Aussagen bei der Benennung von Distrikten und Provinzen ge-
macht hat, kann ihm nicht vorgeworfen werden, er habe versucht, die
Asylbehörden über seine Herkunft zu täuschen. Vielmehr hat die
Vorinstanz seine Identität nicht bestritten und seine Angaben zu seiner Her-
kunft sind – wie unter E. 6 dargelegt – glaubhaft ausgefallen. Es ist davon
auszugehen, dass der Beschwerdeführer aus der Provinz Uruzgan stammt
und bis zur Ausreise dort gelebt hat. Dorthin ist der Vollzug der Wegwei-
sung gemäss konstanter Rechtsprechung des Gerichts unzumutbar. Eine
Aufenthaltsalternative besteht nicht.
10.5 Die Vorinstanz hat somit den Wegweisungsvollzug zu Unrecht als zu-
mutbar bezeichnet.
11.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung vom
6. Juni 2018 im Asyl- und Wegweisungspunkt Bundesrecht nicht verletzt
und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig sowie vollständig feststellt
(Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde vom 11. Juli 2018 ist diesbezüg-
lich abzuweisen. Hingegen ist das Rechtsmittel gutzuheissen, soweit darin
die Aufhebung des verfügten Wegweisungsvollzugs und die Anordnung der
vorläufigen Aufnahme beantragt werden. Das SEM ist anzuweisen, den
Beschwerdeführer in der Schweiz vorläufig aufzunehmen, nachdem den
Akten keine Hinweise auf Ausschlussgründe gemäss Art. 83 Abs. 7 AIG zu
entnehmen sind.
E-4042/2018
Seite 22
12.
12.1 Die Kosten des Beschwerdeverfahrens und die Parteientschädigung
sind grundsätzlich nach dem Verhältnis von Obsiegen und Unterliegen auf-
zuerlegen beziehungsweise zuzusprechen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Der Be-
schwerdeführer ist bezüglich seiner Anträge auf Feststellung der Asylge-
währung, der Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft und der Aufhebung
der Wegweisung unterlegen. Bezüglich der Anordnung des Wegweisungs-
vollzugs hat er obsiegt. Praxisgemäss bedeutet dies ein hälftiges Obsie-
gen, weshalb die Verfahrenskosten grundsätzlich zur Hälfte dem Be-
schwerdeführer aufzuerlegen wären (Art. 63 Abs. 1 VwVG).
Der Beschwerdeführer ist seit dem 4. April 2019 erwerbstätig. Mit Eingabe
vom 12. März 2021 führte er aus, er habe Mitte 2020 eine Arbeitsstelle in
einem Coiffeur-Salon finden können, sei aber nach wie vor prozessual be-
dürftig. Aus den eingereichten Unterlagen ergibt sich, dass er nach wie vor
nicht in der Lage ist, für die Gerichtskosten aufzukommen. Es ist folglich
an der Zwischenverfügung vom 23. Juli 2018, mit welcher das Gesuch um
Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung im Sinne von Art. 65
Abs. 1 VwVG gutgeheissen wurde, festzuhalten und von einer teilweisen
Kostenauflage abzusehen.
12.2 Soweit der Beschwerdeführer – hälftig – obsiegt, ist ihm zu Lasten der
Vorinstanz eine Parteientschädigung (Art. 64 VwVG; Art. 7 ff. des Regle-
ments vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor
dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]) zuzusprechen. Mit
Eingabe vom 12. März 2021 wurde eine aufdatierte Honorarnote einge-
reicht, in welcher ein Gesamtaufwand von 12.9 Stunden bei einem Stun-
denansatz (bei Obsiegen) von Fr. 250.– und Auslagen in der Höhe von
Fr. 176.80 geltend gemacht werden. Das SEM ist demnach anzuweisen,
dem Beschwerdeführer eine hälftige Parteientschädigung in der Höhe von
gerundet Fr. 1'832.– (inkl. hälftige Auslagen und MwSt.) auszurichten.
Nachdem der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers als amtlicher
Rechtsbeistand beigeordnet wurde (vgl. aArt. 110a Abs. 1 AsylG), ist er im
Weiteren für seinen Aufwand unbesehen des Ausgangs des Verfahrens zu
entschädigen, soweit dieser sachlich notwendig war (vgl. Art. 12 i.V.m.
Art. 8 Abs. 2 VGKE). Es ist von einem Stundenansatz von Fr. 220.– auszu-
gehen, weshalb dem amtlichen Rechtsbeistand ein Gesamtbetrag von
Fr. 1'624.– (inkl. hälftige Auslagen und MwSt.) durch das Gericht zu vergü-
ten ist.
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