Decision ID: fe7369e4-173c-4de9-8aba-7cd28acaf2dc
Year: 2018
Language: de
Court: SG_VGN
Chamber: SG_VGN_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

Das Verwaltungsgericht stellt fest:
A. A.Y., geboren 1990, türkische Staatsangehörige, reiste am 18. Februar 2000
zusammen mit ihrer Mutter und ihrer Schwester zum Vater in die Schweiz ein. Der
Vater hatte durch Heirat mit einer Schweizerin im Jahr 1996 die Schweizer
Staatsbürgerschaft erhalten, heiratete nach der Scheidung von der Schweizerin jedoch
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wieder seine erste Frau, die Mutter von A.Y. (vgl. Vorakten Migrationsamt, nachfolgend
Dossier, S. 4 ff.).
Am 31. März 2006 kehrte A.Y. zusammen mit ihrer Familie in die Türkei zurück.
Nachdem sie die ihr am 17. März 2000 erteilte Niederlassungsbewilligung zuvor für
sechs Monate hatte reservieren lassen, reiste sie am 27. September 2006 ohne Familie
wieder in die Schweiz ein und nahm bei der Mutter ihrer Stiefschwester in X. Wohnsitz.
Am 10. Januar 2007 wurde ihr die Niederlassungsbewilligung erneut erteilt. Am
27. Oktober 2008 zog sie nach Unbekannt weg. Seitdem lebte A.Y. in der Türkei. Am
3. September 2010 schrieb sie sich dort für ein Studium an einem Lehrerseminar ein,
an dem sie laut Studienbescheinigung vom 14. Dezember 2017 für das
4. Wintersemester in der Fachrichtung „Deutsch – Lehramt“ immatrikuliert war. Der
Vater lebt seit 31. März 2013 und die Mutter seit 6. September 2013 wieder in der
Schweiz. Im Juni 2016 reiste A.Y. mit einem Touristenvisum in die Schweiz ein und
beantragte am 30. Juni 2016 beim Migrationsamt die Wiedererteilung der
Niederlassungsbewilligung. Am 1. September 2016 kehrte sie in die Türkei zurück.
B. Mit Verfügung vom 7. September 2016 stellte das Migrationsamt fest, dass die
Niederlassungsbewilligung von A.Y. erloschen sei und wies ihr Gesuch ab (act. 13/1.1).
Das Sicherheits- und Justizdepartement wies die von A.Y. gegen diese Verfügung
erhobene Beschwerde mit Entscheid vom 6. Juli 2017 ab.
C. A.Y. (Beschwerdeführerin) erhob gegen den Entscheid des Sicherheits- und
Justizdepartements (Vorinstanz) vom 6. Juli 2017 durch ihre Rechtsvertreterin mit
Eingabe vom 21. Juli 2017 und Ergänzung vom 23. Oktober 2017 Beschwerde beim
Verwaltungsgericht mit dem Rechtsbegehren, der angefochtene Entscheid sei unter
Kosten- und Entschädigungsfolge, eventualiter unter Gewährung der unentgeltlichen
Rechtspflege und -verbeiständung, aufzuheben und ihr die Niederlassungsbewilligung
wieder, eventualiter eine Aufenthaltsbewilligung zu erteilen.

Mit Vernehmlassung vom 30. Oktober 2017 verwies die Vorinstanz auf die Erwägungen
im angefochtenen Entscheid und beantragte die Abweisung der Beschwerde. Am
8. Januar 2018 reichte die Rechtsvertreterin eine aktuelle Vollmacht vom 13. Dezember
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2017 und ergänzende Unterlagen zum Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege und -
verbeiständung ein (act. 19 und 20.1-2).
Auf die Erwägungen im angefochtenen Entscheid und die Ausführungen der
Beschwerdeführerin zur Begründung ihrer Anträge sowie die Akten wird, soweit
wesentlich, in den Erwägungen eingegangen.
Darüber zieht das Verwaltungsgericht in Erwägung:
1. (...).
2. Verlässt eine Ausländerin die Schweiz, ohne sich abzumelden, erlischt die
Niederlassungsbewilligung gemäss Art. 61 Abs. 2 des Bundesgesetzes über die
Ausländerinnen und Ausländer (SR 142.20, AuG) nach sechs Monaten. Dass die
Niederlassungsbewilligung angesichts der langjährigen Landesabwesenheit der
Beschwerdeführerin erloschen ist, bestreitet diese nicht. Sie bringt vor, dass sie
vorübergehend zu Ausbildungszwecken im Ausland habe leben müssen und deshalb
durch eine erleichterte Wiederzulassung zu schützen sei (act. 10 S. 4 f.). Laut Art. 30
Abs. 1 lit. k AuG könne in einem solchen Fall von den Zulassungsvoraussetzungen
nach Art. 18-29 AuG abgewichen werden. Gemäss Art. 49 Abs. 1 lit. a der Verordnung
über Zulassung, Aufenthalt und Erwerbstätigkeit (SR 142.201, VZAE) müsse sich die
wiederzulassende Ausländerin dafür mindestens fünf Jahre in der Schweiz aufgehalten
haben, wobei ihr Aufenthalt kein vorübergehender gewesen sein dürfe. Und die
freiwillige Ausreise dürfe gemäss Art. 49 Abs. 1 lit. b VZAE grundsätzlich nicht länger
als zwei Jahre zurückliegen. Dass diese Voraussetzungen vorliegend erfüllt wären,
behauptet die Beschwerdeführerin nicht.
Sie macht nun allerdings geltend, in ihrem Fall sei von der Zweijahresfrist abzuweichen
(act. 10 S. 5). Die Wiedereingliederung von hier ausgebildeten Menschen liege im
öffentlichen Interesse der Schweiz, weshalb bei langjährigem Voraufenthalt bei
Rückkehrwilligen von der Frist abgewichen werden könne. Diese Abweichung von der
Zweijahresfrist sei über eine flexible Anwendung der Härtefallregelung möglich. Um
einen Härtefall gemäss Art. 30 Abs. 1 lit. b AuG in Verbindung mit Art. 29 VZAE handle
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es sich insbesondere bei ausländischen Kindern von Schweizer Bürgern, wenn sie sich
nicht auf die Bestimmungen des Familiennachzugs berufen könnten. Vorausgesetzt sei
hierfür die Möglichkeit einer Wiedereinbürgerung oder einer erleichterten Einbürgerung
gemäss dem Bundesgesetz über das Schweizer Bürgerrecht (SR 141.0, BüG). Gemäss
Art. 58c Abs. 1 und Abs. 2 der Übergangsbestimmungen BüG könne das Kind eines
schweizerischen Vaters ein Gesuch um erleichterte Einbürgerung stellen, wenn es vor
dem 3. Oktober 2003 und ausserhalb der Ehe geboren worden sei (Art. 1 Abs. 2 BüG).
Sei es mehr als 22 Jahre alt, müsse das Kind zudem eine enge Verbindung zur Schweiz
vorweisen. Die Beschwerdeführerin sei am 14. Januar 1990 geboren und der Vater sei
seit dem 25. April 1996 Schweizer Bürger. Erwerbe der Elternteil das Schweizer
Bürgerrecht nach der Geburt des Kindes, werde die Einheit des Bürgerrechts durch
den Einbezug des Kindes in die Einbürgerung verwirklicht. Die damals minderjährige
Beschwerdeführerin sei nicht in die Einbürgerung miteinbezogen worden, was ihr heute
nicht zur Last fallen dürfe. Gerade um derartige Benachteiligungen zu verhindern, habe
der Gesetzgeber die genannte Übergangsbestimmung erlassen. Die
Beschwerdeführerin weise einen engen Bezug zur Schweiz auf, denn sie habe die
öffentliche Sicherheit und Ordnung der Schweiz beachtet und die Werte der
Bundesverfassung respektiert. Sie sei bestens vertraut mit der Schweizer Kultur und
spreche fliessend Deutsch. Während ihrer Zeit hier habe sie auch enge soziale
Kontakte aufgebaut und ihre Familie lebe hier. Die Voraussetzungen für eine
erleichterte Einbürgerung seien daher erfüllt. Würden hinsichtlich dieser
Voraussetzungen Zweifel bestehen, sei die Beschwerdeführerin anzuhören.
Entgegen den Ausführungen der Beschwerdeführerin geht es bei der flexiblen
Anwendung der Härtefallregelung im obgenannten Sinn vor allem darum, die Trennung
von jungen Menschen von ihrer Familie alleine infolge einer länger als zwei Jahre
dauernden Ausbildung im Ausland zu verhindern, vor allem, wenn die jungen
Menschen vorher jahrelang (das heisst fast ihr ganzes Leben) in der Schweiz verbracht
haben.
Vorliegend kehrte die Beschwerdeführerin am 31. März 2006 zusammen mit ihrer
Familie (nicht zu Ausbildungszwecken) in die Türkei zurück und reiste am
27. September 2006 ohne Familie wieder in die Schweiz ein. Die Eltern kehrten im
März/September 2013 wieder in die Schweiz zurück. Ein Härtefall durch die Trennung
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von ihrer Familie liegt somit nicht vor, da die Beschwerdeführerin sowohl von 2006 bis
2008 in der Schweiz als auch von September 2013 bis September 2016 in der Türkei
und damit während insgesamt rund fünf Jahren mit dieser Trennung offenbar „gut“
lebte, das heisst keine Wiedervereinigung anstrebte und den Kontakt zu ihren Eltern
anderweitig pflegte. Im Übrigen ist fraglich, ob es sich bei der Aufenthaltsdauer in der
Schweiz vor ihrer endgültigen Ausreise in die Türkei im Jahre 2008 im Umfang von
insgesamt rund acht Jahren bereits um einen langjährigen Voraufenthalt handelte.
Denn angesichts der Anzahl Jahre scheint die Dauer dieses Voraufenthalts eher in die
Kategorie „mehrjähriger“, nicht aber „langjähriger“ Voraufenthalt zu fallen. Hinzu
kommt, dass die Beschwerdeführerin in vorliegendem Fall nicht zum Zwecke der
Weiterbildung ausreiste, sondern offensichtlich aus familiären Gründen, und dass sie
später eine Weiterbildung in der Türkei aufnahm. Aus diesen Gründen ist ein
Abweichen von der Zweijahresregel via die Härtefallbestimmung zum Zweck der
Familienvereinigung in vorliegendem Fall nicht angezeigt.
Selbst wenn die Härtefallregelung zur Anwendung gebracht würde, würde diese an der
engen Verbindung der Beschwerdeführerin zur Schweiz scheitern. Aufgrund ihres rund
acht Jahre dauernden Aufenthalts hier entspricht es unter Berücksichtigung ihres
damaligen Alters dem Normalfall, dass sie sich die Sprache aneignete, in rechtlicher
Hinsicht an die hiesigen Vorgaben hielt, soziale Kontakte aufbaute und mit der
schweizerischen Kultur vertraut wurde. Eine besonders enge Verbindung der
Beschwerdeführerin zur Schweiz ist mit diesen Angaben trotz der weitreichenden
Mitwirkungspflicht der Beschwerdeführerin weder behauptet noch belegt. Die
Familienbeziehung reicht entsprechend den obigen Ausführungen dafür nicht aus. Ob
allenfalls noch weitere Anhaltspunkte für eine enge Verbindung der Beschwerdeführerin
zur Schweiz vorliegen, hat das Verwaltungsgericht nicht im Rahmen einer mündlichen
Verhandlung zu klären, wurden doch solche Behauptungen trotz weitreichender
Mitwirkungspflicht nicht aufgestellt und liegen auch keine anderen Anhaltspunkte dafür
vor, dass eine enge Beziehung zur Schweiz vorliegen könnte. Deshalb kann im Rahmen
einer antizipierten Beweiswürdigung davon ausgegangen werden, dass weitere
Beweiserhebungen daran nichts ändern könnten. Das Bundesgericht erachtet eine
antizipierte Beweiswürdigung in einem solchen Fall als zulässig (Cavelti/Vögeli,
Verwaltungsgerichtsbarkeit im Kanton St. Gallen, 2. Aufl. 2003, Rz. 622 mit Hinweisen).
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Der Entscheid der Vorinstanz war damit recht- und verhältnismässig, weshalb die
Beschwerde abzuweisen ist, zumal dem Verwaltungsgericht eine eigentliche
Ermessenskontrolle verwehrt ist und es nur über Rechtsverletzungen und Fehler in der
Sachverhaltsfeststellung befinden kann (Art. 61 VRP).
3. Dem Verfahrensausgang entsprechend hat die Beschwerdeführerin die amtlichen
Kosten des Beschwerdeverfahrens zu tragen (Art. 95 Abs. 1 VRP). Eine
Entscheidgebühr von CHF 2‘000 ist angemessen (Art. 7 Ziff. 222 der
Gerichtskostenverordnung, sGS 941.12). Dem Gesuch der Beschwerdeführerin um
unentgeltliche Rechtspflege ist stattzugeben, da ihr Begehren im Zeitpunkt der
Beschwerdeerhebung nicht als aussichtslos eingestuft werden konnte und ihre
prozedurale Bedürftigkeit erstellt ist. Die Kosten gehen dementsprechend infolge
Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege zulasten des Staates (Art. 99 Abs. 2 VRP
in Verbindung mit Art. 122 Abs. 1 Ingress sowie lit. b der Schweizerischen
Zivilprozessordnung, SR 272, ZPO). Auf die Erhebung ist zu verzichten (Art. 95 Abs. 3
VRP).
Vor Verwaltungsgericht wird die unentgeltliche Rechtsverbeiständung gewährt (vgl.
Art. 99 Abs. 1 VRP). Die staatliche Honorarordnung wird für die Vorbereitung und
Durchführung des Verfahrens der Verwaltungsrechtspflege angewendet, wird die
unentgeltliche Rechtsverbeiständung bewilligt (vgl. Art. 30 Ingress lit. b Ingress und
Ziff. 2 des Anwaltsgesetzes; sGS 963.70, AnwG). Bei unentgeltlicher Prozessführung
wird das Honorar um einen Fünftel herabgesetzt (Art. 31 Abs. 3 AnwG). In der
Verwaltungsrechtspflege beträgt das Honorar vor Verwaltungsgericht pauschal
CHF 1'000 bis 12'000 (vgl. Art. 22 Abs. 1 Ingress und lit. b der Honorarordnung für
Rechtsanwälte und Rechtsagenten; sGS 963.75, HonO). Innerhalb des für eine
Pauschale gesetzten Rahmens wird das Grundhonorar nach den besonderen
Umständen, namentlich nach Art und Umfang der Bemühungen, der Schwierigkeit des
Falles und den wirtschaftlichen Verhältnissen der Beteiligten, bemessen (Art. 19 HonO).
Die Rechtsvertreterin hat keine Kostennote eingereicht. Ein Pauschalhonorar von
CHF 2'000, das um einen Fünftel auf CHF 1'600 zu kürzen ist, erscheint angemessen.
Hinzu kommen pauschale Barauslagen von CHF 80 (vier Prozent von CHF 2'000,
Art. 28 HonO) sowie die Mehrwertsteuer (Art. 29 HonO), wobei angesichts des
Umstands, dass die anwaltlichen Leistungen im Wesentlichen vor dem 1. Januar 2018
bis
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erbracht wurden, noch der Satz von acht Prozent zur Anwendung gelangt (Ziff. 2.1 der
MWST-Info 19 zur Steuersatzänderung per 1. Januar 2018, www.estv.admin.ch).