Decision ID: 6cdf7fe6-ca13-5425-ada5-2517b50d7542
Year: 2015
Language: de
Court: SG_VG
Chamber: SG_VG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

Entscheid Verwaltungsgericht, 19.02.2015 Verfahrensrecht, Wiederherstellung einer Frist. Art. 30ter VRP.Selbst bei einer allfälligen konkludenten Zustimmung des Verfahrensgegners zur Wiederherstellung ist zu prüfen, in welchem Mass den Betroffenen ein Verschulden an der Säumnis trifft. Ein Rechtsanwalt, der die Kostenvorschussverfügung zur Bezahlung an seinen Mandanten weiterleitet, lässt die gebotene Sorgfalt vermissen, wenn er sich vor Ablauf der Frist nicht über die Bezahlung des Vorschusses vergewissert. Damit steht der Wiederherstellung der Frist zur Leistung des Kostenvorschusses die Verletzung einer elementaren Sorgfaltspflicht des Rechtsvertreters entgegen, die auch mit einer Zustimmung des Verfahrensgegners nicht geheilt werden könnte (Verwaltungsgericht, B 2014/232).Entscheid vom 19. Februar 2015 BesetzungPräsident Eugster; Verwaltungsrichter Linder, Heer, Rufener, Bietenharder; Gerichtsschreiber ScherrerVerfahrensbeteiligteX.Y., Beschwerdeführer,vertreten durch Rechtsanwalt lic.iur. E.K.,gegenSicherheits- und Justizdepartement des Kantons St. Gallen, Oberer Graben 32, 9001 St. Gallen,Vorinstanz,GegenstandWiderruf der Niederlassungsbewilligung / Abschreibung / FristwiederherstellungDas Verwaltungsgericht stellt fest:
A. X.Y. (geb. 1968) stammt aus Serbien. Er heiratete am 31. Oktober 1986 die
Schweizer Staatsangehörige A.Y. (geb. 1968). Die Eheleute Y. haben zwei gemeinsame
Kinder (geb. 1985 und 1987). Nach seiner Einreise in die Schweiz am 29. Juli 1990
erhielt X.Y. eine Aufenthaltsbewilligung im Familiennachzug. Seit 31. Mai 2000 ist er
niederlassungsberechtigt. Die Ehe von A.Y. und X.Y. wurde am 10. April 2008
geschieden. Da X.Y. mehrfach strafrechtlich verurteilt worden und seinen finanziellen
Verpflichtungen nicht ordnungsgemäss nachgekommen war, drohte ihm das kantonale
Ausländeramt (heute Migrationsamt) am 2. Juli 2010 den Widerruf der
Niederlassungsbewilligung an und ermahnte ihn, sich künftig in jeder Beziehung klaglos
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zu verhalten. Nachdem X.Y. erneut straffällig geworden und seinen finanziellen
Verpflichtungen weiterhin nicht ordnungsgemäss nachgekommen war, widerrief das
Migrationsamt am 5. August 2014 die Niederlassungsbewilligung.
X.Y. erhob gegen den Widerruf der Niederlassungsbewilligung mit Eingabe seines
Rechtsvertreters vom 20. August 2014 Rekurs beim Sicherheits- und
Justizdepartement des Kantons St. Gallen, das ihn am 21. August 2014 unter
Androhung der Abschreibung des Verfahrens im Säumnisfall aufforderte, bis 12.
September 2014 einen Kostenvorschuss von CHF 1'000 zu leisten (act. 11-2).
Nachdem der Kostenvorschuss innert Frist nicht bezahlt worden war, erhielt der
Beschwerdeführer Gelegenheit, sich zur vorgesehenen Abschreibung des
Rekursverfahrens zu äussern (act. 11-3). Am 24. September 2014 zahlte der
Rechtsvertreter den Kostenvorschuss bei der Post ein (act. 11-6 Beilage 2) und machte
geltend, er habe das Schreiben vom 21. August 2014 samt Rechnung und
Einzahlungsschein am folgenden Tag an X.Y. weitergeleitet und ihn unter Hinweis auf
die Bedeutung der rechtzeitigen Zahlung aufgefordert, den Betrag zu überweisen (act.
11-6 Beilage 1). X.Y. habe Rechnung und Einzahlungsschein an seine Ex-Ehefrau
übergeben und sie mit der fristgerechten Bezahlung des Kostenvorschusses betraut.
Das kantonale Migrationsamt überwies dem Sicherheits- und Justizdepartement am
15. Oktober 2014 die Akten mit dem Antrag, der Rekurs sei abzuweisen; zum Gesuch
um Wiederherstellung der Frist äusserte es sich nicht (act. 11-8). Am 17. November
2014 schrieb das Sicherheits- und Justizdepartement den Rekurs unter Abweisung des
Gesuchs um Wiederherstellung der Frist zur Leistung des Kostenvorschusses ab.
B. X.Y. (Beschwerdeführer) erhob gegen den Entscheid des Sicherheits- und
Justizdepartements (Vorinstanz) vom 17. November 2014 mit Eingabe seines
Rechtsvertreters vom 2. Dezember 2014 und Ergänzung vom 19. Januar 2015
Beschwerde beim Verwaltungsgericht mit dem Antrag, unter Kosten- und
Entschädigungsfolge sei der angefochtene Entscheid aufzuheben, das Gesuch um
Wiederherstellung der Frist zur Leistung des Kostenvorschusses gutzuheissen und die
Sache zur neuen Entscheidung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Die Vorinstanz
beantragte am 22. Januar 2015 die Abweisung der Beschwerde. Auf die Ausführungen
der Vorinstanz im angefochtenen Entscheid und des Beschwerdeführers zur
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Begründung seines Antrags sowie die Akten wird, soweit wesentlich, in den
Erwägungen eingegangen.

Darüber zieht das Verwaltungsgericht in Erwägung:
1. Das Verwaltungsgericht ist zum Entscheid in der Sache zuständig (Art. 59bis
Abs. 1 des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege; sGS 951.1, VRP). Der
Beschwerdeführer ist Adressat des angefochtenen Entscheides, mit dem die
Vorinstanz sein Gesuch um Wiederherstellung der Frist zur Leistung eines
Kostenvorschusses abgewiesen und den Rekurs abgeschrieben hat, und deshalb zur
Erhebung der Beschwerde befugt (Art. 64 in Verbindung mit Art. 45 Abs. 1 VRP). Die
Beschwerde wurde mit Eingabe vom 2. Dezember 2014 rechtzeitig erhoben und erfüllt
zusammen mit der Ergänzung vom 19. Januar 2015 in formeller und inhaltlicher
Hinsicht die gesetzlichen Anforderungen (Art. 64 in Verbindung mit Art. 47 Abs. 1 und
Art. 48 Abs. 1 und 2 VRP). Auf die Beschwerde ist dementsprechend einzutreten.
2. Der Beschwerdeführer anerkennt, dass der Kostenvorschuss im
Rekursverfahren nach Ablauf der bis 12. September 2014 angesetzten Frist und damit
verspätet geleistet wurde. Er macht jedoch geltend, die Vorinstanz hätte die Frist
wiederherstellen müssen.
2.1. Gemäss Art. 30ter Abs. 1 VRP kann die Wiederherstellung einer Frist
angeordnet werden, wenn der Verfahrensgegner zustimmt. Zur Form der Zustimmung
äussert sich das Gesetz nicht. Insbesondere verlangt zumindest der Wortlaut der
Bestimmung keine ausdrückliche Zustimmung. Die Vorinstanz hat das kantonale
Migrationsamt am 1. Oktober 2014 ersucht, bis 17. Oktober 2014 die allfällige
Zustimmung zum Gesuch mitzuteilen und unter Hinweis auf Art. 17 Abs. 2 VRP
angedroht, nach unbenützter Frist werde aufgrund der Akten entschieden. Das
kantonale Migrationsamt hat am 15. Oktober 2014 in Kenntnis des begründeten
Gesuchs des Beschwerdeführers vom 24. September 2014 um Wiederherstellung der
Frist zur Leistung des Kostenvorschusses die Abweisung – und nicht die Abschreibung
– des Rekurses beantragt. Ob gemäss Art. 30ter Abs. 1 VRP eine konkludente
Zustimmung zur Wiederherstellung zulässig ist und ob das Migrationsamt mit diesem
Antrag der Vorinstanz eine Behandlung des Rekurses in der Sache nahegelegt und
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damit einer Wiederherstellung der Frist konkludent zugestimmt hat, kann offen bleiben.
Selbst bei einer allfälligen Zustimmung des Verfahrensgegners bleibt nämlich zu
prüfen, in welchem Mass den Betroffenen ein Verschulden an der Säumnis trifft (vgl.
Cavelti/Vögeli, Verwaltungsgerichtsbarkeit im Kanton St. Gallen, 2. Aufl. 2003, Rz.
1142).
2.2. Nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung muss sich eine Partei Fehler
ihrer Vertreter oder Erfüllungsgehilfen, insbesondere ihres Anwalts und dessen als
Hilfspersonen tätigen Kanzleiangestellten wie eigene anrechnen lassen (BGer
5G_1/2013 vom 21. März 2013 E. 3.1; 5A_316/2011 vom 6. Mai 2011 E. 3.2; BGE 114
Ib 67 E. 2c, 85 II 46, 78 IV 131 E. 2). Bei der Beurteilung des Verschuldens einer
säumigen Partei ist von einem objektivierten Sorgfaltsmassstab auszugehen. Dabei
sind auch die persönlichen Verhältnisse zu berücksichtigen, wobei von einem
Rechtsanwalt ein grösseres Mass an Sorgfalt erwartet werden kann. Grobes
Verschulden ist umso eher anzunehmen, je höher die an die Partei beziehungsweise
deren Vertreter gestellte Sorgfaltspflicht zu veranschlagen ist. Die Anforderungen an
die Sorgfaltspflicht hängen auch von der Wichtigkeit der vorzunehmenden Handlung
ab. Nach der vom Bundesgericht bestätigten verwaltungsgerichtlichen
Rechtsprechung lässt ein Rechtsanwalt, der die Kostenvorschussverfügung zur
Bezahlung an seinen Mandanten weiterleitet, die gebotene Sorgfalt vermissen, wenn er
sich vor Ablauf der Frist nicht über die Bezahlung des Vorschusses vergewissert (vgl.
VerwGE B 2013/113 vom 8. November 2013 E. 2.1.2, www.gerichte.sg.ch; BGer
2C_1212/2013 vom 28. Juli 2014; VerwGE B 2013/98 vom 25. Juni 2013). Damit steht
der Wiederherstellung der Frist zur Leistung des Kostenvorschusses die Verletzung
einer elementaren Sorgfaltspflicht des Rechtsvertreters entgegen, die auch mit einer
Zustimmung des Verfahrensgegners nicht geheilt werden könnte.
Ob der Beschwerdeführer die – strenge – Rechtsprechung des Verwaltungsgerichts
(insbesondere VerwGE B 2014/40 vom 14. Mai 2014, www.gerichte.sg.ch) zu Recht mit
dem Hinweis beanstandet, sie stütze sich auf die Rechtsprechung des Bundesgerichts
zum klar enger als Art. 148 Abs. 1 ZPO gefassten Art. 50 des Bundesgesetzes über das
Bundesgericht (Bundesgerichtsgesetz; SR 173.110, BGG) und zu dessen
Vorgängerbestimmung, kann unter diesen Umständen offen bleiben. Zwar trifft zu,
dass insbesondere in der Literatur auch die Auffassung vertreten wird, Fehler einer
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Hilfsperson seien der Partei oder der Vertretung nur zuzurechnen, wenn sie auf eine
ungenügende Instruktion oder Kontrolle der Partei beziehungsweise der Vertretung
oder auf mangelhafte Organisation des Betriebs zurückzuführen sind (vgl. B. Merz, in:
Brunner/Gasser/Schwander [Hrsg.], ZPO Kommentar, Zürich/St. Gallen 2011, N 10 zu
Art. 148 ZPO). In der Literatur wird aber auch ausgeführt, die offene Frage nach der
Bedeutung des Verschuldens von Hilfspersonen werde insofern relativiert, als
verschiedene Aufgaben wie Fristenwahrung, Arbeitsorganisation usw. zu den nicht
delegierbaren Aufgaben eines Rechtsanwalts gehörten und somit auch die Einrede der
gehörigen Auswahl, Instruktion und Überwachung nicht greife (vgl. N.J. Frei, in: Berner
Kommentar zum schweizerischen Privatrecht, Schweizerische Zivilprozessordnung,
Band I, Bern 2012, N 29 zu Art. 148 ZPO).
2.3. An diesem Ergebnis würde sich indessen selbst dann nichts ändern, wenn
dem Beschwerdeführer und seinem Rechtsvertreter – wie in der Beschwerde geltend
gemacht wird – das Verhalten der Hilfsperson nicht vollumfänglich zuzurechnen wäre.
Der Beschwerdeführer entschuldigt sich mit dem Hinweis, die Hilfsperson – seine Ex-
Ehefrau – sei sorgfältig ausgewählt, mit dem Schreiben vom 22. August 2014 klar,
korrekt und vollständig instruiert sowie überwacht worden.
Dazu ist vorab festzustellen, dass der Rechtsvertreter den Beschwerdeführer – und
nicht dessen Ex-Ehefrau – mit der Leistung des Kostenvorschusses betraute. Indem er
den Beschwerdeführer mit dem Schreiben vom 22. August 2014 über die Bedeutung
der rechtzeitigen Zahlung des Kostenvorschusses ins Bild gesetzt hat (act. 11-6
Beilage 1), hat er ihn zwar ausreichend instruiert. Jedoch hat er – soweit der
Beschwerdeführer als Hilfsperson des Rechtsvertreters betrachtet werden kann – es
unterlassen, diesen auch ausreichend sorgfältig zu überwachen, indem er sich
rechtzeitig vergewissert hätte, dass der Kostenvorschuss auch tatsächlich geleistet
wurde. Aus der Kopie des Briefes vom 22. August 2014 geht nicht hervor, dass er mit
eingeschriebener Post zugestellt wurde. Sollte der Brief nicht eingeschrieben versandt
worden sein, war dem Rechtsvertreter auch nicht bekannt, ob der Beschwerdeführer
den Brief tatsächlich erhalten hat. Der Rechtsvertreter macht auch nicht geltend, er
habe sich beim Beschwerdeführer danach erkundigt. Eine Überwachung der
Einhaltung der Frist wäre zudem deshalb angezeigt gewesen, weil der verschuldete
Beschwerdeführer dem Rechtsvertreter als unzuverlässiger Zahler bekannt sein
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musste. Der Rechtsvertreter macht sodann nicht geltend, er habe – als er dem
Beschwerdeführer am 22. August 2014 Rechnung und Einzahlungsschein zustellte –
gewusst, dass dieser die Leistung des Kostenvorschusses seiner Ex-Ehefrau, die ihm
als zuverlässig bekannt gewesen sei, überlassen werde. Abgesehen davon wird in der
Beschwerde die Behauptung, die Ex-Ehefrau habe auch nach der Scheidung vom
Beschwerdeführer für diesen regelmässig Zahlungen ohne Beanstandungen
ausgeführt, nicht – beispielsweise mit einer entsprechenden Bestätigung durch die Ex-
Ehefrau – belegt. Ebensowenig werden die Umstände geschildert, welche dazu führten,
dass die Ex-Ehefrau den Kostenvorschuss nicht fristgerecht bezahlte. Damit hat der
Rechtsvertreter selbst seine Auffassung einer beschränkten Haftung für das Verhalten
von Hilfspersonen nicht ausreichend belegt.
2.4. Zusammenfassend ergibt sich, dass das Verschulden des Rechtsvertreters an
der Säumnis schwer wiegt und deshalb auch eine allfällige – konkludente –
Zustimmung des Migrationsamtes eine Wiederherstellung der Frist zur Leistung des
Kostenvorschusses nicht zulassen würde. Dementsprechend erweist sich der
angefochtene Entscheid der Vorinstanz vom 17. November 2014 im Ergebnis als
richtig. Die Beschwerde ist deshalb abzuweisen.
3. (...).