Decision ID: 164e4c91-446f-44d1-a796-d59cf5c8f9e1
Year: 2022
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
1.1
X._
, geboren 1967,
bezieht
seit
April 2001
eine Invalidenrente (vgl. Urk.
12/
A, Verfügung vom 1
0.
Januar 2003)
. Am
1
3.
Januar 2003
wurde er
beim Amt für Zusatzleistungen zur AHV/IV der Stadt Zürich (nachstehend: AZL) zum Bezug von Zusatzleistungen angemeldet
(Urk.
12/
6).
In der Folge bezog er
rück
wirkend
ab
April 2002
Zusatzleistungen
(vgl.
Urk.
24/V1, Urk. 12/154)
.
1.2
Mit Verfügung vom 3
1.
August 2016 (
Urk. 12/
V53
) forderte das AZL
vom
Ver
sicherten
für den Zeitraum
vo
n
1.
September 2009 bis
30.
September 2015 Fr.
70'310.--
zurück, wogegen
der
Versicherte am 2
8.
September 2016 Einsprache
erhob
(Urk.
12/
162).
Am 6.
Oktober 2016 (Urk.
12/
163) reichte
das AZL
Straf
anzeige gegen den Versicherten ein.
Mit Einstellungsverfügung vom 2
3.
Mai 2017 stellte die Staatsanwaltschaft Zürich - Limmat das Strafverfahren gegen den Versicherten ein (Urk.
12/
206).
Mit Verfügung vom 3
1.
März 2020 (Urk.
12/
V68, Urk. 3/2) bemass
das AZL
den Leistungsanspruch des Versicherten mit Wirkung ab September 2009 bis August 2011 neu.
M
it
Einspracheentscheid
vom 31. März 2020
forderte das AZL
in teil
weiser Gutheissung der Einsprache für die Zei
t vom
1.
September 2011 bis 30.
September 2015
Fr. 29'674.-- vom
Versicherten
zurück
(
Urk.
12/
V
67 =
Urk. 2).
2.
Der Versicherte erhob am 20. Mai 2020
Beschwerde gegen den
Einsprache
entscheid
vom
31. März 2020
(
Urk.
2) und
die Verfügung vom selben Datum (Urk. 3/2) und
beantragte,
diese seien
aufzuheben und
es sei von einer Rück
erstattungsforderung infolge Verwirkung abzusehen. Eventuell sei die Sache an die Vorinstanz zur neuen Berechnung der Rückerstattung unter Berücksichtigung der V
erwirkungsfrist zurückzuweisen
(Urk. 1 S. 2
). Mit Beschwerdeantwort vom
3. September 2020
(Urk.
11
) beantragte die Beschwerdegegnerin die Abweisung der Beschwerde,
was dem Beschwerdeführer
mit Verfügung vom
22.
September 2020
zur
Kenntnis gebracht wurde (Urk. 13
).
Mit derselben Verfügung
wurde dem Beschwerdeführer
antragsgemäss (vgl. Urk. 1 S. 2)
die
unentgeltliche Rechts
vertret
ung
für das vorliegende Verfahren
gewährt
.
Mit V
erfügung
vom 24.
Juni 2021 (Urk. 15)
wurde die Beschwerdegegnerin ersucht, weitere
Unterlagen
einzu
reichen. Mit V
erfügung vom 16.
Juli 2021 (Urk. 21) wurde die Beschwerde
gegnerin ersucht, nähere Angaben zum Rückforderungsbetrag zu machen und weitere Unterlagen einzureichen. Die entsprechende Stellungnahme (Urk. 23)
wurde dem Beschwerdeführer am 2. September 2021 zur Kenntnis gebracht (Urk. 25).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Der Bund und die Kantone gewähren Personen, welche die gesetzlichen Voraus
setzungen nach
Art.
4-6
des Bundesgesetzes über Ergänzungsleistungen zur Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenversicherung (ELG)
erfüllen, Zusatz
leistungen zur Deckung ihres Existenzbedarfs (
Art.
2
Abs.
1 ELG; §
§
1, 13 und 20
Abs.
1 des Gesetzes des Kantons Zürich über die Zusatzleistungen zur Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenversicherung, ZLG).
Dabei entspricht die jährliche Ergänzungsleistung dem Betrag, um den die anerkannten Ausgaben die anrechenbaren Einnahmen übersteigen (
Art.
9
Abs.
1 ELG). Die anrechenb
aren Einnahmen werden nach Art.
11 ELG berechnet.
1.2
Zu den anrechenbaren Einnahmen gehören
nach
Art.
11
Abs.
1 ELG, in der bis 3
1.
Dezembe
r 2020 gültig gewesenen Fassung, unter anderem zwei Drittel der Erwerbseinkünfte, soweit sie bei alleinstehenden Personen jährlich
Fr.
1'000.-- und bei Ehepaaren
Fr.
1'500.-- übersteigen (
Art.
11
Abs.
1
lit
. a ELG).
1.3
Unrechtmässig bezogene Leistungen sind gemäss
Art.
1
Abs.
1
ELG
in Ver
bindung mit
Art.
25
Abs.
1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (A
TSG) zurückzuerstatten (Satz 1).
Die Unrechtmässigkeit des Bezugs von Ergänzungsleistungen ergibt sich dadurch, dass die Berechnungsgrundlagen rückwirkend angepasst werden und aus der Neuberechnung ein tieferer Anspruch resultiert als ursprünglich ausgerichtet (
Carigiet
/Koch, Ergänzungsleistungen zur AHV/IV,
3.
Auflage, Zürich/Basel/Genf
20
21
, S.
134
).
Die Pflicht zur Rückerstattung unrechtmässig bezogener Leistungen besteht un
abhängig von einem allfälligen Verschulden. Selbst ein der Verwaltung zuzu
rechnender Fehler ändert nichts an der Rückerstattungspflicht (Müller, Rechtsprechung des Bundesgerichts zum ELG,
3.
Auflage 2015,
Rz
8 zu
Art.
25 ATSG; Urteil des Bundesgerichts P 63/2004 vom
2.
Februar 2006 E. 2.2.3). Bei der Neuberechnung der Ergänzungsleistungen zur Ermittlung des Rück
erstattungsbetrages ist von den Verhältnissen auszugehen, wie sie im Rückerstattungszeitraum tatsächlich bestanden haben. Namentlich sind alle
anspruchsrelevanten Tatsachenänderungen zu berücksichtigen (BGE 138 V 298 E. 5, 126 V 23 E. 4b, 42 E. 2b, 122 V 19 E. 5 und E. 5c; Urteil des Bundesgerichts P 63/02 vom
8.
Mai 2003 E. 3.3). Ob ein Leistungsbezug unrechtmässig ist, beurteilt sich nach der Sach- und Rechtslage, die zur Zeit der Ausrichtung der zurückzufordernden Leistung bestand (Müller, a.a.O.,
Rz
10 zu
Art.
25 ATSG).
1.
4
Die Rückforderung rechtskräftig verfügter Leistungen durch die Verwaltung ist nur unter den für die Wiedererwägung oder die prozessuale Revision mass
gebenden Voraussetzungen zulässig (BGE 126 V 23 E. 4b, 46 E. 2b, je mit Hin
weisen). Mit der Wiedererwägung kann die Verwaltung auf eine formell rechts
kräftige Verfügung, die nicht Gegenstand materieller richterlicher Beurteilung gebildet hat, zurückkommen, wenn diese zweifellos unrichtig und ihre Berichtigung von erheblicher Bedeutung ist (
Art.
53
Abs.
2 ATSG). Sodann ist die Verwaltung im Rahmen einer prozessualen Revision verpflichtet, auf eine formell rechtskräftige Verfügung zurückzukommen, wenn neue Tatsachen oder neue Beweismittel entdeckt wurden, die geeignet sind, zu einer anderen rechtlichen Beurteilung zu führen. Unter diesen Voraussetzungen können zu Unrecht bezogene Ergänzungsleistungen zurückgefordert werden (vgl. auch Müller, a.a.O., S. 354 sowie
Kieser
, ATSG-Kommentar,
4.
Auflage, Zürich/Basel/Genf 2020,
Art.
53
Rz
19 ff.).
1.5
Ge
mäss
Art.
25
Abs.
2 ATSG erlischt der Rückforderungsanspruch mit dem Ab
lauf eines Jahres, nachdem die Versicherungseinrichtung davon Kenntnis er
halten hat, spätestens aber mit dem Ablauf von fünf Jahren nach der Entrichtung der einzelnen Leistung.
Wird der Rückerstattungsanspruch aus einer strafbaren Handlung hergeleitet, für welche das Strafrecht eine längere Verjährungsfrist vor
sieht, so ist diese Frist massgebend.
1.6
Bei diesen Fristen handelt es sich um Verwirkungsfristen, die immer und von Amtes wegen zu berücksichtigen sind (BGE 133 V 582 E. 4.1; 128 V 12 E. 1). Für den Beginn der relativen einjährigen Verwirkungsfrist sind nicht das erstmalige unrichtige Handeln und die daran anknüpfende unrechtmässige Leistungs
ausrichtung massgebend. Abzustellen ist auf jenen Tag, an dem die Verwaltung später bei der ihr gebotenen und zumutbaren Aufmerksamkeit den Fehler hätte erkennen müssen und dass die Voraussetzungen für eine Rückerstattung bestehen
(BGE 122 V 274 f. E. 5a und 5b/
aa
; SVR 2002 IV Nr. 2, I 678/00, E. 3b). Mass
gebend für den Beginn der absoluten Frist von fünf Jahren ist der tatsächliche Bezug der einzelnen Leistung.
1.7
Bei der Beurteilung einer Rückforderung unrechtmässig bezogener Sozial
versicherungsleistungen haben die Rechtsanwendenden beziehungsweise die kantonalen Versicherungsgerichte zu prüfen, ob sich die Rückforderung aus einer strafbaren Handlung herleitet.
Liegt bereits ein verurteilendes oder frei
sprechendes Strafurteil vor, so ist die über den Rückforderungsanspruch befindende Behörde daran gebunden. Dasselbe gilt für eine Einstellungs
verfügung der zuständigen strafrechtlichen Untersuchungsbehörden, wenn sie die gleiche definitive Wirkung wie ein freisprechendes Urteil hat.
Fehlt es indessen an einem Strafurteil, haben die Verwaltung und gegebenenfalls das Sozial
versicherungsgericht vorfrageweise selber darüber zu befinden, ob sich die Rück
forderung aus einer strafbaren Handlung herleite und der Täter dafür strafbar wäre. Dabei gelten die gleichen beweisrechtlichen Anforderungen wie im Straf
verfahren, so dass der sonst im Sozialversicherungsrecht geltende Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit nicht ausreicht (BGE 138 V 74 E. 6.1, 140 IV 206 E. 6.2).
1.8
Im Bereich der Ergänzungsleistungen kommen als Straftaten, für welche eine längere strafrechtliche Verwirkungsfrist gilt, in erster Linie die Straftatbestände von
Art.
143 des Schweizerischen Strafgesetzbu
chs (StGB; Betrug) und von Art.
31 ELG
(
unwahre und unvollständige Angaben, Verletzung einer Melde
pflicht) in Betracht (BGE 140 IV 206 E. 6.3).
Wenn der Straftatbestand gemäss
Art.
31 ELG erfüllt ist, verlängert sich die Ver
wirkungsfrist auf sieben Jahre (
Art.
97
Abs.
1
lit
. d StGB), wenn der Straftat
bestand Betrug erfüllt ist auf 15 Jahre (
Art.
97
Abs.
1
lit
. b StGB).
1.9
Gemäss
Art.
31
Abs.
1 ATSG haben die Bezügerinnen und Bezügern, ihre Angehörigen oder Dritte, denen die Leistung zukommt, jede wesentliche Än
derung in den für eine Leistung massgebenden Verhältnissen dem Versicherungs
träger oder dem jeweils zuständigen Durchführungsorgan zu melden.
Art.
24
der Verordnung über Ergänzungsleistungen zur Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenversicherung (ELV)
konkretisiert die Meldepflicht von
Art.
31
Abs.
1 ATSG. Danach haben die Anspruchsberechtigten, ihre gesetzlichen Vertreter oder gegebenenfalls Drittperson oder Behörden, welchen eine Ergänzungsleistung ausbezahlt wird, der kantonalen Durchführungsstelle von jeder Änderung der persönlichen und von jeder ins Gewicht fallenden Änderung der wirtschaftlichen Verhältnisse unverzüglich Mitteilung zu machen. Diese
Meldepflicht erstreckt sich auch auf Veränderungen, welche bei an der Ergänzungsleistung beteiligten Familiengliedern der Bezugsberechtigten ein
treten.
1.10
Der Kanton Zürich kennt neben den bundesrechtlich geregelten Ergänzungs
leistungen Beihilfen (
§
1
Abs.
1
lit
. b ZLG).
Nach
§
19 ZLG sind rechtmässig bezogene Beihilfen unter anderem dann in der Regel zurückzuerstatten, wenn bisherige oder frühere Bezügerinnen und Bezüger in günstige Verhältnisse gekommen sind (
Abs.
1
lit
. a). Über die Rückerstattung zu Unrecht bezogener kantonaler Leistungen
e
nt
hält
das ZLG keine Bestimmung, was indessen nicht etwa den Weg frei macht für die (sinngemässe) Anwendung von
Art.
25
Abs.
1 ATSG. Gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung ist
§
19 ZLG a
fortiori
viel
mehr auch auf zu Unrecht bezogene Leistungen anwendbar (Urteil des Bundes
gerichts 9C_305/2
012 vom
6.
August 2012 E. 3.2). Rückerstattungsansprüche verjähren nach Ablauf von fünf Jahren, seitdem
das
mit der Durchführung betraute Organ von ihrem Entstehen Kenntnis erhalten hat, in jedem Fall aber nach Ablauf von zehn Jahren seit der letzten Beihilfezahlung (
§
19
Abs.
4 ZLG).
2
.
2.1
Die Beschwerdegegnerin begründete ihren
Einspracheentscheid
(
Urk.
2) damit, dass
die Staatsanwaltschaft Zürich-Limmat mit Entscheid vom 2
3.
Mai 2017 das eröffnete Untersuchungsverfahren wieder beendet habe, in der Erwägung, dass es am Strafbedürfnis fehle, nachdem
Schuld
und Tatfolgen gering seien. Diese rechtskräftige Einstellungsverfügung
komme einem freisprechenden
End
entscheid gleich.
Auch im Anschluss, seit Juni 2017, sei das Verfahren nicht wiederaufgenommen worden. In Anwendung von
Art.
25
Abs.
2 Satz 1 ATSG sei also die Wiedererwägung von Leistungsperioden für die Zeit vor dem 1
3.
August 2011 nicht zulässig gewesen (Verwirkung). Ansonsten habe sich am festgestellten Sachverhalt zur Rückforderung nichts geändert und
insbesondere seien die ange
rechneten Einkünfte für die Zeit von
1.
September 2011 bis 3
0.
September 2015 auch im Rahmen des Ermittlungs- und Untersuchungsverfahrens keineswegs widerlegt worden. Deshalb sei im Ergebnis die Rückerstattungsforderung auf die Zeit von
1.
September 2011 bis 3
0.
September 2015 zu beschränken und die Rückerstattungsverfügung in teilweiser Gutheissung der Einsprache zu senken (S.
1.
f.).
2.2
Der Beschwerdeführer machte in seiner Beschwerde (Urk. 1) geltend,
dass es sich bei der absoluten Frist von 5 Jahren gemäss
Art.
25 ATSG um eine Verwirkungs
frist handle und die Rückerstattungsforderung folglich grösstenteils bis auf ein
paar hunderte von Franken verwirkt sei (S. 3 f. Ziff. 6 f.).
Komme das Gericht wider Erwarten zum Schluss, dass Leistungen aus den Monaten Mai bis September 2015 noch geschuldet seien, werde dieses ersucht, die Sache an die Vorinstanz zur neuen Berechnung des Rückforderungsanspruchs, unter Berücksichtigung der fünfjährigen absoluten Verwirkungsfrist, zurückzuweisen (S. 4 Ziff. 8).
2.3
Strittig und zu prüfen ist die verfügte Rückforderung
der
Ergänzungsleistungen für die Monate
September 2011 bis September 201
5.
3.
3.1
Den Akten lässt sich entnehmen, dass
die Beschwerdegeg
nerin am
6.
Oktober 2016 bei den
Staatsanwaltschaft
en
Zürich
Strafanzeige gegen den Beschwerde
führer wegen
Verdachts des Vergehens gegen das ELG erstattete (Urk.
12/
163).
Darin führte die Beschwerdegegnerin aus, dass
weder im Gesuch um Zusatz
leistungen vom 21. Februar 2003 noch in den Revisionen vom 9. Juni 2004 und 6. Februar 2009 Erwerbseinkommen deklariert worden sei. Sie habe am 19.
März 2010 die Mitteilung erhalten, dass der Beschwerdeführer eine Erwerbs
tätigkeit aufgenommen habe.
Zu den konkreten Erwerbeinkünften lägen Kontoauszüge eines Sparkontos vor, auf welche das Einkommen zumindest teilweise geflossen zu sein scheine. Aus den Auszügen des individuellen Kontos sei jedoch ersicht
lich, dass die Arbeitgeberin gegenüber der zuständigen Ausgleichskasse der Sozialversicherungsanstalt Zürich
ein
nochmals deutlich höheres,
AHV-pflichtiges Einkommen deklariert habe (S. 2). Der Hintergrund für die grossen Differenzen zwischen eingereichten Lohnausweisen und den durch die Arbeit
geberin ausgewiesenen
Bruttolöhnen sei ungeklärt (S. 3
).
3.2
Mit
Einstellungsverfügung
vom
23. Mai
2017
(Urk.
12/
206)
stellte die Staats
anwaltschaft Zürich - Limmat das
gegen den Beschwerdeführer wegen Vergehen gegen das ELG durchgeführte Strafverfahren
ein
.
Die Staatsanwaltschaft führte
in der Einstellungsverfügung
aus, dass der Beschwerdeführer im Rahmen der staatsanwaltschaftlichen Einvernahme angegeben habe, nie die Absicht gehabt zu haben, das
AZL
zu hintergehen. Er habe aber unregelmässige Lohnzahlungen erhalten, weshalb er immer wieder in finanzielle Engpässe geraten sei. Er habe im Voraus auch nicht gewusst, wieviel er im Monat verdienen würde und auch keine monatlichen Lohnabrechnungen vom Arbeitgeber erhalten. Dadurch habe er die Kontrolle verloren, weil er jeweils die Unterlagen seines Arbeitgebers nicht oder nicht rechtzeitig erhalten habe. Deshalb habe er die Erklärungen immer gleich ausgefüllt. Es könne letztlich offengelassen werden, ob der Beschwerde
führer durch dieses Verhalten die ihm obliegende Meldepflicht verletzt habe
(
Art.
31
Abs.
1
lit
. d ELG) oder sich allenfalls wegen einer Übertretung des ELG zu verantworten habe, da es am Strafbedürfnis fehle, nachdem
Schuld
und Tat
folgen geringfügig seien (
Art.
52 StGB), zumal sich der Beschwerdeführer auf
grund seiner körperlichen und psychischen Konstitution in einer belastenden Situation befunden habe (
S. 2
).
Wie berei
ts ausgeführt (vorstehend E. 1.7
), haben b
ei der Beurteilung einer Rück
forderung unrechtmässig bezogener Sozialversicherungsleistungen die
EL-Durchführungsstelle
beziehungsweise
das
zuständige
Versicherungsgericht zu prüfen, ob sich die Rückforderung aus einer strafbaren Handlung herleitet.
Liegt bereits ein verurteilendes oder freisprechendes Strafurteil vor, so ist die über den Rückforderungsanspruch befindende Behörde daran gebunden. Dasselbe gilt für eine Einstellungsverfügung der zuständigen strafrechtlichen Untersuchungs
behörden, wenn sie die gleiche definitive Wirkung wie ein freisprechendes Urteil hat.
Nachdem die Staatsanwaltschaft Zürich-Limmat das Strafverfahren gegen den Beschwerdeführer eingestellt hat
,
steht
vorliegend
fest, dass keine strafbare Handlung vorliegt. Damit kommt keine längere strafrechtliche Verwirkungsfrist im Sinne von
Art.
25
Abs.
2 zweiter Satz ATSG
(vgl. vorstehend E. 1.5
)
sondern die
absolute fünfjährige Verwirkungsfrist
zur Anwendung.
Der
mit Verfügung
vom
3
1.
August 2016 (
Urk.
12/
V53)
geltend gemachte Rück
forderungsanspruch
hinsichtlich der zu viel ausgerichteten Ergänzungsleistungen in der Zeit vom
1.
September 2009 bis 3
0.
September 2015
von
Fr.
70'310.--
erweist sich somit für die Zeit vor dem 3
1.
August 2011 als verwirkt, wie die Beschwerdegegnerin im vorliegend angefochtenen
Einspracheentscheid
erkannte und entsprechend korrigierte.
Was die Ergänzungsleistungen vom 1. September 2011 bis 3
0.
September 2015 anbelangt, ist die fünfjährige Verwirkungsfrist gewahrt, wurde die Rückforderung am 3
1.
August 2016 und somit vor Ablauf von fünf Jahren seit der Auszahlung der streitigen Leistungen verfügt.
Der Beschwerdeführer
machte
geltend, dass es sich bei der absoluten Frist von 5 Jahren gemäss
Art.
25 ATSG um eine Verwirkungsfrist handle und die Rück
erstattungsforderung folglich grösstenteils bis auf ein paar hunderte von Franken verwirkt sei
(vorstehend E. 2.2)
.
Dabei verkennt er, dass sich der
Einsprache
entscheid
auf die Rückerstattungsverfügung vom 3
1.
August 2016 (Urk. 12/53) und nicht auf die Verfügung vom 31. März 2020 betreffend Zusatzleistungen
bezieht
(
Urk. 12/V68 =
Urk. 3/2). Letztere Verfügung hat keine Bewandtnis für die vorliegend zentrale Frage der Verjährung.
Die
Beschwerdegegnerin
ging
in der Rückerstattungsverfügung vom 3
1.
August 2016 noch davon aus
,
dass die vom
1.
September 2009 bis 31.
August 2011 ausgerichteten Leistungen nicht ver
jährt seien
(vgl. Urk. 12/53
),
und berechnete mit einer Verfügung vom selben Datum die Zusatzleistungen ab September 2009 neu (
vgl.
Urk. 12/5
2
). In der Folge kam sie im
Einspracheentscheid
vom 3
1.
März 2020 zum gegenteiligen Schluss. Folglich
berechnete sie mit Verfügung vom 3
1.
März 2020 betreffend Zusatz
leistungen den Anspruch auf Zusatzleistungen von Sept
ember 2009 bis August 2011 neu (
Urk.
3/2)
. Zentral ist der Erlass einer Rückerstattungsverfügung innert fünf Jahren nach der Entrichtung der einzelnen Leistung.
Und diese Frist wurde vorl
iegend wie
dargelegt
eingehalten
.
3.
3
Betreffend relative Verwirkungsfrist geht aus den Akten hervor, dass d
ie Beschwerdegegnerin mit Schreiben vom 1
8.
März 2010 vom damaligen Beistand des Beschwerdeführers darüber informiert
wurde
, dass der Beschwerdeführer seit Januar 2010 stundenweise bei der
Y._
GmbH
arbeite (Urk.
18/68).
Es wurden Lohnabrechnungen von Januar und Februar 2010 (Urk. 18/68a) ein
gereicht, aus welchen ein Bruttolohn vo
n Fr. 1'041.60 (Januar) und Fr.
1
’
009.10 (Februar) hervorgeht. Aus einer Lohnabrechnung, welche am
5.
April 2011 bei der Beschwerdegegnerin eingegangen ist (Urk. 18/79), geht ein Bruttolohn von
Fr.
12'130.40 im Jahr 2010 hervor.
Am
1.
Februar 2012 leitete die Beschwerdegegnerin eine periodische Überprüfung ein (Urk. 18/87).
Der Beschwerdeführer
gab
in der Folge
an, monatlic
h einen Bruttoverdienst von Fr.
960.70 zu erzielen (Urk. 18/88)
und reichte einen Lohn
ausweis
der
Y._
GmbH
für das
Jahr 2011 ein
(Urk. 18/92)
, aus welchem ein Bruttoverdien
s
t von Fr.
12'260.
70 hervorgeht
.
Die Beschwerdegegnerin hatte
zu diesem Zeitpunkt
keine Veranlassung, nähere Abklärungen zu tätigen.
So stimmten
die Angaben des Beschwerdeführers zur Höhe seines Einkommens und die in den Lohnabrechnungen und Lohnausweisen genannten Einkommen un
gefähr
überein
.
Die Beschwerdegegnerin
leitete eine
weitere
periodische Überprüfung am 27. März 2015 ein (Urk.
12/
110),
und
erhielt
(
erst nach mehr
maligen Aufforderungen des Beschwerdeführers
)
bis Ende August 2015 die meisten Unterlagen
(unter anderem Lohnausweise 2012 bis 2014, woraus ein Bruttolohn von jeweils rund
Fr.
12'000.-- hervorgeht, vgl. Urk. 12/115-115b)
.
Daraufhin holte d
ie Beschwerdegegnerin
einen IK-Auszug ein (Urk. 12/123) und teilte dem Beschwerdeführer am 2
9.
September 2015 mit, dass die Prüfung des IK-Auszuges erhebliche Differenzen zwischen den von ihm vorgelegten Lohn
ausweisen und den von
Y._
GmbH gemeldeten Einkommen der vergangenen Jahre ergeben habe.
Die Beschwerdegegnerin
konnte
damit
frühestens mit dem im September 2015 eingegangenen IK-Auszug (Urk. 12/123 f.)
Kenntnis
von
der unrechtmässigen Leistungsausrichtung
erlangen.
Die relative Verjährungsfrist
hat damit frühestens
im September 2015 zu laufen begonnen.
Die Beschwerdegegnerin
machte mit
V
erfügung
vom
31.
August 2016 (Urk.
12/V
53) ihren Rückforderungsanspruch geltend, und hielt die relative einjährige Verwirkungsfrist im Sinne von
Art.
25
Abs.
2 ATSG
(vgl. vorstehend E. 1.5)
somit
u
nbestrittenermassen
ein
.
3.
4
Zu prüfen bleibt
die Höhe
und Zusammensetzung
des Rückforderungsbetrags von Fr. 29'674.--.
Ursprünglich forderte die
Beschwerdegegnerin
mit Rückerstattungsverfügung vom 3
1.
August 2016
für den Zeitraum
von September 2009 bis September 2015
folgende Leistungen
zurück (Urk. 12/V53):
-
Ergänzungsleistungen
Fr. 50'651.--
-
Beihilfe Fr. 3'800.--
-
Gemeindezuschüsse
Fr. 14'659.--
-
Zwischentotal Fr. 69'110.--
-
Einmalzulagen
Fr.
1
’
200
.--
-
Total
Fr.
70
’
310.--.
Mit
Einspracheentscheid
vom 31.
März 2020
hiess das AZL die Einsprache
teil
weise
gut und forderte
erst ab
1. September 2011 bis 30.
September 2015
Leistungen (
Fr.
29'674.--
)
vom Versicherten zurüc
k (Urk. 12/
V67 =
Urk.
2).
Dieser
Betrag setze sich wie folgt zusammen
(
Urk. 12/
V68)
:
Die Beschwerdegegnerin
berechnete mit Verfügung vom 3
1.
März 2020 zunächst den Anspruch
von September 2009 bis August 2011
neu und kam zum Schluss, in dieser Zeit
habe ein Anspruch auf Leistungen (Ergänzungsleistungen inklusive Prämienverbilligungen, Beihilfe und Gemeindezuschüsse)
in der Höhe von Fr. 63'796.-- bestanden:
-
Ergänzungsleistungen
-
September bis Dezember 2009
:
4 x
Fr.
2
'
777
.--
=
Fr.
11'108
.--
-
Januar bis Dezember 2010
:
12 x 2027 =
Fr.
24'324
.--
-
Januar bis April 2011
:
4 x 3'113.-- =
Fr.
12'452.--
-
Mai bis August 2011
:
4 x 967 =
Fr.
3'868.--
-
Zwischentotal
=
Fr.
51’752.--
-
Prämienverbilligung
en:
-
September bis Dezember 2009:
4 x
Fr.
351
.--
=
Fr.
1
'
404
.--
-
Januar bis Dezember 2010
:
12 x
Fr.
379
.--
=
Fr.
4
’
548
.--
-
Januar bis April 2011
:
4 x 403 =
Fr.
1
’
612
.--
-
Mai bis August 2011
:
4 x 403 =
Fr.
1
’
612.--
-
Zwischent
otal =
Fr.
9
'
176
.--
-
Beihilfe
n:
-
Mai bis August 2011
:
4 x
Fr.
202
.--
=
Fr.
808
.--
-
Gemeindezu
schüsse
-
Mai bis August 2011
:
4 x
Fr.
515
.--
=
Fr.
2
'
060
.--
-
Total Fr.
63
'
796
.-- (zuzüglich Einmalzulagen: Fr.
1'200.--
,
Total Fr.
64'996.--
)
Bei der Rückforderung von 2016 kam die Beschwerdegegnerin noch zum Schluss,
für denselben Zeitraum (
von September 2009 bis August 2011
)
habe ein Anspruch auf Leistungen (Ergänzungsleistungen inklusive Prämienverbilligungen, Beihilfe und Gemeindezuschüsse) von
nur
Fr.
23’160
.-- bestanden.
-
Ergänzungsleistungen
-
September bis Dezember 2009: 4 x
Fr.
1733
.-- = Fr.
6’932
.--
-
Januar bis Dezember 2010
:
12 x
Fr. 745
= Fr.
8’940
.--
-
Januar bis April 2011
:
4 x
Fr. 1'822
.-- = Fr.
7’288
.--
-
Mai bis August 2011
:
Fr.
0
.--
-
Zwischentotal = Fr.
23’160
.--
-
Prämienverbilligungen:
-
-
Beihilfen:
-
-
Gemeindezu
schüsse: -
-
Total Fr. 23’160.--
Folglich brachte die Beschwerdegegnerin von einem neuen Anspruch von
Fr. 63'796.-- den alten Anspruch von Fr. 23’160
.-- in Abzug, womit eine Nach
zahlung
von
Fr.
40'636.-- resultierte. Vom ursprünglichen Rückforderungsbetrag von
Fr.
69'110.-- zuzüglich Einmalzulagen 1200.--, somit
Fr.
70’310.--
,
zog sie die Nachzahlung von Fr. 40'636.-- ab, womit eine
Rückforderung von
Fr.
29'674.--
resultierte.
Der errechnete Rückforderungsbetrag erweist sich damit als korrekt.
Dieser Rückforderungsbetrag setzt sich
somit
wie folgt zusammen:
-
Ergänzungsleistungen
Fr.
12'883.--
(Fr. 50'651.-- abzüglich
Fr.
37'768.-- [
Fr. 51’752.--
+
Fr. 9'176
.-- - Fr. 23’160.--]
-
Beihilfen: Fr. 2'992.-- (Fr.
3'800.-- abzüglich Fr. 808.--)
-
Gemeindezuschüsse Fr.
12’599.--
(Fr.
14'659.-- abzüglich
Fr.
2'060.--)
-
Einmalzulagen
Fr.
1
’
200.--
3.5
Eine Rückforderung der zu viel entrichteten kantonalen Beihilfen
von vorliegend Fr. 2'992.--
würde in Anwendung von
§
19
Abs.
1
lit
. a ZLG bedingen, dass
der
bisherige oder frühere Bezüger
in günstige Verhältnisse gekommen ist (vor
stehend E. 1.8). Dies wird seitens der Beschwerdegegnerin zu Recht nicht geltend gemacht, war doch
der Beschwerdeführer
im Zeitpunkt des angefochtenen
Ein
spracheentscheids
nach wie vor Bez
üger von Zusatzleistungen (Urk. 12/V66
).
3.6
Aufgrund des G
esagten ist der angefochtene
Einspracheentscheid
vom 3
1.
März 2020 in
teilweiser Gutheissung der Beschwerde
insoweit abzuändern
, als fest
gestellt wird, dass
kein Rückforderungsanspruch
in Bezug auf die
ausgerichteten
kantonalen Beihilfen von
Fr.
2'992.
--
besteht
. Im weiteren Umfang
i
st
die Beschwerde ab
zuweisen
. Der
Rückforderungsanspruch
betreffend die für die Zeit vom
1.
September 2011 bis 3
0.
September 2015 ausgerichteten Zusatzleistungen reduziert sich damit auf
Fr. 26'682.--.
4.
4.1
Das Verfahren ist kostenlos.
4.2
Mit
Verfügung vom 2
2.
September 2020
(
Urk.
13)
wurde dem Beschwerdeführer die unentgeltliche Rechtsvertretung für das vorliegende Verfahren gewährt.
Die Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers
,
Rechtsanwältin Dina
Raewel
,
reichte am
28. Juni 2021 eine
Honorarnote in Höhe von
Fr.
1'964.60 (Urk. 20
) ein. Der geltend gemachte Aufwand erweist sich als angemessen.
Rechtsanwältin Dina
Raewel
ist daher mit Fr. 1'964.60
(inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer) zu en
tschädigen,
wobei die Beschwerdegegnerin ausgangsgemäss zu verpflichten ist, der unentgeltlichen Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers hiervon
rund
einen
Zehntel,
also
Fr.
200
.--, als reduzierte Prozessentschädigung zu bezahlen. Im weitergehenden Umfang
von Fr. 1'764.60
wird diese aus der Gerichtskasse ent
schädigt.
Der Beschwerdeführer
wird auf
§
16
Abs.
4 des Gesetzes über das Sozial
versicherungsgericht (
GSVGer
) aufmerksam gemacht.