Decision ID: 99904425-59a1-4acc-b27f-87bef56e5dc9
Year: 2022
Language: de
Court: AG_OG
Chamber: AG_OG_008
Canton: AG
Region: Northwestern_Switzerland
Law Area: 

Die Beschwerdekammer entnimmt den Akten:
1.
Die Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau führt gegen A. (nachfolgend: Be-
schwerdeführer) eine Strafuntersuchung wegen des Verdachts auf
schwere, evt. versuchte schwere Körperverletzung (Art. 122 Abs. 2, evt.
i.V.m. Art. 22 Abs. 1 StGB) und Raufhandel (Art. 133 Abs. 1 StGB). Der
Beschwerdeführer wurde am 30. Mai 2022 festgenommen.
2.
2.1.
Die Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau beantragte dem Zwangsmassnah-
mengericht des Kantons Aargau am 31. Mai 2022 die Anordnung von Un-
tersuchungshaft für die vorläufige Dauer von drei Monaten.
2.2.
Mit Stellungnahme vom 1. Juni 2022 stellte der Beschwerdeführer folgende
Anträge:
" 1. Der Antrag auf Untersuchungshaft sei abzuweisen. Herr A. sei per sofort aus der Haft zu entlassen.
2. Eventualiter sei eine Ausweis- und Schriftensperre in Verbindung mit einer Meldepflicht bei der Polizei zu verfügen."
2.3.
Das Zwangsmassnahmengericht des Kantons Aargau erliess am
2. Juni 2022 folgende Verfügung:
" 1. Der Beschuldigte wird einstweilen bis am 29. August 2022 in  versetzt.
2. Der Beschuldigte wird darauf hingewiesen, dass er gemäss Art. 226 Abs. 3 StPO berechtigt ist, jederzeit bei der Staatsanwaltschaft ein  zu stellen."
3.
3.1.
Gegen diese ihm am 3. Juni 2022 zugestellte Verfügung erhob der Be-
schwerdeführer mit Eingabe vom 13. Juni 2022 bei der Beschwerdekam-
mer in Strafsachen des Obergerichts des Kantons Aargau Beschwerde mit
folgenden Anträgen:
- 3 -
" 1. In Gutheissung der Beschwerde sei die Verfügung des  vom 2. Juni 2022 vollumfänglich aufzuheben und Herr A.  aus der Haft zu entlassen.
2. Eventualiter sei eine Ausweis- und Schriftensperre i.V.m. einer  Meldepflicht bei der Polizei anzuordnen.
3. Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zu Lasten des Staates."
3.2.
Mit Beschwerdeantwort vom 16. Juni 2022 beantragte die Staatsanwalt-
schaft Lenzburg-Aarau die Abweisung der Beschwerde unter Kostenfol-
gen.

Die Beschwerdekammer zieht in Erwägung:
1.
Der Beschwerdeführer kann als inhaftierte Person die Verfügung des
Zwangsmassnahmengerichts des Kantons Aargau vom 2. Juni 2022, mit
der seine Untersuchungshaft bis zum 29. August 2022 angeordnet wurde,
mit Beschwerde anfechten (Art. 222 i.V.m. Art. 393 Abs. 1 lit. c StPO). Auf
seine frist- und formgerecht erhobene Beschwerde (vgl. Art. 396 StPO) ist
einzutreten.
2.
Grundsätzlich bleibt eine beschuldigte Person in Freiheit. Sie darf nur im
Rahmen der Bestimmungen der StPO freiheitsentziehenden Zwangsmass-
nahmen unterworfen werden (Art. 212 Abs. 1 StPO). Die Untersuchungs-
haft – als eine der vom Gesetz vorgesehenen freiheitsentziehenden
Zwangsmassnahmen (Art. 197 Abs. 1 lit. a StPO) – ist gemäss Art. 221
Abs. 1 StPO nur zulässig und darf lediglich dann angeordnet oder aufrecht-
erhalten werden, wenn die beschuldigte Person eines Verbrechens oder
Vergehens dringend verdächtigt wird (allgemeiner Haftgrund des dringen-
den Tatverdachts) und zusätzlich ein besonderer Haftgrund vorliegt, also
ernsthaft zu befürchten ist, dass die beschuldigte Person sich durch Flucht
dem Strafverfahren oder der zu erwartenden Sanktion entzieht (Fluchtge-
fahr; lit. a), Personen beeinflusst oder auf Beweismittel einwirkt, um so die
Wahrheitsfindung zu beeinträchtigen (Kollusionsgefahr; lit. b), oder durch
schwere Verbrechen oder Vergehen die Sicherheit anderer erheblich ge-
fährdet, nachdem sie bereits früher gleichartige Straftaten verübt hat (Fort-
setzungsgefahr; lit. c). Haft ist ferner zulässig, wenn ernsthaft zu befürchten
ist, eine Person werde ihre Drohung, ein schweres Verbrechen auszufüh-
ren, wahrmachen (Ausführungsgefahr; Art. 221 Abs. 2 StPO). Freiheitsent-
- 4 -
ziehende Zwangsmassnahmen sind aufzuheben, sobald ihre Vorausset-
zungen nicht mehr erfüllt sind (Art. 212 Abs. 2 lit. a StPO), die von der StPO
vorgesehene oder von einem Gericht bewilligte Dauer abgelaufen ist
(Art. 212 Abs. 2 lit. b StPO) oder Ersatzmassnahmen zum gleichen Ziel
führen (Art. 212 Abs. 2 lit. c und Art. 237 ff. StPO).
3.
3.1.
Die Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau führte in ihrem Haftantrag vom
31. Mai 2022 aus, es habe sich am Abend des 29. Mai 2022, zwischen
23.14 Uhr und 23.25 Uhr auf dem Bahnhofplatz in Aarau eine wechselsei-
tige gewalttätige Auseinandersetzung zwischen mehreren Personen ereig-
net. Beteiligt seien neben dem Beschwerdeführer und seinen zwei Kolle-
gen, B. und C., D. und dessen unbekannter Kollege gewesen. Es sei zwi-
schen dem Beschwerdeführer und D. zunächst zu einer Diskussion gekom-
men. Dabei habe der Beschwerdeführer aus seiner linken Hosentasche ei-
nen Gegenstand hervorgeholt, welchen er aufgeklappt habe. Er habe damit
mit der rechten Hand eine Vorwärtsbewegung in Richtung des Oberkörpers
von D. gemacht. Nach einem gegenseitigen Wegstossen habe der Be-
schwerdeführer D. einen Faustschlag in Richtung des Kopfbereichs ver-
passt und sich danach mit seiner Freundin, E., vom Bahnhofplatz entfernt.
Rund zehn Minuten später sei der Beschwerdeführer in Begleitung der ge-
nannten Kollegen zurückgekehrt und habe D. mit voller Wucht einen Schlag
gegen dessen Kopf verpasst. In der Folge hätten sich die Beteiligten ge-
genseitig Faustschläge und Fusstritte ausgeteilt. Selbst als D. am Boden
gelegen sei, hätten der Beschwerdeführer und B. weiter auf diesen einge-
schlagen. Der Beschwerdeführer habe insgesamt fünf bis sechs Mal mit
seiner rechten Hand bzw. Faust sowie mit seinem Fuss auf D. eingeschla-
gen. D. habe sich durch die Auseinandersetzung auf seiner rechten Wange
eine massive Schnittverletzung zugezogen. Weiter soll er eine Nasenbein-
fraktur erlitten haben. Aufgrund der Videoaufzeichnungen bestünden kon-
krete Hinweise, dass der Beschwerdeführer mit einem scharfen Gegen-
stand, mutmasslich dem sichergestellten Messer, auf D. eingewirkt und ihm
die besagte Schnittverletzung zugefügt habe. Der Verletzungsbefund, d.h.
der Schnittverlauf von unten nach oben sowie die abnehmende Schnitttiefe,
passten zu den vom Beschwerdeführer ausgeführten Schlagbewegungen
mit seiner rechten Hand gegen die rechte Wange von D.. Die Aussagen
anlässlich der Hafteinvernahme vom 31. Mai 2022 seien kaum glaubhaft,
da der Beschwerdeführer angegeben habe, dass er beim ersten Vorfall le-
diglich einen Schlüssel aus seiner Tasche hervorgenommen habe und da-
raufhin wiederum ausgeführt habe, dass er nichts Spezielles bzw. gar
nichts in der Hand gehalten habe. Der dringende Tatverdacht sei hinsicht-
lich der schweren Körperverletzung sowie des Raufhandels zu bejahen.
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Der Beschwerdeführer sei Staatsangehöriger von Q. und dort geboren und
aufgewachsen. Er habe nur noch zu einer Tante Kontakt, welche in Pakis-
tan wohnhaft sei. In der Schweiz sei er seit vier bis fünf Jahren vorläufig
aufgenommen und führe eine Liebesbeziehung zu E.. Er gehe keiner Ar-
beitstätigkeit nach, weshalb sein Zimmer in P. von der Gemeinde finanziert
werde. Beim Betreibungsamt seien Betreibungen in Höhe von Fr. 4'000.00
verzeichnet. Er sei bereits mehrfach wegen Diebstahls und mehrfachen
Hausfriedensbruchs vorbestraft und neige dem Konsum von Alkohol sowie
Kokain zu. Im Falle einer gerichtlichen Verurteilung insbesondere wegen
des Tatvorwurfs der schweren Körperverletzung habe er nicht nur mit einer
einschneidenden Freiheitsstrafe, sondern auch mit einer obligatorischen
Landesverweisung zu rechnen. Angesichts der geschilderten instabilen Le-
benssituation bzw. der kaum vorhandenen Verwurzelung in der Schweiz
stellten die drohenden Sanktionen ausreichend Anreize dar, um sich dem
Strafverfahren durch Flucht zu entziehen. Bereits das Nachtatverhalten
zeige, dass der Beschwerdeführer nicht bereit sei, die Verantwortung für
sein Handeln zu tragen: als er festgestellt habe, dass D. im Gesicht stark
geblutet habe, sei er in das von seinem Kollegen angemietete Hotelzimmer
im S. geflüchtet. Damit sei seine Fluchtbereitschaft erstellt. Gesamthaft
müsse die Fluchtgefahr bejaht werden.
3.2.
In seiner Stellungnahme führte der Beschwerdeführer aus, er bestreite
nicht, dass es zu Auseinandersetzungen mit D. gekommen sei und er die-
sem Faustschläge und Fusstritte verpasst habe. Er bestreite jedoch den
Einsatz eines Messers. Es sei auf den Videoaufnahmen nicht klar erkenn-
bar, dass er ein Messer in der Hand gehalten habe. Hingegen sei ersicht-
lich, dass B. in seine Tasche gegriffen und D. ins Gesicht geschlagen habe.
Es sei durchaus plausibel, dass dieser D. die Verletzungen zugefügt habe.
Der dringende Tatverdacht bestehe nur hinsichtlich des Raufhandels.
In Bezug auf die Fluchtgefahr führte der Beschwerdeführer aus, es gebe
aus der Vergangenheit keinen Hinweis darauf, dass er sich durch Flucht
einem Verfahren entzogen hätte. Er suche derzeit eine neue Stelle, was
ihm aufgrund seiner guten Deutschkenntnisse auch gelingen werde. Er
pflege zudem seit zweieinhalb Jahren eine Beziehung mit einer Schweize-
rin. Er kenne die Eltern und pflege gerade zur Mutter einen sehr guten Kon-
takt, sie stelle für ihn eine Ersatzmutter dar. Nach Q. pflege der Beschwer-
deführer keine Kontakte mehr und eine Rückkehr sei aufgrund der Macht-
übernahme der F. keine Option. Die Tante, zu welcher er noch Kontakt
pflege, lebe in Pakistan. Der Beschwerdeführer verfüge weder in der
Schweiz noch in einem anderen Land über die Möglichkeit, sich zu verste-
cken. Zudem wolle er seinen Aufenthaltstitel in der Schweiz (Bewilligung F)
nicht durch eine Flucht riskieren. Der Konsum von Alkohol und Kokain er-
reiche nicht den Umfang, der auf eine Suchterkrankung schliessen lasse.
Selbst wenn dem so wäre, liesse sich damit keine Fluchtgefahr begründen.
- 6 -
Dass der Beschwerdeführer nach der Auseinandersetzung davongerannt
sei, sei in erster Linie eine Kurzschlussreaktion gewesen. Hätte er sich ef-
fektiv verstecken wollen, wäre er nicht in ein Hotel gerannt. Es sei schliess-
lich darauf hinzuweisen, dass der Beschwerdeführer nicht unbekannten
Aufenthaltes sei, sondern über eine Wohnung an der X-Strasse in P. ver-
füge. Der Haftgrund der Fluchtgefahr liege nicht vor. Eine allfällige Flucht-
gefahr könne dadurch minimiert werden, dass eine Ausweis- und Schriften-
sperre mit einer Meldepflicht bei der Polizei angeordnet werde.
3.3.
Das Zwangsmassnahmengericht des Kantons Aargau hielt zur Begrün-
dung der angefochtenen Verfügung im Wesentlichen fest, dass der Be-
schwerdeführer anlässlich seiner Hafteinvernahme vom 31. Mai 2022 zu-
gegeben habe, das Opfer mehrmals mit Faustschlägen bzw. Fusstritten
geschlagen zu haben. Es sei unbestritten, dass es zwischen den Beteilig-
ten zu einer handgreiflichen Auseinandersetzung gekommen sei. Dies er-
gebe sich im Übrigen auch aus der den Beweismitteln beigelegten Video-
aufzeichnung. Der Einsatz eines Messers werde allerdings bestritten. Dies-
bezüglich habe der Beschwerdeführer in der Hafteinvernahme vom
31. Mai 2022 widersprüchliche Angaben gemacht. Erst habe er ausgesagt,
er habe einen Schlüssel in der Hand gehalten, danach habe er erklärt, er
hätte gar nichts in der Hand gehalten und später habe er wiederum zuge-
geben, dass er einen Schlüssel in der Hand gehalten habe. Es sei durch
die Polizei ein Messer sichergestellt worden, welches noch auf Spuren zu
untersuchen sei. Auf den Videoaufnahmen sei weiter ersichtlich, dass der
Beschwerdeführer während der Auseinandersetzung nie seine rechte
Hand geöffnet habe und seine Schlagbewegungen atypisch für reine Faust-
schläge aber typisch für Schnittversuche seien. Zudem sei in Erwägung zu
ziehen, dass, wenn eine unterlegene und wehrlos am Boden liegende Per-
son weiterhin mit Faustschlägen und Fusstritten angegriffen werde, in Kauf
genommen werde, dass diese eine (schwere) (Kopf-)verletzung erleide.
Der dringende Tatverdacht auf eine versuchte schwere Körperverletzung
lasse sich daher auch ohne das mutmasslich verwendete Messer begrün-
den. Der Eventualvorsatz auf eine schwere Körperverletzung sei zum ak-
tuellen Zeitpunkt als erstellt zu erachten. Der dringende Tatverdacht be-
züglich einer schweren, evtl. versuchten schweren Körperverletzung
(Art. 122 Abs. 2, evtl. i.V.m. Art. 22 Abs. 1 StGB) und Raufhandel (Art. 133
Abs. 1 StGB) sei gegeben.
Als Haftgrund bejahte das Zwangsmassnahmengericht des Kantons Aar-
gau die Fluchtgefahr. Der Beschwerdeführer sei Q. Staatsbürger, lebe erst
seit vier bis fünf Jahren in der Schweiz, gehe keiner Erwerbstätigkeit nach
und lebe in einer Wohnung, welche durch die Gemeinde finanziert werde.
Weiter sei der Beschwerdeführer in der Vergangenheit bereits mehrfach
straffällig gewesen und habe Schulden im Umfang von rund Fr. 4'000.00.
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Er gebe auch offen zu, regelmässig Drogen (Kokain) zu konsumieren. Be-
treffend die vom Beschwerdeführer geltend gemachten Sprachkenntnisse
sei in Erwägung zu ziehen, dass an der Hafteinvernahme vom
31. Mai 2022 eine Dolmetscherin sämtliche Fragen habe übersetzen müs-
sen. Als Bezugspersonen in der Schweiz weise der Beschwerdeführer ein-
zig seine Freundin und deren Eltern auf. Es sei auch relevant, das er für
den Fall einer Verurteilung mit einer empfindlichen Strafe und allenfalls ei-
ner obligatorischen Landesverweisung zu rechnen habe, was einen star-
ken Fluchtanreiz darstelle.
Zum aktuellen Zeitpunkt sei beim Beschwerdeführer von einer ausgepräg-
ten Fluchtgefahr auszugehen. Es müsse angenommen werden, dass we-
der eine Schriftensperre noch eine regelmässige Meldepflicht bei der Poli-
zei den Beschwerdeführer davon abhalten würden, die Schweiz zu verlas-
sen oder unterzutauchen. Schliesslich sei aufgrund der dem Beschwerde-
führer drohenden Strafe die Anordnung von Untersuchungshaft für die vor-
läufige Dauer von drei Monaten auch in zeitlicher Hinsicht verhältnismässig
und es drohe keine Überhaft.
3.4.
Der Beschwerdeführer führt mit Beschwerde im Wesentlichen aus, er be-
streite den dringenden Tatverdacht betreffend den Raufhandel nicht, je-
doch bestreite er, dass er derjenige gewesen sei, welcher D. mit einem
Messer im Gesicht verletzt habe. Betreffend die Fluchtgefahr sei festzuhal-
ten, dass der Beschwerdeführer sich effektiv seit vier bis fünf Jahren in der
Schweiz aufhalte, doch mit Blick auf sein Alter (Jahrgang 2002) heisse dies,
dass er einen Fünftel bzw. einen Viertel seines Lebens und das gesamte
Erwachsenenleben in der Schweiz verbracht habe. Er habe während dieser
Zeit einen Sprach- und einen Integrationskurs besucht. Der Grund für den
Beizug der Dolmetscherin zur Hafteinvernahme vom 31. Mai 2022 sei ge-
wesen, dass sich der Beschwerdeführer möglichst präzise äussern könne.
Es dürfe daraus nicht geschlossen werden, dass er über bescheidene
Sprachkenntnisse verfüge. Der Staatsanwalt habe sicherstellen wollen,
dass der Beschwerdeführer alle juristischen Begriffe verstehe und habe
deshalb von sich aus eine Dolmetscherin aufgeboten. Im Alltag könne sich
der Beschwerdeführer problemlos in deutscher Sprache unterhalten und
habe deshalb bereits für die Post und auch für das Strassenverkehrsamt
arbeiten können. Er führe seit zweieinhalb Jahren eine Beziehung mi einer
Schweizerin, mit deren Eltern er auch Kontakt habe. Die Mutter seiner
Freundin stelle für ihn eine Ersatzmutter dar. Eine Rückkehr nach Q.
komme für ihn aufgrund der Sicherheitslage nicht in Frage. In Q. habe er
keine Verwandten mehr, da seine Eltern bereits verstorben seien. Die ein-
zige Verwandte, zu welcher er noch Kontakt pflege, lebe in Pakistan. Der
Beschwerdeführer verfüge weder über die nötigen finanziellen Mittel noch
über persönliche Kontakte, die ihm eine Flucht in Europa erlauben würden.
Gestützt auf das Schengen-Dublin-
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Abkommen würde er ohnehin wieder in die Schweiz zurückgewiesen. Zu-
dem wolle der Beschwerdeführer seinen aktuellen Aufenthaltstitel (Bewilli-
gung F) nicht verlieren. Auch in der Schweiz könne sich der Beschwerde-
führer nicht verstecken, da er weder über die finanziellen Mittel noch über
die persönlichen Kontakte verfüge. Aus dem Konsum von Alkohol und
Kokain dürfe nicht darauf geschlossen werden, dass sich der Beschwerde-
führer durch Flucht einer Strafverfolgung entziehen möchte. Es bestünden
keine Anzeichen einer Abhängigkeit. Im Zusammenhang mit den Vorstra-
fen müsse darauf hingewiesen werden, dass diese nicht einschlägig seien.
Aus dem Umstand, dass der Beschwerdeführer nach dem Raufhandel da-
vongerannt sei, dürfe nicht geschlossen werden, dass eine Fluchtgefahr
vorliege. Hätte er sich verstecken wollen, wäre er nicht in das Hotel in un-
mittelbarer Nähe geflohen. Es liege keine Fluchtgefahr vor. Sollte eine
Fluchtgefahr dennoch angenommen werden, vermöchte eine Ausweis- und
Schriftensperre dieser entgegenzuwirken. Mit einer Meldepflicht bei der Po-
lizei sei garantiert, dass eine Flucht schnell entdeckt würde und die nötigen
Massnahmen ergriffen werden könnten.
3.5.
In ihrer Beschwerdeantwort verwies die Staatsanwaltschaft Lenzburg-
Aarau vollumfänglich auf den Haftantrag vom 31. Mai 2022 sowie auf die
angefochtene Verfügung.
4.
4.1.
Bei der Überprüfung des dringenden Tatverdachts eines Verbrechens oder
Vergehens (vgl. Art. 221 Abs. 1 Ingress StPO) ist gemäss bundesgerichtli-
cher Rechtsprechung keine erschöpfende Abwägung sämtlicher belasten-
der und entlastender Beweise vorzunehmen. Zu prüfen ist vielmehr, ob auf-
grund der bisherigen Untersuchungsergebnisse genügend konkrete An-
haltspunkte für eine Straftat und eine Beteiligung der inhaftierten Person
an dieser Tat vorliegen, die Untersuchungsbehörden somit das Bestehen
eines dringenden Tatverdachts mit vertretbaren Gründen bejahen durften.
Im Haftprüfungsverfahren genügt der Nachweis von konkreten Verdachts-
momenten, wonach das untersuchte Verhalten mit erheblicher Wahr-
scheinlichkeit die fraglichen Tatbestandsmerkmale erfüllen könnte. Das
Beschleunigungsgebot in Haftsachen lässt keinen Raum für ausgedehnte
Beweismassnahmen. Zur Frage des dringenden Tatverdachts hat das Haft-
gericht weder ein eigentliches Beweisverfahren durchzuführen noch dem
erkennenden Strafgericht vorzugreifen (BGE 143 IV 330 E. 2.1, 137 IV 122
E. 3.2, Urteil des Bundesgerichts 1B_558/2021 vom 3. November 2021
E. 2.2).
4.2.
Unbestritten ist, dass der Beschwerdeführer an den körperlichen Auseinan-
dersetzungen mit D. und den weiteren Beteiligten teilgenommen und mit
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Fäusten und Füssen gegen D. geschlagen hat. Die Aufnahmen der Video-
kamera zeigen beide Auseinandersetzungen und lassen erkennen, dass
der Beschwerdeführer D. im Gesichtsbereich geschlagen und getreten hat
(Aufnahmen 2, 4, 5). Der Beschwerdeführer erklärte an der Hafteinver-
nahme vom 31. Mai 2022, er habe D. mit Faust und Beinen geschlagen,
weil dieser ihn auch geschlagen habe. Gestochen habe er niemanden
(Frage 13). Die Schnittverletzung auf der Wange von D. weist eine Tiefe
auf, welche eine bleibende Entstellung zur Folge haben und damit grund-
sätzlich als schwere Körperverletzung gemäss Art. 122 StGB qualifiziert
werden könnte (Aufnahme 7). Die Schnittverletzung ist anlässlich der Aus-
einandersetzung entstanden, was auch der Beschwerdeführer nicht be-
streitet. Er erklärte anlässlich der Hafteinvernahme vom 31. Mai 2022, dass
er irgendwann bemerkt habe, dass D. im Gesicht verletzt worden sei und
geblutet habe (Frage 17). Der Beschwerdeführer bestreitet allerdings, ein
Messer eingesetzt zu haben und erklärte anlässlich der Hafteinvernahme
vom 31. Mai 2022 weiter, dass auf den Bildern der Videokamera sichtbar
sei, dass er stark zugeschlagen habe. Hätte er dabei ein Messer gehalten,
wäre das Gesicht von D. "kaputt" bzw. die Wunde tiefer (Frage 93 ff.). Als
er das Blut gesehen habe, sei er aus Angst weggerannt (Frage 19, 64). Er
machte jedoch keine weiteren Ausführungen dazu, wovor er aufgrund des
Bluts Angst gehabt habe. Auf den Aufnahmen der ersten Auseinanderset-
zung ist schwach erkennbar, dass der Beschwerdeführer etwas Glänzen-
des in seiner rechten Hand hielt und gegen D. ausstreckte (Aufnahme 1).
Angesprochen darauf, es ist diesbezüglich dem Zwangsmassnahmenge-
richt des Kantons Aargau sowie der Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau zu
folgen, machte der Beschwerdeführer anlässlich der Hafteinvernahme vom
31. Mai 2022 widersprüchliche Aussagen. Erst erklärte er, er habe einen
Schlüssel in der Hand gehabt (Frage 73). Gleich darauf sagte er aus, es
sei kein Schlüssel (Frage 74), er wisse nicht, was er gehalten habe (Frage
75), er habe nichts Spezielles gehalten (Frage 76), er habe gar nichts ge-
halten (Frage 77 f.). Am Ende der Einvernahme gab er wiederum an, bei
der ersten Auseinandersetzung einen Schlüssel hervorgenommen zu ha-
ben (Frage 100 f.). Die Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau wies den Be-
schwerdeführer anlässlich der Hafteinvernahme vom 31. Mai 2022 zudem
zu Recht darauf hin, dass er den Ablauf der ersten Auseinandersetzung
schildern könne, jedoch beim zweiten – beim Einsatz des Messers – Erin-
nerungslücken geltend mache. Der Beschwerdeführer gab daraufhin an,
dass die Angst beim Wegrennen den Alkoholeinfluss nach der zweiten Aus-
einandersetzung verstärkt habe (Frage 62). Aufgrund der widersprüchli-
chen und teilweise konfusen Aussagen des Beschwerdeführers, ist der
Verdacht, dass dieser etwas verschleiern möchte, nicht von der Hand zu
weisen. Mit den Aussagen des Beschwerdeführers, den Aufnahmen mit
dessen rechter Hand in Nähe des Wangenbereiches von D. (Aufnahme 4),
der Flucht nach dem Schnitt und dem Fund des Messers im Hotelzimmer,
in welchem sich der Beschwerdeführer vor der Festnahme aufhielt (vgl. Fo-
todokumentation Hausdurchsuchung der Kantonspolizei Aargau vom
- 10 -
30. Mai 2022, S. 3 f.), liegen aktuell genügend konkrete Verdachtsmo-
mente vor, um von einem dringenden Tatverdacht betreffend den Raufhan-
del sowie die schwere bzw. versuchte schwere Körperverletzung auszuge-
hen. Mit dem Zwangsmassnahmengericht des Kantons Aargau ist zudem
festzustellen, dass bei einem Einschlagen mit Fäusten und Füssen auf eine
wehrlos am Boden liegende Person selbst ohne Einsatz eines Messers mit
(schweren) (Kopf-)verletzungen zu rechnen ist (vgl. Aufnahme 5). Der Be-
schwerdeführer konnte sodann weder an der Hafteinvernahme vom
31. Mai 2022 noch beschwerdeweise etwas Überzeugendes zu seiner Ent-
lastung vorbringen. Der vom Zwangsmassnahmengericht des Kantons
Aargau angenommene dringende Tatverdacht ist folglich zu bestätigen.
5.
5.1.
Die Annahme von Fluchtgefahr als besonderer Haftgrund setzt ernsthafte
Anhaltspunkte dafür voraus, dass die beschuldigte Person sich dem Straf-
verfahren oder der zu erwartenden Sanktion durch Flucht entziehen könnte
(Art. 221 Abs. 1 lit. a StPO). Nach der Rechtsprechung des Bundesgerich-
tes darf die Schwere der drohenden Sanktion zwar als ein Indiz für Flucht-
gefahr gewertet werden. Sie genügt jedoch für sich allein nicht, um einen
Haftgrund zu bejahen. Vielmehr müssen die konkreten Umstände des be-
treffenden Falles, insbesondere die gesamten Lebensverhältnisse der be-
schuldigten Person, in Betracht gezogen werden. So ist es zulässig, ihre
familiären und sozialen Bindungen, ihre berufliche Situation und Schulden
sowie Kontakte ins Ausland und Ähnliches mitzuberücksichtigen (BGE 145
IV 503 E. 2.2 und BGE 143 IV 160 E. 4.3, Urteil des Bundesgerichts
1B_548/2021 vom 26. Oktober 2021 E. 2.1).
5.2.
Der Beschwerdeführer ist Q. Staatsbürger, 20 Jahre alt und lebt gemäss
eigenen Angaben seit ungefähr fünfeinhalb Jahren in der Schweiz (Haftein-
vernahme vom 31. Mai 2022, Frage 114). Der Beschwerdeführer macht
geltend, die Dolmetscherin anlässlich der Hafteinvernahme vom
31. Mai 2022 sei aufgrund der juristischen Begriffe beigezogen worden, im
Alltag könne er sich problemlos auf Deutsch unterhalten. Es ist glaubhaft,
dass sich der Beschwerdeführer, gerade da er im Jugendalter in die
Schweiz kam, im Alltag in deutscher Sprache verständigen kann. Für Be-
hördengänge ist er dennoch auf eine Übersetzung angewiesen (vgl.
Hafteinvernahme vom 31. Mai 2022, Frage 1; Polizeirapport der Kantons-
polizei Aargau vom 30. Mai 2022, S. 3). Mit seiner Freundin spreche er
Deutsch sowie Q. (Hafteinvernahme vom 31. Mai 2022, Frage 40). Obwohl
der Beschwerdeführer seit zweieinhalb Jahren in einer Liebesbeziehung ist
und geltend macht, mit den Eltern seiner Freundin ebenfalls Kontakt zu
pflegen, sind keine weiteren persönlichen Bindungen oder weitere Anhalts-
punkte für eine Verwurzelung in der Schweiz festzustellen. Der Beschwer-
- 11 -
deführer verfügt über keine Arbeitsstelle und lebt in einer von der Ge-
meinde finanzierten Wohnung. Dass der Fluchtversuch nach der Auseinan-
dersetzung vom 29. Mai 2022 nicht gelang, bedeutet nicht, dass er sich
nicht dem Strafverfahren entziehen wollte. Im Gegenteil spricht das Weg-
rennen vom Tatort gerade für eine Fluchtneigung des Beschwerdeführers.
Soweit er geltend macht, er habe sich auch in der Vergangenheit keinen
Strafverfahren entzogen, ist festzuhalten, dass es sich bei den vergange-
nen Delikten nicht um solche gegen Leib und Leben und folglich auch um
mildere Strafen gehandelt hatte. Es besteht vor dem Hintergrund der feh-
lenden stabilen Verhältnisse in der Schweiz sowie der ihm drohenden
Sanktion und einer allfälligen obligatorischen Landesverweisung die kon-
krete Gefahr, dass sich der Beschwerdeführer durch Flucht in ein anderes
Land, selbst wenn Q. ausgeschlossen ist, oder durch Untertauchen in der
Schweiz dem Strafverfahren entzieht. Gerade bei der allfällig drohenden
obligatorischen Landesverweisung ist der Anreiz unterzutauchen durchaus
gegeben. Dem Vorbringen, er hätte nicht die Mittel dazu, ist entgegenzu-
halten, dass der Beschwerdeführer auch aktuell ohne Einkommen und fi-
nanzielle Unterstützung auskommt (Hafteinvernahme vom 31. Mai 2022,
Fragen 130 f.). Die Fluchtgefahr ist mit dem Zwangsmassnahmengericht
des Kantons Aargau nach dem Gesagten zu bejahen.
6.
6.1.
Gemäss Art. 237 Abs. 1 StPO ordnet das zuständige Gericht anstelle der
Untersuchungs- oder Sicherheitshaft eine oder mehrere mildere Massnah-
men an, wenn sie den gleichen Zweck wie die Haft erfüllen. Mit der Bestim-
mung wird der Grundsatz der Verhältnismässigkeit (Art. 36 Abs. 3 BV;
Art. 197 Abs. 1 lit. c und d StPO) konkretisiert. Untersuchungshaft ist somit
"ultima ratio". Kann der damit verfolgte Zweck – die Verhinderung von
Flucht-, Kollusions-, Wiederholungs- oder Ausführungsgefahr – mit milde-
ren Massnahmen erreicht werden, sind diese anzuordnen (Art. 212 Abs. 2
lit. c StPO). Die Ersatzmassnahmen müssen ihrerseits verhältnismässig
sein. Dies gilt insbesondere in zeitlicher Hinsicht (BGE 140 IV 74 E. 2.2).
Namentlich darf Untersuchungshaft nicht länger dauern als die zu erwar-
tende Freiheitsstrafe (Art. 212 Abs. 3 StPO).
6.2.
Die Dauer der seit dem 30. Mai 2022 erstandenen und bis zum 29. Au-
gust 2022 angeordneten Untersuchungshaft erscheint angesichts der dem
Beschwerdeführer zur Last gelegten Delikte und der zu erwartenden Strafe
als angemessen. Es besteht daher noch keine Gefahr für eine Überhaft.
6.3.
Der Beschwerdeführer bringt vor, dass eine Ausweis- und Schriftensperre
sowie eine Meldepflicht bei der Polizei ein milderes und dennoch geeigne-
tes Mittel darstelle, um der Fluchtgefahr entgegenzuwirken. Eine Ausweis-
- 12 -
und Schriftensperre erscheint vorliegend nicht geeignet, um der Fluchtge-
fahr entgegenzuwirken, da beim Beschwerdeführer gerade auch ein Unter-
tauchen in der Schweiz in Frage kommt. Auch eine Meldepflicht bei der
Polizei erscheint aktuell nicht als hinreichend, um der Fluchtgefahr des Be-
schwerdeführers zu begegnen. Nach bundesgerichtlicher Rechtsprechung
können mildere Ersatzmassnahmen für Haft geeignet sein, einer gewissen
(niederschwelligen) Fluchtneigung ausreichend Rechnung zu tragen. Bei
ausgeprägter Fluchtgefahr, wie sie hier gegeben ist, erweisen sie sich nach
der einschlägigen Praxis des Bundesgerichtes jedoch regelmässig als nicht
ausreichend (Urteil des Bundesgerichts 1B_322/2017 vom 24. August 2017
E. 3.1 mit Hinweisen).
7.
Zusammenfassend ist die am 2. Juni 2022 vom Zwangsmassnahmenge-
richt des Kantons Aargau verfügte Untersuchungshaft für drei Monate bis
zum 29. August 2022 nicht zu beanstanden. Die Beschwerde ist deshalb
abzuweisen.
8.
8.1.
Bei diesem Ausgang hat der Beschwerdeführer die Kosten des Beschwer-
deverfahrens zu tragen (Art. 428 Abs. 1 StPO).
8.2.
Die dem amtlichen Verteidiger des Beschwerdeführers für das vorliegende
Beschwerdeverfahren auszurichtende Entschädigung ist am Ende des
Strafverfahrens von der zuständigen Instanz festzulegen (Art. 135 Abs. 2
StPO).