Decision ID: f502bde6-3d9b-43c7-9de7-64aca41e6715
Year: 2020
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend grobe Verletzung der Verkehrsregeln
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Dielsdorf, Einzelgericht, vom 8. Juli 2019 (GG190009)
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Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Winterthur/Unterland des Kantons
Zürich vom 8. März 2019 (Urk. 10) ist diesem Urteil beigeheftet.
Urteil der Vorinstanz: (Urk. 27 S. 30)
"Es wird erkannt:
1. Der Beschuldigte A._ ist schuldig der vorsätzlichen groben Verletzung der  im Sinne von Art. 90 Abs. 2 SVG in Verbindung mit Art. 27 Abs. 1 SVG, Art. 4a Abs.
1 und Abs. 5 VRV und Art. 22 Abs. 1 SSV.
2. Der Beschuldigte A._ wird bestraft mit einer Geldstrafe von 30 Tagessätzen zu je
Fr. 160.– (entspricht Fr. 4‘800.–) und einer Busse von Fr. 960.–.
3. Der Vollzug der Geldstrafe wird aufgeschoben und die Probezeit auf 2 Jahre festgesetzt.
4. Die Busse von Fr. 960.– ist zu bezahlen. Bei schuldhafter Nichtbezahlung der Busse wird
diese in eine Ersatzfreiheitsstrafe von 6 Tagen umgewandelt.
5. Die Entscheidgebühr wird angesetzt auf:
Fr. 1'500.– ; die weiteren Kosten betragen:
Fr. 1'500.– Gebühr für das Vorverfahren
Fr. 3'000.– Total
6. Die Kosten des Vorverfahrens und des gerichtlichen Verfahrens werden dem Beschuldigten
auferlegt.
7. [Mitteilungen]
8. [Rechtsmittel]"
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Berufungsanträge: (Prot. II S. 5)
a) Der Verteidigung des Beschuldigten:
(Urk. 41)
Der Beschuldigte sei von Schuld und Strafe freizusprechen.
Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen (zzgl. MwSt.) zu Lasten des
Staates.
b) Der Staatsanwaltschaft:
(Urk. 33; schriftlich)
Bestätigung des vorinstanzlichen Urteils.

Erwägungen:
1. Prozessgeschichte
1.1. Gegen das eingangs im Dispositiv wiedergegebene Urteil des Bezirks-
gerichtes Dielsdorf, Einzelgericht, vom 8. Juli 2019, meldete der Verteidiger des
Beschuldigten fristgerecht Berufung an (Urk. 23). Das begründete Urteil der
Vorinstanz wurde ihm am 31. Januar 2020 zugestellt (Urk. 26/1), worauf er am
20. Februar 2020 die Berufungserklärung einreichte und die Vornahme eines
Augenscheins am Standort des Messfahrzeugs inklusive Tatrekonstruktion ver-
langte (Urk. 29).
1.2. Innert angesetzter Frist gemäss Art. 400 Abs. 3 lit. b StPO beantragte die
Staatsanwaltschaft Winterthur/Unterland (fortan Staatsanwaltschaft) die Be-
stätigung des vorinstanzlichen Urteils und die Abweisung des Beweisantrages
(Urk. 33).
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1.3. Mit Präsidialverfügung vom 29. Mai 2020 wurde der Beweisantrag des
Beschuldigten abgewiesen (Urk. 35). Überdies war bereits am 16. April 2020 ein
aktueller Strafregisterauszug über den Beschuldigten eingeholt worden (Urk. 28).
1.4. Zur Berufungsverhandlung sind der Beschuldigte sowie sein erbetener Ver-
teidiger, Rechtsanwalt MLaw X._, erschienen (Prot. II S. 5).
1.5. Die Verteidigung reichte anlässlich der Berufungsverhandlung einen USB-
Stick als Beweis zu den Akten, worauf sich diverse, teilweise schon im Recht
liegende Fotografien befinden (Urk. 40). Damit könne das Gericht selbst das
Erstellungsdatum der Fotografien überprüfen (Prot. II S. 6; Urk. 41 S. 3 f.).
2. Umfang der Berufung
Der Beschuldigte beschränkte die Berufung nicht, sondern verlangt vielmehr
einen vollumfänglichen Freispruch, unter Kosten- und Entschädigungsfolgen
zulasten des Staates (Urk. 29 und Urk. 41). Damit ist das vorinstanzliche Urteil in
keinem Punkt in Rechtskraft erwachsen (vgl. Prot. II S. 6).
3. Sachverhaltserstellung
3.1. Der Beschuldigte macht seit Anbeginn der Untersuchung geltend, nicht zu
wissen, ob er oder sein Vater die anklagegegenständliche Autofahrt unternom-
men hätten, da sie beide an jenem Nachmittag mehrfach mit dem Lieferwagen
Mercedes-Benz D, 311 CDI, Kennzeichen "ZH ...", auf der Messstrecke unter-
wegs gewesen seien. An der Berufungsverhandlung hielt der Beschuldigte an
seinen Standpunkt fest und verwies sinngemäss auf seine bisherigen Aussagen
(Urk. 39 S. 3). Damit bestreitet er den ihm vorgeworfenen Sachverhalt, und ist zu
prüfen, ob ihm die Täterschaft aufgrund der vorliegenden Beweismittel rechts-
genügend nachgewiesen werden kann. Hinsichtlich der dabei zu beachtenden
Grundsätze kann auf die Erwägungen im angefochtenen Urteil verwiesen werden
(Urk. 27 S. 5 ff.; Art. 82 Abs. 4 StPO). Zusammenfassend ist festzuhalten, dass es
am Staat liegt, dem Beschuldigten seine Schuld nachzuweisen, ohne dass daran
vernünftige Zweifel verbleiben. Ist dies nicht möglich, ist er freizusprechen.
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3.2. Als verwertbare Beweismittel liegen neben dem Messprotokoll samt Ra-
darbild vom 21. August 2020 (Urk. 2) die polizeilichen Aussagen des Beschuldig-
ten und – soweit zu Gunsten des Beschuldigten erfolgt (Art. 147 Abs. 4 StPO) –
seines Vaters (welche beide durch Wachtmeister B._ einvernommen wur-
den; Urk. 3/1 und Urk. 4), die Aussagen des Beschuldigten gegenüber dem
Staatsanwalt, der Vorinstanz und dem Berufungsgericht (Urk. 3/2-3, Urk. 20 und
Urk. 39) sowie die Zeugenaussage von Wachtmeister B._ (Urk. 5) vor. In die
Beurteilung mit einzubeziehen sind sodann auch die persönlichen Bemerkungen
von Wachtmeister B._ im Polizeirapport vom 4. September 2018 (Urk. 1 S. 3)
sowie verschiedene dem Zeugen B._ im Rahmen seiner Befragung durch die
Staatsanwaltschaft vorgelegte Fotografien (Urk. 5 Anhang). Wie noch zu zeigen
sein wird, ist auf die von der Verteidigung anlässlich der Berufungsverhandlung
mittels USB Stick eingereichten Fotoaufnahmen, insbesondere deren Erstel-
lungsdatum, nicht weiter einzugehen, da ohnehin ein Freispruch zu ergehen hat.
3.3. Was die allgemeine Glaubwürdigkeit des Beschuldigten, seines Vaters und
des Zeugen angeht, bestehen diesbezüglich keinerseits Einschränkungen.
3.4. a) Das Radarbild (Urk. 2) zeigt den Lieferwagen bloss von hinten und ver-
mag zur Sachverhaltserstellung somit nichts beizutragen.
b) Der Beschuldigte und sein Vater haben beide übereinstimmend ausgeführt, am
Nachmittag des 21. August 2018 an der ...-Strasse mit Feldarbeiten beschäftigt
gewesen zu sein. Überdies seien sie abwechselnd mehrmals zurück auf den Hof
gefahren, da eine Kuh hätte Kalbern sollen (Urk. 3/1 S. 3, Urk. 3/2 S. 2 f. und
Urk. 4 S. 3). Der Beschuldigte führte ergänzend aus, es sei sehr heiss gewesen,
er und sein Vater hätten Sonnenbrillen getragen (Urk. 3/2 S. 2 f.). Sodann erklärte
der Beschuldigte als Stellungnahme zur Zeugenaussage von Wachtmeister
B._ und der diesem vorgelegten Fotografie des Messortes, dort habe es
sicher einen Meter Grünstreifen, zwei Meter Radstreifen und danach komme ein
Zaun, hinter welchem das Messfahrzeug parkiert worden sei, weshalb man noch
den Abstand der Motorhaube dazurechnen müsse, wenn der Messfunktionär im
Auto sitze. So sehe der Messfunktionär seiner Ansicht nach nur ca. 20 Meter weit.
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Zudem habe es eine grüne Hecke und wenn man Richtung Süden schaue, sehe
man nicht sehr weit (Urk. 5 S. 11).
c) Wachtmeister B._ hatte unter dem Titel "Ermittlung/Ergänzung" im
Polizeirapport vom 4. September 2018 ausgeführt, er habe sich anlässlich der
Geschwindigkeitskontrolle mit dem Fahrzeug bei der Messanlage befunden. Er
sei mit direkter Sicht auf die Strasse und lediglich wenige Meter davon entfernt
positioniert gewesen. Von seinem Standort aus habe er einwandfreie Sicht auf
den ankommenden und abfliessenden Verkehr von beiden Seiten her gehabt. Der
besagte Lieferwagen sei ihm bereits beim Herannahen von C._ [Ortschaft]
herkommend als deutlich zu schnell aufgefallen. Während das Fahrzeug die
Messstelle passiert und wie erwartet das Radargerät ausgelöst habe, habe er für
einen kurzen Moment den Lenker erkennen können. Nachdem er anlässlich der
Tatbestandsaufnahme nun die beiden möglichen Lenker persönlich getroffen ha-
be und laut diesen beiden keine weiteren Personen für die Widerhandlung in Fra-
ge kämen, habe er den Fehlbaren zweifelsfrei als A._ identifizieren können.
Dies mitunter aufgrund der Haarfarbe und -länge sowie des visuell deutlich er-
kennbaren Altersunterschiedes (Urk. 1 S. 3).
Als Zeuge gab Wachtmeister B._ rund zwei Monate nach der anklagegegen-
ständlichen Radarmessung zu Protokoll, sich an den Vorfall erinnern zu können
und sich nicht auf die Befragung vorbereitet zu haben. Nicht mehr erinnern konnte
er sich demgegenüber, mit welchen weiteren Polizeibeamten er diesen Einsatz
absolviert hatte und wie die Witterungsverhältnisse und Sichtbedingungen ge-
wesen waren. Auf Frage erklärte er, den bei seiner Einvernahme anwesenden
Beschuldigten als Lenker des Fahrzeugs wiederzuerkennen. Er habe sich damals
neben der Messanlage in einem neutralen Dienstfahrzeug befunden. Die Mess-
anlage habe sich vor dem Fahrzeug befunden. Er habe freie Sicht auf den Fahr-
zeuglenker gehabt. Es sei aber möglich, dass ihn der Beschuldigte nicht gesehen
habe, da sie sich jeweils so positionieren würden, dass sie von fehlbaren Auto-
lenkern nicht erblickt werden könnten. Es würde den Zweck der Kontrolle ver-
eiteln, wenn sie sich sichtbar positionieren würden. Auf Vorhalt, der Beschuldigte
habe ausgesagt, dass er und sein Vater an jenem Tag Sonnenbrillen getragen
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hätten, anerkannte der Zeuge dies als möglich. Er könne sich nicht daran er-
innern, hätte den Beschuldigten aber auch mit Sonnenbrille erkannt aufgrund von
Haarlänge, Haarfarbe und Haarform, und aufgrund des deutlichen Altersunter-
schieds. Er habe trotz der relativ hohen Geschwindigkeit den Lenker zweifelsfrei
erkennen können, weil ihm das Fahrzeug bereits beim Herannahen aufgefallen
sei und weil der Beschuldigte auf Höhe der Messung eine aufsitzende Bewegung
gemacht habe, so habe er ihn von vorne und von der Seite besser sehen können.
Auf Vorhalt von Fotografien des Messortes konnte der Zeuge den damaligen
Standort der Radarmessanlage, nicht aber seines Fahrzeugs bezeichnen. So-
dann erklärte er auf Hinweis, dass der Standort des Messfahrzeugs für Fahrzeuge
in Fahrtrichtung Zürich (bzw. deren Lenker) nicht sichtbar sei, und Vorlage einer
diesbezüglichen Fotografie lediglich, dass das Bild "käumlich" vom Ereignistag
sei. Auf den Einwand des Beschuldigten, dass die freie Sicht aus dem Messfahr-
zeug nur ca. 20 Meter betragen haben konnte und die Sicht Richtung C._
überdies durch eine grüne Hecke verdeckt werde, reagierte der Zeuge mit "Ich
bleibe bei meinen Aussagen. Ich habe nie Angaben gemacht, aus welcher
Distanz ich den Beschuldigten gesehen habe. Meine Kernaussage ist, dass ich
den Beschuldigten zweifelsfrei als Lenker identifizieren konnte. Der Einwand der
Gegenseite, dass ich den Beschuldigten z.B. wegen der Hecke nicht habe sehen
können, ist demnach falsch" (Urk. 5).
d) Die dem Zeugen vorgelegten Fotografien zeigen den Beschuldigten (in Farbe)
und seinen sichtbar älteren Vater (in Schwarz-Weiss) frontal im Portrait, je ohne
(Sonnen-)Brille. Herkunft und Datum der Aufnahmen sind nicht angegeben. In der
Gesichts- insbesondere der Nasenform zeigt sich eine deutliche familiäre
Ähnlichkeit. Die Haare des Beschuldigten sind dunkel, er trägt zudem Stirnglatze,
während die Haare des Vaters (der keine Glatze hat) an den Schläfen ergraut
sind, im Übrigen (Oberkopf und Hinterkopf) aber ebenfalls dunkel scheinen
(Urk. 5 Anhang).
e) Die Fotografien des Messortes bestätigen die Angaben des Beschuldigten,
dass zwischen dem Standort des Messfahrzeuges und der rechtwinklig dazu ver-
laufenden Strasse ein Trottoir/Radweg sowie ein Wiesenstreifen liegen. Sodann
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ist zur rechten Seite des Messfahrzeugs parallel zur Fahrzeuglänge dichtes
Busch- oder Baumwachstum sowie in der Verlängerung des Zaunes, hinter
welchem das Fahrzeug parkiert ist, eine grüne, relativ hohe Hecke sichtbar, was
beides den Blick Richtung C._ (woher der Lieferwagen kam) offensichtlich
behindert (Urk. 5 Anhang). Gemäss handschriftlicher Notiz wurden die Auf-
nahmen im Oktober (und damit ca. zwei Monate nach der Tat) gemacht.
3.5. Entgegen der Ansicht des Vorderrichters (Urk. 27 S. 15) scheint es keines-
falls bemerkenswert oder gar als Schutzbehauptung, wenn der Beschuldigte be-
reits wenige Tage nach dem 21. August 2018 nicht mehr in der Lage war zeitlich
genau zu beziffern, wann er und wann sein Vater jeweils mit den Lieferwagen am
Nachmittag zurück zum Hof gefahren sind. Schliesslich gab es für ihn (und den
Vater) keinen Anlass, dabei jeweils auf die Uhrzeit zu schauen und sich dies dann
auch noch für jede einzelne Fahrt und für mehrere Tage zu merken. Massgebend
war für den Beschuldigten und seinen Vater wohl vielmehr, ob die betroffene Kuh
nun endlich am Kalbern war oder nicht, weshalb sie auch beide mehrmals die
Strecke befuhren. Der Beschuldigte schliesst es denn auch explizit nicht aus,
dass er die Schnellfahrt begangen haben könnte. Der Vater allerdings auch nicht,
mithin scheinen beide an besagtem Nachmittag mitunter rasant unterwegs gewe-
sen zu sein. Für die Sachverhaltserstellung ist damit nichts gewonnen.
Aufgrund der tatnahen und unmissverständlichen Angaben im Polizeirapport
(Sichtkontakt erst, als die Messung ausgelöst wurde) und der deutlich abwehren-
den und in der Aussage verkürzten Reaktion des Zeugen auf die Anmerkung des
Beschuldigten betreffend Unmöglichkeit des freien Blickes Richtung C._ auf
die Strasse, ist davon auszugehen, dass der Zeuge den Fahrer des Lieferwagens
tatsächlich erst im Zeitpunkt der Auslösung der Radarmessung, mithin als sich
der Lieferwagen auf Höhe des neutralen Polizeifahrzeugs, in welchen sich der
Zeuge befand, sehen bzw. deutlich erkennen konnte. Weiter ist aufgrund der vor-
gelegten Fotografien des Messortes davon auszugehen, dass die Sicht auf die
aus Richtung C._ herannahenden Fahrzeuge – entgegen den Angaben im
Polizeirapport – zumindest (durch die Hecke bzw. den Busch- und Baumbestand
des Nachbargrundstücks) behindert war. Bei den anderslautenden Ausführungen
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der Vorinstanz (Urk. 27 S. 19) handelt es sich um reine Spekulation, zumal zu
Ungunsten des Beschuldigten, welche in den Akten keine Basis findet.
Angesichts der gemessenen Geschwindigkeit von 97 km/h kann der direkte Sicht-
kontakt überdies nur den Bruchteil einer Sekunde gedauert haben (im Polizei-
rapport zutreffend als "kurzen Moment" umschrieben), legt ein Fahrzeug mit die-
sem Tempo doch knapp 27 Meter pro Sekunde zurück (oder immerhin noch rund
25 Meter, geht man von der Geschwindigkeit nach Toleranzabzug aus) und ist
eine Lieferwagenkabine von hinten nicht mehr einsichtbar. Dass der Zeuge in die-
ser kurzen Zeitspanne den Sonnenbrille tragenden (woran er sich nicht erinnerte)
Fahrer des Lieferwagens tatsächlich zweifelsfrei erkannt hat, ist möglich. Jedoch
besteht angesichts der Umstände (äusserst kurze Zeitspanne der freien Sicht in
die Fahrerkabine, männlicher weisser Fahrer mit Sonnenbrille, familiäre Ähnlich-
keit, Stirnglatze von der Seite schwerer erkennbar, zumal aufgrund der vorgeleg-
ten Fotografien unklar ist, welche Haarfarbe der Vater hinter den Schläfen und am
Hinterkopf hat, zwei bis drei Fahrspurbreiten Abstand zwischen Fahrspur in Rich-
tung Zürich und dem Fahrersitz des Messfahrzeugs) eine mehr als theoretische
Möglichkeit, dass der Zeuge sich dabei oder bei der Erinnerung daran geirrt
haben kann. Schliesslich musste er sich an jenem Nachmittag grundsätzlich alle
fehlbaren und gleichzeitig nur kurzzeitig sichtbaren Lenker aus Fahrtrichtung
Süden merken, konnte das Radargerät doch diese Fahrzeuge ausschliesslich von
hinten fotografieren und war in jene Fahrtrichtung überdies auch kein Anhalte-
posten eingerichtet (Urk. 5 S. 5 f.). Hinzu kommt, dass sich der Zeuge zwar an
diese singuläre, nur Bruchteile einer Sekunde dauernde Messsituation klar
erinnern können will, jedoch nicht mehr weiss, mit wem er damals die Messung
durchführte, welche Sicht- und Witterungsverhältnisse herrschten und wo das
Messfahrzeug genau positioniert war. Letzteres im Übrigen im Widerspruch zur
kurz zuvor deponierten Aussage, dass das Fahrzeug damals genau hinter dem
Radargerät gestanden sei, was es direkt neben die Busch- bzw. Baumabgren-
zung zum nebenliegenden Grundstück und an den Anfang der Grünhecke
platziert und somit das Argument der Verteidigung betreffend Sichteinschränkung
unterstützt hätte. Zeigt der Zeuge aber (durchaus nachvollziehbare) Probleme,
sich an die damaligen Gegebenheiten zu erinnern, kann – zumindest in Anwen-
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dung des Grundsatzes in dubio pro reo – nicht rechtsgenügend ausgeschlossen
werden, dass er auch den Lenker des Lieferwagens "ZH ..." falsch identifiziert.
Nicht von Belang ist dabei, dass der Zeuge den Beschuldigten anlässlich seiner
Zeugenbefragung wiedererkannte. Schliesslich hatte er mit diesem einige Wo-
chen zuvor eine längere polizeiliche Einvernahme durchgeführt. Zusammenfas-
send ist deshalb mit der Verteidigung (Urk. 41 S. 10) festzuhalten, dass aufgrund
der vorliegenden Beweismittel nicht zweifelsfrei erstellt werden kann, dass der
Beschuldigte und nicht sein Vater die anklagegegenständliche Fahrt unternom-
men haben, auch wenn dies als durchaus wahrscheinlich erscheint.
4. Rechtliche Würdigung
4.1. Der eventualvorsätzlichen grobe Verkehrsregelverletzung macht sich
praxisgemäss unter anderem schuldig, wer ausserorts die konkret signalisierte
Höchstgeschwindigkeit wissentlich und willentlich um mehr als 30 km/h über-
schreitet und dadurch für sich und andere Verkehrsteilnehmer eine zumindest
deutlich erhöhte abstrakte Unfallgefahr in Kauf nimmt (Art. 90 Abs. 2 SVG in
Verbindung mit Art. 27 Abs. 1 SVG, Art. 4a Abs. 1 und Abs. 5 VRV und Art. 22
Abs. 1 SSV).
4.2. Nachdem dem Beschuldigten nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden
kann, dass er am 21. August 2018 mit dem Lieferwagen seines Vaters zu schnell
gefahren ist, ist er von Schuld und Strafe freizusprechen.
5. Kosten- und Entschädigungsfolgen
5.1. Die Verfahrenskosten werden vom Bund oder dem Kanton getragen, der
das Verfahren geführt hat, soweit sie nicht dem Beschuldigten auferlegt werden
können. Letzteres ist der Fall bei einer Verurteilung (Art. 423 und 426 Abs. 1
StPO). Wird der Beschuldigte freigesprochen, so können ihm dann Kosten aufer-
legt werden, wenn er die Einleitung des Verfahrens rechtswidrig und schuldhaft
bewirkt oder die Durchführung erschwert hat (Art. 426 Abs. 2 StPO). Die Kosten
des Berufungsverfahrens sind sodann den Parteien nach Massgabe ihres
Obsiegens und Unterliegens aufzuerlegen (Art. 428 Abs. 1 StPO).
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5.2. Nachdem der Beschuldigte heute vollumfänglich freizusprechen ist, sind
die Kosten der Untersuchung und der gerichtlichen Verfahren vor beiden Instan-
zen auf die Gerichtskasse zu nehmen, da er die Einleitung des Verfahrens weder
rechtswidrig und schuldhaft bewirkt noch dessen Durchführung erschwert hat.
5.3. Die Verteidigung des Beschuldigten macht für das gesamte Verfahren eine
Entschädigung von Fr. 10'622.95 geltend (Urk. 42). Dabei wurde der Aufwand für
die Berufungsverhandlung inklusive Vor- und Nachbesprechung auf insgesamt
4 Stunden geschätzt. Da die Berufungsverhandlung insgesamt nur rund eine
Stunde dauerte (vgl. Prot. II S. 5 und 8), ist dem Beschuldigten für die im gesam-
ten Verfahren entstandenen Verteidigungskosten eine Entschädigung von insge-
samt Fr. 10'000.– (inkl. 7.7 % Mehrwertsteuer) zuzusprechen (Art. 429 Abs. 1 lit. a
StPO in Verbindung mit §§ 17 und 18 AnwGebV).