Decision ID: 8683fa74-dce3-4696-915b-dddd5cad4a2b
Year: 2022
Language: de
Court: AG_OG
Chamber: AG_OG_007
Canton: AG
Region: Northwestern_Switzerland
Law Area: 

Das Versicherungsgericht entnimmt den Akten:
1.
Die 1966 geborene Beschwerdeführerin ist gelernte Verkäuferin und war
zuletzt für die unterdessen zufolge Konkurses aus dem Handelsregister ge-
löschte C., Z. als Gastronomieangestellte tätig gewesen. Am 8. März 2017
meldete sie sich bei der Beschwerdegegnerin zum Bezug von Leistungen
(Rente, berufliche Massnahmen) der Eidgenössischen In-
validenversicherung (IV) an. Die Beschwerdegegnerin klärte daraufhin die
gesundheitliche und erwerbliche Situation ab. Insbesondere liess sie die
Beschwerdeführerin durch die medexperts AG, St. Gallen, orthopädisch-
psychiatrisch begutachten. Das Gutachten wurde am 1. Dezember 2020
erstattet. Nach Rücksprache mit ihrem internen Regionalen Ärztlichen
Dienst (RAD) richtete die Beschwerdegegnerin am 27. Januar 2021 Ergän-
zungsfragen an die Gutachter, welche diese mit Stellungahme vom
11. Februar 2021 beantworteten. Gestützt darauf stellte die Beschwerde-
gegnerin der Beschwerdeführerin mit Vorbescheid vom 4. März 2021 die
rückwirkende Zusprache einer befristeten ganzen Invalidenrente für die
Zeit vom 1. Oktober 2017 bis 28. Februar 2019 in Aussicht. Nachdem die
Beschwerdeführerin am 27. April 2021 Einwände erhoben und die Be-
schwerdegegnerin nach neuerlicher Rücksprache mit dem RAD eine wei-
tere ergänzende gutachterliche Stellungnahme vom 29. Juni 2021 einge-
holt hatte, entscheid sie schliesslich mit Verfügung vom 9. März 2022 wie
vorbeschieden.
2.
2.1.
Gegen diese Verfügung erhob die Beschwerdeführerin am 29. April 2022
fristgerecht Beschwerde und stellte folgende Anträge:
"1. Die Verfügung vom 9. März 2022 sei aufzuheben.
2. Der Beschwerdeführerin sei eine ganze Invalidenrente zuzusprechen.
3. Eventualiter seien weitere Abklärungen vorzunehmen, insb. ein  Gutachten einzuholen.
4. Der Beschwerdeführerin sei die unentgeltliche Rechtspflege zu gewähren und die Unterzeichnende als unentgeltliche Vertreterin einzusetzen.
5. Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zu Lasten der ."
- 3 -
2.2.
Mit Vernehmlassung vom 16. Mai 2022 beantragte die Beschwerdegegne-
rin die Abweisung der Beschwerde.
2.3.
Mit instruktionsrichterlicher Verfügung vom 18. Mai 2022 wurde die berufli-
che Vorsorgeeinrichtung der Beschwerdeführerin zum Verfahren beigela-
den und ihr Gelegenheit zur Stellungnahme eingeräumt. Diese liess sich
innert Frist nicht vernehmen.
2.4.
Mit Verfügung vom 19. Mai 2022 bewilligte die Instruktionsrichterin der Be-
schwerdeführerin die unentgeltliche Rechtspflege und ernannte MLaw Ro-
sa Renftle, Rechtsanwältin, Rheinfelden, zu deren unentgeltlicher Ver-
treterin.

Das Versicherungsgericht zieht in Erwägung:
1.
In ihrer Verfügung vom 9. März 2022 geht die Beschwerdegegnerin ge-
stützt auf das von ihr eingeholte bidisziplinäre medexperts-Gutachten vom
1. Dezember 2020 (Vernehmlassungsbeilage [VB] 65.1) sowie die ergän-
zenden gutachterlichen Stellungnahmen vom 11. Februar (VB 70) und vom
29. Juni 2021 (VB 87) im Wesentlichen davon aus, die Beschwerdeführerin
sei seit Oktober 2016 in der angestammten Tätigkeit voll arbeitsunfähig. In
einer angepassten Tätigkeit habe von Oktober 2017 bis 15. November
2018 ebenfalls eine volle Arbeitsunfähigkeit bestanden. Die Beschwerde-
führerin habe daher ab dem 1. Oktober 2017 Anspruch auf eine ganze In-
validenrente. Ab dem 16. November 2018 betrage die Arbeitsfähigkeit in
einer angepassten Tätigkeit infolge einer Verbesserung des Gesundheits-
zustands 70 %, weshalb der Invalidenrentenanspruch bei einem daraus re-
sultierenden Invaliditätsgrad von nunmehr noch 30 % per 28. Februar 2019
zu befristen sei (Beschwerdebeilage [BB] 2).
Die Beschwerdeführerin macht demgegenüber zusammengefasst geltend,
auf das von der Beschwerdegegnerin eingeholte Gutachten könne nicht
abgestellt werden, habe die Beschwerdegegnerin doch durch ihre Rückfra-
gen in unzulässiger Weise auf die Gutachter Einfluss genommen. Ferner
habe die Beschwerdegegnerin das Invalideneinkommen unzutreffend fest-
gesetzt. Bei richtiger Betrachtung habe sie Anspruch auf eine unbefristete
Invalidenrente.
Damit ist streitig und nachfolgend zu prüfen, ob die Beschwerdegegnerin
der Beschwerdeführerin mit Verfügung vom 9. März 2022 zu Recht (ledig-
lich) eine befristete ganze Invalidenrente zugesprochen hat.
- 4 -
2.
Am 1. Januar 2022 sind die Änderungen vom 19. Juni 2020 betreffend Wei-
terentwicklung der IV (WEIV) in Kraft getreten. Weder dem IVG noch der
IVV sind besondere Übergangsbestimmungen betreffend die Anwendbar-
keit dieser Änderungen im Hinblick auf nach dem 1. Januar 2022 beurteilte
mögliche Rentenansprüche des Zeitraums bis zum 31. Dezember 2021 zu
entnehmen. Es sind daher nach den allgemeinen übergangsrechtlichen
Grundsätzen jene Bestimmungen anzuwenden, die bei der Erfüllung des
rechtlich zu ordnenden oder zu Rechtsfolgen führenden Tatbestands
Geltung haben beziehungsweise hatten (vgl. Urteil des Bundesge-
richts 8C_136/2021 vom 7. April 2022 E. 3.2.1 mit Verweis unter anderem
auf BGE 144 V 210 E. 4.3.1 S. 213).
3.
3.1.
Die Beschwerdegegnerin stützte sich in ihrer Verfügung vom 9. März 2022
in medizinischer Hinsicht auf das von ihr eingeholte bidisziplinäre medex-
perts-Gutachten vom 1. Dezember 2020. Dieses vereint eine psychiatri-
sche Beurteilung durch Dr. med. D., Fachärztin für Psychiatrie und
Psychotherapie, sowie eine orthopädische Beurteilung durch Dr. med. E.,
Facharzt für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des
Bewegungsapparates. Es wurden folgende Diagnosen mit Auswirkung auf
die Arbeitsfähigkeit gestellt (vgl. VB 65.1, S. 5):
" - Beschwerden im Bereich des rechten Fusses im Sinne von Schmerzen (ICD-10: M25.57) und Bewegungseinschränkung der Grosszehe (: M25.67)
- Arthrose im MP l-Gelenk rechts (ICD-10: M19.07)
- Ausgeprägter Knick-Senk-Spreizfuss rechts, weniger auch links (ICD-
10: M21.61)
- Zustandsbild nach Hallux valgus-Operation rechts im Oktober 2017 und
links im Juni 2003 (ICD-10: Z98.8)
- Panikstörung (ICD-10: F41.0)
- Soziale Phobie (ICD-10: F40.1)
- Alkoholabhängigkeit, episodischer Alkoholkonsum (ICD-10: F10.26)"
Ohne Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit seien demgegenüber folgende
Diagnosen (VB 65.1, S. 6):
" - Zervikalsyndrom (ICD-10: M54.82)
- Periarthropathie im Bereich der rechten Hüfte (ICD-10; M76.9)
- 5 -
- Rezidiv[i]erende depressive Störung, gegenwärtig remittiert (ICD-10: F33.4)
- Akzentuierte Persönlichkeitszüge mit abhängigen, ängstlich-vermei-
denden und neurotischen Anteilen (ICD-10: Z73.1)"
Zusammengefasst bestehe – mit Blick auf die aktenkundigen medizini-
schen Berichte seit Oktober 2016 (vgl. VB 65.2, S. 10) – aus orthopädi-
scher Sicht eine volle Arbeitsunfähigkeit sowohl im gelernten Beruf als Ver-
käuferin als auch in der zuletzt ausgeübten Tätigkeit im Gastronomiebe-
reich. In einer angepassten wechselbelastend körperlich leichten bis gele-
gentlich mittelschweren Tätigkeit ohne Heben oder Tragen von Lasten über
10 kg, gelegentlich 15 kg, ohne längere Gehstrecken, ohne Besteigen von
Treppen, Leitern oder Gerüsten, ohne Kauern oder Abhocken, ohne brüske
Kopfbewegungen und ohne Zwangspositionen im Bereich der HWS liege –
mit Ausnahme einer zweimonatigen vollen Arbeitsunfähigkeit "im Zusam-
menhang mit dem operativen Eingriff von Ende Oktober 2017" – eine Ar-
beitsfähigkeit von 70 % vor. Aus psychiatrischer Sicht sei die zuletzt aus-
geübte Tätigkeit in der Gastronomie nicht mehr möglich. In einer angepass-
ten und nach Möglichkeit eigenständigen Tätigkeit in einem wohlwollenden
Arbeitsumfeld ohne Notwendigkeit von häufigem Kundenkontakt oder von
Teamarbeit bestehe demgegenüber eine Arbeitsfähigkeit von 70 % "ab
dem aktuellen Untersuchungszeitpunkt" (VB 65.1, S. 7 f.).
3.2.
Am 17. Dezember 2020 legte die Sachbearbeitung der Beschwerdegegne-
rin das medexperts-Gutachten Dr. med. F., Fachärztin für Allge-
meinmedizin (D) sowie für Psychiatrie und Psychotherapie (D), zur Beur-
teilung vor. Dabei hielt sie im Wesentlichen fest, es sei unklar, ob aus or-
thopädischer Sicht in einer rein sitzenden Tätigkeit allenfalls eine höhere
Arbeitsfähigkeit bestehe. Ferner sei nicht nachvollziehbar, weshalb die psy-
chiatrische Einschätzung erst ab dem aktuellen Untersuchungszeitpunkt
Geltung haben solle. Insbesondere lägen in den Akten Berichte der behan-
delnden Ärzte für den Zeitraum vor der gutachterlichen Untersuchung, wel-
che eine frühere Verbesserung des Gesundheitszustands als möglich er-
scheinen liessen. Im Gutachten finde damit indes keine Auseinander-
setzung statt (VB 66, S. 1). Dr. med. F. schloss sich diesen Vorbehalten mit
Stellungnahme vom 8. Januar 2021 vollumfänglich an und empfahl
entsprechende Rückfragen an die Gutachter (VB 67, S. 2).
3.3.
Auf entsprechende Rückfragen der Beschwerdegegnerin vom 27. Januar
2021 (VB 69) hin hielten die Gutachter in ihrer ergänzenden Stellungnahme
vom 11. Februar 2021 aus psychiatrischer Sicht im Wesentlichen fest, die
behandelnden Ärzte hätten "ab 2016 eine hohe Arbeitsunfähigkeit attes-
tiert". In seinem Bericht vom 27. August 2018 (recte: 16. November 2018;
vgl. VB 37) beschreibe der behandelnde Psychiater Dr. med. G., Facharzt
- 6 -
für Psychiatrie und Psychotherapie, Y. dann jedoch – bei einer weiterhin
vollen Arbeitsunfähigkeit – bezüglich der Alkoholanhängigkeit eine
weitgehende Abstinenz der Beschwerdeführerin. In einem weiteren Bericht
vom 31. Januar 2020 (VB 52, S. 3 ff.) berichte er sodann von einer weiteren
Verbesserung des Gesundheitszustands (Remission des depressiven
Zustandsbilds bei weiterhin gegebener Alkoholabstinenz) seit dem
16. November 2018. Aus gutachterlicher Sicht könne daher ab dem
16. November 2018 eine Arbeitsfähigkeit von 70 % in einer angepassten
Tätigkeit angenommen werden (VB 70, S. 1). Aus orthopädischer Sicht
wird in der ergänzenden Stellungnahme vom 11. Februar 2021 ausgeführt,
bei der Beurteilung der Arbeitsfähigkeit sei im Gutachten vom 1. Dezember
2020 berücksichtigt worden, dass Dauerschmerzen zu einer verminderten
Konzentrationsfähigkeit führen würden, was ein verlangsamtes Arbeits-
tempo bewirke und zusätzliche Pausen notwendig mache. Da bei einer rein
sitzenden Tätigkeit die Gefahr vermehrter Schwellungen und einer
Schmerzverstärkung bestehe, müsse die Beschwerdeführerin die Möglich-
keit haben, aufzustehen und umherzugehen. Unter Berücksichtigung die-
ser Aspekte sei an der attestierten Arbeitsfähigkeit in quantitativer und qua-
litativer Hinsicht festzuhalten, auch wenn im Rahmen des gutachterlichen
Ermessens eine Arbeitsunfähigkeit von 20 % "durchaus auch vertretbar
wäre" (VB 70).
3.4.
Nachdem die Beschwerdegegnerin der Beschwerdeführerin mit Vorbe-
scheid vom 4. März 2021 die rückwirkende Zusprache einer befristeten In-
validenrente für die Zeit vom 1. Oktober 2017 bis 28. Februar 2019 in Aus-
sicht gestellt (VB 71, S. 2 ff.) und diese am 27. April 2021 Einwände erho-
ben hatte (VB 77), legte die Beschwerdegegnerin diese den Gutachtern auf
Empfehlung von RAD-Ärztin Dr. med. F. (vgl. VB 85) zur Stellungnahme
vor (VB 86). Diese hielten in ihrem Antwortschreiben vom 29. Juni 2021 im
Wesentlichen an ihrer Beurteilung fest (VB 87).
4.
4.1.
Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob die-
ser für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen
beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der
Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Beurteilung der medi-
zinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Si-
tuation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen des Experten begründet
sind (BGE 134 V 231 E. 5.1 S. 232; 125 V 351 E. 3a S. 352).
4.2.
Den von Versicherungsträgern im Verfahren nach Art. 44 ATSG eingehol-
ten Gutachten externer Spezialärzte, welche auf Grund eingehender
- 7 -
Beobachtungen und Untersuchungen sowie nach Einsicht in die Akten Be-
richt erstatten und bei der Erörterung der Befunde zu schlüssigen Ergeb-
nissen gelangen, ist bei der Beweiswürdigung volle Beweiskraft zuzuerken-
nen, solange nicht konkrete Indizien gegen die Zuverlässigkeit der Exper-
tise sprechen (BGE 135 V 465 E. 4.4 S. 470 und 125 V 351 E. 3b/bb
S. 353). Den Gutachten kommt somit bei Abklärungen im Leistungsbereich
der Sozialversicherung überragende Bedeutung zu (UELI KIESER, Kom-
mentar zum Bundesgesetz über den Allgemeinen Teil des Sozialversiche-
rungsrechts, 4. Aufl. 2020, N. 13 zu Art. 44 ATSG; vgl. auch BGE 132 V 93
E. 5.2.8 S. 105).
4.3.
Die Beschwerdeführerin wurde zur Erstellung des medexperts-Gutachtens
vom 1. Dezember 2020 fachärztlich umfassend und in Kenntnis sowie unter
Würdigung der Vorakten (vgl. VB 65.4) und unter Berücksichtigung der ge-
klagten Beschwerden untersucht. Es wurde ferner eine eigene Zusatzun-
tersuchung durchgeführt (Labor; vgl. VB 65.5). Die Gutachter beurteilten
die medizinischen Zusammenhänge sowie die medizinische Situation ein-
leuchtend und gelangten zu einer nachvollziehbar begründeten Schlussfol-
gerung. Dem Gutachten kommt damit grundsätzlich Beweiswert im Sinne
vorstehender Kriterien (vgl. vorne E. 4.1. und E. 4.2.) zu. Es ist denn auch
bezüglich der Diagnostik und der Beurteilung der Arbeitsfähigkeit in der an-
gestammten Tätigkeit zu Recht unumstritten.
4.4.
Die Beschwerdeführerin macht geltend, die Beschwerdegegnerin habe mit
Rückfragen in unzulässiger Weise Einfluss auf die gutachterliche Beurtei-
lung nehmen wollen und die Gutachter hätten in der Folge tatsächliche eine
der Beschwerdegegnerin genehmere Einschätzung abgebeben, weshalb
auf das Gutachten nicht abgestellt werden könne. Dem kann indes nicht
gefolgt werden. Die Rückfragen der Beschwerdegegnerin vom 27. Januar
2021 – die entgegen deren Darstellung der Beschwerdeführerin am 11. Ja-
nuar 2021 vorab zur Stellungnahme und allfälligen Stellung eigener Ergän-
zungsfragen vorgelegt wurden (VB 68) – erscheinen vielmehr objektiv ge-
rechtfertigt. So hat sich die Beschwerdeführerin am 8. März 2017 zum Leis-
tungsbezug angemeldet (VB 1), womit ein allfälliger Rentenanspruch frü-
hestens per 1. September 2017 entstehen konnte (Art. 29 Abs. 1 IVG). Das
medexperts-Gutachten vom 1. Dezember 2020 äussert sich aus psychiat-
rischer Sicht indes nicht retrospektiv zur Arbeitsfähigkeit, wie dies die Be-
schwerdegegnerin zutreffend festgestellt hat. Sie war daher nicht nur be-
rechtigt, sondern vor dem Hintergrund von Art. 43 Abs. 1 ATSG auch ver-
pflichtet, zur vollständigen Abklärung des rechtserheblichen Sachverhalts
entsprechende Rückfragen zu stellen. Diese sind denn auch unter Bezug-
nahme auf aktenkundige ärztliche Berichte des Zeitraums vor der gut-
achterlichen Untersuchung sachlich und objektiv formuliert. Gleiches gilt für
die ergänzende gutachterliche Stellungnahme von Dr. med. D. vom
- 8 -
11. Februar 2021, in welcher aus psychiatrischer Sicht nachvollziehbar be-
gründet dargelegt wird, dass die im Gutachten vom 1. Dezember 2020 at-
testierte Arbeitsfähigkeit von 70 % in einer angepassten Tätigkeit unter Be-
rücksichtigung der echtzeitlichen medizinischen Berichte bereits ab dem
16. November 2018 Gültigkeit beanspruchen könne, weil der behandelnde
Psychiater Dr. med. G. zu diesem Zeitpunkt einer Verbesserung des
Gesundheitszustands mit Remission der depressiven Störung und Al-
koholabstinenz definitiv bestätigt habe. Dies wird von der Beschwerdefüh-
rerin ferner inhaltlich nicht in Frage gestellt. Von einer Beeinflussung der
Gutachter durch die Beschwerdegegnerin kann vor diesem Hintergrund
keine Rede sein. Auch trifft es nicht zu, dass die Gutachter ihre Beurteilung
abgeändert hätten. Die psychiatrische Gutachterin äussert sich vielmehr
lediglich zu einem gutachterlich bisher nicht beurteilten (anspruchsrelevan-
ten) Zeitraum. Der orthopädische Gutachter hielt zudem mit ergänzender
Stellungnahme vom 11. Februar 2021 explizit an seiner Arbeitsfähig-
keitseinschätzung gemäss Gutachten vom 1. Dezember 2020 fest und ver-
neinte zusätzlich die präzisierende und vor dem Hintergrund des vom or-
thopädischen Gutachter beschriebenen Gesundheitsschadens sinnfällige
Frage der Beschwerdegegnerin nach einer allenfalls höheren Arbeitsfähig-
keit in einer rein sitzenden Tätigkeit. Die Vorbringen der Beschwerdeführe-
rin sind damit nicht geeignet, ein Abweichen von der gutachterlichen Ein-
schätzung zu begründen. Daran vermag auch die Vorlage der Einwände
der Beschwerdeführerin vom 27. April 2021 nach Erlass des Vorbescheids
vom 4. März 2021 (VB 71, S. 2 ff.) an die Gutachter nichts zu ändern, denn
deren Antwort vom 29. Juni 2021 erschöpft sich inhaltlich in einem Festhal-
ten an der bisherigen Beurteilung.
4.5.
Die Beschwerdeführerin führt weiter keine im Rahmen der Begutachtung
unerkannten oder ungewürdigten Aspekte an. Solche sind denn aus den
weitere medizinischen Akten auch nicht ersichtlich. Dem medexperts-Gut-
achten vom 1. Dezember 2020 kommt damit nach dem Dargelegten zu-
sammen mit der ergänzenden gutachterlichen Stellungnahme vom
11. Februar 2021 Beweiswert zu. Es ist daher nachfolgend vom dort be-
schriebenen Gesundheitszustand und der gutachterlich attestierten Ar-
beitsfähigkeit auszugehen.
5.
5.1.
Die Feststellungen der Beschwerdegegnerin in ihrer Verfügung vom
9. März 2022 betreffend die aus invalidenversicherungsrechtlicher Sicht
bestehenden erwerblichen Auswirkungen des Gesundheitsschadens sind
betreffend den ab dem 1. Oktober 2017 bestehenden Anspruch auf eine
ganze Invalidenrente nach dem Dargelegten zu Recht nicht umstritten.
- 9 -
5.2.
Die Beschwerdegegnerin hat ferner zutreffend eine Neufestsetzung des In-
validitätsgrads infolge der Mitte November 2018 eingetretenen Verbesse-
rung des Gesundheitszustands mit einer Arbeitsfähigkeit von nunmehr
70 % in einer angepassten Tätigkeit vorgenommen. Sie nahm dabei ge-
stützt auf die Tabellenlöhne der schweizerischen Lohnstrukturerhebung
(LSE) des Jahres 2018 des Bundesamtes für Statistik (BFS), Tabelle TA1,
Kompetenzniveau 1, Total, Frauen, unter Berücksichtigung der betriebsüb-
lichen wöchentlichen Arbeitszeit von 41.7 Stunden ein Valideneinkommen
von Fr. 54'681.00 an. Das Invalideneinkommen setzte sie auf gleicher
Grundlage und unter Berücksichtigung der Arbeitsfähigkeit von 70 % auf
Fr. 38'277.00 fest und berechnete darauf gestützt einen Invaliditätsgrad
von 30 %. Die Festsetzung des Invalideneinkommens mittels statistischer
Lohnangaben erweist sich dabei – unter Berücksichtigung der bis zum
31. Dezember 2021 geltenden Rechtslage (vgl. dazu vorne E. 2.) – entge-
gen der Ansicht der Beschwerdeführerin ohne Weiteres als rechtmässig,
schöpfte diese doch mit einem Pensum von etwa 20 % (vgl. die Angaben
der Beschwerdeführerin gegenüber der psychiatrischen Gutachterin in
VB 65.2, S. 4, sowie die Angaben der früheren Arbeitgeberin in VB 13.1 f.)
die ihre verbleibende Arbeitsfähigkeit von 70 % offenkundig nicht in zumut-
barer Weise voll aus (vgl. statt vieler BGE 135 V 297 E. 5.2 S. 301 mit Hin-
weis unter anderem auf BGE 129 V 472 E. 4.2.1 S. 475). Die von der Be-
schwerdeführerin zur Begründung des von ihr geforderten leidensbeding-
ten Abzugs vom Invalideneinkommen von 25 % angeführten gesundheitli-
chen Einschränkungen fanden ferner bei der Bemessung der Arbeitsfähig-
keit in der angestammten und einer angepassten Tätigkeit respektive im
angegebenen Profil der zumutbaren Tätigkeiten hinreichend Berücksichti-
gung, weshalb sie nicht zusätzlich in die Bemessung des leidensbedingten
Abzugs einfliessen und so zu einer doppelten Anrechnung desselben Ge-
sichtspunkts führen dürfen (vgl. statt vieler BGE 146 V 16 E. 4.1 S. 20 mit
Hinweis). Den weiteren Akten sind keine anderen einen Abzug begründen-
den Umstände zu entnehmen, weshalb die Beschwerdegegnerin zu Recht
keinen solchen gewährt hat. Damit sind Validen- und Invalideneinkommen
ausgehend vom gleichen Tabellenlohn zu berechnen, womit der Invalidi-
tätsgrad – im Sinne einer rechnerischen Vereinfachung (vgl. SVR 2017 IV
Nr. 71 S. 219, 9C_675/2016 E. 3.2.1) – dem Grad der Arbeitsunfähigkeit
unter Berücksichtigung eines allfälligen Abzugs vom Tabellenlohn ent-
spricht (vgl. statt vieler Urteile des Bundesgerichts 8C_587/2018 vom
11. März 2019 E. 5.3 und 9C_207/2018 vom 16. April 2018 E. 3.2.4) und
damit hier 30 % beträgt, was keinen Anspruch auf eine Invalidenrente mehr
zu vermitteln vermag (Art. 28 Abs. 1 IVG). Die Beschwerdegegnerin hat die
ganze Invalidenrente der zum Verfügungszeitpunkt 56 Jahre alten Be-
schwerdeführerin daher – nach durchgeführten Eingliederungsmassnah-
men (vgl. dazu insb. den Abschlussbericht Integration vom 3. Mai 2022 in
VB 116 sowie BGE 145 V 209 E. 5 S. 211 ff. und E. 7 des zur Publ. vorge-
sehenen Urteils des Bundesgerichts 8C_104/2021 vom 27. Juni 2022) – zu
- 10 -
Recht in Anwendung von Art. 88a Abs. 1 IVV per 28. Februar 2019 befris-
tet.
6.
6.1.
Nach dem Dargelegten ist die Beschwerde abzuweisen.
6.2.
Gemäss Art. 69 Abs. 1bis IVG ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Kosten
werden nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im
Rahmen von Fr. 200.00 bis Fr. 1'000.00 festgesetzt. Für das vorliegende
Verfahren betragen diese Fr. 800.00. Sie sind gemäss dem Verfahrensaus-
gang der Beschwerdeführerin aufzuerlegen. Da dieser die unentgeltliche
Rechtspflege bewilligt wurde, sind die Kosten einstweilen lediglich vorzu-
merken.
6.3.
Der Beschwerdeführerin steht nach dem Ausgang des Verfahrens (Art. 61
lit. g ATSG) und der Beschwerdegegnerin aufgrund ihrer Stellung als Sozi-
alversicherungsträgerin (BGE 126 V 143 E. 4 S. 149 ff.) kein Anspruch auf
Parteientschädigung zu. Der unentgeltlichen Rechtsvertreterin wird das an-
gemessene Honorar nach Eintritt der Rechtskraft des versicherungsge-
richtlichen Urteils aus der Obergerichtskasse zu vergüten sein (Art. 122
Abs. 1 lit. a ZPO i.V.m. § 34 Abs. 3 VRPG).
6.4.
Es wird ausdrücklich auf Art. 123 ZPO verwiesen, wonach eine Partei, der
die unentgeltliche Rechtspflege gewährt wurde, zur Nachzahlung der vor-
gemerkten Gerichtskosten sowie der der Rechtsvertreterin ausgerichteten
Entschädigung verpflichtet ist, sobald sie dazu in der Lage ist.