Decision ID: c3f73711-4d70-40f7-9c72-c4e7308966a5
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführenden 1-4 reisten ihren eigenen Angaben zufolge im
Februar 2021 mit von Deutschland ausgestellten Visa in Deutschland ein.
In der Folge erhielten sie von den deutschen Behörden Aufenthaltsbewilli-
gungen. Am 5. August 2022 suchten sie in der Schweiz um Asyl nach (vgl.
Akten der Vorinstanz [SEM-act.] 1 ff.).
B.
Am 11. August 2022 nahm die Vorinstanz die Personalien der Beschwer-
deführenden 1-4 auf (SEM-act. 24 ff.). Der Vorladung zum sogenannten
Dublin-Gespräch am 18. August 2022 leisteten sie keine Folge. Vertreten
durch ihren Rechtsbeistand nahmen die Beschwerdeführenden 1-4 darauf-
hin am 24. August 2022 schriftlich zur Zuständigkeit Deutschlands für die
Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens, zum beabsichtigten
Nichteintretensentscheid, zur Wegweisung in diesen Dublin-Mitgliedstaat
sowie zu ihrem Gesundheitszustand Stellung. Unter anderem führten sie
an, der Beschwerdeführer 2 habe seine Anstellung in Deutschland verlo-
ren, weshalb sie befürchteten, dass die ihnen erteilten Aufenthaltsbewilli-
gungen nicht mehr gültig sein könnten (SEM-act. 43).
C.
Den Gesuchen der Vorinstanz vom 19. August 2022 um Aufnahme der Be-
schwerdeführenden 1-4 gestützt auf Art. 12 Abs. 1 oder Abs. 3 der Verord-
nung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates vom
26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung
des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehö-
rigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf inter-
nationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO) stimmten die
deutschen Behörden am 24. August 2022 zu (SEM-act. 36 ff.).
D.
Am 29. August 2022 erklärte die Rechtsvertretung das Mandatsverhältnis
mit den Beschwerdeführenden 1-4 für beendet (SEM-act. 54).
E.
Mit Verfügung vom 19. Oktober 2022 – eröffnet am 25. Oktober 2022 – trat
die Vorinstanz in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31)
auf die Asylgesuche nicht ein, ordnete die Wegweisung nach Deutschland
an und forderte die Beschwerdeführenden 1-4 auf, die Schweiz am Tag
nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen. Gleichzeitig wies die Vor-
instanz auf die einer allfälligen Beschwerde von Gesetzes wegen fehlende
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aufschiebende Wirkung hin und beauftragte den Kanton Zürich mit dem
Vollzug der Wegweisung (SEM-act. 59).
F.
Gegen den vorinstanzlichen Entscheid erhoben die Beschwerdeführenden
1 und 2 für sich und die Beschwerdeführenden 3 und 4 am 28. Oktober
2022 Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht. Sinngemäss bean-
tragten sie, die Verfügung der Vorinstanz vom 19. Oktober 2022 sei aufzu-
heben, auf ihre Asylgesuche sei einzutreten und es sei ein nationales Asyl-
verfahren durchzuführen. Zudem sei ihre Flüchtlingseigenschaft anzuer-
kennen und es sei ihnen Asyl zu gewähren. Es sei festzustellen, dass der
Vollzug der Wegweisung unzulässig, unzumutbar und unmöglich sei und
es sei die vorläufige Aufnahme anzuordnen. In verfahrensrechtlicher Hin-
sicht ersuchten sie um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung,
Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses sowie um Einsetzung
eines amtlichen Rechtsbeistandes. Eventualiter sei die aufschiebende Wir-
kung wiederherzustellen (Akten des Bundesverwaltungsgerichts [BVGer-
act.] 1).
G.
Am 2. November 2022 lagen dem Bundesverwaltungsgericht die Akten in
elektronischer Form vor, und gleichentags setzte der Instruktionsrichter
den Vollzug der Überstellung gestützt auf Art. 56 VwVG einstweilen aus
(BVGer-act. 2).

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1. Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.2. Die Beschwerde ist zulässig (Art. 105 AsylG; Art. 31 ff. VGG). Die Be-
schwerdeführenden 1-4 sind zur Einreichung der Beschwerde legitimiert
(Art. 105 AsylG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Die Beurteilungskompetenz der
Beschwerdeinstanz ist vorliegend auf die Frage beschränkt, ob die Vor-
instanz zu Recht auf die Asylgesuche nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017
VI/5 E. 3.1; 2012/4 E. 2.2; je m.w.H.). Die Fragen der Anerkennung der
Flüchtlingseigenschaft, der Gewährung von Asyl beziehungsweise der An-
ordnung einer vorläufigen Aufnahme bildeten nicht Gegenstand des ange-
fochtenen Nichteintretensentscheids, weshalb sie auch nicht Gegenstand
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des vorliegenden Beschwerdeverfahrens sein können. Auf die entspre-
chenden Rechtsbegehren ist nicht einzutreten. Im Übrigen ist auf die frist-
und formgerecht eingereichte Beschwerde jedoch einzutreten (Art. 108
Abs. 3 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG). Das Urteil des Bundesverwaltungs-
gerichts ist endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
2.
2.1. Mit Beschwerde können die Verletzung von Bundesrecht (einschliess-
lich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige
und unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts ge-
rügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
2.2. Die Beschwerde erweist sich – wie im Folgenden zu zeigen ist – als
offensichtlich unbegründet, weshalb sie im Verfahren einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e AsylG), ohne Durchführung eines
Schriftenwechsels und mit summarischer Begründung zu behandeln ist
(Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG).
3.
Aus den Akten ergibt sich, dass die deutschen Behörden dem Beschwer-
deführer 2 vom 7. Januar 2020 bis zum 28. Januar 2020 und vom 13. März
2020 bis zum 6. April 2020 gültige Schengen-Visa für touristische und be-
rufliche Zwecke erteilten, wobei die Gültigkeit des letzteren bis zum
20. Juni 2020 verlängert wurde. Die Beschwerdeführenden 1 sowie 3
und 4 erhielten von Deutschland vom 4. Februar 2021 bis zum 4. Mai 2021
gültige nationale Visa zum Zwecke des Familiennachzugs. Nach ihrer Ein-
reise in Deutschland im Februar 2021 stellte Deutschland den Beschwer-
deführenden 1-4 Aufenthaltsbewilligungen aus, welche bis zum 16. No-
vember 2024, respektive bis zum 26. April 2023 gültig sind ( SEM-act. 13).
Ob die Aufenthaltsbewilligungen allenfalls infolge eines Arbeitsplatzverlus-
tes des Beschwerdeführers 2 nicht verlängert werden könnten, ist für die
vorliegend vorzunehmende Zuständigkeitsbestimmung gestützt auf die
Dublin-III-VO irrelevant. Die Beschwerdeführenden 1-4 behaupten nicht,
seit ihrer Einreise den Dublin-Raum zwischenzeitlich verlassen zu haben.
Die deutschen Behörden stimmten dem Aufnahmeersuchen am 24. August
2022 gestützt auf Art. 12 Abs. 1 Dublin-III-VO zu. Die grundsätzliche Auf-
nahmezuständigkeit Deutschlands ist daher gegeben (vgl. auch Art. 18
Abs. 1 Bst. a Dublin-III-VO).
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4.
4.1. Sinngemäss fordern die Beschwerdeführenden 1-4 die Anwendung
der Souveränitätsklausel von Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO respektive der –
das Selbsteintrittsrecht im Landesrecht konkretisierenden – Bestimmung
von Art. 29a Abs. 3 der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1,
SR 142.311), gemäss welcher die Vorinstanz das Asylgesuch "aus huma-
nitären Gründen" auch dann behandeln kann, wenn dafür gemäss Dublin-
III-VO ein anderer Staat zuständig wäre.
4.2. Die Beschwerdeführenden 1-4 machen im Wesentlichen geltend,
Deutschland sei für sie kein sicheres Land, weshalb sie dorthin nicht zu-
rückkehren könnten. Sie würden in Deutschland von den chinesischen Be-
hörden verfolgt, weil der Beschwerdeführer 2 "illegale Handlungen" des
chinesischen Gouverneurs gekannt habe. Zudem mache ihm ein hoher
deutscher Regierungsbeamter "Schwierigkeiten". Ihr Leben sei in Deutsch-
land ernsthaft zerstört worden. Eine Operation der Beschwerdeführerin 1
sei erfolglos verlaufen und der Beschwerdeführer 4 sei in der Schule ab-
gewiesen worden. Bei den Hausärzten und in der Schule seien Gerüchte
über sie verbreitet worden. Eine rechtliche Unterstützung hätten sie in
Deutschland nicht erhalten.
4.3. Die Vorbringen der Beschwerdeführenden 1-4 betreffend ihre Verfol-
gung durch deutsche und chinesische Behörden in Deutschland sind un-
substantiiert, unbelegt, aus dem Zusammenhang gerissen und in Würdi-
gung der gesamten Aktenlage als unglaubhaft einzustufen. Die deutschen
Behörden nahmen die zahlreichen Anliegen, Auskunftsbegehren und Kla-
gen der Beschwerdeführenden 1-4 stets auf und bearbeiteten sie akten-
kundig. Den Beschwerdeführenden 1-4 steht es frei, in Deutschland um
internationalen Schutz, mithin um Zugang sowie Integration ins deutsche
Asylsystem zu ersuchen. Auch unter Berücksichtigung der umfangreichen
Korrespondenz mit deutschen Behörden bestehen vorliegend keinerlei
Hinweise darauf, Deutschland werde sich weigern, die Beschwerdeführen-
den 1-4 aufzunehmen und ihren Antrag auf internationalen Schutz unter
Einhaltung der Regeln der Verfahrensrichtlinie zu prüfen. Alsdann ist nicht
zu erwarten, Deutschland werde ihnen dauerhaft die ihnen zustehenden
minimalen Lebensbedingungen und eine medizinische Versorgung vorent-
halten.
4.4. Soweit die Beschwerdeführenden 1-4 einwenden, ihre Aufenthaltsbe-
willigung dürfe nicht dazu benutzt werden, ihnen eine lebenslange Chance
auf Schutz und Aufenthalt in der Schweiz zu vereiteln, so sind sie darauf
hinzuweisen, dass ihnen die Dublin-III-VO kein Recht einräumt, den ihre
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Anträge prüfenden Staat selber auswählen zu können (vgl. dazu auch
BVGE 2010/45 E. 8.3). Mangels Zuständigkeit nicht näher einzugehen ist
sodann auf die nicht stichhaltigen Vorwürfe der Beschwerdeführenden
1-4, Mitarbeitende des Bundesasylzentrums sowie ihr vormaliger Recht-
beistand hätten sich unprofessionell und voreingenommen verhalten.
5.
Eine die Schweiz bindende völkerrechtliche Bestimmung verletzt der an-
gefochtene Entscheid nicht. Insbesondere sind die gesundheitlichen Be-
einträchtigungen der Beschwerdeführenden 1-4 (ausgeprägte erosive
Pangastritis, verspannter Trapezmuskel, Vitamin D-Insuffizienz, Halswir-
belsäulensyndrom sowie Analstenose [Beschwerdeführerin 1] [vgl. Arztbe-
richte vom 15. und vom 29. August 2022 sowie vom 28. September 2022
und vom 26. Oktober 2022; SEM-act. 57 und BVGer-act. 1]; chronischer
kompensierter Tinnitus rechts bzw. unklarer Tinnitus rechts differentialdiag-
nostisch bei Somatisierungsstörung, Hypotonie, Exsikkose [Dehydration],
Blähbauch und Fusspilz [Beschwerdeführer 2] [vgl. Arztberichte vom
14. und vom 21. September 2022 sowie vom 3. Oktober 2022; SEM-
act. 57]; Status nach kleinem Abszess am Ellenbogen, Akne und verstopfte
Ohren [Beschwerdeführerin 3] [vgl. Arztbericht vom 14. September 2022;
SEM-act. 57]; Verdacht auf Madenwürmer, Karies und emotionale Belas-
tung durch Fluchtgeschichte [Beschwerdeführer 4] [vgl. Arztbericht vom
22. September 2022; SEM-act. 57]) bei Weitem nicht derart gravierend, als
dass in Anwendung von Art. 3 EMRK von einer Überstellung nach Deutsch-
land abgesehen werden müsste (vgl. dazu Urteil des EGMR Paposhvili ge-
gen Belgien vom 13. Dezember 2016, Grosse Kammer, 41738/10, §§ 180-
193 m.w.H.). Das ihr im Übrigen bei der Anwendung von Art. 29a Abs. 3
AsylV 1 in Verbindung mit Art. 17 Dublin-III-VO zustehende Ermessen hat
die Vorinstanz gesetzeskonform ausgeübt (vgl. BVGE 2015/9 E. 8). Es ist
nicht zu beanstanden, dass sie das Vorliegen humanitärer Gründe verneint
und vom Selbsteintrittsrecht keinen Gebrauch gemacht hat. Zu Recht ist
sie auf die Asylgesuche nicht eingetreten und hat die Überstellung der Be-
schwerdeführenden 1-4 nach Deutschland verfügt. Die Beschwerde ist ab-
zuweisen, soweit darauf einzutreten ist. Das Gesuch um Gewährung der
aufschiebenden Wirkung ist mit Ausfällung des vorliegenden Endent-
scheids gegenstandslos geworden.
6.
Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege ist abzuwei-
sen, da die Begehren – wie sich aus den vorstehenden Erwägungen ergibt
– als aussichtslos zu bezeichnen sind. Die Verfahrenskosten sind den Be-
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schwerdeführenden 1-4 aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf ins-
gesamt Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1 ff. des Reglements vom 21. Februar
2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungs-
gericht [VGKE, SR 173.320.2]).
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