Decision ID: be977e23-b04c-588b-9de0-d666fbcef762
Year: 2011
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführer,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Rainer Niedermann, St. Leonhard-Strasse 20,
Postfach, 9001 St. Gallen,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
betreffend
Rente
Sachverhalt:
A.
A.a A._, meldete sich am 18. September 2003 zum Bezug einer Invalidenrente an
(act. G 15.1/1). Am 4. Juli 2002 hatte er einen Verkehrsunfall erlitten, bei dem sich sein
Fahrzeug überschlug, und er auf der Fahrerseite zu liegen kam. Dabei hatte er eine
Keilimpressionsfraktur des dritten Lendenwirbelkörpers (LWK 3) erlitten, die konservativ
mit Gipskorsett therapiert worden war (act. G 15.1/9-5). Am 22. April 2004 erlitt er bei
einem Auffahrunfall eine Distorsion der Halswirbelsäule (HWS, act. G 15.1/26 und 15.2).
Seit August 2000 betreibt der Versicherte eine eigene Pizzeria, nachdem er zuvor von
1982 bis 2000 als Küchenhilfe in einem Altersheim beschäftigt gewesen war (act.
G 15.1/1-4).
A.b Am 2. Oktober 2003 berichtete der behandelnde Arzt, Dr. med. B._, Allgemeine
Medizin FMH, zuhanden der Invalidenversicherung, es habe eine Arbeitsunfähigkeit von
100 % vom 4. Juli 2002 bis zum 3. November 2002 bestanden. Seit dem 4. November
2002 sei der Versicherte bis auf Weiteres zu 50 % arbeitsunfähig (act. G 15.1/9-1).
A.c Dr. med. C._, Spezialarzt FMH für Chirurgie, erstattete der obligatorischen
Unfallversichererin am 30. August 2004 Bericht, nachdem er als Vertrauensarzt
derselben letztmals am 19. August 2003 Stellung bezogen und die Arbeitsfähigkeit auf
etwa 50 % festgelegt hatte. Er führte aus, der Versicherte habe am 22. April 2004
wiederum einen Autounfall erlitten, anlässlich dessen er sich eine HWS-Distorsion
zugezogen habe. Er sei danach während eines Monats zu 100 % arbeitsunfähig
gewesen. Hinsichtlich der LWK-Fraktur müsse von einem Endzustand ausgegangen
werden. Er attestierte wiederum eine Arbeitsunfähigkeit von 50 % (act. G 15.2).
A.d Am 18. Januar 2005 berichtete Dr. B._ im Auftrag der obligatorischen
Unfallversichererin, dass der Versicherte anhaltende starke Schmerzen im Kreuz,
gelegentlich auch im Nacken und in der linken Schulter habe. Es liege eine reaktive
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
depressive Verstimmung mit Schlafstörungen vor. Das Leiden habe sich chronifiziert.
Er attestierte eine Arbeitsunfähigkeit von 50 % (act. G 15.2).
A.e Die obligatorische Unfallversichererin holte bei Dr. med. D._, FMH Orthopädie,
zwei Gutachten ein (act. G 15.2). Mit Gutachten vom 9. Dezember 2005 stellte sie die
Diagnosen einer chronischen Lumbago mit zum Teil ischialgieformen Ausstrahlungen
beidseits, einer chronischen muskulären Zervikalgie sowie einer chronischen Arthralgie
der Schulter links. Des Weiteren bestünden anhaltende Nackenbeschwerden. Die
Beweglichkeit sei eingeschränkt und schmerzhaft. Sie attestierte eine
Arbeitsunfähigkeit von mindestens 70 % in der angestammten Tätigkeit als Koch in der
eigenen Pizzeria (act. G 15.2). Im zweiten Gutachten vom 8. November 2007 stellte
Dr. D._ dieselben Diagnosen, wich aber in der Beurteilung der Arbeitsfähigkeit vom
vormals erstatteten Gutachten ab. Sie bescheinigte eine Arbeitsfähigkeit von 10 bis 20
% in der Arbeitssituation des Versicherten (Familienbetrieb), bei jeder anderen
Arbeitsstelle sei der Versicherte als Koch zu 100 % arbeitsunfähig.
B.
B.a Aufgrund einer internen Anfrage hielt Dr. med. E._ vom Regionalen Ärztlichen
Dienst (RAD) am 2. April 2008 fest, die Beurteilung der Restarbeitsfähigkeit des
Versicherten in beiden Gutachten von Dr. D._ würden nicht zu überzeugen
vermögen. Beim Versicherten läge eine schmerzbedingte Bewegungseinschränkung in
der LWS in allen stehenden, gehenden und sitzenden Tätigkeiten vor. Jegliche Arbeiten
über der Schulterhöhe könne er wegen der Schulter- und Nackenproblematik
unmöglich ausüben. Als Koch sei er arbeitsunfähig. In einer angepassten Tätigkeit mit
wechselbelastenden Arbeiten, mit Heben und Tragen von leichten Gewichten (bis 10
Kilogramm) und unter Vermeidung von Arbeiten über der Schulterhöhe sowie der
Möglichkeit, Pausen einzulegen, sei der Versicherte dagegen zu 100% arbeitsfähig.
Diese Verweistätigkeit könne auch ausserhalb des familiären Rahmens wahrgenommen
werden. Die Annahme, es brauche hierzu das familiäre Umfeld, sei nicht medizinisch,
sondern durch psychosoziale und soziokulturelle (IV-fremde) Faktoren begründet (act.
G 15.1/60).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.b Die IV-Stelle führte am 16. Juli 2008 eine Abklärung an Ort und Stelle durch. Im
entsprechenden Bericht vom 22. August 2008 hielt die Abklärungsperson im
Wesentlichen fest, der Beschwerdeführer habe vor der Eröffnung der eigenen Pizzeria
von 1982 bis 2000 als Hilfskoch in einem Altersheim gearbeitet. Die Pizzeria sei ein
Familienunternehmen. Anfänglich seien sein Schwiegersohn und sein Sohn F._ am
Unternehmen beteiligt gewesen. Seit 2001 sei er alleiniger Inhaber, obschon die
entsprechende Publikation im Handelsregister erst im Jahr 2006 erfolgt sei. Es sei
schon vor Eintritt der 20%igen Einschränkung im Jahr 2002 ein Pizzaiolo angestellt
gewesen, der zuständig gewesen sei für die Zubereitung von Pizzas. Früher hätten sie
auch noch ein Tagesmenü im Angebot gehabt. Dieses hätten sie seit längerer Zeit
gestrichen, weil dafür wegen dem Konkurrenzangebot der Migros gleich nebenan kaum
mehr Nachfrage bestanden habe. Sodann habe man sich auf Pizzas und Pasta
konzentriert. Der Sohn F._ habe seit Aufnahme der Geschäftstätigkeit im Jahr 2000
unentgeltlich administrative Aufgaben übernommen; er machte dafür rund 60 Stunden
im Jahr geltend. Es würden zwei weitere Söhne als Kuriere bzw. Allrounder, seine
Ehefrau als Hilfskraft und seine Tochter G._ im Service arbeiten. Zudem seien eine
Servicehilfe zu 60 % und eine Küchenhilfe zu 50 bis 60 % angestellt. Im
Betätigungsvergleich hielt der Abklärungsbeauftragte fest, der Versicherte habe vor
den Unfällen keine Betriebsführungsaufgaben ausgeführt, da er Analphabet sei und
sprachliche Schwierigkeiten habe. Die Küche sei immer sein Element gewesen,
allerdings ohne die Tätigkeit als Pizzaiolo. Man müsse grundsätzlich davon ausgehen,
dass der Versicherte in einem Vollpensum in der Küche arbeiten würde, und zwar über
Mittag vier Stunden und am Abend vier Stunden. Der Versicherte sehe sich heute noch
in der Lage, während rund zwei Stunden über Mittag in der Küche zu stehen. Während
dieser Zeit sei er als Koch tätig und ständig auf eine Hilfskraft angewiesen. Seit Februar
2008 übernehme seine Ehefrau diese Aufgabe. Am Abend decke eine Aushilfe die
Küche ab. Aufgrund der Angaben des Versicherten ermittelte der
Abklärungsbeauftragte eine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit als Koch von 75 %. Er
hielt fest, dass es grundsätzlich leichtere Tätigkeiten als jene eines Kochs gebe. Der
wirtschaftliche Erfolg stimme aber trotz Handicap und reduziertem Einsatz, weshalb
sich die Frage nach der Möglichkeit einer anderen Beschäftigung nicht stelle. Jedes
der Familienmitglieder beziehe, gemessen an den Löhnen im Gastrobereich, einen
anständigen bis hohen Lohn. Daneben würden Dritte beschäftigt. Die unfallbedingten
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Ausfälle des Versicherten hätten die Betriebsrechnung nicht aus dem Gleichgewicht
bringen können. Da der Versicherte Alleininhaber des Betriebes sei, falle ihm nebst
Lohn auch der Geschäftsgewinn zu. Er habe mit dem Betrieb mehr verdient als zur Zeit
als er angestellt gewesen sei. So belaufe sich der durchschnittliche Verdienst des
Versicherten aufgrund der vorhandenen Erfolgsrechnungen 2003 - 2007 auf
durchschnittlich Fr. 67'676.--. Abzüglich des Anteils der unentgeltlichen Mitarbeit des
Sohnes von Fr. 3'000.-- (60 h à Fr. 50.--), aufgewertet auf 2008, ergab sich ein
Verdienst von Fr. 67'164.--. Bei vollem Einsatz des Versicherten könnten
Personalkosten für ein 50 %-Pensum gespart werden (50 % von Fr. 3'400.-- x 13 + 15
% Sozialleistungen = Fr. 25'415.--). Das Valideneinkommen würde damit auf Fr.
92'579.-- steigen, der Ausfall betrage Fr. 25'415.-- oder 27 %. Aus medizinischer Sicht
lasse sich in der jetzigen Tätigkeit im eigenen Betrieb höchstens eine 50%ige
Einschränkung rechtfertigen, bei der Möglichkeit des Vor- und Nachgebens, der
Arbeitsorganisation und mit Einsatz von Hilfspersonal (act. G 15.1/73).
C.
C.a Mit Vorbescheid vom 4. September 2008 stellte die IV-Stelle dem Versicherten in
Aussicht, das Begehren um Rente werde abgewiesen, da der Invaliditätsgrad unter
40% liege (act. G 15.1/75-2).
C.b Gegen diesen Vorbescheid liess der Versicherte durch Rechtsanwalt lic. iur. Rainer
Niedermann, St. Gallen, am 13. November 2008 Einwand erheben. Mit Verweis auf das
zweite Gutachten von Dr. D._ machte er geltend, er sei in der angestammten
Tätigkeit als Koch in irgendeinem Betrieb dauernd zu 100 % arbeitsunfähig. Im
Familienbetrieb bestehe einzig dank der besonderen Umstände eine minimale
Restarbeitsfähigkeit. Die Kritik des RAD, es werde im Gutachten Dr. D._ die Frage
nach der verwertbaren angepassten Arbeit zu wenig genau beantwortet, sei haltlos. Es
sei unverständlich, dass der RAD den Standpunkt einnehme, er sei weiterhin zu 100 %
in einer leidensangepassten Tätigkeit arbeitsfähig. Diese diametral abweichende
Einschätzung der Arbeitsfähigkeit werde nicht begründet. Eventualiter sei die angeblich
unbeantwortet gebliebene Frage bei Dr. D._ mit einem Zusatzgutachten abklären zu
lassen. Ausserdem sei das durchschnittliche Einkommen 2003 - 2007 deutlich
niedriger abzusetzen, da der vom Sohn J._ deklarierte Aufwand deutlich höher und
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
für den Ausfall Personalkosten für mindestens ein 100 %-Pensum zu veranschlagen
seien (act. G 15.1/83-1).
D.
D.a Aufgrund einer internen Anfrage hielt Dr. E._ am 6. März 2009 fest, dass es sich
angesichts der sich abzeichnenden Kontroverse empfehle, vor einer Begutachtung
einen Verlaufsbericht beim Hausarzt, Dr. B._, einzuholen (act. 15.1/87-2).
D.b Mit Verlaufsbericht vom 11. März 2009 zuhanden der IV konstatierte der
behandelnde Arzt, Dr. B._, dass sich seit der letzten Berichterstattung im August
2007 nichts geändert habe. Er bescheinigte eine Arbeitsfähigkeit von ca. 30 % (act.
G 15.1/89-1).
D.c In der Folge hielt Dr. E._ am 1. April 2009 daran fest, dass der Versicherte in
einer adaptierten Tätigkeit zu 100% arbeitsfähig sei. Es würden sich keine Hinweise auf
eine psychische Störung finden, die eine ausserhäusliche Arbeit verunmöglichen würde
(act. G 15.1/90).
E.
Mit Verfügung vom 1. Mai 2009 eröffnete die IV-Stelle entsprechend dem Vorbescheid,
dass kein Anspruch auf Rentenleistungen bestehe. In einer leidensangepassten
Tätigkeit sei der Versicherte zu 100% arbeitsfähig. Im eigenen Betrieb mit
verschiedenen Arbeitsbereichen seien die Voraussetzungen für eine adaptierte
Tätigkeit gegeben, z.B. bei der Personalführung, im Wechsel mit Pizzakurier, am Buffet,
im Service und als Küchenhilfe. Mit der Berücksichtigung von Personalmehrkosten im
Ausmass eines 50 %-Pensums sei der Sachverhalt sehr zuvorkommend beurteilt
worden (act. G 15.1/92-1).
F.
F.a Gegen diese Verfügung richtet sich die von Rechtsanwalt Niedermann eingereichte
Beschwerde vom 3. Juni 2009. Er stellt die Anträge, die angefochtene Verfügung vom
1. Mai 2009 sei aufzuheben, dem Beschwerdeführer sei eine ganze Invalidenrente
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
entsprechend einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 % auszurichten; eventualiter
sei die Streitsache an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen, um weitere
medizinische und betriebliche Abklärungen vorzunehmen und anschliessend neu zu
verfügen; unter angemessener Kosten- und Entschädigungsfolge (act. G 1).
Rechtsanwalt Niedermann begründet die Vorbringen zunächst summarisch. Im
Wesentlichen führt er aus, die vorhandenen gesundheitlichen Einschränkungen würden
sich auf die Arbeitsfähigkeit auswirken. Für die Tätigkeit im Familienbetrieb bestünde
eine Restarbeitsfähigkeit von lediglich 10 bis 20 %. Das entspreche einem täglichen
Arbeitspensum von einer bis eineinhalb Stunden und könne nur dank dem nötigen
Verständnis und der Hilfe der Familie aufrecht erhalten werden. Bei jeder anderen
Arbeitsstelle bestünde keinerlei Arbeitsfähigkeit mehr. Die von Dr. E._ angenommene
100%ige Arbeitsfähigkeit entbehre einer Begründung. Es fehle der Jahresabschluss
2008 als massgebliche Verfügungsgrundlage (act. G 1).
F.b Am 25. September 2009 lässt der Beschwerdeführer die Beschwerdegegnerin um
Wiedererwägung der angefochtenen Verfügung vom 1. Mai 2009 ersuchen (act. G 8).
Gleichentags teilt Rechtsanwalt Niedermann dem Gericht mit, er habe namens und im
Auftrag des Beschwerdeführers ein Wiedererwägungsgesuch an die
Beschwerdegegnerin gestellt. Er stellt den Antrag auf Sistierung des
Beschwerdeverfahrens (act. G 8.1).
F.c Am 28. September 2009 räumt die Verfahrensleitung der Beschwerdegegnerin
Gelegenheit zur Stellungnahme ein (act. G 9), worauf diese verzichtet. Darauf entspricht
die Verfahrensleitung am 21. Oktober 2009 dem Gesuch um Sistierung des Verfahrens
und teilt mit, das Verfahren werde vorläufig, längstens bis zum 1. Dezember 2009,
pendent gehalten (act. G 10).
F.d Mit Schreiben vom 28. Oktober 2009 eröffnet die Beschwerdegegnerin, dass auf
das Wiedererwägungsgesuch nicht eingetreten werde (act. G 11.1). Am 29. Oktober
2009 bringt sie diesen Entscheid dem Gericht zur Kenntnis (act. G 11).
F.e Am 10. November 2009 stellt die Verfahrensleitung fest, dass der Sistierungsgrund
mit dem abschlägigen Entscheid der Beschwerdegegnerin dahingefallen sei, und das
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdeverfahren fortgesetzt werden könne. Dem Beschwerdegegner wird
letztmals die Gelegenheit zur Beschwerdeergänzung bis zum 30. November 2009
eingeräumt (act. G 12).
F.f Am 30. November 2009 ergänzt der Beschwerdeführer die Beschwerde vom 3.
Juni 2009. Er hält an der Beschwerde vollumfänglich fest und wiederholt den Antrag,
es sei, sofern das Gericht nicht auf die beiden Gutachten von Dr. D._ abstellen und
antragsgemäss eine ganze Rente zusprechen sollte, bei Dr. D._ die angeblich
unbeantwortet gebliebene Frage nach der zumutbaren Arbeitsfähigkeit mit einem
Zusatzgutachten (Zusatzfragen) abklären zu lassen. Alternativ wird beantragt, es sei
eine MEDAS-Begutachtung durchzuführen (act. G 13).
G.
Bei einer internen Anfrage hielt Dr. med. H._ vom RAD am 4. Januar 2010 unter
Bezugnahme auf die Diagnosestellung von Dr. D._ fest, beim Versicherten liege eine
chronische Lumbago mit zum Teil ischialgieformen Ausstrahlungen beidseits, einer
chronischen muskulären Cervicalgie und einer chronischen Arthralgie der linken
Schulter vor. Es bestehe eine schmerzbedingte Einschränkung der Beweglichkeit der
gesamten Wirbelsäule, namentlich von HWS und LWS sowie des linken
Schultergelenkes. Es würden keine neurologischen Ausfallerscheinungen vorliegen. Es
läge eine Verminderung der Bandscheibenhöhe im Bereich der gesamten LWS und als
höchstens mittelgradig zu bezeichnende degenerative Veränderungen vor. Die
Impingement-Symptomatik an der linken Schulter bewirke zweifelsfrei eine qualitative
Einschränkung der Arbeitsfähigkeit im Sinne der Unmöglichkeit des Überkopfarbeitens
und repetitiver Tätigkeiten mit der linken oberen Extremität. Unter Verweis auf
medizinische Fachliteratur zu ähnlichen Unfallfolgen erachtete Dr. H._ eine
leidensadaptierte Tätigkeit von 80 % für zumutbar. Es erscheine sinnvoll, auch
angesichts der geschilderten Beschwerden, dem Versicherten längere und
betriebsunübliche Pausen zuzugestehen (act. G 15.1/116).
H.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Mit Beschwerdeantwort vom 5. Januar 2010 stellt die Beschwerdegegnerin den Antrag,
die Beschwerde sei abzuweisen. Die Beschwerdegegnerin macht insbesondere
geltend, die Arbeitsfähigkeitsschätzung von Dr. H._ sei gut begründet und erscheine
schlüssig. Demgegenüber stütze Dr. D._ ihre Arbeitsfähigkeitseinschätzung
massgeblich auf die beim Beschwerdeführer vorhandenen Muskelverspannungen im
gesamten Rückenbereich ab. Muskuläre Dysbalancen dürften nach der
Rechtsprechung bei der Arbeitsfähigkeitsschätzung jedoch nicht berücksichtigt
werden. Es stehe fest, dass der Beschwerdeführer an keinen neurologischen Ausfällen
im Rückenbereich leide. Es fänden sich auch keine Zeichen für eine Spinalkanalstenose
oder eine Kompression einzelner Nervenwurzeln. Die unfallbedingte LWK3-
Keilimpressionsfraktur sei gut konsolidiert. Es liege keine Instabilität im LWS-Bereich
vor. Gemäss Dr. H._ liege einzig eine segmentale Dysfunktion vor. Die vom
Beschwerdeführer geltend gemachten Einschränkungen im Bereich der HWS und LWS
seien vor allem auf die altersüblichen degenerativen Vorgänge und die muskulären
Dysbalancen zurückzuführen. Der RAD leite aus der relativ harmlosen Befundlage
schlüssig eine Arbeitsfähigkeit von 80 % in einer rückenadaptierten Tätigkeit ab. In
Gegenüberstellung von Validen- und Invalideneinkommen ergebe sich ein
Invaliditätsgrad von 28 %. Folglich habe der Beschwerdeführer keinen Anspruch auf
eine IV-Rente (act. G 15).
I.
Am 24. Februar 2010 nahm Dr. med. I._, Orthopädische Chirurgie FMH, auf
Verlangen der obligatorischen Unfallversichererin eine spezialärztliche Beurteilung vor.
Er erhob, dass der Versicherte, ausgelöst durch die Verkehrsunfälle vom 4. Juli 2002
und 22. April 2004, unter gürtelförmigen lumbalen Schmerzen und ausgeprägter
Steifigkeit der Muskulatur in allen Bereichen (Rumpf, Arme und Beine) leide. Es seien
deutliche Zeichen einer Dysbalance der gesamten Rumpfmuskulatur erkennbar. Er
habe eine langgezogene Hyperkyphose sowie degenerative Veränderungen der
Brustwirbelsäule bei auftretenden Schmerzen. Des Weiteren sei die Beweglichkeit der
Lendenwirbelsäule beim Vornüberneigen stark eingeschränkt, es sei ein
Kletterphänomen und eine skoliotische Haltung nach Flexionsfraktur des dritten
Lendenwirbelkörpers festzustellen. Es liege eine Osteochondrose L4/L5 mit
Pseudolisthesis bei degenerativen Veränderungen L1/L2 vor. Der Versicherte leide
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
unter störenden lumbalen Bewegungsschmerzen, einer Dolenz der Dornfortsätze der
unteren Lendenwirbelsäule im Liegen und ausgeprägten Irritations- und
Tendinosezonen mit gürtelförmiger Ausstrahlung gegen die Beckenkämme. Die
lumbalen Bandscheiben seien deutlich verändert. Die Beweglichkeit der HWS sei in alle
Richtungen deutlich eingeschränkt, jedoch nicht schmerzhaft. Seines Erachtens
scheine eine Arbeitsunfähigkeit von 66 % realistisch. Jede Form einer leichteren
Tätigkeit sei bei deutlich reduziertem Pensum möglich. Auf Ergänzungsfragen hin hielt
Dr. I._ am 19. Juni 2010 eine leidensadaptierte Tätigkeit halbtags für ca. vier Stunden
für zumutbar, wobei die Leistungsfähigkeit je nach Beschwerden zu 50 %
eingeschränkt sei (act. G 27.2).
J.
In der Replik vom 7. Juli 2010 hält der Beschwerdeführer an seinen Anträgen samt
Beweisofferten fest. Er verweist zusätzlich auf das der Replik beigelegte Gutachten von
Dr. I._ vom 24. Februar 2010. Dr. I._ bestätige die orthopädische Beurteilung von
Dr. D._ in Bezug auf die gestellten Diagnosen und die Befunderhebung als
vollständig und korrekt. Er komme hinsichtlich der Arbeitsunfähigkeit allerdings zu einer
deutlich abweichenden Beurteilung. Dr. I._ halte schliesslich eine Arbeitsfähigkeit von
25 bis 34 % in einer leidensadaptierten Tätigkeit für realistisch, so wie das bereits
bisher im Familienbetrieb praktiziert worden sei. Das Heben und Tragen von schweren
Gewichten komme eben so wenig in Frage wie häufiges Bücken, Rumpfdrehen oder
Überkopfarbeit. Eine Verlagerung zu mehr geschäftsführenden bzw. administrativen
Tätigkeiten sei nicht möglich, weil er Analphabet sei. Diesbezüglich sei auch zu wenig
berücksichtigt worden, dass sein Sohn, F._, als eigentlicher Geschäftsführer
unentgeltlich mitarbeite. Gemäss einer Aufstellung von F._ erledige dieser während
insgesamt 340 Stunden im Jahr administrative Arbeiten. Hierfür sei ein markt- und
branchenüblicher Lohn von brutto Fr. 70.-- einzusetzen. Die unentgeltliche
Geschäftsführung durch F._ sei jährlich mit Fr. 23'800.-- zu berücksichtigen. Die
reine Aktenbeurteilung von Dr. H._ des RAD vom 4. Januar 2010 vermöge nicht zu
überzeugen. Dr. H._ könne diese nicht auf eigene Untersuchungen abstützen. Seinen
Ausführungen liege das letzte Gutachten von Dr. D._ aus dem Jahre 2007 zugrunde
und sei somit nicht mehr auf dem aktuellen medizinischen Stand. Bei der Beurteilung
der Arbeitsunfähigkeit gehe Dr. H._ nicht auf die gesundheitlichen Einschränkungen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
am konkreten Arbeitsplatz ein. Dr. I._ bestätige nachvollziehbar, dass die Beurteilung
des RAD unrealistisch sei (act. G 27).
K.
Die Beschwerdegegnerin verzichtet auf eine Duplik (act. G 29).

Erwägungen:
1.
Streitig und zu prüfen ist die Frage, ob der Beschwerdeführer einen Anspruch auf
Rentenleistungen der Invalidenversicherung hat.
1.1 Am 1. Januar 2004 sind die neuen Normen der 4. IV-Revision und am 1. Januar
2008 sind die im Zuge der 5. IV-Revision revidierten Bestimmungen des
Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG; SR 831.20), der Verordnung über
die Invalidenversicherung (IVV; SR 831.201) und des Bundesgesetzes über den
Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) in Kraft getreten. In
materiell-rechtlicher Hinsicht gilt der allgemeine übergangsrechtliche Grundsatz, dass
der Beurteilung jene Rechtsnormen zu Grunde zu legen sind, die bei Erlass des
angefochtenen Entscheids beziehungsweise im Zeitpunkt gegolten haben, als sich der
zu den materiellen Rechtsfolgen führende Sachverhalt verwirklicht hat (vgl. BGE 127 V
467 E. 1, 126 V 136 E. 4b, je mit Hinweisen). Die angefochtene Verfügung ist am
1. Februar 2010 ergangen (act. G 4.138), wobei ein Sachverhalt zu beurteilen ist, der
vor dem Inkrafttreten der revidierten Bestimmungen der 4. und 5. IV-Revision
begonnen hat. Daher und aufgrund dessen, dass der Rechtsstreit eine Dauerleistung
betrifft, über die noch nicht rechtskräftig verfügt wurde, ist entsprechend den
allgemeinen intertemporalrechtlichen Regeln für die Zeit bis 31. Dezember 2003 bzw.
bis 31. Dezember 2007 auf die damals geltenden Bestimmungen und ab 1. Januar
2008 auf die neuen Normen der 5. IV-Revision abzustellen (vgl. zur 4. IV-Revision: BGE
130 V 445 ff.; Urteil des Bundesgerichts vom 7. Juni 2006, I 428/04, E. 1). Nachfolgend
werden die seit 1. Januar 2008 gültigen Bestimmungen des ATSG und IVG
wiedergegeben, soweit nicht ausdrücklich auf die altrechtlichen Bestimmungen
verwiesen wird.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
1.2 Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder
teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 ATSG). Die Invalidität kann Folge von
Geburtsgebrechen, Krankheit oder Unfall sein (Art. 4 Abs. 1 IVG). Erwerbsunfähigkeit
ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen
Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung
verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in
Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG).
1.3 Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung und im
Beschwerdefall das Gericht auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und
gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des
Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung
zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte
Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 261 E. 4). Das Gericht hat den Sachverhalt von
Amtes wegen festzustellen und demnach zu prüfen, ob die vorliegenden Beweismittel
eine zuverlässige Beurteilung des streitigen Leistungsanspruchs gestatten.
1.4 Gemäss aArt. 28 Abs. 1 IVG (in der bis 31. Dezember 2003 gültigen Fassung)
besteht der Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn die versicherte Person
mindestens zu zwei Dritteln, derjenige auf eine halbe Rente, wenn sie wenigstens zur
Hälfte invalid ist. Liegt ein Invaliditätsgrad von mindestens 40 % vor, so besteht ein
Anspruch auf eine Viertelsrente. Nach aArt. 28 Abs. 1 IVG (in der seit 1. Januar 2004
bis 31. Dezember 2007 gültigen Fassung) und Art. 28 Abs. 2 IVG (in der seit 1. Januar
2008 gültigen Fassung) besteht der Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn die
versicherte Person mindestens zu 70 %, derjenige auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie
mindestens zu 60 % invalid ist. Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 %
besteht ein Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem Invaliditätsgrad von
mindestens 40 % ein Anspruch auf eine Viertelsrente.
2.
2.1 Zur Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers liegen verschiedene medizinische
Einschätzungen vor. Unbestritten ist, dass der Beschwerdeführer aufgrund der beim
ersten Unfall vom 4. Juli 2002 erlittenen Keilimpressionsfraktur in seiner angestammten
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Tätigkeit als Koch eingeschränkt ist. So hält auch Dr. E._ vom RAD in der
Aktenbeurteilung vom 2. April 2008 fest, dass der Beschwerdeführer als Koch nicht
mehr arbeitsfähig sei, da Gehen und Stehen sowie Arbeiten über Schulterhöhe und
Heben und Tragen schwerer Lasten (gefüllte Töpfe und Pfannen etc.) beeinträchtigt
seien (act. G 15.1/60-3). Unbestritten ist auch, dass sich der Gesundheitszustand seit
dem ersten Gutachten von Dr. D._ vom 9. Dezember 2005 nicht wesentlich verändert
hat (vgl. act. G 15.1/60-2 und 116). Es ist insoweit von stabilen Verhältnissen
auszugehen, wie zuletzt der Hausarzt am 30. Januar 2009 attestierte (act. G 15.1/89).
Sowohl die Beschwerdegegnerin wie auch der Beschwerdeführer gehen sodann davon
aus, dass der Beschwerdeführer seine verbliebene Arbeitsfähigkeit am besten in
seinem Betrieb verwerten kann und sich insoweit die Frage der Aufgabe des
selbstständigen Erwerbs zugunsten einer Verweistätigkeit nicht stellt. Umstritten ist
hingegen, in welchem Ausmass dem Beschwerdeführer seinen Leiden angepasste
Tätigkeiten zumutbar sind. Die Beschwerdegegnerin hält den Beschwerdeführer
gestützt auf die Beurteilung des RAD-Arztes Dr. H._ zu 80 % arbeitsfähig (act. G 15).
Der Beschwerdeführer stellt sich dahingegen auf den Standpunkt, gestützt auf die
Gutachten von Dres. D._ und I._ sei von einer Arbeitsfähigkeit von höchstens 30 %
auszugehen (act. G 27).
2.2 Seit November 2002 bis Ende 2005 attestierten die behandelnden Ärzte
regelmässig eine Arbeitsunfähigkeit von 50 %, die gemäss Unfallakten damals auch
vom Beschwerdeführer akzeptiert wurde. Dr. D._ hält den Beschwerdeführer gemäss
ihrem ersten Gutachten vom 9. Dezember 2005 in der Tätigkeit als Koch und auch in
anderen Tätigkeiten zu 25 bis maximal 30 % leistungsfähig (act. G 15.2 Gutachten S.
32 und 34). Mit Verlaufsgutachten vom 8. November 2007 führte sie aus, der
Gesundheitszustand sei praktisch unverändert. Dennoch bescheinigte sie eine noch
höhere Arbeitsunfähigkeit von 100 %. Eine Restarbeitsfähigkeit von 10 bis 15 % sei nur
noch im Familienbetrieb verwertbar. Es bestehe keine Möglichkeit, durch Verlagerung
der beruflichen Tätigkeit eine Verbesserung der Arbeitsfähigkeit zu erzielen (act. G 15.2
Verlaufsgutachten Antworten auf Frage 5). Dabei lässt die Gutachterin sowohl im ersten
Gutachten als auch im Verlaufsgutachten eine differenzierte Auseinandersetzung mit
dem Arbeitsalltag des Beschwerdeführers vermissen. Der Beschwerdeführer hatte
gegenüber der Gutachterin angegeben, dass er nach dem Frühstück mit seiner Ehefrau
Einkäufe mit dem Auto erledige, ab 11.00 Uhr während zwei bis zweieinhalb Stunden in
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
der Pizzeria arbeite (Salate richten etc.), wobei er immer wieder Pausen einlegen
müsse. Danach kehre er nach Hause zurück, müsse zwei bis drei Stunden abliegen,
danach spaziere er zwei- bis dreimal und gehe schliesslich zwischen 23.30 und 24.00
Uhr zu Bett. Dass der Beschwerdeführer aus gesundheitlichen Gründen nach der
Rückkehr am Mittag für den Rest des Tages keinerlei Arbeiten mehr verrichten könnte,
erscheint nicht plausibel und wurde von der Gutachterin nicht hinterfragt. So fehlt jede
Begründung dafür, dass der Beschwerdeführer nach einer ausgedehnten
Mittagsruhepause während des Nachmittags bzw. am Abend nicht erneut gewisse
Arbeiten in seinem Betrieb erledigen könnte. Mit dieser Frage hat sich die Gutachterin
nicht auseinandergesetzt; sie stützte sich bei ihrer Beurteilung im Wesentlichen auf die
Schilderung des Beschwerdeführers und ging offensichtlich davon aus, dass der
Beschwerdeführer in der Pizzeria einzig als Koch schwerere Arbeiten verrichtet und
sich dabei auch nicht von Hilfskräften unterstützen lassen könnte. Sie hat sich in
diesem Sinn, wie Dr. E._ zutreffend bemängelte, nicht ausreichend mit der
Möglichkeit von der Verlagerung zu mehr rückenadaptierten Tätigkeiten im ganzen
Geschäftsbereich des Beschwerdeführers auseinandergesetzt. Vor diesem Hintergrund
erscheinen die Arbeitsfähigkeitsschätzungen von Dr. D._ als nicht plausibel.
2.3 In einer Aktenbeurteilung vom 4. Januar 2010 hielt Dr. H._ vom RAD den
Beschwerdeführer zu 80 % arbeitsfähig. Nach den Befunden von Dr. D._ stehe die
Wirbelsäulenproblematik im Vordergrund, während die Impingement-Symptomatik an
der linken Schulter lediglich eine qualitative Einschränkung der Arbeitsfähigkeit bewirke
(keine Überkopfarbeiten, keine repetitiven Arbeiten mit der linken oberen Extremität).
Die Wirbelfraktur L3 habe keine schwerwiegende statische Deformation bewirkt; die
beschriebenen degenerativen Veränderungen seien höchstens mässiggradig, praktisch
altersentsprechend. Es sei auch keine schwerwiegende Instabilität nachweisbar,
sondern lediglich eine segmentale Dysfunktion und es würden keine neurologischen
Ausfälle vorliegen. Insgesamt müsse somit eine hohe Arbeitsfähigkeit in einer
angepassten Tätigkeit resultieren. Immerhin seien dem Beschwerdeführer längere und
betriebsunübliche Pausen zuzugestehen (act. G 15.1/116). Dr. I._ bestätigte in
seinem Gutachten vom 24. Februar 2010 grundsätzlich die Befunde und Diagnosen
von Dr. D._, bewertete aber nach eigener Einschätzung die Unfallfolgen deutlich
anders (act. G 27.1 S. 8). Im ergänzenden Bericht hielt Dr. I._ am 19. Juni 2010 fest,
dass der Beschwerdeführer wegen seines vermindert belastbaren Rückens nur noch
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
eine leichtere Tätigkeit mit einem verminderten Pensum leisten könne. Schweres
Heben und Tragen (über 10 kg) komme ebenso wenig in Frage wie häufiges Bücken,
Rumpfdrehen oder Überkopfarbeit. Wichtig sei zudem die Möglichkeit, die Arbeit selbst
zu organisieren und bei Bedarf Ruhepausen einzuschalten. In diesem Rahmen seien
täglich vier Stunden Arbeit zumutbar, wobei die Leistungsfähigkeit je nach
Beschwerden um ca. 50 % vermindert sei. Gleichzeitig hielt Dr. I._ fest, dass er
sowohl die Arbeitsfähigkeitsschätzung des RAD (Dr. E._) mit 100 % als auch jene
des Gutachtens (Dr. D._) mit 0 % für unrealistisch halte und dazu meinte, dass die
Wahrheit irgendwo in der Mitte liegen dürfte (act. G 27.2).
2.4 Gesamthaft betrachtet dürfte bei dieser Aktenlage von einer Arbeitsfähigkeit von
jedenfalls 50 % auszugehen sein. Wie nachfolgend zu zeigen ist, kann aber schliesslich
die exakte Festlegung der verbliebenen Restarbeitsfähigkeit offen bleiben.
3.
3.1 Bei erwerbstätigen Versicherten ist der Invaliditätsgrad auf Grund eines
Einkommensvergleichs zu bestimmen. Dazu wird das Erwerbseinkommen, das die
versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach Durchführung allfälliger
Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener
Arbeitsmarktlage erzielen könnte, in Beziehung gesetzt zum Erwerbseinkommen, das
sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre (Art. 16 ATSG). Der
Einkommensvergleich hat in der Regel in der Weise zu erfolgen, dass die beiden
hypothetischen Erwerbseinkommen ziffernmässig möglichst genau ermittelt und
einander gegenübergestellt werden, worauf sich aus der Einkommensdifferenz der
Invaliditätsgrad bestimmen lässt. Insoweit die fraglichen Erwerbseinkommen
ziffernmässig nicht genau ermittelt werden können, sind sie nach Massgabe der im
Einzelfall bekannten Umstände zu schätzen und sind die so gewonnenen
Annäherungswerte miteinander zu vergleichen. Lassen sich die beiden hypothetischen
Erwerbseinkommen nicht zuverlässig ermitteln oder schätzen, so ist in Anlehnung an
die spezifische Methode für Nichterwerbstätige (Art. 27 der Verordnung über die
Invalidenversicherung [IVV; SR 831.20]) bei selbstständig Erwerbenden ein
Betätigungsvergleich anzustellen und der Invaliditätsgrad nach Massgabe der
erwerblichen Auswirkungen der verminderten Leistungsfähigkeit in der konkreten
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
erwerblichen Situation zu bestimmen. Der grundsätzliche Unterschied des
ausserordentlichen Bemessungsverfahrens zur spezifischen Methode für
Nichterwerbstätige besteht darin, dass die Invalidität nicht unmittelbar nach Massgabe
des Betätigungsvergleichs als solchem bemessen wird. Vielmehr ist zunächst anhand
des Betätigungsvergleichs die leidensbedingte Behinderung festzustellen; sodann aber
ist diese im Hinblick auf ihre erwerbliche Auswirkung besonders zu gewichten. Eine
bestimmte Einschränkung im funktionellen Leistungsvermögen einer erwerbstätigen
Person kann zwar, braucht aber nicht notwendigerweise eine Erwerbseinbusse
gleichen Umfangs zur Folge zu haben (vgl. BGE 128 V 29 E. 1 mit Hinweisen)
3.2 Die Beschwerdegegnerin hat für die Bemessung der Invalidität eine Abklärung der
Verhältnisse an Ort und Stelle veranlasst. Im entsprechenden Abklärungsbericht vom
22. August 2008 (act. G 15.1/73) ist ein Betätigungsvergleich angeführt, der einerseits
ohne erwerbliche Gewichtung geblieben ist und anderseits bezüglich der vom
Beschwerdeführer als "Seniorchef" anfallenden Tätigkeiten wenig differenziert
ausgefallen ist. Offenbar hat der Beschwerdeführer gegenüber dem
Abklärungsbeauftragten angegeben, seine Tätigkeit liege einzig im Küchenbereich und
verneinte z.B. explizit, je Einkäufe getätigt zu haben. Gegenüber Dr. D._ hat der
Beschwerdeführer dagegen angeführt, dass er jeweils nach dem Frühstück zusammen
mit seiner Ehefrau mit dem Auto Einkäufe mache. Auch sein Sohn gab gegenüber dem
Schadeninspektor Zoller der Unfallversichererin an, der Beschwerdeführer habe den
Einkauf jeweils selbstständig gemacht. Der Selbstunfall im Jahr 2002 ereignete sich
nach den Angaben gegenüber dem Schadeninspektor denn auch während der Fahrt
eines Einkaufs für den Betrieb (act. G 15.2). In dieser Situation bemass die
Beschwerdegegnerin die Invalidität des Beschwerdeführers zu Recht nicht aufgrund
des unvollständigen Betätigungsvergleichs, sondern ermittelte die Invalidität gestützt
auf die Betriebsergebnisse anhand eines Einkommensvergleichs.
3.3 Im Abklärungsbericht werden die betrieblichen Verhältnisse seit Aufnahme der
selbstständigen Erwerbstätigkeit im Jahr 2000 anschaulich und detailliert geschildert.
Daraus geht hervor, dass nach anfänglichen Turbulenzen der Beschwerdeführer die
Pizzeria seit Sommer 2001 als alleiniger Inhaber zusammen mit seiner Familie führt. Der
Betrieb sei laufend optimiert worden bezüglich Struktur, Arbeitsabläufe (z.B. kein
Tagesmenu mehr wegen fehlender Nachfrage), Personaleinsatz und Öffnungszeiten.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Am Anfang seien die Löhne vor allem für die Familienangehörigen tief gehalten worden,
weil der Geschäftsgang habe abgewartet werden müssen. Inzwischen würden alle
einen leistungsgerechten, branchenüblichen Lohn erhalten, mit Ausnahme des Sohnes
J._, der Versicherungsberater sei und nach seinen Angaben seit Eröffnung des
Restaurants unentgeltlich während rund fünf Stunden pro Monat administrative
Arbeiten erledige. Diese Arbeiten könne der Beschwerdeführer nicht übernehmen, weil
er Analphabet sei und sprachliche Verständigungsprobleme habe. Der
Abklärungsbeauftragte ermittelte aufgrund der (unbestrittenen) Betriebsergebnisse
einen durchschnittlichen Verdienst des Beschwerdeführers (Lohn und
Geschäftsgewinn, ohne Unfalltaggelder) in den Jahren 2003 bis 2007 von Fr. 67'676.--.
Davon zog er die Gratistätigkeit des Sohnes J._ von Fr. 3'000.-- (12 x 5 h à Fr. 50.--)
ab und wertete das Ergebnis auf 2008 auf Fr. 67'164.-- auf. Der Abklärungsbeauftragte
ging sodann davon aus, dass wegen der gesundheitlichen Einschränkungen
zusätzliche Personalkosten für eine Hilfsperson von Fr. 25'415.-- entstanden sind (50
% eines durchschnittlichen Einkommens inklusive Sozialleistungen von Fr. 50'830.--)
und rechnete diesen Anteil als zusätzliche Gewinnmöglichkeit dem Valideneinkommen
des Beschwerdeführers zu. Zusammen mit dem tatsächlich erzielten Einkommen
gelangte er so zu einem Valideneinkommen von Fr. 92'579.--. Bei einem tatsächlich
erzielten Einkommen von Fr. 67'164.--, dem Invalideneinkommen, resultierte eine
Erwerbseinbusse von Fr. 25'415.-- oder ein Invaliditätsgrad von 27.45 %. Wie der
Abklärungsbeauftragte ergänzend festhielt, würde bei diesen Grundlagen selbst ein
Personalmehrbedarf von 80 % zu keinem rentenbegründenden Erwerbsausfall führen:
In diesem Fall ergäben sich Personalmehrkosten von Fr. 40'664.-- bzw. eine
entsprechend höhere Gewinnmöglichkeit und damit ein Valideneinkommen von Fr.
107'828.--. Es ergäbe sich damit eine Erwerbseinbusse von Fr. 40'664.-- bzw. ein
Invaliditätsgrad von 37.7 %. Daraus wird deutlich, dass die gesundheitsbedingte
Einschränkung des Beschwerdeführers dank Einsatz von relativ günstigen Hilfskräften
sich nicht rentenbegründend auswirkt. Dies ist durchaus plausibel, kann doch der
Beschwerdeführer als Betriebsinhaber seine Leitungsfunktion (Seniorchef)
uneingeschränkt weiter ausüben und beispielsweise die Hilfskräfte anweisen, was sie
zu tun haben, ohne selber Hand anlegen zu müssen. In diesem Sinn kann er
unverändert Geschäftsführungsaufgaben übernehmen. Dabei ist an die eigentliche
Personalführung zu denken wie Erteilen von Anweisungen in der Küche und im
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 18/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Restaurant, Menübesprechungen sowie Überwachung der Betriebsabläufe. Selbst die
Besorgung der Einkäufe ist dem Beschwerdeführer weiterhin möglich, auch wenn er
dabei notfalls durch Hilfskräfte unterstützt werden muss. Zu Recht hält der
Abklärungsbeauftragte im Bericht fest, dass mehr als eine 50%ige Einschränkung sich
nicht rechtfertigen lasse, weil der Beschwerdeführer im eigenen Betrieb selber
bestimmen, sich nötigenfalls schonen und sich bei konkreten Tätigkeiten in der Küche
durch Hilfskräfte unterstützen lassen könne. Wenn der Beschwerdeführer geltend
macht, er und seine Familie hätten wegen seines gesundheitsbedingten Ausfalls darum
kämpfen müssen, den Betrieb überhaupt aufrecht zu erhalten, so mag dies zutreffen.
Indessen war bzw. ist der Beschwerdeführer aus Sicht der Invalidenversicherung dazu
verpflichtet, im Sinne einer zumutbaren Selbsteingliederung dafür zu sorgen, dass sein
Betrieb möglichst optimal organisiert und umgestellt wird, um den Anteil des
gesundheitsbedingten Ausfalls so gering wie möglich zu halten. Dies scheint dem
Beschwerdeführer denn auch gelungen zu sein, wie die Betriebsergebnisse zeigen.
3.4 Die vom Beschwerdeführer gegen den Abklärungsbericht erhobenen Einwände
erweisen sich nicht als stichhaltig. So stützt sich der Bericht auf die Angaben des
Beschwerdeführers, seines Sohnes und seines Rechtsvertreters, die alle bei der
Abklärung zugegen waren (act. G 15.1/73-1). Nach der Abklärung wurde einzig ein
Vorbehalt zu Ziff. 7.2 angebracht und erklärt, dass gestützt auf das Gutachten
Dr. D._ wegen der herabgesetzten Leistungsfähigkeit lediglich noch eine
Arbeitsfähigkeit von 10 - 15 % resultiere. Im Übrigen erklärte sich der
Beschwerdeführer mit dem Bericht grundsätzlich einverstanden, d.h. er hat damals die
Grundlagen nicht in Frage gestellt (act. G 15.1/73-8). Erst im Einwandverfahren brachte
er vor, dass die Angaben der unentgeltlichen Mitarbeit des Sohnes J._
augenscheinlich zu niedrig seien und dass eine angeblich unentgeltliche Mitarbeit der
Tochter G._ und des Sohnes K._ noch nicht berücksichtigt sei. Schliesslich wären
Personalmehrkosten mindestens eines 100 %-Pensums für den Ausfall des
Beschwerdeführers zu berücksichtigen (act. G 15.1/83). Im Beschwerdeverfahren
reichte der Beschwerdeführer eine Aufstellung des Sohnes J._ ein, wonach dieser
jährlich 340 Arbeitsstunden einsetze, was einer Arbeitsleistung von Fr. 23'800.--
entspreche (Replik S. 9). Es mag sein, dass fünf Stunden pro Monat für administrative
Arbeiten eher knapp gerechnet sind. Indessen erscheint es wenig glaubwürdig, wenn
nun stattdessen dafür ein praktisch sechsfach höherer Aufwand (knapp 30 Stunden pro
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 19/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Monat) behauptet wird. Diese Frage kann jedoch dahin gestellt bleiben, weil die
unentgeltliche Mitarbeit des Sohnes J._ bereits vor Eintritt der gesundheitlichen
Einschränkung nötig war, und auch der Beschwerdeführer nicht behauptet, diese
Mitarbeit habe sich als Folge seiner gesundheitlichen Einschränkung geändert. Von
daher ist diese Mitarbeit ohne Einfluss auf die invaliditätsbedingte Einschränkung. Nicht
glaubwürdig erscheint sodann der erst im Nachhinein geltend gemachte zusätzliche,
unentgeltliche Einsatz zweier Kinder, die gemäss (unbestrittener) Darstellung im
Abklärungsbericht marktkonform für ein 100 %-Pensum entlöhnt werden. Schliesslich
erscheinen behauptete Personalmehrkosten für ein 100 %-Pensum nicht begründet. Es
wurde bereits ausgeführt, dass die Arbeitsfähigkeitsschätzung in den Gutachten
Dr. D._ nicht zu überzeugen vermögen und dass auch Dr. I._ im Ergebnis von einer
Arbeitsfähigkeit von etwa 50 % ausgeht. Wenn bei dieser Aktenlage
Personalmehrkosten für ein halbes Pensum eingesetzt sind, so erscheint das durchaus
sachgerecht, abgesehen davon, dass Personalmehrkosten selbst für ein 80 %-Pensum
noch nicht rentenbegründend wären. Für die Behauptung, dass der Beschwerdeführer
ohne seinen Unfall erheblich höhere Gewinne hätte realisieren können, fehlen konkrete
Anhaltspunkte. Der Hinweis auf die L._ AG, die gegründet worden sei, um weitere
Projekte in Angriff zu nehmen, ist kein solcher Anhaltspunkt. Wie aus dem
Abklärungsbericht zu entnehmen ist, entstanden bereits vor dem Unfall innerfamiliäre
Turbulenzen mit einem Schwiegersohn, wobei in der Folge der Beschwerdeführer seit
Sommer 2001 alleiniger Betriebsinhaber wurde. Insgesamt erscheint die Abweisung
des Rentenbegehrens mangels rentenbegründender Invalidität von mindestens 40 %
als ausgewiesen.
3.5 Im Sinne der vorstehenden Ausführungen ist die Beschwerde abzuweisen. Der
vollumfänglich unterliegende Beschwerdeführer hat keinen Anspruch auf eine
Parteientschädigung, das entsprechende Begehren ist abzuweisen. Das
Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Gerichtsgebühr bemisst sich nach dem
Verfahrensaufwand (Art. 69 Abs. 1bis IVG) und ist ermessensweise auf Fr. 600.--
festzusetzen. Diese ist durch den vom Beschwerdeführer geleisteten Vorschuss in
gleicher Höhe gedeckt.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht