Decision ID: 6d0feb70-e4e7-5dfc-8841-0a66f6a4aa3c
Year: 2019
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a A._ bezog gestützt auf eine Verfügung der IV-Stelle vom 20. Juni 2002/6.
Februar 2003 mit Wirkung ab dem 1. Oktober 2001 eine ganze Rente und drei
Kinderrenten der Invalidenversicherung für seine Kinder B._, C._ und D._. Im
Dezember 2002 wurde der Versicherte zum vierten Mal Vater (AK-act. 7–38), weshalb
er ab Dezember 2002 eine weitere Kinderrente erhielt (vgl. AK-act. 7–37). Die Ehefrau
des Versicherten bezog gestützt auf eine Verfügung der IV-Stelle vom 20. Juni 2002
ebenfalls eine ganze Rente samt Kinderrenten (AK-act. 10–9 ff.), weshalb die
Kinderrenten plafoniert wurden (vgl. AK-act. 9–18 ff.).
A.b Im Oktober 2010 eröffnete die IV-Stelle ein Verwaltungsverfahren zur Überprüfung
des Rentenanspruchs des Versicherten. In einem polydisziplinären Gutachten des
medizinischen Zentrums Römerhof (MZR) vom 19. Juli 2012 wurde dem Versicherten
für körperlich leichte bis mittelschwere leidensadaptierte Tätigkeiten eine
uneingeschränkte Arbeitsfähigkeit attestiert. Mit einer Verfügung vom 12. Februar 2013
hob die IV-Stelle die Rente mit Wirkung auf den 31. März 2013 auf. Das
Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen wies eine dagegen erhobene Beschwerde
mit einem Entscheid vom 5. Mai 2015 ab (IV 2013/128; vgl. AK-act. 255–28 ff.). Mit
einem Urteil vom 22. September 2015 (9C_423/2015; vgl. AK-act. 255–44 ff.) wies das
Bundesgericht eine Beschwerde gegen den Entscheid des St. Galler
Versicherungsgerichtes vom 5. Mai 2015 ab.
A.c Die Ausgleichskasse (die die Auszahlung einer der vier Kinderrenten wegen
Unsicherheiten bezüglich der Frage, ob das betroffene Kind tatsächlich eine
Ausbildung absolviere, bereits gegen Ende des Jahres 2015 sistiert hatte) erhielt erst
am 2. Juni 2017 Kenntnis von der Rentenaufhebung (AK-act. 268). Sie blockierte
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daraufhin sofort die Rentenauszahlung (AK-act. 217). Mit einem Vorbescheid vom 17.
Oktober 2017 teilte sie dem Versicherten mit, dass sie die in der Zeit zwischen dem 1.
April 2013 und dem 30. Juni 2017 bezogenen Rentenleistungen (Invalidenrente und
drei Kinderrenten) im Gesamtbetrag von 195’657 Franken zurückfordern werde (AK-
act. 241). Dagegen liess der nun anwaltlich vertretene Versicherte am 13. Dezember
2017 einwenden (AK-act. 255–1 ff.), die Ausgleichskasse habe je eine Kopie des
Vorbescheides vom 30. November 2012, der Verfügung vom 12. Februar 2013, des
Entscheides des Versicherungsgerichtes vom 5. Mai 2015 und des Urteils des
Bundesgerichtes vom 22. September 2015 erhalten, weshalb sie Kenntnis von der
Rentenaufhebung gehabt habe. Aus unerfindlichen Gründen habe sie die Rente aber
weiter ausbezahlt. Sie müsse sich nun ihr eigenes Fehlverhalten vorwerfen lassen.
Gestützt auf die bundesgerichtliche Rechtsprechung (BGE 139 V 6) sei der
Rückforderungsanspruch für alle Leistungen verwirkt, welche mehr als zwölf Monate
vor der noch zu erlassenden Rückerstattungsverfügung ausgerichtet worden seien,
also für alle Rentenzahlungen vor Ende Dezember 2016. Am 30. Januar 2018 verfügte
die IV-Stelle die Rückforderung der in der Zeit vom 1. April 2013 bis zum 30. Juni 2017
ausgerichteten Rentenleistungen im Gesamtbetrag von 195’657 Franken (AK-act. 256).
A.d Am 9. Februar 2018 widerrief die Ausgleichskasse die Verfügung vom 30. Januar
2018, nachdem sie (verspätet) Kenntnis von der Eingabe des Versicherten vom 13.
Dezember 2017 genommen hatte (AK-act. 264). Mit einer Verfügung vom 16. März
2018 forderte die IV-Stelle vom Versicherten die in der Zeit zwischen dem 1. April 2013
und dem 31. Mai 2017 (im Juni 2017 hatte sie nämlich gar keine Leistungen mehr
ausbezahlt) ausgerichteten Rentenleistungen im Gesamtbetrag von 191’814 Franken
zurück (AK-act. 283).
B.
B.a Am 17. April 2018 liess der Versicherte (nachfolgend: der Beschwerdeführer) eine
Beschwerde gegen die Verfügung vom 16. März 2018 erheben (act. G 1). Sein
Rechtsvertreter beantragte die Aufhebung der angefochtenen Verfügung, „soweit sie
Rentenzahlungen vor dem 17. April 2017 betrifft“. Zur Begründung führte er an, die
Ausgleichskasse habe je eine Kopie von sämtlichen Entscheiden betreffend die
Rentenaufhebung erhalten, weshalb der Rückforderungsanspruch grösstenteils
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verwirkt sei. Indem sich die Ausgleichskasse nicht mit den Einwänden des
Beschwerdeführers auseinandergesetzt habe, habe sie seinen Anspruch auf rechtliches
Gehör verletzt.
B.b Die IV-Stelle (nachfolgend: die Beschwerdegegnerin) beantragte am 22. Mai 2018
die Abweisung der Beschwerde (act. G 7). Zur Begründung führte sie aus, sie bestreite
ausdrücklich, dass sie vor dem 2. Juni 2017 Kenntnis von der Rentenaufhebung
erhalten haben solle (act. G 7.1).
B.c Der Beschwerdeführer liess am 30. Mai 2018 an seiner Beschwerde gegen die
Verfügung vom 16. März 2018 festhalten (act. G 11).

Erwägungen
1.
Das Beschwerdeverfahren IV 2018/137 scheint auf den ersten Blick zwar einen engen
sachlichen Zusammenhang zum Beschwerdeverfahren IV 2018/68 aufzuweisen, in dem
es um die Rückforderung der in der Zeit zwischen dem 1. Juli 2012 und dem 30. Juni
2015 bezogenen Kinderrente für B._ geht. Dieser Eindruck täuscht aber, denn den
beiden Rückforderungsverfügungen vom 31. Januar 2018 und vom 16. März 2018
liegen zwei voneinander weitgehend unabhängige Sachverhaltskonstellationen
zugrunde; auch die rechtliche Begründung für die beiden Rückforderungen ist völlig
unterschiedlich. Eine Vereinigung der beiden Beschwerdeverfahren würde deshalb
keinen verfahrensökonomischen Vorteil bieten, sondern im Gegenteil wohl nur für eine
unnötige Verkomplizierung sorgen. Die beiden Beschwerden werden deshalb separat
beurteilt. Den Streitgegenstand in diesem Beschwerdeverfahren bildet folglich
ausschliesslich die Rückforderung der in der Zeit vom 1. April 2013 bis zum 31. Mai
2017 bezogenen Rentenleistungen für den Beschwerdeführer selbst („Hauptrente“) und
für die drei jüngeren Kinder des Beschwerdeführers.
2.
2.1 Die Rente des Beschwerdeführers ist – einschliesslich der Kinderrenten für die
jüngeren drei Kinder, aber auch für das vierte Kind B._ – per 31. März 2013
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aufgehoben worden. Trotzdem hat der Beschwerdeführer die Rente noch bis zum 31.
Mai 2017 weiterhin ausbezahlt erhalten. Bei den im Zeitraum vom 1. April 2013 bis zum
31. Mai 2017 bezogenen Rentenleistungen handelt es sich ganz offensichtlich um
unrechtmässig bezogene Leistungen im Sinne des Art. 25 Abs. 1 Satz 1 ATSG, die
folglich zurückzuerstatten sind. Fraglich ist nur, ob die entsprechende Rückforderung
ganz oder teilweise verwirkt ist. Der Art. 25 Abs. 2 ATSG, der die Verwirkung eines
Rückforderungsanspruchs regelt, enthält eine absolute Verwirkungsfrist von fünf
Jahren und eine relative Verwirkungsfrist von einem Jahr. Die absolute Verwirkungsfrist
beginnt mit der Entrichtung der entsprechenden Leistung zu laufen. Da die
Beschwerdegegnerin die unrechtmässig bezogenen Leistungen nach weniger als fünf
Jahren seit der Entrichtung der ersten nicht mehr geschuldeten Rentenzahlung im April
2013 zurückgefordert hat, ist diese Frist augenscheinlich gewahrt.
2.2 Für die Beantwortung der Frage, ob auch die relative Verwirkungsfrist gewahrt
wurde, ist von entscheidender Bedeutung, dass die – relative, aber auch die absolute –
Verwirkungsfrist nur mit dem Erlass einer Rückforderungsverfügung (oder gemäss der
bundesgerichtlichen Rechtsprechung mittels eines entsprechenden Vorbescheides;
vgl. BGE 119 V 431) gewahrt werden kann. Den Sozialversicherungsträgern steht kein
anderes Mittel zur Wahrung der Verwirkungsfrist zur Verfügung (vgl. auch Thomas
Meier, Verjährung und Verwirkung öffentlich-rechtlicher Forderungen, Diss. 2013,
S. 266 ff., mit Hinweisen). Im Bereich der Invalidenversicherung sind allein die IV-
Stellen zum Erlass von Verfügungen befugt; die Ausgleichskassen werden lediglich von
den IV-Stellen „hilfsweise“ für bestimmte Aufgaben beigezogen, ohne dass sie aber
Verfügungen erlassen dürften (vgl. Art. 57 und 60 IVG, insb. Art. 57 Abs. 1 lit. g IVG).
Folglich kann im Bereich der Invalidenversicherung niemand anders als nur die
zuständige IV-Stelle die Verwirkungsfrist einer Rückforderung wahren, denn nur sie
kann die Rückforderungsverfügung (respektive den entsprechenden Vorbescheid)
erlassen, um die Verwirkungsfrist zu wahren. Wenn aber nur die IV-Stelle die
Verwirkungsfrist wahren kann, kann für die einjährige, relative Verwirkungsfrist auch nur
massgebend sein, wann die IV-Stelle Kenntnis vom Rückforderungsanspruch erhalten
hat. Entgegen der Ansicht der Parteien ist es deshalb vorliegend irrelevant, ab wann die
Ausgleichskasse Kenntnis vom Rückforderungsanspruch erhalten hatte, denn die
Ausgleichskasse hat in IV-Angelegenheiten gar nicht angemessen reagieren, das heisst
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eine entsprechende Rückforderungsverfügung (oder einen entsprechenden
Vorbescheid) erlassen können.
2.3 Die Beschwerdegegnerin hat effektiv erst im Juli 2017 Kenntnis davon erhalten,
dass die Ausgleichskasse die Rente ungeachtet der rentenaufhebenden Verfügung
vom 12. Februar 2013 respektive des Urteils des Bundesgerichtes 9C_423/2015 vom
22. September 2015 weiterhin ausbezahlt hatte. Wenn allein massgebend wäre, wann
die IV-Stelle tatsächlich Kenntnis vom Rückforderungsanspruch erhalten hat, hätte die
relative, einjährige Verwirkungsfrist folglich erst im Juli 2017 zu laufen begonnen.
Gemäss der bundesgerichtlichen Rechtsprechung kann die relative, einjährige
Verwirkungsfrist allenfalls aber bereits früher zu laufen beginnen, nämlich ab dem
Zeitpunkt, ab dem die IV-Stelle bei der Beachtung der ihr gebotenen Sorgfalt Kenntnis
vom Rückforderungsanspruch hätte haben müssen (vgl. etwa BGE 139 V 6 E. 4.1 S. 8
mit zahlreichen Hinweisen). Vorliegend stellt sich deshalb die Frage, ob die
Beschwerdegegnerin bereits zu einem früheren Zeitpunkt hätte erkennen müssen, dass
sie die nach dem 31. März 2013 ausbezahlten Rentenleistungen hätte zurückfordern
müssen. Bei der Beantwortung dieser Frage ist zu beachten, dass die
Beschwerdegegnerin verpflichtet gewesen sein muss, dafür zu sorgen, dass die von ihr
für bestimmte Aufgaben „hilfsweise“ beigezogene Ausgleichskasse diese Aufgaben
weisungskonform erfüllt, denn die IV-Stelle allein trägt die Verantwortung für die
rechtskonforme Ausrichtung von IV-Leistungen. Sie trifft also eine entsprechende
Überwachungspflicht. Dazu gehört zunächst die Pflicht sicherzustellen, dass eine
Anweisung an die Ausgleichskasse bei dieser effektiv angekommen ist. Die
Beschwerdegegnerin hätte sich deshalb den Empfang der Verfügung durch die
Ausgleichskasse bestätigen lassen müssen. Immerhin hat sich umgekehrt ja auch die
Ausgleichskasse (standardmässig) von der Beschwerdegegnerin den Erhalt von
Verfügungen bestätigen lassen, die sie für diese vorbereitet hatte (vgl. etwa IV-act.
257). Die Erfüllung dieser „Quittierungspflicht“ hätte nur einen denkbar geringen
Aufwand verursacht, denn es hätte beispielsweise bereits genügt, einen
entsprechenden Vermerk zuhanden der Ausgleichskasse in die (standardisierte)
Empfängerliste der rentenaufhebenden Verfügung aufzunehmen. Ein solcher Vermerk
hätte problemlos in der elektronischen Verfügungsvorlage erfasst werden können,
sodass er automatisch in der Verfügung aufgeschienen hätte. Die Beschwerdegegnerin
hat ihre Überwachungspflicht vorliegend also schon dadurch verletzt, dass sie nicht
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kontrolliert hat, ob die Ausgleichskasse die rentenaufhebende Verfügung überhaupt
erhalten hatte. Diese Pflichtverletzung hat dazu geführt, dass die Rentenauszahlung
fälschlicherweise nicht gestoppt worden ist. Der eigentliche Fehler, der darin
bestanden hat, dass die Ausgleichskasse die Auszahlung der Rentenleistungen nicht
gestoppt hat, lässt sich nicht von diesem Fehler der IV-Stelle trennen, denn die IV-
Stelle hätte dies verhindern können, wenn sie pflichtgemäss kontrolliert hätte, dass die
Ausgleichskasse die Korrekturverfügung erhalten hatte. Es handelt sich hierbei um
jenen („kombinierten“) Fehler, der für den unrechtmässigen Leistungsbezug kausal
gewesen ist. Dieser Fehler der Beschwerdegegnerin hat aber noch nicht dazu geführt,
dass die relative Verwirkungsfrist zu laufen begonnen hätte, denn er hat ja erst dazu
geführt, dass die Rente (inklusive die vier Kinderrenten) weiter ausbezahlt worden ist
und dass der Beschwerdeführer unrechtmässige Rentenleistungen erhalten hat (vgl.
etwa Ueli Kieser, ATSG-Kommentar, 3. Aufl. 2015, Art. 25 N 58, mit zahlreichen
Hinweisen). Zur Überwachungspflicht gehört aber auch die Pflicht zu kontrollieren, ob
eine Anweisung weisungsgemäss umgesetzt worden ist. Diese Pflicht hätte sich hier
ebenfalls mit einem äusserst geringen Aufwand erfüllen lassen. Die
Beschwerdegegnerin hätte spätestens Mitte April 2013 einen Blick in das
Zahlungsregister der ZAS werfen und kontrollieren müssen, ob im April 2013 trotz der
Rentenaufhebung doch nochmals Rentenleistungen ausbezahlt worden seien. Dazu
hätte der zuständige Sachbearbeiter der Beschwerdegegnerin den effektiven
Zahlungsstop kontrollieren müssen, was keinen nennenswerten Aufwand verursacht
hätte. Die Beschwerdegegnerin hat auch diese Überwachungspflicht verletzt. Sie hat
also keinerlei Anstrengungen unternommen, um zu prüfen, ob die Rentenauszahlungen
nach der Rentenaufhebung auch tatsächlich gestoppt worden seien. Man könnte nun
einwenden, dass es unverhältnismässig sei, wenn einer IV-Stelle eine solche
Kontrollpflicht auferlegt werde. Dem wäre aber entgegen zu halten, dass diese
Kontrollpflicht sehr einfach und rasch mit einem minimalen Aufwand erfüllt werden und
dass die Verletzung dieser Pflicht einen immensen Schaden im fünf- oder gar
sechsstelligen Bereich verursachen könne, weil Rückforderungen in dieser Höhe oft als
uneinbringlich abgeschrieben werden müssen. Zudem ist zu bedenken, dass von den
Versicherten die Erfüllung von Melde- und Kontrollpflichten verlangt und dass dabei ein
sehr strenger Massstab angelegt wird (vgl. statt vieler etwa das Urteil des
Bundesgerichtes 9C_463/2016 vom 12. Juli 2017, insb. E. 3.2, mit Hinweisen): Eine
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versicherte Person ist verpflichtet, dem zuständigen Versicherungsträger allfällige
Sachverhaltsveränderungen umgehend zu melden; sie ist aber auch verpflichtet zu
kontrollieren, ob ihre Meldung beim zuständigen Versicherungsträger angekommen
und „verarbeitet“ worden ist. Sie muss also anhand der neuen Verfügung prüfen, ob
diese Verfügung der gemeldeten Sachverhaltsveränderung Rechnung trägt. Zudem
muss sie prüfen, ob der Betrag der ihr ausbezahlten Leistung korrekt ist. Reagiert der
Versicherungsträger nicht innert vernünftiger Frist auf die Meldung, wird von der
versicherten Person verlangt, dass sie nachfragt, ob ihre Meldung angekommen und
zur Kenntnis genommen worden sei. Vor diesem Hintergrund wäre es stossend, wenn
eine IV-Stelle nicht verpflichtet wäre, jene einfache und rasch zu erledigende Kontrolle
vorzunehmen, mit der sie verhindern könnte, dass nicht mehr geschuldete Leistungen
weiter ausbezahlt würden. Da die Beschwerdegegnerin nicht nach dem nächsten
regulären Auszahlungstermin anhand des Zahlungsregisters der ZAS geprüft hat, ob
die Auszahlung an den Beschwerdeführer tatsächlich gestoppt worden war, hat sie die
ihr obliegende Sorgfaltspflicht verletzt. Bei Beachtung der gebührenden Sorgfalt hätte
sie schon nach der ersten Auszahlung im April 2013 entdecken können, dass die
Ausgleichskasse die Rente (inklusive die vier Kinderrenten) trotz der
rentenaufhebenden Verfügung vom 12. Februar 2013 fälschlicherweise weiter
ausbezahlt hatte. Gemäss der bundesgerichtlichen Terminologie hätte die
Beschwerdegegnerin also in diesem Zeitpunkt, das heisst spätestens Ende April 2013,
erkennen müssen, dass die Voraussetzungen für eine Rückforderung der
fälschlicherweise für den April 2013 ausbezahlten Rentenleistungen erfüllt waren. Die
relative, einjährige Verwirkungsfrist hat folglich Ende April 2014 geendet.
2.4 Bei einer strikten Anwendung der erwähnten (vom klaren Gesetzeswortlaut
abweichenden) bundesgerichtlichen Rechtsprechung zur relativen Verwirkungsfrist
müsste die Rückforderung für sämtliche Rentenleistungen, die vom Beschwerdeführer
unrechtmässig bezogen worden sind, als per Ende April 2014 verwirkt qualifiziert
werden. Das würde aber dem Sinn und Zweck des Art. 25 Abs. 2 ATSG widersprechen,
denn ein erheblicher Teil des Rückforderungsanspruchs hat in jenem Zeitpunkt –
mangels Auszahlung der nicht mehr geschuldeten Rentenleistungen an den
Beschwerdeführer - noch gar nicht existiert. Laut der (lückenfüllenden)
bundesgerichtlichen Praxis beginnt die relative Verwirkungsfrist bei einer erst nach dem
massgebenden Zeitpunkt des „Kennenmüssens“ ausbezahlten Leistung mit dem
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Datum der Auszahlung zu laufen (vgl. Kieser, a.a.O., Art. 25 N 60, mit Hinweisen). Das
bedeutet, dass die Rückforderung der im Mai 2013 zu Unrecht ausbezahlten
Rentenleistungen im Mai 2014 verwirkt gewesen ist, dass die Rückforderung der im
Juni 2013 zu Unrecht ausbezahlten Rentenleistungen erst im Juni 2014 verwirkt
gewesen ist usw. Die letzte Rentenauszahlung ist im Mai 2017 erfolgt, was bedeutet,
dass die entsprechende Rückforderung erst im Mai 2018 verwirkt wäre. Um
herauszufinden, welcher Teil des gesamten Rückforderungsanspruchs für die Zeit von
April 2013 bis und mit Mai 2017 verwirkt gewesen ist, muss die Frage beantwortet
werden, wann die rechtswirksame Geltendmachung der Rückforderung erfolgt ist. Als
fristwahrend gilt schon der Vorbescheid (vgl. BGE 119 V 431). Ein solcher ist vorliegend
am 17. Oktober 2017, allerdings nicht von der Beschwerdegegnerin, sondern von der
weder zum Erlass einer Verfügung noch zum Erlass eines Vorbescheides befugten
Ausgleichskasse erlassen worden. Dieser „Vorbescheid“ kann folglich nicht
fristwahrend gewesen sein. Die Verwirkungsfrist ist erst mit der Verfügung der
Beschwerdegegnerin vom 30. Januar 2018 gewahrt worden. Diese Verfügung ist zwar
in der Folge von der Ausgleichskasse widerrufen und am 16. März 2018 von der
Beschwerdegegnerin durch eine nahezu identische Verfügung ersetzt worden, aber das
ändert praxisgemäss nichts daran, dass das für die Fristwahrung massgebende Datum
der 30. Januar 2018 gewesen ist. Das bedeutet, dass alle vor dem 30. Januar 2017
monatlich ausbezahlten Rentenleistungen verwirkt sind. Da die Rentenauszahlungen
jeweils am fünften Werktag eines jeden Kalendermonats erfolgen (vgl. dazu etwa
<https://www.zas.admin.ch/home/particuliers/ paiement-des-prestations/dates-des-
paiements-des-rentes.html>, aufgerufen am 6. Juni 2019), muss die Rentenzahlung für
den Januar 2017 vor dem 30. Januar 2017 erfolgt sein, weshalb auch der
Rückforderungsanspruch betreffend die Rente für den Januar 2017 verwirkt ist. Die
Rückforderung ist damit lediglich für die Monate Februar 2017 bis und mit Mai 2017
möglich. Damit erweist sich die Verfügung vom 16. März 2018 als rechtswidrig,
weshalb sie zu korrigieren ist. Der Betrag der Rückforderung ist auf 4 × 3’843 = 15’372
Franken zu reduzieren.
3.
Hinsichtlich der Kosten- und Entschädigungsfolgen gilt dieser Verfahrensausgang
praxisgemäss als ein vollständiges Obsiegen des Beschwerdeführers. Die
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Gerichtskosten sind folglich der unterliegenden Beschwerdegegnerin aufzuerlegen. Der
Verfahrensaufwand ist als leicht unterdurchschnittlich zu qualifizieren, weil die Nähe
dieses Beschwerdeverfahrens zum Beschwerdeverfahren IV 2018/68 den Aufwand für
die Sachverhaltswürdigung geringfügig reduziert hat. Die Gerichtskosten sind folglich
auf 500 Franken festzusetzen. Der anwaltlich vertretene Beschwerdeführer hat einen
Anspruch auf eine Parteientschädigung. Der erforderliche Vertretungsaufwand ist als
deutlich unterdurchschnittlich zu qualifizieren, weil der Aufwand des Rechtsvertreters
für das Studium der den beiden Beschwerdeverfahren weitgehend gemeinsamen Akten
auf beide Verfahren aufzuteilen ist und folglich in diesen beiden Verfahren nur je zur
Hälfte entschädigt werden kann und weil sich dieses Beschwerdeverfahren auf eine
einzige Rechtsfrage beschränkt hat. Die Parteientschädigung wird deshalb pauschal
auf 2’000 Franken (einschliesslich Barauslagen und Mehrwertsteuer) festgesetzt.