Decision ID: 75723c48-9143-5d46-b054-5a143e4e9da7
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die 1963 geborene, geschiedene A._ (im Folgenden: Versicherte
oder Beschwerdeführerin) stammt ursprünglich aus Deutschland; seit dem
19. Februar 1990 verfügt sie über das Schweizer Bürgerrecht. Nachdem
sie gemäss ihren eigenen Angaben vom 31. August 2005 bis 22. Oktober
2013 Südostasien bereist, da gewohnt und nach ihrer Rückkehr ihren zivil-
rechtlichen Wohnsitz ab 1. November 2013 erneut in der Schweiz begrün-
det hatte, arbeitete sie in der Zeit vom 1. Juni bis 30. November 2015 als
Fachperson Wohnen in der B._. Per 1. Dezember 2015 zog sie er-
neut nach Thailand (Akten [im Folgenden: act.] der Invalidenversicherungs-
Stelle für Versicherte im Ausland [im Folgenden: IVSTA oder Vorinstanz] 2,
5 und 18; vgl. auch act. 11).
B.
Mit E-Mail vom 14. Januar 2019 teilte die Versicherte der IVSTA mit, auf-
grund massiver gesundheitlicher Verschlechterung möchte sie einen An-
trag auf Leistungen der Invalidenversicherung stellen (act. 1 und 2). Nach
Vorliegen der Bescheinigung des Versicherungsverlaufs in Deutschland
(act. 3 und 4), der ausgefüllten und am 25. Januar 2019 unterzeichneten
Anmeldung für Erwachsene (act. 5), von medizinischen Dokumenten
(act. 7 bis 10, 19, 20, 27, 29, 30 bis 33; vgl. auch act. 21, 28) sowie der
Fragebögen für Arbeitgebende vom 11. März 2019 (act. 18) und für die
Versicherte vom 13. März 2019 (act. 23) gab Dr. med. C._, Facharzt
für Allgemeine Medizin, vom Regionalen Ärztlichen Dienst D._ (im
Folgenden: RAD) am 13. Juni 2019 eine Stellungnahme ab (act. 37). Ge-
stützt darauf stellte die IVSTA der Versicherten mit Vorbescheid vom
17. Juni 2019 die (verfügungsweise) Abweisung des Rentenbegehrens in
Aussicht (act. 38). Gegen diesen beabsichtigten Entscheid brachte die Ver-
sicherte in ihrer Eingabe vom 12. Juli 2019 ihre Einwendungen vor (act.
39). In der Folge erliess die IVSTA am 21. August 2019 eine dem Vorbe-
scheid vom 17. Juni 2019 im Ergebnis entsprechende Verfügung (act. 40).
C.
C.a Hiergegen erhob die Versicherte beim Bundesverwaltungsgericht mit
Eingabe vom 10. September 2019 Beschwerde und beantragte (sinnge-
mäss) die Aufhebung der Verfügung vom 21. August 2019 (act. im Be-
schwerdeverfahren [im Folgenden: B-act.] 1).
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Zur Begründung führte die Versicherte zusammengefasst aus, die von ihr
unterzeichnete Ermächtigung vom 13. März 2019, die es der IVSTA ermög-
licht hätte, Aufnahmen der ganzen Wirbelsäule bei der Klinik E._
anzufordern, sei nicht wahrgenommen worden. Eine der Stenosen, auf-
grund derer sie drei Infiltrationen gehabt habe, sei somit überhaupt nicht
begutachtet worden. Bei ihr sei die Diagnose UARS (Upper Airways Re-
sistance Syndrome) gestellt worden. Die Nasenoperation sei nötig gewor-
den, um eine Druckbeatmung durch die Nase überhaupt zu ermöglichen.
Die Verengung des Rachens bleibe. Ursache dieser Verengung sei die
Skoliose, die nicht einfach an der Halswirbelsäule (HWS) aufhöre, sondern
sich auch in der Asymmetrie zum Beispiel des Oberkiefers und der Zahn-
stellung zeige. Die ärztliche Beurteilung seitens der IVSTA sei äusserst
oberflächlich und unprofessionell erfolgt. Wie sie bereits angegeben habe,
sei bei ihr 1979 eine idiopathische Skoliose diagnostiziert worden, und sie
habe bis zum Ende des Wachstums (1981) ein "Milwaukee-Korsett" getra-
gen. Mit zunehmendem Alter habe sie vermehrt Rückenschmerzen und
Probleme im Rippenbereich links/Brustbein. Da die Rippen sehr dicht zu-
sammenlägen, klemme es schon bei kleinsten Fehlbewegungen Nerven
ein. Sämtliche Wirbelkörper als auch Bandscheiben seien deformiert, und
an mehreren Stellen sei der Spinalkanal verengt resp. versteift. Da sie ih-
ren Oberkörper nur langsam und unter Schmerzen aufrichten und in keiner
Position länger verbleiben könne, sei eine Erwerbstätigkeit nicht mehr
möglich gewesen. Sie habe entschieden, nach Thailand auszuwandern. Ihr
Zustand habe sich seit 2016 kontinuierlich verschlechtert. Ihre Krankenge-
schichte gemäss der Orthopädischen Klinik E._ sollte von einem
Facharzt neu beurteilt werden.
C.b Mit Eingabe vom 21. Oktober 2019 reichte Rechtsanwältin Nadeshna
Ley eine Vollmacht der Versicherten ein und verwies darauf, dass ein an
die IVSTA gerichtetes Akteneinsichtsgesuch noch unbeantwortet geblieben
sei, weshalb sie noch nicht über weitere Aktenkenntnisse verfüge. Weiter
bat sie um Ansetzen einer Nachfrist für eine allfällige Ergänzung der Be-
schwerde (B-act. 3).
C.c Mit Zwischenverfügung vom 31. Oktober 2019 wurde die Beschwerde-
führerin unter Hinweis auf die Säumnisfolgen (Nichteintreten auf die Be-
schwerde) aufgefordert, einen Kostenvorschuss von Fr. 800.- in der Höhe
der mutmasslichen Verfahrenskosten zu leisten. Weiter wurde Vormerk ge-
nommen vom Gesuch um Akteneinsicht sowie um Beschwerdeergänzung,
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wobei die Akteneinsicht erfolge, sobald die Akten dem Gericht zur Verfü-
gung stünden und die Ergänzungen im Rahmen des zweiten Schriften-
wechsels eingebracht werden könnten (B-act. 4 und 5).
C.d Nachdem der Verfahrenskostenvorschuss in der Höhe von Fr. 800.-
am 11. November 2019 geleistet worden war (B-act. 6), ging am 23. Januar
2020 die Vernehmlassung der Vorinstanz vom 21. Januar 2020 ein (B-act.
10).
Darin beantragte die Vorinstanz die Abweisung der Beschwerde und führte
zur Begründung zusammengefasst aus, die Versicherte leide an einer
schweren thorakalen Skoliose, an Schulterschmerzen rechts bei idiopathi-
scher Schultersteife und an einem Schlaf-Apnoe-Syndrom. Im April 2019
habe sie eine Nasenoperation bei rezidivierenden Sinusitiden und Septum-
deviation gehabt. Der ärztliche Dienst sei nach Würdigung sämtlicher me-
dizinischer Unterlagen zum Schluss gekommen, die Schultersteife sei nicht
traumatisch und selbstheilend. Durch die Nasenoperation seien die Prob-
leme mit den Nebenhöhlen behandelt. Das Schlaf-Apnoe-Syndrom sei kor-
rekt behandelt und die Wirbelsäulen-Skoliose sei als nicht behindernd be-
schrieben. In keinem der vorhandenen ärztlichen Dokumente werde auch
nur ansatzweise eine Arbeitsunfähigkeit dargelegt. Der beurteilende Arzt
halte fest, dass die Aktenlage vollständig sei. Die Versicherte weise ver-
schiedene Gesundheitsprobleme auf, welche jedoch weder schwerwie-
gend noch langdauernd seien und somit keine invalidisierende Erkrankung
im Sinne der Invalidenversicherung aufweisen könnten. Zusammenfas-
send könne festgestellt werden, dass die medizinischen Unterlagen keine
Elemente enthielten, welche darauf hinweisen würden, dass die Arbeitsfä-
higkeit der Versicherten und demzufolge ihre entsprechenden Erwerbs-
möglichkeiten beeinträchtigt wären. Nach eigenen Angaben der Versicher-
ten bestehe die Arbeitsunfähigkeit ab dem 1. Dezember 2015. Aus den
ärztlichen Unterlagen sei nicht ersichtlich und werde auch nicht geltend ge-
macht, dass die im Jahre 2013 erfolgten Infiltrationen zur Behandlung von
Stenosen noch Auswirkungen auf den gegenwärtigen Gesundheitszustand
bzw. auf die Arbeitsfähigkeit der Versicherten hätten. Ein allfälliger Renten-
anspruch könnte ohnehin erst sechs Monate nach der Geltendmachung
des Leistungsanspruchs entstehen. Aus den Akten ergebe sich, dass der
medizinische Sachverhalt feststehe und sich somit zusätzliche Beweisvor-
kehren im Sinne der antizipierten Beweiswürdigung erübrigten. Ergäbe die
Beweiswürdigung wie im vorliegenden Fall, dass keine Einschränkung der
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Arbeitsfähigkeit vorliege, habe die versicherte Person, welche einen Ren-
tenanspruch geltend gemacht habe, die Folgen der Beweislosigkeit zu tra-
gen.
C.e In ihrer Replik vom 27. April 2020 liess die Beschwerdeführerin bean-
tragen, es sei die Verfügung vom 21. August 2019 aufzuheben und die An-
gelegenheit zur Vervollständigung der Abklärungen, namentlich zur Veran-
lassung einer polydisziplinären medizinischen Begutachtung bei unabhän-
giger Abklärungsstelle, an die Vorinstanz zurückzuweisen (B-act. 14).
Zur Begründung liess die Beschwerdeführerin zusammengefasst vorbrin-
gen, die Behauptung, die Aktenlage sei vollständig, sei unzutreffend. Ohne
Kenntnis der Belastung der ganzen Wirbelsäule durch Skoliose, Stenosen,
Degeneration und Diskusprotrusionen könne die Einschätzung des RAD
zum Vornherein nicht zuverlässig sein, weshalb auf diese jedenfalls nicht
abschliessend abgestellt werden könne. Zwar treffe es zu, dass sich die im
Recht liegenden medizinischen Unterlagen zur Arbeits- und Leistungsun-
fähigkeit ausschweigen würden. Allerdings sei danach im jeweiligen Be-
handlungszusammenhang auch nicht gefragt worden. Das Fehlen einer
ärztlichen Beurteilung der Arbeitsunfähigkeit sei nicht gleichbedeutend mit
dem Fehlen einer Arbeitsunfähigkeit an sich. Es stimme auch nicht, dass
die gesundheitlichen Einschränkungen die Beschwerdeführerin niemals
behindert hätten. Diese habe die auf ein halbes Jahr befristete Stelle nur
unter zahlreichen Vorbehalten für körperliche Arbeit antreten können und
sei aufgrund ihres Gebrechens von verschiedenen Tätigkeiten entbunden
worden. Das UARS, an welchem die Beschwerdeführerin leide, dürfte
ebenfalls durch die Skoliose bedingt sein. Die Atemprobleme bzw. die da-
raus resultierende Kurzatmigkeit bedeuteten nicht "nur" Störung des
Nachtschlafs mit konsekutiver Tagesmüdigkeit und Konzentrationsschwie-
rigkeiten, sondern bewirkten auch erhebliche Einschränkungen am Tag.
Dass körperlich anspruchsvolle Tätigkeiten ausgeschlossen seien, dürfte
sich spätestens unter Berücksichtigung der Befunde auch der Klinik
E._ von selbst verstehen. Darüber hinaus sei die Beschwerdefüh-
rerin aber auch in ihrer Beweglichkeit und Mobilität erheblich eingeschränkt
und leide zusätzlich unter Tagesmüdigkeit, Konzentrationsstörungen und
Kurzatmigkeit. Eine psychische Beeinträchtigung sei ebenfalls zu verzeich-
nen. Bei den Erkrankungen bzw. den sich daraus offensichtlich ergeben-
den Folgen könne keinesfalls von "banalen Gesundheitsproblemen" ge-
sprochen werden. Die Schilderung der gesundheitlichen Einschränkungen
beruhe gerade nicht "allein auf subjektiven Beschwerden der Versicher-
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ten". Erst 2015 habe die Beschwerdeführerin zur Einsicht gelangen müs-
sen, dass ihr eine Erwerbstätigkeit aus gesundheitlichen Gründen nicht
mehr möglich sei. Insofern könne die Vorinstanz auch nicht mittels antizi-
pierter Beweiswürdigung vorwegnehmen, dass von weiteren Beweismass-
nahmen keine neuen Erkenntnisse mehr zu erwarten seien. Im Gegenteil
bestehe sowohl aufgrund der Parteivorbringen als auch anderer sich aus
den Akten ergebenden Anhaltspunkten hinreichender Anlass für die Vor-
instanz, zusätzliche Abklärungen vorzunehmen oder zu veranlassen. Die
Auswirkungen der objektivierten Befunde auf die Erwerbsfähigkeit seien
noch zu klären. Insbesondere sei eine polydisziplinäre Begutachtung uner-
lässlich, da die Beschwerden und Einschränkungen vielgestaltiger Natur
und Ursachen seien und sich gegenseitig (mutmasslich) beeinflussten. Die
Angelegenheit sei daher antragsgemäss an die Vorinstanz zurückzuwei-
sen, damit sie die Abklärungen wie beantragt vervollständige. Sie werde
dann auch noch Abklärungen/Feststellungen betreffend die massgeblichen
Vergleichseinkommen anzustellen/zu treffen haben, was bislang noch un-
terblieben oder zumindest nicht aktenkundig gemacht worden sei. Über ei-
nen allfälligen Rentenanspruch werde die Vorinstanz nach Massgabe der
so vervollständigten Abklärungen zu entscheiden haben.
C.f Duplicando verwies die Vorinstanz am 18. Mai 2020 auf die Stellung-
nahme des RAD-Arztes Dr. med. C._ vom 12. Mai 2020 und führte
weiter zusammengefasst aus, die beschwerde- und replikweise vorge-
brachten Einwände beruhten weitgehend auf der subjektiven Sichtweise
der Versicherten, was aus medizinischer Sicht nicht allein massgebend
sein könne. Aus der Replik würden sich somit keine neuen Elemente erge-
ben, welche Veranlassung zu einer geänderten Betrachtungsweise geben
würden. Es verbleibe dementsprechend bei den vernehmlassungsweise
gestellten Anträgen (B-act. 16).
C.g Mit prozessleitender Verfügung vom 4. August 2020 schloss die In-
struktionsrichterin unter Vorbehalt weiterer Instruktionsmassnahmen den
Schriftenwechsel (B-act. 17).
C.h Auf den weiteren Inhalt der Akten sowie der Rechtsschriften und Be-
weismittel der Parteien ist – soweit erforderlich – in den nachfolgenden Er-
wägungen einzugehen.
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Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Das Bundesverwaltungsgericht prüft von Amtes wegen und mit freier Kog-
nition, ob die Prozessvoraussetzungen erfüllt sind und ob auf eine Be-
schwerde einzutreten ist (Art. 7 Abs. 1 des Bundesgesetzes vom 20. De-
zember 1968 über das Verwaltungsverfahren [VwVG, SR 172.021]; BVGE
2016/15 E. 1; 2014/4 E. 1.2).
1.1 Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005
(VGG, SR 173.32) in Verbindung mit Art. 33 Bst. d VGG und Art. 69 Abs. 1
Bst. b des Bundesgesetzes vom 19. Juni 1959 über die Invalidenversiche-
rung (IVG, SR 831.20) ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung
der vorliegenden Beschwerde zuständig.
1.2 Das Verfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht richtet sich nach
dem VwVG, soweit das VGG nichts anderes bestimmt (vgl. Art. 37 VGG).
Gemäss Art. 3 Bst. dbis VwVG bleiben in sozialversicherungsrechtlichen
Verfahren die besonderen Bestimmungen des Bundesgesetzes vom 6. Ok-
tober 2000 über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts
(ATSG, SR 830.1) vorbehalten. Gemäss Art. 2 ATSG sind die Bestimmun-
gen dieses Gesetzes auf die bundesgesetzlich geregelten Sozialversiche-
rungen anwendbar, wenn und soweit die einzelnen Sozialversicherungs-
gesetze es vorsehen. Nach Art. 1 IVG sind die Bestimmungen des ATSG
auf die IV anwendbar (Art. 1a - 26bis und 28 - 70 IVG), soweit das IVG nicht
ausdrücklich eine Abweichung vom ATSG vorsieht. Nach den allgemeinen
intertemporalrechtlichen Regeln finden diejenigen Verfahrensregeln An-
wendung, welche im Zeitpunkt der Beschwerdebeurteilung in Kraft stehen
(BGE 130 V 1 E. 3.2).
1.3 Als direkte Adressatin ist die Beschwerdeführerin von der angefochte-
nen Verfügung vom 21. August 2019 (act. 40) berührt und kann sich auf
ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung oder Änderung berufen
(Art. 59 ATSG; Art. 48 Abs. 1 VwVG). Nachdem sie den Kostenvorschuss
fristgerecht geleistet hat (B-act. 6), ergibt sich zusammenfassend, dass auf
die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde (Art. 60 ATSG; Art. 50
Abs. 1 und Art. 52 Abs. 1) einzutreten ist.
1.4 Anfechtungsobjekt und damit Begrenzung des Streitgegenstandes des
vorliegenden Beschwerdeverfahrens (vgl. BGE 131 V 164 E. 2.1) bildet die
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Verfügung vom 21. August 2019 (act. 40), mit welcher die Vorinstanz den
Anspruch der Beschwerdeführerin auf eine IV-Rente sowie denjenigen auf
berufliche Eingliederungsmassnahmen abgewiesen hat. Strittig und zu
prüfen ist die Rechtmässigkeit dieser Verfügung und in diesem Zusammen-
hang insbesondere, ob die Vorinstanz den Sachverhalt in medizinischer
Hinsicht rechtsgenüglich abgeklärt und gewürdigt hat.
1.5 Das Bundesverwaltungsgericht prüft die Verletzung von Bundesrecht
einschliesslich der Überschreitung oder des Missbrauchs des Ermessens,
die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen
Sachverhalts und die Unangemessenheit (Art. 49 VwVG).
2.
Im Folgenden sind vorab die im vorliegenden Verfahren weiter anwendba-
ren gesetzlichen Normen und Rechtsgrundsätze darzustellen.
2.1 Die Beschwerdeführerin ist Schweizer Staatsangehörige und wohnt in
Thailand. Mangels Sozialversicherungsabkommens zwischen der Schweiz
und Thailand kommt ausschliesslich Schweizer Recht zur Anwendung, zu-
mal keine Hinweise auf eine seit dem 28. August 2007 nach § 25 Absatz 1
des deutschen Staatsangehörigkeitsgesetzes (StAG) mögliche doppelte
Staatsbürgerschaft der Versicherten aktenkundig sind (vgl. hierzu
https://www.bmi.bund.de/DE/themen/verfassung/staatsangehoerigkeit/
staatsangehoerigkeitsrecht/staatsangehoerigkeitsrecht-node.html; https://
www.eda.admin.ch/countries/germany/de/home/dienstleistungen/buerger-
recht-/doppelte-staatsbuergerschaft.html; zuletzt aufgerufen am 2. Juli
2021).
2.2 In zeitlicher Hinsicht sind grundsätzlich diejenigen Rechtssätze mass-
geblich, die bei der Erfüllung des rechtlich zu ordnenden oder zu Rechts-
folgen führenden Tatbestandes Geltung haben (BGE 132 V 215 E. 3.1.1).
Im vorliegenden Verfahren finden demnach jene Vorschriften Anwendung,
die spätestens beim Erlass der Verfügung vom 21. August 2019 (act. 40)
in Kraft standen (so auch die Normen der am 1. Januar 2012 in Kraft ge-
tretenen Fassung des IVG vom 18. März 2011 [6. IV-Revision]); weiter aber
auch solche, die zu jenem Zeitpunkt bereits ausser Kraft getreten waren,
die aber für die Beurteilung allenfalls früher entstandener Leistungsansprü-
che von Belang sind.
2.3 Anspruch auf eine Rente der schweizerischen Invalidenversicherung
hat, wer invalid im Sinne des Gesetzes ist (Art. 8 ATSG) und beim Eintritt
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der Invalidität während der vom Gesetz vorgesehenen Dauer Beiträge an
die Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenversicherung (AHV/IV) geleistet
hat, d.h. während mindestens dreier Jahre (Art. 36 Abs. 1 IVG in der seit
1. Januar 2008 geltenden Fassung). Diese Bedingungen müssen kumula-
tiv gegeben sein; fehlt eine, so entsteht kein Rentenanspruch, selbst wenn
die andere erfüllt ist. Die Beschwerdeführerin hat in der Schweiz unbestrit-
tenermassen während mehr als drei Jahren AHV/IV-Beiträge geleistet
(act. 11 S. 4 und act. 35 S. 1), so dass die Voraussetzung der Mindestbei-
tragsdauer gemäss Art. 36 Abs. 1 IVG in der ab 1. Januar 2008 geltenden
Fassung erfüllt ist.
2.4 Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde
ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 ATSG), die Folge
von Geburtsgebrechen, Krankheit oder Unfall sein kann (Art. 4 Abs. 1 IVG).
Invalidität ist somit der durch einen Gesundheitsschaden verursachte und
nach zumutbarer Behandlung oder Eingliederung verbleibende länger dau-
ernde (volle oder teilweise) Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in
Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt resp. der Möglichkeit,
sich im bisherigen Aufgabenbereich zu betätigen. Der Invaliditätsbegriff
enthält damit zwei Elemente: ein medizinisches (Gesundheitsschaden mit
Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit) und ein wirtschaftliches im weiteren
Sinn (dauerhafte oder länger dauernde Einschränkung der Erwerbsfähig-
keit oder der Tätigkeit im Aufgabenbereich; vgl. zum Ganzen UELI KIESER,
ATSG-Kommentar, 3. Aufl., Zürich/Basel/Genf 2015, Art. 8 Rz. 7). Arbeits-
unfähigkeit ist die durch eine Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen
oder psychischen Gesundheit bedingte, volle oder teilweise Unfähigkeit, im
bisherigen Beruf oder Aufgabenbereich zumutbare Arbeit zu leisten. Bei
langer Dauer wird auch die zumutbare Tätigkeit in einem anderen Beruf
oder Aufgabenbereich berücksichtigt (Art. 6 ATSG). Erwerbsunfähigkeit ist
der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen
Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliede-
rung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten
auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7
ATSG).
2.5 Neben den geistigen und körperlichen Gesundheitsschäden können
auch solche psychischer Natur eine Invalidität bewirken (Art. 8 i.V.m. Art. 7
ATSG). Ausgangspunkt der Anspruchsprüfung nach Art. 4 Abs. 1 IVG so-
wie Art. 6 ff. und insbesondere Art. 7 Abs. 2 ATSG ist die medizinische Be-
fundlage. Eine Einschränkung der Leistungsfähigkeit kann immer nur dann
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anspruchserheblich sein, wenn sie Folge einer Gesundheitsbeeinträchti-
gung ist, die fachärztlich einwandfrei diagnostiziert worden ist (BGE 141 V
281 E. 2.1). Mit der Diagnose eines Gesundheitsschadens ist noch nicht
gesagt, dass dieser auch invalidisierenden Charakter hat. Ob dies zutrifft,
beurteilt sich gemäss dem klaren Gesetzeswortlaut nach dem Einfluss, den
der Gesundheitsschaden auf die Arbeits- und Erwerbsfähigkeit hat. Ent-
scheidend ist, ob der versicherten Person wegen des geklagten Leidens
nicht mehr zumutbar ist, ganz oder teilweise zu arbeiten. Deshalb gilt eine
objektivierte Zumutbarkeitsprüfung unter ausschliesslicher Berücksichti-
gung von Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung (BGE 142 V 106
E. 4.4). Nicht als Folgen eines psychischen Gesundheitsschadens und da-
mit invalidenversicherungsrechtlich nicht als relevant gelten Einschränkun-
gen der Erwerbsfähigkeit, welche die versicherte Person bei Aufbietung al-
len guten Willens, die verbleibende Leistungsfähigkeit zu verwerten, ab-
wenden könnte; das Mass des Forderbaren wird dabei weitgehend objektiv
bestimmt (BGE 131 V 49 E. 1.2, 130 V 352 E. 2.2.1; SVR 2014 IV Nr. 2
S. 5 E. 3.1). Entscheidend ist, ob und inwiefern es der versicherten Person
trotz ihres Leidens sozialpraktisch zumutbar ist, die Restarbeitsfähigkeit
auf dem ihr nach ihren Fähigkeiten offenstehenden ausgeglichenen Ar-
beitsmarkt zu verwerten, und ob dies für die Gesellschaft tragbar ist. Dies
ist nach einem weitgehend objektivierten Massstab zu prüfen (BGE 136 V
279 E. 3.2.1; SVR 2016 IV Nr. 2 S. 5 E. 4.2).
2.6 Gemäss Art. 28 Abs. 1 IVG in der ab 1. Januar 2008 geltenden Fassung
haben jene Versicherten Anspruch auf eine Rente, die ihre Erwerbsfähig-
keit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht durch
zumutbare Eingliederungsmassnahmen wiederherstellen, erhalten oder
verbessern können (Bst. a), und die zusätzlich während eines Jahres ohne
wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindestens 40 % arbeitsunfähig
(Art. 6 ATSG) gewesen sind und auch nach Ablauf dieses Jahres zu min-
destens 40 % invalid (Art. 8 ATSG) sind (Bst. b und c). Gemäss Art. 28
Abs. 2 IVG in der ab 2008 geltenden Fassung besteht der Anspruch auf
eine ganze Rente, wenn die versicherte Person mindestens 70 %, derje-
nige auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie mindestens 60 % invalid ist. Bei
einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % besteht Anspruch auf eine
halbe Rente und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % ein sol-
cher auf eine Viertelsrente. Laut Art. 29 Abs. 4 IVG (in der ab 2008 gelten-
den Fassung) werden Renten, die einem Invaliditätsgrad von weniger als
50 % entsprechen, jedoch nur an Versicherte ausgerichtet, die ihren Wohn-
sitz und gewöhnlichen Aufenthalt (Art. 13 ATSG) in der Schweiz haben,
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soweit nicht zwischenstaatliche Vereinbarungen eine abweichende Rege-
lung vorsehen. Eine solche Ausnahme ist vorliegend nicht gegeben. Diese
Regelung stellt nicht eine blosse Auszahlungsvorschrift, sondern eine be-
sondere Anspruchsvoraussetzung dar (BGE 121 V 275 E. 6c).
2.7 Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung (und
im Beschwerdefall das Gericht) auf Unterlagen angewiesen, die Ärzte und
gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben.
Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu be-
urteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich
welcher Tätigkeiten die Versicherten arbeitsunfähig sind. Im Weiteren sind
ärztliche Auskünfte eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage,
welche Arbeitsleistungen den Versicherten noch zugemutet werden kön-
nen (BGE 140 V 193 E. 3.2; 132 V 93 E. 4). Demgegenüber fällt es nicht
in den Aufgabenbereich des Arztes oder der Ärztin, sich zur Höhe einer
allfälligen Rente zu äussern, da der Begriff der Invalidität nicht nur von me-
dizinischen, sondern auch von erwerblichen Faktoren bestimmt wird
(vgl. Art. 16 ATSG).
Geht es um psychische Erkrankungen, namentlich eine anhaltende soma-
toforme Schmerzstörung, ein damit vergleichbares psychosomatisches
Leiden (vgl. BGE 140 V 8 E. 2.2.1.3) oder depressive Störungen leicht- bis
mittelgradiger Natur (BGE 143 V 409), sind für die Beurteilung der Arbeits-
fähigkeit systematisierte Indikatoren beachtlich, die – unter Berücksichti-
gung leistungshindernder äusserer Belastungsfaktoren einerseits und
Kompensationspotentialen (Ressourcen) anderseits – erlauben, das tat-
sächlich erreichbare Leistungsvermögen einzuschätzen (BGE 141 V 281
E. 2, E. 3.4-3.6 und 4.1; 143 V 418 E. 6 ff.). Ausgangspunkt der Prüfung
und damit erste Voraussetzung bildet eine psychiatrische, lege artis ge-
stellte Diagnose (vgl. BGE 141 V 281 E. 2.1; 143 V 418 E. 6 und E. 8.1).
Die für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit erwähnten Indikatoren hat das
Bundesgericht wie folgt systematisiert (BGE 141 V 281 E. 4.1.3): Kategorie
«funktioneller Schweregrad» (E. 4.3) mit den Komplexen «Gesundheits-
schädigung» (Ausprägung der diagnoserelevanten Befunde und Symp-
tome; Behandlungs- und Eingliederungserfolg oder -resistenz; Komorbidi-
täten [E. 4.3.1]), «Persönlichkeit» (Persönlichkeitsentwicklung und -struk-
tur, grundlegende psychische Funktionen [E. 4.3.2]) und «sozialer Kon-
text» (E. 4.3.3) sowie Kategorie «Konsistenz» (Gesichtspunkte des Verhal-
tens [E. 4.4]) mit den Faktoren gleichmässige Einschränkung des Aktivitä-
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Seite 12
tenniveaus in allen vergleichbaren Lebensbereichen (E. 4.4.1) und be-
handlungs- und eingliederungsanamnestisch ausgewiesener Leidens-
druck (E. 4.4.2).
Das Prinzip inhaltlich einwandfreier Beweiswürdigung besagt, dass das
Sozialversicherungsgericht alle Beweismittel objektiv zu prüfen hat, unab-
hängig davon, von wem sie stammen, und danach zu entscheiden hat, ob
die verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige Beurteilung des strittigen
Rechtsanspruchs gestatten. Insbesondere darf das Gericht bei einander
widersprechenden medizinischen Berichten den Prozess nicht erledigen,
ohne das gesamte Beweismaterial zu würdigen und die Gründe anzuge-
ben, warum es auf die eine und nicht auf die andere medizinische These
abstellt (SVR 2010 IV Nr. 58 S. 178 E. 3.1; AHI 2001 S. 113 E. 3a).
Der Beweiswert eines ärztlichen Berichts hängt davon ab, ob der Bericht
für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen
beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der
Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizi-
nischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situa-
tion einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen begründet sind. Ausschlag-
gebend für den Beweiswert ist grundsätzlich somit weder die Herkunft ei-
nes Beweismittels noch die Bezeichnung der eingereichten oder in Auftrag
gegebenen Stellungnahme als Bericht oder Gutachten, sondern dessen
Inhalt (BGE 137 V 210 E. 6.2.2; 134 V 231 E. 5.1; 125 V 351 E. 3a). Unab-
hängig davon, ob es sich um eine nachweisliche organische Pathologie
oder um ein unklares Beschwerdebild handelt, setzt eine Anspruchsbe-
rechtigung stets eine nachvollziehbare ärztliche Beurteilung der Auswir-
kungen des Gesundheitsschadens auf die Arbeits- und Erwerbsfähigkeit
voraus. Dabei können – insbesondere unklaren Beschwerdebildern inhä-
rente – Abklärungs- und Beweisschwierigkeiten die Berücksichtigung wei-
terer Lebens- und Aktivitätsbereiche wie etwa Freizeitverhalten oder fami-
liäres Engagement erfordern, um das Ausmass der Einschränkungen zu
plausibilisieren, wobei auch fremdanamnestische Angaben zu berücksich-
tigen sind. Ohne Einbezug solcher Indizien, wie sie im Rahmen der festen
Praxis zu den organisch nicht nachweisbaren unklaren Beschwerdebildern
(BGE 141 V 281 E. 4.4.1) regelmässig zu berücksichtigen sind, ist eine
ärztliche Arbeitsfähigkeitsbeurteilung nicht beweiskräftig (BGE 140 V 290
E. 3.3.2). In den konsistenten Nachweis einer gestörten Aktivität und Par-
tizipation einzubeziehen sind nur funktionelle Ausfälle, die sich aus denje-
nigen Befunden ergeben, welche auch für die Diagnose der Gesundheits-
beeinträchtigung massgebend gewesen sind. Die Einschränkung in den
C-4762/2019
Seite 13
Alltagsfunktionen, welche begrifflich zu einer lege artis gestellten Diagnose
gehört, wird mit den Anforderungen des Arbeitslebens abgeglichen und an-
hand von Schweregrad- und Konsistenzkriterien in eine allfällige Ein-
schränkung der Arbeitsfähigkeit umgesetzt. Auf diesem Weg können gel-
tend gemachte Funktionseinschränkungen über eine sorgfältige Plausibili-
tätsprüfung bestätigt oder verworfen werden (BGE 141 V 281 E. 2.1.2).
Die Stellungnahmen des RAD oder des medizinischen Dienstes der IVSTA,
welche nicht auf eigenen Untersuchungen beruhen, können wie Aktengut-
achten beweiskräftig sein, sofern ein lückenloser Befund vorliegt und es im
Wesentlichen nur um die fachärztliche Beurteilung eines an sich festste-
henden medizinischen Sachverhalts geht, mithin die direkte ärztliche Be-
fassung mit der versicherten Person in den Hintergrund rückt (vgl. Urteile
des BGer 9C_524/2017 vom 21. März 2018 E. 5.1; 9C_28/2015 vom
8. Juni 2015 E. 3.2; 9C_196/2014 vom 18. Juni 2014 E. 5.1.1, je mit Hin-
weisen). Sofern RAD-Untersuchungsberichte den Anforderungen an ein
ärztliches Gutachten (BGE 125 V 351 E. 3a) genügen, auch hinsichtlich
der erforderlichen ärztlichen Qualifikationen (vgl. hierzu Urteil des BGer
9C_736/2009 vom 26. Januar 2010 E. 2.1), haben sie einen vergleichbaren
Beweiswert wie ein anderes Gutachten (SVR 2009 IV Nr. 53 S. 165
E. 3.3.2). Eine von anderen mit der versicherten Person befassten Ärzten
abweichende Beurteilung vermag die Objektivität des Experten nicht in
Frage zu stellen. Es gehört vielmehr zu den Pflichten eines Gutachters,
sich kritisch mit dem Aktenmaterial auseinanderzusetzen und eine eigen-
ständige Beurteilung abzugeben. Auf welche Einschätzung letztlich abge-
stellt werden kann, ist eine im Verwaltungs- und allenfalls Gerichtsverfah-
ren zu klärende Frage der Beweiswürdigung (BGE 132 V 93 E. 7.2.2).
Die Aufgabe der versicherungsinternen Fachpersonen besteht insbeson-
dere darin, aus medizinischer Sicht – gewissermassen als Hilfestellung für
die medizinischen Laien in Verwaltung und Gerichten, welche in der Folge
über den Leistungsanspruch zu entscheiden haben – den medizinischen
Sachverhalt zusammenzufassen und versicherungsmedizinisch zu würdi-
gen (vgl. SVR 2009 IV Nr. 50 [Urteil 8C_756/2008] E. 4.4 mit Hinweis; Urteil
des BGer 9C_692/2014 vom 22. Januar 2015 E. 3.3). Sie haben die vor-
handenen Befunde aus medizinischer Sicht zu würdigen, wozu namentlich
auch gehört, bei widersprüchlichen medizinischen Akten eine Wertung vor-
zunehmen und zu beurteilen, ob auf die eine oder die andere Ansicht ab-
zustellen oder aber eine zusätzliche Untersuchung vorzunehmen ist (BGE
142 V 58 E. 5.1). Enthalten die Akten für die streitigen Belange keine be-
C-4762/2019
Seite 14
weistauglichen Unterlagen, kann die Stellungnahme einer versicherungs-
internen Fachperson in der Regel keine abschliessende Beurteilungs-
grundlage bilden, sondern nur zu weitergehenden Abklärungen Anlass ge-
ben (vgl. Urteil des BGer 9C_58/2011 vom 25. März 2011 E. 3.3).
3.
Im Zusammenhang mit der vorliegend angefochtenen Verfügung vom
21. August 2019 stützte sich die Vorinstanz betreffend den Gesundheits-
zustand der Beschwerdeführerin und dessen Auswirkungen auf die Ar-
beits- und Erwerbsunfähigkeit insbesondere auf die Stellungnahme von
Dr. med. C._ vom RAD vom 13. Juni 2019 (act. 37). Diese sowie
weitere medizinischen Berichte sind nachfolgend zusammengefasst wie-
derzugeben und einer Würdigung zu unterziehen. Anhand dieser medizini-
schen Akten ist zu prüfen, ob die Beschwerdeführerin einen (befristeten
oder unbefristeten) Rentenanspruch hat resp. ob die materiellen, kumula-
tiven Anspruchsvoraussetzungen von Art. 28 Abs. 1 Bst. a bis c IVG (vgl.
zum kumulativen Charakter von Art. 28 Abs. 1 Bst. a bis c IVG bspw. Urteil
des BGer 9C_942/2015 vom 18. Februar 2016 E. 3.1) und Art. 28 Abs. 2
IVG erfüllt sind (vgl. E. 2.6 hiervor). In diesem Zusammenhang ist darauf
hinzuweisen, dass der Rentenanspruch gemäss Art. 29 IVG frühestens
nach Ablauf von sechs Monaten nach Geltendmachung des Leistungsan-
spruchs nach Art. 29 Abs. 1 ATSG entsteht, jedoch frühestens im Monat,
der auf die Vollendung des 18. Altersjahres folgt (Abs. 1). Die Beschwer-
deführerin unterzeichnete die Anmeldung für Erwachsene am 25. Januar
2019 (act. 5) und signalisierte bereits in ihrer E-Mail vom 14. Januar 2019
(act. 1 und 2) ihren Anmeldewillen. Da sowohl die E-Mail als auch die An-
meldung vom Januar 2019 datieren, ist vorliegend nicht weiter von Rele-
vanz, dass für das Vorliegen einer Anmeldung gemäss Art. 29 Abs. 3 ATSG
nicht entscheidend ist, ob der Anspruch formgerecht mit dem dafür vorge-
sehenen Formular geltend gemacht wurde, sondern vielmehr, ob sich der
fraglichen Eingabe ein Anmeldewille entnehmen lässt (UELI KIESER, ATSG-
Kommentar, 3. Aufl. 2015, Art. 29, Rz. 12 und 46; vgl. auch Urteile des
BVGer C-7250/2014 vom 13. Dezember 2016 E. 8.3.3 und C-3476/2015
vom 22. Februar 2017 E. 3.3). Nach dem oben Dargelegten könnte der
Beschwerdeführerin frühestens ab Juli 2019 unter der Bedingung, dass die
materiellen Anspruchsvoraussetzungen von Art. 28 Abs. 1 Bst. a bis c IVG
erfüllt sind (vgl. E. 2.6 hiervor), eine IV-Rente ausgerichtet werden.
C-4762/2019
Seite 15
3.1
3.1.1 In seinem Bericht vom 20. November 2018 diagnostizierte Dr. med.
F._ vom Zentrum G._ eine frozen shoulder bzw. eine adhä-
sive Capsulitis rechts (ICD-10: F75.0). Weiter schrieb er von einer Aussen-
rotation bei adduziertem Arm von 30 Grad, einer deutlichen Funktionsein-
schränkung und einer HWS mit muskulärer Verspannung und symmetri-
scher Bewegungseinschränkung im Sinne eines degenerativen Facetten-
syndroms (jedoch kein Anhalt für eine zervikal-radikuläre Ursache der be-
klagten Schulterschmerzen). Schliesslich führte er aus, er habe dazu ge-
raten, den spontanen Heilungsverlauf abzuwarten, der sich sicherlich noch
einige Monate hinziehen werde (act. 8).
3.1.2 Am 25. April 2019 wurde bei der Versicherten chirurgisch eine Sep-
toturbinoplastik durchgeführt (act. 21 S. 1, act. 26 und 28). Gemäss dem
entsprechenden Bericht des H._ Hospital in (...) vom 26. April 2019
war die Versicherte vom 25. bis 27. April 2019 hospitalisiert; die postope-
rative Periode sei ereignislos verlaufen (act. 30 und 31).
3.1.3 In seiner Stellungnahme vom 13. Juni 2019 diagnostizierte der RAD-
Arzt Dr. med. C._ gestützt auf die ihm vorliegenden medizinischen
Dokumente eine schwere thorakale Skoliose (ICD-10: M54.4), Zustände
nach Schulterschmerzen rechts bei idiopathischer frozen shoulder (ICD-
10: M75.0) und Septoturbino-Plastie im April 2019 bei rezidivierenden Si-
nusitiden und Septumdeviation sowie anhand der Berichte des Schlafla-
bors (act. 37) ein Schlaf-Apnoe-Syndrom. Er attestierte der Versicherten
weder in der bisherigen Tätigkeit noch im Haushalt noch in einer Verwei-
sungstätigkeit eine Arbeits- und Leistungsunfähigkeit und berichtete weiter,
die Aktenlage sei vollständig. Die Versicherte weise diverse, aber banale
Gesundheitsprobleme auf. Die Schultersteife (frozen shoulder) rechts sei
nicht traumatisch und in diesem Zusammenhang selbstheilend. Die Nasen-
operation kuriere die Probleme mit den Nebenhöhlen. Das Schlaf-Apnoe-
Syndrom sei korrekt mittels CPAP behandelt. Die Wirbelsäulen-Skoliose
sei wahrscheinlich seit der Jugend vorhanden und nirgends als behindernd
beschrieben. Demnach weise die Versicherte keine langdauernde und in-
validisierende Erkrankung im Sinne der Invalidenversicherung auf (act.
37).
3.2
Obwohl die Versicherte im Anmeldeformular vom 25. Januar 2019 angege-
C-4762/2019
Seite 16
ben hatte, von 2011 bis 2013 auch in der Klinik E._ behandelt wor-
den zu sein (act. 5 S. 6), verzichtete die Vorinstanz vor Erlass der vorlie-
gend angefochtenen Verfügung vom 21. August 2019 (act. 40) auf die Ein-
holung der entsprechenden Berichte. Diese erst nach Einreichung der
Replik vom 27. April 2020 (B-act. 14) aktenkundig gewordenen Dokumente
sind im vorliegenden Beschwerdeverfahren ebenfalls zu berücksichtigen.
Dasselbe gilt auch für die nach Verfügungserlass erstellte Stellungnahme
des RAD-Arztes Dr. med. C._ vom 12. Mai 2020 (B-act. 16 Beilage
2), da diese mit dem Streitgegenstand in engem Sachzusammenhang
steht und geeignet ist, die Beurteilung im Zeitpunkt des Erlasses der vor-
liegend angefochtenen Verfügung vom 21. August 2019 zu beeinflussen
(vgl. Urteil des BVGer C-1516/2013 vom 4. März 2015 E. 2.4 mit Hinweis
auf das Urteil des BGer 9C_24/2008 vom 27. Mai 2008 E. 2.3.1).
3.2.1 Im Bericht des Spitals E._ vom 29. Oktober 2013 wurde zu-
sammengefasst ausgeführt, im MRI zeige sich eine Nervenwurzelkom-
pression L4 und wahrscheinlich auch L5 links, die Versicherte schildere
jedoch keine ausstrahlende Symptomatik. Man führe die konservative The-
rapie weiter und sehe die Versicherte in zirka sechs Wochen zu einer Ver-
laufskontrolle mit Röntgenaufnahmen der ganzen Wirbelsäule in der Sko-
liosesprechstunde (B-act. 14 Beilage 2 S. 1, 2 und 4).
3.2.2 Im Bericht vom 6. November 2013 des Spitals E._ wurde aus-
geführt, die Kontrollaufnahme nach der Intervention zeige eine korrekte
Nadellage und eine korrekte Verteilung des Kontrastmittels periradikulär L3
rechts. Nach einer Viertelstunde zeige sich eine Schmerzregredienz von
8 Punkten auf 2.5 Punkte auf der visuell-analogen Skala (B-act. 14 Beilage
2 S. 5).
3.2.3 Nach Durchführung eines EOS-Röntgen am 6. Dezember 2013
wurde gleichentags in einem weiteren Bericht des Spitals E._ er-
wähnt, der Verlauf nach dem Nervenwurzelblock L3 rechts sei erfreulich.
Aktuell sei die Versicherte beschwerdearm, sodass keine weiteren Thera-
piemassnahmen notwendig seien. Die Versicherte werde sich bedarfs-
weise melden (B-act. 14 Beilage 2 S. 3 und 6).
3.2.4 In seiner Stellungnahme vom 12. Mai 2020 berichtete Dr. med.
C._ vom RAD, die Unterlagen der E._-Klinik bestätigten den
funktionellen Charakter der Rückenbeschwerden; diese seien mit konser-
vativen Massnahmen ohne weiteres behandelbar und berechtigten per se
zu keiner langandauernden Arbeitsunfähigkeit. Von der Rechtsvertreterin
C-4762/2019
Seite 17
werde auch moniert, dass es sich angeblich nicht um eine Schlafapnoe
handle, sondern um eine Einschränkung der oberen Luftwege (Upper
Airway Resistance Syndrom); leider habe sich die Anwältin "zuwenig dar-
über schlau gemacht", dass diese zwei Krankheiten Symptome seien, das-
selbe bedeuten würden und nichts mit der Skoliose zu tun habe. Dies
werde auch dadurch bestätigt, dass die Versicherte erfolgreich mittels
nächtlichem CPAP behandelt werde. Somit würden die neu eingereichten
Akten keine neuen Aspekte bringen, die die RAD-Beurteilung vom 13. Juni
2019 ändern würden. Vielmehr werde mit diesen Unterlagen diese Ein-
schätzung bestätigt, dass die Versicherte während vielen Jahren ohne
Probleme gearbeitet habe (B-act. 16 Beilage 2).
3.3 Wie bereits dargelegt wurde (vgl. E. 2.7 hiervor), kann auf Stellungnah-
men von Fachärztinnen und -ärzten des RAD nur unter der Bedingung ab-
gestellt werden, dass deren Beurteilungen den allgemeinen beweisrechtli-
chen Anforderungen an einen ärztlichen Bericht (resp. an ein Gutachten)
genügen und zudem die beigezogenen Ärztinnen und Ärzte über die im
Einzelfall gefragten persönlichen und fachlichen Qualifikationen verfügen.
Den Stellungnahmen im Sinne von Art. 59 Abs. 2bis IVG von Dr. med.
C._ vom 13. Juni 2019 und 12. Mai 2020 könnte – obwohl solche
ohne eigene Untersuchung resp. Abklärung vor Ort verfasst wurden – volle
Beweiskraft zukommen, wenn die übrigen, von der bundesgerichtlichen
Rechtsprechung herausgearbeiteten Kriterien erfüllt sind. Das ist vorlie-
gend jedoch aufgrund der nachfolgenden Erwägungen nicht der Fall.
3.3.1 Insofern sich Dr. med. C._ bei seiner Beurteilung in der Stel-
lungnahme vom 12. Mai 2020 auf die Berichte des Spitals E._ vom
29. Oktober, 6. November und 6. Dezember 2013 stützte, kann darauf mit
Blick auf das massgebliche Verfügungsdatum vom 21. August 2019 man-
gels Aktualität zum Vornherein nicht abgestellt werden.
3.3.2 Die Beschwerdeführerin wurde von Dr. med. C._ nicht selber
untersucht. Zwar steht dieser Umstand der Beweiskraft seiner Stellungnah-
men vom 13. Juni 2019 und 12. Mai 2020 grundsätzlich nicht entgegen. Da
jedoch kein lückenloser Befund vorliegt und es nicht bloss um die fachärzt-
liche Beurteilung eines – aufgrund eines beweiskräftigen medizinischen
Dokuments – an sich feststehenden medizinischen Sachverhalts geht,
kann darauf nicht abgestellt werden (vgl. E. 2.7 hiervor). Hinzu kommt,
dass Dr. med. C._ mit Blick auf die Berichte des Spitals E._
nicht über einen Facharzttitel in der medizinischen Disziplin Orthopädie
C-4762/2019
Seite 18
verfügt und seine Auffassung, wonach die Versicherte während vielen Jah-
ren ohne Probleme gearbeitet habe, insofern nicht zutrifft, als sie nach ihrer
langjährigen Landesabwesenheit vom 31. August 2005 bis 22. Oktober
2013 (act. 2, 5 und 11) nur in der Zeit vom 1. Juni bis 30. November 2015
als Fachperson Wohnen in der B._ gearbeitet hatte (act. 11).
3.3.3 Zwar kann ein Schlafapnoe-Syndrom durch eine CPAP-Therapie
grundsätzlich wirksam behandelt werden, wobei diese Behandlungsmass-
nahme der Beschwerdeführerin im Rahmen der Schadenminderungspflicht
praxisgemäss auch zumutbar ist (vgl. hierzu Urteil des BGer 8C_348/2015
vom 25. August 2015 E. 4.2 mit Hinweis auf BGE 134 V 109 E. 10.2.7 mit
Hinweisen und Urteil des BGer 8C_249/2015 vom 13. Juli 2015 E. 4.2 mit
Hinweisen; vgl. auch Urteil 8C_53/2010 vom 26. Mai 2010 E. 5.2.1 mit Hin-
weis). Jedoch ist keine fachärztliche Beurteilung aktenkundig, welche
rechtsgenüglich beschreibt, inwiefern sich die DPAP-Behandlung auf die
Arbeits- und Erwerbsfähigkeit der Beschwerdeführerin auswirkt. Immerhin
macht diese explizit geltend, dass die Atemprobleme bzw. die daraus re-
sultierende Kurzatmigkeit nicht bloss Störung des Nachtschlafs mit konse-
kutiver Tagesmüdigkeit und Konzentrationsschwierigkeiten bedeuteten,
sondern auch erhebliche Einschränkungen am Tag bewirkten. Unter die-
sen Aspekten vermag die reine Aktenbeurteilung von Dr. med. C._
im massgebenden Zeitpunkt des Verfügungserlasses (21. August 2019;
vgl. BGE 131 V 9 E. 1 und 121 V 362 E. 1b je mit Hinweisen) nicht vollends
zu überzeugen.
3.3.4 Ebenfalls fehlen fachärztliche Angaben hinsichtlich des Leistungsver-
mögens der Versicherten in der angestammten resp. der zuletzt befristet
ausgeübten ausserhäuslichen Erwerbstätigkeit. In diesem Zusammenhang
ist darauf hinzuweisen, dass die Beschwerdeführerin anlässlich ihrer letz-
ten, vom 1. Juni bis 30. November 2015 befristet gewesenen Erwerbstätig-
keit in der Funktion als Fachperson Wohnen (vgl. Bst. A. hiervor) aufgrund
ihrer gesundheitlichen Probleme von diversen Arbeiten (Transfers von Be-
wohnern und Bewohnerinnen in Rollstühle oder Badewannen, Stossen von
Rollstühlen, Geh- und Stehübungen mit schlecht stehenden Bewohnerin-
nen und Bewohnern, Heben und Transferieren von schweren Gegenstän-
den) entbunden worden war (B-act. 14 Beilage 3). Unter diesen Aspekten
ist es fraglich, ob der Beschwerdeführerin diese zuletzt ausgeübte Er-
werbstätigkeit – ohne entsprechendes Entgegenkommen seitens der Ar-
beitgeberin – überhaupt noch vollzeitlich zumutbar gewesen war resp. mit
Blick auf eine neue potentielle Arbeitgeberin zumutbar ist. Zufolge der oben
erwähnten, körperlich schweren Tätigkeiten sind die Ausführungen von Dr.
https://www.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&type=show_document&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=all&query_words=&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F134-V-109%3Ade&number_of_ranks=0#page109
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Seite 19
med. C._ in dessen Stellungnahme vom 13. Juni 2019, wonach die
Beschwerdeführerin trotz der von Dr. med. C._ aus den medizini-
schen Akten übernommenen Diagnose einer schweren thorakalen Skoli-
ose (ICD-10: M54.4) "banale Gesundheitsprobleme" aufweise, wenig über-
zeugend.
3.3.5 Darüber hinaus findet sich in den Akten auch keine schlüssige und
überzeugende fachärztliche Beurteilung in Bezug auf leidensadaptierte
Verweisungstätigkeiten. Hingegen ist der Umstand, dass sich in den Akten
keine Beurteilung betreffend die Arbeits- resp. Leistungsfähigkeit im Aufga-
benbereich (Haushalt) findet, vorliegend nicht weiter von Relevanz (vgl.
E. 5 hiernach).
3.4 Aufgrund der vorstehenden Erwägungen ergibt sich zusammenfas-
send, dass sich der gesundheitliche Zustand der Beschwerdeführerin und
dessen Auswirkungen auf die Arbeits- und Leistungsfähigkeit aufgrund der
Stellungnahmen von Dr. med. C._ vom 13. Juni 2019 und 12. Mai
2000 sowie der weiteren aktenkundigen medizinischen Berichte nicht
schlüssig und zuverlässig beurteilen lassen (vgl. BGE 125 V 353 E. 3b/bb;
vgl. zum Ganzen auch E. 2.7 hiervor). Es kann deshalb nicht – im Sinne
einer antizipierten Beweiswürdigung (vgl. hierzu BGE 136 I 229 E. 5 und
131 I 153 E. 3; SVR 2007 IV Nr. 45 S. 149 E. 4; Urteil des BGer I 9/07 vom
9. Februar 2007 E. 4) – davon ausgegangen werden, dass von einer me-
dizinisch nachvollziehbar und schlüssig begründeten Expertise keine ver-
wertbaren entscheidrelevanten Erkenntnisse zu den Diagnosen und zum
Grad der Arbeits- und Leistungsunfähigkeit zu erwarten sind (vgl. zum Gan-
zen Urteil des BGer 8C_189/2008 vom 4. Juli 2008 E. 5 mit Hinweisen).
Das gilt selbst unter dem Aspekt, dass retrospektive Beurteilungen der Ar-
beitsunfähigkeit schwierig sind und entsprechende Begutachtungen des-
halb erhöhten Ansprüchen genügen müssen (vgl. hierzu Urteil des BVGer
C-1421/2013 vom 29. September 2014 E. 3.4.2 mit Hinweis).
4.
Die Vorinstanz ist demnach in Anwendung von Art. 61 Abs. 1 VwVG anzu-
weisen, eine umfassende medizinische Begutachtung zu veranlassen. Da
die Möglichkeit besteht, dass bei der Beschwerdeführerin möglicherweise
somatische Erkrankungen in Form der schweren thorakalen Skoliose (ICD-
10: M54.4) und des Schlafapnoe-Syndroms untereinander bzw. allenfalls
zusätzlich auch mit den von der Beschwerdeführerin geltend gemachten
psychischen Beeinträchtigungen (B-act. 14; act. 23 S. 11) zusammenwir-
ken könnten, ist diese Begutachtung interdisziplinär in den medizinischen
C-4762/2019
Seite 20
Disziplinen Pneumologie, Orthopädie und Psychiatrie in der Schweiz
durchzuführen, da ausländische Expertinnen und Experten mit der schwei-
zerischen Versicherungsmedizin weniger vertraut sind als in der Schweiz
praktizierende Expertinnen und Experten, und weil keine Gründe ersicht-
lich sind, die eine Begutachtung in der Schweiz als unverhältnismässig er-
scheinen liessen (vgl. Urteile des BGer 9C_235/2013 vom 10. September
2013 E. 3.2 mit weiteren Hinweisen und 8C_189/2008 vom 4. Juli 2008
E. 5 mit Hinweis auf 8C_321/2007 vom 6. Mai 2008 E. 6.3). Zweck dieses
interdisziplinären Gutachtens ist es, alle relevanten gesundheitlichen Be-
einträchtigungen zu erfassen und die sich daraus je einzeln ergebenden
Einschränkungen der Arbeitsfähigkeit in ein Gesamtergebnis zu bringen
(BGE 137 V 210 E. 1.2.4 S. 224; SVR 2008 IV Nr. 15 S. 43, I 514/06 E. 2.1).
Ob allenfalls weitere Spezialisten – bspw. auf den Fachbereichen Wirbel-
säulenchirurgie und/oder Neurochirurgie – beizuziehen sind, ist dem
pflichtgemässen Ermessen der Gutachterinnen oder Gutachter zu überlas-
sen, zumal es primär ihre Aufgabe ist, aufgrund der konkreten Fragestel-
lung über die erforderlichen Untersuchungen zu befinden (vgl. dazu BGE
139 V 349 E. 3.3; Urteil des BGer 8C_124/2008 vom 17. Oktober 2008
E.6.3.1), und sie einerseits für die fachliche Güte und die Vollständigkeit
der interdisziplinär erstellten Entscheidungsgrundlage und anderseits für
eine wirtschaftliche Abklärung letztverantwortlich sind (BGE 139 V 349
E. 3.3). Im Rahmen dieser notwendigen medizinischen Begutachtung –
welche bei einer Gutachterstelle, mit welcher das Bundesamt für Sozial-
versicherungen eine Vereinbarung getroffen hat, nach dem Zufallsprinzip
gemäss dem Zuweisungssystem "SuisseMED@P" zu erfolgen hat (vgl.
hierzu Art. 59 Abs. 3 IVG i.V.m. Art. 72bis Abs. 1 und 2 IVV; BGE 140 V 507
E. 3.1 und E. 3.2.1 sowie BGE 139 V 349 E. 2.2) – sind sämtliche bisher
verfassten ärztlichen Berichte und Gutachten – auch die gegebenenfalls
nach Verfügungserlass vom 21. August 2019 erstellten – von den Exper-
tinnen und/oder Experten zu berücksichtigen und zu würdigen. Da Diagno-
sen unerlässliche Voraussetzung für eine abschliessende Beurteilung bil-
den, haben sich die Gutachterinnen und/oder die Gutachter zudem auch
mit den Diagnosestellungen auseinanderzusetzen und sich – nach festste-
henden Diagnosen – zur funktionellen Arbeits- resp. Leistungsfähigkeit der
Beschwerdeführerin (allenfalls mit Hilfe der heranzuziehenden Standardin-
dikatoren gemäss BGE 141 V 281 bzw. 143 V 409 und 143 V 418) sowohl
in der bisherigen Tätigkeit als auch in einer angepassten ausserhäuslichen
Erwerbstätigkeit zu äussern.
5.
Aufgrund des vorstehend Dargelegten ist zusammenfassend festzuhalten,
C-4762/2019
Seite 21
dass die Vorinstanz ihrer Abklärungspflicht nicht rechtsgenüglich nachge-
kommen ist resp. infolge unvollständiger Feststellung des rechtserhebli-
chen medizinischen Sachverhalts entscheidwesentliche Aspekte vollstän-
dig ungeklärt geblieben sind (Art. 43 ff. ATSG und Art. 12 VwVG). Mangels
eines lückenlos feststehenden medizinischen Sachverhalts sind die Vo-
raussetzungen für eine reine Aktenbeurteilung durch den RAD-Arzt
Dr. med. C._ nicht erfüllt, denn die Würdigung der verschiedenen
somatischen Leiden bzw. der allenfalls darauf zurückzuführenden Ein-
schränkung der Arbeits- und Leistungsfähigkeit hätte gestützt auf eine um-
fassende fachübergreifende, polydisziplinäre Gesamtschau erfolgen müs-
sen (vgl. BGE 137 V 210 E. 1.2.4), zumal auch Hinweise auf eine mögliche
psychische gesundheitliche Beeinträchtigung vorliegen. Eine rechtskon-
forme Beurteilung des Rentenanspruchs ist demzufolge aufgrund der Ak-
ten nicht möglich. Da es insbesondere an einer interdisziplinären Gesamt-
beurteilung fehlt und die Vorinstanz im vorliegenden Verfahren noch kein
Gutachten eingeholt, sondern sich lediglich auf die ungenügenden Akten-
beurteilungen ihres RAD-Arztes gestützt hatte, steht einer Rückweisung
der Sache an die Vorinstanz zu weiteren Abklärungen nichts entgegen
(vgl. BGE 137 V 210 E. 4.4.1.4).
6.
Betreffend die Frage nach der anwendbaren Invaliditätsbemessungsme-
thode (Art. 8 ATSG in Verbindung mit Art. 16 ATSG sowie Art. 28a Abs. 2
und 3 IVG) im vorliegenden Beschwerdeverfahren ergibt sich weiter Fol-
gendes.
6.1 Ob eine versicherte Person als ganztägig oder zeitweilig Erwerbstätige
oder als Nichterwerbstätige einzustufen ist – was je zur Anwendung einer
anderen Methode der Invaliditätsbemessung (Einkommensvergleich, Be-
tätigungsvergleich, gemischte Methode) führt –, ergibt sich aus der Prü-
fung, was sie bei im Übrigen unveränderten Umständen täte, wenn keine
gesundheitliche Beeinträchtigung bestünde (BGE 141 V 15 E. 3.1). Ent-
scheidend ist nicht, welches Ausmass der Erwerbstätigkeit der versicher-
ten Person im Gesundheitsfall zugemutet werden könnte, sondern in wel-
chem Pensum sie hypothetisch erwerbstätig wäre (BGE 144 I 28 E. 2.3).
Bei einer im Haushalt tätigen versicherten Person sind im Besonderen un-
ter anderem die persönlichen, familiären, sozialen und erwerblichen Ver-
hältnisse, das Alter, die beruflichen Fähigkeiten und die Ausbildung sowie
die persönlichen Neigungen und Begabungen zu berücksichtigen. Dabei
sind die konkrete Situation und die Vorbringen der versicherten Person
nach Massgabe der allgemeinen Lebenserfahrung zu würdigen (BGE 144
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Seite 22
I 28 E. 2.3 und BGE 117 V 194 E. 3b). Die Frage nach der anwendbaren
Methode beurteilt sich praxisgemäss nach den Verhältnissen, wie sie sich
bis zum Erlass der Verwaltungsverfügung entwickelt haben, wobei für die
hypothetische Annahme einer im Gesundheitsfall ausgeübten (Teil-)Er-
werbstätigkeit der im Sozialversicherungsrecht übliche Beweisgrad der
überwiegenden Wahrscheinlichkeit erforderlich ist (BGE 144 I 28 E. 2.3).
6.2 Die Beschwerdeführerin gab in ihrer Anmeldung vom 25. Januar 2019
zwar an, seit dem 1. Dezember 2015 als Hausfrau tätig zu sein (act. 8 S. 6
und 8). Im Fragebogen für die Versicherte erwähnte sie jedoch, ihre Er-
werbstätigkeit zufolge stark eingeschränkter Mobilität, Schlafstörungen,
Atemproblemen und mangels Belastbarkeit unterbrochen resp. nicht wie-
deraufgenommen zu haben (act. 23 S. 4 und 6). Diese Ausführungen legen
den Schluss nahe, dass sie die ausserhäusliche Erwerbstätigkeit nicht aus
freien Stücken, sondern aufgrund ihres Gesundheitszustandes aufgege-
ben hatte und aktuell nicht freiwillig im Aufgabenbereich Haushalt tätig ist.
Dafür sprechen auch ihre weiteren Angaben, wonach sie seit Dezember
2015 zufolge der stark eingeschränkten Mobilität, von Schlafstörungen und
Kurzatmigkeit dauerhaft in Thailand lebe. Zwar würde sie lieber in der
Schweiz leben, aber das Klima bereite ihr deutlich grössere Atemprobleme
und Rückenschmerzen, und ausserdem könne sie sich in der Schweiz
nicht selber finanzieren, während sie in Thailand von Ersparnissen be-
scheiden leben könne (act. 23 S. 11).
6.3 Vor diesem Hintergrund ist nicht zu beanstanden, dass die Vorinstanz
im Rahmen der Invaliditätsbemessung die allgemeine Methode des Ein-
kommensvergleichs (vgl. hierzu BGE 128 V 29 E. 1, 104 V 135 E. 2b; SVR
2017 IV Nr. 70 S. 217 E. 2.2) für massgeblich und vorliegend anwendbar
erachtet hatte (act. 35 S. 1). Sie hat deshalb nach Vorliegen der vollständi-
gen medizinischen fachärztlichen Abklärungsergebnisse die Invalidität an-
hand eines Einkommensvergleichs zu bestimmen und abzuklären, in wel-
chem Ausmass die Beschwerdeführerin im ausserhäuslichen Bereich zu-
folge ihres Gesundheitszustandes auf dem ihr nach ihren Fähigkeiten noch
offenstehenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt zumutbarerweise noch er-
werbstätig sein könnte (vgl. hierzu etwa Urteil des BGer 9C_921/2009 vom
22. Juni 2010, E. 5.3). Dabei ist einerseits zu berücksichtigen, dass an die
Konkretisierung von Arbeitsgelegenheiten (und Verdienstaussichten) pra-
xisgemäss nicht übermässige Anforderungen zu stellen sind. Die bundes-
gerichtliche Rechtsprechung hat wiederholt darauf hingewiesen, dass kör-
perlich leichte und wechselbelastende Tätigkeiten auf dem allein massge-
benden ausgeglichenen Arbeitsmarkt durchaus vorhanden sind (vgl. Urteil
C-4762/2019
Seite 23
des BGer 8C_391/2014 vom 9. Juli 2014 E. 4 mit Hinweisen). Andererseits
hat auch der Umstand, dass die Arbeitsfähigkeit einer versicherten Person
nach der Tätigkeit zu beurteilen ist, die sie – im Rahmen der Schadenmin-
derungspflicht (vgl. Art. 21 Abs. 4 ATSG) – nach ihren persönlichen Ver-
hältnissen und gegebenenfalls nach einer gewissen Anpassungszeit bei
gutem Willen ausüben könnte (vgl. Urteil des BVGer 5644/2018 vom
27. Mai 2019 E. 6 mit Hinweis), Berücksichtigung zu finden.
7.
Aufgrund der vorstehenden Erwägungen ist zusammenfassend festzuhal-
ten, dass die Beschwerde insoweit gutzuheissen ist, als die angefochtene
Verfügung vom 21. August 2019 aufzuheben ist und die Akten im Sinne der
Erwägungen an die Vorinstanz zur Durchführung von weiteren umfassen-
den medizinischen Abklärungen und anschliessendem Erlass einer neuen
Verfügung zurückzuweisen sind.
8.
Zu befinden bleibt über die Verfahrenskosten und eine allfällige Parteient-
schädigung.
8.1 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig (Art. 69 Abs. 1bis und 2
IVG), wobei die Verfahrenskosten gemäss Art. 63 Abs. 1 VwVG in der Re-
gel der unterliegenden Partei auferlegt werden. Da eine Rückweisung pra-
xisgemäss als Obsiegen der Beschwerde führenden Partei gilt (BGE 132
V 215 E. 6), sind im vorliegenden Fall der Beschwerdeführerin keine Kos-
ten aufzuerlegen. Dieser ist der geleistete Verfahrenskostenvorschuss in
der Höhe von Fr. 800.- nach Eintritt der Rechtskraft des vorliegenden Ur-
teils zurückzuerstatten. Der Vorinstanz werden ebenfalls keine Verfahrens-
kosten auferlegt (Art. 63 Abs. 2 VwVG).
8.2 Die obsiegende, anwaltlich vertretene Beschwerdeführerin hat gemäss
Art. 64 Abs. 1 VwVG in Verbindung mit Art. 7 des Reglements vom 21. Feb-
ruar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwal-
tungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) Anspruch auf eine Parteientschädi-
gung zu Lasten der Vorinstanz. Da keine Kostennote eingereicht wurde, ist
die Entschädigung aufgrund der Akten festzusetzen (Art. 14 Abs. 2 Satz 2
VGKE). Unter Berücksichtigung des Verfahrensausgangs, des gebotenen
und aktenkundigen Aufwands, der Bedeutung der Streitsache und der
Schwierigkeit des vorliegend zu beurteilenden Verfahrens ist eine Partei-
entschädigung von Fr. 2‘800.- angemessen (inklusive Auslagen und
C-4762/2019
Seite 24
7.7%iger Mehrwertsteuer [seit 1. Januar 2018; vgl. Art. 9 Abs. 1 in Verbin-
dung mit Art. 10 Abs. 2 VGKE; Art. 25 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die
Mehrwertsteuer vom 12. Juni 2009 {MWSTG; SR 641.20}]).