Decision ID: 681fd85f-5b4d-567a-bd3f-d2cf9af70390
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin ersuchte mit ihrem Ehemann am 10. April 2017 in
der Schweiz um Asyl. Anlässlich der Befragung zur Person vom 28. April
2017 und der Anhörung vom 5. Februar 2020 führte sie im Wesentlichen
aus, sie sei Tamilin und stamme aus C._, D._, Ostprovinz.
Sie habe die Schule mit dem A-Level abgeschlossen und eine Ausbildung
zur Krankenschwester gemacht. Am 8. August 2014 habe sie geheiratet.
Ihr Ehemann habe einen Schulkollegen gehabt, der sich den Liberation Ti-
gers of Tamil Eelam (LTTE) angeschlossen habe. Dieser sei im Jahr 2009
nach Indien ausgereist. Im Jahr 2016 sei er wegen seiner kranken Mutter
nach Sri Lanka zurückgekehrt. In dieser Zeit habe er geheiratet und seine
Ehefrau sei schwanger geworden. Die sri-lankischen Behörden hätten von
dessen Rückkehr erfahren, weshalb der Schulkollege mit seiner Ehefrau
geflüchtet und schliesslich nach D._ gekommen sei. Die Ehefrau
habe hochschwanger medizinische Hilfe benötigt. Da sie kein Kranken-
haus hätten aufsuchen können, hätten sie nach einer Krankenschwester
gesucht. Auf diese Weise sei das Ehepaar auf sie aufmerksam geworden,
da sie als Hebamme für diese Gegend zuständig gewesen sei. Das Ehe-
paar sei Ende Februar 2016 bei ihnen zu Hause vorbeigekommen und erst
in diesem Moment habe ihr Ehemann erfahren, dass dies sein ehemaliger
Schulkollege sei. Das Ehepaar habe ein paar Mal bei ihnen übernachtet
und sie habe die Schwangere behandelt. Ende Juni 2016 hätten Personen
des Criminal Investigation Department (CID) sie am Arbeitsplatz aufge-
sucht und gefragt, ob sie das Ehepaar unterstütze und deren Aufenthaltsort
kenne. Sie habe dies verneint. Sie hätten ihr zudem mitgeteilt, der Mann
sei ein Schulkollege ihres Ehemanns und bei den LTTE gewesen, weshalb
er gesucht werde. Die Personen hätten sie aufgefordert, in zwei Tagen zu
einer Befragung nach Colombo zu kommen. Sie sei danach bei der Woh-
nung des Ehepaars vorbeigegangen, dieses sei indes nicht mehr dort ge-
wesen. Aus Angst seien sie am nächsten Tag nach E._ gegangen.
Zwei Tage später seien sie vom CID in D._ gesucht worden. Wie-
derum zwei Tage später sei das CID in E._ aufgetaucht. Glückli-
cherweise seien sie nicht zu Hause gewesen. Am nächsten Abend seien
sie nach Colombo weitergereist und am 29. August 2016 aus Sri Lanka
ausgereist. Das CID habe sie nach der Ausreise drei bis vier Mal gesucht,
letztmals im Oktober 2019. Sie seien nie politisch aktiv gewesen und hätten
keine Verbindung zu den LTTE.
E-2008/2020
Seite 3
Die Beschwerdeführerin reichte die Geburtsurkunden von ihr und ihrem
Ehemann, den Eheschein, eine Heiratsbestätigung der Kirche, verschie-
dene Bestätigungen ihrer Ausbildung und Arbeitstätigkeit als Kranken-
schwester und Hebamme sowie zwei Schreiben betreffend zwei in den
Jahren 1994 und 2008 verschwundene Verwandte ein.
B.
Am (...) wurde das Kind der Beschwerdeführerin und ihres Ehemannes
geboren.
C.
Mit Verfügung vom 17. März 2020 (eröffnet am 18. März 2020) stellte die
Vorinstanz fest, die Beschwerdeführerin und ihr Ehemann erfüllten die
Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte die Asylgesuche ab, verfügte die Weg-
weisung aus der Schweiz und ordnete deren Vollzug an.
D.
Mit Eingabe vom 14. April 2020 erhob die Beschwerdeführerin beim Bun-
desverwaltungsgericht Beschwerde. Sie beantragt, das Verfahren der Be-
schwerdeführerin A._ und das Verfahren ihres Ehemannes
F._ seien getrennt zu führen. Die angefochtene Verfügung der Vo-
rinstanz vom 17. März 2020 sei aufzuheben. Der Entscheid sei zu kassie-
ren und zur erneuten Klärung des Sachverhalts und zur erneuten Beurtei-
lung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Eventualiter sei die Beschwerde-
führerin als Flüchtling anzuerkennen und es sei ihr Asyl zu gewähren. Sub-
eventualiter sei die Beschwerdeführerin als Flüchtling anzuerkennen und
als solche vorläufig aufzunehmen. Subsubeventualiter sei die Unzulässig-
keit beziehungsweise Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs festzu-
stellen und die Beschwerdeführerin sei vorläufig aufzunehmen. Es sei auf
die Erhebung eines Kostenvorschusses zu verzichten und die unentgeltli-
che Prozessführung zu gewähren. Es sei der Beschwerdeführerin eine un-
entgeltliche Rechtsbeiständin in der Person der unterzeichnenden Rechts-
vertreterin zu bestellen.
Die Beschwerdeführerin reichte zwei Arztberichte des Universitätsspitals
Zürich vom 23. März 2020 respektive 2. April 2020 ein.
E-2008/2020
Seite 4

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Am 1. März 2019 ist die Teilrevision (AS 2016 3101) des Asylgesetzes
vom 26. Juni 1998 (AsylG; SR 142.31) in Kraft getreten. Für das vorlie-
gende Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbe-
stimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015).
1.2 Am 1. Januar 2019 wurde das Ausländergesetz vom 16. Dezember
2005 (AuG, SR 142.20) teilrevidiert (AS 2018 3171) und in Ausländer- und
Integrationsgesetz (AIG) umbenannt. Die vorliegend anzuwendenden Ge-
setzesartikel (Art. 83 Abs. 1–7 und Art. 84) sind unverändert vom AuG ins
AIG übernommen worden, weshalb das Gericht nachfolgend die neue Ge-
setzesbezeichnung verwendet.
2.
Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwer-
den gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG und entscheidet auf dem Gebiet
des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig (Art. 105 AsylG
[SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Die Beschwerdeführerin ist als
Verfügungsadressatin zur Beschwerdeführung legitimiert (Art. 48 Abs. 1
VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist einzu-
treten (aArt. 108 Abs. 1 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
3.
3.1 Mit Beschwerde in Asylsachen kann die Verletzung von Bundesrecht
(einschliesslich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die
unrichtige und unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachver-
halts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Kognition im Bereich des
Ausländerrechts richtet sich nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.2 Das Bundesverwaltungsgericht verzichtet vorliegend auf die Durchfüh-
rung eines Schriftenwechsels (Art. 111a Abs. 1 AslyG).
4.
Für die Beschwerdeführerin und ihr Kind wurde das vorliegende Beschwer-
deverfahren eröffnet. Die Beschwerde des Ehemannes wurde im Verfah-
ren E-2010/2020 behandelt. Dem Antrag der Beschwerdeführerin, ihr Ver-
fahren und das ihres Ehemannes seien zu trennen, wurde demnach ent-
sprochen. Die Verfahren wurden koordiniert behandelt und entschieden.
E-2008/2020
Seite 5
5.
5.1 Die Beschwerdeführerin rügt eine Verletzung der Begründungspflicht
und des Untersuchungsgrundsatzes. Dabei handelt es sich um formelle
Rügen, welche vorab zu beurteilen sind, da sie allenfalls geeignet wären,
eine Kassation der vorinstanzlichen Verfügung zu bewirken.
5.2 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches
Gehör, welcher als Mitwirkungsrecht alle Befugnisse umfasst, die einer
Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt
wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 144 I 11 E. 5.3; BVGE
2009/35 E. 6.4.1). Mit dem Gehörsanspruch korreliert die Pflicht der Be-
hörden, die Vorbringen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und in ihrer
Entscheidfindung angemessen zu berücksichtigen. Nicht erforderlich ist,
dass sich die Begründung mit allen Parteistandpunkten einlässlich ausei-
nandersetzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich widerlegt (vgl.
BGE 143 III 65 E. 5.2).
Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen
Sachverhalts in Verletzung der behördlichen Untersuchungspflicht bildet
einen Beschwerdegrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Unrichtig ist die
Sachverhaltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidri-
ger Sachverhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch gewürdigt wor-
den sind; unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Entscheid rechtswe-
sentlichen Sachumstände berücksichtigt werden (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERT-
SCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes,
3. Aufl. 2013, Rz. 1043).
5.3 Die Beschwerdeführerin bringt vor, die Vorinstanz habe die Begrün-
dungspflicht verletzt, indem sie nur festgehalten habe, sie habe ausser
rechtsstaatlich legitimer Sanktionen keine asylrelevante Verfolgung zu be-
fürchten, ohne weiter auszuführen, was mit rechtsstaatlich legitimen Sank-
tionen gemeint sei und warum sie nur legitime Sanktionen zu befürchten
habe, wo doch bekannt sei, dass Personen, die in Sri Lanka verdächtigt
würden, die LTTE zu unterstützen, in hohem Masse von Folter und anderen
nicht-legitimen Verfolgungshandlungen bedroht seien. Zudem habe sie es
unterlassen, sich zu ihrem Risikoprofil zu äussern.
Die Vorinstanz hat sich in der Begründung mit sämtlichen wesentlichen
Vorbringen der Beschwerdeführerin auseinandergesetzt. Der blosse Um-
stand, dass sie in ihrer Würdigung zu einer anderen Auffassung als die
Beschwerdeführerin kommt, ist keine Verletzung der Begründungspflicht,
E-2008/2020
Seite 6
sondern eine Frage der materiellen Beurteilung. Die Vorinstanz handelte
die Unterstützung des Ehepaars unter dem Asylpunkt ab. Weitere Verbin-
dungen zu den LTTE oder politische Aktivitäten machte die Beschwerde-
führerin nicht geltend. Angesichts dessen waren die Ausführungen der Vor-
instanz zu den Risikofaktoren zwar knapp, aber ausreichend. Zudem ver-
setzte die Begründung der Vorinstanz die Beschwerdeführerin in die Lage,
die Verfügung sachgerecht anzufechten. Es liegt demnach keine Verlet-
zung der Begründungspflicht vor.
5.4 Die Beschwerdeführerin rügt eine Verletzung des Untersuchungs-
grundsatzes, da die Vorinstanz die aktuelle Lage in Sri Lanka nur ungenü-
gend berücksichtigt habe.
Die Vorinstanz äusserte sich ausführlich zur aktuellen Lage in Sri Lanka;
insbesondere ging sie auf die Präsidentschaftswahl vom 16. November
2019 mit der Wahl von Gotabaya Rajapaksa zum Präsidenten ein. Alleine
der Umstand, dass die Vorinstanz in ihrer Länderpraxis zu Sri Lanka einer
anderen Linie folgt als von der Beschwerdeführerin vertreten, und sie aus
sachlichen Gründen auch zu einer anderen Würdigung der Gesuchsvor-
bringen gelangt als von der Beschwerdeführerin verlangt, spricht nicht für
eine ungenügende Sachverhaltsfeststellung. Der rechtserhebliche Sach-
verhalt wurde von der Vorinstanz richtig und vollständig festgestellt.
5.5 Die formellen Rügen erweisen sich angesichts dieser Sachlage als un-
begründet, weshalb keine Veranlassung besteht, die Sache aus formellen
Gründen aufzuheben und an die Vorinstanz zurückzuweisen. Das diesbe-
zügliche Rechtsbegehren ist abzuweisen.
6.
6.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken. Den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
E-2008/2020
Seite 7
6.2 Befürchtungen, künftig staatlichen Verfolgungsmassnahmen ausge-
setzt zu werden, sind nur dann asylrelevant, wenn begründeter Anlass zur
Annahme besteht, eine Verfolgung werde sich mit beachtlicher Wahr-
scheinlichkeit und in absehbarer Zukunft verwirklichen. Eine bloss ent-
fernte Möglichkeit künftiger Verfolgung genügt nicht; es müssen konkrete
Indizien vorliegen, welche den Eintritt der erwarteten – und aus einem der
vom Gesetz aufgezählten Motive erfolgenden – Benachteiligung als wahr-
scheinlich und dementsprechend die Furcht davor als realistisch und nach-
vollziehbar erscheinen lassen. Ob eine begründete Furcht vor künftiger
Verfolgung vorliegt, ist aufgrund einer objektivierten Betrachtungsweise zu
beurteilen. Es müssen hinreichende Anhaltspunkte für eine konkrete Be-
drohung vorhanden sein, die bei jedem Menschen in der gleichen Lage
Furcht vor Verfolgung und damit den Entschluss zur Flucht hervorrufen
würden. Die objektive Betrachtungsweise ist durch das vom Betroffenen
bereits Erlebte und das Wissen um Konsequenzen in vergleichbaren Fäl-
len zu ergänzen. Wer bereits staatlichen Verfolgungsmassnahmen ausge-
setzt war, hat objektive Gründe für eine ausgeprägtere (subjektive) Furcht
(vgl. die vom Bundesverwaltungsgericht fortgeführte Rechtsprechung der
[damaligen] Schweizerischen Asylrekurskommission [ARK] in EMARK
2004/1 E. 6a; BVGE 2011/50 E. 3.1.1; BVGE 2011/51 E. 6; BVGE 2008/4
E. 5.2).
6.3 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
7.
7.1 Die Vorinstanz begründet ihren Entscheid damit, die Beschwerdefüh-
rerin und ihr Ehemann würden keinerlei Verbindungen zu den LTTE auf-
weisen. Die sri-lankischen Behörden hätten ihr auch nie entsprechende
Vorwürfe gemacht. Beim Besuch ihres Arbeitsortes hätten die Beamten
des CID ihr lediglich vorgeworfen, einer gesuchten Person und deren
schwangeren Ehefrau medizinisch geholfen zu haben. Es gebe somit kei-
nen Grund zur Annahme, dass die Behörden ihr weitere Vorwürfe machen
würden, eine allfällige Ahndung der Verstösse über rechtsstaatlich legiti-
mierte Sanktionen hinausgehen und eine Verfolgung ein asylrelevantes
Ausmass annehmen würde. Daran würden die Beweismittel nichts ändern;
E-2008/2020
Seite 8
die in den Schreiben erwähnten Vorfälle betreffend den verschwundenen
Verwandten hätten sich in den Jahren 1990 und 2008 zugetragen und stün-
den nicht im Zusammenhang mit den Ereignissen im Jahr 2016. Da die
Vorbringen nicht asylrelevant seien, erübrige es sich auf deren Glaubhaf-
tigkeit einzugehen. Dennoch sei zu erwähnen, dass es nicht nachvollzieh-
bar sei, weshalb sie nach dem Besuch des CID das Ehepaar noch aufge-
sucht habe. Ebenso unklar sei, weshalb das CID sie zur Befragung nach
Colombo und nicht nach D._ aufgeboten und bereits am Tag der
Befragung nach ihnen gesucht haben soll. Die Beschwerdeführerin erfülle
die Risikofaktoren nicht.
7.2 Die Beschwerdeführerin macht geltend, die Vorinstanz habe den Asyl-
vorbringen zu Unrecht die Asylrelevanz abgesprochen. Überdies bringt sie
vor, sie habe am 30. Dezember 2019 die erste Konsultation in der Psychi-
atrie des Universitätsspitals Zürich gehabt. Anfang April 2020 habe sie sich
erstmals getraut, der Psychiaterin ihre wahre Fluchtgeschichte zu erzäh-
len. Einen Tag nach dem Besuch des CID am Arbeitsort sei sie von einem
Polizisten auf dem Nachhauseweg angesprochen worden. Er habe von der
Vorladung gewusst und gesagt, alles sei ihre Schuld; ihr Ehemann habe
damit nichts zu tun. Er habe ihr vorgeschlagen, mit zum Militärstützpunkt
zu kommen, um die Sache zu regeln. Nach Ankunft auf dem Militärstütz-
punkt sei sie zuerst von einer Frau verhört und geschlagen worden. Nach-
her hätten zwei Männer sie verhört sowie verbal und sexuell belästigt. Der
Arztbericht würde das Vorliegen von Anzeichen einer Traumafolgestörung
belegen. Sie habe diesen Vorfall aus Scham und Angst vor Stigmatisierung
erst jetzt erwähnt. Vergewaltigung und sexueller Missbrauch seien in Sri
Lanka gängige Foltermethoden. Der Vorfall zeige, dass sie in Sri Lanka
bereits Opfer einer asylrelevanten Verfolgung geworden sei. Es sei daher
nicht anzunehmen, dass ihr in Sri Lanka nur rechtsstaatlich legitime Sank-
tionen drohten. Ebenfalls verfüge sie dadurch über ein Risikoprofil. Die
Machtübernahme durch den Rajapaksa-Clan und der Vorfall vom 25. No-
vember 2019, bei dem eine Mitarbeiterin der Schweizerischen Botschaft
entführt worden sein soll, liessen vermuten, dass die sri-lankischen Behör-
den vermehrt gegen zurückgeschaffte, abgewiesene Asylsuchende aus
der Schweiz vorgehen würden.
8.
8.1 Die Beschwerdeführerin bringt auf Beschwerdeebene erstmals vor, sie
sei am Tag nach dem Besuch des CID an ihrem Arbeitsort auf dem Nach-
hauseweg auf den Militärstützpunkt mitgenommen worden. Dort sei sie be-
E-2008/2020
Seite 9
fragt, geschlagen sowie verbal und sexuell belästigt worden. Dieser angeb-
liche Vorfall lässt sich zeitlich nicht in ihre Angaben und jene ihres Eheman-
nes an der Befragung und der Anhörung einordnen. Beide gaben überein-
stimmend an, sie seien am Tag nach dem Besuch des CID nach E._
gegangen (SEM-Akten act. 8 F. 7.02; act. 9 f. F 7.02; act. 22 F 43; act. 23
F. 42). Der Ehemann präzisierte in der Anhörung, nach dem Besuch des
CID seien sie am nächsten Tag frühmorgens nach E._ aufgebro-
chen (act. 22 F. 43). Es ist daher zeitlich gar nicht möglich, dass die Be-
schwerdeführerin an jenem Tag auf dem Nachhauseweg, was auf einen
späteren Tageszeitpunkt hindeutet, zum Militärstützpunkt mitgenommen
worden ist. Des Weiteren erscheint der Zeitpunkt fragwürdig, in welchem
sie diesen Vorfall erstmals erzählt. Auch wenn sie aus Scham anfangs nicht
darüber hätte sprechen können, so ist es doch auffällig, dass sie diesen
Vorfall während des dreijährigen Asylverfahrens nie erwähnte, aber just
nach Erhalt des negativen Asylentscheides erstmals darüber sprechen
konnte. Zudem gibt es keinen Grund, weshalb sie in der Befragung und der
Anhörung nicht zumindest die Mitnahme auf den Militärstützpunkt, die Be-
fragung und die Schläge erwähnte, zumal es sich dabei um ein zentrales
Element ihrer Fluchtgeschichte gehandelt hätte und auch keine persönli-
chen Gründe (Scham, Angst vor Stigmatisierung) dagegengesprochen hät-
ten. Insgesamt ist der Vorfall mit der Mitnahme auf den Militärstützpunkt,
der Befragung und der sexuellen Belästigung als unglaubhaft einzustufen.
Die eingereichten Arztberichte vermögen nichts daran zu ändern. Der An-
trag auf Rückweisung der Sache an die Vorinstanz ist folglich abzuweisen.
8.2 Nachdem der Vorfall betreffend Befragung und sexuelle Belästigung
auf dem Militärstützpunkt als unglaubhaft eingestuft worden ist, ist festzu-
stellen, dass die Beschwerdeführerin in Sri Lanka keine asylrelevanten
Nachteile erlitten hat. Sie befürchtet aber, aufgrund der Hilfeleistung für ein
Mitglied der LTTE künftig einer asylrelevanten Verfolgung ausgesetzt zu
sein. Es ist somit zu prüfen, ob die Beschwerdeführerin begründeten An-
lass zur Befürchtung hat, einer künftigen Verfolgung im Sinne von Art. 3
AsylG ausgesetzt zu sein.
Im Februar 2016 benötigte ein ehemaliger Schulkollege des Ehemannes
der Beschwerdeführerin medizinische Unterstützung für seine schwangere
Ehefrau. Er meldete sich per Zufall bei der Beschwerdeführerin, da sie als
Hebamme örtlich zuständig war. Erst als der Schulkollege mit seiner Ehe-
frau die Beschwerdeführerin und ihren Ehemann aufsuchte, stelle sich her-
aus, dass sie sich von früher kannten. Ihr Ehemann und der Schulkollege
hatten sich letztmals im Jahr 2002 gesehen, als sich der Schulkollege den
E-2008/2020
Seite 10
LTTE angeschlossen hatte. Seit dem Jahr 2002 bis zum Februar 2016
hatte ihr Ehemann keinen Kontakt mehr mit ihm. Sie betreute die schwan-
gere Ehefrau des Schulkollegen aus rein humanitären Gründen. Zudem
liessen sie das Ehepaar ein paar Mal bei sich übernachten. Weder die Be-
schwerdeführerin noch ihr Ehemann haben Verbindungen zu den LTTE
oder sich jemals politisch engagiert. Sie hatten in der Vergangenheit nie
Probleme mit den sri-lankischen Behörden. Als Personen des CID die Be-
schwerdeführerin am Arbeitsort aufsuchten, fragten sie lediglich, ob sie
dem Ehepaar geholfen habe und ihren Aufenthaltsort kenne, und boten sie
für eine Befragung auf. Weitere Vorwürfe wurden nicht erhoben. Da dem
CID offenbar bekannt war, dass der Gesuchte ein ehemaliger Schulkollege
ihres Ehemannes war, darf auch davon ausgegangen werden, dass sie
wussten, dass die beiden jahrelang keinen Kontakt hatten und ihr Ehe-
mann sowie auch sie keine Verbindungen zu den LTTE aufwiesen. Dies
erklärt auch, weshalb das CID die Beschwerdeführerin und nicht ihren Ehe-
mann aufgesucht hat, um den Aufenthaltsort des Ehepaars herauszufin-
den. Nach der Ausreise fragte das CID zwar noch drei oder vier Mal nach
ihrem Verbleib, belästigte aber die Familien der Beschwerdeführerin und
ihres Ehemannes nicht weiter. Es mag zwar sein, dass die Beschwerde-
führerin wegen der Einladung zur Befragung subjektive Furcht vor einer
Verfolgung hatte. Aber aufgrund der obigen Ausführung liegen objektiv be-
trachtet, keine hinreichenden Anhaltspunkte für eine drohende asylrele-
vante Verfolgung vor; eine bloss entfernte Möglichkeit künftiger Verfolgung
ist nicht asylrelevant. Ebenso ist eine allfällige Befragung oder ein Back-
ground-Check (Befragung und Überprüfung von Tätigkeiten im In- und
Ausland) bei der Einreise mangels Intensität nicht asylrelevant. Die einge-
reichten Beweismittel vermögen nichts daran zu ändern. Gemäss den
Schreiben werden die Verwandten seit den Jahren 1994 und 2008 ver-
misst. Ein konkreter Zusammenhang zu den Asylvorbringen ist nicht er-
sichtlich. Das Vorliegen einer objektiven Furcht vor künftiger Verfolgung im
Sinne von Art. 3 AsylG ist somit zu verneinen.
8.3 An dieser Einschätzung ändern weder der Regierungswechsel vom
16. November 2019 noch die kürzlich erfolgte Verhaftung einer sri-lanki-
schen Mitarbeiterin der Schweizerischen Botschaft in Colombo etwas, da
diesbezüglich kein individueller Bezug zur Beschwerdeführerin ersichtlich
ist.
Hinsichtlich des Machtwechsels vom 16. November 2019 gilt festzuhalten:
Gotabaya Rajapaksa wurde damals zum neuen Präsidenten Sri Lankas
E-2008/2020
Seite 11
gewählt (vgl. Neue Zürcher Zeitung [NZZ], In Sri Lanka kehrt der Rajapa-
ksa-Clan an die Macht zurück, 17.11.2019; https://www.theguar-
dian.com/world/2019/nov/17/sri-lanka-presidential-candidate-rajapaksa-
premadas-count-continues, abgerufen am 24.04.2020). Er war unter sei-
nem älteren Bruder, dem ehemaligen Präsidenten Mahinda Rajapaksa, der
von 2005 bis 2015 an der Macht war, Verteidigungssekretär und wurde an-
geklagt, zahlreiche Verbrechen gegen Journalisten und Aktivisten began-
gen zu haben. Zudem wird er von Beobachtern für Menschenrechtsverlet-
zungen und Kriegsverbrechen verantwortlich gemacht; er bestreitet die An-
schuldigungen (vgl. Human Rights Watch: World Report 2020 – Sri Lanka,
14.01.2020). Kurz nach der Wahl ernannte der neue Präsident seinen Bru-
der Mahinda sodann zum Premierminister und band einen weiteren Bruder,
Chamal Rajapaksa, in die Regierung ein; die drei Brüder Gotabaya, Ma-
hinda und Chamal Rajapaksa kontrollieren im neuen Regierungskabinett
zusammen zahlreiche Regierungsabteilungen oder -institutionen (vgl.
https://www.aninews.in/ne ws/world/asia/sri-lanka-35-including-presidents
-brother-chamal-rajapksa-sworn-in-as-ministers-of-tate20191127174753/,
abgerufen am 24.04.2020). Beobachter und ethnische/religiöse Minderhei-
ten befürchten verstärkte Repression und die vermehrte Überwachung von
Menschenrechtsaktivistinnen und -aktivisten, Journalistinnen und Journa-
listen, Oppositionellen und regierungskritischen Personen (vgl. Schweize-
rische Flüchtlingshilfe [SFH]: Regierungswechsel weckt Ängste bei Minder-
heiten, 21.11.2019). Anfang März 2020 löste Gotabaya Rajapaksa das Par-
lament vorzeitig auf und kündigte Neuwahlen an (vgl. NZZ, Sri Lankas Prä-
sident löst das Parlament auf, 03.03.2020).
Das Bundesverwaltungsgericht ist sich dieser Veränderungen in Sri Lanka
bewusst, beobachtet die Entwicklungen aufmerksam und berücksichtigt sie
bei der Entscheidfindung. Zwar ist beim derzeitigen Kenntnisstand durch-
aus von einer möglichen Akzentuierung der Gefährdungslage für Perso-
nen, die bestimmte Risikofaktoren erfüllen, auszugehen (vgl. Referenzur-
teil des Bundesverwaltungsgerichts E‐1866/2015 vom 15. Juli 2016, HRW,
Sri Lanka: Families of "Disappeard" Threatened, 16.02.2020). Dennoch
gibt es zum heutigen Zeitpunkt keinen Grund zur Annahme, dass seit dem
Machtwechsel in Sri Lanka ganze Bevölkerungsgruppen kollektiv einer
Verfolgungsgefahr ausgesetzt wären. Unter diesen Umständen ist im Ein-
zelfall zu prüfen, ob ein persönlicher Bezug der asylsuchenden Personen
zur Präsidentschaftswahl vom 16. November 2019 respektive deren Fol-
gen besteht.
E-2008/2020
Seite 12
Die Beschwerdeführerin und ihr Ehemann waren nie politisch aktiv, weisen
kein regimekritisches Verhalten auf und haben keine Verbindung zu den
LTTE. Das CID hat sie zwar wegen medizinischer Hilfeleistung für die Ehe-
frau eines ehemaligen LTTE-Mitglieds zu einer Befragung eingeladen, aber
wie in der Erwägung 8.2 abgehandelt, lässt sich daraus – auch unter Be-
rücksichtigung des aktuellen politischen Kontextes in Sri Lanka – nicht ab-
leiten, sie hätten mit einer asylrelevanten Verfolgung zu rechnen.
9.
9.1 Das Bundesverwaltungsgericht hat im Referenzurteil E-1866/2015 vom
15. Juli 2016 festgestellt, dass Angehörige der tamilischen Ethnie bei einer
Rückkehr nach Sri Lanka nicht generell einer ernstzunehmenden Gefahr
von Verhaftung und Folter ausgesetzt sind (vgl. a.a.O. E. 8.3). Zur Beurtei-
lung des Risikos von Rückkehrenden, Opfer ernsthafter Nachteile in Form
von Verhaftung und Folter zu werden, wurden verschiedene Risikofaktoren
identifiziert. Eine tatsächliche oder vermeintliche, aktuelle oder vergangene
Verbindung zu den LTTE, ein Eintrag in der „Stop List“ und die Teilnahme
an exilpolitischen regimekritischen Handlungen wurden als stark risikobe-
gründende Faktoren eingestuft, da sie unter den im Entscheid dargelegten
Umständen bereits für sich alleine genommen zur Bejahung einer begrün-
deten Furcht führen könnten. Demgegenüber stellen das Fehlen ordentli-
cher Identitätsdokumente bei der Einreise in Sri Lanka, Narben und eine
gewisse Aufenthaltsdauer in einem westlichen Land schwach risikobegrün-
dende Faktoren dar. Von den Rückkehrenden, die diese weitreichenden
Risikofaktoren erfüllten, habe jedoch nur jene kleine Gruppe tatsächlich mit
beachtlicher Wahrscheinlichkeit ernsthafte Nachteile im Sinne von Art. 3
AsylG zu befürchten, die nach Ansicht der sri-lankischen Behörden be-
strebt sei, den tamilischen Separatismus wiederaufleben zu lassen und so
den sri-lankischen Einheitsstaat gefährde. Mit Blick auf die dargelegten Ri-
sikofaktoren seien in erster Linie jene Rückkehrer gefährdet, deren Namen
in der am Flughafen in Colombo abrufbaren "Stop-List" vermerkt seien und
der Eintrag den Hinweis auf eine Verhaftung beziehungsweise einen Straf-
registereintrag im Zusammenhang mit einer tatsächlichen oder vermuteten
Verbindung zu den LTTE enthalte. Entsprechendes gelte für sri-lankische
Staatsangehörige, die sich im Ausland regimekritisch betätigt hätten (vgl.
a.a.O. E. 8).
9.2 Die Beschwerdeführerin und ihr Ehemann haben aus humanitären
Gründen einem ehemaligen LTTE-Mitglied und dessen Ehefrau geholfen.
Selbst wenn ihnen eine vermeintliche Unterstützung der LTTE unterstellt
E-2008/2020
Seite 13
würde, ist aufgrund der nachfolgenden Überlegungen nicht davon auszu-
gehen, dass sie dadurch zu jener kleinen Gruppe zu zählen sind, die bei
einer Rückkehr mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit ernsthafte Nachteile im
Sinne von Art. 3 AsylG zu befürchten haben. Weder die Beschwerdeführe-
rin und ihr Ehemann noch ihre Familien hatten Verbindungen zu den LTTE.
Zudem war sie nie politisch aktiv. Des Weiteren wurde die Beschwerdefüh-
rerin weder verhaftet noch einer Straftat angeklagt oder gar verurteilt und
verfügt somit auch nicht über einen Strafeintrag. Sie hat keine Narben und
ist nicht exilpolitisch tätig. Aus der tamilischen Ethnie und der knapp vier-
jährigen Landesabwesenheit kann sie keine Gefährdung ableiten. Dass sie
in einer „Stop List“ aufgeführt sein soll, ist aufgrund des Gesagten unwahr-
scheinlich. Unter Würdigung aller Umstände ist somit anzunehmen, dass
die Beschwerdeführerin von der sri-lankischen Regierung nicht zu jener
kleinen Gruppe gezählt wird, die bestrebt ist, den tamilischen Separatismus
wieder aufleben zu lassen, und so eine Gefahr für den sri-lankischen Ein-
heitsstaat darstellt. Es ist nicht davon auszugehen, dass ihr persönlich im
Falle einer Rückkehr nach Sri Lanka ernsthafte Nachteile im Sinne von
Art. 3 AsylG drohen würden.
9.3 Zusammenfassend hat die Beschwerdeführerin nichts vorgebracht,
was geeignet wäre, ihre Flüchtlingseigenschaft nachzuweisen oder zumin-
dest glaubhaft zu machen. Die Vorinstanz hat ihr Asylgesuch zu Recht ab-
gelehnt.
10.
Gemäss Art. 44 AsylG verfügt das SEM in der Regel die Wegweisung aus
der Schweiz, wenn es das Asylgesuch ablehnt oder nicht darauf eintritt. Die
Beschwerdeführerin verfügt weder über eine ausländerrechtliche Aufent-
haltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer solchen (vgl.
BVGE 2009/50 E. 9 S. 733). Die Wegweisung wurde zu Recht angeordnet.
11.
11.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt die Vorinstanz das Anwesenheitsverhältnis nach
den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44
AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
11.2 Nach Art. 83 Abs. 3 AIG ist der Vollzug nicht zulässig, wenn völker-
rechtliche Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin
oder des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat ent-
E-2008/2020
Seite 14
gegenstehen. Vorliegend kommt der Beschwerdeführerin keine Flücht-
lingseigenschaft zu. Das flüchtlingsrechtliche Rückschiebungsverbot von
Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung
der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) und Art. 5 AsylG ist daher nicht anwend-
bar. Die Zulässigkeit des Vollzugs beurteilt sich vielmehr nach den allge-
meinen verfassungs- und völkerrechtlichen Bestimmungen (Art. 25 Abs. 3
BV; Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und
andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder
Strafe [FoK, SR 0.105]; Art. 3 EMRK).
Der EGMR hat sich mit der Gefährdungssituation im Hinblick auf eine
EMRK-widrige Behandlung namentlich für Tamilen, die aus einem europä-
ischen Land nach Sri Lanka zurückkehren müssen, wiederholt befasst (vgl.
EGMR, R.J. gegen Frankreich, Urteil vom 19. September 2013, Be-
schwerde Nr. 10466/11; T.N. gegen Dänemark, Urteil vom 20. Januar 2011,
Beschwerde Nr. 20594/08; P.K. gegen Dänemark, Urteil vom 20. Januar
2011, Beschwerde Nr. 54705/08; N.A. gegen Grossbritannien, Urteil vom
17. Juli 2008, Beschwerde Nr. 25904/07). Dabei unterstreicht der Gerichts-
hof, dass nicht in genereller Weise davon auszugehen sei, zurückkehren-
den Tamilen drohe eine unmenschliche Behandlung. Vielmehr müssten im
Rahmen der Beurteilung, ob der oder die Betroffene ernsthafte Gründe für
die Befürchtung habe, die Behörden hätten an seiner Festnahme und Be-
fragung ein Interesse, verschiedene Aspekte – welche im Wesentlichen
durch die in Erwägung 6.1 identifizierten Risikofaktoren abgedeckt sind
(vgl. EGMR, T.N. gegen Dänemark, a.a.O., § 94) – in Betracht gezogen
werden, wobei dem Umstand gebührend Beachtung zu schenken sei, dass
diese einzelnen Aspekte, auch wenn sie für sich alleine betrachtet möglich-
erweise kein "real risk" darstellen, diese Schwelle bei einer kumulativen
Würdigung erreichen könnten.
Nachdem die Beschwerdeführerin – wie in den Erwägungen 8 und 9.2 aus-
geführt – nicht darlegen konnte, dass sie befürchten müsse, bei einer
Rückkehr ins Heimatland die Aufmerksamkeit der sri-lankischen Behörden
in einem flüchtlingsrechtlich relevanten Ausmass auf sich zu ziehen, beste-
hen auch keine Anhaltspunkte dafür, dass sie bei einer Rückkehr nach Sri
Lanka mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit Massnahmen zu befürchten
hätte, die über einen sogenannten „Background Check“ hinausgehen wür-
den, oder dass sie persönlich gefährdet wäre. Der Vollzug der Wegweisung
ist zulässig.
E-2008/2020
Seite 15
11.3 Nach Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und Aus-
länder unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf
Grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind.
Nach eingehender Analyse der sicherheitspolitischen Lage in Sri Lanka ist
das Bundesverwaltungsgericht zum Schluss gekommen, dass der Weg-
weisungsvollzug in die Ostprovinz grundsätzlich zumutbar ist (vgl. BVGE
2011/24 E. 13.1). In die Nordprovinz (mit Ausnahme des „Vanni-Gebiets“)
ist er zumutbar, wenn das Vorliegen der individuellen Zumutbarkeitskrite-
rien (insbesondere Existenz eines tragfähigen familiären oder sozialen Be-
ziehungsnetzes sowie Aussichten auf eine gesicherte Einkommens- und
Wohnsituation) bejaht werden kann (vgl. Urteil E-1866/2015 E. 13.2). In
Referenzurteil D-3619/2016 vom 16. Oktober 2017 E. 9.5 erachtet das
Bundesverwaltungsgericht auch den Wegweisungsvollzug ins „Vanni-Ge-
biet“ als zumutbar. An dieser Einschätzung vermögen die Gewaltvorfälle in
Sri Lanka vom 21. April 2019, der gleichentags von der sri-lankischen Re-
gierung verhängte Ausnahmezustand, der am 28. August 2019 wieder auf-
gehoben wurde, und die mit den Wahlen im November 2019 zusammen-
hängenden gewalttätigen Ausschreitungen nichts zu ändern.
Die Beschwerdeführerin lebte vor der Ausreise mit ihrem Ehemann in
D._, Ostprovinz. Sie verfügt über einen A-Level Schulabschluss,
eine Ausbildung als Krankenschwester und Hebamme sowie über mehr-
jährige Berufserfahrung. Ihr Ehemann arbeitete als Fischer und Bauarbei-
ter. Zusammen konnten sie für ihren Lebensunterhalt aufkommen. Nach
der Rückkehr dürfte sie ihre Arbeitstätigkeit wieder aufnehmen und für den
Lebensunterhalt sorgen können. Vor der Ausreise wohnten sie und der
Ehemann bei ihrer Mutter. Es ist davon auszugehen, dass sie wieder dort
wohnen können. Zudem verfügen beide mit einer grossen Verwandtschaft
über ein tragfähiges familiäres Beziehungsnetz in Sri Lanka, das in der
Lage sein sollte, sie bei der Wiedereingliederung zu unterstützen.
Gemäss Arztbericht vom 2. April 2020 leidet die Beschwerdeführerin unter
einer Anpassungsstörung bei negativem Asylentscheid mit Traumafolge-
störung. Zudem ist sie schwanger. Es besteht keine akute Selbst- oder
Fremdgefährdung. Sri Lanka verfügt über spezialisierte ärztliche Fach-
kräfte und Kliniken im Bereich der psychiatrischen Behandlung und Medi-
kation und in staatlichen Spitälern in Sri Lanka wird für alle Mitbürger eine
kostenlose medizinische Betreuung angeboten (Urteil des BVGer
E-6427/2017 vom 29. Juli 2019 E. 7.3.3). Sollte die Beschwerdeführerin
E-2008/2020
Seite 16
nach ihrer Rückkehr eine medizinische Behandlung benötigen, so ist diese
in Sri Lanka gewährleistet. Schliesslich steht auch die Corona-Pandemie
dem Wegweisungsvollzug nicht entgegen. Die Anordnung einer vorläufi-
gen Aufnahme setzt voraus, dass ein Vollzugshindernis nicht nur vorüber-
gehender Natur ist, sondern voraussichtlich eine gewisse Dauer – in der
Regel mindestens zwölf Monate – bestehen bleibt. Ist dies nicht der Fall,
so ist dem temporären Hindernis bei den Vollzugsmodalitäten Rechnung
zu tragen (vgl. Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen
Asylrekurskommission [EMARK] 1995 Nr. 14 E. 8d und e). Bei der Corona-
Pandemie handelt es sich – wenn überhaupt – um ein bloss temporäres
Vollzugshindernis, welchem, ebenso wie die Schwangerschaft, im Rahmen
der Vollzugsmodalitäten durch die kantonalen Behörden Rechnung zu tra-
gen ist, indem etwa der Zeitpunkt des Vollzugs der Situation im Heimatland
angepasst wird. Der Vollzug erweist sich deshalb auch in individueller Hin-
sicht als zumutbar.
11.4 Nach Art. 83 Abs. 2 AIG ist der Vollzug auch als möglich zu bezeich-
nen, weil es der Beschwerdeführerin obliegt, bei der zuständigen Vertre-
tung ihres Heimatstaats die für ihre Rückkehr notwendigen Reisedoku-
mente zu beschaffen (Art. 8 Abs. 4 AsylG; BVGE 2008/34 E. 12).
11.5 Die Vorinstanz hat somit den Wegweisungsvollzug zu Recht als zu-
lässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der vorläufigen
Aufnahme fällt daher ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
12.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung den
rechtserheblichen Sachverhalt richtig sowie vollständig feststellt, Bundes-
recht nicht verletzt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich über-
prüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
13.
13.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten der Beschwer-
deführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG; Art. 1-3 des Reglements
vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bun-
desverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Da die Rechtsbegehren je-
doch nicht von vornherein als aussichtslos betrachtet werden können und
von ihrer Bedürftigkeit aufgrund der Akten auszugehen ist, ist das Gesuch
um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gemäss Art. 65 Abs. 1
VwVG gutzuheissen. Es sind somit keine Verfahrenskosten zu erheben.
E-2008/2020
Seite 17
13.2 Demgemäss ist auch das Gesuch um Beiordnung einer amtlichen
Rechtsbeiständin gestützt auf aArt. 110a Abs. 1 Bst. a AsylG gutzuheissen.
Die amtliche Rechtsbeiständin der Beschwerdeführerin hat keine Kosten-
note eingereicht. Der Aufwand lässt sich allerdings aufgrund der Akten zu-
verlässig abschätzen (Art. 14 Abs. 2 VGKE). In Anwendung der massge-
blichen Bemessungsfaktoren (vgl. Art. 8-11 VGKE) ist das Honorar für
MLaw Nora Maria Riss auf Fr. 750.– (inkl. Auslagen) festzusetzen.
E-2008/2020
Seite 18