Decision ID: b308c60c-08e0-47f4-a50b-99b2af4c4acd
Year: 2020
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ (nachfolgend: Versicherte bzw. Klägerin) war bei Eintritt der
Arbeitsunfähigkeit, welche zur Zusprache einer ganzen Invalidenrente und drei
Invalidenkinderrenten der Invalidenversicherung ab dem 1. März 2008 führte (vgl. act.
G5.5), bei der beruflichen Vorsorgeeinrichtung B._, Zürich (nachfolgend
Vorsorgestiftung bzw. Beklagte), versichert. Die Vorsorgestiftung richtete der
Versicherten aus der beruflichen Vorsorge ebenfalls eine Invalidenrente sowie drei
Invalidenkinderrenten aus, wobei die Renten wegen Überentschädigung gekürzt
worden waren (act. G5.6).
A.a.
Mit Schreiben vom 31. August 2017 teilte die Vorsorgestiftung der Versicherten
mit, dass wegen des Wegfalls einer Invalidenkinderrente per Ende August 2017 die
Überentschädigung neu geprüft worden sei. Da eine Überentschädigung von
Fr. 14'535.- bestehe, würden die Invalidenrente und die beiden Invalidenkinderenten für
D._ und E._ ab September 2017 entsprechend reduziert (act. G1.2).
A.b.
Am 1. November 2017 verlangte die Versicherte, vertreten durch den Rechtsdienst
der Syndicom, Bern, dass beim mutmasslich entgangenen Verdienst das Einkommen
aus der Nebenerwerbstätigkeit bei Z._ weiterhin angerechnet werde (act. G1.3).
A.c.
Mit Schreiben vom 30. November 2017 lehnte die Vorsorgestiftung die
Berücksichtigung des Nebenerwerbsverdienstes ab, denn im Reglement gebe es keine
Bestimmung, wonach eine unselbständige Erwerbstätigkeit neben einer 100%igen
Tätigkeit beim mutmasslich entgangenen Verdienst anzurechnen sei. Da die
Vorsorgestiftung in Erfahrung brachte, dass die Kinderzulagen nicht wie bisher
A.d.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.
angenommen von der Versicherten, sondern vom Kindsvater bezogen werden,
ermittelte sie neu eine Überentschädigung von Fr. 19'395.- (act. G1.4). Der weitere
Schriftenwechsel brachte keine Veränderungen bei den von den Parteien vertreten
Standpunkten (vgl. act. G1.5f.).
Am 6. Februar 2018 liess die Versicherte, vertreten durch den Rechtsdienst der
Syndicom, Bern, Klage gegen die Vorsorgestiftung beim Sozialversicherungsgericht
des Kantons Zürich erheben mit den Rechtsbegehren: 1. Es sei der Klägerin eine
jährliche Invalidenrente von Fr. 19'670.- auszurichten. 2. Unter Kosten- und
Entschädigungsfolgen zu Lasten der Beklagten. Zur Begründung wurde insbesondere
ausgeführt, dass beim mutmasslich entgangenen Verdienst der erzielte
Nebenerwerbsverdienst von Fr. 18'477.- weiterhin zu berücksichtigen sei (act. G1,
G1.1, G2).
B.a.
Da die Klägerin bei Eintritt der Arbeitsunfähigkeit ihren Arbeitsort sowie bei
Klageeinreichung ihren Wohnort im Kanton St. Gallen und die Beklagte ihren Firmensitz
im Kanton Schwyz hatte, überwies das Sozialversicherungsgericht des Kantons Zürich
die Klage zur Behandlung an das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen (vgl.
Beschluss vom 7. März 2018, act. G0).
B.b.
In der Klageantwort vom 11. Juli 2017 beantragte die Beklagte die Abweisung der
Klage unter Kosten- und Entschädigungsfolge zu Lasten der Klägerin. Eventualiter
seien zur Ermittlung des Valideneinkommens die IV-Akten beizuziehen. Zur
Begründung wurde ausgeführt, dass wegen Wegfalls einer Kinderrente die
Überentschädigung überprüft worden sei. Infolgedessen hätten beim mutmasslich
entgangenen Verdienst der Nebenerwerbsverdienst und die Kinderzulagen, da der
Kindsvater diese beziehe, nicht mehr angerechnet werden können (act. G5).
B.c.
Mit Replik vom 31. August 2018 hielt die Klägerin an ihren gestellten Anträgen
fest, beschränkte jedoch die eingeklagten Invalidenrenten auf die Zeit vom 1.
September 2017 bis 30. April 2018, da die Renten der Invalidenversicherung per 30.
April 2018 weggefallen seien und die entsprechende Verfügung vom 22. März 2018 in
Rechtskraft erwachsen sei (act. G7).
B.d.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte

Erwägungen
1.
Strittig ist, ob die aus der beruflichen Vorsorge auszurichtenden Invalidenrente und
Invalidenkinderrenten zu Recht wegen Überentschädigung gekürzt wurden.
2.
Die Beklagte verzichtete auf die Einreichung einer Duplik (act. G9).B.e.
Da sowohl die Klage vom 6. Februar 2018 (act. G1) als auch die mit Schreiben vom
31. August 2017 (act. G1.2) bzw. 30. November 2017 (act. G1.4) mitgeteilten
Invalidenrentenanpassungen nach dem 1. Januar 2017 erfolgten, richtet sich das
anwendbare Recht nach den ab 1. Januar 2017 gültigen Fassungen des
Bundesgesetzes über die berufliche Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenvorsorge
(BVG; SR 831.40) und der Verordnung über die berufliche Alters-, Hinterlassenen- und
Invalidenvorsorge (BVV 2; SR 831.441.1). Anzumerken ist, dass die
Überentschädigungsregelung in der seit dem 1. Januar 2017 gültigen Fassung der
Art. 34a Abs. 1 BVG i.V.m. Art. 24 BVV 2 inhaltlich der bisherigen Regelung entspricht.
2.1.
Gemäss Art. 34a Abs. 1 BVG kann die Vorsorgeeinrichtung die Hinterlassenen-
und Invalidenleistungen kürzen, soweit sie zusammen mit anderen anrechenbaren
Einkünften 90 Prozent des mutmasslich entgangenen Verdiensts übersteigen. Treffen
Leistungen nach diesem Gesetz mit gleichartigen Leistungen anderer
Sozialversicherungen zusammen, so findet Art. 66 Abs. 2 des Bundesgesetzes über
den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) Anwendung
(Abs. 2). Diese Regelungen gelten grundsätzlich für die obligatorische berufliche
Vorsorge. Im weitergehenden (überobligatorischen) Bereich können die
Vorsorgeeinrichtungen die Kürzung der Leistungen wegen Überentschädigung unter
Beachtung des verfassungsmässigen Minimalstandards (rechtsgleiche Behandlung,
Willkürverbot, Verhältnismässigkeit) anders regeln, solange dadurch die obligatorischen
Ansprüche gewahrt bleiben (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 20. Februar 2014,
9C_824/2013, E. 5.2). Rechtsprechungsgemäss ist die Frage nach der
Überentschädigung jeweils nach jenem Reglement zu beurteilen, welches im Zeitpunkt
gilt, in dem sich die Frage nach der Überentschädigung stellt (BGE 134 V 64 E. 2.3.1,
126 V 96 E. 3, 122 V 316 E. 3c).
2.2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.
Unbestritten ist, dass in der Überentschädigungsberechnung bei den Einkünften die
Leistungen der Invalidenversicherung (Invalidenrente der Klägerin von Fr. 22'908.-,
Invalidenkinderrenten für E._ und D._ von je Fr. 9'168.-, insgesamt Fr. 41'244.-)
und die Leistungen aus der beruflichen Vorsorge (Invalidenrente für die Klägerin von
Fr. 15'315.-, Invalidenkinderrenten für E._ und D._ von je Fr. 3'063.-, insgesamt
Fr. 21'441.-) anzurechnen sind (act. G5.7, G5.8). Da der von der Invalidenversicherung
ermittelte Invaliditätsgrad über 70% liegt, erfolgt gemäss Art. 36.2 Abs. 2
Vorsorgereglement keine Hinzurechnung eines noch zumutbarerweise erzielbaren
Erwerbs- oder Ersatzeinkommens. Das in der Überentschädigungsberechnung
anzurechnende Einkommen beträgt somit Fr. 62'685.- (Fr. 41'244.- + Fr. 21'441.-).
4.
Für die Feststellung einer Überentschädigung im Jahr 2017 ist das
"Rahmenreglement B._" mit Gültigkeit ab 1. Januar 2016 (nachfolgend:
Vorsorgereglement, act. G5.11) einschlägig. In Art. 36.2 Abs. 1 Vorsorgereglement
findet sich eine der gesetzlichen Regelung entsprechende Formulierung: "Die
Leistungen gemäss diesem Rahmenreglement werden herabgesetzt, soweit sie
zusammen mit anderen anrechenbaren Einkünften 90% des mutmasslichen
entgangenen Verdienstes übersteigen. [...]."
2.3.
Gemäss Art. 24 Abs. 5 BVV 2 kann die Vorsorgeeinrichtung die Voraussetzungen
und den Umfang einer Kürzung jederzeit überprüfen und ihre Leistungen anpassen,
wenn die Verhältnisse sich wesentlich ändern. Als wesentliche Änderung der
Verhältnisse gilt eine Leistungsanpassung in der Grössenordnung von 10% zugunsten
oder zuungunsten des Rentenbezügers (vgl. BGE 125 V 163 E. 3b, 123 V 193 E. 5d,
123 V 211 E. 6c/bb). Die Verpflichtung der Vorsorgeeinrichtung zur umfassenden
Prüfung der Überentschädigung ohne Bindung an frühere Beurteilungen ergibt sich
auch aus der analogen Anwendung von Art. 17 ATSG (vgl. BGE 143 V 91 E. 4.2).
2.4.
Unbestritten ist, dass die im August / November 2017 durchgeführte Prüfung der
Überentschädigung wegen des Wegfalls der Invalidenkinderrente für den Sohn F._
zu Recht erfolgte, wurde doch die Erheblichkeitsschwelle von 10% überschritten (vgl.
act. G5.6: jährlicher Rentenanspruch aus beruflicher Vorsorge von Fr. 6'204.-,
wegfallende Invalidenkinderrente von Fr. 775.50, resultierende Rentenreduktion von
12.5%, vgl. act. G5.6).
2.5.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Strittig und daher zu prüfen ist, welche Verdienste beim mutmasslich entgangenen
Verdienst anzurechnen sind.
Unter dem Begriff mutmasslich entgangener Verdienst im Sinne von Art. 34a
Abs. 1 BVG (aArt. 24 Abs. 1 BVV 2) ist das hypothetische Einkommen zu verstehen,
welches die versicherte Person ohne Invalidität erzielen könnte, und zwar im Zeitpunkt,
in dem sich die Kürzungsfrage stellt (BGE 137 V 20 E. 5.2.3.1 mit Hinweisen).
4.1.
Unbestritten ist, dass der Verdienst aus der Haupterwerbstätigkeit als
Lagermitarbeiterin (100%-Pensum), nicht jedoch die Kinderzulagen, zu berücksichtigen
sind, da diese der Kindsvater bezieht (vgl. act. G7-2). Strittig ist dagegen, ob der in
einem Teilzeitpensum bei Z._ erzielte Nebenerwerbsverdienst (weiterhin) zu
berücksichtigen ist (vgl. act. G1, G5, G7).
4.2.
Nach der gesetzlichen Konzeption der Invalidenleistungen aus Erster und Zweiter
Säule sind die Festlegungen der IV-Stelle bezüglich Entstehung, Höhe und Beginn des
Rentenanspruchs grundsätzlich für die Invalidenrente der obligatorischen beruflichen
Vorsorge massgebend und verbindlich. Das im invalidenversicherungsrechtlichen
Verfahren festgelegte Valideneinkommen muss dem Grundsatz nach auch in der
berufsvorsorgerechtlichen Überentschädigungsberechnung Berücksichtigung finden.
Ausgangspunkt ist daher der Grundsatz der Kongruenz von Valideneinkommen und
mutmasslich entgangenem Verdienst im Sinne von Art. 34a Abs. 1 BVG (aArt. 24 Abs. 1
BVV 2; vgl. BGE 140 V 399 E. 5.2.1, 137 V 20 E. 2.2). Im Sinne einer Vermutung ist
daher davon auszugehen, dass das von der IV-Stelle festgelegte Valideneinkommen
dem mutmasslich entgangenen Verdienst nach Art. 34a Abs. 1 BVG (aArt. 24 Abs. 1
BVV 2) entspricht (vgl. BGE 143 V 91 E. 3.2).
4.2.1.
Die Beklagte lehnt denn auch die Anrechnung des Nebenerwerbsverdienstes mit
der Begründung ab, dass die Invalidenversicherung diesen beim Valideneinkommen
auch nicht berücksichtigt habe (vgl. G5-5).
4.2.2.
Aus der Rentenverfügung der Invalidenversicherung vom 13. Januar 2010 (act.
G5.5) und dem zugehörigen Berechnungsblatt (act. G5.5a) ist ersichtlich, dass bei der
Ermittlung des Invaliditätsgrads der Verdienst aus der Haupterwerbstätigkeit als
Lagermitarbeiterin (100%-Pensum) von Fr. 46'203.-, nicht jedoch derjenige aus der
Nebenerwerbstätigkeit als Teilzeitangestellte bei der Post, berücksichtigt wurde. Eine
Begründung für die Nichtberücksichtigung des Nebenerwerbsverdienstes fehlt. Da der
ermittelte IV-Grad auch ohne Berücksichtigung des Nebenerwerbsverdienstes bei 70%
lag und demzufolge eine ganze Invalidenrente zugesprochen wurde, erwuchsen der
4.2.3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Versicherten aus den Nichtberücksichtigung des Nebenerwerbsverdienstes keine
Nachteile bei der Rentenzusprechung. Eine Beschwerde gegen die Verfügung der IV-
Stelle wäre daher nicht möglich gewesen bzw. auf eine solche wäre nicht eingetreten
worden, da die Versicherte nicht beschwert war (fehlendes schutzwürdiges/praktisches
Interesse). Bei dieser Ausgangslage kann bei der Festsetzung des mutmasslich
entgangenen Verdienstes nicht unbesehen auf das von der Invalidenversicherung
ermittelte Valideneinkommen abgestellt werden. Eine eigenständige Ermittlung des
mutmasslich entgangenen Verdienstes ist deshalb angezeigt und erforderlich.
Im Weiteren wurde von der Beklagten gegen die Berücksichtigung des
Nebenerwerbsverdienstes vorgebracht, dass die Klägerin bereits im Haupterwerb ein
100%-Pensum wahrgenommen habe. Dies schliesse die Berücksichtigung weiterer
Einkommen - wie dasjenige der Klägerin aus dem Nebenerwerbsverdienst bei Z._ -
aus (vgl. act. G5-5).
4.2.4.
Gemäss der bundesgerichtlichen Rechtsprechung ist eine Nebenbeschäftigung
und das daraus erzielte Einkommen zu berücksichtigen, sofern es mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit weiterhin erzielt worden wäre, wenn die versicherte Person gesund
geblieben wäre (Urteil vom 27. August 2013, 8C_46/2013, E. 2.3). Dies gilt ohne
Rücksicht auf den hiefür erforderlichen zeitlichen und leistungsmässigen Aufwand.
Auch Einkünfte, die im Rahmen einer oberhalb eines bestimmten Durchschnitts
liegenden Arbeitszeit erzielt werden, sind miteinzubeziehen. Die Frage der
Zumutbarkeit des Nebenerwerbs spielt dabei keine Rolle (RKUV 2005 Nr. U 538 S. 112,
U 66/02 E. 4.1.2; 2003 Nr. U 476 S. 107, U 130/02 E. 3.2.1). Nicht massgebend sind
dabei die Bestimmungen der öffentlich-rechtlichen Arbeitsgesetzgebung über die
wöchentliche Höchstarbeitszeit (Art. 9 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Arbeit in
Industrie, Gewerbe und Handel, Arbeitsgesetz [ArG; SR 822.11]; Urteil des
Bundesgerichts vom 11. März 2008, 8C_676/2007, E. 3.3.4; Urteil des Eidgenössischen
Versicherungsgerichts [EVG] vom 4. August 2003, K 15/03, E. 3.3).
4.2.5.
Es ist davon auszugehen, dass die Klägerin im Gesundheitsfall im Jahr 2017
sowohl die Haupterwerbstätigkeit als Lagerarbeiterin (100%-Pensum) als auch die
Teilzeitanstellung bei G._ weiterhin ausgeübt hätte, zumal keine diesbezüglichen
Einwände erhoben wurden. Der Haupterwerb war zudem deutlich unterdurchschnittlich
entlöhnt: Die Beklagte rechnete per 2017 mit Fr. 48'100.- (act. G5.7), der statistische
Durchschnittslohn für Hilfsarbeiterinnen lag im Vergleich dazu gemäss LSE (+
Nominallohnbereinigung) bei Fr. 54'783.-; so legt bereits die anhaltend schlechte
Entlöhnung im Haupterwerb die Aufrechterhaltung des Nebenerwerbs nahe. Die
4.2.6.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beklagte rechnete in der Überentschädigungsberechnung vom 1. Januar 2010 (vgl. act.
G5.6) das Nebenerwerbseinkommen beim mutmasslich entgangenen Verdienst denn
auch an.
Gestützt auf die oben zitierte bundesgerichtliche Rechtsprechung, dass im
Rahmen der Überentschädigungsberechnung auch Einkünfte zu berücksichtigen sind,
die im Rahmen einer oberhalb eines bestimmten Durchschnitts liegenden Arbeitszeit
erzielt werden, ist festzuhalten, dass Nebenerwerbseinkünfte selbst dann zu
berücksichtigen sind, wenn die kumulierten Arbeitspensen (Haupt- und
Nebenerwerbstätigkeiten) in zeitlicher Hinsicht ein 100%-Pensum übersteigen. Folglich
ist auch der Nebenerwerbsverdienst der Klägerin beim mutmasslich entgangenen
Verdienst anzurechnen.
4.2.7.
Unbehelflich ist ferner die Argumentation der Beklagten, dass die
Nebenerwerbstätigkeit nicht anzurechnen sei, da im Vorsorgereglement eine
Bestimmung fehle, wonach eine unselbständige Erwerbstätigkeit neben einer 100%-
Tätigkeit beim mutmasslich entgangenen Verdienst anzurechnen sei. Festzustellen ist,
dass die Beklagte von der Überentschädigungskürzungsmöglichkeit gemäss Art. 34a
Abs. 1 BVG Gebrauch gemacht hat (vgl. Art. 36.2 Abs. 1 Vorsorgereglement). Wie die
Beklagte selbst feststellte, gibt es im Vorsorgereglement jedoch keine
Einschränkungen hinsichtlich der beim mutmasslich entgangenen Verdienst
anzurechnenden Einkommen. Da die Überentschädigung hinsichtlich des
Rentenanspruchs eine negative Anspruchsvoraussetzung bildet, ist hinsichtlich des
Kürzungsgrundes nach den allgemeinen Beweisregeln die Vorsorgeeinrichtung
beweisbelastet (vgl. Hans-Ulrich Stauffer, Rechtsprechung des Bundesgerichts zur
beruflichen Vorsorge, 4. Auflage 2019, Zürich/Basel/Genf 2019, S. 132). Die Beklagte
hat jedoch den Beweis für die von ihr vertretene Ansicht nicht erbracht, weshalb auf die
gesetzliche Regelung und die diesbezügliche Rechtsprechung abzustellen ist. Folglich
ist auch aus diesem Grunde der Nebenerwerbsverdienst der Klägerin beim
mutmasslich entgangen Verdienst zu berücksichtigen (vgl. Stauffer, a.a.O, S. 134ff.,
insbesondere zur Berücksichtigung von Einkommen aus Nebenerwerb siehe S. 137f.).
4.2.8.
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass sowohl das Einkommen aus dem
Haupterwerb als Lagermitarbeiterin als auch dasjenige aus dem Nebenerwerb als
Teilzeitangestellte bei G._ beim mutmasslich entgangenen Verdienst zu
berücksichtigen sind.
4.3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
5.
Die Klägerin ging in der Klage vom 6. Februar 2018 bezogen auf das Jahr 2017 von
einem mutmasslich entgangenen Verdienst von Fr. 67'682.- (Haupterwerbstätigkeit
Fr. 48'374.-, Nebenerwerbstätigkeit Fr. 19'308.-) aus (vgl. act. G1-5). In den
Überentschädigungsberechnungen des Jahres 2017 ging die Beklagte hinsichtlich der
Haupterwerbstätigkeit von einem Verdienst von Fr. 48'100.- aus (vgl. act. G5.7, G5.8).
5.1.
Ausgehend von den in der Überentschädigungsberechnung des Jahres 2010
ausgewiesenen und unbestrittenen Jahresverdiensten (Haupterwerbstätigkeit von
Fr. 46'203.-, Nebenerwerbstätigkeit von Fr. 18'477.-; act. G5.6) ergeben sich bei
Berücksichtigung der Nominallohnentwicklung bis ins Jahr 2017 (Tabelle T1.93,
Nominallohnindex 1993-2018, Total Frauen, bzw. Tabelle T1.10, Bundesamt für
Statistik) leicht höhere Jahresverdienste als von der Klägerin in der Klage geltend
gemacht (Fr. 48'742.- / Fr. 19'492.- bzw. Fr. 48'421.- / Fr. 19'364.-). Folglich ist im
Weiteren von den der Klage zugrundeliegenden Jahresverdiensten von insgesamt Fr.
67'682.- (Haupterwerbstätigkeit Fr. 48'374.-, Nebenerwerbstätigkeit Fr. 19'308.-)
auszugehen.
5.2.
Damit liegt die Überentschädigungsgrenze gerundet bei Fr. 60'914.- (90% von
Fr. 67'682.-). Bei anzurechnenden Einkünften von insgesamt Fr. 62'685.- (vgl.
Erwägung 3) besteht somit eine Überentschädigung von Fr. 1'771.- (Fr. 62'685.- -
Fr. 60'914.-).
5.3.
Unbestritten ist, dass die ungekürzte Invalidenrente der Klägerin Fr. 15'315.- pro
Jahr bzw. Fr. 1'276.25 pro Monat und die ungekürzten Invalidenkinderrenten je
Fr. 3'063.- pro Jahr bzw. Fr. 255.25 pro Monat betragen (vgl. act. G5.7, G5.8, G1-5);
insgesamt Fr. 21'441.-. Die Renten sind infolge der ermittelten Überentschädigung um
insgesamt Fr. 1'771.- bzw. um 8.26% zu kürzen.
5.4.
Die gekürzte Invalidenrente der Klägerin beträgt somit Fr. 14'050.- pro Jahr bzw.
Fr. 1'170.85 pro Monat und die gekürzten Kinderinvalidenrenten betragen je Fr. 2'810.-
pro Jahr bzw. Fr. 234.15 pro Monat.
5.5.
In der Replik vom 31. August 2018 informierte die Klägerin, dass die Renten der
Invalidenversicherung per 30. April 2018 weggefallen seien und die entsprechende
Verfügung vom 22. März 2018 in Rechtskraft erwachsen sei. Die Klägerin beschränkte
daher ihre Klage auf die Zeit vom 1. September 2017 bis 30. April 2018 (act. G7-3). Die
Beklagte hat auf die Einreichung einer Duplik und damit auf eine Stellungnahme zur
Klagepräzisierung verzichtet (act. G9).
5.6.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
6.