Decision ID: 0c3213af-cb12-4ae1-860a-7d3efdd91716
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer suchte am 7. Februar 2018 in der Schweiz um Asyl
nach und wurde für den Aufenthalt und das Verfahren dem damaligen Test-
betrieb B._ zugewiesen (vgl. Art. 4 Abs. 3 der [am 29. September
2019 aufgehobenen] Verordnung über die Durchführung von Testphasen
zu den Beschleunigungsmassnahmen im Asylbereich vom 4. September
2013 [TestV, SR 142.318.1]). Er wurde am 13. Februar 2018 zu seinen Per-
sonalien befragt (MIDES Personalienaufnahme), am 11. April 2018 zu sei-
nen Asylgründen angehört (Erstbefragung nach Art. 16 Abs. 3 TestV/Anhö-
rung nach Art. 17 Abs. 2 lit. b TestV) und am 18. April 2018 dem erweiterten
Verfahren zugewiesen. Am 30. Mai 2018 wurde er ergänzend angehört;
anlässlich dieser Befragung wurde ihm das rechtliche Gehör zur Frage sei-
ner Identität gewährt.
Zur Begründung seines Asylgesuchs machte er geltend, afghanischer
Staatsangehöriger der Ethnie Hazara zu sein. Seine Eltern hätten in der
Provinz C._, im Dorf D._ gelebt, bevor sie nach Pakistan
geflohen seien. Grund der Flucht sei gewesen, dass der Vater dazumal
einflussreich gewesen und von einer Bande bestehend aus drei Brüdern
unter Druck gesetzt worden sei. Er selbst sei in E._, Pakistan, ge-
boren. Im Alter von sechs oder sieben Jahren sei er mit seinen Eltern und
Geschwistern nach F._, G._ H._, in der Nähe von
I._, Iran, gezogen. Er habe nie die Schule besucht, autodidaktisch
lesen und schreiben gelernt und Englisch- und Computerkurse besucht.
Zuletzt habe er im Iran als Hilfskraft in einer (...) gearbeitet. Circa im April
oder Mai 2016 sei er wegen illegalen Aufenthalts von der iranischen Polizei
aufgegriffen und nach Afghanistan ausgeschafft worden, wo er von der af-
ghanischen Polizei für mehrere Tage in Gewahrsam genommen worden
sei. Er sei verdächtigt worden, in Syrien gekämpft zu haben. Ausserdem
sei er wegen seiner Ethnie bedroht worden. Während der Einvernahme sei
er gefoltert und durch einen Beamten vergewaltigt worden. Im Gefängnis
sei er in Kontakt mit dem Onkel eines Mitgefangenen gekommen, der ihm
auf dessen Bitte seine Hilfe angeboten habe. Es habe sich sodann heraus-
gestellt, dass besagter Onkel seinen Vater und dessen Fluchtgründe ge-
kannt habe. Er habe ihm gegenüber deutlich gemacht, dass er deshalb in
Afghanistan in Gefahr sei. Der Onkel seines Mitgefangenen habe ihm an-
geboten, mit seiner Familie Kontakt aufzunehmen. Zwei Tage später sei er
entlassen worden. Der Onkel seines Mitgefangenen habe ihm erklärt, dass
seine Eltern Geld bezahlt hätten, um seine Freilassung zu bewirken. Er
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habe ihn zu sich nach Hause nach Herat genommen, wo seine Wunden
ärztlich behandelt worden seien. Nach drei bis vier Tagen habe er in den
Iran reisen können. Bis zu seiner Ausreise im Oktober 2017 habe er bei
seiner Familie gelebt. Die Ausreise sei auf Anraten des Vaters erfolgt.
Die Bedrohungssituation im Heimatstaat Afghanistan bestehe weiter, da
eine der Personen, die dazumal den Vater bedroht hätten, heute noch in
Afghanistan lebe; der Beschwerdeführer habe Angst vor dieser Person. Zu-
dem könne er nicht in Afghanistan leben, da er als Hazara nicht akzeptiert
sei und die Sprache Paschtu nicht beherrsche.
Der Beschwerdeführer reichte zur Untermauerung seiner Identität und sei-
ner Vorbringen die Kopie des australischen Führerscheins, bei welchem es
sich um den seines Bruders handeln soll, einen iranischen Passier-
schein/Schülerausweis sowie ein Sprachdiplom aus dem Iran zu den Ak-
ten. Das SEM hat zudem zahlreiche Auszüge aus Facebook- und Insta-
gram-Konten des Beschwerdeführers sowie seines Umfelds zu den Akten
genommen.
B.
Mit am gleichen Tag eröffneter Verfügung vom 31. Januar 2020 verneinte
die Vorinstanz die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers, lehnte
sein Asylgesuch ab und verfügte die Wegweisung aus der Schweiz sowie
deren Vollzug.
C.
Gegen diesen Entscheid erhob der Beschwerdeführer – handelnd durch
die rubrizierte Rechtsvertreterin – am 2. März 2020 beim Bundesverwal-
tungsgericht Beschwerde und beantragte die Aufhebung der vorinstanzli-
chen Verfügung, die Anerkennung als Flüchtling und die Gewährung von
Asyl durch die Vorinstanz. Eventualiter sei die Vorinstanz anzuweisen, ihn
wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs vorläufig in der Schweiz
aufzunehmen. Subeventualiter sei die Sache zur erneuten Sachverhalts-
abklärung an die Vorinstanz zurückzuweisen.
In prozessualer Hinsicht ersuchte er um Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung unter Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses
sowie um Beiordnung der rubrizierten Rechtsvertreterin als amtliche
Rechtsbeiständin.
Mit der Beschwerde wurden ein Notfallbericht des (...)spitals J._
vom 5. September 2018, ein Bericht des Röntgeninstituts K._ vom
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19. September 2018, ein Bericht des Kunsttherapeuten L._ vom
25. Februar 2020 sowie ein Bericht von M._, M. Sc. Psychologie,
vom 27. Februar 2020 eingereicht.
D.
Mit Zwischenverfügung vom 24. April 2020 wurde das Gesuch um Gewäh-
rung der unentgeltlichen Prozessführung gutgeheissen und auf die Erhe-
bung eines Kostenvorschusses verzichtet. Die Rechtsvertreterin wurde
aufgefordert, den Nachweis zu erbringen, dass sie persönlich die Voraus-
setzungen zur Beiordnung als amtliche Rechtsbeiständin erfüllt. Zudem
wurde die Vorinstanz zur Einreichung einer Vernehmlassung eingeladen.
E.
Mit Eingabe vom 11. Mai 2020 reichte die rubrizierte Rechtsvertreterin die
für den Nachweis zur Erfüllung der Anforderungen als amtliche Rechtsbei-
ständin notwendigen Unterlagen ein.
F.
Mit Zwischenverfügung vom 15. Mai 2020 wurde das Gesuch um Beiord-
nung der rubrizierten Rechtsvertreterin als amtliche Rechtsbeiständin gut-
geheissen.
G.
Mit Vernehmlassung vom 18. Mai 2020 nahm die Vorinstanz mit ergänzen-
den Anmerkungen zur Beschwerde Stellung, wobei weitere Facebook- und
Instagram-Auszüge zu den Akten genommen wurden.
H.
Die Vernehmlassung wurde dem Beschwerdeführer mit Zwischenverfü-
gung vom 22. Mai 2020 zugestellt und ihm Gelegenheit zur Einreichung
einer Replik gewährt.
I.
Mit Replik vom 8. Juni 2020 nahm der Beschwerdeführer unter Beilage von
Facebook-Auszügen zur Vernehmlassung des SEM Stellung.
J.
Mit Eingabe vom 10. Dezember 2021 äusserte sich der Beschwerdeführer
zur aktuellen Lage in Afghanistan.
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Seite 5
K.
Mit Zwischenverfügung vom 9. Februar 2022 wurde das SEM zu einer er-
neuten Vernehmlassung eingeladen.
L.
Im Rahmen des zweiten Schriftenwechsels zog das SEM den ursprüngli-
chen Asylentscheid mit Verfügung vom 16. Februar 2022 teilweise in Wie-
dererwägung, hob die Dispositivziffern 3 und 4 der Verfügung vom 31. Ja-
nuar 2020 auf und ordnete infolge Unzumutbarkeit des Wegweisungsvoll-
zugs die vorläufige Aufnahme des Beschwerdeführers in der Schweiz an.
M.
Mit Zwischenverfügung vom 22. Februar 2022 wurde der Beschwerdefüh-
rer aufgefordert mitzuteilen, ob er an seiner Beschwerde festhalten wolle,
soweit diese nicht durch die vorinstanzliche Verfügung vom 16. Februar
2022 gegenstandslos geworden sei, oder ob er diese allenfalls zurückzie-
hen wolle. Der Beschwerdeführer reichte innert Frist keine Stellungnahme
ein.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
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1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
Das SEM hat mit Verfügung vom 16. Februar 2022 die Verfügung vom
31. Januar 2020 teilweise in Wiedererwägung gezogen, deren Dispositiv-
Ziffern 3 und 4 aufgehoben und die vorläufige Aufnahme des Beschwerde-
führers infolge Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzuges angeordnet.
Demnach erweist sich die Beschwerde diesbezüglich als gegenstandslos,
weshalb sich das vorliegende Verfahren auf die Prüfung der Flüchtlingsei-
genschaft, die Asylgewährung und die Aufhebung der Wegweisung be-
schränkt.
4.
4.1 Das SEM führte zur Begründung seines Entscheides aus, dass die
Ausführungen des Beschwerdeführers zu seinen fluchtbegründenden Um-
ständen den Anforderungen an die Glaubhaftmachung nicht genügen wür-
den.
Zu seinem Vorbringen, von den iranischen Behörden verhaftet, nach Af-
ghanistan ausgeschafft und dort in Gewahrsam geschlagen und vergewal-
tigt worden zu sein, habe er widersprüchliche zeitliche Angaben gemacht.
Die Umstände des Vorfalls und seine Peiniger habe er nur unsubstanziiert
schildern beziehungsweise beschreiben können. Das Gleiche gelte für die
geltend gemachte Folter. Darüber hinaus würden die geltend gemachten
Übergriffe selbst bei unterstellter Glaubhaftigkeit keine Asylrelevanz be-
gründen. Bei diesen handle es sich um zufällige und einzelne Übergriffe
seitens der Behörde.
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Des Weiteren würden seine Ausführungen zu seinem Lebenslauf und sei-
nen Lebensumständen wenig substanziiert, diffus und widersprüchlich wir-
ken. Es entstehe der Eindruck, seine Vorbringen entsprächen nicht den
Tatsachen und er versuche, seine Biografie und seine Identität zu ver-
schleiern. Es werde zwar nicht bestritten, dass er sich in Afghanistan, Pa-
kistan und im Iran aufgehalten habe; ebenfalls könne davon ausgegangen
werden, dass seine Eltern aus Afghanistan stammen würden und er ethni-
scher Hazara sei. Zwar sei verständlich, dass eine Person wie der Be-
schwerdeführer, der nie in Afghanistan gelebt habe, über beschränkte Län-
derkenntnisse verfüge. Es sei jedoch zu erwarten, dass er substanziierte
Angaben zu seiner Familiengeschichte, zu Verwandten in Afghanistan und
gewissen geografischen Besonderheiten machen könne und Identitätspa-
piere, Geburtsurkunden oder andere Herkunftsangaben von sich oder sei-
ner Familie hätte einreichen können. Zwar habe er die Nachbardörfer sei-
nes Heimatortes in Afghanistan benennen können, jedoch den Heimatort
nicht in einen grösseren geografischen Kontext setzen können. Zudem
habe er nicht erklären können, wie sein Vater in Afghanistan seinen Le-
bensunterhalt verdient habe und aus welchen Gründen seine Eltern aus
Afghanistan geflohen seien. Angaben zu in Afghanistan verbliebenen Fa-
milienangehörigen würden gänzlich fehlen.
Des Weiteren habe er widersprüchliche, ausweichende und tatsachenwid-
rige Angaben zu seinen Verwandten gemacht. Zunächst habe er erklärt,
keine Verwandten ausserhalb des Irans zu haben und Facebook nicht zu
nutzen. Es würden aber mindestens vier Facebook-Konten und mehrere
Instagram-Konten von ihm existieren, die nahelegen würden, dass der Be-
schwerdeführer ständig mit seinem sozialen Umfeld in Kontakt stehe und
mit überwiegender Wahrscheinlichkeit über Verwandte und Bekannte in Af-
ghanistan, Australien, Pakistan und weiteren Drittstaaten verfüge.
Unter Berücksichtigung der in der ergänzenden Anhörung zu den Akten
gereichten Beweismittel sei davon auszugehen, dass der Name A._
tatsächlich sein Name sei. Dennoch bestünden weiterhin Zweifel an seinen
Herkunftsangaben, zumal es sich beim eingereichten Schulbeleg um einen
elfjährigen Passagierschein handle, der darauf hindeute, dass der Be-
schwerdeführer und seine Eltern seit Längerem bei den iranischen Behör-
den registriert seien. Es sei mithin nicht nachvollziehbar, dass der Be-
schwerdeführer keine anderen amtlichen Dokumente seine Familie betref-
fend vorweisen könne und es müsse davon ausgegangen werden, dass er
solche Dokumente gezielt zurückhalte. Des Weiteren seien Ungereimthei-
ten in Bezug auf sein Geburtsdatum festzustellen: Zum einen sei auf dem
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Passagierdatum sein Geburtsdatum mit (...) vermerkt, im Verfahren habe
er hingegen den (...) beziehungsweise den (...) angegeben. Dasselbe
gelte auch für sein Vorbringen, keine schulische Ausbildung genossen zu
haben und sich Lesen und Schreiben autodidaktisch beigebracht zu ha-
ben, zumal seine Sprachkompetenzen überdurchschnittlich zu sein schei-
nen. Auch der Umstand, dass er private Englisch- und Computerkurse
habe besuchen können und auf Facebook in einem Pool badend oder mit
einem teuren Smartphone zu sehen sei, sei nicht mit seiner Aussage ver-
einbar, aus ärmlichen Verhältnissen zu stammen. Seine diesbezügliche Er-
klärung sei sodann ausweichend und uneinheitlich ausgefallen.
Weitere Ungereimtheiten würden sich hinsichtlich seines Aufenthalts in Af-
ghanistan ergeben, wonach er im Datenblatt «Questionnaire Europa» an-
gegeben habe, Afghanistan im Jahre 2004 verlassen zu haben, demge-
genüber an der Personalienaufnahme ausgeführt habe, in E._, Pa-
kistan geboren zu sein und mithin nie in Afghanistan gelebt zu haben. Auch
zum Ausreisezeitpunkt aus dem Iran hätten sich Diskrepanzen ergeben,
indem er zunächst ausgeführt habe, den Iran im Oktober 2017 verlassen
zu haben, jedoch in der Datenbank Eurodac seine Fingerabdrücke bereits
im Juli 2017 in Griechenland erfasst worden seien. Des Weiteren sei auf-
grund seiner Einträge auf Facebook und den entsprechenden Ausführun-
gen unklar, ob er sich tatsächlich für die von ihm genannte Zeit im Iran
aufgehalten habe. Beiträge und Fotos eines Freundes würden nahelegen,
dass seine diesbezüglichen Vorbringen nicht wahrheitsgemäss seien, er
sich vielmehr überwiegend in Pakistan aufgehalten habe. Selbst auf die
Widersprüche angesprochen, habe er diese nicht aufklären können. Es sei
mithin davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer erst als Erwachse-
ner in den Iran gereist sei, zum Arbeitserwerb. Insgesamt bleibe unklar, wo
der Beschwerdeführer geboren worden sei und wie lange er sich tatsäch-
lich in Afghanistan, Pakistan oder im Iran aufgehalten habe. Sein Aussage-
verhalten sei stereotyp für konstruierte Biografien. Es sei daher davon aus-
zugehen, dass der Beschwerdeführer seine tatsächliche Herkunft und den
Aufenthaltsstatus im Iran verschleiere.
Schliesslich sei sein Vorbringen, aufgrund seiner Ethnie in Afghanistan ver-
folgt zu werden, nicht asylrelevant, zumal sämtliche Bevölkerungsschich-
ten und Ethnien in Afghanistan unter kriegsbedingten Nachteilen zu leiden
hätten.
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4.2 Dem wird auf Beschwerdeebene zunächst entgegnet, die Aussagen
des Beschwerdeführers seien als glaubhaft zu erachten. Es müsse berück-
sichtigt werden, dass es sich beim Beschwerdeführer zum Zeitpunkt der
Asylgesuchstellung um einen (...)-jährigen, unter posttraumatischer Belas-
tungsstörung leidendenden Mann gehandelt habe, der nie eine Schule be-
sucht habe. Aufgrund des Dari-Dialekts des Beschwerdeführers habe die
Dolmetscherin sodann an der Anhörung vom 30. Mai 2018 viele Rückfra-
gen stellen müssen. Die Anhörung habe lange gedauert und der Beschwer-
deführer sei unkonzentriert und aufgebracht gewesen. Die erste Anhörung
sei zudem von einem Mann geleitet worden, wobei aber die geschlechts-
spezifischen Themen nicht gänzlich ausgeklammert worden seien. Auch
der zweite Teil der ergänzenden Anhörung sei von einem Mann weiterge-
führt worden, nachdem im ersten Teil die Anhörung zum geschlechtsspezi-
fischen Thema stattgefunden habe. Der Befrager sei in Unkenntnis des
ersten Teils der Befragung gewesen. An der ergänzenden Anhörung habe
der Beschwerdeführer seine Vorbringen frei, detailliert, mittels Gestik und
versehen mit nonverbalen Gefühlsregungen geschildert. Die eingereichten
Arztberichte würden im Weiteren die aus den Übergriffen herrührende
Traumafolge-Störung belegen. Der vom SEM erkannte Widerspruch, der
Beschwerdeführer habe an der ersten Anhörung ausgeführt, am zweiten
Tag der Haft sei ihm nichts passiert, während er später vorgebracht habe,
an diesem Tag gefoltert worden zu sein, dürfe nicht zur Entscheidfindung
verwendet werden, da der Beschwerdeführer bei der Erstbefragung nicht
durch einen männlichen Sachbearbeiter zu seinen gewaltspezifischen
Fluchtgründen hätte befragt werden dürfen.
In Bezug auf die Asylrelevanz sei festzuhalten, dass der Beschwerdeführer
als zurückgeschaffter Hazara und Schiite von den afghanischen Sicher-
heitskräften für einen Auslandsafghanen gehalten worden sei, der für die
iranischen Interessen im Syrienkrieg gekämpft habe. Bei einer Wiederein-
reise bestünde die Gefahr, dass er erneut dessen verdächtigt und verhaftet
werde. Er sei aufgrund seiner vermeintlichen politischen Anschauungen
verhaftet worden; aus demselben Grund sei er auch vergewaltigt und ge-
foltert worden. Er müsse mithin auch in Zukunft eine Verfolgung durch die
afghanischen Behörden aus politischen Motiven befürchten.
Schliesslich liege eine Reflexverfolgung vor, weil der Vater des Beschwer-
deführers sich geweigert habe, mit einer Bande zusammenzuarbeiten, als
deren politischer Gegner angesehen werde und daher Afghanistan verlas-
sen habe.
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In der Beschwerde wurden sodann zur Frage der Glaubhaftigkeit der Iden-
titäts- und Herkunftsangaben des Beschwerdeführers Stellung genommen.
So habe der Beschwerdeführer die Richtigkeit seiner Angaben zu seinem
Namen mittels der eingereichten Beweismittel (Passierschein und Zeugnis
eines privaten Englischkurses) belegen können. Die Kopie des australi-
schen Führerausweises seines Bruders weise ausserdem denselben
Nachnamen auf. Sein Geburtsdatum kenne er bloss aufgrund dessen, was
ihm seine Eltern erzählt hätten. Dass er an der Erstbefragung zunächst
habe nachrechnen müssen, spreche gegen ein von ihm erfundenes Ge-
burtsdatum. Wieso auf dem Passagierschein ein anderes Geburtsdatum
stehe, könne er sich nicht erklären. In Bezug auf seine Herkunft sei festzu-
halten, dass das SEM seine afghanische Staatsangehörigkeit nicht be-
streite. Der Beschwerdeführer habe sodann das Heimatdorf seiner Eltern
benennen und in einen grösseren geografischen Kontext setzen können.
Auch seine Aufenthalte in Pakistan und im Iran habe er unter Nennung ge-
nauer Aufenthaltsorte und lebensnaher Beschreibungen schildern können.
Aus seinen Erzählungen sei ferner ersichtlich, dass er sich lange Zeit –
anders als vom SEM angenommen – ohne Aufenthaltsstatus im Iran auf-
gehalten habe. So habe er die Schule nicht besuchen und sein Vater habe
bloss Gelegenheitsarbeiten ausführen können. Die vom SEM erwähnten
Facebook-Einträge seien wenig aussagekräftig, die daraus gezogenen
Schlüsse weit hergeholt und konstruiert. Dasselbe gelte auch für die Nach-
forschungen des SEM hinsichtlich seiner Verwandtschaft, zumal in den so-
zialen Medien nicht zwingend der richtige Name oder die tatsächliche Ort-
schaft verwendet würden. Insgesamt könne aus einem Profil in den sozia-
len Medien nur beschränkt Rückschlüsse auf die realen Lebensumstände
einer Person gezogen werden. Soweit sich das SEM auf den «Question-
naire d’Europe» beziehe, um Widersprüchlichkeiten aufzuzeigen, sei fest-
zuhalten, dass der Beschwerdeführer – auch mangels einer Rücküberset-
zung des Formulars – nicht gewusst habe, was mit Ausreisezeitpunkt ge-
meint sei. Im Rahmen seiner Möglichkeiten habe sich der Beschwerdefüh-
rer sodann offen, genau und widerspruchsfrei zu seinen verwandtschaftli-
chen Verbindungen geäussert. Zum Fluchtgrund seiner Eltern hätte er an
der durch einen Mann durchgeführten Erstbefragung gar nicht erst ange-
hört werden dürfen; ausserdem sei verständlich, dass Eltern ihr Kind mit
den Details ihrer Flucht nicht würden belasten wollen. Schliesslich handle
es sich bei den vom Beschwerdeführer besuchten Englisch- und Compu-
terkursen um Teilzeitkurse, die er sich nur dank seines Jobs als (...) habe
finanzieren können.
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4.3 In der Vernehmlassung führte das SEM aus, dass es an der ersten Be-
fragung nicht zu Übersetzungsproblemen gekommen sei, zumal Rückfra-
gen der dolmetschenden Person kein Indiz für Verständigungsprobleme
darstellen würden. In Bezug auf den Bildungsstand des Beschwerdefüh-
rers, der vom SEM weiterhin angezweifelt werde, sei festzuhalten, dass
der Beschwerdeführer offenbar in der Lage sei, psychologische Fachlitera-
tur zu lesen und komplexe Sachverhalte zu erfassen und zu verstehen.
Umso mehr erstaune es, dass er hinsichtlich seiner eigenen Fluchtvorbrin-
gen keine klaren und nachvollziehbaren Aussagen machen könne. Aus
dem Aussageverhalten des Beschwerdeführers seien zudem keine An-
haltspunkte dafür erkennbar, dass er aufgrund eines Traumas oder fehlen-
der Schulbildung in der Anhörung eingeschränkt oder gehemmt gewesen
wäre. Des Weiteren sei festzuhalten, dass die Identität des Beschwerde-
führers, wie von ihm vorgebracht, bloss als wahrscheinlich erachtet werde
und nicht, wie in der Beschwerde ausgeführt, als belegt gelte. Festzustel-
len sei ausserdem, dass das SEM nicht daran zweifle, dass der Beschwer-
deführer sich in Afghanistan, Pakistan und im Iran aufgehalten habe, je-
doch fraglich sei, wo genau, wann und mit wem. Aufgrund des weiteren
Aussageverhaltens des Beschwerdeführers, beispielsweise zur politischen
Lage, wären substanziiertere Ausführungen auch zu seinen Aufenthalten
zu erwarten gewesen. Es sei mithin anzunehmen, dass der Beschwerde-
führer Afghane sei, jedoch nicht aus der von ihm angegebenen Region
stamme. In Bezug auf die Nachforschungen in den sozialen Medien könne
festgestellt werden, dass der Beschwerdeführer kontinuierlich mit densel-
ben Personen in Kontakt stehe. Unter seinen Kontakten gebe es zahlreiche
Verbindungen, übereinstimmende Namen und Ortsangaben sowie äusser-
liche Ähnlichkeiten, so dass anzunehmen sei, dass der Beschwerdeführer
sein tatsächliches Beziehungsnetz zu verschleiern versuche.
4.4 In der Replik wurde ausgeführt, der Umstand, dass die Dolmetscherin
an der Anhörung mehrfach habe nachfragen müssen, deute auf Verständi-
gungsprobleme hin. Der Beschwerdeführer könne durcheinander gewesen
sein wegen der vielen Sprachen. Ausserdem werde die Rückübersetzung
durch dieselbe Person durchgeführt wie die Übersetzung an sich und der
Beschwerdeführer sei nicht in der Lage, die Richtigkeit der Übersetzung zu
überprüfen. Die posttraumatische Belastungsstörung des Beschwerdefüh-
rers sei zu berücksichtigen, ungeachtet dessen, ob er imstande sei, psy-
chologische Fachliteratur zu lesen oder nicht. Er sei an der Anhörung in
seinem Redefluss eingeschränkt beziehungsweise gehemmt und insge-
samt aufgebracht und unkonzentriert gewesen. Beispielhaft sei, dass er die
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sexuellen Übergriffe nicht habe beim Namen nennen können. Des Weite-
ren sei aus den Ausführungen des SEM sowie des Eintrags im Zentralen
Migrationssystem (ZEMIS), der unverändert belassen worden sei, zu
schliessen, dass die Vorinstanz den Namen sowie die Herkunft und das
Alter des Beschwerdeführers für überwiegend wahrscheinlich halte. Es
hätte – entgegen der vorinstanzlichen Einschätzung – eine vertiefte Befra-
gung zur Herkunft beziehungsweise eine Lingua-Analyse durchgeführt
werden müssen, zumal die Vorinstanz derart an den Vorbringen des Be-
schwerdeführers seine Herkunft betreffend zweifle. Schliesslich könnten
die Recherchen auf Facebook nicht als Beweis für das Netzwerk des Be-
schwerdeführers hinzugezogen werden.
5.
5.1 Zunächst ist hinsichtlich der geltend gemachten formellen Rügen fest-
zuhalten, dass der Sachverhalt vorliegend nach Ansicht des Bundesver-
waltungsgerichts genügend erstellt ist und sich aus den Anhörungsproto-
kollen keine Anhaltspunkte dafür ergeben, dass es dem Beschwerdeführer
nicht möglich war, seine Fluchtgründe dezidiert darzulegen. Sodann sind
auch keine Umstände ersichtlich, aufgrund welcher darauf geschlossen
werden müsste, dass die Anhörungsprotokolle wegen Verfahrensfehlern
keiner rechtlichen Würdigung unterzogen werden dürften.
5.2 So ist die Meinung des SEM zu teilen, dass die Nachfragen der Dol-
metscherin in der ergänzenden Anhörung vom 30. Mai 2018 der Klärung
des Sachvortrages dienten und daraus nicht geschlossen werden kann,
dass fehlerhafte Protokollierungen erfolgten. Auch aus der Dauer der An-
hörung kann vorliegend nicht auf eine Verfahrenspflichtverletzung ge-
schlossen werden. Eine andere Einschätzung ergibt sich auch nicht aus
den Notizen der damaligen Rechtsvertreterin im Nachgang der Anhörung,
in welchen diese festhielt, die Anhörung habe von 11.00 bis 13.15 und von
14.00 bis 19.25 gedauert und die Rückübersetzung habe erst um 18.15
begonnen, weshalb die Konzentrationsfähigkeit der Beteiligten einge-
schränkt gewesen sei; insbesondere der Beschwerdeführer sei müde und
aufgewühlt gewesen. Weder der Beschwerdeführer noch die Rechtsvertre-
tung haben während der Anhörung in diesem Sinne entsprechend interve-
niert oder geltend gemacht, dass es dem Beschwerdeführer nicht mehr
möglich gewesen ist, der Anhörung im geforderten Umfang zu folgen. An-
haltspunkte dafür ergeben sich auch nicht aus dem Protokoll. Der Be-
schwerdeführer hat sodann die vollständige und richtige Protokollierung
unterschriftlich bestätigt und auch die Rechtsvertreterin hat diesbezüglich
keine Anmerkungen angebracht. In der Beschwerde wird denn auch nicht
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dargelegt, inwiefern der Sachvortrag oder das erstellte Protokoll über die-
sen unrichtig sein soll. Vielmehr wird vorgetragen, diese «ungünstigen Um-
stände» seien bei der Würdigung der Glaubhaftmachung zu berücksichti-
gen (vgl. Beschwerde S. 6).
5.3 Weiter wird gerügt, dass anlässlich der Anhörung vom 11. April 2018
Fragen zur geschlechtsspezifischen Verfolgung gestellt worden seien, ob-
wohl die Anhörung nicht – wie vom Beschwerdeführer vorgängig ge-
wünscht – in einem reinen Frauenteam stattgefunden habe. Es sei in der
ergänzenden Anhörung am 30. Mai 2018 nach der Anhörung zu den ge-
schlechtsspezifischen Gründen in einem Frauenteam sodann zu einem
Wechsel der befragenden Person gekommen, wobei der eingewechselte
Befrager in Unkenntnis der geschlechtsspezifischen Vorbringen gewesen
sei. Auch diesbezüglich ist keine Verletzung von Verfahrenspflichten fest-
zustellen. Die Rechtsvertretung hat am 9. April 2018 angezeigt, dass der
Beschwerdeführer geschlechtsspezifische Asylgründe vorbringe und wün-
sche, von einem reinen Frauenteam angehört zu werden. Anlässlich der
Anhörung am 11. April 2018 wurde dieses Anliegen unter Verweis auf Art. 6
der Asylverordnung 1 über Verfahrensfragen (AsylV 1; SR 142.311) thema-
tisiert und der Beschwerdeführer dazu aufgefordert mitzuteilen, ob er zu
den sexuellen Gewalterfahrungen – wie gesetzlich vorgesehen – in einem
gleichgeschlechtlichen Team (mithin einem Männerteam) angehört werden
wolle oder in einem reinen Frauenteam. Der Beschwerdeführer bekräftigte
seinen Wunsch, zu seinen sexuellen Gewalterfahrungen in einem reinen
Frauenteam angehört werden zu wollen. Der zuständige Fachspezialist er-
klärte daraufhin, dass aufgrund dieses Wunsches eine einlässliche Anhö-
rung zu diesen Gewalterfahrungen eine weitere ergänzende Anhörung zu
einem späteren Zeitpunkt durchgeführt werde. Diesem Vorgehen stimmte
der Beschwerdeführer zu und auch seitens der anwesenden Rechtsvertre-
terin wurde dies nicht moniert (vgl. SEM-Akten [...]-19/20 [nachfolgend:
act. A19/20] F1 – 4). Es erfolgte im Anschluss eine Befragung zu folgenden
Themen: Beziehung/Familie; Wohnort/Aufenthalte; Schule/Ausbildung;
Beruf/Arbeit; Ausreise/Reiseweg; Herkunftsfragen (act. A19/20
F5 – F154). Unter der Überschrift «Gesuchsgründe» wurden Fragen zu
den Fluchtgründen der Eltern aus Afghanistan gestellt (act. A19/20
F155 – F164). Im Zusammenhang mit den sexuellen Gewalterfahrungen
wurde gefragt, ob diese in einem Konnex mit den Fluchtgründen der Eltern
stünden (act. A19/20 F165), was der Beschwerdeführer verneinte. Die an-
wesende Rechtsvertreterin erkundigte sich sodann nach dem Ort und Zeit-
punkt der Übergriffe, wobei der Beschwerdeführer antwortete, die Angriffe
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seien zwei Jahre vorher in der Zeit als er nach Afghanistan deportiert wor-
den sei, verübt worden. Im Anschluss wurde seitens des zuständigen
Sachverständigen gefragt, am wievielten Tag nach der Rückkehr die Ge-
walterfahrung sich zugetragen habe und ob es sich bei den Tätern um Si-
cherheitskräfte gehandelt habe (act. A19/20 F169 f.), was der Beschwer-
deführer dahingehend beantwortete, dass es sich um Polizeibeamte ge-
handelt habe und die Tat direkt nach seiner Ankunft in Herat begangen
worden sei. Weitergehende Fragen, welche explizit die sexuellen Gewalt-
erfahrungen betreffen könnten, wurden hingegen nicht gestellt und für
diese die ergänzende Anhörung vorgesehen. In der ergänzenden Anhö-
rung am 30. Mai 2018 wurde der Beschwerdeführer einlässlich in einem
reinen Frauenteam zu seinen sexuellen Gewalterfahrungen angehört
(SEM-Akten [...]-31/25 [nachfolgend: act. A31/25] F11 – F71). Im An-
schluss setzte der in der Anhörung vom 11. April 2018 befragende Fach-
spezialist die Anhörung fort (act. A31/25 F72), bei welcher Fragen der Iden-
titätsabklärung vertieft und des rechtliche Gehör nach Art 36 AsylG zur all-
fälligen Identitätstäuschung gewährt wurden (act. A31/25 F73 – F154).
Diese Vorgehensweise ist nicht zu beanstanden, zumal der Fachspezialist
sich mit seinen zusätzlichen Fragen zur Identität und Herkunft sowie zum
familiären Umfeld auf die Befragung vom 11. April 2018 stützte, die eben-
falls durch ihn geführt wurde.
5.4 Soweit die in der Beschwerde erhobene Rüge der Verletzung der Un-
tersuchungspflicht den Wegweisungsvollzug (namentlich die persönliche
und die familiäre Situation des Beschwerdeführers im Heimatstaat Afgha-
nistan sowie seine gesundheitliche Situation) betrifft, ist eine weitere Aus-
einandersetzung mit dieser Rüge aufgrund der Anordnung der vorläufigen
Aufnahme des SEM durch die Verfügung vom 16. Februar 2022 obsolet
geworden.
5.5 Der Eventualantrag auf Rückweisung der Sache an die Vorinstanz ist
mithin insgesamt abzuweisen.
6.
6.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
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des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
6.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaubhaft-
machen der Vorbringen in verschiedenen Entscheiden dargelegt und folgt
dabei ständiger Praxis. Darauf kann hier verwiesen werden (vgl. BVGE
2015/3 E. 6.5.1 m.w.H.).
7.
7.1 Die vorinstanzlichen Erwägungen sind nach Durchsicht der Akten im
Ergebnis zu bestätigen. Es ist dem Beschwerdeführer nicht gelungen, eine
asylrelevante Verfolgung oder objektiv begründete Verfolgungsfurcht in Be-
zug auf den Heimatstaat Afghanistan glaubhaft zu machen.
7.2 Zunächst kann dem SEM dahingehend zugestimmt werden, dass in
den Ausführungen des Beschwerdeführers Unstimmigkeiten erkennbar
sind, die Zweifel an seiner Lebensgeschichte, namentlich seiner persönli-
chen Situation und der seiner Familie in Pakistan und im Iran aufwerfen.
Diesbezüglich kann vorab auf die Ausführungen des SEM verwiesen wer-
den (Verfügung S. 3 ff.; s.o. E. 4.1). Es scheint auch nach Ansicht des Ge-
richts nicht glaubhaft gemacht, dass sich der Beschwerdeführer illegal im
Iran aufgehalten hat. Dies auch ungeachtet der von der Vorinstanz ange-
strengten Abklärungen zum familiären und sozialen Netz und seinen per-
sönlichen Umständen über die Plattformen Facebook und Instagram. So
ist bereits nicht verständlich, warum lediglich der Beschwerdeführer in den
Fokus der Behörden geraten sein soll, nicht jedoch der Rest der Familie,
hat doch die Mutter und ein Bruder bei den Polizeibehörden vorgesprochen
und die Entlassung des Beschwerdeführers gefordert. Der Familie soll man
lediglich damit gedroht haben, sie auch nach Afghanistan zurückzuführen,
wenn sie in Bezug auf die Rückschaffung des Beschwerdeführers weiter
insistieren würden (vgl. SEM-Akten [...]-31/25 [nachfolgend act. A31/25]
F14 S. 4). Der Beschwerdeführer konnte sodann die Festnahme durch die
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iranischen Behörden und seine Überstellung nach Afghanistan zeitlich in
keiner Weise einordnen (vgl. act. A19/20 F84 – F88).
7.3 Was die Ausführungen des Beschwerdeführers zu dem an ihm verüb-
ten sexuellen Übergriff durch einen Polizisten in Herat kurz nach der Rück-
schaffung nach Afghanistan anbelangt, sind die von der Vorinstanz darge-
legten Zweifel an der Glaubhaftigkeit dieses Vorbringens ebenfalls zu be-
stätigen. Der Beschwerdeführer vermochte in der einlässlichen Anhörung
nicht dezidiert zu beschreiben, was ihm genau angetan wurde (vgl.
act. A31/25 F15 – F17, F47). Ebenso bleiben seine Angaben zu seinem
Peiniger und der weiteren Person, die anwesend gewesen sein soll, ober-
flächlich (vgl. act. A31/25 F39 – F45). Angesichts der emotionalen Reak-
tion des Beschwerdeführers beim Vortrag des Übergriffs auf ihn kann nicht
ausgeschlossen werden, dass der Beschwerdeführer einmal Opfer eines
solchen Übergriffs geworden ist. Der Kontext, in welchen der Beschwerde-
führer sein Vorbringen bettet, scheint jedoch angesichts der vorangegan-
genen Erwägungen nicht glaubhaft. In diesem Zusammenhang ist auch auf
die vom Beschwerdeführer geschilderten Umstände seiner Freilassung
hinzuweisen. So machte er geltend, es sei ihm mit Hilfe des Onkels eines
Mitgefangenen, den er bei der Rückführung kennengelernt habe, gelun-
gen, freizukommen. Besagter Onkel des Mitgefangenen habe bei seinen
Eltern veranlasst, dass der Vater ein Bestechungsgeld zahle. Die vorge-
brachte Motivation, die den Onkel zum Handeln bewegt haben soll, näm-
lich der Umstand, dass er den Vater des Beschwerdeführers und auch des-
sen Probleme gekannt haben will, ist angesichts der langen Landesabwe-
senheit der Familie und der Herkunft aus einer anderen Gegend
(C._) wenig plausibel. Die Ausführungen hierzu, namentlich dazu,
was der besagte Onkel des Mitgefangenen über den Vater wisse, blieben
denn auch unsubstanziiert (vgl. act. A31/25 F19, F30). Die Vorinstanz hat
sodann zutreffend einen relevanten Widerspruch darin erkannt, dass der
Beschwerdeführer anlässlich der Erstanhörung weitere, über die Vergewal-
tigung hinausgehende Vorkommnisse an den darauffolgenden Tagen ver-
neinte und demgegenüber in der ergänzenden Anhörung vorbrachte, er sei
am Tag nach der Vergewaltigung gefoltert und seine Haut sei verbrannt
worden. Auf Vorhalt hin vermochte der Beschwerdeführer diesen Wider-
spruch nicht aufzulösen (act. A31/25 F58 – F68). Schliesslich sind für die
in der Beschwerde unsubstanziiert gebliebene Gefahr einer Reflexverfol-
gung, welcher der Beschwerdeführer aufgrund einer früheren Verfolgung
seines Vaters durch eine private Bande ausgesetzt wäre, keine Anhalts-
punkte ersichtlich. Die Fluchtgründe wurden denn auch weder im vor-
instanzlichen Verfahren noch auf Beschwerdeebene substanziiert.
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7.4 Soweit der Beschwerdeführer geltend macht, seine Zugehörigkeit zur
Ethnie der Hazara begründe bereits eine Furcht vor zukünftiger Verfolgung
in Afghanistan, ist zwar nicht in Abrede zu stellen, dass sich die Situation
der Hazara in Afghanistan schwierig präsentieren kann. Indes kann nicht
von einer Kollektivverfolgung der genannten Personengruppen ausgegan-
gen werden. Das SEM hat zu Recht festgehalten, dass keine Anzeichen
dafür vorliegen würden, dass die Hazara alleine wegen ihrer Ethnie einer
gezielten Verfolgung unterlägen. An dieser Einschätzung ist auch nach der
Machtübernahme der Taliban im August 2021 festzuhalten, da derzeit
keine Informationen vorliegen, die darauf hindeuten, dass die Hazara als
Volksgruppe in genereller Art von asylrechtlich relevanter Verfolgung be-
droht sind (vgl. Urteil des BVGer D-3385/2017 vom 20. Oktober 2021
E. 5.1). Auch aus den Ausführungen auf Beschwerdeebene lässt sich nicht
auf eine Verfolgungsfurcht aufgrund der Ethnie schliessen.
7.5 Zusammenfassend ist festzustellen, dass die geltend gemachten Vor-
bringen nicht geeignet sind, eine asyl- respektive flüchtlingsrechtlich rele-
vante Verfolgung respektive eine entsprechende Verfolgungsfurcht zu be-
gründen. Die Vorinstanz hat deshalb zu Recht die Flüchtlingseigenschaft
verneint und das Asylgesuch des Beschwerdeführers abgelehnt.
8.
8.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
8.2 Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
9.
Nachdem das SEM mit Verfügung vom 16. Februar 2022 angesichts der
Lage in Afghanistan die Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs festge-
stellt und die vorläufige Aufnahme des Beschwerdeführers angeordnet hat,
erübrigen sich praxisgemäss weitere Ausführungen zur Zulässigkeit und
Möglichkeit des Wegweisungsvollzugs (vgl. BVGE 2011/7 E. 8, 2009/51
E. 5.4).
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10.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung, so-
weit sie nicht durch Wiedererwägung gegenstandslos geworden ist, Bun-
desrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig sowie
vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und auch sonst nicht zu bean-
standen ist. Die Beschwerde ist insoweit abzuweisen.
11.
11.1 Die Kosten des Beschwerdeverfahrens und die Parteientschädigung
sind dem Beschwerdeführer grundsätzlich nach dem Verhältnis von Obsie-
gen und Unterliegen aufzuerlegen beziehungsweise zuzusprechen (Art. 63
Abs. 1 und Art. 64 Abs. 1 VwVG). Der Beschwerdeführer ist bezüglich sei-
nes Hauptantrags auf Feststellung der Flüchtlingseigenschaft und der Asyl-
gewährung unterlegen. Hinsichtlich seines Eventualbegehrens um Anord-
nung der vorläufigen Aufnahme hat er zufolge der teilweisen Wiedererwä-
gung durch das SEM obsiegt. Praxisgemäss bedeutet dies ein Obsiegen
zur Hälfte.
11.2 Somit wären bei diesem Verfahrensausgang die reduzierten Kosten
(soweit die Abweisung der Beschwerde betreffend) dem Beschwerdeführer
aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Mit Zwischenverfügung vom 24. April
2020 wurde das Gesuch um unentgeltliche Prozessführung gemäss Art. 65
Abs. 1 VwVG gutgeheissen. Da im ZEMIS keine Erwerbstätigkeit verzeich-
net ist, ist davon auszugehen, dass sich die finanzielle Situation des Be-
schwerdeführers nicht relevant verändert hat. Es sind daher keine Verfah-
renskosten zu erheben.
11.3 Mit Zwischenverfügung vom 18. Mai 2020 wurde das in der Be-
schwerde gestellte Gesuch um Beiordnung der rubrizierten Rechtsvertre-
terin als amtliche Rechtsbeiständin im Sinne von aArt. 110a Abs. 1 und
Abs. 3 AsylG gutgeheissen. Sie ist für ihren Aufwand zu entschädigen, so-
weit dieser sachlich notwendig war (vgl. Art. 12 i.V.m. Art. 8 Abs. 2 des Reg-
lements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor
dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]) und soweit dies
den abzuweisenden Teil der Beschwerde betrifft. Die amtliche Rechtsbei-
ständin hat keine Kostennote eingereicht. Auf die Nachforderung einer sol-
chen kann indes verzichtet werden, da der Aufwand für das vorliegende
Beschwerdeverfahren zuverlässig abgeschätzt werden kann (Art. 14
Abs. 2 in fine VGKE). In Anwendung der massgeblichen Bemessungsfak-
toren (vgl. Art. 8 ff. VGKE) und unter Berücksichtigung der vom Gericht
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festgelegten Bedingungen für die Entschädigung amtlich bestellter Rechts-
beistände ist der Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers ein anteiliges
amtliches Honorar in der Höhe von Fr. 1’000. (inkl. anteilige Auslagen)
auszurichten.
11.4 Soweit der Beschwerdeführer zur Hälfte obsiegt hat, ist ihm zu Lasten
der Vorinstanz eine Parteientschädigung zuzusprechen (Art. 64 VwVG;
Art. 7 ff. VGKE). Gestützt auf die in Betracht zu ziehenden Bemessungs-
faktoren (Art. 9–13 VGKE) ist die anteilige Parteientschädigung auf insge-
samt Fr. 1’000.– (inkl. anteilige Auslagen) festzulegen.
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