Decision ID: ddc6eacf-324a-5a28-bde3-7015f0f549bb
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführenden – Kurden türkischer Herkunft aus den Provin-
zen Diyarbakır und Mus mit letztem Wohnsitz in H._ (Provinz
I._) – verliessen eigenen Angaben sowie den Stempelungen in ih-
ren Pässen zufolge die Türkei am 7. März 2017 und flogen von J._
nach K._. Gleichentags suchten sie in der Schweiz um Asyl nach.
B.
Am 14. März 2017 erhob das SEM die Personalien der Beschwerdeführen-
den und befragte sie zum Reiseweg und summarisch zu den Gründen für
das Verlassen des Heimatlandes (Befragung zur Person [BzP]). Am
23. August 2019 hörte das SEM die Eltern und die beiden ältesten Kinder
einlässlich zu den Asylgründen an.
B.a Der Beschwerdeführer machte zur Begründung seines Asylgesuches
geltend, in den 90er Jahren sei sein Heimatdorf L._ im Kreis
M._ niedergebrannt worden. Seine Familie habe danach im Quar-
tier N._ (Kreis O._) in P._ gelebt. Das Quartier sei im
Jahr 2016 dem Erdboden gleichgemacht worden. Er habe sechs Brüder
und zwei Schwestern. Die beiden Schwestern und zwei Brüder würden sich
politisch nicht engagieren. Sein Bruder Q._, der bereits im Gymna-
sium aufgefallen und deshalb mehrmals entführt und gefoltert worden sei,
habe als (...) oppositionelle Menschen (...), bis die Behörden Mitte August
2016 das (...) von ihm und dem Bruder R._ gestürmt und einen
(...)kollegen verhaftet hätten. Q._ und R._ hätten ins Aus-
land flüchten müssen. Q._ sei aufgrund psychischer Probleme in
die Türkei zurückgekehrt. R._ befinde sich mit seiner Familie
(N [...]) in der Schweiz. S._, ein weiterer Bruder, der bereits in den
90er Jahren politisch aktiv gewesen und gefoltert worden sei, lebe in
Schweden. Seine Schwester, welche (...) sei, habe aus Angst vor den Be-
hörden nach dem Putschversuch gekündigt. Sie habe sich für den Bruder
T._ eingesetzt, damit er nicht zu schwer gefoltert werde. Dieser
habe nach seiner Entlassung Angst gehabt und sich nicht mehr politisch
betätigt. Auch U._ sei nicht politisch aktiv. V._ (N [...]) habe
in den 90er Jahren mehrmals auf der Strasse mit der Polizei, welche da-
mals wie eine Bande agiert habe, Probleme gehabt, sei aber nicht verhaftet
worden. Er habe in der Schweiz am 19. März 2018 ein Asylgesuch gestellt,
sei aber noch während des Asylverfahrens am 1. September 2018 freiwillig
in die Türkei zurückgekehrt. Es werde ihnen die Zugehörigkeit zur PKK
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(Partiya Karkerên Kurdistanê, Arbeiterpartei Kurdistans) oder zur FETÖ
(Fethullahçı Terör Örgütü, Fethullahistische Terrororganisation) vorgewor-
fen. Er sei beim (...) in der Türkei als (...) beschäftigt gewesen. Im Jahr
2005 habe er eine gewaltsame Auseinandersetzung mit seinem Chef ge-
habt, da ihn dieser mit herablassenden Aussagen über Menschen kurdi-
scher Ethnie provoziert habe. In den nächsten 14 Monaten sei er vier Mal
versetzt und ihm fortan unterstellt worden, dass er Mitglied der PKK sei. Er
sei auch vom JİTEM (Jandarma İstihbarat ve Terörle Mücadele, ein infor-
meller Geheimdienst der türkischen Gendarmerie) bedroht worden. Als im
Jahr 2016 ihr Quartier im Stadtteil O._ dem Erdboden gleichge-
macht worden sei, habe er nicht mehr schweigen können und sich über
Facebook mit seinen Verwandten darüber unterhalten und die Behörden
fortan kritisiert. Er sei deshalb ein Dorn im Auge der Behörden. Nach dem
gescheiterten Putsch im Juli 2016 sei ihm signalisiert worden, dass er als
(...) bald an der Reihe sei. 40'000 Beamte seien nach dem Putsch auf einer
Liste gestanden für eine Verhaftung. Zwei seiner Kinder hätten in der Tür-
kei eine Gülen-Schule besucht. Dies deshalb, weil das Schulgeld reduziert
worden sei. Er sei nach dem Putsch im Jahr 2016 aufgefordert worden,
den Behörden mitzuteilen, auf welche Schule die Kinder gingen. Er habe
dabei eine gefälschte Liste eingereicht, wonach die Kinder die staatliche
Schule besuchten. Nach diesem Ereignis habe er seine Kinder umgehend
in die staatliche Schule geschickt. Zwischen August und September 2016
sei die Polizei während seiner Abwesenheit zu ihnen nach Hause gekom-
men. Auf Nachfrage von ihm, was sie gewollt hätte, habe die Polizei ange-
ben, dass sie nur seine Adresse verifiziert hätte. Dies deute darauf hin,
dass sein Name auf der Liste stehe und sie ihn hätte verhaften wollen.
Nach einiger Zeit sei die Unsicherheit und die Angst vor der willkürlichen
türkischen Justiz so gross geworden, dass er sich zur Flucht entschlossen
habe. Bei einem Krankenhaus habe er sich ein Krankheitsattest geholt, das
bestätigt habe, dass er seine Krankheit im Ausland, konkret in der Schweiz,
behandeln lassen müsse. Er habe sich dafür zwei Monate Urlaub von sei-
ner Arbeit genommen. Mit dem Krankheitsattest habe er mit der Familie die
Türkei auf legalem Weg verlassen.
Zwei Monate nach der Ausreise sei die Polizei bei ihnen zu Hause gewesen
und habe vom Bruder seiner Frau wissen wollen, warum sie das Land ver-
lassen hätten. Seine Beamtenstelle sei ihm gekündigt worden. In der
Schweiz habe er auf Facebook Texte zu Vorfällen, die er als ungerecht er-
achte, geschrieben.
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B.b Die Beschwerdeführerin machte zur Begründung ihres Asylgesuches
geltend, sie stamme aus X._in der Provinz Mus, das sie im Kinds-
alter verlassen habe, da sich der Staat und die PKK in dieser Region je-
weils Gefechte geliefert hätten. Ausserdem habe einer der älteren Brüder,
der (...) sei, Probleme mit den Behörden gehabt und sei gefoltert worden.
Ihm sei unterstellt worden, PKK-Mitglied zu sein. Sein Vater habe ihn zu
einem Verwandten nach I._ geschickt, der bei der Gülen-Bewegung
sei. Aus Sicherheitsgründen sei danach die ganze Familie nach I._
gezogen. Ihr Bruder habe immer wieder Probleme aufgrund der vermute-
ten Nähe zur PKK gehabt. Nach dem Putschversuch 2016 sei er – obwohl
er sich zwei Jahre in W._ versteckt gehalten habe – aufgrund der
Verbindung mit der Gülen-Bewegung verhaftet worden. Sechs bis sieben
Monate später sei er aufgrund gesundheitlicher Probleme freigelassen
worden. Auch drei Nichten von ihr seien festgenommen worden, wobei un-
klar sei, weshalb. Eine Nichte sei mit einem Mann aus der Gülen-Ge-
meinde verheiratet und eine andere Nichte habe in einem Betrieb der Gü-
len-Bewegung gearbeitet. Eine Nichte sei noch in Haft gewesen, als sie
ausgereist seien. Sie selber sei Sympathisantin der HDP (Halkların Demo-
kratik Partisi, demokratische Partei der Völker). Nach den Vorfällen und
den Verhaftungen vermuteten sie (die Beschwerdeführenden), dass die
Polizei sie aufgrund der kurdischen Abstammung und ihren Familien su-
chen werde. Am 21. März sei jeweils Newroz, wobei eine grosse Verhaf-
tungswelle von Kurden befürchtet worden sei. Daher hätten sie vorher flie-
hen wollen.
Die Beschwerdeführerin gab sodann an, dass sie seit der Einreise in die
Schweiz an Protesten teilnehme, dabei bis vor die türkische Vertretung
marschiere, und sich mit Protestierenden solidarisiere.
B.c Der älteste Sohn gab an, dass ihm selber nichts zugestossen sei, er
aber den politischen Druck gegen seine Familie wahrgenommen habe.
B.d Der zweitälteste Sohn gab an, dass ihm in der Türkei selber nichts wi-
derfahren sei. Er sei ausgereist, weil die Eltern gesagt hätten, sie müssten
die Türkei verlassen. In der fünften Klasse habe er eine Gülen-Schule be-
sucht.
B.e Die Beschwerdeführenden reichten als Beleg ihrer Identität Spezial-
pässe der ganzen Familie, einen abgelaufenen Pass des Beschwerdefüh-
rers, ein Familienbüchlein, einen Führerschein (alle im Original), eine Ko-
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pie des Identitätsausweises (Nüfus) des Beschwerdeführers, die Identitäts-
ausweise der Kinder, zwei Berufsausweise und zwei Personalausweise
(alle im Original) ein.
B.f Als Beweismittel reichten sie ein ärztliches Attest, ein Urlaubsschrei-
ben, ein Kündigungsschreiben, einen mehrseitigen fremdsprachigen
Fliesstext auf neutralem Hintergrund, eine Bestätigung der (...)-Prüfung,
einen Arbeitsablauf, Schuldokumente der Kinder und eine Deutschkursbe-
stätigung ein.
C.
Mit Verfügung vom 1. Mai 2020 stellte das SEM fest, die Beschwerdefüh-
renden würden die Flüchtlingseigenschaft nicht erfüllen, lehnte ihre Asyl-
gesuche vom 7. März 2017 ab, verfügte die Wegweisung aus der Schweiz
und ordnete den Vollzug der Wegweisung an.
D.
Mit Schreiben vom 27. Mai 2020 übermittelte das SEM in Anwendung von
Art. 8 VwVG eine Beschwerde der Beschwerdeführenden vom 19. Mai
2020 (Poststempel 25. Mai 2020) ans Bundesverwaltungsgericht.
E.
Am 28. Mai 2020 reichten die Beschwerdeführenden dieselbe Beschwerde
vom 19. Mai 2020 beim Bundesverwaltungsgericht ein. Gleichentags
wurde den Beschwerdeführenden der Eingang der Beschwerde durch das
Bundesverwaltungsgericht bestätigt.
F.
Mit Schreiben vom 23. Juni 2020 teilten die Beschwerdeführenden dem
Bundesverwaltungsgericht mit, dass sie sich aufgrund der Pandemie bis
anhin nicht rechtlich hätten beraten lassen können, weil die Beratungsstel-
len geschlossen gewesen seien. Weil der Entscheid auf Französisch er-
gangen sei, hätten sie diesen nicht verstanden. Sie hätten einen Termin bei
einem Anwalt, welcher eine Beschwerdeergänzung einreichen werde. Die
Beschwerdeführerin sei schwanger und erwarte am 10. September 2020
das Kind. Sie ersuchten um eine Verfügung, dass sie den Ausgang des
Verfahrens in der Schweiz abwarten dürften.
G.
Mit Eingabe vom 3. Juli 2020 reichten die Beschwerdeführenden, handelnd
durch ihren Rechtsvertreter, eine Beschwerdeergänzung ein und liessen
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beantragen, es sei die angefochtene Verfügung aufzuheben, die Flücht-
lingseigenschaft festzustellen und ihnen Asyl zu gewähren. Eventualiter sei
die vorläufige Aufnahme anzuordnen. Subeventualiter sei die Sache zur
rechtsgenüglichen Sachverhaltsabklärung und zur neuen Entscheidung an
die Vorinstanz zurückzuweisen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht liessen
sie zudem beantragen, es sei die unentgeltliche Prozessführung und
Rechtsverbeiständung im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG i.V.m. aArt. 110a
AsylG unter Beiordnung des Rechtsvertreters als unentgeltlichen Rechts-
beistand zu gewähren und auf die Erhebung eines Kostenvorschusses zu
verzichten.
H.
Mit Verfügung vom 10. Juli 2020 stellte der Instruktionsrichter des Bundes-
verwaltungsgerichts fest, die Beschwerdeführenden dürften den Ausgang
des Verfahrens in der Schweiz abwarten und forderte sie auf, eine Fürsor-
gebestätigung nachzureichen oder mittels beigelegtem Einzahlungsschein
einen Kostenvorschuss von Fr. 750.– zu Gunsten der Gerichtskasse zu
überweisen.
I.
Am 20. Juli 2020 reichten die Beschwerdeführenden eine Fürsorgebestä-
tigung vom 15. Juli 2020, Bestätigungen des Besuchs der Gülen-Schule
der Kinder, einen mehrseitigen fremdsprachigen Fliesstext auf neutralem
Hintergrund und mehrere Referenzschreiben ein.
J.
Mit Verfügung vom 24. Juli 2020 hielt der Instruktionsrichter fest, dass
sämtliche Verfahrensschritte beim SEM in deutscher Sprache stattgefun-
den hätten, insbesondere die Anhörungen und auch die Eingaben der Be-
schwerdeführenden auf Deutsch erfolgt seien. Er forderte sie deshalb auf
anzugeben, ob sie das Beschwerdeverfahren auf Deutsch oder Franzö-
sisch weiterführen wollen.
K.
Mit Schreiben vom 28. Juli 2020 teilten die Beschwerdeführenden mit, dass
sie Deutsch als Verfahrenssprache bevorzugen würden. Zudem reichten
sie einen Nachweis für eine freiwillige und ehrenamtliche Arbeit der Be-
schwerdeführerin ein.
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L.
Mit Verfügung vom 19. August 2020 gab der Instruktionsrichter dem SEM
Gelegenheit, zur Beschwerde Stellung zu nehmen.
M.
Am (...) kam das jüngste Kind der Beschwerdeführenden zur Welt.
N.
Das SEM hielt in der Vernehmlassung vom 1. September 2020 an seiner
Verfügung fest. Der Instruktionsrichter stellte diese den Beschwerdefüh-
renden am 3. September 2020 zur Kenntnisnahme zu.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.3 Die Beschwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teil-
genommen, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt
und haben ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungs-
weise Änderung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legiti-
miert (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die
frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde (aArt. 108 Abs. 1 AsylG;
Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52 Abs. 1 VwVG) ist einzutreten.
1.4 Das am (...) zur Welt gekommene Kind G._ ist praxisgemäss in
das vorliegende Beschwerdeverfahren miteinzubeziehen.
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2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
Die Akten der Brüder V._ (N [...]) und R._ (N [...], E-
3300/2020) wurden für das vorliegende Verfahren beigezogen.
4.
In der Beschwerde wird geltend gemacht, die Vorinstanz habe es unterlas-
sen, die Äusserungen der Beschwerdeführenden ganzheitlich zu betrach-
ten, und insgesamt keine seriöse Würdigung des Sachverhalts vorgenom-
men. Diese Auffassung trifft nicht zu. Das SEM hat in der vorliegenden
zwölfseitigen Verfügung den Sachverhalt umfassend dargelegt und auch
Bezug zu den Geschwistern des Beschwerdeführers genommen, welche
im Ausland ein Asylgesuch eingereicht haben. In der Begründung hat es
die wesentlichen Vorbringen – Verfolgung aufgrund der kurdischen Ethnie,
Reflexverfolgung, Probleme am Arbeitsplatz, Verbindungen zur Gülen-Be-
wegung und subjektive Nachfluchtgründe – hinreichend gewürdigt. Eine
Verletzung des rechtlichen Gehörs liegt offensichtlich nicht vor. Der Rück-
weisungsantrag zur rechtsgenüglichen Sachverhaltsabklärung sowie zur
neuen Entscheidung ist abzuweisen.
5.
5.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken. Den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
5.2 Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaub-
haftmachen der Vorbringen gemäss Art. 7 AsylG in verschiedenen Ent-
scheiden dargelegt und präzisiert. Darauf kann hier verwiesen werden (vgl.
BVGE 2015/3 E. 6.5.1; Urteil des BVGer D-5779/2013 vom 23. Februar
2015 E. 5.6.1 [als Referenzurteil publiziert] m.w.H.).
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5.3 Die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG erfüllt eine asylsu-
chende Person nach Lehre und Rechtsprechung dann, wenn sie Nachteile
von bestimmter Intensität erlitten hat beziehungsweise mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft befürchten muss, welche ihr
gezielt und aufgrund bestimmter Verfolgungsmotive durch Organe des Hei-
matstaates oder durch nichtstaatliche Akteure zugefügt worden sind bezie-
hungsweise zugefügt zu werden drohen (vgl. BVGE 2008/4 E. 5.2). Auf-
grund der Subsidiarität des flüchtlingsrechtlichen Schutzes setzt die Aner-
kennung der Flüchtlingseigenschaft ausserdem voraus, dass die be-
troffene Person in ihrem Heimatland keinen ausreichenden Schutz finden
kann (vgl. BVGE 2011/51 E. 7, 2008/12 E. 7.2.6.2, 2008/4 E. 5.2). Aus-
gangspunkt für die Beurteilung der Flüchtlingseigenschaft ist die Frage
nach der im Zeitpunkt der Ausreise vorhandenen Verfolgung oder begrün-
deten Furcht vor einer solchen. Die Situation im Zeitpunkt des Asylent-
scheids ist jedoch im Rahmen der Prüfung nach der Aktualität der Verfol-
gungsfurcht ebenfalls wesentlich. Veränderungen der objektiven Situation
im Heimatstaat zwischen Ausreise und Asylentscheid sind deshalb zuguns-
ten und zulasten der das Asylgesuch stellenden Person zu berücksichtigen
(vgl. BVGE 2008/4 E. 5.4, WALTER STÖCKLI, Asyl, in: Uebersax/Rudin/Hugi
Yar/Geiser [Hrsg.], Ausländerrecht, 2. Aufl. 2009, Rz. 11.17 und 11.18).
6.
6.1 Das SEM begründet seinen negativen Asylentscheid damit, die Verfol-
gungsvorbringen seien nicht asylrelevant.
Im Einzelnen führt es aus, die Beschwerdeführenden würden Benachteili-
gungen durch die türkischen Behörden aufgrund ihrer kurdischen Ethnie
geltend machen. Es sei allgemein bekannt, dass Angehörige der kurdi-
schen Bevölkerung in der Türkei Schikanen und Benachteiligungen ver-
schiedenster Art ausgesetzt seien. Dabei handle es sich nicht um ernst-
hafte Nachteile im Sinne des Asylgesetzes, die einen Verbleib im Heimat-
land verunmöglichen oder unzumutbar machen würden. Aus diesem Grund
führe die allgemeine Situation, in der sich die kurdische Bevölkerung be-
finde, gemäss gefestigter Praxis für sich allein nicht zur Anerkennung der
Flüchtlingseigenschaft. Aufgrund von Reformen in der Türkei seit dem Jahr
2001 habe sich die Situation der Kurdinnen und Kurden verbessert. Die
kulturellen Aktivitäten würden nicht mehr zu einer Verfolgung führen. Die
kurdische Sprache werde im öffentlichen Raum toleriert, seit dem Jahr
2004 würden kurdische Kurse angeboten und seit Juni 2004 würden im
türkischen Fernsehen auch Sendungen in kurdischer Sprache ausge-
strahlt. Die geltend gemachten Schwierigkeiten gingen in ihrer Intensität
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nicht über die Nachteile hinaus, welche weite Teile der kurdischen Bevöl-
kerung in der Türkei in ähnlicher Weise treffen könnten.
Zudem sei festzuhalten, dass die Beschwerdeführenden vor der Ausreise
keinen Verfolgungsmassnahmen ausgesetzt gewesen seien. Die Men-
schenrechtssituation in der Türkei habe sich seit dem Sommer 2015 und
dem Putsch im Juli 2016 verschlechtert. Seitdem sei es zu Reflexverfol-
gungen von Ehegatten, Eltern und Geschwistern gekommen, wenn eine
gesuchte Person sich den türkischen Behörden entzogen oder ins Ausland
abgesetzt habe, welche beschuldigt werde, in politisch wichtigen Aktivitä-
ten in der Türkei oder im Exil involviert zu sein oder verdächtigt werde, ein
Mitglied oder Anhänger der Gülen-Bewegung zu sein. Gemäss der Recht-
sprechung des Bundesverwaltungsgerichts würden in der Regel die Nach-
teile, welche die Verwandten riskieren, zu wenig intensiv sein, um asyl-
rechtlich relevant zu sein. Eine begründete Furcht vor einer Reflexverfol-
gung würde nur in besonderen Fällen angenommen, wo die Person bereits
ernsthafte Nachteile erlitten habe und verdächtigt werde, in Kontakt mit der
gesuchten Person zu sein oder selbst politisch aktiv zu sein respektive eine
politische illegale Organisation unterstützt zu haben. Zudem müsse die tür-
kische Behörde ein bestimmtes Interesse an der Verhaftung der gesuchten
Person aufgrund deren Profil zeigen.
Der Beschwerdeführer habe sechs Brüder und zwei Schwestern. Seine
Brüder, welche in der Türkei leben würden, seien (...). Obwohl einige Brü-
der, die Probleme mit den türkischen Behörden hätten, sich momentan im
Ausland aufhielten, habe dies keine Konsequenzen für seine Verwandten
in der Türkei. Nichts weise darauf hin, dass er Probleme aufgrund der Ak-
tivitäten seiner geflüchteten Brüder gehabt habe. Im Übrigen sei sein Bru-
der V._, nachdem dieser in der Schweiz ein Asylgesuch gestellt
habe, freiwillig in die Türkei zurückgekehrt. Der Beschwerdeführer habe
keine Verfolgungsmassnahmen ihn betreffend erwähnt. Die Beschwerde-
führerin habe geltend gemacht, drei Nichten seien aufgrund des Verdachts,
Verbindungen mit der Gülen-Bewegung zu haben, verhaftet worden und
ein Bruder sei angeschuldigt worden, Mitglied der PKK zu sein, inhaftiert
und wieder freigelassen worden. Trotz dieser Vorkommnisse habe die Be-
schwerdeführerin selbst nie persönlich Probleme mit den türkischen Be-
hörden gehabt. Demnach seien die Beschwerdeführenden nie einer kon-
kreten Gefahr wegen der Situation ihrer Angehörigen ausgesetzt gewesen.
Vor diesem Hintergrund seien ihre Befürchtungen vor einer asylrelevanten
Verfolgung unbegründet. Ihre Akten würden keine Hinweise enthalten, die
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vermuten liessen, dass sie in Zukunft die Zielscheibe von Massnahmen
einer Reflexverfolgung aufgrund des familiären Umfeldes werden könnten.
Ferner habe sich der Beschwerdeführer vor einer Verfolgung aufgrund sei-
ner beruflichen Aktivitäten gefürchtet. Er habe 15 Jahre als (...) gearbeitet.
Er habe Probleme in der Vergangenheit geltend gemacht und sei folglich
als PKK-Anhänger abgestempelt worden. Nach dem Putschversuch habe
er die Behörden offen kritisiert. Bei den allfällig aufgeführten Konsequen-
zen handle es sich nur um Vermutungen. In Wirklichkeit habe er seine Ar-
beit aufgrund von Ferien und um sich zu pflegen in Abstimmung mit seinem
Vorgesetzten im Rahmen einer ordentlichen Abmachung verlassen und sei
legal aus der Türkei ausgereist. Nach seiner Ausreise sei er über seine
Kündigung informiert worden, was logisch sei, weil er nicht auf seinen Pos-
ten zurückgekehrt sei. Aufgrund seiner mehr als dreijährigen Landesabwe-
senheit sei es zwar wahrscheinlich, dass er die Aufmerksamkeit der Behör-
den auf sich ziehen werde. Gleichwohl könne man nicht schlussfolgern,
dass dies zu Verfolgungsmassnahmen führe, die im Sinne von Art. 3 AsylG
erheblich seien. Es sei zwar höchstwahrscheinlich, dass er zu seiner Ab-
wesenheit befragt werde, was jedoch als einzelnes Motiv nicht dafür aus-
reichen werde, ihn als politisch oppositionelle Person zu identifizieren, ins-
besondere deshalb, weil er bis im März 2017 in der Türkei gelebt habe,
ohne je einmal befragt zu werden.
Insofern der Beschwerdeführer geltend gemacht habe, er sei als Gülen-
Anhänger identifiziert worden, weil seine Kinder eine Gülen-Schule be-
sucht hätten, sei festzustellen, dass allein die Tatsache, dass sich die Be-
hörden nach der Schule der Kinder erkundigt hätten, keine Verfolgung dar-
stelle. Ausserdem erscheine es inkongruent, dass die Behörden ihn des-
wegen erst nach der Ausreise zuhause aufgesucht hätten, obschon er sich
zuvor mehrere Monate ohne Konsequenzen an jener Adresse aufgehalten
habe. Auch der Umstand, dass die Kinder in eine Gülen-Schule gegangen
seien, bevor er sie von dieser Schule genommen habe, mache aus ihm
nicht eine unerwünschte Person in den Augen der türkischen Behörden,
insbesondere da er in der Türkei nicht politisch aktiv gewesen sei. Es sei
kein Verfahren gegen ihn in der Türkei hängig und er habe die Türkei legal
verlassen, nachdem er zuvor die Polizei diesbezüglich kontaktiert habe.
Unter diesen Umständen sei nicht davon auszugehen, dass die Beschwer-
deführenden eine objektiv begründete Furcht vor ernsthaften Nachteilen im
Sinne von Art. 3 AsylG hätten. Schliesslich hätten sie kein politisches Profil,
das sie exponieren würde im Falle der Rückkehr in die Türkei und sie einer
konkreten Gefahr im Sinne von Art. 3 AsylG aussetze.
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Die eingereichten Beweismittel zu den exilpolitischen Tätigkeiten der Be-
schwerdeführenden in der Schweiz würden nicht darlegen, dass die türki-
schen Behörden von den Aktivitäten Kenntnis erlangt und gegenüber ihnen
Massnahmen ergriffen hätten. Es seien keinerlei Hinweise erkennbar, wo-
nach sie über ein derart gewichtiges Profil verfügen würden, welches zu
einem Interesse der Behörden respektive einer asylrelevanten Verfolgung
führe. Ausserdem würden die eingereichten Texte nicht belegen, dass der
Beschwerdeführer der Autor der Texte sei und die Texte öffentlich publiziert
worden seien. Es sei deshalb nicht davon auszugehen, dass die exilpoliti-
schen Tätigkeiten der Beschwerdeführenden zu einer Verfolgung in der
Türkei führen würden.
6.2 In der Beschwerde vom 19. Mai 2020 und deren Ergänzung vom 3. Juli
2020 wird geltend gemacht, es rechtfertige sich, einige Tatsachen zur Be-
handlung der Kurden und kurdischen Aktivisten zu benennen, um die pre-
käre Situation der Beschwerdeführenden in der Türkei und den unerträgli-
chen Druck, unter dem sie bei der Ausreise gestanden seien, nachvollzieh-
bar zu machen. Gemäss der Schweizerischen Flüchtlingshilfe (SFH) seien
die Repressalien gegen Personen, die der HDP oder DBP (Demokratik Böl-
geler Partisi; Demokratische Partei der Regionen) nahe stünden, erheblich
und die Gefahr einer Verhaftung akut. Ziel derartiger Verfolgung seien auch
einfache Mitglieder und Sympathisanten. Auch die International Crisis
Group (ICG) schreibe in einem Bericht aus dem Jahr 2017, dass alleine
seit 2015 über 10'000 Personen mit Verbindungen zur HDP verhaftet wor-
den seien. Auch Amnesty International (AI) zeige in einem Bericht an-
schaulich auf, wie schnell ein Verfahren wegen «Propaganda für eine Ter-
rororganisation» drohe, und die Europäische Kommission kritisiere in ei-
nem Bericht von April 2018, dass es in der Türkei zu gravierenden Men-
schenrechtsverletzungen gegen Kurden komme. Gemäss einem Report
des United States Departement of State (USDOS) seien noch immer bei-
nahe sämtliche kurdischen Medienkanäle geschlossen. Schon der Besitz
eines kurdisch-sprachigen Buches reiche aus, um als Terrorist verfolgt zu
werden. Sogar unabhängige kurdische Musiker bekämen derartige Re-
pressalien immer wieder zu spüren. Insbesondere aber auch im legalen
Rahmen politisch aktive Menschen würden immer wieder Repressionen zu
spüren bekommen. Mutmassliche Verbindungen zur PKK würden zu Ver-
haftungen führen. Dabei werde jegliche Kritik von kurdischer Seite mit dem
Argument der PKK-Unterstützung zum Schweigen gebracht. Selbst Mit-
glieder renommierter Menschrechtsorganisationen wie AI seien nicht vor
Anklagen wegen Unterstützung einer terroristischeren Organisation gefeit.
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Seite 13
Der Beschwerdeführer sei immer politisch interessiert, aber aufgrund sei-
ner Anstellung als (...) nicht aktiv gewesen. Er habe in der Türkei einen
Rechtsvertreter, mit dem er zehn Tage vor der Flucht zuletzt Kontakt ge-
habt habe. Die Schlägerei im Jahre 2005 habe ein schlechtes Licht auf ihn
geworfen. Seine Arbeitskollegen hätten ihm gesagt, dass er als nächster
dran sei und hätten ihm empfohlen das Land zu verlassen. Er sei von den
türkischen Behörden als PKK-Anhänger betitelt worden und sei ihnen seit-
dem ein Dorn im Auge. Er sei viermal versetzt und vom JİTEM bedroht
worden. Dieser Vorfall habe ihn mehr als andere kurdische Beamte expo-
niert. Er habe sich auch öffentlich auf Facebook exponiert. Erschwerend
komme eine Reflexverfolgung hinzu. Der Beschwerdeführer habe sechs
Brüder und zwei Schwestern. Seine Schwester, welche (...) gewesen sei,
habe aus Angst vor den Behörden ihren Job gekündigt. Zudem seien die
Pässe zwei seiner Brüder konfisziert worden, obwohl sie politisch zurück-
haltend gewesen seien. Ihnen werde nichts desto trotz die Zugehörigkeit
zur PKK oder zur FETÖ vorgeworfen. Seine Brüder V._,
S._, R._ und Q._ seien ebenfalls alle geflohen, je-
doch teilweise zurückgekehrt. Ein Bruder befinde sich ebenfalls in der
Schweiz, einer in Schweden und die anderen Geschwister seien in der Tür-
kei. Sein Bruder Q._ sei in der Türkei (...) und habe sich jeweils für
oppositionelle Menschen eingesetzt. Er habe Personen von der DHKP-C
(Devrimci Halk Kurtuluş Partisi-Cephesi; Revolutionäre Volksbefreiungs-
partei-Front), der PKK und der Hisbollah und auch Personen bei den Gü-
len-Prozessen (...), obwohl er nichts mit Fetullah zu tun habe. Q._
sei nach Kanada geflohen, jedoch aufgrund seiner schlechten psychischen
Verfassung in die Türkei zurückgekehrt, obwohl sein (...)partner verhaftet
und sein (...) von der Polizei gestürmt worden sei. S._, welcher be-
reits in den 90er Jahren politisch aktiv gewesen und bereits verhaftet und
gefoltert worden sei, sei ebenfalls geflohen. Nach seiner Flucht habe der
Beschwerdeführer die Kündigung erhalten, weil er nach den zwei Monaten
Urlaub nicht zur Arbeit zurückgekehrt sei. Der ehemalige Arbeitgeber habe
die Polizei informiert, welche eine Untersuchung habe einleiten sollen. Der
Beschwerdeführer sei daraufhin mehrmals von der Polizei an seinem alten
Wohnort aufgesucht worden, wobei die Polizei beim Schwager nach ihm
gefragt habe. Die Polizei habe in der Folge im Quartier auch politische Fra-
gen über den Beschwerdeführer gestellt. Obwohl sein Vorgesetzter ein tür-
kischer Nationalist gewesen sei und sich mit ihm oft über Politik gestritten
habe, habe er ihm die Ausreise erlaubt. Schliesslich sei er auch auf den
sozialen Medien aktiv und habe auf Facebook Einträge über Vorfälle, die
ihn ungerecht dünken, geschrieben.
D-2759/2020
Seite 14
Die Beschwerdeführerin habe bereits in ihrer Kindheit Probleme mit der
PKK gehabt und sei in einer Region aufgewachsen, in der es immer wieder
Gefechte gegen habe. Ihr Bruder habe damals Probleme mit den Behörden
gehabt und sei in Haft gewesen. Aufgrund dieser Ereignisse sei die Familie
nach I._ gezogen. Ihr Bruder sei zuvor zu einem Verwandten der
Gülen-Gemeinde gebracht worden. Obwohl ihre Familie eher bei der kur-
dischen Bewegung zu positionieren sei, sei so der Kontakt zur Gülen-Ge-
meinde hergestellt worden. Nach dem Putsch habe sich ihr Bruder zwei
Jahre illegal in W._ aufgehalten, sei jedoch 2019 von den Behörden
gefasst worden und habe für sechs bis sieben Monate ins Gefängnis gehen
müssen, wo er gefoltert worden sei. Er sei aufgrund der Verbindung mit der
Gülen-Bewegung verhaftet worden. Nach dem Putsch seien drei Nichten
verhaftet worden. Eine dieser Nichten sei mit einem Mann aus der Gülen-
Gemeinde verheiratet und eine andere arbeite aufgrund einer Bekannt-
schaft zu einer Person aus der Gülen-Bewegung in einem Betrieb der Gü-
len-Gemeinde. Was ihren Nichten vorgeworfen werde, sei unklar. Es seien
jedoch Verfahren eröffnet worden. Auch bei ihr könne aufgrund ihrer politi-
schen Familie von einer Reflexverfolgung ausgegangen werden. Auch sei
sie nicht nur wegen der kurdischen Ethnie gefährdet, sondern auch wegen
den Verbindungen zur Gülen-Bewegung. Zusätzlich sei sie selbst Sympa-
thisantin der HDP.
Die Beschwerdeführenden hätten ihre Kinder in eine Gülen-Schule ge-
schickt. Der Schulbesuch werde vom Sohn D._ bestätigt. Nach dem
Putsch hätten die Behörden wissen wollen, auf welcher Schule die Kinder
seien. Der Beschwerdeführer habe eine falsche Liste geschickt und mitge-
teilt, dass seine Kinder die staatliche Schule besucht hätten. Einige Monate
nach der Einreichung der Liste sei die Polizei nach Hause gekommen, als
der Beschwerdeführer nicht zuhause gewesen sei. Als er sich schliesslich
auf den Polizeiposten begeben habe, habe die Polizei gemeint, sie hätten
nur seine Adresse feststellen wollen. Es sei davon auszugehen, dass die
Behörden vom Besuch der Kinder in der Gülen-Schule erfahren hätten und
die Beschwerdeführenden aufgrund dieser Tatsache ebenfalls in den Fo-
kus der Behörden geraten seien.
Zusammenfassend ergebe sich, dass die Beschwerdeführenden der kur-
dischen Ethnie angehören würden und deshalb in der Türkei gefährdet
seien. Der Beschwerdeführer habe auf der Arbeit diverse Auseinanderset-
zungen gehabt, welche schliesslich in einer gewalttätigen Auseinanderset-
zung gemündet hätten; er habe deshalb Probleme. Ihm sei die Mitglied-
D-2759/2020
Seite 15
schaft bei der PKK unterstellt worden. Er habe diverse Warnungen von Ar-
beitskollegen erhalten, welche ihm geraten hätten, das Land zu verlassen.
Ausserdem sei die Beschwerdeführerin Sympathisantin der HDP. Hinzu
komme, dass die Familien der Beschwerdeführenden im Fokus der Behör-
den stünden und ihre Kinder die Gülen-Schule besucht hätten. Unter Be-
trachtung der Gesamtsituation seien die Beschwerdeführenden klar im Vi-
sier der türkischen Behörden. Ihre Vorbringen seien asylrelevant.
Die Beschwerdeführenden hätten glaubhaft machen können, dass sie in
ihrem Heimatstaat wegen ihrer Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen
Gruppe und ihrer politischen Anschauung künftig an Leib und Leben und
in ihrer Freiheit gefährdet seien. Sie seien zudem einer Situation entflohen,
die einen unerträglichen psychischen Druck darstelle, da sie jederzeit mit
Haft und Folter hätten rechnen müssen. Der Rechtsstaat werde in der Tür-
kei seit langem und seit 2016 noch zusätzlich untergraben; der Justizap-
parat sei regelrecht ausgewechselt worden. Der türkische Staatsapparat
biete nicht nur keine Gewähr für ein rechtsstaatlich einwandfreies Verfah-
ren. Er verfolge vorliegend Personen wegen freier Meinungsäusserung in
willkürlichen Prozessen und schütze Folterer vor Bestrafung.
Die Beschwerdeführenden seien aufgrund ihrer Kontakte zu ihrem Umfeld
in der Schweiz zusätzlich gefährdet. Sie hätten Kontakte zur kurdischen
Szene in der Schweiz und würden aktiv an Protesten teilnehmen und sich
mit Protestierenden solidarisieren. Dabei sei die Beschwerdeführerin auch
bis vor die türkische Vertretung marschiert. Solche Aufmärsche würden
vom Botschaftspersonal akribisch beobachtet und mit Video aufgezeich-
net. Auch äussere sich der Beschwerdeführer weiterhin auf Facebook. Sie
würden bei einer Rückkehr erneut befragt und es würden ihnen weitere
Unterstützungshandlungen unterstellt werden, sollten sie in die Türkei zu-
rückkehren. Weiter sei auf die gute Integration der Beschwerdeführenden
hinzuweisen, welche diverse Deutschkurse besucht hätten und problemlos
Gespräche auf Deutsch führen könnten.
D-2759/2020
Seite 16
7.
7.1 Das Bundesverwaltungsgericht kommt nach Durchsicht der Akten zum
Schluss, dass das SEM den Asylvorbringen zu Recht die Asylrelevanz ab-
gesprochen hat. Die Beschwerde, welche sich hauptsächlich auf die Wie-
dergabe des Sachverhalts beschränkt, vermag an dieser Einschätzung
nichts zu ändern. Aus den beigezogenen Akten der Brüder des Beschwer-
deführers lässt sich bloss der Sachverhalt hinsichtlich der Vorbringen der
Familienangehörigen des Beschwerdeführers bestätigen. Die Glaubhaf-
tigkeit der Vorbringen der Beschwerdeführenden wurden jedoch vom SEM
nicht bezweifelt. Auch das Bundesverwaltungsgericht erachtet die Vorbrin-
gen als glaubhaft.
7.2 Im Rahmen des Beschwerdeverfahrens wird geltend gemacht, die Be-
schwerdeführenden würden aufgrund ihrer kurdischen Ethnie eine Verfol-
gung erfahren. Diesbezüglich ist festzuhalten, dass bereits das SEM zu-
treffend festgehalten hat, dass es sich bei den Schikanen und Benachteili-
gungen verschiedenster Art, denen Angehörige der kurdischen Bevölke-
rung in der Türkei ausgesetzt sind, im Allgemeinen nicht um ernsthafte
Nachteile im Sinne des Asylgesetzes handelt, die einen Verbleib im Hei-
matland verunmöglichen oder unzumutbar machen würden. Diesbezüglich
kann auf die Ausführungen in der angefochtenen Verfügung verwiesen
werden. Hinzukommt, dass praxisgemäss sehr strenge Anforderungen für
die Annahme einer Kollektivverfolgung gelten (vgl. BVGE 2014/32 E. 6.1;
2013/12 E. 6), die im Falle der Kurden in der Türkei nicht als erfüllt zu er-
achten sind, dies auch unter Berücksichtigung der aktuellen politischen
Entwicklungen in der Türkei.
7.3 Aufgrund der Akten des vorliegenden Verfahrens wie auch jener der
Brüder des Beschwerdeführers steht zwar fest, dass verschiedene Mitglie-
der der Familie des Beschwerdeführers seit den 90-er Jahren politisch ak-
tiv sind und einige Brüder auch Verfolgungsmassnahmen durch die türki-
schen Behörden ausgesetzt waren. Gleichwohl arbeiten seine Geschwister
als (...) und auch er selbst war während Jahren als (...) für den türkischen
Staat tätig. Zudem hatte er keine Probleme geltend gemacht, die ihm auf-
grund der politischen Aktivitäten der Geschwister widerfahren wären. Das-
selbe gilt für die Beschwerdeführerin, welche einen politisch aktiven Bruder
hat, der bereits zweimal inhaftiert worden ist, und Nichten, die Verbindun-
gen zur Gülen-Bewegung aufweisen. Sie hat deswegen jedoch keine kon-
kreten Verfolgungsmassnahmen geltend gemacht und sich bis zur Aus-
reise an ihrem Wohnort aufgehalten, wo es für die Behörden ein Leichtes
gewesen wäre, ihrer habhaft zu werden, wenn dazu Anlass bestanden
D-2759/2020
Seite 17
hätte. Die Beschwerdeführenden waren deshalb im Zeitpunkt der Ausreise
aufgrund der politischen Aktivitäten ihrer Verwandten keiner Reflexverfol-
gung ausgesetzt gewesen.
Die Auseinandersetzung des Beschwerdeführers im Jahre 2005 mit sei-
nem Vorgesetzten und die darauffolgenden Versetzungen stehen zeitlich
in keinem Kausalzusammenhang mit der Ausreise, welche erst im Jahr
2017 erfolgte. Der Beschwerdeführer machte auch nicht geltend, dass die
Unterstellung, ein PKK-Mitglied zu sein, und die Bedrohungen durch den
JİTEM bis zur Ausreise angehalten hätten. Jedenfalls konnte er seiner Ar-
beit noch während mehr als zehn Jahren bis zur Ausreise nachgehen, was
nicht darauf hinweist, dass dieser Zwischenfall langanhaltende Konse-
quenzen mit sich brachte. Bis auf die kurz darauf erfolgte Versetzung hatte
die Auseinandersetzung mit dem Vorgesetzten offenbar keine weiterrei-
chenden Massnahmen zur Folge, und auch die Warnungen seiner Arbeits-
kollegen nach dem Zwischenfall haben sich nicht bewahrheitet. Diese Vor-
bringen sind deshalb nicht asylrelevant. Gleiches trifft auf die geltend ge-
machten Probleme der Beschwerdeführerin zu, welche sie als Kind erfah-
ren hat. Die Familie zog aufgrund der Gefechte und der Probleme ihres
Bruders mit den türkischen Behörden nach I._ und konnte sich so
innerstaatlich allfälligen weiterreichenden Schwierigkeiten entziehen. Zu-
dem bestand zwischen den Vorfällen in der Kindheit und der Ausreise im
Jahr 2017 offensichtlich auch kein zeitlicher Kausalzusammenhang.
Schliesslich ist nicht davon auszugehen, dass die türkischen Behörden von
der öffentlichen Kritik des Beschwerdeführers auf Facebook nach dem
Putsch 2016 Kenntnis genommen haben, zumal dies keine Konsequenzen
für den Beschwerdeführer mit sich brachte. Er arbeitete weiter als (...) und
wurde von den Behörden weder befragt noch festgenommen. Es liegen
mithin keine Anhaltspunkte vor, die darauf hinweisen, dass er von den Be-
hörden als Regimegegner identifiziert worden wäre. Dies gilt auch für die
Beschwerdeführerin, die geltend machte, sie sei Sympathisantin der HDP.
Die Beschwerdeführerin macht selbst keine behördliche gegen sie gerich-
tete Verfolgung geltend, weshalb nicht davon auszugehen ist, dass für die
türkischen Behörden Anlass bestand, wegen ihrer politischen Anschauun-
gen gegen sie Massnahmen zu ergreifen.
Insofern in der Beschwerdeergänzung ausgeführt wird, der Beschwerde-
führer habe kurz vor der Ausreise Kontakt mit seinem (...) gehabt, weist
dieser Umstand nicht darauf hin, dass er juristische Massnahmen durch
D-2759/2020
Seite 18
die Behörden zu befürchten gehabt hätte, zumal es sich beim (...) um sei-
nen Bruder handelt, der gleichzeitig auch sein (...) ist.
Auch der Umstand, dass zwei Kinder der Beschwerdeführenden eine Gü-
len-Schule besuchten und der Beschwerdeführer dies kurz nach dem
Putschversuch im 2016 zu vertuschen versuchte, in dem er eine falsche
Liste einreichte, lässt nicht auf eine asylrelevante Gefährdung schliessen.
Der Beschwerdeführer ist danach selbst auf dem Polizeiposten vorstellig
geworden um sich zu erkundigen, warum zuhause die Polizei vorbeige-
kommen sei, was nicht dem Verhalten einer Person entspricht, die sich vor
einer behördlichen Verfolgung fürchtet. Daran ändert auch die eingereichte
Bestätigung der Gülen-Schule nichts, da weder vom SEM noch vom Bun-
desverwaltungsgericht in Zweifel gezogen wird, dass zwei Kinder der Be-
schwerdeführenden eine solche Schule besucht haben.
7.4 Zusammenfassend ist festzustellen, dass die Beschwerdeführenden
zwar aus Familien stammen, deren Angehörige teilweise Probleme mit den
türkischen Behörden gehabt haben. Sie selber wurden jedoch aufgrund ih-
rer niederschwelligen politischen Aktivitäten in der Türkei nie vorgeladen
oder befragt. Aufgrund ihrer Vorbringen ist nicht davon auszugehen, dass
die Beschwerdeführenden im Ausreisezeitpunkt im Fokus der türkischen
Behörden standen und eine begründete Furcht vor einer Verfolgung im
Sinne von Art. 3 AsylG hatten. Selbst vor dem Hintergrund, dass sich in der
Türkei die Menschenrechtssituation seit dem Putschversuch im Juli 2016
allgemein verschlechtert hatte, liegen keine Hinweise dafür vor, dass die
Beschwerdeführenden unter einem unerträglichen psychischen Druck lit-
ten, zumal sie zuvor nie einer Verfolgung durch die türkischen Behörden
ausgesetzt waren und der Beschwerdeführer kurz vor der Ausreise sogar
freiwillig in Kontakt mit der Polizei getreten ist.
8.
8.1 Wer sich darauf beruft, dass durch sein Verhalten nach der Ausreise
aus dem Heimat- oder Herkunftsstaat eine Gefährdungssituation erst ge-
schaffen worden ist, macht sogenannte subjektive Nachfluchtgründe im
Sinne von Art. 54 AsylG geltend. Subjektive Nachfluchtgründe begründen
zwar die Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG, führen jedoch
gemäss Art. 54 AsylG zum Ausschluss des Asyls, unabhängig davon, ob
sie missbräuchlich oder nicht missbräuchlich gesetzt wurden. Stattdessen
werden Personen, welche subjektive Nachfluchtgründe nachweisen oder
glaubhaft machen können, als Flüchtlinge vorläufig aufgenommen (vgl.
BVGE 2009/29 E. 5.1, 2009/28 E. 7.1 m.w.H.).
D-2759/2020
Seite 19
8.2 Gemäss Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichtes kann da-
von ausgegangen werden, dass die Aktivitäten kurdischer Exilorganisatio-
nen oder einzelner Exponentinnen und Exponenten eines gewissen For-
mats von regimetreuen Bürgern oder im Ausland lebenden Behördenver-
tretern der Türkei beobachtet werden. Um eine tatsächliche Gefährdung im
Falle der Rückkehr in die Türkei als wahrscheinlich erscheinen zu lassen,
müssen konkrete Anhaltspunkte dafür vorliegen, dass exilpolitisch aktive
Staatsangehörige der Türkei tatsächlich das Interesse der heimatlichen
Behörden auf sich gezogen haben respektive als regimefeindliche Perso-
nen namentlich identifiziert und registriert wurden (vgl. etwa Urteil des
BVGer D-705/2018 vom 18. Februar 2019 E. 6.1 m.w.H.).
8.3 Wie vorstehend ausgeführt, sind die Beschwerdeführenden vor dem
Verlassen der Türkei nicht als regimefeindliche Personen ins Blickfeld der
türkischen Behörden geraten (vgl. E. 7). Der Beschwerdeführer hat anläss-
lich der Anhörung angegeben, dass er Texte auf Facebook geschrieben
habe (vgl. SEM-Akte A21/16 F88-F92). Als Beweismittel hat er jedoch nur
einen Fliesstext auf weissem neutralen Papier eingereicht, woraus sich
nicht eruieren lässt, ob er diese tatsächlich jemals veröffentlicht hat und
wer der Autor der Texte ist. Die Beschwerdeführerin gab an, sie habe in
Y._ an Friedensprotesten teilgenommen (vgl. SEM-Akte A22/7
F30). Dabei habe sie Parolen gerufen und etwas in der Hand gehalten. Sie
habe sich mit Hungerstreikenden solidarisiert und sei mit Freunden bis vor
die türkische Botschaft marschiert (vgl. SEM-Akte A22/16 F29-F36). Auf-
grund der grossen Anzahl regimekritischer Aktivitäten von türkischen
Staatsangehörigen in ganz Westeuropa erscheint es vorab unwahrschein-
lich, dass die heimatlichen Behörden Kenntnis von diesen Protesten ge-
nommen haben. Die Teilnahme der Beschwerdeführerin an solchen Pro-
testen ist im Übrigen auch nicht belegt worden. Ungeachtet dessen kann
nicht davon ausgegangen werden, die Beschwerdeführerin habe aufgrund
einer allfälligen Beteiligung an – in der Art und Form als niederschwellig
und massentypisch zu bezeichnenden – Protestaktionen das Missfallen
der türkischen Regierung auf sich gezogen. Die Beschwerdeführenden
weisen kein öffentlich exponiertes politisches Profil auf, mit welchem sie
das Augenmerk der türkischen Behörden auf sich gezogen haben könnten.
Es ist deshalb unwahrscheinlich, dass diese von den bescheidenen exilpo-
litischen Aktivitäten der Beschwerdeführenden überhaupt Notiz genommen
haben. Unter diesen Umständen ist nicht nachvollziehbar, inwiefern die tür-
kischen Behörden die Beschwerdeführenden bei einer Rückkehr als Op-
positionelle erkennen könnten.
D-2759/2020
Seite 20
8.4 Dass die Beschwerdeführenden bei einer allfälligen Rückkehr allenfalls
aufgrund ihrer mehrjährigen Landesabwesenheit befragt werden, kann –
wie das SEM zutreffend ausgeführt hat – nicht ausgeschlossen werden.
Dies allein vermag jedoch keine begründete Furcht vor Verfolgung im
Sinne von Art. 3 AsylG zu begründen. Die Beschwerdeführenden haben
sich vor ihrer Ausreise nichts zu Schulden lassen kommen. Sie wurden nie
verhaftet oder verurteilt und es besteht auch kein hängiges Verfahren ge-
gen sie. Es ist auch nicht davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer
bei einer allfälligen Rückkehr in die Türkei aufgrund seiner Brüder, welche
sich im Ausland aufhalten, eine Reflexverfolgung zu befürchten hat, zumal
seine Eltern und auch weitere Geschwister weiterhin in der Türkei leben
und arbeiten. Zudem sind die beiden Brüder V._ und Q._,
welche aus der Türkei geflüchtet sind, inzwischen in die Türkei zurückge-
kehrt. Auch das Kündigungsschreiben sowie das Nachfragen nach dem
Beschwerdeführer weist nicht auf eine Verfolgung hin, sondern ist vielmehr
als natürliche Folge dessen zu betrachten, dass er nach Ablauf des bewil-
ligten Urlaubs nicht zur Arbeit erschienen ist. Die Furcht der Beschwerde-
führenden vor ernsthaften Nachteilen bei einer Rückkehr ist deshalb objek-
tiv unbegründet. Somit ist auch das Vorliegen von subjektiven Nachflucht-
gründen im Sinne von Art. 54 AsylG zu verneinen, welche die Annahme
einer begründeten Furcht im Falle der Rückkehr der Beschwerdeführenden
in die Türkei rechtfertigen könnte.
9.
Zusammenfassend ergibt sich, dass die Beschwerdeführenden keine asyl-
rechtlich relevante Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG nachweisen oder
zumindest glaubhaft machen konnten und deshalb nicht als Flüchtlinge an-
erkannt werden können. Das SEM hat somit im Ergebnis zu Recht die
Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführenden verneint und ihre Asyl-
gesuche abgelehnt.
10.
10.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
10.2 Die Beschwerdeführenden verfügen insbesondere weder über eine
ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf
Erteilung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu
Recht angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
D-2759/2020
Seite 21
11.
11.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
11.2
11.2.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun-
gen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund
nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Aus-
reise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl.
ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechts-
stellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV,
Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und an-
dere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder
Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3 EMRK darf niemand der
Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Behandlung
unterworfen werden.
11.2.2 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend da-
rauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur
Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es den Be-
schwerdeführenden nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Ge-
fährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5
AsylG verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Ver-
fahren keine Anwendung finden. Eine Rückkehr der Beschwerdeführenden
in den Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG recht-
mässig.
D-2759/2020
Seite 22
Sodann ist nicht davon auszugehen, dass die Beschwerdeführenden im
Fall einer Ausschaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahr-
scheinlichkeit einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe
oder Behandlung ausgesetzt wären. Gemäss der Praxis des Europäischen
Gerichtshofes für Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Fol-
terausschusses müssten die Beschwerdeführenden eine konkrete Gefahr
("real risk") nachweisen oder glaubhaft machen, dass ihnen im Fall einer
Rückschiebung Folter oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl.
Urteil des EGMR Saadi gegen Italien vom 28. Februar 2008, Grosse Kam-
mer 37201/06, §§ 124–127 m.w.H.). Auch die allgemeine Menschenrechts-
situation in der Türkei lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeit-
punkt nicht als unzulässig erscheinen. Nach dem Gesagten ist der Vollzug
der Wegweisung sowohl im Sinne der asyl- als auch der völkerrechtlichen
Bestimmungen zulässig.
11.3
11.3.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
11.3.2 Seit Juli 2015 sind der türkisch-kurdische Konflikt und die bewaffne-
ten Auseinandersetzungen zwischen der PKK und staatlichen Sicherheits-
kräften im Südosten des Landes wieder aufgeflammt. Von den gewaltsa-
men Auseinandersetzungen betroffen waren neben den Provinzen Hakkâri
und Şırnak – bei denen das Bundesverwaltungsgericht seit längerer Zeit
von der generellen Unzumutbarkeit des Vollzugs von Wegweisungen aus-
geht (vgl. BVGE 2013/2 E. 9.6) – weitere Provinzen im Südosten der Tür-
kei: Auf der interaktiven Karte, welche die International Crisis Group auf
ihrer Website zur Verfügung stellt (vgl. International Crisis Group, Turkey’s
PKK Conflict: The Rising Toll, http://www.crisisgroup.be/interactives/tur-
key/) sind für die Zeit von 10. Juni 2017 bis 9. Juni 2018 die folgenden Pro-
vinzen mit mehr als zehn Opfern der gewaltsamen Zwischenfälle (unter
Sicherheitskräften, Guerilla und Zivilbevölkerung) aufgelistet: Hakkâri
(100 Todesopfer), Şırnak (85), Diyarbakır (71), Tunçeli (51), Siirt (42), Bin-
göl (27), Van (25), Ağrı (18), Mardin (17), Hatay (15) Bitlis (13). Obwohl
allein in diesen elf Ostprovinzen gemäss dieser Quelle in jüngster Vergan-
genheit Todesopfer zu verzeichnen waren, ist von einer landesweiten Situ-
ation allgemeiner Gewalt oder von bürgerkriegsähnlichen Verhältnissen
D-2759/2020
Seite 23
auf dem gesamten Staatsgebiet nach wie vor nicht auszugehen (vgl. Urteil
des BVGer E-1948/2018 vom 12. Juni 2018 E. 7.3.1 [als Referenzurteil pu-
bliziert]).
Die Beschwerdeführenden stammen aus den Provinzen P._ und
Mus, hatten aber für die letzten zwei Jahre vor der Ausreise den offiziellen
Wohnsitz in I._ und lebten zuvor in J._ (vgl. SEM-Akten
A11/11 Ziff. 2.02und A12/11 Ziff. 2.02). An diesen Orten besteht keine Situ-
ation allgemeiner Gewalt, weshalb sich eine Rückkehr der Beschwerdefüh-
renden nach I._ oder J._ unter dem Aspekt von Art. 83
Abs. 4 AIG nicht als unzumutbar erweist.
11.3.3 Auch in individueller Hinsicht sind keine Gründe ersichtlich, welche
eine Wegweisung als unzumutbar erscheinen liessen. Der Beschwerde-
führer hatte mehrere Jahre lang in der Privatwirtschaft als (...) gearbeitet.
Danach war er bis zur Ausreise beim (...) in der Türkei als (...) beschäftigt.
Die Beschwerdeführerin hat fünf Jahre die Schule besucht und war Haus-
frau (vgl. Akten A11, A12 Ziff. 1.17.04 f.). Angesichts des hohen Ausbil-
dungsgrads und der langjährigen Berufserfahrung des Beschwerdeführers
ist davon auszugehen, dass er im Falle der Rückkehr sich eine wirtschaft-
liche Existenzgrundlage für die Familie erarbeiten kann und sie nicht in eine
existenzbedrohende Lage geraten werden. Mit der Familie der Beschwer-
deführerin in I._ und den Eltern und vielen Geschwistern des Be-
schwerdeführers verfügen sie über ein breites Beziehungsnetz in der Tür-
kei. Zudem gab der Beschwerdeführer an, dass sie sich in einer sehr guten
finanziellen Situation befunden haben (vgl. Akte A21/16 F33). Es kann un-
ter diesen Umständen davon ausgegangen werden, dass die Beschwerde-
führenden im Falle der Rückkehr notfalls auf die finanzielle Unterstützung
ihrer Familienangehörigen zählen können. Der Beschwerdeführer leidet im
Übrigen seit mehr als 13-14 Jahren an Schuppenflechte und war deswe-
gen bereits in der Türkei in Behandlung. Ansonsten hat er keine gesund-
heitlichen Probleme (vgl. Akten A11 Ziff. 8.02, A21/16 F93). Die Beschwer-
deführerin gab an, keine gesundheitlichen Probleme zu haben. Psychisch
gehe es ihr nicht so gut, weil sie Zukunftssorgen habe (vgl. Akte A12
Ziff. 8.02, A22/7 F37). Im Rahmen des Beschwerdeverfahrens werden
keine weiteren gesundheitlichen Probleme einzelne Familienmitglieder be-
treffend geltend gemacht. Weder die Krankheit des Beschwerdeführers,
welche er bereits in der Türkei behandeln konnte, noch die Zukunftsängste
der Beschwerdeführerin sprechen gegen einen Wegweisungsvollzug.
D-2759/2020
Seite 24
Ferner ist der Vollzug der Wegweisung auch unter Berücksichtigung des
Kindeswohls nicht unzumutbar. Das SEM hat zutreffend ausgeführt, dass
sich die Kinder heute im Alter von bald (...) seit viereinhalb Jahren in der
Schweiz aufhalten. Gemäss den Referenzschreiben, haben sich die Kinder
gut in der Schweiz integriert und fühlen sich hier wohl. Dennoch spricht
auch unter Berücksichtigung der nach Art. 83 Abs. 4 AIG i.V.m. Art. 3
Abs. 1 des Übereinkommens vom 20. November 1989 über die Rechte des
Kindes (KRK; SR 0.107) unter dem Aspekt des Kindeswohls zu berück-
sichtigenden Umstände (vgl. dazu im Einzelnen BVGE 2009/28 E. 9.3.2
und 2009/51 E. 5.6) nichts gegen den Vollzug der Wegweisung. Insbeson-
dere kann für den Fall der Rückkehr nicht von einer Entwurzelung der Kin-
der ausgegangen werden. Bis auf das jüngste Kind haben sämtliche Kinder
den Grossteil ihrer Kindheit in der Türkei verbracht, wo sie auch die Schule
besucht haben und ein Grossteil der Verwandtschaft lebt, welche ihnen bei
einer Reintegration behilflich sein kann. In der Beschwerde werden dies-
bezüglich denn auch zu Recht keine Einwände erhoben.
11.3.4 Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung nicht
als unzumutbar.
11.4 Schliesslich obliegt es den Beschwerdeführenden, sich bei der zu-
ständigen Vertretung des Heimatstaates die allenfalls für eine Rückkehr
notwendigen Reisedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und
dazu auch BVGE 2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung
auch als möglich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
11.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
12.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist daher abzuweisen.
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Seite 25
13.
13.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten den Beschwer-
deführenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Indessen ist das mit der
Beschwerdeergänzung gestellte Gesuch um Gewährung der unentgeltli-
chen Prozessführung im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG gutzuheissen, da
die Rechtsbegehren im Zeitpunkt der Beschwerdeerhebung als nicht aus-
sichtslos zu bezeichnen waren und die Bedürftigkeit der Beschwerdefüh-
renden mit einer Fürsorgebestätigung vom 15. Juli 2020 belegt ist. Somit
haben die Beschwerdeführenden keine Verfahrenskosten zu tragen. Das
Gesuch um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses wird mit
vorliegendem Urteil gegenstandslos.
13.2 Gleichzeitig wurde in der Beschwerdeergänzung ein Gesuch um Ge-
währung der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung im Sinne von Art. 65
Abs. 1 VwVG i.V.m. aArt. 110a AsylG unter Beiordnung des Rechtsvertre-
ters als unentgeltlichen Rechtsbeistand gestellt, welches ebenfalls gutzu-
heissen ist. Das Honorar des amtlichen Rechtsbeistandes ist bei diesem
Verfahrensausgang durch die Gerichtskasse zu vergüten. Der Stundenan-
satz für das Honorar von amtlich bestellten Rechtsbeiständen im Zeitpunkt
der Beiordnung ist gestützt auf Art. 12 i.V.m. Art. 10 Abs. 2 des Reglements
vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bun-
desverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]) in der Regel zu begrenzen
und bei amtlicher Vertretung ist von einem Stundenansatz von Fr. 200.–
bis Fr. 220.– für Anwältinnen und Anwälte und Fr. 100.– bis Fr. 150.– für
nichtanwaltliche Vertreterinnen und Vertreter auszugehen. Aus den Einga-
ben im Rahmen des Beschwerdeverfahrens geht hervor, dass Herr Rechts-
anwalt Bernhard Jüsi die Fallverantwortung getragen hat, aber die wesent-
liche Arbeit durch die Substitutin MLaw Z._ – unter anderem die
Ausarbeitung der Beschwerdeergänzung und die weiteren Eingaben – ge-
leistet wurde, da sie die zuständige Vertreterin der Beschwerdeführenden
ist. Deshalb ist der Entschädigung ein Stundenansatz von Fr. 100.– zu-
grunde zu legen. Es wurde keine Kostennote eingereicht. Das amtliche Ho-
norar ist daher auf Grund der Akten zu bestimmen (Art. 14 Abs. 2 VGKE).
Unter Berücksichtigung der vorgenannten Umstände, der Aktenlage und
der massgebenden Berechnungsfaktoren (Art. 12 i.V.m. Art. 9-11 VGKE)
ist dieses auf Fr. 900.– (inkl. Auslagen und Mehrwertsteuerzuschlag i.S.v.
Art. 9 Abs. 1 Bst. c VGKE) festzusetzen.
(Dispositiv nächste Seite)
D-2759/2020
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