Decision ID: 7398e429-d64d-5c78-96b2-217a9cdb783b
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.a
Der am 21. August 1956 geborene und in seinem Heimatland Österreich
wohnhafte österreichische Staatsangehörige A._ (nachfolgend:
Versicherter oder Beschwerdeführer) arbeitete seit 1972 als Grenzgänger
in der Schweiz und leistete Beiträge an die schweizerische Alters-, Hinter-
lassenen- und Invalidenversicherung (AHV/IV, Akten der Vorinstanz [nach-
folgend: act.] 1, 6, 11). Abgesehen von einem kurzen Unterbruch (Novem-
ber 1978 bis Juli 1979) war der Versicherte während der gesamten Dauer
seiner Erwerbstätigkeit in der Schweiz bei der B._ AG (ehemals
C._ AG) in (...) beschäftigt (act. 11).
B.
B.a Am 12. Juni 2014 meldete sich der Versicherte infolge eines am
8. Februar 2014 erlittenen Unfalls mit einem offenen Unterschenkelbruch
links bei der IV-Stelle D._ zum Bezug von IV-Leistungen an (act. 1).
Nachdem der Versicherte ab 1. Juli 2014 seine bis zum Unfall vollzeitlich
ausgeübte Tätigkeit als Staplerfahrer und Lagermitarbeiter bei der
B._ AG im Umfang von 50 % wieder aufgenommen hatte (act. 9;
act. 13, S. 3; act. 16-19), wurde er nach einem Konflikt am Arbeitsplatz ab
dem 23. Oktober 2014 von seiner Hausärztin Dr. med. E._, Ärztin
der Allgemeinmedizin, wegen "Depression" arbeitsunfähig geschrieben
(act. 38). Seit Dezember 2014 war der Versicherte bei Dr. med. F._,
Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin, in psychiat-
rischer Behandlung (vgl. act. 41; act. 43; act. 54, S. 2 f.; act. 88, S. 2 ff.;
act. 96, S. 44; act. 115; act. 136, S. 3; act. 140).
B.b Die IV-Stelle D._ nahm erwerbliche und medizinische Abklä-
rungen vor. Insbesondere veranlasste sie eine psychiatrische Begutach-
tung des Versicherten bei Dr. med. G._, Facharzt FMH für Psychi-
atrie und Psychotherapie, welche am 29. August 2016 stattfand. Im ent-
sprechenden Gutachten vom 12. September 2016 gab Dr. G._
keine Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit des Versicherten
an. Als Diagnose ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit nannte er eine
Anpassungsstörung mit längerer depressiver Reaktion (ICD-10 F43.21). Er
attestierte dem Versicherten in der angestammten Tätigkeit sowie in lei-
densadaptierten Tätigkeiten eine 100%ige Arbeitsfähigkeit (act. 96).
B.c Nach Durchführung des Vorbescheidverfahrens (act. 101-104) ver-
fügte die IV-Stelle für Versicherte im Ausland (nachfolgend: IVSTA oder
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Vorinstanz) auf Veranlassung der IV-Stelle D._ am 3. März 2017 die
Abweisung des Rentenbegehrens des Versicherten (act. 111).
B.d Die gegen diese Verfügung erhobene Beschwerde des Versicherten
vom 6. April 2017 wurde vom Bundesverwaltungsgericht mit Urteil
C-2039/2017 vom 6. März 2019 in dem Sinn teilweise gutgeheissen, als
die angefochtene Verfügung vom 3. März 2017 aufgehoben und die Sache
an die Vorinstanz zurückgewiesen wurde, damit diese die erforderlichen
Abklärungen im Sinne der Erwägungen vornehme und anschliessend neu
verfüge. Insbesondere erachtete das Bundesverwaltungsgericht aufgrund
der nicht rechtsgenüglichen Abklärung des medizinischen Sachverhalts in
somatischer und psychiatrischer Hinsicht die Durchführung einer polydis-
ziplinären Begutachtung (Fachdisziplinen: Innere Medizin, Orthopä-
die/Rheumatologie und Psychiatrie) für angezeigt (act. 132).
B.e Nach Aktualisierung des medizinischen Dossiers erfolgte im Dezember
2019/Januar 2020 eine polydisziplinäre Begutachtung des Versicherten
durch die Swiss Medical Assessment and Business Center AG St. Gallen
(nachfolgend: SMAB; Fachdisziplinen: Orthopädie/Traumatologie, Neuro-
logie, Innere Medizin, Psychiatrie und Neuropsychologie). Das entspre-
chende Gutachten wurde am 14. Februar 2020 erstattet (act. 154).
B.f Mit Vorbescheid vom 3. April 2020 wurde dem Versicherten die (er-
neute) Abweisung seines Rentenbegehrens in Aussicht gestellt (act. 158).
Dagegen liess der anwaltlich vertretene Versicherte am 24. Juni 2020 Ein-
wand erheben und im Wesentlichen vorbringen, das SMAB-Gutachten und
insbesondere das psychiatrische Teilgutachten seien mangelhaft, sodass
darauf nicht abgestellt werden könne (act. 163).
B.g Mit Verfügung vom 1. September 2020 wies die IVSTA das Rentenbe-
gehren des Versicherten ab. Zur Begründung hielt sie unter Bezugnahme
auf das SMAB-Gutachten fest, der vom Versicherten erlittene Beinbruch
habe zu einer Arbeitsunfähigkeit von einigen Monaten geführt, jedoch habe
die Arbeitsfähigkeit innerhalb eines Jahres wieder vollumfänglich herge-
stellt werden können. Aus psychiatrischer Sicht liege ab Oktober 2014 eine
erhebliche Einschränkung vor, jedoch habe wieder eine Arbeitsfähigkeit
von 80 % sowohl für die letzte Tätigkeit als Staplerfahrer und Lagermitar-
beiter als auch für jegliche adaptierte Tätigkeit erreicht werden können.
Rückwirkend habe nie ein langandauernder und bleibender Gesundheits-
schaden vorgelegen, welcher einen Anspruch auf Rentenleistungen der In-
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validenversicherung begründen würde. Ein Prozentvergleich ergebe bei ei-
ner Arbeitsfähigkeit von 80 % einen IV-Grad von 20 %. Da der IV-Grad un-
ter 40 % liege, müsse das Gesuch um Rentenleistungen abgewiesen wer-
den (act. 167).
C.
C.a Gegen diese Verfügung erhob der Versicherte, nach wie vor vertreten
durch Rechtsanwalt Antonius Falkner, am 2. Oktober 2020 (Datum Post-
aufgabe) Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht. Es wurde bean-
tragt, die IVSTA sei zu verpflichten, dem Beschwerdeführer eine seinem
IV-Grad entsprechende Invalidenrente auszurichten, eventualiter sei die
angefochtene Verfügung der IVSTA aufzuheben und die Rechtssache an
diese zur neuerlichen Entscheidung über das Gesuch des Beschwerdefüh-
rers zurückzuweisen. Zur Begründung wurde hauptsächlich ausgeführt,
der psychiatrische SMAB-Gutachter habe sich nur ungenügend mit den
Vorakten auseinandergesetzt. Dessen retrospektiven Arbeitsfähigkeitsbe-
urteilung könne kaum Beweiswert zuerkannt werden, da der Gutachter ei-
nerseits zwar festhalte, die retrospektive Beurteilung der Arbeitsfähigkeit
sei nur schwer möglich, aber andererseits unter Hinweis auf die mangelnde
Plausibilität der Einschätzungen der behandelnden Ärztin Dr. F._
dann doch eine davon abweichende eigene Verlaufsbeurteilung der Ar-
beitsfähigkeit ab dem Jahr 2014 vornehme. Der Gutachter hätte sich für
die retrospektive Beurteilung der Arbeitsfähigkeit bei Dr. F._ um
weitere Informationen kümmern müssen und sich nicht auf rein hypotheti-
sche Überlegungen stützen dürfen. Nach Ansicht des Beschwerdeführers
sei gestützt auf die Einschätzungen der behandelnden Ärzte von einer voll-
ständigen Arbeitsunfähigkeit ab dem Jahr 2014 durchgehend, jedenfalls
bis zur Begutachtung des psychiatrischen SMAB-Gutachters im Jahr 2019,
auszugehen. Selbst ausgehend von der Beurteilung des psychiatrischen
Gutachters, wonach ab dem 23. Oktober 2014 eine 100%ige Arbeitsunfä-
higkeit aus psychischen Gründen vorgelegen habe und es bis August 2018
(recte: 2016) zu einer schrittweisen Verbesserung auf eine Arbeitsfähigkeit
von 80 % gekommen sei, habe der Beschwerdeführer für diesen Zeitraum
zumindest einen Teilrentenanspruch. Im Weiteren habe der psychiatrische
Gutachter bei seiner Beurteilung die Standardindikatoren, insbesondere
den Indikator Komorbidität, nicht berücksichtigt (Akten im Beschwerdever-
fahren [nachfolgend: BVGer-act.] 1).
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C.b Mit Vernehmlassung vom 16. Dezember 2020 beantragte die Vor-
instanz die Abweisung der Beschwerde und die Bestätigung der angefoch-
tenen Verfügung. In der beigelegten Stellungnahme der IV-Stelle
D._ vom 10. Dezember 2020 wurde im Wesentlichen ausgeführt,
dass entgegen der Ansicht des Beschwerdeführers der psychiatrische
SMAB-Gutachter in seinem Teilgutachten zu den abweichenden Einschät-
zungen in den Vorakten Stellung genommen habe. Der Umstand, dass der
psychiatrische Gutachter die Angaben von Dr. F._ als wenig plausi-
bel erachtet habe, finde in Bezug auf die in den Jahren 2015, 2016 und
2017 erstellten Berichte von Dr. F._ Bestätigung im Urteil des Bun-
desverwaltungsgerichts vom 6. März 2019. Es stelle keinen Mangel dar,
dass der psychiatrische Gutachter nicht jeden einzelnen Bericht von Dr.
F._ separat diskutiert habe, denn aus dem psychiatrischen Teilgut-
achten ergebe sich insgesamt ein vollständiges und schlüssiges Bild des
Gesundheitszustandes. Im Weiteren seien die Standardindikatoren sowohl
im psychiatrischen Teilgutachten als auch in der Gesamtbeurteilung be-
rücksichtigt worden. Gestützt auf das beweiskräftige SMAB-Gutachten sei
von einer 80%igen Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers in der bisheri-
gen und in adaptierter Tätigkeit auszugehen. Betreffend die retrospektive
Einschätzung der Arbeitsfähigkeit liege gemäss dem psychiatrischen
SMAB-Gutachter seit 29. August 2016 eine 20%ige Einschränkung vor.
Davor habe sich die Arbeitsunfähigkeit vom 23. Oktober 2014 bis August
2016 schrittweise von 100 % auf 20 % verringert. Da jedoch die Angaben
in den Berichten der behandelnden Psychiaterin Dr. F._ nicht plau-
sibel seien, könne für die Zeit vor August 2016 nicht vom Vorliegen eines
lege artis diagnostizierten psychischen Leidens ausgegangen werden, wel-
ches die Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers für eine gewisse Zeit-
dauer um mehr als 20 % eingeschränkt habe. Dies wirke sich nach den
Regeln über die (materielle) Beweislast zuungunsten der rentenanspre-
chenden Person aus (BVGer-act. 8).
C.c Der Beschwerdeführer hat sich in der Folge innert Frist nicht mehr ver-
nehmen lassen (BVGer-act. 9-12).
C.d
Auf die weiteren Vorbringen der Parteien wird – soweit entscheidwesentlich
– in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
C-4885/2020
Seite 6

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Das Bundesverwaltungsgericht ist zur Behandlung der vorliegenden Be-
schwerde zuständig (Art. 31, 32 und 33 Bst. d VGG; Art. 69 Abs. 1 Bst. b
IVG [SR 831.20]; Art. 40 Abs. 2 IVV [SR 831.201]). Das Verfahren vor dem
Bundesverwaltungsgericht richtet sich grundsätzlich nach dem VwVG
(Art. 37 VGG). Vorbehalten bleiben gemäss Art. 3 Bst. dbis VwVG die be-
sonderen Bestimmungen des ATSG (SR 830.1). Der Beschwerdeführer ist
als Adressat der angefochtenen Verfügung durch diese besonders berührt
und hat ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung oder Abände-
rung, weshalb er zur Erhebung der Beschwerde legitimiert ist (Art. 59
ATSG; Art. 48 Abs. 1 VwVG). Nachdem der Beschwerdeführer den Kos-
tenvorschuss innert Frist geleistet hat (BVGer-act. 4), ist auf die unbestrit-
tenermassen frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde vom 2. Ok-
tober 2020 einzutreten (Art. 63 Abs. 4 VwVG; Art. 50 Abs. 1 und Art. 52
Abs. 1 VwVG; siehe auch Art. 60 ATSG).
2.
2.1 Das Bundesverwaltungsgericht prüft die Verletzung von Bundesrecht
einschliesslich der Überschreitung oder des Missbrauchs des Ermessens,
die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen
Sachverhalts und die Unangemessenheit (Art. 49 VwVG).
2.2 Das Sozialversicherungsverfahren ist, wie auch der Sozialversiche-
rungsprozess, vom Untersuchungsgrundsatz beherrscht (vgl. Art. 43 Abs.
1 ATSG; Art. 61 Bst. c ATSG; Art. 12 VwVG). Danach hat die verfügende
Behörde, wie auch das Gericht, von Amtes wegen aus eigener Initiative
und ohne Bindung an die Vorbringen oder Beweisanträge der Parteien für
die richtige und vollständige Abklärung des rechtserheblichen Sachverhalts
zu sorgen (BGE 122 V 158 E. 1a). Der Untersuchungsgrundsatz gilt indes-
sen nicht unbeschränkt; er findet sein Korrelat in den Mitwirkungspflichten
der Parteien (BGE 125 V 195 E. 2 mit Hinweis). Zum anderen umfasst die
behördliche und richterliche Abklärungspflicht nicht unbesehen alles, was
von einer Partei behauptet oder verlangt wird. Vielmehr bezieht sie sich nur
auf den im Rahmen des streitigen Rechtsverhältnisses (Streitgegenstand)
rechtserheblichen Sachverhalt. Rechtserheblich sind alle Tatsachen, von
deren Vorliegen es abhängt, ob über den streitigen Anspruch so oder an-
ders zu entscheiden ist (FRITZ GYGI, Bundesverwaltungsrechtspflege,
2. Aufl. 1983, S. 43 und 273). In diesem Rahmen haben Verwaltungsbe-
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hörden und Sozialversicherungsgericht zusätzliche Abklärungen stets vor-
zunehmen oder zu veranlassen, wenn hierzu aufgrund der Parteivorbrin-
gen oder anderer sich aus den Akten ergebender Anhaltspunkte hinrei-
chender Anlass besteht (BGE 117 V 282 E. 4a mit Hinweis; Urteil des Eid-
genössischen Versicherungsgerichts [EVG; heute: sozialversicherungs-
rechtliche Abteilung des Bundesgerichts] I 520/ 99 vom 20. Juli 2000).
2.3 Im Sozialversicherungsrecht gilt, sofern das Gesetz nicht etwas Abwei-
chendes vorsieht, das Beweismass der überwiegenden Wahrscheinlich-
keit. Die blosse Möglichkeit eines bestimmten Sachverhalts genügt den
Beweisanforderungen nicht. Das Gericht hat vielmehr jener Sachverhalts-
darstellung zu folgen, die es von allen möglichen Geschehensabläufen als
die wahrscheinlichste würdigt (BGE 126 V 353 E. 5b; 125 V 193 E. 2, je
mit Hinweisen). Führen die von Amtes wegen vorzunehmenden Abklärun-
gen die Verwaltung oder das Gericht bei pflichtgemässer Beweiswürdigung
zur Überzeugung, ein bestimmter Sachverhalt sei als überwiegend wahr-
scheinlich zu betrachten und weitere Beweismassnahmen könnten an die-
sem feststehenden Ergebnis nichts mehr ändern, so ist auf die Abnahme
weiterer Beweise zu verzichten (antizipierte Beweiswürdigung; UELI KIE-
SER, Das Verwaltungsverfahren in der Sozialversicherung, Zürich 1999, S.
212, Rz. 450; vgl. auch BGE 122 II 469 E. 4a; 120 1b 229 E. 2b; 119 V 344
E. 3c mit Hinweisen).
2.4 Gelangt das Gericht gestützt auf die freie Beweiswürdigung nicht zum
Ergebnis, dass sich ein rechtserheblicher Sachumstand verwirklicht hat,
kommen die Beweislastregeln zur Anwendung. Gemäss der allgemeinen
Beweislastregel hat, wo das Gesetz es nicht anders bestimmt, dieje-
nige Person das Vorhandensein einer behaupteten Tatsache zu bewei-
sen, die aus ihr Rechte ableitet (Art. 8 ZGB). Bei Beweislosigkeit ist folglich
zuungunsten derjenigen Person zu entscheiden, welche die Beweislast
trägt (vgl. Urteile des BVGer A-1746/2016 vom 17. Januar 2017 E. 1.5.2
und A-3119/2014 vom 27. Oktober 2014 E. 2.5; MOSER/BEUSCH/KNEUBÜH-
LER, Prozessieren vor dem Bundesverwaltungsgericht, 2. Aufl. 2013,
Rz. 3.149 ff.). Diese Beweisregel greift allerdings erst Platz, wenn es sich
als unmöglich erweist, im Rahmen des Untersuchungsgrundsatzes auf-
grund einer Beweiswürdigung einen Sachverhalt zu ermitteln, der zumin-
dest die Wahrscheinlichkeit für sich hat, der Wirklichkeit zu entsprechen
(BGE 144 V 427 E. 3.2).
3.
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Seite 8
3.1 Das Sozialversicherungsgericht stellt bei der Beurteilung einer Streit-
sache in der Regel auf den bis zum Zeitpunkt des Erlasses der streitigen
Verwaltungsverfügung (hier: 1. September 2020) eingetretenen Sachver-
halt ab (BGE 132 V 215 E. 3.1.1). Tatsachen, die jenen Sachverhalt seither
verändert haben, sollen im Normalfall Gegenstand einer neuen Verwal-
tungsverfügung sein (BGE 121 V 362 E. 1b).
3.2 In zeitlicher Hinsicht sind grundsätzlich diejenigen Rechtssätze mass-
geblich, die bei der Erfüllung des zu Rechtsfolgen führenden Tatbestandes
Geltung haben (BGE 143 V 446 E. 3.3; 139 V 335 E. 6.2; 138 V 475 E. 3.1).
Deshalb finden die Vorschriften Anwendung, die spätestens beim Erlass
der Verfügung vom 1. September 2020 in Kraft standen; weiter aber auch
Vorschriften, die zu jenem Zeitpunkt bereits ausser Kraft getreten waren,
die aber für die Beurteilung allenfalls früher entstandener Leistungsansprü-
che von Belang sind.
3.3 Der Beschwerdeführer ist österreichischer Staatsangehöriger und
wohnt in Österreich. Damit gelangen das Freizügigkeitsabkommen vom
21. Juni 1999 (FZA, SR 0.142.112.681) und die Regelwerke der Gemein-
schaft zur Koordinierung der Systeme der sozialen Sicherheit gemäss An-
hang II des FZA, insbesondere die für die Schweiz am 1. April 2012 in Kraft
getretenen Verordnungen (EG) Nr. 883/2004 (SR 0.831.109.268.1) und Nr.
987/2009 (SR 0.831.109.268.11), zur Anwendung (BGE 138 V 533 E. 2.1).
Seit dem 1. Januar 2015 sind auch die durch die Verordnungen (EU)
Nr. 1244/2010, Nr. 465/2012 und Nr. 1224/2012 erfolgten Änderungen in
den Beziehungen zwischen der Schweiz und den EU-Mitgliedstaaten an-
wendbar. Das Vorliegen einer anspruchserheblichen Invalidität beurteilt
sich indes auch im Anwendungsbereich des FZA und der Koordinierungs-
vorschriften nach schweizerischem Recht (vgl. BGE 130 V 253 E. 2.4; Ur-
teil des BGer 9C_573/2012 vom 16. Januar 2013 E. 4; Art. 46 Abs. 3 und
Anhang VII der Verordnung (EG) Nr. 883/2004).
4.
Anfechtungsobjekt und damit Begrenzung des Streitgegenstands des vor-
liegenden Beschwerdeverfahrens (vgl. BGE 131 V 164 E. 2.1) bildet die
Verfügung vom 1. September 2020, mit welcher die Vorinstanz einen An-
spruch des Beschwerdeführers auf eine Invalidenrente abgewiesen hat.
Streitig und zu prüfen ist die Rechtmässigkeit dieser Verfügung und in die-
sem Zusammenhang insbesondere, ob die Vorinstanz den Sachverhalt in
medizinischer Hinsicht bis zum Erlass der angefochtenen Verfügung (vgl.
E. 3.1 hiervor) rechtsgenüglich abgeklärt hat.
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Seite 9
5.
5.1 Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde
ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 ATSG). Die Invalidi-
tät kann Folge von Geburtsgebrechen, Krankheit oder Unfall sein (Art. 4
Abs. 1 IVG). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körper-
lichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zu-
mutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teil-
weise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden
ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des
Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der
gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfä-
higkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar
ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG). Arbeitsunfähigkeit ist die durch eine Beeinträchti-
gung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit bedingte,
volle oder teilweise Unfähigkeit, im bisherigen Beruf oder Aufgabenbereich
zumutbare Arbeit zu leisten. Bei langer Dauer wird auch die zumutbare Tä-
tigkeit in einem anderen Beruf oder Aufgabenbereich berücksichtigt (Art. 6
ATSG).
5.2 Neben den geistigen und körperlichen Gesundheitsschäden können
auch solche von psychischer Natur eine Invalidität bewirken (Art. 8 i.V.m.
Art. 7 ATSG). Ausgangspunkt der Anspruchsprüfung nach Art. 4 Abs. 1 IVG
sowie Art. 6 ff. und insbesondere Art. 7 Abs. 2 ATSG ist die medizinische
Befundlage. Eine Einschränkung der Leistungsfähigkeit kann immer nur
dann anspruchserheblich sein, wenn sie Folge einer Gesundheitsbeein-
trächtigung ist, die fachärztlich einwandfrei diagnostiziert worden ist (BGE
141 V 281 E. 2.1). Mit der Diagnose eines Gesundheitsschadens ist noch
nicht gesagt, dass dieser Schaden auch invalidisierenden Charakter hat.
Gemäss höchstrichterlicher Rechtsprechung erfolgt die Prüfung, ob ein
psychischer Gesundheitsschaden eine rentenbegründende Invalidität zu
bewirken vermag, schliesslich anhand eines strukturierten normativen Prü-
fungsrasters (BGE 141 V 281 E. 4.1). Dies gilt für sämtliche psychischen
Störungen, einschliesslich affektiver Störungen und seit dem Urteil des
Bundesgerichts 9C_724/2018 vom 11. Juli 2019 (publiziert als BGE 145 V
215) auch für Suchterkrankungen in Form von primären Abhängigkeitssyn-
dromen bzw. Substanzkonsumstörungen (BGE 143 V 418 E. 7; 145 V 215
E. 7). Eine invalidenversicherungsrechtlich erhebliche Gesundheitsbeein-
trächtigung liegt nur vor, wenn die Diagnose im Rahmen einer Prüfung auf
der ersten Ebene auch unter dem Gesichtspunkt der Ausschlussgründe
nach BGE 131 V 49 standhält. Danach liegt regelmässig keine versicherte
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Gesundheitsschädigung vor, soweit die Leistungseinschränkung auf Ag-
gravation oder einer ähnlichen Erscheinung beruht (BGE 141 V 281 E. 2.2
und E. 2.2.1). Liegt auch unter dem Gesichtspunkt der Ausschlussgründe
eine versicherte Gesundheitsschädigung vor, erfolgt schliesslich auf der
zweiten Ebene anhand eines normativen Prüfungsrasters mit einem Kata-
log von Indikatoren eine ergebnisoffene symmetrische Beurteilung des –
unter Berücksichtigung leistungshindernder äusserer Belastungsfaktoren
einerseits und Kompensationspotentialen (Ressourcen) anderseits – tat-
sächlich erreichbaren Leistungsvermögens (BGE 141 V 281 E. 3.6). Die
für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit erwähnten Indikatoren hat das Bun-
desgericht wie folgt systematisiert (BGE 141 V 281 E. 4.1.3): Kategorie
«funktioneller Schweregrad» (E. 4.3) mit den Komplexen «Gesundheits-
schädigung» (Ausprägung der diagnoserelevanten Befunde und Symp-
tome; Behandlungs- und Eingliederungserfolg oder -resistenz; Komorbidi-
täten [E. 4.3.1]), «Persönlichkeit» (Persönlichkeitsentwicklung und -struk-
tur, grundlegende psychische Funktionen [E. 4.3.2]) und «sozialer Kon-
text» (E. 4.3.3) sowie Kategorie «Konsistenz» (Gesichtspunkte des Verhal-
tens [E. 4.4]) mit den Faktoren gleichmässige Einschränkung des Aktivitä-
tenniveaus in allen vergleichbaren Lebensbereichen (E. 4.4.1) und be-
handlungs- und eingliederungsanamnestisch ausgewiesener Leidens-
druck (E. 4.4.2). Nach BGE 141 V 281 kann somit der Beweis für eine lang
andauernde und erhebliche gesundheitsbedingte Arbeitsunfähigkeit nur
dann als geleistet betrachtet werden, wenn die Prüfung der massgeblichen
Beweisthemen im Rahmen einer umfassenden Betrachtung ein stimmiges
Gesamtbild einer Einschränkung in allen Lebensbereichen (Konsistenz) für
die Bejahung einer Arbeitsunfähigkeit zeigt. Fehlt es daran, ist der Beweis
nicht geleistet und nicht zu erbringen, was sich nach den Regeln über die
(materielle) Beweislast zuungunsten der rentenansprechenden Person
auswirkt (BGE 144 V 50 E. 4.3; 143 V 418 E. 6).
5.3 Anspruch auf eine Invalidenrente haben gemäss Art. 28 Abs. 1 IVG
Versicherte, die ihre Erwerbsfähigkeit nicht durch zumutbare Eingliede-
rungsmassnahmen wiederherstellen, erhalten oder verbessern können
(Bst. a), während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durch-
schnittlich mindestens 40 % arbeitsunfähig (Art. 6 ATSG) gewesen sind
(Bst. b) und nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (Art. 8
ATSG) sind (Bst. c). Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % be-
steht Anspruch auf eine Viertelsrente, bei mindestens 50 % auf eine halbe
Rente, bei mindestens 60 % auf eine Dreiviertelsrente und bei mindestens
70 % auf eine ganze Rente (Art. 28 Abs. 2 IVG).
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C-4885/2020
Seite 11
5.4 Bei der Beurteilung der Arbeits(un)fähigkeit stützen sich die Verwaltung
und – im Beschwerdefall – das Gericht auf Unterlagen, die von ärztlichen
und gegebenenfalls auch anderen Fachleuten zur Verfügung zu stellen
sind. Ärztliche Aufgabe ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und
dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tä-
tigkeiten die versicherte Person arbeitsfähig ist. Hinsichtlich des Beweis-
wertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob dieser für die streitigen Be-
lange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die ge-
klagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese)
abgegeben worden ist, in der Beurteilung der medizinischen Zusammen-
hänge sowie der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schluss-
folgerungen der Expertinnen und Experten begründet sind (BGE 134 V 231
E. 5.1; 125 V 351 E. 3a). Eine begutachtende medizinische Fachperson
muss über die notwendigen fachlichen Qualifikationen verfügen (Urteil des
BGer 9C_555/2017 vom 22. November 2017 E. 3.1 mit Hinweisen).
5.5 Den von Versicherungsträgern im Verfahren nach Art. 44 ATSG einge-
holten Gutachten von medizinischen Sachverständigen, die den Anforde-
rungen der Rechtsprechung entsprechen, darf das Gericht vollen Beweis-
wert zuerkennen, solange nicht konkrete Indizien gegen die Zuverlässig-
keit der Expertise sprechen (BGE 137 V 210 E. 2.2.2; 135 V 465 E. 4.4).
Folgt ein Gutachten den Indikatoren von BGE 141 V 281 gilt in Bezug auf
die Beweiswürdigung Folgendes: Hinsichtlich der Beurteilung der Arbeits-
fähigkeit haben sich sowohl die medizinischen Sachverständigen als auch
die Organe der Rechtsanwendung bei ihrer Einschätzung des Leistungs-
vermögens an den normativen Vorgaben zu orientieren; die Gutachter im
Idealfall gemäss der entsprechend formulierten Fragestellung (BGE 141 V
281 E. 5.2). Die Rechtsanwender prüfen die medizinischen Angaben frei
insbesondere daraufhin, ob die Ärzte sich an die massgebenden normati-
ven Rahmenbedingungen gehalten haben und ob und in welchem Umfang
die ärztlichen Feststellungen anhand der rechtserheblichen Indikatoren auf
Arbeitsunfähigkeit schliessen lassen (BGE 143 V 418 E. 6). Eine renten-
begründende Invalidität ist nur dann anzunehmen, wenn funktionelle Aus-
wirkungen medizinisch anhand der Indikatoren schlüssig und wider-
spruchsfrei festgestellt sind und somit den versicherungsmedizinischen
Vorgaben Rechnung getragen wurde. Entscheidend bleibt letztlich immer
die Frage der funktionellen Auswirkungen einer Störung, welche im Rah-
men des Sozialversicherungsrechts abschliessend nur aus juristischer
Sicht beantwortet werden kann (BGE 144 V 50 E. 4.3; BGE 141 V 281 E.
6, Urteil des BGer 8C_635/2018 vom 21. Dezember 2018 E. 6.1). Gelangt
jedoch der Rechtsanwender zum Schluss, ein Gutachten erfülle sowohl die
https://www.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=2&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=all&query_words=8C_260%2F2017&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F143-V-418%3Ade&number_of_ranks=0#page418
C-4885/2020
Seite 12
mit BGE 141 V 281 definierten versicherungsmedizinischen Massstäbe wie
auch die allgemeinen rechtlichen Beweisanforderungen (vgl. E. 5.4 hier-
vor), ist es beweiskräftig und die darin formulierten Stellungnahmen zur
Arbeitsfähigkeit sind zu übernehmen. Eine davon losgelöste juristische Pa-
rallelüberprüfung nach Massgabe des strukturierten Beweisverfahrens soll
nicht stattfinden (BGE 141 V 281 E. 5.2.3; Urteil des BGer 8C_260/2017
vom 1. Dezember 2017 E. 4.2.5 mit weiteren Hinweisen).
5.6 Was retrospektive Beurteilungen der Arbeits(un)fähigkeit angeht, so
sind diese rechtsprechungsgemäss schwierig und entsprechende Begut-
achtungen sollten deshalb erhöhten Ansprüchen genügen. Die Gutachterin
bzw. der Gutachter hat – soweit nötig – hierbei alle Informationsquellen zu
berücksichtigen, die zur Verfügung stehen, wie die Krankengeschichten
der behandelnden Ärztinnen und Ärzte, ausführliche Patienten-, Fremd-
und Sozialanamnesen und die vollständigen Akten der involvierten Sozial-
versicherer und Behörden (vgl. Urteil des EVG vom I 200/03 vom 26. Juli
2004 E. 4.5).
6.
Die Vorinstanz bzw. IV-Stelle D._ hat sich bei ihrer rentenabweisen-
den Verfügung vom 1. September 2020 in medizinischer Hinsicht auf das
SMAB-Gutachten vom 14. Februar 2020 (act. 154) gestützt.
6.1 In der interdisziplinären Gesamtbeurteilung gaben die SMAB-Gutach-
ter als Diagnose mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit eine Bipolar-II-Stö-
rung (F31.8) an. Als Diagnosen ohne Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit
wurden folgende angegeben: (1) Knöchern konsolidierte Unterschenkel-
fraktur links vom 8. Februar 2014 bei Statuts nach Osteosynthese mittels
Marknagel am 8. Februar 2014 und Status nach Entfernung des Osteosyn-
thesematerials des linken Unterschenkels am 16. November 2015, (2)
mässige Varusgonarthrose links, (3) Streckdefizit des linken Zeigefinger-
endglieds nach Strecksehnenverletzung 1974, (4) Senk-Spreizfuss mit
leichter Hohlfusskomponente beidseits, (5) Reizdarmsyndrom mit prädo-
minanter Diarrhoe und (6) Hypercholesterinämie (act. 154, S. 8). Die Gut-
achter attestierten dem Beschwerdeführer gesamthaft eine Arbeitsfähigkeit
von 80 % (8.5 Stunden täglich, Leistungsminderung von 20 %) sowohl in
der bisherigen als auch in leidensadaptierter Tätigkeit. In retrospektiver
Hinsicht gaben die Gutachter gesamthaft folgende Arbeitsfähigkeiten an:
vom 8. Februar bis 30. Juni 2014 0 %, vom 1. Juli bis 22. Oktober 2014 50
%, ab 23. Oktober 2014 zunächst 0 % und dann eine schrittweise Steige-
rung der Arbeitsfähigkeit von 0 % auf 80 % bis zum 29. August 2016, wobei
C-4885/2020
Seite 13
intermittierend jeweils eine volle Arbeitsunfähigkeit für jeweils 4 Wochen
nach der Entfernung des Osteosynthesematerials des linken Unterschen-
kels am 16. November 2015 und der Rippenfraktur der 4. Rippe rechts am
6. Juli 2016 bestanden habe. Seit dem 29. August 2016 liege nahezu
durchgehend eine 80%ige Arbeitsfähigkeit vor, wobei intermittierend eine
volle Arbeitsunfähigkeit für 4 Wochen nach der Ringbandspaltung A1 D III
der rechten Hand im Juni 2019 bestanden habe. Diese retrospektive Ar-
beitsfähigkeitsschätzung gelte sowohl für die bisherige als auch für eine
leidensadaptierte Tätigkeit (act. 154, S. 10 f.).
6.2 In somatischer, d. h. in orthopädisch-traumatologischer, neurologischer
und internistischer Hinsicht, konnten die SMAB-Gutachter keine Diagno-
sen mit einer daraus folgenden Einschränkung der Arbeitsfähigkeit des Be-
schwerdeführers stellen. Lediglich retrospektiv bestand gemäss orthopädi-
schem Gutachter infolge des offenen Unterschenkelbruchs links eine län-
ger dauernde Arbeitsunfähigkeit in der bisherigen und in leidensadaptierten
Tätigkeiten in der Höhe von zunächst 100 % vom 8. Februar bis 30. Juni
2014 und dann von 50 % bis Ende Dezember 2014. Seit Januar 2015
werde von einer 75%igen und ab Februar 2015 wieder von einer 100%igen
Arbeitsfähigkeit ausgegangen (act. 154, S. 49 f.). Die zusätzlich aus ortho-
pädischer Sicht attestierten vorübergehenden vollen Arbeitsunfähigkeiten
von jeweils 4 Wochen nach operativen Eingriffen im November 2015, Juli
2016 und Juni 2019 sind aus Sicht der Invalidenversicherung, welche aus-
schliesslich die bleibende oder längere Zeit dauernde Arbeits- bzw. Er-
werbsunfähigkeit erfasst (vgl. Art. 8 Abs. 1 ATSG, Art. 28 Abs. 1 lit. b IVG,
UELI KIESER, ATSG-Kommentar, 4. Aufl. 2020, Art. 8 N. 17; BGE 141 V 9
E. 5.2), unbeachtlich. Die somatischen Teilgutachten erweisen sich alle-
samt als umfassend, ergingen in Kenntnis der Vorakten und beruhen auf
allseitigen Untersuchungen. Sie berücksichtigen die vom Beschwerdefüh-
rer geklagten Beschwerden, leuchten bezüglich der Beurteilung der medi-
zinischen Situation und der medizinischen Zusammenhänge ein und sind
in ihren Schlussfolgerungen begründet. Insbesondere wurden auch die mit
Urteil des Bundesverwaltungsgerichts C-2039/2017 vom 6. März 2019 be-
treffend den somatischen Gesundheitszustand des Beschwerdeführers
aufgeworfenen Fragen geklärt (vgl. E. 9, act. 132, S. 23 ff.). So hat der
orthopädische SMAB-Gutachter sämtliche Beschwerden des Beschwerde-
führers berücksichtigt und sich auch mit dem Röntgenbefund des linken
Kniegelenks von Dr. H._ vom 12. April 2017 (vgl. Fremdakten der
Unfallversicherung [nachfolgend: UV-act.] 10), der von Dr. I._ im
Bericht vom 28. Januar 2015 erwähnten Diagnose eines femoropatellären
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Seite 14
Syndroms beidseits (vgl. UV-act. 4, S. 4) sowie dem MRT-Befund der Hals-
wirbelsäule vom 5. Juli 2015 (act. 51 f.) auseinandergesetzt. In Bezug auf
das linke Knie wies der orthopädische Gutachter darauf hin, dass der Un-
tersuchungsbefund des stabilen, reizlosen und frei beweglichen linken
Kniegelenks vollkommen unauffällig gewesen sei. Die in den Akten er-
wähnten retropatellaren Beschwerden beider Kniegelenke habe der Be-
schwerdeführer anlässlich der Begutachtung nicht angegeben und auch
bei der Untersuchung beider Kniegelenke hätten keine positiven retropa-
tellaren Chondropathie-Zeichen bestanden (act. 154, S. 46). Betreffend die
Hals- und Lendenwirbelsäule habe der Beschwerdeführer anlässlich der
Begutachtung keine chronischen wiederkehrenden Schmerzen angege-
ben (act. 154, S. 48). Zudem war die vom orthopädischen Gutachter dies-
bezüglich durchgeführte klinische Untersuchung ebenfalls unauffällig (vgl.
act. 154, S. 44, "Kopf und Hals" und "Wirbelsäule und Rumpf"). Vor diesem
Hintergrund und unter Berücksichtigung des Umstands, dass für die Ein-
schätzung der Arbeitsfähigkeit nicht in erster Linie das Resultat bildgeben-
der Verfahren, sondern dasjenige der klinischen Untersuchung massge-
bend ist (vgl. Urteil des BGer 8C_45/2017 vom 26. Juli 2017 E. 5.3), ist
nachvollziehbar, dass aus orthopädischer Hinsicht – abgesehen von der
retrospektiv vom 8. Februar 2014 bis 31. Januar 2015 bestandenen Ar-
beitsunfähigkeit infolge des Unterschenkelbruchs links – keine Einschrän-
kung der Arbeitsfähigkeit attestiert wurde. In internistischer Hinsicht wur-
den – wie im Urteil des Bundesverwaltungsgerichts C-2039/2017 vom
6. März 2019 vorgesehen (vgl. E. 10.4, act. 132, S.28) – die vom Be-
schwerdeführer anlässlich der Begutachtung durch Dr. G._ im Au-
gust 2016 geklagten Durchfallbeschwerden (vgl. act. 96, S. 19 f.) beurteilt.
Der internistische SMAB-Gutachter kam unter Berücksichtigung der anam-
nestisch vor Kurzem durchgeführten gastroenterologischen Untersuchun-
gen (Gastroskopie und Koloskopie) mit unauffälligem Befund und der feh-
lenden Hinweise auf das Vorliegen einer chronisch-entzündlichen Darm-
krankheit zum Schluss, dass ein Reizdarmsyndrom mit rezidivierenden Di-
arrhoen diagnostiziert werden könne. Daraus ergebe sich für den Be-
schwerdeführer lediglich, dass der Arbeitsplatz so ausgerichtet sein sollte,
dass eine Toilette in der Nähe sei (act. 154, S. 70). Die beim Beschwerde-
führer anamnestisch gelegentlich auftretenden Diarrhoen stünden meist im
Zusammenhang mit Stresssituationen und speziell mit Nahrungsmitteln. Im
Alltag bestehe diesbezüglich keine Einschränkung, wenn der Beschwerde-
führer auf die Ernährung achte (act. 154, S. 71). Diese Ausführungen sowie
die aus internistischer Hinsicht attestierte 100%ige Arbeitsfähigkeit des Be-
schwerdeführers in der bisherigen sowie leidensadaptierten Tätigkeiten er-
scheinen nachvollziehbar und überzeugend. In neurologischer Hinsicht
C-4885/2020
Seite 15
konnten beim Beschwerdeführer keinerlei Diagnosen gestellt werden. Zu-
sammengefasst kann aus somatischer Sicht auf die Einschätzung der Gut-
achter, wonach der Beschwerdeführer bis auf den Zeitraum vom 8. Februar
2014 bis 31. Januar 2015 (8. Februar bis 30. Juni 2014: 100 % arbeitsun-
fähig, 1. Juli bis 31. Dezember 2014: 50 % arbeitsunfähig und Januar 2015:
25 % arbeitsunfähig) sowohl in der bisherigen Tätigkeit als auch in leidens-
adaptierten Tätigkeiten zu 100 % arbeitsfähig ist bzw. retrospektiv gewe-
sen ist, abgestellt werden. Der Beschwerdeführer bestreitet denn auch die
somatische Beurteilung der SMAB-Gutachter nicht und bringt nichts Ge-
genteiliges vor.
6.3 Umstritten ist demgegenüber die Beurteilung des Gesundheitszu-
stands und die Einschätzung der Arbeitsfähigkeit des psychiatrischen
SMAB-Gutachters Dr. med. J._, Facharzt für Psychiatrie und Psy-
chotherapie. Da der Beschwerdeführer insbesondere die retrospektive Be-
urteilung der Arbeitsfähigkeit aus psychiatrischer Sicht bestreitet und eine
mangelnde gutachterliche Auseinandersetzung mit den Berichten der be-
handelnden Psychiaterin Dr. F._ rügt, werden im Folgenden noch-
mals die bereits im Urteil des Bundesverwaltungsgerichts C-2039/2017
vom 6. März 2019 erwähnten und gewürdigten Berichte von Dr. F._
wiedergegeben:
– Im IV-Formularbericht vom 9. Juli 2015 gab Dr. F._ zuhanden der IV-
Stelle D._ als Diagnose "F33.2" an, bestehend seit Dezember 2014.
Der Beschwerdeführer werde fachpsychiatrisch mit Psychopharmaka und
Psychotherapie in ambulantem Setting alle 2 - 4 Wochen behandelt. Als ge-
sundheitliche Einschränkung bestehe eine Erschöpfungssymptomatik mit de-
pressiver Stimmungslage. Der Beschwerdeführer habe nicht mehr arbeiten
können. Die Einschätzung der Arbeitsfähigkeit in der bisherigen und einer
adaptierten Tätigkeit wie auch die Beantwortung der Frage, welche gesund-
heitlichen Einschränkungen in einer angepassten Tätigkeit zu beachten sind,
erachtete Dr. F._ als "gutachterliche Fragestellung" und nahm dazu
keine Stellung. Auch die Frage (Ziff. 1.4 Formular) betreffend aktuelle Symp-
tome beantwortete Dr. F._ nicht (act. 41, 43).
– Im Bericht vom 16. Juli 2015 hielt Dr. F._ auf Nachfrage der IV-Stelle
D._ (vgl. act. 46) nach Angaben zum psychopathologischen Befund
(insbesondere: kognitive Leistungen insgesamt reduziert, im formalen Denken
Gedankenkreisen und Grübeln, teilweise sprunghaft, inhaltlich vermindertes
Selbstvertrauen, vermindertes Selbstwertgefühl, Ängste, in der Stimmung
C-4885/2020
Seite 16
mittig bis subdepressiv, im Affekt wenig mitschwingend, grundsätzlich im ne-
gativen Skalenbereich affizierbar, im Antrieb und Psychomotorik unauffällig)
fest, dass der Beschwerdeführer nach der Umstellung der medikamentösen
Behandlung auf das gut verträglich Brintellix am 15. April 2015 über eine Ver-
besserung der depressiven Symptomatik berichtet habe. Eine Zuweisung für
einen geplanten stationären Aufenthalt in einer Klinik für Psychosymptomatik
sei bislang u.a. wegen der selbstunsicheren vermeidenden ängstlichen Per-
sönlichkeitsmerkmale des Beschwerdeführers (noch) nicht erfolgt (act. 54,
S. 2 f.).
– Im IV-Formularbericht vom 30. Mai 2016 gab Dr. F._ als Diagnose
"F32.2, in Teilremission" an. Die Behandlung erfolge weiterhin mittels Psycho-
pharmaka und Verhaltenstherapie. Unter "Prognose" hielt sie fest, dass sozi-
ale Alltagsbelastungen bedingt (möglich) seien, aber zum jetzigen Zeitpunkt
keine Arbeitsfähigkeit bestehe. Zur Frage der medizinisch-theoretischen Ar-
beitsfähigkeit in der bisherigen und einer adaptierten Tätigkeit gab Dr.
F._ erneut an, dies sei eine gutachterliche Fragestellung. Die Fragen,
welche Symptome aktuell bestehen und welche geistigen und psychischen
Einschränkungen betreffend bisheriger und einer angepassten Tätigkeit vor-
liegen, beantwortet sie nicht respektive gibt an, dass es sich um eine gut-
achterliche arbeitsmedizinische Fragestellung handle (act. 88, S. 2 ff.).
– In einem (dem Gutachten von Dr. G._ beigelegten) Bericht vom 7. Juli
2016 gab Dr. F._ folgende Diagnose an: "Schwergradige depressive
Episode, derzeit in Teilremission, mit begleitender episodisch paroxysmaler
Angststörung" (act. 96, S. 44).
– Im Bericht vom 21. März 2017 mit dem Titel "Auszug aus der Krankenge-
schichte" hielt Dr. F._ fest, dass der Beschwerdeführer an einer rezidi-
vierend depressiven Störung, gegenwärtig mittelgradige depressive Episode,
derzeit in Teilremission, leide. Auf der Achse II dominieren Persönlichkeits-
merkmale vom Cluster B mit emotional instabilen Anteilen. Aufgrund der Im-
pulskontrollstörung, Affektregulationsstörung und der Stimmungsschwankun-
gen v.a. mit Neigung zu depressiven Phasen werde aktuell die Psychophar-
makotherapie mit "Lamotrigin" erweitert. Der Beschwerdeführer nehme regel-
mässig seine fachärztlichen Kontrollen, bei denen auch psychotherapeutische
(verhaltenstherapeutisch orientierte) Gespräche geführt würden, wahr (zum
Aufbau von Copingstrategien und Stress-Reduktion sowie Resilienzstärkung).
Eine psychopathologische Stabilität sei bislang nicht eingetreten. Immer wie-
der komme es bei Stresssituationen und Belastungsmomenten zu einer Ver-
schlechterung der depressiven Symptomatik mit begleitender massiver Angst,
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Seite 17
Störung der Schlafstruktur und Neigung zur sozialen Isolation. Im Rahmen ei-
ner beruflichen Reintegration sei mit einer Verschlechterung bzw. protrahie-
rendem Verlauf der Depression auszugehen, weshalb die berufliche Rein-
tegration nicht als sinnvoll und zweckmässig zu betrachten sei (act. 115).
Nach Erlass des Urteils des Bundesverwaltungsgerichts vom 6. März 2019
und im Rahmen der Aktualisierung des medizinischen Dossiers durch die
IV-Stelle D._ gingen zwei weitere Berichte von Dr. F._ ein:
– Gemäss einer "Bestätigung" von Dr. F._, datiert 17. Juli 2019, steht der
Beschwerdeführer bei ihr seit 10. Dezember 2014 ununterbrochen in regel-
mässigen Abständen in psychiatrisch-fachärztlicher Behandlung aufgrund ei-
ner schweren depressiven Episode und es bestehe ebenfalls seit 10. Dezem-
ber 2014 eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit (act. 136, S. 3, als Beilage zum
Schreiben des Beschwerdeführers an die IV-Stelle D._ vom gleichen
Tag, act. 136, S. 2).
– Im nicht unterzeichneten IV-Formular-Bericht "Berufliche Integration/Rente"
vom 26. August 2019 zuhanden der IV-Stelle D._ gab Dr. F._
auf Nachfrage als Diagnose "F31.4" an. Sie hielt fest, der Beschwerdeführer
komme in ca. 4 - 6-wöchigen Abständen zur Behandlung (zuletzt am 25. Juli
2019). Die Psychopharmakotherapie sei weiterhin dringend notwendig. Er sei
seit Dezember 2014 in Behandlung wegen schwergradiger depressiver Epi-
sode (ED 2014) bei Hinweis auf bei bipolar affektive Störung. Aktuell sei er in
Teilremission bei zwischenzeitlich hypomanischen Phasen unter Antidepres-
siva. Aktuell bestünden eine depressive, nihilistische Stimmung, ein vermin-
derter Antrieb, eine Angstsymptomatik, Schlafstörung. Die Stimmung sei la-
bile, instabile und rasch wechselnd. Für die zuletzt ausgeübte Tätigkeit sei der
Beschwerdeführer zu 100 % arbeitsunfähig bis jetzt. Eine Arbeitsfähigkeit sei
nicht mehr zu erwarten. Als Funktionseinschränkungen bestünden Stim-
mungsschwankungen, aktuell depressive Stimmung, rasch wechselnd, Kon-
zentrationsstörungen, verminderte Ausdauer, wenig Belastbarkeit, Angst-
symptome und Müdigkeit. Als Ressourcen des Beschwerdeführers gab
Dr. F._ Folgende an: Partnerschaft, Haustier (Hund), Natur, Spazier-
gänge, Kontakt zu Freunden und Fahrradfahren. Zur Frage nach der Prognose
einer Eingliederung hielt sie fest, der Beschwerdeführer sei angesichts des
bisherigen Verlaufs nicht eingliederbar. Aufgrund des Hinweises auf bipolaren
Verlauf mit depressiven und hypomanischen Phasen, aktuell depressive Stim-
mung mit Angst, sowie der weiterhin geringen Belastbarkeit sei eine Wieder-
eingliederung in den beruflichen Prozess als nicht sinnvoll und zweckmässig
C-4885/2020
Seite 18
zu erachten (act. 141). Gemäss dem von Dr. F._ veranlassten Labor-
befund vom 26. August 2019 lag der Parameter des vom Beschwerdeführer
einzunehmenden Medikaments "Amisulprid" (anders als jener von Sertralin)
mit einem Wert von < 5 ng/mL deutlich unterhalb des Referenzbereichs von
100 - 320 ng/mL (act. 143).
6.4 Zunächst ist auf die vom psychiatrischen SMAB-Gutachter Dr.
J._ für den Begutachtungszeitpunkt im Dezember 2019 vorgenom-
mene Beurteilung des Gesundheitszustands und der Arbeitsfähigkeit des
Beschwerdeführers einzugehen.
6.4.1 Dem psychiatrischen Teilgutachten vom 10. Februar 2020 ist zu ent-
nehmen, dass Dr. J._ eine ausführliche Untersuchung mit Befra-
gungen zu den aktuellen Beschwerden, zur Anamnese und zum Tagesab-
lauf des Beschwerdeführers durchführte (act. 154, S. 24 ff.). Die psychiat-
rische Befunderhebung erfolgte detailliert und unter Berücksichtigung der
Ergebnisse der zusätzlich durchgeführten neuropsychologischen Begut-
achtung vom 13. Januar 2020 sowie der Laboruntersuchung vom 20. De-
zember 2019 (act. 154, S. 28 ff.). Der Aktenauszug enthält sämtliche in den
Akten vorhandenen psychiatrischen Berichte und Gutachten (siehe An-
hang 1 in der Gesamtbeurteilung, act. 154, S. 13 ff.). Gestützt auf diese
Grundlagen stellte Dr. J._ die Diagnose Bipolar-II-Störung (F31.8),
wobei er ausführte, dass beim Beschwerdeführer anamnestisch lediglich
eine einzige zweiwöchige hypomanische Episode aufgetreten sei und da-
her die depressive Symptomatik, welche aktuell leichtgradig ausgeprägt
sei, klar im Vordergrund stehe bzw. gestanden habe (act. 154, S. 30 und
34 "Zusammenfassung"). Weiter setzte er sich mit den Vorakten auseinan-
der und begründete seine davon abweichende Beurteilung des Gesund-
heitszustands (act. 145, S. 32 f.). Die Abweichung vom jüngsten Bericht
von Dr. F._ vom 26. August 2019, in welchem diese die Diagnose
F31.4 gestellt hatte, was gemäss ICD-10 für eine bipolare affektive Stö-
rung, gegenwärtig schwere depressive Episode ohne psychotische Symp-
tome steht, begründete er dahingehend, dass der Beschwerdeführer
anamnestisch nur eine einzige hypomanische Episode von zwei Wochen
durchgemacht habe, weshalb nur von einer Bipolar-II-Störung auszugehen
sei. Zudem sei es mit Blick auf die aktuellen Untersuchungsergebnisse und
der Tatsache, dass es keinerlei Hinweise für eine Verbesserung des psy-
chischen Zustandsbilds seit dem Bericht von Dr. F._ gebe, nicht
plausibel, dass damals tatsächlich eine schwer ausgeprägte depressive
Episode vorgelegen haben solle (act. 154, S. 33). Sämtliche Ausführungen
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Seite 19
und Schlussfolgerungen von Dr. J._ betreffend die gestellte Diag-
nose Bipolar-II-Störung (F31.8) mit einer im Vordergrund stehenden de-
pressiven Symptomatik, aktuell leichtgradig ausgeprägt, sind insoweit
nachvollziehbar begründet.
6.4.2 Wie im Urteil des Bundesverwaltungsgerichts C-2039/2017 vom
6. März 2019 vorgesehen (vgl. E. 10.4, act. 132, S. 28), prüfte Dr.
J._ im Rahmen seiner Begutachtung auch das mögliche Vorliegen
einer Alkoholproblematik bzw. -abhängigkeit beim Beschwerdeführer,
nachdem anlässlich der Begutachtung durch Dr. G._ im August
2016 ein pathologischer CDT-Wert von 6.8 % festgestellt worden war, was
auf einen problematischen Alkoholkonsum schliessen lässt. Da sich da-
mals aus den Akten allerdings keine Hinweise für das Vorliegen einer Alko-
holabhängigkeit ergeben hatten und der Beschwerdeführer berichtet hatte,
lediglich ab und zu ein kleines Bier zu trinken, hatte Dr. G._ das
Vorliegen einer Alkoholabhängigkeit nicht bejahen, es aber auch nicht aus-
schliessen können (act. 96, S. 28 und 30). Dr. J._ hielt fest, dass
der damalige CDT-Wert von 6.8 % im deutlich pathologischen Bereich ge-
wesen sei und somit damals eine Alkoholproblematik eindeutig vorgelegen
haben dürfte (act. 154, S. 30 f.). Anzumerken ist hier, dass die auf Nach-
frage von Dr. J._ gemachte Aussage des Beschwerdeführers, er
habe vor der Untersuchung bei Dr. G._ zur Beruhigung einen
Schnaps getrunken, was dann wahrscheinlich im Blut festgestellt worden
sei und den Verdacht auf Alkoholprobleme begründet habe (vgl. act. 154,
S. 25), den pathologischen CDT-Wert offensichtlich nicht zu erklären ver-
mag, denn wie von Dr. G._ und Dr. J._ erwähnt treten er-
höhte CDT-Werte im Serum erst nach mindestens einwöchiger Aufnahme
von täglich mehr als 60 g reinem Ethanol auf (act. 154, S. 31; act. 96, S.
30). Demgegenüber vermag ein einmaliger Alkoholexzess, wie stark er
auch sein mag, den CDT-Wert nur minimal zu steigern und kann daher
nicht zu einem Anstieg über die Referenzbereichsgrenze führen (vgl. dazu
die Ausführungen von UNIV. PROF. DR. MED. WOLFGANG HÜBL, Facharzt für
Medizinische und Chemische Labordiagnostik, betreffend CDT, abrufbar
unter https://www.med4you.at/laborbefunde/lbef_liste.htm#C, zuletzt be-
sucht am 13. Juli 2021). Betreffend die Situation im Begutachtungszeit-
punkt im Dezember 2019 hielt Dr. J._ fest, der CDT-Wert liege ak-
tuell im Graubereich (vgl. Laborbericht vom 20. Dezember 2019: CDT
2.0 %, Idealwert: < 1.75 %, Grauzone: 1.75 - 2.5 %, pathologisch: > 2.5 %;
act. 154, S. 95). Weiter führte er aus, dieser im Vergleich zu August 2016
niedrigere Wert wäre auch dadurch erklärbar, dass der Beschwerdeführer
einige Wochen vor dem Begutachtungstermin den Alkoholkonsum deutlich
C-4885/2020
Seite 20
reduziert habe. Eine genauere Klärung wäre nur durch die Bestimmung der
CDT-Werte über einen längeren Zeitraum (ca. 6 Monte) möglich. Abgese-
hen davon ergebe sich trotz des im Gutachten von Dr. G._ mitge-
teilten sehr hohen CDT-Wertes aktuell unter Berücksichtigung der Selbst-
angaben des Beschwerdeführers zum Alkoholkonsum sowie des aktuellen
CDT-Wertes keine alkoholbezogene Diagnose (act. 154, S. 31). Zu dieser
Schlussfolgerung ist einschränkend festzuhalten, dass auf die Selbstanga-
ben des Beschwerdeführers, wonach er ca. zweimal pro Woche zwei bis
drei kleine Flaschen Bier à 0.33 Liter trinke (vgl. act. 154, S. 25), kaum
abgestellt werden kann, nachdem sich seine Angaben zum Alkoholkonsum
bezogen auf den Zeitraum August 2016 nachweislich als unzutreffend er-
wiesen haben und es notorisch ist, dass Alkoholabhängige dazu tendieren,
ihre Suchterkrankung zu bagatellisieren oder gar zu leugnen (vgl. Urteil
des BVGer C-2159/2018 vom 23. September 2020 E. 6.2.2). Allerdings
fehlt es auch anlässlich der Begutachtung durch Dr. J._ an weiteren
Hinweisen, die auf eine Alkoholabhängigkeit schliessen lassen würden. Zu-
dem lagen die nebst dem CDT-Wert untersuchten Marker gamma-GT,
MCV, GOT (AST) und GPT (ALT), deren Messung als biologische Alko-
hol(missbrauchs)marker in Verfahren betreffend Sicherungsentzügen von
Führerausweisen als erforderlich erachtet wird (vgl. BGE 129 II 82 E. 6.2.1
mit Hinweis auf das nicht publizierte Urteil des BGer 6A.111/2000 vom 20.
März 2001 E. 4c und 4d), alle im Normbereich (vgl. Laborbericht vom 20.
Dezember 2019, act. 154, S. 94). Im Ergebnis ist daher die Aussage von
Dr. J._, es könne beim Beschwerdeführer im Begutachtungszeit-
punkt keine alkoholbezogene Diagnose gestellt werden, nachvollziehbar.
6.4.3 Aufgrund der vom Beschwerdeführer bei der psychiatrischen Unter-
suchung geklagten ausgeprägten kognitiven Einschränkungen ("stark ein-
geschränkte Konzentration" und "schlechtes Gedächtnis", vgl. act. 154,
S. 24 Ziff. 3.2) wurde am 13. Januar 2020 als Zusatzuntersuchung eine
neuropsychologische Begutachtung durchgeführt. Im entsprechenden Teil-
gutachten vom 21. Januar 2019 (act. 154, S. 75 ff.) kam der neuropsycho-
logische Gutachter nach Durchführung diverser testpsychologischer Ver-
fahren, einschliesslich Leistungsvalidierungsverfahren, zum Schluss, dass
die vom Beschwerdeführer gezeigten Defizite in multiplen kognitiven Funk-
tionsbereichen (insbesondere im attentionalen, mnestischen und exekuti-
ven Bereich), rein formal, ohne Berücksichtigung des Validitätsaspektes,
einer mittelgradigen neuropsychologischen Störung entsprächen. In den
durchgeführten Leistungsvalidierungsverfahren ergäben sich allerdings
teilweise auffällige Befunde, welche bei fehlenden Hinweisen für weitere
Inkonsistenzen im neuropsychologischen Störungsprofil, im Verhalten oder
C-4885/2020
Seite 21
den Angaben des Beschwerdeführers im neuropsychologischen Bereich
am ehesten als Verdeutlichung zu werten seien. Es sei in diesem Rahmen
davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer nicht durchgängig eine
ausreichende Anstrengungsbereitschaft aufgebracht habe, wodurch eine
erhöhte Leistungsvariabilität und dadurch teilweise überzeichnete Befunde
mit überwiegender Wahrscheinlichkeit anzunehmen seien. Die formal als
mittelgradig beschriebene Störung sei folglich nicht in diesem Ausmass au-
thentisch. Gesamthaft ergäben Beschwerdeschilderung, Verhaltensbe-
obachtung und kognitives Störungsmuster aber ein stimmiges Gesamtbild,
welches unter Berücksichtigung der Verdeutlichungstendenz eine leichte
neuropsychologische Störung als plausibel erscheinen liessen (act. 154,
S. 86 f.). In Bezug auf die Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers hielt der
neuropsychologische Gutachter fest, dass sich die im Vordergrund stehen-
den, kognitive Basisfunktionen betreffenden Defizite in jeglicher Tätigkeit
im ersten Arbeitsmarkt in vergleichbarem Ausmass auswirkten. Aufgrund
der leichten neuropsychologischen Störung bestehe in der bisherigen Tä-
tigkeit sowie in angepassten Tätigkeiten eine Leistungseinschränkung von
ca. 20 % bei einer Anwesenheitszeit von 8.5 Stunden pro Tag. Da mangels
neuropsychologischer Vorbefunde eine detaillierte Einschätzung im Verlauf
nicht möglich sei, gelte diese Arbeitsfähigkeitsschätzung ab dem Datum
der neuropsychologischen Begutachtung (act. 154, S. 90 f. Ziff. 8). Die Be-
urteilung des Gesundheitszustands und der Arbeitsfähigkeit des Be-
schwerdeführers aus neuropsychologischer Hinsicht ist nachvollziehbar
begründet.
6.4.4 Im Hinblick auf die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit des Beschwerde-
führers aus psychiatrischer Sicht diskutierte Dr. J._ ausgehend von
der gestellten Diagnose Bipolar-II-Störung sowie der im Rahmen der neu-
ropsychologischen Begutachtung festgestellten leichten neuropsychologi-
schen Störung zunächst die Konsistenz und stellte diesbezüglich zu Recht
fest, dass zwischen dem vom Beschwerdeführer geschilderten Tagesab-
lauf mit diversen Freizeitaktivitäten (vgl. act. 154, S. 27: mit dem Hund
rausgehen, lesen, Moutainbike fahren und wandern), eine Diskrepanz zu
dessen Einschätzung, wonach er sich zu keinerlei beruflicher Tätigkeit in
der Lage sehe, bestehe (act. 154, S. 32). Im Weiteren kam Dr. J._
in Würdigung der sich aufgrund der beim Beschwerdeführer gestellten Di-
agnosen anhand des Mini-ICF-APP ergebenden Fähigkeitsbeeinträchti-
gungen (leichte Beeinträchtigung der Widerstands- und Durchhaltefähig-
keit und leichte Beeinträchtigung betreffend Konversation und Kontaktfä-
higkeit zu Dritten) einerseits und den vorhanden Ressourcen (langjährige
C-4885/2020
Seite 22
berufliche Erfahrungen, stabiler familiärer Hintergrund, gute ausserfamili-
äre soziale Kontakte) andererseits zum Schluss, dass die von neuropsy-
chologischer Seite gemachte Einschätzung einer Leistungsminderung von
20 % (bei einem täglichen Pensum von 8.5 Stunden) in der bisherigen und
in adaptierter Tätigkeit aus psychiatrischer Sicht gut nachvollziehbar sei
und geteilt werde. Er hielt fest, die bisherige Tätigkeit sei als optimal lei-
densadaptiert anzusehen, und attestierte entsprechend sowohl für die bis-
herige Tätigkeit als auch für adaptierte Tätigkeiten eine 80%ige Arbeitsfä-
higkeit des Beschwerdeführers bei einer Anwesenheitszeit von 8.5 Stun-
den täglich (act. 154, S. 34 ff.). Diese Arbeitsfähigkeitsbeurteilung ent-
spricht der konsensuellen Gesamteinschätzung, wobei die Gutachter da-
rauf hinwiesen, dass sich die Teilarbeitsunfähigkeiten nicht addierten (act.
154, S. 11). Die Arbeitsfähigkeitsbeurteilungen aus psychiatrischer sowie
aus gesamtgutachterlicher Sicht sind nachvollziehbar begründet und er-
folgten – entgegen der Ansicht des Beschwerdeführers – auch unter Be-
rücksichtigung der Standardindikatoren gemäss BGE 141 V 281 (act. 154,
S. 8 ff. Ziff. 4.2 bis 4.6). Da sich der psychiatrische Gutachter bei der Ar-
beitsfähigkeitsbeurteilung an den Standardindikatoren orientierte und sich
insgesamt ein stimmiges Gesamtbild ergibt, sind die normativen Rahmen-
bedingungen als erfüllt zu betrachten. Nicht erforderlich ist, dass das Ge-
richt, wenn es – wie vorliegend – die Indikatorenprüfung als schlüssig er-
achtet, die Indikatoren einzeln aufführt und festhält, dass diese den norma-
tiven Vorgaben Rechnung tragen (Urteile des BGer 8C_423/2019 vom 7.
Februar 2020 E. 3.2.4; 8C_465/2019 vom 12. November 2019 E. 7.3). Dem
Einwand des Beschwerdeführers, Dr. J._ habe den Indikator
Komorbidität nicht geprüft, kann nicht gefolgt werden. Die Konsensfindung
wurde vom federführenden psychiatrischen Gutachter Dr. J._ in Ab-
sprache mit allen beteiligten Gutachtern gesteuert und enthält unter Be-
rücksichtigung sämtlicher somatischer und psychiatrischer Diagnosen eine
konsensuelle Gesamteinschätzung der Ressourcen und Funktionsein-
schränkungen bezogen auf die Arbeitsfähigkeit. Diese Gesamteinschät-
zung beinhaltet somit notwendigerweise auch die Prüfung des Indikators
Komorbidität. Aus den somatischen Teilgutachten ergeben sich zudem kei-
nerlei Hinweise auf eine ressourcenhemmende Wirkung der nicht arbeits-
fähigkeitsrelevanten somatischen Diagnosen, welche im Rahmen der Ge-
samteinschätzung nicht berücksichtigt worden wäre.
6.4.5 Bezogen auf den Begutachtungszeitpunkt erfüllt das SMAB-Gutach-
ten nach dem Gesagten sowohl die allgemeinen Beweisanforderungen an
ein Gutachten als auch die mit BGE 141 V 281 definierten versicherungs-
medizinischen Massstäbe, womit ab Dezember 2019 auf die gutachterlich
C-4885/2020
Seite 23
attestierte Arbeitsfähigkeit von 80 % (8.5 Stunden täglich, Leistungsminde-
rung 20 %) in der bisherigen und in adaptierter Tätigkeit abgestellt werden
kann. Aus den Akten ergeben sich keine Hinweise und es wird vom Be-
schwerdeführer auch nicht geltend gemacht, dass sich der Gesundheits-
zustand seit der Begutachtung bis zum Erlass der vorliegend angefochte-
nen Verfügung vom 1. September 2020 verschlechtert hätte, sodass die
gutachterliche Arbeitsfähigkeitsbeurteilung bis und mit dem Verfügungs-
zeitpunkt unverändert Geltung hat. Eine allfällige Verschlechterung des
Gesundheitszustands des Beschwerdeführers nach Erlass der angefoch-
tenen Verfügung wäre nicht Gegenstand dieses, sondern eines allfälligen
neuen Verfahrens.
6.5 Insbesondere umstritten und nachfolgend zu prüfen bleibt die vom psy-
chiatrischen Gutachter Dr. J._ vorgenommene retrospektive Ein-
schätzung der Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers vom Beginn der
psychischen Beschwerden im Oktober 2014 bis zur eigenen psychiatri-
schen Begutachtung im Dezember 2019. Zusammengefasst attestierte der
psychiatrische Gutachter ab 23. Oktober 2014 eine Arbeitsunfähigkeit von
100 % und dann eine schrittweise Verringerung der Arbeitsunfähigkeit von
100 % auf 20 % bis zum 29. August 2016. Bei der Arbeitsunfähigkeit von
20 % bzw. Arbeitsfähigkeit von 80 % sei es seither geblieben (act. 154, S.
36). Diese Einschätzung von Dr. J._ erfolgte anhand einer Würdi-
gung der im entsprechenden Zeitraum vorliegenden psychiatrischen Be-
richte und Gutachten.
6.5.1
6.5.1.1 Die im Begutachtungszeitpunkt Dezember 2019 attestierte 80%ige
Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers hat gemäss Dr. J._ seit der
Begutachtung von Dr. G._ am 29. August 2016 bestanden. Er be-
gründete dies damit, dass abgesehen von den gemäss Urteil des Bundes-
verwaltungsgerichts vom 6. März 2019 kritisch gesehenen Aspekten das
Gutachten von Dr. G._ vom 12. September 2016 hinsichtlich der
Beschreibung des Krankheitsbildes zum damaligen Zeitpunkt, was die
Symptomatik, den psychischen Befund etc. angehe, durchaus aussage-
kräftig sei und sich daraus schliessen lasse, dass sich die depressive
Symptomatik deutlich zurückgebildet gehabt habe. Auch die Diagnose ei-
ner Anpassungsstörung, längere depressive Reaktion F43.21, sei zum da-
maligen Zeitpunkt absolut plausibel gewesen. Nicht geteilt werde unter Be-
rücksichtigung des aktuellen neuropsychologischen Gutachtens die Ein-
schätzung von Dr. G._, dass keinerlei Arbeitsunfähigkeit vorgele-
gen habe. Es werde demgegenüber eingeschätzt, dass die aktuelle
C-4885/2020
Seite 24
20%ige Arbeitsunfähigkeit seit der Untersuchung durch Dr. G._ am
29. August 2016 vorgelegen habe (act. 154, S. 32 und 35 f.). Diese Aus-
führungen von Dr. J._ erscheinen mit Blick auf die von Dr.
G._ und Dr. J._ erhobenen vergleichbaren psychischen Be-
funde nachvollziehbar (Befunde gemäss Dr. G._: Grundstimmung
etwas zum depressiven Pol hin verschoben, Ambivalenz, Insuffizienzge-
fühle, Gereiztheit, innerliche Unruhe, Mühe mit dem Antrieb, depressive
Symptomatik jedoch nicht besonders ausgeprägt [11 Punkte in der Hamil-
ton Depressionsskala], act. 96, S. 26 f. und 31; Befunde gemäss Dr.
J._: Antrieb leicht reduziert, bedrückte, aber auch [in Bezug auf das
IV-Verfahren] ärgerliche und missmutige Stimmung, Ein- und Durchschlaf-
störungen, insgesamt leichte depressive Symptomatik, act. 154, S. 29 und
34). Daran ändern auch die nach dem Gutachten von Dr. G._ in
den Akten liegenden und von der Beurteilung von Dr. J._ abwei-
chenden Berichte von Dr. F._ vom 21. März 2017 und 26. August
2019 sowie das Gutachten von Dr. K._ vom 18. Januar 2018 nichts.
Dr. J._ hat sich mit diesen Beurteilungen ausführlich auseinander-
gesetzt und begründet, weshalb darauf nicht abgestellt werden kann (act.
154, S. 33). So hielt er in Bezug auf den Bericht von Dr. F._ vom
21. März 2017 zu Recht fest, dass die Bedeutung der gestellten Diagnose
einer rezidivierenden depressiven Störung, gegenwärtig mittelgradige de-
pressive Episode, derzeit in Teilremission, unklar sei und nicht nachvoll-
ziehbar sei, weshalb dann nicht gegebenenfalls die Diagnose einer leich-
ten depressiven Episode oder mindestens einer leichten bis mittelgradigen
depressiven Episode gestellt worden sei. Zudem wies er auf die aufgrund
des fehlenden psychopathologischen Befunds erheblich eingeschränkte
Aussagekraft des Berichts hin. In Bezug auf den Bericht von Dr. F._
vom 26. August 2019 hielt Dr. J._ fest, es gäbe keinerlei Hinweise
auf eine Verbesserung des psychischen Zustandsbildes des Beschwerde-
führers bis zum Begutachtungszeitpunkt im Dezember 2019, weshalb nicht
plausibel sei, dass damals tatsächlich eine schwer ausgeprägte depressive
Episode vorgelegen haben solle, nachdem aktuell ganz eindeutig keine
schwere depressive Episode vorliege. Dieser Aussage ist zuzustimmen.
Hinzu kommt, dass Dr. F._ offenbar sogar von einem seit Dezem-
ber 2014 unverändert schlechten psychischen Gesundheitszustand des
Beschwerdeführers ausging, da sie in ihrer Bestätigung vom 17. Juli 2019
rückwirkend ab Dezember 2014 anhaltend eine 100%ige Arbeitsunfähig-
keit des Beschwerdeführers attestiert hat (vgl. act. 136, S. 3). Dies er-
scheint vor dem Hintergrund, dass sie in ihren Berichten ab Mai 2016 bei
der Diagnose jeweils "in Teilremission" angab (vgl. act. 88, S. 2 f.; 96, S.
44; act. 115, act. 141; oben E. 6.3), widersprüchlich und somit in keinster
C-4885/2020
Seite 25
Weise plausibel, was sich im Übrigen – wie dargestellt – auch anhand der
Ausführungen von Dr. J._ zur damaligen Einschätzung von
Dr. G._ bestätigt. Betreffend das in den Unterlagen des österreichi-
schen Versicherungsträgers enthaltene psychiatrische Fachgutachten von
Dr. K._, Facharzt für Psychiatrie, vom 18. Januar 2018 (UV-act. 10),
führte Dr. J._ aus, dass die gestellte Diagnose einer rezidivierenden
depressiven Störung, mittelgradige depressive Episode, nicht zum psychi-
schen Befund (Auffassung, Aufmerksamkeit und Konzentration leicht her-
abgesetzt, berichtete Vergesslichkeit, inhaltlich beschwerdezentriert und
vom Thema abgleitend, teils umständlich und weitschweifig, Befindlichkeit
schlecht, Stimmung wirke deutlich depressiv, Affekt verflacht, Antrieb er-
scheine ungestört, psychomotorisch keine Auffälligkeiten, berichtete
Schlafstörungen, UV-act. 10, S. 4) passe. Insbesondere habe Dr.
K._ hinsichtlich der bei Depressionen besonders wichtigen psycho-
pathologischen Kategorie des Antriebs keine Auffälligkeit festgestellt. Aus-
gehend vom Befund und von den Angaben zum Tagesablauf, wonach der
Beschwerdeführer damals (wie auch aktuell) durchaus positiv besetzten
Aktivitäten nachgegangen sei (Spaziergänge mit dem Hund, Versorgung
seiner Papageien, kochen und gemeinsames Mittagessen mit Gattin und
Sohn, fernsehen, vgl. UV-act. 10, S. 3), werde insgesamt eingeschätzt,
dass damals eine leichte und nicht eine mittelgradige depressive Episode
vorgelegen habe. Diese Einschätzung von Dr. J._ ist nachvollzieh-
bar. Die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit von Dr. K._, wonach die
"cerebrale Belastbarkeit" des Beschwerdeführers zu gering sei zur Auf-
nahme einer Arbeitstätigkeit am 1. Arbeitsmarkt (vgl. UV-act. 10, S. 5), er-
achtete Dr. J._ vor dem Hintergrund des aktuellen neuropsycholo-
gischen Gutachtens als "vollkommen" unplausibel. Dieser Ansicht ist zuzu-
stimmen, zumal Dr. K._ keine testpsychologischen Verfahren
durchgeführt und sich somit bei seiner Beurteilung offenbar allein auf die
subjektiven Angaben des Beschwerdeführers betreffend Konzentrations-
störungen und Vergesslichkeit gestützt hatte.
6.5.1.2 Zusammengefasst ist die unter eingehender Würdigung der im be-
treffenden Zeitraum ergangenen abweichenden psychiatrischen Beurtei-
lungen von Dr. F._ und Dr. K._ erfolgte retrospektive Ein-
schätzung von Dr. J._, wonach der Beschwerdeführer seit dem 29.
August 2016 aufgrund einer leichten depressiven Symptomatik und einer
leichten neuropsychologischen Störung zu 20 % arbeitsunfähig ist, plausi-
bel und nachvollziehbar.
C-4885/2020
Seite 26
6.5.1.3 Die Aussage von Dr. J._, dass im Zeitpunkt der Begutach-
tung durch Dr. G._ beim Beschwerdeführer eine Alkoholproblematik
eindeutig vorgelegen haben dürfte (act. 154, S. 30 f.), ändert an der Plau-
sibilität der retrospektiven Arbeitsfähigkeitseinschätzung ab 29. August
2016 aus folgenden Gründen nichts: In der Literatur wird bezüglich des
CDT-Werts darauf hingewiesen, dass dieser (lediglich) auf die Aussage be-
schränkt ist, dass in den vorangegangenen mindestens zwei bis drei Wo-
chen ein regelmässiger und praktisch täglicher Alkoholkonsum von zumin-
dest 50-60 g erfolgte (Urteil des BVGer C-2159/2018 vom 23. September
2020 E. 6.2.4 mit Hinweis auf Urteil des BGE 129 III 82 E. 6.2.1 mit Hin-
weisen und Urteil des BGer 1C_49/2017 vom 9. Mai 2018 E. 3.4.3). Eine
länger dauernde Beeinträchtigung des Gesundheitszustandes in Form ei-
nes schädlichen Gebrauchs (ICD-10 F1x.1) oder eines Abhängigkeitssyn-
droms (ICD-10 F1x.2) ist damit allerdings nicht ohne Weiteres anzuneh-
men, denn objektive Analysen stellen zwar den besten Beweis für eine ak-
tuelle oder gerade zurückliegende Substanzaufnahme dar, ihre Aussage-
kraft über einen Substanzkonsum in der Vergangenheit und zum Ausmass
des aktuellen Gebrauchs ist jedoch begrenzt (vgl. DILLING/MOM-
BOUR/SCHMIDT, Internationale Klassifikation psychischer Störungen, 10.
Aufl. 2015, S. 110). Da vorliegend keine Hinweise auf eine länger dauernde
Alkoholproblematik in der Vergangenheit bestehen, bleibt der Sachverhalt
beweislos, womit nicht von einer diesbezüglichen länger dauernden Ge-
sundheitsbeeinträchtigung mit allfälliger Einschränkung der Arbeitsfähig-
keit ausgegangen werden kann (vgl. E. 2.4 hiervor), dies unter Vorbehalt,
dass sich im Rahmen der von der Vorinstanz noch durchzuführenden er-
gänzenden Abklärung (vgl. E. 6.6 nachfolgend) nichts Gegenteiliges ergibt.
6.5.2
6.5.2.1 Was den zeitlichen Verlauf der Arbeitsfähigkeit des Beschwerde-
führers vor dem 29. August 2016 angeht, hielt Dr. J._ fest, es könne
den Unterlagen entnommen werden, dass der Beschwerdeführer vor dem
Hintergrund einer Arbeitsplatzkonfliktsituation ab dem 23. Oktober 2014
aus psychischen Gründen zu 100 % von der Hausärztin arbeitsunfähig ge-
schrieben worden sei. Dies sei nachvollziehbar. Im Dezember 2014 habe
sich der Beschwerdeführer in ambulante psychiatrische Behandlung bege-
ben. Die weitere Entwicklung der Arbeitsfähigkeit sei retrospektiv schwierig
zu beurteilen. Der Beschwerdeführer selbst habe (anlässlich der Begutach-
tung) geäussert, es habe sich ab Ende 2015 nichts geändert, es sei ihm
über die Jahre gleich schlecht gegangen, was nicht plausibel sei. Beson-
ders wichtig wären die Einschätzungen der behandelnden Psychiaterin
Dr. F._, welche aber insgesamt nicht ausreichend plausibel seien.
C-4885/2020
Seite 27
Was die Arbeitsfähigkeit zwischen dem 23. Oktober 2014 und dem 29. Au-
gust 2016 angehe, so lasse sich hier nur feststellen, dass sich die Arbeits-
unfähigkeit schrittweise von zunächst 100 % auf schliesslich noch 20 %
verringert habe (act. 154, S. 35 f.).
6.5.2.2 Betreffend den Bericht von Dr. F._ vom 9. Juli 2015, worin
diese die Diagnose "F33.2" (rezidivierende depressive Störung, gegenwär-
tig schwere depressive Episode) seit Dezember 2014 gestellt hatte (act.
38), hielt Dr. J._ fest, es erscheine durchaus plausibel, dass eine
deutlich ausgeprägte depressive Symptomatik vorgelegen habe. Unplausi-
bel sei aber die Diagnose einer "rezidivierenden" depressiven Störung, da
die Symptomatik gemäss Angaben von Dr. F._ erst seit Dezember
2014 vorgelegen habe. Allenfalls in Frage gekommen wäre hier die Diag-
nose einer einzelnen schweren depressiven Episode. Ob tatsächlich eine
schwere depressive Episode vorgelegen habe, lasse sich allerdings an-
hand des ärztlichen Befundes nicht im Ansatz klären, da an der entspre-
chenden Stelle des Formulars gar kein psychischer Befund angegeben
werde, sondern nur der ICD-10 Code der Diagnose (F33.2) wiederholt
werde (act. 154, S. 32).
6.5.2.3 Die Einschätzung von Dr. J._, wonach es plausibel er-
scheine, dass ab 23. Oktober 2014, nachdem der Arbeitsplatzkonflikt, bei
welchem der Beschwerdeführer gemäss eigenen Angaben unter Mobbing
insbesondere seitens des Vorgesetzten zu leiden hatte, eskaliert war, zu-
nächst eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit aus psychischen Gründen vorge-
legen habe, ist nachvollziehbar, zumindest bezogen auf den damaligen Ar-
beitsplatz. Auch erscheint es, wie Dr. J._ ausführte plausibel, dass
zu Behandlungsbeginn bei Dr. F._ im Dezember 2014 (noch) eine
deutlich ausgeprägte depressive Symptomatik vorgelegen habe. Eine Be-
urteilung der Arbeitsfähigkeit war dem Gutachter aber auf Grundlage des
Berichts vom 9. Juli 2015 nicht möglich wegen der nicht nachvollziehbaren
Diagnose, des fehlenden aktuellen Befunds sowie der fehlenden Angaben
zur Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers. Allerdings ist Dr. J._
auf die bis August 2016 vorliegenden weiteren zuhanden der IV-Stelle
D._ erstellten Berichte von Dr. F._ vom 16. Juli 2015 (act.
54, S. 2) vom 30. Mai 2016 (act. 88, S. 2 ff., Angaben zu aktuellen Befun-
den, Einschränkungen fehlen) und vom 7. Juli 2016 (act. 96, S. 44) – wel-
che in E. 6.3 oben dargestellt wurden – nicht im Einzelnen eingegangen.
Zwar stellen auch diese – wie bereits im Urteil des Bundesverwaltungsge-
richts C-2039/2017 vom 6. März 2019 festgehalten – an sich keine rechts-
C-4885/2020
Seite 28
genügliche Entscheidungsgrundlage zur Beurteilung des psychischen Ge-
sundheitszustands und der Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers sowie
des entsprechenden Verlaufs dar (vgl. E. 8.6, act. 132, S. 23). Insgesamt
kann den genannten Beurteilungen von Dr. F._ aber auch mit Blick
auf die neueren Berichte, in denen sie rückwirkend eine anhaltende durch-
gehende 100%ige Arbeitsunfähigkeit seit Dezember 2014 attestierte (act.
136, S. 3; act. 141), nachdem sie in früheren Berichten wiederholt darauf
hingewiesen hatte, die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit sei eine gutachter-
liche Frage und sie als behandelnde Ärztin könne für diese Art der Frage-
stellung keine neutrale Stellung beziehen (vgl. act. 54, S. 2), kein hinrei-
chender Beweiswert zuerkannt werden. Die von ihr angegebenen erhebli-
chen Diagnosen und die ohne weitere Begründung attestierte vollständige
Arbeitsunfähigkeit seit Dezember 2014 bis Juli respektive August 2019 las-
sen sich anhand der aktenkundigen wenigen Befunde und der niedrigen
Frequenz der Psychotherapiesitzungen (zuletzt in ca. 4-6-wöchigen Ab-
ständen, act. 141, S. 3 Ziff. 1.2) in keiner Weise nachvollziehen, umso we-
niger, als sie ab dem Bericht vom 16. Juli 2015 eine Verbesserung der de-
pressiven Symptomatik festgehalten hat respektive ab dem Bericht vom
30. Mai 2016 festgestellt hat, es sei eine Teilremission eingetreten (vgl.
auch Berichte vom 7. Juli 2016 und 21. März 2017). Zu beachten ist aber,
dass Dr. F._ als einzige Ärztin den Beschwerdeführer über den ge-
samten Zeitraum von Dezember 2014 bis August 2016 psychiatrisch be-
handelt und regelmässig gesehen hat. Entsprechend wären, wie
Dr. J._ selbst festgehalten hat, ihre echtzeitlichen Einschätzungen
wichtig. Da die vorliegenden vorwiegend für die IV-Stelle D._ er-
stellten Berichte von Dr. F._ gemäss plausibler Einschätzung des
psychiatrischen Gutachters keine genügende Grundlage für eine retro-
spektive Einschätzung der Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers darstel-
len, wäre es daher angezeigt gewesen (vgl. oben E. 5.6), zusätzlich die
von Dr. F._ betreffend den Beschwerdeführer echtzeitlich geführte
Patientenakte anzufordern und diese in die gutachterliche Würdigung mit-
einzubeziehen. Denn es kann nicht von vornherein ausgeschlossen wer-
den, dass sich in den echtzeitlichen Aufzeichnungen der behandelnden
Psychiaterin zu den jeweiligen von ihr durchgeführten Behandlungen rele-
vante Angaben (gerade betreffend jeweils geklagte Beschwerden, festge-
stellte Befunde, zur Entwicklung des Beschwerdebildes und der Befunde,
zur Wirkung der Therapie) finden lassen, welche hinreichend Aufschluss
über den im Streit liegenden Schweregrad und den Verlauf des psychi-
schen Leidens geben könnten und allenfalls eine genauere retrospektive
Arbeitsfähigkeitsbeurteilung zulassen für den Zeitraum von Oktober 2014
C-4885/2020
Seite 29
bis August 2016. Der Umstand, dass Dr. J._ die von der behandeln-
den Psychiaterin über die durchgeführte Behandlung geführte Patienten-
akte nicht eingeholt und entsprechend auch nicht in seine Würdigung mit-
einbezogen hat, führt dazu, dass aktuell unklar ist, ob sich das psychiatri-
sche Teilgutachten sowie die Gesamtbeurteilung in Bezug auf die retro-
spektive Arbeitsfähigkeitsbeurteilung für den Zeitraum von Oktober 2014
bis August 2016 allenfalls als unvollständig und vorläufig erweisen, wes-
halb gegenwärtig nicht (in antizipierter Beweiswürdigung) vorbehaltlos da-
rauf abgestellt werden kann. Unter Berücksichtigung des Untersuchungs-
grundsatzes ist diesbezüglich daher eine ergänzende Abklärung ange-
zeigt.
6.6 Die Beschwerdeinstanz hat gemäss bundesgerichtlicher Rechtspre-
chung in der Regel ein Gerichtsgutachten einzuholen, wenn sie im Rahmen
der Beweiswürdigung zum Schluss kommt, ein bereits erhobener medizi-
nischer Sachverhalt müsse (insgesamt oder in wesentlichen Teilen) noch
gutachterlich geklärt werden oder eine Administrativexpertise sei in einem
rechtserheblichen Punkt nicht beweiskräftig. Eine Rückweisung an die IV-
Stelle bleibt hingegen möglich, wenn es darum geht, zu einer bisher voll-
ständig ungeklärten Frage ein Gutachten einzuholen. Ebenso steht es dem
Versicherungsgericht frei, eine Sache zurückzuweisen, wenn allein eine
Klarstellung, Präzisierung oder Ergänzung von gutachterlichen Ausführun-
gen erforderlich ist (BGE 139 V 99 E. 1.1; 137 V 210 E. 4.4.1.4; Urteil des
BGer 8C_580/2017 vom 9. Februar 2018 E. 3.1). Da es vorliegend einzig
um eine Ergänzung der gutachterlichen Ausführungen in Bezug auf die ret-
rospektive Arbeitsfähigkeitsbeurteilung für die Zeit von Oktober 2014 bis
August 2016 geht, steht der Rückweisung der Angelegenheit an die
Vorinstanz zur Durchführung der ergänzenden Abklärung nichts im Wege.
Die Vorinstanz bzw. IV-Stelle D._ hat bei Dr. F._ die von ihr
als behandelnde Psychiaterin geführte vollständige Patientenakte des Be-
schwerdeführers ab Behandlungsbeginn bis zum Zeitpunkt des Erlasses
der vorliegend angefochtenen Verfügung einzuholen und diese dem psy-
chiatrischen SMAB-Gutachter zur Würdigung vorzulegen. Der psychiatri-
sche Gutachter, gegebenenfalls dann die Gutachter konsensual, werden
dann die Arbeitsfähigkeit für den Zeitraum von Oktober 2014 bis August
2016 – unter Berücksichtigung der von der behandelnden Psychiaterin
echtzeitlich erstellten Patientenakten – neu zu beurteilen haben. Ist auch
anhand der beigezogenen Patientenakte der behandelnden Psychiaterin
retrospektiv zu Ausmass und Verlauf der Arbeitsunfähigkeit aus psychiatri-
scher und gesamtmedizinischer Sicht für den Zeitraum vom 23. Oktober
2014 bis 29. August 2016 keine genau medizinische Aussage möglich
https://www.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&type=show_document&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=all&query_words=&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F139-V-99%3Ade&number_of_ranks=0#page99 https://www.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&type=show_document&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=all&query_words=&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F137-V-210%3Ade&number_of_ranks=0#page210
C-4885/2020
Seite 30
nach dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit, sollten die
Gutachter explizit darauf hinweisen (vgl. Qualitätsleitlinien für versiche-
rungspsychiatrische Begutachtung der Schweizerischen Gesellschaft für
Psychiatrie und Psychotherapie SGPP vom 16. Juni 2016, 3. vollständig
überarbeitete und ergänzte Auflage, S. 5, abrufbar unter https://www.psy-
chiatrie.ch/sgpp/fachleute-und-kommissionen/leitlinien/, zuletzt besucht
am 14. Juli 2021) und gleichzeitig präzisieren, was mit der "schrittweisen
Verringerung der Arbeitsunfähigkeit" im Gutachten vom 14. Februar 2020
konkret gemeint ist, zumal gemäss Einschätzung des psychiatrischen Gut-
achters durchaus plausibel sei, dass zunächst (im Oktober 2014) eine
100%ige Arbeitsunfähigkeit aus psychischen Gründen vorgelegen habe
aufgrund der vom Beschwerdeführer berichteten Mobbingsituation am da-
maligen Arbeitsplatz. Insbesondere wäre vom psychiatrischen Gutachtern
dann auch anzugeben, ob die anfängliche volle Arbeitsunfähigkeit eine ar-
beitsplatzspezifische war und gegebenenfalls, wie lange eine solche einer
zumutbaren Arbeitsaufnahme an einer neuen Arbeitsstelle aus medizini-
scher Sicht entgegenstehen würde. Im Weiteren ist die retrospektive Ar-
beitsfähigkeitsbeurteilung anhand der Patientenakte der behandelnden
Psychiaterin auch auf Hinweise auf eine damals bis zur SMAB-Begutach-
tung im Dezember 2019 bestandene Suchtproblematik zu prüfen.
7.
7.1 Die Beweiskraft des SMAB-Gutachtens vom 14. Februar 2020 wird
durch die festgestellte punktuelle Unvollständigkeit im Übrigen nicht be-
rührt (vgl. BGE 143 V 124 E. 2), sodass für die Zeit von Dezember 2019
bis zum Erlass der vorliegend angefochtenen Verfügung am 1. September
2020 sowie – mit Vorbehalt (vgl. E. 6.5.1.3 hiervor) – auch für die Zeit vom
29. August 2016 bis Dezember 2019 auf die gutachterlich attestierte
80%ige Arbeitsfähigkeit (8.5 Stunden täglich, Leistungsminderung von
20 %) des Beschwerdeführers in der bisherigen sowie in adaptierter Tätig-
keit abgestellt werden kann. Auf dieser Grundlage ist nachfolgend der In-
validitätsgrad des Beschwerdeführers zu bemessen.
7.2 Dass die Vorinstanz bzw. IV-Stelle D._ zur Bemessung des In-
validitätsgrads einen Prozentvergleich vorgenommen hat, ist bei vorliegen-
der Sachlage – entgegen der Ansicht des Beschwerdeführers – nicht zu
beanstanden. Der Prozentvergleich ist eine zulässige Variante des Ein-
kommensvergleichs (Art. 16 ATSG). Dabei ist das ohne Invalidität erziel-
bare hypothetische Erwerbseinkommen mit 100 % zu bewerten, während
das Invalideneinkommen auf einen entsprechend kleineren Prozentsatz
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veranschlagt wird, so dass sich aus der Prozentdifferenz der Invaliditäts-
grad ergibt. Der Invaliditätsgrad entspricht so dem Grad der Arbeitsunfä-
higkeit, dies unter Berücksichtigung des Abzugs vom Tabellenlohn (vgl. Ur-
teile des BGer 9C_888/2014 vom 4. Februar 2015 E. 2 mit Hinweisen;
9C_785/2009 vom 2. Dezember 2009 E. 2.2 mit Hinweisen; Urteil des
BVGer C-6471/2017 vom 30. August 2019 E. 7). Der ordentliche Einkom-
mensvergleich erübrigt sich vorliegend, weil der Beschwerdeführer zu-
nächst in der angestammten wie auch in einer adaptierten Tätigkeit gleich-
ermassen arbeitsunfähig war bzw. mittlerweile gleichermassen arbeitsfähig
ist und daher für das Validen- und das Invalideneinkommen jeweils die-
selbe Bemessungsgrundlage herangezogen werden darf (vgl. das Urteile
des BGer 8C_463/2012 vom 3. August 2012 E. 4.2 mit Hinweisen;
8C_364/2015 vom 18. Dezember 2015 E. 3.2). Ausgehend von einer 80%i-
gen Arbeitsfähigkeit respektive einer Arbeitsunfähigkeit von 20 % ergibt der
Prozentvergleich einen Invaliditätsgrad von 20 %.
7.3 Der Beschwerdeführer macht geltend, es sei vom Invalideneinkommen
ein leidensbedingter Abzug vorzunehmen.
7.3.1 Mit dem sog. Tabellenlohnabzug nach BGE 126 V 75 soll der Tatsa-
che Rechnung getragen werden, dass persönliche und berufliche Merk-
male, wie Art und Ausmass der Behinderung, Lebensalter, Dienstjahre, Na-
tionalität oder Aufenthaltskategorie und Beschäftigungsgrad Auswirkungen
auf die Lohnhöhe haben können und je nach Ausprägung die versicherte
Person deswegen die verbliebene Arbeitsfähigkeit auch auf einem ausge-
glichenen Arbeitsmarkt nur mit unterdurchschnittlichem erwerblichem Er-
folg verwerten kann (BGE 135 V 297 E. 5.2 S. 301). Der Abzug soll aber
nicht automatisch erfolgen. Er ist unter Würdigung der Umstände im Ein-
zelfall nach pflichtgemässem Ermessen gesamthaft zu schätzen und darf
25 % nicht übersteigen (BGE 134 V 322 E. 5.2 S. 327 f.; 126 V 75 E. 5b/bb-
cc).
7.3.2 Bei einem Prozentvergleich und der Annahme einer 80%igen Arbeits-
fähigkeit wäre ein Abzug in der maximal zulässigen Höhe von 25 % erfor-
derlich, damit ein rentenbegründender Invaliditätsgrad von 40 % (Art. 28
Abs. 2 IVG) resultierte (vgl. Urteil des BGer 9C_15/2020 vom 10. Dezem-
ber 2020 E. 7.2.2). Vorliegend sind jedoch keine lohmindernden Umstände
ersichtlich, die den Höchstabzug rechtfertigen würden. Im Übrigen erweist
sich das Vorbringen des Beschwerdeführers, er könne nur noch sehr
leichte körperliche Tätigkeiten verrichten, während er vormals bei aufrech-
ter Gesundheit eine schwere Tätigkeit habe ausüben können (BVGer-act.
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1, S. 7 Rz. 4), als aktenwidrig. Weder findet sich im SMAB-Gutachten eine
qualitative Einschränkung der Arbeitsfähigkeit aus somatischer Sicht auf
nur noch sehr leichte Tätigkeiten, noch ist gemäss Angaben des Arbeitge-
bers (vgl. act. 11, S. 6) die bisherige Tätigkeit des Beschwerdeführers als
Staplerfahrer und Lagermitarbeiter als schwere Tätigkeit zu qualifizieren.
8.
Zusammengefasst ist im Ergebnis die Beschwerde insofern und insoweit
teilweise gutzuheissen, als mit der angefochtenen Verfügung vom 1. Sep-
tember 2020 für den Zeitraum vom 1. Februar 2015 (frühestmöglicher Be-
ginn eines Rentenanspruchs nach Ablauf des einjährigen Wartejahres mit
Beginn am 8. Februar 2014, vgl. Art. 28 Abs. 2 Bst. b IVG) bis zum Zeit-
punkt der Begutachtung durch den psychiatrischen SMAB-Gutachter am
20. Dezember 2019 ein Anspruch des Beschwerdeführers auf eine Invali-
denrente verneint worden ist. Im Übrigen wird festgestellt, dass mit der an-
gefochtenen Verfügung vom 1. September 2020 (vorbehältlich einer allfäl-
ligen dreimonatigen Anpassungsfrist im Sinne von Art. 88a Abs. 1 IVV bis
längstens 31. März 2020) zu Recht ein Rentenanspruch ab 20. Dezember
2019 verneint worden ist. Die Angelegenheit wird an die Vorinstanz zurück-
gewiesen, damit diese die erforderliche ergänzende Abklärung betreffend
die retrospektive Arbeitsfähigkeitsbeurteilung im Sinne der Erwägungen
vornehme und anschliessend neu verfüge. Da es gemäss bundesgerichtli-
cher Rechtsprechung im Lichte der Einheit des Rechtsverhältnisses (BGE
125 V 413) nicht zulässig ist, einen abschiessenden materiellen Entscheid
für eine spätere Periode zu fällen, während – wie vorliegend – in Bezug auf
einen vorangehenden Zeitraum die Angelegenheit zur weiteren Abklärung
an die Vorinstanz zurückgewiesen wird, ist die angefochtene Verfügung
vom 1. September 2020 als Ganzes aufzuheben und die Vorinstanz hat
nach Durchführung der erforderlichen ergänzenden Abklärung über den
gesamten massgeblichen Zeitraum ab 1. Februar 2015 bis zum Zeitpunkt
der angefochtenen Verfügung vom 1. September 2020 neu zu verfügen
(vgl. Urteil des BGer 8C_530/2010 vom 24. Januar 2011 E. 3.3 und 3.5
letzter Satz).
9.
Zu befinden bleibt noch über die Verfahrenskosten und eine allfällige Par-
teientschädigung.
9.1 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig (Art. 69 Abs. 1bis und 2
IVG). Die Verfahrenskosten werden in der Regel der unterliegenden Partei
auferlegt. Unterliegt diese nur teilweise, so werden die Verfahrenskosten
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ermässigt (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Der Beschwerdeführer obsiegt insoweit,
als in Bezug auf die im Rahmen der SMAB-Begutachtung (ausgehend von
der Einschätzung des psychiatrischen Gutachters am 20. Dezember 2019)
erfolgte retrospektive Arbeitsfähigkeitsbeurteilung eine Rückweisung an
die Vorinstanz zur ergänzenden Abklärung im Sinne der Erwägungen er-
forderlich ist und dementsprechend die Verfügung vom 1. September 2020
aufzuheben ist (vgl. oben E. 8 in fine). Entsprechend diesem Ausgang des
Verfahrens sind dem Beschwerdeführer keine Verfahrenskosten aufzuer-
legen. Der geleistete Kostenvorschuss von Fr. 800.- ist dem Beschwerde-
führer nach Eintritt der Rechtskraft des vorliegenden Urteils auf ein von ihm
bekannt zu gebendes Konto zurückzuerstatten. Der Vorinstanz sind eben-
falls keine Verfahrenskosten aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 2 VwVG).
9.2 Der obsiegende, anwaltlich vertretene Beschwerdeführer hat Anspruch
auf eine Parteientschädigung zulasten der Vorinstanz (Art. 64 Abs. 1 und 2
VwVG i.V.m. Art. 7 ff. VGKE). Da in casu rechtsprechungsgemäss kein Teil-
entscheid, sondern gesamthaft ein Zwischenentscheid vorliegt (vgl. Urteil
des BGer 8C_530/2010 vom 24. Januar 2011 E. 3.2), besteht kein Anlass
für eine Reduktion der Parteientschädigung. Seitens des Rechtsvertreters
wurde keine Kostennote eingereicht, sodass die Entschädigung aufgrund
der Akten festzusetzen ist (14 Abs. 2 Satz 2 VGKE). Unter Berücksichti-
gung des Verfahrensausgangs, des gebotenen und aktenkundigen Auf-
wands, des durchgeführten Schriftenwechsels, der Bedeutung der Streit-
sache und der Schwierigkeit des vorliegend zu beurteilenden Verfahrens
sowie in Anbetracht der in vergleichbaren Fällen gesprochenen Entschädi-
gungen rechtfertigt es sich, die Parteientschädigung auf Fr. 2'800.- (inkl.
Auslagen, ohne Mehrwertsteuer [vgl. dazu z.B. Urteil des BVGer
C-1741/2014 vom 28. April 2016 E. 8.3 mit Hinweisen]; Art. 9 Abs. 1 in Ver-
bindung mit Art. 10 Abs. 2 VGKE) festzusetzen.
(Für das Dispositiv wird auf die nächste Seite verwiesen.)
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