Decision ID: a45b1148-90c2-437f-a4d8-220dbd25255e
Year: 2009
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Rechtsanwalt Dr. iur. E. Ronald Pedergnana, Rorschacher Strasse 21,
9000 St. Gallen,
gegen
Schweizerische Unfallversicherungsanstalt (Suva), Fluhmattstrasse 1, Postfach 4358,
6002 Luzern,
Beschwerdegegnerin,
vertreten durch Rechtsanwalt Dr. iur. Urs Glaus, Marktplatz 4, 9004 St. Gallen,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
betreffend
Versicherungsleistungen
Sachverhalt:
A.
A._ war bei der B._ tätig und dadurch bei der Suva unfallversichert, als sie laut
Unfallmeldung am 2. August 2005 bei starkem Regen mit einem Lieferwagen auf der
Autobahn ins Schleudern geriet. Das Fahrzeug kollidierte mit der Leitplanke und kam
seitlich liegend zum Stillstand (UV-act. 1, 1.1). Anlässlich der gleichentags erfolgten
Behandlung im Spital Grabs wurde ein cranio-cervikales Beschleunigungstrauma
diagnostiziert und unter anderem festgehalten, bei der Versicherten habe eine
Bewusstlosigkeit vorgelegen (UV-act. 4f). Die Suva anerkannte ihre Leistungspflicht.
Nach Durchführung von Behandlungen und ärztlichen Abklärungen eröffnete sie dem
Rechtsvertreter der Versicherten mit Verfügung vom 24. Juni 2008, die Leistungen
würden mit dem 30. Juni 2008 eingestellt. Aufgrund der Abklärungen seien die heute
noch geklagten Beschwerden organisch nicht hinreichend nachweisbar. Der adäquate
Kausalzusammenhang zwischen dem Unfall und den gesundheitlichen Beschwerden
sei zu verneinen (UV-act. 263). Die gegen diese Verfügung erhobene Einsprache (UV-
act. 270) wies die Suva mit Einspracheentscheid vom 18. September 2008 ab (UV-
act. 275). Eine vom Krankenversicherer erhobene Einsprache wurde zurückgezogen
(UV-act. 266f).
B.
B.a Gegen den Einspracheentscheid vom 18. September 2008 erhob Rechtsanwalt
Dr.iur. E. Ronald Pedergnana, St. Gallen, für die Versicherte mit Eingabe vom 4.
Oktober 2008 Beschwerde mit dem Antrag, der Entscheid sei aufzuheben und die
Beschwerdegegnerin habe die gesetzlichen Leistungen für Lohnausfall und
Heilungskosten weiterhin zu erbringen. Zur Begründung führte der Rechtsvertreter aus,
die Beschwerdeführerin sei nicht bei starkem Regen ins Schleudern geraten; der Regen
habe erst später eingesetzt. Als Unfallursache sei denn auch vom rapportierenden
Polizisten nicht Aquaplaning festgehalten worden, sondern ein technischer Defekt
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
(Reifenplatzer). Bei der Beschwerdeführerin habe nicht die depressive Entwicklung im
Vordergrund gestanden, sondern das körperliche Beschwerdebild. Die Ursache der
Beschwerden sei somatischer, nicht psychischer Natur. Im Einspracheentscheid werde
der Untersuchungsbericht des Neurologen Dr. med. C._ (UV-act. 156) verschwiegen.
Der von der Beschwerdegegnerin beigezogene Psychiater Dr. med. D._, welcher eine
Teilkausalität des Unfalls für die psychischen Beschwerden bejahe, werde mit keinem
Wort erwähnt. Es sei nur ein Bruchteil erwähnt von der ganzen Heilungsgeschichte,
nämlich längst nicht alle therapeutischen Interventionen. Der restliche Sachverhalt
bleibe ungeklärt. Tatsache sei, dass die Beschwerdeführerin bis im Sommer (2008) mit
Unterstützung des externen Case Managements die ganzen psychischen
Belastungsmomente in den Griff bekommen habe, dank hartnäckiger Therapie und
Training einen weiteren Sprung nach vorne in der Heilung gemacht habe und
tatsächlich seit Sommer 2008 versuche, auf dem freien Arbeitsmarkt Fuss zu fassen.
Der Möglichkeit, ein weiteres Arbeitstraining auf Kosten der IV zu absolvieren, habe sie
(trotz finanziell verlockender Situation) die kalte Schulter gezeigt. Es bleibe jedoch
offen, wie weit sie auf dem Arbeitsmarkt dauernd arbeitsfähig sei. Die bisherige Arbeit
beschränke sich auf Teileinsätze. Falsch sei die Annahme der Beschwerdegegnerin,
dass es sich um einen mittleren Unfall handle. Es sei ein schwerer Unfall gewesen mit
Schleudern, einer Frontalkollision mit der Leitplanke, "Umherspringen" des Fahrzeugs
und Umkippen desselben. Bedenklich sei, dass die Beschwerdegegnerin die
Beschwerdeführerin über Jahre hinweg gut begleite in ihrer Wiedereingliederung und
sie nach der Kündigung der Case Managerin fallen lasse, kurz bevor die
Rehabilitationsziele erreicht würden.
B.b In der Beschwerdeantwort vom 4. Dezember 2008 beantragte Rechtsanwalt
Dr.iur. Urs Glaus, St. Gallen, für die Beschwerdegegnerin Abweisung der Beschwerde.
Zur Begründung verwies er auf die Darlegungen im angefochtenen Entscheid und
führte unter anderem aus, die Beschwerdeführerin habe beim Unfall vom 2. August
2005 eine HWS-Distorsion erlitten. Das typische Beschwerdebild trete aber im
Vergleich zur psychischen Problematik ganz in den Hintergrund. Die
Beschwerdegegnerin sei daher zutreffend davon ausgegangen, dass die Adäquanz
nach der Rechtsprechung zu den psychischen Unfallfolgen zu beurteilen sei. Der Unfall
vom August 2005 könne nicht als schwerer Unfall betrachtet werden. Sogar in die
Kategorie der schweren Fälle der mittleren Gruppe lasse sich das Unfallgeschehen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
nicht einordnen. Es sei von einem mittelschweren Unfall an der Grenze zu den leichten
Fällen auszugehen.
B.c Mit Replik vom 23. Januar 2009 (mit Stellungnahme zu den Kriterien der
adäquaten Unfallkausalität und Einreichung neuer Akten; act. G 11 Beilage 4 und 5)
sowie Duplik vom 23. März 2009 bestätigten die Parteien ihre Standpunkte.

Erwägungen:
1.
Streitig ist, ob die Leistungen, welche von der Beschwerdegegnerin im Anschluss an
das Unfallereignis vom 2. August 2005 ausgerichtet wurden, auf den 30. Juni 2008
eingestellt werden durften oder nicht. Die Beschwerdegegnerin legte im angefochtenen
Entscheid die rechtlichen Voraussetzungen des Vorliegens eines natürlichen und
adäquaten Kausalzusammenhangs zwischen Unfall und gesundheitlichen
Beschwerden im angefochtenen Entscheid (Erw. 1, 2a, 3d, 4) zutreffend dar; darauf ist
zu verweisen.
2.
2.1 Im Nachgang zu einem stationären Aufenthalt vom 17. November bis 5.
Dezember 1997 bestätigte die Rehaklinik Walenstadtberg bei der Beschwerdeführerin
ein psychophysisches Erschöpfungssyndrom mit depressiver Reaktion (UV-act. 84/2;
vgl. auch UV-act. 90). Nach dem hier streitigen Unfall stellte Dr. med. J._, Spezialarzt
FMH für Chirurgie, im Bericht vom 6. September 2005 die Diagnosen eines cranio-
cervikalen Beschleunigungstraumas am 2. August 2005 und von traumatisierten
ausgedehnten degenerativen Veränderungen der HWS. Er führte unter anderem aus, er
habe bei der depressiv wirkenden Patientin eine sehr schmerzhafte und
beweglichkeitseingeschränkte HWS und obere BWS mit massiven
Muskelverspannungen feststellen können. Gleichzeitig mit einer Krankheitsphase des
Carpalkanals der Beschwerdeführerin (im Jahr 2002) seien bei der Familie schwere
soziale Probleme aufgetreten (im Bericht dargestellt). Die Beschwerdeführerin habe
dermassen unter den Problemen gelitten, dass sie zeitweise psychiatrisch habe
behandelt werden müssen. Eine frühzeitige fachkompetente Behandlung des HWS-
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Traumas scheine ihm hier sehr wichtig (UV-act. 6). Vom 29. September bis 26. Oktober
2005 hielt sich die Beschwerdeführerin in der Klinik Valens auf. Die dort durchgeführte
psychiatrische Abklärung ergab eine posttraumatische Belastungsstörung (vgl. UV-act.
67). Im Weiteren wurde ein cranio-cervikales Beschleunigungstrauma diagnostiziert
und eine volle Arbeitsunfähigkeit als Kurier bis auf weiteres bestätigt (UV-act. 38). Die
Arbeitgeberin löste das Arbeitsverhältnis in der Folge auf Ende Januar 2006 auf (UV-
act. 30). Die Ärzte des Psychiatrischen Zentrums Rorschach bestätigten am 2. Februar
2006 die Diagnosen einer posttraumatischen Belastungsstörung und einer
rezidivierenden depressiven Störung. Es hätten in der Zeit vom 16. November 2005 bis
5. Januar 2006 vier Konsultationen stattgefunden. Seit dem 6. Januar 2006 sei die
Beschwerdeführerin in der Klinik Littenheid stationär hospitalisiert (UV-act. 42). Am 31.
März 2006 erfolgte die Entlassung der Beschwerdeführerin aus der Klinik Littenheid mit
dem Hinweis im Bericht vom 27. April 2006, dass sie weiterhin psychotherapeutischer
Behandlung bedürfe (UV-act. 50, 53). Die Neurologin Dr. med. I._ fand anlässlich der
Untersuchungen vom 18. April und 2. Mai 2006 klinisch neurologisch keine
objektivierbaren pathologischen Befunde mit Ausnahme eines muskulären Hartspanns
cervical und im Schultergürtelbereich. Pathologische Defizite fänden sich nicht. Die von
der Patientin geklagten kognitiven Störungen müssten im Zusammenhang mit der
psychogenen Problematik gesehen werden (UV-act. 59). Von Seiten des
Psychiatrischen Zentrums Rorschach wurde am 18. Mai 2006 eine Verschlechterung
des gesamten psychischen Zustandes bescheinigt. Aus psychiatrischer Sicht sei die
Patientin derzeit nicht arbeitsfähig (UV-act. 56). In den Berichten des Kantonsspitals St.
Gallen vom 24. Mai und 11. Juli 2006 wurden die Diagnosen eines Diuretika-Abusus
bei Oedemen unklarer Aetiologie, einer Depression und eines Karpaltunnel-Syndroms
beidseits sowie eines chronischen cervikalen Schmerzsyndroms gestellt (UV-act.
72/4ff, 73). Eine kreisärztliche Untersuchung durch Dr. med. E._ ergab gemäss
Bericht vom 11. September 2006 die Diagnosen einer HWS-Distorsion mit
Traumatisierung degenerativer HWS-Veränderungen sowie einer depressiven
Verstimmung und Verdacht auf somatoforme Überlagerung. Wahrscheinliche
strukturelle Unfallfolgen lägen nicht vor (UV-act. 82).
2.2 Gestützt auf eine psychiatrische Untersuchung kam Suva-Arzt Dr. med. D._,
Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie FMH, im Bericht vom 28. Oktober 2006
unter anderem zum Schluss, die heutigen Beschwerden seien teilkausal auf den Unfall
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
zurückzuführen. Es bestünden Hinweise auf eine vorbestehende psychische Störung.
Die Beschwerdeführerin sei in Beachtung sowohl der körperlichen wie der seelischen
Beeinträchtigungen derzeit auf dem freien Arbeitsmarkt nicht leistungsfähig (UV-act.
93). Der Neurologe Dr. med. C._ hielt im Bericht vom 7. Juni 2007 fest, die aktuellen
Beschwerden seien im Rahmen des chronifizierten cervikocephalen Schmerzsyndroms
zu interpretieren. Zudem sei auch ein gewisser cervikogener Schwindel vorhanden (UV-
act. 156). Von Februar bis Juli 2007 absolvierte die Beschwerdeführerin ein
Arbeitstraining im EVAL Valens. Eine Arbeitsfähigkeit liess sich dadurch nicht erreichen
(UV-act. 152, 167). Das in der Folge begonnene Eingliederungsprogramm in der F._
brach die Beschwerdeführerin ab, nachdem sich im Herbst 2007 ihr psychischer
Zustand verschlechtert hatte (UV-act. 179, 184f, 194, 211, 220). Eine erneute
psychiatrische Untersuchung bei Dr. D._ ergab gemäss Bericht vom 11. März 2008
die Diagnose einer Agoraphobie mit Panikstörung und einer sozialen Ängstlichkeit. An
der Diagnose einer posttraumatischen Belastungsstörung hielt Dr. D._ nicht mehr
fest. Er bleibe aber bei seiner früheren Einschätzung, wonach der Unfall mit seinen
Folgen im Rang einer überwiegend wahrscheinlichen und kleinen Teilursache die
heutige gesundheitliche Problematik der Beschwerdeführerin unterhalte. Nehme man
ihre wahrscheinlich zutreffende Selbsteinschätzung, wonach eine Nischentätigkeit mit
Kindern und Tieren sie am ehesten vor überfordernden Situationen bewahre, dann
müsse eine Berufsvermittlung in diese Richtung zielen (UV-act. 237). Die Abklärungen
in der Klinik für Neurologie am Kantonsspital St. Gallen ergaben gemäss Bericht vom 5.
Mai 2008 unauffällige neurologische Befunde (UV-act. 254). Der Psychotherapeut
G._ gab im Bericht vom 31. Juli 2008 unter anderem bekannt, dass die
Beschwerdeführerin weiterhin Psychotherapie benötige, um die Belastungen in der
Eingliederungsstätte und im familiären Umfeld aufzufangen (Beilage zu UV-act. 270).
Von Seiten der IV wurde eine Frühinterventionsmassnahme in Form eines
Belastungstrainings im H._ vom 5. August bis 31. Oktober 2008 übernommen (UV-
act. 269).
3.
3.1 Eine manuelle ärztliche Untersuchung der versicherten Person fördert klinische,
nicht aber organisch-strukturelle Ergebnisse zu Tage. Bei letzteren handelt es sich um
Ergebnisse, die reproduzierbar sind und von der Person des Untersuchenden und den
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Angaben des Patienten unabhängig sind. Würde auf Ergebnisse klinischer
Untersuchungen abgestellt, so würde fast in allen Fällen ein organisches Substrat
namhaft gemacht. Folglich kann von organisch-strukturell ausgewiesenen Unfallfolgen
erst dann gesprochen werden, wenn die erhobenen Befunde mit apparativen/
bildgebenden Abklärungen bestätigt werden (vgl. BGE 134 V 109 Erw. 9, 117 V 359
Erw. 5d/aa; SVR 2007 UV Nr. 25 S. 81 Erw. 5.4 mit Hinweisen [U 479/05]). Diese
Untersuchungsmethoden müssen zudem wissenschaftlich anerkannt sein (BGE 134 V
231 Erw. 5.1 mit Hinweisen). Nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung sind
beispielsweise ein Thoracic outlet Syndrom (TOS), myofasziale und tendinotische bzw.
myotendinotische Befunde für sich allein nicht als organisch-strukturell hinreichend
nachweisbare Unfallfolgen zu betrachten. Auch Verhärtungen und Verspannungen der
Muskulatur, Druckdolenzen im Nacken sowie Einschränkungen der HWS-Beweglichkeit
können für sich allein nicht als klar ausgewiesenes organisches Substrat der
Beschwerden qualifiziert werden. Gleiches gilt für Nackenverspannungen bei
Streckhaltung der HWS mit Retrohaltung (Urteil des Bundesgerichts vom 17. Oktober
2008 i/S H.B.-G. [8C_124/2008] mit vielen Hinweisen, sowie vom 7. Februar 2008 i/S D.
[U13/07] Erw. 3.2 und 3.3). Ist ein Schleudertrauma oder eine äquivalente Verletzung
der HWS diagnostiziert und liegt - wie dies konkret der Fall ist (vgl. UV-act. 59, 82) -
kein fassbarer organisch-struktureller (unfallbedingter) Befund an der HWS im
erwähnten Sinn vor, muss für die Bejahung der natürlichen Kausalität ein typisches
Beschwerdebild mit einer Häufung von Beschwerden wie diffuse Kopfschmerzen,
Schwindel, Konzentrations- und Gedächtnisstörungen, Übelkeit, rasche Ermüdbarkeit
und Visusstörungen, Reizbarkeit, Affektlabilität, Depression, Wesensveränderung usw.
vorliegen (BGE 117 V 359 Erw. 4b; vgl. auch BGE 117 V 369 Erw. 3e; Bestätigung in
BGE 134 V 109 Erw. 9). Dieses Beschwerdebild mit einer Häufung von Beschwerden
muss jedoch nicht in seiner umfassenden Ausprägung innerhalb von 24 bis höchstens
72 Stunden nach dem Unfall auftreten. Vielmehr genügt es, wenn sich in diesem
Zeitraum Beschwerden in der Halsregion oder an der HWS manifestieren (Urteile des
Bundesgerichts vom 30. Januar 2007 [U 215/05] i/S T. und vom 15. März 2007 [U
258/06] i/S G.; RKUV 2000 Nr. 359 S. 29 Erw. 5e). Im Weiteren muss nach der
Rechtsprechung (vgl. z.B. Urteil des EVG [Eidgenössisches Versicherungsgericht; seit
1. Januar 2007: sozialrechtliche Abteilungen des Bundesgerichts] vom 4. November
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2005 i/S K. [U 312/05]) nicht der gesamte Beschwerdekatalog vorliegen, um von einer
Unfallkausalität ausgehen zu können.
3.2 Von Seiten des erstbehandelnden Spitals Grabs wurde vorerst eine
Bewusstlosigkeit im Nachgang zum streitigen Unfall als gegeben erachtet (UV-act. 5).
Im Bericht vom 13. September 2005 wurden dann jedoch eine Bewusstlosigkeit,
Kopfschmerzen, Übelkeit und Erbrechen verneint. Im Bereich der HWS hätten starke
Schmerzen vorgelegen (UV-act. 10). Am 13. Dezember 2005 berichtete die
Beschwerdeführerin unter anderem über andauernde Kopfschmerzen, eine verminderte
Aufnahmefähigkeit, Konzentrationsschwäche und Vergesslichkeit (UV-act. 28). Im
gleichentags ausgefüllten Erhebungsblatt für die Abklärung von HWS-Fällen gab sie an,
es habe ein Kopfanprall (Gesicht) am Airbag stattgefunden. Sofort nach dem Unfall
seien ein Schock sowie unter anderem Nacken- und Kopfschmerzen und Schmerzen
im Schulterblattbereich aufgetreten (UV-act. 29). Bei dieser Aktenlage lässt sich ein
typisches Beschwerdebild nach schleudertraumaähnlicher Verletzung nicht in Abrede
stellen. Die Beschwerdegegnerin anerkannte denn auch während knapp drei Jahren
ihre Leistungspflicht.
4.
4.1 Die Leistungspflicht des Unfallversicherers entfällt erst, wenn das Dahinfallen
jeder kausalen Bedeutung von unfallbedingten Ursachen eines Gesundheitsschadens
mit dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit nachgewiesen ist. Da es
sich dabei um eine anspruchsaufhebende Tatfrage handelt, liegt die Beweislast -
anders als bei der Frage, ob ein leistungsbegründender natürlicher
Kausalzusammenhang gegeben ist - nicht bei der versicherten Person, sondern beim
Unfallversicherer (RKUV 2000 Nr. U 363 S. 46 Erw. 2 mit Hinweisen). Dabei muss nicht
etwa der Beweis für unfallfremde Ursachen erbracht werden. Welche Ursachen ein
nach wie vor geklagtes Leiden hat, ist unerheblich. Denn es ist nicht so, dass der
Unfallversicherer bei einmal bejahter Unfallkausalität so lange haftet, als er unfallfremde
Ursachen nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit nachzuweisen vermag.
Entscheidend ist allein, ob unfallbedingte Ursachen eines Gesundheitsschadens ihre
kausale Bedeutung verloren haben (RKUV 1994 Nr. U 206 S. 329 Erw. 3b). Ebenso
wenig geht es darum, vom Unfallversicherer den negativen Beweis zu verlangen, dass
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
kein Gesundheitsschaden mehr vorliegt oder dass die versicherte Person nun bei voller
Gesundheit sei (Urteile des EVG vom 18. Dezember 2003 i/S Z. [U 258/02], vom 25.
Oktober 2002 i/S L. [U 143/02] und vom 31. August 2001 i/S O. [U 285/00] ).
4.2 Gestützt auf die dargelegten medizinischen Akten kann die Frage, ob es sich bei
den auch nach dem streitigen Einstellungszeitpunkt (30. Juni 2008) bestehenden
Gesundheitsstörungen um eine natürliche (Teil-)Folge des versicherten Unfalls handelt,
in Bezug auf die psychischen Beschwerden bejaht werden (vgl. UV-act. 237).
Hinsichtlich der Beschwerden in der HWS ist von einer Traumatisierung bei
vorbestehenden degenerativen Veränderungen in diesem Bereich auszugehen (vgl. UV-
act. 6; Bericht von Dr. J._ zuhanden der IV vom 5. Juni 2007 S. 6 [IV-Akten]). Damit
bleibt die adäquate Unfallkausalität zu prüfen. Auch bei Vorliegen einer
schleudertraumaähnlichen Verletzung steht der Nachweis offen, dass es sich bei den
nach einem Unfall aufgetretenen psychischen Störungen nicht um eine unfallkausale
psychische Beeinträchtigung handelt (RKUV 2001, 79) oder dass eine ausgeprägte
psychische Problematik ganz im Vordergrund steht (RKUV 1999, 407 Erw. 3b). Sodann
ist - wie in den vorerwähnten Fällen - dort, wo keine mit der HWS-Distorsion in engem
Zusammenhang stehende psychische Problematik, sondern eine selbständige
sekundäre Gesundheitsschädigung vorliegt, die Adäquanzbeurteilung auch dann nach
BGE 115 V 133 vorzunehmen, wenn das psychische Beschwerdebild die körperlichen
Beschwerden nicht eindeutig in den Hintergrund gedrängt hat (Urteil des EVG vom 23.
Mai 2006 i/S O. [U 5/06] Erw. 3.2.2 mit Hinweisen; vgl. auch Urteil des Bundesgerichts
vom 17. Oktober 2008 i/S B. [8C_124/2008], Erw. 7.2, mit welchem der st. gallische
Entscheid vom 20. Dezember 2007 [UV 2007/24] bestätigt wurde).
Nach Lage der medizinischen Akten ist bei der Beschwerdeführerin von einem
psychiatrischen Vorzustand auszugehen (vgl. UV-act. 6, 59 S. 3, 84/2, 90/2, 93) in dem
Sinn, dass schon vor dem Unfall eine Tendenz bestand, zu somatisieren oder auto
aggressiv zu reagieren in Form von Schmerzen mit relativ hohem
Schmerzmittelkonsum (UV-act. 50/5, 53/7). Es ist im Weiteren als ausgewiesen zu
erachten, dass die relativ rasch nach dem Unfall bestätigte posttraumatische
Belastungsstörung (UV-act. 42, 67) einen (Teil-)Kausalzusammenhang mit dem
Unfallereignis aufwies. Die Neurologin Dr. I._ brachte in der Folge die kognitiven
(neuropsychologischen) Störungen in Zusammenhang mit der psychogenen Störung
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
(UV-act. 59). Von eigenständigen, d.h. vom Psychostatus unabhängigen kognitiven
Einschränkungen kann daher nicht ausgegangen werden (vgl. BGE 119 V 343 Erw. 3c).
Nach B.P. Radanov (Über den Stellenwert der neuropsychologischen Diagnostik bei
Patienten nach HWS-Distorsion, SZS 1996, S. 471 ff) sind denn auch psychologische
Probleme (und die eingenommenen Medikamente) geeignet, die kognitiven Leistungen
negativ zu beeinflussen (S. 477). Psychologische Probleme bzw. die Interrelation
psychologischer und kognitiver Funktionen können zur Erklärung der reduzierten
Leistungsfähigkeit dienen (S. 475). Im Bericht des Psychiatrischen Zentrums Rorschach
vom 18. Mai 2006 wurde sodann unter anderem festgehalten, die Patientin habe im
Rahmen der posttraumatischen Belastungsstörung ein eigenständiges Krankheitsbild
mit den Symptomen einer depressiven Störung entwickelt. Aufgrund des polymorphen
Beschwerdebildes (Panikattacken, chronische Schmerzen) leide sie phasenweise unter
lebensmüden Gedanken, was eine stationäre Zuweisung in die Klinik Littenheid
notwendig gemacht habe (UV-act. 56). Im Bericht vom 9. Januar 2007 zuhanden der IV
hielten die Ärzte der Klinik Littenheid unter anderem fest, die Erkrankung lasse sich
nicht aufgrund der beruflichen Belastungssituation bzw. des Unfalls mit
Schleudertrauma erklären. Der Unfall sei wohl als Auslöser einer Akutisierung der wohl
schon vorbestehenden psychischen Erkrankung zu sehen bei depressiven Krisen und
strukturellen Defiziten im Sinn einer Persönlichkeitsstörung. Es sei auch von
traumatischen Belastungen aus der Vergangenheit auszugehen mit den bekannten
schweren Konflikten und finanziellen Problemen im Rahmen der Familie (IV-Akten).
Nachdem Dr. D._ im Bericht vom 28. Oktober 2006 unter Bejahung einer
Unfallteilkausalität der psychischen Beschwerden die Frage des Vorliegens einer
"selbständigen Gesundheitsstörung" als nicht vom Psychiater zu beantwortende
Rechtsfrage bezeichnet hatte (UV-act. 93 S. 13), bestätigte er im Bericht vom 11. März
2008 die Diagnose einer Agoraphobie mit Panikstörung und einer sozialen
Ängstlichkeit. Eine posttraumatische Belastungsstörung verneinte er und wies dem
Unfall lediglich noch eine kleine Teilursache an den bestehenden Beschwerden zu (UV-
act. 237). Von Seiten der F._ war am 28. Dezember 2007 festgehalten worden,
während der ganzen Trainingszeit hätten die psychosozialen Probleme der
Beschwerdeführerin im Vordergrund gestanden und hätten jegliche Energie absorbiert
(UV-act. 220). Der Psychotherapeut G._ berichtete am 31. Juli 2008 unter anderem,
die Beschwerdeführerin lasse sich immer wieder von den psychischen Leiden anderer
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
(Ehemann, Kinder) absorbieren und überlasten. Sobald eine ausserordentliche Situation
auftrete, neige sie zu Todeswünschen (UV-act. 270 Beilage).
Bei dieser Aktenlage ist als überwiegend wahrscheinlich ausgewiesen zu erachten,
dass bereits vor dem Zeitpunkt der Leistungseinstellung am 30. Juni 2008 bei der
Beschwerdeführerin eine selbständige sekundäre psychische Gesundheitsschädigung
und psychosoziale Probleme ganz im Vordergrund standen, auch wenn weiterhin
körperliche Symptome vorhanden waren und behandelt wurden. In Fällen, in welchen
die zum typischen Beschwerdebild einer schleudertraumaähnlichen Verletzung
gehörenden Beeinträchtigungen zwar teilweise gegeben sind, im Vergleich zu einer
ausgeprägten psychischen Problematik aber ganz in den Hintergrund treten, ist die
Beurteilung praxisgemäss unter dem Gesichtspunkt einer psychischen Fehlentwicklung
nach Unfall vorzunehmen (BGE 123 V 98 Erw. 2a mit Hinweisen). Die Rechtsprechung,
wonach bei der Prüfung der adäquaten Kausalität zwischen psychisch und physisch
bedingten Beschwerden nicht unterschieden wird (RKUV 1999, 407 Erw. 3b), kommt
dabei nicht zur Anwendung.
5.
5.1 Bezüglich der Adäquanz der psychischen Beschwerden ist zunächst festzuhalten,
dass der in Frage stehende Unfall vom 2. August 2005 aufgrund des
Geschehensablaufs - das Fahrzeug der Beschwerdeführerin geriet auf der Autobahn
ins Schleudern und kam, nach einem Frontalkontakt mit der Leitplanke, auf der Seite
liegend zum Stillstand (vgl. UV-act. 1 und 1.1 mit Beilagen) - und der Verletzungen (UV-
act. 4f) nicht als ausserordentlich schweres, lebensbedrohliches Geschehen im Sinn
der Praxis (dargestellt in RKUV 1995, 91) eingestuft werden kann (vgl. auch Urteile des
EVG vom 20. Juli 2005 [U 338/04] und vom 13. Juni 2005 [276/04] Erw. 2.3). Die
Unterscheidung zwischen mittelschweren Unfällen im Grenzbereich zu den schweren
Unfällen und solchen im mittleren Bereich ist insofern von Bedeutung, als bei Unfällen
im mittelschweren Bereich nach der Praxis mehrere Zusatzkriterien erfüllt sein müssen,
um die Adäquanz bejahen zu können, wobei die Zahl um so geringer sein kann, je
näher das Ereignis bei den schweren Unfällen liegt (vgl. dazu BGE 115 V 133 Erw. 6c/
bb). Es scheint konkret gerechtfertigt, von einem mittelschweren Unfall auszugehen,
allerdings nicht im Grenzbereich zu den schweren Ereignissen (vgl. dazu etwa die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Sachverhalte in den Urteilen des EVG vom 14. April 2000 i/S S. [U 257/99]) und vom
24. August 2007 i/S K. [U 497/06] Erw. 4.2). Weitere Abklärungen zum Unfallereignis
bzw. zur Unfallursache (Aquaplaning u.a.; vgl. act. G 11 S. 2) vermöchten an dieser
Einstufung nichts zu ändern. Der Unfall hatte bei der Beschwerdeführerin gemäss
Spitalbericht keine Bewusstlosigkeit bewirkt (UV-act. 10), auch wenn dies von der
gleichen Institution vorerst anders bestätigt worden war (UV-act. 5). So lag denn auch
ausschliesslich ein Kopfanprall (Gesicht) am Airbag vor. Ein Anprall anderer Körperteile
fand nicht statt (UV-act. 29 S. 2). Dr. I._ hielt sodann fest, dass eine Bewusstlosigkeit
nicht sicher vorgelegen habe. Die Beschwerdeführerin könne sich daran erinnern, dass
sie den Sicherheitsgurt und die Türe geöffnet habe (UV-act. 59). Die
Beschwerdeführerin konnte das Fahrzeug selbständig verlassen (vgl. Polizeibericht,
UV-act. 1.1/1 S. 2 und 1.1/3, wo ebenfalls keine Bewusstlosigkeit erwähnt wurde). Eine
gewisse Eindrücklichkeit für die Beschwerdeführerin kann dem Ereignis nicht
abgesprochen werden. Eine besondere Eindrücklichkeit oder dramatische
Begleitumstände sind allerdings nicht belegt, zumal das objektive Unfallgeschehen
massgebend ist (vgl. die Kasuistik zu diesem Kriterium in Rumo-Jungo,
Rechtsprechung des Bundesgerichts zum Sozialversicherungsrecht, Bundesgesetz
über die Unfallversicherung, 3. A., S. 58-64, sowie Urteile des EVG vom 23. November
2004 i/S B., Erw. 2.3 [U 109/04] und vom 2. März 2005 i/S S., Erw. 5.1 [U 309/03]).
Beim erlittenen cranio-cervikalen Beschleunigungstrauma handelt es sich nicht um eine
Gesundheitsschädigung, die durch ihre Schwere oder besondere Art charakterisiert ist
(vgl. Urteile des Bundesgerichts vom 17. August 2007 i/S N. [8C_101/2007] Erw. 5.2
und 5.3, und vom 21. Dezember 2007 i/S M. [U 558/06], Erw. 4.2.2, sowie Urteil des
EVG vom 9. August 2004 i/S J. [U 116/04]).
Dr. J._ hielt im Verlaufsbericht vom 25. Februar 2008 unter anderem fest, die
Massnahmen im medizinischen, psychologischen und sozialen Bereich seien intensiv
weiterzuführen (UV-act. 231 S. 3). Von Seiten der Klinik für Neurologie wurden am
5. Mai 2008 keine fachspezifischen Behandlungsvorschläge gemacht und die
Weiterführung der Betreuung durch den Hausarzt bzw. die Kollegen der Augenklinik
vermerkt (UV-act. 254). Die Augenerkrankung stand dabei nicht im Zusammenhang mit
dem streitigen Unfall (vgl. UV-act. 231 S. 2, 241). Die versicherte Person hat Anspruch
auf die zweckmässige Behandlung (Art. 10 Abs. 1 UVG) der Unfallfolgen für so lange,
als von ihrer Fortsetzung eine namhafte Besserung des Gesundheitszustands erwartet
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
werden kann (Art. 19 Abs. 1 UVG e contrario). Aufgrund der dargelegten Umstände
kann die Notwendigkeit einer eigentlichen Behandlung von somatischen Unfallfolgen
über den 30. Juni 2008 hinaus nicht ohne weiteres angenommen werden, zumal von
vorbestehenden degenerativen Veränderungen im HWS-Bereich auszugehen ist (vgl.
UV-act. 6; Bericht von Dr. J._ zuhanden der IV vom 5. Juni 2007 S. 6 [IV-Akten]) und
die grösstenteils unfallfremden psychischen und psychosozialen Gegebenheiten (vgl.
unter anderem UV-act. 220 S. 2 unten) den Verlauf und dessen Dauer erheblich
beeinflusst haben dürften. Zu erwähnen ist in diesem Zusammenhang, dass gemäss
Darlegungen des Psychotherapeuten G._ sowohl die Tochter als auch der Ehemann
der Beschwerdeführerin psychiatrisch betreut werden (Beilage zu UV-act. 270). Im
Weiteren sind ein schwieriger Heilverlauf und erhebliche Komplikationen zu verneinen.
Entgegen der Meinung der Beschwerdeführerin liegt keine Fehlbehandlung durch die
ärztliche Anordnung des Tragens eines Halskragens vor. Denn einerseits trug die
Beschwerdeführerin diesen Kragen nur während einer begrenzten Zeitdauer und
andererseits wies keiner der behandelnden oder begutachtenden Ärzte darauf hin,
dass die geklagten Schmerzen in Zusammenhang mit dem Tragen des Kragens
stünden. Damit finden sich keine Hinweise, dass sich eine allfällige Fehlbehandlung
durch die Anordnung des Halskragens überhaupt ausgewirkt hätte (vgl. Urteil des EVG
vom 8. Februar 2005 [U 314/04] Erw. 2.3).
Nach dem Unfall war die Beschwerdeführerin gemäss Bericht der Klinik Valens vom 15.
November 2005 für die bisherige Tätigkeit als Kurier vollständig arbeitsunfähig.
Hingegen wurde für eine andere berufliche Tätigkeit (ohne Lenken eines
Motorfahrzeugs) aus rein rheumatologischer Sicht eine Arbeitsfähigkeit für
mittelschwere Tätigkeiten bestätigt (UV-act. 38). Bei der in der Folge bescheinigten
vollen Arbeitsunfähigkeit bildete die psychische Problematik die wesentliche Ursache,
wobei diese überdies zum grössten Teil vorbestehend und damit unfallunabhängig war
(vgl. UV-act. 67, 93, 237). Damit kann eine lang dauernde (somatisch begründete)
Arbeitsunfähigkeit im Sinn der Rechtsprechung (vgl. zusammenfassende Darstellung im
Urteil des EVG vom 30. August 2001 [U 56/00] Erw. 3d) nicht mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit als nachgewiesen gelten. Der behandelnde Arzt Dr. J._ ging
sodann ab 1. September 2008 vorerst von einer uneingeschränkten Arbeitsfähigkeit
aus (act. G 1 Beilage 3), welche sich allerdings wegen eines Zusammenbruchs der
Beschwerdeführerin nicht realisieren liess. Ab dem 14. November 2008 bescheinigte
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
der Arzt wieder eine 60%ige Arbeitsfähigkeit (act. G 11 Beilage 4). Auch wenn das
Vorliegen von (somatischen unfallbedingten) Dauerschmerzen mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit zu bejahen wäre, liesse es sich nicht beanstanden, dass die
Beschwerdegegnerin die adäquate Unfallkausalität der psychischen Beschwerden
verneinte.
5.2 Selbst wenn - wie die Beschwerdeführerin geltend machen lässt - nicht von einer
unfallfremden, im Vordergrund stehenden psychischen Störung auszugehen und damit
bei der Prüfung der Adäquanzkriterien nicht zwischen somatischen und psychischen
Gesundheitsschäden zu unterscheiden wäre, müsste - wie nachstehend zu zeigen sein
wird - die Adäquanz jedenfalls ab dem Zeitpunkt der streitigen Leistungseinstellung
verneint werden. Die Kriterien der besonders dramatischen Begleitumstände und der
besonderen Eindrücklichkeit des Unfalles (vgl. BGE 134 V 109 Erw. 10.2.1, S. 127 mit
Hinweisen) sowie der Schwere oder besonderen Art der erlittenen Verletzung sind wie
erwähnt zu verneinen. Was die Schwere oder besondere Art der erlittenen Verletzungen
anbelangt, hat das Bundesgericht in Erw. 10.2.2 von BGE 134 V 109 präzisiert, dass es
zur Bejahung dieses Kriteriums einer besonderen Schwere der für die gegebene
Verletzung typischen Beschwerden oder besonderer Umstände, welche das
Beschwerdebild beeinflussen können, bedarf. Davon kann konkret nicht ausgegangen
werden. Nicht ausgewiesen sind in diesem Kontext erhebliche Verletzungen, welche
sich die Beschwerdeführerin neben der HWS-Distorsion zuzog. Sodann ist
entscheidwesentlich (vgl. BGE 134 V 109 Erw. 10.2.3), ob nach dem Unfall eine
fortgesetzt spezifische, die versicherte Person belastende ärztliche Behandlung bis
zum Fallabschluss notwendig war. Die Beschwerdeführerin steht seit dem Unfall in
Behandlung. Sie unterzog sich diversen Therapieverfahren (UV-act. 60, 231) und stand
seit Oktober 2005 (stationäre Therapie in Valens) auch in ambulanter oder stationärer
psychotherapeutischer Behandlung (UV-act. 42, 50, 53, 67, 237; vgl. auch
Zusammenstellung in act. G 11 Beilage 5 letzte Seite). In Anbetracht dieser Aktenlage
ist festzustellen, dass nach dem Unfall vom 2. August 2005 bis zum Fallabschluss am
30. Juni 2008 eine fortgesetzt spezifische, die Beschwerdeführerin belastende ärztliche
Behandlung notwendig gewesen war, weshalb dieses Kriterium als erfüllt zu betrachten
ist. Adäquanzrelevant können im Weiteren in der Zeit zwischen dem Unfall und dem
Fallabschluss ohne wesentlichen Unterbruch bestehende erhebliche Beschwerden
sein. Die Erheblichkeit beurteilt sich nach den glaubhaften Schmerzen und nach der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beeinträchtigung, welche die verunfallte Person durch die Beschwerden im
Lebensalltag erfährt (BGE 134 V 109 Erw. 10.2.4). Im Nachgang zum Unfall berichtete
die Beschwerdeführerin über heftigste Schmerzen mit Beweglichkeitseinschränkung
der HWS, wobei Schmerzmittel nicht geholfen hätten (UV-act. 6, 28). Von Seiten der
Klinik Valens wurde im Bericht vom 15. November 2005 ein chronischer
Schmerzzustand mit muskulärer Verspannung im HWS-Schultergürtelbereich
bescheinigt (UV-act. 38). Im Bericht vom 25. Februar 2008 hielt Dr. J._ fest, im
Vordergrund der Beschwerden stünden die Schmerzen im Bereich der HWS und des
Kopfes. Hier werde versucht, mit physiotherapeutischen Massnahmen und
Medikamenten eine Besserung zu erreichen, was zeitweise gut gelinge; es komme aber
wiederholt zu schweren Rückfallen (UV-act. 231). Angesichts dieser Darlegungen lässt
sich das Kriterium der erheblichen (unfallbedingten) Beschwerden nicht ohne weiteres
in Abrede stellen, wobei allerdings auch hier die Auswirkungen der Vorzustände im
HWS-Bereich und insbesondere in psychischer Hinsicht zu beachten sind. Das
erwähnte Kriterium kann damit - bei ausschliesslichem Bezug auf die Folgen des
streitigen Unfalls - nur in geringem Umfang als erfüllt gelten.
Was schliesslich das Kriterium der Arbeitsunfähigkeit anbelangt, ist gemäss BGE 134 V
109 Erw. 10.2.7 dem Umstand Rechnung zu tragen, dass bei leichten bis
mittelschweren Schleudertraumen der HWS (und punkto Adäquanzbeurteilung gleich
zu behandelnden Verletzungen) ein längerer oder gar dauernder Ausstieg aus dem
Arbeitsprozess vom medizinischen Standpunkt aus als eher ungewöhnlich erscheint.
Nicht die Dauer der Arbeitsunfähigkeit ist daher massgebend, sondern eine erhebliche
Arbeitsunfähigkeit als solche, die zu überwinden die versicherte Person ernsthafte An
strengungen unternimmt. Gelingt es ihr trotz solcher Anstrengungen nicht, ist ihr dies
durch Erfüllung des Kriteriums anzurechnen. Konkret muss ihr Wille erkennbar sein,
sich durch aktive Mitwirkung raschmöglichst wieder optimal in den Arbeitsprozess
einzugliedern. Solche Anstrengungen der versicherten Person können sich
insbesondere in ernsthaften Arbeitsversuchen trotz allfälliger persönlicher
Unannehmlichkeiten manifestieren. Sodann können Bemühungen um alternative, der
gesundheitlichen Einschränkung besser Rechnung tragende Tätigkeiten ins Gewicht
fallen. Nur wer in der Zeit bis zum Fallabschluss nach Art. 19 Abs. 1 UVG in
erheblichem Masse arbeitsunfähig ist und solche Anstrengungen auszuweisen vermag,
kann das Kriterium erfüllen (BGE 134 V 109 Erw. 10.2.7 mit Hinweisen). Wie dargelegt
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
wurde im Bericht der Klinik Valens vom 15. November 2005 für die bisherige Tätigkeit
(im Wesentlichen aus psychischen Gründen; UV-act. 67) eine volle Arbeitsunfähigkeit
bescheinigt, hingegen für eine andere berufliche Tätigkeit (ohne Lenken eines
Motorfahrzeugs) aus rheumatologischer Sicht eine Arbeitsfähigkeit für eine
mittelschwere Tätigkeit bestätigt (UV-act. 38). Bei der in der Folge bescheinigten vollen
Arbeitsunfähigkeit bildete die (grösstenteils vorbestehende) psychische Problematik die
wesentliche Ursache. Dr. D._ bezeichnete denn auch den Unfall im Bericht vom 11.
März 2008 lediglich als "kleine Teilursache" der bestehenden psychischen
Beschwerden (vgl. UV-act. 237). Bei dieser Sachlage kann von einer unfallbedingten
Arbeitsunfähigkeit in erheblichem Ausmass jedenfalls ab März 2008 nicht mehr
ausgegangen werden. Die ab 1. September 2008 nach Einschätzung von Dr. J._
auch hinsichtlich der unfallunabhängigen Gegebenheiten bestehende
uneingeschränkte Arbeitsfähigkeit (act. G 1 Beilage 3) liess sich wie erwähnt wegen
eines Zusammenbruchs nicht realisieren (act. G 11 Beilage 4). Ein Zusammenhang
dieser Gegebenheiten mit dem streitigen Unfall wird weder behauptet noch ist ein
solcher aus den Akten ersichtlich (vgl. dazu auch act. G 11 Beilage 5 S. 3). Die Frage,
ob ausreichende Anstrengungen der Beschwerdeführerin, wieder in den Arbeitsprozess
einzusteigen, ausgewiesen sind, kann unter diesen Umständen offenbleiben. Immerhin
ist festzuhalten, dass die Beschwerdeführerin das Eingliederungsprogramm in der
F._ im Herbst 2007 abgebrochen hatte (UV-act. 179, 184f, 194). Diese Institution
bestätigte in der Folge, dass während der ganzen Trainingszeit die psychosozialen
Probleme der Beschwerdeführerin im Vordergrund gestanden und jegliche Energie
absorbiert hätten (UV-act. 220). Die letztgenannten Umstände lassen sich nicht in
Zusammenhang mit dem streitigen Unfallereignis bringen. Zusammenfassend ist eines
der in BGE 134 V 109 angeführten Adäquanzkriterien klar und eines in geringem
Umfang gegeben, was dazu führt, dass die Adäquanz der nach wie vor geklagten
Beschwerden mit dem versicherten Unfall zu verneinen ist. Die Leistungseinstellung auf
den 30. Juni 2008 lässt sich auch unter diesem Titel nicht beanstanden. Eine
polydisziplinäre medizinische Abklärung (act. G 11 S. 4 unten) vermöchte unter den
geschilderten Umständen zu keinem anderen Ergebnis zu führen.
6.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Im Sinn der vorstehenden Erwägungen ist die Beschwerde unter Bestätigung des
Einspracheentscheids vom 18. September 2008 abzuweisen. Gerichtskosten sind
keine zu erheben (Art. 61 lit. a ATSG).
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 53 GerG