Decision ID: a856e740-e73a-4140-8874-fced083c3798
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer suchte am 30. Dezember 2021 in der Schweiz um
Asyl nach und wurde dem Bundesasylzentrum (BAZ) der Region
B._ zugewiesen.
B.
Am 5. Januar 2022 wurde er zu seinen Personalien befragt (Personalien-
aufnahme; PA) und am 9. Februar 2022 vertieft zu seinen Asylgründen an-
gehört. Zur Begründung seines Asylgesuchs machte er im Wesentlichen
geltend, er sei afghanischer Staatsangehöriger, ethnischer Hazara und im
Dorf C._, Provinz D._, geboren und aufgewachsen. Er habe
während zwölf Jahren die Schule besucht und nach bestandener Matura
in Kabul ein (...)studium aufgenommen.
Die allgemeine Sicherheitslage in Afghanistan sei sehr schlecht. Sein Vater
sei im Jahre 2017 mit dem Auto nach D._ unterwegs gewesen, als
er von den Taliban angehalten und erschossen worden sei. Nach dem Tod
seines Vaters hätten er und die übrigen Familienmitglieder Probleme mit
einem Onkel väterlicherseits bekommen. Dieser habe seine älteste
Schwester gegen den Willen der Familie mit dem Sohn eines Kollegen ver-
heiratet. Es sei deshalb zwischen ihm und dem Onkel zu einem Streit ge-
kommen. Der Onkel habe der Familie auch anderweitig Probleme bereitet.
So habe er die Mutter heftig geschlagen, weil diese am Schulbesuch seiner
Geschwister habe festhalten wollen. Zudem habe der Onkel ein der Familie
gehörendes Landstück annektiert. Nachdem die Taliban im Sommer 2021
in Afghanistan an die Macht gekommen seien, sei der erwähnte Onkel be-
müht gewesen, sich mit den Taliban gut zu stellen. Er habe sie zu sich
eingeladen und bewirtet. Anlässlich dieses Besuchs habe der Onkel den
Taliban berichtet, dass der Beschwerdeführer im Jahre 2017 bei einem An-
griff der Taliban auf die Region aktiv gegen diese gekämpft habe. Ein
Cousin, der Sohn des besagten Onkels, habe diese Denunziation miterlebt
und ihn (den Beschwerdeführer) gewarnt. Der Beschwerdeführer habe sich
daraufhin zur sofortigen Flucht entschieden, da er Angst vor Vergeltung der
Taliban gehabt habe. Ein Freund habe ihm Geld für die Flucht geliehen. Er
habe das Heimatdorf unmittelbar verlassen und sei nach Kandahar gereist.
Nach seinem Weggang hätten die Taliban wiederholt nach ihm gesucht;
bei einer im Elternhaus vorgenommenen Hausdurchsuchung hätten die Ta-
liban unter anderem auch die Waffe seines Vaters gefunden – in deren Au-
gen ein Beweis dafür, dass er gegen sie gekämpft habe.
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Im Oktober 2021 sei er von Kandahar aus weiter in den Iran und später in
die Türkei gereist, und schliesslich über verschiedene Länder in die
Schweiz gelangt.
Zum Beweis seiner Identität reichte der Beschwerdeführer die Kopie seiner
Tazkera sowie eines der Schulzeugnisse zu den Akten.
C.
Am 16. Februar 2022 wurden die entscheidrelevanten Akten sowie der Ent-
scheidentwurf der dem Beschwerdeführer zugewiesenen Rechtsvertretung
zur Stellungnahme zugestellt.
D.
Die entsprechende Stellungnahme der Rechtsvertretung datiert vom
17. Februar 2022.
E.
Mit gleichentags eröffneter Verfügung vom 18. Februar 2022 stellte das
SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht,
lehnte sein Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz
an. Gleichzeitig wurde der Vollzug der Wegweisung als unzumutbar erach-
tet und der Beschwerdeführer in der Schweiz vorläufig aufgenommen. Der
Beschwerdeführer wurde dem Kanton E._ zugewiesen, welcher mit
der Umsetzung der vorläufigen Aufnahme beauftragt wurde. Es wurde in
diesem Zusammenhang festgestellt, dass einer allfälligen Beschwerde ge-
gen die Kantonszuweisung keine aufschiebende Wirkung zukomme und
der Beschwerdeführer den Ausgang eines allfälligen Beschwerdeverfah-
rens im Zuweisungskanton abzuwarten habe.
F.
Gegen diese Verfügung erhob der Beschwerdeführer – handelnd durch
seine mandatierte Rechtsvertretung – am 21. März 2022 Beschwerde beim
Bundesverwaltungsgericht. Er beantragte, die Verfügung der Vorinstanz
sei aufzuheben, er sei als Flüchtling anzuerkennen und ihm sei Asyl zu
gewähren. Eventualiter sei die angefochtene Verfügung aufzuheben und
die Sache zur vollständigen Feststellung des Sachverhalts an die
Vorinstanz zurückzuweisen. In formeller Hinsicht sei die unentgeltliche
Rechtspflege zu gewähren; insbesondere sei von der Erhebung eines Kos-
tenvorschusses abzusehen.
G.
Am 23. März 2022 wurde der Eingang der Beschwerde bestätigt.
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Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht entscheidet
auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht innerhalb der geltenden 30-
tägigen Beschwerdefrist (vgl. Art. 10 Covid-19-Verordnung Asyl) einge-
reicht worden. Die in der Rechtsmittelbelehrung angegebene Rechtsmittel-
frist von sieben Arbeitstagen ist unbeachtlich. Der Beschwerdeführer hat
am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene
Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an de-
ren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist daher zur Einreichung
der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48
Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG).
1.3 Das SEM hat mit Verfügung vom 18. Februar 2022 die vorläufige Auf-
nahme des Beschwerdeführers infolge Unzumutbarkeit des Wegweisungs-
vollzuges angeordnet. Das vorliegende Verfahren beschränkt sich mangels
Anfechtung der Dispositivziffer 6 (Kantonszuweisung) daher auf die Fragen
der Flüchtlingseigenschaft, des Asyls und der Wegweisung.
1.4 Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (vgl. BVGE 2014/26
E. 5).
3.
3.1 Die Beschwerde erweist sich als offensichtlich unbegründet und ist im
Verfahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten
Richters beziehungsweise einer zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e AsylG)
ohne Weiterungen und mit summarischer Begründung zu behandeln
(Art. 111a Abs. 2 AsylG).
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3.2 Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
4.
4.1 Die Vorinstanz begründete ihren ablehnenden Entscheid im Wesentli-
chen mit der mangelnden Glaubhaftigkeit der Vorbringen des Beschwerde-
führers. Dessen Aussagen seien als realitätsfremd zu qualifizieren. Dies
betreffe beispielsweise das Vorbringen, wonach der Onkel der Überzeu-
gung gewesen sein soll, dass der Beschwerdeführer nicht von der erfolgten
Denunziation erfahren habe. Dies sei vor allem deshalb unrealistisch, weil
nach Angaben des Beschwerdeführers der Cousin beim damaligen Ge-
spräch zwischen dem Onkel und den Taliban persönlich anwesend gewe-
sen sei, der Onkel um das gute Verhältnis des Cousins zum Beschwerde-
führer gewusst habe und somit auch hätte in Betracht ziehen müssen, dass
dieser den Beschwerdeführer über den entsprechenden Gesprächsinhalt
informiere. Realitätsfremd sei auch die Ausführung, wonach der Onkel
nicht erfahren haben soll, dass der Beschwerdeführer Kenntnis von der
geltend gemachten Denunziation gegenüber den Taliban erhalten habe
und deshalb geflohen sei, zumal ein Zusammenhang mit dem plötzlichen
Weggang aus dem Heimatdorf für den Onkel auf der Hand gelegen haben
müsste. Da der Onkel ebenfalls ein ethnischer Hazara sei und das Verhält-
nis zwischen den Hazara und den Taliban allgemein als nicht konfliktfrei
gelte, sei das Vorbringen, der Onkel habe den Beschwerdeführer gegen-
über den Taliban erfolgreich denunziert, ebenfalls realitätsfern. Die Erklä-
rung des Beschwerdeführers, der Onkel habe ihn aufgrund einiger Mei-
nungsverschiedenheiten nicht gemocht und ihn deshalb denunziert, sei an-
gesichts der möglichen Konsequenzen eines solchen Handelns ebenso
wenig überzeugend.
Gleich verhalte es sich mit dem Vorbringen des Beschwerdeführers, wo-
nach die Taliban aufgrund eines Waffenfunds in dessen Haus automatisch
angenommen haben sollen, dass der Beschwerdeführer selbst mit dieser
Waffe im Jahre 2017 gegen sie gekämpft habe, insbesondere da gemäss
den Ausführungen des Beschwerdeführers alle Haushalte im Grenzgebiet
im C._ Waffen zuhause aufbewahrt hätten und solche auch offiziell
hätten besitzen dürfen. Überdies überzeuge auch das Vorbringen nicht, der
Beschwerdeführer sei unmittelbar nach der Benachrichtigung durch den
Cousin aus dem Heimatdorf ausgereist, um einem möglichen Zugriff der
Taliban vorzubeugen, da eine solche Ausreise mit einem erheblichen Vor-
bereitungsaufwand verbunden sei. Zudem sei nicht einzusehen, weshalb
der Onkel an einer Eliminierung des Beschwerdeführers durch die Taliban
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hätte interessiert sein sollen, um das der Familie gehörende Land annek-
tieren zu können, da noch weitere Mitglieder der eigenen Kernfamilie be-
ziehungsweise auch (männliche) Geschwister des Beschwerdeführers
nach wie vor in Afghanistan leben würden. Es sei mithin nicht plausibel,
weshalb es der Onkel nur auf den Beschwerdeführer abgesehen haben
soll. Ausserdem sei den Angaben des Beschwerdeführers zu entnehmen,
dass nicht nur er, sondern auch noch andere Familienmitglieder gegen die
Verheiratung der ältesten Schwester opponiert hätten, so dass auch dies-
bezüglich nicht ersichtlich sei, weshalb der Onkel ausgerechnet ihn im Fo-
kus gehabt habe. Im Übrigen sei darauf hinzuweisen, dass der Beschwer-
deführer sich zum Ablauf des angeführten Streits mit dem Onkel in Bezug
auf die Verheiratung der ältesten Schwester widersprüchlich geäussert und
diesen Widerspruch auf Vorhalt hin nicht überzeugend aufgeklärt habe.
Der Beschwerdeführer führe überdies die allgemein sehr schlechte Sicher-
heitslage in Afghanistan als Ausreisegrund an und mache geltend, sein Va-
ter sei im Jahre 2017 von den Taliban erschossen worden. Es herrsche in
der Tat in Afghanistan eine sehr schwierige Lage, welche den in Afghanis-
tan verbliebenen Menschen Verluste beschere und viel abverlange. Ein Er-
eignis wie die angeführte Tötung des Vaters im Jahre 2017 stelle einen
grossen persönlichen Verlust für den Beschwerdeführer und die übrigen
Familienmitglieder dar. Gleichwohl sei festzuhalten, dass sich dieses Er-
eignis in Bezug auf die Person des Beschwerdeführers mangels Gezielt-
heit nicht als flüchtlingsrechtlich relevant erweise, zumal sich aus den Ak-
ten keine konkreten Hinweise darauf ergeben würden, dass die angeführ-
ten Ereignisse betreffend den Vater des Beschwerdeführers einen asylre-
levanten Bezug gehabt hätten. Vielmehr gehe aus den Aussagen des Be-
schwerdeführers hervor, dass die Taliban in der Zeit, in welcher sein Vater
angehalten und erschossen worden sei, regelmässig Reisende in dieser
Region kontrolliert, als Geiseln genommen oder gar getötet hätten.
Der Beschwerdeführer mache sodann geltend, er und seine Familienmit-
glieder hätten wiederholt Probleme mit dem Onkel väterlicherseits gehabt,
da dieser einzelne Familienmitglieder schikaniert und ein der Familie ge-
hörendes Landstück annektiert habe. Zudem habe er Afghanistan eigenen
Angaben zufolge auch wegen der persönlichen schlechten finanziellen
Lage verlassen. Bei den familiären Schwierigkeiten sowie seiner vorge-
brachten schwierigen finanziellen Situation handle es sich aber um Nach-
teile, denen keine Asylrelevanz zukomme, da sie Ausdruck der persönli-
chen Situation beziehungsweise der allgemeinen wirtschaftlichen Lage
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seien. Diese Gründe würden keine flüchtlingsrechtlich relevante Verfol-
gung im Sinne von Art. 3 AsyIG darstellen.
Der in der Stellungnahme zum Entwurf erhobene Vorwurf der einseitigen
Würdigung sei abzuweisen. Der Beschwerdeführer habe keine Beweismit-
tel eingereicht. Vor diesem Hintergrund sei es nur naheliegend, dass den
Aussagen anlässlich der Anhörung bei der Beurteilung der Plausibilität der
Vorbringen eine erhöhte Bedeutung zukomme. Dem kulturellen Kontext
werde dabei vom SEM durchaus Rechnung getragen. Dieser könne aber
weder eine Abwägung der Glaubhaftigkeit der Vorbringen verhindern noch
unplausible Aussagen neutralisieren.
4.2 In der Beschwerde wird dem entgegnet, die Vorinstanz habe sich in
ihrem Entscheid vornehmlich auf das Argument beschränkt, die Aussagen
des Beschwerdeführers seien realitätsfremd. Der Beschwerdeführer habe
entgegen der Auffassung des SEM seine Vorbringen durchweg realitäts-
nah und plausibel geschildert. Ein unlogisches Verhalten des Onkels dürfe
nicht dem Beschwerdeführer beziehungsweise den Ausführungen zur Sa-
che angelastet werden. Auch sei die Gesamtwürdigung der Vorbringen
durch das SEM einseitig ausgefallen und dem kulturellen Kontext zu wenig
Rechnung getragen worden. Der Aspekt der Plausibilität sei ein kultur- und
persönlichkeitsabhängiges Konzept, weshalb grundsätzlich nur naturwis-
senschaftliche, also physikalische und biologische Tatsachen unter diesem
bewertet werden sollten. Ansonsten sei Unplausibilität zumindest mit Län-
derinformationen oder anderen Beweismitteln abzugleichen. Davon aus-
gehend seien die Aussagen in Bezug auf die geltend gemachten Probleme
mit dem Onkel väterlicherseits beziehungsweise mit den Taliban vor der
definitiven Ausreise aus dem Heimatstaat im Jahre 2021 plausibel und re-
alitätsnah.
Der angebliche Widerspruch zum Zeitpunkt des Streits zwischen dem Be-
schwerdeführer und dessen Onkel ergebe sich aus den Akten nicht und sei
der etwas unstrukturierten und sprunghaften Erzählung des Beschwerde-
führers geschuldet. Der Beschwerdeführer könne sodann nicht abschlies-
send beurteilen, was sein Onkel wisse oder denke. Er sei nach wie vor der
Ansicht, dass der Onkel nichts davon wisse, dass sein Sohn, der Cousin
des Beschwerdeführers, diesen gewarnt habe und der Beschwerdeführer
wegen dieses Wissens und der Angst vor den Taliban ausgereist sei. So-
fern das SEM es als unlogisch erachte, dass der Onkel den Beschwerde-
führer in Gegenwart des Cousins denunziere, sei dies ein rein subjektives
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Plausibilitätsempfinden, welches eine Auseinandersetzung mit COI-Infor-
mationen vermissen lasse. Es sei anzunehmen, dass der Onkel die Loya-
lität seines Sohnes zu ihm als Vater höher gewichte als die zum Beschwer-
deführer. Sofern das SEM die Nähe des Onkels zu den Taliban als unplau-
sibel erachte, weil der Onkel selbst Hazara sei und das Verhältnis zu den
Taliban nicht als konfliktfrei gelte, sei dies eine eingleisige Denkweise, die
den komplexen Machtstrukturen in Afghanistan nicht gerecht werde. Viel-
mehr sei es realistisch, dass der Onkel sich mit den Taliban gut stelle und
seinen Neffen (Beschwerdeführer) denunziere, sei dieser ihm doch nach
dem Streit wegen der Zwangsverheiratung ein Dorn im Auge gewesen. In
Bezug auf den Waffenfund im Haus des Beschwerdeführers sei es eben-
falls nicht realitätsfremd, dass die Taliban daraus geschlossen haben könn-
ten, der Beschwerdeführer habe im Jahr 2017 gegen sie gekämpft, zumal
der Beschwerdeführer geltend gemacht habe, die Bewohner des Dorfes
hätten sämtliche Waffen abgeben müssen. In Bezug auf die überstürzte
Ausreise sei festzuhalten, dass dieser keine grossen Vorbereitungshand-
lungen vorausgegangen seien. Lediglich habe er seinen Freund um Geld
angehen müssen, welches dieser ihm aber zur Verfügung gestellt habe.
Die Mutter habe ihn sodann zur sofortigen Ausreise gedrängt. Es sei so-
dann entgegen der Einschätzung des SEM plausibel, dass der Onkel an
der Eliminierung des Beschwerdeführers interessiert sei, da es sich beim
Beschwerdeführer um das älteste männliche Mitglied der Familie handle
und er die Verantwortung für die Familie trage und primäre Ansprechper-
son sei. In Bezug auf die Anhörungsatmosphäre sei festzustellen, dass der
Befrager an mehreren Stellen vergeblich versucht habe, Widersprüche zu
«erstellen». Weiter gehe aus einigen Fragen des Befragers hervor, dass
dieser eine fest gefasste Meinung über die Verhältnisse in Afghanistan zu
haben scheine. Insgesamt habe der vorgenannte Befragungsstil eine ne-
gative Wirkung auf das Anhörungsklima gehabt. Dem Beschwerdeführer
dürfte die misstrauische Grundhaltung des Befragers sowie dessen vorge-
fertigte Haltung nicht entgangen sein, was sich einschränkend und somit
negativ auf sein Aussageverhalten ausgewirkt haben dürfte.
Unter der Überschrift «Eventualantrag: unvollständige Erstellung des
Sachverhalts» wurde in der Beschwerde ausgeführt, es würden in der an-
gefochtenen Verfügung Zweifel an der Glaubhaftigkeit aufgeworfen, haupt-
sächlich auf Grund von angeblich realitätsfremden Ausführungen. Sollte
das angerufene Gericht ebenfalls Zweifel oder offene Fragen bezüglich der
Ausführungen des Beschwerdeführers haben, werde eventualiter bean-
tragt, die Sache zur Klärung dieser Fragen beziehungsweise zur vollstän-
digen Abklärung des Sachverhalts an die Vorinstanz zurückzuweisen.
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5.
Der Eventualantrag auf Rückweisung des Verfahrens an die Vorinstanz zur
vollständigen Feststellung des Sachverhalts ist abzuweisen, da eine un-
vollständige Feststellung des relevanten Sachverhalts weder substanziiert
wurde noch eine solche festzustellen ist. Auch ergeben sich aus den Akten
keine Anhaltspunkte dafür, dass es dem Beschwerdeführer anlässlich der
Anhörung nicht möglich war, dezidiert über seine Asylgründe Auskunft zu
geben. Die bei der Anhörung anwesende Rechtsvertretung hat denn auch
keine Anmerkungen zur Atmosphäre angebracht, welche dem Beschwer-
deführer in seinem Vortrag eingeschränkt haben könnte (SEM-Akten [...]-
14/14 [nachfolgend: act. A14/14] S. 14).
6.
6.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
6.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaubhaft-
machen der Vorbringen in verschiedenen Entscheiden dargelegt und folgt
dabei ständiger Praxis. Darauf kann hier verwiesen werden (vgl. BVGE
2015/3 E. 6.5.1 m.w.H.).
7.
7.1 Nach Prüfung der Akten kommt das Bundesverwaltungsgericht zum
Schluss, dass die Vorinstanz die Vorbringen des Beschwerdeführers in Be-
zug auf seine Asylgründe zu Recht als unglaubhaft qualifiziert hat.
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7.2 Auch nach Ansicht des Gerichts wirkt das Vorbringen des Beschwer-
deführers zu den Gründen seiner Ausreise, namentlich zu den Schwierig-
keiten mit seinem Onkel, in sich nicht schlüssig, in wesentlichen Aspekten
unplausibel und konstruiert. Zudem wurden sie in keiner Weise belegt. Es
kann vorab auf die zutreffenden Erwägungen der angefochtenen Verfü-
gung verwiesen werden (a.a.O., S. 4 ff.).
Dem Beschwerdeführer ist es nicht gelungen, plausibel darzulegen, warum
sein Onkel ein Interesse daran haben sollte, ihn durch eine unwahre De-
nunziation in den Fokus der Taliban zu rücken und sich seiner dadurch zu
entledigen. Die angebliche Zwangsverheiratung der Schwester mit einem
Kollegen des Onkels soll von der Familie und dem Beschwerdeführer nicht
gebilligt worden sein. Gleichwohl will der Beschwerdeführer aber zum Zeit-
punkt dieser Verheiratung keinen Kontakt zum Onkel gesucht haben, auch
nicht telefonisch. Zur Rede will der Beschwerdeführer seinen Onkel erst
anlässlich eines Besuchs im Heimatdorf während der Semesterferien ge-
stellt haben (vgl. act. A14/14 F34 f., F45 ff.). Ein grosser Leidensdruck für
den Beschwerdeführer und seine Familie anlässlich der Verheiratung sei-
ner Schwester scheint mithin nicht bestanden zu haben und auch kein
ernsthaftes Bedürfnis des Beschwerdeführers, sich dieser Verheiratung
entgegenzustellen. Dass sein Onkel ihn daher als männliches Mitglied der
Familie als ernsthafte Bedrohung wahrgenommen haben könnte, scheint
mithin nicht plausibel. Soweit der Beschwerdeführer weiter geltend macht,
die Familie habe auch andere Schikanen durch den Onkel ertragen müs-
sen, namentlich die Annexion eines Grundstücks und ein Verbot für die
jüngeren Brüder, zur Schule zu gehen, bleibt der Beschwerdeführer in der
Darstellung dieser Probleme oberflächlich (vgl. act. A14/14 F55 ff,). In die-
sem Zusammenhang ist sodann festzuhalten, dass der Beschwerdeführer
geltend macht, er habe nach dem Tod seines Vaters im Jahr 2017/2018 in
Kabul mit einem (...)studium begonnen und zusammen mit seinem Cousin,
dem Sohn des besagten Onkels, studiert (vgl. act. A14/14 F31; F38). Das
Vorbringen zum Onkel passt mithin in keiner Weise zum Lebensstil des
Beschwerdeführers, der sich praktisch erst nach dem Tod seines Vaters
entwickelt hat, einem Zeitpunkt also, in welchem sein Onkel die Geschicke
der Familie an sich genommen haben soll. Die Argumentation des SEM,
wonach auch die Umstände der Denunziation und die Art, wie der Be-
schwerdeführer von dieser erfahren haben will, nicht plausibel seien, ist zu
bestätigen und auf die einlässliche Begründung ist zu verweisen. Die Aus-
führungen blieben überdies vage, auch hinsichtlich der Darstellung, unter
welchen Umständen der Beschwerdeführer von der drohenden Gefahr er-
fahren haben soll (vgl. act. A14/14 F31; F69 ff.).
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Die vom Beschwerdeführer vorgetragene angebliche Hausdurchsuchung
in seinem Elternhaus wurde ebenfalls nicht näher ausgeführt (vgl.
act. A14/14 F85 ff.). Es scheint in der Tat nicht logisch, dass die Taliban,
nachdem sie im Haus der Familie eine Waffe gefunden haben sollen, da-
rauf geschlossen haben, der Beschwerdeführer habe sich im Jahre 2017
an einem Kampf gegen sie in der Region beteiligt, weshalb sie nun versu-
chen würden, seiner habhaft zu werden, zumal gemäss den Ausführungen
des Beschwerdeführers alle Haushalte im C._ Waffen zuhause hät-
ten aufbewahren dürfen (vgl. act. A14/14 F86).
Ebenfalls nicht substanziiert hat der Beschwerdeführer die Umstände sei-
ner Ausreise. Dem SEM ist recht zu geben, dass eine Ausreise doch ein
Mindestmass an Vorbereitungen bedarf. Das Vorbringen des Beschwerde-
führers, er sei einen ehemaligen Schulkollegen um Geld für die Ausreise
angegangen, welches dieser ihm ohne Zögern ausgeliehen habe, ist hin-
sichtlich des Wahrheitsgehaltes ebenfalls in Zweifel zu ziehen, zumal der
Beschwerdeführer seine Ausreise auf den 5. Oktober 2021 datiert, mithin
auf einen Zeitpunkt, in welchem sich die Bevölkerung angesichts der sehr
volatilen Situation in Afghanistan bereits in einer auch humanitär schwieri-
gen Lage befand. Dass ein entfernter Bekannter unter diesen Umständen
bereit ist, die Ausreise des Beschwerdeführers zu finanzieren, scheint nicht
nachvollziehbar. Im Übrigen ist auf den vom zuständigen Fachspezialisten
festgestellten Widerspruch hinsichtlich der vom Beschwerdeführer ange-
gebenen Dauer seiner Anwesenheit im Heimatstaat nach dem Einmarsch
der Taliban bis zur Ausreise zu verweisen (vgl. act. A14/14 F60 ff.)
7.3 Sofern in der Beschwerde ausgeführt wird, eine Plausibilitätsprüfung
müsse jeweils im Zusammenhang mit der Quellenlage und vor dem Hin-
tergrund kultureller Aspekte erfolgen, kann dieser Argumentation nur be-
dingt zugestimmt werden. Eine Plausibilitätsprüfung ist nicht zwingend von
COI-Quellen abhängig, sondern ist ein Aspekt in der Gesamtbetrachtung.
Wichtig ist in der Tat eine Einbettung der Asylbegründung in den kulturellen
Kontext der jeweiligen Person und ihres Herkunftsstaates. Nicht anders ist
die Vorinstanz aber vorgegangen, wenn sie dem Beschwerdeführer entge-
genhält, dass die Handlung des besagten Onkels vor dem Hintergrund der
familiären Verhältnisse und der Ethnie nicht logisch erscheine.
7.4 Zusammenfassend ist daher festzuhalten, dass die Vorinstanz die
Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers zu Recht verneint und sein
Asylgesuch abgewiesen hat.
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8.
8.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
8.2 Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
9.
Nachdem das SEM mit Verfügung vom 18. Februar 2022 angesichts der
Lage in Afghanistan die Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs festge-
stellt und die vorläufige Aufnahme des Beschwerdeführers angeordnet hat,
erübrigen sich praxisgemäss weitere Ausführungen zur Zulässigkeit und
Möglichkeit des Wegweisungsvollzugs (vgl. BVGE 2011/7 E. 8, 2009/51
E. 5.4).
10.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und auch sonst nicht zu
beanstanden ist. Die Beschwerde ist insoweit abzuweisen.
11.
11.1 Der Antrag auf Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses
erweist sich mit vorliegendem Urteil als gegenstandslos.
11.2 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten grundsätzlich
dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Das Gesuch
um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung im Sinne von Art. 65
Abs. 1 VwVG ist abzuweisen, weil sich die Beschwerde entsprechend den
vorstehenden Erwägungen bereits bei Eingang des Begehrens, unbese-
hen der finanziellen Verhältnisse des Beschwerdeführers, als aussichtlos
erwiesen hat. Demzufolge sind die Verfahrenskosten in der Höhe von
Fr. 750.– dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 1‒3 des Reglements
vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bun-
desverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
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