Decision ID: 5627cd58-16fb-44f6-86dc-57146674cba8
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin gelangte gemäss eigenen Angaben am 31. Au-
gust 2018 in die Schweiz und ersuchte am 7. November 2018 um Asyl.
B.
Sie wurde am 19. November 2018 zu ihrer Person, zum Reiseweg sowie
summarisch zu den Gesuchsgründen befragt (Befragung zur Person
[BzP]). Am 16. Juni 2020 wurde sie eingehend zu ihren Fluchtgründen an-
gehört.
Sie machte im Wesentlichen geltend, dass sie ihr Heimatland wegen einer
drohenden Zwangsheirat verlassen habe.
C.
Mit Schreiben vom 30. Juni 2020 gewährte das SEM der Beschwerdefüh-
rerin das rechtliche Gehör zu angeblichen Unstimmigkeiten ihrer Angaben
zur familiären Situation gegenüber den Angaben ihres Bruders und ihrer
Eltern, welche ebenfalls in der Schweiz Asylgesuche eingereicht hätten.
Mit Schreiben vom 13. Juli 2020 nahm die Beschwerdeführerin Stellung.
D.
Mit Verfügung vom 3. September 2020 (Eröffnung frühestens am
4. September 2020) stellte das SEM fest, dass die Beschwerdeführerin die
Flüchtlingseigenschaft nicht erfüllt, lehnte ihr Asylgesuch ab, wies sie aus
der Schweiz weg, ordnete allerdings eine vorläufige Aufnahme wegen Un-
zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs an.
E.
Diese Verfügung focht die Beschwerdeführerin mit Eingabe ihres Rechts-
vertreters vom 5. Oktober 2020 beim Bundesverwaltungsgericht an. Sie
beantragte sinngemäss die Aufhebung der Ziffern eins bis drei der ange-
fochtenen Verfügung, verbunden mit der Feststellung der Flüchtlingseigen-
schaft und der Gewährung von Asyl; eventualiter eine vorläufige Aufnahme
als Flüchtling.
In prozessualer Hinsicht ersuchte sie um Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung.
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F.
Mit Zwischenverfügung vom 8. Oktober 2020 heiss das Bundesverwal-
tungsgericht das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessfüh-
rung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG gut und lud die Vorinstanz zur Vernehm-
lassung ein.
G.
Mit Vernehmlassung vom 15. Oktober 2020 nahm das SEM zur Be-
schwerde Stellung, worauf die Beschwerdeführerin am 2. November 2020
replizierte.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die Be-
schwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Sie
ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und
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aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die
Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken; den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
3.3 Die Beschwerdeführerin ist syrische Staatsangehörige kurdischer Eth-
nie und stammt aus der Provinz B._ im (...) Syriens. Sie begründete
ihr Asylgesuch damit, dass ihre Eltern im Jahre (...) Syrien aus gesundheit-
lichen Gründen verlassen hätten. Nach der Ausreise der Eltern habe ihr
Bruder C._ für sie gesorgt. Er habe sie gegen ihren Willen mit dem
Sohn ihrer Cousine verheiraten wollen. Dem habe sie sich widersetzt, wo-
raufhin er sie geschlagen und versucht habe, sie von der Hochzeit zu über-
zeugen. Davon ausgehend, dass C._ sie gegen ihren Willen ver-
heiraten wolle, habe sie Syrien verlassen. Da C._ dem Bräutigam
bereits sein Wort gegeben habe und sie geflüchtet sei, habe sie die Fami-
lienehre verletzt, weshalb sie befürchte, bei einer Rückkehr durch ihren
Bruder getötet zu werden.
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Die Beschwerdeführerin reichte im vorinstanzlichen Verfahren einen Ope-
rationsbericht ihrer Mutter, einen Arztbericht über ihre psychische Verfas-
sung, ein Deutschzertifikat und Ausweiskopien ihrer Geschwister ein.
3.4 Das SEM begründete seine Verfügung damit, dass der Bürgerkrieg in
Syrien keine flüchtlingsrechtliche Relevanz entfalte.
Hinsichtlich der Zwangsverheiratung seien die Aussagen nicht glaubhaft.
Dabei sei vorauszuschicken, dass die Beschwerdeführerin geltend ge-
macht habe, aus einer Familie zu stammen, welche sich streng an Sitten
und Gebräuche halte. Aus ihren biografischen Angaben ergebe sich aber,
dass sie in Syrien einen eigenständigen Lebensstil gepflegt habe. So habe
sie das Gymnasium besucht und ein Studium begonnen, welches sie auf-
grund des Krieges habe abbrechen müssen. Ihre Geschwister seien nicht
zwangsverheiratet worden. Einzig eine ihrer Schwestern sei mit ihrer Heirat
nicht zufrieden gewesen, habe sich aber nicht gewehrt und mittlerweile da-
mit abgefunden.
Anlässlich der BzP habe sie ausgeführt, sie sei vor ihren beiden Brüdern
geflüchtet, da diese sie hätten zwangsverheiraten wollen. Gemäss Anhö-
rung habe es sich demgegenüber einzig um ihren Bruder C._ ge-
handelt. Ihr Bruder D._ habe den Bewerber zwar ebenfalls für gut
befunden, sei ihr aber zur Seite gestanden, da sie gegen die Heirat gewe-
sen sei. Dieser Bruder habe ihr dann auch bei der Flucht geholfen.
Auf die Frage, wann sie von der geplanten Heirat erfahren habe, habe sie
in der BzP angegeben, dies sei etwa zwei bis drei Monate vor der Ausreise
gewesen, die etwa im (...) 2017 stattgefunden habe. Gemäss Anhörung
habe sie bereits im (...) 2017 davon erfahren. Sie habe ferner angegeben,
ihr Bruder C._ habe sie kontrolliert, nachdem ihre Eltern Syrien ver-
lassen hätten. Gemäss Asyldossier der Eltern sei dies im (...) 2017 gewe-
sen.
In der BzP habe sie zu Protokoll gegeben, der Zeitpunkt der Heirat sei bei
ihrer Flucht noch nicht festgelegt worden. Auf die Frage, was zwischen der
Bekanntgabe der geplanten Hochzeit und ihrer Ausreise geschehen sei,
habe sie ausgeführt, C._ habe sie geschlagen und nicht aus dem
Haus gelassen. In der Anhörung habe sie hingegen ausgesagt, ihr Bruder
D._ habe ihr erzählt, ihr Bruder C._ habe dem Bräutigam im
(...) 2017 sein Wort gegeben und D._ habe ihr deshalb geraten,
das Land zu verlassen. Weiter habe D._ erzählt, die Verlobung
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finde möglicherweise im (...) 2017 statt, während mit der Heirat noch zu-
gewartet würde, bis die Eltern nach Hause zurückkommen würden.
Zur Reaktion der Familienangehörigen habe sie sich ebenfalls ungenau
geäussert. So habe ihre Mutter gemäss BzP nach Syrien zurückkehren
wollen, um die Heirat zu verhindern. Im späteren Verlauf der BzP habe sie
angegeben, ihre Mutter habe versucht, die Lage zu beruhigen. Sie habe
ihr gesagt, dass sie den Mann heiraten solle, um Probleme zu vermeiden.
Ihr Vater habe sich ebenfalls für die Heirat ausgesprochen, da er sie habe
loswerden wollen. In der Anhörung habe sie ausgesagt, ihre Mutter habe
versucht, die Sache ruhig anzugehen und sei der Meinung gewesen, ihr
Bruder solle mit der Heirat bis zur Rückkehr der Eltern zuwarten, damit
über eine Lösung diskutiert werden könne. Ihr Vater sei derselben Meinung
gewesen.
Die zeitliche Einordnung der Geschehnisse sei ebenfalls vage und wider-
sprüchlich. Gemäss Aktenlage sei sie am (...) 2018 in die Schweiz einge-
reist. Gemäss BzP habe sie ungefähr ein Jahr im Nordirak bei ihrer
Schwester gelebt. Gleichzeitig habe sie aber ausgesagt, ungefähr anfangs
(...) 2017 aus Syrien ausgereist zu sein.
Ungenau seien auch die Angaben zur Ausreise. Gemäss BzP habe sie mit
einer Person aus E._ abgemacht, die einen Schlepper organisiert
habe und sei mit einer Gruppe illegal aus Syrien ausgereist. Im Nordirak
habe sie ungefähr ein Jahr bei ihrer Schwester gelebt. Gemäss Anhörung
habe ihr ihre in der Türkei wohnhafte Schwester bei der Ausreise geholfen
und ihr Bruder D._ habe sie an einen Ort gebracht, wo sie die Per-
son getroffen habe, die den Schlepper organisiert habe.
Sie habe ferner die Beziehung zu ihrem Bruder C._ sowie die Ge-
spräche und Ereignisse rund um die drohende Zwangsheirat sehr vage ge-
schildert und habe auf Nachfrage kaum zusätzliche Angaben machen kön-
nen, sondern lediglich in stereotypen Sätzen geantwortet. Sie sei auch
nicht in der Lage gewesen, ein Bild ihrer damaligen emotionalen Lage und
ihrer Gedanken zu vermitteln. Ihre rudimentären Angaben würden nicht
den Eindruck erwecken, eine sich im Mittelpunkt des Geschehens befin-
dende Person spreche von jenen einschneidenden Ereignissen. Vielmehr
fehle es an einem persönlichen Bezug.
Das Vorbringen, wonach ihr in Syrien eine Zwangsheirat gedroht habe, sei
daher nicht glaubhaft.
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3.5 Diesen Erwägungen wurde in der Beschwerdeschrift entgegnet, dass
die Vorbringen der Beschwerdeführerin glaubhaft seien. Sie habe detail-
liert, konsistent und spontan ausgesagt. Ihre Ausführungen seien logisch
und würden sich ferner mit den äusseren Gegebenheiten decken. Ihre Aus-
sagen seien betreffend den Kernsachverhalt präzise und nuanciert. Die
zahlreichen Nebensächlichkeiten und Details, die sie beiläufig zu Protokoll
gegeben habe, würden auf einen realen Erlebnishintergrund hindeuten.
Die vereinzelten Ungenauigkeiten in den Schilderungen seien aufgrund der
Unterbrüche und Zeiteinschränkung nicht gewichtig genug. Die Vorstellung
der Vorinstanz über das Leben der Beschwerdeführerin sei unzutreffend.
So habe sie zwar studiert, aber im Studentenheim mit anderen Frauen ge-
wohnt. Eine ihrer Schwestern sei mit ihrer Heirat nicht einverstanden ge-
wesen, habe aber aus Furcht vor Gewalt das Heiratsangebot angenom-
men. Die Beschwerdeführerin sei wegen ihrer Weigerung bedroht und ge-
schlagen worden.
Die BzP sei von einem Dolmetscher nicht syrisch-kurdischer Herkunft über-
setzt worden. Die Beschwerdeführerin habe zwar angegeben, ihn gut zu
verstehen. Es habe aber feine Unterschiede gegeben, die zu Missver-
ständnissen geführt hätten. So werde das Wort Bruder im syrischen Kur-
disch als Singular und Plural verstanden, wenn es nicht deutlich akzentu-
iert werde. Es sei daher protokolliert worden, dass sie vor beiden Brüdern
geflohen sei, obwohl es nur einer gewesen sei. Auf die Frage, wer sie habe
verheiraten wollen, habe sie denn auch nur ihren Bruder C._ ge-
nannt. Bei einem Vergleich der Protokolle der BzP und der Anhörung falle
auf, dass insbesondere beim Protokollieren der Antworten ein unterschied-
liches Vokabular verwendet worden sei. Dies deute darauf hin, dass in der
BzP ein Dolmetscher nicht syrisch-kurdischer Herkunft mitgewirkt habe,
während es in der Anhörung einer mit syrisch-kurdischer Herkunft gewesen
sei. Hinsichtlich der Antworten auf die Frage, wann sie von der geplanten
Zwangsheirat erfahren habe, liege wohl ein Missverständnis und kein Wi-
derspruch vor. Aus der Gesamtheit der Antworten ergebe sich, dass sie
etwa zwei oder drei Monate vor der Ausreise davon erfahren habe.
Der Bruder der Beschwerdeführerin fühle sich in seiner Ehre verletzt. Sei-
ner Ansicht nach, habe sie Schande über die Familie gebracht, welche nur
durch ihre Tötung beseitigt werden könne. Sie sei daher einer grossen Ge-
fahr von Gewalt und Ehrenmord ausgesetzt. Syrien gehöre zu den Län-
dern, die besonders von der Problematik der Ehrenmorde betroffen seien.
Aufgrund der gesellschaftlichen Akzeptanz von Ehrverbrechen würde in
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der Regel weder das soziale Umfeld noch der Staat hinreichenden Schutz
bieten.
Das SEM habe die notwendigen Abklärungen unterlassen und den Sach-
verhalt bewusst ausser Acht gelassen.
3.6 In der Vernehmlassung erwiderte das SEM zu den geltend gemachten
Übersetzungsschwierigkeiten, dass die Beschwerdeführerin mehrmals an-
gegeben habe, die Dolmetscherin gut zu verstehen. Zudem sei der Bruder
der Beschwerdeführerin als Rechtsvertreter ebenfalls anwesend gewesen
und habe sich an keiner Stelle über ungenaue Übersetzungen geäussert.
Es sei somit nicht ersichtlich, wie es zu ungenauen Übersetzungen gekom-
men sein könnte, zumal Unklarheiten betreffend den Sachverhalt bereits in
der BzP angesprochen worden seien.
3.7 In der Replik wendete die Beschwerdeführerin ein, das SEM habe die
aufgezeigte Fehlerhaftigkeit in Bezug auf den Aufenthalt in der Türkei oder
im Irak unkommentiert gelassen. Aus den Akten sei ersichtlich, dass die
BzP von einem Mann gedolmetscht worden sei. In der Vernehmlassung
spreche das SEM von einer Dolmetscherin. Das SEM habe folglich die Ak-
ten mangelhaft geprüft. Über die Herkunft der Dolmetscherin respektive
des Dolmetschers seien keine Auskünfte erteilt worden. Die Deutschkennt-
nisse des Bruders seien sehr bescheiden und er sei angehalten worden,
keine Kommentare abzugeben, sondern lediglich am Schluss eigene Fra-
gen zu stellen. Das SEM habe zudem den Zustand der Beschwerdeführe-
rin und die Bemerkungen der medizinischen Fachpersonen und der Hilfs-
werksvertretung mit keinem Wort erwähnt.
4.
4.1 Soweit mit der Rüge, das SEM habe die nötigen Abklärungen unterlas-
sen und den spezifischen Sachverhalt bewusst ausser Acht gelassen, eine
Verletzung des Untersuchungsgrundsatzes (vgl. BVGE 2012/21 E. 5.1) be-
ziehungsweise eine unvollständige Feststellung des Sachverhalts (vgl.
BENJAMIN SCHINDLER, in: Kommentar zum VwVG, 2. Aufl. 2019, Art. 49 N
29) moniert wird, erweisen sich diese Einwände als unbegründet.
4.2 Es ist nicht ersichtlich, welche zusätzlichen Untersuchungen das SEM
nebst der Anhörung der Beschwerdeführerin und dem Beizug der Dossiers
der Familienangehörigen hätte durchführen müssen. Das SEM hat in sei-
nem Entscheid auch alle rechtswesentlichen Sachumstände berücksich-
tigt, weshalb auch keine fehlerhafte Sachverhaltsermittlung vorliegt.
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5.
5.1 In materieller Hinsicht hat das SEM die drohende Zwangsheirat zu
Recht für unglaubhaft befunden. Glaubhaftmachung im Sinne des Art. 7
Abs. 2 AsylG bedeutet – im Gegensatz zum strikten Beweis – ein reduzier-
tes Beweismass und lässt durchaus Raum für gewisse Einwände und
Zweifel an den Vorbringen. Entscheidend ist, ob die Gründe, die für die
Richtigkeit der Sachverhaltsdarstellung der Beschwerdeführerin sprechen,
überwiegen oder nicht. Dabei ist auf eine objektivierte Sichtweise abzustel-
len. Eine wesentliche Voraussetzung für die Glaubhaftmachung eines Ver-
folgungsschicksals ist eine die eigenen Erlebnisse betreffende, substanti-
ierte, im Wesentlichen widerspruchsfreie und konkrete Schilderung der
dargelegten Vorkommnisse. Die wahrheitsgemässe Schilderung einer tat-
sächlich erlittenen Verfolgung ist gekennzeichnet durch Korrektheit, Origi-
nalität, hinreichende Präzision und innere Übereinstimmung. Unglaubhaft
wird eine Schilderung von Erlebnissen insbesondere bei wechselnden, wi-
dersprüchlichen, gesteigerten oder nachgeschobenen Vorbringen. Bei der
Beurteilung der Glaubhaftmachung geht es um eine Gesamtbeurteilung al-
ler Elemente (Übereinstimmung bezüglich des wesentlichen Sachverhal-
tes, Substantiiertheit und Plausibilität der Angaben, persönliche Glaubwür-
digkeit usw.), die für oder gegen die Beschwerdeführerin sprechen. Glaub-
haft ist eine Sachverhaltsdarstellung, wenn die positiven Elemente über-
wiegen. Für die Glaubhaftmachung reicht es demnach nicht aus, wenn der
Inhalt der Vorbringen zwar möglich ist, aber in Würdigung der gesamten
Aspekte wesentliche und überwiegende Umstände gegen die vorge-
brachte Sachverhaltsdarstellung sprechen (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1).
5.2 Das SEM bemerkt zurecht die Ungenauigkeiten in den Aussagen der
Beschwerdeführerin, indem sie einerseits von beiden Brüdern (vgl. act. A11
Ziff. 7.01), andererseits aber nur von ihrem Bruder C._ als Täter
gesprochen hat (vgl. act. A11 Ziff. 7.02 sowie A30 F39). Der Einwand, es
sei zu Missverständnissen mit dem Dolmetscher gekommen, überzeugt
nicht, zumal die Beschwerdeführerin sowohl in der BzP (vgl. act. A11 Bst.
h) als auch in der Anhörung (vgl. act. A30 F1) angab, diesen gut zu verste-
hen. Den Protokollen können keine Anhaltspunkte für Missverständnisse
entnommen werden. Da die Beschwerdeführerin jedoch ihre erste Aussage
in der BzP, wonach es beide Brüder gewesen seien, kurz danach implizit
spontan dahingehend präzisierte, dass es nur C._ gewesen sei
(vgl. act. A11 Ziff. 7.02), ist der Widerspruch zu relativieren. Das Gericht
vermag sodann kaum einen Widerspruch darin zu erkennen, dass sich die
Beschwerdeführerin einerseits von Anfang Oktober 2017 bis Ende August
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2018 – mithin elf Monate – und andererseits ungefähr ein Jahr bei der
Schwester aufgehalten habe.
5.3 Zutreffend argumentiert das SEM hingegen, dass die Beschwerdefüh-
rerin in der BzP zum Zeitpunkt der Heirat lediglich angegeben habe, dieser
habe noch nicht festgestanden (vgl. act. A11 S. 9). In der Anhörung waren
ihre Aussagen dazu jedoch um einiges konkreter, indem sie angab, ihr sei
erzählt worden, ihr Bruder habe ihrem zukünftigen Ehegatten im (...) 2017
sein Wort gegeben (vgl. act. A30 F72 bis 74) und die Verlobung werde wohl
im (...) 2017 stattfinden, während mit der Heirat bis zur Rückkehr ihrer El-
tern zugewartet werde (vgl. ebd. F82 f.). Dass die Beschwerdeführerin ihre
Kenntnisse über die Heiratspläne in der BzP trotz entsprechender Frage
nicht konkretisierte, ist nur schwer nachvollziehbar.
Eine weitere kleinere Unstimmigkeit betrifft die Angabe zum Zeitpunkt,
wann sie von der geplanten Heirat erfahren habe (zwei bis drei Monate vor
der Ausreise [act. A11 S. 9]; im zweiten oder dritten Monat des Jahres 2017
[act. A30 F41]). Dass es sich dabei – wie in der Beschwerde behauptet –
um ein Missverständnis handle und sich aus der Gesamtheit der Aussagen
ergebe, dass immer der zweite oder dritte Monat vor der Ausreise gemeint
gewesen sei, überzeugt nur bedingt.
Das SEM bemerkt auch zu Recht die mangelnde Präzision in den Be-
schreibungen der Reaktion ihrer Eltern. Zwar beschrieb sie die Haltung ih-
rer Mutter – mit gewissen Nuancen – konsistent, führte zu ihrem Vater aber
einerseits aus, dass er sie habe verheiraten wollen, um sie loszuwerden
(vgl. act. A11 S. 9), während sie an anderer Stelle ausführte, er habe die
(vermittelnde) Meinung der Mutter geteilt (vgl. act. A30 F77).
Darüber hinaus sind die Schilderungen zur Beziehung zu ihrem Bruder
C._ sowie zu den Ereignissen rund um die drohende Zwangsheirat
trotz mehrmaliger Nachfrage äusserst vage und kurz ausgefallen (vgl. act.
A30 F39 bis F59). Auch wenn nicht ausgeschlossen werden kann, dass
der Bruder sie von der Heirat mit dem erwähnten Verwandten überzeugen
wollte, ergibt sich aus ihren Schilderungen in keiner Weise der Eindruck,
die Beschwerdeführerin sei in der vorgebrachten Weise mit einer drohen-
den Zwangsheirat und möglicher Gewalt wegen Verletzung der Familien-
ehre konfrontiert gewesen.
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5.4 Diese Unstimmigkeiten in den Aussagen lassen sich durch die im Arzt-
bericht vom (...) 2020 attestierten psychischen Leiden ([...]) nur sehr be-
schränkt relativieren. Aus den Protokollen sowie den Akten sind keine An-
haltspunkte ersichtlich, die auf eine schwere Beeinträchtigung der Aussa-
gefähigkeit hindeuten könnten.
5.5 Schliesslich lässt sich die Aussage der Beschwerdeführerin, wonach
sie aus einer sehr traditionellen Familie stamme, nur schwer mit den bio-
grafischen Eckdaten vereinbaren, zumal sie gemäss eigenen Angaben das
Gymnasium besucht und anschliessend studiert habe und dabei auf dem
Campus wohnhaft gewesen sei (vgl. act. A30 F28 und F30). Sodann ver-
mag auch nicht zu überzeugen, dass der ältere Bruder die Beschwerde-
führerin hätte zur Heirat zwingen können und sie aufgrund der Ausreise mit
dem Tod bedrohen würde, obwohl weder die Eltern noch die übrigen Ge-
schwister mit der Zwangsheirat einverstanden gewesen seien.
5.6 Aufgrund der unstimmigen und vagen Schilderungen ist es der Be-
schwerdeführerin nicht gelungen, ihre Fluchtgründe glaubhaft zu machen.
Der blosse Umstand, dass es in Syrien regelmässig zu Zwangsheiraten
kommt, reicht für sich allein für die Bejahung der Glaubhaftigkeit der Ver-
folgung nicht aus. Das SEM hat somit zu Recht die Flüchtlingseigenschaft
verneint und das Asylgesuch abgelehnt.
6.
6.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
6.2 Die Beschwerdeführerin verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
7.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
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8.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten der Beschwerde-
führerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da ihr mit Zwischenverfü-
gung vom 8. Oktober 2020 jedoch die unentgeltliche Prozessführung ge-
mäss Art. 65 Abs. 1 VwVG gewährt worden ist, sind keine Kosten zu erhe-
ben.
(Dispositiv nächste Seite)
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Seite 13