Decision ID: 99b08cce-07b6-5242-9426-aebe1a59a86d
Year: 2006
Language: de
Court: SG_VG
Chamber: SG_VG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

hat das Verwaltungsgericht festgestellt:
A./ K.A. stellte am 20. Februar 2004 ein Gesuch um individuelle Prämienverbilligung für
die Krankenkasse für das Jahr 2004. Mit Verfügung vom 7. Mai 2004 sprach ihm die
Sozialversicherungsanstalt für seine vierköpfige Familie für 2004 eine
Prämienverbilligung von Fr. 5'270.-- zu. Mangels Vorliegens der definitiven
Steuerveranlagung 2002 stellte die Behörde auf die Selbstdeklaration mit einem
steuerbaren Einkommen von Null ab.
Am 24. Mai 2004 reichte K.A. die am 17. Mai 2004 eröffneten definitiven
Steuerveranlagungen für die Jahre 2001 und 2002 ein und ersuchte die
Sozialversicherungsanstalt um Neuberechnung der Prämienverbilligungen für 2004 und
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
die vorangehenden Jahre. Die Sozialversicherungsanstalt sprach dem Gesuchsteller in
der Folge mit Verfügung vom 7. Juli 2004 für das Jahr 2003 neu eine
Prämienverbilligung von Fr. 3'610.-- zu. Für 2004 ermittelte sie ein Reineinkommen von
Fr. 110'065.--, was dazu führte, dass der Anspruch auf Prämienverbilligung wegfiel. Am
9. Juli 2004 orientierte die Sozialversicherungsanstalt den Gesuchsteller, aufgrund der
Neuberechnung würden Fr. 5'270.-- zurückgefordert, und gewährte ihm das rechtliche
Gehör.
Mit Verfügung vom 11. August 2004 verfügte die Sozialversicherungsanstalt, für 2004
bestehe kein Anspruch auf Prämienverbilligung, und die bereits ausbezahlte
Prämienverbilligung von Fr. 5'270.-- sei zurückzuerstatten.
Mit Eingabe seiner Vertreterin vom 3. September 2004 erhob K.A. Einsprache und
machte geltend, das steuerbare Einkommen für 2002 betrage Null, da ein Verlust aus
dem Vorjahr zu berücksichtigen sei. Diesen habe der Steuerkommissär aus
rechnerischen Gründen in der Steuerberechnung erst unter der Position 25 abziehen
können. Hätte er den Verlust wie üblich bei den Einkünften aus Personengesellschaften
unter der Position 2.3 abgezogen, wäre auch das Reineinkommen auf Null gefallen. Die
Sozialversicherungsanstalt wies die Einsprache mit Entscheid vom 17. November 2004
ab mit der Begründung, der Verlustvortrag sei steuerlich korrekt berücksichtigt worden.
B./ Mit Eingabe seines Rechtsvertreters vom 12. Mai 2005 erhob K.A. Rekurs beim
Versicherungsgericht mit dem Antrag, der Einspracheentscheid vom 17. November
2004 sowie die Verfügung vom 11. August 2004 seien aufzuheben mit der Feststellung,
dass er für 2004 Anspruch auf eine Prämienverbilligung von Fr. 5'270.-- habe. Zur
Begründung machte er geltend, der Anspruch auf Prämienverbilligung sei nach dem
Reineinkommen gemäss kantonalem Steuerrecht zu beurteilen. Der Abzug von
Vorjahresverlusten bei der selbständigen Erwerbstätigkeit sei für die Ermittlung des
Reineinkommens von Bedeutung. Bei der Veranlagungsberechnung hätte der
Vorjahresverlust berücksichtigt werden müssen.
Das Versicherungsgericht wies den Rekurs mit Entscheid vom 16. November 2005 ab.
Es erwog, die Beurteilung des Anspruchs auf Prämienverbilligung habe in der Regel
aufgrund der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit im vorletzten Jahr zu erfolgen.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Demgegenüber folge das Steuerrecht dem Grundsatz der
Gesamtreineinkommensbesteuerung. Die effektive wirtschaftliche Leistungsfähigkeit
stehe bei dieser Betrachtungsweise im Hintergrund. Eine rein steuerrechtliche
Vorgehensweise könne deshalb bei der Berechnung des massgebenden Einkommens
nicht zur Anwendung kommen. Analog zur Rechtsprechung des Bundesgerichts bei
der Ermittlung der AHV-Beiträge falle eine Verlustverrechnung über die massgebende
Beitragsperiode hinaus auch bei der individuellen Prämienverbilligung ausser Betracht.
C./ Mit Eingabe seines Rechtsvertreters vom 8. Dezember 2005 erhob K.A.
Beschwerde beim Verwaltungsgericht mit dem Antrag, der Entscheid des
Versicherungsgerichts vom 16. November 2005 sowie die Verfügung und der
Einspracheentscheid der Sozialversicherungsanstalt vom 11. August bzw. 17.
November 2004 seien aufzuheben, es sei ihm für das vorinstanzliche Verfahren eine
Parteientschädigung zuzusprechen und die Kosten seien der Beschwerdegegnerin,
eventuell dem Staat aufzuerlegen, unter Kosten- und Entschädigungsfolge. Zur
Begründung wird im wesentlichen geltend gemacht, Grundlage für die Festlegung des
Anspruchs auf Prämienverbilligung sei die letzte definitive Steuerveranlagung.
Entspreche das ermittelte Einkommen offensichtlich nicht der wirtschaftlichen
Leistungsfähigkeit, so werde auf diese abgestellt. Nach dem Steuergesetz würden zur
Ermittlung des Reineinkommens auch die Vorjahresverluste abgezogen. Der Umstand,
dass der Abzug des Verlusts in der Veranlagung vom Reineinkommen erfolgt sei,
ändere daran nichts, da in der Verordnung nicht auf das Steuerformular, sondern auf
das Steuerrecht verwiesen werde. Die Auffassung des Versicherungsgerichts, wonach
eine Verlustverrechnung analog der Ermittlung der AHV-Beiträge nicht zulässig sei, sei
unzutreffend. Auf die einzelnen Vorbringen wird, soweit wesentlich, in den
nachstehenden Erwägungen eingegangen.
Die Sozialversicherungsanstalt schliesst in ihrer Vernehmlassung vom 24. Januar 2006
auf Abweisung der Beschwerde. Sie hält fest, aus steuerrechtlicher Sicht seien Verluste
aus Vorperioden zwar abzugsfähig, sie hätten aber keinen Einfluss auf das
Reineinkommen der aktuellen Periode. Im übrigen sei es einsichtig, dass ein
Verlustvortrag nichts mit den aktuellsten Einkommensverhältnissen zu tun haben
könne.
Die Vorinstanz verzichtete auf eine Vernehmlassung.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte

Darüber wird in Erwägung gezogen:
1./ Die sachliche Zuständigkeit des Verwaltungsgerichts ist gegeben (Art. 59 Abs. 1 des
Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, abgekürzt VRP). Der
Beschwerdeführer ist zur Ergreifung des Rechtsmittels legitimiert (Art. 64 Abs. 1 in
Verbindung mit Art. 45 Abs. 1 VRP). Die Beschwerdeeingabe vom 8. Dezember 2005
entspricht zeitlich, formal und inhaltlich den gesetzlichen Anforderungen (Art. 64 Abs. 1
in Verbindung mit Art. 47 Abs. 1 und Art. 48 Abs. 1 VRP). Auf die Beschwerde ist
einzutreten.
2./ a) Nach Art. 11 Abs. 2 des Einführungsgesetzes zur Bundesgesetzgebung über die
Krankenversicherung (sGS 331.11, abgekürzt EG zum KVG) bildet in der Regel die
letzte definitive Steuerveranlagung die Grundlage für die Festsetzung des die
Prämienverbilligung auslösenden Einkommens. Entspricht das ermittelte Einkommen
offensichtlich nicht der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit, so wird auf diese abgestellt
(Art. 11 Abs. 3 EG zum KVG).
Nach Art. 12 Abs. 4 der Verordnung zum Einführungsgesetz zur Bundesgesetzgebung
über die Krankenversicherung (sGS 331.111, abgekürzt V zum EG zum KVG) in der ab
1. Januar 2003 geltenden Fassung (nGS 38-8) wird auf die Steuerveranlagung
abgestellt, die am 31. Dezember des vorletzten Jahres massgeblich ist. Liegt keine
definitive Veranlagung vor, wird auf die vorläufige Rechnungstellung des vorletzten
Jahres abgestellt. Nach Vorliegen der rechtskräftigen Veranlagung kann die
anspruchsberechtigte Person innert dreissig Tagen die Neuberechnung der
Prämienverbilligung verlangen (Art. 12 Abs. 5 V zum EG zum KVG).
b) Art. 65 des Bundesgesetzes über die Krankenversicherung (SR 832.10) bestimmt,
dass die Kantone dafür sorgen, dass bei der Ueberprüfung der
Anspruchsvoraussetzungen, insbesondere auf Antrag der versicherten Person, die
aktuellsten Einkommens- und Familienverhältnisse berücksichtigt werden. Wenn die
Verhältnisse einer Person am 1. Januar des Jahres massgebend sind, für welches die
Prämienverbilligung beansprucht wird, so handelt es sich dabei in der Regel um die
aktuellsten Daten. Würde auf den Beizug der Steuerdaten und auf die Massgeblichkeit
der persönlichen und familiären Verhältnisse zu Beginn des Anspruchsjahres verzichtet,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
müsste ein gesondertes Veranlagungsverfahren durchgeführt werden. Hätte der
Gesetzgeber dies gewollt, hätte er Regeln für die Festlegung der
Anspruchsvoraussetzungen erlassen (vgl. GVP 2004 Nr. 11; VerwGE B 2005/23 vom
10. Mai 2005, publ. in: www.gerichte.sg.ch).
c) In der Veranlagungsberechnung für die Staats- und Gemeindesteuern 2002 des
Beschwerdeführers ist ein Nettoeinkommen von Fr. 113'630.-- und nach Abzug von
Krankheitskosten von Fr. 3'565.-- ein Reineinkommen von Fr. 110'065.-- aufgeführt.
Nach diesem wurde ein Sozialabzug von Fr. 6'000.-- und ein Abzug für einen
Vorjahresverlust von Fr. 104'000.-- aufgeführt, was ein steuerbares Einkommen von
Null ergab. Steuerrechtlich ist allerdings, wie nachfolgend ausgeführt wird, ein
Verlustvortrag bei der Ermittlung des Reineinkommens zu berücksichtigen.
Massgebend nach Art. 12 Abs. 1 V zum EG zum KVG ist das nach kantonalem
Steuerrecht ermittelte Reineinkommen der Steuerperiode des vorletzten Jahres. Dieses
Reineinkommen wird gemäss Art. 12 Abs. 2 V zum EG zum KVG um verschiedene
Zuschläge und Abzüge modifiziert (Zuschlag für prozentuale Anteile am Vermögen, für
Beiträge an die gebundene Selbstvorsorge und für Liegenschaftsaufwand, soweit
dieser einen gewissen Höchstbetrag übersteigt, abzüglich des Kinderabzuges gemäss
Art. 14 V zum EG zum KVG). Dagegen sieht die Verordnung nicht vor, dass anderweitig
unter dem Titel der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit von den steuerrechtlichen
Bestimmungen über die Ermittlung des Reineinkommens abgewichen wird. Wie der
Beschwerdeführer zutreffend geltend macht, wird bei der Ermittlung des
Reineinkommens ein allfälliger Verlustvortrag berücksichtigt. Hätte der
Verordnungsgeber die Verlustverrechnung nicht zulassen wollen, hätte er dies in Art. 12
Abs. 2 V zum EG zum KVG explizit aufgeführt. Somit bestand auch kein Anlass, die
Praxis bei der Ermittlung von AHV-Beiträgen analog anzuwenden. Fehl geht das
Argument der Vorinstanz, das Steuerrecht folge dem Grundsatz der
Reineinkommensbesteuerung, weshalb die effektive wirtschaftliche Leistungsfähigkeit
in der massgebenden Steuerperiode bei der steuerlichen Betrachtungsweise im
Hintergrund stehe. Im Reineinkommen wird die gesamte wirtschaftliche
Leistungsfähigkeit zum Ausdruck gebracht (Weidmann/Grossmann/Zigerlig, Wegweiser
durch das st. gallische Steuerrecht, 6. Aufl., Muri-Bern 1999, S. 29). Die Zulässigkeit
der Verlustverrechnung nach Art. 42 des Steuergesetzes (sGS 811.1, abgekürzt StG)
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
zeigt, dass der Gesetzgeber dem Grundsatz der Gesamtreineinkommensbesteuerung
gegenüber der periodengerechten Abgrenzung insoweit höheres Gewicht zuerkannte,
als er die Verlustverrechnung während sieben Jahren zuliess, und zwar nicht nur mit
Geschäftsgewinnen, sondern mit den gesamten steuerbaren Einkünften (Weidmann/
Grossmann/Zigerlig, a.a.O., S. 103). Die gesetzlichen Bestimmungen enthalten wie
erwähnt keine Vorschrift, wonach an dem nach steuerrechtlichen Grundsätzen
ermittelten Reineinkommen weitere, in Art. 12 Abs. 2 V zum EG zum KVG nicht explizit
aufgeführte Aenderungen im Sinne eines Zuschlags von steuerlich anerkannten
Verlusten zu machen ist. Nicht massgebend ist im weiteren, dass in der
Veranlagungsberechnung des Beschwerdeführers der Vorjahresverlust erst nach dem
Reineinkommen aufgeführt bzw. abgezogen wurde. Entscheidend sind, wie der
Beschwerdeführer zutreffend ausführt, die steuerrechtlichen Bestimmungen. Diese
sehen vor, dass die Aufwendungen und Abzüge gemäss Art. 39 bis 46 StG, und damit
auch die Vorjahresverluste nach Art. 42 StG, bei der Ermittlung des Reineinkommens
zu berücksichtigen sind (Art. 38 Abs. 1 StG). Die Ausführungen in der
Beschwerdevernehmlassung der Sozialversicherungsanstalt, wonach die
Vorjahresverluste keinen Einfluss auf das Reineinkommen der aktuellen Periode haben,
sind im Lichte der steuerrechtlichen Bestimmungen nicht nachvollziehbar. Die
Sozialversicherungsanstalt traf im übrigen Abklärungen bei der Steuerbehörde, nach
welchen Grundsätzen Verlustverrechnungen in der Veranlagungsberechnung in Abzug
gebracht würden. Diese Abklärung ergab, dass der Verlustvortrag mehrheitlich bei der
Ermittlung des Einkommens aus selbständigem Erwerb vorgenommen wird.
d) Aus dem Gesagten ergibt sich, dass die Beschwerde gutzuheissen ist. Der
Rekursentscheid vom 16. November 2005, der Einspracheentscheid vom 17.
November 2004 sowie die Verfügung vom 11. August 2004 sind aufzuheben. Die dem
Beschwerdeführer mit Verfügung vom 7. Mai 2004 für das Jahr 2004 ausgerichtete
Prämienverbilligung ist aufgrund der definitiven Steuerveranlagung 2002 rechtmässig,
womit kein Anlass für eine Rückforderung besteht.
3./ Dem Verfahrensausgang entsprechend gehen die amtlichen Kosten des
Beschwerdeverfahrens zulasten der Beschwerdegegnerin (Art. 95 Abs. 1 VRP). Eine
Entscheidgebühr von Fr. 2'000.-- ist angemessen (Ziff. 382 Gerichtskostentarif, sGS
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
941.12). Auf die Erhebung ist nicht zu verzichten (Art. 95 Abs. 3 VRP). Dem
Beschwerdeführer ist der Kostenvorschuss von Fr. 1'500.-- zurückzuerstatten.
Der Beschwerdeführer hat Anspruch auf eine ausseramtliche Entschädigung für das
Rekurs- und das Beschwerdeverfahren (Art. 98 Abs. 1 und 2 und 98bis VRP). Die
Entschädigung ist ermessensweise festzusetzen (Art. 6 der Honorarordnung für
Rechtsanwälte und Rechtsagenten (sGS 963.75, abgekürzt HonO). Für beide Verfahren
ist eine Entschädigung von Fr. 2'000.-- zuzügl. MWSt angemessen (Art. 22 Abs. 1 lit. b
und c HonO). Somit ist die Beschwerdegegnerin zu verpflichten, den Beschwerdeführer
für das Rekurs- und das Beschwerdeverfahren mit Fr. 2'000.-- zuzügl. MWSt
ausseramtlich zu entschädigen.