Decision ID: eb575da7-ab51-4c17-89de-ca70a9b7147c
Year: 2016
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
1.1
Die 1960 geborene
X._
war im Restaurant
Y._
angestellt (Urk. 9/1) und damit bei der SBKK Versicherungen obligatorisch gegen die Fol
gen von Unfällen versichert. Am 23. Mai 1992 erlitt sie als Beifahrerin einen Verkehrsunfall (Urk. 9/3) und zog sich dabei eine Halswirbelsäulendistorsion und eine
commotio
cerebri zu (Urk. 9/45 S. 17). Mit Verfügung vom 12. Mai 1995 sprach ihr die nunmehr zuständige
Swica
Versicherungen AG (nachfol
gend
Swica
) eine auf einem Invaliditätsgrad von 71 % beruhende Rente und eine Integritätsentschädigung von Fr. 43‘740.00 (Integritätseinbusse 45 %) zu (Urk. 9/104).
1.2
Im Rahmen eines im Oktober 2014 eingeleiteten Revisionsverfahrens (Urk. 9/178) informierte die
Swica
X._
unter Beilage ihrer Experten
fragen über die Notwendigkeit einer spezialärztlichen Untersuchung in den Fachdisziplinen Rheumatologie oder Orthopädie, Psychiatrie, Neurologie und allenfalls Neuropsychologie und räumte ihr die Möglichkeit zur Stellungnahme zum Fragenkatalog ein (Schreiben vom 4. November 2014 [Urk. 9/182]). Mit Schreiben vom 1. Dezember 2014 opponierte die Versicherte unter Hinweis auf
die fehlende Notwendigkeit gegen eine polydisziplinäre Begutachtung (Urk. 9/183). Nachdem die Unfallversicherung am 15. Dezember 2014 eine Un
tersuchung für zumutbar gehalten hatte (Urk. 9/184), verlangte
X._
eine beschwerdefähige Verfügung betreffend die Frage der Notwendigkeit einer Begutachtung (Urk. 9/186). In der Folge hielt die
Swica
mit Verfügung vom 19. Januar 2015 an der Durchführung einer polydisziplinären Untersuchung (Fachrichtungen Orthopädie, Psychiatrie, Neurologie und allenfalls Neuro
psy
chologie) fest und sah vor, die Begutachtung entweder bei der
O._
in
P._
, der
Z._
oder der
Medas
A._
in Auf
trag zu geben. Gleichzeitig räumte sie der Versicherten die Möglichkeit zur Einrei
chung von Ergänzungsfragen ein (Urk. 9/188). Auf die dagegen erho
bene Be
schwerde trat das hiesige Gericht – unter Hinweis darauf, dass die angefochtene Verfügung, die sich nicht über sämtliche Modalitäten des zu erstellenden Gut
achtens äussere, keinen nicht wieder gutzumachenden Nachteil bewirk
e
– mit Beschluss vom 19. November 2015 (
Urk.
9/212) nicht ein.
Zwischenzeitlich
hatte die
Swica
eine Observation der Versicherten in Auftrag gegeben (Observationsphasen: 17. April bis 6. Mai 2015 und 8. Mai bis 8. Juni 2015 [
Urk.
9/202]). Mit Verfügung vom
25. Februar
2016
informierte die
Un
fallversicherung
X._
darüber, dass sie, um eine aktuelle,
umfassende medizinische
Bestande
saufnahme
zu erhalten, eine – die Fachrichtungen Allge
meine Innere Medizin (Fallführung), Orthopädie, Psychiatrie, Neurologie und Neuropsychologe umfassende – polydisziplinäre Untersuchung bei der
Medas
A._
für notwendig erachte und gab ihr die Namen der fünf an der Begutachtung beteiligten Ärzte bekannt. Sie wies zudem darauf hin, dass
die Versicherte den vorgesehenen Fragenkatalog am 5. Januar 2016 erhalten und bislang keine Ergänzungsfragen gestellt hatte (Urk.
2
).
2.
Dagegen erho
b
X._
mit Eingabe vom 11
.
April 2016
Beschwerde und beantragte, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben, es sei das
Revisions
verfahren
abzuschliessen und ihr sei die bisherige Rente unverändert auszu
richten
. In prozessualer Hinsicht ersuchte sie um Durchführung eines zweiten Schriftenwechsels
(Urk. 1 S. 2). Mit Beschwerdeantwort vom 1
1
.
Mai 2016
schloss die
Swica
auf
Abweisung der Beschwerde (Urk. 7
)
, was der Beschwer
deführerin mit Gerichtsverfügung vom 19. Mai 2016 zur Kenntnis gebracht wurde
. Gleichzeitig wurde ihr mitgeteilt, dass das Gericht die Anordnung eines weiteren Schriftenwechsels nicht als erforderlich erachte, ihr es aber unbenom
men bleibe, sich nochmals zur Sache zu äussern und weitere sachbezogene Ur
teile einzureichen
(Urk. 10).
In der Folge liess sich die Beschwerdeführerin nicht mehr vernehmen.
3.
Auf die Ausführungen der Parteien und die eingereichten Unterlagen wird, so
weit erforderlich, in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Bei der angefochtenen Verfügung (
Urk.
2) handelt es sich um eine
Zwischenverfü
gung
im Sinne von Art. 55 Abs. 1 des
Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG)
in Verbindung mit Art. 5 Abs. 2 und Art. 46 des Bundesgesetzes über das Verwaltungsverfahren (
VwVG
), welche bei Bejahung eines nicht wieder gutzumachenden Nachteils (Art. 46 Abs. 1
lit
. a
VwVG
; BGE 132 V 93 E. 6.1) grundsätzlich selbständig mit Be
schwerde angefochten werden kann.
1.2
Bei der Beurteilung des Merkmals des nicht wieder gutzumachenden Nachteils im Kontext der Gutachtenanordnung fällt
gemäss
der Rechtsprechung (BGE 137 V 210 E. 3.4.2.7) ins Gewicht, dass das Sachverständigengutachten im
Rechts
mittelverfahren
mit Blick auf die fachfremde Materie faktisch nur beschränkt überprüfbar ist. Mithin kommt es entscheidend darauf an, dass
qualitätsbezo
gene
Rahmenbedingungen durchgesetzt werden können. Greifen die Mitwir
kungsrechte erst nachträglich
–
bei der Beweiswürdigung im Verwaltungs
-
und Beschwerdeverfahren
–
, so kann hieraus ein nicht wieder gutzumachender Nachteil entstehen, zumal im Anfechtungsstreitverfahren kein Anspruch auf Einholung von Gerichtsgutachten besteht. Hinzu kommt, dass die mit medizi
nischen Untersuchungen einhergehenden Belastungen zuweilen einen erhebli
chen Eingriff in die physische oder psychische Integrität bedeuten. Aus diesen Gründen ist
gemäss
der Rechtsprechung die
Eintretensvoraussetzung
des nicht wieder gutzumachenden Nachteils für das erstinstanzliche Beschwerdeverfahren zu bejahen, zumal die nicht sachgerechte Begutachtung in der Regel einen rechtlichen und nicht nur einen tatsächlichen Nachteil bewirken wird.
Diese zur Invalidenversicherung ergangene Rechtsprechung findet, soweit sie vorliegend zitiert wurde, auch im Bereich der Unfallversicherung Anwendung
(BGE 138 V 318 E. 6.1 und 6.2).
1.3
Beschwerdeweise geltend gemacht werden können materielle Einwendungen beispielsweise des Inhalts, die in Aussicht genommene Begutachtung sei nicht notwendig, weil sie
–
mit Blick auf einen bereits umfassend abgeklärten Sach
verhalt
–
bloss
einer Zweitmeinung entspreche (BGE 137 V 210 E. 3.4.2.7 mit Hinweisen; noch anders: BGE 136 V 156). Sodann können personenbezogene
Ausstandsgründe
gerügt werden.
Gemäss
Art. 44 ATSG kann die versicherte Person einen Gutachter aus triftigen Gründen ablehnen und Gegenvorschläge machen. Zum einen werden von den triftigen Gründen die eigentlichen gesetzli
chen
Ausstandsgründe
erfasst (vgl. Art. 10
VwVG
und Art. 36 Abs. 1 ATSG). Zum anderen zählen auch weitere Aspekte – etwa die fehlende Sachkenntnis – zu den triftigen Gründen (
Kieser
, ATSG-Kommentar, 3. Auflage
, 2015,
Art. 44
N 38; vgl. auch BGE 132 V 93 E. 6.4-6.
5).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin
hielt
die Durchführung einer polydisziplinären Begut
achtung für notwendig, um eine umfassende medizinische
Bestandesaufnahme
zu erhalten (
Urk.
2 S. 1).
In der Beschwerdeantwort legte sie ergänzend dar, e
in Revisionsverfahren könne von der Versicherung jederzeit von Amtes wegen eingeleitet werden. Es müsse somit nicht
geprüft
werden, aus welchem Grund die laufende Rente näher überprüft werde. Der sehr lange bestehende und un
veränderte Gesundheitszustand
der Beschwerdeführerin
sei medizinisch sehr ru
dimentär dokumentiert. Bereits deshalb sei eine Begutachtung unerlässlich (
Urk.
7 S. 11).
2.2
Die Beschwerdeführerin stellte sich demgegenüber auf den Standpunkt, vor dem Hintergrund des seit langem bestehenden stationären Gesundheitsschadens rechtfertige es sich nicht, eine Begutachtung durchzuführen. Es würden keine Anhaltspunkte vorliegen, welche für eine Verbesserung des Gesundheitszu
stands sprächen. Erst wenn
solche bestehen würden
, dürfe der mit einer
poly
disziplinären
Begutachtung verbundene schwere Eingriff in die Intimsphäre ei
ner versicherten Person angeordnet werden. Es
sei nicht begründet
, die Ent
scheidung, ob eine Begutachtung durchgeführte werde, ins Ermessen des
Sozi
alversi
cherungsträgers
zu legen. Es könne
nur ein Mediziner beurteilen, ob Indi
zien für eine Veränderung des Gesundheitszust
ands überhaupt vorliegen wür
den (
Urk.
1 S. 6
ff.).
3
.
3.1
Strittig ist in diesem Verfahren
die Erforderlichkeit der
Durchführung einer
poly
disziplinären
Begutachtung
der Beschwerdeführerin.
3.2
Nach den allgemeinen Regeln des Sozialversicherungsrechts hat der Versiche
rungsträger den rechtserheblichen Sachverhalt abzuklären. Er ist nach dem in Art. 43
Abs.
1 ATSG statuierten Untersuchungsgrundsatz verpflichtet, die not
wendigen Abklärungen von Amtes wegen vorzunehmen und die erforderlichen Auskünfte einzuholen, wobei mündlich erteilte Auskünfte schriftlich festzuhal
ten sind. Grundsätzlich obliegt es dem Versicherungsträger, eine erhebliche Än
derung des Invaliditätsgrades nachzuweisen, wenn er eine Rente reduzieren oder aufheben will (
Urteil des Bundesgerichts 8C_481/2013 vom 7. November 2013 E. 3.1 mit weiteren Hinweisen [publiziert: BGE 139 V 585]).
3.3
Ausnahmen von diesem Grundsatz ergeben sich dort, wo die versicherte Person ihre Mitwirkung verweigert. Soweit ärztliche oder fachliche Untersuchungen für die Beurteilung notwendig und zumutbar sind, hat sich die versicherte Person diesen zu unterziehen (Art. 43
Abs.
2 ATSG). Art. 28
Abs.
2 ATSG verpflichtet sie, unentgeltlich Auskünfte zu erteilen, die zur Abklärung des Anspruchs und zur Festsetzung der Versicherungsleistungen erforderlich sind. Für den Bereich der Unfallversicherung wird diese Mitwirkungspflicht in Art. 55
Abs.
1
der Ver
ordnung über die Unfallversicherung (
UVV
)
dahingehend präzisiert, dass die versicherte Person alle erforderlichen Auskünfte erteilen und ausserdem die Unterlagen zur Verfügung halten muss, die für die Klärung des
Unfallsachver
haltes
und die Unfallfolgen sowie für die Festsetzung der Versicherungsleistun
gen benötigt werden, insbesondere medizinische Berichte, Gutachten, Röntgen
bilder und Belege über die Verdienstverhältnisse; sie muss Dritte ermächtigen, solche Unterlagen herauszugeben und Auskunft zu erteilen
(
Urteil des Bundes
gerichts 8C_481/2013 vom 7. November 2013 E. 3.1 mit weiteren Hinweisen).
3.4
Hinsichtlich der (zu hörenden) Rüge, die Begutachtung durch die
Medas
A._
sei nicht notwendig,
da keine Änderung der
gesundheitlichen
Verhältnisse vorliege (
Urk.
1 S. 6 ff.), ist festzuhalten,
dass sich die Revision ei
ner Invalidenrente der Unfallversicherung nach Art. 17
Abs.
1 ATSG richtet, wobei ein entsprechendes Revisionsverfahren von der Versicherung jederzeit von Amtes wegen eingeleitet werden kann (Urteil des Bundesgerichts 8C_481/2013 vom 7. November 2013 E. 2.1)
.
Wohl war die Beschwerdegegnerin damit nicht nur jederzeit – und nicht nur bei einer
durch einen Vertrauensarzt der Beschwerdegegnerin festgestellten
Veränderung des Gesundheitszustands
(
Urk.
1 S. 8)
– berechtigt, von Amtes wegen eine Rentenrevision einzuleiten, sondern
angesichts dessen, dass
die Beschwerdeführerin
ein komplexes
Be
schwerdebild
auf
weist
,
das durch Experten verschiedener medizinischer Fachge
biete zu beurteilen ist und der
Tatsache, dass die letzte Begutachtung mehr als 22 J
ahre zurückliegt (vgl. Urk.
9/34 und
Urk.
9/45),
auch zu Recht veranlasst, eine polydisziplinäre Revisionsbeurteilung anzuordnen.
Zu erinnern ist zudem daran, dass d
ie Verfahrensleitung gemäss Art. 43
Abs.
1 ATSG beim Versiche
rungsträger
– der bei den von der Beschwerdeführerin als (ehemals) behan
delnde Ärzte deklarierten Medizinern (
Urk.
9/178) einen Verlaufsbericht einge
holt hat (Urk. 9/181 und
Urk.
9/185)
–
liegt
, dessen Ermessensspielraum in Be
zug auf Notwendigkeit, Umfang und Zweckmässigkeit von medizinischen Erhe
bungen gross ist
(Urteil des Bun
desgerichts 8C_733/2010 vom 10.
Dezember 2010 E. 5.2)
.
Zwangsläufig kan
n sodann erst nach Vorliegen des
Ergebnisses ei
ner Begutachtung
beurteilt werden, ob die Untersuchung in dem Sinne notwen
dig war, als sie zu einer Neubeurteilung de
s Rentenanspruchs führen könnte
.
Der von der Beschwerdeführerin vertretene Standpunkt ist
damit auch
ein Grund dafür, dass eine Begutachtung angezeigt
ist
, und zwar um den erhobenen Einwand auf seine Schlüssigkeit hin fachkundig überprüfen zu lassen.
Insofern
und da keine Umstände ersichtlich sind, die der Zumutbarkeit der ärztlichen Untersuchung in der Gutachterstelle entgegenstehen
– namentlich ist
praxisge
mäss
nicht von einem „Eingriff in die Intimsphäre“ auszugehen, sondern besteht vielmehr eine Mitwirkungspflicht der Versicherten -
, i
st nicht zu beanstanden, dass die Beschwerdegegnerin eine polydisziplinäre Begutachtung angeordnet hat, zumal die Beschwerdeführerin
keine weiteren materiellen Einwände bezie
hungsweise keine
spezifischen
Ausstandsgründe
gegen
die einzelnen
mit der Begutachtung betrauten Sachverständigen
der
Medas
A._
vorge
bracht hat
.
3.5
Vor diesem Hintergrund braucht im Rahmen dieses Verfahrens nicht geprüft zu werden
, ob die Observation rechtmässig erfolgt respektive geboten war.
4.
Zusammenfassend
ist festzuhalten, dass die angefochtene Verfügung nicht zu beanstanden ist. Dies führt zur Abweisung der Beschwerde.