Decision ID: 19d4702a-4816-42af-82f0-9f86a1396ec8
Year: 2019
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
1.1
Der 1967 geborene
X._
erlitt bei einem Autounfall am 2
6.
Januar
1990 ein Schädelhirntrauma mit
Contusio
cerebri (vgl.
Urk.
10
/19
Ziff.
1.1). Seit 1995 war er bei der
Y._
im
Vollzeitpensum als Produktions
mit
arbeiter angestellt; zuletzt arbeitete er seit Oktober
2010 in einem 50
% Pensum (
Urk.
10
/16
Ziff.
2.8). Am 1
3.
April 2011 meldete er sich unter Hinweis auf Leistungsschwankungen, permanentes Kopfweh, teilweisen Orientierungsverlust und Gleichgewichtsstörungen bei der Invalidenversicherung zum
Leistungsbezug an (
Urk.
10
/2
Ziff.
6.2). Die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, holte in der Folge einen Auszug aus dem
individuellen Konto (
Urk.
10/7), einen Arbeitgeberbericht (Urk. 10/16) sowie diverse Arztberichte (
Urk.
10/19/1-4,
Urk.
10/28,
Urk.
10/35) ein und zog die Akten des Unfallversicherers (
Urk
.
10
/91,
Urk.
10
/96) bei. Am 2
1.
und 2
9.
August sowie am
6.
September 2012 erfolgte eine polydisziplinäre Begutachtung des Versicherten durch das
Z._
(Gutachten vom
5.
November 2012,
Urk.
10
/45/1-21). Nac
h durchgeführtem
V
orbescheid
-
verfahren (
Urk.
10
/54-55,
Urk.
10
/59) verfügte die IV-Stelle am 2
5.
Februar 2013 (
Urk.
10/61
) die Abwei
sung des Leistungsbegehrens.
Die dagegen erhobene Beschwerde wies das hiesige
Gericht mit Entscheid vom
17
.
Juni 2014
(Urk. 10/7
2
) ab
(Prozess IV.2013.00333
)
.
1.2
Am 26. Januar 2016 (Urk. 10/75) meldete sich
der Versicherte unter Hinweis auf
eine
Verschlechterung des Zustandes er
neut zum Leistungsbezug an
(Urk. 10/74).
Die IV-Stelle tätigte erwerbliche sowie medizinische Abklärungen und veranlasste
eine polydisziplinäre Begutachtung des Versicherten beim
A._
(
Expertise
vom 2. März 2017, Urk. 10/94). Nach durchgeführtem
Vorbe
scheid
verfahren
(Urk. 10/97)
wies
die
IV-Stelle
das Leistungsbegehren mit Verfü
gung vom 3. Oktober 2017 (Urk. 2) ab.
2.
Hiergegen
erhob der Versicherte am 30. Oktober 2017 (Urk. 1) Beschwerde und beantragte, es sei die angefochtene Verfügung aufzuheben,
es
seien
ihm
die ge
setzlichen Leistungen auszurichten und es seien weitere Abklärungen vorzu
nehmen. Eventualiter sei die Sache an die Vorinstanz zurückzuweisen, um weitere
Abklärungen zu tätigen; unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zulasten der Beschwerdegegnerin.
In formeller Hinsicht
beantragte er, es
sei ihm die unent
geltliche Pro
zessführung zu bewilligen und ein unentgeltlicher Rechtsvertreter zu bestellen
(S. 2).
Die IV-Stelle schloss am 12. Dezember 2017 (Urk. 9) auf Abweisung der Be
schwerde, was dem Beschwerdeführer
am 2
8.
Dezember 2017 (
Urk.
11
Ziff.
1, 2)
zur Kenntnis gebracht wurde.
Gleichzeitig wurde das Begehren um
unent
gelt
liche
Prozessführung und Rechtsvertretung abgewiesen.
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1
des Bundesgesetzes über den Allge
meinen Teil des Sozialversicherungsrechts,
ATSG).
Sie kann Folge von Geburtsge
brechen, Krankheit oder Unfall sein (Art. 4 Abs. 1
des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung,
IVG).
Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgegliche
nen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beein
trächtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.2
Beeinträchtigungen der psychischen Gesundheit können in gleicher Weise wie körperliche Gesundheitsschäden eine Invalidität im Sinne von Art. 4 Abs. 1 IVG in Verbindung mit Art. 8 ATSG bewirken. Rechtsprechungsgemäss ist bei psychi
schen Beeinträchtigungen zu prüfen, ob ein psychischer Gesundheitsschaden mit Krankheitswert besteht, welcher die versicherte Person auch bei Aufbietung allen guten Willens daran hindert, ein rentenausschliessendes Erwerbseinkommen zu erzielen (vgl.
BGE 139 V 547
E. 5,
131 V 49
E. 1.2,
130 V 352
E. 2.2.1; vgl. Urteil des Bundesgerichts 9C_125/2015 vom 1
8.
November 2015 E. 5.4).
Die Annahme eines psychischen Gesundheitsschadens im Sinne von Art. 4 Abs. 1 IVG sowie Art. 3 Abs. 1 und Art. 6 ATSG setzt eine psychiatrische, lege artis auf
die Vorgaben eines anerkannten Klassifikationssystems abgestützte Diagnose vor
aus (vgl. BGE 143 V 409 E. 4.5.2, 141 V 281
E. 2.1, 130 V 396 E. 5.3 und E.
6). Eine fachärztlich einwandfrei festgestellte psychische Krankheit ist jedoch nicht ohne weiteres gleichbedeutend mit dem Vorliegen einer Invalidität. In jedem Einzelfall muss eine Beeinträchtigung der Arbeits- und Erwerbsfähigkeit unab
hängig von der Diagnose und grundsätzlich unbesehen der Ätiologie ausgewiesen und in ihrem
Ausmass bestimmt sein. Entscheidend ist die nach einem weitgeh
end objektivierten Massstab zu beurteilende Frage, ob es der versicherten Person zumutbar ist, eine Arbeitsleistung zu erbringen (BGE 143 V 409 E. 4.2.1, 141 V 281 E. 3.7, 139 V 547 E. 5.2, 127 V 294 E. 4c, je mit Hinweisen; vgl.
Art.
7
Abs.
2 ATSG).
1.3
War eine Rente wegen eines zu geringen Invaliditätsgrades verweigert worden und ist die Verwaltung auf eine Neuanmeldung eingetreten (Art. 87 Abs. 3
der
Ver
ordnung über die Invalidenversicherung
,
IVV), so ist im Beschwerdeverfahren zu prüfe
n, ob im Sinne von Art.
17 ATSG eine für den Rentenanspruch relevante Änderung des Invaliditätsgrades eingetreten ist (BGE 117 V 198 E. 3a mit Hinweis).
1.4
Ändert sich der Invaliditätsgrad eines Rentenbezügers erheblich, so wird die Rente von Amtes wegen oder auf Gesuch hin für die Zukunft entsprechend erhöht, her
ab
gesetzt oder aufgehoben (
Art.
17
Abs.
1 ATSG). Anlass zur Rentenrevision gibt jede wesentliche Änderung in den tatsächlichen Verhältnissen seit Zusprechung der Rente, die geeignet ist, den Invaliditätsgrad und damit den Rentenanspruch zu beeinflussen. Insbesondere ist die Rente bei einer wesentlichen Änderung des Gesundheitszustandes revidierbar. Weiter sind, auch bei an sich gleich geblie
be
nem Gesundheitszustand, veränderte Auswirkungen auf den Erwerbs- oder Auf
ga
benbereich von Bedeutung (BGE 141 V 9 E. 2.3, 134 V 131 E. 3). Ferner kann ein Revisionsgrund unter Umständen auch in einer wesentlichen Änderung hin
sichtlich des für die Methodenwahl massgeblichen (hypothetischen) Sachverhalts bestehen (BGE 144 I 28 E. 2.2, 130 V 343 E. 3.5, 117 V 198 E. 3b, je mit Hin
weisen). Hingegen ist die lediglich unterschiedliche Beurteilung eines im Wesent
lichen gleich gebliebenen Sachverhalts im revisionsrechtlichen Kontext unbe
acht
lich (BGE 141 V 9 E. 2.3 mit Hinweisen).
Liegt in diesem Sinne ein Revisionsgrund vor, ist der Rentenanspruch in recht
licher und tatsächlicher Hinsicht umfassend («allseitig») zu prüfen, wobei keine Bindung an frühere Beurteilungen besteht (BGE 141 V 9 E. 2.3 mit Hinweisen).
1.5
Hinsichtlich des Beweiswertes eines ärztlichen Berichtes ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vor
-
akten
(Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen in der Expertise begründet sind (BGE 134 V 231 E. 5.1, 125 V 351 E. 3a, 122 V 157 E. 1c).
2.
2.1
Die IV-Stelle
begründet
e
die angefochtene Verfügung zur Hauptsache damit, dass das im Rahmen der neuen medizinischen Abklärungen erstellte
A._
-Gutachten
vom 2. März 2017
lediglich eine andere Beurteilung des gleichen Sachverhaltes
enthalte. Die angegebenen Leiden seien bereits im
Z._
-Gutachten
vom 5. Nov
em
ber 2012
erwähnt. Im Weiteren gehe der Beschwerdeführer keiner inten
siven medizinischen Behandlung nach und die Zunahme der Kopfbeschwerden könne er nicht genauer beschreiben. Auch äussere Faktoren
(
kulturellbedingter
Druck, Sprachhürde, geringe Schuldbildung, Trennung von der Herkunftsfamilie)
könnten nicht berücksichtigt werden
(Urk. 2).
2.2
Der Beschwerdeführer (Urk. 1) hält im Wesentlichen dagegen, in Bezug auf die Diagnosen weiche das
A._
-Gutachten erheblich vom Gutachten der
Z._
ab. In
sbesondere würden entgegen der
Z._
wesentliche Diagnosen gestellt, die Aus
wirkungen auf die Arbeitsfähigkeit hätten.
Das psychiatrische Teilgutachten der
A._
stelle eine vollständige Arbeitsunfähigkeit in der angestammten Tätig
keit fest und ein
e
50 % Arbeitsfähigkeit in einer angepassten Tätigkeit (S. 5).
Ferner wendet er ein, dass es der psychiatrische Gutachter gegen die Regeln einer Begutachtung unterlasse
n
habe
, sich mit dem früheren Gutachten der
Z._
auseinanderzusetzen (S. 5).
Dieser p
sychiatrische Teilbereich des Gutachtens leide dadurch an einem erheblichen Mangel.
Zur Klärung sei eventualiter ein weiteres psychiatrisches Gutachten in Auftrag zu geben (S. 6).
2.3
Vergleichsbasis im vorliegenden Neuanmeldeverfahren bildet d
ie mit
Urteil des hiesigen Gerichts vom 17. Juni 2014 (Urk. 10/72)
gesch
ützte Verfügung vom 25.
Fe
b
ruar 2013 (Urk. 10/61)
.
Das Gericht
stützte sich in medizinischer Hinsicht auf das
Z._
-Gutachten vom 5. November 2012 (Urk. 10/45). Darin nannten die verantwortlich zeichnenden Ärzte,
Dr.
med.
B._
,
Facharzt für Neurologie FMH,
Dr.
med.
C._
,
Facharzt für Innere Medizin FMH
,
und
Dr.
med.
D._
,
Facharzt für Psychiatrie und Psy
chotherapie FMH,
sowie Dipl.-Psych. Dipl.-Inf.-Wiss.
E._
folgende Diagnosen (S. 17):
-
Status nach Schädelhirntrauma am 26. Januar 1990 mit akutem Sub
dural- und
Epiduralhämatom
frontotemporal
links
-
Kalottenfraktur
frontotemporal
links
-
Chronisches Kopfweh vom Spannungstyp
-
Chronische Schmerzstörung mit psychischen und somatischen Faktoren (F45.41) mit/bei minimalen bis leichten neuropsychologischen Beein
trächtigungen (Differentialdiagnose Entwicklung körperlicher Symptome aufgrund psychischer Faktoren, F68.0)
In Bezug auf die Arbeitsfähigkeit
sei der Beschwerdeführer sowohl aus
neuro
logischer,
psychiatrischer, neuropsychologischer und
internistischer Sicht
für die bisherige Tätigkeit voll arbeitsfähig
(S. 18).
3.
3.1
3.1.1
Die an der Erstellung des
polydisz
i
plinären (versicherungsmedizinisch, psychia
trisch, neurologisch, neuropsychologisch)
A._
-Gutachtens vom 2. März 2017 (Urk. 10/94) beteiligten med.
pract
.
F._
, Fachärztin für Innere Medizin, Dr. med.
G._
, Fachärztin
für
Innere Medizin,
Dr.
med.
H._
, Innere Medizin FMH,
Dr.
med.
I._
, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie,
Dr.
med.
J._
, Fach
ärztin für Neurologie
,
sowie Prof.
Dr.
rer
. nat. med. habil. Dipl.-Psych.
K._
stellten aus interdisziplinärer Sicht die folgenden Diagnosen (
Urk. 10/94/9
f.):
mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit:
1.
Mittelgradige depressive Episode
mit somatischem Syndrom (ICD-10
F32.11)
-
C
hronische
Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Fak
to
ren (ICD-10 F45.41)
-
B
ei chronischen Spannungs-Stress-Kopfschmerzen links temporal bei
2.
Status nach Schädel-Hirn-Trauma mit St
atus
n
ach
Epiduralhämatom
tem
poro-basal
links und
Epiduralhämatom
frontal links bei
Kalottenim
p
re
s
sionsfraktur
links
fronto
temporal
-
Leichte neuropsychologische Störung mit leichtgradigen neurokogni
tiven Defiziten insbesondere im Bereich der Aufmerksamkeit, des Gedächtnisses und der Flexibilität sowie eine erhöhte Ermüdbarkeit
3.
Akzentuierte Persönlichkeit mit narzisstischen und ängstlich-vermeiden
den
Anteilen (ICD-10 F61.1/Z73.1)
4.
Nervus
occipitalis
-Neuralgie links
5.
Aktenanamnestisch
Verdacht auf
strukturelle Epilepsie mit:
-
Anfallssemiologie: komplex-fokalen und (schlafgebundenen) sekundär generalisierten Anfällen, DD psychogen
en Anfällen
-
Elektroenzephalografie
vom 26.11.2015: Knochenlückeneffekt lin
k
s frontotemporal mit mässigem Herdbefund
-
Anamnestisch anfallsfrei ohne antiepileptische Medikation
ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit:
1.
Nikotinabhängigkeitssyndrom
2.
Normochrome normozytäre Anämie
3.1.2
In ihrer
medizinischen Beurteilung
führten
die Gutachter
aus
, gemäss aktueller psychiatrischer Beurteilung
werde
vom Vorliegen einer akzentuierten
Persönlich
keit
mit narzisstischen und ängstlich-vermeidbaren Anteilen ausgegangen. Der Beschwerdeführer habe im Rahmen dieser Grundpersönlichkeit immer hohe An
sprüche an sich selbst gehabt beziehungsweise
diese
seien von aussen an ihn ge
stellt worden. Dieser narzisstische Persönlichkeitszug, es den Eltern und allen zeigen zu wollen, alleine stärker sein zu wollen, den Schmerz beherrschen zu wollen
,
könne als narzisstische Kompensation des depressiven Grundkonfliktes interpretiert werden. Diese Kompensationsstrategie habe bis 2010 aufrechter
hal
ten werden können, stell
e
aber in seinem Kern ein letztlich dysfunktionales Bewältigungsmuster dar. Dies sei ab 2010 nicht mehr gelungen und die damit
verbundenen depressiven Symptome hätten in der Folge persistiert. Die depressi
ve
n Symptome würden aber im Wesentlichen in dem Symptom Kopfschmerz zum Ausdruck gebracht. In den psychomet
rischen Testungen mittels BDI II (
Beck’sches
Depressions-Inventar in seiner DSM4 adaptierten Version) und Hamilton Ratings
Scale
for
Depression habe jeweils eine mittelgradig depressive Symptomatik nachgewiesen werden können, was aus klinischer Sicht bestätigt werden könne.
Die psychiatrische Komponente der Schmerzstörung entspreche einer depressiven Symptomatik mittleren Ausmasses, die unter Würdigung des soziokulturellen Hin
ter
grundes dem Beschwerdeführer nicht bewusst sei, sondern die sich vi
el
mehr hinter der nur teilweise
somatisch zu begründenden Schmerzsymptomatik verberge. Daher könne die Diagnose einer chronischen Schmerzstörung mit soma
tischen (Neuralgie) und psychischen (depressive Symptomatik, dysfunktio
nales Verhalten) Faktoren gestellt werden. Das fehlende Ansprechen auf die verschiedenen medikamentösen und interventionellen Therapieversuche zeige, dass die psychischen Faktoren überwiegen
würden
und diese
nicht auf somatisch orientierte
Therapiemassnahmen ansprächen. Die dysfunktionale Schmerzverar
beitung und die depressive Symptomatik st
ünden
damit im Vordergrund der kom
plexen Schme
rzstörung (Urk. 10/94/
10
f.)
.
Aus neuropsychologischer Sicht wurde festgehalten, beim Beschwerdeführer bestehe eine deutliche Ermüdbarkeit sowie eine diskrete Beeinträchtigung der kognitiven Leistungsfähigkeit insbesondere im Bereich der Aufmerksamkeit, des Gedächtnisses und der Flexibilität. Die objektivierbaren neuropsychologischen Defizite seien am ehesten als neurokognitives Residuum des stattgehabten Schädel-Hirn-Traumas erklärbar. Im Hinblick auf etwaige weitere Residuen des Schädelhirntraumas von 1990 sei eine strukturelle (symptomatische) Epilepsie mit komplex-fokalen bis sekundär generalisierten Anfällen zu diskutieren. Gemäss Aktenlage habe der wahrscheinlich letzte Anfall im Herbst 2010 und fraglich (ein
fach-)fokale Anfälle mit motorischen Entäusserungen im Schlaf im Januar 2010 vorgelegen, welche unter einer Zieldosis von 200 mg Pregabalin sistiert hätten.
Eine
strukturelle (symptomatische) Epilepsie sei im Hinblick auf die
Elektroenzephalografie
-Befunde möglich. Es hätten sich neben dem Herdbefund temporal links zum Teil auch Zeichen einer zerebralen Übererregbarkeit gezeigt. Der strukturelle Defekt links temporal stelle dabei einen potentiellen epilepto
genen
Fokus
dar. Eine strukturelle Epilepsie könne daher nicht sicher ausge
schlossen werden, auch wenn es ungewöhnlich sei, dass erst Jahre nach dem stattgehabten Schädelhirntrauma erstmals epileptische Anfälle auftreten würden. Insbesondere würden sich die Patienten bei komplex-fokalen Anfällen oft nicht an die Anfälle erinnern, so dass der Eindruck einer Pseudo-Anfallsf
r
eiheit ent
st
eh
e. Aus diesen Gründen müsse die Verdachtsdiagnose einer Epilepsie bei der Arbeitsf
ähigkeit berücksichtigt werden (
Urk. 10/94/
11)
.
In interdisziplinärer Hinsicht wiesen die Gutachter darauf hin, dass
die oben her
geleiteten Diagnosen
durch die im Juli 2015 durchgeführte SPECT MRT Untersu
chung
unterstützt würden.
Es sei
en
beim Nachweis einer
asymmetrischen
Per
fusionsminderung linkstemporal,
fronto
-orbital, gering
fronto
-lateral und occi
pital sowie rechts
fronto
-orbi
tal und im Thalamus rechts eine
postkontusionelle
Störung nach Schädelhirntrauma, ein epileptogener Fokus links temporal (passend
zum
Elektroenzephalografie
Befund) sowie eine mit einer depressiven Erkrankung potenziell zu vereinbarende
Minderung im dorsolateralen präfrontalen Kortex links gesehen worden. Die Untersuchung unterstütze die neu
rologischen, neuro
psychiatrischen und psychiatrischen Beobachtungen und Diagnosen, sage aber nichts über die zugrundeliegende Schwere der Defizite aus. Die Kombination einer vorbestehenden Persönlichkeitsakzentuierung mit einer strukturellen hirnorgani
schen Schädigung sei insbesondere im Hinblick auf die psychische Verarbeitung und intrinsische Steuerungsfähigkeit ungünstig und sich gegenseitig
negativ
verstärkend (
Urk. 10/94/11)
.
3.1.3
Zu den funktionellen Auswirkungen der objektivierten Befunde/Diagnosen
legten die Experten dar, die Funktionsstörungen seien nach dem Mini-ICF APP-Index beurteilt worden. Dabei hätten sich schwere Einschränkungen in der Fähigkeit zur Anpassung an Regeln und Routinen als Folge der narzisstisch akzentuierten Persönlichkeit gezeigt. Es h
ätt
e
n
sich eine Antriebsstörung, Freudlosigkeit und eine Interessensminderung gezeigt. Des Weiteren habe sich eine schwere Ein
schränkung in der Fähigkeit zur Planung und Strukturierung von Aufgaben auf
grund der depressiven Kognition gezeigt.
Aufgrund der formalen Denkstörung habe eine schwere Einschränkung der Flexibilität und Umstellungsfähigkeit fest
gestellt werden können. Es habe sich eine schwere Einschränkung in der Anwen
dung fachlicher Kompetenzen sowie in der Selbstbehauptungsfähigkeit und in de
r Kontaktfähigkeit zu Dritten und in der Gruppenfähigkeit gezeigt. Des Weite
ren habe
sich eine schwere Einschränkung bezüglich familiärer bzw. intimer Be
ziehungen gezeigt
(Urk. 10/94/11
f.)
.
Die somatisch zu begründenden einschiessenden Schmerzsensationen im Bereich des
Okziput
, begleitet von Dysästhesien mit einer maximalen
Attackendauer
von
zehn Minuten
, führten aus isoliert neurologischer Sicht zu einer leichtgradigen Beeinträchtigung in Bezug auf die Arbeitsfähigkeit. Während der kurzen, aber schmerzintensiven Attacken komme es jeweils zu einem zwangsläufigen Nieder
legen begonnener Aktivitäten
(Urk. 10/94/
1
2
)
.
Aus neuro
logisch-neuropsychologischer Sicht bestehe beim Beschwerdeführer als Folge des stattgehabten Schädelhirntraumas der Verdacht auf eine strukturelle (symp
tomatische) Epilepsie. Daher könnten dem Beschwerdeführer keine Tätig
kei
ten in grosse
n
Höhen mit erhöhter Sturz-/Absturzgefahr, Tätigkeiten an schweren schnell laufenden, offenen Maschinen, Tätigkeiten, die das Führen von
Kraftfahrzeugen bedingen, Pikettdienste oder Tätigkeiten mit Nachtschic
hten mehr
zugemutet werden (Urk. 10/94/12
).
Zusammenfassend sei zu sagen, dass die psychischen Faktoren den Beschwerde
führer und seine Arbeitsfähigkeit mehr einschränk
t
en als die isolierten kurzen (somatisch bedingten) Schmerzepisoden, so dass diesbezüglich die führende psy
chiatrische Einschätzung
berücksichtigt werden müsse (Urk. 10/94/
12).
3.1.4
Zur Arbeitsfähigkeit in der bisherigen Tätigkeit führ
t
en
die Gutachter
im Wesent
lichen aus, seit dem Gutachten des
Z._
vom 5. November 2012 sei eine ten
den
zielle Verschlechterung – bedingt vor allem durch die psychiatrische Grunder
krankung – eingetreten. Aufgrund der psychiatrischen Diagnosen bestehe aufgrun
d der depressiven Symptomatik sowie der chronischen Schmer
z
symptomatik und der Persönlichkeitsakzentuierung mit klinisch relevantem Ausmass aus rein psy
chiatrischer Sich
t
eine Arbeitsunfähigkeit von 5
0 % seit August
2011 bis zu
m
heutigen Tag
.
Die neuropsychologischen Befunde führten nicht zu einer höheren Einschränkung. Die Befunde seien in der Vergangenheit unterschiedlich bewertet
worden
. So sei in der neuropsychologischen Untersuchung vom 23. November
2015 eine leichte bis mittelschwere neuropsychologische Störung postuliert worden, die insbesondere bei hohen kognitiven Anforderungen zu einer mittel
schweren Beeinträchtigung führen könne, und ab dem 23. November 2015
postuliere
eine
Arbeitsunfähigkeit von 60 %. Da aktuell nur noch eine leichte neuro
psychologische Störung objektiviert werden könne, sei zum aktuellen Zeitpunkt von einer Einschränkung der Arbeitsfähigkeit von 20 % (begründet mit der leicht erhöhten Ermüdbarkeit, durch die leicht reduzierte Belastbarkeit und durch die
leichtgradig neurokognitiven Defizite im Bereich der Aufmerksamkeit, des Ge
dächt
nisses und der
Flexibilität) auszugehen, welche sich nicht mit den psychia
trischen Einschränkungen kumuliere. Aus rein internistischer Sicht bestehe keine Arbeitsunfähigkeit (
Urk. 10/94/
13 f.).
3.2
In seinem Bericht vom 28. August 2017 (Urk. 10/103) bestätigte der behandelnde Psychiater
Dr.
med.
L._
, Facharzt für Psychiatrie und Psy
chotherapie,
die gutachterlichen Diagnosen und
schilderte folgende Befunde
:
«
Be
wusstseinsklar, in allen Qualitäten voll orientiert. Keine Auffassungsstörung vorhanden. Leichte Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen vorhanden. Im formalen Denken kohärent, jedoch weiterhin deutlich eingeengt auf seine chronischen Kopfschmerzen und damit verbunde
ne
Einschränkungen im Alltag sowie schwierigen psychosozialen Situation. Keine Anhaltspunkte für Zwangs
ge
danken und Handlungen. Hypochondrische und Zukunft bezogene Befürch
tung
en weiterhin vorhanden.
Er
berichte
t
über persistierende link seitige
brennende Kopfschmerzen. Die
Kopfschmerzen
nehmen
bei körperlichen
und
psychischen
Anstrengungen und Belastungen deutli
ch zu. Keine Anhaltspunkte für
inhaltliche
Denkstörungen
und
Sinnestäuschungen
sowie Ich-Störungen.
Im Affekt
ist
er deprimiert, affektarm und dysphorisch. Vitale Gefühle
sind
herabgesetzt. Er be
richte
t
weiterhin über andauerndes Gefühl von Leere und Hoffnungslosigkeit
sowie andauerndes Gefühl von Nervosität. Das Selbstwertgefühl vermindert. Mitte
l
gradige Antriebsverminderung, p
sychomotorisch unauffällig. Chro
nische Ein- und Durchschlafstörungen vorhanden,
Pat.
klagt
über starke Müdigkeit. Appetit nicht verändert. Keine Anhaltspunkte für Fremdaggressivität. Der
Patient
berichte
t
über geringe Stresstoleranz. Sozial habe er sich eher zurückgezogen. Es
bestehen
keine Anhaltspunkte für akute Suizidalität
»
(S. 2).
4.
4.1
Das polydisziplinäre Gutachten des
A._
(E. 3.1)
beruht auf den notwendigen psychiatrischen, n
eurologischen und neuropsychologischen Untersuchungen und erweist sich für die streitigen Belange als umfassend. Die Gutachter setzten sich detailliert mit den vom Beschwerdeführer ge
klagten Beschwerden auseinander
,
erstellten ihr
e
Beurteilung in Kenntnis der wesentlichen
Vorakten
und
die
daraus
unter Nennung der medizinischen Zusammenhänge
gezogenen Schlussfolge
rungen
leuchten ein. Namentlich leg
t
en sie dar, dass
in psychiatrischer Hinsicht eine akzentuierte Persönlichkeit mit narzisstischen und ängstlich-vermeidenden Anteilen
, ein dysfunktionales Bewältigungsmuster sowie eine mittelgradige de
pressive Symptomatik nachgewiesen werden k
a
nn. Im Vordergrund der daraus resul
tierenden komplexen Schmerzstörung st
eh
en dabei die dysfunktionale
Schmerz
verarbeitung und die depressive Symptomatik (Urk. 10/94/10 f.).
In som
a
tischer Hinsicht
zeigten die Experten auf,
dass beim Beschwerdeführer infolge des stattgehabten Schädelhirntraumas
zwar somatisch begründbare ein
schiessende Schmerzen (
Urk.
10/94/71)
,
leichtgradige Beeinträchtigungen im
Aufmerksam
keits
-, Gedächtnis-, und Flexibilitätsbereich sowie eine pathologische Müdigkeit (vgl.
Urk.
10/94/73, 94) und der Verdacht einer strukturelle
n
(symptomatische
n
) Epilepsie vorliege
n
(
Urk.
10/94/75), merkten jedoch an, die psychischen Faktoren würden überwiegen
,
und verwiesen auf die psychiatrische Einschätzung (vgl.
Urk.
10/94/12, 71, 75).
In diesem Sinne ist es ohne Weiteres nachvollziehbar, dass die Gutachter
auf eine vor allem durch die psychiatrische Grunderkrankung be
dingte tendenzielle Verschlechterung schlossen
und demzufolge
in der ange
stam
mten Tätigkeit
aus
rein psychiatrischer Sicht
eine
Arbeitsunfähigkeit des Be
schwer
deführers
von
50
%
sowie aus neuropsychologischer Sicht eine nicht
zu
kumulierende Einschränkung der Arbeitsfähigkeit von 20
%
bescheinig
ten
(
Urk.
10/94/13 f.). Das Gutachten entspricht damit den rechtsprechungsgemässen Anforderungen an eine beweiskräftige medizinische Entscheidungsgrundlage (vgl.
E.
1.5 hiervor).
4.2
Der Beschwerdeführer
kritisiert
e
das Gutachten in Bezug auf das psychiatrische Teilgutachten
und monierte eine fehlende Auseinandersetzung mit dem Vorgut
achten (Urk. 1 S. 5)
.
Dem ist entgegenzuhalten, dass die abweichenden
(ver
schlech
terten)
Diagnosen – wie der Beschwerdeführer selbst
vorbrach
t
e
– auf ver
änderten Befunden
basieren
und damit
dem gutachterlichen Ergebnis ein neuer Sachverhalt zu Grunde liegt.
So
stellte der psychiatrische Gutachter
der
A._
einen ausgeprägten sozialen Rückzug sowie eine von Anfang an reduzierte
Auf
fassungsspanne und
Konzentration fest
(vgl. Urk. 10/94/49)
, während dem Gut
achten der
Z._
diesbezüglich keine Auffälligkeiten zu entnehmen
waren
(vgl. Urk. 10/
45
/24 f.)
. Auch
die
durchgehend gedrückte Grundstimmung
des Be
schwer
deführers, welcher
dabei ratlos, auffallend affektarm, deprimiert, hoffnungs
los, ängstlich und gereizt
wirke
(
A._
-Gutachten, Urk. 10/94/49)
,
waren bei der
Z._
-Begutachtung noch nicht vorhanden
. Daraus ergibt sich
,
dass
eine Ver
änderung der
gesundheitlichen Verhältnisse
evident ist
. Dem psychiatrischen Teil
gutachten des
A._
-Gutachtens vom
2. März 2017 mangelt es daher trotz
lediglich knapper
Bezugnahme auf das
Z._
-Gutachten vom 5. November 2012 nicht am rechtlich erforderlichen Beweiswert (vgl.
beispielsweise Urteil des Bundes
gerichts 9C_3
36/2018 vom
5.
Dezember 2018 E.
3.1 mit Hinweis
).
Im Übrigen
decken sich die gutachterlichen Feststellungen weitgehend mit den
Befunden des behandelnden Psychiaters
Dr.
L._
(E. 3.2), de
ssen Bericht vom 28. August 2017 vom Beschwerdeführer ins Recht gelegt wurde. Andere
Er
kennt
nisse sind daher nicht zu erwarten
,
weshalb auf eine erneute Begutachtung
in antizip
ierter Beweis
würdigung (vgl. BGE 122 V 157 E.
1d mit Hinweisen)
verzichtet werden kann
.
4.3
Dem Ausgeführten folgend ist festzuhalten, dass
das
A._
-Gutachten vom 2. März
2017 beweiskräftig ist.
Es
liegt
-
entgegen der Ansicht der Beschwerde
gegnerin
-
nicht eine abweichende Beurteilung desselben Sachverhaltes vor, vielmehr
lieg
t eine wesentliche Veränderung des G
esundheitszustandes des Beschwerdeführers
mit dem Beweisgrad der
überwiegend
en
W
ahrscheinlich
keit
vor
.
5.
5.1
Mit Blick auf das Gutachten
ist soweit ersichtlich unstreitig
, dass vornehmlich in psychiatrischer Hinsicht von einer Verschlechterung des Gesundheitszustandes auszugehen ist.
Z
u prüfen ist
daher
die
Auswirkung des psychischen Gesund
heitszustandes auf die Arbeitsfähigkeit
des Beschwerdeführers
.
Denn rechtspre
chungs
gemäss liegt es nicht allein in der Zuständigkeit der mit dem
konkreten Einzelfall (gutachter
lich) befassten Arztpersonen, abschliessend und für die rechtsanwendende Stelle verbindlich zu entscheiden, ob das medizinisch festge
stellte Leiden zu einer Arbeitsunfähigkeit führt (vgl. dazu etwa Urteil des Bundes
gerichts 9C_505/2018 vom 1
7.
Oktober 2018 E. 5.1).
5.2
Mit BGE 143 V 418 entschied das Bundesgericht, dass grundsätzlich sämtliche psychischen Erkrankungen für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit einem struk
tu
rierten Beweisverfahren nach BGE 141 V 281 zu unterziehen sind (E. 6 und 7, Änderung der Rechtsprechung; vgl. BGE 143 V 409 E. 4.5.2 speziell mit Bezug auf leichte bis mittelschwere Depressionen).
Das für somatoforme Schmerzstörungen und vergleichbare psychosomatische Leiden entwickelte strukturierte Beweisverfahren definiert systematisierte Indika
toren, die es
–
unter Berücksichtigung leistungshindernder äusserer Belastungs
faktoren einerseits und von Kompensationspotentialen (Ressourcen) andererseits
–
erlauben, das tatsächlich erreichbare Leistungsvermögen ei
nzuschätzen (BGE
141 V 281 E. 2
E. 3.4-3.6 und 4.1; vgl. statt vieler: Urteil des Bundesgerichts 9C_590/2017 vom 1
5.
Februar 2018 E. 5.1). Die Anerkennung eines renten
be
grün
denden Invaliditätsgrades ist nur zulässig, wenn die funktionellen Auswir
kungen der medizinisch festgestellten gesundheitlichen Anspruchsgrundlage im Einzelfall anhand der Standardindikatoren schlüssig und widerspruchsfrei mit (zumindest) überwiegender Wahrscheinlichkeit nachgewiesen sind. Fehlt es an diesem
Nachweis, hat die materiell beweisbelastete versicherte Person die Folgen der Beweislosigkeit zu tragen (BGE 141 V 281 E. 6; vgl. BGE 144 V 50 E. 4.3).
Diese Rechtsprechung ist auf alle im Zeitpunkt der Praxisänderung noch nicht erledigten Fälle anzuwenden (Urteil des Bundesgerichts 9C_580/2017 vom 16. Januar 2018 E. 3.1 mit Hinweisen).
Die für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit bei psychischen Erkrankungen im Regel
fall beachtlichen Standardindikatoren (BGE 143 V 418, 143 V 409, 141 V
281) hat das Bundesgericht wie folgt systematisiert (BGE 141 V 281 E. 4.3.1):
-
Kategorie «funktioneller Schweregrad» (E. 4.3)
-
Komplex «Gesundheitsschädigung» (E. 4.3.1)
-
Ausprägung der diagnoserelevanten Befunde (E. 4.3.1.1)
-
Behandlungs- und Eingliederungserfolg oder -resistenz (E. 4.3.1.2)
-
Komorbiditäten (E. 4.3.1.3)
-
Komplex «Persönlichkeit» (Persönlichkeitsdiagnostik, persönliche Res
sourcen, E. 4.3.2)
-
Komplex «Sozialer Kontext» (E. 4.3.3)
-
Kategorie «Konsistenz» (Gesichtspunkte des Verhaltens, E. 4.4)
-
gleichmässige Einschränkung des Aktivitätenniveaus in allen vergleich
baren Lebensbereichen (E. 4.4.1)
-
behandlungs- und eingliederungsanamnestisch ausgewiesener Leidens
druck (E. 4.4.2)
Beweisrechtlich entscheidend ist der verhaltensbezogene Aspekt der Konsistenz (BGE 141 V 281 E. 4.4; vgl. Urteil des Bundesgerichts 8C_604/2017 vom 1
5.
März 2018 E. 7.4).
6.
6.1
6.1.1
Betreffend den Komplex «Gesundheitsschädigung»
zeigt
sich bezüglich des Indi
ka
tors der «Ausprägung
der diagnoserelevanten Befunde
», dass d
er psychiatrische Gutachter
Dr.
I._
bei
der Diagnose
eine
r
mittelgradige
n
depressive
n
Episode mit somatischem Syndrom (ICD-10 F32.11)
,
eine
r
chronische
n
Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Faktoren (ICD-10 F45.11) bei Neuralgie links temporal (ICD-10 G44.8)
,
bei Status nach Schädel-/Hirntrauma mit
Contusio
cerebri 1990 (ICD-10 S06.4) und Status nach Kraniotomie links temporal nach 6
Monaten
sowie einer akzentuierten Persönlichkeit mit narzisstischen und ängst
lich-vermeidbaren Anteilen (ICD-10 F61.1/Z73.1) und einer leichten neuro
psychologischen
Funktionsstörung
(vgl. Urk. 10/94/52)
insgesamt ein
e
mittelgra
dige Beeinträchtigung des Beschwerdeführers
ersah. Da
gegen ist den psychoso
zialen und soziokulturellen Belastungsfaktoren (familiärer und kultureller Druck an den Erstgeborenen, kulturelle
Intoleranz gegenüber psychischen Schwächen und Krankheiten
,
Migration, vgl. Urk. 10/94/49 f.
,
53),
welche
rechtlich keine Invalidität zu begründen vermögen, Rechnung zu tragen.
Diese unterhalten das Krankheitsempfinden des Beschwerdeführers in ausgeprägter Weise.
In Bezug auf den funktionellen Schweregrad erweist sich der Indikator der diagnoserelevanten Befunde damit nicht als erheblich ausgeprägt.
6.1.2
Zum Aspekt «
Behandlungs- und Eingliederungserfolg oder
–
resistenz
»
ist festzu
halten, dass in Anbetracht der erst seit 2015
niederfrequenten ambulanten psy
chiatrischen Behandlung mit einem Gespräch pro Monat und niedrig
dosierter
Antidepressiva
(vgl. Urk. 10/80)
von einer Behandlungsresisten
z nicht ausgegan
gen werden kann, zumal sich die depressive Symptomatik
gemäss dem behan
deln
den Psychiater
Dr.
L._
verbessert ha
t
(S. 3).
Die dies
bezüglichen Ausführungen des Gutachters
Dr.
I._
(«... dass auch eine höher frequente oder stationäre Massnahme kaum eine Verbess
erung erhoffen lässt
»)
sind zu vage, als dass mi
t
überwiegender
Wahrs
cheinlichkeit eine
Behand
lungs
resistenz
anzunehmen
ist (vgl. Urk. 10/94/56).
Eine solche kann auch dem Bericht von Dr.
L._
nicht entnommen werden, ging er doch lediglich vermutungsweise davon aus, dass der Beschwerdeführer nicht in der Lage sei, auf eine Therapie adäquat zu reagieren
(Urk. 10/103/3).
Vorbehä
ltlich einer abgebrochenen Arbeitsplatzerhaltung (Urk. 10/22) fanden bisher keine weitergehenden
Eingliederungsmassnahmen statt.
6.1.3
Als «
Komorbiditäten
»
zu berücksichtigende krankheitswertige Störungen sind mit den somatischen Gesundheitsschäden (E.
4.
1
hie
r
vor) ausgewiesen
. Allerdings
wurden diesen eine maximale Auswirkung von 20 % auf die Arbeitsfähigkeit zuer
kannt, welche überdies nicht mit der psychischen Einschränkung
zu kumu
lieren ist
. Daher erscheinen diese Störungen nicht ausgeprägt
.
6.2
Bei den Komplexen
«
Persönlichkeit
» und «
sozialer Kontext
»
ergibt sich
F
olgendes:
Beim Beschwerdeführer bestehen Persönlichkeitsakzentuierungen mit narziss
ti
schen und ängstlich-vermeidenden Anteilen, wodurch sich sch
w
ere Einschrän
kungen in der Fähigkeit zur Anpassung an Regeln und Routinen zeigen (vgl. Urk. 10/94/11). Dem
A._
-
Gutachten können jedoch keine unmittelbaren Aus
wir
kungen entnommen werden, welche die Reintegration in den Arbeitsprozess wesentlich behindern würden.
Zudem ist
diese Akzentuierung laut dem Gutachten
zur Grundpersönlichkeit des Beschwerdeführers zu zählen
(vgl.
Urk
10/94/10)
. In
diesem Sinne führte die Beschwerdegegnerin
denn auch
korrekt aus, dass der Beschwerdeführer bereits trotz
akzentuierter Pe
rsönlichkeitsstörung jahrelang b
erufstätig war und demnach nicht von einer
entscheidenden
Einschränkung seiner Arbeitsfähigkeit auszugehen ist (vgl. Urk. 2 S.
2)
.
Alsdann
ist der
Beschwerdeführer seit
1991
verheiratet,
hat
vier Kinder und
lebt
mit seiner Ehefrau
,
einer Tochter und den
beiden Söhnen in einer Wohnung
(Urk. 10/94/6). Als Hobby bezeichnete der Beschwerdeführ
er Fussballschauen im Fernsehen. Zum Anlass der islamischen Feste telefoniere er
etwa alle zwei bis drei Monate
mit seinen Geschwistern, seinen alten Freundeskreis habe er verloren
und habe nur noch lockere Kontakte zu Nachbarn und wenigen neuen Freunden
(Urk. 10/94/7
, 47
). Er schlafe jeweils bis etwa 12.00 Uhr mittags. Nach dem Auf
stehen frühstücke er zusammen mit seiner Frau das von ihr zubereitet
e
Mahl und verbringe den Tag mit ihr zusammen zu Hause. Wenn sie gegen 17.00 Uhr arbei
ten gehe, verlasse er oft das Haus und gehe spazieren oder Kaffee trinken
(Urk. 10/94/7). Wenn seine Kinder dann zwischen 19.00 Uhr bis 20.00 Uhr nach Hause kämen, ässen sie gemeinsam zu Abend.
Damit sind weder erheblich limi
tie
rende Persönlichkeitsmerkmale noch ein ausgeprä
gter sozialer Rückzug erkenn
bar. Vielmehr fällt es dem Beschwerdeführer geradezu schwer, alleine zu Hause zu bleiben
und durch die Einbettung in die Familie enthält sein sozialer Lebens
kontext
bestätigende, sich potenziell günstig auf die Ressourcen auswirkende Faktoren.
6.3
6.3.1
In der Kategorie «Konsistenz»
ist bezüglich des Indikators gleichmässige Ein
schränkung des Aktivitätsniveaus in allen vergleichbaren Lebensbereichen fest
zu
stellen, dass der Beschwerdefüh
rer sich selbst als vollkommen a
rbeitsunfähig betrachtet (Urk. 10/94/8).
Er stehe zwischen 12.00 und 13.00 Uhr auf und ver
bringe den Tag bis 17.00 Uhr zu Hause zusammen mit seiner Frau. Gegen 17.00
Uhr verlasse er oft das Haus und gehe spazieren oder Kaff
ee trinken. Er gehe relativ früh
zwischen 22.00 und 23.00 Uhr schlafen. Dann schlafe er
circa
ein bis zwei Stunden, wache dann auf und könne nicht mehr schlafen. Der Beschwerdeführer gehe dann ins Wohnzimmer, setze sich auf das Sofa und schaue fern, bis er müde werde. Gegen Morgen,
circa
06.00 bis 07.00
Uhr, gehe er dann ins Bett und s
chlafe bis Mittag (Urk. 10/94/7). Die Mahlzeiten werden alle von der Frau des Beschwerdeführers zubereitet und auch jegliche Haushalts
tätigkeit
en
verrichten die Ehefrau und die Töchter des Beschwerdeführers (vgl. Urk. 10/94/47 f.).
Das geschilderte Tagesaktivitätsniveau ist
demzufolge
zwar in einem gewissen Umfang eingeschränkt, jedoch nicht entsprechend
einer 50%igen und schon gar nicht
der von ihm geltend gemachten 100%igen Arbeitsun
fähigkeit.
Denn auch das Abwälzen
jeglicher Haushaltstätigkeit auf die Ehefrau und die Töchter ist in medizinischer Hinsicht nicht nachvollziehbar und kann nicht als konsistent betrachtet werden.
6.3.2
Im Rahmen des Indikators «ausgewiesener Leidensdruck» fällt auf,
dass der Be
schwerdeführer erst seit
2015
in niederfrequenter ambulanter psychiatrischer Behandlung mit einem Gespräch pro Monat
steht;
die Antidepressiva sind niedrig
dosiert
(E. 6.1.2 hiervor)
.
Zwar sieht der psychiatrische Fachgutachter Dr.
I._
die aktuelle ambulante psychiatrische Behandlung als optimal
an
(
Urk.
10/94/14), begründet
diese
Einschätzung indes vornehmlich mit psychosozialen und sozi
o
kulturellen Elementen (Sprachhürde, interkultureller Kontext, geringe Schulbil
dung,
Urk. 10/94/56).
Von einem ausgewiesenen Leidensdruck kann in Anbe
tracht dieser geringen B
ehandlungsintensität – vorrangi
g begründet
durch IV-fremde
Umstände
–
nicht gesprochen werden. Sodann bemühte sich der Be
schwer
deführer trotz gutachterlich festgestellter vollumfängliche
r
Arbeitsfähig
keit
, von welcher auch das hiesige Gericht ausgegangen war,
nie um Einglie
de
rungs
mass
nahmen, weshalb auch eingliederungsanamnestisch kein Leidensdruck ausgewie
sen
ist.
6.4
Die gesamthafte Betrachtung der rechtserheblichen Indikatoren führt somit zum Schluss, dass ein
gewisser Leidensdruck besteht
, jedoch insbesondere mit Blick auf die Kategorie «Konsistenz»
nur wenig ausgeprägte Einschränkungen ausge
wiesen sind. Auch die Komplexe «Persönlichkeit» und «sozialer Kontext», aus welchen sich durchaus mobilisierende Ressourcen ergeben, lassen nicht auf einen rechtsgenüglichen Bezug zwischen den gestellten Diagnosen und deren funk
tio
nellen Auswirkungen im Sinne einer erheblich (hälftig) eingeschränkten Arbeits
fähigkeit
– wie sie neben dem
A._
-Gutachten auch Dr.
L._
attestiert hat (Urk.10/103/3
) -
aus psychiatrischer Sicht schliessen.
7.
Die Verwaltung
lehn
te einen Anspruch des Beschwerdeführers auf eine Rente mit der Begründung
einer abweichenden Beurteilung desselben Sachverhaltes ab (E. 2.1 hiervor). Wie soeben dargelegt, kann dem nicht gefolgt werden. Dennoch ist eine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit in psychiatrischer Hinsicht zu ver
neinen
. Entgegen dem Beschwerdeführer
verbleibt
somit noch
eine somatisch be
dingte nachvollziehbare Arbeitsunfähigkeit in angestammter Tätigkeit von 20 % (Urk. 10/94/13 f., zum Beweiswert des Gutachtens vgl. E. 4.1 hiervor).
Vor diesem Hintergrund
sind sowohl Validen- als auch Invalideneinkommen anhand der identis
chen Tabellenwerte zu bestimmen (
zum sog. Prozentvergleich vgl. Urteil des Bundesgerichts 8C_131/2011 vom
5.
Juli 2011 E. 10.2.1 mit Hinweis auf BGE 114 V 310 E. 3a).
Der Invaliditätsgrad entspricht damit de
m Arbeitsunfähig
keits
grad von 20 %. Da sich
gestützt auf die
vorliegend
en
Akten
kein leidensbedingter Abzug
rechtfertigt
–
e
in solcher wurde überdies auch nicht beantragt – resultiert kein
rente
nbegründender Invaliditätsgrad
. Dies führt zur Abweisung der Be
schwer
de.
8.
Da es um die Bewilligung oder Verweigerung von Versicherungsleistungen geht, ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Gerichtskosten sind unabhängig vom Streit
wert festzulegen (
Art.
69
Abs.
1
bis
IVG) und auf
Fr.
800.-- anzusetzen. Entspr
e
chend dem Ausgang des Verfahrens sind sie de
m
unterliegenden Beschwerde
führer aufzuerlegen.