Decision ID: 86ae5fa3-3d19-459c-9753-4f2df8f8475b
Year: 2018
Language: de
Court: SH_OG
Chamber: SH_OG_001
Canton: SH
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A. und B. verbrachten am 1. August 2006 gemeinsam den Nationalfeiertag. In der
Hosentasche von A. befanden sich Feuerwerkskörper. Eine aus der Hosentasche
ragende Zündschnur geriet durch das von B. angezündete Feuerzeug in Brand. In
der Folge explodierte das Feuerwerk in der Hosentasche von A., wodurch er Ver-
brennungen zweiten und dritten Grades am Oberschenkel erlitt. Dies hatte einen
mehrwöchigen Spitalaufenthalt und mehrere chirurgische Eingriffe zur Folge. A.
bezieht sodann mit Wirkung ab 1. September 2007 eine ganze Rente der Invali-
denversicherung.
Das Kantonsgericht sprach B. der fahrlässigen Körperverletzung schuldig; die
adhäsionsweise geltend gemachte Zivilklage von A. hiess es im Grundsatz gut und
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verwies sie im Übrigen auf den Weg des ordentlichen Zivilprozesses. Im nach-
folgenden Zivilprozess wies das Kantonsgericht die Schadenersatzklage von A.
ab. Dessen Berufung wies das Obergericht ebenfalls ab.

Aus den Erwägungen
2. Mit Berufung kann unrichtige Rechtsanwendung und unrichtige Fest-
stellung des Sachverhalts geltend gemacht werden (Art. 310 ZPO).
Nach Art. 311 Abs. 1 ZPO muss die Berufung eine Begründung enthalten. Be-
gründen im Sinne der genannten Vorschrift bedeutet aufzeigen, inwiefern der
angefochtene Entscheid als fehlerhaft erachtet wird. Dies setzt voraus, dass der
Berufungskläger im Einzelnen die vorinstanzlichen Erwägungen bezeichnet, die er
anficht, und die Aktenstücke nennt, auf denen seine Kritik beruht. Das vorinstanz-
liche Verfahren wird nicht einfach fortgeführt oder gar wiederholt. Namentlich
genügt es nicht, pauschal auf die Ausführungen vor Vorinstanz zu verweisen oder
die bereits vor Vorinstanz vorgetragenen Ausführungen, die von dieser bereits
diskutiert worden sind, zu wiederholen (BGer 4A_382/2015 vom 4. Januar 2016
E. 11.3.1; 5A_438/2012 vom 27. August 2012 E. 2.2; 4A_659/2011 vom 7. Dezem-
ber 2011 E. 3; BGE 138 III 374 E. 4.3.1 S. 375; OGer ZH LB110049-O/U vom
5. März 2012 E. 1.1; Reetz/Theiler, in: Sutter-Somm/Hasenböhler/Leuenberger
[Hrsg.], Kommentar zur Schweizerischen Zivilprozessordnung [ZPO], 3. A., Zürich/
Basel/Genf 2016, Art. 311 N. 36, S. 2440 ff.).
3. Wer einem andern widerrechtlich Schaden zufügt, sei es mit Absicht, sei es
aus Fahrlässigkeit, wird ihm zum Ersatze verpflichtet (Art. 41 Abs. 1 OR). Eine
Haftung setzt kumulativ einen Schaden, einen natürlichen und adäquaten Kausal-
zusammenhang zwischen schädigendem Verhalten und Schaden, Widerrechtlich-
keit der Schädigung und ein Verschulden des Schädigers voraus (Martin A.
Kessler, in: Honsell/Vogt/Wiegand [Hrsg.], Basler Kommentar, Obligationenrecht I,
6. A., Basel 2015, Art. 41 N. 2c, S. 321). Der Schaden wird definiert als die Dif-
ferenz zwischen dem aktuellen Vermögensstand des Geschädigten infolge des
schädigenden Ereignisses und dem hypothetischen Stand, den sein Vermögen
ohne das schädigende Ereignis hätte (BGE 132 III 321 E. 2.2.1 S. 323 f.). Der
Schaden kann in einer Verminderung der Aktiven, einer Vermehrung der Passiven
(damnum emergens) oder in entgangenem Gewinn (lucrum cessans) bestehen
(Kessler, Art. 41 N. 6, S. 323).
Körperverletzung gibt dem Verletzten Anspruch auf Ersatz der Kosten, sowie auf
Entschädigung für die Nachteile gänzlicher oder teilweiser Arbeitsunfähigkeit, unter
Berücksichtigung der Erschwerung des wirtschaftlichen Fortkommens (Art. 46
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Abs. 1 OR). Der zu ersetzende Erwerbsschaden besteht in den wirtschaftlichen
Auswirkungen der durch eine Körperverletzung bewirkten Arbeitsunfähigkeit
(Kessler, Art. 46 N. 5–7, S. 374). Ist die verletzte Person unselbständig erwerbend,
besteht der Schaden in der konkret erlittenen Lohneinbusse (Christoph Müller,
Handkommentar zum Schweizer Privatrecht, 2. A., Zürich 2012, Art. 46 OR N. 8,
S. 316).
Zwischen einem haftungsbegründenden Umstand und dem Schaden, dessen
Ersatz verlangt wird, muss das Verhältnis zwischen Ursache und Wirkung
bestehen (Kausalzusammenhang). Dieses ist gegeben, wenn ein Verhalten un-
abdingbare Voraussetzung für ein Schadensereignis ist (sogenannte natürliche
Kausalität). Zudem wird im Sinne des adäquaten Kausalzusammenhangs nur eine
Ursache als haftungsbegründend angesehen, die nach dem gewöhnlichen Lauf
der Dinge und den Erfahrungen des Lebens geeignet ist, einen Erfolg wie den
eingetretenen herbeizuführen oder mindestens zu begünstigen (Kessler, Art. 41
N. 15 f., S. 326, mit Hinweisen auf die bundesgerichtliche Rechtsprechung).
3.1. Wer Schadenersatz beansprucht, hat den Schaden zu beweisen (Art. 42
Abs. 1 OR). Der Kläger hat die anspruchsbegründenden Tatsachen zu behaupten.
Die Anforderungen an die Substanzierung der Behauptungen ergeben sich einer-
seits aus den Tatbestandsmerkmalen der angerufenen Norm und anderseits aus
dem prozessualen Verhalten der Gegenpartei. Tatsachenbehauptungen müssen
dabei so konkret formuliert sein, dass ein substanziertes Bestreiten möglich ist
oder der Gegenbeweis angetreten werden kann. Bestreitet der Prozessgegner das
an sich schlüssige Vorbringen der behauptungsbelasteten Partei, kann diese ge-
zwungen sein, die rechtserheblichen Tatsachen nicht nur in den Grundzügen, son-
dern so umfassend und klar darzulegen, dass darüber Beweis abgenommen wer-
den kann. Wird das Vorliegen eines vorerst nur pauschal behaupteten Schadens
vom Prozessgegner bestritten, hat der Ansprecher deshalb die einzelnen kon-
kreten Tatsachen vorzutragen, welche Grundlage für die Qualifizierung einer Ver-
mögenseinbusse als rechtlich relevanter Schaden bilden (BGE 127 III 365 E. 2b
S. 368, mit Hinweisen; BGer 4A_724/2016 vom 19. Juli 2017 E. 3.1; 5A_749/2016
vom 11. Mai 2017 E. 4).
3.2. Mit Strafurteil vom 14. August 2007 hiess der Einzelrichter des Kantons-
gerichts [...] die Adhäsionsklage im Grundsatz gut. Im Übrigen wurde die Zivilklage
auf den Weg des ordentlichen Zivilprozesses gewiesen.
Der Berufungskläger verlangt im vorliegenden Zivilprozess vom Berufungsbeklag-
ten Schadenersatz aus Erwerbsausfall für die Jahre 2009 bis 2012 [...]
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3.3. Das Kantonsgericht hat zum Schadenersatzbegehren unter anderem fest-
gehalten, der Berufungskläger habe den Schaden und den Kausalzusammenhang
in Bezug auf die Verletzungsfolgen, die Arbeitsunfähigkeit und den damit einher-
gehenden geltend gemachten Erwerbsausfall der Jahre 2009 bis 2012 ungenü-
gend substanziert. Aus der Klageschrift sei in keiner Weise ersichtlich, an welchen
konkreten Beschwerden der Berufungskläger im massgebenden Zeitraum gelitten
habe, inwiefern sich diese auf seine Erwerbsfähigkeit ausgewirkt und welchen Zu-
sammenhang die Beschwerden in den Jahren 2009 bis 2012 zum schädigenden
Ereignis vom 1. August 2006 hätten. Selbst in der Replik, nach dem Hinweis des
Vertreters des Berufungsbeklagten auf die unzureichende Substanzierung in der
Klageantwortschrift, habe der Berufungskläger die Arbeitsunfähigkeit lediglich pau-
schal mit "psychischen Beeinträchtigungen" und "somatischen Folgen" begründet,
ohne diese näher zu spezifizieren, weshalb völlig unklar geblieben sei, an welchen
Beschwerden mit Auswirkungen auf die Erwerbsfähigkeit der Berufungskläger in
den Jahren 2009 bis 2012 gelitten habe und welchen Ursprungs diese Beschwer-
den gewesen seien. Obwohl im Rahmen des IV-Verfahrens die gesundheitliche
Situation überprüft worden und in der Folge eine volle IV-Rente zugesprochen wor-
den sei, habe der Berufungskläger keinerlei Bezug auf die dort gemachten ärztli-
chen Feststellungen genommen. Würde – entgegen der bundesgerichtlichen
Rechtsprechung – der Verweis auf Aktenstücke als genügend erachtet werden,
ergäben sich die nötigen Angaben zum Sachverhalt auch nicht aus den eingereich-
ten Beilagen. Festzuhalten bleibe, dass die SUVA (die Unfallversicherung des Be-
rufungsklägers) den Fall per Ende Dezember 2006 abgeschlossen habe. Eine An-
meldung eines Rückfalls oder von Spätfolgen für die danach eingetretenen Be-
schwerden (...) sei offenbar nie erfolgt, obwohl der Berufungskläger allenfalls Leis-
tungen zugute gehabt hätte.
Richtig sei, dass die Zivilklage mit Strafurteil vom 14. August 2007 dem Grundsatz
nach gutgeheissen worden sei. Aus dem Strafurteil gehe indessen nicht hervor,
welche Fragen der Haftpflicht entschieden worden seien und welche noch zu
beurteilen blieben. Da die gesundheitlichen Folgen nicht abschliessend hätten be-
urteilt werden können, habe der Zivilkläger beantragt, die Zivilforderung im Grund-
satz gutzuheissen. Daraus erhelle, dass der vorliegend geltend gemachte Er-
werbsausfall für die Jahre 2009 bis 2012 gar nicht Gegenstand der Prüfung des
Strafrichters gewesen sei, dieser – zukünftige – Schaden im Zeitpunkt des Straf-
urteils noch nicht absehbar gewesen und daher vom Vertreter des Zivilklägers be-
wusst offengelassen worden sei.
[...]
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3.4.1. Zu einem grossen Teil wiederholt der Berufungskläger in seiner Berufungs-
schrift die wesentlichen Ausführungen seiner Klage- und Replikschrift vor Kantons-
gericht. Das Kantonsgericht hat sich mit diesen Ausführungen auseinandergesetzt.
Mit dem Wiederholen der vor Erstinstanz gemachten Ausführungen wird deshalb
nicht ersichtlich, inwieweit das Kantonsgericht mit der Feststellung, der Berufungs-
kläger habe seine Klage nicht rechtsgenüglich substanziert, Recht verletzt oder
den Sachverhalt unrichtig festgestellt haben soll. Insoweit erfüllt die Berufung die
formellen Anforderungen nicht und es ist auf die betreffenden Ausführungen nicht
einzugehen.
[...]
3.5. Die Parteien haben dem Gericht die Tatsachen, auf die sie ihre Begehren
stützen, darzulegen und die Beweismittel anzugeben (Art. 55 Abs. 1 ZPO). Ist das
Vorbringen einer Partei unklar, widersprüchlich, unbestimmt oder offensichtlich un-
vollständig, so gibt ihr das Gericht durch entsprechende Fragen Gelegenheit zur
Klarstellung und zur Ergänzung (Art. 56 ZPO).
Nach der Verhandlungsmaxime tragen grundsätzlich die Parteien die Verantwor-
tung für die Beibringung des Tatsachenfundaments. Der Zweckgedanke der all-
gemeinen gerichtlichen Fragepflicht nach Art. 56 ZPO besteht darin, dass eine Par-
tei nicht wegen Unbeholfenheit ihres Rechts verlustig gehen soll, indem der Richter
bei klaren Mängeln der Parteivorbringen helfend eingreifen soll. Bei anwaltlich
vertretenen Parteien hat die richterliche Fragepflicht nur eine sehr eingeschränkte
Tragweite (BGer 4A_336/2014 vom 18. Dezember 2014 E. 7.6 mit Hinweisen). Die
gerichtliche Fragepflicht dient nicht dazu, prozessuale Nachlässigkeiten der
Parteien auszugleichen (statt vieler BGer 4A_628/2016 vom 20. Dezember 2016
E. 4.2.3 m.w.H.). Ist die Klage ungenügend substanziert und hat die beklagte Partei
darauf hingewiesen, so entfällt zumindest bei vertretenen Parteien im ordentlichen
Verfahren daher grundsätzlich die Fragepflicht (vgl. BGer 4A_724/2016 vom
19. Juli 2017 E. 4.1; BGer 4A_635/2009 vom 24. März 2010 E. 2.2; 4A_169/2011
vom 19. Juli 2011 E. 5.4; Sutter-Somm/Grieder, in: Sutter-Somm/Hasenböhler/
Leuenberger [Hrsg.], Kommentar zur Schweizerischen Zivilprozessordnung [ZPO],
3. A., Zürich/Basel/Genf 2016, Art. 56 N. 30 f., S. 491 f., mit Hinweisen).
3.5.1. Der Berufungsbeklagte hatte in seiner Klageantwort an mehreren Stellen
darauf hingewiesen, dass Schaden und Kausalzusammenhang ungenügend
substanziert seien. Insbesondere führte er an, der Berufungskläger behaupte nicht,
dass er im Unfallzeitpunkt, am 1. August 2006, voll erwerbsfähig gewesen sei und
auch ein Erwerbseinkommen erzielt habe. Nach der Operation in der A.-Klinik [...]
im Mai 2012 sei der Berufungskläger bloss für zwei Wochen nicht flugreisefähig
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gewesen, aber es sei darauf hinzuweisen, dass eine Arbeitsunfähigkeit nicht at-
testiert worden sei. Gemäss Regressabrechnung der SUVA sei der Fall bereits im
Jahr 2006 medizinisch als erledigt abgeschlossen worden. Die IV-Rente habe ihre
Ursache eventuell nicht im Ereignis vom 1. August 2006, sondern in vorbestehen-
den Krankheiten und krankhaften Entwicklungen des Berufungsklägers resp. in
seiner konstitutionellen Prädisposition. Das Einkommen des Berufungsklägers in
den drei Jahren vor dem 1. August 2006 habe im Wesentlichen aus ALV-Leistun-
gen und Sozialhilfe bestanden. Somit fehle es für die Geltendmachung eines Er-
werbsschadens an einem durch das Ereignis vom 1. August 2006 beeinträchtigten
oder verunmöglichten Erwerbseinkommen. Es sei kein Schaden behauptet wor-
den, der nicht durch die Taggeld– und Heilungskostenleistungen der SUVA und
die Renten der IV gedeckt worden wäre. Ein Ablauf vom Zünden der Feuerwerks-
körper – schwere Verbrennungen – Spitalaufenthalt – Hauttransplantation – Bett-
lägerigkeit – Thrombosen – Lungenembolie – psychische Fehlverarbeitung – Er-
werbsunfähigkeit könne der Berufungskläger nur aufzählen, aber nicht als Kausal-
kette substanzieren. Der Berufungskläger behaupte nicht, welche Verletzungen
ihm zugefügt worden seien und welches die psychischen Auswirkungen heute und
in Zukunft seien.
3.5.2. Der anwaltlich vertretene Berufungskläger hatte demnach die nötigen
Hinweise, um in seiner schriftlichen Replik seine Ausführungen zum Schaden und
Kausalzusammenhang näher zu substanzieren. Hingegen konnte er, da er ver-
treten war und die Gegenseite auf eine mangelnde Substanzierung hinwies, nicht
damit rechnen, dass das Kantonsgericht zusätzlich vor oder mit Anordnung des
zweiten Schriftenwechsels Fragen zur Anspruchsgrundlage stellen würde. Jeden-
falls war es dazu nicht verpflichtet. Sodann wäre eine Ausübung der gerichtlichen
Fragepflicht nach Durchführung des zweiten Schriftenwechsels unzulässig ge-
wesen, da jene zumindest im ordentlichen Verfahren vor Aktenschluss stattzufin-
den hat und dieser mit Abschluss des zweiten Schriftenwechsels eintritt (Sutter-
Somm/Grieder, Art. 56 N. 36 S. 493; Botschaft des Bundesrats zur Schweizeri-
schen Zivilprozessordnung vom 28. Juni 2006, BBl 2006 7221 ff. 7341; BGE 140
III 312 E. 6 S. 313 ff.).
3.5.3. Dass das Kantonsgericht gegenüber dem Berufungskläger keine Substan-
zierungshinweise gemacht hat, ist nach dem Gesagten nicht zu beanstanden. Eine
Verletzung der gerichtlichen Fragepflicht nach Art. 56 ZPO liegt daher nicht vor.