Decision ID: 27d8cfc0-2499-4824-b23c-e4427386d0b6
Year: 2021
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
X._
, geboren 1989, ist gelernte
Coiffeuse
und verfügt über ein Handels
diplom (HSO)
.
Sie war in einem Pensum von 100
%
bei der
Z._
AG als Management
Assistant
angestellt, als sie sich a
m 2
3.
März 2018 unter Angabe von psychischen Beschwerden bei der Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle,
zum Leistungsbezug
an
meldete
(
Urk.
8/2
; Eingang der Anmeldung am
4.
April 2018,
Urk.
8/5
).
Die IV-Stelle traf medizinische und erwerbliche Abklärungen und stellte der Versicherten mit Vorbescheid vom
4.
Januar 2019
(
Urk.
8/26)
in Aussicht, dass sie ihr Leistungsbegehren abweisen werde, da sie weder einen Anspruch auf eine Rente noch auf berufliche Einglie
derungsmassnamen habe.
Dagegen erhob die Versicherte am 2
4.
Januar
2019 Einwand
(
Urk.
8/28)
und legte
insbesondere
eine
Bestätigung
der Tagesklinik
A._
über
die gegen
wär
tige
teilstationäre Behandlung
bei
(
Urk.
8/27).
In ihrer Stellungnahme vom 2
1.
November 2019
(Ur. 8/41)
im Rahmen des
Einwandverfahrens
ersuchte sie um Unterstützung bei der Suche nach einem passenden Arbeitsplatz und um Job
coaching beim Start an einem neuen Arbeitsplatz, da sich auch die am 2
7.
März 2019 bei der
B._
AG an
genommene 60%-Selle als ungeeignet
erwiesen
habe.
Die IV-Stelle nahm die psychiatrische Kurzbeurteilung
vom 1
4.
Juli 2020 von
Dr.
med.
C._
, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie FMH und Facharzt für Neurologie FMH, zu Händen des Krankentaggeldversicherers
(
Urk.
8/53/2-31) zu den Akten, holte den Bericht
der psychiatrischen Klinik
D._
vom 1
8.
Februar 2020
(stationärer Aufenthalt vom 3
0.
Oktober bis 2
2.
Dezember 2019,
Urk.
8/
61) sowie den Bericht des behandelnden Psychiaters
Dr.
med.
E._
, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, vom 1
6.
November 2020
(
Urk.
8/62)
ein.
Mit Vorbescheid vom 6.
Januar 2021 stellte sie
der Versicherten
erneut die Abweisung des Leistungsbegehrens in Aussicht (
Urk.
8/64)
und bestätigte diese
mit
V
erfügung vom 19.
Februar 2021 (
Urk.
2).
2.
Dagegen erhob
die
Versicherte am
22. März 2021 (Urk. 1)
Beschwerde und b
ean
tragte, diese sei aufzuheben
und
es sei ihr
eine Rente der Invalidenversicherung
zuzusprechen
. Ferner sei
festzustellen, dass sie einen grundsätzlichen Anspruch auf berufliche Massnahmen habe
;
die Angelegenheit
sei
diesbezüglich
an die Be
schwerdegegnerin
zurückzuweisen, damit diese ergänzende
Abklärungen hin
sichtlich der geeigneten beruflichen Massnahmen
vornehme.
E
ventualiter seien ergänzende medizinische Abklärungen vorzunehmen. Daneben beantragte die
Beschwerdeführerin die Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung sowie die Anordnung eines zweiten Schriftenwechsels
(
S.
2).
Die IV-Stelle beantragte mit Beschwerdeantwort vom
17. Mai 2021 (Urk. 7
) die Abweisung der Beschwerde
, was der
Beschwerdeführerin
mit Verfügung vom 16.
Juni 2021
(Urk. 12)
zur Kenntnis gebracht
wurde
.
Gleichzeitig
wurde mitge
teilt, dass ein weiterer Schriftenwechsel vom Gericht als n
icht erforderlich erachtet
werde
,
es
den Parteien jedoch
unbenommen
sei
, sich nochmals zur Sache zu äussern und weitere Unterlagen einzureichen
.
Am
5. Juli 2021 (Urk. 13) reichte die Beschwerdeführerin eine Stellungnahme
von
Dr.
E._
zur RAD-Beurteilung
vom 1
4.
Dezember 2020 (
Urk.
8/63/
S.
6 f.)
ein (Urk. 14). Am 26. Juli 2021 (Urk. 18) verzichtete die Beschwerdegegnerin auf eine Stellungnahme dazu, was der Beschwerdeführerin mit Schreiben vom 27. Juli 2021 (Urk. 19) zur Kenntnis gebracht wurde.
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allge
meinen
Teil des Sozialv
ersicherungsrechts,
ATSG
). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kom
menden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der ge
sundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.2
Die Annahme eines psychischen Gesundheitsschadens im Sinne von Art. 4 Abs. 1 des Bundesgesetzes
über die Invalidenversicherung (IVG)
sowie Art. 3 Abs. 1 und Art. 6 ATSG setzt eine psychiatrische, lege
artis
auf die Vorgaben eines aner
kannten Klassifikationssystems abgestützte Diagnose voraus (vgl. BGE 145 V 215 E. 5.1,
143 V 409 E. 4.5.2, 141 V 281 E. 2.1, 130 V 396 E. 5.3 und E. 6). Eine fachärztlich einwandfrei festgestellte psychische Krankheit ist jedoch nicht ohne Weiteres gleichbedeutend mit dem Vorliegen einer Invalidität. In jedem Einzelfall muss eine Beeinträchtigung der Arbeits- und Erwerbsfähigkeit unabhängig von der Diagnose und grundsätzlich unbesehen der Ätiologie ausgewiesen und in ihrem Ausmass bestimmt sein. Entscheidend ist die nach einem weitgehend ob
jektivierten Massstab zu beurteilende Frage, ob es der versicherten Person zu
mutbar ist, eine Arbeitsleistung zu erbringen (BGE 145 V 215 E. 5.3.2, 143 V 409 E. 4.2.1, 141 V 281 E. 3.7, 139 V 547 E. 5.2, 127 V 294 E. 4c; vgl. Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.3
Mit BGE 145 V 215 liess das Bundesgericht die bisherige Rechtsprechung
fallen, wonach primäre Abhängigkeitssyndrome beziehungsweise Substanzkonsum
stö
rungen zum vornherein keine invalidenversicherungsrechtlich relevanten Gesund
heitsschäden darstellen können, und ihre funktionellen Auswirkungen deshalb keiner näheren Abklärung bedürfen. Fortan ist - gleich wie bei allen anderen psychischen Erkrankungen - nach dem strukturierten Beweisverfahren zu ermit
teln, ob und gegebenenfalls inwieweit sich ein fachärztlich diagnostiziertes Abhängigkeitssyndrom im Einzelfall auf die Arbeitsfähigkeit der versicherten Person auswirkt.
1.4
Anspruch auf eine Rente haben gemäss
Art.
28
Abs.
1 IVG Versicherte, die:
a.
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betä
tigen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen
wieder herstellen
, erhalten oder verbessern können;
b.
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindes
tens 40 % arbeitsunfähig (
Art.
6 ATSG) gewesen sind; und
c.
nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (
Art.
8 ATSG) sind.
Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % besteht Anspruch auf eine
Vier
telsrente
, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 % auf eine
Dreiviertelsrente
und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 % auf eine ganze Rente (
Art.
28
Abs.
2 IVG).
1.
5
Um den Invaliditätsgrad
bemessen zu können, ist die Verwaltung (und im Be
schwerdefall das Gericht) auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und gege
be
nenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 256 E. 4). Im Weiteren sind die ärztlichen Auskünfte eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche Arbeitsleistungen der versicherten Person noch zugemutet werden können (BGE 125 V 256 E. 4 mit Hinweisen; AHI 2002 S. 70 E. 4b/cc).
1.
6
Sowohl
das
Verwaltungsverfahren wie auch der kantonale Sozialversiche
rungs
prozess sind vom
Untersuchungsgrundsatz
beherrscht. Danach haben Verwaltung und Sozialversicherungsgericht den rechtserheblichen Sachverhalt von Amtes wegen festzustellen. Diese Untersuchungspflicht dauert so lange, bis über die für die Beurteilung des streitigen Anspruchs erforderlichen Tatsachen hinreichende
Klarheit besteht. Führen die im Rahmen des
Untersuchungsgrundsatz
es von A
mtes wegen vorzunehmenden Abklärungen den Versicherungsträger oder das Gericht bei umfassender, sorgfältiger, objektiver und inhaltsbezogener Beweiswürdigung (BGE 132 V 393 E. 4.1) zur Überzeugung, ein bestimmter Sachverhalt sei als überwiegend wahrscheinlich zu betrachten
, und es könnten weitere
Beweis
mass
nahmen
an diesem feststehenden Ergebnis nichts mehr ändern, so liegt im Ver
zicht auf die Abnahme weiterer Beweise keine
Verletzung
des Anspruchs auf
rechtliches Gehör (antizipierende Beweiswürdigung; BGE 136 I 229 E. 5.3
;
mit weiteren Hinweisen). Bleiben jedoch erhebliche Zweifel an Vollständigkeit und/oder Richtigkeit der bisher getroffenen Tatsachenfeststellung bestehen, ist weiter zu ermitteln, soweit von zusätzlichen
Abklärungsmassnahmen
noch neue
wesentliche Erkenntnisse zu erwarten sind (Urteil des Bundesgerichts 9C_
662/2016 vom 15. März 2017 E. 2.2 mit Hinweis).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin
begründete ihre leistungsabweisende
Verfügung vom
19
.
Februar
202
1
(Urk. 2)
damit,
dass
auch unter Berücksichtigung des im
Vor
bescheidverfahren
eingereichten Berichtes über den Aufenthalt in der Tagesklinik
A._
eine gute Prognose bestehe und eine Erwerbsunfähigkeit nicht mehr ausgewiesen sei.
Anspruch auf eine Rente bestehe, wenn die gesundheitliche Ein
schränkung schwer, langandauernd und nicht mehr behandelbar sei. Diese Vor
aussetzungen seien nicht erfüllt. Aus diesem Grund habe die Beschwerdeführerin
weder
Anspruch auf eine Invalidenrente
noch auf
berufliche Eingliederungsmass
nahmen (S. 1 f.).
2.2
Die
Beschwerdeführer
in
erklärte, dass sie sich
mit der Beurteilung des RAD nicht einverstanden erklären
könne
. Die behandelnden Ärzte
hätten
Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit aus
gewiesen
. Daraus ergebe sich seit dem
4. September 2017
durchgehend
eine Arbeitsunfähigkeit von mindestens 40 %
.
Aufgrund der
attestierten Arbeitsunfähigkeiten bestehe nach Ablauf des Warte
jahres im Oktober 2018
ein Rentenanspruch
(S. 10)
. Gestützt auf die ärztliche Empfehlung,
aufgrund ihres
subjektiven Eingliederungswillen
s
und
wegen der
grundsätzlich gute
n
Prognose seien ihr, sobald sie wieder über die notwendige minimale Arbeitsfähigkeit verfüge, berufliche Massnahmen zukommen zu lassen (S. 10 f.)
.
Der RAD stehe mit der grundsätzlichen Verneinung, dass überhaupt irgendein Gesundheitsschaden mit Krankheitswert vorliege, im Widerspruch zu sämtlichen Berichte
n
der behandelnden Ärzte. Vor diesem Hintergrund könne nicht alleine auf die
RAD-
Beurteilung abgestellt werden (S. 11 f.)
.
2.3
Strittig und zu prüfen ist, ob
die Beschwerdeführerin Anspruch auf
eine Inva
lidenr
ente
und
berufliche Massnahmen hat
.
3.
3.
1
Dr. med. univ.
F._
, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie FMH,
bei welcher sich die Beschwerdeführerin seit Oktober 2017 in Behandlung befand (vgl. Urk. 8/2 Ziff. 6.5),
nannte in ihrem Blitz-Arztzeugnis
zur Arbeitsunfähigkeit zu Händen der
Visana
vom 10. Februar 2018 (Urk. 8/10/5) als Diagnose eine mittelgradige depressive Episode (ICD-10 F32.1). Sie attestierte eine 100%ige Arbeitsunfähigk
eit vom 14. Oktober 2017 bis
5
.
Januar 2018.
3.
2
Der psychiatrischen Kurzbeurteilung von
Dr.
C._
vom 1
4.
Juli 2020
(
Urk.
8
/53/2-31 und E. 3.9) ist zu entnehmen, dass
die Beschwerdeführerin
vom
5.
Januar bis
2.
Februar 2018 in der
Klinik G._
AG hospitalisiert war.
Dr. med.
H._
, Praktische Ärztin FMH, und med.
pract
.
I._
hätten
in ihrem Bericht vom 2. Februar 2018 (
welcher sich nicht in den Akten befindet,
vgl. Urk. 8/53 S. 4) als Diagnosen
p
syc
hische und Verhaltensstörungen
durch Kokain (ICD-10 F14.2),
durch
Alkohol (ICD-10 F
10.2
)
und
durch
Tabak (ICD-10 F17.2)
,
jeweils
mit
Abhängkeitssyndrom
,
sowie eine
Bulimia
nervosa
(ICD-10 F50.2)
genannt
.
3.
3
Dr. med.
J._
, Assistenzarzt Psychiatrie
am
K._
Zentrum für Suchtmedizin
nannte
in seinem
Bericht
vom 20. März 2018 (Urk. 8/10/3-4) als Diagnosen ein Abhängigkeitssyndrom, eine depressive Episode und
eine
A
norexie. Er führte aus,
dass
die
volle Wiederaufnahme der bisher
igen beruflichen Tätigkeit
bis sechs Monate gefährdet sein
könne
. Die teilweise
,
30%ige Arbeitsaufnahme (12 Stun
den) sei in zwei Wochen geplant. In einer angepassten Tätigkeit besteh
e eine 30%ige Arbeitsfähigkeit.
In seinem Verlaufsbericht vom 14. April
2018 (Urk. 8/21/14-15)
erklärte
Dr.
J._
, im Moment
arbeite
die Beschwerdeführerin
als Assistentin bei der
Z._
zu 30 %.
Im
Rahmen
der
beruflichen
Rehabilitation
sollte sie
nicht mehr als drei Stunden
pro Tag
arbeiten (S. 2 unten).
3.
4
Dr. med.
L._
, Facharzt FMH für Psychiatrie und Psychotherapie, stellte in seinem Bericht vom 4. Juli 2018 (Urk. 8/21/6-11)
zu Händen der
Visana
folgende Diagnosen (S. 5):
-
Bulimia
nervosa
(ICD-10 F50.2)
-
Psychische und Verhaltensstörung durch Kokain, mit Abhängigkeit, gegenwärtig abstinent (ICD-10 F14.20)
-
Psychische und Verhaltensstörung durch
Alkohol
, mit Abhängigkeit, g
egenwärtig abstinent (ICD-10 F10
.20)
-
Depressive Episode, gegenwärtig remittiert (ICD-10 F32.4)
Dr.
L._
führte aus, dass die Beschwerdeführerin
aus psychiatrischer Sicht zu ca. 60
% arbeitsfähig
sei; dies entspreche dem tatsächlichen Arbeitspensum seit dem 1
8.
Juni 201
8.
Aufgrund der Gefahr einer effektiven und kognitiven Über
for
derung, zu
grossen
Belastung und
einer
damit verbundene
n
grössere
n
Fehler
anfälligkeit sei es empfehlenswert, das Arbeitspensum langsam und sukzessive zu
steigern (S. 5 unten).
Als
krankheitsfremder Faktor mit Auswirkung auf die Arbeits
fähigkeit
sei die
- aus psychiatrischer Sicht krankheitswertige -
Suchtproblematik zu erwähnen, welche derzeit professionell behandelt werde und sich zudem deutlich
gebessert habe
.
(S. 6 oben).
3.
5
In seinem Verlaufsbericht vom 16. Oktober 2018 (Urk. 8/21/4-5)
hielt Dr.
J._
fest,
dass
die Beschwerdeführerin
im Moment
in einer angepassten Tätigkeit nicht arbeitsfä
hig
sei
.
Es bestehe
zwar
eine gute Prognose, aber es brauche viel Zeit und Therapien.
3.
6
V
om 14. Januar bis 21. März 2019
wurde
die Beschwerdeführerin
in der
Tages
klinik
A._
behandelt
(vgl. Urk. 8/36 Ziff. 1.
2
)
.
Dr.
C._
führte in seiner psychiatrischen Kurzbeurteilung
(E. 3.9)
den Austrittsbericht
vom 2
8.
März 2019
von
Dr.
med.
M._
, Therapeutische Leiterin
,
an
(
befindet sich nicht in den Akten
,
vgl. Urk. 8/53/2-31 S. 7
f.
)
.
Dr.
M._
habe
folgende Hauptdiagnosen
genannt
(S. 7 oben)
:
-
Rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig mittelgradige Episode (ICD-10 F33.1)
-
Psychische und Verhaltensstörung durch Alkohol: Abhängigkeitssyndrom (ICD-10 F10.2)
-
Psychische und Verhaltensstörung durch Kokain: Schädlicher Gebrauch (ICD-10 F14.1)
-
Bulimia
nervosa
(ICD-10 F50.2)
Die Ärztin habe
eine vollständige
Arbeitsunfähigkeit für den gesamten Zeitraum des tagesklinischen Aufenthalts bestätigt. Bei Austritt
habe
weiterhin eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit
bestanden
, welche
Dr.
M._
bis und mit 26. März 2019 bescheinigt
habe
. Ab dem 27. März 2019
habe sie die Arbeitsunfähigkeit auf 40
%
eines vollen Pensums geschätzt und dies
bis und mit 7. April 2019 bescheinigt (S. 8 unten).
3.
7
Facharzt
N._
, Psychiatrie und Psychotherapie FMH,
berichtete am 1
8.
Juli, dass er die Beschwerdeführerin anlässlich eines
einmaligen
Kontrolltermins nach ihrem Aufenthalt in der Tagesklinik
A._
vom 1
4.
Januar bis 2
1.
März 2019
untersucht
habe.
Da das Zustandsbild stabil gewesen sei und keine Indi
kation für eine psychiatrisch-psychotherapeutische Behandlung bestanden habe, sei die B
ehandlung beendet wo
rden, wobei sich
Facharzt
N._
bei künftigem Bedarf für eine weitere Behandlung anerboten habe. Zur Erstellung des Berichts zu Händen der Beschwerdegegnerin hat
er
die Beschwerdeführerin am
9.
Juli 2019
nochmals aufgeboten und
befragt.
I
n seinem Bericht vom 18. Juli 2019 (Urk. 8/36)
nannte er
folgende Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeits
fähig
keit (S. 1 Ziff. 1.1):
-
Rezidivierende depressive Störung (ICD-10 F33)
-
Störung
en
durch Alkohol, Abhängigkeitssyndrom, gegenwärtig abstinent (ICD-10 F10.20)
-
Vorbeschriebene psychische Verhaltensstörungen durch Kokain
seien
aktuell im Sinne eines schädlichen Gebrauchs nicht vorhanden
-
Vorbeschriebene
Bulimia
nervosa
(ICD-10 F50.2), aktuell keine Symptom
haftigkeit
Facharzt
N._
führte an,
er selber habe in der Vergangenheit keine Arbeits
unfähigkeit attestiert.
D
ie Beschwerdeführerin
sei
während des Aufenthalts in der Tagesklinik und anschliessend bis am 2
6.
März 2019 vollständig arbeitsunfähig gewesen.
Ab dem 27. März
2019
sei durch die Tagesklinik bezogen auf eine volle
Tätigkeit eine 40%ige Arbeitsunfähigkeit attestiert worden bis zum 7. April 2
01
9.
Eine Arbeitsunfähigkeit zu 40
% sei durch den Hausarzt fortgesetzt atte
stiert worden (Ziff. 1.3).
E
ine
60%
ige Arbeitsfähigkeit sei
aktuell dem Zustandsbild der
Beschwerdeführerin angemessen.
Als Funktionsstörungen bestünden eine schnelle
Erschöpfbarkeit, ein erhöhter Pausenbedarf sowie bei steigender Arbeitsbelastung
Konzentrations- und Gedächtnisstörungen (Ziff. 3.4). Aufgrund der Vorge
schichte
und der psychiatrischen Diagnosen sei eine Verschlechterung der psychopatho
logischen Situation nicht auszuschliessen.
Eine Teilarbeitsfähigkeit sei mittel- bis langfristig notwendig und dem Zustandsbild angemessen (Ziff. 2.7).
Die Situation sei unter den aktuellen Rahmenbedingungen und mit der Tätigkeit zu 60
% stabil (Ziff. 2.8).
3.
8
Gestützt
auf den Bericht von
Facharzt
N._
vom 18. Juli 2019 (E. 3.
7
) ging
RAD-
Ärtzin
Dr. med.
O._
, Fachärztin Psychiatrie und Psychotherapie FMH,
in ihrer Stellungnahme vom
1. November 2019 (Urk. 8/63 S. 4) davon aus, dass aktuell kein langanhaltender Gesundheitsschaden ausgewiesen sei.
3.
9
Dr.
C._
stellte in
seiner
psychiatrischen Kurzbeurteilung vom 14. Juli
2020
(Urk.
8
/
53/2-31
) folgende Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit (S.
24
unten
):
-
Emotional instabile Persönlichk
eitsstörung vom
Borderline
-
Typ (ICD-10 F60.3
1
)
-
Psychische und Verhaltensstörungen durch psychotrope Substanzen, psychische
und
Verhaltensstörungen durch Alkohol, Abhängigkeits
syn
drom
(ICD-10 F10.23)
, gegenwärtig abstinent, in Behandlung mit aver
siven oder hemmenden Medikamenten (
Antabus
)
;
Daneben stellte Dr.
C._
folgende Diagnosen ohne Auswirkungen auf die Arbeits
fähigkeit (S. 25 oben):
-
Psychische und Verhaltensstörungen durch psychotrope Substanzen, psychische und Verhaltensstörungen durch Tabak, Abhängigkeits
syn
drom, gegenwärtiger Substanzgebrauch (ICD-10 F17.24).
-
Psychische und Verhaltensstörungen durch psychotrope Substanzen, psychische und Verhaltensstörungen durch Kokain, schädlicher Gebrauch (ICD-10 F14.10).
-
Bulimia
nervosa
(ICD-10 F50.2).
Die Beschwerdeführerin befinde sich in einer psychiatrisch-psychothera
peuti
schen Behandlung mit einer Frequenz von ein bis zwei Mal pro Woche. Zusätzlich erhalte sie eine
Behandlung mit
Sertralin
50 mg
(zweimal täglich) sowie
Antabus
(eine
Tablette am Abend jeweils montags, mittwochs und freitags
)
. Die Behand
lung
entspreche den
Leitlinien
.
Dr.
C._
führte aus
,
in der zuletzt ausgeübten Tätigkeit sei die Beschwerdeführerin zu 100 % arbeitsunfähig.
Die
vorübergehend attestierte 100%ige
Arbeitsunfähigkeit
sei
durch
die reduzierten Fähigkeiten und Kompetenzen
begründet
.
Gemäs
s den
Parameter
n
der funktionellen Leistungs
fähigkeit in Anlehnung an das Mini-ICF-APP bestünden hochgradige Störungen der Aktivität und der Partizipation im Bereich der Fähigkeit zur Anwendung fachlicher Kompetenzen, zudem mittelgradige Störungen im Bereich der Fähig
keit zur Planung und Strukturierung von Au
fgaben, der Durchhaltefähigkeit und
der Selbstbehauptungsfähigkeit sowie leichtgradige Störungen im Bereich der Fähigkeit zu Spontanaktivitäten.
Medizinisch-theoretisch sei die Beschwerde
füh
rerin in einer angepassten Tätigkeit mit klar strukturierten Aufgaben, der Mög
lichkeit sich zurückzuziehen sowie reduziertem Kundenkontakt
zu 50
% arbeits
fähig.
Aufgrund des weitgehend instabilen Gesundheitszustandes werde eine IV-gestützte berufliche Wiedereingliederung, beginnend mit zwei Stunden am Tag an fünf Tagen pro Woche und einer Steigerung des Arbeitspensums innerhalb von drei Monaten auf 50 % empfohlen (S. 29 f.).
3.
10
Vom 3
0.
Oktober bis 2
2.
Dezember 2020 wurde die Beschwerdeführerin in der psychiatrischen Klinik
D._
auf der offen geführten Station für Abhän
gigkeitserkrankungen voll- und teilstationär behandelt.
PD Dr. med.
P._
und
dipl.
Ärztin
Q._
berichteten am 13.
November 2020 (Urk. 8/61), sie könnten lediglich Angaben bis zum Austritt der Beschwerdeführerin im Dezember 2019 machen. Die
Beschwerdeführerin sei vom 21.
Oktober bis 22.
Dezember 2019 arbeitsunfähig gewesen (S. 2). Bei bestehender Abstinenzmotivation und unter abstinenzstützender Therapie habe die Beschwerdeführerin bei Austritt ein stabi
les psychiatrisches Zustandsbild im Hinblick auf ihre Abhängigkeitserkrankung gezeigt. Auch die emotional instabile Persönlichkeitsstörung und die Bulimie hätten während des Aufenthaltes bei regelrechtem Essverhalten und stabilem klinische
m
Zustandsbild nicht mehr im Vordergrund gestanden (S. 4 oben).
3.
11
Dr. med.
E._
, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, bei welchem sich die Beschwerdeführerin
vom
15. Oktober 2019
bis 13. Januar 2021
in Behand
lung
befand
(vgl. Urk. 14/1)
, stellte in seinem Bericht vom 16. November 2020
(Urk. 8/62) folgende Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit (Ziff.
2.5):
-
Verdacht auf instabile Persönlichkeitsstörung (ICD-10 F60.3)
-
Psychische und Verhaltensstörung durch Alkohol, gegenwärtig abstinent (ICD-10 F10.20)
-
Psychische und Verhaltensstörung durch Kokain, schädlicher Gebrauch (ICD-10 F14.10)
Dr.
E._
attestierte vom 2
3.
bis 31.
O
ktober 2019 und vom 21.
Dezember 2019 bis 30. November 2020 eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit in der zuletzt ausge
übten Tätigkeit und im allgemein
en
Arbeitsmarkt (Ziff. 1.3).
3.
12
Nachdem die
Berichte von Dr.
C._
vom 14. Juli 2020, PD Dr.
P._
und
dipl.
Ärztin
Q._
vom
13. November 2020
und Dr.
E._
vom 16. November 2020 (E. 3.
9-E. 3.11
)
ein
ge
gangen waren, führte RAD-Ärztin
Dr.
O._
in ihrer Stel
lungnahme vom 14. Dezember 2020 (Urk. 8/63 S. 6 f.)
aus
, die Diagnose einer emotional instabilen Persönlichkeitsstörung vom
Borderline
-Typ könne nicht nachvollzogen werden.
Auch
die Einschränkungen gemäss Mini-ICF-A
PP
seien
nicht plausibel nachvollziehbar.
E
ine längerdauernde 100%ige Arbeitsun
fähig
k
eit
könne
nicht nachvollzogen werden
(S. 6)
. Die anhaltende 100%ige Arbeits
un
fähigkeit könne nur während der
Hospitalisati
o
n
nachvollzogen werden
.
Auf
grun
d des Berichts von Dr.
E._
mit dem nahezu unauffälligen psychopatho
logischen Befund
sei eine vollständige Arbeitsunfähigkeit nicht nachvollziehbar
.
Die Kurz
beurteilung
von Dr.
C._
und der Bericht von
Dr.
E._
seien nicht nachvoll
ziehbar.
Es
werde zwar mit der Persönlichkeitsstörung eine neue Diagnose ge
stellt, die
se sei jedoch
nicht nachvollziehbar und damit
ni
cht
z
u berücksichtigen
. Ausser einer Suchterkrankung, die allerdings aktuell behandelt sei, lägen keine langanhaltenden gesundheitlichen Einschränkungen vor (S. 7
oben
).
3.
13
I
m vorliegenden Beschwerdeverfahren
reichte die
Beschwerdeführerin
den Be
richt
von Dr.
E._
vom 1. Juli 2021 (Urk. 14/1)
ein.
Dieser
verneinte die Frage, ob er mit der Einschätzung von
Dr.
O._
einverstanden sei, wonach ausser einer Suchterkrankung keine langanhaltenden gesundheitlichen Einschränkungen vor
handen seien.
Es bestehe ein Verdacht auf eine
emotional i
nstabile Persön
lich
keitsstörung vom
Borderline
-
Typ
. Dies zeige sich durch
eine geringe
Frustra
tions
toleranz, Störungen und Unsicherheit bezüglich Selbstbild, Zielen und
«
inneren Präferenzen
»
,
durch die
Neigung, sich auf intensive
,
aber instabile Beziehungen einzulassen, selbstdestruktive Verhaltensweisen sowie
durch
Gefühle von innerer Leere.
Die sozialen Beeinträchtigungen, die durch die Persönlichkeitsstruktur der Beschwerdeführerin bedingt seien, hätten jeweils zu einer Zunahme des Sub
s
tanz
konsums geführt.
Im Behandlungszeitraum
sei die Beschwerdeführerin
wegen
ausgeprägter Niedergeschlagenheit, Antriebslosigkeit, Schlafstörungen sowie
inne
rer
Anspannungszustände und Konzentrationsschwierigkeiten in der angestam
mten Tätigkeit
vollständig arbeitsunfähig gewesen
.
Dr.
E._
gab an, dass er
die
aktuelle
Arbeitsfähigkeit in angestammter Tätigkeit nicht
fundiert beant
worte
n
könne
, da sich die
Beschwerdeführerin
nicht mehr in
seiner
Behandlung befind
e
. Am Ende
seiner
Behandlung
habe
weiterhin eine 100%ige Arbeitsun
fähigkeit vor
gelegen.
Im Behandlungszeitraum
sei
auch für eine angepasste Tätigkeit keine Arbeitsfähigkeit gegeben
gewesen
.
4.
4.1
Die Beschwerdeführerin hat sich im April 2018
zum Leistungsbezug
angemeldet.
Vorweg ist anzumerken, dass ein Rentenanspruch entgegen der Auffassung der Beschwerdegegnerin nicht dann besteht, wenn eine gesundheitliche Einschrän
kung schwer, langdauernd und nicht mehr behandelbar ist (
Urk.
2).
Nicht die abstrakte Schwere eines Gesundheitsschadens, sondern wie stark die gesundheit
lichen Einbussen im Einzelfall erwerblich ins Gewicht fallen, ist
nach den ge
setzlichen Vorgaben
für einen Rentenanspruch massgebend (
E. 1.1 und E.
1.4).
Ferner besteht ein Rentenanspruch, wenn eine versicherte Person während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindestens 40
%
arbeits
un
fähig gewesen und nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40
%
invalid ist (E. 1.4). Darüber hinaus
kennt das Gesetz
keine weiteren Anforderungen an die Dauerhaftigkeit der gesundheitlichen Einschränkung.
Und entgegen
der Annah
me der Beschwerdegegnerin
schliesst auch die Behandelbarkeit
eines
Leidens bei grundsätzlich guter Prognose einen - allenfalls befristeten - Rentenanspruch
rechtsprechungsgemäss
nicht zum Vorneherein aus
(Urteil des Bundesgerichts 8C_148/2014 vom 2
9.
August 2014 E. 3.1).
Es stellt sich somit die Frage, ob die Beschwerdeführerin
im
Beurteilungszeitraum bis
zum Erlass der angefochtenen Verfügung vom 1
9.
Februar 2021
in an
spruchs
relevantem Mass arbeitsunfähig war
, was nachfolgend
anhand der medizinischen Aktenlage
zu prüfen ist
.
4.
2
4.2.1
Die Beschwerdegegnerin stützte die angefochtene Verfügung (
Urk.
2;
Urk.
8/63) auf
die aktengestützten Stellungnahmen der RAD-Ärztin Dr.
O._
vom 11. November 2019 (E. 3.8), und vom 14. Dezember 2020 (E. 3.12)
.
Soll ein Versicherungsfall ohne Einholung eines externen Gutachtens entschieden werden, so sind an die Beweiswürdigung strenge Anforderungen zu stellen. Be
stehen auch nur geringe Zweifel an der Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit der versicherungsinternen ärztlichen Feststellungen
,
zu welchen
Stellungnahmen
des
RAD
zählen
so
sind ergänzende Abklärungen vorzunehmen (BGE 142 V 58 E. 5.1
; 139 V 225 E. 5.2; 135 V 465 E. 4.4 und E. 4.7).
Die verschiedenen behandelnden Ärzte
stellten
bei der Beschwerdeführerin
im Wesentlichen
übereinstimmende
Diagnosen, so eine rezidivierende depressive Störung, psychische und Verhaltensstörungen durch psychotrope Substanzen (Alkohol, Kokain) sowie eine
Bulimia
nervosa
.
Dr.
C._
stellte in seiner Kurz
beurteilung ferner die Diagnose einer emotional instabilen Persönlichkeitsstörung vom
Borderline
-Typ. Diesen Verdacht äusserte auch der behandelnde Psychiater
Dr.
E._
. Ohne die Beschwerdeführerin selber untersucht zu haben, kam
Dr.
O._
aufgrund einer reinen Aktenbeurteilung zum Schluss, dass bei der
Beschwerdeführerin keinerlei gesundheitliche Einschränkungen vorlägen. Die
Dia
gnosen der übrigen Ärzte erklärte sie als nicht nachvollziehbar.
Zum
Bericht von
Facharzt
N._
vom 1
8.
Juli 2019 (E. 3.7) und damit zum Gesund
heitszustand im Sommer 2019
merkte sie lediglich an
, dass
hierdurch
kein langanhaltender
Gesundheitszustand ausgewiesen sei.
Facharzt
N._
beschrieb bei der Beschw
er
deführerin
Funktionsstörungen (schnelle Erschöpfbarkeit, erhöhter Pausenbedarf, Konzentrations- und Gedächtnisstörungen bei steigender Arbeitsbelastung)
und
erachtete eine
60%ige Arbeitsfähigkeit
als angemessen. Darauf
ging
Dr.
O._
nicht ein
(vgl. E.
3.7-8).
Ihre zweite Stellungnahme vom 1
4.
Dezember 2020 fiel ähnlich knapp aus.
Die Diagnose einer Persönlichkeitsstörung, die
Dr.
C._
ge
stellt hatte, erachtete sie als nicht nachvollziehbar
.
Dazu merkte sie im Wesent
lichen lediglich an
, es sei abgesehen vom ersten Alkoholkonsum im Alter von 14 Jahren von keinen weiteren Auffälligkeiten im Kindes- und Jugendalter berichtet worden. Eine eingehende Auseinandersetzung mit der Herleitung der Diagnose durch
Dr.
C._
erfolgte aber nicht.
Dr.
E._
Einschätzung einer 100%igen Arbeitsfähigkeit bezeichnete sie
als nicht nachvollziehbar
,
ohne auf die von ihm aufgeführten Einschränkungen (Beeinträchtigung der Planung und Strukturie
rung von Aufgaben, der Durchhalte-, Selbstbehauptungs- und Umstellungs
fähig
keit [
Urk.
8/62
Ziff.
3.4]) einzugehen (E. 3.12).
H
inzukommt, dass
sich
Dr.
O._
in ihren Stellungnahmen vom
11. November 2019
und
vom 14. Dezember 2020
auf entsprechende Anfrage der B
eschwerde
gegnerin
jeweils nur zum damalig aktuellen Gesundheitszustand
äusserte
.
So gab sie in ihrer Stellungnahme vom 14. Dezember 2020 lediglich an, dass
eine Suchterkrankung
vorliege, welche sie jedoch
aktuell
als behandelt
erachte
(E. 3.12 in
fine
).
Ansonsten lägen keine langanhaltenden gesundheitlichen Einschrän
kun
gen vor.
Zur Arbeitsfähigkeit im Längsverlauf, die für die Beurteilung eines Ren
tenanspruchs relevant wäre, traf sie keine Aussagen.
Da eine grosse Diskrepanz zwischen den Einschätzungen der übrigen involvierten Ärzte und derjenigen von
Dr.
O._
besteht, da ihre Stellungnahmen nur sehr rudimentär begründet sind und weil Aussagen zum Längsverlauf fehlen,
hätte d
ie Beschwerdegegnerin nicht auf die Einschätzungen von
Dr.
O._
abstellen dürfen
, sondern eine versicherungsexterne Begutachtung
(einschliesslich einer
klinische
n
Untersuchung mit Anamneseerhebung, Symptomerfassung und Verhaltensbeo
bachtung
)
anordnen müssen.
4.
2.2
Diese drängt sich insbesondere auch deshalb auf, weil sich auch aus den Berichten der behandelnden Ärzte und der Kurzbeurteilung von
Dr.
C._
die Arbeitsfähig
keit im Verlaufe des Beurteilungszeitraums nicht
rechtsgenüglich
feststellen lässt.
W
ie
Dr.
O._
äussern sich
auch
die Ärzte in den
meisten Berichte
n
ebenfalls nur zum
aktuellen Zustand
,
ohne eine Verlaufsbeurteilung vorzunehmen
(vgl. E. 3.2-E.
3.4
, E. 3.7)
.
Zudem widersprechen sich die Angaben der einzelnen Ärzte zur Arbeitsfähigkeit teilweise und sind bisweilen auch nicht differenziert begründet.
So ging etwa
Dr.
J._
im April 2018 von einer 30%igen Arbeitsfähigkeit aus (E. 3.3), die Beschwerdeführerin arbeitete damals jedoch in einem 40%-Pensum (Urk. 8/41).
Dr.
L._
hielt in seinem Bericht vom 4. Juli 2018
fest, dass
die Wieder
auf
nahme
der
beruflichen
Tätigkeit
aus gesundheitlichen Gründen möglich sei. Er
erachtete die Beschwerdeführerin hinsichtlich der Abhängigkeitssyndrome als abstinent
und führte an, dass
die depressive Episode remittiert
sei.
Er
schätzte
die
Arbeitsfähigkeit
auf
ca. 60 % (E. 3.4)
.
Unklar ist hierbei, ob er davon ausging, dass
ein
Pensum
von
60
%
dem angestammten Arbeitspensum entspricht oder ob er sich bewusst war, dass die Beschwerdeführerin ursprünglich in einem Pensum von 100
%
gearbeitet hatte.
Aus der
Tagesklinik
A._
(E. 3.6)
wurde berichtet, dass das Zustandsbild der Beschwerdeführerin nach dem Austritt stabil gewesen sei und keine Indi
kation für eine psychiatrische Behandlung mehr bestanden habe. Dennoch wurde weiterhin zumindest eine Teilarbeitsunfähigkeit attestiert (vgl. E. 3.7)
,
was ohne differenzierte Begründung nicht nachvollziehbar ist.
Facharzt
N._
führte
am 18. Juli 2019 (E. 3.7)
an, dass
eine 60%ige Arbeits
fähigkeit aktuell dem Zustandsbild angemessen
sei
. Gleichzeitig
beschrieb
er zwar gewisse Funktionsstörungen,
hielt
aber eine psychiatrische Behandlung
für
nicht indiziert. Damit bildet seine Einschätzung lediglich eine Momentaufnahme und ist ohne weitere Erklärungen nicht plausibel.
Dr.
C._
schätzte die Beschwerdeführerin für die angestammte Arbeit als zu 100 %, in einer angepassten Tätigkeit zu 50
%
arbeitsunfähig. Er
hatte
aber
auf
grund der Fragestellung der Auftraggeberin
(
Urk.
8/53/2-31 S. 1)
die
aktuelle
Arbeitsfähigkeit
der Beschwerdeführerin
vor allem im Hinblick auf eine Wieder
aufnahme der Arbeitstätigkeit zu beurteilen
, was vorliegend nur für den Anspruch auf allfällige berufliche Massnahmen, nicht aber für einen Rentenanspruch
aufschlussreich ist.
(vgl.
E. 3.12,
Urk. 8/53/2-31
S. 19 unten und
S. 21-23)
.
Dr.
E._
wiederum erachtete die Beschwerdeführerin
in seinem Bericht vom 16. November 2020 (E. 3.12)
als vollständig arbeitsunfähig
, was angesichts des erhobenen Befunds einer differenzierteren Begründung bedurft hätte. Auch in seinem Schreiben vom
1.
Juli 2021 (E. 3.13) vermag er die attestierte hohe Arbeitsunfähigkeit nicht zu
plausbilisieren
.
4.
2.3
Da der medizinische Sachverhalt damit nicht genügend abgeklärt ist, kann der Rentenanspruch der Beschwerdeführerin für den
massgeblichen Zeitraum
nicht beurteilt werden.
Die angefochtene Verfügung vom 1
9.
Februar 2021 ist daher aufzuheben und d
ie Sache an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen
. Diese wird zunächst
die fehlenden medizinischen Berichte einhole
n
(E. 3.2 und E. 3.6)
und
den erwerblichen Sachverhalt
ergänzen müssen
, der seit der Auflösung des Arbeitsverhältnisses bei der
Z._
lückenhaft ist
.
Danach wird sie
ein psy
chiatrisches Gutachten
veranlasse
n
müssen
, um
danach
neu über den Renten
anspruch
zu befinden
.
4.3
4.3.1
Die Beschwerdeführerin beantragte
im vorliegenden
Verfahren
nicht haupt
säch
lich eine Invalidenrente, sondern ersuchte
von Beginn weg
primär um Unter
stützung bei der Suche nach einem passenden Arbeitsplatz und um Jobcoaching (
Urk.
8/41
und
Urk.
1
)
und damit um Arbeitsvermittlung gemäss Art. 18 IVG
.
Die Beschwerdegegnerin schloss von den fehlenden Voraussetzungen für eine Invalidenrente auf den fehlenden Anspruch auf berufliche Massnahmen und wies ihr Begehren ohne weitere Begründung ab.
4.3.2
Invalide oder von einer Invalidität (Art. 8 ATSG) bedrohte Versicherte haben gemäss Art. 8 Abs.
1 IVG Anspruch auf Eingliederungsmassnahmen, soweit:
a.
diese notwendig und geeignet sind, die Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen,
wieder herzustellen
, zu erhalten oder zu verbessern; und
b.
die Voraussetzungen
für den Anspruch auf die einzelnen Massnahmen erfüllt sind.
Die Eingliederungsmassnahmen bestehen gemäss Abs. 3 in medizinischen Mass
nahmen (
lit
. a), Integrationsmassnahmen zur Vorbereitung auf die berufliche Ein
gliederung (
lit
.
a
bis
), Massnahmen beruflicher Art (Berufsberatung, erstmalige berufliche Ausbildung, Umschulung, Arbeitsvermittlung, Kapitalhilfe;
lit
. b) und in der Abgabe von Hilfsmitteln (
lit
. d).
Arbeitsunfähige (Art. 6 ATSG) Versicherte, welche eingliederungsfähig sind, haben gemäss Art. 18 Abs. 1 IVG Anspruch auf aktive Unterstützung bei der Suche eines geeigneten Arbeitsplatzes (
lit
. a) und auf begleitende Beratung im Hinblick auf die Aufrechterhaltung ihres Arbeitsplatzes (
lit
. b). Die IV-Stelle ver
anlasst diese Massnahmen unverzüglich, sobald eine summarische Prüfung ergibt,
dass die Voraussetzungen dafür erfüllt sind (Abs. 2).
4.3
.3
A
ufgrund der medizinischen Aktenlage
bestehen
deutliche Anhaltspunkte dafür
, dass die Beschwerdeführerin zumindest von einer Invalidität bedroht ist. In der Vergangenheit attestierten die behandelnden Ärzte immer wieder Arbeitsunfähig
keiten in unterschiedlichem Mass.
Di
e Beschwerdeführerin
hat schon seit längerer Zeit
aufgrund ihrer gesundheitlichen Situation Mühe, eine für sie passende Erwerbstätigkeit zu finden und zu halten.
Insbesondere arbeitete sie lediglich von 2013 bis Oktober 2017 in einem Pensum von 100
%
; danach war sie nur noch in Teilzeitanstellungen tätig.
4.3.4
Die Sache ist damit auch in diesem Punkt
an die Beschwerdegegnerin
zurück
zuweisen
, damit sie
nach einer summarischen Prüfung der Voraussetzungen über
den Anspruch
der Beschwerdeführerin auf berufliche Massnahmen
, insbesondere auf Arbeitsvermittlung gemäss
Art.
18 IVG,
entscheide und die entsprechenden Massnahmen veranlasse.
5
.
In diesem Sinn ist die Beschwerde gutzuheissen.
6
.
6
.1
Nach ständiger Rechtsprechung gilt die Rückweisung der Sache an die Ver
waltung zur weiteren Abklärung und neuen Verfügung als vollständiges Obsiegen (BGE 137 V 57). Bei diesem Ergebnis erweist sich das Gesuch der Beschwerde
führerin um unentgeltliche Prozessführung als gegenstandslos.
6
.2
Die Kosten des Verfahrens gemäss
Art.
69
Abs.
1
bis
IVG sind ermessensweise auf Fr. 800.-- festzusetzen und entsprechend dem Ausgang des Verfahrens der unter
liegenden Beschwerdegegnerin aufzuerlegen.
6
.
3
Der Beschwerdeführerin steht eine Prozessentschädigung zu. Diese wird vom Gericht nach Ermessen festgesetzt, nachdem sie von der Möglichkeit, eine Hono
rar
note einzureichen, keinen Gebrauch gemacht hat (vgl. dazu
Urk.
12). Die Fest
setzung erfolgt ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streit
sache und nach der Schwierigkeit des Prozesses, dem Zeitaufwand und den Bar
auslagen (
§
34
Abs.
1 und 3 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht,
GSVGer
). Entsprechend ist die Beschwerdegegnerin zu verpflichten der Beschwer
deführerin eine Prozessentschädigung von Fr. 2‘0
00.-- (inkl. Barauslagen und
MW
St
) auszurichten.