Decision ID: 562f1c35-93f9-581f-928b-c7656006c790
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin ist syrische Staatsangehörige kurdischer Ethnie
und stammt aus dem Dorf B._ im Distrikt al-Qamishli (arabisch; kur-
disch: Qamişlo) in der Provinz al-Hasakah (kurdisch: Hesîçe). Gemäss ei-
genen Angaben verliess sie ihren Heimatstaat im Februar 2017 in Richtung
Türkei. Am 6. Juni 2017 reiste sie unkontrolliert in die Schweiz ein und
stellte gleichentags beim damaligen Empfangs- und Verfahrenszentrum
Kreuzlingen ein Asylgesuch. Am 15. Juni 2017 wurde sie durch das Staats-
sekretariat für Migration (SEM) summarisch befragt und am 24. August
2018 eingehend zu den Gründen ihres Asylgesuchs angehört. Zwischen-
zeitlich wurde sie für die Dauer des Asylverfahrens dem Kanton Luzern
zugewiesen.
B.
Die Beschwerdeführerin machte anlässlich ihrer Befragungen im Wesent-
lichen geltend, ihr Bruder C._ sei zum Reservedienst in der syri-
schen Armee aufgeboten worden. Aus diesem Grund habe ihr Bruder das
Land verlassen müssen, und sie selbst und ihre Mutter seien ebenfalls ge-
zwungen gewesen, aus Syrien auszureisen. Nach der gemeinsamen Aus-
reise in die Türkei habe ihr Bruder Kenntnis von ihrer Liebesbeziehung mit
einem Mann erlangt und sie deswegen bedroht. Aufgrund dieser Bedro-
hung habe sie die Türkei verlassen und sich zu jenem Mann in die Schweiz
begeben, wo sich dieser jedoch nach kurzer Zeit von ihr getrennt habe.
C.
Mit Verfügung vom 22. November 2019 (Datum der Eröffnung: 25. Novem-
ber 2019) lehnte das SEM das Asylgesuch der Beschwerdeführerin ab.
Gleichzeitig ordnete es wegen Unzumutbarkeit des Vollzugs der Wegwei-
sung die vorläufige Aufnahme in der Schweiz an. Zur Begründung der Ab-
lehnung des Asylgesuchs führte das Staatssekretariat im Wesentlichen
aus, die betreffenden Vorbringen der Beschwerdeführerin seien entweder
nicht glaubhaft oder asylrechtlich nicht relevant.
D.
Diese Verfügung focht die Beschwerdeführerin mit Eingabe vom 23. De-
zember 2019 beim Bundesverwaltungsgericht an. Dabei beantragte sie
hauptsächlich die Aufhebung der angefochtenen Verfügung, ihre Anerken-
nung als Flüchtling und die Gewährung des Asyls, eventualiter die vorläu-
fige Aufnahme als Flüchtling. In prozessualer Hinsicht beantragte sie, es
sei ihr die unentgeltliche Prozessführung im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG
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zu gewähren. Auf die Begründung der Beschwerde wird, soweit für den
Entscheid wesentlich, in den Erwägungen eingegangen.
E.
Mit Zwischenverfügung vom 8. Januar 2020 wies die Instruktionsrichterin
das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung ab. Zu-
gleich wurde die Beschwerdeführerin zur Leistung eines Kostenvorschus-
ses von Fr. 750.– mit Frist bis zum 23. Januar 2020 aufgefordert, unter An-
drohung des Nichteintretens im Unterlassungsfall.
F.
Mit Einzahlung vom 22. Januar 2020 wurde der verlangte Kostenvorschuss
geleistet.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Über Beschwerden ge-
gen Verfügungen, die gestützt auf das Asylgesetz (AsylG, SR 142.31)
durch das SEM erlassen worden sind, entscheidet das Bundesverwal-
tungsgericht grundsätzlich (mit Ausnahme von Verfahren betreffend Perso-
nen, gegen die ein Auslieferungsersuchen des Staates vorliegt, vor wel-
chem sie Schutz suchen) endgültig (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31–33 VGG;
Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht können im Anwen-
dungsbereich des AsylG die Verletzung von Bundesrecht, einschliesslich
Missbrauch und Überschreitung des Ermessens, sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
1.3 Für das vorliegende Verfahren gilt nach der am 1. März 2019 in Kraft
getretenen Änderung des AsylG das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Über-
gangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015).
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2.
Die Beschwerdeführerin ist legitimiert; auf ihre frist- und formgerecht ein-
gereichte Beschwerde ist einzutreten (Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1 AsylG;
Art. 37 VGG i.V.m. Art. 48 Abs. 1 und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
3.
3.1 Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterli-
cher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters oder einer zwei-
ten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Vorliegend handelt es
sich, wie nachfolgend aufgezeigt wird, um eine solche, weshalb der Be-
schwerdeentscheid nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2
AsylG).
3.2 Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wird auf einen Schriftenwechsel
verzichtet.
4.
Die Beschwerdeeingabe richtet sich ausschliesslich gegen die Ablehnung
des Asylgesuchs, die Feststellung des SEM, die Beschwerdeführerin er-
fülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, sowie die Anordnung der Wegwei-
sung. Die Frage des Vollzugs der Wegweisung bildet damit nicht Gegen-
stand des Beschwerdeverfahrens.
5.
5.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Als Flüchtling wird eine Person anerkannt, wenn sie in ihrem
Heimatstaat oder im Land, wo sie zuletzt wohnte, wegen ihrer Rasse, Re-
ligion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe
oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen aus-
gesetzt ist oder begründete Furcht hat, solchen Nachteilen ausgesetzt zu
werden. Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung von
Leib, Leben oder Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen
psychischen Druck bewirken. Den frauenspezifischen Fluchtgründen ist
Rechnung zu tragen (Art. 3 AsylG).
5.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Glaubhaft gemacht ist die Flüchtlings-
eigenschaft, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit für gegeben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vor-
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bringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich wi-
dersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich auf
gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
6.
6.1 Das SEM begründete die Ablehnung des Asylgesuchs in der angefoch-
tenen Verfügung im Wesentlichen damit, die betreffenden Vorbringen der
Beschwerdeführerin seien entweder nicht glaubhaft oder asylrechtlich nicht
relevant. Diese Beurteilung ist als offensichtlich zutreffend zu erachten.
6.2 Zum einen macht die Beschwerdeführerin geltend, ihr Bruder
C._ sei in Syrien zum Reservedienst in der syrischen Armee aufge-
boten worden, weshalb dieser das Land habe verlassen müssen. Da sie
selbst gemeinsam mit ihrer Mutter bei diesem Bruder gelebt habe, sei sie
deshalb ebenfalls gezwungen gewesen, aus Syrien auszureisen. Es ist
aufgrund der Angaben der Beschwerdeführerin im vorinstanzlichen Verfah-
ren in keiner Weise ersichtlich, weshalb sich aus diesem Ereignis eine asyl-
rechtlich relevante Gefährdung für sie selbst hätte ergeben sollen. Dabei
ist auch darauf hinzuweisen, dass nach Angaben der Beschwerdeführerin
zwei volljährige Brüder, die im wehrdienstpflichtigen Alter sind, weiterhin in
Syrien, nämlich in der Stadt al-Qamishli, leben. Es ist nicht nachvollziehbar,
weshalb die Beschwerdeführerin wegen ihres Bruders C._ Prob-
leme hätte haben sollen, während sich die beiden anderen Brüder ohne
konkrete Schwierigkeiten weiterhin in ihrer Heimatregion aufzuhalten ver-
mögen. Im Übrigen gab die Beschwerdeführerin im vorinstanzlichen Ver-
fahren an, sie habe in Syrien ansonsten keine Probleme gehabt (vgl. Pro-
tokoll der Erstbefragung, Ziff. 7.01–7.03). Zwar wird mit der Beschwerde-
schrift geltend gemacht, die Beschwerdeführerin habe in Syrien Angst da-
vor gehabt, durch die syrisch-kurdische militärische Organisation YPJ
(Yekîneyên Parastina Jin; Frauenverteidigungseinheiten; weiblicher
Kampfverband der YPG [Yekîneyên Parastina Gel; Volksverteidigungsein-
heiten]) zwangsrekrutiert zu werden. Jedoch führte sie diesbezüglich ge-
genüber dem SEM aus (Protokoll der Anhörung, S. 8, F56), sie habe in der
Vergangenheit zwar Angst vor einer solchen Rekrutierung gehabt, weil sol-
ches in ihrer Gegend geschehen sei. Jedoch sei sie persönlich nicht kon-
taktiert worden; sie könne auch kein Gewehr tragen. Angesichts dieser
Aussagen ist auch die behauptete Furcht vor einer Zwangsrekrutierung
durch die YPJ – ungeachtet der Frage einer allfälligen asylrechtlichen Re-
levanz eines solchen Vorbringens – offensichtlich als unbegründet zu er-
achten.
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6.3 Zum anderen macht die Beschwerdeführerin geltend, nach ihrer Aus-
reise aus Syrien in die Türkei habe ihr Bruder C._ Kenntnis von
ihrer langjährigen Liebesbeziehung mit einem Mann erlangt und sie des-
wegen bedroht. Aufgrund dieser Bedrohung habe sie die Türkei verlassen
und sich zu diesem Mann in die Schweiz begeben, wo sich dieser jedoch
nach kurzer Zeit von ihr getrennt habe. Es ist offensichtlich, dass auch die
in der Türkei erlebten Probleme asylrechtlich nicht relevant sind. Es handelt
sich dabei um einen Drittstaat, während in asylrechtlicher Hinsicht von
vornherein – ungeachtet der Frage nach der asylrechtlichen Relevanz der
geltend gemachten Bedrohung durch den Bruder in sonstiger Hinsicht –
nur eine Gefährdung im Heimat- oder Herkunftsstaat von Belang sein kann.
Die Ausführungen in der Beschwerdeschrift, die sich auf die Praxis der
Zwangsheirat und des Ehrenmordes in Syrien und der Türkei beziehen,
sind somit offensichtlich nicht geeignet, die zu treffenden Einschätzungen
zu beeinflussen.
6.4 Aus dem Gesagten ergibt sich, dass das SEM zutreffenderweise zur
Einschätzung gelangt ist, die Beschwerdeführerin habe keine asylrechtlich
relevante Gefährdung glaubhaft gemacht. Die Vorinstanz hat folglich das
Asylgesuch zu Recht abgelehnt.
6.5
Die Ablehnung eines Asylgesuchs oder das Nichteintreten auf ein Asylge-
such hat in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz zur Folge (Art. 44
AsylG). Vorliegend hat der Kanton keine Aufenthaltsbewilligung erteilt und
zudem besteht kein Anspruch auf Erteilung einer solchen (vgl. BVGE
2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). Die verfügte Wegweisung steht
daher im Einklang mit den gesetzlichen Bestimmungen und wurde dem-
nach von der Vorinstanz zu Recht angeordnet.
6.6 Im vorliegenden Fall ist im Übrigen anzumerken, dass sich aus den
angestellten Erwägungen nicht der Schluss ergibt, die Beschwerdeführerin
sei zum heutigen Zeitpunkt angesichts der allgemeinen Situation in Syrien
in ihrem Heimatstaat nicht gefährdet. Indessen ist eine solche Gefähr-
dungslage im Falle der Beschwerdeführerin ausschliesslich auf die allge-
meine in Syrien herrschende Bürgerkriegssituation zurückzuführen, wel-
che durch die Vorinstanz mit Verfügung vom 22. November 2019 im Rah-
men der Anordnung der vorläufigen Aufnahme wegen Unzumutbarkeit des
Vollzugs der Wegweisung berücksichtigt wurde.
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7.
Aus den angestellten Erwägungen ergibt sich, dass der – einzig bezüglich
der Ziffern 1‒3 des Dispositivs angefochtene – Asylentscheid des SEM das
Bundesrecht nicht verletzt sowie den rechtserheblichen Sachverhalt richtig
und vollständig feststellt (Art. 106 AsylG). Die Beschwerde ist folglich ab-
zuweisen.
8.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind dessen Kosten der Beschwerde-
führerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 und 5 VwVG). Die Kosten sind auf
Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008
über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
[VGKE, SR 173.320.2] i.V.m. Art. 16 Abs. 1 Bst. a VGG). Dabei ist zur Be-
gleichung der Verfahrenskosten der in selber Höhe geleistete Kostenvor-
schuss zu verwenden.
(Dispositiv nächste Seite)
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