Decision ID: b14aab41-ba01-51ec-83c8-bca96c7736c0
Year: 2012
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Daniel Ehrenzeller, Engelgasse 214, 9053 Teufen,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
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Beschwerdegegnerin,
betreffend
Hilflosenentschädigung
Sachverhalt:
A.
A.a A._ wurde aufgrund einer chronischen Niereninsuffizienz Grad III (vgl. IV-
act. 100) mit Verfügung vom 10. März 2008 eine halbe Rente der Invalidenversicherung
mit Wirkung ab 1. Januar 2007 zugesprochen (IV-act. 116).
A.b Im April 2009 zog sich die Versicherte bei einem Sturz eine Fraktur des linken
Tibiakopfes zu. Aufgrund der damit verbundenen Komplikationen sowie der
unterdessen notwendig gewordenen regelmässigen Hämodialyse (vgl. IV-act. 167 f.)
wurde der Versicherten mit Anpassungsverfügung vom 9. Juli 2010 eine ganze Rente
mit Wirkung ab 1. Juli 2009 zugesprochen (IV-act. 178).
B.
B.a Am 22. November 2009 meldete sich die Versicherte zum Bezug einer
Hilflosenentschädigung der Invalidenversicherung bei der IV-Stelle des Kantons
St. Gallen an. Sie gab im Anmeldeformular an, sich dreimal pro Woche für jeweils vier
bis fünf Stunden einer Dialyse unterziehen zu müssen und seit 2009 beim Ankleiden,
bei der Körperpflege und in der Fortbewegung eingeschränkt sowie auf
lebenspraktische Begleitung angewiesen zu sein (IV-act. 156).
B.b Am 20. November 2009 teilte Dr. med. B._, Facharzt FMH für Orthopädische
Chirurgie und Traumatologie des Bewegungsapparates, mit, die Versicherte leide nach
dem Sturz im April 2009 und der dabei erlittenen Tibiakopffraktur unter diversen
Problemen: Es bestehe der Verdacht auf einen Low Grade-Infekt im Bereich des
Osteosynthesematerials, auf eine Läsion am Innenmeniskus und auf eine Instabilität
des vorderen Kreuzbandes (IV-act. 159).
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B.c Am 8. Dezember 2009 teilte der Hausarzt Dr. med. C._ mit, die Versicherte leide
unter einer Vasculitis der Nieren mit Nierenversagen und Dialyse, einem Status nach
geschlossener mehrfragmentärer Tibiakopffraktur mit fraglicher Knochenlyse und einer
Osteochondrose der Wirbelsäule. Die Angaben im Anmeldeformular zur Hilflosigkeit
und Notwendigkeit lebenspraktischer Begleitung würden mit den Feststellungen von
Dr. C._ übereinstimmen (IV-act. 162).
B.d Am 10. November 2010 führte die IV-Stelle eine Abklärung im Haushalt der
Versicherten durch. Im entsprechenden Bericht wurde unter anderem festgehalten, die
Versicherte könne sich mehrheitlich selbständig an- und auskleiden (es sei ihr auch
möglich, Knöpfe und Reissverschlüsse zu öffnen und zu schliessen, was auch mit einer
Hand kein Problem darstellen sollte), könne selber von einem Stuhl oder Bett
aufstehen, selbständig mit Messer und Gabel essen (beim Zerkleinern von härteren
Speisen sei sie auf die Unterstützung ihres Ehemannes angewiesen), sich selbständig
waschen (mit dem Badebrett sollte es ihr möglich sein, in die Badewanne zu steigen;
mit weiteren Haltegriffen könnte sie sich zusätzlich festhalten; wenn nötig, gäbe es
diverse weitere Hilfsmittel, welche die Reinigung erleichtern würden), die Notdurft
selbständig verrichten, sich in der Wohnung selbständig fortbewegen, im Freien kurze
Strecken gehen, sich mit ihren Mitmenschen unterhalten, lesen und schreiben. Sodann
wisse die Versicherte, was im Haushalt zu tun sei und könne verschiedene Aufgaben
delegieren. Sie bedürfe keiner dauernden Hilfe im Rahmen der Grund- oder
Behandlungspflege und auch keiner ständigen persönlichen Überwachung; sie sei sich
ihrer Handlungen bewusst und bringe sich oder andere nicht regelmässig in Gefahr (IV-
act. 190).
B.e Auf Anfrage der IV-Stelle hin teilte Dr. med. D._, Fachärztin FMH für
Nephrologie und Innere Medizin, am 21. November 2010 mit, die Versicherte sei
aufgrund eines Shunts am rechten Oberarm im Tragen schwerer Lasten eingeschränkt;
weitere Einschränkungen seien von Dr. D._ nicht beobachtet worden (IV-act. 185).
B.f Am 25. Januar 2011 liess die Versicherte mitteilen, dass sie sich nicht in der Lage
sehe, den Abklärungsbericht zu unterzeichnen. Sie sei entgegen der Angaben im
Bericht bei verschiedenen Lebensverrichtungen zumindest teilweise oder überwiegend
auf fremde Hilfe angewiesen und könnte nicht alleine wohnen. Zudem könne sie nicht
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allein gelassen werden (IV-act. 191–1 f.). Dem Schreiben lag eine Stellungnahme des
Sohnes der Versicherten vom 16. Januar 2011 bei, in welchem im Wesentlichen
ausgeführt worden war, die Versicherte könne nur wenige Treppenstufen überwinden
und sich nur sehr mühsam mit Unterarmstöcken fortbewegen. Zudem könne sie den
rechten Arm aufgrund des Shunts nur in sehr eingeschränkter Weise bewegen. Kleider
mit Reissverschlüssen und Knöpfen sowie Schuhe könne sie nicht alleine anziehen. Ein
Messer könne sie nicht mehr benutzen (IV-act. 191–3 f.).
B.g Zu diesen Einwänden nahm die Abklärungsbeauftragte im Wesentlichen wie folgt
Stellung: Die Angaben seien nicht ganz nachvollziehbar gewesen (namentlich die
Bewegungseinschränkung wegen des Shunts am rechten Oberarm), weshalb eine
Rückfrage an Dr. D._ erfolgt sei. Unter Berücksichtigung der
Schadenminderungspflicht bestehe in keiner der Lebensverrichtungen eine
regelmässige und erhebliche Hilfsbedürftigkeit. Auch die Voraussetzungen einer
lebenspraktischen Begleitung seien nicht erfüllt (IV-act. 190–7).
B.h Mit Vorbescheid vom 8. Februar 2011 teilte die IV-Stelle mit, dass die Abweisung
des Gesuchs um Hilflosenentschädigung vorgesehen sei (IV-act. 194).
B.i Dagegen liess die Versicherte am 16. März 2011 Einwand erheben und die Aus
richtung einer Hilflosenentschädigung entsprechend einer Hilflosigkeit mindestens
mittleren Grades beantragen. Auch der Hausarzt bestätige, dass sie nicht alleine leben
könnte. Bezüglich des Beinbruchs sei anzumerken, dass es sich um einen „Kniebruch“
gehandelt habe, der nicht zufriedenstellend habe saniert werden können. Im
Abklärungsbericht sei zu Unrecht die Prognose der Klinik Valens, das Überwinden von
Treppen sollte in Zukunft wieder möglich sein, übernommen worden. Den Ärzten der
Klinik Valens seien die späteren Komplikationen nicht bekannt gewesen. Die
Versicherte sei zudem in jeder Hinsicht auf lebenspraktische Begleitung angewiesen,
im Prinzip auch auf persönliche Überwachung, weil die Einnahme der Medikamente
nicht zuverlässig erfolgen würde. Die Mitwirkung von Familienangehörigen dürfe
schliesslich nicht überspannt werden (IV-act. 198–1 ff.). Dem Einwand lag ein
Schreiben der Tochter der Versicherten vom 13. März 2011 bei, in welchem im
Wesentlichen ausgeführt wurde, die Versicherte könne keine Treppen überwinden,
müsse Kleider ohne Knöpfe und Reissverschlüsse sowie Schuhe ohne Bändel
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benutzen, könne nicht alleine wohnen, auch aus psychischen Gründen, und müsse
regelmässig chauffiert werden (IV-act. 198–4 f.). Weiter lag dem Einwand ein Schreiben
von Dr. C._ vom 3. März 2011 bei, gemäss welchem die Versicherte nicht alleine
zurechtkomme (IV-act. 198–6).
B.j Mit Verfügung vom 7. April 2011 wies die IV-Stelle das Gesuch um
Hilflosenentschädigung ab. Die Versicherte könne sich selbständig fortbewegen; dass
sie hierfür Stöcke benutzen müsse, sei unerheblich. Durch den Einsatz geeigneter
Hilfsmittel sei unter Berücksichtigung der Schadenminderungspflicht bezüglich der
einzelnen Lebensverrichtungen kein Bedarf an erheblicher und regelmässiger Dritthilfe
ausgewiesen. Eine dauernde persönliche Überwachung sei schliesslich ebenfalls nicht
notwendig (IV-act. 199).
C.
C.a Dagegen richtet sich die am 27. Mai 2011 erhobene Beschwerde, mit der die
Ausrichtung einer Hilflosenentschädigung entsprechend einer Hilflosigkeit mindestens
mittleren Grades und eventualiter eine erneute Abklärung im Haushalt der Be
schwerdeführerin und allenfalls eine medizinische Begutachtung beantragt werden und
zur Begründung im Wesentlichen ausgeführt wird, die Beschwerden und
Einschränkungen im Zusammenhang mit der Tibiakopffraktur seien im
Abklärungsbericht falsch wiedergegeben worden, die Beschwerdeführerin sei – nur
schon für die dreimal wöchentlich zu absolvierenden Dialysen – auf erhebliche fremde
Hilfe angewiesen, insgesamt sei die Beschwerdeführerin nicht in der Lage, ein
selbständiges Leben zu führen (act. G 1).
C.b Die Beschwerdegegnerin schliesst auf Abweisung der Beschwerde. In ihrer Be
schwerdeantwort vom 11. August 2011 führte sie zur Begründung im Wesentlichen an,
Dr. D._ habe in einem weiteren Bericht vom 17. Juni 2011 (IV-act. 204) ausgeführt, es
bestehe eine verminderte körperliche Leistungsfähigkeit und ausgeprägte Müdigkeit an
den Dialysetagen, des Weiteren sei wegen des linken Knies die Gehfähigkeit
eingeschränkt; im Rahmen des Beobachtungszeitraums während und um die
Dialysebehandlung benötige die Beschwerdeführerin keine zusätzliche Hilfeleistung.
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Eine Hilflosigkeit sei nicht ausgewiesen; hinsichtlich der lebenspraktischen Begleitung
fehle es an der Unfähigkeit, den eigenen Haushalt selbst zu organisieren (act. G 4).
C.c Replicando hielt die Beschwerdeführerin am 5. September 2011 an den mit
Beschwerde vom 27. Mai 2011 gestellten Anträgen fest (act. G 6).
C.d Die Beschwerdegegnerin verzichtete sinngemäss auf eine Duplik (act. G 8).

Erwägungen:
1.
Als hilflos gilt gemäss Art. 9 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) grundsätzlich, wer wegen einer
Gesundheitsbeeinträchtigung für alltägliche Lebensverrichtungen dauernd der Hilfe
Dritter oder der persönlichen Überwachung bedarf. Von der Invalidität unterscheidet
sich die Hilflosigkeit somit dadurch, dass nicht danach zu fragen ist, ob eine
versicherte Person aufgrund einer Gesundheitsbeeinträchtigung die Fähigkeit verliert,
erwerblich oder im Aufgabenbereich (insbesondere im Haushalt) tätig zu sein bzw.
Mehrwert zu generieren, sondern vielmehr danach, ob ein gesundheitsbedingter Verlust
der Fähigkeit eingetreten ist, die notwendigen Verrichtungen des täglichen Lebens
selbständig tätigen zu können, das heisst im grundlegendsten Sinne für sich selbst zu
sorgen (vgl. Robert Ettlin, Die Hilflosigkeit als versichertes Risiko in der
Sozialversicherung, Diss. 1998, S. 101 und S. 130 ff.). Rechtsprechungsgemäss wird
zwischen sechs verschiedenen alltäglichen Lebensverrichtungen unterschieden: An-
und Auskleiden, Aufstehen, Absitzen und Abliegen, Essen, Körperpflege, Verrichtung
der Notdurft und Fortbewegung (BGE 107 V 136). Teilweise hilflos ist also etwa eine
versicherte Person, die gesundheitsbedingt nicht mehr in der Lage ist, sich selbständig
zu ernähren oder sich selbständig fortzubewegen. Mit der Hilflosenentschädigung, die
als Geldleistung zu qualifizieren ist (Art. 15 ATSG), sollen die sich aus dem jeweiligen
Hilflosigkeitstatbestand ergebenden Kosten als unwiderleglich entstanden vermutet
und pauschal abgegolten werden (Ulrich Meyer, Die Rechtsprechung des
Bundesgerichts zum IVG, 2. Aufl. 2010, S. 429). Wie hinsichtlich sämtlicher übriger
Versicherungsleistungen auch, ist bei der Beurteilung eines Anspruchs auf
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Hilflosenentschädigung der Schadenminderungspflicht angemessen Rechnung zu
tragen (Ueli Kieser, ATSG-Kommentar, 2. Aufl. 2009, Art. 9 N 7). Massgebend sind
schliesslich die tatsächlichen Verhältnisse und nicht – wie etwa bei der Beurteilung der
Invalidität – Hypothesen. Mit anderen Worten ist zu beurteilen, ob die versicherte
Person unter Berücksichtigung sämtlicher Umstände des Einzelfalls effektiv hilflos ist
oder nicht. Dabei ist insbesondere der Tatsache Rechnung zu tragen, dass vom
Ehegatten und nahen Verwandten (namentlich solchen in auf- und absteigender Linie)
ein bestimmtes Mass an unentgeltlicher Fürsorge und Betreuung gefordert wird und
die Ausrichtung einer Hilflosenentschädigung mithin nur dann in Frage kommt, wenn
die erforderliche Dritthilfe das Angehörigen zumutbare Mass an Unterstützung
überschreitet (vgl. Robert Ettlin, a.a.O., S. 228).
2.
Gemäss den im Recht liegenden medizinischen Akten leidet die Beschwerdeführerin
insbesondere unter einer chronischen Niereninsuffizienz. Derentwegen sind anderem
wöchentlich drei Dialysen notwendig, was jeweils eine ausgeprägte Müdigkeit und
verminderte körperliche Leistungsfähigkeit nach sich zieht; zudem wurde der
Beschwerdeführerin ein Shunt am rechten Oberarm angelegt, der namentlich zu einer
Kraftminderung – die Beschwerdeführerin sollte keine schweren Lasten mehr tragen –
führt. Ferner besteht ein Status nach mehrfragmentärer intraartikulärer Tibiakopffraktur
links, welche die Gehfähigkeit der Beschwerdeführerin beeinträchtigt (vgl. insb. IV-
act. 159, 185 und 204). Anerkanntermassen verunmöglichen diese erheblichen
Beschwerden jedwede erwerbliche Tätigkeit. In Bezug auf eine allfällige Hilflosigkeit in
den alltäglichen Lebensverrichtungen (im Sinn der Selbstsorge) sind insbesondere der
verminderten Belastbarkeit des rechten Arms und der eingeschränkten Gehfähigkeit
Rechnung zu tragen.
3.
3.1 In Bezug auf die Lebensverrichtung des An- und Auskleidens ist angesichts der
medizinisch ausgewiesenen Beeinträchtigungen keine erhebliche Hilfsbedürftigkeit zu
erblicken. Zudem führte die Tochter der Beschwerdeführerin in deren Schreiben vom
13. März 2011 aus, dass die Beschwerdeführerin lediglich noch Kleidung
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(einschliesslich) Schuhe trage, die ihren Behinderungen angepasst sei, namentlich
solche ohne Knöpfe, Reissverschlüsse und Bändel (vgl. IV-act. 198–5). Im Rahmen der
Schadenminderungspflicht wäre dies von der Beschwerdeführerin ohnehin zu
verlangen (vgl. ZAK 1986, S. 483). Eine Hilflosigkeit hinsichtlich dieser
Lebensverrichtung ist daher zu verneinen.
3.2 In Bezug auf die Lebensverrichtung des Aufstehens, Absitzens und Abliegens ist
eine Hilflosigkeit im Sinne des Gesetzes ebenfalls zu verneinen, ist es der Be
schwerdeführerin doch unbestrittenermassen – wenn auch mit gewissen Anlauf
schwierigkeiten – möglich, selbständig aufzustehen, abzusitzen und abzuliegen.
3.3 Was die Lebensverrichtung des Essens betrifft, so ist zwar angesichts der
Kraftminderung des rechten Armes denkbar, dass die Beschwerdeführerin namentlich
im Umgang mit dem Messer Mühe hat. Doch dürfte dies – wie von ihr auch geltend ge
macht – lediglich die Zerkleinerung härterer Speisen betreffen; die meisten Speisen
sollte die Beschwerdeführerin gemäss der Einschätzung von Dr. D._ ohne Dritthilfe
zerkleinern und zu sich nehmen können. Hilflosigkeit beim Essen ist unter diesen Um
ständen nicht gegeben.
3.4 Die Verrichtung der Notdurft ist der Beschwerdeführerin unbestrittenermassen
selbständig möglich. Indizien für die gegenteilige Annahme sind nicht ersichtlich.
3.5 Hinsichtlich der Körperpflege macht die Beschwerdeführerin geltend, sie könne
nicht mehr selbständig duschen und baden. Diesbezüglich scheint nachvollziehbar,
dass der Beschwerdeführerin der Einstieg in die Badewanne und der Ausstieg aus
derselben aufgrund der Beeinträchtigungen im Bereich des linken Beines und des
rechten Armes schwerfällt. Es stellt sich die Frage, ob die Beschwerdeführerin allenfalls
Anspruch auf entsprechende Hilfsmittel hat. Gemäss Ziff. 14.04 des Anhangs zur Ver
ordnung über die Abgabe von Hilfsmitteln durch die Invalidenversicherung (HVI;
SR 831.232.51) haben Versicherte nämlich unter bestimmten Voraussetzungen An
spruch auf bauliche Anpassungen bei den sanitären Einrichtungen, namentlich auf das
Anbringen von Haltestangen, Handläufen und Zusatzgriffen. Ob die
Beschwerdeführerin Anspruch auf entsprechende Hilfsmittel hat, bildet allerdings nicht
Gegenstand dieses Verfahrens. Jedenfalls sollte es der Beschwerdeführerin zumindest
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unter Berücksichtigung geeigneter Hilfsmittel mit überwiegender Wahrscheinlichkeit
zumutbar sein, die Körperpflege selbständig zu verrichten, weshalb eine
diesbezügliche Hilflosigkeit zu verneinen ist.
3.6 Selbst wenn davon auszugehen wäre, dass die Beschwerdeführerin für die
Fortbewegung, namentlich ausser Haus, dauernd der Hilfe Dritter bedürfte, wofür
gewisse Anhaltspunkte bestehen, wäre dies vorliegend nicht von Belang. Gemäss
Art. 37 Abs. 3 lit. a der Verordnung über die Invalidenversicherung (IVV; SR 831.201)
wird nämlich für eine zu einem Anspruch auf eine Entschädigung führende Hilflosigkeit
eine dauernde Hilfsbedürftigkeit in mindestens zwei alltäglichen Lebensverrichtungen
vorausgesetzt; Hilflosigkeit in lediglich einer alltäglichen Lebensverrichtung vermittelt
mithin keinen Anspruch auf eine Hilflosenentschädigung der Invalidenversicherung.
3.7 Die Notwendigkeit dauernder Überwachung ist schliesslich ebenfalls zu
verneinen, geht es doch nicht darum, ob die Beschwerdeführerin Angst davor hat,
alleine gelassen zu werden, sondern vielmehr darum, ob sie sich oder andere in Gefahr
bringen würde, wenn sie nicht überwacht würde. Anhaltspunkte für eine solche
mögliche Gefährdung liegen nur bezüglich der Medikamenteneinnahme vor, da die
Beschwerdeführerin offenbar die Medikamente nicht zu sich nimmt, wenn sie nicht
dazu angehalten wird (vgl. IV-act. 169–4). Allerdings ist eine psychische oder geistige
Beeinträchtigung, welche für eine entsprechende Selbstgefährdung verantwortlich sein
könnte, nicht ausgewiesen. Somit ist ein Bedarf an dauernder Überwachung nicht
gegeben.
4.
4.1 Gemäss Art. 42 Abs. 3 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG;
SR 831.20) gilt auch als hilflos, wer wegen einer Gesundheitsbeeinträchtigung dauernd
auf lebenspraktische Begleitung angewiesen ist. Ein Bedarf an lebenspraktischer
Begleitung liegt vor, wenn eine versicherte Person ausserhalb eines Heimes lebt und
infolge der Beeinträchtigung ohne Begleitung einer Drittperson nicht selbständig
wohnen kann, für Verrichtungen und Kontakte ausserhalb der Wohnung auf Begleitung
einer Drittperson angewiesen ist oder ernsthaft gefährdet ist, sich dauernd von der
Aussenwelt zu isolieren (Art. 38 Abs. 1 IVV). Ziel der lebenspraktischen Begleitung
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muss es sein, zu verhindern, dass Personen schwer verwahrlosen und/oder in ein Heim
oder eine Klinik eingewiesen werden müssen (Kreisschreiben über Invalidität und
Hilflosigkeit in der Invalidenversicherung [KSIH], Rz. 8040). Die betroffene Person muss
auf Hilfe bei der Tagesstrukturierung, auf Unterstützung bei der Bewältigung von
Alltagssituationen oder auf Anleitung zur Erledigung des Haushalts (mit Überwachung/
Kontrolle) angewiesen sein (KSIH, Rz. 8050). Bei ausserhäuslichen Verrichtungen liegt
ein Bedarf nach lebenspraktischer Begleitung vor, wenn diese notwendig ist, damit die
betroffene Person in der Lage ist, das Haus für bestimmte notwendige Verrichtungen
und Kontakte (Einkauf, Freizeitaktivitäten, Kontakte mit Amtsstellen, Arztbesuche,
Coiffeurbesuche) zu verlassen (KSIH, Rz. 8051). Eine lebenspraktische Begleitung zur
Vermeidung einer dauernden Isolation setzt voraus, dass sich die Isolation und die
damit verbundene Verschlechterung des Gesundheitszustandes bereits manifestiert
haben. Die lebenspraktische Begleitung besteht hier in beratenden Gesprächen und in
der Motivation zur Kontaktaufnahme (KSIH, Rz. 8052). Die lebenspraktische Begleitung
beinhaltet weder die (direkte oder indirekte) Dritthilfe bei den sechs alltäglichen
Lebensverrichtungen noch die Pflege oder Überwachung, sondern stellt vielmehr ein
zusätzliches und eigenständiges Institut der Hilfe dar (vgl. BGE 133 V 450 E. 9 S. 466
mit Hinweisen). Der Begriff „Begleitung“ schliesst dabei eine direkte Dritthilfe nicht aus.
Führt die Begleitperson die notwendigerweise anfallenden Tätigkeiten selber aus, wenn
die versicherte Person dazu gesundheitsbedingt trotz Anleitung und Überwachung/
Kontrolle nicht in der Lage ist, kann dies mitberücksichtigt werden (vgl. BGE 133 V 450
E. 10.2 S. 467).
4.2 Die Beschwerdegegnerin hat bezüglich des Bedarfs der Beschwerdeführerin an
lebenspraktischer Begleitung keine Abklärungen getätigt. Nachdem die
Abklärungsbeauftragte in ihrem Bericht vom 31. Januar 2011 festgehalten hatte, es sei
der Beschwerdeführerin möglich, die notwendigen Aufgaben im Haushalt an die
restlichen Familienmitglieder zu delegieren, und es beständen keine kognitiven
Einschränkungen (IV-act. 190–6), die dies verunmöglichen würden, erachtete die
Beschwerdegegnerin weitere Abklärungen offenbar als überflüssig. Dabei verkannte
sie, dass nicht entscheidend ist, ob kognitive Einschränkungen vorliegen oder nicht,
sondern vielmehr, ob die Beschwerdeführerin angesichts ihrer gesundheitlichen
Situation selbständig und ohne Dritthilfe wohnen könnte oder nicht. Die
Beschwerdegegnerin hätte daher vertieft prüfen müssen, ob die Beschwerdeführerin
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aufgrund ihrer multiplen Einschränkungen derart beeinträchtigt ist, dass sie den
alltagspraktischen Anforderungen nicht gewachsen wäre und die üblichen
Haushaltarbeiten nicht selber verrichten könnte, so dass sie ohne Dritthilfe in einem
Heim leben müsste. Anhand der im Recht liegenden Akten kann diese Frage nicht
zuverlässig beantwortetet werden. Die Beschwerdegegnerin hat daher diesbezüglich
weitere Abklärungen zu machen. Dabei hat sie zu berücksichtigen, dass
rechtsprechungsgemäss eine enge Zusammenarbeit mit den Fachärzten verlangt wird
(BGE 133 V 450 E. 11.1.1 S. 468 sowie Urteil des Bundesgerichts 8C_374/2008 vom
30. Januar 2009 E. 6.1 in fine). Die Ergebnisse weiterer Abklärungen im Haushalt der
Beschwerdeführerin wären daher medizinisch zu validieren.
4.3 Sollten diese Abklärungen einen Bedarf der Beschwerdeführerin an Dritthilfe im
Sinn der lebenspraktischen Begleitung ergeben, müsste ferner geprüft werden,
inwiefern es die Schadenminderungspflicht gebietet, die Mithilfe von
Familienangehörigen zu beanspruchen. Diese Mithilfe geht zwar weiter als die ohne
Gesundheitsschaden üblicherweise zu erwartende Unterstützung, jedoch darf den
Familienangehörigen keine unverhältnismässige Belastung entstehen (vgl. dazu Urteil
des Bundesgerichts 9C_410/ 2009 vom 1. April 2010 E. 5.5 mit Hinweisen).
5.
Demnach ist die angefochtene Verfügung in teilweiser Gutheissung der Beschwerde
vom 27. Mai 2011 aufzuheben und die Sache an die Beschwerdegegnerin zu weiteren
Abklärungen im Sinne der Erwägungen und anschliessender Neuverfügung zurückzu
weisen. Da die Rückweisung zu weiteren Abklärungen praxisgemäss hinsichtlich
Kosten- und Entschädigungsfolgen als volles Obsiegen der Beschwerde führenden
Partei zu qualifizieren ist, sind die gemäss Art. 69 Abs. 1 IVG zu erhebenden und
angesichts des durchschnittlichen Aufwands auf Fr. 600.-- festzusetzenden Gerichts
kosten der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen, und ist diese zu verpflichten, die Be
schwerdeführerin mit Fr. 3’500.-- (einschliesslich Barauslagen und Mehrwertsteuer) zu
entschädigen.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht