Decision ID: f22dec5c-4a3f-562d-8239-3161bd46dcf1
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer stellte am 14. Januar 2015 erstmals ein Asylgesuch
in der Schweiz.
Dabei machte er im Wesentlichen geltend, er habe im Jahr 2006 bei den
LTTE (Liberation Tigers of Tamil Eelam) ein dreimonatiges Training im
B._-Gebiet absolviert. Er habe Sri Lanka verlassen, weil er von den
Sicherheitsbehörden wegen seines Aufenthaltes im B._ gesucht
worden sei. Daraufhin habe er in Deutschland im Jahr 2009 ein Asylgesuch
gestellt, welches abgewiesen worden sei, sodass er im Jahr 2013 nach Sri
Lanka zurückgekehrt sei. Nach seiner Ankunft sei er eineinhalb Tage am
Flughafen festgehalten und verhört worden. Am (...) 2014 sei er von Ange-
hörigen des CID (Criminal Investigation Department) bei sich zu Hause
verhört und aufgefordert worden, sich am nächsten Tag auf dem Polizei-
posten zu melden. Dort sei er wiederum von Angehörigen des CID zu sei-
nen LTTE-Verbindungen verhört und geschlagen worden. Danach habe er
einer monatlichen Meldepflicht unterstanden. Im (...) 2014 habe er gehei-
ratet und sei nach C._ gezogen. Am (...) 2014 sei er dort durch
Angehörige des CID verhaftet worden, weil er die Meldepflicht nicht weiter-
hin eingehalten habe und nicht über seinen Wegzug aus Jaffna informiert
habe. Er sei ins (...)-Camp gebracht worden, wo er bis zum (...) 2015 fest-
gehalten und dabei verhört und geschlagen worden sei.
B.
Mit Verfügung vom 28. April 2015 wurde auf das Asylgesuch des Be-
schwerdeführers gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG nicht eingetreten, da
Italien aufgrund eines durch die italienischen Behörden erteilten Schen-
gen-Visums für das Asylverfahren zuständig war. Gleichzeitig wurden die
Wegweisung sowie der Vollzug derselben aus der Schweiz angeordnet.
Die Verfügung ist unangefochten in Rechtskraft erwachsen. Der Beschwer-
deführer galt seit dem 13. Mai 2015 als untergetaucht.
C.
Am 11. Juli 2019 meldete sich der Beschwerdeführer zusammen mit seiner
Ehefrau (Verfahren D-1275/2020) im Bundesasylzentrum.
D.
Mit Eingabe vom 15. August 2019 stellte der Beschwerdeführer gemäss
Aufforderung vom 30. Juli 2019 ein schriftliches Mehrfachgesuch. Am
20. Dezember 2019 wurde er einlässlich zu seinen Asylgründen angehört.
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Dabei machte er im Wesentlichen geltend, er sei im (...) 2015 mit dem
Schiff nach Sri Lanka zurückgekehrt. Er habe zusammen mit seiner Frau
in einem Vorort von Colombo gelebt und in einem muslimischen Schreine-
reibetrieb gearbeitet. Nach den Bombenanschlägen vom Frühling 2019 sei
es am (...) 2019 auch in ihrem Betrieb zu einer Durchsuchung gekommen
und sie seien alle verhaftet worden. Aufgrund seiner Vergangenheit sei er
(...) Tage in Haft geblieben und dabei mehrmals zu den Bombenanschlä-
gen und zu seinen Verbindungen zu den LTTE verhört worden. Nach seiner
Freilassung seien sie ausgereist.
Ergänzend zu seinen Vorbringen anlässlich des ersten Asylgesuches
machte der Beschwerdeführer geltend, er sei vor seiner Ausreise nach
Deutschland im Jahr 2009 bereits (...) Monate in Colombo in Haft gewe-
sen.
E.
Mit Verfügung vom 30. Januar 2020 – eröffnet am 3. Februar 2020 – lehnte
das SEM das Asylgesuch des Beschwerdeführers ab und ordnete die Weg-
weisung sowie den Vollzug an.
F.
Mit Eingabe vom 4. März 2020 erhob der Beschwerdeführer gegen diesen
Entscheid beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde und beantragte
die Aufhebung der angefochtenen Verfügung, die Feststellung der Flücht-
lingseigenschaft und die Asylgewährung sowie eventualiter die Erteilung
einer vorläufigen Aufnahme. In formeller Hinsicht ersuchte er um Gewäh-
rung der unentgeltlichen Prozessführung und Verbeiständung, um Verzicht
auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und um Gewährung der auf-
schiebenden Wirkung.
G.
Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am
6. März 2020 vor (vgl. Art. 109 Abs. 6 AsylG).
H.
Mit Zwischenverfügung vom 13. März 2020 stellte die Instruktionsrichterin
fest, der Beschwerdeführer könne den Ausgang des Verfahrens in der
Schweiz abwarten und verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvor-
schusses. Den Entscheid über das Gesuch um Gewährung der unentgelt-
lichen Prozessführung verschob sie auf einen späteren Zeitpunkt und for-
derte den Beschwerdeführer auf, eine Fürsorgebestätigung einzureichen.
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Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Verbeiständung wurde
abgewiesen.
I.
In seiner Vernehmlassung vom 24. März 2020 hielt das SEM vollumfäng-
lich an seinen Erwägungen fest und beantragte die Abweisung der Be-
schwerde.
J.
Mit Zwischenverfügung vom 29. April 2020 hiess die Instruktionsrichterin
aufgrund der am 30. März 2020 eingereichten Fürsorgebestätigung das
Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gut.
K.
Mit Replik vom 23. Mai 2020 (Poststempel) nahm der Beschwerdeführer
zur Vernehmlassung des SEM Stellung.
L.
Mit Eingabe vom 12. August 2020 (Poststempel) reichte der Beschwerde-
führer einen Arztbericht im Zusammenhang mit seinen chronischen
Schmerzen im Brustbereich zu den Akten.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
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durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108
Abs. 6 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.
4.1 Zur Begründung seiner Verfügung rief das SEM zunächst in Erinne-
rung, dass der Beschwerdeführer Sri Lanka gemäss seinen Angaben seit
dem Jahr 2009 insgesamt drei Mal verlassen habe. Für die Beurteilung des
vorliegenden Gesuchs würden zuerst die Gründe für seine Ausreise im (...)
2015 einer Prüfung unterzogen. Vorab sei festzustellen, dass er die Orga-
nisation all seiner Ausreisen jeweils gleich unsubstantiiert und schwer
nachvollziehbar geschildert habe. Obschon er während seiner Haft im (...)-
Camp mit niemandem der Familie Kontakt gehabt habe, habe sein Schwie-
gervater seine Ausreise mithilfe eines Schleppers organisiert respektive sei
diese kurze Zeit nach seiner Freilassung organisiert worden. Es könne ihm
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nicht geglaubt werden, dass seine Familie ohne sein Wissen seine Aus-
reise organisiert habe, nur weil er bereits einmal im Ausland gewesen sei.
Dies insbesondere auch vor dem Hintergrund, dass er erst kurz zuvor ge-
heiratet habe. Seine Angaben würden schliesslich durch die Existenz eines
am (...) 2014 auf ihn ausgestellten italienischen Schengen-Visums wider-
legt. Seine diesbezüglichen Erklärungen seien als unbeholfen zu werten
und könnten nicht gehört werden. Es sei weiter davon auszugehen, dass
er seinen Reisepass den Schweizer Behörden absichtlich vorenthalte, zu-
mal seine diesbezüglichen Erklärungen, wo sich dieser beispielsweise be-
finde, wenig überzeugend seien. Aufgrund des Ausstellungsdatums des
Schengen-Visums sei auch belegt, dass er sich an jenem Tag nicht wie von
ihm geltend gemacht in Haft befunden haben könne. Der Vollständigkeit
halber sei anzufügen, dass seine Aussagen zur angeblich (...)monatigen
Haft im (...)-Camp detailarm sowie stereotyp ausgefallen seien und damit
einen persönlichen Erlebnisbezug vermissen lassen würden.
Weiter mache er geltend im (...) 2015 die Schweiz auf dem Schiffsweg
verlassen zu haben. Seine diesbezüglichen Aussagen seien jedoch äus-
serst knapp, allgemeingültig und ohne jegliche Details ausgefallen. Von ei-
ner Person, die laut eigenen Angaben noch nie eine Schiffsreise unternom-
men habe, seien erlebnisbasierte Aussagen zu erwarten. Seine Angaben
zu seinem angeblichen Arbeitgeber in Colombo (Name Arbeitsort und Ar-
beitgeber, Anzahl Arbeitskollegen) seien ausweichend ausgefallen. Seinen
Alltag sowie das Zusammenleben mit seiner Frau habe er eintönig und
ohne jegliche Realkennzeichen geschildert. Vor dem Hintergrund der von
ihm geltend gemachten Durchsuchung muslimischer Distrikte und im
Lichte der damaligen Lage sei nicht nachvollziehbar, dass er ausgerechnet
mit einem Pass, der auf einen muslimischen Namen gelautet haben solle,
ausgereist sein wolle. Bezeichnenderweise habe er keinerlei Dokumente
oder Unterlagen eingereicht, welche die geltend gemachten Reisen und
Aufenthalte hätten belegen können. Nach einer Gesamtwürdigung sei da-
von auszugehen, dass er Sri Lanka im (...) 2015 das letzte Mal verlassen
habe und seither nicht mehr zurückgekehrt sei. Vor diesem Hintergrund sei
auch den geltend gemachten Ereignissen zwischen den Jahren 2015 und
2019 die Grundlage entzogen, weshalb diese nicht weiter zu prüfen seien.
Wie den Akten entnommen werden könne, sei ihm mehrfach die Gelegen-
heit eingeräumt worden, sein Vorbringen frei zu schildern. Insgesamt wür-
den seine Aussagen jedoch nicht die Qualität aufweisen, welche zu erwar-
ten wäre, wenn eine Person mit seinen individuellen Fähigkeiten ein sol-
ches Ereignis unter den geltend gemachten Umständen tatsächlich erlebt
hätte. Die Qualität seiner Aussagen hätte er auch ohne Erlebnishintergrund
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realisieren können. Seine Aussagen würden demzufolge als zu wenig be-
gründet erachtet.
Weiter mache der Beschwerdeführer geltend, immer wieder von den sri-
lankischen Sicherheitsbehörden befragt, mitgenommen und teilweise fest-
gehalten worden zu sein. Abgesehen von den oben ausgeführten unglaub-
haften Elementen seiner Asylbegründung sei davon auszugehen, dass er
aufgrund seiner Ethnie, seiner Umzüge sowie der fehlenden Registrierun-
gen vor Ort mit den sri-lankischen Sicherheitsbehörden in Kontakt gekom-
men sei. Solche Massnahmen würden jedoch nicht die notwendige Inten-
sität erreichen, um flüchtlingsrechtlich relevant zu sein. Des Weiteren sei
festzuhalten, dass er immer wieder freigelassen worden sei, teilweise so-
gar ohne Auflagen. Ohnehin verfüge er nicht über ein Profil, welches ihn in
den Fokus der sri-lankischen Behörden rücken lasse.
Auch im Falle einer Rückkehr nach Sri Lanka hätte der Beschwerdeführer
keine begründete Furcht vor Verfolgung. Allfällige Kontrollen der Rückkeh-
rer am Flughafen und am Herkunftsort nähmen grundsätzlich kein asylre-
levantes Ausmass an. Vor seiner Ausreise sei er keinen flüchtlingsrechtlich
relevanten Verfolgungsmassnahmen ausgesetzt gewesen. Unter Berück-
sichtigung der obigen unglaubhaften Angaben sei festzuhalten, dass er
nach Kriegsende Sri Lanka zwei Mal unbehelligt verlassen und einmal
ohne Probleme habe zurückkehren können. Allfällige, im Zeitpunkt seiner
Ausreise bestehende Risikofaktoren hätten folglich kein Verfolgungsinte-
resse seitens der sri-lankischen Behörden auszulösen vermocht. Es sei
aufgrund der Aktenlage nicht ersichtlich, weshalb er bei einer Rückkehr
nach Sri Lanka nunmehr in den Fokus der Behörden geraten sollte. Daran
vermöge auch die aktuelle Lage in Sri Lanka nichts zu ändern. Vorausset-
zung für die Annahme einer Verfolgungsgefahr aufgrund der Präsident-
schaftswahlen vom November 2019 sei ein persönlicher Bezug der asylsu-
chenden Person zu eben diesem Ereignis respektive dessen Folgen. Ge-
nau dies sei vorliegend allerdings nicht dargetan worden. In der Folge der
Anschläge vom April 2019 hätten die Behörden Massnahmen ergriffen, um
Personen habhaft zu werden, die in Zusammenhang mit den Anschlägen
gestanden hätten. Aus den Akten gehe allerdings nicht hervor, dass er ei-
nen Bezug zu den Anschlägen aufweise oder dessen verdächtigt würde.
Es sei ihm nicht gelungen, glaubhaft darzulegen, dass er sich im Jahr 2019
in Sri Lanka aufgehalten habe.
4.2 Der Beschwerdeführer hielt dem entgegen, er habe angegeben, dass
er die Schweiz im Jahr 2015 mit dem Schiff verlassen habe, weil er eine
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erneute Inhaftierung, wie bei seiner Rückkehr im Jahr 2013 habe vermei-
den wollen. Es habe sich nicht um eine eigentliche Reise gehandelt. Es
habe viele Personen auf dem Schiff gegeben, deren Zuständigkeiten er
aber nicht gekannt habe. Die Kommunikation sei durch sprachliche Barrie-
ren erschwert gewesen. Zu Beginn habe er Mühe gehabt, sich zurecht zu
finden. Zu Essen habe es Brot oder Reis gegeben. Er sei auf dem grossen
Containerschiff herumgelaufen oder habe in seiner Kabine Tee getrunken
und ferngesehen. Aufgrund der Seekrankheit sei es ihm schlecht gegan-
gen und er habe nicht schlafen können. An der Anhörung sei er zu seiner
Reise nicht weiter befragt worden. Zur Organisation seiner Ausreise im
Jahr 2015 gelte es festzuhalten, dass er im Jahr 2009 ja schon einmal aus-
gereist sei und seine Familie sowie die Familie seiner Frau von seinen
Problemen gewusst hätten. Deshalb hätten sie während seiner (...)mona-
tigen Haft im (...)-Camp einen Schlepper organisiert, sodass er nach seiner
Entlassung schnell habe ausreisen können. Dies habe er an der Anhörung
auch so gesagt. Bezüglich der Inhaftierung im (...)-Camp habe er angege-
ben, wie die Männer des CID ihn abgeholt, wo sie ihn hingebracht hätten,
wie es dort gewesen sei und wie es ihm gegangen sei. Die Tage seien
immer etwa gleich gewesen. Er sei ja immer am gleichen Ort gewesen und
die Männer hätten immer ungefähr die gleichen Fragen gestellt. Bezüglich
des italienischen Schengen-Visums müsse er darauf hinweisen, dass sein
Vater und sein Schwiegervater jeweils die Ausreise organisiert hätten.
Wahrscheinlich habe der Schlepper das Visum organisiert. Er wisse nicht,
wie dieser das gemacht habe, da er in Sri Lanka nie auf der italienischen
Botschaft gewesen sei. Aber in Sri Lanka könne man mit den richtigen Kon-
takten und genug Geld viel erreichen. Er habe bis zu seiner Anhörung im
Jahr 2019 nichts von diesem Visum gewusst und verstehe das Ganze
nicht.
Bei einer Rückkehr nach Sri Lanka würde er als Tamile aus dem Norden
bereits bei der Einreise systematisch ins Visier der Sicherheitskräfte gera-
ten. Aufgrund des fortschrittlichen Informationssystems Sri Lankas, sei da-
von auszugehen, dass die sri-lankischen Behörden ihn in ihrer Datenbank
vermerkt hätten und er auf der “stop-list» oder zumindest der «watch-list»
vermerkt sei. Ausserdem habe er Sri Lanka legal verlassen, ohne sich ab-
zumelden oder eine längere Abwesenheit anzumelden. Auf derartige
Weise sei lediglich ein dreimonatiger Auslandsaufenthalt in Sri Lanka er-
laubt. Bei seiner Rückkehr würde am Flughafen festgestellt, dass er den
sri-lankischen Pass missbraucht habe. Dies sei in Sri Lanka strafbar und
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stelle einen selbständigen Inhaftierungsgrund dar. Es sei davon auszuge-
hen, dass er als untergetaucht vermerkt sei und die sri-lankischen Behör-
den mittlerweile Kenntnis über seine Vergangenheit bei den LTTE hätten.
Zur Stützung seiner Beschwerde reichte der Beschwerdeführer einen Arzt-
bericht vom 29. Juli 2020 betreffend seine chronischen Schmerzen im
Brustbereich aufgrund der Misshandlungen durch die LTTE beziehungs-
weise die sri-lankischen Sicherheitskräfte zu den Akten.
4.3 In seiner Vernehmlassung hielt das SEM fest, betreffend die Beurtei-
lung der Glaubhaftigkeit wiederhole der Beschwerdeführer lediglich zu den
einzelnen Punkten, dass er nicht verstehe, weshalb das SEM zu dieser
Einschätzung komme, habe er doch jede Frage beantwortet respektive ge-
nau geschildert, was vorgefallen sei. Aufgrund der Unglaubhaftigkeit der
Vorbringen, an welcher das SEM nach wie vor festhalte, erübrige es sich
auf die Ausführungen in der Beschwerdeschrift zur Flüchtlingseigenschaft
und zu den Vollzugshindernissen weiter einzugehen. Die Bemerkungen
zum Schengen-Visum seien tatsachenwidrig. So behaupte der Beschwer-
deführer in der Beschwerdeschrift, dass er bis zur Anhörung 2019 nichts
von einem Schengen-Visum für Italien gewusst habe. Dem sei zu entgeg-
nen, dass ihm zu diesem Visum im Jahr 2015 das rechtliche Gehör gewährt
worden sei, er dazu Stellung bezogen habe und sich der Nichteintretens-
entscheid auf diesen Sachverhalt gestützt habe. Diesen Entscheid er-
wähne er sogar in seiner Beschwerdeschrift.
4.4 In seiner Replik hielt der Beschwerdeführer fest, weil er nicht verstehe,
weshalb das SEM seine Glaubhaftigkeit anzweifle, habe er den Sachver-
halt und die im negativen Entscheid genannten Punkte in der Beschwerde
detailgetreu, präzise und kohärent dargelegt. Um die Glaubhaftigkeit seiner
Aussagen zu beweisen, habe er in der Beschwerde noch mehr Details er-
zählt. Weiter habe er wiederholt betont, dass er nichts von den Details der
Ausreise und bis zu seinem Asylverfahren in der Schweiz auch nichts vom
italienischen Schengen-Visum gewusst habe. Diese Überraschung habe
er aufzuzeigen versucht. In der Beschwerde habe er alle Punkte des Ent-
scheids aufgegriffen, die Widersprüche gelöst und die Glaubhaftigkeit sei-
ner Schilderungen untermauert.
5.
5.1 Glaubhaftmachung im Sinne des Art. 7 Abs. 2 AsylG bedeutet ‒ im Ge-
gensatz zum strikten Beweis ‒ ein reduziertes Beweismass und lässt
durchaus Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen des
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Beschwerdeführers. Entscheidend ist, ob die Gründe, die für die Richtigkeit
der gesuchstellerischen Sachverhaltsdarstellung sprechen, überwiegen
oder nicht. Bei der Beurteilung der Glaubhaftmachung geht es um eine Ge-
samtbeurteilung aller Elemente (Übereinstimmung bezüglich des wesentli-
chen Sachverhaltes, Substanziiertheit und Plausibilität der Angaben, per-
sönliche Glaubwürdigkeit usw.), die für oder gegen den Gesuchsteller bzw.
die Gesuchstellerin sprechen. Glaubhaft ist eine Sachverhaltsdarstellung,
wenn die positiven Elemente überwiegen. Für die Glaubhaftmachung reicht
es demnach nicht aus, wenn der Inhalt der Vorbringen zwar möglich ist,
aber in Würdigung der gesamten Aspekte wesentliche und überwiegende
Umstände gegen die vorgebrachte Sachverhaltsdarstellung sprechen (vgl.
BVGE 2015/3 E. 6.5.1; 2013/11 E. 5.1; 2012/5 E. 2.2; 2010/57 E. 2.3).
5.2 Die Erwägungen der vorinstanzlichen Verfügung, wonach die Vorbrin-
gen des Beschwerdeführers die oben genannten Anforderungen an die
Glaubhaftigkeit nicht erfüllen, sind zu bestätigen. Dabei hat das SEM zu-
nächst zutreffend darauf hingewiesen, dass der Beschwerdeführer gemäss
seinen Angaben seit dem Jahr 2009 Sri Lanka insgesamt drei Mal verlas-
sen haben will und die Organisation all seiner Ausreisen jeweils gleich un-
substantiiert und schwer nachvollziehbar geschildert hat. Die Aussage wo-
nach die Familie seiner Frau die Ausreise schon während seiner Haft im
Jahr 2015 zu organisieren begonnen habe, weil er zuvor schon einmal aus-
gereist sei, vermag die stereotypen Aussagen zu den drei geltend gemach-
ten Ausreisen nicht zu erklären. Zudem ist es auch logisch und technisch
kaum nachvollziehbar, dass bereits die Ausreise organisiert worden sein
soll, anstatt den Fokus auf die Erwirkung seiner Freilassung zu legen. In
Bezug auf die Haft im (...)-Camp hat das SEM zutreffend auf die Substanz-
losigkeit der Aussagen des Beschwerdeführers verwiesen (vgl. A12 F131
ff.). In der Beschwerde beschränkt sich der Beschwerdeführer darauf,
seine Angaben an der Anhörung zur Inhaftierung noch einmal zu wieder-
holen. Insofern er einige wenige zusätzliche Auskünfte gibt, vermag dies
die fehlende Substantiiertheit in den mündlichen Aussagen nicht aufzuhe-
ben. Insbesondere gilt es im Zusammenhang mit der Ausreise im Jahr
2015 aber auf das durch Italien am (...) 2014 – und somit zu einem Zeit-
punkt, zu dem sich der Beschwerdeführer seit wenigen Tagen in Haft hat
befinden wollen – ausgestellte Schengen-Visum hinzuweisen, welches
vom Beschwerdeführer verschwiegen wurde. Die diesbezüglichen Erklä-
rungsversuche in der Beschwerde wirken unbehelflich. Dass der Be-
schwerdeführer bis zu seiner Anhörung im Asylverfahren, sei dies im Jahr
2015 oder 2019, nichts von dem Visum gewusst haben will, ist realitätsfern
und kann ihm nicht geglaubt werden.
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5.3 Gewichtige Zweifel an den Aussagen des Beschwerdeführers entste-
hen aber insbesondere dadurch, dass er geltend macht, er sei im Jahr
2015 mit dem Schiff auf illegalem Weg nach Sri Lanka zurückgekehrt. Dies
scheint gänzlich unglaubhaft und wurde vom Beschwerdeführer, wie vom
SEM dargelegt, durchwegs unsubstantiiert beschrieben (vgl. A12 95 ff. und
F191 ff.). Der Verweis in der Beschwerde auf die Inhaftierung bei seiner
Rückkehr im Jahr 2013 als Grund für die Schiffsreise vermag zu keinem
anderen Schluss zu führen. Dass er zu seiner Schiffsreise nicht konkret
befragt wurde, ist aktenwidrig. In der Beschwerde beschränkt sich der Be-
schwerdeführer darauf, seine Angaben an der Anhörung zur Schiffsreise
noch einmal zu wiederholen. Insofern er einige wenige zusätzliche Aus-
künfte gibt, vermag dies auch hier die fehlende Substantiiertheit in den
mündlichen Aussagen nicht aufzuheben. Das SEM weist im Weiteren zu-
treffend darauf hin, dass auch die Angaben des Beschwerdeführers in Be-
zug auf das Leben in Colombo und seinen Arbeitgeber allgemein und ohne
jegliche Realkennzeichen ausgefallen sind, ebenso wie diejenigen seiner
Ehefrau. Vor dem Hintergrund der von ihm geltend gemachten Durchsu-
chung muslimischer Distrikte und im Lichte der damaligen Lage hält es
auch das Gericht für nicht nachvollziehbar, dass er ausgerechnet mit einem
Pass, der auf einen muslimischen Namen gelautet haben solle, ausgereist
sein will. Nach einer Gesamtwürdigung scheint die Schlussfolgerung des
SEM überzeugend, wonach der Beschwerdeführer Sri Lanka im (...) 2015
das letzte Mal verlassen habe und seither nicht mehr zurückgekehrt sei.
Dem SEM kann auch insoweit gefolgt werden, dass die Aussagen des Be-
schwerdeführers zu den Verfolgungsvorbringen aus dem Jahr 2019 wiede-
rum detailarm und ohne jegliche Realkennzeichen ausgefallen sind (vgl.
A12 F 248 ff.). Der mit der Beschwerde eingereichte kurze Arztbericht ver-
mag daran nichts zu ändern, zumal er als Beleg für die Ursachen der kör-
perlichen Leiden, welche lediglich mittels Selbstanamnese erhoben wer-
den, praxisgemäss nicht geeignet ist.
5.4 Nach dem Gesagten vermögen die Vorbringen des Beschwerdeführers
die Anforderungen an die Glaubhaftmachung im Sinne von Art. 7 AsylG
nicht zu erfüllen. Demzufolge erfüllte er im Zeitpunkt seiner Ausreise die
Flüchtlingseigenschaft nicht.
6.
Es bleibt zu prüfen, ob der Beschwerdeführer bei einer Rückkehr nach Sri
Lanka mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit ernsthafte Nachteile im Sinne
von Art. 3 AsylG zu befürchten hat, weshalb die Flüchtlingseigenschaft fest-
zustellen wäre.
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Seite 12
6.1 Gemäss Art. 54 AsylG wird Flüchtlingen kein Asyl gewährt, wenn sie
erst durch ihre Ausreise aus dem Heimat- oder Herkunftsstaat oder wegen
ihres Verhaltens nach der Ausreise Flüchtlinge im Sinne von Art. 3 AsylG
wurden (sog. subjektive Nachfluchtgründe). Personen mit subjektiven
Nachfluchtgründen werden als Flüchtlinge vorläufig aufgenommen. Mass-
gebend ist dabei, ob die heimatlichen Behörden das Verhalten der asylsu-
chenden Person als staatsfeindlich einstufen und diese deswegen bei ei-
ner Rückkehr in den Heimatstaat eine Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG
befürchten muss. Es bleiben damit die Anforderungen an den Nachweis
einer begründeten Furcht massgeblich (Art. 3 und 7 AsylG; vgl. zum Gan-
zen auch BVGE 2009/29 E. 5.1 und 2009/28 E. 7.1).
6.2 Im Referenzurteil E-1866/2015 hat das Bundesverwaltungsgericht eine
aktuelle Analyse der Situation von Rückkehrenden nach Sri Lanka vorge-
nommen und festgestellt, dass aus Europa respektive der Schweiz zurück-
kehrende tamilische Asylsuchende nicht generell einer ernstzunehmenden
Gefahr von Verhaftung und Folter ausgesetzt seien (vgl. E-1866/2015
E. 8.3). Das Gericht orientiert sich bei der Beurteilung des Risikos von
Rückkehrern, Opfer ernsthafter Nachteile in Form von Verhaftung und Fol-
ter zu werden, an verschiedenen Risikofaktoren. Dabei handelt es sich um
das Vorhandensein einer tatsächlichen oder vermeintlichen, aktuellen oder
vergangenen Verbindung zu den LTTE, um Teilnahme an exilpolitischen
regimekritischen Handlungen und um Vorliegen früherer Verhaftungen
durch die sri-lankischen Behörden, üblicherweise im Zusammenhang mit
einer tatsächlichen oder vermuteten Verbindung zu den LTTE (sog. stark
risikobegründende Faktoren, vgl. E-1866/2015 E. 8.4.1 – 8.4.3). Einem ge-
steigerten Risiko, genau befragt und überprüft zu werden, unterliegen aus-
serdem Personen, die ohne die erforderlichen Identitätspapiere nach Sri
Lanka einreisen wollen, die zwangsweise nach Sri Lanka zurückgeführt
werden oder die über die Internationale Organisation für Migration (IOM)
nach Sri Lanka zurückkehren, sowie Personen mit gut sichtbaren Narben
(sog. schwach risikobegründende Faktoren, vgl. E-1866/2015 E. 8.4.4 und
8.4.5). Das Gericht wägt im Einzelfall ab, ob die konkret glaubhaft gemach-
ten Risikofaktoren eine asylrechtlich relevante Gefährdung der betreffen-
den Person ergeben. Dabei zieht es in Betracht, dass insbesondere jene
Rückkehrer eine begründete Furcht vor ernsthaften Nachteilen im Sinne
von Art. 3 AsylG haben, denen seitens der sri-lankischen Behörden zuge-
schrieben wird, dass sie bestrebt seien, den tamilischen Separatismus wie-
deraufleben zu lassen (vgl. E-1866/2015 E. 8.5.1).
http://links.weblaw.ch/BVGE-2009/29 http://links.weblaw.ch/BVGE-2009/28
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Seite 13
An dieser Einschätzung vermag auch die aktuelle – zwar als volatil zu be-
zeichnende – Lage in Sri Lanka nichts zu ändern. Das Bundesverwaltungs-
gericht ist sich der Veränderungen in Sri Lanka bewusst, beobachtet die
Entwicklungen aufmerksam und berücksichtigt diese bei seiner Entscheid-
findung. Es gibt zum heutigen Zeitpunkt keinen Grund zur Annahme, dass
seit dem Machtwechsel in Sri Lanka ganze Bevölkerungsgruppen kollektiv
einer Verfolgungsgefahr ausgesetzt wären. Unter diesen Umständen ist im
Einzelfall zu prüfen, ob ein persönlicher Bezug der asylsuchenden Perso-
nen zur Präsidentschaftswahl vom 16. November 2019 respektive deren
Folgen besteht.
6.3 Wie aus dem Gesagten hervorgeht, ist die vom Beschwerdeführer vor-
gebrachte Vorverfolgung im Jahr 2015, die Rückkehr im gleichen Jahr und
damit auch die Verfolgung im Jahr 2019 nicht glaubhaft. Vielmehr gilt es
darauf hinzuweisen, dass er Sri Lanka nach Kriegsende zwei Mal unbehel-
ligt verlassen und einmal ohne grössere Probleme hat zurückkehren kön-
nen. Die vom SEM als glaubhaft erachteten Befragungen, Mitnahmen und
teilweise Festhaltungen durch die sri-lankischen Sicherheitsbehörden auf-
grund seiner Ethnie, seiner Umzüge sowie der fehlenden Registrierungen
vor Ort vermögen eine Furcht vor Verfolgung bei einer Rückkehr ebenfalls
nicht zu begründen. Es ist auch nicht davon auszugehen, dass die Behör-
den dem Beschwerdeführer bei einer Rückkehr eine enge Verbindung zu
den LTTE im Sinne obiger Rechtsprechung unterstellen würden. Das drei-
monatige Training und die entfernten Verwandten bei der LTTE vermögen
hierzu nicht auszureichen. Dies auch nicht unter Berücksichtigung der Tat-
sache, dass er lange Zeit in der Schweiz geweilt hat und aus diesem Land
zurückgeschafft würde. Auch die Anschläge im April 2019 und die politi-
schen Veränderungen seit November 2019 vermögen im vorliegenden Ver-
fahren zu keiner anderen Beurteilung zu führen, zumal das SEM richtig
darauf hinwies, dass der Beschwerdeführer keinen persönlichen Bezug zu
diesen Ereignissen hat oder dessen verdächtigt würde, zumal es ihm nicht
gelungen ist, glaubhaft darzulegen, dass er sich im Jahr 2019 in Sri Lanka
aufgehalten hat.
6.4 Gesamthaft ist es vorliegend nicht überwiegend wahrscheinlich, dass
der Beschwerdeführer bei einer Rückkehr nach Sri Lanka einem erhöhten
Verfolgungsrisiko ausgesetzt wäre und ernsthafte Nachteile im Sinne von
Art. 3 Abs. 2 AsylG zu befürchten hätte. Das SEM hat demnach zu Recht
festgestellt, dass er die Flüchtlingseigenschaft nicht erfüllt, und das Asyl-
gesuch abgelehnt.
D-1278/2020
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7.
7.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
7.2 Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
8.
8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
8.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun-
gen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund
nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Aus-
reise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl.
ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechts-
stellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember
1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-
gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3
EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender
Strafe oder Behandlung unterworfen werden.
D-1278/2020
Seite 15
8.3 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend darauf
hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur Per-
sonen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem
Beschwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr-
dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG
verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren
keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers in den
Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
8.3.1 Weder aus den Aussagen des Beschwerdeführers noch aus den Ak-
ten ergeben sich Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer Ausschaf-
fung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit einer
nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung aus-
gesetzt wäre. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofes für Men-
schenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses müsste
der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr («real risk») nachweisen oder
glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter oder un-
menschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR Saadi ge-
gen Italien 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06, §§ 124–127
m.w.H.). Es ergeben sich aus den Akten keine konkreten Anhaltspunkte
dafür, dass der Beschwerdeführer bei einer Rückkehr nach Sri Lanka mit
beachtlicher Wahrscheinlichkeit Massnahmen zu befürchten hätte, die
über einen sogenannten «Background Check» (Befragung und Überprü-
fung von Tätigkeiten im In- und Ausland) hinausgehen würden,
oder dass er persönlich gefährdet wäre.
Das Bundesverwaltungsgericht gelangt zur Einschätzung, dass sich die
jüngsten politischen Entwicklungen in Sri Lanka nicht in relevanter Weise
auf den Beschwerdeführer auswirken dürften. Die allgemeine Menschen-
rechtssituation in Sri Lanka lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen
Zeitpunkt weiterhin nicht als unzulässig erscheinen (vgl. statt vieler
E-3640/2020 vom 29. Januar 2021 E. 11.2.4).
8.4 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
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Seite 16
8.4.1 Der bewaffnete Konflikt zwischen der sri-lankischen Regierung und
den LTTE ist im Mai 2009 zu Ende gegangen. Aktuell herrscht in Sri Lanka
weder Krieg noch eine Situation allgemeiner Gewalt, dies gilt auch unter
Berücksichtigung der aktuellen dortigen Ereignisse und Entwicklungen.
Nach einer eingehenden Analyse der sicherheitspolitischen Lage in Sri
Lanka ist das Bundesverwaltungsgericht zum Schluss gekommen, dass
der Wegweisungsvollzug in die Ostprovinz zumutbar ist, wenn das Vorlie-
gen der individuellen Zumutbarkeitskriterien (insbesondere Existenz eines
tragfähigen familiären oder sozialen Beziehungsnetzes sowie Aussichten
auf eine gesicherte Einkommens- und Wohnsituation) bejaht werden kann
(vgl. Urteil E-1866/2015 vom 15. Juli 2016 E. 13.4). Diese Einschätzung
hat weiterhin Gültigkeit (vgl. statt vieler E-3640/2020 vom 29. Januar 2021
E. 11.3.2).
8.4.2 Das SEM hielt hierzu fest, der Beschwerdeführer sei ein junger, ver-
heirateter Mann, der nach seinem Schulabschluss viele Jahre als Schrei-
ner gearbeitet habe. Durch seine Eltern, seinen jüngeren Bruder sowie
seine Schwiegereltern, mit welchen er in Kontakt stehe, verfüge er über ein
soziales Beziehungsnetz, welches ihn bei seiner Wiedereingliederung un-
terstützen könne. Laut seinen Angaben gebe es auch keine finanziellen
Probleme in seiner Familie. Des Weiteren könne er mit seiner Ehefrau, die
ebenfalls über Familie vor Ort verfüge, nach Sri Lanka zurückkehren und
wieder ein gemeinsames Leben aufbauen. Auch die geltend gemachten
Schmerzen im Brustbereich vermöchten nicht zur Unzumutbarkeit des
Wegweisungsvollzugs zu führen, zumal er diesbezüglich nicht einmal in
ärztlicher Behandlung gewesen sei. Schliesslich sei zu wiederholen, dass
ihm seine Rückkehr nach Sri Lanka im (...) 2015 nicht geglaubt werden
könne. Wo er sich seitdem aufgehalten habe sei unklar. Es obliege jedoch
nicht dem SEM nach hypothetischen Vollzugshindernissen zu forschen,
wenn er über seine Aufenthaltsorte täusche.
Der Beschwerdeführer hielt dem entgegen, bei einer allfälligen Rückkehr
nach Sri Lanka müsste er wie vor seiner Ausreise wieder im Versteckten
leben. Er wisse nicht, ob er diesem Druck standhalten könne und be-
fürchte, dass sich seine psychische Gesundheit in erheblicher Weise ver-
schlechtern würde.
8.4.3 Das Gericht erachtet den Vollzug vorliegend ebenfalls als zumutbar.
Diesbezüglich kann zu Vermeidung von Wiederholungen vollumfänglich
auf die überzeugenden vorinstanzlichen Erwägungen verwiesen werden.
Dass der Beschwerdeführer im Jahr 2015 nach Sri Lanka zurückgekehrt
D-1278/2020
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ist, danach im Versteckten leben musste und dies nun fortführen müsste,
kann ihm wie oben ausgeführt nicht geglaubt werden. Weiter wird den Er-
wägungen des SEM in individueller Hinsicht in der Beschwerde nichts ent-
gegengehalten.
8.5 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
8.6 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
10.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem
Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). ). Nachdem jedoch
das mit der Beschwerde gestellte Gesuch um Gewährung der unentgeltli-
chen Prozessführung mit Zwischenverfügung vom 29. April 2020 gutge-
heissen wurde, sind keine Verfahrenskosten zu erheben.
(Dispositiv nächste Seite)
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