Decision ID: 4fa068eb-3170-4e25-bf78-39d28d8384c2
Year: 2020
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ (nachfolgend: Versicherter) arbeitete seit August 1998 als Gipser bei der
B._ AG, Bauunternehmung, ehe das Arbeitsverhältnis per Ende April 2002 infolge
Auflösung der Firmengruppe C._ gekündigt wurde (vgl. zum Ganzen den Sachverhalt
lit. A. in IV 2010/286 bzw. 435).
A.a.
Am 14. März 2002 hatte sich der Versicherte gemäss Meldung vom 12. April 2002
zuhanden der Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt (Suva) die linke Hand an
einem Türrahmen angeschlagen. Dabei hatte er sich eine Metacarpale-V-Schrägfraktur
links zugezogen, welche am 20. März 2002 mit einer Osteosynthese operativ versorgt
wurde. Es folgten am 10. Juni 2002 eine operative Metallentfernung samt
Neurinomentfernung sowie am 5. Juli 2002 eine Entfernung eines scheibenförmigen
Glassplitters. Letztere war angezeigt, weil der Versicherte über persistierende
Beschwerden und ein unverändertes Fremdkörpergefühl im Daumen links geklagt hatte
(vgl. zum Ganzen den Sachverhalt lit. A. in IV 2010/286 bzw. 435).
A.b.
Im Februar 2003 meldetet sich der Versicherte erstmals unter Hinweis auf eine seit
dem Jahr 2000 bestehende Knochenentzündung an der linken Hand zum Bezug von
Leistungen der Invalidenversicherung (IV) an. Nach diversen Abklärungen lehnte die IV-
Stelle mit Verfügung vom 6. August 2004 einen Anspruch auf Leistungen
(Invaliditätsgrad 15%) ab. Daran hielt sie mit Einspracheentscheid vom 27. Januar 2005
fest (vgl. zum Ganzen den Sachverhalt lit. B. in IV 2010/286 bzw. 435).
A.c.
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B.
Im August 2005 meldete sich der Versicherte wegen psychischer Probleme
(mittelgradige depressive Episode, differentialdiagnostisch somatoforme
Schmerzstörung) erneut zum Leistungsbezug bei der IV-Stelle an. Im Laufe des
Abklärungsverfahrens wurde der Versicherte durch die Medizinische Abklärungsstelle
(MEDAS) Zentralschweiz begutachtet. Die Gutachter diagnostizierten nach einer
Begutachtung vom März 2007 einen chronifizierten therapierefraktären schmerzhaften
Residualzustand der linken oberen Extremität mit funktioneller Einarmigkeit und eine
anhaltende somatoforme Schmerzstörung. Aufgrund der rheumatologischen Befunde
seien dem Versicherten die angestammte Tätigkeit als Gipser sowie andere manuell
kraftaufwändigen Tätigkeiten nicht mehr zumutbar. Er könne lediglich eine körperlich
und vor allem manuell leichte Tätigkeit mit vermindertem Einsatz der linken Hand im
Sinne einer Zudien- und Hilfshand sowie vorwiegend rechtsdominante Arbeiten zu 90%
ausführen. Die quantitative Einschränkung der Arbeitsfähigkeit ergebe sich aus den
psychopathologischen Befunden. Andere Diagnosen (depressive Störung, überwertige
Idee, diastolische Hypertonie und Übergewicht) hätten zwar Krankheitswert, würden
aber zu keiner wesentlichen Einschränkung der Arbeitsfähigkeit führen. Nach
Durchführung des Vorbescheidverfahrens verneinte die IV-Stelle mit Verfügung vom 24.
Januar 2008 bei einem Invaliditätsgrad von 18% einen Anspruch auf eine IV-Rente (vgl.
zum Ganzen den Sachverhalt lit. C. in IV 2010/286 bzw. 435).
A.d.
Im November 2008 meldete sich der Versicherte erneut zum Leistungsbezug bei
der IV an. In der Folge beauftragte die IV-Stelle die MEDAS-Zentralschweiz mit einer
psychiatrischen Verlaufsbegutachtung. Dr. med. D._, Psychiatrie und Psychotherapie
FMH, diagnostizierte im Gutachten vom Mai 2009 eine wegen Komorbidität und
anderer Umstände nicht überwindbare anhaltende Schmerzstörung, eine schwere
depressive Episode ohne psychotische Symptome und eine überwertige Idee (sonstige
anhaltende wahnhafte Störungen). Aufgrund der psychischen Störungen könne der
Versicherte eine Arbeitspräsenzzeit von nur 50% in einer adaptierten Tätigkeit
theoretisch erfüllen. Da seine Leistungen aber nicht verwertbar wären, sei von einer
Arbeitsunfähigkeit von 100% in jeder Tätigkeit auszugehen. Seit der Begutachtung im
März 2007 habe sich der Gesundheitszustand schleichend verschlechtert; seit dem
Eintritt in die stationäre Behandlung in die Klinik E._ (ca. im Februar 2009; vgl. IV-act.
B.a.
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107-6 oben), betrage die Arbeitsunfähigkeit 100% (IV-act. 107; vgl. zum Ganzen den
Sachverhalt lit. D.a f. in IV 2010/286 bzw. 435).
Nachdem Dr. med. F._ vom regionalen ärztlichen Dienst (RAD) mit Bericht vom
4. August 2009 Ungereimtheiten und inkonsistente Angaben des Versicherten
festgestellt hatte, wurde eine Observation in Auftrag gegeben. Tatsächlich beobachtet
wurde der Versicherte, nachdem er sich vom 24. August 2009 bis 31. Oktober 2009
wegen Suizidalität freiwillig in stationäre Behandlung in die Klinik E._ begeben hatte,
am 9. und 10. November 2009. Zu den Ergebnissen der Observation nahm Dr. F._
am 5. Januar 2010 aus medizinischer Sicht Stellung. Am 13. Januar 2010 trat der
Versicherte erneut eine stationäre Behandlung in der Klinik E._ an, die bis 9. Februar
2010 dauerte. Mit den Ergebnissen der Observation hatte die IV-Stelle den
Versicherten im Beisein seines Rechtsvertreters am 1. Februar 2010 konfrontiert. Mit
Bericht zuhanden des Psychiatrie-Zentrums G._ vom 16. März 2010 berichteten die
Ärzte der Klinik E._ von einer stationären Krisenintervention vom 14. bis 16. März
2010. Sie erstatteten daraufhin am 26. März 2010 einen Verlaufsbericht zuhanden der
IV-Stelle. Am 3. Juni 2010 ergänzte die RAD-Ärztin Dr. med. H._ aus psychiatrischer
Sicht die Ausführungen von Dr. F._ vom 5. Januar 2010. Dabei berücksichtigte sie
die am 1. Februar 2010 durchgeführte Konfrontation des Versicherten mit den
Observationsergebnissen (vgl. zum Ganzen den Sachverhalt lit. D.c ff. in IV 2010/286
bzw. 435).
B.b.
Nach Durchführung des Vorbescheidsverfahrens wies die IV-Stelle mit Verfügung
vom 4. Oktober 2010 das Rentengesuch mit der Begründung ab, die Observation des
Versicherten im Alltag zeige, dass die angegebene und demonstrierte Einschränkung
der Funktionsfähigkeit aus somatischer und psychiatrischer Sicht nicht den Tatsachen
entspreche. Diese Schlussfolgerung sei von medizinischen Fachpersonen der
Allgemeinmedizin und Psychiatrie bestätigt worden. Gestützt darauf könne auf die im
Verlaufsgutachten vom 25. Mai 2009 gestellten Diagnosen und geschätzte
Arbeitsunfähigkeit nicht mehr abgestellt werden. Der Versicherte habe durch sein
Verhalten die medizinischen Abklärungen manipuliert und verfälscht. Von einer weiteren
Begutachtung seien keine neuen medizinischen Erkenntnisse zu erwarten. Dagegen
erhob Rechtsanwalt R. Niedermann, St. Gallen, im Namen des Versicherten am 5.
B.c.
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November 2010 Beschwerde beim Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen (vgl.
zum Ganzen den Sachverhalt lit. F ff. in IV 2010/286 bzw. 435).
Das Versicherungsgericht hiess die Beschwerde teilweise gut und wies die Sache
zur Vornahme einer ergänzenden Begutachtung durch Dr. D._ an die IV-Stelle
zurück. Der Gutachter werde nicht nur das Observationsmaterial, sondern auch die
Erkenntnisse der weiteren Behandlung und den Vorfall vom 22. September 2010 (Sturz
infolge eines affektiven Erregungszustands mit Fraktur LWK3, Kalkaneusfraktur rechts
und Unterschenkelfraktur links; vgl. hierzu den Bericht des Psychiatrie-Zentrums G._
vom 24. Mai 2011, IV-act. 197-1) einzubeziehen haben (Entscheid vom 15. Februar
2013, IV 2010/286 bzw. 435, IV-act. 214); auf die von der IV-Stelle dagegen erhobene
Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten trat das Bundesgericht nicht ein
(Urteil des Bundesgerichts vom 4. Februar 2014, 8C_328/2013; IV-act. 224).
B.d.
Am 12. und 13. August 2014 wurde der Versicherte in der MEDAS Zentralschweiz
begutachtet. Im polydisziplinären Verlaufsgutachten vom 6. Februar 2015
bescheinigten die Experten dem Versicherten aufgrund der Schwere der psychischen
Störungen wie auch der Veränderungen am Bewegungsapparat eine vollständige
Arbeitsunfähigkeit für jegliche Tätigkeit (IV-act. 277-47). In der Folge wurde das
Gutachten der RAD-Ärztin Dr. med. I._, Fachärztin für Neurologie, zur Würdigung
vorgelegt. Diese vertrat in der Stellungnahme vom 26. Februar 2015 die Auffassung,
das MEDAS-Verlaufsgutachten sei in mehreren Punkten nicht überzeugend. Zudem
lägen unterschiedliche fachärztliche Beurteilungen desselben Sachverhalts in Bezug
auf die Phase der Observation vor. Unter Umständen könne eine dritte Begutachtung –
diesmal an einer anderen Gutachterstelle – zur Klärung der Situation führen (IV-act.
280).
B.e.
Nach der Durchführung mehrerer Verfahren (vgl. dazu die Ausführungen in den
Entscheiden IV 2015/193 [Rechtsverweigerung], IV 2015/378 [medizinische Abklärung],
IV 2017/462 [Begutachtung, Abklärungsstelle]) wurde das Ärztliche
Begutachtungsinstitut GmbH (ABI) mit der polydisziplinären (internistischen [durch Dr.
med. J._, FMH Allgemeine Innere Medizin] / psychiatrischen [durch Dr. med. K._,
FMH Psychiatrie und Psychotherapie] / orthopädischen [durch Dr. med. L._, FMH
Orthopädische Chirurgie] / rheumatologischen [durch Dr. med. M._, FMH
B.f.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/18
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Rheumatologie] / neurologischen [durch Dr. med. N._, FMH Neurologie])
Begutachtung des Versicherten betraut (IV-act. 390 ff.). Die Untersuchungen wurden
am 26. und 27. November 2018 durchgeführt. In ihrem Gutachten vom 4. Februar 2019
(IV-act. 400) diagnostizierten die Ärzte im polydisziplinären Konsens ein chronisches
thorakolumbospondylogenes Schmerzsyndrom (ICD-10: M53.8/M54.5), chronische
Beschwerden am linken Oberschenkel und Fuss (ICD-10: T93.2/Z98.8/Z98.1) sowie
chronische Beschwerden am rechten Oberschenkel und Fuss (ICD-10: T93.2/Z98.8/
Z98.1). Diesen Befunden massen sie Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit zu. Weiter
diagnostizierten die Gutachter eine rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig
leichte Episode (ICD-10: F33.0), eine chronische Schmerzstörung mit somatischen und
psychischen Faktoren (ICD-10: F 45.41), chronische Beschwerden an der adominanten
linken oberen Extremität (ICD-10: M79.60/T92.2/Z98.8) sowie Übergewicht mit BMI von
28 kg/m (ICD-10: E66.9). Diesen Befunden massen sie keinen Einfluss auf die
Arbeitsfähigkeit zu. Seit den am 22. September 2010 erlittenen Verletzungen an den
unteren Extremitäten könne aus orthopädischer Sicht von einer vollständigen
Arbeitsunfähigkeit für körperlich mittelschwere und schwere Tätigkeiten sowie für
stehende und gehende Tätigkeiten einschliesslich der angestammten Tätigkeit
ausgegangen werden. In einer leichten, wechselbelastenden Tätigkeit mit ergonomisch
gut eingestelltem Arbeitsplatz bestehe eine volle Arbeitsfähigkeit mit einer
Einschränkung der Leistungsfähigkeit von 20%. Dies aufgrund eines erhöhten
Pausenbedarfs. Stereotype oder fliessbandähnliche Arbeitsabläufe mit Rotation des
Achsenskeletts oder Arbeiten in anhaltender Vorneige- und Rückhalteposition des
Oberkörpers sollten vermieden werden. Belastungen durch Heben und Tragen von
Gewichten über fünf Kilogramm sollten ebenfalls vermieden werden. Von dieser
Arbeitsfähigkeit könne spätestens sechs Monate nach der am 20. März 2002 erfolgten
Operation ausgegangen werden. Danach habe nach den am 22. September 2010
erlittenen Verletzungen wiederum eine vollständige Arbeitsunfähigkeit für sämtliche
beruflichen Tätigkeiten bestanden. Spätestens sechs Monate nach der am 16.
September 2013 erfolgten Arthrodese des Sprunggelenks links könne wieder von einer
80%-igen Leistungsfähigkeit in einer angepassten leichten Tätigkeit ausgegangen
werden. Abgesehen von postoperativen Rekonvaleszenzen sei der Versicherte
ansonsten nie länger dauernd mehr als 20% eingeschränkt gewesen. Die leichten
Leistungseinbussen der verschiedenen Fachrichtungen würden sich ergänzen und
2
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/18
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C.
seien nicht zu addieren, da die gleichen Zeitabschnitte für Pausen und Erholung
genutzt werden könnten und teilweise die gleiche Symptomatik betroffen sei (IV-act.
400 S. 15).
Am 27. Februar 2019 nahm die RAD-Ärztin Dr. I._ umfassend zum Gutachten
des ABI Stellung (IV-act. 402). Mit Vorbescheid vom 15. April 2019 stellte die IV-Stelle
dem Versicherten bei einem Invaliditätsgrad von 30% die Abweisung des
Leistungsbegehrens in Aussicht (IV-act. 405). Dagegen erhob der Rechtsvertreter des
Versicherten am 28. Mai 2019 Einwand. Die Diskrepanz zwischen dem Vorgutachten, in
welchem im psychiatrischen Teilgutachten eine 100%-ige Arbeitsunfähigkeit für alle
Tätigkeiten festgestellt worden sei, und dem psychiatrischen Teilgutachten des ABI,
wonach der Versicherte 100% arbeitsfähig sein solle, sei nicht nachvollziehbar (IV-act.
408). Am 12. Juni 2019 verfügte die IV-Stelle gemäss Vorbescheid (IV-act. 411).
B.g.
Gegen die Verfügung vom 12. Juni 2019 richtet sich die vorliegende Beschwerde
vom 15. August 2019. Der Rechtsvertreter des Versicherten (nachfolgend:
Beschwerdeführer) beantragte darin die Aufhebung der Verfügung und die Zusprache
einer ganzen Rente. Eventualiter sei ein neues polydisziplinäres Gerichtsgutachten
einzuholen. Weiter sei das Gesuch um unentgeltliche Prozessführung und
Rechtsverbeiständung zu bewilligen. Unter Kosten- und Entschädigungsfolge zu
Lasten der IV-Stelle (nachfolgend: Beschwerdegegnerin; act. G 1). Mit der Beschwerde
reichte der Beschwerdeführer Stellungnahmen der behandelnden Ärzte Dr. med. O._,
Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, vom 22. Juli 2019 sowie Dr. med. P._,
Facharzt für Allgemeinmedizin und Sportmedizin, vom 18. Juli 2019 ein (act. G 1.2 f.).
C.a.
Mit Beschwerdeantwort vom 5. November 2019 beantragte die
Beschwerdegegnerin die Abweisung der Beschwerde (act. G 7).
C.b.
Mit Verfügung vom 11. November 2019 wurde dem Gesuch des
Beschwerdeführers um Bewilligung der unentgeltlichen Rechtspflege, umfassend die
Befreiung von den Gerichtskosten und die unentgeltliche Rechtsverbeiständung durch
Rechtsanwalt Niedermann, entsprochen (act. G 8).
C.c.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/18
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Erwägungen
1.
Zwischen den Parteien umstritten und nachfolgend zu prüfen ist ein Rentenanspruch
des Beschwerdeführers.
2.
In der Replik vom 10. Januar 2020 liess der Beschwerdeführer unverändert an der
Beschwerde festhalten (act. G 12). Mit der Replik reichte der Rechtsvertreter wiederum
Stellungnahmen der Dres. O._ und P._ vom 5. Dezember 2019 bzw. 9. Dezember
2019 ein (act. G 12.1). Die Beschwerdegegnerin hat auf die Einreichung einer Duplik
verzichtet (act. G 14).
C.d.
Gemäss Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) wird unter Invalidität die voraussichtlich
bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit
verstanden. Erwerbsunfähigkeit ist dabei der durch eine Beeinträchtigung der
körperlichen oder geistigen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung
und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten
auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG).
Der Grad der für einen allfälligen Rentenanspruch massgebenden Invalidität wird
gemäss Art. 16 ATSG durch einen Einkommensvergleich ermittelt, bei dem das
Einkommen, das die versicherte Person nach dem Eintritt der Invalidität und nach der
Durchführung der notwendigen und zumutbaren Eingliederungsmassnahmen bei
ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte (zumutbares Invalideneinkommen), in
Beziehung gesetzt wird zum Einkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid
geworden wäre (Valideneinkommen). Nach Art. 28 Abs. 2 des Bundesgesetzes über die
Invalidenversicherung (IVG; SR 831.20) besteht Anspruch auf eine ganze
Invalidenrente, wenn die versicherte Person mindestens zu 70%, auf eine
Dreiviertelsrente, wenn sie wenigstens zu 60% invalid ist. Liegt ein Invaliditätsgrad von
mindestens 50% vor, so besteht Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem
Invaliditätsgrad von mindestens 40% auf eine Viertelsrente.
2.1.
Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung und im
Beschwerdefall das Gericht auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und
gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des
2.2.
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Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung
zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte
Person arbeitsunfähig ist. Im Weiteren sind die ärztlichen Auskünfte eine wichtige
Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche Arbeitsleistungen der versicherten
Person noch zugemutet werden können (BGE 125 V 261 E. 4 mit Hinweisen). Für das
gesamte Verwaltungs- und Verwaltungsgerichtsbeschwerdeverfahren gilt der
Grundsatz der freien Beweiswürdigung. Danach haben die Versicherungsträger und
das Sozialversicherungsgericht die Beweise frei, d.h. ohne Bindung an förmliche
Beweisregeln, sowie umfassend und pflichtgemäss zu würdigen. Hinsichtlich des
Beweiswerts eines Arztberichts ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen
Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, die geklagten
Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden
ist, in der Beurteilung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der
medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen des Experten
begründet sind (BGE 125 V 352 E. 3a mit Hinweisen).
Den im Rahmen des Verwaltungsverfahrens formgerecht eingeholten Gutachten
von externen Spezialärzten, welche auf Grund eingehender Beobachtungen und
Untersuchungen sowie nach Einsicht in die Akten Bericht erstatten und bei der
Erörterung der Befunde zu schlüssigen Ergebnissen gelangen, ist bei der
Beweiswürdigung volle Beweiskraft zuzuerkennen, solange nicht konkrete Indizien
gegen die Zuverlässigkeit der Expertise sprechen (BGE 137 V 227 E. 1.3.4; vgl. ferner
Thomas Flückiger, Medizinische, insbesondere hausärztliche Berichte und ihre
Beweiskraft – mit einem Seitenblick auf die medizinischen Gutachten, in: Kieser/
Lendfers [Hrsg.], Sozialversicherungsrechtstagung 2013, St. Gallen 2014, S. 138 ff.). In
Bezug auf Berichte von Hausärzten darf und soll das Gericht der Erfahrungstatsache
Rechnung tragen, dass Hausärzte mitunter im Hinblick auf ihre auftragsrechtliche
Vertrauensstellung in Zweifelsfällen eher zu Gunsten ihrer Patienten aussagen (BGE
125 V 351 E. 3b/bb und cc). Dies gilt auch für Stellungnahmen behandelnder
Spezialärzte (Urteil des Eidgenössischen Versicherungsgerichts [EVG] vom 6. April
2006, I 803/05, E. 5.5). Widersprechen Berichte behandelnder Ärzte dem von der
Verwaltung bei externen Spezialärzten eingeholten Gutachten, ist die unterschiedliche
Natur von Behandlungsauftrag der therapeutisch tätigen (Fach-)Ärzte einerseits und
Begutachtungsauftrag der amtlich bestellten fachmedizinischen Experten anderseits zu
beachten (Urteil des EVG vom 18. April 2006, I 783/05, E. 2.2). Es ist deshalb nicht
zulässig, ein medizinisches Administrativ- oder Gerichtsgutachten stets in Frage zu
stellen und zum Anlass weiterer Abklärungen zu nehmen, wenn die behandelnden
Ärzte später zu anderslautenden Einschätzungen gelangen oder an vorgängig
2.3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/18
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3.
Um den Invaliditätsgrad festlegen zu können, muss die Arbeitsfähigkeit des
Beschwerdeführers mit dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit
feststehen.
geäusserten abweichenden Auffassungen festhalten. Vorbehalten bleiben aber Fälle, in
denen sich eine abweichende Beurteilung aufdrängt, weil die behandelnden Ärzte
wichtige – und nicht rein subjektiver ärztlicher Interpretation entspringende – Aspekte
benennen, die im Rahmen der Begutachtung unerkannt oder ungewürdigt geblieben
sind (Urteil des Bundegerichts vom 27. Mai 2008, 9C_24/2008, E. 2.3.2).
Im Sozialversicherungsrecht gilt der Untersuchungsgrundsatz. Verwaltung und
Sozialversicherungsgericht haben von sich aus für die richtige und vollständige
Abklärung des rechtserheblichen Sachverhalts zu sorgen (BGE 122 V 158 E. 1a).
Rechtserheblich sind alle Tatsachen, von deren Vorliegen es abhängt, ob über den
streitigen Anspruch so oder anders zu entscheiden ist. In diesem Rahmen haben
Verwaltungsbehörden und das Sozialversicherungsgericht zusätzliche Abklärungen
stets dann vorzunehmen oder zu veranlassen, wenn hierzu aufgrund der
Parteivorbringen oder anderer sich aus den Akten ergebenden Anhaltspunkte
hinreichender Anlass besteht (BGE 117 V 282 f. E. 4a). In beweisrechtlicher Hinsicht gilt
der Grundsatz der freien Beweiswürdigung. Danach haben die urteilenden Instanzen
die Beweise frei, d.h. ohne Bindung an förmliche Beweisregeln, sowie umfassend und
pflichtgemäss zu würdigen. Die Verwaltung respektive das Gericht dürfen eine
Tatsache nur dann als bewiesen annehmen, wenn sie von ihrem Bestehen überzeugt
sind. Im Sozialversicherungsrecht hat das Gericht seinen Entscheid, sofern das Gesetz
nicht etwas Abweichendes vorsieht, nach dem Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit zu fällen. Die blosse Möglichkeit eines bestimmten Sachverhalts
genügt den Beweisanforderungen nicht. Das Gericht hat vielmehr jener
Sachverhaltsdarstellung zu folgen, die es von allen möglichen Geschehensabläufen als
die wahrscheinlichste würdigt (BGE 126 V 360 E. 5b mit Hinweisen).
2.4.
Die angefochtene Verfügung der Beschwerdegegnerin stützt sich in medizinischer
Hinsicht auf das polydisziplinäre Administrativgutachten des ABI vom 4. Februar 2019
(IV-act. 400). Dieses Administrativgutachten wurde angeordnet, weil die
vorangegangenen (Verlaufs-)Gutachten der MEDAS Zentralschweiz und die übrigen
(medizinischen) Akten keine rechtsgenügliche Beurteilung der Arbeitsfähigkeit des
Beschwerdeführers zuliessen (vgl. Entscheid des Versicherungsgerichts vom 19.
Januar 2017 [IV 2015/378]). Zu prüfen ist nachfolgend, ob dem ABI-Gutachten
3.1.
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materiellrechtlich gefolgt werden kann oder ob konkrete Indizien gegen dessen
Zuverlässigkeit sprechen (vgl. vorstehende E. 2.4).
Der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers kritisiert vorab die Vorgehensweise
der Beschwerdegegnerin in Bezug auf die Anzahl der Begutachtungen und die Auswahl
der Gutachterstelle. Diesbezüglich erübrigen sich Ausführungen, nachdem die dagegen
erhobenen Beschwerden abgewiesen wurden (vgl. IV 2015/378 und IV 2017/462 bzw.
den Sachverhalt lit. B.f).
3.2.
Im weiteren erachtet der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers das ABI-
Gutachten als schlicht nicht verwertbar, da es mit gravierenden Mängeln behaftet und
somit als Entscheidgrundlage untauglich sei. Diesbezüglich verweist er in
psychiatrischer Hinsicht insbesondere auf die Stellungnahmen von Dr. O._ und aus
orthopädischer Sicht auf die Stellungnahmen von Dr. P._ (act. G 1 S. 4 f.).
3.3.
In internistischer (IV-act. 400 S. 38-44), orthopädischer (IV-act. 400 S. 62-74),
rheumatologischer (IV-act. 400 S. 45-51) und neurologischer (IV-act. 400 S. 72-82)
Hinsicht bestehen keine Anhaltspunkte dafür, dass der Beurteilung im Gutachten nicht
gefolgt werden könnte. Internistische oder neurologische Mängel am Gutachten macht
der Beschwerdeführer auch nicht geltend. Orthopädische und rheumatologische
vermag der Beschwerdeführer auch mit den Berichten von Dr. P._ nicht zu
begründen. Dr. P._ führt in seinen Stellungnahmen vom 18. Juli und 9. Dezember
2019 (act. G 1.3 und 12.2) einzig aus, dass seiner Meinung nach die orthopädische und
rheumatologische Problematik des Beschwerdeführers lediglich eine Arbeitsfähigkeit
von höchstens 50% in adaptierter Tätigkeit zulasse. Er begründet seine Einschätzung
indes nicht eingehend, benennt keine unerkannten oder ungewürdigten Aspekte und
vermag damit die andere Beurteilung der ABI-Gutachter weder zu widerlegen noch
konkrete Indizien gegen deren Zuverlässigkeit zu benennen. Diesbezüglich ist auch zu
beachten, dass Arbeitsunfähigkeitsschätzungen ein Ermessensspielraum inhärent ist
(Urteil des Bundesgerichts vom 18. Juni 2019, 9C_28/2019, E. 4.1) und, wie in E. 2.3
erwähnt, der Erfahrungstatsache Rechnung zu tragen ist, dass Hausärzte und
therapeutisch tätige Fachärzte mitunter im Hinblick auf ihre auftragsrechtliche
Vertrauensstellung in Zweifelsfällen eher zu Gunsten ihrer Patienten aussagen.
Insgesamt liegt den genannten Teilgutachten eine persönliche Untersuchung des
Beschwerdeführers zugrunde und es wurde die somatische (Kranken-)Geschichte und
deren dazugehörende Dokumente (inkl. bildgebende Unterlagen) von den involvierten
Experten aufgeführt, einbezogen und diskutiert. Auch konnte sich der
Beschwerdeführer zu seinen Beschwerden und deren Entwicklung genügend äussern.
Gestützt darauf wurden die somatischen Diagnosen überzeugend gestellt, ein
3.4.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/18
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begründetes Belastungsprofil erstellt und die Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers
nachvollziehbar geschätzt. Es kann vollumfänglich darauf abgestellt werden. Damit ist
der Beschwerdeführer aus somatischer Sicht in einer leichten, wechselbelastenden
Tätigkeit an einem ergonomisch gut eingestellten Arbeitsplatz zu 80% leistungsfähig.
Die Einschränkung ergibt sich aufgrund des erhöhten Pausenbedarfs. Stereotype oder
fliessbandähnliche Arbeitsabläufe mit Rotation des Achsenskeletts oder Arbeiten in
anhaltender Vorneige- und Rückhalteposition des Oberkörpers sowie das Heben und
Tragen von Gewichten über fünf Kilogramm sollten vermieden werden (IV-act. 400 S.
15).
3.5.
Auch das psychiatrische Teilgutachten von Dr. K._ (IV-act. 400 S. 52-61)
entspricht den Anforderungen der Rechtsprechung. Die Beurteilung erging unter
Einbezug und Diskussion der Vorgeschichte bzw. der vorhandenen (medizinischen)
Aktenlage (IV-act. 400 S. 52). Anlässlich der Exploration konnte sich der
Beschwerdeführer zu seinen Beschwerden und deren Entwicklung äussern (IV-act. 400
S. 52 ff.). Der psychiatrische Befund wurde erhoben und die Herleitung der gestellten
Diagnosen (rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig leichte Episode, und
chronische Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Faktoren)
nachvollziehbar aufgezeigt (IV-act. 400 S. 54 ff.). Dr. K._ begründet in Würdigung der
ergangenen divergierenden medizinischen Aktenlage und in Beachtung der eigenen
Untersuchung nachvollziehbar, warum seiner Meinung nach früher gestellte Diagnosen
(andauernde Persönlichkeitsänderung bei chronischem Schmerzsyndrom, wahnhafte
Störung, Persönlichkeitsstörungen) nicht zu stellen seien (IV-act. 400 S. 57). Weiter
beruht die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit durch den psychiatrischen Teilgutachter auf
einer Konsistenz- und Ressourcenprüfung (IV-act. 400 S. 57 f.). Aus dem Gutachten
ergibt sich nachvollziehbar, dass der Beschwerdeführer trotz der psychischen
Beeinträchtigungen über Ressourcen verfügt, die es ihm in Anlehnung an Art. 7 Abs. 2
Satz 2 ATSG ermöglichen sollten, in relevantem Ausmass einer Erwerbstätigkeit
nachzugehen. Die psychiatrische Befunderhebung zeigte, dass trotz depressiver
Stimmung mit verminderter Freude bei indes erhaltenen Interessen keine weiteren
psychopathologischen Auffälligkeiten bestanden. Der Beschwerdeführer war anlässlich
der psychiatrischen Begutachtung wach, bewusstseinsklar und allseitig orientiert. Die
Aufmerksamkeit, die Auffassung und das Gedächtnis waren intakt, das Denken formal
geordnet und inhaltlich bestanden keine Hinweise auf Wahnideen, Sinnestäuschungen,
Halluzinationen oder Ich-Störungen (IV-act. 400 S. 55). Auch war und ist der
Beschwerdeführer trotz der geltend gemachten andauernden somatischen und
3.5.1.
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psychischen Beschwerden weiterhin in der Lage und daran interessiert, selbständig mit
dem Auto zu fahren (IV-act. 400 S. 54, 57). Er bringt die dafür notwendigen kognitiven
Fähigkeiten (Konzentration im Strassenverkehr) mit, was sich bereits aus dem
Observationsmaterial aus dem Jahr 2009 ergeben hat (IV-act. 128). Dass diesbezüglich
seither eine Änderung eingetreten wäre, macht der Beschwerdeführer nicht geltend. Im
Übrigen sind Reisen in sein Herkunftsland mit mehrstündiger Anreise offensichtlich
weiterhin möglich (IV-act. 400 S. 54). Der Beschwerdeführer erfährt eine gute
Unterstützung durch seine Ehefrau und die Kinder. Auch scheint das Selbstwertgefühl
erhalten, ist doch der Beschwerdeführer in der Lage, seinen Willen, aber auch seine
Unzufriedenheit, gut und fordernd kundzutun (IV-act. 400 S. 55, 63). Es liegen zwar
auch persönliche ressourcenhemmende Faktoren vor, namentlich die mehrjährige
Abstinenz vom Arbeitsmarkt und die dadurch entstandene angespannte finanzielle
Situation. Auch führte der Tod seines Sohnes nachvollziehbar zu einem
verschlechterten psychischen Befinden. Punktuelle Verschlechterungen der
psychischen Problematik werden denn auch nicht in Frage gestellt (IV-act. 400 S. 60).
Insgesamt überwiegen aber die positiven Ressourcen, was dazu führt, dass der
Beschwerdeführer überwiegend wahrscheinlich trotz der ausgewiesenen
Schmerzproblematik und der psychischen Symptomatik über Kompensationspotential
verfügt, das er im beruflichen Alltag einsetzen kann. Soweit der Beschwerdeführer
geltend macht, er könne sich überhaupt keine berufliche Erwerbstätigkeit mehr
vorstellen, ist eine ähnlich hohe Einschränkung in den sonstigen Lebensbereichen
anhand der genannten Aktivitäten nicht ersichtlich. In diesem Sinne mangelt es an dem
beweisrechtlich entscheidenden Aspekt der Konsistenz, was darauf schliessen lässt,
dass die Einschränkungen und das Schmerzempfinden im Erwerbsleben nicht derart
wären, wie es der Beschwerdeführer zu befürchten scheint. Diesbezüglich sei
nochmals auf das Observationsergebnis verwiesen. Dieses zeigt, dass zwar durchaus
eine somatische Einschränkung aufgrund der Handgelenksproblematik links besteht;
es zeigt aber auch, dass diese den Beschwerdeführer bei objektiver Betrachtung nicht
derart beschwert, wie er es subjektiv empfindet und beschreibt (IV-act. 128, 140).
Insgesamt erscheint das psychiatrische Teilgutachten gestützt auf das Gesagte
genügend umfassend, medizinisch nachvollziehbar und schlüssig begründet. Es lässt
auch eine rechtsgenügliche Beurteilung der Arbeitsfähigkeit aufgrund der psychischen
Befunde im Lichte der bundesgerichtlichen Rechtsprechung (BGE 141 V 281 bzw. BGE
143 V 409 und 418) zu.
An dieser Beurteilung vermag auch Dr. O._, welcher das psychiatrische
Teilgutachten mit Stellungnahmen vom 22. Juli und 5. Dezember 2019 in
3.5.2.
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verschiedenen Punkten kritisiert, nichts zu ändern. Dr. O._ bemängelt insbesondere,
dass die anamnestischen Angaben insgesamt äusserst kurz gehalten seien und auf
konkrete und wichtige Fragestellungen in Bezug auf Behandlungsmassnahmen,
Krankheitskonzepte, den Umgang mit den Beschwerden etc. nicht genügend bzw. gar
nicht eingegangen worden sei. Die Vorgeschichte (inkl. Fenstersprung/Sturz, Tod des
Sohnes, Konfrontation mit dem Observationsmaterial) bzw. dessen Auswirkungen
seien insgesamt nicht differenziert behandelt worden. Es gebe weiter Widersprüche
und Ungereimtheiten in Bezug auf die Modulationsfähigkeit, die Mimik und Gestik und
allfällige Diagnosen (Persönlichkeitsänderung, Persönlichkeitsstörung, Schweregrad
der depressiven Symptomatik). Aus fachärztlicher Sicht sei der Beschwerdeführer seit
Jahren zu 100% arbeitsunfähig.
Es trifft zu, dass das psychiatrische Teilgutachten bzw. die 55-minütige
Exploration (IV-act. 400 S. 55) bei dieser langen Vorgeschichte eher kurz gehalten
wurde und einige Punkte wünschenswerterweise etwas ausführlicher erfragt und
niedergeschrieben worden wären. Wie erwähnt, vermag das Teilgutachten dennoch zu
genügen, zumal die entscheidenden Punkte darin Eingang fanden und in der
Arbeitsfähigkeitsschätzung berücksichtigt wurden. In diesem Sinne erfolgte die
klinische Untersuchung mit Anamneseerhebung, Symptomerfassung und
Verhaltensbeobachtung als wichtigste Grundlage gutachtlicher Feststellungen und
Schlussfolgerungen (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 28. Mai 2019, 9C_867/2018, E.
5.2.1) lege artis. Die diesbezüglich erhobenen Vorwürfe von Dr. O._ zielen demnach
ins Leere. Inhaltlich benennt Dr. O._ in seinen Stellungnahmen keine wichtigen
Aspekte, die im Rahmen der Begutachtung durch Dr. K._ unerkannt oder
ungewürdigt geblieben wären, womit sich eine abweichende Beurteilung aufdrängen
würde. Letztlich werden die Ressourcen des Beschwerdeführers bzw. die objektive
Überwindbarkeit der psychischen Beeinträchtigungen unterschiedlich eingeschätzt,
wobei es in diesem Zusammenhang zu berücksichtigen gilt, dass die psychiatrische
Exploration (inkl. Arbeitsfähigkeitsschätzung) von der Natur der Sache her nicht
ermessensfrei erfolgen kann und dem oder der medizinischen Sachverständigen
deshalb praktisch immer einen gewissen Spielraum eröffnet, innerhalb welchem
verschiedene Interpretationen möglich, zulässig und zu respektieren sind, sofern der
Experte oder die Expertin – wie hier – lege artis vorgegangen ist (Urteil des
Bundesgerichts vom 15. März 2016, 9C_634/2015, E. 6.1). Gestützt auf das Gesagte
vermögen die Ausführungen von Dr. O._ keine konkreten Indizien gegen die
Zuverlässigkeit der Beurteilung von Dr. K._ aufzuzeigen, womit dem psychiatrischen
Teilgutachten Beweiswert zukommt. Dies hat zur Folge, dass sich die psychischen
3.5.3.
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4.
Zu bestimmen ist im Folgenden die Höhe der Invalidität bzw. die gestützt auf die
ausgewiesenen Arbeitsunfähigkeiten resultierende Erwerbsunfähigkeit.
Beeinträchtigungen des Beschwerdeführers im Verfügungszeitpunkt nicht
erwerbsrelevant auswirken und im Verlauf keine langanhaltende psychiatrische
Arbeitsunfähigkeit ausgewiesen ist (IV-act. 400 S. 58).
Zusammengefasst ist festzuhalten, dass der medizinische Sachverhalt
rechtsgenüglich abgeklärt wurde. Dem Administrativgutachten des ABI kommt
Beweiswert zu und es besteht kein Anlass, bezüglich der medizinisch-theoretischen
Arbeitsfähigkeit von dessen Einschätzungen abzuweichen. In psychiatrischer Hinsicht
besteht demnach überwiegend wahrscheinlich seit jeher keine langanhaltende
psychiatrische Arbeitsunfähigkeit (IV-act. 400 S. 58). Eine solche konnte jedenfalls trotz
erheblicher Abklärungsbemühungen nicht rechtsgenüglich bewiesen werden. In
somatischer Hinsicht ist der Beschwerdeführer in einer leichten, wechselbelastenden
Tätigkeit an einem ergonomisch gut eingestellten Arbeitsplatz zu 80% leistungsfähig.
Die Einschränkung ergibt sich aufgrund des erhöhten Pausenbedarfs. Stereotype oder
fliessbandähnliche Arbeitsabläufe mit Rotation des Achsenskeletts oder Arbeiten in
anhaltender Vorneige- und Rückhalteposition des Oberkörpers sowie das Heben und
Tragen von Gewichten über fünf Kilogramm sind nicht mehr zumutbar. Diese
Beurteilung gilt sechs Monate nach der am 16. September 2013 erfolgten Arthrodese
des Sprunggelenks links. Ab dem 22. September 2010 (Fenstersprung/Sturz) bestand
eine 100%-ige Arbeitsunfähigkeit für sämtliche Tätigkeiten (IV-act. 400 S. 15). Eine
rentenbegründende Einschränkung vor dem 22. September 2010 bleibt sowohl in
somatischer als auch in psychiatrischer Hinsicht beweislos (vgl. dazu IV-act. 76-21,
400-71).
3.6.
Frühestmöglicher Rentenbeginn ist bei Anmeldung im November 2008 der 1. Mai
2009 (Art. 29 Abs. 1 IVG). Zu diesem Zeitpunkt bleibt – wie erwähnt – eine
rentenbegründende Einschränkung beweislos. Ab dem 22. September 2010
(Fenstersturz/Sprung) war der Beschwerdeführer gemäss ABI-Gutachten bis Mitte
März 2014 in sämtlichen Tätigkeiten zu 100% arbeitsunfähig. Danach war er zu 80%
adaptiert arbeitsfähig (vgl. vorstehende E. 3.6).
4.1.
Die Beschwerdegegnerin verneint für die Zeit ab 22. September 2010 bis Mitte
März 2014 gestützt auf Art. 21 ATSG einen Rentenanspruch, da der Fenstersprung/
Sturz auf eine reflektierte gezielte Selbstschädigung hindeute (IV-act. 411-3). Gemäss
4.2.
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Art. 21 Abs. 1 ATSG können Geldleistungen vorübergehend oder dauernd gekürzt oder
in schweren Fällen verweigert werden, wenn die versicherte Person den
Versicherungsfall vorsätzlich oder bei vorsätzlicher Ausübung eines Verbrechens oder
Vergehens herbeigeführt oder verschlimmert hat. Im psychiatrischen Teilgutachten des
ABI wird nachvollziehbar dargelegt, weshalb es sich beim Ereignis vom 22. September
2010 weder um einen echten Suizidversuch noch um einen ausschliesslichen Artefakt
gehandelt habe. Die Umstände würden darauf hinweisen, dass eine zumindest leicht
eingeschränkte Steuerungsfähigkeit bei grosser innerer Anspannung und Verzweiflung
im Rahmen der Depression und bei möglichen psychosozialen Belastungsfaktoren
vorgelegen habe (IV-act. 400-61). Gestützt auf die Einschätzung des ABI-Gutachtens
ist bei eingeschränkter Steuerungsfähigkeit demnach nicht von einer vorsätzlichen
Herbeiführung eines Versicherungsfalls auszugehen, womit für die Zeit von September
2010 bis und mit Juni 2014 bzw. in Anwendung von Art. 88a Abs. 2 der Verordnung
über die Invalidenversicherung (IVV; SR 831.201) bis und mit Juni 2014 bei einer
Erwerbsfähigkeit von 0% und einem Invaliditätsgrad von 100% ein Anspruch auf eine
ganze Rente besteht.
Zu bestimmen bleibt der Invaliditätsgrad ab 1. Juli 2014 im Rahmen eines
Einkommensvergleichs (vgl. vorstehende E. 2.1).
4.3.
Der Beschwerdeführer erzielte im Jahr 2002 ein Einkommen von Fr. 70'200.-- (Fr.
5'400.-- x 13; vgl. act. G 7.2.1-19). Diesen Lohn konnte er als Gipser erreichen und
diesen hätte er ohne Gesundheitsschaden mutmasslich weiter verdient. Für das
massgebende Jahr 2009 ist damit von einem Valideneinkommen von Fr. 77'542.80
(Nominallohnindex 1993-2010, Männer, 2002: 110.9, 2009: 122.5, Basis 1993 = 100)
auszugehen (Fr. 70'200.-- / 110.9 x 122.5).
4.3.1.
Gestützt auf das Belastungsprofil sind dem Beschwerdeführer als
Verweistätigkeiten leidensangepasste Hilfsarbeitertätigkeiten zuzumuten. Der LSE-
Hilfsarbeiterlohn hat im Jahr 2009 Fr. 61'240.-- betragen (vgl. Anhang 2 der IVG-
Gesetzesausgabe der Informationsstelle AHV/IV, Ausgabe 2015). Bei einem
Arbeitsfähigkeitsgrad von 80% resultiert damit ein Jahreseinkommen von Fr. 48'992.--.
Zu prüfen bleibt, ob von diesem Tabellenlohn ein Abzug vorzunehmen ist. Mit dem
Tabellenlohnabzug ist zu berücksichtigen, dass gesundheitlich beeinträchtigte
Personen, die selbst bei leichten Hilfsarbeitertätigkeiten behindert sind, im Vergleich zu
voll leistungsfähigen und entsprechend einsetzbaren arbeitnehmenden Personen
lohnmässig benachteiligt sind und deshalb mit unterdurchschnittlichen Lohnansätzen
rechnen müssen. Sodann wird dem Umstand Rechnung getragen, dass weitere
4.3.2.
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5.
persönliche und berufliche Merkmale einer versicherten Person wie Alter, Dauer der
Betriebszugehörigkeit, Nationalität oder Aufenthaltskategorie sowie
Beschäftigungsgrad Auswirkungen auf die Lohnhöhe haben können (BGE 129 V 481
E. 4.2.3). Die lange Abwesenheit vom Arbeitsmarkt dürfte sich vorliegend lohnsenkend
auswirken (vgl. u.a. Urteile des Bundesgerichts vom 10. Februar 2011, 9C_617/2010,
E. 4.3, vom 15. Juli 2009, 9C_524/2008, E. 4 und 4.2, und vom 4. Mai 2012,
9C_22/2012, E. 3.2). Dasselbe gilt in Bezug auf den Umstand, dass auch die leichte
Verweistätigkeit mit zusätzlichen Einschränkungen einhergeht. Es ist aber auch zu
beachten, dass die Abwesenheit vom Arbeitsmarkt bei Tätigkeiten mit
Kompetenzniveau 1 sich nur geringfügig auswirkt. Insgesamt erweist sich ein Abzug
von 10% als angemessen. Das Invalideneinkommen ist daher mit Fr. 44'092.80 (Fr.
48'992.-- x 0.9) zu bemessen.
Bei einem Valideneinkommen von Fr. 77'542.80 und einem Invalideneinkommen
von 44'092.80 ergeben sich eine Erwerbseinbusse von Fr. 33'450.-- (Fr. 77'542.80 -
Fr. 44'092.80) und ein Invaliditätsgrad von 43% (Fr. 33'450.-- / Fr. 77'542.80). Dieser
Invaliditätsgrad berechtigt zu einer Viertelsrente (vgl. vorstehende E. 2.1). Der Anspruch
besteht ab 1. Juli 2014 (vgl. vorstehende E. 4.2).
4.3.3.
Nach dem Gesagten ist die angefochtene Verfügung vom 12. Juni 2019 in
teilweiser Gutheissung der Beschwerde aufzuheben und dem Beschwerdeführer ab 1.
September 2010 bis 30. Juni 2014 eine ganze Rente und ab 1. Juli 2014 eine
Viertelsrente zuzusprechen. Die Sache ist zur Festsetzung und Ausrichtung der
geschuldeten Leistungen an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
5.1.
Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr.
1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- erscheint
in der vorliegend zu beurteilenden Angelegenheit als angemessen. Der
Beschwerdeführer hat gemessen an seinen Anträgen im Grundsatz und überwiegend
obsiegt, weshalb es sich rechtfertigt, die Gerichtskosten vollumfänglich der
Beschwerdegegnerin aufzuerlegen.
5.2.
bis
Gemäss Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende beschwerdeführende Partei
Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Die Parteientschädigung wird vom
Versicherungsgericht festgesetzt und ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der
Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen. In
diesem Verfahren ging es insbesondere um die Beurteilung der Frage, ob dem ABI-
5.3.
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