Decision ID: 517673ef-75a9-4c5a-8a19-028dbca04d64
Year: 2022
Language: de
Court: AG_OG
Chamber: AG_OG_001
Canton: AG
Region: Northwestern_Switzerland
Law Area: civil_law

Das Obergericht entnimmt den Akten:
1.
1.1.
Die Klägerin stellte mit Eingabe vom 11. Juli 2022 beim Bezirksgericht Ba-
den das Begehren, es sei über die Beklagte gestützt Art. 190 Abs. 1 Ziff. 2
SchKG der Konkurs zu eröffnen.
1.2.
Die Beklagte nahm zum Konkursbegehren innert angesetzter Frist keine
Stellung.
2.
Die Präsidentin des Bezirksgerichts Baden erkannte am 24. Oktober 2022:
" 1. Über B. AG, X-Strasse, Q. wird mit Wirkung ab 24. Oktober 2022, 16.00 Uhr, der Konkurs eröffnet.
2. Mit der Durchführung des Verfahrens wird das Konkursamt Aargau,  Baden, beauftragt. Vorbehalten bleibt eine allfällige andere  durch die leitende Konkursbeamtin. Das Konkursamt wird ersucht, die Konkurseröffnung zu publizieren.
3. Die Gesuchstellerin haftet als Gläubigerin gemäss Art. 194 i.V.m. Art. 169 SchKG gegenüber dem Konkursamt Aargau für die Kosten, die bis und mit der Einstellung des Konkurses mangels Aktiven oder bis zum Schuldenruf entstehen.
4. Die Entscheidgebühr von Fr. 350.00 wird der Gesuchsgegnerin auferlegt und mit dem in gleicher Höhe geleisteten Kostenvorschuss der  verrechnet, so dass der Gesuchstellerin gegenüber der  eine Forderung von Fr. 350.00 zusteht."
3.
3.1.
Gegen diesen ihr am 1. November 2022 zugestellten Entscheid erhob die
Beklagte mit Eingabe vom 11. November 2022 beim Obergericht des Kan-
tons Aargau Beschwerde mit folgendem Rechtsbegehren:
" Der Entscheid des Präsidiums des Zivilgerichts Baden, Bezirksgericht , vom 24. Oktober 2022, sei aufzuheben und die Konkurseröffnung  die B. AG sei aufzuheben. Unter Kosten- und Entschädigungsfolge zu Lasten der Gerichtskasse."
Ausserdem stellte die Beklagte den Antrag, der Beschwerde sei die auf-
schiebende Wirkung zu erteilen.
- 3 -
3.2.
Der Instruktionsrichter des Obergerichts wies das Gesuch um Erteilung der
aufschiebenden Wirkung mit Verfügung vom 18. November 2022 ab.
3.3.
Auf die Zustellung der Beschwerde an die Klägerin zur Erstattung einer
Antwort wurde verzichtet.
3.4.
Mit Eingabe vom 21. November 2022 beantragte die Beklagte, es sei die
Abweisung des Gesuchs um Erteilung der aufschiebenden Wirkung in Wie-
dererwägung zu ziehen und das Gesuch gutzuheissen.

Das Obergericht zieht in Erwägung:
1.
Der Entscheid des Konkursgerichts über ein Konkursbegehren ohne
vorgängige Betreibung kann innert zehn Tagen mit Beschwerde nach der
Schweizerischen Zivilprozessordnung (ZPO) angefochten werden (Art. 194
Abs. 1 Satz 1 i.V.m. Art. 174 Abs. 1 Satz 1 SchKG).
2.
2.1.
Die Beklagte macht in ihrer Beschwerde gegen den Konkursentscheid der
Präsidentin des Bezirksgerichts Baden zunächst geltend, gemäss Art. 43
Ziff. 1 SchKG sei die Konkursbetreibung u.a. für Beiträge an Sozialversi-
cherungen in jedem Fall ausgeschlossen. Indem die Vorinstanz über die
Beklagte den Konkurs eröffnet habe, habe sie gegen diese klare Bestim-
mung verstossen.
Diese Rüge der Beklagten geht fehl. Nach Rechtsprechung und Lehre kön-
nen auch Gläubiger von öffentlich-rechtlichen Forderungen, denen die Be-
treibung auf Konkurs sonst gemäss Art. 43 SchKG verwehrt ist, eine Kon-
kurseröffnung ohne vorgängige Betreibung (Art. 190 SchKG) beantragen,
soweit sie die gesetzlichen Voraussetzungen hierfür darlegen können.
Diese Möglichkeit stellt eine Abweichung von der in Art. 43 Ziff. 1 SchKG
statuierten Ausnahmeregelung dar, wonach der konkursfähige Schuldner
für Forderungen des Gemeinwesens nicht in den Konkurs getrieben wer-
den kann, und stellt damit den Gläubigerschutz in den Vordergrund (Urteile
des Bundesgerichts 5A_561/2018 vom 14. Dezember 2018 E. 3.1 und
5A_1014/2019 vom 25. März 2020 E. 2.5, je m.w.H.; ALEXANDER BRUNNER/
FELIX H. BOLLER/EUGEN FRITSCHI, in: Basler Kommentar, Bundesgesetz
über Schuldbetreibung und Konkurs, 3. Aufl. 2021, N. 19a zu Art. 190
SchKG; PHILIP TALBOT, in: Kommentar zum Bundesgesetz über Schuldbe-
treibung und Konkurs, 4. Aufl. 2017, N. 16 zu Art. 190 SchKG).
- 4 -
2.2.
2.2.1.
Die Beklagte bringt in ihrer Beschwerde weiter vor, die Klägerin habe ge-
mäss Konkursentscheid vom 24. Oktober 2022 ausstehende Forderungen
von total Fr. 157'143.10 geltend gemacht. Am 12. Juli 2022 und am 3. Au-
gust 2022 habe sie jedoch Teilzahlungen von je Fr. 22'000.00 geleistet, wo-
mit sich die Schuld gegenüber der Klägerin reduziert habe.
2.2.2.
Die Parteien können mit der Beschwerde neue Tatsachen geltend machen,
wenn diese vor dem erstinstanzlichen Entscheid eingetreten sind (Art. 174
Abs. 1 Satz 2 SchKG i.V.m. Art. 326 Abs. 2 ZPO). Es handelt sich hierbei
um vor dem angefochtenen erstinstanzlichen Entscheid entstandene Tat-
sachen und Beweismittel, die in diesem Entscheid nicht berücksichtigt wur-
den, weil sie dem erstinstanzlichen Gericht trotz der hier vorgeschriebenen
Untersuchungsmaxime (Art. 255 lit. a ZPO) nicht bekannt waren und auch
nicht von einer Partei vorgebracht wurden. Als solche unechte Noven gel-
ten Tatsachen, die bis zum Beginn der Urteilsberatung des Konkursgerichts
eingetreten, aber im Entscheid nicht berücksichtigt worden sind. Inhaltlich
können diese unechten Noven uneingeschränkt alle für das Konkursbegeh-
ren prozessrelevanten Tatsachen und Beweismittel umfassen (ROGER GI-
ROUD/FABIANA THEUS SIMONI, in: Basler Kommentar, Bundesgesetz über
Schuldbetreibung und Konkurs, 3. Aufl. 2021, N. 19 zu Art. 174 SchKG).
Unechte Noven sind zwingend innerhalb der Beschwerdefrist vorzubringen
(BGE 139 III 491 E. 4.4). Gemäss Art. 172 Ziff. 3 SchKG weist das Kon-
kursgericht das Konkursbegehren ab, wenn der Schuldner durch Urkunden
beweist, dass die Schuld, Zins und Kosten inbegriffen, getilgt ist oder dass
der Gläubiger ihm Stundung gewährt hat. Weist der Schuldner im Be-
schwerdeverfahren nach, dass er die offene Schuld bereits vor der Kon-
kurseröffnung bezahlt hat (bzw. eine Teilzahlung mit Stundung der Rest-
schuld oder eine Stundung der Schuld vorliegt), prüft die Beschwer-
deinstanz die Zahlungsfähigkeit des Schuldners nicht (GIROUD/THEUS SI-
MONI, a.a.O., N. 19b zu Art. 174 SchKG).
Die Beklagte hat innerhalb der Beschwerdefrist nicht durch Urkunden nach-
gewiesen, dass sie die ganze offene Schuld (samt Zinsen und Kosten) be-
reits vor der Konkurseröffnung bezahlt hat bzw. die ganze Schuld oder die
Restschuld nach Leistung von zwei Teilzahlungen à Fr. 22'000.00 von der
Klägerin gestundet wurde. Eine Abweisung des Konkursbegehrens der Klä-
gerin durch die Beschwerdeinstanz fällt damit ausser Betracht.
2.3.
2.3.1.
Die Rechtsmittelinstanz kann die Konkurseröffnung aufheben, wenn der
Schuldner seine Zahlungsfähigkeit glaubhaft macht und durch Urkunden
- 5 -
beweist, dass inzwischen die Schuld, einschliesslich der Zinsen und Kos-
ten, getilgt oder der geschuldete Betrag bei der Rechtsmittelinstanz zuhan-
den des Gläubigers hinterlegt ist oder der Gläubiger auf die Durchführung
des Konkurses verzichtet (Art. 174 Abs. 2 SchKG). Diese bundesrechtliche
Regelung bezweckt, sinnlose Konkurse über nicht konkursreife Schuldner
zu vermeiden (KURT AMONN/FRIDOLIN WALTHER, Grundriss des Schuldbe-
treibungs- und Konkursrechts, 9. Aufl. 2013, § 36 Rz. 58).
Die Novenregelung von Art. 174 Abs. 2 SchKG ist auch bei einer Kon-
kurseröffnung ohne vorgängige Betreibung abschliessend. Zulässige echte
Noven sind somit auch hier einzig die alternativen Konkurshinderungs-
gründe der Tilgung, der Hinterlegung und des Gläubigerverzichts, die alle
durch Urkunden zu beweisen sind, sowie die Zahlungsfähigkeit des Schuld-
ners (ROGER GIROUD/FABIANA THEUS SIMONI, in: Basler Kommentar, Bun-
desgesetz über Schuldbetreibung und Konkurs, 3. Aufl. 2021, N. 20c zu
Art. 174 SchKG).
Unter Tilgung ist nicht nur Zahlung, sondern jeder auf irgendeinem anderen
zivilrechtlichen Grund beruhende Untergang einer Forderung (Erlass, Ver-
zicht, Aufhebung oder Verrechnung) zu verstehen (GIROUD/THEUS SIMONI,
a.a.O., N. 21a zu Art. 174 SchKG). Anders als beim Konkursgericht kann
der Schuldner beim oberen Gericht den geschuldeten Betrag samt Zinsen
und Kosten zuhanden der Gläubigerin hinterlegen. Im Falle von Post- oder
Bankanweisung muss der zu hinterlegende Betrag bis zur Einreichung der
Beschwerde, eventuell bis zum späteren Ablauf der Beschwerdefrist, zu-
gunsten der Beschwerdeinstanz der Schweizerischen Post übergeben
oder einem Post- oder Bankkonto in der Schweiz belastet worden sein
(Art. 143 Abs. 3 ZPO; GIROUD/THEUS SIMONI, a.a.O., N. 22 zu Art. 174
SchKG). Der Schuldner, über den der Konkurs ohne vorgängige Betreibung
eröffnet wurde, kann bei der Hinterlegung gemäss Art. 174 Abs. 2 Ziff. 2
SchKG die Erfüllung der Schuld bzw. die Aushändigung des hinterlegten
Forderungsbetrags an den Gläubiger ausnahmsweise vom Ausgang eines
weiteren Prozesses abhängig machen. Ein berechtigtes Interesse zu die-
sem Vorgehen hat der Schuldner, wenn die zur Konkurseröffnung Anlass
gebende Forderung strittig bzw. der Bestand dieser Forderung nie in einem
ordentlichen Verfahren überprüft worden ist (BGE 135 III 31 E. 2.2.5).
2.3.2.
Die Beklagte hat mit ihrer Beschwerde nicht durch Urkunden bewiesen,
dass die ganze (unbestritten gebliebene) Schuld, einschliesslich der Zinsen
und Kosten, von total Fr. 157'493.10 (= Fr. 157'143.10 + Fr. 350.00) getilgt
oder der noch offene Betrag bei der Rechtsmittelinstanz zuhanden der
Gläubigerin hinterlegt ist oder die Gläubigerin auf die Durchführung des
Konkurses verzichtet. Die Abtretung einer Forderung der Beklagten gegen-
über einem Dritten – wie vorliegend das Guthaben der Beklagten auf dem
Firmenkonto bei der F. – an die Gläubigerin oder die Begleichung der
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Schuld mit künftigen Einnahmen genügen nach dem klaren und abschlies-
senden Wortlaut des Gesetzes nicht. Nachdem die erste Voraussetzung
von Art. 174 Abs. 2 SchKG (Tilgung, Hinterlegung oder Gläubigerverzicht)
nicht erfüllt ist, erübrigt es sich zu prüfen, ob die Beklagte in der Be-
schwerde ihre Zahlungsfähigkeit glaubhaft gemacht hat.
2.4.
Aufgrund der obigen Ausführungen hat es beim vorinstanzlichen Entscheid
sein Bewenden. Die Beschwerde ist deshalb – in Anwendung von Art. 322
Abs. 1 ZPO ohne Einholung einer Beschwerdeantwort von der Klägerin –
abzuweisen.
3.
Die Beklagte beantragte mit Eingabe vom 21. November 2022, es sei die
Abweisung des Gesuchs um Erteilung der aufschiebenden Wirkung in Wie-
dererwägung zu ziehen und das Gesuch gutzuheissen. Mit dem vorliegen-
den Endentscheid ist dieses Wiedererwägungsgesuch gegenstandslos ge-
worden.
4.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens hat die Beklagte die obergerichtliche
Entscheidgebühr zu bezahlen (Art. 106 Abs. 1 ZPO; Art. 61 Abs. 1 i.V.m.
Art. 52 GebV SchKG) und ihre Parteikosten selber zu tragen. Die Klägerin
hatte keine Beschwerdeantwort zu erstatten (Art. 322 Abs. 1 ZPO), wes-
halb ihr keine Parteientschädigung zuzusprechen ist.