Decision ID: c16d2ff4-2223-57ab-a755-7dac204e942d
Year: 2019
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ bezog seit dem 1. Januar 2014 eine Ergänzungsleistung zur Altersrente der
AHV, die betraglich der kantonalen Durchschnittsprämie für die obligatorische
Krankenpflegeversicherung als sogenannte Minimalgarantie entsprach (vgl. EL-act. 66).
Bei der Anspruchsberechnung hatte die EL-Durchführungsstelle einen jährlichen
Mietzins von 13’740 Franken berücksichtigt (EL-act. 67), was dem vom EL-Bezüger
eingereichten Mietvertrag entsprach, laut dem sich die Wohnungsmiete auf 1’145
Franken pro Monat (inkl. Nebenkostenpauschale; vgl. EL-act. 87) belief. Die laufende
Ergänzungsleistung wurde per 1. Januar 2015 und dann per 1. Januar 2016
revisionsweise an die jeweilige Erhöhung der kantonalen Durchschnittsprämie für die
obligatorische Krankenpflegeversicherung angepasst (EL-act. 65 und 58), entsprach
also weiterhin der sogenannten Minimalgarantie. Als Mietzins wurde unverändert ein
Betrag von 13’740 Franken angerechnet (EL-act. 56). Mit einer Verfügung vom 12. April
2016 vergütete die EL-Durchführungsstelle für das Jahr 2015 Krankheits- und
Behinderungskosten von insgesamt 1’864.50 Franken (EL-act. 53). Auch per 1. Januar
2017 passte die EL-Durchführungsstelle die laufende Ergänzungsleistung
revisionsweise an eine Erhöhung der kantonalen Durchschnittsprämie für die
obligatorische Krankenpflegeversicherung an (EL-act. 52). Bei der
Anspruchsberechnung hatte sie weiterhin einen Mietzins von 13’740 Franken
berücksichtigt (EL-act. 50). Mit einer Verfügung vom 4. Februar 2017 vergütete sie für
das Jahr 2016 weitere Krankheits- und Behinderungskosten von insgesamt 1’798.05
Franken (EL-act. 48). Auch per 1. Januar 2018 passte die EL-Durchführungsstelle die
laufende Ergänzungsleistung wieder revisionsweise der Erhöhung der kantonalen
Durchschnittsprämie an (EL-act. 47). Noch immer entsprach die Ergänzungsleistung
der sogenannten Minimalgarantie und noch immer war bei der Anspruchsberechnung
ein Mietzins von 13’740 Franken berücksichtigt worden (EL-act. 45). Mit einer
Verfügung vom 19. Februar 2018 vergütete die EL-Durchführungsstelle für das Jahr
A.a.
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2017 Krankheits- und Behinderungskosten von 1’636.10 Franken und für das Jahr
2018 Krankheits- und Behinderungskosten von 92.55 Franken, insgesamt also
1’728.65 Franken (EL-act. 42).
Am 29. April 2018 forderte die EL-Durchführungsstelle den EL-Bezüger auf, ein
Formular zur periodischen Überprüfung der Ergänzungsleistung auszufüllen und die
notwendigen Belege einzureichen (EL-act. 41). Der EL-Bezüger reichte das ausgefüllte
Formular am 4. Juli 2018 ein (EL-act. 34). Er legte unter anderem ein Schreiben seiner
Vermieterin vom 14. Januar 2016 bei, laut dem der Wohnungsmietzins mit Wirkung ab
dem 1. Januar 2016 auf 860 Franken pro Monat beziehungsweise auf 10’320 Franken
pro Jahr (einschliesslich Nebenkostenpauschale) reduziert worden war (EL-act. 38). Mit
einer Verfügung vom 17. Januar 2019 schloss die EL-Durchführungsstelle das
Verwaltungsverfahren betreffend die periodische Überprüfung der Ergänzungsleistung
ab (EL-act. 21). Sie passte die laufende Ergänzungsleistung rückwirkend per 1. Januar
2016 an die Mietzinssenkung an. Das hatte für den gesamten Zeitraum ab dem 1.
Januar 2016 einen Einnahmenüberschuss zur Folge; dieser belief sich auf 1’055
Franken für das Jahr 2016 (EL-act. 24–2) und auf 618 Franken für das Jahr 2017 (EL-
act. 22–2). Der EL-Bezüger hatte also seit dem 1. Januar 2016 keinen Anspruch auf
eine laufende Ergänzungsleistung mehr gehabt. Die EL-Durchführungsstelle wies den
EL-Bezüger darauf hin, dass sie die jeweils der Krankenkasse ausbezahlte laufende
Ergänzungsleistung direkt von der Krankenkasse zurückfordern werde. Mit zwei
weiteren Verfügungen vom 17. Januar 2019 forderte die EL-Durchführungsstelle jeweils
einen Teil der für die Jahre 2016 und 2017 erfolgten Vergütungen von Krankheits- und
Behinderungskosten (256.95 Franken und 798.05 Franken für das Jahr 2016 sowie 618
Franken für das Jahr 2017, insgesamt also 1’673 Franken) zurück (EL-act. 26 f.).
A.b.
In einem an die EL-Durchführungsstelle gerichteten Schreiben vom 28. Januar
2019 (EL-act. 20–1 f.) machte der EL-Bezüger geltend, er sei sich seiner Meldepflicht
nicht bewusst gewesen; er habe diese Pflicht keineswegs absichtlich verletzt. Erst die
Verfügung vom 17. Januar 2019 habe sein Versäumnis „schonungslos“ aufgedeckt. Er
habe damals angenommen, dass die Mietzinsreduktion ein Ausdruck des Wohlwollens
der Vermieterin gewesen sei, die seine finanzielle Not erkannt habe. Nun leide er unter
einer grossen Angst bezüglich seiner finanziellen Zukunft. Er könne nur in aller Form
darum bitten, dass die Unterstützung nicht gestrichen werde, da er sonst in eine
A.c.
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schreckliche Schuldenspirale geraten würde. Diesem Schreiben legte der EL-Bezüger
ein Schreiben der Vermieterin vom Oktober 2018 bei (EL-act. 20–4), mit dem diese eine
Mietzinserhöhung um 210 Franken pro Monat ab Juli 2019 infolge des Wegfalls der
„Zusatzverbilligung“ des Bundes angekündigt hatte.
Mit einer Verfügung vom 5. Februar 2019 sprach die EL-Durchführungsstelle dem
EL-Bezüger Krankheits- und Behinderungskosten von insgesamt 1’670 Franken für das
Jahr 2018 zu (EL-act. 18). Bei genauer Betrachtung handelte es sich dabei aber um
eine Kombination aus einer Vergütung und aus einer Rückforderung: Die mit der
Verfügung vom 19. Februar 2018 für das Jahr 2018 bereits vergüteten Krankheits- und
Behinderungskosten von 92.55 Franken waren nämlich von der Summe der für das
Jahr 2018 zu vergütenden Krankheits- und Behinderungskosten abgezogen und damit
faktisch zurückgefordert worden.
A.d.
Die EL-Durchführungsstelle qualifizierte das Schreiben des EL-Bezügers vom
28. Januar 2019 als ein Erlassgesuch. Mit einer Verfügung vom 8. Februar 2019 wies
sie dieses Erlassgesuch ab (EL-act. 17). Zur Begründung führte sie an, der EL-Bezüger
habe die unrechtmässig ausgerichteten Ergänzungsleistungen nicht gutgläubig im
Sinne des Art. 25 Abs. 1 Satz 2 ATSG bezogen, weshalb ein Erlass der Rückforderung
nicht in Frage komme. Am 6. Februar 2019 verfasste der EL-Bezüger ein mit
„Einsprache und Gesuch um Erlass“ betiteltes, an die EL-Durchführungsstelle
gerichtetes Schreiben (EL-act. 16). Er machte darin geltend, er habe am 28. Januar
2019 seine Situation geschildert. Leider habe er das Wort „Einsprache“ vergessen. Das
hole er hiermit nach. Zur Begründung reiche er die Kopien der Bankkonten, der
Steuerschulden und der Forderungen der Krankenkasse ein. Allein die Forderung der
Krankenkasse belaufe sich auf über 32’000 Franken. Die Steuerschulden für das Jahr
2018 beliefen sich auf 3’300 Franken; die Steuerschulden für das Jahr 2017 seien
gestundet. Sie müssten mit monatlichen Raten à 400 Franken getilgt werden. Ohne die
Unterstützung der EL-Durchführungsstelle könnten diese Schulden unmöglich
beglichen werden. Mit einer Verfügung vom 21. März 2019 hob die EL-
Durchführungsstelle ihre am 8. Februar 2019 verfügte Abweisung des Erlassgesuches
auf (EL-act. 10). Zur Begründung führte sie an, die Abweisung sei verfrüht erfolgt, denn
der Erlass einer Rückforderung könne erst geprüft werden, wenn die
Rückforderungsverfügung formell rechtskräftig und damit verbindlich geworden sei.
A.e.
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B.

Erwägungen
1.
Das Erlassgesuch werde geprüft werden, sobald die Rückforderungsverfügung in
formelle Rechtskraft erwachsen sei. Die gemeldete Mietzinserhöhung per Juli 2019
werde ausserhalb des Rechtsmittelverfahrens behandelt. Der EL-Bezüger werde
voraussichtlich im Juni 2019 eine Verfügung mit Wirkung ab dem 1. Juli 2019 erhalten,
die dieser Sachverhaltsveränderung Rechnung tragen werde.
Mit einem Entscheid vom 6. Mai 2019 wies die EL-Durchführungsstelle die
Einsprache gegen die beiden Rückforderungsverfügungen vom 17. Januar 2019 ab
(EL-act. 6). Zur Begründung führte sie aus, die rückwirkende Anpassung der
Ergänzungsleistung unter Berücksichtigung der Mietzinsreduktion sei rechtmässig
gewesen. Diese Korrektur habe eine Rückforderung zur Folge gehabt, die ebenfalls
rechtmässig gewesen sei. Das Legalitätsprinzip zwinge zur Geltendmachung der
Rückforderung. Eine „Kulanz“ sei dem Sozialversicherungsrecht fremd.
A.f.
Am 6. Juni 2019 erhob der EL-Bezüger (nachfolgend: der Beschwerdeführer) eine
Beschwerde gegen den Einspracheentscheid vom 6. Mai 2019 (act. G 1). Er führte aus,
er verstehe nicht, weshalb er für dieses Jahr, aber nicht für das Jahr 2016 habe
Krankheitskosten abrechnen dürfen. Er beantrage angesichts seiner schwierigen
finanziellen Verhältnisse einen Erlass der Rückforderung. Mit einem Jahreseinkommen
von 49’535 Franken sei es ihm nicht gut möglich, die Rückforderung zu begleichen. Ab
dem 1. Juli 2019 steige die Miete auf 1’310 Franken pro Monat an. Dann sei das
Budget sehr eng; es werde keine Spielräume mehr zulassen. Abschliessend verwies
der Beschwerdeführer auf seine Steuerschulden betreffend die Jahre 2018 und 2019.
B.a.
Die EL-Durchführungsstelle (nachfolgend: die Beschwerdegegnerin) beantragte
am 20. Juni 2019 unter Hinweis auf die Erwägungen im angefochtenen
Einspracheentscheid die Abweisung der Beschwerde (act. G 3). Sie wies ergänzend
darauf hin, dass sie das hängige Erlassgesuch des Beschwerdeführers prüfen werde,
sobald die Rückforderung formell rechtskräftig und damit verbindlich geworden sei.
B.b.
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Gemäss der bundesgerichtlichen Rechtsprechung „ist die Beschwerde eine
prozessuale Willenserklärung, worin erkennbar zum Ausdruck kommt, dass die
betreffende Person mit der erlassenen Verfügung nicht einverstanden ist und diese
durch die Rechtsmittelinstanz überprüft haben will“ (Urteil des Bundesgerichtes
9C_211/2015 vom 21. September 2015, E. 2.2, mit Hinweisen). Das Vorliegen einer
solchen prozessualen Willenserklärung ist gemäss dem erwähnten Urteil des
Bundesgerichtes 9C_211/2015 vom 21. September 2015 selbst dann zu bejahen, wenn
die versicherte Person eine Verfügung einer IV-Stelle entgegen der