Decision ID: cc279d9c-49d9-4ed2-9938-b73a589f9e06
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Der Beschwerdeführer suchte am 6. September 2022 in der Schweiz
um Asyl nach.
A.b Ein am 8. September 2022 durchgeführter Abgleich mit der europäi-
schen Fingerabdruck-Datenbank (Zentraleinheit EURODAC) ergab, dass
er am 21. August 2022 in Italien registriert worden war.
A.c Ebenfalls am 8. September 2022 ersuchte das SEM die italienischen
Behörden um Aufnahme des Beschwerdeführers im Sinne von Art. 13
Abs. 1 der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments
und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfah-
ren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von ei-
nem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat ge-
stellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend:
Dublin-III-VO).
A.d Anlässlich des persönlichen Dublin-Gesprächs vom 19. September
2022 führte der Beschwerdeführer aus, bei seiner Einreise nach Italien am
(...) seien ihm die Fingerabdrücke abgenommen worden. Er sei nach eini-
gen Tagen in die Schweiz weitergereist und habe (erst) hier ein Asylgesuch
gestellt. Er wolle nicht nach Italien zurückkehren, zumal sein Bruder hier
lebe. Zudem sei er in Italien krank geworden, und niemand habe ihm ge-
holfen. Er sei ausserdem ausgeraubt worden. Nach seinem Gesundheits-
zustand gefragt, gab er an, er leide an (...). Ausserdem gehe es ihm psy-
chisch nicht gut.
A.e Am 10. November 2022 teilte das SEM den italienischen Behörden mit,
die Zuständigkeit zur Durchführung des Asylverfahrens sei infolge der un-
genutzt verstrichenen Frist für die Beantwortung des Aufnahmegesuchs
per 9. November 2022 auf Italien übergegangen.
A.f Im Verlauf des vorinstanzlichen Verfahrens gingen beim SEM mehrere
ärztliche Berichte betreffend den Beschwerdeführer ein.
B.
Mit Verfügung vom 10. November 2022 – eröffnet am 11. November 2022 –
trat das SEM in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31)
auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein, ordnete die Wegwei-
sung aus der Schweiz nach Italien an und forderte ihn auf, die Schweiz
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spätestens am Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen. Ferner
beauftragte das SEM den Kanton Luzern mit dem Vollzug der Wegwei-
sung, ordnete die Aushändigung der editionspflichtigen Akten an und stellte
fest, einer allfälligen Beschwerde komme keine aufschiebende Wirkung zu.
C.
Mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht vom 18. November
2022 beantragte der Beschwerdeführer, die vorinstanzliche Verfügung vom
10. November 2022 sei aufzuheben, es sei die Zuständigkeit der Schweiz
festzustellen und das Asylgesuch materiell zu prüfen. Eventuell sei die Sa-
che zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. In prozessualer
Hinsicht ersuchte er um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung
inklusive Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Ausserdem
beantragte er, der Beschwerde sei die aufschiebende Wirkung zu gewäh-
ren, und die Vollzugsbehörden seien superprovisorisch anzuweisen, von
Vollzugshandlungen abzusehen.
Der Beschwerde lagen die angefochtene Verfügung (inkl. Empfangsbestä-
tigung), die Vollmacht vom 9. September 2022, ein Arztbericht vom 14. No-
vember 2022 sowie ein Dokument «Zusammenstellung Infos Italien» der
Schweizerischen Flüchtlingshilfe (SFH) vom 6. Mai 2022 (Kopien) bei.
D.
Mit Verfügung vom 21. November 2022 setzte die Instruktionsrichterin den
Vollzug der Wegweisung per sofort einstweilen aus.
E.
Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht gleichen-
tags in elektronischer Form vor (Art. 109 Abs. 3 AsylG).
F.
Mit Eingabe vom 25. November 2022 reichte der Beschwerdeführer einen
Arztbericht vom 25. Oktober 2022 sowie ein Schreiben seines Bruders zu
den Akten.
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Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das Bundesverwaltungsgericht entscheidet auf dem Gebiet des Asyls
in der Regel – und so auch vorliegend – endgültig über Beschwerden ge-
gen Verfügungen (Art. 5 VwVG) des SEM (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31–33
VGG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Der Beschwerdeführer ist als Verfügungsadressat zur Beschwerdefüh-
rung legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und formgerecht einge-
reichte Beschwerde (Art. 105 und 108 Abs. 3 AsylG sowie Art. 52 VwVG)
ist einzutreten.
2.
2.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
2.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1;
2012/4 E. 2.2, je m.w.H.).
3.
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf einen Schriftenwechsel ver-
zichtet.
4.
4.1 Der Beschwerdeführer rügt in seiner Beschwerde, das SEM habe die
Untersuchungs- sowie die Begründungspflicht verletzt. Es habe nicht ge-
prüft, ob aufgrund seiner Krankheit eine Abhängigkeit von seinem in der
Schweiz lebenden Bruder im Sinne von Art. 16 Abs. 1 Dublin-III-VO be-
stehe und ob Art. 8 EMRK anwendbar sei. Ausserdem habe die Vorinstanz
unter dem Aspekt einer möglichen Verletzung von Art. 3 EMRK nicht abge-
klärt, wie sich ein Behandlungsunterbruch auf seinen Gesundheitszustand
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auswirken würde und wie seine medizinische Betreuung in Italien sicher-
gestellt werden könne.
4.2 Soweit gerügt wird, das SEM habe im Zusammenhang mit dem in der
Schweiz lebenden Bruder des Beschwerdeführers weder Art. 8 EMRK
noch die Frage eines Abhängigkeitsverhältnisses im Sinne von Art. 16
Abs. 1 Dublin-III-VO geprüft, ist festzustellen, dass das SEM in seinen Er-
wägungen berücksichtigt hat, dass der Bruder des Beschwerdeführers in
der Schweiz lebt, und dazu ausgeführt hat, der Bruder sei weder als Fami-
lienangehöriger im Sinne von Art. 2 Bst. g Dublin-III-VO zu erachten, noch
bestünden Hinweise darauf, dass zwischen ihm und dem Beschwerdefüh-
rer ein Abhängigkeitsverhältnis bestehe. Es bestünden keine Gründe für
eine Anwendbarkeit von Art. 16 Abs. 1 Dublin-III-VO (vgl. S. 3 der ange-
fochtenen Verfügung). Angesichts dessen, dass den Vorbringen des Be-
schwerdeführers keinerlei Hinweise auf eine medizinisch bedingte Abhän-
gigkeit von seinem Bruder entnommen werden können, sind die erwähnten
Erwägungen des SEM zu diesem Thema als angemessen und ausrei-
chend zu erachten. Das SEM konnte mangels eines ersichtlichen Abhän-
gigkeitsverhältnisses mit Blick auf den durch Art. 8 Abs. 1 EMRK geschütz-
ten Familienkreis (vgl. dazu statt vieler BGE 144 II 1 E. 6.1, m.w.H.) zudem
ohne weiteres auf Ausführungen zu Art. 8 EMRK verzichten, zumal der Be-
schwerdeführer auch keine besonders enge emotionale Beziehung zu sei-
nem Bruder – welcher seit dem Jahr (...) in der Schweiz lebt – geltend
machte (vgl. dazu nachstehend E. 7.3). Eine Verletzung der Begründungs-
pflicht (vgl. Art. 35 Abs. 1 VwVG) liegt bei dieser Sachlage nicht vor.
4.3 Bezüglich des medizinischen Sachverhalts hat das SEM sodann erwo-
gen, Italien verfüge über eine ausreichende medizinische Infrastruktur, und
der Zugang zu angemessener medizinischer Versorgung für Asylgesuch-
steller sei gewährleistet. In sogenannten «take charge»-Dublin-Fällen
müssten vor der Überstellung selbst bei Personen mit schwerwiegenden
gesundheitlichen Problemen nicht mehr systematisch individuelle Garan-
tien in Bezug auf Behandlung und Unterbringung eingeholt werden (Ver-
weis auf das Referenzurteil des BVGer D-4235/2021 vom 19. April 2022).
Der Beschwerdeführer könne seine Behandlung in Italien fortsetzen, wes-
halb nicht davon auszugehen sei, dass die Überstellung eine schwerwie-
gende und unwiderrufliche Verschlechterung seines Gesundheitszustan-
des zur Folge hätte und damit gegen Art. 3 EMRK verstossen würde. Im
Übrigen würden die italienischen Behörden vor der Überstellung über den
Gesundheitszustand des Beschwerdeführers und die notwendigen Be-
handlungen informiert. Angesichts dieser Feststellungen konnte das SEM
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zu Recht von einem ausreichend erstellten Sachverhalt ausgehen und von
weiteren (hypothetischen) Abklärungen betreffend die Folgen eines allfälli-
gen Behandlungsunterbruchs und die medizinische Betreuung des Be-
schwerdeführers in Italien absehen. Demnach kann der Vorinstanz auch
keine Verletzung der Untersuchungspflicht (vgl. Art. 6 AsylG i.V.m. Art. 12
VwVG) vorgeworfen werden.
4.4 Die formellen Rügen erweisen sich somit als unbegründet, und der
eventualiter gestellte Kassationsantrag ist abzuweisen.
5.
5.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmung des staatsvertraglich zuständigen
Staates prüft das SEM die Zuständigkeitskriterien gemäss Dublin-III-VO.
Führt diese Prüfung zur Feststellung, dass ein anderer Mitgliedstaat für die
Prüfung des Asylgesuchs zuständig ist, tritt das SEM, nachdem der betref-
fende Mitgliedstaat einer Überstellung oder Rücküberstellung zugestimmt
hat (respektive nicht innert Frist auf die entsprechende Anfrage geantwor-
tet hat; vgl. Art. 22 Abs. 1 und 7 Dublin-III-VO), auf das Asylgesuch nicht
ein (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 6.2).
5.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den im Kapitel III dargelegten Kri-
terien (Art. 8–15 Dublin-III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird (vgl.
auch Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO).
6.
6.1 Ein Abgleich der Fingerabdrücke des Beschwerdeführers mit der EU-
RODAC-Datenbank ergab, dass dieser am (...) in Italien registriert worden
war. Da die zuständigen italienischen Behörden das Aufnahmeersuchen
des SEM vom 8. September 2022 nicht innert der massgeblichen Frist be-
antworteten, ist gestützt auf Art. 22 Abs. 1 und 7 Dublin-III-VO davon aus-
zugehen, dass Italien seine Zuständigkeit für die Durchführung des Asyl-
und Wegweisungsverfahrens betreffend den Beschwerdeführer implizit an-
erkannt hat. Der Beschwerdeführer bestreitet seinen vorgängigen Aufent-
halt in Italien nicht. Damit ist die grundsätzliche Zuständigkeit Italiens ge-
geben. Die Dublin-III-VO räumt den Schutzsuchenden nicht das Recht ein,
den ihren Antrag prüfenden Staat selber auszuwählen (vgl. BVGE 2010/45
E. 8.3).
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6.2 Im Lichte von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO ist sodann zu prüfen, ob es
wesentliche Gründe für die Annahme gibt, das Asylverfahren und die Auf-
nahmebedingungen für Asylsuchende in Italien würden systemische
Schwachstellen aufweisen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder
entwürdigenden Behandlung im Sinne des Artikels 4 der EU-Grund-
rechtecharta (entspricht Art. 3 EMRK) mit sich bringen würden.
6.2.1 Italien ist Signatarstaat der EMRK, der FoK sowie der FK, und es ist
grundsätzlich davon auszugehen, dass es seinen diesbezüglichen völker-
rechtlichen Verpflichtungen nachkommt. Es darf ausserdem davon ausge-
gangen werden, Italien anerkenne und schütze die Rechte, die sich für
Schutzsuchende aus den Richtlinien des Europäischen Parlaments und
des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni 2013 zu gemeinsamen Verfahren für
die Zuerkennung und Aberkennung des internationalen Schutzes (sog.
Verfahrensrichtlinie) sowie 2013/33/EU vom 26. Juni 2013 zur Festlegung
von Normen für die Aufnahme von Personen, die internationalen Schutz
beantragen (sog. Aufnahmerichtlinie) ergeben.
6.2.2 Es bestehen keine Gründe für die Annahme, das Asylverfahren und
die Aufnahmebedingungen für Antragstellende in Italien würden systemi-
sche Schwachstellen im Sinne von Art. 3 Abs. 2 Sätze 2 und 3 Dublin-III-
VO aufweisen (vgl. statt vieler Referenzurteil des BVGer D-4235/2021 vom
19. April 2022 E. 10, m.w.H.). Dem Beschwerdeführer steht es nach erfolg-
ter Überstellung nach Italien frei, dort um Asyl nachzusuchen (was er zuvor
offensichtlich nicht getan hat) und damit Zugang zu den entsprechenden
Aufnahmestrukturen und Unterstützungsleistungen zu erhalten. Er hat in
diesem Zusammenhang kein konkretes und ernsthaftes Risiko dargetan,
dass die italienischen Behörden sich weigern würden, ihn aufzunehmen
und seinen Antrag auf internationalen Schutz unter Einhaltung der Regeln
der Verfahrensrichtlinie zu prüfen. Den Akten sind auch keine Gründe für
die Annahme zu entnehmen, Italien werde in seinem Fall den Grundsatz
des Non-Refoulement missachten und ihn zur Ausreise in ein Land zwin-
gen, in dem sein Leib, sein Leben oder seine Freiheit aus einem Grund
nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem er Gefahr laufen würde,
zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden.
6.2.3 Nach dem Gesagten ist die Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-
VO nicht gerechtfertigt.
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6.3 Soweit in der Beschwerde auf die Anwesenheit des Bruders des Be-
schwerdeführers in der Schweiz verwiesen wird, ist Folgendes festzustel-
len: Der Bruder ist offensichtlich kein Familienangehöriger im Sinne von
Art. 2 Bst. g Dublin-III-VO, weshalb das Zuständigkeitskriterium von Art. 9
Dublin-III-VO nicht zum Tragen kommt. Die Anwendbarkeit des vom Be-
schwerdeführer angerufenen Art. 16 Abs. 1 Dublin-III-VO verlangt sodann
ein aus bestimmten Gründen (u.a. Krankheit) bestehendes Abhängigkeits-
verhältnis zwischen dem Antragsteller und der sich rechtmässig in einem
Mitgliedsstaat aufhaltenden angehörigen Person. Für die Anwendbarkeit
von Art. 8 Abs. 1 EMRK wird bei familiären Verhältnissen ausserhalb der
Kernfamilie (diese umfasst die Eltern und ihre minderjährigen Kinder) von
der Rechtsprechung ebenfalls das Bestehen eines über die normalen fa-
miliären Bindungen hinausgehendes Abhängigkeitsverhältnis gefordert
(vgl. dazu BGE 144 II 1 E. 6.1, m.w.H.). Mangels entsprechender konkreter
Vorbringen des Beschwerdeführers sowie allfälliger anderweitiger Indizien
ist indessen nicht von einem Abhängigkeitsverhältnis im Sinne der genann-
ten Bestimmungen auszugehen. Der Bruder des Beschwerdeführers lebt
bereits seit dem Jahr (...) hier, während der Beschwerdeführer erst vor
rund drei Monaten in die Schweiz eingereist ist. Der Beschwerdeführer
machte zwar geltend, er habe immer Kontakt zu seinem Bruder gehabt,
der Kontakt habe sich nun wieder intensiviert, und sein Bruder sei ihm eine
grosse Stütze (vgl. Ziff. II. 12, 21 und 22 der Beschwerdebegründung).
Auch sein Bruder weist in seinem am 25. November 2022 eingereichten
Schreiben darauf hin, dass für den Beschwerdeführer die Unterstützung
durch Familienangehörige wichtig sei; ausserdem könne er seinem Bruder
beistehen, wenn dieser (...) habe. Diese Vorbringen lassen indessen we-
der darauf schliessen, dass die Beziehung der beiden Brüder besonders
eng noch der Beschwerdeführer notwendigerweise und dauernd auf die
persönliche Betreuung oder gar Pflege durch seinen Bruder angewiesen
ist. Der Aufenthalt des Bruders des Beschwerdeführers in der Schweiz
steht der Zuständigkeit Italiens daher nicht entgegen.
6.4 Eine Anwendung der Ermessensklausel von Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-
VO respektive der – das Selbsteintrittsrecht im Landesrecht konkretisieren-
den – Bestimmung von Art. 29a Abs. 3 der Asylverordnung 1 vom 11. Au-
gust 1999 (AsylV 1, SR 142.311) ist ebenfalls nicht angezeigt.
6.4.1 Es gilt die Vermutung, dass Italien – als Dublin-Mitgliedstaat – bei der
Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens seinen völkerrechtli-
chen Verpflichtungen nachkommt und die massgeblichen EU-Richtlinien
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(vgl. vorstehend E. 7.2.1) respektiert. Diese Vermutung kann durch kon-
krete und erhebliche Vorbringen im Einzelfall umgestossen werden (vgl.
das Referenzurteil E-962/2019 vom 17. Dezember 2019 E. 5;
BVGE 2011/9 E. 6 und 2010/45 E. 7.5 m.w.H.). Der Beschwerdeführer
bringt indessen nichts vor, was diese Vermutung widerlegen könnte, und
auch eine Durchsicht der Akten fördert keinerlei Anhaltspunkte auf das Be-
stehen eines völkerrechtlichen Vollzugshindernisses im Sinne von Art. 3
EMRK – welches zwingend zu einem Selbsteintritt führen müsste – zutage.
Insbesondere lassen die allgemeinen Hinweise auf Kapazitätsprobleme in
den italienischen Unterbringungsstrukturen sowie der dazu eingereichte
SFH-Bericht vom Mai 2022 nicht den Schluss zu, dass der Beschwerde-
führer im Falle seiner Rückkehr nach Italien dort effektiv in eine menschen-
rechtswidrige Situation geraten würde. Hinsichtlich des in der Beschwerde
erwähnten Schreibens der italienischen Behörden an alle Dublin-Einheiten
vom 21. Juni 2022 ist im Übrigen festzustellen, dass dieser vorüberge-
hende Überstellungsstopp lediglich für Familien galt.
6.4.2 Auch die medizinischen Probleme des Beschwerdeführers stellen
unter dem Aspekt von Art. 3 EMRK kein Überstellungshindernis dar. Die
Anfangs September 2022 diagnostizierte (...) (vgl. den Arztbericht vom
9. September 2022, A12) wurde therapiert. Die seit der Kindheit beste-
hende (...) wurde bereits im Heimatland medikamentös behandelt, jedoch
setzte der Beschwerdeführer die Medikamente nach der Ausreise aus dem
Heimatland ab, weshalb es in der Folge mehrmals zu Anfällen kam. Nach
der Wiederaufnahme der Behandlung mit (...) ist er nun wieder anfallfrei.
Die (...)-Dosis konnte zudem von 1500mg/Tag (vgl. den Arztbericht vom
25. Oktober 2022 [vgl. die Eingabe vom 25. November 2022]) auf
500mg/Tag (vgl. den Arztbericht vom 14. November 2022, A33 S. 2] ver-
ringert werden. Ausser den erwähnten Medikamenten benötigt er lediglich
regelmässige Kontrolluntersuchungen (Medikamentenspiegel, Leber-
werte, Blutbild; vgl. den Arztbericht vom 31. Oktober 2022, A25). In der Be-
schwerde wird vorgebracht, der Beschwerdeführer leide ausserdem an
psychischen Problemen; er habe bereits im Dublingespräch vom 19. Sep-
tember 2022 darauf aufmerksam gemacht. Es ist durchaus glaubhaft, dass
der Beschwerdeführer psychisch belastet ist und unter seiner aktuellen,
unsicheren Aufenthaltssituation leidet. Allerdings enthalten weder die vor-
instanzlichen Akten noch die Beschwerdeeingabe Hinweise darauf, dass
bei ihm eine ernsthafte und behandlungsbedürftige psychische Erkrankung
vorliegt und/oder dass er deswegen um ärztliche Behandlung nachgesucht
hat. Vielmehr wird ihm in den vorhandenen Arztberichten – abgesehen von
der (...) – ein guter allgemeiner Gesundheitszustand attestiert (vgl. dazu
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die Arztberichte vom 18. September 2022 [A20), 23. September 2022
[A23] sowie vom 31. Oktober 2022 [A25]). Der aktuellste Arztbericht vom
14. November 2022 (Beschwerdebeilage 4) enthält ebenfalls keine Hin-
weise auf psychische Probleme. Hingegen wird festgestellt, der Beschwer-
deführer leide an (...), und es wird ihm ein entsprechendes Medikament
verschrieben. Die beim Beschwerdeführer nach dem Gesagten zurzeit
noch bestehenden Gesundheitsprobleme, namentlich die unter der aktuel-
len Medikation anfallsfrei verlaufende (...) sowie der (...), sind nicht als be-
sonders schwerwiegend (vgl. dazu das Urteil des EGMR Paposhvili gegen
Belgien 13. Dezember 2016, Grosse Kammer 41738/10, §§ 180–193
m.w.H.) zu erachten, und die adäquate Weiterbehandlung sowie die benö-
tigten Kontrolluntersuchen sind auch in Italien gewährleistet (vgl. dazu
auch das Urteil des BVGer E-3356/2021 vom 28. Juli 2021 S. 11). Sollte
beim Beschwerdeführer zukünftig eine psychische Erkrankung festgestellt
werden, wäre auch diese in Italien ohne weiteres behandelbar. Es ist zu-
dem davon auszugehen, dass Asylsuchende, die – wie der Beschwerde-
führer – in Italien noch keinen Asylantrag gestellt haben (sog. «take
charge»-Fälle bzw. Aufnahmeverfahren, vgl. Art. 18 Abs. 1 Bst. a Dublin-
III-VO), grundsätzlich ab ihrer Ankunft in Italien Zugang zu den notwendi-
gen Dienstleistungen erhalten. Die Einholung von individuellen Zusiche-
rungen ist daher selbst bei Personen, welche unter schwerwiegenden me-
dizinischen Problemen leiden, nicht mehr notwendig (vgl. statt vieler das
Urteil des BVGer D-2641/2022 vom 5. Juli 2022 E. 11.8, m.w.H. sowie das
Referenzurteil D-4235/2021 E. 10.4.3.3 und E. 10.4.4). Konkrete Hinweise,
dass dem Beschwerdeführer nach der Asylgesuchstellung in Italien eine
angemessene medizinische Behandlung verweigert würde, liegen nicht
vor. Sein Einwand, er sei in Italien nicht behandelt worden, als er dort einen
(...) Anfall gehabt habe, vermag an dieser Einschätzung nichts zu ändern,
zumal er sich eigenen Angaben zufolge lediglich wenige Tage (vgl. A17 S.
1) in Italien aufgehalten und dort kein Asylgesuch gestellt hatte, weshalb er
damals nicht von den für Asylsuchende geltenden Aufnahmebedingungen
und Unterstützungsleistungen profitieren konnte. Bei der Ausgestaltung
der konkreten Überstellungsmodalitäten hat die zuständige Vollzugsbe-
hörde allfälligen medizinischen Problemen Rechnung zu tragen. Zur Si-
cherstellung einer lückenlosen Weiterbehandlung der (...) kann ihm ein
Medikamentenvorrat mitgegeben werden. Zudem sind die italienischen Be-
hörden vorgängig in geeigneter Weise über allfällige medizinische Beson-
derheiten zu informieren (vgl. Art. 31 f. Dublin-III-VO). Es ist davon auszu-
gehen, dass diese Vorgaben im vorliegenden Fall eingehalten werden (vgl.
dazu A28 «Überstellungsmodalitäten»).
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6.4.3 Demnach ist die Überstellung des Beschwerdeführers nach Italien
ohne weiteres als zulässig zu erachten.
6.4.4 Bei der Anwendung der Kann-Bestimmung von Art. 29a Abs. 3
AsylV 1 verfügt das SEM über einen Ermessensspielraum (vgl.
BVGE 2015/9 E. 7 f.). Vorliegend bestehen keine Hinweise auf eine nicht
gesetzeskonforme Ausübung des Ermessens (Ermessensmissbrauch,
Über- oder Unterschreitung des Ermessens). Bei dieser Sachlage enthält
sich das Gericht in diesem Zusammenhang weiterer Äusserungen.
6.5 Nach dem Gesagten bleibt Italien der für die Behandlung des Asylge-
suchs des Beschwerdeführers zuständige Mitgliedstaat gemäss Dublin-III-
VO.
7.
Das SEM ist demnach zu Recht in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b
AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eingetreten. Da
der Beschwerdeführer nicht im Besitz einer gültigen Aufenthalts- oder Nie-
derlassungsbewilligung ist, wurde die Überstellung nach Italien in Anwen-
dung von Art. 44 AsylG ebenfalls zu Recht angeordnet (Art. 32 Bst. a
AsylV 1).
8.
Das Fehlen von Überstellungshindernissen ist bereits Voraussetzung des
Nichteintretensentscheides gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG. Allfällige
Vollzugshindernisse gemäss Art. 83 Abs. 3 und 4 AIG (SR 142.20) sind da-
her nicht mehr separat zu prüfen (vgl. BVGE 2015/18 E. 5.2 m.w.H.).
9.
Die Beschwerde ist demnach abzuweisen.
10.
10.1 Das Beschwerdeverfahren ist mit dem vorliegenden Urteil abge-
schlossen. Die Anträge, es sei auf die Erhebung eines Kostenvorschusses
zu verzichten, und der Beschwerde sei die aufschiebende Wirkung zu er-
teilen, sind damit gegenstandslos geworden. Der am 21. November 2022
angeordnete Vollzugsstopp fällt mir vorliegendem Urteil dahin.
10.2 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären dessen Kosten grundsätz-
lich dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da die
Beschwerdebegehren jedoch nicht als aussichtslos zu erachten waren und
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aufgrund der Aktenlage von der Bedürftigkeit des Beschwerdeführers aus-
zugehen ist, ist das in der Beschwerde gestellte Gesuch um Gewährung
der unentgeltlichen Prozessführung (Art. 65 Abs. 1 VwVG) gutzuheissen
und demnach auf die Erhebung von Verfahrenskosten zu verzichten.
(Dispositiv nächste Seite)
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