Decision ID: 122098ef-8360-5b20-8b90-d91b167865e2
Year: 2010
Language: de
Court: SG_VWEK
Chamber: SG_VWEK_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
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A.- Am Samstag, 3. April 2010, 21.17 Uhr, war X mit seinem Personenwagen in Arnegg
auf der Bischofszellerstrasse in Richtung Hauptwil unterwegs. Auf der Höhe Stöcklen
geriet er in eine Geschwindigkeitskontrolle. Nach Abzug der Toleranzmarge von 4 km/h
betrug die gemessene Geschwindigkeit 116 km/h. Der Messstandort befand sich
ausserorts; es galt eine zulässige Höchstgeschwindigkeit von 80 km/h. Der
Führerausweis wurde ihm auf der Stelle abgenommen. Ein Atemlufttest verlief negativ.
B.- Mit Bussenverfügung des Untersuchungsamtes Gossau vom 21. April 2010 wurde
X wegen grober Verletzung von Verkehrsregeln zu einer bedingten Geldstrafe von zwölf
Tagessätzen zu je Fr. 100.--, unter Ansetzung einer Probezeit von zwei Jahren, und zu
einer Busse von Fr. 700.-- verurteilt. Dieser Entscheid erwuchs unangefochten in
Rechtskraft.
C.- Mit Schreiben vom 21. April 2010 leitete das Strassenverkehrs- und Schifffahrtsamt
des Kantons St. Gallen (im Folgenden: Strassenverkehrsamt) ein
Administrativmassnahmeverfahren ein und gab X Gelegenheit zur Stellungnahme. Mit
Eingabe seines Rechtsvertreters vom 20. Mai 2010 wurde beantragt, der
Führerausweis sei für die Minimalentzugsdauer von drei Monaten zu entziehen. In der
Folge entzog das Strassenverkehrsamt X mit Verfügung vom 25. Mai 2010 den
Führerausweis wegen einer schweren Widerhandlung gegen
Strassenverkehrsvorschriften für die Dauer von vier Monaten.
D.- Gegen diese Verfügung erhob X mit Eingabe seines Rechtsvertreters vom 2. Juni
2010 Rekurs bei der Verwaltungsrekurskommission mit den Anträgen, die Verfügung
des Strassenverkehrsamtes vom 25. Mai 2010 sei aufzuheben, und der Führerausweis
für die Dauer von insgesamt drei Monaten, und zwar mit Wirkung vom 3. April bis
2. Juli 2010, zu entziehen; alles unter Kosten- und Entschädigungsfolge. Mit
Vernehmlassung vom 28. Juni 2010 beantragte die Vorinstanz die Abweisung des
Rekurses.
E.- Auf die Ausführungen der Parteien zur Begründung ihrer Anträge wird, soweit
erforderlich, in den Erwägungen eingegangen.

Erwägungen:
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1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die
Verwaltungsrekurskommission ist zum Sachentscheid zuständig. Die Befugnis zur
Rekurserhebung ist gegeben. Der Rekurs vom 2. Juni 2010 ist rechtzeitig eingereicht
worden. Er erfüllt in formeller und inhaltlicher Hinsicht die gesetzlichen Anforderungen
(Art. 41 lit. e, 45, 47 und 48 des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege, sGS
951.1, abgekürzt: VRP). Auf den Rekurs ist einzutreten.
2.- Gemäss Art. 16 Abs. 2 SVG wird nach Widerhandlungen gegen die
Strassenverkehrsvorschriften, bei denen das Verfahren nach dem
Ordnungsbussengesetz vom 24. Juni 1970 ausgeschlossen ist, der Lernfahr- oder
Führerausweis entzogen oder eine Verwarnung ausgesprochen. Das Gesetz
unterscheidet zwischen leichten (Art. 16a SVG), mittelschweren (Art. 16b SVG) und
schweren Widerhandlungen (Art. 16c SVG). Eine leichte Widerhandlung begeht, wer
durch Verletzung von Verkehrsregeln eine geringe Gefahr für die Sicherheit anderer
hervorruft und ihn dabei nur ein leichtes Verschulden trifft (Art. 16a Abs. 1 lit. a SVG).
Eine mittelschwere Widerhandlung begeht, wer durch Verletzung von Verkehrsregeln
eine Gefahr für die Sicherheit anderer hervorruft oder in Kauf nimmt (Art. 16b Abs. 1 lit.
a SVG). Ist die Verletzung von Verkehrsregeln grob und wird dadurch eine ernstliche
Gefahr für die Sicherheit anderer hervorgerufen oder in Kauf genommen, ist die
Widerhandlung schwer (Art. 16c Abs. 1 lit. a SVG).
3.- In tatsächlicher Hinsicht ist unbestritten, dass der Rekurrent am Samstag, 3. April
2010, um 21.17 Uhr, mit seinem Personenwagen mit einer Geschwindigkeit von
116 km/h fuhr und somit die zulässige Höchstgeschwindigkeit ausserorts von 80 km/h
um rechtlich relevante 36 km/h überschritt. Damit hat er Art. 4a Abs. 1 lit. b der
Verkehrsregelverordnung (SR 741.11, abgekürzt: VRV), wonach die allgemeine
Höchstgeschwindigkeit für Fahrzeuge unter günstigen Strassen-, Verkehrs- und
Sichtverhältnissen ausserhalb von Ortschaften, ausgenommen auf Autobahnen, 80 km/
h beträgt, schuldhaft verletzt. Die Vorinstanz hat diese Verkehrsregelverletzung
entsprechend der bundesgerichtlichen Rechtsprechung, wonach ungeachtet der
konkreten Umstände eine schwere Verkehrsgefährdung bzw. eine grobe
Verkehrsregelverletzung vorliegt, wenn die Höchstgeschwindigkeit ausserorts um
30 km/h oder mehr überschritten wird (BGE 123 II 37), als schwere Widerhandlung im
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Sinn von Art. 16c Abs. 1 lit. a SVG qualifiziert. Diese Qualifizierung wird vom
Rekurrenten ebenfalls nicht in Frage gestellt.
4.- Steht die Anordnung eines Ausweisentzugs fest, so sind für die Festlegung der
Dauer die Umstände des Einzelfalls gemäss Art. 16 Abs. 3 SVG zu berücksichtigen,
namentlich die Gefährdung der Verkehrssicherheit, das Verschulden, der Leumund als
Motorfahrzeugführer sowie die berufliche Notwendigkeit, ein Motorfahrzeug zu führen.
Gemäss Art. 16c Abs. 2 lit. a SVG wird der Lernfahr- oder Führerausweis nach einer
schweren Widerhandlung für mindestens drei Monate entzogen. Die
Mindestentzugsdauer darf nicht unterschritten werden.
a) Gefährdung und Verschulden sind vorliegend als schwer einzustufen (vgl. E. 3). Wo
sich die objektive Tatschwere, wie bei Überschreitungen der zulässigen
Höchstgeschwindigkeit, zumindest teilweise in einem Messergebnis niederschlägt, ist
es grundsätzlich nicht zu beanstanden, für die Bemessung der Massnahme auf Tarife
abzustellen. Da ihnen aber lediglich eine Richtlinienfunktion zukommt, dürfen sie nicht
schematisch gehandhabt werden. Der Tarif dient deshalb lediglich als Ausgangspunkt,
von dem aus die Sanktion im Rahmen einer Gesamtwürdigung aller wesentlichen
Zumessungsfaktoren des Einzelfalls festgesetzt werden muss (vgl. Ph. Weissenberger,
Die Zumessung des Warnungsentzugs von Führerausweisen, in: SJZ 95/1999, S. 461
mit Hinweis auf BGE 124 II 44).
Der Rekurrent bringt weder objektive noch subjektive Umstände vor, welche die
Gefährdung bzw. das Verschulden bei der Überschreitung der zulässigen
Geschwindigkeit um 45% als unterdurchschnittlich erscheinen liessen. Hinsichtlich der
Gefährdung und des Verschuldens des Rekurrenten erscheint somit eine Erhöhung der
Mindestentzugsdauer um einen Monat gerechtfertigt.
b) Der Rekurrent ist im Administrativmassnahmenregister (ADMAS) nicht registriert. Er
erwarb den Führerschein der Kategorie B am 9. Mai 2006. Im Rekurs wird ausgeführt,
der gute automobilistische Leumund des Rekurrenten sei massnahmemindernd zu
berücksichtigen. Die Vorinstanz führt in der Vernehmlassung vom 28. Juni 2010 im
Wesentlichen aus, aufgrund der kurzen Fahrpraxis des Rekurrenten könne der gute
Leumund nicht massnahmemindernd veranschlagt werden.
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Nach der neuesten bundesgerichtlichen Rechtsprechung, welche auf das Admini-
strativmassnahmerecht analog anzuwenden ist, gilt es als Normalfall, nicht vorbestraft
zu sein. Deshalb ist die Vorstrafenlosigkeit neutral zu behandeln, also bei der
Strafzumessung nicht zwingend strafmindernd zu berücksichtigen. Dies schliesst nicht
aus, sie ausnahmsweise und im Einzelfall in die Gesamtbeurteilung einzubeziehen, was
sich allenfalls strafmindernd auswirken kann. Vorausgesetzt wird jedoch, dass die
Straffreiheit auf eine aussergewöhnliche Gesetzestreue hinweist. Eine solche darf
wegen der Gefahr ungleicher Behandlung nicht leichthin angenommen werden,
sondern hat sich auf besondere Umstände zu beschränken. Zu denken ist
beispielsweise an den Berufschauffeur, der sich als Ersttäter wegen eines
Strassenverkehrsdeliktes strafrechtlich zu verantworten hat und seit vielen Jahren
täglich mit seinem Fahrzeug unterwegs ist (vgl. BGE 136 IV 1, E. 2.6.4).
Im Zeitpunkt der Geschwindigkeitsübertretung war der Rekurrent seit rund vier Jahren
berechtigt, ein Fahrzeug zu führen. Eine vorstrafenlose Fahrpraxis von vier Jahren weist
noch nicht auf eine aussergewöhnliche Gesetzestreue hin. Auch sind im vorliegenden
Fall keine anderen besonderen Umstände ersichtlich, welche darauf hindeuten würden.
Daraus folgt, dass der ungetrübte automobilistische Leumund des Rekurrenten unter
den gegebenen Umständen nicht zu einer Reduktion der Führerausweisentzugsdauer
führt. Im vom Rekurrenten zitierten Urteil der Verwaltungsrekurskommission vom 29.
Juni 2009 i.S. I.A. wurde der ungetrübte automobilistische Leumund über eine Dauer
von fünfeinhalb Jahren massnahmemindernd berücksichtigt. Abgesehen davon, dass
der Rekurrent noch nicht fünf Jahre im Besitz des Führerausweises ist, erging der
erwähnte Entscheid vor BGE 136 IV 1, E. 2.6.4. Der Rekurrent kann demnach aus dem
Entscheid VRKE IV-2009/46 vom 29. Juni 2009 nichts zu seinen Gunsten ableiten.
c) Schliesslich bleibt die berufliche Sanktionsempfindlichkeit des Rekurrenten zu
prüfen.
aa) Berufsmässig auf den Einsatz eines Motorfahrzeugs angewiesene Fahrzeuglenker
werden wegen der grösseren Massnahmeempfindlichkeit in der Regel schon durch
eine kürzere Entzugsdauer wirksam von weiteren Widerhandlungen abgehalten. Einem
solchen Lenker soll der Führerausweis deshalb weniger lange entzogen werden als
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einem, der sein Fahrzeug beruflich nicht benötigt, selbst wenn beide Fahrzeuglenker
das gleiche Verschulden trifft (vgl. dazu BGE 123 II 572 E. 2c).
Die berufliche Notwendigkeit, ein Fahrzeug zu führen, wird nach der Praxis des
Bundesgerichts grundsätzlich nur angenommen, wenn die Ausübung des Berufs durch
den Führerausweisentzug materiell verboten wird, wie dies beispielsweise bei einem
Berufschauffeur der Fall ist, der für die Fahrdienste entschädigt wird. Ebenso ist die
berufliche Notwendigkeit zu bejahen, wenn die Unmöglichkeit, ein Fahrzeug zu führen,
einen solchen Einkommensverlust oder so beachtliche Kosten verursachen würde,
dass diese Massnahme offensichtlich als unverhältnismässig erscheint. Dagegen liegt
keine massgebliche berufliche Notwendigkeit vor, wenn der Führerausweisentzug die
Ausübung eines Berufes lediglich erschwert, selbst wenn damit ernsthafte
Unannehmlichkeiten und Gewinnausfall verbunden sind (vgl. dazu Pra 79 [1990] Nr.
150). Ein Fahrzeugführer kann aber auch erhöht sanktionsempfindlich sein, ohne dass
geradezu eine berufliche Notwendigkeit vorliegt. Deshalb ist bei der Beurteilung der
beruflichen Angewiesenheit eines Fahrzeuglenkers auf den Führerausweis dem
Grundsatz der Verhältnismässigkeit Rechnung zu tragen. Die Reduktion der
Entzugsdauer bemisst sich danach, in welchem Mass der Fahrzeugführer infolge
beruflicher Angewiesenheit stärker als der normale Fahrer von der Massnahme
betroffen ist (BGE 123 II 572 E. 2c).
bb) Der Rekurrent ist als Drucktechnologe im Schichtbetrieb tätig. Im Rekurs bringt er
vor, er sei zumindest teilweise zwingend auf das Führen eines Motorfahrzeugs
angewiesen. Gemäss den Angaben auf dem "Fragebogen zur beruflichen
Angewiesenheit" benutzt der Rekurrent das Auto für den Arbeitsweg. Für
Kundenkontakte in anderen Ortschaften ist er auf das Auto offenbar nicht angewiesen.
Zudem macht er geltend, er arbeite normalerweise von 06.00 bis 14.00 Uhr oder von
14.00 bis 22.00 Uhr. Zu diesen Zeiten seien die Busverbindungen schlecht, weshalb er
auf das Auto angewiesen sei. Dies umso mehr, als die Schichten zeitweise um 2
Stunden verlängert würden.
Die Ausübung seines Berufs als Drucktechnologe bei einer in St. Gallen ansässigen
Firma wird dem Rekurrenten durch den Führerausweisentzug nicht verunmöglicht. Er
ist nicht in gleicher Weise wie ein Berufschauffeur auf das Führen eines
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Motorfahrzeuges angewiesen. Aus der von der Arbeitgeberin eingereichten Bestätigung
geht hervor, dass der Rekurrent das Auto für den Arbeitsweg benötigt, jedoch nicht für
Kundenkontakte. Er wohnt und arbeitet in der Stadt St. Gallen. Unter diesen
Umständen ist er von der Massnahme nicht stärker betroffen als andere Fahrer, denen
der Führerausweis entzogen wird. Zudem ist es durchaus zumutbar, für den
Arbeitsweg innerhalb der Stadt St. Gallen auf andere Verkehrsmittel auszuweichen.
Das Führen eines Motorfahrrads ist ihm zudem erlaubt. Aus diesen Gründen kann dem
Rekurrenten keine erhöhte Sanktionsempfindlichkeit zugebilligt und die berufliche
Angewiesenheit folglich nicht massnahmemindernd berücksichtigt werden.
d) Ausgehend von der Mindestentzugsdauer von drei Monaten scheint in Würdigung
aller vorstehend dargelegten massnahmerelevanten Umstände eine Entzugsdauer von
vier Monaten als angemessen, davon wurden drei Monate bereits vollzogen.
5.- Zusammenfassend ergibt sich damit, dass der Rekurs abzuweisen ist. Dem
Verfahrensausgang entsprechend sind die amtlichen Kosten dem Rekurrenten
aufzuerlegen (Art. 95 Abs. 1 VRP). Eine Entscheidgebühr von Fr. 1'200.-- ist
angemessen (vgl. Art. 13 Ziff. 522 des Gerichtskostentarifs, sGS 941.12). Der
Kostenvorschuss von Fr. 1'200.-- ist zu verrechnen.