Decision ID: 01d1378d-3010-4196-876f-adde31dcb1bd
Year: 2021
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich im November 2017 unter Hinweis auf psychosomatische und
körperliche Beschwerden bei der IV-Stelle des Kantons St. Gallen zum Leistungsbezug
an (IV-act. 1). Sie hatte eine Lehre als kaufmännische Angestellte abgeschlossen und
war danach in verschiedenen Anstellungsverhältnissen tätig gewesen, zuletzt bis am
27. April 2017 bei der B._ AG im 100%-Pensum (vgl. IV-act. 3, 7, 9, 19, 22).
A.a.
Vom 10. bis 13. April 2017 war die Versicherte in der Klinik C._ aufgrund von
Suiziddrohungen psychiatrisch abgeklärt worden (IV-act. 42). Anschliessend war die
Versicherte vom 19. April bis 17. August 2017 im Psychiatrischen Zentrum D._ in
stationärer Behandlung gewesen. Im Austrittsbericht hatten die behandelnden Ärzte
festgehalten, die Versicherte leide an Anpassungsstörungen, an einer absichtlichen
Selbstbeschädigung, an Zwangsgedanken und -handlungen sowie an einer
andauernden Persönlichkeitsänderung nach einer Extrembelastung (sog. komplexe
posttraumatische Belastungsstörung [PTBS]; Bericht vom 25. September 2017, IV-act.
15). Nach dem Klinikaufenthalt war die Versicherte ambulant psychiatrisch-
psychotherapeutisch weiterbetreut worden (vgl. IV-act. 15-4, 23, 26-1). Am 21.
September 2017 war sie zudem neurologisch untersucht worden. Im
Untersuchungsbericht gleichen Datums war festgehalten worden, dass bei der
Versicherten anfallsartige Störungen mit Zuckungen, beginnend von der rechten
oberen Extremität, wahrscheinlich funktionell, bestünden. Das Fehlen epilepsie-
typischer Potentiale vor und während der Zuckungen sowie das Fehlen einer
postiktalen Verlangsamung der Grundaktivität sprächen gegen epileptische Anfälle (IV-
act. 32).
A.b.
Am 15. Dezember 2017 wurde die Versicherte im Schmerzzentrum des
Kantonsspitals St. Gallen (KSSG) untersucht. Die Ärzte hielten fest, dass bei der
Versicherte ein chronisches Schmerzsyndrom mit psychischen und somatischen
Faktoren, Chronifizierungsstadium I, bestehe. Die somatoforme Komponente erscheine
A.c.
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im Gesamtkontext prioritär. Es bestehe der Verdacht auf eine funktionelle Problematik
(IV-act. 26).
Die behandelnde Psychiaterin der Versicherten hielt im Bericht vom 9. Februar
2018 zuhanden der IV-Stelle fest, dass zurzeit eine 80%ige Arbeitsunfähigkeit bestehe;
die Versicherte sei seit Januar 2018 zu 20% in einem Einsatzprogramm des RAV. Nach
dem Abschluss der Behandlung im KSSG sollte die Versicherte in der Lage sein, eine
Tätigkeit im erlernten Beruf als kaufmännische Angestellte aufzunehmen (IV-act. 23).
A.d.
Ab Juni 2018 war die Versicherte im 50%-Pensum als Sekretärin bei der E._ AG
tätig (IV-act. 47).
A.e.
Im September 2018 wurde die Versicherte im Auftrag der IV-Stelle (vgl. IV-act. 49)
durch die Medizinische Abklärungsstelle (MEDAS) Bern allgemein-internistisch,
orthopädisch, psychiatrisch, neurologisch und neuropsychologisch begutachtet. Im
polydisziplinären Gutachten vom 28. Dezember 2018 nannten die Sachverständigen
folgende Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit: Kombinierte
Persönlichkeitsstörung (F61.0) sowie passagere Dekompensation mit zeitweiligen
dissoziativen Identitätsstörungen und Phänomene der Depersonalisation und
Derealisation; diese würden gegenwärtig nicht mehr bestehen. Ohne Auswirkungen
lägen bei der Versicherten sonstige somatoforme Störungen (F45.8), eine chronische
motorische Tic-Störung (F95.1), maximal leichte kognitive Minderleistungen in den
Bereichen Aufmerksamkeit, Neugedächtnis und Exekutivfunktionen, ein chronisches
Schmerzsyndrom HWS, BWS, rechte Schulter, rechte Hüfte, beide Knie ohne
klinisches oder radiologisches Substrat sowie ein Zervikobrachialsyndrom neurologisch
ohne einen radikulären Anteil vor (M53.1; IV-act. 55-4 f.). Die orthopädische
Sachverständige hielt fest, dass sich in der klinischen Untersuchung ein normaler
orthopädischer Status mit lokalen Druckdolenzen in der HWS, der mittleren BWS, der
rechten Schulter über dem Schulterpunkt, der rechten Hüfte sowie beiden medialen
Gelenksspalten beider Knie gefunden habe. Radiologisch hätten sich in den
durchgeführten Aufnahmen durchwegs normale, altersentsprechende Befunde gezeigt.
Bei der Versicherten bestünden orthopädisch keine objektivierbaren Probleme, sodass
sich auch kein negatives Zumutbarkeitsprofil ableiten lasse. Die bisherige Tätigkeit
sowie eine angepasste Tätigkeit seien ihr orthopädisch vollschichtig zu 100% zumutbar
A.f.
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und es habe nie eine Arbeitsunfähigkeit bestanden (IV-act. 55-20 f.). Der neurologische
Sachverständige hielt fest, dass die bei der Versicherten bestehende, motorische Tic-
Störung einer psychiatrischen Behandlung bedürfe. Die Diagnose sei aufgrund der
aktuellen Untersuchung und der aktenmässig dokumentierten Voruntersuchung
gewählt worden. Aktuell habe sich ein unwillkürliches Zucken der rechten Schulter
gezeigt, ohne dass ein neurologischer Befund habe erhoben werden können. Die
gemäss der neuropsychologischen Begutachtung feststellbaren, maximal leichten
kognitiven Minderleistungen seien nicht durch primär-neurologische Störungen
erklärbar. Aus neurologischer Sicht sei die Versicherte voll belastbar und auch
retrospektiv habe keine neurologisch bedingte Arbeitsunfähigkeit bestanden. Der
Sachverständige verwies auf die psychiatrische Begutachtung (IV-act. 55-54 ff.). Der
internistische Sachverständige legte dar, dass sich aus internistischer Sicht weder bei
der Untersuchung noch durch die anamnestischen Angaben Störungen oder
Erkrankungen hätten feststellen lassen, die sich in relevanter Weise auf die
Arbeitsfähigkeit auswirken würden. Aus allgemein-internistischer Sicht bestehe keine
Arbeitsunfähigkeit (IV-act. 55-64 f.). Die Fachpsychologin für Neuropsychologie
berichtete über die Untersuchung, dass testdiagnostisch in den Bereichen der
Aufmerksamkeit, des Gedächtnisses und der Exekutivfunktionen kognitive
Minderleistungen objektiviert worden seien. Die Anstrengungsbereitschaft habe jedoch
geschwankt. Die Versicherte habe teilweise wenig vorausplanend, gedanklich
eingeengt und stark auf Einschränkungen und Probleme fokussiert gewirkt. Eine leichte
Beschwerdeübertreibung und eine leichte Leistungsverzerrung hätten sich gezeigt. Das
aktuell präsentierte Leistungsprofil habe nicht das tatsächliche Leistungsprofil
widergespiegelt, wenngleich die Abweichungen gering gewesen seien. Auch hätten
keine neuropsychologischen Vorbefunde bestanden. In den Akten seien kognitive
Einschränkungen im Rahmen des stationären Aufenthaltes bis August 2017 verneint
worden. Eine differenzierte Einschätzung der Leistungsfähigkeit sei aufgrund der
schwankenden Anstrengungsbereitschaft nicht möglich gewesen. Auch die
Glaubwürdigkeit der angegebenen Beschwerden sei leicht eingeschränkt gewesen.
Wenn die gezeigten Leistungen vollumfänglich valide gewesen wären, hätte sich eine
Leistungseinschränkung von 10-15% begründen lassen. Aufgrund des positiven
Ressourcenprofils und der maximal als leicht zu wertenden kognitiven
Einschränkungen seien für eine angepasste Tätigkeit keine Leistungseinbussen
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begründbar. Angepasst sei eine Tätigkeit, wenn die Versicherte mehr Zeit zur
Verfügung habe, reduzierte Anforderungen an die Flexibilität gestellt würden und
verlängerte Einarbeitungszeiten gegeben seien (IV-act. 55-74 ff.). Der psychiatrische
Sachverständige führte aus, dass bei der Versicherten unter Berücksichtigung der
Anamnese, der aktuellen psychiatrischen Untersuchung und der Aktenlage von einer
kombinierten Persönlichkeitsstörung ausgegangen werden müsse. Bereits seit der
Kindheit und Jugend fänden sich bei der Versicherten auffällige Verhaltensmuster, die
in der Folgezeit relativ stabil geblieben seien. Die verschiedenen Angaben in den Akten
zu den Diagnosen beinhalteten auch somatoforme Aspekte. Deshalb sei von der
Diagnose einer sonstigen somatoformen Störung auszugehen. Die zeitweilig
dissoziativen Identitätsstörungen bestünden gegenwertig nicht mehr. Die kombinierte
Persönlichkeitsstörung werde durch individuelle und konstitutionelle Faktoren sowie
soziale Erfahrungen begründet. Im Rahmen der Untersuchung hätten sich Hinweise auf
eine selbstunsichere, dependente, zwanghafte und emotional instabile
Persönlichkeitsstruktur gefunden. Es handle sich jedoch weder um eine PTBS noch um
eine komplexe PTBS. Als komplexe PTBS werde ein psychisches Krankheitsbild
bezeichnet, das sich infolge schwerer, anhaltender oder wiederholter
Traumatisierungen (Misshandlungen, sexueller Missbrauch, Kriegserfahrungen, Folter,
existenzbedrohende physische oder emotionale Vernachlässigung in der Kindheit etc.)
entwickeln könne. Die Erfahrungen der Versicherten in ihrer Kindheit hätten jedoch
nicht auf Gewalt oder auf einer schweren Vernachlässigung beruht, sondern es habe
sich vielmehr um eine problematische Beziehungskonstellation gehandelt, die zum Teil
durch Gleichgültigkeit und Distanziertheit geprägt gewesen sei. Auch hätten bei der
Versicherten weder in der Vergangenheit noch gegenwärtig typische Symptome einer
PTBS und erst recht nicht einer Persönlichkeitsänderung bestanden. Vielmehr habe es
sich um Konflikte gehandelt, denen Bindungsunsicherheiten in der Kindheit
vorausgegangen seien und die zusammen mit anderen Faktoren eine entsprechende
Persönlichkeitskonstellation bei der Versicherten hätten entstehen lassen. Die
Versicherte habe ihren Exfreund "gestalkt"; die Veränderung der Persönlichkeit sei erst
im Rahmen dieses Stalkings aufgetreten. Diese Veränderung sei durch die Zwänge und
die fast ununterbrochene "Beschäftigung mit dem Exfreund" ausgelöst worden und
habe sich nach der psychiatrischen und psychotherapeutischen Behandlung wieder
zurückgebildet. Der bisherige Therapieverlauf sei lege artis gewesen. Unter
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Berücksichtigung der aktuellen neuropsychologischen Untersuchung sei bei der
Versicherten sowohl von diskreten kognitiven Defiziten als auch von
Verdeutlichungstendenzen auszugehen, die im Rahmen der Persönlichkeitsstruktur als
unbewusst aufgefasst würden. Trotz dieser vorhandenen Verdeutlichungstendenzen sei
bei der Versicherten von leichten Defiziten auch in quantitativer Art auszugehen. Aus
psychiatrischer Sicht ergebe sich deshalb gegenwärtig wegen der noch
unzureichenden Stabilität eine leicht reduzierte Arbeitsfähigkeit in der angestammten
Tätigkeit um 30% (Arbeitsfähigkeit von 70%), wobei mit einer weiteren Rückbildung der
Symptome (gegenwärtig vornehmlich Zwangsgedanken) in maximal einem Jahr
auszugehen sei. Danach würde die Versicherte voraussichtlich wieder zu 100%
arbeitsfähig sein. Eine 100%ige Arbeitsfähigkeit bestehe gegenwärtig bereits in einer
angepassten Tätigkeit. Weiterhin erforderlich seien psychiatrische therapeutische
Massnahmen (IV-act. 55-42 ff.). Die Sachverständigen hielten zusammenfassend fest,
dass sich in der bisherigen Tätigkeit aus psychiatrischer Sicht wegen der noch
unzureichenden Stabilität eine um 30% reduzierte Arbeitsfähigkeit ergebe.
Prognostisch sei von einer weiteren Rückbildung der Symptome innert maximal einem
Jahr auszugehen; danach sei die Versicherte voraussichtlich wieder zu 100%
arbeitsfähig. In einer ideal adaptierten Tätigkeit sei die Versicherte bereits aktuell zu
100% arbeitsfähig (ganztägig ohne Leistungsminderung). Die Arbeitsunfähigkeit werde
psychiatrisch und neuropsychologisch definiert. Weitere psychiatrische und
psychotherapeutische Interventionen könnten den Status quo erhalten, verbessern und
zu einer vollen Stabilisierung beitragen. Retrospektiv sei der vom 27. November 2017
bis 31. Mai 2018 dokumentierte Beschäftigungsgrad von 20-30% aufgrund der
überaus positiven Beurteilung des Einsatzes der Versicherten nicht ganz
nachvollziehbar. Für diese Zeit sei von einer Arbeitsfähigkeit von 50% in der
angestammten Tätigkeit auszugehen. Ab Ende Mai 2018 habe offiziell eine 50%ige
Arbeitsfähigkeit bestanden und ab Ende September 2018 sei von einer 70%igen
Arbeitsfähigkeit angestammt auszugehen. In einer adaptierten Tätigkeit sei für die Zeit
von Ende November 2017 bis Ende Mai 2018 ebenfalls eine mindestens 50%ige
Arbeitsfähigkeit zu fordern gewesen. Eine konkretere Benennung der Arbeitsfähigkeit in
einer adaptierten Tätigkeit sei jedoch angesichts der überlagernden
Befundinkonsistenzen nicht mit dem hinreichenden Grad der Wahrscheinlichkeit
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bestimmbar. Zumindest ab Ende September 2018 sei in einer adaptierten Tätigkeit von
einer 100%igen Arbeitsfähigkeit auszugehen (IV-act. 55-6 f.).
Ab Dezember 2018 war die Versicherte bei der Unternehmung F._ AG im 50%-
Pensum tätig (vgl. IV-act. 75-2 ff.).
A.g.
Der Regionale Ärztliche Dienst (RAD) notierte am 14. Januar 2019, dass
vollumfänglich auf das Gutachten abgestellt werden könne. Auch bezüglich des
retrospektiven Verlaufs der Arbeitsfähigkeit könne dem Gutachten gefolgt werden. Die
Experten hätten ausführlich zum Komplex des funktionellen Schweregrades sowie zur
Konsistenz Stellung genommen. Ebenso könne der prognostischen Einschätzung, dass
bei der Weiterführung der bisherigen ambulanten psychiatrisch-psychotherapeutischen
Behandlung spätestens in einem Jahr eine 100%ige Arbeitsfähigkeit auch in der
angestammten Tätigkeit erreicht werde, gefolgt werden (IV-act. 56).
A.h.
Am 16. Januar 2019 teilte die IV-Stelle der Versicherten mit, dass kein Anspruch
auf berufliche Massnahmen bestehe (IV-act. 59).
A.i.
Mit Vorbescheid vom 6. Mai 2019 stellte die IV-Stelle der Versicherten die
Abweisung des Rentenbegehrens in Aussicht. Sie führte zur Begründung aus, dass in
einer adaptierten Tätigkeit seit September 2018 eine 100%ige Arbeitsfähigkeit bestehe.
Bei der Verwertung dieser Arbeitsfähigkeit sei es der Versicherten möglich, ein
Einkommen von Fr. 66'948.00 zu erzielen. Damit ergebe sich bei einem Einkommen
ohne gesundheitliche Einschränkung von Fr. 75'400.00 ein nicht rentenbegründender
Invaliditätsgrad von 11% (IV-act. 63). Am 21. Juni 2019 erliess die IV-Stelle eine dem
Vorbescheid entsprechende Abweisungsverfügung (IV-act. 64).
A.j.
Die Arbeitgeberin der Versicherten, die F._ AG, löste das Arbeitsverhältnis per
30. Juni 2019 aus wirtschaftlichen Gründen auf (IV-act. 75-2, 75-9).
A.k.
Am 8. Juli 2019 meldete sich die Versicherte erneut zum Leistungsbezug an (IV-act.
66). Der Anmeldung legte sie im Wesentlichen ein Einweisungsschreiben des
behandelnden Psychiaters vom 23. Mai 2019 bzgl. des Eintritts in die Klinik G._ zur
stationären psychotherapeutischen Behandlung bei. Darin hatte der Psychiater
ausgeführt, dass bei der Versicherten eine emotional instabile Persönlichkeitsstörung,
A.l.
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B.
Borderline Typus, dissoziative Bewegungsstörungen, dissoziative Störungen, nicht
näher bezeichnet, sowie eine anhaltende Schmerzstörung vorlägen (IV-act. 69). Der
RAD notierte am 25. Juli 2019, dass aus dem Einweisungsschreiben des behandelnden
Psychiaters keine neuen Diagnosen oder Befunde im Vergleich zum polydisziplinären
Gutachten der MEDAS Bern hervorgingen. Damit sei von einem unveränderten
Gesundheitszustand im Vergleich zur medizinischen Referenzsituation, die der
Verfügung vom 21. Juni 2019 zugrunde gelegen habe, auszugehen (IV-act. 77). Am 26.
Juli 2019 teilte die IV-Stelle der Versicherten mit, dass sie beabsichtige, auf das neue
Leistungsbegehren vom 8. Juli 2019 nicht einzutreten (IV-act. 80). In der Folge verfügte
sie wie angekündigt das Nichteintreten auf das neue Leistungsbegehren (Verfügung
vom 3. Oktober 2019, IV-act. 86).
Gegen die Abweisungsverfügung vom 21. Juni 2019 hatte die Beschwerdeführerin
am 12. August 2019 Beschwerde erhoben. Sie hatte die Aufhebung der Verfügung und
die erneute Prüfung der Angelegenheit beantragt und dies insbesondere damit
begründet, dass die Trauma-Folgestörung bisher als solche nicht erkannt und im
Gutachten demzufolge nicht gewichtet worden sei (act. G 1).
B.a.
Am 7. Oktober 2019 reichte die Beschwerdeführerin einen Austrittsbericht der
Klinik G._ vom 4. Oktober 2019 über die Hospitalisation vom 8. Juli bis 28. August
2019 ein. Darin hatten die behandelnden Psychologinnen im Wesentlichen angegeben,
die Beschwerdeführerin leide an einer komplexen posttraumatischen
Belastungsstörung, einer emotional-instabilen Persönlichkeitsstörung vom Typ
Borderline, dissoziativen Störungen, gemischt, dissoziativen Bewegungsstörungen,
einem Depersonalisations- und Derealisationssyndrom, einer anhaltenden
somatoformen Schmerzstörung und einem Verdacht auf eine dissoziative
Identitätsstörung. Während des Aufenthaltes sei die Beschwerdeführerin zu 100%
arbeitsunfähig gewesen. Aufgrund der aufgeführten Einschränkungen sei sie
prognostisch bis auf Weiteres stark in der Arbeitsfähigkeit eingeschränkt. Wegen des
komplexen Störungsbildes werde die Weiterführung der Therapie im ambulanten
Setting dringend empfohlen (act. G 5.1).
B.b.
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Erwägungen
1.
In seiner internen Stellungnahme vom 7. November 2019 hielt der IV-Fachbereich
fest, dass weiterhin auf das Gutachten abgestellt werden könne (IV-act. 89). Am 16.
November 2019 beantragte die Beschwerdegegnerin mit Verweis auf die interne
Stellungnahme die Abweisung der Beschwerde (act. G 7).
B.c.
Am 31. Dezember 2019 reichte die Beschwerdeführerin eine um die Unterschrift
der Chefärztin des Zentrums für Psychotherapie und Psychosomatik ergänzte
("korrigierte") Version des Austrittsberichtes der Klinik G._ ein (act. G 9.1). Die
Beschwerdegegnerin verzichtete am 10. März 2020 darauf, zum korrigierten
Austrittsbericht Stellung zu nehmen (act. G 11).
B.d.
Am 29. Juli 2020 teilte die Klinik G._ dem Gericht mit, dass sich die
Beschwerdeführerin seit dem 15. Juli 2020 erneut in stationärer Behandlung befinde
(act. G 12). Am 30. März 2021 reichte die Beschwerdeführerin den Austrittsbericht über
die Hospitalisation vom 15. Juli bis 9. September 2020 ein (act. G 14). Darin wurde
festgehalten, dass sie sich für ein zweites Intervall einer störungsspezifischen und
ätiologie-orientierten stationären Traumatherapie in Behandlung befunden habe. Die
bestehenden Diagnosen würden weiterhin gelten. Aufgrund der Einschränkungen
werde die Beschwerdeführerin prognostisch bis auf Weiteres stark in ihrer
Arbeitsfähigkeit eingeschränkt sein (act. G 14.1). Die Klinik teilte zudem mit, dass sich
die Beschwerdeführerin seit dem 17. Februar 2021 erneut in stationärer Behandlung
befinde.
B.e.
Mit Verfügung vom 21. Juni 2019 hat die Beschwerdegegnerin einen Anspruch der
Beschwerdeführerin auf eine Invalidenrente bei einem Invaliditätsgrad von 11%
verneint. Streitig und vorliegend zu prüfen ist der Anspruch der Beschwerdeführerin auf
eine Invalidenrente. Der Vollständigkeit halber ist festzuhalten, dass die
"Neuanmeldung" der Beschwerdeführerin zum Leistungsbezug vom 8. Juli 2019 nicht
Gegenstand des vorliegenden Verfahrens ist. Der erneuten Einreichung des
Fragebogens zur IV-Anmeldung vom 8. Juli 2019 dürfte keine Anmeldewirkung
zukommen, da das vorliegende Verfahren betreffend Rentenleistungen im Zeitpunkt
der erneuten "Anmeldung" noch nicht abgeschlossen gewesen ist.
1.1.
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2.
Einen Rentenanspruch haben Versicherte, die ihre Erwerbsfähigkeit oder die
Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht durch zumutbare
Eingliederungsmassnahmen wiederherstellen, erhalten oder verbessern können,
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindestens 40%
arbeitsunfähig gewesen sind und nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40% invalid
sind (Art. 28 Abs. 1 IVG). Invalidität ist gemäss Art. 8 Abs. 1 ATSG die voraussichtlich
bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit.
Erwerbsunfähigkeit ist der durch eine Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder
psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und
Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf
dem in Betracht kommenden ausgeglichen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG).
1.2.
Gemäss Art. 28a Abs. 1 des IVG i.V.m. Art. 16 ATSG ist die Invalidität
grundsätzlich durch einen Einkommensvergleich zu ermitteln. Dabei wird das
Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach
Durchführung der medizinischen Behandlung und allfälliger
Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener
Arbeitsmarktlage erzielen könnte (zumutbares Invalideneinkommen), in Beziehung
gesetzt zum Einkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre
(Valideneinkommen).
1.3.
Um das Invalideneinkommen zu bestimmen und damit den Invaliditätsgrad
bemessen zu können, muss die Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin im
Verfügungszeitpunkt feststehen.
1.4.
Zur Beantwortung der Frage nach der Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin hat
die Beschwerdegegnerin bei der MEDAS Bern ein polydisziplinäres Gutachten
eingeholt (IV-act. 55). Dieses beruht auf fachärztlichen allgemein-internistischen,
orthopädischen, psychiatrischen, neurologischen und neuropsychologischen
Untersuchungen und ist in Kenntnis der medizinischen Vorakten (vgl. S. 9 ff. des
Gutachtens) erstellt worden. Die gutachterlichen Fachpersonen haben detaillierte
objektive Befunde erhoben. Sie haben sich zudem eingehend mit den von der
Beschwerdeführerin geklagten Beschwerden auseinandergesetzt. Sie haben ihre
Diagnosen begründet und sowohl in ihren jeweiligen Fachgebieten als auch
interdisziplinär nachvollziehbare Arbeitsfähigkeitsschätzungen abgegeben. Insgesamt
zeugen die Darlegung der objektiven Befundlage, die Erhebung der fachspezifischen
Anamnesen und der Einbezug der subjektiven Beschwerden von einer hinreichenden
2.1.
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somatischen, psychiatrischen und neuropsychologischen Abklärung. Die
Sachverständigen haben in den einzelnen Teilgutachten in internistischer und
orthopädischer Hinsicht ausführlich begründet, weshalb keine Diagnosen mit Einfluss
auf die Arbeitsfähigkeit vorlägen (IV-act. 55-21, 55-63). Auch das neuropsychologische
Teilgutachten ist als überzeugend zu erachten. Zwar hat die Sachverständige
festgehalten, dass die Glaubwürdigkeit der angegebenen Beschwerden leicht
eingeschränkt gewesen sei. Aber sie hat hinsichtlich der Frage nach der
Leistungseinschränkungen der Beschwerdeführerin eine überzeugende Aussage
machen können, nämlich dass aufgrund des positiven Ressourcenprofils und der
maximal als leicht zu wertenden kognitiven Einschränkungen der Beschwerdeführerin
für eine angepasste Tätigkeit keine Leistungseinbussen begründbar seien. Die
Fachpsychologin für Neuropsychologie hat schliesslich überzeugend dargelegt, dass in
einer angepassten Tätigkeit ohne Zeitdruck, mit verlängerter Einarbeitungszeit und
erhöhter Flexibilität aufgrund des positiven Ressourcenprofils und den maximal als
leicht zu wertenden kognitiven Einschränkungen keine Leistungseinbussen begründbar
seien (IV-act. 55-76). Der neurologische Sachverständige hat seinerseits
nachvollziehbar festgehalten, dass diese bei der neuropsychologischen Begutachtung
festgestellten Minderleistungen nicht durch primär-neurologische Störungen erklärbar
seien. Auch würden sich weder die Tic-Störung noch der zervikobrachiale Schmerz
neurologischerseits auf die Leistungsfähigkeit der Beschwerdeführerin auswirken. Er ist
zum überzeugenden Schluss gekommen, dass die Beschwerdeführerin aus
neurologischer Sicht voll belastbar sei und dass auch retrospektiv keine neurologisch
bedingte Arbeitsunfähigkeit bestanden habe (IV-act. 55-54 ff.).
Wie die Sachverständigen festgehalten haben, steht bei der Beschwerdeführerin
die psychische Beschwerdeproblematik im Vordergrund. Der psychiatrische Gutachter
hat eine kombinierte Persönlichkeitsstörung diagnostiziert. Er hat unter
Berücksichtigung der Anamnese, der persönlichen Untersuchungsbefunde sowie der
Aktenlage plausibel dargelegt, dass diese kombinierte Persönlichkeitsstörung durch
individuelle und konstitutionelle Faktoren sowie durch soziale Erfahrungen begründet
werde und dass sich bei der Beschwerdeführerin Hinweise auf eine selbstunsichere,
dependente, zwanghafte und emotional instabile Persönlichkeitsstruktur fänden.
Entgegen dem Vorbringen der Beschwerdeführerin, wonach die "Traumafolgestörung"
im Gutachten nicht berücksichtigt worden sei, hat sich der psychiatrische
Sachverständige eingehend mit der Möglichkeit der Diagnose einer posttraumatischen
Belastungsstörung auseinandergesetzt. Er ist jedoch zum Schluss gekommen, dass
bei der Beschwerdeführerin weder eine PTBS noch eine komplexe PTBS vorliege. Dies
hat er in nachvollziehbarer Weise damit begründet, dass weder in der Vergangenheit
2.2.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 12/15
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noch anlässlich der psychiatrischen Expertise typische Symptome einer PTBS oder
einer komplexen PTBS bestanden hätten. Insbesondere hätten die Erfahrungen der
Beschwerdeführerin in der Kindheit nicht auf Gewalt oder auf einer schweren
Vernachlässigung beruht, wie es bei einer komplexen PTBS definiert sei, sondern es
habe sich vielmehr um eine durch Gleichgültigkeit und Distanziertheit geprägte
Beziehungskonstellation zu den Eltern gehandelt. Eine existenzbedrohende emotionale
oder physische Vernachlässigung habe allerdings nicht bestanden. Der Gutachter hat
weiter überzeugend dargelegt, dass diese Bindungsunsicherheiten in der Kindheit
zusammen mit anderen Faktoren eine entsprechende Persönlichkeitskonstellation, aber
keine PTBS und keine komplexe PTBS habe entstehen lassen. Hinsichtlich der geltend
gemachten Persönlichkeitsänderung hat der Sachverständige festgehalten, dass diese
erst im Rahmen des Stalkings durch die Beschwerdeführerin aufgetreten und durch die
Zwänge und die fast ununterbrochene Beschäftigung mit dem Exfreund ausgelöst
worden sei. Die Persönlichkeitsänderung habe sich nach der psychiatrischen und
psychotherapeutischen Behandlung wieder zurückgebildet und bestehe gegenwärtig
nicht mehr (IV-act. 55-42 ff.). Zusammenfassend hat der psychiatrische Gutachter mit
seiner Darlegung der medizinischen Zusammenhänge schlüssig begründet, weshalb
bei der Beschwerdeführerin (nur) eine kombinierte Persönlichkeitsstörung (F61.0)
bestehe und dass diese Störung in der angestammten Tätigkeit eine 30%ige
Einschränkung ihrer Leistungsfähigkeit bewirke. In einer angepassten, gut
strukturierten Tätigkeit mit klar festgelegter Arbeitsorganisation, mit einer hohen
Flexibilität und ohne permanenten Zeitdruck sei hingegen von einer 100%igen
Arbeitsfähigkeit auszugehen. In den Akten finden sich keine Anhaltspunkte dafür, dass
der Sachverständige bei seiner Beurteilung objektiv wesentliche Tatsachen nicht
berücksichtigt hätte. Weiter ist darauf hinzuweisen, dass auch der RAD die
gutachterliche Diagnosestellung und Arbeitsfähigkeitsschätzung als nachvollziehbar
erachtet hat. Zur Begründung hat er angeführt, dass die Diagnose einer
Persönlichkeitsstörung nicht zwangsläufig mit einer verminderten Arbeitsfähigkeit
einhergehe; vielmehr seien die funktionellen Einschränkungen und die Ressourcen der
Beschwerdeführerin entscheidend. Die fachärztliche Beurteilung der Arbeitsfähigkeit
sei plausibel (IV-act. 56).
Die gutachterlichen Schlussfolgerungen werden durch die Berichte der
behandelnden Ärzte nicht in Frage gestellt: Die Beschwerdeführerin hat im
Beschwerdeverfahren mehrere Berichte der Klinik G._ eingereicht (act. G 5.1, 9.1,
14.1). Die behandelnden Ärzte haben verschiedene psychiatrische Störungen
diagnostiziert, so insbesondere eine PTBS, eine emotional-instabile
Persönlichkeitsstörung, dissoziative Störungen, ein Depersonalisations- und
2.3.
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Derealisationssyndrom, eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung sowie einen
Verdacht auf eine dissoziative Identitätsstörung. Der psychiatrische Fachgutachter hat
seine abweichende Auffassung hinsichtlich der Diagnose einer PTBS überzeugend
begründet und sich mit der Persönlichkeit der Beschwerdeführerin und diesbezüglich
in Frage kommenden Diagnosen eingehend auseinandergesetzt (vgl. vorstehend E 2.2).
Insgesamt ergeben sich aus den von der Beschwerdeführerin vorgebrachten
medizinischen Einschätzungen keine neuen Aspekte, die im genannten Gutachten
ausser Acht gelassen worden wären. Dabei gilt es zu beachten, dass die behandelnden
und die begutachtenden psychiatrischen Fachärzte aufgrund der unterschiedlichen
Natur von Behandlungs- und Begutachtungsauftrag erfahrungsgemäss oft zu
abweichenden Beurteilungen der psychischen Beeinträchtigungen und der sich daraus
ergebenden Einschränkung der Arbeitsfähigkeit gelangen. Vorliegend haben die
Sachverständigen selbst darauf hingewiesen, dass sich die Diskrepanzen auch durch
die feststellbaren Befundinkonsistenzen und der zu unkritischen Übernahme der
subjektiven, zu tiefen Selbsteinschätzung der Beschwerdeführerin erklären liessen (IV-
act. 55-46). Tatsächlich entsteht der Eindruck, dass sich die Behandler bei ihrer
Beurteilung im Wesentlichen auf die subjektiven Angaben der Beschwerdeführerin
gestützt haben. Insbesondere fällt auf, dass die behandelnden Ärzte ihre
psychiatrischen Diagnosen nicht hinreichend begründet, sondern vielmehr auf das von
der Beschwerdeführerin Berichtete verwiesen haben ("inneres Stimmenhören", "sich
nicht als sich selbst erleben"). Aufgrund der fehlenden Objektivität vermögen die
Beurteilungen der Behandler die überzeugende gutachterliche Einschätzung folglich
nicht zu erschüttern.
Insgesamt steht gestützt auf das überzeugende polydisziplinäre Gutachten mit
dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit fest, dass die
Beschwerdeführerin seit September 2018 und bis zum vorliegend relevanten Zeitpunkt
(Erlass der angefochtenen Verfügung) in einer angepassten Tätigkeit zu 100%
arbeitsfähig gewesen ist.
2.4.
Zusammenfassend ist mit dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit erstellt, dass die Beschwerdeführerin seit dem frühesten möglichen
Rentenbeginn im Mai 2018 (gemäss Art. 29 Abs. 1 IVG bei Anmeldung im November
2017 und Ablauf des Wartejahres Ende März 2018, IV-act. 56-3) bis zum Zeitpunkt der
Eröffnung der angefochtenen Verfügung in einer leidensangepassten Tätigkeit zu 100%
arbeitsfähig gewesen ist. Die Beschwerdeführerin hat eine Lehre als kaufmännische
Angestellte abgeschlossen und ist in diesem Beruf in verschiedenen Branchen tätig
gewesen. Gemäss dem überzeugenden Gutachten ist der Beschwerdeführerin eine
2.5.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 14/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.