Decision ID: f29bba63-6d52-48dd-be27-702f9efc4260
Year: 2010
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
D._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Rechtsanwältin Dr. Cristina Schiavi, Berger Hauser Del Grande,
Seestrasse 35, 8700 Küsnacht ZH,
gegen
Schweizerische Unfallversicherungsanstalt (Suva), Fluhmattstrasse 1, Postfach 4358,
6002 Luzern,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
Invalidenrente und Integritätsentschädigung
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/72
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Sachverhalt:
A.
A.a D._ war als Sortiererin beim A._ tätig, als sie am 28. März 1999 als Lenkerin
eines Personenwagens bei einer seitlich-frontalen Kollision eine nicht dislozierte Fraktur
der Bogenwurzel Th 3, eine Kontusion der Schulter rechts und des Knies links bei
fraglicher Commotio cerebri (konstant GCS 15) und ein HWS-Beschleunigungstrauma
erlitt (UV-act. 1 und 3). Dr. med. B._, FMH Allg. Medizin, hielt am 12. Mai 1999 fest,
bei komplikationslosem Verlauf seien die Beschwerden deutlich zurückgegangen. Seit
23. April 1999 habe wieder eine volle Arbeitsfähigkeit bestanden. Die Behandlung sei
noch nicht abgeschlossen (UV-act. 5). In der Folge erklärte Dr. B._ die Behandlung
am 1. November 1999 als abgeschlossen, da er die Versicherte seit dem 31. August
1999 nicht mehr gesehen habe (UV-act. 15). Später fand eine erneute Behandlung von
Beschwerden am linken Knie statt, welche am 19. Juni 2000 abgeschlossen wurde
(UV-act. 16, 18, 21, 23).
A.b Am 10. Januar 2001 liess die Versicherte der Suva durch ihre Arbeitgeberin
melden, sie sei beim Laufen plötzlich mit dem Knie eingeknickt und gestürzt (UV-act.
24). In der Folge wurden ärztliche Behandlungen der Kniebeschwerden sowie von
psychischen Problemen durchgeführt sowie umfangreiche Abklärungen und
Begutachtungen vorgenommen. Am 30. Oktober 2007 eröffnete die Suva der
Versicherten verfügungsweise, die Versicherungsleistungen würden auf den
31. Oktober 2007 eingestellt, weil die geklagten Beschwerden organisch nicht
hinreichend erklärbar und nicht adäquat kausal auf den Unfall vom 28. März 1999
zurückgeführt werden könnten. Mangels Vorliegens adäquater Unfallfolgen bestehe
auch kein Anspruch auf weitere Geldleistungen in Form einer Rente oder
Integritätsentschädigung (UV-act. 246.1). Die gegen diese Verfügung erhobene
Einsprache (UV-act. 250.1) wies die Suva mit Einspracheentscheid vom 15. Januar
2009 (UV-act. 271) ab.
B.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/72
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.a Gegen diesen Einspracheentscheid erhob Rechtsanwältin Dr. Christina Schiavi,
Küsnacht/ZH, für die Versicherte mit Eingabe vom 30. Januar 2009 Beschwerde beim
Sozialversicherungsgericht des Kantons Zürich, welches die Angelegenheit
zuständigkeitshalber dem Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen überwies. Die
Rechtsvertreterin stellte die Anträge, es seien die psychiatrischen Gutachten aus dem
Recht zu weisen, es sei der Einspracheentscheid aufzuheben, es sei der
Beschwerdeführerin eine Invalidenrente nach Massgabe eines Invalidtätsgrades von
mindestens 64% zuzusprechen, und es sei der Beschwerdeführerin eine
Integritätsentschädigung nach Massgabe eines Integritätsschadens von 30-40%
zuzusprechen. Zur Begründung führte die Rechtsvertreterin unter anderem aus, die
Knieproblematik sei fünf Jahre lang behandelt worden, es sei keine vollständige
Arbeitsfähigkeit aufgrund der Kniebeschwerden mehr erreicht worden, und während
der gesamten Zeit hätten Schmerzen bestanden. Auch noch im Jahr 2004 seien sowohl
die Knieschmerzen als auch die HWS-Problematik unfallkausal gewesen, und die
Arbeitsfähigkeit sei nicht wiederhergestellt gewesen. Von den Gutachtern des Instituts
L._ (UV-act. 153) sei rein somatisch sowohl das HWS-Distorsionstrauma als auch die
Knieverletzung als überwiegend wahrscheinlich unfallkausal beschrieben worden. Die
im Gutachten von Prof. Dr. med. C._, vom 16. Juli 2007 gestellte Diagnose einer
Somatisierungsstörung im Sinne einer somatoformen Schmerzstörung sei alles andere
als gesichert. Sie werde nur angenommen und nicht begründet. Der psychiatrische
Consiliararzt der MEDAS spreche von einer psychiatrischen Anamnese vor dem
Unfallereignis. Er könne dies aber auf keine Art und Weise belegen, da die Explorandin
vor dem Unfallereignis nie in psychiatrischer Behandlung gestanden habe. Die
Annahme eines Vorzustandes sei demnach aktenwidrig und willkürlich. Die
Ausführungen im Einspracheentscheid über das Pensum seien unklar und nicht belegt.
Die Ausführungen über die Situation bei der Schwangerschaft und nach der Geburt
würden nichts zur Sache tun. Die Beschwerdeführerin habe auch zu 100% gearbeitet,
als die beiden älteren Knaben klein gewesen seien und hätte dies auch nach der dritten
Geburt gemacht, hätte ihre gesundheitliche Situation dies zugelassen. Ebenfalls
irreführend seien die Ausführungen darüber, dass die Beschwerdeführerin seit Anfang
2004 nicht mehr gearbeitet habe und am 19. April 2004 die Arbeit zu 30%
aufgenommen habe. Sie sei aus gesundheitlichen Gründen arbeitsunfähig gewesen.
Die Arbeitsausfälle würden nichts anderes aussagen, als dass auch im Jahr 2004 aus
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/72
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
somatischen Gründen noch immer Therapien und stationäre Rehabehandlungen hätten
stattfinden müssen. Wenn im Gutachten des L._ die Arbeitsfähigkeit mit 50-60%
angegeben werde, so seien damit 50-60% des damaligen Pensums der
Beschwerdeführerin gemeint, welches lediglich 60% eines vollen Pensums umfasst
habe (UV-act. 153 S. 7). Die Arbeitsfähigkeit betrage somit 50-60% eines
Arbeitspensums von 60%, was 36% eines 100%-Pensums ausmache. Die
Arbeitsunfähigkeit betrage demnach 64%. Die Tatsache, dass die Beschwerdegegnerin
dem Strassenverkehrsamt des Kantons St. Gallen gesundheitliche Einschränkungen
der Beschwerdeführerin mitgeteilt habe mit der Folge der Aberkennung der
Fahreignung, könne nur so erklärt werden, dass die Ärzte der Beschwerdegegnerin
solche schweren Einschränkungen diagnostiziert hätten. Es handle sich hier
insbesondere um neuropsychologische Einschränkungen sowie solche im
Nackenbereich. Dadurch sei belegt, dass somatische Beschwerden vorliegen würden.
Die natürliche Kausalität sei aufgrund der umfangreichen medizinischen Akten erstellt.
Die Adäqanz sei nach der Schleudertrauma-Praxis zu beurteilen. Es sei von einem
mittelschweren Unfall auszugehen. Die diesbezüglich von der Rechtsprechung
aufgestellten Kriterien seien erfüllt. Wenn wider Erwarten die Adäquanzprüfung gemäss
BGE 115 V 133 vorgenommen werde, so seien die Adäquanzkriterien ebenfalls erfüllt,
da die Beschwerden allesamt somatischer Natur seien und jahrelang als somatische
Beschwerden beurteilt und behandelt worden seien.
B.b In der Beschwerdeantwort vom 18. März 2009 beantragte die
Beschwerdegegnerin Abweisung der Beschwerde. Zur Begründung verwies sie auf die
Ausführungen im angefochtenen Entscheid und legte unter anderem dar, auf die
Anträge und Ausführungen in der Beschwerdeschrift zur Höhe der Rente und der
Integritätsentschädigung könne nicht eingetreten werden. Gemäss den echtzeitlichen
Akten habe die Beschwerdeführerin an der Halswirbelsäule keine objektivierbaren
physischen Schädigungen erlitten. Für den anschliessenden Zeitraum bis zum
Fallabschluss seien weder Kopf- und/oder Nackenschmerzen noch das typische
Beschwerdebild eines Schleudertraumas mit einer Häufung von Beschwerden
aktenkundig. Nach dem Unfall hätten auch am linken Knie weder röntgenologisch noch
arthroskopisch physische Schäden erstellt werden können, welche mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit als unfallkausal zu betrachten wären. Diagnostiziert worden sei
lediglich eine Kniekontusion. Die Sache habe denn auch bald bei voller Arbeitsfähigkeit
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/72
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
abgeschlossen werden können. Die anschliessende Pensumreduktion sei freiwillig aus
unfallfremden Gründen (Alleinerziehung zweier Kinder, Heirat, Geburt des dritten
Kindes) erfolgt. In den Jahren nach Fallabschluss (d.h. ab Mitte 2000) hätten denn auch
nie Taggeldansprüche zur Diskussion gestanden. Im späteren Verlauf habe die
Beschwerdeführerin nur vereinzelt Nackenprobleme geltend gemacht. Erst im Jahre
2006, rund 7 Jahre nach dem Unfall, habe die Beschwerdeführerin im Rahmen einer
interdisziplinären Begutachtung erstmals und nur ansatzweise ein typisches
Beschwerdebild geltend gemacht. Aufgrund der langen Latenzzeit sei der Bestand
eines auf den Unfall vom 28. März 1999 zurückzuführenden Schleudertraumas zu
verneinen. Ein unfallkausales organisches Substrat habe bei der HWS nie objektiviert
werden können. In Bezug auf die Knieproblematik sei ein organisches Korrelat nicht mit
dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit erstellt. In Bezug auf die
psychischen Probleme der Beschwerdeführerin verbleibe die Prüfung der adäquaten
Unfallkausalität nach der "Psycho-Praxis". Ausgehend von einem mittelschweren Unfall
im Grenzbereich zu den leichten Unfällen seien die von der Rechtsprechung
aufgestellten Kriterien nicht erfüllt.
B.c Mit Replik vom 23. April 2009 (act. G 6) und Duplik vom 6. Mai 2009 (act. G 8)
hielten die Parteien an ihren Anträgen und Ausführungen fest.

Erwägungen:
1.
1.1 Gegenstand des vorliegenden Verfahrens bildet die Frage, ob die bei der
Beschwerdeführerin bestehenden gesundheitlichen Probleme für die Zeit nach dem
31. Oktober 2007 weiterhin auf den Unfall vom 28. März 1999 zurückzuführen sind.
Nicht Gegenstand des Einspracheverfahrens und damit des angefochtenen Entscheids
war die Frage des Renten- und Integritätsentschädigungsanspruchs. Hierauf kann
daher auch im vorliegenden Beschwerdeverfahren nicht eingetreten werden.
Was den (prozessrechtlichen) Antrag der Beschwerdeführerin betrifft, die
psychiatrischen Gutachten von Prof. C._ und der MEDAS seien aus dem Recht zu
weisen, ist festzuhalten, dass rein inhaltliche Beanstandungen von Gutachten, wie sie
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/72
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
die Beschwerdeführerin vorbringen lässt (act. G 1 S. 10-13), keinen Grund darstellen,
diese Akten aus dem Recht zu weisen. Vielmehr handelt es sich bei der Frage,
inwiefern die erwähnten Gutachten beweisrechtlich zu überzeugen vermögen, um eine
- nachstehend abzuhandelnde - materiellrechtliche Angelegenheit. Dem Vorbringen,
dass eine psychiatrische Begutachtung gar nicht zulässig sei, wenn die Adäquanz nach
der Schleudertrauma-Rechtsprechung zu beurteilen sei (act. G 1 S. 18), ist
entgegenzuhalten, dass vorliegend - wie nachstehend zu zeigen sein wird - ein
typisches Beschwerdebild nach Schleudertrauma nicht als nachgewiesen gelten kann,
so dass bei der Adäquanzprüfung grundsätzlich von der Rechtsprechung zu den
psychischen Unfallfolgen auszugehen ist und die Schleudertrauma-Rechtsprechung
lediglich Bestandteil der Eventualbegründung bildet. Letzteres vor allem deshalb, um
begründungsmässig auch den Standpunkt der Beschwerdeführerin zu berücksichtigen
(vgl. nachstehende Erw. 3.5). Eine psychiatrische Abklärung drängte sich im Verlauf
des Verwaltungsverfahrens auch deshalb auf, weil die umfangreichen somatisch-
medizinischen Abklärungen und Behandlungen allesamt nicht zu klaren Ergebnissen
und einem eindeutigen Behandlungserfolg führten. Ein Anlass, die psychiatrischen
Gutachten aus dem Recht zu weisen, ist damit nicht ersichtlich. Zu beachten ist im
Übrigen, dass das MEDAS-Gutachten vom 2. Oktober 2008 einschliesslich
psychiatrischer Abklärung (UV-act. 267.1) zuhanden und im Auftrag der IV-Stelle des
Kantons St. Gallen erstellt wurde.
1.2 Gemäss ständiger Praxis des Eidgenössischen Versicherungsgerichts (EVG; seit
1. Januar 2007: Sozialrechtliche Abteilungen des Bundesgerichts) kann ein nach einem
versicherten Unfall aufgetretenes Leiden nur dann als dessen Folge betrachtet werden,
wenn und soweit es sicher oder doch zumindest überwiegend wahrscheinlich von
jenem Unfall herrührt (natürliche Kausalität; BGE 115 V 133 sowie 117 V 359 und 134 V
109). Die blosse Möglichkeit eines Zusammenhangs genügt für die Begründung des
Leistungsanspruchs nicht (BGE 129 V 181 Erw. 3.1; BGE 119 V 338 Erw. 1 und 118 V
289 Erw. 1b je mit Hinweisen). Der Unfallversicherer haftet sodann nur für jene Folgen,
die mit dem Unfall adäquat-kausal zusammenhängen (SVR 2000 UV Nr. 14 S. 45).
Während es Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist, den natürlichen
Kausalzusammenhang zu beurteilen, obliegt es dem Gericht, die Fragen nach dem
adäquaten Kausalzusammenhang zu beurteilen (BGE 123 III 110 Erw. 3a). Im Bereich
klar ausgewiesener organischer Unfallfolgen im Sinn von nachweisbaren strukturellen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/72
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Veränderungen (ein organisches Substrat konnte mit Bild gebenden
Untersuchungsmethoden [Röntgen, Computertomogramm, EEG] nachgewiesen
werden) spielt die Adäquanz als rechtliche Eingrenzung der sich aus dem natürlichen
Kausalzusammenhang ergebenden Haftung des Unfallversicherers praktisch keine
Rolle. Sie ist bei ausgewiesener natürlicher Kausalität ohne weiteres zu bejahen (BGE
127 V 103 Erw. 5b/bb, 123 V 102 Erw. 3b, 118 V 291 Erw. 3a, 117 V 365 Erw. 5d/bb
mit Hinweisen). Sind dagegen die Unfallfolgen organisch nicht (hinreichend) fassbar, ist
eine eigenständige Adäquanzbeurteilung durchzuführen, bei welcher wie folgt zu
differenzieren ist: Hat die versicherte Person beim Unfall kein Schleudertrauma bzw.
keine schleudertraumaähnliche Verletzung erlitten, gelangt die Rechtsprechung
gemäss BGE 115 V 140 Erw. 6c/aa zur Anwendung. Ergeben die Abklärungen indessen
das Vorliegen einer Schleudertraumaverletzung, muss geprüft werden, ob die zum
typischen Beschwerdebild einer solchen Verletzung gehörenden Beeinträchtigungen
zwar teilweise vorliegen, im Vergleich zur psychischen Problematik aber ganz in den
Hintergrund treten. Trifft dies zu, sind für die Adäquanzbeurteilung ebenfalls die in BGE
115 V 140 Erw. 6c/aa für Unfälle mit psychischen Unfallfolgen aufgestellten Grundsätze
massgebend (BGE 123 V 99 Erw. 2a). Andernfalls erfolgt die Beurteilung der Adäquanz
gemäss den in BGE 117 V 359 festgelegten und in BGE 134 V 109 präzisierten
Kriterien. Die Anwendung der Rechtsprechung zum adäquaten Kausalzusammenhang
bei Schleudertraumen der HWS setzt voraus, dass die psychischen Beschwerden aus
dem Unfall hervorgehen und zusammen mit den organischen Beschwerden, die
ebenfalls auf das Unfallereignis zurückzuführen sind, ein komplexes Gesamtbild
ergeben (RKUV 2000 Nr. U 397 S. 328 Erw. 3b).
2.
2.1 Ein MRI des linken Kniegelenks vom 9. Juni 1999 zeigte normale Befunde (UV-
act. 8). Am 28. Juli 1999 erwähnte die Beschwerdeführerin eine Zunahme der
Knieschmerzen nach drei Stunden stehender Tätigkeit (UV-act. 12). Kreisarzt Dr. med.
E._ vermerkte am 31. August 1999, die negative radiologische Abklärung schliesse
eine chondrale Läsion am medialen Femurkondylus bzw. an der medialen
Patellafacette nicht aus. Klinisch sei am ehesten eine Knorpelkontusion an der Kante
des medialen Femurkondylus anzunehmen. Die Beschwerdeführerin hatte anlässlich
dieser Untersuchung angegeben, von Seiten der HWS-Distorsion und der BWS-
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/72
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Kontusion weitgehend beschwerdefrei zu sein (UV-act. 14). Dr. B._ erklärte die
Behandlung am 1. November 1999 als abgeschlossen (UV-act. 15). Aufgrund einer
erneuten Zunahme der Kniebeschwerden wurde die Behandlung (mit Arbeitsunfähigkeit
vom 25. April bis 31. Mai 2000) wieder aufgenommen und am 26. April 2000 eine
Arthroskopie durchgeführt, welche die Beschwerden allerdings nicht zu lindern
vermochte (UV-act. 19, 21, 34). Dr. B._ erklärte in der Folge am 14. November 2000,
die Beschwerdeführerin sei seit 19. Juni 2000 nicht mehr bei ihm in Behandlung
gewesen (UV-act. 16, 18, 21, 23). Im Nachgang zur Rückfallmeldung vom 10. Januar
2001 (UV-act. 24) bestand gemäss Bericht von Dr. med. F._, Eschenbach, vom 2.
Februar 2001, keine Arbeitsunfähigkeit. Der Arzt hielt einen Zustand nach
Kniegelenkskontusion nach Autounfall, eine posttraumatische Arthritis sowie
rezidivierende Reizergüsse seit September 2000 fest (UV-act. 25). Die
Beschwerdeführerin war - als alleinerziehende Mutter von zwei Kindern im Alter von
fünf und acht Jahren mit Tagesmutter - im Rahmen eines 70%-Pensums tätig (UV-act.
28), wobei ihr seit etwa Februar 2001 arbeitsmässige Erleichterungen im Sinn einer
wechselbelastenden Tätigkeit gewährt wurden (UV-act. 34). Eine angiologische
Untersuchung zeigte ein unauffälliges Venensystem (UV-act. 31). Die Ärzte der Klinik
M._ hielten in den Berichten vom 20. und 26. Juli sowie 17. August 2001 fest, die
chronischen zervikozephalen Schmerzen seien auf statische und vor allem
haltungsbedingte Dysfunktionen des zervikothorakalen Übergangs zurückzuführen bei
gleichzeitig vorliegender deutlicher muskulärer Insuffizienz und Triggerpunkten in der
Schultergürtelmuskulatur. Hinweise für eine radikuläre oder ossär-traumatische Läsion
fänden sich nicht. Entsprechend werde eine primär konservative Therapie empfohlen.
Die Situation am linken Kniegelenk zeige eine extraartikuläre Pathologie mit einer
Überlastung des Pes anserinus bei Status nach Kniearthroskopie (Meniskusläsion?)
ohne Hinweise auf eine ligamentäre Instabilität. Auch hier werde eine konservative
Therapie mit lokalen Massnahmen und ein vorsichtiges Beinachsentraining mit
progredientem muskulärem Aufbau empfohlen (vgl. UV-act. 46, 47, 50). Am 19.
September 2001 wurde von Seiten der Klinik M._ festgehalten, zur Zeit bereite die
HWS keine grösseren Probleme; diesbezüglich werde die Kräftigungsgymnastik
weitergeführt. Hinsichtlich der Beschwerden des linken Knies ergäben sich
abweichende Befunde. Es sei noch ein Knie-MRI links durchzuführen, um eine
intraartikuläre Pathologie definitiv auszuschliessen (UV-act. 54). In einem weiteren
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/72
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Bericht der Klinik M._vom 13. November 2001 wurde bestätigt, dass bezüglich HWS
zur Zeit keine Symptome mehr bestünden. Die Beschwerden am linken Kniegelenk
seien unverändert vorhanden. Das zwischenzeitlich durchgeführte MRI zeige am
medialen Meniskus diskrete Konturunregelmässigkeiten an der Spitze des Hinterhorns.
Die Knorpelüberzüge femorotibial und retropatellär seien intakt. Die Patientin arbeite in
ihrem bisherigen Pensum (70%) zu 100%, wobei länger dauernde Stehbelastungen
vermieden werden sollten (UV-act. 59, 61).
2.2 Eine stationäre Rehabilitation in der Klinik Balgrist vom 16. März bis 3. April 2004
ergab keine Besserung (UV-act. 105 bzw. 215). Am 19. April 2004 nahm die
Beschwerdeführerin die Arbeit zu 30% wieder auf (UV-act. 114). Im Bericht der
Uniklinik Balgrist vom 3. Juni 2004 wurde vermerkt, klinisch werde das Beschwerdebild
als ein chronisches zerviko- und thorakospondylogenes Syndrom bei Status nach
Unfall vom März 1999 beurteilt; die Knieschmerzen links könnten keinem
pathologischen Korrelat zugeordnet werden (UV-act. 215). Ein MRI der HWS vom 20.
Juli 2005 zeigte einen normalen, altersentsprechenden Befund ohne Hinweise auf eine
Diskuspathologie bzw. foraminelle oder Spinalkanalstenose (UV-act. 128). Eine
Begutachtung im Institut L._ ergab gemäss Bericht von PD Dr. med. G._,
Neurologie FMH, vom 7. Juli 2006, aufgrund der Kontusion im Bereich des linken
medialen Kniegelenks sei eventuell eine Verletzung des peripheren Astes anzunehmen.
Bezüglich der HWS bestünden radiologisch degenerative Veränderungen C5/6, die
wahrscheinlich mit dem Unfall keine Kausalität hätten. Die Beweglichkeit der HWS,
begleitet von den entsprechenden Beschwerden, sei typisch für ein Schleudertrauma
der HWS. Es liege ein typisches Beschwerdebild nach Schleudertrauma ohne milde
traumatische Hirnverletzung (MTBI) vor. Die Beeinträchtigung sei klinisch fassbar,
jedoch fehle es an einem organischen Substrat im Sinn einer strukturellen
Veränderung. Die Beschwerden der HWS wie auch des Kniegelenks seien mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit auf das Unfallereignis vom 28. März 1999
zurückzuführen. Die Frage, ob unfallkausale psychische Störungen vorlägen, sei durch
den Psychiater zu beantworten. Die Beschwerdeführerin brauche intermittierend
physikalisch-therapeutische Anwendungen, kraniosakrale Therapie und auch eine
psychiatrische Führung. Sie sei als Sortiererin bei der Post in einer angepassten
(wechselbelastenden) Tätigkeit zu 50-60% arbeitsfähig (ohne Tätigkeiten über der
Horizontalen und ohne Bückarbeiten). Schwerere Arbeiten seien nicht durchführbar
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/72
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
(UV-act. 153 S. 11-17). Dr. med. H._ hatte im neurologischen Teilgutachten vom 10.
März 2006 als Ergebnis unter anderem festgehalten, irgendwelche nennenswerte
"neurologische" Defizite würden sich nicht nachweisen lassen. Die Beschwerdeführerin
sei aus neurologischer Sicht 100% arbeitsfähig in der Tätigkeit als Sortiererin (UV-act.
163).
2.3 Dr. med. lic. phil. I._, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, berichtete
am 19. Juli 2006, dass sich bei der Patientin, welche sie seit dem 1. Dezember 2005
kenne und bis 13. Juni 2006 sechs Konsultationen absolviert habe, ein wechselnd
ausgeprägtes, leicht bis mittelgradig depressives Zustandsbild gezeigt habe (UV-act.
156). Die Beschwerdeführerin war im Jahr 2006 im Rahmen eines 50%-Pensums bei
der Post tätig (UV-act. 168.1). Am 19. Oktober 2006 unterzog sie sich einer
Handoperation (Karpaltunnelsyndrom) mit mehrwöchiger Rehaphase und schleppender
Wundheilung (UV-act. 173, 176, 180). Die Arbeitgeberin löste in der Folge das
Arbeitsverhältnis auf Ende Juni 2007 auf (UV-act. 226.1). Gemäss Gutachten von Prof.
Dr. C._ vom 16. Juli 2007 ist bei der Beschwerdeführerin eine Somatisierungsstörung
im Sinn einer somatoformen Schmerzstörung anzunehmen, sofern die
Schmerzproblematik nicht durch somatische Befunde begründet ist. Eine
Wechselwirkung mit einem denkbaren Rentenbegehren sei unübersehbar.
Problematisch dürfte auch der erhebliche Schmerzmittelkonsum sein. Vieles spreche
bei der Probandin für das Vorliegen eines gewissen sekundären Krankheitsgewinns.
Für eine posttraumatische Störung habe sich nichts gefunden. Der recht enge zeitliche
Zusammenhang zwischen Unfallereignis und Trennung vom ersten Mann sei von der
Probandin als nicht bedeutsam dargestellt worden. Im Prinzip wäre eine ambulante
psychosomatische Behandlung sinnvoll, für die aber aktuell wenig Einsicht und
Behandlungsmotivation bestehe. Ein relevantes depressives Zustandsbild habe sich
bei der aktuellen Untersuchung nicht gefunden. Aus psychiatrischer Sicht bestünden in
der angestammten Tätigkeit als Sortiererin keine quantifizierbaren
Leistungslimitierungen. Angesichts des langjährigen Verlaufs sei die Prognose als eher
ungünstig einzustufen (UV-act. 234). Suva-Arzt Dr. med. J._, Facharzt FMH für
Chirurgie, kam in der ärztlichen Beurteilung vom 18. September 2007 zum Schluss,
bezüglich des linken Knies habe es sich um eine einfache Prellung gehandelt.
Radiologisch habe keine traumatische Läsion vorgelegen. Auch für eine
Nervenverletzung im Knie-Bereich habe es echtzeitlich keine Anhaltspunkte gegeben.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/72
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Was die damals "vermutete" Fraktur der Bogenwurzel Th3 betreffe, so sei diese längst
folgenlos abgeheilt. Die späteren Röntgenbilder würden jedenfalls keine Residuen einer
solchen Fraktur mehr zeigen. Auch an der HWS hätten strukturelle Läsionen
ausgeschlossen werden können. Schon am 30. August 1999 habe die
Beschwerdeführerin gegenüber dem Kreisarzt angegeben, bezüglich HWS und BWS
wieder weitgehend beschwerdefrei zu sein. Eine Hirnverletzung sei ebenfalls
unwahrscheinlich (keine Amnesie, keine Bewusstlosigkeit, GCS normal). Der Verlauf im
Grundfall sei problemlos gewesen mit voller Arbeitsfähigkeit ab 23. April 1999. Ohne
Substrat sei eine sekundäre Verschlimmerung auf körperlicher Ebene gar nicht
möglich. Weitere Abklärungen wegen des Knies seien weder nötig noch sinnvoll. Bei
generellem Fehlen eines angemessenen Substrates (auch bezüglich HWS) sei die
psychiatrische Ausschlussdiagnose einer somatoformen Schmerzstörung sehr
plausibel. Der spätere Verlauf sei typisch für eine psychogene Ausweitung mit einer
sekundären Inflation von Arztkonsultationen, diagnostischen Hypothesen, nutzlosen
Behandlungen und ausufernden Kosten, ohne objektivierbare Befunde (UV-act. 241.1).
Der Beschwerdeführerin wurde der Führerausweis aus medizinischen Gründen auf
unbestimmte Zeit entzogen, nachdem sie aus Kostengründen auf eine
verkehrsmedizinische Untersuchung betreffend Abklärung der Fahreignung verzichtet
hatte (UV-act. 260).
2.4 Eine interdisziplinäre Abklärung in der MEDAS Ostschweiz ergab gemäss
Gutachten vom 2. Oktober 2008 die Hauptdiagnosen mit Auswirkung auf die
Arbeitsfähigkeit (1) einer Autokollision am 28. März 1999 mit Fraktur der Bogenwurzel
Th3 rechts, Kontusion Schulter rechts und Knie links, mit typischem Beschwerdebild
nach HWS-Beschleunigungstrauma (diffuse Kopfschmerzen, Nackenschmerzen,
Schwindel, Konzentrations- und Gedächtnisstörungen), mit Läsion des Nervus
ischiadicus, mit Entwicklung körperlicher Symptome auf dem Boden einer unreif
abhängigen, anerkennungsbedürftigen Persönlichkeit in narzisstischer Kollusion mit
versicherungsmedizinischem System, mit anhaltender somatoformer Schmerzstörung
und rezidivierender depressiver Störung, (2) einer beginnenden Gonarthrose links, (3)
einer Osteochondrose und Spondylose der oberen BWS, (4) einer statisch ungünstigen
vermehrten Brustkyphose und (5) leichte bis mittelschwere kognitive
Funktionsstörungen. Die Gutachter legten unter anderem dar, zusammen mit dem
elektrophysiologischen Befund werde von einem chronisch neurogenen Schaden
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/72
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
ausgegangen, der als geeignetes organisches Korrelat für die angegebenen
Knieschmerzen links sowie die Schwäche im linken Bein gewertet werden könne. Die
übrigen von der Beschwerdeführerin angegebenen Beschwerden würden dem sog.
typischen Beschwerdebild nach HWS-Trauma entsprechen. Die von Prof. Dr. C._
beschriebene Rentenneurose sei im psychodynamischen Sinn mit der hier
vorliegenden narzisstisch-histrionisch dominierten Psychodynamik mit paranoidem
Einschlag und archaischen Abwehrmechanismen vereinbar und habe Krankheitswert.
Die Arbeitsfähigkeit in einer somatisch adaptierten Tätigkeit werde mit einer
Verminderung um 40% mit Beginn im Verlauf des Jahres 2004 angegeben. Weitere
Massnahmen zur Verbesserung der Arbeitsfähigkeit könnten zusätzlich zu den aktuell
durchgeführten (psychiatrische Betreuung und Antidepressiva) nicht empfohlen
werden. Polydisziplinär bestehe eine Arbeitsfähigkeit von 60% in angepasster
(wechselbelastender) Tätigkeit (UV-act. 267.1).
3.
3.1 Im Rahmen der Prüfung des Dahinfallens der Leistungspflicht des
Unfallversicherers genügt es für die Bejahung des fortbestehenden natürlichen
Kausalzusammenhangs, wenn der Unfall für die fragliche gesundheitliche Störung
immer noch eine Teilursache darstellt. Gemäss Art. 36 Abs. 1 des Bundesgesetzes
über die Unfallversicherung (UVG; SR 832.20) werden die Pflegeleistungen und
Kostenvergütungen sowie die Taggelder und Hilflosenentschädigungen nicht gekürzt,
wenn die Gesundheitsschädigung nur teilweise Folge eines Unfalls ist. Diese
Bestimmung beinhaltet eine Durchbrechung des Kausalitätsprinzips für Fälle, in denen
ein Gesundheitsschaden durch das Zusammenwirken konkurrierender, teils
unfallbedingter, teils unfallfremder Ursachen bewirkt worden ist (Urteil des EVG vom
18. Februar 2003 i/S. S. [U 287/02], Erw. 4.4). Erachtet das Sozialversicherungsgericht
die rechtserheblichen tatsächlichen Entscheidgrundlagen bei pflichtgemässer
Beweiswürdigung als schlüssig, darf es den Prozess ohne Weiterungen - insbesondere
ohne Anordnung eines Gerichtsgutachtens - abschliessen (RKUV 1997, 281 Erw. 1a).
3.2 Vorweg ist die Frage zu prüfen, ob bei der Beschwerdeführerin im
Einstellungszeitpunkt (31. Oktober 2007) noch somatisch-organische Unfallfolgen mit
Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit und Behandlungsbedürftigkeit bestanden. Aus den
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/72
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Akten ergibt sich, dass die Behandlung der Unfallfolgen (HWS-Distorsion, BWS-
Kontusion mit undislozierter Bogenfraktur Th3 und Kontusion des linken Kniegelenks)
vorerst per 19. Juni 2000 abgeschlossen worden war und spätestens ab 1. Juni 2000
wieder eine volle Arbeitsfähigkeit bestanden hatte (vgl. UV-act. 11, 15, 16, 18, 21, 22,
23). Rund sieben Monate später liess die Beschwerdeführerin einen Rückfall melden
(UV-act. 24). Die Ärzte der Klinik M._vermerkten hierauf im August 2001, die im
Vordergrund stehenden medialen Knieschmerzen könnten einerseits auf eine
Überlastung des Pes anserius zurückgeführt werden. Anderseits deute das
Schmerzbild auf einen neurogenen Schmerz mit Tinnelphänomen im Bereich des N.
saphenus. Eine Kompression des Nervs durch die Manschette während der
Kniearthroskopie sei denkbar (UV-act. 47). Von Seiten der Uniklinik Balgrist wurde
demgegenüber am 3. Juni 2004 festgehalten, die Knieschmerzen medial links hätten
bei uneingeschränkter Kniebeweglichkeit in der Magnetresonanzuntersuchung keinem
pathologischen Korrelat zugeordnet werden können. Aus rheumatologischer Sicht sei
längerfristig eine 100%ige Arbeitsfähigkeit durchaus realistisch (UV-act. 215). Weder
aus den vorerwähnten Ausführungen noch aus der Feststellung von PD Dr. G._,
wonach aufgrund der Kontusion im Bereich des linken medialen Kniegelenkes eventuell
eine Verletzung des peripheren Astes anzunehmen sei (vgl. UV-act. 153 S. 11), lässt
sich mit überwiegender Wahrscheinlichkeit eine Unfallkausalität einer Knieschädigung
ableiten. Wenn PD Dr. G._ im Gegensatz zu seinen eigenen begründungsmässigen
Ausführungen dennoch zum Schluss kam, die Beschwerden am linken Kniegelenk
seien überwiegend wahrscheinlich auf den Unfall vom 28. März 1999 zurückzuführen
(UV-act. 153 S. 12), so überzeugt dies nicht. Suva-Arzt Dr. J._ legte diesbezüglich im
Bericht vom 18. September 2007 mit einlässlicher Begründung dar, auch bei der Knie-
Arthroskopie links vom 26. April 2000 hätten sich keine wahrscheinlichen Unfallfolgen
gefunden. Die resezierte intramurale Läsion am Hinterhorn des medialen Meniskus sei
typischerweise degenerativer Natur gewesen. Der Knorpel sei unauffällig gewesen. Die
beschriebene "Delle am lateralen Kondylenwangenbereich von 1-2cm Durchmesser"
habe wahrscheinlicher einer Normvariante entsprochen als einer unfallbedingten
Impression. Die Unsicherheit des Operateurs habe sich auch in der Wortwahl gezeigt
(eventuell nach möglicher Patella-Subluxation). Gegen eine Unfallfolge würden zudem
die Lokalisation des ursprünglichen Hämatoms medial (gemäss Angaben der
Beschwerdeführerin in UV-act. 14) und vor allem das Fehlen einer entsprechenden
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/72
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
"bone bruise" im MRI vom 9. Juni 1999 sprechen. Die Knorpelüberzüge seien damals
durchgehend intakt gewesen, insbesondere auch an der Patella; es habe explizit kein
Hinweis auf eine osteochondrale Läsion bestanden. Auch die späteren MRI von 2001
und 2004 hätten keine Binnenläsion ergeben. Für die Kniebeschwerden links gebe es
also keine orthopädische Erklärung. Die von der Schulthess-Klinik erstmals 2003
postulierten "neuropathischen Schmerzen" habe der Neurologe Dr. H._ (UV-act. 163)
nicht bestätigen können (UV-act. 241.1). Im Weiteren ist die erwähnte Feststellung im
Bericht der Klinik M._vom August 2001 (UV-act. 47) entgegen der Auffassung der
Rechtsvertreterin der Beschwerdeführerin (act. G 1 S. 6) nicht geeignet, eine iatrogene
Schädigung überwiegend wahrscheinlich zu belegen. Dies umso weniger, als die Ärzte
der Klinik M._ihre Feststellung einer denkbaren Nervenkompression während der
Kniearthroskopie einzig mit dem Hinweis begründeten, dass anamnestisch die
teilweise elektrisierenden Schmerzen erst seit der Arthroskopie bekannt seien (UV-act.
47). Wenn schliesslich die MEDAS-Gutachter in diesem Zusammenhang ausführten, als
mögliche initiale Ursache für die Nervenschädigung (neurogener Schaden als
organisches Korrelat für die angegebenen Knieschmerzen) könnte z.B. eine
Nervenkompression im Rahmen des beim Unfall aufgetretenen Hämatoms gesehen
werden, was sich heute jedoch nicht mehr mit Sicherheit feststellen lasse (UV-act.
267.1 S. 21f), so lässt sich daraus ebenfalls keine überwiegend wahrscheinliche
Unfallursache hinsichtlich der Kniebeschwerden herleiten. Diese weitere mögliche
"Variante" zeigt vielmehr, dass mehrere mögliche Ursachen in Betracht kommen,
wovon keine die überwiegende Wahrscheinlichkeit für sich beanspruchen kann. Die
MEDAS-Gutachter kamen im Übrigen zum Schluss, aus orthopädischer Sicht ergebe
sich (bei der Tätigkeit als Sortiererin und in einer angepassten Tätigkeit) keine
Einschränkung der Arbeitsfähigkeit (UV-act. 267.1 S. 22 unten). Die im streitigen
Einstellungszeitpunkt allenfalls noch vorliegenden Beschwerden am linken Knie lassen
sich bei der geschilderten Aktenlage nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit auf
einen durch den Unfall vom 28. März 1999 bedingten organisch-strukturellen
Gesundheitsschaden zurückführen. Eine lediglich mögliche, eventuelle oder denkbare
Verursachung genügt den Beweisanforderungen nicht.
Es gibt Fälle, in denen bei sonst unauffälligen Untersuchungsbefunden
neuropsychologische Abklärungen Hirnleistungsstörungen aufzeigen können und der
neuropsychologische Befund der einzig verlässliche Parameter ist (BGE 117 V 378
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/72
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Erw. 3d). Jedenfalls bei eindeutigem, nicht diffusem Befund kann der
neuropsychologischen Diagnostik - im Rahmen einer neurologischen
Gesamtwürdigung - nach der Rechtsprechung auch bei der Kausalitätsbeurteilung ein
Aussagewert zukommen (BGE 119 V 343 Erw. 3c). Hingegen vermag es die
Neuropsychologie nach derzeitigem Wissensstand nicht, selbständig die Beurteilung
der Genese abschliessend vorzunehmen (RKUV 2000, 316 Erw. 3). Die MEDAS-
Gutachter bestätigten bei der Beschwerdeführerin das Vorliegen von leichten bis
mittelschweren kognitiven Funktionsstörungen (UV-act. 267.1). Dr. med. K._ war
diesbezüglich bereits im neuropsychologischen Teilgutachten vom 8. Februar 2006
zum Schluss gekommen, dass die Befunde einer unspezifischen Funktionsstörung
entsprechen würden und sich hinreichend durch Schmerzinterferenzen und
psychoreaktive Faktoren erklären liessen. Anhaltspunkte für fokale und auf strukturelle
Läsionen zurückzuführende Funktionsstörungen würden sich nicht ergeben. Das
Ausmass der Beeinträchtigung durch die neuropsychologischen Befunde sei daher als
leicht zu beurteilen. Aus rein neuropsychologischer Sicht sei von einer mindestens
75%igen Arbeitsfähigkeit auszugehen (UV-act. 161). Bei dieser Aktenlage kann unter
Berücksichtigung der im Gutachten der MEDAS gestellten psychiatrischen Diagnosen
von eigenständigen, d.h. vom Psychostatus und dem erheblichen
Schmerzmittelkonsum (vgl. UV-act. 234 S. 19 Mitte) unabhängigen, kognitiven
Einschränkungen nicht ausgegangen werden. Nach B.P. Radanov (Über den
Stellenwert der neuropsychologischen Diagnostik bei Patienten nach HWS-Distorsion,
SZS 1996, S. 471 ff) sind denn auch psychologische Probleme (und die
eingenommenen Medikamente) geeignet, die kognitiven Leistungen negativ zu
beeinflussen (S. 477). Psychologische Probleme bzw. die Interrelation psychologischer
und kognitiver Funktionen können die reduzierte Leistungsfähigkeit mit erklären (S.
475).
Von Seiten der BWS-Kontusion (mit undislozierter Bogenfraktur Th3) hatte die
Beschwerdeführerin bereits im August 1999 weitgehende Beschwerdefreiheit
angegeben (UV-act. 14). Diese heilte unbestrittenermassen lange vor dem streitigen
Einstellungszeitpunkt folgenlos ab (vgl. auch UV-act. 241.1). Nach Lage der
medizinischen Akten können sodann auch die von der Beschwerdeführerin aktuell
angegebenen Beschwerden im HWS-Bereich nicht mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit auf eine objektivierbare organische Schädigung bzw. strukturelle
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/72
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Veränderung an der Halswirbelsäule zurückgeführt werden, die mit dem Unfall vom 28.
März 1999 in Zusammenhang zu bringen wäre (vgl. UV-act. 46, 128, 153 S. 12 oben).
3.3 Als nachgewiesen zu gelten hat, dass die Beschwerdeführerin anlässlich des
Unfalls vom 28. März 1999 ein Beschleunigungstrauma der HWS erlitt. Im Nachgang
zum Unfall gab sie nebst Schmerzen in der HWS Schmerzausstrahlungen in den
rechten Arm an, wobei sie bereits am 1. Juli 1999 eine deutliche Besserung und ein
eher sporadisches Auftreten der HWS-Schmerzen bestätigte. Im Vordergrund standen
die Beschwerden im linken Knie (UV-act. 10, 14). Nach der Rechtsprechung (vgl. z.B.
Urteil des EVG vom 4. November 2005 i/S K. [U 312/05]) muss nicht der gesamte
Beschwerdekatalog vorliegen, um von einer Unfallkausalität ausgehen zu können.
Innerhalb der Latenzzeit von drei Tagen nach dem Unfall müssen sich sodann lediglich
Nacken- bzw. HWS-Beschwerden manifestieren, und nicht auch jene, die
typischerweise im Rahmen eines Schleudertraumas oder einer
schleudertraumaähnlichen Verletzung auftreten können (vgl. Urteil des EVG vom 30.
Januar 2007 i/S T. [U 215/05], Erw. 5.3 mit Hinweisen). Was die von der
Beschwerdeführerin im Jahr 2006 (UV-act. 153 S. 3 und 6) - über sechs Jahre nach
dem Unfall - anlässlich der Begutachtung im L._ vorgebrachten Beschwerden
(Schwindel, Übelkeit, Pfeifen und Druck im linken Ohr; letztere seit "zirka 4 Jahren"
bestehend) betrifft, ist festzuhalten, dass sich in den "echtzeitlichen" und später
erstellten Akten auch bei den eigenen Angaben der Beschwerdeführerin (vgl. UV-
act. 10, 12, 14 S. 1, 18 S. 1, 28 S. 1f, 31 S. 1, 34 S. 1, 46 S. 1) keine nachhaltigen
Hinweise auf Beschwerden im erwähnten Sinn finden. Angesichts des um mehrere
Jahre verzögerten Auftretens der Symptomatik lassen sich diese Beschwerden nicht
überwiegend wahrscheinlich auf das Unfallereignis vom 28. März 1999 zurückführen.
Wohl ist rechtsprechungsgemäss nicht erforderlich, dass die charakteristischen
Beschwerden bereits unmittelbar nach dem Unfall aufgetreten sind. Wenn aber, wie
hier, die Latenzzeit mehrere Jahre beträgt, müssen die erst nach langer Zeit gehäuft
aufgetretenen Beschwerden nicht nur als für ein Schleudertrauma untypisch
bezeichnet werden, sondern es bestehen auch hinsichtlich des vorliegend von den
beteiligten Ärzten teilweise bejahten natürlichen Kausalzusammenhangs ernsthafte
Zweifel (vgl. dazu auch Urteil des EVG vom 16. April 2003 i/S X. [U 256/02], Erw. 5.2
mit Hinweisen). Ebenso wahrscheinlich erscheint damit eine vollständig unfallfremde
Ursache. Dadurch sind auch die diesbezüglichen Feststellungen und Ergebnisse im
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/72
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Gutachten des L._ - insbesondere diejenigen betreffend überwiegend
wahrscheinliche Unfallkausalität des HWS-Distorsionstraumas - in Frage gestellt,
indem darin ohne weiteres auf dieses lange im Nachhinein geltend gemachte "typische
Beschwerdebild" abgestellt und es auf den streitigen Unfall bezogen wurde (UV-act.
153 S. 6 oben und 12 unten). Die Beschwerdegegnerin anerkannte vorerst ihre
Leistungspflicht, vorab wohl auch vor dem Hintergrund der von der
Beschwerdeführerin geltend gemachten Knieprobleme, und erachtet nunmehr die
Leistungseinstellung auf Ende Oktober 2007 als ausgewiesen.
3.4 Die Frage, ob ein natürlicher (teilweiser) Kausalzusammenhang zwischen den
psychischen Beschwerden und dem Unfall zu bejahen ist, kann aufgrund der
einschlägigen Akten (vgl. UV-act. 156, 234, 267.1) nicht direkt beantwortet werden.
Dennoch finden sich in den Akten einige Hinweise dazu. Was die von den MEDAS-
Gutachtern insbesondere mit Hinweis auf psychiatrische Diagnosen bestätigte
Arbeitsunfähigkeit von 40% (darin sind die psychozialen Belastungsfaktoren nicht
enthalten; vgl. UV-act. 267.1 S. 18) betrifft, ist die dazugehörige Begründung des
psychiatrischen Konsiliararztes zu beachten: Der Arzt hielt unter anderem fest, da zwar
ein auslösendes Unfallereignis vorliege, aber das Ausmass der geklagten Schmerzen
somatisch nicht objektiviert werden könne und zugleich mit der Emigrations-/
Integrationsproblematik und mit der Aufgabe als mitverdienende Mutter und Hausfrau
einer "Patchwork-Familie" psychosoziale Belastungsfaktoren bestünden, könne eine
anhaltende somatoforme Schmerzstörung postuliert werden. Die psychiatrische
Anamnese vor dem Unfall im Jahr 1999 (ausgeführt im Gutachten auf S. 16 unten [UV-
act. 267.1]) sei auffällig. In Übereinstimmung mit Prof. Dr. C._ bestätigte der MEDAS-
Konsiliarius eine Rentenneurose und führte aus, diese sei mit der hier vorliegenden
narzisstisch-histrionisch dominierten Psychodynamik mit paranoidem Einschlag und
archaischen Abwehrmechanismen vereinbar und habe Krankheitswert. Dass eine
Persönlichkeitsstörung im engeren Sinn nicht vorliege, wage er aufgrund seiner
Beobachtung und angesichts der massiven Essproblematik auf einem Hintergrund mit
kindlichen und wiederholten Trennungstraumata nicht zu behaupten (UV-act. 267.1 S.
16f). Mit Blick auf diese Ausführungen erscheint die Unfallkausalität bzw. ein
unfallkausaler Anteil an der von den MEDAS-Gutachtern bestätigten Arbeitsunfähigkeit
erheblich in Frage gestellt und damit nicht überwiegend wahrscheinlich belegt. Im
Übrigen ist zum Einwand der Rechtsvertreterin der Beschwerdeführerin, dass die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 18/72
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Diagnose einer Somatisierungsstörung im Sinn einer somatoformen Schmerzstörung
(UV-act. 234) sehr fraglich sei und sich aufgrund der hartnäckigen Schmerzen und
somatischen Pathologie entwickelt habe (vgl. act. G 1 S. 8 und 10), festzuhalten, dass
auch die MEDAS-Gutachter mit überzeugender Begründung sowohl die Diagnose einer
Rentenneurose als auch einer somatoformen Schmerzstörung bestätigten (UV-
act. 267.1 S. 16f). Aus dem Bericht von Prof. N._ vom Juli 2001 (UV-act. 50; vgl.
dazu auch Ausführungen in Erw. 4.2) lässt sich nichts Gegenteiliges ableiten. Der
Umstand, dass der psychiatrische Konsiliararzt der MEDAS wie erwähnt auch die
Anamnese (und somit die eigenen Angaben der Beschwerdeführerin) für die Zeit vor
dem Unfall berücksichtigte, ist entgegen der Auffassung der Rechtsvertreterin der
Beschwerdeführerin (vgl. act. G 1 S. 12 oben) weder willkürlich noch aktenwidrig.
Vielmehr war es gerade seine Aufgabe, die "persönliche Geschichte" der
Beschwerdeführerin zu eruieren bzw. deren Angaben anlässlich der Begutachtung zur
Kenntnis zu nehmen und in die Würdigung mit einzubeziehen. Hierzu bedurfte es
keines psychiatrisch bestätigten und behandelten "Vorzustandes" (vgl. dazu act. G 1 S.
12). Die Heimplatzierung des Sohnes der Beschwerdeführerin (vgl. dazu act. G 1.1/3)
wurde dabei in der Schlussfolgerung des Psychiaters zwar erwähnt, entgegen der
Auffassung der Rechtsvertreterin jedoch nicht mit den psychischen Problemen der
Mutter begründet (vgl. psychiatrisches Consiliargutachten in UV-act. 267.1, S. 8 oben).
3.5 Unter den dargelegten medizinischen Umständen lässt sich nicht beanstanden,
dass die Beschwerdegegnerin auf den 31. Oktober 2007 vom Nichtvorliegen von
behandlungsbedürftigen Unfallfolgen und damit von einem medizinischen Endzustand
ausging und die adäquate Unfallkausalität der bei der Beschwerdeführerin
vorliegenden (nicht organisch-strukturellen) Beschwerden prüfte. Vorweg ist
festzuhalten, dass aus der Tatsache allein, dass die Beschwerdegegnerin bis zum 31.
Oktober 2007 Heilungskosten übernahm und Taggelder ausrichtete (act. G 6 S. 3 unten
und S. 12), nicht die Anerkennung der adäquaten Unfallkausalität abgeleitet werden
kann (Urteil des EVG vom 20. April 2004 [U 299/03] Erw. 2.2). Da wie dargelegt nicht
von einem mit dem streitigen Unfall in Zusammenhang zu bringenden typischen
Beschwerdebild eines Schleudertraumas ausgegangen werden kann, ist grundsätzlich
nach der sogenannten Psycho-Rechtsprechung (BGE 115 V 133) vorzugehen. Wie sich
nachstehend jedoch ergeben wird, ist die Adäquanz sowohl bei Anwendung der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 19/72
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
vorerwähnten (nachstehende Erw. 4) als auch der Schleudertrauma-Rechtsprechung
(BGE 134 V 109; nachstehende Erw. 5) zu verneinen.
4.
4.1 Beim Ereignis vom 28. März 1999 mit seitlich-frontaler Kollision ist in Anbetracht
der Unfallschilderung der Beschwerdeführerin (UV-act. 10; andere einschlägige
Unfallakten liegen nicht vor) von einem mittelschweren Unfall auszugehen, allerdings
nicht im Grenzbereich zu den schweren Unfällen (vgl. den vergleichbaren Sachverhalt
im Urteil des EVG vom 10. April 2006 [U 177/05], Erw. 5.1). Die Adäquanz wäre daher
zu bejahen, wenn ein einzelnes der in die Beurteilung einzubeziehenden Kriterien in
besonders ausgeprägter Weise erfüllt wäre oder mehrere der zu berücksichtigenden
Kriterien gegeben wären (BGE 115 V 133 Erw. 6c/bb). Der Unfall hatte bei der
Beschwerdeführerin keine Bewusstlosigkeit oder Commotio cerebri/MTBI bewirkt (UV-
act. 10, 14, 153 S. 3 und S. 12, 241.1). Auch eine Bewusstseinsbeeinträchtigung als
unmittelbare Folge des Unfalls lässt sich den Akten nicht entnehmen und wird auch
nicht behauptet. Eine schwere Kopfverletzung, wie sie die Beschwerdeführerin
nunmehr geltend machen lässt (act. G 1 S. 19), ist nicht aktenkundig. Eine besondere
Eindrücklichkeit oder dramatische Begleitumstände sind nicht belegt, zumal das
objektive Unfallgeschehen und nicht das subjektive Erleben des Ereignisses
massgebend ist (vgl. die Kasuistik zu diesem Kriterium in Rumo-Jungo,
Rechtsprechung des Bundesgerichts zum Sozialversicherungsrecht, Bundesgesetz
über die Unfallversicherung, 3. A., S. 58-64, sowie Urteile des EVG vom 23. November
2004 i/S B. [U 109/04], Erw. 2.3 und vom 2. März 2005 i/S S. [U 309/03], Erw. 5.1 ). Bei
der erlittenen HWS-Distorsion als solcher handelt es sich nicht um eine Verletzung, die
durch ihre Schwere oder besondere Art charakterisiert wäre (vgl. Urteil des EVG vom 9.
August 2004 i/S J. [U 116/04]).
4.2 Die versicherte Person hat Anspruch auf die zweckmässige Behandlung (Art. 10
Abs. 1 UVG) der Unfallfolgen für so lange, als von ihrer Fortsetzung eine namhafte
Besserung des Gesundheitszustands erwartet werden kann (Art. 19 Abs. 1 UVG e
contrario). Hinsichtlich der Länge der Behandlungsdauer ist festzuhalten, dass bei der
Beschwerdeführerin in den Jahren nach dem streitigen Unfall vorab hinsichtlich des
linken Knies und daneben in kleinerem Umfang auch bezüglich der HWS
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 20/72
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Behandlungen und Abklärungen durchgeführt wurden (vgl. UV-act. 153 S. 3 - 5). Die
angiologische Untersuchung vom Mai 2001 ergab hinsichtlich des Venensystems
normale Verhältnisse (UV-act. 31). Im Juni 2001 vermerkte der Kreisarzt eine
Diskrepanz zwischen den Befunden und der dramatischen Schilderung der Schmerzen
durch die Beschwerdeführerin (UV-act. 34). In der Folge konnten die Neurologen der
Klinik M._ sowie die später beigezogenen Orthopäden keine - von Prof. N._ zuvor
vermuteten (UV-act. 50) - unfallkausalen (somatischen) Knieschäden objektivieren,
weshalb die Behandlung im November 2001 abgeschlossen wurde (UV-act. 57, 61). Im
Mai 2003 stellte der Kreisarzt - mit Hinweis auf die diffusen Schmerzangaben und
belastende psychosoziale Faktoren - eine psychische Ursache der Beschwerden zur
Diskussion (UV-act. 76 S. 4). Im Juli 2003 erachteten die beigezogenen Neurologen der
M._ eine Nervenläsion als wahrscheinlich, wobei sie festhielten, dass eine solche
funktionell nicht von deutlicher Relevanz wäre (UV-act. 81). Die daraufhin veranlasste
Neuraltherapie brachte, wie sämtliche Bemühungen zuvor, keine Besserung. Diskutiert
wurde ein Versuch mit Antidepressiva zur Schmerzmodulation (UV-act. 87f). Im hierauf
erstellten Gutachten des L._ wurden neuropathische Schmerzen lediglich als
Verdachtsdiagnose aufgeführt und der Unfall als Eventualursache vermerkt (UV-act.
153 S. 8, 10 und 11 unten); im neurologischen Teilgutachten wurden neuropathische
Schmerzen nicht bestätigt (UV-act. 163, 241.2). Von Seiten der Uniklinik Balgrist wurde
hinsichtlich des linken Knies ein pathologisches Korrelat explizit verneint (UV-act.
214-217). In den weiteren Gutachten wurden die psychischen Hintergründe des
Beschwerdebildes unmissverständlich dargelegt (UV-act. 234, 267.1) und der Unfall
lediglich als mögliche Ursache für eine Nervenschädigung angeführt (UV-act. 267.1 S.
21f und vorstehende Erw. 3.2). Aufgrund der dargelegten Umstände kann die
Notwendigkeit einer eigentlichen Behandlung von somatischen Unfallfolgen jedenfalls
ab November 2001 nicht bejaht werden, nachdem eine Unfallbedingtheit der Schäden
am linken Knie wie dargelegt (vorstehende Erw. 3.1) nicht überwiegend wahrscheinlich
als belegt gelten kann. In diesem Sinn sind eine lange Behandlungsdauer von
somatischen Unfallfolgen, aber auch ein (unfallbedingt) schwieriger Heilverlauf und
erhebliche Komplikationen zu verneinen. Von einer ärztlichen Fehlbehandlung ist
ebenfalls nicht auszugehen. Eine solche lässt sich insbesondere aus der Feststellung
der Ärzte der Klinik M._einer denkbaren Nervenkompression während der
Kniearthroskopie (UV-act. 47; vgl. dazu Erw. 3.2) nicht ableiten.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 21/72
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.3 Nachdem bereits ab Juni 2000 bzw. ab 2001 keine Arbeitsunfähigkeit mehr
vorgelegen hatte (vgl. UV-act. 15, 21, 22, 25, 28, 34), teilte die Arbeitgeberin am 14.
Juni 2002 mit, dass die Beschwerdeführerin nur noch zu 50% arbeite. Eine Arbeit in
diesem Umfang wäre auch weiterhin möglich gewesen, jedoch hätte nach Ablauf der
Lohngarantie eine Lohnreduktion in Kauf genommen werden müssen. Die
Beschwerdeführerin habe aber aus freien Stücken ab 3. Dezember 2001 wieder im
ganzen Einsatzbereich arbeiten wollen, weshalb ihr wieder normale Dienste zugeteilt
worden seien. Sie habe das vertragliche Pensum klaglos bei voller Arbeitsleistung
erfüllt. Seit Anfang Juni 2002 arbeite die Beschwerdeführerin in der Auslandabteilung
im Nachtdienst (UV-act. 64). Am 19. Juni 2002 gab sie bekannt, dass sie schwanger sei
mit Geburtstermin im Januar 2003. Deswegen verzichte sie auf Schmerzmedikamente
und suche auch nicht häufig den Arzt auf. Wegen der Schwangerschaft wurde die
Arbeit im Oktober 2002 eingestellt. Die Geburt des Kindes erfolgte im Januar 2003.
Ende Mai 2003 nahm die Beschwerdeführerin die Arbeit wieder auf (UV-act. 65, 76).
Seit Anfang Februar 2004 arbeitete die Beschwerdeführerin nicht mehr (UV-act. 94).
Die Ärzte der Uniklinik Balgrist bescheinigten hierauf am 3. Juni 2004, dass aus
rheumatologischer Sicht längerfristig eine 100%ige Arbeitsfähigkeit durchaus
realistisch sei (UV-act. 215). Die MEDAS-Gutachter bestätigten unter Einbezug der
psychischen Gegebenheiten eine 60%ige Arbeitsfähigkeit. Aus rein orthopädischer
Sicht verneinten sie eine Einschränkung (UV-act. 267.1 S. 22f). Eine lang dauernde
(somatisch begründete) Arbeitsunfähigkeit im Sinn der Rechtsprechung (vgl.
zusammenfassende Darstellung im Urteil des EVG vom 30. August 2001 [U 56/00],
Erw. 3d) kann somit nicht als nachgewiesen gelten.
4.4 Selbst wenn das Vorliegen von (somatischen) Dauerschmerzen gestützt auf die
Angaben des Beschwerdeführerin in den medizinischen Akten zu bejahen wäre, läge
bezüglich des streitigen mittelschweren Unfalls nur ein einzelnes Adäquanzkriterium
vor. Damit liesse es sich nicht beanstanden, dass die Beschwerdegegnerin die
adäquate Unfallkausalität der psychischen Beschwerden verneinte.
5.
5.1 Auch wenn - wie die Beschwerdeführerin geltend machen lässt (act. G 1 S. 17f) -
bei der Prüfung der Adäquanzkriterien nicht zwischen somatischen und psychischen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 22/72
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Gesundheitsschäden zu unterscheiden wäre, müsste - wie nachstehend zu zeigen sein
wird - die Adäquanz in Anwendung der Schleudertrauma-Rechtsprechung jedenfalls ab
dem Zeitpunkt der streitigen Leistungseinstellung verneint werden. Das Kriterium der
besonders dramatischen Begleitumstände und der besonderen Eindrücklichkeit des
Unfalles (vgl. BGE 134 V 109 Erw. 10.2.1, S. 127 mit Hinweisen) ist, wie erwähnt
(Erw. 3.5), zu verneinen. Was die Schwere oder besondere Art der erlittenen
Verletzungen anbelangt, hat das Bundesgericht in Erw. 10.2.2 von BGE 134 V 109
präzisiert, dass es zur Bejahung dieses Kriteriums einer besonderen Schwere der für
die gegebene Verletzung typischen Beschwerden oder besonderer Umstände, welche
das Beschwerdebild beeinflussen können, bedarf. Davon kann konkret nicht
ausgegangen werden, auch wenn beim Unfall neben dem Beschleunigungstrauma eine
Fraktur der Bogenwurzel Th3 und Schulter- und Kniekontusionen erfolgten (UV-act. 3).
5.2 Sodann ist entscheidwesentlich (vgl. BGE 134 V 109 Erw. 10.2.3), ob nach dem
Unfall eine fortgesetzt spezifische, die versicherte Person belastende ärztliche
Behandlung bis zum Fallabschluss notwendig war. Wie dargelegt erfolgten in den
Jahren nach dem Unfall vorab hinsichtlich des linken Knies und daneben in kleinerem
Umfang auch bezüglich der HWS umfangreiche Behandlungen und Abklärungen (vgl.
vorstehende Erw. 4.2). Damit lässt sich in der Zeit nach dem Unfall vom 28. März 1999
bis zum Fallabschluss am 31. Oktober 2007 eine fortgesetzt spezifische, die
Beschwerdeführerin belastende ärztliche Behandlung nicht ohne weiteres in Abrede
stellen. Hierbei sind allerdings die umfangreichen, in erster Linie der Abklärung
dienenden Massnahmen ausser Betracht zu lassen, so dass das Kriterium insgesamt
nicht sehr ausgeprägt erfüllt ist. Adäquanzrelevant können im Weiteren in der Zeit
zwischen dem Unfall und dem Fallabschluss ohne wesentlichen Unterbruch
bestehende erhebliche Beschwerden sein. Die Erheblichkeit beurteilt sich nach den
glaubhaften Schmerzen und nach der Beeinträchtigung, welche die verunfallte Person
durch die Beschwerden im Lebensalltag erfährt (BGE 134 V 109 Erw. 10.2.4). Die
Beschwerdeführerin gab gegenüber den Gutachtern des L._ (UV-act. 153 S. 6 oben)
und der MEDAS (UV-act. 267.1 S. 3) vor allem Kniebeschwerden, welche seit dem
Unfall bestehen würden, sowie weitere Beschwerden (Schwindel, Übelkeit,
Ohrgeräusche, Druck im Ohr usw.) an. Die letztgenannte Symptomatik lässt sich wie
dargelegt nicht natürlich kausal auf den Unfall zurückführen (vgl. vorstehende Erw. 3.3).
Hinsichtlich der Kniebeschwerden wurde im MEDAS-Gutachten vermerkt, diese seien
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 23/72
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
auch auf das Übergewicht zurückgeführt worden, weshalb die Beschwerdeführerin sich
für eine Magenbypass-Operation entschieden habe. Diese sei im Januar 2008
durchgeführt worden. Seither habe sie 32 kg abgenommen. Dennoch seien die
Beschwerden im Knie unverändert (UV-act. 267.1 S. 3; anlässlich der MEDAS-
Begutachtung wog die Beschwerdeführerin noch 80kg bei 165cm Körpergrösse; UV-
act. 267.1 S. 13). Wie ausgeführt können die im Einstellungszeitpunkt allenfalls noch
vorliegenden Beschwerden im linken Knie nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit
als unfallbedingt gelten (vgl. vorstehende Erw. 3.1). Bei der geschilderten
medizinischen Sachlage kann das Kriterium der erheblichen (unfallbedingten)
Beschwerden nicht bejaht werden.
5.3 Was schliesslich das Kriterium der Arbeitsunfähigkeit anbelangt, ist gemäss
BGE 134 V 109 Erw. 10.2.7 dem Umstand Rechnung zu tragen, dass bei leichten bis
mittelschweren Schleudertraumen der HWS (und punkto Adäquanzbeurteilung gleich
zu behandelnden Verletzungen) ein längerer oder gar dauernder Ausstieg aus dem
Arbeitsprozess vom medizinischen Standpunkt aus als eher ungewöhnlich erscheint.
Nicht die Dauer der Arbeitsunfähigkeit ist daher massgebend, sondern eine erhebliche
Arbeitsunfähigkeit als solche, die zu überwinden die versicherte Person ernsthafte An
strengungen unternimmt. Gelingt es ihr trotz solcher Anstrengungen nicht, ist ihr dies
durch Erfüllung des Kriteriums anzurechnen. Konkret muss ihr Wille erkennbar sein,
sich durch aktive Mitwirkung raschmöglichst wieder optimal in den Arbeitsprozess
einzugliedern. Solche Anstrengungen der versicherten Person können sich
insbesondere in ernsthaften Arbeitsversuchen trotz allfälliger persönlicher
Unannehmlichkeiten manifestieren. Sodann können Bemühungen um alternative, der
gesundheitlichen Einschränkung besser Rechnung tragende Tätigkeiten ins Gewicht
fallen. Nur wer in der Zeit bis zum Fallabschluss nach Art. 19 Abs. 1 UVG in
erheblichem Masse arbeitsunfähig ist und solche Anstrengungen auszuweisen vermag,
kann das Kriterium erfüllen (BGE 134 V 109 Erw. 10.2.7 mit Hinweisen).
Mit Blick auf die Darlegungen in Erw. 3.2 und 4.3 kann eine unfallbedingte erhebliche
Arbeitsunfähigkeit im Zeitpunkt der streitigen Leistungseinstellung nicht als
ausgewiesen gelten, zumal die Unfallkausalität der Beschwerden am linken Knie nicht
überwiegend wahrscheinlich belegt ist. Was die von den MEDAS-Gutachtern
insbesondere mit Hinweis auf psychiatrische Diagnosen bestätigte Arbeitsunfähigkeit
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 24/72
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
von 40% betrifft, ist deren Unfallkausalität bzw. ein unfallkausaler Anteil an dieser
Arbeitsunfähigkeit wie ausgeführt nicht überwiegend wahrscheinlich belegt (vgl. dazu
vorne Erw. 3.4). Ein Arbeitsversuch mit Stellenvermittlung durch die O._ im Januar
2007 scheiterte vorab wegen des persönlichen Verhaltens der Beschwerdeführerin
(Geschwätzigkeit, spricht gerne und hört nicht zu, weshalb die Konzentration und die
Leistung nicht stimmen würden; vgl. Zwischenbericht der O._ vom 2. Februar 2007
[Beilage zu UV-act. 220] sowie UV-act. 190, 191). Im Jahr 2008 übte die
Beschwerdeführerin Erwerbstätigkeiten aus (vgl. act. G 1.1/5-7). Bei nicht überwiegend
wahrscheinlich unfallkausaler Arbeitsunfähigkeit kann die Frage, ob unter diesen
Umständen ausreichende Anstrengungen der Beschwerdeführerin, wieder in den
Arbeitsprozess einzusteigen, ausgewiesen sind, offenbleiben. Zusammenfassend ist
eines der in BGE 134 V 109 angeführten Adäquanzkriterien gegeben, was dazu führt,
dass die Adäquanz der nach wie vor geklagten Beschwerden mit dem versicherten
Unfall zu verneinen ist. Die Leistungseinstellung ab 31. Oktober 2007 ist
dementsprechend nicht zu beanstanden.
6.
Im Sinn der vorstehenden Erwägungen ist die Beschwerde, soweit darauf einzutreten
ist, abzuweisen. Gerichtskosten sind keine zu erheben (Art. 61 lit. a ATSG).
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 53 GerG