Decision ID: 67700b83-6a4d-4f53-87d4-2c4c63e0258f
Year: 2020
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
1.1
X._
, geboren am 1
8.
Oktober 2009, wurde am 27. Oktober 2017 durch ihre
Eltern bei der Invalidenversicherung zum Leistungsbezug ange
meldet (Urk.
7/1
). Die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, holte
einen
medizinische
n
Bericht (
Urk.
7/6) ein und
leistete
mit Mitteilung vom 20.
März 2018 (Urk. 7/8)
Kostengutsprache für medizinische Massnahmen im Zu
sammenhang mit de
m Geburtsgebrechen
Ziff.
404
gemäss Anhang der Verord
nung über Geburtsgebrechen (
GgV
-Anhang)
.
Mit
Mitteilung vom 20.
März 2018 (Urk. 7/9)
leistete
die IV-Stelle Kostengutsprache für ambulante Psychotherapie.
1.2
Am 2
1.
September 2018 wurde die Versicherte
durch ihre Mutter
unter Hinweis auf einen seit Geburt bestehenden
hypophysären
Kleinwuchs erneut zum Leis
tungsbezug angemeldet (Urk. 7/10).
Die IV-Stelle klärte die medizinische Situa
tion ab und
stellte mit Vorbescheid vom 2. Mai 2019 (Urk. 7/16
)
der Mutter der Versicherten in Aussicht, keine Kostengutsprache für medizinische Massnahmen im Zusammenhang mit dem Geburtsgebrechen
Ziff.
462
GgV
-Anhang
zu leisten.
Dagegen erhoben die Eltern der Versicherten
Einwand
(Urk. 7/20) und wurden dabei durch Prof.
Dr.
med. A._
,
Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin,
B._
,
unterstützt
(Urk. 7/19).
Mit Ver
fügung vom
11.
Juni 2019
(Urk
. 7/23
=
Urk.
2)
lehnte die
IV-Stelle eine Kosten
gutsprache für medizinische Massnahmen betreffend
das
Geburtsgebrechen
Ziff.
462
GgV
-Anhang
ab.
2.
Die Eltern d
er Versicherte
n
erhob
en
am
8.
Juli 2019
Beschwerde gegen die Ver
fügung vom
1
1.
Juni 2019
(
Urk.
2) und beantragte
n
,
die Verfügung sei aufzuhe
ben und es sei der Versicherten Kostengutsprache für die Behandlung des Ge
burtsgebrechens
Ziff.
462
GgV
-Anhang
mit Wachstumshormon zu erteilen. Eventuell sei die Angelegenheit zu weiteren Abklärungen an die
IV-Stelle
zu
rückzuweisen. Zudem sei die IV-Stelle zu verpflichten, die Kosten für die fach
medizinische Stellungnahme von Prof.
A._
zu übernehmen (Urk. 1 S. 2).
Am
1
2.
September 201
9
(Urk.
6
) beantragte die IV-Stelle die Abweisung der Be
schwerde
. Mit Replik vom 2
1.
Oktober 2019 (Urk. 10) reichte
n die Eltern der Ver
sicherten
eine Stellungnahme von Prof.
A._
ein (Urk. 11). Mit Duplik vom
5.
November 2019 (Urk. 13) verzichtete die Beschwerdegegnerin auf das Einrei
chen einer Stellungnahme,
was
den Eltern der Versicherten
mit Verfügung vom
7.
November 2019
zu
r Kenntnis gebracht wurde
(Urk. 14
).
Mit Eingabe vom
8.
November 2019 (Urk. 15) reichte
n die
Eltern der Versicherten
einen
weiteren Bericht von Prof.
A._
ein (Urk. 16). Dies wurde der Beschwerdegegnerin am 1
4.
November 2019 zur Kenntnis gebracht (Urk. 17).
Mit Verfügung vom
6.
Januar 2020 (Urk. 18) wurde Prof.
Dr.
med.
C._
, Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin,
D._
,
um eine Stellung
nahme gebeten. Mit Eingabe vom 3
0.
Januar 2020 (Urk. 20) reichte
n die Eltern der Versicherten
einen weiteren Bericht
von Prof.
A._
ein (Urk. 21), welcher der Beschwerdegegnerin und Prof.
C._
am
4.
Februar 2020 zur Kenntnis ge
bracht wurde (Urk. 22).
Am 1
0.
Februar 2020 reichte Prof.
C._
die erbete
ne Stellungnahme ein (Urk. 23), welche den Parteien am 2
7.
Februar
2020 zur Kenntnis gebracht wurde (Urk. 25).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Versicherte haben bis zum vollendeten 20. Altersjahr Anspruch auf die zur Be
handlung von Geburtsgebrechen (
Art.
3
Abs.
2
des Bundesgesetzes über den All
gemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts, ATSG
) notwendigen medizinischen Massnahmen (
Art.
13
Abs.
1
des Bundesgesetzes über
die Invalidenversicherung, IVG
). Der Bundesrat bezeichnet die Gebrechen, für welche diese Massnahmen ge
währt werden. Er kann die Leistung ausschliessen, wenn das Gebrechen von ge
ringfügiger Bedeutung ist (
Art.
13 Abs. 2 IVG).
Als Geburtsgebrechen gelten diejenigen Krankheiten, die bei vollendeter Geburt bestehen (
Art.
3
Abs.
2 ATSG in Verbindung mit
Art.
1
Abs.
1 Satz 1
GgV
). Die blosse Veranlagung zu einem Leiden gilt nicht als Geburtsgebrechen. Der Zeit
punkt, in dem ein Geburtsgebrechen als solches erkannt wird, ist unerheblich (
Art.
1
Abs.
1
GgV
). Die Geburtsgebrechen sind in der Liste im Anhang aufge
führt. Das Eidgenössische Departement des Innern kann die Liste jährlich anpas
sen, sofern die Mehrausgaben einer solchen Anpassung für die Versicherung ins
gesamt drei Millionen Franken pro Jahr nicht übersteigen (
Art.
1
Abs.
2
GgV
). Als medizinische Massnahmen, die für die Behandlung eines Geburtsgebrechens notwendig sind, gelten sämtliche Vorkehren, die nach bewährter Erkenntnis der medizinischen Wissenschaft angezeigt sind und den therapeutischen Erfolg in einfacher und zweckmässiger Weise anstreben (
Art.
2
Abs.
3
GgV
).
1.2
Versicherte haben gemäss
Art.
12 IVG bis zum vollendeten 20. Altersjahr An
spruch auf medizinische Massnahmen, die nicht auf die Behandlung des Leidens an sich, sondern unmittelbar auf die Eingliederung ins Erwerbsleben oder in den Aufgabenbereich gerichtet und geeignet sind, die Erwerbsfähigkeit oder die Fä
higkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, dauernd und wesentlich zu ver
bessern oder vor wesentlicher Beeinträchtigung zu bewahren (
Abs.
1).
Der Bundesrat ist befugt, die Massnahmen gemäss
Abs.
1 von jenen, die auf die Behandlung des Leidens an sich gerichtet sind, abzugrenzen. Er kann zu diesem Zweck insbesondere die von der Versicherung zu gewährenden Massnahmen nach Art und Umfang näher umschreiben und Beginn und Dauer des Anspruchs regeln (
Abs.
2)
1.3
Die Massnahmen müssen gemäss Art. 2 Abs. 1 Satz 2
der Verordnung über die Invalidenversicherung (IVV)
nach bewährter Erkenntnis der medizinischen Wis
senschaft angezeigt sein und den Eingliederungserfolg in einfacher und zweck
mässiger Weise anstreben. Nach der Rechtsprechung gilt eine Behandlungsart dann als bewährter Erkenntnis der medizinischen Wissenschaft entsprechend, wenn sie von Forschern und Praktikern der medizinischen Wissenschaft auf brei
ter Basis anerkannt ist. Das Schwergewicht liegt auf der Erfahrung und dem Er
folg im Bereich einer bestimmten Therapie. Die für den Bereich der Krankenpflege entwickelte Definition der Wissenschaftlichkeit findet prinzipiell auch auf die me
dizinischen Eingliederungsmassnahmen der Invalidenversicherung Anwendung. Eine Vorkehr, die mangels Wissenschaftlichkeit nicht durch die obligatorische Krankenpflegeversicherung zu übernehmen ist, kann grundsätzlich auch nicht als medizinische Massnahme nach Art. 12 oder 13 IVG zu Lasten der Invalidenver
sicherung gehen. Die in diesem Sinn lautende, zum
Bundesgesetz über die Kran
ken- und Unfallversicherung
(
KUVG
)
ergangene Rechtsprechung ist unter der Herrschaft des seit 1. Januar 1996 geltenden
Bundesgesetzes über die Kranken
versicherung (KVG)
weiterhin anwendbar. Medizinische Eingliederungsmassnah
men der Invalidenversicherung (Art. 12 und 13 IVG) sowie Analysen und Arznei
mittel (Art. 4
bis
IVV) werden somit nur unter der Voraussetzung gewährt, dass sie wissenschaftlich anerkannt sind. Auch in der Invalidenversicherung gilt das fun
damentale Prinzip der wissenschaftlich nachgewiesenen Wirksamkeit (vgl. dazu BGE 129 V 167 E. 3.2 mit Hinweisen), das heisst der wissenschaftlichen Anerken
nung (BGE 125 V 21 E. 5a in
fine
, 123 V 53 E. 2b/cc; zum Ganzen: Urteil des Bundesgerichts 8C_590/2011 vom 13. Juni
2012 E. 2.4). Die Beurteilung der Wirksamkeit hat aufgrund einer vom einzelnen Anwendungsfall losgelösten retrospektiven allgemeinen Bewertung der mit
einer diagnostischen oder the
rapeu
tischen Massnahme erfahrungsgemäss erzielten Ergebnisse zu erfolgen (BGE 125 V 21 E. 5a in
fine
, 123 V 53 E. 2b/cc; vgl. auch BGE 133 V 115 E. 3.2.1; AHI 2001 S. 76 f. E. 1b je mit Hinweisen; Urteil des Bundesgerichts I 601/06 vom 12. März 2008 E. 5.1 mit Hinweisen).
1.4
Der Leistungsanspruch bei Geburtsgebrechen gemäss
Art.
13 IVG besteht - anders als nach der allgemeinen Bestimmung des
Art.
12 IVG - unabhängig von der Möglichkeit einer späteren Eingliederung in das Erwerbsleben oder in den Auf
gabenbereich (
Art.
8
Abs.
2 IVG). Eingliederungszweck ist die Behebung oder Milderung der als Folge eines Geburtsgebrechens eingetretenen Beeinträchtigung (BGE 115 V 202 E. 4e/cc S. 205; SVR 2003 IV Nr. 12 S. 35 E. 1.2, Nr. 16 S. 48 E.
2.3).
1.5
Die Verwaltung als verfügende Instanz und – im Beschwerdefall – das Gericht dürfen eine Tatsache nur dann als bewiesen annehmen, wenn sie von ihrem Bestehen überzeugt sind. Im Sozialversicherungsrecht hat das Gericht seinen Ent
scheid, sofern das Gesetz nicht etwas Abweichendes vorsieht, nach dem Beweis
grad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu fällen. Die blosse Möglichkeit eines bestimmten Sachverhalts genügt den Beweisanforderungen nicht. Das Ge
richt folgt vielmehr jener Sachverhaltsdarstellung, die es von allen möglichen Geschehensabläufen als die wahrscheinlichste würdigt (BGE 126 V 353 E. 5b mit Hinweisen; vgl. BGE 130 III 321 E. 3.2 und 3.3).
1.6
Für die richterliche Beurteilung eines Falles sind grundsätzlich die tatsächlichen Verhältnisse zur Zeit des Abschlusses des Verwaltungsverfahrens massgebend. Tatsachen, die sich erst später verwirklichen, sind jedoch insoweit zu berücksich
tigen, als sie mit dem Streitgegenstand in engem Sachzusammenhang stehen und geeignet sind, die Beurteilung im Zeitpunkt des
Entscheiderlasses
zu beeinflussen (BGE 121 V 362 E. 1b; 99 V 98).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin verneinte den Anspruch auf Übernahme der Kosten
für medizinische Massnahmen betreffend das
Geburtsgebrechen
Ziff.
462
GgV
-Anhang
mit der Begründung (Urk.
2),
es sei eine relativ geringe Konzentration an Wachstumshormon
en
ausreichend, um in der Leber die IGF-1-Synthese anzure
gen, da
s
dann bei gesunden Kindern das Längenwachstum in den Wachstums
fugen forciere. Wenn nach medikamentöser Stimulation Wachstumshormon
konzentrationen über 8
ng
/ml
(= 8
μg/l
)
erreicht werden würden, sei genügend Hormon vorhanden,
um die IGF-1-Bildung anzuregen. Bei der Versicherten seien i
m Arginin
-T
est Wachstumshormonkonzentrationen bis zu 9.56
μ
g/l festgestellt worden, bei Kontrolle bis zu 8.60
μ
g
/l. Die IGF
-
1-Konzentration sei gleichlautend dazu noch im Normalbereich. Es liege zwar ein Kleinwuchs mit verzögerter Kno
chenreife vor. Aber es sei aus versicherungsmedizinischer Sicht von einem Grenz
wert von <8
μ
g/l auszugehen. Leistungsansprüche nach
Ziff.
462
GgV
-Anhang
seien
damit
nicht ausgewiesen
(S. 2)
.
2.2
Dagegen wandte
n
die
Eltern
der Versicherte
n in der Beschwerde ein (
Urk.
1
),
der
Grenzwert
liege bei
10
μ
g
/
l (
Rz
4). Wachstumshormonstimulationstests würden kein exaktes Abbild der Wachstumshormonproduktion ergeben, weshalb die Grenzwerte grosszügig gehandhabt werden müssten. Das Gleiche gelte für den IGF-
1
Wert (
Rz
5).
Da die fachmedizinische Stellungnahme durch Prof.
A._
für die Beurteilung des Leistungsanspruchs der Versicherten unerlässlich sei, habe die Beschwerdegegnerin die Kosten dieser Abklärung gemäss
Art.
45 ATSG zu übernehmen (
Rz
8).
Mit Replik (Urk.
10
) brachte
n
die Eltern der Versicherten
zusammenfassend vor, die Beschwerdegegnerin habe sich auf interne medizinische Stellungnahme
n
ge
stützt,
obschon die beteiligten Fachärzte nicht über die nötigen fachmedizini
schen Kenntnisse verfügten (S. 2 f.). Zudem habe sich die Beschwerdegegnerin nicht mit der einschlägigen Rechtsprechung in dieser Sache auseinandergesetzt
. Die Beschwerdegegnerin habe ihre Abklärungspflicht verletzt, indem sie die fach
medizinischen Beurteilungen
durch
Prof.
A._
vom 1
9.
Oktober
2018 und
9.
Mai 2019 nicht einem Fachspezialisten für Endokrinologie zur Stellungnahme vorgelegt habe. Die Beurteilung des Geburtsgebrechens
Ziff.
462
GgV
-Anhang
durch die Beschwerdegegnerin weiche offensichtlich von der Beurteilung anderer IV-Stellen ab, was mit dem Gleichbehandlungsgrundsatz nicht zu vereinbaren sei
(S. 3).
Mit ergänzender Stellungnahme
(Urk. 15)
hielten die Eltern der Versicherten ge
stützt auf einen Arztbericht fest, die Wachstumsgeschwindig
k
eit habe sich wäh
rend der bisher dreimonatigen Behandlung deutlich gesteigert, was aus fachme
dizinischer Sicht typisch für einen Wachstumshormonmangel sei.
2.3
Streitig und zu prüfen ist der Anspruch der Versicherten auf medizinische Ein
gliederungsmassnahmen in Form einer Wachstumshormontherapie.
3.
3.1
Prof.
Dr.
med.
A._
, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin,
B._
,
diagnostizierte
im
Bericht vom 19.
Oktober 2018 (Urk. 7/12/4-
6
)
eine isolierte
hypophysäre
Insuffizienz mit
Wachstumshor
monmangel
(Diagnosestellung am 1
7.
August 2017) und
erklärte,
das Geburtsge
brechen
Ziff.
462
GgV
-Anhang
liege vor
(Ziff.
1.3).
Die
Versicherte
benötige eine Substitution mit Wachstumshormon
(Ziff.
1.6).
Das am
5.
Juli 2018 8.7 Jahre alte Mädchen habe eine Grösse von 116.4 cm (-2.9 SD) und ein Gewicht von 20.6 kg (-1.9 SD). Im Übrigen seien die Befunde unauffällig (Ziff. 2.4). Unbehandelt sei ein massiver Kleinwuchs unterhalb der familiären Zielgrösse zu erwarten (Ziff. 2.5). Zöliakie und Hypothyreose seien bei spezialärztlichen Untersuchungen ausgeschlossen worden. In zwei unabhängigen Arginin-Tests sei der Anstieg des Wachstumshormons ungenügend gewesen
(Ziff. 2.6)
.
Zusammenfassend führte Prof.
A._
Folgendes aus:
1. Wachstumsverlauf un
ter der 3
Perzentile
, 2.
niedrige Wachstumsgeschwindigkeit vo
m
1
7.
August 2017 bis
5.
Juli 2018 von 4.1 cm/Jahr
, 3.
Verzögerung der Knochenreifung um 2.7 Jahre
, 4.
ungenügender Anstieg des Wachstumshormons in zwei Stimulations
testen, nach Arginin
,
5.
niedriges IGF-
1.
Die Diagnose
h
ypophysäre
Insuffizienz mit Wachstumshormonmangel sei damit eindeutig gesichert (Ziff. 2.6).
Es sei
en
eine Substitution mit einer physiologischen Dosierung von Wachstums
hormon und halbjährliche Kontrollen vorgesehen (Ziff. 2.7).
3.
2
Dr.
med.
E._
, Facharzt für
Orthopädische Chirurgie und Trau
matologie des Bewegungsapparates
, und
Prof.
Dr.
med. F._
, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin, Regionaler Ärztlicher Dienst der Beschwerde
gegnerin (RAD), führte
n
in
ihrer
Stellungnahme vom
1
2.
Februar
2018 (Urk. 7/15/2-3)
unter anderem
aus,
gemäss Arginin-Tests von Prof.
A._
steige das Wachstumshormon in beiden Te
sten auf Werte von 8.60
ng
/ml bezie
hungsweise
9.56
ng
/ml an.
Damit liege nach den Guidelines aus dem Jahr 2016 kein
hypophysärer
Kleinwuchs vor. Unter Hinwe
is auf diverse Studien (vgl. S.
1) führten sie weiter aus, e
s sei eine relativ geringe Konzentration an Wachstums
hormon ausreichend, um in der Leber die IGF-1-Synthese anzuregen, das dann bei gesunden Kindern das Längenwachstum in den Wachstumsfugen
forciere
. Wenn nach medikamentöser Stimulation Wachstumshormonkonzentrationen über 8
ng
/ml erreicht werden würden, sei genügend Hormon vorhanden, um die IGF-1-Bildung anzuregen. Wenn dennoch kein ausreichendes Wachstum erfolge, müsse nach anderen Ursachen gesucht werden, denn es gebe auch eine ganze Reihe weiterer Ursachen von Kleinwuchs, die nicht auf eine
hypophysäre
Insuf
fizienz zurückzuführen seien. In diesen Fällen ergäben sich aus
versicherungs
medizinischer Sicht keine Leistungsansprüche nach
Ziff.
462
GgV
-Anhang
. Es sei das Bundesamt für Sozialversicherungen
(
BSV
)
anzufragen, welche Cut-Off-Werte im Zusammenhang mit der üblichen Kleinwuchs-Diagnostik wie Wachs
tumskurve, Knochenreife, Ausschluss Zöliakie und Hypothyreose und allenfalls a
uch
cMRI
im Bereich der Invalidenversicherung
für die Anerkennung von
Leis
tungsansprüchen nach Ziff.
462
GgV
-Anhang
gelten sollten.
3.
3
Mit Schreiben vom
4.
April 2019
(Urk. 7/14) antworteten die Fachpersonen des BSV
wie folgt: Das BSV gebe keine Cut-Off-Werte im Zusammenhang mit der Kleinwuchs-Diagnostik an. In derartigen Fällen solle der Entscheid auf gültigen aktuellen - wie dies der RAD getan habe - medizinischen Leitlinien getroffen werden. Nach Überprüfung der RAD-Stellungnahme scheine diese korrekt zu sein.
3.
4
Prof.
F._
, RAD, führte mit Stellungnahme vom 2
9.
April 2019 (Urk.
7/15/3
) aus,
es liege zwar ein Kleinwuchs mit verzögerter Knochenreife vor. Mit Bezug auf die aktuelle Guideline in
Horm
Res
Pediatr
2016 und den dort zitierten Daten aus Japan und Deutschland sei ein Grenzwert von 6
μ
g
/
l
beziehungsweise 7.09
μ
g
/
l
angegeben worden. In der AWMF-Leitlinie Diagnostik des Wachs
tums
hor
monmangels vom 2
4.
Juli 2014 sei gleichlautend dazu mit Berücksichtigung ei
ner Laborkorrektur ein Grenzwert von 8
μg/l
angegeben worden. Wenn Werte darüber gemessen werden würden, solle das Ergebnis gemäss der AWMF-Leitlinie als normal gewertet werden. Seitens des BSV sei eingeschätzt worden, dass der RAD wie hier erfolgt auf der Grundlage aktueller medizinischer Leitlinien ent
scheiden solle. Das sei hier erfolgt. Leistungsansprüche nach
Ziff.
462
GgV
-An
hang
seien damit nicht ausgewiesen.
3.
5
Prof.
A._
führte mit Schreiben vom
9.
Mai 2019 (Urk.
7/19/1-
3
)
aus,
die vom RAD zitierte Arbeit im Horn Res
Pediatr
2016 sei grundsätzlich gut ausgewählt, indes sei die Zusammenfassung und Schlussfolgerung der 36 Seiten ziemlich diskutabel. Darin werde mehrfach darauf hingewiesen, dass als Grenzwert bei Wachstumshormonstimulationstesten in der Regel die 10
μg/l
Grenze verwendet werde, welche im Übrigen seit Jahrzenten gültig sei (
Ziff.
1). Internation
al
gesehen gelte in vielen Ländern weiterhin der Grenzwert von 10
μg/l.
Wachs
tums
hormonstimulationsteste würden nicht annähernd ein exaktes Abbild der Wachs
tumshormonproduktion ergeben. Niemand wisse sicher, was mit diesen
unphysi
ologischen
Testen wirklich geprüft werde. Deshalb brauche es einiger
massen grosszügige Grenzwerte, wenn man nicht einzelnen Kindern, welche für eine nor
male Endgrösse eine solche Behandlung benötigten, diese verwehren wolle (Ziff. 2). Willkürlich erscheine die Beurteilung auch auf dem Hintergrund des Ver
gleichs mit
den anderen Kantonen. Die meisten Kantone blieben bei der 10
μg/l
-Grenze
, wie sich bei einer Diskussion mit Prof.
C._
, Leiterin
G._
, gezeigt habe, und welche die 10
μg/l
-Grenze als interna
tional gebräuchlich vehement verteidige
(Ziff. 3).
Er habe eine sehr ähnlich gelagerte Auseinandersetzung vor einigen Jahren mit der IV des Kantons Zug vor dem Verwaltungsgericht ausgetragen
. Dieses Gericht sei zum Schluss gekommen, dass die Diagnose Wachstumshormonmangel eine vorwiegend klinische Diagnose dar
stelle und dass der pädiat
r
ische Endokrinologe alle Puzzleteile, welche zu einer solchen Diagnose gehörten, abwägen solle und dass insbesondere keinesfalls ein
zelne
Laborwerte entscheidend als Argument gegen die Diagnose «Wachstums
hormonmangel» gewertet werden könnten
(Ziff. 5). Die Argumentation im Falle der Versicherten sei eine ähnliche wie im anderen Fall. Insbesondere der Wachs
tumsverlauf mit einer über längeren Zeit ungenügenden Wachstumsge
schwin
digkeit, das niedrige IGF-
1
, die verzögerte Knochenreifung seien die Puzzleteile dieser Diagnose und schliesslich auch der ungenügende Anstieg des Wachstums
hormons auf 9.56, respektive 8.60
μg/l
(Ziff.
6)
.
3.
6
Prof.
F._
,
RAD
, führte mit Stellungnahme vom
1
7.
Mai 2019 (
Urk. 7/22
)
aus, der Grenzwert für Wachstumshormon-Stimulationsteste von 10
μg/l
werde spä
testens seit der auch im Einwand als gut eingeschätzten Guideline
in
Horm
Res
Pediatr
2016
immer wieder in Frage gestellt (S. 1).
Die Autorin der 2016 publi
zierten Guideline habe 2017 den historischen Kontext der Guideline beschrieben und darauf hingewiesen, dass durch die internationale
Guidelinegruppe
2016 mit «
strongest
recommendation
» festgestellt worden sei, dass die Behandlung von Kindern mit Wachstumshormon auch bedeutsame Komplikationen haben könne. Insofern sei eine kritische Indikationsstellung zur Behandlung mit Wachstums
hormon erforderlich
(S. 1 f.)
. Prof.
C._
,
D._
,
habe mit dem RAD Bern eine Liste von diagnostischen Merkmalen zusammengestellt,
die von den Antragstellern zu Geburtsgebrechen
Ziff.
462
GgV
-Anhang
berücksichtigt wer
den solle. Ein Grenzwert werde in dieser Liste nicht angegeben. In der Liste sei noch auf die internationale Guideline 2010 verwiesen worden, die 2016 aktuali
siert worden sei.
Eine vehemente Verteidigung des Grenzwertes von 10
μg/l
sei aus diesem gemeinsamen Protokoll nicht ersichtlich.
Sie habe vielmehr gemein
sam mit einer internationalen Studiengruppe darauf hingewiesen, dass die Be
handlung mit Wachstumshormon bei Kindern, die vorher eine tumorbedingte Bestrahlung
gehabt hätten, zu einer extremen Erhöhung des Risikos von
Meninge
omen
geführt habe (S. 2 Mitte).
Da seit dem Urteil
des Kantonsgerichts
Zug vom 2
6.
August 2010 relevante aktuellere Leitlinien und Studien erschienen
seien, seien die im Urteil zitierten Grenzwerte 11 Jahre später nicht mehr massgeblich
(S.
2 unten).
Aus versicherungsmedizinischer Sicht könne weiterhin von dem Grenzwert
<
8
μg/l
ausgegangen werden. Leistu
ngsansprüche nach
Ziff.
462
GgV
-Anhang
seien nicht ausgewiesen, da zusätzlich die IGF
-
1-Werte mit 1.75
sd
nicht krankhaft
niedrig
gewesen seien und die weiteren klinischen, hormonellen und rönt
g
enologischen Befunde in der Stellungnahme des RAD vom 1
2.
Februar 2018 berücksichtigt worden seien
(S. 3)
.
3.
7
Nach Verfügungserlass führte Prof.
A._
mit Eingabe vom 2
1.
Oktober 2019
(Urk. 11)
au
s, es werde zur Hauptsache mit
der Guideline in
Horm
Res
Paediatr
2016 argumentiert. Diese Arbeit sei 35 Seiten lang und werde von den Referenten der Beschwerdegegnerin sehr selektiv verwendet. Vor kurzem seien noch neue Guidelines erschienen. Diese gingen in die gleiche Richtung, seien aber konkreter. Zusammenfassend
aus beiden Publikationen
sei
zu schliessen
, dass
für die Diag
nose die klinischen Befunde wie Grösse, Wachstumsgeschwindigkeit, Knochen
reifungsverzögerung, Gewicht pro Grösse relevant seien. Alle diese klinischen Parameter sprächen vorliegend für einen Wachstumshormonmangel der Versi
cherten. An zweiter Stelle komme die Bestimmung des IGF-
1.
Insbesondere Werte unter -1 SDS seien mit einem Wachstumshormonmangel gut vereinbar. Der IGF
1
Wert der Versicherten liege weiter unter 0 SDS, nämlich bei -1.75 SDS. Beide Arbeiten sprächen sich dafür aus, die Grenzwerte in den
Wachstumshormonteste
n zu senken. Aber diese Senkung des Grenzwerts sei nur dann möglich, wenn die Nachweismethoden des Wachstumshormons (Assay) genau standardisiert seien, weil die Resultate teilweise weit
auseinanderlägen
(S. 1).
D
ie Situation sei zurzeit sehr willkürlich, indem
nur im Einzugsgebiet des RAD in
H._
und auch nur in einzelnen Fällen ganz einseitig auf einen neuen Grenzwert von 8
μg/l
abgestellt werde. In der übrigen Schweiz akzeptiere die Invalidenversicherung weiterhin die 10
μg/l
Grenze (S. 2 oben).
Die
Grenzwerte der Wachstumshormonteste würden
diskutiert
werden
und es
sei
sinnvoll
,
diese anzupassen, aber erst dann, wenn in der Schweiz auch die Nach
weismethoden für die Wachstumshormon-Bestimmungsmethoden harmonisiert
worden seien
. Die Ungenauigkeit der Bestimmungsmethoden sei so gross, dass
die
vorläufige Beibehalt
ung
des Grenzwertes von 10
μg/l
vor grossen Ungerech
tigkeiten schütze
.
Prof.
F._
sei nicht Facharzt für pädiatrische Endokrinologie. Seine Publikationen beträfen praktisch ausschliesslich Fragen um den Schlaf von Säuglingen und Kleinkindern (S. 2
Mitte
).
Es werde auf ein Protokoll von Prof
.
C._
verwiesen, das ihm nicht zur Verfü
gung stehe
,
und von welchem niemand die konkrete Fragestellung kenne. Er habe sich mehrmals mit
Prof.
C._
zu diesem Thema unterhalten und es würde wahr
scheinlich gescheiter sein,
sie
direkt um eine Stellungnahme zu bitten. Aus der Schilderung des Protokolls würde aber hervorgehen, dass die Diagnose eines
Wachstumshormonmangels ein Puzzle darstelle. Es könne
nicht sein, dass - und genau das bezwecke der RAD - nur noch auf die Laborwerte der Wachstumshor
monstimulationstest abgestellt werde
(S. 2 f.)
.
3.
8
Prof.
A._
berichtete am
3
1.
Oktober 2019 (Urk. 16)
über eine
gleichentags durchgeführte Untersuchung,
und führte aus, die Versicherte werde seit rund drei Monaten mit Wachstumshormon behandelt. Die Wachstumsgeschwindigkeit vor Behandlung habe 3.2 cm pro Jahr betragen. In den ersten drei Behandlungsmo
naten sei sie nun auf erfreuliche 9.8 cm pro Jahr angestiegen. Es sei allerdings noch etwas früh, um den Erfolg definitiv beurteilen zu können (S. 1).
3.
9
Prof.
A._
berichtete am 2
7.
Januar 2020 (Urk. 21) über eine gleichentags durchgeführte Untersuchung und führte aus, die Versicherte werde nun seit rund sechs Monaten mit Wachstumshormon behandelt. In dieser Zeit sei sie 6 cm ge
wachsen. Dies entspreche einer sehr deutlichen Zunahme der Wachstumsge
schwindigkeit auf aktuelle 10.2 cm pro Jahr. Während des ganzen
Jahres
vor Behandlung habe diese nämlich im Durchschnitt nur 3.0 cm pro Jahr betragen. Mit anderen Worten wachse die Versicherte unter der Wachstumshormonbehand
lung 3.5 Mal schneller als vorher. Es sei klar, dass bei der Versicherten ein sub
stitutionsbedürftiger Wachstumshormonmangel bestehe. Der Erfolg der Wachs
tumshormonbehandlung
sei
das letzte Puzzle-Teil der Diagnose (S. 1 f.).
3.10
Mit Stellungnahme vom 1
0.
Februar 2020
(Urk. 23)
führte
Prof.
Dr.
med.
C._
, Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin,
D._
,
im Wesentli
chen
aus,
in Bern sei
2016 ein gemeinsames Meeting einberufen
worden
, zur Fragestellung
,
welche Informationen/Unterlagen für einen Antrag um Kosten
übernahme
der Geburtsgebrechen
Ziff.
462
GgV
-Anhang
(Wachstumshormon
therapie) für eine möglichst objektive Beurteilung notwendig
seien
. Daraus
habe
eine Liste zum formalisierten Einreichen dieser Unterlagen
resultiert.
Eine genaue Angabe zur Wachstumshormontestung, i
nsbesondere ein diagnostischer Cu
t off Wert für den Wachstumshormonanstieg bei der Testung
,
fehl
e
darin bewusst, weil
man sich
geeinigt habe, dass
man sich
auf die in der Schweiz zu diesem Zeitpunkt gültigen und aktuell immer noch gültigen internationalen Richtlinien zur B
e
handlung mit
Wachstumshormon berufe
. Damals
seien
es die Richtlinien 2010
gewesen
, diese
seien
2016 rev
i
diert
worden
(S. 2
Mitte
)
.
Im Rahmen
eines Gesprächs mit der IV-Stelle Bern habe sie
klar darlegen
können
, d
ass in der Beurteilung die
GH
-Testung
(
growth
hormone
= Wachstumshormon)
aktuell überbewertet
werde
und die
auxiologischen
Daten ebenso wichtig
seien
. Dies
entspreche
den internationalen Richtlinien. Dort
werde
auf Seite 369
mit hoher Evidenz darauf hingewiesen, dass die Testung der Wachstumshormonsek
retion nicht als einziges Kriterium für die Diagnose eines Wachstumshormon
mangels verwendet werden soll, da diese Testung sehr variable Resultate liefer
e
und entsprechend der Gesamtsituation nicht gerecht werden
könne
. Insbesondere soll den
auxiologischen
Untersuchungen und dem Gesamtbild mehr Raum zuge
sprochen werden.
Tatsache
sei
, dass
man sich
mit der IV-Stelle des Kantons Bern dahingehen
d
geeinigt haben, dass Werte zwischen 8 und 10 als Graubereich an
gesehen werden könn
t
en, da natürlich -
je tiefer der Peak in der Testung
sei
- umso wahrscheinlicher ein schwerer Wachstumshormonmangel
werde
. Trotzdem
könne
aber ein Wachstumshormonmangel bei Werten auch um 10
mcg
/l nicht völlig ausgeschlossen werden. Mit der IV-Stelle Bern
seien sie
Ende Jahr 2019 übereingekommen, dass in diesem Grenzbereich nun neu die Kostenübernahme für einen Behandlungsversuch über 18 Monate durch die
Invalidenversicherung
gesprochen
werde
, sofern die
auxiologischen
Daten klar dem Bild eines Wachs
tumshormonmangels entspr
ä
chen. Nach dieser Zeitspanne
müsse
der Arzt die Wirksamkeit der Behandlung nachweisen,
damit das Weiterführen der The
rapie durch die
Invalidenversicherung
bewilligt / weiterhin vergütet
werde
. Diese Ver
einbarung
sei
auch vom Vorstand der Schwe
izerischen Gesellschaft für pädiatri
sche
Endokrinologie/Diabetologie gutgeheissen
worden und entsprechend an die
IV-Stelle Bern zurückgemeldet
worden
. Gemäss mündlicher Aussage
einer Mitar
beiterin der IV-Stelle Bern
vor Weihnachten 2019 soll diese Vereinbarung von der IV Schweiz übe
rnommen und entsprechend im Früh
jahrsbrief kommuniziert werden
(S. 2
unten
)
.
Vorliegend h
and
le
es
sich
wahrscheinlich
um einen idiopathischen GH-Mangel
(= Wachstumshormon-Mangel)
mit GH-Testung
(= Wachstumshormon-Testung)
im Graubereich. Der Behandlungsversuch
laufe
; ob erfolgreich, bleib
e
abzuwar
ten. Basierend auf den diskutierten Grundlagen und den mit der IV
-
Stelle Bern neu erarbeiteten Beurteilungskriterien könnte man nun die Behandlungsdauer von 18 Monaten abwarten und danach die Wirksamkeit der Therapie prüfen
.
Ent
sprechend
könnte die IV dann die Weiterbehandlung finanzieren oder nicht. Es lieg
e
ihr
fern, hier abschliessend zu urteilen
(S. 3 oben)
.
Zusammenfassend führte Prof.
C._
aus, sie verteidige die internationalen Richt
linien, die 2016 überarbeitet
worden seien,
vehement. Darin finde eine Beurtei
lung der Wachstumshormontestungen und deren Interpretation sowie deren Grenzwerte statt. Entsprechend
könne
der Bereich zwischen 8 und 10
mcg
/l als
Grenzzone
angesehen werden.
Das Paper
bezüglich
Wachstumshormon und Krebsrisiko, bei dem
sie
Co-Autorin
sei, könne
bei der Beurteilung dieses Falles eines idiopathischen Kleinwuchses nicht herangezogen werden. Der Zusammen
hang
sei
falsch.
Der Einwand von Prof.
A._
, dass die Einschätzung eines Wachstumshormonmangels ein Puzzle
sei
, erachte
sie
, auch mit dem Hintergrund der internationalen Richtlinien, die das klar untermauer
te
n, als gegeben. Eben
falls
sei
es richtig, dass die Laboruntersuchungen diesbezüglich nur Hinweise und keine Beweise liefer
te
n,
insbesondere,
wenn diese im Grenzbereich
lägen
. Sie
seien
weder beweisend für noch gegen einen vorliegenden
Wachstumshormon
m
angel
(S. 3 Mitte)
.
4.
4.1
Laut
Rz
462 des Kreisschreibens des Bundesamtes für Sozialversicherungen (BSV) über die medizinischen Eingliederungsmassnahmen (KSME, in der seit
1.
Januar 2019
gültigen Fassung) kann bei angeborenen Störungen der
hypothalamohypo
physären
Funktion (
hypophysärer
Kleinwuchs, Diabetes
insipidus
,
Prader
-Willi-Syndrom und
Kallmann
-Syndrom) eine Behandlung mit Wachstumshormon nur bei nachgewiesenem Wachstumshormonmangel übernommen werden. Der Wachs
tumshormonmangel muss lege
artis
im längeren Verl
auf nachvollziehbar erfolgen.
Um den Nachweis eines Wachstumshormonmangels zu erbringen, werden bei Kindern verschiedene Tests durchgeführt (Grössenvergleich mit dem Altersdurch
schnitt sowie Relation der Grösse des Kindes zur Grösse der Eltern; Bestimmung des IGF-1-Wertes im Blut und seines Bindungsproteins IGFBP-3; Stimula
tions
tests mit
Clonidin
, Arginin oder mit Insulin; Urteil des Bundesgerichts 9C_403/2009 vom 1
0.
November 2009 E. 6.2).
4.
2
Die Funktion interner
RAD-Berichte besteht darin, aus medizinischer Sicht –
ge
wissermassen als Hilfestellung für die medizinischen Laien in Verwaltung und Gerichten, welche in der Folge über den Leistungsanspruch zu entscheiden ha
ben
–
den medizinischen Sachverhalt zusammenzufassen und zu würdigen, wozu na
mentlich auch gehört, bei widersprüchlichen medizinischen Akten eine Wer
tung vorzunehmen und zu beurteilen, ob auf die eine oder die andere Ansicht abzu
stellen oder aber eine zusätzliche Untersuchung vorzunehmen sei. Sie wür
di
gen die vorhandenen Befunde aus medizinischer Sicht (Urteil des Bundes
gerichts 9C_406/2014 vom 31. Oktober 2014 E. 3.5 mit Hinweisen).
4.
3
In Bezug auf Berichte von Hausärztinnen und Hausärzten wie überhaupt von behandelnden Arztpersonen beziehungsweise Therapiekräften ist auf die Erfah
rungstatsache hinzuweisen, dass diese mitunter im Hinblick auf ihre auftrags
rechtliche Vertrauensstellung in Zweifelsfällen eher zu Gunsten ihrer Patientin
nen und Patienten aussagen (BGE 135 V 465 E. 4.5, 125 V 351 E. 3b/cc).
4.
4
Vorliegend diagnostizierte der Spezialist Prof.
A._
eine isolierte
hypophysäre
Insuffizienz mit Wachstumshormonmangel. Er stützte sich dabei auf Grössenver
gleiche und hielt dazu fest,
d
er
Wa
chstumsverlauf sei unter der 3.
Perzentile, die Wachstumsgeschwindigkeit sei zu
niedrig
und es bestehe eine Verzögerung der Knochenreifung. Zudem führte Prof.
A._
Stimulationstesten, nach Arginin, durch, welche einen ungenügenden Anstieg des Wachstumshormons
ergaben. Schliesslich ergab
eine Bestimmung des IGF-1-Wertes, dass
dieser niedrig war
(vorstehend E. 3.1)
.
4.5
Es kann aufgrund der Berichterstattung de
s
behandelnden Fach
arztes
davon aus
gegangen werden, dass die erforderlichen Tests bei der Versicherten lege
artis
durchgeführt wurden. Dies wird von der Beschwerdegegnerin nicht bestritten. Zwischen
dem behandelnden Facharzt
und dem RAD-Arzt besteht indessen Un
einigkeit darüber, wie die Resultate der durchgeführten Tests zu werten sind und insbesondere welche Richtlinien bei der
Bestimmung
der
Grenzwert
e
von Wachs
tumshormonstimulationsteste
n
massgebend sind.
4.
6
Vorliegend stellte
die Diagnose des Wachstumsmangels mit Prof.
A._
e
in Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin,
welcher über
eine Zusatzqualifika
tion
für pädiatrische Endokrinologie-Diabetologie
verfügt
(vgl.
www.medre
gon.admin.c
h
),
der das gesamte Krankheitsbild der
Versicherten
be
urteilen konnte und die geeigneten Tests durchgeführt hat
.
Der RAD-Arzt Prof.
F._
verfügt im Unterschied zu
Prof
.
A._
nicht
über eine Zusatzqualifika
tion für pädiatrisc
he Endokrinologie-Diabetologie und nahm eine reine Aktenbe
urteilung vor.
Obschon i
m Unterschie
d zu früheren KSME-Fassungen
nicht mehr vorgeschrie
ben
ist
, dass in Zweifelsfä
llen an das BSV zu gelangen sei, liess
der RAD-Arzt
Prof.
F._
das
Bundesamt für Sozialversicherungen BSV anfragen, welche Cut-Off-Werte im Zusammenhang mit der üblichen Kleinwuchs-Diagnostik im Be
rei
ch der Invalidenversicherung
für die Anerkennung von Leistungsansprüchen nach
Ziff.
462
GgV
-Anhang
gelten sollten
(vorstehend E.
3.2)
.
Das BSV teilte je
doch mit, es
gebe keine Cut-Off-Werte im Zusammenhang mit der Kleinwuchs-Diagnostik an.
4.7
Prof.
A._
stellte sich auf den Standpunkt,
Wachstumshormonstimulations
teste würden nicht annähernd ein exaktes Abbild der Wachstumshormonproduk
tion ergeben. Niemand wisse sicher, was mit diesen
unphysiologischen
Testen wirklich geprüft werde. Deshalb brauche es einigermassen grosszügige Grenz
werte
.
International gesehen gelte in vielen Ländern weiterhin der Grenzwert von 10 μg/l.
Zudem blieben d
ie meisten Kantone bei der 10 μg/l-Grenze, wie sich bei einer Diskussion mit Prof.
C._
gezeigt habe, und welche die 10 μg/l-Grenze als international gebräuchlich vehement verteidige
(vorstehend E.
3.5).
D
ie Diagnose eines Wachstumshormonmangels
stelle
ein Puzzle da
r
. Es könne nicht sein, dass - und genau das bezwecke der RAD - nur noch auf die Laborwerte der Wachs
tumshormonstimulationstest
e
abgestellt werde
(vorstehend E. 3.7)
.
Prof.
F._
vertrat hingegen die Ansicht,
e
ine vehemente Verteidigung des Grenzwertes von 10 μg/l
durch Prof.
C._
sei nicht ersichtlich.
Prof.
C._
habe vielmehr gemein
sam mit einer internationalen Studiengruppe darauf hingewiesen, dass die Be
handlung mit Wachstumshormon bei Kindern, die vorher eine tumorbedingte Bestrahlung gehabt hätten, zu einer extremen Erhöhung des Risik
os von
Menin
ge
omen
geführt habe. A
us versicherungsmedizinischer Sicht könne von dem Grenz
wert
<
8
μg/l
ausgegangen werden
(vorstehend E. 3.6)
.
Nachdem
wiederholt auf Äusserungen von Prof.
C._
Bezug genommen
wurde,
ersuchte das hiesige Gericht
diese
um eine Stellungnahme
(
E. 3.10
)
.
Prof.
C._
gab
in der Folge
Prof.
A._
recht,
wonach
sie die internationalen Richtlinien, die 2016 überarbeitet worden seien, vehement verteidige.
Sie legte schlüssig dar, in den
internationalen Richtlinien
finde eine Beurteilung der Wachstumshormon
testungen und deren Interpretation sowie deren Grenzwerte statt. Entsprechend könne der Bereich zwischen 8 und 10
mcg
/l als
Gr
auzone
angesehen werden.
Gleichzeitig widersprach sie
Dr.
F._
, indem sie darauf hinwies, dass d
as Paper bezüglich Wachstumshormon und Krebsrisiko, bei dem sie Co-Autorin sei, bei der Beurteilung dieses Falles eines idiopathischen Kleinwuchses nicht herangezogen werden könne. Der Zusammenhang sei falsch.
Weiter führte Prof.
C._
mit Ver
weis auf
internationale Richtlinien
nachvollziehbar
aus
, die Testung der Wachs
tumshormonsekretion
solle
nicht als einziges Kriterium für die Diagnose eines Wachstumshormonmangels verwendet werden, da diese Testung sehr variable Resultate liefere und entsprechend der Gesamtsituation nicht gerecht werden könne. Insbesondere soll
e
den
auxiologischen
Untersuchungen und dem Gesamt
bild mehr Raum zugesprochen werden.
Prof.
C._
gab
Prof.
A._
ausdrück
lich
recht
, dass die Einschätzung eines Wachstumshormonmangels ein Puzzle sei,
dies
auch mit dem Hintergrund der internationalen Richtlin
ien, die das klar un
termauerten
.
Ebenfalls sei es richtig, dass die Laboruntersuchungen diesbezüglich nur Hinweise und keine Beweise liefern
würden
, insbesondere, wenn diese im Grenzbereich lägen. Sie seien weder beweisend für noch gegen einen vorliegen
den
Wachstumshormonm
angel
.
4.8
Bei dieser Aktenlage überzeugt es nicht, dass die Beschwerdegegnerin einen An
spruch auf medizinische Massnahmen in Form von Wachstumshormonbehand
lungen hauptsächlich mit Verweis auf einen
Grenzwert von <8 μg/l
verneint. Vielmehr ist gestützt auf die nachvollziehbaren Ausführungen des behandelnden Facharztes Prof.
A._
und die schlüssig begründete Stellungnahme von Prof.
C._
davon auszugehen, dass
Laboruntersuchungen
nur Hinweise und keine Be
weise
für einen Wachstumshormonmangel
liefern, insbesondere, wenn
die Werte
im Grenzbereich
liegen
.
Die
Diagnose eines Wachstumshor
monmangels
stellt
ein Puzzle dar.
D
abei
sind
die Puzzleteile dieser Diagnose
der Wachstumsverlauf mit einer über längeren Zeit ungenügenden Wachstumsgeschwindigkeit, das niedrige IGF
-
1
, die verzögerte Knochenreifung und schliesslich auch der ungenügende Anstieg des Wachstumshormons auf 9.56, respektive 8.60 μg/l
(vgl. vorstehend E. 3.5).
Schliesslich zeigte die nach Verfügungserlass begonnene Wachstumshor
monbehandlung (vgl. vorstehend E. 3.8 f.), dass
die Versicherte unter der Wachs
tumshormonbehandlung 3.5 Mal schneller als vorher
wuchs
, wozu Prof.
A._
nachvollziehbar feststellte, dass
d
er Erfolg der Wachstumshormonbehandlung das letzte
Puzzleteil
der Diagnose
eines
substitutionsbedürftige
n
Wachstumshor
monmangel
s sei (vorstehend E. 3.9).
4.
9
Nach dem Gesagten
ist der Nachweis für einen Wachstumshormonmangel lege
artis
erbracht worden und die Beschwerdegegnerin
hat
die
Kosten für die
Wachs
tumshormonbehandlung der
Versicherten
zu übernehmen.
In diesem Sinne ist die Beschwerde gutzuheissen und die angefochtene Verfügung aufzuheben.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens erübrigen sich Ausführungen zu der von der Versicherten geltend gemachten Verletzung der Abklärungspflicht durch die Be
schwerdegegnerin sowie zum Gleichbehandlungsgrundsatz.
5.
5.1
Die Gerichtskosten nach
Art.
69
Abs.
1bis
IVG sind auf
Fr.
700
.-- anzusetzen und ausgangsgemäss der unterliegenden Beschwerdegegnerin aufzuerlegen.
5.2
In Bezug auf die Frage nach der Kostentragung
der
medizinische
n
Stellungnahme von Prof.
C._
vom 1
0.
Februar 2020 (
Urk.
23) in der Höhe von
Fr.
2’697.05 (
Urk.
26
)
ist festzuhalten, dass die
gerichtlichen Abklärungskosten
der Ver
waltung auferlegt werden können, wenn ein Zusammenhang zwischen dem Unter
suchungsmangel seitens der Verwaltung und der Notwendigkeit, eine Ge
richts
expertise anzuordnen
,
besteht. Dies ist unter anderem der Fall, wenn die Verwal
tung zur Klärung der medizinischen Situation notwendige Aspekte un
beantwortet gelassen oder auf eine Expertise abgestellt hat, welche die An
forderungen an eine medizinische Beurteilungsgrundlage nicht erfüllt (BGE 140
V
70 E. 6.1 mit Hin
weisen).
Der behandelnde Facharzt Prof.
A._
und der RAD-Arzt Prof.
F._
argu
mentierten mit Äusserungen von Prof.
C._
und widersprachen sich dabei in wesentlichen Punkten.
In Nachachtung ihrer Abklärungspflicht gemäss
Art.
43 ATSG wäre es an der Beschwerdegegnerin gewesen, diesbezüglich
zur Klärung der medizinischen Situation
eine ergänzende medizinische Stellungnahme einzu
holen.
Dies umso mehr, da Prof.
F._
im Gegensatz zu Prof.
A._
nicht
über eine Zusatzqualifikation für pädiatrische Endokrinologie-Diabetologie verfügt
.
Demnach sind d
ie Kosten für die medizinische Stellungnahme
von Prof.
C._
vom 1
0.
Februar 2020 (
Urk.
23) in der Höhe von
Fr.
2
’
697.05
(
Urk.
26
) der Be
schwerdegegnerin aufzuerlegen.
5.
3
Nach
§
34
Abs.
1
des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht (
GSVGer
)
hat die obsiegende Beschwerde führende Person Anspruch auf Ersatz der Parteikos
ten. Diese werden ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache, der Schwierigkeit des Prozesses und dem Mass des Obsiegens bemes
sen (
§
34
Abs.
3
GSVGer
)
und sind beim praxisgemässen Stundenansatz von
Fr.
185
.-- (ohne
MWSt
) auf
Fr.
1'
7
00.-- (inkl.
MWSt
und Auslagenersatz) festzu
setzen.
5.4
Die Eltern der Versicherten beantragten, die IV-Stelle sei zu verpflichten, die Kos
ten für die fachmedizinische Stellungnahm
e von Prof.
A._
vom 9.
Mai 2019 (vorstehend
E. 3.5) gemäss
Art.
45 ATSG zu übernehmen, da diese für die Beur
teilung des Leistungsanspruchs der Versicherten unerlässlich sei (vorstehend E.
2.2). Die Kosten belaufen sich gemäss Honorarrechnung von Prof.
Dr.
A._
vom
5.
Juli 2019 auf
Fr.
1'080.-- (
Urk.
3).
Nach der Rechtsprechung sind unter dem Titel Parteientschädigung auch die Kos
ten privat eingeholter Gutachten zu vergüten, soweit die Parteiexpertise für die
Entscheidfindung
unerlässlich war (BGE 115 V 62 E. 5c S. 63; RKUV 2000 Nr.
U
362 S. 44 E. 3b, U 360/98, Nr. U 395 S. 322 E. 7a, U 160/98; Urteil des ehemaligen Eidgenössischen Versicherungsgerichts I 591/06 vom 1
5.
Dezember 2006, E. 5.1). Dieser Grundsatz ist für das Verwaltungsverfahren ausdrücklich in
Art.
45
Abs.
1 ATSG festgehalten (
Kieser
, ATSG-Kommentar,
3.
Auflage, 2015,
Rz
21 zu
Art.
45
, mit Hinweisen)
.
Hauptsächlich
aufgrund der von Prof.
F._
abweichenden Schlussfolgerungen von Prof.
A._
hat das
hiesige
Gericht
bei Prof.
C._
eine Stellungnahme
eingeholt,
welche
die
Beurteilung
von
Prof.
A._
stützt.
Die Stellungnahme von Prof.
A._
enthält
sac
hdienliche medizinische Angaben.
Das Einholen
dieser Stellungnahme
drängte sich im Hinblick auf die Interessenwahrung der
Versicherten
auf. Bei den Kosten für
die Stellungnahme
von Prof.
A._
vom
9.
Mai 2019
handelt es sich somit um notwendige Kosten. Auch
betreffend Höhe
lässt sich das in Rechnung gestellte Honorar von
Fr.
1'080
.
--
(inkl. Mehrwert
steuer)
nicht beanstanden
.
Die Beschwerdegegnerin ist entsprechend zu verpflich
ten, der
Beschwerdeführerin
diese Kosten zu ersetzen.