Decision ID: 56ffaf47-da44-5588-bed6-ec188b1f9342
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Die Beschwerdeführerin suchte erstmals am 23. Juni 2015 in der
Schweiz um Asyl nach.
Dabei machte sie geltend, sri-lankische Staatsangehörige tamilischer
Ethnie zu sein und aus B._, Distrikt C._, zu stammen. Zu
den Gründen ihrer Ausreise brachte sie vor, ihr Bruder D._, der sich
ebenfalls in der Schweiz aufhalte, habe Sri Lanka bereits 2012 verlassen,
weil Mitglieder einer unbekannten Gruppierung ihn zwangsweise hätten
rekrutieren wollen. Nach seiner Ausreise seien die Beschwerdeführerin
und ihre Familie ständig durch Unbekannte zum Verbleib ihres Bruders
befragt worden. Während der letzten Befragung vom 16. Juni 2015 hätten
sie vier Männer sexuell belästigt. Tags darauf sei sie nach E._
gereist und habe von dort aus auf dem Luftweg ihr Heimatland verlassen.
A.b Mit Verfügung vom 26. Mai 2016 erachtete das SEM die Schilderungen
der Beschwerdeführerin zu den vorgebrachten Belästigungen als nicht
glaubhaft gemacht im Sinne von Art. 7 AsylG (SR 142.31). Zudem weise
sie allein wegen ihrer Zugehörigkeit zur tamilischen Ethnie, ihrer
Landesabwesenheit und ihres Alters noch kein Profil auf, welches eine
Gefährdung im Sinne von Art. 3 AsylG zu begründen vermöge. Die
Beschwerdeführerin erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht. Das SEM
lehnte ihr Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz
sowie den Vollzug der Wegweisung an.
A.c Gegen den Entscheid des SEM vom 26. Mai 2016 erhob die
Beschwerdeführerin durch ihre damalige Rechtsvertreterin am 26. Juni
2016 Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht.
Im Wesentlichen wurde dabei dargelegt, die Beschwerdeführerin habe
diverse Details der Belästigungen und weitere sexuelle Übergriffe durch –
wie sich herausgestellt habe – Angehörige des CID (Criminal Investigation
Department), die nach ihrem Bruder gesucht hätten, verschwiegen. Einmal
habe sie sich mittels Selbstverletzungen vor einem solchen Übergriff zu
schützen versucht. Davon trage sie Narben am (...). Durch zwei Briefe ihrer
Mutter habe sie ausserdem von Verbindungen ihres Vaters zu den LTTE
(Liberation Tigers of Tamil Eelam) sowie davon erfahren, dass eine
E-5779/2019
Seite 3
Cousine mütterlicherseits aktives Mitglied dieser Organisation gewesen
sei. Da die Familie eher wohlhabend sei, habe der Vater zudem Bekannte
und Verwandte aus der Gefangenschaft freigekauft.
A.d Mit Urteil E-4019/2016 vom 19. Oktober 2017 wies das Bundesver-
waltungsgericht die Beschwerde vom 26. Juni 2016 ab.
Es bestätigte die Einschätzung des SEM, dass die geltend gemachten
Vorfluchtgründe unglaubhaft seien. Die auf Beschwerdeebene erwähnten
Details zu den angeblichen Belästigungen sowie die Unterstützungs-
leistungen des Vaters für die LTTE erachtete das Gericht im
Gesamtkontext als nachgeschobene Sachvorbringen. Das Gericht
verneinte, dass die Beschwerdeführerin aufgrund ihres Profils bei einer
Rückkehr ernsthafte Nachteile zu gewärtigen habe.
B.
B.a Am 2. Februar 2018 reichte die Beschwerdeführerin, handelnd durch
den rubrizierten Rechtsvertreter, ein zweites Asylgesuch respektive erstes
Mehrfachgesuch ein. Dem Gesuch lagen zahlreiche Beweismittel bei.
Zur Begründung wurde hauptsächlich vorgebracht, sowohl das SEM als
auch das Bundesverwaltungsgericht seien zu Unrecht von der Unglaub-
haftigkeit der Fluchtvorbringen ausgegangen; dies insbesondere auch
mangels Beizugs der Akten des Bruders respektive Koordination mit
dessen Asylverfahren. Die Beschwerdeführerin habe massive Narben am
(...), was bei einer Rückkehr nach Sri Lanka die Aufmerksamkeit der
zuständigen Behörden erwecken und zu einer Verfolgung führen werde. Im
Lichte neuerer Entwicklungen seien auch die Verbindungen der Familie zu
den LTTE neu zu würdigen. Schliesslich sei davon auszugehen, dass die
sri-lankischen Behörden aufgrund der vom SEM im Zusammenhang mit
der Vorbereitung des Wegweisungsvollzugs übermittelten Daten einen
Backgroundcheck vornehmen würden und die Beschwerdeführerin
deshalb bei einer Rückkehr an Leib und Leben gefährdet sei.
B.b Mit Verfügung vom 21. Februar 2018 stellte die Vorinstanz fest, die
Beschwerdeführerin erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte ihr
Mehrfachgesuch ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz sowie
den Vollzug der Wegweisung an.
E-5779/2019
Seite 4
Zur Begründung führte das SEM insbesondere aus, die Narben auf dem
(...) der Beschwerdeführerin seien nicht geeignet, ein Risikoprofil zu
begründen. Die Vorbringen des Bruders in dessen Asyl- und
Mehrfachgesuch stünden in keinem Zusammenhang mit den von ihr neu
geschilderten Gründen. Die dem sri-lankischen Generalkonsulat zum
Zwecke der Ersatzpapierbeschaffung ausgehändigten Daten würden zu
keinem Zeitpunkt die Datenschutzbestimmungen gemäss dem
Migrationsabkommen beziehungsweise der nationalen Gesetzgebung
verletzen. Die zahlreichen als Beweismittel eingereichten Berichte würden
keinen direkten Bezug zur Beschwerdeführerin aufweisen und folglich
keinen Aufschluss über ein allfälliges Risikoprofil respektive eine damit
verbundene Gefährdung ergeben.
B.c Eine gegen die Verfügung vom 21. Februar 2018 namens der
Beschwerdeführerin durch den Rechtsvertreter erhobene Beschwerde –
welcher zahlreiche Beweismittel beigelegt wurden – wies das
Bundesverwaltungsgericht mit Urteil E-1931/2018 vom 10. Juli 2018 ab.
Das Gericht stützte den vorinstanzlichen Entscheid und führte unter
Hinweis auf BVGE 2017 VI/6 insbesondere aus, dass nur aufgrund der
Datenübermittlung der schweizerischen Behörden an die sri-lankischen
Behörden und der Nennung des (unglaubhaften) Ausreisegrundes
anlässlich einer allfälligen Vorsprache auf dem sri-lankischen
Generalkonsulat bei einer Rückkehr nach Sri Lanka nicht mit einer
asylrelevanten Verfolgung zu rechnen sei. Ein Fluchtgrund habe auch in
diesem Verfahren nicht glaubhaft gemacht werden können; ebenso wenig
sei die Beschwerdeführerin einer der Risikogruppen gemäss dem
Koordinationsurteil des Bundesverwaltungsgerichts E-1866/2015 vom
15. Juli 2016 (publiziert als Referenzurteil) zuzurechnen.
C.
C.a Am 1. November 2018 reichte die Beschwerdeführerin durch ihren
Rechtsvertreter bei der Vorinstanz ein drittes Asylgesuch respektive zwei-
tes Mehrfachgesuch ein und beantragte unter anderem, zu den neuen Vor-
bringen angehört zu werden.
Zur Begründung wurde – unter Beilegung diverser Dokumente – im
Wesentlichen auf eine Vorladung der TID (Terrorism Investigation Division)
vom 22. August 2018 verwiesen und geltend gemacht, die
Beschwerdeführerin werde in ihrem Heimatstaat weiterhin verfolgt und
E-5779/2019
Seite 5
gesucht. Auch ihr Bruder habe eine solche Vorladung erhalten. Die Gründe
der aktuellen Verfolgung würden in der LTTE-Vergangenheit ihrer Familie
liegen. Ferner habe sich die politische Lage in Sri Lanka in jüngster Zeit
verschlechtert, was zu einer erhöhten Verfolgungsgefahr für tamilische
Rückkehrende führen würde.
C.b Mit Verfügung vom 12. November 2018 lehnte das SEM unter
Verneinung der Flüchtlingseigenschaft das Mehrfachgesuch der
Beschwerdeführerin vom 1. November 2018 ab. Zudem ordnete es die
Wegweisung aus der Schweiz an und beauftragte den zuständigen Kanton
mit dem Vollzug.
Das SEM hielt in der Begründung insbesondere fest, es sei davon
auszugehen, dass es sich bei der Vorladung der TID vom 22. August 2018
um eine Fälschung handle. Deren Inhalt sei nicht nachvollziehbar, zumal
sich die Beschwerdeführerin in dem in der Vorladung erwähnten
Aussagezeitpunkt bereits in der Schweiz aufgehalten habe. Zwar habe sich
die politische Lage in Sri Lanka seit dem letzten Urteil des
Bundesverwaltungsgerichts verändert. Hinweise für eine begründete
Furcht vor Verfolgung für zurückkehrende Tamilen und Tamilinnen aus dem
Ausland seien aber zu verneinen. Eine gezielte Verfolgung der
Beschwerdeführerin würde nicht vorliegen. Sie weise kein Risikoprofil auf.
C.c Mit Eingabe vom 21. Dezember 2018 erhob die Beschwerdeführerin
handelnd durch ihren Rechtsvertreter – und unter Einreichung zahlreicher
Beweismittel – Beschwerde gegen die Verfügung des SEM vom
12. November 2018.
Darin wurde der bis anhin dargelegte Sachverhalt wiederholt und moniert,
die Vorinstanz habe die Vorladung der TID vom 22. August 2018 als
Fälschung qualifiziert, ohne näher darauf einzugehen. Seit dem
26. Oktober 2018 habe sich die Lage in Sri Lanka zudem entscheidend
verändert, was das SEM nicht berücksichtigt habe.
C.d Mit Urteil E-7296/2018 vom 1. Februar 2019 wies das Bundesver-
waltungsgericht die Beschwerde vom 21. Dezember 2018 ab.
Das Gericht schloss sich in seiner Begründung den Folgerungen des SEM
an und erwog insbesondere, der Vorladung der TID komme äusserst
geringer Beweiswert zu. Diese datiere zudem drei Jahre nach der
E-5779/2019
Seite 6
angeblichen Ausreise der Beschwerdeführerin. Mangels glaubhaft
gemachter Vorverfolgung erscheine kaum wahrscheinlich, dass die
Behörden 2018 ein Interesse an ihr gehabt hätten. Auch unter
Berücksichtigung der aktuellen politischen Situation in Sri Lanka weise die
Beschwerdeführerin kein Risikoprofil auf.
D.
D.a Mit Eingabe an das SEM vom 22. Februar 2019 ersuchte der Rechts-
vertreter namens der Beschwerdeführerin um Einsicht in die Vollzugsak-
ten, die in Zusammenhang mit der bevorstehenden Befragung der Be-
schwerdeführerin beim sri-lankischen Konsulat in Genf erstellt worden
seien. Eine solche Vorsprache sei beim heutigen System unüblich und
deute auf spezielle Probleme oder Fragestellungen hin, weshalb er das
SEM um Erklärung bitte.
D.b Mit Verfügung vom 25. Februar 2019 hielt das SEM fest, die Befragung
zur Feststellung der Nationalität und Identität entspreche der üblichen Vor-
gehensweise bei fehlenden oder unzureichenden Identitätsdokumenten.
Dem Rechtsvertreter wurde das Aktenverzeichnis der Vollzugsakten
zugestellt und Akteneinsicht gewährt, wobei die Einsicht in gewisse
Aktenstücke eingeschränkt erfolgte.
D.c Mit Schreiben vom 21. März 2019 reichte der Rechtsvertreter namens
der Beschwerdeführerin ein viertes Asylgesuch respektive drittes
Mehrfachgesuch beim SEM ein. Diesem lagen eine CD-ROM mit 91
Beilagen, darunter ein Länderbericht zu Sri Lanka vom 22. Oktober 2018
(inklusive 409 Beilagen) bei.
Das Folgegesuch wurde hauptsächlich damit begründet, die Beschwerde-
führerin sei am 27. Februar 2019 zur Vorsprache beim Generalkonsulat in
Genf vorgeladen worden, was in jenem Zeitpunkt nicht üblich gewesen sei.
Anlässlich der Vorsprache sei ein tamilisch sprechender Singhalese anwe-
send gewesen, der der Beschwerdeführerin Fragen gestellt und ein Proto-
koll erstellt habe. Es sei naheliegend, dass es sich bei ihm um einen Si-
cherheitsbeamten Sri Lankas handle. Der Beschwerdeführerin seien Fra-
gen zur Person, zu den Eltern und Geschwistern, ihrem Wohnort in Sri
Lanka, den Schulen, die sie dort besucht habe, ihren ehemaligen Arbeitge-
bern und zum Verbleib und Tätigkeit ihrer Brüder gestellt worden. Auch sei
nach dem Aufenthaltsstatus des in der Schweiz lebenden Bruders sowie
E-5779/2019
Seite 7
danach gefragt worden, wie respektive mit welchen Papieren die Be-
schwerdeführerin in die Schweiz eingereist sei. Da sie angegeben habe,
den Pass dem Schlepper abgegeben zu haben, sei naheliegend, dass der
sri-lankische Vertreter dies als Besitz illegaler Reisepapiere erachten
würde. Die Meldung dieses Tatbestands an die sri-lankischen Behörden
würde bei einer Rückkehr für die Beschwerdeführerin bedeuten, dass sie
verhaftet und aufgrund ihres sonstigen Gefährdungsprofils Opfer einer Ver-
folgung ausgesetzt würde. Dem Gespräch habe zudem eine Schweizerin
beigewohnt, welche sich nicht vorgestellt, bei der es sich aber wohl um
eine SEM-Mitarbeiterin gehandelt habe. Diese habe nur zugehört und an-
scheinend über keine Tamilisch-Kenntnisse verfügt. Am Ende des Ge-
sprächs habe der sri-lankische Vertreter die Beschwerdeführerin nach
draussen begleitet, wo ihr Bruder auf der Strasse auf sie gewartet habe.
Es sei naheliegend, dass der Vertreter habe wissen wollen, mit wem sie
angereist sei. Die Schweizerin sei indes im Büro verblieben, was darauf
hindeute, dass sie mit dem Vertreter noch eine Nachbesprechung abge-
halten habe.
Das Migrationsabkommen zwischen der Schweiz und Sri Lanka erlaube
gemäss Art. 16 Bst. c zwar die Übermittlung von Daten über besuchte
Schulen. Dies widerspreche aber Art. 97 Abs. 3 AsylG, da diese Norm ab-
schliessend die Daten aufzähle, die bei einem Vollzug übermittelt werden
dürften. Der Besuch von Schulen sei darin nicht enthalten. Art. 16 Bst. c
des Migrationsabkommens laufe sodann internationalen Menschenrechts-
verträgen zuwider, da sich aus der Bekanntgabe von Schulbesuchen eine
Verfolgungsgefahr ergebe. Art. 16 Bst c des Migrationsabkommens sei da-
her ungültig und nicht anwendbar.
In Zusammenhang mit der erfolgten Vorsprache auf dem Generalkonsulat
respektive der Ersatzpapierbeschaffung wurden zahlreiche Anträge an das
SEM gestellt, auf welche, soweit massgeblich, in den nachstehenden Er-
wägungen eingegangen wird.
Im Weiteren wurde im Mehrfachgesuch ein neuer rechtserheblicher Sach-
verhalt infolge der veränderten politischen und menschenrechtlichen Lage
in Sri Lanka seit der vorübergehenden Ernennung von Mahinda Rajapa-
ksas zum Premierminister im Oktober 2018 respektive dessen Rückkehr in
die Politik und in diesem Zusammenhang geltend gemacht, es bestehe
eine erhöhte Gefährdung für Risikogruppen. Das Risikoprofil der langjährig
E-5779/2019
Seite 8
landesabwesenden tamilischen Beschwerdeführerin, die über Narben ver-
füge, illegal ausgereist und durch die TID vorgeladen worden sowie Mit-
glied einer LTTE-Heldenfamilie sei, sei daher noch stärker zu gewichten
und ihr die Flüchtlingseigenschaft zuzusprechen. Die Flüchtlingseigen-
schaft würde sie überdies allein schon aufgrund ihrer Zugehörigkeit zur so-
zialen Gruppe der abgewiesenen tamilischen Asylsuchenden erfüllen, was
mithin durch zahlreiche Fälle von zurückgeschafften tamilischen Asylsu-
chenden belegt werde. Auch aufgrund ihres Geschlechts gehöre die Be-
schwerdeführerin einer sozialen Gruppe an, die in Sri Lanka gefährdet sei.
Dem SEM wurde schliesslich beantragt, für den Fall, dass es Zweifel an
den neuen Asylgründen hege, die Beschwerdeführerin anzuhören.
D.d Die Vorinstanz verfügte am 27. März 2019, dass einstweilen vom
Vollzug der Wegweisung der Beschwerdeführerin abgesehen werde und
allfällige Vorbereitungshandlungen (inklusive Papierbeschaffung) zu
sistieren seien. Am 19. Juli 2019 gewährte das SEM zudem Einsicht in die
Vollzugsakten. Die Einsicht in gewisse Aktenstücke wurde dabei
eingeschränkt gewährt.
D.e Am 25. September 2019 verfügte das SEM die Abweisung des
Mehrfachgesuchs, wies die Beschwerdeführerin aus der Schweiz weg und
ordnete den Vollzug der Wegweisung an.
Auf die vorinstanzlichen Ausführungen wird, soweit von Relevanz, in den
nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
D.f Am 4. November 2019 gelangte die Beschwerdeführerin handelnd
durch ihren Rechtsvertreter an das Bundesverwaltungsgericht und erhob
Beschwerde gegen die Verfügung des SEM vom 25. September 2019. Mit
der Rechtsmitteleingabe wurden – nebst der vorinstanzlichen Verfügung
(als Beilage 1 bezeichnet) und einer Vollmacht – eine Vernehmlassung des
SEM im Verfahren D- 4794/2017, eine CD-ROM, bestehend aus 119
Berichten und Artikeln (Beilagen 2-120) sowie ein Länderbericht Sri Lanka
vom 22. Oktober 2018 (Beilage 88) mit weiteren 409 (digitalisierten)
Beilagen eingereicht.
In der Beschwerde wurden folgende Rechtsbegehren gestellt:
E-5779/2019
Seite 9
Das Bundesverwaltungsgericht habe nach dem Eingang der Beschwerde
unverzüglich darzulegen, welche Gerichtspersonen mit der Behandlung
der Sache betraut würden. Gleichzeitig habe das Gericht bekannt zu ge-
ben, ob diese Gerichtspersonen zufällig ausgewählt worden seien und an-
dernfalls die im Verfahren konkreten objektiven Kriterien bekannt zu geben,
nach denen diese Gerichtspersonen ausgewählt worden seien (Ziffer 1).
Es sei die Widerrechtlichkeit der Übermittlung von Personendaten der Be-
schwerdeführerin an die sri-lankischen Behörden festzustellen (Ziffer 2).
Die Verfügung sei wegen der Verletzung des Anspruches auf das rechtliche
Gehör aufzuheben und die Sache sei an die Vorinstanz zurückzuweisen
(Ziffer 3). Eventuell sei die Verfügung wegen der Verletzung der Begrün-
dungspflicht aufzuheben und die Sache sei an die Vorinstanz zurückzuwei-
sen (Ziffer 4). Eventuell sei die Verfügung aufzuheben und die Sache sei
zur Feststellung des vollständigen und richtigen rechtserheblichen Sach-
verhaltes und zur Neubeurteilung an das SEM zurückzuweisen (Ziffer 5).
Eventuell sei die Verfügung aufzuheben und es sei die Flüchtlingseigen-
schaft des Beschwerdeführers festzustellen und ihm in der Schweiz Asyl
zu gewähren (Ziffer 6). Eventuell sei die Verfügung betreffend die Disposi-
tivziffern 2 und 3 aufzuheben und es sei die Unzulässigkeit oder zumindest
die Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzuges festzustellen (Ziffer 7).
Auf die Beschwerdebegründung und die darin enthaltenen zahlreichen Be-
weisanträge wird in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
D.g Mit Zwischenverfügung vom 13. November 2019 wurde dem
Rechtsvertreter mitgeteilt, dass der Spruchkörper derzeit aus der
Instruktionsrichterin Gabriela Freihofer und der Gerichtsschreiberin
Claudia Jorns Morgenegg bestehe. Der Vertreter wurde aufgefordert, bis
zum 28. November 2019 eine gültige Vertretungsvollmacht einzureichen.
Die Beschwerdeführerin wurde zudem zur Bezahlung eines
Kostenvorschusses innert derselben Frist aufgefordert.
D.h Mit Schreiben vom 28. November 2019 ersuchte der Rechtsvertreter
namens der Beschwerdeführerin um Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung sowie um Verzicht auf die Erhebung des
Kostenvorschusses. Der Eingabe lag eine CD-ROM mit den Beilagen 121
bis 170 – bestehend hauptsächlich aus Zeitungsartikeln und Berichten zu
der in Sri Lanka zwischenzeitlich veränderten Lage sowie einer
Fürsorgebestätigung (Beilage 171) – bei.
E-5779/2019
Seite 10
D.i Mit Verfügung vom 5. Dezember 2019 setzte die Instruktionsrichterin
dem Rechtsvertreter eine Frist von drei Tagen ab Erhalt der Verfügung
zwecks Nachreichens der geforderten Vollmacht. Dieser Aufforderung kam
der Rechtsvertreter mit Eingabe vom 16. Dezember 2019 nach und machte
dabei zugleich auf eine seit den Präsidentschaftswahlen erneute
Verschärfung der Lage in Sri Lanka und darauf aufmerksam, dass die
Entführung einer Schweizer Botschaftsmitarbeiterin eine diplomatische
Krise ausgelöst habe. Mit dem Schreiben wurden – nebst der
Anwaltsvollmacht (Beilage 172) – eine CD-ROM mit verschiedenen
Artikeln und Berichten zu Sri Lanka (Beilagen 173 bis 183) eingereicht.
D.j Die Instruktionsrichterin hiess mit Zwischenverfügung vom
18. Dezember 2019 das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung gut und verzichtete auf die Erhebung des
Kostenvorschusses. Am 8. Mai 2020 lud sie das SEM zur Vernehmlassung
zur Beschwerde bis zum 25. Mai 2020 ein. Diese Frist wurde auf Antrag
des SEM mehrmals erstreckt, letztmals bis zum 14. Juli 2020.
D.k Mit Eingabe vom 16. Juni 2020 wurde auf die Asylgesuchstellung eines
Bruders der Beschwerdeführerin in F._ und dessen schriftliche
Begründung in jenem Verfahren (Beilage 184) hingewiesen und geltend
gemacht, damit würden die Vorbringen der Beschwerdeführerin bestätigt.
D.l Das SEM reichte seine Vernehmlassung am 14. Juli 2020 ein, wobei es
an seiner bisherigen Einschätzung festhielt. Auf die Begründung wird,
sofern massgeblich, in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
D.m Der Beschwerdeführerin wurde am 21. Juli 2020 die Gelegenheit
erteilt, bis zum 5. August 2020 eine Replik einzureichen. Diese wurde
durch den Rechtsvertreter mit Schreiben vom 5. August 2020 zu den Akten
gereicht. Beigelegt waren ein Rapport zur Ländersituation Sri Lanka
betreffend den Zeitraum vom 11. April bis 26. Juni 2020 sowie eine CD-
ROM mit 160 Beilagen in Form von Zeitungsartikeln und Berichten
respektive Schreiben zur Situation in Sri Lanka. Beantragt wurde, es sei
dem Anwalt Einsicht in den Briefverkehr des SEM und des
Bundesverwaltungsgerichts zu gewähren, da er nicht über allfällige
Fristverlängerungen hinsichtlich der Vernehmlassung informiert worden
sei. Auf die weiteren Anträge und Ausführungen in der Replik wird – soweit
von Relevanz – in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
E-5779/2019
Seite 11

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das Bundesverwaltungsgericht ist zuständig für Beschwerden gegen –
wie vorliegend vom SEM getroffene – Verfügungen auf dem Gebiet des
Asyls. Es entscheidet regelmässig – so auch vorliegend – endgültig (Art. 5
VwVG, Art. 31 ff. VGG, Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
2.
2.1 Die Beschwerdeführerin ist zur Einreichung der Beschwerde legitimiert
(Art. 48 Abs. 1 VwVG) und die Beschwerde erfolgte frist- und formgerecht
(Art.108 Abs. 6 AsylG, Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist – vor-
behältlich nachfolgender Erwägung – einzutreten.
2.2 Soweit in der Beschwerde – wie schon in den beiden
Beschwerdeverfahren zuvor – die Bestätigung der Zufälligkeit der
Zusammensetzung des Spruchkörpers beantragt wird (vgl. Beschwerde
S. 2 [Ziffer 1] und S. 5 f.), ist auf diesen Antrag unter Hinweis auf das
Teilurteil des Bundesverwaltungsgerichts D- 1549/2017 vom 2. Mai 2018
(E. 4.1-4.3) nicht einzutreten. Denn es besteht – wie dem Rechtsvertreter
aus zahlreichen anderen Verfahren bekannt ist – weder ein Anspruch auf
zufällige Zusammensetzung des Spruchkörpers noch ein solcher auf
Bestätigung einer zufälligen Zusammensetzung.
3.
Der Beschwerdeführerin wurde mit Zwischenverfügung vom 13. November
2019 der damalige Spruchkörper, bestehend aus rubrizierter Richterin
Gabriela Freihofer sowie der Gerichtsschreiberin Claudia Jorns Mor-
genegg mitgeteilt. Mit Erlass des vorliegenden Urteils ist ihr der Spruchkör-
per vollständig bekanntgemacht.
4.
Die Instruktionsrichterin, in deren alleinigem Ermessen es liegt, eine Frist
zwecks Einreichung zur Vernehmlassung im Sinne von Art. 57 VwVG zu
erstrecken, hat vorliegend mehrmals entsprechende Fristverlängerungs-
gesuche des SEM genehmigt. Obwohl der entsprechende Briefverkehr
E-5779/2019
Seite 12
zwischen dem SEM und dem Bundesverwaltungsgericht für die Beurtei-
lung der vorliegenden Sache nicht von Belang ist, sind die entsprechenden
Akten in Anwendung von Art. 26 VwVG der Beschwerdeführerin antrags-
gemäss (vgl. Replik S. 17) offenzulegen. Die entsprechenden Aktenstücke
(Nrn. 10 bis 13, Nrn. 15 und 16) werden ihr daher mit vorliegendem Urteil
ediert.
5.
Die vorliegende Beschwerde wird aufgrund des engen persönlichen Kon-
nexes koordiniert mit dem Verfahren des Bruders der Beschwerdeführerin
E-5653/2019 behandelt und vom selben Spruchkörper beurteilt. Das Urteil
in erwähntem Verfahren wird mit heutigem Datum ebenfalls gesprochen.
6.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des
Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
7.
7.1 In seiner Verfügung vom 25. September 2019 führte das SEM im We-
sentlichen aus, im Rahmen der Papierbeschaffung übermittle es dem sri-
lankischen Generalkonsulat die Personalien der betroffenen Person und
beantrage die Ausstellung eines sri-lankischen Ersatzreisepapiers. Dabei
handle es sich um ein standardisiertes und langjährig bewährtes Verfah-
ren, das seit dem 24. Dezember 2016 zusätzlich durch das Migrationsab-
kommen zwischen der Schweiz und Sri Lanka (SR 0.142.117.121; nach-
folgend: Migrationsabkommen) geregelt sei. Der Umstand, dass die Be-
schwerdeführerin auf dem Generalkonsulat in Genf befragt worden sei,
entspreche dem üblichen Vorgehen und werde nicht durch eine Verfol-
gungsabsicht der sri-lankischen Behörden ausgelöst. Die Ausreise mit ille-
galen Reisepapieren sei ein gemeinrechtliches Delikt, dessen allfällige
Ahndung im Kern rechtsstaatlich legitim sei. Bei einer Wiedereinreise
könne dieser Umstand eine vertiefte Überprüfung zur Folge haben, welche
jedoch nach Erkenntnis des SEM kein asylrelevantes Ausmass aufweise.
Unter Hinweis auf BVGE 2017Vl/6 erwog die Vorinstanz, dem sri-lanki-
schen Generalkonsulat würden ausschliesslich Personendaten bekannt
gegeben, die dem Zweck der Ersatzreisepapierbeschaffung dienten. Dabei
würden die Datenschutzbestimmungen nach Art. 97 AsylG und Art. 106
des Bundesgesetzes vom 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen
E-5779/2019
Seite 13
und Ausländer und über die Integration (Ausländer- und Integrationsge-
setz; AIG [SR 142.20]) vollumfänglich eingehalten. Weder in Art. 97 Abs. 3
AsylG noch in Art. 16 Bst. c des Migrationsabkommens handle es sich um
eine abschliessende Aufzählung der Daten, die einer ausländischen Be-
hörde für die Organisation der Ausreise der betroffenen Person übermittelt
werden dürften. Neue Gefährdungselemente würden durch die Übermitt-
lung von Daten im gesetzlich vorgesehenen Rahmen nicht geschaffen. Das
Vorliegen einer begründeten Furcht vor Verfolgungsmassnahmen wegen
der Ersatzreisepapierbeschaffung sei somit zu verneinen. Art. 16 Bst. g
des Migrationsabkommens komme nur zwischen den sri-lankischen und
schweizerischen Behörden zur Anwendung. Eine Einzelperson könne sich
deshalb weder direkt darauf berufen noch bei den schweizerischen Behör-
den einen Antrag zur Stellung eines Gesuchs an die sri-lankischen Behör-
den stellen. Wolle eine Einzelperson Auskunft über die Verwendung der
nach Sri Lanka übermittelten Daten und die damit erzielten Ergebnisse, so
habe sie gemäss Art. 16 Bst j des Migrationsabkommens ihr Gesuch direkt
an die sri-lankischen Behörden zu stellen. Das Migrationsabkommen sei
somit vorliegend nicht verletzt worden. Die diesbezüglichen Vorhalte wür-
den sich als unbegründet erweisen. Die Anträge auf Offenlegung verschie-
dener Angaben zu den übermittelten Daten durch die sri-lankischen Behör-
den und auf Löschung von übermittelten Daten seien abzulehnen. Ein Ge-
such um Offenlegung zur Verwendung der übermittelten Daten habe die
Beschwerdeführerin direkt an die sri-lankischen Behörden zu stellen. Auf-
grund der Befragung auf dem Generalkonsulat Sri Lankas in Genf und den
Ersatzreisepapierbeschaffungsmassnahmen könne die Beschwerdeführe-
rin demzufolge auch keine begründete Furcht vor einer asylrelevanten Ver-
folgung bei einer Rückkehr nach Sri Lanka geltend machen.
Insofern die Beschwerdeführerin ausserdem ihre bereits in den früheren
Verfahren dargelegten Asylvorbringen wiederhole (Vorladung durch das
TID, Risikoprofil aufgrund der Abstammung aus einer LTTE-Heldenfamilie,
sichtbare Narben, langjähriger Auslandaufenthalt), beziehe sie sich auf
Elemente, die bereits durch das SEM und das Bundesverwaltungsgericht
geprüft und für nicht glaubhaft respektive für nicht asylrelevant befunden
worden seien. Aufgrund der aktuellen Aktenlage liege nichts vor, was zu
einer anderen Einschätzung führen könne.
E-5779/2019
Seite 14
Hinsichtlich der im Mehrfachgesuch abgebildeten, veränderten allgemei-
nen Lage in Sri Lanka, welche sich negativ auf das Profil der Beschwerde-
führerin auswirke, stellte sich die Vorinstanz auf den Standpunkt, ein Risi-
koprofil sei (nach wie vor) nicht vorhanden. Die Ausführungen zu Sri Lanka
würden sich zudem mehrheitlich auf die Zeit vor dem Urteil E-7296/2018
vom 1. Februar 2019 beziehen und seien bereits damals geltend gemacht
und geprüft worden. Die Schilderungen zu den jüngeren Entwicklungen der
allgemeinen und politischen Lage in Sri Lanka würden keinen konkreten,
individuellen Bezug zur Beschwerdeführerin aufweisen. Dasselbe gelte im
Übrigen auch für die zusammengetragenen Berichte und Quellen in Form
der Beilagen Nrn. 13 bis 17, die nach erwähntem Urteil datierten, da auch
aus diesen nichts Konkretes mit Bezug auf die Person der Beschwerdefüh-
rerin abgeleitet werden könne, das auf eine Gefährdung schliessen lasse.
7.2 In der Beschwerde vom 4. November 2019 wurde im Wesentlichen der
bisherige Sachverhalt wiederholt und argumentiert, Art. 97 Abs. 3 AsylG
enthalte keine abschliessende Aufzählung und damit keine spezifische
Regelung der zu übermittelnden Personendaten. Diese Norm verdränge
Art. 6 DSG nicht vollständig. Entgegen den Ausführungen der Vorinstanz
komme Art. 6 DSG eine eigenständige Bedeutung zu und sei im
vorliegenden Verfahren zu beachten. Das in Art. 6 Abs. 1 DSG
vorgegebene Schutzniveau sei in Sri Lanka nicht gegeben, zumal kein
Schutz davor bestehe, dass die übermittelten Daten nicht zweckentfremdet
würden. Der Beschwerdeführerin stehe kein Recht zu, über den
Verwendungszweck der Daten bei den sri-lankischen Behörden Einsicht zu
verlangen. Die sri-lankischen Behörden würden die Daten auf eine andere
Weise verwenden, als dies die schweizerischen Gesetze vorsehen
würden. Dadurch werde Art. 6 DSG verletzt. Das SEM habe in der
Vernehmlassung vom 8. November 2017 im Verfahren D-4794/2017
eingestanden, dass die Daten auch zur Überprüfung der Rückkehrenden
verwendet würden, da diese allesamt am Flughafen in E._ durch
das CID und die TID überprüft würden. Ebenso sei zugegeben worden,
dass die im Rahmen der Papierbeschaffung von den Schweizer Behörden
nach Sri Lanka übermittelten Daten dazu verwendet würden, diese
politisch motivierte Verfolgung durch die CID und das TID vorzubereiten.
Das SEM habe daher die Widerrechtlichkeit der Übermittlung gemäss
Art. 25 Abs. 1 Bst. c DSG festzustellen.
E-5779/2019
Seite 15
Gerügt wurde im Weiteren, das SEM habe vor dem Hintergrund der neuen
Ausgangslage in Sri Lanka sowie der neu dargelegten Asylgründe das Ri-
sikoprofil der Beschwerdeführerin nicht geprüft. Im Folgegesuch sei ein
konkreter Fallbezug vorgenommen worden. Das SEM gehe darauf sowie
auch auf die Gefährdungslage infolge der neuen Ländersituation nicht ein.
Es beziehe sich lediglich auf sein Lagebild vom 16. August 2016 oder noch
ältere Länderinformationen, womit es nicht nur die Begründungspflicht ver-
letzt, sondern auch den Sachverhalt unvollständig abgeklärt habe. Die Vor-
instanz zitiere zudem in ihrem Entscheid BVGE 2010/8 E. 9.5, der sich auf
Bangladesch beziehe. Eine Begründung dafür, wie das SEM zur aktuellen
Lageeinschätzung in Sri Lanka gelange, fehle, zumal das SEM dazu keine
einzige Quelle vorlege. Die Vorinstanz habe daher darzulegen, inwiefern
sie zur Schlussziehung gelange, dass sich die Lage für tamilische Asylsu-
chende mit klaren LTTE-Verbindungen nicht verändert habe.
Im Weiteren wurde argumentiert, der Beschwerdeführerin sei es anhand
von Beweisen (Verfahrensakten/Aussagen des Bruders in dessen Asylver-
fahren) gelungen, ihre Verfolgung zu belegen und damit die bisherige
Glaubhaftigkeitsprüfung der Asylbehörden umzustossen. Das SEM habe
indessen zahlreiche Sachverhaltselemente aus formellen Gründen ausge-
klammert, damit keine Gesamtwürdigung der Vorbringen vorgenommen,
was willkürlich sei und zugleich eine Verletzung der Begründungspflicht
darstelle. Auch habe die Vorinstanz den Antrag auf erneute Anhörung der
Beschwerdeführerin nicht behandelt und es sei auch nicht ersichtlich, dass
dieser mitbedacht worden sei. Darin sei ebenfalls eine Verletzung der Be-
gründungspflicht zu erblicken.
Moniert wurde unter der Rubrik der unvollständigen und unrichtigen Sach-
verhaltsabklärung zudem, dass das SEM weder die individuellen Asyl-
gründe der Beschwerdeführerin noch den Umstand, dass sie als Frau so-
wie auch als abgewiesene tamilische Asylsuchende aufgrund der verän-
derten politischen und menschenrechtlichen Lage in Sri Lanka einer sozi-
alen Gruppe im flüchtlingsrechtlichen Sinne angehöre, berücksichtigt habe.
In seiner Eingabe vom 28. November 2019 wies der Rechtsanwalt sodann
auf eine zwischenzeitlich erneut veränderte politische Lage in Sri Lanka hin
(Wahl am 16. November 2019 von Gotabaya Rajapaksa – einem Gegner
der Tamilen – zum Präsidenten, Flucht des Polizeiinspektors Nishantha
Silva am 24. November 2019, Veröffentlichung von Namen von CID-
Beamten, Entführung einer Mitarbeiterin der Schweizerischen Botschaft in
E-5779/2019
Seite 16
Sri Lanka am 25. November 2019, deren Mobiltelefon Daten von
Asylsuchenden in der Schweiz enthalte). Beantragt wurde, das SEM sei
anzuweisen abzuklären, ob unter den bei der Botschaftsmitarbeiterin
erpressten Daten auch der Name der Beschwerdeführerin zu finden sei
und welche Daten im Allgemeinen auf dem Mobiltelefon erpresst worden
seien. Am 16. Dezember 2019 machte der Rechtsanwalt erneut auf eine
Verschärfung der Lage in Sri Lanka seit den Präsidentschaftswahlen
aufmerksam. Mit Schreiben vom 16. Juni 2020 wies er zudem auf die
Asylgesuchstellung des jüngeren Bruders der Beschwerdeführerin in
F._ (eingereicht als Beilage 185) hin.
7.3 In der Vernehmlassung vom 14. Juli 2020 stellte sich das SEM auf den
Standpunkt, dass die erfolgte Präsidentschaftswahl vom 16. November
2019 nichts an seiner Einschätzung ändern würde. Tatsächlich habe die
Überwachung der Zivilbevölkerung seit den dschihadistisch motivierten
Terroranschlägen an Ostern 2019 und nochmals nach der Präsident-
schaftswahl zugenommen. Dennoch gebe es zum jetzigen Zeitpunkt kei-
nen Anlass zur Annahme, dass ganze Volks- oder Berufsgruppen unter
Präsident Gotabaya Rajapaksa kollektiv einer Verfolgungsgefahr ausge-
setzt seien. Das SEM prüfe das Verfolgungsrisiko im Einzelfall. Vorausset-
zung für die Annahme einer Verfolgungsgefahr aufgrund der Präsident-
schaftswahl vom 16. November 2019 sei ein persönlicher Bezug der asyl-
suchenden Person zu eben diesem Ereignis respektive dessen Folgen.
Dafür reiche es nicht aus, pauschal auf politische Entwicklungen der jün-
geren Vergangenheit oder mögliche Zukunftsszenarien zu verweisen. Den
Akten seien keine hinreichenden Hinweise auf eine Verschärfung der per-
sönlichen Situation der Beschwerdeführerin aufgrund erwähnter Ereig-
nisse zu entnehmen. Die Anforderungen an die Annahme einer begründe-
ten Verfolgungsfurcht sei damit nicht gegeben.
Zu den auf Beschwerdeebene eingereichten Medienberichten merkte das
SEM an, dass sich diese lediglich auf die allgemeine Lage, die politischen
Entwicklungen und Ereignisse beziehen würden, die nicht direkt in Zusam-
menhang mit der Beschwerdeführerin stünden.
7.4 In der Replik vom 5. August 2020 wurde im Wesentlichen dargelegt,
das SEM beziehe sich nunmehr auf seinen Bericht vom 7. Februar 2020.
Gemäss diesem habe sich die Situation in Sri Lanka allerdings
verschlechtert, weshalb es das Profil der Beschwerdeführerin neu hätte
überprüfen müssen. Das SEM mutmasse zudem bloss, dass sich die
E-5779/2019
Seite 17
Prozeduren bei der Ein- und Ausreise nicht geändert hätten, dies obwohl
die Einwanderungsbehörde nun dem Verteidigungsministerium
unterstehe. Das Militär habe damit aber direkten Zugriff auf die Daten von
aus- und einreisenden Personen. Eine Verwendung solcher Daten zu
Verteidigungszwecken wäre unzulässig. Auch unter diesem Aspekt hätte
eine erneute Prüfung erfolgen müssen. Das SEM sei daher seiner Pflicht
zur Abklärung des rechtserheblichen Sachverhalts und seiner
Begründungpflicht erneut nicht nachgekommen.
Schliesslich wurde moniert, als Beilage zur Eingabe vom 16. Juni 2020 sei
auf die schriftliche Begründung des Bruders in F._ in dessen Asyl-
verfahren hingewiesen worden. Darin habe dieser Bruder beschrieben, wie
die Beschwerdeführerin aufgrund der auf sie verübten sexuellen Übergriffe
habe fliehen müssen. Im Rahmen einer Hausdurchsuchung im August
2019 habe ihm die Armee vorgeworfen, Geld von seinen Geschwistern in
der Schweiz zwecks Wiederaufbaus der LTTE zu erhalten. Er sei drei Tage
inhaftiert und zu seiner Verbindung zur Diaspora befragt, geschlagen und
sexuell misshandelt worden. Damit werde das anhaltende Verfolgungsin-
teresse an der Beschwerdeführerin belegt. Dieses neue Sachverhaltsele-
ment habe das SEM in der Vernehmlassung nicht erwähnt und gewürdigt.
8.
8.1 Auf Beschwerdeebene werden – wie bereits in den vorangegangen
beiden Beschwerdeverfahren – zahlreiche formelle Rügen erhoben. Diese
sind vorab zu prüfen, da sie allenfalls geeignet sein könnten, eine Kassa-
tion der erstinstanzlichen Verfügung zu bewirken (vgl. BVGE 2013/34
E. 4.2; KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltungs-
rechtspflege des Bundes; 3. Aufl. 2013, Rz. 1043 ff. m.w.H.).
8.2 Das Verwaltungs- respektive Asylverfahren wird vom Untersuchungs-
grundsatz beherrscht (Art. 12 VwVG i.V.m. Art. 6 AsylG). Die unrichtige
oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts in
Verletzung der behördlichen Untersuchungspflicht bildet einen
Beschwerdegrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Unrichtig ist die
Sachverhaltsfeststellung dann, wenn der Verfügung ein falscher und
aktenwidriger Sachverhalt zugrunde gelegt wird, etwa, weil die
Rechtserheblichkeit einer Tatsache zu Unrecht verneint wird und folglich
nicht alle entscheidwesentlichen Gesichtspunkte des Sachverhalts geprüft
werden, oder weil Beweise falsch gewürdigt wurden. Unvollständig ist die
Sachverhaltsfeststellung, wenn nicht alle für den Entscheid
E-5779/2019
Seite 18
rechtsrelevanten Sachumstände berücksichtigt wurden. Gemäss Art. 8
AsylG hat die asylsuchende Person demgegenüber die Pflicht, an der
Feststellung des Sachverhaltes mitzuwirken (vgl. BVGE 2015/10 E. 3.2).
8.3 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches
Gehör, welches als Mitwirkungsrecht alle Befugnisse umfasst, die einer
Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt
wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 144 I 11 E. 5.3; BVGE
2009/35 E. 6.4.1). Mit dem Gehörsanspruch korreliert die Pflicht der
Behörden, die Vorbringen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und in
ihrer Entscheidfindung angemessen zu berücksichtigen. Nicht erforderlich
ist, dass sich die Begründung mit allen Parteistandpunkten einlässlich
auseinandersetzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich widerlegt
(vgl. BGE 143 III 65 E. 5.2).
8.4 Willkür in der Rechtsanwendung liegt dann vor, wenn der angefochtene
Entscheid offensichtlich unhaltbar ist, mit der tatsächlichen Situation in
klarem Widerspruch steht, eine Norm oder einen unumstrittenen
Rechtsgrundsatz krass verletzt oder in stossender Weise dem
Gerechtigkeitsgedanken zuwiderläuft (vgl. BGE 144 III 368 E. 3.1 m.w.H.).
8.5
8.5.1 Sachverhaltselemente, welche bereits Bestandteil eines oder im
vorliegenden Fall mehrerer rechtskräftiger Urteile waren (sexuelle
Übergriffe auf die Beschwerdeführerin wegen ihres in Sri Lanka gesuchten
Bruders, familiäre Verbindungen zu den LTTE, Vorladung der TID vom
August 2018, wegen der sie gesucht worden sei), waren im vorliegenden
Verfahren – wie sich auch aus nachstehenden materiellen Erwägungen
ergibt – nicht nochmals zu beurteilen. Es liegt daher eine korrekte
Rechtsanwendung durch das SEM vor. Die Rüge, die Aufteilung des
Gesamtsachverhaltes in unterschiedliche Teilsachverhalte durch das SEM
sei willkürlich und stelle zugleich eine Verletzung der Begründungspflicht
dar (vgl. Beschwerde S. 24 f.), geht demnach fehl.
8.5.2 Das SEM hat in der angefochtenen Verfügung nachvollziehbar
aufgezeigt, von welchen Überlegungen es sich hat leiten lassen. Es hat
sich mit den neuen Asylvorbringen der Beschwerdeführerin
auseinandergesetzt und klar dargelegt, weshalb im Rahmen der
Ersatzpapierbeschaffung und der damit verbundenen Vorsprache auf dem
Generalkonsulat keine Verletzung von Datenschutzbestimmungen zu
E-5779/2019
Seite 19
erkennen ist, aus welchen Gründen es die Flüchtlingseigenschaft und
mithin erneut ein Risikoprofil der Beschwerdeführerin verneint hat und
weshalb an diesen Feststellungen die Lage in Sri Lanka nichts zu ändern
vermag (vgl. Verfügung S. 6 ff.). Eine Verletzung der Begründungspflicht,
wie sie in der Beschwerde gerügt wird (vgl. Beschwerde S. 17 ff.) ist zu
verneinen.
8.5.3 Das SEM hat, wie erwähnt, ein Risikoprofil der Beschwerdeführerin
vor dem Hintergrund der Lage in Sri Lanka erneut geprüft und eine daraus
folgende Gefährdung verneint (vgl. Verfügung S. 8). Von einer
unterlassenen Prüfung allfälliger Risikofaktoren und damit einer Verletzung
des rechtlichen Gehörs wie dies in der Beschwerde dargelegt wird (vgl.
Beschwerde S. 15 f.), kann nicht gesprochen werden.
8.5.4 Entgegen der in der Beschwerde vertretenen Auffassung (vgl.
Beschwerde S. 16) kann in der vom SEM unterlassenen Anhörung der
Beschwerdeführerin ebenfalls keine Gehörsverletzung erblickt werden:
Das Mehrfachgesuch vom 21. März 2019 wurde nach dem rechtskräftigen
Abschluss des dritten Asylverfahrens innerhalb der Fünfjahresfrist von
Art. 111c AsylG eingereicht. Bei dieser Konstellation ist eine Anhörung
gemäss Art. 29 AsylG grundsätzlich nicht vorgesehen (vgl. BVGE 2014/39
E. 4.3). Die anwaltlich vertretene Beschwerdeführerin konnte ihre neuen
Vorbringen im schriftlichen Gesuch im Sinne von Art. 111c AsylG
ausführlich darlegen (vgl. dazu auch: BVGE 2009/53 E. 5). Die
Durchführung einer erneuten Anhörung durch das SEM war daher nicht
angezeigt.
Dem rubrizierten Rechtsvertreter ist erwähnte Norm, wonach eine Anhö-
rung bei Mehrfachgesuchen grundsätzlich nicht stattfindet, bestens be-
kannt. So stellte er bereits in den beiden vorangegangenen Asylverfahren
denselben Antrag und erhob nach dessen Ablehnung durch das SEM je-
weils ebenfalls die Rüge der Verletzung des rechtlichen Gehörs auf Be-
schwerdeebene. Die entsprechende Rüge wurde durch das Gericht (wie
teils in zahlreichen anderen Beschwerdeverfahren betreffend Mehrfachge-
suche desselben Vertreters) für unbegründet befunden (vgl. act. B4/9 S. 4,
B9/30 S. 13, C4/9 S. 3, C8/21 S. 11 f.). Auch wenn das SEM den entspre-
chenden Antrag auf Anhörung vorliegend nicht behandelt hat, kann vor die-
E-5779/2019
Seite 20
sem Hintergrund nicht von einer Verletzung des rechtlichen Gehörs res-
pektive – wie in der Beschwerde ausserdem moniert wird (vgl. Beschwerde
S. 16) – von einer Verletzung der Begründungspflicht gesprochen werden.
8.5.5 Im Umstand allein, dass das SEM in seiner Beurteilung zur Lage in
Sri Lanka – nebst Entscheiden des EGMR und des Bundesverwaltungsge-
richts – in einer Klammer fälschlicherweise einen Entscheid des Bundes-
verwaltungsgerichts zu Bangladesch zitiert, kann entgegen in der Be-
schwerde vertretenen Auffassung (vgl. Beschwerde S. 20) ebenfalls keine
Verletzung der Begründungspflicht erkannt werden. Aus den entsprechen-
den Ausführungen der Vorinstanz ergibt sich, dass es sich bei dem vom
SEM in der Verfügung (im Vollzugspunkt) zitierten BVGE 2010/8 offensicht-
lich um ein Versehen handeln muss (vgl. Verfügung S. 8 f.), zumal das
SEM mithin die erfolgten Anschläge vom April 2019 auf Kirchen und Hotels
in Sri Lanka benennt und daraus schliesst, dass keine von bewaffneten
Konflikten dominierte Lage in Sri Lanka herrsche. Ein offensichtlich unhalt-
barer stossender Entscheid und damit – wie in der Replik moniert wird (vgl.
Replik S. 2 f.) – eine Verletzung des Willkürverbots, liegt nicht vor. Dies
umso weniger, als sich das SEM in seiner Vernehmlassung, wenn auch
nicht explizit zu erwähntem Falschzitat, so doch erneut und zudem hinrei-
chend zur Lage in Sri Lanka geäussert hat.
8.5.6 Eine mangelhafte Sachverhaltsfeststellung in der vom SEM
vorgenommenen Einschätzung zur menschenrechtlichen und politischen
Situation in Sri Lanka ist ebenfalls zu verneinen. Denn der blosse Umstand,
dass die Beschwerdeführerin die Auffassung des SEM in diesem Punkt
nicht teilt (vgl. Beschwerde S. 27 ff.) und sie entgegen der Ansicht der
Vorinstanz darin ein neues Gefährdungselement erblickt, beschlägt die
Würdigung des rechtserheblichen Sachverhalts und damit eine materielle
Frage.
8.5.7 Ein Kassationsgrund lässt sich letztlich auch nicht darin erblicken,
dass sich das SEM in seiner Vernehmlassung nicht explizit zu dem im
Nachgang zur Beschwerde eingereichten Dokument, welches sich auf das
Asylverfahren des Bruders der Beschwerdeführerin in F._ bezieht,
geäussert hat. Dem Dokument, mit dem nunmehr die ursprünglichen
Verfolgungsvorbringen der Beschwerdeführerin glaubhaft gemacht werden
sollen, kommt nämlich – wie aus nachstehenden materiellen Erwägungen
folgt – keine Rechtserheblichkeit zu.
E-5779/2019
Seite 21
8.6 Die formellen Rügen erweisen sich damit als unbegründet, weshalb
keine Veranlassung besteht, die angefochtene Verfügung aufzuheben und
an das SEM zurückzuweisen. Die diesbezüglichen Rechtsbegehren (vgl.
Beschwerde S. 2 f. [Ziffern 3-5] und Replik S. 3) sind abzuweisen. Das
Gericht hat demnach in der Sache zu entscheiden (Art. 61 Abs. 1 VwVG).
9.
9.1 Nach einem erfolglos durchlaufenen Asylverfahren eingereichte Folge-
gesuche um Feststellung der Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3
AsylG sind unter den Voraussetzungen des Art. 111c AsylG (sog. Mehr-
fachgesuch) zu prüfen (vgl. BVGE 2014/39 E. 4.6). Neue Asylgründe im
Sinne von Art. 111c AsylG, sind dann gegeben, wenn sich diese nicht auf
ein vorangegangenes rechtskräftig abgeschlossenes Asylverfahren bezie-
hen (vgl. BVGE 2014/39 E.4.6).
9.2
9.2.1 Auf Beschwerdeebene werden für den Fall einer materiellen Beur-
teilung des Mehrfachgesuchs diverse Beweisanträge gestellt. Zu diesen ist
vorab Folgendes festzuhalten:
9.2.2 Aufgrund der derzeitigen Aktenlage besteht für das Gericht keine
Veranlassung, von zuvor erwähnter Regel, wonach bei Mehrfachgesuchen
keine Anhörung stattfindet, abzuweichen, zumal sich die Beschwerdefüh-
rerin auf Beschwerdeebene hinreichend zu ihren neu dargelegten Grün-
den, die – wie aus nachstehenden Erwägungen folgt – hauptsächlich in der
Vorsprache auf dem Generalkonsulat und der damit verbundenen Daten-
übermittlung sowie in einer verschärften politischen Situation in Sri Lanka
gründeten, äussern konnte. Der entsprechende Beweisantrag (vgl. Be-
schwerde S. 58 [Ziffer 2]) ist abzuweisen.
9.2.3 Hinsichtlich der vom SEM beurteilten Lage in Sri Lanka wird
gefordert, das SEM habe die Quellen, die es bei seinem Entscheid
einbezogen habe, offenzulegen. In dieser Hinsicht wird ausgeführt, es
müsse eigentlich davon ausgegangen werden, dass sich das SEM bei
seiner Glaubhaftigkeitsprüfung auf ein Lagebild vom 16. August 2016
stütze, was wohl nicht zutreffe, sondern eher anzunehmen sei, die
Vorinstanz habe sich auf noch ältere Quellen abgestützt (vgl. Beschwerde
S. 60 ff.)
E-5779/2019
Seite 22
Das Lagebild vom 16. August 2016 hat das SEM in seiner Verfügung nicht
explizit erwähnt. Wie dem Rechtsvertreter bekannt ist, ist dieses jedoch
öffentlich zugänglich. Bereits im Urteil E-1931/2018 wurde zudem festge-
halten, dass das SEM nicht gehalten ist, die in erwähntem Lagebild geheim
zuhaltende Quellen offenzulegen (vgl. a.a.O. E. 9.2.4). Im Übrigen hat das
SEM in seiner Vernehmlassung erneut eine Beurteilung der Lage in Sri
Lanka vorgenommen und dazu auf seine Notiz zu Sri Lanka vom 7. Feb-
ruar 2020 verwiesen. Dieser Bericht der Vorinstanz ist samt den darin ent-
haltenen Quellenangaben öffentlich abrufbar. Der Antrag auf Anweisung
des SEM zur Offenlegung der entsprechenden Quellen (vgl. Beschwerde
S. 58 [Ziffer 5]) ist daher abzuweisen.
9.2.4 In der Beschwerde wird der Antrag gestellt, es sei Einsicht in
diejenigen Aktenstücke zu gewähren, welche in Zusammenhang mit der
Befragung der Beschwerdeführerin auf dem Generalkonsulat in Genf vom
27. Februar 2019 angefertigt worden seien. Dies betreffe die genaue
Umschreibung und die Offenlegung der Informationen und Unterlagen,
welche dem sri-lankischen Generalkonsulat vor und nach dem Gespräch
übermittelt worden seien. Dies betreffe auch mündliche Informationen,
welche direkt durch die Angestellten des SEM dem Konsulatspersonal
übermittelt worden seien. Ebenso sei das Protokoll offenzulegen, welches
sowohl von Seiten des SEM, als auch von Seiten des Generalkonsulats
über dieses Gespräch erstellt worden sei. Ebenfalls sei zu dokumentieren,
welche Recherchen das Generalkonsulat ausgehend von diesem
Gespräch angeregt respektive vorgenommen habe (vgl. Beschwerde S. 57
[Ziffer 1]). Dieser Antrag ist abzuweisen:
Den vorinstanzlichen Akten lässt sich entnehmen, dass das SEM mit Zwi-
schenverfügung vom 25. Februar 2019 antragsgemäss Einsicht in die Voll-
zugsakten (act. V1 bis V28) und damit in die Akten, die in Zusammenhang
mit der Befragung auf dem Generalkonsulat in Genf standen, gewährte
(vgl. act. V29/31 respektive act. [...]-33/31). Die Einsicht in gewisse Akten-
stücke schränkte es dabei in Anwendung von Art. 27 VwVG zu Recht ein,
indem Passagen von Dritten darin eingeschwärzt wurden. Mit Zwischen-
verfügung vom 19. Juli 2019 gewährte das SEM erneut Einsicht in die Voll-
zugsakten, nunmehr bestehend aus den Aktenstücken V1-V40 (respektive
act. [...]-1 bis act. [...]-40). Dabei schränkte es die Einsicht in gewisse Ak-
tenstücke erneut zu Recht ein, indem es darin enthaltene Passagen von
Dritten einschwärzte.
E-5779/2019
Seite 23
Der Beschwerdeführerin wurde somit – unter Ausnahme der vom SEM zu-
treffend vorgenommen Einschränkung (Art. 27 VwVG) in Form von Ein-
schwärzungen gewisser geheimzuhaltender Stellen – vollständige Einsicht
in die Vollzugsakten und damit auch in sämtliche Aktenstücke, die ihre Vor-
sprache vom 27. Februar 2019 beim Konsulat betrafen (vgl. dazu insbe-
sondere act. V27, V35 und V36), gewährt. Es besteht demnach keine Ver-
anlassung erneut Akteneinsicht zu gewähren.
9.2.5 Auf die weiteren, ebenfalls abzuweisenden, Beweisanträge in Zu-
sammenhang mit der Datenübermittlung (vgl. Beschwerde S. 58 [Ziffern 3
und 4]) wird in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
9.2.6 In der Eingabe vom 28. November 2019 (vgl. a.a.O. S. 5) wird
schliesslich der Antrag gestellt, es sei abzuklären, ob der Name der Be-
schwerdeführerin auf dem Mobiltelefon der entführten Schweizerischen
Botschaftsangestellten zu finden sei und welche Daten auf dem Mobiltele-
fon der entführten Botschaftsmitarbeiterin von den sri-lankischen Behörden
erpresst worden seien.
Diesbezüglich kann der Beschwerdeführerin mitgeteilt werden, dass sich
gemäss Auskunft der Botschaft keine Daten über sich in der Schweiz auf-
haltende, asylsuchende Personen aus Sri Lanka auf dem beschlagnahm-
ten Mobiltelefon der vom Sicherheitsvorfall betroffenen lokalen Angestell-
ten der Schweizer Botschaft befanden und auch anderweitig keine Infor-
mationen in Bezug auf die erwähnten Personen an Dritte gelangten.
10.
10.1 Im Mehrfachgesuch wird erneut auf die in den bisherigen Verfahren
bereits dargelegten sexuellen Übergriffe (infolge der Suche nach dem Bru-
der der Beschwerdeführerin), LTTE-Verbindungen der Familie und den Er-
halt einer Vorladung durch das TID hingewiesen. Dazu ist anzumerken,
dass sich das Bundesverwaltungsgericht bereits in den bisher ergangenen
Urteilen mit diesen Vorbringen befasst und diese für nicht glaubhaft befun-
den hat (vgl. Urteile des BVGer E-4019/2016 E. 6.2 f., E-1931/2018
E. 9.1.1 und E-7296/2018 2019 E. 10.1). Da es sich somit um eine bereits
abgeurteilte Sache handelt (sog. res iudicata) war eine erneute Prüfung
durch das SEM nicht angezeigt.
10.2 Was das auf Beschwerdeebene nachgereichte Dokument betreffend
die Asylgesuchstellung des Bruders der Beschwerdeführerin in F._
E-5779/2019
Seite 24
(vgl. Beilage 184) anbelangt, ist festzuhalten, dass damit keine zwischen-
zeitlichen Ereignisse dargelegt werden, die im Rahmen eines Mehrfachge-
suchs zu prüfen wären. Immerhin gilt es anzumerken, dass das bloss in
Form einer Fotoaufnahme vorliegende Dokument aus einem ausländi-
schen Asylverfahren stammt, das offenbar noch nicht abgeschlossen ist.
Ausser der Bestätigung des Asylgesuches durch die kanadischen Behör-
den und einer knappen ersten schriftlichen Begründung der Asylgründe in
Englisch liegt nichts weiter vor. Es ist damit nicht davon auszugehen, dass
eine abschliessende Beurteilung der kanadischen Behörden hinsichtlich
der vom Bruder in F._ angegebenen Verfolgungsgründe vorgenom-
men wurde. Bei dieser Sachlage kann es von vornherein nicht Aufgabe der
schweizerischen Asylbehörden sein, erwähnte Angaben heranzuziehen.
10.3 Bei der Beschwerdeführerin handelt es sich um eine weibliche, sri-
lankische Staatsangehörige tamilischer Ethnie, die über Narben und keine
gültigen Identitätspapiere verfügt und nunmehr seit etlichen Jahren landes-
abwesend ist. Ein Risikoprofil im Sinne des Referenzurteils E- 1866/2015
des Bundesverwaltungsgerichts wurde aufgrund dieser Faktoren in den vo-
rangegangen Beschwerdeverfahren bereits verneint (vgl. Urteile
E- 1931/2018 E. 10.2 und E- 7926/2018 E. 9.1). An dieser Beurteilung ist
auch unter Berücksichtigung der auf Beschwerdeebene geltend gemach-
ten verschärften Lage in Sri Lanka, welche mit zahlreichen Berichten do-
kumentiert wird, festzuhalten. Denn damit werden keine zwischenzeitlich
entscheidwesentlichen Ereignisse dargelegt, die einen anderen Schluss
zulassen würden. Die Lageeinschätzung im Referenzurteil E-1866/2015
gemäss aktueller Rechtsprechung hat auch im Lichte aktueller Entwicklun-
gen in Sri Lanka weiterhin Bestand:
Am 16. November 2019 wurde Gotabaya Rajapaksa zum neuen
Präsidenten Sri Lankas gewählt. Kurz nach der Wahl ernannte der neue
Präsident seinen Bruder Mahinda zum Premierminister und band einen
weiteren Bruder, Chamal Rajapaksa, in die Regierung ein. Beobachter und
ethnische respektive religiöse Minderheiten befürchten insbesondere mehr
Repression und die vermehrte Überwachung von
Menschenrechtsaktivistinnen und -aktivisten, Journalistinnen und
Journalisten, Oppositionellen und regierungskritischen Personen (vgl. statt
vieler: Urteil des BVGer D-7345/2017 E. 7.3.2). Das Bundesver-
waltungsgericht ist sich dieser Veränderungen in Sri Lanka bewusst. Es
beobachtet die Entwicklungen aufmerksam und berücksichtigt diese bei
E-5779/2019
Seite 25
seiner Entscheidfindung. Zwar ist beim derzeitigen Kenntnisstand
durchaus von einer möglichen Akzentuierung der Gefährdungslage
auszugehen, der Personen mit einem bestimmten Risikoprofil ausgesetzt
sind beziehungsweise bereits vorher ausgesetzt waren. Es gibt aber zum
heutigen Zeitpunkt keinen Grund zur Annahme, dass seit dem
Machtwechsel in Sri Lanka ganze Bevölkerungsgruppen kollektiv einer
Verfolgungsgefahr ausgesetzt wären. Unter diesen Umständen ist im
Einzelfall zu prüfen, ob ein persönlicher Bezug der asylsuchenden
Personen zur Präsidentschaftswahl vom 16. November 2019 respektive
deren Folgen besteht. Mangels konkreter Anhaltspunkte ist dies vorliegend
jedoch zu verneinen. Denn nach wie vor sind keine ausreichend konkreten
Gründe für die Annahme zu bejahen, dass die Beschwerdeführerin künftig
einer flüchtlingsrechtlich relevanten Verfolgungsgefahr ausgesetzt sein
könnte.
10.4
10.4.1 Die Vorsprache auf dem Generalkonsulat respektive die
Datenübermittlung im Rahmen der Ersatzreisepapierbeschaffung vermag
ebenfalls nicht ein flüchtlingsrechtlich beachtliches Gefährdungselement
zu begründen:
10.4.2 Hinsichtlich der Vorsprache auf dem sri-lankischen Generalkonsulat
ist – wie schon mit Urteil E-1931/2018 festgehalten (vgl. a.a.O. E. 10.2) –
auf das Grundsatzurteil des Bundesverwaltungsgerichts BVGE 2017/6
E. 4.3.3 zu verweisen, wonach es sich bei der Ersatzreisepapierbeschaf-
fung um ein standardisiertes, lang erprobtes und gesetzlich geregeltes Ver-
fahren handelt, womit keine Verfolgungsabsicht durch die sri-lankischen
Behörden ausgelöst wird. Entgegen der Behauptung in der Beschwerde
(vgl. Beschwerde S. 14) sind vorliegend keine Unregelmässigkeiten an-
lässlich der Vorsprache der Beschwerdeführerin vom 27. Februar 2019 zu
erkennen, zumal sich den ihr offengelegten Vollzugsakten keine entspre-
chenden Anhaltspunkte entnehmen lassen.
10.4.3 Wie das SEM zutreffend – und damit entgegen der Auffassung in
der Beschwerde (vgl. Beschwerde S. 7) – festgestellt hat, zählen weder
Art. 97 Abs. 3 AsylG noch Art. 16 Bst. c Migrationsabkommen abschlies-
send die Daten auf, die einer ausländischen Behörde für die Organisation
der Ausreise der betroffenen Person übermittelt werden dürften. So formu-
liert Art. 97 Abs. 3 Bst. d AsylG, dass nebst den in Bst. a–c und e–g ge-
nannten Daten weitere Daten übermittelt werden dürften, soweit sie zur
E-5779/2019
Seite 26
Identifikation einer Person dienlich sind. In Übereinstimmung mit dieser Be-
stimmung sieht Art. 16 Bst. c Migrationsabkommen vor, dass übermittelte
Personendaten sonstige Informationen, die zur Identifizierung der rückzu-
führenden Person oder zur Prüfung der Rückübernahmevoraussetzungen
nach diesem Abkommen benötigt werden, betreffen dürfen. Zudem erlaubt
diese Bestimmung ausdrücklich auch etwa die Angabe besuchter Schulen
der betroffenen Person (vgl. BVGE 2017 VI/6 E. 2.5.2).
10.4.4 Es lässt sich demnach nicht, wie in der Beschwerde gerügt wird (vgl.
Beschwerde S. 7 ff.), eine Verletzung von Art. 97 Abs. 3 AsylG oder aber
etwa eine Verletzung von Art. 16 Bst. c und g Migrationsabkommen
feststellen (vgl. dazu auch BVGE 2017 VI/6 E. 2.5). Eine widerrechtliche
Datenbearbeitung im Sinne von Art. 25 DSG ist mithin zu verneinen.
Ebenso ist eine Verletzung von Art. 8 und Art. 6 DSG zu verneinen, zumal
das Asylgesetz die Bekanntgabe von Personendaten an den Heimat- oder
Herkunftsstaat in Art. 97 AsylG spezialgesetzlich regelt und dem DSG
damit vorgeht (vgl. Urteil des BVGer D-798/2018 vom 5. August 2020
E. 4.5 m.w.H). Der Antrag auf Feststellung der Widerrechtlichkeit der
Übermittlung der Personendaten der Beschwerdeführerin an die sri-
lankischen Behörden ist demzufolge abzuweisen (vgl. Beschwerde, S. 2
[Ziffer 2] sowie S. 7 ff.).
10.4.5 Es ist demnach nicht davon auszugehen, dass die Beschwerdefüh-
rerin durch erfolgte Vorsprache auf dem Generalkonsulat respektive durch
die Datenübermittlung in den Fokus der sri-lankischen Behörden geraten
wäre. An dieser Feststellung ändert – entgegen der Ansicht auf Beschwer-
deebene (vgl. Beschwerde S. 11 und S. 74) – die Vernehmlassung des
SEM vom 8. November 2017 im Verfahren D- 4794/2017 nichts, zumal sich
daraus ebenfalls nicht folgern lässt, dass die im Rahmen der Papierbe-
schaffung von den Schweizer Behörden nach Sri Lanka übermittelten Da-
ten dazu verwendet würden, eine politisch motivierte Verfolgung der Be-
schwerdeführerin vorzubereiten.
10.5 Wie schon in den früheren Beschwerdeverfahren und vorliegend vom
SEM ebenso festgestellt wurde, hat die Beschwerdeführerin im Übrigen ein
allfälliges Gesuch um Einsicht in die Akten der sri-lankischen Behörden ge-
stützt auf Art. 16 Bst. j Migrationsabkommen direkt an die Behörden ihres
Heimatstaats zu richten (vgl. BVGE 2017 VI/6 E. 2.4.3, vgl. statt vieler auch
Urteil des BVGer D- 798/2018 vom 5. August 2020 E. 4.7 m.w.H). Der An-
trag auf Erläuterung, wie die Beschwerdeführerin vorzugehen habe, um bei
E-5779/2019
Seite 27
den sri-lankischen Behörden Auskunft über sie betreffende Daten zu erhal-
ten, ist daher ebenso wie das Erläuterungsbegehren, welche Konsequen-
zen eine solche Erkundigung nach sich ziehen würde (vgl. Beschwerde
S. 58 [Ziffer 4]), abzuweisen.
10.6 Aus den vorstehenden Erwägungen ergibt sich ausserdem, dass die
Frage, inwiefern die sri-lankische Gesetzgebung dem schweizerischen
Datenschutzniveau entspricht, vorliegend offenbleiben kann (vgl. dazu
auch etwa Urteil des BVGer D-798/2018 vom 5. August 2020 E. 4.6
m.w.H.). Auf den Beweisantrag der Beschwerdeführerin, das SEM sei
anzuweisen, entsprechende Darlegungen zu machen und anzugeben, ob
die an die sri-lankischen Behörden überwiesenen Personendaten gemäss
einem dem Schweizer Datenschutzrecht entsprechenden Schutzniveau
behandelt würden (vgl. Beschwerde S. 58 [Ziffer 4]) ist daher nicht weiter
einzugehen.
11.
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Beschwerdeführerin die
Flüchtlingseigenschaft nach wie vor nicht erfüllt, weshalb das SEM ihr vier-
tes Asylgesuch respektive ihr drittes Folgeasylgesuch zu Recht abgelehnt
hat.
12.
12.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz. Die
Beschwerdeführerin verfügt weder über eine ausländerrechtliche Aufent-
haltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer solchen
(Art. 44 AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). Die
Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht angeordnet.
12.2
12.2.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme von
Ausländerinnen und Ausländern (Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 des
Bundesgesetzes über die Ausländerinnen und Ausländer und über die
Integration AIG, SR 142.20]). Beim Geltendmachen von
Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss Praxis des
Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei der
Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen, wenn
E-5779/2019
Seite 28
der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu
machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.)
12.2.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder in einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG). So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land
gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem
Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft,
zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1
AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über
die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gemäss Art. 25
Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen
Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende
Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3 EMRK
darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender Strafe
oder Behandlung unterworfen werden.
Der in Art. 5 AsylG verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung kann
mangels Erfüllung der Flüchtlingseigenschaft vorliegend keine Anwendung
finden. Anderweitige völkerrechtlichen Vollzugshindernisse sind nicht
erkennbar. Weder die Zugehörigkeit der Beschwerdeführerin zur
tamilischer Ethnie, noch die allgemeine Menschenrechtssituation in Sri
Lanka lassen den Wegweisungsvollzug als unzulässig erscheinen
(vgl. Referenzurteil E-1866/2015 E. 12).
An dieser Einschätzung ist auch unter Berücksichtigung der aktuellen Ent-
wicklungen in Sri Lanka sowie der im Beschwerdeverfahren hierzu einge-
reichten Berichte festzuhalten. Der EGMR hat denn auch wiederholt fest-
gestellt, dass nicht generell davon auszugehen sei, Rückkehrenden drohe
in Sri Lanka eine unmenschliche Behandlung, sondern dass jeweils im Ein-
zelfall eine Risikoeinschätzung vorzunehmen sei (vgl. Urteil des EGMR
R.J. gegen Frankreich vom 19. September 2013, Nr. 10466/11, Ziff. 37;
bestätigt in J.G. gegen Polen vom 11. Juli 2017, Nr. 44114/14, Ziff. 27 f.).
Weder aus den Vorbringen der Beschwerdeführerin noch in anderweitiger
Hinsicht ergeben sich konkrete und gewichtige Anhaltspunkte für die An-
nahme, dass sie im Falle einer Ausschaffung nach Sri Lanka dort mit be-
achtlicher Wahrscheinlichkeit einer gemäss der EMRK oder der FoK ver-
botenen Strafe oder Behandlung ausgesetzt wäre. Dies gilt insbesondere
auch unter Berücksichtigung der Behauptung in der Beschwerdeschrift, es
E-5779/2019
Seite 29
sei davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerin – wie sämtliche nach
Sri Lanka zurückgeschafften tamilischen Asylgesuchstellerinnen ‒ jeder-
zeit Opfer sexueller Gewalt respektive einer Verhaftung und Verhören unter
Folteranwendung werden könne (vgl. Beschwerde S. 82 f.). Für eine der-
artige Befürchtung besteht vorliegend kein konkreter Anlass.
Der Vollzug der Wegweisung erscheint daher sowohl im Sinne der asylge-
setzlichen als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig.
12.2.3 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf
Grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und
medizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete
Gefährdung festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die
vorläufige Aufnahme zu gewähren.
Der bewaffnete Konflikt zwischen der sri-lankischen Regierung und den
LTTE ist im Mai 2009 zu Ende gegangen. Aktuell herrscht in Sri Lanka
weder Krieg noch eine Situation allgemeiner Gewalt, dies gilt auch unter
Berücksichtigung der aktuellen dortigen Ereignisse und Entwicklungen und
der von der Beschwerdeführerin erwähnten Gefahr, als zurückkehrende
Tamilin bei einer Rückkehr willkürlicher Massnahmen ausgesetzt zu
werden (vgl. Beschwerde S. 82). Nach einer eingehenden Analyse der
sicherheitspolitischen Lage in Sri Lanka ist das Bundesverwaltungsgericht
zum Schluss gekommen, dass der Wegweisungsvollzug in die
Herkunftsregion der Beschwerdeführerin zumutbar ist, wenn das Vorliegen
der individuellen Zumutbarkeitskriterien bejaht werden kann (vgl. Urteil des
BVGer E- 1866/2015 vom 15. Juli 2016 E. 13.2). Die von der
Beschwerdeführerin neusten politischen Entwicklungen (vgl. Replik
S. 11 ff.) lassen diesbezüglich keine andere Einschätzung zu.
Den Vorbringen im Rahmen ihres Mehrfachgesuchs lassen sich keine
neuen individuellen Gründe entnehmen, welche der Zumutbarkeit des
Wegweisungsvollzugs entgegenstehen könnten. Was der in der
Beschwerde angesprochene – indes aktuell nicht belegte – psychisch
äusserst labile Zustand anbelangt (vgl. Beschwerde S. 85) kann auf die
Erwägungen im Beschwerdeverfahren E-1931/2018 (vgl. a.a.O. E. 12.3.4)
verwiesen werden, wonach die Behandlung der psychischen Probleme der
Beschwerdeführerin im Heimatland bejaht wurde. Es liegen damit weiterhin
keine individuellen Gründe vor, die gegen die Zumutbarkeit des
E-5779/2019
Seite 30
Wegweisungsvollzugs sprechen würden, zumal die Beschwerdeführerin
zusammen mit ihrem Bruder D._ in die Heimat zurückkehren kann
(vgl. Urteil des BVGer E-5653/2019 vom 12. Mai 2021 E. 11.2.3), wo sie
beide über ein Beziehungsnetz verfügen, welches sie bei einer Rückkehr
unterstützen kann.
Schliesslich besteht aufgrund der Erwägungen zur Flüchtlingseigenschaft
respektive der verneinten Gefährdung aufgrund von Risikofaktoren auch
kein konkreter Grund zur Annahme, die Beschwerdeführerin könnte, wie in
der Beschwerdeschrift unter dem Titel der Zumutbarkeit des
Wegweisungsvollzugs geltend gemacht, bei ihrer Rückkehr der Gefahr von
Behelligungen durch sri-lankische Behörden oder paramilitärische
Gruppierungen ausgesetzt sein (vgl. Beschwerde S. 85f.). Weder der
Amtsantritt des Präsidenten Gotabaya Rajapaksa noch dessen Folgen
respektive die geltend gemachten Entwicklungen der Situation in Sri Lanka
– auch nicht die zwischenzeitlichen diplomatischen Unstimmigkeiten
zwischen Sri Lanka und der Schweiz – vermögen an dieser Einschätzung
etwas zu ändern, zumal diese Ereignisse in keinem konkreten
Zusammenhang mit der Beschwerdeführerin stehen.
12.2.4 Weiter ist festzustellen, dass der Vollzug der Wegweisung mangels
aktenkundiger objektiver Hindernisse nach wie vor als möglich im Sinne
von Art. 83 Abs. 2 AIG zu bezeichnen ist.
12.3 Die durch die Vorinstanz verfügte Wegweisung und deren Vollzug
stehen somit in Übereinstimmung mit den zu beachtenden Bestimmungen
und sind zu bestätigen. Nach dem Gesagten fällt die Anordnung einer
vorläufigen Aufnahme ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
13.
Aus den vorstehenden Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene
Verfügung Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt
richtig sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit dies-
bezüglich überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen,
soweit darauf einzutreten ist.
14.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten der Beschwerde-
führerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Ihr wurde indes mit Zwi-
E-5779/2019
Seite 31
schenverfügung vom 18. Dezember 2019 die unentgeltliche Prozessfüh-
rung gewährt und es ist nach wie vor von ihrer Bedürftigkeit auszugehen.
Auf die Erhebung von Verfahrenskosten ist daher zu verzichten.
(Dispositiv nächste Seite)
E-5779/2019
Seite 32