Decision ID: 900e4bd7-d20c-489d-9bb2-756d4601934a
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Die Beschwerdeführenden suchten am (...) in der Schweiz um Asyl
nach.
A.b Ein Abgleich der Fingerabdrücke mit dem zentralen Visa-Informations-
system (CS-VIS) vom 23. Februar 2022 ergab, dass Belgien ihnen am (...)
ein vom (...) bis am (...) gültiges Visum ausgestellt hatte.
A.c Am 25. Februar 2022 beauftragten die Beschwerdeführenden die Mit-
arbeitenden des Rechtsschutzes für Asylsuchende der Region (...) ([...] –
Caritas Schweiz) mit der Wahrung ihrer Rechte im Asylverfahren. Am 28.
Februar 2022 fanden die Personalienaufnahmen (PA) statt.
A.d Anlässlich des sogenannten Dublin-Gesprächs vom 3. März 2022
brachte die Beschwerdeführerin 2 vor, sie sei im (...) zusammen mit ihrem
Ehemann (Beschwerdeführer 1) und ihrem Sohn (Beschwerdeführer 3) le-
gal nach Europa gekommen. Sie hätten in D._ bei ihrer Schwägerin
gewohnt, die versprochen habe, ihnen zu helfen. Die Schwägerin habe sie
in der Folge gezwungen, ohne Bezahlung im Haushalt zu arbeiten und sie
habe das Haus nur in Begleitung verlassen dürfen. Ihr Schwager habe ih-
ren Sohn wiederholt auf die Hände geschlagen und manchmal habe er ihn
in der Kälte ausgesperrt. Sie habe die Situation nicht mehr ertragen kön-
nen, weshalb sie ihre Mutter um Hilfe gebeten habe. Diese habe ihr einen
tunesischen Bekannten in Belgien vermittelt, welcher ihr ein Busticket für
in die Schweiz organisiert habe. So sei es ihr gelungen, am (...) in die
Schweiz zu kommen. Seit ihrer Ausreise habe sie keinen Kontakt mehr zu
ihrer Schwägerin, diese schreibe ihr aber, dass sie zurückkommen solle
und drohe ihr, sie bei der Polizei anzuzeigen. Sie sei müde, ihrem Sohn
gehe es aber gut.
A.e Der Beschwerdeführer 1 machte anlässlich seines Dublin-Gesprächs
vom 3. März 2022 geltend, er sei am (...) zusammen mit seiner Ehefrau
und seinem Sohn legal nach Europa gekommen. Nach der Ankunft in
D._ seien sie zu seiner Schwester gegangen, die versprochen
habe, ihnen zu helfen. Es sei aber anders gekommen. Seine Schwester
habe seine Frau als Haushaltshilfe arbeiten lassen. Zudem habe sie ge-
sagt, dass er nach Ablauf des Visums gehen müsse, während seine Frau
und sein Sohn bleiben könnten. Seine Schwester habe einen Anwalt kon-
taktiert, um ein Adoptionsverfahren für seinen Sohn einzuleiten. Seine
Schwester habe psychische Probleme und Probleme mit ihrem Ehemann.
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Er (der Beschwerdeführer 1) habe sich zwischen seiner Familie und der
Familie seiner Schwester befunden. Die Situation habe ihn erschöpft. Mit
Hilfe eines Bekannten seiner Ehefrau sei es ihnen gelungen, ein Busticket
zu kaufen und in die Schweiz zu kommen. Ihm gehe es körperlich gut, er
mache sich aber viele Sorgen um seine Frau und seinen Sohn. Er würde
lieber sterben, als nach Belgien zurückzukehren. Er wolle in einem siche-
ren Land wie der Schweiz bleiben. Seit er in der Schweiz sei, gehe es ihm
gut. Er brauche weder einen Arzt noch einen Psychologen. Er wolle zudem
nicht, dass sein Sohn nach Belgien zurückkehren müsse. Die blosse Er-
wähnung dieses Landes löse bei seinem Sohn Ängste aus.
A.f Am 13. April 2022 hörte das SEM die Beschwerdeführerin 2 in einem
Frauenteam als potenzielles Opfer von Menschenhandel an. Sie brachte
im Wesentlichen vor, dass ihr Ehemann in Tunesien als (...) gearbeitet
habe. Dies habe zu Problemen geführt. Sie seien verfolgt und bedroht wor-
den. Als ihre Schwägerin in Belgien davon erfahren habe, habe sie ange-
boten, ihnen zu helfen. In der Folge seien sie mit einem Visum zu ihr ge-
reist.
Als sie in Belgien gewesen seien, habe ihre Schwägerin verhindern wollen,
dass sie die nötigen Papiere erhalte, so dass sie weder arbeiten, studieren
noch eine eigene Wohnung habe mieten können. Die Schwägerin habe
auch geplant, ihren Sohn zu adoptieren und den Beschwerdeführer 1 zu
überzeugen versucht, sie zu verlassen und eine andere Frau zu heiraten.
Auf diese Weise sei sie (Beschwerdeführerin 2) in Belgien alleine und eine
Dienerin gewesen. Den genauen Plan ihrer Schwägerin kenne sie nicht.
Sie (Beschwerdeführerin 2) habe sich um den Haushalt kümmern müssen.
Sie sei wie eine Angestellte gewesen und herumkommandiert worden. Der
Mann der Schwägerin sei auch zu Hause gewesen, da er nicht gearbeitet
habe. Er habe ihrem Sohn auf die Hände geschlagen und ihn gepackt und
aus dem Haus gezerrt. Ihr Mann habe dies geschehen lassen, weil er Streit
habe vermeiden wollen. Er habe nur gesagt, sie solle geduldig sein. In der
Folge habe die Schwägerin versucht, sie von der Prostitution zu überzeu-
gen. Dreimal habe die Schwägerin sie an Orte mitgenommen, wo Prostitu-
tion betrieben worden sei. Zudem habe die Schwägerin sie bei einem Vi-
deotelefonat beim Duschen gefilmt. Zuletzt hätte sie mit Freunden ihrer
Schwägerin mitgehen sollen. Dazu sei es aber nicht gekommen, da sie
vorher ausgereist seien. Sie habe sich nie prostituiert und ihrem Mann
habe sie von den Versuchen ihrer Schwägerin nichts erzählt. Die Ausreise
aus Belgien habe sie heimlich mit ihrer Mutter geplant. Sie habe zuerst
ohne ihren Mann gehen wollen, weil er sich nicht für sie eingesetzt habe.
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Als sie ihm aber von ihrem Plan erzählt habe, habe er sie begleiten wollen.
Nach der Ausreise habe die Schwägerin mehrfach versucht, sie zu kontak-
tieren, aber sie habe nie geantwortet. Ihre Schwägerin drohe ihr, sie bei
der Polizei wegen Diebstahls von Schmuck anzuzeigen. Sie habe aber nie
Schmuck gestohlen. Zudem werde ihre Mutter in Tunesien von den Brü-
dern der Schwägerin bedroht. Bei den belgischen Behörden habe sie nicht
um Schutz gebeten, weil sie Angst vor ihrer Schwägerin gehabt habe.
Sie sei immer noch müde. Sie wolle auf keinen Fall nach Belgien zurück-
kehren. Sie habe dort zu viele schlimme Dinge erlebt. Ihr Sohn sage, er
wolle nicht nach Belgien zurück, weil sie ihn dort geschlagen hätten.
A.g Das SEM gewährte der Beschwerdeführerin 2 am 13. April 2022 als
potenziellem Opfer von Menschenhandel gestützt auf Art. 13 des für die
Schweiz am 1. April 2013 in Kraft getretenen Übereinkommens vom
16. Mai 2005 zur Bekämpfung des Menschenhandels (sog. Europarats-
Übereinkommen [EKM]; SR 0.311.543) eine 30-tägige Erholungs- und Be-
denkzeit. Die Beschwerdeführerin 2 nahm diese in Anspruch.
A.h Am 13. April 2022 ersuchte das SEM die belgischen Behörden um
Übernahme der Beschwerdeführenden gestützt auf Art. 12 Abs. 4 Dublin-
III-VO. Gleichzeitig informierte es die belgischen Behörden darüber, dass
die Beschwerdeführerin 2 ein potenzielles Opfer von Menschenhandel sei.
Die belgischen Behörden stimmten der Übernahme der Beschwerdefüh-
renden am 13. Juni 2022 zu.
A.i Am 19. April 2022 verlegte das SEM die Beschwerdeführenden vom
BAZ E._ in das BAZ F._.
A.j Mit am 12. Mai 2022 unterzeichneter Erklärung willigte die Beschwer-
deführerin 2 ein, falls erforderlich mit den Strafverfolgungsbehörden zu-
sammenzuarbeiten. In der Folge übermittelte das SEM die entsprechen-
den Informationen zur mutmasslichen Täterschaft bezüglich Menschen-
handels an das FedPol. Gemäss dessen Antwort vom 15. Juni 2022 seien
die erwähnten Personen in den zur Verfügung stehenden Datenbanken
nicht verzeichnet und es könne kein Bezug zur Schweiz festgestellt wer-
den, weshalb kein Strafverfolgungsverfahren eingeleitet werde.
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A.k Die Beschwerdeführenden reichten im Verlauf des erstinstanzlichen
Verfahrens die tunesischen Führerscheine und die tunesischen Identitäts-
karten (inkl. Übersetzungen) des Beschwerdeführers 1 und der Beschwer-
deführerin 2 sowie ihre Geburtsurkunden zu den Akten.
A.l Mit Verfügung vom 9. August 2022 – eröffnet am 10. August 2022 – trat
das SEM in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf
das Asylgesuch der Beschwerdeführenden nicht ein, ordnete die Wegwei-
sung aus der Schweiz in den zuständigen Dublin-Staat (Belgien) an, for-
derte die Beschwerdeführenden auf, die Schweiz am Tag nach Ablauf der
Beschwerdefrist zu verlassen und beauftragte den Kanton (...) mit dem
Vollzug der Wegweisung. Gleichzeitig verfügte es die Aushändigung der
editionspflichtigen Akten und stellte fest, dass einer allfälligen Beschwerde
gegen den Entscheid keine aufschiebende Wirkung zukomme.
B.
Am 17. August 2022 stellten die Beschwerdeführenden beim SEM ein Ge-
such um Einsicht in bestimmte, bisher nicht edierte Akten. Mit Verfügung
vom 18. August 2022 lehnte das SEM das Gesuch ab.
C.
Mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht vom 18. August 2022
beantragten die Beschwerdeführenden, die vorinstanzliche Verfügung sei
aufzuheben, die Zuständigkeit der Schweiz sei festzustellen und das Asyl-
gesuch sei materiell zu prüfen. Eventualiter sei das Verfahren zur Neube-
urteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Subeventualiter sei die Vor-
instanz anzuweisen, Garantien von Seiten der belgischen Behörden einzu-
holen, welche die Aufnahme der Beschwerdeführerin 2 und deren Familie
in ein Schutzprogramm zur Erkennung und Unterstützung von besonders
vulnerablen Personen bestätigt. In prozessualer Hinsicht ersuchten sie um
Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung (inklusive Verzicht auf die
Erhebung eines Kostenvorschusses). Ausserdem beantragten sie, der Be-
schwerde sei die aufschiebende Wirkung zu gewähren, und es seien vor-
sorgliche Massnahmen (Vollzugsstopp) zu erlassen.
Der Beschwerde lagen die Vollmachten vom 25. Februar 2022, die ange-
fochtene Verfügung (inkl. Empfangsbestätigung), das Gesuch um Akten-
einsicht an das SEM vom 17. August 2022 sowie die Verfügung des SEM
vom 18. August 2022 bei (alles in Kopie).
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D.
Mit Verfügung vom 19. August 2022 setzte die Instruktionsrichterin den
Vollzug der Wegweisung per sofort einstweilen aus.
E.
Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht gleichen-
tags in elektronischer Form vor (Art. 109 Abs. 3 AsylG).
F.
Mit Eingabe vom 22. August 2022 reichte das SEM die Zustimmung der
belgischen Behörden zur Übernahme der Beschwerdeführerin 2 und des
Beschwerdeführers 3 vom 13. Juni 2022 nachträglich zu den Akten.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das Bundesverwaltungsgericht entscheidet auf dem Gebiet des Asyls
– in der Regel und auch vorliegend – endgültig über Beschwerden gegen
Verfügungen (Art. 5 VwVG) des SEM (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31‒33
VGG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerdeführerenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz
teilgenommen, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt
und haben ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungs-
weise Änderung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legiti-
miert (Art. 105 AsylG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die – mit Berücksich-
tigung des kantonalen Feiertags – frist- und formgerecht eingereichte Be-
schwerde ist somit einzutreten (Art. 108 Abs. 3 AsylG und Art. 52 Abs. 1
VwVG).
2.
2.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
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2.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1;
2012/4 E. 2.2, je m.w.H.).
3.
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf einen Schriftenwechsel ver-
zichtet.
4.
4.1 Die Beschwerdeführenden rügen in formeller Hinsicht, das SEM habe
den Anspruch auf rechtliches Gehör und die Pflicht zur vollständigen Ab-
klärung des rechtserheblichen Sachverhalts verletzt. Diese Rügen sind
vorab zu beurteilen, da sie allenfalls geeignet sind, die Kassation der an-
gefochtenen Verfügung zu bewirken.
4.2 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches
Gehör. Das rechtliche Gehör dient einerseits der Sachaufklärung, ander-
seits stellt es ein persönlichkeitsbezogenes Mitwirkungsrecht beim Erlass
eines Entscheides dar, welcher in die Rechtsstellung des Einzelnen ein-
greift. Dazu gehört insbesondere das Recht des Betroffenen, sich vor Er-
lass eines solchen Entscheides zur Sache zu äussern, erhebliche Beweise
beizubringen, Einsicht in die Akten zu nehmen, mit erheblichen Beweisan-
trägen gehört zu werden und an der Erhebung wesentlicher Beweise ent-
weder mitzuwirken oder sich zumindest zum Beweisergebnis zu äussern,
wenn dieses geeignet ist, den Entscheid zu beeinflussen. Der Anspruch
auf rechtliches Gehör umfasst als Mitwirkungsrecht somit alle Befugnisse,
die einer Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren
Standpunkt wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 135 II 286 E. 5.1;
BVGE 2009/35 E. 6.4.1 mit Hinweisen).
Mit dem Gehörsanspruch korreliert die Pflicht der Behörden, die Vorbrin-
gen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und in ihrer Entscheidfindung
angemessen zu berücksichtigen. Das gilt für alle form- und fristgerechten
Äusserungen, Eingaben und Anträge, die zur Klärung der konkreten Streit-
frage geeignet und erforderlich erscheinen. Die Begründung muss so ab-
gefasst sein, dass der Betroffene den Entscheid gegebenenfalls sachge-
recht anfechten kann. Sie muss kurz die wesentlichen Überlegungen nen-
nen, von denen sich die Behörde hat leiten lassen und auf die sie ihren
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Entscheid stützt. Nicht erforderlich ist, dass sich die Begründung mit allen
Parteistandpunkten einlässlich auseinandersetzt und jedes einzelne Vor-
bringen ausdrücklich widerlegt (vgl. BGE 136 I 184 E. 2.2.1).
Unrichtig ist die Sachverhaltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher
und aktenwidriger Sachverhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch
gewürdigt worden sind; unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Ent-
scheid rechtswesentlichen Sachumstände berücksichtigt werden (vgl.
KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechts-
pflege des Bundes, 3. Aufl. 2013, Rz. 1043).
Das Verwaltungs- respektive Asylverfahren wird vom Untersuchungs-
grundsatz beherrscht (Art. 12 VwVG i.V.m. Art. 6 AsylG), wonach die Be-
hörde von Amtes wegen für die richtige und vollständige Abklärung des
rechtserheblichen Sachverhaltes zu sorgen, die für das Verfahren notwen-
digen Unterlagen zu beschaffen, die rechtlich relevanten Umstände abzu-
klären und ordnungsgemäss darüber Beweis zu führen hat (vgl. BVGE
2015/10 E. 3.2 m.w.H.). Die Behörde ist dabei jedoch nicht verpflichtet, zu
jedem Sachverhaltselement umfangreiche Nachforschungen anzustellen.
Zusätzliche Abklärungen sind vielmehr nur dann vorzunehmen, wenn sie
aufgrund der Aktenlage als angezeigt erscheinen (vgl. dazu AUER/BINDER,
in: Auer/Müller/Schindler [Hrsg.], Kommentar zum Bundesgesetz über das
Verwaltungsverfahren [VwVG], 2. Aufl. 2019, Rz. 16 zu Art. 12). Ihre
Grenze findet die Untersuchungspflicht in der Mitwirkungspflicht der Asyl-
suchenden (vgl. Art. 8 AsylG).
Der verfahrensrechtliche Anspruch auf Akteneinsicht (Art. 26 VwVG) bildet
Teilgehalt des in Art. 29 Abs. 2 BV verankerten Anspruchs auf rechtliches
Gehör, welcher in den Art. 29 ff. VwVG konkretisiert wird. So können sich
die Betroffenen in einem Verfahren nur dann wirksam zur Sache äussern
und geeignet Beweis führen beziehungsweise Beweismittel bezeichnen,
wenn ihnen die Möglichkeit eingeräumt wird, die Unterlagen einzusehen,
auf welche die Behörde ihren Entscheid stützt. Eine allfällige Einschrän-
kung des Akteneinsichtsrechts gegenüber den um Einsicht Ersuchenden
ist grundsätzlich zulässig, muss aber nach Art. 27 VwVG konkret begründet
sein und sich im Rahmen der Verhältnismässigkeitsprüfung auf das Erfor-
derliche beschränken. In interne Akten, die von der verfügenden Behörde
ausschliesslich für den Eigengebrauch beziehungsweise für die interne
Entscheidfindung erstellt werden, wie beispielsweise Notizen zuhanden ei-
ner Drittperson innerhalb der Behörde, Telefonnotizen, Anträge oder Ent-
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scheidentwürfe, ist keine Einsicht zu gewähren (vgl. BGE 115 V 303). So-
fern die Einsichtnahme in ein Aktenstück verweigert wird, darf auf dieses
nur dann zum Nachteil der Partei abgestellt werden, wenn ihr die Behörde
von seinem für die Sache wesentlichen Inhalt Kenntnis und ihr ausserdem
Gelegenheit gegeben hat, sich zu äussern und Gegenbeweismittel zu be-
zeichnen (Art. 28 VwVG).
4.3 In der Rechtsmittelschrift wird gerügt, der medizinische Sachverhalt zur
psychischen Verfassung des Beschwerdeführers 1 und der Beschwerde-
führerin 2 sei nicht erstellt. Obwohl namentlich die Beschwerdeführerin 2
in einer schwierigen psychischen Verfassung sei, sei diese von der Vorin-
stanz nicht weiter abgeklärt worden, nachdem ein vorgesehener Termin der
Beschwerdeführerin 2 bei einem Psychologen aufgrund ihrer Verlegung in
das BAZ F._ am (...) nicht habe wahrgenommen werden können.
Den Akten ist zu entnehmen, dass die Beschwerdeführerin 2 angegeben
hat, sie sei angesichts des Erlebten (in psychischer Hinsicht) müde. Ge-
mäss Bericht der Fachperson von (Nennung Institution) weinte sie sodann
bei den beiden Gesprächen oft und zeigte sie sich «in einer psychisch
schwierigen Verfassung», welche allerdings (abgesehen von der Erwäh-
nung des Weinens) nicht weiter erläutert wird. Auch in der Rechtsmittel-
schrift wird lediglich allgemein eine «schwierige» und «besonders fragile»
psychische Verfassung der Beschwerdeführerin 2 geltend gemacht, indes
nicht aufgezeigt, worin diese konkret besteht beziehungsweise an welchen
Beschwerden die Beschwerdeführerin 2 im Alltag im Einzelnen – nebst der
Müdigkeit und dem Weinen bei den Gesprächen – leidet. Gleichzeitig ist
festzuhalten, dass die Beschwerdeführenden durchaus Kontakt mit medi-
zinischem Fachpersonal hatten. So hat die Beschwerdeführerin 2 im BAZ
E._ bereits Medikamente erhalten (vgl. act. SEM 1126999 D3) und
das Medic-Help des BAZ F._ hat die Beschwerdeführenden nach
der Verlegung betreut und den Beschwerdeführer 3 anlässlich einer Krank-
heit an einen Arzt überwiesen (vgl. act. SEM 1126999-54/2). Die Beschwer-
deführerin 2 hat als (...) gearbeitet (vgl. sem act.: Beweismittelverzeichnis
ID-007) und erhoffte sich, in Belgien als (...) arbeiten oder studieren zu
können (vgl. sem act. 1126999-40/10, Seite 2; 1126999-41/16 D7 und D12;
Beschwerde Ziff. II/4., Seite 4 unten). Damit darf ihr ein gewisser Bildungs-
stand attestiert werden. Angesichts dieser gesamten Umstände kann ver-
nünftigerweise davon ausgegangen werden, dass die Beschwerdeführen-
den über entsprechende Kompetenzen verfügen, um ihre (medizinischen)
Bedürfnisse zu kommunizieren und bei Vorliegen ernsthafter psychischer
Probleme diese beim Medic-Help oder beim behandelnden Arzt geäussert
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hätten. Im Übrigen wäre es den – rechtlich vertretenen – Beschwerdefüh-
renden offen gestanden, gegebenenfalls selbst einen (anderen) Arzt zu
konsultieren und entsprechende Beweise betreffend ihren psychischen
Gesundheitszustand vorzulegen.
Dem Gesagten nach vermögen die Beschwerdeführenden mit ihrer im Zu-
sammenhang mit den gesundheitlichen Problemen geltend gemachten for-
mellen Rüge der ungenügenden Sachverhaltsabklärung und damit einher-
gehenden Verletzung des rechtlichen Gehörs nicht durchzudringen. In an-
tizipierter Würdigung der gesamten Aspekte ist sodann auch nicht zu er-
warten, dass erhobene medizinische Befunde in entscheidwesentlicher
Hinsicht die nachstehende Einschätzung umzustossen vermöchten, wes-
halb auch für das Gericht keine Veranlassung besteht, weitere Abklärun-
gen zu treffen oder eine allfällige medizinische Untersuchung abzuwarten.
4.4 Mit Blick auf das vorstehend Ausgeführte erweist sich auch die Rüge,
das SEM habe gegenüber der Beschwerdeführerin 2 die Schutzpflichten,
welche sich aus dem Europarats-Übereinkommen ergeben würden, ver-
letzt, indem sie in das BAZ F._ transferiert worden sei, wo keine
psychologische Hilfe verfügbar sei, als unbegründet.
4.5 Weiter rügen die Beschwerdeführenden, das SEM habe ihnen in die
Aktenstücke 1126999-52/26, 1126999-61/5, 1126999-56/3, 1126999-57/2
und 1126999-58/2 keine Einsicht gewährt.
Beim act. SEM 1126999-52/26 handelt es sich um die Akten der belgischen
Behörden zum Schengenvisum der Beschwerdeführerin 2. Gemäss Art. 26
Abs. 1 VwVG besteht ein Anspruch auf Einsicht in Eingaben von Parteien
und Vernehmlassungen von Behörden, in die «als Beweismittel dienenden
Aktenstücke» und Niederschriften eröffneter Verfügungen. Die Visumsak-
ten fallen nicht unter Art. 26 Abs. 1 VwVG. Insbesondere dienen sie im vor-
liegenden Dublin-Verfahren nicht zur Sachverhaltsermittlung, zumal die (im
Übrigen unbestrittene) Erteilung des Visums durch die belgischen Behör-
den für die Dauer vom (...) bis am (...) (vgl. Sachverhalt in der angefoch-
tenen Verfügung: Ziff. I/3) vollumfänglich dem «Risultato AFIS-10F act.
1126999-20/2» zu entnehmen ist. Inwiefern das Aktenstück act. SEM
1126999-52/26 dem SEM für das vorliegende Verfahren darüber hinaus
zur Sachverhaltsermittlung hätte dienen können, ist nicht ersichtlich. Das
Gesuch um Gewährung von Einsicht in das betreffende Aktenstück ist da-
her abzuweisen.
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Seite 11
Was die verweigerte Offenlegung der Akte act. SEM 1126999-57/2 betrifft,
hat die Vorinstanz dieses Dokument zu Recht als interne Akte bezeichnet,
handelt es sich dabei doch um eine interne Zuteilung des Verfahrens zur
Meldung eines potenziellen Menschenhandelsopfers an das FedPol, wel-
che für die Beurteilung des Asylgesuchs nicht massgebend war.
Hinsichtlich der Akten act. SEM 1126999-56/3, act. SEM 1126999-58/2 und
act. SEM 1126999-61/5, bei denen es sich um einen Austausch zwischen
dem SEM und dem FedPol betreffend allfälligen Menschenhandel handelt,
hat das SEM in der angefochtenen Verfügung den wesentlichen Inhalt der
fraglichen Akten offengelegt. In diesem Sinne legte das SEM dar, dass das
FedPol zum Schluss gekommen sei, dass keine weiteren Untersuchungen
eingeleitet würden, es dem potenziellen Opfer aber offenstehe, sich bei der
zuständigen Kantonspolizei oder bei der zuständigen Polizei im zuständi-
gen Dublinstaat als Opfer von Menschenhandel zu konstituieren. Das Fed-
Pol hat keine eigenen Sachverhaltsabklärungen getroffen, die für das vor-
liegende Verfahren über die offengelegten Aspekte hinaus entscheidrele-
vant sein könnten. Das SEM hat vorliegend keine der Sachverhaltsabklä-
rung dienenden Informationen von anderen Behörden erhalten, die nicht in
die angefochtene Verfügung eingeflossen und so den Beschwerdeführen-
den nicht in geeigneter Form offengelegt worden sind.
Mit der Verweigerung der Edition der genannten Akten wurde das rechtli-
che Gehör daher nicht verletzt, weshalb das diesbezügliche Aktenein-
sichtsgesuch von der Vorinstanz zu Recht abgewiesen worden ist.
4.6 Weiter machen die Beschwerdeführenden geltend, es sei fraglich, in-
wiefern das SEM hinreichend konkret Bezug auf die Situation der Be-
schwerdeführenden genommen habe und sich tatsächlich mit ihrer konkre-
ten Situation auseinandergesetzt hat. Das SEM habe hauptsächlich mit
Textbausteinen operiert und nur pauschal auf die Aussagen der Beschwer-
deführerin 2 verwiesen. Das SEM habe es gänzlich unterlassen, Angaben
aus den Berichten der (Nennung Institution) und der Anhörung Menschen-
handel (MH) vom 13. April 2022 zu zitieren. Ferner lege es nicht dar, wie
das SEM die Situation der Beschwerdeführerin 2 im Hinblick auf einen
Selbsteintritt würdigt und inwiefern kein Risiko des Re-Trafficking vorliegen
solle. Aus diesen Gründen könne der Entscheid nicht als hinreichend be-
gründet erachtet werden.
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Seite 12
Entgegen der Auffassung der Beschwerdeführenden hat die Vorinstanz in
der angefochtenen Verfügung nachvollziehbar und mit ausreichender Be-
gründung sowie gestützt auf die geltende Rechtsprechung dargelegt, wes-
halb sie Belgien als für die Prüfung des Asylgesuchs zuständig erachtet;
sie ist in ihren diesbezüglichen Ausführungen auch auf die psychische Be-
lastung, ein möglicherweise drohendes Re-Trafficking, auf die Suizidge-
danken des Beschwerdeführers 1 und – zumindest im Wesentlichen – auf
die Aussagen der Beschwerdeführerin 2 eingegangen. Der Umstand, dass
die Vorinstanz nicht jedes Detail der Vorbringen bei der Begründung des
Entscheids ausdrücklich erwähnt respektive die geltend gemachten Vor-
bringen anders gewichtet hat als die Beschwerdeführenden, ist nicht als
Verletzung des rechtlichen Gehörs zu werten. Allein der Umstand, dass die
Beschwerdeführenden eine andere Auffassung vertreten, begründet noch
keine Verletzung von verfahrensrechtlichen Vorschriften. Die Ausführun-
gen der Beschwerdeführenden tangieren denn auch im Wesentlichen ma-
terielle und nicht formelle Aspekte. Es ergeben sich keine hinreichenden
Anhaltspunkte, welche den Schluss zulassen würden, das SEM habe die
Begründungspflicht verletzt. Eine Verletzung der Begründungspflicht ist
auch daher nicht zu erkennen, weil es den Beschwerdeführenden möglich
war, sich ein Bild über die Tragweite des vorinstanzlichen Entscheides zu
machen sowie diesen ausführlich und sachgerecht anzufechten (vgl. BGE
129 I 232 E. 3.2).
4.7 Weiter machen die Beschwerdeführenden geltend, dass die Gewäh-
rung des rechtlichen Gehörs bezüglich einer Rückkehr nach Belgien frag-
lich sei. Es widerspreche den Schutzbestimmungen, direkt nach der Offen-
barung der persönlich schwer zu erzählenden Erlebnisse die Überweisung
nach Belgien, das Land der Verfolgung, zu thematisieren. Es wäre ange-
zeigt gewesen, der Beschwerdeführerin 2 nach Abschluss der Anhörung
MH die erforderliche Bedenk- und Erholungszeit zu gewähren und sie al-
lenfalls danach nochmals für eine Gewährung des rechtlichen Gehörs vor-
zuladen.
Gemäss Art. 13 Abs. 1 EKM dürfen während der Erholungs- und Bedenk-
zeit keine aufenthaltsbeendenden Massnahmen vollstreckt werden. Die
Gewährung des rechtlichen Gehörs ist indes keine aufenthaltsbeendende
Massnahme, weshalb diese Schutzbestimmung durch das SEM nicht ver-
letzt wurde. Sodann wird aus dem Protokoll ersichtlich, dass weder die Be-
schwerdeführerin 2 noch ihre anwesende Rechtsvertretung Einwände ge-
gen die Fragen zu Belgien hatten und die Beschwerdeführerin 2 ihre Ein-
wände gegen eine Überstellung nach Belgien geltend machen konnte.
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Seite 13
Zwar brachte sie auch vor, dass sie müde sei und ihr deshalb keine weite-
ren Gründe gegen die Zuständigkeit Belgiens einfallen würden (vgl. act.
SEM 1126999-41/16, D96); allerdings hätte die Beschwerdeführerin 2 ihre
Einwände, zumal sie rechtlich vertreten war, auch nachträglich geltend ma-
chen können. Selbst auf Beschwerdeebene wird nicht geltend gemacht,
welche weiteren Einwände die Beschwerdeführerin 2 gehabt hätte. Nach
dem Gesagten wurden weder das rechtliche Gehör noch die Schutzbestim-
mungen aus der EKM verletzt.
4.8 Die formellen Rügen erweisen sich als unbegründet. Es besteht keine
Veranlassung, die angefochtene Verfügung aufzuheben und die Sache an
die Vorinstanz zurückzuweisen. Das entsprechende Begehren ist abzuwei-
sen.
5.
5.1 Zur Begründung des Nichteintretensentscheides führte das SEM aus,
dass Belgien für ihr Asyl- und Wegweisungsverfahren zuständig sei. Da die
Beschwerdeführenden von Belgien ein Schengen-Visum erhalten hätten
und die belgischen Behörden ihrer Übernahme zugestimmt hätten, sei die
Zuständigkeit Belgiens grundsätzlich gegeben. Es gebe keine wesentli-
chen Gründe zur Annahme, dass das Asylverfahren und die Aufnahmebe-
dingungen für Asylsuchende in Belgien Schwachstellen aufweisen würden,
die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behandlung
im Sinne von Art. 4 der EU-Grundrechtecharta und Art. 3 EMRK mit sich
bringen würden. Es lägen zudem keine konkreten Anhaltspunkte vor, dass
sich die belgischen Behörden nicht an ihre völkerrechtlichen Verpflichtun-
gen halten würden. Folglich sei nicht davon auszugehen, dass die Be-
schwerdeführenden bei einer Überstellung nach Belgien gravierenden
Menschenrechtsverletzungen im Sinne von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO und
Art. 3 EMRK ausgesetzt würden, in eine existenzielle Notlage geraten oder
ohne Prüfung des Asylgesuchs und unter Verletzung des Non-Refoule-
ment-Gebots in ihr Heimat- oder Herkunftsstaat überstellt werden würden.
Ferner lägen auch keine Gründe gemäss Art. 16 Abs. 1 Dublin-III-VO vor,
die die Schweiz verpflichten würde, das Asylgesuch der Beschwerdefüh-
renden zu prüfen. In Würdigung der Akten lägen keine Gründe vor, die die
Schweiz veranlassen müssten, die Souveränitätsklausel im Sinne von
Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO anzuwenden. Die Souveränitätsklausel könne
auch aus humanitären gemäss Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 (SR 142.311) ange-
wandt werden. Weder die dokumentierten medizinischen Informationen
noch die subjektiven psychischen Störungen, über die sich die Beschwer-
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Seite 14
deführenden 1 und 2 beklagt hätten, die aber nicht gegenüber qualifizier-
tem medizinischen Personal zum Ausdruck gekommen seien, stellten ein
Hindernis für die Überstellung nach Belgien dar. Es bestehe kein Grund zur
Annahme, dass ihr Gesundheitszustand im Falle einer Überstellung kurz-
fristig eine Gefahr für ihr Leben oder ihre Gesundheit darstellen könnten.
Belgien verfüge zudem über eine mit der Schweiz vergleichbare medizini-
sche Infrastruktur. Ohnehin sei im Dublin-Verfahren nur die Reisefähigkeit
ausschlaggebend, die kurz vor der Überstellung beurteilt werde. Auch die
Suizidgedanken des Beschwerdeführers 1 könnten daran nichts ändern.
Hinsichtlich des Verdachts auf Menschenhandel hielt das SEM fest, es
habe die Beschwerdeführerin 2 als potenzielles Menschenhandelsopfer
identifiziert und die belgischen Behörden ordnungsgemäss informiert. Bel-
gien sei ein Rechtsstaat mit funktionierendem Justizsystem und habe auch
das EKM und das Zusatzprotokoll zur Verhütung, Bekämpfung und Bestra-
fung des Menschenhandels, insbesondere des Frauen- und Kinderhan-
dels, vom 15. November 2000 zum Übereinkommen der Vereinten Natio-
nen gegen die grenzüberschreitende organisierte Kriminalität (SR
0.311.542; sog. Palermo-Protokoll) ratifiziert. Es obliege der Beschwerde-
führerin 2, die geltend gemachte Straftat im Zusammenhang mit Men-
schenhandel bei den zuständigen Behörden in Belgien vorzubringen. Da
sie die Verfolger genau kenne, sei das entsprechende Verfahren verein-
facht. Weiter bestehe keine reale Gefahr, erneut Opfer von Menschenhan-
del zu werden (Re-Trafficking). Es gäbe keine Anhaltspunkte dafür, dass
die belgischen Behörden, zumal sie informiert seien, nicht jede erforderli-
che Massnahme ergreifen würden. Schliesslich hätten sie keine konkreten
Hinweise vorgebracht, wonach die Beschwerdeführerin 2 bei einer Über-
stellung nach Belgien einen ernsthaften Nachteil oder einer gravierenden
Menschenrechtsverletzung gemäss Art. 3 und 4 EMRK ausgesetzt wäre.
Nach dem Gesagten bestünden keine Gründe für die Anwendung der Sou-
veränitätsklausel gemäss Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO i.V.m. Art. 29a Abs. 3
AsylV 1.
5.2 Die Beschwerdeführenden entgegneten in der Beschwerdeschrift, es
bestünden hinreichende Gründe, sowohl in rechtlicher aus auch in huma-
nitärer Hinsicht, auf das Asylgesuch einzutreten. Es sei fraglich, inwiefern
es ihnen zuzumuten sei, in Belgien um Hilfe zu ersuchen. Aus zahlreichen
Berichten und den Schutzbestimmungen im Hinblick auf potenzielle Opfer
von Menschenhandel gehe hervor, dass diese als besonders vulnerabel
gelten würden und individuell auf die erlebten Geschehnisse reagieren
würden. So seien Opfer von Menschenhandel in zahlreichen Fällen psy-
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Seite 15
chisch stark angeschlagen. Die Beschwerdeführerin 2 stehe unter massi-
vem Druck. In der Schweiz würde sie sich sicher fühlen. Zudem sei das
Risiko eines Re-Trafficking gegeben. Der Ehemann scheine nicht in der
Lage zu sein, sich gegen seine Schwester zur Wehr zu setzen. Zudem sei
es den Beschwerdeführenden aufgrund des erhöhten Drucks seitens ihrer
Familien nicht möglich, sich an die belgischen Behörden zu wenden. Im
Rahmen des Asylverfahrens müsse die Schweiz zudem ihre Verpflichtun-
gen gemäss CEDAW wahren. Gemäss Art. 2 CEDAW sei jegliche Form
von Diskriminierung von Frauen zu verhindern. Die Vorinstanz unterlasse
es gänzlich zu würdigen, inwiefern der Beschwerdeführerin 2 in der kon-
kreten Bedrohungslage und unter Berücksichtigung des Risikos des Re-
Trafficking nicht eine Verletzung der Bestimmungen der CEDAW drohe. Es
genüge nicht, darauf zu verweisen, dass die belgischen Behörden die ent-
sprechende Verpflichtung einzuhalten hätten. Weiter sei der Beschwerde-
führer 3 vom Ehemann der Schwägerin wiederholt geschlagen worden. Die
Vorinstanz habe das Kindeswohl im Sinne von Art. 3 des Übereinkommens
vom 20. November 1989 über die Rechte des Kindes (KRK, SR 0.107)
nicht gewürdigt. Zusammenfassend wäre die Vorinstanz verpflichtet gewe-
sen, auf das Asylgesuch einzutreten oder weitere Abklärungen vorzuneh-
men.
Sofern die Wegweisung der Beschwerdeführerin 2 und ihrer Familie den-
noch in Betracht gezogen werde, müsse hinreichend sichergestellt werden,
dass die belgischen Behörden über die vorliegenden Umstände informiert
werden. Nur so könne sichergestellt werden, dass die Beschwerdeführerin
2 ihre Angaben erneut machen könne und der Familie ihres Mannes nicht
ausgesetzt sei. Zumal das Asylsystem in Belgien zurzeit viele Schwierig-
keiten aufweise (mit Verweis auf verschiedene Zeitungsartikel), sei es
zwingend notwendig, für die besonders vulnerablen Beschwerdeführenden
entsprechende Garantien bei den belgischen Behörden einzuholen.
6.
6.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmung des staatsvertraglich zuständigen
Staates prüft das SEM die Zuständigkeitskriterien gemäss Dublin-III-VO.
Führt diese Prüfung zur Feststellung, dass ein anderer Mitgliedstaat für die
Prüfung des Asylgesuchs zuständig ist, tritt das SEM, nachdem der betref-
fende Mitgliedstaat einer Überstellung oder Rücküberstellung zugestimmt
hat, auf das Asylgesuch nicht ein (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 6.2).
D-3566/2022
Seite 16
6.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III
(Art. 8 - 15 Dublin-III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfah-
ren zur Bestimmung des zuständigen Mitgliedstaates wird eingeleitet, so-
bald in einem Mitgliedstaat erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20
Abs. 1 Dublin-III-VO).
Bei sogenannten Aufnahmeverfahren (engl.: take charge) sind die in
Art. 8–15 Dublin-III-VO genannten Kriterien in der dort aufgeführten Rang-
folge (Prinzip der Hierarchie der Zuständigkeitskriterien; vgl. Art. 7 Abs. 1
Dublin-III-VO) anzuwenden, und es ist von der Situation im Zeitpunkt, in
dem der Antragsteller erstmals einen Antrag in einem Mitgliedstaat gestellt
hat, auszugehen (Art. 7 Abs. 2 Dublin-III-VO; FILZWIESER/SPRUNG, Dublin
III-Verordnung, Wien 2014, K4 zu Art. 7). Im Rahmen eines Wiederaufnah-
meverfahrens (engl.: take back) findet demgegenüber grundsätzlich keine
(erneute) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel III statt (vgl. zum Ganzen
BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1 m.w.H.).
6.3 Gemäss Art. 12 Abs. 4 Dublin-III-VO ist derjenige Mitgliedstaat für die
Prüfung des Antrags auf internationalen Schutz zuständig, welcher der an-
tragstellenden Person ein Visum erteilt hat, das seit weniger als sechs Mo-
naten abgelaufen ist. Der nach der Dublin-III-VO zuständige Mitgliedstaat
ist verpflichtet, eine asylsuchende Person, die in einem anderen Mitglied-
staat einen Antrag gestellt hat, nach Massgabe der Artikel 21, 22 und 29
aufzunehmen (Art. 18 Abs. 1 Bst. a Dublin-III-VO).
6.4 Abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO kann jeder Mitgliedstaat
beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa-
tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn
er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü-
fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO; sog. Selbsteintritts-
recht).
6.5 Droht ein Verstoss gegen übergeordnetes Recht, zum Beispiel gegen
eine Norm des Völkerrechts, so besteht ein einklagbarer Anspruch auf Aus-
übung des Selbsteintrittsrechts (vgl. BVGE 2010/45 E. 7.2). Die Schweiz
ist demnach zum Selbsteintritt verpflichtet, wenn andernfalls eine Verlet-
zung des Non-Refoulement-Gebots nach Art. 33 des Abkommens vom
28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30),
Art. 3 EMRK, Art. 7 des Internationalen Paktes über bürgerliche und politi-
sche Rechte (UNO-Pakt II, SR 0.103.2) oder Art. 3 des Übereinkommens
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Seite 17
vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschli-
che oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) droht (vgl.
Urteil des BVGer D-5698/2017 vom 6. März 2018 E. 5.2.4).
7.
7.1 Ein Abgleich mit dem zentralen Visa-Informationssystem (CS-VIS)
ergab, dass Belgien den Beschwerdeführenden am (...) ein vom (...) bis
am (...) gültiges Visum ausgestellt hatte. Die Vorinstanz ersuchte deshalb
die belgischen Behörden am 13. April 2022 um Wiederaufnahme der Be-
schwerdeführenden gestützt auf Art. 12 Abs. 4 Dublin-III-VO. Die belgi-
schen Behörden stimmten der Übernahme der Beschwerdeführenden am
13. Juni 2022 zu.
Die grundsätzliche Zuständigkeit Belgiens ist somit gegeben und diese
wird von den Beschwerdeführenden auch nicht bestritten.
7.1.1 Im Lichte von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO ist zu prüfen, ob es wesent-
liche Gründe für die Annahme gibt, das Asylverfahren und die Aufnahme-
bedingungen für Asylsuchende in Belgien würden systemische Schwach-
stellen aufweisen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdi-
genden Behandlung im Sinne des Artikels 4 der EU-Grundrechtecharta mit
sich bringen würden.
7.1.2 Belgien ist Signatarstaat der EMRK, der FoK und der FK sowie des
Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967 (SR 0.142.301) und kommt
seinen diesbezüglichen völkerrechtlichen Verpflichtungen grundsätzlich
nach. Es darf davon ausgegangen werden, dieser Staat anerkenne und
schütze die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richtlinien des
Europäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni 2013
zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aberkennung des in-
ternationalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) sowie 2013/33/EU vom
26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Aufnahme von Personen,
die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnahmerichtlinie) ergeben.
7.1.3 Unter diesen Umständen ist die Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin-
III-VO nicht gerechtfertigt.
7.2 Die Beschwerdeführenden fordern die Anwendung der Ermessens-
klausel von Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO, respektive der – das Selbstein-
trittsrecht im Landesrecht konkretisierenden – Bestimmung von Art. 29a
Abs. 3 AsylV 1.
D-3566/2022
Seite 18
7.2.1 Die Beschwerdeführenden haben kein konkretes und ernsthaftes Ri-
siko dargetan, das darauf schliessen liesse, die belgischen Behörden wür-
den sich weigern, sie aufzunehmen und ihren Antrag auf internationalen
Schutz unter Einhaltung der Regeln der Verfahrensrichtlinie zu prüfen. Den
Akten sind auch keine Gründe für die Annahme zu entnehmen, Belgien
werde in ihrem Fall den Grundsatz des Non-Refoulement missachten und
sie zur Ausreise in ein Land zwingen, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre
Freiheit aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet sind oder in
dem sie Gefahr laufen würden, zur Ausreise in ein solches Land gezwun-
gen zu werden. Ausserdem ist es den Beschwerdeführenden nicht gelun-
gen darzutun, die sie bei einer Rückführung erwartenden Bedingungen in
Belgien seien derart schlecht, dass sie zu einer Verletzung von Art. 4 der
EU-Grundrechtecharta, Art. 3 EMRK oder Art. 3 FoK führen könnten. Das
SEM hat die belgischen Behörden bereits darüber in Kenntnis gesetzt,
dass die Beschwerdeführerin 2 ein potenzielles Opfer von Menschenhan-
del ist. Nach der Überstellung steht es den Beschwerdeführenden frei, ein
Asylgesuch einzureichen und die Umstände des Menschenhandels, des-
sen Opfer die Beschwerdeführerin 2 geworden sei, darzulegen. Da die Be-
schwerdeführenden bislang nicht in Kontakt mit den belgischen Behörden
standen, sind keine konkreten Hinweise dafür ersichtlich, diese würden
den von Belgien eingegangenen völkerrechtlichen Verpflichtungen nicht
nachkommen. Konkrete Anhaltspunkte dafür, dass sie in Belgien Opfer
eines Re-Trafficking werden könnte, sind den Akten ebenfalls nicht zu ent-
nehmen. Sollte sich die Beschwerdeführerin 2 und ihr Kind in Belgien
bedroht fühlen oder unter Druck gesetzt werden, können sie sich an die
zuständigen belgischen Sicherheitsbehörden wenden, die verpflichtet sind,
sich ihrer anzunehmen. In Belgien kommen die Beschwerdeführenden in
die dortigen Asylstrukturen, wo sie von der Schwester des Ehemannes ge-
trennt und geschützt sind sowie professionelle psychologische und rechtli-
che Unterstützung erhalten. Die Behauptung, es sei ihnen nicht zuzumu-
ten, in Belgien um Hilfe zu ersuchen, entbehrt einer Grundlage. Die Be-
schwerdeführenden konnten in der Schweiz ein Asylgesuch stellen und
Hilfe bei den Behörden einholen. Es ist nicht ersichtlich, wieso sie dies in
Belgien nicht auch tun könnten, zumal das Asylverfahren bereits aufge-
gleist ist und die belgischen Behörden Kenntnis von der möglichen Gefahr
von Menschenhandel haben. Der Beschwerdeführerin 2 ist es gemäss ei-
genen Angaben gelungen, sich – mit Unterstützung ihrer Mutter – von ihrer
Schwägerin zu lösen, was für eine nicht unbedeutende Widerstandskraft
und Selbstständigkeit spricht (vgl. auch vorstehend E. 4.3). Auch wenn sie
geltend macht, ihr Ehemann habe ihr nicht helfen wollen respektive kön-
nen, so ist er mit ihr in die Schweiz gekommen und hat sie nicht an der
D-3566/2022
Seite 19
Flucht gehindert. Aus seinen Aussagen ist zudem ersichtlich, dass er ein
differenziertes Bild betreffend die Zeit in Belgien hat und sich Sorgen um
seine Ehefrau gemacht hat (vgl. act. SEM 1126999-34/3, Seite 1). Die Be-
schwerdeführenden haben schliesslich auch keine konkreten Hinweise für
die Annahme dargetan, Belgien würde ihnen dauerhaft die ihnen gemäss
Aufnahmerichtlinie zustehenden minimalen Lebensbedingungen vorent-
halten. Bei einer allfälligen vorübergehenden Einschränkung könnten sie
sich im Übrigen nötigenfalls an die belgischen Behörden wenden und die
ihnen zustehenden Aufnahmebedingungen auf dem Rechtsweg einfordern
(vgl. Art. 26 Aufnahmerichtlinie). Aufgrund des derzeitigen Erkenntnisstan-
des ist nicht angezeigt, das SEM dazu zu verpflichten, bei den belgischen
Behörden Garantien dafür einzuholen, dass diese sich an die von ihnen
eingegangenen völkerrechtlichen Verpflichtungen halten werden.
7.2.2 Was den medizinischen Sachverhalt anbelangt, ist darauf hinzuwei-
sen, dass eine zwangsweise Rückweisung von Personen mit gesundheit-
lichen Problemen nur ganz ausnahmsweise einen Verstoss gegen Art. 3
EMRK darstellen kann. Eine vom EGMR definierte Konstellation betrifft
Schwerkranke, die durch die Abschiebung – mangels angemessener me-
dizinischer Behandlung im Zielstaat – mit einem realen Risiko konfrontiert
würden, einer ernsten, raschen und unwiederbringlichen Verschlechterung
ihres Gesundheitszustands ausgesetzt zu werden, die zu intensivem Lei-
den oder einer erheblichen Verkürzung der Lebenserwartung führen würde
(vgl. Urteil des EGMR Paposhvili gegen Belgien 13. Dezember 2016,
Grosse Kammer 41738/10, §§ 180–193 m.w.H.). Wie bereits erwähnt (vgl.
vorstehend E. 4.3), machen die Beschwerdeführenden nicht geltend, dass
ihre psychische Verfassung ihre Reisefähigkeit beeinträchtigen würde oder
inwiefern die belgischen Behörden nicht fähig oder nicht willig seien, ihnen
eine erforderliche Behandlung zu gewähren. Aus den Vorbringen der Be-
schwerdeführenden und den Akten ist zudem nicht ersichtlich, dass eine
Erkrankung vorliegen könnte, die einer Überstellung nach Belgien dauer-
haft entgegenstehen würde.
7.2.3 Im Zusammenhang mit dem Kindeswohl des Beschwerdeführers 3
ist festzuhalten, dass Belgien Signatarstaat der KRK ist. Sodann besteht
entsprechend dem Gesagten (vgl. vorstehend E. 7.2.1) kein Risiko, dass
er in Belgien erneut vom Schwager des Beschwerdeführers 1 behelligt
wird. In diesem Sinne bedeutet eine Überstellung nach Belgien schon aus
diesen Gründen keine Verletzung von Art. 3 KRK.
D-3566/2022
Seite 20
7.2.4 Hinsichtlich der gerügten Verletzung von Art. 2 Bst. d CEDAW ist fest-
zuhalten, dass die Normen des Übereinkommens zwar für die völkerrechts-
konforme Auslegung des innerstaatlichen Rechts von Bedeutung (vgl. BGE
137 I 305 E. 3.2) sind, sich Art. 2 Bst. d CEDAW aber in erster Linie an die
gesetzgeberischen, politischen und gesellschaftlichen Institutionen der Mit-
gliedstaaten richtet. Demnach hat sich mit diesem Vorbringen nicht das
Gericht, sondern die Legislative, die Politik und die Gesellschaft auseinan-
derzusetzen (vgl. Urteil des BVGer E-1659/2020 vom 5. Januar 2022
E. 7.2.4 m.w.H.). Sodann ist nicht ersichtlich und wird auch nicht geltend
gemacht, dass das SEM eine Anspruchsnorm entgegen der CEDAW aus-
gelegt hat. Die Beschwerdeführenden können im vorliegenden Fall dem-
nach aus dem CEDAW nichts zu ihren Gunsten ableiten.
7.2.5 Demnach ist die Überstellung der Beschwerdeführenden nach Bel-
gien als zulässig zu erachten.
7.2.6 Bei der Anwendung der Kann-Bestimmung von Art. 29a Abs. 3
AsylV 1 verfügt das SEM über einen Ermessensspielraum (vgl.
BVGE 2015/9 E. 7 f.). Vorliegend bestehen keine Hinweise auf eine nicht
gesetzeskonforme Ausübung des Ermessens. Das Bundesverwaltungsge-
richt enthält sich daher in diesem Zusammenhang weiterer Äusserungen.
7.3 Nach dem Gesagten bleibt Belgien der für die Behandlung des Asylge-
suchs der Beschwerdeführenden zuständige Mitgliedstaat gemäss Dublin-
III-VO.
8.
Das SEM ist demnach zu Recht in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b
AsylG auf das Asylgesuch der Beschwerdeführenden nicht eingetreten. Da
die Beschwerdeführenden nicht im Besitz einer gültigen Aufenthalts- oder
Niederlassungsbewilligung sind, wurde die Überstellung nach Belgien in
Anwendung von Art. 44 AsylG ebenfalls zu Recht angeordnet (Art. 32 Abs.
1 Bst. a AsylV 1).
9.
Das Fehlen von Überstellungshindernissen ist bereits Voraussetzung des
Nichteintretensentscheides gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG. Allfällige
Vollzugshindernisse gemäss Art. 83 Abs. 3 und 4 AIG (SR 142.20) sind da-
her nicht mehr separat zu prüfen (vgl. BVGE 2015/18 E. 5.2 m.w.H.).
10.
Die Beschwerde ist demnach abzuweisen.
D-3566/2022
Seite 21
11.
11.1 Das Beschwerdeverfahren ist mit dem vorliegenden Urteil abge-
schlossen. Die Anträge, der Beschwerde sei die aufschiebende Wirkung
zu erteilen und auf die Erhebung eines Kostenvorschusses sei zu verzich-
ten, sind damit gegenstandslos geworden, und der am 19. August 2022
angeordnete Vollzugsstopp fällt dahin.
11.2
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten grundsätzlich den
Beschwerdeführenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Diese stellten
jedoch mit der Beschwerde ein Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG. Aufgrund der Akten
(insbesondere des Umstandes, dass sich die Beschwerdeführenden erst
seit wenigen Monaten in der Schweiz befinden und im BAZ untergebracht
sind) kann vorliegend von der Mittellosigkeit der Beschwerdeführenden
ausgegangen werden. Nach dem Gesagten sind die gestellten Begehren
auch nicht als aussichtslos zu werten. Das Gesuch um Gewährung der un-
entgeltlichen Prozessführung ist daher gutzuheissen und auf die Erhebung
von Verfahrenskosten ist zu verzichten.
(Dispositiv nächste Seite)
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