Decision ID: 13709df9-1d54-5ef3-aaef-0d6091bbc37d
Year: 2016
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
1.1
Der 1971 geborene
X._
war als Apparatebauer bei der
Y._
tätig und dadurch bei der SUVA gegen Unfallfolgen versi
chert (Urk. 10/49/92), als er am 11. März 1995 beim Snowboarden über eine zirka 80 m hohe Felswand im freien Fall in den Tiefschnee auf die linke Seite stürzte (Urk. 10/49/90-91).
Hierbei zog
er
sich eine Brustwirbelsäulen(BWK)-12-Fraktur (stabil), eine Commotio cerebri sowie eine Läsion des
Nervus
axillaris
links zu (vgl. Bericht über die ärztliche Abschlussuntersuchung vom 9. Dezember 1996, Urk. 10/49/11-13 S. 2)
.
Die SUVA trat auf den Schaden ein und leistete Heilbehandlung und Taggeld. Mit
durch
Einspracheentscheid
vom 2. August 1995 (Urk. 10/49/61-65) bestätigter Verfügung vom 29. Mai 1995 (Urk. 10/49/79-80) kürzte sie die Geldleistungen wegen grobfahrlässiger Her
beiführung des Unfalls um 20 %.
Nach der kreisärztlichen Abschlussuntersuchung vom 9. Dezember 1996 (vgl. Urk. 10/49/11-13) teilte die SUVA dem Versicherten mit, dass sie den Fall ab
schliesse (Urk. 10/49/
7-8
) und sprach ihm mit Verfügung
vom 20. Dezember 1996
eine (gekürzte) Integritätsentschädigung für eine Integritätseinbusse von 30 % zu (Urk. 10/49/
4-5).
1.2
Am 16. Dezember 1997 liess der Versicherte
durch seinen Vater telefonisch ei
nen Rückfall melden (vgl. Urk. 10/48/41).
Die SUVA liess den Versicherten ab
klären (vgl. Urk. 10/48/30-45), sicherte ihm die Kostenübernahme für
Schlaf
mittel auf Zusehen hin
zu und schloss den Rückfall ab (
Verfügung vom 27. Februar 1998,
Urk. 10/48/29).
1.3
Am 27. Januar 2002 meldete der Versicherte erneut einen Rückfall (Urk. 10/47/169).
Mit Vereinbarung vom 21. September 2004 einigten sich der Versicherte und die SUVA auf eine Rente von 15 %
mit Wirkung ab 1. Januar 1997
gestützt auf einen versicherten Verdienst von Fr. 52‘000.-- (Urk. 10/47/36), was mit Verfügung vom 26. November 2004 bestätigt wurde (Urk. 10/47/20). Nach Durchführung eines amtlichen Revisionsverfahrens be
stätigte die SUVA die weitere Ausrichtung der Rente mit Mitteilung vom 15. Januar 2011 (Urk. 10/47/1).
1.4
Am 21. Januar 2014 liess der Versicherte eine Verschlechterung seines psychi
schen und physischen Gesundheitszustandes melden (Urk. 10/43).
Nachdem die SUVA medizinische Akten (Urk. 10/58, Urk. 10/61) eingeholt und eine psychi
atrische Beurteilung
vorgenommen
(Urk. 10/62) hatte, verneinte sie ihre
Leis
tungspflicht
am 18. August 2014 formlos (Urk. 10/63).
Am 5. August 2015 stellte der Versicherte das Gesuch um ergänzende Abklärungen (Urk. 10/71), welches die SUVA am 7. August 2015 ab
wies
(Urk. 10/72).
Der Versicherte
wandte d
araufhin am 14. August 2015 ein, die Leistungsverweigerung sei nicht in der dafür vorgesehenen Form
ergangen
und ersuchte nochmals um ergän
zende Abklärungen oder aber um Erlass einer
einsprachefähigen
Verfügung (Urk. 10/73).
Die SUVA nahm die
Eingaben
vom 5. und 14. August 2015 als Gesuch
e
um Wiedererwägung und
prozessuale
Revision entgegen und trat
auf beide
mit Verfügung vom 14. September 2015
nicht
ein (Urk. 10/74). Die gegen die Verfügung erhobene Einsprache vom 19. Oktober 2015 (Urk. 10/75) wies sie, soweit sie darauf eintrat, mit Entscheid vom 29. Januar 2016 ab (Urk. 10/82 = Urk. 2).
2.
Gegen den
Einspracheentscheid
vom 29. Januar 2016 (Urk. 2) erhob
X._
am 1. März 2016 Beschwerde
und beantragte, dieser sei aufzuheben und die
Beschwerdegegnerin zu verpflichten, auf
sein
Gesuch um Prüfung der Verschlechterung
seines Gesundheitszustandes
einzutreten
und ihm eine „hun
dertprozentige“ Invalidenrente zuzusprechen; eventu
ell
sei die
Beschwerdegeg
nerin
zu verpflichten, den Sachverhalt ergänzend abzuklären
(Urk. 1 S. 2).
In prozessualer Hinsicht ersuchte er
insbesondere um Bestellung von Rechtsan
w
ältin Stephanie C. Elms
als unentgeltliche
Rechtsvertreter
in
.
Mit
Beschwerde
antwort
vom 19. April 2016 schloss die SUVA auf Nichteintreten auf die Be
schwerde (Urk. 9), was dem Beschwerdeführer am 29. April 2016 zur Kenntnis gebracht wurde (Urk. 11).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Der Beschwerdeführer
meldete
der Beschwerdegegnerin
am 21. Januar 2014
einen Rückfall (Urk. 10/43). Nachdem diese ärztliche Berichte eingeholt hatte und
ihr interner
versicherungspsychiatrischer Dienst
eine Beurteilung aufgrund der Akten
(vgl. Urk. 10/62)
erstellt hatte, teilte sie dem Beschwerdeführer am 18. August 2014 formlos mit, es treffe sie aufgrund der fehlenden Kausalität keine Leistungspflicht (Urk. 10/63). Den Erlass einer
einsprachefähigen
Verfü
gung verweigerte sie unter Hinweis darauf, dass die formlose Mitteilung
im Zeitpunkt, in welchem der Beschwerdeführer weitere Abklärungen oder den Er
lass einer Verfügung beantragt hatte, in Rechtskraft erwachsen sei. Statt dessen nahm
sie
die
Eingaben
des Beschwerdeführers
vom 5.
u
nd 14. August
2015
(Urk. 10/71 und Urk. 10/73)
als Gesuch
e
um Wiedererwägung und prozessuale Revision entgegen, und trat mit Verfügung vom 14. September 2015 auf
beide
nicht ein
(Urk. 10/74), was sie mit
Einspracheentscheid
vom 29. Januar 2016 bestätigte, soweit sie überhaupt auf die Einsprache vom 19. Oktober 2015 (Urk. 10/75) eintrat
(Urk. 2)
.
1.2
Zu prüfen ist vorab, ob seitens der Beschwerdegegnerin eine Rechtsverweige
rung vorliegt, indem sie
es dabei bewenden liess, ihre Leistungspflicht am 18. August 2014 formlos zu verneinen
und sich in der Folge weigerte, eine
einsprachefähige
Verfügung zu erlassen
.
2.
2.1
Nach Art. 49
Abs.
1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
So
-
zialver
sicherungsrechts
(ATSG) hat der Versicherungsträger über Leistungen, Forderungen und Anordnungen, die erheblich sind oder mit denen die be
troffene Person nicht einverstanden ist, schriftliche Verfügungen zu erlassen. Leistungen, Forderungen und Anordnungen, die nicht unter Art. 49
Abs.
1 ATSG fallen, können nach Art. 51
Abs.
1 ATSG in einem formlosen Verfahren behandelt werden. Für ein formloses Verfahren kommen mithin insbesondere Entscheidungen, welche nicht erheblich sind oder solche, mit welchen die be
troffene Person einverstanden ist, in Frage (Ueli
Kieser
, ATSG-Kommentar, 3. Auflage,
2015,
Art. 51 N 4).
Diesfalls
räumt Art. 51
Abs.
2 ATSG der be
troffenen Person die Möglichkeit ein, den Erlass einer Verfügung zu verlangen (BGE 134 V 145
E.2.3
).
2.
2
Nach der Rechtsprechung hat die Abgrenzung zwischen Verfügungen im Sinne von Art. 49 ATSG und Entscheiden im formlosen Verfahren in der Weise zu erfolgen, dass eine Verfügung nur dann vorliegt, wenn das fragliche Schrift
stück als solche bezeichnet ist oder zumindest eine Rechtsmittelbelehrung ent
hält. Weist eine in diesem Sinn verstandene Verfügung einen Mangel auf, be
stimmen sich die Konsequenzen nach Art. 49
Abs.
3 Satz 3 ATSG, wonach der versicherten Person aus einer mangelhaften Eröffnung kein Nachteil entstehen darf. Erfüllt dagegen der Brief, in welchem der Versicherer seinen Standpunkt äussert, die erwähnten Anforderungen nicht und hat er somit nicht als Verfü
gung zu gelten, muss sich das Verfahren zunächst auf den Erlass einer Verfü
gung richten (BGE 134 V 14
5
E. 3.2). Art. 51 ATSG bezieht sich nur auf das zulässige formlose Verfahren. Nach der Rechtsprechung ist Art. 51
Abs.
2 ATSG indes analog auch auf den Fall anzuwenden, dass der Versicherer im formlosen Verfahren nach Art. 51 ATSG einen Entscheid gefällt hat, welcher laut Art. 49
Abs.
1 ATSG in Verfügungsform hätte ergehen müssen, sodass die versicherte Person auch in diesem Fall einen Entscheid in Form einer Verfügung verlangen kann (BGE 134 V 14
5
E. 5.1).
2.3
Bei der Beantwortung der
Frage, innert welcher Frist das Begehren
um Erlass einer
formelle
n
Verfügung
gestellt werden
muss, ist nach der Rechtsprechung massgebend darauf abzustellen, wie lange im konkreten Einzelfall die ange
messene Überprüfungs- und Überlegungsfrist dauert, nach deren Ablauf ange
nommen werden kann, die betreffende Person habe sich mit der getroffenen Regelung abgefunden. Dabei kann allenfalls als Richtschnur eine Frist von 90 Tagen gelten, welche zudem derjenigen entspricht, innert welcher allgemein ein
R
evisionsgesuch einzureichen ist (
Kieser
, a.a.O.
,
Art. 51 N 20 mit Hinweisen). Eine abweichende Betrachtung hat zu greifen, wenn der Entscheid zu Unrecht im formlosen Verfahren ergangen ist. In solchen Fällen steht nach der Recht
sprechung eine Frist von einem Jahr zur Verfügung, um an den Versicherungs
träger zu gelangen (
Kieser
, a.a.O
.
Art. 51 N 24 mit Hinweis auf BGE 134 V 145 E. 5.3.2).
3.
3.1
Der Beschwerdeführer hat unbestrittenermassen innerh
alb eines Jahres seit Er
lass der
formlosen Mitteilung eine
einsprachefähige
Verfügung verlangt. Ob ihm, der jederzeit anwaltlich vertreten war, eine Frist von einem Jahr oder
-
wie die Beschwerdegegnerin behauptet
e
(vgl. Urk. 11 S. 5
Ziff.
9.5)
-
eine kürzere Frist für das Begehren um Erlass einer formellen Verfügung
zur Verfügung stand
, entscheidet sich aufgrund der Frage, ob die Entscheidung der
Beschwer
degegnerin
dem formlosen Verfahren zugänglich war oder ob umgehend
eine formelle
Verfügung zu erlassen gewesen wäre
(vgl. oben E. 2.3)
.
3.2
Der Beschwerdeführer ersuchte sinngemäss um Ausrichtung einer höheren Invali
denrente, da sich sein physischer und psychischer Gesundheits
zustand verschlechtert habe
(vgl. Urk. 10/43). Vom Grundsatz ausgehend, dass
die Sozi
alversicherung verpflichtet ist, autoritativ verbindlich mit einer Verfügung über Leistungen, Forderungen und Anordnungen zu befinden
und
Ausnahmen von der Verfügungspflicht nur zulässig
sind
, wenn die Pflichten und Rechte uner
heblich sind
oder
die betroffene Person mit dem Verwaltungsakt einverstanden ist
, hätte die Abweisung des Gesuchs um Erhöhung der Invalidenrente aufgrund eines Rückfalls in Verfügungsform ergehen müssen
, da periodische Leistungen immer als erheblich einzustufen sind (vgl. BGE 132 V 412 E. 3 und 4).
3.3
Nachdem die Leistungsverweigerung in einer formellen Verfügung hätte erge
hen müssen, blieb dem
Beschwerdeführer nach dem formlosen Schreiben vom 18. August 2014 ein Jahr Zeit, um
den Erlass
eine
r
Verfügung zu verlangen. Seine Eingabe vom 14. August 2015 (Urk. 10/73), mit welcher er explizit eine formelle Verfügung beantragte, erfüllt dieses Kriterium. Folglich
ist die formlose
Mitteilung vom 18. August 2014 nicht rechtskräftig geworden und
die
Be
schwerdegegnerin
hat den Erlass einer formellen Verfügung zu Unrecht verwei
gert.
4.
4.1
Gemäss einem allgemeinen Grundsatz des Sozialversicherungsrechts kann die Verwaltung eine formell rechtskräftige Verfügung, welche nicht Gegenstand materieller richter
licher Beurteilung gebildet hat, in Wiedererwägung ziehen, wenn sie zweifellos unrichtig und ihre Berichtigung von erheblicher Bedeutung ist (Art. 53
Abs.
2 ATSG; BGE 127 V 466 E. 2c mit Hinweisen).
Von der Wiedererwägung ist die so genannte prozessuale Revision von
Verwal
tungsverfügungen
zu unterscheiden. Danach ist die Verwaltung verpflichtet, auf eine formell rechtskräftige Verfügung zurückzukommen, wenn neue Tatsa
chen oder neue Beweismittel entdeckt werden, die geeignet sind, zu einer anderen rechtlichen Beurteilung zu führen (BGE 127 V 466 E. 2c mit Hinweisen). Erheb
lich können nur Tatsachen sein, die zur Zeit der Erstbeurteilung bereits bestan
den, jedoch unverschuldeterweise unbekannt waren oder unbewiesen blieben (BGE 119 V 180 E. 3a, 477 E. 1a, je mit Hinweisen).
4.2
B
eiden
gemeinsam ist, dass sie sich gegen formell rechtskräftige Ents
cheide rich
ten. Da vorliegend,
wie oben dargelegt
(vgl. E. 3.3),
keine formell rechts
kräftige Verfügung vorliegt, lag für die Beschwerdegegnerin kein Grund vor, die Eingaben des Beschwerdeführers vom 5. August und 14. August 2015 (Urk. 10/71 und Urk. 10/73)
als
Gesuche um Wiedererwägung und prozessuale
Revision
entgegenzunehmen und
die
Eintretensvoraussetzungen
zu prüfen
. D
ie Verfügung vom
14. September 2015
(Urk. 10/74)
und der die Verfügung bestä
tigende
Einspracheentscheid
vom 29. Januar 2016
(Urk. 2)
sind
daher
nichtig
.
5
.
Nach dem Dargelegten
liegt eine Rechtsverweigerung seitens der
Beschwer
-
degeg
nerin
vor. Folglich ist diese
zu verpflichten, über die
Leistungs
abweisung
formell
zu verfügen
.
6.
6.1
Dem Ausgang des Verfahrens entsprechend hat der Beschwerdeführer Anspruch auf eine
Partei
entschädigung. Diese wird
ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache, der Schwierigkeit des Prozesses und dem
Mass
des Obsiegens bemessen
, wobei für unnötigen Aufwand keine
Parteient
schädigung
zugesprochen wird
(
§
34
Abs.
3
des Gesetzes über das
Sozialversi
cherungsgericht
in Verbindung mit
§
7 Abs. 1 der Verordnung über die Gebüh
ren, Kosten und Entschädigungen vor dem Sozialversicherungsgericht
).
6.2
In Anbetracht dessen, dass der Beschwerdeführer sich lediglich auf drei von insgesamt 14 Seiten über die formlose Ablehnung seines Leistungsbegehrens
äusserte
und sein Rechtsbegehren nicht auf die Prüfung einer Rechtsverweige
rung abzielte, sowie
unter Berücksichtigung
eines gerichtsüblichen Ansatzes
von Fr. 220.
--
ist die Parteientschädigung auf Fr. 1‘400.-- inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer festzusetzen.
6.3
Bei diesem Verfahrensausgang erweist sich das Gesuch de
s
Beschwerdeführer
s
um unentgeltliche Rechts
vertretung
als gegenstandslos.