Decision ID: 81108257-a0ab-5658-b75e-20976d2f40bc
Year: 2017
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a B._ meldete sich im Mai 2002 unter Hinweis auf Schmerzen im rechten
Handgelenk zum Bezug einer Rente der Invalidenversicherung bei der IV-Stelle St.
Gallen an (IV-act. 2). Der Hausarzt Dr. med. C._ berichtete im September 2002 (IV-
act. 7), die Versicherte leide an persistierenden Schmerzen im rechten Handgelenk,
deren Genese noch unbekannt sei. Die Klinik für Handchirurgie des Kantonsspitals St.
Gallen habe eine Laxheit der Gelenke festgestellt und den Verdacht geäussert, die
Versicherte leide an einer Tendinitis oder an einer Synovialitis. Bis auf weiteres sei die
Versicherte vollständig arbeitsunfähig. Im Januar 2003 berichtete Dr. C._ (IV-act. 8),
nach einer Infiltrationstherapie durch die Klinik D._ hätten sich die Beschwerden
gebessert. Die Versicherte arbeite wieder ganztags. Mit einer Verfügung vom 8. Juli
2003 wies die IV-Stelle das Rentenbegehren ab (IV-act. 11).
A.b Im Juni 2010 meldete sich die Versicherte zum Leistungsbezug bei der IV-Stelle
Schwyz an (IV-act. 12). Der Allgemeinmediziner Dr. med. E._ berichtete im Juli 2010
(IV-act. 20), die Versicherte leide seit Juli 2008 an einer depressiven Erkrankung.
Zudem bestehe eine Zöliakie. Die Versicherte könne nicht arbeiten. Sie müsste
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dringend psychiatrisch therapiert werden, sei aber zu schwach für eine ambulante
Therapie. Nach einer stationären Rehabilitation attestierte die Klinik F._ am 11.
Oktober 2010 eine maximale Arbeitsfähigkeit von 60 Prozent (vgl. IV-act. 34–1). Im April
2011 teilte die Versicherte mit, dass sie wieder zu 60 Prozent arbeite und dafür 80
Prozent ihres früheren Lohnes erhalte (IV-act. 34–3). Im Juni 2011 notierte Dr. med.
G._ vom IV-internen regionalen ärztlichen Dienst (RAD), sie sehe keinen Grund, von
der Arbeitsfähigkeitsschätzung der Klinik F._ abzuweichen, zumal ja offenbar sogar
ein Pensum von 80 Prozent zumutbar sei (IV-act. 39). Mit einer Verfügung vom 4.
August 2011 wies die IV-Stelle das Leistungsbegehren der Versicherten ab (IV-act. 45).
A.c Am 20. September 2013 meldete sich die Versicherte zum dritten Mal – wiederum
bei der IV-Stelle St. Gallen – zum Leistungsbezug an (IV-act. 54). Die Psychologin lic.
phil. H._ hatte der IV-Stelle bereits am 10. September 2013 berichtet (IV-act. 51), die
Versicherte leide an einer affektiven Störung, an einer Angststörung und an einem
Status nach einer psychotischen Dekompensation im Mai/Juni 2012, die noch nicht
vollständig remittiert sei. Im August 2011 habe die Versicherte einen Verkehrsunfall mit
einem Distorsionstrauma der Halswirbelsäule erlitten; die somatischen Folgen sei noch
nicht vollständig remittiert. Im Moment sei die Versicherte vollständig arbeitsunfähig.
Am 13. Dezember 2013 berichtete lic. phil. H._ (IV-act. 62), die Versicherte leide an
einer bipolaren affektiven Störung mit einer gegenwärtig gemischten Episode. Es
bestehe der Verdacht auf eine dissoziative Störung im Sinne einer Spaltung. Der
Zustand sei unverändert schlecht. Im Juli 2014 berichtete der Psychiater med. pract.
I._ (IV-act. 78), er habe im Dezember 2013 die psychiatrische Behandlung der an
einer schizo-affektiven Störung leidenden Versicherten übernommen. Gemäss seinen
Unterlagen sei diese seit dem 29. August 2011 durchgehend vollständig arbeitsunfähig
gewesen. Seit dem Beginn der Behandlung durch ihn sei sie jedenfalls nie arbeitsfähig
gewesen. Zum momentanen Zeitpunkt sei die Zusprache einer ganzen Rente
„alternativlos“. Es bestehe aber die Hoffnung einer mindestens teilweisen Remission in
den nächsten Jahren, weshalb ein allfälliger Rentenanspruch nach etwa zwei Jahren
überprüft werden müsste. Die RAD-Ärztin Dr. med. J._ erachtete die Angaben des
Psychiaters I._ als überzeugend (IV-act. 85). Sie notierte, dass die Versicherte wohl
zunächst infolge des Verkehrsunfalls vom 29. August 2011 respektive des dabei
erlittenen Distorsionstraumas der Halswirbelsäule und später dann aufgrund einer
psychotischen Dekompensation im Mai 2012 durchgehend vollständig arbeitsunfähig
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gewesen sei. Mit einem Vorbescheid vom 5. Januar 2015 teilte die IV-Stelle der
Versicherten mit (IV-act. 93), dass sie die Zusprache einer ganzen Rente mit Wirkung
ab dem 1. März 2014 vorsehe. Zur Begründung führte sie aus, angesichts der
vollständigen Arbeitsunfähigkeit für sämtliche Tätigkeiten betrage der Invaliditätsgrad
100 Prozent. Das sogenannte Wartejahr habe im August 2011 zu laufen begonnen und
folglich per 1. August 2012 geendet. Allerdings habe sich die Versicherte erst im
September 2013 zum Leistungsbezug angemeldet. Die Rente könne deshalb erst per
1. März 2014 zugesprochen werden. Die IV-Stelle sandte der beruflichen
Vorsorgeeinrichtung der Versicherten eine Kopie dieses Vorbescheides zu. Mit einer
Verfügung vom 22. April 2015 sprach die IV-Stelle der Versicherten mit Wirkung ab
dem 1. März 2014 eine ganze Rente zu (IV-act. 98). Die berufliche Vorsorgeeinrichtung
erhielt wiederum eine Kopie.
B.
B.a Am 22. Mai 2015 erhob die berufliche Vorsorgeeinrichtung (nachfolgend: die
Beschwerdeführerin) eine Beschwerde gegen die Verfügung vom 22. April 2015 (act. G
1). Sie beantragte die Aufhebung der Verfügung, die Festsetzung des Beginns des
Wartejahres frühestens per Mai 2012 und eventualiter die Rückweisung der Sache zur
weiteren Abklärungen an die IV-Stelle St. Gallen (nachfolgend: die
Beschwerdegegnerin). Zur Begründung führte sie aus, sie sei durch die angefochtene
Verfügung unmittelbar berührt, da diese für sie bindend sei. Die Beschwerdegegnerin
habe das Verwaltungsverfahren abgeschlossen, ohne die Akten der IV-Stelle Schwyz,
die sich mit den beiden ersten Leistungsbegehren befasst habe, beizuziehen. Die
angefochtene Verfügung beruhe daher auf einem unvollständig ermittelten Sachverhalt.
Nach dem Unfall vom 29. August 2011 habe die obligatorische Unfallversicherung bis
und mit dem 31. August 2012 ein Taggeld ausgerichtet. Sie habe eine weitere
Leistungspflicht verneint. Schon vor dem Unfall habe die Versicherte an Beschwerden
an der Halswirbelsäule gelitten. Diese seien von der IV-Stelle Schwyz als nicht
invalidisierend qualifiziert worden. Rechtsprechungsgemäss könne ein
Schleudertrauma ohnehin keine Invalidität bewirken. Die in der angefochtenen
Verfügung erwähnte Eröffnung des Wartejahres per August 2011 sei folglich falsch.
Das Wartejahr habe frühestens im Mai 2012 zu laufen begonnen. Der Rentenanspruch
sei also erst per 1. Mai 2013 entstanden.
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B.b Am 12. Juni 2015 wurde die Versicherte (nachfolgend: die Beigeladene) von Amtes
wegen zur Teilnahme am Verfahren beigeladen (act. G 3).
B.c Die Beschwerdegegnerin beantragte am 24. August 2015 ein Nichteintreten auf
die Beschwerde (act. G 4). Zur Begründung führte sie an, der Rentenanspruch sei
wegen der verspäteten Anmeldung ohnehin erst per 1. März 2014 entstanden. Selbst
wenn der Beschwerdeführerin gefolgt würde, änderte sich nichts am Dispositiv der
angefochtenen Verfügung. Damit fehle es an einer Beschwerdelegitimation der
Beschwerdeführerin. Die RAD-Ärztin Dr. J._ hatte am 26. Juni 2015 notiert (IV-act.
121), hinsichtlich der Arbeitsfähigkeit der Beigeladenen in der Zeit nach dem Unfall
vom 29. August 2011 fehlten tatsächlich überzeugende medizinische Angaben in den
Akten. Aus psychiatrischer Sicht sei die Annahme einer vollständigen
Arbeitsunfähigkeit seit dem Verkehrsunfall aber „hypothetisch“ wie folgt zu begründen:
Die Beigeladene habe bereits vor dem Unfall eine verminderte emotionale
Belastbarkeit, eine reduzierte Stress- und Frustrationstoleranz und eine erhöhte
psychische Vulnerabilität gezeigt. Bei dieser Disposition könne angenommen werden,
dass der Auffahrunfall mit der darauf folgenden Zunahme der Schmerzen in der
Halswirbelsäule die Bewältigungsmechanismen der Beigeladenen zum Erliegen
gebracht habe.
B.d Die Beschwerdeführerin hielt am 4. November 2015 an ihren Anträgen fest (act. G
12). Zur Begründung führte sie aus, die Frage der materiellen Beschwer müsse im
Rahmen der materiellen Beschwerdeprüfung beantwortet werden. Für die
Beschwerdelegitimation sei dagegen nur die Existenz der Bindungswirkung
entscheidend, die gegeben sei. Auf die Beschwerde müsse daher entgegen der
Auffassung der Beschwerdegegnerin eingetreten werden.
B.e Die Beigeladene liess am 21. Januar 2016 ein Nichteintreten und eventualiter die
Abweisung der Beschwerde beantragen (act. G 15). Zur Begründung führte ihr
Rechtsvertreter an, die Beschwerdeführerin sei ins Abklärungsverfahren einbezogen
worden. Sie habe den Vorbescheid erhalten und hätte Einwände dagegen erheben
können. Rechtsprechungsgemäss könne sie nun lediglich noch eine offensichtliche
Unhaltbarkeit der Verfügung rügen.
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B.f Dagegen wandte die Beschwerdegegnerin am 11. Februar 2016 ein (act. G 17), die
Ausführungen der Beigeladenen bezögen sich hauptsächlich auf bereits rechtskräftige
Verfügungen einer IV-Stelle. Hier gehe es aber um eine noch nicht rechtskräftige
Verfügung.

Erwägungen
1.
1.1 Zur Erhebung einer Beschwerde gegen eine Verfügung einer IV-Stelle ist laut dem
Art. 59 ATSG berechtigt, wer durch die angefochtene Verfügung berührt ist und ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung oder Änderung hat (Art. 59 Abs. 1
ATSG). Praxisgemäss wird die Beschwerdelegitimation bejaht, wenn ein praktisches
oder rechtliches Interesse an der Aufhebung oder Änderung der Verfügung geltend
gemacht werden kann, was der Fall ist, wenn die allfällige Gutheissung der
Beschwerde einen Nachteil wirtschaftlicher, ideeller, materieller oder anderweitiger
Natur vermeidet, wobei der Beschwerdeführer aber stärker als jedermann von der
angefochtenen Verfügung betroffen sein und in einer beachtenswerten, nahen
Beziehung zur Streitsache stehen muss (vgl. etwa UELI KIESER, ATSG-Kommentar, 3.
Aufl. 2015, Art. 59 N 9 f., mit Hinweisen).
1.2 Die Beschwerdegegnerin hat eingewendet, die Beschwerdeführerin sei schon
deswegen nicht zur Beschwerde legitimiert, weil ihr Begehren nicht auf eine Änderung
des Dispositivs der angefochtenen Verfügung abziele. Der Rentenanspruch sei nämlich
unabhängig davon, ob das Wartejahr im August 2012 oder im Mai 2013 geendet habe,
erst im März 2014 entstanden, weil sich die Beschwerdeführerin verspätet (nämlich im
September 2013; vgl. Art. 29 Abs. 1 IVG) zum Leistungsbezug angemeldet habe. In
zwei neueren Entscheiden hat das Bundesgericht eine ähnliche Sichtweise vertreten.
Es hat ausgeführt, dass sich die Bindungswirkung von Rentenverfügungen für die
berufliche Vorsorge (vgl. BGE 132 V 1 und die darin enthaltenen Verweise auf die –
gleich lautende – Rechtsprechung vor dem Inkrafttreten des ATSG) nur auf jene
Feststellungen der IV-Stelle erstrecke, die für die Beurteilung des IV-Rentenanspruchs
entscheidend gewesen seien (vgl. das Urteil 9C_66/2015 vom 9. Juni 2015, E. 1.3), was
für den Beginn des sogenannten Wartejahres (Art. 28 Abs. 1 lit. b IVG) dann nicht der
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Fall sei, wenn eine verspätete Anmeldung vorliege (Urteil 9C_66/2015 vom 9. Juni
2015, E. 4.1, mit zahlreichen Hinweisen). Dabei spiele es keine Rolle, ob die IV-Stelle
die Frage nach dem Eintritt der relevanten Arbeitsunfähigkeit beantworte oder offen
lasse (Urteil 9C_896/2015 vom 16. Dezember 2016, E. 4.2). Gemäss der
bundesgerichtlichen Rechtsprechung entfaltet also die angefochtene Verfügung, wie
von der Beschwerdegegnerin geltend gemacht, hinsichtlich des Beginns der relevanten
Arbeitsunfähigkeit keine Bindungswirkung für die Beschwerdeführerin.
1.3 Die Begründung des Bundesgerichtes für die Beschränkung der Bindungswirkung
auf die im IV-Verfahren entscheidrelevanten Begründungselemente überzeugt
allerdings schon deshalb nicht, weil bereits dem Grundsatz nach keine gesetzliche
Grundlage für die vom Bundesgericht postulierte Bindungswirkung existiert. Zwar
heisst es in den Art. 23 f. BVG, dass der Invaliditätsgrad „im Sinne der
Invalidenversicherung“ massgebend sei, und im Art. 26 BVG, dass sich der
Rentenbeginn nach den Bestimmungen des IVG richte, aber damit lässt sich
augenscheinlich jene strikte Bindungswirkung, wie sie das Bundesgericht postuliert,
nicht begründen. Aus der Botschaft des Bundesrates zum BVG vom 19. Dezember
1975 (BBl 1976 I 149 ff.) geht hervor, dass der Gesetzgeber mit den erwähnten
Formulierungen nur eine Reduktion des Sachverhaltsabklärungsaufwandes der
beruflichen Vorsorgeeinrichtungen angestrebt hat. Ihm ist nämlich bewusst gewesen,
dass die Invaliditätsdefinition (und damit der Invaliditätsgrad) sowie der Rentenbeginn
in der beruflichen Vorsorge in zahlreichen Fallkonstellationen von der
Invaliditätsdefinition und dem Rentenbeginn in der Invalidenversicherung abweichen
können (reglementarische, vom Gesetz abweichende Invaliditätsdefinitionen,
Teilerwerbstätigkeit, Aufschub der Rente bei Vorhandensein einer
Krankentaggeldversicherung, verspätete Anmeldung etc.; vgl. BBl 1976 I 232). Der
Gesetzgeber hat also gar keine einheitliche Sachverhaltswürdigung angestrebt (die eine
Bindungswirkung erfordert hätte), sondern nur die Sachverhaltsabklärung erleichtern
wollen. Diese Erleichterung wird bereits erreicht, wenn die berufliche
Vorsorgeeinrichtung die Akten der Invalidenversicherung einsehen kann. Dafür braucht
es keine Bindungswirkung. Schon vor knapp zehn Jahren ist deshalb in der Lehre völlig
zu Recht die Ansicht vertreten worden, die angebliche positiv-rechtliche Verankerung
der Bindungswirkung könne „offensichtlich“ nicht aus den Art. 23 ff. BVG abgeleitet
werden worden (UELI KIESER, Bindungswirkung der Invaliditätsschätzungen, in:
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Sozialversicherungsrechtstagung 2008, S. 74 f.); die Praxis des Bundesgerichtes sei
von Beginn weg unausgegoren gewesen und führe nur zu Konfusionen im Bereich des
koordinationsrechtlichen Beschwerderechtes (FRANZ SCHLAURI, Koordinationsfragen
in der Unfallversicherung – de lege lata und ferenda, in: SZS 2008, S. 234 f.).
1.4 Zudem ist die Annahme, der BV-Gesetzgeber habe im BVG den IV-Stellen
irgendwelche Pflichten auferlegen wollen, unhaltbar. Wenn der Gesetzgeber die IV-
Stellen hätte in die Pflicht nehmen wollen, hätte er entsprechende Bestimmungen ins
IVG eingefügt, wie er dies beispielsweise bezüglich den Ergänzungsleistungen getan
hat (vgl. Art. 57 Abs. 2 IVG i.V.m. Art. 41 Abs. 1 lit. k IVV). Eine gesetzliche Grundlage
für die vom Bundesgericht postulierte Bindungswirkung kann auch nicht im Art. 49
Abs. 4 ATSG erblickt werden, der die IV-Stellen verpflichtet, ihre Verfügungen auch
jenen anderen Sozialversicherungsträgern zu eröffnen, deren Leistungspflicht von der
IV-Verfügung tangiert sein könnte, denn diese Pflicht bezieht sich augenscheinlich auf
die intersystemische Leistungskoordination (Art. 64 ff. ATSG); sie enthält keinen
Hinweis auf eine Bindungswirkung zwischen den Sozialversicherungsträgern. Im
Übrigen erklärt das BVG das ATSG als nicht anwendbar. Wenn es aber selbst zwischen
zwei dem ATSG unterstellten Sozialversicherungsträgern keine Bindungswirkung
(mehr) gibt (vgl. BGE 131 V 362 und BGE 133 V 549 betreffend das Verhältnis zwischen
der Invaliden- und der Unfallversicherung), kann es erst recht keine Bindungswirkung
zwischen einem dem ATSG unterstellten und einem nicht dem ATSG unterstellten
Sozialversicherungsträger geben. Daran ändert das Streben nach einem einheitlichen
Invaliditätsbegriff nichts, das vom Bundesgericht für das Verhältnis zwischen der
Invalidenversicherung und der beruflichen Vorsorge nach wie vor als Begründung für
eine angebliche Bindungswirkung angeführt wird, obwohl die Art. 7 f. und 16 ATSG im
Anwendungsbereich des BVG nicht massgebend sind. Die Einheitlichkeit des
Invaliditätsbegriffs kann nicht über eine Bindungswirkung und damit einhergehend über
ein Beschwerderecht der beruflichen Vorsorge im Invalidenversicherungsverfahren
erreicht werden, sondern muss auf einem anderen Weg gewährleistet werden.
Naheliegend wäre beispielsweise die Harmonisierung mittels administrativer
Weisungen betreffend die Zusammenarbeit der Unfall-, der Invaliden-, der Militär- und
der beruflichen Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenversicherung. Offensichtlich ist
aber kein Zweig von Gesetzes wegen verpflichtet, auf die Invaliditätsschätzung eines
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anderen Rücksicht zu nehmen (vgl. dazu den Entscheid IV 2006/68 des St. Galler
Versicherungsgerichtes vom 20. November 2007, E. 1h).
1.5 Wenn es allerdings eine Bindungswirkung gäbe, wie das Bundesgericht annimmt,
dann müsste auch eine generelle Regel betreffend das verfahrensrechtliche Vorgehen
der IV-Stellen und der beruflichen Vorsorgeeinrichtungen existieren. Augenscheinlich
kann eine Vorsorgeeinrichtung nämlich nicht auf das Dispositiv einer
(rechtsgestaltenden) Rentenverfügung einer IV-Stelle abstellen, denn dieses lautet auf
einen bestimmten Frankenbetrag, der ab einem bestimmten Datum monatlich
geschuldet ist. Nur in der Verfügungsbegründung kann eine Vorsorgeeinrichtung
Angaben zum Invaliditätsgrad und zum Eintritt der relevanten Arbeitsunfähigkeit finden.
Eine Verfügungsbegründung wird aber rechtsprechungsgemäss nie formell
rechtskräftig und damit auch nie direkt verbindlich. Folglich kann eine
Verfügungsbegründung per se keine Bindungswirkung entfalten. Gäbe es eine
Bindungswirkung zwischen der Invalidenversicherung und der beruflichen Vorsorge,
dann müssten einzelne Teile der Begründung einer IV-Rentenverfügung – nämlich der
Invaliditätsgrad und der Beginn der relevanten Arbeitsunfähigkeit – verbindlich werden
können. Das wäre verfahrensrechtlich nur in Form von entsprechenden
Feststellungsverfügungen (vgl. Art. 49 Abs. 2 ATSG) möglich. An diesen
Feststellungsverfügungen könnten nur die beruflichen Vorsorgeeinrichtungen und die
beruflich vorsorgeversicherten Personen ein schützenswertes Interesse haben, da
diese einen massgeblichen Einfluss auf die Invalidenleistungen der beruflichen
Vorsorge hätten; im IV-Verfahren bestünde dagegen kein schützenswertes Interesse an
solchen Feststellungen, da für die versicherte Person und die IV-Stelle natürlich nur das
rechtsgestaltende Dispositiv der Verfügung betreffend die Leistungen der
Invalidenversicherung massgebend ist. Die Existenz einer Bindungswirkung würde also
zwingend eine Pflicht der Invalidenversicherung voraussetzen,
Feststellungsverfügungen über den Invaliditätsgrad und über den Beginn der
relevanten Arbeitsunfähigkeit ausschliesslich zuhanden der möglicherweise
leistungspflichtigen beruflichen Vorsorgeeinrichtungen und der beruflich
vorsorgeversicherten Personen zu erlassen. Diese Feststellungsverfügungen würden es
den beruflichen Vorsorgeeinrichtungen und den beruflich vorsorgeversicherten
Personen erlauben, in einem IV-Verfahren respektive in einem IV-Beschwerdeverfahren
über Sachverhaltswürdigungen zu streiten, die nur für das Verhältnis zwischen der
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beruflichen Vorsorgeeinrichtung und der beruflich vorsorgeversicherten Person
massgebend wären. Hätte der Gesetzgeber dies tatsächlich gewollt, hätte er eine
generelle Pflicht der IV-Stellen zum Erlass solcher Feststellungsverfügungen
vorgesehen; auf keinen Fall hätte er diese Pflicht vom – für das BVG-Verfahren
zufälligen – Umstand der Entscheidrelevanz des entsprechenden Sachverhalts-
respektive Tatbestandselementes für das IV-Verfahren abhängig gemacht. Die
Feststellungsverfügungen wären nämlich für das IV-Verfahren immer unnötig
beziehungsweise würden in jedem Fall nur zuhanden der beruflichen
Vorsorgeeinrichtung ergehen, weshalb die Notwendigkeit sich im Einzelfall anhand des
Bedarfs nach diesen Feststellungsverfügungen im BVG-Verfahren (nicht im IV-
Verfahren) bemessen müsste. Die vom Bundesgericht „kreierten“ Ausnahmen von der
Bindungswirkung bei einer verspäteten Anmeldung im Sinne des Art. 29 Abs. 1 IVG
oder bei einem Eintritt der relevanten Arbeitsunfähigkeit lange vor dem Beginn des
Wartejahres wären folglich systemwidrig, weil sie sich an der Notwendigkeit der
Feststellungen für das IV-Verfahren und nicht an deren Notwendigkeit für das BVG-
Verfahren orientieren würden. Auch in solchen Fällen müssten die IV-Stellen folglich
Feststellungsverfügungen zum Invaliditätsgrad und zum Beginn der relevanten
Arbeitsunfähigkeit erlassen, damit die berufliche Vorsorgeeinrichtung und die beruflich
vorsorgeversicherte Person im IV-Verfahren darüber streiten könnten. Nur so könnte
eine – aus der Sicht der Vorsorgeeinrichtung betrachtet „versehentliche“ – Bindung an
die Feststellungen der IV-Stelle vermieden werden. Wenn es nämlich Ausnahmen von
der Bindungswirkung gäbe, könnte es geschehen, dass eine Vorsorgeeinrichtung einen
Entscheid der IV-Stelle nicht anfechten würde, weil sie davon ausginge, es läge einer
dieser Ausnahmen vor und sie sei deshalb ohnehin nicht an die Feststellungen der IV-
Stelle gebunden, obwohl die Ausnahmekriterien in Tat und Wahrheit gar nicht erfüllt
wären. Im späteren BVG-Verfahren müsste sich die Vorsorgeeinrichtung dann jene
Feststellungen der IV-Stelle, von welchen sie annahm, sie sei nicht daran gebunden,
entgegenhalten lassen, ohne sich noch dagegen wehren zu können. Solche Fälle
müssten vermieden werden, da sie eine unerträgliche Rechtsunsicherheit schaffen
würden, weshalb es keine Ausnahmen von der Bindungswirkung geben dürfte. Worin
der Vorteil der verfahrensrechtlich verworrenen Lösung des Bundesgerichtes liegen
sollte, ist nicht ersichtlich. Obwohl das Bundesgericht die Beibehaltung respektive die
Aufgabe seiner Praxis zur angeblichen Bindungswirkung wiederholt geprüft hat, hat es
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sich bislang – soweit überblickbar – noch nicht eingehend mit den
verfahrensrechtlichen Konsequenzen seiner Rechtsprechung auseinandergesetzt. Es
handelt sich dabei um neue Gesichtspunkte und damit um eine bessere Erkenntnis des
geltenden Rechtes, womit die Voraussetzungen für eine Rechtsprechungsänderung
(vgl. BGE 137 V 282 E. 4.2 S. 291 f. mit zahlreichen Hinweisen) erfüllt sind.
1.6 Das führt im vorliegenden Fall (zufällig) zum selben Ergebnis wie die Anwendung
der bundesgerichtlichen Praxis zur Bindungswirkung und deren Ausnahmen: Die
Beschwerdeführerin ist nicht an die Auffassung der Beschwerdegegnerin zum Eintritt
der Arbeitsunfähigkeit der Beigeladenen gebunden. Ihre Leistungspflicht wird folglich
durch die angefochtene Verfügung nicht berührt, weshalb sie nicht zur Beschwerde
legitimiert ist.
2.
Auf die Beschwerde ist nicht einzutreten. Die Gerichtskosten sind der unterliegenden
Beschwerdeführerin aufzuerlegen. Diese Kosten sind durch den von dieser geleisteten
Kostenvorschuss gedeckt. Die Beschwerdeführerin hat der Beigeladenen eine
angemessene Parteientschädigung auszurichten. Angesichts des Umstandes, dass
sich das Verfahren um eine isolierte Rechtsfrage gedreht hat, für die nur ein Bruchteil
der Akten hat studiert werden müssen, und unter Berücksichtigung der Tatsache, dass
die Beigeladene nur einmal zu den Eingaben der Beschwerdeführerin und der
Beschwerdegegnerin hat Stellung nehmen müssen, ist von einem deutlich
unterdurchschnittlichen Vertretungsaufwand auszugehen. Die Parteientschädigung
wird deshalb auf 1'500 Franken (einschliesslich Barauslagen und Mehrwertsteuer)
festgesetzt.