Decision ID: ecc8ca97-e92f-4b9d-a59f-2e38ec0b446a
Year: 2019
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich am 8. Februar 2012 bei der IV-Stelle zum Leistungsbezug an
(IV-act. 1). Aufgrund von Berichten der behandelnden Ärzte des Ambulatoriums der
psychiatrischen Klinik B._ vom 2. März 2012 (IV-act. 12), 19. Juni 2012 (IV-act. 21), 9.
Oktober 2012 (IV-act. 40) hielt die IV-Stelle bei den Diagnosen einer rezidivierenden
Störung, gegenwärtig mittelgradige Episode (ICD-10 F32.1), sowie einer
posttraumatischen Belastungsstörung (ICD-10 F43.1) eine seit dem 8. September 2011
bestehende 100%-ige Arbeitsunfähigkeit in jeglicher Tätigkeit für ausgewiesen (vgl.
RAD-Stellungnahme Dr. med. C._, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie
FMH, vom 5. Juli 2013, act. 42).
A.a.
Am 15. November 2013 sprach die IV-Stelle der Versicherten rückwirkend ab dem
1. September 2012 eine ganze Invalidenrente bei einem IV-Grad von 100% zu (IV-
act. 52).
A.b.
Im Rahmen der amtlichen Rentenrevision gab die Versicherte am 27. Oktober
2015 einen gleich gebliebenen Gesundheitszustand an (IV-act. 57). Dr. med. D._,
Facharzt FMH für Innere Medizin, beschrieb im Arztbericht vom 1. Dezember 2015
unter Hinweis auf die Zeit ab 10. Juni 2013 einen verschlechterten
Gesundheitszustand. Trotz intensiver psychotherapeutischer und medikamentöser
Behandlung habe sich der Gesundheitszustand der Patientin weiter verschlechtert. Die
Arbeitsunfähigkeit betrage bei den Diagnosen schwere rezidivierende depressive
Episoden mit ausgeprägter Somatisierungsstörung sowie fibromyalgiformen
Schmerzen für alle Tätigkeiten 100% (IV-act 61). Med. pract. E._, Assistenzärztin
A.c.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Psychiatrisches Ambulatorium B._ attestierte eine 100%-ige Arbeitsunfähigkeit und
gab als Diagnosen eine rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig mittelgradige
Episode, sowie eine posttraumatische Belastungsstörung an. Im bisherigen Verlauf
habe sich eine gewisse Stabilisierung, nicht jedoch eine deutliche Zustandsänderung
gezeigt. Es fänden regelmässige therapeutische Gespräche im Abstand von drei
Wochen statt. Darüber hinaus erhalte sie intensive sozialarbeiterische Unterstützung im
Ambulatorium und werde psychopharmakologisch mit Cymbalta und Remeron
behandelt (IV-act. 62).
Da bei einer Depression sowie einer posttraumatischen Belastungsstörung
grundsätzlich von einer Besserungsfähigkeit ausgegangen werden könne, ordnete der
RAD zur Überprüfung der Diagnosen sowie deren Auswirkungen auf die
Leistungsfähigkeit eine psychiatrische sowie neuropsychologische Begutachtung an
(IV-act 64).
A.d.
Dr. med. F._, Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie,
untersuchte die Versicherte am 8. Juli 2016 im Auftrag der IV-Stelle psychiatrisch sowie
neuropsychologisch und diagnostizierte im Gutachten vom 11. Juli 2016 eine nicht
näher bezeichnete neurotische Störung (ICD-10 F48.9; IV-act. 69-20) und hielt zudem
fest, dass eine rezidivierende depressive Störung sowie eine PTBS nicht nachweisbar
seien (IV-act 69-22). Es ergäben sich schwere, nicht ausräumbare Zweifel, dass die
geschilderten Beschwerden und Einschränkungen so wie geltend gemacht auch
vorhanden seien. Ohne vernünftigen Zweifel liege zwar eine psychische Störung vor,
aufgrund der Inkonsistenzen sei er aber nicht zur Gewissheit gelangt, dass wesentliche
oder konkret benennbare Funktionsbeeinträchtigungen tatsächlich noch vorhanden
seien (IV-act. 69-26). Ergänzend gab Dr. F._ am 18. Juli 2016 an, dass gemäss
Laborbefund des am Untersuchungstag entnommenen Blutes die
Medikamentenspiegel betreffend das Duloxetin, Mirtazapin sowie Tizanidin allesamt
unter der Nachweisgrenze lagen und damit gegen die von der Versicherten
angegebene Medikamenteneinnahme sprechen würden. Der Laborbefund ändere
nichts an seinen Beurteilungen im Gutachten. Er trage zu den vielen dort bereits
dargestellten Inkonsistenzen nur noch eine weitere bei (IV-act 70).
A.e.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.
Da gemäss RAD-Stellungnahme vom 17. Juli 2016 auf das Gutachten abzustellen
war (IV-act. 71) und somit mangels wesentlicher oder konkret benennbarer
Funktionsbeeinträchtigungen ging die IV-Stelle von einer 100%-igen Arbeitsfähigkeit
aus und kündigte die Einstellung der IV-Rente auf das Ende des der Zustellung
folgenden Monats an (Feststellungsblatt und Vorbescheid vom 22. August 2016, IV-act.
73 und 74).
A.f.
Dagegen erhob die Versicherte am 23. September 2016 Einwand und kündigte die
Einreichung weiterer medizinischer Akten an (IV-act. 80). Med. pract. G._, Fachärztin
für Psychiatrie und Psychotherapie FMH, Ambulatorium B._, nahm am 21. November
2016 zum Gutachten von Dr. F._ Stellung (IV-act. 86). Dr. F._ äusserte sich dazu
am 4. April 2017 ausführlich (IV-act 91). RAD-Arzt Dr. H._ befand die Stellungnahme
von Dr. F._ für überzeugend und von guter Qualität und riet, weiterhin auf dessen
Einschätzungen abzustellen (IV-act. 92).
A.g.
Unter Hinweis auf die beim Gutachter sowie beim RAD ergänzend eingeholten
Stellungnahmen verfügte die IV-Stelle am 26. April 2017 wie angekündigt die
Einstellung der IV-Rente auf Ende des der Zustellung der Verfügung folgenden Monats
(IV-act. 93).
A.h.
Gegen diese Verfügung richtet sich die vorliegende Beschwerde vom 29. Mai 2017
mit dem Antrag auf deren Aufhebung und auf Weiterausrichtung der ganzen Rente.
Eventualiter seien der aktuelle Gesundheitszustand und die Arbeitsfähigkeit der
Beschwerdeführerin medizinisch abzuklären, allenfalls durch Einholung eines
medizinischen Gutachtens. Subeventualiter sei das Verfahren zur weiteren Abklärung

und zur neuen Entscheidung im Sinne der Erwägungen an die Vorinstanz
zurückzuweisen; unter Kosten- und Entschädigungsfolgen. Entgegen der Vorinstanz
könne gestützt auf das Gutachten von Dr. F._ nicht auf das Vorliegen eines
Revisionsgrundes geschlossen werden. Die von Dr. F._ geschilderte, mit dem
objektiven Beschwerdebild nicht zu vereinbarende, bewusst unzutreffende
Selbstdarstellung hätte den behandelnden Ärzten des psychiatrischen Ambulatoriums
B._ ebenfalls auffallen müssen. Der Gutachter sei einzig aufgrund der gutachterlichen
Untersuchung zu dieser Schlussfolgerung gelangt und habe seine Befunde zudem
B.a.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
unter Zuhilfenahme eines Dolmetschers erheben müssen. Die behandelnde med. pract.
E._ habe auf I._ Sprache ohne Dolmetscher eine viel unmittelbarere Wahrnehmung
der Persönlichkeit sowie der Glaubwürdigkeit gehabt. Der Stellungnahme des
Ambulatoriums B._ vom 21. November 2016 sei zu entnehmen, dass die
Beschwerdeführerin am 12. Juli 2017 (richtig: 2016) "in verstörtem Zustand" zum
sozialarbeiterischen Behandlungsgespräch erschienen sei, was drauf schliessen lasse,
dass die Begutachtung alles andere als optimal verlaufen sei. Aufgrund dieser
Umstände sowie insbesondere der Tatsache, dass die Beurteilung der Glaubwürdigkeit
der von der Beschwerdeführerin geschilderten Beschwerden durch die behandelnden
Ärzte sowie durch den Gutachter absolut unvereinbar seien, hätte die
Beschwerdegegnerin weitere Abklärungen veranlassen und ein Zweit- bzw.
Obergutachten in Auftrag geben müssen. Dr. F._ habe die von ihm festgestellten
angeblichen Inkonsistenzen übertrieben gewichtet. Die von Dr. F._ gestellte
Diagnose weiche fundamental von den Grundlage der Verfügung vom 15. November
2013 bildenden ab. Eine eigentliche Auseinandersetzung mit den früher und aktuell von
der psychiatrischen Klinik B._ gestellten Diagnosen finde nicht statt. Die von Dr.
F._ postulierte Verbesserung des Gesundheitszustandes sei nicht einleuchtend und
nicht nachvollziehbar. Zum einen habe er zwar wahrscheinliche Auswirkungen auf die
Arbeitsfähigkeit oder das Leistungsverhalten angenommen, jedoch keine konkret
anhaltenden Funktionsstörungen nachweisen können, zum anderen habe er trotz
erschwerter Befunderhebung sowie Objektivierung der Leistungsfähigkeit eine
Verbesserung des Gesundheitszustandes angenommen. Gestützt auf die aktuelle
Beurteilung der Psychiatrischen Klinik B._ vom 21. November 2016 sei von einer
vollständigen Arbeitsunfähigkeit der Beschwerdeführerin auszugehen und ihr die Rente
wieder auszurichten (act. G 1).
Mit Beschwerdeantwort vom 27. Juni 2017 beantragt die Beschwerdegegnerin die
Abweisung der Beschwerde. Zur Begründung hält sie fest, dass von vorneherein nicht
von einer invalidisierenden psychiatrischen Erkrankung auszugehen sei, wenn bei einer
versicherten Person eindeutig aggravatorisches Verhalten vorliege, das nicht auf eine
krankheitswertige psychische Störung zurückzuführen sei. Eine solche Konstellation
liege gemäss den Erhebungen von Dr. F._ vor. Zudem würden die anschliessenden
Ausführungen bezüglich des erhobenen Befundes sowie der neuropsychologischen
B.b.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Erwägungen
1.
Testung das erheblich aggravierende Verhalten der Beschwerdeführerin belegen, ohne
dass dieses auf eine psychische Erkrankung zurückgeführt werden könne. Das
aggravatorische Verhalten stelle zudem auch einen Revisionsgrund im Sinn von Art. 17
Abs. 1 ATSG dar. Auch mit den medizinischen Akten habe sich der Gutachter
auseinandergesetzt (act. G 5).
Die Verfahrensleitung bewilligt das mit der Beschwerde gestellte Gesuch um
unentgeltliche Rechtspflege sowie Rechtsverbeiständung am 2. August 2017 (act. G 6).
B.c.
Mit Replik vom 16. Oktober 2017 hält die Beschwerdeführerin an ihren Anträgen
fest (act. G 10).
B.d.
Die Beschwerdegegnerin verzichtet auf die Einreichung einer Duplik (act. G 12).B.e.
Zwischen den Parteien umstritten und nachfolgend zu prüfen ist, ob und inwiefern
sich der Rentenanspruch der Beschwerdeführerin verändert hat (act. G 1).
1.1.
Nach Art. 28 Abs. 2 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG;
SR 831.20) besteht der Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn die versicherte
Person mindestens zu 70%, derjenige auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie mindestens
zu 60% invalid ist. Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50% besteht ein
Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40% ein
Anspruch auf eine Viertelsrente.
1.2.
Ändert sich der Invaliditätsgrad einer rentenbeziehenden Person erheblich, so wird
die Rente von Amtes wegen oder auf Gesuch hin für die Zukunft entsprechend erhöht,
herabgesetzt oder aufgehoben (Art. 17 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den
Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts; ATSG, SR 830.1 [i.V.m. Art. 1 Abs. 1
IVG und Art. 2 ATSG]). Anlass zur Anpassung der Rente gibt jede tatsächliche
Änderung, die sich auf den Invaliditätsgrad und damit auf den Umfang des Anspruchs
(ein Viertel, ein Zweitel, drei Viertel, ganze Rente; Art. 28 Abs. 2 IVG) auswirkt. Ein
Revisionsgrund in diesem Sinne betrifft Änderungen in den persönlichen Verhältnissen
der versicherten Person. Dazu gehört namentlich der Gesundheitszustand. Dabei ist
nicht die Diagnose massgebend, sondern in erster Linie der psychopathologische
Befund und der Schweregrad der Symptomatik (Urteil des Bundesgerichts vom 14.
1.3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Dezember 2016 9C_602/2016 E.5.1 mit weiteren Hinweisen). Zeitlicher Referenzpunkt
für die Prüfung einer anspruchserheblichen Änderung bildet die letzte rechtskräftige
Verfügung, die auf einer materiellen Prüfung des Rentenanspruchs mit rechtskonformer
Sachverhaltsabklärung, Beweiswürdigung und Durchführung eines
Einkommensvergleichs beruht; vorbehalten bleibt die Rechtsprechung zur
Wiedererwägung und prozessualen Revision (BGE 133 V 108 E. 5.4). Dagegen stellt die
bloss unterschiedliche Beurteilung der Auswirkungen eines im Wesentlichen
unverändert gebliebenen Gesundheitszustands auf die Arbeitsfähigkeit für sich allein
genommen keinen Revisionsgrund im Sinne von Art. 17 Abs. 1 ATSG dar (Urteil des
Bundesgerichts vom 3. November 2008, 9C_562/2008, E. 2.1).
Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung und im
Beschwerdefall das Gericht auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und
gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des
Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung
zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte
Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 261 E. 4). Im Weiteren sind die ärztlichen
Auskünfte eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche
Arbeitsleistungen der versicherten Person noch zugemutet werden können (BGE 125 V
261 E. 4 mit Hinweisen; vgl. auch BGE 115 V 133 E. 2). Für das gesamte Verwaltungs-
und Verwaltungsgerichtsbeschwerdeverfahren gilt der Grundsatz der freien
Beweiswürdigung. Danach haben die Versicherungsträger und das
Sozialversicherungsgericht die Beweise frei, d.h. ohne Bindung an förmliche
Beweisregeln, sowie umfassend und pflichtgemäss zu würdigen. Hinsichtlich des
Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen
Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, die geklagten
Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden
ist, in der Beurteilung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der
medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen des Experten
begründet sind (BGE 125 V 352 E. 3a mit Hinweisen). Der Behandlungsauftrag der
therapeutisch tätigen (Fach-)Person einerseits und der Begutachtungsauftrag
anderseits sind unterschiedlich. Deshalb kann das Gutachten nicht stets in Frage
gestellt werden, wenn die behandelnden Ärzte zu anderslautenden Einschätzungen
gelangen. Vorbehalten bleiben Fälle, in denen wichtige Aspekte benannt werden, die
bei der Begutachtung unerkannt oder ungewürdigt bleiben (Urteil des Bundesgerichts
vom 26. August 2018 8C_909/2017 E. 9 in: SVR 2018 IV 74).
1.4.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.
Ausgangspunkt für die Beurteilung des gesundheitlichen Verlaufs bildet im
vorliegenden Revisionsverfahren die ursprüngliche Rentenzusprache gestützt auf die
Verfügung vom 15. November 2013 (IV-act. 52). Hinsichtlich der geltend gemachten
Veränderung des Gesundheitszustands ist in erster Linie umstritten, welche Schlüsse
aus den im Revisionsverfahren 2015 eingeholten ärztlichen Unterlagen zu ziehen sind
bzw. ob der Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin ausreichend medizinisch
abgeklärt ist. Die Beschwerdegegnerin stützte sich auf das Gutachten von Dr. F._
vom 11. Juli 2016, die Ergänzung betreffend die Laborbefunde vom 18. Juli 2016, seine
Ein invalidenversicherungsrechtlich relevanter Gesundheitsschaden setzt eine auf
objektivierten Beschwerden beruhende fachärztlich gestellte Diagnose nach einem
wissenschaftlich anerkannten Klassifikationssystem voraus (BGE 130 V 396 E. 5.3 und
E. 6, BGE 141 V 289 E. 3.2; Urteil des Bundesgerichts vom 22. Februar 2016,
8C_1/2016, E. 4.3). Erforderlich ist zudem, dass die geltend gemachten Beschwerden
objektiviert werden können und sich auf die Arbeits- bzw. Erwerbsfähigkeit auswirken
(vgl. Urteile des Bundesgerichts vom 30. November 2017, 8C_350/2017, E. 5.4, und
vom 27. März 2015, 8C_673/2014, E. 5.1.1; BGE 143 V 427 E. 6). Für somatisch
unklare Beschwerdebilder (somatoforme Schmerzstörung und gleichgestellte
Diagnosen) sowie psychische Erkrankungen wie namentlich Depressionen ist der
Beweis nach dem strukturierten Verfahren mittels Indikatoren zu führen (vgl. dazu BGE
141 V 281 und BGE 143 V 428, E. 7.1). Der Beweis für eine lang andauernde und
erhebliche gesundheitsbedingte Arbeitsunfähigkeit kann nur dann als geleistet
betrachtet werden, wenn die Prüfung der massgeblichen Beweisthemen im Rahmen
einer umfassenden Betrachtung ein stimmiges Gesamtbild einer Einschränkung in allen
Lebensbereichen (Konsistenz) für die Bejahung einer Arbeitsunfähigkeit zeigt (BGE 143
V 427, E. 6 a. E.).
1.5.
Beruht die Leistungseinschränkung auf Aggravation oder einer ähnlichen
Konstellation, liegt regelmässig keine versicherte Gesundheitsschädigung vor. Dies
trifft namentlich zu, wenn eine erhebliche Diskrepanz zwischen den geschilderten
Schmerzen und dem gezeigten Verhalten oder der Anamnese besteht, wenn intensive
Schmerzen angegeben werden, deren Charakterisierung jedoch vage bleibt, wenn
keine medizinische Behandlung und Therapie in Anspruch genommen wird, wenn
demonstrativ vorgetragene Klagen auf den Sachverständigen unglaubwürdig wirken
oder wenn schwere Einschränkungen im Alltag behauptet werden, das psychosoziale
Umfeld jedoch weitgehend intakt ist (Urteil des Bundesgerichts vom 29. Juni 2015
9C_899/2014 E. 4.1 f.).
1.6.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Stellungnahme vom 4. April 2017 (vgl. IV-act. 69, 70 und 91) und nicht zuletzt auf die
Aktenbeurteilungen des RAD vom 17. Juli 2016 und 18. April 2017 (IV-act. 71 und 92).
Die Beschwerdeführerin macht geltend, die Feststellungen von Dr. F._ seien nicht zu
übernehmen und es sei stattdessen vollumfänglich auf die Angaben der sie
behandelnden Ärzte abzustellen. Sie verweist dazu insbesondere auf die im Rahmen
des Einwandverfahrens eingereichte Stellungnahme von med. pract. G._ vom 21.
November 2016 (IV-act. 86).
3.
Vor der Rentenzusprache ab 1. September 2012 (Verfügung vom 15. November
2013) stellte sich die medizinische Sachlage wie folgt dar. Im Auftrag des
Krankentaggeldversicherers wurde die Beschwerdeführerin am 5. Januar 2012
erstmals psychiatrisch begutachtet. Med. pract. J._, Facharzt FMH für Psychiatrie
und Psychotherapie, gab im Gutachten vom 17. Januar 2012 an, diagnostisch zeige die
Beschwerdeführerin ein depressives Zustandsbild entsprechend einer mittelgradigen
depressiven Episode (F32.1) und berichte zudem eine Symptomatik mit Hinweisen für
eine ausgeprägte Somatisierungsstörung (F45.0) sowie eine ausgeprägte
konversionsneurotische Symptombildung (F44) mit berichtetem Kontrollverlust und
Lähmungserscheinungen bis hin zu Erstickungs- und Ohnmachtsanfällen. Vor dem
Hintergrund einer anzunehmenden vorbestehenden psychischen Labilisierung im
Zusammenhang mit der Ermordung des Ehemannes vor fünf Jahren habe die _-
jährige Explorandin im Zusammenhang mit einer Konflikt-/Belastungssituation am
Arbeitsplatz in der Wäscherei ein komplexes Beschwerdebild mit Symptombildungen
auf verschiedenen psychischen und körperlichen Ebenen entwickelt. In adaptierter
Tätigkeit hielt er eine Arbeitsfähigkeit von 50% für möglich und deren möglichst rasche
Umsetzung im Sinne der Vorbeugung einer drohenden chronifizierenden
Fehlentwicklung angezeigt (Fremdakten 1-29).
3.1.
Die Beschwerdeführerin begab sich nach Zuweisung ihres Hausarztes im Februar
2012 in psychiatrische Behandlung. Sie gab damals an, dass sie an ausgeprägter
Niedergestimmtheit, Angstattacken mit Hyperventilation, Zittern, Schwäche,
Kraftlosigkeit mit rascher Erschöpfung und Ermüdung, Intrusionen (Ermordung des
Ehemannes, Erniedrigung und Beschämung vor den Kollegen durch die Vorarbeiterin
am Arbeitsplatz), Grübeln und Gedankendrängen, Albträumen, Schlafstörungen und
erhöhter Reizempfindlichkeit und sozialem Rückzug leide. Sie habe seit dem 9.
September 2011 nicht mehr arbeiten gehen können. Körperlich klage die Patientin über
Kopfschmerzen, Krämpfe in den oberen Extremitäten und im Halsbereich und
Druckgefühl im Brustbereich. Aktuell bestehe für ihre angestammte Tätigkeit als
3.2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.
Im Rahmen des Revisionsverfahrens gab die Beschwerdeführerin am 27. Oktober 2015
einen gleichgebliebenen (IV-act. 57), Dr. D._ am 1. Dezember 2015 jedoch einen
verschlechterten Gesundheitszustand an (IV-act. 61-2). Trotz intensiver
psychotherapeutischer und medikamentöser Behandlung habe sich der
Gesundheitszustand der Patientin weiter verschlechtert. Die Arbeitsunfähigkeit betrage
bei den Diagnosen schwere rezidivierende depressive Episoden mit ausgeprägter
Somatisierungsstörung sowie fibromyalgiforme Schmerzen für alle Tätigkeiten 100%.
Der Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin verschlechtere sich schleichend,
trotz Psychotherapie sowie sporadischer medikamentöser Massnahmen (IV-act 61).
Med. pract. E._, Assistenzärztin Psychiatrisches Ambulatorium B._, attestierte am
8. Dezember 2015 eine 100%-ige Arbeitsunfähigkeit und gab als Diagnosen eine
rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig mittelgradige Episode, sowie eine
posttraumatische Belastungsstörung an. Im bisherigen Verlauf habe sich eine gewisse
Stabilisierung, nicht jedoch eine deutliche Zustandsänderung gezeigt. Es fänden
regelmässige therapeutische Gespräche im Abstand von drei Wochen statt. Darüber
hinaus erhalte die Beschwerdeführerin intensive sozialarbeiterische Unterstützung im
Angestellte in einer Textilfirma eine vollständige Arbeitsunfähigkeit (Arztbericht
Ambulatorium Psychiatrische Klinik B._ vom 2. März 2012, IV-act. 12). In sämtlichen
anschliessend eingeholten Verlaufsberichten wurde der Beschwerdeführerin bei den
Diagnosen rezidivierende depressive Episode sowie posttraumatische
Belastungsstörung trotz Wahrnehmung der Termine sowie angeblicher Einnahme der
Medikamente ein stationärer Gesundheitszustand und eine andauernde vollständige
Arbeitsunfähigkeit bescheinigt (vgl. Berichte des Ambulatoriums der Psychiatrischen
Klinik B._ vom 19. Juni 2012, IV-act. 21; 9. Oktober 2012, IV-act. 28; 6. Februar
2013, IV-act. 33; 10. Juni 2013, IV-act. 40). Eine berufliche schrittweise
Wiedereingliederung wurde aufgrund der vorübergehenden leichten
Zustandsverbesserungen zunächst innerhalb eines Jahres für möglich gehalten (Bericht
vom 9. Oktober 2012, IV-act. 28-4), danach für nicht absehbar erachtet (Bericht vom 6.
Februar 2013, IV-act. 33) und schliesslich für unrealistisch erklärt (Bericht vom 10. Juni
2013, IV-act 40).
RAD-Ärztin Dr. C._ hielt fest, dass die eher günstige Prognose von med. pract.
J._ sich aufgrund der Chronifizierung trotz einer adäquaten medizinischen
Behandlung nicht eingestellt habe (IV-act. 42). Gestützt auf eine vollständige
Arbeitsunfähigkeit wurde der Beschwerdeführerin rückwirkend eine ganze IV-Rente
zugesprochen.
3.3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Ambulatorium und werde psychopharmakologisch mit Cymbalta und Remeron
behandelt. Sie nehme ihre Termine regelmässig wahr und nehme die Medikamente wie
verordnet ein. Sie leide unter ausgeprägter Niedergestimmtheit mit rascher
Erschöpfung, Kraftlosigkeit, Antriebslosigkeit, tiefer Trauer, starker innerer Unruhe,
Konzentrationsstörungen, negativen Gedanken, Grübeln, Gedankenkreisen, Intrusionen
(Erinnerungen an die Ermordung des Ehemannes im Sinne von Flashbacks) und
starken Kopfschmerzen. Es werde mit verhaltenstherapeutischen Interventionen,
positiver Verstärkung und Aktivitätenaufbau sowie kognitiver Umstrukturierung
gearbeitet. Oftmals könnten diese Interventionen wegen der geringen Belastbarkeit
sowie Vermeidungsstrategie der Patientin, aber auch wegen der sprachlichen Barriere
nur ansatzweise umgesetzt werden. Die Patientin zeige sich unter starkem
Leidensdruck. Das Zustandsbild habe sich insgesamt bisher nicht verbessert (IV-act.
62).
5.
Dr. F._ diagnostizierte im Gutachten vom 11. Juli 2016 eine nicht näher
bezeichnete neurotische Störung (ICD-10 F48.9) und hielt zudem fest, dass eine
rezidivierende depressive Störung nicht nachweisbar sei (IV-act 69-20). Ohne
vernünftigen Zweifel liege zwar eine psychische Störung vor, wobei die Explorandin
leide und negative Einflüsse auf ihre Lebensqualität hinnehmen müsse. Sie habe mit
der Ermordung ihres Ehemannes vor circa 10 Jahren einen grossen Schicksalsschlag
hinnehmen und alleine mit ihren drei Kindern in finanziell und sozial unsicherer Lage
einen Weg suchen müssen und leide immer noch darunter. Aufgrund der
Inkonsistenzen sei er nicht zur Gewissheit gelangt, dass wesentliche oder konkret
benennbare Funktionsbeeinträchtigungen tatsächlich noch vorhanden seien. Seit dem
Referenzzeitpunkt sei von einer Verbesserung des Gesundheitszustandes auszugehen.
Deren zeitlicher Verlauf sei nicht sicher bestimmbar (IV-act. 69-26 f.). Ab dem Zeitpunkt
des Untersuchungsdatums könne eine durch eine psychische Gesundheitsstörung
bewirkte Arbeitsunfähigkeit nicht mehr als nachgewiesen betrachtet werden (IV-act.
69-27). Zum Referenzzeitpunkt am 2. Oktober 2013 habe sich der Sachverhalt ganz
anders dargestellt als aktuell (IV-act. 69-28).
5.1.
An erhobenen Befunden ist dem Gutachten unter anderem zu entnehmen, dass
plausible äussere Zeichen für ein Schmerzerleben oder ein Zittern in der Untersuchung
nicht sichtbar und dass sämtliche Schmerzangaben sehr unspezifisch gewesen seien
und zwar betreffend Lokalisation sowie letztmaligem Auftreten (Schmerzen am ganzen
Nacken und an den Schultern, allgemeine Rückenschmerzen, ein bisschen auch
Kopfschmerzen am ganzen Kopf, Druck in der Brust; IV-act. 69-7). Die
5.2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdeführerin sei wach und bewusstseinsklar und es sei keine Störung von
Orientierung, Auffassung, allgemeiner Intelligenz, Konzentration, Aufmerksamkeit,
Merkfähigkeit und Gedächtnis nachweisbar gewesen. Bei der Untersuchung seien
keine äusseren Zeichen für Müdigkeit sowie Erschöpfung und auch kein Nachlassen
von Energie oder Leistung nachweisbar gewesen. Der Antrieb sei normal gewesen.
Eine affektive Schwingungsfähigkeit sei vorhanden und weder eine Affektarmut noch
Affektstarre seien vorhanden gewesen (IV-act. 69-11f.). Es habe ein normaler
Blickkontakt bestanden. Das Ausdrucksverhalten sei lebhaft gewesen und Sprachfluss,
Prosodie, Mimik oder Gestik seien nicht gestört gewesen. Einmal habe sie erklärt,
erbrechen zu müssen und beim Gang sowie den Bewegungen auf dem Weg zum
Waschraum seien keine Hinweise auf Schwindel sowie eine Gangunsicherheit
erkennbar gewesen. Bei einer Gelegenheit habe sie ein verzerrtes Gesicht gemacht,
sich an die Schulter gegriffen, gestöhnt und Schulter und Hals in einer Art verdreht, die
nicht ausgesehen habe wie eine entlastende Haltung oder Bewegung wie bei
jemandem mit Nacken- oder Schulterschmerzen. Das wirke auf ihn subjektiv
demonstrativ und theatralisch (IV-act. 69-12f.). Die Angaben und Antworten der
Beschwerdeführerin seien vage, allgemein und ausweichend gewesen. Anschauliche
und für psychopathologische Merkmale charakteristische Details hätten gefehlt (IV-act.
69-11). Die Klagen über körperliche und geistige Beschwerden, Schwäche und
Leistungsminderung seien in der Untersuchung nicht objektivierbar gewesen. Intrusives
Erleben, Schreckhaftigkeit und Schlafstörungen seien nicht (sicher) nachweisbar
gewesen, auch nicht ein schwerer sozialer Rückzug (IV-act. 69-12). Er habe nur wenig
und unzuverlässig auf ihre Grundpersönlichkeit schliessen können. Es hätten sich am
ehesten Hinweise auf eine Neigung zu dramatischer Selbstdarstellung und Theatralik
ergeben. Inwieweit das persönlichkeitsbedingt sei oder anders zugeordnet werden
müsse, könne er nicht entscheiden. Würde man dies der Persönlichkeit zuschreiben,
dann am ehesten einer histrionischen Kategorie. Eine Persönlichkeitsakzentuierung
lasse sich aber nicht mit hinreichender Sicherheit belegen und schon gar nicht eine
Persönlichkeitsstörung (IV-act. 69-13). Aus all diesen Befunden und Angaben lässt sich
per se nicht auf irgendwelche Funktionseinschränkungen schliessen, die eine
Arbeitsunfähigkeit begründen würden.
Die neuropsychologischen Tests ergaben auffällig schlechte Resultate. Die
Instruktion habe jeweils der Dolmetscher übersetzt und es sei sichergestellt worden,
dass die Beschwerdeführerin die Instruktionen verstanden habe. Die Untersuchung
habe sich langsam und zäh gestaltet und die Instruktionen hätten viel Zeit benötigt. Die
Arbeitsweise sei enorm langsam gewesen. Die Beschwerdeführerin habe erklärt, dass
sie sich voll angestrengt und ihre ganze Leistung gegeben habe. Das Arbeitsverhalten
5.3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
habe inszeniert schwach gewirkt. Beim Trail Making Test habe der Gutachter erkennen
können, dass sie auf den Punkt geschaut habe, den sie richtigerweise als nächstes mit
dem Stift hätte ansteuern müssen, dann aber gewartet habe und den Stift willkürlich in
eine andere Richtung bewegt habe. Auch Hilfestellungen hätten an den absurd
schlechten Leistungen nichts Wesentliches geändert. Sie habe für die Aufgaben
grotesk lange gebraucht. Beim Raven Test habe sie keine einzige richtige Lösung
angeben können. Auch nicht bei der Wiederholung des gleichen Tests, als ihr vorher
die richtigen Lösungen gesagt worden seien. Teils habe es den Anschein gemacht, als
habe sie die Lösung ausgewählt, die von der richtigen am weitesten entfernt ist. Sie
habe bei der Testung einen Ausdruck von Erstaunen und Ratlosigkeit an den Tag
gelegt, mit absurd wirkenden Fragen, so dass das Ganze wie eine demonstrative
Inszenierung erschienen sei. Auch bei den Symptomvalidierungstests habe sich
zusammen mit der Klinik der Nachweis eines nicht authentischen Leistungsverhaltens
ergeben, nicht nur Zweifel an der Authentizität. Insgesamt habe das Leistungsverhalten
bei den Tests zu der auch sonst nicht authentisch wirkenden Selbstdarstellung der
Beschwerdeführerin gepasst (IV-act. 69-14 f.). Die Testergebnisse seien so absurd
schlecht, dass sie mit dem Erscheinungsbild unvereinbar seien (IV-act. 69-11). Wenn
der Gutachter bei diesen Feststellungen insgesamt zum Schluss kommt, dass er keine
schwer ausgeprägte Gesundheitsstörung habe feststellen und keine
krankheitsbedingten Funktionsstörungen habe nachweisen können, ist dies
nachvollziehbar.
Wären die gezeigten, deutlich ausgeprägten Defizite von Aufmerksamkeit,
Gedächtnis und der Exekutivfunktionen gültig, wäre die Beschwerdeführerin deutlich
verlangsamt, könnte sich kaum neue Informationen merken, einem längeren Gespräch
folgen oder längere Handlungen aufrechterhalten. Sie hätte Mühe, sich an neuen Orten
zu orientieren, selbständig Termine wahrzunehmen und wäre bereits in einfachen
Belangen auf Unterstützung angewiesen. Zu Recht macht Dr. F._ in seiner
Stellungnahme vom 4. April 2017 darauf aufmerksam, dass die Beschwerdeführerin
nicht Auto fahren könnte bzw. sollte, wenn die von den Behandlern geschilderten
Störungen derart ausgeprägt und zudem die neuropsychologischen Testresultate
glaubhaft wären (IV-act. 91-5). Die Auffälligkeiten könnten im gezeigten Ausmass
zudem gar nicht durch eine Depression oder eine posttraumatische Belastungsstörung
oder die Fremdsprachigkeit erklärt werden. Dazu passen auch die teilweise nicht
detektierbaren oder deutlich unter dem Referenzbereich liegenden
Medikamentenspiegel trotz bewusster anamnestischer Angabe und Beteuerung einer
täglichen, regelmässigen Medikamenteneinnahme.
5.4.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Dr. F._ gab an, die Beschwerdeführerin habe bei ihm so schlecht Deutsch
gesprochen, dass er sich gar nicht vorstellen könne, wie die Behandler, mit denen sie
nach ihren eigenen Angaben in Deutsch kommuniziert habe, verwertbare Informationen
über Beschwerden, Befunde und inneres Erleben hätten gewinnen sollen (IV-act. 69-15
f.). Nur vereinzelt sei mal im Ambulatorium eine K._-sprechende Mitarbeiterin
hinzugezogen worden (IV-act. 69-6). Diese Aussage wurde durch das Vorbringen von
med. pract. G._ bestätigt, indem sie zugestand, dass nicht sämtliche Sitzungen in
I._ abgehalten werden konnten, da med. pract. E._ im Mutterschaftsurlaub
gewesen sei (IV-act. 84-2). In seiner Stellungnahme hat Dr. F._ zudem präzisiert,
dass er nicht behauptet habe, die Beschwerdeführerin sei nie in ihrer Sprache
behandelt worden, sondern lediglich, dass er sich eine Behandlung ohne Übersetzung
nicht vorstellen könne (IV-act. 91). Diese Einschätzung ist konsistent und plausibel.
5.5.
Da in früheren Akten nie ein Hinweis auf eine Erfolgskontrolle einer
medikamentösen Therapie durch Bestimmung der Medikamentenkonzentration im Blut
aufschien, veranlasste Dr. F._ eine Blutentnahme sowie die Bestimmung der
verschiedenen Medikamentenspiegel (IV-act. 69-15). In der ergänzenden
Stellungnahme vom 18. Juli 2016 erläuterte Dr. F._, dass der Medikamentenspiegel
im Blut bei sämtlichen getesteten Medikamenten unter der Nachweisgrenze gelegen
habe. Daraus schloss er zu Recht, dass die von der Beschwerdeführerin gemachten
Angaben über die Medikamenteneinnahme nicht dazu passen. Sehr überzeugend hat
er zudem noch die Medikamentenspiegel der Opioide testen lassen, um
auszuschliessen, dass diese von der Beschwerdeführerin eventuell in zu hoher Dosis
genommen werden, was ebenfalls zu gesundheitlichen Beschwerden führen könnte
(IV-act. 70). Wenn med. pract. G._ anmerkt, dass der Schwerpunkt der Behandlung
nicht auf die Medikation und Kontrolle derselben gelegt worden sei, und gleichzeitig
seit Jahren eine vollumfängliche Arbeitsunfähigkeit für alle Tätigkeiten bestätigt (IV-act.
84-6), rechtfertigen sich Zweifel an der Adäquanz der Behandlung. Die
Beschwerdeführerin ist unter anderem verpflichtet, sich medizinischen
Behandlungsmassnahmen zu unterziehen (Art. 7 Abs. 2 lit. d IVG). Dazu gehört
insbesondere auch eine adäquate medikamentöse Behandlung. Dr. F._ stellte bereits
im Gutachten fest, dass die Medikation eher zu körperlich begründeten Schmerzen als
zu psychogenen Schmerzen passe und er insgesamt keine medikamentöse
Gesamtstrategie erkennen könne, die zu einer anhaltenden psychischen
Gesundheitsstörung passen würde (IV-act. 69-23).
5.6.
Völlig zu Recht hält Dr. F._ fest, dass von den behandelnden Ärzten nicht auf die
angegebene, völlig fehlende Verbesserung des Gesundheitszustandes der
5.7.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdeführerin reagiert worden sei. So wäre eine Intensivierung der
Gesprächsintervalle, eine Anpassung der Medikation oder allenfalls die Zuhilfenahme
eines Dolmetschers denkbar gewesen (vgl. IV-act. 69-23). Nie konsequent
durchgeführt wurde eine stationäre oder teilstationäre Behandlung. Diese wäre
aufgrund der Wohn- und Betreuungssituation der Kinder ohne weiteres zumutbar
gewesen. Somit ist die Schlussfolgerung, dass aufgrund der erhobenen, nicht
schwerwiegenden Befunde mit der Zeit eine gesundheitliche Verbesserung eingetreten
ist, welche die Beschwerdeführerin den Behandlern so nicht kommuniziert hat bzw.
von diesen nicht erkannt wurde, nicht von der Hand zu weisen. Hinzu kommt der
gerechtfertigte Hinweis von Dr. F._, dass trotz der Diagnose der rezidivierenden
depressiven Störung nirgends eine episodische Natur des Leidens bzw. der
Beschwerden dokumentiert wurde. Einzig die Angabe, dass es der Beschwerdeführerin
ab und zu für kurze Zeit bessergehe (frühere Berichte des Ambulatoriums, IV-act. 62),
kommt schon aus zeitlicher Sicht nicht einer Episode der rezidivierenden depressiven
Störung gleich.
Eine Gutachtenssituation ist nicht mit der Behandlungssituation vergleichbar. Der
Gutachter hinterfragt die gemachten Angaben, überprüft diese allgemein auf ihre
Konsistenz, muss die Beschwerdeangaben validieren und stellt aktiv auch kritische
Fragen. Der Gutachter gab mehrfach an, dass von der Beschwerdeführerin keine
vernünftigen, verwertbaren oder ausführlichen Angaben haben erhältlich gemacht
werden können. Die Beschwerdeführerin macht geltend, es sei bei der Begutachtung
etwas schiefgelaufen. Dafür bestehen jedoch keine Anhaltspunkte. Es ist nicht
ersichtlich und nicht nachvollziehbar, warum sie einfache Fragen nach dem
Tagesablauf, ihrem Leben generell sowie ihren Aktivitäten nicht beantworten kann,
selbst wenn die Untersuchungssituation eventuell unangenehm gewesen sein sollte.
Dass die Beschwerdeführerin nach der Begutachtung "in verstörtem Zustand" zum
sozialarbeiterischen Beratungsgespräch erschienen sei (IV-act. 86-3), lässt nicht darauf
schliessen, dass die Begutachtung nicht korrekt vonstattenging, zumal die
Begutachtung am 8. Juli 2016 stattfand und das Beratungsgespräch erst vier Tage
später am 12. Juli 2016 (IV-act. 86-3). Zu Recht weist auch Dr. F._ in seiner
Stellungnahme vom 4. April 2017 auf diesen Umstand hin (IV-act. 91-3). Ob und
inwiefern sich die Beschwerdeführerin falsch verstanden gefühlt hat (was sie
gegenüber med. pract. G._ angegeben habe und es ihr deswegen so schlecht
gegangen sei, dass eine Hospitalisation ins Auge gefasst, von der Beschwerdeführerin
jedoch abgelehnt worden sei), wird von med. pract. G._ nicht konkret erläutert (IV-
act. 86-3). Es darf jedoch davon ausgegangen werden, dass der Gutachter die Fragen
korrekt stellte und die Beschwerdeführerin Gelegenheit hatte, diese umfassend und
5.8.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
6.
ausführlich zu beantworten sowie Ergänzungs- und Verständnisfragen zu stellen, sich
bei Unsicherheiten auch korrigieren konnte und nicht zuletzt deshalb, weil die
Untersuchung von Anfang bis Ende professionell verdolmetscht wurde. Es ist davon
auszugehen, dass der Ablauf völlig üblich und korrekt vonstattengegangen ist.
Gesamthaft überzeugt das Gutachten von Dr. F._ insbesondere auch deshalb,
weil er ausdrückt, dass und warum er gewisse Schlussfolgerungen nicht ohne weiteres
ziehen kann. Selbst wenn er angibt, dass zwar eine psychische Störung vorhanden ist,
dass er jedoch nicht angeben kann, inwiefern sich diese konkret auf die
Arbeitsfähigkeit auswirkt, ist dies zusammen mit den erhobenen Befunden plausibel.
Denn die Beschwerdeführerin war im Ganzen aufmerksam, nicht müde, konnte der
gesamten Untersuchung folgen, sie war gepflegt im Auftritt, es waren keine
körperlichen Beschwerden oder Schmerzen während der Untersuchung erkennbar.
Überdies verfügt sie über diverse Ressourcen mit der offenbar sehr guten Beziehung
zu ihren Familienangehörigen, eine gute Wohnsituation, sie kann Autofahren, den
Haushalt sowie die Kinderbetreuung mit gewisser Mithilfe durchaus selbständig führen
und war früher - obwohl die Kinder kleiner waren - durchaus in der Lage zu 100% einer
Erwerbstätigkeit nachzugehen.
5.9.
Selbst wenn eine PTBS vorgelegen haben sollte (was aufgrund der in den
vorliegenden Akten enthaltenen sehr vagen und voneinander abweichenden
Schilderungen betreffend die Tötung ihres Mannes, die Albträume sowie Flashbacks
nicht überprüft werden kann [Fremdakten 1-27, IV-act 69-6, 69-16f., 84-3]), müssten
die entsprechenden Auswirkungen im Zeitverlauf abgeklungen sein. Dadurch, dass die
Beschwerdeführerin einerseits angibt, wegen dieses Erlebnisses nicht mehr nach L._
reisen zu können, da sie Angst habe, den Kindern könne ähnliches passieren, von der
Schwester aber zu erfahren war, dass sie im Jahr vor der Begutachtung durch Dr.
F._ zur Erholung mit dem Sohn nach L._ in die Ferien gefahren sei (IV-act. 69-6),
kann nicht ernsthaft aufgrund der Diagnose PTBS auf eine noch vorhandene
Einschränkung der Arbeitsfähigkeit geschlossen werden. Zumal Dr. F._ die
Diagnosestellung bereits in Frage stellte. Die entsprechenden Mängel hat er ausführlich
und nachvollziehbar dargestellt (IV-act. 69-16f.). Auffällig ist in diesem Zusammenhang
auch, dass die Beschwerdeführerin gegenüber dem Gutachter erklärte, verheiratet
worden zu sein (IV-act. 69-8), gegenüber med. pract. G._ jedoch offenbar angegeben
hat, den späteren Ehemann bereits als Kind kennengelernt zu haben und dass er ihr im
Alter von 15 Jahren seine Liebe gestanden habe (IV-act. 86-1 f.).
5.10.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Zu den von med. pract. G._ kritisierten Punkten nahm Dr. F._ am 4. April 2017
ausführlich und nachvollziehbar Stellung (IV-act. 91). Er legt überzeugend dar, dass die
Befunderhebung durch med. pract. G._ nicht auf ihren eigenen Feststellungen und
den draus gezogenen Schlussfolgerungen stattgefunden habe, sondern zu einem
grossen Teil die Angaben der Beschwerdeführerin übernommen worden seien.
Geradezu klassisch weichen hiermit die Behandler- sowie Gutachtereinschätzungen
voneinander ab (vgl. E. 1.4 vorstehend am Schluss). Auch ist die in der Stellungnahme
von med. pract. G._ attestierte vollständige Arbeitsunfähigkeit für sämtliche
Tätigkeiten nicht nachvollziehbar, weil nicht aufgrund objektiver Befunde erhoben und
sauber begründet und hergeleitet. Unabhängig davon, ob es seit der Begutachtung
durch med. pract. K._ im Jahr 2011 zunächst zu einer Verschlechterung des
Gesundheitszustandes - wie dies die Behandler statuieren - kam, muss in Anbetracht
der Schlussfolgerungen des Gutachters Dr. F._ davon ausgegangen werden, dass
sich der Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin verbessert hat und
gesundheitliche Einschränkungen mit Auswirkungen im rentenbegründenden Ausmass
nicht objektiviert werden konnten. Zuletzt erfüllt das Gutachten von Dr. F._ auch die
formellen Anforderungen an ein Gutachten.
7.
Mithin war der geforderte Revisionsgrund gegeben und durfte der Rentenanspruch
überprüft werden. Die nach wie vor geltend gemachten massiven Einschränkungen
bzw. die behauptete vollständige Arbeitsunfähigkeit sind nicht mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit erstellt. Zur Aussage des Gutachters, dass eine psychische Störung
dennoch vorliege (IV-act. 69-27), ist festzuhalten, dass aufgrund des Verhaltens der
Beschwerdeführerin und der dargelegten Inkonsistenzen von weiteren Abklärungen
keine weiteren Erkenntnisse zu erwarten wären. Diesbezüglich hat die
Beschwerdeführerin die Folgen der Beweislosigkeit zu tragen (BGE 117 V 63 f. E. 3b,
144 V 54 E. 4.3, 143 V 427 E. 6, Urteil des Bundesgerichts vom 31. Oktober 2018
8C_628/2018 E.4.3). Da die Einschränkung der Arbeitsfähigkeit nicht mehr bewiesen
ist, muss von voller Arbeitsfähigkeit ausgegangen werden. Da die Beschwerdeführerin
vor Eintritt des Gesundheitsschadens unterdurchschnittlich verdient hat, ergibt der
Einkommensvergleich selbst bei Vornahme eines Tabellenlohnabzuges keinen
Invaliditätsgrad von mindestens 40%. Demnach liegt keine rentenbegründende
Invalidität vor. Die Einstellung der ganzen IV-Rente ist zu Recht erfolgt.
8.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen.8.1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 18/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte