Decision ID: 5e0f9fde-86aa-5547-8abb-197506d5cacb
Year: 2010
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
W._,
Beschwerdeführer,
gegen
AXA Versicherungen AG, General Guisan Strasse 40, Postfach 357, 8401 Winterthur,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
Versicherungsleistungen
Sachverhalt:
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A.
Der 1946 geborene W._ ist bei der Schulgemeinde A._ als Primarlehrer tätig und
dadurch bei der AXA Versicherungen AG (nachfolgend: AXA) gegen die Folgen von
Unfällen versichert. Laut Unfallmeldung vom 2. Dezember 2008 hat sich der Versicherte
am 21. November 2008 beim Springen auf dem Minitrampolin während des
Turnunterrichts einen Riss der linken Achillessehne zugezogen, der gleichentags im
Spital Grabs durch Dr. med. B._, Oberarzt Orthopädie, operativ versorgt wurde (act.
A1, M7). Nach Vornahme entsprechender Abklärungen - Einholung von Arztberichten
beim Spital Grabs und dem Hausarzt des Versicherten, Dr. med. C._,
Allgemeinmedizin FMH, (act. M5-8), sowie ergänzenden Erkundigungen beim
Versicherten zum Unfallablauf (act. A2) - teilte ihm die AXA mit Schreiben vom 8. Juli
2009 mit, sie müsse einen Leistungsanspruch aus der Unfallversicherung mit der
Begründung ablehnen, dass weder ein Unfall noch eine unfallähnliche
Körperschädigung vorliege. Die erlittene Gesundheitsschädigung gelte als "Krankheit"
und falle somit in den Zuständigkeitsbereich der Krankenversicherung.
Irrtümlicherweise habe sie zuerst gewisse Heilbehandlungen übernommen,
entgegenkommenderweise würden jedoch die zu Unrecht erbrachten Leistungen nicht
zurückgefordert (act. A3). Mit E-Mail vom 17. Juli 2009 nahm der Versicherte zur
Leistungsablehnung Stellung (act. A4), worauf die AXA am 21. Juli 2009
verfügungsweise an dieser festhielt (act. A5).
B.
B.a Gegen diese Verfügung erhoben sowohl die Sansan Versicherungen AG als
Krankenversicherer des Versicherten (act. A6, A8) als auch dieser selbst (act. A10)
Einsprache.
B.b Mit Einspracheentscheid vom 2. September 2009 wies die AXA beide
Einsprachen ab.
B.c Mit E-Mail vom 9. September 2009 nahm der Versicherte zum
Einspracheentscheid Stellung (act. A15), worauf ihn der zuständige Sachbearbeiter der
AXA auf den Rechtsweg der Beschwerde an das zuständige Gericht verwies (act. A16).
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C.
C.a Mit Eingabe vom 30. September 2009 erhob der Versicherte gegen den
Einspracheentscheid vom 2. September 2009 Beschwerde mit dem sinngemässen
Antrag, der angefochtene Einspracheentscheid sei aufzuheben und es seien ihm für
das Ereignis vom 21. November 2008 die gesetzlichen Leistungen auszurichten.
C.b Mit Beschwerdeantwort vom 29. Januar 2010 beantragte die
Beschwerdegegnerin Abweisung der Beschwerde.
C.c Mit Replik vom 20. Februar 2010 und Duplik vom 10. Mai 2010 hielten die
Verfahrensbeteiligten an ihren Anträgen fest.
C.d Auf die Begründungen in den einzelnen Rechtsschriften sowie die weiteren
Ausführungen in den medizinischen Akten wird, soweit erforderlich, in den
nachfolgenden Erwägungen eingegangen.

Erwägungen:
1.
Streitig und zu prüfen ist, ob die Beschwerdegegnerin als obligatorischer
Unfallversicherer für die Folgen des Vorfalls vom 21. November 2008 leistungspflicht
ist.
2.
2.1 Die Beschwerdegegnerin hat den Unfallbegriff (Art. 4 des Bundesgesetzes über
den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG; SR 830.1; bis 31.
Dezember 2002 war der Unfallbegriff mit gleichem Wortlaut im bis damals gültigen Abs.
1 von Art. 9 der Verordnung über die Unfallversicherung {aUVV; AS 1983 38}
umschrieben worden.]) sowie die Rechtsprechung zum Unfallbegriffsmerkmal der
Ungewöhnlichkeit des äusseren Faktors (BGE 134 V 72, 130 V 117) zutreffend
dargelegt. Gleiches gilt bezüglich des Begriffs der unfallähnlichen Körperschädigungen,
die auch ohne ungewöhnliche äussere Einwirkung Unfällen gleichgestellt sind (Art. 6
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Abs. 2 des Bundesgesetzes über die Unfallversicherung [UVG; SR 832.20] in
Verbindung mit Art. 9 Abs. 2 UVV), wobei am Erfordernis des äusseren Faktors
festzuhalten ist (BGE 129 V 466; Urteil 8C_532/2007 vom 9. Juni 2008 E. 5, aufgeführt
in SZS 2009 S. 153 f.). Darauf wird verwiesen.
2.2 Der Sozialversicherungsprozess ist vom Untersuchungsgrundsatz beherrscht.
Danach hat das Gericht von Amtes wegen für die richtige und vollständige Abklärung
des rechtserheblichen Sachverhalts zu sorgen. Der Grundsatz gilt jedoch nicht
uneingeschränkt. Er findet sein Korrelat in der Mitwirkungspflicht der Parteien. Der
Untersuchungsgrundsatz schliesst eine Beweislast im Sinn einer Beweisführungslast
begriffsnotwendig aus. Die Parteien tragen eine Beweislast aber insofern, als im Fall
der Beweislosigkeit der Entscheid zu Ungunsten jener Partei ausfällt, die aus dem
unbewiesenen Sachverhalt Rechte ableiten wollte. Das Gericht stellt auf jene
Sachverhaltsdarstellung ab, die es von allen möglichen Geschehensabläufen als die
wahrscheinlichste würdigt. Die blosse Möglichkeit eines bestimmten Sachverhalts
genügt den Beweisanforderungen nicht (BGE 126 V 360 E. 5b; 117 V 360 E. 4a; je mit
Hinweisen). Die Beschwerdegegnerin hat die Beweismaxime der "Aussage der ersten
Stunde", die eine im Rahmen der freien Beweiswürdigung (Art. 61 lit. c ATSG) zu
berücksichtigende Entscheidungshilfe darstellt (BGE 121 V 47 E. 2a; RKUV 2004 Nr. U
524 S. 546), richtig wiedergegeben. Darauf wird ebenfalls verwiesen.
3.
Gemäss Unfallmeldung vom 2. Dezember 2008 erlitt der Beschwerdeführer am 21.
November 2008 beim Springen auf dem Minitrampolin während des Turnunterrichts
eine Achillessehnenruptur links (act. A1). Am 24. Dezember 2008 schilderte er den
Vorfall dahingehend, dass der Achillessehnenriss auf dem Minitrampolin passiert sei,
als er seinen Schülern und Schülerinnen eine Übung gezeigt habe. Das Minitrampolin
habe vor einem Schwedenkasten gestanden. Auf diesen habe er sich mit beiden
Händen abgestützt und dann gezeigt, wo auf dem Trampolin die Füsse aufgesetzt
werden müssten. Nach dem dritten Abheben habe die linke Achillessehne gerissen.
Der Beschwerdeführer bejahte, dass es sich dabei um eine gewohnte Tätigkeit
gehandelt habe. Im Turnverein habe diese Übung zum normalen Training gehört. In den
letzten zehn Jahren habe er sie zwar nicht mehr regelmässig gemacht. Die äusseren
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Bedingungen seien normal gewesen. Ein Ausgleiten oder ein Sturz habe sich nicht
zugetragen (act. A2). In der Einsprache vom 17. August 2009 machte der
Beschwerdeführer keine konkreten Ausführungen zum Vorfall vom 21. November 2008
(act. A10), worauf am 2. September 2009 der ablehnende Einspracheentscheid erging
(act. A14). Erstmals in der dem Sachbearbeiter der Beschwerdegegnerin per E-Mail am
9. September 2009 zugesandten Stellungnahme zum Einspracheentscheid folgte dann
der Einwand des Beschwerdeführers, die Beschwerdegegnerin habe nicht erwähnt,
dass er vom Handstand aus auf das Minitrampolin aufgesetzt habe (act. A15).
4.
Die Beschwerdegegnerin hat im Einspracheentscheid vom 2. September 2009 sowie in
ihren Rechtsschriften ausführlich begründet dargelegt, dass in Bezug auf alle
Sachverhaltsschilderungen des Beschwerdeführers (vgl. dazu Erwägung 3) das
Tatbestandsmerkmal der Ungewöhnlichkeit bzw. das Geschehen einer eindeutig
programmwidrigen körpereigenen Bewegung nicht erfüllt ist und somit kein Unfall im
Sinn von Art. 4 ATSG vorliegt. Aus dem Umstand, dass sich der Beschwerdeführer 22
Jahre zuvor, bei der Ausübung eines sogenannten "Arabers" eine Achillessehnenruptur
rechts zugezogen hat (act. G 3.3, act. A15), die als Folge eines Unfalls bewertet wurde,
vermag der Beschwerdeführer nichts für den vorliegenden Fall abzuleiten. Laut
Krankengeschichte des Spitals Grabs lag nämlich damals ein ungewöhnlicher äusserer
Faktor vor, indem der Beschwerdeführer bei der fraglichen Turnübung mit dem rechten
Fuss unglücklich zwischen zwei Matten gelandet war. Ebenfalls keinen
Unfalltatbestand vermag schliesslich die Tatsache zu begründen, dass von den Ärzten
als Ursache für die Achillessehnenruptur ein Unfall angegeben wurde (act. M5, M6,
M8). Allgemein ist festzuhalten, dass sich der mangelnde Nachweis eines die Merkmale
des Unfalls erfüllenden Ereignisses nur selten durch medizinische Feststellungen
ersetzen lässt. Diesen kommt im Rahmen der Beweiswürdigung für oder gegen das
Vorliegen eines Unfallgeschehens in der Regel nur die Bedeutung von Indizien zu
(RKUV 1990 Nr. U 86 S. 51 E. 2). Zu beachten ist ausserdem, dass sich der
medizinische Begriff des Traumas nicht mit dem rechtlichen Unfallbegriff deckt. Ein
traumatisches Ereignis schliesst zwar eine krankhafte Ursache aus, umfasst jedoch
neben dem eigentlichen Unfall im Rechtssinn auch Ereignisse, denen der Charakter der
Ungewöhnlichkeit und/oder der Plötzlichkeit abgeht (vgl. Urteil des Eidgenössischen
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Versicherungsgerichts [EVG; seit 1. Januar 2007: Sozialrechtliche Abteilungen des
Bundesgerichts] vom 3. Januar 2000 i/S S. [U 236/98], E. 2d; Alfred Maurer,
Schweizerisches Unfallversicherungsrecht, 2. Aufl., Bern 1989, S. 175 f.). So obliegt es
dem Richter, die Frage zu beurteilen, ob die Merkmale des Unfallbegriffs erfüllt sind
bzw. ein Ereignis als Unfall anzuerkennen ist, während es Aufgabe des Arztes ist, den
konkreten Körperschaden zu diagnostizieren und, bei Bejahung eines
Unfallereignisses, den natürlichen Kausalzusammenhang zwischen Unfallereignis und
konkretem Körperschaden zu beurteilen.
5.
5.1 Somit bleibt die Frage zu beantworten, ob eine unfallähnliche Körperschädigung
im Sinn von Art. 9 Abs. 2 UVV vorliegt. Als unbestritten hat zu gelten, dass die vom
Beschwerdeführer am 21. November 2008 erlittene und gleichentags operativ
behandelte Achillessehnenruptur links mit der in Art. 9 Abs. 2 lit. f UVV erwähnten
Diagnose (Sehnenrisse) vereinbar ist und somit grundsätzlich unfallähnlichen Charakter
haben kann. Streitig ist einzig, ob ein Geschehen entsprechend einem unfallähnlichen
Ereignis im Sinn der im angefochtenen Einspracheentscheid und in den
Rechtsschriften der Beschwerdegegnerin korrekt dargelegten Praxis, d.h. ein
Geschehen, dem ein gewisses gesteigertes Gefährdungspotential innewohnt bzw. das
mit einer plötzlich erhöhten Krafteinwirkung auf den menschlichen Körper verbunden
ist, stattgefunden hat (BGE 129 V 467 E. 2.2).
5.2 Ein Geschehen mit einem gesteigerten Gefährdungspotential ist bei einer
sportlichen Übung, die von einem als Absprunghilfe an einen Schwedenkasten
gestellten Minitrampolin aus geturnt wird, nicht möglich. Bei der durch das federnde
Minitrampolin und den Schwedenkasten begrenzten Bewegung ist es nicht möglich -
schon gar nicht bei einem geübten Turner – dass sich Kräfte aufbauen, die das
physiologisch Normale überschreiten, zumal die zusätzlichen Angaben des
Beschwerdeführers vom 24. Dezember 2008 zur Schadenmeldung (act. A2) einen
vollständig kontrollierten Bewegungsablauf auf dem Minitrampolin ohne Misstritt,
Ausrutscher, Verdrehung oder dergleichen beschreiben. Dieselbe Beurteilung ergibt
sich auch, wenn man von der Sachverhaltsschilderung ausgehen würde, wonach der
Beschwerdeführer aus dem Handstand vom Schwedenkasten aus auf das
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Minitrampolin gelandet wäre, worauf die Beschwerdegegnerin aber gestützt auf die
Beweismaxime der "Aussage der ersten Stunde" zu Recht nicht abgestellt hat. Dass im
vorliegenden Fall von einer Gesundheitsschädigung ohne Einwirkung eines
unfallähnlichen Ereignisses auszugehen ist, zeigt auch der Umstand, dass der
Beschwerdeführer die Turnübung vor dem Achillessehnenriss bereits zweimal in
derselben Art und Weise vorgeführt hatte. In Anbetracht des Gesagten ist
zusammenfassend festzuhalten, dass beim Ereignis vom 21. November 2008 keine
Belastungssituation entstehen konnte, die einer sinnfälligen Einwirkung auf den Körper
bzw. einem erhöhten Kraftaufwand oder dem Hinzutreten einer belastenden
Bewegung, eben einem unfallähnlichen Ereignis, entspricht. Die Beschwerdegegnerin
hat damit das Vorliegen einer unfallähnlichen Körperschädigung im Sinn von Art. 9 Abs.
2 UVV zu Recht verneint. Der Beschwerdeführer bringt nichts vor, was zu einer anderen
Sichtweise führen könnte.
5.3 Obwohl die Beschwerdegegnerin in Bezug auf den vorliegenden Schadenfall
anfänglich gewisse Leistungen für Heilbehandlungen erbracht hat, durfte sie
schliesslich mit Verfügung vom 21. Juli 2009 feststellen, dass kein versichertes Ereignis
im Sinn von Art. 4 ATSG oder Art. 9 Abs. 2 UVV vorliege. Den Akten sind keinerlei
Hinweise dafür zu entnehmen, dass die Beschwerdegegnerin ihre Leistungspflicht
ausdrücklich anerkannt hätte. Es handelte sich offensichtlich um vorläufige, ohne
weitere Sachverhaltsabklärungen erbrachte Zahlungen. Hinzu kommt, dass die
Beschwerdegegnerin keinerlei Rückforderungsansprüche geltend macht (vgl. dazu
auch BGE 130 V 380).
6.
Im Sinn der vorstehenden Erwägungen ist die Beschwerde abzuweisen. Gerichtskosten
sind keine zu erheben (Art. 61 lit. a ATSG).
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 53 GerG