Decision ID: eeec7df3-6d25-5cb0-8ed5-9319277a883f
Year: 2018
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a A._ meldete sich im Oktober 2014 zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung an (IV-act. 2). Sie gab an, sie habe eine Berufslehre zur Coiffeuse
begonnen, habe diese aber nach drei Monaten abgebrochen. Zuletzt habe sie als
Reinigungsmitarbeiterin in einem Pensum von 60 Prozent gearbeitet. Der Psychiater
med. pract. B._ hatte am 16. September 2014 berichtet (IV-act. 1), die Versicherte
leide an einem Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätssyndrom (ADHS), an einer
emotional instabilen Persönlichkeitsstörung vom Borderline-Typus sowie an einer
rezidivierenden depressiven Störung mit einer gegenwärtig mittelgradigen depressiven
Episode. Die Arbeitgeberin der Versicherten teilte der IV-Stelle im November 2014 mit
(IV-act. 10), die Versicherte habe ab dem 1. September 2011 als Hauswartin in einem
Pensum von 60 Prozent gearbeitet. Der Monatslohn habe sich ab dem 1. Januar 2014
auf 2’400 Franken belaufen. Das Arbeitsverhältnis sei per Ende Juni 2014 gekündigt
worden. Am 11. Dezember 2014 gab der Psychiater B._ an (IV-act. 14), seines
Erachtens habe die Versicherte ihre Berufslehre aus gesundheitlichen Gründen
abbrechen müssen, weil sie wegen des ADHS und wegen der Persönlichkeitsstörung in
zwischenmenschliche Konflikte geraten sei, die zur Auflösung des Lehrverhältnisses
geführt hätten. Vor diesem Hintergrund sei eine Unterstützung der Versicherten bei
einer erstmaligen beruflichen Ausbildung zu prüfen. Die Versicherte interessiere sich für
eine Ausbildung im Bereich der Informationstechnologie. Aus psychiatrischer Sicht
erscheine eine Ausbildung in diesem Bereich als sinnvoll. Im Februar 2015 notierte Dr.
med. C._ vom IV-internen regionalen ärztlichen Dienst (RAD), aus medizinischer Sicht
sei angesichts des „biographischen Musters“ nachvollziehbar, dass die Versicherte aus
medizinischen Gründen keine berufliche Ausbildung habe absolvieren können (IV-act.
21). Eine Eingliederungsverantwortliche der IV-Stelle hielt im März 2015 fest (IV-act.
30), die Versicherte habe im Erstgespräch angegeben, dass sie unter den ständigen
Stellenverlusten leide. Sie wäre gerne langfristig beziehungsweise lebenslang an einem
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Arbeitsplatz tätig. Die letzte Tätigkeit habe sie eigentlich im Vollpensum ausüben
wollen, aber die Arbeitgeberin sei dagegen gewesen. Während der Dauer des
Beschäftigungsverhältnisses sei die Versicherte deshalb als (teilweise) arbeitslos
gemeldet gewesen. Aus der Sicht der Eingliederungsverantwortlichen sei grundsätzlich
offen, ob die Versicherte einen Anspruch auf eine erstmalige berufliche Ausbildung
habe; eine solche würde die Versicherte aber im Moment sicherlich überfordern.
Deshalb sei die Versicherte zunächst mit einer Arbeitsvermittlung zu unterstützen. Auf
eine entsprechende telefonische Mitteilung der Eingliederungsverantwortlichen
reagierte die Versicherte enttäuscht; im Mai 2015 teilte der Psychiater B._ mit, die
Versicherte sei nicht vermittelbar, weshalb eine Rentenprüfung gewünscht werde (IV-
act. 32). Am 28. Mai 2015 gab er an (IV-act. 41), die Versicherte sei aktuell nicht in der
Lage, einer Tätigkeit nachzugehen. Selbst in einem geschützten Rahmen würde sie
wohl wegen zwischenmenschlicher Konflikte eine Arbeitsstelle rasch wieder verlieren.
Die Enttäuschung über die Weigerung der IV-Stelle, sie bei einer beruflichen
Ausbildung zu unterstützen, habe die Versicherte in eine depressive Reaktion gestürzt.
Bereits am 15. Mai 2015 hatte der Neurologe Dr. med. D._ berichtet, die Versicherte
leide seit dem Jugendalter an einer Migräne ohne Aura. Ein Schädel-MRI aus dem Jahr
2005 zeige offenbar einen unauffälligen Befund. Dieses habe er aber nicht eingesehen.
Am 7. August 2015 teilte der Neurologe Prof. Dr. med. E._ mit (IV-act. 51), aufgrund
der anamnestischen Angaben der Versicherten bestehe der Verdacht auf eine Migräne
ohne Aura. Von vier vereinbarten Terminen habe die Versicherte drei Termine
unentschuldigt nicht wahrgenommen, weshalb keine Absicherung der Diagnose
möglich gewesen sei. Aus neurologischer Sicht könne keine Arbeitsunfähigkeit
attestiert werden.
A.b Am 14. Dezember 2015 fand eine Abklärung im Haushalt der Versicherten statt.
Der Abklärungsbeauftragte der IV-Stelle hielt in seinem Bericht fest (IV-act. 57), die
Versicherte habe angegeben, dass sie ohne die Gesundheitsbeeinträchtigung vollzeitig
erwerbstätig wäre. Der Arbeitswille sei ihr gewissermassen in die Wiege gelegt worden.
Die Schwiegermutter könne bei der Betreuung der drei Kinder mithelfen. Aus
finanziellen Gründen sei die Familie auf einen zweiten Verdienst angewiesen. Der
Abklärungsbeauftragte notierte, die Versicherte habe offenbar schon in den
vergangenen Jahren alles – selbst das Wohl der Kinder – dem Ziel untergeordnet,
vollzeitig erwerbstätig sein zu können. Es könne aber nicht sein, dass eine Person mit
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einem limitierten Leistungspotential und seit der Jugend bestehender Migräne ein
Vollpensum geltend machen und sich gleichzeitig wünschen könne, ihren drei
schulpflichtigen Kindern eine bestmögliche Ausbildung zu ermöglichen. Damit
desavouiere die Versicherte jede vernünftig denkende und handelnde
Durchschnittsfrau in unserer Gesellschaft. Eine Überforderung, die zur Erkrankung
führe, begründe keine Invalidität. Das zuletzt ausgeübte Pensum von 60 Prozent sei
angesichts der aktuellen familiären Situation vertretbar. Die Angaben der Versicherten
zu ihren Einschränkungen im Haushalt seien völlig unrealistisch. Diesbezüglich müsse
auf anerkannte Normwerte abgestellt werden. Der Psychiater B._ berichtete im
Februar 2016 über einen im Wesentlichen unveränderten Gesundheitszustand der
Versicherten (IV-act. 59). Im Auftrag der IV-Stelle erstattete die medexperts AG am 18.
Juli 2016 ein polydisziplinäres Gutachten (IV-act. 75). Der psychiatrische
Sachverständige hielt fest, die Versicherte habe in einer neuropsychologischen Testung
überwiegend normgerechte Ergebnisse erzielt, aber im Aufmerksamkeits- und
Konzentrationsbereich hätten sich eine verminderte Reaktionsgüte mit Fehlreaktionen
und Auslassungen gezeigt, die mit der Diagnose eines ADHS gut zu vereinbaren seien.
Im psychiatrischen Explorationsgespräch habe die Versicherte etwas unkonzentriert
gewirkt. Sie habe dem Gespräch aber problemlos folgen und direkt und adäquat
Antwort geben können. Die Grundstimmung sei nach unten geschoben gewesen. Die
Schwingungsfähigkeit sei eingeschränkt gewesen. Die bisherigen Berichte des
behandelnden Psychiaters B._ zeigten „ein etwas verworrenes Bild“. So habe dieser
teilweise dieselben Gründe angeführt, um einmal eine vollständige Arbeitsunfähigkeit
und ein anderes Mal eine Ausbildungsfähigkeit zu belegen. Seine Angabe, eine
Ausbildung im Bereich der Informationstechnologie sei sinnvoll, stehe im Widerspruch
zur Diagnose eines ADHS, da für eine solche Ausbildung eine hohe
Konzentrationsfähigkeit notwendig sei. Gesamthaft liessen sich anhand der
ausführlichen Schilderungen die Diagnosen einer depressiven Erkrankung und eines
ADHS nachvollziehen; die Diagnose einer Persönlichkeitsstörung sei dagegen nicht
hinreichend begründet worden. Zusammenfassend leide die Versicherte an einer
rezidivierenden depressiven Störung mit einer gegenwärtig mittelgradigen Episode
sowie an einem ADHS. Diese beiden Beschwerdebilder beeinflussten sich gegenseitig
und schränkten die Arbeitsfähigkeit der Versicherten für sämtliche Tätigkeiten um 70
Prozent ein. Die orthopädische Sachverständige führte aus, die Versicherte leide an
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unspezifischen Rückenbeschwerden und an einer Hyperlaxizität. Ihre Arbeitsfähigkeit
werde dadurch aber nicht eingeschränkt. Der neurologische Sachverständige hielt fest,
die von der Versicherten geschilderten Kopfschmerzen erfüllten die Kriterien der
International Headache Society zur Diagnose einer episodischen Migräne ohne Aura.
Zusätzlich bestehe ein chronischer Spannungskopfschmerz. Aufgrund der
Kopfschmerzen seien statische Zwangshaltungen zu vermeiden; der Arbeitsplatz sollte
so flexibel gestaltet sein, dass dem kopfschmerzbedingt vermehrten Pausenbedarf
Rechnung getragen werden könne. In einer entsprechend leidensadaptierten Tätigkeit
bestehe eine uneingeschränkte Arbeitsfähigkeit. Der RAD-Arzt Dr. med. Poppele
erachtete das Gutachten als überzeugend und empfahl, darauf abzustellen (IV-act. 76).
A.c Mit einem Vorbescheid vom 22. Juli 2016 teilte die IV-Stelle der Versicherten mit
(IV-act. 80), dass sie die Abweisung des Rentenbegehrens vorsehe. Zur Begründung
führte sie an, dass kein rentenbegründender Invaliditätsgrad vorliege. Dieser sei
nämlich anhand der sogenannten gemischten Methode zu ermitteln, wobei der
Erwerbsanteil auf 60 Prozent und der Haushaltsanteil auf 40 Prozent festzusetzen
seien. Die Einschränkung im Erwerbsbereich betrage 50 Prozent, da die Versicherte
ohne die Gesundheitsbeeinträchtigung in einem Pensum von 60 Prozent arbeiten
würde, ihr gemäss dem Gutachten der medexperts AG aber nur noch ein halb so
hohes Pensum (nämlich 30 Prozent) zumutbar sei. Im Aufgabenbereich betrage die
Einschränkung 14,5 Prozent. Der Invaliditätsgrad belaufe sich auf insgesamt 36
Prozent. Am 13. September 2016 liess die nun anwaltlich vertretene Versicherte
dagegen einwenden (IV-act. 91), die Anwendung der gemischten Methode sei EMRK-
widrig, was die IV-Stelle aber offenbar „nicht übermässig zu kümmern scheint“. Zudem
habe die Versicherte von Beginn weg angegeben, sie wäre ohne die
Gesundheitsbeeinträchtigung in einem Vollzeitpensum erwerbstätig. Am 15. September
2016 fragte die IV-Stelle die ehemalige Arbeitgeberin der Versicherten an, ob sich diese
während der Anstellung um ein höheres Pensum bemüht habe. Diese Frage wurde von
der ehemaligen Arbeitgeberin verneint (IV-act. 96). Mit einer Verfügung vom 22.
September 2016 wies die IV-Stelle das Rentenbegehren der Versicherten ab (IV-act.
97).
B.
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B.a Am 28. September 2016 liess die Versicherte (nachfolgend: die
Beschwerdeführerin) eine Beschwerde gegen die Verfügung vom 22. September 2016
erheben (act. G 1). Ihr Rechtsvertreter beantragte die Aufhebung der angefochtenen
Verfügung und die Zusprache einer ganzen Rente ab wann rechtens, allerspätestens
ab Mai 2015. Zur Begründung führte er an, die Anwendung der gemischten Methode
sei EMRK-widrig. Selbst wenn die gemischte Methode grundsätzlich anwendbar wäre,
dürfte sie vorliegend nicht zur Anwendung kommen, da die Beschwerdeführerin ohne
die Gesundheitsbeeinträchtigung vollzeitig erwerbstätig wäre.
B.b Die IV-Stelle (nachfolgend: die Beschwerdegegnerin) beantragte am 9. November
2016 die Abweisung der Beschwerde und eventualiter die Rückweisung der Sache zur
weiteren Abklärung (act. G 6). Zur Begründung führte sie aus, hier liege kein
Anwendungsfall des vom Bundesamt für Sozialversicherungen bezüglich der
gemischten Methode erlassenen IV-Rundschreibens Nr. 355 vor, weshalb die
Beschwerdeführerin aus dem Urteil des EGMR in Sachen „Di Trizio gegen die Schweiz“
nichts zu ihren Gunsten ableiten könne. Die Angaben der Beschwerdeführerin
bezüglich ihres Wunsches nach einem Vollzeitpensum seien nicht glaubwürdig, da
diese bislang nie in einem Vollzeitpensum gearbeitet habe, da die ehemalige
Arbeitgeberin einen von der Beschwerdeführerin geäusserten Wunsch nach einer
Erhöhung des Pensums von 60 Prozent verneint habe und da die Beschwerdeführerin
aufgrund ihrer Betreuungspflichten gar nicht in der Lage wäre, einer vollzeitigen
Erwerbstätigkeit nachzugehen. Zudem enthalte das Gutachten der medexperts AG
keine überzeugende Begründung für das Attest einer Arbeitsunfähigkeit von 70
Prozent. In einer dreistündigen neuropsychologischen Testung habe die
Beschwerdeführerin überwiegend normgerechte Ergebnisse erzielt. Die Testung sei
ohne eine Pause durchgeführt worden. Auch bei der fast zwei Stunden dauernden
psychiatrischen Exploration sei nur ein etwas unkonzentrierter Eindruck aufgefallen.
Der psychiatrische Sachverständige habe sein Arbeitsunfähigkeitsattest nicht mittels
objektiver klinischer Befunde begründet. Aus den Akten ergäben sich Hinweise auf
schwerwiegende psychosoziale Belastungsfaktoren, auf eine fehlende adäquate
Medikation und auf erhebliche Ressourcen der Beschwerdeführerin, denn diese habe
immerhin nicht nur drei Kinder aufgezogen, sondern daneben noch ausserhäuslich
gearbeitet.
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B.c Die Beschwerdeführerin liess am 10. Januar 2017 an ihren Anträgen festhalten
(act. G 14). Der Replik lag unter anderem eine Stellungnahme des behandelnden
Psychiaters B._ vom 2. Dezember 2016 bei (act. G 14.30), der geltend gemachte
hatte, es gehe nicht an, dass eine Mitarbeiterin des Rechtsdienstes der
Beschwerdegegnerin eine eigene Arbeitsfähigkeitsschätzung an die Stelle der
weitgehend übereinstimmenden Arbeitsfähigkeitsschätzungen der Fachärzte setze.
B.d Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik (act. G 16).
B.e Die Beschwerdeführerin liess ihren Antrag auf eine mündliche Verhandlung am 5.
Dezember 2018 zurückziehen (act. G 18).

Erwägungen
1.
1.1 Laut dem Art. 28 Abs. 1 IVG hat eine versicherte Person, die ihre Erwerbsfähigkeit
nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen wiederherstellen, erhalten oder
verbessern kann, die während eines Jahres durchschnittlich mindestens 40 Prozent
arbeitsunfähig gewesen ist und die nach dem Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40
Prozent invalid ist, einen Anspruch auf eine Rente der Invalidenversicherung. Für die
Bemessung der Invalidität wird gemäss dem Art. 28a Abs. 1 IVG in Verbindung mit dem
Art. 16 ATSG das Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach dem Eintritt der
Gesundheitsbeeinträchtigung und nach der Durchführung der medizinischen
Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare
Tätigkeit bei einer ausgeglichenen Arbeitsmarktlage erzielen könnte, in Beziehung zu
jenem Erwerbseinkommen gesetzt, das sie erzielen könnte, wenn sie gesund geblieben
wäre.
1.2 Die Beschwerdeführerin hat während des gesamten Verwaltungsverfahrens
konstant angegeben, dass sie ohne eine Gesundheitsbeeinträchtigung vollerwerbstätig
wäre. Sie ist zwar unmittelbar vor dem Eintritt der Gesundheitsbeeinträchtigung nur
teilerwerbstätig gewesen, aber aus diesem Umstand lässt sich bezüglich der fiktiven
Berufskarriere im sogenannten „hypothetischen Gesundheitsfall“ nichts ableiten, denn
die tatsächliche Berufskarriere der Beschwerdeführerin ist gemäss den
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übereinstimmenden und überzeugenden Angaben in den medizinischen Akten
überwiegend wahrscheinlich von Beginn weg durch eine Gesundheitsbeeinträchtigung
der Beschwerdeführerin beeinflusst gewesen, was bedeutet, dass die
Beschwerdeführerin tatsächlich gar nie als Gesunde erwerbstätig gewesen ist. Ihre
Berufskarriere ist mit anderen Worten von Beginn weg gesundheitsbedingt
beeinträchtigt gewesen. Daraus kann folglich für die hier massgebende fiktive
Validenkarriere nichts abgeleitet werden. Der Abklärungsbeauftragte der IV-Stelle, der
nach der Haushaltsabklärung maximal ein Pensum von 60 Prozent als zumutbar
erachtet hat, hat diese Einschätzung unter anderem mit der
Gesundheitsbeeinträchtigung der Beschwerdeführerin begründet, was zeigt, dass er
einem Irrtum unterlegen ist. Für die Bestimmung des Erwerbspensums im
„hypothetischen Gesundheitsfall“ hätte er nämlich sämtliche gesundheitsbedingten
Einschränkungen konsequent ausblenden müssen. Auch die übrigen Argumente des
Abklärungsbeauftragten, die angeblich gegen ein Vollpensum im „hypothetischen
Gesundheitsfall“ sprechen sollen, überzeugen nicht. Es ist durchaus nicht unüblich,
dass beide Elternteile einer vollzeitigen Erwerbstätigkeit nachgehen, obwohl sich ihre
Kinder noch in einem betreuungsbedürftigen Alter befinden. Insbesondere wenn der an
sich allein erwerbstätige Ehegatte nur ein tiefes Erwerbseinkommen erzielt, sieht sich
der andere Ehegatte in aller Regel gezwungen, einer Erwerbstätigkeit nachzugehen. Im
vorliegenden Fall haben die effektiv erzielten Löhne der beiden Ehegatten
(umgerechnet auf ein Vollpensum) jeweils nicht einmal ganz den Zentralwert der
Hilfsarbeiterlöhne erreicht. Vor diesem Hintergrund hätte es augenscheinlich nicht
ausgereicht, wenn die Beschwerdeführerin nur in einem Teilpensum erwerbstätig
gewesen wäre. Zudem hat der Abklärungsbeauftragte selbst darauf hingewiesen, dass
die Beschwerdeführerin ihrem Wunsch nach einer Vollzeitstelle alles andere – auch das
Wohl der Kinder – untergeordnet habe. Diese Prioritätensetzung der
Beschwerdeführerin muss ohne jede Wertung ernst genommen werden. Für die Kinder
wäre zudem gesorgt gewesen. Dass sich der Abklärungsbeauftragte mit einer eigenen
– fragwürdigen – Wertung über die Umstände und die eindeutigen Angaben der
Beschwerdeführerin hinweggesetzt hat, ist nicht nachvollziehbar. Daran ändert der
Umstand, dass die ehemalige Arbeitgeberin der Beschwerdeführerin angegeben hat,
ihr sei nichts von einem Wunsch der Beschwerdeführerin nach einem Vollpensum
bekannt gewesen, nichts, denn diese Angabe bezieht sich ja nicht auf die (fiktiven)
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Verhältnisse im „hypothetischen Gesundheitsfall“, sondern auf die tatsächlichen
Verhältnisse mit einer bestehenden Gesundheitsbeeinträchtigung. Selbst in
Anwendung der bundesgerichtlichen Praxis zur gemischten Methode muss also von
einer Vollerwerbstätigkeit im „hypothetischen Gesundheitsfall“ ausgegangen werden,
da mit „überwiegender Wahrscheinlichkeit“ feststeht, dass die Beschwerdeführerin
unter Berücksichtigung ihrer eigenen Angaben und sämtlicher Umstände in einem
Vollpensum gearbeitet hätte, wenn sie nicht an einer Gesundheitsbeeinträchtigung
gelitten hätte.
2.
2.1 Für die Bestimmung der Validenkarriere ist entscheidend, ob die
Beschwerdeführerin als Frühinvalide im Sinne des Art. 26 Abs. 1 IVV zu qualifizieren ist,
das heisst ob sie durch eine Gesundheitsbeeinträchtigung daran gehindert gewesen
ist, eine ihren Neigungen und Fähigkeiten entsprechende Berufsausbildung zu
absolvieren. Die Akten enthalten einige Hinweise darauf, dass dies der Fall gewesen
sein könnte: Die Beschwerdeführerin hat eine Berufslehre nach wenigen Monaten
abgebrochen und später diverse Arbeitsstellen teilweise nach kurzer Zeit wieder
verloren. Der behandelnde Psychiater B._ hat dies auf ein von ihm diagnostiziertes
ADHS zurückgeführt; die Sachverständigen der medexperts AG haben das Vorliegen
eines ADHS bestätigt. Die RAD-Ärztin Dr. F._ hat eine Beteiligung des ADHS beim
Scheitern einer Berufsausbildung als wahrscheinlich qualifiziert. Gesamthaft vermögen
diese Hinweise aber nicht mit dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit zu beweisen, dass die Beschwerdeführerin tatsächlich
krankheitsbedingt daran gehindert gewesen ist, eine ihren Neigungen und Fähigkeiten
entsprechende Berufsausbildung zu absolvieren. Auch das Gegenteil ist aber nicht mit
dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit belegt. Mit
anderen Worten ist beim aktuellen Aktenstand fraglich, ob das (erst kürzlich
festgestellte) ADHS eine wesentliche Rolle beim Scheitern der Berufsausbildung
gespielt hat. Diesbezüglich ist nicht ausgeschlossen, dass aus weiteren Abklärungen
ein wesentlicher Erkenntnisgewinn resultieren könnte. Möglicherweise ergeben sich
aus den Akten der behandelnden Ärzte aus der Zeit, als die Beschwerdeführerin die
schulische Ausbildung abgeschlossen und die berufliche Ausbildung angetreten hat,
weitere Hinweise. Ein medizinischer Sachverständiger könnte zudem in der Lage sein,
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retrospektiv weitere Angaben zur Frage zu liefern, ob die Beschwerdeführerin
krankheitsbedingt daran gehindert gewesen ist, eine ihren Neigungen und Fähigkeiten
entsprechende Ausbildung zu absolvieren. Diesbezüglich erweist sich der Sachverhalt
folglich als ungenügend abgeklärt, weshalb die angefochtene Verfügung wegen einer
Verletzung der Untersuchungspflicht (Art. 43 Abs. 1 ATSG) als rechtswidrig aufzuheben
und die Sache zur weiteren Abklärung an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen ist.
2.2 Bezüglich des zumutbarerweise erzielbaren Invalideneinkommens ist die
medizinische Arbeitsfähigkeitsschätzung ausschlaggebend. Wie die
Beschwerdegegnerin zu Recht festgehalten hat, überzeugt das von ihr eingeholte
Gutachten der medexperts AG nicht. Der psychiatrische Sachverständige hat nämlich
eine Arbeitsunfähigkeit von 70 Prozent und damit eine praktisch aufgehobene
Arbeitsfähigkeit attestiert, aber in seinem Teilgutachten keine objektiven klinischen
Befunde angeführt, die diese weitgehende Arbeitsunfähigkeit begründen könnten. Der
Umstand, dass die Beschwerdeführerin während der rund zweistündigen Exploration in
der Lage gewesen ist, ihre Aufmerksamkeit und ihre Konzentration aufrecht zu
erhalten, respektive dass sie nur einen leicht unkonzentrierten Eindruck hinterlassen
hat, spricht gegen die vom psychiatrischen Sachverständigen attestierte fast
vollständige Arbeitsunfähigkeit. Auch die Ergebnisse der neuropsychologischen
Testung, auf die der psychiatrische Sachverständige nur am Rande beziehungsweise
nur bezüglich der Diagnose eines ADHS eingegangen ist, sprechen deutlich gegen eine
erhebliche psychisch bedingte Arbeitsunfähigkeit. Die Untersuchungsergebnisse sind
nämlich weitgehend unauffällig gewesen; die Beschwerdeführerin hat fast durchgehend
durchschnittliche Resultate erzielt. Auch ihr Verhalten ist weitgehend unauffällig
gewesen, obwohl die Testung insgesamt drei Stunden gedauert und hohe
Anforderungen an die Aufmerksamkeit und die Konzentration der Beschwerdeführerin
gestellt hat. Auch der behandelnde Psychiater B._ hat keine objektiven klinischen
Befunde angeführt, die sein Attest einer vollständig aufgehobenen Arbeitsfähigkeit
begründen könnten. Zudem hat er keine neuropsychologischen Tests durchgeführt, die
aber für eine zuverlässige Arbeitsfähigkeitsschätzung bei dem im Raum stehenden
ADHS wohl unabdingbar gewesen wären. Gesamthaft fehlt in den Akten also eine
überzeugende Arbeitsfähigkeitsschätzung. Da es nicht die Sache des
Versicherungsgerichtes sein kann, die ureigenste Aufgabe der Beschwerdegegnerin –
nämlich die Sachverhaltsabklärung – zu übernehmen respektive das Versäumnis der
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Beschwerdegegnerin (das diese selbst erkannt, aber unverständlicherweise nicht zum
Anlass genommen hat, ihre Verfügung zu widerrufen, um weitere Abklärungen zu
tätigen) wiedergutzumachen, ist kein Gerichtsgutachten in Auftrag zu geben. Vielmehr
ist die Sache an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen, die folglich auch
diesbezüglich weitere Abklärungen wird tätigen müssen. In Betracht fällt insbesondere
eine neuropsychologische und psychiatrische Untersuchung. Die Entscheidung,
welche Untersuchungen durchzuführen sind und in welchem Rahmen (RAD-
Untersuchung, versicherungsexterne Begutachtung, MEDAS-Begutachtung) dies zu
geschehen hat, bleibt aber selbstverständlich der Beschwerdegegnerin respektive
ihrem RAD überlassen.
3.
Zusammenfassend ist die angefochtene Verfügung vom 22. September 2016 in
teilweiser Gutheissung der Beschwerde aufzuheben und die Sache ist zur weiteren
Sachverhaltsabklärung bezüglich der Validenkarriere und der Arbeitsfähigkeit der
Beschwerdeführerin an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
Rechtsprechungsgemäss gilt dieser Verfahrensausgang hinsichtlich der Kosten- und
Entschädigungsfolgen als ein vollständiges Obsiegen der Beschwerdeführerin. Die
Gerichtskosten von 600 Franken sind folglich der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen.
Diese hat der Beschwerdeführerin eine Parteientschädigung auszurichten. Angesichts
des eher geringen Aktenumfangs ist von einem insgesamt leicht
unterdurchschnittlichen erforderlichen Vertretungsaufwand auszugehen, weshalb die
Parteientschädigung praxisgemäss auf 3’000 Franken (einschliesslich Barauslagen und
Mehrwertsteuer) festzusetzen ist.