Decision ID: f8645fab-1bbe-4e8d-83b3-5094c9b489fe
Year: 2013
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: civil_law

betreffend Feststellung Personenstand
Berufung gegen ein Urteil des Einzelgerichts am Bezirksgericht Bülach vom 18. April 2013 (EP130001-C)
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Rechtsbegehren:
1. Es sei gerichtlich festzustellen, dass die Klägerin nunmehr weiblichen Geschlechts ist.
2. Das Zivilstandsamt C._ sei gerichtlich anzuweisen, die  gemäss Art. 7 Abs. 2 lit. o. ZStV einzutragen.
3. Der Klägerin sei die Vornamensänderung von A._ zu D._ zu bewilligen und das Zivilstandsamt C._ sei anzuweisen, den  Vornamen einzutragen.
Urteil des Bezirksgerichts Bülach vom 18. April 2013:
1. Das Feststellungsbegehren wird abgewiesen.
2. Das Gesuch um Änderung des Zivilstandsregisters wird abgewiesen.
3. Das Gesuch um Namensänderung wird abgewiesen.
4. Die Entscheidgebühr wird festgesetzt auf Fr. 400.–. Allfällige weitere Auslagen bleiben vorbehalten.
5. Die Kosten werden der gesuchstellenden Partei auferlegt.
6. Schriftliche Mitteilung an die gesuchstellende Partei.
7. [Rechtsmittelbelehrung: Berufung, Frist 10 Tage, kein Stillstand.]
Berufungsanträge:
"1. Es sei gerichtlich festzustellen, dass die Berufungsklägerin nunmehr weiblichen Geschlechts ist.
2. Das Zivilstandsamt C._ sei gerichtlich anzuweisen, die  gemäss Art. 7 Abs. 2 lit. o. ZStV einzutragen.
3. Der Berufungsklägerin sei die Vornamensänderung von A._ zu D._ zu bewilligen und das Zivilstandsamt C._ sei anzuweisen, den geänderten Vornamen einzutragen.
4. Eventualiter: Das Urteil 18.04.2013 des Bezirksgericht Bülach ( EP130001-C/u EN/ad) sei aufzuheben und an die  zur Neubeurteilung zurückzuweisen.
– Unter Kosten- und Entschädigungsfolge –"
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Erwägungen:
1. a) Mit Eingabe vom 12. April 2013 liess der Gesuchsteller das ein-
gangs genannte Rechtsbegehren stellen (Urk. 1/1-2). Mit Urteil vom 18. April
2013 (vorstehend wiedergegeben) wies die Vorinstanz die Begehren des Ge-
suchstellers ab (Urk. 4 = Urk. 7).
b) Gegen dieses Urteil hat der Gesuchsteller am 2. Mai 2013 fristgerecht
(Art. 314 Abs. 1 ZPO; vgl. Urk. 5) Berufung mit den vorstehend wiedergegebenen
Berufungsanträgen erhoben (Urk. 6).
c) Mangels Gegenpartei war keine Berufungsantwort einzuholen (vgl.
Art. 312 ZPO).
2. Der Gesuchsteller ist Schweizer Bürger mit Wohnsitz in E._ [nah-
östlicher Staat]. Die Vorinstanz hat ihre Zuständigkeit für die Statusklage sui ge-
neris gestützt auf Art. 1 Abs. 1 lit. a i.V.m. Art. 3 IPRG und Art. 248 lit. e ZPO be-
jaht (Urk. 7 S. 2 f.). Dies ist im Berufungsverfahren nicht umstritten.
3. Die Vorinstanz erwog zusammengefasst, der Gesuchsteller führe aus,
er fühle sich als Frau, habe sich Ende 2009 – ohne Arzt, da dies in E._ un-
zumutbar wäre – weibliche Hormone und Testosteronblocker verschafft, um sein
äusseres Erscheinungsbild dem weiblichen Geschlecht anzunähern; so sei die
Ejakulation (Samenproduktion, Libido, Erektionsfähigkeit, Potenz) gestoppt sowie
das Brustwachstum gefördert worden. Weiter führe er aus, er habe sich elektroly-
tischer Haarentfernung und Laserbehandlung unterzogen, um den Bartwuchs zu
entfernen. Schliesslich mache der Gesuchsteller geltend, dass in jungen Jahren
der rechte Hoden habe entfernt werden müssen und dadurch die Zeugungsfähig-
keit schon vor der Hormontherapie erheblich gemindert gewesen sei; durch diese
sei er nun irreversibel zeugungsunfähig (Urk. 7 S. 4 f.). Die Vorinstanz erwog so-
dann in rechtlicher Hinsicht, Voraussetzung für die Feststellung der Geschlechts-
änderung sei, dass die körperlichen Merkmale so weit beseitigt seien, dass ein
männlicher Gesuchsteller nicht mehr Vater bzw. eine weibliche Gesuchstellerin
nicht mehr Mutter werden könne. Die Rechtssicherheit gebiete eindeutige, klare
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Verhältnisse, was nur bei einem irreversiblen Geschlechtswechsel gewährleistet
sei. Vorliegend werde die Irreversibilität nicht genügend glaubhaft gemacht. Der
Gesuchsteller habe sich bislang keinem operativen Eingriff unterzogen, sondern
stattdessen selbstständig eine Hormontherapie durchgeführt. Die eingereichten
Beilagen würden die Irreversibilität der Fortpflanzungsunfähigkeit nicht glaubhaft
machen; es sei auch kein diesbezügliches Gutachten oder ärztlicher Bericht ein-
gereicht worden (Urk. 7 S. 5 f.).
4. a) Der Gesuchsteller macht berufungsweise geltend, die Vorinstanz
habe den Sachverhalt unrichtig festgestellt. Er habe mehrfach geltend gemacht,
dass er sich einer geschlechtsangleichenden Operation unterziehen werde (wofür
er bereits Anzahlungen geleistet habe), was von der Vorinstanz trotz Geltung der
Untersuchungsmaxime ignoriert worden sei. Weil er sich in einem streng ... [Reli-
gion] Land befinde, könne ihm nicht zugemutet werden, einen dort ansässigen
Arzt aufzusuchen, um die Fortpflanzungsunfähigkeit zu bestätigen. Auch die Be-
stätigung durch einen ausländischen Arzt sei nicht möglich, da er aufgrund des
inhaltlich falschen Passes nicht ausreisen könne, denn er lebe seit 2011 als Frau
und werde als Frau wahrgenommen; die Verkleidung als Mann für die Ausreise
würde äusserst verdächtig erscheinen. Er sei auf die Feststellung des weiblichen
Geschlechts angewiesen, damit er aus E._ ausreisen und sich der ge-
schlechtsangleichenden Operation unterziehen könne. Schliesslich sei die Fort-
pflanzungsunfähigkeit nicht strikt nachzuweisen, sondern es reiche die Glaub-
haftmachung (Urk. 6 S. 4-8).
b) Hinsichtlich der auf das vorinstanzliche Verfahren anwendbaren Unter-
suchungsmaxime (Art. 255 lit. b ZPO) ist dem Gesuchsteller entgegenzuhalten,
dass auch bei dieser Prozessmaxime die Glaubhaftmachung der relevanten Um-
stände den Parteien (bzw. hier: der gesuchstellenden Partei) obliegt; die Geltung
der Untersuchungsmaxime führt nicht dazu, dass das Gericht anstelle des Ge-
suchstellers den Sachverhalt so lange festzustellen (bzw. so lange nachzufragen)
hätte, bis er als genügend glaubhaft gemacht anzusehen ist.
c) Dass die Vorinstanz die bevorstehende geschlechtsangleichende Ope-
ration nicht zugunsten des Gesuchstellers berücksichtigt hat, trifft zu, ist aber
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nicht zu beanstanden. Denn die operative Geschlechtsumwandlung kann selbst-
redend erst dann berücksichtigt werden, wenn sie erfolgt ist (und nicht schon vor-
her). Daran ändert nichts, dass sich der Gesuchsteller auf eine Transsexualität
beruft (ICD F 64.0), zumal die eingereichten Beurteilungen bloss auf Ferndiago-
sen ("telehealth patient", Urk. 3/5) beruhen und nicht auf nachvollziehbaren Un-
tersuchungsergebnissen gründen (vgl. auch Urk. 3/10, wo die Diagnose teils so-
gar offensichtlich unzutreffend ist: S. 3, ICD F 74.0).
Dass der Gesuchsteller aufgrund eines inhaltlich falschen Passes nicht aus
E._ ausreisen könnte, wird durch nichts belegt. Aus den vorinstanzlichen
Ausführungen des Gesuchstellers ergibt sich, dass er (derzeit noch) die primären
männlichen Geschlechtsmerkmale aufweist; damit gilt er unabhängig von einer
allfälligen Zeugungsfähigkeit und der Psyche unter biologischen Gesichtspunkten
grundsätzlich weiterhin als Mann. Sein Pass lautet auf ihn als Mann; er ist mit die-
sem Pass als Mann in E._ eingereist, dürfte dort wohl als Mann gemeldet
sein und eine operative Geschlechtsumwandlung hat noch nicht stattgefunden. Es
sind daher keine Gründe ersichtlich, weshalb er nicht als Mann aus E._ aus-
reisen können sollte.
d) Der Gesuchsteller macht sodann berufungsweise geltend, die Vor-
instanz habe das Recht unrichtig angewandt. Das Obergericht Zürich habe im
Entscheid NC090012 vom 1. Februar 2011 dargelegt, dass aus der bundesge-
richtlichen Rechtsprechung nicht das Erfordernis der operativen Entfernung der
Geschlechtsmerkmale abgeleitet werden könne, wogegen unzweideutig die
äussere Angleichung an das Wunschgeschlecht verlangt werde; dies lasse zu,
dass ein Geschlechtswechsel auch ohne operative Entfernung der Geschlechts-
merkmale rechtlich anzuerkennen sei. Ein operativer Eingriff verletze sodann di-
rekt die körperliche Integrität der betroffenen Person. Die Fortpflanzungsunfähig-
keit könne auch auf andere Weise als mittels operativem Eingriff erreicht werden;
die Zeugungsunfähigkeit sei auch dann anzunehmen, wenn sie nicht mit letzter
Sicherheit irreversibel sei (Urk. 6 S. 8-11).
Nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung sind für die Feststellung ei-
ner Geschlechtsänderung klare, eindeutige Verhältnisse geboten, was nur bei ei-
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nem irreversiblen Geschlechtswechsel gewährleistet ist. Das persönliche Empfin-
den des betreffenden Transsexuellen genügt nicht (BGE 119 II 264 Erw. 6.c). Wie
erwähnt, weist der Gesuchsteller aktuell noch alle primären Geschlechtsmerkmale
eines Mannes auf (Penis, Hodensack). Er macht zwar geltend, dass er als Folge
der von ihm selbst durchgeführten Hormonbehandlung keine Ejakulation mehr
haben könne (was aktuell die Zeugungsfähigkeit ausschliessen würde). Es ist je-
doch keineswegs undenkbar, dass durch eine Absetzung der Hormonbehandlung
(oder allenfalls auch durch eine entgegengesetzte Behandlung) die Zeugungsfä-
higkeit wieder hergestellt werden könnte. Die Irreversibilität der Zeugungsunfähig-
keit des Geschlechtswechsels ist jedenfalls nicht belegt und damit nicht genügend
glaubhaft gemacht.
Bei dieser Sachlage braucht nicht mehr geprüft zu werden, ob nicht – entge-
gen der von der II. Zivilkammer des Obergerichts im vom Gesuchsteller genann-
ten Entscheid vom 1. Februar 2011 geäusserten Auffassung – für die Anerken-
nung der Geschlechtsumwandlung grundsätzlich eine operative Geschlechtsan-
gleichung zu verlangen ist, da ohne eine solche eigentlich keine eindeutigen bzw.
klaren Verhältnisse vorliegen.
e) Demgemäss erweist sich die vorinstanzliche Abweisung des Begeh-
rens auf Feststellung, dass der Gesuchsteller nunmehr weiblichen Geschlechts
sei, als korrekt.
5. Die vorinstanzliche Abweisung des Rechtsbegehrens 2 (Anweisung auf
Eintragung des geänderten Geschlechts; vgl. Urk. 7 S. 6 f.) ist direkte Folge der
Abweisung des Feststellungsbegehrens und im Berufungsverfahren auch nicht
selbständig angefochten (vgl. Urk. 6 S. 8 ff.).
6. a) Im Berufungsverfahren selbständig angefochten ist dagegen die
vorinstanzliche Abweisung des Rechtsbegehrens 3 (Vornamensänderung). Die
Vorinstanz hat dazu erwogen, die Änderung des Namens könne aus wichtigen
Gründen bewilligt werden. Solche lägen nicht vor. Der Gesuchsteller sei register-
rechtlich weiterhin als Mann zu führen und habe entsprechend auch mit einem
männlichen Namen vermerkt zu bleiben (Urk. 7 S. 7).
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b) Der Gesuchsteller macht hierzu berufungsweise unrichtige Rechtsan-
wendung geltend. Für eine Namensänderung seien nicht wichtige, sondern nur
achtenswerte Gründe verlangt. Solche seien vorliegend mehr als erfüllt. Die öf-
fentliche Blossstellung dadurch, dass er immer wieder gezwungen sei, sich zufol-
ge des männlichen Vornamens in seine Intimsphäre und seine existenziellen Per-
sönlichkeitsrechte eingreifen zu lassen, zeige dies genügend (Urk. 6 S. 12 f.).
c) Gemäss der seit 1. Januar 2013 in Kraft stehenden Fassung von
Art. 30 ZGB kann einer Person die Änderung des Namens bewilligt werden, wenn
achtenswerte Gründe vorliegen. Ein Geschlechtswechsel wäre zweifellos ein sol-
cher achtenswerter Grund; vorliegend ist ein solcher Geschlechtswechsel jedoch
gerade nicht festgestellt (oben Erw. 4). Die Eintragung eines Namens, der mit
dem registerrechtlichen Geschlecht nicht übereinstimmt, ist abzulehnen; dass das
subjektiv empfundene Geschlecht nicht mit dem objektiven und in den Registern
festgehaltenen übereinstimmt, bildet keinen Grund für eine Namensänderung.
Damit erweist sich auch die vorinstanzliche Abweisung des Begehrens auf Na-
mensänderung als korrekt.
7. Aufgrund der Abweisung der Rechtsbegehren des Gesuchstellers ist
auch die vorinstanzliche Regelung der Kosten- und Entschädigungsfolgen nicht
zu beanstanden.
8. Nach dem Gesagten ist die Berufung abzuweisen und das angefochte-
ne Urteil vollumfänglich zu bestätigen (Art. 318 Abs. 1 lit. a ZPO).
9. Die zweitinstanzliche Entscheidgebühr ist in gleicher Höhe wie die vor-
instanzliche festzusetzen und dem Gesuchsteller aufzuerlegen. Dieser hat als un-
terliegende Partei keinen Anspruch auf eine Parteientschädigung.