Decision ID: deded069-8b0f-51e3-b772-240221ec7bfc
Year: 2019
Language: de
Court: SO_OG
Chamber: SO_OG_006
Canton: SO
Region: Espace_Mittelland
Law Area: penal_law

In Sachen
Staatsanwaltschaft, Franziskanerhof, Barfüssergasse 28, Postfach 157, 4502 Solothurn,
Anschlussberufungsklägerin
gegen
A._, amtlich verteidigt durch Rechtsanwalt Stephan Schlegel
Beschuldigter und Berufungskläger
betreffend Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz, das Ausländergesetz und das Strassenverkehrsgesetz sowie betreffend Widerrufsverfahren
Es erscheinen am 6. Februar 2019 zur Verhandlung vor Obergericht:
Um 8:30 Uhr:
- Staatsanwältin B._, i.A. der Anklägerin und Anschlussberufungsklägerin,
- A._, Beschuldigter und Berufungskläger, wird vorgeführt,
- Rechtsanwalt Stephan Schlegel, amtlicher Verteidiger,
- C._, Zeuge,
- D._, Sachbearbeiter KaPo, Zuhörer,
- E._, Vertreter der serbischen Botschaft in Bern,
- ein Polizeibeamter, Vorführung und Aufsicht,
- eine Seelsorgerin der JVA Deitingen, Zuhörerin,
- der Sohn des Beschuldigten, Zuhörer.
Um 8:45 Uhr:
- F._, Zeuge, evtl. Auskunftsperson,
Um 9 Uhr:
- G._, Zeuge,
- H._, Serbisch-Dolmetscherin,
Um 9:10 Uhr:
- I._, Zeuge, evtl. Auskunftsperson,
- J._, Türkisch-Dolmetscherin.
Der Vorsitzende eröffnet die Verhandlung, gibt die Zusammensetzung des Gerichts bekannt, stellt die weiteren Anwesenden fest und legt kurz den Prozessgegenstand, die in Rechtskraft erwachsenen Ziffern des angefochtenen Urteils sowie den geplanten Verhandlungsablauf dar. Er ersucht den amtlichen Verteidiger, seine Kostennote der Staatsanwältin zur allfälligen Stellungnahme zu unterbreiten.
Auf entsprechende Frage wünscht der Beschuldigte, dass die Verhandlung in hochdeutscher Sprache geführt wird.
Der Vorsitzende orientiert über das Strafverfahren wegen falscher Anschuldigung, welches aufgrund einer entsprechenden Strafanzeige des Beschuldigten gegen F._ eröffnet worden ist. Aufgrund dieses neuen Verfahrens, welches zum vorliegenden Verfahren eine Konnexität aufweist, ist vorgesehen, F._ nicht als Zeuge, sondern als Auskunftsperson zu befragen. Die Parteien können zu dieser Frage Stellung nehmen. C._, G._ sind als Zeugen zu befragen, so auch I._, da das gegen ihn geführte Strafverfahren rechtskräftig abgeschlossen ist.
Weiter informiert der Vorsitzende vorsorglich darüber, dass der Beschuldigte aus der Haft zu entlassen ist, sollte ein Freispruch oder ein Strafmass ausgesprochen werden, welches geringer als die bereits ausgestandene Haft ist. Andernfalls wird zur Vollzugssicherung die Anordnung von Sicherheitshaft zu prüfen sein. Dies insbesondere im Falle eines selbständigen Haftentlassungsgesuchs.
Nach Hinweis auf ihre Rechte und Pflichten werden in folgender Reihenfolge zur Sache einvernommen:
1. C._ als Zeuge; nach der Einvernahme verbleibt er im Gerichtssaal, um später zur allfälligen Konfrontation mit Aussagen anderer Beteiligter zur Verfügung zu stehen;
2. F._ als Auskunftsperson; er wird vorab über das gegen ihn eröffnete Strafverfahren wegen falscher Anschuldigung informiert; nach der Einvernahme verbleibt er im Gerichtssaal, um später zur allfälligen Konfrontation mit Aussagen anderer Beteiligter zur Verfügung zu stehen;
3. G._ als Zeuge; nach dieser Einvernahme werden C._ und F._ entlassen, nachdem keine Partei noch Fragen an sie hat;
4. I._ als Zeuge;
5. A._ als Beschuldigter (Befragung zur Person; macht keine Aussagen zur Sache).
(Der Sohn des Beschuldigten verlässt während der Einvernahme von F._ den Saal und betritt ihn wieder zu Beginn der Einvernahme seines Grossvaters G._.)
Die Einvernahmen werden mit technischen Hilfsmitteln aufgezeichnet. Der entsprechende Tonträger befindet sich in den Akten.
Anschliessend stellt die Staatsanwältin folgenden Beweisantrag:
Das vorgelegte Urteil der 3. Strafkammer des Obergerichts des Kantons Bern vom 11. Februar 2009 gegen A._ i.S. Förderung der Prostitution etc. sei zu den Akten zu nehmen.
Der amtliche Verteidiger, welcher mit einer Kopie bedient wird, hat keine Einwände gegen den Beweisantrag. Das Urteil wird zu den Akten genommen.
(Die Verhandlung wird von 9:55 bis 10:15 Uhr für eine Pause unterbrochen.)
Anschliessend stellen und begründen folgende Anträge:
Staatsanwältin B._
1. A._ sei wegen mehrfacher Vergehen gegen das BetmG (Anklageschrift [AKS] Ziff. 2), mehrfacher Verbrechen gegen das BetmG (AKS Ziff. 1), Fahrens ohne Haftpflichtversicherung und missbräuchlicher Verwendung von Kontrollschildern (AKS Ziff. 5 und 6) schuldig zu sprechen.
2. A._ sei zu verurteilen zu:
a) einer Freiheitsstrafe von 65 Monaten,
b) einer Geldstrafe von 10 Tagessätzen zu je CHF 30.00,
c) einer Busse von CHF 200.00, ersatzweise zu 2 Tagen Freiheitsstrafe, teilweise als Zusatzstrafe zum Urteil der Staatsanwaltschaft des Kantons Solothurn vom 20.1.2015.
3. A._ sei die Sicherheitshaft ab 31.10.2017 an die Freiheitsstrafe anzurechnen.
4. Zur Sicherung des Strafvollzuges sei Sicherheitshaft anzuordnen.
5. Der A._ mit Urteil vom 20.1.2015 von der Staatsanwaltschaft des Kantons Solothurn gewährte bedingte Vollzug für die Geldstrafe von 90 Tagessätzen zu je CHF 50.00 sei zu widerrufen.
6. Die sichergestellten Vermögenswerte im Umfang von CHF 700.00 seien nach Rechtskraft des Urteils gestützt auf Art. 70 StGB einzuziehen, eventualiter seien sie im Sinne von Art. 442 Abs. 4 StPO an die Verfahrenskosten anzurechnen, soweit sie nicht deliktischer Herkunft seien.
7. Die Entschädigung des amtlichen Verteidigers des Beschuldigten sei gerichtlich festzusetzen und vom Staat zu bezahlen. Vorzubehalten sei der Rückforderungsanspruch des Staates während 10 Jahren, sobald es die wirtschaftlichen Verhältnisse des Beschuldigten erlauben.
8. Die Kosten des Verfahrens seien A._ zur Bezahlung aufzuerlegen.
Rechtsanwalt Schlegel
1. A._ sei von sämtlichen noch nicht rechtskräftig beurteilten Vorhalten freizusprechen.
Eventualiter sei A._, soweit auf die Anklage in allen Punkten eingetreten werden könne und das Verfahren nicht infolge Verjährung einzustellen sei, schuldig zu sprechen wegen:
- mehrfacher Vergehen gegen das BetmG (AKS Ziff. 1.1. lit. a und Ziff. 2)
- einer qualifizierten Widerhandlung gegen das BetmG (AKS Ziff. 1.1 lit. b - d und Ziff. 1.2).
2. Soweit A._ schuldig zu sprechen sei, sei er zu einer unbedingten Freiheitsstrafe von 6 Monaten zu verurteilen;
Eventualiter sei er zu einer unbedingten Freiheitsstrafe von 28 Monaten als Gesamtstrafe sowie zu 2 Monaten Freiheitsstrafe als Zusatzstrafe zum Urteil des Amtsgerichts von Solothurn-Lebern vom 14.2.2012 zu verurteilen.
Überdies sei zu einer Busse von CHF 200.00, teilweise als Zusatzstrafe zum Strafbefehl der Staatsanwaltschaft des Kantons Solothurn vom 20.1.2015, zu verurteilen.
3. An die Freiheitsstrafe sei der bisher erstandene Freiheitsentzug anzurechnen.
4. Der dem Beschuldigten mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft des Kantons Solothurn vom 20.1.2015 gewährte bedingte Strafvollzug sei zu widerrufen.
5. Das bei A._ sichergestellte und beschlagnahmte Bargeld im Betrag von CHF 700.00 sei zur Bezahlung von Geldstrafen, Bussen und zur Deckung der Verfahrenskosten zu verwenden.
6. Die Kosten des gesamten Strafverfahrens seien verhältnismässig entsprechend dem Umfang der Verurteilungen A._ aufzuerlegen und im Umfang der Freisprüche im Übrigen auf die Gerichtskasse zu nehmen.
7. Die Entschädigung des amtlichen Verteidigers sei auf die Gerichtskasse zu nehmen.
8. A._ sei eine Parteientschädigung für die Inanspruchnahme von Rechtsanwalt Alexander Kunz als Wahlverteidiger entsprechend der von ihm vorinstanzlich eingereichten Honorarnote zu bezahlen.
9. Es sei A._ für die erstandene Überhaft eine angemessene Genugtuung zu bezahlen.
10. Die amtliche Verteidigung sei für das Berufungsverfahren entsprechend der eingereichten Honorarnote zu entschädigen.
Es werden schriftlich zu den Akten gegeben: seitens der Staatsanwältin die Anträge, seitens des amtlichen Verteidigers vorab die Plädoyernotizen und Anträge.
Es folgt die Replik der Staatsanwältin, die Duplik des amtlichen Verteidigers und schliesslich das letzte Wort des Beschuldigten, der sich für das Vorgefallene entschuldigt.
Die Verhandlung wird um 12:10 Uhr geschlossen.
Die Strafkammer zieht sich zur geheimen Urteilsberatung zurück.
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Das Urteil wird am 7. Februar 2019, um 16 Uhr, mündlich eröffnet. Es erscheinen Staatsanwältin B._, Rechtsanwalt Schlegel, der Beschuldigte, welcher durch einen Polizeibeamten vorgeführt wird und die Polizeibeamten D._ und K._ (Kapo). Der Vorsitzende stellt die Anwesenden fest und erläutert den vorgesehenen Ablauf. Referent Kamber eröffnet das Urteil und begründet dieses summarisch. Anschliessend verliest der Vorsitzende die wesentlichen Ziffern des Urteildispositivs. Den Parteien werden das schriftliche Urteilsdispositiv sowie der begründete Beschluss über die vorsorgliche Anordnung von Sicherheitshaft ausgehändigt.
Schluss der Urteilseröffnung: 16:40 Uhr
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Die Strafkammer des Obergerichts zieht in Erwägung:
I. Prozessgeschichte
1. Am späten Abend des 13. Oktober 2015 rückte eine Patrouille der Polizei Kanton Solothurn an den [...] in [...] aus. Zuvor war eine Meldung eingegangen, dass in diesem Mehrfamilienhaus die Tür zur Wohnung von C._ offenstehe und vermutlich eingebrochen worden sei. Vor Ort stellten die Polizeibeamten an der Wohnungstür Aufbruchspuren fest, weshalb sie die Wohnung im Hinblick auf eine sich allenfalls darin befindliche Täterschaft einer Kontrolle unterzogen. Beim Kontrollgang fanden sich keine Personen in der Wohnung, die Polizeibeamten stellten auf dem Küchentisch aber eine digitale Waage und einen Plastikbehälter mit mehreren Säckchen fest, die weisses Pulver enthielten. In der Zwischenzeit hatte sich F._, Sohn von C._, telefonisch bei der Polizei gemeldet und sich als für die Wohnung verantwortlich bezeichnet. Die ausgerückten Polizeibeamten warteten hierauf ausserhalb der Wohnung dessen Eintreffen ab. Im Rahmen der anschliessenden Personenkontrolle versteckte F._ beiläufig den vorerwähnten Plastikbehälter und versuchte den Inhalt einer Plastikschale durch Hinunterspülen im Spülbecken zu vernichten. Als Folge hiervon musste er von den Polizeibeamten arretiert werden. Die umgehend orientierte Pikett-Staatsanwältin ordnete sodann Hausdurchsuchungen in der fraglichen Wohnung sowie am offiziellen Wohnort von F._ bei dessen Mutter an; ausserdem verfügte sie eine Durchsuchung des Fahrzeugs der Freundin, die mit F._ vor Ort erschienen war, wobei dieser schon von sich aus angegeben hatte, im Auto würde sich noch etwas (Kokain) befinden. Die im Verlauf des Strafverfahrens in Auftrag gegebenen Betäubungsmittel-Analysen ergaben, dass es sich beim weissen Pulver um Kokain und beim Inhalt der Plastikschale um Ecstasy-Tabletten handelte. Bereits ab der ersten Einvernahme bezeichnete F._ eine Person namens A._ als Lieferanten des Kokains und der Ecstasy-Tabletten und identifizierte in der Folge bei einer Fotowahlkonfrontation den Beschuldigten als diese Person (vgl. u.a. Akten Voruntersuchung Seite [AS] 028 ff., 207.17 ff., 104 ff., 136 ff.). Der im Ausland wohnhafte Beschuldigte konnte von der Polizei nicht ausfindig gemacht werden. Das von der Staatsanwaltschaft am 5. November 2015 gegen diesen wegen Vergehen gegen das Betäubungsmittelgesetz eröffnete Strafverfahren (AS 450) wurde am 1. März 2016 auf Verbrechen gegen das Betäubungsmittelgesetz, am 12. Mai 2016 auf rechtswidrige Einreise und rechtswidrigen Aufenthalt und am 26. Oktober 2016 auf Fahren ohne Haftpflichtversicherung, missbräuchliche Verwendung von Kontrollschildern und Übertretung gegen das BetmG ausgedehnt (vgl. AS 450, 452 - 454).
2. Im Rahmen eines durch die Strafverfolgungsbehörden des Kantons Bern gegen I._ geführten Strafverfahrens wurde dieser über die Polizei Kanton Solothurn am 12. Mai 2016 auf den Polizeiposten [...] vorgeladen und in der Folge polizeilich festgenommen. Es erfolgte eine Hausdurchsuchung in dessen Wohnung an der [...] in [...], bei der in einem Zimmer eine Person schlafend angetroffen wurde, die sich sodann mit serbischen Ausweisen, lautend auf den Namen L._, auswies. Zwecks eingehender Kontrolle wurde die Person auf den Regionenposten Solothurn gebracht. Die durchgeführte Fingerabdrucküberprüfung zeigte, dass es sich um den polizeilich gesuchten Beschuldigten handelte. Die orientierte Staatsanwältin ordnete hierauf dessen Festnahme an, worauf er in das Untersuchungsgefängnis Solothurn überführt wurde. In der Wohnung von I._ fanden sich u.a. verschiedene Säckchen mit Kokain und Marihuana (vgl. u.a. AS 226 f., 011 ff., 216 ff., 219 ff.). In nachfolgenden polizeilichen Einvernahmen nannte I._ den Beschuldigten als Lieferanten des bei ihm noch vorgefundenen Kokains, nachdem er Angaben zu einem früheren Lieferanten aus dem Kanton Bern gemacht hatte, der bereits verhaftet worden war. Weiter ordnete er einen Sack mit Marihuana dem Beschuldigten zu (vgl. AS 228 ff., 253 ff.).
3. Noch am Tag der Verhaftung des Beschuldigten am 12. Mai 2016 ordnete die zuständige Staatsanwältin ihm – nachdem der von ihm bevorzugte Anwalt das Mandat aus zeitlichen Gründen nicht übernehmen konnte – Rechtsanwalt Reto Gasser als amtlichen Verteidiger bei. Hierauf führte sie in Anwesenheit des amtlichen Verteidigers die Einvernahme nach vorläufiger Festnahme durch (vgl. AS 417, 453, 619, 484 ff.). Weiter beantragte sie beim Haftgericht die Anordnung von Untersuchungshaft für vorerst drei Monate zufolge Flucht-, Kollusions- und Wiederholungsgefahr, beschlagnahmte das beim Beschuldigten sichergestellte Bargeld von CHF 700.00 und erliess einen Ermittlungsauftrag an die Polizei (vgl. AS 417 f., 500 ff., 455 f.). Mit Entscheid vom 13. Mai 2016 hiess das Haftgericht nach durchgeführter Haftverhandlung den Antrag der Staatsanwaltschaft gut (vgl. AS 510 ff., 516 ff.).
Am 19. Mai 2016 beauftragte der Beschuldigte Rechtsanwalt Alexander Kunz mit der Wahrung seiner Interessen, welcher der Staatsanwaltschaft die definitive Mandatsübernahme mit Schreiben vom 23. Mai 2016 mitteilte. Hierauf sistierte die Staatsanwältin mit Verfügung vom 24. Mai 2016 die amtliche Verteidigung durch Rechtsanwalt Reto Gasser, gewährte dem privaten Verteidiger Akteneinsicht und stellte ihm eine Dauerbesuchsbewilligung für den Beschuldigten aus (vgl. AS 634 f., 636, 637 f.).
Die Polizei führte von Mai bis September 2016 auftragsgemäss mehrere Einvernahmen mit dem Beschuldigten in Anwesenheit der amtlichen bzw. privaten Verteidigung zur Sache sowie eine Einvernahme zur Person durch, wobei der Beschuldigte die gegen ihn erhobenen Vorhaltungen jeweils in Abrede stellte (vgl. AS 346 ff., 361 ff., 373 ff., 382 ff., 391 ff., 400 ff., 785 ff.). Am 27. Juli 2016 sowie am 28. bzw. 29. Juli 2016 fanden zudem Einvernahmen von I._ und F._ in Anwesenheit des Beschuldigten und seiner Verteidigung statt (vgl. AS 264 ff., 182 ff., 187 ff., sowie auch AS 186, 208 ff.). Der am 3. August 2016 von der Staatsanwältin gestellte Antrag auf Verlängerung der Untersuchungshaft um drei Monate wurde vom Haftgericht mit Entscheid vom 8. August 2016 unter Bejahung der Kollusions-, Wiederholungs- und Fluchtgefahr gutgeheissen (vgl. AS 519 ff., 527 ff.). Am 21. September 2016 kam es sodann zu einer Einvernahme von M._ in Anwesenheit des Beschuldigten und seiner Verteidigung; zuvor war jener bereits durch die Polizei als Auskunftsperson befragt worden (vgl. AS 335 ff., 328 ff.).
Mit Verfügung vom 26. Oktober 2016 bewilligte die Staatsanwältin dem Beschuldigten den vorzeitigen Strafvollzug, nachdem das Gesuch vom 28. September 2016 am 3. Oktober 2016 mangels erfüllter Voraussetzungen zunächst hatte abgewiesen werden müssen (vgl. AS 544 f., 539 ff.).
Am 13. Juni 2016 hatte die Staatsanwältin nach der bereits erfolgten mündlichen Anordnung noch den förmlichen Beschlagnahmebefehl betreffend das Bargeld des Beschuldigten erlassen; am 20. September bzw. 29. November 2016 ergingen zudem schriftliche Beschlagnahmebefehle betreffend einen Brief des Beschuldigten bzw. die bei ihm sichergestellten Mobiltelefone sowie betreffend zwei Päckchen mit Kokain, die im Verfahren gegen F._ sichergestellt worden waren (vgl. AS 463, 607 ff., 465 f.). Überdies wurden im Verfahren verschiedene Akten bzw. Aktenstücke beigezogen und Auskünfte bzw. Berichte eingeholt (vgl. u.a. AS 325 ff., 327.1 ff., 556.1 ff., 666 ff., 712 ff., 784.10 ff., 789 ff., 795 ff., 801 ff., 818 ff.).
Am 1. Dezember 2016 stellte die Staatsanwältin den Abschluss der Strafuntersuchung und die Anklageerhebung an das Amtsgericht von Bucheggberg-Wasseramt in Aussicht und setzte dem Beschuldigten Frist zum Stellen von Beweisanträgen. Weiter gab sie ihm Gelegenheit, Ergänzungsfragen zu den Berichten, Gutachten und Einvernahmeprotokollen zu stellen bzw. allenfalls die Wiederholung von Einvernahmen (Art. 147 StPO, Art. 6 EMRK) zu verlangen (vgl. AS 458). Mit Schreiben vom 20. Januar 2017 liess der Beschuldigte über seinen Verteidiger u.a. beantragen, es seien Passkopien zu den Akten zu nehmen und er sei zu seinen Ein- und Ausreisen und Aufenthaltsorten zu befragen (vgl. AS 657.13 ff.). Aufforderungsgemäss reichte der Beschuldigte der Staatsanwaltschaft in der Folge den auf den Namen N._ lautenden Originalpass ein (vgl. AS 657.24, 657.26, 288.1 ff.). Am 27. Februar 2017 führte die Staatsanwältin eine weitere Einvernahme mit dem Beschuldigten durch. Zudem kam es am 13. April 2017 zu einer weiteren Einvernahme von F._ in Anwesenheit des Beschuldigten und seines Verteidigers (vgl. AS 415 ff., 207.1 ff., sowie auch AS 207.15 f.).
4. Am 2. Mai 2017 erhob die zuständige Staatsanwältin beim Amtsgericht von Bucheggberg-Wasseramt Anklage gegen den Beschuldigten wegen Widerhandlungen gegen das Betäubungsmittelgesetz (mehrfache Verbrechen, mehrfache Vergehen und mehrfache Übertretungen), das Ausländergesetz (mehrfache rechtswidrige Einreise und mehrfacher rechtswidriger Aufenthalt) und das Strassenverkehrsgesetz (Fahren ohne Haftpflichtversicherung, missbräuchliche Verwendung von Kontrollschildern). Weiter ersuchte sie um Vorladung zur Hauptverhandlung (vgl. AS 001 ff.).
5. Im Rahmen der Hauptverhandlung vom 26./30. Oktober 2017 wurden neben dem Beschuldigten auch I._ und F._ als Auskunftspersonen befragt. Der Antrag, es sei auch der Vater des Beschuldigten, G._, als Zeuge zu befragen, wurde gutgeheissen und die Befragung durchgeführt. Der ebenfalls als Zeuge vorgeladene M._ blieb der Verhandlung unentschuldigt fern, worauf er vom Gericht im Einverständnis beider Parteien wegverfügt wurde.
6. Am 30. Oktober 2017 fällte das Amtsgericht von Bucheggberg-Wasseramt folgendes Urteil:
1. A._ hat sich wie folgt schuldig gemacht:
a) mehrfache Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz (Vergehen, Vorhalte Ziff. 2),
b) mehrfache qualifizierte Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz (Verbrechen, Vorhalte Ziff. 1),
c) mehrfache Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz (Übertretungen, Vorhalte Ziff. 3),
d) mehrfache rechtswidrige Einreise (Vorhalte Ziff. 4),
e) mehrfacher rechtswidriger Aufenthalt (Vorhalte Ziff. 4),
f) Fahren ohne Haftpflichtversicherung (Vorhalt Ziff. 5),
g) missbräuchliche Verwendung von Kontrollschildern (Vorhalt Ziff. 6).
2. A._ wird verurteilt zu:
a) einer Freiheitsstrafe von 52 Monaten, teilweise als Zusatzstrafe zum Urteil des Amtsgerichts von Solothurn-Lebern vom 14. Februar 2012,
b) einer Geldstrafe von 10 Tagessätzen zu je CHF 10.00,
c) einer Busse von CHF 200.00, ersatzweise zu 2 Tagen Freiheitsstrafe, teilweise als Zusatzstrafe zum Urteil der Staatsanwaltschaft des Kantons Solothurn vom 20. Januar 2015.
3. An die ausgesprochene Freiheitsstrafe gemäss Ziff. 2 lit. a werden A._ 537 Tage Haft und vorzeitiger Vollzug angerechnet.
4. Zur Sicherung des Strafvollzugs bzw. im Hinblick auf das Berufungsverfahren wird gegen A._ die Fortsetzung der Sicherheitshaft für die Dauer von 3 Monaten unter den Vollzugsbedingungen des vorzeitigen Strafvollzugs angeordnet.
5. Der A._ mit Urteil der Staatsanwaltschaft des Kantons Solothurn vom 20. Januar 2015 für eine Geldstrafe von 90 Tagessätzen zu je CHF 50.00 gewährte bedingte Vollzug wird widerrufen.
6. Die folgenden bei A._ sichergestellten und beschlagnahmten Gegenstände sind diesem nach Rechtskraft des Urteils herauszugeben (aufbewahrt bei der Polizei Kanton Solothurn, Fachbereich Asservate):
a) Mobiltelefon Apple iPhone 6s
b) Mobiltelefon Samsung SM-J500F
c) Mobiltelefon Telemach TM 1000
7. Die folgenden im Verfahren gegen A._ beschlagnahmten Gegenstände bzw. Betäubungsmittel werden eingezogen und sind durch die Polizei Kanton Solothurn nach Rechtskraft des Urteils zu vernichten (aufbewahrt bei der Polizei Kanton Solothurn, Fachbereich Asservate):
a) Kunststoffbeutel verpackt braun (Aufschrift "2") mit 19.2 Gramm Kokaingemisch (HD-Nr. 1/3 aus HD F._),
b) Kunststoffbeutel verpackt braun (Aufschrift "3") mit 29.7 Gramm Kokaingemisch (HD-Nr. 1/4 aus HD F._).
8. Das bei A._ sichergestellte und beschlagnahmte Bargeld im Betrag von CHF 700.00 wird mit der gemäss Ziff. 2 lit. b und c zu bezahlenden Geldstrafe und Busse sowie mit den gemäss Ziff. 12 zu bezahlenden Verfahrenskosten verrechnet (aufbewahrt bei der Zentralen Gerichtskasse Solothurn).
9. Der im Verfahren gegen A._ beschlagnahmte Brief (Kopie) verbleibt als Beweismittel bei den Akten.
10. Die Entschädigung des vormaligen amtlichen Verteidigers von A._, Rechtsanwalt Reto Gasser, wird auf CHF 1'937.00 (9.9 Stunden zu CHF 180.00, inkl. Auslagen von CHF 11.50 und MWST zu 8 % von CHF 143.50) festgesetzt und ist zufolge amtlicher Verteidigung vom Staat zu zahlen (bereits ausbezahlt durch die Zentrale Gerichtskasse Solothurn).
7. Gegen dieses Urteil liess der Beschuldigte durch seinen nunmehr amtlichen Verteidiger Rechtsanwalt Alexander Kunz fristgerecht am 6. November 2017 die Berufung anmelden. Die Begründung des Urteils wurde diesem am 21. Februar 2018 zugestellt, weshalb die Frist für die Berufungserklärung nach Art. 399 Abs. 3 StPO bis am 13. März 2018 lief. Mit Postaufgabe vom 14. März 2018 reichte Rechtsanwalt Kunz für seinen Klienten die Berufungserklärung ein, worauf der Instruktionsrichter der Strafkammer des Obergerichts am 16. März 2018 verfügte, es werde in Erwägung gezogen, dem Berufungsgericht zu beantragen, auf die Berufung wegen verspäteter Einreichung nicht einzutreten.
8. Innert der gesetzten Frist zur Stellungnahme liess der Beschuldigte, nun vertreten durch Rechtsanwalt Stephan Schlegel, folgende Rechtsbegehren stellen:
- Die Frist zur Einreichung der Berufungserklärung gegen das Urteil des Amtsgerichts von Bucheggberg-Wasseramt vom 30. Oktober 2017 sei wiederherzustellen.
- Die dem Gericht bereits vorliegende Berufungserklärung des Beschuldigten vom 14. März 2018 sei nach der Wiederherstellung der Frist als fristgemässe Berufungserklärung entgegenzunehmen.
- Der amtliche Verteidiger des Beschuldigten, Rechtsanwalt Alexander Kunz, sei zu entlassen und Rechtsanwalt Stephan Schlegel als neuer amtlicher Verteidiger einzusetzen.
9. Rechtsanwalt Alexander Kunz teilte am 9. April 2018 mit, es sei bei der Eintragung der Fristen seiner Kanzlei ein Fehler unterlaufen, den er zu verantworten habe. Er habe dies sofort dem Beschuldigten mitgeteilt und ihn gebeten, einen anderen Anwalt mit der Wahrung der Interessen im Berufungsverfahren zu beauftragen. Er ersuche um Entlassung als amtlicher Verteidiger. Er verzichte ausserdem in Anbetracht des unterlaufenen Fehlers auf die Einreichung einer Kostennote und beantrage keine Entschädigung.
Die Staatsanwaltschaft verzichtete mit Schreiben vom 5. April 2018 ausdrücklich auf eine Stellungnahme.
10. Mit Beschluss vom 16. April 2018 bewilligte die Strafkammer des Obergerichts die Wiederherstellung der Frist für die Berufungserklärung, die eingereichte Berufungserklärung vom 14. März 2018 wurde als fristgerecht eingereicht entgegengenommen und das Berufungsverfahren mit dem neu als amtlichen Verteidiger eingesetzten Rechtsanwalt Schlegel fortgesetzt.
11. Mit der Berufungserklärung vom 14. März 2018 wurde die Aufhebung der Schuldsprüche gemäss Ziff. 1 wie folgt beantragt:
- lit. a, mehrfache Widerhandlungen gegen das BetmG (AKS Ziff. 2);
- lit. b, mehrfache qualifizierte Widerhandlungen gegen das BetmG (AKS Ziff. 1),
- lit. f, Fahren ohne Haftpflichtversicherung (AKS Ziff. 5),
- lit. g, missbräuchliche Verwendung von Kontrollschildern (AKS Ziff. 6).
Ferner wurden die Abänderung oder Aufhebung von Ziff. 2 des Urteils (Sanktion), Ziff. 5 (Widerruf), Ziff. 8 (Beschlagnahme von Bargeld) sowie Ziffern 10 – 12 (Kostenauferlegung und Rückforderung) verlangt.
12. Die Staatsanwaltschaft erhob die Anschlussberufung, beschränkt auf die Strafzumessung gemäss Ziff. 2a des Urteils; sie verlangt die Ausfällung einer höheren Freiheitsstrafe.
13. Damit ist das erstinstanzliche Urteil wie folgt in Rechtskraft erwachsen und nicht mehr Gegenstand des Berufungsverfahrens:
- Ziff. 1 lit. c (mehrfache Widerhandlungen gegen das BetmG, Übertretungen, AKS Ziff. 3); lit. d (mehrfache rechtswidrige Einreise AKS Ziff. 4); lit. e (mehrfacher rechtswidriger Aufenthalt (AKS Ziff. 4);
- Ziff. 3 (Anrechnung U-Haft dem Grundsatz nach);
- Ziff. 6 (Herausgabe von beschlagnahmten und sichergestellten Gegenständen);
- Ziff. 7 (Einziehungen);
- Ziff. 9 (Verbleib eines Briefes in den Akten);
- teilweise Ziff. 10 und 11 (soweit die Höhe der Entschädigungen betreffend).
14. Mit Verfügung der Verfahrensleitung der Strafkammer vom 26. Februar 2018 wurde die Sicherheitshaft für den Beschuldigten bis zur Berufungsverhandlung verlängert.
15. Die Berufungsverhandlung fand am 6. Februar 2019 statt.
II. Sachverhalt und Beweisergebnis
1. Mehrfache qualifizierte Widerhandlungen gegen das Betäubungsmittelgesetz (AKS Ziff. 1)
Der Beschuldigte soll sich der mehrfachen qualifizierten Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz (Verbrechen) schuldig gemacht haben, begangen durch unbefugten Besitz, unbefugtes Lagern und Veräussern von Kokain und Anstalten-Treffen zur Veräusserung gemäss Art. 19 Ziff. 2 lit. a i.V.m. Ziff. 1 Abs. 4 aBetmG bzw. Art. 19 Abs. 2 lit. a i.V.m. Abs. 1 lit. b, c, d und g BetmG). Die Betäubungsmittelwiderhandlungen gemäss Ziff. 1.1 und 1.2 der Anklageschrift sollen mengenmässig qualifiziert begangen worden sein, weil sie sich auf eine Menge an Betäubungsmittel bezogen hätten, welche von einem Gesamtvorsatz getragen gewesen sei und die Gesundheit vieler Menschen in Gefahr habe bringen können, was der Beschuldigte gewusst oder zumindest in Kauf genommen habe, zumal sie zur Weiterveräusserung bestimmt gewesen sei.
1.1 Vorhalt gemäss AKS Ziff. 1.1
Dem Beschuldigten werden mehrfache qualifizierte Widerhandlungen gegen das Betäubungsmittelgesetz, vorgeworfen, begangen in der Zeit von ca. März 2010 bis Oktober 2015, in [...], Domizil C._ (Vater von F._) (jeweils im Domizil oder draussen im Auto), Solothurn, Bahnhof, vor dem ehem. Modegeschäft [...] (erste Veräusserung), und [...], vor dem ehemaligen [...]-Gebäude, [...], Region Coiffeur [...] [...]-Bar und ev. anderswo in der Schweiz.
Dies, indem der Beschuldigte F._ vorsätzlich unter mehreren Malen unbefugt Kokain veräussert habe, ev. mindestens Anstalten dazu getroffen habe (davon mindestens in der Hälfte aller Fälle in Begleitung bzw. unter Mithilfe einer weiteren unbekannten Täterschaft, ev. teilweise über Dritte als Kuriere):
a) begangen in der Zeit von ca. März 2010 bis am 29. März 2011 (Haft und Strafvollzug vom 30.03.2011 bis 18.02.2012 – Ausschaffung; Verfahren SLSAG. 2011.11), in [...], Domizil C._ (jeweils im Domizil oder draussen im Auto), Solothurn (Bahnhof, vor dem Modegeschäft [...], erste Veräusserung), vor dem ehemaligen [...]-Gebäude (ca. 3-mal), [...], Region Coiffeur [...] / [...]-Bar; (m Auto, ev. auch draussen) und ev. anderswo in der Schweiz; dies, indem der Beschuldigte F._ unter mehreren Malen, ca. 14- bis 19-mal, vorsätzlich unbefugt Kokaingemisch veräussert habe (erstes Mal 2 Gramm, danach Portionen von mindestens ca. 5 bis 10 Gramm), total mindestens ca. 70 bis 190 Gramm Kokaingemisch (mindestens ca. 20.3 bis 55.1 Gramm reines Kokain; mit Verweis auf die Statistiken Kokain der SGRM –Umrechnungsfaktor von Cocain-Base zu Cocain-Hydrochlorid 1.12);
b) begangen in der Zeit vom 19. Februar 2012 bis am 8. Oktober 2015, in [...], Domizil von C._ (jeweils im Domizil oder draussen im Auto), in [...], Region Coiffeur [...] / [...]-Bar (im Auto, ev. auch draussen) und ev. anderswo; dies, indem der Beschuldigte F._ unter mehreren Malen, mindestens ca. 5-mal, unbefugt Kokaingemisch veräussert habe, ev. teilweise mindestens Anstalten dazu getroffen habe, indem er jeweils die doppelte als gewollte Menge angeboten bzw. abgegeben habe, total mindestens ca. 100 Gramm Kokaingemisch (mindestens ca. 43.4 bis 44.6 Gramm reines Kokain), ev. das Doppelte, wobei F._ den ungewollten Teil wenn möglich dem Beschuldigten zurückgegeben habe; so u.a.:
- mindestens zwei- bis dreimal in der Zeit vom 19. Februar 2012 bis Mai/Juni 2015, genauer Zeitpunkt nicht bekannt, jeweils Portionen à ca. 20 Gramm Kokaingemisch, insgesamt somit mindestens 40 bis 60 Gramm Kokaingemisch (ca. 16.4 bis 24.6 Gramm reines Kokain);
- mindestens zwei- bis dreimal in der Zeit von ca. Mai/Juni 2015 bis Oktober 2015, jeweils Portionen à ca. 20 Gramm Kokaingemisch, insgesamt somit mindestens 40 bis 60 Gramm Kokaingemisch (18.8 bis 28.2 Gramm reines Kokain);
- u.a. habe der Beschuldigte F._ im vorgenanntem Zeitraum 1-mal 50 Gramm Kokaingemisch gegeben, obwohl F._ gar nicht so viel gewollt habe; F._ habe dem Beschuldigten von den 50 Gramm Kokaingemisch (20 bis 23.5 Gramm reines Kokain) innert ca. einer Woche wieder 30 Gramm Kokaingemisch zurückgegeben; damit habe der Beschuldigte F._ 50 Gramm Kokaingemisch veräussert, mindestens habe er im Umfang von 30 Gramm Kokaingemisch Anstalten dazu getroffen;
c) begangen in der Zeit von ca. September 2015 bis Anfang Oktober 2015 (letzte Veräusserung), in [...], Domizil von C._ (im Domizil oder draussen im Auto); dies, indem der Beschuldigte F._ vorsätzlich unbefugt total ca. 50 Gramm Kokaingemisch veräussert habe (zu CHF 80.00/Gramm; 1 Säckchen à 30 Gramm Kokaingemisch, 1 Säckchen à 20 Gramm Kokaingemisch, total 25.6 Gramm reines Kokain); anlässlich der Hausdurchsuchung vom 14. Oktober 2015 seien davon in [...] (Domizil und Fahrzeug F._) noch 40.5 Gramm Kokaingemisch sichergestellt worden (21 Gramm reines Kokain);
d) begangen in der Zeit von ca. Ende August / anfangs September 2015 bis am 14. Oktober 2015, in [...], Domizil von C._ (im Domizil oder draussen im Auto) und anderswo; dies, indem der Beschuldigte in der Zeit von ca. Ende August / anfangs September 2015 bis ca. anfangs Oktober 2015 F._ vorsätzlich unbefugt zwei Pakete mit Kokaingemisch, total 48.9 Gramm, zur Lagerung übergeben habe (total 12.9 Gramm reines Kokain), welche anlässlich der Hausdurchsuchung vom 14. Oktober 2015 hätten sichergestellt werden können.
1.2 Beweiswürdigung
1.2.1 Sämtliche oben aufgeführten Vorhalte beruhen auf den Aussagen von F._. Sachbeweise für die Täterschaft des Beschuldigten gibt es nicht.
Bedeutsam für die Wahrheitsfindung ist die Glaubhaftigkeit der konkreten Aussage, die durch methodische Analyse ihres Inhalts darauf überprüft wird, ob die auf ein bestimmtes Geschehen bezogenen Angaben einem tatsächlichen Erleben des Zeugen entspringen. Damit eine Aussage als zuverlässig gewürdigt werden kann, ist sie insbesondere auf das Vorhandensein von Realitätskriterien und umgekehrt auf das Fehlen von Phantasiesignalen zu überprüfen. Entscheidend ist, ob die aussagende Person unter Berücksichtigung der Umstände, ihrer intellektuellen Leistungsfähigkeit und der Motivlage eine solche Aussage auch ohne realen Erlebnishintergrund machen könnte. Methodisch wird die Prüfung in der Weise vorgenommen, dass das im Rahmen eines hypothesengeleiteten Vorgehens durch Inhaltsanalyse (aussageimmanente Qualitätsmerkmale, sogenannte Realkennzeichen) und Bewertung der Entstehungsgeschichte der Aussage sowie des Aussageverhaltens insgesamt gewonnene Ergebnis auf Fehlerquellen überprüft und die persönliche Kompetenz der aussagenden Person analysiert werden. Dabei wird zunächst davon ausgegangen, dass die Aussage gerade nicht realitätsbegründet ist, und erst, wenn sich diese Annahme (Nullhypothese) aufgrund der festgestellten Realitätskriterien nicht mehr halten lässt, wird geschlossen, dass die Aussage einem wirklichen Erleben entspricht und wahr ist (Urteil des Bundesgerichts 6B_760/2016 vom 29.6.2017, E. 4.2). Die Prüfung der Glaubhaftigkeit von Aussagen ist primär Sache der Gerichte (Urteil des Bundesgerichts 6B_200/2015 vom 7. Oktober 2015 E. 1.3).
Die Vorinstanz hat eine umfassende Würdigung der Aussagen von F._ und des Beschuldigten vorgenommen (US 9 – 36) und ist zum Schluss gekommen, F._ habe glaubhaft ausgesagt, während sich die widersprechenden Aussagen des Beschuldigten als tatsachenwidrige Schutzbehauptungen erwiesen hätten (US 36). Es sind diese Ergebnisse der Vorinstanz zu überprüfen.
1.2.2 Der ersten Aussage von F._ gingen die vorne unter der Prozessgeschichte dargelegten Ereignisse voraus (AS 21 – 23): Nach der Meldung einer Mitbewohnerin über die offene Wohnungstür bei C._ (Vater von F._) in [...] und den dort festgestellten Drogen und Utensilien wurde der für diese Wohnung verantwortliche F._ verhaftet und nach den Hausdurchsuchungen in [...], und in [...] (ein Zimmer von F._ bei seiner Mutter), ins Untersuchungsgefängnis Solothurn geführt und dort am 14. Oktober 2015 um 14:35 Uhr, ein erstes Mal durch die Staatsanwältin befragt (AS 207.17ff.). Er führte aus, einen Teil der Drogen, das mit Klebeband umwickelte Kokain, bunkere er für jemanden. Er sei in diesem Sinne nur der Besitzer, nicht der Eigentümer. Auf die Frage, wer dieser «Jemand» sei, fragte er, ob diese Person dann erfahre, dass er sie genannt habe. Die Staatsanwältin erklärte ihm, es könne zu einer Konfrontation kommen. F._ führte aus, er habe Angst um seine Angehörigen, diese Person habe ihm im Zusammenhang mit dem Finanziellen auch schon gedroht, er habe Anspielungen gemacht, er wisse, wo seine Mutter wohne, wo sein Bruder arbeite. Dieser habe schon oft Einreiseverbot gehabt, habe aber gesagt, er habe Leute, die für ihn vorbeikämen. Er heisse mit Vornamen A._, er stamme aus dem Kosovo, er sei einer, der die Organisation mache, der immer wieder mit neuen Dokumenten über die Grenze komme. Er sei von mittlerer Statur, etwas kleiner als er, er selber sei 1.79 m gross, A._ habe ein schmales Gesicht und sei ziemlich mager.
1.2.3 Am 22. Oktober 2015 (AS 104 ff.) fand eine polizeiliche Befragung von F._ als beschuldigte Person in Anwesenheit seines amtlichen Verteidigers statt. Er habe die bei ihm sichergestellten Ecstasy-Pillen von diesem «A._» erhalten. Er habe zu dieser Person wirklich keine genaueren Angaben, auch keine Telefonnummer, der Kontakt habe nicht über das Telefon stattgefunden, dieser sei einfach plötzlich aufgetaucht. Er habe bei diesem «A._» früher schon Kokain gekauft. Vor der Streetparade hätten sie dann über diese Pillen gesprochen, er habe sie ihm gebracht, sie seien für den Verkauf gewesen. Auch das Kokain sei von «A._» gewesen. Das habe ihm «A._» teilweise zum Lagern gegeben, ein Teil sei auch für seinen Konsum gewesen. Er habe alle vier grösseren Päckli Kokain zur gleichen Zeit von «A._» erhalten, die zwei braunen Päckli mit der Aufschrift 2 und 3 seien zum Lagern gewesen.
1.2.4 In der polizeilichen Befragung vom 27. Oktober 2015 machte F._, als Beschuldigter befragt, nähere Angaben zur Person «A._» (AS 136 ff.). Dieser habe ihn immer «Chliine» auf Serbisch genannt, weil er halt jünger sei. Wenn er, F._, Drogen gekauft habe, habe er eher grössere Mengen gekauft, auch für Kollegen, da das günstiger gewesen sei. Das habe er in der Regel bei «A._» gekauft. Dieser habe kurze schwarze Haare, er habe eine etwas schräge Zahnstellung, er würde ihn als eher schmächtig bezeichnen. Er sei ca. 40 Jahre alt, er spreche gebrochen Serbisch und auch Deutsch, eine Mischung aus Deutsch und Schweizerdeutsch, er sei jeweils unangemeldet aufgetaucht und habe immer andere Fahrzeuge, meistens schönere Fahrzeuge der oberen Mittelklasse, gefahren, immer mit Schweizer Kontrollschildern, darauf habe er geachtet. – Auf Vorlage einer Fotoauswahl von acht Personen erkannte F._ auf dem Bild mit Nr. 6 (A._) die von ihm als «A._» bezeichnete Person, die ihm die Drogen geliefert habe. Dieser und sein Vater (von F._) würden sich kennen, es erscheine ihm aber etwas komisch, wenn ihm gesagt werde, die beiden seien gemeinsam kontrolliert worden. Er habe für diesen «A._» die bei ihm sichergestellten braunen Päcklein mit Aufschrift 2 und 3 gelagert. Er habe vor dieser Person selber keine Angst, aber vor seinen Leuten, die für ihn das Geld eintreiben und die Drecksarbeit machen würden. Er habe bei diesem Schulden, wohl so ca. CHF 5‘000.00. Er kenne diese Person seit er (F._) 20 Jahre alt gewesen sei.
1.2.5 In der polizeilichen Befragung vom 18. November 2015 machte F._, als Beschuldigter befragt, Aussagen zu den bei A._ bezogenen Drogenmengen (AS 160 ff.) und zum Ablauf der jeweiligen Deals. Das habe wahrscheinlich so 2010 begonnen. Zur Rolle, die sein Vater dabei gespielt habe, wollte er sich nicht äussern. Auf Frage: Ja, er wolle ihn schützen (AS 166).
1.2.6 Die Befragung von F._ vom 28. Juli 2016 (AS 182 ff.) fand in Anwesenheit des mittlerweile verhafteten Beschuldigten und seiner Anwältin statt, der Verteidiger von F._ war nicht anwesend. F._ wurde als Auskunftsperson befragt. Auf die Frage, ob er die Person hinter ihm (Beschuldigter) kenne, sagte er nein, auf den ersten Blick sage ihm das nichts. Auf den Vorhalt, er zittere und wirke nervös, ob er Angst habe, verneinte er und berief sich anschliessend auf sein Aussageverweigerungsrecht und sagte nichts mehr.
1.2.7 Noch am selben Tag (28. Juli 2016) führte die verfahrensleitende Staatsanwältin eine Befragung von F._ als beschuldigte Person durch (AS 208 ff.), ohne Anwesenheit von A._ und seinem Verteidiger. Im Rahmen dieser Befragung wurde dem Beschuldigten in Aussicht gestellt, wenn er nicht bestätigen könne, die Drogen vom Beschuldigten erhalten zu haben, sei man wieder am Anfang des Verfahrens und man müsse herausfinden, wer die Person sei, die ihm die Drogen gegeben habe. Dann bestehe aber wieder Kollusionsgefahr und er müsse in Haft genommen werden. F._ machte dann Andeutungen, dass er Angst um seine Familie habe, jemand müsse seine Familie beschützen. Es könne nicht sein, dass der Beschuldigte im Gefängnis sei, aber dessen Vater oder wer auch immer vorbeikomme. Er könne aber nichts Genaueres sagen, er wisse auch nicht genau, ob seine Familie kontaktiert worden sei, wenn er dazu etwas sage, werde alles nur noch schlimmer. Wenn er aber jetzt wieder ins Gefängnis müsse, habe er dann keinen Job mehr. Er werde morgen sagen, dass er den Beschuldigten kenne, er sei mit einer Wiederholung der Einvernahme unter Gewährung der Teilnahmerechte für den Beschuldigten einverstanden.
1.2.8 Am 29. Juli 2016 wurde F._ als Auskunftsperson befragt (AS 187 ff.). Anwesend war der Beschuldigte mit der Vertreterin seines amtlichen Verteidigers. F._ wurde darüber informiert, im Strafverfahren gegen den Beschuldigten als Auskunftsperson befragt zu werden, und er wurde über seine Rechte und Pflichten als Auskunftsperson belehrt.
F._ wurde noch einmal gefragt, ob er den hier anwesenden Beschuldigten kenne, was er bestätigte; er habe ihn schon gestern erkannt, das sei A._. Er habe ihn gestern nicht kennen wollen, um für ihn und auch für sich selber negative Konsequenzen zu vermeiden. Es seien da für ihn mehrere Szenarien denkbar, angefangen von Psychoterror bis hin zu Gewaltanwendung gegen die Person, die Aussagen mache, bis gegen Personen, die der aussagenden Person nahe stünden (AS 189). Das habe er gestern befürchtet. Er habe Angst vor den Leuten des Beschuldigten.
Das Kokain und das Ecstasy, das in der Nacht vom 13. auf den 14. Oktober 2015 bei ihm in der Wohnung seines Vaters von der Polizei bei einer Hausdurchsuchung gefunden worden sei, habe er vom Beschuldigten. Der sei generell bei ihm, im Haus seines Vaters in [...], unangemeldet aufgetaucht. Der Beschuldigte habe telefonische Kontakte vermeiden wollen. Wenn die Übergabe im Auto stattgefunden habe, habe nicht der Beschuldigte selber die Ware übergeben, sondern jemand anders, der Fahrer; ansonsten habe er Handschuhe getragen. Das Ecstasy habe er etwa eine Woche vor der Streetparade 2015 erhalten, das Kokain vielleicht sieben Tage nach der Streetparade, genau könne er es nicht mehr sagen. Die zwei braunen Päckli seien zum Lagern gewesen, er sei damit einverstanden gewesen, weil er die Ecstasy-Tabletten nicht habe termingerecht bezahlen können, so sei das fair gewesen, quasi als Gegenleistung für die verspätete Zahlung (AS 193). Das mit dem Ecstasy sei seine Idee gewesen, er habe den Beschuldigten einfach gefragt, ob er Ecstasy organisieren könne, das sei so zehn Tage vor der Streetparade gewesen. Er habe über längere Zeit beim Beschuldigten Kokain für den Eigenkonsum bezogen. Das sei sporadisch gewesen, über einen längeren Zeitraum, in kleineren Mengen von jeweils 5 – 10 Gramm (AS 194). Es habe Orte gegeben, wo man den Beschuldigten habe antreffen können, ein Coiffeur in [...], eine Bar daneben, beim Bahnhof Solothurn, bei der ehemaligen [...](Firma) in Solothurn. In [...] sei der Beschuldigte unangemeldet und spontan aufgetaucht, vielleicht zehnmal. Er sei aber auch über längere Zeit weggewesen, manchmal ein halbes Jahr. Nach seiner Erinnerung habe er zum ersten Mal beim Bahnhof Solothurn, vor dem (ehem.) Modegeschäft [...], vom Beschuldigten Kokain gekauft. Dazu sei er zu ihm ins Auto gestiegen, glaublich ein BMW X6, es sei so eine Art Verkaufsgespräch gewesen, der Beschuldigte habe ihm gezeigt, was er habe. Wenn er zu ihm ins Auto gestiegen sei, habe er immer eine Alibirunde gedreht. Es sei ihm am Anfang peinlich gewesen, weil er ohne Geld aufgekreuzt sei (AS 196 unten). Der Beschuldigte habe ihm Kokain auch ohne Bezahlung gegeben. Dessen Taktik sei es gewesen, bei einem Treffen, bei dem er ihm das Geld bezahlt habe, zu sagen, «nimm doch noch 5 oder 10, worauf er selten nein gesagt habe, und so immer im Minus beim Beschuldigten gewesen sei, am Schluss seien es ca. CHF 4‘000.00 – 5‘000.00 gewesen. Wie gesagt, habe der Beschuldigte die Ware nie selber übergeben im Auto, er sei mit Fahrern gekommen, immer mit anderen, die hätten das Zeug oft unter dem Sitz hervorgeholt. Der Beschuldigte sei der Chef von Ihnen gewesen. Er wisse nicht, ob der Beschuldigte an weitere Personen Drogen geliefert habe (AS 198). Er habe über die ganze Zeit vielleicht 25-mal beim Beschuldigten Kokain gekauft, alles zusammen etwa 100 – 150 Gramm.
Sein Vater habe nicht Bescheid gewusst, der sei meistens in Serbien gewesen.
1.2.9 Am 13. April 2017 wurde F._ noch einmal durch die Staatsanwaltschaft in Anwesenheit des Beschuldigten und dessen Verteidiger als Auskunftsperson befragt (AS 207.1 ff.). Er sei seit der letzten Befragung vom 29. Juli 2016 von niemandem kontaktiert worden. Er habe für sich und seine Kollegen jeweils einen Vorrat an Drogen bezogen, das habe er vom Beschuldigten bezogen, etwa angefangen vor ca. sieben Jahren bis zu seiner Verhaftung im Oktober 2015. Am Anfang seien das jeweils 5 Gramm gewesen, dann kontinuierlich mehr, so gegen 20 Gramm. So von 2010 – 2013 seien es sporadisch 5 – 10 Gramm gewesen, dann habe es eine Pause gegeben, in der es keinen Kontakt mehr gegeben habe. Nach der Pause habe es dann noch ca. sechs Treffen gegeben. Bei diesen Treffen nach der Pause habe ihm der Beschuldigte generell mehr geben wollen, als er gebraucht habe (AS 207.6). Er habe oft erst zu Hause gemerkt, dass es zu viel gewesen sei. Es sei auch vorgekommen, dass er dann einen Teil wieder zurückgegeben habe. Er habe den Eindruck gehabt, der Beschuldigte habe gewollt, dass er, F._, noch mehr Schulden habe. Er habe aber auch regelmässig bei anderen als beim Beschuldigten Drogen bezogen, wenn es um kleinere Mengen für den Bedarf gegangen sei (AS 2017.10). Auf die Frage, ob seine Angaben, beim Beschuldigten ca. CHF 4‘000.00 – 5‘000.00 Schulden zu haben, nur für das Kokain gewesen sei, stellte F._ klar, das sei auch für die Ecstasy-Pillen gewesen, zu welchem Anteil könne er nicht mehr sagen. Zu den Ecstasy-Pillen sagte F._ aus, es habe keine Abmachung gegeben, wie viele der Beschuldigte bringen werde. Sie seien bei der Übergabe so verpackt gewesen, dass er erst in der Wohnung realisiert habe, dass es wohl zu viele gewesen seien.
1.2.10 Am 27. Oktober 2017 wurde F._ von der Vorinstanz als Auskunftsperson befragt (AS 1052 ff.). Er wurde vorab und nach der Belehrung über die Befragung als Auskunftsperson darauf hingewiesen, sein eigenes Strafverfahren sei mit dem Urteil des Strafgerichts Bucheggberg-Wasseramt vom 3. Juli 2017 abgeschlossen worden. Er habe anlässlich dieser Hauptverhandlung auf die Frage, ob er Angst habe, erklärt, «um ehrlich zu sein, habe ich da schon gewisse Sorgen». Auf die Frage, ob es seit dieser Verhandlung vom 3. Juli 2017 konkrete Vorfälle gegeben habe, sagte F._, er möchte dazu nichts sagen und er möchte generell zu allen Fragen bezüglich des Beschuldigten die Aussage verweigern. Er beantwortete auch die Fragen, ob er Angst habe, nicht. Er bestätigte aber den Hinweis des Gerichtspräsidenten, er habe am 3. Juli 2017 den Vorhalten in der Anklageschrift zugestimmt, weshalb ein Urteil gegen ihn in einem abgekürzten Verfahren habe gefällt werden können.
1.2.11 F._ bestätigte vor dem Berufungsgericht seine früheren Aussagen, identifizierte den anwesenden Beschuldigten ausdrücklich als den Drogenlieferanten und gab an, weder einen [...], den Kickboxer, noch einen Serben namens O._ noch P._ zu kennen. Seinem Vater habe er nicht erzählt, wer ihm die Drogen geliefert habe. So viel er wisse, würden sich A._ und sein Vater C._ kennen. Er könne dies aber nicht zuverlässig sagen. Er wisse nicht, ob die beiden in der Schweiz per Telefon oder SMS Kontakt gehabt hätten, könne sich dies aber vorstellen. Seine Aussage vom 28. Juli 2016 vor der Staatsanwältin (AS 210 «Wenn ich was sage, will ich, dass jemand zu meiner Familie schaut. Es kann doch nicht sein, dass er drin ist und sein Vater bei mir vorbeikommt!») habe er so gemacht, er wolle aber nicht näher darauf eingehen. Der Vater des Beschuldigten habe nicht gedroht. Die Frage, ob dieser bei ihm vorbeigekommen sei, wollte er nicht beantworten. Auf die Frage, bei der letzten Verhandlung habe das Gericht den Eindruck gehabt, dass er Angst gehabt habe, ob er damals direkt oder indirekt von A._ kontaktiert worden sei, gab er keine Antwort. Auf die Frage, A._ habe ausgesagt, dass er vor der letzten Verhandlung mit dem Vater C._ telefoniert habe, antwortete er, ja das wisse er. Aber über den Inhalt wisse er nichts. Er habe einfach aufgeschnappt, dass man den Vater telefonisch kontaktiert gehabt habe.
1.2.12 Die Aussagen von F._ sind im Kerngeschehen konstant, detailreich und einleuchtend. Es gibt zahlreiche Realitätskennzeichen wie die vorne zitierte Schilderung von F._, es sei fair gewesen, für den Beschuldigten die zwei braunen Päckli mit Kokain zu lagern, da er die von ihm bestellten und erhaltenen Ecstasy-Tabletten nicht habe termingerecht bezahlen können. Die Aussagen von F._ liessen auch keinen Belastungseifer erkennen, er machte im Gegenteil auch für den Beschuldigten entlastende Aussagen: Es sei seine (F._s) Idee gewesen, für die Streetparade Ecstasy-Pillen zu verkaufen, oder er habe keine Kenntnis davon, dass der Beschuldigte weiteren Personen Drogen geliefert hätte. Und schliesslich schilderte F._ auch innere Vorgänge, wenn er ausführte, es sei ihm am Anfang auch peinlich gewesen, wenn er bei den Drogenlieferungen jeweils ohne Geld zum Beschuldigten ins Auto gestiegen sei. F._ war sichtlich bemüht, die konkreten Umstände der Drogenlieferungen an den verschiedenen Orten und mit zunehmender Menge korrekt wiederzugeben und die Details wie die Vermeidung telefonischer Kontakte, die Abwicklung im Auto des Beschuldigten mit jeweiligen Fahrern und dem Drehen einer Alibirunde usw. aufzuzeigen. Es sind bei diesen Schilderungen keinerlei Lügensignale auszumachen. Und schliesslich ein ganz wesentlicher Punkt: F._ hat Drogenlieferungen an sich selber geschildert, für welche die Polizei keinerlei Anhaltspunkte hatte. Er war bemüht, reinen Tisch zu machen, und hat sich dabei selber belastet. Hätte er, wie das der Beschuldigte immer wieder glauben machen wolle, andere Lieferanten schützen wollen, hätte er sicher nicht solche Bezüge aus der Vergangenheit zugegeben. Das Berufungsgericht kommt zum gleichen Ergebnis wie die Vorinstanz: Die Aussagen von F._ sind im Kerngeschehen konstant, detailreich und einleuchtend. Es sind weder Lügensignale noch ein Belastungseifer gegen den Beschuldigten erkennbar. F._ erschien auch dem Berufungsgericht im persönlichen Eindruck glaubwürdig. Weiter kann auf die Ausführungen der Vorinstanz verwiesen werden (US 31).
1.2.13 F._ wurde mit Urteil des Amtsgerichtspräsidenten Bucheggberg-Wasseramt vom 3. Juli 2017 wegen mehrfacher Widerhandlung gegen das BetmG, begangen in der Zeit vom 4. Juli 2010 bis zum 14. Oktober 2015, rechtskräftig verurteilt. Er wurde unter anderem wegen der beim Beschuldigten getätigten Bezüge von Kokaingemisch und den Ecstasy-Pillen zu einer bedingten Freiheitsstrafe von 10 Monaten verurteilt.
1.2.14 Das Aussageverhalten des Beschuldigten ist geprägt von Widersprüchen und tatsachenwidrigen Aussagen. Die Vorinstanz hat in ausserordentlich umfassender Weise diese Widersprüche auf US 9 – 19 zusammengetragen. Darauf kann verwiesen werden. Vor dem Berufungsgericht machte der Beschuldigte keine Aussagen zur Sache mehr. Der Beschuldigte stellt sich auf den Standpunkt, F._ sage deshalb vordergründig glaubhaft aus, weil er tatsächlich Erlebtes schildere, dabei aber seine serbischen Freunde durch ihn, den Beschuldigten, ersetze.
1.2.15 Die Theorie des Beschuldigten, F._ habe ihn an Stelle von «serbischen Freunden» als Drogenlieferanten genannt, um jene zu schützen, muss aus folgenden Gründen verworfen werden:
Nach den Aussagen des Beschuldigten (AS 356) kannte er F._ nur flüchtig, als Sohn seines Kollegen, den er «[...]» nenne. Dieser habe mit ihm zusammen vielleicht zwei- oder dreimal Kokain konsumiert, er habe ihn zuletzt 2011 (also vor 5 Jahren) gesehen. Hätte F._ tatsächlich spontan in seiner Befragung einen unbekannten Dritten erfinden wollen, wäre ihm wohl kaum ein angeblich derart flüchtiger Bekannter, den er seit vielen Jahren nicht mehr gesehen hatte, in den Sinn gekommen.
In der ersten Einvernahme von F._ nach seiner vorläufigen Festnahme am 14. Oktober 2015 gab es keine Situation für diesen, in welcher er einen Anlass gehabt hätte, eine allfällige Drittperson durch die Nennung des Beschuldigten zu schützen. Er hätte ganz einfach gar nichts zu seinen Lieferanten sagen können. Er war belehrt worden, es sei gegen ihn ein Vorverfahren betreffend Vergehen gegen das BetmG eröffnet worden und er werde als beschuldigte Person befragt. Er habe das Recht, die Aussage und seine Mitwirkung zu verweigern. Und es fehlte auch der Hinweis auf die Straffolgen einer falschen Anschuldigung nicht. Nachdem er ausgesagt hatte, er sei nur der Besitzer, nicht der Eigentümer der Drogen, wurde er gefragt, wer der Eigentümer sei (AS 207.21). Er fragte zurück, ob die Person es erfahren würde, wenn er sie nenne, worauf er auf die Möglichkeit einer Konfrontation mit der Person hingewiesen wurde. Er äusserte daraufhin Sicherheitsbedenken, auch für seine Angehörigen. Diese Person habe beim Finanziellen auch schon Anspielungen gegen seine Mutter und seinen Bruder gemacht. Dieser wisse, wo seine Mutter wohne und wo sein Bruder arbeite. Die Person habe schon etwa zehnmal ein Einreiseverbot in die Schweiz bekommen. Er habe Leute, die für ihn Geld eintreiben würden. Daraufhin erfolgte die Frage der Staatsanwältin: «Gut, ich frage Sie nochmal, sind Sie bereit, nähere Angaben zu machen? Wie gesagt, Sie müssen nicht mitwirken». Und daraufhin nannte er den Vornamen «A._», dieser komme aus dem Kosovo und er wisse von ihm, dass er sich immer wieder neue Dokumente machen lasse, um über die Grenze zu kommen (AS 207.22, Z. 176). Er gab daraufhin auch ein (zutreffendes) Signalement von ihm ab.
Daraus ergeben sich zwei klare Erkenntnisse:
- F._ hätte sich, wenn er jemanden hätte beschützen wollen, problemlos auf sein Aussageverweigerungsrecht berufen können, worauf er von der Staatsanwältin kurz vor der Namensnennung noch einmal hingewiesen worden war. Ebenso hätte er – zumindest vorerst in der ersten Aussage – behaupten können, nichts von dieser Person zu wissen. Wenn er aber – und das trotz Sicherheitsbedenken – sein Wissen über die Person preisgibt, ist das ein klares Indiz dafür, dass er die Wahrheit sagt. Zudem gab er deutlich mehr zu, als ihm mit den Sicherstellungen hätte nachgewiesen werden können. Damit belastete er auch sich selbst ohne Not zusätzlich. Wie die Staatsanwältin vor dem Berufungsgericht zutreffend bemerkte, ist es im Übrigen nicht nachvollziehbar, dass F._ zum Schutz Dritter eine Person mit derart ausgeprägter krimineller Energie, wie sie der Beschuldigte aufweist, einen Mann, der nach seiner Überzeugung Leute zur Erledigung der Drecksarbeit um sich hatte, hätte falsch beschuldigen sollen.
- Bei den Einvernahmen des Beschuldigten nahmen die Fragen zu seinen wiederholten Identitätswechseln in den letzten Jahren einen grossen Raum ein (so z.B. AS 354; 415.2). Die Vorhalte, damit die Einreiseverbote umgangen zu haben, versuchte er mit völlig unglaubhaften Angaben zu widerlegen. Solche häufigen Namenwechsel seien völlig normal. Einmal habe er den Namen aus religiösen Gründen angenommen (L._, AS 355), N._ habe er 2012 geheissen, weil er geheiratet und den Familiennamen seiner Frau angenommen habe (AS 415.2). Das habe er gemacht, weil ihm der Name gefallen habe. Die Änderung auf L._ sei dann 2016 erfolgt. Die weiteren von ihm verwendeten Namen waren Q._, A._ und R._. Den Vorhalt der Staatsanwältin, er habe sich jeweils neue Namen zugelegt, um trotz Einreisesperre in die Schweiz einreisen zu können, verneinte er.
Daraus erhellt sich, dass F._ den Beschuldigten exakt schilderte und seine Umstände mit der Einreisesperre und den Identitätswechseln kannte, was nicht der Fall wäre, wenn er ihn – wie der Beschuldigte behauptete – nur dreimal kurz und seit über 5 Jahren nicht mehr getroffen hätte.
1.2.16 Im vorliegenden Berufungsverfahren teilte der Beschuldigte mit Eingabe vom 22. Februar 2018 mit, es seien neue Beweismittel aufgetaucht, welche die Schlussfolgerung zuliessen, F._ habe falsch ausgesagt. Er werde deshalb gegen diesen eine Strafanzeige wegen falschen Zeugnisses einreichen. Diese Anzeige erfolgte mit Schreiben an die Staatsanwaltschaft vom 23. März 2018. Am 29. März 2018 erging die Eröffnungsverfügung wegen falscher Anschuldigung gegen F._ (Geschäftsnummer STA.2018.1265). Mit Verfügung vom 21. August 2018 sistierte die Staatsanwaltschaft dieses Verfahren bis zum Abschluss des vorliegenden Berufungsverfahrens. Die Akten STA.2018.1265 wurden im Berufungsverfahren beigezogen.
Bei den vom Beschuldigten geltend gemachten neuen Beweismittel handelt es sich um einen angeblichen SMS-Verkehr zwischen dem Beschuldigten und C._, dem Vater von F._. Es wurden Screenshot-Ausdrucke dieses angeblichen SMS-Verkehrs in der Originalsprache Serbisch und eine deutsche Übersetzung eines Dolmetschers dazu eingereicht. Nach der Interpretation des Beschuldigten habe C._ darin bestätigt, dass das Kokain, welches der Beschuldigte an seinen Sohn übergeben haben solle, von einem gewissen [...], welcher Kickboxer sei, und von einem O._ aus der Region von [...] in Serbien stamme. Diese zwei Personen seien zwischenzeitlich ums Leben gekommen. Entsprechende Zeitungsartikel wurden eingereicht. Das Kokain sei von diesen oder deren Leuten in die Schweiz gebracht worden. F._ habe aus Angst alles dem Beschuldigten in die Schuhe geschoben. Er habe aber seinem Vater zugesichert, er werde vor Gericht nun die Wahrheit sagen.
Der Dolmetscher S._ bemerkte zu der Übersetzung des SMS-Verkehrs schriftlich, er habe festgestellt, dass es sich bei den zwei Beteiligten um einen Albaner und um einen Serben handle. Die Schreib- und Sprachweise des Albaners sei, milde ausgedrückt, katastrophal. Dementsprechend seien die Sätze des Albaners fast unübersetzbar, in vielen Fällen zwei- und vieldeutig. Er habe deswegen mehrfach Fragezeichen gesetzt.
Im genannten Schreiben vom 23. März 2018 an die Staatsanwaltschaft teilte der damalige Verteidiger des Beschuldigten mit, er sei mit dem Übersetzer zum Beschuldigten in die JVA Deitingen gegangen, wo dieser erläutert habe, was er denn eigentlich C._ habe mitteilen wollen und was er unter dessen Antworten verstanden habe.
C._ sagte vor Berufungsgericht als Zeuge im Wesentlichen aus, er wisse nichts von Drogengeschäften. Er sei damals in Serbien gewesen. Den Beschuldigten kenne er aus Serbien. Sie hätten sich dort vor 5 - 6 Jahren ein paar Mal gesehen. Einmal seien sie zusammen in die Schweiz eingereist und an der Grenze kontrolliert worden. Dies stehe ja im Protokoll. In der Schweiz hätten sie keinen Kontakt gehabt. Auch nicht während des Gefängnisaufenthalts des Beschuldigten. Nachdem der Zeuge mit dem vom Beschuldigten eingereichten SMS-Verkehr konfrontiert worden war, zögerte der Zeuge lange und antwortete schliesslich «ja». Auf Nachfrage, ob er das geschrieben habe, zögerte er wiederum und antwortete: «Ja ... aber .... Hat zu mir geschrieben ....» Auf die Frage, ob er diese SMS kenne: «Ja. - ja, ich weiss nicht. Jetzt erinnere ich mich, aber ich weiss nicht, ob ich einen Wahn habe. - keine Ahnung.» Er habe dies einem Kollegen von A._ geschrieben, aber er wisse nicht, welchem Kollegen. Er habe diesem etwas Persönliches geschrieben. Auf die Frage, was er diesem habe schreiben wollen: «Ich bin überrascht wegen dieser Frage. Ich weiss auch nicht. Ich habe das vergessen. Man schreibt viele SMS. Ich erinnere mich nicht.» Es sei um einen Kollegen gegangen, der in Serbien getötet, erschossen worden sei. Sein Kollege sei getötet worden. Es sei O._ gewesen. [...], der Kickboxer, sei ein Bekannter von ihm. In der SMS sei es nicht um Drogen gegangen. Er habe nur über diese beiden Personen geschrieben. Er habe mit seinem Sohn F._ nicht über den Drogenlieferanten gesprochen. «To» bedeute «das». Dann wollte sich der Zeuge nicht mehr an diese SMS erinnern. Er habe mit dem Beschuldigten während dessen Gefängnisaufenthalt nicht telefoniert. Auf entsprechende Frage sagte er aus, er wisse von F._, dass dieser die Drogen von A._ gehabt habe. Angesprochen auf seine diesbezüglich widersprüchlichen Aussagen: «Ja, das ist ein bisschen jetzt ... es braucht jetzt aber keinen Dolmetscher, sondern einen Anwalt, weil das ...». Er habe vor der heutigen Verhandlung mit niemandem gesprochen, der ihm gesagt habe, was er sagen müsse.
Diese Aussagen sind nicht verlässlich. So will der Zeuge den Beschuldigten zuerst ausschliesslich in Serbien getroffen haben und mit ihm nie per SMS in Kontakt gewesen sein. Dann gab er an, an dem vorgelegten SMS-Verkehr beteiligt gewesen zu sein – er habe dabei mit einem ihm unbekannten Freund des Beschuldigten kommuniziert, um dies schliesslich wieder zu verwerfen, mit dem Hinweis, er sei nun sehr verwirrt und wolle nichts mehr sagen. Sein Aussageverhalten vor dem Berufungsgericht war diffus. Er machte nicht den Eindruck, frei reden zu können. Auch er hinterliess den Eindruck, unter Druck zu stehen, wobei er im Gegensatz zu seinem Sohn F._ nicht damit umgehen zu können schien. Festgehalten werden kann, dass sich die vom Beschuldigten vertretene These, aus dem SMS-Verkehr liesse sich auf eine Dritttäterschaft schliessen, mit den Aussagen des Zeugen C._ mit Nichten stützen lässt. Seinen Aussagen lässt sich in keiner Art entnehmen, dass es bei diesem SMS-Verkehr um Drogen, seinen Sohn F._ und um Dritttäter ging.
Es ist vorab aufgrund der eigenartigen Darstellung (alles linksbündig) und der fehlenden Angaben (Datum, Namen usw.) sehr fraglich, ob es sich um einen Screenshot eines authentischen SMS-Verkehrs handelt. Dies spielt aber letztlich auch keine Rolle, weil sich aus dem Inhalt überhaupt kein Zusammenhang mit dem vorliegend zu beurteilenden Sachverhalt ergibt. Die Interpretation des Beschuldigten, der Vater des Belastungszeugen bestätige hier dessen falsche Aussage und der Sohn werde vor Gericht anders aussagen, ergibt sich nicht aus den Texten, ist eine reine Behauptung des Beschuldigten und ist vom besagten Vater C._, als Zeuge befragt, ebenso dementiert worden wie von dessen Sohn F._. Es kann im Übrigen auf das Fazit des Ermittlungsberichts der Polizei vom 7. August 2018 verwiesen werden: Bis dato liege keine Sicherung des angeblichen Chats zwischen den beiden Genannten vor, aus welcher nachvollziehbar hervorgehe, wer genau was und mit wem geschrieben habe. Die Gründe dafür seien nicht nachvollziehbar, soll der Chat doch für den Beschuldigten angeblich ein sehr wichtiges Indiz für seine Unschuld sein. Die Möglichkeit des Screenshots bestünden auch beim Mobiltelefon Wiko Sunset 2. Im Übrigen hätte die Anwendung Viber die Sicherung und den Versand des Chatverlaufs ermöglicht. Anhand der bisherigen Ermittlungen im Verfahren wegen falscher Anschuldigung bestehe vielmehr der Anschein, der eingereichte Chat-Verkehr sei zusammen mit der Strafanzeige kreiert worden, um damit jegliche Schuld in Bezug auf die Belastungen von F._ von sich zu weisen. Davon abgesehen schaffe der eingereichte Chat auch inhaltlich keine völlige Klarheit über den Sachverhalt (S. 4 des Ermittlungsberichts vom 7.8.2018). In Ergänzung dazu kann festgehalten werden, dass der Zeuge C._ aussagte, «To» heisse auf Serbisch «das». Er wies von sich, dass diese Buchstaben für «F._» stehen würden, wie dies der Beschuldigte suggerieren wollte. Auffallend ist auch, dass im besagten angeblichen Chat 25 Mitteilungen in der gleichen Minute geschrieben wurden. Offenbar konnte in der Anwendung Viber ein Chat zwischen der Rufnummer der Tochter des Beschuldigten und einem Kontakt «[...]» gesichert werden, in welchem die Nachrichten aber nicht dieselbe Reihenfolge aufwiesen (S. 3 des Berichts). Im Sinne des Ermittlungsberichts ist davon auszugehen, dass es sich beim vorgelegten Chat nicht um eine authentische Unterhaltung handelte. Hätte der Beschuldigte tatsächlich je einen solchen SMS-Verkehr mit dem von ihm behaupteten Inhalt auf seinem Handy gehabt, hätte er mit Sicherheit dafür gesorgt, dass das Handy der Beweissicherung zugeführt wird, hatte er es doch nach seinen Worten danach im Auge wie ein Kind.
Es ist für das Berufungsgericht das klare Beweisergebnis, dass mit diesen fragwürdigen Ausdrucken, den Zeitungsberichten über zwei Tötungsfälle und den Behauptungen über den Inhalt des angeblichen SMS-Verkehrs vom Beschuldigten eine Geschichte erfunden worden ist, um seine Theorie von unbekannten, mittlerweile toten Drogenlieferanten zu stützen, die mit den Aussagen des Zeugen C._ angeblich hätten geschützt werden sollen. Zu diesen Stützungshandlungen für eine solche Geschichte gehört auch seine Strafanzeige gegen F._ wegen falscher Anschuldigung; es ist dies nach dem Beweisergebnis eine Anzeige wider besseres Wissen. Es hat sich im Rahmen der gesamten Beweisabnahme durch das Berufungsgericht kein einziges Indiz ergeben, welches auf die Richtigkeit der Behauptungen des Beschuldigten hinweisen würde.
1.2.17 Die fehlenden Spuren (DNA und Fingerabdrücke) des Beschuldigten auf dem Verpackungsmaterial der bei F._ bzw. in der Wohnung seines Vaters sichergestellten Drogen bzw. dem Verpackungsmaterial (AS 76 ff.) sprechen nicht gegen die Täterschaft des Beschuldigten. Dieser war nach den Aussagen von F._ im Umgang mit den Drogen sehr vorsichtig und vermied es erkennbar, Spuren zu hinterlassen. Auf den untersuchten Asservaten waren keine verwertbaren Fingerabdrücke festgestellt worden (AS 78). Die erstellten DNA-Profile ab der Waage und ab der blauen Klemme an einem Plastiksack stimmten mit dem DNA-Profil von F._ überein (AS 79 und 97.3).
Ab je einem Plastiksack in braunem Klebeband mit der Aufschrift 2 und 3 konnte innerhalb der braunen Klebebänder je ein männliches DNA-Profil sichergestellt werden, welches in die Datenbank EDNAIS eingespeist wurde und vorerst keiner Person zugeordnet werden konnte. Mit Eingabe vom 19. Dezember 2018 teilte die Staatsanwaltschaft mit, es habe das bislang unbekannte DNA-Profil zwischenzeitlich P._ zugeordnet werden können. Das Verfahren gegen diese Person sei an die Staatsanwaltschaft des Kantons Bern abgetreten worden. Gemäss Untersuchungsbericht der Kantonspolizei Solothurn vom 23. Juni 2018 wurde P._ am 31. Mai 2018 wegen Widerhandlungen gegen das BetmG von der Kantonspolizei Solothurn verhaftet und am 1. Juni 2018 erkennungsdienstlich behandelt, was die genannten Hits mit den DNA-Spuren ab den Packungen mit Kokain ausgelöst hat. Am 31. Juli 2018 seien P._ im Rahmen einer delegierten Einvernahme durch die Kantonspolizei Bern die genannten DNA-Hits vorgehalten worden. Er habe bestritten, je etwas mit Kokain zu tun gehabt zu haben.
Das Auffinden von DNA-Spuren mit einem männlichen Profil, das P._ zugeordnet werden konnte, führt nicht automatisch zur Entlastung des Beschuldigten – aber auch nicht zu dessen Belastung. Es besagt lediglich, dass diese Person irgendeinmal mit dem Klebeband in Berührung gekommen ist. Es gibt in den Akten keinen Hinweis auf diese Person. Vor dem Berufungsgericht wollte niemand diese Person kennen. Es wäre reine Spekulation, ihn als eine jener Hilfspersonen/Chauffeure des Beschuldigten zu vermuten, wie sie von F._ geschildert worden sind.
Auch der Einwand des Beschuldigten, er sei nach seinem Einreiseverbot vom 28. Februar 2010 nicht mehr in der Schweiz gewesen, ist unzutreffend. Es liegt nun eine rechtskräftige Verurteilung des Beschuldigten wegen mehrfacher rechtswidriger Einreise und rechtswidrigen Aufenthalts gemäss AKS Ziff. 4 vor, womit entgegen seinen früheren Aussagen sein Aufenthalt in der Schweiz in der fraglichen Gegend während der zweiten Phase der Drogenlieferungen erstellt ist. So war er am 7. September 2015 in Aarau, am 10. September 2015 in [...], Restaurant [...], und am 14. September 2015 und am 9. Oktober 2015 in Bern auf dem Strassenverkehrs- und Schifffahrtsamt. Nur kurz später, am 14. Oktober 2015, konnten bekanntlich bei F._ grössere Mengen Kokaingemisch sichergestellt werden. Die zahlreichen Identitäten, welche der Beschuldigte sich zugelegt hatte, erlaubten ihm, sich ungehindert im Schengen-Raum und in der Schweiz zu bewegen (siehe auch US 10 – 12).
1.2.18 Nicht unbeachtet gelassen werden dürfen bei dieser Beweiswürdigung die gesamten Umstände um die Person des Beschuldigten. Der Beschuldigte ist mehrfach vorbestraft, unter anderem wegen Verbrechen gegen das BetmG. Er wurde im Rahmen eines im Kanton Bern gegen I._ geführten Strafverfahrens am 12. Mai 2016 in der Wohnung des Genannten mit einem serbischen Ausweis auf den Namen L._ angehalten und anhand seiner Fingerabdrücke als der Beschuldigte identifiziert. In der Wohnung, in welcher der Beschuldigte angehalten wurde, fanden sich unter anderem verschiedene Säckchen mit Kokain, die gemäss den Aussagen von I._ vom Beschuldigten geliefert worden waren (AKS Ziff. 1.2). Der Beschuldigte benutzte im Zeitpunkt seiner Anhaltung drei Mobiltelefone (AS 94 f.; 517), zu welchen er in der Einvernahme nach der vorläufigen Festnahme widersprüchliche Angaben machte, und er legte sich immer wieder neue Identitäten zu, welche ihm erlaubten, einfacher in die Schweiz einzureisen (er hat seit 28. Februar 2010 ein Einreiseverbot in die Schweiz; AS 795).
1.2.19 Auf F._ wurde im Verlauf des Verfahrens zweifellos Druck ausgeübt, wobei nicht erstellt ist, dass eine konkrete Drohung seitens des Vaters des Beschuldigten erfolgte. Dieser sagte vor dem Berufungsgericht als Zeuge aus, er wisse nichts von dem Drogenverkauf. Er kenne F._ und C._ nicht. Er habe in seinem Leben noch nie jemanden bedroht. Auch F._ verneinte vor Berufungsgericht, dass ihn der Vater des Beschuldigten bedroht habe. Der Beschuldigte hat aber nach seinen eigenen Aussagen (in dem von ihm eingeleiteten Verfahren gegen F._ wegen falscher Anschuldigung) vor und nach der erstinstanzlichen Hauptverhandlung mit dem Vater von F._ telefonisch Kontakt aufgenommen, was nur mit diesem Druck erklärt werden kann. Die Angst und Zurückhaltung der Auskunftsperson F._ waren in seiner Befragung anlässlich der Berufungsverhandlung eindrücklich spürbar. Die wiederholt in Erscheinung getretene Angst des F._ um sich und seine Familie aufgrund des vom Beschuldigten ausgeübten direkten und indirekten Drucks auf ihn, welche dazu führte, dass er vor der Vorinstanz die Aussage verweigerte, ist erstellt.
1.2.20 Zusammenfassend ist nach Würdigung der glaubhaften Aussagen von F._ sowie der sichergestellten Betäubungsmittel das Beweisergebnis der Vor-
instanz (US 36 – 38) zu bestätigen, welche den Vorhalt gemäss Ziff. 1.1 der Anklageschrift als weitgehend erstellt erachtete. Wenn dabei exakte Werte aufgeführt werden, ist vorweg doch klarzustellen, dass es bei der Mengenbestimmung aufgrund von Zeugenaussagen um Grössenordnungen und nicht um exakte Werte geht, zumal sie sich vorliegend nicht im Grenzbereich zum schweren Fall bewegen.
a) F._ bezog vom Beschuldigten für sich und andere Konsumenten (verschiedene Kollegen, nicht immer die Gleichen) im Zeitraum vor dem Unterbruch von ca. März 2010 bis zum 29. März 2011 (anschliessend Haft und Strafvollzug vom 30.3.2011 bis 18.2.2012; Vorhalt Ziff. 1.1 lit. a) mindestens 14-mal Kokain. Die Mengen beliefen sich auf durchschnittlich 7.5 Gramm Kokaingemisch, woraus sich für den genannten Zeitraum eine Menge von insgesamt 99.5 Gramm Kokaingemisch ergibt. Das Abstellen der Vorinstanz auf die Aussagen von F._ zur Qualität des Kokains (Qualität des schwächeren Kokains der beiden sichergestellten Säckchen Kokain) wirkt sich im Vergleich zu den Statistiken Kokain der SGRM gemäss Anklageschrift zu Gunsten des Beschuldigten aus und ist nicht zu beanstanden. Die 99.5 Gramm Kokaingemisch ergeben 24.87 Gramm reines Kokain.
b) Im Zeitraum nach dem Unterbruch, vom 19. Februar 2012 bis zum 8. Oktober 2015 (inkl. der Zeit von ca. September bis Anfang Oktober 2015; Vorhalte Ziff. 1.1 lit. b und c), bezog F._ beim Beschuldigten 4-mal 20 Gramm Kokaingemisch (Vorhalte Ziff. 1.1 lit. b al. 1 und 2) und einmal 50 Gramm Kokaingemisch, von denen nach rund eine Woche 30 Gramm zurückgegeben wurden (Vorhalt Ziff. 1.1 lit. b al. 3). Aus den insgesamt 130 Gramm Kokaingemisch ergeben sich auf der Basis der schwächeren der sichergestellten Kokaingemische 32.5 Gramm reines Kokain. Das sichergestellte Säckchen mit anfänglich 30 Gramm Kokaingemisch der stärkeren Qualität (Vorhalt Ziff. 1.1 lit. c) weist gemäss der Betäubungsmittel-Analyse einen Wert von 61 % Cocain-Base auf (vgl. AS 089 ff., 034, Position 3 bzw. HD-Nr. 1/2, Säckchen mit blauer Klemme). Dies entspricht 68.32 % Cocain-Hydrochlorid und führt zu 20.49 Gramm reinem Kokain. Vom sichergestellten Säckchen mit anfänglich 20 Gramm Kokaingemisch der schwächeren Qualität kommen bei einem Cocain-Hydrochlorid-Wert von 25 % noch 5 Gramm reines Kokain dazu. Insgesamt resultieren daraus 25.49 Gramm reines Kokain.
c) Schliesslich werden noch die ca. Ende August / Anfang September 2015 bis 14. Oktober 2015 vom Beschuldigten F._ zur Lagerung übergebenen zwei Päckchen mit Kokaingemisch vorgehalten (Vorhalt Ziff. 1.1 lit. d). Diese enthielten total 48.9 Gramm Kokaingemisch, was nach der korrekten Berechnung der Vor-
instanz (US 38) 12.41 Gramm reines Kokain ergibt.
d) Insgesamt veräusserte der Beschuldigte F._ vor dem Unterbruch 99.5 Gramm Kokaingemisch, entsprechend 24.87 Gramm reines Kokain, im Rahmen von 14 Übergaben, und nach dem Unterbruch 180 Gramm Kokaingemisch, ausmachend 57.99 Gramm reines Kokain, im Rahmen von sechs Übergaben; aus der Übergabe zur Lagerung kommen 12.41 Gramm reines Kokain hinzu, womit für die Zeit nach dem Unterbruch insgesamt 70.4 Gramm reines Kokain resultieren.
1.3 Vorhalt gemäss AKS Ziff. 1.2
Dem Beschuldigten wird eine weitere qualifizierte Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz vorgeworfen, begangen anfangs Mai 2016 bis Mitte Mai 2016, in [...], Domizil von I._, und nähere Umgebung davon. Dies, indem der Beschuldigte I._ vorsätzlich unter zwei Malen unbefugt mindestens ca. 133 Gramm Kokaingemisch (114.6 Gramm reines Kokain) veräussert habe (auf Kommission übergeben habe) und einmal 1 Gramm Kokaingemisch veräussert habe bzw. mindestens besessen habe. So konkret:
a) begangen anfangs Mai 2016 (wenige Tage vor lit. b), in [...], nähere Umgebung der [...], dies, indem der Beschuldigte I._ unbefugt eine geringe Menge Kokaingemisch, weniger als 1 Gramm, veräussert habe (Muster für spätere Lieferung übergeben habe), ev. mindestens besessen und es I._ zur Probe gezeigt habe;
b) begangen anfangs Mai 2016 (ca. 5 bis 7 Tage vor der zweiten Lieferung) und ca. am 9./10. oder 11. Mai 2016 (kurze Zeit vor der Hausdurchsuchung am 12. Mai 2016); dies, indem der Beschuldigte I._ unter zwei Malen vorsätzlich unbefugt total 133 Gramm Kokaingemisch (114.6 Gramm reines Kokain) veräussert habe, wobei die erste Lieferung die mengenmässig grössere gewesen sei; der Beschuldigte habe von I._ CHF 60.00 pro Gramm Kokaingemisch verlangt bzw. CHF 50.00, wenn er bei ihm übernachten könne; I._ habe beabsichtigt, das Kokain für CHF 70.00 pro Gramm zu veräussern; das Kokain habe anlässlich der Hausdurchsuchung vom 12. Mai 2016 am Domizil von I._ sichergestellt werden können.
1.4 Beweiswürdigung
1.4.1 Auch diese Vorhalte beruhen auf den Aussagen einer einzigen Person, von I._. Für die allgemeinen Ausführungen zur Bedeutung und Prüfung der Glaubhaftigkeit der Aussagen ist auf Ziff. 1.2.1 hiervor zu verweisen. Im Auge zu behalten ist der Umstand, dass die Kantonspolizei Bern gegen den I._ ein Ermittlungsverfahren wegen Handels mit Kokain führte. Im Zuge dieses Verfahrens kam es zur Hausdurchsuchung in [...] an der [...], der Wohnung von I._. In der Wohnung wurde der Beschuldigte unter dem Namen L._ angetroffen und es wurden 140 Gramm Kokaingemisch, 440 Gramm Marihuana und 1.5 Gramm Haschisch sichergestellt.
Der Verdacht, I._ könnte sich selber oder einen anderen Lieferanten mit der Belastung des Beschuldigten schützen wollen, kann zum Vornherein verworfen werden. Er gestand in der ersten Einvernahme vom 6. Juni 2016 (AS 228 ff.), als Beschuldigter befragt, sofort zu, das Kokain zum Verkauf in Kommission übernommen zu haben. Er belastete sich dadurch selber. Hätte er sich zu Lasten des Beschuldigten entlasten wollen, wäre es für ihn ein Leichtes gewesen, zu behaupten, der Beschuldigte habe das Kokain mitgebracht, es gehöre nicht ihm (I._), er habe damit nichts zu tun, ausser dass er vielleicht etwas davon konsumiert habe.
Zuvor hatte I._ schon zugegeben, gegen ein Kilo Kokaingemisch unter etwa 28-mal bei U._ bezogen zu haben (AS 230). Zuerst bezeichnete er diese Person auch als Lieferanten des bei ihm in der Wohnung am 12. Mai 2016 festgestellten Kokains. Auf Vorhalt, diese Person sei bereits Ende Januar verhaftet worden und das sichergestellte Kokain werde sicher nicht mehr von ihm sein, gestand er dann zu, das Kokain vom Beschuldigten erhalten zu haben. – I._ versuchte also in seiner ersten Aussage, den Beschuldigten zu schützen.
1.4.2 Bei der Prüfung der Frage, ob die Aussagen von I._ glaubhaft sind und als Grundlage für die Belastung des Beschuldigten herangezogen werden können, ist Folgendes zu beachten:
In der Zeit vom 2. Juni 2016 bis am 27. Juli 2016 wurde I._ zweimal durch die Berner Kantonspolizei (am 2. Juni 2016 [AS 228 ff.] und am 21. Juni 2016 [AS 253 ff.] und einmal durch die Solothurner Staatsanwaltschaft (27. Juli 2016 [AS 264 ff.]) befragt. Er schilderte in diesem engen zeitlichen Rahmen das hier zu prüfende Kerngeschehen konstant, detailliert und einleuchtend. Er habe den Beschuldigten schon vor 20 Jahren gekannt, als Arbeitskollegen und Freund. Sie hätten sich dann viele Jahre nicht mehr gesehen und sich dann in einem Lokal, einem Club in [...] wieder getroffen. Schon dort habe der Beschuldigte ihn gefragt, ob er ihm beim Verkauf von Kokain helfen könne. I._ schilderte immer wieder, wie er eigentlich damit habe aufhören wollen, dann aber trotzdem zugesagt habe, und das nicht nur, weil er gegenüber seinem Kollegen nicht habe «nein» sagen können, sondern auch, weil er selber aus seinen Schulden habe kommen wollen. Bevor der Beschuldigte ein paar Tage vor der Verhaftung bei ihm in der Nacht geklingelt und nach einer Übernachtungsmöglichkeit gefragt habe, habe er ihm zuvor schon die Drogen nach Hause gebracht, er sei ein- bis zweimal zu ihm zum Kaffeetrinken gekommen. Es sei zuerst von einem Preis von CHF 60.00 pro Gramm Kokain die Rede gewesen, die er dem Beschuldigten hätte bezahlen müssen. Nachdem der Beschuldigte dann bei ihm habe schlafen können, habe er den Preis auf CHF 50.00 pro Gramm reduziert. Er habe beabsichtigt, dieses für CHF 70.00 zu verkaufen; er hätte es nicht gestreckt. Es sei kein Geld geflossen, er selber habe ja noch kein Geld gehabt. Das Kokain habe der Beschuldigte bei Besuchen zum Kaffee zu ihm nach Hause gebracht. Der Beschuldigte habe das Kokain aus seinem Auto, einem Smart, genommen. Es habe nie einen telefonischen Kontakt zwischen ihnen gegeben.
Die Aussagen sind aus den vorgenannten Gründen glaubhaft. Es ist keine Belastungstendenz zu erkennen; im Gegenteil, sagte I._ doch ausdrücklich, er wisse nichts davon, dass der Beschuldigte auch anderen Personen Drogen auf Kommission übergeben hätte. Auffallend auch die Parallelen zu den Ausführungen von F._, wie etwa die Vermeidung telefonischer Kontakte oder die grosszügige und vertrauensvolle Übergabe einer ansehnlichen Menge Drogen, ohne dafür vorerst Geld sehen zu wollen.
Vor der Vorinstanz reichte I._ ein Arztzeugnis ein, welches zu den Akten genommen wurde (AS 1051). Darin führte der Psychiater Dr. [...] aus [...] aus, aus psychiatrischen Gründen dürfte die Einvernahmefähigkeit bei Herrn I._ eingeschränkt sein (u.a. betr. Konzentrationsfähigkeit, Gedächtnis). I._ führte vorab aus, er habe in den früheren Einvernahmen zum sichergestellten Kokain die Wahrheit gesagt. Alles, was er bei der Staatsanwältin gesagt habe, sei immer noch gültig. Er identifizierte anschliessend den im Saal sitzenden Beschuldigten als den Freund, der ihm das Kokain gebracht habe. Er schilderte auch weitere Details, es sei der Mann, mit dem er früher zusammengearbeitet habe und den er schon lange nicht mehr gesehen gehabt habe, den er dann zufällig in einem Lokal wieder getroffen habe, der ihn dann gefragt habe, ob er bei ihm übernachten könne, der ihm das Kokain gebracht und gegeben habe, einfach so, ihm gesagt habe, «kannst du das verkaufen». – Es gab bei dieser Aussage auch Abweichungen zu den früheren Aussagen: Zum Beispiel, es sei eine einmalige Lieferung gewesen, es hätten mehrere Freunde von ihm davon konsumiert, sie hätten es versucht. – Das Kerngeschehen schilderte er aber angesichts des Zeitablaufs (seit der letzten Einvernahme waren 1 1⁄4 Jahre vergangen) und der attestierten Gedächtnisschwäche beachtlich konstant. Angesichts der Verknüpfung mit Details zur Person des Beschuldigten (kannte ihn von früher, arbeiteten zusammen, wohnte bei ihm, reduzierte als Entgegenkommen für das Logis den Grammpreis des Kokains von CHF 60.00 auf CHF 50.00) kann auch ausgeschlossen werden, I._ hätte vor dem Hintergrund der ärztlich attestierten Konzentrations- und Gedächtnisschwäche den Beschuldigten mit jemand anderem verwechselt. Vor dem Berufungsgericht bestätigte I._ schliesslich als Zeuge, das Kokain vom Beschuldigten gehabt zu haben.
1.4.3 Der vorgehaltene Sachverhalt ist aufgrund der glaubhaften Aussagen von I._ erstellt.
Demnach übergab der Beschuldigte I._ in der Zeit von Anfang Mai 2016 bis kurz vor der Hausdurchsuchung am 12. Mai 2016 in dessen Wohnung in [...] unter zwei Malen insgesamt mindestens 133 Gramm Kokaingemisch auf Kommission für den Verkauf an weitere Personen. Da der Beschuldigte bei I._ übernachten konnte, reduzierte er den Preis von ursprünglich CHF 60.00 auf CHF 50.00 pro Gramm Kokaingemisch, der Verkauf war von I._ zu CHF 70.00 beabsichtigt. Zuvor hatte der Beschuldigte ihm in einem Lokal in [...] unentgeltlich ein Muster überlassen, welches weniger als 1 Gramm Kokaingemisch enthalten hatte.
Gemäss der Betäubungsmittel-Analyse vom 2. Juni 2016 weisen insgesamt 123 Gramm der sichergestellten 133 Gramm Kokaingemisch einen Cocain-Hydrochlorid-Gehalt von 86 % und 10 Gramm Kokaingemisch einen solchen von 88 % auf; dies führt zu 105.8 Gramm und 8.8 Gramm reinem Kokain, total somit 114.6 Gramm reinem Kokain (vgl. AS 224 f., 220). Aufzurechnen ist noch das Kokainmuster, das ebenfalls einen Reinheitsgehalt von mindestens 86 % Cocain-Hydrochlorid gehabt haben muss, was bei einem Gramm Kokaingemisch 0.86 Gramm reines Kokain ergäbe. Das Muster enthielt weniger als ein Gramm, die Aufrundung der Vorinstanz (US 46) der 114.6 Gramm um 0.4 Gramm auf insgesamt mindestens 115 Gramm reines Kokain ist demnach nicht zu beanstanden (Vorhalte gemäss AKS Ziff. 1.2 lit. b und a).
2. Vergehen gegen das Betäubungsmittel (AKS Ziff. 2)
2.1 Vorhalt gemäss AKS Ziff. 2.1
Der Beschuldigte soll sich der mehrfachen Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz (Vergehen) schuldig gemacht haben, begangen durch unbefugten Besitz, unbefugtes Veräussern und Anstalten-Treffen zur Veräusserung gemäss Art. 19 Abs. 1 lit. c, d und g BetmG. Dies gemäss dem Vorhalt 2.1 wie folgt:
Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz, begangen ca. Mitte August bis am 22. August 2015, in [...], (im Auto), indem der Beschuldigte F._ unbefugt mindestens 478 Stück Ecstasy-Tabletten veräussert habe (auf Kommission übergeben habe). Der Beschuldigte habe mit F._ vereinbart, dass dieser ihm nach dem Verkauf CHF 4.00 pro Pille abgebe. Davon habe F._ im Vorfeld der Street Parade an Kollegen sowie an der Street Parade in Zürich an unbekannte Personen insgesamt ca. 100 Ecstasy-Pillen zum Preis von durchschnittlich CHF 10.00 pro Pille veräussert; einige Pillen habe er unentgeltlich weitergab (total Verkaufserlös ca. CHF 900.00 bis 1'000.00). Anlässlich der Hausdurchsuchung vom Oktober 2015 hätten in [...], (Domizil), noch ca. 123 Stück (43.1 Gramm) sowie total 248.3 Gramm Paste/Flüssigkeit (Gemisch Ecstasy-Tabletten vermischt mit Wasser, total entsprechend ca. 255 Tabletten) sichergestellt werden können.
Der Beschuldigte lässt in formeller Hinsicht vorbringen, die Anklage genüge in diesem Punkt den gesetzlichen Anforderungen nicht. Denn die Substanz «Ecstasy» werde in der massgebenden Betäubungsmittelverzeichnis-Verordnung (BetmVV-EDI, SR 812.121.11) nicht erwähnt. Somit handle es sich bei dieser Substanz nicht um ein Betäubungsmittel im Sinne der Betäubungsmittelgesetzgebung, weshalb in diesem Punkt nicht auf die Anklage einzutreten sei.
Mit der Verteidigung ist festzuhalten, dass «Ecstasy» in der betreffenden Verordnung als Substanz nicht genannt wird. Die Nennung der eigentlichen Substanz MDMA in der Anklageschrift wäre korrekt gewesen. Es liegt aber keine Verletzung des Anklagegrundsatzes vor, zumal der Beschuldigte aufgrund der Bezeichnung «Ecstasy-Tabletten» in der Anklageschrift genau wusste, was ihm vorgeworfen wird. Dies ergibt sich schon aus der Tatsache, dass er diesen Einwand erstmals an der Berufungsverhandlung erheben lässt. Es ist ein forensisches Gutachten mit einer Betäubungsmittel-Analyse aktenkundig, aus dem der Wirkstoff MDMA und der Prozentgehalt ersichtlich sind. Die Informationsfunktion der Anklageschrift wurde durch die unvollständige Bezeichnung der Substanz somit nicht beeinträchtigt. Der Staatsanwaltschaft wird im Sinne einer Empfehlung aber nahegelegt, inskünftig nicht nur eine übliche Bezeichnung, sondern auch den Wirkstoff gemäss BetmG in der Anklageschrift zu nennen.
2.2 Die Beweiswürdigung
Dieser Vorhalt beruht auf den Aussagen von F._, welche hiervor unter Ziff. 1.2 umfassend gewürdigt und als glaubhaft qualifiziert worden sind, auch und gerade in Bezug auf die bei ihm sichergestellten Ecstasy-Pillen. F._ hatte die Idee, diese Pillen im Vorfeld und an der Streetparade Zürich 2015 selber an Kollegen zu verkaufen. Die Vorinstanz gab die Aussagen zu diesem Vorhalt auf den Urteilsseiten 56 – 60 noch einmal ausführlich wieder, sie sind überdies vorne unter Ziff. 1.2 zusammengefasst, worauf verwiesen werden kann.
F._ fragte den Beschuldigten, ob er Ecstasy-Pillen besorgen könnte. Der Beschuldigte übergab daraufhin F._ etwa eine Woche vor der Streetparade, im August 2015, ca. 498 Stück Ecstasy-Pillen, mit dem Hinweis, er solle einfach mal schauen, wie viele weggingen und dann abrechnen. Die Absicht von F._ wäre gewesen, die Pillen mit einem Gewinn von mehr als 100% (Ankauf beim Beschuldigten CHF 4.00/Stk., Verkauf für CHF 10.00) zu verkaufen. Das gelang ihm offenbar nur sehr beschränkt, mit etwa 100 Pillen. Die restlichen Pillen wurden bei der Hausdurchsuchung vom 13. Oktober 2015 in [...] sichergestellt, teilweise nur noch als Paste oder Flüssigkeit, nachdem F._ sie aufgrund der polizeilichen Intervention im Spülbecken zu beseitigen versucht hatte. Der Vorhalt, der Beschuldigte habe dem F._ Mitte August bis 22. August 2015 in [...] mind. 478 Ecstasy-Pillen in Kommission übergeben, ist erstellt.
2.3 Vorhalt gemäss AKS Ziff. 2.3 (recte 2.2)
Dem Beschuldigten wird eine Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz vorgeworfen, begangen anfangs Mai bis Mitte Mai 2016, in [...], Domizil von I._, indem der Beschuldigte I._ 440 Gramm Marihuana veräussert habe, ev. mindestens Anstalten dazu getroffen habe (übergeben mit dem Auftrag zu schauen, ob er damit etwas machen könne bzw. dieses veräussern könne). I._ habe dem Beschuldigten mitgeteilt, dass das Marihuana zu schlechte Qualität sei («Abfall»), woraufhin der Beschuldigte dieses in seiner Wohnung gelassen und damit besessen habe, ev. dort gelagert habe, soweit er es mit seiner Handlung nicht bereits veräussert gehabt habe. Das Marihuana habe anlässlich der Hausdurchsuchung vom 12. Mai 2016 am Domizil von I._ sichergestellt werden können.
2.4 Beweiswürdigung
Der Vorhalt beruht auf den Aussagen von I._. Im Zusammenhang mit dem sichergestellten Kokain sind dessen Aussagen glaubhaft (siehe vorne 1.4.3). Ab der polizeilichen Einvernahme von I._ vom 6. Juni 2016 sagte dieser immer gleich aus: Das sichergestellte Marihuana gehöre dem Beschuldigten, es sei von sehr schlechter Qualität gewesen, es sei eigentlich Abfall gewesen, das habe er dem Beschuldigten auch so gesagt (siehe die Wiedergabe der Aussagen auf US 60 – 62). Der Beschuldigte habe ihm gesagt, er solle schauen, ob er damit etwas machen könne. Diese Aussagen bestätigte der Zeuge auch vor Berufungsgericht.
Es kann auch hier auf die glaubhaften Aussagen von I._ abgestellt werden. Er gab an, es habe sich um Abfall gehandelt. Dabei stellt sich die Frage nach der Qualität des Stoffes. Denn es gilt zu beachten, dass nur Cannabisprodukte als verbotene Betäubungsmittel im Sinne des BetmG gelten, welche mindestens einen THC-Gehalt von 1 % aufweisen (Anhang 1 der BetmVo). Es ist keine Analyse des sichergestellten (angeblichen) Cannabis aktenkundig, so dass insbesondere vor dem Hintergrund der Aussagen des Zeugen, es habe sich um Abfall gehandelt, nicht erstellt ist, dass es sich um Cannabis mit einem THC-Gehalt von mindestens einem Prozent gehandelt hat. Aktenkundig sind lediglich die Analysen der drei sichergestellten Säckchen mit weissem Pulver von 142 Gramm (AS 224 f.). Der Beschuldigte ist von diesem Vorhalt freizusprechen.
2.5 Vorhalte gemäss AKS Ziff. 5 und 6
Der Beschuldigte soll sich des Fahrens ohne Haftpflichtversicherung gemäss Art. 96 Abs. 2 SVG schuldig gemacht haben, begangen in der Zeit wenige Tage vor dem 12. Mai 2016 bis am 12. Mai 2016, auf der Strecke [...]. Er habe den Personenwagen Smart Fortwo Coupé zuvor in einer ihm namentlich nicht bekannten Garage in [...] gekauft und das Kontrollschild [...] angebracht, obwohl die Kontrollschilder [...] (eingelöst auf M._) nicht auf den Personenwagen Smart Fortwo Coupé eingelöst gewesen seien, und er habe anschliessend das Fahrzeug vorsätzlich ohne die vorgeschriebene Haftpflichtversicherung gelenkt, obwohl er um den fehlenden Versicherungsschutz gewusst habe (AKS Ziff. 5).
Der Beschuldigte soll sich der missbräuchlichen Verwendung von Kontrollschildern gemäss Art. 97 Abs. 1 lit. a SVG schuldig gemacht haben, begangen in der Zeit wenige Tage vor dem 12. Mai 2016 bis am 12. Mai 2016, auf der Strecke [...]. Er habe vorsätzlich die Kontrollschilder [...] (Kontrollschild eingelöst auf M._) verwendet, welche nicht für ihn oder sein Fahrzeug bestimmt gewesen seien (AKS Ziff. 6).
2.6 Beweiswürdigung
Der Beschuldigte war im Zeitpunkt seiner Festnahme (12. Mai 2016) im Besitz des obgenannten Personenwagens Smart, an dem die Kontrollschilder [...] angebracht waren. Gemäss Auskunft des Strassenverkehrsamtes Bern vom 14. Juni 2016 (AS 325) waren diese Kontrollschilder seit dem 4. Juli 2008 auf eine Person namens M._ eingelöst. Zuletzt war ein VW Passat Variant auf diese Nummern eingelöst gewesen, und zwar vom 19. November 2015 – 2. Mai 2016. Wer diese Einlösung beantragt hatte, konnte nicht festgestellt werden. Anschliessend und insbesondere am 12. Mai 2016 waren auf diese Kontrollschilder keine Fahrzeuge mehr eingelöst.
Gemäss Strafanzeige (AS 314) habe der Beschuldigte dazu ausgesagt, er habe den Smart kurz vor der Festnahme in einer namentlich nicht bekannten Garage in [...] gekauft. Er habe dann von M._ die Kontrollschilder [...] bei diesem zu Hause oder in Bern erhalten. Danach sei er mit dem Fahrzeug und den daran montierten Kontrollschildern von [...] nach [...] gefahren.
Vor der Vorinstanz führte der Beschuldigte aus, M._ habe die Versicherung gemacht und den Nachweis der MFK geschickt (AS 1074 oben). Er (der Beschuldigte) habe den Smart gekauft. M._ habe ihm dann gesagt, er gehe das Fahrzeug einlösen und mache die Versicherung, dann solle er bei ihm den Ausweis holen kommen, sie könnten dann etwas zusammen trinken. Er habe zu ihm gesagt, ok, er komme am nächsten Tag, dann sei er aber verhaftet worden. Auf Vorhalt der Aussage von M._, wonach dieser nie einen Auftrag zur Einlösung des Smart gehabt habe, sagte der Beschuldigte wieder völlig anders aus: Er habe diesem die Kopie des Ausweises geschickt, er habe aber recht, er habe von der Versicherung auch keinen Ausweis erhalten. Das Original habe immer der Chauffeur. Er habe vom Strassenverkehrsamt den neuen Ausweis erhalten. Wie erwähnt, machte der Beschuldigte vor dem Berufungsgericht keine Aussagen zur Sache, auch nicht zu diesen Vorhalten.
Aufgrund dieser widersprüchlichen Aussagen ist immerhin ersichtlich, dass es dem Beschuldigten klar war, dass er bis zu seiner Verhaftung noch keinen Ausweis und keine Versicherung für den Smart gehabt hatte (AS 1074 Z. 778 – 781).
Der Beschuldigte fuhr einige Tage vor seiner Anhaltung mit dem Smart mit den Kontrollschildern [...] im Wissen herum, dass das Fahrzeug über keinen Versicherungsschutz verfügte und beim Strassenverkehrsamt nicht eingelöst war. Der Beschuldigte nahm nie selber entsprechende Handlungen für die Einlösung des Fahrzeuges an die Hand erhielt auch nicht von anderen Personen Papier und Belege für solche Handlungen. Der Beschuldigte will zwar M._ einen entsprechenden Auftrag erteilt haben, was aber von diesem bestritten wird und auch anderweitig nicht belegt ist. Zudem hat der Beschuldigte in seiner Aussage vor der Vorinstanz selber eingeräumt, von diesem nie einen Ausweis erhalten zu haben. Die entsprechende Aussage des Beschuldigten erweist sich somit als Schutzbehauptung. Seitens des Beschuldigten wird ins Feld geführt, die beiden Einvernahmen von M._ seien nicht verwertbar, denn bei der ersten Einvernahme vom 10. Juni 2018 (recte: 2016) seien dem Beschuldigten und seinem Verteidiger die Teilnahmerechte nicht gewährt worden und bei der zweiten Einvernahme vom 21. September 2016 seien diese zwar gewährt worden, hingegen sei keine Belehrung über die Rechte und Pflichten der Auskunftsperson ergangen. Diese Einwände können nicht gehört werden. Denn am 10. Juni 2016 handelte es sich um eine polizeiliche Einvernahme, bei welcher kein Anspruch auf Gewährung der Teilnahmerechte bestand (Umkehrschluss aus Art. 147 Abs. 1 StPO; so u.a. Urteil des Bundesgerichts 6B_422/2017 E. 1.3) und am 21. September 2016 wurde vorab auf die Rechtsbelehrung vom 10. Juni 2016 verwiesen. Die beiden Einvernahmen sind ohne Weiteres verwertbar.
Die entsprechenden Vorhalte gemäss AKS Ziff. 5 und 6 sind erstellt.
III. Rechtliche Würdigung
1. Betäubungsmitteldelikte (AKS Ziff. 1 und 2.1)
1.1 Allgemeines zum Betäubungsmittelgesetz
Es kann umfassend auf die allgemeinen Ausführungen der Vorinstanz zum Betäubungsmittelgesetz auf den Urteilsseiten 46 – 50 verwiesen werden.
1.2 Vorhalt gemäss AKS Ziff. 1
1.2.1 Erste Phase vor der Inhaftierung (AKS Ziff. 1.1 lit. a)
In der Zeit vor seiner Inhaftierung (Strafvollzug/Haft vom 30.3.2011 bis zum 17./18.2.2012, Urteil Solothurn-Lebern vom 14.2.2012), lieferte der Beschuldigte F._ 14-mal Kokain, welches für diesen und dessen Kollegen bestimmt war. Die Lieferungen erfolgten in der Zeit von ca. März 2010 bis zum 29. März 2011 und mithin über einen Zeitraum von ca. einem Jahr. Der Beschuldigte lieferte in der Regel Portionen von 5 – 10 Gramm, insgesamt eine Menge von knapp 25 Gramm reinem Kokain. Dabei ist denkbar, dass der Beschuldigte, in Kenntnis der finanziellen Situation seines Abnehmers, um die Weitergabe an Dritte wusste. Es ist aber auch nicht auszuschliessen, dass er aufgrund der eher kleinen Mengen und den zeitlichen Abständen der Bezüge von einem Erwerb zum reinen Eigenkonsum ausging. Bei dieser beweismässig nicht eindeutigen Situation ist – wie dies die Verteidigung vor dem Berufungsgericht zu Recht hervorgehoben hat – die Einschätzung der Anklagebehörde und des Gerichtspräsidenten von Bucheggberg-Wasseramt im abgekürzten Verfahren gegen F._ entscheidend, welche erkannt haben, F._ habe durch seine Weitergabe der beim Beschuldigten gekauften Drogen nicht viele Menschen gefährdet; Anklage und Urteil gehen bei F._ lediglich von Vergehen nach Art. 19 Abs. 1 BetmG aus. Demnach ist der objektive Tatbestand von Art. 19 Abs. 2 lit. a BetmG im Fall von F._ selbst nach Auffassung der Anklagebehörde nicht gegeben. Da die hier relevanten Drogenlieferungen teilweise identisch sind mit denjenigen, über welche im Urteil gegen F._ befunden wurde, ist einer anderen rechtlichen Würdigung weitgehend der Boden entzogen. Auch in subjektiver Hinsicht lässt sich eine Subsumtion unter Art. 19 Abs. 2 BetmG nicht vertreten, es sind keine Anhaltspunkte für eine subjektive Vorstellung des Beschuldigten ersichtlich, die vom objektiven Tatbestand abweichen würde. Der Beschuldigte ist somit bezüglich der ersten Phase vor seiner Inhaftierung lediglich wegen mehrfachen Vergehen gemäss Art. 19 Abs. 1 BetmG schuldig zu sprechen.
1.2.2 Zweite Phase nach der Inhaftierung (AKS Ziff. 1.1. lit. b - d und Ziff. 1.2)
Die Handlungen der zweiten Phase nach der Inhaftierung gemäss den Vorhalten Ziff. 1.1 lit. b bis d – entgeltliche Übergaben von Kokain an F._ bzw. Lagern von Kokain bei F._ zum Zweck einer späteren Veräusserung – sowie gemäss dem Vorhalt Ziff. 1.2 der Anklageschrift – entgeltliche Übergaben von Kokaingemisch an I._ – fanden unter der Geltung des neuen Betäubungsmittelrechts statt. Sie erfüllen in objektiver Hinsicht den Grundtatbestand von Art. 19 Abs. 1 lit. b und c BetmG (unbefugtes Veräussern, Lagern von Betäubungsmitteln).
Nach dem Beweisergebnis kam es in dieser zweiten Phase zu insgesamt sechs Übergaben von Kokain an F._. Die Gesamtmenge betrug 180 Gramm Kokaingemisch (4-mal 20 Gramm, 1-mal 50 Gramm sowie 1-mal 30 und 20 Gramm Kokaingemisch). Von den 50 Gramm Kokaingemisch, welche der Beschuldigte F._ übergab (AKS Ziff. 1.1. lit. b 3. Lemma), gab dieser ihm etwas später 30 Gramm wieder zurück. Im Zeitpunkt der Übergabe war es aber der Wille des Beschuldigten, F._ die ganzen 50 Gramm zum Weiterverkauf zu übergeben, weshalb mit der Vorinstanz darauf zu schliessen ist, dass die teilweise Rückgabe des Stoffes im Rahmen der rechtlichen Würdigung unbeachtlich ist. Weiter übergab der Beschuldigte F._ zwei Päckchen mit insgesamt 48.9 Gramm Kokaingemisch zur Lagerung (AKS Ziff. 1.1. lit. c).
Nach dem vorne dargelegten Beweisergebnis übergab der Beschuldigte I._ in der Zeit von Anfang Mai 2016 bis kurz vor der Hausdurchsuchung am 12. Mai 2016 in dessen Wohnung in [...] unter zwei Malen insgesamt mindestens 133 Gramm Kokaingemisch auf Kommission für den Verkauf an weitere Personen. Kurz davor hatte der Beschuldigte I._ in einem Lokal in [...] unentgeltlich ein Muster (mit weniger als 1 Gramm Kokaingemisch) überlassen. Die fraglichen drei Übergaben fanden innerhalb weniger Tage statt und erfolgten gegenüber der gleichen Person, jeweils in [...].
In dieser zweiten Phase, die sich über ca. 4 1/4 Jahre erstreckte, stellte sich der Beschuldigte darauf ein, mit der Veräusserung von Kokain in einer ihm vertrauten Gegend mittels früherer Kontakte regelmässig Geld zu verdienen. Er reiste dazu mehrfach in die Schweiz ein. Dabei ging er professionell vor, indem er sich zahlreiche Identitäten zulegte, von telefonischen Kontakten absah, Fahrer bzw. eine Begleitperson einsetzte, die für ihn die Betäubungsmittel aushändigten, und er die Berührung der Päckchen mit blossen Händen unter allen Umständen vermied. Er erschien unangemeldet bei F._, trat unaufgefordert auf ihn zu und bot ihm Kokain an. Zudem lieferte der Beschuldigte in dieser Zeit auch Kokaingemisch an I._. Damit ist für die zweite Phase eine von einem generellen Vorsatz getragene dauerhafte Handelstätigkeit bzw. ein einheitlicher Willensakt anzunehmen. Die verschiedenen Handlungen sind folglich als eine Widerhandlung anzusehen und die fraglichen Mengen sind zu addieren. Die 180 Gramm Kokaingemisch (Lieferungen an F._), entsprechen 57.99 Gramm reinem Kokain, die 48.9 Gramm Kokaingemisch 12.41 Gramm reinem Kokain (Lieferung an F._); hieraus resultieren total 70.4 Gramm reines Kokain. Dazu kommen die 133 Gramm Kokaingemisch bzw. mindestens 115 Gramm reines Kokain, welche der Beschuldigte an I._ veräussert hat. Insgesamt lieferte der Beschuldigte in dieser zweiten Phase bzw. in der Zeit vom 19. Februar 2012 bis Mai 2016 insgesamt 185.4 Gramm reines Kokain an F._ und I._. Damit war eine potentielle Gefährdung vieler Menschen eindeutig gegeben. Darüber hinaus bestand angesichts der gelieferten und gelagerten Mengen eine konkrete Gefahr einer Weiterverbreitung. Angesichts des Ausmasses der Handelstätigkeit und der persönlichen Umstände ist davon auszugehen, dass der Beschuldigte um die von seinem Handeln ausgehende erhebliche Gesundheitsgefährdung wusste und diese von seinem Willen auch gedeckt war. Demzufolge liegen die objektiven und subjektiven Voraussetzungen einer qualifizierten Widerhandlung im Sinne von Art. 19 Abs. 2 lit. a i.V.m. Abs. 1 lit. b und c BetmG vor, was denn seitens des Beschuldigten im Berufungsverfahren auch nicht bestritten wird.
1.3 Vorhalt gemäss AKS Ziff. 2.1
Indem der Beschuldigte F._ auf dessen Wunsch ein Päckchen mit rund 478 Ecstasy-Tabletten besorgt und auf Kommission übergab, die für den Verkauf an weitere Personen bestimmt waren, veräusserte er diesem unbefugterweise Betäubungsmittel. Er handelte ohne Zweifel mit direktem Vorsatz. Er hat in Bezug auf AKS Ziff. 2.1 den objektiven und subjektiven Tatbestand im Sinne von Art. 19 Abs. 1 lit. c BetmG erfüllt und ist entsprechend schuldig zu erkennen.
2. Widerhandlungen gegen das Strassenverkehrsgesetz (AKS Ziff. 5 und 6)
Gemäss Art. 63 Abs. 1 SVG darf kein Motorfahrzeug ohne Haftpflichtversicherung in den öffentlichen Verkehr gebracht werden. Nach Art. 96 Abs. 2 SVG macht sich strafbar, wer ein Motorfahrzeug führt, obwohl er weiss oder bei pflichtgemässer Aufmerksamkeit wissen kann, dass die vorgeschriebene Haftpflichtversicherung nicht besteht. Art. 97 Abs. 1 lit. a SVG stellt u.a. das Verwenden von Kontrollschildern, die nicht für das fragliche Fahrzeug bestimmt sind, unter Strafe. Nach dem vorne dargelegten Beweisergebnis lenkte der Beschuldigte den Smart mit Berner Kontrollschildern, ohne dass das Fahrzeug eingelöst oder versichert gewesen wäre. Er ist des Fahrens ohne Haftpflichtversicherung und der missbräuchlichen Verwendung von Kontrollschildern schuldig zu sprechen.
IV. Strafzumessung
1. Allgemeines zur Strafzumessung
Vorab kann auf die zutreffenden allgemeinen Ausführungen der Vorinstanz zur Strafzumessung verwiesen werden (US 70 ff.).
2. Konkrete Strafzumessung
2.1 Bei der qualifizierten Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz (AKS Ziff. 1.1 lit. b - d und Ziff. 1.2), die mit einer Freiheitsstrafe nicht unter einem Jahr bis zu 20 Jahren bedroht ist, handelt es sich um das schwerste Delikt (Verbrechen). Aus spezialpräventiver Sicht und aufgrund der Tatsache, dass der Beschuldigte in der Schweiz keine Aufenthaltsberechtigung hat und nicht liquid ist, fällt auch bezüglich der Vergehen – Widerhandlungen gegen das Betäubungsmittelgesetz, das Ausländergesetz und das Strassenverkehrsgesetz – nur eine Freiheitsstrafe in Betracht: Der Beschuldigte weist fünf im Strafregister verzeichnete Vorstrafen auf und er hatte insbesondere schon längere Freiheitsstrafen zu verbüssen (eine Freiheitsstrafe von 5 Jahren mit einem nicht verbüssten Strafrest von 1 Jahr 8 Monaten und 10 Tagen sowie eine Freiheitsstrafe von 1 Jahr mit einem nicht verbüssten Strafrest von 44 Tagen, vgl. AS 784.10 ff.), was zeigt, dass er sich nicht einmal durch Strafvollzug von weiterer Delinquenz liess, geschweige denn von einer Geldstrafe.
In Bezug auf AKS Ziff. 5 ist gemäss Art. 96 Abs. 2 SVG die Freiheitsstrafe mit einer Geldstrafe zu verbinden. Für die Übertretungen des Betäubungsmittelgesetzes ist zudem eine Busse auszusprechen.
Aufgrund der jüngsten bundesgerichtlichen Rechtsprechung ist für die Delikte nach der Verurteilung des Amtsgerichts von Solothurn-Lebern vom 14. Februar 2012 eine selbständige Gesamtstrafe und für die Delikte vorher eine Zusatzstrafe zur Vorstrafe auszusprechen (Entscheid 6B_1037/2018 vom 27.12.2018; zur Publikation vorgesehen).
2.2 Selbständige Gesamtstrafe für die Taten nach der Vorstrafe vom 14. Februar 2012
2.2.1 Einsatzstrafe für das schwerste Delikt (Verbrechen)
Tatkomponenten
Der Beschuldigte vertrieb eine beachtliche Menge von 185.4 Gramm reinem Kokain, eine Menge, welche den massgeblichen Grenzwert von 18 Gramm um das Zehnfache übersteigt. Damit liegt mengenmässig kein besonders leichter Fall vor, im Vergleich zu anderen möglich scheinenden qualifizierten Fällen, in denen es um eine Widerhandlung im hohen Kilobereich geht, ist aber nach wie vor von einer Konstellation in der Bandbreite leichter (qualifizierter) Fälle auszugehen. Weiter ist zu beachten, dass die Vorgehensweise des Beschuldigten – organisierte illegale Einreisen mit diversen Identitäten, Mitnahme von Begleitpersonen, bewusstes (und erfolgreiches) Vermeiden von Spuren – professionell war. Der Beschuldigte verfügte beim Betäubungsmittelvertrieb ganz offensichtlich über eine grosse Eigenständigkeit. Er selber konsumierte nur gelegentlich Kokain, es gibt jedenfalls keine Anzeichen einer entsprechenden Sucht und eine solche wird auch nicht geltend gemacht. Wie die Vorinstanz zutreffend ausführte (US 79), ist die Anzahl der einzelnen Handlungen zwar nicht hoch, umso grösser war dabei teilweise aber die dabei umgesetzte bzw. noch umzusetzende Menge. Auch dauerte die deliktische Tätigkeit über einen längeren Zeitraum fort, was eine bemerkenswerte Beharrlichkeit erkennen lässt, zumal der Beschuldigte für die einzelnen Übergaben jeweils illegal in die Schweiz einreisen musste. Diese Punkte wirken sich leicht verschuldenserhöhend aus. Die Schwere der Rechtsgutsbeeinträchtigung führt insgesamt zu einer noch als leicht zu bewertenden objektiven Tatschwere. Der Beschuldigte handelte mit direktem Vorsatz. Seine Beweggründe waren finanzieller und damit rein egoistischer Natur, was sich – bei allenfalls gelegentlich selbst konsumierenden, aber nicht süchtigen Tätern – als deliktstypisch erweist. Das deliktische Handeln wäre für den Beschuldigten zweifelsohne vermeidbar gewesen. Faktoren, die in relevanter Weise von bestimmendem Einfluss gewesen wären, sind nicht zu erkennen. Die subjektiven Tatkomponenten sprechen demnach nicht für den Beschuldigten, wirken sich jedoch auch nicht in relevanter Weise auf die Verschuldensbewertung aus. Wie die Vorinstanz zutreffend ausführte (US 79), schlagen die Autoren Thomas Fingerhuth, Stephan Schlegel und Oliver Jucker in ihrer tabellarischen Aufstellung bei 180 Gramm reinem Kokain – vor Berücksichtigung allfälliger weiterer Faktoren, die zu Abzügen oder Zuschlägen führen – eine Strafe von 24 Monaten vor (ausgehend von einem nicht geständigen und nicht süchtigen Täter, der eine solche Menge mit ca. fünf Geschäften umgesetzt hat; vgl. N 44 ff. zu Art. 47 StGB). Diese Strafhöhe entspricht – mit Blick auf das gesetzliche Strafmaximum von 20 Jahren – der an dieser Stelle durch das Gericht vorgenommenen Verschuldensbewertung im Sinne eines noch leichten Falles, weshalb ohne Weiteres hiervon ausgegangen werden kann. Angesichts der aufgeführten straferhöhenden Faktoren erscheint eine Einsatzstrafe von 26 Monaten angemessen.
2.2.2 Asperation der Einsatzstrafe zur Abgeltung der weiteren Delikte
2.2.2.1 Bezüglich dess Vergehens gegen das Betäubungsmittelgesetz, der Abgabe von Exstasy-Pillen, ist zunächst festzuhalten, dass es zwar um eine grössere Menge, aber nicht um harte Drogen ging (Übergabe von rund 478 Ecstasy-Tabletten an F._ in der Zeit von Mitte August bis 22. August 2015).
Wie die Vorinstanz zutreffend festhielt, verdeutlicht diese Handlung die Entschlossenheit des Beschuldigten, durch deliktische Tätigkeiten im Betäubungsmittelgeschäft zu Geld zu kommen. Es bleibt aber auch zu erwähnen, dass es F._ war, der den Beschuldigten auf eine mögliche Lieferung von Ecstasy ansprach. Die Initiative kam von ihm. Im Übrigen stimmen die Komponenten – Verwerflichkeit bzw. Art und Weise des Handelns sowie subjektive Faktoren – überwiegend mit dem zur qualifizierten Widerhandlung Gesagten überein, weshalb hierauf verwiesen werden kann. Insgesamt ist das Verschulden als leicht bis erheblich einzuschätzen. Für das Vergehen gegen das BetmG gemäss AKS Ziff. 2.1 ist ausgehend von einer Strafe von 6 Monaten die Einsatzstrafe asperiert um 3 Monate zu erhöhen.
2.2.2.2 Wie die Vorinstanz zutreffend darlegte, sind die Widerhandlungen gegen das Ausländergesetz durch die rechtswidrigen Einreisen und Aufenthalte von besonderer Tatschwere (US 80). Der Beschuldigte reiste nach seiner zwangsweisen Ausschaffung am 17./18. Februar 2012 bis zu seiner Anhaltung am 12. Mai 2016 viele Male trotz des mit Wirkung ab 28. Februar 2010 verfügten unbefristeten Einreiseverbots in die Schweiz ein, um hier insbesondere dem illegalen Drogenhandel nachzugehen. Hierfür beschaffte er sich die Aliasidentitäten N._ und L._, was die Raffinesse seines Vorgehens zeigt. Insgesamt gesehen zeugt das Verhalten des Beschuldigten von einer ausgesprochen grossen Beharrlichkeit, Unverfrorenheit und kriminellen Energie. Dabei ging dieser jeweils mit direktem Vorsatz vor und er handelte aus rein egoistischen Beweggründen. Die Straftaten wären für ihn ohne Weiteres vermeidbar gewesen, relevante tatbestimmende Faktoren bestanden nicht. Es ist jedoch zu beachten, dass diese Delinquenz in engem Zusammenhang mit dem Drogenhandel stand, sie im Rahmen der Bestimmung der Einsatzstrafe als Faktor der Professionalität bereits berücksichtigt wurde und daher mit der Einsatzstrafe teilweise bereits abgegolten ist. Eine Freiheitsstrafe von 8 Monaten, asperiert von 4 Monaten, erscheint daher angemessen.
2.2.2.3 Die kurz vor der Anhaltung am 12. Mai 2016 durch das Fahren ohne Haft-pflichtversicherung und die missbräuchliche Verwendung von Kontrollschildern verübten Widerhandlungen gegen das Strassenverkehrsgesetz lassen keine Besonderheiten erkennen. Der Beschuldigte handelte mit direktem Vorsatz. Die Delikte wären zudem fraglos vermeidbar gewesen.
Wie die Vorinstanz zutreffend ausführte, stehen diese Straftaten in keinem direkten Zusammenhang mit der qualifizierten Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz, entsprechend kommt ihnen eine eigeständige Bedeutung zu. Eine Freiheitsstrafe von einem Monat, asperiert von einem halben Monat, erscheint zur Abgeltung der SVG-Delikte angemessen. Wie dargelegt, ist zudem eine Geldstrafe auszusprechen, welche entsprechend dem Entscheid der Vorinstanz auf 10 Tages-
sätze zu CHF 10.00 festgelegt wird.
2.2.3 Täterkomponenten
Bezüglich des Vorlebens kann auf die Ausführungen der Vorinstanz verwiesen werden (US 81 f.): Es ist nicht ersichtlich, dass das Vorleben – mit Ausnahme der nachfolgend anzuführenden Vorstrafen – einen relevanten Einfluss auf die Bemessung der Strafe haben könnte. Gemäss eigenen Angaben folgte der am 11. Februar 1976 im Süden Serbiens, in [...], geborene Beschuldigte im Jahr 1991 mit seiner Mutter dem bereits früher in die Schweiz übersiedelten Vater nach. In der Folge wohnte er mit seinen Eltern in [...]; Geschwister hat er keine. Nach dem Besuch eines länger andauernden Integrationskurses war er zunächst arbeitslos. Später war er verschiedentlich arbeitstätig und wieder arbeitslos. Im Jahr 1995 verheiratete er sich in Serbien, wobei seine Ehefrau im nachfolgenden Jahr zu ihm in die Schweiz zog. In den Jahren 1997, 2000 und 2003 kamen die gemeinsamen Kinder zur Welt. Weiter lässt sich den Akten und den Angaben des Beschuldigten entnehmen, dass dieser in der Folgezeit in massiver Weise straffällig wurde, eine längere Freiheitsstrafe zu verbüssen hatte und alsdann per 28. Februar 2010 nach Serbien zurückkehren musste und ein Einreiseverbot auferlegt bekam. Ab diesem Zeitpunkt ging er u.a. dem Autohandel nach. Im März 2011 wurde er in der Schweiz angehalten und verhaftet und hatte hierauf erneut eine Freiheitsstrafe zu verbüssen. Am 17./18. Februar 2012 wurde seine Ausschaffung nach Serbien vollzogen (vgl. AS 785 ff., 784.10 ff., 795 f., 797 ff.). Nach seiner Scheidung verheiratete sich der Beschuldigte 2016 mit T._. Er verfügt über keine Berufsausbildung und arbeitete in Serbien als Autohändler und Reisebüro-Inhaber. Diese beiden Tätigkeiten will er nach seiner Hafterstehung wieder aufnehmen.
Der Beschuldigte ist mehrfach vorbestraft; im Schweizerischen Strafregister sind fünf Verurteilungen eingetragen (vgl. AS 784.10 ff.): Mit Urteil des Obergerichts des Kantons Bern vom 11. Februar 2009 wurde der Beschuldigte wegen verschiedener Delikte – mehrfache Förderung der Prostitution, Menschenhandel, mehrfaches Erleichtern des rechtswidrigen Aufenthalts, mehrfaches Beschäftigen eines Ausländers ohne Bewilligung, mehrfache Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz (Verbrechen), mehrfaches Fahren in fahrunfähigem Zustand, mehrfaches Überlassen eines Motorfahrzeugs an einen Lenker ohne Führerausweis und mehrfache Vergewaltigung – zu einer Freiheitsstrafe von 5 Jahren, einer Geldstrafe von 120 Tagessätzen zu je CHF 30.00, bedingt aufgeschoben auf eine Probezeit von 3 Jahren, und zu einer Busse von CHF 6'000.00 verurteilt. Die bedingte Entlassung aus der Freiheitsstrafe erfolgte am 2. Mai 2009 bei einem Strafrest von 1 Jahr 8 Monaten und 10 Tagen, unter Anordnung von Bewährungshilfe und einer Weisung. Am 24. März 2010 folgte eine Verurteilung durch das Bezirksamt Lenzburg wegen grober Verletzung der Verkehrsregeln und Fahrens in fahrunfähigem Zustand zu einer Geldstrafe von 50 Tagessätzen zu je CHF 30.00 und einer Busse von CHF 300.00. Am 16. November 2010 erging durch das Untersuchungsamt Altstätten eine weitere Verurteilung wegen rechtswidriger Einreise zu einer Geldstrafe von 150 Tagessätzen zu je CHF 30.00. Sodann kam es am 14. Februar 2012 zu einer Verurteilung durch das Amtsgericht von Solothurn-Lebern wegen mehrfacher rechtswidriger Einreise und mehrfachen rechtswidrigen Aufenthalts zu einer Freiheitsstrafe von 12 Monaten. Unter Anrechnung der ausgestandenen Untersuchungshaft erfolgte gleichentags die bedingte Entlassung bei einem Strafrest von 44 Tagen. Weiter erging am 20. Januar 2015 ein Urteil der Staatsanwaltschaft des Kantons Solothurn, mit dem der Beschuldigte unter der (vorstrafenlosen) Aliasidentität N._ wegen mehrfacher Hinderung einer Amtshandlung, mehrfacher Verletzung der Verkehrsregeln, Entwendung eines Motorfahrzeugs zum Gebrauch, Fahrens ohne Haftpflichtversicherung, missbräuchlicher Verwendung von Kontrollschildern, Nichtmitführens des Führerausweises und Nichttragens der Sicherheitsgurten zu einer Geldstrafe von 90 Tagessätzen zu je CHF 50.00, unter Gewährung des bedingten Vollzugs bei einer Probezeit von 3 Jahren, und einer Busse von CHF 1'900.00 verurteilt wurde.
Diese einschlägigen Vorstrafen bzw. die in jeder Hinsicht gleichartige Delinquenz des Beschuldigten trotz Vorstrafen und Strafverbüssung sowie teilweise in der Probezeit einer früheren Verurteilung haben sich merklich straferhöhend auszuwirken. Der Beschuldigte liess sich von den bisherigen Bestrafungen (wie auch von den ausländerrechtlichen Anordnungen) offensichtlich in keiner Weise beeindrucken bzw. von erneuter Delinquenz abhalten. Sein Verhalten zeugt von einer schwerlich zu überbietenden Unbelehrbarkeit und Gleichgültigkeit gegenüber Rechtsnormen.
Zu den persönlichen Verhältnissen des Beschuldigten im Zeitpunkt der Taten lässt sich festhalten, dass die Lebenssituation aufgrund der zwangsweisen Rückkehr ins Heimatland unter Zurücklassung der engsten Familienangehörigen in der Schweiz sicherlich nicht einfach war; diese Umstände hat der Beschuldigte aber selbst zu vertreten, weshalb sie auch nicht entlastend berücksichtigt werden können. Seine Familienangehörigen reisten im Übrigen regelmässig nach Serbien. Weiter hätte er in seiner Heimat fraglos ein legales Auskommen finden können. Er hat dort denn auch noch weitere Familienangehörige, die ihm sicherlich eine Stütze waren.
Zu der letztlich noch zu beachtenden Komponente der Wirkung der Strafe bleibt anzumerken, dass sich die Strafempfindlichkeit des Beschuldigten im üblichen Rahmen bewegt, womit diesem Faktor keine Relevanz für die Strafzumessung zukommt.
Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass der Beschuldigte in schwerwiegender Weise vorbestraft ist. Er delinquierte zudem unmittelbar nach Strafende und Ausschaffung am 18. Februar 2012 in gravierender Art einschlägig weiter und liess sich weder durch Strafen noch durch Probezeiten beeindrucken. Bezüglich seines Verhaltens im Strafverfahren ist zu würdigen, dass beim Beschuldigten nicht nur jede Einsicht und Reue fehlt, was neutral zu veranschlagen wäre, sondern er auch versucht hat, auf einen Belastungszeugen einzuwirken und mit einer Strafanzeige wider besseres Wissens Angst zu verbreiten. Den Täterkomponenten ist mit einer deutlichen Straferhöhung von 9,5 Monaten Rechnung zu tragen.
Es resultiert für die Delikte nach der Inhaftierung eine selbständige Gesamtfreiheitsstrafe von 43 Monaten.
2.3 Zusatzstrafe zum Urteil des Amtsgerichts von Solothurn-Lebern vom 14. Februar 2012
Wie dargelegt, ist für die Widerhandlungen gegen das BetmG, welche der Beschuldigte vor dem Urteil des Amtsgerichts von Solothurn-Lebern vom 14. Februar 2012 begangen hat (AKS Ziff. 1 lit. a), eine Zusatzstrafe zu diesem Urteil auszufällen.
Der Beschuldigte wurde damals wegen mehrfacher rechtswidriger Einreise und mehrfachen rechtswidrigen Aufenthalts zu einer Freiheitsstrafe von 12 Monaten verurteilt. Die damals beurteilte Delinquenz gegen das Ausländergesetz ist im Vergleich zu den nun dazu gekommenen Vergehen gegen das Betäubungsmittelgesetz zwar nicht abstrakt, jedoch konkret die schwerere Delinquenz. Die Widerhandlungen gegen das BetmG, bei denen es sich nunmehr um mehrfache Vergehen handelt, hätten für sich allein zu einer Strafe von 8 Monaten geführt, asperiert 4 Monate. Die Freiheitsstrafe hätte somit 16 Monate betragen. Abzüglich der bereits ausgesprochenen 12 Monate beläuft sich die Zusatzfreiheitsstrafe auf vier Monate.
2.4 Unbedingter Strafvollzug
Angesichts der dargelegten schwerwiegenden und teilweise einschlägigen Vorstrafen ist dem Beschuldigten eine schlechte Prognose zu stellen. Es kann ihm weder bei der Zusatzstrafe noch bei der Geldstrafe der bedingte Strafvollzug gewährt werden. Bei der selbständigen Gesamtstrafe fällt die Gewährung des bedingten Strafvollzuges schon von Gesetzes wegen ausser Betracht.
2.5 Busse
Die von der Vorinstanz ausgesprochene Busse von CHF 200.00, ersatzweise 2 Tage Freiheitsstrafe, teilweise als Zusatzstrafe zum Strafbefehl der Staatsanwaltschaft des Kantons Solothurn vom 20. Januar 2015, ist zu bestätigen. Dies entspricht im Übrigen auch dem Antrag des Beschuldigten im Berufungsverfahren.
2.6 Widerruf
Der dem Beschuldigten mit Urteil der Staatsanwaltschaft des Kantons Solothurn vom 20. Januar 2015 für eine Geldstrafe von 90 Tagessätzen zu je CHF 50.00 gewährte bedingte Vollzug ist zufolge ausgeprägter Schlechtprognose zu widerrufen. Dies im Einklang mit dem entsprechenden Antrag des Beschuldigten im Berufungsverfahren.
2.7 Anrechnung ausgestandene Haft
An die ausgesprochenen Freiheitsstrafen werden A._ die ausgestandene Untersuchungs- und Sicherheitshaft sowie der vorzeitige Strafvollzug angerechnet.
V. Kosten und Entschädigung
1. Entschädigungen
1.1 Gemäss teilweise rechtskräftiger Ziffer 10 des Urteils des Amtsgerichts von Bucheggberg-Wasseramt vom 30. Oktober 2017 wurde die Entschädigung des vormaligen amtlichen Verteidigers von A._, Rechtsanwalt Reto Gasser, für das erstinstanzliche Verfahren auf CHF 1'937.00 festgesetzt, zahlbar durch den Staat, v.d. die Zentrale Gerichtskasse.
Vorbehalten bleibt der Rückforderungsanspruch des Staates während 10 Jahren, sobald es die wirtschaftlichen Verhältnisse von A._ erlauben.
1.2 Gemäss teilweise rechtskräftiger Ziffer 11 des Urteils des Amtsgerichts von Bucheggberg-Wasseramt vom 30. Oktober 2017 wurde die Entschädigung des vormaligen amtlichen Verteidigers von A._, Rechtsanwalt Alexander Kunz, für das erstinstanzliche Verfahren auf CHF 7'428.45 festgesetzt, zahlbar durch den Staat, v.d. die Zentrale Gerichtskasse.
Vorbehalten bleibt der Rückforderungsanspruch des Staates während 10 Jahren, sobald es die wirtschaftlichen Verhältnisse von A._ erlauben.
1.3 Das Begehren von A._ um Ausrichtung einer Parteientschädigung für den von ihm im erstinstanzlichen Verfahren beauftragten Wahlverteidiger Rechtsanwalt Alexander Kunz, wird abgewiesen.
1.4 Für das Berufungsverfahren wird die Entschädigung des amtlichen Verteidigers von A._, Rechtsanwalt Stephan Schlegel, entsprechend der eingereichten Kostennote, welche angemessen erscheint, auf total CHF 12'156.20 festgesetzt, zahlbar durch den Staat, v.d. die Zentrale Gerichtskasse.
Vorbehalten bleibt – entsprechend dem Kostenentscheid hiernach – im Umfang von 85 % der Rückforderungsanspruch des Staates während 10 Jahren, sobald es die wirtschaftlichen Verhältnisse von A._ erlauben (CHF 10'332.75). Eine Nachforderung wurde nicht geltend gemacht.
2. Kosten
2.1 Der Beschuldigte wurde auch in zweiter Instanz – mit Ausnahme der Weitergabe von Cannabis – bezüglich aller Vorhalte schuldig gesprochen. Der Freispruch in einem unwesentlichen Nebenpunkt rechtfertigt keine Kostenausscheidung zu Lasten des Staates. Die Kosten des erstinstanzlichen Verfahrens mit einer Staatsgebühr von CHF 9'600.00, total CHF 12'110.00, hat A._ zu bezahlen; nach Verrechnung mit dem restlichen Anteil von CHF 400.00 des sichergestellten und beschlagnahmten Bargeldes verbleiben CHF 11'710.00 zur Bezahlung.
2.2 Die Berufung des Beschuldigten war in den Hauptpunkten weitgehend erfolglos. Zu berücksichtigen ist aber, dass nunmehr eine qualifizierte Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz wegfällt und stattdessen lediglich auf mehrfache Widerhandlungen gegen das Betäubungsmittelgesetz erkannt worden ist, das Strafmass reduziert und ein Freispruch in einem Nebenpunkt ergangen ist. Dafür erscheint eine Kostenausscheidung zu Lasten des Staates von 15 % angemessen. Die Staatsgebühr wird auf CHF 10'000.00 festgelegt. Die Kosten des Berufungsverfahrens mit einer Staatsgebühr von CHF 10'000.00, total CHF 10'200.00, werden demnach wie folgt auferlegt:
A._ 85 % entspr. CHF 8'670.00
Staat 15 % entspr. CHF 1'530.00
Demnach wird in Anwendung von Art. 19 Ziff. 1 Abs. 4 BetmG,
Art. 19 Abs. 1 lit. c, d und g und 19 Abs. 2 lit. a i.V.m. Abs. 1 lit. b und c BetmG,
Art. 19a Ziff. 1 BetmG,
Art. 5 Abs. 1 lit. d sowie 115 Abs. 1 lit. a und b AuG,
Art. 63 Abs. 1, 96 Abs. 2 und 97 Abs. 1 lit. a SVG,
aArt. 46 Abs. 1, Art. 47, 49 Abs. 1 und 2, 51, 69 sowie 106 StGB,
Art. 135, 379 ff., 398 ff., 416 ff. und 442 Abs. 4 StPO