Decision ID: aaf3cffd-4d6b-4cc6-8c38-889cd44fd56e
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin ersuchte das SEM am 30. April 2022 um Gewäh-
rung des vorübergehenden Schutzes.
B.
B.a Im Rahmen der Kurzbefragung vom 2. Juni 2022 (und zuvor auf einem
Formular vom 2. Mai 2022) führte die Beschwerdeführerin zur Begründung
ihres Gesuchs im Wesentlichen aus, sie habe sich seit 2016 zu Studien-
zwecken in der Ukraine aufgehalten. Sie habe nach Kriegsausbruch nicht
nach Marokko zurückkehren wollen, weil ihr Bruder – der in der Schweiz
lebe – der Opposition angehöre und eine Online-Informationsplattform
gegründet habe, auf der mehrfach die marokkanische Regierung kritisiert
worden sei. Unter einem Tweet ihres Bruders betreffend den Umgang
Marokkos mit marokkanischen Staatsangehörigen, die vom Ukrainekrieg
betroffen seien, sei es jüngst zu Drohungen gegen ihren Bruder und auch
gegen sie gekommen. Sie befürchte, dass ihr bei einer Rückkehr nach
Marokko eine Anzeige oder gar eine Gefängnisstrafe drohen könnte.
B.b Im Verlauf des Verfahrens reichte die Beschwerdeführerin unter ande-
rem ein Schreiben von Amnesty International vom 1. Juni 2022 betreffend
die Behelligungen ihres Bruders zu den Akten.
C.
Mit Verfügung vom 2. September 2022 – eröffnet am 7. September 2022 –
lehnte das SEM das Gesuch um Gewährung vorübergehenden Schutzes
ab, verfügte die Wegweisung aus der Schweiz und ordnete den Vollzug der
Wegweisung an.
D.
Mit Eingabe an das Bundesverwaltungsgericht vom 4. Oktober 2022 liess
die Beschwerdeführerin Beschwerde gegen die vorinstanzliche Verfügung
erheben. Darin beantragte sie, der Entscheid der Vorinstanz sei aufzuhe-
ben und ihr sei vorübergehender Schutz zu gewähren; eventualiter sei die
Angelegenheit zur Durchführung eines Asyl- und Wegweisungsverfahrens
an das SEM zurückzuweisen. Sodann sei die Nichtigkeit der Dispositivzif-
fern 2 und 3 der angefochtenen Verfügung (betreffend Wegweisung und
Wegweisungsvollzug) sowie die aufschiebende Wirkung der Beschwerde
bezüglich der Ausreiseverpflichtung festzustellen. Die Vorinstanz sei über-
dies anzuweisen, ihr die Verfahrensakten zuzustellen und es sei ihr eine
Frist zur Beschwerdeergänzung zu gewähren. In verfahrensrechtlicher
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Hinsicht ersuchte sie zudem sinngemäss um Gewährung der unentgeltli-
chen Prozessführung sowie um Beiordnung ihres Rechtsvertreters als un-
entgeltlicher Rechtsbeistand.
E.
Am 5. Oktober 2022 wurde der Beschwerdeführerin der Eingang ihres
Rechtsmittels bestätigt.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls – in der Regel und auch vorliegend – end-
gültig (Art. 72 i.V.m. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die Be-
schwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Sie
ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 72 i.V.m. Art. 108
Abs. 6 AsylG, Art. 48 Abs. 1 und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
1.4 Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich, soweit die Verweigerung vorübergehenden Schutzes betref-
fend, nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (i.V.m. Art. 72 AsylG), im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
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3.
Die Beschwerde erweist sich als offensichtlich begründet, weshalb sie im
Verfahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten
Richters beziehungsweise einer zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e AsylG
i.V.m. Art. 72 AsylG) und ohne Durchführung eines Schriftenwechsels zu
behandeln ist, wobei der Entscheid nur summarisch zu begründen ist
(Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG i.V.m. Art. 72 AsylG).
4.
Gestützt auf Art. 4 AsylG kann die Schweiz Schutzbedürftigen für die Dauer
einer schweren allgemeinen Gefährdung, insbesondere während eines
Kriegs oder Bürgerkriegs sowie in Situationen allgemeiner Gewalt,
vorübergehenden Schutz gewähren. Der Bundesrat entscheidet, ob und
nach welchen Kriterien Gruppen von Schutzbedürftigen vorübergehender
Schutz gewährt wird (Art. 66 Abs. 1 AsylG).
5.
5.1 In formeller Hinsicht wird eine mehrfache Verletzung des rechtlichen
Gehörs und insbesondere eine Verletzung des Rechts auf Akteneinsicht
gerügt.
5.2 Dazu wird zunächst geltend gemacht, das SEM habe das Gesuch der
Beschwerdeführerin um Akteneinsicht vom 21. September 2022 nicht be-
handelt (vgl. Beschwerde Ziffn. 1–3) und dadurch ihr Recht auf Aktenein-
sicht verletzt.
5.3 Sodann habe die Beschwerdeführerin während des erstinstanzlichen
Verfahrens erkennbar Asylgründe dargetan. Indem das SEM diese nicht
als solche gewürdigt und geprüft habe, sei ihr Anspruch auf rechtliches Ge-
hör verletzt worden (vgl. Beschwerde Ziffn. 6–11).
5.4 Eine weitere Gehörsverletzung erblickt die Beschwerdeführer schliess-
lich im Umstand, dass sie anlässlich der Kurzbefragung vom 2. Juni 2022
nicht durch den ihr zustehenden amtlichen Rechtsbeistand vertreten wor-
den sei (vgl. Beschwerde Ziff. 12).
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6.
6.1 Nach Durchsicht der Vorakten ist zu diesen formellen Rügen folgendes
festzuhalten:
6.2
6.2.1 Der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin ersuchte das SEM mit
Schreiben vom 21. September 2022 unter Einreichung seiner Vertretungs-
vollmacht um Akteneinsicht; er bat dabei unter Hinweis auf die laufende
Beschwerdefrist darum, dieses Gesuch "mit aller Priorität zu behandeln".
Dieses Schreiben ging der Vorinstanz gemäss Eingangsstempel am
23. September 2022 zu. Erst am 11. Oktober 2022 stellte das SEM – nicht
dem bevollmächtigten Rechtsvertreter, sondern der Beschwerdeführerin
direkt – eine Kopie des Aktenverzeichnisses sowie der Akten zu, soweit
deren Einsicht nicht abzulehnen sei, weil es sich um interne Akten handle
(Aktenstücke 2, 3 und 8). Auf die Zustellung unwesentlicher oder bekannter
Akten wurde gemäss dem Schreiben vorderhand ebenfalls verzichtet; das
Aktenverzeichnis qualifiziert die Aktenstücke 1, 4, 7, 9 und 11 als "der ge-
suchstellenden Person bekannte Akten").
6.2.2 Bei Durchsicht der Akten fällt auf, dass das Aktenstück A1/12 (das im
Aktenverzeichnis mit der nichtssagenden Bezeichnung "Dokumente" be-
zeichnet wird) auch Akten beinhaltet, die von ihrer Natur und ihrem Inhalt
her klar der Editionspflicht unterstehen und nicht als "bekannt" qualifiziert
werden können. Dies gilt jedenfalls für das handschriftlich ausgefüllte For-
mular vom 2. Mai 2022, auf dem die Beschwerdeführerin sich zu den Fra-
gen äussert, warum sie bei Ausbruch des Krieges in der Ukraine nicht in
ihr Heimatland gereist sei und wieso sie sich bis zum Kriegsende nicht in
ihrem Heimatland aufhalten könne. Das SEM ist daher anzuweisen, das
Aktenverzeichnis in diesem Sinn zu bereinigen, mit nachvollziehbaren Be-
zeichnungen der einzelnen Urkunden zu versehen und der Beschwerde-
führerin – über ihren Rechtsvertreter – ergänzende Akteneinsicht zu ge-
währen.
6.2.3 Auf eine Heilung der Verletzung des Akteneinsichtsrechts im Rahmen
des Beschwerdeverfahrens – indem dem Rechtsvertreter, der seine Be-
schwerde ohne Kenntnis der Vorakten verfassen musste, unter Fristset-
zung Gelegenheit zu bieten wäre, seine Beschwerdebegründung zu ergän-
zen – ist zu verzichten: Die angefochtene Verfügung ist auch wegen wei-
terer Mängel aufzuheben.
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6.3 Aus den Akten geht unzweifelhaft hervor, dass die Beschwerdeführerin
im Rahmen ihres Gesuchs um Gewährung vorübergehenden Schutzes
auch Asylgründe im Sinn von Art. 18 AsylG geltend gemacht hatte.
6.3.1 Bereits auf dem handschriftlich ausgefüllten Formular (vgl. obenste-
hende E. 6.2.2) gab die Beschwerdeführerin an: "I am risking my freedom
(might get in jail) if I go back to Morocco. [...] the harassments I got because
of my brother who defends journalists in prison and other political activists
against the regime in Morocco." Diese Befürchtungen hat sie anlässlich der
Kurzbefragung vom 2. Juni 2022 konkretisiert und bekräftigt.
6.3.2 Anlässlich dieses Termins reichte sie erstens ein Unterstützungs-
schreiben von Amnesty International, Regionalbüro Tunis, an Staats-
sekretärin Schraner Burgener vom 1. Juni 2022 zu den Akten. In diesem
Dokument wird die Situation ihres Bruders beschrieben. Es schliesst mit
den folgenden Worten: "If A._ returns to Morocco, she risks judicial
harassment and unfair trials as reprisals for her brother’s out-
spokenness against the Moroccan authorities' human rights violations.
A._ cannot return to her home country of Morocco in safety and
permanence" (vgl. Schreiben vom 1. Juni 2022, S. 2).
Zweitens reichte die Beschwerdeführerin die Kopie ihrer Anzeige an die
Staatsanwaltschaft B._ vom 16. April 2022 zu den Akten, in der sie
eine Bedrohung durch Unbekannte wegen ihres Bruders geltend machte.
Dieses Beweismittel wurde in der Kurzbefragung nicht thematisiert (es wird
bloss fälschlicherweise festgehalten, dass die Beschwerdeführerin
"Anzeigen von Bruder" abgebe; vgl. act. A6, F11). In der angefochtenen
Verfügung wurde es mit keinem Wort erwähnt.
6.3.3 Das SEM wäre angesichts der offenkundig geltend gemachten Asyl-
gründe gehalten gewesen, bei einer Ablehnung des Gesuchs um vorüber-
gehenden Schutz ein ordentliches Asylverfahren durch- respektive weiter-
zuführen (Art. 69 Abs. 4 AsylG).
6.4 Im Zusammenhang mit den formellen Rügen der Beschwerdeführerin
ist abschliessend darauf hinzuweisen, dass das Vorbringen, die Kurzbefra-
gung sei nicht im Beisein der damaligen amtlichen Rechtsvertretung der
Beschwerdeführerin durchgeführt worden, nicht zutrifft (vgl. Beschwerde
Ziff. 12). Dies ergibt sich auch aus der Unterschriftenseite des Befragungs-
protokolls sowie aus F23 desselben, in welcher eine Frage des damaligen
Rechtsbeistands festgehalten worden ist (vgl. act. A6/5; an dieser Stelle ist
daran zu erinnern, dass der Rechtsanwalt der Beschwerdeführerin sein
Rechtsmittel ohne Kenntnis der Vorakten verfassen musste).
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6.5 Hinsichtlich der Ablehnung des Gesuchs um vorübergehenden Schutz
lässt sich festhalten, dass sich auf der bestehenden Aktengrundlage nicht
ohne Weiteres beurteilen lässt, ob die Beschwerdeführerin tatsächlich
unter den Voraussetzungen von Ziff. 1 Bst. c der Allgemeinverfügung des
Bundesrates zur Gewährung des vorübergehenden Schutzes im Zusam-
menhang mit der Situation in der Ukraine vom 11. März 2022 "in Sicherheit
und dauerhaft" in ihr Heimatland zurückkehren kann. Die diesbezüglichen
Erwägungen der Vorinstanz stützen sich in erster Linie auf die protokollier-
ten Aussagen der Beschwerdeführerin anlässlich der Kurzbefragung vom
2. Juni 2022, wobei sich nur 6 der 23 Fragen mit der Situation der
Beschwerdeführerin bei einer allfälligen Rückkehr in ihren Heimatstaat
befassten. Die Erstellung des rechtserheblichen Sachverhalts kann inso-
weit nicht als vollständig bezeichnet werden. Bei dieser dürftigen Aktenlage
vermag auch die Feststellung, beim eingereichten Schreiben von Amnesty
International handle es sich um ein "reines Gefälligkeitsschreiben", das
Gericht nicht zu überzeugen.
6.6 Eine Heilung derartiger Verfahrensmängel im Rahmen des Beschwer-
deverfahrens steht nicht zur Debatte.
7.
Die Beschwerde ist nach dem Gesagten gutzuheissen, soweit die Aufhe-
bung der angefochtenen Verfügung beantragt worden ist. Die Akten sind
der Vorinstanz zur vollständigen und korrekten Feststellung des rechts-
erheblichen Sachverhalts und zur korrekten Weiterführung des Verfahrens
zu überweisen. Für den Fall, dass das SEM das Gesuch um Gewährung
vorübergehenden Schutzes nach der ergänzenden Befragung der Be-
schwerdeführerin erneut abweisen sollte, dürfte es sachgerecht sein, diese
Instruktionsmassnahme vorsorglich analog der Form einer Anhörung zu
den Asylgründen gemäss Art. 29 AsylG durchzuführen (vgl. Art. 76 Abs. 3
AsylG).
8.
Vor diesem Hintergrund erübrigen sich Ausführungen zu den übrigen Be-
schwerdevorbringen insbesondere zur Zuständigkeit der Vorinstanz (vgl.
Beschwerde Ziffn. 14–20 und 28–31).
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9.
Bei diesem Verfahrensausgang sind keine Kosten zu erheben (Art. 63
Abs. 1 und 2 VwVG). Die Anträge auf Gewährung der unentgeltlichen Pro-
zessführung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG und amtliche Rechtsverbeistän-
dung werden damit gegenstandslos. Das Gleiche gilt für das Gesuch um
Feststellung der aufschiebenden Wirkung der Beschwerde und Anweisung
an die zuständige kantonale Behörde, Vollzugbemühungen für das vorlie-
gende Beschwerdeverfahren weiterhin einzustellen.
10.
Der vertretenen Beschwerdeführerin ist angesichts ihres Obsiegens in
Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihr
notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen. Es wurde
keine Kostennote eingereicht, weshalb die Entschädigung aufgrund der
Akten festzulegen ist (Art. 14 Abs. 2 VGKE). Gestützt auf die in Betracht zu
ziehenden Bemessungsfaktoren (Art. 8–13 VGKE) ist die durch die Vor-
instanz zu vergütende Parteientschädigung auf insgesamt Fr. 1200.– (inkl.
Mehrwertsteuerzuschlag und Auslagen) festzulegen.
(Dispositiv nächste Seite)
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