Decision ID: 9dca9fcf-c105-590f-a1b6-216d2ec5cb5b
Year: 2018
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführer 1 und 2, ein aus Mohammadpur/Dhaka stammen-
des Ehepaar mit ihrem Sohn (geb. 2004), verliessen nach eigenen Anga-
ben ihren Heimatstaat Bangladesch am 1. Oktober 2007 und reisten über
Italien per Luftweg mit gefälschten Reisedokumenten am 2. Oktober 2007
in die Schweiz ein, wo sie gleichentags um Asyl ersuchten. Im Rahmen des
Asylverfahrens machten sie u.a. geltend, als Bihari-Flüchtlinge seien sie
ohne Nationalität und hätten bis zu ihrer Einreise in die Schweiz im Flücht-
lingslager "Geneva Camp" in Dhaka gelebt. Mit anderen Bihari hätten sie
sich zu einem Verein zusammengeschlossen und gemeinsam mehrere
Male erfolglos versucht, die Staatsangehörigkeit von Bangladesch zu er-
werben.
Mit Verfügung vom 14. Dezember 2007 lehnte das damalige Bundesamt
für Migration (BFM; seit 1. Januar 2015 Staatssekretariat für Migration
[SEM]) die Asylgesuche ab, verfügte die Wegweisung der Beschwerdefüh-
rer aus der Schweiz und ordnete gleichzeitig den Wegweisungsvollzug an.
Die dagegen eingereichte Beschwerde wies das Bundesverwaltungsge-
richt mit Urteil E-411/2008 vom 11. Juni 2010 ab. Die Beschwerdeführer
seien in Bangladesch keinen ernsthaften, asylbeachtlichen Nachteilen im
Sinne von Art. 3 AsylG (SR 142.31) ausgesetzt. Im Weitern müsse davon
ausgegangen werden, dass sie im Heimatland Bangladesch auch nicht als
"staatenlos" betrachtet würden, sondern – auch in ihrer Eigenschaft als
Bihari – auf entsprechenden Antrag hin die bangladeschische Staatsange-
hörigkeit erlangen könnten.
In der Folge wurde den Beschwerdeführern von der Vorinstanz eine neue
Frist bis zum 15. Juli 2010 zum Verlassen der Schweiz eingeräumt. Gleich-
zeitig wurden sie darauf hingewiesen, dass sie verpflichtet seien, bei der
Beschaffung gültiger Reisepapiere mitzuwirken (Art. 8 Abs. 4 AsylG).
B.
B.a Mit als "Wiedererwägungsgesuch" bezeichneter Eingabe vom 4. Juni
2013 liessen die Beschwerdeführer beim BFM ein Gesuch um Anerken-
nung der Staatenlosigkeit für die mittlerweile fünfköpfige Familie, eventua-
liter um vorläufige Aufnahme in der Schweiz einreichen und zur Begrün-
dung des Gesuchs im Wesentlichen geltend machen, als Biharis seien sie
zwar in Bangladesch geduldet, könnten jedoch nicht den Status als Staats-
angehörige erhalten. Entsprechend habe ihnen das bangladeschische
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Konsulat in Genf – trotz wiederholter persönlicher Vorsprachen – die Aus-
stellung von Reisepässen verweigert. Die Rechtsprechung des sogenann-
ten "Supreme Courts" von Bangladesch, wonach Biharis Staatsbürger von
Bangladesch seien, finde auf sie keine Anwendung, weil sie dieses Land
vor diesem Entscheid verlassen hätten.
B.b Mit Schreiben vom 28. Januar 2014 wies das BFM die Beschwerde-
führer darauf hin, dass es insbesondere auch aufgrund des Grundsatzur-
teils des Bundesverwaltungsgerichts E-4497/2006 vom 16. Februar 2010
zur aktuellen Situation der Bevölkerungsgruppe der Biharis in Bangladesch
davon ausgehe, dass sie die Möglichkeit hätten, die Staatsangehörigkeit
Bangladeschs zu erlangen. Gleichzeitig wurden sie über ihren Rechtsver-
treter aufgefordert, innert Frist entsprechende Nachweise einzureichen,
dass sie die bangladeschische Staatsangehörigkeit auch in Zukunft nicht
erlangen könnten.
B.c Mit Eingabe vom 17. März 2014 machte der Rechtsvertreter geltend,
gemäss den Abklärungen eines beauftragten heimatlichen Anwalts würden
nur solche Biharis unter das Urteil des "High Courts" von Bangladesch fal-
len, welche nach der Unabhängigkeit Bangladeschs im Jahre 1971 auf
dem Territorium von Bangladesch geboren worden seien und dort im Jahre
2008 auch noch gewohnt hätten. Aus diesem Grunde könne der im Jahre
1957 geborene Beschwerdeführer nicht die Staatsangehörigkeit von Bang-
ladesch erlangen. Das gelte auch für die übrigen Familienangehörigen,
weil sie im Jahre 2008 nicht (mehr) in Bangladesch gewohnt hätten.
B.d Mit Schreiben vom 24. März 2014 wandte sich die Vorinstanz im Rah-
men einer Botschaftsanfrage an die Schweizerische Botschaft in Bangla-
desch und ersuchte diese darum, mit einem Vertrauensanwalt die aufge-
worfenen Rechtsfragen zur Auslegung des Urteils des High Courts von
Bangladesch aus dem Jahre 2008 abzuklären.
B.e Mit Schreiben vom 16. Dezember 2014 erhielt die Vorinstanz die ent-
sprechende Antwort des Vertrauensanwalts der Schweizerischen Bot-
schaft in Dhaka. Demnach solle es sich beim angeblich abschlägig beur-
teilten Gesuch um Einbürgerung um ein ungültiges Dokument handeln. Zu-
dem erweise sich die Argumentation der Beschwerdeführer, weshalb sie
die Staatsangehörigkeit Bangladeschs nicht erlangen können, bei einer nä-
heren rechtlichen Analyse des Urteils als nicht zutreffend.
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B.f Am 22. Januar 2015 brachte die Vorinstanz dem Rechtsvertreter die
Botschaftsanfragen bzw. die entsprechenden Botschaftsberichte des Ver-
trauensanwalts der Schweizer Vertretung zur Kenntnis und gab ihm im
Rahmen des rechtlichen Gehörs Gelegenheit zur Stellungnahme, wovon
der Parteivertreter mit Eingabe vom 11. Februar 2015 Gebrauch machte.
C.
Mit Verfügung vom 12. März 2015 verweigerte das SEM eine Anerkennung
der Staatenlosigkeit der Beschwerdeführer. Gleichzeitig lehnte es das Ak-
teneinsichtsgesuch in Bezug auf die Identität des auskunftserteilenden
Vertrauensanwalts gestützt auf Art. 27 Abs. 1 Bst. b VwVG ab. Zur Begrün-
dung seiner Verfügung verwies die Vorinstanz erneut auf das Grundsatz-
urteil des Bundesverwaltungsgerichts (Urteil E-4497/2006 vom 16. Februar
2010), wonach der Supreme Court von Bangladesch am 18. Mai 2008 be-
stätigt hätte, dass alle Angehörigen der sog. "Urdu sprechenden Gemein-
schaft" Staatsbürger von Bangladesch seien. Diese würden daher nicht
(mehr) als staatenlos gelten. Die Analyse des fraglichen Urteils des Sup-
reme Courts durch den Vertrauensanwalt der Schweizer Botschaft in
Dhaka habe zu keinem anderen Ergebnis geführt. Das Urteil erhalte insbe-
sondere keinerlei Hinweise darauf, dass nur solche Biharis, welche nach
1971 geboren seien, in dessen Anwendungsbereich fallen würden. Zudem
sei nach Auskunft des Vertrauensanwalts auch nicht erforderlich, dass die
entsprechenden Personen zum Zeitpunkt des Urteils in Bangladesch ge-
wohnt haben müssten. Daher könnten auch die Ehefrau und die Kinder die
Staatsangehörigkeit Bangladeschs feststellen lassen, wenn sie den Nach-
weis erbringen könnten, dass sie Angehörige der Urdu sprechenden Ge-
meinschaft seien. Aus den Akten gehe nicht hervor, dass die Beschwerde-
führer bisher konkrete Schritte zur Feststellung ihrer Staatsangehörigkeit
unternommen hätten. Insbesondere hätten sie sich nicht intensiv und ge-
gebenenfalls mit Hilfe von auf die Situation der Biharis spezialisierten
Nichtregierungsorganisationen wie beispielsweise "NAMATI" um die Fest-
stellung der bangladeschischen Staatsangehörigkeit bemüht. Damit hätten
sie nicht das ihnen Zumutbare unternommen, um die bangladeschische
Staatsangehörigkeit feststellen zu lassen.
D.
Mit Beschwerde vom 16. April 2015 an das Bundesverwaltungsgericht be-
antragen die Beschwerdeführer, die angefochtene Verfügung sei aufzuhe-
ben, sie seien als Staatenlose anzuerkennen, und es sei ihnen in der
Schweiz eine Aufenthaltsbewilligung zu erteilen. In verfahrensrechtlicher
Hinsicht ersuchen sie einerseits, es sei der Vollzug der (im vorgängigen
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Asylverfahren angeordneten) Wegweisung vorsorglich auszusetzen und
ihnen zu gestatten, das Beschwerdeverfahren in der Schweiz abzuwarten;
andererseits ersuchen sie um Gewährung der unentgeltlichen Rechts-
pflege samt Rechtsverbeiständung sowie um vollumfängliche Aktenein-
sicht. Zur Begründung bringen sie im Wesentlichen vor, sie hätten in der
Vergangenheit vergeblich versucht, heimatliche Reisepapiere zu erhalten.
Dies sei ihnen nicht gelungen, da ihre bangladeschische Staatsangehö-
rigkeit nicht habe nachgewiesen werden können.
E.
Mit Zwischenverfügung vom 26. Januar 2016 wies das Bundesverwal-
tungsgericht das Gesuch um Erlass vorsorglicher Massnahmen ab, ver-
zichtete jedoch einstweilen auf die Erhebung eines Kostenvorschusses.
F.
Die Vorinstanz beantragt mit Vernehmlassung vom 29. Februar 2016 die
Abweisung der Beschwerde und bringt im Wesentlichen vor, die Beschwer-
deführer hätten seit Erlass der angefochtenen Verfügung knapp ein weite-
res Jahr verstreichen lassen, in dem sie die Kontaktaufnahme beispiels-
weise mit "NAMATI" offenbar bewusst nicht in Angriff genommen hätten.
Aus der angefochtenen Verfügung gehe klar hervor, dass die Ablehnung
eines Antrags auf Erlangung bzw. Feststellung der Staatsangehörigkeit
nach Auskunft des Vertrauensanwalts nur durch eine ganz bestimmte Ab-
teilung des Innenministeriums von Bangladesch erfolgen könne. Hingegen
könne es nicht Aufgabe des SEM sein, den Beschwerdeführern detailliert
das Verwaltungsverfahren ihres Herkunftslandes aufzuzeigen, in welchem
sie selbst mehrere Jahrzehnte gelebt hätten und dessen Sprache sie spre-
chen würden. Die Tatsache, dass sie die bei der Vorinstanz seit November
2007 hinterlegten "Refugee Identity Cards" für Biharis nie herausverlangt
hätten, um sich mit diesem angeblich einzig vorliegenden Identitätsnach-
weis einem Verfahren um Feststellung der bangladeschischen Staatsbür-
gerschaft zu stellen, lasse erhebliche Zweifel an der Ernsthaftigkeit der Be-
mühungen aufkommen, ein entsprechendes Verfahren anzustrengen.
G.
Mit Verfügung vom 22. März 2016 gab das SEM dem Wiedererwägungs-
gesuch der Beschwerdeführer – soweit den Wegweisungsvollzug im abge-
lehnten Asylentscheid vom 14. Dezember 2007 betreffend – statt und ord-
nete die vorläufige Aufnahme der Beschwerdeführer in der Schweiz wegen
Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs an.
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H.
In seiner Replik vom 24. Juni 2016 hält der Rechtsvertreter an seinen An-
trägen und deren Begründung fest und bringt im Weitern vor, seine Man-
danten hätten in den letzten Wochen mit Hilfe eines in Bangladesch wohn-
haften Bekannten und zu einem späteren Zeitpunkt telefonisch versucht,
mit der Nichtregierungsorganisation "NAMATI" in Kontakt zu treten, seien
aber gescheitert. Auch ihm selber sei es per E-Mail-Verkehr nicht gelungen,
eine entsprechende Antwort dieser Organisation zu erhalten.
I.
In ihrer ergänzenden Vernehmlassung vom 24. August 2017 beantragt die
Vorinstanz nach wie vor die Abweisung der Beschwerde und führt im We-
sentlichen aus, es sei hinlänglich belegt, dass Mitglieder der Urdu spre-
chenden Gemeinschaft Bangladeschs de iure als Staatsbürger von Bang-
ladesch zu betrachten seien. Im Weiteren gelte es festzuhalten, dass es
sich beim Verweis auf die NGO "NAMATI" lediglich um einen Hinweis
handle, weil es nicht Aufgabe des SEM sei, im Rahmen eines Verfahrens
zur Feststellung der Staatenlosigkeit den gesuchstellenden Personen de-
taillierte Abläufe des Verwaltungsverfahrens ihres Herkunftslandes aufzu-
zeigen oder eine detaillierte Regieanweisung – im Sinne einer Checkliste
– zu geben, welche exakten Schritte sie unternehmen könnten oder müss-
ten. Nach Wissensstand des SEM sei als Voraussetzung für den Erhalt
eines bangladeschischen Reisepasses oder eines Ersatzreisedokuments
ein durch das Aussenministerium in Dhaka beglaubigtes "Nationality Certi-
ficate" notwendig. Dieses Dokument könne durch die betroffene Person
selber bzw. mittels seiner Angehörigen in Bangladesch beschafft werden.
Zu diesem Verfahren gehöre insbesondere auch der Nachweis vor den zu-
ständigen Behörden, Angehöriger der Urdu sprechenden Gemeinschaft zu
sein.
J.
In ihrer Stellungnahme vom 17. Oktober 2017 bringen die Beschwerdefüh-
rer vor, in der Vergangenheit hätten sie mehrmals, allerdings vergeblich,
versucht, über das Konsulat Bangladeschs in Genf heimatliche Reise-
pässe zu erhalten. Auch im Jahre 2014 hätten sie sich unter Einsatz erheb-
licher finanzieller Mittel und mit der Hilfe von in Bangladesch lebenden
Drittpersonen darum bemüht, "alle möglichen Papiere" erhältlich zu ma-
chen. Diese seien jedoch in der Folge als ungültig deklariert worden.
Schliesslich verfügten sie als Sozialhilfeempfänger nicht über die finanziel-
len Mittel, um weitere Schritte zwecks Erhalts heimatlicher Papiere zu un-
ternehmen.
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Seite 7
K.
Auf den weiteren Akteninhalt wird, soweit rechtserheblich, in den Erwägun-
gen eingegangen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht unter
Vorbehalt der in Art. 32 VGG genannten Ausnahmen Beschwerden gegen
Verfügungen nach Art. 5 VwVG, welche von einer in Art. 33 VGG aufge-
führten Behörde erlassen wurden. Darunter fallen auch Verfügungen der
Vorinstanz betreffend Anerkennung der Staatenlosigkeit.
1.2 Das Rechtsmittelverfahren richtet sich nach dem Verwaltungsverfah-
rensgesetz, soweit das Verwaltungsgerichtsgesetz nichts anderes be-
stimmt (Art. 37 VGG).
1.3 Die Beschwerdeführer sind als Verfügungsadressaten gemäss Art. 48
Abs. 1 VwVG zur Beschwerde legitimiert. Auf die frist- und formgerecht
eingereichte Beschwerde ist daher einzutreten (Art. 50 und 52 VwVG), so-
weit nicht die Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung beantragt wird, kann
doch Verfahrensgegenstand nur sein, was durch den Anfechtungsgegen-
stand gedeckt ist (vgl. BGE 131 II 200 E. 3.2 m.H.; Urteil des BVGer
F-6147/2015 vom 5. Januar 2017 E. 1.2).
2.
Mit Beschwerde ans Bundesverwaltungsgericht kann die Verletzung von
Bundesrecht einschliesslich die Überschreitung oder der Missbrauch des
Ermessens, die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtser-
heblichen Sachverhalts und – sofern nicht eine kantonale Behörde als Be-
schwerdeinstanz verfügt hat – die Unangemessenheit gerügt werden
(Art. 49 VwVG). Das Bundesverwaltungsgericht wendet im Beschwerde-
verfahren das Bundesrecht von Amtes wegen an. Unter Bundesrecht ist
auch das direkt anwendbare Völkerrecht zu verstehen (ZIBUNG/HOFSTET-
TER, in: Waldmann/Weissenberger [Hrsg.], Praxiskommentar VwVG,
2. Aufl. 2016, Art. 49 N 7 f.), zu dem das hier in Frage stehende Überein-
kommen vom 28. September 1954 über die Rechtsstellung der Staatenlo-
sen (SR 0.142.40; nachfolgend StÜ) zu zählen ist. Das Bundesverwal-
tungsgericht ist gemäss Art. 62 Abs. 4 VwVG an die Begründung der Be-
gehren nicht gebunden und kann die Beschwerde auch aus anderen als
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den geltend gemachten Gründen gutheissen oder abweisen. Massgebend
ist grundsätzlich die Sachlage zum Zeitpunkt seines Entscheides (vgl.
BVGE 2014/1 E. 2 m.H.).
3.
3.1 Art. 1 Abs. 1 StÜ hält fest, dass im Sinne des Übereinkommens eine
Person dann staatenlos ist, wenn kein Staat sie auf Grund seiner Gesetz-
gebung (im englischen bzw. französischen Originaltext: "under the opera-
tion of its law", "par application de sa législation") als seinen Angehörigen
betrachtet. Staatenlosigkeit bedeutet nach dieser Begriffsumschreibung
das Fehlen der rechtlichen Zugehörigkeit zu einem Staat (sog. "de iure"-
Staatenlose). Das Abkommen bezieht sich dagegen nicht auf Personen,
die zwar formell noch eine Staatsangehörigkeit besitzen, deren Heimat-
staat ihnen aber keinen Schutz mehr gewährt (sog. "de facto"-Staatenlose;
vgl. YVONNE BURCKHARDT-ERNE, Die Rechtsstellung der Staatenlosen im
Völkerrecht und Schweizerischen Landesrecht, 1977, S. 1 ff. m.H.; BGE
115 V 4 E. 2b; Urteil des BGer 2C_661/2015 vom 12. November 2015
E. 3.1 m.H.; BVGE 2014/5 E. 4.1 m.H.).
3.2 Gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung kann eine Person nur
dann als staatenlos angesehen werden, wenn sie sich das Fehlen der
Staatsangehörigkeit nicht zurechnen lassen muss. Dies ist der Fall, wenn
sie noch nie über eine Staatsangehörigkeit verfügt bzw. eine frühere ohne
ihr Zutun verloren hat oder wenn es ihr nicht möglich ist, eine Staatsange-
hörigkeit zu erwerben bzw. wiederzuerwerben. Wird eine Staatsangehörig-
keit freiwillig abgelegt oder unterlässt es die betreffende Person ohne trifti-
gen Grund, sie zu erwerben oder wieder zu erwerben, verdient dieses Ver-
halten keinen Schutz (vgl. statt vieler: Urteile des BGer 2C_36/2012 vom
10. Mai 2012 E. 3.1, 2C_621/2011 vom 6. Dezember 2011 E. 4.2,
2A.78/2000 vom 23. Mai 2000 E. 2b und 2c sowie 2A.65/1996 vom 3. Ok-
tober 1996 E. 3c, auszugsweise publiziert in: VPB 61.74, je m.H.). Damit
wird verhindert, dass der Status der Staatenlosigkeit den ihm im Überein-
kommen zugedachten Auffang- und Schutzcharakter verliert und zu einer
Sache der persönlichen Präferenz wird. Es kann nicht Sinn und Zweck des
Staatenlosen-Übereinkommens sein, die Staatenlosen gegenüber den
Flüchtlingen, deren Status sich nicht nach dem Willen der Betroffenen rich-
tet, besser zu stellen, zumal die Völkergemeinschaft seit langem versucht,
die Zahl der Staatenlosen zu reduzieren. Das Staatenlosen-Übereinkom-
men ist nicht geschaffen worden, damit Einzelne nach Belieben eine privi-
legierte Rechtsstellung erwirken können. Es soll ausschliesslich Menschen
helfen, die ohne ihr Zutun in eine Notlage geraten (vgl. Urteile des BGer
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2C_36/2012 E. 3.2 m.H., 2C_763/2008 vom 26. März 2009 E. 3.2 m.H.;
vgl. zum Ganzen BVGE 2014/5).
4.
4.1 In seinem Grundsatzurteil vom 16. Februar 2010 (BVGE 2010/8 E. 6.1
S. 109 ff.) hat sich das Bundesverwaltungsgericht (im Rahmen eines Asyl-
verfahrens) umfassend mit der Situation der Urdu sprechenden Gemein-
schaft (Bihari) in Bangladesch auseinander gesetzt und dabei insbeson-
dere auf das Urteil des Supreme Court von Bangladesch vom 18. Mai 2008
hingewiesen, wonach alle Angehörigen der Urdu sprechenden Gemein-
schaft Staatsbürger von Bangladesch seien. Nach den Erkenntnissen des
Bundesverwaltungsgerichts findet dieses Urteil auf alle Angehörigen dieser
Gemeinschaft, die aufgrund der aktuellen landesrechtlichen Gesetzgebung
in Bangladesch die Ausstellung eines nationalen Identitätsausweises be-
anspruchen können, Anwendung. Dadurch könnten die Angehörigen der
Urdu sprechenden Gemeinschaft – wie das Bundesverwaltungsgericht ab-
schliessend festhielt – nicht (mehr) als staatenlose Personen betrachtet
werden, sondern würden als Staatsbürger von Bangladesch gelten. Ent-
sprechend verwies das Bundesverwaltungsgericht in seinem Urteil
E-411/2008 vom 11. Juni 2010 betreffend Asyl und Wegweisung auf sein
Grundsatzurteil und führte in E. 5.3 in diesem Zusammenhang aus, auf-
grund der höchstrichterlichen Rechtsprechung von Bangladesch sei seit
dem Jahre 2008 davon auszugehen, dass die Beschwerdeführer als bang-
ladeschische Staatsbürger betrachtet würden bzw. faktisch die Möglichkeit
hätten, diese Staatsbürgerschaft zu erlangen, und dass ihnen in der Folge
auch entsprechende Identitätspapiere ausgestellt würden. Auch das UNO-
Hochkommissariat für Flüchtlinge (UNHCR) gehe ausdrücklich davon aus,
dass Bihari heute nicht (mehr) als staatenlose Personen betrachtet wür-
den, sondern Staatsbürger von Bangladesch seien. Abschliessend hielt
das Bundesverwaltungsgericht in seinem Asylentscheid fest, die Vorbrin-
gen der Beschwerdeführer im Zusammenhang mit ihrer angeblichen Staa-
tenlosigkeit und damit einhergehenden Rechtlosigkeit erwiesen sich unter
diesem Blickwinkel als unbehelflich und nicht (mehr) den aktuellen wahren
Begebenheiten entsprechend.
4.2 An dieser Rechtsprechung ist festzuhalten. Nicht zutreffend ist der Hin-
weis der Beschwerdeführer, die Rechtsprechung des bangladesischen
Supreme Courts finde auf sie keine Anwendung, weil sie dieses Land vor
diesem Entscheid verlassen hätten. Im Rahmen einer von der Vorinstanz
veranlassten Botschaftsabklärung ergab die Analyse des fraglichen Urteils
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Seite 10
des Supreme Courts durch einen Vertrauensanwalt der Schweizer Vertre-
tung in Dhaka, dass es keinerlei Hinweise enthalte, dass nur solche Biha-
ris, welche nach 1971 geboren seien, in dessen Anwendungsbereich fallen
würden. Die entsprechenden Personen müssten auch nicht zum Zeitpunkt
des Urteils in Bangladesch gewohnt haben. Diese Urteilsanalyse haben die
Beschwerdeführer nicht begründet in Frage stellen können. Das SEM hat
zu Recht angenommen, dass auch die Ehefrau und die Kinder die Staats-
angehörigkeit Bangladeschs feststellen lassen könnten, sofern sie den
Nachweis erbringen, dass sie Angehörige der Urdu sprechenden Gemein-
schaft seien (vgl. auch etwa die Urteile des BVGer E-4403/2010 vom
11. Juli 2013 E. 6.9.2, E-1008/2013 vom 5. März 2013 E. 4.2 sowie
D-6597/2012 vom 16. Januar 2013).
4.3 Mit der Vorinstanz ist demnach festzuhalten, dass Mitglieder dieser Ge-
meinschaft Bangladeschs de iure als Staatsbürger von Bangladesch zu
betrachten sind.
5.
5.1 Die Vorinstanz wirft den Beschwerdeführern vor, bisher keine konkre-
ten bzw. zielführenden Schritte zur Feststellung ihrer Staatsangehörigkeit
unternommen zu haben. Sie hätten sich nicht intensiv und gegebenenfalls
mit Hilfe von auf die Situation der Biharis spezialisierten Nichtregierungs-
organisationen wie beispielsweise "NAMATI" um die Feststellung der bang-
ladeschischen Staatsangehörigkeit bemüht. Insbesondere hätten sie die
bei der Vorinstanz seit November 2007 hinterlegten "Refugee Identity
Cards" für Biharis nie herausverlangt, um sich mit diesem angeblich einzig
vorliegenden Identitätsnachweis einem Verfahren um Feststellung der
bangladeschischen Staatsbürgerschaft zu stellen. Damit hätten sie nicht
das ihnen Zumutbare unternommen, um die bangladeschische Staatsan-
gehörigkeit feststellen zu lassen.
Wie unter Bst. G des Sachverhalts erwähnt, wurden die Beschwerdeführer
am 22. März 2016 von der Vorinstanz wegen Unzumutbarkeit des Wegwei-
sungsvollzugs in der Schweiz vorläufig aufgenommen, weshalb von ihnen
verlangt werden kann, mit den bangladeschischen Behörden Kontakt auf-
zunehmen, zumal sie weder schutzbedürftig noch asylsuchend sind (vgl.
Art. 10 Abs. 3 der Verordnung über die Ausstellung von Reisedokumenten
für ausländische Personen vom 14. November 2012 [RDV, SR 143.5] so-
wie Urteil des BVGer F-8387/2015 vom 12. Juni 2017 E. 4.1 m.H.).
F-2365/2015
Seite 11
5.2 Die Beschwerdeführer bringen zwar vor, sämtliche Versuche, über ei-
nen Bekannten vor Ort in Dhaka, telefonisch und über das Webformular
der Homepage von "NAMATI" Ausweispapiere zu beschaffen, seien ge-
scheitert, können aber keine Belege – beispielsweise ein Screenshot der
Maske auf der Homepage von "NAMATI" – für ihre Bemühungen vorwei-
sen.
5.3 Schliesslich gilt es mit der Vorinstanz festzuhalten, dass es – entgegen
der Auffassung des Rechtsvertreters – jedenfalls nicht Aufgabe der Vor-
instanz sein kann, gesuchstellenden Personen im Rahmen eines Verfah-
rens zur Feststellung der Staatenlosigkeit detaillierte Abläufe des Verwal-
tungsverfahrens ihres Herkunftslandes aufzuzeigen bzw. ihnen eine geeig-
nete Kontaktperson zu vermitteln. Für die Feststellung des rechtserhebli-
chen Sachverhalts gilt im Verwaltungsverfahren zwar grundsätzlich die Un-
tersuchungsmaxime. Diese wird jedoch relativiert durch die Mitwirkungs-
pflicht der Parteien (vgl. Art. 13 VwVG), welche namentlich insoweit greift,
als die Beschwerdeführer das vorliegende Verfahren durch eigenes Be-
gehren eingeleitet haben und darin eigene Rechte geltend machen. Die
Mitwirkungspflicht gilt vorab gerade für solche Tatsachen, welche eine Par-
tei besser kennt als die Behörden (insbesondere im Zusammenhang mit
Abstammung und Herkunft) und welche diese ohne ihre Mitwirkung gar
nicht oder nicht mit vernünftigem Aufwand erheben können (vgl. dazu BGE
130 II 449 E. 6.6.1 S. 464 und 128 II 139 E. 2b S. 142 f.). Ohnehin verun-
möglichten die sehr vagen Angaben der Beschwerdeführer zu ihrem Le-
benslauf den schweizerischen Behörden eine diesbezügliche Klärung. Der
Nachweis ihrer Identität bzw. Nationalität kann unter diesen Umständen le-
diglich von den Beschwerdeführern selber erbracht werden. Es liegt somit
an diesen, die nötigen Schritte – gegebenenfalls durch Beauftragung eines
bangladeschischen Rechtsanwalts – zur Erlangung der erforderlichen
Identitätspapiere zu unternehmen, um so die Voraussetzungen für die Aus-
stellung entsprechender heimatlicher Reisepässe zu erfüllen. Die Be-
schwerdeführer wurden im Rahmen dieses Verfahrens von der Vorinstanz
umfassend darüber informiert, welche konkreten und zielführenden
Schritte sie zur Klärung ihrer (wahren) Identität zu unternehmen hätten (vgl.
die diesbezüglichen Ausführungen in der vorinstanzlichen Verfügung, in
der Vernehmlassung vom 29. Februar 2016 sowie in der ergänzenden Ver-
nehmlassung vom 24. August 2017). Entgegen ihrer Ansicht kann jeden-
falls im heutigen Zeitpunkt (noch) nicht davon ausgegangen werden, die
Beschwerdeführer hätten alles unternommen, um in den Besitz entspre-
chender heimatlicher Reisedokumente zu gelangen. Dabei obliegt es
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Seite 12
ihnen, die von den heimatlichen Vertretungen verlangten notwendigen An-
forderungen zur Ausstellung eines Passes zu erfüllen. Abgesehen davon
führt das Fehlen von heimatlichen Papieren nicht zwangsläufig zum Verlust
der ursprünglichen Staatsangehörigkeit respektive zur Staatenlosigkeit
(vgl. Urteil des BVGer E-4985/2013 vom 27. April 2015 E. 6.4 m.w.H.).
5.4 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Beschwerdeführer die
Voraussetzungen zur Anerkennung der Staatenlosigkeit nicht erfüllen.
6.
Aus diesen Darlegungen folgt, dass sich die angefochtene Verfügung im
Lichte von Art. 49 VwVG als rechtmässig erweist. Die Beschwerde ist dem-
zufolge abzuweisen.
7.
Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung im Sinne
von Art. 65 Abs. 1 und 2 VwVG, dessen Beurteilung mit Instruktionsverfü-
gung vom 26. Januar 2016 auf einen späteren Zeitpunkt verwiesen wurde,
ist abzuweisen, da der Beschwerde bereits im Zeitpunkt ihrer Einreichung
keine Aussicht auf Erfolg zugesprochen werden konnte (vgl. Art. 65 Abs. 1
VwVG). Dementsprechend sind die Verfahrenskosten, welche auf
Fr. 1'200.- festzusetzen sind, den Beschwerdeführern aufzuerlegen
(Art. 63 Abs. 1 VwVG i.V.m. Art. 1 ff. des Reglements vom 21. Februar 2008
über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
[VGKE, SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
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