Decision ID: f1c70580-ac11-4f59-99ff-4f8f02c73e60
Year: 2021
Language: de
Court: GR_VG
Chamber: GR_VG_002
Canton: GR
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: social_law

I. Sachverhalt:
1. A._ war zuletzt als Bauarbeiter tätig. Am 12. Dezember 2019 meldete
er einen Anspruch auf Arbeitslosenversicherungstaggeld im Umfang von
100 % ab selbigem Datum an.
2. Im Rahmen der Stellenmeldepflicht meldete die B._ AG eine Stelle
mit der Bezeichnung "Allrounder/Abwasch". Die Unternehmung nahm am
31. Dezember 2019 Kontakt mit A._ auf und offerierte ihm diese
Stelle. Gleichentags teilte A._ mit, dass er die Stelle nicht annehme,
da er bereits anderweitig beschäftigt sei.
3. Am 14. Januar 2020 wurde A._ vom Amt für Industrie, Gewerbe und
Arbeit Graubünden (KIGA) aufgefordert, zu diesem Sachverhalt Stellung
zu nehmen. Am 15. Januar 2020 teilte er mit, dass er die Stelle nicht
angenommen habe, da er zu diesem Zeitpunkt bereits Arbeit bei der
C._ in D._ gefunden hatte.
4. Mit Verfügung vom 17. Februar 2020 wurde A._ für 15 Tage in der
Anspruchsberechtigung eingestellt. Das KIGA führte dazu begründend
aus, dass A._ eine nicht amtlich zugewiesene Stelle abgelehnt habe.
Strafmildernd sei berücksichtigt worden, dass die Stelle befristet gewesen
sei und er in einem anderen Betrieb eine Stelle gefunden habe.
5. Gegen diese Verfügung erhob A._ am 4. März 2020 Einsprache. Er
machte darin geltend, dass die B._ AG ihn am 31. Dezember 2019
kontaktiert und von ihm erwartet habe, dass er die Stelle bereits am
Folgetag antrete. Dies entspreche nicht den Gepflogenheiten. Vielmehr
hätte man ihn vorgängig zu einem Vorstellungsgespräch einladen
müssen. Zudem habe er am 1. Januar 2020 eine Stelle in der C._
angetreten.
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6. Mit Einspracheentscheid vom 13. März 2020 wurde die Einsprache
abgewiesen. Die Verfügung sei rechtens, da A._ verpflichtet gewesen
sei, die Stelle bei der B._ AG anzunehmen. Dem Vorbringen, dass er
angeblich per 1. Januar 2020 eine Stelle bei der C._ angetreten habe,
sei entgegenzuhalten, dass der Arbeitsvertrag mit der C._ in D._
erst am 7. Januar 2020 abgeschlossen worden sei und er gemäss
Arbeitsvertrag seine Stelle erst am 6. Januar 2020 angetreten habe.
Zudem habe er im dokumentierten Zeitraum maximal vier Stunden täglich
gearbeitet. Demzufolge habe er eine zumutbare Stelle abgelehnt, obwohl
er vertraglich noch nicht verpflichtet war. Die Annahme der Teilzeitstelle
sei bei der Strafzumessung gebührend berücksichtigt worden.
7. Am 23. März 2020 erhob die Gewerkschaft Syna mit Vollmacht von
A._ (nachfolgend Beschwerdeführer) Beschwerde beim
Verwaltungsgericht des Kantons Graubünden und beantragte die
Aufhebung der 15 Einstelltage. Der Beschwerdeführer machte geltend,
dass er die Arbeitsstelle der B._ AG zu Recht abgelehnt habe, da er
am 1. Januar 2020 eine Stelle bei der C._ antreten konnte. Er habe
sich korrekt verhalten und die 15 Einstelltage seien daher zu annullieren.
8. In seiner Stellungnahme vom 17. April 2020 beantragte das KIGA
(nachfolgend Beschwerdegegner) die Abweisung der Beschwerde. Die
15-tägige Einstellung der Anspruchsberechtigung sei korrekt, da der
Beschwerdeführer eine ihm zumutbare Stelle abgelehnt habe. Die
Tatsache, dass er wenig später eine Teilzeitstelle angenommen habe, sei
bei der Strafzumessung gebührend berücksichtigt worden.
Auf die weiteren Ausführungen in den Rechtsschriften und den
angefochtenen Einspracheentscheid sowie auf die im Recht liegenden
Beweismittel wird, soweit rechtserheblich, in den nachfolgenden
Erwägungen eingegangen.
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II. Die Einzelrichterin zieht in Erwägung:
1.1 Anfechtungsobjekt ist der Einspracheentscheid des Beschwerdegegners
vom 13. März 2020, womit er die Einsprache des Beschwerdeführers
gegen die Verfügung vom 17. Februar 2020 abwies und an der Einstellung
der Anspruchsberechtigung für 15 Tage festhielt. Gemäss Art. 1 Abs. 1
des Bundesgesetzes über die obligatorische Arbeitslosenversicherung
und die Insolvenzentschädigung (AVIG; SR 837.0) i.V.m. Art. 2 sowie
Art. 56 Abs. 1 und Art. 57 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil
des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) kann gegen
Einspracheentscheide aus dem Bereich der Arbeitslosenversicherung
Beschwerde beim kantonalen Versicherungsgericht erhoben werden.
Nach Art. 100 Abs. 3 AVIG i.V.m. Art. 128 Abs. 2 der Verordnung über die
obligatorische Arbeitslosenversicherung und Insolvenzentschädigung
(AVIV; SR 837.02) ist für die Beurteilung von Beschwerden gegen
Verfügungen (Einspracheentscheide) einer kantonalen Amtsstelle das
Verwaltungsgericht desselben Kantons örtlich zuständig. Der
angefochtene Einspracheentscheid wurde vom KIGA als kantonale
Amtsstelle im Sinne von Art. 85 AVIG erlassen, sodass die örtliche
Zuständigkeit des angerufenen Gerichts gegeben ist. Die sachliche
Zuständigkeit des Verwaltungsgerichts des Kantons Graubünden ergibt
sich aus Art. 57 ATSG i.V.m. Art. 49 Abs. 2 lit. a des kantonalen Gesetzes
über die Verwaltungsrechtspflege (VRG; BR 370.100).
1.2 Als Adressat des angefochtenen Entscheids ist der Beschwerdeführer
berührt und weist ein schutzwürdiges Interesse an dessen Aufhebung
oder Änderung auf, weshalb er zur Beschwerdeerhebung legitimiert
ist (vgl. Art. 59 ATSG). Auf die im Übrigen frist- und formgerecht am
23. März 2020 eingereichte Beschwerde (vgl. Art. 60 und Art. 61 lit. b
ATSG) ist demnach einzutreten.
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2. Das Verwaltungsgericht entscheidet in einzelrichterlicher Kompetenz,
wenn der Streitwert CHF 5'000.00 nicht überschreitet (Art. 43 Abs. 3 lit. a
VRG) und keine Fünferbesetzung (Art. 43 Abs. 2 VRG) vorgeschrieben ist.
Ausgangspunkt für die Bemessung des Streitwerts ist vorliegend der
versicherte Verdienst (Art. 23 AVIG) des Beschwerdeführers von
CHF 5'489.00 (vgl. beschwerdegegnerische Akten [Bg-act.] 1). Dieser
Verdienst wird zum Taggeldsatz von 70 % (Art. 22 Abs. 2 AVIG)
entschädigt (Bg-act. 1). Der Beschwerdeführer hat demzufolge Anspruch
auf ein Taggeld von CHF 177.05 (ermittelt aus: CHF 5'489.00 x 0.7 : 21.7
Tage [Art. 40a AVIV]). Aus der vom Beschwerdegegner verfügten, hier
angefochtenen Einstellungsdauer von 15 Tagen in der
Anspruchsberechtigung ergibt sich ein Streitwert von insgesamt
CHF 2'655.75 (15 x CHF 177.05). Da der Streitwert somit unter
CHF 5'000.00 liegt und die Streitsache nicht in Fünferbesetzung
entschieden werden muss, ist die Zuständigkeit der Einzelrichterin
gegeben.
3.1. Gemäss Art. 17 Abs. 1 AVIG hat der Versicherte alles Zumutbare zu
unternehmen, um Arbeitslosigkeit zu vermeiden oder zu verkürzen.
Insbesondere ist er verpflichtet, Arbeit zu suchen, nötigenfalls auch
ausserhalb seines bisherigen Berufes (Satz 2). Die Einstellung in der
Anspruchsberechtigung i.S.v. Art. 30 AVIG dient dazu, die in Art. 17 Abs. 1
AVIG statuierte Schadenminderungspflicht des Versicherten
durchzusetzen. Sie hat die Funktion einer Haftungsbegrenzung der
Versicherung für Schäden, die der Versicherte hätte vermeiden oder
vermindern können. Als versicherungsrechtliche Sanktion bezweckt sie
die angemessene Mitbeteiligung der versicherten Person am Schaden,
den sie durch ihr Verhalten der Arbeitslosenversicherung in schuldhafter
Weise natürlich und adäquat kausal verursacht hat (vgl. BGE 133 V 89
E.6.1.1).
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3.2. Der Grundsatz der Schadensminderungspflicht wird in Art. 17 Abs. 3 AVIG
konkretisiert. Demnach muss der Versicherte eine ihm vermittelte
zumutbare Stelle annehmen. Befolgt er die Kontrollvorschriften oder
Weisungen der zuständigen Amtsstelle nicht, namentlich indem er eine
zumutbare Arbeit nicht annimmt, ist er in der Anspruchsberechtigung
einzustellen (Art. 30 Abs. 1 lit. d AVIG). Davon erfasst ist neben der
Nichtannahme einer von der zuständigen Amtsstelle zugewiesenen
zumutbaren Arbeit auch die Nichtannahme einer selbst gefundenen
zumutbaren Arbeit oder einer durch Dritte vermittelte oder angebotene
zumutbare Stelle (Urteil des Bundesgerichts C 17/07 vom 22. Februar
2007 E.2.2). Laut Rechtsprechung ist dieser Einstellungstatbestand auch
dann erfüllt, wenn der Versicherte die Arbeit zwar nicht ausdrücklich
ablehnt, es aber durch sein Verhalten in Kauf nimmt, dass die Stelle
anderweitig besetzt wird. Der arbeitslose Versicherte hat bei den
Verhandlungen mit dem künftigen Arbeitgeber klar und eindeutig die
Bereitschaft zum Vertragsabschluss zu bekunden, um die Beendigung der
Arbeitslosigkeit nicht zu gefährden (BGE 122 V 34 E.3b m.H.).
3.3. Vorliegend wurde der Beschwerdeführer am 31. Dezember 2019 von der
B._ AG telefonisch kontaktiert. Dabei wurde ihm eine Stelle als
Allrounder per 1. Januar 2020 angeboten, welche er allerdings ablehnte.
Rechtfertigend bringt der Beschwerdeführer vor, dass ihm unfreundlich
mitgeteilt wurde, dass er am nächsten Tag seine Stelle antreten müsse.
Dies sei unüblich, da normalerweise zuerst ein Vorstellungsgespräch
stattfände. Er habe daher auch nicht gewusst, ob es sich um ein
befristetes, ein Teilzeit- oder sonstiges Arbeitsangebot handle. Aufgrund
dessen und der Tatsache, dass er am 1. Januar 2020 eine Arbeitsstelle in
der C._ in D._ angetreten habe, habe er die Arbeitsstelle der
B._ AG zu Recht abgelehnt.
3.4. Die vom Beschwerdeführer vorgebrachten Gründe für die Ablehnung des
Stellenangebots der B._ AG sind nicht stichhaltig. Zunächst bringt der
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Beschwerdeführer zu Recht nicht vor, dass die Annahme der Arbeitsstelle
der B._ AG unzumutbar gewesen wäre. Dies zeigt sich auch daran,
dass der Beschwerdeführer selbst eine Stelle in der Gastronomie
angenommen hat. Der Stellenantritt wäre zwar tatsächlich kurzfristig
gewesen, dies war für den Beschwerdeführer aber offensichtlich nicht per
se ein Problem, hatte er doch einen Tag früher ebenfalls eine Stelle per 1.
Januar 2020 angenommen. Nicht als Rechtfertigung für die Ablehnung der
Stelle kann das Ausbleiben eines Vorstellungsgesprächs angeführt
werden. Gerade bei einfacheren Tätigkeiten ist es nicht unüblich, auf ein
Vorstellungsgespräch zu verzichten. Die Frage, ob dem
Beschwerdeführer tatsächlich keine Informationen gegeben wurden
darüber, ob es sich um ein befristetes, ein Teilzeit- oder sonstiges
Arbeitsangebot handelte, kann offengelassen werden. Wie die
Bescheinigung über den Zwischenverdienst (beschwerdeführerische
Akten [Bf-act.] 8) und die Lohnabrechnung (Bf-act. 10) zeigen, arbeitete
der Beschwerdeführer im Januar 2020 während insgesamt 85 Stunden als
Service-Aushilfe in der C._ in D._. Dies entspricht in etwa einem
50%-Pensum, pro Arbeitstag arbeitete er im Durchschnitt aber lediglich
während ca. 3.5 Stunden. Bereits vor Stellenantritt in der C._ in
D._ musste der Beschwerdeführer davon ausgehen, dass er als
Service-Aushilfe nur ein eingeschränktes Arbeitspensum erfüllen würde.
Im Gegensatz dazu lässt die Stelle als Allrounder bei der B._ AG
darauf schliessen, dass er diverse Tätigkeiten im Betrieb hätte
übernehmen können und damit zumindest während den Betriebszeiten
der B._ zum Einsatz gekommen wäre. Es kann daher, unabhängig
von den genauen Angaben zur Arbeitsstelle bei der B._ AG, davon
ausgegangen werden, dass der Beschwerdeführer dort ein höheres
Arbeitspensum als bei der C._ versehen und auch einen höheren
Verdienst erzielt hätte.
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3.5. Zusammenfassend ergibt sich, dass die Annahme der Arbeitsstelle bei der
B._ AG zumutbar war und der Beschwerdeführer deren Ablehnung
nicht zu rechtfertigen vermag. Die Einstellung in der
Anspruchsberechtigung erfolgte damit zu Recht.
4.1 Zu prüfen bleibt, ob die Einstellungsdauer von 15 Tagen angemessen ist.
4.2. Gemäss Art. 30 Abs. 3 AVIG bemisst sich die Dauer der Einstellung nach
dem Grad des Verschuldens und beträgt je nach Einstellungsgrund 1 bis
15 Tage bei leichtem, 16 bis 30 Tage bei mittelschwerem und 31 bis
60 Tage bei schwerem Verschulden (Art. 45 Abs. 3 AVIV). Da es sich
dabei um eine typische Ermessensfrage handelt, bei welcher der
Verwaltung ein grosser Ermessungsspielraum zusteht, ist dem
Verwaltungsgericht bei der Beurteilung der Einstellungsdauer
Zurückhaltung geboten. Es darf sein Ermessen nicht ohne triftige Gründe
an die Stelle desjenigen der Verwaltung setzen, sondern muss sich bei der
Korrektur auf Gegebenheiten abstützen können, welche eine
abweichende Ermessensausübung als naheliegender erscheinen lassen
(BGE 123 V 150 E.2; Urteil des Bundesgerichts 8C_138/2017 und
8C_143/2017 vom 23. Mai 2017 E.6.1).
4.3. Vorliegend hat der Beschwerdegegner auf eine Einstellung von 15 Tagen
erkannt. Die Einstellung liegt damit im Rahmen des leichten Verschuldens.
Das Gericht kann hier keine Verletzung des Ermessensspielraums des
Beschwerdegegners erkennen, umso mehr, als die Ablehnung einer
zumutbaren Stelle gemäss Art. 45 Abs. 4 AVIV eigentlich einen
Tatbestand des schweren Verschuldens darstellt. Der Beschwerdegegner
hat damit die Annahme einer Teilzeitstelle durch den Beschwerdeführer
bereits strafmildernd berücksichtigt.
5. Der angefochtene Einspracheentscheid erweist sich somit als rechtens,
weshalb die Beschwerde abzuweisen ist.
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6. Gemäss aArt. 61 lit. a ATSG (Fassung, die bis 31. Dezember 2020 in Kraft
stand) i.V.m. Art. 83 ATSG (Übergangsbestimmung zur Änderung vom
21. Juni 2019) ist das kantonale Beschwerdeverfahren in
arbeitslosenversicherungsrechtlichen Streitigkeiten – ausser bei
mutwilliger oder leichtsinniger Prozessführung – kostenlos. Vorliegend
sind keine Hinweise ersichtlich, dass der Beschwerdeführer mutwillig oder
leichtsinnig an das Verwaltungsgericht gelangt ist. Es sind ihm demnach
keine Kosten aufzuerlegen. Dem obsiegenden Beschwerdegegner steht
kein Anspruch auf Ersatz der Parteikosten zu (vgl. Art. 61 lit. g ATSG).