Decision ID: 237491dd-d82f-53b7-a5e3-dd304f533077
Year: 2020
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ (nachfolgend: Versicherte) meldete sich im September 2014 wegen einer seit
Geburt bestehenden Skoliose bei der Invalidenversicherung (IV) zum Leistungsbezug
an (IV-act. 1). Sie war seit 1975 als Serviertochter tätig (IV-act. 4 und 6), im Zeitpunkt
der IV-Anmeldung vollzeitlich im Restaurant B._ (IV-act. 13). Dr. med. C._, Facharzt
für Allgemeine Innere Medizin und Hausarzt der Versicherten (IV-act. 1-6), erklärte der
IV-Stelle am 22. September 2014, die Versicherte leide seit fünf Jahren an
rezidivierenden Lumbalgien, welche seit Februar 2014 zugenommen hätten. In ihrer
aktuellen Tätigkeit als Serviceangestellte wären vier Stunden täglich mit Pause
machbar (IV-act. 7). Eine Krankschreibung erfolgte indes noch nicht, erst ab dem
25. November 2014 attestierte Dr. C._ der Versicherten eine (vollständige)
Arbeitsunfähigkeit (IV-act. 30-12 und 127). Am 27. Februar 2015 teilte die IV-Stelle der
Versicherten in Anbetracht deren bevorstehender Rücken-Operation (vgl. hierzu ELAR-
Notizen vom 15. Dezember 2014 [IV-act. 21] und vom 27. Februar 2015 [IV-act. 23])
mit, dass derzeit keine beruflichen Eingliederungsmassnahmen möglich seien (IV-act.
25).
A.a.
Am 2. Juni 2015 musste die Versicherte sich einer brusterhaltenden Tumorektomie
Mamma links und einer Sentinellymphonodektomie Axilla links in der Frauenklinik am
Spital D._ unterziehen, da bei einer Routinekontrolle ein invasiv ductales
Mammakarzinom NST links festgestellt worden war (Operationsbericht in IV-act. 34;
Spital-Austrittsbericht in IV-act. 40-6 ff.). Die Rückenoperation (dorsale Instrumentation
BWK12 auf S1 mit Pedikelsubstraktionsosteotomie LWK3 und
Repositionsspondylodese; vgl. IV-act. 54-1) fand am 13. Oktober 2015 bei PD Dr. med.
A.b.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
E._, Facharzt für Orthopädische Chirurgie, im Spital F._ statt; dies bei der
Diagnose sagittale Dysbalance der Wirbelsäule bei Status nach Harrington-Skoliose-
Stabilisierung hochthorakal bis LWK4 1975 (zu den Operationsdetails vgl.
Operationsbericht in IV-act. 53). Am 17. Oktober 2015 musste wegen medialer
Fehlplatzierung bei L2 und L4 je ein Schraubenwechsel vorgenommen werden
(Operationsbericht in IV-act. 54). Während des Spitalaufenthalts zeigte sich dem
berichtenden Arzt zufolge von Seiten der vorbestehenden motorischen Schwäche im
linken Bein eine leichte Verbesserung; die Versicherte war jedoch bis zum Austritt am
28. Oktober 2015 nur am Eulenburg (Gehwagen) mobilisierbar. Im direkten Anschluss
an den Spitalaufenthalt (IV-act. 59-2) befand sich die Versicherte bis zum 27.
November 2015 in stationärer Behandlung in den Kliniken Valens, Klinik für
Rheumatologie und internistische Rehabilitation, G._. Beim Austritt berichtete die
zuständige Ärztin, dass die Versicherte im Rehabilitationsverlauf auf Zimmerebene mit
dem Rollator selbständig mobil geworden sei und die Transfers vom Bett auf den
Rollstuhl selbständig durchführen könne. Das Gehen mit zwei Unterarmgehilfen sei
weiterhin unsicher (IV-act. 67-10).
Im Januar 2016 reichte die Versicherte der IV erneut ein Anmeldeformular für
Leistungen ein (IV-act. 47). Dr. med. H._, Facharzt für Gynäkologie und Geburtshilfe
am Spital D._, berichtete am 15. Januar 2016 über die Kontrolle vom 17. Dezember
2015 (vgl. IV-act. 50) nach der am 2. Juni 2015 erfolgten Operation. Die Versicherte sei
bezüglich der Brust beschwerdefrei. Seit Juni 2015 finde eine adjuvante endokrine
Therapie mit Aromasin statt und vom 21. Juli bis 27. August 2015 habe eine adjuvante
Radiotherapie der Mamma rechts stattgefunden (IV-act. 51). Dr. E._ berichtete am
15. Februar 2016 über die Verlaufssprechstunde vom 5. Februar 2016 nach den
Rückenoperationen vom 13. und 17. Oktober 2015. Nach initial sehr schwierigem
Verlauf sei es langsam aber stetig besser geworden. Im Moment bestünden
hauptsächlich noch "eine gewisse Schwäche für den Psoas links sowie
Restbeschwerden lumbal unter Belastung". Die Rekonvaleszenz und Rehabilitation
würden sicherlich noch Zeit in Anspruch nehmen (IV-act. 68-2). Am 3. März 2016
erklärte Dr. C._ der IV-Stelle, an eine Arbeitsfähigkeit sei zurzeit nicht zu denken (IV-
act. 67-4). Am 20. Mai 2016 erachtete er dann gestützt auf eine gleichentags erfolgte
Untersuchung der Versicherten eine Tätigkeit von zwei Stunden pro Tag mit
A.c.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Steigerungsmöglichkeit in zwei bis drei Monaten als zumutbar (IV-act. 75-2 und 75-4),
wobei er gleichzeitig unter Hinweis auf die bevorstehende Untersuchung durch den
Spezialisten Dr. E._ festhielt, es bestehe noch keine Arbeitsfähigkeit in adaptierten
Tätigkeiten (IV-act. 75-3). Dr. med. I._ vom Regionalen Ärztlichen Dienst (RAD)
attestierte der Versicherten am 23. Mai 2016 eine mindestens 50%ige Arbeitsfähigkeit
in einer leidensangepassten Tätigkeit (IV-act. 77-1). Ein durch die zuständige IV-
Eingliederungsberaterin in die Wege geleitetes Gespräch mit der Versicherten, welches
am 2. Juni 2016 stattfand, ergab, dass diese sich nicht arbeitsfähig fühlte (IV-act. 84-3).
Am 11. Juli 2016 fand die zweite Verlaufs-Sprechstunde bei Dr. E._ statt. Der
Operateur stellte mit Bericht vom 13. Juli 2016 fest, dass neun Monate nach der
Operation die Belastbarkeit der Versicherten deutlich limitiert sei. Dies betreffe die lokal
lumbale Situation und die Belastbarkeit des linken Beins. Es seien im Laufe der Monate
gewisse Besserungstendenzen festzustellen, es bleibe aber anzuzweifeln, ob die
Versicherte sich noch derart regenerieren könne, dass eine Tätigkeit im Service wieder
denkbar werde (IV-act. 93-2). Zur Untersuchung sei die Versicherte nach wie vor mit
einem leichten Hinken links gekommen, jedoch ohne Gehilfe (IV-act. 93-1). Vom 26.
September bis 22. Oktober 2016 befand sich die Versicherte wegen zunehmender
lumbaler Schmerzen und massiver Rumpfinstabilität zur erneuten Rehabilitation in den
Kliniken Valens in Valens. Dem diesbezüglichen Austrittsbericht ist zu entnehmen, dass
sich beim Eintritt eine schmerzgeplagte und dekonditionierte Patientin gezeigt habe,
wobei eine primäre Mobilisation an zwei Unterarmgehstöcken für maximal 500 Meter in
vorgeneigter Haltung möglich gewesen sei. Ausserdem habe sie eine Beinschwäche
beidseits, linksbetont, sowie Sensibilitätsstörungen an der Wade und am Fussrücken
links angegeben. Langes Stehen und Sitzen sei aufgrund der Schmerzen und der
Rumpfinstabilität kaum möglich gewesen. Im Verlauf der Rehabilitation sei es zur
allmählichen Steigerung der Belastbarkeit und allgemeiner Rekonditionierung
gekommen. Die Mobilisation wurde bei Austritt als trotz anhaltender Schmerzen
deutlich verbessert mit leicht weniger Hinken links beschrieben. Es sei eine vorgeneigte
Körperstellung mit Behalten einer lumbalen Hyperlordose verblieben, die Kraft der
Hüftextensoren sei gebessert, jene der Hüftflexoren bleibe reduziert. Der Hypertonus
der Rücken-Muskulatur habe reduziert werden können und der Oberkörper könne bei
Arbeiten über Schulterhöhe langsam besser stabilisiert werden. Das Fahrradfahren sei
wieder gut möglich. Bei den Diagnosen lumbospondylogenes Syndrom und arterielle
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Hypertonie beurteilten die zuständigen Ärztinnen die Versicherte beim Austritt als
Service-Angestellte als zu 100% arbeitsunfähig (IV-act. 106-2). Die Arbeitsfähigkeit in
einer Verweistätigkeit sei wegen der noch bestehenden muskulären Insuffizienz und
Wirbelsäuleninstabilität nicht abschliessend zu beurteilen (IV-act. 106-3).
Im Auftrag der IV-Stelle (IV-act. 104) wurde die Versicherte am 29. November 2016
durch Dr. med. J._, Fachärztin für Physikalische Medizin, orthopädisch abgeklärt (IV-
act. 120-1 f.). Dem Gutachten vom 11. Januar 2017 sind die arbeitsfähigkeitsrelevanten
Diagnosen einer Minderbelastbarkeit des Achsenorgans mit/bei linkskonvexer
Lumbalskoliose mit rechtskonvexem thorakalem Gegenschwung sowie ausgeprägter
muskulärer Dysbalance zu entnehmen (vgl. für weitere Details der Diagnosestellung IV-
act. 120-60 und für die Diagnosen ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit IV-act.
120-61). Die Gutachterin kam zum Schluss, dass für die zuletzt ausgeübte Tätigkeit als
Servicekraft keine Arbeitsfähigkeit mehr bestehe (IV-act. 120-62). In einer dem Leiden
optimal angepassten sehr leichten bis leichten, wechselbelastenden Tätigkeit bestehe
eine Arbeitsfähigkeit von 80%, wobei die 80%ige Leistung wegen eines erhöhten
Pausenbedarfs bei 100%iger Präsenz umgesetzt werden könne (zur detaillierten
Beschreibung der adaptierten Tätigkeit vgl. IV-act. 120-62 f.).
A.d.
Nach einer telefonischen Besprechung mit der Versicherten (vgl. IV-act. 124) teilte
die IV-Stelle dieser am 2. Februar 2017 mit, dass wegen fehlender subjektiver
Eingliederungsfähigkeit kein Anspruch auf berufliche Massnahmen bestehe (IV-act.
125). Sodann teilte sie der Versicherten mit Vorbescheid vom 14. Februar 2017 mit,
dass vom 1. November 2015 bis 31. Juli 2016 Anspruch auf eine befristete ganze
Rente bestehe (IV-act. 133).
A.e.
Mit Schreiben vom 6. März 2017 erklärte Dr. C._ der IV-Stelle, das Gutachten
von Dr. J._ sei seines Erachtens nicht korrekt (IV-act. 138). Die Versicherte legte am
17. März 2017 "Widerspruch" gegen dieses Gutachten ein (IV-act. 140) und Dr. E._
äusserte sich am 29. März 2017 ebenfalls dazu. Er erklärte, die Patientin stehe nach
wie vor zu ventralisiert und mit einem entsprechenden Hebelarm auf ihrer unteren
Wirbelsäule; Kompensations-Mechanismen im Bereich der Wirbelsäule seien durch die
langstreckige Fusion praktisch nicht mehr gegeben. Deshalb könne man auch nicht
davon ausgehen, dass es sich um reine "Dekonditionierungs-Phänomene" handle. Es
A.f.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.
handle sich um klar darstellbare und definierbare statische Probleme, die in dieser
Form gegeben und wohl auch nicht weiter korrigierbar seien. Natürlich würden diese
statischen Probleme zahlreiche muskuläre Probleme verursachen. Ursächlich sei seiner
Meinung nach die fixierte statische Fehlhaltung der Wirbelsäule auf der längeren
Strecke, die wohl auch mit noch intensiverem muskulärem Training nicht komplett zu
kompensieren sei. Auch für angepasste Tätigkeiten sei eine Arbeitsfähigkeit von 80%
seiner Meinung nach nicht zu erreichen (IV-act. 152-6 f.). Am 29. Mai 2017 ergänzte der
Rechtsvertreter der Versicherten deren Einwand vom 17. März 2017 (IV-act. 152-1 ff.)
und reichte unter anderem einen MRI-Bericht betreffend ihre beiden Knie der
Radiologie K._ vom 16. Mai 2017 zu den Akten (IV-act. 152-4 f.).
In der Folge gelangte die IV-Stelle an die Gutachterin Dr. J._ (vgl. Anfrage vom
30. Juni 2017; IV-act. 153), welche am 5. August 2017 eine Stellungnahme zum
Einwand und zu den ihr Gutachten kritisierenden Arztberichten abgab.
Zusammenfassend kam sie zum Schluss, dass am Gutachten vom 11. Januar 2017
festgehalten werden könne (IV-act. 156). Sie präzisierte jedoch ihre Beurteilung der
Arbeitsfähigkeit in einer adaptierten Tätigkeit dahingehend, dass diese mit Datum der
gutachterlichen Exploration, spätestens jedoch mit Datierung des Gutachtens gültig sei
(IV-act. 156-28). Dr. C._ äusserte sich am 24. Oktober 2017 ausführlich zum
Gutachten und dessen Ergänzung (IV-act. 162) und der Rechtsvertreter der
Versicherten machte am 30. Oktober 2017 Gebrauch von dem ihm gewährten
rechtlichen Gehör (IV-act. 161; vgl. auch IV-act. 159).
A.g.
Daraufhin konsultierte die IV-Stelle den RAD (IV-act. 164) und sprach der
Versicherten mit Verfügung vom 13. März 2018 vom 1. November 2015 bis 31. Juli
2016 eine ganze Rente zu. Darüber hinaus verneinte sie einen Rentenanspruch bei
einem Invaliditätsgrad von 29 % (IV-act. 168 und 169 = act. G 1.2).
A.h.
Gegen diese Verfügung richtet sich die vorliegende Beschwerde vom 30. April
2018 mit dem Antrag auf deren Aufhebung und auf Gewährung einer unbefristeten
Rente; unter Kosten- und Entschädigungsfolgen. Zur Begründung macht der
Rechtsvertreter der Versicherten (nachfolgend: Beschwerdeführerin) geltend, das
Gutachten von Dr. J._ sei sehr ausführlich, aber überwiegend theoretisch gehalten.
B.a.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte

Erwägungen
1.
Auch die Rechtfertigung des Gutachtens beruhe über weite Strecken nicht auf eigenen
Untersuchungen und Einschätzungen, sondern auf Meinungen in der Fachliteratur. Das
Gutachten sei trotz seines Umfangs weder umfassend noch schlüssig, auch enthalte es
Widersprüche. Nicht vollständig berücksichtigt würden die Knieschmerzen. Die
Belastbarkeit der Beschwerdeführerin und die ihr mögliche Gehstrecke seien
ebensowenig überprüft worden wie die Schmerzproblematik. Entgegen der Gutachterin
seien die konservativen Massnahmen ausgereizt. Folglich sei der Beschwerdeführerin
eine unbefristete Rente zuzusprechen, allenfalls nach weiteren Abklärungen. Immerhin
ergänze die Gutachterin ihre Angaben in der Stellungnahme vom 5. August 2017
insoweit, als die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit in einer dem Leiden angepassten
Tätigkeit medizinisch-theoretisch mit Datum der gutachterlichen Exploration,
spätestens mit Datierung des Gutachtens gültig sei. Eine befristete Rente wäre auf
jeden Fall bis dahin auszurichten (act. G 1).
Mit Beschwerdeantwort vom 29. Juni 2018 beantragt die IV-Stelle (nachfolgend:
Beschwerdegegnerin) die Abweisung der Beschwerde und erklärt, die Kritik der
Beschwerdeführerin an der Qualität des Gutachtens von Dr. J._ sei unbegründet (act.
G 4).
B.b.
Der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin verzichtet am 6. August 2018 auf die
Einreichung einer Replik (act. G 6).
B.c.
Vorliegend ist der Anspruch auf eine befristete ganze Rente der IV vom 1.
November 2015 bis 31. Juli 2016 grundsätzlich unbestritten. Streitgegenstand bildet
jedoch der Rentenanspruch als Ganzes, nicht dessen Teilaspekte wie etwa die zeitliche
Festsetzung der Leistung (BGE 125 V 416 E. 2b). Dass vorliegend die Verfügung vom
13. März 2018 hinsichtlich der Zusprache der ganzen Rente von November 2015 bis
Juli 2016 nicht angefochten wird, hat nicht zur Folge, dass diesbezüglich eine
Teilrechtskraft eingetreten wäre; vielmehr bezieht sich die Überprüfungsbefugnis des
Versicherungsgerichts auf alle Aspekte des strittigen Rentenanspruchs (vgl. BGE 125 V
417 f. E. 2d).
1.1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder
teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen
Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG; SR 830.1]). Sie kann Folge von
Geburtsgebrechen, Krankheit oder Unfall sein (Art. 4 Abs. 1 des Bundesgesetzes über
die Invalidenversicherung [IVG; SR 831.20]). Erwerbsunfähigkeit ist der durch
Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte
und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise
Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen
Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer
Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen
Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor,
wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.2.
Die Invalidität ist grundsätzlich durch einen Einkommensvergleich zu ermitteln.
Dabei wird das Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach Eintritt der
Invalidität und nach Durchführung der medizinischen Behandlung und allfälliger
Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener
Arbeitsmarktlage erzielen kann, in Beziehung gesetzt zum Einkommen, das sie erzielen
könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre (Art. 16 ATSG).
1.3.
Anspruch auf eine Invalidenrente besteht, wenn die versicherte Person u.a.
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindestens 40%
arbeitsunfähig (Art. 6 ATSG) gewesen ist (Art. 28 Abs. 1 lit. b IVG). Ein wesentlicher
Unterbruch liegt vor, wenn die versicherte Person an mindestens 30
aufeinanderfolgenden Tagen voll arbeitsfähig war (Art. 29 der Verordnung über die
Invalidenversicherung [IVV; SR 831.201]). Es besteht ein Anspruch auf eine ganze
Invalidenrente, wenn die versicherte Person mindestens zu 70%, und auf eine
Dreiviertelsrente, wenn sie mindestens zu 60% invalid ist. Bei einem Invaliditätsgrad
von mindestens 50% besteht ein Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem
Invaliditätsgrad von mindestens 40% ein Anspruch auf eine Viertelsrente (Art. 28 Abs. 2
IVG).
1.4.
ter
Um das Ausmass der Arbeitsunfähigkeit beurteilen und somit die
Erwerbsunfähigkeit bzw. den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung
bzw. das Gericht auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und gegebenenfalls auch
andere Fachleute zur Verfügung stellen. Aufgabe des Arztes bzw. der Ärztin ist es, den
Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang
und bezüglich welcher Tätigkeit die versicherte Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V
256 E. 4). Für das gesamte Verwaltungs- und Beschwerdeverfahren gilt der Grundsatz
1.5.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.
der freien Beweiswürdigung. Danach haben die Versicherungsträger und das Gericht
die Beweise frei, d.h. ohne Bindung an förmliche Beweisregeln, sowie umfassend und
pflichtgemäss zu würdigen. Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist
entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen
Untersuchungen beruht, die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der
Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Beurteilung der medizinischen
Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtend ist
und ob die Schlussfolgerungen des Experten begründet sind (BGE 125 V 351 E. 3a).
Zu prüfen ist vorab, ob die vorliegende medizinische Aktenlage für eine Beurteilung
der Restarbeitsfähigkeit ausreicht und die Beschwerdegegnerin zu Recht auf die
orthopädische Expertise von Dr. J._ abgestellt hat.
2.1.
Im Gutachten vom 11. Januar 2017 diagnostizierte Dr. J._ eine
Minderbelastbarkeit des Achsenorgans mit/bei linkskonvexer Lumbalskoliose mit
rechtskonvexem thorakalem Gegenschwung (mit/bei anamnestisch:
Gipskorsettbehandlung im Kindesalter, Status nach Distraktionskorrektur mittels zweier
Harrington-Stäbe auf der jeweils konkaven Kurvenseite im Jahr 1974, Status nach
Entfernung des rechtsseitigen Harrington-Stabs, dorsaler Instrumentation BWK12 auf
SWK1 mit Pedikelsubstraktionsosteotomie LWK3 und Repositionsspondylodese
vornehmlich LWK2 auf SWK1 am 13. Oktober 2015, Status nach Schraubenwechsel
LWK2 und LWK4 links am 17. Oktober 2015, ohne Hinweise für Lockerung, Dislokation
oder Infektion in der Röntgenkontrolle vom 11. Juli 2016 und Abflachung/Aufhebung
der physiologischen BWS-Kyphose und LWS-Lordose) und mit/bei ausgeprägter
muskulärer Dysbalance (insbesondere mit/bei hochgradiger Verkürzung des M.
iliopsoas beidseits und multiplen Insertionstendinopathien bzw. Tendinosen; IV-act.
120-60). Diesen Diagnosen mass es Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit zu. Ohne Einfluss
auf die Arbeitsfähigkeit seien eine ältere, diskret nach lateral achsfehlgestellte Weber-
B-Fraktur links, ein mässig differenziertes invasives Mammakarzinom NST links mit
teils intratumorös, teils unmittelbar peritumorös duktalem Karzinom in situ, eine
arterielle Hypertonie, eine Hyperlipidämie, eine Adipositas Grad II sowie ein
Abhängigkeitssyndrom von Tabakwaren (IV-act. 120-61). Dabei hat die Gutachterin die
Vorakten mitberücksichtigt (IV-act. 120-5 bis 120-13). In der Beurteilung der Befunde
hielt sie fest, aktuell klage die Beschwerdeführerin über rezidivierend auftretende,
stechende und brennende Schmerzen lumbal mittig, dies insbesondere bei
Haltungspersistenz und belastungsabhängig sowie vor allem nach dem morgendlichen
Aufwachen. Nehme sie eine Rückenlage ein, sei dies zunächst während zehn Minuten
2.2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
nur mit flektierten Hüft- und Kniegelenken möglich. Rezidivierend komme es zu
elektrisierenden Ausstrahlungen in das Gesäss beidseits; zudem bestehe eine Taubheit
im Bereich des ventralen Unterschenkels links; bei fester Berührung komme es zu
schmerzhaften Missempfindungen. Die Beschwerdeintensität variiere zwischen NRS
0/10 und 5-6/10. Paresen und Symptome einer Kauda-Symptomatik würden verneint
(IV-act. 120-47). In ihrer Schlussfolgerung attestierte Dr. J._ der Beschwerdeführerin
ab der Exploration, spätestens ab Datierung des Gutachtens, in einer dem Leiden
optimal angepassten sehr leichten bis leichten, wechselbelastenden Tätigkeit ohne das
Hantieren von Lasten körperfern, ohne das Arbeiten über die Armhorizontale hinaus,
ohne repetitive, stereotype Bewegungsabläufe im Bereich des Achsenorgans, ohne
Arbeiten in Zwangshaltungen (insbesondere Oberkörpervorneige), ohne Tätigkeiten mit
erhöhter (Ab-)Sturzgefahr und ohne erzwungene Haltungen in vorbestimmten
Positionen eine Arbeitsfähigkeit von 80%. Die 80%ige Leistung könne angesichts eines
erhöhten Pausenbedarfs bei 100%iger Präsenz umgesetzt werden (IV-act. 120-62 f.
i.V.m. 156-26). Diese Einschätzung ist angesichts der sehr ausführlichen
Befunderhebung inklusive Röntgenaufnahmen des linken Kniegelenks, des Beckens
und beider Hüftgelenke sowie des linken oberen Sprunggelenks (IV-act. 120-33 ff. Ziff.
4.1 bis 4.5) nachvollziehbar, widerspruchsfrei und schlüssig. Bezüglich der
beanstandeten fehlenden Überprüfung der Gehfähigkeit der Beschwerdeführerin (act.
G 1 S. 5 Ziff. 4) weist Dr. J._ darauf hin, dass das Tätigkeitsprofil einer sehr leichten
Tätigkeit "vorwiegend sitzend" beinhalte (IV-act. 156-26). Darüber hinaus sagt der
Umstand, dass die Beschwerdeführerin ihren Angaben zufolge jeweils mit ihrem
Partner einkaufen geht (IV-act. 120-23 Ziff. 3.1.3), bereits etwas über die ihr mögliche
Gehstrecke aus. Jedenfalls vermag die fehlende Überprüfung der von der
Beschwerdeführerin zurücklegbaren Gehstrecke keinen Mangel am Gutachten zu
begründen. Der vom Rechtsvertreter erwähnte Widerspruch zwischen den
Ausführungen zur Behandlung der Iliopsoas-Muskulatur und der dennoch attestierten
80%igen Arbeitsfähigkeit (vgl. act. G 1 S. 7 Ziff. 11) ist sodann nicht erkennbar. Die
Gutachterin hat zwar gewisse Behandlungsempfehlungen abgegeben, diese aber
explizit als rein therapeutisch bezeichnet und festgehalten, dass aus orthopädisch-
rheumatologischer Sicht keine therapeutischen Möglichkeiten bestehen würden, um
das aktuell ermittelte Belastungsprofil der Beschwerdeführerin namhaft zu verbessern
(IV-act. 120-63 Ziff. 5.5).
Die der Gutachterin von Dr. E._ unterstellte biomechanische Fehleinschätzung
(vgl. IV-act. 152-6) kann nicht nachvollzogen werden. Denn in Übereinstimmung mit
dem behandelnden Rückenspezialisten beobachtete Dr. J._, dass eine
Rumpfvorneige bestehe und eine Rumpfaufrichtung aktiv nur mittels
2.3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beckeneingangskippung nach ventral kranial und gleichzeitiger Kniegelenksflexion von
20° beidseits möglich sei. Ferner stellte sie eine ausgeprägte myostatische Insuffizienz
fest (IV-act. 120-37 Ende von Ziff. 4.2.1). Auch die übrige Kritik der behandelnden Ärzte
am Gutachten von Dr. J._ kann nicht nachvollzogen werden, denn die Gutachterin
hat die Beschwerdeführerin sehr ausführlich befragt und untersucht
(Anamneseerhebung von 2.5 Stunden und körperliche Exploration von gut einer
Stunde; IV-act. 120-33 Ziff. 4), die Darlegung der objektiven Befunde ist äusserst
ausführlich (IV-act. 120-33 bis 120-40) und entgegen der diesbezüglichen Vorwürfe
nicht theoretisch. Auch kann ihre Einschätzung der Leistungsfähigkeit der
Beschwerdeführerin anhand ihrer Beobachtungen und anhand der wiedergegebenen
Schilderungen der Beschwerdeführerin plausibilisiert werden. So gab diese der
Gutachterin gegenüber an, bei der Anfahrt zur Begutachtung während über zwei
Stunden mit lediglich einer fünfminütigen Pause im Auto gesessen zu haben (IV-act.
120-33 Ziff. 4.1). Während der anschliessenden, zweieinhalb Stunden dauernden
Anamneserhebung sass sie gemäss Gutachterin entspannt auf einem Stuhl, ohne dass
eine Bewegungsunruhe objektivierbar geworden wäre (IV-act. 120-36). Sie vermag
ihren Angaben zufolge den Haushalt nahezu vollumfänglich selbst zu erledigen,
Unkraut zu jäten (IV-act. 120-22 Ziff. 3.1.2), das Treppenhaus und den Keller des
Mehrfamilienhauses zu reinigen und mit ihrem Partner einkaufen zu gehen (IV-act.
120-22 f. Ziff. 3.1.3). Diese Schilderungen vermögen die vermisste
Belastbarkeitsprüfung (vgl. Vorwurf in act. G 1 S. 5 Ziff. 4) ohne weiteres zu ersetzen,
lassen doch die von der Beschwerdeführerin täglich ausgeführten Tätigkeiten gewisse
Rückschlüsse auf ihre Belastbarkeit zu. Dieser Tätigkeitskatalog widerspricht im
Übrigen der zwar nicht schriftlich festgehaltenen, jedoch wohl vorhandenen
Einschätzung der behandelnden Ärzte, dass der Beschwerdeführerin beinahe keine
Tätigkeiten mehr zumutbar sein sollen. Störend ist insbesondere, dass den Berichten
der behandelnden Ärzte keinerlei nachvollziehbare Ausführungen bezüglich der der
Beschwerdeführerin möglichen oder nicht möglichen Tätigkeiten zu entnehmen sind -
womit ein Vergleich mit dem von der Gutachterin erstellten Leistungsprofil von
Vornherein entfällt. Es ist nach dem Gesagten in Übereinstimmung mit Dr. J._ (vgl.
IV-act. 120-64 f. Ziff. 5.8) davon auszugehen, dass sich die Einschätzungen der
behandelnden Ärzte primär auf die geklagten Schmerzangaben der
Beschwerdeführerin stützen. In diesem Zusammenhang ist zu berücksichtigen, dass in
Bezug auf Schmerzen mit den sich dabei naturgemäss ergebenden
Beweisschwierigkeiten die subjektiven Schmerzangaben der versicherten Person für
die Begründung einer (teilweisen) Arbeitsunfähigkeit allein nicht genügen; vielmehr
muss im Rahmen der sozialversicherungsrechtlichen Leistungsprüfung verlangt
werden, dass die Schmerzangaben durch damit korrelierende, fachärztlich schlüssig
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
feststellbare Befunde hinreichend erklärbar sind. Dabei müssen die Schmerzangaben
zuverlässiger medizinischer Feststellung und Überprüfung zugänglich sein (BGE 143 V
127 E. 2.2.2 mit Hinweis).
Der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin beanstandet unter anderem, deren
Knieschmerzen würden von Dr. J._ nicht vollständig berücksichtigt (act. G 1 S. 5 Ziff.
3). Diese Aussage stützt er insbesondere auf den Radiologiebefund vom 16. Mai 2017
(IV-act. 152-4 f.) respektive Dr. C._s Stellungnahme vom 24. Oktober 2017, mit
welcher dieser bemängelt, Dr. J._ gehe nur von einer Bursitis aus, die fünf anderen
Diagnosen lasse sie ausser Acht (IV-act. 162-3). Vorab ist festzustellen, dass kein
behandelnder Arzt aktenkundig eine Diagnose bezüglich der Knie der
Beschwerdeführerin erhoben hat. Einzig in seiner Kritik am Gutachten nennt Dr. C._
am 24. Oktober 2017 eine Meniskopathie und Gonarthrose (IV-act. 162-3). Eine
Behandlung oder eine über das Röntgen hinausgehende Untersuchung bei einem
Facharzt wurde aktenkundig nicht in die Wege geleitet. Dr. J._ würdigte die
Radiologiebefunde dahingehend, dass eine beidseitige Gonarthrose mässigen
Ausmasses vorliege, welche unter Berücksichtigung aller beschriebenen Befunde in
ihrer Ausprägung nicht über das altersentsprechende Mass hinausgehe.
Magnetresonanztomographisch würden begleitende Degenerationen im Innen- und
Aussenmeniskusbereich beschrieben, zudem eine kleine Baker-Zyste links und ein
Ganglion dem hinteren Kreuzband rechts anliegend. Des Weiteren werde eine
Chondropathie Grad II nach Outerbridge beidseits beurteilt (IV-act. 156-21 f.).
Angesichts dieser Befunde kam Dr. J._ zum Schluss, dass die
Kniegelenksbeschwerden möglicherweise ihr strukturelles Organkorrelat im Ödem der
infrapatellaren subkutanen Weichteile rechts finde, welches der zuständige Facharzt für
Radiologie als am ehesten bedingt durch eine Bursitis (Schleimbeutelentzündung)
infrapatellaris subcutanea interpretiere. Leider fehle es an einer objektiven
Dokumentation allfälliger Funktionseinschränkungen und es bleibe unklar, ob der
bildmorphologische Befund mit den klinischen Beschwerden bzw. einem
pathologischen körperlichen Untersuchungsbefund korreliere (IV-act. 156-21 oben). In
der theoretischen Annahme, dass tatsächlich die Diagnose einer
Schleimbeutelentzündung zu stellen wäre, hielt Dr. J._ fest, dass die Prognose einer
über- und/oder fehlbelastungsbedingten Bursitis unter adäquater Therapie
grundsätzlich gut sei. Aus einer solchen Diagnose resultiere mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit keine dauerhafte Verschlechterung des Gesundheitszustandes der
Beschwerdeführerin bzw. keine dauerhafte Funktionseinschränkung (IV-act. 156-23 ff.).
Auch diese Einschätzung von Dr. J._ ist nachvollziehbar und überzeugend und setzt
sich mit allen Eventualitäten auseinander.
2.4.
https://www.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/clir/http/index.php?lang=de&type=show_document&page=1&from_date=&to_date=&from_year=1954&to_year=2020&sort=relevance&insertion_date=&from_date_push=&top_subcollection_clir=bge&query_words=&part=all&de_fr=&de_it=&fr_de=&fr_it=&it_de=&it_fr=&orig=&translation=&rank=0&highlight_docid=atf%3A%2F%2F130-V-396%3Ade&number_of_ranks=0&azaclir=clir#page396
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Der Rechtsvertreter bemängelt sodann mit Dr. E._, dass die Gutachterin der
Beschwerdeführerin ein plakatives, demonstratives und übertriebenes Verhalten
unterstelle (act. G 1 S. 6 Ziff. 7, IV-act. 152-7). In Bezug auf diesen Kritikpunkt ist
festzuhalten, dass es Aufgabe eines Gutachters ist, die Verhaltensweise des
Exploranden zu beschreiben und insbesondere auch auf eine allfällige
Symptomausweitung hinzuweisen. Dr. J._ begründete die festgestellten
Diskrepanzen zwischen den objektivierbaren Befunden im Vergleich zu den
demonstrierten Beschwerden und Funktionseinschränkungen. So hielt sie fest, in der
Gesamtschau könnten die subjektiv geklagten Beschwerden nur teilweise mit einem
objektivierbaren, pathomorphologischen Korrelat in Einklang gebracht werden;
insgesamt bestehe eine erhebliche Diskrepanz zwischen den objektivierbaren
klinischen und radiologischen Befunden im Vergleich zu den demonstrierten
Beschwerden bzw. Funktionseinschränkungen. Zweifel am Ausmass der geklagten
Beschwerden kämen zudem aufgrund des Fehlens angemessener
Therapiemassnahmen und Eigenaktivitäten zur Schmerzlinderung trotz als ausgeprägt
beschriebener Beschwerdeintensität, der Hinweise auf nicht im geklagten Umfang
vorhandene Auswirkungen der Funktionsbeeinträchtigungen und der fehlenden
sachlichen Diskussion bezüglich einer möglichen beruflichen Verweistätigkeit auf. Die
Gutachterin weist in diesem Zusammenhang auf die von der Beschwerdeführerin ihr
gegenüber geschilderten Haushalts- bzw. Freizeitaktivitäten hin (IV-act. 120-56) sowie
auf die aktuelle Labordiagnostik, welche bezüglich zweier Medikamente erheblich
daran zweifeln liess, dass die Beschwerdeführerin diese tatsächlich in der ärztlich
verordneten bzw. in der von ihr angegebenen Dossierung einnahm (IV-act. 120-57 f.).
Insofern ist der Einwand nicht stichhaltig (vgl. dazu auch die Stellungnahme Dr. J._s
vom 5. August 2016, IV-act. 156-16 f.).
2.5.
Nachdem das orthopädische Gutachten von Dr. J._ sämtliche medizinischen
Einschätzungen in seiner Beurteilung berücksichtigt und in sich schlüssig und
nachvollziehbar ist, ist seine Beweiskraft gegeben. Es sind keine Anhaltspunkte dafür
ersichtlich, dass die Gutachterin bei der Arbeitsfähigkeitsschätzung in unkorrekter
Weise vorgegangen wäre. Im Gegenteil wurden die Befunde sowie die
Funktionseinschränkungen umfassend ermittelt und dargetan und die
Arbeitsfähigkeitsschätzung nachvollziehbar begründet. Folglich ist auf das Gutachten
vom 11. Januar 2017 inklusive Ergänzung vom 5. August 2017 abzustellen. Dies gilt
auch hinsichtlich des Beginns der Arbeitsfähigkeit in adaptierten Tätigkeiten. Dr. I._
vom RAD hatte zwar bereits am 23. Mai 2016 das Vorhandensein einer mindestens
50%igen Arbeitsfähigkeit in einer leidensangepassten Tätigkeit gesehen, nachdem Dr.
E._ klare Verbesserungen erwähnt und Dr. C._ eine verbesserte Mobilität
2.6.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
beschrieben hatte (IV-act. 77-1). Am 19. Januar 2017 hielt Dr. I._ sodann fest, nach
den Wirbelsäulenoperationen vom 13. und 17. Oktober 2015 könne von einer
Heilungsphase von fünf bis sechs Monaten ausgegangen werden (IV-act. 122-4). Für
eine nicht bereits im April 2016 - wie sie die Beschwerdegegnerin wohl gestützt auf
diese Einschätzungen von Dr. I._ angenommen hat (vgl. act. G 1.2) -, sondern erst im
November 2016 eingetretene Verbesserung des Gesundheitszustandes der
Versicherten spricht jedoch der Umstand, dass Dr. E._ am 13. Juli 2016 nach einer
Sprechstunde vom 11. Juli 2016 noch eine deutlich limitierte Belastbarkeit beschrieb
und an eine Intensivtherapie dachte (IV-act. 93-2). Währenddem die Versicherte den
Angaben des Arztes zufolge zu dieser Sprechstunde ohne Gehhilfe erschienen war (IV-
act. 93-1), war beim Eintritt in die Kliniken Valens eine primäre Mobilisation an zwei
Unterarmgehstöcken beschrieben worden (IV-act. 106-3). Der dortige stationäre
Rehabilitationsaufenthalt vom 26. September bis 22. Oktober 2016 war sodann wegen
zunehmender lumbaler Schmerzen erfolgt. Auch konnte während des Verlaufs eine
allmähliche Steigerung der Belastbarkeit und eine allgemeine Rekonditionierung
beobachtet werden (IV-act. 106-3). Nach dem Gesagten ist auch in diesem Punkt auf
die Einschätzung von Dr. J._ abzustellen und folglich erst ab der Exploration vom 29.
November 2016 von der beschriebenen Arbeitsfähigkeit in adaptierten Tätigkeiten
auszugehen.
Der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin beantragt angesichts der
"Schmerzproblematik" eine psychiatrische Abklärung (act. G 1 S. 5 f. Ziff. 5). Dr. J._
kam nach eingehender Unterhaltung mit und Untersuchung der Beschwerdeführerin
zum Schluss, dass eine Symptomausweitung vorliege, und hielt diesbezüglich fest,
dass es sich dabei nicht um eine fachpsychiatrische Diagnose, sondern um ein
psychologisches Konstrukt handle (IV-act. 120-56 f.). Die Notwendigkeit einer
psychiatrischen Begutachtung kann auch aus den übrigen Akten nicht nachvollzogen
werden, haben doch weder die Beschwerdeführerin noch deren behandelnde Ärzte je
den Besuch eines psychiatrischen Facharztes als notwendig erachtet. Darüber hinaus
stellte Dr. J._ gestützt auf die Labordiagnostik fest, dass die Beschwerdeführerin
zwei von ihr gegen die Schmerzen einzunehmende Medikamente (Pregabalin und
Saroten) wohl nicht entsprechend der ärztlichen Verordnung und auch nicht so wie von
ihr angegeben einnehme (IV-act. 120-28 sowie 120-57 f.). Dies wird von der
Beschwerdeführerin nicht aktenkundig bestritten und dürfte gegen einen starken
Leidensdruck bezüglich Schmerzabnahme sprechen. Auch hätte es der
Beschwerdeführerin freigestanden, innert der ihr am 4. Oktober 2016 von der IV-Stelle
hierfür angesetzten Frist eine bidisziplinäre Abklärung anstelle der in Aussicht gestellten
monodisziplinären Abklärung zu verlangen (IV-act. 103). Das von der
2.7.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.
Beschwerdeführerin anlässlich der orthopädischen Begutachtung geschilderte
wechselhafte psychische Befinden im Sinne einer rezidivierenden Traurigkeit sowie die
verminderte Libido (IV-act. 120-27 oben) reichen nicht aus, um die Notwendigkeit einer
fachpsychiatrischen Begutachtung zu begründen. Die fehlende Veranlassung einer
solchen Begutachtung ist nach dem Gesagten nicht zu beanstanden.
Ausgehend von einer fehlenden Arbeitsfähigkeit vom 25. November 2014 bis 28.
November 2016 und von einer 80%igen Arbeitsfähigkeit in adaptierten Tätigkeiten ab
dem 29. November 2016 bleiben die erwerblichen Auswirkungen der jeweiligen
Leistungsbeeinträchtigung zu prüfen. Dabei ist der Invaliditätsgrad
unbestrittenermassen anhand eines Einkommensvergleichs zu ermitteln (vgl.
Erwägung 1.3). Der frühestmögliche Rentenbeginn liegt im November 2015
(Anmeldung vom September 2014 in IV-act. 1; Wartejahr ab erstmaliger, ohne
wesentlichen Unterbruch attestierter Arbeitsunfähigkeit am 25. November 2014 [IV-act.
30-12 und 127] bis 24. November 2015; vgl. Art. 28 Abs. 1 lit. b und Art. 29 Abs. 1 IVG
sowie Art. 29 IVV). Dass der Hausarzt bereits am 22. September 2014 nur vier
Stunden tägliche Arbeit im Service als möglich bezeichnete (IV-act. 7-1), ist kein
hinreichender Beleg für den Beginn des Wartejahres (Art. 28 Abs. 1 lit. b IVG). Denn der
Arbeitgeber hielt im Fragebogen vom 22. Oktober 2014 noch fest, die
Arbeitsunfähigkeit der Beschwerdeführerin betrage 0% (IV-act. 13-3) und gegenüber
der Krankentaggeldversicherung wurde auch erst der 25. November 2014 als Beginn
der Arbeitsunfähigkeit erwähnt (IV-act. 30-5).
3.1.
ter
Betreffend die Bestimmung des Valideneinkommens wird in der Regel am zuletzt
erzielten Einkommen angeknüpft, weil davon auszugehen ist, dass die versicherte
Person ohne den Eintritt der Arbeitsunfähigkeit die bisherige Tätigkeit weitergeführt
hätte (BGE 134 V 322 E. 4.1). Gemäss Auszug aus dem individuellen Konto betrug das
Einkommen der Beschwerdeführerin in ihrer letzten im Restaurant B._ ausgeübten
Tätigkeit Fr. 50'700.-- für das Jahr 2012 (IV-act. 6 sowie 13). Dementsprechend ist das
Valideneinkommen unter Vornahme der Nominallohnbereinigung auf Fr. 51'780.-- per
2015 festzusetzen (Index Frauen 2012: 2630; Index Frauen 2015: 2686; Basis 1939 =
100; vgl. Bundesamt für Statistik, Tabelle T 39, Entwicklung der Nominallöhne, der
Konsumentenpreise und der Reallöhne, 1976 bis 2015).
3.2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.3.
Für die Festsetzung des Invalideneinkommens ist primär von der beruflich-
erwerblichen Situation auszugehen, in welcher die versicherte Person konkret steht. Ist
kein effektives Erwerbseinkommen gegeben, namentlich, weil die versicherte Person
nach Eintritt des Gesundheitsschadens keine oder jedenfalls keine ihr an sich
zumutbare neue Erwerbstätigkeit aufgenommen hat, so können nach der
Rechtsprechung statistische Werte, insbesondere die Tabellenlöhne gemäss den vom
Bundesamt für Statistik periodisch herausgegebenen Lohnstrukturerhebungen (LSE),
beigezogen werden (BGE 139 V 592 E. 2.3).
3.3.1.
Nach der Beendigung ihrer Tätigkeit für das Restaurant B._ (wobei dieses
Arbeitsverhältnis bis mindestens 29. November 2016 rein rechtlich noch bestand; vgl.
IV-act. 120-24 Ziff. 3.1.4) war die Beschwerdeführerin aktenkundig nicht mehr
arbeitstätig. Da sie nicht mehr im angestammten Bereich tätig sein kann und über keine
weitere Berufsausbildung verfügt, ist zur Bestimmung des Invalideneinkommens auf
die vorstehend erwähnten Tabellen zurückzugreifen. Gemäss den LSE von 2014,
Tabelle TA 1, haben Frauen im Kompetenzniveau 1 bei einer betriebsüblichen
wöchentlichen Arbeitszeit von 41.7 Stunden durchschnittlich ein Jahreseinkommen von
Fr. 53'793.-- erzielt. In Berücksichtigung der Nominallohnentwicklung ergibt dies für
das Jahr 2015 ein Invalideneinkommen von Fr. 54'055.-- (vgl. Anhang 2 der IVG-
Ausgabe der Informationsstelle AHV/IV, Ausgabe 2019).
3.3.2.
Die IV-Stelle gewährte der Beschwerdeführerin einen sog. leidensbedingten
Abzug vom Tabellenlohn von 15%. Mit dem Tabellenlohnabzug wird berücksichtigt,
dass gesundheitlich beeinträchtigte Personen, die selbst bei leichten
(Hilfsarbeiter)Tätigkeiten behindert sind, im Vergleich zu voll leistungsfähigen und
entsprechend einsetzbaren arbeitnehmenden Personen lohnmässig benachteiligt sind
und deshalb mit unterdurchschnittlichen Lohnansätzen rechnen müssen. Sodann wird
dem Umstand Rechnung getragen, dass weitere persönliche und berufliche Merkmale
einer versicherten Person, wie Alter, Dauer der Betriebszugehörigkeit, Nationalität oder
Aufenthaltskategorie sowie Beschäftigungsgrad, Auswirkungen auf die Lohnhöhe
haben können (BGE 129 V 481 E. 4.2.3, vgl. auch BGE 134 V 327 E. 5.2). Vorliegend
hat sich die Beschwerdeführerin im vorgerückten Alter nach einer leidensangepassten
Tätigkeit umzusehen, nachdem sie seit Beendigung der Schulzeit als
Serviceangestellte tätig war. Da ihr nur noch sehr leichte bis leichte Arbeiten zumutbar
sind, welche wechselbelastend sein müssen und weiteren Einschränkungen unterliegen
(vgl. vorstehend Erwägung 2.2), ist sie gegenüber gesunden Konkurrentinnen auf dem
3.3.3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.
Arbeitsmarkt erheblich beeinträchtigt. Unter diesen Umständen erscheint der gewährte
Leidensabzug von 15% angemessen (vgl. bezüglich Angemessenheit vgl. BGE 123 V
150 E. 2 mit Hinweisen) und wird auch von der Beschwerdeführerin nicht beanstandet,
weshalb von einem Invalideneinkommen von Fr. 45'947.-- (Fr. 54'055.-- x 0.85)
auszugehen ist.
Bei der rückwirkenden Zusprache einer abgestuften und/oder befristeten
Invalidenrente finden gemäss Rechtsprechung die für die Rentenrevision geltenden
Normen (Art. 17 Abs. 1 ATSG in Verbindung mit Art. 88a IVV) analog Anwendung (Urteil
des Bundesgerichts vom 16. April 2013, 8C_93/2013, E. 2; BGE 121 V 275 E. 6b/dd mit
Hinweis). Gemäss Art. 88a IVV ist bei einer Verbesserung (Abs. 1) oder
Verschlechterung (Abs. 2) der Erwerbsfähigkeit die anspruchsbeeinflussende Änderung
zu berücksichtigen, sobald sie ohne wesentliche Unterbrechung drei Monate
angedauert hat.
3.4.
Bei Eintritt der Invalidität am 25. November 2015 (vgl. vorstehend Erwägung 3.1)
lag bei der Beschwerdeführerin eine 100%ige Erwerbsunfähigkeit vor, weshalb sie ab
dem 1. November 2015 Anspruch auf eine ganze Rente hat. Nachdem ab der
Exploration durch Dr. J._ am 29. November 2016 von einer leidensadaptierten
Arbeitsfähigkeit von 80% auszugehen ist, resultiert bei einem Invalideneinkommen von
Fr. 36‘757.-- (Fr. 45‘947.-- x 0.8) und einer Erwerbseinbusse von Fr. 15‘023.--
(Fr. 51‘780.-- - Fr. 36‘757.--) ein Invaliditätsgrad von abgerundet 29% ([Fr. 15‘023.-- /
Fr. 51‘780.--] x 100). Die rentenbegründende Schwelle von 40% würde auch bei
Vornahme eines sog. Prozentvergleichs nicht erreicht. In Anwendung der gemäss
Art. 88a IVV zu beachtenden Anpassungszeit von drei Monaten hat die
Beschwerdeführerin gestützt auf diesen Invaliditätsgrad ab dem 1. März 2017 keinen
Anspruch auf eine Invalidenrente mehr.
3.5.
Nach dem Gesagten ist die angefochtene Verfügung vom 13. März 2018 in
teilweiser Gutheissung der Beschwerde aufzuheben und der Beschwerdeführerin für
den Zeitraum vom 1. November 2015 bis 28. Februar 2017 eine befristete ganze Rente
auszurichten. Zur Festsetzung und Ausrichtung der Rentenleistung ist die Sache an die
Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Im Übrigen ist die Beschwerde abzuweisen.
4.1.
Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr.
1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1bis IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- erscheint
in der vorliegend zu beurteilenden Angelegenheit als angemessen. In Anbetracht der
4.2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 18/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte