Decision ID: 87406f2a-65d9-5e9e-8f68-350a5792972a
Year: 2015
Language: de
Court: AR_OG
Chamber: AR_OG_003
Canton: AR
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: social_law

Sachverhalt
A. Die am XX.XX.1960 geborene A_ war als Arbeitslose gegen die Folgen von Unfällen
obligatorisch bei der Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt (SUVA) versichert, als sie
am 10. Juli 2011 zu Hause ausrutschte und sich an der rechten Hand verletzte.1 In der
Folge kam die SUVA im Zusammenhang mit diesem Nichtberufsunfall für diverse
Behandlungskosten auf – unter anderem auch eine Operation des rechten Handgelenks –
und richtete Taggelder aus. Am 15. Januar 2013 verletzte sich A_ erneut, als sie zu
Hause im Badezimmer ausrutschte und das rechte Knie anschlug.2
B. Im März bzw. April 2013 wurden von der SUVA vorübergehend die Taggeldleistungen an
A_ gekürzt.3 Vom 14. Mai bis 29. Mai 2013 hielt sich A_ stationär in der Rehaklinik
Bellikon auf. Im Austrittsbericht der Rehaklinik Bellikon wurde festgehalten, dass aus
unfallkausaler Sicht die frühere berufliche Tätigkeit als Textil-Fabrikmitarbeiterin nicht mehr
zumutbar sei, da die Anforderungen zu hoch seien. Eine andere berufliche Tätigkeit im
1 Act. 8.I.1 2 Act. 8.II.1 3 Act. 8.I.112 und act. 8.I.134
Seite 3
Sinne einer leichten bis mittelschweren Arbeit, ohne repetitiven Krafteinsatz der rechten
Hand, wechselbelastend, ohne Einnahme von Zwangshaltungen wie Knien, Kauern und
Hocken, sei ganztags zumutbar.4 Am 16. Juli 2013 fand eine kreisärztliche Abschluss-
untersuchung durch med. pract. D_, Fachärztin FMH für Chirurgie, statt, in welcher die
Zumutbarkeitsbeurteilung der Rehaklinik Bellikon bestätigt wurde.5
C. Mit Schreiben vom 24. September 2013 teilte die SUVA A_ mit, dass keine Behandlung
mehr notwendig sei, weshalb mit dem heutigen Tag die Heilkostenleistungen eingestellt
würden. Weitere Taggeldleistungen seien ab 30. September 2013 nicht mehr geschuldet.6
Am 1. November 2013 liess A_ dagegen Einwände erheben.7
D. Am 26. November 2013 fand eine zweite kreisärztliche Untersuchung bei med. pract. D_
statt. Sie empfahl im Wesentlichen eine Vorlage bei der Versicherungsmedizin in Luzern
und gegebenenfalls ein interdisziplinäres chirurgisch-neurologisch-psychiatrisches
Konsilium.8 Die chirurgische und neurologische Beurteilung mit Untersuchung vom 5. März
2014 bei der Versicherungsmedizin in Luzern ergab, dass kein CRPS im Bereich der rech-
ten oberen Extremität vorliegt. In der psychiatrischen Beurteilung wurden eine Somatisie-
rungsstörung sowie eine vorwiegend histrionische Persönlichkeitsstörung diagnostiziert.9
E. Die SUVA sprach A_ mit Verfügung vom 17. April 2014 eine Integritätsentschädigung
von 5 % zu. Die Ausrichtung einer Invalidenrente wurde mit der Begründung abgelehnt, es
liege keine unfallbedingte Beeinträchtigung der Erwerbsfähigkeit vor.10 Dagegen liess A_
am 21. Mai 2014 Einsprache erheben.11 Mit Einspracheentscheid vom 13. August 2014
hielt die SUVA an ihrer Verfügung fest und wies die Einsprache ab.12
F. Mit Eingabe vom 10. September 2014 liess A_ beim Obergericht Appenzell
Ausserrhoden Beschwerde erheben.13 In der Beschwerdeantwort vom 17. Dezember 2014
beantragte die SUVA die Abweisung der Beschwerde.14 Am 26. Februar 2015 reichte A_
die Replik ein. Sie verzichtete stillschweigend auf die Durchführung einer mündlichen
Verhandlung.15 Die Duplik der SUVA ging am 18. März 2015 ein.16
4 Act. 8.I.148-2/11 5 Act. 8.I.155-7/8 6 Act. 8.I.170 7 Act. 8.I.177 8 Act. 8.I.186-4/10 9 Act. 8.I.198-20/21 und act. 8.I.199-10/13 10 Act. 8.I.204 11 Act. 8.I.212 12 Act.8.I.218 13 Act. 1 14 Act. 7 15 Act. 11
Seite 4
G. Auf die Vorbringen der Parteien in den Rechtsschriften sowie die Ausführungen in den
medizinischen Akten wird, soweit erforderlich, in den Erwägungen eingegangen.

Erwägungen
1. Gemäss Art. 57 ATSG17 i.V.m. Art. 28 Abs. 1 lit. b JG18 beurteilt das Obergericht als kanto-
nales Versicherungsgericht Beschwerden aus dem Bereich der Sozialversicherungen. Die
örtliche Zuständigkeit ist gegeben (Art. 58 Abs. 1 ATSG).
Die von Amtes wegen vorzunehmende Prüfung der weiteren Prozessvoraussetzungen
ergibt, dass diese sowohl hinsichtlich der Beschwerdeberechtigung als auch hinsichtlich der
Form- und Fristerfordernisse erfüllt sind.19
Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2. 2.1
Nach Art. 6 Abs. 1 UVG i.V.m. Art. 9 Abs. 2 UVV20 setzt die Zusprechung von Leistungen
der obligatorischen Unfallversicherung grundsätzlich das Vorliegen eines Berufsunfalls,
eines Nichtberufsunfalls, einer Berufskrankheit oder einer unfallähnlichen Körperschädi-
gung voraus. Der Unfallversicherer haftet jedoch für einen Gesundheitsschaden nur inso-
weit, als dieser in einem natürlichen sowie adäquaten Kausalzusammenhang zum versi-
cherten Ereignis steht.21
Ursachen im Sinne des natürlichen Kausalzusammenhangs sind alle Umstände, ohne
deren Vorhandensein der eingetretene Erfolg nicht als eingetreten oder nicht als in der glei-
chen Weise bzw. nicht zur gleichen Zeit eingetreten gedacht werden kann. Entsprechend
dieser Umschreibung ist für die Bejahung des natürlichen Kausalzusammenhangs nicht
erforderlich, dass ein Unfall die alleinige oder unmittelbare Ursache gesundheitlicher Stö-
rungen ist; es genügt, dass das schädigende Ereignis zusammen mit anderen Bedingun-
16 Act. 14 17 Bundesgesetz vom 6. Oktober 2000 über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG,
SR 830.1) 18 Justizgesetz vom 13. September 2010 (JG, bGS 145.31) 19 Art. 1 Abs. 1 des Bundesgesetzes vom 20. März 1981 über die Unfallversicherung (UVG, SR 832.20)
i.V.m. Art. 59, Art. 60 Abs. 1 und Art. 61 lit. b ATSG sowie Art. 54, Art. 56 und Art. 59 des Gesetzes vom 9. September 2002 über die Verwaltungsrechtspflege (VRPG, bGS 143.1)
20 Verordnung vom 20. Dezember 1982 über die Unfallversicherung (UVV, SR 832.202) 21 BGE 129 V 177 E. 3
Seite 5
gen die körperliche oder geistige Integrität der versicherten Person beeinträchtigt hat, der
Unfall mit andern Worten nicht weggedacht werden kann, ohne dass auch die eingetretene
gesundheitliche Störung entfiele. Ob zwischen einem schädigenden Ereignis und einer
gesundheitlichen Störung ein natürlicher Kausalzusammenhang besteht, ist eine Tatfrage,
worüber die Verwaltung bzw. im Beschwerdefall das Gericht im Rahmen der ihm obliegen-
den Beweiswürdigung nach dem im Sozialversicherungsrecht üblichen Beweisgrad der
überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu befinden hat. Die blosse Möglichkeit eines Zusam-
menhangs genügt für die Begründung eines Leistungsanspruchs nicht.22
2.2
Zwischen den Parteien ist grundsätzlich unbestritten, dass die Handverletzung vom 10. Juli
2011 sowie die Knieverletzung vom 15. Januar 2013 Unfälle im Sinne von Art. 4 ATSG dar-
stellen. Die SUVA erbrachte für beide Ereignisse Versicherungsleistungen, stellte diese
indes mit Verfügung vom 17. April 2014 ein mit der Begründung, es liege keine unfallbe-
dingte Beeinträchtigung vor.
Die medizinischen Akten ergeben zur Frage, inwiefern die Beschwerdeführerin durch die
Hand- und Knieverletzung gesundheitlich beeinträchtigt ist, im Wesentlichen das folgende
Bild:
2.2.1
Der erstbehandelnde Dr. med. E_, Facharzt FMH Medizinische Onkologie und
Allgemeine Innere Medizin, Appenzell, führte im Arztzeugnis UVG vom 25. November 2011
als Befund eine intakte ossäre Struktur ohne Nachweis einer Fraktur auf und diagnostizierte
eine Handgelenksdistorsion rechts.23
2.2.2
In der handchirurgischen Sprechstunde vom 1. Dezember 2011 des Spitals Herisau stellte
Dr. med. F_, Fachärztin FMH Chirurgie und Handchirurgie, folgende Diagnose: unklare
ulnocarpale Handgelenksschmerzen rechts, Status nach Hyperextensionstrauma am
15. Juli 2011, DD: Bone bruise Lunatum mit TFCC-Läsion, traumatisierte Lunatummalazie.
In der Beurteilung führte sie aus, die Beschwerdeführerin gebe explizit an, vor dem Unfall
keine ulnaren Handgelenksbeschwerden gehabt zu haben, weshalb eine echte TFCC-
Problematik vor dem Unfall ausgeschlossen werden könne.24 Im Bericht vom 15. Dezember
2011 führte Dr. med. F_ aus, dass es der Beschwerdeführerin etwas besser gehe, sie
22 BGE 129 V 177 E. 3.1 mit Hinweisen 23 Act. 8.I.15-1/3 24 Act. 8.I.29-1/2
Seite 6
aber nicht beschwerdefrei sei. Sie glaube, man könne davon ausgehen, dass das Problem
eine Läsion im Bereich des TFCC sei.25
2.2.3
Dr. med. G_, Klinik für Chirurgie und Orthopädie, Spital Walenstadt, diagnostizierte im
Bericht über die Untersuchung vom 11. Januar 2012 ein posttraumatisches TFCC-Syndrom
rechts, DD: Lunatum-Malazie, residuelle Bone bruise, Ulna-Impingement.26
2.2.4
Im Bericht über die Operation vom 18. April 2012 stellte Dr. med. H_, Klinik für Hand-,
Plastische- und Wiederherstellungschirurgie, Kantonsspital St. Gallen, die Diagnosen
traumatische TFCC Läsion palmar 1b rechts sowie ulnokarpales Impingementsyndrom
rechts.27
2.2.5
In der Nachkontrolle vom 3. September 2012 im Kantonsspital St. Gallen wurde insgesamt
eine etwas verbesserte Situation festgestellt, die Hand könne aber für Arbeiten nach wie
vor nicht eingesetzt werden.28 Im Bericht über die Nachkontrolle vom 8. Oktober 2012
wurde bei ansonsten gleichbleibender Diagnose neu ein CRPS diagnostiziert. Weiter wurde
festgehalten, dass die Beschwerdeführerin über eine zwar langsame, aber für sie sehr wohl
wahrnehmbare Besserung der Schmerz- und Bewegungssituation berichte.29 Den Berich-
ten der Nachkontrollen vom 19. November 2012 sowie vom 17. Dezember 2012 lässt sich
bei gleichbleibenden Diagnosen im Wesentlichen entnehmen, dass insgesamt im Vergleich
zur Erstkonsultation eine Verbesserung der Beschwerden und Schmerzen eingetreten
sei.30
2.2.6
Im Kurzaustrittsbericht des Spitals Herisau, Chirurgie, über die ambulante Behandlung vom
15. Januar 2013 wurde eine Kniekontusion rechts diagnostiziert.31 Die Nachkontrolle im
Spital Herisau vom 24. Januar 2013 ergab in objektiver Hinsicht, dass das Knie noch minim
druckschmerzhaft sei, die Beweglichkeit schmerzbedingt eingeschränkt, jedoch keine
Instabilität vorliege.32 In der chirurgischen Sprechstunde des Spitals Herisau vom 27. März
25 Act. 8.I.31 26 Act. 8.I.38 27 Act. 8.I.56 28 Act. 8.I.74 29 Act. 8.I.79 30 Act. 8.I.91 und act. 8.I.98 31 Act. 8.II.7 32 Act. 8.II.17-3/4
Seite 7
2013 wurde ein Status nach Kniekontusion rechts am 15. Januar 2013, aktuell residuelle
Schmerzen peripatellär bei zusätzlich vorhandender Chondropathie sowie eine Schmerz-
verarbeitungsstörung diagnostiziert. Weiter wurde die Fortführung der Physiotherapie
empfohlen und festgehalten, dass keine Operationsindikation bestehe.33
2.2.7
In der Nachkontrolle vom 16. Januar 2013 in der Klinik für Hand-, Plastische- und Wieder-
herstellungschirurgie, Kantonsspital St. Gallen, wurden bei ansonsten gleichbleibender
Diagnose neu aktuell Knieschmerzen rechts, stockmobil, diagnostiziert. In Bezug auf letz-
tere Diagnose wurde im Bericht erwähnt, dass diesbezüglich bereits eine Konsultation ver-
einbart sei, weshalb ihrerseits auf weitere Abklärungen verzichtet werde. Weiter wurde im
Verlaufsbericht darauf hingewiesen, dass heute kaum mehr ein CRPS bestehe. Als Proce-
dere wurde festgehalten, dass, sollte die Wirkung der Testinfiltration typisch sein, nun nach
abgeklungenem CRPS eine partielle Handgelenksdenervation zu besprechen sei.34 Im
Bericht über die Nachkontrolle vom 13. Februar 2013 wurde bei gleichbleibender Diagnose
festgehalten, dass sich nun im Langzeitverlauf doch deutliche Fortschritte feststellen lies-
sen. Das CRPS sei zumindest deutlich rückläufig. Als Procedere wurde vorgesehen, die
CRPS Therapie mit DMSO Salbe, Redoxon und intensiver Erghotherapie weiterzuführen.35
In der Nachkontrolle vom 25. März 2013 wurde bei ansonsten gleichbleibender Diagnose
ein neu aufgetretenes, dorsales Handgelenksganglion rechts diagnostiziert.36 In der folgen-
den Nachkontrolle vom 22. April 2013 wurde als neue Diagnose ein bekanntes chronisches
multilokuläres nozizeptives Schmerzsyndrom in der ansonsten gleichbleibenden Diagnose-
liste aufgenommen. Weiter wurde ausgeführt, dass die Schmerzen weitgehend unverändert
geblieben seien. Die Beweglichkeit sei aber etwas besser als zuletzt.37
2.2.8
Im Austrittsbericht der Rehaklinik Bellikon wird in der zusammenfassenden Beurteilung
darauf hingewiesen, es sei zu berücksichtigen, dass die Beschwerdeführerin schon seit
vielen Jahren unter anderem an einem chronischen Schmerzsyndrom leide. Es bestehe
eine deutliche Diskrepanz zwischen den objektivierbaren Befunden und dem subjektiven
Beschwerdebild. Die Beobachtungen bei den Leistungstests und im Behandlungsprogramm
hätten auf eine erhebliche Symptomausweitung hingewiesen. Diese sei teilweise auf eine
psychische Störung zurückzuführen. Für die Beurteilung der zumutbaren körperlichen
Belastbarkeit seien daher die Resultate der physischen Leistungstests nicht verwertbar. Die
33 Act. 8.II.29 34 Act. 8.I.102 35 Act. 8.I.106-4f/5 36 Act. 8.I.125 37 Act. 8.I.135
Seite 8
Beurteilung der Zumutbarkeit stütze sich wesentlich auf medizinisch-theoretische Überle-
gungen, unter Berücksichtigung der Beobachtungen bei den Leistungstests und im
Behandlungsprogramm. Die berufliche Tätigkeit als Textil-Fabrikmitarbeiterin sei nicht
zumutbar. Zumutbar sei eine leichte bis mittelschwere Arbeit, ganztags, ohne repetitiven
Krafteinsatz der rechten Hand, wechselbelastend, ohne Einnahme von Zwangshaltungen
wie Knien, Kauern und Hocken.38
2.2.9
Im Bericht über die Nachkontrolle vom 12. Juni 2013 in der Klinik für Hand-, Plastische- und
Wiederherstellungschirurgie, Kantonsspital St. Gallen, wurde bei gleichbleibender Diagnose
ausgeführt, dass die Beschwerdeführerin subjektiv über einen ungefähr stationären Verlauf
mit immer noch starken Beschwerden im Handgelenk bei jeglichen Arbeiten berichte. Aus
ärztlicher Sicht ergebe sich zumindest aus den klinischen Parametern ein deutlicher Fort-
schritt. So seien die Zeichen des CRPS zwar nicht vollständig regredient, aber deutlich
rückläufig.39
2.2.10
In der ärztlichen Abschlussuntersuchung der SUVA vom 16. Juli 2013 durch med. pract.
D_ wurde in der Beurteilung festgehalten, es bestünden objektiv Dauerschmerzen und
Kraftlosigkeit im Handgelenksbereich rechts sowie belastungsabhängige Knieschmerzen
rechts. Eine konklusive Untersuchung vor allem des rechten Kniegelenks sei aufgrund
ausgeprägter Schmerzen nicht möglich gewesen, eine gewisse Aggravation sei nicht aus-
zuschliessen. Auffällig auch das übertriebene Schonverhalten mit Tragen der Hand-
gelenksmanschette und übertriebenem Schonhinken. Hierzu korreliere die seitengleiche
palmare und plantare Beschwielung sowie die fehlenden muskulären Atrophiezeichen nicht.
Zeichen eines CRPS fänden sich aktuell nicht. Aufgrund der durchgeführten Untersuchung
sei die Zumutbarkeitsbeurteilung der Rehaklinik Bellikon zu übernehmen. Bezüglich des
Kniegelenks sei keine Integritätsentschädigung geschuldet.40
2.2.11
Gemäss dem Bericht über die Nachkontrolle vom 12. September 2013 in der Klinik für
Hand-, Plastische- und Wiederherstellungschirurgie, Kantonsspital St. Gallen, gab die
Beschwerdeführerin bei gleichbleibender Diagnose an, es bestehe keine wesentliche Ver-
besserung ihrer Schmerzen im Handgelenk.41 In der Nachkontrolle vom 7. Oktober 2013
berichtete die Beschwerdeführerin über eine deutliche Zunahme der Schmerzen. Im Befund
38 Act. 8.I.147-1ff/11 39 Act. 8.I.150 40 Act. 8.I.155 41 Act. 8.I.168
Seite 9
wurde ein ungefährer Status idem mit Zeichen des Vollbildes eines CRPS auf der rechten
Seite mit allerdings nur moderat geschwollenem Handgelenk und Handrücken bei deut-
licher Bewegungseinschränkung aller Langfinger und Schmerzhaftigkeit bei Bewegung,
Hyperhidrosis und Hyperämie der Haut erwähnt.42
2.2.12
Im Bericht über die zweite kreisärztliche Untersuchung vom 26. November 2013 durch
med. pract. D_ wird ausgeführt, dass subjektiv Dauerschmerzen und belastungs-
abhängig zunehmende Beschwerden im Bereich des rechten Handgelenks beständen,
ausserdem Schwellneigung, intermittierende Verfärbung und Bewegungseinschränkung.
Gemäss diagnostischen Kriterien für CRPS finde sich ein Spontanschmerz sowie intermit-
tierend auftretende Verfärbung verbunden mit einem Anschwellen und fraglich auch verän-
dertem Schwitzverhalten. Ausser der diskreten Schwellung über dem Handrücken seien
keine weiteren Befunde am Untersuchungstag verifizierbar. Radiologisch beständen keine
Hinweise auf fleckförmige Veränderungen, welche auf ein CRPS hinweisen könnten.43
2.2.13
Im Gutachten der SUVA, Kompetenzzentrum Versicherungsmedizin, vom 4. April 2014
über die chirurgische und neurologische Beurteilung mit Untersuchung vom 5. März 2014
führten Dr. med. K_, Facharzt für Neurologie, sowie Dr. med. I_, Fachärztin FMH für
Chirurgie, in Bezug auf die TFCC-Läsion aus, dass diese mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit nicht in Zusammenhang mit dem Hyperextensionstrauma des rechten
Handgelenks vom 10. Juli 2011 stehe. Ursächlich liege ein ulnocarpales Impaktionssyn-
drom zugrunde bei Ulna-plus-Variante. Ferner kamen die Gutachter zum Schluss, dass
kein CRPS vorliege im Bereich der rechten oberen Extremität. Anlässlich der
interdisziplinären Untersuchung hätten sich keine pathologischen neurovegetativen Zeichen
betreffend der Trophik, Sudomotorik oder der Vasomotorik finden lassen. Eine
Hyperalgesie und Allodynie habe die Beschwerdeführerin nicht angegeben. Eine Tempe-
raturdifferenz als Zeichen einer neurovegetativen Funktionsstörung könne ausgeschlossen
werden. Eine von der Beschwerdeführerin angegebene zirkuläre inkomplette Hypästhesie
am Unterarm rechts mit Begrenzung nach kranial in der Ellenbeuge und distal am Hand-
gelenk könne neuroanatomisch weder einer Nervenwurzel noch einem sensiblen periphe-
ren Nerv zugeordnet werden. Des Weiteren seien die in der Labordiagnostik nachgewiese-
nen Medikamentenspiegel diskrepant zur der Medikamentenanamnese. Die Budapest Kri-
terien zur Diagnose eines CRPS seien aktuell nicht erfüllt. Eine unfallbedingte Läsion des
peripheren Nervensystems als Ursache chronischer neuropahtischer Schmerzen könne
42 Act. 8.I.172 43 Act. 8.I.186-4/10
Seite 10
aktuell nicht mit dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit angenommen
werden. Das anlässlich der Untersuchung festgestellte Erythem stehe nicht in Zusammen-
hang mit einer neurovegetativen Funktionsstörung, sondern habe seine Ursache sehr
wahrscheinlich in der lokalen Applikation der DMSO-Salbe und sei differenzialdiagnostisch
als allergische Reaktion zu interpretieren.44 In der psychiatrischen Beurteilung durch Dr.
med. L_, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, wurde eine Somatisie-
rungsstörung (ICD-10: F45.0) sowie eine vorwiegend histrionische Persönlichkeitsstörung
(ICD-10: F60.4) diagnostiziert.45
2.2.14
Im Bericht über die Nachkontrolle vom 2. Juni 2014 in der Klinik für Hand-, Plastische- und
Wiederherstellungschirurgie, Kantonsspital St. Gallen, wurden keine neue Diagnosen
gestellt.46
2.3.
Die SUVA stützte sich bei der Einstellung ihrer Versicherungsleistungen in massgeblicher
Weise auf das bei der Versicherungsmedizin Luzern eingeholte Gutachten ab, welches
zum Schluss kommt, dass im Zeitpunkt des Fallabschlusses bzw. der Rentenprüfung mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit kein CRPS vorgelegen habe. In Bezug auf die noch
zumutbare Arbeitsfähigkeit verwiesen die Gutachter vollumfänglich auf das im Abschluss-
bericht der Rehaklinik Bellikon genannte immer noch gültige Profil. In der Beschwerdeant-
wort sowie der Replik machte die SUVA im Wesentlichen geltend, die Ausführungen der
Versicherungsmediziner Dr. med. K_ und Dr. med. I_ in Bezug auf die Läsionen im
Bereich des TFCC seien nachvollziehbar und schlüssig. Im nachträglich eingereichten
Bericht von Dr. med. H_ und Prof. med. J_, Klinik für Hand-, Plastische- und
Wiederherstellungschirurgie, Kantonsspital St. Gallen, vom 9. Februar 2015 werde zu
Recht nicht bestritten, dass die TFCC-Läsionen vorbestehend gewesen seien. Doch finde
sich keine konkrete Äusserung dazu, ob die bereits bei der Erstkonsultation bestandene
ausgeprägte chronische Schmerzsymptomatik der Beschwerdeführerin mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit auf den Sturz zurückzuführen bzw. ob es tatsächlich zu einem
Akutwerden des Vorzustandes gekommen sei. Der Bericht der behandelnden Ärzte
vermöge damit die umfassende und nachvollziehbar begründete Kausalitätsbeurteilung der
Versicherungsmediziner nicht in Zweifel zu ziehen, zumal der Bericht nicht auf einem
nochmaligen Untersuch der Beschwerdeführerin beruhe. Gestützt auf die chirurgische –
neurologische Beurteilung seien die Gutachter zum überzeugenden Schluss gekommen,
44 Act. 8.I.198-19f/21 45 Act. 8.I.199-10/13 46 Act. 8.II.54
Seite 11
wonach kein CRPS vorliege. Die von den behandelnden Ärzten dagegen vorgebrachten
pauschalen Behauptungen seien nicht überzeugend. Demnach bestehe kein Anlass für die
beantragte externe spezialärztliche Begutachtung. Zumal bereits eine
Situationsbeobachtung in Bellikon erfolgt sei, welche eine Zumutbarkeitsbeurteilung
gestützt auf medizinisch-theoretische Überlegungen zur Folge gehabt habe. Ferner sei
nicht zu beanstanden, dass auch die Hinweise auf Diskrepanzen in der Beurteilung berück-
sichtigt worden seien. Unfallfolgen am rechten Knie, welche zu einer erheblichen Ein-
schränkung führen würden, lägen keine vor. Das Valideneinkommen, der leidensbedingte
Abzug sowie die Schätzung des Integritätsschadens seien ebenfalls nicht zu beanstanden.
Die Beschwerdeführerin kritisierte im Wesentlichen, die Ansicht der SUVA-Ärzte, die TFCC-
Läsion rechts stehe nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit im Zusammenhang mit
dem Sturz vom 10. Juli 2011, sei nicht nachvollziehbar, nicht zuletzt da die Behandlung und
Operationen von der SUVA bezahlt worden sei. Auch die radiologisch sichtbare leichte
Arthrose stehe in einem ursächlichen Zusammenhang zum Unfall. Es sei objektiv nachge-
wiesen, dass die rechte Hand der Beschwerdeführerin bei regelmässiger Beanspruchung
verfärbe und anschwelle. Glaubhaft seien auch die damit verbundenen Schmerzen. In wel-
chem Ausmass diese Art von Behinderung zu einer Einschränkung der Arbeitsfähigkeit
führe, müsse durch eine spezialärztliche Begutachtung festgestellt werden. Von einer vol-
len Arbeitsfähigkeit dürfe nicht ausgegangen werden, in einer bestens geeigneten Tätigkeit
sei maximal eine Arbeitsfähigkeit von 50 % gegeben. Das Valideneinkommen sei nicht kor-
rekt ermittelt worden, da sich die Beschwerdeführerin zweifellos nach einer besser bezahl-
ten Stelle umgesehen hätte. Zudem sei ein Leidensabzug von mindestens 20 % zu gewäh-
ren und die Integrationsentschädigung aufgrund der Einschränkungen der Beweglichkeit
auf mindestens 10 % zu erhöhen. Gemäss dem Bericht vom 9. Februar 2015 von Dr. med.
H_ und Prof. med. J_ sei durch den Sturz der Vorschaden akut geworden und es sei
zweifellos ein durch den Unfall ausgelöstes CRPS eingetreten. Anlässlich der
kreisärztlichen Untersuchung vom 26. November 2013 seien die Symptome eines Morbus
Sudecks deutlich festgestellt worden. Es gehe daher nicht an, wenn bei späteren
Untersuchungen ohne effektive Beanspruchung der rechten Hand behauptet werde, es
läge kein CRPS mehr vor. Die Einschränkung in der Benützung der Hand sei offensichtlich.
2.4
Der Beweiswert eines ärztlichen Berichts hängt davon ab, ob der Bericht für die streitigen
Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten
Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist,
Seite 12
in der Beurteilung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizini-
schen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen des Experten begründet sind.47
Den Berichten und Gutachten versicherungsinterner Ärzte kommt Beweiswert zu, sofern sie
als schlüssig erscheinen, nachvollziehbar begründet sowie in sich widerspruchsfrei sind
und keine Indizien gegen ihre Zuverlässigkeit bestehen. Die Tatsache allein, dass der
befragte Arzt in einem Anstellungsverhältnis zum Versicherungsträger steht, lässt nicht
schon auf mangelnde Objektivität und auf Befangenheit schliessen.48 Soll ein Versiche-
rungsfall jedoch ohne Einholung eines externen Gutachtens entschieden werden, so sind
an die Beweiswürdigung strenge Anforderungen zu stellen. Bestehen auch nur geringe
Zweifel an der Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit der versicherungsinternen ärztlichen Fest-
stellungen, so sind ergänzende Abklärungen vorzunehmen.49
2.5
Die Kritik der Beschwerdeführerin am Gutachten des Kompetenzzentrums Versicherungs-
medizin überzeugt nicht. Die Versicherungsmediziner der SUVA legen in ihrer chirurgi-
schen und neurologischen Beurteilung schlüssig und nachvollziehbar dar, dass bei der
Beschwerdeführerin als unfallfremder Vorzustand ein ulnocarpales Impaktionssyndrom
bestanden habe. Im Zusammenhang mit diesem Impaktionssyndrom seien mit überwie-
gender Wahrscheinlichkeit die intraoperativ dokumentierten TFCC-Läsionen aufgetreten.50
Auch Dr. med. H_ und Prof. med. J_, Klinik für Hand-, Plastische- und
Wiederherstellungschirurgie, Kantonsspital St. Gallen, gingen im von der
Beschwerdeführerin nachträglich eingereichten Bericht vom 9. Februar 2015 davon aus,
dass der TFCC-Schaden mit grosser Wahrscheinlichkeit vorbestehend war.51 Weiter wie-
sen die Gutachter darauf hin, aus der medizinischen Dokumentation zum Heilverlauf
ergebe sich die durch die Handchirurgen am Kantonsspital St. Gallen gestellte Diagnose
eine komplexen regionalen Schmerzsyndroms (CRPS).52 Ein CRPS liege aktuell aus chirur-
gischer Sicht nicht vor, da keine Störung der Trophik, keine vermehrte Schweisssekretion
sowie keine Allodynie bestehe. Es sei aber ein deutliches Erythem ersichtlich, welches ein-
deutig auf die seit zwei Jahren angewandte Applikation der DMSO-Salbe zurückzuführen
sei.53 Anlässlich der erstmaligen fachärztlichen neurologischen Untersuchung seien bis auf
eine vom visuellen Aspekt her mässige Schwellung und Erythem am distalen Unterarm
rechts mit scharfer Begrenzung im Bereich des Handgelenks und der Ellenbeuge keine
47 BGE 125 V 351 E. 3a 48 BGE 125 V 351 E. 3b ee 49 BGE 135 V 465 E. 4.4 mit Hinweisen 50 Act. 8.I.198-15/21 51 Act. 12 52 Act. 8.I.198-14/21 53 Act. 8.I.198-15/21
Seite 13
objektivierbaren Befunde festzustellen gewesen. Die Budapest Kriterien zur Diagnose eines
CRPS seien aktuell aus neurologischer Sicht nicht erfüllt.54 Diese überzeugenden Ausfüh-
rungen, welche unter anderem auf einer fachärztlichen neurologischen Untersuchung beru-
hen, vermag der nachträglich eingereichte Bericht der behandelnden Handchirurgen des
Kantonsspitals St. Gallen vom 9. Februar 2015 nicht zu entkräften. Zumal letzterer nicht auf
einer aktuellen Untersuchung beruht, sondern anhand der vorhandenen Akten und in
Rückschau erstellt wurde. Demnach ist aufgrund des Gutachtens die Diagnose eines
CRPS aktuell bzw. im Zeitpunkt der Leistungseinstellung bzw. Rentenprüfung nicht mit dem
notwendigen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit nachgewiesen. Gemäss
den Gutachtern liegt vielmehr ein nozizeptives Schmerzsyndrom bei einer postoperativ ver-
änderten anatomischen Situation am rechten Handgelenk ohne kausalen Zusammenhang
zum Unfall vor. Nicht zu beanstanden ist ferner, dass die Versicherungsmediziner im Gut-
achten auch auf festgestellte Diskrepanzen im Rahmen der Verhaltensbeobachtung oder in
Bezug auf den Medikamentenspiegel hingewiesen haben. Insgesamt erfüllt das interdiszip-
linäre Gutachten des Kompetenzzentrums Versicherungsmedizin, bestehend aus der chi-
rurgisch - neurologischen sowie der psychiatrischen Beurteilung, die von der Rechtspre-
chung aufgestellten Anforderungen an beweistaugliche medizinische Berichte. Das Gut-
achten wurde in Kenntnis der umfangreichen Vorakten erstellt, berücksichtigt die geklagten
Beschwerden, setzt sich mit diesen auseinander, beruht auf interdisziplinären Untersu-
chungen und ist für die streitigen Belange umfassend. Es leuchtet in der Darlegung der
medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation ein,
erscheint schlüssig und die Schlussfolgerungen sind nachvollziehbar begründet. Somit
kommt dem Gutachten voller Beweiswert zu.
Soweit die Beschwerdeführerin vorbringt, die von ihr geltend gemachte Flexionseinschrän-
kung des Fingers, der unvollständige Faustschluss sowie die Kraftlosigkeit der rechten
Hand seien bei der Beurteilung der Arbeitsfähigkeit durch die Rehaklinik Bellikon nicht
berücksichtigt worden, geht sie fehl. Die von ihr geltend gemachten Beschwerden wurden
im Eintrittsbefund erhoben und – soweit massgebend – bei der Beurteilung der Arbeits-
fähigkeit berücksichtigt, indem ausgeführt wurde, dass ein repetitiver Krafteinsatz der
rechten Hand bei einer leichten bis mittelschweren Arbeit ganztags nicht möglich sei.55 Die
Zumutbarkeitsbeurteilung der Rehaklinik Bellikon wurde im Verlauf der medizinischen
Abklärungen von med. pract. D_ mehrfach bestätigt.56 Es liegen auch keine medi-
zinischen Berichte vor, welche diese Beurteilung in Zweifel ziehen würden.
54 Act. 8.I.198-17f/21 55 Act. 8.I.147-2/11 und act. 8.I.147-8/11 56 Act. 8.I.200
Seite 14
In Bezug auf das rechte Knie ist erstellt, dass die Beschwerdeführerin am 15. Januar 2013
stürzte und sich dabei eine Kniekontusion rechts zuzog.57 Im Austrittsbericht der Rehaklinik
Bellikon vom 5. Juni 2013 wurde festgestellt, dass sich die Beschwerdeführerin bei diesem
Sturz keine strukturellen Läsionen zugezogen habe. Die im MRI vom 22. Januar 2013
beschriebenen Befunde seien im Rahmen von degenerativen Veränderungen zu sehen.58
Med. pract. D_ bestätigte im ärztlichen Abschlussbericht vom 16. Juli 2013 diese
diagnostische Beurteilung.59 Die Beschwerdeführerin brachte gegen diese Beurteilung
keine anderslautenden medizinischen Befunde vor, machte aber geltend, die Knieproble-
matik erlaube ihr nur noch vorwiegend sitzende Tätigkeiten. Dieser Ansicht kann nicht
gefolgt werden, da die Beschwerdeführerin für ihre Behauptung weder neue medizinische
Tatsachen anführte noch neue Arztzeugnisse vorlegte. Vielmehr ist auf die Beurteilung der
Rehaklinik Bellikon abzustellen, welche auf einem rund zweiwöchigen stationären Aufent-
halt beruht und welche von der Kreisärztin der SUVA, med. pract. D_, bestätigt wurde.
Gemäss Austrittsbericht ist die Beschwerdeführerin durch ihr rechtes Knie (lediglich)
insofern eingeschränkt, als auf eine wechselbelastende Tätigkeit, ohne Einnahme von
Zwangshaltungen wie Knien, Kauern und Hocken, zu achten ist.60
2.6
Zusammenfassend ist festzustellen, dass weder in Bezug auf die rechte Hand noch in
Bezug auf das rechte Knie Unfallfolgen vorliegen, welche die Beschwerdeführerin erheblich
einschränken. Vielmehr ist im Zusammenhang mit der noch zumutbaren Arbeitsfähigkeit
auf den Abschlussbericht der Rehaklinik Bellikon abzustellen, gemäss welchem der
Beschwerdeführerin in einer adaptierten beruflichen Tätigkeit unter Berücksichtigung ihrer
speziellen Einschränkungen ganztags eine leichte bis mittelschwere Arbeit zumutbar ist.
Sodann sind der rechtserhebliche medizinische Sachverhalt und die Einschränkung der
Arbeitsfähigkeit hinreichend abgeklärt, weshalb es keiner weiteren Begutachtung mehr
bedarf.
3. Zu prüfen bleibt, inwiefern sich die festgestellte gesundheitliche Beeinträchtigung der
Beschwerdeführerin in erwerblicher Hinsicht auswirkt.
3.1
Nach Art. 16 ATSG wird für die Bestimmung des Invaliditätsgrades das Erwerbseinkom-
men, das die versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach Durchführung der
medizinischen Behandlung allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare
57 Act. 8.II.7-2/3 58 Act. 8.I.147-3/11 59 Act. 8.I.155-7/8 60 Act. 8.I.148-3/11
Seite 15
Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte, in Beziehung gesetzt zum
Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre.
Ist die versicherte Person infolge des Unfalles zu mindestens 10% invalid, so hat sie
Anspruch auf eine Invalidenrente (Art. 18 Abs. 1 UVG).
3.2
Für die Ermittlung des Valideneinkommens ist entscheidend, was die versicherte Person im
Zeitpunkt des frühestmöglichen Rentenbeginns nach dem Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit als Gesunde tatsächlich verdient hätte. Dabei wird in der Regel am
zuletzt erzielten, nötigenfalls der Teuerung und der realen Einkommensentwicklung ange-
passten Verdienst angeknüpft, da erfahrungsgemäss die bisherige Tätigkeit ohne Gesund-
heitsschaden fortgesetzt worden wäre. Ausnahmen müssen mit überwiegender Wahr-
scheinlichkeit erstellt sein.61
Zwar macht die Beschwerdeführerin geltend, sie hätte sich als Gesunde nach einer besser
bezahlten Stelle umgesehen. Konkrete Hinweise auf das behauptete berufliche Fortkom-
men bringt sie jedoch keine vor. Da blosse Absichtserklärungen für die Annahme eines
beruflichen Aufstiegs nicht genügen, bleibt es bei den von der SUVA verwendeten Tabel-
lenlöhnen für das Valideneinkommen gemäss den vom Bundesamt für Statistik periodisch
herausgegebenen Lohnstrukturerhebungen (LSE).62 Dabei ist entgegen der Ansicht der
SUVA im angefochtenen Entscheid auf gesamtschweizerische Verhältnisse – und nicht auf
den Bereich Deutschschweiz – abzustellen, weil, solange kein repräsentatives tatsächlich
erwirtschaftetes Einkommen vorhanden ist, der Invalidenlohn im nachfolgenden Einkom-
mensvergleich ebenfalls auf Grund gesamtschweizerischer Tabellenlöhne zu bestimmen
ist.63 Im Hinblick auf die frühere Tätigkeit der Beschwerdeführerin als Textilarbeiterin ist
demnach vom für den gesamten privaten Sektor eruierten Totalwert für Frauen bei Arbeiten
mit Anforderungsniveau 4 gemäss Tabelle TA1 der LSE 2010, Position 13: Herstellung von
Textilien, auszugehen, welcher unter Berücksichtigung der Nominallohnentwicklung bis
2013 bei Fr. 49‘351.90 liegt.64
3.3
Für die Festsetzung des Invalideneinkommens ist nach der Rechtsprechung primär von der
beruflichen-erwerblichen Situation auszugehen, in welcher die versicherte Person konkret
61 BGE 135 V 297 E. 5.1 mit Hinweisen 62 Urteil des Bundesgerichts 8C_635/2012 vom 11. Februar 2013 E. 5.1 mit Hinweisen 63 Act. 8.I 218-10/15; Urteil des Bundesgerichts 8C_683/2009 vom 26. Februar 2010 E. 4.1 mit
Hinweisen 64 Fr. 3‘848.--x 12 x 41.7 : 40 + 1% (Teuerung 2011) + 0.8% (Teuerung 2012) + 0.7% (Teuerung 2013) =
Fr. 49‘351.90
Seite 16
steht. Ist kein solches tatsächlich erzieltes Erwerbseinkommen gegeben, namentlich weil
die versicherte Person nach Eintritt des Gesundheitsschadens keine oder jedenfalls keine
ihr an sich zumutbare neue Erwerbstätigkeit aufgenommen hat, so können nach der Recht-
sprechung entweder LSE-Tabellenwerte oder die Zahlen der Dokumentation von Arbeits-
plätzen (DAP) der SUVA herangezogen werden.65
Vorliegend ist nicht zu beanstanden, dass die SUVA auf die LSE 2010 abgestellt hat. Aus-
gehend vom Durchschnittswert aller in der Lohnstrukturerhebung erfassten Tätigkeiten des
privaten Sektors für Frauen bei Arbeiten mit Anforderungsniveau 4 gemäss Tabelle TA1
wurde unter Berücksichtigung der Nominallohnentwicklung bis 2013 ein Invalideneinkom-
men von Fr. 54‘566.-- (recte: Fr. 54‘187.05) errechnet.66 Soweit die Beschwerdeführerin die
Verwertbarkeit der Arbeitsfähigkeit bzw. das Vorhandensein einer zumutbaren Arbeit in
Frage stellt, ist darauf hinzuweisen, dass bei der Invaliditätsbemessung der hypothetische
ausgeglichene Arbeitsmarkt Referenzpunkt bildet. Körperlich leichte und wechselbelas-
tende Tätigkeiten sind gemäss der bundesgerichtlichen Rechtsprechung auf dem allein
massgebenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt durchaus vorhanden. Sodann sind an die
Konkretisierung von Arbeitsgelegenheiten praxisgemäss nicht übermässige Anforderungen
zu stellen.67 Gemäss dem Zumutbarkeitsprofil der Rehaklinik Bellikon ist die Beschwerde-
führerin in Bezug auf einen repetitiven Krafteinsatz in der rechten Hand sowie in Bezug auf
das rechte Knie gesundheitlich eingeschränkt.68 Die SUVA gewährte ihr aufgrund dieser
Einschränkungen einen leidensbedingten Abzug von 10%. Damit wurde sämtlichen mass-
gebenden Umständen im Fall der Beschwerdeführerin bereits Rechnung getragen.69 Ein
weiterer Abzug rechtfertigt sich daher weder aufgrund ihres Lebensalters70 noch aufgrund
der weiteren von der Beschwerdeführerin geltend gemachten Umstände.
Unter Berücksichtigung des leidensbedingten Abzugs ergibt sich demnach ein Invaliden-
einkommen von Fr. 48‘768.35.71
3.4
In Übereinstimmung mit der SUVA resultiert aus dem Einkommensvergleich von Validen-
und Invalideneinkommen keine erhebliche unfallbedingte Beeinträchtigung der Erwerbs-
65 BGE 139 V 592 E. 2.3 66 Act. 8.I 218-10/15: Fr. 4‘225.-- x 12 x 41.7 : 40 + 1% (Teuerung 2011) + 0.8% (Teuerung 2012) + 0.7%
(Teuerung 2013) = Fr. 54‘566.-- (recte: Fr. 54‘187.05) 67 Urteil des Bundesgerichts 8C_806/2012 vom 12. Februar 2013 E. 5.2 mit Hinweisen 68 Act. 8.I.148-2/11 69 BGE 135 V 297 E. 5.2 mit Hinweisen 70 Vgl. Urteil des Bundesgerichts 8C_808/2013 vom 14. Februar 2014 E. 7.3 mit Hinweisen 71 Fr. 54‘187.05 – Fr. 5‘418.70 = Fr. 48‘768.35
Seite 17
fähigkeit.72 Die Ausrichtung einer Invalidenrente wurde von der SUVA daher zu Recht
abgelehnt (Art. 18 Abs. 1 UVG).
4. 4.1
Nach Art. 24 Abs. 1 UVG hat die versicherte Person Anspruch auf eine angemessene
Integritätsentschädigung, wenn sie durch den Unfall eine dauernde erhebliche Schädigung
der körperlichen, geistigen oder psychischen Integrität erleidet. Die Bemessung der Integ-
ritätsentschädigung richtet sich gemäss Art. 25 Abs. 1 UVG nach der Schwere des Integri-
tätsschadens. Art. 36 Abs. 1 UVV bestimmt, dass ein Integritätsschaden als dauernd gilt,
wenn er voraussichtlich während des ganzen Lebens mindestens in gleichem Umfang
besteht. Er ist erheblich, wenn die körperliche, geistige oder psychische Integrität, unab-
hängig von der Erwerbsfähigkeit, augenfällig oder stark beeinträchtigt wird. Nach Art. 36
Abs. 2 UVV gelten für die Bemessung der Integritätsentschädigung die Richtlinien des
Anhangs 3. Die SUVA hat in Weiterentwicklung dieser Skala weitere Bemessungsgrund-
lagen in tabellarischer Form erarbeitet. Diese sind, soweit sie lediglich Richtwerte enthalten,
mit denen die Gleichbehandlung aller Versicherten gewährleistet werden soll, mit dem
Anhang 3 zur UVV vereinbar.73
4.2
In Bezug auf die zugesprochene Integritätsentschädigung von 5 % ist der angefochtene
Einspracheentscheid vom 13. August 2014 ebenfalls nicht zu beanstanden. Die SUVA
stützte sich hierbei auf die Beurteilung von med. pract. D_ vom 13. September 2013 ab.
Diese begründete ihre Einschätzung im Wesentlichen mit der mässigen Einschränkung der
Pronation und Supination.74 Im Gutachten der Versicherungsmediziner der SUVA wird
diesbezüglich ausgeführt, dass die Funktion der rechten Hand im spontanen Gebrauch
ungestört eingesetzt werde.75 Diese ärztlichen Einschätzungen stehen im Widerspruch zu
den Angaben der Beschwerdeführerin, wonach sie durch ihre rechte Hand im Alltag stark
eingeschränkt sei. Aufgrund der gesamten Akten besteht aber kein Anlass, an den
ärztlichen Einschätzungen und an der Bemessung der Integritätsentschädigung gemäss
den Richtlinien zu zweifeln. Insofern hat es mit der durch die SUVA zugesprochenen
Integritätsentschädigung sein Bewenden.
5. 5.1
Gerichtskosten sind keine zu erheben (Art. 61 lit. a ATSG i.V.m. Art. 1 UVG).
72 Valideneinkommen Fr. 49‘351.90 – Invalideneinkommen Fr. 48‘768.35 = Fr. 583.55 = IV-Grad 1% 73 BGE 124 V 29 E. 1b und c 74 Act. 8.I.167 75 Act. 8.I.198-19/21
Seite 18
5.2
Der obsiegenden SUVA ist keine Parteientschädigung auszurichten.76
76 BGE 126 V 143 E. 4
Seite 19