Decision ID: 9411eb57-63fb-50a5-8b50-6eb486bd4014
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin suchte am (...) September 2018 in der Schweiz
um Asyl nach. Anlässlich der Befragung zur Person (BzP) vom 25. Sep-
tember 2018 machte sie im Wesentlichen Folgendes geltend:
Sie sei irakische Staatsangehörige kurdischer Ethnie und sei in B._
geboren und aufgewachsen. Nach ihrer Heirat sei sie mit ihrem nunmehr
verstorbenen Ehemann nach C._ umgezogen und seit dem Jahr
1980 bis zur Ausreise habe sie in D._ gewohnt. Der Grund für ihre
Ausreise seien Schwierigkeiten mit den Nachbarn gewesen, weil ihr Sohn
E._ ungefähr zwei bis drei Jahre vor ihrer Ausreise, mithin im Jahr
2015 oder 2016, zum Christentum konvertiert sei. Die Nachbarn hätten ihr
die Schuld dafür gegeben, sie beleidigt und ihr vorgeworfen, ihren Sohn
nicht korrekt erzogen zu haben. Sie hätten versucht, sowohl die Beschwer-
deführerin als auch ihren Sohn umzubringen. Drei oder vier Personen
seien in ihr Haus eingedrungen und hätten ihren Sohn geschlagen. Einer
der Angreifer habe mehrmals auf ihn eingestochen. Ihr hätten sie ange-
droht, sie auszuziehen und dann zu enthaupten. Es sei ihr gelungen, zu
entkommen und sich bei ihrer Schwester zu verstecken. Ihr Sohn sei ins
Krankenhaus eingeliefert worden. Sie vermute, dass er anlässlich dieses
Angriffs im Krankenhaus eine Anzeige erstattet habe, jedoch sei man die-
sem Verbrechen nicht nachgegangen. Eine Woche nach diesem Vorfall
habe sie ihr Heimatland in Richtung Türkei verlassen. Nachdem sie sich
eine Woche in der Türkei aufgehalten habe, habe sie angenommen, dass
sich die Situation beruhigt habe, und sei deshalb nach Irak zu ihrer
Schwester zurückgekehrt. Ungefähr eine Woche nach ihrer Rückkehr sei
sie von einer Nachbarin davor gewarnt worden, in ihr eigenes Haus zurück-
zukehren, da die Personen, welche sie hätten töten wollen, ihre geplante
Tat dann umsetzen würden. Deshalb sowie aufgrund ihres schlechten Ge-
sundheitszustands habe sie ungefähr zwei bis drei Tage darauf im Frühling
2018 das Land erneut verlassen.
Anlässlich der Anhörung vom 19. Dezember 2019 brachte die Beschwer-
deführerin zusätzlich vor, am (...) 2011 sei in der Zeitung die Information
veröffentlicht worden, dass ihr Sohn E._ ungläubig geworden sei
und seine Tötung legitim wäre. Kurz nach seiner Konversion seien 30–40
Personen in ihr Haus eingedrungen, hätten ihn angegriffen und mit einem
Schraubenzieher am ganzen Körper verletzt. Sie sei davongekommen und
habe sich im Nachbarhaus bei ihrer Freundin versteckt. Bis spät in die
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Nacht sei sie dortgeblieben und dann zu ihrer Schwester gegangen. Da-
nach hätten sie sich ins Krankenhaus begeben, um nach ihrem Sohn zu
sehen. Er habe dort aufgrund seiner Verletzungen notfallmässig operiert
werden müssen. Er habe dann eine Anzeige gegen die Angreifer erstattet
und dabei deren Namen genannt. Dann sei ihm aber angedroht worden,
man werde ihn und seine ganze Familie töten, wenn er die Anzeige nicht
zurückziehe. Daraufhin habe er die Anzeige zurückgezogen. Sie selbst
habe sich nie an die Polizei gewandt, da dies für eine Frau beschämend
wäre und die Frauen in Kurdistan keine Rechte hätten. Ihr Sohn E._
habe dann aus Furcht vor weiteren Angriffen sein Heimatland verlassen
und sei in die Schweiz gereist. Als er gemeint habe, die Situation habe sich
beruhigt, sei er nach Irak zurückgekehrt. Dann sei er aber erneut angegrif-
fen worden und habe mit seiner Familie das Land wieder verlassen müs-
sen. Eines Tages seien Leute bei ihr zuhause erschienen und hätten an
ihre Türe geklopft. Als sie die Türe nicht geöffnet habe, seien sie über den
Zaun geklettert. Sie habe sich dann hinter ihrer (...) und unter dem (...)
versteckt, bis die Leute das Haus wieder verlassen hätten. Sie habe mit-
bekommen, wie die Unbekannten gesagt hätten: "Wohin ist diese Ungläu-
bige gegangen?". Als sie sich bei ihrer Schwester befunden habe, habe
ihre Nachbarin sie darüber informiert, dass ihre Angreifer geschworen hät-
ten sie zu töten, und dass ihr Haus geplündert worden sei. Sie habe es
nicht mehr gewagt, nach Hause zu gehen und habe ein Haus in einem
Quartier namens F._ gemietet. Die Verfolger seien auch am neuen
Wohnort mehrmals bei ihr erschienen, wobei sie einmal als Polizisten ver-
kleidet gewesen seien. Ihre Untermieterin habe die Türe geöffnet und be-
hauptet, dass sie nicht zuhause sei. Sie habe sich selten zuhause befun-
den, da sie sich die meiste Zeit bei ihrer Schwester aufgehalten habe. An
einem anderen Tag seien im Einkaufszentrum Personen zu ihr gekommen
und hätten gefragt, ob sie A._ sei. Sie habe sich als ihre grosse
Schwester ausgegeben und sei dann in Ruhe gelassen worden. Als sie
eines Tages im Auto unterwegs gewesen sei, sei sie von einem Fahrzeug
verfolgt worden. Ihr Sohn G._ habe ihr geraten, ihr Heimatland zu
verlassen, weil sie sich alleine in Irak befinde und deshalb keinen Schutz
erfahre. Die Verfolger seien auch drei bis vier Mal zum Haus ihrer Schwes-
ter gegangen und hätten nach ihr gefragt. Sie hätten ihrer Schwester ge-
droht, sie mitzunehmen, wenn sie den Aufenthaltsort der Beschwerdefüh-
rerin nicht herausgebe.
Als Nachweis ihrer Identität reichte sie folgende Beweismittel zu den Akten:
- Kopie der Rückseite ihrer Identitätskarte
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- Kopie ihres Nationalitätenausweises
- Kopie ihres Passes
Als Nachweis für ihre gesundheitlichen Probleme legte die Beschwerde-
führerin einen Arztbericht vom 3. März 2020 ins Recht.
B.
Mit Verfügung vom 29. Juni 2020 – eröffnet am 30. Juni 2020 – verneinte
die Vorinstanz das Vorliegen der Flüchtlingseigenschaft bei der Beschwer-
deführerin und lehnte ihr Asylgesuch ab. Gleichzeitig ordnete sie wegen
Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs ihre vorläufige Aufnahme an.
C.
Gegen diesen Entscheid erhob die Beschwerdeführerin am 28. Juli 2020
Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht und beantragte die Aufhe-
bung der vorinstanzlichen Verfügung, die Feststellung der Flüchtlingsei-
genschaft und die Gewährung von Asyl. Eventualiter sei der Fall an die
Vorinstanz zur erneuten Abklärung und Beurteilung der Flüchtlingseigen-
schaft zurückzuweisen. In prozessualer Hinsicht ersuchte sie um unent-
geltliche Prozessführung unter Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvor-
schusses.
Der Beschwerde legte sie Fotos eines Zeitungsartikels betreffend die Kon-
version ihres Sohnes E._ vom (...) 2011 auf Sorani, Fotos von des-
sen (...) Aufenthaltsbewilligung, von der Vorderseite dessen (...) Reisedo-
kuments sowie von den Reisedokumenten seiner Kinder bei.
D.
Mit Instruktionsverfügung vom 30. Juli 2020 bestätigte das Bundesverwal-
tungsgericht den Eingang der Beschwerde.
E.
Mit Verfügung vom 13. August 2020 verzichtete die zuständige Instrukti-
onsrichterin einstweilen auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und
verschob die Entscheidung über das Gesuch um unentgeltliche Prozess-
führung auf einen späteren Zeitpunkt. Gleichzeitig lud sie das SEM zur Ver-
nehmlassung ein.
F.
Mit Vernehmlassung vom 28. August 2020 hielt das SEM an seiner Verfü-
gung fest.
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G.
Mit Instruktionsverfügung vom 1. September 2020 wurde der Beschwerde-
führerin Gelegenheit zur Replik eingeräumt.
H.
Die Beschwerdeführerin reichte am 30. September 2020 (nach gewährter
Fristerstreckung) eine Replik ein.
I.
Mit Eingabe vom 18. Januar 2021 reichte die Beschwerdeführerin Auszüge
aus dem Facebookprofil ihres Sohnes E._ betreffend seinen christ-
lichen Glauben sowie seine Taufe ein.
J.
Auf die Ausführungen in der Beschwerdeschrift und der Replik sowie die
Erwägungen in der vorinstanzlichen Verfügung und Vernehmlassung wird
– soweit für den Entscheid wesentlich – in den nachstehenden Erwägun-
gen eingegangen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101; SR 142.31); für das vorliegende Verfahren gilt das bishe-
rige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des
AsylG vom 25. September 2015).
1.2 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so wie auch vorliegend – end-
gültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die
Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen,
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ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf
die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken; den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
Eine Reflexverfolgung liegt vor, wenn sich Verfolgungsmassnahmen abge-
sehen von der primär betroffenen Person auch auf Familienangehörige und
Verwandte erstrecken. Diese kann flüchtlingsrechtlich im Sinne von Art. 3
AsylG relevant sein, allerdings hängen die Wahrscheinlichkeit einer Re-
flexverfolgung und deren Intensität stark von den konkreten Umständen
des Einzelfalls ab. Die Annahme einer Reflexverfolgung erfordert eine
sorgfältige Prüfung im Einzelfall. Es muss aufgrund der Umstände des Ein-
zelfalls ermittelt werden, ob die Furcht vor Verfolgung begründet ist. Die
erlittene Verfolgung beziehungsweise die begründete Furcht vor zukünfti-
ger (Reflex-)Verfolgung muss ferner sachlich und zeitlich kausal für die
Ausreise aus dem Heimat- oder Herkunftsstaat und grundsätzlich auch im
Zeitpunkt des Asylentscheides noch aktuell sein. Dieser Nachweis muss
durch die entsprechende Partei erbracht werden (vgl. Urteile des BVGer
E-4779/2018 vom 16. November 2020 E. 4.2; E-1943/2020 vom 28. Mai
2020 E. 6.3; E-6470/2017 vom 6. Juni 2019 E. 5.2).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
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Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
Gemäss Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts beinhaltet die
Glaubhaftigkeitsprüfung eine Gesamtbeurteilung aller Elemente (Überein-
stimmung bezüglich des wesentlichen Sachverhaltes, Substanziiertheit
und Plausibilität der Angaben sowie persönliche Glaubwürdigkeit, wobei
die Sachverhaltsdarstellung nur glaubhaft sein kann, wenn die positiven
Elemente überwiegen [vgl. dazu BVGE 2015/3 E. 6.5.1 m.w.H.]). Grund-
sätzlich sind Vorbringen dann glaubhaft, wenn sie genügend substanziiert,
in sich schlüssig und plausibel sind; sie dürfen sich nicht in vagen Schilde-
rungen erschöpfen, in wesentlichen Punkten widersprüchlich sein oder der
inneren Logik entbehren und auch nicht den Tatsachen oder der allgemei-
nen Erfahrung widersprechen. Darüber hinaus muss die asylsuchende
Person persönlich glaubwürdig erscheinen, was insbesondere dann nicht
der Fall ist, wenn sie ihre Vorbringen auf gefälschte oder verfälschte Be-
weismittel abstützt (vgl. Art. 7 Abs. 3 AsylG), aber auch dann nicht, wenn
sie wichtige Tatsachen unterdrückt oder bewusst falsch darstellt, im Laufe
des Verfahrens Vorbringen auswechselt, steigert oder unbegründet nach-
schiebt, mangelndes Interesse am Verfahren zeigt oder die nötige Mitwir-
kung verweigert. Glaubhaftmachung bedeutet ferner – im Gegensatz zum
strikten Beweis – ein reduziertes Beweismass und lässt durchaus Raum
für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen des Gesuchstellers.
Eine Behauptung gilt bereits als glaubhaft gemacht, wenn das Gericht von
ihrer Wahrheit nicht völlig überzeugt ist, sie aber überwiegend für wahr hält,
obwohl nicht alle Zweifel beseitigt sind. Für die Glaubhaftmachung reicht
es demgegenüber nicht aus, wenn der Inhalt der Vorbringen zwar möglich
ist, aber in Würdigung der gesamten Aspekte wesentliche und überwie-
gende Umstände gegen die vorgebrachte Sachverhaltsdarstellung spre-
chen (vgl. BVGE 2012/5 E. 2.2; 2010/57 E. 2.3).
4.
4.1 Die Vorinstanz begründet ihren Entscheid damit, dass die Vorbringen
der Beschwerdeführerin unglaubhaft seien. An einer Stelle habe sie ange-
geben, dass ihr Sohn im Jahr 2010 (recte: 2011) zum Christentum konver-
tiert sei. An einer anderen Stelle sei davon die Rede gewesen, dass er un-
gefähr zwei Jahre vor ihrer Ausreise und somit im Jahr 2016 konvertiert
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sei. Wäre es bereits im Jahr 2011 zur Konversion gekommen, bliebe schlei-
erhaft, weshalb sie ihr Heimatland erst rund sieben Jahre später verlassen
habe respektive weshalb ihre Verfolger ihrer in dieser Zeit nie hätten hab-
haft werden können. Gegen die Glaubhaftigkeit der Vorbringen spreche
auch der Umstand, dass sowohl sie als auch ihr Sohn nach den angebli-
chen Behelligungen nach Irak zurückgekehrt seien. Die vorgebrachten
Nachstellungen kurz vor der Ausreise (zuhause und im Einkaufszentrum)
habe sie erst in der Anhörung genannt, weshalb sie als nachgeschobenes
Sachverhaltskonstrukt zu qualifizieren seien. Zudem sei es nicht nachvoll-
ziehbar, dass die Verfolger sie selbst nach jahrelang andauernden Nach-
stellungen beim Vorfall im Einkaufszentrum nicht erkannt hätten und ihr
deshalb die Flucht gelungen sei.
4.2 Dem entgegnet die Beschwerdeführerin in ihrer Beschwerdeschrift, sie
sei eine betagte Frau aus einem kriegsgezeichneten Land mit geringer
Schulbildung. Viele Fragen habe sie nicht verstanden und könne sich we-
der Zahlen noch Daten merken. Die unterschiedlichen Angaben des Zeit-
punkts der Konversion ihres Sohnes würden auf einem Missverständnis
beruhen. Als sie bei der BzP den Zeitpunkt zwei bis drei Jahre vor ihrer
Ausreise genannt habe, habe sie damit gemeint, dass ihr Sohn seit zwei
bis drei Jahren in H._ lebe und sich damit nicht auf dessen Konver-
sion bezogen. Der eingereichte Zeitungsartikel belege die Konversion ihres
Sohnes und den gegen ihn verübten Angriff. Betreffend die Ausführungen
der Vorinstanz, zwischen der Konversion des Sohnes und ihrer Ausreise
bestehe kein zeitlicher Kausalzusammenhang, erwähnt sie, dass sie durch
Wohnortswechsel und längere Aufenthalte bei ihrer Schwester versucht
habe, den Angreifern zu entkommen. Als ihr bewusst geworden sei, dass
dies nichts nütze, sei sie schliesslich ausgereist. Ihr Sohn sei nach seinem
Aufenthalt in der Schweiz nach Irak zurückgekehrt in der Hoffnung, nach
seiner Abwesenheit dort nicht mehr verfolgt zu werden. Er sei inzwischen
in H._ als Flüchtling anerkannt worden und habe Asyl erhalten. Im
Rahmen der BzP habe nicht von ihr erwartet werden können, dass sie die
Nachstellungen vor der Ausreise von sich aus erwähne. Bei den Verfol-
gungshandlungen handle es sich um das Resultat des von ihr genannten
Fluchtgrundes, nämlich der Konversion ihres Sohnes. Von dieser habe sie
bereits in der BzP ausführlich berichtet.
4.3 In ihrer Vernehmlassung hält die Vorinstanz fest, dass die nordiraki-
schen Behörden gegenüber Christen und Konvertiten grundsätzlich
schutzwillig und schutzfähig seien. Aus den Akten ergäben sich keine Hin-
weise dafür, dass die Beschwerdeführerin versucht hätte, die heimatlichen
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Behörden um Schutz zu ersuchen. Die eingereichten Beweismittel seien
wenig geeignet, die Erwägungen des SEM umzustossen. Sie seien nicht
in einer der drei Landessprachen abgefasst, weshalb eine inhaltliche Prü-
fung nicht möglich sei.
4.4 Mit Verweis auf einen Bericht des UNHCR macht die Beschwerdefüh-
rerin in ihrer Replik geltend, dass in Irak Feindseligkeiten gegenüber Kon-
vertiten weit verbreitet seien. Eine offene Konversion habe oft Ausgrenzung
beziehungsweise Gewalt vonseiten der Gemeinschaft, des Stammes oder
der Familie sowie durch bewaffnete islamistische Gruppen zur Folge. Es
treffe nicht zu, dass die nordirakischen Behörden gegenüber Christen und
Konvertiten schutzwillig und schutzfähig seien. Unter Bezugnahme auf
zwei Urteile von deutschen Verwaltungsgerichten bringt sie vor, dass Kon-
vertiten in Nordirak häufig von spürbarer alltäglicher Intoleranz und massi-
ver Diskriminierung bis hin zu physischen Übergriffen der mehrheitlich is-
lamischen Bevölkerung gegen Konvertiten selbst und gegen Personen, die
der Mitwirkung an Konversionshandlungen bezichtigt würden, berichten
würden. Betroffene könnten auch keinen staatlichen Schutz erwarten, da
die Behörden, welche mehrheitlich aus kurdischen Muslimen bestünden,
Konversionen ebenfalls nicht tolerierten. Hinzu komme, dass aufgrund von
patriarchalen Geschlechternormen der Zugang der Justiz für Frauen er-
schwert sei. Ihr werde vorgeworfen, dass sie die Konversion ihres Sohnes
zugelassen habe beziehungsweise, dass sie dafür verantwortlich sei. Des-
halb werde sie in der gleichen Intensität verfolgt wie ihr Sohn und seine
Familie. Die eingereichten Fotos der Flüchtlingsausweise ihres Sohnes
und dessen Familie belegten, dass er in Irak einer asylrelevanten Bedro-
hung ausgesetzt wäre. Damit werde auch ihre vorgebrachte Reflexverfol-
gung untermauert. Aus den Fotos der Flüchtlingspässe gehe klar hervor,
dass es sich um solche handle, zumal diese mit "Travel Document – Con-
vention of 28 July 1951" angeschrieben seien. Mangels Zeit und Ressour-
cen habe sie den ihren Sohn betreffenden Zeitungsartikel nicht übersetzen
lassen können. Der Umstand, dass sie nach der ersten Flucht nochmals
versucht habe, in ihre Heimat zurückzukehren, spreche für und nicht gegen
die Glaubhaftigkeit ihrer Vorbringen. Dieses Vorgehen zeige auf, dass sie
sich erst zur endgültigen Ausreise entschieden habe, als sie keinen ande-
ren Ausweg mehr gesehen habe.
5.
5.1 Zunächst ist festzustellen, dass auf die geltend gemachten Vorbringen
vor der ersten Reise der Beschwerdeführerin in die Türkei nicht weiter ein-
zugehen ist. Die Beschwerdeführerin ist ungefähr eine Woche nach ihrer
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Ausreise – wenn auch aus nachvollziehbaren Gründen – wieder in den Irak
zurückgekehrt (vgl. SEM-Akten A12/15 Ziffer 2.01 und 2.04). Damit wurde
der flüchtlingsrechtlich erforderliche Kausalzusammenhang zwischen den
Ereignissen zuvor (Angriff auf den Sohn sowie auf die Beschwerdeführerin)
und der erneuten Ausreise aus dem Irak im Frühling 2018 unterbrochen.
Weitere flüchtlingsrechtliche Erwägungen betreffend die Ereignisse vor ih-
rer ersten Ausreise können somit unterbleiben.
5.2 Zentral für das vorliegende Asylgesuch sind die Vorbringen, welche
sich nach der Rückkehr der Beschwerdeführerin in den Irak ereignet ha-
ben. Die Vorinstanz hat zutreffend festgehalten, dass diese als unglaubhaft
einzuschätzen sind. Zur Vermeidung von Wiederholungen ist auf die Erwä-
gungen in der vorinstanzlichen Verfügung zu verweisen; diese sind nicht
zu beanstanden.
Ergänzend ist anzuführen, dass die Schilderungen der Beschwerdeführe-
rin an einigen Stellen durchaus lebensnahe Details und Realkennzeichen
enthalten (vgl. A29/17 F69, F81, F102). Jedoch stellte das SEM in der an-
gefochtenen Verfügung zu Recht fest, dass die Beschwerdeführerin im
Rahmen der Anhörung Asylgründe anführte, die sie bei der BzP nicht an-
satzweise erwähnt hatte. Zwar hatte sie dort die Schwierigkeiten nach der
Konversion ihres Sohnes E._ im Jahr 2011 erwähnt und zu Proto-
koll gegeben, dass ihre Nachbarn ihr wegen der Konversion schwere Vor-
würfe gemacht hätten, was sich nach ihrer Rückkehr aus der Türkei nicht
geändert habe (vgl. A12/15 Ziffer 2.01 und 7.02). Sie äusserte sich aber an
keiner Stelle zu den angeblichen Behelligungen vor der zweiten Ausreise
(vgl. a.a.O.). Weder machte sie geltend, dass die Verfolger erneut in ihr
Haus eingedrungen seien und sie ihnen nur habe entkommen können, weil
sie sich vor den Eindringlingen versteckt habe, noch dass sie einmal von
einem Fahrzeug verfolgt worden sei (vgl. A29/17 F65, F69). Auch die an-
gebliche Suche nach ihr in ihrem neuen Zuhause im Quartier F._
durch Personen, die sich einmal als Polizisten verkleidet hätten, blieb un-
erwähnt (vgl. a.a.O. F77–82). Ebenfalls nicht zur Sprache kam der angeb-
liche Vorfall im Einkaufszentrum, als die Verfolger sie angesprochen hätten
und sie mit der Ausrede davongekommen sei, dass sie nicht A._
(die Beschwerdeführerin), sondern deren ältere Schwester sei (vgl. a.a.O.
F65). Es wäre zu erwarten gewesen, dass sie diese Vorbringen spätestens
bei der Frage, ob sie alle Gründe genannt habe, welche sie zur Ausreise
aus ihrem Heimatland bewegt hätten, geltend gemacht hätte. Dies gilt ins-
besondere vor dem Hintergrund, dass es sich dabei um Ereignisse handelt,
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welche sie zur zweiten und definitiven Ausreise aus ihrem Heimatland be-
wegt haben sollen. Stattdessen bestätigte sie in der BzP, alle Gründe ge-
nannt zu haben (vgl. a.a.O. Ziffer 7.02). Überdies erscheint es höchst un-
wahrscheinlich, dass die Verfolger während sieben Jahren nach der Kon-
version und rund zwei Jahre nach der erneuten Ausreise ihres Sohnes im-
mer noch einen verhältnismässig grossen Aufwand betreiben würden, um
dessen Mutter zu bestrafen beziehungsweise zu verfolgen. Gemäss den
Aussagen der Beschwerdeführerin kannten die Verfolger auch ihren neuen
Wohnort, weshalb es nicht nachvollziehbar ist, dass sie ihrer in den sieben
Jahren nach der Konversion des Sohnes – wovon sie lediglich eine Woche
ausserhalb von D._ wohnte – nicht habhaft hätten werden können
(vgl. A29/17 F66). Schliesslich gelang es der Beschwerdeführerin auch auf
mehrere Nachfragen hin nicht, die vorgebrachten Ereignisse auch nur grob
zeitlich einzuordnen (vgl. a.a.O. F103–104, F108). Während an der BzP
der Anschein erweckt wurde, dass sich die Ereignisse kurz vor ihrer Aus-
reise im Frühling 2018 abgespielt hätten, gab sie in der Anhörung zu Pro-
tokoll, dass der Angriff auf sie und ihren Sohn "in der Nähe des Datums in
der Zeitung" – mithin ungefähr im Jahr 2011 – erfolgt sei (vgl. a.a.O. F55).
Die beigebrachten Beweismittel vermögen diese Einschätzung nicht um-
zustossen, zumal sie lediglich geeignet sind, die Konversion des Sohnes
E._ im Jahr 2011 sowie seine Fluchtgründe zu untermauern, jedoch
nicht die behauptungsgemäss im Verlauf der sieben darauffolgenden Jahre
erfolgten, gegen die Beschwerdeführerin gerichteten Verfolgungshandlun-
gen.
Für Asylsuchende, die trotz Hinweises auf ihre Mitwirkungs- und Wahr-
heitspflicht bei der BzP Asylgründe verschweigen und diese erst zu einem
späteren Zeitpunkt nennen, gelten erhöhte Anforderungen an den Nach-
weis oder die Glaubhaftmachung ihrer Vorbringen, da die Glaubhaftigkeit
von Ereignissen oder Befürchtungen, welche erst später als zentrale Asyl-
gründe genannt werden, grundsätzlich zu bezweifeln ist (vgl. statt vieler
Urteil des BVGer E-6955/2019 vom 13. Februar 2020 E. 8.4). Der Be-
schwerdeführerin ist es nicht gelungen, diese Zweifel auszuräumen. Sie
konnte nicht glaubhaft machen, dass eine allfällig zuvor bestandene Ge-
fahr der Reflexverfolgung zum Zeitpunkt ihrer Ausreise noch aktuell im
Sinne der obengenannten Rechtsprechung war beziehungsweise dass die
vorgebrachte Verfolgung aufgrund der Konversion ihres Sohnes kausal
war für ihren Entschluss zur definitiven Ausreise (vgl. oben E. 3.1). Es
macht vielmehr den Anschein, dass sie versuchte, nachträglich eine Ge-
fährdungslage für den Zeitpunkt nach ihrer Rückkehr aus der Türkei zu
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konstruieren. Die entsprechenden Vorbringen sind als nachgeschoben und
damit unglaubhaft im Sinne von Art. 7 AsylG zu erachten.
Dieser Schlussfolgerung vermag die Beschwerdeschrift nichts Substanzi-
elles entgegenzusetzen. Auch die eingereichten Arztzeugnisse vermögen
an dieser Einschätzung nichts zu ändern. Darin wird der Beschwerdefüh-
rerin nicht etwa eine fehlende Einvernahmefähigkeit attestiert. Auch aus
dem Unterschriftenblatt der Hilfswerksvertretung geht solches nicht hervor
(vgl. A29/17 S. 17). Somit liegen nach den Akten keine Hinweise dafür vor,
dass ihre Aussagen in der Anhörung nicht verwertbar wären. Dem prekären
Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin wurde sodann mit der Anord-
nung der vorläufigen Aufnahme Rechnung getragen (vgl. E. 7).
5.3 Im Unterschied zum in der Beschwerde erwähnten Urteil E-2805/2019
ist vorliegend keine Verletzung des Untersuchungsgrundsatzes durch die
Vorinstanz festzustellen. Sie hat den Sachverhalt so präzise festgestellt,
wie dies anlässlich der vagen Ausführungen der Beschwerdeführerin in Be-
zug auf die Ereignisse vor ihrer zweiten Ausreise in casu möglich war (vgl.
oben E. 6.2). Die Vorinstanz hat sich hinlänglich mit den geltend gemach-
ten Asylgründen der Beschwerdeführerin befasst, ihr entsprechende De-
tailfragen gestellt und ist in einer Gesamteinschätzung zum Schluss ge-
kommen, dass ihre Vorbringen unglaubhaft sind. Dabei stellte die zutref-
fende Feststellung, dass die Beschwerdeführerin wohl nicht in den Irak zu-
rückgekehrt wäre, wenn sie dort tatsächlich in asylrelevanter Weise verfolgt
worden wäre, nur ein Element von vielen dar, welches gegen die Glaub-
haftigkeit ihrer Vorbringen zu werten war.
5.4 Zusammenfassend hat die Beschwerdeführerin nichts vorgebracht,
was geeignet wäre, ihre Flüchtlingseigenschaft nachzuweisen oder zumin-
dest glaubhaft zu machen. Die Vorinstanz hat daher ihr Asylgesuch zu
Recht abgelehnt.
6.
6.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
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6.2 Die Beschwerdeführerin verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
7.
Da das SEM in seiner Verfügung vom 29. Juni 2020 die vorläufige Auf-
nahme der Beschwerdeführerin angeordnet hat, erübrigen sich praxisge-
mäss Ausführungen zur Zulässigkeit, Zumutbarkeit und Möglichkeit des
Wegweisungsvollzugs.
8.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig
sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist ab-
zuweisen.
9.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten der Beschwerde-
führerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da sich die Rechtsbegehren
vorliegend nicht als aussichtslos erwiesen haben und aufgrund der Akten
von der Bedürftigkeit der Beschwerdeführerin auszugehen ist, ist das Ge-
such um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung (Art. 65 Abs. 1
VwVG) gutzuheissen. Es sind demnach keine Verfahrenskosten aufzuer-
legen.
(Dispositiv nächste Seite)
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