Decision ID: e8aa2209-c071-5c35-a6e0-9cc685a92607
Year: 2018
Language: de
Court: SG_VWEK
Chamber: SG_VWEK_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.- X erwarb am 20. Mai 1985 den Führerausweis der Kategorie B. Am Mittwoch,
14. Juni 2017, 17.00 Uhr, überfuhr sie an der Verzweigung Zürich-/Muristrasse in
Affoltern am Albis ein Lichtsignal bei Rot und kollidierte in der Folge trotz eingeleiteter
Vollbremsung mit der vorderen linken Fahrzeugfront des Personenwagens von Y.
Dieser kam zusammen mit seiner 14-jährigen Tochter als Beifahrerin von der
Muristrasse her und fuhr nach links in die Zürichstrasse ein. Verletzt wurde niemand.
An den beiden Fahrzeugen entstand Sachschaden von rund Fr. 9'000.–.
B.- Im Zusammenhang mit dem Vorfall vom 14. Juni 2017 verurteilte die
Staatsanwaltschaft Limmattal/Albis X mit Strafbefehl vom 17. August 2017 wegen
fahrlässiger grober Verletzung der Verkehrsregeln zu einer bedingten Geldstrafe von
zehn Tagessätzen zu je Fr. 150.– und einer Busse von Fr. 300.–, bei schuldhafter
Nichtbezahlung zu einer Ersatzfreiheitsstrafe von zwei Tagen. Der Strafbefehl erwuchs
mangels Einsprache in Rechtskraft.
C.- Am 8. Januar 2018 zeigte das Strassenverkehrsamt des Kantons St. Gallen X an,
dass der Vorfall vom 14. Juni 2017 als schwere Widerhandlung gegen die
Strassenverkehrsvorschriften eingestuft werde und ein Führerausweisentzug von
mindestens drei Monaten vorgesehen sei. Mit Stellungnahme vom 22. Januar 2018
schilderte X gegenüber dem Strassenverkehrsamt ihre Sicht der Dinge und wies
insbesondere auf die Konsequenzen hin, welche ein Führerausweisentzug für sie als
Fahrlehrerin mit sich brächte. Mit Verfügung des Strassenverkehrsamts vom
15. Februar 2018 (Aushändigung am 27. Februar 2018) wurde X der Führerausweis
wegen schwerer Widerhandlung gegen die Strassenverkehrsvorschriften für die Dauer
von drei Monaten entzogen.
D.- Dagegen erhob X am 10. März 2018 (Datum der Postaufgabe) Rekurs bei der
Verwaltungsrekurskommission des Kantons St. Gallen. Sie beantragte, den Fall neu zu
beurteilen und "auf die mich ruinierende Massnahme nicht einzutreten". Das
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Strassenverkehrsamt verzichtete mit Schreiben vom 25. April 2018 auf eine
Vernehmlassung.
Auf die Ausführungen im Rekurs wird, soweit erforderlich, in den Erwägungen
eingegangen.

Erwägungen:
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die
Verwaltungsrekurskommission ist zum Sachentscheid zuständig. Die Befugnis zur
Rekurserhebung ist gegeben. Der Rekurs vom 10. März 2018 ist rechtzeitig eingereicht
worden. Er erfüllt in formeller und inhaltlicher Hinsicht die gesetzlichen Anforderungen
von Art. 41 lit. g , 45, 47 und 48 des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege
(sGS 951.1, abgekürzt: VRP). Auf den Rekurs ist einzutreten.
2.- a) Gemäss Art. 16 Abs. 2 des Strassenverkehrsgesetzes (SR 741.01; abgekürzt:
SVG) wird nach Widerhandlungen gegen die Strassenverkehrsvorschriften, bei denen
das Verfahren nach dem Ordnungsbussengesetz vom 24. Juni 1970 (SR 741.03)
ausgeschlossen ist, der Lernfahr- oder Führerausweis entzogen oder eine Verwarnung
ausgesprochen. Das Gesetz unterscheidet zwischen leichten (Art. 16a SVG),
mittelschweren (Art. 16b SVG) und schweren Widerhandlungen (Art. 16c SVG). Eine
leichte Widerhandlung begeht, wer durch Verletzung von Verkehrsregeln eine geringe
Gefahr für die Sicherheit anderer hervorruft und ihn dabei nur ein leichtes Verschulden
trifft (Art. 16a Abs. 1 lit. a SVG). Ist die Verletzung der Verkehrsregeln grob und wird
dadurch eine ernstliche Gefahr für die Sicherheit anderer hervorgerufen oder in Kauf
genommen, ist die Widerhandlung schwer (Art. 16c Abs. 1 lit. a SVG). Eine
mittelschwere Widerhandlung liegt vor, wenn durch Verletzung von Verkehrsregeln eine
Gefahr für die Sicherheit anderer hervorgerufen oder in Kauf genommen wird (Art. 16b
Abs. 1 lit. a SVG). Sie liegt immer dann vor, wenn nicht alle privilegierenden Elemente
einer leichten und nicht alle qualifizierenden einer schweren Widerhandlung erfüllt sind
(Botschaft zur Änderung des Strassenverkehrsgesetzes vom 31. März 1999, in:
BBl 1999, S. 4487).
bis
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b) Der Tatbestand der schweren Widerhandlung gemäss Art. 16c Abs. 1 lit. a SVG, der
strafrechtlich einer groben Verkehrsregelverletzung gemäss Art. 90 Abs. 2 SVG
entspricht (Urteil des Bundesgerichts [BGer] 1C_183/2013 vom 21. Juni 2013 E. 3.1),
ist objektiv erfüllt, wenn eine wichtige Verkehrsvorschrift in objektiv schwerer Weise
missachtet und die Verkehrssicherheit ernstlich gefährdet wird. Eine ernstliche Gefahr
für die Sicherheit anderer ist bei einer konkreten Gefährdung gegeben. Subjektiv wird
ein rücksichtsloses oder sonst schwerwiegend verkehrswidriges Verhalten, das heisst
ein schweres Verschulden, bei fahrlässigem Handeln mindestens grobe Fahrlässigkeit,
vorausgesetzt (BGer 1C_87/2016 vom 13. Juni 2016 E. 2.1.1). Der Gesetzgeber hat mit
den revidierten Bestimmungen von Art. 16a bis 16c SVG bewusst dem Gesichtspunkt
der Verkehrsgefährdung ein höheres Gewicht beigemessen. Insbesondere hat er das
Recht des Warnungsentzugs verselbständigt und im Hinblick auf die Erhöhung der
Verkehrssicherheit verschärft (BGer 1C_267/2010 vom 14. September 2010 E. 3.4).
c) Im Strafverfahren stellte die Staatsanwaltschaft Limmattal/Albis gestützt auf den
Verzeigungsrapport der Kantonspolizei Zürich mit den Protokollen der Befragungen der
beiden Unfallbeteiligten in tatsächlicher Hinsicht fest, die Rekurrentin habe am 14. Juni
2017 aus Unachtsamkeit an der Verzweigung Zürich-/Muristrasse in Affoltern am Albis
das seit wenigen Sekunden auf Rot stehende Lichtsignal missachtet. Zuvor sei sie
durch ein Fahrzeug, welches ihr schon längere Zeit mit ungenügendem Abstand gefolgt
sei, abgelenkt worden; sie habe deswegen immer wieder in den Rückspiegel geschaut.
Dadurch sei es zu einer Kollision mit dem von rechts in die Verzweigung einfahrenden
Fahrzeug gekommen. Die Staatsanwaltschaft verurteilte die Rekurrentin wegen
fahrlässiger grober Verkehrsregelverletzung gemäss Art. 90 Abs. 2 und Art. 27 Abs. 1
SVG, Art. 68 der Signalisationsverordnung (SR 741.21; abgekürzt: SSV) und Art. 100
Ziff. 1 SVG zu einer bedingten Geldstrafe von zehn Tagessätzen zu je Fr. 150.– und
einer Busse von Fr. 300.–. Der Strafbefehl erwuchs unangefochten in Rechtskraft.
d) Die Rekurrentin bestreitet, andere Verkehrsteilnehmer an Leib und Leben gefährdet
und grobfahrlässig gehandelt zu haben. Sie widerspricht damit den tatsächlichen
Feststellungen im Strafbefehl vom 17. August 2017. Nach der Rechtsprechung ist die
Administrativbehörde grundsätzlich an die tatsächlichen Feststellungen der
Strafbehörde gebunden. Sie darf davon nur abweichen, wenn sie Tatsachen feststellt
und ihrem Entscheid zugrunde legt, die dem Strafrichter unbekannt waren oder die er
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nicht berücksichtigt hat, wenn sie zusätzliche Beweise erhebt, deren Würdigung zu
einem anderen Entscheid führt, wenn die Beweiswürdigung durch den Strafrichter den
feststehenden Tatsachen klar widerspricht oder wenn der Strafrichter bei der
Rechtsanwendung auf den Sachverhalt nicht sämtliche Rechtsfragen abgeklärt hat,
namentlich die Verletzung bestimmter Verkehrsregeln übersehen hat (BGE 136 II 447
E. 3.1, 124 II 103 E. 1c; Urteil der Verwaltungsrekurskommission [VRKE] IV-2012/126
vom 21. März 2013, im Internet abrufbar unter www.gerichte.sg.ch). Die
Verwaltungsbehörde hat vor allem dann auf die Tatsachen im Strafurteil abzustellen,
wenn dieses im ordentlichen Verfahren mit öffentlicher Verhandlung unter Anhörung
von Parteien und Einvernahme von Zeugen ergangen ist (BGE 119 Ib 158 E. 3c). Die
Bindungswirkung an die Sachverhaltsdarstellung besteht aber auch dann, wenn die
Strafsache mit Bussenverfügung erledigt wurde, welche auf einen Polizeibericht
abstellt, der auf Wahrnehmungen der Polizeibeamten an Ort und Stelle beruht und sich
auf Aussagen von Beteiligten stützt, die unmittelbar nach dem Vorfall eingeholt wurden
und für den Führerausweisentzug massgebend sind. Dies gilt namentlich dann, wenn
die Betroffene weiss oder angesichts der Schwere der ihr vorgeworfenen Delikte
voraussehen musste, dass gegen sie auch ein Verfahren wegen
Führerausweisentzuges eingeleitet wird. Nach dem Grundsatz von Treu und Glauben
muss die Betroffene allfällige Verteidigungsrechte und Beweisanträge im Strafverfahren
vorbringen und dort gegebenenfalls alle Rechtsmittel ausschöpfen (BGer 1C_266/2014
vom 17. Februar 2015 E. 2.1.2 und 1C_476/2014 vom 29. Mai 2015 E. 2.3 je mit
Hinweisen). Selbständige Beweiserhebungen hat die Verwaltungsbehörde nötigenfalls
dann durchzuführen, wenn klare Anhaltspunkte für die Unrichtigkeit der
Tatsachenfeststellungen durch die Strafbehörde bestehen (vgl. BGer 1C_446/2011
vom 15. März 2012 E. 5.1 mit Hinweis auf BGE 136 II 447 E. 4.1). Zu prüfen ist
demnach, ob die Voraussetzungen für ein Abweichen von den tatsächlichen
Feststellungen im Strafverfahren erfüllt sind, und zwar mit Bezug auf die Fragen der
Gefährdung (E. 3) und des Verschuldens (E. 4).
3.- a) Eine Verkehrsgefährdung liegt vor, wenn die körperliche Integrität einer Person
entweder konkret oder zumindest abstrakt gefährdet wurde. Im Recht der
Administrativmassnahmen wird dabei zwischen der einfachen und der erhöhten
abstrakten Gefährdung unterschieden. Erstere zieht keine Administrativmassnahmen
nach sich (vgl. Art. 16a Abs. 4 SVG). Von einem solchen Fall ist jedoch nur dann
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auszugehen, wenn keine anderen Verkehrsteilnehmer vom Fehlverhalten hätten
betroffen werden können. Führte dieses hingegen zu einer Verletzung eines Rechtsguts
oder einer konkreten oder einer erhöhten abstrakten Gefährdung der körperlichen
Integrität, hat dies eine Administrativmassnahme zur Folge (R. Schaffhauser, Die neuen
Administrativmassnahmen des Strassenverkehrsgesetzes, in: Jahrbuch zum
Strassenverkehrsrecht 2003, St. Gallen 2003, S. 181, Rz. 43 ff.). Innerhalb der erhöhten
abstrakten Gefährdung ist auf die Nähe der Verwirklichung der Gefahr abzustellen. Je
näher die Möglichkeit einer konkreten Gefährdung oder Verletzung liegt, umso
schwerer wiegt die erhöhte abstrakte Gefahr (statt vieler: BGE 142 IV 93 E. 3.1).
Entscheidend ist daher, wie gross in einer hypothetisch angenommenen konkreten
Gefährdungssituation (nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge und der allgemeinen
Lebenserfahrung) die Wahrscheinlichkeit einer Verletzung von Personen ist (BSK SVG-
B. Rütsche, Basel 2014, Art. 16 N 39).
Eine konkrete Gefahr liegt bei der Missachtung eines Lichtsignals immer dann vor,
wenn ein bei Grünlicht in die Verzweigung einfahrendes Fahrzeug bremsen oder
ausweichen muss, um die Gefahr einer Kollision mit dem das Rotlicht missachtenden
Verkehrsteilnehmer abzuwenden. Die konkrete Gefahr ist ohne Weiteres dann zu
bejahen, wenn es zu einem Unfall zwischen dem Rot- und dem Grünfahrer gekommen
ist, sich die Gefahr also realisiert hat (vgl. J. Boll, Grobe Verkehrsregelverletzung,
Davos 1999, S. 71).
b) Gemäss Unfallrapport vom 26. Juli 2017 entstand an beiden Fahrzeugen
Sachschaden (act. 10/4 f.). Unter diesen Umständen hat sich in objektiver Hinsicht die
vorbestehende Gefahr konkretisiert und es ist von einer ernstlichen Gefahr im Sinn von
Art. 16c Abs. 1 lit. a SVG auszugehen. Unerheblich ist, dass das Fahrzeug der
Unfallverursacherin weniger beschädigt wurde als dasjenige des Unfallgegners und der
Unfall nur mit Sachschaden und damit insgesamt glimpflich endete. Mit Bezug auf das
Tatbestandselement der Gefährdung rechtfertigt es sich nicht, von den tatsächlichen
Feststellungen im Strafbefehl abzuweichen. Es ist von einer ernstlichen Gefahr für die
Sicherheit anderer Verkehrsteilnehmer auszugehen.
4.- a) Subjektiv setzt der Tatbestand der schweren Widerhandlung gemäss Art. 16c
Abs. 1 lit. a SVG ein schweres Verschulden, bei fahrlässigem Handeln mindestens
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grobe Fahrlässigkeit, voraus. Von Letzterem ist auszugehen, wenn sich die
Fahrzeuglenkerin der allgemeinen Gefährlichkeit ihrer verkehrswidrigen Fahrweise
bewusst ist. Grobe Fahrlässigkeit kann auch vorliegen, wenn die Fahrzeuglenkerin die
Gefährdung anderer Verkehrsteilnehmer pflichtwidrig gar nicht in Betracht gezogen,
also unbewusst fahrlässig gehandelt hat. In solchen Fällen ist grobe Fahrlässigkeit zu
bejahen, wenn das Nichtbedenken der Gefährdung anderer Verkehrsteilnehmer auf
Rücksichtslosigkeit beruht (BGE 131 IV 133 E. 3.2, 130 IV 32 E. 5.1, 118 IV 285 E. 4).
Der objektive und subjektive Schweregrad einer Verletzung von Art. 27 Abs. 1 SVG
(Beachtung von Signalen, Markierungen und Weisungen) hängt von den Umständen
des Einzelfalls ab. Je bedeutsamer ein Signal für die Verkehrssicherheit ist, umso
schwerer wiegt objektiv der Rechtsbruch. Je schwerer die Verkehrsregelverletzung
objektiv wirkt, desto eher ist von Rücksichtslosigkeit bzw. einem schweren
Verschulden auszugehen, sofern keine besonderen Gegenindizien vorliegen. So kann
etwa die Missachtung eines Lichtsignals eine einfache (Art. 16a Abs. 1 lit. a SVG),
mittelschwere (Art. 16b Abs. 1 lit. a SVG) oder schwere Widerhandlung darstellen (Art.
16c Abs. 1 lit. a SVG; Ph. Weissenberger, Kommentar SVG und OBG, 2. Aufl. 2015, Art.
27 N 19). Nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung erfüllt das Missachten des
Rotlichts in der Regel den qualifizierten Straftatbestand gemäss Art. 90 Abs. 2 SVG
(grobe Verkehrsregelverletzung) und damit denjenigen der schweren Widerhandlung
gegen Verkehrsvorschriften gemäss Art. 16c Abs. 1 lit. a SVG. Eine schwere
Widerhandlung ist insoweit nur ausnahmsweise aus subjektiven Gründen zu verneinen
(vgl. BGer 6B_480/2014 vom 23. Februar 2015 E. 3.4 mit Hinweis auf BGE 121 IV 375
E. 1c S. 378; BSK SVG-G. Fiolka, a.a.O., Art. 90 N 55; Weissenberger, a.a.O., Art. 16b
N 16 in fine). So erkannte es auf Grobfahrlässigkeit, als eine Fahrzeuglenkerin ein
Rotlicht unbewusst missachtet hatte, weil sie sich trotz hohen Verkehrsaufkommens
von einem Mann ablenken liess, der in einer Wiese neben der Strasse mit einem Hund
trainierte (BGer 6S.156/1993 vom 25. Juni 1993, zitiert nach BGer 6S.11/2002 vom
20. März 2002 E. 3c/aa). Ebenfalls grobfahrlässig handelte ein Fahrzeuglenker, der im
morgendlichen Berufsverkehr ein auf Rot stehendes Lichtsignal überhaupt nicht
bemerkte und dieses mit 31 km/h überfuhr (BGer 6B_480/2014 vom 23. Februar 2015
E. 3.5). Auch ein Fahrzeuglenker, der bei ungünstigen Lichtverhältnissen von der Sonne
geblendet ein Lichtsignal in einer Rotphase mit ca. 35 km/h ungebremst überfuhr und
in ein anderes Fahrzeug prallte, handelte nach Auffassung des Bundesgerichts
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grobfahrlässig und beging eine grobe Verkehrsregelverletzung. Da er sich nicht
vergewissert hatte, ob das Lichtsignal tatsächlich auf Grün steht, hätte er sich der
Kreuzung mit besonderer Achtsamkeit nähern müssen (BGer 1C_27/2012 vom 3. Juli
2012 E. 3.5). Nicht als rücksichtslos wurde demgegenüber eingestuft, dass ein
Fahrzeuglenker ein Rotlicht bei übersichtlichen Verkehrsverhältnissen in einer
verkehrsarmen Zeit missachtete (BGE 118 IV 285 E. 3b, 4).
b) Das von der Rekurrentin missachtete Lichtsignal befindet sich auf einer zum
Unfallzeitpunkt rege befahrenen dreiarmigen, zweispurigen Kreuzung mit Vorsortierung
im ortsnahen Ausserortsbereich. Die Witterungs- und Sichtverhältnisse waren gut
(act. 10/6). Aus den Aussagen und Eingaben der Rekurrentin geht hervor, dass sie das
Lichtsignal bis zuletzt als auf Grün stehend wahrgenommen hatte. Als unfallursächlich
erachtete sie vor allem, dass sie vor der Missachtung des Rotlichts über circa zwei bis
drei Kilometer von einem nahe auffahrenden Fahrzeug bedrängt und durch dessen
plötzliches "Vorbeischiessen" auf der rechten Vorsortierungsspur massiv erschreckt
worden sei. Sie habe zuvor mehrmals im Rückspiegel nach dem Auto geschaut und
nicht einmal dessen Scheinwerfer sehen können, so nahe sei dieses aufgefahren. Als
sie schliesslich mittels Schulterblicks das überholende Fahrzeug wahrgenommen und
wieder nach vorne geschaut habe, habe sie das Fahrzeug von rechts anfahren sehen,
worauf sie umgehend eine Vollbremsung eingeleitet habe. Eine Kollision habe sie aber
nicht mehr verhindern können (act. 1, 10/9, 10/23).
c) Im Strafbefehl wurde auf die Angaben der Rekurrentin abgestützt und deren
Unachtsamkeit mit der fortwährenden Beobachtung des von hinten drängelnden
Fahrzeugs im Rückspiegel begründet. Im Unterschied zu den oben erwähnten
Bundesgerichtsurteilen ist das der Rekurrentin anzulastende Verschulden nicht
ausschliesslich auf eigenes Fehlverhalten zurückzuführen. Vielmehr ist aufgrund des
von der Rekurrentin wiederholt und glaubhaft dargelegten Unfallhergangs davon
auszugehen, dass sie durch ein rechtswidriges Einwirken eines Dritten von der
erforderlichen Aufmerksamkeit abgehalten und entsprechend abgelenkt wurde. Dies
dispensierte sie selbstverständlich nicht davon, sich der Kreuzung mit der notwendigen
Aufmerksamkeit zu nähern. Dieser Sorgfaltspflicht ist sie nicht nachgekommen,
weshalb nicht von Schuldlosigkeit auszugehen ist. Es ist jedoch nachvollziehbar, dass
sich die Rekurrentin durch den Hintermann in ihrer Unversehrtheit bedroht fühlte und
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es für sie schwieriger war, die notwendige Konzentration auf die Lichtsignalanlage zu
richten. Der Vorwurf der Grobfahrlässigkeit erscheint bereits unter diesen Umständen
als allzu streng. Hinzu kommt, dass der Strafrichter davon ausging, dass das
Lichtsignal seit wenigen Sekunden auf Rot stand (act. 10/18). Abgesehen davon, dass
es sich hierbei um eine sehr ungenaue Zeitangabe handelt, ist nicht klar, woher er die
Angaben zur Dauer der Rotphase hat. Aus dem Polizeirapport geht hervor, dass die
Daten der Lichtsignalanlage aus unbekannten technischen Gründen nicht gesichert
werden konnten (act. 10/6). Folglich können dazu gar keine genauen Angaben gemacht
werden, was sich jedoch nicht zum Nachteil der Rekurrentin auswirken darf. Am
Vorwurf der Grobfahrlässigkeit könnte nur festgehalten werden, wenn mit zusätzlichen
Beweisen der Nachweis gelänge, dass das Lichtsignal schon mehrere Sekunden auf
Rot gestanden hätte. Dies ist jedoch aus technischen Gründen nicht möglich. Diese
Beweisschwierigkeiten hat nicht die Rekurrentin zu verantworten, weshalb diese ihr
auch nicht zum Nachteil gereichen dürfen.
Der Dauer zwischen dem Umschalten von Gelb auf Rot kommt nicht nur bei der Frage
der Gefährdung eine Bedeutung zu (vgl. Weissenberger, a.a.O., Art. 90 N 77). Auch
verschuldensmässig wiegt grundsätzlich schwerer, wenn eine bereits seit mehreren
Sekunden auf Rot stehende Ampel missachtet wird. In der bundesgerichtlichen
Rechtsprechung wurde etwa auf grobe Verkehrsregelverletzung erkannt, als ein seit
1,4 Sekunden (BGer 6B_197/2013 vom 20. Juni 2013), 5,4 Sekunden (BGer 6S.11/2002
vom 20. März 2002 E. 3c/aa) und ein über 11 Sekunden (BGer 6B_796/2008 vom
6. Dezember 2008) auf Rot stehendes Lichtsignal überfahren wurde. Zugunsten der
Rekurrentin kann hier nicht ausgeschlossen werden, dass das Lichtsignal erst seit
Kurzem auf Rot stand. Auch aus diesem Grund erscheint entgegen dem Strafbefehl der
Vorwurf der Grobfahrlässigkeit als nicht gerechtfertigt; denn mangels Kenntnis der
genauen Dauer der Rotphase vor dem Unfallzeitpunkt, die nachträglich aus
technischen Gründen zudem nicht mehr abgeklärt werden kann, ist der Rekurrentin
keine Rücksichtslosigkeit vorzuwerfen.
d) Zusammenfassend sind die Voraussetzungen einer schweren Widerhandlung
gemäss Art. 16c Abs. 1 lit. a SVG nicht erfüllt. Insbesondere fehlt es entgegen der
Ansicht des Strafrichters am schweren Verschulden. Damit ist von einer mittelschweren
Widerhandlung auszugehen; eine solche liegt immer vor, wenn nicht alle
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privilegierenden Elemente einer leichten und nicht alle qualifizierenden einer schweren
Widerhandlung erfüllt sind (Botschaft, a.a.O., in: BBl 1999, S. 4487). Die Rekurrentin
rief mit dem Überfahren des Rotlichts zwar eine ernstliche Gefahr für andere
Verkehrsteilnehmer hervor, ohne jedoch grobfahrlässig gehandelt zu haben. Nach
Art. 16b Abs. 2 lit. a SVG ist der Führerausweis nach einer mittelschweren
Widerhandlung für mindestens einen Monat zu entziehen, wobei die
Mindestentzugsdauer selbst bei beruflicher Angewiesenheit der betroffenen Person auf
den Führerausweis und bei einem ungetrübten automobilistischen Leumund nicht
unterschritten werden darf (Art. 16 Abs. 3 SVG; vgl. BGE 132 II 234 E. 2.3). Vorliegend
erscheint ein Warnungsentzug für einen Monat angemessen. Die berufliche
Angewiesenheit auf den Führerausweis und die erhöhte Sanktionsempfindlichkeit sind
damit so weit wie möglich berücksichtigt.
5.- Die Vorinstanz ordnete in Ziffer 2 der angefochtenen Verfügung an, dass die
Rekurrentin den Führerausweis und allfällig vorhandene weitere Ausweise bis
spätestens am 15. Mai 2018 abzugeben habe. Hierbei handelt es sich um eine
vollstreckungsrechtliche Anordnung, die separat verfügt werden müsste. Darauf ist
indessen nicht weiter einzugehen, denn der Abgabetermin ist bereits vorüber, weshalb
besagte Anordnung zufolge Gegenstandslosigkeit aufzuheben ist. Die Vorinstanz wird
einen neuen Abgabetermin festlegen müssen.
Da die Rekurrentin den Führerausweis für einen Monat abzugeben hat, sind die Ziffern
3 (Verbot des Führens von Motorfahrzeugen aller Kategorien und Unterkategorien
sowie der Spezialkategorie F während der Entzugsdauer), 4 (Umfang des
Warnungsentzugs), 5 (Verbot der Mitwirkung an Lernfahrten während der
Entzugsdauer) und 6 (Gebühr von Fr. 290.– für das vorinstanzliche Verfahren) der
angefochtenen Verfügung zu bestätigen.
6.- Die Kosten des Rekursverfahrens haben die Verfahrensbeteiligten nach Massgabe
ihres Obsiegens und Unterliegens zu tragen (Art. 95 Abs. 1 VRP). Die Rekurrentin
beantragte eine Neubeurteilung des Falles "und auf die mich ruinierende Massnahme
nicht einzutreten" (act. 1, S. 2). In der Rekursbegründung verlangte sie "eine Milderung
der Strafe aufgrund eines Härtefalls" (act. 1, S. 1). Namentlich aus der
Rekursbegründung ergibt sich, dass die Rekurrentin in erster Linie eine Reduktion der
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Entzugsdauer anstrebte ("ein Entzug über solch einen langen Zeitraum"; act. 1, S. 1),
und nicht ein vollständiges Absehen von einer Massnahme. Im Ergebnis hat sie dies
erreicht, weshalb sie mit ihrem Antrag obsiegt. Bei diesem Verfahrensausgang sind die
amtlichen Kosten dem Staat aufzuerlegen (Art. 95 Abs. 1 VRP). Eine Entscheidgebühr
von Fr. 1'200.– erscheint angemessen (vgl. Art. 7 Ziff. 122 der
Gerichtskostenverordnung [sGS 941.12]). Der Kostenvorschuss von Fr. 1'200.– ist der
Rekurrentin zurückzuerstatten.