Decision ID: 6b5ae497-e4a7-4356-b32c-e83b4530a981
Year: 2021
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend Angriff
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Zürich, 10. Abteilung - Einzelgericht, vom 25. September 2020 (GG200162)
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Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Zürich-Limmat vom 28. Juli 2020 ist
diesem Urteil beigeheftet (Urk. 21).
Urteil der Vorinstanz: (Urk. 43 S. 50 ff.)
"Es wird erkannt:
1. Der Beschuldigte ist schuldig des Angriffs im Sinne von Art. 134 StGB.
2. Der Beschuldigte wird bestraft mit 9 Monaten Freiheitsstrafe.
3. Der Vollzug der Freiheitsstrafe wird aufgeschoben und die Probezeit auf 2 Jahre festge-
setzt.
4. Von der Anordnung einer Landesverweisung im Sinne von Art. 66a StGB wird abgesehen.
5. Die mit Verfügung der Staatsanwaltschaft vom 7. Juli 2020 beschlagnahmten Pfeffersprays
(Asservaten-Nr. A012'600'736 und A012'541'963) werden eingezogen und der Lagerbehör-
de (Stadtpolizei Zürich, FOR-AI) zur Vernichtung überlassen.
6. Die folgenden, mit Verfügung der Staatsanwaltschaft Zürich-Limmat vom 7. Juli 2020
beschlagnahmten und bei der Lagerbehörde (Stadtpolizei Zürich, FOR-AI) lagernden Ge-
genstände sind nach Eintritt des Rechtskraft dieses Urteils dem Privatkläger als berechtigte
Person innert drei Monaten nach Eintritt der Rechtskraft dieses Urteils auf erstes Verlangen
herauszugeben:
- Herrenjacke, Jacke, braun, Marke G3000, Grösse L (Asservat-Nr. A012'600'407)
- Herrenhose, Jeanshose mit Gurt schwarz, Marke Wrangler, Grösse W36 L30
(Asservat-Nr. A012'600'441)
- Schuhe, 1 Paar Herrenschuhe, Marke Puma schwarz, Grösse 41
(Asservat-Nr. A012'600'510).
Werden die Gegenstände vom Privatkläger innert drei Monaten nach Eintritt der Rechtskraft
dieses Urteils nicht herausverlangt, so werden sie der Lagerbehörde zur gutscheinenden
Verwendung überlassen.
7. Die folgenden, mit Verfügung der Staatsanwaltschaft Zürich-Limmat vom 7. Juli 2020
beschlagnahmten und bei der Lagerbehörde (Stadtpolizei Zürich, FOR-AI) lagernden Ge-
genstände sind nach Eintritt des Rechtskraft dieses Urteils dem Beschuldigten als berech-
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tigte Person innert drei Monaten nach Eintritt der Rechtskraft dieses Urteils auf erstes Ver-
langen herauszugeben:
- Herrenjacke, Lederjacke, schwarz, Marke Sahinmod, Grösse XXL
(Asservat-Nr. A012'600'565)
- Papierware (Asservat-Nr. A012'542'002)
- Herrenjacke, Filzjacke schwarz, Marke Unmut, Grösse XXL
(Asservat-Nr. A012'600'747)
- Herrenjacke, Wolljacke dunkelgrau, Marke Semih Triko, Grösse L
(Asservat-Nr. A012'600'758)
- Schuhe, Schuhe schwarz, Marke Claudio Conti, Grösse 44
(Asservat-Nr. A012'600'770)
- Herrenhose, Jeanshose mit Gürtel, Marke Lee Cooper (Asservat-Nr. A012'600'792)
- Herrenhemd, Hemd blau, Marke Vinci, Grösse 42 (Asservat-Nr. A012'600'816).
Werden die Gegenstände vom Beschuldigten innert drei Monaten nach Eintritt der Rechts-
kraft dieses Urteils nicht herausverlangt, so werden sie der Lagerbehörde zur gutscheinen-
den Verwendung überlassen.
8. Die folgenden, beim Forensischen Institut Zürich (FOR) unter dem Referenznummer
K190505008 gelagerten, sichergestellten Spuren und Spurenträger werden nach Eintritt der
Rechtskraft dieses Entscheides vernichtet:
- DNA-Spur-Wattetupfer (Asservat Nr. A012'600'361)
- DNA-Spur-Wattetupfer (Asservat Nr. A012'600'372)
- DNA-Spur-Wattetupfer (Asservat Nr. A012'600'383)
- IRM-Fotografie (Asservat Nr. A012'597'794).
9. Das Schadenersatzbegehren des Privatklägers wird abgewiesen.
10. Rechtsanwalt lic. iur. X._ wird für seine Aufwendungen als amtlicher Verteidiger des
Beschuldigten mit pauschal Fr. 9'600.– (inkl. Auslagen und MwSt.) aus der Gerichtskasse
entschädigt.
11. Rechtsanwältin lic. iur. Y._ wird für ihre Aufwendungen als unentgeltliche Rechtsbei-
ständin des Privatklägers mit pauschal Fr. 2'915.– (inkl. Auslagen, ohne MwSt.) aus der Ge-
richtskasse entschädigt.
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12. Die Gerichtsgebühr wird angesetzt auf:
Fr. 2'000.00 ; die weiteren Kosten betragen:
Fr. 1'500.00 Gebühr für das Vorverfahren;
Fr. 4'960.55 Auslagen (Gutachten);
Fr. 9'600.00 Entschädigung amtliche Verteidigung;
Fr. 2'915.00 Entschädigung unentgeltliche Privatklägervertretung.
Allfällige weitere Auslagen bleiben vorbehalten.
13. Die Kosten der Untersuchung und des gerichtlichen Verfahrens, mit Ausnahme derjenigen
der amtlichen Verteidigung des Beschuldigten und der unentgeltlichen Vertretung des Pri-
vatklägers, werden dem Beschuldigten auferlegt.
14. Die Kosten der amtlichen Verteidigung des Beschuldigten und der unentgeltlichen
Vertretung des Privatklägers werden einstweilen auf die Gerichtskasse genommen; vorbe-
halten bleibt eine Nachforderung gemäss Art. 135 Abs. 4 StPO resp. Art. 138 Abs. 1 StPO.
15. (Mitteilungen.)
16. (Rechtsmittel.)"
Berufungsanträge: (Prot. II S. 7)
a) Der Verteidigung des Beschuldigten:
(Urk. 45 S. 2 und Urk. 63 S. 2, teilweise sinngemäss)
1. Die Dispositivziffern 1 bis 3 des erstinstanzlichen Urteils seien aufzuheben
und der Beschuldigte sei vollumfänglich freizusprechen.
2. Dispositivziffer 4 sei aufzuheben.
3. Die Dispositivziffern 13 und 14 seien aufzuheben. Die Kosten des Vorver-
fahrens und des erstinstanzlichen Verfahrens, inklusive derjenigen der
amtlichen Verteidigung und der unentgeltlichen Vertretung des Privatklä-
gers, seien vollumfänglich auf die Staatskasse zu nehmen.
4. Sämtliche DNA-Profile und sämtliches ED-Material des Beschuldigten sei zu
löschen.
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5. Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zulasten der Staatskasse.
b) Der Staatsanwaltschaft:
(sinngemäss)
Bestätigung des vorinstanzlichen Urteils.
c) Der Vertreterin des Privatklägers:
(Urk. 70 S. 2 sinngemäss)
Die Berufungsanträge des Beschuldigten seien abzuweisen.

Erwägungen:
I. Verfahrensgang und Umfang der Berufung
1. Verfahrensgang
1.1. Nach durchgeführter Untersuchung erhob die Staatsanwaltschaft Zürich -
Limmat (nachfolgend: Staatsanwaltschaft) am 28. Juli 2020 Anklage gegen den
Beschuldigten (Urk. 21). Hinsichtlich des Prozessverlaufs im vorinstanzlichen
Verfahren kann auf die entsprechenden Erwägungen im angefochtenen Entscheid
verwiesen werden (Urk. 43 S. 4).
1.2. Gegen das am 25. September 2020 mündlich im Dispositiv eröffnete Urteil
der Vorinstanz meldete der Beschuldigte gleichentags Berufung an (Prot. I S. 17
ff.; Urk. 36). Die schriftlich begründete Fassung des Urteils wurde der Staatsan-
waltschaft sowie der Vertreterin des Privatklägers je am 5. November 2020 und
dem Verteidiger am 6. November 2020 zugestellt (Urk. 42/1-3). Die Berufungser-
klärung des Beschuldigten ging am 17. November 2020 und damit innert Frist
gemäss Art. 399 Abs. 3 StPO hierorts ein (Urk. 45).
1.3. Mit Präsidialverfügung vom 18. November 2020 wurde dem Privatkläger
sowie der Staatsanwaltschaft Frist angesetzt, um Anschlussberufung zu erklären
oder begründet ein Nichteintreten auf die Berufung des Beschuldigten zu bean-
tragen (Urk. 47). Während die Staatsanwaltschaft hierauf fristgemäss auf
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Anschlussberufung verzichtete, ersuchte die Vertreterin des Privatklägers mit
Zuschrift vom 9. Dezember 2020 um Gewährung einer Fristverlängerung auf-
grund akuter Krankheit (Urk. 49; Urk. 50-52). Da es sich bei den angesetzten Fris-
ten jeweils um nicht erstreckbare gesetzliche Fristen handelt, wurde das ent-
sprechende Gesuch der Vertreterin des Privatklägers mit Präsidialverfügung vom
11. Dezember 2020 abgewiesen. Gleichzeitig erfolgte eine Fristansetzung an die
Parteien, um zur Durchführung des schriftlichen Verfahrens Stellung zu nehmen,
wobei Säumnis als Einverständnis für die Anordnung des schriftlichen Verfahrens
angenommen werde (Urk. 53). Der Beschuldigte erklärte sich explizit mit der
schriftlichen Durchführung des Verfahrens einverstanden (Urk. 55). Demgegen-
über liess sich weder die Staatsanwaltschaft noch der Privatkläger vernehmen,
weshalb unter dem 4. Januar 2021 die schriftliche Durchführung des Berufungs-
verfahrens verfügt wurde (Urk. 57).
1.4. Die Berufungsbegründung des Beschuldigten ging innert letztmalig er-
streckter Frist am 9. März 2021 ein (Urk. 63). Die Staatsanwaltschaft stellte hie-
rauf einen Bestätigungsantrag. Der Privatkläger erstattete am 31. März 2021 die
Berufungsantwort, und die Vorinstanz verzichtete auf Vernehmlassung (Urk. 68-
70). Sämtliche Parteien verzichteten im weiteren Verfahrensverlauf ausdrücklich
oder stillschweigend auf weitere Stellungnahmen (Urk. 72; Urk. 74-75). Das Ver-
fahren erweist sich als spruchreif.
2. Umfang der Berufung und Hinweis
2.1. Der Beschuldigte beantragt einen Freispruch und wendet sich mit seiner
Berufung gegen die Dispositivziffern 1-4 (Schuldspruch, Sanktion und ausdrück-
liches Absehen von der Anordnung einer Landesverweisung) sowie die damit
zusammenhängende Kostenauflage gemäss den Dispositivziffern 13 und 14
(Urk. 63 S. 2). Die weiteren Punkte des vorinstanzlichen Urteils wurden seitens
des Beschuldigten ausdrücklich nicht beanstandet.
2.2. Es ist demnach festzustellen, dass das Urteil der Vorinstanz bezüglich der
Einziehung bzw. Herausgabe diverser Gegenstände (Ziff. 5-7), der Vernichtung
von Spuren und Spurenträgern (Ziff. 8), der Abweisung des Schadensersatzbe-
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gehrens des Privatklägers (Ziff. 9) sowie hinsichtlich der Kostenfestsetzung
(Ziff. 10-12) in Rechtskraft erwachsen ist und nicht mehr zur Disposition steht
(Art. 402 StPO; BSK StPO-EUGSTER, 2. Aufl. 2014, Art. 399 N 5 und Art. 402 N 2).
In den angefochtenen Punkten ist neu zu entscheiden (Art. 404 Abs. 1 StPO).
2.3. Es ist bereits an dieser Stelle darauf hinzuweisen, dass sich die urteilende
Instanz nicht mit allen Parteistandpunkten einlässlich auseinandersetzen und je-
des einzelne Vorbringen ausdrücklich widerlegen muss. Die urteilende Instanz
kann sich somit auf die ihrer Auffassung nach für ihren Entscheid wesentlichen
Punkte beschränken (BGE 141 IV 249 E. 1.3.1.; Urteil 1B_242/2020 vom
2. September 2020 E. 2.2).
II. Prozessuales
1. Ausgangslage
Am 5. Mai 2019 alarmierten zwei Passanten kurz nach vier Uhr morgens die
Einsatzzentrale der Polizei und meldeten, dass sie in einem Hinterhof an der
B._-Strasse ... in ... Zürich eine schreiende und verletzte Person (den
Privatkläger) vorgefunden hätten (Urk. 1). Gemäss Polizeirapport habe sich nach
dem Eintreffen von Polizei und Sanität der nachmalige Zeuge C._ der Ört-
lichkeit genähert und ausgeführt, dass ein Angestellter des "D._s" bzw. der
E._ Bar zu ihm in die neben dem Einsatzort liegende Bar gekommen sei und
die Aufnahmen der Videoüberwachung des Hinterhofs habe einsehen wollen
(Urk. 1 S. 6 ff.). Daraufhin rückten Polizeifunktionäre in den "D._" aus, kon-
trollierten die zu diesem Zeitpunkt in den Räumlichkeiten anwesenden Personen
und nahmen – gemäss Rapport – eine "kurze Durchsuchung" vor (vgl. Urk. 1
S. 8). Dabei konnte in den Büroräumlichkeiten eine Jacke des Beschuldigten si-
chergestellt werden, in deren Seitentaschen sich zwei Pfeffersprays befanden
(Urk. 1 S. 5). Hernach begleiteten der Beschuldigte sowie sein Bruder die Polizis-
ten zwecks Befragung freiwillig auf das Haftsachendetektivbüro (Urk. 1 S. 8).
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2. Verwertbarkeit der polizeilichen Befragung des Beschuldigten
2.1. Die Verteidigung macht geltend, die Aussagen des Beschuldigten als
polizeiliche Auskunftsperson seien aufgrund seines späteren Rollenwechsels
nicht verwertbar. Es sei sodann klar ersichtlich, dass der Beschuldigte im Zeit-
punkt seiner ersten Befragung einem Tatverdacht ausgesetzt gewesen sei, wes-
halb spätestens nach Vorhalt der entsprechenden Verdachtsmomente eine Beleh-
rung gemäss Art. 158 Abs. 1 lit. c StPO hätte erfolgen müssen. Die polizeiliche
Befragung des Beschuldigten sei daher unverwertbar (Urk. 32 S. 5; Urk. 63 S. 3
f.).
2.2. Als polizeiliche Auskunftsperson kann einvernommen werden, wer ohne
selber beschuldigt zu sein als Täter, Teilnehmer der Tat oder einer anderen damit
zusammenhängenden Straftat nicht ausgeschlossen werden kann (Art. 178 Abs.
1 lit. d StPO). Relevant sind dabei insbesondere Konstellationen, in denen noch
nicht feststeht, wer wirklich Beschuldigter ist, weil dieser aus einem bestimmten
oder unbestimmten Kreis von Involvierten zuerst ermittelt werden muss. In diesen
Fällen sollen nicht voreilig Beschuldigungen ausgesprochen werden, und nie-
mand soll dazu gezwungen werden, ein falsches Zeugnis abzulegen
(SCHMID/JOSITSCH, Handbuch des schweizerischen Strafprozessrechts, 3. Aufl.
2017, S. 376). Der Einwand der Verteidigung, bei der ersten Befragung hätten
Verdachtsmomente bestanden, schliesst deshalb noch nicht aus, dass eine Per-
son als Auskunftsperson befragt wird.
2.3. Ob eine Person als Zeugin, Auskunftsperson oder beschuldigte Person zu
befragen ist, entscheidet der Einvernehmende, das heisst, die zuständige Straf-
behörde, und zwar aufgrund der im Zeitpunkt der Befragung bestehenden Sach-
und Rechtslage. Daraus folgt, dass ein einmal getroffener Entscheid betreffend
die prozessuale Rolle des Einzuvernehmenden nicht mehr Bestand haben kann,
wenn sich die für diesen Entscheid massgebenden, bekannten Verhältnisse ge-
ändert haben (BGE 144 IV 97 S. 101 E. 2.1.3). Wird eine Person in Kenntnis des
gegen sie bestehenden Tatverdachts (fälschlicherweise) als Auskunftsperson im
Sinne von Art. 178 lit. d StPO befragt, sind deren Aussagen unverwertbar. Ver-
schieben sich die Verdachtsmomente erst nach erfolgter Einvernahme als Aus-
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kunftsperson gemäss Art. 178 lit. d StPO derart, dass die befragte Person in den
Stand einer beschuldigten Person versetzt werden muss, ist die Befragung als
Auskunftsperson zumindest nicht zulasten des späteren Beschuldigten verwertbar
(vgl. Zürcher Kommentar StPO-DONATSCH, 3. Aufl. 2020, Art. 178 N 10 und N 17
ff. m.H.; Zürcher Kommentar StPO-GODENZI, a.a.O., Art. 158 N 42).
2.4. Führt die Vorinstanz zur Frage der Verwertbarkeit an, die polizeiliche Be-
fragung des Beschuldigten als Auskunftsperson sei verwertbar, da im Zeitpunkt
der Befragung kein konkreter Hinweis auf eine strafbare Handlung des Beschul-
digten bestanden habe und somit (noch) kein Fall einer notwendigen Verteidigung
vorgelegen sei, greift dies zu kurz (Urk. 43 S. 9). Nach der zuvor zitierten Literatur
wäre allein aufgrund eines (berechtigten) Rollenwechsels zur beschuldigten Per-
son nicht ohne Weiteres von der uneingeschränkten Verwertbarkeit der fraglichen
Einvernahme auszugehen.
2.5. Die Untersuchung wurde längere Zeit "gegen Unbekannt" geführt. Der
verletzte Privatkläger konnte keine konkreten Angaben zu den Tätern oder deren
Namen machen (Urk. 7/1). Aus dem Polizeirapport vom 7. Mai 2019 geht hervor,
dass der Polizei aber bekannt war, dass gegen das Opfer Pfefferspray eingesetzt
wurde und dass sich der Beschuldigte kurz nach dem Vorfall in der F._-Bar
nach Aufnahmen der Überwachungskameras erkundigt hatte (Urk. 1 S. 4).
2.6. Vor der Befragung des Beschuldigten wurde im "D._", wo der Be-
schuldigte tätig war, eine Hausdurchsuchung vorgenommen. Das dazugehörige
Durchsuchungsprotokoll wurde auf den Namen des Beschuldigten ausgestellt.
Der Beschuldigte kam anschliessend freiwillig zu einer Befragung auf den
Detektivposten mit (Urk. 1 S. 8). Dies könnte durchaus darauf hindeuten, dass die
Polizei im damaligen Zeitpunkt von einen gewissen Verdacht gegenüber dem Be-
schuldigten ausging, wie dies die Verteidigung ins Feld führt (Urk. 63 S. 3). Aller-
dings war zu diesem Zeitpunkt noch keine Befragung des Opfers erfolgt, weshalb
es vor der Befragung des Beschuldigten selbst noch keinesfalls angängig war,
diesen bereits Stunden nach dem Vorfall als Täter einzuvernehmen. Wie erwähnt,
ist die Befragung als Auskunftsperson gemäss Art. 178 StPO auch zulässig, wenn
die betreffende Person als Täter noch nicht ausgeschlossen werden kann. Dies
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belegt, dass der Polizei in diesem sehr frühen Stadium der Ermittlungen auch ein
gewisses Ermessen zuzusprechen ist, zumal Durchsuchungsmassnahmen auch
gegenüber Dritten zulässig sind.
2.7. Die erste polizeiliche Befragung des Beschuldigten ist deshalb im Sinne
der vorzitierten Literatur nicht zu Lasten des Beschuldigten verwertbar. Beizufü-
gen ist, dass dieser Aussage keine erhebliche Bedeutung zukommt. Der Beschul-
digte hat darin zugegeben, dass er sich in der F._-Bar bei C._ nach den
Aufzeichnungen der Überwachungskameras erkundigt habe (Urk. 6/1 S. 2), ein
Umstand, der ohnehin durch die spätere Zeugenaussage von C._ belegt ist
(Urk. 8/2). Ansonsten stellte der Beschuldigte einen Angriff auf den Privatkläger
ohnehin in Abrede (Urk. 8/1).
III. Sachverhalt
1. Anklagevorwurf
Dem Beschuldigten wird kurz zusammengefasst zur Last gelegt, mit einem unbe-
kannten Komplizen in den frühen Morgenstunden des 5. Mai 2019 den Privatklä-
ger beim Betreten und Verlassen der Bar "D._" mit Pfefferspray attackiert zu
haben. Hernach sei der Beschuldigte mit seinem Komplizen dem Privatkläger bis
in einen Hinterhof an der B._-Strasse ... in ... Zürich gefolgt, wo sie den Pri-
vatkläger mehrfach gezielt gegen den Kopf geschlagen hätten, sodass dieser un-
ter anderem ein leichtes Schädel-Hirn-Trauma, eine mehrfragmentäre Nasenbein-
fraktur sowie multiple Schnittverletzungen erlitten habe (Urk. 21 S. 2 f.).
2. Pfeffersprayeinsatz
2.1. Es ist unbestritten dass gegen den Privatkläger vor dem tätlichen Übergriff
Pfefferspray eingesetzt wurde (Urk. 63 S. 11). An der oberen Schulterpartie seiner
Jacke konnte die Substanz "Nonivamid" festgestellt werden, welche als Wirkstoff
in sogenannten "PAVA"-Pfeffersprays verwendet wird (Urk. 9/6/3 S. 2; Urk. 9/6/4
S. 4-6). Bei den sichergestellten Pfeffersprays des Beschuldigten handelt es sich
ebenfalls um "PAVA"-Pfeffersprays (Urk. 9/6/3 S. 2; Urk. 9/6/4 S. 4-6). Aufgrund
des gemessenen Gewichts der Spraybehälter ist davon auszugehen, dass diese
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benutzt wurden (vgl. Urk. 12/3 S. 3). Die Verteidigung hat aber zu Recht darauf
hingewiesen, dass sich allein anhand dieser Umstände nicht sagen lässt, ob es
der Beschuldigte war, welcher Pfefferspray gegen den Privatkläger eingesetzt hat
(Urk. 63 S. 11). Der Privatkläger sprach von einer unbekannten Person, welche
ihn mit dem Reizstoff besprüht habe (Urk. 7/1 F/A 51; Urk. 7/2 F/A 11 und 27 f.).
Dieser Mann habe mit ihm, dem Privatkläger, in der Bar diskutiert (Urk. 7/2
F/A 14-16). Er habe den Mann noch nie gesehen; er sei gut gebaut, von weisser
Hautfarbe und zwischen 40 bis 45 Jahre alt gewesen (Urk. 7/2 F/A 19, 22). Auf
die Frage, ob er den an der Einvernahme anwesenden Beschuldigten erkennen
könne, gab der Privatkläger zu Protokoll: "Ich glaube, der Angreifer war etwas
kleiner. Es könnte sein, dass dieser Mann in der Bar gearbeitet hat. Ich war nicht
zum ersten Mal in dieser Bar [...]. Ich glaube, ich habe ihn dort schon ein paar
Mal gesehen" (Urk. 7/2 F/A 24).
2.2. Allerdings hat C._ als Zeuge bestätigt, dass der Beschuldigte ihm ge-
genüber erwähnte, dass er Pfefferspray gegen einen Kunden eingesetzt habe
(Urk. 8/2 F/A 36). Darauf wird nachfolgend noch näher eingegangen. Wenngleich
nicht erstellt ist, dass sich der Pfeffersprayeinsatz so ereignet hat, wie in der An-
klage umschrieben, so ist somit doch immerhin aufgrund der überzeugenden
Zeugenaussagen von C._ erwiesen, dass der Beschuldigte gegen den Pri-
vatkläger einen solchen eingesetzt hat.
3. Beteiligung des Beschuldigten am tätlichen Übergriff mit Schlägen
3.1. Es bestehen keine Zweifel daran, dass der Privatkläger nach dem Verlas-
sen der Bar von zwei Tätern attackiert und zuerst von hinten sowie hernach wie-
derholt gegen den Kopf bzw. das Gesicht geschlagen wurde (Urk. 21 S. 2). Nicht
nur die dokumentierten Verletzungen sprechen eine deutliche Sprache, auch
wurde diese Attacke seitens des Privatklägers im Kern gleichbleibend und nach-
vollziehbar geschildert. Er erklärte sodann zurückhaltend, er könne keine weiter-
gehenden Angaben zu den Anzahl Schlägen oder den Tätern machen und wisse
nur, dass er mit Schlägen gegen den Kopf eingedeckt worden sei (Urk. 7/1 F/A 21
ff. F/A 25; Urk. 7/2 F/A 32, 43 ff. und 49). Der in der Anklage beschriebene ge-
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waltsame Übergriff ist den nachfolgenden Erwägungen daher zu Grunde zu le-
gen.
3.2. Wenn die Verteidigung unter Bezug auf die Aussagen des Privatklägers
sinngemäss geltend machen will, es könne sich beim vermeintlichen Angreifer
nicht um den Beschuldigten handeln, da der Privatkläger den Täter als kleiner er-
achtet habe, so ist dem zu widersprechen (Urk. 63 S. 5 und S. 7). Der Privatklä-
ger bezog die Angaben hinsichtlich der ihm unbekannten Person auf die Ereignis-
se im "D._", mithin vor dem tätlichen Übergriff. Die beiden Personen, welche
ihn verfolgt und geschlagen hätten, konnte der Privatkläger nicht näher beschrei-
ben. Er könne nur sagen, dass es zwei Männer gewesen seien (Urk. 7/1 F/A 36-
41; Urk. 7/2 F/A 11 und 43). Zwar bringt die Verteidigung zutreffend vor, es hätten
weder Blutanhaftungen an den Kleidern des Beschuldigten noch DNA-Spuren am
Privatkläger sichergestellt werden können, welche den Beschuldigten belasten
würden (Urk. 63 S. 12; Urk. 32 S. 11 f.). Wie die Vertreterin des Privatklägers
zutreffend festheilt, kann eine Tatbeteiligung des Beschuldigten aufgrund dieser
Tatsachen indessen nicht ausgeschlossen werden (Urk. 70 S. 2), zumal eine
strafbare Teilnahme am Angriff gemäss Art. 134 StGB grundsätzlich in unter-
schiedlichen Ausprägungen möglich ist (vgl. Praxiskommentar StGB- TRECH-
SEL/MONA, 3. Aufl. 2018, Art. 134 N 2).
3.3. Der Privatkläger wurde um ca. 04.07 Uhr im Hinterhof der F._-Bar an
der B._-Strasse ... verletzt aufgefunden. Der Hinterhof ist nicht video-
überwacht (Urk. 1 S. 4). Die Standbilder der seitens der Polizei gesicherten Vi-
deoaufnahmen der F._-Bar zeigen, dass der Beschuldigte um ca. 04.24 Uhr
(zur Zeitangabe vgl. Urk. 1 S. 4), mithin nur rund 20 Minuten nach dem gewaltsa-
men Übergriff, mit dem Zeugen C._ die Räumlichkeiten der Liegenschaft
B._-Strasse ... über den Hauseingang betritt (Urk. 5/3).
3.4. Der Zeuge C._ sagte bei der Polizei aus, der Beschuldigte sei am frü-
hen Morgen bei ihm erschienen und habe ihn gefragt, ob er die Videos der Über-
wachungskamera anschauen könne, weil er eine Schlägerei im Hinterhof gehabt
habe, mit Pfeffersprayeinsatz (Urk. 8/1 F/A 16). In seiner Zeugeneinvernahme be-
stätigte C._, dass der Beschuldigte die Videoaufnahme der Überwachungs-
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kamera vom Hinterhof haben sehen wollen unter der Angabe, dass er eine Schlä-
gerei mit einem betrunkenen Kunden gehabt habe, der nicht bezahlt habe (Urk.
8/2 F/A 22, 23, 26 und 52). Der Beschuldigte habe auch gesagt, dass er jeman-
den mit Pfefferspray angesprayt habe (Urk. 8/2 F/A 36). Weiter habe er ihn aufge-
fordert, das Video zu löschen (Urk. 8/2 F/A 32). Nachdem der Beschuldigte die
Videos gesehen habe, sei er wieder gegangen (Urk. 8/2 F/A 32). Es sind keine
Gründe ersichtlich, weshalb der Zeuge diesbezüglich wahrheitswidrige Angaben
hätte machen sollen (s.a. Urk. 70 S. 3). Die seitens der Verteidigung angeführten
Ungereimtheiten in den Aussagen des Zeugen vermögen an dieser Folgerung
nichts zu ändern, zumal keine anderweitige plausible Erklärung erfolgte, weshalb
der Beschuldigte rund 20 Minuten nach dem Vorfall Einsicht in das Bildmaterial
der Überwachungskameras verlangte (Urk. 63 S. 7 ff.).
3.5. Es ist sich zu vergegenwärtigen, dass der Beschuldigte seit dem Jahr 2000
im "D._" angestellt ist und nach der gegen den Privatkläger verübten Tat dort
auch angetroffen werden konnte (Urk. 6/4 F/A 40; Urk. 1 S. 5). In jener Bar war
der Privatkläger zuvor mit "jemandem vom Service" bzw. einer Person, welche die
dortigen Mitarbeiter gekannt habe, aneinander geraten (Urk. 7/1 F/A 9; Urk. 7/2
S. 6). In selbiger Zeitspanne wurde sodann gegen den Privatkläger Reizstoff
eingesetzt. Die beim Beschuldigten aufgefundenen Pfeffersprays enthielten
denselben Wirkstoff und waren angebraucht. Steht vor diesem Hintergrund fest,
dass sich der Beschuldigte unmittelbar nach dem gewaltsamen Übergriff gezielt
für die fraglichen Videoaufnahmen der F._-Bar interessierte (s.a. die Vertei-
digung; vgl. Urk. 32 S. 15), können diese Ereignisse nicht mehr als voneinander
völlig unabhängig betrachtet werden. Der Umstand, dass der Beschuldigte nur
rund 20 Minuten nachdem der Privatkläger im Hinterhof der F._-Bar zusam-
mengeschlagen worden war, sich dort nach Videoaufnahmen der Überwachungs-
kameras erkundigte, lässt sich nur damit erklären, dass er dem Privatkläger auf
seiner Flucht vom "D._" aus gefolgt war. Immerhin liegen diese beiden
Lokale einige Strassenzüge auseinander. Dies wiederum beweist aber auch eine
Beteiligung am Angriff. Dass der Privatkläger nach dem Verlassen des
"D._s" von bis dahin völlig unbeteiligten Dritten mit einer derartigen Intensität
und grundlos hätte angegangen worden sein sollen, verbleibt angesichts der dar-
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gelegten Umstände sowie der zeitlichen Korrelation der Geschehnisse letztlich
nur noch als theoretische Möglichkeit. Selbst wenn der beim Privatkläger festge-
stellte Reizstoff nicht abschliessend den beiden Pfeffersprays des Beschuldigten
zugeordnet werden kann, untermauern die diesbezüglichen Erkenntnisse im Lich-
te der Gesamtwürdigung eine Beteiligung des Beschuldigten am Übergriff auf den
Privatkläger. Es ist deshalb nicht nur davon auszugehen, dass die beiden Angrei-
fer aus dem näheren Umfeld des "D._s" stammen, sondern, dass sich der
Beschuldigte daran aktiv beteiligte.
3.6. Mit Ausnahme der seitens der Verteidigung als unverwertbar angesehenen
polizeilichen Befragung vom 5. Mai 2019 äusserte sich der Beschuldigte weder zu
den Beweggründen, weshalb er das fragliche Videomaterial habe einsehen wol-
len, noch zu einem allfälligen Gebrauch des Pfeffersprays. Er verweigerte in der
Untersuchung und anlässlich der vorinstanzlichen Hauptverhandlung jegliche
Aussagen zur Sache (Urk. 6/1-4; Prot. I S. 13 ff.). Nun steht es einem Beschuldig-
ten völlig frei, inwiefern er sich zur Sache äussert, und zwar sowohl hinsichtlich
potentiell be- als auch entlastender Tatsachen. Weigert sich der Beschuldigte je-
doch, Angaben zu machen, obschon eine Erklärung angesichts der belastenden
Beweiselemente vernünftigerweise erwartet werden dürfte, findet der Grundsatz
seine Grenze, wonach eine Aussageverweigerung nicht von Vornherein als belas-
tendes Indiz angerechnet werden darf. In einem solchen Fall darf das Gericht die-
sen Umstand in die Beweiswürdigung einbeziehen (Urteile 6B_1009/2017 vom
26. April 2018 E. 1.4.2. und 6B_453/2011 vom 20. Dezember 2011 E. 1.6 m.H.).
3.7. Es bestehen derart starke Indizien, welche für eine Beteiligung des Be-
schuldigten am tätlichen Übergriff auf den Privatkläger sprechen, dass eine plau-
sible Erklärung des Beschuldigten zu den Belastungsmomenten hätte erwartet
werden dürfen. So ist insbesondere kein anderer Grund ersichtlich, weshalb der
Beschuldigte – ohne selbst am Angriff auf den Privatkläger beteiligt gewesen zu
sein – morgens um 04.27 Uhr Einsicht in die Videoüberwachung einer anderen
Bar hätte verlangen sollen. Macht die Verteidigung in anderem Zusammenhang
sinngemäss geltend, es wäre völlig sinnfrei, wenn der Beschuldigte während sei-
ner Arbeitszeit am frühen Sonntagmorgen bei Hochbetrieb in der Bar nicht seiner
- 15 -
eigentlichen Arbeit nachgehen würde (vgl. Urk. 32 S. 7), erschliesst sich ebenso
wenig, weshalb er während dieser Zeit ausgerechnet eine andere Bar aufsucht,
um dort Videoaufnahmen einzusehen. Erklärungen für dieses Verhalten lieferte
der Beschuldigte nicht, obwohl ihm dies ohne Weiteres möglich gewesen wäre.
Selbst wenn man – zu seinen Gunsten – die Begründung des Aufsuchens der
F._-Bar gemäss seiner polizeilichen Befragung vom 5. Mai 2019 heranzie-
hen würde, könnte der Beschuldigte daraus nichts zu seinen Gunsten ableiten.
Der Umstand, dass ein portugiesischer Gast ohne zu bezahlen gegangen sei,
weshalb er in der F._-Bar habe nachsehen wollen, da die Portugiesen unter
anderem dort verkehren würden, vermag die geforderte Einsichtnahme in die Vi-
deoüberwachung nicht ansatzweise plausibel zu begründen (Urk. 6/1 F/A 8).
3.8. Im Lichte der dargelegten Grundsätze der Beweiswürdigung und ange-
sichts der aufgezeigten Indizienlage muss davon ausgegangen werden, dass sich
der Beschuldigte als einer von zwei Personen am tätlichen Übergriff im Hinterhof
der F._-Bar beteiligte. Die Verletzungen sowie die Benützung eines Gegen-
standes sind angesichts der Arztberichte ebenfalls rechtsgenügend erwiesen. Der
Sachverhalt ist diesbezüglich anklagegemäss erstellt.
3.9. Der Vollständigkeit halber ist noch auf das Vorbringen der Verteidigung
einzugehen, wonach der Zeuge C._ gerichtlich hätte befragt werden müssen,
selbst wenn eine solche Einvernahme nicht zielführend sei (Urk. 63 S. 8). Eine
gerichtliche Einvernahme von Belastungszeugen lediglich der Form halber ist
prozessual weder vorgesehen noch erforderlich. Die Verteidigung macht sodann
selber geltend, es handle sich beim Zeugen C._ gerade nicht um einen Tat-
zeugen und es liege keine "Aussage gegen Aussage"-Konstellation vor. Allein der
Inhalt einer Aussage (was gesagt wird) macht eine erneute Beweisabnahme nicht
notwendig. Ausschlaggebend ist vielmehr, ob das Urteil in entscheidender Weise
vom Aussageverhalten der betreffenden Person (wie sie es sagt) abhängt. Dies
ist vorliegend nicht der Fall, weshalb bereits die Vorinstanz nicht gehalten war,
den Zeugen, welcher nur indirekte Angaben zum Tatgeschehen machen konnte,
erneut einzuvernehmen (zum Ganzen: BGE 140 IV 196 E. 4.4.2).
- 16 -
IV. Rechtliche Würdigung
1. Ausgangslage
Die Vorinstanz würdigte den tätlichen Übergriff auf den Privatkläger als Angriff im
Sinne von Art. 134 StGB (Urk. 43 S. 32 f.). Die Verteidigung macht hingegen wie
bereits vor Vorinstanz geltend, bei erstelltem Sachverhalt käme lediglich eine
Bestrafung wegen (mittäterschaftlich begangener) einfacher Körperverletzung in
Betracht, da der Tatbestand des Angriffs im Sinne von Art. 134 StGB durch den
Verletzungstatbestand konsumiert werde, wenn es sich beim Geschädigten um
die einzig angegriffene Person handle (Urk. 32 S. 3; Urk. 63 S. 13).
2. Tatbestand und Abgrenzung
2.1. Gemäss Art. 134 StGB wird bestraft, wer sich an einem Angriff auf einen
oder mehrere Menschen beteiligt, der den Tod oder die Körperverletzung eines
Angegriffenen oder eines Dritten zur Folge hat. Angriff ist die gewaltsame tätliche
Einwirkung mindestens zweier Personen auf einen oder mehrere Menschen in
feindseliger Absicht. Als objektive Strafbarkeitsbedingung muss der Angriff den
Tod oder die Körperverletzung eines Angegriffenen bzw. eines Dritten zur Folge
haben (OFK/StGB-DONATSCH, 20. Aufl. 2018, Art. 134 N 1-3 m.H.). Die Beteili-
gung kann auf jede Art erfolgen, solange die Beteiligten an Ort und Stelle in das
Geschehen eingreifen. Der Tatbestand des Art. 134 StGB erfasst nur die im An-
griff liegende abstrakte Gefährdung. In subjektiver Hinsicht richtet sich der Vor-
satz daher einzig auf die Beteiligung am Angriff und muss sich nicht auf die To-
des- oder Körperverletzungsfolge beziehen (Urteile 6B_79/2016 vom 16. Dezem-
ber 2016 E. 2.3.2 und 6B_56/2020 vom 16. Juni 2020 E. 2.3.2, je m.H.).
2.2. Der Beschuldigte beteiligte sich gemäss erstelltem Sachverhalt vorsätzlich
an der gewaltsamen Einwirkung auf den Privatkläger. Die Erfüllung der genannten
Tatbestandsmerkmale wird seitens der Verteidigung denn auch nicht explizit in
Abrede gestellt. Ebenfalls wurde der Privatkläger beim Angriff erheblich verletzt.
Es darf als unbestritten angesehen werden, dass dem Privatkläger Verletzungen
im Sinne von Art. 123 StGB zugefügt wurden (vgl. Urk. 32 S. 2 f.; Urk. 63 S. 13).
Der Tatbestand des Angriffs gemäss Art. 134 StGB ist damit erfüllt.
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2.3. Entgegen der Ansicht der Verteidigung wird der Tatbestand des Angriffs
nicht ausnahmslos von den Verletzungstatbeständen konsumiert, wenn neben der
verletzten Person niemand sonst angegriffen wurde (Urk. 32 S. 3; Urk. 63 S. 13).
Die Vorinstanz hat in ihrer rechtlichen Würdigung in diesem Zusammenhang
zutreffende theoretische Erwägungen hinsichtlich der Abgrenzung respektive
Konkurrenzen zwischen dem Tatbestand des Angriffs und den Körperverlet-
zungsdelikten gemacht sowie die einschlägige Lehre und Rechtsprechung dazu
zitiert. Darauf kann verwiesen werden (Urk. 43 S. 32 f.). Einzig zur Verdeutlichung
ist erneut hervorzuheben, dass gemäss herrschender Lehre und Rechtsprechung
Art. 134 StGB nicht durch den Verletzungstatbestand konsumiert wird, wenn die
Attacke zwar nur einem einzigen Opfer gilt, dieses während des Angriffs aber
lediglich einfache Körperverletzungen erlitt, obwohl die verursachte Gefährdung
den eingetretenen Erfolg an Intensität übertraf. In einem solchen Fall wird der als
Verbrechen (Art. 10 Abs. 2 StGB) ausgestaltete Tatbestand des Angriffs nicht
durch die weniger schwere einfache Körperverletzung konsumiert, sondern es ist
von echter Konkurrenz zwischen diesen Tatbeständen auszugehen (BSK StGB II-
MAEDER, 4. Aufl. 2018, Art. 134 N 12-14 m.H.; BGE 135 IV 152 = Pra 99 [2010]
Nr. 11 E. 2.1.2; Urteil 6B_98/2013 vom 10. Juni 2013 E. 3.2 f.).
Mit der Vorinstanz sei im Übrigen darauf hingewiesen, dass ein Teil der Lehre –
mit durchaus berechtigter Argumentation – noch weiter geht und postuliert, es sei
zwischen Verletzungs- oder Tötungsdelikten und Angriff immer von echter Kon-
kurrenz auszugehen (Urk. 43 S. 33 m.H.a. BSK StGB II-MAEDER, 4. Aufl. 2018,
Art. 134 N 14).
2.4. Für den vorliegend zu beurteilenden Fall bedeutet dies, dass die Vo-
rinstanz nebst dem Angriff grundsätzlich auch eine Verurteilung wegen einfacher
Körperverletzung hätte prüfen müssen, was sie jedoch unterliess (Urk. 43 S. 32 f.;
s.a. BGE 135 IV 152 = Pra 99 [2010] Nr. 11). Aufgrund des Verschlechterungs-
verbots gemäss Art. 391 Abs. 2 StPO sind diesbezüglich keine weiteren Überle-
gungen anzustellen. Die vorliegende Konstellation steht gemäss höchstrichterli-
cher Rechtsprechung einer Verurteilung wegen Angriffs aber nicht entgegen
(BGE 135 IV 152 = Pra 99 [2010] Nr. 11 E. 2.3.2.2).
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2.5. Soweit die Vorinstanz unter Verweis auf die zuvor zitierte Rechtsprechung
demnach festhält, es könne nicht ausgeschlossen werden, dass der Privatkläger
einer weitergehenden Gefährdung ausgesetzt gewesen sei, ist dies entgegen der
Ansicht der Verteidigung nicht zu beanstanden (Urk. 63 S. 13). Es ist anhand der
Kopfverletzungen sowie der seitens des Privatklägers geschilderten Schläge
vielmehr offensichtlich, dass die dadurch verursachte Gefährdung den tatsächlich
eingetretenen Erfolg übertraf. So hat es als notorisch zu gelten und ist in der
Rechtsprechung anerkannt, dass mehrfache heftige Schläge mit Fäusten oder
Gegenständen gegen den Kopf eines abwehrunfähigen Opfers zu weitaus schwe-
reren Verletzungen führen können, als sie letztlich beim Privatkläger resultierten.
2.6. Der Beschuldigte ist daher des Angriffs im Sinne von Art. 134 StGB schul-
dig zu sprechen.
V. Sanktion
1. Ausgangslage, Grundsätze der Strafzumessung und Strafrahmen
1.1. Die Vorinstanz bestrafte den Beschuldigten gemäss Antrag der Staatsan-
waltschaft mit einer Freiheitsstrafe von 9 Monaten, unter Ansetzung einer Probe-
zeit von zwei Jahren (Urk. 43 S. 33-36 und S. 50). Die Verteidigung hat sich im
Haupt- und im Berufungsverfahren nicht zu einem allfälligen Strafmass geäussert
(Urk. 32; Urk. 63 S. 13). Da einzig der Beschuldigte gegen das vorinstanzliche Ur-
teil appelliert, steht eine Erhöhung der Strafe von vornherein nicht zur Diskussion
(Art. 391 Abs. 2 StPO).
1.2. Angriff gemäss Art. 134 StGB wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren
oder Geldstrafe bestraft. Der Vorderrichter hat die allgemeinen Grundlagen der
richterlichen Strafzumessung innerhalb dieses Strafrahmens zutreffend dargelegt.
Es kann darauf verwiesen werden (Urk. 43 S. 34).
2. Bemessung der Strafe
2.1. Die Vorinstanz erwog hinsichtlich der objektiven Tatschwere, der Angriff
habe beim Privatkläger zu gravierenden Verletzungsfolgen geführt (Urk. 43 S.
- 19 -
34). Da es sich beim Angriff um ein abstraktes Gefährdungsdelikt handelt, ist die
Schwere der Verletzung bei der Strafzumessung jedoch grundsätzlich nicht zu
berücksichtigen (vgl. EGE, in: StGB Annotierter Kommentar, Bern 2020, Art. 134
N 6). Hingegen kann berücksichtigt werden, dass die zahlenmässig überlegenen
Täter den Beschuldigten mehrfach gegen den Kopf schlugen, auch als dieser
bereits wehrlos am Boden lag. Mit einem solchen Vorgehen geht bekanntlich ein
hohes und nicht kontrollierbares Risiko für Kopfverletzungen einher. Zudem ist es
gerichtsnotorisch, dass derartige Übergriffe auch zu psychischen Beeinträchti-
gungen führen können. Die Schwere des Angriffs auf den Privatkläger ist daher
keinesfalls zu bagatellisieren.
2.2. In subjektiver Hinsicht ist mit der Vorinstanz festzuhalten, dass der Auslö-
ser oder das Motiv für einen solchen Übergriff nicht geklärt werden konnte (s.a.
Urk. 43 S. 35). Nachvollziehbare Gründe für die Tat sind nicht ersichtlich. Den-
noch kann aufgrund der Verfolgung des Privatklägers nicht von einer spontanen
Attacke gesprochen werden, was von einer nicht unerheblichen kriminellen Ener-
gie zeugt.
2.3. Das Tatverschulden ist in Abweichung zu den vorinstanzlichen Erwägun-
gen insgesamt nicht als "nicht mehr leicht" zu qualifizieren, da ansonsten eine
Einsatzstrafe im mittleren Bereich des Strafrahmens anzusetzen wäre, was vor-
liegend nicht angemessen erschiene. Es ist von einem Verschulden im unteren
Bereich des Strafrahmens auszugehen. Dennoch erweist sich die vorinstanzlich
festgelegte Einsatzstrafe von 9 Monaten als keinesfalls zu hoch, sondern eher
wohlwollend.
2.4. Die Vorinstanz hat den Werdegang und die persönlichen Verhältnisse des
Beschuldigten korrekt dargelegt (Urk. 43 S. 35 f.). Die Verteidigung verwies
hinsichtlich der persönlichen Verhältnisse in der Berufungsbegründung auf die
bisherigen Erkenntnisse im Untersuchungsverfahren und die Feststellungen im
erstinstanzlichen Entscheid (Urk. 63 S. 13). Der Beschuldigte weist keine Einträge
im Strafregister auf (Urk. 44). Mit der Vorinstanz sind die tatunabhängigen Straf-
zumessungsfaktoren daher als neutral zu werten.
- 20 -
2.5. Unter Berücksichtigung des Verschlechterungsverbots ist die vorinstanzlich
ausgefällte Freiheitsstrafe von 9 Monaten im Lichte der vorangehenden Erwägun-
gen zu bestätigen.
3. Vollzug
Die Vorinstanz hat dem Beschuldigten den bedingten Strafvollzug unter
Ansetzung der gesetzlich minimalen Probezeit gewährt (Urk. 43 S. 37; Art. 44
Abs. 1 StGB). Infolge des Verschlechterungsverbots ist dies ohne Weiteres zu
bestätigen.
VI. Landesverweisung und Löschung DNA-Profil
1. Landesverweisung
Angriff im Sinne von Art. 134 StGB bildet eine sogenannte Katalogtat (Art. 66a
Abs. 1 lit. b StGB). Die Vorinstanz bejahte beim Beschuldigten das Vorliegen ei-
nes Härtefalls und sah von der Anordnung einer obligatorischen Landesverwei-
sung ab. Da die Staatsanwaltschaft dagegen keine Berufung erhob, hat es damit
sein bewenden. Es ist daher von der Anordnung einer Landesverweisung abzu-
sehen.
2. Löschung DNA-Profil
Nachdem der Beschuldigte wegen eines vorsätzlichen Vergehens gegen Leib und
Leben zu verurteilen ist, kommt die durch die Verteidigung beantragte Löschung
seines DNA-Profils einstweilen nicht in Betracht (Art. 11 Abs. 1 lit. b i.V.m. Art. 5
lit. b DNA-Profil-Gesetz).
VII. Kosten- und Entschädigungsfolgen
1. Kosten
1.1. Ausgangsgemäss ist die erstinstanzliche Kostenauflage (Dispositiv-Ziffer
13 und 14) zu bestätigen (Art. 426 StPO).
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1.2. Im Berufungsverfahren tragen die Parteien die Kosten nach Massgabe ih-
res Obsiegens oder Unterliegens (Art. 428 Abs. 1 StPO). Der Beschuldigte unter-
liegt mit seinen Berufungsanträgen vollumfänglich, weshalb ihm die zweitinstanz-
lichen Verfahrenskosten aufzuerlegen sind. Ausgenommen davon ist die Ent-
schädigung der amtlichen Verteidigung sowie der unentgeltlichen Verbeiständung
des Privatklägers. Diese sind einstweilen auf die Gerichtskasse zu nehmen, unter
dem Vorbehalt der Rückforderung gemäss Art. 135 Abs. 4 bzw. Art. 138 Abs. 1
StPO.
2. Entschädigungen der Parteivertreter
2.1. Die geltend gemachten Aufwendungen der amtlichen Verteidigung im
Umfang von Fr. 4'636.30 (inkl. MwSt.) sind ausgewiesen sowie angemessen und
daher entsprechend zu entschädigen (Fr. 4'369.30 + Fr. 267.– = Fr. 4'636.30;
vgl. Urk. 65 und Urk. 77).
2.2. Die unentgeltliche Vertreterin des Privatklägers, Rechtsanwältin Y._,
bezifferte ihren Aufwand für das Berufungsverfahren insgesamt auf Fr. 446.30
(inkl. MwSt.; Urk. 82). Auch diese Aufwendungen erscheinen angemessen und
sind entsprechend zu entschädigen.