Decision ID: ceaa5e03-2f04-5768-9801-56945d9d9455
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Am (...) suchte der Beschwerdeführer in der Schweiz um Asyl nach. Er
wurde dem Bundesasylzentrum (BAZ) der Region B._ zugewiesen.
Am 26. März 2020 fand die Personalienaufnahme statt und am 26. Juni
2020 wurde er vom SEM zu seinen Asylgründen angehört.
A.b Dabei führte der aus C._/D._(Provinz E._)
stammende Beschwerdeführer kurdischer Volkszugehörigkeit aus, er habe
die Schule bis zur (...) Klasse besucht, dann aber wegen des Krieges und
der unsicheren Lage abbrechen müssen. Danach habe er sich während
(Nennung Dauer) aus Angst einfach zu Hause aufgehalten; um die Schul-
prüfungen abzulegen hätte er nach F._ fahren müssen, wo Kontroll-
posten der Regierung stationiert gewesen seien. Er habe befürchtet, dass
ihn das Regime aufhalten und ins Militär schicken werde. Sein Vater sei
(Nennung Funktion) eines Camps gewesen und im Rahmen dessen Tätig-
keit von einem Angehörigen des Islamischen Staates (IS) mit dem Tod be-
droht worden. Aufgrund dessen hätten er und seine Mutter eine Reflexver-
folgung seitens des IS befürchtet. Als er (...) Jahre alt geworden sei, sei
eines Tages eine Patrouille der Apoci zu ihnen nach Hause gekommen.
Seine Mutter habe ihn rechtzeitig geweckt, worauf er zu einem Verwandten
ins Dorf geflüchtet sei. Seine Mutter habe ihn dort nach (Nennung Dauer)
aufgesucht und ihm ein Aufgebot der I._ für den Militärdienst vom
(...) ausgehändigt, wonach er sich innert sieben Tagen bei der I._
hätte melden müssen, ansonsten er verhaftet würde. Er sei in der Folge
nach C._ geflüchtet. Er und seine Mutter hätten erst nach dem Er-
halt von Einreisebewilligungen, die sie mit Unterstützung seines in der
Schweiz wohnhaften (Nennung Verwandte) erhalten hätten, ausreisen
können. Sie seien deshalb gezwungen gewesen, bis zu diesem Zeitpunkt
in Syrien auszuharren. Zudem habe er sich auch vor den staatlichen Be-
hörden gefürchtet, da ihn diese zum Militärdienst hätten einziehen oder ihn
einfach verschwinden lassen können, wenn er noch länger in Syrien ge-
blieben wäre. Er habe sich über Kontakte und durch Zahlung einer Geld-
summe ein Militärbüchlein ausstellen lassen, um innerhalb des Landes rei-
sen zu können und bei Kontrollen nicht durch die Militärbehörden verhaftet
zu werden. In G._ habe er sich seinen alten Reisepass erneuern
lassen.
A.c Zum Beleg seiner Identität und seiner Vorbringen legte der Beschwer-
deführer (Aufzählung Beweismittel) ins Recht.
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A.d Das SEM räumte der Rechtsvertretung dem Beschwerdeführer am
3. Juli 2020 Gelegenheit ein, sich zum ablehnenden Entscheidentwurf zu
äussern. In ihrer Stellungnahme vom 6. Juli 2020 hielt die Rechtsvertretung
fest, das SEM gehe im Entwurf davon aus, dass der Beschwerdeführer
nicht gefährdet gewesen sei, da ihm – abgesehen vom Rekrutierungsver-
such durch die I._ bei ihm zu Hause – nichts Ernsteres zugestossen
sei. Dies würde bedeuten, dass einem zuerst etwas Schlimmes widerfah-
ren müsse, damit für die Asylbehörden eine Gefährdung vorliege. Er sei in
Syrien wegen des IS und der Aufgebote zum Militärdienst seitens der Re-
gierung und der I._ durchaus gefährdet gewesen. Er habe sich des-
halb sehr vorsichtig verhalten, sich namentlich versteckt, damit ihm nichts
geschehe. Nur deswegen sei noch nichts passiert. Hätte er noch länger mit
der Flucht zugewartet, wäre ihm bestimmt etwas zugestossen. Ferner sei
das eingereichte Militärdienstbüchlein keine Fälschung, wie dies im Asyl-
entscheid angetönt werde.
B.
Mit Verfügung vom 7. Juli 2020 stellte das SEM fest, der Beschwerdeführer
erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, und lehnte sein Asylgesuch ab.
Gleichzeitig ordnete es die Wegweisung des Beschwerdeführers aus der
Schweiz an, schob den Vollzug derselben jedoch wegen Unzumutbarkeit
zugunsten einer vorläufigen Aufnahme in der Schweiz auf.
C.
Mit Eingabe vom 6. August 2020 erhob der Beschwerdeführer beim Bun-
desverwaltungsgericht Beschwerde und beantragte, es sei die angefoch-
tene Verfügung des SEM vom 7. Juli 2020 aufzuheben, er sei als Flüchtling
anzuerkennen und es sei ihm Asyl zu gewähren, eventuell sei er als Flücht-
ling vorläufig aufzunehmen. In prozessualer Hinsicht beantragte er, das
SEM sei zu verpflichten, ihm eine Kopie des Aktenverzeichnisses zuzustel-
len, ergänzende Akteneinsicht zu gewähren, sollten nicht alle entscheidre-
levanten Aktenstücke zur Verfügung stehen. Es sei ihm sodann die unent-
geltliche Prozessführung samt Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvor-
schusses und die unentgeltliche Verbeiständung durch seinen Rechtsver-
treter zu gewähren.
D.
Mit Verfügung vom 4. September 2020 hiess die vormals zuständige In-
struktionsrichterin die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Pro-
zessführung sowie um Gewährung der unentgeltlichen Rechtsverbeistän-
dung – unter Vorbehalt des Nachreichens einer Fürsorgebestätigung – gut
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Seite 4
und ordnete dem Beschwerdeführer Fürsprech Jürg Walker als amtlichen
Rechtsbeistand bei. Ferner stellte sie dem Beschwerdeführer das Akten-
verzeichnis des erstinstanzlichen Verfahrens zu und räumte Frist ein zur
Mitteilung, in welche Akten er noch Einsicht benötige.
E.
In seinem Schreiben vom 19. September 2020 teilte der Beschwerdeführer
sinngemäss mit, es würden die notwendigen Schritte zur Beibringung einer
Fürsorgebestätigung eingeleitet. Ferner ersuchte er um Einsicht in die im
Beweismittelcouvert enthaltenen Beweismittel inklusive in dessen Deck-
blatt (Nr. 15), in die Beilage zur Stellungnahme zum Entscheidentwurf
(Nr. 18/5) sowie in das berichtigte Dispositiv des Asylentscheids (Nr. 21/1).
F.
Mit Eingabe vom 25. September 2020 reichte die Beschwerdeführer (Nen-
nung Beweismittel) in Kopie ein.
G.
Mit Zwischenverfügung vom 29. September 2020 forderte die vormals zu-
ständige Instruktionsrichterin den Beschwerdeführer auf, bis am 7. Oktober
2020 eine Fürsorgebestätigung einzureichen mit der Androhung, dass bei
ungenutztem Fristablauf auf die Gewährung der unentgeltlichen Rechts-
pflege zurückzukommen sein werde. Ferner stellte sie fest, dass die bean-
tragte Einsicht in die in der Eingabe vom 19. September 2020 aufgeführten
Dokumente zu gewähren sei und wies das SEM an, dem Beschwerdefüh-
rer die in den Erwägungen aufgeführten Aktenstücke (vgl. Bst. E. oben) zur
Einsicht zuzustellen. Sodann räumte sie dem Beschwerdeführer die Gele-
genheit ein, innert 15 Tagen ab Gewährung der Akteneinsicht durch die
Vorinstanz eine Stellungnahme beim Gericht einzureichen, wobei bei un-
genutzter Frist das Verfahren aufgrund der Aktenlage fortgeführt werde.
H.
Mit Eingabe vom 2. Oktober 2020 reichte der Beschwerdeführer das Origi-
nal der bereits in Kopie eingereichten (Nennung Beweismittel) nach.
I.
In seinem Schreiben vom 21. Oktober 2020 teilte der Beschwerdeführer
mit, dass das SEM inzwischen ergänzende Akteneinsicht gewährt habe
und nahm gleichzeitig zu den ihm zugestellten Aktenstücken Stellung.
D-3953/2020
Seite 5
J.
Aus Gründen des engen Sachzusammenhangs mit dem Verfahren des Va-
ters des Beschwerdeführers (Verfahrens-Nr. D-557/2020) wurde das vor-
liegende – und bisher unter der Verfahrensnummer E-3953/2020 ge-
führte – Beschwerdeverfahren am 21. Januar 2021 zur Behandlung auf
Richterin Jeannine Scherrer-Bänziger übertragen und neu unter der Ver-
fahrensnummer D-3953/2020 geführt.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung
von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und
entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend
– endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG [SR 142.31]).
1.2 Der Beschwerdeführer ist als Verfügungsadressat zur Beschwerdefüh-
rung legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und formgerecht einge-
reichte Beschwerde (Art. 108 Abs. 6 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG) ist
einzutreten.
1.3 Die Abteilungen des Bundesverwaltungsgerichts entscheiden in der
Regel in der Besetzung mit drei Richtern oder Richterinnen (vgl. Art. 21
Abs. 1 VGG). Das Bundesverwaltungsgericht kann auch in solchen Fällen
auf die Durchführung des Schriftenwechsels verzichten (Art. 111a Abs. 1
AsylG).
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
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des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Keine Flüchtlinge sind Personen, die wegen Wehrdienstverweigerung
oder Desertion ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder begründete
Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden, wobei die Einhal-
tung des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der
Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) vorbehalten bleibt (Art. 3 Abs. 3 AsylG).
3.3 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Das Bundesverwaltungsgericht hat die
Anforderungen an das Glaubhaftmachen der Vorbringen in verschiedenen
Entscheiden dargelegt und folgt dabei ständiger Praxis. Darauf kann hier
verwiesen werden (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1 m. Verw.).
4.
4.1 Die Vorinstanz kommt in der angefochtenen Verfügung zum Schluss,
die Vorbringen des Beschwerdeführers erfüllten die Voraussetzungen für
die Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 und 7 AsylG
nicht.
Vorweg sei darauf hinzuweisen, dass es für die Annahme einer begründe-
ten Furcht vor einer zukünftigen Rekrutierung nicht ausreiche, dass eine
Person im dienstfähigen Alter sei und befürchte, irgendwann ausgehoben
zu werden (vgl. Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen
Asylrekurskommission [EMARK] 2006 Nr. 3). Am Wahrheitsgehalt der be-
fürchteten Einberufung in den nationalen Militärdienst und an der Authen-
tizität des eingereichten Militärdienstbüchleins seien erhebliche Zweifel an-
zubringen. Es sei allgemein bekannt, dass in Syrien praktisch jegliche Art
von Dokumenten käuflich erworben werden könne. So sei es möglich, auf
der Webseite des Verteidigungsministeriums die Vorlage für ein militäri-
sches Aufgebot abzurufen und auszudrucken, weshalb die Beweiskraft sol-
cher Dokumente entsprechend gering einzustufen sei. Andererseits sei die
befürchtete Rekrutierung deshalb nicht glaubhaft, weil sich die syrische Re-
gierung im (...) aus den kurdischen Gebieten Nordsyriens – mit Ausnahme
der Städte G._ und F._ – zurückgezogen habe. Mithin sei
nicht davon auszugehen, dass in C._ nach wie vor ein Rekrutie-
rungsbüro des syrischen Regimes existiere. Im Zusammenhang mit der
Übernahme der Kontrolle in diesem Gebiet durch die H._ und deren
militärischen Organisation I._ habe die syrische Regierung prinzipi-
ell die Einberufung von kurdisch-stämmigen Personen zum Militärdienst
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gestoppt, um Spannungen mit den kurdischen Truppen zu vermeiden.
Demnach erscheine es unwahrscheinlich, dass die Sicherheitskräfte des
syrischen Regimes noch Rekrutierungsmassnahmen für die staatliche Ar-
mee im Wirkungsgebiet der kurdischen Truppen durchführten. Es sei dem
Beschwerdeführer im Verlauf des Asylverfahrens nicht gelungen, dieser
Einschätzung überzeugende Argumente entgegenzuhalten. Im Gegenteil
habe er angeführt, dass es in F._ Kontrollposten der Regierung
gebe, weshalb er nicht dorthin gehe. Abgesehen von seinem Fluchtweg
habe er sich letztmals in der (...) Klasse in F._ aufgehalten, um dort
eine Prüfung abzulegen. Demnach vermöge er eine begründete Furcht vor
einer zukünftigen Einberufung in den Militärdienst der syrischen Armee
nicht glaubhaft darzulegen.
Soweit er befürchte, von einem Angehörigen des IS gesucht und gefunden
zu werden, sei den Akten nicht zu entnehmen, dass ihm persönlich seitens
des IS jemals etwas widerfahren oder er gar angegriffen worden wäre. Die
geltend gemachte Angst vor den mutmasslichen Feinden seines Vaters
stelle somit kein asylbeachtliches Vorbringen dar. Unter diesen Umständen
erübrige es sich, auf allfällige Unglaubhaftigkeitselemente in Bezug auf die-
ses Vorbringen näher einzugehen. Vollständigkeitshalber sei darauf hinzu-
weisen, dass das Asylgesuch seines Vaters abgelehnt worden sei. Auch
aufgrund dieses Hintergrunds erweise es sich als unbegründet, eine asyl-
relevante Reflexverfolgung wegen seines Vaters ableiten zu wollen. Weiter
sei auch in Berücksichtigung der Unruhen und des Krieges in Syrien die
Voraussetzungen für die Annahme einer Kollektivverfolgung der kurdi-
schen Bevölkerung in Syrien nicht erfüllt. Soweit er geltend mache, die
I._ habe ihn rekrutieren wollen und seiner Mutter am (...) das Auf-
gebot zum Militärdienst für ihn übergeben, treffe es zu, dass in jenen Ge-
bieten Nordsyriens, die durch die H._ und die I._ kontrolliert
würden, Aufforderungen zur Wahrnehmung der Dienstpflicht ergingen. Ge-
mäss Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts (mit Verweis auf
das Referenzurteil D-5329/2014 vom 23. Juni 2015) vermöchten diese
Rekrutierungsbemühungen mangels eines Verfolgungsmotivs im Sinne
von Art. 3 AsylG und mangels hinreichender Intensität keine Asylrelevanz
zu entfalten. Die in der Stellungnahme der Rechtsvertretung enthaltenen
Ausführungen vermöchten keine Änderung des vorinstanzlichen Stand-
punktes zu rechtfertigen.
4.2 Der Beschwerdeführer entgegnete in seiner Beschwerdeschrift, das
SEM dürfe keine eigenen, von Art. 7 AsylG abweichenden Beweisregeln
aufstellen und mit blossen Vermutungen arbeiten, um seine Ausführungen
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als unglaubhaft erscheinen zu lassen. So nehme das SEM an, dass in
C._ kein Rekrutierungsbüro des syrischen Regimes mehr bestehe.
Daraus sei zu folgern, dass die Vorinstanz dies nicht mit völliger Sicherheit
wisse, was jedoch als Argument gegen die Glaubhaftigkeit seiner Aussage
nicht genüge. Hinzu komme, dass er stets davon gesprochen habe, dass
die für ihn zuständige Rekrutierungsstelle in F._ gewesen sei, was
vom SEM nicht bestritten werde. Weiter übersehe das SEM in seiner Be-
urteilung zur Beweiskraft des Militärbüchleins, dass er kaum zugegeben
hätte, für den Erhalt des Militärbüchleins bezahlt zu haben, wenn er sich
eine Fälschung desselben besorgt hätte. Vielmehr hätte er behauptet, er
habe dieses auf dem üblichen Weg von der zuständigen Rekrutierungs-
stelle erhalten. Er habe dieses Büchlein benötigt, um innerhalb von Syrien
reisen und sich ausweisen zu können. Hätte er zwecks Erhalt desselben
persönlich vorgesprochen, hätte die Gefahr einer sofortigen Rekrutierung
bestanden, da er das 18. Altersjahr im fraglichen Zeitpunkt bereits vollen-
det gehabt habe. Diese Befürchtung habe auch seine Mutter geäussert.
Wäre er bei einer Kontrolle ohne das Militärbüchlein angehalten worden,
hätten ihn die Behörden ebenfalls sogleich eingezogen. Das von einem
Bekannten organisierte Militärbüchlein sei weder gefälscht noch verfälscht;
der Bekannte habe lediglich dafür gesorgt, dass ihm das Dokument aus-
gestellt worden sei, ohne dass er dafür persönlich nach F._ habe
gehen müssen.
Die Ausführungen des SEM zur Kooperation zwischen der I._ und
der syrischen Armee (Verzicht auf Einberufung von kurdisch-stämmigen
Personen zum Militärdienst durch Letztere nach Rückzug der Regierung
aus den kurdischen Gebieten) seien nicht zutreffend. So sei die I._
nach der Invasion durch die türkische Armee gezwungen, mit der syrischen
Armee zusammen zu arbeiten. Insofern würden die Feststellungen des
Bundesverwaltungsgerichts in den Jahren 2017 und 2018 nicht mehr zu-
treffen. Sodann habe er nie behauptet, er hätte in C._ rekrutiert
werden sollen. Es wäre der gleiche Ort zuständig gewesen (F._)
wie für die Ausstellung des Militärdienstbüchleins. Es spreche daher nichts
gegen die Glaubhaftigkeit der entsprechenden Vorbringen und das einge-
reichte Militärdienstbüchlein sei als vollwertiges Beweismittel anzusehen.
Ferner sei er einerseits wegen der Tätigkeiten seines Vaters im Flüchtlings-
camp J._ andererseits aber auch wegen ihres Kontakts zu diesem
in der Schweiz dem Risiko einer Reflexverfolgung ausgesetzt. Wohl sei ihm
bis zu seiner Ausreise tatsächlich nichts geschehen. Es sei aber nur eine
Frage der Zeit gewesen, bis er das Opfer des IS geworden wäre. Weiter
dürfte die Ansicht des SEM, dass keine Kollektivverfolgung der kurdischen
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Seite 9
Bevölkerung gegeben sei, im jetzigen Zeitpunkt korrekt sein. Dies könne
sich aber angesichts des Einmarschs der türkischen Truppen in Syrien je-
derzeit ändern. Sodann befürchte er wegen seiner Weigerung, für die
I._ Militärdienst zu leisten, von dieser mit übertriebener Härte be-
straft und an der Front eingesetzt zu werden. In einem solchen Fall müsste
er bei einer Rückkehr mit Sanktionen rechnen, welche das Folterverbot
verletzten. Aus diesem Grund sei die Verfolgung durch die I._ asyl-
relevant.
5.
5.1 Das Bundesverwaltungsgericht gelangt nach Abwägung der Argu-
mente zum Schluss, dass die Vorinstanz das Asylgesuch des Beschwer-
deführers zu Recht abgelehnt hat. Der Beschwerdeführer vermag mit sei-
nen Entgegnungen auf Beschwerdeebene die vom SEM getroffene Ein-
schätzung nicht umzustossen.
5.2 Was die vom Beschwerdeführer geltend gemachte Befürchtung, zum
nationalen Militärdienst aufgeboten zu werden betrifft, ist – unbesehen der
von der Vorinstanz in diesem Zusammenhang angeführten Zweifel an der
Glaubhaftigkeit dieses Vorbringens – auf die diesbezüglichen Feststellun-
gen des Bundesverwaltungsgerichts im Grundsatzurteil BVGE 2015/3 (im
Besonderen E. 5) zu verweisen. Demnach vermag eine Wehrdienstverwei-
gerung oder Desertion nicht allein, sondern nur verbunden mit einer Ver-
folgung im Sinne von Art. 3 Abs. 1 AsylG die Flüchtlingseigenschaft zu be-
gründen. Mit anderen Worten muss die betroffene Person aus einem in
dieser Norm genannten Grund (Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörig-
keit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder politische Anschauungen)
wegen ihrer Wehrdienstverweigerung oder Desertion eine Behandlung zu
gewärtigen haben, die ernsthaften Nachteilen gemäss Art. 3 Abs. 2 AsylG
gleichkommt. In Bezug auf die spezifische Situation in Syrien erwog das
Gericht, die genannten Voraussetzungen seien im Falle eines syrischen
Refraktärs erfüllt, welcher der kurdischen Ethnie angehöre, einer oppositi-
onell aktiven Familie entstamme und bereits in der Vergangenheit die Auf-
merksamkeit der staatlichen syrischen Sicherheitskräfte auf sich gezogen
hatte (BVGE 2015/3 E. 6.7.3; bestätigt im Urteil des BVGer D-2391/2019
vom 9. März 2020 E. 7.1 ff.). Der Beschwerdeführer wurde eigenen Anga-
ben zufolge von der syrischen Armee bislang nicht offiziell einberufen (vgl.
act. 1064085-14/22, F146). Die Frage nach einer offiziellen militärischen
Einberufung kann aber aus den nachfolgenden Gründen ohnehin offenge-
lassen werden: So liegen hier keine einzelfallspezifischen Risikofaktoren
im Sinne der obengenannten Rechtsprechung vor. Der Beschwerdeführer
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Seite 10
ist zwar kurdischer Ethnie, es sind jedoch keine konkreten Anhaltspunkte
ersichtlich, dass er aus einer oppositionell aktiven Familie stammen würde
und bereits in der Vergangenheit das Interesse der staatlichen syrischen
Sicherheitskräfte geweckt hätte. So machte er in der Anhörung nicht gel-
tend, mit den heimatlichen Behörden irgendwelche Probleme gehabt oder
sich politisch betätigt zu haben beziehungsweise diesen in irgendeiner
Weise aufgefallen zu sein (vgl. act. 1064085-14/22, F51, F54 und F57 ff.).
Der Beschwerdeführer vermag daher kein Risikoprofil zu erfüllen und es
bestehen keinerlei Indizien dafür, dass ihn die syrischen Sicherheitsbehör-
den als Regimegegner identifiziert hätten. Selbst wenn der Tatbestand der
Dienstverweigerung erfüllt sein sollte, ist somit nicht davon auszugehen,
dass er im Falle einer Festnahme durch die syrischen Behörden mit einer
politisch motivierten Bestrafung oder Behandlung rechnen müsste, die ei-
ner flüchtlingsrechtlich relevanten Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG
gleichzusetzen wäre (vgl. etwa auch Urteile des BVGer D-783/2018 vom
14. März 2018 E. 5.1 und D-3185/2016 vom 30. November 2017 E. 4.1.4).
5.3 Bezüglich der vom Beschwerdeführer angeführten drohenden Rekru-
tierung durch die I._ ist festzuhalten, dass einer solchen grundsätz-
lich keine Asylrelevanz zukommt, da auch diese Dienstpflicht nicht an eine
der in Art. 3 AsylG erwähnten Eigenschaften anknüpft beziehungsweise
deswegen kein asylrelevanter Nachteil droht (vgl. Referenzurteil des
BVGer D-5329/2014 vom 23. Juni 2015 E. 5.3; bestätigt in den Urteilen des
BVGer D-4482/2018 vom 12. Oktober 2018 E. 5.2 und E-2239/2019 vom
25. Juni 2019 E. 8.6).
5.4 Sodann ist die Zugehörigkeit des Beschwerdeführers zur kurdischen
Ethnie nicht geeignet, eine asylrelevante Verfolgung zu begründen. Ge-
mäss geltender Rechtsprechung ist nicht davon auszugehen, dass syri-
sche Staatsangehörige kurdischer Ethnie im heutigen Zeitpunkt in beson-
derer und gezielter Weise aufgrund ihrer Ethnie in einem derart breiten und
umfassenden Ausmass unter Anfeindungen zu leiden hätten, dass von ei-
ner Kollektivverfolgung ausgegangen werden müsste. Auch unter dem Ge-
sichtspunkt der heute veränderten Lage, insbesondere seit dem Einmarsch
der türkischen Truppen in Nordsyrien, ist nicht davon auszugehen, dass
sämtliche in Syrien und insbesondere in Nordsyrien verbliebenen Kurden
derzeit eine objektiv begründete Furcht vor einer Verfolgung hätten (vgl.
Urteile des BVGer D-6431/2019 vom 16. März 2020 E. 5.2.3; E-937/2017
vom 16. Januar 2020 E. 6.3 und D-5367/2019 vom 2. Dezember 2019
E. 6.4). Der bürgerkriegsbedingten Gefährdungslage und der fortbestehen-
den Volatilität und Dynamik der Entwicklung in Syrien wurde vom SEM im
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Seite 11
Rahmen des Wegweisungsvollzugs respektive der in diesem Zusammen-
hang angeordneten vorläufigen Aufnahme des Beschwerdeführers Rech-
nung getragen.
5.5 Soweit der Beschwerdeführer anführt, er sei während seines Aufent-
halts in Syrien wegen der Tätigkeit seines Vaters als (Nennung Funktion)
eines Flüchtlingscamps dem Risiko einer Reflexverfolgung ausgesetzt ge-
wesen, kann dieser Ansicht nicht beigepflichtet werden. Im Urteil des Bun-
desverwaltungsgerichts gleichen Datums betreffend seinen Vater (Ge-
schäfts-Nr. D-557/2020; N_) wurde die geltend gemachte Verfol-
gungssituation als Folge der angeführten Tätigkeit und Funktion im Flücht-
lingslager J._ als nicht glaubhaft erachtet. Dementsprechend ist
auch eine allfällig daraus resultierende (Reflex)Verfolgung für den Be-
schwerdeführer klarerweise zu verneinen.
5.6 Insgesamt vermögen die Vorfluchtgründe des Beschwerdeführers die
Anforderungen an die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG nicht zu
erfüllen.
5.7 Asylsuchende sind auch dann als Flüchtlinge anzuerkennen, wenn sie
erst aufgrund von Ereignissen nach ihrer Ausreise im Falle einer Rückkehr
in ihren Heimat- oder Herkunftsstaat in flüchtlingsrechtlich relevanter
Weise verfolgt würden. Zu unterscheiden ist dabei zwischen objektiven und
subjektiven Nachfluchtgründen. Objektive Nachfluchtgründe liegen vor,
wenn äussere Umstände, auf welche die asylsuchende Person keinen Ein-
fluss nehmen konnte, zur drohenden Verfolgung führen; der von einer Ver-
folgung bedrohten Person ist in solchen Fällen die Flüchtlingseigenschaft
zuzuerkennen und Asyl zu gewähren. Subjektive Nachfluchtgründe liegen
vor, wenn eine asylsuchende Person erst durch die unerlaubte Ausreise
aus dem Heimat- oder Herkunftsstaat oder wegen ihres Verhaltens nach
der Ausreise eine Verfolgung zu befürchten hat; in diesen Fällen wird kein
Asyl gewährt (Art. 54 AsylG; vgl. BVGE 2010/44 E. 3.5 m.w.H.).
5.7.1 Was das allfällige Bestehen einer Reflexverfolgung nach der Aus-
reise des Beschwerdeführers – mithin eines objektiven Nachfluchtgrundes
– durch Angehörige des IS infolge der Tätigkeit seines Vaters betrifft, liegt
eine solche Reflexverfolgung ebenfalls nicht vor. Diesbezüglich ist zu-
nächst auf die Feststellungen in der vorstehenden E. 5.5. zu verweisen.
Sodann stellt sich das Vorbringen in der Rechtsmitteleingabe (S. 8, 4. Ab-
satz), wonach der IS wisse, dass der Beschwerdeführer im Exilland
Schweiz gewesen sei, weil es sein (Nennung Verwandter) geschafft habe,
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Seite 12
ihn und (Nennung Verwandte) mit Hilfe von humanitären Visa in die
Schweiz zu holen, als blosse Parteibehauptung dar. Insgesamt liegt somit
kein objektiver Nachfluchtgrund vor.
5.7.2 Ferner ist eine flüchtlingsrechtlich relevante Verfolgung des Be-
schwerdeführers allein aufgrund der illegalen Ausreise aus Syrien oder der
Asylgesuchstellung in der Schweiz gemäss konstanter Praxis des Bundes-
verwaltungsgerichts (vgl. Urteil des BVGer D-3839/2013 vom 28. Oktober
2015 E. 6.4.3 [als Referenzurteil publiziert]) auszuschliessen. Deshalb ist
auch das Vorliegen subjektiver Nachfluchtgründe zu verneinen.
5.8 Zusammenfassend ist es dem Beschwerdeführer nicht gelungen, eine
relevante Verfolgungsgefahr im Sinne von Art. 3 respektive Art. 54 AsylG
darzutun oder auch nur glaubhaft zu machen. Die Vorinstanz hat demnach
die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers zu Recht verneint und
sein Asylgesuch abgelehnt.
6.
Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt
es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug
an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44
AsylG). Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtli-
che Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer
solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (vgl.
BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
7.
Präzisierend ist festzuhalten, dass sich aus den vorstehenden Erwägun-
gen nicht der Schluss ergibt, der Beschwerdeführer sei zum heutigen Zeit-
punkt in seinem Heimatstaat nicht gefährdet. Eine solche Gefährdungslage
ist jedoch auf die in Syrien herrschende Bürgerkriegssituation zurückzufüh-
ren. Das SEM hat dieser generellen Gefährdung Rechnung getragen und
den Beschwerdeführer gestützt auf Art. 83 Abs. 1 und 4 AIG wegen Unzu-
mutbarkeit des Wegweisungsvollzugs vorläufig aufgenommen.
8.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
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Seite 13
9.
9.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Beschwer-
deführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Indessen wurde mit Verfü-
gung vom 4. September 2020 das Gesuch um Gewährung der unentgeltli-
chen Prozessführung gutgeheissen, weshalb auf die Erhebung von Verfah-
renskosten zu verzichten ist.
9.2 Mit derselben Verfügung wurde ausserdem das Gesuch um amtliche
Verbeiständung gutgeheissen (Art. 102m Abs. 1 AsylG) und dem Be-
schwerdeführer sein Rechtsvertreter als Rechtsbeistand bestellt. Demnach
ist diesem ein amtliches Honorar für seine notwendigen Aufwendungen im
Beschwerdeverfahren auszurichten. Der Rechtsvertreter hat keine Kosten-
note zu den Akten gereicht. Auf die Nachforderung einer solchen kann je-
doch verzichtet werden, da sich im vorliegenden Verfahren der Aufwand
zuverlässig abschätzen lässt (Art. 14 Abs. 2 VGKE) und auf insgesamt
neun Stunden zu beziffern ist. Nach Praxis des Bundesverwaltungsgerichts
werden anwaltliche Vertreterinnen und Vertreter mit einem Stundensatz
von Fr. 200.– bis 220.– entschädigt (vgl. Art. 12 i.V.m. Art. 10 Abs. 2 VGKE).
Dem amtlichen Rechtsvertreter ist daher zu Lasten des Bundesverwal-
tungsgerichts eine Entschädigung von gesamthaft Fr. 2200.– (inkl. Ausla-
gen und MWSt) auszurichten.
(Dispositiv nächste Seite)
D-3953/2020
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