Decision ID: ac967fdb-1e01-4c22-8b15-500ea009a6a1
Year: 2022
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
Die in der Schweiz wohnhafte A._ (nachfolgend: Versicherte) war bei der B._ in
C._ als Verkäuferin in einem Pensum von 60 % angestellt und als solche über die
D._ AG, C._, bei der Generali Allgemeine Versicherungen AG (nachfolgend:
Generali), Nyon, gemäss dem liechtensteinischen Gesetz über die Unfallversicherung
vom 28. November 1989 (UVersG) unfallversichert (act. G 1.1-1, 1.1-2, 1.1-3 und 3.3),
als sie am 17. Oktober 2019 beim Treppensteigen bei sich zu Hause stolperte und sich
dabei das Gesicht anschlug (act. G 1.1-1). Am 22. Oktober 2019 wurde der D._ AG
mit einem liechtensteinischen Unfallformular eine Unfallmeldung erstattet, wobei als
Verletzung ausgebrochene Zähne angegeben wurden (act. G 1.1-1).
A.a.
Am 23. Oktober 2019 erstellte Dr. med. dent. E._ einen Kostenvoranschlag für
eine Zahnbehandlung in der Höhe von Fr. 353.90 (act. G 1.1-2). Am 5. November 2019
erteilte die Generali die entsprechende Kostengutsprache (act. G 1.1-3). Betreffend
einen weiteren Kostenvoranschlag von Dr. E._ vom 11. November 2020 über Fr.
7'223.50 (act. G 1.1-5 ff.) teilte die Generali der Versicherten mit Schreiben vom 12. Mai
2021 mit, eine Beurteilung ihres beratenden Zahnarztes habe ergeben, dass der Zahn
auch bei normalen Belastungen im täglichen Leben jederzeit hätte frakturieren können,
sodass eine anspruchshindernde Gelegenheits- oder Zufallsursache vorliege. Die
Generali sei demzufolge nicht leistungspflichtig (act. G 1.1-10). Auf Ersuchen der
Versicherten (act. G 1.1-11) erliess die Generali über die Ablehnung ihrer
Leistungspflicht am 9. Juli 2021 eine einsprachefähige Verfügung (act. G 1.1-12).
A.b.
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B.
C.

Erwägungen
1.
Gegen diese Verfügung erhob die Versicherte, vertreten durch Rechtsanwalt Dr.
Th. Grieder, Zürich, am 9. September 2021 Einsprache bei der Generali (act. G 1.1-13).
B.a.
Nach weiteren medizinischen Abklärungen und Korrespondenzen (vgl. act. G
1.1-15 ff.) wies die Generali mit Einspracheentscheid vom 1. Juni 2022 die Einsprache
ab (vgl. Beilage zu act. G 1).
B.b.
Gegen diesen Einspracheentscheid erhob die weiterhin durch Rechtsanwalt
Grieder vertretene Versicherte (nachfolgend: Beschwerdeführerin) am 4. Juli 2022
Beschwerde an das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen (act. G 1). Sie
beantragte, die Verfügung vom 9. Juli 2021 sowie der Einspracheentscheid vom 1. Juni
2022 seien aufzuheben und es seien im Zusammenhang mit dem Unfallereignis vom
17. Oktober 2019 die gesetzlichen Leistungen aus der obligatorischen
Unfallversicherung (UVG) zu übernehmen; alles unter Kosten- und
Entschädigungsfolgen zulasten der Generali (act. G 1 S. 2).
C.a.
In ihrer Beschwerdeantwort vom 7. September 2022 beantragte die Generali
(nachfolgend: Beschwerdegegnerin), auf die Beschwerde sei mangels Zuständigkeit
nicht einzutreten. Eventualiter sei die Beschwerde abzuweisen, wobei ihr vorher eine
Nachfrist zur eingehenden materiellen Vernehmlassung in der Sache anzusetzen sei
(act. G 3).
C.b.
In ihrer Replik vom 17. Oktober 2022 legte die Beschwerdeführerin dar, weshalb
aus ihrer Sicht auf die Beschwerde einzutreten sei und hielt an den in der Beschwerde
gestellten Rechtsbegehren fest (act. G 5).
C.c.
In ihrer Duplik vom 2. November 2022 hielt die Beschwerdegegnerin an den
bisherigen Anträgen, wonach auf die Beschwerde mangels Zuständigkeit nicht
einzutreten und diese eventualiter abzuweisen sei, fest (act. G 7).
C.d.
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Zunächst zu prüfen ist, ob das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen auf die
Beschwerde gegen den angefochtenen Einspracheentscheid der Beschwerdegegnerin
eintreten kann. Diese bringt vor, das angerufene Versicherungsgericht sei örtlich nicht
zuständig (vgl. act. G 3).
2.
Zwar handelt es sich bei der Beschwerdeführerin um eine schweizerische
Staatsangehörige mit Wohnsitz in der Schweiz, jedoch besteht aufgrund ihres
Arbeitsverhältnisses im Fürstentum Liechtenstein in räumlicher Hinsicht ein
internationaler Sachverhalt. Soweit die Beschwerdeführerin unter Verweis auf das Urteil
des Bundesgerichts vom 1. Februar 2005 (2P.130/2004) einen solchen in Abrede stellt
(vgl. act. G 5 S. 3), kann ihr nicht gefolgt werden. Anders als in jenem Urteil, in dem der
betreffende Versicherte zwar einen ausländischen Arbeitgeber hatte, für diesen jedoch
einzig in der Schweiz tätig war, ist aufgrund der von der Beschwerdegegnerin
eingereichten Police (vgl. act. G 7.2; Risikoort C._) und mangels gegenteiliger
Behauptung der Beschwerdeführerin anzunehmen, der gewöhnliche Arbeitsort liege im
Fürstentum Liechtenstein. Demnach hat die Beschwerdeführerin – anders als der
Versicherte im soeben aufgeführten Bundesgerichtsurteil – von ihrem
Freizügigkeitsrecht Gebrauch gemacht. Am Bestehen eines internationalen
Sachverhalts ändert auch nichts, dass die Beschwerdeführerin, wie von ihr in der
Replik erstmals vorgebracht (vgl. act. G 5 S. 4), im Unfallzeitpunkt neben der
unselbständigen Erwerbstätigkeit noch einer selbständigen Tätigkeit in der Schweiz
nachgegangen zu sein scheint (vgl. dazu auch die Ausführungen der
Beschwerdegegnerin in act. G 3 S. 2, wonach die Beschwerdeführerin neben ihrer
Hauptbeschäftigung bei der liechtensteinischen Arbeitgeberin noch [...] in der Schweiz
zu erteilen scheine; vgl. [...]; abgerufen am 16. November 2022; vgl. act. G 3.5).
Demnach ist für die Frage, welche Rechtsvorschriften betreffend die Systeme der
sozialen Sicherheit anzuwenden sind, das von der Schweizerischen Eidgenossenschaft
(SR 0.632.31) und vom Fürstentum Liechtenstein (LR 0.632.31) ratifizierte
Übereinkommen zur Errichtung der Europäischen Freihandelsassoziation (EFTA)
heranzuziehen (vgl. dazu Art. 21 lit. b des EFTA-Übereinkommens und Art. 8 lit. b des
Anhangs K des EFTA-Übereinkommens; vgl. auch Art. 115a Abs. 2 des
Bundesgesetzes über die Unfallversicherung [UVG; SR 832.20]).
3.
Nach Art. 21 des EFTA-Übereinkommens regeln die Mitgliedstaaten zur
Herstellung der Freizügigkeit die Koordinierung der Systeme der sozialen Sicherheit
3.1.
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gemäss Anlage 2 zu Anhang K und durch das Protokoll zu Anhang K über die
Freizügigkeit zwischen Liechtenstein und der Schweiz (vgl. dazu Art. 8 des Anhangs K
des EFTA-Übereinkommens), wobei die Anhänge, Anlagen und Protokolle einen
integrierenden Bestandteil des EFTA-Übereinkommens darstellen (Art. 53 Abs. 1 EFTA-
Übereinkommen). Entsprechend Art. 1 der Anlage 2 zu Anhang K des EFTA-
Übereinkommens sind die Mitgliedstaaten übereingekommen, im Bereich der
Koordinierung der Systeme der sozialen Sicherheit untereinander grundsätzlich die
Rechtsakte der Europäischen Union, auf welche im Abschnitt A der Anlage 2 des
Anhangs K des EFTA-Übereinkommens Bezug genommen wird, oder gleichwertige
Vorschriften anzuwenden. Aufgrund eines entsprechenden Verweises im besagten
Abschnitt A der Anlage 2 des Anhangs K des EFTA-Übereinkommens ist vorliegend
namentlich die durch weitere Verordnungen aktualisierte Verordnung (EG) Nr. 883/2004
des Europäischen Parlaments und des Rates vom 29. April 2004 zur Koordinierung der
Systeme der sozialen Sicherheit (ABl. L 166 vom 30.4.2004, S. 1) einschlägig (zur
Verordnung in der Fassung von Anhang II zum Abkommen zwischen der Europäischen
Gemeinschaft und ihren Mitgliedstaaten einerseits und der Schweizerischen
Eidgenossenschaft andererseits über die Freizügigkeit [Stand 1. Januar 2015] vgl. SR
0.831.109.268.1).
Diese erwähnt in der Definition ihres sachlichen Geltungsbereichs (vgl. Art. 3 der
Verordnung [EG] Nr. 883/2004) zwar die Nichtberufsunfallversicherung nicht explizit,
wie die Beschwerdeführerin zu Recht feststellt (vgl. act. G 5 S. 4). Allerdings können die
Nichtberufsunfälle gemäss dem Kreisschreiben Unfallversicherung Nr. 19 vom 14.
Dezember 2017 des Bundesamtes für Gesundheit unter die Leistungen für Krankheit
i.S.v. Art. 3 Abs. 1 lit. a der Verordnung (EG) Nr. 883/2004 subsumiert werden, sodass
die Anwendbarkeit der EG-Verordnung im Bereich der Nichtberufsunfälle nicht
ausgeschlossen ist. Wie die Beschwerdegegnerin nachvollziehbar darlegt (vgl. act. G 7
S. 4), dürfte die fehlende Erwähnung der Nichtberufsunfallversicherung in der
Verordnung (EG) Nr. 883/2004 darin begründet sein, dass nicht allen europäischen
Staaten dieses Institut bekannt ist, mithin die Nichtberufsunfälle andernorts über die
Krankenversicherung versichert sind.
3.2.
Vor dem Hintergrund, dass die Leistungen für Nichtberufsunfälle unter jene für
Krankheit i.S.v. Art. 3 Abs. 1 lit. a der Verordnung (EG) Nr. 883/2004 subsumiert werden
können, stellt sich allerdings die Frage, ob die im Verhältnis zwischen Liechtenstein
und der Schweiz hinsichtlich der Versicherungspflicht in der Krankenversicherung im
EFTA-Übereinkommen vorgesehene Ausnahmeregelung greift (vgl. Art. 3 Abs. 2 der
Anlage 2 des Anhangs K und Protokoll 2 zu Anlage 2 des Anhangs K des EFTA-
3.3.
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4.
Im Übrigen geht aus der von der Beschwerdegegnerin eingereichten Police eindeutig
hervor, dass die liechtensteinische Arbeitgeberin B._ bei der Beschwerdegegnerin
eine Nichtberufsunfallversicherung nach liechtensteinischem Recht abgeschlossen hat
(vgl. act. G 7.2). Dass daneben bei dieser auch noch eine Police für eine
Unfallversicherung nach schweizerischem Recht besteht, wird von keiner Seite geltend
gemacht. Folgerichtig ist auch die Unfallmeldung auf einem Formular nach
Übereinkommens). Davon ist jedoch nicht auszugehen, da das Institut der
Nichtberufsunfallversicherung sowohl der Schweiz als auch dem Fürstentum
Liechtenstein bekannt ist. Hätten sie also neben der Krankenversicherung auch für die
Nichtberufsunfallversicherung eine Spezialregelung treffen wollen, welche die
Anwendbarkeit der Verordnung (EG) Nr. 883/2004 einschränkt, wäre anzunehmen,
dass sie dies – neben der Krankenversicherung – explizit im Protokoll 2 zur Anlage 2
des Anhangs K des EFTA-Übereinkommens vermerkt hätten. Auch würde es für die
schweizerischen und liechtensteinischen Arbeitgebenden eine Verkomplizierung
darstellen, wenn sich die Versicherungsunterstellung bei Grenzgängerinnen und
Grenzgängern für den Zweig der Berufsunfallversicherung und denjenigen der
Nichtberufsunfallversicherung unterscheiden könnte. Schliesslich könnte eine derartige
Aufteilung auch für die Arbeitnehmenden mit Unsicherheiten und einem schlechteren
Versicherungsschutz einhergehen. Eine solche Verkomplizierung dürfte von den beiden
Vertragsparteien durch die im EFTA-Abkommen festgehaltene Ausnahmeregelung
kaum angestrebt worden sein. Vielmehr ist anzunehmen, dass es dabei einzig um die
Krankenversicherung im engeren Sinne geht. Folglich ist zur Beurteilung der im Fall der
Beschwerdeführerin anwendbaren Rechtsvorschriften im Bereich der
Nichtberufsunfallversicherung auf die Verordnung (EG) Nr. 883/2004 abzustellen.
Nach Art. 13 Abs. 3 der Verordnung (EG) Nr. 883/2004 unterliegt eine Person, die
gewöhnlich in verschiedenen Mitgliedstaaten eine Beschäftigung und eine selbständige
Erwerbstätigkeit ausübt, den Rechtsvorschriften des Mitgliedstaats, in dem sie eine
Beschäftigung ausübt. Für die Beschwerdeführerin, die angibt, neben der
unselbständigen Tätigkeit in Liechtenstein noch eine selbständige Tätigkeit in der
Schweiz auszuüben, bedeutet dies, dass sie im Bereich der
Nichtberufsunfallversicherung grundsätzlich den liechtensteinischen Rechtsvorschriften
untersteht. Gleiches gälte auch, wenn sie im Zeitpunkt des Unfalls lediglich bei der
liechtensteinischen Arbeitgeberin angestellt gewesen wäre, ohne daneben einer
selbständigen Erwerbstätigkeit nachgegangen zu sein (vgl. Art. 11 Abs. 3 lit. a der
Verordnung [EG] Nr. 883/2004).
3.4.
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liechtensteinischem Recht erfolgt (vgl. act. G 1.1-1). Die Beschwerdegegnerin hat ihren
Hauptsitz zwar in der Schweiz, jedoch ist sie im Fürstentum Liechtenstein für die
Durchführung der obligatorischen Unfallversicherung zugelassen und hat eine
Vertretung in C._ (act. G 7.1). Den Einspracheentscheid vom 1. Juni 2022, welcher
Anfechtungsgegenstand in diesem Verfahren bildet, hat die Beschwerdegegnerin nach
dem Gesagten eindeutig in der Funktion eines liechtensteinischen Unfallversicherers
erlassen. Daran ändert nichts, dass in der dem Einspracheentscheid zu Grunde
liegenden Verfügung, die mit dem Erlass des Einspracheentscheides ohnehin
dahingefallen ist, bei der materiellen Beurteilung auf schweizerisches Recht verwiesen
worden ist, zumal sich in ihrem Betreff ebenfalls ein Hinweis auf das liechtensteinische
Rechtsverhältnis befunden hat (vgl. act. G 1.1-12). Dass der Einspracheentscheid von
einem liechtensteinischen Versicherer erlassen worden ist, erhellt auch aus dessen