Decision ID: b46ea201-62c4-5563-8433-59c3d85c82df
Year: 2016
Language: de
Court: BE_VB
Chamber: BE_VB_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: public_law

I. Sachverhalt
1. Die Beschwerdegegner sind Gesamteigentümer der Parzelle Leuzigen
Grundbuchblatt Nr. D._. Die Parzelle liegt in der Wohnzone W2. Bereits im Jahr
2012 planten die Beschwerdegegner den Bau eines Einfamilienhauses mit Sitzplatz sowie
einer Garage und eines Gerätehauses. Im Beschwerdeverfahren vor der Bau-, Verkehrs-
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und Energiedirektion des Kantons Bern (BVE) wurde dem Baugesuch für die Garage und
das Gerätehaus wegen Nichteinhaltung des Grenzabstandes der Bauabschlag erteilt.
Bezüglich des Einfamilienhauses mit Sitzplatz wies die BVE die Sache zu neuer
Beurteilung im Sinne der Erwägungen an die Gemeinde zurück.1 Nachdem das
Einfamilienhaus mit Sitzplatz bewilligt und gebaut worden war, erlaubte die Gemeinde den
Beschwerdegegnern, einen Container auf den als Abstellraum bewilligten Platz zu stellen,
bis der geplante Carport bewilligt und erstellt werden könne. Am 7. August 2015 reichten
die Beschwerdegegner bei der Gemeinde ein Baugesuch ein für den Anbau eines Carports
und ein Gerätehauses. Die Gemeinde bewilligte dieses Vorhaben am 7. Juni 2016,
nachdem das Baureglement in Bezug auf den Grenzabstand geändert worden war. Dieses
Verfahren ist ebenfalls vor der BVE hängig.2
2. Aufgrund einer Anzeige der Beschwerdeführerin beim Regierungsstatthalteramt
Seeland wies dieses mit Verfügung vom 27. April 2016 die Gemeinde an, innert einer Frist
von drei Monaten das Wiederherstellungsverfahren durchzuführen. Mit
Wiederherstellungsverfügung vom 24. August 2016 forderte die Gemeinde Leuzigen die
Beschwerdegegner auf, den Container auf Parzelle Gbbl. Nr. E._ bis spätestens
31. Dezember 2016 zu entfernen. Gleichzeitig wies sie auf die Möglichkeit eines
nachträglichen Baugesuchs hin. Sie drohte keine Ersatzvornahme an.
3. Gegen diese Verfügung reichte die Beschwerdeführerin am 23. September 2016
(Postaufgabe am 24. September 2016) Beschwerde bei der BVE ein. Sie stellt sinngemäss
das Rechtsbegehren, die Frist für die Wiederherstellung sei zu kürzen.
4. Mit Verfügung vom 27. September 2016 edierte das Rechtsamt, welches die
Beschwerdeverfahren für die BVE leitet3, die Vorakten bei der Gemeinde Leuzigen. Weiter
bat sie diese zur Stellungnahme, ob die in der Wiederherstellungsverfügung vom
24. August 2016 angegebene Parzellen Nr. E._ korrekt sei; diese befinde sich laut
1 BDE 110/2013/106 vom 24.06.2013 2 Verfahren RA Nr. 110/2016/95 3 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (OrV BVE; BSG 152.221.191)
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Grundbuch im Eigentum von Herrn F._. Die Gemeinde Leuzigen bat daraufhin um
Fristerstreckung, welche gewährt wurde.
5. Mit Datum vom 11. November 2016 reichte die Gemeinde Leuzigen ihre
Stellungnahme zur Beschwerde ein. Darin bestätigte sie, dass in der
Wiederherstellungsverfügung vom 24. August 2016 fälschlicherweise die Parzelle Nr.
E._ angegeben worden sei. Richtig sei die Parzelle Nr. D._. Weiter legte
sie kurz den Sachverhalt dar und betonte, dass sie die von ihr angesetzte
Wiederherstellungsfrist als angemessen erachte. Die Beschwerdegegner liessen sich
innerhalb der Frist nicht vernehmen.
6. Das Rechtsamt edierte mit Verfügung vom 21. November 2016 die Akten der
Beschwerdeverfahren RA Nrn. 110/2016/95 sowie 110/2013/106. Es stellte zudem fest,
dass die Gemeinde in ihrer Verfügung vom 24. August 2016 fälschlicherweise die
Wiederherstellung in Bezug auf die Parzelle Nr. E._ statt Nr. D._ verfügt
hatte. Im Entscheid der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion des Kantons Bern werde dies
von Amtes wegen korrigiert werden.
7. Auf die Rechtsschriften und Vorakten wird, soweit für den Entscheid wesentlich, in
den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.

II. Erwägungen
1. Sachurteilsvoraussetzungen
Gemäss Art. 49 Abs. 1 BauG4 können baupolizeiliche Verfügungen nach Art. 45 bis 48
BauG innert 30 Tagen seit Eröffnung mit Beschwerde bei der BVE angefochten werden.
Die Beschwerdeführerin ist als Nachbarin durch die bestehenden Fahrnisbauten besonders
4 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721)
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in ihren schutzwürdigen Interessen betroffen und daher zur Beschwerde legitimiert. Auf
ihre form- und fristgerecht eingereichte Beschwerde ist deshalb einzutreten.
2. Wiederherstellung
a) Die Beschwerdeführerin verlangt sinngemäss eine Kürzung der durch die Gemeinde
Leuzigen verfügten dreimonatigen Wiederherstellungsfrist. Dies begründet sie unter
anderem damit, dass die Fahrnisbaute, welche während einer Dauer von drei Monaten
bewilligungsfrei aufgestellt werden könne, nunmehr über zweieinhalb Jahre auf der
Parzelle der Beschwerdegegner installiert sei.
Gemäss Art. 46 Abs. 2 BauG setzt die Baupolizeibehörde dem jeweiligen Grundeigentümer
oder Baurechtsinhaber eine angemessene Frist zur Wiederherstellung des rechtmässigen
Zustands. Die Wiederherstellungsfrist soll die zur Vorbereitung und Durchführung der
Massnahme notwendige Zeit einräumen.5 Die Frist ist so zu bemessen, dass die pflichtige
Person nach allgemeiner Erfahrung ihre Pflicht bis zum Ablauf der Frist erfüllen kann. Die
Behörde hat bei der Bemessung der Frist auch denjenigen Werten Rechnung zu tragen,
die gefährdet sind, wenn die Sachverfügung unvollstreckt bleibt. Für die Bemessung der
Wiederherstellungsfrist ist demnach vorab massgebend, innert welchem Zeitraum die
Pflichtigen den rechtmässigen Zustand von sich aus wiederherstellen können.6
Den Vorakten kann entnommen werden, dass die Beschwerdegegner im zu entfernenden
Container Zwillings-Kinderwagen, Fahrräder, Veloanhänger, Gartenmöbel und Sportgeräte
lagern.7 Da sich die Beschwerdegegner im vorliegenden Verfahren nicht geäussert haben,
ist nicht klar, ob sie bereits angemessene Ersatzräumlichkeiten für die Lagerung der sich
im Container befindlichen Gegenstände gefunden haben. Der Container selbst kann als
Fahrnisbaute rasch und ohne grossen Aufwand entfernt werden. Solche Fahrnisbauten
dürfen nur während einer Dauer von bis zu drei Monaten pro Kalenderjahr ohne
Baubewilligung aufgestellt werden (Art. 6 Abs. 1 Bst. m BewD8). Die von der Gemeinde
angesetzte Frist zur Wiederherstellung entspricht damit der maximal zulässigen Dauer, die
ein Container pro Kalenderjahr aufgestellt werden darf, und erscheint daher als zu lang.
5 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 46 N. 13 6 BVR 2001 S. 210, E. 3 d und e 7 Entscheid des Regierungsstatthalteramtes Seeland vom 27. April 2016, unter Sachverhalt E. 2 8 Dekret vom 22. März 1994 über das Baubewilligungsverfahren (Baubewilligungsdekret, BewD; BSG 725.1)
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Angemessen wäre eine Frist von ein bis zwei Monaten. Diese Frist hätte es den
Beschwerdegegnern auch erlaubt, eine Ersatzlösung zu finden, zumal sie spätestens seit
der Verfügung des Regierungsstatthalteramts Seeland vom 27. April 2016 wussten, dass
sie den Container – nach der Anordnung der Wiederherstellung durch die Gemeinde –
würden entfernen müssen. Die Beschwerde wird daher gutgeheissen.
b) Da die von der Gemeinde angesetzte Wiederherstellungsfrist beinahe abgelaufen ist,
setzt sie die BVE neu bis zum 31. Januar 2017 an. Zudem wurde im vorinstanzlichen
Entscheid versehentlich die falsche Parzellennummer aufgeführt. So handelt es sich beim
betroffenen Grundstück des Beschwerdeführers nicht um Parzelle Leuzigen
Grundbuchblatt Nr. E._, sondern um Parzelle Leuzigen Grundbuchblatt Nr.
D._. Dieser Kanzleifehler wird im vorliegenden Verfahren von Amtes wegen
berichtigt und die Grundbuchblatt Nr. entsprechend angepasst.9
c) Die Wiederherstellungsverfügung vom 24. August 2016 enthält im Übrigen keine
Androhung der Ersatzvornahme. Wird ein Bauvorhaben ohne Baubewilligung oder in
Überschreitung einer Baubewilligung ausgeführt oder werden bei der Ausführung eines
bewilligten Vorhabens Vorschriften missachtet, so setzt die Baupolizeibehörde eine
angemessene Frist zur Wiederherstellung des rechtmässigen Zustands unter Androhung
der Ersatzvornahme (Art. 46 Abs. 1 und 2 BauG10). Die fehlende Androhung der
Ersatzvornahme bewirkt weder Nichtigkeit noch Ungültigkeit der
Wiederherstellungsverfügung. Vielmehr hat es zur Folge, dass diese nicht direkt vollstreckt
werden kann. Die Ersatzvornahme ist folglich nachträglich anzudrohen, wenn dies nicht
bereits in der Sachverfügung geschehen ist.11
Der Androhung allein ist der Verfügungscharakter abzusprechen, da sie keine neue Pflicht
anordnet, die nicht bereits die Sachverfügung vorsieht. Insbesondere bewirkt sie damit
auch keine Ausdehnung des Streitgegenstands. Weder die Beschwerdeführerin noch die
Beschwerdegegner erleiden durch die Androhung der Ersatzvornahme einen Nachteil.
Einerseits werden sie dadurch nicht zusätzlich beschwert. Andererseits könnte die
Gemeinde Leuzigen die Ersatzvornahme auch noch später zusammen mit der
9 Häfelin/Müller/Uhlmann, Allgemeines Verwaltungsrecht, 7. Auflage 2016, N. 1221 10 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721.0) 11 VGE 22962U vom 28.02.2008, E. 4.1
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Vollstreckungsverfügung androhen.12 Die BVE ist daher befugt, die Ersatzvornahme im
vorliegenden Beschwerdeentscheid nachträglich anzudrohen.
3. Verfahrenskosten
Die Verfahrenskosten werden bestimmt auf eine Pauschalgebühr von Fr. 600.-- (Art. 103
Abs. 2 VRPG13 in Verbindung mit Art. 19 Abs. 1 GebV14). Der Gemeinde können keine
Verfahrenskosten auferlegt werden, daher trägt der Kanton diese Kosten (Art. 108 Abs. 2
VRPG in Verbindung mit Art. 2 Abs. 1 Bst. b VRPG).
Die Beschwerdeführerin ist nicht anwaltlich vertreten. Es werden daher keine Parteikosten
gesprochen (Art. 104 Abs. 1 und 4 VRPG).