Decision ID: b0939caa-ec69-5ecc-8d4d-69d3dbcd96eb
Year: 2020
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
Die
1999
geborene
X._
wurde
am 29. August 2017 unter Hinweis auf eine Traumatisierung und ADS/ADHS bei der Invalidenversicherung zum Leis
tungsbezug an
gemeldet
(
Anmeldung für Minderjährige,
Urk. 10/5).
Die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, klärte die medizi
nische und
erwerbliche
Situation ab und
auferlegte der Versicherten
am 23.
April 2018
als
Schadenminderu
ngspflicht eine
psychiatrisch
e
-psycho
logische
Behand
lung
und eine
Abstinenz von Drogen und Alkohol (Urk. 10/22)
.
Mit Schreiben vom
2.
August 2018 informierte die Gemeinde
Y._
die IV-Stelle über die Errichtung einer Beistandschaft für die Versicherte
per 3
1.
Mai
2018 (Urk. 10/29)
.
Im
Dezember 2018
wurde
die
Versicherte
durch die Berufsbeistand
schaft
Y._
erneut zum Leistungsbezug bei der IV-Stelle an
gemeldet
(Anmeldung für Erwachsene: Beru
fliche Integration/Rente,
Urk.
10/50
).
Nach durchgeführtem Vorbe
scheidverfahren (Urk. 10/67, Urk. 10/68, Urk. 10/72, Urk. 10/74-
79
) wies
die IV-Stelle
das Leistungsbegehren mit Verfügung vom
1
2.
März 2020 (Urk. 10/85 = Urk.
2) ab.
2.
Die Versicherte erhob am
2
2.
April 2020
Beschwerde gegen die Verfügung vom
1
2.
März 2020
(
Urk.
2) und beantragte,
diese sei aufzuheben und es sei
die IV
Stelle zu verpflichten, ihr die gesetzlichen Leistungen, insbesondere eine Ren
te, zu gewähren. Eventuell sei die Sache an die IV-Stelle zurückzuweisen, damit diese nach den notwendigen Abklärungen in der Sache neu entscheide. Sub
even
tuell sei die Sache an die IV-Stelle zurückzuweisen, damit diese nach Durch
führung des Mahn- und
Bedenkzeitverfahrens
neu entscheide. In
prozes
sualer Hinsicht beantragte
sie
die unentgeltliche Prozessführung und Rechtsvertretung (
Urk. 1 S.
2
).
Die IV-Stelle beantragte mit Beschwerdeantwort vom
2
6.
Mai 2020 (Urk. 9)
die teilweise Gutheissung der Beschwerde im Sinne einer Rückweisung der Sache zu weiteren Abklärungen. Damit erklärte sich
die
Beschwerdeführer
in
mit Eingabe vom
7.
Juli 2020 (Urk.
1
3
) als einverstande
n.
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Nach
Art.
1
Abs.
1 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG) in Verbindung mit
Art.
43
Abs.
1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG) prüft der Versicherungsträger die Begehren der
versicherten Person, nimmt die notwendigen Abklärungen von Amtes wegen vor und holt die erforderlichen Auskünfte ein. Soweit ärztliche oder fachliche Unter
suchungen für die Beurteilung notwendig und zumutbar sind, hat sich die versi
cherte Person diesen zu unterziehen (
Art.
43
Abs.
2 ATSG).
In Ergänzung und Präzisierung zu
Art.
43
Abs.
1 ATSG hält
Art.
57
IVG in Ver
bindung mit
Art.
69
Abs.
2 der Verordnung über die Invalidenversicherung (IVV) fest, dass die IV-Stellen, wenn die versicherungsmässigen Voraussetzungen er
füllt sind, die erforderlichen Unterlagen, insbesondere über den Gesundheitszu
stand, die Tätigkeit, die Arbeits- und Eingliederungsfähigkeit der versicherten Person sowie die Zweckmässigkeit bestimmter Eingliederungsmassnahmen be
schaffen und zu diesem Zwecke Berichte und Auskünfte verlangen, Gutachten einholen, Abklärungen an Ort und Stelle vornehmen sowie Spezialisten der öf
fentlichen oder privaten Invalidenhilfe beiziehen können.
1.2
Das Gericht kann die Angelegenheit zu neuer Entscheidung an die Vorinstanz zurückweisen,
besonders
wenn mit dem angefochtenen Entscheid nicht auf die Sache eingetreten oder der Sachverhalt ungenügend festgestellt wurde (§ 26 Abs. 1 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht, GSVGer). Gemäss stän
diger Rechtsprechung ist in der Regel von der Rückweisung – da diese das Ver
fahren verlängert und verteuert – abzusehen, wenn die Rechtsmittelinstanz den Prozess ohne wesentliche Weiterungen erledigen kann. In erster Linie kommt eine Rückweisung in Frage, wenn der Versicherungsträger auf ein Begehren überhaupt nicht eingetreten ist oder es ohne materielle Prüfung abgelehnt hat, wenn schwie
rige Ermessensentscheide zu treffen sind, oder wenn der
ent
scheidrelevante
Sach
verhalt ungenügend abgeklärt ist (vgl. Urteil des Bundesgerichts U 209/02 vom 10. September 2003 E. 5.2).
2.
2.1
Im Rahmen der Beschwerdeantwort vom
2
6.
Mai 2020 (Urk. 9)
gelangte die Be
schwerdegegnerin zum Schluss, dass nach der Praxisänderung des Bundesge
richts betreffend Suchterkrankungen nach dem strukturierten Beweisverfahren zu ermitteln sei, ob und gegebenenfalls inwieweit sich ein fachärztlich diagnosti
ziertes Abhängigkeitssyndrom im Einzelfall auf die Arbeitsf
ähigkeit auswirke (S.
1
Ziff.
1). Damit eine solche Indikatorenprüfung vorgenommen werden könne, seien aktuelle und umfassende Arztberichte erforderlich. Ein bei den Akten lie
gender psychologischer Untersuchungsbericht von der behandelnden Psycholo
gin sei hinsichtlich der Beweiswürdigkeit nicht ausreichend (S. 1 f.
Ziff.
1). Auch die übrigen vorhandenen Arztberichte genügten den beweisrechtlichen Anforde
rungen nicht. Auch der Regionale Ärztliche Dienst habe keine abschliessende Be
urteilung vornehmen können. Allgemein sei v
orliegend
die Beurteilung der Er
werbsunfähigkeit aufgrund fehlender Informationen nicht möglich. Auch das strukturierte Beweisverfahren könne nicht durchgeführt werden (S. 2
Ziff.
2). Ins
gesamt liege keine
rechtsgenügliche
Beurteilung der Arbeitsfähigkeit vor
.
Weitere Abklärungen seien erforderlich.
Die Sache sei hierfür an sie zurückzuweisen
(S. 2
Ziff.
3).
Diesem Antrag schloss sich d
ie
Beschwerdeführer
in
in
ihrer
Stellungnahme vom
7.
Juli 2020 (
Urk.
13)
an.
2.
2
Nachdem in Bezug auf die Rückweisung zu weiteren Abklärungen übereinstim
mende Anträge vorliegen (
Urk.
9 und
Urk.
13
) und diese mit der Akten- und Rechts
lage in Einklang stehen, ist die Beschwerde in dem Sinne gutzuheissen, dass die angefochtene Verfügung vom 1
2.
März 2020 (
Urk.
2) aufzuheben und die Sache an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen ist, damit diese die not
wendigen Abklärungen vornehme und hernach über den Leistungsanspruch der Beschwerdeführerin neu verfüge.
3.
3.1
Da es im vorliegenden Verfahren um die Bewilligung oder Verweigerung von Versicherungsleistungen geht, ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Gerichtskos
ten sind nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert festzule
gen (
Art.
69
Abs.
1
bis
IVG) und auf
Fr.
200.-- festzusetzen. Entsprechend dem Ausgang des Verfahrens sind sie der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen.
3.2
Nach ständiger Rechtsprechung gilt die Rückweisung der Sache an die Verwal
tung zur weiteren Abklärung und neuen Verfügung als vollständiges Obsiegen (BGE 137 V 57 E. 2.2), weshalb
die
vertretene Beschwerdeführer
in
Anspruch auf eine Prozessentschädigung hat.
Nach
§
34
Abs.
3 GSVGer bemisst sich die Höhe der gerichtlich festzusetzenden Entschädigung nach der Bedeutung der Streitsache, der Schwierigkeit des Prozes
ses und dem Mass des Obsiegens, jedoch ohne Rücksicht auf den Streitwert. Ge
mäss
§
8 in Verbindung mit
§
7
Abs.
1 der seit
1.
Juli 2011 in Kraft stehenden Verordnung über die Gebühren, Kosten und Entschädigungen vor dem Sozialver
sicherungsgericht (GebV SVGer) wird - auch im Rahmen der unentgeltlichen Rechtsvertretung - namentlich für unnötigen Aufwand kein Ersatz gewährt.
Der
von Rechtsanwältin
Susanne
Friedauer
mit Eingabe vom
7. Juli
2020 (Urk.
1
3
)
geltend gemachte Aufwand von 12
.
3 Stunden
und Barauslagen von Fr.
110.70 ist der Bedeutung der Streitsache und der Schwierigkeit des Prozesses
nicht angemessen, insbesondere aufgrund der Tatsache, dass
sie
die Beschwerde
führerin
ab August 2019
schon im Vorbescheidverfahren vertrat und die Akten
somit
bekannt waren. Namentlich erscheint ein
pauschaler
Aufwand von
10.4
Stunden für
das Aktenstudium und das Verfassen der
Beschwerdeschrift über
höht. Angesichts der zu studierenden Aktenstücke der Beschwerdegegnerin, der
21
-sei
tigen Beschwerdeschrift (Urk.
1)
,
de
r
Aufwendungen im Zusammenhang mit dem Gesuch um unentgeltliche
Rechtsverbeiständung
sowie mit Blick auf die in ähnlichen Fällen zugesprochenen Beträge ist die Prozessentschädigung bei An
wendung des gerichtsüblichen Stundenansatzes von
Fr.
220.-- (zuzüglich Mehr
wertsteuer) auf
Fr.
2'
7
00.--
(inkl.
MwSt
und Barauslagen)
festzusetzen.
3.3
Entsprechend erweist sich das Gesuch de
r
Beschwerdeführer
in
um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege (
Urk.
1 S. 2) als gegenstandslos.