Decision ID: b8b86a1b-c1e7-5ecd-90d8-c678510daee8
Year: 2020
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich im Juni 2010 zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung an (IV-act. 1 und 5). Der Anmeldung lag ein Abschlusszeugnis
bei, laut dem die Versicherte in ihrem Herkunftsland eine Ausbildung zur
Geschäftssekretärin abgeschlossen hatte (IV-act. 7). Das Muskelzentrum des
Kantonsspitals St. Gallen berichtete im Juni 2010 (IV-act. 19–1 f.), die Versicherte leide
an einem linksbetonten cervico-brachialen Schmerz mit einer Hyperkontraktion des
Musculus trapecius, die vereinbar mit dem Vorliegen einer fokalen Dystonie sei, an
einem Status nach einem Schleudertrauma der Halswirbelsäule mit einem
chronifizierten Schmerzsyndrom sowie an einem Status nach einer Botulinum-Toxin-
Injektion in den linken Musculus trapecius mit akuten massiven Schmerzen, aber auch
einer Rückbildung der Dystonie. Zudem bestehe der Verdacht auf einen
medikamenteninduzierten Kopfschmerz. Die Arbeitgeberin der Versicherten teilte der
IV-Stelle im Juli 2010 mit (IV-act. 27), die Versicherte arbeite seit April 2002 als
Annäherin für sie. Von Ende Februar 2010 bis Ende Mai 2010 und dann ab Ende Juni
2010 sei das Pensum von zuvor 100 Prozent auf 50 Prozent reduziert worden. Der
Jahreslohn für ein Vollpensum betrage 42’894.80 Franken. Bereits Ende Juni 2010
hatte der Internist Dr. med. B._ telefonisch Dr. med. C._ vom IV-internen
regionalen ärztlichen Dienst (RAD) berichtet (IV-act. 31), die Versicherte sei seit Februar
2010 wegen vermehrter Schulter-Nacken-Armschmerzen zu 50 Prozent arbeitsunfähig
geschrieben. Eigentliche Funktionsausfälle bestünden nicht. Die Schulter sei
abgesehen von einem Schulterhochstand links frei beweglich. Die Halswirbelsäule sei
dagegen wegen eines erhöhten Muskeltonus nicht frei beweglich. Es lägen aber keine
Blockaden und auch keine neurologischen Ausfälle vor. Die rohe Kraft in den Armen sei
nicht eingeschränkt. Die Versicherte führe die Beschwerden auf einen im November
A.a.
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2006 erlittenen Auffahrunfall zurück. Sie sei nach dem Unfall aber über längere Zeit
beschwerdefrei gewesen. Die Unfallversicherung habe eine Leistungspflicht mit einer
Verfügung vom 29. September 2009 mit der Begründung verweigert, es bestehe kein
Kausalzusammenhang zwischen den geltend gemachten Beschwerden und dem
Unfall.
Im Auftrag der IV-Stelle erstattete das Zentrum für medizinische Begutachtung
(ZMB) am 25. April 2013 ein polydisziplinäres Gutachten (IV-act. 113). Der internistische
Sachverständige Dr. med. D._ hielt fest, die Versicherte leide an einer Osteoporose
(anamnestisch) sowie an epigastrischen Schmerzen bei einer Refluxoesophagitis.
Zudem liege ein gefährlicher Gebrauch von Benzodiazepinen vor. Diese Diagnosen
schränkten die Arbeitsfähigkeit der Versicherten nicht ein. Die rheumatologische
Sachverständige Dr. med. E._ führte aus, die Versicherte leide an einem chronischen
Cervicobrachialsyndrom links bei einer ausgeprägten muskulären Dysbalance mit
einem Schulterhochstand links und einer konsekutiven skoliotischen Fehlhaltung der
Brustwirbelsäule, bei einem Status nach einer Distorsion der Halswirbelsäule und bei
einer Generalisierungstendenz. Theoretisch seien ihr leichte, wechselbelastende und
rückenadaptierte Tätigkeiten unter Ausschluss sämtlicher Arbeiten mit den Armen über
der Horizontalen zumutbar. Aufgrund der Schmerzproblematik sei die
Leistungsfähigkeit aber um 30 Prozent eingeschränkt. Der neurologische
Sachverständige Dr. med. F._ hielt fest, die Versicherte leide an einem Status nach
einem cervicalen Beschleunigungstrauma (QTF-Klassifikation II), an einer verzögert
aufgetretenen schmerzhaften segmentalen Dystonie im Sinne eines Torticollis
spasmodicus, an einem Status nach einer dreimaligen Botox-Injektion, an einer
chronischen Cephalea sowie an chronischen cervico-cephalen Schmerzen. Das
klinische Bild entspreche einer sogenannten fokalen Dystonie und zwar der häufigsten
Variante, nämlich einer cervicalen Dystonie mit einer Ausbreitung auf die Schulter und
möglicherweise auf die obere linke Thoraxhälfte. Eine symptomatische Dyskinesie sei
aufgrund des Verlaufs und der erfolgten neurologischen Abklärung am Kantonsspital
St. Gallen weitgehend ausgeschlossen. Der Befund im Neurostatus sei mit Ausnahme
des kontrakten Zustandes mit einer hochgezogenen linken Schulter ganz unauffällig
gewesen. Schwer verständlich sei die Tatsache, dass die Versicherte seit mehr als
zehn Jahren an dem genau gleichen, aus neurologischer Sicht als sehr ungünstig zu
A.b.
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bezeichnenden Arbeitsplatz tätig sei. Der psychiatrische Sachverständige Dr. med.
G._ führte aus, die Versicherte leide an einer anhaltenden somatoformen
Schmerzstörung mit dissoziativen Anteilen. Zudem liege ein gefährlicher Gebrauch von
Benzodiazepinen vor. Diagnostisch relevant seien nebst der seit Jahren anhaltenden
breiten Schmerzproblematik deutliche emotionale Konflikte beziehungsweise
psychosoziale Probleme, namentlich die grosse Belastung infolge der Hyperaktivität
des Sohnes, der in einer heilpädagogischen Schule gefördert werde und der ein
schwieriges Kind sei, sowie die schwierige Arbeitsplatzsituation mit einer Schichtarbeit
beider Ehepartner, mit der Angst der Versicherten vor einem Stellenverlust und mit
einer angespannten finanziellen Situation. Die sogenannten Foerster’schen Kriterien
seien nicht erfüllt. Angesichts einer differentialdiagnostisch nicht ausgeschlossenen
gemischten Angst- und depressiven Störung bestehe eine Rendementverminderung
von 20 Prozent. Nach der Konsensbesprechung hielten die Sachverständigen fest, für
die bisherige, weiterhin ausgeübte Tätigkeit bestehe aus interdisziplinärer Sicht seit
Januar 2010 eine Arbeitsfähigkeit von 50 Prozent. Für eine Tätigkeit an einem
adaptierten Arbeitsplatz sei eine leicht höhere Arbeitsfähigkeit von 60–70 Prozent zu
attestieren. Die RAD-Ärztin Dr. C._ qualifizierte das Gutachten als überzeugend (IV-
act. 115). Die IV-Stelle ermittelte ausgehend von einem Arbeitsunfähigkeitsgrad von 35
Prozent einen Invaliditätsgrad von 31,75 Prozent (IV-act. 116). Mit einer Verfügung vom
12. August 2013 wies sie das Rentenbegehren der Versicherten ab (IV-act. 124).
Das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen hiess eine gegen die Verfügung
vom 12. August 2013 erhobene Beschwerde mit einem Entscheid IV 2013/428 vom 22.
Januar 2016 teilweise gut (vgl. IV-act. 143). Es hielt fest, nachdem das Bundesgericht
zwischenzeitlich seine Rechtsprechung zu den sogenannten pathogenetisch-
ätiologisch unklaren syndromalen Beschwerdebildern ohne eine nachweisbare
organische Genese („Päusbonog“) geändert habe, sei die Schlussfolgerung im
Gesamtgutachten, die vom psychiatrischen Sachverständigen attestierte Verminderung
des Rendements von 20 Prozent müsse ignoriert werden, nicht mehr zulässig. Das
psychiatrische Teilgutachten müsse um eine Indikatorenprüfung im Sinne der neuen
bundesgerichtlichen Rechtsprechung ergänzt werden. Der psychiatrische
Sachverständige habe sich ergänzend auch zu den Berichten der behandelnden
Psychiaterin Dr. med. H._ zu äussern. Dem neurologischen Teilgutachten lasse sich
A.c.
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nicht eindeutig entnehmen, ob der Sachverständige von einer psychogenen oder von
einer neurologisch bedingten Dystonie ausgegangen sei. Hierzu habe sich der
neurologische Sachverständige ergänzend zu äussern. Sollte er von einer psychogenen
Dystonie ausgehen, werde er eine Indikatorenprüfung im Sinne der neuen
bundesgerichtlichen Rechtsprechung vornehmen müssen. Der rheumatologische
Sachverständige habe sich schliesslich zur Frage zu äussern, ob ein Zusammenhang
zwischen der von ihm diagnostizierten muskulären Dysbalance und der Dystonie
bestehe. In diesem Sinne sei die Sache zur Ergänzung des Gutachtens des ZMB und
zur anschliessenden neuen Verfügung an die IV-Stelle zurückzuweisen. Die IV-Stelle
forderte in der Folge die behandelnden Ärzte auf, einen Verlaufsbericht einzureichen.
Die Internistin Dr. med. I._ berichtete im April 2016 (IV-act. 149), die bisherige
Tätigkeit sei der Versicherten wegen der einseitigen Haltung nur noch vorübergehend
bis zum Abschluss der von der Versicherten zwischenzeitlich begonnenen Ausbildung
zur Büro-Kauffrau zumutbar. Die Psychiaterin Dr. H._ gab im Mai 2016 an (IV-act.
158), die Versicherte leide an einer anankastischen, zwanghaften
Persönlichkeitsstörung, an einer sonstigen phobischen Störung, an einer
traumatisierenden Angststörung, an einer andauernden Persönlichkeitsstörung mit
einem chronischen Schmerzsyndrom, an einem schädlichen Gebrauch von nicht
abhängigkeitserzeugenden Substanzen sowie an einem Xanax-Missbrauch. Auf die
Empfehlung von Dr. H._ hin habe die hochgradig zwanghafte und disziplinierte
Versicherte zwischenzeitlich mehrere Deutsch-Prüfungen (Niveau B1 im Juni 2014,
Niveau B2 im Dezember 2014) bestanden; sie besuche einen Privatunterricht zur
besseren Einübung in die deutsche Sprache und bereite sich momentan auf die
Abschlussprüfungen einer Handelsschule vor. Seit Jahren bestehe eine
Arbeitsunfähigkeit von 50 Prozent. Die Neurologin Dr. J._ teilte im Mai 2016 mit (IV-
act. 160), die Versicherte leide an einer segmentalen Dystonie mit einer zunehmenden
cervico-thoracalen, linkskonvexen Skoliose und einer beginnenden Gibbusbildung
links. Für die angestammte Tätigkeit sei eine Arbeitsfähigkeit von 40 Prozent zu
attestieren, denn bei einem zumutbaren Pensum von 50 Prozent sei die
Leistungsfähigkeit der Versicherten schmerzbedingt auf 80 Prozent (dieser 50 Prozent)
eingeschränkt. Eine leidensadaptierte Tätigkeit sei zu 50 Prozent zumutbar. Im Juli
2016 beauftragte die IV-Stelle das ZMB mit einer Verlaufsbegutachtung auf der
Grundlage des standardisierten Fragenkataloges (IV-act. 162). Sie stellte die folgenden
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(vom RAD ausgearbeiteten) Zusatzfragen: „Wie ist die Arbeitsfähigkeit in angestammter
und adaptierter Tätigkeit aus rein psychiatrischer Sicht zu beurteilen, wenn die (2013
als ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit eingeordnete) Diagnose einer anhaltenden
somatoformen Schmerzstörung mit dissoziativen Anteilen im Sinne einer Prüfung der
massgeblichen neuen Standardindikatoren gemäss dem Bundesgerichtsentscheid
BGE 141 V 281 beurteilt wird? Ändert sich dadurch die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit
in angestammter und in adaptierter Tätigkeit insgesamt und im Konsens? Wie
beurteilen Sie die Einlassungen von Frau Dr. H._, dass die Diagnose einer
anhaltenden somatoformen Schmerzstörung im Widerspruch zu der klaren
somatischen Diagnose steht? [...] Ordnen Sie die Dystonie überwiegend als
Beschwerdebild ohne organische Grundlage oder im Wesentlichen als somatisches
Leiden ein? [...] Steht die rheumatologisch festgestellte muskuläre Dysbalance im
Zusammenhang mit der Dystonie? [...] Wie ist (im Konsens) die Arbeitsfähigkeit
(insgesamt) in angestammter und in adaptierter Tätigkeit zu beurteilen, wenn Ihre
Antworten auf die Zusatzfragen 1–4 in die Bewertung einbezogen werden und das
Beschwerdebild als Ganzes im Sinne einer Prüfung der massgeblichen neuen
Standardindikatoren gemäss dem Bundesgerichtsentscheid BGE 141 V 281 beurteilt
wird? Die Versicherte arbeitet wohl immer noch am alten (nur bedingt adaptierten)
Arbeitsplatz als Näherin, wobei vermutlich wiederholt Zwangshaltungen und stereotype
Bewegungen erforderlich sind. Erwarten Sie an einem besser adaptierten Arbeitsplatz
auch unter den Gesichtspunkten der neuen Rechtsprechung eine höhere
Arbeitsfähigkeit? Wie beurteilen Sie mit Blick auf den neurologischen Verlauf seit 2013
das Risiko einer weiteren Verschlechterung der Dystonie am bisherigen Arbeitsplatz in
Abwägung mit dem Risiko einer psychischen Dekompensation unter den typischen
Belastungen eines Arbeitsplatzwechsels? Empfehlen Sie (unabhängig von der
erreichbaren Arbeitsfähigkeit) in Abwägung dieser Risiken aus rein medizinischer Sicht
den Versuch eines Arbeitsplatzwechsels an einen besser adaptierten Arbeitsplatz?“ (IV-
act. 167–3).
Am 31. Januar 2017 erstattete das ZMB das in Auftrag gegebene
Verlaufsgutachten (IV-act. 193). Der internistische Sachverständige Dr. med. K._ hielt
fest, aus allgemeinmedizinischer Sicht könne keine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit
attestiert werden. Der rheumatologische Sachverständige Dr. med. L._ führte aus,
A.d.
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die Versicherte leide an einer ausgeprägten muskulären Dysbalance mit einem
Schulterhochstand links, an einer skoliotischen Fehlhaltung der Hals- und
Brustwirbelsäule, an einem chronischen Cervicalsyndrom, an einem Status nach einer
Distorsion der Halswirbelsäule sowie an einer Generalisierungstendenz der Schmerzen.
Aus rein rheumatologischer Sicht lägen keine schwergradigen Veränderungen vor. Die
erwähnten Ausweitungs- und Überlagerungszeichen könnten nicht einem eigentlichen
rheumatologischen Krankheitsbild zugeordnet werden. Bezüglich der diagnostizierten
Muskelproblematik sei auf das neurologische Teilgutachten zu verweisen. Die
neurologische Sachverständige Dr. med. M._ hielt fest, die Versicherte leide an
einem Status nach einem cervicalen Beschleunigungstrauma QTF-Klassifikation 2 mit
persistierenden cervico-brachialen Schmerzen links und einem verzögerten Auftreten
einer schmerzhaften segmentalen Dystonie im Sinne eines Torticollis spasmodicus
sowie an chronischen Kopfschmerzen bei einem Verdacht auf einen
Schmerzmittelübergebrauch. Die Symptomatik der vom Muskelzentrum des
Kantonsspitals St. Gallen im Jahr 2010 festgestellten fokalen respektive segmentalen
Dystonie mit Einbezug cervical- bis thoracal-innervierter Muskeln persistiere bis heute.
Sie habe auf die Behandlung mit Botulinumtoxin nicht angesprochen. Es handle sich
dabei um eine neurologische Erkrankung. Das gesamte Beschwerdebild sei als
mittelschwer zu qualifizieren. Die Versicherte sei insbesondere am aktuellen
Arbeitsplatz, der eine Belastung des linken Arms beinhalte, stark eingeschränkt. Die
chronische cervico-cephale Schmerzsymptomatik vermindere die Belastbarkeit
zusätzlich. Der psychiatrische Sachverständige Dr. G._ führte aus, die Versicherte
leide an akzentuierten Persönlichkeitszügen mit narzisstisch-leistungsorientierten
Anteilen, an einer anhaltenden somatoformen Schmerzstörung mit dissoziativen
Anteilen, an einer Benzodiazepin-Abhängigkeit sowie an einem schädlichen Gebrauch
von nicht abhängigkeitserzeugenden Substanzen. Die akzentuierten
Persönlichkeitszüge erreichten kein Ausmass, das es der Versicherten verunmöglicht
hätte, sich persönlich, schulisch, beruflich, sozial oder partnerschaftlich adäquat zu
entwickeln und zu positionieren. Die Versicherte verfüge sowohl im emotionalen als
auch im Leistungsbereich über eine gute Ressourcenlage. Eine Persönlichkeits- oder
Verhaltensstörung könne nicht diagnostiziert werden. Auch eine andauernde
Persönlichkeitsveränderung bei einem chronischen Schmerzsyndrom lasse sich nicht
diagnostizieren. Die Kriterien einer Zwangsstörung seien ebenfalls nicht erfüllt. Bei der
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Würdigung der Berichte von Dr. H._ falle auf, dass diese nicht zwischen den
somatischen und den psychischen Anteilen der Gesundheitsbeeinträchtigung
unterschieden habe. Zudem komme in den Berichten von Dr. H._ eine starke
Überforderung der Versicherten durch den Beruf, das Muttersein, den Haushalt, die
Ausbildung und die Schichtarbeit der beiden Ehegatten zum Ausdruck. Dr. H._ habe
die IV-fremden Faktoren aber nicht ausgeschieden. Nach der Konsensbesprechung
hielten die Sachverständigen fest, aus somatischer Sicht bestehe ein Status nach einer
Distorsion der Halswirbelsäule, wobei sich aber weder bildgebend noch klinisch
fassbare Befunde ergeben hätten, die noch auf einen direkten Zusammenhang der im
Vordergrund stehenden Beschwerden mit dem damaligen Ereignis hinweisen würden.
Nach dem Unfall habe sich ein lokales Krankheitsbild mit einer
Bewegungseinschränkung, einer Erhöhung des Muskeltonus und einer
Schmerzhaftigkeit entwickelt, das einem neurologischen Krankheitsbild zuzuordnen
sei. Weder aus allgemein-internistischer noch aus rheumatologischer Sicht liege ein
Krankheitsbild vor, das einen relevanten Anteil an der Beschwerdesymptomatik bilden
würde. Bei der fokalen Dystonie handle es sich um eine neurologische Erkrankung. Aus
neurologischer Sicht bestehe seit dem Auftreten der Dystonie im Jahr 2010 für die
bisherige Tätigkeit mit ihrer ungünstigen Belastung eine Arbeitsunfähigkeit von 80
Prozent. Für eine adaptierte Tätigkeit, bei der die Versicherte den linken Arm nur wenig
einsetzen müsse, bestehe seit dem Unfallereignis wegen der chronischen Schmerzen
eine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit von 20 Prozent. Auch aus psychiatrischer Sicht
sei eine Arbeitsunfähigkeit von 20 Prozent zu attestieren, die einer leistungsbezogenen
Verminderung des Rendements aufgrund der anhaltenden somatoformen
Schmerzstörung mit dissoziativen Anteilen entspreche. Da aus allgemein-internistischer
und aus rheumatologischer Sicht keine Arbeitsunfähigkeit zu attestieren sei und da
zwischen der neurologischen und der psychiatrischen Arbeitsfähigkeitsschätzung keine
additiven Effekte zu berücksichtigen seien, handle es sich bei der neurologischen
Arbeitsfähigkeitsschätzung zugleich auch um die gesamthafte, interdisziplinäre
Arbeitsfähigkeitsschätzung. Der RAD-Arzt Dr. med. N._ qualifizierte das Gutachten
als überzeugend (IV-act. 194).
Die IV-Stelle verglich den im Arbeitgeberfragebogen für das Jahr 2010
angegebenen, an die Nominallohnentwicklung 2010–2014 angepassten Lohn von
A.e.
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44’328 Franken als Valideneinkommen mit 80 Prozent des statistischen Zentralwertes
der Hilfsarbeiterinnenlöhne im Jahr 2014 von 53’793 Franken, also 43’034 Franken, als
Invalideneinkommen, was einen Invaliditätsgrad von 2,92 Prozent ergab (IV-act. 195).
Mit einem Vorbescheid vom 23. März 2017 teilte sie der Versicherten mit, dass sie die
Abweisung des Rentenbegehrens mangels eines rentenbegründenden
Invaliditätsgrades vorsehe (IV-act. 197). Dagegen liess die Versicherte am 11. Mai 2017
einwenden (IV-act. 198–1 ff.), der im Verlaufsgutachten attestierte Arbeitsfähigkeitsgrad
von 80 Prozent sei nicht nachvollziehbar, da die Sachverständigen des ZMB im ersten
Gutachten noch einen Arbeitsfähigkeitsgrad von 60–70 Prozent attestiert hätten und da
die Akten keinen Hinweis auf eine zwischenzeitliche Verbesserung des
Gesundheitszustandes enthielten. Der psychiatrische Sachverständige habe sich nicht
hinreichend mit den Berichten von Dr. H._ auseinandergesetzt. Am 26. Mai 2017
nahm Dr. H._ Stellung zum psychiatrischen Teilgutachten des ZMB (IV-act. 201–3 ff.).
Sie hielt fest, sie sei beim erstmaligen Lesen sprachlos ob des völlig unfassbaren
psychiatrischen Teilgutachtens gewesen. Die Versicherte leide nicht an einer
anhaltenden somatoformen Schmerzstörung, da ihre chronische Schmerzstörung
ausschliesslich organischer Genese sei. Zu bemängeln sei auch, dass der
psychiatrische Sachverständige Dr. G._ seine Diagnosen nicht nach ICD-10 codiert
habe, was für eine oberflächliche Erstellung des Gutachtens spreche. Der
Sachverständige habe offenbar übersehen, dass Dr. H._ die Versicherte zum Lernen
als Therapietätigkeit angehalten habe. Dadurch sei eine Umwandlung der
Zwanghaftigkeit in eine konkrete Lerntätigkeit bezweckt worden. Angesichts des
Umstandes, dass die Versicherte ihre Lernerfolge berufsbegleitend und nebst dem
Zweischichtsystem und der Versorgung von zwei Schulkindern erzielt habe, belege die
Zwanghaftigkeit der Versicherten. Der RAD-Arzt Dr. N._ notierte im September 2017,
dass sich der Stellungnahme von Dr. H._ keine neuen medizinischen Erkenntnisse
entnehmen liessen (IV-act. 202). Im Auftrag des RAD äusserte sich der psychiatrische
Sachverständige am 5. Dezember 2017 zu den Einwänden von Dr. H._ (IV-act. 209).
Er hielt fest, er könne akzeptieren, dass Dr. H._ die Gesamtproblematik anders
beurteile, er könne aber nicht verstehen, weshalb sie die Abweichungen nicht
argumentativ-sachverhaltlich angegangen sei. Als Sachverständiger habe er sich nicht
zur Therapie, sondern ausschliesslich zum Funktionsniveau der Versicherten äussern
dürfen, was er in seinem Teilgutachten getan habe. Die Argumentation von Dr. H._
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B.
gehe insofern an der Sache vorbei. Er stehe weiterhin vollumfänglich hinter dem
interdisziplinären Gutachten vom 31. Januar 2017. In einer Stellungnahme vom 6.
Februar 2018 bezeichnete Dr. H._ die Ausführungen von Dr. G._ als nicht
überzeugend (IV-act. 211–3 f.). Der RAD-Arzt Dr. N._ notierte am 6. März 2018 (IV-
act. 212), es sei wohl unbestritten, dass die schmerzhafte fokale beziehungsweise
segmentale Dystonie den Kern des vorliegenden Krankheitsbildes bilde. Die
Arbeitsfähigkeitsschätzung im ersten Gutachten des ZMB weiche nur um 10–20
Prozent von jener der behandelnden Ärzte ab. Im aktuellen zweiten Gutachten betrage
die Abweichung bei einer im Wesentlichen unveränderten medizinischen Sachlage 30
Prozent, allerdings unter der Annahme „ideal(isiert)er“ Adaptionsbedingungen. Der
Unterschied zwischen dem ersten und dem zweiten Gutachten (von 10–20 Prozent) sei
durch das unterschiedliche gutachterliche Ermessen in der Bewertung von eigentlich
eingliederungsfachlichen Überlegungen bedingt. Der Unterschied sei ausdrücklich
nicht mit einem wesentlich veränderten medizinischen Sachverhalt begründet worden.
Ein optimal adaptierter Arbeitsplatz dürfte allerdings mit Blick auf die von den
Sachverständigen des ZMB formulierten Adaptionskriterien nur „eine schwer zu
findende Ausnahme“ darstellen. Dieser Aspekt scheine im zweiten Gutachten sehr
nachrangig behandelt worden zu sein. Versicherungsmedizinisch sei die Annahme
einer Arbeitsfähigkeit von 50 Prozent oder 60 Prozent für eine adaptierte Tätigkeit gut
begründbar, wenn man im Rahmen des vertretbaren gutachterlichen Ermessens die Art
und die Ausprägung der vorliegenden Indikatoren stärker gewichte. Die Gewichtung
der Indikatoren obliege allerdings dem Rechtsanwender. Von einer neuerlichen
Begutachtung seien bei diesem klaren medizinischen Sachverhalt keine neue
Erkenntnis und keine höhere Aussagesicherheit zu erwarten. Mit einer Verfügung vom
5. April 2018 wies die IV-Stelle das Rentenbegehren der Versicherten mangels eines
rentenbegründenden Invaliditätsgrades ab (IV-act. 213). Der Verfügungsbegründung
liess sich entnehmen, dass die IV-Stelle von einer Arbeitsfähigkeit von 80 Prozent für
adaptierte Tätigkeiten ausgegangen war und dass der Einkommensvergleich lediglich
einen Invaliditätsgrad von drei Prozent ergeben hatte.
Am 9. Mai 2018 liess die Versicherte (nachfolgend: die Beschwerdeführerin) eine
Beschwerde gegen die Verfügung vom 5. April 2018 erheben (act. G 1). Ihr
B.a.
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Erwägungen
1.
Die Beschwerdegegnerin hat verfügt, ohne der Beschwerdeführerin vorgängig die
abschliessende Stellungnahme des RAD-Arztes Dr. N._ zur Kenntnis zu bringen. Mit
diesem Vorgehen könnte sie möglicherweise den Anspruch der Beschwerdeführerin
auf rechtliches Gehör (Art. 42 ATSG) verletzt haben. Die Beschwerdeführerin hat zwar
keine entsprechende Rüge vorgebracht, aber weil das Versicherungsgericht das Recht
von Amtes wegen anwenden muss, ist dessen ungeachtet zu prüfen, ob eine
Gehörsverletzung vorliegt. Bei der Stellungnahme des RAD-Arztes Dr. N._ handelt es
sich nicht um ein weiteres Beweismittel, sondern nur um eine (interne) Hilfestellung bei
der Würdigung des Beweiswertes des zweiten Gutachtens des ZMB durch die
Rechtsvertreter beantragte die Aufhebung der angefochtenen Verfügung, die
Zusprache einer halben Rente mit Wirkung ab dem 1. Januar 2011 und eventualiter die
Einholung eines Obergutachtens durch das Gericht. Zur Begründung führte er aus, die
Sachverständigen des ZMB hätten die von ihnen attestierte Verbesserung der
Arbeitsfähigkeit seit der ersten Begutachtung nicht hinreichend begründet. Das
psychiatrische Teilgutachten überzeuge nicht, wie Dr. H._ mit einer ausführlichen
Begründung aufgezeigt habe. Der RAD-Arzt Dr. N._ sei offenbar ebenfalls davon
ausgegangen, dass die Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin auf dem ersten
Arbeitsmarkt nicht mehr verwertbar sei. Überhaupt sei fraglich, ob noch eine
Ergebnisoffenheit der Sachverständigen des ZMB vorgelegen habe, da diese hätten
versucht sein können, ihr erstes Gutachten zu verteidigen.
Die IV-Stelle (nachfolgend: die Beschwerdegegnerin) beantragte am 6. Juni 2018
die Abweisung der Beschwerde (act. G 4). Zur Begründung führte sie an, das
Verlaufsgutachten des ZMB sei in jeder Hinsicht überzeugend. Die Abweichung von
zehn Prozent bei der Arbeitsfähigkeitsschätzung gegenüber dem ersten Gutachten falle
nicht ins Gewicht. Zudem sei das erste Gutachten vom Versicherungsgericht als nicht
beweiskräftig qualifiziert worden. Die Stellungnahmen von Dr. H._ weckten keine
Zweifel an der Zuverlässigkeit des Verlaufsgutachtens des ZMB.
B.b.
Die Beschwerdeführerin liess am 5. Juli 2018 an ihren Anträgen festhalten (act. G
7).
B.c.
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Sachbearbeitung der Beschwerdegegnerin. Diese Stellungnahme liefert deshalb keine
zusätzliche Sachverhaltserkenntnis, weshalb fraglich ist, ob die Beschwerdegegnerin
überhaupt im Sinne des Art. 42 ATSG verpflichtet gewesen ist, sie der
Beschwerdeführerin zur Kenntnis zu bringen. Diese Frage kann aber offen bleiben, weil
die Beschwerdeführerin diesen formellen Mangel nicht gerügt, sondern in ihren
Eingaben zuhanden des Versicherungsgerichtes eindeutig zum Ausdruck gebracht hat,
dass sie eine rasche materielle Beurteilung einer Behebung von etwaigen formellen
Mängeln vorzieht.
2.
Mit der angefochtenen Verfügung vom 5. April 2018 hat die Beschwerdegegnerin das
Rentenbegehren der Beschwerdeführerin vom Juni 2010 abgewiesen. Den Gegenstand
dieses Beschwerdeverfahrens bildet folglich die Frage nach einem allfälligen
Rentenanspruch der Beschwerdeführerin in der massgebenden Zeit nach der
Anmeldung zum Leistungsbezug im Juni 2010. Diese Frage ist umfassend zu prüfen,
weil es sich um eine erstmalige Anmeldung zum Leistungsbezug gehandelt hat.
3.
Gemäss dem Art. 28 Abs. 1 IVG hat eine versicherte Person einen Anspruch auf
eine Rente der Invalidenversicherung, wenn ihre Erwerbsfähigkeit nicht durch
zumutbare Eingliederungsmassnahmen wieder hergestellt, erhalten oder verbessert
werden kann, wenn sie während eines Jahres ohne einen wesentlichen Unterbruch
durchschnittlich mindestens 40 Prozent arbeitsunfähig gewesen ist und wenn sie nach
dem Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 Prozent invalid ist. Für die Bemessung der
Invalidität wird das Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach dem Eintritt
der Gesundheitsbeeinträchtigung und nach der Durchführung der medizinischen
Behandlung sowie allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare
Tätigkeit bei einer ausgeglichenen Arbeitsmarktlage erzielen könnte, in Beziehung zu
jenem Erwerbseinkommen gesetzt, das sie erzielen könnte, wenn sie gesund geblieben
wäre (Art. 28a Abs. 1 IVG i.V.m. Art. 16 ATSG).
3.1.
Die Beschwerdeführerin hat zwar in ihrem Herkunftsland eine Ausbildung zur
Geschäftssekretärin absolviert, aber diese Ausbildung ist in der Schweiz nicht
anerkannt. Zudem dürften sprachliche Schwierigkeiten und fehlende fachliche
Kenntnisse (insbesondere mangelnde EDV-Kenntnisse) eine Tätigkeit als
Geschäftssekretärin verunmöglicht haben. Deshalb hat die Beschwerdeführerin nicht
als Geschäftssekretärin, sondern als Hilfsarbeiterin gearbeitet. Zu Beginn des Jahres
3.2.
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2017 hat die Beschwerdeführerin (trotz ihrer Gesundheitsbeeinträchtigung) eine
Ausbildung zur Büro-Kauffrau und eine Handelsschulausbildung abgeschlossen. Es
liegt auf der Hand, dass sie diese Ausbildungen auch ohne die
Gesundheitsbeeinträchtigungen hätte abschliessen können. Folglich liegt hier ein –
seltener – Fall einer (hypothetischen, nämlich auf den fiktiven sogenannten
„Gesundheitsfall“ bezogenen) relevanten Veränderung der Validenkarriere im
massgebenden Zeitraum vor: Für die Zeit bis Ende 2016 hat die Validenkarriere in der
Verrichtung einer Hilfsarbeit bestanden, aber für die Zeit ab dem Jahresbeginn 2017 ist
von einer Validenkarriere als kaufmännische Angestellte auszugehen. Diese
Entwicklung wirkt sich allerdings nicht auf den Invaliditätsgrad aus, weil die
Invalidenkarriere – nicht nur fiktiv, sondern tatsächlich – dieselbe Entwicklung
durchlaufen hat und weil der Beschwerdeführerin gemäss den nachfolgenden
Erwägungen sowohl eine ideal leidensadaptierte Hilfsarbeit als auch eine ideal
leidensadaptierte Tätigkeit als kaufmännische Angestellte grundsätzlich zumutbar
gewesen ist. Das bedeutet, dass der Ausgangswert des zumutbarerweise erzielbaren
Invalideneinkommens während des gesamten massgebenden Zeitraums dem
Valideneinkommen entsprochen hat, weshalb der Betrag bei der Berechnung des
Invaliditätsgrades mathematisch keine Rolle spielen kann. Der Invaliditätsgrad ist also
anhand eines sogenannten Prozentvergleichs zu berechnen, das heisst er entspricht
dem Arbeitsunfähigkeitsgrad, allenfalls korrigiert um einen sogenannten Abzug vom
Tabellenlohn.
Für die Bestimmung des Arbeitsunfähigkeitsgrades sind in erster Linie die
medizinischen Akten massgebend. Im Vordergrund steht das Verlaufsgutachten des
ZMB als aktuellstes und umfassendstes medizinisches Aktenstück. Dr. H._ hat in
ihren Stellungnahmen ihr Befremden darüber zum Ausdruck gebracht, dass die
Beschwerdeführerin zweimal vom selben psychiatrischen Sachverständigen
begutachtet worden sei. Dabei hat sie aber offenbar verkannt, dass das
Versicherungsgericht die Beschwerdegegnerin nach der ersten Begutachtung durch
das ZMB nicht angehalten hatte, ein Obergutachten einzuholen, sondern dass es die
Beschwerdegegnerin vielmehr verpflichtet hatte, das erste Gutachten des ZMB
ergänzen zu lassen, weil dieses noch nicht alle relevanten Fragen eindeutig
beantwortet hatte. Deshalb war es unumgänglich, dieselbe medizinische
Abklärungsstelle wie bei der ersten Begutachtung – also das ZMB – mit der
Beantwortung der Ergänzungsfragen zu beauftragen. Auch für die Stellungnahme zum
zwischenzeitlichen Verlauf seit der ersten Begutachtung ist das ZMB die geeignetste
Begutachtungsstelle gewesen, weil die Sachverständigen nach der ersten
Begutachtung bereits mit dem Sachverhalt vertraut gewesen sind und weil sie sich
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folglich ein eigenes Bild vom zwischenzeitlichen Verlauf haben machen können.
Entgegen der Ansicht von Dr. H._ ist es also nicht befremdlich, sondern vielmehr
sinnvoll gewesen, dass die Beschwerdeführerin nochmals von Dr. G._ psychiatrisch
begutachtet worden ist. Aus dem Umstand, dass das ZMB bereits zu einem früheren
Zeitpunkt ein Gutachten erstattet hatte, kann deshalb kein objektiver Anschein der
Befangenheit der Sachverständigen abgeleitet werden. Dem Gutachten lässt sich
entgegen der Befürchtung des Rechtsvertreters der Beschwerdeführerin auch kein
Anhaltspunkt für eine fehlende Ergebnisoffenheit entnehmen. Die Sachverständigen
haben die Beschwerdeführerin nochmals umfassend persönlich untersucht und sie
haben die medizinischen Akten eingehend gewürdigt. Sie haben sich nicht darauf
beschränkt, die Diagnosestellung oder die Arbeitsfähigkeitsschätzung im ersten
Gutachten zu „verteidigen“, sondern sie haben ihre Diagnosen und ihre
Arbeitsfähigkeitsschätzung gestützt auf die von ihnen erhobenen objektiven klinischen
Befunde und mit einer überzeugenden Begründung von Grund auf „neu“ hergeleitet.
Bezüglich der Diagnosen hat eine weitgehende Übereinstimmung mit dem früheren
Gutachten und in somatischer Hinsicht auch mit den Berichten der behandelnden Ärzte
bestanden. Die nach der ersten Begutachtung noch offenen Fragen sind von den
Sachverständigen abschliessend und überzeugend beantwortet worden. Eine
vermeintliche Unstimmigkeit zeigt sich in somatischer Hinsicht nur bezüglich der
Arbeitsfähigkeitsschätzung, denn im ersten Gutachten hatten die Sachverständigen
lediglich eine Arbeitsfähigkeit von 60–70 Prozent, im zweiten Gutachten aber eine
solche von 80 Prozent attestiert. Angesichts der minimalen objektiven klinischen
Befunde und unter Berücksichtigung der stichhaltigeren Begründung der
Arbeitsfähigkeitsschätzung im zweiten Gutachten muss das Attest einer
Arbeitsfähigkeit von 80 Prozent für eine ideal leidensadaptierte Tätigkeit im zweiten
Gutachten als überzeugender als jenes im ersten Gutachten qualifiziert werden. In
somatischer Hinsicht haben nämlich nur eine Bewegungseinschränkung, eine
Erhöhung des Muskeltonus und eine Schmerzhaftigkeit im Bereich der linken Schulter
festgestellt werden können. Diese Beschwerden können sich in einer ideal
leidensadaptierten Arbeitstätigkeit ohne eine nennenswerte Belastung der linken
oberen Extremität nur geringfügig auf die Arbeitsleistung der Beschwerdeführerin
auswirken, nämlich in der Form eines erhöhten Pausenbedarfs aufgrund der
Schmerzen, die auch bei einer ideal leidensadaptierten Tätigkeit vorhanden sind, wie
die Sachverständigen des ZMB überzeugend aufgezeigt haben. Die im ersten
Gutachten des ZMB attestierte Arbeitsunfähigkeit von 30–40 Prozent in einer ideal
leidensadaptierten Tätigkeit überzeugt ebenso wenig wie die vom RAD-Arzt Dr. N._
als durchaus vertretbar bezeichnete Arbeitsunfähigkeit von 50 Prozent, denn immerhin
arbeitet die Beschwerdeführerin ja mittlerweile seit Jahren konstant zu 50 Prozent in
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einer ausgesprochen ungünstigen Tätigkeit. Zwar geht sie dabei über das an sich
medizinisch Zumutbare hinaus, aber trotzdem leuchtet es nicht ein, dass zwischen
einer ausgesprochen ungünstigen Tätigkeit und einer ideal leidensadaptierten Tätigkeit
nur eine geringe Differenz bezüglich des Arbeitsfähigkeitsgrades von 0–20 Prozent (bei
Berücksichtigung des effektiv ausgeübten Pensums) respektive von 30–50 Prozent (bei
Berücksichtigung des medizinisch zumutbaren Pensums für die angestammte
Tätigkeit) bestehen soll. Hinzu kommt, dass die Beschwerdeführerin nicht bloss mehr
als das ihr aus medizinischer Sicht an sich zumutbare Pensum in der angestammten
Tätigkeit geleistet hat, sondern daneben auch noch in der Lage gewesen ist, sich
gemeinsam mit ihrem Ehemann um die Kinder zu kümmern, mehrere Deutschkurse
erfolgreich zu absolvieren und eine Handelsschulausbildung abzuschliessen, was
gesamthaft für eine hohe Leistungsfähigkeit trotz der Gesundheitsbeeinträchtigung
spricht. Zusammenfassend steht mit dem erforderlichen Beweisgrad der
überwiegenden Wahrscheinlichkeit fest, dass die Beschwerdeführerin aus somatischer
Sicht für eine ideal leidensadaptierte Tätigkeit zu (mindestens) 80 Prozent arbeitsfähig
ist.
In psychiatrischer Hinsicht besteht eine Übereinstimmung zwischen den beiden
(vom selben Sachverständigen) verfassten Teilgutachten des ZMB. Diese
Übereinstimmung betrifft sämtliche relevanten Aspekte, nämlich die von der
Beschwerdeführerin geschilderten Beschwerden, die erhobenen objektiven klinischen
Befunde, die Diagnosen und die Arbeitsfähigkeitsschätzung. Der psychiatrische
Sachverständige hat seine Diagnosestellung und seine Arbeitsfähigkeitsschätzung in
beiden Gutachten überzeugend begründet. Die behandelnde Psychiaterin Dr. H._ hat
zwar die Schlussfolgerungen des Sachverständigen als nicht lege artis bezeichnet,
aber ihre Stellungnahmen lassen die notwendige Objektivität vermissen. Dr. H._ hat
sich praktisch darauf beschränkt, ihre eigene Arbeitsfähigkeitsschätzung zu
verteidigen, wobei sie keine objektiven klinischen Befunde hat nennen können, die ihre
Einschätzung hätten untermauern können. Sie hat sich denn auch gar nicht zum
(beachtlichen) Funktionsniveau der Beschwerdeführerin geäussert, das ihrer
pessimistischen Arbeitsfähigkeitsschätzung diametral widerspricht. Ihr Hinweis, dass
die schulischen, berufsbegleitend absolvierten Ausbildungen auf einer therapeutischen
Empfehlung gefusst hätten, ist irrelevant, denn aus versicherungsmedizinischer Sicht
ist nur entscheidend, welche Arbeitsleistung die Beschwerdeführerin zumutbarerweise
erbringen kann. Die Ausführungen in den Stellungnahmen zum Gutachten des ZMB
zeigen, dass Dr. H._ befangen gewesen sein dürfte, was angesichts ihres
Behandlungsauftrages wenig überrascht. Jedenfalls sind die Ausführungen von Dr.
H._ nicht geeignet, Zweifel an der Überzeugungskraft der beiden psychiatrischen
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4.
Die Beschwerde ist abzuweisen. Die angesichts des durchschnittlichen
Verfahrensaufwandes auf 600 Franken festzusetzenden Gerichtskosten sind der
unterliegenden Beschwerdeführerin aufzuerlegen. Sie sind durch den geleisteten
Kostenvorschuss von 600 Franken gedeckt. Die unterliegende Beschwerdeführerin hat
keinen Anspruch auf eine Parteientschädigung.