Decision ID: 15d37ccb-1921-5fbb-acba-3f34ccc3e893
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die BF1-6 stellten am 8. November 2015 zusammen mit dem weiteren Kind
J._ (zunächst ebenfalls N [...], später infolge Volljährigkeit separiert
in N [...]) und einem Neffen beziehungsweise Cousin (K._; N [...])
im damaligen Empfangs- und Verfahrenszentrum (EVZ) Kreuzlingen Asyl-
gesuche. Seit dem 19. Januar 2016 sind sie rechtsvertreten. Anlässlich der
mit den BF1-3 durchgeführten Befragungen zur Person (BzP) vom 18. No-
vember 2015 und Anhörungen vom 6. und 7. November 2017 (mit Fortset-
zung der Anhörung des BF1 am 20. Dezember 2017) zu ihren Asylgründen
machten sie im Wesentlichen Folgendes geltend:
Sie seien ethnische Usbeken, eine (...)köpfige Familie und hätten – zu-
sammen mit K._ – (...) in L._ (im Folgenden: M._)
gelebt. Die BF1 und 2 seien seit dem Jahre (...) verheiratet. Der BF1 habe
in M._ ein (...)geschäft betrieben und in seinem Heimatdorf
N._ (Provinz Dschuzdschan) einen (...)laden, (...) und Grundstü-
cke besessen. Vor der Heirat sei der BF1 im Gebiet N._ (...) der
O._ unter General P._ gewesen und habe gegen die Taliban
gekämpft. Seit wenigen Jahren hätten die Taliban begonnen, ehemalige
(...) P._ in M._ umzubringen. Sie (die Beschwerdeführen-
den) seien aber stets in M._ wohnhaft geblieben, beziehungsweise
aus Angst um sein Leben sei der BF1 beziehungsweise die ganze Familie
angesichts der Bedrohungslage zwei bis drei Jahre vor der Ausreise bezie-
hungsweise vor der Anhörung nach N._ umgezogen, wobei er zu-
vor das (...)geschäft seinem Bruder (und Vater von K._) übergeben
sowie Haus und (...) verkauft und den (...)laden vermietet habe; bezie-
hungsweise die BF2 und die Kinder hätten zeitweise bei deren Verwandten
gewohnt. Persönlich sei der BF1 in M._ nie bedroht worden. In der
Nähe von N._ sei der BF1 eines Tages von den Taliban entführt, 14
bis 20 Tage festgehalten, befragt und mehrmals schwer geschlagen wor-
den. Die Freilassung sei auf Intervention von Weissbärtigen erfolgt, die den
Taliban klargemacht hätten, dass der BF1 sich schon länger nicht mehr am
bewaffneten Kampf beteilige und kranke Kinder habe; sein Bruder habe
zudem ein hohes Lösegeld bezahlt. Der Beschwerdeführer sei wegen sei-
ner Festnahme und Misshandlung in Afghanistan «durch alle Instanzen»
(insb. das Gesundheitsministerium) gegangen, jedoch sei ihm kein Schutz
gewährt worden, denn die Leute in der korrupten und von Taliban unter-
wanderten Regierung seien, abgesehen vom hilfsbereit gewesenen
https://de.wikipedia.org/wiki/Kategorie:Ort_in_der_Provinz_Dschuzdschan
E-1869/2018
Seite 3
P._, alles Verräter. Ein wichtiger Grund für die Ausreise seien indes-
sen die gesundheitlichen Probleme (...) an (...) leidender, auf (...) ange-
wiesener Kinder und die Aussicht auf Sicherstellung ihrer medizinischen
Behandlung im Ausland gewesen. Während die BF1 und 2 vor der Ausreise
sechs ihrer Kinder – darunter das (...) und kranke Kind (BF6) – in die Obhut
von Verwandten der BF2 in deren Heimatdorf Q._ gegeben hätten,
seien sie mit den andern fünf Kindern (BF3-6 und S.A.) Anfang Oktober
2015 legal und kontrolliert mit von P._ (...) auf dem Luftweg ab Ka-
bul mit Destination Türkei aus Afghanistan ausgereist; die (...) sei mit der
Rückkehrpflicht des BF1 zwecks Wiedereintritt in die Dienste P._
verbunden gewesen, welches Versprechen nun gebrochen sei und ihn in
eine zusätzliche Gefährdungslage bei einer allfälligen Rückkehr versetze.
Von der Türkei seien sie, nunmehr in Begleitung des in Istanbul getroffenen
K._, nach Griechenland und via Balkanroute nach Österreich und
Deutschland gelangt, um schliesslich am 8. November 2015 illegal in die
Schweiz weiterzureisen. Neben der (...)erkrankung ihrer Familie erwähnte
die BF2 ihre (...) Angeschlagenheit; zudem machte sie darauf aufmerk-
sam, dass sie im Gegensatz zu ihrem Mann und ihren Kindern nie zur
Schule gegangen sei.
Als Beweismittel gaben die Beschwerdeführenden ihre Reisepässe (aus-
ser jenem des BF1, der in der Türkei zurückgeblieben sei) und ihre Tazka-
ras (teilweise in Kopie) sowie Kopien des Führerscheins des BF1, des
Impfausweises der BF2 und einer weiteren Ausweiskarte zu den Akten.
Daneben reichten sie im Verlaufe des Verfahrens Familienfotos, ein foto-
grafiertes Dokument des Büros des Vizepräsidenten Afghanistans an das
afghanische Gesundheitsministerium betreffend die Behandlungsbedürf-
tigkeit der kranken Kinder und eine CD mit Filmmaterial der Hochzeit von
(...) ein. Bei einem weiteren Beweismittel handelt es sich um eine auf An-
zeige hin erstellte undatierte Bestätigung (inkl. Übersetzung) der Dorfältes-
ten und des Dorfvorstehers von N._ (Original in den Akten von
K._), aus welchem insbesondere eine Festnahme und Folterungen
des BF1 und von K._ sowie deren Freikaufung mittels Lösegeld
hervorgehen. Ferner wurde am 19. Juli 2019 – mithin bereits während der
Beschwerdehängigkeit – seitens der schweizerischen Grenzkontrollbehör-
den eine an den BF1 adressierte Postsendung mit einer Aufenthaltsbestä-
tigung und einer Hausverkaufsbestätigung betreffend den Bruder des BF1
zuhanden des SEM sichergestellt.
B.
Mit Verfügung vom 28. Februar 2018 – eröffnet am 1. März 2018 – stellte
E-1869/2018
Seite 4
das SEM fest, die BF1-6 erfüllten die Flüchtlingseigenschaft nicht, und
lehnte deren Asylgesuche ab. Gleichzeitig ordnete es ihre Wegweisung
aus der Schweiz an. Infolge Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzuges
(aufgrund der Grösse der Familie und aus medizinischen Gründen) ver-
zichtete es jedoch auf den Vollzug der Wegweisung und gewährte den Be-
schwerdeführenden die vorläufige Aufnahme. Mit separatem Begleitschrei-
ben des SEM selben Datums erhielten die Beschwerdeführenden Einsicht
in die editionspflichtigen Akten.
Mit Verfügung bereits vom 23. Februar 2018 lehnte das SEM auch das
Asylgesuch von J._ ab, unter gleichzeitiger Anordnung der Weg-
weisung aus der Schweiz und – im Gegensatz zu den BF1-6 – des Weg-
weisungsvollzuges.
C.
Mit Eingabe vom 28. März 2018 (und Ergänzungen vom 6. Dezember
2018, 5. und 25. Juli 2019, 15. August 2019 sowie vom 10. und 20. März
2020) erhoben die BF1-6 gegen die Verfügung vom 28. Februar 2018 Be-
schwerde beim Bundesverwaltungsgericht. Darin beantragen sie die Rück-
weisung der Sache an die Vorinstanz zur erneuten Sachverhaltsabklärung
und Neubeurteilung, eventualiter die Aufhebung der Dispositivziffern 1-3
unter Feststellung ihrer Flüchtlingseigenschaft und Gewährung des Asyls
sowie subeventualiter die Gewährung des Asyls unter Feststellung der
Flüchtlingseigenschaft des BF1 mit Einbezug der BF2-6. In verfahrens-
rechtlicher Hinsicht beantragten sie ferner nebst einer koordinierten Ver-
fahrensführung mit J._ (vgl. Beschwerde S. 10) die Gewährung der
unentgeltlichen Prozessführung inklusive Verzicht auf die Erhebung eines
Kostenvorschusses und Beiordnung der rubrizierten Rechtsvertreterin als
unentgeltliche Rechtsbeiständin.
Mit Eingabe gleichen Datums erhob auch der volljährige J._ beim
Bundesverwaltungsgericht Beschwerde gegen die ihn betreffende Verfü-
gung des SEM. Das Gericht versah jenes Verfahren mit der Geschäftsnum-
mer E-1864/2018 und führte beide Verfahren in der Folge koordiniert. Das
J._ betreffende Urteil ergeht ebenfalls mit heutigem Datum.
Das Asylverfahren von K._ endete mit Urteil des Bundesverwal-
tungsgerichts E-4880/2016 vom 7. März 2019, welches die vorinstanzliche
Abweisung dessen Asylgesuchs mit Anordnung der Wegweisung und des
Wegweisungsvollzuges (Verfügung des SEM vom 12. Juli 2016) rechts-
kräftig bestätigte.
E-1869/2018
Seite 5
D.
Mit Zwischenverfügung des Bundesverwaltungsgerichts vom 4. April 2018
wurden die mit der Beschwerde gestellten Gesuche um Gewährung der
unentgeltlichen Prozessführung, Verzicht auf die Erhebung eines Kosten-
vorschusses und amtliche Rechtsverbeiständung gutgeheissen.
E.
Am (...) wurde die BF9 geboren und praxisgemäss in das vorliegende Asyl-
und Beschwerdeverfahren integriert.
Die BF7 und 8 reisten am 27. November 2018 mittels (...) legal in die
Schweiz ein und wurden mittels Verfügung des SEM vom 20. Dezember
2018 in die vorläufige Aufnahme ihrer Eltern einbezogen sowie praxisge-
mäss ebenfalls in das vorliegende Asyl- und Beschwerdeverfahren inte-
griert.
Vier weitere Kinder beziehungsweise Geschwister der BF1-6 (R._,
S._, T._ und U._; ebenfalls N [...]) reisten am 11.
Februar 2020 ebenso mittels (...) legal in die Schweiz ein und stellten am
13. Februar 2020 eigene Asylgesuche mit eigenen Asylgründen. Mit unan-
gefochten gebliebener Verfügung vom 13. März 2020 lehnte das SEM de-
ren Asylgesuche unter Anordnung der Wegweisung ab, gewährte ihnen je-
doch infolge Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzuges die vorläufige
Aufnahme.
F.
Mit Instruktionsverfügung vom 16. Oktober 2020 bestätigte das Bundes-
verwaltungsgericht im Sinne einer Klarstellung die Parteieigenschaft der
BF7-9 im vorliegenden Beschwerdeverfahren, verneinte eine solche je-
doch betreffend deren am 11. Februar 2020 nachgereiste Geschwister
R._, S._, T._ und U._.
Mit derselben Instruktionsverfügung wurde das SEM zur Vernehmlassung
bis zum 5. November 2020 eingeladen.
G.
Mit Vernehmlassung vom 30. Oktober 2020 beantragt das SEM sinnge-
mäss die Abweisung der Beschwerde.
H.
Nachdem die beigeordnete Rechtsbeiständin mit Schreiben an das Bun-
E-1869/2018
Seite 6
desverwaltungsgericht vom 21. Oktober 2020 mitgeteilt hatte, die Be-
schwerdeführenden würden nicht mehr von ihr, sondern von «den Kollegen
der Rechtberatungsstelle (...)» vertreten, verfügte das Bundesverwal-
tungsgericht am 10. November 2020, dass an der mit Zwischenverfügung
vom 4. April 2018 verfügten Beiordnung der rubrizierten Rechtsvertreterin
als amtliche Rechtsbeiständin der Beschwerdeführenden festgehalten
werde. In der Begründung wies der Instruktionsrichter darauf hin, dass eine
amtliche Rechtsverbeiständung ein persönliches, vom öffentlichen Recht
beherrschtes Mandatsverhältnis begründe, welches von der mandatierten
Person weder einseitig aufgelöst noch weiterübertragen werden könne,
sondern die Beendigung des amtlichen Mandats eines formellen Gesuchs,
triftiger Gründe und der Entbindung durch das Gericht bedürfe; diese Vo-
raussetzungen seien vorliegend nicht gegeben.
Mit derselben Zwischenverfügung vom 10. November 2020 wurden die Be-
schwerdeführenden zur Einreichung einer Replik zur Vernehmlassung des
SEM vom 30. Oktober 2020 mit Frist bis zum 30. November 2020 eingela-
den.
I.
Mit Replik vom 30. November 2020 halten die Beschwerdeführenden sinn-
gemäss an ihren Begehren fest.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
E-1869/2018
Seite 7
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die
Beschwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben
ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf
die Beschwerde ist einzutreten.
1.5 Das Bundesverwaltungsgericht ist dem Antrag auf koordinierte Füh-
rung des vorliegenden Beschwerdeverfahrens mit jenem von J._ in
zeitlicher wie auch – soweit prozessgegenständlich möglich – in prozessu-
aler Hinsicht nachgekommen. Beide Urteile ergehen mit heutigem Datum.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken; (...) (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen oder
zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Be-
hörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für gege-
ben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
E-1869/2018
Seite 8
3.2 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
4.
4.1 Zur Begründung des ablehnenden Asylentscheids führte das SEM aus,
die geltend gemachten Verfolgungsvorbringen würden den Anforderungen
von Art. 7 AsylG an die Glaubhaftigkeit nicht genügen. So hätten sich die
drei befragten und angehörten Beschwerdeführenden betreffend ihren letz-
ten Wohnsitz – und ebenso den Wohnsitz der Geschwister des BF1 – in
Afghanistan in den letzten zwei bis drei Jahren vor der Ausreise
(M._, N._, Q._) mehrfach und erheblich widerspro-
chen, auch hinsichtlich der betreffenden Zeitspannen. Die diesbezüglichen
Aussagen würden überdies nicht mit jenen von K._ übereinstim-
men. Die auf Vorhalt unternommenen Erklärungen (insb. Verständigungs-
schwierigkeiten mit dem Dolmetscher und problematische Persönlichkeit
von K._) überzeugten bei Betrachtung der Protokolle (klare und un-
missverständliche Fragen und Antworten sowie Übereinstimmungen in an-
deren Punkten) nicht, seien zum Teil ausweichend oder generierten gar
weitere Widersprüche. Der erstmals in den Anhörungen geltend gemachte
Umzug der Familie zwei bis drei Jahre vor der Ausreise sei mithin als un-
beachtlicher Nachschub zu betrachten, was Zweifel am Wahrheitsgehalt
der Asylvorbringen aufkommen lasse, die zudem durch zahlreiche wider-
sprüchliche Angaben rund um die Lebensumstände von Familienmitglie-
dern und Verwandten noch verstärkt würden. Der angebliche Umzug von
der Stadt aufs Land sei ebenso unter dem Aspekt der allgemeinen Erfah-
rung und Logik des Handelns nicht nachvollziehbar, handle es sich doch
bei M._ um eine der sichersten und von der Regierung beherrsch-
ten Städte in Afghanistan, was denn auch durch K._ ausdrücklich
bestätigt worden sei. Demgegenüber befinde sich N._ in einer ab-
gelegenen, durch die Taliban beanspruchten Region. Dort seien zudem
weder (...) für die kranken Kinder noch deren medizinische Betreuung er-
hältlich und die hierfür notwendigen regelmässigen Reisen von N._
nach M._ und zurück seien angesichts des damit verbundenen Ge-
fährdungspotenzials nicht nachvollziehbar. Dies gelte ebenso für das Zu-
warten mit der Ausreise, zumal der Erlös aus dem Verkauf insbesondere
des Hauses eine umgehende Ausreise und die angestrebte medizinische
Behandlung der kranken Kinder im Ausland ermöglicht hätte. Auch könne
nicht nachvollzogen werden, dass die Taliban ohne erkennbaren Grund
E-1869/2018
Seite 9
zwanzig Jahre mit der Verfolgung von in M._ wohnhaften ehemali-
gen (...) des Generals P._ hätte zuwarten sollen; der BF1 selber
habe denn auch eine persönliche Bedrohung durch Taliban in M._
in Abrede gestellt. Mit dem somit als unglaubhaft zu qualifizierenden Um-
zug nach N._ werde den angeblichen dortigen Verfolgungshand-
lungen durch die Taliban die Grundlage entzogen. Die betreffenden Schil-
derungen der Entführung, rund zweiwöchigen Festhaltung und Misshand-
lungen des BF1 seien denn auch zwar detailreich und anschaulich, jedoch
mit zahlreichen Ungereimtheiten und massiven Widersprüchen zwischen
ihm und anderen Familienmitgliedern versehen. Beispielsweise habe
K._ keine Festhaltung durch die Taliban vorgebracht, sondern nur
eine kurze Anhaltung erwähnt. Die betreffenden Ausführungen des BF1 –
und ebenso seines Neffen K._ – stünden ausserdem in klarem Wi-
derspruch zum Inhalt der eingereichten, von seinem Bruder verfassten und
den Dorfältesten von N._ unterbreiteten undatierten Anzeige, wo-
nach beide (BF1 und K._) von den Taliban bedroht, festgenommen
und schwer misshandelt worden seien und der Dorfvorsteher wie auch die
Dorfältesten Zeugen davon gewesen seien. Angesichts der erkannten Un-
glaubhaftigkeit der Verfolgungsvorbringen könne auf eine eingehende
Würdigung der eingereichten Dokumente verzichtet werden, zumal Formu-
lare für Bestätigungsschreiben oder Anträge in Afghanistan überall käuflich
erhältlich seien und Dorfälteste erfahrungsgemäss geneigt seien, die ihnen
unterbreiteten Dokumente ungeprüft zu unterzeichnen. Die Familienfotos
und Hochzeitsaufnahmen seien im Übrigen für die angebliche Verfolgungs-
lage nicht beweistauglich. Es erübrige sich, die unglaubhaften Verfolgungs-
vorbringen auf ihre Asylrelevanz hin zu prüfen. Die Beschwerdeführenden
erfüllten die Flüchtlingseigenschaft nicht. Die gesetzliche Regelfolge der
Ablehnung des Asylgesuchs sei die Wegweisung aus der Schweiz.
4.2 In ihrer Rechtsmitteleingabe bekräftigen die Beschwerdeführenden zu-
nächst den erstinstanzlich geltend gemachten Sachverhalt und präzisieren
beziehungsweise ergänzen diesen punktuell. Bezugnehmend auf die vor-
instanzlichen Erwägungen räumen sie zwar aufgetretene Unstimmigkeiten
und Unklarheiten in ihren Aussagen ein, stellen aber dennoch fest, dass
die Unglaubhaftigkeitserkenntnis des SEM nicht überzeuge und von Vor-
eingenommenheit sowie Fehlern in der Verfahrensführung geprägt sei.
Zwar hätten die BF1-3 den Umzug von der Stadt aufs Land in den BzP je
nicht erwähnt. Das SEM verkenne aber, dass die BzP stark verkürzt durch-
geführt worden und die Fluchtgründe nicht Thema gewesen seien. Weiter
seien diese BzP nicht wie vermerkt auf Usbekisch, sondern auf Turkme-
nisch übersetzt worden, wobei der BF1, der nur mittelmässig Turkmenisch
E-1869/2018
Seite 10
spreche, jeweils als Zwischenübersetzer habe agieren müssen. Die Fra-
gen seien jeweils an ihn gerichtet gewesen, was dazu geführt habe, dass
er teilweise in die Antworten eingegriffen habe. Eine diesbezüglich (von der
Rechtsvertretung) an das SEM gerichtete und der Beschwerde beiliegende
Anfrage sei bislang unbeantwortet geblieben. Aufgrund seiner nur mittel-
mässigen Turkmenischkenntnisse habe der BF1 die Fragen nach dem letz-
ten Wohnort falsch verstanden und angenommen, es werde nach der
Stadt, in welcher er zuletzt gelebt habe, gefragt. Dies habe dazu geführt,
dass sämtliche diesbezüglichen Antworten in der BzP falsch erfasst wor-
den seien. Die in den Anhörungen gemachten Aussagen der Familienmit-
glieder zum Wohnort stimmten hingegen überein. Die abweichende Dar-
stellung von K._, wonach die Beschwerdeführenden lediglich drei
bis vier Monate vor der Ausreise in N._ gelebt hätten, falle nicht ins
Gewicht, zumal bei dessen Anhörung vermutlich auch Verständigungs-
probleme aufgetreten seien. Es ergebe sich somit, dass der Umzug von
M._ nach N._ nicht nachgeschoben sei. Dieser erscheine
zudem entgegen der Auffassung des SEM durchaus logisch und nachvoll-
ziehbar. Diesbezüglich habe das SEM den Sachverhalt nicht vollständig
ermittelt und unzutreffend gewürdigt, welche Mängel vor allem auf das
Fehlverhalten der Fachspezialistin zurückzuführen sei. Diese sei ihrer pra-
xisgemäss obliegenden grossen Verantwortung betreffend die Qualität ei-
ner Anhörung nicht nachgekommen, sondern habe mit ihrem konfrontati-
ven und teilweise despektierlichen Befragungsstil das erforderliche Mass
an Geduld, Respekt und Neutralität vermissen lassen. Diese Einschätzung
werde durch die Hilfswerksvertretung (HWV) auf den jeweiligen Unter-
schriftenblättern und in den beiliegenden HWV-Protokollen bestätigt. Sie
habe auf Unterbrechungen durch die Fachspezialistin sowie auf den Um-
stand hingewiesen, dass jene auf Bemerkungen und Ausführungen nicht
eingegangen sei. Der BF3 habe sodann trotz seines Kindesalters keine
kindsgerechte Anhörung erhalten und die unfreundlich, einschüchternd so-
wie wenig vertrauensvoll auftretende Fachspezialistin habe ihm das Bei-
sein der HWV verweigert. Die Anhörung insbesondere des BF1 sei sodann
entgegen der protokollierten Bemerkung der Fachspezialistin scheinbar
von mehreren Unterbrechungen geprägt gewesen, was auch die HWV be-
merkt habe. Die Fachspezialistin sei auf kleinen Widersprüchen herumge-
ritten und ihre Voreingenommenheit habe sie der HWV mittels Hinweis auf
die Unglaubhaftigkeit der Vorbringen kundgetan. Nachfragen zur Verfol-
gung des BF1 durch die Taliban seien nicht gestellt und diesbezügliche
weitere Recherchen nicht unternommen worden, womit sich der Sachver-
halt als unvollständig erstellt erweise und der Anspruch auf rechtliches Ge-
hör kassationsauslösend verletzt sei. Dies treffe insbesondere auch auf die
E-1869/2018
Seite 11
weiteren vom BF1 geltend gemachten Verfolgungsmomente betreffend die
Bedrohungslage von ehemaligen Anhängern von General P._ in
M._ sowie auf eine von letzterem ausgehende Bedrohung zu, da er
sich nicht an gemeinsame Abmachungen gehalten habe. Das SEM wäre
gehalten gewesen, die politischen Hintergründe zur fraglichen Zeit der da-
maligen Präsidentschaftswahlen zu recherchieren. Aber auch ohne Rück-
weisung der Sache an die Vorinstanz seien die Anforderungen an die
Glaubhaftmachung vorliegend erfüllt, da die Ausführungen überzeugend
und ferner detailreich und anschaulich seien, was auch das SEM einräume.
Das SEM verkenne weiter, dass die Taliban während der Gefangenschaft
des BF1 von dessen ehemaligen Tätigkeit als (...) des Generals (...)
P._ erfahren hätten, womit er seitens der Taliban als regierungsnah
gelte, mithin in eine Risikogruppe falle und begründete Furcht auch vor
künftiger asylrelevanter Verfolgung habe. Es ergebe sich, dass die Be-
schwerdeführenden, zumindest aber der BF1, Anspruch auf Zuerkennung
der Flüchtlingseigenschaft und Gewährung des Asyls hätten, betreffend die
BF2-9 zumindest in Form ihres Einbezugs in die Flüchtlingseigenschaft
und das Asyl des BF1.
Beschwerdeergänzend reichten die Beschwerdeführenden nebst den be-
reits erwähnten Beweismitteln und medizinischen Unterlagen betreffend
die Kinder weitere Dokumente ein, so Bestätigungen des BF1 betreffend
seinen Verkauf des Hauses und von Fahrzeugen in M._ im Jahre
2012, eine Bestätigung des Bruders des BF1 betreffend die Überschrei-
bung des (...)unternehmens in M._ vom BF1 an diesen Bruder im
Jahre (...), Bescheinigungen über (...) der kranken Kinder im Jahre 2015
(angeblich in N._) und ein Foto des BF1 vor der Klinik in
N._, ein vom (...) 2014 datierendes fotografiertes Dokument des
(...) an das afghanische Gesundheitsministerium betreffend die Behand-
lungsbedürftigkeit der kranken Kinder in der Türkei, Belege betreffend eine
am (...) April 2019 aufgegebene und von den schweizerischen Grenzkon-
trollbehörden aufgehaltene Postsendung aus Afghanistan mit insbeson-
dere einer Aufenthaltsbestätigung des Bruders des BF1 in N._ (vgl.
oben Bst. A am Ende) und angeblich Spitalrechnungen betreffend die Be-
handlung des BF1 nach dessen Misshandlungen sowie die Kopie einer Be-
stätigung (vom (...) August 2019) über die Herkunft der Beschwerdefüh-
renden aus dem Distrikt N._.
4.3 In seiner Vernehmlassung hält das SEM grundsätzlich an seinen bisher
eingenommenen Standpunkten fest. Es räumt ein, dass die BzP während
E-1869/2018
Seite 12
der damals kritischen Unterbringungssituation zu ungünstigen Bedingun-
gen stattgefunden hätten und der BF1 zu allen Befragungen aus Gründen
der besseren sprachlichen Verständigung beigezogen worden sei. Es sei
heute nicht mehr abschliessend nachvollziehbar, in welcher Sprache die
Kommunikation erfolgt sei; erfasst sei Usbekisch. Jedenfalls sei eine aus-
reichende Kommunikation offensichtlich gewährleistet gewesen, was den
protokollierten Gesprächsverläufen entnommen werden könne. Aufgetre-
tene Widersprüche – insbesondere betreffend den letzten Wohnort – seien
so nicht einfach durch sprachliche Schwierigkeiten erklärbar und die Asyl-
gründe seien auch nicht Gegenstand der BzP gewesen. Im Übrigen ver-
weist das SEM auf seine Erwägungen in der angefochtenen Verfügung.
Unter hypothetischer Annahme der Glaubhaftigkeit der Hintergründe einer
von den Taliban ausgehenden Verfolgungslage des BF1 und unter Berück-
sichtigung seines Profils als ehemaliger (...) des auch heute noch umstrit-
tenen Generals P._ wäre dennoch ein nach Art. 3 AsylG bedeutsa-
mes erhöhtes Verfolgungsinteresse an ihm zu verneinen. Er werde denn
auch im Gegensatz zu andern ehemaligen (...) nicht der Regierung zuge-
rechnet, da er seinen Dienst für P._ bereits (...) quittiert und sich in
sein familiäres und berufliches Zivilleben zurückgezogen habe und bis zur
Ausreise zwanzig Jahre lang völlig unbehelligt geblieben sei. Allfällige Be-
nachteiligungen im Jahre 2015 oder Befürchtungen erschienen insofern e-
her als Ausdruck von Rachsucht denn einer politischen Verfolgung, an-
dernfalls eine Freilassung unter Einflussnahme von Weissbärtigen oder
Dorfältesten auch nicht denkbar gewesen wäre. Eine Furcht vor künftiger
Verfolgung respektive der Vollzug einer Wegweisung wären somit unter
dem Aspekt der Zulässigkeit zu prüfen, worauf jedoch vorliegend ange-
sichts der gewährten vorläufigen Aufnahme ohnehin verzichtet werden
könne.
4.4 In ihrer Replik machen die Beschwerdeführenden geltend, der sinnge-
mässe Schluss des SEM, die Verständigung in den BzP sei ausreichend
gewesen, weil sowieso keine für die Asylbeurteilung wichtigen Punkte zur
Sprache gekommen seien, entbehre der Logik, da der letzte Wohnsitz vom
SEM bei der Beurteilung der Asylgründe als widersprüchlich festgestellt
worden sei. Zudem sei der Autor dieser Feststellung an den BzP nicht zu-
gegen gewesen, was die Sachverhaltsfeststellung erfahrungsgemäss er-
schwere. Weiter wirke die vorinstanzliche Differenzierung des Verfolgungs-
motivs betreffend den BF1 (Rachsucht statt politisches Motiv) gesucht und
zusammenhangslos; ein politisches Motiv sei weitaus wahrscheinlicher, da
der BF1 nur als politischer Gegner und später als Entführungsopfer Kon-
takt mit den Taliban gehabt habe. Die Verneinung eines politischen Motivs
E-1869/2018
Seite 13
mit dem weiteren Argument, dass der BF1 bloss entführt und durch Inter-
vention einflussreicher Fürsprecher freigelassen, nicht aber getötet worden
sei, erscheine sodann unsubstanziiert, zumal die Taliban bekanntlich in al-
len Bereichen des afghanischen Alltags Einfluss nähmen und mit den un-
terschiedlichsten Akteuren verhandelten und paktierten. Im Übrigen ver-
weisen die Beschwerdeführenden auf den Inhalt ihrer Beschwerde.
5.
5.1 Soweit die Beschwerdeführenden eine mangelhafte, insbesondere un-
vollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts wie auch
eine Verletzung des rechtlichen Gehörs durch Mängel in der Durchführung
der BzP und der Anhörungen rügen und die Verwertbarkeit der angefertig-
ten Befragungs- und Anhörungsprotokolle als Entscheidgrundlagen in
Frage stellen, ist vorab Folgendes in Erwägung zu ziehen:
5.1.1 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches
Gehör, welches als Mitwirkungsrecht alle Befugnisse umfasst, die einer
Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt
wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 144 I 11 E. 5.3; BVGE
2009/35 E. 6.4.1). Mit dem Gehörsanspruch korreliert die Pflicht der Be-
hörden, die Vorbringen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und in ihrer
Entscheidfindung angemessen zu berücksichtigen, was sich entsprechend
in einer sachgerecht anfechtbaren Entscheidbegründung niederzuschla-
gen hat (vgl. Art. 29 Abs. 2 BV; Art. 29, Art. 32 Abs. 1 und Art. 35 Abs. 1
VwVG). Nicht erforderlich ist, dass sich die Begründung mit allen Partei-
standpunkten einlässlich auseinandersetzt und jedes einzelne Vorbringen
ausdrücklich widerlegt (vgl. BGE 143 III 65 E. 5.2). Der Anspruch auf recht-
liches Gehör beschlägt nur die Feststellung des rechtserheblichen Sachver-
halts, nicht aber dessen rechtliche Würdigung. Die unrichtige oder unvoll-
ständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts bildet einen Be-
schwerdegrund und dem Bundesverwaltungsgericht obliegt gemäss
Art. 49 Bst. b VwVG beziehungsweise Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG eine
umfassende Sachverhaltskontrolle. Unrichtig ist die Sachverhaltsfeststel-
lung, wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidriger Sachverhalt zu-
grunde gelegt wird oder Beweise falsch gewürdigt worden sind; unvollstän-
dig ist sie, wenn nicht alle für den Entscheid rechtswesentlichen Sachum-
stände berücksichtigt werden (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungs-
verfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes, 3. Aufl., 2013,
Rz. 1043). Ermittelt das Bundesverwaltungsgericht eine fehler- oder lü-
ckenhafte Feststellung des Sachverhalts, hebt es die Verfügung auf und
E-1869/2018
Seite 14
weist die Sache an die Vorinstanz zurück, damit diese den rechtserhebli-
chen Sachverhalt neu und vollständig feststellt (vgl. MOSER/BEUSCH/KNEU-
BÜHLER, Prozessieren vor dem Bundesverwaltungsgericht, 2. Aufl. 2013,
Rz. 2.191; KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, a.a.O., Rz. 1155). Der Untersuchungs-
grundsatz gehört sodann zu den allgemeinen Grundsätzen des Verwal-
tungs- beziehungsweise Asylverfahrens (Art. 12 VwVG). Demnach hat die
Behörde von Amtes wegen für die richtige und vollständige Abklärung des
rechtserheblichen Sachverhaltes zu sorgen, die für das Verfahren notwen-
digen Unterlagen zu beschaffen, die rechtlich relevanten Umstände abzu-
klären und ordnungsgemäss darüber Beweis zu führen.
5.1.2 Unbestritten ist zunächst, dass in sämtlichen Protokollen der BzP Us-
bekisch als Übersetzungssprache vermerkt ist, die Asylgründe dort nicht
zur Sprache gekommen sind und der BF1 bei den Befragungen der BF2
und 3 im Hinblick auf die Vermeidung von Verständigungsschwierigkeiten
herangezogen wurde. Dass die Übersetzung auf Turkmenisch erfolgt sei,
stellt eine reine Parteibehauptung dar. Aufgrund der Akten ist vielmehr da-
von auszugehen, die Übersetzung sei auf Usbekisch erfolgt und der BF1
habe bei den BzP der BF2 – eine Analphabetin – und dem damals (...)-
jährigen BF3 als Vertrauensperson der letzten beiden agiert, wo Fragen
von diesen nicht oder nicht vollständig verstanden worden sind. Dabei ist
nicht gänzlich auszuschliessen, dass seitens des BF1 ein gewisses Einwir-
ken in die Antworten der BF2 und 3 stattgefunden habe. Dies wäre jeden-
falls bei den Asylgründen nicht statthaft, was vorliegend aber mangels ent-
sprechender Thematisierung in den BzP nicht relevant ist. Die BzP dienen
in erster Linie der Erfassung von Personalien, Herkunft, Wohnorten, Fami-
lien- und Verwandtschaftsverhältnissen, Reise- und Identitätsdokumenten
sowie der Reiseroute. Dies wird den Gesuchstellern in der Einleitung auch
so kommuniziert. Für die Begründung von Widersprüchen durchaus ver-
wertbar sind klare Aussagen in den Erstbefragungen (vgl. Entscheidungen
und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK]
1993 Nr. 3 und die seitherige konstante Bestätigung dieses Grundsatzent-
scheides in der Praxis), zumal vorliegend, wie in der Vernehmlassung des
SEM zutreffend ausgeführt, angesichts der protokollierten Gesprächsver-
läufe eine ausreichende Kommunikation gewährleistet war, die Fragen je-
weils klar gestellt wurden und auch die Antworten sprachlich klar ausgefal-
len sind. Dies gilt vorliegend insbesondere auch für die Angaben des letz-
ten Wohnortes, welcher von allen drei Befragten übereinstimmend, un-
missverständlich und wiederholt mit M._ bezeichnet und mittels Un-
terzeichnung der rückübersetzten Protokolle unterschriftlich bestätigt
wurde. Auch bei Berücksichtigung der zu jener Zeit aus Kapazitätsgründen
E-1869/2018
Seite 15
nicht einfachen Durchführung der BzP und selbst unter (hypothetischer,
aber aktenwidriger) Annahme einer Übersetzung auf Turkmenisch, sind
diese Antworten verwertbar. Der BF1 hat am Ende der BzP ausdrücklich
bestätigt, den Dolmetscher «gut verstanden» zu haben. Der Hinweis in der
Beschwerde, wonach der BF1 aufgrund seiner nur mittelmässigen Turkme-
nischkenntnisse die Fragen nach dem letzten Wohnort falsch verstanden
und im Sinne des letzten städtischen Lebensortes interpretiert habe,
wodurch sämtliche diesbezüglichen Antworten der BF1-3 in der BzP falsch
erfasst worden seien, verfängt auch für sich alleine besehen nicht. Eine
relevante qualitative Unterschiedlichkeit ist bei diesen beiden Begriffen –
im Gegensatz beispielsweise zu den Begriffspaaren Wohnort/Herkunftsort
oder Wohnsitzort/Aufenthaltsort – nicht zu erblicken. Zudem haben die BF1
und 2 in den BzP jeweils nicht nur Angaben auf Fragen nach dem Wohnort
gemacht, sondern ausdrücklich auch das Wort «gelebt» verwendet und je-
weils übereinstimmend M._ als diesen letzten Wohn- beziehungs-
weise Lebensort genannt (z.B. A5 und A6 je Ziff. 1.07). Der in der Replik
erhobene weitere Einwand, wonach das Thema des letzten Wohnsitzes
vom SEM durchaus zu einem solchen der Asylbegründung gemacht wor-
den sei, da es hierbei unter dem Aspekt der Beurteilung der Asylgründe
eine Widersprüchlichkeit festgestellt habe, kann nicht gehört werden. Dass
klare Aussagen zu den erwähnten Kernthemen einer BzP auch zur Un-
glaubhaftigkeitsbegründung von Asylsachverhalten heranziehbar sind,
steht ausser Frage; andernfalls beispielsweise die Täuschung über die
Identität in der BzP später nicht zur Unglaubhaftigkeitserkenntnis betref-
fend die in der Anhörung unter dieser Falschidentität deponierten Asyl-
gründe führen dürfte.
Das Gericht erachtet auch die betreffend die Anhörungen deponierten und
mittels HWV-Protokollen unterlegten Beanstandungen (Voreingenommen-
heit und Fehlverhalten der Fachspezialistin durch konfrontativen und teil-
weise despektierlichen Befragungsstil mit häufigen Unterbrechungen; nicht
kindergerechte sowie wenig vertrauensvolle, einschüchternde und un-
freundliche Anhörung des BF3 ohne Beisein der HWV; Herumreiten auf
kleinen Widersprüchen; unterlassene Nachfragen zur Verfolgung des BF1
durch die Taliban und Recherchen zu politischen Hintergründen in der frag-
lichen Zeit) als im Wesentlichen nicht stichhaltig. Dabei ist vorab klarzustel-
len, dass HWV-Protokolle interne Dokumente sind, die von der entsandten
Hilfswerksvertretung zuhanden des auftraggebenden Hilfswerks erstellt
werden und in wesentlichen Teilen auch persönliche Einschätzungen zur
materiellen Beurteilung von Asylgesuchen beinhalten. Insoweit sind sie –
E-1869/2018
Seite 16
im Gegensatz zum jeweils dem Anhörungsprotokoll angehängten Einwen-
dungs- und Beobachtungsblatt sowie in der Anhörung protokollierten Be-
merkungen der HWV – für die entscheidenden erst- und zweitinstanzlichen
Asylbehörden nicht bedeutsam. Unterbrechungen gehen insbesondere
beim BF1 durchaus aus dessen (zweiteiligem) Anhörungsprotokoll hervor,
wobei eine grosse Unterbrechung auf die Verteilung der Anhörung über
zwei Tage hinweg zurückzuführen ist. In der langdauernden freien Erzäh-
lung der Asylgründe sind keine Unterbrechungen erkennbar (vgl. vor-
instanzliche Akten A41 F6 und A43 F81). Interventionen andernorts durch
die Befragerin sind augenfällig die Konsequenz aus der Tatsache, dass die
Beschwerdeführenden mehrfach ausweichende und unpräzise Angaben
gemacht und Fragen nicht beantwortet haben oder Antworten auf nicht ge-
stellte Fragen gaben. Klar zurückzuweisen ist der Vorwurf der Herumreite-
rei auf kleinen Widersprüchen; er wird denn auch nicht näher ausgeführt,
und dem Thema des letzten Wohnortes kann jedenfalls nicht die sachver-
haltliche Wesentlichkeit abgesprochen werden. Erwähnenswert ist ebenso,
dass die Befragerin bemüht war, mittels gezielter Nachfragen Klarheit in
die teilweise ausweichenden, unpräzisen und wenig strukturierten Antwor-
ten zu bringen. Betreffend die Anhörung des BF3 ist festzuhalten, dass
diese aktenkundigerweise stets im Beisein der HWV durchgeführt wurde
und letztere sich gar mit Fragen einbrachte (vgl. A39 F43 ff.) und das Un-
terschriftenblatt ausfüllte; der tatsächliche Inhalt des dort erwähnten, ohne
HWV durchgeführten «Gesprächs» entzieht sich der Kenntnis des Gerichts
(vgl. immerhin A39 F14: Aufforderung zur Kooperation), kann aber offen-
sichtlich nicht als für das Asylgesuch bedeutsam betrachtet werden, zumal
dem BF3 diesbezüglich auch keine Vorwürfe zur Last gelegt werden.
Ebenso wenig stichhaltig ist der Einwand einer nicht kindergerecht durch-
geführten Anhörung. Der BF3 war zu jenem Zeitpunkt (...) Jahre alt. Sich
selber zuzurechnen hat er ganz klar seine anfängliche und nach Massgabe
von Art. 8 AsylG bedeutsame Mitwirkungsverweigerung, indem er weitere
Aussagen aufgrund der Absenz seiner Rechtsvertretung verweigerte (vgl.
A39 F3 ff.). Sein objektiv nicht nachvollziehbarer Konfrontationskurs ge-
genüber der Befragerin wird aus diesen Protokollstellen klar ersichtlich und
führte zum Abbruch der Anhörung; insofern erstaunt es sehr, dass genau
dieser Vorwurf nun gegenüber der Befragerin erhoben wird. Es ist klarzu-
stellen, dass die Fortsetzung seiner Anhörung angesichts der eklatanten
Mitwirkungspflichtverletzung nicht auf einer gesetzlichen Notwendigkeit,
sondern offensichtlich auf Goodwill der Befragerin basierte. Im weiteren
Verlauf ist diese weder despektierlich noch unfreundlich geworden, son-
dern ist sachlich geblieben und hat auch Klarstellungen und Berichtigun-
E-1869/2018
Seite 17
gen des BF3 als berechtigt akzeptiert (vgl. z.B. A39 F32 und 47). Eine Vor-
eingenommenheit ist für das Bundesverwaltungsgericht nicht erkennbar.
Ebenso klarzustellen ist, dass die Rechtsvertretung ordnungsgemäss zu
den Anhörungen eingeladen, indessen auf ihr Beisein ausdrücklich ver-
zichtet und auch keine Veranlassung für eine Anwesenheit bei den Fortset-
zungen gesehen hat; deren Absenz kann nicht dem SEM angelastet wer-
den, sondern beschlägt das Innenverhältnis der Beschwerdeführenden zu
ihrer Rechtsvertretung im Rahmen des Vertretungsmandats.
5.1.3 Zusammenfassend ist festzustellen, dass die Protokolle der BzP und
der Anhörung als Entscheidgrundlagen verwertbar sind. Eine Verletzung
des Untersuchungsgrundsatzes, des Anspruchs auf Wahrung des rechtli-
chen Gehörs oder weiterer Parteirechte der Beschwerdeführenden sind
nicht ersichtlich. Der Sachverhalt wurde mit den Befragungen und Anhö-
rungen, der Beweismittelabnahme und im Übrigen mit dem Beizug der Ver-
fahrensakten von J._ und K._ genügend erhoben; das SEM
war auch nicht gehalten, jeden auch nur erdenklichen, einer Entscheidfin-
dung indessen nicht dienlichen Sachverhaltsaspekt zu erwähnen, zu re-
cherchieren oder einer Würdigung zugänglich zu machen. Eine Rückwei-
sung der Sache an die Vorinstanz fällt nicht in Betracht.
5.2 Das SEM ist nach somit korrekter und insbesondere vollständiger
Sachverhaltsfeststellung und Beweismittelwürdigung in seinen umfassen-
den und hinlänglich auf die Akten abgestützten Erwägungen mit zutreffen-
der Begründung zur Erkenntnis gelangt, die geltend gemachten Verfol-
gungsvorbringen würden den Anforderungen von Art. 7 AsylG an die
Glaubhaftmachung eines asylbegründenden Sachverhalts nicht genügen.
Zur Vermeidung von Wiederholungen ist auf die betreffenden Erwägungen
gemäss angefochtener Verfügung und die Zusammenfassung oben
(E. 4.1) zu verweisen. Die Erwägungen geben dem Bundesverwaltungsge-
richt zu keinen Beanstandungen von Amtes wegen Anlass. Das SEM ist
den praxisgemässen Leitlinien der Glaubhaftigkeitsprüfung (vgl. dazu
BVGE 2015/3 E. 6.5.1, 2013/11 E. 5.1 und 2010/57 E. 2.3, je m.w.H.) nach-
gekommen. Die Glaubhaftigkeitserwägungen zeichnen sich insbesondere
auch durch ihre Ausgewogenheit aus, indem beispielsweise die Schilde-
rungen der angeblichen Gefangenschaft des BF1 als einerseits durchaus
detailreich und anschaulich erkannt, anderseits aber mit überwiegenden
Unglaubhaftigkeitsaspekten (insb. widersprüchlicher und unlogischer Um-
zug an den Ort der Gefangennahme, frühere Kriegserfahrung des BF1 mit
den Taliban oder erhebliche Widersprüchlichkeit zu Ausführungen von
K._ oder zum Inhalt der vorgelegten Bestätigung der Dorfältesten
E-1869/2018
Seite 18
und des Dorfvorstehers von N._) abgewogen werden. Auch das
Profil des BF1 als ehemaliger (...) P._ bis zu seiner Heirat wurde
vom SEM erkannt und nicht per se in Abrede gestellt, sondern in den his-
torischen Kontext richtig eingeordnet. Die Beschwerde, ihre Ergänzungen
und die eingereichten Beweismittel führen, soweit sie sich nicht ohnehin in
blossen Wiederholungen, Bekräftigungen und Gegenbehauptungen er-
schöpfen oder gar das Bestehen von gewissen Unstimmigkeiten einräu-
men, zu keiner gegenüber der Einschätzung des SEM anderen Betrach-
tungsweise: Dabei ist zunächst auf die Erwägungen in E. 5.1.2 f. oben zu
verweisen. Sodann ist – wie bereits in den vorinstanzlichen Erwägungen
ansatzweise festgehalten – klarzustellen, dass betreffend die Angaben
zum letzten Wohnort und zur Dauer des dortigen Aufenthalts vor der Aus-
reise, nicht nur zwischen BzP und Anhörungen eklatante Divergenzen auf-
getreten sind, sondern auch zwischen den jeweiligen Anhörungen der BF1-
3 und zu den Aussagen von J._ und K._ und selbst inner-
halb der jeweiligen Anhörungen. Zudem stehen unter dem Aspekt des letz-
ten Wohnortes der Beschwerdeführenden nicht nur die Orte M._
und N._ in Widerspruch zueinander, sondern auch zum Heimatort
der BF2. Der punktuelle Einwand in der Beschwerde, wonach die zusätz-
lich abweichende Darstellung von K._ nicht ins Gewicht falle und
wohl auf Verständigungsprobleme in dessen Anhörung zurückzuführen sei,
ist eine reine Mutmassung. Er verfängt auch deshalb nicht, weil das Asyl-
gesuch von K._ mit Urteil E-4880/2016 vom 7. März 2019 unter Hin-
weis auf insbesondere auf Beschwerdestufe aufgetretene und in Zusam-
menhang mit dem BF1 stehende Unglaubhaftigkeitselemente vollumfäng-
lich abgewiesen wurde. Das weitere Argument, wonach das SEM ver-
kenne, dass die Taliban erst während der Gefangenschaft des BF1 von
dessen ehemaligen Tätigkeit als (...) P._ erfahren und mithin seine
Regierungsnähe erkannt hätten, ist ebenso wenig stichhaltig. Vielmehr be-
stärkt es die von der Vorinstanz zutreffend erwogene Unlogik eines Um-
zugs des nie konkret bedroht gewesenen BF1 aus dem von der Regierung
kontrollierten und sicheren M._ auf das von den Taliban be-
herrschte Land.
Die auf Beschwerdestufe vorgelegten Beweismittel (s. E. 4.2 oben) führen
nicht zu einer anderen Glaubhaftigkeitseinschätzung. Soweit sie rein me-
dizinische Aspekte beschlagen, entfalten sie sie einzig im Hinblick auf die
Frage des Wegweisungsvollzuges Bedeutsamkeit. Dieser bildet aber nicht
Gegenstand des vorliegenden Verfahrens. Sollten die Beschwerdeführen-
den mit den vorgelegten Bescheinigungen über (...) der kranken Kinder im
E-1869/2018
Seite 19
Jahre 2015 in N._ und dem Foto des angeblich auf sein Kind war-
tenden BF1 vor der dortigen Klinik gleichzeitig den Beweis über den letzten
Wohnort in N._ erbringen wollen, misslingt der Versuch schon des-
halb, weil sie in den Anhörungen mehrfach darauf hingewiesen haben, sol-
che (...) seien für sie einzig in M._ erhältlich (vgl. z.B. A40 F40 oder
A43 F6-8 und F64). Die Dokumente betreffend Verkäufe und Übereignun-
gen des (...)geschäfts sowie von Grundstücken und Fahrzeugen sind für
den Beweis der geltend gemachten Verfolgungssituation wenig tauglich.
Sodann ist auf den eingeschränkten Beweiswert von blossen Kopien hin-
zuweisen. Dies gilt ebenso für Bestätigungen, die auf Anzeige von Fami-
lien- oder Verwandtschaftsangehörigen verfasst oder gar von ihnen redi-
giert wurden. Sodann ist das SEM in seiner Würdigung zu bestätigen, dass
Formulare für Bestätigungsschreiben oder Anträge in Afghanistan problem-
los käuflich erhältlich seien und Dorfälteste oder Dorfvorsteher erfahrungs-
gemäss leichthin geneigt seien, die ihnen unterbreiteten Dokumente unge-
prüft oder gar aus reiner Gefälligkeit zu unterzeichnen, was ihren Beweis-
wert ebenfalls erheblich einschränkt. Auf die eklatante Unstimmigkeit zwi-
schen dem Festnahmevorbringen des BF1 durch die Taliban und dem In-
halt der eingereichten Bestätigung über die gemeinsame Festnahme, Fest-
haltung und Misshandlung zusammen mit K._ hat das SEM bereits
in seiner Verfügung zutreffend hingewiesen. Die am 25. Juli 2019 einge-
reichte Bestätigung des Wohnsitzes in N._ betrifft sodann nicht die
Beschwerdeführenden, sondern einen Verwandten. Die sie selber betref-
fende Bestätigung vom 7. August 2019 ist offensichtlich keine solche über
den (insbesondere letzten) Wohnsitz, sondern über die (unbestrittene) ur-
sprüngliche Herkunft aus dem Distrikt N._. Die Beschwerdeführen-
den vermögen letztlich weder auf erstinstanzlicher Stufe noch auf Be-
schwerdeebene ein Beweismittel vorzulegen, das geeignet wäre, die ge-
wonnenen Glaubhaftigkeitserkenntnisse des SEM und des Bundesverwal-
tungsgerichts anders zu beleuchten oder gar den strikten Beweis für die
geltend gemachte Verfolgung oder Verfolgungsfurcht, sei sie von den Tali-
ban oder von General P._ ausgehend, zu erbringen.
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass das SEM zutreffend von der Un-
glaubhaftigkeit einer erlebten oder befürchteten Verfolgung der Beschwer-
deführenden seitens der Taliban oder anderer Akteure ausgegangen ist.
5.3 Aufgrund der zuvor bestätigten Unglaubhaftigkeit der Asylvorbringen
besteht, wie bereits vom SEM zutreffend erkannt, kein Anlass mehr zur
Prüfung ihrer flüchtlingsrechtlichen Beachtlichkeit, denn es fehlt an einem
unter Art. 3 AsylG subsumierbaren Sachverhalt. In seiner Vernehmlassung
E-1869/2018
Seite 20
nimmt das SEM unter hypothetischer Annahme der Glaubhaftigkeit der
Hintergründe einer von den Taliban ausgehenden Verfolgungslage des
BF1 und unter Berücksichtigung seines Profils als ehemaliger (...) von Ge-
neral P._ dennoch eine entsprechende Würdigung vor. Die Erkennt-
nisse des Fehlens eines erhöhten Verfolgungsinteresses am BF1 und ei-
nes asylrelevanten Verfolgungsmotivs sind dabei ebenso zutreffend wie die
Schlussfolgerung, dass eine allfällig bestehende und nicht asylrelevante
Verfolgung einzig im Rahmen der Prüfung der Voraussetzungen des Weg-
weisungsvollzuges zu würdigen wären, was sich aber vorliegend ange-
sichts der bereits gewährten vorläufigen Aufnahme erübrige. Die replik-
weise Bekräftigung des politischen Verfolgungsmotivs mit der Begründung,
dass der BF1 nur als politischer Gegner und später als Entführungsopfer
Kontakt mit den Taliban gehabt habe und die geschilderte Freilassung auf-
grund der gegen alle Seiten offenen Paktierpraxis der Taliban erklärbar sei,
überzeugt nicht. Das Argument dient letztlich vielmehr der Stützung der
oben gewonnenen Erkenntnis der Unglaubhaftigkeit einer von den Taliban
ausgehenden Verfolgungslage des BF1, zumal das politische Element seit
Jahrzehnten nicht mehr aktuell ist und die Entführungsopfereigenschaft ge-
rade nicht auf ein politisches Motiv hindeutet, wenn letztlich eine Freilas-
sung und zudem gegen Lösegeld erfolgt. In allgemeiner Hinsicht ist sodann
festzuhalten, dass zum einen medizinische Gründe nicht asylfähig sind
(vgl. Art. 31a Abs. 3 AsylG) und zum andern eine allfällige subjektiv emp-
fundene Verfolgungsfurcht für sich besehen keine flüchtlingsrechtliche Be-
achtlichkeit im Sinne von Art. 3 AsylG aufweist, solange sie nicht auch ob-
jektiv begründet erscheint.
Die Beschwerdeführenden vermögen somit gesamthaft weder aus subjek-
tiver Perspektive noch aus objektiv nachvollziehbaren Gründen eine Furcht
glaubhaft darzutun, mit gewisser Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zu-
kunft Opfer von Verfolgung zu werden (vgl. die hierzu massgebliche Praxis
in BVGE 2013/11 E. 5.1, 2011/50 E. 3.1.1, 2011/51 E. 6 und 2008/4 E. 5.2
[je m.w.H.]).
5.4 Das SEM hat somit das Bestehen einer asylrelevanten Verfolgungssi-
tuation der Beschwerdeführenden und mithin ihre behauptungsgemässen
Ansprüche auf (originäre oder abgeleitete) Feststellung der Flüchtlingsei-
genschaft und Gewährung des Asyls nach korrekter Sachverhaltsfeststel-
lung und zutreffender Würdigung der vorgelegten Beweismittel zu Recht
verneint.
E-1869/2018
Seite 21
5.5 Der Vollständigkeit halber bleibt festzuhalten, dass das SEM, da die
Beschwerdeführenden insbesondere weder über eine ausländerrechtliche
Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol-
chen verfügen, auch ihre Wegweisung zu Recht angeordnet hat (vgl.
BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). Dies wird in der Be-
schwerde auch nicht bestritten.
6.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig
sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) ist. Die Beschwerde ist
abzuweisen. Es erübrigt sich, auf deren Inhalt, die Ergänzungseingaben
und die vorgelegten Beweismittel weiter einzugehen.
7.
7.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten den Be-
schwerdeführenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Auf deren Erhe-
bung ist jedoch in Berücksichtigung des mit Zwischenverfügung vom 4. Ap-
ril 2018 gutgeheissenen Gesuchs um Gewährung der unentgeltlichen Pro-
zessführung zu verzichten, zumal den Akten nicht zu entnehmen ist, dass
ihre Bedürftigkeit weggefallen wäre.
7.2 Der mit derselben Zwischenverfügung amtlich beigeordneten Rechts-
beiständin ist ein amtliches Honorar für ihre notwendigen Aufwendungen
im Beschwerdeverfahren auszurichten. Diese präsentiert in der aktuellsten
vorliegenden Fassung eine Honorarnote vom 5. Juli 2019, die einen Total-
betrag (inkl. Auslagen) von Fr. 2'340.– bei einem Stundenansatz von
Fr. 200.– ausweist. Eine mit der letzten Rechtsschrift vom 30. November
2020 in Aussicht gestellte aktualisierte Kostennote ging bis zum heutigen
Zeitpunkt nicht beim Gericht ein. Der zusätzliche Aufwand ist indessen
überschaubar und von Amtes wegen abzuschätzen. In Berücksichtigung
der massgeblichen Bemessungsfaktoren (vgl. Art. 8 ff. VGKE) und des re-
duzierten Stundenansatzes bei amtlich bestellten nichtanwaltlichen
Rechtsbeiständen (vgl. die in Bst. D oben erwähnte Zwischenverfügung
vom 4. April 2018 S. 3) ist das Honorar für das vorliegende Verfahren dem-
nach auf insgesamt Fr. 2'400.– (inkl. Auslagen) festzusetzen.
(Dispositiv nächste Seite)
E-1869/2018
Seite 22