Decision ID: faa4cea4-cf63-4423-9d88-918e95d08dcd
Year: 2016
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a A._ meldete sich am 24. November 2010 unter Hinweis auf zwei erfolglose
Bandscheibenoperationen, Schmerzen und Beeinträchtigungen am rechten Arm und
Nacken sowie grosse Schmerzen und schlechte Beweglichkeit des linken Beines zum
Bezug von Leistungen der Invalidenversicherung bei der IV-Stelle des Kantons St.
Gallen an (IV-act. 1). Die Versicherte arbeitete zuletzt von Juni 2004 bis Juli 2010 bei
der B._ als Betriebsmitarbeiterin in einem Pensum von 100% (IV-act. 15).
A.b Im von der SWICA in Auftrag gegebenen Gutachten des Instituts für medizinische
und ergonomische Abklärung vom 11. Oktober 2010 (IME-Gutachten) wurde ein
chronisches lumbospondylogenes Schmerzsyndrom links sowie ein chronisches
zervikobrachiales und zervikozephales Schmerzsyndrom rechts, u.a. verbunden mit
einem passiven dysfunktionalen Krankheits- und Schmerzverhalten diagnostiziert. In
der bisherigen Tätigkeit wurde der Versicherten aus rheumatologischer Sicht eine
100%ige Arbeitsunfähigkeit attestiert. In einer ideal angepassten Tätigkeit sollte nach
Durchführung von empfohlenen therapeutischen Massnahmen spätestens in zwei
Monaten eine Arbeitsfähigkeit von mindestens 50% bestehen. Aus psychiatrischer
Sicht sei die Arbeitsfähigkeit nicht eingeschränkt (IV-act. 59-24 ff.).
A.c Der Hausarzt Dr. med. C._, Facharzt FMH für Allgemeinmedizin, gab im Bericht
vom 6. Januar 2011 an, dass die Versicherte seit 24. November 2009 100%
arbeitsunfähig sei (IV-act. 16). Im Verlaufsbericht vom 23. August 2011 ging er von
unveränderten Verhältnissen aus (IV-act. 45).
A.d Dr. med. D._, Facharzt für Neurochirurgie, attestierte der Versicherten im Bericht
vom 18. Februar 2011 eine Arbeitsunfähigkeit von 100% (IV-act. 26). Im undatierten
Bericht (Eingang bei der IV-Stelle am 7. April 2011) gab Dr. D._ an, dass die bisherige
Tätigkeit auf Dauer nicht mehr zumutbar sei. Da die Behandlung noch nicht
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abgeschlossen sei, sei eine Beurteilung der Arbeitsfähigkeit in einer angepassten
Tätigkeit nicht möglich (IV-act. 24).
A.e Im von der IV-Stelle in Auftrag gegebenen Gutachten des Ärztlichen
Begutachtungsinstituts, Basel, vom 17. Juli 2012 (ABI-Gutachten) wurden mit Einfluss
auf die Arbeitsfähigkeit ein chronisches lumbovertebrales Schmerzsyndrom ohne
fassbare radikuläre Symptomatik (ICD-10: M54.5) und ein chronisches
zervikovertebrales Schmerzsyndrom ohne fassbare radikuläre Symptomatik (ICD-10:
M54.2) diagnostiziert. Ohne Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit wurde eine dysfunktionale
Schmerzverarbeitung mit algogener Verstimmung (ICD-10: F54) diagnostiziert. Die
Gutachter kamen zum Schluss, dass die Versicherte für eine körperlich leichte bis
mittelschwere, wechselbelastende Tätigkeit zu 100% arbeits- und leistungsfähig sei.
Die Gutachter führten u.a. aus, dass ihre Einschätzung mit jener des Rheumatologen
Dr. E._ (IME-Gutachten) übereinstimme (IV-act. 59).
A.f Mit Vorbescheid vom 5. März 2013 stellte die IV-Stelle der Versicherten die
Abweisung des Rentenbegehrens in Aussicht. Aufgrund der Unterlagen bestehe für
körperlich leichte bis mittelschwere Tätigkeiten mit Wechselbelastung eine
Arbeitsfähigkeit von 100% (IV-act. 67).
A.g Mit Einwand vom 16. April 2013 beantragte die Versicherte die Aufhebung des
Vorbescheids und die Zusprache einer halben Invalidenrente, eventualiter die
Vornahme weiterer medizinischer Abklärungen. Die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit im
ABI-Gutachten weiche ganz klar von verschiedenen voneinander unabhängigen Ärzten
ab, weshalb erhebliche Zweifel an den Ergebnissen des ABI-Gutachtens angebracht
werden müssten (IV-act. 68). Sie reichte verschiedene Arztberichte ein (IV-act.
68-4-18). In einer Neubeurteilung der Arbeitsunfähigkeit durch das Institut für
medizinische und ergonomische Abklärungen vom 12. Mai 2011 (IME-Neubeurteilung)
kam der Gutachter zum Schluss, dass auch weiterhin von einer mindestens 50%igen
Arbeitsfähigkeit in einer angepassten Tätigkeit auszugehen sei (IV-act. 68-6-15). Im
Bericht des Zentrums F._ vom 8. April 2013 diagnostizierte Prof. Dr. med. G._,
Facharzt FMH für Neurochirurgie, ein failed back Surgery Syndrom und gab an, dass
die Versicherte ganz sicher nicht zu 100% arbeitsfähig sei. Es sei maximal von einer
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Arbeitsfähigkeit von 50% bei leichten Arbeiten ohne Bücken und ohne Heben von
Lasten von mehr als 5 kg auszugehen (IV-act. 68-4 f.).
A.h Mit Verfügung vom 22. Mai 2013 wies die IV-Stelle das Rentenbegehren der
Versicherten ab. Das ABI-Gutachten sei umfassend und nachvollziehbar. Die
abweichenden Arbeitsfähigkeitsschätzungen seien von den Gutachtern diskutiert und
begründet worden (IV-act. 69).
B.
B.a Gegen diese Verfügung richtet sich die vorliegend zu beurteilende Beschwerde
vom 24. Juni 2013. Die Beschwerdeführerin beantragt unter Kosten- und
Entschädigungsfolge die Aufhebung der Verfügung vom 22. Mai 2013 und die
Zusprache einer halben Invalidenrente rückwirkend ab 25. November 2011, eventualiter
die Zusprache einer Viertelsrente. Subeventualiter sei die Sache zu weiterer Abklärung
an die Vorinstanz zurückzuweisen. Sie begründet dies im Wesentlichen damit, dass es
erhebliche Zweifel am ABI-Gutachten gebe. Die abweichenden ärztlichen
Beurteilungen, insbesondere das von der SWICA in Auftrag gegebene IME-Gutachten,
würden eine Arbeitsunfähigkeit von mindestens 50% belegen. Zudem sei fraglich, ob
die Restarbeitsfähigkeit überhaupt noch verwertbar sei (act. G 1).
B.b Mit Beschwerdeantwort vom 26. August 2013 beantragt die Beschwerdegegnerin
die Abweisung der Beschwerde. Sie stellt sich auf den Standpunkt, dass auf das ABI-
Gutachten abgestellt werden könne (act. G 5).
B.c Am 30. August 2013 wurde dem Gesuch um Bewilligung der unentgeltlichen
Rechtspflege (Befreiung von Gerichtskosten und Bewilligung der unentgeltlichen
Rechtsverbeiständung) entsprochen (act. G 6).
B.d Mit Replik vom 26. September 2013 hält die Beschwerdeführerin unverändert an
ihrer Beschwerde fest (act. G 8). Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf die
Einreichung einer Duplik (vgl. act. G 10).
B.e Nachdem den Parteien hierzu das rechtliche Gehör gewährt worden war (act. G
11), beauftragte das Versicherungsgericht am 16. April 2015 die asim
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Begutachtungsstelle am Universitätsspital Basel mit der Erstellung eines orthopädisch-
neurologischen Gerichtsgutachtens (act. G 12).
B.f Die Beschwerdeführerin wurde am 21. und 22. Juli 2015 in der asim internistisch,
orthopädisch und neurologisch untersucht. Im Gerichtsgutachten vom 31. Dezember
2015 hielten die Gutachter fest, dass die Beschwerdeführerin in der bisherigen
Tätigkeit ab dem 24. November 2009 voll arbeitsunfähig sei. In einer optimal
angepassten Tätigkeit sei eine Arbeitsfähigkeit von 50% denkbar. Zum Beginn der
herabgesetzten Arbeitsfähigkeit in einer Verweistätigkeit könne bei vergleichbarer
Beurteilung das IME-Gutachten vom 11. Oktober 2010 herangezogen werden (act. G
15).
B.g Die Beschwerdeführerin hält das Gerichtsgutachten und die darin vorgenommene
Arbeitsfähigkeitsbeurteilung für beweiskräftig. Sie habe rückwirkend ab
Gesuchseinreichung (25. November 2011) Anspruch auf eine Invalidenrente. Zur
Durchführung des Einkommensvergleichs sei die Sache antragsgemäss an die
Beschwerdegegnerin zurückzuweisen (act. G 17). Die Beschwerdegegnerin hat die Frist
für eine Stellungnahme unbenützt verstreichen lassen.

Erwägungen
1.
Zwischen den Parteien umstritten und nachfolgend zu prüfen ist der Rentenanspruch
der Beschwerdeführerin.
2.
2.1 Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder
teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen
Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG; SR 830.1]). Die Invalidität kann Folge von
Geburtsgebrechen, Krankheit oder Unfall sein (Art. 4 Abs. 1 des Bundesgesetzes über
die Invalidenversicherung [IVG; SR 831.20]). Die Erwerbsunfähigkeit ist der durch
Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte
und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise
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Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen
Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG).
2.2 Nach Art. 28 Abs. 2 IVG besteht Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn die
versicherte Person mindestens zu 70%, derjenige auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie
wenigstens zu 60% invalid ist. Liegt ein Invaliditätsgrad von mindestens 50% vor, so
besteht Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens
40% auf eine Viertelsrente.
2.3 Um das Ausmass der Arbeitsunfähigkeit beurteilen und somit den Invaliditätsgrad
bemessen zu können, ist die Verwaltung und im Beschwerdefall das Gericht auf
Unterlagen angewiesen, die ärztliche und gegebenenfalls auch andere Fachleute zur
Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es, den
Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang
und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte Person arbeitsunfähig ist. Im
Weiteren sind die ärztlichen Auskünfte eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der
Frage, welche Arbeitsleistungen der versicherten Person noch zugemutet werden
können (BGE 132 V 93 E. 4 mit Hinweisen). Für das gesamte Verwaltungs- und
Verwaltungsgerichtsbeschwerdeverfahren gilt der Grundsatz der freien
Beweiswürdigung. Danach haben Versicherungsträger und Sozialversicherungsgericht
die Beweise frei, d.h. ohne Bindung an förmliche Beweisregeln, sowie umfassen und
pflichtgemäss zu würdigen. Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist
entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen
Untersuchungen beruht, die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der
Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Beurteilung der medizinischen
Zusammenhänge und der medizinischen Situation einleuchtet und ob die
Schlussfolgerungen des Experten begründet sind (BGE 125 V 351 E. 3a mit Hinweisen).
2.4 Bezüglich Gerichtsgutachten hat die Rechtsprechung ausgeführt, das Gericht
weiche „nicht ohne zwingende Gründe“ von den Einschätzungen des medizinischen
Experten ab. Auch der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat diesbezüglich
erwogen, der Meinung eines von einem Gericht ernannten Experten komme bei der
Beweiswürdigung vermutungsweise hohes Gewicht zu (BGE 135 V 465 E. 4.4 mit
Hinweisen).
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3.
3.1 Das vorliegende Gerichtsgutachten erfüllt die Anforderungen an eine beweiskräftige
Expertise. Mängel, welche die Beweiskraft des Gerichtsgutachtens erschüttern, sind
weder ersichtlich noch werden solche von den Parteien geltend gemacht.
3.2 Gestützt auf das Gerichtsgutachten ist die Beschwerdeführerin in der
angestammten Tätigkeit vollständig arbeitsunfähig. In einer optimal angepassten
Tätigkeit liegt eine Arbeitsfähigkeit von 50% vor. Dabei handelt es sich um eine
muskuloskelettär leicht belastende Wechseltätigkeit, die im Sitzen und Stehen
ausgeübt werden kann mit der Möglichkeit zu selbstbestimmten Positionswechseln
und kurzen Entlastungspausen. Tätigkeiten mit signifikanter Vibrations- oder
Erschütterungsexposition und regelmässigem Tragen von Lasten > 10 kg müssen
vermieden werden. Des Weiteren sind repetitive inklinierende, reklinierende und
rotierende Bewegungen im Lenden- und Brustwirbelbereich sowie Überkopfarbeiten
nicht möglich. Die zu verrichtenden Arbeitstätigkeiten sollten dabei einfach strukturiert
sein und keine hohen Anforderungen an die Konzentration beinhalten, aufgrund der zur
Schmerzmodulation erforderlichen Polypharmakotherapie. Gemäss dem
Gerichtsgutachten kann die bleibende volle Arbeitsunfähigkeit für die bisherige
Tätigkeit mit Datum vom 24. November 2009 (dem Beginn der 100%igen
Arbeitsunfähigkeit vor der ersten Rückenoperation vom 15. Dezember 2009) als
gesichert angenommen werden. Für eine Verweistätigkeit könne die Beurteilung des
IME-Gutachtens herangezogen werden. Diese habe ein halbes Jahr nach der
Zweitoperation (15. März 2010) stattgefunden. Seither sei die Situation praktisch
unverändert, wie auch bei der Neubeurteilung durch die IME am 12. Mai 2011
nochmals bestätigt worden sei. Im IME-Gutachten wird festgehalten, dass nach
Durchführung der empfohlenen therapeutischen Massnahmen, spätestens in zwei
Monaten eine mindestens 50%ige Arbeitsfähigkeit in einer ideal angepassten Tätigkeit
möglich sein sollte (IV-act. 59-37). Auch die Beurteilung von Prof. Dr. med. G._ wird
von den Gerichtsexperten geteilt (act. G 15, S. 8 ff.).
3.3 Demgegenüber könne auf die Schlussfolgerungen des ABI-Gutachtens nicht
abgestellt werden (act. G 15, S. 8 ff.). Die Einschätzung durch den Orthopäden sei nicht
nachvollziehbar und angesichts der zweimaligen Rückenoperation mit failed back
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surgery und der chronischen Schmerzen mit nachvollziehbarem organischen Kern
(ausgeprägte degenerative Veränderungen sowohl im Bereich der HWS wie der LWS,
intermittierendes sensibles radikuläres Reizsyndrom L5 links und mögliches
intermittierendes radikuläres sensibles Reizsyndrom C6 rechts) nicht begründbar (act.
G 15, S. 10 f.).
3.4 Zusammenfassend ist somit in der angestammten Tätigkeit von einer 100%igen
Arbeitsunfähigkeit ab 24. November 2009 auszugehen. In einer adaptierten Tätigkeit ist
ab Mitte Dezember 2010 von einer Arbeitsfähigkeit von 50% auszugehen.
4.
4.1 Umstritten ist, ob sich das verbliebene Leistungsvermögen der Beschwerdeführerin
auf dem in Frage kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt noch wirtschaftlich
verwerten lässt. Die Beschwerdeführerin macht in der Beschwerde vom 24. Juni 2013
geltend, dass sie 54-jährig und seit 2009 nicht mehr arbeitstätig sei. Sie könne
praktisch kein Deutsch; zudem habe sie keinerlei Berufsausbildung und könne nur
Hilfsarbeiten ausführen. Aufgrund ihrer gesundheitlichen Einschränkungen könne sie
nur leichte Arbeiten verrichten; diese allerdings auch nur, wenn sie ihre Körperhaltung
regelmässig wechseln könne. Auf dem freien Arbeitsmarkt sei keine solche Arbeit
erhältlich (act. G 1, S. 6).
4.2 Die wirtschaftliche Verwertbarkeit der noch zumutbaren Restarbeitsfähigkeit auf
dem als ausgeglichen gedachten Arbeitsmarkt bedeutet die Einschätzung der Chancen
der versicherten Person, trotz der im Einzelfall einzuhaltenden Restriktionen bezüglich
Arbeitsplatz, Arbeitshaltung, Arbeitszeit und Art der Tätigkeit von einem
durchschnittlichen Arbeitgeber noch angestellt zu werden. Es geht dabei um die
konkrete Beurteilung der für die versicherte Person realistischerweise noch
vorhandenen oder nicht mehr vorhandenen Arbeitsmarktchancen (Urteil des
Bundesgerichts vom 17. Dezember 2008, 9C_854/2008, E. 3.2; vgl. auch Urteil des
Eidgenössischen Versicherungsgerichts [EVG; seit 1. Januar 2007: Sozialrechtliche
Abteilung des Bundesgerichts] vom 10. März 2003, I 617/02, E. 3.1 mit Hinweisen).
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4.3 Das Alter der Beschwerdeführerin steht einer Verwertbarkeit der zumutbaren
Restarbeitsfähigkeit nicht entgegen (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 28. Mai 2009,
9C_918/2008 E. 4.2.2, mit Hinweisen). Was den Umstand anbelangt, dass die
Beschwerdeführerin praktisch kein Deutsch könne und keinerlei Berufsausbildung
habe, gilt es zu beachten, dass das Fehlen ausreichender Deutschkenntnisse auf der
Stufe Hilfsarbeit sehr häufig vorkommt. Die geringen Anforderungen an die verbale
Kommunikation, die Hilfsarbeiten stellen, können in aller Regel durch sprachkundige
Vorgesetzte oder durch die Übersetzerdienste von Arbeitskollegen oder
Arbeitskolleginnen erfüllt werden. Eine lange Abwesenheit vom Arbeitsmarkt steht der
Aufnahme einer Hilfsarbeitertätigkeit ebenfalls nicht entgegen, da Hilfsarbeiten
definitionsgemäss keine Berufskenntnisse voraussetzen, die über eine kurze
Einarbeitung am konkreten Arbeitsplatz hinausgehen. Auch die qualitativen
Einschränkungen bezüglich einer adaptierten Tätigkeit (vgl. E. 3.2) begründen für sich
noch keine Unverwertbarkeit der zumutbaren Restarbeitsfähigkeit.
5.
5.1 Gemäss Art. 29 Abs. 1 IVG entsteht der Rentenanspruch frühestens nach Ablauf
von sechs Monaten nach der Geltendmachung des Leistungsanspruchs. Die
Beschwerdeführerin meldete sich am 24. November 2010 zum Bezug von Leistungen
bei der IV-Stelle an (IV-act. 1), somit ist ein Rentenanspruch frühestens per 1. Mai 2011
entstanden. Zu diesem Zeitpunkt war auch das Wartejahr gemäss Art. 28 Abs. 1 lit. b
IVG, welches mit dem Eintritt der 100%igen Arbeitsunfähigkeit in der angestammten
Tätigkeit ab 24. November 2009 ausgelöst wurde (act. G 15, S. 9), erfüllt.
5.2 Für das Valideneinkommen ist massgebend, was die versicherte Person im
Zeitpunkt des allfälligen Rentenbeginns nach dem Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit als Gesunde tatsächlich verdient hätte. Dabei wird in der Regel am
zuletzt erzielten, der Teuerung und der realen Einkommensentwicklung angepassten
Verdienst angeknüpft, da es empirischer Erfahrung entspricht, dass die bisherige
Tätigkeit ohne Gesundheitsschaden fortgesetzt worden wäre. Ausnahmen müssen mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit erstellt sein (BGE 134 V 322 E. 4.1).
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5.3 Die Beschwerdegegnerin stützt sich bei der Bestimmung des Valideneinkommens
der Beschwerdeführerin auf die LSE-Tabellenwerte (IV-act. 63-2 und 69-2). Gemäss
den Angaben der letzten Arbeitgeberin der Beschwerdeführerin hätte diese im Jahr
2010 monatlich Fr. 4‘270.-- verdient (IV-act. 15-3). Aus den Buchungsblättern der
Arbeitgeberin geht zudem hervor, dass dieser jeweils ein 13. Monatslohn (Gratifikation)
bezahlt wurde (IV-act. 15-10 ff.). Daraus ergibt sich ein Valideneinkommen von Fr.
55‘510.-- bzw. angepasst an die Nominallohnentwicklung für das Jahr 2011 (Index
2010: 2‘579, 2011: 2‘604) von Fr. 56‘048.--. Weshalb anstatt des bei B._ erzielbaren
Einkommens die LSE-Tabellenwerte herangezogen wurden, ist nicht nachvollziehbar.
5.4 Bezüglich des Invalideneinkommens ist das Heranziehen der LSE-Tabellenwerte
und das Abstellen auf das Anforderungsniveau 4, Frauen, für das Jahr 2011 (Fr.
53‘367.--) nicht zu beanstanden. Es bleibt jedoch zu prüfen, ob ein Tabellenlohnabzug
vorzunehmen ist.
5.5 Nach der Rechtsprechung hängen die Fragen, ob und in welchem Ausmass
Tabellenlöhne herabzusetzen sind, von sämtlichen persönlichen und beruflichen
Umständen des konkreten Einzelfalls ab (etwa leidensbedingte Einschränkung, Alter
und Beschäftigungsgrad), die nach pflichtgemässem Ermessen gesamthaft zu
schätzen sind, wobei der maximal zulässige Abzug auf 25% festzusetzen ist. Eine
schematische Vornahme des Tabellenlohnabzugs ist unzulässig (BGE 126 V 79 E. 5b
und 129 V 481 E. 4.2.3 mit Hinweisen).
5.6 Die Rechtsprechung gewährt insbesondere dann einen Abzug auf dem
Invalideneinkommen, wenn eine versicherte Person selbst im Rahmen körperlich
leichter Hilfsarbeitertätigkeit in ihrer Leistungsfähigkeit eingeschränkt ist (BGE 126 V 75
E. 5a/bb). Sind hingegen leichte bis mittelschwere Arbeiten zumutbar, ist allein
deswegen auch bei eingeschränkter Leistungsfähigkeit noch kein Abzug gerechtfertigt,
weil der Tabellenlohn im Anforderungsniveau 4 bereits eine Vielzahl von leichten und
mittelschweren Tätigkeiten umfasst (Urteil des Bundesgerichts vom 30. März 2009,
9C_72/2009, E. 3.4). Vorliegend sind der Beschwerdeführerin muskuloskelettär leicht
belastende Wechseltätigkeiten, die im Sitzen und Stehen ausgeübt werden können mit
der Möglichkeit zu selbstbestimmten Positionswechseln und kurzen
Entlastungspausen zumutbar. Tätigkeiten mit signifikanter Vibrations-
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oder Erschütterungsexposition und regelmässigen Tragen von Lasten > 10 kg müssten
vermieden werden. Des Weiteren seien repetitive inklinierende, reklinierende und
rotierende Bewegungen im Lenden- und Brustwirbelbereich sowie Überkopfarbeiten
nicht möglich. Die zu verrichtenden Arbeitstätigkeiten sollten dabei einfach strukturiert
sein und keine hohen Anforderungen an die Konzentration beinhalten, aufgrund der zur
Schmerzmodulation erforderlichen Polypharmakotherapie (act. G 15, S. 9). Somit liegen
selbst bei leichten Tätigkeiten wesentliche Einschränkungen vor, welche beim
Tabellenlohnabzug zu berücksichtigen sind.
5.7 Dem Alter ist bei einer verbleibenden Aktivitätsdauer von ca. 10 Jahren höchstens
ein geringfügiges Gewicht beizumessen. Nicht angemessen erscheint es, die
mangelnden Deutschkenntnisse als zusätzlichen Abzugsgrund einzubeziehen, da
diese, sowie die fehlende Berufsausbildung, mit der Einstufung auf das
Anforderungsniveau 4 im Rahmen der LSE bereits berücksichtigt sind. In dieser
Kategorie werden viele Fremdsprachige erfasst. Zudem stellen leichte Hilfsarbeiten
keine grossen Anforderungen an die sprachliche Kommunikation. Es ist davon
auszugehen, dass die Beschwerdeführerin aufgrund ihrer bisherigen beruflichen
Erfahrung in der Schweiz für solche Tätigkeiten über ausreichende Deutschkenntnisse
verfügt.
5.8 Zusammenfassend erscheint vorliegend ein Tabellenlohnabzug von 10% als
angemessen. Damit beträgt das Invalideneinkommen bei einer Arbeitsfähigkeit von
50% Fr. 24‘015.-- (Fr. 53‘367.-- x 0.5 x 0.9).
5.9 Unter Berücksichtigung eines Valideneinkommens von Fr. 56‘048.-- und eines
Invalideneinkommens von Fr. 24‘015.-- resultiert eine Erwerbseinbusse von Fr.
32‘033.--
(Fr. 56‘048.-- – Fr. 24‘015.--) bzw. ein rentenbegründender Invaliditätsgrad von
gerundet 57% (Fr. 32‘033.-- / Fr. 56‘048.-- x 100). Die Beschwerdeführerin hat damit
Anspruch auf eine halbe Invalidenrente.
6.
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6.1 Nach dem Gesagten ist in Gutheissung der Beschwerde die Verfügung vom 22. Mai
2013 aufzuheben und der Beschwerdeführerin mit Wirkung ab 1. Mai 2011 eine halbe
Invalidenrente zuzusprechen. Zur Festsetzung der Rentenhöhe ist die Sache an die
Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
6.2 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr.
1‘000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Aufgrund der Einholung eines
Gerichtsgutachtens und des damit verbundenen Zusatzaufwands erscheint eine
Gerichtsgebühr von Fr. 1‘000.-- in der vorliegend zu beurteilenden Angelegenheit als
angemessen. Dem Ausgang des Verfahrens entsprechend ist sie vollumfänglich der
Beschwerdegegnerin aufzuerlegen.
6.3 Die Kosten des Gerichtsgutachtens von Fr. 11‘306.55 (act. G 16) hat die
Beschwerdegegnerin zu tragen (BGE 137 V 210 E. 4.4.2).
6.4 Gemäss Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende beschwerdeführende Partei
Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Die Parteientschädigung wird vom
Versicherungsgericht festgesetzt und ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der
Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen. In
der Verwaltungsrechtspflege beträgt das Honorar vor Versicherungsgericht nach Art.
22 Abs. 1 lit. b HonO pauschal Fr. 1'000.-bis Fr. 12'000.--. Der Rechtsvertreter der
Beschwerdeführerin hat keine Kostennote eingereicht. Im hier zu beurteilenden Fall
erscheint unter Berücksichtigung des durch die Einholung eines Gerichtsgutachtens
entstandenen Mehraufwands eine pauschale Parteientschädigung von Fr. 4‘500.--
(inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer) als angemessen. Damit erübrigt sich die
Festlegung eines Honorars aus unentgeltlicher Rechtsverbeiständung.