Decision ID: c41630e5-e941-4c19-9c08-6e647a402cbb
Year: 2021
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
Die 1959 geborene X._
,
von Beruf Schneiderin
und Mutter zweier 1985
und 1991 geborener Kinder, arbeitete z
uletzt vom 2
4.
Juni 2007 bis 3.
Oktober 2018 als Haushälterin
in einem Privathaushalt
in Y._
(
Urk.
6/
12,
Urk.
6/
18/2)
. Am 2
5.
März 2019 (Eingangsdatum) meldete sie sich
unter Hinweis auf einen körperlichen und psychischen Zusammenbruch
(
Erschöpfungszustand
)
bei der Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, zum Leistungs
bezug an (
Urk.
6/12).
Die IV-Stelle
lud die Versicherte zu einem persönlichen
Beratungsgespräch ein (
Urk.
6/9;
vgl.
auch
Gesprächsp
rotokoll vom 2
0.
Mai 2019
,
Urk.
6/18),
tätigte medizinische und erwerbliche Abklärungen und zog die Akten
der Krankentaggeldversicherung bei (
Urk.
6/24/1-62,
Urk.
6/27/1-68,
Urk.
6/
31/1-91).
Nach durchgeführtem Vorbescheidverfahren (
Urk.
6/35,
Urk.
6/39)
sowie
Bei
zug
einer
internen Stellungnahme
(Urk.
6/40/3)
wies sie das Leistungs
be
gehren mit Verfügung vom 1
0.
Februar 2021 (
Urk.
2) ab.
2.
Dagegen erhob X._
am
9.
März 2021 (Datum Poststempel) Be
sch
werde und beantragte, es seien ihr in Aufhebung der angefochtenen Verfügung vom
1
0.
Februar 2021 die gesetzlichen Leistungen zuzusprechen (Urk. 1). Mit Beschwe
r
deantwort vom 2
6.
April 2021 schloss die Beschwerdegegnerin auf Abweisung der Beschwer
de (
Urk.
5), was der Beschwerdeführerin am 2
9.
April
2021 zur Kennt
nis gebracht wurde (
Urk.
7).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 des Allgemeinen Teils des Sozialver
sicherungsrechts, ATSG). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zu
mut
barer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Ver
lust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgegliche
nen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beein
trächtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.2
Die Annahme eines psychischen Gesundheitsschadens im Sinne von Art. 4 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG) sowie Art. 3 Abs. 1 und Art. 6 ATSG setzt eine psychiatrische, lege artis auf die Vorgaben eines aner
kannten Klassifikationssystems abgestützte Diagnose voraus (vgl. BGE 145 V 215 E. 5.1, 143 V 409 E. 4.5.2, 141 V 281 E. 2.1, 130 V 396 E. 5.3 und E. 6). Eine fach
ärztlich einwandfrei festgestellte psychische Krankheit ist jedoch nicht ohne Weiteres gleichbedeutend mit dem Vorliegen einer Invalidität. In jedem Einzelfall muss eine Beeinträchtigung der Arbeits- und Erwerbsfähigkeit unabhängig von der Diagnose und grundsätzlich unbesehen der Ätiologie ausgewiesen und in ihrem Ausmass bestimmt sein. Entscheidend ist die nach einem weitgehend ob
jek
tivierten Massstab zu beurteilende Frage, ob es der versicherten Person zu
mutbar ist, eine Arbeitsleistung zu erbringen (BGE 145 V 215 E. 5.3.2, 143 V 409 E. 4.2.1, 141 V 281 E. 3.7, 139 V 547 E. 5.2, 127 V 294 E. 4c; vgl. Art. 7 Abs. 2 ATSG).
M
it BGE 143 V 418 entschied das Bundesgericht, dass grundsätzlich sämt
liche psychischen Erkrankungen für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit einem strukturierten Beweisverfahren nach BGE 141 V 281 zu unterziehen sind (E. 6 und 7
)
.
Die
s
gilt auch für das sog.
Chronic Fatigue Syndrome
(
CFS; chronisches Müdigkeitssyndrom
)
und Neurasthenie
(
Urteile des Bundesgerichts I 70/07 vom 14. April 2008 E. 5; 9C_98/2010 vom 28. April 2010 E. 2.2.2, in: SVR 2011 IV Nr. 17 S. 44, und 9C_662/2009 vom 17. August 2010 E. 2.3, in: SVR 2011 IV Nr. 26 S. 73
)
.
Entscheidend ist dabei, unabhängig von der diagnostischen Einord
nung des Leidens, ob es gelingt, auf objektivierter Beurteilungsgrundlage den Beweis einer rechtlich relevanten Arbeits- und Erwerbsunfähigkeit zu erbringen, wobei die versicherte Person die materielle Beweislast zu tragen hat (BGE 143 V
409 E. 4.5.2 unter Hinweis auf BGE 141 V 281 E. 3.7.2
; vgl. BGE 144 V 50 E. 4.3
).
Im Rahmen des strukturierten Beweisverfahrens ist davon
abzusehen, einzelne Beschwerden und Störungen ohne Einzelfallprüfung wegen grundsätzlich fehlen
der invalidenversicherungsrechtlicher Relevanz auszuscheiden (vgl. BGE 143 V
418 E. 8.1). Indes gilt unverändert, dass ein invalidisierender psychischer Gesund
heits
schaden nur gegeben sein kann, wenn das klinische Beschwerdebild nicht einzig in psychosozialen und soziokulturellen Umständen seine Erklärung findet,
sondern davon psychiatrisch unterscheidbare Befunde umfasst (Urteil des Bun
des
gerichts 9C_732/2017 vom
5.
März 2018 E. 4.3.1 mit Hinweis).
Wenn und soweit psychosoziale und soziokulturelle Faktoren zu einer eigentlichen Beeinträch
ti
gung der psychischen Integrität führen, indem sie einen verselbständigten Ge
sundheitsschaden aufrechterhalten oder den Wirkungsgrad seiner – unabhängig
von den invaliditätsfremden Elementen bestehenden – Folgen
verschlimmern, können
sie sich
indes
mittelbar invaliditätsbegründend auswirken (Urteil des Bundesgerichts 9C_537/2011 vom 2
8.
Juni 2012 E. 3.2 mit Hinweisen
).
1.3
Hinsichtlich des Beweiswertes eines ärztlichen Berichtes ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusam
menhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen in der Expertise begründet sind (BGE 134 V 231 E. 5.1, 125 V 351 E. 3a, 122 V 157 E. 1c).
Den
Berichten des Regionalen Ärztlichen
Dienst
es
(RAD
)
, die zu den sogenannten versicherungsinternen Beurteilungen ge
hören, kann Beweiswert beigemessen werden, sofern sie als schlüssig erscheinen, nachvollziehbar begründet sowie in sich widerspruchsfrei sind und keine Indizien gegen ihre Zuverlässigkeit bestehen (Urteil des Bundesgerichts 8C_197/2014 vom 3. Oktober 2014 E. 4.2 mit Hinweisen auf BGE 139 V 225 E. 5.2; 135 V 465 E. 4.4 und E. 4.7).
1
.4
Das Gericht kann die Angelegenheit zu neuer Entscheidung an die Vorinstanz zurückweisen,
besonders
wenn mit dem angefochtenen Entscheid nicht auf die Sache eingetreten oder der Sachverhalt ungenügend festgestellt wurde (§ 26 Abs. 1 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht, GSVGer).
2.
2.1
In der angefochtenen Verfügung erwog die B
eschwerdegeg
nerin,
gemäss
de
n
vor
liegenden Akten sei die Beschwerdeführerin aufgrund persönlicher Umstände län
gere Zeit nicht arbeitsfähig gewesen. Der RAD sei zum Schluss gekommen, es
bestünden keine objektivierbaren Einschränkungen der Arbeitsfähigkeit. Viel
mehr
sei der Beschwerdeführerin aus rein psychosozialen Gründen eine Arbeitsun
fähigkeit attestiert worden (
Urk.
2
, vgl. auch
Urk.
5
).
2.2
Dagegen wandte die Beschwerdeführerin ein, sie habe anfangs Oktober 2018
aufgrund des jahrelang erduldeten systematischen Psychoterrors
an ihrem dama
ligen Arbeitsplatz einen physischen und psychischen Zusammenbruch erlitten
. Daraufhin sei
ihr
wiederh
o
lt eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit at
testiert worden und die Krankenkasse habe gestützt
darauf
Taggelder ausgerichtet. Die Beschwer
degegnerin habe das Leistungsbegehren ohne
hinreichende Abklärungen, insbe
sondere fachpsychiatrische
Exploration
,
abgelehnt
.
Vielmehr habe sie gestützt auf eine Rückfrage beim RAD angenommen, es würden ausschliesslich psychosoziale Gründe
vorliegen
und
es sei
damit kein IV-relevanter Gesundheitsschaden
ge
geben
. Dies sei unzutreffend. Entgegen der Beschwerdegegnerin falle das Leiden
nicht automatisch weg mit dem Verschwinden der «Peinigerin», sprich dem Ver
lust der Arbeitsstelle. Vielmehr sei ein chronisches Müdigkeitssyndrom diagnos
tiziert worden und die Beschwerdeführerin bis heute ganz bzw. teilweise arbeits
unfähig.
Zudem habe
die Beschwerdegegnerin
eine
Gehörsverletzung begangen, indem sie in der angefochtenen Verfügung auf die Einwände der Beschwerde
führerin nicht eingegangen sei
.
Im Lichte des Untersuchungsgrundsatzes sei bei dieser Ausgangslage durch das Gericht
eine fachpsychiatr
ische Begutachtung zu veranlassen
(
Urk.
1).
3.
3.1
Im
als
Arztzeugnis
bezeichneten
Schreiben
vom 2
5.
Oktober 2018
hielt
der seit Oktober 2018 behandelnde
Dr.
med. Z._
, Facharzt FMH für Psy
chiatrie und Psychotherapie
,
zuhanden der
damaligen
Arbeitgeberin
fest, der anfangs Oktober [2018] erlittene körperliche und psychische Zusammenbruch am Arbeitsplatz habe einen Erschöpfungszustand eingeläutet. Dieser habe sich wohl schon über längere Zeit unter hoher Arbeitsbelastung schleichend entwickelt. Heute falle die Beschwerdeführerin durch eine eklatante Kraftlosigkeit, hohe Ermüdbarkeit, grosse Empfindlichkeit gegenüber äusseren Reizeinflüssen und ein massiv verlangsamte
s
Arbeitstempo auf. Da jedes Erschöpfungssyndrom «indivi
duellen Gesetzmässigkeiten» folge, könne über den weiteren Verlauf keine Prog
nose erstellt werden. Der Beschwerdeführerin sei vom Hausarzt initial eine
100%ige Arbeits
unfähigkeit attestiert worden. Letzteres
gelte
noch immer
für vor
aussichtlich weitere drei bis vier Wochen (
Urk.
6/27/67
). I
n den
Arztzeugnis
sen
vom 1
0.
Januar und 1
0.
Februar 2019 attestierte
Dr.
Z._
der Beschwer
deführerin
erneut
eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit
und begründete dies damit,
letztere benötige weiterhin Erholungszeit mit konsequenter Schonung und höch
st
möglicher Ruhe, damit sie Schritt für Schritt ihre verlorengegangenen kör
per
lichen, psychischen und geistigen Kräfte zurückgewinnen könne. Die Kontakte mit der Arbeitgeberin im Dezember 2018 mit Ankündigung einer Lohnkürzung sowie Auflösung des Arbeitsverhältnisses auf Ende März 2019 seien für die Ge
sundheit der Beschwerdeführerin wenig zuträglich gewesen
(
Urk.
6/31
/79,
Urk.
6/31/85
).
3.2
Im handschriftlichen
Bericht vom 2
2.
November 2019
zu Händen der Kran
ken
taggeldversicherung
diagnostizierte
Dr.
Z._
ein Erschöpfungssyndrom
(ICD-10:
Z73.0
)
. Dieses habe sich im Verlauf des Jahres 2018 im Rahmen eines entwertenden, respektlosen, missbräuchlichen und unberechenbaren Arbeitsver
hält
nisses im Hause einer psychisch hochgradig au
ffälligen, emotional instabilen,
immer wieder ausrastenden
Millionärin schleichend entwickelt. Die Beschwerde
führerin habe [soweit lesbar]
berichtet, sie sei kraftlos, ausgelaugt, reduziert belastbar
,
ängstlich und verlangsamt. Zudem bestünden
Insuffizienz- und Versa
gens
gefühle sowie Existenz- und Verlustängste. Als objekt
ive Befunde notierte
Dr.
Z._
, die Beschwerdeführerin
sei müde,
abgeschlagen, ve
runsichert, leicht schreckhaft und
voller Bedenken, innerer Spannung und Angst. Auch 13
Monate nach K
rankheitsbeginn müsse der Kontakt zur
völlig unberechen
ba
ren, hysterischen und psychisch gestörten Arbeitgeberin
vermieden werden. Seit dem
3.
September 2019
bestehe
infolge einer «Aufhellung des Gemütszustandes» eine
30%ige Arbeitsfähigkeit
(
Urk.
6/27/3 ff.
, vgl. auch Urk.
6/31/
10 und
Urk.
6/
31/
43
)
.
3.3
Im Bericht zuhanden der Beschwerdegegnerin vom 2
5.
September 2020 diagnostizierte
Dr.
Z._
ein chronisches Müdigkeitssyndrom (ICD-10: G93.3) bei
ab
hängig-asthenischer P
ersönlichke
itsstörung (ICD-10: F60.7).
Seit dem
2.
März 2020 arbeite die Beschwerdeführerin
im 50
%
-Pensum
als Haushäl
terin in einem Privathaushalt.
Die medizinische Sympto
matik und Situation
zeige k
eine nennenswerte Besserung
im physischen und psychischen Allgemeinzu
stand
.
Es bestünden eine andauernde Müdigkeit, hohe Ermüdbarkeit, grosse Reiz
barkeit, erhöhte Unsicherheit, Selbstzweifel, Insuffizienz-
und Versagensge
dan
ke
n, Existenz- und Zukunftsängste sowie unaufhörliche
Klagsamkeit
. Sodann habe die Beschwerdeführerin kaum Interessen,
einges
chränkte soziale Kontakte und
be
grenzte Lebensinhalte; sie
wisse sich
n
ur sehr beschränkt zu beschäft
igen, betreibe keine sportliche Aktivität.
Zudem
habe sie
eine
negative Gr
undhaltung bei massiv
gesteige
rter Besorgtheit und Anspannung sowie
diverse
n
psychoso
matische
n
Beschwerden wie Kopfweh, Schwindel und dergleichen.
In therapeu
tischer Hinsicht habe zunächst die
Aufarbeitung
der
psychis
ch traumatischen Arbeitssituatio
n
im Vordergrund gestanden. Zudem sei der Beschwerdeführerin eine
Arbeitsu
nfähigkeit
attestiert worden, um sie von der respektlosen, ent
wer
tenden, di
skrim
inierenden und krass missbräuch
lichen Arb
eitssituation im Haus
halt dieser unberechenbaren «Herrin»
zu schützen.
Für die einfache familiäre Herkunft
und
das
wenig differenzierte,
int
ellektuell eingeengte Wesen der Be
schwer
deführerin sei es bezeichnend, dass sie sich
im Haushalt der ehemaligen Arbeitgeberin 11 1⁄2
Jahre lang habe ausnutzen, demütigen und fertigmachen l
assen, ohne sich gebührend zu wehren.
Es verwundere
auch
nicht, dass d
as be
schränkte intellektuelle Potential der in
der Sch
weiz nie wirklich integrierten u
nd auch n
ach fast 40 Jahren in der
Schweiz noch
immer sehr mangelhaft Deutsch sprechenden Beschwerdeführerin
auch der psych
otherapeutischen Behandlung
enge Grenzen setzte.
Dabei stünden
reintegrative
Bemühungen im Vordergrund
. Die zur andauernden Besorgtheit und Unsicherheit neigende
Beschwerdeführerin
habe
die Einnahme von Medikamenten
stets
abgelehnt und
sei gar zur
Einnahme von
Roborantien
nicht bereit
gewesen
(
Urk.
6/33
/3
).
Andernorts erwog
Dr.
Z._
, es sei unklar, ob die
appellativen
Klagen der Beschwerdeführerin, wo
nach die Siebenstundenarbeitstage, jeweils montags, mittwochs und freitags, sehr anstrengend, hart und abfordernd gewesen und lediglich von einer fünfminütigen Kaffeepause unterbrochen gewesen seien, den tatsächlichen Gegebenheiten ent
sprechen
würden. Unklar sei auch, ob die unaufhörlichen Klagen über
Müdigkeit und Befindlichkeitsstö
rungen (Kopfweh, Schwindel,
giro
della
testa
) in erster Linie
appellativen
Charakter h
ätten (
Urk.
6/33/5). Jedenfalls könne die seit dem
2.
März 2020 attestierte Arbeits
fähigkeit von 50
%
aus ärztlicher Sicht nicht ge
steige
rt werden. Die heute 61-jährige,
aus sehr einfachen, bäuerlichen Fami
lien
verhältnissen
stammende
und intellektuell wenig geförderte Beschwerde
führerin dürfte sich in insgesamt rund 50 Arbeitsjahren (unter Berücksichtigung der Mit
hilfe auf dem elterlichen Bergbauernhof
seit dem
1
0.
Altersjahr
), zwei
facher Mutterschaft und haushälterischer Arbeit verausgabt haben. Ein längeres Ehe
glück sei ihr auch nicht beschieden gewesen; seitens ihres Ehemannes seien ihr Hörner aufgesetzt worden und die Beschwerdeführerin sei daraufhin jahrelang partnerlos verblieben. Schliesslich sei sie 2007 bis 2018 als Haushälterin ausge
nutzt und psychisch misshandelt worden. B
ei alle dem sei
der Beschwerdeführerin
für die verbleibenden drei bis vier Arbeitsjahre eine über 50
%
hinausgehende Erwerbstätigkeit nicht zuzumuten.
Nennenswerte Ressourcen zur Unterstützung einer weitergehenden Integration seien nicht ersichtlich.
So sehr Lebensführung, soziale, kulturelle und sportliche Interessen
«
keine grossen Sprünge zu machen vermöchten
»
, so seien auch den psychotherapeutischen
Bemühungen absehbare und enge Grenzen gesetzt. Die Psychotherapie sei aufs Nötigste und Alltäglichste beschränkt, problemorientiert und unterstützte die eigentlich nur beschränkt lebens
fähige Beschwerdeführerin
vor allem
in ihrer beruflichen Reintegration. Mithin besitze die ärztlich-psychotherapeutische Behandlung vornehmlich
sup
por
tiven
, begleitenden Charakter; anderweitige Behandlungsmassnahmen seien aktuell nicht angezeigt und eine medikamentöse Behandlung nicht zwingend indiziert (
Urk.
6/33/4)
.
3.4
Am
8.
Febru
ar 2021 hielt pract. med. A._
, Facharzt FMH für Arbeits
medizin,
RAD,
fest, die Beschwerdeführerin sei seit Oktober 2018 bedingt durch einen Arbeitsplat
zkonflikt ganz resp. teilweise a
rbeitsunfähig. Seit März 2020 bestehe eine Neuanstellung im 50%-Pensum. Es sei unklar, weshalb keine weitere Steigerung der A
rbeit
sfähigkeit
erfolgen könne. Wahrscheinlich sei die Stelle nur im 50%-Pensum verfügbar. Die Arbeitsfähigkeitsprognose von
Dr.
Z._
sei rein
psychosozial begründet und somit IV-irrelevant. Es würden keine objek
tivierbaren Einschränkungen der Arbeitsfähigkeit vorliegen;
Dr.
Z._
habe die Arbeitsunfähigkeit rein subjektiv begründet. E
in fachpsychiatrisches
Gutachten sei nicht angezeigt (
Urk.
6/40/3).
4
.
4
.1
Aufgrund der vorliegenden medizinischen Akten kann nicht abschliessend beur
teilt werden, ob bei der
Beschwerdeführer
in
ein versicherungsrelevanter Gesund
heitsschaden besteht.
4.2
Dr.
Z._
diagnostizierte vor dem Hintergrund eines
langjährig
en,
miss
bräuchlichen und traumatisierenden
Arbeitsverhältnisses
ein chronisches Müdig
keits
syndrom
(ICD-10: G93.3)
bei
eine
r
ab
hängig-asthenisch
e
n
Persönlichkeits
störung (ICD-10: F60.7).
G
leichzeitig hielt er fest, es sei unklar
, ob die
geschil
derten
(aktuellen)
Arbeitsbedin
gungen der Tatsache entsprechen
würden und
die
unaufhörlichen Klagen über
Müdigkeit und Befindlichkeitsstö
rungen (Kopfweh, Schwindel,
giro
della
testa
) in erster Linie
appellativen
Charakter hätten (
Urk.
6/33/5
, E. 3.3
).
Bei
den
– vor allem im zuletzt zitierten Bericht (vgl. E. 3.3) –
ausserdem
geschilderten
Umständen resp. Wesenszügen (namentlich
Interes
sen
a
rmut,
eingeschränkte soziale Kontakte
,
begrenzte
r Lebensinhalt, Schwierigkeit,
sich zu
beschäft
igen,
negative Grundhaltung
, eingeschränkte
Intelligenz und
«
Ü
berlebensfähigkeit»)
ist
zudem
unklar
, ob es sich dabei um krankheits
imma
ne
nte
resp.
krankheitswertige
oder krankheitsfremde
, jedoch allenfalls ressour
cen
hem
mende,
Faktoren handelt
. Damit bleibt auch die Frage offen
, ob und in wie weit
die geschilderten Leiden
und deren Bewältigung
massgeblich durch invalidi
täts
fremde Faktoren
v
erursacht resp. behindert wurde
n
und w
e
rd
en
.
Zudem lassen
die
Ausführungen
von
Dr.
Z._
zur Arbeitsfähigkeit der Beschwerde
führerin
eine einlässliche Auseinandersetzung mit den Indikatoren gemäss BGE
14
1 V 281 (vgl. E. 1.2) vermissen. Demgegenüber
lässt sich
aufgrund
der Be
richte von
Dr.
Z._
, insbesondere der darin geschilderten Befunde,
ein krankheitswertiger Gesundheitsschaden
jedenfalls
nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit
von Vorherein
ausschliessen
.
Daran ändert auch die
anders
lautende, äussert knapp gehaltene
Stellungnahme
von pract.
med.
A._
,
welche lediglich gestützt auf die unzulängliche Aktenlage erfolgte
(vgl. E. 3.4)
,
nichts.
Kommt hinzu, dass es sich bei
pract.
med.
A._
nicht um einen psychiatrischen Facharzt
handelt
.
4.3
Damit erweist sich der medizinische Sachverhalt als ungenügend abgeklärt und
ist
eine
psychiatrische
Abklärung unter Einschluss der Frage, in
wiefern sich ein
allenfalls bei der
Beschwerdeführer
in
vorliegender psychischer Gesundheitsscha
den mit Krankheitswert auf
ihre
Arbeitsfähigkeit ausgewirkt hat und aktuell aus
wirkt, angezeigt. Dabei wird
sich
der beurteilende Facharzt zu den Indikatoren
gemäss
BGE 141 V 281 zu
äussern
haben (vgl. E. 1.2).
Der Vollständigkeit halber
ist
schliesslich
festzuhalten
, dass - entgegen der Be
schwerdeführerin (Urk. 1
S. 4
) - eine Verletzung des rechtlichen Gehörs
zu ver
neinen ist.
Insb
e
sondere vermochte sie
den
vorliegenden
Entscheid sachgerecht anzufechten und konnte sie ihr Anliegen vor einer Beschwerdeinstanz, die sowohl den Sachverhalt als auch die Rechtslage frei überprüft, vortragen (vgl. BGE 127 V 431 E.
3d
/
aa
S. 437).
4.4
Nach dem Gesagten
ist
die Beschwerde
in dem Sinne gutzuheissen, dass
der an
ge
fochtene Ent
scheid aufzuheben und die Sache
zur
psychiatrischen Abklärung an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen ist
.
Die Rückweisung zur weiteren Ab
klärung steht auch im Einklang damit, dass in erster Linie die IV-Stelle für die richtige und vollständige Sachverhaltsabklärung zu sorgen hat (vgl.
Art.
43
Abs.
1 ATSG
; E. 1.4
).
5.
5.1
Gemäss Art. 69 Abs. 1
bis
IVG ist das Beschwerdeverfahren bei Streitigkeiten um die Bewilligung oder die Verweigerung von IV-Leistungen kostenpflichtig. Die Kosten sind nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert er
messensweise auf Fr.
7
00.-- festzusetzen und (aufgrund der rechtsprechungsge
mäss ebenfalls als vollständiges Obsiegen geltenden Rückweisung der Sache an die Verwaltung zur weiteren Abklärung und neuen Verfügung) ausgangsgemäss der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen.
5.2
Nach Art. 34 Abs. 3 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht (GSVGer) hat die obsiegende Beschwerdeführerin Anspruch auf eine Prozessentschädigung. Diese ist
ermessensweise auf Fr. 1‘8
00.-- (inklusive Barauslagen und Mehr
wert
steuer) festzusetzen und von der Beschwerdegegnerin zu bezahlen.