Decision ID: 22ef8f7a-75b8-50c3-8d8c-258d381e01df
Year: 2019
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer reichte am 10. Januar 2010 ein erstes Asylgesuch
ein.
Er machte im Rahmen der Befragung zur Person (BzP) vom 20. Januar
2010 und der Anhörung vom 9. Februar 2010 im Wesentlichen geltend,
als aktives Mitglied der Coalition für Unity (CUD, amharische
Bezeichnung Kinijit) vor den Parlamentswahlen im Mai 2005 Ju-
gendliche für die Unterstützung der Kinijit-Partei mobilisiert zu haben.
Unbekannte Männer hätten ihn mehrmals dazu aufgefordert, seine
politischen Aktivitäten aufzugeben und am 25. September 2005 sei er
von der Polizei verhaftet und im Gefängnis mehrmals verhört und miss-
handelt worden, wobei ihm der Polizeioffizier B._ eines Nachts
seine Verlobte nackt vorgeführt habe, worauf er in Ohnmacht gefallen
sei. Nach seiner Haftentlassung auf Kaution vom 30. Oktober 2005 habe
er sich an B._ rächen wollen und ihn etwa neun Tage später
verfolgt und mit dem Messer auf ihn eingestochen, wobei B._ auf
ihn geschossen habe. Am nächsten Tag sei er vor der Polizei nach
Nairobi (Kenia) geflüchtet und habe dort bei Verwandten gelebt. In der
Folge sei er mit einem Visum nach Sambia gereist und habe sich dort
für sieben Monate aufgehalten, bevor er nach Südafrika gelangt sei, wo
er um Asyl ersucht habe. Ungefähr ein Jahr später sei er in
Johannesburg Zeuge von gewalttätigen Auseinandersetzungen
zwischen drei Freunden von ihm und einem ihm unbekannten
Landsmann geworden, worauf er sich in eine andere Stadt in Südafrika
begeben habe. Auch an seinem neuen Wohnort sei er vom genannten
Landsmann behelligt worden und die Polizei sei in der Folge untätig
geblieben. Zurückgekehrt nach Johannesburg seien ihm sein
äthiopischer Reisepass, seine Identitätskarte und sein Kinijit-
Parteiausweis gestohlen worden, worauf seine Mutter ihm in Addis
Abeba eine neue Identitätskarte habe ausstellen lassen und ihm
zugestellt habe. Am 26. Dezember 2009 habe er Südafrika verlassen
und sei nach einer zweiwöchigen Schifffahrt nach Marseille und danach
mit einem Auto am 10. Januar 2010 illegal in die Schweiz gelangt.
Zur Stützung seiner Vorbringen reichte der Beschwerdeführer eine
Identitätskarte, ein Dokument der südafrikanischen Asylbehörden mit
seinem Namen und am 22. Februar 2010 einen Mitgliedsausweis der
CUD, alle im Original, ein.
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Seite 3
B.
Mit Entscheid vom 23. Februar 2010 lehnte das damalige Bundesamt für
Migration (BFM) das Asylgesuch des Beschwerdeführers wegen Unglaub-
haftigkeit der Vorbringen ab, ordnete die Wegweisung aus der Schweiz an
und erachtete den Vollzug als zulässig, zumutbar und möglich.
C.
Mit Urteil vom 4. Mai 2012 wies das Bundesverwaltungsgericht eine gegen
diesen Entscheid erhobene Beschwerde ab.
In seiner Begründung hielt es im Wesentlichen fest, dass die Vorinstanz
die Mitgliedschaft des Beschwerdeführers zur Kinijit-Koalition und die
damit verbundenen Vorbringen zu Recht als nicht glaubhaft erachtet
habe, wobei die Beweiskraft des eingereichten Mitgliedsausweises der
CUD als gering einzustufen sei. Unabhängig von der Frage der
Glaubhaftigkeit würden dem Beschwerdeführer alleine aufgrund dessen
angeblicher früherer Zugehörigkeit zur Kinijti in seinem Heimatstaat
ohnehin keine asylrelevanten Nachteile drohen.
D.
Am 28. März 2013 reichte der Beschwerdeführer beim BFM eine als „Wie-
dererwägungsgesuch“ bezeichnete Eingabe ein.
Er machte geltend, in der Schweiz exilpolitisch tätig zu sein. Er sei Mitglied
der Ethiopian People's Patriotic Front (EPPF) und nehme an Demonstrati-
onen dieser Organisation teil, wobei er Fotos der Veranstaltungen auf Fa-
cebook veröffentliche. Als Beweismittel wurden eine Mitgliederbestätigung
und ein Bestätigungsschreiben der EPPF, Fotos von Demonstrationen und
Facebook-Auszüge eingereicht.
E.
Aufgrund des unbekannten Aufenthalts des Beschwerdeführers wurde das
Verfahren mit Beschluss des BFM vom 14. Januar 2014 als gegenstands-
los geworden abgeschrieben, indessen am 31. Januar 2014 wieder aufge-
nommen, nachdem der Beschwerdeführer wieder aufgetaucht war.
F.
Mit Entscheid vom 12. Dezember 2014 nahm das BFM die als „Wiederer-
wägungsgesuch“ bezeichnete Eingabe vom 28. März 2013 als zweites
Asylgesuch entgegen und trat auf dieses in Anwendung von Art. 32 Abs. 2
Bst. e des Asylgesetzes (AsylG, SR 142.31; in der Fassung vor dem
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Seite 4
1. Februar 2014) nicht ein. Dieser Entscheid erwuchs in der Folge unange-
fochten in Rechtskraft.
G.
Mit als „Wiedererwägungsgesuch“ bezeichneter Eingabe vom 22. Januar
2015 an das SEM stellte der Beschwerdeführer ein Mehrfachgesuch im
Sinne von Art. 111c AsylG mit der erneuten Begründung, in der Schweiz
exilpolitisch tätig zu sein. Er habe nun die Funktion als Koordinator von
Mitgliedern der EPPF und sei daher stärker exponiert als einfache Mitglie-
der. Zudem sei seine Mutter im Januar 2015 von der Polizei, welche seine
regimekritischen Beiträge auf Facebook und YouTube gesehen habe, zu
seinen politischen Aktivitäten befragt worden.
Zur Stützung seiner Vorbringen reichte der Beschwerdeführer Facebook-
Auszüge mit Beiträgen über politische Veranstaltungen in der Schweiz, Fo-
tografien von Teilnahmen an Demonstrationen und Medienberichte aus
dem Internet ein.
H.
Mit Entscheid vom 26. Juli 2017 lehnte das SEM das Mehrfachgesuch vom
22. Januar 2015 ab, ordnete die Wegweisung aus der Schweiz an und er-
achtete den Vollzug als zulässig, zumutbar und möglich. Auch dieser Ent-
scheid erwuchs in der Folge unangefochten in Rechtskraft.
I.
Mit Eingabe vom 17. Oktober 2017 reichte der Beschwerdeführer beim
SEM erneut ein Mehrfachgesuch ein. Es wurde ohne weitere Ausführun-
gen eine Mitgliedschaftsbestätigung und ein Bestätigungsschreiben der
EPPF-G (Ethiopian People’s Patriotic Front-Guard) vom 13. September
2017 eingereicht, worin festgehalten wird, dass der Beschwerdeführer seit
dem 1. Januar 2017 in St. Gallen für die Gruppierung politisch aktiv sei.
Der Beschwerdeführer machte geltend, damit werde das Vorliegen eines
Risikoprofils aufgrund seiner exilpolitischen Tätigkeit nachgewiesen.
K.
Mit Verfügung vom 30. Oktober 2017 (Eröffnung am 2. November 2017)
lehnte das SEM das Mehrfachgesuch des Beschwerdeführers vom 17. Ok-
tober 2017 ab, ordnete die Wegweisung aus der Schweiz sowie den Weg-
weisungsvollzug an und erhob eine Gebühr von Fr. 600.–.
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Seite 5
L.
Mit Eingabe seiner Rechtsvertreterin vom 1. Dezember 2017 erhob der Be-
schwerdeführer unter Beilage eines Bestätigungsschreibens der „Associa-
tion des ethiopiens en Suisse“ vom 14. November 2017 und der bereits im
Rahmen der bisherigen Asylverfahren eingereichten Beweismittel in Kopie
gegen diesen Entscheid Beschwerde. Es wurde die Aufhebung der ange-
fochtenen Verfügung und die Asylgewährung beantragt, eventualiter sei die
Unzulässigkeit beziehungsweise Unzumutbarkeit des Wegweisungsvoll-
zugs festzustellen und die vorläufige Aufnahme in der Schweiz anzuord-
nen, subeventualiter sei die Sache an das SEM zur Neubeurteilung zurück-
zuweisen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht wurde unter Verzicht auf das
Erheben eines Kostenvorschusses um Gewährung der unentgeltlichen
Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG in Verbindung mit Art. 110a
Abs. 1 AsylG ersucht.
M.
Mit Zwischenverfügung vom 8. Dezember 2017 wurde das Gesuch um Ge-
währung der unentgeltlichen Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1
VwVG gutgeheissen und auf die Erhebung eines Kostenvorschusses ver-
zichtet. Das Gesuch um Beiordnung eines unentgeltlichen Rechtsbeistan-
des, welches in der vorliegenden Verfahrenskonstellation (Mehrfachge-
such) nach der allgemeinen Bestimmung von Art. 65 Abs. 2 VwvG zu be-
urteilen ist (Art. a110a Abs. 2 AsylG), wurde mangels Notwendigkeit abge-
wiesen.
N.
In seiner Vernehmlassung vom 27. Dezember 2017, welche dem Be-
schwerdeführer am 5. Januar 2018 zur Kenntnis gegeben wurde, bean-
tragte das SEM die Abweisung der Beschwerde.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
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Seite 6
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche
Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb
das Bundesverwaltungsgericht in casu endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Der Beschwer-
deführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die
angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges In-
teresse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist daher zur
Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1
AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist
einzutreten.
1.4 Am 1. März 2019 ist die Teilrevision (AS 2016 3101) des Asylgesetzes
vom 26. Juni 1998 in Kraft getreten. Für das vorliegende Verfahren gilt das
bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung
des AsylG vom 25. September 2015).
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Vorliegend han-
delt es sich, wie nachfolgend aufgezeigt, um eine solche, weshalb der Be-
schwerdeentscheid nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2
AsylG).
Die Tatsache, dass die Beschwerde im Beschwerdezeitpunkt nicht als aus-
sichtslos zu qualifizieren war (vgl. Zwischenverfügung vom 8. Dezember
2017), steht einer Behandlung der Beschwerde im Verfahren nach Art. 111
Bst. e AsylG nicht entgegen. Zwar decken sich die Begriffe der Aussichts-
losigkeit (Art. 65 Abs. 1 VwVG) und der offensichtlichen Unbegründetheit
(Art. 111 Bst. e AsylG) materiell weitgehend. Für die Prüfung der offensicht-
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lichen Unbegründetheit (Art. 111 Bst. e AsylG) ist jedoch der Urteilszeit-
punkt massgebend, während für die Beurteilung der Aussichtslosigkeit der
Beschwerdebegehren (Art. 65 Abs. 1 VwVG) auf den Zeitpunkt der Be-
schwerdeerhebung abzustellen ist (BGE 133 III 614 E. 5). Insofern ist nicht
ausgeschlossen, dass eine als nicht aussichtslos zu beurteilende Be-
schwerde, wie dies vorliegend zutrifft, als offensichtlich unbegründet abge-
wiesen wird.
4.
4.1 Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in
dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zuge-
hörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politi-
schen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder begrün-
dete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1
AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Lei-
bes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträg-
lichen psychischen Druck bewirken.
4.2 Die Flüchtlingseigenschaft muss nachgewiesen oder zumindest glaub-
haft gemacht werden. Sie ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vor-
handensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für gegeben hält. Un-
glaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu
wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht
entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismit-
tel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
5.
Das SEM hielt in der angefochtenen Verfügung fest, dass es der Beschwer-
deführer unterlassen habe, sein Mehrfachgesuch näher zu begründen und
konkrete Ereignisse zu bezeichnen, die allenfalls seit Abschluss des Asyl-
verfahrens Ende Juli 2017 eingetreten seien. Zudem habe der Beschwer-
deführer im Rahmen des vorangehenden Asylverfahrens eine Mitglied-
schaft bei der EPPF geltend gemacht und dabei nicht erwähnt, seit Januar
2017 auch aktives Mitglied der Splittergruppe EPPF-G zu sein, weshalb
grosse Zweifel an der geltend gemachten Mitgliedschaft bei der EPPF-G
bestünden. Im Weiteren sei hinsichtlich der exilpolitischen Tätigkeit bereits
im Entscheid des SEM vom 26. Juli 2017 rechtskräftig festgestellt worden,
dass der Beschwerdeführer kein bedeutsames exilpolitisches Profil auf-
weise, welches eine begründete Furcht vor künftiger Verfolgung als wahr-
scheinlich erscheinen lasse. Die geltend gemachte einfache Mitgliedschaft
bei der EPPF-G ändere nichts an dieser Einschätzung.
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Seite 8
6.
In der Beschwerde wurde im Wesentlichen geltend gemacht, das SEM
verletze Bundesrecht, indem es die mit dem Mehrfachgesuch eingereich-
ten Dokumente (Mitgliedschaftsausweis der EPPF-G und Bestätigungs-
schreiben der EPPF-G) mit der blossen Begründung aus dem Recht weise,
diese seien im vorhergehenden Verfahren nicht eingebracht worden. Ge-
mäss Art. 32 VwVG seien auch verspätete Parteivorbringen zu berücksich-
tigen, wenn diese ausschlaggebend erscheinen würden. Der Beschwerde-
führer habe gar nicht die Möglichkeit gehabt, diese Dokumente früher ein-
zureichen, da die Beschaffung entsprechender Dokumente im Ausland
eine lange Zeit in Anspruch nehmen könne. Zudem sei die Vorinstanz im
vorhergehenden Verfahren nach Art. 6 AsylG in Verbindung mit Art. 12
VwVG verpflichtet gewesen, den Sachverhalt von Amtes wegen festzustel-
len und den Hinweisen des Beschwerdeführers, wonach seine Mutter be-
droht worden sei, nachzugehen. Aufgrund ihrer Untätigkeit habe sie gegen
den Untersuchungsgrundsatz verstossen.
Im Weiteren habe der Beschwerdeführer bereits im vorhergehenden Ver-
fahren geltend gemacht, der EPPF anzugehören und politisch aktiv zu sein.
Der Vorwurf der Vorinstanz, der Beschwerdeführer habe die Zugehörigkeit
zur Splittergruppe EPPF-G nicht erwähnt, sei daher als überspitzter For-
malismus beziehungsweise missbräuchliches Ermessen zu qualifizieren.
Zudem habe der Beschwerdeführer mit der Einreichung der genannten Do-
kumente belegt, dass er tatsächlich ein ranghöheres Mitglied der militanten
Gruppe der EPPF sei. Schliesslich gehe aus dem auf Beschwerdeebene
eingereichten Bestätigungsschreiben der „Association des Ethiopiens en
Suisse“ vom 14. November 2017 hervor, dass der Beschwerdeführer nicht
nur ein Mitglied unter vielen sei, sondern jeweils an vorderster Front gegen
die derzeitige Regierung kämpfe. Er organisiere sämtliche Diskussionsrun-
den und Demonstrationen und gelte als engagiert und einflussreich.
7.
7.1 Wer sich darauf beruft, dass durch sein Verhalten nach der Ausreise
aus dem Heimat- oder Herkunftsstaat – insbesondere durch politische Exil-
aktivitäten – eine Gefährdungssituation erst geschaffen worden ist, macht
sogenannte subjektive Nachfluchtgründe im Sinne von Art. 54 AsylG gel-
tend. Begründeter Anlass zur Furcht vor künftiger Verfolgung besteht dann,
wenn der Heimat- oder Herkunftsstaat mit erheblicher Wahrscheinlichkeit
von den Aktivitäten im Ausland erfahren hat und die Person deshalb bei
einer Rückkehr in flüchtlingsrechtlich relevanter Weise verfolgt würde (vgl.
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Seite 9
BVGE 2009/29 E. 5.1). Dabei muss hinreichend Anlass zur Annahme be-
stehen, die Verfolgung werde sich mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und
in absehbarer Zukunft verwirklichen – eine bloss entfernte Möglichkeit
künftiger Verfolgung genügt nicht (vgl. BVGE 2011/51 E. 6.2). Subjektive
Nachfluchtgründe begründen zwar die Flüchtlingseigenschaft im Sinne von
Art. 3 AsylG, führen jedoch gemäss Art. 54 AsylG zum Ausschluss des
Asyls, unabhängig davon, ob sie missbräuchlich oder nicht missbräuchlich
gesetzt wurden. Indessen werden Personen, welche subjektive Nach-
fluchtgründe nachweisen oder glaubhaft machen können, als Flüchtlinge
vorläufig aufgenommen (vgl. BVGE 2009/28 E. 7.1).
Einschränkend zur bisherigen Gesetzgebung und Rechtsprechung führen
subjektive Nachfluchtgründe seit dem Inkrafttreten der Asylgesetzrevision
vom 14. Dezember 2012 (in Kraft seit dem 1. Februar 2014) unter Vorbe-
halt des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flücht-
linge (FK; SR 0.142.30) nur noch dann zur Anerkennung als Flüchtling,
wenn die durch das Verhalten nach der Ausreise entstandenen Gründe die
Fortsetzung einer bereits im Heimat- oder Herkunftsstaat bestehenden
Überzeugung sind (vgl. Art. 3 Abs. 4 AsylG i.V.m. Abs. 1 der Übergangs-
bestimmungen zur Änderung vom 14. Dezember 2012).
7.2 Ohne weitere Ausführungen reichte der Beschwerdeführer in seinem
Mehrfachgesuch vom 17. Oktober 2017 eine Mitgliedschaftsbestätigung
und ein Bestätigungsschreiben der EPPF-G (Ethiopian People’s Patriotic
Front-Guard) vom 14. November 2017 ein und machte geltend, damit
werde das Vorliegen eines hohen Risikoprofils aufgrund seiner exilpoliti-
schen Tätigkeit nachgewiesen.
7.3 Hierzu ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer im Rahmen seines
ersten Asylverfahrens eine begründete Furcht vor politischer Verfolgung
durch die äthiopischen Behörden nicht glaubhaft machen konnte. Damit ist
auch nicht davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer nach seiner An-
kunft in der Schweiz unter besonderer Beobachtung seitens der äthiopi-
schen Behörden gestanden hat.
7.4 Die im Rahmen eines zweiten Asylgesuches geltend gemachten Vor-
bringen, er sei Mitglied der Ethiopian People's Patriotic Front (EPPF) und
nehme an Demonstrationen dieser Organisation in der Schweiz teil, erach-
tete die Vorinstanz mit Nichteintretensentscheid vom 12. Dezember 2014
aufgrund des geringen Risikoprofils (einfaches Mitglied der EPPF, keine
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exponierte Tätigkeit) als nicht asylrelevant. Auch die im Rahmen eines wei-
teren Mehrfachgesuches geltend gemachten Vorbringen, der Beschwerde-
führer habe nun die Funktion als Koordinator von Mitgliedern der EPPF und
sei daher stärker exponiert als einfache Mitglieder, führten insbesondere
aufgrund fehlender Substanziierung der angeblichen Tätigkeiten nicht zu
einer anderen Einschätzung durch das SEM (vgl. Entscheid vom 26. Juli
2017).
Diese Feststellungen sind unangefochten in Rechtskraft erwachsen und
nicht mehr Gegenstand des vorliegenden Verfahrens. Folglich ist auf die
Rüge in der Beschwerde, wonach es das SEM im letzteren Verfahren ver-
säumt habe, den Hinweisen des Beschwerdeführers nachzugehen, dass
seine Mutter von den äthiopischen Behörden wegen seiner exilpolitischen
Tätigkeit bedroht worden sei, und damit den Untersuchungsgrundsatz
nach Art. 6 AsylG in Verbindung mit Art. 12 VwVG verletzt habe, nicht näher
einzugehen.
7.5
Im vorliegenden Verfahren hat das SEM im angefochtenen Entscheid ent-
gegen der Auffassung in der Beschwerde die eingereichten Beweismittel
(Mitgliedschaftsbestätigung und ein Bestätigungsschreiben der EPPF-G
vom 13. September 2017) nicht mit der blossen Begründung aus dem
Recht gewiesen, diese seien im vorhergehenden Verfahren nicht einge-
bracht und damit in der Folge verspätet eingereicht worden. Vielmehr hat
das SEM in antizipierter Beweiswürdigung zutreffend darauf hingewiesen,
dass der Beschwerdeführer im Rahmen des vorangehenden Asylverfah-
rens eine Mitgliedschaft bei der EPPF geltend gemacht und dabei nicht
erwähnt habe, seit Januar 2017 auch aktives Mitglied der Splittergruppe
EPPF-G zu sein, weshalb grosse Zweifel an der geltend gemachten Mit-
gliedschaft bei der EPPF-G bestünden. Der Beschwerdeführer gab im Rah-
men seines Mehrfachgesuches keine Gründe an – und es sind auch keine
ersichtlich –, weshalb er die angebliche Mitgliedschaft bei der EPPF erst
mit seinem erneuten Mehrfachgesuch geltend gemacht hat. Die Argumen-
tation des SEM ist zu bestätigen und die Rüge in der Beschwerde, der Vor-
wurf der Vorinstanz, der Beschwerdeführer habe die Zugehörigkeit zur
Splittergruppe EPPF-G nicht erwähnt, sei als überspitzter Formalismus be-
ziehungsweise missbräuchliches Ermessen zu qualifizieren, erweist sich
als haltlos.
Unabhängig von der Frage der Glaubhaftigkeit der geltend gemachten Mit-
gliedschaft bei der EPPF-G ist mit der Vorinstanz festzuhalten, dass eine
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Seite 11
allfällige, aufgrund fehlender Angaben offensichtlich einfache Mitglied-
schaft des Beschwerdeführers bei der EPPF-G keine Exponiertheit zur
Folge hat. Dies gilt auch für die mit der Beschwerde geltend gemachte Mit-
gliedschaft bei der „Association des Ethiopiens en Suisse“, wird doch im
eingereichten Bestätigungsschreiben vom 14. November 2017 die nähere
Tätigkeit als Parteimitglied weder hinreichend konkret beschrieben, noch
wird daraus ersichtlich, in welcher Weise diese Funktion ein wesentlich
ausgeprägteres Engagement im Rahmen der erwähnten Bewegung dar-
stellt. Vielmehr handelt es sich um ein vorformuliertes Schreiben, welches
im Wesentlichen allgemeine Ausführungen zur Bewegung sowie zur Situ-
ation in Äthiopien enthält, worin aber nur rudimentär und pauschal auf die
Gefährdung des Beschwerdeführers wegen seiner Mitgliedschaft und der
dortigen Tätigkeiten eingegangen wird. In diesem Zusammenhang ist fest-
zuhalten, dass im Blickpunkt der Regierung Personen sein dürften, welche
sich aus dem eher anonymen Kreis der blossen Teilnehmer von politischen
Veranstaltungen von Exilorganisationen herausheben. Dies trifft beim Be-
schwerdeführer nicht zu. Aus diesen Gründen ist die exilpolitische Tätigkeit
des Beschwerdeführers insgesamt als marginal zu bezeichnen. Es ist we-
der eine exponierte Stellung innerhalb der von ihm genannten Organisati-
onen noch ein erhebliches persönliches Engagement ersichtlich.
7.6 Zusammenfassend ergibt sich, dass die Vorinstanz zu Recht die Flücht-
lingseigenschaft des Beschwerdeführers wegen subjektiver Nachflucht-
gründe verneint und das Mehrfachgesuch abgelehnt hat.
8.
8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Ausländerinnen und Auslän-
der und über die Integration [AIG, SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
8.2 Der Vollzug der Wegweisung ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche
Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise des Ausländers in den Hei-
mat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AIG).
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Seite 12
Es darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun-
gen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund
nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur
Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG;
vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 FK).
Der Vollzug der Wegweisung ist vorliegend in Betrachtung dieser massge-
blichen völker- und landesrechtlichen Bestimmungen zulässig, weil der Be-
schwerdeführer die Flüchtlingseigenschaft nicht erfüllt und keine Anhalts-
punkte für eine dem Beschwerdeführer in Äthiopien drohende menschen-
rechtswidrige Behandlung im Sinne von Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Über-
einkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame,
unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK,
SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3 EMRK vorliegen.
8.3 Der Vollzug für Ausländerinnen und Ausländer erweist sich als unzu-
mutbar, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf Grund von Situatio-
nen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und medizinischer Notlage
konkret gefährdet sind (Art. 83 Abs. 4 AIG).
Weder die allgemeine Lage in Äthiopien (vgl. BVGE 2011/25 E. 8.3) noch
individuelle Gründe lassen auf eine konkrete Gefährdung des Beschwer-
deführers im Falle einer Rückkehr schliessen, wobei auf die nach wie vor
zutreffenden Ausführungen des SEM in seinen Entscheiden vom 26. Juli
2017 und vom 30. Oktober 2017, worin die Zumutbarkeit eines Wegwei-
sungsvollzugs bejaht wurde, zu verweisen ist.
8.4 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch
BVGE 2008/34 E. 12 S. 513–515), weshalb der Vollzug der Wegweisung
auch als möglich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
8.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich erachtet. Nach dem Gesagten
fällt eine Anordnung der vorläufigen Aufnahme ausser Betracht (Art. 83
Abs. 1–4 AIG).
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
http://links.weblaw.ch/BVGE-2011/25
D-6845/2017
Seite 13
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist nach dem Gesagten
abzuweisen.
10.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Beschwerde-
führer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Indessen wurde das Gesuch
um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege im Sinne von Art. 65
Abs. 1 VwVG mit Zwischenverfügung vom 8. Dezember 2017 gutgeheis-
sen. Es sind keine Verfahrenskosten zu erheben.
(Dispositiv nächste Seite)
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