Decision ID: cb9b7c15-7660-5af0-9b59-4b3dfb488fee
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Am 8. Mai 2015 suchte der Sohn des Beschwerdeführers namens
B._ (N [...]) in der Schweiz um Asyl nach mit der wesentlichen Be-
gründung, wegen seiner Tätigkeit als Coiffeur in Mogadischu von Angehö-
rigen der Al Shabab-Milizen mit dem Tod bedroht worden zu sein. Man
habe ihm vorgeworfen, westliche Frisuren zu schneiden, und ihn der Spio-
nagetätigkeit für die Regierung verdächtigt, weil er auch Soldaten der Re-
gierung und anderen Beamten die Haare geschnitten habe. Der positive
Asylentscheid erging vom SEM am 25. Juli 2017.
B.
Am 22. Juli 2019 suchte Tochter C._ (N [...]) des Beschwerdefüh-
rers in der Schweiz um Asyl nach. Sie gab unter anderem an, nach der
Ausreise ihres Bruders B._ im Jahre 2015 sei ihr Vater (also der
Beschwerdeführer) im Zug der Kampfhandlungen zwischen Regierungs-
truppen und der Al Shabab-Milizen als unbeteiligter Zivilist zwei Mal verletzt
worden. Aufgrund dieser Verletzungen sei der Vater gemeinsam mit einem
weiteren Bruder im November 2018 zwecks medizinischer Behandlung in
die Türkei gereist, wo ihm ein Unterschenkel amputiert worden sei. Zurzeit
befänden sich sowohl der Vater als auch der Bruder in Griechenland. Sie
begründete ihr Asylgesuch im Wesentlichen damit, ihren Ehemann wegen
der vermuteten Zugehörigkeit zu den Al Shabab-Milizen und einem geplan-
ten Mord an einer befreundeten Person an die Regierung verraten zu ha-
ben. Sie befürchte, von den Familienangehörigen ihres Ehemannes, eben-
falls Mitglieder der Al Shabab-Milizen, verfolgt zu werden. Der positive
Asylentscheid erging am 3. September 2019.
C.
Nach Bewilligung der Einreise durch das SEM im Rahmen eines Dublin-
Verfahrens gelangte der Beschwerdeführer von Griechenland kommend
am 10. September 2020 zu seinen Kindern in die Schweiz und reichte glei-
chentags ein Asylgesuch ein.
D.
Der Beschwerdeführer wurde dem Bundesasylzentrum (BAZ) der Region
Ostschweiz und am 23. Oktober 2020 dem erweiterten Verfahren zugewie-
sen.
E.
Anlässlich der Anhörung vom 19. Oktober 2020 – welche zur Unterstützung
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des an Parkinson erkrankten Beschwerdeführers im Beisein des Sohnes
M. stattfand – gab der Beschwerdeführer an, ab 1990 als Strassenreiniger
für die Regierung gearbeitet zu haben und verheiratet und Vater von elf
Kindern zu sein. Drei Kinder seien bereits verstorben, zwei Kinder würden
in der Schweiz leben, ein Sohn sei in Griechenland und seine Ehefrau so-
wie die restlichen Kinder würden in Kenia leben. Zur Begründung seines
Asylgesuches machte er im Wesentlichen geltend, nachdem sich jugendli-
che Anhänger der Al Shabaab während seiner Abwesenheit nach ihm er-
kundigt hätten, sei er am nächsten Tag auf offener Strasse von zwei Schüs-
sen getroffen worden und die Täter seien weggerannt. Nach einem fünftä-
gigen Spitalaufenthalt habe er seine berufliche Tätigkeit wiederaufgenom-
men. In der Folge sei er immer wieder unter Drohungen zur Zusammenar-
beit mit den Al Shabaab aufgefordert worden. Im Jahre 2017 habe er einem
unbekannten maskierten Mann aufgrund dessen Vorhaltungen verspro-
chen, seine Tätigkeit für die Regierung aufzugeben, habe aber damit we-
gen in Aussicht gestellter Lebensmittel bis Ende Monat warten wollen. Am
nächsten Tag habe er sich nach der Arbeit in einem Teehaus aufgehalten,
als zwei maskierte Männer erneut auf ihn geschossen und ihn an einem
Bein verletzt hätten. Es seien dabei auch zwei Personen getötet worden.
Er selbst habe sich nach einem fünfzehntägigen Spitalaufenthalt bei sei-
nem Cousin versteckt. Da in Somalia eine medizinische Versorgung des
verletzten Beines nicht möglich gewesen sei, hätten Verwandte ein Foto
des Beines an ein Spital in der Türkei gesendet. Man habe ihm versichert,
helfen zu können, indessen sei nach der Einreise in die Türkei aus medizi-
nischen Gründen (drohende Blutvergiftung) nur noch die Amputation des
Unterschenkels möglich gewesen.
Zum Nachweis der Identität reichte der Beschwerdeführer eine Kopie sei-
nes Reisepasses ein.
F.
Mit Schreiben vom 10. November 2020 an die Rechtsvertretung wies das
SEM darauf hin, dass zwischen den Aussagen des Beschwerdeführers und
denjenigen seiner beiden in der Schweiz lebenden erwachsenen Kinder
B._ und C._ klare Widersprüche bestünden, und gewährte
hierzu dem Beschwerdeführer das rechtliche Gehör.
G.
Mit Schreiben vom 30. November 2020 forderte das SEM die Rechtsver-
tretung zur Einreichung eines ärztlichen Berichts auf, der sich insbeson-
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dere über die voraussichtliche Dauer des Spitalaufenthalts des Beschwer-
deführers und dessen Aussage- beziehungsweise Urteilsfähigkeit äussern
sollte.
H.
Mit Eingabe vom 11. Januar 2021 reichte die Rechtsvertretung drei ärztli-
che Berichte ein (Eintritts- und Austrittsbericht des [...] vom 18. und 27.
November 2020, Austrittsbericht des [...] vom 18. Dezember 2020). Sie
stellte die Einreichung eines ärztlichen Berichts des im (...) zuständigen
Arztes in Aussicht und ersuchte um entsprechende Fristerstreckung bis 25.
Januar 2021. Mit nachfolgender Eingabe vom 14. Januar 2021 wurden wei-
tere ärztliche Berichte nachgereicht (Austrittsberichte des [...] vom 19. Ok-
tober 2020 und vom 19. November 2020, Operationsbericht vom 10. No-
vember 2020 des [...], Austrittsbericht des [...] vom 4. November 2020).
Der Beschwerdeführer befinde sich seit dem 21. Dezember 2020 bis auf
weiteres in der (...) (vgl. ärztlicher Bericht des zuständigen Arztes Dr. med.
D._ der (...) vom 11. Januar 2021).
I.
Mit Eingabe vom 4. Februar 2021 teilte die Rechtsvertretung unter ande-
rem mit, dass nach telefonischer Auskunft des behandelnden Arztes Dr.
med. D._ die Aussagefähigkeit des Beschwerdeführers durch ihn
nicht abschliessend beurteilbar sei. Der Beschwerdeführer sei ansprech-
bar, inwiefern er jedoch in der Lage sei, einen klaren und eigenen Willen
zu bilden und zu äussern, könne jedoch von ihm nicht abschliessend fest-
gestellt werden. Es sei möglich, dass die Aussagefähigkeit des Beschwer-
deführers aufgrund der Krankheit sowie aufgrund der Medikamente beein-
trächtigt sei.
J.
Mit Schreiben vom 9. Februar 2021 hielt das SEM unter anderem fest, dass
nach den Akten nicht mit einer baldigen Verbesserung des Gesundheitszu-
standes des Beschwerdeführers zu rechnen sei und er wohl noch einige
Zeit in medizinischen Einrichtungen verbringen müsse. Gleichzeitig sei ein
baldiger Asylentscheid, der den Aufenthalt regle, sicherlich im Interesse
des Beschwerdeführers und führe wahrscheinlich auch zu einer Vereinfa-
chung der medizinischen Versorgung. Über das Asylgesuch könne auch
entschieden werden, ohne auf die im Rahmen des rechtlichen Gehörs ge-
nannten Widersprüche näher einzugehen. Auf eine Stellungnahme zu den
Widersprüchen werde deshalb verzichtet. Das SEM werde der Rechtsver-
tretung in den kommenden Tagen einen Asylentscheid zukommen lassen.
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Seite 5
Auch weitere Abklärungen bezüglich Aussagefähigkeit des Beschwerde-
führers erübrigten sich demnach.
K.
Mit Eingabe vom 9. Februar 2021 nahm die Rechtsvertretung Stellung zu
den vom SEM im Schreiben vom 10. November 2020 festgestellten Wider-
sprüchen mit dem Hinweis, dass die Angaben den aufgrund seines ange-
schlagenen Gesundheitszustands knappen Aussagen des Beschwerde-
führers entsprächen. Es wurde ein Austrittsbericht der (...) vom 4. Februar
2021 eingereicht.
L.
Mit Entscheid vom 5. März 2021 (Eröffnung am 8. März 2021) lehtne das
SEM das Asylgesuch des Beschwerdeführers vom 10. September 2020 ab
und ordnete dessen Wegweisung aus der Schweiz an, nahm ihn indessen
wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs vorläufig in der Schweiz
auf.
M.
Mit Beschwerde vom 7. April 2021 wurde die Aufhebung der angefochte-
nen Verfügung in den Dispositivziffern 1-3, die Anerkennung der Flücht-
lingseigenschaft und die Asylgewährung beantragt, eventualiter sei die Sa-
che zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. In verfahrens-
rechtlicher Hinsicht wurde unter Verzicht auf das Erheben eines Kosten-
vorschusses die Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und die
Rechtsverbeiständung in der Person der Rechtsvertretung beantragt.
N.
Mit Schreiben vom 9. April 2021 bestätigte das Bundesverwaltungsgericht
den Eingang der Beschwerde.
O.
Mit Eingabe vom 15. April 2021 reichte die Rechtsvertretung eine Fürsor-
gebestätigung ein.
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Seite 6

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Der Beschwer-
deführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die
angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges In-
teresse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung; er ist daher zur
Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1
AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist
einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (vgl. BVGE 2014/26
E. 5).
3.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Vorliegend han-
delt es sich, wie nachfolgend aufgezeigt, um eine solche, weshalb der Be-
schwerdeentscheid nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2
AsylG). Auf die Durchführung eines Schriftenwechsels wurde in Anwen-
dung von Art. 111a Abs. 1 AsylG verzichtet.
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4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG). Die asyl-
suchende Person muss darlegen, dass sie selber von einer konkreten, ge-
gen sie gerichteten Verfolgungshandlung betroffen war oder begründete
Furcht hat, Opfer einer derartigen Verfolgungshandlung zu werden (Erfor-
dernis der Gezieltheit der Verfolgung).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
5.
5.1 Die Vorinstanz erachtete die zentralen Vorbringen des Beschwerdefüh-
rers, von den Al Shabaab wegen seiner Tätigkeit für die Regierung bedroht
und angeschossen worden zu sein, als nicht glaubhaft.
5.2 Gemäss seinen Aussagen habe der Beschwerdeführer seit 1990 bloss
als Strassenreiniger für die Regierung gearbeitet. Auch wenn er von der
Regierung angestellt gewesen sei, erscheine die blosse Tätigkeit als Stras-
senreiniger wenig geeignet, um ihn in den Augen der Al Shabaab als Op-
positioneller erscheinen zu lassen und daraus eine gezielte Verfolgung ab-
zuleiten, zumal davon auszugehen sei, dass es in Mogadischu zahlreiche
weitere Regierungsangestellte gebe, die ein weitaus exponierteres Profil
aufweisen würden. Zudem habe es gemäss seinen eigenen Aussagen in
Mogadischu rund 100 Strassenreiniger gegeben. Es gebe keine Gründe,
weshalb gerade der Beschwerdeführer von der Al Shabaab bedroht wor-
den sein sollte. Zwischen den beiden Vorfällen, als auf den Beschwerde-
führer geschossen worden sei, lägen rund sechs Jahre. Auch die Aussagen
des Beschwerdeführers, dass er nach dem Vorfall im Jahre 2011 immer in
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einem anderem Haus versteckt gelebt habe, nicht mehr nach Hause ge-
gangen (vgl. SEM-Protokoll A1074832-12/13 F64) und für seine Arbeit
fortan immer in einem anderen Quartier eingeteilt worden sei (vgl. A
1074832-12/13 F84), passten nicht in das Gesamtbild. Einerseits sei davon
auszugehen, dass die Verfolger den Beschwerdeführer auch in anderen
Quartieren hätten aufspüren können, hätten sie tatsächlich ein ernsthaftes
Interesse an der Person des Beschwerdeführers gehabt. Andererseits sei
der Beschwerdeführer am Tag vor dem zweiten Anschlag auf ihn offen-
sichtlich zuhause gewesen und am folgenden Tag in der Teestube ange-
schossen worden und habe sich dabei zudem in unmittelbarer Nähe seines
Hauses befunden (vgl. A 1074832-12/13 F65-F66). Dieses Verhalten ent-
spreche nicht demjenigen einer tatsächlich bedrohten Person.
5.3 Im Weiteren sei in den Befragungsprotokollen der Kinder des Be-
schwerdeführers B._ und C._ weder die Hausbesuche noch
Aufforderungen der Al Shabaab an den Beschwerdeführer, seine Kinder
zur Al Shabaab zu schicken, erwähnt. In den Schilderungen des Beschwer-
deführers komme es zu zahlreichen Abweichungen im Vergleich zu den
Aussagen seiner Kinder B._ und C._ So habe die Tochter
C._ angegeben, dass der Beschwerdeführer zweimal angeschos-
sen worden sei, wobei sich ein Vorfall im Jahr 2009 ereignet habe, als ihr
Vater rein zufällig beim Überqueren der Strasse von Anhängern der Al
Shabaab angeschossen worden sei. Diesen Vorfall habe der Beschwerde-
führer zunächst nicht erwähnt mit der Begründung, er habe nicht sagen
können, ob es die Al Shabaab gewesen sei, die auf ihn geschossen habe
(vgl. SEM-Protokoll 1074832-12 F92). Trotzdem widersprächen sich die
Aussagen des Beschwerdeführers und diejenigen seiner Tochter bezüglich
Schussangriffe auf ihn. Am auffälligsten seien die Abweichungen bezüglich
der Ausreisen der Familienmitglieder des Beschwerdeführers. So habe der
Beschwerdeführer selbst angegeben, wie seine Ehefrau und die Kinder im
Mai 2017 ausgereist zu sein (vgl. A 1074832-12 F16, F44-F46), seine Toch-
ter jedoch habe ihrerseits ausgesagt, ihr Vater habe im Dezember 2018
und ihre Mutter am 22. Juli 2019 den Heimatstaat verlassen. Auch wenn
der Beschwerdeführer angegeben habe, dass er sich fast nicht an Daten
erinnern könne und dass seine Tochter C._ die Daten besser kenne
(vgl. A 1074832-38 F6), falle auf, dass die Aussagen nicht nur bezogen auf
die Daten deutlich voneinander abweichen würden, sondern auch bezüg-
lich Chronologie. Selbst wenn sich der Beschwerdeführer nicht an genaue
Datumsangaben erinnern könne, sollte er in der Lage sein, die Ausreisen
seiner Familienmitglieder korrekt wiederzugeben. Im Weiteren seien die
Schilderungen des Beschwerdeführers, beispielsweise die Bedrohungen
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durch Anhänger der Al Shabaab, ziemlich vage und allgemein ausgefallen
und verstärkten den Eindruck, dass es sich bei den Vorbringen um eine
konstruierte Geschichte handle. Obwohl der Beschwerdeführer nach eige-
nen Angaben über längere Zeit von Mitgliedern der Al Shabaab bedroht
worden sei und man vom Beschwerdeführer verlangt habe, dass er seine
Kinder zu den Al Shabaab schicke, seien in den Befragungsprotokollen we-
der die Hausbesuche noch die genannten Aufforderungen durch die Al
Shabaab enthalten. Auch wenn der Beschwerdeführer geltend mache,
während der Befragung in einer schlechten Verfassung gewesen zu sein,
und ihm allgemein das Sprechen aufgrund seines gesundheitlichen Zu-
stands schwerfalle, sei festzuhalten, dass die Schilderungen ziemlich all-
gemein ausgefallen seien und viele Ungereimtheiten aufwiesen. Aufgrund
der Aktenlage stehe fest, dass der Beschwerdeführer tatsächlich eine oder
mehrere Schussverletzungen erlitten habe und ihm in der Türkei der Un-
terschenkel amputiert worden sei. Allerdings sei der Beschwerdeführer
nicht in der Lage gewesen, daraus glaubhaft eine gezielte Verfolgung durch
die Al-Shabaab abzuleiten.
6.
6.1 In der Beschwerde wurde vorab geltend gemacht, dass gewisse Zwei-
fel an der Einvernahmefähigkeit des Beschwerdeführers bestünden. Nach
der Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts verletze ein Asylent-
scheid, welcher sich auf Aussagen einer Anhörung abstütze, bei der die
Einvernahmefähigkeit zweifelhaft erscheine, den Anspruch auf rechtliches
Gehör (vgl. beispielsweise Urteil BVGer E-5894/2020 vom 15. Dezember
2020 E. 5.3). Sofern Zweifel an der Einvernahmefähigkeit bestünden, habe
die Vorinstanz diese abzuklären (vgl. Urteil BVGer E-2780/2020 vom 23.
November 2020 E.3.2. m.w.H.). Eine solche Konstellation liege in casu vor.
Mit Schreiben vom 4. Februar 2021 habe die Rechtsvertreterin die Vo-
rinstanz darauf aufmerksam gemacht, dass nach telefonischer Auskunft
der behandelnde Arzt Dr. med. D._ die Aussagefähigkeit des Be-
schwerdeführers nicht abschliessend beurteilen könne. Der Patient sei
zwar ansprechbar, inwiefern er jedoch in der Lage sei, einen klaren und
eigenen Willen zu bilden und zu äussern, könne von ihm jedoch nicht ab-
schliessend festgestellt werden. Es sei möglich, dass die Aussagefähigkeit
aufgrund der Krankheit sowie aufgrund der Medikamente beeinträchtigt
sei. Trotz dieser schwerwiegenden potentiellen Beeinträchtigungen der
Aussagefähigkeit des Beschwerdeführers, die eine ärztliche Beurteilung
durch einen entsprechenden Spezialisten nötig gemacht hätten, habe die
Vorinstanz solche Abklärungen – und im Weiteren auch bezüglich des psy-
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chischen Zustands des Beschwerdeführers – unterlassen. Im Austrittsbe-
richt der (...) vom 4. Februar 2021 würden unter anderem das Vorliegen
einer Depression und Anzeichen einer posttraumatischen Belastungsstö-
rung diagnostiziert. Aus dem Anhörungsprotokoll werde ersichtlich, dass
der Beschwerdeführer traumatisiert sei, weil mehrmals auf ihn geschossen
worden sei. Bei der Schilderung dieser Vorfälle habe der Beschwerdefüh-
rer gezittert und geweint und sein Sohn habe die Aussagen seines Vaters
erklären müssen. Aufgrund der Verständigungsprobleme mit der Dolmet-
scherin sei auch nicht auszuschliessen, dass einige Aussagen nicht korrekt
wiedergegeben worden seien. Inwiefern der Sohn die Aussagen seines Va-
ters habe wiedergeben können, könne im Nachhinein nur schwer beurteilt
werden.
6.2 Hinsichtlich der vom SEM festgestellten Unglaubhaftigkeitselemente
sei festzuhalten, dass der Beschwerdeführer nie behauptet habe, seine be-
rufliche Tätigkeit für die Regierung sei der einzige Grund für die Verfol-
gungshandlungen durch die Al Shabaab gewesen. Er habe sich nämlich
auch geweigert, seine Kinder zur Al-Shabaab zu schicken, was ein weiterer
Grund für die Drohungen gewesen sei. Im Weiteren habe er nicht nur als
Strassenreiniger gearbeitet, sondern sei früher auch Fussballer, Lehrer
und Ladenbesitzer gewesen. Zwischen dem Vorfall im Jahre 2011 und der
zweiten Schussattacke im Jahre 2017 sei es nicht, wie vom SEM behaup-
tet, «zu keinen ernsthaften Konsequenzen gekommen», sondern der Be-
schwerdeführer sei immer wieder bedroht worden. Aufgrund der Notwen-
digkeit seiner Arbeit zur Bestreitung des Lebensunterhalts habe er nicht
einfach untertauchen können. Im Weiteren sei der Verweis auf die Aussa-
gen der Kinder B._ und C._» fehl am Platz», hätten sich
diese doch in ihren Aussagen auf ihre eigenen Probleme konzentriert. Zu-
dem habe es das SEM unterlassen, eine allfälligee Reflexverfolgung des
Beschwerdeführers wegen seiner Kinder zu prüfen. Bezüglich der vom Be-
schwerdeführer angegebenen Ausreisedaten der Familienmitglieder sei
darauf hinzuweisen, dass der Beschwerdeführer nach dem zweiten Angriff
auf ihn im Jahre 2017 keinen regelmässigen Kontakt zu seiner Familie
mehr gehabt habe und deshalb nicht genau habe sagen können, wann
diese ausgereist seien.
7.
7.1 In der Beschwerde wird eine formelle Rüge erhoben, welche vorab zu
beurteilen ist, da sie gegebenenfalls geeignet ist, eine Kassation der vor-
instanzlichen Verfügung zu bewirken.
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7.2 Die Rechtsvertretung rügt in der Beschwerde die Verfahrensführung
der Vorinstanz und macht dabei eine Verletzung des rechtlichen Gehörs
und der Pflicht zur vollständigen und richtigen Abklärung des rechtserheb-
lichen Sachverhalts geltend.
Sie stellt die Verwertbarkeit des Anhörungsprotokolls vom 19. Oktober
2020 in Frage und führt dazu aus, dass die Vorinstanz aufgrund gewisser
Zweifel an der Einvernahmefähigkeit des Beschwerdeführers verpflichtet
gewesen wäre, diese abzuklären. Die hauptsächlichen Gründe für die nicht
hinreichende Einvernahmefähigkeit erblickt sie im gesundheitlichen Zu-
stand des Beschwerdeführers (Erkrankung an Parkinson, Depressionen).
Aus den eingereichten ärztlichen Zeugnissen ergeben sich indessen keine
konkreten Hinweise darauf, dass bereits das Vorliegen der Parkinson Er-
krankung unmittelbar zu einer fehlenden Einvernahmefähigkeit des Be-
schwerdeführers führt. So wird im Austrittsbericht des (...) vom 19. Oktober
2020, (...), der Zustand des Beschwerdeführers als wach, allseits orientiert,
bewusstseinsklar und, soweit aufgrund der Sprachbarriere beurteilbar, als
neuropsychologisch unauffällig beschrieben. Den mit der Parkinson Er-
krankung verbundenen Einschränkungen im sprachlichen Ausdruck hat
das SEM mit der Anwesenheit des erwachsenen Sohnes B._ bei
der Anhörung gebührend Rechnung getragen. Dadurch wurde sicherge-
stellt, dass im Protokoll im Wesentlichen festgehalten wurde, was der Vater
gesagt hat. Aus dem Anhörungsprotokoll ergibt sich, dass der Beschwer-
deführer teils Mühe hatte, so zu sprechen, dass man ihn verstehen konnte.
Konnte man ihn nicht gut verstehen, teilte der anwesenden Sohn mit, was
der Beschwerdeführer gesagt hatte, wobei er nur Ergänzungen des Ge-
sprochenen anzubringen schien, wo diese zum Verständnis erforderlich
waren. Die Hilfestellung durch den Sohn musste an mehreren Stellen punk-
tuell erfolgen, überwiegend war der Beschwerdeführer indessen in der
Lage, sich selbst auszudrücken. So sind regelmässig auftretende, längere,
ununterbrochene Erzählpassagen des Beschwerdeführers aus dem Proto-
koll ersichtlich. Das Auftreten einzelner Erinnerungslücken ist zwar unbe-
stritten, indessen erreicht dies nicht ein Ausmass, welches grundsätzliche
Zweifel an der Einvernahmefähigkeit des Beschwerdeführers zur Folge
hätte. Entgegen der Auffassung in der Beschwerde bestand kein zwingen-
der Anlass für die Vornahme einer fachärztlichen Begutachtung der Aussa-
gefähigkeit. Somit ergeben sich aus dem Protokoll keine hinreichenden
Hinweise auf eine Verletzung des rechtlichen Gehörs, wobei das SEM der
speziellen gesundheitlichen Situation des Beschwerdeführers auch mit ei-
ner entsprechend rücksichtsvollen und angepassten Befragungsweise
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Seite 12
Rechnung trug. Die in der Beschwerde aufgeführte Tatsache, dass der Be-
schwerdeführer nicht selber das Protokoll unterschreiben konnte, ist blosse
Folge der mit der Parkinson Erkrankung einhergehenden Einschränkung
kontrollierter Bewegungsabläufe und nicht Ausdruck fehlender Urteilsfähig-
keit. Auch die weitere Tatsache, dass die Schilderung der Attentate auf ihn
emotionale Reaktionen auslöste, erscheint nicht derart aussergewöhnlich,
dass das SEM, wie in der Beschwerde geltend gemacht, gehalten gewe-
sen wäre, den psychischen Zustand des Beschwerdeführers weiter abzu-
klären, um die Einvernahmefähigkeit des Beschwerdeführers beurteilen zu
können. Folglich gibt es keinen Grund, das Anhörungsprotokoll als «unver-
wertbar» einzustufen. Vielmehr ist dem Gesundheitszustand des Be-
schwerdeführers bei der Gesamtbeurteilung der Glaubhaftigkeit der Vor-
bringen Rechnung zu tragen (vgl. E. 7.4 nachstehend).
7.3 Es besteht somit kein Grund, die angefochtene Verfügung aufzuheben
und die Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Die
entsprechende formelle Rüge erweist sich als unzutreffend.
7.4 Aufgrund des geschilderten Gesundheitszustands des Beschwerde-
führers kommt der Tatsache, dass einzelne Aussagen des Beschwerdefüh-
rers vage ausfielen, nur eingeschränkte Bedeutung zu. Indessen bestehen
weitere Unglaubhaftigkeitselemente in zentralen Punkten, auf die der Ge-
sundheitszustand des Beschwerdeführers keinen Einfluss haben kann. So
ist es dem Beschwerdeführer nicht gelungen, ein virulentes Verfolgungsin-
teresse der Al Shaabab in der geschilderten Weise plausibel darzutun. Es
ist nicht einsehbar, warum der Beschwerdeführer aufgrund seiner Tätigkeit
als Strassenreiniger für die Regierung in den Fokus der Al Shaabab gera-
ten sein sollte. Auch wenn sich der Beschwerdeführer, wie in der Be-
schwerde darauf hingewiesen, zusätzlich geweigert haben sollte, seine
Kinder zu den Al Shaabab zu schicken, vermögen diese Vorkommnisse ein
solches Verfolgungsinteresse mit mehreren Schussattacken auf ihn nicht
zu erklären. Hinzu kommt, dass ein solches Verfolgungsinteresse im Wi-
derspruch dazu steht, dass zwischen dem ersten und dem zweiten Attentat
rund sechs Jahre mit blossen Drohungen liegen. Es wird aus den Aussa-
gen des Beschwerdeführers nicht schlüssig ersichtlich, warum das zweite
Attentat auf ihn erst nach so langer Zeit stattgefunden haben sollte. Die
geltend gemachte Tatsache, dass der Beschwerdeführer nach dem ersten
Attentat immer in einem anderem Haus versteckt gelebt habe, nicht mehr
nach Hause gegangen (vgl. SEM-Protokoll A1074832-12/13 F64) und für
seine Arbeit fortan immer in einem anderen Quartier eingeteilt worden sei
(vgl. A 1074832-12/13 F84), sind mit den weiteren Aussagen, am Tag vor
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Seite 13
dem zweiten Anschlag offensichtlich zuhause gewesen und am folgenden
Tag in der Teestube angeschossen worden zu sein, nicht vereinbar. Auf-
grund der offensichtlichen Unglaubhaftigkeit der Behelligungen durch die
Al Shabaab ist, den Aussagen der Tochter C._ in ihrem Asylverfah-
ren entsprechend, davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer bloss
als unbeteiligtes zufälliges Opfer einer gewaltsamen Auseinandersetzung
zwischen Regierungstruppen und der Al Shabab-Milizen verletzt wurde.
Bei dieser Sachlage muss auf weitere Widersprüche zwischen den Anga-
ben des Beschwerdeführers und derjenigen seiner Kinder B._ und
C._ hinsichtlich des Zeitpunktes der Ausreisen nicht näher einge-
gangen werden. Indessen ist in diesem Zusammenhang festzuhalten, dass
die Kinder B._ und C._ unbestrittenermassen vor dem Be-
schwerdeführer ausreisten und der Beschwerdeführer wegen seiner aus-
gereisten Kinder während seines verbliebenen Aufenthaltes offenkundig
keiner Reflexverfolgung ausgesetzt war.
7.5 Somit erfüllt der Beschwerdeführer die Flüchtlingseigenschaft nach
Art. 3 AsylG nicht (Art. 2 Abs. 1 und Art. 49 AsylG). Die Ablehnung des
entsprechenden Gesuchs durch die Vorinstanz ist zu bestätigen.
8.
Die Ablehnung eines Asylgesuchs oder das Nichteintreten auf ein solches
hat in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz zur Folge (Art. 44 Abs. 1
AsylG). Vorliegend hat der Kanton keine Aufenthaltsbewilligung erteilt und
es besteht zudem kein Anspruch auf Erteilung einer solchen, (vgl. BVGE
2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.), weshalb die verfügte Wegweisung
im Einklang mit den gesetzlichen Bestimmungen steht und demnach vom
SEM zu Recht angeordnet wurde.
9.
Der Beschwerdeführer wurde in der angefochtenen Verfügung wegen Un-
zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs vorläufig in der Schweiz aufge-
nommen, weshalb sich weitere Ausführungen zur Frage des Wegwei-
sungsvollzugs erübrigen.
10.
Da die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt und den rechts-
erheblichen Sachverhalt richtig und vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1
AsylG), ist die Beschwerde abzuweisen.
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11.
11.1 Mit Ergehen des vorliegenden Urteils wird das Gesuch um Verzicht
auf das Erheben eines Kostenvorschusses gegenstandslos.
11.2 Der Beschwerdeführer beantragt die Gewährung der unentgeltlichen
Rechtspflege gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG. Aufgrund der vorstehenden
Erwägungen ergibt sich, dass seine Begehren als von vornherein aus-
sichtslos zu gelten haben. Damit ist eine der kumulativ zu erfüllenden Vo-
raussetzungen nicht gegeben, weshalb dem Gesuch nicht stattzugeben ist.
Aus demselben Grund ist auch das weitere Gesuch um unentgeltliche
Rechtsverbeiständung abzuweisen. Bei diesem Ausgang des Verfahrens
sind die Kosten von Fr. 750.– (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar
2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungs-
gericht [VGKE], SR 173.320.2) somit dem Beschwerdeführer aufzuerlegen
(Art. 63 Abs. 1 VwVG).
(Dispositiv nächste Seite)
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