Decision ID: d21a81c5-b81b-4b7d-a513-a1b05b493b0c
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Der Beschwerdeführer – ein sri-lankischer Staatsangehöriger tamili-
scher Ethnie mit letztem Wohnsitz in B._ (auch C._ ge-
nannt), Kilinochchi Distrikt (Nordprovinz) – verliess seinen Heimatstaat ei-
genen Angaben zufolge am 4. Oktober 2016 auf dem Luftweg und reiste
über Singapur nach Frankreich. Am 26. Oktober 2016 gelangte er auf dem
Landweg in die Schweiz. Gleichentags stellte er im Empfangs- und Verfah-
renszentrum (EVZ) Kreuzlingen ein Asylgesuch. Am 31. Oktober 2016
wurde er im EVZ summarisch zur Person, Ausreise und zu den Gesuchs-
gründen befragt. Am 13. Mai 2019 fand die einlässliche Anhörung zu den
Asylgründen statt. Am 30. April 2020 wurde eine ergänzende Anhörung
durchgeführt. Der Beschwerdeführer trug im Wesentlichen Folgendes vor:
A.b Zu seinen persönlichen Verhältnissen gab er an, die Schule bis zur
11. Klasse besucht, das O-Level aber nicht abgeschlossen zu haben. Er
habe von Geburt bis zur Ausreise mit seiner Familie im eigenen Haus des
Vaters in B._ gelebt; einzig während den kriegerischen Unruhen
von 2007 bis 2009 habe er sich mit seiner Familie in anderen Gebieten der
Nordprovinz aufgehalten, unter anderem mit seinem Vater in einem Flücht-
lingslager in Vaviniya. Seine Eltern hätten im Heimatdorf gelebt; er habe
aber von einem Cousin gehört, dass sie (im Mai 2019) zu einem (...) in
Jaffna umgezogen seien (BzP und A18, Antwort 12); im April 2020 (Zeit-
punkt der ergänzenden Anhörung) hätten sich seine Eltern in D._
(Island North, Jaffna Distrikt, Nordprovinz) aufgehalten. Im Weiteren habe
er zwei Tanten und zwei Onkel im Heimatland sowie eine in London le-
bende, verheiratete Schwester.
A.c Er sei mit seinem 2012 legal erhaltenen Reisepass aus Sri Lanka aus-
gereist; dieser Reisepass befinde sich beim Schlepper. Für die Weiterreise
ab Singapur habe er einen anderen, vom Schlepper beschafften Reisepass
verwendet. Seine Identitätskarte habe sich zunächst bei den Eltern im Hei-
matland befunden; anlässlich einer Hausdurchsuchung hätten die Behör-
den den Ausweis beschlagnahmt.
A.d Er habe Probleme mit den Sicherheitsbehörden bekommen, weil seine
Schwester bei den LTTE (Liberation Tigers of Tamil Eelam) «mitgemacht»
habe. Über ihre konkrete Tätigkeit innerhalb der LTTE wisse er nichts, er
habe einzig über eine in Indien lebende Kollegin erfahren, dass sie inner-
halb der LTTE mit Waffen zu tun gehabt habe. Sie sei Teamleiterin bei einer
E-3089/2020
Seite 3
Gruppe namens «E._» gewesen, welche Raketen («shells») abge-
worfen hätten. Sie sei oft mit weiteren Rebellen nach Hause gekommen.
Er habe den Kontakt zu seiner Schwester abgebrochen.
Seine Schwester habe im Jahr 2007 oder 2008 mit weiteren Angehörigen
der Bewegung «irgendetwas» – mit einem grünen Plastiksack verdeckte
Schachteln – begraben; sie habe damals behauptet, es handle sich um Öl.
Die Schwester habe Sri Lanka im Jahr 2010 verlassen und sei nach Lon-
don gereist. Der Beschwerdeführer sei immer wieder vom CID (Criminal
Investigation Department) nach ihrem Aufenthaltsort befragt worden. Etwa
ein Jahr nach seiner Einreise in die Schweiz habe er von seiner Schwester
erfahren, dass sie Waffen im Garten vergraben habe.
Auf einem damals seiner Familie gehörenden Grundstück habe sich ein
Ziehbrunnen befunden. Er habe oft mit anderen Männern diesen Brunnen
leergepumpt und gereinigt. Am 1. Mai 2016 sei ein Paket in diesem Brun-
nen gelegen respektive im Garten vergraben gewesen, welches mehrere
Gewehre enthalten habe. Er und die anderen Männer hätten die Sicher-
heitskräfte über ihren Fund orientiert, worauf die Polizei und das CID das
Paket an sich genommen hätten. Am 2. Mai 2016 hätten ihn die Sicher-
heitskräfte gefesselt und in einem weissen Van zur Befragung mitgenom-
men. Im Fahrzeug sei er mit Gewehrkolben bis zur Bewusstlosigkeit miss-
handelt worden. Er sei vier Monate lang wegen seiner Schwester befragt
und in einem Armeecamp festgehalten worden. Während seiner Haft habe
er unter Folter zugegeben, dass ein Paket im Garten vergraben sei, worauf
er den Sicherheitskräften den Fundort des Pakets gezeigt habe. Er sei
dann bis zum 25. September 2016 in einem kleinen Zimmer eingesperrt
worden. Während dieser Zeit sei er mehrmals befragt, gefoltert und sexuell
misshandelt worden. Sein Vater habe Geld beschafft, worauf er mit Unter-
stützung des Dorfvorstehers, eines Friedensrichters sowie eines Politikers
unter der Bedingung, dass er nach einem Monat ins Camp zurückkehre,
freigelassen worden sei. In der Folge habe ein Schlepper seine Ausreise
organisiert. Ansonsten habe er mit den Behörden keine Probleme gehabt
und sei im Heimatland nicht politisch oder religiös aktiv gewesen. Sein Va-
ter habe die TNA (Tamil National Alliance) unterstützt, indem er Propagan-
datätigkeiten entfaltet und an Demonstrationen teilgenommen habe; sein
Vater habe aber nie Probleme mit den Behörden gehabt.
Im Übrigen sei er – wie auch seine Eltern – über zwanzig Male von CID-
Leuten befragt und jeweils einen Tag lang festgehalten worden, nachdem
seine Schwester anfangs 2010 Sri Lanka verlassen habe. Seine Eltern
E-3089/2020
Seite 4
seien auch nach seiner Ausreise festgenommen und misshandelt worden,
weil die Behörden den Beschwerdeführer und seine Schwester gesucht
hätten. Die Sicherheitskräfte hätten Fotoaufnahmen der Schwester beses-
sen, auf denen sie mit «dem LTTE-Führer» posiert habe. Es sei auch eine
Kuh aus ihrer Herde erschossen worden. Nach der Rückkehr nach
B._ mit seiner Familie hätten sie dort zwar weiterleben können, sie
seien aber immer wieder Kontrollen, Befragungen und Schikanen seitens
des CID ausgesetzt gewesen. Sie hätten sich deshalb immer an anderen
Orten aufgehalten und versteckt. Seine Eltern würden sich (April 2020) in
D._ (Jaffna Distrikt) aufhalten; sie lebten im Elend und seien krank.
A.e Im Verlauf der ergänzenden Anhörung vom 30. April 2020 wurde der
Beschwerdeführer auf mehrere Unstimmigkeiten betreffend seine Anga-
ben (namentlich zu den von seiner Schwester im Garten vergrabenen Ge-
genständen und zu den Umständen seiner Festnahme) hingewiesen und
ihm wurde Gelegenheit geboten, diese aufzuklären. Hierzu gab er zu Pro-
tokoll, er sei am Vormittag des 2. Mai 2016 von vier bis fünf Militärpersonen
mitgenommen worden, die ihn ins Auto gezerrt hätten. Er habe nach seiner
Einreise in die Schweiz einigermassen genau berichten können. Seit er in
der Schweiz sei, wolle er in Frieden leben; es könne sein, dass er viele
Sachen vergessen habe oder anderslautende Angaben gemacht habe.
A.f Zur Stützung seiner Vorbringen legte der Beschwerdeführer folgende
Beweismittel (BM) ins Recht (Nummerierung gemäss Beweismittelver-
zeichnis des SEM; vgl. A17 und A22; Angaben des Beschwerdeführers kur-
siv; vgl. dazu auch: A18, Antwort 5ff. und 103 sowie A21, Antwort 6ff.):
- BM Nr. 1: Geburtsregisterauszug mit Übersetzung (Kopie);
- BM Nr. 2: Kopie der Identitätskarte mit Übersetzung;
- BM Nr. 3: Kopien von zwei Familienregisterkarten;
- BM Nr. 4: Schreiben «Acknowledgement of Complaint» mit fremdspra-
chigen, handschriftlichen Eintragungen, datiert «2/5/2016» und hand-
schriftlich angebrachter, sinngemässer Übersetzung («Sohn wird ver-
misst»);
- BM Nr. 5: Fotoaufnahme eines fremdsprachigen Textes (auf dem Be-
weismittelcouvert mit «fake Initialien» gekennzeichnet; mit diesen Per-
sonalien respektive mit dem entsprechenden Reisepass sei der Be-
schwerdeführer aus Sri Lanka ausgereist);
- BM Nr. 6 und 7: zwei handschriftliche Schreiben im Original, mit Über-
setzungen (Schreiben der Mutter, in welchem sie [Schreiben 1] er-
wähne, dass die Armeeangehörigen bei ihr zu Hause vorgesprochen
E-3089/2020
Seite 5
hätten; der Vater sei befragt und eingeschüchtert worden; der Armee-
kommandant, welcher den Beschwerdeführer freigelassen habe, habe
selbst auch Probleme bekommen; Schreiben 2: Eines Nachts seien 20
Armeeangehörige zu Hause erschienen und hätten nach dem Be-
schwerdeführer gefragt; die Eltern seien einschüchtert, der Vater miss-
handelt und zur Befragung mitgenommen worden);
- BM Nr. 8: Schreiben datiert «2019.02.12» im Original, ausgestellt und
unterzeichnet von F._, «Administrative Officer for Divisional Se-
cretary, Divisional Secretariat B._», in welchem bestätigt wird,
dass der Beschwerdeführer und seine Familie (viele) Probleme hätten;
- BM Nr. 9: fremdprachiges Schreiben im Original (Schreiben der Lehre-
rin G._, in welchem diese festhalte, dass sie den Beschwerde-
führer als Student kennengelernt und dabei mitbekommen habe, dass
dieser Schwierigkeiten mit Armeeangehörigen gehabt habe; es seien
vor zwei Jahren Waffen der LTTE bei der Familie des Beschwerdefüh-
rers entdeckt worden, worauf diese immer wieder belästigt, befragt und
schikaniert worden sei; die Lehrerin habe selbst beobachtet, wie die
Eltern spitalreif geschlagen worden seien und sich in Spitalpflege be-
geben hätten; der Beschwerdeführer sei vier Monate lang inhaftiert
worden; nach dessen Ausreise seien die Eltern von der sri-lankischen
Armee und dem CID unmenschlich behandelt worden und ihre Tiere
seien geschlachtet worden);
- BM Nr. 10 (und 21: Original): Schreiben des Friedensrichters («Justice
of the Peace» in H._, B._), datiert «2017.10.01», in wel-
chem dieser bestätigt, dass ihm bekannt sei, dass die Familie des Be-
schwerdeführers bei den LTTE gewesen sei; die Schwester sei einige
Jahre in dieser Organisation gewesen; der Beschwerdeführer sei mehr-
fach durch das CID befragt worden, nachdem in einem nahegelegenen
Ziehbrunnen Waffen gefunden worden seien; er sei am 2. Mai 2016
verhaftet, im Armeecamp festgehalten und gefoltert worden; seine
«social organizers» hätten seine Freilassung gegen eine Geldzahlung
erwirkt; nach seiner Freilassung sei er ins Ausland ausgereist; seither
seien seine Eltern von CID-Angehörigen behelligt und angegriffen wor-
den, worauf sie im Spital in Jaffna aufgenommen worden seien; der
Beschwerdeführer könne kein sicheres Leben in A._ führen;
- BM Nr. 11: Fotoaufnahme von zwei (nicht lesbaren) fremdsprachigen,
persönlichen Schreiben (der Beschwerdeführer sei vom «Nalam
Maddy» vorgeladen worden);
- BM Nr. 12: zwei «Diagnosis Ticket» im Original, in welchem vom
I._ Hospital J._ jeweils ein Spitalaufenthalt vom 10. bis
E-3089/2020
Seite 6
22. April 2017 (Vater) respektive vom 10. bis 17. April 2017 (Mutter)
sowie ein Angriff («assault by unknown persons») bestätigt wird;
- BM Nr. 13 bis 16: vier Farbfotoaufnahmen von einem Mann in einer
Gruppe von Rindern (Cousin des Beschwerdeführers namens
K._; eine Kuh der Familie sei erschossen worden);
- BM Nr. 17 und 18: zwei Farbfotos, auf welchem ein Mann mit banda-
giertem Knie auf einem Bett abgebildet ist (verletzter Cousin
K._);
- BM Nr. 19: eine Farbfoto auf welchem drei Personen abgebildet sind
(Beschwerdeführer mit seinen Eltern);
- BM Nr. 20: «Confirmation Letter» des «L._ im Original, datiert
«12.06.2019», in welchem der Pastor bestätigt, dass die Eltern um
Schutz in der Kirche ersucht, diesen jedoch aufgrund der prekären Ver-
hältnisse in der Kirchenverwaltung nicht erhalten hätten;
- BM Nr. 22: Zustellumschlag der an das SEM adressierten Sendung;
- BM Nr. 23: sechs Farbfotos, auf welchem das Innere einer Strohhütte
sowie zwei Personen abgebildet sind; teilweise enthalten die Aufnah-
men Kommentare (Unterkunft, bei welchen die Eltern des Beschwer-
deführers Zuflucht gefunden hätten);
- BM Nr. 24: eine Farbfotoaufnahme eines Mannes, dessen Bein an ei-
nem Bettpfosten angekettet wird (dieser Verwandte habe die Unter-
kunft den Eltern zur Verfügung gestellt und diese unterstützt; deswegen
sei er vom Militär festgenommen worden und sei in Haft).
Der Beschwerdeführer wurde an der Anhörung vom 13. Mai 2019 aufge-
fordert, das Beweismittel Nr. 11 in besserer Qualität beizubringen (vgl. A18,
Antwort 106).
B.
Mit Verfügung vom 13. Mai 2020 – eröffnet 16. Mai 2020 – lehnte das SEM
das Asylgesuch des Beschwerdeführers mit der Begründung ab, dass
seine Vorbringen den Anforderungen an die Glaubhaftmachung und Asyl-
relevanz nicht genügen würden.
B.a Zur Begründung wurde im Wesentlichen ausgeführt, der Beschwerde-
führer habe den Fokus seiner Fluchtgründe im Rahmen der BzP völlig an-
ders gelegt als bei den Anhörungen. Bei der BzP habe er zudem die bei
den Anhörungen geltend gemachten Kernvorbringen nicht erwähnt. Seine
Schilderungen würden ferner der allgemeinen Erfahrung und der Logik des
Handelns widersprechen. Seine Angaben in den beiden Anhörungen wür-
den sich teilweise auch inhaltlich widersprechen.
E-3089/2020
Seite 7
Es sei dem Beschwerdeführer nicht gelungen, eine asyl- oder flüchtlings-
rechtlich beachtliche Verfolgung überwiegend wahrscheinlich darzutun,
woran die eingereichten Beweismittel nichts zu ändern vermöchten. Der
Wegweisungsvollzug wurde als zulässig, zumutbar und möglich eingestuft.
C.
Mit Eingabe seines Rechtsvertreters vom 15. Juni 2020 liess der Be-
schwerdeführer beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde erheben und
beantragen, es sei die Verfügung der Vorinstanz aufzuheben, seine Flücht-
lingseigenschaft festzustellen und ihm Asyl zu gewähren (Rechtsbegehren
1), eventualiter sei die Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurück-
zuweisen (Rechtsbegehren 2). Subeventualiter sei die Unzulässigkeit
und/oder die die Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzuges festzustellen
und die vorläufige Aufnahme zu verfügen (Rechtsbegehren 3).
In prozessualer Hinsicht wurde beantragt, es sei dem Beschwerdeführer
die umfassende unentgeltliche Rechtspflege, unter Beiordnung des man-
datierten Rechtsvertreters als amtlicher Anwalt, zu bewilligen (Rechtsbe-
gehren 4).
C.a Zur Begründung wurde im Wesentlichen ausgeführt, das SEM habe
mehrere Verfahrensfehler begangen (Verletzung des rechtlichen Gehörs-
anspruchs sowie nicht korrekte, vollständige Feststellung des rechtserheb-
lichen Sachverhalts, Durchführung einer mangelhaften Anhörung; mangel-
hafte Beweisabnahme und fehlerhafte Beweiswürdigung, Verletzung der
Begründungspflicht), welche zur Kassation der angefochtenen Verfügung
führen müssten (vgl. Beweissätze [BS] 4 und 5 der Beschwerde).
Die vom Beschwerdeführer vorgetragenen Asylgründe würden Asylrele-
vanz entfalten. Er sei Opfer einer Reflexverfolgung geworden. Seine Schil-
derungen enthielten eine Vielzahl von Anzeichen, die für seine persönliche
Glaubwürdigkeit sprechen würden. Unter Mitberücksichtigung der aktuel-
len politischen Lage in Sri Lanka seit dem Amtsantritt des neuen Staats-
präsidenten Gotabaya Rajapaksa im November 2019 erfülle er die Flücht-
lingseigenschaft.
Auf die weiteren Ausführungen wird, soweit wesentlich, in den Erwägungen
eingegangen.
C.b Zur Stützung seiner Vorbringen reichte der Beschwerdeführer mehrere
Medienartikel sowie drei Fotos (in Kopie), auf welchen seine Schwester als
LTTE-Angehörige abgebildet werde, sowie eine Bestätigung der
E-3089/2020
Seite 8
M._, Direktion für Soziales und Sport datiert 8. Juni 2020, zu den
Akten.
D.
Mit Zwischenverfügungen vom 17. Juni und 10. September 2020 hielt die
zuständige Instruktionsrichterin des Bundesverwaltungsgerichts fest, der
Beschwerdeführer könne den Ausgang des Asylverfahrens in der Schweiz
abwarten. Gleichzeitig wurde das Gesuch um Gewährung der unentgeltli-
chen Prozessführung inklusive amtliche Rechtsverbeiständung gutgeheis-
sen, auf die Erhebung eines Kostenvorschusses verzichtet, der manda-
tierte Rechtsvertreter als amtlicher Rechtsbeistand eingesetzt und die Ak-
ten dem SEM zur Vernehmlassung überweisen.
E.
In seiner Vernehmlassung vom 23. September 2020 hielt das SEM an sei-
nen bisherigen Erwägungen fest.
F.
Am 9. Oktober 2020 liess der Beschwerdeführer eine Replikeingabe sowie
eine Kostennote seines Rechtsvertreters einreichen.
G.
Am 4. Juli 2022 (Datum Eingang BVGer) teilte der Rechtsvertreter mit,
dass er sich aufgrund einer «strategischen Neuausrichtung» neu unter
dem Namen «LBP Rechtsanwälte" mit weiteren Rechtsanwälten zusam-
mengeschlossen habe.
E-3089/2020
Seite 9

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das vorliegende Verfahren richtet sich nach altem Recht (Abs. 1 der
Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG [SR 142.31] vom
25. September 2015).
1.2 Am 1. Januar 2019 wurde das Ausländergesetz vom 16. Dezember
2005 (AuG, SR 142.20) teilrevidiert (AS 2018 3171) und in Ausländer- und
Integrationsgesetz (AIG) umbenannt. Der vorliegend anzuwendende Ge-
setzesartikel (Art. 83) ist unverändert vom AuG ins AIG übernommen wor-
den.
1.3 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.4 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.5 Die Beschwerde wurde frist- und formgerecht eingereicht. Der Be-
schwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Die Vorinstanz stellt sich in ihrem Asylentscheid auf den Standpunkt,
der Beschwerdeführer habe in der BzP vorgetragen, er habe mit anderen
Männern in einem Dorfbrunnen ein grosses Paket mit Waffen gefunden
E-3089/2020
Seite 10
und diesen Fund der Polizei gemeldet. Danach sei er wegen diesem Waf-
fenfund festgenommen und während vier Monaten festgehalten, befragt
und gefoltert worden. Ansonsten habe er keine Probleme mit den heimatli-
chen Behörden gehabt; er sei allerdings bereits nach der Ausreise seiner
Schwester aus Sri Lanka im Jahr 2010 mehrmals von CID-Angehörigen
mitgenommen worden. Bei der Anhörung habe er den Fokus seiner Flucht-
gründe anders gelegt: Er habe zunächst angegeben, seine Schwester sei
bei den LTTE gewesen; vor dem Jahr 2010 sei sie oft mit anderen Rebellen
zu Hause gewesen und habe immer Waffen dabeigehabt. Er habe einmal
beobachtet, wie seine Schwester etwas auf dem Land der Familie vergra-
ben habe. Nach 2010 sei er sicherlich zwanzigmal wegen der LTTE-Zuge-
hörigkeit seiner Schwester befragt und misshandelt worden. Zusammen
mit seinem Vater und weiteren Freunden habe er am 1. Mai 2016 in einem
Brunnen Waffen gefunden, was er der Polizei gemeldet habe; deswegen
sei er während über vier Monaten befragt und gefoltert worden. Während
einer solchen Befragung habe er von seinen Peinigern ein weiteres Ver-
steck auf dem Land der Familie verraten, wo seine Schwester früher etwas
vergraben habe; er habe vermutet, dass dort noch mehr Waffen gefunden
worden seien.
Bei der BzP habe er die LTTE-Mitgliedschaft seiner Schwester nicht er-
wähnt. Diese Tätigkeit seiner Schwester und deren Waffengebrauch sei
erst bei der Anhörung zum Mittelpunkt der Geschehnisse geworden. In der
BzP habe er auch mit keinem Wort erwähnt, dass die angeblich gefunde-
nen Waffen im Brunnen der Familie gelegen hätten und dass es sich dabei
um ein Waffenversteck seiner Schwester gehandelt habe. Dasselbe gelte
für das Vorbringen, er sei während seiner Gefangenschaft zum Land der
Familie geführt worden und habe dort den Behörden ein weiteres Versteck
verraten. Diese Vorbringen seien nachgeschoben und deren Wahrheitsge-
halt daher äusserst zweifelhaft.
Es widerspreche der allgemeinen Erfahrung, dass der Beschwerdeführer
und sein Vater nach dem angeblichen Waffenfund keinen Zusammenhang
zur mutmasslichen LTTE-Tätigkeit der Schwester (respektive Tochter) her-
gestellt und die Polizei verständigt hätten. Die vorgetragene Freilassung
für einen Monat sei ebenfalls nicht nachvollziehbar. Es sei nicht ersichtlich,
warum die Behörden, auch gegen eine Geldzahlung, die Freilassung eines
schwerstgefolterten Mannes hätten erlauben sollen. Die Auflage, wonach
sich der Beschwerdeführer nach einem Monat wieder in die Hände seiner
Peiniger hätte zurückbegeben sollen, sei zudem unsinnig.
E-3089/2020
Seite 11
Der Beschwerdeführer habe ferner den Zeitpunkt seiner Festnahme am
2. Mai 2016, seine Freilassung und deren Umstände sowie die Aktivitäten
seiner Schwester für die LTTE unterschiedlich geschildert und habe auch
nach der Gewährung des rechtlichen Gehörs keine Klärung der Widersprü-
che schaffen können.
Bei den eingereichten Schreiben der Mutter, der Lehrerin, des Dorfvorste-
hers, des Friedensrichters und des Pastors (BM 6-10, 20 und 21) handle
es sich ausschliesslich um Bestätigungsschreiben ohne Beweiswert, da
diese leicht fälschbar seien und als Gefälligkeitsschreiben ausgestellt und
verfasst worden sein könnten. Die Polizeibestätigung einer Vermisstenan-
zeige vom 2. März oder 2. Mai 2016, welche seine Mutter aufgegeben ha-
ben solle (BM 4), habe ebenfalls keine Beweiskraft, da es sich um ein leicht
manipulierbares Dokument handle. Zudem erscheine es ungewöhnlich,
dass die Mutter bereits am Tag ihrer Mitnahme eine Vermisstenanzeige
aufgegeben habe, nachdem der Beschwerdeführer in seiner Anhörung an-
gegeben habe, er sei am 2. Mai 2016 gegen 19 Uhr zur Befragung mitge-
nommen worden. Die ärztlichen Diagnoseblätter (BM 12) würden ebenso
wenig Beweiskraft entfalten, da es sich dabei leicht um Fälschungen han-
deln könne. Nachdem die Schilderungen der Fluchtgründe unglaubhaft
ausgefallen seien, sei nicht ersichtlich, weshalb seine Eltern seinetwegen
hätten misshandelt werden sollen. Schliesslich vermöchten auch die ein-
gereichten Fotoaufnahmen der Eltern in einer einfachen Hütte, die Fotos
der Tiere und des Schwagers mit Beinverletzung im Krankenbett (BM 13-
19) die geltend gemachte Verfolgung nicht zu bestätigen.
Der Beschwerdeführer habe nicht glaubhaft gemacht, dass er vor seiner
Ausreise asylrelevanten Verfolgungsmassnahmen ausgesetzt gewesen
sei; er sei vielmehr bis im Oktober 2016 in Sri Lanka wohnhaft gewesen
und habe somit nach Kriegsende noch über sieben Jahre lang im Heimat-
land gelebt. Es sei nicht ersichtlich, weshalb er bei einer Rückkehr nach Sri
Lanka in den Fokus der Behörden geraten und im Sinne des Referenzur-
teils des Bundesverwaltungsgerichts zur Gefährdung von rückkehrenden
tamilischen Asylsuchenden E-1866/2015 vom 15. Juli 2016 eine begrün-
dete Furcht vor künftigen Verfolgungsmassnahmen haben sollte. Die im
November 2019 erfolgte Präsidentschaftswahl vermöge diese Einschät-
zung nicht umzustossen. Es gebe keinen Anlass zur Annahme, dass ganze
Volksgruppen, wie die tamilische Bevölkerung, unter Präsident Gotabaya
Rajapaksa kollektiv einer Verfolgungsgefahr ausgesetzt seien.
E-3089/2020
Seite 12
Der Wegweisungsvollzug sei unter Verweis auf das familiäre Beziehungs-
netz des Beschwerdeführers, dessen Arbeitserfahrung in der (...) und sei-
ner im Ausland lebenden Verwandten als zulässig, zumutbar und möglich
einzustufen.
3.2 In der Beschwerde wird vorgetragen, das SEM habe den rechtlichen
Gehörsanspruch des Beschwerdeführers inklusive die Begründungspflicht
verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt weder vollständig noch
richtig abgeklärt.
Die Kernaussagen des Beschwerdeführers seien nicht vollständig erfasst
und in den Erwägungen geprüft worden. Er habe sich bei der BzP nur sum-
marisch geäussert und das Notwendigste angegeben. Die BzP habe un-
mittelbar nach seiner Flucht und der Entlassung aus dem Foltergefängnis
stattgefunden; es sei daher nachvollziehbar, dass er vor allem über das
unmittelbar vor der Ausreise Erlebte berichtet habe. Der Umstand, dass er
wegen seiner Schwester schon vorher behelligt worden sei, sei zwar ein
Grund, aber nicht der ausreiseauslösende Anlass für seine Flucht gewe-
sen. Er habe bei der BzP zwar nicht erwähnt, dass seine Schwester bei
den LTTE gewesen sei, habe dennoch ausgeführt, dass er «wegen ihr»
etwa zwanzig Male mitgenommen worden sei. Beim Fund der Waffen und
der Vorführung des Beschwerdeführers (Augenschein) auf dem Grund-
stück seiner Eltern während seiner viermonatigen Gefangenschaft handle
es sich nicht um Kerngeschehen, die er bei der BzP hätte erwähnen müs-
sen. Er habe zwar beobachtet, wie seine Schwester etwas auf dem Grund-
stück deponiert habe, dies habe jedoch im Zeitpunkt des Fundes mehr als
zehn Jahre zurückgelegen. Er sei nicht auf die Idee gekommen, dass es
sich um die Waffen seiner Schwester habe handeln können. Er sei zudem
nicht direkt danebengestanden, als seine Schwester die Gegenstände im
Garten vergraben habe; sie habe sich geweigert, ihm hierzu Auskunft zu
geben und habe behauptet, Öl vergraben zu haben; er sei jedoch selbst
davon ausgegangen, dass es sich um Waffen gehandelt habe.
Im Zeitpunkt seiner Festnahme am 2. Mai 2016 sei es bewölkt und daher
dunkel gewesen. Er habe bei der Inhaftierung nicht auf die genaue Uhrzeit
geachtet. Es könne auch von ihm nicht erwartet werden, dass er sich nach
vielen Jahren an die Uhrzeit seiner Festnahme erinnern könne.
Von relevanten Widersprüchen in den Kernvorbringen seiner Asylbegrün-
dung könne nicht ausgegangen werden. Zudem habe das SEM die einge-
reichten Beweismittel nicht korrekt gewürdigt. Die Verfasser hätten in ihren
E-3089/2020
Seite 13
jeweiligen Schreiben wahrheitsgetreu wiedergegeben, was dem Be-
schwerdeführer widerfahren sei. Die Personen, die den Beschwerdeführer
mitgenommen hätten, hätten sich nicht ausgewiesen, weshalb es sich um
Unbekannte gehandelt habe. Es liege deshalb auf der Hand, dass die Mut-
ter keine Wahl gehabt habe, als sofort zwecks Anzeige einen Polizeiposten
aufzusuchen und nicht tagelang in der Hoffnung abgewartet habe, dass ihr
Sohn wieder zurückkehre. Die Diagnoseblätter würden die Umstände, wo-
nach die Eltern nach der Ausreise ihres Sohnes aufgesucht, geschlagen
und verletzt worden seien, bestätigen.
Das SEM habe zudem seine Untersuchungspflicht verletzt, indem es sich
in den Erwägungen nicht auf umfassendere Tatsachenberichte bezogen,
sondern sich auf einseitige und veraltete Berichterstattungen wie den Fo-
kus Sri Lanka vom August 2016 abgestützt habe.
Unter Mitberücksichtigung der Machtübernahme durch den Rajapaksa-
Clan Ende 2019 und der sich seither zugetragenen Ereignisse wie die Ent-
führung einer Angestellten der Schweizer Botschaft in Colombo sei der Be-
schwerdeführer angesichts seiner Vergangenheit und seinem Profil im
Falle einer Rückkehr nach Sri Lanka stark gefährdet. Er sei Opfer einer
Reflexverfolgung geworden. Die Behörden würden den Waffenfund mit der
LTTE-Vergangenheit seiner Schwester assoziieren.
Die Vorbringen des Beschwerdeführers enthielten eine Vielzahl von Real-
kennzeichen und Aussagen über Nebensächliches, was für seine persön-
liche Glaubwürdigkeit spreche. Er gehöre der sozialen Gruppe der abge-
wiesen tamilischen Asylsuchenden mit einer tatsächlichen LTTE-Verbin-
dung an. Es bestehe daher ein persönlicher Bezug zwischen dem neuen
Präsidenten und seinen Asylgründen. Die Sicherheitsbehörden würden
jetzt erst recht jegliche verdächtige Person inhaftieren und verhören.
Bei der Prüfung des Wegweisungsvollzuges fehle eine konkrete Beurtei-
lung des vorliegenden Falles, namentlich hinsichtlich der Zulässigkeit. Er
habe sich von seinem Heimatland entfremdet; seine Eltern seien mittler-
weile alt und krank geworden und könnten ihn finanziell nicht unterstützen.
Er müsste vielmehr für ihren Unterhalt aufkommen. Zudem müsste er im
Falle einer Rückkehr aufgrund der Corona-Pandemie für die Dauer von 14
Tagen in Quarantäne. Der Wegweisungsvollzug sei daher insgesamt un-
zumutbar.
E-3089/2020
Seite 14
3.3 In seiner Vernehmlassung vom 23. September 2020 führte das SEM
ergänzend aus, der Beschwerdeführer habe seine viereinhalbmonatige In-
haftierung mit Misshandlungen nicht glaubhaft machen können. Die gel-
tend gemachte LTTE-Mitgliedschaft seiner Schwester habe hierauf keinen
Einfluss. Die nachgereichte Fotoaufnahme von mehreren Personen in
LTTE-Uniform sei kein Beweis dafür, dass seine Schwester Mitglied oder
Truppenführerin bei den LTTE gewesen sei. Die auf den Aufnahmen ab-
gebildeten Personen seien nicht identifizierbar. Das Vorliegen einer ver-
wandtschaftlichen Beziehung zwischen einer abgebildeten Person und
dem Beschwerdeführer stehe nicht fest, sondern beruhe lediglich auf des-
sen Aussage. Sollte die Schwester tatsächlich LTTE-Truppenführerin ge-
wesen sein, sei auch dies kein Indiz dafür, dass der Beschwerdeführer
deswegen in den Fokus der sri-lankischen Behörden geraten sei. Es sei
vielmehr davon auszugehen, dass die Sicherheitskräfte bereits nach
Kriegsende ein eingehendes Screening vorgenommen, den Beschwerde-
führer verhaftet und ihn rehabilitiert hätten, wenn sie tatsächlich von seiner
Verbindung zu den LTTE ausgegangen oder eine solche vermutet hätten.
Dies gelte umso mehr, wenn der Beschwerdeführer – wie behauptet – nach
der Ausreise seiner Schwester im Jahr 2010 tatsächlich von den sri-lanki-
schen Behörden befragt worden wäre. Der Beschwerdeführer gehöre we-
gen eines mehrjährigen Aufenthaltes und seinem durchlaufenen Asylver-
fahren im Ausland nicht zu einer Risikogruppe. Seine geltend gemachte
«Vorgeschichte» sei nicht glaubhaft ausgefallen. Seine Einreise ziehe al-
lenfalls Befragungen und eine Anzeige wegen illegaler Ausreise, jedoch
keine flüchtlingsrechtlich relevante Verfolgung nach sich.
Schliesslich ändere der Umstand, dass Einreisende in Sri Lanka 14 Tage
lang aufgrund der Covid-19-Vorschriften in Quarantäne müssten, nichts an
der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzuges.
3.4 In der Replikeingabe wurde nochmals betont, die Aussagen des Be-
schwerdeführers enthielten zahlreiche Realkennzeichen, namentlich zu
seiner Verhaftung, dem Transportweg bis zu seiner Haftzelle, der Lebens-
umstände der Folter und zu seiner Freilassung. Er habe Belangloses, Ne-
bensächliches und Gefühlsregungen, wie die Wut auf seine Schwester, er-
wähnt. Der Erwägung des SEM, wonach die sri-lankischen Behörden ihn
bereits nach Kriegsende verhaftet und rehabilitiert hätten, wenn sie von
seiner Verbindung zu den LTTE ausgegangen wären, sei entgegenzuhal-
ten, dass er während des Bürgerkrieges noch minderjährig gewesen sei
und daher kaum von seiner Schwester über geheime Einzelheiten über ihre
Arbeit orientiert worden sei. Zwischen der Ausreise seiner Schwester im
E-3089/2020
Seite 15
Jahr 2010 und seiner Verhaftung am 2. Mai 2016 seien der Beschwerde-
führer und sein Vater mehrmals verhört worden; die Behörden hätten den
Aufenthalt der Schwester in Erfahrung bringen wollen. Ob es sich dabei um
ernsthafte Ermittlungen oder um asylrelevante Schikanen gehandelt habe,
sei dahingestellt. Nachdem die Waffen gefunden worden seien, hätten die
Sicherheitsbehörden eindeutige Beweise und einen Grund gehabt, den Be-
schwerdeführer zu verhaften. Die Vorfluchtgründe seien glaubhaft und
müssten zwingend zur Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft führen.
4.
In der Beschwerde werden verschiedene formelle Rügen erhoben, die
vorab zu beurteilen sind, da sie im Falle ihrer Berechtigung geeignet wären,
eine Kassation der vorinstanzlichen Verfügung zu bewirken
(vgl. BGE 142 II 218 E. 2.8.1).
4.1 Der Beschwerdeführer moniert zunächst, die Vorinstanz habe seinen
Anspruch auf rechtliches Gehör verletzt. Konkret wird ausgeführt, das SEM
habe seine Kernaussagen nicht vollständig erfasst und in der Folge in den
Erwägungen nicht geprüft (vgl. Beschwerde, BS 4, S. 6).
4.1.1 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches
Gehör. Dieser Anspruch umfasst als Mitwirkungsrecht alle Befugnisse, die
einer Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Stand-
punkt wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 135 II 286 E. 5.1; BVGE
2009/35 E. 6.4.1 mit Hinweisen). Mit dem Gehörsanspruch korreliert die
Pflicht der Behörden, die Vorbringen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prü-
fen und in ihrer Entscheidfindung angemessen zu berücksichtigen. Nicht
erforderlich ist, dass sich die Begründung mit allen Parteistandpunkten ein-
lässlich auseinandersetzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich wi-
derlegt (vgl. BGE 136 I 184 E. 2.2.1).
4.1.2 Vorliegend ist nicht ersichtlich und es wird auch nicht schlüssig dar-
gelegt, welche Kernvorbringen des Beschwerdeführers vom SEM nicht er-
fasst worden sein sollen.
Der Beschwerdeführer wurde insgesamt drei Mal befragt: Es fand eine
BzP, eine einlässliche Anhörung sowie eine ergänzende Anhörung zu den
Asylgründen statt.
Es finden sich in den drei fraglichen Protokollen keine Hinweise für die be-
hauptete unvollständige Erfassung der Asylvorbringen. Aus den drei Pro-
tokollen geht vielmehr klar hervor, dass dem Beschwerdeführer einlässlich
http://links.weblaw.ch/BVGE-2009/35 http://links.weblaw.ch/BVGE-2009/35
E-3089/2020
Seite 16
Raum geboten wurde, seine Fluchtgründe im sachlich gebotenen Umfang
vorzutragen. In der BzP wurde er gefragt, ob er ausser dem bisher Ge-
nannten weitere Probleme mit den Behörden im Heimatland gehabt habe
oder sonstige Gründe habe, die gegen eine allfällige Rückkehr in sein Hei-
matland sprechen könnten (vgl. A6, Ziffern 7.02 und 7.03). In den beiden
Anhörungen wurde ihm einlässlich Gelegenheit geboten, seine Asylvor-
bringen ausführlich im Rahmen von freien Berichten (vgl. A18, Antworten
36, 37, 48, 54, 66, 67, 84 und 85; A21 Antworten 41, 43, 51, 53, 62, 63 und
77) und auf konkrete Fragen hin vorzutragen. Er wurde mehrmals ange-
halten, «weiter» zu berichten (vgl. A18, Frage 67 sowie A21, Frage 19) und
er wurde vom Befragenden respektive der Hilfswerksvertretung explizit ge-
fragt, ob er seinen bisher zu Protokoll gegebenen Asylgründen etwas hinzu
zu fügen habe (vgl. A18, Frage 91 sowie A21, Fragen 85 und 86), was er
verneint hat.
Zudem wurde er auf bestehende Unklarheiten und inhaltliche Unstimmig-
keiten hingewiesen und ihm wurde ausreichend Gelegenheit geboten, sich
hierzu zu äussern (vgl. A18, Frage 100 und 101 sowie A21, Fragen 23 und
24). Die vom Befragenden dabei angewandte Befragungstechnik ist nicht
zu beanstanden.
Der Umstand, dass der Beschwerdeführer in der BzP angehalten wurde,
sämtliche Ausreisegründe zu nennen, «ohne dabei ins Detail zu gehen»
(vgl. Ziffer 7.01) spricht auch nicht dagegen, dass ihm bei der Summarbe-
fragung hinreichend Gelegenheit geboten wurde, seine Asylvorbringen in
den Grundzügen vorzutragen.
Ferner hat der Beschwerdeführer mit seiner handschriftlichen Unterzeich-
nung des BzP-Protokolls und der beiden Anhörungsprotokolle explizit be-
stätigt, dass diese Protokolle seinen Aussagen und der Wahrheit entspre-
chen (vgl. A6, S. 9) respektive seine Angaben korrekt und vollständig wie-
dergeben (vgl. A6, A18, S. 16 sowie A21, S. 13). Darauf muss er sich be-
haften lassen.
4.2 Der Beschwerdeführer rügt weiter sinngemäss eine Verletzung der Be-
gründungspflicht als Teilgehalt des rechtlichen Gehörs und verweist na-
mentlich auf die seiner Ansicht nach vom SEM nicht vorgenommene Be-
gründung bei der Prüfung von Wegweisungshindernissen (vgl. BS 8).
4.2.1 Die behördliche Begründungspflicht soll dem von einem Entscheid
Betroffenen ermöglichen, den Entscheid sachgerecht anzufechten, was
E-3089/2020
Seite 17
nur der Fall ist, wenn sich sowohl der Betroffene als auch die Rechtsmittel-
instanz über die Tragweite des Entscheides ein Bild machen können (vgl.
BVGE 2011/37 E. 5.4.1; BVGE 2008/47 E. 3.2).
4.2.2 Die Vorinstanz hat nachvollziehbar und hinreichend differenziert auf-
gezeigt, von welchen Überlegungen sie sich leiten liess. Entgegen der in
der Beschwerde vertretenen Auffassung hat sie sich mit sämtlichen we-
sentlichen Vorbringen in der gebotenen Tiefe, insbesondere auch mit der
aktuellen Lage in Sri Lanka, auseinandergesetzt und ist zum Schluss ge-
kommen, dass weder die individuellen Vorbringen des Beschwerdeführers
noch die aktuelle Lage in Sri Lanka eine Verfolgung nahelegen respektive
gegen die Durchführbarkeit des Wegweisungsvollzuges sprechen.
4.2.3 Alleine der Umstand, dass die Vorinstanz in ihrer Länderpraxis zu Sri
Lanka einer anderen Linie folgt, als vom Beschwerdeführer vertreten, und
sie aus sachlichen Gründen auch zu einer anderen Würdigung der Vorbrin-
gen gelangt, als vom Beschwerdeführer verlangt, spricht nicht für eine un-
genügende Sachverhaltsfeststellung oder eine Verletzung der Begrün-
dungspflicht. Die entsprechenden Argumente sind Bestandteil der materi-
ell-rechtlichen Prüfung des Asylgesuches. Auch das Vorbringen, sämtliche
Sachverhaltselemente beziehungsweise Risikofaktoren und damit die indi-
viduelle Fluchtgeschichte des Beschwerdeführers hätten vor dem Hinter-
grund der aktuell verfügbaren Länderinformationen beurteilt werden müs-
sen, beschlägt die rechtliche Würdigung des Sachverhalts. Schliesslich
zeigt die ausführliche 24-seitige Beschwerdeeingabe deutlich auf, dass
eine sachgerechte Anfechtung der SEM-Verfügung ohne Weiteres möglich
war. Eine Verletzung der Begründungspflicht liegt daher nicht vor.
4.2.4 Dem Beschwerdeführer ist es insgesamt nicht gelungen, eine recht-
liche Gehörsverletzung substanziiert darzutun.
4.3 Im Beschwerdeverfahren wird weiter beanstandet, das SEM habe den
rechtserheblichen Sachverhalt nicht hinreichend erstellt. Konkret wird gel-
tend gemacht, das SEM habe den Untersuchungsgrundsatz verletzt, in-
dem es die politischen Veränderungen in Sri Lanka in seiner Entscheidfin-
dung nicht mitberücksichtigt hat (vgl. Beschwerde, BS 5, S. 11 ff.).
4.3.1 Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen
Sachverhalts in Verletzung der behördlichen Untersuchungspflicht bildet ei-
nen Beschwerdegrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Unrichtig ist die
E-3089/2020
Seite 18
Sachverhaltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidri-
ger Sachverhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch gewürdigt wor-
den sind; unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Entscheid rechtswe-
sentlichen Sachumstände berücksichtigt werden (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERT-
SCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes,
3. Aufl., 2013, Rz. 1043).
4.3.2 Die Rüge, das SEM habe die politischen Veränderungen in Sri Lanka
in seiner Entscheidfindung nicht gebührend berücksichtigt und zudem auf
veraltete Unterlagen und Berichterstattungen abgestellt (vgl. Beschwerde,
BS 5, S. 11ff.), stosst ebenfalls ins Leere, wozu auf Ziffer III/3 der ange-
fochtenen Verfügung sowie auf die vorstehende Erwägung 4.2.3 verwiesen
werden kann. Das SEM hat zwar die festgestellte Zulässigkeit des Weg-
weisungsvollzuges knapp begründet, jedoch zutreffend darauf hingewie-
sen, dass weder die Aussagen noch die Akten Anhaltspunkte für eine dro-
hende unzulässige Behandlung des Beschwerdeführers im Falle einer
Rückkehr nach Sri Lanka enthalten. Von einer Verletzung der Begrün-
dungspflicht kann vorliegend keine Rede sein.
4.4 Die formellen Rügen erweisen sich nach dem Gesagten als unbegrün-
det. Das Bundesverwaltungsgericht stellt keine Verletzungen der Verfah-
rensvorschriften fest. Der Sachverhalt wurde nach dem Gesagten korrekt
und vollständig erstellt. Es wurden keine stichhaltigen Gründe vorgetragen,
die indizieren würden, dass das BzP- und/oder das Anhörungsprotokoll
nicht oder nur unter Vorbehalt für die Beurteilung des vorliegenden Asyl-
verfahrens beizuziehen und mitzuberücksichtigen wären.
Damit besteht kein Anlass, die Verfügung aus formellen Gründen aufzuhe-
ben. Das entsprechende auf eine Kassation lautende Rechtsbegehren 2
ist daher abzuweisen.
Auf die rechtliche Prüfung der Asylvorbringen ist in den nachstehenden Er-
wägungen weiter einzugehen.
5.
5.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
E-3089/2020
Seite 19
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
5.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
6.
Nach Durchsicht der Akten gelangt das Bundesverwaltungsgericht zum
Schluss, dass die Vorinstanz zu Recht die Flüchtlingseigenschaft des Be-
schwerdeführers verneint und folglich das Asylgesuch abgewiesen hat.
6.1 Der Beschwerdeführer macht Verfolgungsmassnahmen geltend, die
ihm aufgrund der LTTE-Mitgliedschaft seiner Schwester zugefügt worden
sein sollen. Er sei insbesondere am 2. Mai 2016 von den Behörden festge-
nommen, während mehr als vier Monaten inhaftiert und misshandelt wor-
den.
6.1.1 Das SEM hat diesbezüglich zutreffend festgehalten, dass der Be-
schwerdeführer seine Fluchtgründe in der BzP anders vorgetragen hat als
bei seinen beiden Anhörungen.
6.1.2 Vorweg ist festzustellen, dass er die LTTE-Mitgliedschaft seiner
Schwester in der BzP nicht ansatzweise erwähnt hat. Entgegen der Be-
hauptung in der Rechtsmitteleingabe handelt es sich beim Umstand, dass
er wegen seine Schwester bereits vor dem 2. Mai 2016 massiv behördlich
behelligt worden sein soll, nicht um eine irrelevante Begebenheit, sondern
um das Kernstück seiner Asylgründe. Es trifft auch nicht zu, dass er bei der
BzP angegeben habe, «wegen» seiner Schwester etwa zwanzig Male mit-
genommen worden zu sein. Der BzP ist vielmehr zu entnehmen, dass er
dort zu Protokoll gab, dass er und weitere Familienmitglieder – «nachdem»
seine Schwester anfangs 2010 ausgereist sei – etwa zwanzig Mal von den
CID-Leuten festgenommen worden seien. Diese Aussage ist als reine Zeit-
angabe zu interpretieren, nachdem der Beschwerdeführer beim summari-
schen Vortrag seiner Asylgründe mit keinem Wort auf die LTTE-Mitglied-
E-3089/2020
Seite 20
schaft dieser Schwester eingegangen ist. Er hat an keiner Stelle seine an-
geblich über zwanzig behördlichen Mitnahmen in einen Zusammenhang
mit seiner Schwester oder ihrer aus Sicht der Behörden politisch missliebi-
gen politischen Tätigkeit gestellt. Bereits aufgrund des nachgeschobenen
LTTE-Engagements der Schwester kommen erhebliche Zweifel am Wahr-
heitsgehalt der Vorbringen des Beschwerdeführers auf.
6.1.3 Der Umstand, dass er die LTTE-Mitgliedschaft seiner Schwester bei
der BzP nicht erwähnt hat, führt nach Auffassung des Gerichts dazu, dass
die vom Beschwerdeführer aus dieser Zugehörigkeit einer Verwandten zu
den LTTE abgeleitete eigene und persönliche Reflexverfolgungssituation
als nicht überwiegend wahrscheinlich erscheint. Der Beschwerdeführer hat
weder im Rahmen seiner Befragung und Anhörung noch im Verlauf des
Rechtsmittelverfahrens schlüssige Hinweise auf eine irgendwie geartete
Reflexverfolgung dargetan oder diesbezügliche schlüssige Unterlagen ein-
gereicht.
In diesem Zusammenhang ist der Vollständigkeit halber festzuhalten, dass
der Beschwerdeführer – eigenen Angaben zufolge – nie politisch oder reli-
giös tätig war und ihm im Jahr 2012 auf legale Weise ein Reisepass aus-
gestellt worden sein soll (vgl. A6, Ziffern 7.02 und 4.02). Bei dieser Sach-
lage erscheint ein politisches Gefährdungsprofil nicht plausibel. Es ist nicht
davon auszugehen, dass er im Jahr 2012 – zwei Jahre, nachdem die be-
hördlichen Behelligungen wegen der Schwester angefangen haben sollen
– einen Reisepass erhalten hätte, wenn er im behaupteten Ausmass ein
behördliches Interesse an seiner Person ausgelöst hätte.
6.1.4 Hinzu kommt, dass der Beschwerdeführer den Ablauf seiner Fest-
nahme am 2. Mai 2016 divergierend geschildert hat.
In der BzP gab er an, er habe mit anderen Männern einen Ziehbrunnen
gereinigt und dabei ein grosses Paket im Brunnen vorgefunden. Er und die
übrigen Männer hätten diesen Fund den Behörden gemeldet, worauf er am
2. Mai 2016 von zwei uniformierten Männern (Armeesoldaten) und einer
Person in Zivilkleidung (CID-Angehöriger) zur Befragung abgeführt worden
sei (vgl. Ziffern 7.01 und 7.02).
Seinen Angaben in der Anhörung vom 13. Mai 2019 zufolge hätten sie am
1. Mai 2016 Waffen entdeckt; sein Vater habe diesen Fund bei der Polizei
gemeldet, worauf die Sicherheitskräfte erschienen seien und die Waffen
mitgenommen hätten. Am Folgetag sei er festgenommen worden, wobei
E-3089/2020
Seite 21
die Behörden auch Informationen zum Aufenthaltsort der Schwester ver-
langt hätten (vgl. A18, Antwort 36). Während seiner Gefangenschaft sei er
von den Behörden zur Stelle gebracht worden, wo Gegenstände begraben
worden seien; es seien Waffen gefunden worden (vgl. A18, Antworten 36
und 37).
6.1.5 Es sind aber auch inhaltliche Unstimmigkeiten innerhalb der in den
Anhörungen protokollierten Angaben feststellbar. Der Beschwerdeführer
hat sich namentlich bezüglich des genaueren Zeitpunkts seiner Festnahme
vom 2. Mai 2016 widersprochen. In der Anhörung vom 13. Mai 2019 gab
er an, seine Festnahme sei gegen Abend, «vielleicht um 19 Uhr» erfolgt
(vgl. A18, Antwort 66). Seinen Angaben in der ergänzenden Anhörung vom
30. April 2020 zufolge soll die Festnahme um 11 oder 12 Uhr vormittags
erfolgt sein (vgl. A21, Antwort 54).
6.1.6 Auch bezüglich der Personen, die den Beschwerdeführer am 2. Mai
2016 abgeführt haben sollen, enthalten die Schilderungen Unstimmigkei-
ten. Den Angaben in der Anhörung vom 13. Mai 2019 zufolge sei er von
«CID-Leuten» – in der Mehrzahl – mitgenommen worden, die nicht unifor-
miert, sondern «zivil angezogen» gewesen seien (vgl. A18 Antwort 52). In
der ergänzenden Abhörung gab er zu Protokoll, von zwei Personen in Zi-
vilkleidung und zwei Personen in Militäruniform festgenommen worden zu
sein (vgl. A21, Antwort 61). Diese beiden Angaben widersprechen sich in-
haltlich, stimmen aber auch nicht überein mit den Angaben, die bei der BzP
gemacht wurden, wonach der Beschwerdeführer von zwei Soldaten und
einem Angehörigen des CID mitgenommen worden sei (vgl. Ziffer 7.01). In
der Rechtsmitteleingabe wird keine plausible, nachvollziehbare Erklärung
für diese Divergenzen geliefert.
6.1.7 Schliesslich hat das SEM zu Recht erwogen, dass die Schilderungen
des Beschwerdeführers teilweise realitätsfremd und unlogisch ausgefallen
sind. So trifft es zu, dass es mit dem bekannten, rigorosen Vorgehen der
sri-lankischen Behörden gegenüber Verdächtigen im Dunstkreis der LTTE
nicht vereinbar ist, dass der Beschwerdeführer zeitlich befristet – für einen
Monat – freigelassen worden sein soll (vgl. A18, Antworten 37 und 42).
Wenn die Sicherheitskräfte den Beschwerdeführer wie behauptet wegen
angeblicher Unterstützung oder sonstigen Verbindungen zu den LTTE kon-
kret verdächtigt hätten, ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit
davon auszugehen, dass sie ihn nicht für einen Monat «bedingt» aus ihrer
Haft entlassen, sondern vielmehr ein Strafverfahren gegen ihn eingeleitet
hätten. Zudem wäre er nicht im behaupteten Ausmass – 20 Male, jeweils
E-3089/2020
Seite 22
nur einen Tag lang (A6, Ziffer 7.03) – festgehalten worden, wenn er im Zu-
sammenhang mit aufgedeckten Waffen auf dem Grundstück seiner Familie
verdächtigt worden wäre. Bei einem entsprechenden Verdacht hätten es
die Behörden nicht mit aufwändigen, unzähligen kurzfristen Mitnahmen be-
wenden lassen, sondern vielmehr ein Strafverfahren gegen den Beschwer-
deführer eingeleitet.
An dieser Stelle ist zudem darauf hinzuweisen, dass der Beschwerdeführer
in der ergänzenden Anhörung die zeitliche Befristung seiner Freilassung
respektive den «Deal» mit den Armeeangehörigen, sich nach einem Monat
wieder in das Haftcamp zurückzubegeben, nicht von sich aus erwähnt hat.
Dort gab er vielmehr zu Protokoll, sein Vater habe ihm keine Angaben dazu
gemacht, nach wie viel Zeit er seine Haft wieder hätte antreten müssen
(vgl. A21, Antworten 69-74). Es ist nicht nachvollziehbar, weshalb er bei
der ersten Anhörung die zeitliche Befristung vortrug, um bei der zweiten
Anhörung zu Protokoll zu geben, keine entsprechenden zeitlichen Auflagen
gekannt zu haben. Diese Unstimmigkeit untermauert die bestehenden er-
heblichen Zweifel am Wahrheitsgehalt der Asylvorbringen zusätzlich.
6.1.8 In der Rechtsmitteleingabe wird versucht, die aufgezeigten Wider-
sprüche zu entkräften. Es wird vorgetragen, am Tag der fraglichen Fest-
nahme habe bewölktes Wetter geherrscht und es sei dunkel gewesen. Der
Beschwerdeführer habe nicht auf die Uhrzeit geachtet, was von ihm aber
auch nicht habe erwartet werden dürfen. Zudem handelt es sich bei der
Tageszeit seiner Festnahme nicht um Kernvorbringen seiner Asylbegrün-
dung.
Der Beschwerdeführer übersieht mit dieser Argumentation, dass es sich
bei seiner angeblichen Festnahme am 2. Mai 2016 sehr wohl um ein Kern-
element seiner Asylvorbringen handelt. Er leitet seine angebliche Verfol-
gung durch die sri-lankischen Behörden massgeblich von der behaupteten
Festnahme vom 2. Mai 2016 und der anschliessenden mehrmonatigen In-
haftierung ab. Vom Beschwerdeführer durfte und musste erwartet werden,
dass er sich an die ungefähre Tageszeit seiner einschneidenden Fest-
nahme zu erinnern vermag. Der Umstand, dass das SEM diese Widersprü-
che im Rahmen der Prüfung der Glaubhaftigkeit der Asylvorbringen mitbe-
rücksichtigt hat, ist nicht zu beanstanden. Es trifft zu, dass diese Divergen-
zen innerhalb des Sachverhaltsvortrags des Beschwerdeführers als mass-
gebliche Unglaubhaftigkeitselemente zu würdigen sind. Hieran ändert auch
der in der Rechtsmitteleingabe vorgetragene, unbehelfliche Erklärungsver-
such, wonach der Beschwerdeführer in der Schweiz in Frieden leben
E-3089/2020
Seite 23
könne und er möglicherweise viele Sachen vergessen habe, nichts. Auch
der Umstand, dass der Beschwerdeführer im Zeitpunkt des in Sri Lanka
herrschenden Bürgerkriegs noch minderjährig gewesen sei, weshalb die
Schwester ihm keine LTTE-Geheimnisse anvertraut habe, vermag seine
Schilderungen nicht in einem glaubhafteren Lichte erscheinen zu lassen.
6.2 Der Beschwerdeführer reichte zur Untermauerung seiner Asylvorbrin-
gen eine Vielzahl von Beweismitteln zu den Akten.
6.2.1 Das SEM hielt in seiner Verfügung vom 13. Mai 2020 zu Recht fest,
dass die Bestätigungsschreiben der Mutter, der früheren Lehrerin, des
Dorfvorstehers und des Friedensrichters und des Pastors (BM 6-10 und
20) keinen Beweiswert aufweisen, da entsprechende Dokumente leicht
fälschbar respektive manipulierbar seien. Die genannten Bestätigungs-
schreiben weisen zwar in der Tat keine fälschungssicheren Merkmale auf.
Die vom SEM zu pauschal vorgenommene Einschätzung der Beweismittel
greift aber zu kurz und muss relativiert werden: Sri-lankische Dokumente
können nicht alleine mit dieser Argumentation generell und absolut für be-
weisuntauglich erklärt werden, sondern müssen in einen Kontext mit der
Glaubhaftigkeit der Vorbringen gesetzt werden.
Nachdem es dem Beschwerdeführer nicht gelungen ist, die behauptete
Reflexverfolgungssituation respektive seine eigene Festnahme vom 2. Mai
2016 als überwiegend wahrscheinlich darzutun, muss angesichts des In-
halts der genannten Dokumente auf den Charakter von blossen Gefällig-
keitsschreiben geschlossen werden. Das Schreiben des Dorfvorstehers,
welcher bestätigt, dass der Beschwerdeführer – nicht spezifizierte – Prob-
leme habe, ist zu oberflächlich formuliert, um daraus etwas zugunsten des
Beschwerdeführers abzuleiten. Die Lehrerin bestätigt zwar, sie habe selbst
erlebt, wie die Eltern spitalreif geschlagen worden seien und Tiere der Fa-
milie geschlachtet worden seien. Der Inhalt dieses Schreibens ist aber
ebenfalls zu vage, um daraus auf eine asyl- oder flüchtlingsrechtlich be-
achtliche Verfolgungssituation schliessen zu können.
6.2.2 Die Polizeianzeige (BM Nr. 4) bestätigt zwar, dass eine Anzeige
(«complaint») eingereicht worden ist; gemäss Übersetzung soll es sich da-
bei um eine Vermisstenanzeige handeln. Dieses Dokument hält indessen
lediglich fest, dass eine Vermisstenanzeige erstattet worden sein soll. Der
Hintergrund der Anzeige geht aus dem Beweismittel jedoch nicht hervor.
Zudem sind Polizeianzeigen als solche nicht geeignet, die angezeigten
Vorfälle als überwiegend wahrscheinlich darzutun. Sie beruhen vielmehr
E-3089/2020
Seite 24
auf den eigenen Angaben des jeweiligen Anzeigeerstattenden; die Polizei
bestätigt darin jedoch keine eigenen Wahrnehmungen und äussert sich
nicht zum Wahrheitsgehalt der zugrundeliegenden Vorfälle.
6.2.3 Die beiden «Diagnose Tickets» (BM Nr. 12) sowie die Fotoaufnah-
men (BM 13-16 und 24) sind ebenfalls nicht geeignet, einen asylrechtlich
relevanten Konnex zu den Vorbringen des Beschwerdeführers herzustellen
oder nahezulegen. Es wird zwar bestätigt, dass sich die beiden Personen
(Eltern) nach einem Übergriff in Spitalpflege haben begeben müssen res-
pektive die abgebildeten Männer Verletzungen aufweisen. Diese Bilder von
Personen in einer Strohhütte respektive von einem Mann in einer Kuhherde
lassen ebenso wenig auf Vorfälle schliessen, aus denen der Beschwerde-
führer relevante Tatsachen für sein Asylgesuch ableiten könnte.
6.2.4 Zum BM 11 machte der Beschwerdeführer nur vage und keine spe-
zifizierenden Angaben (vgl. A18, Antwort 5). Obwohl er dazu angehalten
worden ist (vgl. A18, Antwort 106), reichte er keine lesbare Fassung dieser
beiden Dokumente nach, weshalb diese Dokumente vom Gericht auch
nicht überprüft werden können.
6.2.5 Auch den auf Beschwerdeebene eingereichten Beweismittel (vgl.
Sachverhalt oben, Bst. C.b) muss die stützende Beweiskraft abgesprochen
werden. Das SEM hat in der Vernehmlassung zutreffend festgestellt, dass
mit der Einreichung der Fotos einer weiblichen Person noch keine ver-
wandtschaftliche Beziehung des Beschwerdeführers zur abgebildeten
Frau hergeleitet werden kann. Zudem vermag alleine die Tatsache, dass
die Schwester des Beschwerdeführers zu einem unbekannten Zeitpunkt in
der Vergangenheit mit einer Gruppe von bewaffneten Personen abgebildet
wurde, nicht darzutun, dass der Beschwerdeführer im Zusammenhang mit
einem LTTE-Verdacht ins Visier der heimatlichen Behörden geriet und des-
wegen mit flüchtlingsrelevanten Nachteilen rechnen muss. Im Übrigen ist
die auf den Aufnahmen abgebildete Person nicht persönlich identifizierbar,
weshalb aus diesem Bildmaterial für das vorliegende Asylgesuch nichts
abgeleitet werden kann.
6.2.6 Die weiteren auf Beschwerdeebene eingereichten Beweismittel (Me-
dienberichte) äussern sich zu den politischen Begebenheiten in Sri Lanka.
Aus ihnen geht kein persönlicher Bezug zum Beschwerdeführer hervor.
E-3089/2020
Seite 25
6.2.7 Die eingereichten Beweismittel sind insgesamt nicht geeignet, die
vom Beschwerdeführer geschilderte Verfolgungssituation massgeblich zu
stützen.
6.3 Andere Vorfluchtgründe hat der Beschwerdeführer nicht geltend ge-
macht.
6.4 Nach dem Gesagten ist es dem Beschwerdeführer nicht gelungen,
flüchtlingsrechtlich relevante Nachteile im Sinne von Vorfluchtgründen als
überwiegend wahrscheinlich darzutun.
7.
Zu prüfen bleibt, ob aus heutiger Sicht eine begründete Furcht vor Verfol-
gung anzunehmen ist.
7.1 Das Bundesverwaltungsgericht hat sich nach Beendigung des Bürger-
krieges im Mai 2009 wiederholt und eingehend mit der (nach wie vor pre-
kären) Menschenrechtslage in Sri Lanka im Allgemeinen und mit der Situ-
ation von Rückkehrenden tamilischer Ethnie im Besonderen befasst (sog.
Returnee-Problematik; vgl. insb. BVGE 2011/24 E. 8, und Urteil
E-1866/2015 vom 15. Juli 2016 [als Referenzurteil publiziert] E. 8 je mit
umfassender Quellenanalyse). Nach wie vor besteht seitens der sri-lanki-
schen Behörden gegenüber Personen tamilischer Ethnie, die aus dem
Ausland zurückkehren, eine erhöhte Wachsamkeit. Indessen kann nicht
generell angenommen werden, jeder aus Europa oder der Schweiz zurück-
kehrende tamilische Asylsuchende sei alleine aufgrund seines Ausland-
aufenthaltes der ernstzunehmenden Gefahr von Verhaftung und Folter
ausgesetzt (vgl. Urteil E-1866/2015 E. 8.3).
7.2 Im Kern geht die Rechtsprechung davon aus, dass jene Rückkehrer
eine begründete Furcht vor ernsthaften Nachteilen im Sinne von Art. 3
AsylG haben, denen seitens der sri-lankischen Behörden Bestrebungen
zugeschrieben werden, den nach wie vor als Bedrohung wahrgenomme-
nen tamilischen Separatismus wiederaufleben zu lassen respektive den
sri-lankischen Einheitsstaat zu gefährden. Das Gericht orientiert sich bei
der Beurteilung des Risikos von Rückkehrenden, Opfer ernsthafter Nach-
teile in Form von Verhaftung und Folter zu werden, an verschiedenen Risi-
kofaktoren. Eine tatsächliche oder vermeintliche, aktuelle oder vergangene
Verbindung zu den LTTE, ein Eintrag in der sogenannten „Stop-List“ und
die Teilnahme an exilpolitischen regimekritischen Handlungen wurden da-
E-3089/2020
Seite 26
bei als stark risikobegründende Faktoren eingestuft. Demgegenüber stel-
len das Fehlen ordentlicher Identitätsdokumente bei der Einreise in Sri
Lanka, Narben und eine gewisse Aufenthaltsdauer in einem westlichen
Land schwach risikobegründende Faktoren dar. Das Gericht hat im Einzel-
fall die konkret glaubhaft gemachten Risikofaktoren in einer Gesamtschau
sowie unter Berücksichtigung der konkreten Umstände zu prüfen und zu
erwägen, ob mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit eine flüchtlingsrechtlich
relevante Verfolgung droht (vgl. a.a.O. E. 8).
7.3 Die Vorinstanz nahm in ihrem Asylentscheid vom 13. Mai 2020 (vgl.
Ziffer II/2, S. 6) eine Prüfung anhand dieser Risikofaktoren unter Berück-
sichtigung der Entwicklung seit den Präsidentschaftswahlen vom Novem-
ber 2019 vor. Sie hielt fest, die Vorfluchtgründe des Beschwerdeführers
seien unglaubhaft ausgefallen. Er sei bis Oktober 2016 im Heimatstaat
wohnhaft gewesen und habe somit nach Kriegsende über sieben Jahre
lang weiterhin in Sri Lanka gelebt. Es sei anhand der Akten nicht ersichtlich,
weshalb er bei einer Rückkehr nach Sri Lanka nunmehr in den Fokus der
Behörden geraten oder verfolgt werden sollte.
7.4 Der Beschwerdeführer hält dem entgegen, er gehöre aufgrund seiner
«Vorgeschichte» und seines Aufenthalts im Ausland einer entsprechenden
Risikogruppe an; er sei vorverfolgt worden und verfüge über familiäre Ver-
bindungen zu den LTTE.
7.5
7.5.1 In Übereinstimmung mit der Vorinstanz ist das Vorliegen eines rele-
vanten Risikoprofils zu verneinen. Der Beschwerdeführer hat nicht glaub-
haft gemacht, dass er aufgrund seines familiären Hintergrunds einer Ver-
folgungssituation ausgesetzt gewesen ist. Eine LTTE-Mitgliedschaft einer
nahen Verwandten wurde ebenso wenig glaubhaft gemacht. Alleine der
Umstand, dass eine Schwester bei den LTTE gewesen sein soll, vermag
ihn ohnehin nicht in das Licht eines Oppositionellen, welcher den tamili-
schen Separatismus schürt, zu rücken. Er war gemäss eigenen Angaben
nie politisch oder religiös tätig (vgl. A6, Antwort 7.02). Es bestehen insge-
samt keine Anhaltspunkte, die auf ein politisches Profil hinweisen, welches
das Augenmerk der heimatlichen Behörden auf ihn lenken würde.
7.5.2 Der Beschwerdeführer hat keine im Nachgang zu den im November
2019 erfolgten Präsidentschaftswahlen oder den Terroranschlägen persön-
lich erlittenen Nachteile geltend gemacht. Auch die auf Beschwerdeebene
E-3089/2020
Seite 27
eingereichten Medienberichte weisen keinen persönlichen Bezug des Be-
schwerdeführers zu den in den Meldungen geschilderten Ereignissen und
deren Folgen auf.
7.5.3 Aus den Darlegungen des Beschwerdeführers lassen sich insgesamt
keine Anhaltspunkte ersehen, die den Schluss nahelegen würden, der sri-
lankische Staat könnte in ihm jemanden vermuten, der dem tamilischen
Separatismus zum Wiedererstarken verhelfen wollte. Es kann folglich nicht
mit überwiegender Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen werden, dass
er bei einer Rückkehr Ziel behördlicher Verfolgungsmassnahmen in flücht-
lingsrelevantem Ausmass werden könnte. An dieser Einschätzung vermö-
gen vorliegend auch die im Zuge des Regierungswechsels veränderte po-
litische Lage in Sri Lanka und die sich seither zugetragenen Ereignisse
nichts zu ändern. In einer Gesamtwürdigung ist seine geltend gemachte
subjektive Furcht, im Heimatland asylrelevanten Nachteilen ausgesetzt zu
sein, objektiv nicht begründet.
7.6 Das SEM hat zusammenfassend die Flüchtlingseigenschaft des Be-
schwerdeführers zu Recht verneint und dessen Asylgesuch zutreffend ab-
gelehnt.
8.
8.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an (Art. 44 AsylG).
8.2 Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
9.
9.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
E-3089/2020
Seite 28
9.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
9.2.1 So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land
gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem
Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft,
zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1
AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über
die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember
1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-
gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3
EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender
Strafe oder Behandlung unterworfen werden.
9.2.2 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend da-
rauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur
Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem
Beschwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr-
dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG
verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren
keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers in den
Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerdeführers
noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer Aus-
schaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit ei-
ner nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung
ausgesetzt wäre. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofes für
Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses
müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr ("real risk") nachwei-
sen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter
oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR
Saadi gegen Italien 28. Februar 2008, Grosse Kammer, Nr. 37201/06,
§§ 124–127 m.w.H.). Auch der EGMR hat sich mit der Gefährdungssitua-
tion im Hinblick auf eine EMRK-widrige Behandlung namentlich für Tami-
len, die aus einem europäischen Land nach Sri Lanka zurückkehren müs-
sen, wiederholt befasst (vgl. EGMR, R.J. gegen Frankreich, Urteil vom 19.
E-3089/2020
Seite 29
September 2013, Nr. 10466/11; T.N. gegen Dänemark, Urteil vom 20. Ja-
nuar 2011, Nr. 20594/08; P.K. gegen Dänemark, Urteil vom 20. Januar
2011, Nr. 54705/08; J.G. gegen Polen, Entscheidung vom 11. Juli 2017,
Nr. 44114/14). Dabei unterstreicht der Gerichtshof, dass nicht in genereller
Weise davon auszugehen sei, zurückkehrenden Tamilen drohe eine un-
menschliche Behandlung. An dieser Einschätzung vermögen die politi-
schen Entwicklungen insbesondere im Umfeld der Kommunalwahlen vom
Februar 2018 (vgl. Urteil des BVGer D-5880/2018 vom 12. Februar 2019
E. 11.2.2) und der Ende 2019 erfolgten Präsidentschaftswahlen – entge-
gen den anderslautenden Ausführungen in der Beschwerde – nichts
Grundlegendes zu ändern.
9.2.3 Das Bundesverwaltungsgericht gelangt zur Einschätzung, dass sich
auch die politischen Entwicklungen in Sri Lanka seit der Machtübernahme
durch Präsident Gotabaya Rajapaksa, die Vorkommnisse im Zusammen-
hang mit der Festhaltung einer Angestellten der Schweizerischen Botschaft
in Colombo im November 2019, auf welche in der Rechtsmitteleingabe ver-
wiesen wurde (vgl. S. 12), und die zwischenzeitlich erfolgten politischen
Veränderungen nicht in relevanter Weise auf den Beschwerdeführer per-
sönlich auswirken dürften.
Auch die allgemeine Menschenrechtssituation in Sri Lanka lässt den Weg-
weisungsvollzug nicht als generell unzulässig erscheinen (vgl. statt vieler
Urteil des BVGer D-6898/2019 vom 14. Januar 2022, E. 9.2.3 sowie
D-5988/2019 vom 31. Januar 2022, E. 10.2.1). Die Berücksichtigung der
aktuellen Ereignisse im Zusammenhang mit den Aufständen gegen die Re-
gierung Rajapaksa wegen der in Sri Lanka herrschenden Wirtschaftskrise
(vgl. Neue Zürcher Zeitung vom 4. April 2022: «Nach grossen Protesten
treten in Sri Lanka fast alle Minister zurück»: Sri Lanka: Notstand und De-
monstrationen auf der Ferieninsel (nzz.ch), abgerufen am 30.08.2022)
führt nicht zu einer anderen Einschätzung. Der Beschwerdeführer vermag
weder aus der Situation seit dem Machtwechsel im Jahr 2019 noch aus der
aktuellen Lage in Sri Lanka, wie der am 20. Juli 2022 erfolgten Wahl von
Ranil Wickremesinghe zum neuen Staatspräsidenten als Nachfolger des
am 9. Mai 2022 inmitten einer Welle von Gewalt mit etlichen Toten und
Verletzten zurückgetretenen Mahinda Rajapaksa eine Gefährdung abzu-
leiten. Auch die Wahl des neuen Staatspräsidenten ändert vorerst nichts
an der bisherigen Lageeinschätzung, ist dieser doch Teil der alten politi-
schen Elite. Unbestritten ist auch, dass die aktuell in weiten Teilen Sri Lan-
kas herrschende Lage angesichts der Proteste gegen die steigenden
E-3089/2020
Seite 30
Preise für Verbrauchsgüter und Engpässe bei der Versorgung mit Treib-
stoffen angespannt ist und die schwere Wirtschaftskrise im Land die ganze
sri-lankische Bevölkerung betrifft (vgl. statt vieler: Urteil des BVGer
D-1263/2020 vom 18. August 2022 E. 8.4.1).
Es bestehen aufgrund der Akten keine konkreten Hinweise, dass der Be-
schwerdeführer bei einer Rückkehr nach Sri Lanka mit beachtlicher Wahr-
scheinlichkeit Massnahmen zu befürchten hätte, die über einen so genann-
ten "Background Check" (Befragung und Überprüfung von Tätigkeiten im
In- und Ausland) hinausgehen würden, oder dass er persönlich gefährdet
wäre. Seine in der Beschwerdeschrift geäusserten Mutmassungen, Opfer
von Verhaftungen oder von Verhören mit Folter zu werden, sind rein spe-
kulativer Art.
Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im Sinne der
asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig.
9.3 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
9.3.1 Das Bundesverwaltungsgericht hat die Frage der generellen Zumut-
barkeit der Wegweisung nach Sri Lanka im schon erwähnten Referenzur-
teil E-1866/2015 (E. 13) geprüft und sich im Sinne einer Aufdatierung der
davor letzten Lagebeurteilung (vgl. BVGE 2011/24) eingehend mit der ak-
tuellen politischen und allgemeinen Lage in Sri Lanka auseinandergesetzt
(E. 13.2 f.). Dabei kam es zum Schluss, dass der Vollzug der Wegweisung
in die Nord- und Ostprovinz grundsätzlich zumutbar sei, sofern das Vorlie-
gen der individuellen Zumutbarkeitskriterien bejaht werden kann, insbe-
sondere die Existenz eines tragfähigen familiären oder sozialen Bezie-
hungsnetzes sowie Aussichten auf eine gesicherte Einkommens- und
Wohnsituation.
Die Vorinstanz stellte im angefochtenen Entscheid (Ziff. III/3) vorab die all-
gemeine Sicherheitslage in Sri Lanka vor dem Hintergrund der neueren
Entwicklung dar und kam zum Schluss, es liege keine Situation allgemei-
ner Gewalt im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG vor. Ausgehend vom genannten
E-3089/2020
Seite 31
Referenzurteil E-1866/2015 (E. 13.3.3) prüfte sie die individuellen Zumut-
barkeitskriterien und stufte den Wegweisungsvollzug als durchführbar ein.
9.3.2 Der bewaffnete Konflikt zwischen der sri-lankischen Regierung und
den LTTE ist im Mai 2009 zu Ende gegangen. Aktuell herrscht in Sri Lanka
weder Krieg noch eine Situation allgemeiner Gewalt, dies auch unter Be-
rücksichtigung der aktuellen Ereignisse und Entwicklungen in Sri Lanka
(vgl. E. 9.2.2 und 9.2.3). Nach einer eingehenden Analyse der sicherheits-
politischen Lage in Sri Lanka ist das Bundesverwaltungsgericht zum
Schluss gekommen, dass der Wegweisungsvollzug in die Nordprovinz zu-
mutbar ist, wenn das Vorliegen der individuellen Zumutbarkeitskriterien
(insbesondere Existenz eines tragfähigen familiären oder sozialen Bezie-
hungsnetzes sowie Aussichten auf eine gesicherte Einkommens- und
Wohnsituation) bejaht werden kann (vgl. Referenzurteil E-1866/2015
E. 13.2). In einem weiteren als Referenzurteil publizierten Entscheid erach-
tet das Bundesverwaltungsgericht auch den Vollzug von Wegweisungen
ins "Vanni-Gebiet" (zum Begriff: BVGE 2011/24 E. 13.2.2.1) als zumutbar,
sofern die genannten individuellen Zumutbarkeitskriterien erfüllt sind (vgl.
Referenzurteil D-3619/2016 vom 16. Oktober 2017 E. 9.5). Diese Ein-
schätzung hat weiterhin Gültigkeit (vgl. statt vieler: Urteil des BVGer
D-6898/2019 vom 14. Januar 2022 E. 9.3.2; D-5988/2019 vom
31. Januar 2022 E. 10.3.2).
9.3.3 Der Beschwerdeführer wurde in der zum Vanni-Gebiet gehörenden
Ortschaft B._ im Kilinochchi Distrikt der Nordprovinz geboren, ging
dort zur bis zum O-Level die Schule und hielt sich auch nach Beendigung
des Bürgerkriegs ab Mai 2009 bis zur Ausreise im Oktober 2016 während
mehr als sieben Jahre lang dort auf; er gibt an, mit seinem Vater teilweise
in einem Flüchtlingslager in Vavuniya gelebt zu haben. Er ist somit in Sri
Lanka sozialisiert worden.
Gemäss eigenen Angaben leben seine betagten und kranken Eltern mitt-
lerweile in D._ (Jaffna Distrikt). Ob sie ihren Lebensalltag – wie vom
Beschwerdeführer behauptet – in einer Strohunterkunft (vgl. BM 23) ver-
bringen müssen oder im familieneigenen Haus (vgl. A6, Ziffern 2.01) in
B._ leben, kann vorliegend offengelassen werden. Der Beschwer-
deführer verfügt über Berufserfahrung als (...) (vgl. A6, Ziffer 1.17.05). Er
verfügt – abgesehen von seinen Eltern – über mehrere Tanten und Onkel
im Heimatland sowie über eine Schwester, die in London lebt.
E-3089/2020
Seite 32
Vor diesem Hintergrund ist davon auszugehen, dass der Beschwerdefüh-
rer bei einer Rückkehr einer Erwerbstätigkeit wird nachgehen, bei der Wie-
dereingliederung bei Bedarf auf die Unterstützung durch seine näheren
oder entfernteren Familiengehörigen wird zurückgreifen und sich somit
eine neue Existenz wird aufbauen können.
9.4 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (Art. 8 Abs. 4 AsylG; vgl. BVGE 2008/34
E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu bezeich-
nen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
9.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
10.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
11.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
12.
12.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Be-
schwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Nachdem das Bun-
desverwaltungsgericht dem Beschwerdeführer mit Zwischenverfügung
vom 10. September 2020 die unentgeltliche Prozessführung gewährt hat
und auch aktuell von seiner prozessualen Bedürftigkeit auszugehen ist,
sind dem unterliegenden Beschwerdeführer jedoch keine Verfahrenskos-
ten aufzuerlegen (Art. 65 Abs. 1 VwVG).
12.2 In der genannten Instruktionsverfügung vom 10. September 2020
wurde Rechtsanwalt Rajeevan Linganathan, LBP Rechtsanwälte, (...),
dem Beschwerdeführer als amtlicher Rechtsbeistand beigeordnet; dabei
wurde der Rechtsbeistand darauf hingewiesen, dass er gemäss den Ent-
schädigungskonditionen des Bundesverwaltungsgerichts (Stundenansatz
E-3089/2020
Seite 33
von Fr. 200.– bis Fr. 220.– für anwaltliche Rechtsvertretungen) entschädigt
wird.
Der amtliche Rechtsbeistand hat in seiner Honorarnote vom 9. Oktober
2020 einen Arbeitsaufwand von 14.5 Stunden sowie Auslagen von
Fr. 93.40 geltend gemacht. Der in Rechnung gestellte Aufwand von 2.5
Stunden für die Ausarbeitung der eineinhalbseitigen Replikeingabe vom
9. Oktober 2020 erscheint jedoch übermässig und ist auf eine Stunde zu
reduzieren. Seit der Einreichung der Honorarnote vom 9. Oktober 2020 ist
kein weiterer Vertretungsaufwand entstanden respektive geltend gemacht
worden.
Dem amtlichen Rechtsbeistand ist daher ein amtliches Honorar von insge-
samt Fr. 2'882.– (13 Arbeitsstunden à Fr. 200.–, ausmachend Fr. 2'600.–,
zuzüglich Auslagen von Fr. 93.40 sowie Mehrwertsteuer von Fr. 188.55)
aus der Gerichtskasse zu entrichten.
(Dispositiv nächste Seite)
E-3089/2020
Seite 34