Decision ID: 421e02b4-2790-5972-9fe0-1d9fd6f693cf
Year: 2019
Language: de
Court: BE_VB
Chamber: BE_VB_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: public_law

I. Sachverhalt
1. Der Beschwerdegegner 1 und die Beschwerdegegnerin 2 (nachfolgend:
Beschwerdegegnerschaft) reichten am 9. März 2018 bei der Gemeinde Lyss ein
Baugesuch für die Installation einer Luft-Wasser-Wärmepumpe in Split-Ausführung (mit
Innen- und Aussengerät) auf der Parzelle Lyss Grundbuchblatt Nr. F._ ein. Die
Parzelle liegt im Perimeter der Überbauungsordnung (UeO) Nr. 22 Erli. Diese ist gemäss
dem GBR1 der Lärmempfindlichkeitsstufe II (ES II) zugeordnet.2 Gegen das Vorhaben
erhob die Beschwerdeführerin Einsprache. Mit Bauentscheid vom 21. August 2018 erteilte
die Gemeinde Lyss für die Installation der Luft-Wasser-Wärmepumpe die Baubewilligung
unter der Auflage, dass die Wärmepumpe während der akustischen Nachtzeit (19.00 bis
7.00 Uhr) nur im Flüstermodus betrieben werden darf.
2. Dagegen reichte die Beschwerdeführerin mit Eingabe vom 27. September 2018
Beschwerde bei der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion des Kantons Bern (BVE) ein. Sie
beantragt die Aufhebung des Bauentscheids vom 21. August 2018 und die Erteilung des
Bauabschlags. Sie erhebt einerseits formelle Rügen. Andererseits befürchtet sie, die
geplante Wärmepumpe führe zu starken Lärmimmissionen.
3. Die Beschwerdegegnerschaft beantragt in ihrer Beschwerdeantwort vom 29. Oktober
2018 die Abweisung der Beschwerde, soweit darauf eingetreten werden könne. Weiter
beantragt sie, es sei ihr Gelegenheit zur Prüfung einer Projektänderung einzuräumen, falls
die BVE nach einer summarischen Prüfung wider Erwarten zur Auffassung gelange, die
projektierte Wärmepumpe sei nicht bewilligungsfähig. Mit Stellungnahme vom 30. Oktober
2018 schliesst die Gemeinde auf Abweisung der Beschwerde.
4. Das Rechtsamt, das die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet3, holte beim Amt für
Berner Wirtschaft beco (neu: Amt für Wirtschaft und Immissionsschutz AWI) einen Bericht
1 Vgl. Baureglement vom 18. Juni 2012 der Gemeinde Lyss, genehmigt durch das Amt für Gemeinden und Raumordnung am 11. September 2013 2 Vgl. Art. 341 GBR 3 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (Organisationsverordnung BVE, OrV BVE; BSG 152.221.191)
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zur Lärmsituation ein. Mit Instruktionsverfügung vom 21. Dezember 2018 teilte das
Rechtsamt den Verfahrensbeteiligten mit, es ziehe gestützt auf das umweltrechtliche
Vorsorgeprinzip in Erwägung, mit einer Auflage die Installation einer standardisierten
Schalldämmhaube, die eine Schallreduktion von ca. 4 bis 5 dB(A) bewirke, anzuordnen.
Mit gleicher Verfügung gewährte es der Beschwerdegegnerschaft die Möglichkeit, eine
Projektänderung für einen Wärmepumpentyp einzureichen, dessen Schallleistungspegel
mindestens 4 bis 5 dB(A) unter jenem des geplanten Luft-Wasser-Wärmepumpentyps liegt.
5. Nach zweimaliger Fristerstreckung teilte die Beschwerdegegnerschaft mit Eingabe
vom 8. März 2019 mit, die geplante Anlage halte die massgeblichen Planungs- und
Vorsorgewerte klar ein. Die Installation einer zusätzlichen Schallschutzmassnahme,
namentlich eine Schalldämmhaube, erachte sie als unverhältnismässig. Auch führte sie
aus, die Lieferfirma der Wärmepumpe biete keine standardisierten Schalldämmhauben,
sondern nur noch deutlich teurere Lärmschutzkabinen an. Von der Möglichkeit, eine
Projektänderung einzureichen, machte die Beschwerdegegnerschaft nicht Gebrauch. Auf
Verlangen des Rechtsamts reichte die Beschwerdegegnerschaft mit Schreiben vom
12. März 2019 den Produktebeschrieb der Schalldämmkabine ein. In den
Schlussbemerkungen vom 9. April 2019 hält die Beschwerdeführerin im Wesentlichen an
ihrem Rechtsstandpunkt fest. Sie vertritt zudem die Auffassung, falls die geplante
Wärmepumpe wider Erwarten den Planungswert einhalte, müsse die Installation einer
Schalldämmhaube angeordnet werden. Mit Eingabe vom 27. März 2019 teilte die
Gemeinde mit, sie erachte die Anordnung, eine Schalldämmkabine zu installieren, als
unverhältnismässig. Mit Schreiben vom 10. April 2019 verzichtete die
Beschwerdegegnerschaft auf zusätzliche Bemerkungen. Sie verweist auf die bisherigen
Ausführungen und hält ebenfalls an ihrem Rechtsstandpunkt fest. Mit Eingabe vom
17. April 2019 äusserte sich die Beschwerdegegnerschaft zu den Schlussbemerkungen der
Beschwerdeführerin vom 9. April 2019. Auf die Rechtsschriften und die vorliegenden Akten
wird, soweit für den Entscheid relevant, in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
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II. Erwägungen
1. Zuständigkeit
Bauentscheide können nach Art. 40 BauG4 innert 30 Tagen seit Eröffnung mit
Baubeschwerde bei der BVE angefochten werden. Die BVE ist somit für die Beurteilung
der Beschwerde zuständig.
2. Beschwerdelegitimation, Form und Frist
a) Die Beschwerdegegnerschaft zweifelt, dass die Beschwerdeführerin ein
hinreichendes Rechtsschutzinteresse an der Beschwerdeführung hat. Die
Beschwerdeführerin sei aufgrund der grossen Distanz zwischen der geplanten
Wärmepumpe und ihrer Liegenschaft weit weniger von allfälligen Lärmimmissionen
betroffen als die Eigentümer der Nachbarparzellen Nr. G._ und Nr. H._.
b) Nach Art. 40 Abs. 2 BauG in Verbindung mit Art. 35 Abs. 2 BauG sind zur Einsprache
und Beschwerde Personen befugt, die durch das Bauvorhaben unmittelbar in ihren
eigenen schutzwürdigen Interessen betroffen sind. Nach Lehre und Rechtsprechung ist
eine Person in schutzwürdigen Interessen berührt, wenn sie durch ein Bauvorhaben in
höherem Mass als die Allgemeinheit betroffen ist und zum Streitgegenstand eine
besondere Beziehungsnähe hat.5 Nach der Rechtsprechung des Bundesgerichts muss die
besondere bzw. spezifische Beziehungsnähe zum Streitgegenstand bei Bauprojekten
insbesondere in räumlicher Hinsicht gegeben sein.6 In einer besonders nahen Beziehung
zur Streitsache stehen naturgemäss die Nachbarn des Baugrundstücks. Unter Nachbarn
versteht die Verwaltungs- und Gerichtspraxis vorab die Eigentümerinnen und Eigentümer
von Nachbargrundstücken. Der Kreis der betroffenen Nachbarschaft kann nicht allgemein
festgelegt werden, sondern muss im Einzelfall nach den konkreten Verhältnissen bestimmt
werden. Die Einsprache- oder Beschwerdebefugnis des Nachbarn ist in der Regel zu
bejahen, wenn dessen Liegenschaft unmittelbar an das Baugrundstück angrenzt oder
4 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721.0) 5 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art.  N. 16 6 Vgl. BGer 1C_668/2017 vom 31.10.2018, E. 2.2 ff. mit Verweisen auf BGE 141 II 50 E. 2.1 sowie BGE 140 II 214 E. 2.3
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allenfalls nur durch einen Verkehrsträger davon getrennt wird. Es wird darauf verzichtet,
auf bestimmte feste Werte abzustellen. Nach der bundesgerichtlichen Praxis sind
Nachbarn aber bis im Abstand von etwa 100 m in der Regel zu
Verwaltungsgerichtsbeschwerden gegen Bauvorhaben legitimiert. Darüber hinaus reicht
die Nachbarschaft so weit wie die allfälligen nachteiligen Auswirkungen des Bauvorhabens.
So ergibt sich die Legitimation nicht schon allein aus der räumlichen Nähe, sondern erst
aus einer daraus herrührenden besonderen Betroffenheit. Ein schutzwürdiges Interesse
liegt vor, wenn die tatsächliche oder rechtliche Situation des Nachbarn durch den Ausgang
des Verfahrens beeinflusst werden kann.7 Bei Immissionen ist nicht erforderlich, dass die
Immissionsgrenzwerte übertroffen werden; es genügt, dass sie objektiv als Nachteil
empfunden werden.8
c) Die Beschwerdeführerin, deren Einsprache die Gemeinde abwies, ist
Alleineigentümerin der Nachbarparzelle Nr. I._. Die Parzelle der
Beschwerdeführerin grenzt westseitig auf einer Länge von rund 20 m unmittelbar an das
Grundstück der Beschwerdegegnerschaft. Die Distanz zwischen dem Wohngebäude der
Beschwerdeführerin (J._weg 12) und dem Aussengerät der geplanten
Wärmepumpe beträgt nach den Akten 23 m.9 Die besondere Betroffenheit bzw.
Legitimation besteht somit bereits aufgrund der räumlichen Nähe. Hinzu kommt, dass in
der Distanz von 23 m der Beurteilungspegel (Lr) ohne Berücksichtigung der Auflage,
wonach die Wärmepumpe während der Nacht im Flüstermodus betrieben werden muss,
nur 1.2 dB(A) unter dem massgebenden Planungswert von 45 dB(A) in der Nacht liegt. Bei
diesen Gegebenheiten ist die Beschwerdeführerin durch die Lärmimmissionen der
geplanten Luft-Wasser-Wärmepumpe zweifelsfrei stärker betroffen als beliebige Dritte im
Wohnquartier. Sie kann die Installation der geplanten Wärmepumpe objektiv noch als
Nachteil empfinden. Dass sich die anderen Nachbarn, deren Liegenschaften näher bei der
geplanten Anlage liegen, gegen die geplante Wärmepumpe nicht mit Einsprache zur Wehr
setzten, ändert an der Beschwerdebefugnis der Beschwerdeführerin nichts. Auf die im
Übrigen frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist daher einzutreten.
7 Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum bernischen VRPG, 1997, Art. 65 N. 4, mit weiteren Hinweisen 8 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, a.a.O., Art. 33-35c N. 17; BVR 2011 S. 498 E. 4.4; BVR 2006 S. 261 E. 2.2 mit Hinweisen 9 Vgl. Beilage 4 zum Bericht des beco vom 22. November 2018 in den Beschwerdeakten des Rechtsamts der BVE
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3. Streitgegenstand
a) Die Beschwerdegegnerschaft vertritt die Auffassung, die Beschwerdeführerin habe
eine weitergehende Beschränkung der Emissionen gestützt auf das Vorsorgeprinzip nicht
gerügt. Aufgrund der Rügen und der Begründung in der Beschwerde bilde im
Beschwerdeverfahren einzig die Einhaltung der Planungswerte Streitgegenstand. Eine
über diesen Streitgegenstand hinausgehende Überprüfung des vorinstanzlichen
Entscheids sei nur unter den einschränkenden Voraussetzungen von Art. 40 Abs. 3 BauG
möglich. Diese Voraussetzungen seien hier nicht gegeben, weshalb eine zusätzliche
Auflage gestützt auf das Vorsorgeprinzip rechtswidrig wäre.
b) Anfechtungsobjekt ist der Bauentscheid der Gemeinde Lyss vom 21. August 2018.
Der Streitgegenstand braucht sich nicht mit dem Anfechtungsobjekt zu decken, kann aber
auch nicht über dieses hinausgehen. Innerhalb dieses Rahmens bestimmen die Parteien
den Streitgegenstand. Sowohl für das Einleiten eines Beschwerdeverfahrens als auch für
dessen Umfang und eine allfällige vorzeitige Beendigung gilt somit die Verfügungs- oder
Dispositionsmaxime sowie das Rügeprinzip. Die Parteien können den Streitgegenstand im
Verlauf des Verfahrens nicht erweitern, sondern nur einschränken.10
c) Bei der Lärmbeurteilung sind die Einhaltung des Vorsorgeprinzips und der
Planungswerte gleichwertig.11 So ist nach Art. 11 Abs. 2 USG12 unabhängig von der
bestehenden Lärmbelastung und davon, ob die Planungswerte eingehalten werden
können, dem Vorsorgeprinzip Rechnung zu tragen. Zunächst rügt die Beschwerdeführerin
pauschal, die fragliche Wärmepumpe führe zu starken Lärmimmissionen. Die Rüge
umfasst somit nebst der Einhaltung der Planungswerte implizit auch die Einhaltung des
Vorsorgeprinzips. Hinzu kommt, dass die Beschwerdeführerin auch die Lärmbeurteilung
des AWI im Fachbericht vom 23. Mai 2018 kritisierte.13 Darin führte das AWI aus, dem
Vorsorgeprinzip werde genügend Rechnung getragen, wenn die von ihm festgelegten,
10 Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum bernischen VRPG, 1997, Art. 72 N. 6 bis 8 11 Alain Griffel / Heribert Rausch, Kommentar zum Umweltschutzgesetz, Ergänzungsband zur 2. Auflage, Zürich 2011, N. 11 zu Art. 11 USG; Vgl. Ziff. 1.3 der Vollzugshilfe 6.21 Lärmtechnische Beurteilung von Luft/Wasser-Wärmepumpen vom 20. September 2018 abrufbar unter http://www.cerclebruit.ch/, Rubrik / Vollzugsordner/ 6 Industrie- und Gewerbelärm / 6.21 Wärmepumpen / Luft/Waser-Wärmepumpen 12 Bundesgesetz vom 7. Oktober 1983 über den Umweltschutz (Umweltschutzgesetz, USG; SR 814.01) 13 Vgl. pag. 32 der Vorakten der Gemeinde Lyss
http://www.cerclebruit.ch/
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unterhalb der Planungswerte liegenden sog. Vorsorgewerte eingehalten seien. Mit der
Kritik am Fachbericht stellt die Beschwerdeführerin auch die Einhaltung des
Vorsorgeprinzips infrage. Weiter rügte die Beschwerdeführerin die Verletzung der Ziffer 2.2
der alten Vollzugshilfe 6.21 des Cercle Bruit.14 Zwar ging es in dieser Ziffer hauptsächlich
darum, wie der Beurteilungspegel Lr zu berechnen ist. Daneben wurde aber auch die
Einhaltung des Vorsorgeprinzips thematisiert. Entgegen der Meinung der
Beschwerdegegnerschaft hat die Beschwerdeführerin damit das Vorsorgeprinzip – wenn
auch am Rand – in der Beschwerde thematisiert. Die Prüfung bzw. Anordnung einer
allfälligen Auflage gestützt auf das Vorsorgeprinzip sprengt hier den Rahmen des
Streitgegenstands somit nicht (vgl. Erwägung 8).
d) Selbst wenn das Vorsorgeprinzip in der Beschwerde nicht thematisiert worden wäre,
könnte die BVE die Einhaltung des Vorsorgeprinzips gestützt auf Art. 40 Abs. 3 BauG
prüfen. Das Vorsorgeprinzip stellt eine grundlegende umweltrechtliche Maxime dar.15 Es ist
in Art. 74 Abs. 2 Satz 1 BV16 auf Verfassungsstufe verankert und wird im
Umweltschutzgesetz (USG) und in der Lärmschutz-Verordnung (LSV17) konkretisiert. Die
Nichtbeachtung des Vorsorgeprinzips würde hier einen wesentlichen Mangel im Sinne von
Art. 40 Abs. 3 BauG darstellen.18 Dies deckt sich mit dem Urteil des Verwaltungsgerichts
vom 6. April 2017.19 Eine unzulässige Ausdehnung des Streitgegenstands läge entgegen
der Auffassung der Beschwerdegegnerschaft nicht vor.
4. Mangelhafte Unterlagen
a) Die Beschwerdeführerin moniert, aus den Baugesuchsunterlagen gehe nirgends
hervor, was für ein Wärmepumpentyp genau installiert werde. Eine Lärmberechnung sei
nicht möglich. Weiter sei für den Lärmschutznachweis nicht das neuste Formular des
Cercle Bruit verwendet worden. Zudem bringt die Beschwerdeführerin vor, die
14 Vgl. Beilage 5 zur Beschwerde vom 27. September 2018 15 Giovanni Biaggini, BV Kommentar Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft, 2. Auflage, S. 710 N. 9 ff.; Alain Griffel / Heribert Rausch, a.a.O., N. 3 und N. 4 zu Art. 11 USG 16 Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom 18. April 1999 (BV; SR 101) 17 Vgl. Art. 7 Abs. 1 Bst. a der Lärmschutz-Verordnung des Bundesrats vom 15. Dezember 1986 (LSV; SR 814.41) 18 Vgl. zum Ganzen auch Aldo Zaugg/Peter Ludwig, a.a.O., Art. 40-41 N. 11 19 Vgl. VGE 2016/82 vom 6. April 2017 E. 3.4 und 3.5
RA Nr. 110/2018/133 8
Beschwerdegegnerschaft sei von zu tiefen Schallpegelwerten ausgegangen. Auch könne
nicht auf den Schallleistungspegel abgestellt werden, der von der Herstellerin der
Wärmepumpe angegeben worden sei. Die Beschwerdeführerin verlangt, der
Schallleistungspegel der geplanten Wärmepumpe sei durch das Wärmepumpen-
Testzentrum WPZ zu prüfen und es sei dazu ein Gutachten zu erstellen.
b) Die Kritik der Beschwerdeführerin bezieht sich auf den Lärmschutznachweis vom
22. Februar 2018, den die Beschwerdegegnerschaft mit dem Baugesuch vom 28. Februar
2018 einreichte.20 Dem Formular ist zu entnehmen, dass der Wärmepumpentyp
"Panasonic Aquarea T-CAP 910kW Serie H" installiert werden soll. Das
Wärmepumpenmodell ist somit entgegen der Behauptung der Beschwerdeführerin
bekannt. Eine Lärmbeurteilung war daher möglich.21
c) Es trifft zwar zu, dass die Beschwerdegegnerschaft zur Berechnung der Pegel
ursprünglich das frühere Excel-Formular vom 18. Dezember 2012 verwendete. Dieser
Mangel wurde im vorinstanzlichen Verfahren jedoch behoben. Aus den Akten geht hervor,
dass die Gemeinde am 11. Juli 2018 eine Einspracheverhandlung im Beisein der Parteien
sowie einer Vertretung des AWI durchführte. Aus dem Protokoll der
Einspracheverhandlung folgt, dass die Vertreterin des AWI dem Vertreter der
Beschwerdeführerin einen Lärmschutznachweis für die geplante Wärmepumpe
aushändigte.22 Dieser basiert auf dem neuen Online-Formular bzw. dem Online-
Schallrechner23, wie den Akten entnommen werden kann.24 Der Schallrechner wurde von
der Fachvereinigung Wärmepumpen Schweiz (FWS) zusammen mit dem Cercle Bruit
entwickelt.25 Die Beschwerdeführerin vermag somit aus dem Einwand, für die
lärmtechnische Beurteilung sei ein veraltetes Formular verwendet worden, nichts zu ihren
Gunsten abzuleiten. Die Kritik der Beschwerdeführerin ist unbegründet.
20 Vgl. pag. 60 der Vorakten der Gemeinde Lyss 21 Vgl. pag. 54 und 60 der Vorakten der Gemeinde Lyss 22 Vgl. pag. 35 der Vorakten der Gemeinde Lyss 23 Vgl. https://www.fws.ch/unsere-dienstleistungen/laermschutznachweis/ 24 Vgl. Beilage 4 zur Beschwerdeantwort vom 29. Oktober 2018 in den Beschwerdeakten des Rechtsamts der BVE 25 Vgl. Ziff. 2.2 der Vollzugshilfe 6.21 des Cercle Bruit (Version vom 20. September 2018) abrufbar unter http://www.cerclebruit.ch/, Rubrik / Vollzugsordner/ 6 Industrie- und Gewerbelärm / 6.21 Wärmepumpen / Luft/Waser-Wärmepumpen
https://www.fws.ch/unsere-dienstleistungen/laermschutznachweis/ http://www.cerclebruit.ch/
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d) Wie ausgeführt, nahm das AWI im vorinstanzlichen Verfahren eine lärmtechnische
Beurteilung vor. Dazu verwendete es den Lärmschutznachweis bzw. Schallrechner der
FWS und des Cercle Bruit. Diese Vorgehensweise ist nicht zu beanstanden: Sie entspricht
der revidierten Vollzugshilfe 6.21 des Cercle Bruit und gewährleistet schweizweit einen
einheitlichen Vollzug. Gemäss der Online-Datenbank beträgt der Schallleistungspegel der
geplanten Wärmepumpe im Flüstermodus bzw. im schallreduzierten Nachtbetrieb
62 dB(A). Die Richtigkeit dieses Werts ist damit gewährleistet und wird von der
Beschwerdeführerin zu Recht nicht mehr infrage gestellt. Darauf kann für die Berechnung
des Beurteilungspegels Lr abgestellt werden (vgl. Erwägung 7). Die von der
Beschwerdeführerin beantragte Prüfung des Schallleistungspegels der Wärmepumpe
durch das Wärmepumpen-Testzentrum WPZ stünde in Widerspruch zur revidierten
Vollzugshilfe 6.21 des Cercle Bruit. Der diesbezügliche Antrag wird abgewiesen.
5. Rechtliches Gehör
a) Die Beschwerdeführerin rügt, der Fachbericht Immissionsschutz vom 23. Mai 2018
des AWI sei ungenügend begründet und zur Verbesserung an das AWI zurückzuweisen.
Dieser enthalte weder Berechnungen noch gehe aus diesem hervor, auf welche Werte sich
das AWI stütze. Indem sich die Gemeinde im Bauentscheid auf den Fachbericht des AWI
abgestützt habe, sei auch der Bauentscheid ungenügend begründet. Dadurch habe die
Gemeinde ihren Anspruch auf rechtliches Gehör verletzt.
b) Der Anspruch auf rechtliches Gehör verlangt, dass die Behörde die Vorbringen der
Betroffenen sorgfältig prüft und beim Entscheid berücksichtigt. Daraus ergibt sich die
Pflicht der Behörde, ihre Verfügung zu begründen (Art. 52 Abs. 1 Bst. b VRPG26). Die
Begründung muss so abgefasst sein, dass die Betroffenen die Verfügung sachgerecht
anfechten können. Es müssen wenigstens kurz die Überlegungen genannt werden, von
denen sich die Behörde hat leiten lassen und auf die sich ihr Entscheid stützt. Die Behörde
muss jedoch nicht auf jedes Argument der Parteien eingehen; es genügt, wenn sie sich mit
den wesentlichen Gesichtspunkten auseinandergesetzt hat.27
26 Gesetz vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege (VRPG; BSG 155.21) 27 Vgl. BVR 2013 S. 443 E. 3.1.1; Merkli/Aeschlimann/Herzog, a.a.O., Art. 52 N. 5
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c) Zwar enthält der Fachbericht des AWI vom 23. Mai 2018 keine Lärmberechnung, wie
die Beschwerdeführerin zutreffend ausführt. Im vorliegenden Fall schadet dies aber nicht:
Der Fachbericht des AWI vom 23. Mai 2018 ist zusammen mit dem separaten
Lärmschutznachweis des AWI zu lesen. Diesen Nachweis hat die Beschwerdeführerin, wie
bereits erwähnt, an der Einspracheverhandlung zur Kenntnis erhalten (vgl. Erwägung 4c).
Er enthält für den nächstliegenden Immissionsort (J._weg 15) eine exakte
Immissionsberechnung. Als Ausgangsgrösse für die Immissionsberechnung stützte sich
das AWI auf die Schalldaten des FWS und des Cercle Bruit. Der Einwand der
Beschwerdeführerin, der Fachbericht des AWI vom 23. Mai 2018 enthalte keine
Berechnungen und es gehe aus diesem nicht hervor, auf welche Werte sich das AWI
stützte, verfängt nicht. Vielmehr war eine sachgerechte Überprüfung und Anfechtung des
vorinstanzlichen Bauentscheids ohne Weiteres möglich. Der angefochtene Bauentscheid
vom 21. August 2018 entspricht – entgegen der Ansicht der Beschwerdeführerin – der
gesetzlichen Begründungspflicht und ist nicht zu beanstanden. Die Rüge der
Gehörsverletzung ist unbegründet. Eine Rückweisung der Sache ist nicht nötig.
6. Pegelkorrekturfaktoren
a) Die Beschwerdeführerin bemängelt weiter, das AWI habe im Fachbericht vom
23. Mai 2018 bei der Lärmbeurteilung die Korrekturfaktoren K1 bis K3 nicht berücksichtigt.
Dies verstosse gegen geltendes Recht, namentlich gegen die Regelung von Art. 32 Abs. 1
LSV und die Ziffer 2.2. der Vollzugshilfe 6.21 des Cercle Bruit.
b) Die BVE holte im Beschwerdeverfahren unter anderem zur Frage der
Pegelkorrekturen einen Bericht beim AWI ein. Im Bericht vom 22. November 2018 hielt das
AWI einleitend fest, es benutze seit Anfang 2018 aufgrund der Empfehlungen des Cercle
Bruit den Schallrechner der FWS. Für die Berechnung der Lärmimmissionen nehme es den
maximalen Schallleistungspegel für den Nachtbetrieb als massgebenden Schallpegel.
Bezüglich der Pegelkorrekturen führte es unter anderem Folgendes aus: "Die Pegelkorrektur K1 ist vorgegeben durch die LSV. Die Pegelkorrekturen K2 (Tonhaltigkeit) und
K3 (Impulshaltigkeit) beziehen sich auf den Charakter der Lärmquelle. Die Grössen K2 und K3
wurden durch den CB zusammen mit dem FWS definiert und werden als fixer Wert im
Lärmschutznachweis einberechnet. Dies entspricht der Vollzugshilfe des Cercle Bruit
http://www.cerclebruit.ch/?inc=enforcement&e=6/621.html. Wir stützen uns bei der Beurteilung und
http://www.cerclebruit.ch/?inc=enforcement&e=6/621.html
RA Nr. 110/2018/133 11
Berechnung von Lärmimmissionen bei Wärmepumpen auf diese Vollzugshilfe 6.21, dies schliesst
die Grössen der Pegelkorrekturen K1, K2 und K3 ein."
c) Die Vollzugshilfe 6.21 des Cercle Bruit gibt die Werte für die Pegelkorrekturen vor.28
Damit soll schweizweit ein harmonisierter und bundesrechtskonformer Vollzug
gewährleistet werden. Aus der Stellungnahme vom 22. November 2018 folgt, dass sich das
AWI bei der Beurteilung der Lärmimmissionen auf die Vollzugshilfe 6.21 des Cercle Bruit
stützt und die Pegelkorrekturen K1, K2 und K3 gemäss der Empfehlung des Cercle Bruit
berücksichtigt. Das geht auch aus der Immissionsberechnung des AWI vom 23. Mai 2018
hervor, die dem Vertreter der Beschwerdeführerin am 11. Juli 2018 anlässlich der
Einigungshandlung abgegeben wurde. Der Vorwurf der Beschwerdeführerin, das AWI habe
bei der Lärmbeurteilung die Pegelkorrekturen nicht berücksichtigt, geht somit fehl. Dass
das AWI im Rahmen seiner lärmtechnischen Beurteilung im Beschwerdeverfahren eine
Pegelkorrektur K1 von 10 dB, eine Pegelkorrektur K2 von 2 dB und eine Pegelkorrektur K3
von 0 dB einrechnete, kritisiert die Beschwerdeführerin zu Recht nicht mehr. Anzumerken
ist an dieser Stelle, dass die Beschwerdeführerin in der Beschwerde die "Vorsorgewerte
des beco" mit den Planungswerten gemäss Anhang 6 Ziff. 2 LSV vermischt. Vergleichbar
sind vorliegend der Schalldruckpegel LpA am Empfangsort (hörbarer Schallpegel) mit den
"Vorsorgewerten beco" und der Beurteilungspegel Lr mit den Planungswerten gemäss der
LSV. Der Fachbericht Immissionsschutz vom 23. Mai 2018 ist unter diesen Umständen
nicht zu beanstanden. Die Beschwerde ist in diesem Punkt unbegründet.
7. Berechnung der Lärmimmissionen
a) Im Beschwerdeverfahren nahm das AWI erneut eine Immissionsberechnung mit dem
Schallrechner vor. Den Berechnungen legte das AWI einen Situationsplan bei. In diesem
sind die Lage der geplanten Wärmepumpe sowie drei Immissionsorte ersichtlich. Im
Bericht vom 22. November 2018 kam das AWI zum Schluss, dass bei allen
Immissionsorten (J._weg 12, J._weg 15 und unbebaute Parzelle Nr.
G._) der "Vorsorgewert beco" von 33 dB(A) in der Nacht und der Planungswert
gemäss LSV von 45 dB(A) nachts unterschritten sind.
28 Vgl. Ziffer 2.2 der Vollzugshilfe 6.21 des Cercle Bruit (Version vom 20. September 2018)
RA Nr. 110/2018/133 12
b) In der Stellungnahme vom 24. Januar 2019 sowie in den Schlussbemerkungen vom
9. April 2019 kritisiert die Beschwerdeführerin die Berechnung des AWI am Immissionsort
J._weg 15. Sie bringt vor, das AWI sei fälschlicherweise von einer Distanz von
13 m statt von 12.30 m zum Empfangsort ausgegangen. Sie vertritt die Ansicht, es sei nicht
von der Mitte des Aussengeräts, sondern von dessen Aussenseite aus zu messen. Zudem
habe das AWI ohne nähere Begründung bei der Immissionsberechnung als
Lärmschutzmassnahme eine Reduktion von 3 dB(A) berücksichtigt, weil kein Direktschall
zum Immissionsort J._weg 15 bestehe. Dies sei falsch, da der Schall der
Wärmepumpe nicht nur frontal, sondern auch seitlich ausgestossen werde. Es bestehe
daher sehr wohl ein Direktschall. Zudem sehe weder die Vollzugshilfe 6.21 des Cercle Bruit
noch das Merkblatt des beco eine Reduktion von 3 dB vor, wenn kein Direktschall zum
Immissionsort gelange. Vorliegend dürfe höchstens von einer Reduktion von 1 dB
ausgegangen werden. Bei korrekter Berechnung, d.h. bei einer Distanz zum Empfangsort
von 12.30 m und ohne den Abzug von 3 dB, sei der Planungswert von 45 dB(A) in der
Nacht nicht eingehalten. Zudem dürfe auf die Berechnung des AWI nicht abgestellt
werden, weil der Rechtsanwalt der Beschwerdegegnerschaft direkt mit dem AWI
kommuniziert habe. Die Beschwerdegegnerschaft habe dadurch unberechtigterweise
Einfluss auf das AWI genommen.
c) Die Beschwerdegegnerschaft bemerkt, bei der Abteilung Immissionsschutz des AWI
handle es sich um eine leistungsfähige Fachbehörde mit grosser Erfahrung in der
Beurteilung von Lärmimmissionen und deren Auswirkungen auf die Umwelt. Vorliegend
bestünden keine Gründe, von der schlüssigen Stellungnahme des AWI vom 22. November
2018 abzuweichen. Unter Berücksichtigung der fehlenden Sicht- und Schallverbindung und
der rechtwinkligen Abluft wäre eine Korrektur um mindestens -6 dB gerechtfertigt.
d) Nicht gefolgt werden kann der Argumentation der Beschwerdeführerin, soweit sie
ausführt, auf die Berechnung des AWI vom 21. November 2018 könne nicht abgestellt
werden, weil die Beschwerdegegnerschaft mit einer E-Mailanfrage Einfluss auf das AWI
ausgeübt habe. Vorliegend schickte das AWI dem Rechtsanwalt der
Beschwerdegegnerschaft auf dessen Mailanfrage hin die Lärmberechnung, die es der
Beschwerdeführerin an der Einspracheverhandlung vom 11. Juli 2018 abgab. Inwieweit die
Beschwerdegegnerschaft damit unberechtigterweise Einfluss auf das AWI ausübte, ist
nicht nachvollziehbar und wird von der Beschwerdeführerin auch nicht dargelegt. Die
Kontaktaufnahme zwischen dem AWI und der Beschwerdegegnerschaft kann auch nicht
RA Nr. 110/2018/133 13
unter dem Verbot des Berichtens nach Art. 48 Abs. 2 VRPG eingeordnet werden. Die
Mailkorrespondenz zeigt, dass zwischen der Beschwerdegegnerschaft und dem AWI keine
Verfahrensaspekte diskutiert wurden.29 Der Anwalt der Beschwerdegegnerschaft bat die
Mitarbeiterin das AWI lediglich darum, jene Immissionsberechnung zu schicken, die die
Beschwerdeführerin seit der Einspracheverhandlung kannte. Ebenso vermöchte die
Kontaktaufnahme keine Befangenheit der Mitarbeiterin des AWI zu begründen: Umstände,
die bei objektiver Betrachtung den Anschein der Befangenheit und die Gefahr der
Voreingenommenheit begründen könnten, sind hier nicht ersichtlich. Dies macht die
Beschwerdeführerin zu Recht auch nicht geltend.
e) Das AWI nahm unter anderem für den nächstliegenden Immissionsort
(J._weg 15) eine Immissionsberechnung vor.30 Aus dem Lärmschutznachweis
vom 21. November 2018 geht hervor, dass das AWI bei der Berechnung einen Abzug von -
3 dB einrechnete, weil der Immissionsort nicht dem Direktschall ausgesetzt ist. Dieser
Abzug ist plausibel: Der Situationsplan zeigt, dass das Gebäude J._weg 15 sowie
das Gebäude J._weg 13, vor dem das Aussengerät der Wärmepumpe installiert
werden soll, nordseitig auf der gleichen Höhe liegen.31 Die Lage des Gebäudes
J._weg 13 sowie die Platzierung der Wärmepumpe auf der Nordseite verhindern,
dass sich der Schall direkt auf die Nord- oder Ostfassade des Gebäudes J._weg
15 ausbreiten kann. Das Argument der Beschwerdeführerin, das Aussengerät stosse auch
seitlich Lärm aus, ändert daran nichts. Denn auch in diesem Fall verhindern das Gebäude
J._weg 13 und die Platzierung des Aussengeräts, dass der Schall direkt auf die
Nord- und Ostfassade des Gebäudes J._weg 15 auftrifft. Auch mit dem Einwand,
weder die Vollzugshilfe 6.21 des Cercle Bruit noch das Merkblatt das AWI würden in
solchen Konstellation einen Abzug von 3 dB vorsehen, vermag die Beschwerdeführerin
nichts zu ihren Gunsten abzuleiten. Das Berechnungstool des Cercle Bruit ist auf
standardisierte und einfache Umgebungssituationen zugeschnitten.32 Abweichungen davon
sind im konkreten Einzelfall möglich, zumal auch die Vollzugshilfe 6.21 des Cercle Bruit
29 Vgl. Beilage 4 zur Beschwerdeantwort vom 29. Oktober 2018 in den Beschwerdeakten des Rechtsamts der BVE 30 Vgl. Beilage 1 zum Bericht des AWI vom 22. November 2018 in den Beschwerdeakten des Rechtsamts der BVE, Lärmschutznachweis J._ 15, Parzelle Nr. 3550 31 Vgl. Beilage 4 zum Bericht des AWI vom 22. November 2018 in den Beschwerdeakten des Rechtsamts der BVE, Situationsplan mit Standorten der Wärmepumpe und der Immissionsorte 32 Vgl. Ziffer 3 der Vollzugshilfe 6.21 des Cercle Bruit (Version vom 20. September 2018)
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andere Lösungen explizit als zulässig erachtet, sofern diese rechtskonform sind.33 Dem
AWI, das kantonale Fachbehörde in Lärmfragen ist, verbleibt im Rahmen der
Einzelfallbeurteilung aufgrund seiner besonderen Fach- und Sachkenntnisse in jedem Fall
ein gewisser Beurteilungsspielraum. Es ist offenkundig, dass nicht die gleichen
Immissionen resultieren, wie wenn eine direkte Schallverbindung zwischen der
Schallquelle und dem Immissionspunkt besteht. So erlaubt beispielsweise der
Schallrechner des deutschen Bundesverbands Wärmepumpen (bwp) bei fehlendem
Sichtkontakt zwischen der Lärmquelle und dem Immissionsort einen Abzug von 5 dB.34
Dass das AWI in der vorliegenden Situation gestützt auf seine Erfahrungen einen Abzug
von 3 dB bei der Immissionsberechnung berücksichtigte, ist sachlich vertretbar und nicht
zu beanstanden. Es besteht keine Veranlassung, diese Immissionsberechnung der
Fachbehörde in Zweifel zu ziehen. Es ist daher auf die Berechnungen des AWI und nicht
auf jene der Beschwerdeführerin abzustellen. Dementsprechend ist der Planungswert von
45 dB(A) nachts in einer Distanz von 13 m zum Immissionsort J._weg 15
eingehalten. Dies ist auch der Fall, wenn mit einer Distanz zum Empfangsort von 12.30 m
gerechnet würde. Die Frage, ob von der Aussenseite oder der Mitte des Aussengeräts zu
messen ist, kann daher offen bleiben. Die Beschwerdeführerin stösst mit ihrer
Argumentation, das AWI habe bei der Immissionsberechnung im Lärmschutznachweis
fälschlicherweise einen Abzug von 3 dB als Lärmschutzmassnahme eingerechnet und sei
fälschlicherweise von einer Distanz von 13 m statt von 12.30 m ausgegangen, ins Leere.
Nach dem Gesagten hält die Anlage die für die ES Il massgeblichen Planungswerte von 55
dB(A) am Tag und 45 dB(A) in der Nacht (Anhang 6 Ziff. 1 Abs. 1 Bst. e i.V.m. Ziff. 2 LSV)
ein. Auch in diesem Punkt ist die Beschwerde unbegründet.
f) Dazu kommt, dass mit Blick auf die Erwägung 9 ohnehin sichergestellt ist, dass in der
Nacht der Planungswert von 45 dB(A) klar eingehalten ist.
8. Vorsorgeprinzip
a) Wie in Erwägung 3 ausgeführt, sprengt hier die Prüfung, ob dem Vorsorgeprinzip
genügend Rechnung getragen worden ist, den Streitgegenstand des
Beschwerdeverfahrens nicht. Umstritten ist, ob im Rahmen des Vorsorgeprinzips weitere
33 Vgl. Ziff. 1.5 der Vollzugshilfe 6.21 des Cercle Bruit (Version vom 20. September 2018) 34 Vgl. https://www.waermepumpe.de/schallrechner/
https://www.waermepumpe.de/schallrechner/
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lärmmindernde Massnahmen ergriffen werden müssen. Das AWI führte im Bericht vom
22. November 2018 aus, die Grenzwerte (Planungswert und Vorsorgewert beco) würden
unterschritten. Zusätzliche technische oder bauliche Lärmminderungsmassnahmen seien
nicht nötig. Die erwarteten (gerechneten) Schalldruckpegel an den Immissionsorten
würden im Bereich des Umgebungslärms liegen. Der Umgebungslärm nachts in einer
ruhigen Wohnzone liege gemäss eigenen Schallmessungen zwischen 28 bis 35 dB(A). Die
fragliche Wärmepumpe entspreche somit dem Umgebungslärm und sei kaum hörbar.
b) Die Beschwerdegegnerschaft bemerkt, das AWI habe die Frage, ob
zusätzliche Massnahmen nötig seien, in Kenntnis der gesamten Umstände ausdrücklich
verneint. Zudem mangle es bereits an der Möglichkeit einer wesentlichen Reduktion der
Emissionen.
c) Auch wenn die Planungswerte eingehalten sind, ist nach ständiger Rechtsprechung
im Einzelfall zu prüfen, ob im Rahmen des Vorsorgeprinzips zusätzliche
Emissionsbegrenzungen erforderlich sind.35 Danach sind die Lärmemissionen so weit zu
begrenzen, als dies technisch und betrieblich möglich sowie wirtschaftlich tragbar ist (Art.
11 Abs. 2 USG in Verbindung mit Art. 7 Abs. 1 Bst. a LSV). Als verhältnismässig gelten
weitergehende Emissionsbeschränkungen, wenn mit relativ geringem Aufwand eine
wesentliche Reduktion der Emissionen erreicht werden kann. Das gilt auch dann, wenn es
sich um geringfügige Emissionen handelt.36
d) Nach der bisherigen Praxis des AWI war dem Vorsorgeprinzip bei der Installation
einer Wärmepumpe genügend Rechnung getragen, wenn die von ihm festgelegten,
unterhalb der Planungswerte liegenden sog. "Vorsorgewerte" eingehalten sind. Diese
betragen wie ausgeführt für die ES II 43 dB(A) am Tag und 33 dB(A) in der Nacht, wobei
der massgebliche Pegel – anders als bei den Planungswerten – dem A-bewerten
Mittelungspegel am Immissionsort LpA entspricht, da keine Pegelkorrekturen zu
berücksichtigen sind und ein Dauerbetrieb anzunehmen ist.37 Nach der Rechtsprechung
des Verwaltungsgerichts genügt das Einhalten der "Vorsorgewerte des beco" für sich allein
jedoch nicht, um dem Vorsorgeprinzip Nachachtung zu verschaffen. Denn dieses verlangt,
35 Vgl. BGE 141 II 476 E. 3.2, 124 II 517 E. 4b; BGer 1C_204/2015 vom 18.1.2016 E. 3.7, 1C_393/2014 vom 3.3.2016 E. 6.2, je mit Hinweisen 36 Vgl. BGE 140 II 33 E. 4.1 betreffend Lichtemissionen, 133 II 169 E. 3.2 betreffend Geruchsemissionen; Griffel/Rausch, Kommentar USG, Ergänzungsband, Art. 11 N. 14 mit weiteren Hinweisen 37 Vgl. pag. 32 der Vorkten der Gemeinde Lyss, Fachbericht des AWI vom 23. Mai 2018 S. 2
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dass in jedem Einzelfall geprüft wird, ob mit weiteren Vorkehren (z.B. der Wahl eines
Alternativstandorts oder technischen Schallschutzmassnahmen) bei zumutbarem Aufwand
eine wesentliche Lärmreduktion erzielt werden kann.38 Es soll dabei diejenige
Lärmschutzmassnahme gewählt werden, die im Rahmen des Vorsorge- und
Verhältnismässigkeitsprinzips den besten Lärmschutz gewährleistet. Dabei können
verschiedene Massnahmen kumuliert werden.39
e) Nach der Immissionsberechnung des AWI beträgt der Schalldruckpegel LpA der
Anlage im schallreduzierten Nachtbetrieb beim nächstliegenden Immissionsort
(J._weg 15) 31.7 dB(A) und der Beurteilungspegel Lr 43.7 dB(A). Der
Vorsorgewert beco von 33 dB(A) und der Planungswert gemäss LSV von 45 dB(A) nachts
sind zwar eingehalten. Nicht gefolgt werden kann jedoch der Meinung des AWI, wenn es in
der Stellungnahme vom 22. November 2018 sinngemäss ausführt, weitere
emissionsbegrenzende Massnahmen im Rahmen der Vorsorge seien nicht nötig, wenn die
geltenden Grenzwerte (Planungswert und "Vorsorgewert beco") eingehalten sind. Im
Bereich des Lärmschutzes gelten die Voraussetzungen der Einhaltung der Planungswerte
und der vorsorglichen Emissionsbegrenzung kumulativ. Als emissionsreduzierende
Massnahmen stehen nach der Vollzugshilfe 6.21 des Cercle Bruit die Wahl der Anlage, der
Aufstellungsort oder technische Schallschutzmassnahmen (z.B. Schalldämmhaube,
Lärmschutzwand usw.) im Mittelpunkt. Näher zu klären ist daher, ob der Aufstellungsort so
gewählt wurde, dass in der Nachbarschaft möglichst geringe Immissionen entstehen.
Ebenso ist der Frage nachzugehen, ob der Schallleistungspegel der Wärmepumpe nicht
übermässig hoch ist, d.h. die Lärmemissionen der Anlage dem Stand der Technik
entsprechen.
f) Bei Luft-Wasser-Wärmepumpen wird zwischen innen und aussen aufgestellten
Anlagen unterschieden. Beide Aufstellungsarten führen zu Aussenlärmemissionen. Ein
weiteres System von Luft-Wasser-Wärmepumpen bilden die sog. Splitgeräte mit einem
Aussen- und einem Innengerät.40 Innen aufgestellte Geräte sind bezüglich des
Aussenlärms regelmässig weniger heikel als Aussen- oder Splitanlagen. Innenanlagen
saugen und blasen die Luft in der Regel indirekt über Kanäle, Lichtschächte oder
schalldämmende Wetterschutzgitter ein und aus. Dies bewirkt regelmässig eine bessere
38 VGE 2016/82 vom 6. April 2017 E. 3.5; VGE 2017/319 vom 6. Juni 2018 E. 3.2 39 Vgl. BGer 1C_506/2008 vom 12. Mai 2009 E. 3.3; vgl. URP 2009 S. 541 ff. 40 Vgl. Ziffer 1.1 der Vollzugshilfe 6.21 des Cercle Bruit (Version vom 20. September 2018)
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Immissionssituation.41 Im Sinne der Vorsorge ist daher die Installation einer Innenanlage
einer Aussen- oder Splitanlage vorzuziehen. Die Innenaufstellung der Anlage kommt hier
als Vorsorgemassnahme aber aus technischen Gründen nicht infrage. Nach den Angaben
des Heizungsinstallateurs ist die Innenaufstellung einer Wärmepumpe offenbar aus
Platzgründen nicht möglich.42
g) Geplant ist, das Aussengerät der Splitanlage auf der Nordfassade an der östlichen
Gebäudeecke zu platzieren. Das ist nachvollziehbar; mit der Verschiebung oder
Umplatzierung des Aussengeräts auf eine andere Seite des Gebäudes bzw. Grundstücks
würden die Emissionen nur verlagert, nicht aber vermindert. Hinzu kommt, dass eine
beliebige Verschiebung des Aussengeräts auch aufgrund der gesetzlichen
Grenzabstandsvorschriften und der Erschliessungssituation beschränkt ist. Ein besserer
Aufstellungsort als der geplante ist demnach nicht ersichtlich.
h) Im Bereich des Immissionsschutzes ist nach der bundesgerichtlichen
Rechtsprechung stets der technologische Fortschritt im betreffenden Gebiet zu beachten.43
Fraglich ist daher, ob die geplante Anlage bezüglich des Schallleistungspegels dem Stand
der Technik entspricht, d.h. einen möglichst tiefen Schallleistungspegel aufweist. Denn
bereits mit der Wahl einer leiseren Wärmepumpe kann kostengünstig und ohne grossen
Aufwand eine massgebliche Lärmreduktion an der Quelle herbeigeführt werden.
i) Bei den Schallleistungspegeln der Wärmepumpen bestehen grosse Unterschiede.
Nach den Angaben des Cercle Bruit bewegen sich diese zwischen 45 und 80 dB(A).44
Vorliegend beträgt der Schallleistungspegel LwA des Aussengeräts nach dem
Schalldatenverzeichnis des FWS 62 dB(A) im Nachtbetrieb und 64 dB(A) im Tagbetrieb.45
Soweit die Beschwerdegegnerschaft vorbringt, es mangle an der Möglichkeit einer
wesentlichen Reduktion der Emissionen, stösst sie mit ihrer Argumentation von vornherein
ins Leere. Der Cercle Bruit hat in der Vollzugshilfe 6.21 nicht definiert, mit welchem
41 Vgl. Anhang 2 der der Vollzugshilfe 6.21 des Cercle Bruit (Version vom 20. September 2018) 42 Vgl. Beilage 19 zur Stellungnahme vom 8. März 2019 der Beschwerdegegnerschaft in den Beschwerdeakten des Rechtsamts der BVE 43 Vgl. BGer 1C_345/2014 vom 17. Juni 2015 E. 3.4, 1C_177/2011 vom 9. Februar 2012 E. 6.5, in URP 2012 S. 315 44 Vgl. http://www.laerm.ch / Lärmsorgen / Lärmquellen und Beurteilung / Energie & Versorgung / Wärmepumpen unter der Überschrift Emissionen 45 Vgl. https://www.fws.ch/unsere-dienstleistungen/schalldaten-verzeichnis/
http://www.laerm.ch https://www.fws.ch/unsere-dienstleistungen/schalldaten-verzeichnis/
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Schallleistungspegel Luft-Wasser-Wärmepumpen den Stand der Technik erfüllen.46
Empfehlungen darüber, bis zu welchem Schallleistungspegel Luft-Wasser-Wärmepumpen
dem Stand der Technik entsprechen, bestehen im Kanton Zürich.47 Dieser empfiehlt für
Aussen- oder Splitanlagen bis zu einer Heizleistung (A2/W35) von 10 kW einen maximalen
Schallleistungspegel von 59 dB(A). Sie basiert auf der 50-Prozent-Regel, wonach die
Hälfte aller Produkte diesen Wert einhalten (Stand Mai 2017). Dies lässt sich überdies mit
einem Blick auf die Webseite von TopTen.ch untermauern.48 Danach weisen weit über die
Hälfte der gelisteten und marktverfügbaren Luft-Wasser-Wärmepumpen einen niedrigeren
Schallleistungspegel als 59 dB(A) auf. Im Vergleich zur geplanten Anlage sind auf dem
Markt demzufolge deutlich leisere Geräte erhältlich.
j) Vorliegend soll das lärmverursachende Gerät ausserhalb des Gebäudes aufgestellt
werden. Der Schallleistungspegel der geplanten Wärmepumpe ist verhältnismässig hoch.
Auch sind nach den Akten die Grenzwerte (Planungswert und der Vorsorgewert "beco")
beim nächstliegenden Immissionsort eher knapp und nur unter der Auflage, dass die
Wärmepumpe während der akustischen Nachtzeit (19.00 bis 7.00 Uhr) im Flüstermodus
betrieben werden darf, eingehalten. Schliesslich befinden sich im vorliegenden Fall alle
relevanten Immissionsorte in der ES II, wobei die Distanz zum nächstliegenden
Immissionsort (J._weg 15) nur knapp 13 m beträgt. Bei diesen Gegebenheiten ist
nach der Praxis des Bundes- und Verwaltungsgerichts weiter zu untersuchen, ob unter
dem Aspekt der Vorsorge allenfalls mit technischen Schallschutzmassnahmen, namentlich
einer Schalldämmhaube oder Lärmschutzkabine, mit geringem und zumutbarem Aufwand
eine massgebliche Reduktion der Emissionen an der Quelle erreicht werden kann.
9. Vorsorge: Technische Schallschutzmassnahmen
a) Nach der Vollzugshilfe 6.21 des Cercle Bruit kann mit einer Schalldämmhaube eine
Pegelreduktion von bis zu -8 dB(A) erreicht werden.49 Im Beschwerdeverfahren reichte die
Beschwerdegegnerschaft Unterlagen ein, woraus hervorging, dass der Schallpegel des
46 Vgl. http://www.laerm.ch / Lärmsorgen / Lärmquellen und Beurteilung / Energie & Versorgung / Wärmepumpen unter der Überschrift Beurteilung der Grenzwerte 47 Vgl. https://tba.zh.ch / Lärm & Schall / Lärmvorsorge / Neuanlagen / Wärmepumpen / Aussenlärm 48 Vgl. https://www.topten.ch / Kategorie Wärmepumpen 49 Vgl. S. 12 der Vollzugshilfe 6.21 des Cercle Bruit (Version vom 20. September 2018)
http://www.laerm.ch https://tba.zh.ch https://www.topten.ch
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Aussengeräts mit einer standardisierten Schalldämmhaube um ca. 4 bis 5 dB(A) reduziert
werden kann. Die BVE zog in der Folge gestützt auf das umweltrechtliche Vorsorgeprinzip
in Erwägung, mit einer Auflage die Installation einer standardisierten Schalldämmhaube,
die eine Schallreduktion von ca. 4 bis 5 dB(A) bewirkt, anzuordnen. Gleichzeitig gewährte
die BVE der Beschwerdegegnerschaft die Möglichkeit, eine Projektänderung für einen
Wärmepumpentyp mit einem 4 bis 5 dB(A) tieferen Schallleistungspegel einzureichen. Mit
diesem Wert hätte die Wärmepumpe ungefähr demjenigen Bestand der marktverfügbaren
Wärmepumpen entsprochen, die einen verhältnismässig tiefen Schallleistungspegel
aufweisen.
b) In der Stellungnahme vom 7. März 2019 führt die Beschwerdegegnerschaft aus, die
Vertreiberin der geplanten Wärmepumpe biete für ihre Geräte keine standardisierten
Schalldämmhauben, sondern nur noch sog. Lärmschutzkabinen (Silentus Pro Tech M / L)
an. Die Installation dieser Lärmschutzkabine sei technisch nicht möglich, weil der Platz
dafür fehle. Dieser Argumentation kann nicht gefolgt werden: Die geplante Wärmepumpe
kann problemlos um das notwendige Mass weiter weg von der Fassade im
Vorgartenbereich platziert werden, so dass der Lüftungsschacht oder der Schrank für das
Gartenwerkzeug durch eine Lärmschutzkabine oder eine andere Schalldämmhaube nicht
tangiert werden. Dass die Anlage der Witterung ausgesetzt ist, schadet dabei nicht. Denn
die Lärmschutzkabine dient gemäss dem Produktebeschrieb auch als Witterungsschutz.
Aus dem Produktebeschrieb geht zudem hervor, dass sich der Schallleistungspegel mit der
Lärmschutzkabine um bis zu 11 dB(A) reduzieren lässt.50 Es ist damit erstellt, dass der
Schallleistungspegel des Aussengeräts mit der Installation der fraglichen
Lärmschutzkabine technisch und betrieblich um mindestens 4 dB(A) reduziert werden
kann. Die Massnahme ist damit geeignet, den Lärm an der Quelle massgeblich zu
reduzieren. Mit einer Schalldämmhaube oder Lärmschutzkabine kann dem Vorsorgeprinzip
nach Art. 7 Abs. 1 Bst. a LSV demnach ebenfalls wirksam Rechnung getragen werden.
c) Weiter ist die wirtschaftliche Tragbarkeit der Massnahme zu prüfen. Die
Beschwerdegegnerschaft ist der Meinung, eine Auflage zur Installation einer mehrere
tausend Franken teuren Schallschutzmassnahme zur Reduktion eines bei offenem Fenster
kaum wahrnehmbaren Geräusches mit der Lautstärke einer tickenden Uhr oder von
leichtem Wind im Bereich des üblichen nächtlichen Umgebungslärms einer ruhigen
50 Vgl. Beilage 20 zur Eingabe vom 12. März 2019 der Beschwerdegegnerschaft in den Beschwerdeakten des Rechtsamts der BVE
RA Nr. 110/2018/133 20
Wohngegend, sei nicht verhältnismässig. Der immissionsmässige Nutzen stehe in keinem
Verhältnis zu den erheblichen und wirtschaftlich nicht tragbaren Mehrkosten. Auch sei bei
der Beurteilung der Verhältnismässigkeit zusätzlicher Massnahmen nicht vom
hypothetischen Beurteilungspegel Lr auszugehen, sondern vom tatsächlich hörbaren
Schalldruckpegel LpA, welcher bei maximal 31 dB(A) liege. Damit würde der gerechnete
Schalldruckpegel an den Immissionsorten im Bereich des Umgebungslärms liegen.
Ausserdem sei bei der Interessenabwägung im Rahmen der Verhältnismässigkeitsprüfung
zu berücksichtigen, dass die ökologische und nachhaltige Wärmeerzeugung durch eine
Wärmepumpe im öffentlichen Interesse liege. Auch die Gemeinde vertritt die Auffassung,
die Installation einer Schalldämmhaube sei unverhältnismässig.
d) Wie in der Erwägung 8i ausgeführt, stünde hier der Beschwerdegegnerschaft mit der
Wahl eines leiseren Wärmepumpenmodells eine kostengünstigere Massnahme zur
Verfügung. Damit kann ohne grossen Aufwand eine wesentliche Emissionsreduktion an
der Quelle erreicht werden. Die BVE hat der Beschwerdegegnerschaft mit
Instruktionsverfügung vom 21. Dezember 2018 die Möglichkeit gewährt, ein um 4 bis
5 dB(A) leiseres Gerät zu wählen, das dem technologischen Fortschritt entspricht. Von
dieser Möglichkeit hat die Beschwerdegegnerschaft jedoch, ohne dies näher zu
begründen, im Beschwerdeverfahren nicht Gebrauch gemacht. Dieses Verhalten der
Beschwerdegegnerschaft ist nicht verständlich, ist doch in der Phase des Baubewilligungs-
bzw. Beschwerdeverfahrens die Anlage noch nicht montiert und beschafft. Auch bringt die
Beschwerdegegnerschaft nicht vor, die Wahl einer leiseren Wärmepumpe sei technisch
nicht möglich und wirtschaftlich nicht tragbar. Soweit die Beschwerdegegnerschaft
wirtschaftlich untragbare Aufwendungen im Zusammenhang mit technischen
Schallschutzmassnahmen geltend macht, ist ihr daher entgegenzuhalten, dass sie dafür
selber verantwortlich ist. Es stünde und steht ihr nämlich nach wie vor frei, ohne grossen
finanziellen Aufwand eine leisere Anlage auszuwählen. Die Beschwerdegegnerschaft hat
somit die finanziellen Nachteile, die ihr durch eine Schalldämmhaube oder
Lärmschutzkabine erwachsen, in Kauf zu nehmen. Anders entschieden würde bedeuten,
dass eine Bauherrschaft unter Berufung auf die jeweils kostenaufwendigste Massnahme
das Vorsorgeprinzip unterlaufen könnte. Die finanziellen Nachteile, die der
Beschwerdegegnerschaft aufgrund der Installation einer Schalldämmhaube oder
Lärmschutzkabine erwachsen, spielen somit im Rahmen der Verhältnismässigkeitsprüfung
nur eine untergeordnete Rolle. Anzumerken ist an dieser Stelle, dass es nebst dem hier
geplanten Heizsystem (sog. Luft-Wasser-Wärmepumpe) weitere alternative
RA Nr. 110/2018/133 21
Wärmeerzeugungsanlagen gibt (z.B. Pelletheizung, Grundwasser-Wärmepumpe oder
Erdsonden-Wärmepumpe). Deren Betrieb ist ebenfalls nachhaltig und ökologisch, führt in
der Regel zu keinen Aussenlärmemissionen und ihr Wirkungsgrad ist besser als jener der
Luft-Wasser-Wärmepumpen.51 Im vorliegenden Fall ist das öffentliche Interesse an der
Installation einer Schallschutzmassnahme daher gewichtig. Sie dient der Lärmbekämpfung
und stellt die Einhaltung der Lärmschutzgesetzgebung sicher. Das öffentliche Interesse
überwiegt hier die finanziellen Nachteile, die der Beschwerdegegnerschaft durch die
Installation einer Schallschutzmassnahme erwachsen, bei Weitem. Die Argumentation der
Beschwerdegegnerschaft bezüglich Einhaltung des Verhältnismässigkeitsprinzips verfängt
somit nicht. Auch erweisen sich die von der Beschwerdegegnerschaft zitierten
Gerichtsentscheide zur Verhältnismässigkeit als unbehelflich. Entgegen der Auffassung der
Gemeinde kann hier auch nicht davon gesprochen werden, dass eine
umweltrechtskonforme Wärmepumpe um 40 % verteuert wird. Ebenso geht der Einwand
der Beschwerdegegnerschaft fehl, wonach bei der Beurteilung der Verhältnismässigkeit
zusätzlicher Massnahmen nicht vom hypothetischen Beurteilungspegel Lr, sondern vom
tatsächlich hörbaren Schalldruckpegel LpA auszugehen sei, welcher bei maximal 31 dB(A)
liege. Anders als die Beschwerdegegnerschaft und die Gemeinde meinen, steht hier das
Verhältnismässigkeitsprinzip der Auflage nicht entgegen. Vielmehr ist es der
Beschwerdegegnerschaft in der vorliegenden Situation zumutbar, den Lärm des
Aussengeräts mit einer Schalldämmhaube oder einer Lärmschutzkabine zu reduzieren.
e) Nach dem Gesagten ist es im vorliegenden Fall verhältnismässig, den angefochtenen
Bauentscheid gestützt auf das Vorsorgeprinzip nach Art. 7 Abs. 1 Bst. a LSV in Verbindung
mit Art. 38 Abs. 3 BauG mit der Auflage zu ergänzen, dass das Aussengerät der geplanten
Anlage vor Inbetriebnahme mit einer Schalldämmhaube oder Lärmschutzkabine zu
versehen ist, die eine Schallreduktion von mindestens 4 dB(A) bewirkt. Zu berücksichtigen
ist dabei, dass die vorliegende Auflage gegenüber einem Bauabschlag bereits das mildere
Mittel darstellt. In diesem Punkt ist die Beschwerde somit begründet. Das Einholen von
zusätzlichen Offerten für Schalldämmhauben hat hier keinen Einfluss auf die
Verhältnismässigkeitsprüfung. Der diesbezügliche Antrag der Beschwerdeführerin wird
daher abgewiesen.
51 Vgl. Ziff. 1.1 der Vollzugshilfe 6.21 des Cercle Bruit (Version vom 20. September 2018); Ziff. 3 der Richtlinien "Baubewilligungsfreie Anlagen zur Gewinnung erneuerbarer Energien" des Regierungsrats des Kantons Bern, , Januar 2015 (abrufbar unter www.bve.be.ch/bve / Energie / Rechtliche Grundlagen
http://www.bve.be.ch/bve%20/
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10. Fazit
a) Aus den Erwägungen folgt, dass die Beschwerdeführerin legitimiert ist, Beschwerde
zu führen. Auch sprengt hier die Prüfung, ob dem Vorsorgeprinzip genügend Rechnung
getragen worden ist, den Streitgegenstand des Beschwerdeverfahrens nicht. Als
unbegründet erwiesen sich die formellen Rügen der Beschwerdeführerin: Die
Baugesuchsunterlagen sind korrekt und der angefochtene Entscheid genügt der
gesetzlichen Begründungspflicht. Ebenso erwiesen sich die Immissionsberechnungen des
AWI als korrekt. Darauf kann abgestellt werden. Zwar überschreitet die Anlage die
massgeblichen Grenzwerte nicht. Allerdings wurde hier ein Gerät gewählt, dessen
Schallleistungspegel verhältnismässig hoch ist. Zu berücksichtigen ist ausserdem, dass
das Gerät ausserhalb des Gebäudes aufgestellt werden soll, alle umliegenden
Immissionsorte in der ES II liegen, die Distanz zum nächstliegenden Immissionsort nur
knapp 13 m beträgt und die Grenzwerte (Planungswert und der Vorsorgewert "beco") beim
nächstliegenden Immissionsort eher knapp und nur unter der Auflage, dass die
Wärmepumpe während der akustischen Nachtzeit im Flüstermodus betrieben werden darf,
eingehalten sind. In solchen Konstellationen ist weiter zu prüfen, ob mit geringem und
zumutbarem Aufwand eine massgebliche Reduktion der Emissionen an der Quelle erreicht
werden kann. Hier kann mit der Installation einer Schalldämmhaube oder
Lärmschutzkabine dem Vorsorgeprinzip ebenfalls Rechnung getragen werden. Die
Massnahme steht im öffentlichen Interesse und ist geeignet, den Lärm an der
Quellemassgeblich zu reduzieren. Auch ist die Massnahme der Beschwerdegegnerschaft
in finanzieller Hinsicht zumutbar: Die Beschwerdegegnerschaft hat im
Beschwerdeverfahren Gelegenheit erhalten, ohne grossen Aufwand ein leiseres
Wärmepumpenmodell zu wählen. Von dieser kostengünstigeren Massnahme machte die
Beschwerdegegnerschaft nicht Gebrauch. Für die zusätzlichen Kosten ist sie daher selber
verantwortlich. Diese haben im Rahmen der Verhältnismässigkeitsprüfung im vorliegenden
Fall eine untergeordnete Bedeutung. Es ist daher verhältnismässig, den Bauentscheid
gestützt auf das Vorsorgeprinzip mit der Auflage zu ergänzen, dass das Aussengerät der
geplanten Anlage vor Inbetriebnahme mit einer Schalldämmhaube oder Lärmschutzkabine
zu versehen ist, die eine Schallreduktion von mindestens 4 dB(A) bewirkt.
b) Schliesslich beantragt die Beschwerdegegnerschaft, es sei bei Bedarf einen
Augenschein durchzuführen. Zudem behält sich die Beschwerdegegnerschaft ausdrücklich
den Antrag auf eine Parteibefragung vor. Der relevante Sachverhalt ergibt sich vorliegend
RA Nr. 110/2018/133 24
hinreichend aus den Akten. Die Durchführung eines Augenscheins oder einer
Parteibefragungen sind nicht nötig. Davon sind keine wesentlichen neuen Erkenntnisse zu
erwarten.
11. Kosten
a) Die Verfahrenskosten im Beschwerdeverfahren bestehen aus einer Pauschalgebühr
(Art. 103 Abs. 1 VRPG). Für Entscheide in einer Verwaltungsjustizsache wird eine
Pauschalgebühr von Fr. 200.00 bis Fr. 4'000.00 je Beschwerde erhoben (Art. 19 Abs. 1
i.V.m. Art. 4 Abs. 2 GebV52). In Anwendung dieser Bestimmung werden die Kosten das
Beschwerdeverfahrens auf Fr. 2'000.00 festgelegt.
Die Verfahrenskosten werden der unterliegenden Partei auferlegt, es sei denn, das
prozessuale Verhalten einer Partei gebiete eine andere Verlegung oder die besonderen
Umstände rechtfertigten, keine Verfahrenskosten zu erheben (Art. 108 Abs. 1 VRPG).
Nach Art. 108 Abs. 2 VRPG werden Behörden keine Verfahrenskosten auferlegt, ausser
sie sind in ihren eigenen Vermögensinteressen betroffen.
Die Beschwerdeführerin rügte zu Recht die Verletzung des Vorsorgeprinzips und verlangte
berechtigterweise eine Schallschutzmassnahme. Insoweit gilt die Beschwerdeführerin als
obsiegende Partei. Hingegen haben sich die anderen Rügen der Beschwerdeführerin als
unbegründet erwiesen (formelle Rügen und Nichteinhaltung der Planungswerte). Insoweit
gilt die Beschwerdegegnerschaft als obsiegend. Es ist daher gerechtfertigt, die
Verfahrenskosten von Fr. 2'000.00 je hälftig der Beschwerdeführerin (ausmachend je
Fr. 1'000.00) und der Beschwerdegegnerschaft zur Bezahlung aufzuerlegen.
b) Die unterliegende Partei hat der Gegenpartei die Parteikosten zu ersetzen, sofern
nicht deren prozessuales Verhalten oder die besonderen Umstände eine andere Teilung
oder Wettschlagung gebieten oder die Auflage der Parteikosten an das Gemeinwesen als
gerechtfertigt erscheint (Art. 108 Abs. 3 VRPG). Die Parteikosten umfassen den durch die
berufsmässige Parteivertretung anfallenden Aufwand (Art. 104 Abs. 1 VRPG). Die
Kostennote des Rechtsanwalts der Beschwerdeführerin von Fr. 7'066.40 (Honorar Fr.
52 Verordnung vom 22. Februar 1995 über die Gebühren der Kantonsverwaltung (Gebührenverordnung, GebV; BSG 154.21)
RA Nr. 110/2018/133 25
6'476.20, Auslagen Fr. 85, Mehrwertsteuer Fr. 505.20) sowie die Kostennote des
Rechtsanwalts der Beschwerdegegnerschaft von Fr. 7'486.55 (Honorar Fr. 6'800.00,
Auslagen 151.30, Mehrwertsteuer Fr. 535.25) geben zu keinen Bemerkungen Anlass.
Analog zur Verteilung der Verfahrenskosten erscheint es vorliegend als gerechtfertigt, dass
die Beschwerdeführerin die Hälfte der Parteikosten der Beschwerdegegnerschaft,
ausmachend Fr. 3'744.30, zu tragen hat und die Beschwerdegegnerschaft die Hälfte der
Parteikosten der Beschwerdeführerin, ausmachend Fr. 3'533.20, ersetzen muss.