Decision ID: abecd56c-c0ee-5993-8f61-3acf391074fd
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer – ein sri-lankischer Staatsangehöriger tamilischer
Ethnie – ersuchte am 30. November 2015 in der Schweiz um Asyl. Am
7. Dezember 2015 wurde er summarisch befragt und am 27. September
2017 sowie am 24. Oktober 2017 einlässlich zu seinen Asylgründen ange-
hört.
A.a Zu seinem persönlichen Hintergrund brachte er vor, er stamme aus
einem Dorf namens B._, Distrikt Jaffna, Nordprovinz, wo er geboren
und aufgewachsen sei. Später habe er an verschiedenen Orten in den Dis-
trikten Jaffna und Kilinochchi sowie im Vanni-Gebiet gelebt.
A.b Sein Asylgesuch begründete er damit, er sei (...) als Schüler im Alter
von (...) Jahren in Jaffna aufgrund seiner Unterstützung der Liberation Ti-
gers of Tamil Eelam (LTTE) durch die sri-lankische Armee (SLA) festge-
nommen, während eines Jahres inhaftiert und dabei massiv gefoltert wor-
den (etwa Herausreissen von Fingernägeln, Zufügung von Verbrennungen,
Verstümmelung der Nase mit Zange). Er habe Narben davongetragen und
bis heute psychische Probleme.
Nach Abschluss des A-Levels habe er von (...) bis (...) das (...) in
C._ besucht und eine Ausbildung zum (...) absolviert. In der Zeit sei
er Präsident einer pro-tamilischen Studierendenorganisation gewesen und
habe wiederum der Bewegung geholfen (Teilnahme an verschiedenen Pro-
testen und Demonstrationen sowie tamilischen Feiertagen). (...) seien zwei
Mitglieder dieser Organisation durch die Armee festgenommen worden; ein
(...) am College sei von Leuten erschossen worden. Aus Angst vor seiner
Verhaftung sei er in das unter LTTE-Kontrolle stehende Vanni-Gebiet über-
gesiedelt.
Dort habe er zunächst als Lehrer für die Nichtregierungsorganisation (...)
gearbeitet und später hauptsächlich zukünftige Mitglieder der Sea-Tigers
(Marine-Streitkräfte der LTTE) in (...) ausgebildet. Nach Wiederaufflammen
des Krieges im Jahr 2006 habe er für die LTTE zudem Zwangsrekrutierun-
gen durchführen müssen. Eine rekrutierte Person habe Selbstmord began-
gen; ihr Schwager sei ein Black Tiger gewesen, weshalb er (der Beschwer-
deführer) Angst vor Vergeltung der Familie gehabt habe. Deren Eltern hät-
ten zudem nach ihm gesucht. Eine Zeit lang habe er unter dem Schutz
eines LTTE-Kaders gestanden, weshalb er nicht selbst LTTE-Mitglied habe
werden müssen. Nach dessen Tod sei jedoch auch er zwangsrekrutiert
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worden. Kurz vor Kriegsende sei er geflohen und habe sich zusammen mit
seiner ersten Ehefrau an verschiedenen Orten im Vanni-Gebiet versteckt;
Letztere sei am (...) 2009 bei einem Artillerieangriff der SLA umgekommen.
Wenig später habe die Armee seinen Aufenthaltsort umzingelt, woraufhin
er sich zusammen mit seinem (...) Monate alten Sohn ergeben habe und
in ein Flüchtlingslager in Vavuniya überführt worden sei. Insgesamt sei er
für mehrere Monate in drei Camps gewesen. In dieser Zeit habe er sehr
zurückgezogen gelebt, einen Bart getragen, sich meist im Zelt aufgehalten
und auf den guten Willen einer SLA-Führungsperson zählen können. Des-
wegen und wohl auch, weil er als alleinerziehender Vater eines Säuglings
nicht das typische Profil eines LTTE-Mitglieds erfüllt habe, sei er nicht iden-
tifiziert worden. Schliesslich habe er durch Zahlung eines hohen Betrags
durch seine Familie an Beamte des Criminal Investigation Department
(CID) freikommen können. Nach Normalisierung der Lage im Land sei er
zu seinen Eltern nach C._ gegangen, habe sich dort wegen der
früheren Probleme im Jahr (...) aber meistens im Haus aufgehalten.
Im Jahr 2010 sei er nach Kilinochchi zurückgesiedelt. Er habe wieder eine
Tätigkeit als Lehrer für die Reparatur von (...) bei der (...) aufgenommen.
Allerdings sei er durch ehemalige Schüler und deren Umfeld erkannt wor-
den. In der Folge seien CID-Mitarbeitende während des Unterrichts auf ihn
zugekommen, hätten ihn zu seinen Tätigkeiten als Lehrer der Sea-Tigers
sowie seiner Verbindung zu den LTTE befragt und ihm gedroht, ihn in ein
Rehabilitationszentrum zu schicken. Im gleichen Jahr seien auch das Ge-
schäft und das Haus seiner verstorbenen Ehefrau zerstört worden. Aus
Angst vor den Behörden habe er seine Lehrtätigkeit nicht mehr regelmäs-
sig ausgeübt, (...) 2011 schliesslich beendet und danach versucht, unauf-
fällig zu leben.
Gleichwohl sei nach ihm gesucht worden und habe er im Jahr 2012 erneut
Probleme bekommen. Bei der Registrierung der Todesumstände seiner
Ehefrau habe er wahrheitsgemäss eintragen lassen wollen, sie sei von der
SLA getötet worden. Der Dorfvorsteher habe ihm unterstellt, unnötig Prob-
leme mit der Armee zu verursachen, und im Formular lediglich einen ent-
sprechenden Verdacht notiert. Das CID habe von der Angelegenheit erfah-
ren. Ebenfalls im Jahr 2012 habe ihn ein Nachbar bei den Behörden verra-
ten, weil dieser ein Grundstück für sich beansprucht habe, welches er (der
Beschwerdeführer) für einen ehemaligen LTTE-Leutnant gepflegt habe. Er
sei in das örtliche CID-Camp zitiert und später auch an seinem Wohnort
aufgesucht und jeweils befragt worden, insbesondere dazu, warum er ein
LTTE-Grundstück pflege, schlecht über die Regierung Sri Lankas spreche
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und trotz LTTE-Mitgliedschaft in keinem Internierungslager gewesen sei.
Ihm sei gedroht worden, er solle vorsichtig sein, die Behörden erhielten
fortlaufend Informationen über ihn. Danach habe er sich zur Verfügung hal-
ten müssen und sei ein bis zwei Wochen später wieder zum Camp gerufen
und befragt worden, auch dazu, warum er nicht erneut heirate und ob er
wieder für die Bewegung kämpfen wolle. Schliesslich sei ihm mitgeteilt wor-
den, alle Informationen über ihn seien einer höheren Stelle geschickt wor-
den, er müsse sich weiterhin zur Verfügung halten. Um nicht weiter aufzu-
fallen, hätten seine Eltern eine zweite Ehe arrangiert.
(...) 2013, kurz vor der Heirat, habe sich ein Mann namens D._ (T.),
ein Bekannter eines guten Kollegen, der mit ihm Mitglieder der Sea-Tigers
unterrichtet habe, an ihn gewandt. T. habe ihm von Plänen zum Wiederauf-
bau der LTTE erzählt und ihn gebeten, einen (...) zu reparieren. Er sei der
Bitte nachgekommen und habe dabei auch einige Helfer von T. kennenge-
lernt, danach aber nichts mehr von ihnen gehört. (...) 2014 habe er Bilder
von ihnen mit Lösegeldversprechen in der Zeitung und auf Plakaten gese-
hen und wenig später in der Zeitung gelesen, dass Gehilfen von T. bei einer
Schiesserei umgekommen seien und weiterhin nach Letzterem gefahndet
werde. Er habe befürchtet, dass T. ihn bei einer Verhaftung denunzieren
würde, weshalb er untergetaucht sei und abwechselnd bei verschiedenen
Verwandten gelebt habe. Die gesamte Situation habe ihn aber zunehmend
belastet, zumal im Laufe der Zeit etwa 60 bis 70 Personen aus dem Umfeld
von T. festgenommen worden seien. Überdies habe er aufgrund seiner
LTTE-Vergangenheit mit niemandem mehr Geschäfte machen können. So
habe er einmal ein Darlehen zweimal zurückzahlen müssen, weil ihm ge-
droht worden sei, anderenfalls würde den Behörden von seiner LTTE-Ver-
bindung berichtet. Schliesslich habe er sich nicht mehr unter Kontrolle ge-
habt und sogar sich und andere gebissen. Anfang 2015 habe er einen
Schlepper kontaktiert. Im (...) 2015 habe sein Vater mittels Bestechung und
Hilfe eines Dorfvorstehers, einem ehemaligen LTTE-Sympathisanten, die
Ausstellung einer echten Identitätskarte organisiert. Im November 2015 sei
er (der Beschwerdeführer) dann endlich mit Hilfe des Schleppers illegal
ausgereist.
Im Jahr 2016 sei sein Bruder aus E._ nach Sri Lanka zurückgekehrt
und bei der Einreise nach ihm (dem Beschwerdeführer) befragt worden.
Einige Wochen später hätten singhalesische Untersuchungsbehörden
mehrere Male bei seiner Familie angerufen und sich nach ihm erkundigt.
In Sri Lanka gebe es weiterhin Probleme, Personen würden festgenom-
men, erschossen oder verschleppt. In der Schweiz sei er exilpolitisch aktiv,
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Mitglied im Tamil Coordinating Commitee of Switzerland (STCC) und
nehme auch an Anlässen, so der Gedenkfeier für ein LTTE-Mitglied, teil.
A.c Mit seinem Gesuch reichte der Beschwerdeführer zahlreiche Beweis-
mittel ein (vgl. im Einzelnen die Auflistung im angefochtenen Entscheid).
B.
Mit Verfügung vom 26. Januar 2018 – eröffnet am 30. Januar 2018 – stellte
das SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft
nicht, lehnte sein Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung aus der
Schweiz sowie deren Vollzug an.
C.
Mit Eingabe seines Rechtsvertreters vom 1. März 2018 erhob der Be-
schwerdeführer beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde und bean-
tragte zur Hauptsache, der angefochtene Entscheid sei aufzuheben und
ihm sei Asyl zu gewähren, eventualiter sei die Sache zur Neubeurteilung
an die Vorinstanz zurückzuweisen, subeventualiter sei die Unzulässigkeit,
allenfalls die Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs festzustellen und
ihm als Folge davon die vorläufige Aufnahme in der Schweiz zu gewähren.
In prozessualer Hinsicht ersuchte er um Gewährung der unentgeltlichen
Rechtspflege, inklusive Befreiung von der Kostenvorschusspflicht, sowie
um Beiordnung des rubrizierten Rechtsvertreters als amtlichen Rechtsbei-
stand und reichte eine Unterstützungsbestätigung ein. Zudem beantragte
er, es sei ein Abklärungsauftrag bei der Schweizer Botschaft in Colombo
über den Inhaber einer bestimmten Telefonnummer sowie ein medizini-
sches Gutachten über seine psychische Erkrankung (insbesondere post-
traumatische Belastungsstörung) in Auftrag zu geben.
D.
Mit Schreiben vom 7. März 2018 wurde dem Beschwerdeführer der Ein-
gang der Beschwerde bestätigt.
E.
Mit Zwischenverfügung vom 27. März 2018 stellte die Instruktionsrichterin
fest, der Beschwerdeführer dürfe den Ausgang des Verfahrens in der
Schweiz abwarten, hiess das Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege gut
und setzte antragsgemäss MLaw Rajeevan Linganathan, Rechtsanwalt,
als amtlichen Rechtsbeistand ein. Zugleich wies sie die Beweismittelan-
träge ab und lud die Vorinstanz zur Vernehmlassung ein.
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F.
Mit Vernehmlassung vom 29. März 2018 nahm das SEM zur Beschwerde-
schrift Stellung.
G.
Mit Schreiben vom 7. Juni 2018 replizierte der Beschwerdeführer und
reichte eine Terminkarte über die Behandlung seiner psychischen Erkran-
kung, einen sri-lankischen Medienbericht vom 23. Mai 2018 sowie eine Ho-
norarnote zu den Akten.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das Bundesverwaltungsgericht ist zuständig für Beschwerden gegen
Verfügungen auf dem Gebiet des Asyls und entscheidet regelmässig – so
auch hier – endgültig (Art. 5 VwVG, Art. 31 ff. VGG, Art. 105 AsylG [SR
142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Der Beschwerdeführer ist legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG) und seine
Beschwerde erfolgte frist- und formgerecht (aArt. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 52
Abs. 1 VwVG), womit auf diese einzutreten ist.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
Der Beschwerdeführer begehrt im Sinne eines Eventualantrags die Zu-
rückweisung der Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz. Dazu macht
er diverse formellen Rügen geltend, namentlich eine Verletzung des An-
spruchs auf rechtliches Gehörs, einschliesslich der Begründungspflicht,
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sowie des Untersuchungsgrundsatzes. Diese sind vorab zu prüfen, da sie
allenfalls zur Kassation des angefochtenen Entscheids führen können (vgl.
BVGE 2013/34 E. 4.2).
3.1 Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen
Sachverhalts in Verletzung der behördlichen Untersuchungspflicht bildet ei-
nen Beschwerdegrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Unrichtig ist die
Sachverhaltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidri-
ger Sachverhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch gewürdigt wor-
den sind; unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Entscheid rechtswe-
sentlichen Sachumstände berücksichtigt werden (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERT-
SCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes,
3. Aufl. 2013, Rz. 1043).
Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches Gehör,
welcher als Mitwirkungsrecht alle Befugnisse einer Partei umfasst, damit
sie in einem Verfahren ihren Standpunkt wirksam zur Geltung bringen kann
(vgl. BGE 135 II 286 E. 5.1; BVGE 2009/35 E. 6.4.1 m.H.). Mit diesem An-
spruch korreliert die Pflicht der Behörden, die Vorbringen tatsächlich zu hö-
ren, ernsthaft zu prüfen und in ihrer Entscheidfindung angemessen zu be-
rücksichtigen, wobei die Begründung sich nicht mit allen Parteistandpunk-
ten einlässlich auseinandersetzen und jedes einzelne Vorbringen aus-
drücklich widerlegen muss (vgl. BGE 136 I 184 E. 2.2.1; (vgl. BVGE
2011/37 E. 5.4.1; BVGE 2008/47 E. 3.2).
Willkür liegt nicht schon dann vor, wenn eine andere Lösung in Betracht zu
ziehen oder sogar vorzuziehen wäre, sondern nur, wenn ein Entscheid of-
fensichtlich unhaltbar ist, mit der tatsächlichen Situation in klarem Wider-
spruch steht, eine Norm oder einen unumstrittenen Rechtsgrundsatz klar
verletzt oder in stossender Weise dem Gerechtigkeitsgedanken zuwider-
läuft (vgl. HÄFELIN/HALLER/KELLER/THURNHERR, Schweizerisches Bundes-
staatsrecht, 9. Aufl., 2016, N 811 f.; BGE 133 I 149 E. 3.1, m.w.H.).
3.2 Der Beschwerdeführer macht geltend, das SEM habe den Sachverhalt
unrichtig und unvollständig erstellt sowie seine Vorbringen nicht ernsthaft
und eingehend geprüft und damit den Untersuchungsgrundsatz sowie sei-
nen Anspruch auf rechtliches Gehör und insbesondere die Begründungs-
pflicht verletzt. So sei es fälschlicherweise davon ausgegangen, die Behör-
den hätten kein Interesse an ihm gehabt, zumal er bis zur Ausreise wieder-
holt Kontakt mit den Behörden gehabt habe, ohne inhaftiert oder mit einem
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Strafverfahren belegt worden zu sein. Es habe auch willkürlich und fälsch-
licherweise angenommen, er gehöre nicht zu den Personen, welche nach
dem Krieg eine Gefahr für die Einheit des Landes darstellten und daher der
Verfolgung und Beseitigung durch die Behörden ausgesetzt waren und
auch zukünftig sind. Weiter sei es fälschlich von einem nicht hinreichenden
Kausalzusammenhang ausgegangen und habe sich nicht mit den in seiner
Person vorliegenden individuellen Risikofaktoren auseinandergesetzt.
Überdies sei es falsch und entspräche nicht der Realität in Sri Lanka, dass
sich das Militär nicht mehr in zivile Angelegenheiten einmische. Ferner
habe das SEM das eingereichte Beweismittel 18 (betreffend einen verur-
teilten Dozenten) nicht übersetzt und willkürlich gewürdigt. Schliesslich
habe es das SEM unterlassen, ein medizinisches Gutachten erstellen zu
lassen, und damit ebenfalls den Untersuchungsgrundsatz verletzt.
3.3 Der Beschwerdeführer vermengt mit seiner Kritik an der Einschätzung
der Vorinstanz zunächst die Frage der Feststellung des rechtserheblichen
Sachverhalts mit der Frage der rechtlichen Würdigung der Sache. Eine
Prüfung der Akten ergibt, dass das SEM alle seine Vorbringen und Beweis-
mittel erfasst, sich mit diesen auseinandergesetzt und sie in rechtsgenüg-
licher Weise beurteilt hat, so auch die in seinem Fall einschlägigen Risiko-
faktoren. Dies gilt weiter für das Beweismittel 18, wobei dazu ergänzend
anzumerken ist, dass dessen Inhalt, wie er vom Beschwerdeführer darge-
legt wurde, durch das SEM nicht angezweifelt wurde, weshalb sich eine
Übersetzung erübrigte. Dass das SEM sodann eine andere Würdigung des
Sachverhalts vornahm, als vom Beschwerdeführer gewünscht, spricht
nicht für eine ungenügende Sachverhaltsfeststellung und bedeutet auch
noch keine Willkür. Das SEM genügt zudem der Begründungspflicht, wenn
es im Rahmen der Begründung die wesentlichen Überlegungen nennt, wel-
che es seinem Entscheid zugrunde legt (vgl. Art. 29 Abs. 2 BV, Art. 26–33
VwVG). Dieser Anforderung ist es im Rahmen seiner Erwägungen, welche
eine umfassende Würdigung der vorgebrachten Gesuchsgründe beinhal-
ten, zweifelsohne gerecht geworden. Letztlich versetzte die Begründung
den Beschwerdeführer auch in die Lage, den vorinstanzlichen Entscheid
sachgerecht anzufechten.
Im Sinne nachstehender Erwägungen (vgl. E. 8) erübrigen sich Ausführun-
gen zur Feststellung des medizinischen Sachverhalts im Hinblick auf die
Frage der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs und namentlich zum –
ohnehin mit Zwischenverfügung vom 27. März 2018 abgewiesenen – Be-
weisantrag. Abgesehen davon ist festzuhalten, dass das SEM vor Erlass
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seines Entscheids weitere medizinische Berichte angefordert und abge-
wartet hat. Es hat in der Folge die – im Entscheidzeitpunkt wesentlichen –
Vorbringen und Beweismittel erfasst und hinreichend gewürdigt, weshalb
eine Verletzung des Untersuchungsgrundsatzes sowie des Anspruchs auf
rechtliches Gehör ausser Betracht fällt.
Soweit dem SEM schliesslich falsches Hintergrundwissen zur Situation in
Sri Lanka vorgeworfen wird, ist festzuhalten, dass das Gericht selbst die
im Zeitpunkt seines Entscheids aktuelle Sach- und Rechtslage zugrunde
legt. Demnach ist nicht erheblich, auf welche Informationen sich die Vor-
instanz letztlich stützt. Die diesbezügliche Rüge geht damit ebenso fehl.
3.4 Nach dem Gesagten erweisen sich die Rügen als unbegründet und ist
der relevante Sachverhalt als erstellt zu erachten. Mithin fällt die beantragte
Rückweisung der Sache an das SEM ausser Betracht. Das Gericht hat in
der Sache zu entscheiden (Art. 61 Abs. 1 VwVG).
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
5.
5.1 Das SEM hielt in der angefochtenen Verfügung fest, der Beschwerde-
führer habe keine asylrelevante Verfolgung glaubhaft machen können.
Nach der Freilassung aus dem Lager sei er lediglich im Jahr 2011 bezie-
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hungsweise 2010 einmal und 2012 ein zweites und letztes Mal befragt wor-
den. Sofern er tatsächlich verdächtigt worden wäre, sich an terroristischen
Aktivitäten beteiligt zu haben oder eine Gefahr für die Sicherheit des sri-
lankischen Staates darzustellen, wäre er dabei auch inhaftiert und in ein
Strafverfahren verwickelt worden. Die Behörden dürften zudem Kenntnis
von seinem Aufenthaltsort in Sri Lanka gehabt haben, zumal er wiederholt
in Kontakt mit ihnen gewesen sei (Heirat, Geburt des zweiten Sohnes, Ein-
schulung des ersten Sohnes, Ausstellung der Identitätskarte) und sich ge-
mäss eigenen Angaben mehrheitlich bei seiner Familie aufgehalten habe.
Dennoch habe er selbst angegeben, während der letzten eineinhalb Jahre
vor der Ausreise keine Probleme mehr mit den sri-lankischen Behörden
aufgrund seiner LTTE-Mitgliedschaft beziehungsweise seiner Zusammen-
arbeit mit den LTTE gehabt zu haben. Insoweit sei nicht davon auszuge-
hen, dass zum Zeitpunkt der Ausreise ein ernsthaftes Verfolgungsinteresse
an ihm bestanden habe.
Die erlittenen oder befürchteten Nachteile aus der einjährigen Inhaftierung
und Folter durch die Armee im Jahr (...) und seinen Aktivitäten als Leiter
des Studentenflügels im Zeitraum von (...) bis (...), der Zwangsrekrutierung
einer Person, welche später Selbstmord begangen habe, und der Unter-
richtung von Kindern, die zu den Sea-Tigers übergetreten und getötet wor-
den seien, – jeweils im Hinblick auf eine Rache der Eltern – sowie der Zer-
störung des Geschäfts und des Hauses seiner ersten Ehefrau im Jahre
2010 würden in zeitlicher und sachlicher Hinsicht keinen Kausalzusam-
menhang zur Flucht aufweisen. Die Vorbringen zur Registrierung der To-
desursache seiner Ehefrau sowie betreffend die angedrohte Denunzierung
als LTTE-Mitglied, wenn er geliehenes Geld nicht nochmals zurückzahle,
erreichten hinsichtlich Art und Intensität kein asylrelevantes Ausmass. Be-
züglich seiner Vorbringen zur Unterstützung von T. könne nicht von einer
begründeten Furcht ausgegangen werden, weil dieser sich dem Beschwer-
deführer zufolge vermutlich ins Ausland abgesetzt und somit einem allfälli-
gen Zugriff der sri-lankischen Behörden entzogen habe. Ausserdem sei
wenig wahrscheinlich, dass das blosse Reparieren eines (...) zu einer re-
levanten Strafverfolgung führen würde.
Die eingereichten Beweismittel vermöchten nicht zu einer anderen Ein-
schätzung zu führen. Die geltend gemachte Befragung seines Bruders bei
dessen Wiedereinreise nach Sri Lanka zum Beschwerdeführer sowie die
Anrufe bei der Familie einige Wochen später habe er während der mündli-
chen Begründung seines Gesuchs nicht erwähnt, was ein Hinweis darauf
sei, dass es sich beim Brief seines Vaters aus dem Jahr 2016 (Beweismittel
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16) um ein Gefälligkeitsschreiben handle. Zudem nähmen die sri-lanki-
schen Behörden standardmässig Befragungen ihrer einreisenden Staats-
angehörigen vor und erkundigten sich dabei routinemässig auch nach den
Angehörigen. Die Beweismittel 5 bis 7, 9 und 10, 13 bis 15 sowie 19 bis 25
bezögen sich auf seine Ausbildung, seine Aufenthalte an bestimmten Orten
und seine Angehörigen; seine Biographie sowie jene seiner Familie würden
jedoch nicht angezweifelt. In den Beweismitteln 12 und 18, zwei Artikel be-
treffend zwei Personen, die er gekannt habe und welche ähnliche Erfah-
rungen wie er gemacht hätten (darunter der [...] am College sowie ein Do-
zent, der bei den LTTE ebenfalls Personen zwangsrekrutiert habe und spä-
ter zu lebenslanger Haft verurteilt worden sei), werde er nicht persönlich
erwähnt. Im Schreiben eines Parlamentariers (Beweismittel 11) würden
seine Asylvorbringen zusammengefasst, was den Verdacht eines Auftrags-
schreibens nahelege. Die Vermisstenmeldung aus dem Jahr (...) (Beweis-
mittel 2) sei über 20 Jahre alt und lasse nicht erkennen, welche Person als
vermisst gemeldet worden sei. Das Beweismittel 8 (betreffend seiner ers-
ten Schwiegermutter weggenommenes Land) stehe in keinem direkten Be-
zug zu ihm und sei unerheblich.
Nach Prüfung der sogenannten Risikofaktoren sei aufgrund der Aktenlage
auch nicht von einer begründeten Furcht vor künftigen Verfolgungsmass-
nahmen bei einer Rückkehr des Beschwerdeführers nach Sri Lanka aus-
zugehen. Die Befragung am Flughafen sowie später am Herkunftsort und
eine allfällige Strafverfolgung wegen illegaler Ausreise stellten keine asyl-
relevanten Massnahmen dar. Eine Vorverfolgung habe der Beschwerde-
führer nicht glaubhaft machen können. Vielmehr habe er nach Kriegsende
noch über sechs Jahre in Sri Lanka gelebt. Allfällige im Zeitpunkt der Aus-
reise bestehende Risikofaktoren hätten somit kein Verfolgungsinteresse
der sri-lankischen Behörden ausgelöst. An der Einschätzung ändere auch
die geltend gemachte exilpolitische Tätigkeit des Beschwerdeführers
nichts, zumal die eingereichten Fotos (Beweismittel 17) keine erhebliche
Exponierung erkennen liessen, sondern ihn lediglich als Mitläufer zeigten.
5.2 Dem entgegnete der Beschwerdeführer in seiner Beschwerdeschrift,
seine Vorbringen betreffend seine LTTE-Verbindung würden vom SEM of-
fensichtlich nicht angezweifelt. Er habe seine Tätigkeiten für die LTTE auch
absolut glaubhaft, widerspruchsfrei, schlüssig und emotional (mit Hinweis
auf Weinen während der Anhörung und schlechtes Gewissen wegen
Zwangsrekrutierungen und dem Selbstmord einer Person) geschildert. So-
weit das SEM seine Vorbringen zu den Geschehnissen nach der Entlas-
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sung aus dem Camp als unglaubhaft und der Logik des Handelns wider-
sprechend einschätze, lasse es die Umstände bei Kriegsende ausser Be-
tracht, namentlich, dass in diesem kurzen Zeitraum und in der Masse der
hunderttausenden Gefangenen unzählige ehemalige LTTE-Mitglieder
durch das «Raster» gefallen und systembedingt unerkannt geblieben
seien. Angesichts seines untypischen LTTE-Profils als alleinerziehender
Vater eines Säuglings, des «Goodwills» einer SLA-Führungsperson und
seines diskreten Verhaltens in den Camps sei auch er glücklicherweise
nicht identifiziert worden. Seine Vorbringen zu den Ereignissen nach der
Freilassung zeigten aber, dass die Behörden auf ihn aufmerksam gewor-
den seien und das Leben für ihn als ehemaliges LTTE-Mitglied, welches
noch dazu keine Rehabilitierung durchlaufen habe, in Sri-Lanka äusserst
gefährlich geworden sei. Die vom SEM erwähnten Behördengänge seien
nicht aufsehenerregend gewesen. Die Ausstellung der Identitätskarte sei
durch einen Mittelsmann erfolgt. Vor diesem Hintergrund gehe das SEM
fehl in der Annahme, die Behelligungen seien nicht intensiv genug gewe-
sen. Dass er vor der Ausreise nicht verhaftet und beseitigt worden sei, sei
nicht nur dem Zufall zu verdanken, sondern auch dem Umstand, dass die
Abklärungen des CID zu ihm damals noch nicht abgeschlossen gewesen
seien. Zudem habe er ständig den Wohnort gewechselt. Die Vorinstanz
beurteile sämtliche Vorbringen in zeitlicher und sachlicher Hinsicht isoliert;
notwendig sei aber eine Gesamtwürdigung. Der erforderliche Kausalzu-
sammenhang sei als gegeben zu erachten. Das SEM behaupte zu Un-
recht, dass der Brief (Beweismittel 16) des Vaters ein Gefälligkeitsschrei-
ben sei. Wer einige Wochen später bei der Familie angerufen habe, könne
zwar nicht mit Sicherheit gesagt werden. Dahinter stecke aber sehr wahr-
scheinlich der Geheimdienst beziehungsweise der CID. Mittels Beweisan-
trag zur Ermittlung der Telefonnummern könne dies überprüft werden. Eine
andere Möglichkeit, die Vorfälle zu belegen, habe er nicht. Der Bruder sei
bei seiner Wiedereinreise überdies spezifisch nach ihm befragt worden.
Das Beweismittel 18 sei nicht korrekt gewürdigt worden. Es handle sich
dabei um einen Zeitungsbericht vom 25. Juli 2017 im Zusammenhang mit
der Verurteilung eines Dozenten, welcher zunächst «ungeschoren» davon
gekommen, später aber wieder auf den Radar des Geheimdienstes ge-
langt und beschuldigt worden sei, für die LTTE rekrutiert zu haben. In sei-
nem (des Beschwerdeführers) Fall lägen ähnliche Risikofaktoren vor; ihm
drohe daher dasselbe Schicksal. Schliesslich erfülle er diverse stark risiko-
begründende und weitere Faktoren (Haft aufgrund von LTTE-Unterstüt-
zung, bleibende Narben aufgrund von Folter, frühere LTTE-Mitgliedschaft,
Kenntnisse in (...), Rekrutierung von Kämpfern sowie Unterstützung des
ehemaligen LTTE-Mitglieds [T.], welches den tamilischen Separatismus
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ausdrücklich wieder habe aufleben lassen wollen, mittlerweile seit einigen
Jahren im Ausland lebe und sich dort exilpolitisch für die Rechte der Tami-
len in Sri Lanka engagiere; abgewiesener Asylsuchender, Fehlen von Iden-
titätspapieren, langer Auslandsaufenthalt). Ihm drohe somit auch bei einer
Rückkehr nach Sri Lanka asylrelevante Verfolgung.
5.3 In seiner Vernehmlassung äusserte sich das SEM zum Antrag auf Er-
stellung eines medizinischen Gutachtens über die psychische Erkrankung
des Beschwerdeführers. Bezüglich des Antrags, Abklärungen betreffend
die Telefonnummer zu veranlassen, sowie darüber hinaus verwies es auf
seine Erwägungen im angefochtenen Asylentscheid.
5.4 In seiner Replik führte der Beschwerdeführer aus, weiterhin in Behand-
lung in der Klinik (...) im Universitätsspital F._ zu sein. Das SEM
habe im Zeitpunkt seines Entscheids keine umfassende Würdigung der
medizinischen Vorbringen vornehmen können. Die Telefonanrufe des CID
bei seiner Familie seien – anders als vom SEM behauptet – nicht gewürdigt
worden. Seine Familie habe zudem im (...) 2018 zwei weitere Anrufe vom
CID erhalten. Da es Privatpersonen nicht möglich sei, in Sri Lanka die Iden-
tität des jeweiligen Inhabers der Telefonnummern abzufragen, halte er am
Beweisantrag fest. Der eingereichte Medienbericht betreffe das ehemalige
LTTE-Mitglied T. und belege, dass der Staatsapparat weiterhin Jagd auf
dessen Helfer mache, und er (der Beschwerdeführer) somit auch heute
noch gefährdet sei.
6.
Zunächst ist die Glaubhaftigkeit der fluchtauslösenden Asylvorbringen des
Beschwerdeführers zu prüfen.
6.1 Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an die Glaub-
haftmachung von Vorbringen in verschiedenen Entscheiden dargelegt und
folgt dabei ständiger Praxis. Darauf kann hier verwiesen werden (vgl.
BVGE 2015/3 E. 6.5.1 m.w.H.).
6.2 Dabei ist festzuhalten, dass das SEM die Vorbringen des Beschwerde-
führers vor seiner Ausreise seinem Entscheid zugrunde legte, ohne deren
Glaubhaftigkeit im Wesentlichen in Zweifel zu ziehen. Soweit es nicht als
überzeugend erachtete, dass die sri-lankischen Behörden im Zeitpunkt der
Ausreise ein ernsthaftes Verfolgungsinteresse an ihm gehabt hätten, nahm
es im Grunde bereits eine rechtliche Würdigung zur Asylrelevanz seiner
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Seite 14
Vorbringen vor, welche im Anschluss erfolgt (vgl. E. 7). Das Gericht erach-
tet nach Prüfung der Akten die geltend gemachten Ereignisse und Vorfälle
vor der Ausreise seinerseits als überwiegend wahrscheinlich (vgl. für die
Details Sachverhalt Bst. A und E. 5, für eine Zusammenfassung E. 6.4).
Zwar weisen seine Schilderungen gewisse Unstimmigkeiten und Wider-
sprüche, etwa in den Zeit- und Ortsangaben, der Anzahl der Befragungen,
zum weiteren Bruder oder bezüglich seiner Unterstützung eines früheren
LTTE-Mitglieds, auf. Diese konnte er aber grösstenteils in der fortgesetzten
Anhörung ausräumen. Zu seinen Gunsten ist zudem festzuhalten, dass die
beiden vertieften Anhörungen mitunter wenig strukturiert geführt wurden,
was insbesondere die Nachvollziehbarkeit der zeitlichen und örtlichen
Chronologie der Ereignisse teilweise erschwerte. Das Gericht geht unter
Berücksichtigung dieser Umstände und nach Prüfung der Akten im Weite-
ren – entgegen der Feststellungen des SEM – davon aus, dass der Be-
schwerdeführer zwischen 2010 und 2012 insgesamt drei Mal vom CID be-
ziehungsweise der SLA befragt wurde (einmal im Unterricht, zwei Mal nach
dem Vorfall mit dem Grundstück vgl. A13 F74, F79, F83, A20 F68 ff.,
F124 ff.).
6.3 Besonders für die Glaubhaftigkeit spricht, dass die Aussagen des Be-
schwerdeführers zu allen Vorbringen, welche sich immerhin über einen
Zeitraum von (...) bis (...), mithin 20 Jahren, erstrecken, äusserst detailliert,
weitgehend nachvollziehbar und in sich schlüssig ausfielen. Auch waren
sie von einer Vielzahl an Realkennzeichen (direkte Rede, Emotionen, Be-
richt von Nebensächlichkeiten) geprägt, die darauf schliessen lassen, dass
er das Erzählte tatsächlich erlebt hat. Vor diesem Hintergrund fallen die
verbleibenden Widersprüche nicht mehr massgeblich ins Gewicht. Hinzu
kommt, dass der Beschwerdeführer zahlreiche Angaben mit originalen Be-
weismitteln belegen konnte. Im Übrigen teilt das Gericht im Wesentlichen
die Würdigung der Beweismittel durch das SEM (vgl. dazu oben E. 5.1; vgl.
aber auch E. 8.3). Ergänzend dazu sei angemerkt, dass die eingereichten
medizinischen Dokumente (namentlich Beweismittel 3 und 4) den Schluss
nahelegen, dass der Beschwerdeführer aufgrund der geltend gemachten
Folter psychisch schwer angeschlagen war.
6.4 In einer Gesamtbetrachtung aller Umstände überwiegen die Elemente,
welche für die Glaubhaftigkeit der fluchtauslösenden Asylvorbringen des
Beschwerdeführers sprechen. Es ist danach als glaubhaft zu erachten,
dass er bereits seit (...) die LTTE unterstützte, deswegen ein Jahr inhaftiert
und gefoltert wurde, weiter als Präsident einer pro-tamilischen Studieren-
denorganisation zwischen (...) und (...) aktiv war, nach der Festnahme von
D-1320/2018
Seite 15
Mitstudierenden und dem Angriff auf einen (...) später ins Vanni-Gebiet
übersiedelte, in den Kriegsjahren namentlich Personen unterrichtete, die
sich den Sea-Tigers anschlossen, sowie bei der Zwangsrekrutierung von
Kämpfern mithalf. Weiter erscheint überwiegend wahrscheinlich, dass er
letztlich selbst zwangsrekrutiert, von der Armee aufgegriffen und in Camps
gebracht sowie durch Bestechung vorzeitig entlassen wurde, dann 2010
im Unterricht von CID-Angehörigen befragt sowie wegen seiner Probleme
mit dem Dorfvorsteher und im Zusammenhang mit dem LTTE-Grundstück
vom CID und Armeeangehörigen befragt und bedroht wurde. Schliesslich
wurde glaubhaft gemacht, dass er im Jahr 2013 einem früheren LTTE-Mit-
glied (T.) bei der Reparatur eines (...) half und 2015 illegal ausreiste.
7.
Im Weiteren ist mit der Vorinstanz aber nicht davon auszugehen, dass der
Beschwerdeführer im Zeitpunkt der Ausreise ernsthaften Nachteilen im
Sinne von Art. 3 AsylG ausgesetzt war oder solche zu befürchten hatte.
7.1 Nach Lehre und Rechtsprechung erfüllt eine asylsuchende Person die
Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG, wenn sie Nachteile von be-
stimmter Intensität erlitten hat, beziehungsweise solche mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft befürchten muss, sofern ihr
die Nachteile gezielt und aufgrund bestimmter, in Art. 3 Abs. 1 AsylG auf-
gezählter Verfolgungsmotive zugefügt worden sind, respektive zugefügt zu
werden drohen, und vor denen sie keinen ausreichenden staatlichen
Schutz erwarten kann (vgl. BVGE 2007/31 E. 5.2 f. und 2008/4 E. 5.2, je
m.w.H.). Begründete Furcht vor Verfolgung im Sinne dieser Bestimmung
liegt vor, wenn ein konkreter Anlass zur Annahme besteht, letztere hätte
sich – aus der Sicht im Zeitpunkt der Ausreise – mit beachtlicher Wahr-
scheinlichkeit und in absehbarer Zeit verwirklicht oder werde sich – auch
aus heutiger Sicht – mit ebensolcher Wahrscheinlichkeit in absehbarer Zu-
kunft verwirklichen. Es müssen damit hinreichende Anhaltspunkte für eine
konkrete Bedrohung vorhanden sein, die bei jedem Menschen in vergleich-
barer Lage Furcht vor Verfolgung und damit den Entschluss zur Flucht her-
vorrufen würden. Dabei hat die Beurteilung einerseits aufgrund einer ob-
jektivierten Betrachtungsweise zu erfolgen, und sie ist andererseits durch
das von der betroffenen Person bereits Erlebte und das Wissen um Kon-
sequenzen in vergleichbaren Fällen zu ergänzen. Wer bereits staatlichen
Verfolgungsmassnahmen ausgesetzt war, hat objektive Gründe für eine
ausgeprägtere (subjektive) Furcht (vgl. BVGE 2010/57 E. 2.5 sowie BVGE
2011/50 E. 3.1.1, jeweils mit weiteren Hinweisen).
D-1320/2018
Seite 16
7.2 Wie die Vorinstanz zutreffend festgehalten hat, weisen die erlittenen
oder befürchteten Nachteile aus der einjährigen Inhaftierung und Folter des
Beschwerdeführers durch die Armee im Jahr (...) sowie seinen Aktivitäten
als Präsident einer pro-tamilischen Studierendenorganisation von (...) bis
(...) in der Tat vor allem in zeitlicher Hinsicht keinen Kausalzusammenhang
zur Flucht auf. So ist den Akten nicht zu entnehmen und hat der Beschwer-
deführer selbst nicht geltend gemacht, dass er in Bezug auf diese Ereig-
nisse im Fokus der Behörden stand. Die Furcht des Beschwerdeführers,
wieder Opfer von Verfolgung zu werden, ist angesichts der erlittenen Folter
in subjektiver Hinsicht mehr als verständlich; subjektive Furcht alleine ge-
nügt wie oben erwähnt aber nicht den Anforderungen an die begründete
Furcht im Sinne von Art. 3 AsylG. Dies gilt auch für die Furcht des Be-
schwerdeführers vor Racheakten der Eltern, deren Kinder mit seiner Hilfe
zwangsrekrutiert und im Kampf getötet wurden oder – wie eine Person –
Selbstmord begingen, zumal sie ebenfalls keine objektive Anknüpfung in
asylrelevanten Ereignissen unmittelbar vor seiner Ausreise finden. Bezüg-
lich der Zerstörung des Geschäfts und des Hauses seiner ersten Ehefrau
im Jahre 2010 ist den Akten – über die Vermutung des Beschwerdeführers
hinaus – nicht zu entnehmen, dass diese im Zusammenhang mit seinen
LTTE-Aktivitäten stand. Die Vorbringen zur Registrierung der Todesursa-
che seiner Ehefrau und der Erpressung und Denunzierung als LTTE-Mit-
glied durch Dritte, um für sich finanzielle Vorteile zu erzielen, erreichten
wiederum – wie von der Vorinstanz zu Recht angenommen – hinsichtlich
Art und Intensität kein asylrelevantes Ausmass.
7.3 Auch in einer Gesamtwürdigung der vorstehend beurteilten Vorbringen
ist den Akten nicht zu entnehmen, dass dem Beschwerdeführer im Zeit-
punkt der Ausreise eine asylrelevante Verfolgung drohte. Zwar ist nicht in
Abrede zu stellen, dass dem Beschwerdeführer aufgrund der Kenntnis von
Eltern getöteter Sea-Tigers oder Nachbarn von seiner früheren LTTE-Un-
terstützung latent die Gefahr drohte, weitergehend von den Behörden be-
helligt zu werden, und ihn dies massiv belastete. Ebenso ist nicht unwahr-
scheinlich, dass die Behörden bis zu seiner Ausreise nicht genügend Be-
weise hatten, um ihn für seine LTTE-Verbindung zu belangen, und er über
weite Strecken, nicht zuletzt angesichts seines LTTE-untypischen Profils
als alleinerziehender Vater eines Kleinkindes, einfach Glück hatte, nicht als
LTTE-Mitglied identifiziert zu werden. Tatsächlich wurde er aber gemäss
Aktenlage und eigenen Angaben zuletzt in den Jahren 2010 und 2012 vom
CID beziehungsweise der Armee befragt, ohne dass weitergehende Mass-
nahmen gegen ihn ergriffen wurden. Diese Befragungen erreichten für sich
kein asylrelevantes Ausmass. Im Weiteren geht das Gericht davon aus,
D-1320/2018
Seite 17
dass den Behörden der Aufenthaltsort des Beschwerdeführers trotz seiner
Bemühungen, unauffällig zu leben, bekannt gewesen sein dürfte. Immerhin
hielt er sich nach eigenen Angaben wiederholt bei nahen Familienangehö-
rigen auf und gelangte direkt oder indirekt bei verschiedenen Gelegenhei-
ten in Kontakt mit den Behörden (Heirat, Geburt des zweiten Sohnes, Ein-
schulung des ersten Sohnes, Ausstellung der Identitätskarte). Seine dies-
bezüglichen Beschwerdevorbringen erweisen sich als unerheblich, zumal
sie über die Verneinung der vorinstanzlichen Erwägungen nicht hinausge-
hen. Insoweit ist mit der Vorinstanz einig zu gehen, dass mangels entspre-
chender Massnahmen bis zur Ausreise die Behörden offenbar kein Inte-
resse an der Verfolgung des Beschwerdeführers hatten. Dass er ange-
sichts der zuvor erlittenen und befürchteten Nachteile subjektiv eine erheb-
liche Gefährdung durch staatliche Bedienstete fürchtete und dies sich gar
negativ auf seine psychische Verfassung auswirkte, ist – wie zuvor schon
erwähnt – zwar durchaus verständlich. Auch hier ist jedoch festzuhalten,
dass die subjektive Furcht für die Annahme der begründeten Furcht allein
nicht genügt. Das erneut auf Beschwerdeebene dargelegte Schicksal ei-
nes Dozenten, der wie der Beschwerdeführer für die LTTE Kämpfer
zwangsrekrutierte und später aufgrund dessen verhaftet und verurteilt
wurde (vgl. Beweismittel 18), vermag an dieser Einschätzung nichts zu än-
dern, zumal es – ungeachtet allfälliger Parallelen im Profil – keinen unmit-
telbaren Zusammenhang zur Situation des Beschwerdeführers aufweist
und er – wie eben dargelegt – gerade nicht weitergehend behelligt wurde.
7.4 Soweit die Vorinstanz schliesslich bezüglich der Vorbringen zur Unter-
stützung des LTTE-Mitglieds T. nicht von einer begründeten Furcht aus-
ging, weil dieser sich dem Beschwerdeführer zufolge vermutlich ins Aus-
land abgesetzt und somit einem allfälligen Zugriff der sri-lankischen Behör-
den entzogen habe, ist ihr im Ergebnis zuzustimmen. Aus den Akten geht
zwar hervor, dass T. und sein Umfeld ungeachtet dessen Flucht ins Aus-
land weiterhin im Visier der Behörden stehen und sich Ersterer auch im
Ausland exilpolitisch engagiert. In casu hat der Beschwerdeführer aber
nicht behauptet, dass er bis zur Ausreise aufgrund seiner Verbindung zu T.
Behelligungen durch die Behörden ausgesetzt war. Vor diesem Hinter-
grund ist schon in Zweifel zu ziehen, dass Letztere überhaupt Kenntnis von
seiner Unterstützung für T. hatten. Überdies ist wenig wahrscheinlich, dass
das blosse Reparieren eines (...) zu einer relevanten Verfolgung hätte füh-
ren können. Hinsichtlich der subjektiven Furcht des Beschwerdeführers
kann auf vorstehende Ausführungen verwiesen werden.
D-1320/2018
Seite 18
7.5 Gesamthaft ist für den Zeitpunkt der Ausreise nicht von einer asylrele-
vanten Vorverfolgung des Beschwerdeführers auszugehen, welche die
Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG begründen und zur Asylgewäh-
rung führen könnte.
8.
Der Beschwerdeführer bringt darüber hinaus vor, aufgrund von Ereignissen
nach seiner Ausreise – unter Berücksichtigung seiner Vorbringen zur Vor-
verfolgung – bei einer Rückkehr nach Sri Lanka mit beachtlicher Wahr-
scheinlichkeit ernsthafte Nachteile im Sinne von Art. 3 AsylG zu befürchten,
und macht geltend, mehrere Risikofaktoren zu erfüllen.
8.1 Gemäss Art. 54 AsylG wird Flüchtlingen kein Asyl gewährt, wenn sie
erst durch ihre Ausreise aus dem Heimat- oder Herkunftsstaat oder wegen
ihres Verhaltens nach der Ausreise Flüchtlinge im Sinne von Art. 3 AsylG
wurden (sog. subjektive Nachfluchtgründe). Personen mit subjektiven
Nachfluchtgründen werden als Flüchtlinge vorläufig aufgenommen. Mass-
gebend ist dabei, ob die heimatlichen Behörden das Verhalten der asylsu-
chenden Person als staatsfeindlich einstufen und diese deswegen bei ei-
ner Rückkehr in den Heimatstaat eine Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG
befürchten muss. Es bleiben damit die Anforderungen an den Nachweis
einer begründeten Furcht massgeblich (Art. 3 und 7 AsylG; vgl. zum Gan-
zen auch BVGE 2009/29 E. 5.1 und 2009/28 E. 7.1).
8.2 Im Referenzurteil E-1866/2015 vom 15. Juli 2016 hat das Bundesver-
waltungsgericht eine aktuelle Analyse der Situation von Rückkehrenden
nach Sri Lanka vorgenommen und festgestellt, dass aus Europa respektive
der Schweiz zurückkehrende tamilische Asylsuchende nicht generell einer
ernstzunehmenden Gefahr von Verhaftung und Folter ausgesetzt seien
(vgl. E-1866/2015 E. 8, insbesondere E. 8.3). Das Gericht orientiert sich
bei der Beurteilung des Risikos von Rückkehrenden, Opfer ernsthafter
Nachteile in Form von Verhaftung und Folter zu werden, an verschiedenen
Risikofaktoren. Dabei handelt es sich um das Vorhandensein einer tatsäch-
lichen oder vermeintlichen, aktuellen oder vergangenen Verbindung zu den
LTTE, um eine Teilnahme an exilpolitischen regimekritischen Handlungen
und um das Vorliegen früherer Verhaftungen durch die sri-lankischen Be-
hörden, üblicherweise im Zusammenhang mit einer tatsächlichen oder ver-
muteten Verbindung zu den LTTE (sog. stark risikobegründende Faktoren,
vgl. a.a.O., E. 8.4.1-8.4.3). Einem gesteigerten Risiko, genau befragt und
überprüft zu werden, unterliegen ausserdem Personen, die ohne die erfor-
http://links.weblaw.ch/BVGE-2009/29 http://links.weblaw.ch/BVGE-2009/28
D-1320/2018
Seite 19
derlichen Identitätspapiere nach Sri Lanka einreisen wollen, die zwangs-
weise nach Sri Lanka zurückgeführt werden oder die über die Internatio-
nale Organisation für Migration (IOM) nach Sri Lanka zurückkehren, sowie
Personen mit gut sichtbaren Narben (sog. schwach risikobegründende
Faktoren, vgl. a.a.O., E. 8.4.4 und 8.4.5). Das Gericht wägt im Einzelfall
ab, ob die konkret glaubhaft gemachten Risikofaktoren eine asylrechtlich
relevante Gefährdung der betreffenden Person ergeben. Dabei zieht es in
Betracht, dass insbesondere jene Rückkehrenden eine begründete Furcht
vor ernsthaften Nachteilen im Sinne von Art. 3 AsylG haben, denen seitens
der sri-lankischen Behörden zugeschrieben wird, dass sie bestrebt sind,
den tamilischen Separatismus wiederaufleben zu lassen (vgl. a.a.O.
E. 8.5.1).
Gemäss Erwägung 8.5.6 des Urteils E-1866/2015 fallen die Bejahung von
sogenannten Vorfluchtgründen und die Gewährung von Asyl ausser Be-
tracht, wenn eine Person vor ihrer Ausreise aus Sri Lanka trotz bereits vor-
handener Risikofaktoren nicht mit flüchtlingsrechtlich relevanten Nachtei-
len konfrontiert gewesen ist. Die Verneinung von Vorfluchtgründen
schliesst aber nicht aus, dass die betroffene Person bei ihrer Rückkehr
nach Sri Lanka aufgrund derselben, bereits vor der Ausreise vorhandenen
Risikofaktoren im Sinne von Nachfluchtgründen eine begründete Furcht
vor ernsthaften Nachteilen wie Verhaftung und Folter hat.
8.3 Hinsichtlich der Glaubhaftmachung der Vorbringen nach der Ausreise
des Beschwerdeführers aus Sri Lanka erscheint für das Gericht nicht aus-
geschlossen, dass der Bruder bei dessen Wiedereinreise nach Sri Lanka
im Jahr 2016 zum Beschwerdeführer befragt und die Familie einige Wo-
chen später vom CID angerufen wurde. Immerhin hat sich der Beschwer-
deführer – anders als vom SEM behauptet – in der vertieften Anhörung
sehr wohl auch zu diesen Vorkommnissen geäussert (vgl. A13 F6) und den
Brief des Vaters aus dem Jahr 2016 eingereicht. Insoweit erübrigen sich
weitere Ausführungen zum in der Replik – nach Abweisung in der Zwi-
schenverfügung vom 27. März 2018 erneut – gestellten Beweisantrag hin-
sichtlich der Ermittlung der Anrufer. Im Weiteren ist überwiegend wahr-
scheinlich, dass die Eltern des Beschwerdeführers – wie in der Replik dar-
gelegt – zuletzt im Mai 2018 kontaktiert wurden. Schliesslich ist den Akten
zu entnehmen und wird auch von der Vorinstanz nicht in Abrede gestellt,
dass der Beschwerdeführer in der Schweiz an Anlässen der tamilischen
Diaspora und namentlich einem Gedenkanlass für ein früheres LTTE-Mit-
glied teilnahm.
D-1320/2018
Seite 20
8.4 In Anwendung der vorstehend erwähnten Rechtsprechung und gestützt
auf den als glaubhaft zu erachtenden Sachverhalt (vgl. E. 6 und E. 8.3) ist
festzuhalten, dass der Beschwerdeführer im Sinne der dargelegten Praxis
ein relevantes Risikoprofil erkennen lässt. Er ist tamilischer Ethnie und hat
über viele Jahre, zuletzt als Mitglied, die LTTE unterstützt. Aufgrund dessen
wurde er bereits in jungen Jahren während eines Jahres inhaftiert und
schwer gefoltert, wovon er sichtbare Narben und psychische Probleme da-
von getragen hat. Auch während seiner Studienzeit engagierte er sich in
exponierter Stellung als Präsident einer pro-tamilischen Studierendenorga-
nisation für die Bewegung und geriet dabei in den Fokus der Behörden.
Sodann unterrichtete er in den Kriegsjahren zukünftige Mitglieder der Sea-
Tigers in der (...), half aktiv bei der Zwangsrekrutierung von Kämpfern und
wurde letztlich auch selbst von den LTTE zwangsrekrutiert. Zudem lebte er
in dieser Zeit im Vanni-Gebiet, dem Kerngebiet der LTTE und Schauplatz
der letzten Kampfhandlungen, und wurde dort von der Armee aufgegriffen.
Ferner geriet er nach Kriegsende wiederholt in den Fokus der Behörden,
welche offensichtlich seine LTTE-Zugehörigkeit vermuteten, wobei die Be-
helligungen bis zur Ausreise noch kein asylrelevantes Ausmass erreichten.
Sodann hat der Beschwerdeführer bislang kein Rehabilitierungsprogramm
in Sri Lanka durchlaufen. Hinzu kommt, dass er in der Schweiz, einem
Zentrum der tamilischen Diaspora, exilpolitisch tätig ist. Nach dem Gesag-
ten erfüllt er mehrere, teils stark risikobegründende Faktoren, welche es in
einer Gesamtbetrachtung überwiegend wahrscheinlich machen, dass er
bei den Behörden seines Heimatstaates registriert ist und sie ihm bei einer
Rückkehr eine Unterstützung des tamilischen Separatismus unterstellen
sowie ihn asylrelevanten Massnahmen aussetzen werden. Erst recht ist
davon auszugehen, dass er weitergehend verhört, überwacht, zu seiner
LTTE-Verbindung sowie weiteren Unterstützungsbemühungen zum Wie-
deraufleben der Bewegung befragt und verhaftet würde, als dies im Rah-
men der Backgroundchecks bei Wiedereinreise am Flughafen oder später
am Wohnort der Fall ist. Bei der Würdigung vorstehender Faktoren sind
massgeblich auch die aktuellen politischen Entwicklungen in Sri Lanka seit
der Machtübernahme des Rajapaksa-Clans Ende 2019 zu berücksichti-
gen. So geht das Gericht von einer Akzentuierung der Gefährdungslage für
Personen aus, welche – wie vorliegend der Beschwerdeführer – über ein
hinreichendes Risikoprofil verfügen (vgl. statt vieler Urteil des BVGer D-
2405/2020 vom 30. November 2020 E. 5.2 mit Hinweis auf Referenzurteil
E-1866/2015 und Human Rights Watch [HRW], Sri Lanka: Families of "Dis-
appeared" Threatened, 16. Februar 2020). Ergänzend sei erwähnt, dass
ihm bei einer allfälligen Wiedereinreise die erforderlichen Identitätspapiere
fehlen würden und er sich seit November 2015 – somit seit über fünf Jahren
D-1320/2018
Seite 21
– in der Schweiz befindet. In einer Gesamtwürdigung aller Umstände des
Einzelfalls verfügt der Beschwerdeführer damit kumuliert über zahlreiche
Merkmale, aufgrund derer er bei einer Rückkehr in die Heimat einem er-
höhten Verfolgungsrisiko ausgesetzt wäre und die Zufügung ernsthafter
Nachteile im Sinne von Art. 3 Abs. 2 AsylG zu befürchten hätte.
8.5 Nach dem Gesagten erfüllt der Beschwerdeführer angesichts seines
Risikoprofils die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG. Gründe für
den Ausschluss aus der Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 1 Bst. F FK
sind nicht ersichtlich. Er ist folglich als Flüchtling anzuerkennen; hingegen
schliesst Art. 54 AsylG die Gewährung von Asyl aus (Referenzurteil
E-1866/2015 E. 8.5.6).
8.6 Gemäss Art. 44 AsylG verfügt das SEM in der Regel die Wegweisung
aus der Schweiz, wenn es das Asylgesuch ablehnt oder nicht darauf ein-
tritt. Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche
Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol-
chen (vgl. BVGE 2009/50 E. 9 S. 733). Die Wegweisung wurde zu Recht
angeordnet.
8.7 Allerdings ist im Sinne einer Ersatzmassnahme das Anwesenheitsver-
hältnis nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Auf-
nahme zu regeln, wenn der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht
zumutbar oder nicht möglich ist (Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG
[SR 142.20]; BVGE 2009/51 E. 5.4). Für den vorliegenden Fall ergibt sich
aus den vorstehenden Erwägungen, dass der Beschwerdeführer die
Flüchtlingseigenschaft erfüllt. Der Vollzug der Wegweisung nach Sri Lanka
erweist sich daher wegen drohender Verletzung des flüchtlingsrechtlichen
Gebots des Non-Refoulements (Art. 5 AsyG; Art. 33 Abs. 1 FK) sowie auch
mit Blick auf Art. 3 EMRK als unzulässig, da davon ausgegangen werden
muss, dass er im Falle seiner Rückkehr ins Heimatland mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit einer menschenrechtswidrigen Behandlung ausgesetzt
wäre.
9.
Die Beschwerde ist gutzuheissen, soweit damit die Feststellung der Flücht-
lingseigenschaft und der Unzulässigkeit des Vollzugs der Wegweisung so-
wie die Anordnung der vorläufigen Aufnahme beantragt wurden. Im Übri-
gen ist sie abzuweisen. Die vorinstanzliche Verfügung vom 26. Januar
2018 ist demnach in den Dispositivziffern 1, 4 und 5 aufzuheben und die
D-1320/2018
Seite 22
Vorinstanz ist anzuweisen, den Beschwerdeführer als Flüchtling vorläufig
aufzunehmen.
10.
10.1 Die Kosten des Beschwerdeverfahrens und die Parteientschädigung
sind grundsätzlich nach dem Verhältnis von Obsiegen und Unterliegen
dem Beschwerdeführer aufzuerlegen beziehungsweise zuzusprechen
(Art. 63 Abs. 1 und Art. 64 Abs. 1 VwVG). Der Beschwerdeführer ist bezüg-
lich seines Antrags auf Gewährung von Asyl und seiner formellen Rügen
unterlegen. Hingegen hat er bezüglich der Feststellung der Flüchtlingsei-
genschaft und infolgedessen der Anordnung der vorläufigen Aufnahme ob-
siegt. Praxisgemäss bedeutet dies ein Obsiegen zu zwei Dritteln.
10.2 Die Kosten des Verfahrens wären danach im Umfang des Unterlie-
gens – mithin zu einem Drittel – dem Beschwerdeführer aufzuerlegen. Da
aber sein Antrag auf Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege mit Zwi-
schenverfügung vom 27. März 2018 gutgeheissen wurde und keine Verän-
derungen in den finanziellen Verhältnissen ersichtlich sind, hat er vorlie-
gend keine Verfahrenskosten zu tragen.
10.3 Nachdem der rubrizierte Rechtsanwalt dem Beschwerdeführer mit
gleicher Zwischenverfügung als amtlicher Rechtsbeistand beigeordnet
worden ist (vgl. Art. 110a Abs. 1 AsylG), ist er für seinen Aufwand unbese-
hen des Ausgangs des Verfahrens zu entschädigen, soweit dieser sachlich
notwendig war (vgl. Art. 12 i.V.m. Art. 8 Abs. 2 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Der Rechtsvertreter hat am
7. Juni 2018 eine Kostennote vorgelegt, in welcher ein Aufwand von 13.91
Stunden zu Fr. 220.– sowie Auslagen in Höhe von Fr. 130.– geltend ge-
macht werden. Das Bundesverwaltungsgericht geht bei amtlicher Vertre-
tung in der Regel von einem Stundenansatz zwischen Fr. 200.– bis
Fr. 220.– für Anwältinnen und Anwälte aus (vgl. Art. 12 i.V.m. Art. 10 Abs. 2
VGKE), weshalb das Stundenhonorar als angemessen zu erkennen ist.
Dies gilt auch hinsichtlich des zeitlichen Aufwands. Das amtliche Honorar
ist danach auf Fr. 3'190.20 (inklusive Auslagen und Mehrwertsteuerzu-
schlag im Sinne von Art. 9 Abs. 1 Bst. c VGKE) festzusetzen und dem rubri-
zierten Rechtsvertreter als amtlicher Rechtsbeistand zu einem Drittel, mit-
hin gerundet Fr. 1'064.–, aus der Gerichtskasse zu entrichten.
10.4 Im Umfang des Obsiegens im Beschwerdeverfahren – das heisst zu
zwei Dritteln – ist dem Beschwerdeführer in Anwendung von Art. 64 Abs. 1
D-1320/2018
Seite 23
VwVG eine Parteientschädigung für die ihm erwachsenen notwendigen
Vertretungskosten zuzusprechen (vgl. Art. 7 VGKE). Die bei den Akten lie-
gende Kostennote erscheint (vgl. E. 10.3) angemessen. Die von der Vor-
instanz auszurichtende Parteientschädigung ist demnach gleichermassen
auf Fr. 3’190.20 festzusetzen. Davon sind zwei Drittel, mithin gerundet
Fr. 2’127.–, dem Beschwerdeführer von der Vorinstanz als Parteientschä-
digung auszurichten.
(Dispositiv nächste Seite)
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