Decision ID: 94ba6944-dfd9-5780-a193-3ac8862b830c
Year: 2020
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich am 11. Februar 2010 (Datum Posteingang IV-Stelle) zum Bezug
von IV-Leistungen an (IV-act. 3). Am 11. August 2010 wurde der Versicherte von RAD-
Arzt Dr. med. B._, Facharzt für Prävention und Gesundheitswesen, untersucht.
Dieser erhob folgende Diagnosen: 1. eine HIV-Infektion Stadium C3 (ED 10/04); 2. eine
langjährige Polytoxikomanie, Substitution mit Heroin, Methadon und Valium; 3. eine
mittelschwere pulmonal-arterielle Hypertonie und eine rechtsventrikuläre Dilatation;
4. eine chronisch-venöse Insuffizienz mit massivem, wahrscheinlich
postthrombotischem Syndrom und multiplen Ulzerationen an beiden Unterschenkeln
und 5. einen Status nach abszedierender Unterlappenpneumonie rechts und
Unterlappenteilresektion rechts im April 2006. Die kardiovaskuläre Leistungsfähigkeit
des Versicherten sei eingeschränkt, so dass nur noch körperlich leichte Tätigkeiten
ohne Belastung durch Staub, Rauch, Gase oder Dämpfe zumutbar seien. Die
chronisch-venöse Insuffizienz führe zu Einschränkungen bei Tätigkeiten, die
ausschliesslich im Stehen oder Gehen verrichtet werden müssten. Die HIV-Infektion
schränke die Arbeitsfähigkeit bei Tätigkeiten mit Infektionsgefahr ein. Bei Beachtung
dieser Einschränkungen spreche medizinisch-theoretisch nichts gegen die Annahme
einer mindestens 50%igen Arbeitsfähigkeit für körperlich leichte wechselbelastende
Tätigkeiten (Untersuchungsbericht vom 18. August 2010, IV-act. 26).
A.a.
Am 18. und 21. Juli 2011 wurde der Versicherte im Auftrag der IV-Stelle in der
MEDAS Ostschweiz begutachtet. Die Gutachter erhoben folgende Diagnosen, die mit
einer Einschränkung der Arbeitsfähigkeit verbunden seien: Störungen durch Sedativa
oder Hypnotika, Abhängigkeitssyndrom, gegenwärtiger Substanzgebrauch; Störungen
A.b.
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durch Opioide, Abhängigkeitssyndrom, gegenwärtig in einem ärztlich überwachten
Ersatzdrogenprogramm, aber auch noch zusätzlich gegenwärtiger Substanzgebrauch,
HIV-Infektion Stadium C3, vordiagnostizierte chronische venöse Insuffizienz Stadium II
nach Widmer beidseits, vordiagnostizierte pulmonale Hypertonie Grad II nach WHO,
chronische Bronchitis, V.a. leichtgradige restriktive und mittelschwere obstruktive
Ventilationsstörung, Nikotinabusus. Aus somatischer Sicht dürfte die angestammte
Tätigkeit als Maler/Tapezierer spätestens seit März 2006 nicht mehr zumutbar sein. Aus
somatischer Sicht dürfte aufgrund der Polymorbidität eine ca. 40%ige Einschränkung
der Leistungsfähigkeit für adaptierte Tätigkeiten bestehen (60%ige Arbeitsfähigkeit bei
80%iger Anwesenheit mit vermehrten Pausen; IV-act. 88-2). Die Arbeitsfähigkeit aus
psychiatrischer Sicht könne aktuell nicht beurteilt werden, weil der Versicherte
zusätzlich zum ärztlich verordneten Heroin noch weiteres Heroin einnehme. Die Frage
könne erst beurteilt werden, wenn der Versicherte den Nachweis einer mindestens
sechsmonatigen Abstinenz dieses zusätzlich eingenommenen Heroins erbringe
(Gutachten vom 22. Dezember 2011, IV-act. 73, insbesondere IV-act. 73-21 f. und IV-
act. 73-27 f.). Am 3. April 2012 und 17. Juli 2012 beantwortete die MEDAS Rückfragen
der IV-Stelle (IV-act. 77 und 87 f.). Nach durchgeführtem Vorbescheidverfahren (IV-
act. 99 und IV-act. 101) verfügte die IV-Stelle am 5. März 2013 die Abweisung des
Gesuchs um berufliche Massnahmen, da sich der Versicherte nicht in der Lage sehe,
im Rahmen der seitens des RAD beurteilten Arbeitsfähigkeit an
Eingliederungsmassnahmen mitzuwirken (IV-act. 105). Die dagegen erhobene
Beschwerde vom 19. April 2013 (IV-act. 111) wies das Versicherungsgericht mit
Entscheid vom 13. Dezember 2013, IV 2013/175, ab (siehe hierzu sowie bis zum dahin
eingetretenen Sachverhalt IV-act. 121).
Am 24. Juni 2014 ersuchte der Versicherte die IV-Stelle, die Abklärungen
bezüglich der Rentenfrage wiederaufzunehmen. Sein Gesundheitszustand habe sich
verschlechtert (IV-act. 124). Med. pract. C._ bescheinigte dem Versicherten eine
50%ige Arbeitsunfähigkeit. Sie erachtete es aus gesundheitlichen Gründen jedoch
nicht als möglich, dass der Versicherte auf dem ersten Arbeitsmarkt eine Teil- oder gar
Vollzeittätigkeit erfüllen könne (Bericht vom 13. März 2015, IV-act. 141; siehe auch den
Verlaufsbericht vom 4. Oktober 2016, IV-act. 172). In der Stellungnahme vom 31. März
2015 vertrat der RAD-Arzt Dr. B._ die Ansicht, dass sich der Gesundheitszustand des
A.c.
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Versicherten seit der Beurteilung durch die Medas Ostschweiz nicht verschlechtert
habe (IV-act. 143).
Am 25. August 2015 teilte die IV-Stelle dem Versicherten mit, dass wegen
fehlender Drogenabstinenz keine beruflichen Eingliederungsmassnahmen durchgeführt
werden könnten, weshalb das Gesuch um berufliche Massnahmen abgewiesen werde
(IV-act. 152).
A.d.
Dr. med. D._, Klinik für Infektiologie/Spitalhygiene am Kantonsspital St. Gallen
(KSSG), berichtete am 28. Juli 2016, der Gesundheitszustand des Versicherten sei
bezüglich der HIV-Infektion stationär. Im Verlauf sei indessen eine zunehmende
Lumbalgie aufgetreten. Diese vermindere die körperliche Leistungsfähigkeit des
Versicherten. Zur näheren Beurteilung empfahl Dr. D._ eine Abklärung durch einen
Spezialisten (IV-act. 167).
A.e.
Im Auftrag der IV-Stelle wurde der Versicherte an mehreren Tagen im Mai 2017 und
am 6. Juni 2017 polydisziplinär (allgemeininternistisch, pneumologisch, psychiatrisch,
orthopädisch, neurologisch und angiologisch) im BEGAZ Begutachtungszentrum,
Binningen, untersucht. Die Gutachter erhoben folgende Diagnosen, denen sie eine
Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit beimassen: 1. eine COPD Gold II; 2. eine pulmonal-
arterielle Hypertonie; 3. einen Verdacht auf Persönlichkeitsveränderung nach
jahrzehntelangem Drogenkonsum (ICD-10: F62.8); 4. ein lumbospondylogenes
Syndrom; 5. eine periphere Polyneuropathie mit links peronealer Betonung; 6.
sporadische synkopale Episoden; 7. ein schweres postthrombotisches Syndrom der
unteren Extremitäten nach langjährigem intravenösem Drogenkonsum und 8. ein
Lymphödem beider oberer Extremitäten bei Zustand nach langjährigem intravenösem
Drogenkonsum. Gesamtmedizinisch sei festzuhalten, dass diverse qualitative
Einschränkungen bestünden. Aufgrund der Polyneuropathie seien Tätigkeiten mit
besonderer Beanspruchung der Gleichgewichtsfunktionen ungeeignet. Jegliche
Tätigkeit mit Belastung der unteren Extremitäten sei dem Versicherten nicht zumutbar.
Tätigkeiten mit wechselnder sitzender und stehender Position und mit der Möglichkeit,
beim Auftreten von Beschwerden die Beine hochzulagern, seien dem Versicherten
zumutbar. Der Versicherte sei als allgemein vermindert belastbar einzustufen. Er könne
keine Verantwortung übernehmen, sollte nicht unter Zeitdruck arbeiten und keine
A.f.
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B.
gefährlichen Maschinen bedienen müssen. Tätigkeiten mit atemwegsreizenden Stoffen
oder in andauernder Kälte und Nässe seien zu vermeiden. Die angestammte Tätigkeit
als Maler und Tapezierer sei ihm deshalb dauernd nicht mehr zumutbar. Aus
pneumologischer und angiologischer Sicht habe sich die Situation seit 2011 nicht
verändert. In einer den Leiden des Versicherten angepassten Tätigkeit bestehe
weiterhin eine 40%ige Einschränkung (polydisziplinäres Gutachten vom 28. Juni 2017,
IV-act. 205, insbesondere IV-act. 205-79 f. und -86 f.). Der RAD-Arzt Dr. B._ hielt das
Gutachten des BEGAZ aus versicherungsmedizinischer Sicht für schlüssig. Die 60%ige
Restarbeitsfähigkeit sei in einem 80%igen Pensum verwertbar (Stellungnahme vom
12. Juli 2017, IV-act. 206).
Mit Vorbescheid vom 31. Juli 2017 stellte die IV-Stelle dem Versicherten die
Zusprache einer Viertelsrente mit Wirkung ab 1. August 2010 in Aussicht. Sie nahm zur
Bestimmung des Invaliditätsgrads im Ergebnis einen Prozentvergleich vor und
berücksichtigte wegen bloss noch teilzeitlich möglichen Erwerbspensums einen
8%igen Tabellenlohnabzug, woraus ein 45%iger Invaliditätsgrad resultierte (IV-
act. 210). Dagegen erhob der Versicherte am 21. September 2017 Einwand. Zur
Begründung brachte er vor, dass ein Tabellenlohnabzug von mindestens 20%
gerechtfertigt sei (IV-act. 214). Mit Verfügung vom 28. Dezember 2017 sprach die IV-
Stelle dem Versicherten eine Viertelsrente mit Wirkung ab 1. August 2010 zu (IV-
act. 220).
A.g.
Gegen die Verfügung vom 28. Dezember 2017 erhob der Beschwerdeführer am
31. Januar 2018 Beschwerde. Darin beantragte er deren Aufhebung und die Zusprache
einer mindestens halben Invalidenrente ab 1. August 2010. Eventualiter sei die
Angelegenheit zu weiteren Abklärungen an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen;
alles unter Kosten- und Entschädigungsfolge. Im Wesentlichen brachte der
Beschwerdeführer zur Begründung vor, dass sämtliche BEGAZ-Gutachter massive
qualitative Einschränkungen formuliert hätten. Zu berücksichtigen sei ausserdem sein
fortgeschrittenes Alter. Seine Resterwerbsfähigkeit werde auf dem ausgeglichenen
Arbeitsmarkt realistischerweise nicht mehr nachgefragt. Sollte von einer Verwertbarkeit
B.a.
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Erwägungen
1.
Zwischen den Parteien umstritten und nachfolgend zu prüfen ist der Rentenanspruch
des Beschwerdeführers.
der Resterwerbsfähigkeit ausgegangen werden, so sei ein Tabellenlohnabzug von 25%
gerechtfertigt (act. G 1).
Die Beschwerdegegnerin beantragt in der Beschwerdeantwort vom 21. März 2018
die Abweisung der Beschwerde. Dem Beschwerdeführer stünden noch genügend
geeignete Tätigkeiten offen, so etwa leichtere Maschienenbedienungs-, Kontroll-,
Sortier-, Prüf- sowie Verpackungsarbeiten, eine Beschäftigung an einem Empfang oder
als Telefonist. Auch trotz des fortgeschrittenen Alters seien die Anstellungschancen als
intakt zu erachten. Aufgrund der diversen körperlichen Leiden sei ein 10%iger Abzug
angemessen. Der reduzierte Beschäftigungsgrad führe zu keiner proportionalen
Lohneinbusse, sodass kein Teilzeitabzug vorzunehmen sei. Insgesamt sei ein 10%iger
Tabellenlohnabzug angemessen (act. G 5).
B.b.
Am 29. März 2018 wurde dem Gesuch um Bewilligung der unentgeltlichen
Rechtspflege für das Verfahren vor Versicherungsgericht entsprochen (act. G 6).
B.c.
In der Replik vom 26. April 2018 hält der Beschwerdeführer unverändert an den
Beschwerdeanträgen fest (act. G 8).
B.d.
Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik (act. G 10).B.e.
Anspruch auf eine Rente haben gemäss Art. 28 Abs. 1 des Bundesgesetzes über
die Invalidenversicherung (IVG; SR 831.20) Versicherte, die ihre Erwerbsfähigkeit oder
die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht durch zumutbare
Eingliederungsmassnahmen wiederherstellen, erhalten oder verbessern können (lit. a),
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindestens 40%
arbeitsunfähig gewesen sind (lit. b) und nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40%
invalid sind (lit. c). Als Invalidität gilt laut Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den
Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) die voraussichtlich
bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit.
1.1.
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2.
In medizinischer Hinsicht ist der Sachverhalt mit dem BEGAZ-Gutachten vom 28. Juni
2017 in den Disziplinen Allgemeine Innere Medizin, Pneumologie, Psychiatrie,
Orthopädie, Neurologie und Angiologie überzeugend abgeklärt worden. Das Gutachten
Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder
psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und
Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf
dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für
die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen
der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit
liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2
ATSG).
Für die Bestimmung des Invaliditätsgrads wird das Erwerbseinkommen, das die
versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach Durchführung der
medizinischen Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr
zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte, in Beziehung
gesetzt zum Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid
geworden wäre (Art. 16 ATSG).
1.2.
Nach Art. 28 Abs. 2 IVG besteht Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn die
versicherte Person mindestens zu 70%, derjenige auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie
mindestens zu 60% invalid ist. Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50% besteht
ein Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40%
ein Anspruch auf eine Viertelsrente.
1.3.
Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung und im
Beschwerdefall das Gericht auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und
gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des
Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung
zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte
Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 261 E. 4). Hinsichtlich des Beweiswerts eines
Arztberichts ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist,
auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden
berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten abgegeben worden ist, in der Darlegung der
medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation
einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen des Experten begründet sind (BGE 125 V
352 E. 3a).
1.4.
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beruht auf umfassenden polydisziplinären persönlichen Untersuchungen und erfolgte in
Kenntnis sowie Diskussion der relevanten medizinischen Aktenlage. Die
Leidensangaben des Beschwerdeführers wurden berücksichtigt. Die gutachterliche
Beurteilung, die in Berücksichtigung des bundesgerichtlichen
Standardindikatorenkatalogs - der u.a. auch für Abhängigkeitssyndrome zu beachten
ist (BGE 145 V 215) - erfolgte (siehe zum Fragekatalog und dem Hinweis auf BGE 141 V
281 [=9C_492/2014] IV-act. 195), enthält eine plausible Konsistenz- und
Ressourcenprüfung und die mit Blick auf die Arbeitsfähigkeit gezogenen Schlüsse
leuchten ein. Gestützt darauf ist mit überwiegender Wahrscheinlichkeit davon
auszugehen, dass der Beschwerdeführer für leidensangepasste Tätigkeiten über eine
60%ige Arbeitsfähigkeit verfügt (IV-act. 205, insbesondere IV-act. 205-86 f.). Die
Beschwerdegegnerin hat deshalb bei der Beurteilung des Rentenanspruchs zurecht auf
die darin bescheinigte Arbeitsfähigkeit abgestellt. Auch der Beschwerdeführer benennt
keine Mängel an der gutachterlichen Beurteilung.
3.
Der Beschwerdeführer bestreitet die Verwertbarkeit der gutachterlich bescheinigten
Restarbeitsfähigkeit von 60% auf dem ausgeglichenen Arbeitsmarkt (act. G 1).
Die Frage der Verwertbarkeit der (Rest-)Arbeitsfähigkeit (auch bei vorgerücktem
Alter; BGE 138 V 460 E. 3.1) beurteilt sich bezogen auf einen ausgeglichenen
Arbeitsmarkt (Art. 16 Abs. 1 ATSG), wobei an die Konkretisierung von
Arbeitsgelegenheiten und Verdienstaussichten keine übermässigen Anforderungen zu
stellen sind. Das fortgeschrittene Alter wird, obgleich an sich ein invaliditätsfremder
Faktor, in der Rechtsprechung als Kriterium anerkannt, das zusammen mit weiteren
persönlichen und beruflichen Gegebenheiten dazu führen kann, dass die einer
versicherten Person verbliebene Resterwerbsfähigkeit auf dem ausgeglichenen
Arbeitsmarkt realistischerweise nicht mehr nachgefragt wird, und dass ihr deren
Verwertung auch gestützt auf die ihr obliegende Selbsteingliederungslast nicht mehr
zumutbar ist. Fehlt es an einer wirtschaftlich verwertbaren Resterwerbsfähigkeit, liegt
eine vollständige Erwerbsunfähigkeit vor, die einen Anspruch auf eine ganze
Invalidenrente begründet (BGE 138 V 459 E. 3.1). Für den Zeitpunkt, in dem die Frage
nach der Verwertbarkeit der (Rest-)Arbeitsfähigkeit bei vorgerücktem Alter beantwortet
wird, ist auf das Feststehen der medizinischen Zumutbarkeit einer
(Teil-)Erwerbstätigkeit abzustellen (BGE 138 V 462 E. 3.3; vgl. zum Ganzen auch Urteil
des Bundesgerichts vom 26. Oktober 2015, 8C_338/2015, E. 2).
3.1.
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Bezüglich des für die Bestimmung des vorgerückten Alters massgebenden
Zeitpunkts kann entgegen der Auffassung der Beschwerdegegnerin (act. G 5, III. Rz 3
am Schluss) vorliegend nicht auf das Datum des Gutachtens der Medas Ostschweiz
(22. Dezember 2011, IV-act. 73) abgestellt werden. Denn die Gutachter der Medas
Ostschweiz vermochten gerade keine aussagekräftige umfassende
Arbeitsfähigkeitsbeurteilung vorzunehmen, wie aus der Stellungnahme vom 17. Juli
2012 hervorgeht. Darin führten sie aus, dass es aus psychiatrischer Sicht nicht möglich
sei, die Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers unter Ausblendung des ärztlich
verordneten Heroins, des Methadons und des Valiums zu beurteilen, weil von ihm nicht
verlangt werden könne, diesbezüglich eine Abstinenz zu erreichen und diese dann
während einer gewissen Zeit einzuhalten. Zusammenfassend sei von einer weiterhin
instabilen Situation auszugehen. Eingliederungsmassnahmen in den ersten
Arbeitsmarkt dürften auch unter entsprechenden Auflagen infolge zu grosser Instabilität
scheitern (IV-act. 88; zur fehlenden objektiven Eingliederungsfähigkeit siehe auch den
Entscheid des Versicherungsgerichts vom 13. Dezember 2013, IV 2013/175, E. 2.1.1,
IV-act. 121-9 f.). Zudem verschlechterte sich der Gesundheitszustand des
Beschwerdeführers in der Folge. So trat eine zunehmende Lumbalgie auf (IV-act. 167;
siehe auch die RAD-Stellungnahme vom 28. Oktober 2016, IV-act. 193-2) und die
Beschwerdegegnerin erachtete eine neuerliche polydisziplinäre Begutachtung für
erforderlich. Der orthopädische BEGAZ-Gutachter beschrieb ein lumbospondylogenes
Syndrom mit doch deutlichen degenerativen Veränderungen im Bereich der LWS und
formulierte mehrere qualitative Einschränkungen der Arbeitsfähigkeit (IV-act. 205-84
oben). Neu wurde zudem aus neurologischer Sicht eine 10%ige Arbeitsunfähigkeit
bezogen auf leidensangepasste Tätigkeiten bescheinigt (IV-act. 205-85; zur
retrospektiven Verlaufsbeurteilung siehe IV-act. 205-73). Unter diesen Umständen ist
das Feststehen der medizinischen Restarbeitsfähigkeit auf das Datum des BEGAZ-
Gutachtens und damit auf den 28. Juni 2017 festzusetzen. In diesem Zeitpunkt war der
Beschwerdeführer 57-jährig und stand damit im fortgeschrittenen Alter (vgl. hierzu etwa
das Urteil des Bundesgerichts vom 10. Dezember 2012, 8C_409/2012, E. 4). Allerdings
verblieb ihm immerhin eine knapp 8-jährige Aktivitätsdauer bis zum Erreichen des
ordentlichen AHV-Rentenalters (Vollendung des 65-igsten Altersjahres; Art. 21 Abs. 1
lit. a des Bundesgesetzes über die Alters- und Hinterlassenenversicherung [AHVG;
SR 831.10]).
3.2.
Aus pneumologischer Sicht sind dem Beschwerdeführer nur noch leichte
körperliche Tätigkeiten zumutbar. Dabei bestehen Einschränkungen für Tätigkeiten mit
atemwegsreizenden Stoffen oder in andauernder Kälte und Nässe (IV-act. 205-31
unten). Der psychiatrische BEGAZ-Gutachter gelangte zum Schluss, dass der
3.3.
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Beschwerdeführer allgemein vermindert belastbar sei, keine Verantwortung
übernehmen könne, nicht unter Zeitdruck arbeiten solle und keine gefährlichen
Maschinen bedienen könne. Die Tätigkeit solle klar strukturiert sein (IV-act. 205-48
oben). Aus orthopädischer Sicht wurden zusätzlich folgende qualitativen
Anforderungen formuliert: wechselbelastende, also teils sitzende, teils stehende, teils
gehende Tätigkeiten ohne Überkopfarbeiten, ohne häufiges Bücken, ohne
Zwangshaltung, ohne Tätigkeiten in absturzgefährdeter Position (IV-act. 205-57 oben).
Aus neurologischer Sicht seien körperlich monotone Tätigkeiten, die mit
Körperzwangshaltungen einhergehen, ungeeignet. Ferner seien Tätigkeiten mit
besonderer Beanspruchung der Gleichgewichtsfunktionen ungeeignet. Unzumutbar
seien nicht-ebenerdige Tätigkeiten. Des Weiteren seien Arbeiten an Maschinen/Geräten
mit potentieller Eigen- und Fremdgefährdung ungeeignet. Dies betreffe auch eine
berufliche Tätigkeit, die mit dem Führen von Motorfahrzeugen einhergehe (IV-
act. 205-72). Ausserdem hielt der angiologische BEGAZ-Gutachter jegliche Tätigkeit
mit Belastung der unteren Extremitäten für unzumutbar. Tätigkeiten mit wechselnder
sitzender und stehender Position und mit der Möglichkeit, beim Auftreten von
Beschwerden die Beine hochzulagern, seien zumutbar (IV-act. 205-78). Folglich
bestehen zahlreiche, das Spektrum möglicher Tätigkeiten erheblich einschränkende
Anforderungen. Dies gilt namentlich auch für die von der Beschwerdegegnerin
genannten leichteren Maschinenbedienungs-, Kontroll-, Sortier-, Prüf- sowie
Verpackungsarbeiten. Denn auch diese Tätigkeiten beinhalten regelmässig monotone
Arbeitsschritte in Zwangshaltungen und erfolgen unter Zeitdruck. Zudem ist die
Erledigung solcher Verrichtungen durch die Massenproduktion fremdbestimmt, womit
fraglich erscheint, dass sie in Wechselbelastung ausgeführt werden können, dass sie
mit der allgemein verminderten Belastbarkeit des Beschwerdeführers zu vereinbaren
sind und dass genügend Möglichkeiten für das Hochlagern der Beine bestehen.
Ebenso fraglich erscheint, ob bei diesen industriellen Tätigkeiten «lufthygienisch
akzeptable Bedingungen» (IV-act. 73-28) bestehen. Die vom psychiatrischen BEGAZ-
Gutachter mit grosser Wahrscheinlichkeit angenommene Wesensveränderung (IV-
act. 205-45 Mitte) und «Abflachung der Persönlichkeit» (IV-act. 205-43) dürften wohl
mit Tätigkeiten mit regelmässigem Kundenkontakt nicht zu vereinbaren sein. Deshalb
scheinen die von der Beschwerdegegnerin genannten Tätigkeiten am Empfang oder als
«Telefonist» (act. G 5, III. Rz 3) nicht leidensangepasst. Zudem sind solche Tätigkeiten
stark an den Bedürfnissen der Kunden orientiert, weshalb sie in der Regel nicht klar
strukturiert, sondern einzelfallabhängig zu erbringen sind. Der Vollständigkeit halber ist
zu ergänzen, dass sich bereits die Gutachter der Medas Ostschweiz zu einer
Integration des Beschwerdeführers in den ersten Arbeitsmarkt u.a. wegen seiner
Teilnahme am Drogenersatzprogramm und der damit verbundenen Instabilität
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pessimistisch äusserten (IV-act. 88 unten; zur fortgesetzten Substitutionstherapie siehe
auch IV-act. 205-45). Auch die Eingliederungsverantwortliche der Beschwerdegegnerin
ging von einer schweren Vermittelbarkeit des Beschwerdeführers aus (Eintrag vom
18. Dezember 2012, IV-act. 95-8). Des Weiteren scheiterten Versuche einer Integration
in den ersten, zweiten und auch in den dritten Arbeitsmarkt (siehe IV-act. 141-7 Mitte
und 141-8 oben). Der Beschwerdeführer ist bei einer Verwertung der
Restarbeitsfähigkeit von 60% unbestrittenermassen auf eine 80%ige Präsenz
angewiesen (siehe etwa IV-act. 216-1 Mitte). Die Teilarbeitsfähigkeit und das
gleichzeitig reduzierte Rendement wirken sich für einen Arbeitgeber wirtschaftlich
zusätzlich nachteilig aus.
Im Fall des Beschwerdeführers kommt ausserdem eine ausgeprägte
arbeitsmarktliche Desintegration hinzu, der nach der Rechtsprechung des
Bundesgerichts bei der Beurteilung der Verwertbarkeitsfrage entscheidende
Bedeutung zukommt (Urteil des Bundesgerichts vom 20. Januar 2020, 9C_644/2019,
E. 4.3.2). Im Vergleich zum vom Bundesgericht beurteilten Fall - bei dem die nur zwei
Jahre ältere Versicherte für sitzende Tätigkeiten im Übrigen über eine 100%ige
Arbeitsfähigkeit verfügte (E. 2 des genannten Urteils des Bundesgerichts) - stellt sich
die arbeitsmarktliche Desintegration des Beschwerdeführers noch viel dramatischer
dar. Dem Auszug aus dem individuellen Konto ist zu entnehmen, dass der
Beschwerdeführer - trotz seiner in den Jahren 197_ bis 197_ absolvierten Ausbildung
zum Maler-Tapezierer und der in den Jahren 198_ bis 198_ absolvierten Ausbildung
zum kaufmännischen Angestellten (IV-act. 3-4) - im ersten Arbeitsmarkt nie Fuss zu
fassen vermochte (IV-act. 16; siehe auch die gleichlautende Einschätzung der
Beschwerdegegnerin in act. G 5, III. Rz 2; siehe auch die Angaben von med.
pract. C._ vom 13. März 2015, IV-act. 141-9 Mitte). Er sei nie einer geregelten Arbeit
nachgegangen. Er habe hin und wieder versucht, Fuss zu fassen, sei jedoch immer
wieder gescheitert (Assessmentprotokoll vom 21. Mai 2015, IV-act. 149-2). Spätestens
seit 2006 war der Beschwerdeführer überhaupt nicht mehr in einen Arbeitsprozess
eingebunden (IV-act. 133-2 Mitte). So fiel denn auch dem psychiatrischen BEGAZ-
Gutachter in damit zu vereinbarender Weise auf, dass der Beschwerdeführer schon seit
Jahrzehnten keiner beruflichen Tätigkeit (auf dem ersten Arbeitsmarkt) mehr
nachgegangen sei (IV-act. 205-43). Die Jahrzehnte dauernde Absenz von einem
Arbeitsplatz im primären Arbeitsmarkt wirke sich ungünstig aus (IV-act. 205-44).
Folglich kann der Beschwerdeführer in keiner Weise von bereits erworbenen
Kompetenzen profitieren, die in einer Verweistätigkeit auf dem als ausgeglichen
unterstellten Arbeitsmarkt verwertbar wären. Dies führt auch bei einer optimal
leidensangepassten Tätigkeit oder einem Nischenarbeitsplatz zu einem für einen
3.4.
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4.
zukünftigen Arbeitgeber maximalen Umstellungs- und Einarbeitungsaufwand, sodass
aufgrund der konkreten Umstände praktisch keine Anstellungschancen bestehen (Urteil
des Bundesgerichts vom 20. Januar 2020, 9C_644/2019, E. 4.3.2).
Wird die Resterwerbsfähigkeit auf dem ausgeglichenen Arbeitsmarkt
realistischerweise nicht mehr nachgefragt bzw. fehlt es an einer wirtschaftlichen
Verwertbarkeit derselben, so liegt eine vollständige Erwerbsunfähigkeit vor. So verhält
es sich hier (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 20. Januar 2020, 9C_644/2019, E. 5)
und insbesondere auch rückwirkend bis zur Gesuchstellung, zumal wegen des
längerdauernden, von den Gutachtern der Medas Ostschweiz festgestellten instabilen
Gesundheitszustands eine Eingliederung nicht möglich war (siehe etwa die
Stellungnahme vom 17. Juli 2012, IV-act. 88-1 unten; zur fehlenden objektiven
Eingliederungsfähigkeit siehe auch den Entscheid des Versicherungsgerichts vom
13. Dezember 2013, IV 2013/175, E. 2.1.1, IV-act. 121-9 f., die Stellungnahmen der
Eingliederungsberaterin vom 8. August 2014, IV-act. 125, sowie vom 10. Dezember
2014, IV-act. 131, insbesondere IV-act. 131-1 unten betreffend Lungenentzündung,
den Eintrag der Eingliederungsberaterin vom 17. Dezember 2014, IV-act. 133-5, die E-
Mail der Sozialen Dienste St. Gallen vom 27. November 2014, IV-act. 130 oben, und
die Mitteilung über die Abweisung des Gesuchs um berufliche Massnahmen vom
25. August 2015, IV-act. 152). Damit hat der Beschwerdeführer ab 1. August 2010
Anspruch auf eine ganze Rente.
3.5.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde gutzuheissen und dem Beschwerdeführer
mit Wirkung ab 1. August 2010 eine ganze Rente zuzusprechen. Zur Festsetzung und
Ausrichtung der Rentenleistungen ist die Sache an die Beschwerdegegnerin
zurückzuweisen.
4.1.
Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis
Fr. 1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.--
erscheint als angemessen. Die Beschwerdegegnerin hat ausgangsgemäss die gesamte
Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- zu bezahlen.
4.2.
bis
Gemäss Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende beschwerdeführende Partei
Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Die Parteientschädigung wird vom
Versicherungsgericht festgesetzt und ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der
Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen. In
der Verwaltungsrechtspflege beträgt das Honorar vor Versicherungsgericht nach
4.3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/13
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