Decision ID: 13160b89-a167-5e06-9a9d-9ee809ea9dae
Year: 2013
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführer,
vertreten durch Rechtsanwältin Dr. iur. Barbara Wyler, Wyler Koch Rechtsanwälte,
Zürcherstrasse 310, Postfach 1011, 8501 Frauenfeld,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdegegnerin,
betreffend
Rente
Sachverhalt:
A.
A.a A._ erlitt am 25. Januar 2008 einen Arbeitsunfall (Schadenmeldung UVG; act. G
10.2, nicht nummerierte Fremdakten). Hausarzt Dr. med. B._, Facharzt Allgemeine
Innere Medizin, diagnostizierte im April 2008 eine Lumboischalgie rechts bei
Diskushernie L5/S1 mit Kompression Wurzel L5 sowie eine Spondylarthrose und
attestierte eine 100 %ige Arbeitsunfähigkeit vom 6. Februar 2008 bis auf Weiteres
(Fragebogen der Krankentaggeldversicherung vom 31. März 2008; act. G 10.2, nicht
nummerierte Fremdakten).
A.b Auf Verlangen seiner Krankentaggeldversicherung (Aktennotiz des
Krankentaggeldversicherers vom 21. April 2008; act. G 10.2, nicht nummerierte
Fremdakten) meldete sich der Versicherte am 14. Mai 2008 unter Hinweis auf sein
Bandscheibenproblem für berufliche Massnahmen bei der IV-Stelle des Kantons St.
Gallen an (IV-act. 4-1 ff.).
A.c In einem Frühinterventions-Gespräch vom 23. Mai 2008 führte Dr. med. C._
vom Regionalen Ärztlichen Dienst (RAD) der Invalidenversicherung nach einem
gleichentags geführten Gespräch mit dem behandelnden Arzt Dr. B._ aus, die
Diagnosen Lumbovertebralsyndrom mit Schmerzausstrahlung ins Gesäss bei
Spondylarthrose mit Diskushernie L5/S1 sowie Wurzelkompression S1, bestehend seit
1999, würden die Arbeitsfähigkeit des Versicherten beeinträchtigen. Der Versicherte
habe jedoch die angestammte Tätigkeit als E._ am 12. Mai 2008 wieder vollschichtig
aufgenommen (IV-act. 12-1 f.). Dr. B._ unterzeichnete das Gesprächsprotokoll am
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
27. Mai 2008 und korrigierte, dass der Versicherte die angestammte Tätigkeit nur noch
im Halbtagspensum ausführen könne (IV-act. 15-1 f.).
A.d Mit Vorbescheid vom 2. Juni 2008 stellte die IV-Stelle die Abweisung des
Leistungsbegehrens des Versicherten betreffend berufliche Massnahmen in Aussicht
(IV-act. 18-1 f.).
A.e Am 5. Juni 2008 erstattete die Firma D._ [Branche E._] einen
Arbeitgeberbericht. Darin wurde ausgeführt, dass der Versicherte seit dem 11. April
1988 im Vollzeitpensum und Stundenlohn als E._-Arbeiter im Unternehmen tätig sei.
Ab dem 13. Mai 2008 verrichte er Kleinarbeiten im Magazin im 50 %-Pensum (IV-act.
20-1 ff.).
A.f Mit Verfügung vom 11. August 2008 lehnte die IV-Stelle den Antrag des Ver
sicherten auf berufliche Massnahmen ab. Der Versicherte habe die bisherige Tätigkeit
als E._-Mitarbeiter per 12. Mai 2008 wieder zu 100 % aufgenommen. Er sei bestens
eingegliedert; berufliche Massnahmen seien somit nicht notwendig (IV-act. 24-1 f.).
A.g Aufgrund der 50 %igen Arbeitsunfähigkeit des Versicherten kündigte die Arbeit
geberin mit Schreiben vom 25. August 2008 das Arbeitsverhältnis per 30. November
2008 (IV-act. 26-5, 28-8).
A.h Gegen die Verfügung vom 11. August 2008 liess der Versicherte am
10. September 2008 Beschwerde erheben. Darin wurde beantragt, die angefochtene
Verfügung sei aufzuheben; die Angelegenheit sei an die IV-Stelle zurückzuweisen und
diese sei zu verpflichten, zusätzliche tatsächliche und medizinische Abklärungen
vorzunehmen. Es sei anschliessend zu prüfen, ob berufliche Massnahmen inkl. solche
der Frühintervention zu treffen seien; es sei der Rechtsvertreterin des Versicherten
Akteneinsicht zu gewähren und ihr im Rahmen der Einräumung des rechtlichen Gehörs
eine zusätzliche Äusserungsmöglichkeit zur Ergänzung der Beschwerdebegründung
einzuräumen. In der Beschwerde wurde ausgeführt, es treffe nicht zu, dass der
Versicherte die bisherige Tätigkeit als E._-Mitarbeiter per 12. Mai 2008 wieder zu
100 % aufgenommen habe (IV-act. 25-3 ff.). Mit Eingabe vom 17. November 2008 liess
der Versicherte die Beschwerde ergänzen (IV-act. 38-1 ff.).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.i Mit Schreiben vom 4. Dezember 2008 informierte die IV-Stelle den Versicherten,
dass ihm durch die IV-Stellenvermittlung Beratung und Unterstützung bei der Stellen
suche gewährt werde (IV-act. 45-1 f.). Die IV-Stelle widerrief am 8. Dezember 2008 ihre
Verfügung vom 11. August 2008 und stellte weitere Abklärungen in Aussicht (IV-act.
46-1 f.). Infolge Gegenstandslosigkeit schrieb das Versicherungsgericht des Kantons
St. Gallen die Beschwerde mit Entscheid vom 8. Januar 2009 (IV 2008/377) ab (IV-
act. 49-1 ff.).
A.j Mit Schreiben vom 13. Februar 2009 liess die Rechtsvertreterin des Versicherten
der IV-Stelle ihren Bericht über die Hausbesprechung vom 10. Februar 2009 mit den
zuständigen IV-Eingliederungsberatern zukommen (IV-act. 50-1 ff.). Darin wurde unter
anderem ausgeführt, dass sich der Versicherte aktuell zwecks Abklärung der Arbeits-
und Leistungsfähigkeit im vollzeitlichen Einsatzprogramm des Regionalen Arbeitsver
mittlungszentrums (RAV) mit Einsatzdauer vom 9. Februar bis 9. April 2009 befinde (IV-
act. 50-3).
A.k Am 18. März 2009 erstattete Dr. med. F._ einen Bericht. Darin diagnostizierte er
eine sensorische Radikulopathie L5 rechts bei foraminaler Diskushernie L5/S1 rechts
(KK) und führte aus, dass der Versicherte ohne Einschränkungen "alles machen dürfe",
wobei vorher allerdings noch eine gewisse Behandlung nötig sei (IV-act. 56-1 ff.). Mit
Schreiben vom 24. März 2009 teilte Dr. F._ der Rechtsvertreterin des Versicherten
mit, dass letzterer für leidensangepasste Erwerbstätigkeiten zu 50 % arbeitsfähig sei
(IV-act. 58).
A.l Im Schlussbericht der beruflichen Eingliederung führte die zuständige
Eingliederungsverantwortliche der IV-Stelle am 5. Juni 2009 aus, dem Versicherten sei
eine 100 %ige Arbeitsfähigkeit in einer leidensadaptierten Tätigkeit zumutbar (IV-act.
64).
A.m Mit Vorbescheid vom 16. Juni 2009 stellte die IV-Stelle die Abweisung des
Leistungsbegehrens des Versicherten betreffend Arbeitsvermittlung in Aussicht (IV-
act. 67-1 f.). Mit Verfügung vom 27. August 2009 verneinte die IV-Stelle den Anspruch
des Versicherten auf Arbeitsvermittlung (IV-act. 68-1 f.). Die Verfügung erwuchs unan
gefochten in Rechtskraft.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.n Am 11. September 2009 erstattete Dr. F._ einen "Arztbericht für die Beurteilung
des Anspruchs von Erwachsenen auf Rente". Darin diagnostizierte er eine seit Ende
Januar 2008 bestehende Lumboischialgie rechts mit Radikulopathie L5 rechts durch
Diskushernie L5/S1 rechts sowie eine Zervikozephalgie links zunehmend im Verlauf
und attestierte für die zuletzt ausgeübte Tätigkeit der Branche E._ eine 50 %ige
Arbeitsunfähigkeit ab Februar 2008 (IV-act. 70-1 ff.).
A.o Im Auftrag der IV-Stelle erstattete die Ärztliche Begutachtungsinstitut (ABI) GmbH
am 27. April 2010 ein polydisziplinäres Gutachten nach ambulanter Untersuchung am
3. Februar 2010. Die Gutachter diagnostizierten mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit ein
chronisches lumbospondylogenes Schmerzsyndrom rechts (ICD-10 M54.5) mit
myostatischer Insuffizienz mit entsprechenden muskuloligamentären Überlastungs
reaktionen, ohne klinische Hinweise für eine radikuläre Symptomatik, bei Diskushernie
L5/S1 mit Kompression der Nervenwurzel L5 rechts (MRI 02/08). Ohne Einfluss auf
die Arbeitsfähigkeit blieben nach Beurteilung der Gutachter ein chronisches zervikos
pondylogenes Schmerzsyndrom links (ICD-10 M53.1) mit Dysbalancen der Schulter
gürtelmuskulatur, ohne klinische Hinweise für eine radikuläre Symptomatik, mit radio
logisch altersentsprechendem Befund sowie der fortgesetzte Nikotinkonsum, schäd
licher Gebrauch (ICD-10 F17.1). Die Gutachter des ABI attestierten eine 80 %ige
Arbeits- und Leistungsfähigkeit (ganztags realisierbar) für eine körperlich leichte
Tätigkeit (IV-act. 82-1 ff.).
A.p Der RAD hielt am 3. Mai 2010 in einer internen Stellungnahme fest, dass das ABI-
Gutachten in sich widerspruchsfrei sei; die medizinischen Schlussfolgerungen seien
versicherungsmedizinisch plausibel nachvollziehbar. Die Arbeitsfähigkeit in einer adap
tierten Tätigkeit betrage 80 %, vollschichtig realisierbar (IV-act. 83).
A.q Mit Vorbescheid vom 12. Mai 2010 stellte die IV-Stelle bei einem Invaliditätsgrad
von 16 % (Valideneinkommen: 55'805.--, Invalideneinkommen: 46'876.--) die
Abweisung des Rentenbegehrens in Aussicht. In einer leidensangepassten leichten
Tätigkeit weise der Versicherte medizin-theoretisch eine Arbeitsfähigkeit von 80 % auf,
vollschichtig realisierbar. Bei Verwertung der zumutbaren Arbeitsfähigkeit sei es dem
Versicherten bei ausgeglichenem Arbeitsmarkt möglich, ein rentenausschliessendes
Einkommen zu erzielen (IV-act. 88-1 f.).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.r Dagegen liess der Versicherte am 17. Juni 2010 Einwand erheben (IV-act. 89-1
ff.), welchen die Rechtsvertreterin des Versicherten mit Noveneingabe vom 28. Juli
2010 (IV-act. 92-1 ff.) unter Beilage eines Berichts von Dr. F._ vom 6. Juli 2010 (IV-
act. 92-7) ergänzte. Im Einwand wurde die Aufhebung des Vorbescheids vom 12. Mai
2010 sowie eine Dreiviertelsrente mit Wirkung ab Januar 2009 beantragt und die
Berechnungen des Validen- und Invalideneinkommens bemängelt. Nebst der Eingabe
diverser Unterlagen liess der Versicherte mit dem Einwandschreiben auch einen Bericht
von Dr. F._ vom 19. Mai 2009 einreichen (IV-act. 89-26 f.). Darin wurde ausgeführt,
dass sich die Einschränkung der Arbeitsfähigkeit um 50 % in den vom Versicherten
beklagten Einschränkungen in seiner Belastbarkeit aufgrund der sensorischen
Radikulopathie L5 rechts begründe (IV-act. 89-26).
A.s Im Auftrag der IV-Stelle nahm die ABI GmbH am 2. September 2010 Stellung zu
den Ausführungen der Rechtsvertreterin des Versicherten vom 17. Juni 2010. In der
Stellungnahme wurde ausgeführt, dass bezüglich Arbeitsfähigkeit in Verweistätigkeiten
faktisch Übereinstimmung zwischen Dr. F._ und den ABI-Gutachtern bestünde. Der
Versicherte selber sehe sich ferner auch zu mehr als 50 % arbeitsfähig (IV-act. 94-2).
A.t Mit Schreiben vom 27. Oktober 2010 stellte der Versicherte erneut ein Gesuch um
Zusprechung beruflicher Massnahmen (IV-act. 99-1 ff.).
A.u Am 8. Dezember 2010 ergänzte die Rechtsvertreterin des Versicherten den Ein
wand vom 17. Juni 2010 (IV-act. 105-1 ff.). Der Eingabe war unter anderem ein Bericht
von Dr. F._ vom 29. November 2010 beigelegt (IV-act. 105-29). Darin wurde ausge
führt, dass eine leidensangepasste Aktivität im Rahmen von 50 % für den Versicherten
nicht nur zumutbar, sondern auch zu leisten sei (IV-act. 105-29).
A.v Das RAD hielt am 14. Dezember 2010 in einer internen Stellungnahme fest, dass
der Versicherte für eine körperlich leichte wechselbelastende Tätigkeit ohne Einnahme
von wirbelsäulenbelastenden Zwangshaltungen zu 80 % (ganztägig realisierbar)
arbeits- und leistungsfähig sei (IV-act. 107-1 f.).
A.w Mit Verfügung vom 15. Dezember 2010 lehnte die IV-Stelle den Antrag des Ver
sicherten auf eine Invalidenrente ab (IV-act. 108-1 ff.).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.
B.a Gegen diese Verfügung richtet sich die am 28. Januar 2011 erhobene
Beschwerde, in der beantragt wird, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben, es sei
dem Beschwerdeführer ab November 2008 eine halbe Invalidenrente zuzusprechen
und das Verfahren während sechs Monaten zu sistieren. Nach Aufhebung der
Sistierung sei dem Beschwerdeführer die Möglichkeit einzuräumen, sich im Rahmen
des rechtlichen Gehörs über den Verlauf der beruflichen Eingliederung zu äussern. Zur
Begründung wird im Wesentlichen ausgeführt, die ABI-Gutachter bestünden auf einer
80 %igen leidensadaptierten zumutbaren Tätigkeit, während Dr. F._, ebenfalls nach
nochmaliger Prüfung, aus medizinisch-theoretischer Sicht höchstens einem 50 %igen
leidensadaptierten Arbeitsplatz mit Wechselbelastung und eingeschränkten Gewichten
zustimmen könne. Im Ergebnis gehe es somit um eine Differenz von 30 % Leistungs
fähigkeit bezüglich einer leidensadaptierten Tätigkeit, die zwischen den Gutachtern des
ABI und dem Fachspezialisten für Wirbelsäulenprobleme strittig sei. Trotz vollem
Einsatzwillen und Motivation zur Wiedereingliederung habe der Beschwerdeführer im
Einsatzprogramm vom 9. Februar bis 30. Juni 2009 keine Leistungsfähigkeit über 50 %
erreicht. Der Beschwerdeführer stelle aber den Antrag, das Verfahren für sechs
Monate, das heisst bis zum Abschluss der von der IV-Stelle am 21. Dezember 2010
angeordneten beruflichen Abklärung, zu sistieren, um zuerst die berufliche Ein
gliederung entsprechend dem Motto "Eingliederung vor Rente" zu erproben, also zu
erproben, ob die berufliche Eingliederung machbar sei und in welchem Umfang.
Bezüglich Einkommensvergleich sei zu bemerken, dass, ausser 2.82 %, kein
Leidensabzug vom Invalideneinkommen vorgenommen worden sei. Der
Beschwerdeführer habe diverse Einschränkungen bei den Körperhaltungen, die das
Tätigkeitsprofil und die Arbeitsplatzsuche nachweislich erschwerten, er könne nicht
mehr eine volle Tätigkeit ausüben, sei bereits 47 Jahre alt, seine Konkurrenzfähigkeit
auf dem Arbeitsmarkt sei somit massiv eingeschränkt, was nun zwei Jahre empirisch
überprüfbar sei. Ein Leidensabzug von 25 % dränge sich unter diesen Umständen auf.
Zudem sei ein mehr als 50 %iger Arbeitseinsatz nicht möglich und zumutbar. Demnach
präsentiere sich der Einkommensvergleich wie folgt: Valideneinkommen 2007 von
Fr. 55'805.--, Invalideneinkommen bei 100 % von 60'167.--, Leidensabzug von 25 %,
davon 50 %. Daraus resultiere ein Invaliditätsgrad von 59.35 % und der
Beschwerdeführer habe Anspruch auf eine halbe Invalidenrente. Da die Anmeldung am
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
16. Mai 2008 erfolgt sei, werde beantragt, es sei dem Beschwerdeführer ab November
2008 eine halbe Invalidenrente zuzusprechen (act. G 1).
B.b Mit Schreiben vom 1. Februar 2011 wurde dem Gesuch des Beschwerdeführers
um Verfahrenssistierung entsprochen (act. G 2).
B.c Am 31. August 2011 erstattet die Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers eine
"Stellungnahme infolge Ablauf der Sistierung". Darin wird ergänzend zu den Anträgen
der Beschwerde beantragt, eventualiter sei die Angelegenheit zur weiteren Vornahme
beruflicher und medizinscher Abklärungen an die Vorinstanz mit anschliessender
Neuverfügung zurückzuweisen. Zur Begründung wird ausgeführt, in der Zwischenzeit
habe der Beschwerdeführer mit Unterstützung der Beschwerdegegnerin vom 8. März
bis 3. Juni 2011 eine berufliche Abklärung bei der Firma G._ durchführen können,
welche aber leider manifestiert habe, dass er einer 80 %igen Leistungsfähigkeit im
Sinne der Nachhaltigkeit schlicht nicht gewachsen sei, dies trotz bester Motivation und
Leistungsbereitschaft. Die Beschwerdegegnerin habe am 22. Juni 2011 einen Vor
bescheid erlassen, worin sie in Aussicht gestellt habe, die Eingliederungsmassnahmen
würden abgeschlossen. Dagegen habe der Beschwerdeführer Einwand erhoben. Es sei
zu bemerken, dass im Gegensatz zu vielen anderen Beschwerdeverfahren in diesem
Fall eine berufliche Abklärung stattgefunden habe. Diese sei zwar nicht in dem Sinne
geglückt, dass der Beschwerdeführer bei der Firma G._ eine Festanstellung erhalten
habe, denn der Arbeitsplatz dort sei zu streng gewesen, weshalb das Experiment inso
fern missglückt sei. Es zeige aber doch auf, dass der Beschwerdeführer alles daran
setze, sich wieder einzugliedern, habe er doch den Tatbeweis erbracht. Falls die Be
schwerdegegnerin nochmals eine berufliche Abklärung bewillige, dürfte es Sinn
machen, die Beschwerde in dem Sinn gutzuheissen, dass die Angelegenheit an die
Beschwerdegegnerin zurückgewiesen werde mit dem Zweck der anschliessenden
Neuverfügung sowohl bezüglich beruflicher Massnahmen wie auch Invalidenrente (act.
G 3).
B.d Mit Schreiben vom 2. September 2011 bezeichnete die Verfahrensleitung des
Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen die Eingabe des Beschwerdeführers
vom 31. August 2011 als Ergänzung zur Beschwerde vom 28. Januar 2011 betreffend
Rente und verlängerte die Sistierungsfrist bis 30. November 2011 (act. G 4). In der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Folge erstattete der Beschwerdeführer am 21. Oktober 2011 eine "Stellungnahme zu
Ihrem Schreiben vom 2. September 2011". Darin wird unter anderem ausgeführt, dass
auf eine Beschwerde gegen die Verfügung der Beschwerdegegnerin vom
19. September 2011 betreffend Abschluss der Eingliederungsmassnahmen verzichtet
werde und der Beschwerdeführer ab 1. September 2011 eine Anstellung im Umfang
von 50 % gefunden habe (act. G 5).
B.e Mit Schreiben vom 25. Oktober 2011 (act. G 7) lässt der Beschwerdeführer
sowohl seine Noveneingabe vom 21. September 2011 (act. G 7.1) als auch – nebst
diversen Unterlagen - die Verfügung der Beschwerdegegnerin vom 19. September
2011 betreffend Abschluss der Eingliederungsmassnahmen ins Recht legen (act. G
7.2.1).
B.f Mit Beschwerdeantwort vom 6. Dezember 2011 beantragt die
Beschwerdegegnerin die Abweisung der Beschwerde. Zur Begründung führt sie aus,
es gehe gemäss höchstrichterlicher Rechtsprechung nicht an, die Arbeitsfähigkeit
eines Versicherten aufgrund der Ergebnisse einer beruflichen Abklärung festzulegen.
Vielmehr sei die Arbeitsfähigkeit ausschliesslich medizinisch-theoretisch zu bestimmen.
Es sei nämlich nicht möglich, den Anteil allfälliger Motivationsmängel vom willentlich
nicht steuerbaren Unvermögen, eine volle Leistung zu erbringen, auszuscheiden. Der
Beschwerdeführer berufe sich daher zu Unrecht auf die Ergebnisse der beruflichen
Abklärung. Gemäss ABI-Gutachten leide der Beschwerdeführer in erster Linie unter
seinen Muskelverspannungen und einer Dekonditionierung im Rückenbereich. Gemäss
Rechtsprechung des Bundesgerichts beeinträchtigten diese Faktoren die
Arbeitsfähigkeit nicht. Vielmehr wäre es dem Beschwerdeführer ohne Weiteres
aufgrund seiner Selbsteingliederung- und Schadenminderungspflicht zumutbar, durch
eine adäquate Lebensweise die Folgen der Dekonditionierung zu überwinden. Das ABI
führe im Weiteren zu Recht aus, dass aufgrund der relativ harmlosen Befundlage die
von Dr. F._ attestierte Arbeitsfähigkeit von lediglich noch 50 % in einer
rückenadaptierten Tätigkeit zu tief sei. Aus den Schreiben von Dr. F._ vom
29. November 2010 und 5. Juli 2011 ergebe sich deutlich, dass dieser bei seiner
Beurteilung vor allem auf die Schilderungen des Beschwerdeführers abstelle. Die
Arbeitsfähigkeit sei jedoch aufgrund von objektiven Faktoren, namentlich gestützt auf
sorgfältig erhobene Befunde, zu bestimmen. Die Berichte von Dr. F._ enthielten keine
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Gesichtspunkte, die im Rahmen einer Begutachtung unerkannt geblieben und geeignet
seien, zu einer abweichenden Beurteilung zu führen. Daher sei ohne Abstriche auf das
ABI-Gutachten abzustellen. Weitere medizinische Abklärungen seien unnötig, weil das
ABI die geltend gemachten Einschränkungen des Beschwerdeführers ausführlich abge
klärt habe. Bei einem Valideneinkommen von Fr. 55'805.-- und einem Invalidenein
kommen von Fr. 42'189.-- (Parallelisierung der Einkommen, Leidensabzug 10 %) er
gebe sich schliesslich ein Invaliditätsgrad von 24 %; der Beschwerdeführer habe
keinen Anspruch auf eine IV-Rente (act. G 10).
B.g Am 24. Januar 2012 lässt der Beschwerdeführer Replik erstatten. In dieser wird
im Wesentlichen ausgeführt, der Beschwerdeführer sei immer arbeitsmotiviert
gewesen. Es habe eine berufliche Abklärung für eine leidensadaptierte Tätigkeit
stattgefunden mit dem Ergebnis, dass der Beschwerdeführer dem 80 %-
Arbeitspensum gerade nicht gewachsen gewesen sei. Es liege zudem auch keine klare
medizinische Sachlage vor. Im Weiteren werde der 30 %ige Unterschied zwischen der
gemäss ABI-Gutachten 80 %igen Leistungsfähigkeit bei voller Präsenz und der
50 %igen Arbeitsfähigkeit für leichte wechselbelastende Tätigkeiten gemäss Dr. F._
im Gutachten nirgends diskutiert und begründet. Es widerspreche dem MR der LWS
des Instituts für Radiologie des Spitals Grabs vom 19. Februar 2008, wenn behauptet
werde, beim Beschwerdeführer bestünden die Rückenbeschwerden lediglich in Form
von Muskelverspannung und Dekonditionierung im Rückenbereich. Das von der
Beschwerdegegnerin festgelegte Valideneinkommen müsse zudem korrigiert werden,
denn der Beschwerdeführer habe einerseits unterdurchschnittlich verdient und
andererseits regelmässig Überstunden geleistet. Dies entspreche einem
Jahreseinkommen von Fr. 65'492.84. Da der Beschwerdeführer wieder eine Arbeit
aufgenommen habe, könne für die Feststellung des Invalidenlohns nicht von einem
Tabellenlohn ausgegangen werden. Rechne man den aktuellen Stundenlohn auf 2007
zurück, sei er um acht Nominallohnpunkte zu kürzen, was einem Stundenlohn von
Fr. 23.15 entspreche. Gehe man von einer 80 %igen Leistungsfähigkeit gemäss ABI
aus, ergebe dies ein Monatsbetreffnis von Fr. 3'207.67, bei 13 Monatslöhnen
Fr. 41'699.70. Bei einem Leidensabzug von 10 % resultiere ein Invalideneinkommen
von Fr. 37'529.75. Aus diesen Validen- und Invalideneinkommen resultiere eine
Lohneinbusse von 42.70 %, daher stehe dem Beschwerdeführer mindestens eine
Viertelsrente zu. Bei einer effektiven Leistungsfähigkeit von 65 % (Mittel zwischen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Einschätzung der Gutachter und Dr. F._) ergäbe sich ein Invaliditätsgrad von rund
54 % und somit eine halbe Invalidenrente. Da nebst der zumutbaren Leistung nur noch
leichte Hilfstätigkeiten zu berücksichtigen seien und der Beschwerdeführer nur noch
Teilzeit arbeiten könne, rechtfertige sich ein Leidensabzug von 15 %, was ebenfalls für
den Anspruch auf eine halbe Invalidenrente spreche. Da die Beschwerden schliesslich
im November 2007 begonnen hätten, und diese die Folgebeschwerden des Verfahrens
IV 2008/377 seien, werde beantragt, dem Beschwerdeführer eine halbe Invalidenrente
ab November 2008, mindestens aber eine Viertelsrente zuzusprechen (act. G 12). Der
Replik werden diverse Lohnabrechnungen der Jahre 2011 und 2007 beigelegt (act. G
12.1.1 bis G 12.1.2).
B.h Die Beschwerdegegnerin verzichtet auf eine Duplik (act. G 15).

Erwägungen:
1.
Vorliegend ist ein Sachverhalt zu beurteilen, wie er sich bis zum Erlass der ange
fochtenen Verfügung (am 15. Dezember 2010) entwickelt hat. Mit der angefochtenen
Verfügung hat die Beschwerdegegnerin den Einwand gegen den Vorbescheid vom
12. Mai 2010 abgewiesen, mit dem sie einen Rentenanspruch des Beschwerdeführers
abgelehnt hatte. Zwar ist, wie sich aus Art. 16 ATSG ergibt, der Einkommensvergleich
zur Bemessung des Invaliditätsgrades erst nach Durchführung der medizinischen Be
handlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen vorzunehmen ("Eingliederung vor
Rente") und hat die versicherte Person, wenn ohne berufliche Massnahmen ein
Rentenanspruch droht, die Pflicht, sich geeigneten und zumutbaren
Eingliederungsmassnahmen zu unterziehen. Ein Rentenanspruch steht vorliegend
indessen - wie sich aus dem folgenden ergibt - selbst ohne
Eingliederungsmassnahmen nicht in Frage, so dass die Eingliederung lediglich einen
Anspruch des Beschwerdeführers bildete. Dass die Beschwerdegegnerin die vom
Beschwerdeführer mit Gesuch vom 27. Oktober 2010 erneut beantragte Zusprache von
beruflichen Massnahmen erst nach der angefochtenen Verfügung angeordnet und
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
zuerst über die Rentenfrage entschieden hat, ist demnach bei der gegebenen
Aktenlage nicht zu beanstanden.
2.
2.1 Unter Invalidität wird die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde
ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit verstanden (Art. 8 ATSG). Erwerbsunfähigkeit
ist dabei der durch eine Beeinträchtigung der körperlichen oder geistigen Gesundheit
verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze
oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden aus
geglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Nach Art. 28 Abs. 2 IVG besteht
Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn die versicherte Person mindestens
zu 70%, auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie wenigstens zu 60% invalid ist. Liegt ein
Invaliditätsgrad von mindestens 50% vor, so besteht Anspruch auf eine halbe Rente
und bei einem IV-Grad von mindestens 40% auf eine Viertelsrente.
2.2 Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung und im Be
schwerdefall das Gericht auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und gegebenenfalls
auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Nach dem Grundsatz der freien
Beweiswürdigung haben Versicherungsträger und Sozialversicherungsgerichte die Be
weise frei, d.h. ohne Bindung an förmliche Beweisregeln, sowie umfassend und pflicht
gemäss zu würdigen. Hinsichtlich des Beweiswertes eines ärztlichen Gutachtens ist
entscheidend, ob es für die Beantwortung der gestellten Fragen umfassend ist, auf all
seitigen Untersuchungen beruht, die geklagten Beschwerden berücksichtigt und sich
mit diesen sowie dem Verhalten der untersuchten Person auseinandersetzt, was vor
allem bei psychischen Fehlentwicklungen nötig ist, in Kenntnis der und gegebenenfalls
in Auseinandersetzung mit den Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, ob es in
der Darlegung der medizinischen Zustände und Zusammenhänge einleuchtet und ob
die Schlussfolgerungen des medizinischen Experten in einer Weise begründet sind,
dass die rechtsanwendende Person sie prüfend nachvollziehen kann (vgl. BGE 125 V
352 E. 3a, 122 V 160 E. 1c, je mit Hinweisen).
2.3 Für die Bestimmung des Invaliditätsgrades wird nach Art. 16 ATSG das
Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Durchführung der medizinischen Behandlung und allfälliger
Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener
Arbeitsmarktlage erzielen könnte (Invalideneinkommen), in Beziehung gesetzt zum
Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre
(Valideneinkommen). Die Invalidität des Beschwerdeführers ist unbestrittenermassen
nach der allgemeinen Methode des Einkommensvergleichs zu bemessen.
3.
3.1 Dass die bisherige Tätigkeit für den Beschwerdeführer nicht mehr in Frage
kommt, ist nicht strittig und aufgrund der medizinischen Akten ausgewiesen. Hingegen
bestehen erhebliche Differenzen in Bezug auf die Beurteilung der Zumutbarkeit einer
angepassten Tätigkeit. Während sich die Beschwerdegegnerin gestützt auf das
Gutachten des ABI auf den Standpunkt stellt, eine adaptierte Arbeit könne vom
Beschwerdeführer zu 80 % ausgeführt werden, vertritt seine Rechtsvertreterin die
Auffassung, dies sei nur zu 50 % möglich.
3.2 Von der Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers wird vorgebracht, das
Gutachten des ABI vermöge nicht zu überzeugen, da die Gutachter eine nicht
nachvollziehbare und nicht begründete Einschätzung der Arbeitsfähigkeit von 80 % in
einer körperlich leichten, wechselbelastenden Tätigkeit abgeben würden. Dem
Gutachten des ABI vom 27. April 2010 lässt sich entnehmen, dass es sich unter
anderem auf Untersuchungen in internistischer, psychiatrischer und rheumatologischer
Hinsicht stützt. In die Gesamtbeurteilung der Arbeitsfähigkeit, welche im Rahmen einer
multidisziplinären Konsens-Besprechung (mit Dr. med. H._, Fachärztin für
Rheumatologie und Innere Medizin, Dr. med. I._, Allgemeine Innere Medizin, und
Dr. med. J._, FMH Psychiatrie und Psychotherapie) getroffen wurde, wurden alle
Aspekte miteinbezogen. Es wird dazu festgehalten, dass aufgrund der objektivierbaren
rheumatologischen Befunde eine myostatische Insuffizienz mit den entsprechenden
muskuloligamentären Überlastungsreaktionen, Dysbalancen der
Schultergürtelmuskulatur und eine Diskushernie L5/S1 mit Kompression der
Nervenwurzel L5 rechts bestehe. Somit seien die angestammte Tätigkeit sowie weitere
mittelschwere und schwere Tätigkeiten nicht mehr zumutbar. Für körperlich leichte,
wechselbelastende Tätigkeiten ohne Einnahme von wirbelsäulenbelastenden
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Zwangshaltungen bestünde aus rheumatologischer Sicht eine 80 %ige Arbeitsfähigkeit.
Bei der psychiatrischen Untersuchung habe kein pathologischer Befund erhoben
werden können. Aufgrund dessen bestünde aus psychiatrischer Sicht keine
Einschränkung der Arbeits- und Leistungsfähigkeit. Auf allgemeinmedizinisch-
internistischem Fachgebiet habe keine Diagnose mit Einschränkung der
Arbeitsfähigkeit gestellt werden können. Zusammenfassend werde aus poly
disziplinärer Sicht festgestellt, dass der Explorand für eine körperlich leichte, wechsel
belastende Tätigkeit zu 80 % arbeits- und leistungsfähig sei, vollschichtig realisierbar.
Die angestammte Tätigkeit eines E._-Arbeiters sei dem Exploranden nicht mehr
zumutbar (IV-act. 82-14). Das Gutachten ist von einer eigens für die Abklärung und Be
urteilung der zumutbaren Arbeitsfähigkeit vorgesehenen Abklärungsstelle der IV erstellt
worden. Die gutachterlichen Ausführungen erscheinen insgesamt nachvollziehbar
und schlüssig, mithin ist das Gutachten ausreichend begründet. Die Einschätzung
der Arbeitsfähigkeit von 80 % in einer körperlich leichten, wechselbelastenden Tätig
keit scheint plausibel. Dies nicht zuletzt deshalb, weil gemäss rheumatologischer Be
urteilung die lumbospondylogenen Beschwerden teilweise muskuloligamentärer und
die zervikospondylogenen Beschwerden vor allem muskulärer Art sind. So führte
Dr. H._ aus, dass sich hinsichtlich des chronischen lumbospondylogenen Schmerz
syndroms bei der aktuellen klinischen Untersuchung eine myostatische Insuffizienz
mit den entsprechenden muskuloligamentären Überlastungsreaktionen finde und ein
chronisches zervikospondylogenes Schmerzsyndrom mit linksseitigen Zerviko
zephalgien bei Dysbalancen der Schultergürtelmuskulatur bestehe (IV-act. 82-12). Da
diesen Beschwerden aus rheumatologischer Sicht mit einem regelmässigen Trainings
programm zur Kräftigung der rumpfstabilisierenden Muskulatur sowie zur Dehnung und
Detonisierung der verkürzten Muskelgruppen begegnet werden kann (IV-act. 82-15),
sind sie nicht invalidisierend. Eine 80 %ige Arbeitsfähigkeit in einer ideal adaptierten
Tätigkeit scheint mithin auch unter diesem Aspekt ausgewiesen.
3.3 Die Gutachter gelangten in ihrer Stellungnahme zum Schreiben der Rechtsver
treterin des Beschwerdeführers am 2. September 2010 (IV-act. 94-1 f.) zum Schluss,
dass lediglich bezüglich der prozentualen Arbeitsfähigkeit für leichte, adaptierte Tätig
keiten Differenzen zwischen Dr. F._ und den Gutachern bestünden. Ursächlich für
diese Diskrepanz sei vermutlich die schwierige Rolle des behandelnden Arztes, welcher
naturgemäss bemüht sei, seinen Patienten zu helfen und sie zu beschützen. Dieser
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Hintergrund werde dadurch bestätigt, dass Dr. F._ in seinem Bericht vom 18. März
2009 angebe, der Explorand könne grundsätzlich aus Sicht des Wirbelsäulenchirurgen
ohne Einschränkung alles machen. Damit bestehe faktisch auch bezüglich
Arbeitsfähigkeit in Verweistätigkeiten Übereinstimmung zwischen Dr. F._ und den
Gutachtern. Die Gutachter wiesen darauf hin, dass weder bei Dr. F._ noch bei ihrer
eigenen Untersuchung sensomotorische Defizite und/oder radikuläre Symptomatik
feststellbar gewesen seien und dies für ein konservatives Vorgehen gesprochen habe.
Dass die von Dr. F._ denn auch bereits im März 2009 vorgeschlagene Physiotherapie
und peridurale Schmerztherapie nicht umgesetzt worden seien, sei nicht
nachvollziehbar. Der kernspintomographische Befund der LWS vom März 2008 sei im
Übrigen korrekt zitiert und gewertet worden. Eine medizinische Notwendigkeit für eine
erneute kernspintomographische Untersuchung der LWS habe angesichts fehlender
radikulärer Symptome und fehlender Wurzelkompressionssymptomatik nicht
bestanden. Die Gutachter gelangten zum Schluss, die subjektiv empfundene 50 %ige
Arbeitsunfähigkeit könne nicht nachvollzogen werden. Der Explorand selbst sehe die
grössten Schwierigkeiten, sich wieder in den Erwerbsprozess zu reintegrieren darin,
dass er keine entsprechende Stelle finde. Daraus könne jedoch keine
Arbeitsunfähigkeit im medizinischen Sinne begründet werden (IV-act. 94-2). Diese
gutachterlichen Ausführungen sind ebenfalls plausibel und nachvollziehbar, zumal in
Bezug auf die Angaben von Dr. F._ der allgemeinen Erfahrungstatsache Rechnung zu
tragen ist, dass die behandelnden Ärzte im Hinblick auf ihre auftragsrechtliche
Vertrauensstellung mitunter in Zweifelsfällen eher zugunsten ihrer Patienten und
Patientinnen aussagen (BGE 125 V 351 E. 3b/cc).
3.4 Es ist zusammenfassend festzustellen, dass gegenüber dem Gutachten, das in
seinen Schlussfolgerungen nachvollziehbar ist und in Kenntnis der Vorakten und der
geklagten Beschwerden sowie nach Erheben der Anamnese abgegeben worden ist,
demnach auf umfassenden Kenntnissen des Sachverhalts basiert und im Zusammen
wirken der verschiedenen betroffenen Disziplinen zustande gekommen ist, die Be
urteilung von Dr. F._ weniger zu überzeugen vermag. Abzustellen ist mithin auf das
Ergebnis des medizinischen Gutachtens.
4.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.1 Für die Bemessung der Invalidität von erwerbstätigen Versicherten ist gemäss
Art. 28a Abs. 1 IVG Art. 16 ATSG anwendbar. Danach wird für die Bestimmung des
Invaliditätsgrades das Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach Eintritt der
Invalidität und nach Durchführung der medizinischen Behandlung und allfälliger Ein
gliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener
Arbeitsmarktlage erzielen könnte, in Beziehung gesetzt zum Erwerbseinkommen, das
sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre. Der Einkommensvergleich
hat in der Regel in der Weise zu erfolgen, dass die beiden hypothetischen
Erwerbseinkommen ziffernmässig möglichst genau ermittelt und einander
gegenübergestellt werden; sie können aber auch nach Massgabe der im Einzelfall
bekannten Umstände geschätzt werden (AHI 1998 S. 119).
4.2 Anspruch auf eine Rente haben versicherte Personen, die während eines Jahres
ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindestens 40 % arbeitsunfähig ge
wesen sind und nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid sind (Art. 28
Abs. 1 lit. b und c IVG). Aktenkundig ist, dass der Beschwerdeführer in seiner ange
stammten Tätigkeit als E._-Arbeiter seit 6. Februar 2008 zu 100 % arbeitsunfähig ist
(IV-act. 82-15). Ein allfälliger Rentenanspruch des Beschwerdeführers könnte damit
nach Ablauf des Wartejahres gemäss dem oben Ausgeführten per 1. Februar 2009 ent
standen sein.
4.3 Für die Ermittlung des Einkommens, welches der Versicherte ohne Invalidität er
zielen könnte (Valideneinkommen), ist entscheidend, was er im Zeitpunkt des frühest
möglichen Rentenbeginns, nach dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlich
keit, als Gesunder tatsächlich verdient hätte (BGE 129 V 222 f. E. 4.2 in fine, 128 V 174,
Urteil des Bundesgerichts I 156/02 vom 26. Mai 2003). Dabei wird in der Regel am zu
letzt erzielten, nötigenfalls der Teuerung und der realen Einkommensentwicklung an
gepassten Verdienst angeknüpft, da es empirischer Erfahrung entspricht, dass die
bisherige Tätigkeit ohne Gesundheitsschaden fortgesetzt worden wäre. Ausnahmen
müssen mit überwiegender Wahrscheinlichkeit erstellt sein (RKUV 1993 Nr. U 168
S. 101 Erw. 3b). Es rechtfertigt sich daher, für den Einkommensvergleich die Zahlen für
das Jahr 2009 heranzuziehen. Der Beschwerdeführer erzielte im Jahr 2007 ein Ein
kommen von Fr. 56'360.70 (IV-act. 20-14, Lohnauszug 2007, Bruttolohn abzüglich
Kinder- und Ausbildungszulagen), das als Valideneinkommen bezeichnet werden kann.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Das Valideneinkommen im Jahr 2009 inklusiv Teuerung und Reallohnerhöhung beläuft
sich nach dem Gesagten auf Fr. 58'811.15 (Valideneinkommen 2007: Fr. 56'360.70,
Nominallohnindex Männer 2007: 2047 / 2009: 2136).
4.4 Für die Bestimmung des Invalideneinkommens ist primär von der beruflich-
erwerblichen Situation auszugehen, in welcher die versicherte Person konkret steht.
Übt sie nach Eintritt der Invalidität eine Erwerbstätigkeit aus, bei der - kumulativ -
besonders stabile Arbeitsverhältnisse gegeben sind und anzunehmen ist, dass sie die
ihr verbleibende Arbeitsfähigkeit in zumutbarer Weise voll ausschöpft, und erscheint
zudem das Einkommen aus der Arbeitsleistung als angemessen und nicht als
Soziallohn, gilt grundsätzlich der tatsächlich erzielte Verdienst als Invalidenlohn (BGE
135 V 297 E. 5.2). Ist kein effektives Erwerbseinkommen gegeben, namentlich weil die
versicherte Person nach Eintritt des Gesundheitsschadens keine oder jedenfalls keine
ihr an sich zumutbare neue Erwerbstätigkeit aufgenommen hat, so können nach der
Rechtsprechung statistische Werde (Tabellenlöhne) beigezogen werden (BGE 129 V
472 E. 4.2.1, Bundesgerichtsentscheid i/S C. vom 19. Juni 2008, 9C_81/2008). Das ist
hier am Platz. Der Beschwerdeführer ist zwar darauf angewiesen, dass eine Tätigkeit
körperlich leicht und wechselbelastend sowie ohne Einnahme von wirbelsäulenbe
lastenden Zwangshaltungen sein muss (IV-act. 82-12). Diese Voraussetzungen setzen
ihm aber nicht so enge Grenzen, so dass auf einem ausgeglichenen Arbeitsmarkt
durchaus noch Einsatzmöglichkeiten für ihn offen stehen (vgl. Entscheid des Eidge
nössischen Versicherungsgerichts i/S S. vom 5. September 2006, I 447/06; ZAK 1991
S. 320 f. E. 3b). Im Übrigen erzielt der Beschwerdeführer zwar ab August 2011 als
Reinigungsmitarbeiter im Umfang von 50 % bei der Firma H._ ein
Erwerbseinkommen (act. G 5, S. 2; G 12.1.1). Gemäss ABI-Gutachten ist der
Beschwerdeführer in einer angepassten leichten Tätigkeit hingegen zu 80 % arbeits-
und leistungsfähig. Der Beschwerdeführer schöpft somit in seiner jetzigen Tätigkeit
seine verbliebene Restarbeitsfähigkeit nicht vollständig aus, weshalb beim
Invalideneinkommen nicht auf das als Reinigungsmitarbeiter erzielte Einkommen
abzustellen ist.
4.5 Das durchschnittliche Bruttoeinkommen von Männern für einfache und repetitive
Tätigkeiten (Anforderungsniveau 4) im privaten Sektor lag im Jahr 2009 bei
Fr. 61'240.-- (vgl. Anhang 2 der Textausgabe Invalidenversicherung, Gesetze und
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 18/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Verordnungen mit Querverweisen und Sachregister, Ausgabe 2012, S. 234, basierend
auf der Schweizerischen Lohnstrukturerhebung LSE des Bundesamtes für Statistik).
4.6 Bestehen im Einzelfall Anhaltspunkte dafür, dass die versicherte Person ihre
gesundheitlich bedingte (Rest-) Arbeitsfähigkeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt nur
mit unterdurchschnittlichem erwerblichem Erfolg verwerten kann, ist ein Abzug von den
Tabellenlöhnen zu machen. Mit dem behinderungsbedingten Abzug wird in der Praxis
dem Umstand Rechnung getragen, dass versicherte Personen, die in ihrer letzten
Tätigkeit körperliche Schwerarbeit verrichteten, nach Eintritt des Gesundheitsschadens
auch für leichtere Arbeiten nur beschränkt einsatzfähig sind, dass sie - unabhängig von
der früher ausgeübten Tätigkeit - als gesundheitlich Beeinträchtigte im Rahmen leichter
Hilfsarbeitertätigkeiten nicht mehr voll leistungsfähig sind oder dass weitere
persönliche und berufliche Merkmale wie Alter, Dauer der Betriebszugehörigkeit,
Nationalität oder Aufenthaltskategorie sowie Beschäftigungsgrad Auswirkungen auf die
Höhe des Lohnes haben können. Bei der Bestimmung der Höhe des Abzuges ist der
Einfluss aller in Betracht fallenden Merkmale auf das Invalideneinkommen unter
Würdigung der Umstände im Einzelfall gesamthaft zu schätzen und insgesamt auf
höchstens 25 % des Tabellenlohnes zu begrenzen (BGE 126 V 75). - Die medizinisch
bedingten Einschränkungen des Beschwerdeführers sind bei der Festsetzung der
Arbeitsfähigkeit bereits berücksichtigt worden. Alter, Migrationshintergrund und
Ausbildungsstand bieten ebenfalls nicht Grund für einen Abzug, weil sie sich auf das
Validen- wie auf das Invalideneinkommen gleichermassen auswirken. Es ist aber damit
zu rechnen, dass der Beschwerdeführer, der als Hilfsarbeiter nur noch für leichte,
vorzugsweise wechselbelastende und ohne wirbelsäulenbelastende Zwangshaltungen
auszuübende Tätigkeiten zu 80 % arbeitsfähig ist, im Vergleich zu gesunden
Mitbewerbern um eine entsprechende Stelle auf dem Arbeitsmarkt ein geringeres
Einkommen erzielen wird. Tabellenlöhne werden bei gesunden Arbeitnehmern erhoben.
Insgesamt erscheint ein Tabellenlohnabzug von 10 % angemessen. Das
Durchschnittseinkommen ist somit auf Fr. 55'116.-- herabzusetzen. Bei einer
Arbeitsfähigkeit von 80 % ergibt sich ein zumutbares Invalideneinkommen von
Fr. 44'092.80.
4.7 Die Frage, ob eine Parallelisierung der Vergleichseinkommen vorzunehmen sei,
weil der vom Beschwerdeführer vor Eintritt des Gesundheitsschadens effektiv erzielte
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 19/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Verdienst unterdurchschnittlich gewesen wäre, kann offen bleiben. Da der
Beschwerdeführer seit fast 20 Jahren als E._-Mitarbeiter gearbeitet hat, kann nicht
davon ausgegangen werden, er hätte sich im Gesundheitsfall um eine besser entlöhnte
Tätigkeit bemüht. Nur dann aber wäre es gerechtfertigt, auch für das
Valideneinkommen auf die Durchschnittslöhne gemäss LSE abzustellen. Dies ist hier
nicht der Fall.
4.8 Bei einem Valideneinkommen von Fr. 58'811.15 und einem zumutbaren
Invalideneinkommen von Fr. 44'092.80 stellt sich der Invaliditätsgrad auf 25 %. Einen
Anspruch des Beschwerdeführers auf eine Invalidenrente hat die Beschwerdegegnerin
demnach zu Recht abgewiesen.
5.
5.1 Demnach ist die Beschwerde abzuweisen.
5.2 Nach Art. 69 Abs. 1 IVG ist das Beschwerdeverfahren bei Streitigkeiten um die
Bewilligung oder die Verweigerung von IV-Leistungen vor dem kantonalen
Versicherungsgericht kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem Verfahrensaufwand
und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr. 1’000.-- festgelegt.
Eine Entscheidgebühr von Fr. 600.-- erscheint vorliegend angemessen. Nach Art. 95
Abs. 1 VRP hat in Streitigkeiten jener Beteiligte die Kosten zu tragen, dessen Begehren
ganz oder teilweise abgewiesen werden. Angesichts des vollen Unterliegens des Be
schwerdeführers rechtfertigt es sich, ihm die Gerichtskosten unter Verrechnung mit
dem von ihm in selbiger Höhe geleisteten Kostenvorschuss gesamthaft aufzuerlegen.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP