Decision ID: 53c0c64a-e859-49ae-ae38-029448561988
Year: 2021
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
1.1
1.1.1
X._
, geboren 1963
und mit einem Berufsabschluss als Bäcker-Konditor sowie als Postangestellter
(
Urk.
7/2, 7/76)
,
meldete sich am
4.
November 2009 (Urk. 7/3) unter Hinweis auf Beschwerden in den Leisten und Hüften bei der Invalidenversicherung zwecks Gewährung beruflicher Massnahmen an. Diese gewährte vorerst Unterstützung im Rahmen von Arbeitsvermittlung (vgl. hierzu Urk. 7/51), namentlich bei der Stellensuche währe
nd eines Jahres durch die Y._
AG (Verfügung vom 1
9.
Mai 2011, Urk. 7/57). Nach Abklärung der beruflichen und medizinischen Verhältnisse, unter anderem nach
Beizug
des Gutach
tens de
r
Z._
AG vom
4.
Januar 2011 (Urk. 7/45), verneinte die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, mit Verfügung vom 1
2.
September 2011 (Urk. 7/65) einen Rentenanspruch bei einem Invaliditätsgrad von 14 % unter Annahme einer vollumfänglichen Arbeitsfähigkeit in einer angepassten Tätigkeit.
1.1.2
M
it Ver
fügung vom 2
8.
März 2012 (Urk. 7
/73)
trat die IV-Stelle
mangels Glaub
haftmachens einer wesentlichen Veränderung der tatsächliche
n Verhältnisse auf die Neuanmel
dung
vom 21. Februar 20
1
2 (Urk. 7/
69
)
nicht ein.
1.
2
1.2.1
Nach der Entlassung durch die Post per 2
9.
Februar 2012 aus gesundheitlichen Gründen (U
rk. 7/76-77 und Urk. 7
/95) und
nach
operativer Versorgung mit einer
Hüfttotalarthroplastik
rechts am 2
5.
Juni 2012 (Urk. 7/86/1-2) stellte der Versicherte am 1
7.
Juli 2012 (Urk. 7/79) und
2.
Oktober 2012 (Urk. 7
/87) erneut ein Leistungsgesuch bei der IV-Stelle. Diese holte Auskünfte
in medizinischer und erwerblicher Hinsicht ein
und
erteilte Kosten
gutsprache für eine Potentialabklä
rung vom
3.
bis 2
8.
März 2014 in der A._
(Urk. 7/148)
.
Mit Verfügung vom 3
1.
März 20
14 (Urk. 7/154
) bestätigte die IV-Stelle ihren
rentenablehnenden
Vorbescheid unter Hinweis auf einen unveränderten Gesundheitszustand.
1.2.2
Nach erfolgreich abgeschlossener Potentialabklärung (vgl. Urk. 7/155/5) gewährte die IV-Stelle dem Versi
cherten Kostengutsprache für
ein
Arbeitstraining bei der
B._
vom 1
6.
Juni bis 1
5.
Dezember 2014 mit dem Ziel des Aufbaus einer stabilen Arbeitsfähigkeit sowie des Findens einer ange
passten Stelle im ersten Arbeitsmarkt (
Urk. 7/163,
Urk.
7
/167). Dieses wurde
– nach Abbruch durch den Versicherten
(vgl. Urk. 7/182/6-7)
– mit
Mitteilung vom 2
4.
November 2014
per 3
0.
Oktober 2014 abgeschlossen
(Urk. 7/181)
.
Am 2
7.
November 2014 (
Urk.
7/184)
ersuchte der Versicherte um Einleitung eines Revisionsverfahrens und
Zusprache
einer ganzen Invalidenrente.
Mit Verfügung vom 13. Februar 2015 trat die IV-Stelle auf das neue Leistungsbegehren nicht ein (Urk. 7/196).
1.2.3
Sowohl gegen die Verfügung vom 31. März 2014 wie auch gegen jene vom 13. Februar 2015 erhob der Versicherte jeweils beim hiesigen Gericht Beschwerde (Urk. 7/161/3-
10; Urk. 7/198/3-10). Beide
Beschwerden wurden mit Urteil vom 28. Oktober 2015 gutgeheissen, die Verfügungen vom 31. März 2014 sowie
jene
vom 13. Februar 2015 aufgehoben und die Sache zu ergänzenden Abklärungen
und
zum
Neuentscheid
an die IV-Stelle zurückgewiesen (Prozess IV.2014.00460 und damit vereinigt IV.2015.00341, Urk. 7/203).
1.
3
Zwischenzeitlich
war
bei der IV-Stelle
am 2. Oktober 2015 ein weiteres Schreiben mit geltend gemachter gesundheitlicher Verschlechterung des Versicherten ein
gegangen
(vgl. Urk. 7/200).
D
ie
IV-Stelle
veranlasste in der Folge unter anderem
bei
der
Medas
C._
ein polydisziplinäres Gutachten, welches am 23. September 2016 erstattet wurde (Urk. 7/231/1-60; neuropsycho
logisches Teilgutachten vgl. Urk. 7/231/63-73).
Am 17. Februar 2017 (Urk. 7/240) erfolgte eine Stellungnahme der Gutachter zur Rückfrage der IV-Stelle vom 6. Oktober 2016 (vgl. Urk. 7/232/1).
Mit Verfügung vom 12. Juni 2017
verneinte die IV-Stelle einen Rentenanspruch gestützt auf einen Invaliditätsgrad von 38 %
. Hinsichtlich Eingliederungsmassnahmen wies sie darauf hin, diese seien durch
geführt worden. Ihm sei bereits am 24. November 2014 mitgeteilt worden, er könne sich wieder melden, wenn er sich
zur Teilnahme daran
in der L
age f
ühl
e und die Wiederaufnahme der Integrationsmassnahmen wünsche (Urk. 7/253). Diese Verfügung erwuchs unangefochten in Rechtskraft.
1.
4
Mit Schreiben vom 4. Dezember 2020 ersuchte der Versicherte erneut um
Ein
gliederungsmassnahmen (Urk. 7/259). Nach durchgeführtem
Vorbescheidver
fahren
(Urk. 7/261; Urk. 7/263 und 7/265), in welchem der Versicherte
insbeson
dere
auf seine Arbeitsbemühungen bei der Institution
D._
hinwies (Urk. 7/266-267), verneinte die IV-Stelle mit Verfügung vom 17. Mai 2021 einen Anspruch auf Arbeitsvermittlung (Urk. 7/269 = Urk. 2).
2.
Der Versicherte erhob am 7. Juni 2021 Beschwerde gegen die Verfügung vom 21. Mai 2021 (
Urk.
2) und beantragte, diese sei aufzuheben und es sei
en
ihm
Eingliederungsmassnahmen (insbesondere Arbeitsintegration) zu gewähren,
eventuell sei ihm eine ganze Rente zuzusprechen. Subeventuell sei die angefoch
tene Verfügung wiedererwägungsweise aufzuheben und ihm mindestens eine
Viertelsrente
zuzusprechen
(Ur
k. 1 S. 2
).
Die IV-Stelle beantragte mit Beschwerdeantwort vom
12. August 2021
(Urk.
6
) die Abweisung der Beschwerde. Dies wurde dem Beschwerdeführer am
13. August 2021
zur Kenntnis gebracht (Urk.
8
).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
Die Beschwerdegegnerin prüfte im angefochtenen Entscheid den Anspruch auf Arb
eitsvermittlung.
«
Auf
eine Rentenprüfung» trat sie nicht ein (vgl. Urk. 2 S. 2).
Im verwaltungsgerichtlichen Beschwerdeverfahren sind grundsätzlich nur Rechtsverhältnisse zu überprüfen beziehungsweise zu beurteilen, zu denen die zuständige Verwaltungsbehörde vorgängig verbindlich – in Form einer Verfü
gung beziehungsweise eines
Einspracheentscheids
– Stellung genommen hat. Insoweit bestimmt die Verfügung beziehungsweise der
Einspracheentscheid
den beschwerdeweise weiterziehbaren Anfechtungsgegenstand. Umgekehrt fehlt es an einem Anfechtungsgegenstand und somit an einer Sachurteilsvoraussetzung, wenn und insoweit keine Verfügung beziehungsweise kein
Einspracheentscheid
ergangen ist (BGE 131 V 164 E. 2.1; 125 V 413 E. 1a).
Die Rentenfrage bildete nicht Gegenstand des Vorbescheides vom
2.
Februar 2021 (
Urk.
7/261), weshalb darüber auch nicht verfügungsweise entschieden werden konnte. Folgerichtig beurteilte auch d
ie angefochtene Verfügung in materieller Hinsicht lediglich den Anspruch auf berufliche Massnahmen, nicht jedoch einen Rentenanspruch.
Trotz der missverständlichen Formulierung der angefochtenen Verfügung ist d
aher auf
die Vorbringen
des Beschwerdeführers, welche in materieller Hinsicht auf die
Zusprache
einer Invalidenrente abzielen,
nicht weiter einzugehen und diesbezüglich auf die Beschwerde
nicht einzutreten.
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin ging in der angefochtenen Verfügung (Urk. 2) davon aus, es sei bereits aufgrund der letzten Gesuche des Beschwerdeführers Arbeits
vermittlung durchgeführt worden, welche leider erfolglos gewesen sei. Er habe bei der letzten Durchführung von Eingliederungsmassnahmen
keine Bereitschaft gezeigt, den Schritt vom geschützten Rahmen in den ersten Arbeitsmarkt zu gehen. Auch im neuen Gesuch zeige der Beschwerdeführer zwar Motivation für die Aufnahme einer Tätigkeit im geschützten Rahmen, nicht jedoch im Hinblick
auf die Aufnahme einer Erwerbstätigkeit im ersten Arbeitsmarkt. Da es somit an der subjektiven Bereitschaft fehle, bestehe kein Anspruch auf Arbeitsvermittlung (Urk. 2 S. 2).
2.2
Demgegenüber machte der Beschwerdeführer geltend (Urk. 1)
, er habe sich sowohl beim Verein
D._
, bei
der
E._
AG
sowie bei der
F._
um eine Arbeitsstelle bemüht und sei bisher erfolglos geblieben
. Der Vorwurf, ihm fehle es an der subjektiven Mitwirkungsbereitschaft, sei daher
nicht zutreffend
(S. 13 f. Ziff. 5.25
f.
).
Er sei klar gewillt, im Berufsleben wieder Fuss zu fassen (S. 15 Ziff. 5.28).
Gestützt auf die Akten und insbesondere die Verfügung vom 12. Juni 2017 sei klar erwiesen, dass der Invaliditätsgrad über 20 % liege, womit die
Hürde
zur Gewährung von Eingliederungsmassnahmen erfüllt sei (S. 16 Ziff. 6.3 f.).
2.3
Streitig und zu prüfen ist, ob die Beschwerdegegnerin einen Anspruch auf beruf
liche Massnahmen zu Recht verneint hat.
3.
3.1
Dem Beschwerdeführer wurde durch die Beschwerdegegnerin
unter anderem
ein Arbeitstraining bei der
B._
vom 16. Juni 2014 bis 15. Dezember 2014 gewährt mit dem Ziel des Aufbaus einer stabilen Arbeits
fähigkeit sowie des Findens einer angepassten Stelle im ersten Arbeitsmarkt (Urk. 7/167). Dieses Arbeitstraining wurde per 30. Oktober 2014 vorzeitig beendet (Schlussbericht
B._
vom 19. November 2014, Urk. 7/179). Der Beschwerdeführer
teilte
der Beschwerdegegnerin damals gemäss Mitteilung vom 24. November 2014 (Urk. 7/181) mit, dass er sich nicht dazu in der Lage fühlt
e
, eine Stelle im ersten Arbeitsmarkt anzutreten beziehungsweise die Integrationsmassnahmen fortzusetzen
(vgl. auch Verlaufsprotokoll Eingliede
rungsberatung vom 25. November 2014, Urk. 7/182/6-7)
.
In der Folge wurde eine erneute Rentenprüfung gewünscht (vgl. auch Urk. 7/184).
Mit Verfügung vom 12. Juni 2017 wurde der Leistungsanspruch des Beschwerdeführers
schliesslich - und
letztmals
-
rechtskräftig beurteilt, wobei ein Renten
anspruch
verneint
und hinsichtlich berufliche
r
Massnahmen darauf hingewiesen wurde, solche seien durchgeführt worden und der Beschwerdeführer könne sich wieder melden, wenn er sich für eine Teilnahme daran in der Lage fühle (Urk. 7/253).
3.2
Nachdem sich der Beschwerdeführer mit Schreiben vom 4. Dezember 2020 erst
mals wieder bei der Beschwerdegegnerin gemeldet und aus
ge
führt
hatte
, er sei an Wiedereingliederun
g
smassnahmen interessiert und stehe in Kontakt mit dem Verein
D._
(Urk. 7/259), schätzte man das Eingliederungspotential
- ohne weitere Abklärungen -
bei der Beschwerdegegnerin «bei gleich
0
» (vgl.
Urk. 7/260/2). Der Beschwerdeführer
bewarb
sich jedoch im September 2020
bei der
E._
AG (Urk. 3/4a-4b)
und im Mai 2021 bei der
F._
(Urk. 3/5). Von
einem fehlenden subjektiven Eingliederungswillen, auf dem ersten Arbeitsmarkt wieder Fuss zu fassen - was ihm die Beschwerdegegnerin anlastete -
kann daher nicht ohne
W
eiteres ausgegangen werden
.
Dass die Beschwerdegegnerin dies bei Verfügungserlass nicht wissen konnte, weil sie vom Beschwerdeführer gar nicht informiert worden war (Bewerbung
E._
AG) respektive die zweite «Bewer
bung» erst nach Verfügungserlass erging, ändert
nichts
an diesem Ergebnis. Denn es ist der Sachverhalt bis zum Verfügungserlass zu prüfen, auch wenn die Verwaltung keine Kenntnis davon hatte. Anzumerken bleibt, dass bereits der Zeit
ablauf seit der letzten rechtskräftigen ablehnenden Leistungsverfügung Anlass gab, den Beschwerdeführer zu begrüssen hinsichtlich seiner Motivation zur Auf
nahme einer Arbeitstätigkeit im ersten Arbeitsmarkt
(vgl. zur Anwendung revisionsrechtlicher Grundsätze bei Eingliederungsmassnahmen: BGE 109 V 119 E. 3a)
.
Die Beschwerde ist daher teilweise gutzuheissen, die Verfügung vom 17. Mai 2021 (Urk. 2) aufzuheben und die Beschwerdegegnerin hat den Anspruch auf berufliche Massnahmen zu prüfen.
4.
4.1
Da es im vorliegenden Verfahren um die Bewilligung oder Verweigerung von Versicherungsleistungen geht, ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Gerichts
kosten sind nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert fest
zulegen (
Art.
69
Abs.
1
bis
IVG) und auf Fr. 5
00.-- anzusetzen. Entsprechend dem Ausgang des Verfahrens sind sie der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen.
4.2
Nach
§
34
Abs.
1
des
Gesetz
es
über das Sozialversicherungsgericht (
GSVGer
)
hat die obsiegende Beschwerde führende Person Anspruch auf Ersatz der Partei
kosten. Diese werden ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache, der Schwierigkeit des Prozesses und dem Mass des Obsiegens bemessen (
§
34
Abs.
3
GSVGer
).
Nach ständiger Rechtsprechung gilt die Rückweisung der Sache an die Verwal
tung zur weiteren Abklärung und neuen Verfügung als vollständiges Obsiegen (BGE 137 V 57 E. 2.2), weshalb
der
vertretene Beschwerdeführer Anspruch auf eine Prozessentschädigung hat.
In Anwendung obiger Kriterien ist die Parteientschädigung vorli
egend auf Fr.
1'
900
.--
(inkl. Mehrwertsteuer und Barauslagen) festzusetzen und ausgangs
gemäss der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen.