Decision ID: e33b3efb-7456-55d2-bf8d-ad9c316520b3
Year: 2017
Language: de
Court: BE_VB
Chamber: BE_VB_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: public_law

I. Sachverhalt
1. Mit Gesamtentscheid vom 28. Oktober 2016 erteilte das Regierungsstatthalteramt
Frutigen-Niedersimmental der Beschwerdeführerin im Rahmen eines nachträglichen
Baubewilligungsverfahrens die Gesamtbewilligung für den Einbau von drei Garagentoren in
bestehende Lagerboxen, den Umbau bestehender Lagerräume mit Einbau einer Werkstatt
sowie den Neubau eines zusätzlichen Autoabstellplatzes auf den Parzellen Adelboden
Grundbuchblatt Nrn. B._ und C._. Der Gesamtentscheid enthielt mehrere
Auflagen, die bis spätestens einen Monat nach Eintritt der Rechtskraft umzusetzen waren.
Bezüglich Lärmschutz wurde in Ziff. 5.2.5 Folgendes angeordnet:
«1. Die vorhandenen Gestelle auf dem Zwischenboden, im Heizungs- und Rohrlager EG sind akustisch vom Boden und den Betonwänden abzukoppeln.
2. Die Sammelfässer sind entsprechend vom Gebäude zu entkoppeln. Bei den Fässern ist in diesem Zusammenhang der Luftschall zu beachten.
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3. Der Palettrolli auf dem Lagerbogen ist mit lärmdämpfenden Rollen zu versehen oder es darf nur noch der Hubstabler mit entsprechender Gummibereifung eingesetzt werden.»
Diese Lärmschutzauflagen stützen sich auf die Empfehlungen eines
Lärmschutzgutachtens, das die Beschwerdeführerin aufgrund einer Einsprache erarbeiten
liess. Der Gesamtentscheid erwuchs unangefochten in Rechtskraft.
2. Anfang Januar 2017 erkundigte sich der ehemalige Einsprecher bei der Gemeinde,
wer die Auflagen des Gesamtentscheids vom 28. Oktober 2016 kontrolliere. Die
Lärmschutzauflagen seien noch nicht umgesetzt worden. Mit Schreiben vom 4. Januar
2017 gab die Gemeinde der Beschwerdeführerin Gelegenheit zur Stellungnahme. Diese
stellte telefonisch eine Antwort auf Mitte Januar 2017 in Aussicht, liess sich in der Folge
aber nicht vernehmen. Mit E-Mail vom 14. März 2017 teilte die Gemeinde der
Beschwerdeführerin mit, aufgrund einer erneuten Reklamation gehe sie davon aus, dass
die Lärmschutzauflagen immer noch nicht umgesetzt worden seien. Sie bat um
Stellungnahme. Da sich die Beschwerdeführerin nicht meldete, erliess die Gemeinde am
10. April 2017 eine Wiederherstellungsverfügung. Die Beschwerdeführerin wurde darin
unterem anderem aufgefordert, bis 30. Juni 2017 die Lärmschutzauflagen gemäss Ziff.
5.2.5 des Gesamtentscheides umzusetzen.
3. Dagegen reichte die Beschwerdeführerin am 9. Mai 2017 Beschwerde bei der Bau-,
Verkehrs- und Energiedirektion des Kantons Bern (BVE) ein. Sie beantragt die teilweise
Aufhebung der Wiederherstellungsverfügung. Gemäss Verfügung müsse sie die
vorhandenen Gestelle auf dem Zwischenboden, im Heizungs- und im Rohrlager
Erdgeschoss akustisch vom Boden und den Betonwänden abkoppeln. Laut
Lärmschutzgutachten erfülle sie in diesem Bereich die Mindestanforderungen. Die
erhöhten Anforderungen des heutigen Wohnungsbaus seien nur in der Nacht bei einigen
Positionen nicht eingehalten. Sie arbeite aber lediglich im Tagbetrieb und nutze ihr Lager
nur am Tag. Die Entkopplung sämtlicher Gestelle sei deshalb unverhältnismässig. Mit den
anderen Punkten in der Wiederherstellungsverfügung sei sie einverstanden. Sie werde
deren Umsetzung innert Frist in Angriff nehmen.
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4. Das Rechtsamt, welches die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet1, führte den
Schriftenwechsel durch und holte die Vorakten ein. Die Gemeinde beantragte in ihrer
Stellungnahme vom 15. Mai 2017 die Abweisung der Beschwerde. Der ehemalige
Einsprecher verzichtete stillschweigend auf eine Beteiligung am Beschwerdeverfahren. Auf
die Rechtsschriften wird, soweit für den Entscheid wesentlich, in den nachfolgenden
Erwägungen eingegangen.

II. Erwägungen
1. Sachurteilsvoraussetzungen
a) Gemäss Art. 49 Abs. 1 BauG2 können baupolizeiliche Verfügungen nach Art. 45 bis
48 BauG innert 30 Tagen seit Eröffnung mit Beschwerde bei der BVE angefochten werden.
Die Beschwerdeführerin ist als Adressatin durch die angefochtene Verfügung beschwert
und daher zur Beschwerde legitimiert. Auf ihre form- und fristgerecht eingereichte
Beschwerde ist grundsätzlich einzutreten.
b) Der Streitgegenstand bestimmt sich aufgrund des Anfechtungsobjekts und der
gestellten Anträge. Die Beschwerdeführerin hat den Streitgegenstand in ihrer Beschwerde
auf die in Ziffer 1 Alinea 1 angeordnete Wiederherstellungsmassnahme beschränkt. Im
Übrigen ist die Verfügung vom 10. April 2017 in Rechtskraft erwachsen. Gegenstand des
Verfahrens ist somit einzig die Frage, ob die vorhandenen Gestelle akustisch vom Boden
und den Betonwänden abzukoppeln sind.
2. Verbindlichkeit der Lärmschutzauflagen
a) Im nachträglichen Baubewilligungsverfahren bemängelte der Einsprecher unter
anderem die fehlenden Schallschutzmassnahmen. Mit der neuen Nutzung und den damit
zusammenhängenden Einbauten sei die Lärmbelastung mit Tritt- und Körperschall
1 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (OrV BVE; BSG 152.221.191) 2 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721.0)
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untragbar geworden, da die Regeln der Baukunde betreffend Schallschutz nicht
eingehalten worden seien. Die Beschwerdeführerin gab deshalb ein Lärmgutachten in
Auftrag. Das beauftragte Ingenieurbüro nahm in der Wohnung des Einsprechers
Messungen vor und beurteilte den Lärm aufgrund der SIA-Norm "Schallschutz im
Hochbau" (2006). Es kam zum Schluss, dass bezüglich Luft- und Trittschall die erhöhten
Anforderungen für Neubauten eingehalten seien. Die Geräusche von haustechnischen
Anlagen und festen Einrichtungen im Gebäude würden demgegenüber die massgeblichen
Werte zum Teil überschreiten oder nur sehr knapp einhalten. Als problematisch zeigten
sich die Gestelle, das Rohrlager, die Altmetallentsorgung, der Palettrolli sowie das Tor.
Aufgrund des tiefen Grundschallpegels in der Wohnung würden die Geräusche trotz
Einhaltung der erhöhten Schallanforderungen zum Teil deutlich wahrgenommen. Die
Gutachterin empfahl deshalb die Prüfung von verschiedenen Massnahmen sowohl zur
Einhaltung der Grenzwerte als auch unter dem Titel der Vorsorge.3 Der
Regierungsstatthalter nahm die empfohlenen Massnahmen als Auflagen in den
Gesamtentscheid auf und setzte eine Frist zu deren Umsetzung an. Es ist unbestritten,
dass die Beschwerdeführerin diese Auflage nicht erfüllt hat.
b) Obwohl die Beschwerdeführerin im nachträglichen Baubewilligungsverfahren die
Auffassung vertreten hatte, dass bezüglich Lärmschutz lediglich die Minimalanforderungen
erfüllt werden müssten und deshalb bei den Gestellen keine Massnahmen erforderlich
seien, focht sie die fraglichen Lärmschutzauflagen in der Folge nicht an. Sie akzeptierte
damit die Bewilligung samt den damit verbundenen Nebenbestimmungen. Diese sind in
Rechtskraft erwachsen. Es ist deshalb grundsätzlich nicht mehr zu prüfen, ob die
umstrittene Auflage zu Recht in den Gesamtentscheid aufgenommen worden ist. Die
Rechtsmittelfrist für die Anfechtung der Auflage zu einer Baubewilligung darf nicht dadurch
umgangen werden, dass mit der Anfechtung zugewartet wird, um schliesslich im
Vollstreckungsverfahren vorzubringen, die Auflage sei fehlerhaft. Die Beschwerdeführerin
hätte den Gesamtentscheid anfechten und im Rahmen des Baubeschwerdeverfahrens
vorbringen müssen, die Auflage sei unverhältnismässig. Da sie dies unterlassen hat, ist die
Baubewilligung samt Nebenbestimmungen in Rechtskraft erwachsen. Demzufolge kann die
Beschwerdeführerin im Wiederherstellungsverfahren grundsätzlich keine Rügen mehr
gegen die Auflagen vorbringen. Insoweit kann auf die Beschwerde nicht eingetreten
werden. Eine Ausnahme von diesem Grundsatz würde einzig dann bestehen, wenn die
3 Vgl. dazu Lärmschutzgutachten vom 30. April 2016, Vorakten der Gemeinde, Register 3, Dokument Nr. 25
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Auflage nichtig wäre, wenn sie unverzichtbare oder unverjährbare verfassungsmässige
Rechte verletzen würde oder wenn die Beschwerdeführerin Anspruch auf die
Wiederaufnahme des Verfahrens hätte.4
c) Nichtigkeit wird angenommen, wenn ein schwerwiegender Rechtsfehler vorliegt, der
offensichtlich oder zumindest leicht erkennbar ist und die Rechtssicherheit durch die
Annahme der Nichtigkeit nicht ernsthaft gefährdet wird. Inhaltliche Mängel haben nur in
seltenen Ausnahmefällen die Nichtigkeit einer Verfügung zur Folge. Als Nichtigkeitsgründe
fallen hauptsächlich funktionelle und sachliche Unzuständigkeit einer Behörde sowie
schwerwiegende Verfahrensfehler in Betracht. Inhaltlich Mängel müssen ausserordentlich
schwer wiegen, damit die Nichtigkeitsschwelle erreicht wird.5 Die umstrittene Auflage sieht
vor, die vorhandenen Gestelle auf dem Zwischenboden, im Heizungs- und im Rohrlager
EG akustisch vom Boden und den Betonwänden abzukoppeln. Das Lärmschutzgutachten
führt dazu aus, dass sich bei den Gestellen die "harte" Montage an den Betonwänden
durch eine starke Schallübertragung negativ auswirke. Die zulässigen Werte würden zum
Teil überschritten oder nur sehr knapp eingehalten. Deshalb wurde eine Abkopplung der
Gestelle empfohlen.6 Vorliegend gebietet das umweltschutzrechtliche Vorsorgeprinzip,
dass Emis-sionen so weit begrenzt werden, als dies technisch und betrieblich möglich und
wirtschaftlich tragbar ist (Art. 1 Abs. 2 und Art. 11 Abs. 2 USG7). Ziel dieses
Vorsorgeprinzips ist, unnötige Belastungen zu vermeiden. Das Vorsorgeprinzip gilt für alte
und neue Anlagen und in allen Nutzungszonen. Selbst Anlagen, die von der
Baubewilligungspflicht ausgenommen sind, müssen dem Vorsorgeprinzip genügen.8 Das
Vorsorgeprinzip wird auch in der Lärmschutz-Verordnung (LSV9) festgehalten (Art. 7 Abs. 1
LSV). Anders als im Bereich der Luftreinhaltung gelten im Bereich des Lärmschutzes die
Voraussetzungen der Einhaltung der massgebenden Belastungsgrenzwerte und der
vorsorglichen Emissionsbegrenzung kumulativ. Nach der Rechtsprechung des
Bundesgerichts belegt die Einhaltung der massgeblichen Grenzwerte nämlich nicht ohne
4 VGE 2011/388 vom 26. Juli 2012 E. 4.3, mit weiteren Hinweisen 5 BGE 138 II 501 E. 3.1, mit weiteren Hinweisen; Tschannen/Zimmerli/Müller, Allgemeines Verwaltungsrecht, 4. Aufl. 2014, § 31 N. 14 ff.; Häfelin/Müller/Uhlmann, Allgemeines Verwaltungsrecht, 7. Aufl. 2016, N. 1096 ff. und 1102 ff. 6 Vgl. Lärmschutzgutachten vom 30. April 2016, Vorakten der Gemeinde, Register 3, Dokument Nr. 25 7 Bundesgesetz vom 7. Oktober 1983 über den Umweltschutz (Umweltschutzgesetz, USG; SR 814.01) 8 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 24 N. 6 mit Hinweisen auf die Rechtsprechung 9 Lärmschutz-Verordnung des Bundesrates vom 15. Dezember 1986 (LSV; SR 814.41)
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weiteres, dass alle erforderlichen vorsorglichen Emissionsbegrenzungen gemäss Art. 11
Abs. 2 USG getroffen worden sind.10 Durch die Abkopplung der Gestelle kann eine
zusätzliche Reduktion der Lärmemissionen erreicht werden. Mit dieser Auflage wird daher
(auch) dem Vorsorgeprinzip Rechnung getragen. Die Beschwerdeführerin macht zwar
geltend, die fragliche Auflage sei unverhältnismässig, legt dies jedoch nicht näher dar.
Dass die umstrittene Lärmschutzauflage nichtig sei, macht sie zu Recht nicht geltend. Ein
schwerwiegender Rechtsfehler ist nicht erkennbar.
d) Gemäss Art. 59 Abs. 1 VRPG11 ist ein Verfahren wieder aufzunehmen, wenn ein
Strafverfahren ergeben hat, dass durch ein Verbrechen oder Vergehen zum Nachteil einer
Partei auf die Verfügung eingewirkt wurde, wenn die Partei nachträglich erhebliche
Tatsachen erfährt oder entscheidende Beweismittel auffindet, die sie im früheren Verfahren
nicht anrufen konnte oder wenn zwingende öffentliche Interessen es rechtfertigen. Gründe
für eine Wiederaufnahme des Verfahrens sind weder dargetan noch ersichtlich. Die
umstrittene Lärmschutzauflage verletzt auch keine unverzichtbaren und unverjährbaren
verfassungsmässigen Rechte.12 Sie ist deshalb rechtswirksam und kann im Verfahren zur
Wiederherstellung des rechtmässigen Zustands nicht mehr in Frage gestellt werden. Die
Rügen, die die Beschwerdeführerin gegen die Entkoppelung sämtlicher Gestelle vorbringt,
sind aus diesem Grund unzulässig und es kann insoweit auf die Beschwerde nicht
eingetreten werden.
e) Wird ein Bauvorhaben ohne Baubewilligung oder in Überschreitung einer
Baubewilligung ausgeführt oder werden bei der Ausführung eines bewilligten Vorhabens
Vorschriften missachtet, so hat die Baupolizeibehörde ein Wiederherstellungsverfahren
einzuleiten (Art. 46 Abs. 1 BauG). Die Wiederherstellung des rechtmässigen Zustands ist
insbesondere auch in den Fällen anzuordnen, in denen das Bauvorhaben im Widerspruch
zu Bedingungen oder Auflagen der Baubewilligung steht.13 Es ist unbestritten, dass die
Beschwerdeführerin die umstrittenen, rechtskräftig angeordneten Lärmschutzmassnahmen
nicht erfüllt hat. Mit Verfügung vom 10. April 2017 hat die Gemeinde deshalb zu Recht eine
Nachfrist zur Herstellung des rechtmässigen Zustands angesetzt und für den Säumisfall
10 BGE 124 II 517 E. 4b; BGer 1C_283/2016 vom 11. Januar 2017 E. 6.3 11 Gesetz vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege (VRPG; BSG 155.21) 12 Vgl. dazu BGE 118 Ia 209 E. 2 13 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 46 N. 1
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die Ersatzvornahme angedroht. Dieses Vorgehen ist nicht zu beanstanden, sondern
entspricht den gesetzlichen Vorgaben. Soweit auf die Beschwerde überhaupt einzutreten
ist, ist sie deshalb abzuweisen. Die von der Gemeinde gesetzte Frist (30. Juni 2017) ist
inzwischen abgelaufen. Sie wird deshalb neu angesetzt auf den 31. Oktober 2017. Sollte
diese Frist erneut ungenutzt ablaufen, wird die Gemeinde zur Ersatzvornahme schreiten
müssen, d.h. auf Kosten der Beschwerdeführerin die Wiederherstellung selber ausführen
oder durch Dritte ausführen lassen (Art. 47 BauG).
4. Kosten
Bei diesem Ausgang des Verfahrens unterliegt die Beschwerdeführerin. Sie hat die
Verfahrenskosten zu tragen (Art. 108 Abs. 1 VRPG). Diese werden bestimmt auf eine
Pauschalgebühr von Fr. 600.00 (Art. 103 Abs. 2 VRPG i.V.m. Art. 19 Abs. 1 GebV14).
Parteikosten werden keine gesprochen (Art. 104 VRPG).