Decision ID: 239b7898-2b06-5b38-a260-6f3120abfd77
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer, ein Palästinenser aus dem Libanon, reiste eigenen
Angaben zufolge am 28. November 2019 in die Schweiz ein, wo er am
gleichen Tag um Asyl nachsuchte.
B.
Das SEM nahm am 3. Dezember 2019 die Personalien des Beschwerde-
führers auf und befragte ihn im Beisein einer ihm zugewiesenen Rechts-
vertretung am 3. Januar 2020 summarisch zu seinen Asylgründen gestützt
auf Art. 26 Abs. 3 AsylG (SR 142.31). Nachdem er mit Verfügung des SEM
vom 9. Januar 2020 dem erweiterten Verfahren zugewiesen worden war,
wurde er in Anwendung von Art. 29 AsylG am 18. Februar 2020 einlässlich
zu seinen Asylgründen angehört, wobei eine Rechtsvertretung zugegen
war.
Der Beschwerdeführer machte dabei im Wesentlichen geltend, er sei zwi-
schen 1996 bis 1998 respektive 2005 von den libanesischen Behörden drei
Mal verhaftet und befragt worden. Grund dafür sei die 1995 erfolgte Tötung
von B._, dem Präsidenten einer islamischen Hilfsorganisation, ge-
wesen. Sein Cousin und gleichzeitig Schwager C._ sei an dieser
Tötung beteiligt gewesen. 1998 bis 1999 sei er deshalb auch vom syri-
schen Geheimdienst, der zur Hisbollah gehöre, insgesamt drei Mal verhaf-
tet und befragt worden, wobei ihm 1999 der Rücken gebrochen worden sei.
Im Zeitraum von 2000 bis 2001 habe man ihm ständig Druck gemacht, so
dass er gezwungen gewesen sei, seine Arbeitsstelle zu verlassen. Danach
sei sechs Mal sein Haus gestürmt worden; letztmals 2017. Im Jahre 2005
habe er deswegen Anzeige bei der Polizei erstattet. Jene sei nutzlos ge-
wesen, denn man habe ihn mit einer Geldzahlung gebüsst.
Zwischen den Jahren 2004 und 2018 seien zudem etliche Male die Fens-
terscheiben seines Autos zerstört worden. Zwei Mal habe man vorsätzlich
sein Auto gerammt, wobei einmal seine Frau und die Kinder mit ihm im
Auto gesessen und den Aufprall miterlebt hätten. Auch sei nachts mehr-
mals auf sein Haus geschossen und dabei die Wand durchlöchert worden.
Im Jahr 2015 sei er während einer Fahrt mit dem Motorrad von einem Auto
angefahren respektive überfahren worden. Im Januar 2019, als sein
Schwager aus dem Gefängnis entlassen worden sei, sei er von vier Perso-
nen bedroht und zusammengeschlagen worden. Im Februar 2019 hätten
ihn dieselben Personen, welche der Al-Kaida angehörten, mit dem Auto
aufgehalten. Sie hätten – wie schon etliche Male zuvor – von ihm verlangt,
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sich von seiner Frau scheiden zu lassen, um sich so von seiner Familie
respektive von seinem Schwiegervater zu distanzieren. Seit 1998 bis zur
Ausreise hätten sie diese Forderung an ihn gestellt respektive ihm jeweils
telefonisch gedroht. Die letzte dieser telefonischen Drohungen habe im
Juni 2019 stattgefunden.
Zur Stützung seiner Vorbringen reichte der Beschwerdeführer insbeson-
dere einen Ausweis der United Nations Relief and Works Agency for Pa-
lestine Refugees (UNWRA; Anmerkung des Gerichts: Hilfswerk der Verein-
ten Nationen für Palästina-Flüchtlinge im Nahen Osten) im Original zu den
Akten.
C.
Mit Verfügung vom 5. März 2020 – eröffnet am 9. März 2020 – stellte das
SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht
lehnte sein Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz
sowie den Vollzug an.
D.
Mit Eingabe des rubrizierten Rechtsvertreters vom 31. März 2020 erhob
der Beschwerdeführer beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde ge-
gen die Verfügung vom 5. März 2020. Darin wurde beantragt, die Verfü-
gung sei aufzuheben und dem Beschwerdeführer sei Asyl zu gewähren.
Die Kosten seien ausgangsgemäss auf die Staatskasse zu nehmen; even-
tualiter sei dem Beschwerdeführer die unentgeltliche Rechtspflege zu ge-
währen, und er von den Gerichtskosten freizuhalten sowie, der Unterzeich-
nende sei als unentgeltlicher Rechtsbeistand einzusetzen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
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Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Der Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
AsylG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und formgerecht einge-
reichte Beschwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 2 AsylG und Art. 52
Abs. 1 VwVG).
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachste-
hend aufgezeigt, handelt es sich um eine solche, weshalb das Urteil nur
summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG).
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
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Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaubhaft-
machen der Vorbringen in verschiedenen Entscheiden weiter konkretisiert.
Darauf kann hier verwiesen werden (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1; 2013/11
E. 5.1; 2010/57 E. 2.3.).
5.
5.1 Das SEM führte im angefochtenen Entscheid unter Hinweis auf die
Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts in BVGE 2008/34 zur Be-
gründung aus, bei Palästinensern wie dem Beschwerdeführer, welche un-
ter das Mandat der UNRWA fallen würden, sei kein genereller Ausschluss
vom Anwendungsbereich der Flüchtlingskonvention anzunehmen. Es sei
daher individuell zu prüfen, ob die Voraussetzungen für die Anerkennung
der Flüchtlingseigenschaft erfüllt seien. Von den libanesischen bezie-
hungsweise syrischen Behörden sei er angeblich mindestens seit dem Jahr
2005 nicht mehr belangt worden. Zwischen seinen diesbezüglichen Verfol-
gungsvorbringen und seiner Ausreise im Jahr 2019 bestehe damit in zeitli-
cher und sachlicher Hinsicht kein Kausalzusammenhang. Die von Hisbol-
lah-Angehörigen ausgehenden Schikanen, welche angeblich bis zu seiner
Ausreise gedauert hätten, erachtete das SEM ebenfalls für nicht relevant
im Sinne von Art. 3 AsylG, da diese Personen ihn wegen seiner Eigen-
schaft als Verwandter eines ehemaligen AI-Qaida-Mitglieds und Mittäters
am Mord eines hohen Hisbollah-Angehörigen und damit nicht aus einem
der in Art. 3 AsylG genannten Motive verfolgt hätten. Die vom Beschwer-
deführer genannten Einschränkungen hinsichtlich seiner beruflichen Mög-
lichkeiten als Palästinenser seien ebenso wie jene seiner Ehefrau als all-
gemeine Benachteiligungen von Palästinensern im Libanon zu werten,
weshalb sie kein asylrechtlich relevantes Ausmass erreichen würden.
Im Weiteren vertrat das SEM – bei seiner Beurteilung zur Zulässigkeit des
Vollzuges der Wegweisung – den Standpunkt, es seien ernsthafte Zweifel
an der Glaubhaftigkeit der Sachvorbringen des Beschwerdeführers anzu-
bringen. Unter Hinweis auf die jeweiligen Protokollstellen hielt die Vo-
rinstanz fest, es erscheine höchst fragwürdig, dass er als Cousin und
Schwager eines wegen Mittäterschaft am Mord von B._ Verurteilten
fast 25 Jahre lang schikaniert und attackiert worden sei, nur damit er sich
von dessen Familie und vor allem von seiner Frau, der Schwester des Mit-
täters, distanzieren würde. Auf entsprechende Nachfragen habe er keine
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überzeugende Antwort geben können. Er habe lediglich wiederholt, dass
dasselbe mit einer Schwester seiner Frau passiert sei. Ebenfalls gegen die
Glaubhaftigkeit einer aktuellen Verfolgung würden seine Aussagen spre-
chen, dass man bis im Februar 2020 nicht bemerkt habe, dass er nicht
mehr da gewesen sei. Von einer akut drohenden Verfolgung könne auch
angesichts der Tatsache, dass seine Frau noch an derselben Adresse
wohne, obwohl ihr gedroht worden sei, man werde auch ihr und den Kin-
dern etwas antun, nicht gesprochen werden. Es sei zudem nicht nachvoll-
ziehbar, dass der Beschwerdeführer aus Sicherheitsgründen seiner Mutter
und seinen Geschwistern verboten habe, ihn zu Hause zu besuchen, er
jedoch zusammen mit seiner Frau und den Kindern seine Schwiegereltern
und den aus der Haft entlassenen Cousin besucht habe. Seine Aussagen
seien zudem ungereimt. So habe er an der ersten Anhörung von Hausstür-
mungen gesprochen, wobei die Angreifer mindestens einmal ins Haus ge-
kommen seien. Während der zweiten Anhörung habe er jedoch angege-
ben, die Leute hätten das Haus jeweils nicht betreten, sondern ihn nach
draussen gerufen. In Bezug auf die vier Männer, die ihn im Februar 2019
nach seinem Besuch bei den Schwiegereltern überfallen haben sollen,
habe er ebenfalls unterschiedliche Angaben gemacht. In der ersten Anhö-
rung habe er dargelegt, diese Männer sehr gut und mit Namen und Tele-
fonnummern zu kennen. In der zweiten Anhörung habe er angegeben, nur
zwei der vier Personen mit Namen zu kennen; sie lebten im gleichen Quar-
tier und einer gehöre zur Hisbollah und einer zum "Widerstand der Milizen".
5.2 In der Rechtsmittelschrift wurde im Wesentlichen argumentiert, der Be-
schwerdeführer habe eindrücklich und nachvollziehbar und damit glaubhaft
in zwei Befragungen erläutert, wie und warum er seit den 1990-er Jahren
wiederholt und immer wieder von schiitischen Hisbollah-Milizen angegrif-
fen, verfolgt, schikaniert und diskriminiert worden sei. Bei der jahrelang an-
dauernden Verfolgung durch die politisch-religiösen Gegner sei es darum
gegangen, den Beschwerdeführer von der Familie seiner Ehefrau zu tren-
nen, deren Bruder Mitglied einer extremen religiös-politischen Gruppierung
gewesen sei. Diesem sei vorgeworfen worden, B._ sowie vier Män-
ner getötet zu haben. Die in der Verfügung durch das SEM angebrachten
ernsthaften Zweifel seien verfehlt. Vielmehr würden die Verfolgungsvor-
bringen des Beschwerdeführers als eines nahen Verwandten eines Atten-
täters glaubhaft erscheinen. Bezüglich der vom Beschwerdeführer geschil-
derten Hausstürmungen und der von ihm namentlich genannten Angreifer
beim Überfall im Februar 2019 seien keine Ungereimtheiten zu erkennen.
Die Verfolgung durch die Hisbollah-Milizen sei als glaubhaft und zugleich
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als asylrelevant zu erachten. Der Beschwerdeführer werde im Herkunfts-
land ganz offensichtlich aufgrund seiner Zugehörigkeit zu einer bestimmten
religiösen, sozialen und politischen Gruppe verfolgt. Er sei jahrelang ver-
folgt, diskriminiert, verhaftet, geschlagen und angegriffen worden. Das
asylrechtlich relevante Ausmass sei zweifellos gegeben. Bei einer Rück-
kehr würde er einer erheblichen Verfolgungsgefahr ausgesetzt.
6.
Das Bundesverwaltungsgericht wendet im Beschwerdeverfahren das Bun-
desrecht von Amtes wegen an. Es ist gemäss Art. 62 Abs. 4 VwVG nicht
an die Begründung der Begehren gebunden und kann die Beschwerde
auch aus anderen als den geltend gemachten Gründen gutheissen oder
den angefochtenen Entscheid im Ergebnis mit einer Begründung bestäti-
gen, die von jener der Vorinstanz abweicht (sog. Motivsubstitution; vgl.
BVGE 2007/41 E. 2), wobei grundsätzlich die tatsächlichen Verhältnisse
zum Zeitpunkt des Entscheides massgebend sind (vgl. BVGE 2012/21
E. 5.1, 2011/1 E. 2). Soll sich dabei der neue Entscheid auf Rechtsnormen
stützen, mit deren Anwendung die Parteien nicht rechnen mussten, so ist
ihnen Gelegenheit zu geben, sich hierzu vorgängig zu äussern (vgl. BVGE
2007/41 a.a.O.; vgl. Urteil des BVGer E-4489/2017 vom 1. Mai 2020
E. 5.2.3).
7.
7.1 Bei palästinensischen Asylsuchenden, die – wie der Beschwerdeführer
– unter das Mandat der UNWRA fallen und sich ausserhalb des UNWRA-
Gebietes befinden, ist zu prüfen, ob die Voraussetzungen zur Gewährung
der Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG erfüllt sind (vgl. BVGE
2008/34 E.5 und 6).
7.2 Der Flüchtlingsbegriff im Sinne von Art. 3 AsylG setzt – wie schon er-
wähnt – gemäss Art. 7 AsylG den Nachweis oder zumindest die Glaubhaft-
machung der Flüchtlingseigenschaft voraus. Das SEM schenkte diesem
Aspekt bei seiner Prüfung von Art. 3 AsylG keine Beachtung, sondern fo-
kussierte sich darauf, die vom Beschwerdeführer dargelegten Flucht-
gründe auf deren Relevanz im Sinne von Art. 3 AsylG zu prüfen und diese
zu verneinen (vgl. Akten SEM [...]-33/12 [nachfolgend A33/12] S. 3 f.). Das
Bundesverwaltungsgericht setzt den Schwerpunkt der Überprüfung der
Vorbringen des Beschwerdeführers im Rahmen des Beschwerdeverfah-
rens hingegen im vorliegenden Fall anders als die Vorinstanz, da es an
deren Begründung nicht gebunden ist. Denn nach eingehender Prüfung
der Akten gelangt es zum Schluss, dass die Sachverhaltsschilderungen
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des Beschwerdeführers in mehrfacher Hinsicht als nicht glaubhaft im Sinne
von Art. 7 AsylG zu qualifizieren sind. Das Gericht sieht jedoch keine Ver-
anlassung, dem Beschwerdeführer vorgängig ein Recht zur Stellung-
nahme zu gewähren, denn das SEM hat sich zur Frage der Glaubhaftma-
chung der Vorbringen hinreichend konkret im Rahmen seiner Prüfung zur
Zulässigkeit des Vollzuges der Wegweisung geäussert und ist ebenfalls
zum Schluss gelangt, dass die vom Beschwerdeführer geschilderten
Fluchtgründe von ihm nicht glaubhaft gemacht worden seien (vgl. A33/12
S. 6). Der Beschwerdeführer hat sich in der Rechtsmittelschrift mit den vo-
rinstanzlichen Erwägungen zur Glaubhaftigkeit sodann auseinanderge-
setzt (vgl. Beschwerde S. 3 f.).
7.3
7.3.1 Der Beschwerdeführer brachte als Kernvorbringen in den Anhörun-
gen vor, von 1998 bis 2019 vom syrischen Geheimdienst respektive Zuge-
hörigen zur Hisbollah immer wieder und teils massiv behelligt worden zu
sein. Er sei verhaftet, misshandelt, geschlagen, angefahren, sein Haus
mehrmals gestürmt und beschossen, sein Fahrzeug mehrmals beschädigt
und telefonisch bedroht worden. Das primäre Ziel der Verfolger sei gewe-
sen, dass er sich von seiner Ehefrau trenne. Als Motiv nannte er, dass der
Bruder seiner Ehefrau an der Ermordung von B._, dem Präsidenten
einer islamischen Organisation mitbeteiligt gewesen sei (vgl. A17/15 F55-
F69, F71-78, A32/16 F7-F39, F42-F46, F52, F58-F62, F65-F78, F80, F87
f.) Es ist indes – wie vom SEM ebenso gefolgert – nicht nachvollziehbar,
weshalb er über einen derart langen Zeitraum von insgesamt 21 Jahren
behelligt worden sein soll, nur damit er sich von seiner Ehefrau hätte schei-
den lassen. Ganz abgesehen davon, dass nicht einzusehen ist, inwiefern
der syrische Geheimdienst respektive die Hisbollah, von einer solchen
Scheidung profitiert hätten, leuchtet nicht ein, weshalb die von ihm erwähn-
ten Verfolger nicht zu geeigneteren Mitteln hätten greifen und/oder sich in
anderer Weise am Beschwerdeführer hätten rächen können. Denn hätten
die angeblichen Verfolger tatsächlich an ihm und seiner Familie wegen der
Mittäterschaft seines angeblichen Schwagers und Cousins bei der Ermor-
dung von B._ Rache üben und ihn unter anderem deswegen auch
mit dem Tod gedroht (vgl. A32/16 F73 f.), hätten sie dies wohl längst auf
andere Weise erreichen können. Es ist schlicht nicht vorstellbar, dass ein
solches Unterfangen ohne Erfolg über ganze einundzwanzig Jahre ange-
dauert haben soll.
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Gemäss dem öffentlich zugänglichen Urteil des "Lebanese Repulic Judicial
Council" vom (...) 1997 betreffend die Ermordung von B._ steht zu-
dem fest, dass einer der zahlreichen Angeklagten namens D._, am
(...) festgenommen und zu fünfundzwanzig Jahren Zwangsarbeit verurteilt
worden war (vgl. [...]). Hingegen steht vorliegend nicht fest, dass es sich
dabei tatsächlich um den Schwager des Beschwerdeführers, welchen er
mit C._ benennt (A17/15 F55 und F80), handelt. Einen Beleg dafür
hat der Beschwerdeführer jedenfalls nicht erbracht. Zweifel an diesem Ver-
wandtschaftsverhältnis kommen auch deshalb auf, weil der Schwager bei
seiner Festnahme gemäss dem Beschwerdeführer 16 Jahre alt gewesen
sein soll (vgl. A17/15 F55, indes gemäss dem erwähnten Gerichtsurteil bei
seiner Festnahme bereits (...) Jahre alt gewesen wäre.
Sollte es sich bei genanntem Verurteilten tatsächlich um den Schwager des
Beschwerdeführers handeln, so ist angesichts dessen Festnahme im Ja-
nuar 1996 und der anschliessenden Verurteilung im Januar 1997 im Wei-
teren nicht ersichtlich, inwiefern der libanesische Geheimdienst 1998 oder
– wie vom Beschwerdeführer in Widerspruch dazu auch erklärt – 2005
noch irgendein Interesse an ihm gehabt und ihn deshalb festgenommen
und verhört haben sollte (vgl. A17/15 F60; A32/16 F5 ff.). Gleiches gilt auch
für die angeblichen Festnahmen durch den syrischen Geheimdienst. Auch
in diesem Zusammenhang ist nicht nachvollziehbar, aus welchem Grund
diese Behörde den Beschwerdeführer erst 1998 hätte festnehmen und ins-
besondere über Jahre hätte schikanieren und behelligen sollen, war doch
sein vermeintlicher Schwager längst wegen seiner Mittäterschaft überführt
und in Haft.
Aus den Aussagen des Beschwerdeführers wird ohnehin nicht ganz klar,
wer konkret ihn ab 1998 zu welchen genauen Zeitpunkten behelligt haben
soll. So spricht er nämlich einmal vom syrischen Geheimdienst, der zur
Hisbollah gehöre, dann spricht er von Ahbasch-Leuten und den Milizen des
Widerstands, die seinerseits zur Hisbollah gehörten (vgl. A17/15 F58 f.,
F73, A 32/16 F9, F38 f., F42 f.).
Sodann ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer für erwähnte Fest-
und Einvernahmen, die Angriffe auf seine Person oder sein Haus und sein
Eigentum keinerlei Beweismittel ins Recht gelegt hat.
7.3.2 Die Asylvorbringen des Beschwerdeführers sind daher bei einer Ge-
samtbetrachtung als nicht glaubhaft zu bezeichnen. Die Ausführungen in
der Beschwerde, welche sich im Wesentlichen darauf beschränken, die
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Sachvorbringen zu wiederholen und ohne schlüssige Begründung zu be-
tonen, seine Schilderungen seien glaubhaft, eignen sich nicht, zu einer an-
deren Einschätzung zu gelangen. Dem SEM ist somit im Ergebnis beizu-
pflichten, dass der Beschwerdeführer die Flüchtlingseigenschaft nicht er-
füllt. Das Asylgesuch wurde zu Recht abgelehnt.
8.
8.1 Lehnt das Staatssekretariat das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht
ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet
den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Fa-
milie (Art. 44 AsylG).
8.2 Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche
Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol-
chen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44
AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
9.
9.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]). Beim Geltendmachen von Wegweisungs-
vollzugshindernissen gilt gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts
der gleiche Beweisstandard wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigen-
schaft; das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte Beweis möglich
ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24
E. 10.2 m.w.H.).
9.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun-
gen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund
nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Aus-
reise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl.
ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechts-
stellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
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Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember
1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-
gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3
EMRK darf ferner niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedri-
gender Strafe oder Behandlung unterworfen werden.
Die Vorinstanz hat in der angefochtenen Verfügung zutreffend darauf hin-
gewiesen, dass das flüchtlingsrechtliche Gebot des Non-refoulement nur
Personen schützt, welche die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem
Beschwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich relevante Gefähr-
dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG
verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren
keine Anwendung finden. Weder aus den Aussagen des Beschwerde-
führers noch aus den Akten ergeben sich zudem Anhaltspunkte dafür, dass
er für den Fall einer Ausschaffung in den Libanon dort mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen
Strafe oder Behandlung ausgesetzt wäre. Gemäss Praxis des Europäi-
schen Gerichtshofes für Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-
Anti-Folterausschusses müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Ge-
fahr ("real risk") nachweisen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer
Rückschiebung Folter oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl.
Urteil des EGMR Saadi gegen Italien 28. Februar 2008, Grosse Kammer
37201/06, §§ 124–127 m.w.H.). Auch die allgemeine Menschenrechtssitu-
ation im Libanon lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt
nicht als unzulässig erscheinen. Nach dem Gesagten ist der Vollzug der
Wegweisung sowohl im Sinne der asyl- als auch der völkerrechtlichen
Bestimmungen zulässig.
9.3 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf
Grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
Hinsichtlich der allgemeinen Situation im Libanon kann im heutigen Zeit-
punkt trotz der angespannten Lage und den sozialen Problemen nicht von
einer landesweit herrschenden Bürgerkriegssituation oder einer Situation
allgemeiner Gewalt, aufgrund derer die gesamte Zivilbevölkerung als kon-
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kret gefährdet bezeichnet werden müsste, gesprochen werden. (vgl. Ur-
teile des BVGer D- 64/2019 vom 24. Januar 2019 E. 6.3.1, D-4583/2018
vom 24. August 2018 E. 7.3.1, D-3176/2018 vom 9. Juli 2018 E. 9.3).
Aus den Akten ergeben sich auch keine konkreten Anhaltspunkte, die da-
rauf schliessen lassen, der Beschwerdeführer gerate im Falle einer Rück-
kehr in den Libanon aus individuellen Gründen wirtschaftlicher, sozialer
oder gesundheitlicher Natur nunmehr in eine existenzbedrohende Situa-
tion. Dem Beschwerdeführer war es möglich ein Studium ausserhalb des
Libanons zu beginnen. Im Libanon war er unter anderem als (...) und (...)
tätig und lebte mit seiner Familie in einer Mietwohnung. Seine Frau, die
sich zusammen mit den gemeinsamen Kindern im Libanon befindet, ist stu-
dierte (...) und konnte ihren Beruf dort ausüben, wenn dies auch zuweilen
mit Unterbrüchen und Ungerechtigkeiten bei den jeweiligen Arbeitsverhält-
nissen verbunden war. Zudem leben seine Mutter, seine Schwiegereltern,
Geschwister sowie weitere Verwandte von ihm im Libanon. Der Beschwer-
deführer verfügt damit über ein familiäres Beziehungsnetz, das ihn – wie
dies zuweilen bereits durch seine Schwager erfolgte – bei Bedarf auch un-
terstützen kann (vgl. A2/2 S. 3 f., A17/15 F12 ff., F24 ff., F31 ff., F36 f.).
Der Beschwerdeführer hat sich im Übrigen in seiner Beschwerde jeglicher
Ausführungen zum Vorliegen von individuellen Wegweisungsvollzugshin-
dernissen enthalten. Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der
Wegweisung auch als zumutbar.
9.4 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Libanons die für eine Rückkehr notwendigen Reisedo-
kumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12).
9.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
10.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist abzu-
weisen.
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11.
Die gestellten Rechtsbegehren erweisen sich bei einer ex-ante-Betrach-
tung als aussichtslos. Die – wie vorliegend – für den Fall des Unterliegens
gestellten Gesuche um unentgeltliche Prozessführung und Rechtsverbei-
ständung sind daher ungeachtet einer allfälligen prozessualen Bedürftig-
keit des Beschwerdeführers abzuweisen (Art. 65 Abs. 1 VwVG i.V.m. Art.
102m Abs. 1 Bst. a AsylG).
12.
Die Verfahrenskosten sind dem Beschwerdeführer aufzuerlegen und auf
insgesamt Fr. 750.– festzusetzen (Art. 63 Abs. 1 VwVG; Art. 1–3 des Reg-
lements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor
dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
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E-1886/2020
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