Decision ID: 3d996233-072d-562e-90ed-3af8939de9e6
Year: 2021
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
Mit Voranmeldung vom 2
5.
März 2020 teilte
X._
dem Amt für Wirtschaft und Arbeit (AWA)
mit, dass sie für ihre Haushalthilfe Kurzarbeit anmelde,
was sie mit der
durch das
Coronavirus
verursachte
n
Pandemie
be
grün
dete
(
Urk.
9/5).
Mit Verfügung vom 31.
März 2020 bewilligte ihr das AWA Kurz
arbeit für die Zeit vom 2
5.
März bis zum 2
4.
September 2020 (
Urk.
9/4), welche Verfügung indes am 2
5.
August 2020
, der Versicherten am
9.
Oktober 2020 zu
gestellt (vgl.
Urk.
7/2),
wiedererwägu
ngsweise aufgehoben wurde (Urk.
9/1).
Da
gegen erhob
X._
am 1
1.
Oktober 2020 Einsprache (
Urk.
9/3), welche
das AWA
mit Entscheid vom
6.
November 2020 ab
wies (Urk.
2).
2.
Hiergegen erhob
X._
am 1
6.
November 2020 Beschwerde und beantragte die Aufhebung des angefochtenen Entscheids, ohne diesen jedoch
ihrer Eingabe
beizulegen. Mit Verfügung vom 23. November 2020 gewährte ihr das Gericht
infolgedessen
eine Nachfrist, um den angefochtenen Entscheid einzu
reichen (
Urk.
3), welcher Auflage
X._
innert Frist nachkam (
Urk.
5). Mit Beschwerdeantwort vom 1
9.
Januar 2021 schloss der Beschwerde
gegner auf Abweisung der Beschwerde (
Urk.
8), was der Beschwerdeführerin an
gezeigt wurde (Verfügung vom 2
3.
Januar 2021
,
Urk.
10).

Das Gericht zieht in Erwägung:
1.
1.1
Gemäss
Art.
31
Abs.
1
lit
. b und d
des Bundesgesetzes über die obligatorische Arbeitslosenversicherung und die Insolvenzentschädigung (AVIG) haben Arbeit
nehmer, deren normale Arbeitszeit verkürzt oder deren Arbeit ganz eingestellt ist, Anspruch auf
Kurzarbeitsentschädigung
,
wenn der Arbeitsausfall anre
chenbar so
wie voraussichtlich vor
übergehend ist und erwartet werden darf, dass durch Kurz
arb
eit die Arbeitsplätze erhalten werden können. Ein Arbeitsausfall ist unter anderem anre
chen
bar, wenn er auf wirt
schaftliche Gründe zurück
zufüh
ren und
unvermeidbar ist (Art. 32 Abs. 1
lit
.
a AVIG). Nicht anre
chenbar ist ein Arbeits
ausfall gemäss Art. 33 Abs. 1 AVIG, wenn er durch betriebsorganisatorische Mass
nahmen wie
Rei
nigungs
, Repara
tur
oder Unterhaltsarbeiten sowie andere übliche und wiederkehrende Betriebs
unterbrechu
ngen oder durch Umstände ver
ursacht wird, die zum nor
malen Betriebs
risiko des Arbeitgebers gehören (
lit
.
a),
ferner wenn er
branchen
,
berufs
oder betriebsüblich ist oder durch sai
sonale Beschäfti
gungs
schwan
kun
gen verursacht wird (
lit
.
b).
1.2
Gemäss Abs. 3 des Art. 32 AVIG regelt der Bundesrat für Härtefälle die An
rechenbarkeit von Arbeitsausfällen, die auf behördliche Massnahmen, auf wetter
bedingte Kundenausfälle oder auf andere vom Arbeitgeber nicht zu vertretende Umstände zurückzuführen sind. Er kann für diese Fälle von Absatz 2 abweichende längere Karenzfristen vorsehen und bestimmen, dass der Arbeits
ausfall nur bei vollständiger Einstellung oder erheblicher Einschränkung des Betriebes anrechen
bar ist.
Der Bundesrat bestimmt, unter welchen Voraussetzungen eine Betriebsabteilung einem Betrieb gleichgestellt ist (Abs. 4).
1.3
Im Zusammenhang mit Massnahmen wegen des
Coronavirus
(COVID
-
19) erliess der Bundesrat sodann unter anderem die folgenden Verordnungen, die innert kurzer Zeit mehrere Änderungen erfuhren:
1.
Verordnung 2 über Massnahmen zur Bekämpfung des
Coronavirus
(COVID-19-Verordnung 2) vom 13. März 2013 (SR 818.101.24).
2.
Verordnung über Massnahmen im Bereich der Arbeitslosenversicherung im Zusammenhang mit dem
Coronavirus
(COVID-19-Verordnung Arbeitslosen
versicherung) vom 20. März 2020 (SR 837.033).
3.
Verordnung über Massnahmen bei Erwerbsausfall im Zusammenhang mit dem
Coronavirus
(COVID-19-Verordnung Erwerbsausfall) vom 20. März 2020 (SR 830.31).
1.4
Verwaltungsweisungen richten sich an die Durchführungsstellen und sind für das Sozialversicherungsgericht nicht verbindlich. Dieses soll sie bei seiner Entschei
dung aber berücksichtigen, sofern sie eine dem Einzelfall angepasste und gerecht werdende Auslegung der anwendbaren gesetzlichen Bestimmungen zulassen. Das Gericht weicht also nicht ohne triftigen Grund von Verwaltungsweisungen ab, wenn diese eine überzeugende Konkretisierung der rechtlichen Vorgaben dar
stellen. Insofern wird dem Bestreben der Verwaltung, durch interne Weisungen eine rechtsgleiche Gesetzesanwendung zu gewährleisten, Rechnung getragen (BGE 133 V 587 E. 6.1; 133 V 257 E. 3.2 mit Hinweisen; vgl. BGE 133 II 305 E. 8.1).
2.
2.1
Während der Beschwerdegegner einen Anspruch auf Kurzarbeitsentschädigung mangels Vorliegens eines Unternehmens verneinte und
die Wiedererwä
gungs
gründe
für gegeben erachtete
(
Urk.
2), hielt die Beschwerdeführerin dagegen
, eine Unterscheidung privater Arbeitgeber und Unternehmen hinsichtlich Kurzarbeits
entschädigung sei nirgends vorgesehen. Ferner habe sie keine Möglichkeit ge
sehen, den Arbeitsausfall ihrer Haushalthilfe zu verhindern, sei dieser doch durch das behördlich verordnete Versammlungsverbot zustande gekommen (
Urk.
1).
2
.2
Der Zweck der Kurzarbeitsentschädigung besteht darin, einerseits dem Versi
cher
ten einen angemessenen Ersatz für Erwerbsausfälle wegen Kurzarbeit zu garan
tiere
n und Ganzarbeitslosigkeit, das heisst
Kündigung und Entlassung, zu verhin
dern. Der Verhütungsgedanke ist dabei sowohl von sozialen und wirt
schaftlichen Überlegungen getragen als auch davon, die finanzielle Belastung der Arbeits
losenversicherung, wie sie ihr durch Ganzarbeitslose entsteht, möglichst gering zu halten. Anderseits dient die Kurzarbeitsentschädigung der Erhaltung von Arbeitsplätzen im Interesse sowohl der Arbeitnehmer als auch der Arbeit
geber, indem die M
öglichkeit der Erhaltung eines «intakten Produktionsapparates»
über die Zeit der Kurzarbeit hinweg g
eboten wird (BGE 120 V 526 E.
3b
,
Botschaft des Bundesrates zu einem neuen Bundesgesetz über die obligatorische Arbeits
losen
versicherung und die Insolvenzentschädigung vom 2. Juli
1980 [
BBl
1980 III 489
ff.]
S. 531
, vgl.
auch Gerhards, Kommentar zum Arbeitslosen
versicherungs
gesetz, Bd. I, S. 384, Vorbemerkungen zu
Art.
31-41 AVIG, N 22).
Aus dem Ziel der
Kurzarbeitsentschädigung
-
der Produktionsapparat
soll
intakt und die Stammbelegschaft erhalten bleiben (
Thomas Nussbaumer, Arbeitslosen
versicherung in:
Schweizerisches Bundesverwaltungsrecht
[SBVR]
, Soziale Sicherheit,
3.
Auflage, Basel 2016,
Rz
455
)
-
erhellt, dass das Institut der Kurz
arbeitsentschädigung auf Betriebe respektive Unternehmen zugeschnitten ist
, was sich
auss
erdem
aus den Formulierungen der entsprechenden gesetzlichen Be
stimmungen (z.B. E. 1.1 - 1.2) ergibt.
E
in
Anspruch auf Kurzarbeitsentschädigung für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer von Privatpersonen
lässt sich
daraus nicht ableiten
. Hieran hat sich auch im Rahmen der Pandemie
durch das
Coro
na
virus
nichts geändert,
wie der Blick in die
Materialien zu den COVID-Ver
ord
nungen
zeigt
. So führte der Bundesrat in seiner Stellungnahme vom 19. August 2020 zum Postulat 20.3200 (Kurzarbeit. Entschädigung der
Arbeitnehmenden
auf Stundenlohnbasis bei Privatpersonen) aus, die Kurzarbeitsentschädigung richte sich an Unternehmen, die Waren erstellen, Dienstleistungen erbringen, in einem direkten Kontakt mit dem Markt stünden und ihr eigenes
Betriebsrisiko trügen
. Liege kein Betriebsrisiko vor, bestehe in der Regel kein Kündigungsrisiko, weshalb
eine Ausrichtung von Kurzarbeitsentschädigung, deren Zweck in der Erhaltung von Arbeitsplätzen stehe, nicht gerechtfertigt sei. Die blosse Tatsache, dass je
mand Arbeitgeber sei, reiche demnach nicht aus, um Kurzarbeits
entschädigung geltend machen zu können. Privathaushalte würden in der Regel keine Waren und Dienstleistungen anbieten und daher aufgrund der Pandemie keinen Nach
fragerückgang verzeichnen. Dies wäre jedoch für einen Anspruch auf Kurzar
beits
entschädigung unabdingbar.
In den Erläuterungen zur COVID-19-Verordnung Arbeitslosenversicherung führte das SECO aus, für einen Anspruch auf Kurzarbeitsentschädigung bei
Arbeit
neh
menden
, die direkt in privaten Haushalten angestellt seien, müssten alle be
trof
fenen privaten Arbeitgeber für die Einreichung der Gesuche neu erfasst werden; dies entspreche mehreren Zehntausend neuen Arbeitgebern. Ausserdem würden Personen, die bei mehreren privaten Arbeitgebern tätig seien, unter Umständen
von mehreren Arbeitgebern für Kurzarbeitsentschädigung angemeldet. Dies würde
angesichts der bereits zum Äuss
ersten belasteten Vollzugsstell
en zum Kollaps des Systems führen. Eine Lösung über den Corona-Erwerbsersatz wäre mit genau den gleichen Schwierigkeiten konfrontiert. Zusammenfassend
hielt
das SECO
fest
, die Prüfung der Sachlage vor diesem Hintergrund habe ergeben, dass Angestellte in privaten Haushalten nicht über Kurzarbeitsentschädigung oder Corona-Erwerbs
ersatz zu entschädigen seien (SECO, Erläuterungen Verordnung über Massnah
men im Bereich der Arbeitslosenversicherung im Zusammenhang mit dem
C
oronavirus
[COVID-19]
: COVID-19-Verordnung
Arbeitslosenversicherung S. 5).
2.3
D
ie Weisung Nr. 10 des Staatssekretariats für Wirtschaft, SECO,
hält sodann
fest,
dass
Raumpflegerinnen, Hausangestellte und Tagesmütter, die einen Arbeits
ver
trag mit einer Privatperson abgeschlossen
haben
,
kein
en
Anspruch auf Kurzar
beitsentschädigung
haben
(Ziffer 2.7 der Weisung 2010/10: Aktualisierung «Son
derregelungen aufgrund der Pandemie»
).
Nachdem die genannte Verwaltungs
weisung
n
icht nur den Beweggründen, die in den
Materialien
ihren Niederschlag gefunden haben (E. 2.2), Rechnung trägt
, sondern auch
eine rechtsgleiche
sowie praktikable
Behandlung der betroffenen
Versicherten
verfolgt
, fehlt es an einem triftigen Grund, welcher ein Abweichen von der
Weisung gebieten würde (E. 1.4).
2.4
Die Beschwerdeführerin
hat mit
Y._
einen Vertrag abgeschlossen, wonach diese
als
Haushalt
hilfe alle zwei Wochen ein Arbeits
pensum von vier Stunden zu leisten habe (
Urk.
7/6).
Damit ist die Beschwerdeführerin
zwar als Arbeitgeberin zu qualifizieren. Als solche führt sie jedoch weder einen Betrieb
,
noch hat sie ein wirtschaftliches Risiko zu tragen. Somit fällt ein Anspruch auf Kurzarbeitsentschädigung aufgrund der Auswirkungen der COVID-Pandemie ausser Betracht.
2.5
Der Versicherungsträger kann auf formell rechtskräftige Verfügungen, welche nicht Gegenstand materieller richterlicher Überprüfung gebildet haben, zurück
kommen, wenn diese zweifellos unrichtig sind und wenn ihre Berichtigung von erheblicher Bedeutung ist (sogenannte Wiedererwägung; Art. 53 Abs. 2 und 3
des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts,
ATSG; BGE 144 I 103 E. 2.2, 141 V 405 E. 5.2, 138 V 147 E. 2.1 mit Hinweis).
Mit Verfügung vom
31
.
März
2020 bewilligte der Beschwerdegegner das Gesuch der Beschwerdeführerin um Auszahlung von Kurzarbeitsentschädigung vom 2
5.
März bis zum 2
4.
September 2020, sofern die übrigen Anspruchs
vor
aus
setzungen erfüllt seien (
Urk.
9/4). Diese Verfügung erweist sich nach dem Dar
ge
legten als zweifellos unrichtig. Nachdem regelmässig wiederkehrende Leistung
en
sowie eine mögliche grosse Zahl analoger Fälle
in Frage stehen
(vgl. Ueli
Kieser
,
ATSG-Kommentar, 4. Aufl. 2020, N 68 zu Art. 53 ATSG)
,
ist deren Berichtigung von erheblicher Bedeutung, weshalb die entsprechenden Voraussetzungen erfüllt sind und ein
R
ückkommenstitel
vorliegt
.
3.
Der die Verfügung vom 2
5.
August 2020 bestätigende
Einspracheentscheid
des Beschwerdegegners
vom
6.
November 2020
, wonach kein Anspruch auf Kurzar
beits
entschädigung besteht, erweist sich mithin als rechtens, was zur Abweisung der Beschwerde führt.