Decision ID: 13fa0484-205c-5812-98a1-52c49127204a
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer (algerischer Staatsangehöriger, geb. [...]) ersuchte
am 1. Februar 2020 in der Schweiz um Asyl. Ein Abgleich seiner Fingerab-
drücke mit der «Eurodac»-Datenbank» ergab, dass er am 12. Januar 2019
in Rotterdam, Niederlande, und am 31. Oktober 2019 in Nürnberg,
Deutschland, ein Asylgesuch gestellt hatte. Die deutschen Behörden be-
antworteten das Gesuch des SEM um Übernahme des Beschwerdeführers
gemäss Art. 18 Abs. 1 Bst. d der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Euro-
päischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der
Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prü-
fung eines von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem
Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist
(nachfolgend: Dublin-III-VO) am 18. Februar 2020 abschlägig mit der Be-
gründung, die Zuständigkeit zur Prüfung des Asylgesuchs sei an Italien
übergegangen. Zum Übernahmeersuchen des SEM vom 3. März 2020
nahmen die italienischen Behörden innerhalb der geltenden Frist keine
Stellung.
B.
Das SEM gewährte dem Beschwerdeführer am 7. April 2020 das rechtliche
Gehör zu einem allfälligen Nichteintretensentscheid und der Möglichkeit
der Überstellung nach Italien, dessen Zuständigkeit für die Behandlung des
Asylgesuchs grundsätzlich in Frage komme. Mit Stellungnahme vom 9. Ap-
ril 2020 (eingegangen beim SEM am 14. April 2020) äusserte sich der Be-
schwerdeführer ablehnend zu einer Überstellung nach Italien. Er begrün-
dete dies damit, er sei eine vulnerable Person, was durch zahlreiche Arzt-
berichte belegt sei.
C.
Mit Verfügung vom 23. April 2020 (eröffnet am 27. April 2020) trat das SEM
auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein, verfügte dessen
Überstellung nach Italien und forderte ihn auf, die Schweiz am Tag nach
Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen. Gleichzeitig verfügte es die Aus-
händigung der editionspflichtigen Akten und stellte fest, einer allfälligen Be-
schwerde gegen den Entscheid komme keine aufschiebende Wirkung zu.
D.
Mit Beschwerde vom 4. Mai 2020 (Postaufgabe) gelangte der Beschwer-
deführer an das Bundesverwaltungsgericht mit den Anträgen, die ange-
fochtene Verfügung sei aufzuheben und das SEM sei anzuweisen, das
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Asylgesuch materiell zu behandeln; eventuell sei die Sache zur rechts-
genüglichen Sachverhaltsabklärung an das SEM zurückzuweisen. Die
Vollzugsbehörden seien superprovisorisch anzuweisen, von einer Über-
stellung nach Italien abzusehen, bis das Bundesverwaltungsgericht über
die Erteilung der aufschiebenden Wirkung entschieden habe. Ferner er-
suchte er um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung.
E.
Am 5. Mai 2020 ordnete die Instruktionsrichterin antragsgemäss einen su-
perprovisorischen Vollzugsstopp an. Gleichentags lagen die vorinstanzli-
chen Akten dem Bundesverwaltungsgericht in elektronischer Form vor.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.2 Die Beschwerde ist zulässig (Art. 105 AsylG; Art. 31 ff. VGG). Die übri-
gen Sachurteilsvoraussetzungen (Legitimation [Art. 48 Abs. 1 VwVG], Frist
[Art. 108 Abs. 3 AsylG] und Form [Art. 52 VwVG] sind offensichtlich erfüllt.
Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde erweist sich als offen-
sichtlich unbegründet, weshalb sie im Verfahren einzelrichterlicher Zustän-
digkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise einer
zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e AsylG), ohne Durchführung eines Schrif-
tenwechsels und mit summarischer Begründung, zu behandeln ist
(Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG).
3.
3.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). In diesem Fall verfügt das SEM in der Regel die Weg-
weisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an (Art. 44 AsylG).
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3.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III (Art.
8–15 Dublin-III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird (vgl. auch Art. 7
Abs. 1 Dublin-III-VO). Das Verfahren zur Bestimmung des zuständigen Mit-
gliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals ein
Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Rahmen des Wie-
deraufnahmeverfahrens (Art. 23–25 Dublin-III-VO) findet grundsätzlich
keine (neue) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel III Dublin-III-VO mehr
statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1).
Nachdem die italienischen Behörden sich innert der in Art. 25 Abs. 2 Dub-
lin-III-VO festgelegten Frist nicht zum Wiederaufnahmegesuch des SEM
geäussert haben, ist die Zuständigkeit gemäss dieser Bestimmung an Ita-
lien übergegangen.
4.
4.1 Das Bundesverwaltungsgericht geht in ständiger Rechtsprechung da-
von aus, dass das italienische Asylsystem – trotz punktueller Schwachstel-
len – keine systemischen Mängel im Sinn von Art. 3 Abs. 2 zweiter Satz
Dublin-III-VO aufweist (vgl. Referenzurteil E-962/2019 vom 17. Dezember
2019 E. 6.3). Folglich ist die Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO
nicht gerechtfertigt. Nachfolgend ist zu prüfen, ob – wie beantragt – das
Selbsteintrittsrecht nach Art. 17 Abs. 1 erster Satz Dublin-III-VO, konkreti-
siert in Art. 29a Abs. 3 der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV
1, SR 142.311), auszuüben ist.
5.
5.1 Aus den Akten geht hervor, dass sich der Beschwerdeführer ab dem
10. Februar 2020 auf Zuweisung der Vorinstanz hin mehrmals in der Psy-
chiatrischen Klinik B._ vorstellte. Im entsprechenden Verlaufsbe-
richt vom 17. Februar 2020 wurden folgende Hauptdiagnosen gestellt:
«F13.2 Psychische und Verhaltensstörungen durch Sedativa oder Hypno-
tika: Abhängigkeitssyndrom». Am 20. und 27. Februar 2020 suchte der Be-
schwerdeführer die Klinik wegen Bauchschmerzen und Unwohlsein auf
und bat um die Verschreibung des Wirkstoffs Pregabalin. Dies wurde ihm
vorerst verweigert; hingegen passte der behandelnde Arzt die Medikamen-
teneinstellung in Bezug auf das Abhängigkeitssyndrom an. Gemäss Ver-
laufsbericht vom 12. März 2020 war die Verträglichkeit der Medikamenten-
umstellung gut. Zur Regulation von depressiven Stimmungen erhielt der
Beschwerdeführer das gewünschte Medikament mit dem Wirkstoff Prega-
balin verschrieben. Anlässlich der Verlaufskontrolle vom 19. März 2020
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zeigte sich der Beschwerdeführer zufrieden mit der Medikation, wünschte
jedoch eine Erhöhung der Dosis. Dies wurde ihm gewährt, wobei die
Hauptdiagnose folgendermassen ergänzt wurde: «F19.2 Psychische und
Verhaltensstörungen durch multiplen Substanzgebrauch und Konsum an-
derer psychotroper Substanzen: Abhängigkeitssyndrom». Anlässlich der
Folgekonsultationen vom 26. März und 6. April 2020 erhöhte der Arzt die
Dosis des Wirkstoffs Pregabalin nochmals und vermerkte, Anzeichen für
Missbrauch hätten sich nicht ergeben.
5.2 Der Beschwerdeführer macht geltend, aufgrund seiner Medikamenten-
abhängigkeit gelte er als vulnerable Person und dürfe nicht nach Italien
überstellt werden. Seit dem Inkrafttreten des sog. «Salvini-Dekrets» (Ge-
setzesdekrets Nr. 113 vom 4. Oktober 2018 über dringende Massnahmen
auf dem Gebiet des internationalen Schutzes, der Einwanderung und der
öffentlichen Sicherheit) sei der Zugang zu einem Zweitaufnahmezentrum
(«SPRAR-Zentrum») mit «lückenloser medizinischer und psychologischer
bzw. psychiatrischer Versorgung sofort nach der Ankunft» nicht gewähr-
leistet.
5.3 Die Vorinstanz stellt nicht in Abrede, dass der Beschwerdeführer medi-
kamentenabhängig und damit auf den Erhalt der Präparate angewiesen ist.
Sie weist indessen zu Recht darauf hin, dass diese Medikamente auf ärzt-
liche Verschreibung hin auch in Italien erhältlich sind. Wenngleich nicht von
der Hand zu weisen ist, dass der Beschwerdeführer einer gewissen ärztli-
chen Betreuung bedarf, handelt es sich hier nicht um eine schwere Krank-
heit, welche einer unmittelbaren und lückenlosen Behandlung bzw. Über-
wachung bedarf. Der Beschwerdeführer ist jederzeit bei klarem Bewusst-
sein und orientiert; im Arztbericht vom 26. März 2020 ist die Rede davon,
dass er arbeiten gehe, um Punkte für den Ausgang zu sammeln. Gegen-
über dem behandelnden Arzt gab der Beschwerdeführer an, er habe den
Wirkstoff Pregabalin «über Jahre» eingenommen und nie missbraucht (vgl.
Arztbericht vom 16. März 2020). Dazu passt, was der Beschwerdeführer
beim Dublin-Gespräch vom 11. Februar 2020 gegenüber der Vorinstanz
gesagt hatte: Medizinisch gehe es ihm «100%ig gut». Er schlafe und esse
gut. Psychisch sei es normal – weder gut noch schlecht. Es sei nicht ein-
fach, immer wieder von einem Land zum anderen zu reisen.
5.4 Vor diesem Hintergrund ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer
nicht zur Gruppe der besonders verletzlichen Personen im Sinn des Urteils
des BVGer E-962/2019 vom 17. Dezember 2019 E. 7.4 (Referenzurteil)
gehört. Unbehelflich ist auch der Vergleich mit dem Urteil F-1945/2020 vom
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23. April 2020, denn in jenem Fall war das Krankheitsbild weitaus komple-
xer (der Betroffene litt neben der Medikamentenabhängigkeit u.a. auch un-
ter Epilepsie). Ein Selbsteintritt aus humanitären Gründen ist bei dieser
Sachlage nicht angezeigt. Die Vorinstanz ist demnach zu Recht gestützt
auf Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdefüh-
rers nicht eingetreten und hat zu Recht die Überstellung nach Italien ange-
ordnet.
5.5 Der Beschwerdeführer wird weiterhin ärztliche Hilfe in Anspruch neh-
men müssen, wobei eine medikamentöse Behandlung im Vordergrund
steht. Die schweizerischen Behörden, die mit dem Vollzug der angefochte-
nen Verfügung beauftragt sind, werden – wie im angefochtenen Entscheid
zugesichert – die italienischen Behörden vorgängig in geeigneter Weise
über die spezifischen medizinischen Umstände des Beschwerdeführers
(einschliesslich die notwendige medizinische Behandlung und Versorgung,
auch in Bezug auf die Corona-Pandemie) informieren (Art. 31 f. Dublin-III-
VO). Es versteht sich von selbst, dass die Überstellung erst erfolgen kann,
wenn die Reisebeschränkungen dies zulassen, und dass dannzumal die
Reisefähigkeit des Beschwerdeführers neu zu beurteilen sein wird.
6.
Die Beschwerde ist abzuweisen.
6.1 Mit dem vorliegenden Urteil fällt der am 5. Mai 2020 angeordnete Voll-
zugsstopp dahin. Das Gesuch um Erteilung der aufschiebenden Wirkung
ist gegenstandslos geworden.
6.2 Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung ist
abzuweisen, da die Begehren – wie sich aus den vorstehenden Erwägun-
gen ergibt – als aussichtslos zu bezeichnen sind. Die Verfahrenskosten
sind dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf
insgesamt Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Feb-
ruar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwal-
tungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
7.
Dieses Urteil ist endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
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