Decision ID: 5f9b6bf5-d4a0-5a15-a02f-0d1c3ca25da3
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer reiste am 15. September 2015 in die Schweiz ein
und suchte am 17. September 2015 um Asyl nach. Am 28. September 2015
fand die Befragung zur Person (BzP) und am 6. Juni 2017 die vertiefte
Anhörung zu den Asylgründen statt. Im Wesentlichen machte der Be-
schwerdeführer geltend, er sei afghanischer Staatsangehöriger, pasch-
tounischer Ethnie und stamme aus B._, Provinz C._, wo er
bis 1996 gelebt habe. Danach habe er sich bis 2002 mit seiner Familie in
Pakistan und anschliessend bis zur Ausreise in Kabul aufgehalten. Er sei
verheiratet und habe vier Kinder. Seine Familie sei im Jahr 2008 ohne ihn
nach B._ zurückgekehrt. Vom (...) 2010 bis (...) 2010 habe er für
die (...) und vom (...) 2010 bis (...) 2011 für die (...) als Dolmetscher gear-
beitet. Vom (...) 2012 bis (...) 2013 sei er als (...) für eine (...) tätig gewe-
sen. Ab dem (...) 2012 bis (...) 2014 habe er als (...) für die (...), einer
Unterorganisation des (...), gearbeitet.
Zu seinen Asylgründen führte er aus, sein Vater sei im Jahr 2008 von den
Taliban getötet worden, weil dieser Umfragen für eine Organisation na-
mens D._ durchgeführt habe und für das (...) tätig gewesen sei.
Bevor die Taliban seinen Vater getötet hätten, sei dieser zweimal bedroht
worden. (...) 2011, als er als Dolmetscher gearbeitet habe, hätten die Tali-
ban einen Onkel und ihn festgenommen. Seinen Onkel hätten sie getötet,
weil dieser (...) Dokumente sowie Unterlagen betreffend eine (...) bei sich
gehabt habe. Er selbst sei aufgrund einer Bürgschaft der Stammesältesten
nach fünf Tagen freigelassen worden. Mit der Freilassung hätten die Tali-
ban ihm ein Drohschreiben mitgegeben, wonach er Afghanistan für drei
Jahre verlassen müsse und weder für die Regierung noch für Hilfsorgani-
sationen arbeiten dürfe. In der Folge habe er in Kabul «versteckt» gearbei-
tet. Im Jahr 2013 sei er im Rahmen einer Dienstreise nach E._ ge-
gangen. Dort hätten ihn Dorfbewohner gesehen. Im Jahr 2014 sei er
dienstlich in F._ gewesen und habe Fotos davon in den sozialen
Medien geteilt. Er habe nicht erwartet, dass die Taliban Einträge in den
sozialen Medien überwachen würden. Am (...) 2014 seien die drei Jahre
vorbei gewesen und er sei anlässlich des ersten (...)-Festes in sein Hei-
matdorf zurückgekehrt. Dort hätten die Taliban ihn festgehalten und töten
wollen, da er ihre Forderungen nicht erfüllt habe. Ein Dorfältester habe für
ihn gebürgt und den Taliban gesagt, sie sollten ihn während des (...)-Fes-
tes in Ruhe lassen. Sie hätten ihn gehen lassen. Er habe erneut ein Droh-
schreiben erhalten und sei danach geflohen. Deshalb habe der Dorfälteste,
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der für ihn gebürgt habe, Probleme mit den Taliban bekommen. Am (...)
2014 habe er von einer Person namens G._ einen dritten Drohbrief
erhalten. Gemäss diesem hätte er sich innerhalb eines Monats melden be-
ziehungsweise zur Verfügung stellen sollen, was er nicht getan habe. Am
(...) 2014 sei ihm von G._, H._ und I._ das vierte
Drohschreiben mit einer einwöchigen Frist überbracht worden. Dieses Do-
kument sei von der Hakani-Gruppierung gewesen. Damit sei sein Lebens-
radius immer mehr eingeschränkt worden. Deshalb habe er Afghanistan
am (...) 2014 verlassen. Nach seiner Ausreise sei einer seiner Halbbrüder
von den Taliban entführt und am (...) 2015 getötet worden. Drei Wochen
nach dem (...) 2015 respektive drei Wochen nach dessen Tod hätten die
Taliban im Dorf ein Schreiben verteilt und ausgeführt, weshalb sie diesen
getötet hätten und was mit Leuten passiere, die für die Regierung arbeite-
ten. Nach der Ausreise hätten die Taliban seiner Familie insgesamt drei
Drohschreiben überbracht, davon sei aber nur eines an ihn persönlich
adressiert gewesen.
Als Beweismittel reichte der Beschwerdeführer folgende Dokumente ein:
mehrere Drohbriefe der Taliban, diverse Ausbildungszertifikate, zahlreiche
Empfehlungs- und Bestätigungsschreiben sowie Ausweise ehemaliger Ar-
beitgeber, Kopien des Reisepasses, eine Kopie der Identitätskarte sowie
ein Foto des Vaters.
B.
Mit Verfügung vom 12. September 2018 stellte die Vorinstanz fest, der Be-
schwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte sein Asylge-
such ab, verfügte die Wegweisung aus der Schweiz und schob den Vollzug
wegen Unzumutbarkeit zugunsten einer vorläufigen Aufnahme auf.
C.
Mit Eingabe vom 22. Oktober 2018 reichte der Beschwerdeführer gegen
diesen Entscheid Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht ein. Er be-
antragt, die Verfügung der Vorinstanz sei in den Ziffern 1 – 3 des Disposi-
tivs aufzuheben. Es sei die Flüchtlingseigenschaft festzustellen. Es sei die
Vorinstanz anzuweisen, ihm Asyl zu gewähren. Eventualiter sei die Sache
zur rechtsgenüglichen Sachverhaltsabklärung sowie zur neuen Entschei-
dung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Es sei die unentgeltliche Prozess-
führung zu bewilligen und auf die Erhebung eines Kostenvorschusses zu
verzichten. Es sei ihm in der Person des Unterzeichnenden ein unentgelt-
licher Rechtsbeistand zu bestellen.
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D.
Mit Zwischenverfügung vom 31. Oktober 2018 hiess die Instruktionsrichte-
rin das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gut,
verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses, hiess das Gesuch
um Gewährung der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung gut und be-
stellte dem Beschwerdeführer in der Person von Rechtsanwalt Roman
Schuler einen amtlichen Rechtsbeistand. Gleichzeitig lud sie die Vor-
instanz zur Einreichung einer Vernehmlassung ein.
E.
In der Vernehmlassung vom 14. November 2018 schloss die Vorinstanz
auf Abweisung der Beschwerde.
F.
Mit Zwischenverfügung vom 20. November 2018 erhielt der Beschwerde-
führer Gelegenheit zur Einreichung einer Replik.
G.
Mit Replik vom 19. Dezember 2018 nahm der Beschwerdeführer Stellung
zur Vernehmlassung der Vorinstanz.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
2.
2.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche
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Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb
das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
2.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
2.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der Be-
schwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung; er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
3.
3.1 Gegenstand des vorliegenden Verfahrens bildet die Flüchtlingseigen-
schaft, der Asylpunkt sowie die verfügte Wegweisung. Der Wegweisungs-
vollzug ist nicht mehr zu prüfen, nachdem die Vorinstanz den Beschwerde-
führer in der Schweiz vorläufig aufgenommen hat.
3.2 Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rü-
gen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
4.
Der Beschwerdeführer rügt eine Verletzung des Untersuchungsgrundsat-
zes. Die Vorinstanz habe wichtige Elemente bei der Beurteilung der Asyl-
gründe ausser Acht gelassen. Angesichts der nachfolgenden Erwägungen
erübrigt es sich, auf die formelle Rüge näher einzugehen.
5.
5.1 Die Vorinstanz gelangt in der angefochtenen Verfügung zum Schluss,
die Vorbringen des Beschwerdeführers hielten den Anforderungen an das
Glaubhaftmachen gemäss Art. 7 AsylG nicht stand. Betreffend den Tod des
Halbbruders habe er sich widersprochen. Anlässlich der BzP habe er an-
gegeben, dieser sei am (...) 2015 von den Taliban entführt worden. Hinge-
gen habe er bei der Anhörung gesagt, dieser sei an diesem Datum getötet
und zwei Wochen zuvor entführt worden respektive dieser sei am Tag der
Entführung getötet worden. Die Unstimmigkeit habe er nicht aufzulösen
vermocht. Zur Rückkehr nach B._ habe er einerseits erwähnt, an-
lässlich des (...)fests im Jahr 2014 dorthin gegangen zu sein und anderer-
seits ausgeführt, seit der Haft 2011 nicht mehr dort gewesen zu sein. Auch
diesen Widerspruch habe er nicht erklären können. Weiter habe er sich zu
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den Drohungen der Taliban anlässlich der Anhörung unterschiedlich ge-
äussert. Zunächst habe er angegeben, nach der Freilassung im Jahr 2011
keinen Kontakt mehr zu den Taliban gehabt zu haben. Später habe er aus-
geführt, im (...) 2014 erneut von den Taliban festgenommen worden zu
sein. Die Begründung, bei der Inhaftierung und einer blossen Festnahme
handle es sich um unterschiedliche Dinge, löse die Ungereimtheit nicht auf,
zumal er explizit nach weiteren Kontakten mit den Taliban gefragt worden
sei. Hinsichtlich des Datums der Kündigung bestünden ebenfalls Unstim-
migkeiten.
Weiter erscheine unrealistisch, dass die Taliban ihn aufgrund der letzten
beiden beruflichen Tätigkeiten nach mehreren Jahren weiterhin hätten ver-
folgen sollen, nachdem er im (...) 2011 aufgehört habe, als Dolmetscher
für die (...) tätig zu sein. Zudem habe er nicht darlegen können, was «zur
Verfügung stellen» bedeute. Was die Taliban mit dem dreijährigen Fernhal-
ten vom Herkunftsort und der Familie hätten bezwecken wollen, sei nicht
ersichtlich. Unrealistisch sei auch, dass er trotz der angeblichen Drohun-
gen durch die Taliban und der verdeckten Arbeit in Kabul Bilder von Ge-
schäftsreisen in den sozialen Medien geteilt habe. Betreffend das Zusam-
mentreffen mit Mitgliedern der Taliban in E._ sei nicht nachvollzieh-
bar, weshalb diese trotz der nur wenige Monate dauernden Arbeit für die
(...) im Jahr 2011 ein genug grosses Interesse an ihm gehabt haben sollen,
um ihn zwei Jahre später im Ausland ausfindig zu machen. Falls diese Be-
gegnung mit den Taliban in E._ tatsächlich stattgefunden hätte, sei
nicht erklärlich, weshalb er den nächsten Drohbrief erst ein Jahr später im
(...) 2014 hätte erhalten sollen. Im Weiteren sei nicht nachvollziehbar, wes-
halb die Taliban ihm insgesamt sieben Drohbriefe hätten schicken sollen,
drei davon erst nach der Ausreise, nachdem sein Vater bereits nach der
zweiten Drohung getötet worden sei. Ferner sei unrealistisch, dass er er-
neut dank eines Dorfältesten, der für ihn gebürgt habe, habe entkommen
können und die Taliban ihm in der Folge zwei weitere Drohbriefe zugesandt
hätten. Einen konkreten Auslöser für die Ausreise habe er nicht nennen
können, sondern lediglich gesagt, die Gefahr habe täglich zugenommen
und sein Leben sei eingeschränkt gewesen. Auch in der schriftlichen Stel-
lungnahme habe er dies nicht zu substantiieren vermocht.
Darüber hinaus habe er nicht erklären können, weshalb er sicher gewesen
sei, dass einer der Drohbriefe von der Hakani-Gruppierung gewesen sei.
Unlogisch sei sodann die Aussage, die Taliban würden sich bei allfälligen
Problemen an diese Gruppierung wenden. Betreffend seine Festnahme
und jene des Onkels im Jahr 2011 erstaune, dass die Taliban Beweismittel
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bräuchten, um Drohungen auszuführen. Es sei unlogisch, dass die Taliban
ihn wegen fehlender Beweismittel freigelassen hätten, ihm aber gleichzei-
tig einen Drohbrief wegen seiner Arbeitstätigkeit gegeben hätten. Bezüg-
lich der Festnahme im Jahr 2011 habe er verallgemeinernd, unpersönlich
und wiederholend geantwortet. Zur Festnahme nach dem (...)fest im Jahr
2014 sowie der Überbringung des vorletzten Drohbriefes habe er unprä-
zise Angaben gemacht. Die Aussagen zur Bedrohung durch die Taliban
seien schematisch, ausweichend und widersprüchlich ausgefallen. Im Kon-
trast zu diesen Ausführungen stünden die Schilderungen zur Arbeit als Dol-
metscher. Diese seien ausführlich, detailreich und persönlich ausgefallen.
Der Strukturbruch in den Schilderungen erwecke zusätzliche Zweifel an
der Bedrohung durch die Taliban. Was die eingereichten Drohbriefe der
Taliban betreffe, seien diese leicht fälschbar beziehungsweise käuflich er-
werbbar. Die Stempel seien zudem bereits auf dem Papier vorgedruckt.
Dafür, dass die eingereichten Schreiben nicht von den Taliban stammten,
spreche auch der Umstand, dass diese ohne grössere Abnutzungen ein-
gereicht worden seien. Es sei nicht nachvollziehbar, weshalb die Taliban
dem Beschwerdeführer nach der Ausreise weitere Drohbriefe hätte zustel-
len sollen. Schliesslich seien die Arbeitsnachweise untauglich, eine Verfol-
gungssituation zu belegen.
5.2 Der Beschwerdeführer rügt auf Beschwerdeebene eine Verletzung von
Art. 7 AsylG. Anlässlich der BzP sei er nicht zu den Asylgründen befragt
worden, mithin habe er sich auch nicht zur Entführung des Halbbruders
äussern können. An der Anhörung habe er sodann erklärt, zum Zeitpunkt
der BzP noch keine genauen Informationen zur Entführung und Tötung des
Halbbruders gehabt zu haben. Seine Familie habe ihm gesagt, dieser sei
am (...) 2015 getötet worden. Entscheidend sei, dass die Taliban bereits
seinen Vater, einen Onkel und nun auch den Halbbruder getötet hätten. Die
Vorinstanz versuche betreffend die Rückkehr in sein Heimatdorf einen Wi-
derspruch zu konstruieren und reisse die Antwort bei Frage 144 betreffend
den Kontakt zu den Taliban nach dem Jahr 2011 aus dem Zusammenhang.
Er habe bereits zuvor von der zweiten Festnahme erzählt. Gleich zu Beginn
der Anhörung zur Sache habe er von der Rückkehr nach B._ an-
lässlich des (...)-Festes im (...) 2014 berichtet. Aus den Folgefragen werde
zudem klar, dass er im (...) 2014 zuletzt im Heimatdorf gewesen sei, habe
er doch angegeben, ein Stammesältester habe für ihn gebürgt. Der Vor-
wurf, er habe sich bezüglich des letzten Kontakts zu den Taliban widerspro-
chen, sei nicht stichhaltig. Er habe zu Beginn der Anhörung ausgesagt, bei
der Rückkehr nach B._ im Jahr 2014 grosse Probleme mit den Ta-
liban gehabt zu haben, mithin habe er bereits vom Festhalten berichtet.
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Danach sei er aber zur Haft im Jahr 2011 befragt worden. Es sei deshalb
nachvollziehbar, dass er das bereits Geschilderte nicht wiederholt habe.
Ihm könnten bei einer nicht chronologisch durchgeführten Anhörung nicht
unvollständige Antworten vorgehalten werden.
Im Weiteren verkenne die Vorinstanz die Bedrohungslage von Personen,
die mit internationalen Akteuren kooperierten. Er habe bis zur Ausreise für
relevante Nichtregierungsorganisationen gearbeitet, zudem noch im Be-
reich der (...). Die (...) sei ein Netzwerk von NGO’s, welches mit der afgha-
nischen Regierung, den Vereinten Nationen und internationalen Organisa-
tionen zusammenarbeite. Seine letzten beruflichen Tätigkeiten hätten also
einen Bezug zu Hilfsorganisationen sowie internationalen Akteuren und Or-
ganisationen gehabt. Betreffend das als unrealistisch angesehene Verhal-
ten der Taliban gehe die Vorinstanz insoweit von der falschen Annahme
aus, er sei nach dem Jahr 2011 nicht mehr für internationale Organisatio-
nen tätig gewesen. Es sei bekannt, dass die Taliban Drohbriefe mit konkre-
ten Warnungen verfassten. Er habe solche Drohungen erhalten und nur
durch die Vermittlung von Dorfältesten sowie einer Bürgschaft befreit wer-
den können. Die Forderung der Taliban, er müsse sich vom Heimatdorf
fernhalten und das Land verlassen, sei nicht unrealistisch. Er habe unbe-
dacht Fotos von seiner Geschäftsreise auf Facebock geteilt. Diesbezüglich
habe sich seine Einschätzung als falsch erwiesen, die Taliban würden so-
ziale Netzwerke nicht überwachen. Dass er anlässlich der Geschäftsreise
in E._ auf Taliban aus seinem Heimatdorf gestossen sei, sei Zufall
gewesen. Sie hätten ihn nicht im Ausland gesucht. Der Vorhalt der Vo-
rinstanz, wonach die Vorbringen im Zusammenhang mit den Drohbriefen
und der Freilassung unrealistisch seien, basiere auf unbelegten Behaup-
tungen. Das Handeln der Taliban sei willkürlich. Er habe plausibel darge-
legt, dass er aufgrund der Vorfälle im (...) 2014 und den stärker werdenden
Drohungen ausgereist sei. Es sei naheliegend, dass der dritte Drohbrief
von der Hakani-Gruppierung gewesen sei, da diese Teil der Taliban und in
seiner Heimatregion aktiv sei. Er habe detailliert geschildert, dass sein On-
kel bei der Festnahme im Jahr 2011 einen Vertrag der (...) und Dokumente
zu einer geplanten (...) auf sich getragen habe. Er vermute, dies sei der
Grund für die Exekution gewesen. Entgegen der vorinstanzlichen Ansicht
habe er betreffend die Verhaftung im Jahr 2011 Details wie den Zeitpunkt,
den Ort, das Verbinden der Augen sowie die Dokumente des Onkels ge-
nannt. Die zweite Festnahme habe er realitätsnah geschildert. Es habe
sich nicht um eine eigentliche Inhaftierung gehandelt, da der Dorfälteste
eine baldige Freilassung habe bewirken können. Auch wenn die Drohbriefe
der Taliban nicht fälschungssicher seien, könnten diese nicht vollends aus
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dem Recht gewiesen werden. Die Vorinstanz gehe zudem bei der Würdi-
gung der Beweismittel selektiv vor. Die Dokumente hinsichtlich der Tätig-
keit im Jahr 2011 erachte sie als tauglich, verneine aber deren Relevanz
zur Darlegung der Verfolgungssituation. Die Beweismittel zu den berufli-
chen Tätigkeiten zwischen 2011 und 2014 habe sie ausser Acht gelassen.
5.3 In der Vernehmlassung führte die Vorinstanz aus, aus der insgesamt
13 Monate dauernden Arbeit für die (...) sowie (...) mehrere Jahre vor der
Ausreise könne nicht zwangsläufig auf eine asylrelevante Verfolgung ge-
schlossen werden. Die Auffassung, er sei wegen der Arbeit für die (...) von
den Taliban bedroht worden, werde nicht geteilt. Er habe angegeben, den
Forderungen der Taliban nachgekommen und die Arbeit für die (...) nieder-
gelegt zu haben. Es sei nicht nachvollziehbar, weshalb er sich erneut in
eine asylrelevante Bedrohungslage hätte bringen sollen. Auch die Beiträge
in den sozialen Medien widersprächen den zu erwartenden Massnahmen
bei einer Bedrohungssituation. Es sei nicht davon auszugehen, dass er
sich vor der Ausreise exponiert und die Aufmerksamkeit der Taliban auf
sich gezogen habe. Diese Annahme werde durch den Verbleib seiner Fa-
milie in B._ unterstrichen. Er habe angegeben, es gehe dieser gut.
Sodann sei vom Beschwerdeführer zu erwarten, dass er sich trotz nicht
chronologischer Fragen an die zentralen Vorbringen erinnern könne. Es
erstaune, dass er angegeben habe, nach 2011 keinen Kontakt zu den Ta-
liban gehabt zu haben. Entgegen der Beschwerde sei durch das Erwähnen
von «grossen Problemen» nicht auf eine Festnahme durch die Taliban zu
schliessen. Zudem habe er ausgeführt, es sei möglich, in Kabul unterzu-
tauchen, wobei die Sicherheitslage jedoch gefährlich sei. Bezeichnend sei,
dass er bei dieser Aussage die Taliban nicht erwähnt habe. Die Tätigkeit
für die (...) sowie der Umstand, dass er deshalb in einen Personenkreis mit
erhöhtem Gefährdungsprofil falle, würden nicht in Abrede gestellt. Die Be-
drohungslage vor der Ausreise sei aber unglaubhaft. Die Bestätigungs-
schreiben betreffend die Arbeit im Bereich der (...) sowie der (...) vermöch-
ten keine asylrelevante Verfolgung zu belegen.
5.4 In der Replik hält der Beschwerdeführer der Vernehmlassung entge-
gen, das Argument greife zu kurz, er habe mit der Niederlegung der Arbeit
für die (...) die Forderung der Taliban erfüllt. Sie verkenne das Risikoprofil
und habe sich nicht zu seiner Tätigkeit im Bereich der (...) geäussert. Der
Verbleib der Ehefrau und der Kinder im Heimatdorf sei kein ausreichendes
Indiz dafür, dass ihm dort keine flüchtlingsrechtlich relevante Verfolgung
drohe. Die Familie lebe in einem von den Taliban kontrollierten Gebiet und
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könne dieses nicht verlassen. Die von der Vorinstanz nicht bestrittenen Tö-
tungen des Vaters und des Halbbruders bestätigten die familiäre Vorbelas-
tung. Sodann sei eine unstrukturierte Befragung nicht förderlich zur Sach-
verhaltserstellung. Es gehe nicht an, ihm einzelne Aussagen aufgrund des
fehlenden Kontexts vorzuhalten. Betreffend den Widerspruch zum Kontakt
zu den Taliban (SEM-Akte A21/31 F144) habe er im darauffolgenden Satz
von den Drohungen gesprochen. Es sei nicht nachvollziehbar, dass die Vo-
rinstanz hieraus einen Widerspruch konstruiere. Gleiches gelte für den Vor-
halt, er habe hinsichtlich der schwierigen Lage in Kabul im Zusammenhang
mit dem Untertauchen die Bedrohung durch die Taliban nicht erwähnt. Er
habe mehrmals auf die Bedrohung durch die Taliban hingewiesen. Im Wei-
teren anerkenne die Vorinstanz das erhöhte Risikoprofil infolge der Tätig-
keit für die (...). Die Schlussfolgerung, diese Gefährdungslage bestehe
nicht mehr, überzeuge nicht. Die Ansicht sei realitätsfern, durch die Erfül-
lung der Forderungen sei er «resozialisiert». In der Vernehmlassung werde
schliesslich auch nicht begründet, weshalb auf die Beweismittel zur beruf-
lichen Tätigkeit nicht eingegangen wurde.
6.
6.1 Glaubhaftmachung im Sinne des Art. 7 Abs. 2 AsylG bedeutet – im Ge-
gensatz zum strikten Beweis – ein reduziertes Beweismass und lässt
durchaus Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen des
Gesuchstellers. Entscheidend ist, ob die Gründe, die für die Richtigkeit der
gesuchstellerischen Sachverhaltsdarstellung sprechen, überwiegen oder
nicht. Dabei ist auf eine objektivierte Sichtweise abzustellen. Grundsätzlich
sind Vorbringen dann glaubhaft gemacht, wenn sie genügend substantiiert,
in sich schlüssig und plausibel sind. Sie dürfen sich nicht in vagen Schilde-
rungen erschöpfen, in wesentlichen Punkten nicht widersprüchlich sein,
der inneren Logik entbehren oder den Tatsachen oder der allgemeinen Er-
fahrung widersprechen. Vorbringen sind substantiiert, wenn sie sich auf
detaillierte, präzise und konkrete Schilderungen stützen. Als schlüssig gel-
ten Vorbringen, wenn sie innerhalb einer Anhörung, zwischen Befragungen
oder im Vergleich zu Aussagen Dritter keine Widersprüche aufweisen.
Kleine, marginale Widersprüche sowie solche, die nicht die zentralen Asyl-
vorbringen betreffen, können zwar in die Gesamtbetrachtung einfliessen,
sollten jedoch nicht die alleinige Begründung für die Verneinung der Glaub-
haftigkeit darstellen. Darüber hinaus muss die gesuchstellende Person
persönlich glaubwürdig erscheinen, was insbesondere dann nicht der Fall
ist, wenn sie wichtige Tatsachen unterdrückt oder bewusst falsch darstellt,
im Laufe des Verfahrens Vorbringen auswechselt, steigert oder unbegrün-
det nachschiebt oder die nötige Mitwirkung am Verfahren verweigert. Für
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die Glaubhaftmachung reicht es demnach nicht aus, wenn der Inhalt der
Vorbringen zwar möglich ist, aber in Würdigung der gesamten Aspekte we-
sentliche und überwiegende Umstände gegen die vorgebrachte Sachver-
haltsdarstellung sprechen (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1 m.w.H. sowie ANNE
KNEER und LINUS SONDEREGGER, Glaubhaftigkeitsprüfung im Asylverfah-
ren – Ein Überblick über die Rechtsprechung des Bundesverwaltungsge-
richts, Asyl 2/2015 S. 5).
6.2 Vorab ist festzustellen, dass die Vorinstanz die Tätigkeit des Beschwer-
deführers als Dolmetscher für die (...) und (...) sowie seine Arbeit bei der
(...) nicht bezweifelt. Auch das Gericht stellt diese nicht in Frage. Der Be-
schwerdeführer hat hierzu zahlreiche Arbeitsnachweise eingereicht.
6.3 Die Vorinstanz führt in der angefochtenen Verfügung zunächst mehrere
angebliche Widersprüche auf. Diese stellen sich bei einer näheren Be-
trachtung jedoch entweder als vernachlässigbar oder als von der Vor-
instanz konstruiert heraus. Der Beschwerdeführer hat übereinstimmend
angegeben, sein Halbbruder sei am (...) 2015 von den Taliban getötet wor-
den. Ob dieser gleichentags oder bereits zwei Wochen vor diesem Datum
mitgenommen wurde, fällt im Rahmen der Gesamtwürdigung der Vorbrin-
gen nicht ins Gewicht. Während der Anhörung hat der Beschwerdeführer
mehrmals übereinstimmend gesagt, er sei im Jahr 2014 in sein Heimatdorf
zurückgekehrt und habe dort erneut Probleme mit den Taliban bekommen,
so bereits bei der erstmaligen freien Schilderung der Asylgründe (vgl. SEM-
Akte A21/31 F130 f., F155, F169). Dass er einmal angab, nach dem Jahr
2011 nicht mehr dorthin gegangen zu sein (vgl. a.a.O. F233), erscheint in-
sofern unwesentlich. Der entsprechende Vorhalt in der angefochtenen Ver-
fügung wirkt konstruiert. Der aufgeführte Widerspruch betreffend die Ver-
neinung eines Kontaktes zu den Taliban nach 2011 erscheint ebenfalls ge-
sucht. Wie in der Beschwerde dargelegt, berichtete der Beschwerdeführer
bereits zu Beginn der Anhörung zur Sache von grossen Problemen im Jahr
2014 (vgl. a.a.O. F130). Zwar ist aus dieser Aussage nicht ohne Weiteres
auf ein Festhalten durch die Taliban zu schliessen, wie auch die Vorinstanz
in der Vernehmlassung festhielt. Allerdings hat der Beschwerdeführer im
Rahmen des freien Berichts seine Asylgründe äusserst kurz zusammenge-
fasst (vgl. a.a.O. F130). Dass er an dieser Stelle nicht sogleich ausdrück-
lich das Festhalten durch die Taliban erwähnte, kann ihm nicht als grund-
legender Widerspruch vorgehalten werden, zumal er bereits auf Probleme
hingewiesen und sogleich bei der ersten Frage nach dem freien Bericht
konkreter zum Vorfall während des (...)-Festes im Jahr 2014 erzählte (vgl.
a.a.O. F131). Der Vorhalt, er habe angegeben nach 2011 keinen Kontakt
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mehr zu den Taliban gehabt zu haben, scheint – wie sowohl in der Be-
schwerde als auch der Replik zutreffend festgehalten – aus dem Zusam-
menhang gerissen, zumal er in der gleichen Antwort auf darauffolgende
Drohbriefe durch die Taliban hinwies (vgl. a.a.O. F144).
In der angefochtenen Verfügung beschränkt sich die Vorinstanz abgese-
hen von den dargelegten Widersprüchen weiter im Wesentlichen darauf, in
ausführlicher Weise darzulegen, dass das Verhalten der Taliban unlogisch
sowie unrealistisch erscheine, was nicht zu überzeugen vermag. Die Vor-
instanz hat die Ausführungen des Beschwerdeführers ausser Acht gelas-
sen, die Taliban hätten ihn weiterhin bedroht, weil er ihrer Ansicht nach ihre
Forderungen aus dem ersten Drohbrief im Jahr 2011 nicht erfüllt habe (vgl.
a.a.O. F135 und F143). Im Jahr 2011 forderten die Taliban ihn auf, sich für
drei Jahre ausser Landes zu begeben und weder für internationale Orga-
nisationen noch NGO’s tätig zu sein. Dieser Forderung kam der Beschwer-
deführer in der Folge nicht nach, als er sich in Kabul aufhielt und für die
(...) arbeitete. Insofern greift die pauschale Argumentation der Vorinstanz
zu kurz, es erscheine unrealistisch, dass die Taliban ihn wegen der letzten
beruflichen Tätigkeiten verfolgt hätten. Wie auf Beschwerdeebene zutref-
fend eingewendet wird, ging die Vorinstanz nicht auf die Organisation (...)
ein und prüfte eine mögliche Gefährdung des Beschwerdeführers vor dem
Hintergrund seiner ehemaligen Tätigkeit als Dolmetscher für die (...) und
(...) nicht. Im Weiteren äussert sich die Vorinstanz nicht im Einzelnen zu
den Ausführungen bezüglich der Drohungen, zumal die entsprechenden
Angaben des Beschwerdeführers in einer Gesamtbetrachtung in sich
schlüssig sowie vom Zeitablauf her kongruent ausgefallen sind. So nannte
er mehrmals übereinstimmend die Anzahl der Drohbriefe und die entspre-
chenden Daten (vgl. a.a.O. F131, F145 ff., F172, F245 f. und F256).
Ebenso äusserte er sich im Laufe der Anhörung deckungsgleich zum Inhalt
der Drohungen (vgl. a.a.O. F23, F131, F160, F245). Zum Aussageverhal-
ten des Beschwerdeführers fällt insgesamt auf, dass er generell erst auf
jeweiliges Nachfragen der Vorinstanz weitere Angaben machte respektive
zusätzliche Details nannte, namentlich auch hinsichtlich der von der Vo-
rinstanz nicht in Frage gestellten Tätigkeit als Dolmetscher (vgl. a.a.O.
F138 ff., F145 ff., F159 f., F181 ff., F189 ff., F205 ff.). Ein Strukturbruch
zwischen den dargelegten Fluchtgründen sowie von der berichteten Tätig-
keit als Dolmetscher ist entgegen der vorinstanzlichen Ansicht nicht er-
kennbar. Insofern kann den vorinstanzlichen Erwägungen nicht gefolgt
werden, dass die Schilderungen des Beschwerdeführers zur Inhaftierung
im Jahr 2011 sowie dem Festhalten im Jahr 2014 schematisch und unper-
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sönlich ausgefallen sind. Weshalb die Aussage, sein Lebensradius sei im-
mer mehr eingeschränkt worden, gegen die Glaubhaftigkeit sprechen soll,
ist sodann nicht nachvollziehbar. Gerade diese Aussage zeigt auf, weshalb
der Beschwerdeführer schliesslich ausgereist ist.
6.4 Aufgrund der vorstehenden Erwägungen ergibt sich, dass die Vor-
instanz die Vorbringen des Beschwerdeführers zu Unrecht als unglaubhaft
beurteilt hat. Im Rahmen einer Gesamtwürdigung ist davon auszugehen,
dass die Ausführungen des Beschwerdeführers betreffend die Bedrohung
durch die Taliban glaubhaft sind. Nachfolgend ist deshalb zu prüfen, ob die
glaubhaften Vorbringen zur Erfüllung der Flüchtlingseigenschaft gemäss
Art. 3 AsylG führen.
7.
7.1 Die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG erfüllt eine asylsu-
chende Person nach Lehre und Rechtsprechung dann, wenn sie Nachteile
von bestimmter Intensität erlitten hat beziehungsweise mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft begründeterweise befürch-
ten muss, welche ihr gezielt und aufgrund bestimmter Verfolgungsmotive
durch Organe des Heimatstaates oder durch nichtstaatliche Akteure zu-
gefügt worden sind beziehungsweise zugefügt zu werden drohen (vgl.
BVGE 2008/4 E. 5.2 S. 37). Begründete Furcht vor Verfolgung im Sinne
von Art. 3 Abs. 1 AsylG liegt vor, wenn ein konkreter Anlass zur Annahme
besteht, letztere hätte sich – aus der Sicht im Zeitpunkt der Ausreise – mit
beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zeit verwirklicht oder
werde sich – aus heutiger Sicht – mit ebensolcher Wahrscheinlichkeit in
absehbarer Zukunft verwirklichen (BVGE 2010/57 E. 2.5). Aufgrund der
Subsidiarität des flüchtlingsrechtlichen Schutzes setzt die Anerkennung
der Flüchtlingseigenschaft ausserdem voraus, dass die betroffene Person
in ihrem Heimatland keinen ausreichenden Schutz finden kann (vgl. BVGE
2011/51 E. 7, 2008/12 E. 7.2.6.2, 2008/4 E. 5.2). Gemäss der Schutztheo-
rie ist somit die flüchtlingsrechtliche Relevanz einer nichtstaatlichen Verfol-
gung vom Vorhandensein eines adäquaten Schutzes durch den Heimat-
staat abhängig. Dieser Schutz ist als hinreichend zu qualifizieren, wenn die
betroffene Person effektiven Zugang zu einer funktionierenden und effi-
zienten Schutzinfrastruktur hat und ihr die Inanspruchnahme eines solchen
innerstaatlichen Schutzsystems individuell zumutbar ist (vgl. BVGE
2011/51 E. 7.3).
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7.2
7.2.1 Das Bundesverwaltungsgericht hat zuletzt im Referenzurteil
D-5800/2016 vom 13. Oktober 2017 eine Lagebeurteilung zu Afghanistan
vorgenommen. Zusammenfassend ergibt sich eine deutliche Verschlech-
terung der Sicherheitslage seit dem letzten Länderurteil des Gerichts im
Jahr 2011 (BVGE 2011/7) und dem Abzug der International Security As-
sistance Force (ISAF) über alle Regionen hinweg. Seit dem Übergang der
Kontrolle von den ISAF-Kampftruppen auf die Afghan National Security
Forces (ANSF) hat der Konflikt mehr und mehr den Charakter eines Bür-
gerkrieges angenommen, wobei grosse Teile des Staatsgebiets direkt von
Kampfhandlungen betroffen sind. Hinzu kommen terroristische Anschläge
in den von offenen Gefechten weitgehend ausgenommenen urbanen Zen-
tren. Im Visier stehen vor allem die Grossstädte Kabul und Kandahar, aber
auch kleinere Städte wie Dschalalabad und Kunduz (vgl. dazu ausführlich
E. 7.3 und E. 7.4 sowie zu den jüngsten Anschlägen: Zeit online, Landes-
weite Taliban-Angriffe in Afghanistan, 22. April 2020,
https://www.zeit.de/gesellschaft/2020-04/afghanistan-taliban-angriffe-lan-
desweit-tote, abgerufen am 02.06.2020).
7.2.2 Bei der Beurteilung der Sicherheitslage lassen sich Gruppen von Per-
sonen definieren, die aufgrund ihrer Exponiertheit einem erhöhten Verfol-
gungsrisiko ausgesetzt sind. Dazu gehören unter anderem Personen, wel-
che der afghanischen Regierung oder der internationalen Gemeinschaft in-
klusive den internationalen Militärkräften nahestehen oder als Unterstützer
derselben wahrgenommen werden sowie westlich orientierte oder der af-
ghanischen Gesellschaftsordnung aus anderen Gründen nicht entspre-
chende Personen (vgl. dazu: United Nations High Commissioner for Refu-
gees [UNHCR], Eligibility Guidelines for Assessing the International Pro-
tection Needs of Asylum-Seekers from Afghanistan vom 30. August 2018,
S. 40 ff. sowie die beiden Berichte des European Asylum Office [EASO]
"Country of Origin Information Report: Afghanistan: Individuals targeted by
armed actors in the conflict" vom Dezember 2017, S. 34 und 35 und "Coun-
try Guidance: Afghanistan: Guidance note and common analysis" vom Juni
2018, S. 41-43). Auch andere Quellen berichten von gezielten Angriffen auf
Mitarbeiter der afghanischen Regierung oder internationaler Organisatio-
nen und einem erhöhten Risiko dieser Personen, einem Gewaltakt – ins-
besondere durch die Hände der Taliban – ausgesetzt zu werden (vgl. Aust-
ralian Departement of Foreign Affairs and Trade [DFAT]: "Country Informa-
tion Report Afghanistan" vom 18. September 2017, Ziff. 3.19 und 3.23; AC-
CORD: "Aktuelle Sicherheitslage in Afghanistan und Chronologie für Ka-
bul" vom 11. September 2018, Kapitel 1.2; Schweizerische Flüchtlingshilfe
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[SFH]: "Afghanistan: Gefährdungsprofile" vom 12. September 2019,
S. 10 ff.).
7.3 Der Beschwerdeführer hat glaubhaft machen können, als Dolmetscher
für die (...) gearbeitet zu haben. Insofern gehört er bereits aufgrund dieser
Tatsache zu jener Personengruppe, welche aufgrund ihrer Exponiertheit
bereits an sich einem erhöhten Verfolgungsrisiko ausgesetzt ist. Im (...)
2011 hielten die Taliban ihn in seinem Heimatdorf mehrere Tage fest und
gaben ihm danach einen Drohbrief mit der Forderung, sich drei Jahre von
Afghanistan fernzuhalten und nicht für die Regierung oder Hilfsorganisati-
onen zu arbeiten. Er lebte in der Folge in Kabul und arbeitete für die (...),
einer Nichtregierungsorganisation im Bereich der (...) in Afghanistan, wel-
che unter anderem von der (...) finanziert wird (vgl. [...], abgerufen am
02.06.2020). Im Jahr 2013 haben ihn Dorfbewohner in E._ gese-
hen, als er auf Geschäftsreise gewesen ist. Darüber hinaus hat er im Jahr
2014 Fotos einer Geschäftsreise in F._ in den sozialen Medien ge-
teilt. Als er anlässlich des (...)-Festes im gleichen Jahr in sein Heimatdorf
zurückgekehrt ist, erhielt er erneut Schwierigkeiten mit den Taliban. Sie
warfen ihm vor, sich nicht an die Forderungen des Drohbriefes gehalten zu
haben. Durch die Bürgschaft eines Dorfältesten hat er fliehen können. Da-
nach erhielt er in Kabul weitere Drohbriefe, in welchen er aufgefordert
wurde, sich den Taliban zu stellen.
Vor diesem Hintergrund hatte der Beschwerdeführer zum Zeitpunkt der
Ausreise begründete Furcht vor Verfolgungsmassnahmen im Sinne von
Art. 3 AsylG durch die Taliban. Nachdem sich die Sicherheits- und Verfol-
gungslage in Afghanistan seit seiner Ausreise nicht verbessert, sondern
vielmehr über alle Regionen hinweg weiter verschlechtert hat (siehe
E. 7.2.1), ist anzunehmen, dass er im Falle einer Rückkehr nach Afghanis-
tan begründeterweise auch zum heutigen Zeitpunkt künftige Übergriffe sei-
tens der Taliban oder ihr nahestehender Gruppierungen zu befürchten hat.
Eine innerstaatliche Fluchtalternative fällt ausser Betracht. Der Beschwer-
deführer bekam nicht nur in seinem Heimatdorf Probleme mit den Taliban,
sondern auch in Kabul. Schliesslich ist die Inanspruchnahme von staatli-
cher Schutzinfrastruktur zu verneinen, namentlich steht auch in Kabul
keine funktionierende und effiziente Schutzinfrastruktur zur Verfügung (vgl.
dazu Urteile des BVGer D-2879/2018 vom 7. Mai 2020 E. 7.6 sowie
E-4454/2017 vom 10. Oktober 2019 E. 6.3.4).
8.
Zusammenfassend ergibt sich, dass die Vorbringen im Sinne von Art. 7
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AsylG glaubhaft sind und der Beschwerdeführer die Voraussetzungen der
Flüchtlingseigenschaft nach Art. 3 AsylG erfüllt. Ausschlussgründe liegen
nicht vor (Art. 53 AsylG). Die Vorinstanz hat demnach zu Unrecht die
Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers verneint und sein Asylge-
such abgewiesen, mithin Bundesrecht verletzt. Die Beschwerde ist gutzu-
heissen, die angefochtene Verfügung vom 12. September 2018 aufzuhe-
ben, der Beschwerdeführer als Flüchtling anzuerkennen und die Vor-
instanz anzuweisen, ihm Asyl zu gewähren.
9.
9.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG).
9.2 Dem vertretenen Beschwerdeführer ist angesichts seines Obsiegens
in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihm
notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen.
Der Rechtsvertreter reichte mit der Replik eine Honorarnote ein. Darin
weist er einen zeitlichen Aufwand von 10.95 Stunden, welcher angemes-
sen erscheint, basierend auf einem Stundenansatz von Fr. 300.– sowie
Auslagen im Betrag von Fr. 20.90 aus. Infolge seines Obsiegens ist dem
Beschwerdeführer eine Parteientschädigung in der Höhe von insgesamt
Fr. 3ꞌ560.45 (inkl. Auslagen und Mehrwertsteuerzuschlag) zuzusprechen,
welche von der Vorinstanz auszurichten ist.
9.3 Mit vorliegendem Urteil sind die mit Zwischenverfügung vom 31. Okto-
ber 2018 gewährte unentgeltliche Prozessführung und Rechtsverbeistän-
dung gegenstandslos geworden.
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