Decision ID: 20896e2f-4f95-4069-987a-d1784f6d1100
Year: 2019
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.- J., geb. 2000, ist die Tochter der unverheirateten Eltern M. und V.. Sie stand unter
der alleinigen elterlichen Sorge ihrer Mutter. Mit Entscheid der damaligen
Vormundschaftsbehörde Winterthur vom 25. März 2003 wurde für sie eine
Beistandschaft errichtet. J. ist inzwischen volljährig geworden.
B.- Am 21. November 2016 entzog die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde
(nachfolgend: KESB) Winterthur-Andelfingen der Mutter das
Aufenthaltsbestimmungsrecht. J. war in der Folge vom 21. November 2016 bis zum 28.
Februar 2017 im Rahmen einer vorsorglichen Kindesschutzmassnahme im Jugendheim
Platanenhof in Oberuzwil untergebracht.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Am 7. Januar 2017 verfügte das Jugendheim Platanenhof eine disziplinarische
Einschliessungsstrafe für je 24 Stunden im heiminternen Sicherheitszimmer "SIZ" vom
8. Januar 2017 bis zum 10. Januar 2017. Die Disziplinarmassnahme wurde von der
Sozialpädagogin S. nach Rücksprache mit dem Pikettdiensthabenden P. wegen
ungebührlichen Verhaltens angeordnet. Tatsächlich vollzogen wurde die
Disziplinarmassnahme an drei halben Tagen, während derer das Mädchen in ihrem
Zimmer verweilen musste.
C.- Gegen die Disziplinarverfügung liess J. am 20. Januar 2017 Rekurs beim
Sicherheits- und Justizdepartement des Kantons St. Gallen durch ihren Vertreter,
Rechtsanwalt lic.iur. Stefan Blum, erheben. Sie beantragte die Aufhebung der
Verfügung sowie eine Entschädigung von Fr. 40.–. Das Sicherheits- und
Justizdepartement wies den Rekurs mit Entscheid vom 23. August 2017 ab, überband
die Kosten aufgrund einer Kompetenzüberschreitung bei Unterzeichnung der
Verfügung indes dem Jugendheim Platanenhof und sprach J. eine ausseramtliche
Entschädigung von Fr. 1'600.– zuzüglich Mehrwertsteuer zu. Als Rechtsmittel wurde
die Beschwerde an die Anklagekammer angeführt.
Mit Eingabe vom 4. September 2017 liess J. gegen den Entscheid des Sicherheits- und
Justizdepartements Beschwerde bei der Anklagekammer erheben und beantragte
dessen Aufhebung; im Übrigen hielt sie an ihren ursprünglichen Anträgen im Rekurs
vom 20. Januar 2017 fest. Die Anklagekammer hob den Rekursentscheid des
Sicherheits- und Justizdepartements vom 23. August 2017 mit Ausnahme der
Regelung der Kostenfolgen mangels sachlicher Zuständigkeit auf, überwies die Sache
zuständigkeitshalber der Verwaltungsrekurskommission des Kantons St. Gallen
(abgekürzt: VRK) und trat im Weiteren nicht auf die Beschwerde ein. Die amtlichen
Kosten wurden dem Staat auferlegt und der Rechtsvertreter von J. mit Fr. 1'000.–
entschädigt.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
D.- Mit Schreiben vom 29. Januar 2018 forderte der Abteilungspräsident der VRK J.
auf, das Formular betreffend die unentgeltliche Rechtspflege auszufüllen. Dieses
reichte der Rechtsvertreter am 14. Februar 2018 samt summarischer Begründung und
weiteren Akten ein. Mit Zwischenentscheid-Nr. ZV-2018/13 wies der
Abteilungspräsident das Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege infolge
Aussichtslosigkeit (fehlendes aktuelles Rechtsschutzinteresse) ab und forderte J. zur
Leistung eines Kostenvorschusses in der Höhe von Fr. 1'200.– auf.
Dagegen erhob J. am 5. März 2018 Beschwerde beim Einzelrichter des
Kantonsgerichtes; sie beantragte die Aufhebung des Entscheids und die Gewährung
der unentgeltlichen Rechtspflege und Rechtsverbeiständung. Der Abteilungspräsident
der VRK verzichtete am 13. März 2018 auf eine Vernehmlassung und wies gleichzeitig
darauf hin, dass der einverlangte Kostenvorschuss am 9. März 2018 geleistet worden
sei. Mit Entscheid vom 17. Mai 2018 hiess der Einzelrichter des Kantonsgerichts die
Beschwerde von J. gut; er wies die Sache an den Abteilungspräsidenten der VRK
zurück mit der Begründung, es sei zu prüfen, ob ein aktuelles oder ausnahmsweise
virtuelles Rechtsschutzinteresse bestehe; die Verfahrenskosten auferlegte er dem Staat
und sprach J. eine Entschädigung für Parteikosten von Fr. 670.– zu.
Mit Zwischenentscheid-Nr. ZV-2018/47 verfügte der Abteilungspräsident der VRK in
der Folge, das Gesuch von J. um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege samt
unentgeltlicher Rechtsverbeiständung werde gewährt und zwar in dem Sinne, dass sie
in Bezug auf den Fr. 1'200.– übersteigenden Betrag von Gerichts- und Anwaltskosten
vorläufig befreit werde.
Gegen diesen Entscheid liess J. am 14. Juni 2018 Beschwerde beim Einzelrichter des
Kantonsgerichts einreichen. Sie beantragte, es sei ihr die unentgeltliche Rechtspflege
und Rechtsverbeiständung vollumfänglich zu gewähren. Mit Entscheid vom 28. Juni
2018 wies der Einzelrichter des Kantonsgerichts die Beschwerde ab und bestätigte den
Zwischenentscheid des Abteilungspräsidenten der VRK.
E.- Auf die Ausführungen in der Beschwerde und die Akten wird, soweit notwendig, in

den Erwägungen eingegangen.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Erwägungen:
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen.
a) Bei der VRK können gemäss Art. 41 des Gesetzes über die
Verwaltungsrechtspflege (sGS 951.1, abgekürzt: VRP) und Art. 27 Abs. 1 des
Einführungsgesetzes zur Bundesgesetzgebung über das Kindes- und
Erwachsenenschutzrecht (sGS 912.5, abgekürzt: EG-KES) Verfügungen nach Art. 439
des Schweizerischen Zivilgesetzbuches (SR 210, abgekürzt: ZGB) angefochten
werden. Dazu gehört die Überprüfung von Massnahmen zur Einschränkung der
Bewegungsfreiheit, wenn das Kind in einer geschlossenen Einrichtung untergebracht
ist (Art. 314b Abs. 1 ZGB i.V.m. Art. 439 Abs. 1 Ziff. 5 ZGB). Angefochten ist die
Verfügung des Jugendheims Platanenhof vom 7. Januar 2017, in der eine
vorübergehende disziplinarische Einschliessung angeordnet wurde. Zum
Verfügungszeitpunkt war die Beschwerdeführerin vorsorglich in der geschlossenen
Wohngruppe untergebracht (vgl. Entscheid der KESB Winterthur/Andelfingen vom
21. November 2016). Insoweit die Beschwerde die Überprüfung der
Einschliessungsmassnahme betrifft, ist die Zuständigkeit der VRK somit gegeben.
Keine Zuständigkeit besteht hingegen für mit der Massnahme verbundene öffentlich-
rechtliche Entschädigungsansprüche nach Art. 454 ZGB, weil diese gemäss Art. 72 lit.
a VRP klageweise vor dem Zivilrichter geltend zu machen sind. Die beantragte
Genugtuung von Fr. 40.– kann im vorliegenden Verfahren daher nicht behandelt
werden; auf Antrag 3 der Beschwerde vom 4. September 2017 wird entsprechend nicht
eingetreten.
b) Die Beschwerdeführerin ist als Adressatin der Verfügung und durch den (verkürzten)
Vollzug der Einschliessung besonders betroffen. Nach Art. 314b Abs. 2 ZGB kann sie
ter
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
das Gericht selbständig anrufen, wenn sie urteilsfähig ist. Im Verfügungszeitpunkt war
die Beschwerdeführerin 16-jährig; sie darf damit hinsichtlich der Überprüfung der
verfügten Massnahme als urteilsfähig gelten. Im Weiteren wurde sie durch ihren
Kindesvertreter (gemäss Art. 314a ZGB) begleitet. Ihre Beschwerdebefugnis ist zu
bejahen.
c) Die Beschwerdeführerin hat die Beschwerde rechtzeitig und gemäss der in der