Decision ID: cbf432b2-6c76-479e-a0aa-e03c53dbaf34
Year: 2022
Language: de
Court: AG_OG
Chamber: AG_OG_008
Canton: AG
Region: Northwestern_Switzerland
Law Area: 

Das Obergericht entnimmt den Akten:
1.
Die Staatsanwaltschaft Zofingen-Kulm erhob am 2. November 2020
Anklage gegen den Beschuldigten wegen sexueller Handlungen mit einem
Kind gemäss Art. 187 Ziff. 1 StGB.
2.
Das Bezirksgericht Zofingen sprach den Beschuldigten mit Urteil vom
6. Mai 2021 von Schuld und Strafe frei. Die Zivilklage der Privatklägerin A.
wies es ab.
3.
3.1.
Mit Berufungserklärung vom 9. September 2021 beantragte die
Staatsanwaltschaft, der Beschuldigte sei der sexuellen Handlungen mit
einem Kind schuldig zu sprechen und dafür zu einer teilbedingten
Freiheitsstrafe von 35 Monaten bei einem bedingt vollziehbaren Anteil von
23 Monaten zu verurteilen. Zudem sei er für 10 Jahre des Landes zu
verweisen.
3.2.
Mit Berufungserklärung vom 29. September 2021 beantragte die
Privatklägerin A., der Beschuldigte sei der sexuellen Handlungen mit einem
Kind sowie der Schändung, eventualiter der sexuellen Nötigung, schuldig
zu sprechen und dafür angemessen zu bestrafen. Der Beschuldigte sei zu
verpflichten, ihr eine Genugtuung von mindestens Fr. 7'000.00 nebst Zins
zu 5 % seit dem 1. Januar 2019 sowie ihre Parteikosten zu bezahlen.
Eventualiter sei die Zivilforderung dem Grundsatz nach gutzuheissen und
im Übrigen auf den Zivilweg zu verweisen.
Zudem stellte sie den Antrag, dass hinsichtlich ihrer Aussagen eine
aktenbasierte Glaubhaftigkeitsbegutachtung durch eine qualifizierte Fach-
person durchzuführen sei.
3.3.
Die Staatsanwaltschaft reichte am 7. Oktober 2021 vorgängig zur
Berufungsverhandlung eine schriftliche Berufungsbegründung ein.
3.4.
Mit vorgängiger Berufungsantwort vom 12. November 2021 beantragte die
Staatsanwaltschaft, die Berufung der Privatklägerin sei hinsichtlich des
beantragten Schuldspruchs wegen sexueller Handlungen mit einem Kind
gutzuheissen, nicht jedoch hinsichtlich des beantragten Schuldspruchs
wegen Schändung, eventualiter sexueller Nötigung.
- 3 -
3.5.
Der Beschuldigte beantragte mit vorgängiger Berufungsantwort vom
9. Dezember 2021 die vollumfängliche Abweisung der Berufungen der
Staatsanwaltschaft und der Privatklägerin.
3.6.
Die mit Vorladung auf den 30. März 2022 anberaumte Berufungs-
verhandlung wurde auf Beschwerde der Privatklägerin A. hin im Rahmen
einer vorsorglichen Massnahme des Präsidenten der I. öffentlich-
rechtlichen Abteilung des Bundesgerichts vom 28. März 2022 abgesetzt.
3.7.
Mit Urteil vom 27. September 2022 schrieb das Bundesgericht das
Verfahren 1B_157/2022 zufolge Gegenstandslosigkeit ab.
3.8.
Die Berufungsverhandlung fand am 10. November 2022 statt. Die
Privatklägerin beantragte neu neben der Genugtuung die Haftbarerklärung
des Beschuldigten dem Grundsatz nach für die künftigen, noch nicht
bezifferbaren Heilungskosten im Zusammenhang mit der Straftat und die
Verweisung auf den Zivilweg für die Bezifferung.

Das Obergericht zieht in Erwägung:
1.
Die Staatsanwaltschaft und die Privatklägerin haben den vorinstanzlichen
Freispruch des Beschuldigten angefochten. Das Urteil ist mithin – mit
Ausnahme der Höhe der Entschädigung des amtlichen Verteidigers für das
erstinstanzliche Verfahren – vollständig zu überprüfen (Art. 404 Abs. 1
StPO).
2.
2.1.
Dem Beschuldigten wird vorgeworfen, am 1. Januar 2019 nach Mitternacht
mit der damals 14-jährigen A. in seiner Wohnung in Q. sexuelle
Handlungen vorgenommen zu haben. Zu Beginn soll er A. auf dem Sofa im
Wohnzimmer über und dann unter den Kleidern u.a. an den Brüsten berührt
haben. In der Folge soll er ihre Hose und Unterhose ausgezogen, ihre
Vagina massiert, mit seinen Fingern ihre Scheide penetriert und ihre Brüste
abgeleckt haben. Anschliessend soll er sich mit A. in das Schlafzimmer
begeben haben, wo es zu gegenseitigem Oralverkehr gekommen sei.
- 4 -
2.2.
Die Vorinstanz hat den Freispruch im Wesentlichen damit begründet, dass
sich A. neben den an sich detaillierten sowie konsistenten Schilderungen
zum Kerngeschehen an vieles (wie u.a. Kleider des Beschuldigten, Tragen
eines BH, Küssen sowie Festhalten durch den Beschuldigten, auf dem Sofa
geschaute Fernsehsendung) nicht mehr habe zu erinnern vermögen,
hinsichtlich des Orts der Tat und damit der Wohnung ein Widerspruch zum
Gedächtnisprotokoll des Lehrers D. bestehe und es bei den Schilderungen
im Schlafzimmer zu einem Bruch im Detaillierungsgrad gekommen sei. Es
lägen nicht zu unterdrückende Zweifel vor.
2.3.
2.3.1.
Die Staatsanwaltschaft begründet den beantragten Schuldspruch im
Wesentlichen damit, dass sich entgegen der spärlichen Beweiswürdigung
der Vorinstanz die Nichtwahrnehmung von Begleitumständen sich mit dem
sogenannten «Waffenfokus» erklären liessen und sich der Gegensatz zum
Gedächtnisprotokoll des Lehrers D., das von A. denn auch nicht
gegengelesen oder unterschrieben worden sei, neben anderem durch eine
falsche Wiedergabe erklären liesse.
Die Privatklägerin A. begründet die von ihr beantragten Schuldsprüche im
Wesentlichen damit, dass eine Würdigung ihrer konkreten Aussagen zu
erfolgen hätten, dass sich Erinnerungslücken durch eine Verteilung der
Aufmerksamkeit in Extremsituationen auf ein gewisses Geschehen
erklären liessen («Tunnelgedächtnis») und dass kein Motiv für eine falsche
Aussage oder ein Rachemotiv vorliegen würden.
Der Beschuldigte begründet die beantragte Abweisung der Berufungen im
Wesentlichen damit, dass die Kernschilderungen von A. weder detailreich
noch konsistent seien, Diskrepanzen zum Gedächtnisprotokoll des Lehrers
D. bestünden und auch Aussagen zu Nebenpunkten widersprüchlich seien.
2.3.2.
Gemäss Art. 187 Ziff. 1 StGB wird, wer mit einem Kind unter 16 Jahren
sexuelle Handlungen vornimmt, mit einer Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren
oder Geldstrafe bestraft. Wegen Schändung gemäss Art. 191 StGB wird
mit Freiheitsstrafe bis zu zehn Jahren oder Geldstrafe bestraft, wer eine
urteilsunfähige oder eine zum Widerstand unfähige Person in Kenntnis
ihres Zustandes zum Beischlaf, zu einer beischlafsähnlichen oder einer
anderen sexuellen Handlung missbraucht. Der sexuellen Nötigung gemäss
Art. 189 Abs. 1 StGB macht sich demgegenüber schuldig, wer eine Person
zur Duldung einer beischlafsähnlichen oder einer anderen sexuellen
Handlung nötigt, namentlich indem er sie bedroht, Gewalt anwendet, sie
unter psychischen Druck setzt oder zum Widerstand unfähig macht.
- 5 -
Sexuelle Übergriffe auf Kinder unter 16 Jahren fallen sowohl unter den
Schutzbereich von Art. 187 StGB (Gefährdung der Entwicklung von Min-
derjährigen: Sexuelle Handlungen mit Kindern) als auch unter den Schutz-
bereich von Art. 189 ff. StGB (Angriffe auf die sexuelle Freiheit und Ehre).
Art. 187 StGB und Art. 189 ff. StGB schützen unterschiedliche Rechts-
güter. Art. 187 StGB schützt als abstraktes Gefährdungsdelikt die seelische
Entwicklung von Kindern. Kinder besitzen sodann gleich wie Erwachsene
eine strafrechtlich geschützte sexuelle Freiheit. Das Strafrecht schützt
Minderjährige mit anderen Worten durch Art. 189 ff. StGB wie Erwachsene
in ihrer sexuellen Integrität und Freiheit, und sieht mit Art. 187 StGB einen
zusätzlichen Schutz ihrer Persönlichkeitsentwicklung vor. Zwischen den
Tatbeständen besteht gemäss der bundesgerichtlichen Rechtsprechung
folglich echte Konkurrenz (BGE 146 IV 153 E. 3 mit Hinweisen).
Wer eine sexuelle Handlung mit einem Kind unter 16 Jahren vornimmt,
erfüllt unabhängig davon, ob das Kind in die Handlungen eingewilligt hat,
den Tatbestand von Art. 187 StGB. Die Anwendung der Nötigungstat-
bestände (Art. 189, Art. 190 StGB) erfordert, dass sich das Opfer bereits
einen Willen betreffend seine sexuelle Freiheit bilden kann. Wird bei einem
Kind von Urteilsfähigkeit betreffend die Willensbildung ausgegangen, so ist
der entwicklungsbedingten Unterlegenheit, der Beeinflussbarkeit der
Willensbildung und der längst nicht abgeschlossenen Persönlichkeits-
entwicklung solcher Kinder bei der Auslegung der Voraussetzungen von
sexuellen Nötigungshandlungen Rechnung zu tragen. Insbesondere kann
ein Täter aus dem sozialen Nahraum ein Kind bei gegebener
Urteilsfähigkeit auch ohne aktive Ausübung von Zwang oder Androhung
von Nachteilen unter Druck setzen und damit die sexuellen Nötigungs-
tatbestände erfüllen. Entscheidend ist, ob vom Kind angesichts seines
Alters, seiner familiären und sozialen Situation, der Nähe des Täters,
dessen Funktion in seinem Leben, seines Vertrauens in den Täter und der
Art und Weise der Vornahme der sexuellen Handlungen erwartet werden
kann, dass es sich dem Missbrauch eigenständig entgegensetzt (BGE
146 IV 153 E. 3.5.5 mit Hinweisen).
Konnte das Kind sich mangels Einsichtsfähigkeit indessen noch gar keinen
eigenen Willen betreffend seine sexuelle Freiheit bilden, oder wurde eine
durch andere Umstände bedingte Widerstandunfähigkeit des bereits
einsichtsfähigen Kindes ausgenutzt, kommt statt der Nötigungstatbestände
der Tatbestand der Schändung (Art. 191 StGB) zur Anwendung. Eine rein
altersbedingte Urteilsunfähigkeit darf dabei nur zurückhaltend angenom-
men werden. Es ist keine fixe Altersgrenze zu ziehen. Vielmehr sind die
Umstände des Einzelfalls entscheidend. Der Tatbestand der Schändung ist
jedenfalls dann einschlägig, wenn ein «Nein» des Kindes zu den sexuellen
Handlungen nicht zu erwarten ist, weil dieses die vorgenommenen
Handlungen noch gar nicht einordnen kann (BGE 146 IV 153 E. 3.5.3 mit
Hinweisen).
- 6 -
2.4.
2.4.1.
Der Beschuldigte bestreitet die ihm vorgeworfenen sexuellen Handlungen.
Der Anklagevorwurf beruht auf den Aussagen von A.. Es liegt somit eine
klassische «Aussage gegen Aussage»-Situation vor, weswegen die
Aussagen von A. sowie des Beschuldigten auf deren Glaubhaftigkeit zu
überprüfen sind.
2.4.2.
Das Gericht würdigt die Beweise frei nach seiner aus dem gesamten
Verfahren gewonnenen Überzeugung (Art. 10 Abs. 2 StPO). Bestehen
unüberwindliche Zweifel an der Erfüllung der tatsächlichen Voraussetzun-
gen der angeklagten Tat, so geht das Gericht von der für den Beschuldigten
günstigeren Sachlage aus (Art. 10 Abs. 3 StPO; «in dubio pro reo»). Bloss
abstrakte und theoretische Zweifel sind nicht massgebend, weil solche
immer möglich sind und absolute Gewissheit nicht verlangt werden kann.
Nicht verlangt wird indes, dass bei sich widersprechenden Beweismitteln
unbesehen auf den für den Angeklagten günstigeren Beweis abzustellen
ist. Nur das Übergehen offensichtlich erheblicher Zweifel kann eine Ver-
letzung des Grundsatzes «in dubio pro reo» begründen (BGE 144 IV 345).
2.4.3.
A. beantragt, dass hinsichtlich ihrer Aussagen ein Glaub-
haftigkeitsgutachten einzuholen sei.
Nach der Praxis des Bundesgerichtes ist die Prüfung der Glaubhaftigkeit
von Beweisaussagen primär Sache der Gerichte (BGE 129 I 49 E. 4). Bei
Auffälligkeiten in der Person kann ein Glaubhaftigkeitsgutachten als sach-
lich geboten erscheinen. Dies ist etwa der Fall, wenn bruchstückhafte oder
schwer interpretierbare Äusserungen eines Kleinkinds zu beurteilen sind,
bei ernsthaften Anzeichen geistiger Störungen, welche die Aussage-
ehrlichkeit des Zeugen beeinträchtigen könnten, oder wenn konkrete
Anhaltspunkte für eine Beeinflussung durch Drittpersonen bestehen. Dem
Gericht steht bei der Beantwortung der Frage, ob aufgrund der konkreten
Umstände des Einzelfalles der Beizug eines Sachverständigen zur
Glaubwürdigkeitsbegutachtung notwendig ist oder nicht, ein Ermessens-
spielraum zu. In der Regel sind Aussagen von kindlichen Zeugen durch das
Gericht selbst zu würdigen, sofern sie klar und verständlich sind und auch
ohne besondere kinderpsychologische Fachkenntnisse interpretiert
werden können (BGE 129 IV 179 E. 2.4; Urteile des Bundesgerichts
6B_84/2011 vom 28. Juni 2011 E. 2.3.1 f.; 6B_1211/2018 vom 3. Juli 2019
E. 1.2; jeweils mit Hinweisen).
- 7 -
Vorliegend sind keine Eigenschaften oder Auffälligkeiten ersichtlich,
welche bei der Beurteilung der Aussagen von A. die richterliche Fachkunde
sprengen würden. A. war zum Zeitpunkt der Tat bzw. ihrer Aussagen
bereits 14 bzw. 15 Jahre alt. Sie hat ausführliche und verständliche
Aussagen zum Tathergang gemacht, welche einer richterlichen Würdigung
ohne Weiteres zugänglich sind. Dass A. zum Zeitpunkt der Tat unter dem
Einfluss von Alkohol und Betäubungsmitteln, u.a. MDMA, stand, ändert
daran nichts, zumal ihre Aussagetüchtigkeit im Nachgang zur Tat dadurch
nicht behindert wurde. Das Gericht sieht sich regelmässig mit Aussagen
von Personen konfrontiert, welche im Zeitpunkt der Tat unter dem Einfluss
von stimulierenden Substanzen wie Alkohol oder Drogen gestanden
haben, wobei es die getätigten Aussagen jeweils unter Berücksichtigung
dieses Aspekts zu würdigen hat. Gleiches hat hinsichtlich der Aussagen
von A. zu geschehen. Dass gestützt auf diesen Umstand ein
Glaubhaftigkeitsgutachten einzuholen wäre, erachtet das Obergericht nicht
als erforderlich. Der Antrag von A. auf Einholung eines Glaubhaftigkeits-
gutachtens ist entsprechend abzuweisen.
2.4.4.
A. hat mehrfach darum ersucht, nicht erneut einvernommen zu werden.
Nach der Rechtsprechung des Bundesgerichts hat das Berufungsgericht
auch im Vorverfahren ordnungsgemäss erhobene Beweise noch einmal zu
erheben, sofern die unmittelbare Kenntnis des Beweismittels für die
Urteilsfällung notwendig erscheint. Eine unmittelbare Abnahme eines
Beweismittels ist namentlich notwendig, wenn es den Ausgang des
Verfahrens beeinflussen kann. Dies ist etwa der Fall, wenn es in
besonderem Masse auf den unmittelbaren Eindruck einer Aussage
ankommt, so wenn diese das einzige direkte Beweismittel (Aussage gegen
Aussage-Konstellation) darstellt. Auf Video aufgezeichnete Einvernahmen
genügen nur dann, um sich ein hinreichendes Bild von der Glaubwürdigkeit
der Auskunftsperson resp. von der Glaubhaftigkeit deren Aussagen zu
verschaffen, wenn weitere Sachbeweise oder Indizien vorliegen und die
einvernommene Person konstant und in sich logisch konsistent aussagt
(z.B. Urteil des Bundesgerichts 6B_1265/2019 vom 9. April 2020 E. 1.2 mit
Hinweisen, nicht publ. in: BGE 146 IV 153).
Entgegen den Vorbringen der Rechtsvertreter von A. ist ihre gerichtliche
Einvernahme vorliegend für die Urteilsfällung notwendig. So ist der
Sachverhalt nach wie vor umstritten und stellen die Aussagen von A.
hinsichtlich des Vorwurfs der sexuellen Handlungen das einzige direkte
Beweismittel dar. Folglich hängt das Urteil in entscheidender Weise von
ihren Aussagen ab, weshalb ihre erneute Befragung anlässlich der
Berufungsverhandlung für die Wahrheitsfindung unumgänglich ist. Würde
auf eine Einvernahme verzichtet, würde es an einer gerichtlichen
Einvernahme fehlen und die Aussagewürdigung würde nach der
- 8 -
Rechtsprechung des Bundesgerichts auf einer unvollständigen Grundlage
beruhen. Der von A. ins Feld geführte Opferschutz vermag keinen Verzicht
auf ihre gerichtliche Einvernahme zu begründen. Ihren Belangen als Opfer
im Sinne von Art. 116 Abs. 1 StPO ist im Rahmen der gesetzlich zur
Verfügung stehenden Möglichkeiten Rechnung zu tragen. Allfällige
Opferschutzmassnahmen finden jedoch ihre Grenzen im Wahrheits- und
Untersuchungsgrundsatz, der auch im Rechtsmittelverfahren gilt. Die
prozessuale Stellung als Opfer nimmt die vom Gericht zu treffende
materielle Entscheidung, welcher Sachverhalt sich tatsächlich abgespielt
hat, nicht vorweg und kann sich nicht zu Ungunsten des Beschuldigten
auswirken. Auch kann die wiederholte Einvernahme eines Opfers im
Vorverfahren nicht dazu führen, dass auf eine gerichtliche Einvernahme
verzichtet werden muss, denn andernfalls könnten die Strafverfolgungs-
behörden darüber entscheiden, welche Auskunftspersonen dem Gericht
als Beweismittel zugänglich sind (so ausdrücklich Urteil des Bundes-
gerichts 6B_70/2015 vom 20. April 2016 E. 1.4.3).
Vorliegend hat die Vorinstanz auf die Durchführung einer Einvernahme
verzichtet. Da eine klassische «Aussage gegen Aussage»-Situation
vorliegt, die Bedeutung der Aussagen für den Verfahrensausgang somit
sehr gross ist und überdies der Tatvorwurf schwer wiegt, erscheint für die
Urteilsfällung mindestens eine unmittelbare Beweisabnahme durch ein
Gericht im Sinne von Art. 343 Abs. 3 StPO als notwendig. Insbesondere
liegen hier keinerlei Sachbeweise vor und ist die Aussage von A. das
einzige Beweismittel im Zusammenhang mit ihrem Vorwurf gegen den
Beschuldigten. Unter diesen gesamten Umständen darf nicht leichthin
darauf verzichtet werden, dass sich wenigstens ein urteilendes Gericht
einen unmittelbaren Eindruck von ihrem Aussageverhalten verschafft. Dem
Opferschutz muss in anderer Weise Rechnung getragen werden (Urteil des
Bundesgerichts 6B_318/2015 vom 28. Oktober 2015 E. 1.5; vgl. auch BGE
140 IV 196 E. 4.4.3).
Würde vorliegend zum vornherein auf eine gerichtliche Einvernahme von
A. im Berufungsverfahren verzichtet, würde dies – insoweit ihre Aussagen
hinsichtlich der sexuellen Handlungen vom Beschuldigten bestritten
werden – dazu führen, dass auf ihre für die Beweiswürdigung bedeutsamen
Aussagen anlässlich der Videoeinvernahmen vom 13. Mai 2019 sowie
23. Juli 2019 nicht abgestellt werden könnte und sich ein Schuldspruch
zum vornherein nicht begründen liesse. Daraus erhellt, dass eine erneute
Einvernahme im Berufungsverfahren regelmässig im wohlverstandenen
Interesse des Opfers liegt, auch wenn sich dabei eine Konfrontation mit den
traumatischen Erlebnissen nicht vermeiden lässt.
http://relevancy.bger.ch/php/aza/http/index.php?lang=de&type=show_document&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=all&query_words=&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F140-IV-196%3Ade&number_of_ranks=0#page196 http://relevancy.bger.ch/php/aza/http/index.php?lang=de&type=show_document&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=all&query_words=&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F140-IV-196%3Ade&number_of_ranks=0#page196
- 9 -
Nach dem Gesagten war A. im Berufungsverfahren, da eine unmittelbare
Beweisabnahme im erstinstanzlichen Verfahren unterblieben war,
einzuvernehmen, wie dies anlässlich der Berufungsverhandlung vom
10. November 2022 geschehen ist und dem Obergericht erlaubt hat, einen
persönlichen Eindruck ihres Aussageverhaltens zu gewinnen und Unklar-
heiten zu klären (vgl. Urteil des Bundesgerichts 6B_639/2021 vom
27. September 2022 E. 2.2.2 mit Verweis auf BGE 140 IV 196 E. 4.4.1).
2.4.5.
2.4.5.1.
Am Nachmittag des 3. Mai 2019 begab sich C., Schulleiterin der Oberstufe
der H., zusammen mit A., ohne diese vorher darüber zu informieren, zum
Stützpunkt der Kantonspolizei in Zofingen, um gegen den Beschuldigten
Anzeige zu erstatten. Grund für die Anzeige im Beisein der Schulleiterin
war ein zwischen C., dem Klassenlehrer D., A. und deren Mutter E.
geführtes Schulgespräch, bei welchem es ursprünglich um einen Diebstahl
von Geldern aus der Klassenkasse durch A. gegangen war und im Zuge
dessen A. die Vorkommnisse mit dem Beschuldigten anlässlich der
Silvesternacht 2018/2019 erwähnte (Untersuchungsakten [UA] act. 371 f.).
Der Beschuldigte war zur Tatzeit in einer Beziehung mit der damals
(angeblich infolge eines Burnouts) angeschlagenen E., der Mutter von A.
(E.: Untersuchungsakten [UA] act. 459; Beschuldigter: UA act. 422, 439;
A.: UA act. 385).
A. wurde darauf am 13. Mai 2019 ein erstes Mal von der Polizei befragt.
Dabei gab sie den Sachverhalt detailliert im Rahmen eines freien Berichts
wieder. Zunächst habe der Beschuldigte erwähnt, dass er sie einmal
draussen nur im T-Shirt bekleidet und ohne Unterwäsche habe schlafen
sehen. Darauf habe er angefangen, sie zunächst über und dann unter den
Kleidern zu streicheln. Darauf habe er ihre Hose und Unterhose
ausgezogen und sie auch im Bereich des Gesässes und der Vagina
berührt. Es sei dann dazu gekommen, dass sie auf dem Bett gewesen
seien. Dort sei der Beschuldigte mit der Zunge an ihre Vagina gegangen.
Es sei dann auch dazu gekommen, dass sie seinen Penis im Mund gehabt
habe. Auf offen gestellte Nachfrage führte sie zudem aus, dass der
Beschuldigte mit seiner Zunge auch ihre Brüste berührt habe, ohne näher
zu spezifizieren, wann genau dies geschah (UA act. 385 ff.).
Anlässlich der staatsanwaltlichen Einvernahme vom 23. Juli 2019
schilderte sie den Sachverhalt im freien Bericht im Wesentlichen gleich (UA
act. 402 f. Frage 29). Präzisierungen nahm sie dahingehend vor, dass sie
ausgeführt hat, dass der Beschuldigte noch auf dem Sofa mit seiner Zunge
ihre Brüste abgeleckt habe. Zudem gab sie auf Nachfrage an, dass der
Beschuldigte, währendem er ihre Vagina massiert habe, auch mit den
Fingern eingedrungen sei. Sie gab darüber hinaus neu zu Protokoll, dass
sie sich nach dem Vorfall zunächst noch mit ein paar Kissen in die
- 10 -
Badewanne des Beschuldigten gelegt habe und dann erst später zurück in
ihre Wohnung gegangen sei. Auf Nachfrage gab sie sodann zu, neben
MDMA am besagten Abend auch noch Marihuana konsumiert zu haben
(UA act. 402 ff. Fragen 29, 51 ff., 105 f.).
A. wurde anlässlich der Berufungsverhandlung erneut einlässlich befragt,
so dass das Obergericht einen persönlichen Eindruck ihres Aussage-
verhaltens gewinnen konnte (Protokoll der Berufungsverhandlung
[Protokoll], S. 5 ff.). An der Berufungsverhandlung bestätigte A. im
Wesentlichen ihre bisher in den Einvernahmen gemachten Aussagen, nicht
aber ein Lecken der Brüste. Die anlässlich der Berufungsverhandlung von
A. zum Teil eingestandenen Erinnerungslücken und Unsicherheiten sowie
das nicht mehr erwähnte Lecken der Brüste sind aufgrund des Zeitablaufs
erklärbar, zumal dieser Handlung im Vergleich zu den anderen von ihr
geschilderten Handlungen (insbesondere Massieren der Vagina,
Eindringen mit dem Penis in den Mund) keine entscheidende oder
eigenständige Bedeutung hat zukommen können. Die Erinnerungslücken
sowie Unsicherheiten können zudem damit begründet werden, dass A.
zumindest einmal bei einem Psychologen gewesen sei, was ihr aber nicht
geholfen habe, und sie in der Folge versucht habe, das Erlebte zu
verdrängen (Protokoll, S. 3).
Zwar haben seit 23. Juli 2019 keine Befragungen mehr durch die Polizei,
die Staatsanwaltschaft oder das vorinstanzliche Gericht stattgefunden. Es
besteht aber die Möglichkeit von autosuggestiven Prozessen, die teilweise
auch von aussen angestossen werden und ihren Ausgangspunkt häufig in
einem schlechten psychischen Befinden haben (vgl. RENATE VOLBERT, in:
Handbuch der Rechtspsychologie, 2008, Suggestion, S. 333). Hierzu ist
wiederum zu berücksichtigen, dass Schilderungen, die auf voll ausgebil-
deten Pseudoerinnerungen beruhen, eine ähnlich hohe Qualität erreichen
können wie erlebnisbasierte Schilderungen. Abzustellen ist nach dem
Gesagten in erster Linie auf ihre tatnahen Aussagen anlässlich der
Videoeinvernahme vom 13. Mai 2019 bei der Polizei, während eine
eigentliche Inhaltsanalyse ihrer Aussagen anlässlich der Berufungsver-
handlung nicht als valides Mittel zur Verifizierung ihrer Aussagen von vor
mehr als 3 Jahren erscheint (vgl. SCHLILLING/HAUCH, Wahrheit oder Lüge –
Unterscheidbar?, in: Wahrheit. Täuschung und Lüge, Schweizerische
Arbeitsgruppe für Kriminologie (SAK), 2016, Band 33, S. 33).
Die tatnahen Aussagen von A. sind für das Obergericht nachvollziehbar
und konsistent. Ihre Aussagen zur Tat sind spontan erfolgt, wirken als
Ganzes in sich stimmig und weisen darüber hinaus keine relevanten
Widersprüche auf. A. schilderte die Geschehnisse in einer authentischen
Sprache und hatte offensichtlich grosse Mühe, über das Erlebte und ihr
besonders unangenehme Handlungen – insbesondere den Oralverkehr mit
dem Penis des Beschuldigten – zu sprechen. Sie war in der Lage, auf
- 11 -
Nachfrage, aber teilweise auch spontan diverse Präzisierungen
vorzunehmen. So konnte sie bspw. umschreiben, dass die Heizung in der
Wohnung an und es warm gewesen sei, wie die Möbel im Schlafzimmer
des Beschuldigten angeordnet gewesen seien, und dass dieses nicht
aufgeräumt gewesen sei (UA act. 404 f. Fragen 35, 61).
A. machte differenzierte Aussagen betreffend ihre Gefühle und Gedanken.
Sie führte mehrfach aus, dass sie die Handlungen mit dem Beschuldigten
eigentlich nicht gewollt, diese aber auch irgendwie genossen habe, was sie
auf ihren Drogenkonsum zurückführte. Ihr hätten die Streicheleinheiten des
Beschuldigten irgendwie gefallen, obwohl sie dies vom Kopf her eigentlich
nicht gewollt habe. Sie habe es schon komisch gefunden, dass ein beinahe
60-jähriger Mann sie anfasse. Aber irgendwie habe es ihr auch gefallen.
Sie sei dem Beschuldigten wie verfallen gewesen und habe nicht mehr
realisiert, wer er sei. Sie habe wie eine «Wolke im Kopf» gehabt und es
irgendwie auch genossen. Auf der anderen Seite habe sie aber auch Angst
gehabt, dass der Beschuldigte jetzt «ficken» könnte (UA act. 385 ff.; act.
402 Frage 29).
A. schilderte auch diverse Unterbrüche im Handlungsablauf. So gab sie an,
dem Beschuldigten zu Beginn, als er mit der Hand unter ihr T-Shirt
gegangen sei, gesagt zu haben, dass sie dies nicht wolle, worauf er von ihr
abgelassen und sie für eine Weile wieder nur noch über den Kleidern den
Rücken sowie die Haare gestreichelt habe. Als der Beschuldigte an ihre
Hose gegangen sei, habe sie ebenfalls zunächst «Nein» gesagt, es dann
aber doch zugelassen. Zudem gab sie zu Protokoll, dass der Beschuldigte
von sich aus zweimal die Handlungen unterbrochen und Besorgnis darüber
geäussert habe, dass ihre Mutter hochkommen und sie zusammen
erwischen könne. Zudem habe der Beschuldigte ihr gesagt, dass es nicht
gut bzw. sogar strafbar sei, was sie hier machen würden. Da ihr die
Handlungen aber gefallen hätten, habe sie den Beschuldigten sogar zum
Weitermachen animiert (UA act. 385 ff.; act. 402 Frage 29). A. belastet den
Beschuldigten mithin nicht unnötig. Ihr Aussagen halten einem
Strukturvergleich zudem stand.
Allerdings besteht hinsichtlich des Leckens der Brüste eine Ungereimtheit.
A. führte aus, dass sie ein T-Shirt getragen habe. Während der
Beschuldigte ihr die Hose sowie Unterhose abgezogen habe, hat sie
bezüglich ihres T-Shirts nichts dergleichen ausgesagt. Erklärbar wäre es
dadurch, dass der Beschuldigte das T-Shirt einfach hochgeschoben hätte.
Allerdings führte sie weiter aus, dass sie glaube, auch einen BH getragen
zu haben.
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In einer Gesamtbeurteilung können damit eine Vielzahl von Real-
kennzeichen in den Aussagen von A. erkannt werden, welche ihre
Aussagen als glaubhaft erscheinen lassen. Auf der anderen Seite sind die
Aussagen von A. hinsichtlich einer Vielzahl von teilweise auch gewichtigen
Details lückenhaft. So konnte sie sich bspw. nicht mehr genau daran
erinnern, ob sie einen BH trug oder was der Beschuldigte getragen hat. Sie
konnte nicht mehr sagen, ob sie und der Beschuldigte sich küssten. Ebenso
wenig konnte sie sich daran erinnern, wie es dazu kam, dass sie und der
Beschuldigte sich vom Sofa auf das Bett begaben. Ihre Ausführungen zu
den Handlungen im Schlafzimmer sind darüber hinaus relativ detailarm
ausgefallen. Sie konnte nicht bzw. nur sehr vage umschreiben, wie sie am
Beschuldigten den Oralverkehr vornahm. Ebenso wenig konnte sie die
Frage, ob der Beschuldigte einen Samenerguss gehabt habe, beantworten.
Auch besteht eine Ungereimtheit im Ablauf hinsichtlich des Leckens der
Brüste. Die dargelegten Lücken lassen sich zu einem gewissen Grad
indessen dadurch begründen, dass sich A. im Tatzeitpunkt unter dem
Einfluss von Alkohol und verschiedenen Betäubungsmitteln (MDMA und
Marihuana) befunden hat, was sich auf ihr Erinnerungsvermögen
ausgewirkt haben dürfte. Die einseitige Aufmerksamkeitsverteilung kann
zudem im sogenannten «Waffenfokus» oder «Tunnelgedächtnis» gründen.
Diese Begriffe beschreiben das Phänomen, dass die Aufmerksamkeit des
Opfers einseitig auf ein gewisses Objekt oder Kerngeschehen, von
welchem die Hauptbedrohung ausgeht, gelenkt wird, und die weiteren
Begleitumstände bzw. Kontextereignisse schlechter erinnert werden
(LUDEWIG/BAUMER/TAVOR, Wie können aussagepsychologische
Erkenntnisse Richtern und Staatsanwälten helfen?, AJP 11/2011 S 1418
f.). Dieser Punkt führt somit nicht dazu, dass die Aussagen von A.
grundsätzlich als nicht glaubhaft zu beurteilen wären, zumal sie die
genannten Erinnerungslücken von Anfang an offen zugegeben hat, was
wiederum ein Realkennzeichen darstellt.
2.4.5.2.
Um eine umfassende Beurteilung hinsichtlich der Glaubhaftigkeit der
Aussagen von A. vornehmen zu können, sind die Umstände der
Anzeigeerstattung näher zu untersuchen.
A. sei durch Klassenkollegen im Verdacht gestanden, aus der
Klassenkasse Geld entwendet zu haben. Am 5. April 2019 habe sie die
Entnahme des Geldes ihrem Klassenlehrer D. gestanden. Es sei weiter um
[...] Kollegen und «etwas» mit einem anderen Mann, dem Beschuldigten,
gegangen und er sei sich nicht sicher gewesen, ob er (der Klassenlehrer)
noch nachfragen dürfe (vgl. Schulleiterin C.: Protokoll, S. 11 f.). Anlässlich
des gestützt darauf nach Vorsprache bei der Schulleiterin erfolgten
Gesprächs vom 8. April 2019 hat A. als Grund angegeben, dass sie von
ehemaligen Kollegen aus der Drogenszene damit erpresst werde, dass
diese ihrer Mutter sowie Bekannten von ihrem Drogenmissbrauch sowie
- 13 -
einem Verhältnis zwischen ihr und mit dem «Ex-Stiefvater» [gemeint der
Beschuldigte] erzählen würden. Um die Verbreitung zu verhindern, habe
sie selber diese Kollegen «auszahlen» wollen. Weiter sei der Beschuldigte
an Silvester nach einem Familienessen sowie einem MDMA-Konsum von
ihr, als sie wieder zu Hause gewesen seien, zu ihr runter (da er den oberen
Stock und sie im unteren Stock wohne) gekommen, habe Andeutungen,
dass er sie schon leicht bekleidet auf dem Balkon habe schlafen sehen,
gemacht und angefangen, ihre Haare zu streicheln, was ihr wegen den
Drogen gefallen habe. A. habe das Gespräch wegen Unwohlseins
abgebrochen. Es sei aber zu keinem sexuellen Austausch gekommen. Eine
Nachfrage, bis wohin für A. sexueller Austausch gehe, sei nicht erfolgt (vgl.
Gedächtnisprotokoll des Lehrers D. vom 8. April 2019, UA act. 382 f.).
Anlässlich des nachfolgenden Elterngesprächs unter Beteiligung der
Schulleiterin C., dem Klassenlehrer D. und der Mutter E. hat A. im
Wesentlichen ihre Aussagen bis zu den Berührungen übereinstimmend
wiederholt. Insbesondere habe sie kurz innegehalten, bevor sie ihrer Mutter
vom dieser bisher nicht bekannten Konsum von MDMA berichtet habe. Die
Mutter habe erzählt, dass der Beschuldigte gemäss eigenen Angaben ohne
ihr Wissen Bussen von A. beglichen habe, wofür A. ihm sexuelle Dienste
angeboten habe, worauf Letztere in Tränen ausgebrochen sei. Weiter sei
gemäss der Mutter der Beschuldigte ohne ihr Einverständnis, als es ihr
schlecht gegangen sei, wie eine Art Stiefvater aufgetreten und sie stehe
kurz davor, A. ins Kloster zu verfrachten, damit sie keinen Stress mehr
habe. Die Mutter sei für eine Begleitung zu einem Polizeiposten für eine
Anzeige nicht bereit gewesen, da A. schliesslich auch den Zug nach Basel
nehmen könne (Gedächtnisprotokoll des Lehrers D. [vom 3. Mai 2019],
erstellt am 7. Mai 2019, UA act. 381 f.). Die Schulleiterin ist in der Folge mit
A., die zunächst keine Anzeige erstatten wollte, dann aber aufgrund des
Einwands, dass bei derartigen Vorwürfen eine Anzeige erfolgen müsse,
gleichentags noch zur Anzeigeerstattung auf einen Polizeiposten
gegangen (Protokoll, S. 4, S. 11 f.).
Der damalige Klassenlehrer D. konnte sich an den genauen Ablauf der
Gespräche nicht mehr erinnern. Es seien neben dem Drogenkonsum
«gewisse» sexuelle Handlungen mit dem Beschuldigten heraus-
gekommen. Es sei um Berührungen – wobei es «durchgedrungen» sei,
dass es auch zwischen den Beinen gewesen sei – und Streicheln respek-
tive ein Heranmachen gegangen. Konkrete Wörter seien keine gefallen.
Hinsichtlich des von ihm im Gedächtnisprotokoll erwähnten sexuellen Aus-
tauschs hat er präzisierend ausgeführt, dass Berührungen stattgefunden
hätten, er aber nicht wisse, wie weit diese gegangen seien, mithin ob es zu
sexuellem Austausch bzw. einer Penetration gekommen sei, da er nicht
nachgefragt habe. Er interpretiere aber, dass keine Penetration
stattgefunden habe. Insbesondere habe er durch die Emotionen sowie die
Tränen von A., die er eher als nicht gut in der Klasse integriert sowie
- 14 -
«reserviert» bezeichnen würde, das erste Mal das Gefühl gehabt, dass sie
«ihr wahres Gesicht» gezeigt habe (Protokoll, S. 15 ff.).
Die Schulleiterin C. hat ausgeführt, dass sie genaue Worte nicht mehr
wisse, es aber so konkret gewesen sei, dass es um sexuelle Handlungen
gegangen sei. Thema sei Anfassen gewesen. Ins Detail sei es aber nicht
gegangen. Sie habe den Eindruck gehabt, dass A. verzweifelt gewesen sei,
warum ihr niemand glaube (Protokoll, S. 10 ff.).
In der Entstehungsgeschichte lässt sich feststellen, dass keine Nachfragen
und damit auch keine Aussagen zu konkreten sexuellen Handlungen – über
Berührungen hinaus – erfolgt sind. Mithin erweist sich die polizeiliche
Einvernahme vom 13. Mai 2019 in dieser Hinsicht als grundsätzlich
unbeeinflusst. Es zeigt sich weiter, dass es A. schwer gefallen ist, darüber
zu sprechen, was sich auch schon im Gespräch mit ihrem Klassenlehrer
D., aber auch in demjenigen vor ihrer Mutter gezeigt hat. Gestützt auf die
gemachten Ausführungen war es aber sowohl für den Klassenlehrer D. als
auch für die Schulleiterin C. klar, dass es wohl um sexuelle Handlungen
gegangen ist. Da aber nicht nachgefragt wurde bzw. A. nicht habe
weitererzählen wollen, liegen für den damaligen Zeitpunkt keine Aussagen
von A. darüber, was noch alles vorgefallen ist, vor. Mithin betrifft die
Ausführung im Gedächtnisprotokoll des Lehrers D. eine eigene
Interpretation und keine Aussage von A.. Des Weiteren deutet der vom
Klassenlehrer D. beschriebene Bruch in den Emotionen auf ein
einschneidendes bzw. bedrückendes Erlebnis hin, zumal erst rund vier
Monate seit Silvester vergangen waren. Da A., die – wie auch in
Eigenumschreibung – eher ein «Problemkind» gewesen sei und auch
schon davor «Scheiss» gemacht habe, drängt sich nicht der Schluss auf,
dass ihr emotionaler Ausbruch etwas mit dem Diebstahl aus der Kasse
bzw. dem «Erwischtwerden» zu tun gehabt haben könnte. Es ist unter den
vorliegenden Umständen nicht entscheidend, ob die «Geschichte» mit den
Oltener Kollegen stimmt oder – was auch die Schulleiterin C. anzweifelt –
nicht. Gerade auch das nicht unbelastete Verhältnis zu ihrer Mutter samt
deren Androhung einer Unterbringung in einem Kloster deutet stark darauf
hin, dass die damals noch 14-jährige A. nicht leichtfertig Anschuldigungen
erhoben hat.
Hingegen besteht ein nicht unerheblicher Widerspruch hinsichtlich des Orts
des Geschehens bzw. der Wohnung (diejenige der Mutter oder des
Beschuldigten ein Stockwerk höher) vor. Da es sich um ein blosses
Gedächtnisprotokoll des Klassenlehrers D. gehandelt hat, kann nicht
ausgeschlossen werden, dass dieser bei der späteren Niederschrift, bei der
die Frage der Wohnung nicht im Vordergrund stand, etwas falsch in
Erinnerung hatte. Der Klassenlehrer hat vor Obergericht denn auch
ausgesagt, der Ort bzw. die Wohnung sei für ihn ein zu starkes Detail
gewesen, worüber er bisher nicht nachgedacht habe und vielleicht auch
- 15 -
etwas interpretiert habe (Protokoll, S. 19). In Anbetracht dessen, dass auch
der Beschuldigte von einem Vorfall spricht (siehe dazu sogleich), kommt
der Angabe der Wohnung im Gedächtnisprotokoll des Klassenlehrers aber
ohnehin keine entscheidende Bedeutung zu.
2.4.6.
Den Aussagen von A. sind die Aussagen des Beschuldigten gegenüber-
zustellen.
Der Beschuldigte bestreitet die Tat. Gemäss seiner Darstellung sei A. in
der besagten Nacht plötzlich neben seinem Bett gestanden und habe ihn
gefragt, ob er ihr Drogen besorgen könne. Dabei habe sie ihm gesagt, dass
sie alles dafür tun würde, und ihr T-Shirt hochgeschoben. Er habe ihr dann
eine Ohrfeige gegeben und sie aus der Wohnung herausgeschmissen.
Später habe er sie gemeinsam mit E., der Mutter von A., schlafend in seiner
Badewanne vorgefunden (UA act. 426 Frage 34; act. 435; act. 445 Fragen
62 und 66; act. 447 Frage 78). Die Aussagen des Beschuldigten stimmen
somit einzig hinsichtlich des Umstandes, dass A. offenbar einen Teil der
Nacht schlafend in der Badewanne des Beschuldigten verbracht hat, mit
den Aussagen von A. überein.
Die Aussagen des Beschuldigten sind grundsätzlich konstant und wider-
spruchsfrei ausgefallen. Es erscheint jedoch durchaus fragwürdig, dass ein
14-jähriges Mädchen den über 50-jährigen Partner ihrer Mutter nach
Drogen fragen und ihm im Gegentausch sexuelle Dienste anbieten würde.
Es ist indessen erstellt, dass A. in der besagten Nacht unter dem Einfluss
verschiedener Stimulanzien stand, was bei ihr zu einer gewissen
Enthemmung geführt haben wird. Dass sie in der betreffenden Nacht ein
eher unübliches Verhalten zeigte, ist auch daran ersichtlich, dass sie sich
gemäss übereinstimmenden Aussagen nach den Vorkommnissen mit dem
Beschuldigten in dessen Badewanne schlafen gelegt habe. Darüber hinaus
hat A. den Beschuldigten auch zu anderen Zeitpunkten darum gebeten, ihr
Hustensaft sowie starke Schmerzmittel – mutmasslich zum Zwecke der
Berauschung – zu organisieren (UA act. 413 ff.; act. 443 Fragen 46 ff.). Die
Aussagen des Beschuldigten können damit nicht von vornherein als
vollkommen abwegig oder unglaubhaft bezeichnet werden.
Auch wenn seine Aussagen zum Kerngeschehen grundsätzlich konstant
ausgefallen sind, lassen sich in seinen übrigen Aussagen diverse
Auffälligkeiten erkennen. Fragwürdig erscheint zum einen die vom
Beschuldigten an mehreren Stellen vorgebrachte gezielte Diskreditierung
von A., vor allem auch in sexuellen Belangen. So führte der Beschuldigte
anlässlich der Einvernahme vom 27. Mai 2019 aus, dass die Mutter von A.
bei dieser die Antibabypille gefunden und A. auch schon einmal mit Dreien
gleichzeitig etwas gehabt habe. Zudem bezeichnete er A. als «psychisch
labil» (UA act. 425 Frage 29; act. 429 Frage 51). Anlässlich der
- 16 -
Einvernahme vom 13. Juli 2020 prangerte der Beschuldigte zudem an,
dass A. anlässlich ihrer Einvernahme bei der Staatsanwaltschaft «Rotz und
Wasser» geheult und gesagt habe, sie gehe zur Opferhilfe, sie allerdings
dann nie zur Opferhilfe gegangen sei und eine Stunde nach der
Einvernahme eine Netzstrumpfhose und einen Minirock angezogen und ein
Selfie gemacht habe (UA act. 446 Frage 76). Zudem gab er zu Protokoll,
dass A. bereits mit 10 Jahren mit den Drogen begonnen habe. Er würde
wissen, was diese mache, um an Drogen zu kommen. Es sei nicht schön.
Ein 14-jähriges Mädchen habe kein Geld für Drogen und würde diese auf
anderem Weg besorgen (UA act. 447 Frage 77). Allerdings steht dieses
Anbieten von Sex in Widerspruch zur Aussage der Mutter von A. anlässlich
des Elterngesprächs, wonach ihr der Beschuldigte gesagt habe, dass A.
ihm auch noch für von ihm übernommene Bussen sexuelle
Dienstleistungen angeboten haben soll.
Es stellt sich die Frage, wieso der Beschuldigte sich so darum bemüht, die
im Tatzeitpunkt 14-jährige A. als hinterhältig und sexuell erfahren
darzustellen. Auffallend ist zudem, dass der Beschuldigte weitschweifige
Aussagen zu den möglichen Gründen der Anzeige des Opfers gemacht
hat. Zwar hat er regelmässig ausgesagt, dass es sich seiner Meinung nach
um eine Racheaktion handle, bezüglich der dahinterliegenden Gründe
fielen seine Aussagen indessen nicht konstant aus. Zum einen nannte er
mehrfach als Grund, dass er A. nicht mehr alles habe durchgehen lassen
bzw. er ihr den Geldhahn zugedreht habe. Als weitere Gründe gab er dann
seine im März erfolgte Meldung bei der KESB oder Eifersucht aufgrund der
engeren Beziehung zum Bruder von A. an. Mehrfach erwähnte er auch,
dass A. ihm in der Silvesternacht gedroht habe, dass er bereuen würde,
dass er ihr eine Ohrfeige gegeben habe (vgl. UA act. 423 Frage 17 ff.;
act. 428 Frage 38; act. 442 Frage 41; act. 442 Frage 41; act. 446 Frage 75;
act. 429 Frage 51; act. 429 Frage 47; act. 447 Frage 79). Zwar scheint es
verständlich, wenn eine zu Unrecht beschuldigte Person über die Gründe
für die Anschuldigungen mutmasst. Die zahlreichen Erklärungsversuche
des Beschuldigten wirken bei einer Gesamtbetrachtung aber dennoch
bemüht.
2.4.7.
2.4.7.1.
Die Aussagen der Parteien sind – soweit möglich – aufgrund weiterer
Beweise oder Indizien einer externen Validierung zu unterziehen.
2.4.7.2.
Im vorliegenden Verfahren wurde auch ein Freund des Beschuldigten, G.,
als Zeuge befragt. Anlässlich der Einvernahme vom 27. Mai 2019 hatte der
Beschuldigte geltend gemacht, diesem am nachfolgenden Tag vom Vorfall
mit A. erzählt zu haben. G. bewohnte während dieser Zeit eine Wohnung
im gleichen Haus wie der Beschuldigte und die Familie von A.. Er wurde
- 17 -
am 22. Oktober 2019 als Zeuge befragt. Dabei bestätigte er, dass der
Beschuldigte ihm am 1. Januar 2019 von den Geschehnissen der
vergangenen Nacht erzählt habe. Der Beschuldigte habe ihm geschrieben,
ob er schon wach sei, worauf er ihm geantwortet habe, dass er noch kurz
duschen und etwas essen würde. Danach habe der Beschuldigte ihm
erzählt, dass A. neben seinem Bett gestanden und nach Drogen verlangt
habe. Sie habe gesagt, dass sie alles dafür tun würde. Der Beschuldigte
habe sie dann weggestossen und zur Türe gebracht. Am nächsten Morgen
habe dieser A. dann in seiner Badewanne schlafend vorgefunden. Der
Beschuldigte sei geschockt gewesen und habe nicht gewusst, ob er es der
Mutter von A. erzählen solle oder nicht (UA act. 473 ff. Fragen 12;
act. 475 f. Fragen 30, 32; act. 478 f. Fragen 55, 59). G. hat die Version des
Beschuldigten damit im Wesentlichen bestätigt. Er konnte zum Vorfall
indessen keinerlei direkte Beobachtungen machen, sondern lediglich die
Erzählungen seines Freundes wiedergeben. Seinen Aussagen kommt
insofern nur bedingt ein Beweiswert zu.
2.4.7.3.
Die Aussagen von E. sind wenig ergiebig und teilweise zumindest unklar.
Sie könne sich kaum mehr an den Abend erinnern. Mit A. habe sie nicht
über die Silvesternacht sprechen wollen, da es sie nur mehr belasten
würde. Auch den Beschuldigten habe sie nicht direkt darauf angesprochen
(«durch die Blume»). Nach der erfolgten Anzeige habe sie dem
Beschuldigten gesagt, dass sie nichts mit dieser Sache zu tun haben wolle
(UA act. 458 ff.). Entgegen dem Beschuldigten lässt sich aus dieser
Einvernahme auch nicht entnehmen, dass A. zugestimmt hätte, dass das
Bett des Beschuldigten, das nach einem Umzug übernommen worden ist,
in ihr neues Zimmer kommen würde. Vielmehr hat E. ausgeführt, dass ein
Wechsel erfolgt sei, da das Bett im Zimmer des Bruders von A. zu gross
gewesen sei.
2.4.7.4.
Die Staatsanwaltschaft hat im Weiteren eine Auswertung des Mobiltelefons
des Beschuldigten vorgenommen und u.a. die von ihm und A.
ausgetauschten WhatsApp-Nachrichten gesichert.
A. hat im Zuge ihrer Befragung ausgeführt, seit dem Vorfall gegenüber dem
Beschuldigten auf Abstand gegangen zu sein. Sie habe sich nur noch bei
diesem gemeldet, wenn sie von ihm etwas gebraucht habe. Dies werde aus
ihren WhatsApp-Nachrichten ersichtlich (UA act. 409 Frage 103). Aus einer
Sichtung der ausgetauschten Nachrichten ergibt sich, dass A. dem
Beschuldigten im Jahr 2018 noch freudig von Vorstellunggesprächen und
Schulnoten berichtete und ihre Nachrichten oft mit vielen Emojis versah.
Ab Januar 2019 war dies dann aber deutlich weniger der Fall. Ihre
Antworten fielen oft kurz angebunden aus und Emojis fehlen fast gänzlich.
Dies steht in einem offenkundigen Missverhältnis zu den zahlreichen
- 18 -
Kontaktversuchen des Beschuldigten. Ab anfangs Januar 2019 ist
ersichtlich, wie sich dieser oft bei A. erkundet, was sie gerade mache bzw.
wo sie sei oder ob sie noch wach sei. Seine Nachrichten versah er
auffallend oft mit einem Kuss-Emoji. Am 5. Januar 2019 sandte er ihr
darüber hinaus um 22:42 Uhr sowie um 00:40 Uhr einzig jeweils ein Kuss-
Emoji, ohne von A. in der Zwischenzeit eine Reaktion darauf erhalten zu
haben. Am 6. Januar 2019 schrieb er ihr um 00:57 Uhr, dass sie sich in
letzter Zeit nicht so oft gesehen hätten. Am 7. Januar 2019 schrieb er ihr
sodann: «HDL wirklich und dein Abstand zur Zeit tut schon sehr weh»,
worauf A. mit «Ja ich dich doch auch» antwortete (UA act. 327 ff.;
insbesondere UA act. 347, 349, 352). Für das Obergericht ist damit ab
Januar 2019 ein klarer Bruch in der Art und Weise, wie A. und der
Beschuldigten miteinander kommunizierten, ersichtlich. Die zahlreichen
Kontaktversuche und das damit einhergehende grosse Interesse des
Beschuldigten an A. lassen sich mit seiner Tatversion sodann nur schwer
in Einklang bringen, wäre in diesem Fall doch davon auszugehen gewesen,
dass er sich von A. distanziert hätte, um neuerliche sexuelle Avancen
ihrerseits zu unterbinden.
2.5.
In einer Gesamtbetrachtung erachtet sich das Obergericht vom
angeklagten Sachverhalt überzeugt. Die Aussagen von A. sind – trotz
gewisser untergeordneter Lücken und Ungereimtheiten, die sich jedoch mit
dem Drogenmischkonsum erklären lassen – differenziert und
widerspruchsfrei und für das Obergericht insbesondere im Kerngehalt der
sexuellen Handlungen glaubhaft ausgefallen. Das Verhalten und die
Aussagen von A. stehen sodann im Einklang mit dem vom Klassenlehrer
D. beschriebenen Bruch in den Emotionen und den ausgewerteten
WhatsApp-Nachrichten. Sodann spricht auch die Entstehungsgeschichte
für die Glaubhaftigkeit ihrer Aussagen, hat sie sich doch trotz Androhung
ihrer Mutter, dass sie in einem Kloster untergebracht würde, zur Anzeige
bei der Polizei entschieden. Auch wenn die Aussagen des Beschuldigten
nicht von vornherein als abwegig bezeichnet werden können, können darin
Auffälligkeiten erkannt werden, welche sie nur bedingt als glaubhaft
erscheinen lassen. Sie sind deshalb nicht geeignet, am angeklagten
Sachverhalt mehr als nur theoretische Zweifel, wie sie immer möglich sind,
zu begründen. Nach dem Gesagten bestehen mithin keine nicht
überwindbaren Zweifel, dass sich der Sachverhalt so, wie er von A.
geschildert worden ist, zugetragen hat. Die dem Beschuldigten
vorgeworfenen sexuellen Handlungen mit A. sind somit als erstellt zu
erachten.
- 19 -
3.
3.1.
Gemäss dem erstellen Sachverhalt hat der Beschuldigte im Wissen um das
Alter von A. mit ihr sexuelle Handlungen vorgenommen und damit den
Tatbestand der sexuellen Handlungen mit einem Kind gemäss Art. 187
Ziff. 1 StGB in objektiver wie auch subjektiver Hinsicht erfüllt.
3.2.
3.2.1.
Dem Antrag der Privatklägerin A., wonach der Beschuldigte zusätzlich der
Schändung gemäss Art 191 StGB, eventualiter der sexuellen Nötigung
gemäss Art. 189 StGB schuldig zu sprechen sei, kann nicht gefolgt werden.
Zum einen fehlt es bereits in der Anklage an Ausführungen hinsichtlich der
erforderlichen Tatbestandselemente, welche eine Subsumierung unter die
genannten Tatbestände zulassen würde. Die Voraussetzungen für eine
zusätzliche Verurteilung sind mit Blick auf den erstellen Sachverhalt aber
ohnehin nicht gegeben, weshalb eine Anklageänderung bzw. -ergänzung
ausser Betracht fällt:
3.2.2.
Hinsichtlich der Schändung ist entgegen der Auffassung von A. nicht von
einer Widerstandsunfähigkeit, welche für die Tatbestandsmässigkeit
vorausgesetzt wird, auszugehen. Widerstandsunfähig ist, wer nicht in der
Lage ist, sich gegen ungewollte sexuelle Kontakte zu wehren. Die
Widerstandsunfähigkeit braucht zwar nur vorübergehend zu sein. Erforder-
lich ist aber, dass die Widerstandsfähigkeit gänzlich aufgehoben und nicht
nur zu irgendeinem Grad beeinträchtigt oder eingeschränkt ist. Ist bloss die
Hemmschwelle – z.B. alkoholbedingt – herabgesetzt, liegt keine Wider-
standsunfähigkeit vor (BGE 133 IV 49 E. 7.2; BGE 119 IV 230 E. 3a).
Von einer rein altersbedingten – gemäss der Rechtsprechung nur unter
Zurückhaltung anzunehmenden – Widerstandsunfähigkeit ist vorliegend
nicht auszugehen. Es ist jedoch unbestritten, dass A. im Tatzeitpunkt unter
dem Einfluss von Alkohol, Marihuana und MDMA stand und insbesondere
der Konsum von Alkohol und MDMA bei ihr zu einer erheblichen
Herabsetzung der Hemmschwelle geführt haben dürfte. Zwar machte A.
Aussagen, welche zu einem gewissen Grad für eine Aufhebung der
Widerstandsunfähigkeit sprechen, indem sie u.a. geltend machte, dass sie
wie in einer Wolke gewesen sei und sie die Worte nicht gefunden habe (UA
act. 403 Frage 29). Auf der anderen Seite machte sie aber auch Aussagen,
welche klar für eine erhaltene Widerstandsfähigkeit sprechen. So sagte sie
aus, dass man unter dem Einfluss von MDMA auf jeden Fall noch wisse,
was man tue (UA act. 388). Ihren Aussagen ist denn auch zu entnehmen,
dass sie die vorgenommenen Handlungen durchaus noch reflektieren
konnte. So sagte sie aus, sie habe zwar eigentlich keine sexuellen
Handlungen mit dem Beschuldigten vornehmen wollen, dessen
- 20 -
Berührungen auf der anderen Seite genossen. Sie habe ihn deshalb in der
Folge gewähren lassen bzw. ihn später sogar zum Weitermachen animiert
(UA act. 402 f. Frage 29). Es ist denn auch nicht so, dass A. sich vollständig
passiv verhalten bzw. den Beschuldigten einfach hat gewähren lassen.
Vielmehr hat sie selber auch aktiv am Beschuldigten sexuelle Handlungen
(Oralverkehr) vorgenommen, ohne dass dieser in Form von Drohungen
oder Gewalt auf sie eingewirkt hat. Unter Berücksichtigung dieser
Umstände kann im Lichte der oben dargelegten Rechtsprechung nicht von
einer vollständig aufgehobenen Widerstandsunfähigkeit ausgegangen
werden, womit der Tatbestand der Schändung nicht erfüllt ist.
3.2.3.
Sodann kann vorliegend auch nicht auf eine sexuelle Nötigung gemäss
Art. 189 Abs. 1 StGB erkannt werden. Die sexuelle Nötigung setzt voraus,
dass die beschuldigte Person das Opfer zu sexuellen Handlungen nötigt,
indem sie entweder dem Opfer droht, Gewalt anwendet oder das Opfer
unter psychischen Druck setzt oder zum Widerstand unfähig macht. A. wirft
dem Beschuldigten nicht vor, sie in irgendeiner Art und Weise bedroht oder
ihr gegenüber Gewalt angewendet zu haben. Entsprechend fiele einzig die
Tatbestandsvariante des «Unter-Psychischen-Druck-Setzens» in Betracht.
Gemäss der bundesgerichtlichen Rechtsprechung kann dabei
insbesondere bei jungen Kindern die erforderliche sogenannte «situative
Zwangssituation» auch dadurch geschaffen werden, dass der Täter den
Willen des Kindes steuert und manipuliert und bei diesem so eine
vermeintliche Freiwilligkeit hinsichtlich der sexuellen Handlungen schafft
(BGE 146 IV 153 E. 3.5.5 f.).
Dies ist vorliegend indessen nicht der Fall. Zum einen ist aufgrund des
Alters von A. im Tatzeitpunkt sowie ihrer Aussagen davon auszugehen,
dass sie die Handlungen mit dem Beschuldigten korrekt einzuordnen
wusste. Es kann denn auch nicht erkannt werden, dass der Beschuldigte
die Willensbildung von A. bei der Tatausübung bewusst beeinflusst oder
manipuliert hätte. Er hat im Gegenteil die Handlungen von sich aus
mehrfach abgebrochen und sich dahingehend geäussert, dass es nicht gut
sei, was sie machen würden, und er dafür ins Gefängnis kommen könne.
Zuletzt ist auch nicht ersichtlich, dass der Beschuldigte auf andere Art und
Weise Druck auf A. aufgebaut hat. Als sie zunächst nicht wollte, dass er mit
der Hand unter ihr T-Shirt ging, hat er dies akzeptiert und sie für eine
gewisse Zeit nur noch am Rücken über den Kleidern gestreichelt. Eine
sexuelle Nötigungshandlung kann damit nicht erkannt werden, weshalb
auch der Tatbestand der sexuellen Nötigung nicht erfüllt ist.
- 21 -
3.2.4.
Der Beschuldigte ist demnach einzig wegen sexueller Handlungen mit
einem Kind gemäss Art. 187 Ziff. 1 StGB zu verurteilen. Insoweit die
Privatklägerin darüber hinaus eine Verurteilung wegen Schändung bzw.
sexueller Nötigung beantragt hat, erweist sich ihre Berufung als
unbegründet und ist in diesem Punkt abzuweisen.
4.
4.1.
Das Bundesgericht hat die Grundsätze der Strafzumessung nach Art. 47 ff.
StGB wiederholt dargelegt (BGE 147 IV 241; BGE 144 IV 313; BGE
144 IV 217; BGE 141 IV 61 E. 6.1.1; BGE 136 IV 55 E. 5.4. ff.; je mit
Hinweisen). Darauf kann verwiesen werden.
4.2.
Der Beschuldigte ist wegen sexueller Handlungen mit einem Kind gemäss
Art. 187 Ziff. 1 StGB zu verurteilen. Dieser Tatbestand sieht als Sanktion
Geldstrafe oder eine Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren vorsieht. Gemäss
dem seit 1. Januar 2018 geltenden neuen Sanktionenrecht kann eine
Geldstrafe nur noch bis 180 Tagessätzen ausgesprochen werden.
Vorliegend ist aufgrund der Schwere des Verschuldens des Beschuldigten
(siehe unten) eine Strafe über 180 Einheiten festzusetzen, weshalb einzig
die Aussprechung einer Freiheitsstrafe in Betracht fällt.
4.3.
Der Beschuldigte wurde mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Zofingen-
Kulm vom 6. Mai 2019 wegen betrügerischen Konkurses und Pfändungs-
betrugs gemäss Art. 163 Abs. 1 StGB und Ungehorsams gegen amtliche
Verfügungen gemäss Art. 292 StGB – als Zusatzstrafe zum Strafbefehl der
Staatsanwaltschaft Zofingen-Kulm vom 17. Dezember 2018 – zu einer
bedingten Geldstrafe von 40 Tagessätzen à Fr. 150.00 und einer Busse
von Fr. 1'200.00 verurteilt. Mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft
Winterthur/Unterland vom 16. März 2021 wurde er wegen Fahrens ohne
Berechtigung und Widerhandlung gegen das Waffengesetz zu einer
unbedingten Geldstrafe von 60 Tagessätzen à Fr. 150.00 verurteilt. Die
vorliegend zu beurteilende Tat hat er vor diesen Verurteilungen begangen.
Da indessen keine gleichartigen Strafen vorliegen, ist keine Zusatzstrafe
auszusprechen (BGE 142 IV 265 E. 2.3.1).
4.4.
4.4.1.
Ausgangspunkt für die Strafzumessung bildet die Verletzung oder
Gefährdung des betroffenen Rechtsguts (Art. 47 Abs. 2 StGB). Der
Tatbestand von Art. 187 Ziff. 1 StGB will die Gefährdung der sexuellen
Entwicklung von Unmündigen verhindern, das heisst die ungestörte
Entwicklung des Kindes schützen, bis es die notwendige Reife erreicht hat,
- 22 -
die es zur verantwortlichen Einwilligung in sexuelle Handlungen befähigt,
wobei diese Reife nach dem Gesetz vor dem 16. Altersjahr immer zu
verneinen ist (Urteil des Bundesgerichts 6B_518/2020 vom 15. September
2021 E. 1.3).
In der Silvesternacht 2018/2019 ist es zwischen dem Beschuldigten und A.
zu sexuellen Handlungen gekommen, wobei der Beschuldigte A. u.a. die
Vagina massiert und dabei mit dem Finger eingedrungen ist. Zudem haben
sich der Beschuldigte und A. gegenseitig oral befriedigt. Es handelt sich
dabei insbesondere beim Oralverkehr um schwere, wenn auch nicht die
schwersten Formen von sexuellen Handlungen (wie z.B. vaginale oder
anale Penetrationen). A. war im Tatzeitpunkt bereits 14 Jahre alt und in
körperlicher wie auch geistiger Hinsicht altersadäquat entwickelt. Sie hatte
bis zur vorliegend zu beurteilenden Tat indessen noch keine sexuellen
Erfahrungen gemacht. Ungeachtet ihres bereits fortgeschrittenen Alters
waren die Handlungen damit ohne Weiteres geeignet, ihre ungestörte
sexuelle Entwicklung nachhaltig zu gefährden. Grundsätzlich hat A. in die
sexuellen Handlungen eingewilligt, es kann allerdings nicht ausser Acht
gelassen werden, dass sie im Tatzeitpunkt unter dem Einfluss von Alkohol
und Betäubungsmittel stand, was bei ihr sicherlich zu einer gewissen
Enthemmung geführt hat. Dies war dem Beschuldigten denn auch bekannt.
Mit Blick auf die Gefährdung des geschützten Rechtsguts der ungestörten
sexuellen Entwicklung und der Art und Weise des Vorgehens bzw. der
Verwerflichkeit des Handelns des Beschuldigten ist – in Relation zum
Strafrahmen und dem davon erfassten breiten Spektrum sexueller
Handlungen mit einem Kind – von einem nicht mehr leichten bis
mittelschweren Verschulden auszugehen.
Sexuellen Handlungen mit einem Kind ist eine sexuelle sowie egoistische
Motivation immanent, was für sich allein nicht verschuldenserhöhend zu
berücksichtigen ist (vgl. Urteil des Bundesgerichts 6P.194/2001 vom
3. Dezember 2002 E. 7.4.2). Verschuldenserhöhend ist hingegen zu
berücksichtigen, dass der Beschuldigte über ein sehr grosses Mass an
Entscheidungsfreiheit verfügte. Es ist kein Grund ersichtlich, weshalb er die
ungestörte sexuelle Entwicklung von A. nicht hätte respektieren können. Es
wäre in seiner Verantwortung als Erwachsener gelegen und von ihm zu
erwarten gewesen, seine sexuellen Bedürfnisse anderweitig zu
befriedigen. Dies gilt umso mehr, als er sich im Tatzeitpunkt in einer
romantischen Beziehung mit der Mutter von A. befand. Je leichter es für ihn
gewesen wäre, die ungestörte sexuelle Entwicklung von A. zu respektieren,
desto schwerer wiegt die Entscheidung dagegen (vgl. BGE 117 IV 112
E. 1).
- 23 -
Unter Berücksichtigung des weiten ordentlichen Strafrahmens bis zu
5 Jahren Freiheitsstrafe und den davon erfassten sexuellen Handlungen,
Tatvorgehen und Tatumständen, ist insgesamt von einem mittelschweren
Verschulden auszugehen.
4.4.2.
In Bezug auf die Täterkomponente ergibt sich Folgendes: Der Beschuldigte
wies im Tatzeitpunkt eine Vorstrafe auf. Er wurde mit Strafbefehl der
Staatsanwaltschaft Zofingen-Kulm vom 17. Dezember 2018 wegen
diverser Strassenverkehrsdelikte zu einer bedingten Geldstrafe von
60 Tagessätzen und einer Busse von Fr. 2'500.00 verurteilt. Diese
Vorstrafe ist, auch wenn sie nicht einschlägig ist, leicht straferhöhend zu
berücksichtigen, da er daraus nicht die notwendigen Lehren gezogen hat
(BGE 136 IV 1 E. 2.6.2). Es ist jedoch zu beachten, dass aus dem
täterbezogenen Strafzumessungskriterium der Vorstrafe nicht indirekt ein
tatbezogenes Kriterium gemacht wird. Mithin darf diese Vorstrafe nicht wie
ein eigenständiges Delikt gewürdigt werden (vgl. Urteil des Bundesgerichts
6B_18/2022 vom 23. Juni 2022 E. 2.6.1 mit Hinweisen).
Der Beschuldigte hat die ihm vorgeworfenen sexuellen Handlungen zum
Nachteil von A. auch im Berufungsverfahren bestritten bzw. sowohl vor
Vorinstanz als auch im Berufungsverfahren bis auf wenige Ausnahmen von
seinem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch gemacht, was sein Recht
ist (vgl. Art. 113 Abs. 1 StPO). Unter diesen Umständen ist aber auch eine
Strafminderung, wie sie bei einem geständigen, einsichtigen und reuigen
Täter möglich ist, ausgeschlossen.
Weitere relevante, sich auf die Strafhöhe auswirkende Täterkomponenten
sind nicht ersichtlich. Insbesondere ist nicht von einer erhöhten Straf-
empfindlichkeit auszugehen. Der Freiheitsentzug bewirkt für jede beruflich
sowie sozial integrierte Person eine Härte und führt insoweit zu keiner
Strafminderung; eine erhöhte Strafempfindlichkeit lässt sich nur bei
aussergewöhnlichen Umständen bejahen (statt vieler: Urteil des
Bundesgerichts 6B_1053/2018 vom 26. Februar 2019 E. 3.4 mit
Hinweisen). Solche liegen hier nicht vor.
Insgesamt wirkt sich die Täterkomponente leicht straferhöhend aus.
4.4.3.
Dem Obergericht erscheint eine Freiheitsstrafe von 2 1⁄2 Jahren dem
mittelschweren Verschulden und den persönlichen Verhältnissen des
Beschuldigten angemessen.
- 24 -
4.5.
Eine Freiheitsstrafe von 2 1⁄2 Jahren kann nicht bedingt ausgesprochen
werden (Art. 42 Abs. 1 StGB). Das Gericht kann den Vollzug einer
Freiheitsstrafe von mehr als zwei Jahren und höchstens drei Jahren jedoch
teilweise aufschieben (vgl. Art. 43 Abs. 1 StGB). Der unbedingt vollziehbare
Teil darf die Hälfte der Strafe nicht übersteigen (Art. 43 Abs. 2 StGB);
sowohl der aufgeschobene wie auch der zu vollziehende Teil der
Freiheitsstrafe muss mindestens sechs Monate betragen (Art. 43 Abs. 3
StGB). Bei der Bemessung der aufgeschobenen bzw. zu vollziehenden
Strafteils ist das Verschulden zu beachten, dem in genügender Weise
Rechnung zu tragen ist. Das Verhältnis der Strafteile ist so festzusetzen,
dass darin die Wahrscheinlichkeit der Legalbewährung des Täters
einerseits und dessen Einzeltatschuld anderseits hinreichend zum
Ausdruck kommen. Je günstiger die Prognose und je kleiner die
Vorwerfbarkeit der Tat, desto grösser muss der auf Bewährung
ausgesetzte Strafteil sein. Der unbedingte Strafteil darf dabei das unter
Verschuldensgesichtspunkten (Art. 47 StGB) gebotene Mass nicht
unterschreiten (vgl. zum Ganzen: BGE 134 IV 60 E. 7.4 f. mit Hinweisen).
Bei einer Schlechtprognose ist auch ein bloss teilweiser Aufschub der
Strafe ausgeschlossen (BGE 134 IV 1 E. 5.3.1).
Der Beschuldigte lebt grundsätzlich in stabilen Verhältnissen. Er verfügt
über eine nicht einschlägige Vorstrafe wegen diverser Strassenverkehrs-
delikte. Aufgrund des Umstands, dass er im vorliegenden Strafverfahren
nicht geständig war und sich somit auch nicht einsichtig und reuig zeigen
konnte, sowie des Umstands, dass er über ein sehr grosses Mass an
Entscheidungsfreiheit verfügt hat, bestehen nicht unerhebliche Bedenken
an seiner Legalbewährung. Dabei ist auch zu berücksichtigen, dass er noch
während des laufenden Strafverfahrens erneut, wenn auch nicht
einschlägig, delinquiert hat und deshalb mit Strafbefehl der Staatsanwalt-
schaft Zofingen-Kulm vom 6. Mai 2019 wegen betrügerischen Konkurses
und Pfändungsbetrugs sowie Ungehorsams gegen amtliche Verfügungen
und mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Winterthur/Unterland vom
16. März 2021 wegen Fahrens ohne Berechtigung und Widerhandlung
gegen das Waffengesetz zu Geldstrafen verurteilt worden ist. Dennoch ist
insgesamt knapp nicht von einer eigentlichen Schlechtprognose
auszugehen. Ihm ist deshalb der teilbedingte Strafvollzug zu gewähren. Mit
Blick auf das mittelschwere Verschulden des Beschuldigten erweist es sich
als sachgerecht, den unbedingten Teil der Strafe auf 1 Jahr festzusetzen
und die übrigen 1 1⁄2 Jahre bedingt bei einer Probezeit von 3 Jahren
auszusprechen. Hinzu kommt, dass der Beschuldigte beim vorliegend
auszusprechenden Strafmass den unbedingt zu vollziehenden Anteil der
Freiheitsstrafe in Halbgefangenschaft verbüssen kann, sofern die
Voraussetzungen nach Art. 77b StGB dafür erfüllt sind (Urteil des
Bundesgerichts 6B_51/2016 vom 3. Juni 2016 E. 5.4). Dies würde ihm die
Fortführung einer Berufstätigkeit ermöglichen.
- 25 -
4.6.
Zusammenfassend ist der Beschuldigte somit zu einer teilbedingten
Freiheitsstrafe von 2 1⁄2 Jahren mit einem zu vollziehenden Anteil von 1 Jahr
und einem bedingten Anteil von 1 1⁄2 Jahren, Probezeit 3 Jahre, zu
verurteilen.
5.
5.1.
Die Staatsanwaltschaft beantragt, der Beschuldigten sei für 10 Jahre des
Landes zu verweisen.
5.2.
Das Bundesgericht hat die Grundsätze der Landesverweisung gemäss
Art. 66a StGB unter Berücksichtigung der Rechtsprechung des EGMR zu
Art. 8 EMRK wiederholt dargelegt (BGE 146 IV 311; BGE 146 IV 172; BGE
146 IV 105; BGE 146 II 1; BGE 145 IV 455; BGE 145 IV 364; BGE
145 IV 161; BGE 144 IV 332; statt vieler: Urteil des Bundesgerichts
6B_513/2021 vom 31. März 2022). Darauf kann verwiesen werden.
5.3.
Der Beschuldigte ist Deutscher. Er hat mit den sexuellen Handlungen mit
einem Kind eine Katalogtat für eine obligatorische Landesverweisung
gemäss Art. 66a Abs. 1 StGB begangen. Er ist somit grundsätzlich für fünf
bis 15 Jahre aus der Schweiz zu verweisen.
Von der Anordnung der Landesverweisung kann ausnahmsweise unter
den kumulativen Voraussetzungen abgesehen werden, dass sie (1) einen
schweren persönlichen Härtefäll bewirken würde und (2) die öffentlichen
Interessen an der Landesverweisung gegenüber den privaten Interessen
des Ausländers am Verbleib in der Schweiz nicht überwiegen (Art. 66a
Abs. 2 erster Satz StGB). Art. 66a StGB ist EMRK-konform auszulegen.
Die Interessenabwägung im Rahmen der Härtefallklausel von Art. 66a
Abs. 2 StGB hat sich daher an der Verhältnismässigkeitsprüfung nach
Art. 8 Ziff. 2 EMRK zu orientieren.
5.4.
Der 56-jährige Beschuldigte ist deutscher Staatsangehöriger. Er ist vor
knapp 8 1⁄2 Jahren mit 48 Jahren in der Schweiz eingereist und verfügt über
eine C-Bewilligung. Zuvor arbeitete er in Dänemark als Chauffeur. Wegen
des tiefen Lohnniveaus entschied er sich aber dafür, in die Schweiz zu
ziehen (UA act. 423 Frage 16). Er wohnt zurzeit alleine, arbeitet in einer
Spedition und unterliegt bis längstens 31. Mai 2023 einer Lohnpfändung.
Schulden habe er dann keine mehr, sondern nur noch die kommenden
Steuern. Er hat eine Tochter, welche in Deutschland lebt. Zu dieser sowie
zur Ex-Frau habe er keinen Kontakt mehr. Mit der Mutter von A. ist er nicht
- 26 -
mehr zusammen. In Deutschland hält er sich nach eigenen Angaben
unregelmässig, vielleicht ein bis zwei Mal im Jahr auf (UA act. 423 Frage
15).
Der Beschuldigte erscheint in der Schweiz nach dem Gesagten
durchschnittlich integriert. Da er indessen erst im Erwachsenenalter in die
Schweiz migriert ist und hier weder über eine Kernfamilie noch über
anderweitige Verwandte verfügt, kann sein persönliches Interesse am
Verbleib in der Schweiz nicht als besonders hoch eingestuft werden. Bei
einer Aufenthaltsdauer von unter 10 Jahren ist nach der Rechtsprechung
regelmässig davon auszugehen sei, dass die sozialen Beziehungen in der
Schweiz noch nicht so eng geworden sind, dass es für eine
Aufenthaltsbeendigung besonderer Gründe bedürfte, zumal er den
überwiegenden Teil und die besonders prägenden Jahre seines Lebens
nicht in der Schweiz verbracht hat. Die Aufenthaltsdauer allein kann
vorliegend noch nicht zur Annahme führen, der Beschuldigte sei hier
verwurzelt. Von einer wesentlichen gesundheitlichen Beeinträchtigung
oder notwendigen Behandlungsmöglichkeiten des Beschuldigten ist nichts
bekannt (vgl. BGE 145 IV 455).
Der Beschuldigte hat eine schwere Sexualstraftat begangen und wird dafür
zu einer mehrjährigen Freiheitsstrafe verurteilt. Er hat sich auch weitere
Straftaten zu Schulde kommen lassen, wobei dafür vergleichsweise gering-
fügige Geldstrafen ausgesprochen worden sind. Seine Verurteilungen
zeigen deutlich, dass der Beschuldigte offensichtlich nicht gewillt ist, sich
an die geltende Rechtsordnung zu halten. Für ein künftiges Wohlverhalten
des Beschuldigten liegen nicht unerhebliche Zweifel vor, konnte doch nur
knapp nicht von einer eigentlichen Schlechtprognose ausgegangen
werden. Von einer gelungenen Integration in die Schweizer Werte- und
Rechtsordnung kann nicht gesprochen werden.
Der Beschuldigte nimmt am Wirtschaftsleben in der Schweiz teil. Aufgrund
seiner früheren Tätigkeit als Lastwagenchauffeur oder nun allgemein im
Bereich Spedition ist aber ohne Weiteres davon auszugehen, dass er auch
in Deutschland oder einem anderen Land eine Anstellung finden würde.
Insofern ist von intakten Möglichkeiten im Heimatland auszugehen. In einer
Gesamtbetrachtung ist das Vorliegen eines Härtefalls zu verneinen.
Die Landesverweisung wäre aber auch anzuordnen, wenn auf einen
Härtefall erkannt würde. Die persönlichen Interessen des Beschuldigten
können mit Blick auf die obigen Ausführungen nicht als sehr hoch beurteilt
werden. Der Beschuldigte hat indessen sexuelle Handlungen mit einem
Kind begangen und wird dafür zu einer teilbedingten Freiheitsstrafe von
2 1⁄2 Jahren, wovon 1 Jahr zu vollziehen ist, verurteilt. Es handelt sich dabei
um eine vergleichsweise schwere Tat. Es besteht ein entsprechend hohes
öffentliches Interesse daran, Minderjährige vor Angriffen auf ihre
- 27 -
ungestörte sexuelle Entwicklung zu schützen. Insofern vermöchten die
persönlichen Interessen des Beschuldigten die öffentlichen Interessen an
seiner Wegweisung nicht zu überwiegen. Dies gilt umso mehr, als es bei
einer Verurteilung zu einer Freiheitsstrafe von mehr als zwei Jahren
ausserordentlicher Umstände bedarf – die in casu offensichtlich nicht
vorliegen –, damit das private Interesse des Betroffenen an einem Verbleib
in der Schweiz das öffentliche Interesse an einer Ausweisung überwiegt.
Dies würde grundsätzlich selbst bei bestehender Ehe mit einer Schweizerin
und gemeinsamen Kindern gelten («Reneja-Praxis», statt vieler: BGE
135 II 377 E. 4.4; Urteil des Bundesgerichts 6B_1299/2019 vom 28. Januar
2020 E. 3.4.7). Mit der am 1. Oktober 2016 in Kraft gesetzten Gesetz-
gebung zur strafrechtlichen Landesverweisung wurde diese bisherige
ausländerrechtliche Ausschaffungspraxis verschärft.
5.5.
Der Beschuldigte ist deutscher Staatsangehöriger. Es stellt sich mithin die
Frage nach der Vereinbarkeit der Landesverweisung mit dem Freizügig-
keitsabkommen (FZA).
Das Freizügigkeitsabkommen steht der Landesverweisung vorliegend nicht
entgegen. Der Beschuldigte hat sexuelle Handlungen mit einem minder-
jährigem Mädchen begangen und eine verhältnismässig schwere
Verletzung des geschützten Rechtsguts der ungestörten sexuellen
Entwicklung von Minderjährigen begangen. Die Legalprognose des nicht
geständigen und somit weder einsichtigen noch reuigen Beschuldigten ist
ungewiss. Insofern muss bei ihm von einem tatsächlich vorhandenen
Rückfallrisiko ausgegangen werden und ist eine von ihm ausgehende
Gefahr für die öffentliche Sicherheit zu bejahen. Die Landesverweisung
steht entsprechend im Einklang mit Art. 5 Abs. 1 Anhang I FZA.
5.6.
Nach dem Gesagten ist eine Landesverweisung auszusprechen. Unter
Berücksichtigung der Natur der Straftat, des mittelschweren Verschuldens
des Beschuldigten, seiner nicht sehr hohen Interessen am Verbleib in der
Schweiz und des hohen öffentlichen Interesses, sexuelle Übergriffe an
Minderjährigen zu verhindern, erweist sich eine Landesverweisung von
10 Jahren als angemessen.
6.
6.1.
Die Privatklägerin A. beantragt die Zusprechung einer Genugtuung in Höhe
von Fr. 7'000.00 zzgl. Zins zu 5 % seit 1. Januar 2019.
- 28 -
6.2.
Gemäss Art. 49 Abs. 1 OR hat Anspruch auf Leistung einer Geldsumme
als Genugtuung, wer in seiner Persönlichkeit widerrechtlich verletzt wird,
sofern die Schwere der Verletzung es rechtfertigt und diese nicht anders
wiedergutgemacht worden ist. Die Genugtuung bezweckt den Ausgleich für
erlittene Unbill, indem das Wohlbefinden anderweitig gesteigert oder die
Beeinträchtigung erträglicher gemacht wird.
Der Umfang der Genugtuung hängt vor allem von der Schwere der
körperlichen oder psychischen Leiden ab (zur Genugtuung für Opfer von
Sexualdelikten samt deren Höhe, insbesondere bei Kindern als Opfern:
BGE 125 III 269 = Pra 88 (1999) Nr. 175; allgemein zur Bemessung von
Genugtuungen: BGE 132 II 117 E. 2.2.2 f. sowie Urteil des Bundesgerichts
6B_544/2010 vom 25. Oktober 2010 E. 3.1). Die Festsetzung ist eine
Entscheidung nach Billigkeit. Das Bundesgericht hat es daher abgelehnt,
dass die Bemessung der Genugtuung nach schematischen Massstäben
oder festen Tarifen erfolgt (BGE 132 II 117 E. 2.2.3 mit Hinweisen).
6.3.
Der Beschuldigte hat mit A. sexuelle Handlungen vorgenommen, als diese
noch minderjährig war. Dabei kam es zu vergleichsweise schweren
sexuellen Handlungen wie gegenseitigem Oralverkehr. Auch wenn A. sich
den Handlungen nicht widersetzte, erachtet das Obergericht die
Voraussetzungen für die Zusprechung einer Genugtuung (knapp) als
erfüllt. Denn Sinn und Zweck von Art. 187 StGB ist es, die ungestörte
Entwicklung des Kindes zu schützen, bis es die notwendige Reife erreicht
hat, die es zur verantwortlichen Einwilligung in sexuelle Handlungen
befähigt. Ist das Kind unter 16 Jahre alt, wird ihm die notwendige Reife von
Gesetzes wegen abgesprochen. Insofern ist es auch nur von
untergeordneter Natur, ob dieses in die Handlungen eingewilligt hat oder
nicht. Vorliegend fällt erschwerend ins Gewicht, dass es sich beim
Beschuldigten um eine Vertrauensperson von A. gehandelt hat. Dieser hat
mit ihr denn auch vergleichsweise schwere sexuelle Handlungen
vorgenommen, welche ohne weiteres geeignet waren, in schwerer Art und
Weise ihre ungestörte sexuelle Entwicklung zu beeinflussen. Dies gilt umso
mehr, als A. vorgängig zur Tat über keine sexuelle Erfahrung verfügte und
der Beschuldigte deutlich älter als A. war. A. erlitt im Nachgang zur Tat
gemäss eigenen Angaben sogenannte Flashbacks und Ekelgefühle
gegenüber ihrem eigenen Körper. Sofern sie ihren Drogenkonsum und die
von ihr begangenen Diebstähle ebenfalls auf die Tat zurückführt, kann ihr
indessen nicht gefolgt werden, zumal sie ausweislich der Akten bereits
vorher Drogen konsumiert und auch bereits einen Diebstahl begangen
hatte (UA act. 357; act. 388). A. hat sich nach der Tat sodann – mit
Ausnahme eines einmaligen Besuchs – auch nicht in psychologische
Behandlung begeben oder anderweitige Hilfsangebote in Anspruch
genommen, sondern sie versucht den Vorfall zu verdrängen, weswegen
- 29 -
nicht von einer schwerwiegenden Traumatisierung ausgegangen werden
kann. Auch wohnt sie nach eigenen Angaben unter der Woche mit ihrem
Freund zusammen (Protokoll, S. 3), was zumindest darauf schliessen lässt,
dass die sexuellen Handlungen mit dem Beschuldigten nicht zu einer
nachhaltigen Beziehungsunfähigkeit geführt haben.
In einer Gesamtbetrachtung erweist sich nach Ansicht des Obergerichts
eine Genugtuung von Fr. 3'000.00 als angemessen.
6.4.
Soweit die Privatklägerin anlässlich der Berufungsverhandlung neben einer
Genugtuung neu beantragt, dass der Beschuldigte für die künftigen, noch
nicht bezifferbaren Heilungskosten im Zusammenhang mit der Straftat dem
Grundsatz nach haftbar zu erklären und für die Bezifferung die
Privatklägerin auf den Zivilweg zu verweisen sei, ist darauf nicht
einzutreten. Die Privatklägerin hatte vor Bezirksgericht im Hauptstandpunkt
die Zusprechung einer Genugtuung beantragt, und eventualiter sei die
Zivilforderung dem Grundsatz nach gutzuheissen und im Übrigen auf den
Zivilweg zu verweisen. Hinsichtlich der Zivilforderungen gilt im Strafprozess
ebenfalls die Dispositionsmaxime und die Voraussetzungen für eine
Klageänderung – die denn auch nicht behauptet werden – sind vorliegend
nicht erfüllt. Nachdem mit vorliegendem Urteil der Beschuldigte zur
Bezahlung einer Genugtuung verpflichtet wird, besteht für den vor
Vorinstanz gestellten Eventualantrag kein Raum.
7.
7.1.
Die Parteien tragen die Kosten des Berufungsverfahrens nach Massgabe
ihres Obsiegens bzw. Unterliegens (Art. 428 Abs. 1 StPO). Ob eine Partei
im Berufungsverfahren als obsiegend oder unterliegend gilt, hängt davon
ab, in welchem Ausmass ihre vor Obergericht gestellten Anträge
gutgeheissen wurden (Urteil des Bundesgerichts 6B_330/2016 vom
10. November 2017 E. 4.3).
Die Berufung der Staatsanwaltschaft ist ganz überwiegend gutzuheissen.
Sie obsiegt im Schuldpunkt sowie hinsichtlich der von ihr beantragten
Landesverweisung. Einzig im beantragten Strafmass bleibt das Ober-
gericht unter dem von der Staatsanwaltschaft gestellten Antrag. Die
Berufung der Privatklägerin A. ist in Bezug auf die Verurteilung des
Beschuldigten wegen sexueller Handlungen mit einem Kind gutzuheissen,
sie unterliegt indessen mit ihrem Antrag betreffend den zusätzlichen
Schuldspruch wegen Schändung, eventualiter sexueller Nötigung. Ihr wird
darüber hinaus nur eine Genugtuung in deutlich geringerem als von ihr
beantragtem Umfang zugesprochen, während auf die vor Obergericht neu
geltend gemachten Heilungskosten nicht einzutreten ist.
- 30 -
Unter Berücksichtigung der gestellten Anträge und deren Gewichtung
erweist es sich als angemessen, dem überwiegend unterliegenden
Beschuldigten 3⁄4 und der Privatklägerin 1⁄4 der gemäss § 18 Abs. 1 VKD auf
Fr. 6'000.00 festzusetzenden obergerichtlichen Verfahrenskosten
aufzuerlegen.
Aufgrund der der Privatklägerin zu gewährenden unentgeltlichen
Rechtspflege (siehe dazu unten) ist der auf sie entfallende Anteil von
Fr. 1'500.00 einstweilen vorzumerken (Art. 136 Abs. 2 lit. b StPO).
7.2.
Der amtliche Verteidiger ist für das Berufungsverfahren gestützt auf die von
ihm eingereichte Kostennote aus der Staatskasse mit gerundet
Fr. 5'900.00 zu entschädigen (Art. 135 Abs. 1 StPO i.V.m. § 9 Abs. 1 und
Abs. 3bis AnwT).
Diese Entschädigung ist vom Beschuldigten zu 3⁄4 mit Fr. 4'425.00
zurückzufordern, sobald es seine wirtschaftlichen Verhältnisse erlauben
(Art. 135 Abs. 4 lit. a StPO).
Nach der Rechtsprechung des Bundesgerichts besteht – trotz teilweise
Unterliegens im Berufungsverfahren – keine gesetzliche Grundlage, diese
Entschädigung im Umfang ihres Unterliegens der Privatklägerin
aufzuerlegen (BGE 145 IV 90 E. 5).
7.3.
7.3.1.
Mit Gesuch vom 25. März 2022 hat Rechtsanwältin Laura Jost, welche
Rechtsanwalt Christophe Herzig auch schon substituiert hatte, für die
Privatklägerin A. um unentgeltliche Rechtspflege unter Beiordnung eines
unentgeltlichen Rechtsbeistands ersucht.
Dieses Gesuch ist ab Gesuchstellung unter Beiordnung von Rechts-
anwältin Laura Jost als unentgeltliche Rechtsbeiständin grundsätzlich zu
bewilligen, da die Mittellosigkeit der sich damals kurz vor Abschluss der
Ausbildung befindlichen A. unter Berücksichtigung der familiären
Verhältnisse inklusive Leistungsfähigkeit der Mutter ausgewiesen, die
Zivilklage nicht aussichtslos und eine Vertretung zur Wahrung der Rechte
notwendig erschienen ist (Art. 136 Abs. 1 StPO). Allerdings ist A. seit
22. August 2022 als medizinische Praxisassistentin bei einem Monatslohn
von Fr. 4'600.00 brutto bzw. Fr. 4'235.15 netto, plus 13. Monatslohn,
arbeitstätig. Unter Berücksichtigung des geltend gemachten
Existenzminimums von Fr. 1'261.35 plus die gemäss eigenen Angaben
bestehenden Wohnkosten von Fr. 500.00 ergäbe dies einen Überschuss
von fast Fr. 2'500.00 pro Monat. Damit wäre sie ohne weiteres in der Lage,
die anfallenden, angemessenen sowie notwendigen Aufwendungen für ihre
- 31 -
Vertretung innerhalb eines Jahres zu bezahlen. Dies gälte auch dann,
wenn die gesamten der Mutter angeblich abzugebenden Fr. 1'000.00 für
Versicherungen sowie Steuern in vollem Umfang im Existenzminimum zu
berücksichtigen wären. Mithin kann der Privatklägerin A. die unentgeltliche
Rechtspflege nur bis zum 21. August 2022 gewährt werden. Gemäss
eingereichter Kostennote beträgt die für die Zeit von 25. März 2022 bis 21.
August 2022 geltend gemachte Entschädigung gerundet Fr. 490.00.
Die Entschädigung der unentgeltlichen Rechtsbeiständin der Privatklägerin
A. hat der Beschuldigte, der sich nicht in günstigen wirtschaftlichen
Verhältnissen befindet, nicht zu tragen (Art. 426 Abs. 4 StPO).
7.3.2.
Die Privatklägerin A. war während des Berufungsverfahrens bis zu ihrer
Volljährigkeit am 3. März 2022 durch den von der Kindes- und
Erwachsenenschutzbehörde (KESB) Oberaargau als Prozessbeistand mit
Prozessvollmacht eingesetzten Rechtsanwalt Christophe Herzig vertreten.
Bis zu diesem Zeitpunkt sind ihr im Berufungsverfahren keine notwendigen
Aufwendungen im Sinne von Art. 433 Abs. 1 StPO entstanden, hat sie doch
keine Anwaltskosten zu bezahlen. Ihr ist kein Schaden entstanden, den sie
auf Grundlage von Art. 433 StPO geltend machen könnte und es geht nicht
an, sie für Kosten zu entschädigen, die sie nicht getragen hat (vgl. Urteil
des Bundesgerichts 6B_234/2013 vom 8. Juli 2013 E. 5.2 für den Fall der
unentgeltlichen Rechtspflege). Schon gar nicht kann sie bei der KESB
angefallene Kosten adhäsionsweise als eigene Zivilforderung gemäss
Art. 122 StPO geltend machen, zumal es ihr an der Legitimation fehlt, im
vorliegenden Strafverfahren in eigenem Namen einen allfälligen Regress-
oder Entschädigungsanspruch des Kantons Bern gegenüber dem
Beschuldigten geltend zu machen.
7.3.3.
Für die Zeit ab 4. März 2022 – ohne die unter die unentgeltliche
Rechtspflege fallende Zeit – hat die Privatklägerin A. im Umfang der
Differenz ihres Obsiegens und Unterliegens einen Anspruch vom
Beschuldigten auf eine Entschädigung für ihre notwendigen Aufwendungen
(Art. 436 Abs. 1 i.V.m. Art. 433 Abs. 1 StPO).
Der Beschuldigte ist gestützt auf die eingereichte Kostennote unter Abzug
des auf die unentgeltliche Rechtspflege entfallenden Anteils verpflichtet,
der Privatklägerin A. für das Berufungsverfahren dem Ausgang des
Verfahrens entsprechend im Umfang von 1⁄2 eine Parteientschädigung von
Fr. 2'407.85 zu bezahlen.
- 32 -
8.
8.1.
Fällt die Rechtsmittelinstanz selber einen neuen Entscheid, so befindet sie
darin auch über die von der Vorinstanz getroffene Kostenregelung (Art. 428
Abs. 3 StPO). Die beschuldigte Person trägt die Verfahrenskosten, wenn
sie verurteilt wird (Art. 426 Abs. 1 StPO).
Der Beschuldigte wird im Sinne der Anklage schuldig gesprochen und hat
damit die Kosten des erstinstanzlichen Verfahrens zu tragen.
8.2.
Die dem amtlichen Verteidiger des Beschuldigten für das erstinstanzliche
Verfahren zugesprochene Entschädigung von Fr. 13'485.30 ist im
Berufungsverfahren unangefochten geblieben und somit keiner
Überprüfung zugänglich (Urteil des Bundesgerichts 6B_1299/2018 vom
28. Januar 2019 E. 2).
Diese Entschädigung ist vom Beschuldigten zurückzufordern, sobald es
seine wirtschaftlichen Verhältnisse erlauben (Art. 135 Abs. 4 lit. a StPO).
8.3.
Die Privatklägerin A. hat im erstinstanzlichen Verfahren im Umfang ihres
Obsiegens gegenüber dem Beschuldigten Anspruch auf eine
angemessene Entschädigung ihrer notwendigen Aufwendungen, wenn sie
diese rechtzeitig beantragt, beziffert und belegt hat (Art. 433 Abs. 1 StPO).
Nachdem die Vertretung von A. bis zum Abschluss des erstinstanzlichen
Verfahrens durch den von der KESB Oberaargau ernannten Rechtsanwalt
Christophe Herzig sichergestellt wurde, durch welche Letzterer auch
entschädigt wird, sind der Privatklägerin A. im erstinstanzlichen Verfahren
keine notwendigen Aufwendungen im Sinne von Art. 433 Abs. 1 StPO
entstanden (siehe dazu oben).
9.
Tritt das Berufungsgericht, wie vorliegend, auf die Berufung ein, so fällt es
ein neues Urteil, welches das erstinstanzliche Urteil ersetzt (Art. 408 StPO,
Art. 81 StPO).
- 33 -