Decision ID: 33adc8fd-3f3e-425d-824f-4824cf71d500
Year: 2009
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
R._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Jakob Ackermann, Jonerhof, Postfach 2044,
8645 Jona,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
betreffend
Rentenrevision (Einstellung Invalidenrente)
Sachverhalt:
A.
A.a R._, Jahrgang 1973, erlitt am 23. November 1999 einen Verkehrsunfall, der
schwere Verletzungen und zahlreiche Operationen nach sich zog. Im Juli 2000 meldete
sie sich zum Bezug von Leistungen der Invalidenversicherung (IV) an (IV-act. 1). Die IV-
Stelle sprach ihr am 12. Februar 2003 verfügungsweise ab 1. November 2000 eine
ganze und ab 1. Dezember 2001 eine halbe Invalidenrente zu (IV-act. 31-33).
A.b Im Rahmen eines von Amtes wegen eingeleiteten Revisionsverfahrens gab die
Versicherte am 26. Oktober 2006 an, ihr Gesundheitszustand sei gleich geblieben. Sie
sei unterdessen Mutter geworden (IV-act. 45). Prof. Dr. med. A._ attestierte im
Verlaufsbericht vom 11. April 2007, der Gesundheitszustand der Versicherten habe sich
seit 2002 verschlechtert. Seit ca. sechs Monaten leide sie vermehrt unter Schmerzen in
der HWS, seit ca. 18 Monaten in der LWS. Die bisherige Tätigkeit als Drogistin im
Aussendienst sei der Versicherten nicht mehr zumutbar. Eine sitzende Tätigkeit mit
wechselnder Bewegung und ohne Lastenheben sei maximal zwei bis drei Stunden pro
Tag möglich (IV-act. 56-1; 56-3).
A.c Im Auftrag der IV-Stelle begutachtete Dr. med. B._, Facharzt FMH für
Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des Bewegungsapparates, die Versicherte.
In seinem Gutachten vom 30. Mai 2007 nannte er die Diagnosen Cervikalgie bei
degenerierter Bandscheibe C5/6 mit flächenhafter medianer Diskushernie ohne
Kompression neuraler Strukturen, mässige Spondylarthrose L4/5 und weniger
ausgeprägt L5/S1 mit linkskonvexer Skoliose, Status nach zementierter
Hüfttotalprothesenimplantation rechts und Trochanter-Zuggurtung mit partieller
Konsolidation und gebrochenen Cerclagedrähten sowie Zustand nach Resektion
heterotoper Ossifikation 12/00 mit leichten Restbefunden und Beckenasymmetrie bei
Status nach Osteosynthese 11/99 und Zustand nach Osteosynthese einer
Sacrumtrümmerfraktur 11/99 und bilateraler Schädigung des Plexus lumbosacralis,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Status nach Osteosynthese einer drittgradigen offenen mehrfragmentären
Femurschaftfraktur rechts 11/99 und Bewegungseinschränkung des rechten
Kniegelenks mit posteromedialer Rotationsinstabilität und Varusalignement.
Schliesslich diagnostizierte Dr. B._ noch einen funktionellen Spitzfuss rechts bei
bilateraler Schädigung des Plexus lumbosacralis sowie Senk-/Spreizfüsse und
Pollinosis. Körperlich schwere Arbeiten in kalter und feuchter Umgebung, die
vorwiegend sitzend oder stehend und gehend ausgeübt werden müssten und die mit
häufigen inklinierten oder reklinierten Körperhaltungen sowie dem Heben und Tragen
von Lasten über zehn kg und dem häufigen Laufen auf unebenem Boden oder auf
Treppen und Leitern verbunden seien, könnten nicht mehr vollumfänglich zugemutet
werden. Die Arbeitsfähigkeit als Drogistin im Aussendienst betrage bei voller
Stundenpräsenz 50%. Optimal angepasste, körperlich leichte Tätigkeiten in
temperierten Räumen, die abwechslungsweise sitzend und stehend durchgeführt
werden könnten, seien bei voller Stundenpräsenz zu 75% zumutbar (IV-act. 69).
A.d Der zuständige Arzt des IV-internen Regionalen Ärztlichen Diensts (RAD) hielt am
31. August 2007 fest, es dürfe seit der Rentenzusprache mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit von einem im Wesentlichen unveränderten Gesundheitszustand
und einer unveränderten Arbeitsfähigkeit von 50% in der bisherigen (angepassten)
Tätigkeit ausgegangen werden. Die Einschätzung von Dr. B._ (Arbeitsfähigkeit 75%)
sei als eine andere Einschätzung des im Grunde gleichen Sachverhalts anzusehen (IV-
act. 77-2).
A.e Mit Vorbescheid vom 4. September 2007 stellte die IV-Stelle der Versicherten die
Einstellung der Invalidenrente in Aussicht (IV-act. 82). Lic. iur. Jakob Ackermann,
Rechtsanwalt, beantragte im Einwand vom 25. September 2007, der Versicherten sei
weiterhin eine halbe Rente zu gewähren (IV-act. 83). Die IV-Stelle verfügte am
28. September 2007 die Einstellung der Rente auf Ende des auf die Zustellung der
Verfügung folgenden Monats. Sie errechnete bei einer Gewichtung von 60% Haushalt
und 40% Erwerb einen Invaliditätsgrad von 14.88% (act. G 1.1).
B.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.a Gegen diese Verfügung richtet sich die Beschwerde des Rechtsvertreters der
Beschwerdeführerin vom 2. November 2007. Die Verfügung sei aufzuheben. Der
Beschwerdeführerin sei weiterhin eine halbe Rente, eventualiter eine ganze Rente zu
bezahlen, unter Kosten- und Entschädigungsfolgen. Der Rechtsvertreter weist auf
Schmerzen der Beschwerdeführerin im Bereich des Nackens, des Lumbalbereichs, der
rechten Hüfte, des rechten Kniegelenks sowie des rechten Fusses hin. Die
Arbeitsfähigkeitsschätzungen von Dr. B._ und Dr. A._ lägen derart weit
auseinander, dass ein interdisziplinäres Gutachten erforderlich sei, um die
Widersprüche zu klären. Im Erwerbsbereich resultiere eine Einschränkung von 40%. Im
Haushalt entspreche die von der Beschwerdegegnerin vorgenommene Gewichtung der
verschiedenen Aufgabenbereiche nicht den Tatsachen. Die Schadenminderungspflicht
dürfe im Übrigen keine Drittwirkung haben. Der Hinweis der Beschwerdegegnerin auf
die Schadenminderungspflicht stehe im Widerspruch mit dem Gleichheitsgebot nach
Art. 8 BV und dem Recht auf Ehe und Familie nach Art. 14 BV, denn es könne nicht
sein, dass eine invalide Frau, nur weil sie verheiratet sei, keinen Anspruch bzw. einen
kleineren Anspruch auf eine Invalidenrente haben solle. Dem validen Ehemann der
Beschwerdeführerin dürfe nicht ein Mehrpensum an Haushaltarbeit zugemutet werden,
bis dessen Gesundheit und damit dessen Arbeitsfähigkeit beeinträchtigt werde. Der
Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin errechnet für den Bereich Haushalt eine
gewichtete Einschränkung von 43.5%. Zuzüglich 40% Einschränkung aus dem
Erwerbsbereich belaufe sich der Invaliditätsgrad insgesamt auf 83.5% (act. G 1).
B.b In der Beschwerdeantwort vom 8. Januar 2008 beantragt die Beschwerdegegnerin
die Abweisung der Beschwerde. Der knappe und daher wenig aussagekräftige
Verlaufsbericht des Universitätsspitals Zürich begründe die Verschlechterung des
Gesundheitszustands mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit hauptsächlich mit einer
Schmerzzunahme im Bereich der LWS und der HWS. Als veränderte Befunde würden
eine Bewegungseinschränkung der HWS und LWS sowie Myogelosen paraspinal
aufgeführt. Anhand dieser Angaben sei eine Verschlechterung der zumutbaren
Arbeitsfähigkeit von bisher 50% auf zwei bis drei Stunden täglich nicht
nachzuvollziehen. Demgegenüber würden die Schlussfolgerungen im Gutachten B._
einleuchten. Eine erhebliche Verschlechterung des Gesundheitszustands sei nicht
ausgewiesen. Der medizinische Sachverhalt liefere keinen Revisionsgrund. In Bezug
auf die Statusfrage führt die Beschwerdegegnerin aus, nach der Geburt des Kindes sei
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
überwiegend wahrscheinlich, dass die Beschwerdeführerin ohne Behinderung zu 40%
im Erwerb und zu 60% im Haushalt tätig wäre. Es habe ein Wechsel zur gemischten
Methode zu erfolgen. Entgegen der Kritik des Rechtsvertreters der Beschwerdeführerin
sei im Haushalt die Mithilfe von Familienangehörigen zu berücksichtigen, wie das
Bundesgericht jüngst bestätigt habe. Die Abklärungsperson habe nachvollziehbar
begründet, weshalb in einzelnen Teilbereichen des Haushalts eine zumutbare Mithilfe
des Ehemanns zu berücksichtigen sei. Die im Haushalt ermittelte Einschränkung von
24.8% sei nicht zu beanstanden (act. G 4).
B.c Die Beschwerdeführerin lässt in der Replik vom 20. Februar 2008 an ihren Anträgen
festhalten. Dr. B._ habe die Frage nicht behandelt, wie weit sie bei der
Haushalttätigkeit durch ihre gegenwärtigen Unfallfolgen beeinträchtigt werde. Zur
Anamnese sei zu bemerken, dass er wahrheitswidrig ausgeführt habe, dass keine
Physiotherapie durchgeführt worden sei. Die Beschwerdeführerin habe
Schlafprobleme, die einerseits durch die Schmerzen und andererseits durch die
psychischen Belastungen verursacht würden. Sie sei daher tagsüber müde und weise
Schwierigkeiten in der Konzentration auf. Ebenso bestünden täglich Kopfschmerzen.
Entgegen den Ausführungen von Dr. B._ trage die Beschwerdeführerin eine
Kniebandage und orthopädische Schuhe. Der Gutachter habe zudem die Angaben
über den unkontrollierten Harndrang und die Blasenschwäche nicht erwähnt.
Wahrheitswidrig habe er ausgeführt, die Beschwerdeführerin nehme keine Analgetika
ein. Zudem verneine er unzutreffenderweise das Vorliegen von Schwellungen, von
Druckdolenz der Ileosakralgelenke und von paravertebralem Muskelhartspann. Nicht
zutreffend sei, dass die Beschwerdeführerin keine dolenten Myogelosen der
Hüftabduktoren habe. Der Gutachter habe die betreffenden Körperstellen nicht berührt.
Da die Folgerungen von Dr. B._ nicht nachvollziehbar seien, werde eine
Oberbegutachtung beantragt. Gutachterlich sei nicht erstellt worden, dass die
Beschwerdeführerin in den Haushaltarbeiten aufgrund ihrer körperlichen Verfassung
erheblich eingeschränkt sei (act. G 8).
B.d Die Beschwerdegegnerin hält am 4. März 2008 an ihrem Antrag fest und verzichtet
im Übrigen auf weitere Ausführungen (act. G 11).

Erwägungen:
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
1.
Am 1. Januar 2008 sind mit der 5. IVG-Revision verschiedene Änderungen des
Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG; SR 831.20) in Kraft getreten. Weil
in zeitlicher Hinsicht grundsätzlich diejenigen Rechtssätze massgebend sind, die bei
der Erfüllung des zu Rechtsfolgen führenden Tatbestandes Geltung haben (BGE 127 V
467 Erw. 1), und weil bei der Beurteilung ferner auf den bis zum Zeitpunkt des Erlasses
der streitigen Verfügung vom 2. Oktober 2007 eingetretenen Sachverhalt abzustellen ist
(BGE 121 V 366 Erw. 1b), sind auf die angefochtene Verfügungdie bis zum
31. Dezember 2007 geltenden materiellen Bestimmungen anzuwenden.
2.
2.1 Als Invalidität gilt laut Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil
des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) die ganze oder teilweise
Erwerbsunfähigkeit, es sei denn, eine versicherte Person sei vor dem Eintritt der
Gesundheitsbeeinträchtigung nicht erwerbstätig gewesen und es habe ihr auch nicht
zugemutet werden können, einer Erwerbstätigkeit nachzugehen. In diesem Fall gilt
gemäss Art. 8 Abs. 3 ATSG die Unmöglichkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen,
als Invalidität. Die Invalidität gemäss Art. 8 Abs. 1 ATSG wird durch einen
Einkommensvergleich ermittelt (Art. 16 ATSG). Die Methode zur Bemessung der
konkreten Unmöglichkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, wird vom ATSG nicht
geregelt. Diese Lücke füllt aArt. 28 Abs. 2 des Bundesgesetzes über die
Invalidenversicherung (IVG; SR 831.20; Fassung bis 31. Dezember 2007): Es ist darauf
abzustellen, in welchem Mass die betreffende Person behindert ist, sich im
Aufgabenbereich zu betätigen. Als Aufgabenbereich der im Haushalt tätigen Person
gelten insbesondere die übliche Tätigkeit im Haushalt, die Erziehung der Kinder sowie
gemeinnützige und künstlerische Tätigkeiten (Art. 27 der Verordnung über die
Invalidenversicherung [IVV; SR 831.201]). aArt. 28 Abs. 2 IVG regelt die so genannte
gemischte Methode der Invaliditätsbemessung bei Personen, die zum Teil erwerbstätig
und zum Teil im Aufgabenbereich tätig sind. In einem solchen "gemischten" Fall sind
der Anteil der Erwerbstätigkeit und der Anteil der Tätigkeit im Aufgabenbereich
festzulegen und der Invaliditätsgrad ist entsprechend der Behinderung in beiden
Bereichen zu bemessen. Ist bei einer Person, die nur zum Teil erwerbstätig ist,
bis
ter
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
anzunehmen, dass sie im Zeitpunkt der Prüfung des Rentenanspruchs ohne den
Gesundheitsschaden vollzeitlich erwerbstätig wäre, so ist die Invaliditätsbemessung
ausschliesslich nach den Grundsätzen für Erwerbstätige zu bemessen (Art. 27 IVV).
Nach aArt. 28 Abs. 1 IVG besteht Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn die
versicherte Person mindestens zu 70%, derjenige auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie
wenigstens zu 60% invalid ist. Liegt ein Invaliditätsgrad von mindestens 50% vor, so
besteht Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens
40% auf eine Viertelsrente (aArt. 28 Abs. 1 IVG).
2.2 Ob eine versicherte Person als ganztägig oder zeitweilig erwerbstätig oder als
nichterwerbstätig einzustufen ist, ergibt sich aus der Prüfung, was sie bei im Übrigen
unveränderten Umständen täte, wenn keine gesundheitliche Beeinträchtigung
bestünde (BGE 125 V 150 Erw. 2c). Bei im Haushalt tätigen Versicherten im
Besonderen sind nach der Rechtsprechung die persönlichen, familiären, sozialen und
erwerblichen Verhältnisse ebenso wie allfällige Erziehungs- und Betreuungsaufgaben
gegenüber Kindern, das Alter, die beruflichen Fähigkeiten und die Ausbildung sowie die
persönlichen Neigungen und Begabungen zu berücksichtigen. Die Statusfrage beurteilt
sich praxisgemäss nach den Verhältnissen, wie sie sich bis zum Erlass der Verfügung
entwickelt hätten, wobei für die hypothetische Annahme einer im Gesundheitsfall
ausgeübten (Teil-) Erwerbstätigkeit der im Sozialversicherungsrecht übliche
Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit erforderlich ist (BGE 125 V 150
Erw. 2c; BGE 117 V 194 f. Erw. 3b mit Hinweisen; AHI 1997 S. 288 ff. Erw. 2b, AHI
1996 S. 197 Erw. 1c, je mit Hinweisen; Ulrich Meyer-Blaser, Die Rechtsprechung des
Bundesgerichts zum IVG, Zürich 1997, S. 28). Der Richter hat jener
Sachverhaltsdarstellung zu folgen, die er von allen möglichen Geschehensabläufen
unter den gegebenen Umständen als die wahrscheinlichste würdigt (BGE 121 V 47
Erw. 2a). Dabei sind die konkrete Situation und die Vorbringen der Versicherten nach
Massgabe der allgemeinen Lebenserfahrung zu würdigen (ZAK 1985 S. 468 Erw. 1).
2.3 Ändert sich der Invaliditätsgrad einer Rentenbezügerin oder eines Rentenbezügers
erheblich, so wird die Rente von Amtes wegen oder auf Gesuch hin für die Zukunft
entsprechend erhöht, herabgesetzt oder aufgehoben (Art. 17 Abs. 1 ATSG). Anlass zur
Rentenrevision gibt nach der auch unter dem ATSG massgeblichen Rechtsprechung
jede wesentliche Änderung in den tatsächlichen Verhältnissen, die geeignet ist, den
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Invaliditätsgrad und damit den Rentenanspruch zu beeinflussen. Die IV-Rente ist nicht
nur bei einer wesentlichen Veränderung des Gesundheitszustands, sondern auch dann
revidierbar, wenn sich die erwerblichen Auswirkungen des an sich gleich gebliebenen
Gesundheitszustandes erheblich verändert haben (BGE 130 V 349 f. Erw. 3.5). Eine
einmal vorgenommene Anwendung einer bestimmten Methode ist nach BGE 97 V 241
nicht unveränderlich. Eine spätere Änderung der persönlichen und damit verbundenen
wirtschaftlichen Situation kann – im Rahmen eines Revisionsverfahrens – Anlass
geben, die bisherige Methode aufzugeben. Ein Methodenwechsel als solcher ist nie
Revisionsgrund; für einen solchen bedarf es immer einer erheblichen
Sachverhaltsevolution (in der Invaliden- oder der Validenkarriere). Eine
Sachverhaltsevolution bedingt (möglicherweise) einen Methodenwechsel und nicht
umgekehrt (vgl. den Entscheid IV 2006/57 des Versicherungsgerichts des Kantons
St. Gallen vom 4. April 2007, Erw. 1a).
2.4 Ein Methodenwechsel darf nach der älteren Praxis nur vorgenommen werden,
wenn er zwingend notwendig ist (vgl. ZAK 1969 S. 745; BGE 104 V 149 Erw. 2). Das ist
auch heute noch zu postulieren (vgl. Gabriela Riemer-Kafka, Veränderungen der
familiären Verhältnisse als Rentenrevisionsgrund in der IV, in: René Schaffhauser/Franz
Schlauri [Hg.], Die Revision von Dauerleistungen in der Sozialversicherung, St. Gallen
1999, S. 111). Der Methodenwechsel setzt eine Nachführung der hypothetischen
Lebensentwicklung voraus. Es wird auf den realen Verlauf persönlicher und familiärer
Verhältnisse nach Eintritt der Invalidität (und unter den Einwirkungen der Invalidität)
abgestellt, obwohl diese Verhältnisse an sich ohne kausalen Einfluss auf die Invalidität
sind. Aus dieser Realität wird auf wesentliche Änderungen im massgeblichen
hypothetischen Sachverhalt (BGE 117 V 199 Erw. 3b) geschlossen. Auf eine allgemeine
Erfahrung über das Verhalten der Mütter nach der Geburt von Kindern lässt sich
indessen heute nicht mehr zurückgreifen (Riemer-Kafka, a.a.O., S. 93 ff., S. 115 und
116). Auf eindeutige Lebensentwürfe und Lebenserfahrungen ist in der modernen
Gesellschaft mit gleichen Chancen für unterschiedlichste Arten beruflichen
Fortkommens immer weniger Verlass. Darum ist es gerechtfertigt, den
Methodenwechsel nur bei triftigen Gründen zuzulassen, etwa wenn nach einer
eindeutigen (hypothetischen) Sachlage ein Festhalten an der bisherigen Methode
missbräuchlich wäre (vgl. die Entscheide IV 2001/3 des Versicherungsgerichts des
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Kantons St. Gallen vom 25. Oktober 2001, Erw. 3e; IV 2006/214 vom 18. Februar 2008,
Erw. 3.5; IV 2008/268 vom 17. Juli 2008, Erw. 2.4).
2.5 Vorliegend wurde im Abklärungsbericht Haushalt vom 21. August 2007 darauf
hingewiesen, die Beschwerdeführerin würde als Gesunde seit der Geburt ihres Kindes
im Februar 2006 während zwei Tagen pro Woche einer Erwerbstätigkeit nachgehen.
Die Mutter und die Schwiegermutter würden in dieser Zeit auf den Sohn aufpassen. Die
Versicherte würde mit ihrem Nebenverdienst gern etwas zum Haushaltungsgeld
beitragen und es würde ihr eine gewisse Selbstständigkeit verleihen sowie zur
Stärkung des Selbstwertgefühls beitragen (IV-act. 76-4). Die Beschwerdeführerin
weigerte sich jedoch, den Abklärungsbericht zu unterzeichnen (vgl. IV-act. 76-14).
Somit fehlt auch jegliche Bestätigung der Angaben zu ihrem Status. Der
Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin ging in der Beschwerde zwar auch von einer
Aufteilung Erwerb/Haushalt von 40%/60% aus; den Akten lässt sich jedoch nicht
entnehmen, dass er die Beschwerdeführerin eingehend zu diesem Punkt befragt hätte.
Da eine Umqualifizierung der Beschwerdeführerin wie erläutert nur erfolgen darf, wenn
zwingende Gründe dies erforderlich machen, ist den Abklärungen zur Statusfrage
besondere Sorgfalt zu widmen. Dr. med. C._ hatte in einem Arztbericht vom
14. November 2003 darauf hingewiesen, die Beschwerdeführerin sei äusserst motiviert
und ehrgeizig (IV-act. 62-132). Sie selbst hatte offenbar die Möglichkeit erwähnt, ihren
Sohn durch ihre Mutter und Schwiegermutter betreuen zu lassen. In der
Beschwerdeantwort weist die Beschwerdegegnerin lediglich darauf hin, es gäbe keine
Hinweise auf ein höheres Pensum (voll erwerbstätiger Ehemann, Mietwohnung, keine
Hinweise auf finanzielle Notlage). Da die IV-Stelle einen rechtsverändernden Eingriff in
ein Dauerschuldverhältnis vornehmen will, trägt sie die Beweisführungslast bzw. das
Risiko der Beweislosigkeit bei der Eruierung der Tatsachengrundlagen für diesen
Eingriff, nicht etwa die Beschwerdeführerin (vgl. den bereits zitierten Entscheid IV
2006/214, Erw. 4.2). Das Fehlen von Hinweisen reicht also zur Begründung der
Umqualifikation nicht aus. Dass die Beschwerdeführerin und ihr Ehemann heute in
einer Mietwohnung leben, muss nicht zwingend heissen, dass sie dies auch im
Gesundheitsfall der Beschwerdeführerin getan hätten. Es ist ohnehin nicht ersichtlich,
wie man aus irgendwelchen Wohnverhältnissen triftige Rückschlüsse für die
hypothetische Lebensentwicklung gewinnen könnte. Ohne jegliche Abklärungen zur
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
finanziellen Situation des Ehepaars geht es jedenfalls nicht an, dieses Argument als
Indiz für einen Statuswechsel zu werten.
2.6 Die Beschwerdegegnerin hat folglich mit der angezeigten Sorgfalt abzuklären, mit
welchem Pensum die Beschwerdeführerin als Gesunde hypothetisch erwerbstätig
wäre. Sie hat diese Abklärungen zu früh eingestellt. Sie hat auch den hypothetischen
zeitlichen Verlauf zu beachten; im Zeitpunkt der angefochtenen Verfügung war der
Sohn der Beschwerdeführerin anderthalb Jahre alt und damit kein Säugling mehr.
Selbst wenn die Beschwerdeführerin zu jener Zeit als Gesunde lediglich zu 40%
erwerbstätig gewesen wäre, müsste dies am Rande bemerkt heute nicht mehr der Fall
sein. Dem Risiko, dass die Beschwerdeführerin im Rahmen der weiteren Abklärungen
gezielt ergebnisbezogene Antworten liefert, kann durch sorgfältige Fragestellung –
etwa konkret zur Betreuungssituation des Kindes – vorgebeugt werden.
2.7 Sollten die Abklärungen eine Umqualifikation der Beschwerdeführerin wegen
Fehlens von triftigen Gründen nicht als zwingend notwendig erscheinen lassen, hätte
die Revision mangels Revisionsgrunds zu unterbleiben, zumal der Beschwerdegegnerin
zuzustimmen ist, dass die medizinische Aktenlage die Vornahme einer Revision nicht
rechtfertigt, wie nachfolgend zu zeigen ist.
3.
3.1 Die Beschwerdeführerin konnte im Herbst 2001 bei ihrer ehemaligen Arbeitgeberin
in einer neuen, ihren körperlichen Einschränkungen besser angepassten Tätigkeit ein
Erwerbspensum von 50% erfüllen (vgl. IV-act. 19; 20). Einige Wochen vor der Geburt
ihres Kindes gab sie diese Tätigkeit per Ende 2005 auf. Prof. Dr. A._ hatte am
26. Februar 2002 ab 3. September 2001 eine Arbeitsfähigkeit von 50% bescheinigt (IV-
act. 18). Die im Arztbericht vom 11. April 2007 erwähnte Verschlechterung des
Gesundheitszustands begründete er mit vermehrten Schmerzen und
Bewegungseinschränkungen in den Bereichen der HWS und der LWS und wies auf
Myogelosen paraspinal hin. Als Drogistin im Aussendienst sei die Beschwerdeführerin
nicht mehr arbeitsfähig. Eine sitzende Tätigkeit mit wechselnder Bewegung und ohne
Heben sei der Beschwerdeführerin noch maximal zwei bis drei Stunden täglich
zumutbar (IV-act. 56-1; 56-3).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.2 Dr. B._ anerkannte in seinem Gutachten vom 30. Mai 2007 in einer optimal
adaptierten Tätigkeit lediglich eine Einschränkung in der Arbeitsfähigkeit von 25%. Ob
seine Schätzung zu tief greift, braucht nicht abschliessend beurteilt zu werden. Der
zuständige RAD-Arzt wies in seiner Stellungnahme vom 31. August 2007 zu Recht
darauf hin, dass seit 2001 keine wesentliche und anhaltende Besserung des
Gesundheitszustands ausgewiesen sei. Auf eine wesentliche und anhaltende
Verschlechterung kann aber ebenfalls nicht geschlossen werden. Seit 2001 bis kurz vor
der Geburt ihres Sohnes im Februar 2006 schöpfte die Beschwerdeführerin die ihr
verbleibende Arbeitsfähigkeit von 50% aus. Eine seither eingetretene Verschlechterung
des Gesundheitszustands lässt sich nicht objektivieren. Im Rahmen der Cervikalgie bei
degenerierter Bandscheibe C5/6 mit flächenhafter medianer Diskushernie wurde keine
Kompression neuraler Strukturen erkannt, sodass sich die HWS-Problematik offenbar
nicht zusätzlich invalidisierend auswirkt, wie Dr. B._ festhält (IV-act. 69-8 unten). Die
radiologisch dargestellten, nicht sehr ausgeprägten zweietagigen degenerativen
Veränderungen der LWS und die linkskonvexe Skoliosefehlhaltung berücksichtigte der
Gutachter in der Arbeitsfähigkeitsschätzung. Dasselbe gilt für die Hüft-, Knie- und
Fussprobleme (IV-act. 69-9). Insgesamt wurden keine Befunde erhoben, die eine
namhafte und anhaltende Verschlechterung des Gesundheitszustands mit negativen
Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin als überwiegend
wahrscheinlich erscheinen lassen würden. Die nur knapp begründete Einschätzung von
Prof. Dr. A._ vermag daran nichts zu ändern. Auch die Chiropraktorin Dr. D._
nannte in ihrem Bericht vom 25. Januar 2008 keine Befunde, die eine 50%
überschreitende Arbeitsunfähigkeit nahelegen würden; eine eigene
Arbeitsfähigkeitsschätzung gibt sie nicht ab (act. G 8.1). Mit dem RAD-Arzt ist
demzufolge mit überwiegender Wahrscheinlichkeit von einem im Wesentlichen
unveränderten Gesundheitszustand und einer Arbeitsfähigkeit von weiterhin 50%
auszugehen (IV-act. 77-2). Medizinischerseits erscheint eine Rentenrevision somit nicht
als angezeigt. Die Beschwerdeführerin selbst hatte im Fragebogen vom 26. Oktober
2006 zur Rentenrevision ihren Gesundheitszustand übrigens als gleich geblieben
empfunden (IV-act. 45).
4.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.1 Die Beschwerde ist unter Aufhebung der angefochtenen Verfügung teilweise
gutzuheissen. Die Sache ist an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen, damit sie in
Bezug auf den Status der Beschwerdeführerin weitere Abklärungen vornehme. Ergeben
diese Abklärungen zwingende Gründe zur Vornahme des Statuswechsels, so ist der
Invaliditätsgrad der Beschwerdeführerin unter Anwendung der gemischten Methode
neu zu bemessen. Diesfalls wäre die Haushaltabklärung nochmals zu überprüfen,
zumal die Beschwerdeführerin den Abklärungsbericht vom 21. August 2007 nicht
unterzeichnet hat und mehrere Positionen Fragen aufwerfen. So erscheint als höchst
fraglich, dass die Betreuung des im Zeitpunkt der Haushaltabklärung
anderthalbjährigen Sohnes der Beschwerdeführerin insgesamt tatsächlich nur eine
Stunde täglich beanspruchen soll. Weiter dürfte die vom offenbar voll erwerbstätigen
Ehemann der Beschwerdeführerin verlangte Mithilfe im Haushalt zumindest
überstrapaziert worden sein. Es ist zudem kaum nachvollziehbar, dass die
Beschwerdeführerin trotz ihrer massiven körperlichen Behinderung etwa in den
Bereichen Einkauf und weitere Besorgungen sowie Kinderbetreuung gar keine
Einschränkungen aufweisen soll. Die Ergebnisse der überarbeiteten Haushaltabklärung
wären einem medizinischen Gutachter zur Beurteilung der Plausibilität aus
medizinischer Sicht vorzulegen.
4.2 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.- bis
Fr. 1000.- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.- erscheint
als angemessen. Die Rückweisung zur Neubeurteilung gilt praxisgemäss als volles
Obsiegen (ZAK 1987 S. 268 Erw. 5a). Somit unterliegt die Beschwerdegegnerin
vollumfänglich, sodass ihr als nicht von der Pflicht zur Übernahme amtlicher Kosten
befreiter selbstständiger öffentlich-rechtlicher Anstalt die ganze Gerichtsgebühr
aufzuerlegen ist.
4.3 Bei diesem Verfahrensausgang hat die Beschwerdeführerin Anspruch auf eine
ungekürzte Parteientschädigung, die vom Gericht ohne Rücksicht auf den Streitwert
nach der Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses
bemessen wird (Art. 61 lit. g ATSG; vgl. auch Art. 98 ff. VRP/SG, sGS 951.1).
Angemessen erscheint eine Parteientschädigung von Fr. 3'500.- (einschliesslich
Barauslagen und Mehrwertsteuer).
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 53 GerG