Decision ID: bb0186f8-8a74-485d-8aa0-349f7528f427
Year: 2014
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

Sachverhalt:
Im Rahmen der laufenden Strafuntersuchung gegen X. (Beschuldigte) wegen
mehrfacher Amtsgeheimnisverletzung im Zusammenhang mit der medialen Be-
richterstattung über die Tätigkeit von Y. (Privatkläger) bei einer staatlichen Institu-
tion ersuchte Z. als Vorgesetzter der Beschuldigten um Zustellung sämtlicher ihn
selbst betreffenden Akten aus diesem Strafverfahren. Die Staatsanwaltschaft I
des Kantons Zürich wies das Akteneinsichtsgesuch von Z. mangels eines über-
wiegenden privaten Interesses an der Akteneinsicht ab. Gegen die Abweisung
des Akteneinsichtsgesuchs erhob Z. Beschwerde. Er macht geltend, der Privat-
kläger lasse gegen ihn und die Beschuldigte eine perfide Medienkampagne füh-
ren. In den Zeitungsberichten seien gegen ihn und die Beschuldigte Vorwürfe des
Mobbing und der Amtsgeheimnisverletzung erhoben worden. Sämtliche Vorwürfe
seien mit einem Verweis auf die Akten der Strafuntersuchung gegen die Beschul-
digte, welche ihn angeblich massiv belasten, begründet worden. Ohne Kenntnis
dessen, was tatsächlich in den Verfahrensakten enthalten sei, könne er sich ge-
gen die Zeitungsberichte nicht wirkungsvoll zur Wehr setzen. Insbesondere werde
es ihm durch die verweigerte Akteneinsicht verunmöglicht, eine Strafanzeige ge-
gen die Autoren der Zeitungsberichte bzw. gegen die verantwortlichen Redakto-
ren wegen übler Nachrede und Verleumdung ausreichend zu substantiieren oder
eine Beschwerde an den Presserat zu richten.
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(Aus den Erwägungen:)
"II/3. Das Akteneinsichtsrecht ist Teilgehalt des Anspruchs auf rechtliches Gehör
(Art. 29 Abs. 2 BV, Art. 3 Abs. 2 lit. c StPO). Der Umfang des Akteneinsichts-
rechts im Strafverfahren bestimmt sich nach Massgabe von Art. 101 und 108
StPO. Nach Art. 101 Abs. 1 StPO können die Parteien unter Vorbehalt von
Art. 108 StPO spätestens nach der ersten Einvernahme der beschuldigten Person
und der Erhebung der übrigen wichtigen Beweise durch die Staatsanwaltschaft
die Akten des Strafverfahrens einsehen. Gemäss Art. 108 Abs. 1 StPO können
die Strafbehörden das rechtliche Gehör einschränken, wenn der begründete Ver-
dacht besteht, dass eine Partei ihre Rechte missbraucht (lit. a) oder dies für die
Sicherheit von Personen oder zur Wahrung öffentlicher oder privater Geheimhal-
tungsinteressen erforderlich ist (lit. b). Das Akteneinsichtsrecht kann den Parteien
namentlich verweigert werden, wenn aufgrund konkreter Anhaltspunkte Kollusi-
onsgefahr zu befürchten ist (vgl. BGE 139 IV 25 E. 5.5.4).
Art. 101 Abs. 3 StPO regelt das Akteneinsichtsrecht von Drittpersonen. Danach
können Dritte die Akten einsehen, wenn sie dafür ein wissenschaftliches oder ein
anderes schützenswertes Interesse geltend machen und der Einsichtnahme keine
überwiegenden öffentlichen oder privaten Interessen entgegenstehen. Als Dritter
gilt, wer weder Partei (Art. 104 StPO) noch anderer Verfahrensbeteiligter (Art. 105
Abs. 1 StPO) ist (Urteil des Bundesgerichts 1B_33/2014 vom 13. März 2014
E. 2.3).
Nach dem Gesetzeswortlaut genügt ein schutzwürdiges Interesse an der Akten-
einsicht; ein rechtlich geschütztes Interesse wird nicht vorausgesetzt (MARKUS
SCHMUTZ, in: Basler Kommentar zur Strafprozessordnung, 2011, N. 23 zu Art. 101
StPO). Ein solches Interesse ist aber nicht leichthin zu bejahen (DANIELA
BRÜSCHWEILER, Zürcher Kommentar zur Strafprozessordnung, 2010, N. 11 zu
Art. 101 StPO). Das geltend gemachte Interesse muss daher zumindest glaubhaft
sein.
Das Akteneinsichtsrecht findet seine Grenze an überwiegenden öffentlichen oder
privaten Interessen. Mangels Nähe zum Verfahrensgegenstand der Drittpersonen
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ist die Interessenabwägung besonders sorgfältig vorzunehmen (SCHMUTZ, a.a.O.,
N. 23 zu Art. 101 StPO; NIKLAUS SCHMID, Schweizerische Strafprozessordnung,
Praxiskommentar, 2. Aufl. 2013, N. 19 zu Art. 101 StPO; vgl. auch BGE 129 I 249
E. 3 betr. Akteneinsicht ausserhalb eines hängigen Verfahrens). Dabei ist auch
der Zweck der Strafuntersuchung zu berücksichtigen, der durch die Akteneinsicht
nicht gefährdet werden darf. Auch das öffentliche Interesse an einer raschen und
ungestörten Durchführung des Strafverfahrens kann der Akteneinsicht durch
Drittpersonen entgegenstehen (Botschaft vom 21. Dezember 2005 zur Vereinheit-
lichung des Strafprozessrechts, BBl 2006 1085 ff., 1162).
Den Verfahrensbeteiligten, deren Geheimhaltungsinteressen tangiert sind, ist al-
lenfalls vorgängig das rechtliche Gehör einzuräumen (BRÜSCHWEILER, a.a.O.,
N. 11 zu Art. 101 StPO; SCHMID, a.a.O., N. 19 zu Art. 101 StPO).
Gestützt auf diese Erwägungen und die konkrete Verfahrenssituation ist im Fol-
genden das Akteneinsichtsgesuch des Beschwerdeführers zu prüfen.
II/4. Der Beschwerdeführer macht zum einen geltend, die Einsichtnahme in die
Akten der Strafuntersuchung gegen die Beschuldigte sei notwendig, damit er eine
allfällige Strafanzeige gegen die verantwortlichen Journalisten und Redaktoren
der "..." [Name der Zeitung] wegen Ehrverletzung und Verleumdung substantiie-
ren könne. Zur Begründung des Anfangsverdachts auf ein Ehrverletzungsdelikt im
Sinn von Art. 309 Abs. 1 lit. a StPO reicht es entgegen der Ansicht des Be-
schwerdeführers jedoch aus, wenn dieser die betreffenden Medienberichte der
Strafanzeige beilegt. Der Beschwerdeführer ist nicht zum Nachweis verpflichtet,
dass die Medienberichte unwahr sind. Im Gegenteil ist es Sache der angezeigten
Personen, den Wahrheitsbeweis der Medienberichte zu erbringen (vgl. Art. 173
Ziff. 2 StGB). Eine allfällig erforderliche weitere Sachverhaltsabklärung ist Aufga-
be der Staatsanwaltschaft. Für den Beschwerdeführer, dem laut Staatsanwalt-
schaft die ihn betreffenden Akten (E-Mails, ... Berichte über den Privatkläger) zu-
gänglich sind, erübrigt sich damit die Einsichtnahme in die Untersuchungsakten
der Beschuldigten. Zudem fällt in Betracht, dass - sofern sich in einem späteren
Zeitpunkt Bedarf zeigt - ein Begehren um Beizug der Untersuchungsakten in ei-
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nem vom Beschwerdeführer initiierten Strafverfahren gegen den Privatkläger
noch nachträglich gestellt werden könnte.
Zum andern macht der Beschwerdeführer geltend, die Einsichtnahme in die Un-
tersuchungsakten der Beschuldigten sei notwendig, um eine Beschwerde an den
Presserat zu richten. Beim Presserat handelt es sich um den operativen Arm ei-
ner Stiftung, die sich die freiwillige Selbstregulierung der Medienethik zum Ziel
gesetzt hat. Der Presserat nimmt Beschwerden wegen Verletzung des Journalis-
tenkodex binnen sechs Monaten seit der Publikation oder Ausstrahlung eines Be-
richts entgegen. Die Beschwerde an den Presserat hat eine Beschreibung des
Sachverhalts und eine Begründung der Beanstandungen unter Angabe der ver-
letzten Kodex-Ziffern und unter Beilegung des beanstandeten Medienberichts zu
enthalten. Die Aufgabe des Presserates beschränkt sich auf die Prüfung, ob in
den beanstandeten Berichten der Journalistenkodex eingehalten wurde (vgl. zum
Ganzen http://ratgeber.presserat.ch, letztmals besucht am 22. Juli 2014). Dem
Beschwerdeführer ist es ohne Weiteres möglich, die besagten Berichte in der "..."
[Name der Zeitung] entsprechend den genannten Anforderungen beim Presserat
zu beanstanden. Dazu benötigt er keinen Einblick in die Untersuchungsakten der
Beschuldigten.
Damit vermag der Beschwerdeführer kein schutzwürdiges Interesse an der Ak-
teneinsichtnahme im oben dargelegten Sinn glaubhaft zu machen. Daran vermag
auch nichts zu ändern, dass der Privatkläger als Verfahrenspartei allfällig zur Be-
gründung einer Zivilforderung gegen die Beschuldigte (teilweise) Akteneinsicht
nehmen konnte (vgl. zum Akteneinsichtsrecht der Privatklägerschaft SCHMUTZ,
a.a.O., N. 8 zu Art. 101 StPO). Dieser Umstand hindert den Beschwerdeführer
nicht daran, seine Interessen in einem Verfahren gegen die Journalisten oder vor
dem Presserat sachgerecht wahrzunehmen. Auch nach dem Fairnessgebot (Waf-
fengleichheit) ist es daher nicht erforderlich, dem Beschwerdeführer Einsicht in
die Akten der Beschuldigten zu gewähren.
Umgekehrt ist unter dem Blickwinkel der öffentlichen Interessen davon auszuge-
hen, dass Strafuntersuchungen grundsätzlich geheim geführt werden. Die Ein-
sicht in die Strafakten ist in der Strafprozessordnung nur in engen Grenzen zuge-
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lassen und auch für Parteien und Betroffene nicht absolut (vgl. E. II/3 hiervor). Im
vorliegenden Fall ist zu bedenken, dass der Beschwerdeführer der direkte Vorge-
setzte der Beschuldigten ist (bzw. war) und die mutmasslichen Straftaten im Ar-
beitsumfeld erfolgten. Der Beschwerdeführer ist in diesem Zusammenhang mitt-
lerweile ebenfalls wegen Amtsgeheimnisverletzung angezeigt worden (vgl. Be-
schluss der III. Strafkammer des Obergerichts vom 17. Juni 2014 [TB140023]).
Eine Einsichtnahme in die Untersuchungsakten könnte der ungestörten Durchfüh-
rung des Strafverfahrens gegen die Beschuldigte, die sich demnächst vor dem
Bezirksgericht zu verantworten haben wird, sowie auch der Wahrheitsfindung in
einem allfälligen Strafverfahren gegen den Beschwerdeführer abträglich sein. Da-
raus ergeben sich gewichtige öffentliche Interessen, welche der Einsichtnahme
zumindest im jetzigen Zeitpunkt entgegenstehen.
Bei einer gesamthaften Abwägung der unterschiedlichen Interessen ergibt sich,
dass der Beschwerdeführer keine schutzwürdigen Interessen an einer Einsicht-
nahme in die Untersuchungsakten der Beschuldigten geltend machen kann und
einer solchen gewichtige öffentliche Interessen entgegenstehen. Damit hält die
angefochtene Verfügung der Staatsanwaltschaft vor Bundesrecht stand und er-
weist sich die Beschwerde insoweit als unbegründet."
Obergericht, III. Strafkammer Beschluss vom 24. Juli 2014 UH140119 (Mitgeteilt von Dr. iur. C. Schoder)