Decision ID: 33739ee0-64b8-4e0e-8524-ee993914fe5b
Year: 2012
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Rechtsanwalt Dr. iur. Rudolf Strehler, Dorfstrasse 21,
8356 Ettenhausen,
gegen
Schweizerische Unfallversicherungsanstalt (Suva), Fluhmattstrasse 1, Postfach
4358, 6002 Luzern,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
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Versicherungsleistungen
Sachverhalt:
A.
A._ (nachfolgend: Versicherte) war bei der B._, als Büroangestellte tätig und
dadurch bei der Suva unfallversichert, als sie im Sommer 2007 einen Zeckenbiss erlitt
(UV-act. 39, 111). Dr. med. C._, Facharzt für Innere Medizin FMH, diagnostizierte im
Bericht vom 9. Dezember 2007 eine Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) und
attestierte seit dem Datum der Erstbehandlung (3. August 2007) eine volle
Arbeitsunfähigkeit. Als Beschwerdebild führte er Kopfschmerzen, Gelenkschmerzen,
Konzentrationsprobleme, Antriebsschwäche und verminderte Leistungsfähigkeit mit
rascher Ermüdbarkeit an (UV-act. 1 und 2). Die Suva anerkannte ihre Leistungspflicht.
Die Versicherte begab sich zu Dr. med. D._, Innere Medizin FMH, in Behandlung und
klagte im weiteren Verlauf über Schlafstörungen, Affektlabilität und Reizbarkeit. Nach
Durchführung von medizinischen Abklärungen zur Organizität der Beschwerden und in
psychiatrischer Hinsicht stellte die Suva die Versicherungsleistungen insbesondere
gestützt auf eine Beurteilung von Suva-Ärztin Dr. med. E._, Fachärztin für Neurologie
FMH und Psychiatrie, mit Verfügung vom 1. Juni 2011 auf den 30. Juni 2011 ein mit der
Begründung, die geklagten Beschwerden seien organisch als Folge der FSME-Infektion
nicht erklärbar. Die adäquate Unfallkausalität der psychischen Beschwerden sei zu
verneinen (UV-act. 126). Die gegen diese Verfügung erhobene Einsprache (UV-act. 130)
wies die Suva mit Einspracheentscheid vom 19. Januar 2012 ab (UV-act. 147).
B.
B.a Gegen diesen Einspracheentscheid liess die Versicherte durch Rechtsanwalt
Dr. iur. R. Strehler, Ettenhausen, am 20. Februar 2012 Beschwerde einreichen mit den
Anträgen, die Verfügung vom 1. Juni 2011 und der Einspracheentscheid vom 19.
Januar 2012 seien aufzuheben. Es sei festzustellen, dass die geklagten Beschwerden
der Beschwerdeführerin Folge der FSME-Infektion 2007 seien und es sei die
Beschwerdegegnerin zu verpflichten, der Beschwerdeführerin ab dem 30. Juni 2011
weiterhin die gesetzlichen Leistungen zu erbringen. Zur Begründung führte der
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Rechtsvertreter unter anderem aus, entgegen der Ansicht des medizinischen Dienstes
der Suva sei davon auszugehen, dass die heute unvermindert vorhandenen
Beschwerden objektivierbar natürliche und adäquat kausale Folgen der FSME-Infektion
2007 darstellen würden. Den diesbezüglichen Erhebungen von Dr. D._ komme voller
Beweiswert zu. Dr. D._ äussere sich nicht auf fachfremdem Gebiet. Der Suva-Ärztin
sei offenbar nicht bekannt, dass Dr. D._ eine herausragende Kapazität auf dem
Gebiet derartiger Infektionen sei. Für den Fall, dass wider Erwarten nicht auf die
Beurteilung von Dr. D._ abgestellt werde, beantrage die die Beschwerdeführerin die
Anordnung einer spezialärztlichen Expertise.
B.b In der Beschwerdeantwort vom 7. Mai 2012 beantragte die Beschwerdegegnerin
Abweisung der Beschwerde und Bestätigung des angefochtenen
Einspracheentscheids. Zur Begründung verwies sie auf die Darlegungen im
angefochtenen Entscheid und führte unter anderem aus, die Ausführungen der Suva-
Ärzte Dr. E._ und Dr. med. F._, Facharzt für Neurologie FMH, würden zweifelsohne
volle Beweiskraft geniessen. Auf abweichende Behauptungen des behandelnden
Arztes Dr. D._ könne nicht abgestellt werden, zumal behandelnde Spezialärzte
erfahrungsgemäss keine objektive Stellung einnehmen und in der Regel zugunsten
ihrer Patienten aussagen würden. Den medizinischen Beurteilungen der Suva-Ärzte
komme beweismässig eine vorrangige Bedeutung zu. Es lägen keine objektivierbaren
organischen Unfallfolgen vor. Ferner sei unbestritten, dass der Zeckenbiss vom Juni
2007 als leichter Unfall zu qualifizieren sei und deshalb ein adäquater
Kausalzusammenhang zwischen diesem und den psychischen bzw. physisch nicht
objektivierbaren Beschwerden auszuschliessen sei.
B.c Mit Replik vom 20. Juni 2012 (act. G 9) bestätigte der Rechtsvertreter der
Beschwerdeführerin seinen Standpunkt. Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine
Duplik (act. G 11).

Erwägungen:
1.
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1.1 Nach der Rechtsprechung ist ein Zeckenbiss als Unfall zu qualifizieren und fällt
demnach grundsätzlich in den Leistungsbereich des Unfallversicherers (BGE 122 V 230
= Pra 86 Nr. 82). Die Beschwerdegegnerin anerkannte mit der Ausrichtung von
Leistungen die Kausalität zwischen dem Zeckenbiss vom Juni 2007 und dem
anschliessend aufgetretenen Beschwerdebild mit Symptomen wie Müdigkeit,
Konzentrations- und Aufmerksamkeitsstörungen, Gelenksschmerzen und
Schlafstörungen. Streitig und zu prüfen ist, ob sie ihre Leistungen zu Recht per 30. Juni
2011 einstellte. Die Beschwerdegegnerin legte im angefochtenen Einspracheentscheid
(E. 1 und 3) die Voraussetzungen der Leistungspflicht des Unfallversicherers nach Art.
6 UVG zutreffend dar. Darauf ist zu verweisen. Die Leistungspflicht des
Unfallversicherers entfällt, wenn das Dahinfallen jeder kausalen Bedeutung von
unfallbedingten Ursachen eines Gesundheitsschadens mit dem im
Sozialversicherungsrecht allgemein üblichen Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit nachgewiesen ist. Da es sich um eine anspruchsaufhebende
Tatfrage handelt, liegt die Beweislast - anders als bei der Frage, ob ein
leistungsbegründender natürlicher Kausalzusammenhang gegeben ist - nicht bei der
versicherten Person, sondern beim Unfallversicherer (RKUV 2000 Nr. U 363 S. 46 E. 2
mit Hinweisen).
1.2 Hinsichtlich des Beweiswerts eines Arztberichts ist entscheidend, ob der Bericht
für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch
die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese)
abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Situation einleuchtet und
ob die Schlussfolgerungen des Experten oder der Expertin begründet sind. Insofern
darf das Gericht in seiner Beweiswürdigung auch Gutachten folgen, welche der
Unfallversicherer im Administrativverfahren einholt, solange nicht konkrete Indizien
gegen die Zuverlässigkeit der Experten sprechen (BGE 125 V 353 E. 3b/cc; RKUV 2000
Nr. U 377 S. 186 E. 4a). Auch ärztliche Beurteilungen aufgrund der Akten, wie sie
vorliegend von den Ärzten der Beschwerdegegnerin erstellt wurden, sind grundsätzlich
beweisbildend. Für die Beweistauglichkeit entscheidend ist unter anderem, dass als
Beurteilungsbasis genügend Unterlagen von persönlichen Untersuchungen vorliegen
(RKUV 1988 Nr. U 56 S. 371). Dass medizinische Beurteilungen von Suva-Ärzten
beweismässig eine vorrangige Bedeutung geniessen würden, trifft – anders als von der
Beschwerdegegnerin in der Beschwerdeantwort behauptet – allerdings nicht zu. Dem
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für diese Aussage als Beleg zitiertem Bundesgerichtsentscheid 8C_510/2007 E.7.5.4
lässt sich denn auch nichts derartiges entnehmen.
2.
2.1 Dr. med. G._, Neurologie FMH, bestätigte im Bericht vom 14. November 2007
einen unauffälligen klinisch-neurologischen Befund. Insbesondere würden Hinweise für
eine myogene Systemerkrankung/neuromuskuläre Überleitungsstörung als Ursache der
aktuell im Vordergrund stehenden Müdigkeit der Beschwerdeführerin und auch
Anhaltspunkte für einen noch persistierenden entzündlichen Prozess fehlen (UV-act. 3).
Ein zuvor im Spital H._ durchgeführtes Schädel-CT vom 17. August 2007 hatte
normale Befunde ergeben (UV-act. 7). Dr. D._ berichtete am 20. Dezember 2007,
aufgrund der vorliegenden Resultate bestehe eine akute FSME. Eine gleichzeitige
Lyme-Borreliose habe ausgeschlossen werden können. Mit der FSME seien die
Beschwerden der Patientin erklärt, insbesondere auch die Gelenkschmerzen, die
Ausdruck von Myalgien und Tendoperistosen seien (UV-act. 4). Suva-Arzt Dr. med.
I._ gab am 4. Februar 2008 an, dass kein Zweifel an der akuten FSME bestehe (UV-
act. 14). Dr. D._ bestätigte am 25. Februar 2008 das Vorliegen von ausgeprägten
neurofunktionellen Defiziten, die sich bisher nicht entscheidend gebessert hätten (UV-
act. 18). Eine neuropsychologische und psychopathologische Abklärung in der
Rehaklinik Bellikon ergab gemäss Bericht vom 2. Juli 2008 mittelschwere bis schwere
neuropsychologische Störungen mit Einschränkungen der Aufmerksamkeits- und
Exekutivfunktionen sowie affektive Störungen und Persönlichkeitsauffälligkeiten im
Rahmen eines postenzephalitischen Syndroms. Ätiologisch sei das Beschwerdebild
vollumfänglich auf die FSME zurückzuführen. Ein stationärer Aufenthalt sei dringend
notwendig, von der Beschwerdeführerin aber abgelehnt worden (UV-act. 113).
2.2 Dr. D._ bescheinigte am 10. März und 23. Dezember 2010 weiterhin
(unverändert) vorliegende Kopfschmerzen und neurofunktionelle Defizite (UV-act. 86,
110). In seinem Bericht vom 28. April 2010 hatte Dr. med. J._, Facharzt für
Psychiatrie und Psychotherapie FMH, unter anderem dargelegt, eine
neuropsychologische Verlaufsuntersuchung sei seines Erachtens nicht zweckmässig,
da sie weder das neuropsychologische Funktionsniveau der Beschwerdeführerin
authentisch abbilde noch zur Klärung der Frage beitrage, ob die heutigen psychischen
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Phänomene (noch immer) eine organische Grundlage hätten. Dies sei eine klinische
Frage, die am besten aus neurologischer Perspektive zu beantworten sei. Die
Problematik der Beschwerdeführerin erinnere stark an Schwierigkeiten von Menschen
mit ängstlich-vermeidender und zwanghafter Persönlichkeit (Persönlichkeitsstörung).
Streng genommen sei die Diagnose einer Persönlichkeitsstörung als
Entwicklungsstörung eine vorläufige Diagnose. Ein natürlicher
Unfallkausalzusammenhang könne auch dann unterstellt werden, wenn man feststelle,
dass die durch eine Borreliose ausgelösten Beschwerden eine Persönlichkeit mit
eingeschränkten psychischen Ressourcen getroffen hätten - mit dem Ergebnis, dass
eine zuvor allenfalls latente Persönlichkeitsstörung nach dem Zeckenbiss demaskiert
worden sei. Für den Fall, dass die heutigen Körperbeschwerden neurologisch nicht
mehr vor allem somato-medizinisch zu erklären seien, könne - als psychiatrische
Zweitdiagnose einer Persönlichkeitsstörung - eine sekundäre (auf die Borreliose
folgende) Somatisierungsstörung postuliert werden (UV-act. 96). Eine neurologische
Untersuchung der Beschwerdeführerin durch Dr. med. K._, Neurologie FMH, ergab
gemäss Beurteilung vom 19. Mai 2010 im Vergleich zur Voruntersuchung durch Dr.
G._ vom November 2007 keine relevanten Änderungen. Nicht berücksichtigt seien
dabei neuropsychologische Funktionsstörungen (UV-act. 97). In der Beurteilung vom
30. November 2010 führte Suva-Ärztin Dr. med. L._, Fachärztin für Psychiatrie und
Psychotherapie unter anderem aus, die von der Beschwerdeführerin wahrgenommenen
kognitiven Einschränkungen seien unspezifisch. Es sei mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit von einem natürlichen und direkten Teilzusammenhang zwischen
dem Zeckenbiss und den fortbestehenden (psychischen) Beschwerden auszugehen.
Eine Verbesserung sei nach nunmehr dreijährigem Verlauf überwiegend wahrscheinlich
nicht mehr zu erwarten. Am ehesten sei eine gewisse Besserung noch zu erwarten,
wenn sich die Beschwerdeführerin auf eine psychotherapeutische Behandlung einlasse
(UV-act. 101).
2.3 In der neurologischen Beurteilung vom 20. Mai 2011 führte die Suva-Neurologin
Dr. E._ unter anderem aus, bei der Beschwerdeführerin habe eine akute FSME-
Infektion bestanden. Die klinische Symptomatik lege nahe, dass auch eine meningeale
Beteiligung vorhanden gewesen sei. Allerdings würden die unauffälligen Liquorbefunde
- keine Zellzahlerhöhung, diskrete (unspezifische) Eiweisserhöhung - gegen eine
meningeale Form sprechen. Auch die minimale Zellzahlerhöhung bei Punktion durch
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Dr. D._ im November/Dezember 2007 reiche nicht aus, um die Diagnose einer
Meningitis zu stellen. Spätestens zu diesem Zeitpunkt hätte aber zusätzlich auch eine
autochtone Antikörperproduktion im Liquor nachgewiesen sein müssen, um die
meningeale oder gar enzephalitische Beteiligung nachzuweisen. Klinisch hätten zu
keinem Zeitpunkt Auffälligkeiten des neurologischen Befundes bestanden. Auch
deswegen sei eine enzephalitische Form ausgeschlossen. Entsprechend zeige das MRI
vom 20. August 2010 keine pathologischen Befunde. Die jetzt noch bestehenden
Symptome wie Müdigkeit, Stimmungsschwankungen, Antriebsstörung,
Schlafschwierigkeiten und Kopfschmerzen, die allesamt unspezifische Symptome und
schwierig zu objektivieren seien, seien nicht als eine organische Folge der FSME-
Infektion von 2007 anzusehen. Da aus neurologischer Sicht die geklagten
Beschwerden nicht auf organische Unfallfolgen zurückzuführen seien, sei keine
Einschränkung der Zumutbarkeit und Therapieempfehlung auszusprechen. Ein
Integritätsschaden sei nicht gegeben (UV-act. 120). Dr. D._ legte in der
Stellungnahme vom 7. Juni 2011 unter anderem dar, der am 14. August 2007
entnommene (blutige) Liquor sei nicht verwertbar gewesen. Deswegen habe er am 7.
Dezember 2007 eine zweite Liquorprobe entnommen, die noch eine leicht erhöhte
Zellzahl gezeigt habe. Dies sei vier Monate nach Auftreten der akuten Phase
erstaunlich. Es sei anzunehmen, dass die Zellzahl im August 2007 stark erhöht
gewesen sei, was aber leider in einem blutigen Liquor nicht habe festgestellt werden
können. Das Argument der Suva-Ärztin, die Zellzahl der zweiten Liquorprobe genüge
für den Nachweis einer meningealen oder enzephalitischen Form nicht, sei daher nicht
stichhaltig. In einer (am 7. Juni 2011) nachträglich von ihm durchgeführten Antikörper-
Bestimmung (welche anlässlich des Spitalaufenthalts in H._ und auch bei der zweiten
Liquorentnahme nicht durchgeführt worden sei) hätten sich im Liquor die
entsprechenden IgG-Antikörper gefunden. Damit dürften die von der Suva-Ärztin
geforderten Kriterien für die meningoenzephalitische Form der FSME erfüllt sein. Damit
habe sowohl klinisch als auch laborchemisch mit Eindeutigkeit eine FSME-
Meningoenzephalitis vorgelegen, deren Folge bis heute Kopfschmerzen und
neurofunktionelle Defizite seien (UV-act. 130).
2.4. Dr. E._ äusserte sich hierzu am 29. Dezember 2011 dahingehend, dass es sich
beim Laborbefund vom 13. September 2011 (UV-act. 138) um die Befunde des Labors
des Spitals H._ vom August 2007 handle, und zwar zum einen um eine
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Blutuntersuchung und zum anderen um eine Liquoruntersuchung mit farblosem, klarem
Liquor, keinen weiteren Zellen und einer leichten Eiweisserhöhung. Diese Befunde
würden zusammen mit dem klinischen Befund (fehlende neurologische Herdzeichen,
fehlende Bewusstseinsstörung) nicht für eine enzephalitische Form der FSME
sprechen. Bei fehlender Zellzahlerhöhung im Liquor sei selbst die meningeale Form der
FSME fraglich. Es sei keineswegs davon auszugehen, dass der Liquor des Spitals
H._ nicht verwertbar sei. Die Aussagen, die Dr. D._ hierzu mache, seien falsch. Im
Weiteren würden die Befunde der von Dr. D._ veranlassten Nachuntersuchung vom
7. Juni 2011 (Titerbestimmung) keinen üblichen, meist zweistelligen Titerwerten
entsprechen. Es würden die Referenzwerte und die Bestimmung des Antikörper-
Indexes fehlen. Nur aufgrund dieses Indexes könne auf die autochtone
Antikörperbildung im Nervensystem geschlossen werden. Die Interpretation von
Liquorbefunden und Korrelation zur Klinik betreffe im Übrigen die neurologische
Fachdisziplin. Dr. D._ äussere sich als Facharzt der Inneren Medizin in einem
fachfremden Gebiet. Hinsichtlich des Befunds der neuropsychologischen
Untersuchung in der Rehaklinik Bellikon von 2008 hielt Dr. E._ unter anderem fest,
bei dieser Art Untersuchung werde übersehen, dass das Beschwerdebild, von dem hier
die Rede sei, unspezifisch sei und auch in der Allgemeinbevölkerung ohne vorgängige
FSME beklagt werde. Eine Untersuchung ohne Kontrollgruppe sei aus
wissenschaftlicher Sicht in Bezug auf die Kausalität wenig aussagekräftig (UV-act.
146).
2.5. Mit Schreiben vom 3. Februar 2012 hielt Dr. D._ an seinem in der Stellungnahme
vom 7. Juni 2011 festgehaltenen Standpunkt fest. Er bekräftigte insbesondere, dass
ein blutiger Liquor (Laborbefund Spital H._ vom August 2007) in diesem Ausmass
nicht zuverlässig beurteilbar sei bzw. zur Bestimmung der Leukozyten nicht verwendet
werden dürfe. Wenn die Suva-Ärztin das Gegenteil behaupte, stehe sie im Widerspruch
zur Fachwelt. Im Weiteren habe er den formell richtigen Laborbefund angefordert
(Beilage). Der das "Fachgebiet überschreitende" Internist (Dr. D._) führe seit Jahren
täglich Lumbalpunktionen durch und beurteile die Liquores mehr als jeder Neurologe
im In- und Ausland. Notabene würden in der Schweiz die grosse Mehrzahl der Fälle
von FSME von Internisten und Chirurgen betreut und nur die wenigsten von
Neurologen (UV-act. 154).
3.
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3.1 Bei der durch Zeckenbiss übertragenen FSME handelt es sich um eine
Infektionskrankheit mit komplexem Krankheitsbild. Nach der Infektion treten
grippeähnliche Symptome mit Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen auf, die sich nach
wenigen Tagen zurückbilden. Später ergeben sich oft Kopfschmerzen, Erbrechen
sowie meningeale Reizzeichen. Schreitet die Meningoenzephalitis fort, treten
Bewusstseinsstörungen bis zum Koma und Lähmungen auf. Diese Symptome können
mehrere Monate anhalten. Der überwiegende Teil der Erkrankungen heilt folgenlos aus.
Bei Erwachsenen bleiben jedoch zu 10-30% neurologische Defizite unterschiedlichen
Ausmasses bestehen. Dabei kann es sich um Lähmungen (Paresen),
Gleichgewichtsstörungen (Ataxien), Epilepsien, Hörstörungen sowie Gedächtnis- und
Konzentrationsstörungen handeln (http://de.wikipedia.org; Frühsommer-
Meningoenzephalitis). Anerkannt sind auch Beeinträchtigungen der Psyche. Neben
diesen direkten Auswirkungen der Erkrankung ist es sodann möglich, dass sekundäre
Folgen in dem Sinne auftreten, dass die betroffene Person mit der Krankheit insgesamt
oder mit Folgen davon psychisch nicht fertig wird und deshalb erkrankt, was als
psychische Fehlentwicklung nach einem Unfall zu bezeichnen ist. Dieser speziellen
Ausgangslage muss bei der Prüfung der Kausalität Rechnung getragen werden. Damit
die psychischen Beschwerden als Auswirkung der Infektionskrankheit qualifiziert
werden können, müssen sie mit dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit als direkte Folge auf das Unfallereignis zurückzuführen sein. Die
Adäquanz kann diesfalls - wie bei den somatischen Beschwerden - ohne weiteres
bejaht werden, weil die Infizierung mit dem Borreliose-Erreger nach dem gewöhnlichen
Lauf der Dinge und nach der allgemeinen Lebenserfahrung, wozu in erster Linie die
wissenschaftlichen Erkenntnisse gehören, einen Erfolg von der Art des eingetretenen
zu bewirken vermag. Die Qualifikation der psychischen Beschwerden als direkte
Auswirkungen der Erkrankung oder aber als sekundäre Folge davon hat aufgrund der
ärztlichen Berichte zu erfolgen (vgl. Urteil des Bundesgerichts [bis 31. Dezember 2006:
Eidgenössisches Versicherungsgericht, EVG] vom 4. Oktober 2001, U 131/01, mit
Hinweis auf Urteil des EVG vom 9. Juli 2001, U 17/00).
3.2
3.2.1 Unbestritten ist, dass bei der Beschwerdeführerin aufgrund eines im
Sommer 2007 erfolgten Zeckenbiss ist eine akute FSME-Infektion auftrat. Streitig ist,
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ob die nach dem 30. Juni 2011 nach wie vor bestehenden Beschwerdesymptome als
organische Folge der FSME-Infektion von 2007 anzusehen sind. - Dazu ist vorweg
festzuhalten, dass mit Blick auf das vorstehend in E. 3.1 geschilderte Krankheitsbild
und den typischen Krankheitsverlauf bei Vorliegen einer FSME der bei der
Beschwerdeführerin fehlende Befund von neurologischen Herdzeichen (vgl. UV-act. 3,
7, 97 und 109) und die fehlende Bewusstseinsstörung nicht für eine enzephalitische
Form der FSME sprechen (vgl. UV-act. 146 S. 1). Hinsichtlich den von der Rehaklinik
Bellikon am 2. Juli 2008 bestätigten mittelschweren bis schweren
neuropsychologischen Funktionsstörungen (UV-act. 113) ist im Weiteren von
Bedeutung, dass bei sonst unauffälligen Untersuchungsbefunden neuropsychologische
Abklärungen unter Umständen Hirnleistungsstörungen aufzeigen können (vgl. BGE 117
V 378 E. 3d). Jedenfalls bei eindeutigem, nicht diffusem Befund kann der
neuropsychologischen Diagnostik - im Rahmen einer neurologischen
Gesamtwürdigung - nach der Rechtsprechung auch bei der Kausalitätsbeurteilung ein
Aussagewert zukommen (BGE 119 V 343 E. 3c). Hingegen vermag es die
Neuropsychologie nicht, selbständig die Beurteilung der Genese abschliessend
vorzunehmen (RKUV 2000, 316 E. 3). Nach B.P. Radanov (SZS 1996, S. 471 ff) sind
psychologische Probleme (und die eingenommenen Medikamente) geeignet, die
kognitiven Leistungen negativ zu beeinflussen (S. 477). Psychologische Probleme bzw.
die Interrelation psychologischer und kognitiver Funktionen könnten die reduzierte
Leistungsfähigkeit mit erklären (S. 475). - Aufgrund der in E. 2 dargelegten
medizinischen Akten ist von einer Beeinflussung/Überlagerung der kognitiven
Funktionen bei der Beschwerdeführerin durch den psychischen Befund auszugehen,
womit die neuropsychologischen Einschränkungen sich als vielschichtig verursacht
erweisen. So wurden im Bericht der Rehaklinik Bellikon eine affektive Störung und
Persönlichkeitsauffälligkeiten angesprochen (UV-act. 113), welche der Psychiater Dr.
N._ später bestätigte. Gleichzeitig hielt dieser Arzt fest, dass eine
neuropsychologische Verlaufsuntersuchung aus seiner Sicht nicht zweckmässig sei, da
sie das neuropsychologische Funktionsniveau der Beschwerdeführerin nicht
authentisch abzubilden vermöge (UV-act. 96). Die Suva-Psychiaterin Dr. L._
bezeichnete die von der Beschwerdeführerin wahrgenommenen kognitiven
Einschränkungen als unspezifisch, bejahte jedoch einen direkten natürlichen
Kausalzusammenhang zwischen dem psychischen Beschwerdebild und dem
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Zeckenbiss (UV-act. 101). Bei diesem Sachverhalt können neuropsychologische Unfall-
Restfolgen im Sinn eines selbständigen, klar abgrenzbaren Befunds zwar nicht mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit als nachgewiesen gelten. Damit ist jedoch die
Frage, ob die geklagten Beschwerdesymptome als organischeFolge der FSME-
Infektion von 2007 anzusehen sind, noch nicht beantwortet, zumal wie erwähnt
(vorstehende E. 3.1) neuropsychologische und psychische Probleme typische
Folgeerscheinigungen einer FSME-Infektion darstellen und von Seiten der Rehaklinik
Bellikon und der Suva-Ärztin Dr. L._ eine diesbezügliche natürliche Unfallkausalität
auch explizit bejaht worden war (UV-act. 101, 113).
3.2.2 Während die Neurologin Dr. E._ sich auf den Standpunkt stellt, dass - bei
Vorliegen einer auf eine meningeale Beteiligung hinweisenden klinischen Symptomatik
- die unauffälligen Liquorbefunde vom August und Dezember 2007 gegen eine
meningeale Form sprechen würden (UV-act. 120), leitet Dr. D._ aus dem Ergebnis der
von ihm veranlassten zweiten Liquorprobe vom Dezember 2007 (mit leicht erhöhter
Zellzahl) ab, dass die Zellzahl im August 2007 stark erhöht gewesen sein musste. Den
ersten im August 2007 entnommenen ("blutigen") Liquor erachtet Dr. D._ als nicht
verwertbar. Zusätzlich verweist der Arzt auf eine von ihm am 7. Juni 2011 nachträglich
veranlasste labortechnische Antikörper-Bestimmung, welche IgG-Antikörper bestätigt
habe. Diese belege zusammen mit den klinischen Befunden (Kopfschmerzen,
neurofunktionelle Defizite) das Bestehen einer FSME-Meningoenzephalitis (UV-act.
130). Dem Schreiben vom 3. Februar 2012 legte der Arzt den Laborbefund der
Antikörper-Bestimmung vom 7. Juni 2011 bei (UV-act. 154). Dem hielt Dr. E._ am 29.
Dezember 2011 entgegen, dass der Liquor des Spitals H._ (vom August 2007)
verwertbar sei, zumal die Zellzahl normal gewesen sei. Es könne durchaus vorkommen,
dass der Liquor klar erscheine, obwohl mikroskopisch Erythrozyten als artifizielle
Beimengung nachzuweisen seien. Die Aussagen, die Dr. D._ hierzu mache, seien
falsch. Wie bereits vom Labor interpretiert, entspreche die leichte Eiweisserhöhung im
Liquor einer Schrankenstörung oder einer Liquorflussbehinderung. Die
Zellzahlerhöhung auf 9 sei nicht zu erklären, wäre für eine FSME im Verlauf nach vier
Monaten allerdings sehr ungewöhnlich (UV-act. 146). Hierzu wendete Dr. D._ am
3. Februar 2012 ein, die eindeutig erhöhte Zellzahl im später untersuchten Liquor habe
entgegen der Auffassung der Suva-Ärztin eine Erklärung. Wenn sie behaupte, dass der
Befund der erhöhten Zellzahl vier Monate nach der FSME ungewöhnlich sei, stehe sie
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mit dieser Meinung im Widerspruch zur Fachliteratur und seiner eigenen Erfahrung (UV-
act. 154). Während des laufenden Beschwerdeverfahrens nahm der Suva-Arzt und
Neurologe Dr. F._ am 3. Mai 2012 Stellung. Im Liquorbefund vom 14. August 2007
sei die Beimengung mit 96 Erythrozyten bestimmt worden und habe damit weniger als
1/10 der Beimengung betragen, die notwendig sei, um den Liquor trüb rosa zu färben
oder Probleme bei der Bestimmung der Zellzahl zu verursachen. In einem Gespräch mit
dem Experten für Liquordiagnostik, PD Dr. M._, sei ihm bestätigt worden, dass
grundsätzlich ein Liquor mit einer artifiziellen Beimengung von 96 Erythrozyten visuell
klar und farblos imponiere und mit ausreichender Zuverlässigkeit die Zellzahl bestimmt
werden könne. Unter Berücksichtigung der (zitierten) Fachliteratur komme er zum
Schluss, dass die Bestimmung der Zellzahl im Liquor am 14. August 2007 somit
überwiegend wahrscheinlich zuverlässig erfolgt sei. Eine Pleozytose könne zu diesem
Zeitpunkt als ausgeschlossen betrachtet werden. Deshalb sei eine enzephalitische
Form der FSME-Infektion nicht überwiegend wahrscheinlich und selbst eine
meningeale Form zweifelhaft. Die vier Monate später von Dr. D._ erhobene Zellzahl
von 9 pro Mikroliter sei durch eine FSME-Infektion im Juni 2007 nicht erklärbar.
Sodann gehe aus dem von Dr. D._ zur Verfügung gestellten Laborbefund nicht der
Nachweis im Gehirn gebildeter Antikörper gegen das FSME-Virus hervor (UV-act. 174).
3.2.3 Bei der geschilderten Sachlage stehen sich die Aussagen des behandelnden
Facharztes, welcher auf dem in Frage stehenden medizinischen Gebiet unbestritten
über eine grosse Erfahrung verfügt, und diejenigen der Suva-Neurologen Dres. E._
und F._ gegenüber. Allein die in einer Aktennotiz festgehaltenen generellen
Vorbehalte gegen den behandelnden Arzt (UV-act. 42) sind nicht geeignet, für die
Erledigung dieses Verfahren wesentliche Argumente zu liefern. Im Zusammenhang mit
der streitigen Leistungseinstellung stehen medizinische Fragen im Raum, für deren
Beantwortung der rechtsanwendenden Behörde bzw. dem Gericht die
Entscheidvoraussetzungen gestützt auf die gegebene Aktenlage nicht zur Verfügung
stehen. Der Hinweis von Dr. F._ auf ein nicht näher dokumentiertes Gespräch mit
dem Experten für Liquordiagnostik PD Dr. M._ vermag keine beweisbildenden
Umstände zu belegen, zumal es sich um eine abstrakte (mündliche) Auskunft auf eine
nicht bekannte Frage ohne Kenntnis der einzelfallbezogenen Akten auf Seiten der
angefragten Person handelte. Wenn Dr. F._ hinsichtlich der von Dr. D._ am 7. Juni
2011 nachträglich durchgeführten Antikörper-Bestimmung (vgl. UV-act. 130 Ziff. 4 und
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UV-act. 154 Ziff. 1) feststellte, dass hieraus nicht der Nachweis im Gehirn gebildeter
Antikörper gegen das FSME-Virus hervorgehe (UV-act. 174 S. 3), so ist das angerufene
Gericht nicht in der Lage zu entscheiden, ob dies zutrifft oder ob auf den gegenteiligen
Standpunkt von Dr. D._ abzustellen sei. Es erweist daher als nicht möglich, einen
Sachverhalt zu ermitteln, der zum Beweis der Begründetheit der Leistungseinstellung
eine überwiegende Wahrscheinlichkeit für sich beanspruchen könnte. Nach Lage der
dem Gericht vorliegenden Akten trat seit der Leistungsanerkennung durch die
Beschwerdegegnerin für die Folgen der FSME-Infektion keine entscheidende Änderung
des medizinischen Sachverhalts ein, welche eine Leistungseinstellung zu begründen
vermöchte. Ein Grund, die Leistungen auf den 30. Juni 2011 einzustellen, kann
demgemäss gestützt auf die derzeitige Aktenlage nicht als nachgewiesen gelten. Der
Beschwerdegegnerin ist es unbenommen, für den Nachweis eines allfälligen
Leistungseinstellungsgrundes gegebenenfalls weitere Abklärungen zu tätigen, wobei
hierbei auch die Gutachtervorschläge der Beschwerdeführerin (act. G 9 S. 2) zu
berücksichtigen wären.
3.3 Aufgrund der Ergebnisse der psychiatrischen Untersuchungen/Abklärungen ist
anzunehmen, dass psychische Faktoren das bestehende Beschwerdebild beeinflussen
und diese in einem natürlichen Kausalzusammenhang mit dem Unfall stehen bzw.
natürlich kausale Folge der FSME-Infektion darstellen (UV-act. 96, 101, 113). Die Frage,
ob die Adäquanz nach der Rechtsprechung für eine psychische Fehlentwicklung nach
Unfall zu beurteilen ist (vgl. dazu Urteil des EVG vom 9. Juli 2001, U 17/00, E. 3b) oder
nicht bzw. ob es sich bei den psychischen Beschwerden um sekundäre oder direkte
Folgen der FSME-Erkrankung handelt, lässt sich angesichts der geschilderten
Aktenlage nicht abschliessend beantworten.
4.
Im Sinn der vorstehenden Erwägungen ist die Beschwerde unter Aufhebung des
Einspracheentscheids vom 19. Januar 2012 gutzuheissen. Gerichtskosten sind keine
zu erheben (Art. 61 lit. a ATSG). Gemäss Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende
Beschwerde führende Partei Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Die
Parteientschädigung ist - wie in vergleichbaren Verfahren üblich - pauschal auf Fr.
4'000.--, einschliesslich Barauslagen und Mehrwertsteuer, festzulegen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/14
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St.Galler Gerichte
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP