Decision ID: bfcd7abb-aee9-5ebe-92e3-65b408d614e1
Year: 2013
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
Aufgrund einer seit Geburt bestehenden körperlichen und geistigen Beeinträchti
gung (
Urk.
11/2) wurde
X._
, geboren 1968,
nach
Durchführung von beruflichen Massnahmen
und
ausgehend von einem Invali
ditätsgrad von 70
%
mit Wirkung ab 1. März 1987
eine ganze Invalidenrente zu
gesprochen
(
Feststellungsblatt vom 19. April 1988 und
Verfügung vom 3
0.
Mai 1987
, Urk. 11/3 und
Urk.
11/4
)
.
Seit dem 2
0.
Oktober 1997 arbeitet sie als Mitarbeiterin mit Behinderung in der geschützten Werkstätte der
Stiftung A._
(
Urk.
11/8 und
Urk.
11/19
).
1998 wurde ihr Gesuch
um Hilflosenentschädigung abgewiesen (
Urk.
11/9 S. 3 f.).
Im Jahr 1999 erlitt sie einen Hirninfarkt
mit
Hemisyndrom
links
(
Urk.
11/21).
Die
ganze
Invalidenrente wurde im Januar 2000 und
April
2005 revisionsweise
bestätigt (
Urk.
11/9 S. 1 f.,
Urk.
11/22)
.
Das von der zwischenzeitlich ernannten Vormundin eingereichte Gesuch
u
m Kostengutsprache für ein Hilfsmittel (Fixierbrett/Non-slip-Pad;
Urk.
11/11-13)
wurde mit Verfügung vom 1
9.
M
ai 2003 abgewiesen
mit der Be
gründung
, dass Fixierbretter nicht in der
abschliessenden
Liste der Hilfsmittel aufgeführt sei
en
(
Urk.
11/15)
.
Das im Rahmen der Rentenrevision im Jahr 2005 beantragte Hilfsmittel einer Nachtschiene für die linke Hand zur Stabilisierung und Verbesserung der Apoplexie (
Urk.
11/16-17 und
Urk.
11/21)
wurde mit Verfügung vom
7.
April 2005 ab
gelehnt
(
Urk.
11/
23).
Im Juli 2011 reichte die Versicherte ein Rezept für eine Hand- und Unterarmorthese links ein, was die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Z
ürich, IV-Stelle, als Neuanmeldung qualifizierte. Nach durchgeführtem
Vorbescheidverfahren
(
Urk.
11/30) trat die IV-Stelle mit Verfügung vom 6. Februar 2012 (
Urk.
2) nicht auf das Gesuch ein.
2.
Hiergegen
liess
die
Versicherte, vertreten durch
ihre Physiother
a
peutin
Z._
, am 5. März 2012
Beschwerde
erheben und
die Übernahme der Kos
ten für die
Handgelenk
s
-Orthese (
Radialis
-Schiene mit Daumenlagerung) als Hilfsmittel beantragen
(Urk. 1).
Mit Verfügung vom 2
6.
März 2012 wurde die Vormundin der Beschwerdeführerin aufgefordert, dem Gericht die schriftliche Zustimmung der Vormundschaftsbehörde zur Prozessführung sowie die allfäl
lige Vollmacht an
Z._
einzureichen (
Urk.
3), andernfalls nicht auf die Beschwerde eingetreten werde. Die Zustimmung der Vormundschaftsbehörde und die Vollmacht an
Z._
wurden
am 1
2.
April 2012
eingereicht
(
Urk.
7 und 8). Mit Beschwerdeantwort vom 21. Mai 2012 verzichtete die IV-Stelle auf eine Stellungnahme (
Urk.
10), was der Beschwerdeführerin am 2
7.
Juni 2012 mitgeteilt wurde (
Urk.
12).
Auf die einzelnen Vorbringen der Parteien und die eingereichten Unterlagen wird, soweit erforderlich,
in den Erwägungen eingegangen.
Die Einzelrichterin

zieht in Erwägung:
1.
Da der Streitwert
Fr.
20’000.-- nicht übersteigt, fällt die Beurteilung der
Beschwerde
in die einzelrichterliche Zuständigkeit (
§
11
Abs.
1 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht).
2.
Gemäss
Art.
21 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG) hat die versicherte Person im Rahmen einer vom Bundesrat aufzustellenden Liste An
spruch auf jene Hilfsmittel, deren sie für die Ausübung der Erwerbstätigkeit oder der Tätigkeit im Aufgabenbereich, zur Erhaltung oder Verbesserung der Erwerbsfähigkeit, für die Schulung, die Aus- und Weiterbildung oder zum Zwe
cke der funktionellen Angewöhnung bedarf (
Abs.
1). Ferner bestimmt
Art.
21
Abs.
2 IVG, dass Versicherte, die infolge ihrer Invalidität für die Fortbewegung, für die Herstellung des Kontaktes mit der Umwelt oder für die Selbstsorge kostspieliger Geräte bedürfen, im Rahmen einer vom Bundesrat aufzustellenden Liste ohne Rücksicht auf die Erwerbsfähigkeit Anspruch auf solche Hilfsmittel haben.
Die Befugnis zur Aufstellung der Hilfsmittelliste und zum Erlass ergänzender Vorschriften im Sinne von
Art.
21
Abs.
4 IVG hat der Bundesrat in
Art.
14 der Verordnung über die Invalidenversicherung (IVV) an das Eidgenössische De
partement des Innern übertragen, welches die Verordnung über die Abgabe von Hilfsmitteln durch die Invalidenversicherung (HVI) mit anhangsweise aufge
führter Hilfsmittelliste erlassen hat.
3.
3.1
In der
ersten,
rechtskräftigen Verfügung vom
7.
April
2005
(
Urk.
11/23)
hatte
die IV-Stelle die Ablehnung des Gesuchs für die Übernahme der Kosten der Nachtschiene damit
begründet
,
dass Nachtschienen nicht auf der Liste der Hilfsmittel aufgeführt sei
en
und mangels zugesprochener medizinischer
Einglie
derungsmassnahme
n
auch nicht als Behandlungsgerät übernommen werden könn
t
e
n
.
Au
f das erneute
Leistungsbegehren vom Juli 2011
ist die IV-Stelle nicht eingetreten mit der Begründung, dass die Beschwerdeführerin nicht glaubhaft dargelegt habe, dass sich die tatsächlichen
Verhältnisse seit der letz
ten Verfügung wesentlich verändert haben
, was sie der Besch
werdeführerin mit der angefochtenen Verfügung vom
6.
Februar 2012 mitteilte
(
Urk.
2).
3.2
Wird eine Neuanmeldung eingereicht, so wird diese
gemäss
Art.
87
Abs.
2 und
3
IVV
nur
geprüft, wenn darin glaubhaft gemacht wird
, dass sich der Grad der Invalidität oder Hilflosigkeit oder die Höhe des invaliditätsbedingten Be
treuungsaufwandes oder Hilfebedarfs de
r
v
ersicherten
Person
in einer für den Anspruch erheblichen Weise geändert hat.
Dieses Vorgehen beziehungsweise diese Voraussetzung findet
gemäss
lit
. E des
5.
Abschnitts über das Verfahren
e contrario
jedoch
keine Anwendung auf Gesuche betreffend Hilfsmittel.
Das Nichteintreten auf
das Gesuch
für die Kostenübernahme einer Handgelenks-Orthese
mi
t der Begründung, dass die Beschwerdeführerin keine Verschlechte
rung der tatsächlichen Verhältnisse seit der letzten Verfügung habe geltend ma
chen können, ist
daher
nicht ko
rrekt. D
ie
IV-Stelle hätte auf das Gesuch
eintre
ten und
dieses
materiell beurteilen müssen.
Weil die Aufhebung der angefochtenen
Nichteintretensverfügung
und die Rück
weisung der Sache zur materiel
len Behandlung und Neuverfügung
einem for
malistischen Leerlauf gleich
kommt, ist darauf zu verzichten
,
und die Be
schwerde
ist
materiell zu prüfen.
4.
4.1
Bei der
beantragten Hand
gelenks-Orthese
handelt
es sich um eine
Radia
lis
-Schiene mit Daumenlagerung. Die Physiotherapeutin
und Vertreterin
der Be
schwerdeführ
erin begründet
die Notwendigkeit der beantragten Schiene damit, dass sich die Grundspannung in der linken Hand stark erhöht habe. Obwohl die Beschwerdeführerin täglich ihre alte (selbstbezahlte) Schiene trage
,
habe sie nun Schwierigkeiten, die Hand passiv, das heisst mit ihrer gesunden Hand zu öffnen, um ihre tägliche Pflege der Hand zu verrichten. Zudem habe sie inzwischen Schmerzen in der Hand, welche vermutlich auf die erhöhte Muskelspannung zurückzuführen seien. Es bedürfe daher einer dauerhaften und verstärkten Deh
nung der Strukturen, was mit der alten Schiene nicht erreicht werden könne. Es bedürfe einer neuen Schiene, in welcher die Hand und Finger in einer geöffne
ten Position gelagert und dadurch mehr Dehnung erfahren würden (
Urk.
1).
Mit dieser Begründung der Notwendigkeit
fällt ein Anspruch auf Kostenüber
nahme gemäss
Art.
21
Abs.
1 IVG für Hilfsmittel, welch
e für die Ausübung der Erwerbstätigkeit
oder der Tätigkeit im Aufgabenbereich, zur Erhaltung oder Verbesserung der Erwerbsfähigkeit, für die Schulung, die Aus- und Weiterbil
dung oder zum Zwecke der funktionellen An
gewöhnung benötigt werden
,
von vornherein ausser Betracht
. Fest steht weiter, dass die Beschwerdeführerin die Handgelenks-Orthese weder für die Fortbewegung noch für
die Herstellung des Kontaktes mit der Umwelt
(
Art.
2
1. Abs.
2 IVG) benötigt
,
und
damit
auch unter diesem Titel kein Anspruch auf Kostenübernahme besteht
.
4.2
Die beantragte Handgelenks-Orthese soll dazu dienen,
die Hand und Finger der Beschwerdeführerin in einer geöffneten Position
zu lagern
,
um
dadurch mehr D
ehnung zu e
rfahren, so dass die tägliche Pflege der beeinträchtigten Hand von der Beschwerdeführerin
einfacher
durchgeführt werden
kann. Damit ist die Selbstsorge der Beschwerdeführerin tangiert und der Anspruch auf Kostenüber
nahme für das beantragte Hilfsmittel
daher
unter diesem Gesichtspunkt von
Art.
21
Abs.
2 IVG zu prüfen.
Mit Selbstsorge ist die Autonomie der versicherten Person in der Ver
r
ichtung ihrer intimen, privaten und persönlichen Angelegenheiten gemein
t
. Selbstsorge im Sinne des Hilfsmittelrechts geht über die bei der
Hilflosentschädigung
(
Art.
42 IVG) anerkannten Lebensverrichtungen hinaus und umfasst die Mög
lichkeit, das Leben praktisch meistern, zum Beispiel selber wohnen zu können (Meyer, Rechtsprechung des Bundesgerichts zum IVG,
2.
Auflage,
Art.
21 IVG
,
S. 220)
.
4.3
Art.
21 IVG beschränkt den Leistungsanspruch ausdrücklich auf Hilfsmittel, die in der entsprechenden Liste enthalten sind. Der Gesetzgeber hat dem Bundesrat damit die Kompetenz übertragen, in der aufzustellenden Liste aus der Vielzahl zweckmässiger Hilfsmittel eine Auswahl zu treffen. Dabei nahm er in Kauf, dass mit einer solchen Aufzählung nicht sämtliche sich stellenden Bedürfnisse ge
deckt werden. Die Liste der von der Invalidenversicherung abzugebenden Hilfs
mittel ist insofern abschliessend, als sie die in Frage kommenden Hilfsmittelka
tegorien aufzählt; dagegen ist innerhalb der einzelnen Kategorien jeweils zu prüfen, ob die Aufzählung der einzelnen Hilfsmittel ebenfalls abschliessend oder bloss exemplifikatorisch ist (BGE 131 V 107 E. 3.4.3). Lässt sich ein Hilfsmittel keiner der im HVI Anhang aufgeführten Kategorien zuordnen, ist es nicht zu
lässig
.
Das Hilfsmittel muss im Einzelfall dazu bestimmt und geeignet sein, der gesund
heitlich beeinträchtigten versicherten Person in wesentlichem Umfange zur Erreichung eines der gesetzlich anerkannten Ziele zu verhelfen. Praxisge
mäss ist unter einem Hilfsmittel des
IVG ein Gegenstand zu verstehen, dessen Gebrauch den Ausfall gewisser Teile oder Funktionen des menschlichen Körpers zu ersetzen vermag (BGE 131 V 13 E. 3.3, 115 V 194 E. 2c und 112 V 15 E. 1b).
4.4
In der entsprechenden Hilfsmittelliste findet sich zwar die Kategorie Orthesen, d
ie beantragte Handgelenks-Orthese
hingegen
ist nicht
als Hilfsmittel in der entsprechen
den Liste aufgeführt
.
Da die in Frage stehende Handgelenks-Orthese kein Körperteil ersetzt
,
sondern dazu dient, die Sehnen zu dehnen,
erfüllt sie die Voraussetzungen an ein Hilfsmittel im Sinne des Gesetzes nicht, weshalb auch nicht zu prüfen ist, ob die Aufzählung der Hilfsmittel in der Kategorie Orthesen abschliess
end oder exemplifikatorisch ist. Entsprechend besteht auch unter dem Gesichtspunkt der Selbstsorge gemäss
Art.
21
Abs.
2 IVG
keine Verpflichtung
,
die Kosten zu übernehmen
.
4
.5
Da ein Anspruch auf medizinische Massnahmen gemäss
Art.
12 und 13 IVG und die in diesem Zusammenhang mögliche Abgabe von Behandlungsgeräten im Sinne von
Art.
1
Abs.
2 HVI
aufgrund
der
seit der letzten Verfügung erfolgten Gesetzesrevision
nur noch
bis zum vollendeten 2
0.
A
ltersjahr besteht
, fällt die Kostenübernahme der Hand
gelenks-O
rthese bei der 1968 geborenen und damit über 20jährigen Beschwerdeführerin von vornherein
ausser Betracht.
Zudem fehlt
es auch an der Voraussetzung einer
gewährten
medizinischen Eingliede
rungsmassnahme
.
4
.6
Zusammenfassend ist daher festzuhalten, dass die
bean
tragte Handgelenks-
Or
these nicht
auf der Liste der Hilfsmittel aufgeführt ist
und auch keine andere gesetzliche Grundlage für die Übernahme der
entsprechenden Kosten besteht.
Die Beschwerde ist daher abzuweisen.
5
.
Abweichend von Art. 61
lit
. a des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts
(ATSG)
ist das Beschwerdeverfahren um die Be
willigung oder Verweigerung von Leistungen der Invalidenversicherung vor dem kantonalen Gericht kostenpflichtig. Die Gerichtskosten werden nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.--bis Fr. 1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1
bis
IVG). Die Kosten sind auf Fr. 3
00.--anzusetzen und entsprechend dem Verfahrensausgang der Beschwerdeführerin aufzuerlegen.
Die Einzelrichterin
erkennt:
1.
Die Beschwerde wird abgewiesen.
2.
Die Gerichtskosten von Fr.
3
00
.-- werden
der Beschwerdeführerin
auferlegt. Rech
nung und Einzahlungsschein werden
der
Kostenpflichtigen nach Eintritt der Rechts
kraft zu
gestellt.
3.
Zustellung gegen Empfangsschein an:
-
Z._
-
Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle
-
Bundesamt für Sozialversicherungen
sowie an:
-
Gerichtskasse (im Dispositiv nach Eintritt der Rechtskraft)
4.