Decision ID: fadc8f28-7b1a-4670-a1d7-cc9c8258f5c4
Year: 2015
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend
Schändung und sexuelle Handlungen mit Kindern
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Andelfingen vom
23. September 2014 (DG130001)
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Anklage (Urk. 21)
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich vom 5. Februar
2013 ist diesem Urteil beigeheftet.
Urteil der Vorinstanz: (Urk. 95 S. 35 f.)
"Es wird erkannt:
1. Der Beschuldigte B._ ist nicht schuldig und wird freigesprochen.
2. Auf die Zivilklage der Privatklägerschaft wird nicht eingetreten.
3. Die angeordneten Ersatzmassnahmen (Rayonverbot und Kontaktverbote)
werden aufgehoben.
4. Die sichergestellte Harddisk mit der Seriennummer ... wird eingezogen und
vernichtet.
5. Dem Beschuldigten wird für die erlittene Untersuchungshaft von 57 Tagen
eine Haftentschädigung von total Fr. 2'850.– zugesprochen.
6. Die Entscheidgebühr fällt ausser Ansatz; die übrigen Kosten (inkl. der
Kosten der amtlichen Verteidigung sowie der unentgeltlichen Vertretung der
Privatklägerschaft) werden auf die Gerichtskasse genommen.
7. (Mitteilungen)
8. (Rechtsmittel)"
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Berufungsanträge (Prot. II S. 7)
a) Der Staatsanwaltschaft:
(Urk. 141 S. 1)
1. Das Urteil des Bezirksgerichts Andelfingen vom 23. September 2014 sei be-
treffend Ziffer 1, 2, 5 und 6 aufzuheben und der Beschuldigte B._ sei im
Sinne der Anklageschrift der STA IV vom 5.02.2013 schuldig zu sprechen.
2. Der Beschuldigte sei mit einer Freiheitsstrafe von 3 Jahren zu bestrafen.
3. 1 1⁄2 Jahre Freiheitsstrafe seien zu vollziehen und betreffend die restlichen
1 1⁄2 Jahre Freiheitsstrafe sei unter Ansetzung einer Probezeit von 2 Jahren
der bedingte Vollzug zu gewähren.
4. Die erstandene Haft vom 22.08.2012 bis 17.10.2012 sei als 57 Tage auf die
ausgefällte Freiheitsstrafe anzurechnen.
5. Es sei über die Zivilansprüche der Privatklägerschaft zu entscheiden.
6. Die Kosten, inkl. Gebühr für das Vorverfahren von Fr. 3'200.00 sowie die
Kosten der Vorinstanz seien dem Beschuldigten aufzuerlegen.
b) Der Vertretung der Privatklägerin A._:
(Urk. 142 S. 2)
1. Die Berufung der Staatsanwaltschaft sei gut zu heissen;
2. Schuldigsprechung und Bestrafung des Beschuldigten im Sinne der
Anklage;
3. Der Beschuldigte sei zu verpflichten, der Privatklägerin eine Genugtuung
von CHF 15'000 zzgl. Zins von 5% seit dem 22.08.2012 zu bezahlen;
4. Die Kosten seien dem Beschuldigten aufzuerlegen.
c) Der Verteidigung des Beschuldigten:
(Urk. 143 S. 1)
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1. Die Berufung sowie die Anschlussberufung seien vollumfänglich abzuweisen
und der Beschuldigte sei von Schuld und Strafe freizusprechen.
2. Dispositiv-Ziffern 2-6 des angefochtenen Urteils seien zu bestätigen.
3. Die Kosten des zweitinstanzlichen Verfahrens seien auf die Gerichtskasse
zu nehmen.
4. Das Honorar der amtlichen Verteidigung für das gesamte Verfahren sei im
Sinne der beiden eingereichten Honorarnoten festzusetzen und unter
Anrechnung der erfolgten Akontozahlung auf die Staatskasse zu nehmen.

Erwägungen:
1. Prozessgeschichte
1.1. Mit vorstehend wiedergegebenem Urteil vom 23. September 2014 wurde
der Beschuldigte von den Vorwürfen der mehrfachen sexuellen Handlungen mit
einem Kind im Sinne von Art. 187 Ziff. 1 StGB sowie der mehrfachen Schändung
im Sinne von Art. 191 StGB freigesprochen. Auf die Zivilklage der Privatklägerin
wurde nicht eingetreten und die im Laufe des Verfahrens angeordneten Ersatz-
massnahmen (Rayonverbot und Kontaktverbote) wurden aufgehoben. Ferner
wurde über eine beschlagnahmte Harddisk befunden und dem Beschuldigten für
die erlittene Untersuchungshaft von 57 Tagen eine Haftentschädigung von
Fr. 2'850.– zugesprochen. Sämtliche Kosten, inkl. der Kosten der amtlichen Ver-
teidigung sowie der unentgeltlichen Vertretung der Privatklägerin, A._, wur-
den definitiv auf die Gerichtskasse genommen.
1.2. Gegen das mündlich eröffnete Urteil (Prot. I S. 37 ff.) meldeten sowohl die
Staatsanwaltschaft (Urk. 87) als auch die Privatklägerin (Urk. 89) am 1. Oktober
2014 fristgerecht Berufung an.
1.3. Mit Eingabe vom 18. Februar 2015 reichte die Staatsanwaltschaft – eben-
falls fristgerecht – ihre Berufungserklärung ein (Urk. 98). Die Privatklägerin liess
innert Frist keine Berufungserklärung einreichen.
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1.4. Mit Präsidialverfügung vom 5. März 2015 wurde die Berufungserklärung
der Staatsanwaltschaft den übrigen Parteien übermittelt, um gegebenenfalls An-
schlussberufung zu erheben oder ein Nichteintreten auf die Berufung zu be-
antragen. Gleichzeitig wurde der Privatklägerin Frist angesetzt, sich über die
Wahrnehmung ihrer Rechte als Opfer im Zusammenhang mit der Zusammen-
setzung des Gerichts sowie einer allfälligen Befragung zu äussern (Urk. 100).
1.5. Mit Eingabe vom 17. März 2015 liess die Privatklägerin mitteilen, an ihrer
Berufung nicht festzuhalten, jedoch Anschlussberufung zu erklären. Sie beantragt
die Gutheissung der Berufung der Staatsanwaltschaft und verlangt die Zuspre-
chung einer Genugtuung von Fr. 15'000.– zuzüglich 5 % Zins seit dem 22. August
2012 sowie eine Umtriebsentschädigung von Fr. 500.– (Urk. 102 S. 1-2). Mit der
Anschlussberufung stellte die Privatklägerin überdies folgende Beweisanträge
(Urk. 102 S. 2):
"1. Dr. C._ sei in sämtlichen Belangen und als Expertin / Gutachterin als befangen zu betrachten, ihr Bericht vom 11.3.2013 (act. 28) sei aus dem Recht zu weisen;
2. die Einvernahme mit Dr. C._ anlässlich der Hauptverhandlung vom 22.9.2014 sei als nichtig zu erachten;
3. die schriftliche Stellungnahme der Privatklägerin vom 19.4.2013 zum Bericht von Dr. C._ vom 11.3.2013 sei zu den Akten zu nehmen."
Die Privatklägerin reichte mit ihrer Anschlussberufung verschiedene Unterlagen
zu den Akten (Urk. 104/1-3), welche bereits als Urk. 31, 32 und 75 in den vor-
instanzlichen Akten vorhanden sind.
1.6. Mit Präsidialverfügung vom 8. April 2015 (Urk. 105) wurde vom Rückzug
der Zweitberufung der Privatklägerin Vormerk genommen, dem Beschuldigten
und der Staatsanwaltschaft die Anschlussberufung der Privatklägerin zugestellt,
diesen Frist angesetzt, um zu den prozessualen Anträgen der Privatklägerin Stel-
lung zu nehmen sowie der Vorinstanz Frist angesetzt, um darzulegen, in welcher
prozessualen Stellung Dr. med. C._ am 22. September 2014 befragt worden
sei und warum diese nicht auf die ihrer prozessualen Stellung entsprechenden
Rechte und Pflichte hingewiesen worden sei.
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1.7. Mit Eingabe vom 27. April 2015 (Urk. 107) hielt die Staatsanwaltschaft da-
für, dass sie die Sichtweise der Privatklägerin betreffend Befangenheit von
Dr. med. C._ teile. Mit Eingabe vom 8. Mai 2015 liess der Beschuldigte zu
den prozessualen Anträgen der Privatklägerin Stellung nehmen (Urk. 111). Am
11. Mai 2015 (Urk. 115) erläuterte die Vorinstanz, warum sie Dr. med. C._
als Auskunftsperson befragt und dennoch nicht auf ihre Rechte und Pflichten hin-
gewiesen habe. Mit Präsidialverfügung vom 12. Mai 2015 (Urk. 117) wurde den
Parteien die jeweiligen Stellungnahmen der anderen Seite zur freigestellten Ver-
nehmlassung zugestellt. Die Staatsanwaltschaft liess sich nicht vernehmen und
auch der Beschuldigte sowie die Privatklägerin verzichteten auf eine Stellung-
nahme (Urk. 120, Urk 122). Der Beschuldigte fügte gleichzeitig bei, dass er für
den Fall, dass das Obergericht die Einvernahme von Dr. med. C._ als nicht
verwertbar erachte, er deren erneute Befragung anlässlich der Berufungsverhand-
lung beantrage (Urk. 122).
1.8. Mit Präsidialverfügung vom 29. Juni 2015 wurden die seitens der Pri-
vatklägerin mit Eingabe vom 17. März 2015 gestellten "Beweisanträge" abgewie-
sen, soweit diese als solche zu verstehen wären. Ebenso abgewiesen wurde der
eventualiter gestellte Beweisantrag des Beschuldigten auf Befragung von
Dr. med. C._. Gleichzeitig wurde die Befragung der Privatklägerin als Aus-
kunftsperson angeordnet und der Privatklägerin Frist angesetzt, zu erklären, ob
sie für die Befragung eine Videoübertragung beantrage (Urk. 124), was diese mit
Eingabe vom 3. Juli 2015 verneinte (Urk. 126).
1.9. Die Berufungsverhandlung, an welcher die Privatklägerin als Auskunftsper-
son einvernommen wurde, fand am 3. Dezember 2015 statt. Ferner erschienen
sind der unentgeltliche Vertreter der Privatklägerin, der zuständige Staatsanwalt
sowie der Beschuldigte und sein amtlicher Verteidiger (Prot. II S. 7). Vorfragen
waren anlässlich der Berufungsverhandlung keine zu entscheiden, und – abgese-
hen von den Einvernahmen des Beschuldigten (Urk. 139) sowie der Privatklägerin
als Auskunftsperson (Urk. 140) – mussten keine weiteren Beweise erhoben wer-
den (Prot. II S. 8 f., 11). Das Urteil erging im Anschluss an die Berufungs-
verhandlung (Prot. II S. 27 ff.).
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2. Umfang der Berufung
Die Staatsanwaltschaft lässt das vorinstanzliche Urteil vollumfänglich anfechten.
Sie verlangt einen Schuldspruch im Sinne der Anklage und eine Bestrafung des
Beschuldigten mit 3 Jahren Freiheitsstrafe, je 18 Monate bedingt und unbedingt
(Urk. 98 S. 1, 6; Urk. 141 S. 1). In diesem Sinne ist das vorinstanzliche Urteil in
seiner Gesamtheit angefochten und in keinem Punkt in Rechtskraft erwachsen.
Anlässlich der Berufungsverhandlung erklärten die Parteivertreter indessen über-
einstimmend, dass die Dispositivziffern 3 (betreffend Rayon- und Kontaktverbot)
und 4 (Einziehung und Vernichtung der sichergestellten Harddisk) nicht zum Be-
rufungsgegenstand gemacht werden und demgemäss in Rechtskraft erwachsen
sind (Prot. II S. 9 f.). Das ist vorab vorzumerken (Art. 399 Abs. 3 StPO in Ver-
bindung mit Art. 402 und 437 StPO, Art. 404 StPO).
3. Prozessuales
3.1. Am 25. März 2013 reichte die Verteidigung der Vorinstanz einen Bericht
von Dr. med. C._, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie FMH, vom
11. März 2013 ein (Urk. 28), und stellte den Antrag, dieses "Gutachten" als Be-
weismittel zu den Akten zu nehmen (Urk. 27 f.). Wie bereits mit Präsidial-
verfügung vom 29. Juni 2015 ausgeführt, kann dem "Gutachten" bestenfalls die
Qualität eines Parteigutachtens und damit nicht die Qualität eines eigenständigen
Beweismittels beigemessen werden (Urk. 124 S. 8 mit Verweis auf Bundesge-
richtsentscheid 6B_1048/2013 vom 23.06.2014, E. 4.3; BGE 135 III 670 E. 3.3.1;
BGE 132 III 83 E. 3.4). Damit können und müssen die Ausführungen im Bericht
vom 11. März 2013 (Urk. 28) zwar im Rahmen der freien richterlichen Beweiswür-
digung als Parteibehauptung berücksichtigt werden, eine darüberhinausgehende
Qualität erreicht der seitens der Verteidigung eingereichte Bericht allerdings nicht.
Damit erweist sich der prozessuale Antrag der Privatklägerin, wonach der Bericht
von Dr. med. C._ aus dem Recht zu weisen sei (Urk. 102 S. 2), als unbe-
gründet. Selbstverständlich ebenso als der freien richterlichen Beweiswürdigung
zugänglich zu gelten hat die auf den Bericht hin verfasste schriftliche Stellung-
nahme der Privatklägerin (vgl. Urk. 75 = 104/1). Es gibt keine Veranlassung, die-
se nicht zu berücksichtigen.
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3.2. Die Privatklägerin lässt ferner den Antrag stellen, die anlässlich der Haupt-
verhandlung durchgeführte Einvernahme von Dr. med. C._ als Auskunftsper-
son sei als nichtig zu betrachten. Es sei nicht einsichtig, weshalb Dr. med.
C._ nicht als Sachverständige oder als Zeugin befragt worden sei. Ferner
weist der Rechtsvertreter der Privatklägerin darauf hin, dass Dr. med. C._ zu
Beginn der Einvernahme nicht über ihre Rechte und Pflichten als Auskunftsper-
son hingewiesen worden sei (Urk. 102 S. 2, Urk. 142 S. 3). Die Staatsan-
waltschaft schliesst sich dieser Auffassung an und erachtet die Aussagen von
Dr. med. C._ als unverwertbar (Urk. 107). Die Verteidigung vertritt die Auf-
fassung, dass das Strafprozessrecht den Term Nichtigkeit im Zusammenhang mit
Einvernahmen so nicht kenne und stellt sich überdies auf den Standpunkt, dass
ein allfälliges Verwertungsverbot lediglich einseitig und zu Gunsten des Beschul-
digten bestehen würde. Entsprechend könnten entlastende Momente nicht ein-
fach unter Hinweis auf allfällige formelle Mängel aus den Akten gewiesen werden
(Urk. 111 S. 1).
3.3. Zunächst ist festzuhalten, dass Dr. med. C._ von der Vorinstanz zu
Recht nicht als Sachverständige einvernommen wurde. Sie wurde weder im Sinne
von Art. 184 Abs. 1 StPO als Sachverständige ernannt noch wäre eine amtliche
Bestellung zulässig gewesen. Einer solchen wäre von allem Anfang der Umstand
entgegengestanden, dass der Beschuldigte bei Dr. med. C._ in therapeuti-
scher Behandlung gewesen war (Urk. 28 S. 1). Da eine solche Vorbefassung zu-
mindest den Anschein der Befangenheit bewirkt, hätte dies die Unverwertbarkeit
des Gutachtens zur Folge gehabt (vgl. Art. 183 Abs. 3 StPO; Donatsch, StPO
Komm., 2. Auflage 2014, Art. 183 N 27).
3.4. Wer als Auskunftsperson einzuvernehmen ist, bestimmt Art. 178 StPO in
abschliessender Weise (Schmid, StPO Praxiskommentar, 2. Auflage 2014,
Art. 178 N 1). Dr. med. C._ fällt nicht unter eine dieser Kategorien. Entspre-
chend wurde sie in der falschen prozessualen Rolle einvernommen. Ausgehend
von der Prämisse, dass Dr. med. C._ tatsächlich der "Aufklärung dienende
Aussagen" hätte machen können, hätte sie als Zeugin einvernommen werden
müssen (vgl. Art. 162 StPO). So oder anders hätte die Einvernommene aber je-
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denfalls über die der prozessualen Stellung entsprechenden Rechte und Pflichten
sowie auf die möglichen Straffolgen eines falschen Zeugnisses bzw. einer fal-
schen Anschuldigung, einer Irreführung der Rechtspflege sowie einer Begüns-
tigung aufmerksam gemacht werden müssen (vgl. Art. 143 Abs. 1 und 2 StPO,
Art. 177 Abs. 1 und 3 StPO, Art. 181 StPO), was indessen – wie aus der diesbe-
züglichen Stellungnahme der Vorinstanz hervorgeht, in der Hitze des Gefechts
(vgl. Urk. 115 S. 2) – nicht stattgefunden hat.
3.5. In der Lehre wird die Auffassung vertreten, dass der Entscheid, gestützt
auf welchen eine Person als Auskunftsperson befragt wird, ungültig sei, falls die
Person angesichts der im Zeitpunkt der Einvernahme massgebenden Sach- und
Rechtslage zwingend als Zeuge hätte befragt werden müssen. Dies habe zumin-
dest dann zu gelten, wenn der Betreffende nach wie vor als Zeuge befragt werden
könnte. Damit erweisen sich die von der Auskunftsperson erlangten Aussagen als
unverwertbar im Sinne von Art. 141 Abs. 2 StPO, falls ihre Verwertung nicht zur
Aufklärung einer schweren Straftat unerlässlich erscheint (Donatsch, StPO
Komm., a.a.O., Art. 178 N 14). Die gleiche Rechtsfolge sieht Art. 177 Abs. 1 StPO
für den Fall vor, dass bei einer Zeugeneinvernahme die Belehrung betreffend die
Rechte und Pflichten sowie die Strafbarkeit des falschen Zeugnisses unterbleibt.
Unterbleibt die Belehrung einer – zu Recht – als Auskunftsperson einvernomme-
nen Person, ergibt sich die Rechtsfolge im Zusammenhang mit der Verwertbarkeit
dieser Aussagen nicht direkt aus dem Gesetz (vgl. Art. 181 Abs. 2 StPO). Jeden-
falls aber muss eine als Auskunftsperson nach Art.187 lit. b-g StPO gemachte
Aussage als unverwertbar gelten, wenn die betreffende Person nicht auf das ihr
zustehende Aussageverweigerungsrecht hingewiesen wurde (Donatsch, StPO
Komm., a.a.O., Art. 181 N 13). Umstritten ist, ob der fehlende Hinweis auf die
Straffolgen von Art. 303 - 305 StPO Gültigkeitserfordernis darstellt oder lediglich
die Beweiskraft der Aussage schwächt (Kerner, BSK StPO I, a.a.O., Art. 181 N 4;
Schmid, a.a.O., Art. 181 N 8). Dabei wird die Auffassung vertreten, dass es für die
drohende Folge der Unverwertbarkeit an schutzwürdigen Interessen fehle
(Kerner, BSK StPO I, 2. Auflage 2014, Art. 181 N 4). Dies mag zutreffen bei Aus-
kunftspersonen, die deshalb in dieser Stellung einvernommen werden, weil sie
etwa als Täter nicht ausgeschlossen werden können (Art. 178 lit. d) oder im glei-
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chen Sachzusammenhang in einem anderen Verfahren selber beschuldigt sind
(Art. 178 lit. f) – da hier der Hinweis auf Art. 303 – 305 StPO nicht den Zweck ha-
ben darf, den Wahrheitsgehalt ihrer Aussagen zu stützen. Wenn die Person – wie
vorliegend – allerdings richtigerweise als (Entlastungs-)Zeugin hätte einvernom-
men werden müssen, besteht eine andere Ausgangslage, weshalb wie vorste-
hend ausgeführt, von der Ungültigkeit und damit Unverwertbarkeit der gemachten
Aussagen auszugehen ist (vgl. auch Art. 180 Abs. 2 StPO).
3.6. Gemäss Art. 141 Abs. 5 StPO sind unverwertbare Einvernahmeprotokolle
grundsätzlich aus den Strafakten zu entfernen und bis zum rechtskräftigen Ab-
schluss des Verfahrens unter separatem Verschluss zu halten und hernach zu
vernichten, dies jedenfalls dann, wenn sie den Beschuldigten ausschliesslich be-
lasten. Ob Beweisverbote nach dem Recht der Schweizerischen Strafprozess-
ordnung Belastungs- oder auch Entlastungsverbote sind, ist strittig. Art. 141 StPO
unterscheidet nicht zwischen Verwertungsverboten zugunsten und zulasten des
Beschuldigten. Angesichts dessen, dass Beweismittel, die einem Verwertungs-
verbot unterliegen, eigentlich aus den Akten zu entfernen und zu siegeln sind,
stellt sich rein faktisch die Frage, wie es überhaupt möglich sein soll, unverwert-
bare (und deshalb gesiegelte und aus den Akten entfernte) Beweise zugunsten
der beschuldigten Person zu verwerten. Vor diesem Hintergrund spricht viel dafür,
dass derartige Beweismittel – wenn nicht eine gespaltene Verwertbarkeit aus-
drücklich vorgeschrieben ist, insgesamt unverwertbar sind, also auch solche zu-
gunsten der beschuldigten Person (Wohlers, StPO Komm., a.a.O., Art. 141 N 12).
Tendenziell sprechen sich das Schrifttum und die Rechtsprechung aber für ein
blosses Belastungsverbot aus (vgl. Entscheid des Berner Obergerichts vom
6.02.2014 [BK 2013 362], E. 4.5; Entscheid des Zürcher Obergerichts vom
24.04.2013 [UH1203678], E. 4.2; Entscheid des Berner Obergerichts vom
18.06.2012 [BK 2012 62], E. 4.2; Gless, BSK StPO I, a.a.O., Art. 141
N 111; Wohlers, StPO Komm., a.a.O., Art. 141 N 12). Dies insbesondere mit der
Begründung, dass es befremdlich erschiene, dem Beschuldigten Entlastungsbe-
weise zu entziehen, weil die Strafbehörden diesen rechtsfehlerhaft erlangt haben
(Gless, BSK StPO I, a.a.O., Art. 141 N 112, 116).
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3.7. Im Einklang mit dieser Auffassung ist das Einvernahmeprotokoll betreffend
die Aussagen von Dr. med. C._ nicht aus den Akten zu entfernen. Allerdings
dürfen die Aussagen nur zugunsten des Beschuldigten verwertet werden. Wollte
man anders verfahren, müsste man Dr. med. C._ erneut – nunmehr in der
korrekten prozessualen Stellung und unter Hinweis auf ihre Rechte und Pflichten
sowie auf die Strafbarkeit eines falschen Zeugnisses – einvernehmen, was die
Verteidigung im Sinne eines Eventualantrages denn auch verlangte (Urk. 122). In
der vorliegenden Konstellation erweist sich dies jedoch als nicht sachdienlich.
Dr. med. C._ wurde auf entsprechenden Beweisantrag der Verteidigung hin
einvernommen (Prot. I S. 15). Damit kommt ihr (zumindest faktisch) die Rolle ei-
ner Entlastungszeugin zu. Als Zeugin untersteht man einer Wahrheitspflicht, die
mit Strafe sanktioniert ist. Damit Zeugen aber ihre Pflicht wahrnehmen können,
müssen sie darüber informiert werden (Kerner, BSK StPO I, a.a.O., Art. 177 N 3),
was indessen nicht stattgefunden hat. Dr. med. C._ betonte allerdings an-
lässlich ihrer Einvernahme, dass sie mit ihrer Aussage eine subjektive Stellung-
nahme bezwecke, weil sie das laufende Strafverfahren betroffen mache (Prot. I
S. 3, 5, 7 f.). Auch ihren Bericht vom 11. März 2013 hatte sie mit den Worten ein-
geleitet, sie mache ihre Ausführungen auf den Wunsch des Verteidigers und des
Beschuldigten "in Verteidigung dessen Rechte vor der Staatsanwaltschaft und der
Gerichtsbarkeit des Kantons Zürich" (Urk. 28 S. 1). Bei ihrer Aussage handelte es
sich also um eine persönliche Einschätzung, die – schon mangels Überprüfbar-
keit – sicher auch nach Belehrung der ihr als Zeugin zustehenden Rechte und
Pflichten sowie nach Hinweis auf die Strafbarkeit des falschen Zeugnisses gleich
ausfiele, jedenfalls aber sicher nicht noch deutlicher zugunsten des Beschuldig-
ten, als die bestehende Einvernahme ausgefallen ist.
3.8. Unproblematisch erweist sich hingegen die Frage der Verwertbarkeit der
Aussagen des Beschuldigten anlässlich der polizeilichen Einvernahme. Der sei-
tens der Verteidigung erhobene Vorwurf, wonach es sich als äusserst problema-
tisch erweise, dass die Einvernahme ohne notwendigen Verteidiger durchgeführt
worden sei, erweist sich als unbegründet (Prot. I S. 26). Wie dem Protokoll der
polizeilichen Einvernahme entnommen werden kann, wurde der Beschuldigte zu
Beginn der Einvernahme auf sein Verteidigungsrecht hingewiesen. Ebenso kann
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dem Protokoll entnommen werden, dass der Beschuldigte das Recht, eine Vertei-
digung beizuziehen, einstweilen nicht in Anspruch nehmen wollte (Urk. 7/1 S. 1).
Am Folgetag wurde sodann durch die zuständige Staatsanwaltschaft die Be-
stellung eines amtlichen Verteidigers sichergestellt (Urk. 11/1). Dieses Vorgehen
erweist sich als praxisgemäss und gesetzeskonform (vgl. Schmid, Praxiskommen-
tar, a.a.O., N 3 zu Art. 131). Hingegen ist der Verteidigung weitgehend zu folgen,
wenn sie die Fragetechnik bei der ersten Einvernahme als suggestiv kritisiert
(Prot. I S. 27). Da sich der Beschuldigte aber anlässlich der staatsanwaltschaft-
lichen Einvernahme vom 9. Oktober 2012 – in Anwesenheit seiner Verteidigung –
nochmals eingehend zur polizeilichen Befragung äussern konnte (vgl. Urk. 7/5
S. 2 f.), steht einer Verwertbarkeit nichts entgegen, selbstverständlich unter Be-
rücksichtigung der anlässlich der staatsanwaltschaftlichen Einvernahme ge-
machten diesbezüglichen Einwendungen. Sollte die erwähnte Fragetechnik des
Polizeibeamten dennoch Einfluss auf das Aussageverhalten des Beschuldigten
gezeitigt haben, wäre dies im Rahmen der nachfolgenden Aussageanalyse zu be-
rücksichtigen.
4. Sachverhalt
4.1. Die Vorinstanz hat die Anklagevorwürfe korrekt zusammengefasst (Urk. 95
S. 6, 10,13 f., 16, 19, 21). Darauf kann vorab verwiesen werden (Art. 82 Abs. 4
StPO). Ebenso verwiesen werden kann auf die korrekten theoretischen Ausfüh-
rungen zur beweismässigen Ausgangslage (Urk. 95 S. 8-10). Mit der Vorinstanz
vorab korrigierend festzuhalten ist, dass der Anklagevorwurf, wonach der Be-
schuldigte seinen Finger in die Scheide der Geschädigten eingeführt habe
(vgl. Urk. 21 S. 2 Ziff. 5) weder von der Privatklägerin behauptet wird noch sonst
eine Stütze in den Akten findet (Urk. 95 S. 18). Insofern ist der Anklagesach-
verhalt zu korrigieren.
4.2. Die Vorinstanz erachtete den Anklagesachverhalt auch in den übrigen
Punkten als nicht erstellbar und sprach den Beschuldigten in Anwendung des
Grundsatzes "in dubio pro reo" frei. Zusammenfassend beurteilte die Vorinstanz
die Ausführungen der Privatklägerin in Teilen nachvollziehbar, aber auch in eini-
gen Punkten von einer Widersprüchlichkeit und Unsicherheit geprägt. Sie mo-
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nierte das Fehlen einer anschaulichen Wiedergabe der Erlebnisse und sah beim
Vergleich der Erst- und Zweitaussage der Privatklägerin in gewichtigen Punkten
gewisse Abweichungen in Bezug auf die Schilderung der Tathandlungen (Urk. 95
S. 30 f.). Die Vorinstanz betont, dass die Privatklägerin sich nur an wenige Details
genau habe erinnern können. Auch wenn dies als Begleiterscheinung des Zeit-
verlaufes betrachtet werden könne, dürfe dies dem Beschuldigten nicht zum
Nachteil gereichen, was auch die Verteidigung betont (Prot. II S. 18, 20, 23). In
diesem Zusammenhang weist die Vorinstanz und auch die Verteidigung – zu
Recht – darauf hin, dass trotz Zeitverlaufs dasselbe Beweismass gelte, wie wenn
sich der Vorfall erst einen Tag zuvor ereignet hätte (Urk. 95 S. 30). Nicht gefolgt
werden kann hingegen der vorinstanzlichen Prämisse, wonach Angaben umso
präziser sein müssten, je weiter die bestrittenen Vorfälle zurücklägen (Urk. 95
S. 31). Eine solche Beweisregel gibt es nicht – und eine solche Sichtweise ist un-
verständlich.
4.3. Vorliegend spezielle Ausgangslage ist, dass das Verfahren durch eine
Strafanzeige der Privatklägerin erst im Sommer 2012 (Urk. 1 S. 4) in Gang ge-
setzt worden ist, währenddem die – angeblichen – Übergriffe in den Jahren 1993
bis 1996, evtl. 1997 und einmalig im Jahre 2001/2002 stattgefunden haben sollen.
Aus den Akten geht ferner hervor, dass sich die Privatklägerin vor der ersten Ein-
vernahme am 18. Juni 2012 telefonisch bei der Kantonspolizei betreffend das
Vorgehen der Anzeigeerstattung informiert und dabei angegeben hatte, dass es
ca. zwischen ihrem 5. und 10. Altersjahr seitens ihres Vaters zu sexuellen Über-
griffen bis hin zum Oralverkehr gekommen sei. Ferner hatte sie gemäss der Ak-
tennotiz angegeben, dass sie bei ihrem Vater kinderpornografisches Material ge-
funden habe (Urk. 2). Die polizeiliche Einvernahme fand am 26. Juli 2012 statt
(Urk. 6/1). Die staatsanwaltschaftliche Einvernahme erfolgte knapp drei Monate
später, am 16. Oktober 2012 (Urk. 6/2). Dazu befragt, weshalb sie sich gerade im
Juli 2012 zu einer Anzeige entschieden habe, erklärte die Privatklägerin, dass die
Zeit dränge, da sie für das Folgejahr einen Studienaufenthalt in Japan plane. Sie
habe auch viel Zuspruch von ihren Freunden bekommen (Urk. 6/2 S. 5).
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4.4. Zu Recht wies die Vorinstanz darauf hin, dass sich Angaben über einen
Tatzeitraum von vier Jahren nach rund 20 Jahren nur schwer überprüfen liessen.
Ebenso zutreffend führte die Vorinstanz aus, dass auch in einer solchen Konstel-
lation an der richterlichen Überzeugung keine Abstriche gemacht werden dürften
und bei verbleibenden erheblichen Zweifeln ein Freispruch ergehen müsse
(Urk. 95 S. 31). Darauf kann vollumfänglich verwiesen werden (Art. 82 Abs. 4
StPO).
4.5. Die Anklageschrift wirft dem Beschuldigten vor, die behaupteten sexuellen
Übergriffe auf die Privatklägerin grossmehrheitlich in den Jahren 1993 bis 1996,
evtl. 1997 begangen zu haben. Für den Zeitraum danach werden dem Beschul-
digten bis auf die nachfolgende Ausnahme keine weiteren Übergriffe vorgeworfen.
Der letzte Vorfall, bei dem der Beschuldigte im Europapark Rust auf einer Bahn
unter das T-Shirt der Privatklägerin gegriffen und sie an deren ansatzweise wach-
senden Brüsten gestreichelt haben soll, sei im Jahr 2001/2002 erfolgt. Damit wer-
den dem Beschuldigten im Rahmen der Anklage (vgl. Urk. 21 S. 2 f., Ziff. 3-7)
– gestützt auf die Aussagen der Privatklägerin – insgesamt fünf konkrete Tat-
handlungen vorgeworfen, welche sie sowohl anlässlich der polizeilichen als auch
der staatsanwaltschaftlichen Einvernahme geschildert hatte (vgl. Urk. 6/1 und
6/2). Weitere Übergriffe sind nicht eingeklagt, obwohl die Privatklägerin anlässlich
ihrer Erstaussage ursprünglich von wöchentlichen Übergriffen gesprochen hat
(Urk. 6/1 S. 9) – dies deshalb nicht, weil die Privatklägerin keine konkreten Anga-
ben über weitere Übergriffe gemacht hatte bzw. machen konnte. Vielmehr ver-
neinte die Privatklägerin die anlässlich der zweiten Einvernahme gestellte Frage
nach konkreten Erinnerungen an weitere Vorkommnisse, allerdings unter dem
Vorbehalt, dass sie sich sicher sei, dass dazwischen noch mehr passiert sei
(Urk. 6/2 S. 10 f.). Die Übergriffe seien immer dann erfolgt, wenn sich Gelegen-
heiten geboten hätten. Dies sei – abgesehen vom Vorfall im Europapark – immer
dann der Fall gewesen, wenn ihre Mutter abwesend und sie – die Privatklägerin –
und der Beschuldigte alleine zu Hause gewesen seien. Die sexuellen Handlungen
hätten "quasi in jedem Raum unseres Hauses, in welchem sich ein Bett oder ein
Sofa befand" stattgefunden, also im Wohnzimmer, im Schlafzimmer der Privatklä-
gerin und ihrer Mutter, im Büro und Schlafzimmer des Beschuldigten. Dabei sei es
- 15 -
immer zu ähnlichen Handlungen zwischen ihr und dem Beschuldigten gekommen
(Urk. 6/1 S. 9 f., Urk. 6/2 S. 5). Ihre Erinnerungen beschränkten sich auf die sexu-
ellen Handlungen, das "Drum Herum" habe sie wie ausgeblendet (Urk. 6/1 S. 12).
Eine zeitlich chronologische Abfolge der Vorfälle könne sie nicht machen. Sie
wisse einfach, dass es mit den Filmen begonnen habe und mit dem Europapark
aufgehört habe (Urk. 6/2 S. 11). Die Frage, ob sie in den letzten Jahren eine Ver-
änderung an ihren Erinnerungen festgestellt habe, verneinte die Privatklägerin
und hielt fest: "Es waren eigentlich immer diese 5 Schlüsselerlebnisse. Es kamen
nie andere Sachen im Detail dazu oder sind auch nicht verschwunden. Es war
immer so, wie ich es auch heute ausgeführt habe" (Urk. 6/2 S. 15). An der Beru-
fungsverhandlung zur Häufigkeit der Übergriffe befragt, erklärte die Privatklägerin
wiederum: "Es waren sicher diese fünf und ich bin mir sicher, dass es mehr wa-
ren. Wie ich bereits erwähnte, weiss ich aber nicht mehr genau, ob es jede
Woche vorgekommen ist oder nur einmal im Monat. In Bezug auf die fünf Vorfälle
habe ich Details vor Augen. Bei den anderen weiss ich es einfach nicht mehr"
(Urk. 140 S. 21). Entsprechend trifft es zu, wenn die Vertretung der Privatklägerin
ausführt, dass "die Anklageschrift ein Destillat der Gesamtheit der Schilderungen
der Privatklägerin" darstelle (Urk. 142 S. 4).
4.6. Bezüglich der Zeitspanne der Übergriffe ist sich die Privatklägerin nicht
mehr ganz sicher. Nachdem sie bei der telefonischen Kontaktaufnahme noch an-
gegeben hatte, dass die Übergriffe wohl in ihrem fünften Altersjahr begonnen hät-
ten (Urk. 2), erklärte sie anlässlich der polizeilichen Einvernahme, dass diese
auch schon ab dem vierten Lebensjahr hätten stattfinden können (Urk. 6/1 S. 1).
Auch vor der Staatsanwaltschaft hielt sie fest, sich betreffend die zeitliche Ein-
grenzung nicht mehr ganz sicher zu sein. Es könne sein, dass sie bei den ersten
Übergriffen drei, vier oder auch fünf Jahre alt gewesen sei (Urk. 6/2 S. 5). Der
Beginn der Handlungen messe sie zeitlich an ihrem Erinnerungsvermögen. Die-
ses sei bezüglich der Zeit vor ihrer Einschulung "nicht sehr deutlich, mehr frag-
mentartig". Die sexuellen Handlungen passten von ihrem Erinnerungsvermögen
gut in diese Zeit. An ihre Schulzeit habe sie von Beginn weg eine sehr gute, zu-
sammenhängende Erinnerung, alles was vorher gewesen sei, sei viel undeut-
licher. Sie könne sich auf jeden Fall erinnern, dass ihre Mutter viel abwesend ge-
- 16 -
wesen sei, als die sexuellen Übergriffe stattgefunden hätten. Sie habe zunächst
Sprachkurse besucht und dann für ein Unternehmen gearbeitet, das Aufzüge her-
gestellt hat. Schliesslich habe sie in der Küche in der "D._" in ... gearbeitet.
Daneben habe sie auch viele soziale Kontakte gepflegt (Urk. 6/1 S. 14). Auch an-
lässlich der staatsanwaltschaftlichen Einvernahme stellte sich die Privatklägerin
auf den Standpunkt, dass die Mutter während den Übergriffen wohl jeweils ent-
weder einen Sprachkurs besucht habe, bei der Arbeit gewesen sei oder Freunde
besucht habe (Urk. 6/2 S. 11).
4.7. Wie gesehen stützt sich die Anklage letztlich ausschliesslich auf die Aus-
sagen der Privatklägerin. Insbesondere stützen auch die befragten Zeuginnen
E._ (Urk. 8/1) und F._ (Urk. 8/2) ihre Aussagen auf Gespräche mit der
Privatklägerin. Den Aussagen der Privatklägerin kommt deshalb eine sehr grosse
Bedeutung zu. Sie sind im Folgenden einer genauen Prüfung zu unterziehen.
4.8. Bei der Abklärung des Wahrheitsgehaltes von Zeugenaussagen bzw. sol-
chen von Auskunftspersonen hat sich die so genannte Aussageanalyse weitge-
hend durchgesetzt. Nach dem empirischen Ausgangspunkt der Aussageanalyse
erfordern wahre und falsche Schilderungen unterschiedliche geistige Leistungen.
Überprüft wird dabei in erster Linie die Hypothese, ob die aussagende Person un-
ter Berücksichtigung der Umstände, der intellektuellen Leistungsfähigkeit und der
Motivlage eine solche Aussage auch ohne realen Erlebnishintergrund machen
könnte. Methodisch wird die Prüfung in der Weise vorgenommen, dass das im
Rahmen eines hypothesengeleiteten Vorgehens durch Inhaltsanalyse (aussage-
immanente Qualitätsmerkmale, sogenannte Realkennzeichen) und Bewertung der
Entstehungsgeschichte der Aussage sowie des Aussageverhaltens insgesamt
gewonnene Ergebnis auf Fehlerquellen überprüft und die persönliche Kompetenz
der aussagenden Person analysiert werden. Bei der Glaubhaftigkeitsbegutach-
tung ist immer davon auszugehen, dass die Aussage auch nicht realitätsbegrün-
det sein kann. Ergibt die Prüfung, dass diese Unwahrhypothese (Nullhypothese)
mit den erhobenen Fakten nicht mehr in Übereinstimmung stehen kann, so wird
sie verworfen. Es gilt dann die Alternativhypothese, dass die Aussage wahr sei.
Erforderlich ist dafür besonders auch die Analyse der Entstehungs- und Ent-
- 17 -
wicklungsgeschichte der Aussage. Auf Grund gedächtnispsychologischer Voraus-
setzungen kommt der Erstaussage eine entscheidende Bedeutung zu. Die akribi-
sche Rekonstruktion der Entstehungsgeschichte einer Aussage, besonders der
Umstände der Erstbekundung, der so genannten Geburtsstunde der Aussage, ist
unabdingbarer Bestandteil der Motivanalyse (BGE 129 I 49 E. 5, 6).
4.9. Die Privatklägerin war im Zeitpunkt der ersten polizeilichen Einvernahme
22 Jahre alt. Seit den ersten – angeblichen – Übergriffen bis zur Anzeige-
erstattung sind demnach mehr als 15, und seit dem letzten mindestens 10 Jahre
verstrichen. Eine Erstaussage im Sinne einer "frischen" Wiedergabe eines Ereig-
nisses kurz nach dessen Vorfall besteht daher nicht. Selbstverständlich wirkt sich
dieser Zeitverlauf auf das Aussageverhalten der Privatklägerin aus, worauf auch
die Verteidigung zu Recht hinweist (Urk. 83 S. 4, Urk. 143 S. 3 f.). Auf entspre-
chende Frage gab die Privatklägerin zu Protokoll, nie mit Familienmitgliedern über
die behaupteten Übergriffe gesprochen zu haben (Urk. 6/1 S. 13). Zu berücksich-
tigen ist, dass die Mutter der Privatklägerin und Ehefrau des Beschuldigten bereits
im frühen Teenageralter der Privatklägerin an einer paranoiden Schizophrenie er-
krankt war, weshalb ihr mit ärztlichem Bericht vom 22. August 2012 vollständige
Einvernahmeunfähigkeit attestiert wurde. Der ärztliche Bericht stammt von
Dr. med. C._, welche die Ehefrau des Beschuldigten gemäss eigenen Anga-
ben zwischen April 2005 bis Herbst 2010 therapeutisch behandelte (Urk. 9/2).
Entsprechend existieren keine Einvernahmen der Mutter der Privatklägerin, wes-
halb die seitens der Privatklägerin aufgestellte Vermutung, wonach sie annehme,
dass ihre Mutter von den Übergriffen gewusst habe (Urk. 6/1 S. 4), nicht überprüft
werden konnte bzw. kann.
4.10. Die Privatklägerin gibt an, "einer Hand voll" ausgewählten, ihr nahestehen-
den Personen davon erzählt zu haben. Mit siebzehn Jahren habe sie ihre Tanz-
lehrerin – eine Jus-Studentin (Urk. 6/2 S. 4) – gefragt, ob sie ihr eine Institution
nennen könne, welche ihr – der Privatklägerin – bei der Verarbeitung ihrer Erleb-
nisse helfen könne, woraufhin ihr diese die "G._" empfohlen habe. Sie habe
sich dann dort aber nicht sofort gemeldet. Sie habe auch ihre Mutter vor ein-
schneidenden Konsequenzen schützen wollen (Urk. 6/1 S. 13). Auch an der Be-
- 18 -
rufungsverhandlung führte die Privatklägerin aus, dass bereits der Gang zur
"G._" extreme Überwindung gebraucht habe. Damals sei sie aber noch nicht
bereit gewesen, eine Anzeige zu machen (Urk. 140 S. 23). Es seien zu viele Fak-
toren und zu viele Ängste vorhanden gewesen. Sie sei damals noch nicht bereit
gewesen, die möglichen Probleme, die mit einer Anzeige verbunden gewesen wä-
ren, auf sich zu nehmen. Zur "G._" sei sie im Jahr 2012 gegangen (Urk. 6/2
S. 3). Bewusst habe sie irgendwann im Teenageralter, ca. mit fünfzehn Jahren,
das erste Mal mit einer engen Freundin über die Übergriffe gesprochen. Sie – die
Privatklägerin – habe damals erwähnt, von ihrem Vater sexuell genötigt worden
zu sein, ohne jedoch Details zu nennen (Urk. 6/2 S. 3 f.). Bis ungefähr zum
18. Altersjahr habe sie es dann allen engen Freundinnen erzählt, die sie als rele-
vant empfunden habe. Auf entsprechende Frage des Staatsanwaltes, ob die Pri-
vatklägerin einen oder mehrere Namen von Personen nennen könne, welchen sie
von den Übergriffen erzählt habe, nannte die Privatklägerin E._ und F._
(Urk. 6/2 S. 15 f.).
4.10.1 E._ wurde von der Staatsanwaltschaft am 8. November 2012 als
Zeugin einvernommen. Zu ihrer Beziehung zur Privatklägerin befragt, gab sie an,
dass diese seit Gymnasiumzeiten ihre beste Freundin sei. Die Privatklägerin habe
ihr ca. ein halbes Jahr vor der Einvernahme oder auch etwas länger, sicher aber
im Jahr 2012 erzählt, dass sie als Kind von ihrem Vater angefasst worden sei,
dass dieser mit ihr Pornos angeschaut und sich dabei selber befriedigt habe. Sie
habe ihr von einer Szene erzählt, wo sie – die Privatklägerin – und ihr Vater auf
ihrem Bett gesessen seien. Dabei gab die Zeugin an, nicht mehr zu wissen, ob
die Privatklägerin nun angegeben habe, dass sich der Vater selbst befriedigt habe
oder sie – die Privatklägerin – ihn befriedigt habe, jedenfalls habe sie angegeben,
dass sie danach den Samen habe wegputzen müssen. Sie habe dann nicht mehr
viel Details erzählt, es sei nachher auch sehr emotional geworden, als sie davon
berichtet habe. Ferner gab die Zeugin zu Protokoll, dass die Privatklägerin bereits
im 1. Schuljahr des Gymnasiums, ca. 2006, allerdings unbewusst, etwas erwähnt
habe. Die Privatklägerin habe damals einen Autounfall erlitten und sei unter
Schmerzen gestanden. Da habe sie gesagt: "Nachdem er ihr früher das angetan
- 19 -
habe, müsse er sich jetzt auch nicht so um sie kümmern." Danach habe sich die
Privatklägerin aber nicht mehr an das Gespräch erinnern können (Urk. 8/1 S. 2 f.).
4.10.2 Gleichentags wie E._ wurde auch F._, ebenfalls eine gute
Freundin von der Privatklägerin, als Zeugin befragt. Sie gab zu Protokoll, dass die
Privatklägerin erstmals im Jahr 2005/2006 erzählt habe, von ihrem Vater sexuell
missbraucht worden zu sein. Sie habe zuerst nicht richtig darüber sprechen wol-
len, habe ihr dann aber erzählt, wie das vor sich gegangen sei und wie sie das
empfunden habe. Sie – die Privatklägerin – habe ihr erzählt, dass sie noch relativ
klein gewesen sei und erst später begriffen habe, was vor sich gegangen sei.
Ferner habe sie erzählt, dass sie jeweils ihren Vater habe anfassen müssen und
umgekehrt. Die Zeugin gibt an, dass sie dann nicht näher nachgefragt habe, da
sie, was dieses Thema betreffe, "vorsichtig" sei und sie auch gemerkt habe, dass
es der Privatklägerin bei dem Thema nicht gut gegangen sei. Es sei dann immer
wieder ein Thema gewesen, bis das Ganze – also das Strafverfahren – ins Rollen
gekommen sei. Als sie im Jahr 2009 im Europapark gewesen seien, habe die Pri-
vatklägerin erwähnt, dass es auch dort zu Handlungen gekommen sei, also dass
er sie dort angefasst habe (Urk. 8/2 S. 2 f.).
4.10.3 Die Vorinstanz sah in der Aussage von E._ eine andere Version der
Tathandlung, gab doch die Zeugin an, dass die Privatklägerin ihr erzählt habe,
dass sich der Beschuldigte während dem gemeinsamen Pornoschauen selbst be-
friedigt habe, wohingegen die Privatklägerin in ihren Einvernahmen nie von
Selbstbefriedigung gesprochen habe (Urk. 95 S. 12 f.). Was die Vorinstanz im
Rahmen ihrer Aussageanalyse aus diesem Umstand ableitet, ist nicht klar ersicht-
lich. Es trifft zu, dass eine diesbezügliche Divergenz in den Aussagen der Zeugin
E._ und der der Privatklägerin besteht. Unklar ist allerdings, wie diese ent-
standen ist. Denkbar wäre, dass die Privatklägerin ihr tatsächlich erzählte, dass
sich der Vater während des Pornoschauens selbst befriedigt habe. Dies würde für
eine Inkongruenz in den Aussagen der Privatklägerin sprechen. Es ist aber auch
denkbar, dass die Zeugin die Erzählungen der Privatklägerin in abgeänderter
Form wiedergegeben hat. Es fällt auf, dass die Zeugin wenig Details zu den be-
haupteten Übergriffen ausführte. Dies ist aber durchaus nachvollziehbar. Im Kern
- 20 -
ging es bei der Zeugenaussage von E._ darum, mitzuteilen, was ihre "beste
Freundin" ihr erzählt hatte. Es ist naheliegend, dass es für E._ in erster Linie
entscheidend gewesen sein musste, vom Umstand zu erfahren, dass ihre Freun-
din gemäss deren Angaben im Kindsalter von ihrem Vater sexuell missbraucht
worden war. Dass bei diesem Gespräch unter Freundinnen nicht die einzelnen
sexuellen Handlungen gleichsam polizeilich-ermittelnd im Vordergrund standen,
ist absolut lebensnah. Unwahrscheinlich hingegen ist bei dieser Ausgangslage,
dass die Zeugin einen mit der Privatklägerin vorgängig abgesprochenen Sachver-
halt wiedergegeben hätte, wären doch in einem solchen Fall identische Aussagen
zu erwarten. Aufgrund der durchaus glaubhaften Zeugenaussage von E._ ist
vielmehr davon auszugehen, dass die Privatklägerin ihr tatsächlich ungefähr ein
halbes Jahr vor der Einvernahme von den behaupteten Übergriffen erzählt hatte.
4.10.4 Soweit ersichtlich als erstes über die behaupteten Übergriffe unterhalten
hat sich die Beschuldigte mit F._, gab diese doch anlässlich der Zeugenein-
vernahme an, von der Privatklägerin ungefähr im Jahr 2005/2006 von den – an-
geblichen – sexuellen Übergriffen erfahren zu haben. Allerdings ist aus den Aus-
sagen von F._ zu schliessen, dass die Privatklägerin auch ihr gegenüber
nichts Konkreteres ausgeführt hat. Es wären keine Gründe ersichtlich, dass
F._ nicht die Wahrheit aussagen sollte, es sei denn, man wollte ihr – als
Freundin der Privatklägerin – eine mit derselben abgesprochene Falschaussage
unterstellen. Wollte man den Wahrheitsgehalt der Aussagen von F._ aus an-
deren Gründen in Zweifel ziehen, müsste von der Prämisse ausgegangen wer-
den, dass die Privatklägerin ihr im Jahr 2005/2006 zwar tatsächlich von den se-
xuellen Übergriffen erzählt hatte, diese Schilderungen aber nicht mit den tatsäch-
lichen Gegebenheiten übereinstimmten. Es ist allerdings kaum denkbar, dass die
Privatklägerin bereits im Jahr 2005/2006 – im Hinblick auf eine erst Jahre später
zu erfolgende Strafanzeige – gegenüber einer Freundin bewusst Unwahrheiten
verbreitete und eine solche Lüge dann auch noch über Jahre hinweg aufrecht-
erhalten konnte, um dann später ihren Vater falsch zu belasten. Vor diesem Hin-
tergrund ist vielmehr davon auszugehen, dass die Privatklägerin ihrer Freundin
F._ bereits im Jahr 2005/2006 von – zumindest nach ihrem subjektiven Emp-
- 21 -
finden tatsächlich erlebten – sexuellen Übergriffen seitens ihres Vaters erzählt
hatte.
4.11. Für eine bewusste Falschaussage seitens der Privatklägerin bestehen
denn auch sonst keine Hinweise. In diesem Zusammenhang aufzugreifen ist der
vorinstanzliche Schluss, wonach das "Verhalten der Geschädigten im Verfahren
gewisse Fragen" aufwerfe (vgl. Urk. 95 S. 31). Soweit sie damit implizit die
Glaubhaftigkeit oder gar Glaubwürdigkeit der Privatklägerin in Frage stellen woll-
te, ist dies nicht statthaft. Die Möglichkeit, zivilrechtliche Ansprüche zu stellen,
steht Privatklägern von Gesetzes wegen zu und zwar bis zum Abschluss des Vor-
verfahrens (Art. 118 Abs. 3 StPO, Art. 119 Abs. 2 lit. b StPO und Art. 122 Abs. 1
StPO). Die Bezifferung und Begründung derselben sind gar bis zum Parteivortrag
möglich (Art. 123 Abs. 2 StPO). Damit kann alleine aufgrund des Umstandes, wo-
nach die Privatklägerin zwar ursprünglich und auch noch anlässlich der staats-
anwaltschaftlichen Einvernahme die Geltendmachung von finanziellen Ansprü-
chen verneint hatte (Urk. 6/2 S. 5) und hernach – durch ihre Rechtsvertretung am
Folgetag – dennoch eine Genugtuung sowie eine Umtriebsentschädigung geltend
machen liess (vgl. Urk. 12/5), nichts zuungunsten der Privatklägerin abgeleitet
werden.
4.12. Falsch wäre jedenfalls, alleine aufgrund der geltend gemachten Zivil-
ansprüche auf ein finanzielles Motiv betreffend die Anklage zu schliessen, auch
wenn der Beschuldigte in den Einvernahmen Geld (welches er nicht habe, oder
von welchem sie glaubte, er hätte solches, vgl. Urk. 7/4 S. 8) immer wieder als
mögliches Motiv nannte (Urk. 7/1 S. 6, Urk. 7/4 S. 8). Anlässlich der Hauptver-
handlung erklärte er, dass er sich beim besten Willen nicht erklären könne, was
der Auslöser der Anzeige hätte gewesen sein können. Es sei alles nur Spekula-
tion (Urk. 76 S. 24). Denkbar sei, dass es mit ihrem Japan-Aufenthalt hätte zu-
sammenhängen können. Gemäss den Schilderungen des Beschuldigten habe die
Privatklägerin als Beste ihres Studienganges ein Jahr nach Japan gehen können.
Der Aufenthalt habe Fr. 30'000.– gekostet, was die Privatklägerin ihm anfangs
2012 mitgeteilt habe. Er habe ihr dann geschrieben, dass sie sich an seinen Vater
bzw. ihren Grossvater wenden sollte. Dieser habe ihr dann Fr. 15'000.– in Aus-
- 22 -
sicht gestellt, welche in 12 monatlichen Raten auf ihr Konto hätten überwiesen
werden sollen (Urk. 76 S. 10, 26). Bereits anlässlich der staatsanwaltschaftlichen
Einvernahme vom 9. Oktober 2012 thematisierte der Beschuldigte den Austausch
mit der Privatklägerin betreffend die Finanzierung des Japan-Aufenthaltes. Dabei
führte er aus, dass die Privatklägerin ihm entgegnet habe, nichts zu brauchen
(Urk. 7/4 S: 2). Wie der Beschuldigte selbst ausführte, könne er zwar von seiner
AHV, den Ergänzungsleistungen und der IV seiner Ehefrau leben, aber nicht
grosszügig (Urk. 7/1 S. 7). Dabei hielt er fest, dass er die Fr. 400.–, welche er der
Privatklägerin bis anhin gegeben habe, nicht mehr habe bezahlen können. Dies
aufgrund der Rückzahlungsverpflichtung gegenüber der AHV im Umfang von
Fr. 19'000.– aufgrund zu viel bezogener Ergänzungsleistungen wegen des (nicht
deklarierten) Verdienstes der Privatklägerin (Urk. 7/1 S. 7, Urk. 76 S. 8 f.). Einen
finanziellen Disput habe es nicht wirklich gegeben (Urk. 76 S. 9). Gleichzeitig
mutmasste er aber, dass die Privatklägerin möglicherweise verärgert gewesen
sei, da ihr die Monatspauschale von Fr. 400.– gestrichen worden sei (Urk. 76
S. 9).
4.13. Die seitens des Beschuldigten geschilderte Ausgangslage spricht eher ge-
gen ein finanzielles Motiv der Privatklägerin. Es gibt auch keine konkreten Hin-
weise auf eine tiefgreifende finanzielle Auseinandersetzung zwischen dem Be-
schuldigten und der Privatklägerin. Die Privatklägerin räumte anlässlich der Beru-
fungsverhandlung zwar ein, wütend gewesen zu sein, dies aber nur, weil der Be-
schuldigte vorgeschlagen habe, dass sie ihren Grossvater nach einem Darlehen
hätte fragen und es dann ihm – dem Beschuldigten – hätte zurückbezahlen sol-
len. Dies habe sie aber auf keinen Fall gewollt (Urk. 140 S. 28). Offensichtlich hat
die Privatklägerin für ihren Japan-Aufenthalt im Jahr 2013 ohne weiteres finanziel-
le Unterstützung von ihrem Grossvater erhalten. Wie die Privatklägerin ausführte,
hatte sie vorgängig auch selbst Geld verdient und gespart (Urk. 6/1 S. 7, Urk. 140
S. 27 f.), was auch der Beschuldigte nicht in Abrede stellt (vgl. Urk. 76 S. 9). Hin-
zu kommt, dass die Privatklägerin über die Rückzahlungsverpflichtung gegenüber
der AHV und die Einkommensverhältnisse des Beschuldigten Bescheid gewusst
hatte, weshalb ihr durchaus bewusst sein musste, dass der Beschuldigte nur über
eine sehr beschränkte Leistungsfähigkeit verfügte (Urk. 6/1 S. 6 f., Urk. 140
- 23 -
S. 27). Darauf verwies der Beschuldigte denn auch anlässlich der Berufungs-
verhandlung. Ferner führte er aus, dass es "ein ziemlich blöder Grund" gewesen
wäre und er eigentlich nicht daran glaube, dass die Privatklägerin die Anzeige
wegen der Streichung der Fr. 400.– gemacht habe. Das Verrückte sei, dass es
vielleicht gar keinen plausiblen Grund für die nach seiner Auffassung fälsch-
licherweise erfolgte Belastung gebe (Urk. 139 S. 4 f.). Damit scheint selbst der
Beschuldigte zumindest nicht ernsthaft an ein finanzielles Motiv zu glauben.
4.14. Gegen die Annahme eines finanziellen Motivs sprechen auch die nachvoll-
ziehbaren und glaubhaften Schilderungen der Privatklägerin, wie sie sich letztlich
zu einer Anzeige habe entschliessen können. Es liegt auf der Hand, dass sich die
Privatklägerin aufgrund der erheblichen Vorwürfe, welche sie gegenüber ihrem
Vater machte, vor möglichen Konsequenzen gefürchtet haben muss. Es ist daher
absolut nachvollziehbar, wenn die Privatklägerin festhält, sich mit ca. 17 Jahren
zwar über eine mögliche Beratungsstelle informiert, diese jedoch nicht sogleich
kontaktiert zu haben (Urk. 6/1 S. 13, Urk. 140 S. 23). Dies passt auch zu der Aus-
sage, wonach sie mit 16 oder 17 Jahren ca. ein Jahr mit ihrem damaligen Freund
zusammengelebt und sich in dieser Zeit von ihrem Vater abgewandt habe
(Urk. 6/1 S. 7, Urk. 140 S. 32). Ebenso glaubhaft sind die Ausführungen der Pri-
vatklägerin, wonach sie auch ihre Mutter vor einschneidenden Konsequenzen ha-
be schützen wollen (Urk. 6/1 S. 13). Anlässlich der Berufungsverhandlung schil-
derte die Privatklägerin eindrücklich, wie sie sich Sorgen darüber gemacht habe,
was mit ihrer Mutter passieren würde, wenn ihr Vater für längere Zeit nicht ver-
fügbar wäre. Sie habe nicht das Risiko eingehen wollen, ihre Mutter durch ihre
Anzeige zu gefährden, habe aber gleichzeitig gewusst, nicht in der Lage zu sein,
ihre Mutter mitzutragen. Da sie sich entschlossen habe, die Sache mit der Anzei-
ge alleine durchzuziehen, sei es ihr vorab auch nicht möglich gewesen, etwaige
Vorkehrungen im Zusammenhang mit der Betreuung ihrer Mutter zu treffen
(Urk. 140 S. 24). Der Schutzgedanke gegenüber der Mutter ist einfühlbar, vor al-
lem auch vor dem Hintergrund deren psychischer Erkrankung, wurde bei dieser
doch – gemäss Angaben der Privatklägerin – offiziell im Jahr 2004 eine paranoide
Schizophrenie diagnostiziert (Urk. 6/1 S. 3). Auch der Beschuldigte fügte Beden-
ken an, die Mutter der Privatklägerin aufgrund ihrer Krankheit länger als drei Tage
- 24 -
alleine zu lassen (Urk. 139 S. 22). Der Beschuldigte führte aus, dass sich die
Krankheit bereits im Jahr 2000 bis 2002 schleichend bemerkbar gemacht habe.
Im Jahr 2003 sei die Mutter der Privatklägerin sodann ungefähr sechs Wochen in
der Klinik Rheinau therapiert worden (Urk. 7/1 S. 2, Urk. 7/4 S. 5). Unter den ge-
gebenen Umständen ist auch plausibel, weshalb die Privatklägerin die – behaup-
teten – Vorfälle nicht ihrer Mutter erzählt hatte, betonte doch der Beschuldigte,
dass man mit der Mutter der Privatklägerin aufgrund ihrer Krankheit "nicht wie mit
normalen Leuten kommunizieren" könne (Urk. 76 S. 24).
Kommt hinzu, dass die Privatklägerin durchwegs ihren Vater als Verbündeten in
der Kindheit bezeichnete und das Verhältnis gegenüber ihrer Mutter als ambi-
valent schilderte. Ihre Mutter sei sehr streng und resolut gewesen, ihr Vater eher
grosszügig (Urk. 6/1 S. 7). Die Mutter habe eine grosse Gewaltbereitschaft an den
Tag gelegt und habe sie oft recht "zusammengestaucht" (Urk. 6/1 S. 5). Gegen-
über ihrem Halbbruder sei sie ab und zu, ihr selbst gegenüber aber eher selten
handgreiflich geworden. Die Erziehung sei sehr strikt gewesen und die Mutter ha-
be mit dem "eisernen Besen aufgeräumt". Wenn sie etwas verlangte, habe sie
gnadenlos sein können. Es sei eigentlich zwecklos gewesen, sich zu weigern
(Urk. 6/1 S. 3 f.). Anlässlich der Berufungsverhandlung bezeichnete die Privat-
klägerin ihre Mutter gar als "typische asiatische Drachenmutter" (Urk. 140 S. 6).
Ihr Vater hingegen sei sehr grosszügig darin gewesen, ihr persönliche Freiheiten
zu gewähren, sie habe auch gewusst, wie sie ihn danach habe fragen müssen
(Urk. 6/1 S. 6). Er sei für sie immer der Gute gewesen (Urk. 140 S. 5). Es erstaunt
deshalb nicht, dass die Privatklägerin die – behaupteten – Übergriffe im Kindes-
alter niemandem erzählt hatte.
Eindrücklich schildert die Privatklägerin, wie sie sich im Teenageralter aus ihrer
inneren Zerrissenheit habe lösen können: So führte sie aus, dass sie als Kind ein
gutes Verhältnis zu ihrem Vater gehabt habe und er quasi ihr Verbündeter ge-
wesen sei. Erst als Teenager habe sie erstmals rebelliert. Dabei führte sie aus:
"Mit ca. sechzehn realisierte ich, dass ich eigentlich nicht "Familie" und "heile
Welt" spielen musste, da ich zu diesem Zeitpunkt ja klar realisiert hatte, dass mein
Vater sich mir gegenüber falsch ("nicht richtig") verhalten hatte. Damals begann
- 25 -
ich mich aktiv von ihm abzuwenden, ich wollte ihm nichts mehr (keine Zuneigung)
mehr vorspielen. Heute kann ich kaum noch einen normalen Ton mit ihm spre-
chen. Ich erhebe oft schon von Anfang an meine Stimme, wenn ich mit ihm Kon-
takt habe, "fahre" ihn an. Ich halte den Umgang mit ihm heute eigentlich fast nicht
mehr aus. Es ist wie ein "Grundekel", der sich meldet, wenn ich mit ihm Kontakt
habe. Er kommt mir jeweils zu nahe, gestikuliert, ist oft nur spärlich bekleidet, was
mich jeweils alles ekelt" (Urk. 6/1 S. 5).
Ebenso schildert die Privatklägerin absolut nachvollziehbar, was sie schliesslich
zum Entscheid bewogen habe, den Schritt hin zur Anzeige zu wagen:
Zunächst leuchtet ein, wenn die Privatklägerin zur Frage des gewählten Zeitpunk-
tes der Anzeige festhält, dass die Zeit wegen ihres Japanaufenthaltes gedrängt
habe (Urk. 6/2 S. 5). Den Gedanken, dass sie eine Anzeige machen würde, habe
sie bereits zwei Jahre zuvor gefasst. Als sie dann den positiven Bescheid be-
treffend ihren Studienaufenthalt erhalten habe, sei es für sie klar gewesen, dass
sie es nun machen wolle (Urk. 140 S. 32). Sie habe sich vielleicht auch erhofft,
dass sie die Anzeige machen könne, die Einvernahmen durchspiele und sich das
Ganze dann in ihrer Abwesenheit abspiele. So einfach sei es dann aber nicht ge-
wesen. Sie habe gehofft, mit der Anzeige einen Stein ins Rollen zu bringen und
sich das Ganze dann erledige. Sie habe vor ihrem Japanaufenthalt abschliessen
und hernach einen Neuanfang starten wollen (Urk. 140 S. 23).
Ferner führte die Privatklägerin aus: "Heute bin ich überzeugt, dass es das Wich-
tigste für mich ist, meinen Vater bezüglich seiner Handlungen zur Verantwortung
zu ziehen. Er verhielt sich meiner Ansicht nach sehr egoistisch, arrogant und
scheint tatsächlich fest davon überzeugt zu sein, dass er ein guter Mensch ist und
nie einen Fehler begangen hat. Ich möchte nicht, dass er damit davon kommt, ich
möchte, dass er zur Rechenschaft gezogen wird für seine Verhaltensweise mir
gegenüber" (Urk. 6/1 S. 13). In diesem Sinne ist wohl auch die Aussage der Pri-
vatklägerin zu verstehen, als sie befragt wurde, ob sie durch die sexuellen Über-
griffe nach ihrem Empfinden in ihrer Entwicklung und Sexualität beeinträchtigt
worden sei, was sie verneinte und gleichzeitig ausführte, dass sie die sexuellen
Erlebnisse mit ihrem Vater eher auf der Ebene ihres "Gerechtigkeitsempfinden"
- 26 -
beschäftigten, da dieser sie sozusagen egoistisch für seine Zwecke benutzt habe.
Sie habe einfach nicht gewollt, dass ihr Vater mit seiner egoistischen, arroganten,
eigennützigen Haltung davon kommen könne. Weiter führte sie aus: "Es gibt Ge-
setze und ich habe Rechte, welche mir zustehen und auch für meinen Vater gel-
ten. Ich bin jemand, der Konflikten nicht aus dem Weg geht und diesen Konflikt
möchte ich nun austragen" (Urk. 6/1 S. 15 f.). An der Berufungsverhandlung er-
klärte die Privatklägerin, die Hoffnung gehegt zu haben, dass sich ihr Vater ein-
sichtig zeigen würde (Urk. 140 S. 29), dass er dazu stehen und sich entschul-
digen würde (Urk. 140 S. 34).
4.15. Vor dem Hintergrund, dass ein Vater eine Garantenstellung gegenüber
seinem Kind hat und nach allgemeiner Anschauung nach Möglichkeit alles zu un-
terlassen hat, was die körperliche und insbesondere auch die psychische Inte-
grität seiner Nachkommen beeinträchtigen könnte, erscheinen die seitens der Pri-
vatklägerin geschilderten Gefühle als absolut lebensnah und einfühlbar. Aus dem
Zusammenhang geht eindeutig hervor, dass sich die Privatklägerin nicht aus ei-
nem abstrakten Rechts- oder Gerechtigkeitsgedanken heraus zu einer Anzeige
entschlossen hat. Vielmehr ist aus ihren Aussagen zu schliessen, dass sie sich in
ihrer Erlebniswelt allmählich dazu durchzuringen vermochte, trotz der vorhande-
nen positiven Gefühlen gegenüber ihrem Vater für sich und ihre Rechte einzu-
stehen, und zwar unter Zuhilfenahme einer Beratungsstelle und dem Zuspruch
und der Unterstützung von Freunden. Dieses Dilemma kommt in den Aussagen
der Privatklägerin eindrücklich zum Ausdruck. Die von der Vorinstanz zitierte und
als Parteibehauptung des Beschuldigten zu wertende Haltung von Dr. med.
C._, wonach der Gerechtigkeitsgedanke als Grund für die Erstattung einer
Anzeige aus allgemein-psychologischer Sicht nicht nachvollziehbar erscheine
(Urk. 95 S. 28 mit Verweis auf Urk. 77 S. 9, vgl. auch Urk. 143 S. 13), vermag vor
diesem Hintergrund nicht zu überzeugen.
4.16. Im Übrigen ist es ein bei Sexualdelikten häufig zu beobachtendes Phäno-
men, dass ein Opfer etwa aus Scham, Angst, Gefühl von Mitschuld etc. lange mit
einer Anzeige zuwartet. Mit dem Vertreter der Privatklägerin ist ferner auch auf
die möglichen Auswirkungen einer Anzeige in Bezug auf die Beziehung zu den
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übrigen Familienangehörigen sowie auf die damit einhergehende Verantwortung
hinzuweisen (Prot. II S. 16). Bei kindlichen Opfern kommt hinzu, dass sie sich
über den Unrechtsgehalt des ihnen Zugefügten oft erst mit der Zeit richtig be-
wusst werden und auch die Kraft für eine Anzeige aufbringen müssen, dies ganz
besonders bei Übergriffen im sozialen Nahbereich.
Auch die Privatklägerin betont in ihren Aussagen, die Tragweite der behaupteten
Verhaltensweisen des Beschuldigten im Tatzeitpunkt nicht erkannt zu haben. Sie
habe erst später festgestellt, dass die Verhaltensweise ihres Vaters "völlig schräg"
gewesen sei. Damals – im Tatzeitpunkt – sei es für sie "normal" gewesen und sie
habe auch nichts Falsches darin gesehen. Deshalb habe sie auch überhaupt nicht
verstanden, was sie falsch gemacht haben sollte, als ihre Mutter sie eines Abends
plötzlich am Arm festgehalten habe und ihr auf Thailändisch gesagt habe, dass es
"falsch sei, was wir/ich da jeden Abend machen würde(n)". Sie habe dann relativ
früh (so ca. mit 10 Jahren) begonnen, Hefte wie das "Bravo" zu lesen. So habe
quasi auch eine sexuelle Aufklärung stattgefunden, welche ihr nach und nach vor
Augen geführt habe, was ihr Vater da mit ihr machte. In diesem Zeitpunkt habe
sie dann auch begonnen, den Beschuldigten zurückzuweisen (Urk. 6/1 S. 4). Im
Tatzeitpunkt sei es für sie "ein Spiel" gewesen und sie habe es nicht als falsch
empfunden, da sie nicht in der Lage gewesen sei, die Handlungen einzuschätzen.
Sie sei neugierig gewesen. Es sei für sie einfach spannend gewesen, ein span-
nendes Geheimnis, welches sie mit ihrem Vater zusammen geteilt habe. Sie wis-
se ehrlich gesagt nicht, was sich ihr Vater bei der ganzen Sache gedacht habe.
Wenn in den Nachrichten über Sexualtäter berichtet worden sei, habe er sich je-
weils sehr empört, sie wisse allerdings nicht, ob die Empörung nur gespielt ge-
wesen sei, denn sie habe auf seinem Computer kinderpornographisches Material
gesehen. Sie könne deshalb nicht einschätzen, was in seinem Kopf vorgegangen
sei oder heute noch vorgehe. Sie habe mit ihm auch bis heute nie über die sexu-
ellen Handlungen gesprochen (Urk. 6/1 S. 8). Auch an der Berufungsverhandlung
betonte sie, dass es sie glücklich gemacht habe, mit ihrem Vater zusammen zu
sein und es sich gut angefühlt habe, obwohl sie gespürt habe, dass sie es ihrer
Mutter nicht habe sagen können und dies wohl nicht alle machten. Sie habe es
als etwas Besonderes angesehen und sich lässig gefühlt (Urk. 140 S. 22).
- 28 -
4.17. Die absolut nachvollziehbare freie Schilderung der Privatklägerin zur Ent-
stehungsgeschichte und zum Motivhintergrund im Zusammenhang mit der Straf-
anzeige spricht ganz klar für einen realen Erlebnishintergrund. Auch sonst be-
stehen keinerlei Anzeichen, die für eine bewusste Falschbezichtigung sprechen
würde. Eine solche wird denn auch vom Beschuldigten zumindest nicht konse-
quent behauptet. Zwar deutete er eine mögliche Falschbelastung immer wieder
an oder sprach dahingehende Vermutungen ausdrücklich aus. So hielt er etwa
fest, dass er auch nicht wisse, "welcher Teufel sie geritten" habe, dass sie solche
Aussagen mache (Urk. 7/1 S. 9). Sodann betonte er, dass die Privatklägerin eine
rege Fantasie habe (Urk. 7/1 S. 9) und hochintelligent sei (Urk. 7/5 S. 1). Ebenso
verwies er auf den Umstand, dass die Privatklägerin bereits in der Sekundarschu-
le hervorragende Aufsätze verfasst habe (Urk. 7/1 S. 9). Zwischendurch betitelte
er die Vorwürfe gar als "erstunken und erlogen" (Urk. 7/3 S. 2) und verwies da-
rauf, dass "Verleumdung auch ein Delikt" sei (Urk. 7/3 S. 4). Als "dicksten Hund"
an den Aussagen seiner Tochter erachtete er den Umstand, dass sie "die ganze
erfundene Geschichte" ihren Kolleginnen erzählt habe (Urk. 7/4 S. 8). An anderer
Stelle mutmasste der Beschuldigte sinngemäss, dass es sich bei den Aussagen
auch um eine Falschprojektion handeln könnte. So wies er darauf hin, dass die
Privatklägerin – als sie sich offenbar mit 17 Jahren an die Beratungsstelle ge-
wandt habe – bereits seit mindestens zwei Jahren mit einem, zwei oder gar drei
Burschen sexuell aktiv gewesen sei (Urk. 7/4 S. 4). Es sei ihm ein Rätsel, woher
sie solche Szenen nehme, aber andererseits sei auch zu beachten, dass sie im
Zeitpunkt der Einvernahmen bereits seit gut sieben Jahren sexuelle Erfahrungen
gemacht habe und die Sache anders geschildert hätte, wenn sie 14 Jahre alt wä-
re. In all den Schilderungen nehme sie wahrscheinlich Erlebnisse zur Hand, die
sie mit ihren Burschen seit 14 1⁄2 Jahren erlebt habe und vermische das, indem sie
meine, die Handlungen hätten mit ihm – dem Beschuldigten – stattgefunden, was
ja nicht der Fall sei (Urk. 7/5 S. 3). Anlässlich der Hauptverhandlung hielt er dafür,
dass mit dem von der Privatklägerin in den Protokollen erwähnten ersten Freund
etwas hätte gewesen sein können. Sodann schilderte er einen Vorfall, wo er die
Privatklägerin bei einer Freundin von ihr abgeholt habe, als sie ungefähr 13 Jahre
alt gewesen sei. Derjenige, der die Türe geöffnet habe, sei lediglich mit einer kur-
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zen Hose bekleidet gewesen, was ihm ein wirklich schlechtes Gefühl vermittelt
habe (Prot. I S. 27). An der Berufungsverhandlung gab er zu bedenken, dass es
vielleicht gar keinen plausiblen Grund für die Falschbelastung gebe (Urk. 139
S. 5). Ferner verwies er darauf, dass Dr. med. C._ ihm gegenüber einmal
erwähnt habe, dass die Privatklägerin ihm allenfalls indirekt und unbewusst die
Schuld an der Erkrankung ihrer Mutter gebe (Urk. 139 S. 4).
4.18. Wollte man annehmen, dass die Privatklägerin den Beschuldigten tatsäch-
lich bewusst und zu Unrecht belastete, wäre das von ausgesprochener Zurück-
haltung geprägte Aussageverhalten der Privatklägerin schwer zu erklären. Würde
es ihr darum gehen, dem Beschuldigten zu Unrecht Delikte "anzuhängen", wäre
nicht einzusehen, weshalb sie ihn nicht mit vergleichsweise weit gravierenderen
Vorwürfen (z.B. Zufügen von Schmerzen, Ausübung von Zwang, Gewaltanwen-
dung, weitergehende sexuelle Handlungen) belastete. Aus den Aussagen geht
aber das Gegenteil hervor:
So hielt die Privatklägerin auf entsprechende Frage fest, dass sie die Streichel-
einheiten und Küsse ihres Vaters – die sie natürlich überhaupt nicht habe ein-
ordnen können – sogar als angenehm empfunden habe. Der Beschuldigte habe
ihr auch nie Schmerzen zugefügt. Sie könne sich ausserdem auch nicht erinnern,
dass er mit dem Finger in sie eingedrungen sei. Ferner sei es nie zum Beischlaf
gekommen. Der Beschuldigte habe sie nie dazu gezwungen, sexuelle Hand-
lungen an ihm auszuführen oder zu erdulden. Es sei alles freiwillig und spielerisch
geschehen, wie wenn Theater gespielt würde. Weiter führte die Privatklägerin
aus: "Es fanden zwischen uns nur manuelle oder orale aber von beiden Seiten
aus aktive sexuelle Handlungen statt. Ich habe es wie gesagt zugelassen, dass
mich mein Vater berührt, küsst und oral befriedigt, weil ich es spannend fand, die
Porno-Filme nachzuspielen und ich seine Berührungen sogar als angenehm emp-
funden habe". Dazu befragt hielt die Privatklägerin weiter fest, dass der Beschul-
digte nie Gewalt angewendet habe und sie sich auch nicht an Drohungen oder
Nötigungen erinnern könne (Urk. 6/1 S. 11 f.). Sie könne sich einfach erinnern,
dass der Beschuldigte sie am ganzen Körper gestreichelt und geküsst habe, und
dass er an ihren Brustwarzen gesogen habe. Weiter habe er versucht, sie im Be-
- 30 -
reich ihrer Vagina oral zu befriedigen, er habe sie dort geleckt. Seine Handlungen
seien in ihrer Erinnerung recht sanft gewesen. Es sei alles im gegenseitigen Ein-
vernehmen geschehen, eigentlich wie wenn ein Paar zusammen im Bett liegen
würde (Urk. 6/1 S. 13). Auch an der Berufungsverhandlung erklärte die Privat-
klägerin, dass die Handlungen aus damaliger Sicht angenehm gewesen seien
und sie es genossen habe bzw. sich die Handlungen gut angefühlt hätten
(Urk. 140 S. 14, 22). An diesen Aussagen zeigt sich eindrücklich, dass die Privat-
klägerin die Übergriffe in ihrer kindlichen Erlebniswelt nicht als solche wahrzu-
nehmen vermochte. Es leuchtet damit ein, wenn die Vertretung der Privatklägerin
darauf hinweist, dass im Moment der Übergriffe keine Traumatisierung stattge-
funden habe und sich dieser Umstand auf die Art und Weise der Verinnerlichung
des Erlebten und damit auch auf das Aussageverhalten ausgewirkt haben müsse
(Prot. II S. 16 f., 25).
Die Aussagen der Privatklägerin zeugen von ausgesprochener Zurückhaltung und
sind frei von Übertreibungen. Unnötig negative oder gar herablassende Worte be-
treffend ihren Vater finden sich keine. Ebenso fällt auf, dass die Privatklägerin
sich durchaus auch selbst eine aktive Rolle bei den Übergriffen zuschreibt, was
eher für eine Relativierung als Dramatisierung der Vorwürfe spricht. Ihre Vorwürfe
deponiert sie sehr differenziert. Sie zögert auch nicht, den Beschuldigten mit ge-
wissen Aussagen zu entlasten. Gegen eine Dramatisierung der Vorwürfe spricht
auch der Umstand, dass die Privatklägerin auf entsprechende Frage erklärte, ihre
Sexualität ungehindert ausleben zu können (Urk. 6/1 S. 5) bzw. es nicht als Be-
hinderung zu empfinden (Urk. 140 S. 30). Auch in Bezug auf die Schilderung, wie
die Übergriffe letztlich aufgehört hatten, verzichtete die Privatklägerin darauf, den
Beschuldigten unnötig in ein schlechtes Licht zu rücken. Sie habe sich von ihm
losgelöst, ihn mit Gestik zurückgewiesen. Indem sie sich von ihm weggedreht ha-
be, habe sie mittels Gestik klar zu verstehen gegeben, dass sie dies nicht wolle.
Seither habe er nie mehr versucht, sie anzufassen. Sie wisse allerdings nicht, ob
er ihren Willen akzeptiert habe, oder einfach Angst gehabt habe, dass sie ihn hät-
te anzeigen können (Urk. 6/1 S. 9). Dass sie sich weitergehend nicht habe weh-
ren müssen, bestätigte die Privatklägerin auch anlässlich der staatsanwaltschaft-
lichen Einvernahme und vor Berufungsgericht (Urk. 6/2 S. 10, Urk. 140 S. 10).
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4.19. Unterstrichen wird dieser Eindruck der ausgesprochenen Zurückhaltung
dadurch, dass die Privatklägerin durchaus zu ihren Erinnerungslücken steht. So
hielt sie etwa fest, dass sie nicht mehr wisse, wie die Vorfälle jeweils zu einem
Ende kamen, ob sie jeweils noch zusammen liegen geblieben seien oder wie man
sonst in den Alltag zurückgekehrt sei (Urk. 6/1 S. 11). Entgegen der Darstellung
der Verteidigung spricht dieses Aussageverhalten der Privatklägerin gerade ge-
gen das Füllen von Erinnerungslücken (vgl. Urk. 95 S. 14 mit Verweis auf Urk. 83
S. 9, vgl. auch Prot. II S. 19). Vielmehr wirkt die Art und Weise, wie sich die Pri-
vatklägerin im Rahmen ihrer Aussagen an die Vorfälle zurückerinnert, lebensnah
und ist nachvollziehbar. So orientiert sie sich betreffend die zeitliche Einordnung
etwa an dem Umstand, dass die Mutter oft abwesend gewesen sei. Sie habe zu-
nächst Sprachkurse besucht und dann für ein Unternehmen gearbeitet, das Auf-
züge hergestellt habe. Schliesslich habe sie in der Küche in der "D._" in ...
gearbeitet. Daneben habe sie auch viele soziale Kontakte gepflegt (Urk. 6/1 S. 14;
Urk. 6/2 S. 11, Urk. 140 S. 17 ff.). Auch wenn der Beschuldigte sich grundsätzlich
auf den Standpunkt stellt, dass die Mutter immer zu Hause gewesen bzw. gar
nicht so oft abwesend gewesen sei (Urk. 7/4 S. 4 f.), spricht einiges für die Kor-
rektheit der diesbezüglichen Darstellung der Privatklägerin. So räumte der Be-
schuldigte etwa die Abwesenheit der Mutter der Privatklägerin im Jahr 1995 ein,
als sie wegen des Todes ihres Vaters habe nach Thailand reisen müssen
(Urk. 7/1 S. 6, Urk. 139 S. 8). Ebenso bestätigt der Beschuldigte, dass die Mutter
der Privatklägerin gemäss seiner Erinnerung im Jahr 1997 für ein paar Monate in
... zwischen 18:00 Uhr und 24:00 Uhr in der D._ gearbeitet habe (Urk. 7/4
S. 5). Schliesslich bestätigte der Beschuldigte auch, dass seine Ehefrau in die
Sprachschule gegangen sei, als die Privatklägerin ca. 5 Jahre alt gewesen sei
(Urk. 76 S. 29, vgl. auch Urk. 139 S. 8). Aufgrund dieser Ausgangslage ist es
durchaus möglich, dass der Beschuldigte öfters mit der Privatklägerin alleine zu
Hause gewesen war.
Auch kann nicht alleine aus dem Umstand, dass sich die Privatklägerin nicht mehr
daran zu erinnern vermag, jemals mit ihrem Vater das Bett geteilt zu haben
(Urk. 6/2 S. 13), geschlossen werden, dass sich die Privatklägerin nicht wie von
ihr dargestellt an die Zeit zu erinnern vermöchte, in der die Übergriffe stattge-
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funden haben sollen. Es trifft zwar zu, dass die Privatklägerin in der staatsanwalt-
schaftlichen Einvernahme erklärte, ihr Bett nur mit ihrer Mutter geteilt zu haben
und zwar seit sie denken könne bis zu ihrem 14. Altersjahr. Ebenso gestand sie
offen ein, dass es zwar möglich sei, dass sie vor ihrem 5. Altersjahr auch mit dem
Beschuldigten das Bett geteilt habe, jedoch keine Erinnerung daran zu haben
(Urk. 6/2 S. 13). Der Beschuldigte stellt sich demgegenüber auf den Standpunkt,
dass die Privatklägerin bis sie 7 Jahre alt gewesen sei, zusammen mit ihm und
der Mutter der Privatklägerin in einem Bett geschlafen habe (Urk. 7/5 S. 3, Urk. 76
S. 21). Die diesbezüglichen Aussagen des Beschuldigten erweisen sich allerdings
als widersprüchlich. Anlässlich der polizeilichen Einvernahme hielt der Be-
schuldigte zunächst fest, dass die Privatklägerin zwangsläufig bei ihnen habe
schlafen müssen, da das andere Zimmer von seinem Sohn besetzt gewesen sei
(Urk 7/1 S. 5). Dies führte er auch anlässlich der Hauptverhandlung aus, wobei er
dort noch anfügte, dass auch der Sohn seiner Ehefrau in jenem Zimmer geschla-
fen habe (Urk. 76 S. 21). Erst als sein Sohn ausgezogen sei, habe er im zweiten
Zimmer ein Büro eingerichtet mit einem Bett. In diesem habe er geraucht und
auch übernachtet. Das habe sich organisatorisch so ergeben. Im Elternschlaf-
zimmer hätten dann nur noch die Privatklägerin und ihre Mutter übernachtet
(Urk. 7/1 S. 8, Urk. 76 S. 22, Urk. 139 S. 9). Wie der Beschuldigte aber an ande-
rer Stelle selbst ausgeführt hat, habe sein Sohn im Jahr 1995, als seine Ehefrau
nach Thailand gereist sei, bereits nicht mehr bei ihnen gewohnt (Urk. 76 S. 20).
Auch der Sohn der Ehefrau musste in diesem Zeitpunkt bereits nach Thailand zu-
rückgekehrt sein, hielt doch der Beschuldigte anlässlich der ersten Einvernahme
im Jahr 2012 dafür, diesen seit 18 Jahren, also seit 1994, nicht mehr gesehen zu
haben (Urk. 7/1 S. 2). An der Berufungsverhandlung führte er aus, den Sohn sei-
ner Ehefrau letztmals im Jahr 1995 gesehen zu haben (Urk. 139 S. 9). Aufgrund
dieser Aussagen ist davon auszugehen, dass der Beschuldigte weit vor dem
7. Altersjahr der Privatklägerin über ein eigenes Schlafzimmer verfügte, was die
Aussagen der Privatklägerin stützt. Die Behauptung des Beschuldigten, wonach
er das Büro erst 1998 eingerichtet habe (Urk. 7/5 S. 3), macht demgegenüber
wenig Sinn.
- 33 -
4.20. Dass die Privatklägerin über gewisse Erinnerungslücken verfügt, ist absolut
nachvollziehbar und vor dem Hintergrund, dass seit dem Beginn der – behaupte-
ten – sexuellen Übergriffe bis zur Anzeige hin mehr als 15 Jahre verstrichen sind,
geradezu zu erwarten.
Es liegt auf der Hand, dass ein Vorgang, der mehrere Jahre zurückliegt, anders
geschildert wird als gerade Erlebtes. Dies muss selbstverständlich auch bei der
Aussageanalyse berücksichtigt werden, worauf auch die Staatsanwaltschaft
(Urk. 98 S. 2, Urk. 141 S. 1 ff.) zutreffend hinweist. In diesem Zusammenhang ist
der Staatanwaltschaft uneingeschränkt zu folgen, wenn sie dafür hält, dass je wei-
ter Erlebnisse zurückliegen, diese eher in Bildern und nicht in der Art eines Filmes
abgespeichert würden (Urk. 98 S. 2). Während bei gerade eben erlebten Sach-
verhalten normalerweise ein sehr hoher Detaillierungsgrad zu erwarten ist, kann
dies bei weit zurückliegenden Sachverhalten naturgemäss nicht der Fall sein. Im
Gegenteil müsste ein zu hoher Detaillierungsgrad bei weit zurückliegenden Vor-
gängen unter gewissen Umständen gar als Indiz einer Falschaussage gewertet
werden, liegt es doch in der Natur des Menschen, dass das Erinnerungsver-
mögen mit zunehmendem Zeitablauf verblasst (vgl. auch Urk. 141 S. 3). Deshalb
kann, entgegen der Vorinstanz, selbstverständlich nicht die Prämisse gelten, wo-
nach Angaben umso präziser sein müssten, je weiter die bestrittenen Vorfälle zu-
rücklägen (Urk. 95 S. 31). Vielmehr spricht es für die Glaubhaftigkeit von Aus-
sagen, wenn weit zurückliegende Ereignisse aus einer gewissen Distanz und re-
duziert auf das Wesentliche wiedergegeben werden, was bei den Aussagen der
Privatklägerin der Fall ist. Vor diesem Hintergrund ist auch der Umstand zu wer-
ten, dass sich die Privatklägerin gemäss eigener Darstellung nur an eine Szene
eines pornografischen Filmes erinnern kann (vgl. Urk. 95 S. 13). Offenbar war
diese Szene für die Privatklägerin besonders einprägsam und speicherte sie die-
se als eine auch noch 20 Jahre später abrufbare Erinnerung ab. Aus dem Um-
stand, dass sich die Privatklägerin nicht noch an weitere Szenen erinnern kann,
lässt sich selbstverständlich nicht in umgekehrter Weise ableiten, dass auch die
eine vorhandene Erinnerung unwahr sein müsste. Gegenteils ist davon aus-
zugehen, dass es für die Privatklägerin ein Leichtes gewesen wäre, noch weitere
– erfundene – Szenen vorzubringen, bedarf es hierzu doch keiner besonderen
- 34 -
Originalität. Nichts zugunsten des Beschuldigten kann jedenfalls aus dem Um-
stand abgeleitet werden, dass anlässlich der Hausdurchsuchung keine Video-
kassetten mit pornographischem Inhalt und schon gar nicht eine solche mit der
von der Privatklägerin geschilderten Szene gefunden worden ist (Urk. 95 S. 13 mit
Verweis auf Urk. 13/2 und Urk. 13/3). Es liegt auf der Hand, dass über die Jahre
hinweg offenbar diverse Videokassetten entsorgt worden sein müssen, waren bei
der Hausdurchsuchung von den – gemäss Ausführungen des Beschuldigten
(Urk. 7/4 S. 4) – ursprünglich rund hundert Videokassetten doch gerade noch
neun vorhanden (vgl. Urk. 13/2).
Eine Reduktion auf das Wesentliche bzw. eine abgespeicherte Erinnerung in Bil-
dern kann auch in der seitens der Privatklägerin vorgenommenen Schilderung be-
treffend den zweiten Sachverhaltsabschnitt des Anklagesachverhaltes erkannt
werden. Wie aus den Äusserungen anlässlich der ersten Einvernahme hervor-
geht, war für die Privatklägerin bei dieser Szene im Bett ihrer Mutter der Orgas-
mus des Beschuldigten das einprägsame Moment. Dies erstaunt nicht, konnte die
Privatklägerin aufgrund ihres kindlichen Alters doch nicht wissen, was gerade
passiert war. In anschaulicher Weise schilderte die Privatklägerin, was dieser
Vorgang in ihr ausgelöst habe. Dabei hielt sie fest, dass es für sie eher lustig ge-
wesen sei. Jedoch sei sie sofort angewiesen worden, Tücher zu holen und alles
sauber zu reinigen, weil ihre Mutter ja nichts davon habe erfahren dürfen (Urk. 6/1
S. 8). Anlässlich der staatsanwaltschaftlichen Einvernahme erklärte sie, dass der
Beschuldigte ihr plötzlich gesagt habe, sie müsse zur Seite gehen, woraufhin sie
"fast einen Satz" gemacht habe, weil sie nicht gewusst habe, was los gewesen sei
(Urk. 6/2 S. 10). Auch heute schilderte die Privatklägerin ihr damaliges Erstaunen
über den Samenerguss des Beschuldigten (Urk. 140 S. 13 f.). Damit konnte sich
die Privatklägerin sowohl an den Ort des Geschehens als auch an die damit ver-
bundenen Gefühle erinnern. Dass dabei die eigentlichen Handlungen, welche
zum Orgasmus führten, für die Privatklägerin in den Hintergrund traten, erscheint
– entgegen der vorinstanzlichen Auffassung (Urk. 95 S. 15 f.) – absolut nach-
vollziehbar, worauf auch die Staatsanwaltschaft zutreffend hinweist. Ebenso zu
folgen ist der Staatsanwaltschaft, wenn sie diesbezüglich festhält, dass die Privat-
klägerin das für sie Wesentliche, nämlich dass der Beschuldigte einen Orgasmus
- 35 -
hatte, durchaus detailliert deponiert habe (Urk. 98 S. 4). Insbesondere erscheint
die Aussage der Privatklägerin auch vor dem Hintergrund der eingestandenen Er-
innerungslücken nicht weniger glaubhaft. Auch hier wäre es für die Privatklägerin
ein Leichtes gewesen, die von ihr vorgenommenen Handlungen, welche dann
letztlich offenbar zum Orgasmus geführt hatten, beliebig auszuschmücken, was
sie aber nicht tat. Vielmehr schilderte sie nachvollziehbar und glaubhaft, was für
sie dannzumal in ihrer kindlichen Erlebniswelt relevant und einprägsam war.
Ebenso einleuchtend ist, dass sich die Privatklägerin bei der Rekonstruktion der
Geschehnisse im Kindesalter an für sie typische Aktivitäten, wie etwa das Bauen
von "Burgen" aus Kissen, Decken und Stühlen, orientiert (vgl. Urk. 6/1 S. 10,
Urk. 6/2 S. 9, Urk. 140 S. 16 f.). Wie aus den glaubhaften Schilderungen der Pri-
vatklägerin hervorgeht, habe sie immer wieder solche "Burgen" gebaut, was für
ein Kind im Vorschulalter geradezu typisch ist. Auch die Vorinstanz hat diese
Schilderung als "kohärent" bezeichnet (Urk. 95 S. 20). Es erstaunt daher, dass
der Beschuldigte auf entsprechende Frage zu Protokoll gegeben hat, von solchen
Burgen nichts zu wissen (Urk. 7/4 S. 7), mit welchem Umstand sich die Vorinstanz
dann aber nicht mehr befasste. Heute gab der Beschuldigte wiederum an, nicht
zu wissen, was die Privatklägerin meine, wenn sie von Burgen spreche (Urk. 139
S. 12, 17). Auch hier fällt wiederum auf, dass sich die Erinnerungen der Privat-
klägerin aufgrund des Zeitverlaufs auf ein bestimmtes Bild bzw. auf eine Szene
beschränken, obwohl sie festhielt, dass es ihrer Einschätzung nach öfters zu die-
ser Art Übergriffe gekommen sei (Urk. 6/1 S. 10, Urk. 140 S. 16 f.). Auf die Frage,
was dort in dieser Burg passierte, erklärte die Privatklägerin, dass sie sicher ge-
streichelt worden sei. Erst auf konkrete Nachfrage des Staatsanwaltes hielt die
Privatklägerin dafür, dass sie einfach wisse, dass sie "von Vorne" gestreichelt
worden sei. Der Beschuldigte habe sie sicher an den Brustwarzen angefasst. Sie
wisse aber nicht mehr, wo seine Hand sonst noch gewesen sei. Ebenso hielt sie
auf entsprechende Frage fest, kein konkretes Bild mehr vor sich zu haben, ob sie
beim geschilderten Vorfall Kleider getragen habe (Urk. 6/2 S. 9). An der Beru-
fungsverhandlung erklärte die Privatklägerin, dass es in den Burgen zu Streiche-
leien und Zärtlichkeiten gekommen sei. Auf entsprechende Frage konkretisierte
sie, dass der Beschuldigte sie an den Brüsten gestreichelt habe. Weiter führte sie
- 36 -
aus, dass es gut sein könne, dass es auch zu einem oralen Übergriff gekommen
sei. Sie könne aber die genauen Bewegungsabläufe nicht mehr genau fixieren.
Das Entscheidende für sie sei, dass es in den Burgen, in denen sie gespielt und
gemalt habe, überhaupt zu Übergriffen gekommen sei (Urk. 140 S. 16). Auch hier
wäre es ohne weiteres möglich gewesen, dem Beschuldigten ohne viel Phantasie
weit gravierende Übergriffe als das Streicheln der Brustwarzen vorzuwerfen bzw.
zu behaupten, sich noch genau an orale Übergriffe erinnern zu können, wenn es
denn darum ginge, diesen zu Unrecht zu belasten. Stattdessen gestand die Pri-
vatklägerin auch in Bezug auf diesen Sachverhaltsabschnitt vorhandene Erinne-
rungslücken offen ein und unterliess es, die Vorfälle zu dramatisieren.
Während ein solches Aussageverhalten bei der Wiedergabe eines sich nur kurz
zuvor ereigneten Sachverhaltes nur schwer erklärbar wäre, sind Erinnerungs-
lücken bei einem weit zurückliegenden Ereignis geradezu typisch. Ferner ist zu
bemerken, dass ein solches Aussageverhalten – wenn es denn auf einer Lüge
basierte – sehr anfällig für Fehlerquellen ist. Wollte man einen erfundenen Sach-
verhalt präsentieren, wäre es weitaus einfacher, diesen mit erfundenen Details
auszuschmücken, als lediglich gewisse Szenen oder Ausschnitte, eingebettet in
einen Gesamtzusammenhang, wiederzugeben.
4.21. Entgegen der vorinstanzlichen Beweiswürdigung verstrickt sich die Privat-
klägerin bei der Wiedergabe des Erlebten gerade nicht in unlösbare Wieder-
sprüche. Vielmehr erweisen sich die auf den ersten Blick teilweise als inkongruent
erscheinenden Angaben der Privatklägerin bei näherer Betrachtung als nur
scheinbare Widersprüche.
4.21.1 Dies zeigt sich etwa an den Schilderungen der Privatklägerin betreffend
den ersten Übergriff. Anlässlich der polizeilichen Einvernahme schilderte die Pri-
vatklägerin in freier Erzählweise, dass sie eines Tages, als sie alleine zu Hause
gewesen sei, eine Porno-Video-Kassette in dem riesigen Fernsehmöbel entdeckt
habe. Die Porno-Videos hätten sich quasi in der dritten Reihe hinter anderen Fil-
men befunden. In der vorderen Reihe seien auf der einen Seite die Disney-Filme
gewesen und auf der anderen Seite eher Filme für Erwachsene. Aus Neugierde
habe sie dann "in die Filme hineingeschaut". Sie habe dann ihren Vater darauf
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angesprochen und habe von ihm wissen wollen, "was das sei, was die da trei-
ben". Ihr Vater sei auf die Fragerei eingestiegen und habe diese Porno-Filme mit
ihr zusammen angeschaut, quasi im Sinne von "Ich erkläre es dir" (Urk. 6/1 S. 8).
Anlässlich der staatsanwaltschaftlichen Einvernahme nach Bildern oder Szenen
betreffend die ersten sexuellen Übergriffe befragt, führte die Privatklägerin dem-
gegenüber aus: "Wir waren zu zweit auf dem Sofa. Also mein Vater und ich. Ich
habe dann auf Geheiss von ihm mal die Storen heruntergelassen. Weil ich mal
pornografische Videos im Schrank gefunden habe und ihm gesagt habe, dass ich
diese gerne mal sehen würde. Dann haben wir diese zusammen geschaut. Er zog
mich aus. Fasst mich an den Brüsten an. Das ist so etwa das erste Erlebnis, an
das ich mich erinnere" (Urk. 6/2 S. 5).
Aus der Gegenüberstellung dieser Aussagen ergibt sich, dass die Kernaussage
dieselbe bleibt. Die Aussagen betreffend den Porno-Film waren bei der staats-
anwaltschaftlichen Einvernahme im Verhältnis zu den Schilderungen in der poli-
zeilichen Einvernahme einfach stark abgekürzt, lag doch der Fokus bei diesen
Ausführungen bei der Beantwortung der seitens des Staatsanwaltes gestellten
Frage nach Bildern oder Szenen in Bezug auf die ersten sexuellen Handlungen.
Die Aussagen schliessen sich jedoch keineswegs aus. Wenn die Vorinstanz einen
massgeblichen Widerspruch darin sehen will, dass die Privatklägerin in der poli-
zeilichen Einvernahme erklärt hat, sie habe den Film bereits alleine einmal ge-
schaut, währenddem sie das beim Staatsanwalt nicht gesagt habe (Urk. 95
S. 12), so erscheint dies fast als etwas gesucht. In der – wie gesehen – viel kür-
zeren Antwort an den Staatsanwalt hat sie das im Gegensatz zur polizeilichen
Einvernahme zwar tatsächlich nicht mehr gesagt, aber nicht etwa widerrufen oder
anders dargestellt. Anlässlich der Berufungsverhandlung bestätigte die Privatklä-
gerin denn auch, den Porno-Film sowohl alleine als auch mit ihrem Vater gesehen
zu haben (Urk. 140 S. 19). Ebenso erscheint überzogen, wenn die Vorinstanz in
den Aussagen der Privatklägerin eine "extreme Detailarmut" sehen will (a.a.O.).
Ein "Anfassen der Brustwarzen" lässt sich nun einmal nicht viel detaillierter be-
schreiben, und dass die Privatklägerin "bloss eine einzige Videoszene pornografi-
schen Inhalts" hat detaillierter schildern können, spricht – bezüglich eines Vorfalls
von vor gegen 20 Jahren – wahrlich nicht für eine Unglaubhaftigkeit. Wie schon
- 38 -
erwähnt: Hätte die Privatklägerin den Beschuldigten wahrheitswidrig anschuldigen
wollen, wäre es ja offensichtlich ein Leichtes gewesen, noch weitere Szenen zu
beschreiben.
4.21.2 Auch betreffend den zweiten zur Anklage gebrachten Sachverhalt kann
kein Widerspruch erkannt werden. Entgegen der Darstellung der Verteidigung
muss diesbezüglich keinesfalls von zwei "völlig unterschiedlich gelagerten Hand-
lungen" ausgegangen werden, welche die Privatklägerin zu Protokoll gegeben
habe (vgl. Urk. 95 S. 14 mit Verweis auf Urk. 83 S. 9). Im Zusammenhang mit den
vorgeworfenen sexuellen Handlungen auf dem Bett der Mutter der Privatklägerin
muss aufgrund der Schilderungen der Privatklägerin wie gesehen davon aus-
gegangen werden, dass es der Orgasmus des Beschuldigten und der damit ver-
bundene Reinigungsakt der Bettlaken war, der sich im Erinnerungsvermögen der
Privatklägerin eingeprägt hatte (vgl. Erw. 4.20). Es erstaunt deshalb nicht, dass
die Privatklägerin im Untersuchungsverfahren konstant angegeben hat, sich nicht
mehr erinnern zu können, ob sie den Beschuldigten in diesem konkreten Fall oral
oder mit der Hand befriedigt habe (Urk. 6/1 S. 10, Urk. 6/2 S. 7). Bereits in der
polizeilichen Einvernahme erklärte die Privatklägerin, davon auszugehen, dass es
wohl mit der Hand gewesen sei (Urk. 6/1 S. 10). Dabei blieb sie auch bei der
staatsanwaltschaftlichen Einvernahme (Urk. 6/2 S. 7). An der Berufungsverhand-
lung hielt sie klarstellend fest, dass sie einfach wisse, im Zeitpunkt der Ejakulation
nicht mit dem Gesicht "daran" gewesen zu sein. Es könne aber gut sein, dass sie
vor der manuellen Befriedigung auch noch am Penis des Beschuldigten ge-
schleckt oder gesuggelt habe (Urk. 139 S. 14). Es trifft damit nicht zu, wenn die
Verteidigung von zwei völlig unterschiedlich zu Protokoll gegebenen Tathand-
lungen spricht (vgl. Urk. 95 S. 14 mit Verweis auf Prot. I S. 23). Vielmehr erweisen
sich die Aussagen geradezu als identisch. Auch hier wirken die von der Vor-
instanz herausgearbeiteten – angeblichen – Widersprüche als gesucht: Wenn die
Privatklägerin etwa über 15 Jahre nach dem Vorfall nicht mehr verlässlich ange-
ben kann, ob sie nun neben dem Beschuldigten gesessen oder gelegen habe,
kann daraus sicher nicht die Unglaubhaftigkeit der Aussagen abgeleitet werden –
zumal auf einem Bett zwischen "sitzen" und "liegen" ein fliessender Übergang be-
steht.
- 39 -
4.21.3 Gleiches gilt in Bezug auf den scheinbar vorhandenen Widerspruch im
Zusammenhang mit dem vorgeworfenen Oralverkehr im Büro des Beschuldigten
(vgl. Urk. 21 Ziff. 5). Es trifft zwar zu, dass die Privatklägerin bei der ersten Ein-
vernahme erklärte, den Penis nie in den Mund genommen zu haben (Urk. 6/1
S. 11), während sie an der zweiten Einvernahme das Gegenteil ausführte
(Urk. 6/2 S. 8). Bei näherer Betrachtung fällt aber auf, dass die Aussagen der Pri-
vatklägerin nur dann widersprüchlich erscheinen, wenn sie aus dem Zusammen-
hang gerissen werden. Wie die Staatsanwaltschaft und auch die Vertretung der
Privatklägerin zutreffend ausführen, ging es bei beiden Aussagen um das gleiche
Thema, nämlich um Handlungen, welche unter den Oberbegriff des Oralverkehrs
subsumiert werden können (Urk. 98 S. 4, Urk. 142 S. 8). Bei der polizeilichen Be-
fragung hat die Beschuldigte umschrieben, wie sie den Beschuldigten
"oral befriedigt" habe. In diesem Zusammenhang stellte sie klar, den Penis des
Beschuldigten dabei aber nie in den Mund genommen, sondern höchstens etwas
daran geleckt zu haben (Urk. 6/1 S. 11). Daran hielt sie auch anlässlich der
staatsanwaltschaftlichen Befragung fest (Urk. 6/2 S. 9). Auch heute stellte sie klar,
dass sie den Penis wahrscheinlich nicht ganz in den Mund genommen habe, aber
annähernd. Es habe sich um Versuche Richtung Saugen, Schlecken, und ver-
suchen in den Mund zu nehmen gehandelt (Urk. 140 S. 15). Bei der seitens der
Vorinstanz zitierten Aussage demgegenüber (vgl. Urk. 95 S. 18), ging es nicht da-
rum, konkret zu beschreiben, wie genau die Privatklägerin den Oralverkehr voll-
zogen hat. Vielmehr stellte sie mit dieser Aussage klar, dass der Oralverkehr ge-
genseitig vollzogen worden sei, also dass eben sie sein Glied im Mund gehabt
habe und er versucht habe sie oral zu befriedigen (Urk. 6/2 S. 8). Daraus einen
Widerspruch zulasten der Privatklägerin zu konstruieren, ist nicht statthaft.
Betreffend den Vorwurf des Oralverkehrs ist ergänzend festzuhalten, dass es zu-
nächst erstaunen mag, dass die Privatklägerin im Zusammenhang mit den Über-
griffen seitens ihres Vaters im Kindesalter Begriffe verwendet wie "orale Befriedi-
gung" (Urk. 6/1 S. 8, 13; Urk. 6/2 S. 7 f., 6/2 S. 8) oder auch "Befriedigung mit der
Hand" (Urk. 6/1 S. 10 f.). Dies muss jedoch vor dem Hintergrund des erheblichen
Altersunterschiedes zwischen Tatzeitpunkt und Anzeigeerstattung sowie dem
damit einhergehenden veränderten Erlebnishintergrund relativiert werden. Die
- 40 -
Privatklägerin wählt konstant dieselben Ausdrücke, was darauf schliessen lässt,
dass diese Ausdrücke es für sie am einfachsten machen, das Geschehene in
Worte zu fassen. So führte sie etwa aus: "Es kam dann auch zur gegenseitigen
oralen Befriedigung oder mehr zu sexuellen Handlungen" (Urk. 6/1 S. 8). Oder sie
hielt fest: "Die orale Befriedigung, welche ich an meinem Vater vollzog, dauerte
aber nie sehr lange, war eher flüchtig" (Urk. 6/1 S. 11). Oder sie konkretisierte die
Aussage, wonach der Beschuldigte sie "oral befriedigt" habe dahingehend, dass
er sie "dort geleckt" habe (Urk. 6/1 S. 13). Auf konkrete Frage hin, wie sie denn
das Glied genau in ihrem Mund gehabt habe, hielt sie wie gesehen fest:
"Ich glaube, es war mehr ein Lecken" (Urk. 6/2 S. 9). Vor dem Hintergrund, dass
es sich bei der Privatklägerin um eine junge Frau handelt, erscheint es – entge-
gen der als Parteistandpunkt des Beschuldigten aufzufassenden Einschätzung
von Dr. med. C._ (Urk. 11/11 S. 2, vgl. auch Urk. 28 S. 12) – eben gerade
nicht auffällig, dass bei der Beschreibung der Abläufe im Zusammenhang mit den
sexuellen Handlungen eine "sich an erwachsenem Sexualerleben und erwachse-
ner Sexualaktivität orientierende Einstellung und ein solches Vokabular deutlich"
werde. Vielmehr ist die Privatklägerin eben eine in sexueller Hinsicht aktive junge
Frau und macht sie ihre Aussagen vor diesem Hintergrund und unter Zuhilfe-
nahme ihres aktuellen Vokabulars. Es wäre gegenteils auffällig, wenn die Privat-
klägerin heute ihre damaligen Erlebnisse in "Kindersprache" schildern würde. Ein
Lügensignal ist darin sicherlich nicht zu erkennen.
4.21.4 Betreffend den Vorwurf, wonach der Beschuldigte die Privatklägerin an
deren Brustwarzen gestreichelt habe (vgl. Urk. 21 S. 3 Ziff. 6), sieht die Vor-
instanz den Hauptwiderspruch darin, dass die Privatklägerin bei der Polizei von
oraler Stimulation und bei der Staatsanwaltschaft von Streicheln gesprochen habe
(Urk. 95 S. 21). Die Staatsanwaltschaft weist diesbezüglich darauf hin, dass die
Privatklägerin bei der Polizei lediglich ausgeführt habe, dass der Beschuldigte
versucht hätte, sie oral zu befriedigen, was nicht bedeute, dass er dies tatsächlich
auch gemacht habe, weshalb es sich lediglich um einen vermeintlichen Wider-
spruch handle, wenn sie vor dem Staatsanwalt nur noch von Streicheln spreche
(Urk. 98 S. 4). Dies trifft grundsätzlich zu. Andererseits kann nicht von der Hand
gewiesen werden, dass die Privatklägerin bei der Polizei tatsächlich von oraler
- 41 -
Befriedigung gesprochen hatte (Urk. 6/1 S. 10), während sich der Vorwurf bei der
Staatsanwaltschaft aufs Streicheln beschränkte (Urk. 6/2 S. 9). Vor Berufungsge-
richt erklärte sie erneut, dass es gut möglich sei, dass es in den von ihr gebauten
Burgen auch zu einem oralen Übergriff gekommen sei (Urk. 140 S. 16). Dabei gilt
es zu beachten, dass die Privatklägerin bereits bei der Polizei festgehalten hat,
dass sie zwar eine spezielle Situation vor Augen habe, sie aber denke, dass es
öfters zu Übergriffen dieser Art, also solchen in den von ihr gebauten "Burgen",
gekommen sei (Urk. 6/1 S. 10). Daran hielt sie auch vor Berufungsgericht fest
(Urk. 140 S. 17). Vor diesem Hintergrund ist auch der Umstand zu werten, dass
die Privatklägerin in den Einvernahmen einmal davon sprach, der Beschuldigte
sei zu ihr in die "Burgen" gekommen (Urk. 6/1 S. 10), während sie bei der ande-
ren Einvernahme festhielt, dass sie den Beschuldigten eingeladen habe
(Urk. 6/12 S. 9). Es ist deshalb durchaus nachvollziehbar, wenn sich die Privat-
klägerin aufgrund einer gewissen Verwechslungsgefahr und auf konkrete Nach-
frage hin (vgl. Urk. 6/2 S. 9 und Urk. 140 S. 16) dafür entschieden hat, den Be-
schuldigten nur insoweit zu belasten, als sie sich ganz sicher sein konnte, dass
die vorgeworfene Handlung auch tatsächlich an dem von ihr behaupteten Hand-
lungsort zu der von ihr geschilderten Zeit, stattgefunden hat. Damit lässt sich der
Umstand, dass die Privatklägerin den Vorwurf bei der Staatsanwaltschaft in abge-
schwächter Form darstellte, nachvollziehbar mit dem beschränkten Erinnerungs-
vermögen und damit mit der vorliegenden besonderen Konstellation der späten
Anzeigeerstattung erklären. Ein Widerspruch, der darauf hinweisen würde, dass
die Aussagen der Privatklägerin als unglaubhaft taxiert werden müssten, kann da-
rin aber nicht gesehen werden.
4.21.5 Die Vorinstanz sieht auch betreffend den letzten zur Anklage gebrachten
Sachverhalt im Europapark Rust einen Widerspruch in den Aussagen der Privat-
klägerin. So habe die Privatklägerin bei der Polizei noch ausgeführt, sich auf der
Bahn vom Beschuldigten losgelöst zu haben, während sie bei der Staatsanwalt-
schaft ausgeführt habe, dass der Beschuldigte sie an den Brüsten gestreichelt
habe (Urk. 95 S. 23 mit Verweis auf Urk. 6/1 S. 9 und Urk. 6/2 S. 10). Auch hier
lässt sich ein Widerspruch indessen nur erkennen, wenn die einzelnen Aussagen
der Privatklägerin isoliert betrachtet werden. Die Privatklägerin erklärte nämlich
- 42 -
auch bei der Staatsanwaltschaft, dass sie damals beim letzten Vorfall im Europa-
park Rust klare Zeichen gegeben habe, dass sie nicht mehr wolle (Urk. 6/2 S. 10).
Doch nicht nur deshalb verbleiben nach Ansicht der Vorinstanz erhebliche Zweifel
betreffend die Frage, ob sich der Sachverhalt tatsächlich so zugetragen habe, wie
in der Anklage vorgeworfen. Insbesondere spreche die Zeugenaussage von
H._ gegen die Darstellung der Privatklägerin. Dabei erachtete es die
Vorinstanz aufgrund der Zeugenaussage als erstellt, dass H._ den Beschul-
digten und die Privatklägerin im Jahr 2002 bei ihrem Ausflug begleitet und mit
ihnen im gleichen Hotelzimmer genächtigt habe. Gegen die Sachdarstellung der
Privatklägerin spreche, dass sich dieser an keine spezielle Begebenheit auf der
Wasserbahn habe erinnern können und ihm auch sonst nichts Spezielles am Be-
schuldigten oder der Privatklägerin aufgefallen sei (Urk. 95 S. 23 mit Verweis auf
Urk. 8/3 S. 3).
Die Anklageschrift wirft dem Beschuldigten vor, den Übergriff im Europapark im
Jahr 2001/2002 getätigt zu haben (Urk. 21 S. 3 Ziff. 7). Die zeitliche Einordnung
stützt sich auf die Aussagen der Privatklägerin, welche sich zunächst unsicher
zeigte und festhielt, dass sie zehn oder elf Jahre alt gewesen sei, vermutlich eher
zehnjährig. Gleichzeitig merkte sie an, dass dies zeitlich sicher noch genauer
nachvollzogen werden könne, indem sie zum Beispiel den Beschuldigten fragen
könne, der sich gut an solche Ereignisse erinnere (Urk. 6/1 S. 14 f.). Bei der
Staatsanwaltschaft stellte sie sich auf den Standpunkt, dass der Vorfall im Jahr
2002 gewesen sein müsse. Sie seien damals das letzte Mal zusammen alleine in
den Ferien gewesen, was einer Familientradition entsprochen habe (Urk. 6/2
S. 10). Da sie sich bei der Polizei betreffend die zeitliche Einordnung nicht sicher
gewesen sei, habe sie den Beschuldigten gefragt, wann sie das letzte Mal im
Europapark gewesen seien, woraufhin er ihr das Jahr 2002 angegeben habe
(Urk. 6/2 S. 14). Auch an der Berufungsverhandlung betonte die Privatklägerin,
dass sie damals, als sich der eingeklagte Vorfall ereignet habe, alleine im
Europapark gewesen seien. Ferner zeigte sie sich überzeugt davon, dass sie zu
zweit in einem Doppelzimmer genächtigt hätten (Urk. 140 S. 10 f.).
- 43 -
Die Verteidigung führte vor Vorinstanz aus, die Behauptung der Privatklägerin,
wonach sie mit dem Beschuldigten alleine im Europapark gewesen sei, sei
schlicht falsch. Vielmehr sei sie jeweils mit ihm und der Mutter dort gewesen und
später mit Bekannten, wie beispielsweise mit dem Zeugen H._ (Urk. 95 S. 21
mit Verweis auf Urk. 83 S. 13). Damit widerspricht die Verteidigung den
ursprünglichen Ausführungen des Beschuldigten, der – wie auch die Privatkläge-
rin – ausführte, dass es 1997/1998 geradezu einer Tradition entsprochen habe,
dass er und die Privatklägerin alleine in den Europapark gegangen seien (Urk. 7/1
S. 9). Erst anlässlich der Berufungsverhandlung erklärte der Beschuldigte, dass er
gar nie alleine mit seiner Tochter im Europapark gewesen sei. Diesbezüglich ha-
be es in seinem Gedächtnis eine Vernebelung gegeben. Nach so vielen Jahren
könne man sich wirklich auch mal trompieren. Er habe dies erst bemerkt, als er
die selbstgedrehten Videos nochmals angeschaut habe. Da habe er festgestellt,
dass im Jahr 1997 und 1998 die Mutter der Privatklägerin mitgekommen sei
(Urk. 139 S. 9 ff., 16 f.). Bei der polizeilichen Einvernahme hingegen war sich der
Beschuldigte noch sicher, mit der Privatklägerin zu zweit in einem Doppelzimmer
genächtigt zu haben (Urk. 7/1 S. 9). In der gleichen Einvernahme führte der Be-
schuldigte aus, dass er – auf Nachfrage der Privatklägerin – gemäss eigenen
Recherchen zum Schluss gekommen sei, dass sie im Jahr 2002 das letzte Mal
gemeinsam im Europapark gewesen seien. Damals hätten sie ein Viererzimmer
genommen, da noch Kollegen mitgekommen seien (Urk. 7/1 S. 11). An der
Hauptverhandlung bestätigte der Beschuldigte seine Ausführungen, wonach es
sich um ein Viererzimmer gehandelt habe. Dies, weil die Privatklägerin zwei
Schulkollegen habe mitnehmen können und die Kosten durch vier geteilt worden
seien (Urk. 76 S. 23). Um diese Sachdarstellung zu untermauern, reichte der Be-
schuldigte ein E-Mail Schreiben der stellvertretenden Reservierungsleiterin des
Europaparks ein, welchem zu entnehmen ist, dass der Beschuldigte im Mai 2002
mit vier Personen ein Zimmer gehabt habe und im Mai 2001 eines mit drei Perso-
nen (Urk. 11/10). Der auf Antrag des Beschuldigten (Urk. 11/9) einvernommene
Zeuge H._ bestätigte, zwei- oder vielleicht auch dreimal gemeinsam mit der
Privatklägerin und dem Beschuldigten im Europapark gewesen zu sein. Damals
seien aber auch I._, J._ und deren Eltern dabei gewesen. Einmal sei
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wohl auch K._ mitgekommen. Weiter führte der im Jahr 1990 geborene Zeu-
ge aus, dass er damals ca. in der 5. oder 6. Primarklasse gewesen sei. Er könne
sich allerdings nicht mehr an das Jahr erinnern (Urk. 8/3 S. 3). Wie gesehen stellt
sich die Privatklägerin auf den Standpunkt, dass sie und der Beschuldigte alleine
gewesen seien, als sich der Übergriff ereignet habe. Sie seien damals alleine dort
gewesen, weil von ihren Kollegen niemand habe mitkommen können (Urk. 6/1
S. 9, Urk. 140 S. 10). Da aufgrund der übereinstimmenden Aussagen des Be-
schuldigten sowie der Privatklägerin davon auszugehen ist, dass sie den Europa-
park jeweils nur einmal im Jahr besuchten, (Urk. 139 S. 9 f., Urk. 140 S. 10), ver-
bleiben aufgrund des Bestätigungsschreibens des Europaparks erhebliche Zwei-
fel, dass es tatsächlich im Jahr 2001/2002 zu den seitens der Privatklägerin ge-
schilderten Übergriffen gekommen ist, ist doch davon auszugehen, dass sie zu-
mindest in diesen Jahren den Europapark nicht alleine besucht hatten. Wie es
sich in anderen Jahren verhielt, muss offen bleiben und bildet aufgrund des An-
klagesachverhaltes nicht Gegenstand des vorliegenden Verfahrens. Damit lässt
sich der in Ziffer 7 für das Jahr 2001 oder 2002 zur Anklage gebrachte Sachver-
halt in zeitlicher Hinsicht nicht in rechtsgenügender Weise erstellen. Dies bedeutet
allerdings nicht, dass deshalb die Glaubhaftigkeit der Privatklägerin in Frage zu
stellen wäre.
4.21.6 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass sich überall dort, wo die Vor-
instanz Widersprüche in den Aussagen der Privatklägerin gesehen hat, sich diese
bei Einbettung der Aussagen in den Gesamtzusammenhang auflösen lassen. Das
Vorgehen der Vorinstanz, aus – zum Teil auch nur vermeintlichen, unterge-
ordneten – Widersprüchen in den Aussagen der Privatklägerin gleichsam mathe-
matisch zur Gleichung zu gelangen "Widerspruch = unglaubhaft", ist gerade in ei-
ner Situation wie der vorliegenden sehr verkürzt und nicht zulässig. Wenn in einer
Aussagenanalyse bei Widersprüchen schon ganz grundsätzlich immer danach
gefragt werden muss, wie die Widersprüche entstanden sein könnten und welche
Schlüsse daraus abzuleiten sind, muss dies umso mehr gelten bei Aussagen, die
Geschehnisse betreffen, welche sich vor 15 bis 20 Jahren ereignet haben. Wäh-
rend es sich bei Widersprüchen in Aussagen über ein nur einen Tag zurück-
liegendes Ereignis um einigermassen direkte Indikatoren für eine Unglaub-
- 45 -
haftigkeit handeln mag, ist bei – allenfalls auch nur vermeintlichen – Widersprü-
chen oder Ungenauigkeiten über schon seit längerem vergangene Vorfälle zwin-
gend eine differenziertere Betrachtungsweise vonnöten. Dies lässt die vorinstanz-
liche Entscheidbegründung vermissen. Letztlich beurteilt sie die Aussagen der
Privatklägerin so, wie sie Ereignisse schildern würde, die nur wenige Tage zu-
rückliegen. Entgegen der Auffassung der Vorinstanz erweisen sich die Aussagen
der Privatklägerin bei ganzheitlicher, situationsgerechter Analyse als konstant und
zeugen von einer inneren Geschlossenheit.
4.22. Gesamthaft betrachtet kann festgehalten werden, dass die Aussagen der
Privatklägerin zulasten des Beschuldigten insgesamt authentisch und erlebt, aber
eben nicht übersteigert oder ausgeschmückt erscheinen, was für deren Glaubhaf-
tigkeit spricht. Insbesondere unterlässt es die Privatklägerin, den Beschuldigten
unnötig zu diffamieren oder die Ereignisse zu dramatisieren. Vielmehr ist in ihren
Aussagen durchwegs eine ausgeprägte Zurückhaltung erkennbar. Die Privat-
klägerin betont auch immer wieder, dass es für sei ein Spiel gewesen und sie kei-
nem Zwang ausgesetzt worden sei. Ferner scheut die Privatklägerin nicht, offen
zu Erinnerungslücken zu stehen und weist auf bestehende Unsicherheiten hin.
Obwohl die vorgeworfenen Handlungen weit zurückliegen, erscheinen die Schil-
derungen der Privatklägerin zu den einzelnen Vorfällen nicht pauschal. Auch
wenn die Tatvorwürfe aufgrund des Zeitablaufs mehr in Bildern bzw. Szenen ge-
schildert werden, umschreibt die Privatklägerin die einzelnen Handlungen – ent-
gegen der Verteidigung (vgl. Prot. II S. 18) – durchaus detailliert. Insbesondere
fällt auch auf, dass sich die Privatklägerin bei ihren Schilderungen an äusseren
Gegebenheiten, Örtlichkeiten oder Gewohnheiten orientiert. Soweit die Vorinstanz
die Aussagen der Privatklägerin detailarm bezeichnet (Urk. 95 S. 12, 16, 18),
muss dem entgegengehalten werden, dass gewisse, vorliegend zur Anklage ge-
brachte Handlungsabläufe eben keiner weiteren Erörterung bedürfen oder natur-
gemäss gar nicht näher beschrieben werden können. So ist nicht einzusehen, wie
etwa der Vorgang des Ausziehens oder die Berührungen der Brüste sowie des
Genitalbereichs genauer geschildert werden könnten oder was eine genauere
Schilderung zur Sachverhaltserstellung beitragen würde.
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Die von der Privatklägerin geschilderten Umstände und insbesondere auch der
von ihr umschriebene Prozess bis hin zur Anzeigeerstattung wirken tatsächlich er-
lebt und in absolut lebensnahe Gefühlslagen eingebettet. Es gibt keine Veranlas-
sung, an den Ausführungen der Privatklägerin zu zweifeln. Es ist nicht vorstellbar,
dass diese nicht auf einem realen Erlebnishintergrund basieren. Daran vermögen
auch die – zumindest über weite Teile – durchaus konstanten Aussagen des Be-
schuldigten nichts zu ändern. Es trifft zwar zu, dass seine Angaben in Bezug auf
die vorgeworfenen sexuellen Handlungen immer demselben Inhalt entsprechen,
worauf die Vorinstanz zutreffend hinweist (Urk. 95 S. 29). Vor dem Hintergrund,
dass der Beschuldigte die seitens der Privatklägerin erhobenen Vorwürfe durch-
wegs bestreitet und betreffend den Umgang mit der Privatklägerin einen sexuellen
Hintergrund durchwegs in Abrede stellt (vgl. etwa Urk. 7/1 S. 9; Urk. 7/4 S. 3, 8;
Urk. 7/5 S. 1; Urk. 7/7 S. 1; Urk. 76 S. 26; Urk. 139 S. 1), erstaunt dies allerdings
nicht und kann nicht als Realitätskriterium gewertet werden. Demgegenüber fällt
auf, dass sachfremde Aussagen des Beschuldigten sehr weitschweifig ausfallen,
was eher auf ein ausweichendes Aussageverhalten schliessen lässt. Auffallend
war auch das betont sichere Auftreten des Beschuldigten an der heutigen Be-
rufungsverhandlung. Dabei nannte er etwa auch Jahreszahlen ohne zu zögern.
Auf konkretes Nachfragen hin zeigten sich allerdings diverse Unsicherheiten: So
etwa in Bezug auf die Tradition, wonach er und die Privatklägerin jeweils alleine in
den Europapark gegangen seien (vgl. Erw. 4.21.5 und Urk. 139 S. 9 ff., 16 f.).
Ferner auch in Bezug auf den Zeitpunkt, als seine Ehefrau die Sprachschule be-
sucht habe (Urk. 139 S. 8) und auch betreffend den Beginn der Therapie seiner
Ehefrau bei Dr. med. C._ (Urk. 139 S. 18 f.). Dies spricht gegen ein authenti-
sches Aussageverhalten. Nicht gefolgt werden kann dem Beschuldigten insbe-
sondere, wenn er spekuliert, dass die gegen ihn erhobenen Vorwürfe allenfalls
auch in einer Falschprojektion begründet sein könnten (vgl. vorstehende
Erw. 4.17). Vielmehr wirkt es konstruiert, einer jungen Frau zu unterstellen, dass
sie wohl die angeblich als Kind erlittenen sexuellen Übergriffe seitens ihres Vaters
mit ihren ersten sexuellen Erfahrungen mit Gleichaltrigen verwechsle.
Gleiches hat in Bezug auf die seitens der Verteidigung vorgebrachten Erklärungs-
versuche zu gelten (vgl. Urk. 143 S. 4, 13; Prot. II S. 17 f.). Gegen eine mögliche
- 47 -
Falschprojektion spricht schon der Umstand, dass sich die Übergriffe im engsten
Familienkreis ereigneten und keinerlei Hinweise auf einen vom Beschuldigten
verschiedenen potentiellen Täter aus diesem Umfeld erkennbar sind. Auch das
von der Verteidigung erwähnte psychologische Phänomen der "kognitiven Verzer-
rung" vermag keine Zweifel an der Richtigkeit der seitens der Privatklägerin ge-
machten Aussagen zu erwecken. Die Verteidigung führte diesbezüglich gestützt
auf einen Fachartikel aus, dass autosuggestiv verursachte Pseudoerinnerungen
ihren Ausgangspunkt häufig in einem schlechten psychischen Befinden der be-
treffenden Person hätten, für das nach einer Erklärung gesucht werde (Urk. 143
S. 13). Auch der Beschuldigte führte anlässlich der Berufungsverhandlung aus,
dass Frau Dr. C._ einmal erwähnt habe, dass die Privatklägerin ihm allenfalls
indirekt und unbewusst die Schuld an der Erkrankung ihrer Mutter gebe (Urk. 139
S. 4). Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass die psychische Erkrankung einer
Mutter Auswirkungen auf das Wohlbefinden der Tochter haben kann. Weshalb
dies allerdings zu autosuggestiv verursachten Pseudoerinnerungen an sexuelle
Übergriffe seitens des Vaters führen sollte, ist – jedenfalls im vorliegenden Fall –
nicht einsichtig. Mit der Staatsanwaltschaft (Prot. II S. 12) findet eine solche An-
nahme in den Akten keine Stütze. Ebenso unwahrscheinlich erscheint der Erklä-
rungsversuch, wonach es sich bei dem von der Privatklägerin Wiedergegebenen
um ein Phantasie-Relikt aus der Zeit der Urteilsunfähigkeit handeln könnte, da
Kinder im Alter von drei bis sieben Jahren in der Regel schlicht die Grenze zwi-
schen Realität und Phantasie noch nicht kennen würden (Urk. 143 S. 4). Einem
unversehrten Kleinkind fehlt es für derartige Phantasien ganz offensichtlich an ei-
nem diesbezüglichen Erlebnishintergrund. Da der Beschuldigte selbst ausführte,
dass jeweils die Mutter die Körperpflege der Privatklägerin übernommen habe
(Urk. 139 S. 11, 19), kann mit der Staatsanwaltschaft auch ausgeschlossen wer-
den, dass etwaige Pflegehandlungen mit irgendwelchen sexuellen Bezügen hät-
ten vermischt werden können (Prot. II S. 14).
Die Haltung des Beschuldigten erscheint zudem teilweise als etwas zwiespältig:
Zwar ist es schon nicht so, dass er sich "an eine Art Geständnis herantasten"
würde, wie das der Vertreter der Privatklägerin zu erkennen glaubt (Prot. I S. 33).
Der Beschuldigte räumt aber ein, viel mit der Privatklägerin "geschmust" und sie
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auch "am ganzen Körper" geküsst zu haben (Urk. 7/1 S. 9, 12; Urk. 76 S. 29).
Dabei habe es sich aber um "normales Kuscheln" gehandelt (Urk. 139 S. 12).
Über den Bericht von Dr. C._ lässt er zudem einbringen, dass für ihn "kaum
nachvollziehbar" sei, wie die Privatklägerin "einzelne seiner Verhalten als sexuelle
Regungen" habe interpretieren können (Urk. 28 S. 10). Auf der andern Seite fal-
len aber Aussagen auf, die in ihrer schon nahezu übermässigen Bestimmtheit als
verabsolutierte Vorwegverteidigung interpretiert werden können. So ist – wie
schon ausgeführt – aufgrund deren lebendiger Schilderung davon auszugehen,
dass die Privatklägerin immer wieder "Burgen" aus Kissen, Decken und Stühlen
gebaut hat. Da wirkt es schon etwas merkwürdig, wenn der Beschuldigte kate-
gorisch sagt, er wisse von "Burgen" nichts (Urk. 7/4 S. 7; Urk. 139 S. 12, 17). Und
gar lebensfremd und unglaubhaft wirkt, wenn der Beschuldigte sagt, er habe noch
nicht einmal die Scheide der Privatklägerin gesehen (Urk. 7/1 S. 11, Urk. 139
S. 11 f.).
4.23. Der zur Anklage gebrachte Sachverhalt erweist sich damit als in den An-
klageziffern 3 bis 6 erstellt. Einzig der Vorwurf im Zusammenhang mit den Über-
griffen im Europapark Rust im Jahr 2000 oder 2001 lässt sich nicht erstellen. Hin-
sichtlich dieses Vorwurfs hat demnach ein Freispruch zu ergehen.
4.24. Es verbleibt anzufügen, dass die dem Beschuldigten zur Last gelegten
Tatvorwürfe auch vor dem Hintergrund der gutachterlichen Feststellungen kei-
neswegs als wesensfremd erachtet werden müssten. Gemäss gutachterlicher
Schlussfolgerung weisen nämlich nicht nur die dem Beschuldigten zur Last ge-
legten Anlassdelikte – unter der Hypothese, dass der Beschuldigte diese auch
tatsächlich begangen hat –, sondern insbesondere auch das im Internet herunter-
geladene Material darauf hin, dass beim Beschuldigten mit hoher Wahrscheinlich-
keit eine überdauernde pädosexuelle Nebenströmung in Bezug auf sexuelle Sti-
mulierbarkeit durch Kinder, insbesondere Mädchen im präpubertären Alter von ca.
vier bis elf Jahren vorliege (Urk. 47 S. 54). Auch wenn mit der Vorinstanz und der
Verteidigung auf die gutachterliche Feststellung hinzuweisen ist, wonach grössere
Untersuchungen gezeigt hätten, dass nur sehr wenige Männer mit einer pädo-
sexuellen Nebenströmung auch zur Tat schreiten und sexuelle Handlungen an
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Kindern vornehmen würden und beim Beschuldigten keine Risikofaktoren zu er-
kennen seien, welche solche Täter auszeichnen (Urk. 95 S. 30; Urk. 79 S. 5,
Urk. 143 S. 11), spricht die Diagnose jedenfalls auch nicht dagegen. Ins Bild passt
auch die gutachterliche Feststellung, wonach die Ergebnisse des durchgeführten
Multiphasic Sex Inventory – Selbstbeurteilungsverfahrens (MSI) darauf hinweisen,
dass der Beschuldigte – wiederum unter der Hypothese, dass er die ihm zur Last
gelegten Taten begangen habe – das Begehen entsprechender Straftaten mit
seinem idealisierten Selbstbild als dem eines moralisch integren und gütigen Va-
ters nicht vereinbaren könnte und daher gezwungen wäre, seine pädosexuelle
Neigung und die damit im Zusammenhang stehenden Taten auch vor sich selbst
zu verleugnen (Urk. 47 S. 47). Zu bemerken ist allerdings, dass das Verfahren
gegen den Beschuldigten betreffend Pornografie bereits mit Verfügung vom
5. Februar 2013 eingestellt wurde. Bei einer Hausdurchsuchung wurden zwar auf
einer im Besitz des Beschuldigten sichergestellten Festplatte mehrere Nacktbilder
von Kindern, kinderpornografische Bilder und ein Bild mit sexuellen Handlungen
mit Tieren sichergestellt. Die Prüfung der in Frage kommenden Dateien hat dann
aber ergeben, dass die vom Beschuldigten bewusst abgespeicherten Nacktbilder
die Qualifizierung als pornografisches Erzeugnis im Sinne des Strafgesetzbuches
nicht erfüllten. Die als illegale Pornografie zu qualifizierenden Dateien wurden
lediglich automatisiert im Cache-Speicher abgelegt, weshalb dem Beschuldigten
diesbezüglich kein Vorsatz nachgewiesen werden konnte (Urk. 18). Umgekehrt ist
aber auch festzuhalten, dass nichts zugunsten des Beschuldigten abgeleitet wer-
den kann, wenn die Verteidigung betont, dass nur gerade 0.2 % aller ausgewerte-
ten Dateien kinderpornographisch gewesen seien (Urk. 143 S. 10). Entlastend
wären 0 %.
Es verbleibt darauf hinzuweisen, dass der Beschuldigte eingestand, Internetseiten
mit "bekleideten, hübschen Kindern (Mädchen)" besucht zu haben, wie etwa die
Seite "No Nude". Dort habe man zum Beispiel auch die Unterhosen der Mädchen
gesehen. Gleichzeitig betonte er aber, dass es sich dabei nicht um Sex-Fotos,
sondern einfach um ästhetisch schöne Bilder gehandelt habe (Urk. 7/8 S. 3). Er
habe immer nur Bilder gewählt, welche "akzeptabel" gewesen seien: "ästhetisch
schöne Bilder von nackten Kindern, aber nie Fotos, welche sexuelle Handlungen
- 50 -
mit Kindern gezeigt hätten (Urk. 7/8 S. 5 f.). Es sei nie sexuell motiviert gewesen,
sondern immer nur um die Ästhetik gegangen (Urk. 7/8 S. 7, Urk. 76 S. 13). Es
seien Bilder von Kindern gewesen, die man auch in der Badi sehe (Urk. 76 S. 14).
Die Bilder seien für ihn einfach "herzig" gewesen (Urk. 139 S. 14). Die Frage, was
ihn veranlasst habe, Bilder von nackten Kindern abzuspeichern, beantwortete er
dahingehend, dass er davon ausgegangen sei, dass diese Bilder gerade noch am
Rande des Erlaubten gewesen seien (Urk. 7/9 S. 3). Dies bedeute für ihn, dass
die Bilder – wenn auch nahe am Grenzbereich –"moralisch noch vertretbar" ge-
wesen seien. Es seien ja auch nur ein paar wenige Bilder gewesen (Urk. 139
S. 14 f.).
Ein solches Interesse an Bildern von nackten Mädchenkörpern lässt aufhorchen,
auch wenn daraus selbstverständlich keine Rückschlüsse auf eine etwaige Moti-
vation betreffend sexuelle Handlungen mit Kindern gezogen werden dürfen. Je-
denfalls weist aber auch der Gutachter darauf hin, dass sich grundsätzlich sagen
lasse, dass das ausschliessliche Motiv des Vergnügens an der Ästhetik kindlicher
Körper nur dann ohne jegliche erotische Komponente plausibel erscheine, wenn
sich Künstler mit dem kindlichen Körper in nicht sexualisierter Darstellungsweise
intensiv meist über Jahre beschäftigen und ihre kreierten Kunstwerke gerade
nicht verheimlichen, sondern dann in der Regel einem Publikum zur Betrachtung
zugänglich machen (Urk. 64 S. 2). Da nicht bekannt ist, dass der Beschuldigte
jemals in seiner Biografie einer derartigen künstlerisch-ästhetischen Leidenschaft
nachging, scheint die Darstellung des Beschuldigten, wonach das Betrachten der
Bilder von nackten Mädchenkörpern rein ästhetischen Zwecken diente, – im Ein-
klang mit der Auffassung des Gutachters – eher unplausibel.
Auch wenn das Gutachten aufgrund der diesem zugrundeliegenden Hypothese,
wonach sich die Straftat so zugetragen hat, wie vorgeworfen, gerade nicht für die
Beantwortung der Frage herangezogen werden darf, ob Anhaltspunkte für eine
Tatbegehung bestehen, kann festgehalten werden, dass den gutachterlichen
Feststellungen umgekehrt nichts entnommen werden kann, was dem aufgrund
der Aussageanalyse erstellten Sachverhalt geradezu widersprechen würde.
- 51 -
5. Rechtliche Würdigung
5.1. Die Staatsanwaltschaft beantragt, es sei der Beschuldigte der mehrfachen
sexuellen Handlungen mit Kindern im Sinne von Art. 187 Ziff. 1 StGB sowie der
mehrfachen Schändung im Sinne von Art. 191 StGB schuldig zu sprechen.
5.2. Per 1. Januar 2007 ist der allgemeine Teil des StGB umfassend revidiert
worden. Insbesondere wurde das Sanktionensystem geändert. Das hatte auch
Folgen auf die Bestimmungen des besonderen Teils. Der Beschuldigte verübte
die vorliegend zu beurteilenden Taten allesamt vor diesem Zeitpunkt und mithin
unter Geltung des alten Rechts. In materieller Hinsicht entsprachen sowohl
Art. 187 Ziff. 1 aStGB als auch Art. 191 aStGB den heutigen Regelungen. Art. 187
Ziff. 1 aStGB sah indessen für eine sexuelle Handlung mit einem Kind eine Strafe
von Zuchthaus bis zu fünf Jahren oder Gefängnis vor, währenddem die heutige
Strafdrohung auf Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder Geldstrafe lautet. Art. 191
aStGB drohte für eine Schändung eine Strafe von Zuchthaus bis zu zehn Jahren
oder Gefängnis an; heute steht darauf eine Freiheitsstrafe bis zu zehn Jahren
oder Geldstrafe.
Gemäss Art. 2 Abs. 1 StGB erfolgt eine Beurteilung nach den neuen Be-
stimmungen grundsätzlich nur, wenn ein Verbrechen oder Vergehen nach dem
Inkrafttreten der revidierten Bestimmungen verübt wird. Indes kommt das neue
Recht auch dann zur Anwendung, wenn die Taten zwar vor dem Inkrafttreten der
neuen Bestimmungen verübt worden sind, das neue Recht für den Täter aber das
mildere ist (Art. 2 Abs. 2 StGB). Ob das alte oder neue Recht das mildere ist, hat
das Gericht nach der konkreten Methode zu ermitteln.
Wie gesehen, unterscheiden sich Art. 187 Ziff. 1 StGB und Art. 191 StGB einzig in
Bezug auf die Strafdrohung vom früheren Recht. Während damals Strafen von
Zuchthaus bis zu fünf bzw. zehn Jahren oder Gefängnis auszusprechen waren,
werden heute Freiheitsstrafen bis zu fünf bzw. zehn Jahren oder Geldstrafen an-
gedroht. Da vorliegend – wie noch zu zeigen sein wird – keine höhere Strafe als
drei Jahre Freiheitsstrafe auszusprechen ist, ist das neue Recht milder, weil allein
nach diesem Recht im konkreten Einzelfall ein bedingter bzw. teilbedingter Straf-
- 52 -
vollzug überhaupt möglich und daher zu prüfen ist (BGE 134 IV 82 E. 6.2.1; Urteil
des Bundesgerichts 6B_1017/2008 vom 24. März 2009, mit Verweis auf Urteil
6B_538/2007 vom 2. Juni 2008 E. 2.3 und 2.4, nicht publ. in: BGE 134 IV 241).
5.3. Es ist offensichtlich, dass der Beschuldigte den Tatbestand von Art. 187
Ziff. 1 StGB mehrfach erfüllt hat. Mit dem (zum Teil gegenseitigen) Anfassen, Be-
rühren, Streicheln und Lecken der primären Geschlechtsorgane bis hin – in einem
Fall – zum Orgasmus des Beschuldigten, hat dieser zweifelsfrei sexuelle Hand-
lungen mit der zum Zeitpunkt der Taten rund drei- bis siebenjährigen – und mithin
im Kindesalter stehenden – Privatklägerin vorgenommen.
5.4. Die Staatsanwaltschaft verlangt darüber hinaus einen zusätzlichen Schuld-
spruch im Sinne von Art. 191 StGB, unter Hinweis darauf, dass der Tatbestand
der Schändung die sexuelle Freiheit und der Tatbestand der sexuellen Hand-
lungen mit Kindern die sexuelle Entwicklung schütze (Urk. 80 S. 8, Urk. 141 S. 3).
Der Vertreter der Privatklägerin schliesst sich dieser Auffassung ohne eigene Er-
wägungen an (Urk. 81 S. 6, Urk. 142 S. 14). Die Verteidigung weist in ihrem
Eventualstandpunkt darauf hin, dass die Abgrenzung zwischen diesen beiden
Tatbeständen schwierig sei, und plädiert – so sind ihre Ausführungen wohl zu
verstehen – auf eine zurückhaltende Anwendung von Art. 191 StGB (Prot. I
S. 27/28, Urk. 143 S. 15, Prot. II S. 21).
5.5. Gemäss Art. 191 StGB macht sich der Schändung schuldig, wer eine ur-
teilsunfähige oder eine zum Widerstand unfähige Person in Kenntnis ihres Zu-
standes zum Beischlaf, zu einer beischlafsähnlichen oder einer anderen sexuellen
Handlung missbraucht. Das Gesetz spricht sich nicht über die Abgrenzung zu
Art. 187 StGB aus, wenn das Opfer ein infolge seines Alters oder einer Krankheit
urteilsunfähiges Kind unter 16 Jahren ist. Das Bundesgericht hat in BGE 120 IV
194 entschieden, dass eine Anwendung beider Artikel in echter Konkurrenz mög-
lich sei, im Wesentlichen mit der Begründung, dass – worauf sich auch die
Staatsanwaltschaft im vorliegenden Verfahren bezieht – die beiden Bestimmun-
gen nicht das gleiche Rechtsgut schützten und zwischen Art. 187 StGB und
Art. 189/190 StGB (sexuelle Nötigung und Vergewaltigung) ebenfalls Idealkon-
- 53 -
kurrenz gegeben sei (BGE 120 IV 194 E. 2b). Weiter führte das Bundesgericht
aus (E. 2c):
Da die Urteilsunfähigkeit im Sinne von Art. 191 StGB relativ ist, hat der Richter kon-
kret abzuklären, ob das Opfer in Bezug auf die sexuellen Handlungen seelisch in
der Lage war, sich gegen diese zu wehren (Botschaft, a.a.O., S. 1077), und ob es
darüber entscheiden konnte, die sexuellen Kontakte haben zu wollen oder nicht
(STRATENWERTH, a.a.O., § 8 N 34). Die notwendige Reife im Sinne von Art. 187
StGB ist vor dem 16. Altersjahr von Gesetzes wegen stets zu verneinen, wobei im
übrigen Urteils- und Widerstandsfähigkeit vorausgesetzt ist. Art. 191 StGB bedingt
"eine urteilsunfähige oder eine zum Widerstand unfähige Person". Ist also der Tat-
bestand von Art. 187 StGB bei sexuellen Handlungen mit einer Person unter
16 Jahren wegen ihrer mangelnden Reife erfüllt, so rechtfertigt sich eine zusätz-
liche Anwendung von Art. 191 StGB nur, wenn zur Ausnützung der mangelnden
Reife offenkundig ein Missbrauch der Urteilsunfähigkeit oder anderen Widerstands-
unfähigkeit hinzukommt. Deshalb darf eine allein altersbedingte Urteilsunfähigkeit
nur zurückhaltend angenommen werden; sexuelle Handlungen berühren denn auch
das Kind in seiner körperlichen und intimen Sphäre, in welcher es eher als in ande-
ren Gebieten zum Bewusstsein und zu einer (Abwehr-)Reaktion fähig ist.
Im konkreten Fall war es sowohl für das Gericht als auch die Parteien klar, dass
das zum Tatzeitpunkt 4 Jahre und 11 Monate alte Kind aufgrund seines Alters als
urteilsunfähig zu betrachten war (BGE 120 IV 194 E. 2d).
In eine ähnliche Richtung zeigt auch die weitere, allerdings nicht sehr umfang-
reiche Rechtsprechung. In ZR 95 Nr. 35 hielt die II. Strafkammer des Zürcher
Obergerichts fest, dass ein Kind im Vorschulalter keinesfalls sexuell urteilsfähig
sei; das kritische Alter, in welchem die Unterscheidung zwischen blosser Unreife
und altersbedingter Urteilsunfähigkeit nicht ohne weiteres feststehe und sich nä-
here Abklärungen aufdrängen könnten, liege wohl zwischen 8/9 und 12/13 Jah-
ren. Im Urteil AR GVP 22/2010 Nr. 5337 vom 6. Juli 2010 kam das Obergericht
des Kantons Appenzell Ausserrhoden zum Schluss, dass den in jenem Fall von
ihrem Vater missbrauchten beiden Töchtern im Alter von einem bis vier bzw. drei
bis sechs Jahren die Urteilsfähigkeit im Sinne von Art. 191 StGB fehlte. Schliess-
lich wird in BSK StGB II-Maier, N 9 zu Art. 191, auf einen Artikel von Wiprächtiger
- 54 -
(ZStrR 125/2007 S. 302) verwiesen, wonach das Bundesgericht im Entscheid
6S.14/2001 vom 7. Februar 2001 auch bei einem knapp zehnjährigen Opfer da-
von ausgegangen ist, es habe ihm altersbedingt die Urteilsfähigkeit gefehlt.
In der Lehre wird diese Rechtsprechung mehrheitlich abgelehnt und werden kla-
rere Abgrenzungskriterien gefordert. Das Bundesgericht zwinge die urteilenden
Instanzen dazu, im Einzelfall herauszufinden, ob das Kind in der Lage gewesen
sei, die sexuelle Bedeutung verstandesmässig zu erfassen, weil entscheidend
eben nicht das (Macht-) Verhältnis zwischen dem erwachsenen Täter und dem
Kind, sondern allein die seelische Verfassung und der Entwicklungsstand des
Kindes sei. Statt das Fehlverhalten des Täters in den Vordergrund zu rücken, fin-
de so eine Konzentration auf die Äusserungen und die Verhaltensweisen des
Kindes statt. Das führe zu einer "massiven sekundären Viktimisierung" des Opfers
(Maier, BSK StGB II, Art. 191 N 10, mit m.Hw. auf Arzt, Hangartner, Jenny,
Rehberg/Schmid, Trechsel, Stratenwerth). Gemäss Trechsel solle eine Urteils-
unfähigkeit bei Kindern nur dann angenommen werden, wenn deutliche Gründe
vorlägen, dass diese auch unabhängig vom Alter des Kindes gegeben sei. Maier
(a.a.O., mit Verweis auf eine Dissertation von Suter-Zürcher) fordert im Sinne ei-
nes "Mittelwegs", dass Urteilsunfähigkeit nach Art. 191 bei Kindern unter
16 Jahren zu vermuten sei, wenn das Kind im Tatmoment entweder weniger als
4 Jahre alt oder aber älter sei, indes in der geistigen oder körperlichen Entwick-
lung zurückgeblieben, geistig und/oder körperlich behindert oder in einer Situation
ist, die auch bei einer erwachsenen Person zur Annahme einer Widerstand-
unfähigkeit bzw. Urteilsunfähigkeit i.S.v. Art. 191 führen würde (z.B. Fesselung,
Hypnose). Seien diese Elemente nicht gegeben, finde einzig Art. 187 Anwendung.
5.6. Vorliegend fanden die dem Beschuldigten nachgewiesenen Handlungen
(Anklageziffern 3 bis 6) vom dritten bis zum siebten Altersjahr der Privatklägerin
statt. Im Sinne der vorstehend dargestellten Rechtsprechung und auch all jener
Lehrmeinungen, die nicht schon aus grundsätzlichen Überlegungen dagegen
sind, eine rein altersbedingt begründete Urteilsunfähigkeit für die Anwendung von
Art. 191 StGB genügen zu lassen, ist damit klar, dass zumindest anfänglich schon
alleine aufgrund des damaligen Alters der Privatklägerin von einer Urteilsunfähig-
- 55 -
keit auszugehen ist. Ganz offensichtlich war die Privatklägerin als Kleinkind bzw.
Kind im Vorschulalter nicht in der Lage, sich ein Urteil über die sexuellen Hand-
lungen zu bilden, welche ihr Vater mit ihr vorgenommen hat. Sie betrachtete das
Ganze als ein Spiel, ein "spannendes Geheimnis", ein "spannendes Theaterspiel"
(Urk. 6/1 S. 8, 10, 12), es habe immer freiwillig, spielerisch und im gegenseitigen
Einvernehmen stattgefunden (Urk. 6/1 S. 12), es seien nie Drohungen oder Nöti-
gungen durch den Beschuldigten ausgestossen worden, seine Handlungen seien
recht sanft gewesen (Urk. 6/1 S. 12, 13) und sie habe es als angenehm empfun-
den (Urk. 6/1 S. 11). Als ihr Vater einen Orgasmus gehabt habe, sei das für sie
"eher lustig" gewesen (Urk. 6/1 S. 8). Die Handlungen seien "angenehm" gewe-
sen und sie habe es zum damaligen Zeitpunkt "genossen" (Urk. 140 S. 14,
vgl. auch vorstehende Erw. 4.18). Es ist offenkundig, dass die Privatklägerin die
wirkliche Bedeutung und Tragweite der Handlungen auch nicht annähernd ab-
schätzen konnte (vgl. dazu Maier, BSK StGB II, Art. 191 N 5 m.w.H.).
5.7. Hinsichtlich der Anklageziffern 3 bis 6 ist deshalb von einer Urteilsunfähig-
keit der Privatklägerin auszugehen. Da stand diese zwischen etwa dem dritten
und siebten Altersjahr. Soweit nun argumentiert würde, ab einem bestimmten
Moment in dieser Zeitspanne könne sie nicht mehr als urteilsunfähig betrachtet
werden, wäre dem entgegen zu halten, dass die Privatklägerin bei den ersten se-
xuellen Handlungen des Beschuldigten ganz klar urteilsunfähig war und es reali-
tätsfremd wäre, ihr ab einem bestimmten Zeitpunkt der wiederholten Handlungen
des Beschuldigten plötzlich Einsicht zu unterstellen. Gegenteils ist davon auszu-
gehen, dass wohl auch der Beschuldigte ganz bewusst das spielerische Element
seiner Handlungen über die Jahre beibehielt, um die Privatklägerin in ihrer Rolle
als "Mitspielerin" zu halten.
5.8. Zusammenfassend ist damit festzuhalten, dass der Beschuldigte durch
seine Handlungen gemäss den Anklageziffern 3 bis 6 zusätzlich zum Tatbestand
der sexuellen Handlungen mit Kindern im Sinne von Art. 187 Ziff. 1 StGB in echter
Konkurrenz auch den Tatbestand der Schändung im Sinne von Art. 191 StGB er-
füllt hat. Der Beschuldigte ist darum der mehrfachen sexuellen Handlungen mit
- 56 -
Kindern im Sinne von Art. 187 Ziff. 1 StGB sowie der mehrfachen Schändung im
Sinne von Art. 191 StGB schuldig zu sprechen.
6. Strafzumessung
6.1. Das Bundesgericht hat die Grundsätze der Strafzumessung und die an sie
gestellten Anforderungen wiederholt dargelegt. Darauf kann verwiesen werden
(BGE 134 IV 17 E. 2.1; BGE 129 IV 6 E. 6.1; BGE 127 IV 101 E. 2c; je mit Hin-
weisen). Hat der Täter durch eine oder mehrere Handlungen die Voraussetz-
ungen für mehrere gleichartige Strafen erfüllt, so verurteilt ihn das Gericht zu der
Strafe der schwersten Straftat und erhöht sie angemessen. Es darf jedoch das
Höchstmass der angedrohten Strafe nicht um mehr als die Hälfte erhöhen und ist
an das gesetzliche Höchstmass der Strafart gebunden (Art. 49 Abs. 1 StGB). Bei
der Bildung der Gesamtstrafe nach Art. 49 Abs. 1 StGB ist vorab der Strafrahmen
für die schwerste Straftat zu bestimmen und alsdann die Einsatzstrafe für die
schwerste Tat innerhalb dieses Strafrahmens festzusetzen. Die Einsatzstrafe ist
unter Einbezug der anderen Straftaten in Anwendung des Asperationsprinzips
angemessen zu erhöhen. Der Richter hat mithin in einem ersten Schritt ge-
danklich die Einsatzstrafe für das schwerste Delikt festzulegen, indem er alle
diesbezüglichen straferhöhenden und strafmindernden Umstände berücksichtigt.
In einem zweiten Schritt hat er die Strafe zu erhöhen, um die weiteren Delikte zu
sanktionieren. Auch insoweit muss er den jeweiligen Umständen Rechnung tra-
gen (BGE 127 IV 101 E. 2b m.Hw.; Urteil des Bundesgerichts 6B_460/2010 vom
4. Februar 2011, E. 3.3.4 m.Hw., nicht publ. in: BGE 137 IV 57).
6.2. Schwerste Straftat im Sinne von Art. 49 Abs. 1 StGB ist vorliegend die
mehrfache Schändung mit einer Strafandrohung von Freiheitsstrafe bis zu
10 Jahren oder Geldstrafe.
6.2.1 In objektiver Hinsicht fällt zwar die recht lange Zeitspanne auf, in welche
die dem Beschuldigten unter diesem Titel vorgeworfenen Taten fallen, nämlich
vier bis fünf Jahre (1993 bis 1996, ev. 1997). Umgekehrt geht es aber in den An-
klageziffern 3 bis 6 um "lediglich" vier Einzeltaten, womit sich eine ungefähre
durchschnittliche Häufigkeit von einer Tat pro Jahr ergibt. Das Anklageprinzip
- 57 -
verböte, darüber hinaus zu berücksichtigen, dass sich die Privatklägerin noch in
der staatsanwaltschaftlichen Einvernahme "sehr sicher" gewesen ist, es sei
"dazwischen noch mehr passiert" (Urk. 6/2 S. 11). Von der Intensität her beweg-
ten sich die Übergriffe – mit der Verteidigung (Prot. II S. 21 f.) – sicher am unter-
sten Rand des Möglichen: Der Beschuldigte wandte nie Gewalt an, sondern ging,
um es mit den Worten der Privatklägerin auszudrücken, sanft vor, und es blieb
beim Streicheln und Lecken. Insbesondere unterblieb jegliche Art von Pene-
tration. Auch unter Berücksichtigung der viermaligen Übergriffe wiegt damit die
objektive Tatschwere im Rahmen der weiten Strafdrohung gemäss Art. 191 StGB
sowie in Relation zu allen denkbaren Schändungshandlungen noch leicht.
6.2.2 In subjektiver Hinsicht ist das egoistische Vorgehen des Beschuldigten
hervorzuheben. Unter Ausnützung der in sexuellen Belangen bei der Privat-
klägerin gegebenen Urteilsunfähigkeit und wohl in Erwartung des ausbleibenden
Widerstands verging sich der Beschuldigte viermal zur Befriedigung der eigenen
sexuellen Lustgefühle an seiner noch kleinen Tochter. Dabei handelte er offen-
sichtlich direkt vorsätzlich. Eine Verminderung der Schuldfähigkeit lag beim Be-
schuldigten gemäss dem Gutachten von Dr. med. L._ zum Tatzeitpunkt nicht
vor (Urk. 47 S. 54). Die subjektive Seite vermag damit die objektive Tatschwere
nicht zu vermindern. Für die vier Schändungshandlungen erscheint damit eine
Einsatzstrafe von 20 Monaten Freiheitsstrafe als angemessen.
6.3. Weiter erfüllte der Beschuldigte durch die vier Handlungen gemäss den
Anklageziffern 3 bis 6 mehrfach den Tatbestand der sexuellen Handlungen mit
Kindern. Art. 187 Ziff. 1 StGB sieht dafür für sich alleine eine Strafe von bis zu
fünf Jahren Freiheitsstrafe oder Geldstrafe vor. In Anwendung des Asperations-
prinzips (Art. 49 Abs. 1 StGB) ist darum die Einsatzstrafe angemessen zu erhö-
hen. Hier ist zu gewichten, dass der Beschuldigte nicht nur – durch die Schän-
dung – die sexuelle Freiheit der Privatklägerin verletzte, sondern durch die Er-
füllung des Tatbestands gemäss Art. 187 StGB auch die ungestörte (sexuelle)
Entwicklung seiner Tochter gefährdete (vgl. BGE 120 IV 194 E. 2b). In objektiver
Hinsicht gilt zunächst – mutatis mutandis – das bereits zur Schändung Erwogene
(langer Zeitraum, "nur" vier Handlungen, niedere Übergriffsintensität). Von den
- 58 -
Auswirkungen seiner Verfehlungen auf die Privatklägerin her kann – glücklich-
erweise – festgestellt werden, dass diese die Straftaten soweit ersichtlich ohne
tiefgreifende Traumatisierung überstanden hat. Davon ist zumindest gestützt auf
die Aussagen während dem Untersuchungsverfahren auszugehen. Auf die Aus-
wirkungen der Übergriffe angesprochen, sagte die Privatklägerin in der polizei-
lichen Einvernahme jedenfalls aus, sie glaube nicht, dass sie die Vorfälle in ihrer
Entwicklung oder in ihrer Sexualität beeinträchtigt hätten oder noch immer be-
einträchtigten. Sie sei denn auch sehr frühreif gewesen und habe ihre ersten se-
xuellen Erfahrungen mit einem Freund bereits mit 13 Jahren gehabt (Urk. 6/1
S. 15). Vor Berufungsgericht bestätigte die Privatklägerin diese Ausführungen. Es
gehe ihr im Alltag gut und sie fühle sich nicht beeinträchtigt. Allerdings fügte sie
an, dass sie während ihren wöchentlichen Therapiesitzungen merke, dass eine
Therapie nötig sei. Hinsichtlich ihrer Sexualität merke sie, dass sie zum Teil ko-
mische Gelüste verspüre, die dann aber auch schnell in Abneigung umkehren
könnten. Sie wisse nicht, ob dies auf die Übergriffe zurückzuführen sei. Wenn die
Therapie einmal soweit fortgeschritten sei, dass sie die Vorfälle zusammen mit
der Therapeutin konkret bearbeiten werde, könne ihre Therapeutin ihr vielleicht
mehr Einsicht bringen (Urk. 140 S. 30 f.). Gestützt auf diese Ausführungen ist da-
von auszugehen, dass auch wenn wohl nicht von einer tiefgreifenden Trau-
matisierung auszugehen ist, umgekehrt auch nicht gesagt werden kann, dass die
Übergriffe keine negativen Auswirkungen auf die Privatklägerin und ihre Ent-
wicklung zeitigten. Mit Bezug auf die subjektiven Aspekte ist wiederum auf die
Erwägungen im Zusammenhang mit der Schändung zu verweisen: Es ist exem-
plarisch egoistisch und rücksichtslos, die eigene Tochter zur Befriedigung seiner
sexuellen Gelüste zu missbrauchen. Unter Verweis auf die entsprechenden Fest-
stellungen im Gutachten von Dr. med. L._ ist auch hier von einer vollen
Schuldfähigkeit auszugehen. Die mehrfache Erfüllung des Tatbestands der sexu-
ellen Handlungen mit Kindern führt zu einer nicht unerheblichen Erhöhung der
Einsatzstrafe.
6.4. Aus der Biographie des Beschuldigten (vgl. dazu Urk. 76 S. 1 ff.; Urk. 139
S. 19 ff.) ergeben sich keine strafzumessungsrelevanten Umstände. Dass er kei-
ne Vorstrafen hat (Urk. 96), wirkt sich neutral aus (BGE 136 IV 1). Auch aus sei-
- 59 -
nem Nachtatverhalten kann der Beschuldigte nichts für sich ableiten, da er weder
geständig noch einsichtig oder reuig ist. Soweit die Verteidigung aufgrund der
Pflegebedürftigkeit der Ehefrau eine besondere Strafempfindlichkeit beim Be-
schuldigten sieht (Prot. II S. 22), ist dem zunächst entgegenzuhalten, dass ge-
stützt auf die Darstellung des Beschuldigten (vgl. Urk. 139 S. 22) nicht von einer
eigentlichen Pflege-, sondern eher von einer nur in beschränktem Masse vor-
handenen Betreuungsbedürftigkeit seiner Ehefrau auszugehen ist. Ansonsten wä-
re die Ehefrau des Beschuldigten wohl kaum in der Lage gewesen, während der
57-tägigen Abwesenheit des Beschuldigten aufgrund der U-Haft alleine und nur
mit gelegentlicher Hilfe der Nachbarn klarzukommen (vgl. Urk. 139 S. 22). Ferner
zu berücksichtigen ist, dass die Auswirkungen des Strafvollzugs auf die Familie
eine unmittelbare gesetzliche Folge der Freiheitsstrafe darstellen. Eine Straf-
reduktion unter diesem Titel ist daher grundsätzlich nur zurückhaltend und bei
aussergewöhnlichen Umständen anzunehmen (Bundesgerichtsentscheid
6B_664/2009 vom 26. Oktober 2009, E. 1.3, mit Hinweisen; 6B_1038/2010 vom
21. März 2011, E. 4.5; 6B_11/2011 vom 3. Februar 2012, E. 2). Solche ausser-
gewöhnliche Umstände sind hier nicht erkennbar. Es ist nicht zu bestreiten, dass
ein allfälliger Strafvollzug eine Belastung für den Beschuldigten und aufgrund sei-
ner Abwesenheit auch für seine Ehefrau darstellen würde. Allerdings sind keine
Gründe ersichtlich, weshalb sich eine Fremdbetreuung der Ehefrau, soweit sie
denn tatsächlich notwendig wäre, nicht in angemessener Weise gewährleisten
lassen sollte. Eine über das gewöhnliche Mass hinausgehende Strafempfind-
lichkeit ist damit nicht zu erkennen. Damit wirken sich die Täterkomponenten ge-
genüber der Tatkomponente insgesamt weder positiv noch negativ aus.
6.5. Der Beschuldigte hat die ihm nachgewiesenen Straftaten in den Jahren
1993 bis 1996/1997 begangen – mithin vor etwa 18 bis 22 Jahren. Die Privatklä-
gerin war damals zwischen 3- und 7-jährig. Am tt.mm.2015 wurde sie 25-jährig.
6.6. Gemäss Art. 48 lit. e StGB mildert das Gericht die Strafe, wenn das Straf-
bedürfnis in Anbetracht der seit der Tat verstrichenen Zeit deutlich vermindert ist
und der Täter sich in dieser Zeit wohl verhalten hat. Diese Bestimmung knüpft an
den Gedanken der Verjährung an. Nach der Rechtsprechung ist dieser Straf-
- 60 -
milderungsgrund in jedem Fall zu beachten, wenn zwei Drittel der Verjährungsfrist
verstrichen sind. Im Falle von unverjährbaren Straftaten ist indessen Art. 101
Abs. 2 StGB massgebend und findet Art. 48 lit. e StGB keine Anwendung
(BGE 140 IV 145 E. 3.2 = Pra 104 [2015] Nr. 50 E. 3.2). Danach kann das Gericht
die Strafe mildern, wenn die Strafverfolgung im Sinne von Art. 97 und 98 StGB
verjährt wäre.
Die vom Beschuldigten begangenen Delikte sind unverjährbar gemäss Art. 101
Abs. 1 lit. e StGB. Eine Strafmilderung könnte also in Frage kommen, wenn die
Verjährung bei Anwendung der Artikel 97 und 98 StGB eingetreten wäre (Art. 101
Abs. 2 StGB). Hier ist massgebend, dass die Verfolgungsverjährung bei sexuellen
Handlungen mit Kindern (Art. 187 StGB) und Schändung (Art. 191 StGB), sofern
sie sich gegen ein Kind unter 16 Jahren gerichtet hat, in jedem Fall mindestens
bis zum vollendeten 25. Lebensjahr des Opfers andauert (Art. 97 Abs. 2 StGB).
Diese Bestimmung ist vorliegend anwendbar, weil der Beschuldigte seine Straf-
taten vor dem Inkrafttreten der Änderung vom 5. Oktober 2001 (d.h. dem
1. Oktober 2002) begangen hat und die Verfolgungsverjährung zu diesem Zeit-
punkt noch nicht eingetreten war (Art. 97 Abs. 4 StGB).
Bevor die Privatklägerin ihr 25. Altersjahr vollendet hatte, wäre demnach auch
nach Art. 97 und 98 StGB keine Verjährung eingetreten. Seit ihrem 25. Geburts-
tag am tt.mm.2015 wäre indessen nach Art. 97 Abs. 2 StGB eine Verjährung
möglich. Es gelten dann die ordentlichen Regelungen gemäss Art. 97 Abs. 1
StGB. Da sowohl Art. 187 Abs. 1 StGB als auch Art. 191 StGB Freiheitsstrafen
von mehr als drei Jahren androhen, gilt eine Verfolgungsverjährung von 15 Jah-
ren (Art. 97 Abs. 1 lit. b StGB).
Nach diesen Vorschriften würde also die Verjährung ab dem tt.mm.2015 für Taten
des Beschuldigten eintreten, die er vor dem tt.mm.2000 begangen hat. Das betrifft
alle Vorwürfe gemäss den Anklageziffern 3 bis 6.
Massgeblicher Zeitpunkt für die Anwendung von Art. 101 Abs. 2 StGB ist das Da-
tum des Berufungsurteils (BGE 140 IV 145 E. 3.6 = Pra 104 [2015] Nr. 50 E. 3.6)
– vorliegend also das heutige Datum, der 3. Dezember 2015. In Anwendung von
- 61 -
Art. 97 Abs. 1 und 2 StGB wären heute die Anklageziffern 3 bis 6 seit dem
tt.mm.2015 verjährt. Es liegt deshalb ein Anwendungsfall von Art. 101 Abs. 2
StGB vor. Ist ein Strafmilderungsgrund gegeben, ist die Strafe mindestens inner-
halb des Strafrahmens zu mindern. Nachdem vorliegend der nach Art. 97 Abs. 1
und 2 StGB ermittelte Verjährungseintritt erst rund viereinhalb Monate zurückliegt,
rechtfertigt sich nicht mehr als eine leichte Strafminderung.
6.7. Insgesamt erscheint es deshalb als angemessen, den Beschuldigten mit
einer Freiheitsstrafe von 24 Monaten zu bestrafen. Daran anzurechnen sind die
57 Tage, welche der Beschuldigte in Untersuchungshaft zu verbringen hatte
(Urk. 14/30; Art. 51 StGB).
7. Strafvollzug
7.1. Eine Freiheitsstrafe von 24 Monaten liegt gerade noch im Bereich, in wel-
chem der bedingte Vollzug möglich ist (Art. 42 Abs. 1 StGB). Dieser ist nach der
genannten Bestimmung in der Regel zu gewähren, wenn eine unbedingte Strafe
nicht notwendig erscheint, um den Täter von der Begehung weiterer Verbrechen
oder Vergehen abzuhalten. Für den bedingten Vollzug genügt das Fehlen einer
ungünstigen Prognose. Die Gewährung des bedingten Strafaufschubs setzt mit
anderen Worten nicht die positive Erwartung voraus, der Täter werde sich be-
währen, sondern es genügt die Abwesenheit der Befürchtung, dass er es nicht tun
werde. Der Strafaufschub ist deshalb die Regel, von der grundsätzlich nur bei un-
günstiger Prognose abgewichen werden darf. Er hat im breiten Mittelfeld der Un-
gewissheit den Vorrang (BGE 134 IV 97 E. 7.3; 134 IV 82 E. 4.2; je mit Hin-
weisen).
7.2. Bei der Prüfung, ob der Verurteilte für ein dauerndes Wohlverhalten Ge-
währ bietet, hat das Gericht eine Gesamtwürdigung aller wesentlichen Umstände
vorzunehmen. In die Beurteilung miteinzubeziehen sind neben den Tatumständen
auch das Vorleben und der Leumund sowie alle weiteren Tatsachen, die gültige
Schlüsse auf den Charakter des Täters und die Aussichten seiner Bewährung zu-
lassen. Relevante Faktoren sind etwa strafrechtliche Vorbelastung, Sozialisa-
tionsbiographie und Arbeitsverhalten, das Bestehen sozialer Bindungen, Hinweise
- 62 -
auf Suchtgefährdungen usw. Es ist unzulässig, einzelnen Umständen eine vor-
rangige Bedeutung beizumessen und andere zu vernachlässigen oder überhaupt
ausser Acht zu lassen. Wie bei der Strafzumessung (Art. 50 StGB) müssen die
Gründe für die Gewährung oder Nichtgewährung des bedingten Vollzugs der
Strafe im Urteil so wiedergegeben werden, dass sich die richtige Anwendung des
Bundesrechts überprüfen lässt (BGE 134 IV 1 E. 4.2.1; Urteil 6B_572/2013 vom
20. November 2013 E. 1.3; je mit Hinweisen).
7.3. Der Beschuldigte ist nicht vorbestraft (Urk. 96), insbesondere hat er sich
auch in den rund 20 Jahren seit der Begehung der vorliegend zu beurteilenden
Taten nicht mehr strafbar gemacht. Das spricht schon einmal dafür, dass er sich
auch durch eine bedingt ausgesprochene Freiheitstrafe genügend beeindrucken
lassen wird, sich künftig wohl zu verhalten (vgl. dazu auch Art. 42 Abs. 2 StGB).
Hinzu kommt, dass ihm im Rahmen des vorliegenden Verfahrens doch immerhin
während 57 Tagen durch Untersuchungshaft die Freiheit entzogen war, was die
Warnwirkung einer nun bedingt ausgesprochenen Strafe zweifellos verstärkt. Um-
stände, die eine ungünstige Prognose vermuten liessen, liegen nicht vor.
7.4. Eine unbedingte Strafe erscheint damit nicht notwendig, um den Be-
schuldigten von der Begehung weiterer Verbrechen oder Vergehen abzuhalten.
Entsprechend ist der Vollzug der Freiheitsstrafe aufzuschieben. Damit verbunden
ist eine Probezeit von 2 Jahren anzusetzen, während derselben sich der Beschul-
digte zu bewähren haben wird (Art. 44 Abs. 1 StGB; Art. 46 StGB).
8. Zivilansprüche
8.1. Die Privatklägerin fordert vom Beschuldigten eine Genugtuung von
Fr. 15'000.– zuzüglich 5 % Zins seit dem 22. August 2012 (Urk. 81 S. 2, 7 ff.;
Urk. 142 S. 2, 14). Auf die vor Vorinstanz noch geltend gemachte Umtriebs-
entschädigung von Fr. 500.– verzichtete die Privatklägerin vor Berufungsgericht
(Prot. II S. 9), was vorzumerken ist.
8.2. Die Privatklägerin lässt ihre Genugtuungsforderung vorab damit begrün-
den, dass durch die Vorfälle ihr Grundvertrauen zum Beschuldigten irreparabel
- 63 -
zerstört worden sei. Zudem sei ein generelles Unsicherheitsgefühl und Misstrauen
gegenüber erwachsenen Männern zurückgeblieben. Der Privatklägerin sei durch
das Verhalten des Beschuldigten de facto auch der Kontakt zur Mutter verwehrt,
weil diese infolge ihrer psychischen Krankheit kein Telefon mehr bedienen könne
und der Beschuldigte immer in ihrer Nähe sei. Zudem habe auch das Verhältnis
zum Halbbruder väterlicherseits gelitten, weil dieser in einen Loyalitätskonflikt ge-
raten und dem Frieden zuliebe zur Privatklägerin eher auf Distanz gegangen sei.
Am schlimmsten sei jedoch, dass die Privatklägerin ihren Vater "verloren" habe.
Er sei lange Zeit für sie sehr wichtig gewesen und nun emotional negativ besetzt.
Mit den positiven Kindheitserinnerungen kämen automatisch auch immer wieder
die negativen hoch. Das sei eine grosse Einschränkung der Lebensqualität. Durch
den Verlust der Vaterfigur leide die Privatklägerin allgemein unter grossen Ver-
lustängsten in Beziehungen. Das habe auch schon Beziehungen zerstört, die ihr
wichtig gewesen seien. Den Beschuldigten habe als Vater eine verstärkte Ver-
antwortung und besondere Garantenpflicht getroffen, welche er aufs Gröbste ver-
letzt habe. Er habe so der Privatklägerin einen bleibenden Schaden zugefügt, und
seine Uneinsichtigkeit und seine Verunglimpfungen verschlimmerten den
Schmerz für die Privatklägerin deutlich. Es sei nicht so, dass die Übergriffe keine
psychischen Folgen hinterlassen hätten. Einzig dass die Privatklägerin bis anhin
keine Therapie besucht habe, bedeute nicht, dass sie psychisch nicht leide und
dass sie die Vorkommnisse nicht stark belasteten. Es sei zudem nicht unüblich,
dass jüngere Menschen Therapien eher unzugänglich seien (Urk. 81 S. 7/8;
Prot. I S. 21, Urk. 142 S. 14).
8.3. Wer in seiner Persönlichkeit widerrechtlich verletzt wird, hat Anspruch auf
Leistung einer Geldsumme als Genugtuung, sofern dies durch die Schwere der
Verletzung als gerechtfertigt erscheint und falls die Verletzung nicht anders wie-
der gut gemacht worden ist (Art. 49 Abs. 1 OR). Für die Beurteilung der Höhe der
Genugtuung hat das Gericht in erster Linie von der Art und Schwere der Ver-
letzung, der Intensität und Dauer der Auswirkungen auf die Persönlichkeit der be-
troffenen Person sowie vom Grad des Verschuldens des Schädigers am Scha-
densereignis auszugehen. Die Bemessung der Genugtuung steht im Ermessen
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des Gerichts. Bei der Festlegung der Höhe der Genugtuung spielen die finanz-
iellen Verhältnisse des Pflichtigen wie auch der Privatklägerschaft keine Rolle.
8.4. Im Eventualstandpunkt ist auch dem Verteidiger klar, dass im Verur-
teilungsfall der Privatklägerin grundsätzlich eine Genugtuung zusteht. Er erachtet
sie aber als "dermassen illiquid", dass sie auf den Zivilweg zu verweisen sei
(Prot. I S. 29/30, Prot. II S. 23).
8.5. Wie gesehen, kommt dem Gericht bei der Bemessung einer Genugtuung
ein erheblicher Ermessensspielraum zu. Entsprechend dürfte sich auch kaum
einmal der Fall ergeben, dass in diesem Zusammenhang unverhältnismässiger
Aufwand für eine Beweiserhebung entstehen könnte (vgl. dazu BSK StPO-Dolge,
a.a.O., N 44 ff. zu Art. 126). Von daher ist Art. 126 Abs. 3 StPO, wonach die Zivil-
klage auf den Zivilweg verwiesen werden kann, wenn die vollständige Beurteilung
unverhältnismässig aufwändig wäre, im Bereich von Genugtuungsforderungen
nur zurückhaltend anzuwenden. Schmid (StPO Praxiskommentar, a.a.O., N 16 zu
Art. 126) geht gar davon aus, dass Art. 126 Abs. 3 StPO bei Genugtuungsansprü-
chen im Regelfall keine Anwendung finde.
8.6. Vorliegend sind die wesentlichen Eckdaten für die Bemessung der Ge-
nugtuung für die Privatklägerin durchaus bekannt: Ganz zweifelsohne haben die
Taten des Beschuldigten dazu geführt, dass ihn die Privatklägerin in ihren Augen
"verloren" hat und dass – nach Bekanntwerden der Delikte – auch die Kontakte
zur weiteren Familie sehr belastet sind. Das hat die Privatklägerin auch heute in
eindrücklicher Weise dargelegt. Wie gesehen besucht die Privatklägerin nunmehr
seit ca. einem halben Jahr eine Therapie, um das Erlebte schrittweise aufzuar-
beiten. Auch wenn sie auch heute wieder ausführte, dass es ihr im Alltag gut gehe
und sie sich nie beeinträchtigt gefühlt habe, hielt sie gleich wohl fest, dass sie
während den Sitzungen merke, dass eine Therapie nötig sei (Prot. II S. 30). Unter
diesen Umständen ist mit der Vertretung der Privatklägerin davon auszugehen,
dass bei der Privatklägerin doch schwerwiegendere psychische Folgen gegeben
sind, als sie sich dies ursprünglich einzugestehen vermochte.
- 65 -
8.7. Unter Berücksichtigung der von der Gerichtspraxis in ähnlichen Fällen zu-
gesprochenen Summen erscheinen die von der Privatklägerin geforderten
Fr. 15'000.– als deutlich zu hoch. Angemessen erscheinen Fr. 8'000.–. Die Privat-
klägerin verlangt dazu 5 % Zins seit dem 22. August 2012. Gemäss der bundes-
gerichtlichen Rechtsprechung sind Genugtuungen grundsätzlich ab dem massge-
benden Tag des schädigenden Ereignisses zu verzinsen (BGE 129 IV 149 E. 4.2
und 4.3 m.Hw.). Zum beantragten Beginn des Zinsenlaufes befragt, erklärte die
Vertretung der Privatklägerin an der Berufungsverhandlung, dass es sich hierbei
um einen Verschrieb handle. Beabsichtigt sei gewesen, den Beginn des Zins-
enlaufes ab 22. August 2002 zu beantragen, was sich auf den letzten zur Anklage
gebrachten Vorfall beziehe (Prot. II S. 17). Nachdem die Vertretung der Privat-
klägerin sowohl vor Vorinstanz (Urk. 81 S. 2), im Rahmen der Anschluss-
berufungserklärung (Urk. 102 S. 2) und auch heute (Prot. II S. 8) den Beginn des
Zinsenlaufes ab 22. August 2012 verlangte, rechtfertigt es sich vorliegend nicht,
auf ein früheres Datum abzustellen, zumal nicht einsichtig ist, inwiefern der
22. August 2002 mit dem letzten zur Anklage gebrachten Vorfall zusammen-
hängen soll. Der letzte dem Beschuldigten vorgeworfene Übergriff – von dem er
wie gesehen freizusprechen ist – soll sich gemäss Anklageschrift im Jahre
2001/2002 ereignet haben. Damit erfolgte in der Anklageschrift gerade keine zeit-
liche Präzisierung auf einen bestimmten Tag und auch die Privatklägerin macht
nicht geltend, dass sich der letzte zur Anklage gebrachte Vorfall in einem August
ereignet haben soll (vgl. Urk. 140 S. 10). Damit ist der Zins ab dem Datum zuzu-
sprechen, für den er beantragt wurde (vgl. auch BGE 125 III 269 E. 2d). Der Be-
schuldigte ist demnach zu verpflichten, der Privatklägerin eine Genugtuung von
Fr. 8'000.– zuzüglich 5 % Zins seit dem 22. August 2012 zu bezahlen. Im Mehr-
betrag ist das Genugtuungsbegehren abzuweisen.
9. Kosten
9.1. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten der Untersuchung
und des erstinstanzlichen Gerichtsverfahrens dem Beschuldigten aufzuerlegen
(Art. 426 Abs. 1 StPO). Da die Vorinstanz zufolge Freispruchs keine Gerichts-
gebühr festgelegt hat (Urk. 95 S. 35, Dispositivziffer 6), ist diese von der Beru-
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fungsinstanz festzusetzen. Dafür erscheinen Fr. 6'000.– als angemessen. Aus-
gangsgemäss ist dem Beschuldigten keine Entschädigung zuzusprechen (ent-
gegen Urk. 95 S. 35, Dispositivziffer 5).
9.2. Die Kosten des Rechtsmittelverfahrens tragen die Parteien nach Massgabe
ihres Obsiegens oder Unterliegens (Art. 428 Abs. 1 StPO). Die Staatsanwaltschaft
obsiegt mit ihrem Antrag auf Schuldspruch, dringt jedoch mit ihren Anträgen zur
Strafhöhe und zum Strafvollzug nicht vollständig durch. Der Beschuldigte be-
antragt im Berufungsverfahren einen vollumfänglichen Freispruch, weshalb er
ganz grossmehrheitlich unterliegt. Nachdem vor Vorinstanz kein Schuldspruch er-
folgte und demzufolge auch keine Strafzumessung vorgenommen wurde, bestand
im Berufungsverfahren dieselbe Ausgangslage, wie im vorinstanzlichen Hauptver-
fahren. Im Hauptverfahren hat die beschuldigte Person die Verfahrenskosten bei
Verurteilung zu tragen, auch wenn das Gericht den Sachverhalt rechtlich anders
würdigt als die Anklagebehörde oder eine andere als die beantragte Sanktion
ausspricht (vgl. BSK StPO-Domeisen, a.a.O., Art. 426 N 6). Vorliegend erscheint
es deshalb angemessen, die Kosten des Berufungsverfahrens, mit Ausnahme der
Kosten der amtlichen Verteidigung sowie der unentgeltlichen Vertretung der Pri-
vatklägerschaft, vollumfänglich dem Beschuldigten aufzuerlegen. Die Kosten der
amtlichen Verteidigung sowie der unentgeltlichen Vertretung der Privatkläger-
schaft sind einstweilen auf die Gerichtskasse zu nehmen. Die Rückzahlungspflicht
des Beschuldigten gemäss Art. 135 Abs. 4 StPO sowie Art. 138 Abs. 1 StPO
bleibt vorbehalten.