Decision ID: 85669e95-8b8b-4c5f-9736-318668b60b7d
Year: 2020
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
1.1
Z._
, geboren 1
9.
Juni 1955, war bei
A._
ange
stellt und bei der
Hotela
Vorsorgestiftung berufsvorsorgeversichert (Urk. 8/
5)
. Ab dem 18. Dezember 2014 war sie arbeitsunfähig (Urk. 2/5)
und verstarb am 1
2.
April 2016 (Urk.
8
/3).
Vom
1.
Januar bis 3
0.
April 2016 wurde ihr eine Rente der Invalidenversicherung zugesprochen (Urk. 8/15).
Z._
hinterliess
eine
Tochter,
X._
(geboren 1997)
, welche
sowohl von der Invali
de
nversicherung (Urk. 8/15) als auch von der
Hotela
Vorsorgestiftung eine Wai
senrente zugesprochen erhielt (Urk. 2/6).
1.2
Mit Schreiben vom
2
0.
Dezember 2018 ersuchte
X._
die
Hotela
Vorsorgestiftung gestützt auf
Art.
64 und 65 des Vorsorgereglements um Aus
ric
h
tung des Todesfallkapitals (Urk. 8/29), was diese mit Schreiben vom 1
7.
Janu
ar 2019 ablehnte (Urk. 8/30).
2.
Mit Eingabe vom
4.
Dezember 2019 erhob
X._
Klage gegen die
Hotela
Vorsorgestiftung mit dem Begehren, diese sei zu verpflichten, ihr das Todesfallkapital auszurichten (Urk. 1).
Mit Klageantwort vom 2
0.
Januar 2020 schloss die Beklagte auf Abweisung der Klage (Urk. 6).
Replicando
und
duplicando
hielten die Parteien an ihren Anträgen fest (Urk. 12 und 16).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Die Vorsorgeeinrichtungen sind im Rahmen des Bundesgesetzes über die beruf
liche Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenvorsorge (BVG) in der Gestaltung ihrer Leistungen, in deren Finanzierung und in ihrer Organisation frei (
Art.
49
Abs.
1 Satz 1 des Bundesgesetzes über die berufliche Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenvorsorge [BVG]). Gewährt eine Vorsorgeeinrichtung mehr als die Min
destleistungen, gelten gemäss
Art.
49
Abs.
2 BVG die in dieser Bestimmung auf
gezählten Vorschriften. Dies bedeutet indessen nicht, dass Vorsorgeeinrich
tung
en, die über das
Obligatorium
hinausgehende Leistungen erbringen (umhüllende Vorsorgeeinrichtungen), in der weitergehenden Vorsorge nur die in diesem Ab
satz ausdrücklich vorbehaltenen Vorschriften des BVG zu beachten hätten. Viel
mehr sind sie von
Verfassungs
wegen auch an die Grundsätze der Rechts
gleich
heit, des Willkürverbots und der Verhältnismässigkeit gebunden (BGE 130 V 376 E. 6.4 mit Hinweisen).
1.2
Die Begriffe des Todesfallkapitals beziehungsweise der Todesfallsumme kommen im BVG nicht vor. Im
Obligatoriumsbereich
besteht kein Anspruch der Hinter
lassenen oder der Erben auf ein Todesfallkapital. Fehlen entsprechende reglemen
tarische Bestimmungen, gelangt somit kein Todesfallkapital zur Auszahlung (Hans-Ulrich Stauffer, Berufliche Vorsorge,
3
.
Auflage, Zürich/Basel/Genf 2019
, S. 3
18 f.
,
Rz
. 98
3
f
.).
Zahlreiche Vorsorgeeinrichtungen haben aber reglementarisch einen Anspruch auf ein Todesfallkapital geschaffen, wobei die Höhe der Leistung, der Kreis der möglichen Begünstigten wie auch die Modalitäten der Ausrichtung unterschied
lich geregelt sein können. Seit der
1.
BVG-Revision besteht zudem in
Art.
20a BVG eine ausdrückliche Rechtsgrundlage zur Ausrichtung von Leistungen an einen weiteren Person
enkreis (Stauffer, a.a.O., S. 319,
Rz
. 985
f
f.).
1.3
Die Beklagte hat gestützt auf
Art.
20a BVG in Art. 64 ihres ab
1.
Januar 2015 gültigen Reglements (Urk. 7/A) folgende Regelung betreffend Voraussetzungen des Todesfallkapitals statuiert:
Im Todesfall eines Versicherten ohne Partner wird ein Kapital ausgerichtet,
wenn der Versicherte keinen
Vorbezug
zum Erwerb von Wohneigentum
getätigt hat oder wenn ein solcher vollständig zurückbezahlt wurde. Falls
der Versicherte zum Zeitpunkt des Todes das ordentliche reglementarische
Rücktrittsalter erreicht hat, besteht kein Anspruch auf das Todesfallkapital.
Der Kreis der anspruchsberechtigten Personen wird in
Art.
65 umschrieben und umfasst insbesondere Kinder mit Anspruch auf eine Waisenrente (
Art.
65
Abs.
1
lit
. a).
2.
2.1
Zur Begründung der Klage führte die Klägerin im Wesentlichen aus, das Arbeits
verhältnis ihrer Mutter mit
A._
habe bis zu deren Todes
zeitpunkt fortbestanden.
Gemäss Schreiben vom
9.
August 2016 der
Hotela
Vor
sorgestiftung an ihren Vater bestehe kein Anspruch ihrer Mutter auf Invaliden
leis
tungen, weil sie bis zu ihrem Todestag Taggeldleistungen bezogen habe. Ge
mäss der im Reglement aufgeführten Definition des Begriffs «Versicherter» sei ihre Mutter als
solche
zu qualifizieren, weshalb sie Anspruch auf das Todesfallkapital
habe
(Urk. 1).
2.2
Demgegenüber stellte sich die Beklagte im Wesentlichen auf den Standpunkt, gemäss
Art.
64 ihres Vorsorgereglements stehe nur Versicherten ein Todesfall
kapital zu. Versichert sei als Gegenstück zum Begriff
Bezüger im Sinne von rentenbeziehender Person zu verstehen.
Z._
sei
mit Beschluss vom
1.
Februar 2016 eine ganze Invalidenrente rückwirkend ab
1.
Jan
uar 2016 zuge
sprochen worden
.
Ab Januar 2016 sei sie daher nicht mehr Versicherte, sondern Bezügerin gewesen. Dies ergebe sich auch aus
Art.
6
Abs.
2 des Reglements, in welchem festgehalten werde, dass im Sinne der IV zu mindestens 70
%
invalide Mitarbeiter nicht versichert seien (Urk. 6).
2.3
In der Replik hielt die Klägerin fest, unter
«
beziehen
»
sei eine effektive Auszah
lung der Leistung zu verstehen.
Z._
habe keine Invalidenleistungen der
Hotela
Vorsorgestiftung erhalten, weshalb sie nicht als Bezügerin gelten könne. Auch in
Art.
10 des Reglements werde festgehalten, dass die Versicherung am letzten Tag des Arbeitsverhältnisses ende. Nach dieser Bestimmung sei ihre Mutter am Todestag noch versichert gewesen (Urk. 12).
2.4
In ihrer Duplik führte die Beklagte aus, die Regelung, dass ein Todesfallkapital nur ausbezahlt werde, wenn eine versicherte Person, nicht aber eine renten
be
ziehende Person, sterbe, sei weit verbreitet. In ihrem Vorsorgereglement werde der
Begriff «Bezüger» statt des Begriffs «rentenbeziehende Person» verwendet. Beide Begriffe seien jedoch gleich zu verstehen. Gemäss bundesgerichtlicher Rechtspre
chung entstehe der Anspruch auf Invalidenleistungen der beruflichen Vorsorge trotz Lohnfortzahlung bzw. Bezugs eines Krankentaggeldes mit Entstehung des Anspruchs auf eine Rente der Invalidenversicherung. Die Klägerin habe keinen Anspruch auf die Auszahlung
eines Todesfallkapitals
, weil ihre Mutter im Zeit
punkt ihres Todes Bezügerin und nicht Versicherte gewesen sei (Urk. 16).
3.
Da in
Art.
64 des Vorsorgereglements (Anspruch auf Todesfallkapital) vom
«
Ver
sicherten
»
die Rede
ist
, stellt sich vorliegend die Frage, ob
Z._
in ihrem Todeszeitpunkt Versicherte im Sinne dieser Regelung war.
Bei der Auslegung von Normen ist vom Wortlaut auszugehen. Ist der Text nicht ganz klar und sind verschiedene Deutungen möglich, sind weitere Auslegungs
elemente heranzuziehen, neben der Entste
hungsgeschichte der Norm
deren Zweck sowie die Bedeutung, die ihr im Kontext mit anderen Bestimmungen zukommt. Lediglich dann kann allein auf den Wortlaut abgestellt werden, wenn sich daraus zweifelsfrei die sachlich richtige Lösung ergibt. Sind mehrere Interpretationen denkbar, soll jene gewählt werden, welche die verfassungsrechtlichen Vorgaben am besten berücksichtigt (BGE 138 II 107 E. 2).
Im ab dem
1.
Januar 2015 gültigen Reglement der
Hotela
Vorsorgestiftung wird unter dem Titel «Definitionen» Folgendes festgehalten (Urk. 7A S. 1):
Der Begriff «Versicherter» bezeichnet im Folgenden eine nach dem
vorliegenden Reglement bei der VE versicherte Person, die weder ein
Bezüger noch ein in Wiedereingliederung befindlicher Rentenbezüger ist.
...
Der Begriff «Bezüger» bezeichnet im Folgenden eine Person, die eine
Alters-, Invaliden- oder Todesfallleistung der VE bezieht.
Z._
wurde von der Invalidenversicherung vom
1.
Januar bis 3
0.
April 2016 eine ganze Invalidenrente zugesprochen. Unbestrittenermassen zahlte ihr die
Hotela
Vorsorgestiftung keine Invalidenrente aus, da sie
bis zu ihrem Todes
zeitpunkt
Taggelder bezog. Gemäss Art. 54 des Vorsorgereglements wird die Rente erst ab dem Tag nach Ende des Anspruchs auf Lohn oder Taggelder, die ihn ersetzen, frühestens jedoch am Wirkungsdatum der IV-Verfügung, ausge
richtet. Der Begriff «beziehen» impliziert, dass die Leistung effektiv erhältlich ist. Der Wortlaut
der Bestimmung
spricht demnach dafür,
Z._
als
«
Ver
sicherte
»
zu qualifizieren.
Wie bereits erwähnt
,
kann jedoch nicht alleine auf den Wortlaut abgestellt werden. Vielmehr ist nach dem Sinn und Zweck einer Norm zu fragen und zu berücksichtigen ist insbesondere der Kontext zu weiteren Bestimmungen. I
n Art. 6
Abs.
2
lit
. d des Reglements wird festgehalten, im Sinne der IV zu min
destens 70
%
invalide Mitarbeiter sowie in Wiedereingliederung befindliche Be
züger einer externen Rente seien nicht versichert. Ab
1.
Januar 2016 war
Z._
eine zu 70
%
invalide Mitarbeiterin der
A._
, weshalb sie gemäss Wortlaut dieser Bestimmung ab diesem Zeitpunkt nicht mehr ver
sichert war.
Der Kontext mit
Art.
6
Abs.
2
lit
. d des Reglements spricht dafür,
Z._
nicht als Versicherte zu qualifizieren.
Dies wird durch die Formulierung in
Art.
52 des Vorsorgereglements gestützt, in welchem Beginn und Ende des Anspruchs auf eine Invalidenrente festgelegt wird. Die Bestimmung sieht vor, dass der Anspruch auf Invalidenleistungen am Wirkungsdatum der IV-Verfügung beginnt und am Ende des Monats, in dem die Invalidität nicht mehr besteht oder der Bezüger verstirbt, endet.
Z._
wurde mit Wirkung ab
1.
Januar 2016 eine Invalidenrente zugesprochen, weshalb sie ab diesem Zeitpunkt auch Anspruch auf eine Rente der Vorsorgeeinrichtung hatte. Dies unabhängig davon, ob ihr die Rente ausbezahlt wurde oder nicht.
Weiter ist zu berücksichtigen, dass sich das Bundesgericht
bereits mit einem ähnlichen Fall zu befassen hatte.
In diesem Fall war strittig, was unter dem Begriff
«rentenbeziehend» zu verstehen sei, wobei sich der Fall insoweit ähnlich verhielt, als ebenfalls bis zum Todeszeitpunkt Lohnfortzahlungen ausgerichtet und deshalb keine Invalidenrente der Vorsorgeeinrichtung ausbezahlt wurde (Urteil des Bun
desgerichts 9C_767/2012 vom 2
2.
Mai 2013 E. 2). Dabei kam das Gericht nach ausführlicher Interpretation der
betreffenden Bestimmungen des Vorsorgeregle
ments zum Schluss, für die Unterscheidung zwischen versicherten und re
n
ten
be
ziehenden Personen sei nicht einzig darauf abzustellen, ob eine Invalidenrente der
beruflichen Vorsorge fällig und allenfalls bereits ausbezahlt worden sei. Als ren
tenbeziehend sei vielmehr auch jene Person zu bezeichnen, die einen An
spruch auf Rentenleistungen habe, wegen Überentschädigung aber auf deren tat
sächliche Ausrichtung verzichten müsse (E. 3.8). In Nachachtung dieser Recht
sprechung ist
Z._
als Bezügerin einer Invalidenrente der Vorsorge
einrichtung zu qualifizieren, obwohl ihr effektiv keine Rente ausbezahlt wurde. Als Bezügerin stand ihr nach Wortlaut von Art. 64 des Vorsorgereglements jedoch kein Todes
fallkapital zu, weshalb die Klage abzuweisen ist.
4.
Art.
73
Abs.
2 BVG schliesst einen Anspruch der (teilweise) obsiegenden Versi
cherungsträgerin auf eine Prozessentschädigung zwar nicht aus. Indes werden den Trägern der beruflichen Vorsorge gemäss BVG beziehungsweise den mit
öffentlichrechtlichen
Aufgaben betrauten Organisationen in Anlehnung an die Rechtsprechung zu
Art.
159
Abs.
2 des bis Ende 2006 in Kraft gestandenen Bun
desgesetzes über die Organisation der Bundesrechtspflege (Bundesrechtspflege
gesetz/OG) praxisgemäss
keine Parteientschädigungen
zugesprochen. Es besteht kein Grund, bei der Beklagten anders zu verfahren (vgl. BGE 128 V 133 E. 5b, 126 V 150 E. 4a, 118 V 169 E. 7 und 117 V 349 E. 8, mit Hinweisen; vgl. auch BGE 122 V 125 E. 5b und 320 E. 1a und b sowie 112 V 356 E. 6).