Decision ID: 999eb5dc-e861-48d6-bad2-e0f67406d5a7
Year: 2011
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführer,
vertreten durch die Sozialen Dienste B._,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
berufliche Massnahmen (Berufsberatung)
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Sachverhalt:
A.
A.a A._, Jahrgang 1995, wurde von seinem Vater im August 2006 erstmals zum
Bezug von Leistungen der Invalidenversicherung (IV) für Versicherte vor dem 20.
Altersjahr angemeldet. Er beantragte Beiträge an die Sonderschulung im Schulheim
C._ ab 13. August 2006 (IV-act. 1). Der Schulpsychologische Dienst des Kantons
St. Gallen, Regionalstelle D._, hatte im Bericht vom 7. Juli 2006 festgehalten, der
Versicherte sei bereits in der ersten Klasse von seiner damaligen Lehrerin wegen
Verhaltensauffälligkeiten zur schulpsychologischen Beratung angemeldet worden. In
den folgenden Jahren seien verschiedene Massnahmen durchgeführt worden. Der
Versicherte habe ein Schuljahr wiederholen müssen. Im Mai 2006 habe die Lehrkraft
erneut verschiedene Verhaltensauffälligkeiten beschrieben, die in der Regelklasse nicht
tragbar seien (massive Unterrichtsstörungen, Plagen und Schlagen von anderen
Kindern, Respektlosigkeit gegenüber Lehrkräften, Vergessen von Turn- und Schulzeug,
Nichtweiterleitung von Informationen an die Eltern, keine Abmeldung bei Absenz,
Arbeitseinsatz ungenügend). Der Versicherte benötige einen kleineren, klar
strukturierten Rahmen mit enger schulischer und ausserschulischer Betreuung durch
Fachpersonen (IV-act. 3).
A.b Dr. med. E._, Facharzt FMH für Kinder- und Jugendmedizin, diagnostizierte am
8. Juni 2007 eine schwere Verhaltensstörung. Diese sei besserungsfähig. Durch ein
POS lasse sich die Störung nicht erklären. Weder die pädagogische noch die soziale
Situation würden die Verhaltensstörung erklären. Aktuell scheine der Versicherte im
Heim ziemlich integriert zu sein, da dort ein sehr enger Rahmen bestehe. Er (der Arzt)
empfehle deshalb die Unterstützung der IV für die Sonderschule (IV-act. 18). Am Ende
des Schuljahres 2006/2007 reichte die Sonderschule einen Bericht ein. Die Fortschritte,
die der Versicherte in vielen Bereichen gemacht habe, liessen auf ein gutes neues
Schuljahr hoffen. Wenn er sich besser konzentrieren und von anderen abgrenzen
könne, werde er sicher erfreuliche Schritte nach vorne machen (IV-act. 21-6). Die
Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle des Kantons St. Gallen gewährte mit Verfügung
vom 13. August 2007 Sonderschulbeiträge ab 14. August 2006 bis Ende Schuljahr
2007/2008 (IV-act. 23).
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B.
B.a Im Januar 2010 wurde der Versicherte von seinem Beistand erneut zum IV-
Leistungsbezug angemeldet. Zur Art der gesundheitlichen Beeinträchtigung wurde
angegeben: "Lernbehinderung, Teilleistungsschwächen POS (keine aktenkundige
Diagnose)". Der Versicherte stehe in einem Berufswahlprozess über die IV. Es
entstünden Mehrkosten bei einer Ausbildung in einer Institution im geschützten
Rahmen (IV-act. 24). Am 3. Februar 2010 hielt der von der IV beigezogene Arzt des
Regionalen Ärztlichen Dienstes (RAD) der Invalidenversicherung fest, die in der IV-
Anmeldung genannten Probleme (Lernbehinderung, Teilleistungsschwächen und POS)
seien diagnostisch nicht objektiviert worden. Die Hausärztin des Versicherten, Dr. med.
F._, habe bei einer telefonischen Anfrage vom 2. Februar 2010 keine
schwerwiegenden somatischen Gesundheitsschäden benennen können, die einer
Berufsausbildung entgegenstünden. Insgesamt sei damit ausser
Verhaltensauffälligkeiten vor dem Hintergrund von möglichen pädagogischen
Problemen keine Invalidität aufgrund eines Gesundheitsschadens nachvollziehbar (IV-
act. 30). Der Beistand des Versicherten gab der IV-Stelle am 4. Februar 2010 an, dass
ihm neben der Hausärztin kein weiterer behandelnder Arzt des Versicherten bekannt
sei (IV-act. 33). Vom Schulpsychologischen Dienst erfuhr die IV-Stelle am 8. Februar
2010 auf Anfrage, dass seit Juni 2006 keine weiteren Abklärungen und Gespräche
durchgeführt worden seien (IV-act. 34). Dr. med. G._ vom Ostschweizer Kinderspital
hatte am 7. Februar 2010 in einem Schreiben an die Hausärztin festgehalten, nach dem
Studium der über den Versicherten vorhandenen Unterlagen müsse sie davon
ausgehen, dass sie keine Angaben habe, die eine IV-Anmeldung unterstützen würden.
Die Abklärungen seien in Bezug auf Kleinwuchs bzw. Entwicklungsverzögerung erfolgt.
Eine Zöliakie habe ausgeschlossen werden können. Abklärungen bezüglich kognitiver
Entwicklungsverzögerung hätten im Kinderspital nicht stattgefunden (IV-act. 38-3).
Dr. F._ bestätigte am 9. Februar 2010 unterschriftlich die Angaben im Protokoll des
RAD über das Telefongespräch vom 2. Februar 2009. Diesem ist unter anderem zu
entnehmen, dass es in den letzten Jahren eine gute Entwicklung hinsichtlich des sozial
störenden Verhaltens gegeben habe (IV-act. 38).
B.b Mit Vorbescheid vom 3. März 2010 kündigte die IV-Stelle die Verweigerung der
Kostengutsprache für Berufsberatung an (IV-act. 45). Am 30. April 2010 verfügte sie
gemäss Vorbescheid (act. G 1.1).
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C.
C.a Gegen diese Verfügung richtet sich die vom Beistand des Versicherten für ihn am
25. Mai 2010 erhobene Beschwerde. Der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers
beantragt deren Aufhebung und die Erteilung der Kostengutsprache für IV-
Berufsberatung. Aus einem Bericht vom 21. Mai 2010 von Dr. med. H._, Facharzt
FMH für Allgemeinmedizin, sei ersichtlich, dass die Lern- und
Verhaltensschwierigkeiten des Versicherten auf medizinische Ursachen zurückzuführen
seien. Der Berufsberatungsprozess habe bereits begonnen. Der zuständige IV-
Berufsberater habe den Beschwerdeführer bereits kennengelernt und mit ihm erste
Leistungstests durchgeführt. Auch im Rahmen eines Orientierungsgesprächs für Eltern,
Lehrer und Beistand am 22. März 2010 habe der Berufsberater mehrmals die
Notwendigkeit einer von der IV unterstützten Berufsberatung und allenfalls einer
erstmaligen beruflichen Ausbildung erwähnt (act. G 1).
C.b Die Beschwerdegegnerin beantragt in der Beschwerdeantwort vom 18. August
2010 die Abweisung der Beschwerde. Dr. I._ (gemeint wohl: Dr. H._) habe im
Zeugnis vom 21. Mai 2010 als Diagnosen lediglich "medizinisch klare Tendenzen der
Hyperkinese (Bewegungsunruhe, Teil des ADHS)" sowie eine "psychosoziale
Problematik" angegeben. Damit habe auch er keinen Gesundheitsschaden
diagnostiziert, der Grundvoraussetzung für das Vorliegen einer Invalidität wäre. Folglich
bestehe kein Anlass, von der RAD-Einschätzung abzuweichen, und es bestehe kein
Raum für Leistungen der IV für Berufsberatung (act. G 5).
C.c Ein Gesuch des Beschwerdeführers um Befreiung von den Gerichtskosten (vgl.
act. G 4) wurde am 19. August 2010 bewilligt (act. G 7).
C.d Die zuständige Verfahrensleiterin forderte die Beschwerdegegnerin mit Schreiben
vom 16. Dezember 2010 auf, allfällig vorhandene Unterlagen über die in der
Beschwerde erwähnte Berufsberatung – insbesondere über ein Gespräch des IV-
Berufsberaters mit Eltern, Lehrer und Beistand vom 22. März 2010 – durch die IV
einzureichen (act. G 11). Am 23. Dezember 2010 teilte die Beschwerdegegnerin dem
Gericht mit, dass jeder Sonderschule ein IV-Berufsberater zugeteilt sei. Dieser führe
periodisch Schulhaussprechstunden durch und betreue dabei alle Schüler. Diese
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Dienstleistung erbringe er rein informell unabhängig von einem allfälligen IV-Verfahren.
Das Gespräch vom 22. März 2010 habe in diesem Rahmen stattgefunden (act. G 12.2).

Erwägungen:
1.
In der Anmeldung vom 19. Januar 2010 zum IV-Leistungsbezug wurde angegeben, der
Beschwerdeführer befinde sich im "Berufswahlprozess über IV" und ergänzt, es
entstünden Mehrkosten bei der Ausbildung in einer Ausbildungsinstitution in einem
geschützten Rahmen (IV-act. 24-3). In der angefochtenen Verfügung wird festgehalten,
die Beschulung des Beschwerdeführers in der Sonderschule sei nicht auf
gesundheitliche Einschränkungen zurückzuführen. Die medizinischen Kriterien für eine
Berufsberatung und eine IV-unterstützte erstmalige berufliche Ausbildung seien nicht
erfüllt. Das Dispositiv der Verfügung lautet: "Das Leistungsbegehren wird abgewiesen".
Im Betreff der Verfügung und in der Rechtsbelehrung wird hingegen nur die
Berufsberatung gemäss Art. 15 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung
(IVG; SR 831.20) und nicht die erstmalige berufliche Ausbildung gemäss Art. 16 IVG
erwähnt. In der Beschwerde wird denn auch nur die Gewährung von Berufsberatung
beantragt. In der Begründung wird festgehalten, dass der IV-Berufsberater beim
Gespräch vom 22. März 2010 mehrmals die Notwendigkeit einer von der IV
unterstützten Berufsberatung und allenfalls einer erstmaligen beruflichen Ausbildung
erwähnt habe (act. G 1 Ziff. 3.3). Bei dieser Sachlage ist davon auszugehen, dass der
Beschwerdeführer (vorerst) nur Interesse an Berufsberatung nach Art. 15 IVG hat und
die Beschwerdegegnerin nur über Berufsberatung verfügt hat. Nicht zum
Streitgegenstand gehört im vorliegenden Verfahren folglich eine Übernahme von
Mehrkosten für die erstmalige berufliche Ausbildung gemäss Art. 16 Abs. 1 IVG (vgl.
auch Art. 5 der Verordnung über die Invalidenversicherung [IVV; SR 831.201]). Zu
beachten ist zudem, dass vorbereitende Massnahmen nur dann der erstmaligen
beruflichen Ausbildung gleichgestellt sind, wenn sie nach getroffener Berufswahl zur
Vorbereitung auf die eigentliche Berufsausbildung notwendig werden (AHI 2002 174;
ZAK 1981 487; Ulrich Meyer, Rechtsprechung des Bundesgerichts zum IVG, 2. Aufl.
2010, S. 182).
2.
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2.1 Nicht erwerbstätige Minderjährige gelten als invalid, wenn die Beeinträchtigung
ihrer körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit voraussichtlich eine ganze
oder teilweise Erwerbsunfähigkeit zur Folge haben wird (Art. 8 Abs. 2 des
Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG;
SR 830.1]; vgl. auch Art. 5 Abs. 2 IVG). Nach Art. 8 Abs. 1 IVG haben invalide oder von
einer Invalidität unmittelbar bedrohte versicherte Personen Anspruch auf
Eingliederungsmassnahmen, soweit diese notwendig und geeignet sind, die
Erwerbsfähigkeit wieder herzustellen, zu erhalten oder zu verbessern (lit. a) und die
Voraussetzungen für den Anspruch auf die einzelnen Massnahmen erfüllt sind (lit. b).
Der Anspruch besteht unabhängig von der Ausübung einer Erwerbstätigkeit vor Eintritt
der Invalidität. Dabei ist die gesamte noch zu erwartende Arbeitsdauer zu
berücksichtigen (Abs. 1 ). Art. 8 Abs. 3 lit. b IVG zählt zu diesen
Eingliederungsmassnahmen solche beruflicher Art, insbesondere Berufsberatung,
erstmalige berufliche Ausbildung, Umschulung und Arbeitsvermittlung.
2.2 Versicherte, die infolge ihrer Invalidität in der Berufswahl oder in der Ausübung
ihrer bisherigen Tätigkeit behindert sind, haben gemäss Art. 15 IVG Anspruch auf
Berufsberatung. Die spezifische Invalidität im Sinn von Art. 15 IVG liegt in der
gesundheitlich bedingten Behinderung in der Berufswahl des an sich zur Berufswahl
fähigen Versicherten (ZAK 1977 S. 191 E. 2). In Betracht fällt jede körperliche oder
psychische Beeinträchtigung, die den Kreis der für die versicherte Person nach ihrer
Eignung und Neigung möglichen Berufe oder Betätigungen einengt. Ausgeschlossen
sind geringste Behinderungen, die keine nennenswerte Beeinträchtigung zur Folge
haben und deshalb die Inanspruchnahme der Invalidenversicherung nicht rechtfertigen
(Ulrich Meyer-Blaser, Zum Verhältnismässigkeitsgrundsatz im staatlichen
Leistungsrecht, Diss. Bern 1985, S. 157; BGE 114 V 29 E. 1a). Bereits in der Botschaft
des Bundesrats vom 24. Oktober 1958 wurde festgehalten, dass einzelne
Eingliederungsmassnahmen auch bei verhältnismässig leicht invaliden Personen
notwendig werden könnten und dass ohne solche meist einfach durchzuführende
Massnahmen (wie Berufsberatung und Arbeitsvermittlung) die Gefahr bestehe, dass die
Eingliederung solcher Versicherter mit der Zeit wesentlich erschwert würde (BBl 1958 II
1169). Die Berufsberatung, die auch die Laufbahnberatung einschliesst, dient der
Erfassung der Persönlichkeit und der Feststellung der Fähigkeiten und Neigungen der
versicherten Person, die als Grundlage für die Wahl einer geeigneten Berufstätigkeit
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oder für die Stellenvermittlung dienen (Rz. 2001 des vom Bundesamt für
Sozialversicherungen herausgegebenen Kreisschreibens über die
Eingliederungsmassnahmen beruflicher Art [KSBE]).
2.3 Nebst den üblichen Methoden und Vorkehren der Berufsberatung
(Berufswahlgespräche, Durchführung von Neigungs- und Begabungstests,
Schnupperlehren) kann die IV-Stelle umfassendere Abklärungen mit oder ohne
praktische Arbeitsversuche in spezialisierten Ausbildungs- und Eingliederungsstätten,
in der freien Wirtschaft oder in einer BEFAS anordnen (Rz. 2003 KSBE; mit Hinweisen
auf höchstrichterliche Entscheide Meyer, Rechtsprechung des Bundesgerichts zum
IVG, S. 174).
3.
3.1 Dr. E._ diagnostizierte beim Beschwerdeführer gemäss IV-Arztbericht vom
13. Juni 2007 am 8. Juni 2007 eine schwere dissoziale Verhaltensstörung. Die Störung
sei gemäss Testung nicht durch ein POS zu erklären. Auch ein rein pädagogisches
Problem scheine es nicht zu sein und die sozialen Verhältnisse schienen ebenfalls nicht
die Ursache zu sein. Der Beschwerdeführer brauche vor allem Unterstützung für seinen
Tagesablauf, da er sich nicht selbst organisieren könne und so die Tendenz zur
Verwahrlosung habe (IV-act. 18). Der zuständige Arzt des RAD, Dr. med. K._, hielt in
seiner Stellungnahme vom 31. Juli 2007 fest, die Ursache des Gesundheitsschadens
an sich sei nicht von entscheidender Bedeutung, und empfahl die Zusprache von
Sonderschulmassnahmen (IV-act. 19). Die IV-Stelle gewährte diese am 13. August
2007 (IV-act. 23).
3.2 Der RAD-Arzt Dr. med. L._ gelangte nach einem Telefonat mit der
behandelnden Allgemeinmedizinerin Dr. F._ vom 2. Februar 2010 zur Auffassung,
anhand der vorliegenden medizinischen Aktenlage sei keine Invalidität nachvollziehbar.
Die in der Anmeldung für Berufsberatung genannten Störungen (Lernbehinderung,
Teilleistungsschwächen POS) seien nicht (diagnostisch) objektiviert (IV-act. 30). Dr.
F._ hatte das von Dr. L._ aufgesetzte Telefonprotokoll am 9. Februar 2010
unterschriftlich bestätigt. Darin wird darauf hingewiesen, dass der Beschwerdeführer
keine somatischen Defizite habe. In den letzten Jahren habe es eine gute Entwicklung
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hinsichtlich seines sozial störenden Verhaltens gegeben (IV-act. 38-1). Im
Telefonprotokoll wurde von sporadischem Kontakt von Dr. F._ zum
Beschwerdeführer berichtet. Der Allgemeinmediziner Dr. H._ gab in seinem
Schreiben vom 21. Mai 2010 jedoch an, den Beschwerdeführer seit seinem Eintritt ins
Schulheim C._ im Jahr 2006 zu betreuen. Er hielt fest, dass sich die soziale
Eingliederung des Beschwerdeführers schwierig gestalte. Dieser könne in der Schule
kaum ruhig sitzen und sich auf eine Sache konzentrieren. Auf Korrekturen oder
Ermahnungen reagiere er noch sehr emotional, sei übermässig sensibel und verletzlich
und könne sich in eine Verweigerungshaltung hineinmanövrieren. Das Problem der
Hyperkinese bzw. Hyperaktivität sei medizinischer Natur. Verstärkt werde die
schwierige Situation durch die psychosoziale Problematik, die wiederum verstärkt sei
durch den Kulturkreiswechsel, den der Beschwerdeführer habe durchmachen müssen.
Zusammenfassend sei die Berufsberatung und Unterbringung in einem geschützten
Lehrbetrieb für den Beschwerdeführer sinnvoll, weil auf dem anderen Weg das
Scheitern sehr wahrscheinlich sei und weil eine weitere negative Erfahrung für den
Beschwerdeführer nicht gut sei und die Integration ins Berufsleben sehr wesentlich
erschweren würde (act. G 1.3).
3.3 Die Beschwerdegegnerin zitiert in der Beschwerdeantwort Rz. 1010 des
Kreisschreibens über Invalidität und Hilflosigkeit in der Invalidenversicherung (KSIH).
Diese Randziffer steht unter dem Titel "Richtlinien für die Beurteilung von geistigen und
psychischen Gesundheitsschäden" und besagt, dass bei geistigen oder psychischen
Gesundheitsschäden eine Diagnose nach ICD-10 zu verlangen ist und bei der
Beurteilung der ärztlichen Berichte und Gutachten insbesondere auf Widersprüche
zwischen den diagnostischen Kriterien nach ICD-10 und den Angaben im Bericht zu
achten ist.
3.4 Hyperkinetische Störungen finden sich in der ICD-10-Klassifikation unter der
Ziffer F90. Es kann vorliegend entgegen der Ansicht der Beschwerdegegnerin nicht
davon ausgegangen werden, dass kein Gesundheitsschaden diagnostiziert worden
wäre. Nach Dr. E._ hat auch Dr. H._ eine erhebliche Verhaltensstörung bestätigt.
Weitere Abklärungen im Sinn einer fachärztlichen Untersuchung des
Beschwerdeführers durch einen Kinder- und Jugendmediziner zur Überprüfung und
Erhärtung einer Diagnose wohl aus dem Bereich ICD-10 F90 erübrigen sich jedoch. Die
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Beschwerdegegnerin hat nämlich übersehen, dass die "berufsberatungsspezifische"
Invalidität nicht nach denselben Grundsätzen bestimmt werden darf wie z.B. die
rentenspezifische. Es ist ein erklärtes Ziel der sich primär als
Eingliederungsversicherung verstehenden Invalidenversicherung, insbesondere die
Eingliederung von in irgendeiner Form gesundheitlich beeinträchtigten Minderjährigen
zu fördern. Noch 2007 wurde eine schwere Verhaltensstörung des Beschwerdeführers
diagnostiziert, die eine – von der IV rechtskräftig anerkannte – Sonderschulbedürftigkeit
auslöste. Selbst wenn seit 2007 Verbesserungen eingetreten sein sollten, so konnte
doch noch immer keine Rückkehr in die gewöhnliche Volksschule erfolgen. Dass bei
dieser Ausgangslage eine spezifische Gesundheitsstörung – wie sie Dr. H._ im
Übrigen anschaulich und nachvollziehbar beschreibt – vorliegt, die eine Berufsberatung
durch die entsprechend geschulten Mitarbeiter der Invalidenversicherung nötig macht,
ist mit überwiegender Wahrscheinlichkeit erstellt. Im Übrigen ist nicht davon
auszugehen, dass die Störung derart gering ist, dass sie keine nennenswerte
Beeinträchtigung zur Folge haben könnte; im Gegenteil stellte Dr. H._ für den Fall,
dass der Beschwerdeführer in der Berufswahl nicht gezielt beraten und unterstützt
wird, eine eindeutige negative Prognose betreffend die berufliche Eingliederung des
Beschwerdeführers.
3.5 Bei dieser Sachlage ist die berufsberatungsspezifische Invalidität hinreichend
bewiesen und dem Beschwerdeführer ist die Berufsberatung nach Art. 15 IVG zu
bewilligen. Die Beschwerdegegnerin hat zu beachten, dass der Beschwerdeführer
seine Schulzeit bald beendet, weshalb mit der Berufsberatung (neben Gesprächen und
Tests gegebenenfalls Abklärungen in einer Ausbildungsstätte etc.) dringlich und ohne
weiteren Verzug zu beginnen ist.
4.
4.1 Im Sinne der vorstehenden Erwägungen ist die Beschwerde gegen die Verfügung
vom 30. April 2010 gutzuheissen. Der Beschwerdeführer hat Anspruch auf
Berufsberatung nach Art. 15 IVG.
4.2 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.- bis
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Fr. 1000.- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.- erscheint
als angemessen. Die Beschwerdegegnerin unterliegt vollumfänglich, sodass ihr als
nicht von der Pflicht zur Übernahme amtlicher Kosten befreiter selbstständiger
öffentlich-rechtlicher Anstalt die Gerichtsgebühr aufzuerlegen ist.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP