Decision ID: 630259ca-fc47-4d39-af33-f76c38e178bf
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Vorinstanz trat auf das erste Asylgesuch des Gesuchstellers vom
5. Mai 2014 nicht ein und ordnete seine Überstellung nach Rumänien an.
In der Folge wurde er von den kantonalen Behörden als verschwunden
gemeldet. Am 19. Dezember 2016 ersuchte er erneut um Asyl in der
Schweiz. Das SEM trat mit Verfügung vom 8. Juni 2017 auch auf dieses
Gesuch nicht ein und ordnete dieses Mal die Überstellung nach Italien an.
Die gegen diesen Entscheid erhobene Beschwerde wies das Bundesver-
waltungsgericht mit Urteil D-3535/2017 vom 11. Juli 2017 ab.
B.
B.a Mit Eingabe vom 7. Mai 2021 reichte der Gesuchsteller beim SEM ein
neues Asylgesuch ein. In ihrer Verfügung vom 17. Dezember 2021 stellte
die Vorinstanz fest, der Gesuchsteller erfülle die Flüchtlingseigenschaft
nicht, sie lehnte sein Asylgesuch ab, ordnete die Wegweisung aus der
Schweiz sowie deren Vollzug an.
B.b Gegen diese Verfügung erhob der Gesuchsteller mit Eingabe vom
26. Januar 2022 Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht, welches in
der Folge das Beschwerdeverfahren D-390/2022 eröffnete. In ihrer Zwi-
schenverfügung vom 1. Februar 2022 teilte die Instruktionsrichterin im ge-
nannten Verfahren dem Gesuchsteller unter anderem mit, der Spruchkör-
per setze sich aus Richterin Jeannine Scherrer-Bänziger (Vorsitz), Richter
Yanick Felley und Richterin Nina Spälti Giannakitsas sowie Gerichtsschrei-
ber Stefan Weber zusammen. Zudem wurde der Gesuchsteller darüber in-
formiert, dass sein Beschwerdeverfahren mit demjenigen seiner Ehefrau
B._ (Geschäfts-Nr. D-394/2022) koordiniert geführt werde.
B.c Mit Eingabe vom 16. Februar 2022 gelangte der Gesuchsteller an die
Instruktionsrichterin im Verfahren D-390/2022. Darin stellte er fest, die In-
struktionsrichterin wisse unbestreitbar seit längerer Zeit, dass es in von sei-
nem Rechtsvertreter geführten Beschwerdeverfahren systematisch und wi-
derrechtlich zu Manipulationen des Spruchkörpers komme, indem mehr-
heitlich Instruktionsrichterinnen und –richter sowie Mitrichterinnen und –
richter aus den Reihen der SVP (Schweizerische Volkspartei) kämen. Dies
führe zu einer Häufung von ablehnenden Beschwerde- und Revisionsent-
scheiden. Spätestens seit Ende November 2021, als sich der Rechtsver-
treter des Gesuchstellers unter anderem auch an die Instruktionsrichterin
gewandt habe – dürften keine Manipulationen des Spruchkörpers in dem
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Sinne mehr vorkommen, dass ein Instruktionsrichter/eine Instruktionsrich-
terin in Kombination mit einem weiteren Richter oder einer Richterin der
SVP eingesetzt werde. Im vorliegenden Verfahren wie auch im Verfahren
D-394/2022 (sowie in einem weiteren Verfahren) sei die Instruktionsrichte-
rin jeweils zusammen mit einem weiteren Richter aus der SVP bestimmt
worden. Es sei klar, dass es sich dabei nicht um einen Zufall handle, son-
dern um eine sehr bewusste Manipulation. Die Instruktionsrichterin sei sich
der ganzen Angelegenheit sehr wohl bewusst und versuche, mit maxima-
lem und sicher auch risikovollem Einsatz die von ihr angestrebte SVP-Do-
minanz und damit die Reduktion der Beschwerdechancen in den vom rubri-
zierten Rechtsvertreter geführten Verfahren mit allen Mitteln durchzuset-
zen. Selbstverständlich könne die vorliegende Eingabe als Ausstandsbe-
gehren betrachtet werden, es dürfte aber vernünftiger sein, wenn die In-
struktionsrichterin und auch der von ihr eingesetzte Zweitrichter angesichts
der erdrückenden Sachlage von sich aus in den Ausstand treten würden,
damit ein Spruchkörper ohne jede Manipulation bestimmt werde, welchem
kein Mitglied der SVP angehöre. Weiter sei zu beachten, dass die ganze
Angelegenheit eine tiefgreifende Untersuchung erfordere und die Klärung
der Situation notwendig sei. Es dürfte sich deshalb eine Sistierung des vor-
liegenden Verfahrens aufdrängen.
C.
Das Bundesverwaltungsgericht eröffnete in der Folge das vorliegende Aus-
standsverfahren.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Über Beschwerden ge-
gen Verfügungen, die gestützt auf das Asylgesetz (AsylG; SR 142.31)
durch das SEM erlassen worden sind, entscheidet das Gericht grundsätz-
lich (mit Ausnahme von Verfahren betreffend Personen, gegen die ein Aus-
lieferungsersuchen des Staates vorliegt, vor welchem sie Schutz suchen)
endgültig (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31–33 VGG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Im Rahmen dieser Verfahren ist das Bundesverwaltungsgericht auch
zur abschliessenden Beurteilung von Ausstandsbegehren zuständig (vgl.
BVGE 2007/4 E. 1.1). Gemäss Art. 38 VGG gelten die Bestimmungen des
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BGG über den Ausstand (vgl. Art. 34 ff. BGG) im Verfahren vor dem Bun-
desverwaltungsgericht sinngemäss.
1.3 Der Entscheid über Ausstandsbegehren ergeht – unter Ausschluss der
betroffenen Gerichtsperson – in der Regel in der Besetzung mit drei Rich-
tern beziehungsweise Richterinnen (Art. 21 Abs. 1 VGG, Art. 38 VGG
i.V.m. Art. 37 Abs. 1 BGG).
2.
2.1 Eine Partei, die gemäss Art. 36 Abs. 1 BGG den Ausstand einer Ge-
richtsperson verlangt, hat dem Gericht ein schriftliches Begehren einzu-
reichen, sobald sie vom Ausstandsgrund Kenntnis erhalten hat, und dabei
die den Ausstand begründenden Tatsachen zumindest glaubhaft zu ma-
chen (vgl. Art. 36 Abs. 1 BGG [zweiter Satz]; BGE 144 I 159 E. 4.3, 137 II
431 E. 5.2). Dabei ist jedoch nicht auf das subjektive Empfinden der Partei
abzustellen; das Misstrauen in die Unvoreingenommenheit muss vielmehr
in objektiver Weise begründet erscheinen (vgl. BGE 140 III 221 E. 4.1).
Macht die Partei die Ausstandsgründe nicht unverzüglich geltend, so ver-
wirkt sie ihr Ablehnungsrecht (vgl. BGE 140 I 171 E. 8.4.3, 140 I 240 E. 2.4,
je m.w.H.).
2.2 Die Eingabe vom 16. Februar 2022 beinhaltet ein solches Begehren
und sie wurde innerhalb nützlicher Frist eingereicht. Der Gesuchsteller ist
im Verfahren D-390/2022 Partei und damit zur Einreichung des Ausstands-
begehrens legitimiert.
3.
3.1 Die vom Ausstandsbegehren betroffene Gerichtsperson hat sich über
die vorgebrachten Ausstandsgründe zu äussern (Art. 36 Abs. 2 BGG). Be-
streitet die Gerichtsperson, deren Ausstand verlangt wird, oder ein Richter
beziehungsweise eine Richterin der Abteilung den Ausstandsgrund, so ent-
scheidet gemäss Art. 37 Abs. 1 BGG die Abteilung unter Ausschluss der
betroffenen Gerichtsperson über den Ausstand.
3.2
3.2.1 Der Gesuchsteller beruft sich sinngemäss auf den Ausstandsgrund
von Art. 34 Abs. 1 Bst. e BGG. Gemäss dieser Bestimmung haben Ge-
richtspersonen in den Ausstand zu treten, wenn sie aus anderen als den in
Art. 34 Abs. 1 Bst. a–d BGG genannten Gründen befangen sein könnten.
Dieser Bestimmung kommt die Funktion einer Auffangklausel zu, die – über
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den Bereich der in den Bst. a–d namentlich erwähnten besonderen sozia-
len Beziehungen hinausgehend – sämtliche Umstände abdeckt, die den
Anschein der Befangenheit einer Gerichtsperson erwecken und objektiv
Zweifel an deren Unvoreingenommenheit zu begründen vermögen (vgl.
FLORENCE AUBRY GIRARDIN, in: Corboz/Wurzburger/Ferrari/Frésard/Aubry
Girardin [Hrsg.], Commentaire de la LTF, 2. Aufl. 2014, Art. 34 BGG Rz. 29
m.w.H.). Insofern muss zur Ablehnung einer Gerichtsperson nicht deren
tatsächliche Befangenheit nachgewiesen werden, sondern es genügt be-
reits der Anschein der Befangenheit. Ein solcher Anschein besteht, wenn
Umstände vorliegen, die bei objektiver Betrachtungsweise geeignet sind,
Misstrauen in die Unparteilichkeit der Richterin oder des Richters zu erwe-
cken. Solche Umstände können namentlich in einem bestimmten Verhalten
der Gerichtsperson begründet sein (vgl. BGE 141 IV 178 E. 3.2.1, 140 I
326 E. 5.1, m.w.H.). Richterliche Verfahrensfehler können dabei aus-
nahmsweise die Unbefangenheit in Frage stellen. Es müssen jedoch ob-
jektiv gerechtfertigte Gründe zur Annahme bestehen, dass sich in Rechts-
fehlern gleichzeitig eine Haltung manifestiert, die auf fehlender Distanz und
Neutralität beruht. Es muss sich um besonders krasse Fehler oder wieder-
holte Irrtümer handeln, die eine schwere Verletzung der Richterpflichten
darstellen (vgl. ISABELLE HÄNER, in: Basler Kommentar zum Bundesge-
richtsgesetz, 3. Aufl. 2018, Art. 34 N 19).
3.2.2 Die Zuteilung der Verfahren an die Richter und Richterinnen zur In-
struktion und die Generierung der Spruchkörper am Bundesverwaltungs-
gericht basiert auf einer automatischen und einer manuellen Komponente
(vgl. https://www.bvger.ch/bvger/de/home/rechtsprechung/spruckoerper-
bildung.html). Für die automatische Komponente wird ein EDV-basiertes
Zuteilungssystem verwendet. Dieses berücksichtigt bei der Zuteilung der
Verfahren neben der Sprache der Richter und Richterinnen insbesondere
den Beschäftigungsgrad, mit dem sie in der Rechtsprechung tätig sind. Ba-
sierend auf diesen Indikatoren werden die eingehenden Rechtsmittel in der
Reihenfolge ihres Eingangs unter Berücksichtigung der aktuellen Auslas-
tung den Richtern und Richterinnen zur Instruktion zugeteilt und die
Spruchkörper generiert. Das EDV-basierte Zuteilungssystem ist hingegen
nicht darauf ausgelegt, von einzelnen Rechtsvertretern oder Rechtsvertre-
terinnen eingereichte Rechtsmittel gleichmässig und unter Berücksichti-
gung ihrer Parteizugehörigkeit Richter und Richterinnen zur Instruktion zu-
zuteilen oder den Spruchkörper parteipolitisch ausgewogen zu generieren.
Die implizite Annahme des Gesuchstellers beziehungsweise seines
Rechtsvertreters, es sei eine gleichmässige Verteilung der von ihm geführ-
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ten Verfahren auf alle Richter und Richterinnen beziehungsweise eine par-
teipolitisch ausgewogene Zuweisung seiner Verfahren auf die Richter-
schaft in den Abteilungen IV und V zu erwarten, ist mithin von vornherein
falsch. Soweit die Zuteilung der von ihm anhängig gemachten Verfahren
im Übrigen durch eine manuelle Übersteuerung des EDV-basierten Zutei-
lungssystems vorgenommen wurde, erfolgte dies durchwegs auf Kompo-
nenten, die auf reglementarisch vorbestimmten sachlichen Kriterien beru-
hen oder auf Anweisung des Abteilungspräsidiums zur Ausgleichung der
Geschäftslast (vgl. Art. 14a Abs. 2 Bst. d VGR), wobei diese im System
standardisiert ausgewiesen wird. Dass die von Rechtsanwalt Gabriel
Püntener eingereichten Rechtsmittel im beleuchteten Zeitraum vermehrt
Richtern und Richterinnen zur Instruktion zugewiesen wurden, die der SVP
angehören (beziehungsweise der gleichen Instruktionsrichterin), ist mithin
systembedingt – und kann sich systembedingt fluktuierend wieder ändern.
Dasselbe gilt für die vom Zuteilungssystem bestimmten Mitrichter oder Mit-
richterinnen.
3.3 Hinsichtlich der Bildung des Spruchkörpers im Verfahren D-390/2022
ist festzuhalten, dass diese am 27. Januar 2022 mit Hilfe eines EDV-ba-
sierten Zuteilungssystems ohne jeglichen Eingriff der Instruktionsrichterin
oder einer anderen am Bundesverwaltungsgericht tätigen Person stattge-
funden hat. Die Unterstellung, am Bundesverwaltungsgericht würden die
vom Rechtsvertreter des Gesuchstellers anhängig gemachten Verfahren
durch bewusste widerrechtliche Manipulation vermehrt Richtern und Rich-
terinnen zur Instruktion und zur Mitwirkung zugeteilt, die der SVP angehö-
ren, und insbesondere sei dies im Verfahren D-390/2022 durch die dortige
Instruktionsrichterin erfolgt, erweist sich als offensichtlich haltlos, weshalb
auf das Ausstandsbegehren gegen die Instruktionsrichterin im Verfahren
D-390/2022 nicht einzutreten ist. Bei dieser Sachlage erübrigte sich das
Einholen einer Stellungnahme der betroffenen Richterin.
4.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem Gesuchsteller
aufzuerlegen und auf Fr. 750.— festzusetzen (Art. 63 Abs. 1; Art. 1-3 des
Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen
vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
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