Decision ID: 09eb3b60-6293-5991-88ad-481c9ecdaf6b
Year: 2019
Language: de
Court: AR_OG
Chamber: AR_OG_003
Canton: AR
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: social_law

Sachverhalt
A. Die am XX.XX.1982 geborene A_ ist gelernte Hauspflegerin und Mutter eines am
26. März 2014 geborenen Kindes. Am 12. Januar 2007 (IV-act. 1.2/472) meldete sie sich
erstmals bei der Invalidenversicherung an. Da ihr die Tätigkeit im erlernten Beruf wegen
einer Neurodermitis und Allergien nicht mehr möglich sei, wünsche sie eine Umschulung
zur Sozialpädagogin. Mit Verfügung vom 16. November 2007 (IV-act. 1.2/425) wies die
Sozialversicherungsanstalt des Kantons St. Gallen das Gesuch ab, weil derzeit keine
Berufsberatung gewünscht werde.
B. B.1
Am 27. Februar 2008 (IV-act. 1.2/394) meldete sich die Versicherte erneut bei der
Invalidenversicherung wegen verschiedener, seit 1998 verstärkt aufgetretener
gesundheitlicher Beschwerden wie Neurodermitis, psychosomatischen Beschwerden und
Depressionen für medizinische Eingliederungsmassnahmen und eine Rente an.
B.2
Mit Schreiben vom 19. August 2008 (IV-act. 1.2/333) bezeichnete die
Sozialversicherungsanstalt des Kantons St. Gallen berufliche Massnahmen als derzeit nicht
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angezeigt und tätigte stattdessen medizinische Abklärungen. Gemäss Gutachten der
Medas Ostschweiz vom 20. Februar 2009 (IV-act. 1.2/292) über eine polydisziplinäre
Abklärung sei die Arbeitsfähigkeit in der bisherigen Tätigkeit als Betreuerin von körperlich
Schwerbehinderten seit Februar 2008 durch eine emotional instabile Persönlichkeit vom
Borderline-Typ und eine rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig mittelschwere
Episode mit somatischem Syndrom, zu 50% eingeschränkt. In einer anderen Tätigkeit
wären zusätzlich die Neurodermitis, das Asthma bronchiale und die Arthrose des linken
oberen Sprunggelenks zu berücksichtigen. An der bisherigen Arbeitsstelle sei ein Pensum
von 50% zu empfehlen, ferner eine Reduktion des massiven Übergewichts mit einem BMI
von etwa 50.
B.3
Mit Schreiben vom 19. März 2009 (IV-act. 1.2/275) kündigte der bisherige Arbeitgeber das
Dienstverhältnis der Versicherten als Mitarbeiterin in der Betreuung per Ende Juni 2009.
B.4
Gemäss Bericht des Spitals Rorschach vom 22. September 2009 (IV-act. 1.2/270) sei am
12. Mai 2009 ein Magenbypass gelegt worden. Eine danach im Bereich der oberen
Anastomose aufgetretene Stenose habe mehrfach dilatiert werden müssen, und auch
aktuell bestünden noch erhebliche Schwierigkeiten bei der Nahrungsaufnahme sowie eine
erhebliche Einschränkung der Leistungsfähigkeit.
B.5
Nachdem der regionalärztliche Dienst der Invalidenversicherung Ostschweiz (RAD) mit
Aktennotiz vom 6. Oktober 2009 (IV-act. 1.2/266) gemeint hatte, der Gesundheitszustand
sei weiterhin instabil, unternahm die IV-Stelle von Juni bis November 2010 einen
beruflichen Eingliederungsversuch, um der Versicherten dann mit Schreiben vom
17. Februar 2011 (IV-act. 1.2/153) mitzuteilen, dass die Arbeitsvermittlung aus
gesundheitlichen Gründen nicht möglich sei und deshalb abgeschlossen werde.
B.6
In der Folge liess die IV-Stelle die Versicherte noch einmal polydisziplinär abklären. Dem
Verlaufsgutachten der Medas Ostschweiz vom 26. August 2011 (IV-act. 1.2/90) ist zu
entnehmen, dass der BMI nur noch 28.3 betrage. Die bisherige Tätigkeit als Betreuerin sei
wegen Problemen am Bewegungsapparat, u.a. am oberen Sprunggelenk, nicht geeignet. In
einer anderen Tätigkeit betrage die Arbeitsfähigkeit zufolge der bereits im ersten Gutachten
gestellten psychischen Diagnosen und wegen den mit der Neurodermitis verbundenen
Beschwerden um 50% beeinträchtigt. Die Explorandin benötige weiterhin die bereits
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bestehende beratende und psychopharmakologische Betreuung, wobei die Prognose
gleichwohl mit Skepsis zu stellen sei.
B.7
Daraufhin sprach die Sozialversicherungsanstalt des Kantons St. Gallen der Versicherten
mit Verfügung vom 18. Januar 2012 (IV-act. 1.2/31) ab August 2008 eine Viertelrente und
ab Oktober 2008 eine halbe Rente zu, dies bei einem Invaliditätsgrad von zunächst 40%
und dann 54%. Eine ordentliche Rentenrevision werde Anfang Oktober 2015 erfolgen.
C. C.1
Im unterschriftlich ausgefüllten Revisionsfragebogen vom 12. November 2015 (IV-act. 6)
machte die Versicherte geltend, sie sei am 26. März 2014 Mutter geworden. Allerdings sei
ihr Zustand seit etwa 21⁄2 Jahren verschlechtert, und sie sei wegen unerklärlichen
Bauchschmerzen, Arthrose, Panikattacken und Angstzuständen durchgehend
arbeitsunfähig gewesen. Termine wahrzunehmen sei mit einem Kleinkind schwierig.
C.2
Nach Verlaufsberichten der Paracelsus Klinik Lustmühle AG vom 25. November 2015 (IV-
act. 9/1) und des behandelnden Psychiaters B_ vom 23. März 2016 (IV-act. 14/1),
wonach aufgrund einer schwergradigen depressiven Episode eine stationäre Behandlung
als sinnvoll erscheine, die Patientin eine solche aber auch in einer Mutter/Kind-Station
ablehne, meinte letztere auf Anfrage der IV-Stelle am 8. September 2016 (IV-act. 15)
unterschriftlich, ohne gesundheitliche Einschränkung sähe sie sich als zu 100%
erwerbstätige Kindergärtnerin und Mutter von vier Kindern.
C.3
In der Folge liess die Verwaltung die Versicherte auf Empfehlung des RAD vom
12. Januar 2017 (IV-act. 17) bei der Medas Zentralschweiz abklären. In deren Gutachten
vom 8. Juni 2017 (IV-act. 30) ist nachzulesen, dass sich der Zustand der Explorandin seit
Mai 2012 verschlechtert habe und sie deshalb in jeder Tätigkeit vollständig arbeitsunfähig
wegen folgenden Diagnosen sei: gegenwärtig schwere Depression, Agoraphobie mit
Panikstörung, Somatisierungsstörung, emotional instabile Persönlichkeitsstörung vom
Borderline-Typ, posttraumatische Arthrose des oberen Sprunggelenkes links und primäre
Arthrose des rechten oberen Sprunggelenkes. Die Explorandin lebe gemeinsam mit dem
Ex-Partner und der Tochter, die donnerstags von 9-16 Uhr in einer Kindertagesstätte
betreut werde. In Anbetracht des unterhalb der Nachweisgrenze liegenden Blutspiegels der
verordneten Psychotherapeutika sei hierauf erneut zu kontrollieren. Bei Fortführung der
Psychotherapie sollte eine Besserung der Depression innerhalb der nächsten sechs bis
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zwölf Monate eintreten. Im psychiatrischen Teilgutachten hiess es ferner, die Compliance
sei zweifellos fraglich, sei aber bei Patienten mit einer Persönlichkeitsstörung sehr häufig
beeinträchtigt, ebenso die Fähigkeit zur Anpassung an Regeln und Routinen.
C.4
Nachdem der RAD (Psychiaterin Dr. C_) das Gutachten der Medas Zentralschweiz
(lit. C.3 hiervor) mit Aktennotiz vom 28. Juni 2017 (IV-act. 32) als beweistauglich bezeichnet
und eine Erhöhung der Medikamentendosis als voraussichtlich nicht rentenrelevant
bezeichnet hatte, verneinte die IV-Stelle mit Aktennotiz vom 15. November 2017 (IV-act.
44) einen Revisionsgrund, da die Mediziner denselben Sachverhalt lediglich unterschiedlich
beurteilten und da erst nach Ausschöpfung aller zumutbaren medizinischen Behandlungen
von einem höheren Anspruch auf Rentenleistungen ausgegangen werden dürfe.
C.5
Mit Vorbescheid vom 28. November 2017 (IV-act. 45) stellte die IV-Stelle eine Verfügung
des erwähnten Inhalts (lit. C.4 hiervor) in Aussicht, wobei im Rahmen der
Schadenminderungspflicht eine psychotherapeutische Behandlung mindestens alle zwei
Wochen stattfinden müsse und die Einnahme der verordneten Medikamente nachzuweisen
sei.
C.6
Mit Schreiben zuhanden der von der Versicherten bevollmächtigten AA_ vom
8. Januar 2018 (IV-act. 48/10) entgegnete Psychiater B_, er habe mit der Patientin eine
intensivere Behandlung in stationärem Rahmen schon besprochen, doch habe sie dazu
aus persönlichen Gründen nicht Hand geboten. Auch habe sie wegen der schweren
Depressionen Termine bei ihm nicht häufiger wahrnehmen können. Die möglichen
therapeutischen Optionen seien damit aus gesundheitlichen Gründen nicht genutzt worden,
und in der näheren Umgebung gebe es keine Klinik für die Patientin, die das verordnete
Antidepressivum regelmässig nehme, und ihre Tochter.
Mit Einwand vom 11. Januar 2018 (IV-act. 48/1) forderte die AA_ selber eine ganze
Rente, da weder der RAD noch die Medas Zentralschweiz eine intensivere Psychotherapie
als nötig erachteten.
C.7
Dr. C_ meinte mit Aktennotiz vom 13. Mai 2018 (IV-act. 49), der Einwand folge der von
ihr bereits am 28. Juni 2017 (lit. C.4 hiervor) vertretenen Logik. Neu sei allerdings, dass
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sich die Versicherte mit einer stationären Behandlung einverstanden erkläre, wenn sie ihre
Tochter mitnehmen dürfe, was bisher aber an deren zu geringem Alter gescheitert sei.
C.8
Daraufhin erging seitens der IV-Stelle eine Verfügung vom 7. Juni 2018 (IV-act. 50),
wonach weiterhin Anspruch auf eine halbe Rente bestehe, da derselbe Sachverhalt nur
unterschiedlich beurteilt werde und von einer höheren Einschränkung erst nach
Ausschöpfung aller zumutbaren Behandlungen - stationäre psychotherapeutische
Behandlung, überdies mindestens alle zwei Wochen ein Behandlungstermin -
ausgegangen werden dürfe. Das Alter der inzwischen vierjährigen Tochter sei ein IV-
fremder Faktor und ändere nichts an der der Versicherten obliegenden
Schadenminderungspflicht. Auch seien bei der Abklärung unterhalb der Nachweisgrenze
liegende Spiegel der verordneten Medikamente festgestellt worden.
D. D.1
Gegen diese Verfügung liess die Versicherte mit Schreiben vom 9. Juli 2018 Beschwerde
mit den eingangs wiedergegebenen Anträgen erheben (act. 1). Auf die dortigen Vorbringen
wird - ebenso wie bei den übrigen Rechtsschriften - im Rahmen der Erwägungen näher
eingegangen, soweit erforderlich.
D.2
Mit Vernehmlassung vom 23. August 2018 (act. 4) beantragte die IV-Stelle die Abweisung
der Beschwerde. Auch die Beschwerdeführerin hielt mit Replik 25. September 2018 (act. 8)
an ihrem Standpunkt fest, unter Beilage einer E-Mail des psychiatrischen Zentrums
Appenzell Ausserrhoden (Psychologin D_) an die AA_ vom 18. September 2018
(act. 9.2), wonach die Patientin aufgrund verschiedener chronischer psychischer Leiden nur
noch ein geringes Funktionsniveau zeige, und einer im Referenzbereich liegenden
Blutspiegel-Messung des Medikaments Escitalopram vom 24. September 2018 (act. 9.3).
Mit Duplik vom 15. Oktober 2018 (act. 11) meinte die IV-Stelle, es liege im Ermessen der
Beschwerdeführerin, die diagnostizierten Störungen behandeln zu lassen oder eben nicht,
nur dürfe sie bei einem Verzicht darauf von der Invalidenversicherung keine Leistungen
erwarten. Auf diese am 16. Oktober 2018 zugestellte und gemäss Track and Trace-
Sendungsverfolgung am folgenden Tag entgegengenommene Eingabe reagierte die
AA_ erst mit Schreiben vom 5. November 2018 (act. 12) mitsamt Beilagen (act. 13.1 und
13.2) und damit nach Ablauf der praxisgemässen Replikfrist von 10 Tagen (BGE 133 I 100
E. 4.3 - 4.6, 138 I 484 E. 2.3, ZR 110 Nr. 20 E. 4 d/bb, Urteil des Bundesgerichts
9C_726/2016 vom 17. August 2017 E. 2). Dieses Schreiben ist deshalb mitsamt Beilagen
aus dem Recht zu weisen.
Seite 7

Erwägungen
1. Die von Amtes wegen vorzunehmende Prüfung der Prozessvoraussetzungen ergibt, dass
diese sowohl hinsichtlich der Beschwerdeberechtigung als auch hinsichtlich der Form- und
Fristerfordernisse erfüllt sind. Auf die Beschwerde ist deshalb einzutreten.
2. Als Invalidität gilt gemäss Art. 4 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung vom
19. Juni 1959 (IVG; SR 831.20) in Verbindung mit Art. 8 des Bundesgesetzes über den
Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts vom 6. Oktober 2000 (ATSG; SR 830.1)
die durch einen körperlichen oder geistigen Gesundheitsschaden als Folge von
Geburtsgebrechen, Krankheit oder Unfall verursachte, voraussichtlich bleibende oder
längere Zeit andauernde Erwerbsunfähigkeit. Gemäss Art. 28 Abs. 2 IVG haben versicherte
Personen Anspruch auf eine ganze Rente, wenn sie mindestens zu siebzig Prozent, auf
eine Dreiviertelrente, wenn sie mindestens zu sechzig Prozent, auf eine halbe Rente, wenn
sie mindestens zu fünfzig Prozent und auf eine Viertelrente, wenn sie mindestens zu vierzig
Prozent invalid sind.
3. 3.1
Ändert sich der Invaliditätsgrad einer Rentenbezügerin erheblich, so wird die Rente von
Amtes wegen oder auf Gesuch hin für die Zukunft entsprechend erhöht, herabgesetzt oder
aufgehoben (Art. 17 Abs. 1 ATSG). Im Rahmen eines solchen Revisionsverfahrens hat die
Verwaltung den Sachverhalt abzuklären und sich zu vergewissern, ob die von der
Versicherten behauptete Veränderung des gesundheitlichen Zustandes tatsächlich
eingetreten ist. Ergibt sich dabei, dass sich der Sachverhalt seit Erlass der letzten
rechtskräftigen Verfügung, mit der eine vollständige Überprüfung erfolgte - vorliegend also
der Verfügung vom 18. Januar 2012 - nicht wesentlich verändert hat, so bleibt es bei der
bisherigen Rente (BGE 130 V 71). Andernfalls hat die Verwaltung zusätzlich noch zu
prüfen, ob die festgestellte Veränderung genügt, um eine rentenverändernde höhere
Invalidität zu bejahen, und hernach zu beschliessen. Im Beschwerdefall obliegt die gleiche
materielle Prüfungspflicht dem Richter (BGE 109 V 108 E. 2b, 130 V 64 E. 2; Urteil des
Bundesgerichts 8C_315/2016 vom 20. Juni 2016 E. 2.1)
3.2
Von grundlegender Bedeutung ist in diesem Zusammenhang die Würdigung der
medizinischen Berichte. Bei der Beurteilung der Arbeitsfähigkeit stützt sich die Verwaltung
(und im Beschwerdefall das Gericht) auf Unterlagen, welche von ärztlichen und
gegebenenfalls auch anderen medizinischen Fachleuten zur Verfügung zu stellen sind
(Urteile des Bundesgerichts 9C_636/2013 vom 25. Februar 2014 E. 4.2.1 und 4.2.2,
Seite 8
9C_922/2013 vom 19. Mai 2014 E. 3.2.1, 9C_644/2015 vom 3. Mai 2016 E. 3.2). Aufgabe
des Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung
zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte Person
arbeitsunfähig ist. Im Weiteren sind die ärztlichen Auskünfte eine wichtige Grundlage für die
Beurteilung der Frage, welche Arbeitsleistungen der Person noch zugemutet werden
können (BGE 132 V 93 E. 4, 140 V 193 E. 3.2).
3.3
Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob dieser für die
streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die
geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben
worden ist, in der Beurteilung der medizinischen Zusammenhänge sowie der medizinischen
Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen begründet sind (BGE 125 V 351 E. 3a,
134 V 231 E. 5.1, 137 V 210 E. 6.1.2). Den im Rahmen des Verwaltungsverfahrens
eingeholten Berichten von externen Spezialärzten ist bei der Beweiswürdigung volle
Beweiskraft zuzuerkennen, solange nicht konkrete Indizien dagegen sprechen. In Bezug
auf Berichte von Hausärzten bzw. behandelnden Ärzten darf und soll der Richter der
Erfahrungstatsache Rechnung tragen, dass deren Angaben mitunter im Hinblick auf ihre
auftragsrechtliche Vertrauensstellung in Zweifelsfällen eher zugunsten ihrer Patienten
ausfallen (BGE 125 V 351 E. 3, 135 V 465 E. 4.5; Urteile des Bundesgerichts 8C_641/2013
vom 23. Dezember 2013 E. 5.4, 8C_637/2013 vom 11. März 2014 E. 2.2.2, 9C_203/2015
vom 14. April 2015 E. 3.2, 9C_395/2016 vom 25. August 2016 E. 4.1, 9C_646/2016 vom
16. März 2017 E. 4.2.1), was auch mit der unterschiedlichen Natur von Behandlungs- und
Begutachtungsauftrag zusammenhängen mag (Urteile des Bundesgerichts 8C_768/2012
vom 24. Januar 2013 E. 3, 8C_107/2013 vom 23. April 2013 E. 3, 8C_454/2016 vom
19. Dezember 2016 E. 4.2). Gleichwohl hat der Richter zu prüfen, ob eine von einer Partei
eingeholte ärztliche Stellungnahme in rechtserheblichen Fragen die Auffassungen und
Schlussfolgerungen des von der Verwaltung oder vom Gericht bestellten medizinischen
Sachverständigen derart zu erschüttern vermag, dass davon abzuweichen ist (Urteile des
Bundesgerichts 8C_62/2016 vom 7. Juli 2016 E. 4.1, 8C_452/2016 vom
27. September 2016 E. 3). Was die Beweiskraft versicherungsinterner Berichte anbelangt,
so lässt ein Anstellungsverhältnis zum Versicherungsträger alleine nicht schon auf
mangelnde Objektivität und Befangenheit schliessen.
4. 4.1
In der vorliegend angefochtenen Verfügung wurde eine rentenrelevante Änderung des
gesundheitlichen Zustandes der Beschwerdeführerin verneint, weshalb weiterhin Anspruch
auf die bisherige halbe Rente bestehe. Die von Psychiater B_ vorgeschlagene stationäre
Seite 9
psychotherapeutische Behandlung werde mit Verweis auf den IV-fremden Umstand des zu
geringen Alters der Tochter nicht wahrgenommen, obwohl erst nach einer solchen, der
Etablierung von mindestens zwei-wöchentlichen psychiatrischen/psychologischen
Sitzungen und dem Nachweis einer regelmässigen Einnahme der verordneten
Medikamente ein allfälliger Anspruch auf eine höhere Rentenleistung überhaupt zu prüfen
wäre. Dies auch, weil gemäss Medas-Gutachten bei einer konsequenten psychiatrisch-
psychotherapeutischen Behandlung mit einer relevanten Besserung innerhalb von sechs
bis zwölf Monaten gerechnet werden dürfe.
Dem hielt die Versicherte in der Beschwerdeschrift entgegen, sämtliche Mediziner gingen
vorliegend von einer Verschlechterung ihres Zustandes aus, was der behandelnde
Psychiater B_ gegen Ende März 2016 erstmals mitgeteilt und der RAD Mitte Mai 2018
anerkannt habe. Dass sie sich bereits seit 2009 nicht mehr arbeitsfähig fühle, sei im
vorliegenden Zusammenhang nicht relevant. Allerdings frage es sich, ab wann die
Verschlechterung eingetreten sei; dies sei nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit
dargetan und der Sachverhalt insofern unzureichend abgeklärt. Dabei sei zu
berücksichtigen, dass sich die Beschwerden seit der Schwangerschaft ab Juni 2013 und
mit der Geburt im März 2014 massiv verstärkt hätten.
In der Beschwerdeantwort bezeichnete die IV-Stelle die bisherigen Therapien im Falle der
Versicherten als ungenügend bzw. den von ihr geltend gemachten Beschwerden nicht
angemessen. Bei einer schweren Depression sei eine therapeutische Sitzung alle 2,5
Monate nicht ausreichend. Wenig überraschend wiesen denn auch Psychiater B_ als
auch der begutachtende Psychiater auf offene Behandlungsoptionen hin, zumal die
psychiatrische Klinik Münsterlingen eine Behandlung für psychisch kranke Mütter mit
Kleinkindern bis zu fünf Jahren anbiete. Abgesehen davon würde eine dauerhafte
Verbesserung die Beeinträchtigung durch eine vorübergehende Trennung von Mutter und
Kind während einiger Wochen bzw. durch einen Mitaufenthalt des Kindes in einer Klinik
ohnehin überwiegen.
Dagegen brachte die Beschwerdeführerin in der Replik vor, die IV-Stelle übersehe, dass sie
nicht nur an einer schweren Depressionen leide, sondern laut Gutachten zusätzlich an
einer Agoraphobie mit Panikstörung, einer Somatisierungs- und an einer emotional
instabilen Persönlichkeitsstörung. Anders als die IV-Stelle gingen die Gutachter von einer
sachgerechten Behandlung aus, und nur hinsichtlich der Depressionen mache der
Gutachter einen Vorschlag zu deren möglichen Linderung. Abgesehen davon stehe sie -
den Empfehlungen im Gutachten entsprechend - seit Anfang Jahr regelmässig und
zusätzlich in psychotherapeutischer Behandlung, wobei die Psychologin eine stationäre
Seite 10
Behandlung für nicht angezeigt halte und eine Verbesserung derzeit verneine. Was die
Medikamente anbelange, so habe sie diese zwar in Absprache mit dem Psychiater
umgestellt, doch seien Nebenwirkungen aufgetreten, und es habe sich - wie von Dr. C_
vorausgesagt - trotzdem keine Besserung eingestellt. Wenn eine stationäre Behandlung
unter Verweis auf die Schadenminderungspflicht gefordert werde, so müsse dies im
Rahmen eines Mahn- und Bedenkzeitverfahrens erfolgen. Dabei müsse die verfügte
Auflage zumutbar sein und zu einer Verminderung des Schadens führen, was vorliegend
nicht der Fall sei und die Auflage bzw. die Nicht-Erhöhung der Rente als unzulässig
erscheinen lasse.
In der Duplik meinte die IV-Stelle, eine adäquate Behandlung hätte bei einer Psychiaterin
und nicht bei einer Psychologin zu erfolgen, deren der Replik beigelegte Stellungnahme die
Anforderungen an einen Arztbericht nicht erfülle, da die zugrundeliegenden Abklärungen
nicht erwähnt und die Diagnosen nicht näher begründet worden seien und da die Frequenz
der Konsultationen nicht ersichtlich sei. Auch liege der Messwert des Medikaments
Escitalopram mit 81 eher am unteren Rand des von 46 bis 246 reichenden
Referenzbereichs, während bei der diagnostizierten schweren depressiven Störung ein
Wert im obersten Bereich zu erwarten wäre. Der anhaltende Verzicht auf eine der Schwere
der Krankheit angemessene Behandlung verstosse gegen die Schadenminderungspflicht
und schliesse weitere Leistungen seitens der Invalidenversicherung aus.
4.2
Wird auf den Verlaufsbericht des behandelnden Psychiaters B_ vom 23. März 2016,
insbesondere aber das Verlaufsgutachten der Medas Zentralschweiz vom 8. Juni 2017
abgestellt, so bestehen erhebliche Anhaltspunkte für eine Verschlechterung des
gesundheitlichen Zustandes der Beschwerdeführerin, bei der gegenüber früher zusätzliche
psychiatrische Diagnosen gestellt wurden. Die IV-Stelle verlangt nun aber - gestützt auf
eine Anregung von Psychiater B_ im erwähnten Verlaufsbericht - u.a. eine stationäre
Behandlung. Dies zu Recht, nachdem zumindest die bisherige langjährige psychiatrische -
das erste Gespräch mit Psychiater B_ erfolgte am 12. Oktober 2010 - bzw. am
2. Februar 2018 aufgenommene psychologische Behandlung bisher keine Verbesserung
des gesundheitlichen Zustandes zu bewirken vermochte bzw. nicht den gewünschten
Erfolg zeitigte.
Zwar wies die Verwaltung die Versicherte in diesem Zusammenhang richtigerweise auf die
ihr obliegende Schadenminderungspflicht hin. Demnach muss eine Versicherte nach Art. 7
Abs. 1 IVG alles ihr Zumutbare unternehmen, um Dauer und Ausmass der
Arbeitsunfähigkeit zu verringern und den Eintritt einer Invalidität zu verhindern. So muss sie
Seite 11
an allen zumutbaren Massnahmen, die zur Erhaltung des bestehenden Arbeitsplatzes oder
zu ihrer Eingliederung ins Erwerbsleben oder in einen dem Erwerbsleben gleichgestellten
Aufgabenbereich (Aufgabenbereich) dienen, aktiv teilnehmen. Dies sind insbesondere auch
medizinische Behandlungen (Art. 7 Abs. 2 lit. d IVG). Bei einem Verstoss gegen diese
Schadenminderungspflicht können die Leistungen gekürzt oder verweigert werden (Art. 7b
Abs. 1 IVG), wobei es keines strikten Beweises bedarf, dass die verweigerte Massnahme
zum erwarteten Erfolg geführt hätte; vielmehr genügt es, wenn die Vorkehr mit einer
gewissen Wahrscheinlichkeit erfolgreich gewesen wäre (Urteile des Bundesgerichts
9C_82/2013 vom 20. März 2013 E. 3, 9C_671/2016 vom 20. März 2017 E. 4.1.1). Indessen
unterliess es die Verwaltung im vorliegenden Fall, das in diesem Zusammenhang
vorgeschriebene Mahn- und Bedenkzeitverfahren nach Art. 21 Abs. 4 ATSG (s. auch Art.
43 Abs. 3 ATSG) durchzuführen. Jedenfalls äusserte die Versicherte im Rahmen des
Einwandes zum Vorbescheid die Bereitschaft zu einer stationären Behandlung, falls sie ihre
Tochter mitnehmen könne, dies im Gegensatz zu ihren Angaben gegenüber dem
behandelnden Psychiater B_ gemäss dessen erwähntem Verlaufsbericht. Deshalb
könnte von einem fehlenden Eingliederungswillen oder gar von einer fehlenden subjektiven
Eingliederungsfähigkeit als Grund für den Verzicht auf das Mahn- und Bedenkzeitverfahren
(Urteile des Bundesgerichts 8C_569/2015 vom 17. Februar 2016 E. 5.1, 8C_19/2016 vom
4. April 2016 E. 5.2.3) nicht gesprochen werden.
4.3
Unabhängig davon ist bei der Frage eines stationären Aufenthalts aber nicht zu verkennen,
dass zu einem solchen im Gutachten der Medas Zentralschweiz nicht geraten wurde,
sondern lediglich zur Fortführung der Psychotherapie, dem Wechsel von einem männlichen
Therapeuten zu einer weiblichen Therapeutin - beides war mit der Aufnahme der
Behandlung bei Psychologin D_ Anfang Februar 2018 und der gleichwohl beibehaltenen
Therapie bei Psychiater B_ (s. dessen Schreiben vom 8. Januar 2018) mehr oder
weniger der Fall - und einer regelmässigen Messung der Medikamentenspiegel geraten.
Auch wenn bezüglich letzterem Punkt Dr. C_ vom RAD die Meinung vertrat, dass selbst
bei Erhöhung der Medikamentendosis voraussichtlich keine rentenrelevante Verbesserung
eintreten werde, so erscheint nur schon die regelmässige Einnahme der verordneten
Psychopharmaka und deren regelmässige Kontrolle angesichts der ärztlich diagnostizierten
(schweren) psychischen Leiden und des Hinweises der Medas Zentralschweiz, dass die
Compliance der Explorandin zweifellos fraglich sei, ohne weiteres als gerechtfertigt.
Ausserdem ist die Medas bezüglich der Sinnhaftigkeit eines stationären Aufenthalts durch
die IV-Stelle anzufragen (vgl. Urteil des Bundesgerichts 9C_703/2015 vom 12. November
2015 E. 3.1). Falls sie einen solchen befürwortet, wird die IV-Stelle diesbezüglich ein Mahn-
und Bedenkzeitverfahren durchzuführen haben.
Seite 12
5. 5.1 Nach Art. 69 Abs. 1bis IVG sind Beschwerdeverfahren bei Streitigkeiten um die Bewilligung
oder Verweigerung von Leistungen der Invalidenversicherung kostenpflichtig. Dem
Verfahrensausgang entsprechend sind vorliegend keine Kosten zu erheben, da die
Rückweisung der Sache zu erneuter Abklärung (mit noch offenem Ausgang) für die Frage
der Auferlegung der Gerichtskosten wie auch der Parteientschädigung als vollständiges
Obsiegen gilt (BGE 141 V 281 E. 11.1; Urteile des Bundesgerichts 8C_851/2012 vom
16. April 2013 E. 4, 9C_682/2016 vom 16. Februar 2017 E. 4, 9C_77/2018 vom 8. August
2018 E. 4). Nur der Vollständigkeit halber sei noch darauf hingewiesen, dass der
Beschwerdeführerin die unentgeltliche Rechtspflege gewährt wurde.
5.2
Vor Obergericht wird das Honorar in Verwaltungssachen pauschal bemessen (Art. 13
Abs. 1 lit. c der Verordnung über den Anwaltstarif vom 14. März 1995 [AT; bGS 145.53]),
wobei die Bandbreite nach Art. 16 Abs. 1 AT von Fr. 1'000.-- bis zu Fr. 10'000.-- reicht und
sich die Bemessung innerhalb dessen nach Art und Umfang der Bemühungen, der
Schwierigkeit des Falles und nach den wirtschaftlichen Verhältnissen der Beteiligten richtet
(Art. 17 Abs. 2 AT). Innerhalb der erwähnten Bandbreite bestehen folgende Kategorien:
leichter Fall mit einem Honorar von Fr. 1'000.-- bis Fr. 4'000.-- und einem Mittelwert von Fr.
2'500.--, mittlerer Fall von Fr. 4'000.-- bis Fr. 7'000.-- und einem Mittelwert von Fr. 5'500.--
sowie schwieriger Fall von Fr. 7'000.-- bis Fr. 10'000.-- und einem Mittelwert von Fr.
8'500.--. Vorliegend ist vom Mittelwert eines leichten Falles auszugehen, also von einem
Honorar in Höhe von Fr. 2'500.--. Dazu sind die pauschalen Barauslagen von 4% in Höhe
von Fr. 100.-- zu rechnen. Auf der Summe dieser Beträge von Fr. 2'600.-- ist noch die
7,7%ige Mehrwertsteuer von 200.-- zu veranschlagen, sodass der Beschwerdeführerin
zulasten der IV-Stelle eine Parteientschädigung von insgesamt Fr. 2'800.-- zuzusprechen
ist.
Seite 13