Decision ID: eaacd449-40fa-430d-ae7b-cd78784cfdf3
Year: 2022
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ (nachfolgend: Versicherter) meldete sich im Dezember 2008 unter Hinweis
auf Schmerzen im Hüftgelenk nach Hüfttotalprothese links zum Bezug von Leistungen
der Invalidenversicherung (IV) bei der IV-Stelle des Kantons St. Gallen an (IV-act. 1). Die
IV-Stelle führte verschiedenste Abklärungen durch (IV-act. 2 ff.) und verneinte mit
Verfügung vom 9. Juli 2009 einen Anspruch auf Versicherungsleistungen (IV-act. 29).
Diese Verfügung blieb unangefochten (vgl. ergänzend lit. A.a im Entscheids des
Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen [nachfolgend: Versicherungsgericht] vom
25. Juni 2019, IV 2016/398; nachfolgend: IV 2016/398).
A.a.
Im Juli 2014 meldete sich der Versicherte erneut, unter Hinweis auf
Rückenschmerzen und Schmerzen im linken Bein, zum Leistungsbezug bei der IV an
(Eingang Anmeldung am 17. Juli 2014, vgl. IV-act. 31-1). Dabei reichte er mehrere
Untersuchungsberichte ein (IV-act. 32). Die IV-Stelle führte etliche Abklärungen durch,
holte weitere Untersuchungsberichte ein (IV-act. 34 ff.; vgl. zum Krankheitsverlauf seit
2012 lit. A.b bis A.r in IV 2016/398) und veranlasste im Dezember 2015 beim
medizinischen Gutachtenszentrum Region St. Gallen GmbH (MGSG), Rorschach, ein
polydisziplinäres Gutachten in den Disziplinen Innere Medizin, Orthopädie (inklusive
Evaluation der funktionellen Leistungsfähigkeit [EFL]) und Psychiatrie. Das Gutachten
datiert vom 14. April 2016 (IV-act. 125). Im polydisziplinären Konsens diagnostizierten
die Gutachter mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit eine Pseudolumboischialgie
rechts bei Diskushernie L3/4 mit Spondylarthrose und Ausspannung der Nervenwurzel
L4 links, eine Diskushernie L4/5 mit Osteochondrose und Spondylarthrose ohne
neurale Kompression sowie eine Diskusprotrusion L5/S1 ohne neurale Kompression,
eine rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig mittelgradige depressive Episode
A.b.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 3/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.
mit somatischem Syndrom, bestehend seit etwa Januar 2014, sowie eine kombinierte
Persönlichkeitsstörung mit ängstlich-vermeidenden und abhängigen
Persönlichkeitszügen (IV-act. 125 S. 51). Die Arbeitsfähigkeit für leidensadaptierte
Tätigkeiten betrage bei voller Stundenpräsenz 60 % (IV-act. 125 S. 52; vgl. ergänzend
lit. A.s in IV 2016/398). Mit Verfügung vom 17. Oktober 2016 (vgl. ergänzend lit. A.t ff. in
IV 2016/398) verneinte die IV-Stelle einen Anspruch auf eine Rente (IV-act. 155).
Die gegen die Verfügung vom 17. Oktober 2016 erhobene Beschwerde wurde mit
Entscheid des Versicherungsgerichts vom 25. Juni 2019 (IV 2016/398) teilweise
gutgeheissen, die angefochtene Verfügung aufgehoben und die Sache zur
Weiterführung des Verwaltungsverfahrens im Sinne der Erwägungen an die
Beschwerdegegnerin zurückgewiesen. Das gegen diesen Entscheid von der IV-Stelle
ergriffene Rechtsmittel der Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten
beurteilte das Bundesgericht mit Urteil vom 25. September 2019 (9C_463/2019). Es
hiess die Beschwerde gut, hob den Entscheid des Versicherungsgerichts auf und wies
die Sache an dieses zurück, damit es im Sinne der Erwägungen (Einholung eines
Gerichtsgutachtens) verfahre und über die Beschwerde neu entscheide.
A.c.
Am 30. Oktober 2019 teilte das Versicherungsgericht den Parteien mit, es
beabsichtige, die ärztliche Begutachtungsinstitut (ABI) GmbH, Basel, mit der Erstellung
eines polydisziplinären Gutachtens zu beauftragen. Nachdem der Versicherte,
durchgehend vertreten durch Rechtsanwalt Dr. iur. Ronald Pedergnana, St. Gallen,
gegen die Wahl der Gutachterstelle protestiert hatte, erliess das Versicherungsgericht
am 17. März 2020 einen Beweisbeschluss, in welchem es an der Wahl der
Gutachterstelle festhielt. Am 29. Mai 2020 erteilte das Versicherungsgericht der ABI
den Auftrag zur Erstellung eines Gerichtsgutachtens. In der Folge lehnte der
Versicherte einzelne Gutachter ab. Mit Beweisbeschluss vom 8. September 2020
wurden die Ausstandsbegehren abgewiesen. Auf ein Wiedererwägungsgesuch, mit
dem der Versicherte die Neuvergabe des Gutachtensauftrages beantragt hatte, wurde
nicht eingetreten (vgl. zum Ganzen lit. B.a bis B.l im Entscheids des
Versicherungsgerichts vom 24. August 2021, IV 2019/277; nachfolgend: IV 2019/277).
B.a.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 4/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
1. chronische Schulterbeschwerden der dominanten rechten Seite,
2. chronische Hüftbeschwerden rechts,
3. ein chronisches tieflumbales und beidseitiges gluteales Schmerzsyndrom.
Ohne Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit qualifizierten sie folgende Diagnosen:
1. eine chronische Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Faktoren,
2. eine rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig remittiert,
3. ein metabolisches Syndrom,
4. chronische Hüftbeschwerden links,
5. chronische Beinbeschwerden rechts,
6. einen Status nach Rippenserienfrakturen, Milzriss und multiplen Prellungen im
Rahmen eines Motorradunfalls am 11. Juni 2018,
7. einen Status nach konservativ behandelter Endphalanxfraktur des linken Daumens
im Juni 2010.
Die Experten hielten fest, die angestammte Tätigkeit sei nicht mehr zumutbar. Für eine
leidensadaptierte Tätigkeit könne hingegen weder gegenwärtig noch für die
Vergangenheit eine relevante Arbeitsunfähigkeit attestiert werden. Zu 100 % zumutbar
seien weiterhin wechselbelastende körperlich sehr leichte Tätigkeiten ohne
wiederholtes Heben und Tragen von Lasten über fünf Kilogramm sowie mit der
Am 17. März 2021 erstattete das ABI das vom Versicherungsgericht in Auftrag
gegebene polydisziplinäre Gutachten in den Disziplinen Innere Medizin (act. G 27 in IV
2019/77 [nachfolgend: ABI-Gutachten] S. 27 ff.), Psychiatrie (ABI-Gutachten S. 34 ff.),
Orthopädie (ABI-Gutachten S. 45 ff.) und Neurologie (ABI-Gutachten S. 57 ff.). In der
Konsensbeurteilung (ABI-Gutachten S. 4 ff.) diagnostizierten die Gutachter mit
Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit:
B.b.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 5/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Möglichkeit, während eines wesentlichen Anteils der Arbeit zu sitzen (ABI-Gutachten S.
9 ff.; vgl. ergänzend lit. B.n in IV 2019/277).
B.c. Am 1. April 2021 äusserte sich die IV-Stelle zum ABI-Gutachten und hielt fest,
dass das Gutachten die versicherungsmedizinischen Anforderungen erfülle und darauf
abgestellt werden könne. Der Versicherte liess am 12. Juli 2021 im Wesentlichen
ausführen, dass die entscheidenden Fragen noch immer offen seien. Das Gutachten
sei nicht umfassend und nicht verwertbar. Mit der Stellungnahme reichte der
Versicherte eine Beurteilung von Dr. med. B._, Fachärztin für Chirurgie (CH), FMH,
MAS Versicherungsmedizin, FA Vertrauensärztin SGV, vom 9. Juli 2021 ein, welche
zusammengefasst ausführte, dass die wesentlichen Punkte weiterhin nicht
vollumfänglich schlüssig seien. Die gutachterlich dokumentierten klinischen Befunde
würden die Umsetzung der beurteilten Arbeitsfähigkeit in einem Vollpensum nicht
erlauben (vgl. act. G 36.1 in IV 2019/277 und ergänzend lit. B.o ff. in IV 2019/277).
B.d. Am 24. August 2021 wies das Versicherungsgericht (Abteilung II) die Beschwerde
ab. Es erwog, dass es sich beim Gutachten des ABI vom 17. März 2021 um ein
Gerichtsgutachten handle und damit um ein Beweismittel, dem nach der
bundesgerichtlichen Auffassung per se ein sehr hoher Beweiswert zukomme („erste
Klasse“) resp. von dem nicht ohne einen zwingenden Grund abgewichen werden dürfe.
Die Stellungnahme von Dr. B._ zum Gutachten könne keinen solchen zwingenden
Grund darstellen, da diese Stellungnahme als ein Beweismittel „vierter Klasse“
qualifiziert werden müsse, das nicht mit einem Beweismittel „erster Klasse“ mithalten
könne. Auch die Stellungnahme des regionalen ärztlichen Dienstes (RAD) zum
Gutachten als ein Beweismittel „dritter Klasse“ sei letztlich irrelevant. Die
Sachverständigen der ABI hätten die Vorakten gewürdigt, den Versicherten persönlich
untersucht, die objektiven klinischen Befunde erhoben und festgehalten sowie anhand
dieser objektiven klinischen Befunde auf eine nachvollziehbare Weise Diagnosen
gestellt und eine Arbeitsfähigkeitsschätzung abgeleitet. Ein zwingender Grund, der
gegen die Zuverlässigkeit des Gutachtens sprechen würde, sei nicht ersichtlich.
Deshalb sei darauf abzustellen und davon auszugehen, dass der Versicherte für den
gesamten massgebenden Zeitraum eine leidensadaptierte Tätigkeit ohne eine
Einschränkung hätte ausüben können. Es resultiere keine Invalidität und damit kein
Anspruch auf eine Rente (vgl. E. 4.2 f. in IV 2019/277).
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 6/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.e. Das gegen diesen Entscheid vom Versicherten ergriffene Rechtsmittel der
Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten beurteilte das Bundesgericht mit
Urteil vom 11. Februar 2022 (9C_528/2021). Es hiess die Beschwerde teilweise gut,
hob den Entscheid des Versicherungsgerichts auf und wies die Sache zu neuer
Entscheidung an dieses zurück. Im Übrigen wurde die Beschwerde abgewiesen. Das
Bundesgericht erwog, der angefochtene Entscheid verletze sowohl die Pflicht zur
Entscheidbegründung als auch die Pflicht zur freien Beweiswürdigung. Er sei damit als
bundesrechtswidrig aufzuheben, ohne dass die übrigen in der letztinstanzlichen
Beschwerde erhobenen Einwände einer näheren Prüfung bedürften.
C.
C.a. Mit Eingabe vom 1. März 2022 ersuchte der Rechtsvertreter des Versicherten
(nachfolgend: Beschwerdeführer) das Versicherungsgericht um Neubildung des
Spruchkörpers (act. G 2). Mit Schreiben vom 10. März 2022 wurde ihm mitgeteilt, dass
das neue Verfahren IV 2022/45 der Abteilung III zugeteilt worden sei (act. G 3).
C.b. Am 29. März 2022 ersuchte das Versicherungsgericht die Gutachter des ABI,
vornehmlich jene der Orthopädie und der Neurologie, um Auseinandersetzung mit bzw.
Diskussion der chirurgisch-versicherungsmedizinischen Stellungnahme vom 9. Juli
2021 von Dr. B._, nachdem diese mehrere Punkte und die bescheinigte
Arbeitsfähigkeit bemängle. Insbesondere interessiere, ob die Gutachter gestützt darauf
zu einer anderen Einschätzung der Arbeitsfähigkeit des Versicherten gelangen oder
weiteren Klärungsbedarf sehen würden (act. G 4).
C.c. Mit Stellungnahme vom 4. Mai 2022 führten die Gutachter des ABI
zusammengefasst aus, dass auch unter Berücksichtigung der Darlegungen von Dr.
B._ klar an der gutachterlichen Einschätzung einer zeitlich und leistungsmässig
uneingeschränkten Arbeitsfähigkeit für Verweistätigkeiten festgehalten werde. Es
bestehe kein Bedarf für weitere medizinische Abklärungen (act. G 5).
C.d. Der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers hielt mit Eingabe vom 16. Mai 2022
an seinen Einwänden fest, dass auf das Gutachten nicht abgestellt werden könne (act.
G 8).
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 7/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
C.e. Auf die Begründungen in den einzelnen Rechtsschriften sowie den Inhalt der
übrigen Akten wird, soweit entscheidwesentlich, in den nachfolgenden Erwägungen
eingegangen.

Erwägungen
1.
Zwischen den Parteien umstritten und nachfolgend zu prüfen ist ein Rentenanspruch
des Beschwerdeführers.
1.1. Gemäss Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) wird unter Invalidität die voraussichtlich
bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit
verstanden. Erwerbsunfähigkeit ist dabei der durch eine Beeinträchtigung der
körperlichen oder geistigen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung
und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten
auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG).
Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die
Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine
Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht
überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG). Nach Art. 28 Abs. 2 des Bundesgesetzes über die
Invalidenversicherung (IVG; SR 831.20; in der bis 31. Dezember 2021 gültigen, im
vorliegenden Verfahren anzuwendenden und im folgenden zitierten Fassung; vgl. dazu
Rz. 9100 f. des Kreisschreibens über Invalidität und Rente in der Invalidenversicherung
[KSIR]) besteht Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn die versicherte Person
mindestens zu 70 %, auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie wenigstens zu 60 % invalid
ist. Liegt ein Invaliditätsgrad von mindestens 50 % vor, so besteht Anspruch auf eine
halbe Rente und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % auf eine Viertelsrente.
Der Rentenanspruch entsteht frühestens nach Ablauf von sechs Monaten nach
Geltendmachung des Leistungsanspruchs, jedoch frühestens im Monat, der auf die
Vollendung des 18. Altersjahres folgt (vgl. Art. 29 Abs. 1 IVG).
1.2. Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung und im
Beschwerdefall das Gericht auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 8/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des
Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung
zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte
Person arbeitsunfähig ist. Im Weiteren sind die ärztlichen Auskünfte eine wichtige
Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche Arbeitsleistungen der versicherten
Person noch zugemutet werden können (BGE 125 V 261 E. 4 mit Hinweisen). Für das
gesamte Verwaltungs- und Verwaltungsgerichtsverfahren gilt der Grundsatz der freien
Beweiswürdigung. Danach haben die urteilenden Instanzen die Beweise frei, d.h. ohne
Bindung an förmliche Beweisregeln sowie umfassend und pflichtgemäss zu würdigen
und alle Beweismittel unabhängig davon, von wem sie stammen, objektiv zu prüfen
und danach zu entscheiden, ob die verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige
Beurteilung des streitigen Rechtsanspruchs gestatten. Hinsichtlich des Beweiswerts
eines Arztberichts ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange
umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, die geklagten Beschwerden
berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der
Beurteilung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der
medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen des Experten
begründet sind (BGE 125 V 352 E. 3a mit Hinweisen).
1.3. Die Rechtsprechung hat es als mit dem Grundsatz der freien Beweiswürdigung
vereinbar erachtet, in Bezug auf bestimmte Formen medizinischer Berichte und
Gutachten Richtlinien für die Beweiswürdigung aufzustellen. So weicht das Gericht bei
Gerichtsgutachten nach der Praxis nicht ohne zwingende Gründe von der
Einschätzung der medizinischen Fachpersonen ab. Weiter darf es den von
Versicherungsträgern im Verfahren nach Art. 44 ATSG (in der bis Ende 2021 gültig
gewesenen, vorliegend noch anwendbaren Fassung) eingeholten, den Anforderungen
der Rechtsprechung genügenden Gutachten externer Spezialärzte vollen Beweiswert
zuerkennen, solange nicht konkrete Indizien gegen die Zuverlässigkeit der Expertise
sprechen. Auf das Ergebnis versicherungsinterner ärztlicher Abklärungen kann sodann
nicht abgestellt werden und es sind ergänzende Abklärungen vorzunehmen, wenn auch
nur geringe Zweifel an ihrer Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit bestehen. Was
schliesslich die Berichte von behandelnden Ärzten anbelangt, so sind diese zwar nicht
von vornherein ohne Beweiswert, doch ist bei ihnen der Erfahrungstatsache Rechnung
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 9/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
zu tragen, dass behandelnde Ärzte wegen ihrer auftragsrechtlichen Stellung eher
zugunsten ihrer Patienten aussagen (BGE 135 V 469 ff. E. 4.4 und 4.6; 125 V 351).
2.
Um den Invaliditätsgrad festlegen zu können, muss die Arbeitsfähigkeit des
Beschwerdeführers mit dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit
feststehen. Diesbezüglich steht zur Beurteilung, ob dem Gerichtsgutachten des ABI,
welches dem Beschwerdeführer in adaptierter Tätigkeit zeitlich und leistungsmässig
eine uneingeschränkte Arbeitsfähigkeit attestiert, volle Beweiskraft zuzuerkennen ist
bzw. keine zwingenden Gründe vorliegen, von der Einschätzung der medizinischen
Fachpersonen abzuweichen.
2.1. Der internistische Sachverständige des ABI, Dr. med. C._, FMH Allgemeine
Innere Medizin, hielt fest, beim Beschwerdeführer bestehe das Vollbild eines
metabolischen Syndroms, basierend auf einer morbiden Adipositas. Wesentliche
Folgeerscheinungen des Diabetes mellitus seien bisher nicht dokumentiert; dieser sei
auch medikamentös gut eingestellt. Anderweitige internistische Probleme seien nicht
feststellbar gewesen. Es sei eine arterielle Hypertonie festgestellt worden, welche
wahrscheinlich einer medikamentösen Behandlung bedürfe. Aus internistischer Sicht
sei der Beschwerdeführer uneingeschränkt arbeitsfähig (ABI-Gutachten S. 30 ff.). Diese
Einschätzung wird nicht in Frage gestellt und ist überdies plausibel, womit ihr ohne
weiteres gefolgt werden kann.
2.2.
2.2.1. Der psychiatrische Sachverständige des ABI, Dr. med. D._, FMH Psychiatrie
und Psychotherapie, führte aus, im Rahmen der Untersuchung seien keine
Konzentrationsstörungen aufgefallen. Die Stimmung sei etwas herabgesetzt, aber nicht
depressiv gewesen. Der Beschwerdeführer habe vereinzelt auch herzhaft lachen
können. Die affektive Stimmungsfähigkeit sei erhalten und der Antrieb nicht vermindert
gewesen. Der affektive Kontakt sei gut gewesen. Der Beschwerdeführer habe einen
wachen Eindruck gemacht. Er sei bewusstseinsklar und vollständig orientiert gewesen.
Auch habe er sich differenziert ausdrücken können. Die Merkfähigkeit und die
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 10/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Gedächtnisleistungen seien intakt gewesen. Insgesamt habe sich ein unauffälliger
objektiver klinischer Befund gezeigt. Eine Diagnose mit Auswirkung auf die
Arbeitsfähigkeit könne nicht gestellt werden. Die durch die somatischen Befunde nicht
hinreichend objektivierten geklagten Beschwerden und die subjektive
Krankheitsüberzeugung seien mit Blick auf die psychosozialen Belastungsfaktoren
diagnostisch als Ausdruck einer chronischen Schmerzstörung mit somatischen und
psychischen Faktoren zu qualifizieren. Die in den Akten erwähnte depressive Störung
sei remittiert. In der aktuellen Untersuchung hätten keine Hinweise für das
Vorhandensein einer depressiven Erkrankung festgestellt werden können. Die
Blutuntersuchungen hätten gezeigt, dass der Beschwerdeführer die Antidepressiva
entgegen seiner Angaben nicht regelmässig einnehme. Die in den Vorakten erwähnten
depressiven Symptome seien objektiv nicht mehr nachweisbar gewesen. Die leicht
erhöhte Ängstlichkeit aufgrund der somatischen Beschwerden sei im Rahmen der
Schmerzstörung einzuordnen. Eine Angststörung liege nicht vor. Auch Hinweise für
eine Persönlichkeitsstörung hätten nicht bestanden. Der Beschwerdeführer habe zwar
eine schwere Kindheit gehabt, weil sein Vater sehr jähzornig gewesen sei, aber er habe
problemlos in die Schweiz emigrieren, während Jahren hier arbeiten, sich bei der Arbeit
durchsetzen und eine stabile Beziehung zu seiner Ehefrau pflegen können. Auch die
Beziehung zu den Kindern sei gut. Früher habe er intensive Kontakte mit Kollegen
gepflegt und aktuell habe er immer noch regelmässig Kontakt mit einigen Kollegen. Im
Gutachten der MGSG sei die Diagnose einer Persönlichkeitsstörung mit einem sozialen
Rückzugsverhalten begründet worden. Dieser Rückzug sei aber nicht stark ausgeprägt
und vor allem dadurch bedingt gewesen, dass die Kollegen den Beschwerdeführer für
einen Simulanten gehalten hätten. Ein Mensch, der an einer Persönlichkeitsstörung
leide, sei sowohl in seiner Arbeitsfähigkeit als auch in der Pflege von persönlichen
Beziehungen erheblich beeinträchtigt. Das sei beim Beschwerdeführer aber nicht der
Fall. In den Akten fänden sich keine Hinweise dafür, dass er jemals während einer
längeren Zeit an einer mittelgradigen oder schweren depressiven Episode gelitten
hätte. Zum aktuellen Zeitpunkt könne mit Sicherheit keine Beeinträchtigung der
Arbeitsfähigkeit aus psychiatrischer Sicht festgestellt werden und auch rückwirkend
fänden sich keine klaren Hinweise dafür, dass die Arbeitsfähigkeit des
Beschwerdeführers aus psychiatrischer Sicht jemals eingeschränkt gewesen wäre
(ABI-Gutachten S. 38 ff.).
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 11/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.2.2. Das Gutachten von Dr. D._ orientiert sich bezüglich Aufbau an den
Qualitätsleitlinien für versicherungspsychiatrische Gutachten der Schweizerischen
Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (SGPP, 3. vollständig überarbeitete
und ergänzte Auflage, 16. Juni 2016, S. 9 ff.). Die Beurteilung erging unter Einbezug
und Diskussion der Vorgeschichte bzw. der vorhandenen (medizinischen) Aktenlage. Im
Rahmen der Exploration konnte sich der Beschwerdeführer zu seinen Beschwerden
und deren Entwicklung äussern (ABI-Gutachten S. 34 ff.). Der psychiatrische Befund
wurde erhoben (ABI-Gutachten S. 38 f.) und die Herleitung der gestellten Diagnosen
(chronische Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Faktoren,
rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig remittiert) nachvollziehbar aufgezeigt
(ABI-Gutachten S. 39 f.). Dr. D._ begründet in Würdigung der ergangenen
divergierenden medizinischen Akten und in Beachtung der eigenen Untersuchung
nachvollziehbar, warum seiner Meinung nach früher gestellte Diagnosen/erhobene
Befunde (depressive Symptome, Angststörungen, Persönlichkeitsstörungen) nicht
(mehr) zu stellen seien (ABI-Gutachten S. 41 f.; vgl. vorstehende E. 2.2.1). Insbesondere
leuchtet ein, dass die Umstände, dass der Beschwerdeführer während beinahe 20
Jahren ohne dokumentierte Schwierigkeiten in der freien Wirtschaft arbeiten konnte
und 30 Jahre in einer soliden Beziehung mit seiner Ehefrau leben kann, deutliche
Hinweise gegen eine (relevante) Persönlichkeitsstörung darstellen. Die Zweifel, welche
in Bezug auf diese Diagnosestellung aufgrund des MGSG-Gutachtens noch vorgelegen
hatten und die auch das Gericht für nachvollziehbar gehalten hatte (vgl. dazu E. 3.2 in
IV 2016/398), konnten damit mit dem ABI-Gutachten schlüssig begründet beseitigt
werden. Die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit von Dr. D._ beruht auf einer
nachvollziehbaren Konsistenz- resp. Plausibilitäts- und Ressourcenprüfung (ABI-
Gutachten S. 40 ff.). Daraus ergibt sich schlüssig, dass der Beschwerdeführer
überwiegend wahrscheinlich trotz der psychischen Beeinträchtigungen über
Ressourcen verfügt, die es ihm in Anlehnung an Art. 7 Abs. 2 Satz 2 ATSG ermöglichen
sollten, in relevantem/vollem Ausmass einer geeigneten Erwerbstätigkeit nachzugehen.
Die psychiatrische Befunderhebung zeigte zwar eine etwas herabgesetzte Stimmung.
Im Übrigen bestanden aber keine psychopathologischen Auffälligkeiten (ABI-Gutachten
S. 38 f.). Auch war und ist der Beschwerdeführer trotz der geltend gemachten
andauernden somatischen und psychischen Beschwerden weiterhin in der Lage und
daran interessiert, selbständig mit dem Auto und Motorroller zu fahren (ABI-Gutachten
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 12/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
S. 40, 37). Er bringt die dafür notwendigen kognitiven Fähigkeiten (Konzentration im
Strassenverkehr) offensichtlich mit. Zudem sind Reisen in sein Herkunftsland mit
mehrstündiger Anreise offenbar weiterhin möglich (ABI-Gutachten S. 40, 42). Diese
Umstände deuten auf ausreichende Ressourcen hin. Soweit der Beschwerdeführer
geltend macht, er könne sich überhaupt keine berufliche Erwerbstätigkeit mehr
vorstellen, ist eine ähnlich hohe Einschränkung in den sonstigen Lebensbereichen
anhand der genannten Aktivitäten nicht ersichtlich. In diesem Sinne mangelt es an dem
beweisrechtlich entscheidenden Aspekt der Konsistenz, was darauf schliessen lässt,
dass die Einschränkungen und das Schmerzempfinden im Erwerbsleben nicht derart
sein würden, wie es der Beschwerdeführer zu befürchten scheint und seinem Umfeld
präsentiert (vgl. dazu das Schreiben der Tochter des Beschwerdeführers vom 2. März
2022 an Rechtsanwalt Pedergnana [act. G 8.1]). Es liegen zwar auch persönliche
ressourcenhemmende Faktoren vor, namentlich die mehrjährige Absenz vom
Arbeitsmarkt und die dadurch entstandene angespannte finanzielle Situation. Auch ist
nachvollziehbar, dass die Auseinandersetzungen mit seinen Eltern und seinem Sohn,
wie es die Tochter des Beschwerdeführers darlegt (act. G 8.1), die Befindlichkeit des
Beschwerdeführers tangieren. Weshalb der Beschwerdeführer medizinisch-theoretisch
aufgrund derartiger Gegebenheiten in seiner Arbeitsfähigkeit eingeschränkt sein sollte,
ist indes nicht erkennbar. Insgesamt legen die vorliegenden positiven Ressourcen den
Schluss nahe, dass der Beschwerdeführer, wie es der ABI-Gutachter einschätzt,
überwiegend wahrscheinlich trotz der ausgewiesenen Schmerzproblematik und der
psychischen Symptomatik über genügend Kompensationspotential verfügt, um sich im
beruflichen Alltag durchzusetzen. Insgesamt erscheint das psychiatrische
Teilgutachten gestützt auf das Gesagte genügend umfassend, medizinisch
nachvollziehbar und schlüssig begründet. Es lässt auch eine rechtsgenügliche
Beurteilung der Arbeitsfähigkeit aufgrund der psychiatrischen Befunde im Lichte der
bundesgerichtlichen Rechtsprechung (BGE 141 V 281 bzw. BGE 143 V 409 und 418)
zu. Zwar trifft zu, dass das Teilgutachten bei dieser langen Vorgeschichte eher kurz
gehalten wurde und einige Punkte wünschenswerterweise etwas ausführlicher erfragt
(z.B. mittels Fremdanamnese) und niedergeschrieben worden wären. Es vermag aber
dennoch zu genügen, zumal die entscheidenden Punkte darin Eingang fanden und in
der Arbeitsfähigkeitsschätzung berücksichtigt wurden. In dem Sinne dringt der
Rechtsvertreter des Beschwerdeführers mit seinen geltend gemachten Einwänden
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 13/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
gegen den Beweiswert des psychiatrischen Teilgutachtens, wonach die Expertise
unvollständig und nicht lege artis erstellt worden sei (vgl. dazu die Eingaben vom 12.
Juli 2021 im Verfahren IV 2019/277 [act. G 36], vom 4. Oktober 2021 ans
Bundesgericht sowie vom 16. Mai 2022 [act. G 8]), nicht durch. Zwingende Gründe,
von der Einschätzung von Dr. D._ abzuweichen, liegen jedenfalls nicht vor und es
kann darauf abgestellt werden. Entsprechend bleiben Auswirkungen der
psychiatrischen Problematik auf die Arbeitsfähigkeit zumindest unbewiesen.
2.3.
2.3.1. Der orthopädische Sachverständige, Dr. med. E._, FMH Orthopädische
Chirurgie, hielt fest, der Beschwerdeführer leide an chronischen Schulterbeschwerden
rechts bei einem Status nach einer Verletzung im Rahmen eines Sturzes mit dem
Fahrrad im Juni 2017, an chronischen Hüftbeschwerden rechts bei einer
Femurkopfnekrose und einer mässigen Coxarthrose ohne ein klinisch fassbares
höhergradiges funktionelles Defizit, an einem chronischen tieflumbalen und beidseitig
glutealen Schmerzsyndrom sowie – ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit – an
chronischen Hüftbeschwerden links, an chronischen Beinbeschwerden rechts, an
einem Status nach Rippenserienfrakturen, Milzriss und multiplen Prellungen im
Rahmen eines Motorradsturzes im Juni 2018 und an einem Status nach einer
konservativ behandelten Endphalanxfraktur des linken Daumens. Zudem bestehe der
Verdacht auf eine Schmerzausweitung. Der Beschwerdeführer habe angegeben, dass
er im Alltag durch die Beschwerden erheblich eingeschränkt sei. Relevant lindernde
Faktoren habe er nicht nennen können. Analgetika nehme er nicht ein, weil diese keine
Wirkung gezeigt hätten. In der Untersuchung hätten sich die insgesamt recht diffus
beklagten Beschwerden klinisch, radiologisch und infiltrativ keinesfalls vollständig
erklären lassen. Nachvollziehbar sei nur ein gewisser Leidensdruck an der rechten
Schulter, an der rechten Hüfte und an der lumbalen Wirbelsäule. Die deutlich
diskrepante klinische Präsentation lasse an eine erhebliche nicht-organische
Beschwerdekomponente denken. Für körperlich sehr leichte, immer wieder auch
sitzende Verrichtungen unter Wechselbelastung könne eine uneingeschränkte
Arbeitsfähigkeit attestiert werden (ABI-Gutachten S. 51 ff.). Der neurologische
Sachverständige, Dr. med. F._, Facharzt für Neurologie, führte aus, der
Beschwerdeführer leide an einem lumbovertebralen Schmerzsyndrom, das sich nicht
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 14/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
auf die Arbeitsfähigkeit auswirke. Zudem bestehe der (sich ebenfalls nicht auf die
Arbeitsfähigkeit auswirkende) Verdacht auf eine leichte diabetische Polyneuropathie.
Aus neurologischer Sicht sei eine uneingeschränkte Arbeitsfähigkeit zu attestieren (ABI-
Gutachten S. 60 ff.).
2.3.2. Gegen den Beweiswert der beiden vorgenannten Teilgutachten legte der
Rechtsvertreter des Beschwerdeführers eine chirurgisch-versicherungsmedizinische
Stellungnahme zum ABI-Gutachten von Dr. B._ vom 9. Juli 2021 ins Recht. Diese
führte darin aus, dass die Konsens-Begründung der Gesamt-Arbeitsunfähigkeit die
anlässlich der Begutachtung erhobenen Befunde nicht berücksichtige. Im Gutachten
werde mehrfach darauf hingewiesen, dass bezüglich des Bewegungsapparates eine
deutlich verminderte Belastbarkeit bestehe. Zudem sei eine eingeschränkte
Beweglichkeit des rechten dominanten Armes dokumentiert mit knappem Erreichen
der Horizontalen und eine eingeschränkte Beugefähigkeit der rechten Hüfte von 60
Grad. Dies sei relevant bei sitzenden Tätigkeiten, welche in der Regel eine 90 Grad-
Beugung erforderten. Somit würden nachweislich nicht nur qualitative, sondern auch
quantitative Einschränkungen bestehen. Die Problematik des rechten Hüftgelenks
werde auch im ABI-Gutachten nicht angegangen und/oder diskutiert. Diese
Problematik sei weiterhin nicht suffizient geklärt, wobei Therapieoptionen
(Hüftprothese) nicht diskutiert worden seien. Auch das chronische tieflumbale
beidseitige gluteale Schmerzsyndrom ohne neurologischen Hinweis auf eine radikuläre
Symptomatik werde nicht im Zusammenhang mit den bildgebenden Befunden
diskutiert. Es sei seit mehreren Jahren eine Affektion der Nervenwurzeln L5 beidseits
und L4 beidseits ausgewiesen, welche die auch im ABI-Gutachten dokumentierten
Glutealgien und intermittierenden Ischialgien substanziell erklärten, auch wenn keine
neurologische Ausfallssymptomatik dokumentiert sei. Diese müssten bei der
Beurteilung der Zumutbarkeit und Arbeitsfähigkeit berücksichtigt werden und dürften
nicht ausgeklammert werden, wie es vorliegend gemacht worden sei. Eine vermehrt
sitzende Tätigkeit (trotz Wechselbelastung), wie es im ABI-Gutachten empfohlen
worden sei, sei nicht günstig, wenn bereits eine normale Sitzposition mit
Voraussetzung von mindestens 90 Grad flektierten Hüften nicht eingenommen werden
könne. Zudem würden die Glutealgien bei vermehrt sitzender Position zunehmen. Die
vorliegend gutachterlich dokumentierten klinischen Befunde würden die Umsetzung
der beurteilten Arbeitsfähigkeit in einem Vollpensum nicht erlauben. Die aufgeführten
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 15/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Problemkreise müssten neu angegangen werden, unklare Befunde (anamnestisch
Kalkschulter rechts, was schmerzhaft sei, oder der aktuelle Zustand der rechten Hüfte)
müssten geklärt und in die Diskussion der Arbeitsfähigkeit unter Berücksichtigung der
Bildgebung miteinbezogen werden. Es könne nicht sein, dass eine Arbeitsfähigkeit
ohne handfeste argumentative Begründung festgesetzt und mit "Inkonsistenzen bei
erhöhtem Schmerzgebaren" gerechtfertigt werde. Auf das ABI-Gutachten könne aus
versicherungsmedizinischer Sicht nicht abgestellt werden (vgl. act. G 36.1 in IV
2019/277).
2.3.3. Bezugnehmend auf die Stellungnahme von Dr. B._ führten die Dres. C._,
E._ und F._ am 4. Mai 2022 aus, dass sie in ihrem Gutachten verschiedene
klinische Inkonsistenzen einschliesslich einer ausgeprägten Bewegungseinschränkung
der rechten Schulter festgehalten hätten. Die Schulterbeschwerden seien dabei im
Sinne qualitativer Einschränkungen in Form eines zu vermeidenden Einsatzes der
Extremität oberhalb des Schulterniveaus dezidiert gewürdigt worden. Auch auf die
vermeintlich massiv bestehende, unter Ablenkung aber vollständig fehlende
Bewegungseinschränkung der rechten Hüfte sei im orthopädischen Teilgutachten
ausdrücklich eingegangen worden. Bemerkenswert sei auch das Beharren auf einer
vermeintlich objektiv nachgewiesenen neurologischen Problematik, obwohl diese aus
fachärztlich-neurologischer Sicht klar ausgeschlossen worden sei. Dr. B._ scheine
davon auszugehen, dass eine im MRI dargestellte mögliche Affektion von
Nervenwurzeln selbst dann von Relevanz sei, wenn sie klinisch keinesfalls zu
bestätigen sei. Schliesslich sei zu betonen, dass der klinisch zeitweise erheblich
angegebene Leidensdruck im Gesässbereich zu anderen Zeitpunkten vollständig
gefehlt habe, was mit einer Beeinträchtigung von Nervenwurzeln nicht zu erklären sei.
Auch unter Berücksichtigung der Ausführungen von Dr. B._ sei klar an der
gutachterlichen Einschätzung einer zeitlich und leistungsmässig uneingeschränkten
Arbeitsfähigkeit festzuhalten (act. G 5).
2.3.4. Auf das orthopädische und das neurologische Teilgutachten kann ohne weiteres
abgestellt werden. Auch sie ergingen nach persönlichen Untersuchungen, sind für die
streitigen Belange umfassend und beantworten die Frage nach den gesundheitlichen
Beeinträchtigungen des Beschwerdeführers. Sie berücksichtigen die geklagten
Beschwerden und ergingen in Würdigung und Auseinandersetzung der Vorakten,
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 16/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
inklusive der zahlreich angefertigten und ausreichend aktualisierten Bildgebung in den
entsprechenden Körperregionen. Was Dr. B._ in ihrer Stellungnahme vom 9. Juli
2021 gegen den Beweiswert vorträgt, vermag nicht zu überzeugen. Wie die Dres.
C._, E._ und F._ am 4. Mai 2022 richtig ausführten, haben sie in ihrem Gutachten
sowohl die aktuelle Hüftproblematik rechts mit diagnostizierter Femurkopfnekrose, als
auch die Schulterproblematik rechts und die Glutealgien sowie intermittierenden
Ischialgien berücksichtigt und in ihre Beurteilung miteinbezogen (ABI-Gutachten S. 50
ff.). Wenn der Beschwerdeführer unter Ablenkung keine Bewegungseinschränkung in
der rechten Hüfte zeigt (ABI-Gutachten S. 52), so ist auch nicht ersichtlich, weshalb
eine sitzende Tätigkeit unter Wechselbelastung nicht mehr zumutbar sein sollte. Im
Übrigen zeigt der Beschwerdeführer mit mehrstündigen Flug- und Autoreisen (in den
Urlaub, an die Begutachtungen etc.) sowie der Benützung des Motorrollers – ohne
Einnahme von, nicht einmal niedrigpotenten, Schmerzmitteln – selbst, dass er in der
Lage ist, über einen längeren Zeitraum zu sitzen. Auch die lumbale Rückenproblematik
ist lege artis in die Beurteilung eingeflossen. Im Weiteren wurde nachvollziehbar
begründet, weshalb sich die bildgebend dargestellte mögliche Affektion der
Nervenwurzeln nicht relevant auswirkt, nachdem der neurologische klinische Untersuch
einen in objektiver Hinsicht völlig unauffälligen Status ergeben hat (ABI-Gutachten S.
61). Die diesbezüglichen orthopädischen/neurologischen Unklarheiten, welche noch im
MGSG-Gutachten auszumachen gewesen waren (vgl. dazu E. 3.1 in IV 2016/398),
konnten somit ausgeräumt werden. Daran ändert nichts, dass die Problematik im
Übergang Brustwirbel/Lendenwirbel (TH11/12 und TH12/L1; vgl. IV-act. 32-2), wie
bereits im MGSG-Gutachten, keinen Eingang in die Diagnosestellung fand. Dabei
handelt es sich offenkundig um leichtgradige Degenerationen, welche auf Druck auch
keine Schmerzen verursachten (ABI-Gutachten S. 48) und ohne weiteres in der
berücksichtigten lumbalen Problematik aufgehen. Vor diesem Hintergrund stellt es
keinen relevanten Mangel an den Teilgutachten dar, dass sowohl der neurologische als
auch der orthopädische Gutachter es versäumt haben, sich explizit zur in der MRI-
Bildgebung vom 27. November 2020 sichtbaren kleinen Diskusextrusion BWK 12/LWK
1 zu äussern. Die ABI-Gutachter hatten immerhin Kenntnis von den Ergebnissen jener
Bildgebung (vgl. ABI-Gutachten S. 21, 50 und 57). Passend dazu, dass an jenem
Segment im MRI keine Neurokompression nachgewiesen werden konnte, präsentierte
es sich denn auch in den klinischen Untersuchungen unauffällig. Schliesslich führt Dr.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 17/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B._ aus, dass nachweislich nicht nur qualitative, sondern auch quantitative
Einschränkungen bestehen würden. Sie begründet diese Einschätzung indes nicht
substantiiert und legt ihrer Beurteilung auch nicht die von den ABI-Gutachtern
festgestellten und schlüssig dargelegten Inkonsistenzen zugrunde. Insgesamt vermag
Dr. B._ mit ihrer Stellungnahme vom 9. Juli 2021 damit keine, schon gar keine
konkreten Indizien gegen die Zuverlässigkeit der Expertise zu begründen, womit keine
zwingenden Gründe vorliegen, von den Einschätzungen im orthopädischen und
neurologischen Teilgutachten des ABI abzuweichen. Eine somatisch höhere
Einschränkung als die von Dr. E._ und Dr. F._ attestierte bleibt damit zumindest
unbewiesen.
2.3.5. Am Beweiswert des Gerichtsgutachtens ändert im Weiteren nichts, dass sich die
ABI-Gutachter nicht vertieft mit dem Arbeitseinsatz des Beschwerdeführers vom 2.
März bis 30. April 2015 bei der Stiftung G._ (IV-act. 74, 78 f., 80-5 f.) und der EFL im
Rahmen der MGSG-Begutachtung 2016 (MGSG-Gutachten S. 59 ff.)
auseinandergesetzt haben. Zwar konnte der Beschwerdeführer damals die aktuell
attestierte Arbeitsfähigkeit nicht erreichen. Der Arbeitseinsatz und die Evaluation liegen
indes bereits Jahre zurück und es ist nicht ersichtlich, inwieweit eine detaillierte
Auseinandersetzung zu einer anderen Einschätzung der medizinisch-theoretischen
Arbeitsfähigkeit bzw. der funktionellen Leistungsfähigkeit hätte führen sollen, zumal die
früher (MGSG-Gutachten S. 38, 40) und auch aktuell gezeigten klinischen
Inkonsistenzen (ABI-Gutachten S. 12, 52, 62) den Schluss nahelegen, dass die damals
gezeigte Leistungsfähigkeit nicht der medizinisch-theoretischen entsprach.
2.4. Zusammengefasst ist festzuhalten, dass dem ABI-Gerichtsgutachten volle
Beweiskraft zuzuerkennen ist und kein Anlass besteht, bezüglich der medizinisch-
theoretischen Arbeitsfähigkeit von dessen Einschätzungen abzuweichen. Damit ist
überwiegend wahrscheinlich davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer in der
angestammten Tätigkeit zwar nicht mehr arbeitsfähig ist, in adaptierter Tätigkeit
hingegen eine Arbeitsfähigkeit von 100 % besteht (vgl. zum Zumutbarkeitsprofil ABI-
Gutachten S. 12 sowie im Sachverhalt lit. B.b). In retrospektiver Hinsicht seit dem
frühestmöglichen Rentenbeginn (Januar 2015 bei Eingang der Anmeldung am 17. Juli
2014; vgl. Art. 29 Abs. 1 IVG und IV-act. 31-1) bleibt eine höhergradige
Arbeitsunfähigkeit ebenfalls unbewiesen (ABI-Gutachten S. 12). Diesbezüglich ist
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 18/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
festzuhalten, dass selbst der Beschwerdeführer nicht geltend macht, dass sich sein
Gesundheitszustand seither relevant verändert hätte. Die kurzzeitigen höhergradigen
Arbeitsunfähigkeiten nach den Unfällen in den Jahren 2017 (Fahrradsturz) und 2018
(Motorradsturz; ABI-Gutachten S. 12) vermögen keinen Rentenanspruch zu begründen
(vgl. Art. 28 Abs. 1 IVG). Folglich besteht offenkundig kein rentenbegründender
Invaliditätsgrad von mindestens 40 %, sodass die konkrete Bemessung des
Invaliditätsgrads unterbleiben kann (vgl. dazu auch E. 4.3 in IV 2019/177).
3.
3.1. Nach dem Gesagten ist die Verfügung vom 17. Oktober 2016 im Ergebnis nicht zu
beanstanden und die dagegen erhobene Beschwerde abzuweisen.
3.2. Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr.
1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 1'000.--
erscheint in der vorliegend zu beurteilenden Angelegenheit mit Rücksicht auf das
erforderliche Gerichtsgutachten als angemessen. Das anwendbare kantonale
Verfahrensrecht (siehe Art. 61 Ingress ATSG) kennt als allgemeinen Grundsatz bei der
Kostenauferlegung das Verursacherprinzip (Art. 94 des Gesetzes über die
Verwaltungsrechtspflege [VRP; sGS 951.1]). In Streitigkeiten hat jener Beteiligte die
Kosten zu tragen, dessen Begehren ganz oder teilweise abgewiesen werden (Art. 95
Abs. 1 VRP). Kosten, die ein Beteiligter, sein Rechtsbeistand oder sein Vertreter durch
Trölerei oder anderes ungehöriges Verhalten oder durch Verletzung wesentlicher
Verfahrensvorschriften veranlasst, gehen zu seinen Lasten. Ferner hat jeder Beteiligte,
sein Rechtsbeistand oder sein Vertreter die Kosten zu übernehmen, die durch
nachträgliches Vorbringen von Begehren, Tatsachen oder Beweismitteln entstehen,
deren rechtzeitige Geltendmachung ihm möglich und zumutbar gewesen wäre (Art. 95
Abs. 2 VRP). In der hier zu beurteilenden Sache hat die
Beschwerdegegnerin im Sinn der bundesgerichtlichen Rechtsprechung den
Untersuchungsgrundsatz verletzt (vgl. nachstehende E. 3.4), was nach neuerer
Rechtsprechung bei der Kostenverteilung zulasten des Versicherungsträgers auch bei
vollständigem Unterliegen der versicherten Person zu beachten ist, wenn – wie
vorliegend – im kantonalen Recht das Verursacherprinzip gilt (Urteil des
bis
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 19/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Bundesgerichts vom 8. Januar 2019, 9C_605/2018, E. 7.2). In Nachachtung dieses
Prinzips sind allerdings lediglich diejenigen Kosten der Beschwerdegegnerin
aufzuerlegen, die durch die Verletzung des Untersuchungsgrundsatzes entstanden
sind. Der Untersuchungsmangel wurde mit der Erstattung des Gerichtsgutachtens
geheilt. Die danach entstandenen Aufwände des Gerichts sind nicht mehr darauf
zurückzuführen. Aufgrund der Verletzung des Untersuchungsgrundsatzes hat die
Beschwerdegegnerin einen Anteil von Fr. 600.-- (vgl. zur Höhe der Gerichtsgebühr bei
zu weiteren medizinischen Abklärungen zurückweisenden Kollegialentscheiden etwa
die Entscheide des Versicherungsgerichts vom 9. April 2018, IV 2015/336, und vom 15.
Februar 2016, IV 2014/144) und der Beschwerdeführer infolge vollständigen materiellen
Unterliegens einen solchen von Fr. 400.-- an der Gerichtsgebühr zu bezahlen. Der im
Verfahren IV 2016/398 geleistete Kostenvorschuss von Fr. 600.-- ist dem
Beschwerdeführer im Umfang von Fr. 400.-- daran anzurechnen und im Umfang von
Fr. 200.-- zurückzuerstatten.
3.3. Die obsiegende Beschwerde führende Person hat Anspruch auf Ersatz der
Parteikosten. Diese werden vom Versicherungsgericht festgesetzt und ohne Rücksicht
auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des
Prozesses bemessen (Art. 61 lit. g ATSG). Das kantonale Recht sieht auch bei den
ausseramtlichen Kosten bzw. der Parteientschädigung das Verursacherprinzip vor (Art.
98 VRP in Verbindung mit Art. 108 der Schweizerischen Zivilprozessordnung [ZPO;
SR 272]), weshalb die Beschwerdegegnerin trotz materiellen Obsiegens
entschädigungspflichtig wird (Urteil des Bundesgerichts vom 8. Januar 2019,
9C_605/2018, E. 7.2). Allerdings sind von ihr – wie bei den Gerichtskosten – bloss
diejenigen Aufwände des Beschwerdeführers nach dem Verursacherprinzip zu
ersetzen, die bis zur Heilung des Untersuchungsmangels im Gerichtsverfahren und
damit bis zur Erstattung des Gerichtsgutachtens angefallen sind. Die dem
Beschwerdeführer danach entstandenen Aufwände liegen nicht mehr im
Untersuchungsmangel begründet, sondern sind erst nach dessen Heilung angefallen.
Sie wären auch angefallen, wenn das weitere Gutachten bereits im
Verwaltungsverfahren nach dem Einwand des rechtskundig vertretenen
Beschwerdeführers erstattet worden wäre. Deshalb ist der Anspruch auf eine allfällige
Parteientschädigung für diesen Teil des Aufwands auch nicht nach dem
Verursacherprinzip (Art. 98 VRP in Verbindung mit Art. 108 ZPO), sondern nach Art.
ter
ter
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 20/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
98 VRP und damit nach Obsiegen und Unterliegen zu beurteilen und vorliegend nicht
von der Beschwerdegegnerin zu entschädigen. Wäre anstelle des Einholens eines
Gerichtsgutachtens die Sache zur Vornahme weiterer medizinischer Abklärungen an
die Beschwerdegegnerin zurückgewiesen worden, erschiene eine Parteientschädigung
von pauschal Fr. 4'000.-- (einschliesslich Barauslagen und Mehrwertsteuer) als
angemessen. Dieser Betrag ist deshalb auch für die bis zur Heilung des
Untersuchungsgrundsatzes durch ein Gerichtsgutachten anfallenden Aufwände als
angemessen zu bezeichnen.
3.4. Zu klären bleibt, wer die Kosten des Gerichtsgutachtens inklusive ergänzender
Stellungnahme zu tragen hat. Nachdem konkrete Indizien gegen die Zuverlässigkeit der
MGSG-Expertise sprachen, erfüllte diese die Anforderungen an eine medizinische
Beurteilungsgrundlage nicht. In diesem Sinne mangelte es an der genügenden
Abklärung des Gesundheitszustands des Beschwerdeführers durch die
Beschwerdegegnerin. Das Gerichtsgutachten des ABI hat sich für die Beurteilung des
Sachverhalts im kantonalen und bundesgerichtlichen Beschwerdeverfahren als
notwendiger Teil der Sachverhaltsgrundlage erwiesen, auch wenn letztlich kein
Rentenanspruch des Beschwerdeführers resultiert. Damit hat die Beschwerdegegnerin
die Kosten des Gerichtsgutachtens von Fr. 11’941.20 (act. G 27 im Verfahren IV
2019/277) sowie der ergänzenden Stellungnahme vom 4. Mai 2022 in Höhe von Fr.
450.-- (act. G 5) in Anwendung von Art. 45 Abs. 1 ATSG zu tragen (BGE 143 V 269).