Decision ID: d9278458-c963-5e15-86ee-0b2666519275
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Das Bundesverwaltungsgericht stellt fest,
dass der Beschwerdeführer, ein algerischer Staatsangehöriger arabischer
Ethnie, ohne Einreichung von Identitätsdokumenten am 27. Oktober 2019
in der Schweiz um Asyl nachsuchte und angab, am (...) geboren und damit
noch minderjährig zu sein,
dass er in der Folge dem Bundesasylzentrum (BAZ) der Region Bern zu-
gewiesen wurde,
dass am 12. November 2019 die Erstbefragung eines minderjährigen un-
begleiteten Asylsuchenden (UMA EB) und am 13. Dezember 2019 die An-
hörung stattfand,
dass der Beschwerdeführer zur Begründung seines Asylgesuches im We-
sentlichen geltend machte, nach dem Tod seines Vaters im Jahre 2006
habe seine Mutter einen anderen Mann geheiratet, der seine Mutter und
ihn geschlagen habe und drogenabhängig sei,
dass er immer wieder Zuflucht bei seiner unweit wohnenden Grossmutter
väterlicherseits gefunden habe und schliesslich im Alter von vierzehn Jah-
ren zu ihr gezogen sei, wobei sein Stiefvater ihn regelmässig aufgesucht
und zur Verrichtung von Arbeiten auf dem Bau genötigt habe,
dass seine bei den Behörden eingereichten Beschwerden gegen seinen
Stiefvater nicht an das zuständige Gericht weitergeleitet worden seien,
dass er im Weiteren Schwierigkeiten mit seinen Onkeln väterlicherseits ge-
habt habe, da diese ihm die Erbschaft seines Vaters (Anteil an einem ge-
meinsam bewirtschafteten Landstück) vorenthalten hätten und er vergeb-
lich dagegen vorgegangen sei,
dass das SEM am 26. November 2019 ein Altersgutachten durch das Insti-
tut für Rechtsmedizin der Universität Bern in Auftrag gab, welches von ei-
nem wahrscheinlichen Alter von 18.25 Jahren ausging,
dass die Rechtsvertretung im Rahmen des rechtlichen Gehörs auf den ge-
ringen Beweiswert des Altersgutachtens vom 26. November 2019 hinwies,
dass das SEM in der Folge auf eine Anpassung des angegebenen Alters
des Beschwerdeführers verzichtete und ihn am 9. Januar 2020 dem erwei-
terten Verfahren zuwies,
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dass das SEM mit gleichentags eröffnetem Entscheid vom 10. Februar
2020 das Asylgesuch des Beschwerdeführers unter Verneinung der Flücht-
lingseigenschaft ablehnte, dessen Wegweisung aus der Schweiz anord-
nete und den Vollzug als zulässig, zumutbar und möglich erachtete,
dass der Beschwerdeführer mit Eingabe seiner Rechtsvertretung vom
11. März 2020 beim Bundesverwaltungsgericht eine auf den Vollzug be-
schränkte Beschwerde einreichte, wobei beantragt wurde, eventualiter die
Sache zur vollständigen Sachverhaltsfeststellung an die Vorinstanz zu-
rückzuweisen,
dass in verfahrensrechtlicher Hinsicht unter Beantragung des Verzichts auf
das Erheben eines Kostenvorschusses um Gewährung der unentgeltlichen
Rechtspflege nach Art. 65 Abs. 1 VwVG in Verbindung mit Art. 102m Abs.
1 AsylG ersucht wurde,
dass die Akten der Vorinstanz dem Bundesverwaltungsgericht am 12. März
2020 in elektronischer Form vorlagen (Art. 109 Abs. 2 AsylG),

und zieht in Erwägung,
dass das Bundesverwaltungsgericht auf dem Gebiet des Asyls über Be-
schwerden gegen Verfügungen (Art. 5 VwVG) des SEM in der Regel – so
auch vorliegend – endgültig entscheidet (Art. 105 des Asylgesetzes [AsylG
SR 142.31] i.V.m. Art. 31–33 VGG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG),
dass der Beschwerdeführer am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men hat, durch die angefochtene Verfügung besonders berührt ist, ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung hat und daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert ist (Art. 105
AsylG und Art. 48 Abs. 1 VwVG),
dass somit auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde einzu-
treten ist (Art. 108 Abs. 2 AsylG und Art. 52 VwVG),
dass über offensichtlich begründete Beschwerden in einzelrichterlicher Zu-
ständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise einer
zweiten Richterin entschieden wird (Art. 111 Bst. e AsylG) und es sich vor-
liegend, wie nachfolgend aufgezeigt, um eine solche handelt, weshalb der
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Beschwerdeentscheid nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2
AsylG),
dass im Weiteren gestützt auf Art. 111a Abs. 2 AsylG vorliegend auf einen
Schriftenwechsel verzichtet wurde,
dass sich die Beschwerdeanträge einzig gegen den Vollzug der Wegwei-
sung richten, womit die Verneinung der Flüchtlingseigenschaft, die Ableh-
nung des Asylgesuchs sowie die verfügte Wegweisung in Rechtskraft er-
wuchsen,
dass Gegenstand des Verfahrens somit lediglich die Frage bildet, ob die
Wegweisung zu vollziehen oder ob anstelle des Vollzugs eine vorläufige
Aufnahme anzuordnen sei,
dass das SEM in der angefochtenen Verfügung die Schwierigkeiten des
Beschwerdeführers mit seinen Onkeln väterlicherseits als nicht glaubhaft
und diejenigen mit seinem Schwiegervater als nicht asylrelevant erachtete,
dass auch die Angaben des Beschwerdeführers zu seinen familiären Ver-
hältnissen teils widersprüchlich (Anzahl Onkeln und Tanten) und vage (Auf-
enthaltsort der Verwandten) ausgefallen seien, was die Vermutung nahe-
lege, dass der Beschwerdeführer seine wahren Verwandtschaftsverhält-
nisse zu verschleiern versuche,
dass vielmehr davon auszugehen sei, dass der Beschwerdeführer an sei-
nem Herkunftsort und in der Region über ein intaktes Verwandtschaftsnetz
verfüge,
dass es sich beim Beschwerdeführer um einen Jugendlichen mit einer ge-
nügenden Schulbildung und ersten Arbeitserfahrungen handle, der teils
selbständig seine Reise vorbereitet und finanziert habe, weshalb davon
auszugehen sei, dass dieser bei einer Rückkehr in seinen Heimatstaat
nach einer gewissen Anpassungszeit selbstständig für sich sorgen könne,
zumal er über die Gelegenheit verfüge, erneut bei seiner Grossmutter zu
leben,
dass ihm, sollte er wie geltend gemacht tatsächlich seine Grossmutter nicht
kontaktieren können, zuzumuten wäre, sich an seine Mutter, mit der er täg-
lich in Kontakt sei, zu wenden, um den erforderlichen Kontakt mit seiner
Grossmutter herzustellen,
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dass somit zusammenfassend davon auszugehen sei, dass der Beschwer-
deführer bei einer Rückkehr nach Algerien in Empfang genommen, eine
Wohngelegenheit und ein tragfähiges soziales Netz vorfinden werde, wo-
mit der Grundsatz des Kindeswohls vorliegend gewahrt sei,
dass sich bei dieser Sachlage weitergehende Abklärungen zu allfälligen
Unterbringungsstrukturen für minderjährige Personen in Algerien erübrig-
ten,
dass auf Beschwerdeebene unter Bezugnahme der von der Vorinstanz
festgestellten Unglaubhaftigkeitselemente geltend gemacht wurde, entge-
gen der in der angefochtenen Verfügung vertretenen Auffassung habe der
Beschwerdeführer sowohl die Schwierigkeiten mit seinen Onkeln als auch
seine Familienverhältnisse glaubhaft dargelegt,
dass, um den hohen Anforderungen an das Kindeswohl zu entsprechen,
ohnehin nicht pauschal von der Unglaubhaftigkeit der Aussagen des Be-
schwerdeführers und in der Folge vom Bestehen eines familiären Netzes
ausgegangen werden könne,
dass vielmehr, der Rechtsprechung entsprechend (vgl. BVGE 2015/30; Ur-
teil E-4634/2019 des Bundesverwaltungsgerichts vom 7. Februar 2020),
die Vorinstanz jeweils abzuklären habe, in welcher Institution der Be-
schwerdeführer zurückgeführt werden könne und ob diese Institution in der
Lage sei, die Bedürfnisse des Minderjährigen abzudecken, wobei diese Ab-
klärungen vor dem Erlass eines Entscheides vorgenommen werden müss-
ten,
dass der Beschwerdeführer den Kontakt zu seiner Grossmutter entgegen
der Auffassung des SEM nicht über seine Mutter herstellen könne, da es
sich dabei um die Mutter seines verstorbenen Vaters handle und daher
nicht ohne weiteres davon ausgegangen werden könne, dass diese mit ih-
rer Ex-Schwiegertochter in Kontakt stehe,
dass im Weiteren zu berücksichtigen sei, dass es sich bei der Grossmutter
des Beschwerdeführers um eine gebrechliche, an Diabetes erkrankte Per-
son handle,
dass somit feststehe, dass die Vorinstanz seiner Abklärungspflicht nicht
nachgekommen sei, weshalb die Verfügung aufzuheben und zur Neubeur-
teilung an die Vorinstanz zurückzuweisen sei,
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dass vorab festzuhalten ist, dass es sich beim Beschwerdeführer um einen
unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden handelt, wovon trotz gewis-
ser Zweifel schliesslich auch die Vorinstanz ausgegangen ist,
dass das SEM im Weiteren die geltend gemachte häusliche Gewalt durch
den Stiefvater gegen den Beschwerdeführer und seine Mutter nicht in Ab-
rede gestellt hat, weshalb der vorinstanzlichen Schlussfolgerung, wonach
der Beschwerdeführer zu seiner Familie zurückkehren könne, die ihn wie-
deraufnehme, nicht vorbehaltlos gefolgt werden kann, zumal der Be-
schwerdeführer angab, dass die Grossmutter, bei der er vor seiner Aus-
reise gelebt habe, gebrechlich sei und er keinen Kontakt mehr mit ihr habe,
dass die Rechtsprechung für solche Fälle vorsieht, dass die minderjährige
Person auch einem Vormund oder einer Aufnahmeeinrichtung im Heimat-
staat übergeben werden könne, die den Schutz des Kindes gewährleiste
(vgl. BVGE 2015/30 E. 7.3),
dass das SEM somit in der Pflicht steht, diese konkreten Abklärungen in-
klusive einer Übernahmezusicherung einer geeigneten Institution vor Er-
lass einer wegweisenden Verfügung vorzunehmen, damit sie einer gericht-
lichen Überprüfung offenstehen (vgl. BVGE 2015/30 E. 7.3; Urteil E-
4634/2019 des Bundesverwaltungsgerichts vom 7. Februar 2020), was das
SEM vorliegend unterliess,
dass nach dem Gesagten die Vorinstanz den Sachverhalt unvollständig
festgestellt hat, indem sie keine Abklärungen hinsichtlich der für den min-
derjährigen Beschwerdeführer konkret zu erwartenden Unterbringung und
Versorgung in Algerien getroffen hat,
dass die Beschwerde demnach gutzuheissen, die angefochtene Verfügung
aufzuheben und die Sache zur vollständigen Sachverhaltsfeststellung so-
wie zu neuer Entscheidung an die Vorinstanz zurückzuweisen ist,
dass bei diesem Ausgang des Verfahrens keine Kosten zu erheben sind
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG), womit das Gesuch um Gewährung der un-
entgeltlichen Prozessführung und der Antrag auf Verzicht der Erhebung ei-
nes Kostenvorschusses gegenstandslos werden.
dass dem vertretenen Beschwerdeführer angesichts seines Obsiegens in
Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
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verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) grundsätzlich eine Entschädi-
gung für die ihm notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzuspre-
chen wäre,
dass indessen der Beschwerdeführer auf Beschwerdeebene durch seine
zugewiesene Rechtsvertretung im Sinne von Art. 102f Abs. 1 in Verbindung
mit. Art. 102h Abs. 3 AsylG vertreten wurde,
dass das SEM dem Leistungserbringer – der nach Art. 102f und Art. 102i
AsylG für die Sicherstellung, Organisation und Durchführung der Rechts-
vertretung zuständig ist – eine Entschädigung für die Wahrnehmung der
Rechtsvertretung im Beschwerdeverfahren, insbesondere das Verfassen
einer Beschwerdeschrift, ausrichtet (Art. 102k Abs. 1 Bst. d AsylG),
dass daher davon auszugehen ist, dass dem Beschwerdeführer keine Par-
teikosten erwuchsen, weshalb keine Parteientschädigung zuzusprechen
ist (vgl. dazu auch BVGE 2017 VI/3 E. 9.2.4 und 9.2.5).
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