Decision ID: 24666db1-a885-4436-a5d8-d822efe015b5
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Am 11. Mai 2016 richtete die französische Steuerbehörde, die Direc-
tion Générale des Finances Publiques (DGFP; nachfolgend auch: ersu-
chende Behörde), gestützt auf Art. 28 des Abkommens vom 9. September
1966 zwischen der Schweiz und Frankreich zur Vermeidung der Doppel-
besteuerung auf dem Gebiet der Steuern vom Einkommen und vom Ver-
mögen und zur Vermeidung von Steuerbetrug und Steuerflucht
(SR 0.672.934.91, DBA CH-FR) ein Amtshilfeersuchen an die Eidgenössi-
sche Steuerverwaltung (ESTV; nachfolgend auch: Vorinstanz).
Als vom Ersuchen betroffene Personen nannte die DGFP mutmasslich in
Frankreich steuerpflichtige Personen, die anhand einer dem Ersuchen bei-
gelegten Liste identifizierbar seien. Als Informationsinhaberin in der
Schweiz wurde die UBS AG (heute: UBS Switzerland AG; nachfolgend:
UBS) genannt. Die Informationen würden für die Erhebung der französi-
schen Einkommenssteuer («impôt sur le revenu») für die Steuerjahre 2010
bis 2014 und die Solidaritätssteuer auf Vermögen («impôt de solidarité sur
la fortune») für die Steuerjahre 2010 bis 2015 benötigt.
A.b Grundlage des Ersuchens bildeten drei Listen, die aus einer in
Deutschland gegen die UBS geführten Strafuntersuchung stammen und
Angaben zu über 45'000 UBS-Konten enthalten. Anhand der in den Listen
erfassten Domizil-Codes vermutete die DGFP, dass die ihr mehrheitlich na-
mentlich nicht bekannten Kontoinhaber beziehungsweise wirtschaftlich Be-
rechtigten einer Steuerpflicht in Frankreich unterliegen. Aufgrund zahlrei-
cher Hinweise, wonach französische Steuerpflichtige ihren Steuerpflichten
nicht nachgekommen waren und mit Blick darauf, dass gegen die UBS in
Frankreich ein Strafverfahren wegen des Aufbaus eines umfassenden
Steuerfluchtsystems eingeleitet worden war, nahm die DGFP an, dass die
in den Listen aufgeführten Kontodaten beziehungsweise die damit verbun-
denen Vermögenswerte in Frankreich pflicht- und rechtswidrig weder de-
klariert noch versteuert worden waren. Die DGFP schätzte die dadurch für
den französischen Fiskus entstandenen Mindereinnahmen auf bis zu meh-
reren Milliarden Euro.
A.c Konkret ersuchte die DGFP die ESTV für jedes in der Beilage des Er-
suchens aufgeführte Konto um die Übermittlung der folgenden Informatio-
nen für den Zeitraum vom 1. Januar 2010 bis 31. Dezember 2015:
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a) Name(n)/Vorname(n), Geburtsdaten und letzte bekannte Adresse ge-
mäss den Bankunterlagen
(i) des/der Kontoinhaber(s)
(ii) der wirtschaftlich berechtigten Person(en) gemäss Formular A
(iii) jeder anderen Person, die in die Rechte und Pflichten der beiden
letztgenannten Personen tritt
b) die Kontostände jeweils per 1. Januar der Jahre 2010 bis 2015.
B.
B.a Mit Editionsverfügung vom 10. Juni 2016 forderte die ESTV die UBS
auf, die ersuchten Informationen einzureichen. Zudem bat sie diese, die
betroffenen Personen mit noch aktiven Geschäftsbeziehungen über das
Amtshilfeverfahren zu informieren.
B.b Darüber hinaus informierte die ESTV die betroffenen Personen mittels
Publikation im Bundesblatt vom 26. Juli 2016 über das laufende Amtshilfe-
verfahren und den wesentlichen Inhalt des Amtshilfeersuchens.
C.
Am 13. Oktober 2016 reichte die Beschwerdeführerin eine Stellungnahme
ein.
D.
Die UBS erteilte der ESTV die ersuchten Informationen mit Teillieferungen
im Zeitraum vom 24. Juni 2016 bis 28. Juli 2017.
E.
Die ESTV und die DGFP einigten sich im Briefwechsel vom 11. Juli 2017
auf eine Verständigungslösung betreffend Einhaltung des Spezialitätsprin-
zips. Zudem teilte die DGFP der ESTV am 11. Juli 2017 mit, allfällige von
den schweizerischen Behörden im Zusammenhang mit UBS-Konten erhal-
tene Informationen würden im Strafverfahren gegen die Bank nicht verwen-
det werden.
F.
F.a Am 9. Februar 2018 erliess die ESTV acht Schlussverfügungen gegen
gewisse betroffene Personen – darunter die UBS, die mit Urteil des Bun-
desverwaltungsgerichts A-4974/2016 vom 25. Oktober 2016 als Partei an-
erkannt worden war –, in denen sie das Amtshilfeersuchen Frankreichs als
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zulässig qualifizierte und die Amtshilfeleistungen im von der DGFP erfrag-
ten Umfang anordnete.
F.b Am 9. März 2018 erhob die UBS beim Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerde. Sie beantragte, die Schlussverfügungen vom 9. Februar 2018
sowie die Editionsverfügung vom 10. Juni 2016 (vgl. B.a.) seien aufzuhe-
ben. Mit Urteil A-1488/2018 vom 30. Juli 2018 hiess das Bundesverwal-
tungsgericht die Beschwerde gut, soweit es darauf eintrat, und hob die
Schlussverfügungen vom 9. Februar 2018 und die Editionsverfügung vom
10. Juni 2016 auf.
F.c Eine gegen dieses Urteil erhobene Beschwerde der ESTV hiess das
Bundesgericht mit Urteil 2C_653/2018 vom 26. Juli 2019, publiziert als
BGE 146 II 150, gut und bestätigte die Editionsverfügung der ESTV vom
10. Juni 2016 und die Schlussverfügungen vom 9. Februar 2018. Das Ge-
richt qualifizierte das Listenersuchen Frankreichs vom 11. Mai 2016 als zu-
lässig und die verlangten Informationen als voraussichtlich erheblich. Wei-
ter erkannte es keine konkreten Anhaltspunkte für eine Verletzung des
Spezialitätsprinzips oder der Geheimhaltungspflicht durch Frankreich.
G.
Im Anschluss an das höchstrichterliche Urteil vom 26. Juli 2019 und die
erst später öffentlich zugänglich gewordene schriftliche Urteilsbegründung
nahm die ESTV die Bearbeitung der sistierten Verfahren, deren Ausgang
von der Beurteilung des Ersuchens der DGFP vom 11. Mai 2016 abhängig
war, wieder auf. Die ESTV gewährte der Beschwerdeführerin das rechtli-
che Gehör zur beabsichtigten Datenübermittlung an Frankreich. Sie reichte
am 21. September 2020 eine Stellungnahme ein.
H.
Mit Schlussverfügung vom 23. Dezember 2020 ordnete die ESTV die Leis-
tung der Amtshilfe in Bezug auf die von der DGFP erfragten Bankinforma-
tionen betreffend die Beschwerdeführerin an.
I.
Am 25. Januar 2021 erhob die Beschwerdeführerin Beschwerde beim Bun-
desverwaltungsgericht. Sie beantragte, die Schlussverfügung der ESTV
vom 23. Dezember 2020 (ergangen im Verfahren Nr. [...]) sei aufzuheben.
Eventualiter sei für den Fall, dass das Bundesverwaltungsgericht eine
grundsätzliche Zulässigkeit der Amtshilfe feststelle, die ESTV anzuweisen,
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den Kontostand des Jahres 2010 (CHF [...]) durch den Vermerk «n/a» zu
ersetzen.
In prozessualer Hinsicht ersuchte sie für das Verfahren vor Bundesverwal-
tungsgericht um Wahrung ihrer Anonymität sowie um Anonymisierung des
Urteils vor einer allfälligen Publikation.
J.
Am 10. Juni 2021 reichte die Vorinstanz eine Vernehmlassung ein.
K.
Mit Replik vom 30. Juni 2021 nahm die Beschwerdeführerin zur Vernehm-
lassung Stellung.
L.
Am 24. August 2021 teilte das Bundesverwaltungsgericht den Parteien mit,
dass nunmehr die Abteilung VI für die Bearbeitung des von der Beschwer-
deführerin eingeleiteten Verfahrens A-390/2021 zuständig sei und dieses
neu unter der Verfahrensnummer F-390/2021 geführt werde. Ferner wurde
die Zusammensetzung des Spruchkörpers sowie der Name der eingesetz-
ten Gerichtsschreiberin bekannt gegeben und eine Frist zur Einreichung
eines allfälligen Ausstandsbegehrens angesetzt. Die Beschwerdeführerin
liess sich innert Frist nicht dazu vernehmen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das Bundesverwaltungsgericht ist zur Beurteilung von Beschwerden
gegen Schlussverfügungen der ESTV im Bereich der internationalen Amts-
hilfe in Steuersachen zuständig (Art. 19 Abs. 1 und 5 des Bundesgesetzes
vom 28. September 2012 über die internationale Amtshilfe in Steuersa-
chen [StAhiG, SR 651.1] i.V.m. Art. 31 ff. VGG).
1.2 Das Rechtsmittelverfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht richtet
sich nach dem VwVG, soweit das VGG nichts anderes bestimmt (Art. 37
VGG).
1.3 Die Beschwerdeführerin ist zur Erhebung der Beschwerde legitimiert
(Art. 19 Abs. 2 StAhiG, Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und formgerecht
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eingereichte Beschwerde ist einzutreten (Art. 50 Abs. 1 VwVG; Art. 52
Abs. 1 VwVG).
2.
2.1 Mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht kann die Verletzung
von Bundesrecht einschliesslich Überschreitung oder Missbrauch des Er-
messens, die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheb-
lichen Sachverhaltes und die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 49
VwVG).
2.2 Das Bundesverwaltungsgericht wendet im Beschwerdeverfahren das
Bundesrecht von Amtes wegen an. Es ist gemäss Art. 62 Abs. 4 VwVG
nicht an die Begründung der Begehren gebunden und kann die Be-
schwerde auch aus anderen als den geltend gemachten Gründen gutheis-
sen oder abweisen.
2.3 Die streitige Schlussverfügung bezieht sich auf das Listenersuchen der
DGFP, welches durch das Bundesgericht mit Leitentscheid vom 26. Juli
2019 – gefällt in öffentlicher Beratung und auszugsweise amtlich publiziert
in BGE 146 II 150 – als zulässig qualifiziert wurde mit der Folge, dass die
entsprechende Amtshilfe zu gewähren war. Das Bundesverwaltungsgericht
ist an dieses Präjudiz gebunden; es darf in Bezug auf Fragen, welche das
Bundesgericht in diesem Zusammenhang beantwortet hat, nicht von des-
sen Erwägungen abweichen. Ein Beurteilungsspielraum verbleibt ihm le-
diglich in Bezug auf Fragen, welche das Bundesgericht offengelassen hat
(vgl. Urteile des BVGer A-3045/2020, A-3047/2020 und A-3048/2020, je-
weils vom 29. März 2021 E. 1.4.3).
3.
3.1 Landesrechtlich ist die internationale Amtshilfe in Steuersachen im
Steueramtshilfegesetz geregelt, welches am 1. Februar 2013 in Kraft ge-
treten ist. Abweichende Bestimmungen des im Einzelfall anwendbaren Ab-
kommens bleiben vorbehalten (Art. 1 Abs. 2 StAhiG).
3.2 Das Amtshilfeersuchen der DGFP stützt sich auf Art. 28 DBA CH-FR
(in der hier anwendbaren Fassung gemäss Art. 7 des Zusatzabkommens
vom 27. August 2009 [AS 2010 5683; nachfolgend: Zusatzabkommen
2009]; Art. 11 Abs. 3 des Zusatzabkommens 2009) und auf Ziff. XI des im
DBA CH-FR integrierten Zusatzprotokolls in der Fassung gemäss Art. 1 der
Vereinbarung vom 25. Juni 2014 über die Änderung des Zusatzprotokolls
zum revidierten Abkommen zwischen der Schweiz und Frankreich vom
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Seite 7
9. September 1966 zur Vermeidung der Doppelbesteuerung auf dem Ge-
biet der Steuern vom Einkommen und vom Vermögen und zur Vermeidung
von Steuerbetrug und Steuerflucht (AS 2016 1195; nachfolgend: Vereinba-
rung 2014).
3.3 In den Übergangsbestimmungen sieht die Vereinbarung 2014 ihre An-
wendung auf Informationsbegehren betreffend Kalender- oder Geschäfts-
jahre, die ab dem 1. Januar 2010 beginnen, vor (Art. 2 Abs. 2 der Verein-
barung 2014). Im Sinne einer Ausnahme findet Art. 1 Abs. 1 der Vereinba-
rung 2014 Anwendung auf Informationsbegehren über Sachverhalte, wel-
che Zeiträume ab dem 1. Februar 2013 betreffen (Art. 2 Abs. 3 der Verein-
barung 2014). Gemäss dem Leiturteil des Bundesgerichts beschränkt
Art. 2 Abs. 3 der Vereinbarung 2014 jedoch die Anwendung von Ziff. XI
Abs. 3 Bst. a des Zusatzprotokolls nur für Gruppenersuchen auf Informati-
onen betreffend Zeiträume ab dem 1. Februar 2013. Demgegenüber kann
die Amtshilfe für den Zeitraum ab dem 1. Januar 2010 gewährt werden,
wenn es sich – wie im vorliegenden Fall – um ein Listenersuchen handelt,
bei welchem die betroffenen Personen nicht namentlich genannt werden,
sondern anhand bekannter Banknummern identifiziert werden (BGE 146 II
150 E. 5.6).
4.
4.1 Gemäss Ziff. XI Abs. 3 des Zusatzprotokolls muss das Amtshilfegesuch
folgende Informationen enthalten: die Identität der in eine Prüfung oder Un-
tersuchung einbezogenen Person, wobei diese Information mittels Angabe
des Namens der betreffenden Person oder weiterer Informationen, welche
ihre Identifikation ermöglichen, geliefert werden kann (Bst. a), die Zeitperi-
ode, für welche die Informationen verlangt werden (Bst. b), die Beschrei-
bung der verlangten Informationen sowie Angaben hinsichtlich der Form,
in der der ersuchende Staat diese Informationen vom ersuchten Staat zu
erhalten wünscht (Bst. c), den Steuerzweck, für den die Informationen ver-
langt werden (Bst. d) und soweit bekannt, den Namen und die Adresse des
mutmasslichen Inhabers der verlangten Informationen (Bst. e). Die Buch-
staben a) – e) sind so auszulegen, dass sie einen wirksamen Informations-
austausch für die Anwendung von Artikel 28 DBA CH-FR nicht behindern.
4.2 Das Bundesgericht hat in BGE 146 II 150 das Amtshilfeersuchen
Frankreichs vom 11. Mai 2016 für zulässig erklärt, womit es implizit auch
die Voraussetzungen von Ziff. XI Abs. 3 des Zusatzprotokolls als erfüllt er-
achtete. Dies wird von der Beschwerdeführerin nicht bestritten.
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Seite 8
5.
5.1 Gemäss Art. 28 Abs. 1 erster Satz DBA CH-FR tauschen die zuständi-
gen Behörden der Vertragsstaaten die Informationen aus, die zur Durch-
führung dieses Abkommens oder zur Anwendung oder Durchsetzung des
innerstaatlichen Rechts betreffend Steuern jeder Art und Bezeichnung, die
für Rechnung der Vertragsstaaten oder ihrer politischen Unterabteilungen
oder lokalen Körperschaften erhoben werden, voraussichtlich erheblich
sind, soweit die diesem Recht entsprechende Besteuerung nicht dem Ab-
kommen widerspricht.
Der Verweis auf «voraussichtlich erhebliche» Informationen in Art. 28
Abs. 1 DBA CH-FR soll einen möglichst breiten Informationsaustausch in
Steuersachen gewährleisten, ohne dass die Vertragsstaaten eine «fishing
expedition» durchführen oder Informationen verlangen können, deren Er-
heblichkeit für die Aufklärung der Steuerangelegenheiten bestimmter Steu-
erpflichtiger wenig wahrscheinlich ist (Ziff. XI 2. Abs. des Zusatzprotokolls).
Die Voraussetzung der voraussichtlichen Erheblichkeit der beantragten In-
formationen gilt als erfüllt, wenn zum Zeitpunkt der Einreichung des Amts-
hilfegesuchs bei vernünftiger Betrachtung die Möglichkeit besteht, dass
sich die Informationen als erheblich erweisen. Keine Rolle spielt, ob sich
die Informationen nach ihrer Übermittelung als unerheblich herausstellen.
Die Beurteilung der voraussichtlichen Erheblichkeit obliegt in erster Linie
dem ersuchenden Staat. Der ersuchte Staat beschränkt sich auf die Prü-
fung, ob die verlangten Informationen mit dem im Ersuchen dargelegten
Sachverhalt zusammenhängen und sich möglicherweise für die Verwen-
dung im ausländischen Verfahren eignen (sog. Plausibilitätsprüfung); er
kann die Übermittlung von Informationen nur verweigern, wenn er sicher
ist, dass sie für den ersuchenden Staat nicht sachdienlich sind (BGE 144
II 206 E. 4.3; 142 II 161 E. 2.1.1). Einem Amtshilfeersuchen fehlt es dem-
nach an der voraussichtlichen Erheblichkeit, wenn es zur Beschaffung von
Beweismitteln aufs Geratewohl und ohne konkreten Zusammenhang zum
laufenden Steuerverfahren gestellt wird («fishing expedition»; BGE 146 II
150 E. 6.1.2). Das Verbot der «fishing expedition» entspricht dem Grund-
satz der Verhältnismässigkeit (Art. 5 Abs. 2 BV), der zwingend einzuhalten
ist (Urteil des BVGer A-1562/2018 vom 3. August 2020 E. 2.4.2).
5.2 Gemäss Art. 28 Abs. 2 DBA CH-FR sind alle Informationen, die ein Ver-
tragsstaat nach Absatz 1 erhalten hat, ebenso geheim zu halten wie die
aufgrund des innerstaatlichen Rechts dieses Staates beschafften Informa-
tionen und dürfen nur den Personen oder Behörden (einschliesslich der
Gerichte und der Verwaltungsbehörden) zugänglich gemacht werden, die
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mit der Veranlagung oder der Erhebung, mit der Vollstreckung oder der
Strafverfolgung oder mit der Entscheidung von Rechtsmitteln hinsichtlich
der in Absatz 1 genannten Steuern oder mit der Aufsicht darüber befasst
sind. Diese Personen oder Behörden dürfen die Informationen nur für diese
Zwecke verwenden (sog. Spezialitätsprinzip, vgl. BGE 147 II 13 E. 3.4).
Sie dürfen die Informationen in einem öffentlichen Gerichtsverfahren oder
in einer Gerichtsentscheidung offenlegen. Ungeachtet der vorstehenden
Bestimmungen kann ein Vertragsstaat die erhaltenen Informationen für an-
dere Zwecke verwenden, wenn solche Informationen nach dem Recht bei-
der Staaten für solche andere Zwecke verwendet werden dürfen und die
zuständige Behörde des ersuchten Staates dieser anderen Verwendung
zustimmt.
5.3 Der Grundsatz von Treu und Glauben (Art. 26 des Wiener Übereinkom-
mens vom 23. Mai 1969 über das Recht der Verträge [VRK, SR 0.111])
führt im Rahmen der Amtshilfe in Steuersachen dazu, dass der ersuchte
Staat grundsätzlich an die Angaben des ersuchenden Staates gebunden
ist, soweit diese nicht aufgrund von Fehlern, Lücken oder offensichtlichen
Widersprüchen sofort entkräftet werden können (BGE 144 II 206 E. 4.4;
142 II 218 E. 3.3; Urteil des BVGer A-1562/2018 vom 3. August 2020
E. 2.5). Auf diesem Vertrauen gründet letztlich das ganze Amtshilfeverfah-
ren (vgl. statt vieler Urteil des BVGer A-4192/2020, A-4194/2020,
A-4196/2020 vom 25. März 2021 E. 2.5.1).
Das völkerrechtliche Vertrauensprinzip spielt auch eine Rolle in Bezug auf
das Spezialitätsprinzip. Gestützt auf das Vertrauensprinzip kann grund-
sätzlich als selbstverständlich vorausgesetzt werden, dass der Speziali-
tätsgrundsatz durch Staaten eingehalten wird, die mit der Schweiz durch
einen Amts- oder Rechtshilfevertrag verbunden sind, ohne dass die Einho-
lung einer ausdrücklichen Zusicherung notwendig wäre (vgl. BGE 128 II
407 E. 3.2 und 4.3.1, 115 Ib 373 E. 8, 107 Ib 264 E. 4b). Folglich ist die
Wahrung des Grundsatzes erst bei konkreten Anhaltspunkten auf eine
zweckwidrige Verwendung im ersuchenden Staat zu überprüfen bzw. eine
entsprechende Zusicherung einzuholen (vgl. BGE 146 II 150 E. 7.3; 128 II
407 E. 3.2; BVGE 2018 III/1 E. 2.9.1).
6.
Die Beschwerdeführerin bringt zunächst vor, die französische Steuerbe-
hörde mache keinerlei Angaben dazu, wie sie in den Besitz der Liste mit
angeblich in Frankreich ansässigen Personen gelangt sei. Das Amtshilfeer-
suchen sei insgesamt sehr abstrakt gehalten. Die DGFP gebe nicht preis,
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welche Fakten sie zur Vermutung eines Steuerdelikts geführt hätten. An-
stelle einer ordnungsgemässen Begründung unter Beifügung konkreter
Beweise offeriere sie einzig eine vage und völlig unsubstantiierte Schät-
zung von vermuteten Steuerausfällen des französischen Fiskus. Ein kon-
kreter Bezug zum vorliegenden Fall und damit der Beschwerdeführerin
werde nicht hergestellt und eine weitergehende Begründung für das Amts-
hilfeersuchen fehle.
Im Weiteren führt die Beschwerdeführerin aus, es würden verschiedene
Anzeichen dafür bestehen, dass die französische Steuerbehörde das Spe-
zialitätsprinzip nicht wahren werde. Da sie bis heute keine eindeutige Er-
klärung bezüglich der Einhaltung dieses Prinzips abgegeben habe, sei
dem vorliegenden Amtshilfeersuchen wegen der noch immer drohenden
Verletzung von Art. 28 Abs. 2 DBA CH-FR keine Folge zu leisten. Die Vor-
instanz erachte es offensichtlich selbst als notwendig, die DGFP darauf
hinzuweisen, dass die übermittelten Daten in Frankreich nur in Verfahren
gegen die betroffenen Personen und nur für den im Ersuchen genannten
Sachverhalt verwendet werden dürfen. Indem sie dies in der Schlussverfü-
gung explizit noch einmal erwähne, zeige sie, dass sie selbst mit einer
möglichen Verletzung des Spezialitätsprinzips rechne. Am 25. Oktober
2018 sei das französische Steuerverfahrensrecht (Livre des procédures
fiscales) um Art. L142 A ergänzt worden. Gemäss dieser Bestimmung sei
die französische Steuerbehörde gegenüber der Staatsanwaltschaft von ih-
rer Schweigepflicht entbunden und dürfe mit dieser – unabhängig von einer
Anzeige, eines Strafantrags oder eines laufenden Gerichtsverfahrens – In-
formationen austauschen. Der DGFP komme somit eine Befugnis zu, ge-
mäss welcher sie die von der Vorinstanz erhaltenen Daten vorausset-
zungslos an die Staatsanwaltschaft weitergeben dürfe. Ebenfalls am
25. Oktober 2018 sei zudem Art. L228 des französischen Steuerverfah-
rensrechts um den Absatz I. ergänzt worden. Diese gesetzliche Norm be-
sage, dass die französische Verwaltung, darunter die Steuerbehörde, zwin-
gend verpflichtet sei, der Staatsanwaltschaft alle jene Daten weiterzuleiten,
die zur Erhebung von Steuern von mehr als EUR 100'000 führen und dabei
zusätzlich Strafzuschläge von 40 %, 80 % oder 100 % auslösen würden.
Im vorliegenden Fall seien aufgrund der Höhe der relevanten Vermögens-
werte und der Anzahl betroffener Steuerjahre die Voraussetzungen für eine
zwingende Weiterleitung der Daten an die Staatsanwaltschaft zweifellos
gegeben. Dies bestätige auch der mit dem Fall betraute französische Steu-
erkollege, gemäss welchem vorliegend die Schwelle der nachzuzahlenden
Steuern von EUR 100'000 klar überschritten sei und ein Zuschlag von
80 % zur Anwendung gelangen würde, womit der Mindestzuschlag von
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Seite 11
40 % ebenso klar erfüllt sei. Dabei spiele es keine Rolle, ob die französi-
sche Steuerbehörde der Vorinstanz die Einhaltung des Spezialitätsprinzips
zugesichert habe. Dies umso mehr, als dass dies geschehen sei, bevor die
französische Gesetzesanpassung in Kraft getreten sei. Es bestehe die er-
hebliche Gefahr, dass die Weitergabe der Daten selbst bei Vorliegen einer
entsprechenden Bestätigung gerichtlich erzwungen werden könnte, da die
Steuerbehörde andernfalls gegen geltendes Steuerverfahrensrecht
verstossen würde. Ein Urteil des Cour de Cassation vom 6. April 2016
zeige im Übrigen auf, dass die Praxis der französischen Steuerbehörde
darin bestehe, dem Spezialitätsprinzip ein geringes Gewicht beizumessen
oder dessen Grenzen zumindest weit über jenen des Bundesgerichts aus-
zulegen, sobald sie einmal im Besitz von Steuerdaten sei. Im konkreten
Fall habe die französische Steuerbehörde amtshilfeweise erlangte Steuer-
informationen an die Strafbehörde weitergeleitet, obwohl die Amtshilfe leis-
tende luxemburgische Behörde vorgängig explizit auf das Spezialitätsprin-
zip und das prozessuale Beweisverwertungsverbot hingewiesen habe und
obwohl die heutige Verpflichtung zur Weiterleitung der Daten damals noch
nicht bestanden habe. Der seit 2018 verankerte Datenweitergabe-Automa-
tismus stehe dem Spezialitätsprinzip in grundsätzlicher Weise entgegen
und alle Zusicherungen, die sich nicht konkret auf Art. L142 A LPF und ins-
besondere auf Art. L228 I. LPF beziehen würden, seien ungenügend. Fer-
ner sei der Informationsaustausch zwischen den französischen Behörden
auch nach französischem Strafprozessrecht zwingend vorgeschrieben
(Art. 40 Abs. 1 des Code de Procédure Penale). So müsse die Steuerbe-
hörde die betreffenden Informationen zwingend an die zuständige Behörde
weiterleiten, wenn sie Kenntnis von mutmasslich strafbaren Handlungen
erlange.
In Bezug auf das Steuerjahr 2010 sei ausserdem zwischenzeitlich die Ver-
jährung eingetreten, weshalb Frankreich an diesen Informationen kein er-
hebliches Interesse haben könne. Sollte das Gericht zum Schluss gelan-
gen, dass die ersuchten Daten nach Frankreich geliefert werden dürften,
sei die Vorinstanz deshalb anzuweisen, für das Jahr 2010 – wie bei den
Jahren 2014 und 2015 – anstelle des Kontobetrags den Vermerk «n/a» für
«not applicable» einzusetzen. Die Informationen betreffend die Beschwer-
deführerin zum Jahr 2010 seien aufgrund des Ablaufs der zehnjährigen
Verjährungsfrist für die französische Steuerbehörde nicht nur voraussicht-
lich nicht erheblich, sondern tatsächlich in keiner Weise erheblich. Dem-
entsprechend würde die Lieferung der Daten 2010 eine unrechtmässige
Datenübermittlung darstellen.
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Seite 12
7.
7.1 Das Bundesgericht hat das Amtshilfeersuchen Frankreichs vom
11. Mai 2016 im Rahmen von BGE 146 II 150 beurteilt und für zulässig
erachtet (vgl. Sachverhalt Bst. F.c). Diese Rechtsprechung ist für das vor-
liegende Verfahren von präjudizieller Bedeutung. Dementsprechend bleibt
für das Bundesverwaltungsgericht grundsätzlich kein Raum, die Amtshilfe
in Abweichung zu den Erwägungen des Bundesgerichts zu verweigern
(vgl. E. 2.3). Zu prüfen sind nunmehr einzig individuelle Vorbringen für eine
Amtshilfeverweigerung. Auf die Rüge der Beschwerdeführerin, wonach das
Amtshilfeersuchen nicht genügend begründet sei und kein konkreter Be-
zug zum vorliegenden Fall bestehe, ist folglich nicht einzugehen.
7.2 Dasselbe gilt für ihre Ausführungen betreffend fehlende Erklärung der
französischen Steuerbehörde bezüglich der Wahrung des Spezialitätsprin-
zips. Das Bundesgericht hat sich eingehend mit dieser Thematik auseinan-
dergesetzt und ist zum Schluss gekommen, dass keine konkreten Anhalts-
punkte für eine Verletzung des Spezialitätsprinzips oder der Geheimhal-
tungspflicht durch Frankreich gegeben sind (BGE 146 II 150 E. 7 ff.). Der
erneute explizite Hinweis der Vorinstanz auf das Spezialitätsprinzip in der
Schlussverfügung vermag daran nichts zu ändern, zumal die Vorinstanz
verpflichtet war, die französischen Behörden auf ihren Zusicherungen zu
behaften (BGE 146 II 150 E. 7.7). In Bezug auf die Ausführungen der Be-
schwerdeführerin, wonach die französische Steuerbehörde inzwischen ge-
setzlich verpflichtet ist, die Steuerdaten an die Staatsanwaltschaft weiter-
zugeben, ist Folgendes auszuführen: Art. 28 Abs. 2 DBA CH-FR statuiert
neben der Pflicht zur Geheimhaltung der amtshilfeweise übermittelten In-
formationen auch eine Pflicht zu deren beschränkten Verwendung (vgl.
E. 5.2). Eine Verwendung für einen anderen, abkommensfremden Zweck
kommt nur in Frage, wenn erstens die Verwendung der Informationen für
andere Zwecke nach dem Recht beider Vertragsstaaten zulässig ist und
zweitens die zuständige Behörde des ersuchten Staates dieser abkom-
mensfremden Verwendung zustimmt (Art. 28 Abs. 2 DBA CH-FR). Da die
zuständigen Behörden in der Schweiz keine abkommensfremde Verwen-
dung genehmigt haben, sind diesbezügliche Bedenken unbegründet. Ge-
stützt auf das Vertrauensprinzip kann es zudem als selbstverständlich vor-
ausgesetzt werden, dass der Spezialitätsgrundsatz durch Frankreich ein-
gehalten wird (E. 5.3). Dies umso mehr, als dass die französische Steuer-
behörde entsprechende Zusicherungen abgegeben hat. Auch eine inzwi-
schen in Kraft getretene innerstaatliche Gesetzesänderung gibt keinen An-
lass, an der Einhaltung der völkerrechtlichen Verpflichtungen durch Frank-
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Seite 13
reich zu zweifeln. Das völkerrechtliche Vertrauensprinzip besagt ausser-
dem, dass bis zum Beweis des Gegenteils davon ausgegangen wird, der
Vertragspartner werde sich korrekt verhalten. Dies liegt denn auch im Inte-
resse einer funktionierenden Zusammenarbeit. Ein Hinweis auf eine inner-
staatliche Gesetzesänderung vermag somit keine drohende Verletzung
des Spezialitätsprinzips zu belegen.
7.3 Soweit die Beschwerdeführerin vorbringt, die Steuerdaten des Steuer-
jahrs 2010 seien aufgrund der eingetretenen Verjährung für die französi-
sche Steuerbehörde nicht erheblich, ist darauf hinzuweisen, dass es nach
bundesgerichtlicher Rechtsprechung nicht Aufgabe des ersuchten Staates
ist, die Begründetheit des im Ausland durchgeführten Steuerverfahrens zu
prüfen oder mögliche verfahrensrechtliche Hindernisse zu berücksichtigen,
die nach dem innerstaatlichen Recht des ersuchenden Staates der Ver-
wendung der erhaltenen Informationen entgegenstehen würden (BGE 144
II 206 E. 4.3). Folglich sind die Schweizer Behörden im Rahmen der Beur-
teilung der voraussichtlichen Erheblichkeit der zu übermittelnden Informa-
tionen nicht gehalten zu prüfen, ob die Daten nach französischem Recht
bereits verjährt sind und somit nicht mehr für ein französisches Steuerver-
fahren hinzugezogen werden können. Dementsprechend ist von der vor-
aussichtlichen Erheblichkeit der zur Übermittlung vorgesehenen Informati-
onen – auch jene betreffend das Steuerjahr 2010 – auszugehen.
8.
Nach dem Gesagten sind die Voraussetzungen für die in der Schlussver-
fügung vom 23. Dezember 2020 vorgesehene Amtshilfeleistung erfüllt. Die
Beschwerde ist abzuweisen.
9.
Bezüglich der prozessualen Anträge der Beschwerdeführerin ist darauf hin-
zuweisen, dass die Wahrung der Anonymität von Beschwerdeführenden
sowie die Anonymisierung von Entscheiden der Praxis des Bundesverwal-
tungsgerichts entspricht.
10.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens hat die Beschwerdeführerin die auf
Fr. 5'000.– festzusetzenden Verfahrenskosten zu tragen (Art. 63 Abs. 1
VwVG und Art. 2 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 4 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Der in gleicher Höhe einbe-
zahlte Kostenvorschuss ist zur Bezahlung der Verfahrenskosten zu ver-
wenden.
F-390/2021
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