Decision ID: b094852e-8dc1-538e-be35-a2dc155ddbcd
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der ursprünglich aus der Provinz Nangarhar stammende Beschwerde-
führer verliess seinen Heimatstaat gemäss seinen eigenen Angaben im
Herbst 2021 und er gelangte ungefähr am 29. September 2021 in die
Schweiz, wo er zunächst zwei Wochen bei seinem Cousin verbracht habe,
bevor er am 10. Oktober 2021 um Asyl nachsuchte.
Anlässlich seiner Erstbefragung vom 5. November 2021 gab er an, er sei
direkt von Kabul nach Pakistan, von dort via den Iran und die Türkei nach
Griechenland und von dort über die sogenannte Balkan-Route in die
Schweiz gereist. Hinsichtlich seiner Asylgründe führte er aus, sein Vater sei
Arzt und habe früher mit den Amerikanern zusammengearbeitet. Die
Taliban hätten ihn später dazu aufgefordert, sich ihnen zu stellen, und sie
hätten ihn deswegen mehrmals verwarnt und verurteilt. Schliesslich hätten
sie ihm damit gedroht, seine Kinder im Krieg kämpfen zu lassen, weshalb
die Familie in ein Dorf bei B._ umgezogen sei. Dort sei es dann
wegen Grundstücken zu einem privaten Streit zwischen seinem Vater und
dessen Cousin gekommen. Dieser Cousin und dessen Familie seien sehr
einflussreich gewesen in dieser Gegend. Der Streit sei soweit gegangen,
dass zunächst sein (Beschwerdeführer) Onkel und sein Bruder mit einem
Messer angegriffen worden seien und später ihr Haus in Brand gesetzt
worden sei. Weil sein Vater Angst um ihn gehabt habe – es sei nämlich
üblich bei den Paschtunen, dass am ältesten Sohn der Familie Rache aus-
geübt werde –, habe er ihn aufgefordert, sich in Sicherheit zu bringen, wäh-
renddessen die übrige Familie nach C._ geflohen sei.
Zudem sei auf die Probleme mit den Taliban hinweisen, die eigentlich
grösser gewesen seien als diese familiären Schwierigkeiten. Nachdem die
Taliban seine Heimatregion unter ihre Kontrolle gebracht habe, seien zwei
wichtige Kommandeure getötet worden, weshalb im Dorf nach den Verrä-
tern gesucht worden sei. Weil sein Vater mit den Ausländern gearbeitet
habe, sei dieser von den Dorfbewohnern als Verräter bezeichnet und des-
halb gesucht worden. Eines nachts hätten die Taliban ihr Haus durchsu-
chen wollen, was der Grossvater verweigert habe. Daraufhin hätten sie
eine Handgranate über das Hoftor geworfen, wobei sowohl der Grossvater
als auch die Mutter getötet worden seien. Dennoch sei der Vater weiterhin
im Dorf per Aushang gesucht und ihm von den Taliban angedroht worden,
sie würden seine Kinder an die Front schicken.
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B.
B.a Gemäss Altersgutachten des Instituts für Rechtsmedizin D._
(IRM) vom 17. November 2021 ergab sich beim Beschwerdeführer ein
durchschnittliches Lebensalter von (...) bis (...) Jahren. Das IRM hielt fest,
das von ihm angegebene Alter von (...) Jahren und (...) Monaten könne
folglich nicht zutreffen.
B.b Am 18. November 2021 wurde dem Beschwerdeführer vom SEM das
rechtliche Gehör zum Altersgutachten vom 17. November 2021 gewährt,
weil es aufgrund dieser Erkenntnisse beabsichtige, sein Geburtsdatum im
Zentralen Migrationsinformationssystem (ZEMIS) auf den (...) anzupas-
sen.
B.c In der Stellungnahme vom 19. November 2021 hielt der Beschwerde-
führer daran fest, dass sein korrektes Geburtsdatum der (...) sei. Er nehme
aber die geplante Anpassung zur Kenntnis und könne diese aufgrund der
relativ kleinen Differenz akzeptieren. Es handle sich beim Altersgutachten
vom 17. November 2021 aber nicht um ein 3-Säulen-Gutachten, weil das
Zahnalter für die Beurteilung des Mindestalters nicht habe herangezogen
werden können. Damit sei dieses nicht geeignet, um als Indiz für das vom
SEM behauptete Geburtsdatum herangezogen zu werden.
B.d In der Folge wurde das Geburtsdatum des Beschwerdeführers im
ZEMIS vom SEM auf den (...) angepasst und mit einem Bestreitungsver-
merk versehen.
C.
Mit Eingabe vom 3. Dezember 2021 liess der Beschwerdeführer folgende
Beweismittel ins Recht legen: Foto eines Schreibens der amerikanischen
Armee vom 27. Februar 2009 betreffend die Arbeit des Vaters des
Beschwerdeführers als Chirurg, Ausdruck eines Fotos des Vaters bei der
Arbeit und Polizeiberichte sowie medizinische Dokumente betreffend
die Verletzungen zweier Onkel wie auch eines Bruders des Beschwerde-
führers.
D.
An der Anhörung zu den Asylgründen vom 16. Dezember 2021 gab der
Beschwerdeführer zu Protokoll, sein Vater habe vor Jahren als Arzt für die
Amerikaner gearbeitet. Nachdem die Taliban ihr Dorf eingenommen hätten,
habe die Nationalarmee das Dorf angegriffen, wobei unter anderem zwei
Anführer der Taliban getötet worden seien. Daraufhin hätten die Taliban
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von den Dorfbewohnern verlangt, ihnen die Verräter bekannt zu geben,
und es sei unter anderem sein Vater genannt worden, weil dieser in der
Vergangenheit als Arzt für die Amerikaner gearbeitet habe. In der Folge sei
der Vater zu einem Gerichtstermin vorgeladen worden, weshalb er die
Flucht ergriffen habe und ungefähr ein Jahr lang verschollen gewesen sei.
Später sei er ab und zu nachts nach Hause gekommen, wovon die Taliban
erfahren hätten, die dann in einer Nacht ihr Haus nach dem Vater hätten
absuchen wollen. Der Grossvater habe sich geweigert, die Türe zu öffnen,
habe den Taliban aber die Auslieferung des Vaters des Beschwerdeführers
versprochen. Dennoch hätten sie eine Bombe ins Haus geworfen und der
Grossvater wie auch die Mutter seien dabei getötet worden. Der Vater sei
deshalb nicht mehr nach Hause gekommen, und ein Cousin des Vaters
habe während eines Jahres für ihn (Beschwerdeführer) und seine Ge-
schwister gesorgt. Die Taliban hätten im Dorf gekannt gegeben, dass die
Söhne zur Kriegsfront gebracht würden, sollte sich der Vater nicht ergeben.
Aus Angst, tatsächlich an die Kriegsfront verbracht zu werden, seien sie
nach E._ in die Provinz Kabul geflohen, wo es nach ungefähr zwei
Jahren zu einer privaten Feindschaft gekommen sei. Er habe sich nämlich
mit einem Mädchen verlobt, welches zuvor die Frau des Sohnes des Cous-
ins seines Vaters hätte werden sollen. Die Familie des Mädchens habe der
Verbindung mit seinem Verwandten aber nicht zugestimmt. Über seine
Verlobung sei dieser Mann derart verärgert gewesen, dass er ihn ständig
bedroht und belästigt habe. Er habe sich in der Folge an den Schulleiter
gewandt, der den Sohn des Cousins seines Vaters schliesslich von der
Schule ausgeschlossen habe. Ab diesem Zeitpunkt sei es immer wieder zu
Angriffen dieser Familie gekommen, zuerst sei er selber mit einem Messer
angegriffen worden und habe mehrere Verletzungen davongetragen, dann
seien seine beiden Onkel mit Messerstrichen und sein Bruder ebenfalls mit
einem Messer am Auge verletzt worden. Aufgrund dieser Vorfälle habe er
sich zur Ausreise entschlossen und sei am Folgetag in diesem Herbst 2020
direkt von der Schule aus in den Iran gereist. Unterwegs habe sein Vater
darüber informiert, dass die Söhne seines Cousins weiterhin auf der Suche
nach ihm (Beschwerdeführer) seien und das Wohnhaus in E._ in
Brand gesteckt hätten, weshalb die Familie nach C._ gezogen sei.
E.
Am 23. Dezember 2021 liess das SEM der Rechtsvertretung des Be-
schwerdeführers den Entwurf des ablehnenden Asylentscheids zur Stel-
lungnahme zukommen.
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F.
In seiner Stellungnahme vom 24. Dezember 2021 liess der Beschwerde-
führer darüber informieren, dass er mit dem geplanten Entscheid nicht ein-
verstanden sei. Er habe anlässlich seiner Anhörung sehr ausführliche und
mit vielen Realkennzeichen versehene Aussagen gemacht, und insbeson-
dere sei der Substanzgehalt der Schilderungen über alle Themenfelder
hinweg gleichbleibend hoch; das sei bei einer minderjährigen Person
besonders beachtenswert. Es sei nicht nachvollziehbar, weshalb die fami-
liär begründeten Fluchtgründe nicht geglaubt würden, nur, weil er die Ver-
lobung bei der Erstbefragung nicht genannt habe.
G.
Mit Verfügung vom 29. Dezember 2021 (eröffnet gleichentags) lehnte das
SEM das Asylgesuch des Beschwerdeführers ab und ordnete die Wegwei-
sung aus der Schweiz an, nahm ihn aber infolge Unzumutbarkeit des Weg-
weisungsvollzugs vorläufig in der Schweiz auf.
H.
Die zugewiesene Rechtsvertretung informierte am 31. Dezember 2021
über die Beendigung des Mandatsverhältnisses.
I.
Gegen die Verfügung des SEM vom 29. Dezember 2021 erhob der Be-
schwerdeführer mit Eingabe vom 15. Januar 2022 (Postaufgabe: 17. Ja-
nuar 2022) Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht. Er beantragte
die Aufhebung der Verfügung des SEM vom 23. [recte: 29.] Dezember
2021, die Gutheissung seines Asylgesuchs unter Anerkennung der Flücht-
lingseigenschaft und eventualiter die Rückweisung der Sache an die Vor-
instanz zur weiteren Abklärung. In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuchte
er um Bewilligung der unentgeltlichen Rechtspflege und Verzicht auf die
Erhebung eines Kostenvorschusses.
J.
Am 17. Januar 2022 wurde der Beschwerdeführer vom SEM für den wei-
teren Aufenthalt dem Kanton F._ zugeteilt.
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Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinn von
Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zu-
ständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entscheidet
auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Ausliefe-
rungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinn von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor,
weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG).
1.3 Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (vgl. BVGE 2014/26
E. 5).
3.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachste-
hend aufgezeigt, handelt es sich um eine solche, weshalb das Urteil nur
summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG).
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
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4.
4.1 Zur Begründung des ablehnenden Asylentscheids gab das SEM an, es
sei den Aussagen des Beschwerdeführers nicht zu entnehmen, dass es
sich bei der geltend gemachten Verfolgung seitens der Taliban um eine
gezielt gegen ihn gerichtete Verfolgungssituation gehandelt habe. In zeit-
licher Hinsicht sei zudem kein genügend enger Kausalzusammenhang
zwischen Verfolgung und Flucht gegeben. So habe der Beschwerdeführer
angegeben, er persönlich habe bei einer allfälligen Rückkehr wegen den
Taliban nichts zu befürchten; vielleicht würde er mitgenommen, vielleicht
auch nicht. Zudem habe auch der Vater seit dem Wegzug aus dem Hei-
matdorf vor etwa vier Jahren keine Probleme mehr mit den Taliban gehabt.
Auf der anderen Seite könnten die Vorbringen des Beschwerdeführers be-
züglich die private Verfolgung durch die Familie des Cousins seines Vaters
nicht geglaubt werden, weil seine diesbezüglichen Ausführungen vage und
widersprüchlich ausgefallen seien. Er habe in der Anhörung an einer Stelle
angegeben, Hauptgrund dieser Streitigkeit seien die Auseinandersetzun-
gen betreffend ihre benachbarten Grundstücke gewesen, und an anderer
Stelle seine Verlobung als Auslöser für die Familienfehde genannt. An der
Erstbefragung hingegen habe er die Probleme im Zusammenhang mit sei-
ner Verlobung mit keinem Wort erwähnt; vielmehr habe er dabei angege-
ben, er und seine Verlobte seien einander bereits als ganz kleine Kinder
versprochen worden, es habe sich aber nicht um eine richtige Verlobung
gehandelt. Bezweifelt werde sodann die Intensität der vorgebrachten Dro-
hungen seitens seiner Verwandten, da er erst einige Monate später aus
dem Heimatstaat ausgereist sei. Eine weitere Diskrepanz ergebe sich aus
den unterschiedlichen Darstellung an den Befragungen in Bezug darauf,
ob der Beschwerdeführer von sich aus ausgereist sei oder ihn sein Vater
aus Angst dazu gedrängt habe. Dieser Einschätzung habe der Beschwer-
deführer auch in seiner Stellungnahme nichts Relevantes entgegenzubrin-
gen vermocht. Trotz detaillierter Angaben über erlittene Nachteile und de-
ren Begleitumstände seien seine Aussagen zu den familiären Streitigkeiten
innerhalb der Anhörung widersprüchlich ausgefallen und seine unter-
schiedlichen Erklärungen anlässlich der beiden Befragungen, weshalb es
zur entsprechenden Verfolgung gekommen sei, fusse auf grundverschie-
denen Begründungen.
4.2 Zur Begründung seiner Beschwerdeanträge verwies der Beschwerde-
führer wiederum auf seine glaubhaften Aussagen an der Anhörung.
Er habe im Detail darlegen können, wie die Taliban ihn und seine Familie
bedroht hätten. Er sei bei einer allfälligen Rückkehr auch gefährdet, weil
sein Vater für die Amerikaner gearbeitet habe und sowohl sein Grossvater
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als auch seine Mutter von den Taliban getötet worden seien. Es sei nicht
ersichtlich, weshalb davon ausgegangen werde, eine solche Verfolgung
würde aktuell nicht mehr drohen. Es sei demnach eine flüchtlingsrechtlich
relevante Verfolgungssituation gegeben. Weiter werde er durch die Familie
des Cousins seines Vaters verfolgt. Seine diesbezüglichen Aussagen seien
keineswegs widersprüchlich. Er habe seine Verlobung zu Beginn des Asyl-
verfahrens nicht erwähnt, weil er nicht davon ausgegangen sei, dass diese
relevant sei. Weitere Dinge habe er nicht sofort erzählt, weil er das schlicht
vergessen habe und ihm nicht bewusst gewesen sei, dass diese von Be-
deutung sein könnten. Sein Aussageverhalten sei massgeblich seinem jun-
gen Alter geschuldet. Er habe aber auf alle Fragen präzise Antworten ge-
ben können, weshalb er die Anforderungen an die Glaubhaftigkeit auch
diesbezüglich erfülle und die Asylrelevanz seiner Vorbringen zu prüfen sei.
5.
5.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
5.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
6.
6.1 Das Gericht erachtet die vorinstanzliche Verfügung nach eingehender
Prüfung der Verfahrensakten als überzeugend, weshalb diese zu bestäti-
gen ist.
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6.2 In Bezug auf die geltend gemachte Verfolgung durch die Taliban wies
das SEM zu Recht auf die Angaben des Beschwerdeführers hin, wonach
sein Vater seit seinem Wegzug der Familie aus dem Heimatdorf, vor unge-
fähr vier Jahren, keine Probleme mehr mit den Taliban gehabt habe und er
bei einer allfälligen Rückkehr von diesen nicht zu befürchten habe (vgl. an-
gefochtene Verfügung S. 5 m.w.H.). Es leuchtet sodann nicht ein, dass der
Vater des Beschwerdeführers – der als für die Amerikaner arbeitende Arzt
das eigentliche Ziel der Taliban war – nach wie vor unbehelligt in Afghanis-
tan leben kann, während seine Söhne wegen dieser angeblichen Bedro-
hung ausser Landes fliehen müssen. Insofern schliesst sich das Gericht
den Ausführungen in der angefochtenen Verfügung an, wonach es sich bei
der vorgebrachten Verfolgung seitens der Taliban nicht um eine gezielt ge-
gen den Beschwerdeführer gerichtete Verfolgungssituation gehandelt hat.
6.3
6.3.1 Das Gericht teilt weiter die Auffassung der Vorinstanz, soweit es die
geltend gemachte private Verfolgung durch die Familie des Cousins des
Vaters wegen der Verlobung des Beschwerdeführers als unglaubhaft qua-
lifiziert. Um Wiederholung zu vermeiden kann vorab auf die eingehenden
Erwägungen in der angefochtenen Verfügung verwiesen werden (vgl.
S. 6 f.).
6.3.2 Angesichts der Aussagen des Beschwerdeführers kann insbeson-
dere nicht geglaubt werden, diese Streitigkeit hätten wegen seiner Ver-
lobung begonnen oder es sei deswegen zu einer gezielt gegen ihn gerich-
teten Verfolgung gekommen. So ist mit dem SEM festzustellen, dass er
seine Verlobung an den beiden Befragungen komplett unterschiedlich
schilderte. An der Erstbefragung sprach er davon, dass sie einander als
ganz kleine Kinder versprochen worden seien, und erwähnte seine Ver-
lobte an keiner weiteren Stelle (auch nicht bei der Schilderung seiner Asyl-
gründe). Während der Anhörung führte er im Zusammenhang mit dieser
familiären Verfolgungssituation aus, er habe sich mit einem Mädchen ver-
lobt, für welches bereits der Sohn des Cousins seines Vaters Interesse ge-
zeigt habe; dieser habe zuvor bereits um die Hand des Mädchens ange-
halten, es sei aber nicht eingewilligt worden (vgl. angefochtene Verfügung
S. 6; A14 S. 4 und A28 ad F46).
6.3.3 Unlogisch erscheint dabei, dass die Verwandten des Beschwerde-
führers eine derartige Fehde wegen seiner Verlobung ausgelöst hätten.
Seinen Aussagen zufolge wurde nämlich der Sohn des Cousins seines Va-
ters bereits zuvor von der Familie des Mädchens abgelehnt. Folglich hätte
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die Beseitigung des Beschwerdeführers nicht zur Zustimmung der Familie
geführt (vgl. A28 ad F46: "[...] Ich habe mich verlobt mit einem Mädchen,
das ich mochte. Vorher war der Sohn des Cousins vs meines Vaters um
ihre Hand anhalten gegangen. Man hatte sie ihm nicht gegeben. [...]."; F57:
"[...] Sie hatten vor, mich aus der Welt zu schaffen und das Mädchen für
einen seiner Söhne zu nehmen. [...]."; F73).
6.3.4 Die persönlichen Nachteile des Beschwerdeführers aufgrund seiner
Verlobung erscheinen nach dem Gesagten nachgeschoben und unglaub-
haft. Für diese Einschätzung spricht im Übrigen auch, dass der Beschwer-
deführer an der Erstbefragung von den Verletzungen seines Onkels und
seines Bruders berichtete, die ihnen bei einem Messerangriff zugefügt
worden seien, aber die dann an der Anhörung ausführlich beschriebenen
eigenen Verletzungen noch nicht einmal erwähnte – auch nicht anlässlich
dem rechtlichen Gehör zum medizinischen Sachverhalt, an welchem er
eine andere Verletzung erläuterte, die ihm als Kind zugestossen sei (vgl.
A14 S. 10 und S. 11; A28 ad F46: "[...] Da hat er mich angegriffen.
Er schlug mich auf die Nase und sie fing zu bluten an. Nachdem er mich
angegriffen hatte, habe ich ihn auch angegriffen. Als ich hinter mich
schaute, stand sein anderer Bruder da. Er hatte ein Messer in der Hand
und hat mich mit diesem angegriffen er traf mich einmal hier [GS zeigt auf
(...)], beim zweiten Stich hat er mich hier getroffen [GS zeigt auf (...)]. Als
ich meine Hand vor ihn hielt und das Messer greifen wollte, hat er mich hier
getroffen. Auf den Kopf wurde ich geschlagen. Ich hatte drei, vier Platz-
wunden am Kopf. Mein (...)finger war gebrochen. Man sieht es immer
noch, es ist nie richtig verheilt. [...].").
6.3.5 Die Ausführungen in der Beschwerdeschrift vermögen an dieser Ein-
schätzung nichts zu ändern. So vermag der Hinweis auf das junge Alter
des Beschwerdeführers die fehlende Logik dieses Vorbringens nicht zu er-
klären. Es wird ihm sodann auch nicht vorgeworfen, seine Verlobung an
der Erstbefragung nicht erwähnt zu haben, sondern, dass er die Umstände
der Verlobung völlig unterschiedlich darlegte (vgl. Verfügung S. 6). Insge-
samt können die geltend gemachten Probleme mit den Verwandten auf-
grund seiner Verlobung nicht geglaubt werden.
6.4 Im Übrigen enthalten die Aussagen des Beschwerdeführers weitere
Ungereimtheiten: Einerseits gab er an der Erstbefragung an, die Probleme
mit den Taliban seien viel grösser gewesen, als diejenigen mit den Ver-
wandten; an der Anhörung hingegen trug er vor, von den Taliban befürchte
er nichts, aber wegen der privaten Feindschaft könnte er nicht einmal drei
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Tage überleben (vgl. A14 S. 10; A28 ad F82 f.). Andererseits erklärte er an
der Erstbefragung, sein Vater habe ihn nach dem Angriff auf seinen Onkel
und seinen Bruder aufgefordert, sich so schnell wie möglich in Sicherheit
zu bringen, weswegen er hierhergeschickt worden sei, während sein Vater
in Richtung C._ geflohen sei (vgl. A14 S. 10). Hingegen erklärte er
an der Anhörung, dass er sich selber zur Ausreise entschlossen habe und
sein Vater ihm zunächst gesagt habe, er solle noch einige Tage abwarten,
und ihm nach seiner Abreise riet, er solle nach Hause zurückkehren (vgl.
A28 ad F46).
6.5 Mit den eingereichten Beweismitteln vermag der Beschwerdeführer
weder die als unglaubhaft erachtete Verlobung als Auslöser für die private
Streitigkeit noch anderweitige persönlich gegen ihn gerichtete Verfolgung
zu belegen.
6.6 Zusammenfassend geht das Gericht einig mit dem SEM, dass die Vor-
bringen des Beschwerdeführers einerseits den Anforderungen an das
Glaubhaftmachen der Flüchtlingseigenschaft nach Art. 7 AsylG nicht stand-
halten können und diese andererseits keine asylbeachtliche Verfolgung im
Sinn von Art. 3 AsylG darstellen. Die Vorinstanz hat folglich zu Recht die
Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers verneint und sein Asylge-
such abgelehnt.
7.
7.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
7.2 Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
8.
Nachdem das SEM in seiner Verfügung vom 29. Dezember 2021 ange-
sichts der Lage am Herkunftsort des Beschwerdeführers die Unzumutbar-
keit des Wegweisungsvollzugs festgestellt und seine vorläufige Aufnahme
angeordnet hat, erübrigen sich praxisgemäss weitere Ausführungen zur
Zulässigkeit und Möglichkeit des Wegweisungsvollzugs.
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9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig
sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Für die eventualiter
beantragte Rückweisung der Sache an die Vorinstanz besteht keine Ver-
anlassung. Die Beschwerde ist abzuweisen.
10.
10.1 Der Beschwerdeführer beantragt die Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung. Aus den vorstehenden Erwägungen ergibt sich, dass
seine Begehren aussichtslos waren, womit eine der kumulativ zu erfüllen-
den Voraussetzungen gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG nicht gegeben und
sein Gesuch abzuweisen ist. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind
folglich die Kosten gemäss Art. 63 Abs. 1 VwVG dem Beschwerdeführer
aufzuerlegen und auf insgesamt Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reg-
lements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor
dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
10.2 Der Antrag auf Verzicht auf Erhebung eines Kostenvorschusses wird
mit diesem Entscheid gegenstandslos.
(Dispositiv nächste Seite)
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