Decision ID: 01e55f49-85c7-5e16-96e6-4d64e2780f42
Year: 2012
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Entscheid Versicherungsgericht, 06.08.2012 Art. 25, 28 und 59 ATSG. Erlass. Beschwerdeberechtigung im EL-Verfahren. Mitwirkungspflichten beim Vollzug. Bezüger von Ergänzungsleistungen haben jede Sachverhaltsveränderung unverzüglich zu melden. Sie können sich nicht darauf verlassen, dass die Verwaltung Änderungen von sich aus feststellt. Bei unterbliebener Meldung ist der gute Glaube daher in aller Regel zu verneinen und ein Erlass entsprechend ausgeschlossen (Entscheid des Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen vom 6. August 2012, EL 2012/2).Aufgehoben durch Urteil des Bundesgerichts 9C_639/2012Präsidentin Karin Huber-Studerus, Versicherungsrichterinnen Miriam Lendfers undMarie-Theres Rüegg Haltinner; Gerichtsschreiber Tobias BoltEntscheid vom 6. August 2012in SachenA._,Beschwerdeführerin,vertreten durch Rechtsanwältin lic. iur. Denise Dornier-Zingg, Schützengasse 6, 9000 St. Gallen,gegenSozialversicherungsanstalt des Kantons St. Gallen, Ausgleichskasse des Kantons St. Gallen, Brauerstrasse 54, Postfach, 9016 St. Gallen,Beschwerdegegnerin,betreffendErgänzungsleistung zur IV (Erlass der Rückforderung) und uRV im VerwaltungsverfahrenSachverhalt:
A.
A.a A._ bezog bis Ende 2007 eine Zusatzrente zur Invalidenrente ihres ehemaligen
Ehemannes, für ihre Tochter wird nach wie vor eine Kinderrente zur erwähnten
Invalidenrente ausgerichtet. Die Versicherte und ihre Tochter erhalten seit Jahren eine
jährliche Ergänzungsleistung (EL).
A.b Am 15. August 2005 teilte die AHV-Zweigstelle der Stadt St. Gallen der EL-
Durchführungsstelle mit, dass die Versicherte eine per 31. Juli 2005 befristete
Arbeitsstelle bereits per 30. Juni 2005 verlassen habe (EL-act. 165). In der Folge wurde
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die jährliche Ergänzungsleistung per 1. August 2005 von monatlich Fr. 3’145.-- (EL-
act. 168) auf monatlich Fr. 3’424.-- erhöht (EL-act. 164). Am 7. Dezember 2005 teilte
die Versicherte der EL-Durchführungsstelle mit, dass sie kürzlich geschieden worden
sei, dass sich ihr psychischer Gesundheitszustand stark verschlechtert habe, und dass
es ab Januar 2006 möglich sein sollte, intensiv nach Arbeit zu suchen. Ihrem Schreiben
legte sie ein Arztzeugnis ihres Hausarztes, Dr. med. B._, vom 6. Dezember 2005 bei,
gemäss welchem es ihr gesundheitsbedingt nicht möglich sei, einer Erwerbstätigkeit
nachzugehen. Sodann legte sie eine Kopie der Scheidungsvereinbarung vom
30. November 2005 bei (EL-act. 159).
A.c Im Rahmen einer periodischen Überprüfung des Anspruchs auf
Ergänzungsleistungen teilte die Versicherte am 15. September 2006 unter anderem mit,
dass sie kein Erwerbseinkommen erziele, und dass sie Pensionskassenleistungen von
Fr. 3’996.-- erhalte (EL-act. 157). Auf Nachfrage der EL-Durchführungsstelle hin teilte
die Versicherte am 20. Oktober 2006 ergänzend mit, dass sie an einer chronischen
Depression leide und deshalb teilweise nicht einmal mehr ihren Haushalt besorgen
könne; zuletzt habe sie bis 31. Juli 2005 als Betreuerin in einem Schulhaus gearbeitet
(EL-act. 154). Am 28. Januar 2007 teilte der Psychiater Dr. med. C._ mit, dass die
Versicherte aufgrund einer posttraumatischen Belastungsstörung mit depressiver
Reaktion zur Zeit arbeitsunfähig sei (EL-act. 144).
B.
B.a Im Rahmen einer weiteren periodischen Überprüfung des Anspruchs auf
Ergänzungsleistungen teilte die Versicherte am 25. September 2009 unter anderem mit,
dass sie kein Erwerbseinkommen erziele, und dass sie seit dem 1. Januar 2009
Pensionskassenleistungen von Fr. 5’040.-- erhalte. Der zuständige Sachbearbeiter der
AHV-Zweigstelle der Stadt St. Gallen wies gleichentags allerdings darauf hin, dass die
Versicherte ein Erwerbseinkommen erziele, und legte dem Formular eine
entsprechende Steuermeldung bei (EL-act. 122 f.).
B.b Auf entsprechende Nachfrage der EL-Durchführungsstelle gingen ihr am 18. Juni
2010 diverse Unterlagen zu (EL-act. 113), namentlich eine Bestätigung vom 8. Juni
2010, dass die Versicherte seit November 1999 stundenweise als interkulturelle
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Übersetzerin beschäftigt werde (EL-act. 114), ein Schreiben der Pensionskasse vom
20. April 2007 betreffend Anpassung der Renten zufolge Scheidung im Februar 2006
(EL-act. 115) sowie Steuermeldungen betreffend die Jahre 2004–2008 (EL-act. 116).
B.c Mit Verfügung vom 1. Juli 2010 setzte die EL-Durchführungsstelle den Anspruch
auf eine jährliche Ergänzungsleistung für den Zeitraum vom August 2005 bis zum April
2010 neu fest, wobei neu ein Erwerbseinkommen der Versicherten sowie zusätzlich
höhere Pensionskassenleistungen angerechnet wurden. Zugleich forderte die EL-
Durchführungsstelle einen Betrag von Fr. 16’125.-- zurück (EL-act. 103).
B.d Am 22. Juli 2010 liess die Versicherte um Erlass der Rückforderung ersuchen. Sie
habe einem Sachbearbeiter (wohl der AHV-Zweigstelle der Stadt St. Gallen) bereits fünf
oder sechs Jahre zuvor mitgeteilt, dass sie ab und zu dolmetsche, woraufhin dieser
geantwortet habe, das sei schon in Ordnung. Sie sei deshalb im Glauben gewesen,
alles richtig gemacht zu haben. Hinzu komme, dass ihre Tochter eine sehr begabte
Eiskunstläuferin sei, zur Förderung dieser Begabung aber sämtliche Kosten von der
Versicherten selbst zu tragen seien, weshalb sie faktisch unter dem Existenzminimum
lebe (EL-act. 99).
B.e Mit Verfügung vom 27. Dezember 2010 wurde das Erlassgesuch abgewiesen. Die
Voraussetzung des guten Glaubens sei nicht erfüllt; eine Prüfung der wirtschaftlichen
Verhältnisse habe zudem eine verrechenbare Quote von Fr. 537.-- ergeben. Ab Januar
2011 würden monatlich Fr. 300.-- von den laufenden Ergänzungsleistungen verrechnet
und der offenen Rückforderung gutgeschrieben (EL-act. 88).
B.f Mit Verfügung vom 29. Dezember 2010 wurde die jährliche Ergänzungsleistung
per 1. Januar 2011 auf Fr. 3’467.-- pro Monat festgesetzt (EL-act. 87).
B.g Am 17. Januar 2011 teilte die EL-Durchführungsstelle der Versicherten mit, wie
sich die monatlichen Leistungen genau zusammensetzen, wobei unter anderem
festgehalten wurde, dass die monatlichen Leistungen im Betrage von Fr. 300.-- mit der
Rückforderung verrechnet würden (EL-act. 86). Mit der Verrechnung in diesem Umfang
hatte sich die Versicherte gleichentags telefonisch einverstanden erklärt (EL-act. 85).
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B.h Am 18. Januar 2011 liess die Versicherte um Wiedererwägung der Verfügung
betreffend Abweisung des Erlassgesuchs ersuchen. Sie habe ihr Erwerbseinkommen
nicht böswillig verschwiegen und auch in den Steuererklärungen stets ordentlich
deklariert; sie könne den Betrag überdies nicht aufbringen (EL-act. 75 f.).
C.
C.a Am 1. Februar 2011 liess die Versicherte vorsorglich Einsprache gegen die
Verfügung vom 27. Dezember 2010 erheben (EL-act. 71).
C.b Am 8. Februar 2011 teilte die EL-Durchführungsstelle mit, dass auf das
Wiedererwägungsgesuch nicht eingetreten werde, dass dessen Begründung aber im
Rahmen der Einsprache vorgebracht werden könne (EL-act. 74).
C.c Am 21. Juni 2011 liess die Versicherte ihre Einsprache ergänzen. Es sei auf die
Rückforderung zu verzichten und der Einsprache sei insoweit die aufschiebende
Wirkung zu erteilen, als sofort wieder der volle monatliche EL-Anspruch auszubezahlen
sei. Dass die Versicherte regelmässige Neuberechnungen erhalten habe, werde
bestritten. Abgesehen davon könne die Verpflichtung zur korrekten Berechnung nicht
an sie delegiert werden. Sie habe stets sämtliche Informationen und Unterlagen zur
Verfügung gestellt, und es sei ihr als Laie nicht möglich gewesen, die Berechnung der
Ergänzungsleistung nachzuvollziehen. Die von der EL-Durchführungsstelle errechnete
verrechenbare Quote sei zudem nicht nachvollziehbar. Schliesslich könne die Frage der
Verjährung nicht ausser Acht gelassen werden, denn bei Beachtung der zumutbaren
Aufmerksamkeit hätte die EL-Durchführungsstelle die Voraussetzungen für eine
Rückforderung bereits früher erkennen müssen, weshalb die einjährige Verjährungsfrist
nicht eingehalten worden sei (EL-act. 48).
C.d Am 11. August 2011 liess die Versicherte der EL-Durchführungsstelle die Kopie
eines Schreibens ihrer Arbeitgeberin vom 20. April 2011 zugehen, mit welchem die
Versicherte verwarnt worden war (EL-act. 45 f.).
C.e Mit Entscheid vom 9. Dezember 2011 wurde die Einsprache abgewiesen. Das
Vorliegen des guten Glaubens sei zu verneinen; ebenso wäre das Vorliegen einer
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grossen Härte zu verneinen. Das Gesuch um unentgeltliche Rechtsverbeiständung
wurde wegen Aussichtslosigkeit ebenfalls abgewiesen (EL-act. 37).
D.
D.a Dagegen richtet sich die am 24. Januar 2012 erhobene Beschwerde, mit der um
Gutheissung des Erlassgesuchs und des Gesuchs um unentgeltliche
Rechtsverbeiständung für das Verwaltungsverfahren sowie um unentgeltliche
Rechtspflege für das Beschwerdeverfahren ersucht wird (act. G 1).
D.b Die Beschwerdegegnerin schliesst unter Verweis auf die Erwägungen des
angefochtenen Einspracheentscheides auf Abweisung der Beschwerde
(Beschwerdeantwort vom 16. Februar 2012; act. G 4).
D.c Die Beschwerdeführerin verzichtete auf eine Replik (act. G 7).

Erwägungen:
1.
A._ hatte bis Ende 2007 als Bezügerin einer Zusatzrente zur Invalidenrente ihres
geschiedenen Ehemannes selbst Anspruch auf Ergänzungsleistungen. Per Anfang
2008 ist dieser Anspruch zufolge Aufhebung der Zusatzrenten in der
Invalidenversicherung indessen entfallen. Seither hat lediglich noch der geschiedene
Ehemann Anspruch auf Ergänzungsleistungen. Zwar wird der EL-Anspruch für die
Tochter gemäss Art. 7 Abs. 1 lit. c der Verordnung über die Ergänzungsleistungen zur
Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenversicherung (ELV; SR 831.301) gesondert
berechnet, doch bedeutet das nicht, dass die minderjährige Tochter einen eigenen EL-
Anspruch hätte (vgl. die Entscheide des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen
EL 2007/17 vom 10. September 2007, E. 2, und EL 2007/46 vom 19. September 2008,
E. 1). Zufolge der Besitzstandswahrung gemäss den Schlussbestimmungen der
Änderung vom 28. September 2007 in der ELV wird zwar Tülay Korkmaz in die
Berechnung des EL-Anspruchs mit einbezogen, wie wenn sie weiterhin Bezügerin einer
Rente der ersten Säule wäre, doch bedeutet auch das nicht, dass sie einen eigenen
EL-Anspruch hat. Es stellt sich daher die Frage, ob sie zur Erhebung der Beschwerde
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überhaupt berechtigt ist. Voraussetzung dafür ist gemäss Art. 59 des Bundesgesetzes
über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1), dass sie
durch den angefochtenen Einspracheentscheid besonders berührt ist und ein
schutzwürdiges Interesse an dessen Aufhebung hat. Für die Auslegung dieser
Bestimmung ist Art. 20 Abs. 1 ELV zu berücksichtigen, der Art. 67 Abs. 1 der
Verordnung über die Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHVV; SR 831.101) für
sinngemäss anwendbar erklärt. Da Art. 67 Abs. 1 AHVV explizit eine
Anmeldeberechtigung für Ehegatten, Eltern, sonstige nahe Verwandte sowie Dritte, die
eine Auszahlung an sich verlangen können, vorsieht, und weil gemäss
höchstrichterlicher Rechtsprechung ein Konnex zwischen Anmelde- und
Beschwerdeberechtigung anzunehmen ist (vgl. das Urteil des Eidgenössischen
Versicherungsgerichts P 27/01 vom 31. Januar 2003, insb. E. 2.2, mit Hinweis), ist
A._ trotz fehlenden EL-Anspruchs als beschwerdeberechtigt zu qualifizieren.
Schliesslich ist die Versicherte im Einspracheverfahren als Partei aufgetreten und von
der Vorinstanz als solche akzeptiert worden, sodass sie in guten Treuen annehmen
durfte, sie sei zur Beschwerdeerhebung berechtigt. Auf die Beschwerde ist jedenfalls
einzutreten.
2.
2.1 Unrechtmässig bezogene Leistungen sind zurückzuerstatten. Wer die
unrechtmässigen Leistungen aber in gutem Glauben empfangen hat, muss sie nicht
zurückerstatten, wenn eine grosse Härte vorliegt (Art. 25 Abs. 1 ATSG; Art. 4 f. der
Verordnung über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSV; SR
830.11]). Die Rückerstattung kann nur erlassen werden, wenn die beiden
Voraussetzungen des gutgläubigen Empfangs und der grossen Härte der
Rückerstattung kumulativ erfüllt sind (vgl. etwa Ueli Kieser, ATSG-Kommentar,
2. Auflage, Zürich 2009, Art. 25 N 19). Diese Kriterien sind in einer reichhaltigen
Rechtsprechung konkretisiert worden. Hinsichtlich des guten Glaubens sind die
Voraussetzungen nicht schon mit der Unkenntnis des Rechtsmangels gegeben. Die
Rechtsprechung unterscheidet zwischen dem guten Glauben als fehlendem
Unrechtsbewusstsein und der Frage, ob sich jemand unter den gegebenen Umständen
auf den guten Glauben berufen kann, beziehungsweise ob er bei zumutbarer
Aufmerksamkeit den bestehenden Rechtsmangel hätte erkennen sollen (vgl. AHI 1994,
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122; BGE 102 V 245 mit Hinweisen). Der Bezüger unrechtmässiger Leistungen darf sich
nicht nur keiner böswilligen Absicht, sondern auch keiner groben Nachlässigkeit
schuldig gemacht haben. Der Erlass der Rückforderung ist daher zu verweigern, wenn
der Leistungsbezüger die nach den Umständen gebotene zumutbare Aufmerksamkeit
nicht beachtet oder seine Meldepflicht hinsichtlich Änderungen in den massgebenden
Verhältnissen in grober Weise verletzt hat (BGE 102 V 245 mit Hinweisen). Der
Versicherte, der sich auf den guten Glauben beruft, darf seine Melde- und
Auskunftspflicht somit nicht in grober Weise verletzt haben; eine bloss leichte
Verletzung der Sorgfalts- und Aufmerksamkeitspflicht schliesst hingegen den Begriff
des guten Glaubens nicht aus (BGE 110 V 176; ZAK 1985, 63; I 622/05 vom 14. August
2006, Erw. 3.1). Grobe Fahrlässigkeit liegt vor, wenn jemand das ausser Acht lässt, was
jedem verständigen Menschen in gleicher Lage und unter gleichen Umständen als
beachtlich hätte einleuchten müssen (BGE 110 V 176).
2.2 Die Verletzung der Melde- oder Auskunftspflicht ist eine zwar häufige, aber nicht
die einzige Form eines schuldhaften Verhaltens, das die Berufung auf den guten
Glauben ausschliesst. In Betracht fällt z.B. auch die Unterlassung, sich bei der
Verwaltung (nach der Rechtmässigkeit der Auszahlung) zu erkundigen (vgl. ARV 1998
Nr. 41, 234). Zwar kann von einem Bezugsberechtigten in der Regel nicht erwartet
werden, dass er die EL-Berechnung vollständig nachzuvollziehen vermag. Um sich
nicht dem Vorwurf einer Sorgfaltspflichtverletzung auszusetzen, muss es grundsätzlich
genügen, dass er die Berechnungsblätter, die den EL-Verfügungen beigelegt sind, im
Rahmen seiner individuellen Möglichkeiten auf offensichtliche Fehler hin kontrolliert. In
diesem Umfang besteht aber eine Prüfungspflicht. Bei dieser Pflicht handelt es sich um
einen Anwendungsfall von Art. 3 Abs. 2 ZGB i.V.m. Art. 64 OR: Wer beim Empfang der
Zahlung um deren Grundlosigkeit weiss bzw. hätte wissen müssen, unterliegt einer
uneingeschränkten Rückerstattungspflicht, weil die Gutglaubensvermutung zerstört ist
(vgl. dazu Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 12.
Februar 2004 i/S M. K.-J., EL 2003/26). Als Beispiel eines ohne weiteres zu
erkennenden Fehlers, dessen Nichtmeldung einen gutgläubigen Leistungsbezug
ausschliesst, ist etwa die Anrechnung von zu hohen Krankenkassenprämien zu nennen
(EVGE i/S B. vom 3. März 1993 [P42/92]). Das Versicherungsgericht des Kantons
St. Gallen hat beispielsweise die Tatsache, dass EL-Bezüger nicht bemerkt hatten,
dass eine um Fr. 21.-- pro Tag zu hohe Tagestaxe angerechnet oder eine IV-
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Zusatzrente oder eine Lebensversicherungs- oder Leibrente nicht berücksichtigt
worden war, als groben Verstoss gegen die Sorgfaltspflicht gewertet (Urteile EL
1998/28 vom 22. Mai 2001; EL 2003/26 vom 12. Februar 2004; EL 2005/22 vom
13. März 2006; EL 2008/1 vom 12. März 2008; EL 2008/16 vom 4. September 2008).
3.
Die formell rechtskräftig festgesetzte Rückforderung, auf welche sich das vorliegend zu
behandelnde Erlassgesuch bezieht, hat ihren Grund in einer verspäteten
Berücksichtigung eines nicht rechtzeitig deklarierten Erwerbseinkommens und einer
ebenfalls nicht rechtzeitig deklarierten Erhöhung von Pensionskassenleistungen.
Bezüglich der Verletzung der Meldepflicht betreffend Erwerbseinkommen wird seitens
der Beschwerdeführerin vorgebracht, ein Mitarbeiter der AHV-Zweigstelle der Stadt
St. Gallen habe auf einen entsprechenden Hinweis hin gemeint, das sei „schon in
Ordnung“. Ob tatsächlich eine solche Auskunft erteilt wurde und welche Auswirkungen
dies allenfalls auf das Erlassgesuch hätte, kann offen bleiben, denn die entsprechende
Behauptung ist unbewiesen geblieben und wird nun – gemäss Angaben im
Erlassgesuch vom 22. Juli 2010 – rund sieben Jahre nach der angeblichen
Auskunftserteilung auch nicht mehr bewiesen werden können. Die Folgen der
Beweislosigkeit hat die Beschwerdeführerin zu tragen, die aus der angeblichen
Auskunft Rechte für sich ableiten will. Ohnehin musste ihr bewusst sein, dass sämtliche
Erwerbseinkünfte unverzüglich zu melden sind, wurde sie doch nicht nur wiederholt
darauf hingewiesen (insbesondere im Rahmen der regelmässig erlassenen
Anpassungsverfügungen), sondern bildete die Frage, ob und allenfalls in welchem
Ausmass sie einer Erwerbstätigkeit nachgehen könnte, wesentlicher Diskussionspunkt
im Rahmen des Verwaltungsverfahrens. Diesbezüglich hat die Beschwerdeführerin
denn auch wiederholt explizit den Standpunkt vertreten, sie gehe keiner
Erwerbstätigkeit nach, obwohl sie seit 1999, wenn auch unregelmässig und nur in
untergeordnetem Ausmass, so doch im Wesentlichen ununterbrochen, wie sich nun
herausgestellt hat, erwerbstätig gewesen ist. Schliesslich ist auch zu beachten, dass
auf den Berechnungsblättern zu den Verfügungen betreffend Anspruch auf eine
jährliche Ergänzungsleistung das Erwerbseinkommen klar als gesonderte
Einnahmequelle ausgewiesen wird. Auch ohne Kenntnisse der für Laien nicht in allen
Punkten leicht verständlichen Berechnung des Anspruchs auf eine jährliche
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Ergänzungsleistung muss für jeden Leistungsempfänger selbst bei nur oberflächlicher
Prüfung klar ersichtlich sein, ob ein tatsächlich erzieltes Erwerbseinkommen bei der
Berechnung des EL-Anspruchs berücksichtigt worden ist oder nicht. Hinsichtlich des
nicht deklarierten Erwerbseinkommens ist das Vorliegen des guten Glaubens daher
gesamthaft zu verneinen. Dasselbe gilt sinngemäss auch hinsichtlich der nicht
deklarierten Erhöhung der Pensionskassenleistungen. Obwohl im April 2007 eine
detaillierte Neuberechnung der Pensionskassenleistungen eröffnet wurde und die
Beschwerdeführerin eine nicht unerhebliche Nachzahlung erhielt (vgl. EL-act. 115 und
159), meldete sie die neuen Rentenbeträge erst im September 2009, also klarerweise
verspätet. Auch diesbezüglich liegt also eine Verletzung der Melde- und
Mitwirkungspflichten vor, was dazu führt, dass das Vorliegen des guten Glaubens zu
verneinen ist.
4.
Daran ändert nichts, dass die Beschwerdeführerin die Beträge gegenüber den
Steuerbehörden jeweils – wie sie geltend machen lässt – korrekt deklariert hat. Sie
kann nämlich ihre Meldepflichten gegenüber der EL-Durchführungsstelle nicht mittels
Meldung an die Steuerbehörden erfüllen bzw. sich – anders ausgedrückt – nicht darauf
verlassen, dass die EL-Durchführungsstelle ihre eigenen Angaben detailliert anhand
von Steuermeldungen überprüft. Da die EL-Durchführungsstelle eine Vielzahl von Fällen
zu erledigen hat, und da insbesondere Anpassungen in der Regel gehäuft (gerade zum
Jahreswechsel) vorzunehmen sind, ist es ihr mit vernünftigem Aufwand schlicht nicht
möglich, sämtliche Angaben der Versicherten detailliert anhand von Unterlagen Dritter
zu überprüfen; die EL-Durchführungsstelle muss sich vielmehr grundsätzlich darauf
verlassen können, dass die von den Versicherten getätigten Angaben – die
Versicherten kennen die sie betreffenden tatsächlichen Verhältnisse sehr viel besser als
die EL-Durchführungsstelle – korrekt sind, und dass Änderungen zeitgerecht gemeldet
werden. Das bedeutet nicht, dass die Berechnung der Ergänzungsleistung an die
Versicherten „delegiert“ wird, wie die Beschwerdeführerin ausführen liess, sondern
lediglich, aber immerhin, dass es Aufgabe der Versicherten ist, jede Veränderung der
tatsächlichen Verhältnisse unverzüglich zu melden und die regelmässig ergehenden
Verfügungen auf deren Korrektheit hinsichtlich des zugrunde liegenden Sachverhalts zu
überprüfen. Rechtskenntnisse sind dafür nicht erforderlich; der Grundsatz der
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Rechtsanwendung von Amtes wegen wird durch diese Melde- und
Mitwirkungspflichten nicht berührt.
5.
5.1 Gemäss den obenstehenden Erwägungen ist die Beschwerde abzuweisen. Die
Beschwerdegegnerin hat das Vorliegen des guten Glaubens als Voraussetzung für den
Erlass zu Recht verneint, weil die Beschwerdeführerin mit Bezug auf das von ihr erzielte
Erwerbseinkommen sowie die Erhöhung der Pensionskassenleistungen die
Meldepflicht verletzt hat und zudem ihrer Pflicht zur Überprüfung der EL-Berechnung
und anschliessenden Mitteilung oder Nachfrage bei der Beschwerdegegnerin nicht
nachgekommen ist bzw. allenfalls die für die Überprüfung notwendige Hilfe nicht in
Anspruch genommen hat.
5.2 Unter diesen Umständen erübrigt sich die Prüfung der grossen Härte, denn die
Voraussetzungen des gutgläubigen Leistungsbezugs und der grossen Härte müssen
kumulativ erfüllt sein (Ueli Kieser, a.a.O., Rz. 19 zu Art. 25 ATSG). Der Erlass der
Rückforderung kann somit auch dann nicht gewährt werden, wenn die Rückforderung
eine grosse Härte darstellen würde. Der angefochtene Einspracheentscheid ist daher
nicht zu beanstanden.
6.
6.1 Die Beschwerdeführerin erhält nach wie vor eine Ergänzungsleistung.
Praxisgemäss erfüllt sie deshalb die Voraussetzung der Prozessarmut für die
Gewährung der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung im Einsprache- und
Beschwerdeverfahren. Sowohl die Einsprache als auch die Beschwerde sind nicht als
aussichtslos zu qualifizieren, denn Aussichtslosigkeit liegt gemäss konstanter
höchstrichterlicher Rechtsprechung erst dann vor, wenn eine Partei, die über die
nötigen Mittel verfügt, sich bei vernünftiger Überlegung nicht zu einem Verfahren
entschliessen würde, weil die Erfolgsaussichten beträchtlich geringer sind als die
Gefahr des Unterliegens (vgl. etwa das Urteil des Bundesgerichts 4A_668/2010 vom
17. Februar 2011 E. 2.2 mit zahlreichen Hinweisen). Solche Umstände sind vorliegend
zu verneinen. - Auch die Voraussetzung der Notwendigkeit einer rechtskundigen
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Vertretung ist erfüllt, weshalb die Beschwerdeführerin Anspruch auf unentgeltliche
Rechtsverbeiständung für das Einsprache- und das Beschwerdeverfahren hat.
6.2 Über die Höhe der Entschädigung für das Einspracheverfahren hat die
Beschwerdegegnerin zu befinden. Für das Beschwerdeverfahren ist auf die
eingereichte Honorarnote (act. G 7.1) abzustellen und die (bereits mit reduziertem
Stundenansatz berechnete) Entschädigung von Fr. 1’670.-- zuzusprechen. Sofern es
die wirtschaftlichen Verhältnisse der Beschwerdeführerin gestatten, kann sie zur
Rückzahlung verpflichtet werden. Gerichtskosten sind keine zu erheben (Art. 61 lit. a
ATSG).
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP