Decision ID: 67420c4d-93f0-4786-b4ac-6bf8d5f52576
Year: 2021
Language: de
Court: GR_VG
Chamber: GR_VG_001
Canton: GR
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

I. Sachverhalt:
1. A._ reiste am 14. November 2007 in die Schweiz ein. Hier erhielt er
eine Aufenthaltsbewilligung als 'Finanzial Manager' bei B._ AG,
C._. Diese Bewilligung wurde ihm in der Folge mehrfach verlängert.
Per 30. Oktober 2012 erhielt er die Niederlassungsbewilligung mit
Kontrollfrist bis 29. Oktober 2022. Der Familiennachzug wurde in den
Jahren 2014 bzw. 2016 für seine Ehefrau und die gemeinsame Tochter
(Aufenthaltsbewilligungen EU/EFTA) gestützt auf seine originäre
Hauptbewilligung erteilt.
2. In den Jahren 2016/2017 wurde vom Regionalgericht Plessur in 19 Fällen
die definitive Rechtsöffnung gegen A._ im Gesamtbetrag von CHF
364'831.15 und in drei Fällen provisorische Rechtsöffnung über insgesamt
CHF 1'511'808.00 erteilt. Es folgten weitere Rechtsöffnungsentscheide
gegen Unternehmungen, welche von A._ mit Einzelunterschrift geführt
werden und ihren Hauptsitz an dessen Privatadresse haben.
3. Im Jahre 2018 leitete das Amt für Migration (AFM) eine Aufenthaltsprüfung
ein. Am 30. September 2020 widerrief sie die Niederlassungsbewilligung
zu Gunsten von A._ und erliess eine Wegweisungsverfügung gegen
diesen und dessen Ehefrau gestützt auf den Widerrufsgrund im Sinne von
Art. 63 Abs. 1 lit. d AIG.
4. Am 8. Oktober 2020 meldete sich die betreffende Ehefrau ins Ausland ab.
5. Mit Beschwerde vom 5. November 2020 setzte sich A._ gegen den
Entscheid des AFM beim Departement für Justiz- und Sicherheit
Graubünden (DJSG) zur Wehr, welches die Beschwerde am 29. April 2021
abwies.
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6. Mit Schreiben vom 22. Mai 2021 wandte sich A._ – dessen
Absenderadresse 7000 Chur aufführte, der Brief aber in Deutschland
aufgegeben worden war – an das Verwaltungsgericht des Kantons
Graubünden mit folgendem Wortlaut:
"... gegen o.g. Departementsverfügung des Departements für Justiz vom 29. April 2021
lege ich als Beschwerdeführer hiermit fristgerecht Beschwerde ein. Gleichzeitig bitte ich
um Fristerstreckung für die Begründung der Beschwerde bis zum 21. Juni 2021, da noch
wesentliche angeforderte Unterlagen, für die Begründung der Beschwerde erst nach dem
29.05.2021 dem Beschwerdeführer zur Verfügung stehen. Der Beschwerdeführer bittet
höflich die Fristerstreckung zu entsprechen".
7. Mit Schreiben vom 25. Mai 2021 teilte der Instruktionsrichter A._ mit,
dass es im Kanton Graubünden nicht möglich sei, eine Beschwerde bloss
zu erklären. Er machte dabei Ausführungen zu Art. 38 VRG, wonach für die
Mängelbehebung eine nicht erstreckbare Frist gelte und widrigenfalls ein
Nichteintreten auf die Beschwerde angedroht werde. A._ wurde
hierfür eine ('Nachbesserungs-') Frist bis 7. Juni 2021 gesetzt.
8. Mit Eingabe vom 10. Juni 2021 ersuchte A._ um Fristerstreckung bis
21. Juni 2021 zwecks Beschwerdeergänzung. Er habe das Schreiben vom
25. Mai 2021 wegen Landesabwesenheit erst am 10. Juni 2021
entgegennehmen können.
9. Am 11. Juni 2021 nahm der Instruktionsrichter das Schreiben von A._
als Gesuch um Wiederherstellung einer Frist entgegen und er forderte
A._ unter Hinweis auf Art. 10 VRG auf, die Gründe für das
Fristversäumnis und der Wiederherstellung der Frist zu erläutern und zu
dokumentieren. Der Instruktionsrichter wies dabei auf die strenge Praxis
bezüglich 'unverschuldetem Hindernis' hin. Eine Verbesserung der
Beschwerde sei erst wieder ein Thema, wenn die Frist wiederhergestellt
werde. Wenn die Frist nicht wiederhergestellt werde, erginge
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voraussichtlich ein Nichteintreten auf die Beschwerde wegen
Fristverpassung.
10. Mit Schreiben vom 17. Juni 2021 beklagte sich A._ über zu kurz
angesetzte Fristen; er habe die Abholfrist verlängert. Er sei derzeit
gezwungenermassen oft und länger im Ausland, weil für jede Einreise ein
Covid-19-Test notwendig sei. Er sei Risikopatient. Sein Rechtsanliegen
dürfte klar sein. Die Fristversäumnis sei unvermeidbar gewesen. Die
Nichtwiederherstellung der Frist führe offenbar zu erheblichen Nachteilen
für ihn, was unverhältnismässig und überspitzt formalistisch sei. Dieses
Schreiben ist lediglich 'digitalisiert' unterschrieben.

II. Das Gericht zieht in Erwägung:
1. Gemäss Art. 10 des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege (VRG; BR
370.100) können versäumte Fristen nur wiederhergestellt werden, wenn
die Partei beweisen kann, dass ihr oder ihrer Vertreterin oder ihrem
Vertreter die Einhaltung der Frist infolge eines unverschuldeten
Hindernisses nicht möglich war (Abs. 1). Das Gesuch um
Wiederherstellung ist innert zehn Tagen seit Wegfall des Hindernisses
einzureichen (Abs. 2). Zunächst gilt es hier festzuhalten, dass es sich bei
der gerichtlichen Aufforderung um Nachbesserung einer ungenügenden
(Beschwerde-) Eingabe gestützt auf Art. 38 Abs. 3 VRG mit konkreter
Fristansetzung um eine nicht erstreckbare (Bereinigungs-) Frist handelt.
Hier hat der Beschwerdeführer die ihm vom Instruktionsrichter mit
Schreiben vom 25. Mai 2021 zur Nachbesserung seiner Eingabe vom 22.
Mai 2021 gesetzte Frist bis zum 7. Juni 2021 ungenutzt verstreichen
lassen, da er sich nachweislich erst mit Eingabe vom 10. Juni 2021 meldete
und darin zudem nur eine Fristerstreckung bis zum 21. Juni 2021 zur
Ergänzung seiner Ersteingabe vom 22. Mai 2021 beantragte. Der
Beschwerdeführer hat damit die gesetzte Nachbesserungsfrist eindeutig
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verpasst, womit sich hier einzig noch die Frage stellen kann, ob eine
Wiederherstellung der verpassten Rügefrist nach Art. 10 VRG möglich ist.
2. Einleitend sei noch festgehalten, dass die nicht erstreckbare Frist von zehn
Tagen bei Verbesserung nach Art. 38 VRG korrekt angewandt und an die
Adresse in Chur mitgeteilt wurde, welche vom Beschwerdeführer selber als
Absenderadresse angegeben wurde. Wenn jemand ein behördliches
Verfahren initiiert, muss er damit rechnen, dass ein Schriftverkehr
stattfindet. Weiss er, dass er in dieser Phase ganz oder teilweise postalisch
nicht erreichbar ist, muss er das der Behörde mitteilen oder sich anderswie
organisieren, etwa durch einen (Rechts-) Vertreter. Die Zustellungsfiktion
nach sieben Tagen gilt grundsätzlich; unbeachtlich ist aber die
Verlängerung der Abholfrist durch den Beschwerdeführer bei der Post.
Somit ist die Frist zur Verbesserung seiner Ersteingabe vom
Beschwerdeführer verpasst worden.
3. Als Grund für die Wiederherstellung der verpassten Frist nach Art. 10 VRG
gab der Beschwerdeführer seine Landesabwesenheit an. Materiell wird
dafür fehlendes Verschulden für die nicht rechtzeitige Ausführung einer
fristgebundenen Handlung verlangt. In Frage kommen objektive und
subjektive Ursachen für die Unmöglichkeit, rechtzeitig zu handeln. Es gilt
dabei eine strenge Praxis. Massgeblich sind danach nur solche Gründe,
welche einer Person die Wahrung ihrer Interessen auch bei Einsatz der
gehörigen Sorgfalt gänzlich verunmöglichen oder in unzumutbarer Weise
erschweren; wie z.B. Naturkatastrophen, Militärdienst, schwerwiegende
Erkrankung – nicht dagegen Arbeitsüberlastung, organisatorische
Unzulänglichkeiten oder Ferien. Die Verhinderung muss zudem derart
unvorhergesehen auftreten, dass es nicht mehr möglich ist, die Vornahme
der geforderten Handlung durch eine Drittperson zu bewirken. Subjektive
Gründe für eine 'Entschuldbarkeit' können psychischer Natur, Irrtum oder
mangelnde Kenntnisse sein. Vorwerfbar ist das Versäumnis immer dann,
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wenn es der Pflichtige an der nach Treu und Glauben zumutbaren
Aufmerksamkeit hat fehlen lassen (vgl.
AUER/MÜLLER/SCHINDLER, Kommentar zum Bundesgesetz über das
Verwaltungsverfahren [VwVG], 2. Aufl., Zürich/St. Gallen 2019, Art. 24, N
1-12, S. 369 ff.; WALDMANN/WEISSENBERGER, Praxiskommentar
Verwaltungsverfahrensgesetz, 2. Aufl., Zürich/Basel/Genf 2016, Art. 24, N
4-15, S. 497 ff.).
Im konkreten Fall kann der Beschwerdeführer weder einen objektiven noch
einen subjektiven Grund für sich beanspruchen, der sein Versäumnis
wiederherstellbar macht. Objektiv ist ihm ein Mangel an Sorgfalt bezüglich
organisatorischer Unzulänglichkeiten vorzuwerfen, subjektiv kann sich der
Beschwerdeführer nicht auf Unkenntnis oder Irrtum berufen, war er doch
bereits in duzende gerichtliche Verfahren involviert (siehe
Rechtsöffnungsentscheide 2016/2017 vor Regionalgericht Plessur).
Entgegen der Ansicht des Beschwerdeführers in seinem Schreiben vom
17. Juni 2021 ist die Ablehnung einer Wiederherstellung nach Art. 10 VRG
somit weder unverhältnismässig noch überspitzt formalistisch. Dabei ist
nicht einmal berücksichtigt, dass dieses letzte Schreiben des
Beschwerdeführers gar nicht rechtsgültig ist, da eine eigenhändige
Unterschrift laut Art. 38 Abs. 2 VRG fehlt.
4. Zusammengefasst ergibt sich, dass das Gesuch um Wiederherstellung der
Frist nach Art. 10 VRG abgewiesen wird. Auf die Beschwerde vom 22. Mai
2021 kann wegen verpasster Rügefrist materiell nicht eingetreten werden.