Decision ID: dbd04c04-53a4-558f-a13e-b0277ac5362f
Year: 2018
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Der Beschwerdeführer gelangte am (...) 2015 in die Schweiz und
suchte am (...) 2015 um Asyl nach. Am (...) 2015 wurde er im Rahmen der
Befragung zur Person (BzP) summarisch zu seinen Asylgründen angehört.
A.b Mit Entscheid vom (...) 2015 errichtete die zuständige kantonale Be-
hörde für den unbegleiteten minderjährigen Beschwerdeführer eine Bei-
standschaft nach Art. (...) ZGB und ernannte eine Beiständin, um insbe-
sondere seine Interessen im Asylverfahren umfassend zu vertreten (vgl.
auch Art. 17 Abs. 3 AsylG [SR 142.31]).
A.c Am (...) 2015 wurde der Beschwerdeführer durch das SEM in Anwe-
senheit seiner Beiständin und einer Hilfswerkvertretung (HWV) zu den
Asylgründen angehört.
A.d Im Rahmen der Befragungen führte der Beschwerdeführer aus, er sei
(...) Ethnie, stamme aus B._ beziehungsweise C._ und
habe die Schule bis zur (...) Klasse besucht, diese aber nicht abgeschlos-
sen. Er sei nie zum Militärdienst aufgeboten worden und habe keine dies-
bezüglichen Behördenkontakte gehabt. Die Behörden seien aufgrund der
Desertion seines Bruders mit seiner Mutter in Kontakt getreten. Er sei aus-
gereist, um seiner Mutter zu helfen und weil er nicht habe Soldat werden
wollen. Ungefähr im Jahr 2014 habe er D._ (...) in Richtung
E._ verlassen. Von dort sei er über mehrere Länder in die Schweiz
gereist.
B.
Mit Verfügung vom 16. September 2016 – eröffnet am 21. September 2016
– stellte das SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigen-
schaft nicht, lehnte sein Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung aus
der Schweiz sowie den Vollzug an.
C.
Mit Eingabe vom 19. Oktober 2016 reichte der Beschwerdeführer durch
seinen Rechtsvertreter beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde ein.
Er beantragte die Aufhebung der angefochtenen Verfügung, die Feststel-
lung der Flüchtlingseigenschaft und die Asylgewährung, eventualiter die
Anordnung einer vorläufigen Aufnahme. In prozessualer Hinsicht ersuchte
er unter Beilage einer Fürsorgebestätigung um Gewährung der unentgelt-
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lichen Prozessführung, Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschus-
ses und Beiordnung des rubrizierten Rechtsvertreters als amtlichen
Rechtsbeistand.
Auf die Begründung der Rechtsbegehren und den Inhalt der Beweismittel
wird, soweit für den Entscheid relevant, in den nachfolgenden Erwägungen
eingegangen.
D.
Mit Zwischenverfügung vom 26. Oktober 2016 wurde das Gesuch um Ge-
währung der unentgeltlichen Prozessführung gutgeheissen, auf die Erhe-
bung eines Kostenvorschusses verzichtet und dem Beschwerdeführer an-
tragsgemäss sein Rechtsvertreter als amtlicher Rechtsbeistand beigeord-
net.
E.
Mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft F._ vom (...) 2017 wurde der
Beschwerdeführer wegen (...) zu einer bedingt ausgesprochenen Geld-
strafe von (...) Tagessätzen à Fr. (...) sowie zu einer Busse von Fr. (...)
verurteilt.
F.
Mit Schreiben vom 6. Juli 2018 fragte der Beschwerdeführer nach dem Ver-
fahrensstand und reichte gleichzeitig (...) sowie eine Kostennote ein.
G.
Am 10. Juli 2018 beantwortete der damals zuständige Instruktionsrichter
die Anfrage nach dem Verfahrensstand.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung
von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und
entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend
– endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG). Der Beschwerde-
führer ist als Verfügungsadressat zur Beschwerdeführung legitimiert
(Art. 48 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist
einzutreten (Art. 108 Abs. 1 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
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2.
2.1 Mit Beschwerde in Asylsachen kann die Verletzung von Bundesrecht
(einschliesslich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die
unrichtige und unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachver-
halts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Kognition im Bereich des
Ausländerrechts richtet sich nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
2.2 Die Beschwerde erweist sich als offensichtlich unbegründet und ist im
Verfahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten
Richters beziehungsweise einer zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e AsylG)
ohne Weiterungen und mit summarischer Begründung zu behandeln
(Art. 111a Abs. 2 AsylG).
Die Tatsache, dass dem Beschwerdeführer die unentgeltliche Rechts-
pflege (Art. 65 Abs. 1 VwVG) gewährt wurde (vgl. oben Bst. D), die Be-
schwerde also zum Zeitpunkt der Einreichung als nicht aussichtslos zu
qualifizieren war, steht einer Behandlung der Beschwerde im Verfahren
nach Art. 111 Bst. e AsylG nicht entgegen. Denn für die Prüfung der offen-
sichtlichen Unbegründetheit (Art. 111 Bst. e AsylG) ist der Urteilszeitpunkt
massgebend, während für die Beurteilung der Aussichtslosigkeit der Be-
schwerdebegehren (Art. 65 Abs. 1 VwVG) auf den Zeitpunkt der Beschwer-
deerhebung abzustellen ist (BGE 133 III 614 E. 5).
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
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Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaubhaft-
machen der Vorbringen in verschiedenen Entscheiden dargelegt und folgt
dabei ständiger Praxis. Darauf kann hier verwiesen werden (BVGE 2015/3
E. 6.5.1 und 2012/5 E.2.2).
4.
4.1 Die Vorinstanz erachtete die vom Beschwerdeführer geltend gemach-
ten Vorfluchtgründe als nicht asylrelevant. So habe er den Nationaldienst
weder verweigert noch sei er aus diesem desertiert. Er habe Eritrea als
Minderjähriger verlassen und sei nie persönlich zum Militärdienst aufgefor-
dert worden. Da er demnach nicht gegen die Proclamation on National Ser-
vice von 1995 verstossen habe und seinen Akten auch sonst nichts zu ent-
nehmen sei, wonach er bei einer Rückkehr nach Eritrea ernsthafte Nach-
teile zu gewärtigen hätte, seien die Anforderungen an die Feststellung ei-
ner begründeten Furcht vor zukünftiger Verfolgung nicht erfüllt. Somit seien
auch seine Vorbringen zur illegalen Ausreise aus Eritrea asylrechtlich un-
beachtlich.
4.2 In der Beschwerde wird betreffend den Asylpunkt im Wesentlichen aus-
geführt, dass die Vorinstanz auf die Prüfung der Glaubhaftigkeit der Vor-
fluchtgründe gemäss Art. 7 AsylG verzichtet habe, da sie die Ausführungen
des Beschwerdeführers von vornherein als offensichtlich nicht asylrelevant
eingestuft habe. Trotzdem habe sie schliesslich bemerkt, dass er unglaub-
hafte Aussagen zu seinen Ausreisegründen gemacht haben solle. Diese
Anmerkung sei angesichts des Umstands, dass keine Glaubhaftigkeitsprü-
fung durchgeführt worden sei, keineswegs nachvollziehbar. Ferner sei sie
nicht begründet. Tatsächlich sei die Vorinstanz in keiner Weise inhaltlich
auf die Vorbringen des Beschwerdeführers eingegangen, welche im Rah-
men einer Gesamtbetrachtung substanziiert und widerspruchsfrei seien.
Des Weiteren beruft sich der Beschwerdeführer im Asylpunkt darauf, er
habe nachweisen beziehungsweise glaubhaft machen können, dass er im
Jahr 2014 illegal aus Eritrea ausgereist sei und sich so dem Wehrdienst
entzogen habe. Müsste er nach Eritrea zurückkehren, würde er aufgrund
seiner Wehrdienstverweigerung inhaftiert und bestraft. Die Bestrafung von
Deserteuren in Eritrea sei unverhältnismässig streng und als politisch mo-
tiviert einzustufen. Deshalb sei sie asylrechtlich relevant. Als flüchtigem
Wehrdienstverweigerer drohten ihm bei einer Rückkehr nach Eritrea Folter,
willkürliche Haftstrafen und im schlimmsten Fall die Todesstrafe.
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4.3 Dienstverweigerung und Desertion werden in Eritrea unverhältnismäs-
sig streng bestraft. Die Furcht vor einer Bestrafung wegen Dienstverweige-
rung oder Desertion ist dann begründet, wenn die betroffene Person in ei-
nem konkreten Kontakt zu den Militärbehörden stand. Ein solcher Kontakt
ist regelmässig anzunehmen, wenn die betroffene Person im aktiven
Dienst stand und desertierte. Darüber hinaus ist jeglicher Kontakt zu den
Behörden relevant, aus dem erkennbar wird, dass die betroffene Person
rekrutiert werden sollte (z.B. Erhalt eines Marschbefehls). In diesen Fällen
droht grundsätzlich nicht allein eine Haftstrafe, sondern eine Inhaftierung
unter unmenschlichen Bedingungen und Folter, wobei Deserteure regel-
mässig der Willkür ihrer Vorgesetzten ausgesetzt sind. Die Desertion wird
von den eritreischen Behörden als Ausdruck der Regimefeindlichkeit auf-
gefasst. Demzufolge sind Personen, die begründete Furcht haben, einer
solchen Bestrafung ausgesetzt zu werden, als Flüchtlinge im Sinn von
Art. 1A Abs. 2 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung
der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) und Art. 3 Abs. 1–3 AsylG anzuerkennen
(vgl. zum Ganzen Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen
Asylrekurskommission [EMARK] 2006 Nr. 3; jüngst beispielsweise bestä-
tigt im Urteil des BVGer E-1740/2016 vom 9. Februar 2018 E. 5.1).
4.4 Das Bundesverwaltungsgericht ist an die Begründung der Vorinstanz
nicht gebunden (Art. 62 Abs. 4 VwVG); es kann die Beschwerde auch aus
andern Überlegungen als jenen der Vorinstanz abweisen (sog. Motivsub-
stitution; vgl. MADELEINE CAMPRUBI in: Auer/Müller/Schindler [Hrsg.],
VwVG, Kommentar zum Bundesgesetz über das Verwaltungsverfahren,
2008, N 15 zu Art. 62 VwVG; KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungsverfah-
ren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes, 3. Aufl. 2013, S. 398,
Rz. 1136). Wie sich aus den nachfolgenden Erwägungen ergibt, hat das
SEM das Asylgesuch des Beschwerdeführers – ungeachtet der Frage, ob
seine Begründung in allen Teilen zutreffend ist – zu Recht abgelehnt.
4.5 Der Beschwerdeführer wendet zu Recht ein, die Vorinstanz habe we-
gen fehlender Asylrelevanz auf die Prüfung der Glaubhaftigkeit verzichtet,
aber schliesslich trotzdem festgehalten, dass er unglaubhafte Aussagen zu
den Ausreisegründen gemacht haben solle. Letzteres führte das SEM zwar
nicht unter dem Asylpunkt, sondern erst im Rahmen der Prüfung der Zu-
mutbarkeit des Wegweisungsvollzugs aus. Doch bereits vor Ende des Asyl-
punkts hielt es fest, dass er Eritrea als Minderjähriger und somit vor Eintritt
des dienstpflichtigen Alters verlassen habe und nie persönlich zum Militär-
dienst aufgefordert worden sei, und führte daraufhin, unter Verweis auf
seine vorgängigen Erwägungen, aus, dass die diesbezüglichen Vorbringen
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des Beschwerdeführers nicht glaubhaft seien. In dieser Hinsicht sind die
vorinstanzlichen Erwägungen in der Tat widersprüchlich beziehungsweise
nicht nachvollziehbar. Trotz dieser fehlerhaften Bezugnahme auf die nicht
durchgeführte Prüfung der Glaubhaftigkeit der Asylvorbingen verneinte das
SEM die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers im Ergebnis zu
Recht und wies dessen Asylgesuch ab. So führte die Vorinstanz zutreffend
aus, der Beschwerdeführer habe erklärt, dass er nie persönlich mit den
Behörden bezüglich einer allfälligen Rekrutierung seiner Person oder hin-
sichtlich der Desertion seines Bruders in Kontakt gestanden sei und bei
allgemein durchgeführten Razzien durch Vorweisen seines (...)ausweises
keine Probleme gehabt habe. Das SEM hielt ebenso zutreffend fest, dass
er gemäss den vorliegenden Akten weder den Nationaldienst verweigert
hat noch aus diesem desertiert sei. Er habe Eritrea als Minderjähriger und
somit vor Eintritt des dienstpflichtigen Alters verlassen und sei nie persön-
lich zum Militärdienst aufgefordert worden. Dies wird in der Beschwerde
nicht bestritten. Unter diesen Umständen erachtete die Vorinstanz die Vor-
bringen zu Recht als asylrechtlich nicht relevant und verzichtete deshalb
auf eine Prüfung der Glaubhaftigkeit.
4.6 Nach dem Gesagten ist es dem Beschwerdeführer nicht gelungen, den
von ihm zumindest sinngemäss geltend gemachten Kontakt zu den Militär-
behörden beziehungsweise eine Refraktion und damit eine allfällig dro-
hende Verfolgung gemäss Art. 3 AsylG zum Zeitpunkt der Ausreise glaub-
haft zu machen.
4.7 Es bleibt somit zu prüfen, ob der Beschwerdeführer wegen seiner Aus-
reise aus Eritrea bei einer Rückkehr dorthin – mithin wegen subjektiver
Nachfluchtgründe – befürchten müsste, ernsthaften Nachteilen im Sinne
von Art. 3 AsylG ausgesetzt zu werden.
4.7.1 In der Rechtsmitteleingabe wird dazu ausgeführt, die Änderung der
Praxis des SEM bezüglich illegaler Ausreise aus Eritrea sei unzulässig. Na-
mentlich könne der Praxisänderung nicht gefolgt werden, weil keine neuen
Herkunftsländerinformationen vorlägen, welche eine solche zu begründen
vermöchten. Insbesondere habe das SEM dabei die geltenden Country of
Origin Information (COI) Standards nicht eingehalten.
4.7.2 Im Referenzurteil D-7898/2015 vom 30. Januar 2017 kam das Bun-
desverwaltungsgericht nach einer eingehenden quellengestützten La-
geanalyse (E. 4.6–4.11) zum Schluss, dass die bisherige Praxis, wonach
eine illegale Ausreise per se zur Flüchtlingseigenschaft geführt habe, nicht
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mehr aufrechterhalten werden könne (E. 5.1). Es sei nicht mit überwiegen-
der Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass einer Person einzig auf-
grund ihrer illegalen Ausreise aus Eritrea eine asylrelevante Verfolgung
drohe (a.a.O.). Nicht asylrelevant sei auch die Möglichkeit, dass jemand
nach der Rückkehr in den Nationaldienst eingezogen werde; ob eine dro-
hende Einziehung in den Nationaldienst unter dem Blickwinkel von Art. 3
EMRK und Art. 4 EMRK relevant sein könnte, betreffe die Frage der Zuläs-
sigkeit beziehungsweise Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs (a.a.O.).
Für die Begründung der Flüchtlingseigenschaft im eritreischen Kontext be-
dürfe es neben der illegalen Ausreise zusätzlicher Anknüpfungspunkte,
welche zu einer Verschärfung des Profils und dadurch zu einer flüchtlings-
rechtlich relevanten Verfolgungsgefahr führen könnten (E. 5.2).
4.7.3 Die im Beschwerdeverfahren erhobenen Einwände gegen die vom
SEM vorliegend angewandte Praxisänderung, sind – nachdem das Bun-
desverwaltungsgericht diese im Referenz-Urteil D-7898/2015 gestützt hat
– durch dieses Urteil als unbehelflich eingestuft worden. Es erübrigt sich,
vorliegend eingehend auf die im Rahmen des Beschwerdeverfahrens er-
hobenen Einwände gegen die Praxisänderung und die in der angefochte-
nen Verfügung aufgezeigte Argumentation einzugehen, da diesbezüglich
vollumfänglich auf das zitierte Urteil verwiesen werden kann.
4.7.4 Die Vorinstanz hat sich zur Legalität beziehungsweise Illegalität der
Ausreise des Beschwerdeführers nicht explizit geäussert, das heisst, diese
weder bejaht noch verneint. Diese Frage kann indessen offengelassen
werden. Nachdem vorstehend erwogen wurde, dass dem Beschwerdefüh-
rer zum Zeitpunkt seiner Ausreise keine asylrechtlich relevante Verfolgung
drohte, er kein Refraktär ist oder aus anderen relevanten Gründen von den
eritreischen Behörden gesucht wurde, bestehen keine Hinweise darauf,
dass – neben seiner allenfalls illegalen Ausreise – zusätzliche Anknüp-
fungspunkte existieren, die ihn in den Augen der eritreischen Behörden als
missliebige Person erscheinen liessen. Er erfüllt die Flüchtlingseigenschaft
deshalb auch unter diesem Gesichtspunkt nicht.
4.7.5 In der Beschwerdeschrift wird zudem unter Beilage einer DVD+R vor-
gebracht, der Beschwerdeführer habe sich in der Schweiz politisch betä-
tigt, indem er an Demonstrationen teilgenommen und den Sturz des eritre-
ischen Präsidenten verlangt habe. Ferner steche er aus der Masse der
Exilpolitiker heraus. So wird unter Bezugnahme auf eine gleichzeitig ein-
gereichte Kopie eines Artikels im „(...)“ vom (...) 2016 ausgeführt, dieser
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thematisiere das Leben der eritreischen Flüchtlinge und stütze sich vorwie-
gend auf die Ausführungen des Beschwerdeführers, der darin namentlich
erwähnt werde.
Die DVD+R enthält eine (...) Videosequenz von einer Massenveranstal-
tung in G._. Darin äussert sich der Beschwerdeführer zum einen zu
den Herkunftsorten der Teilnehmenden im In- und Ausland. Zum andern
sagt er, nach den Tätigkeiten vor Ort gefragt, in einer Teilsequenz von (...)
Sekunden, dass alle „(...)“ skandieren würden. Im eingereichten Zeitungs-
artikel wird ausgeführt, dass der Beschwerdeführer am (...) 2016 zusam-
men mit mehreren Tausend Menschen in G._ vor dem (...)-Ge-
bäude gegen den eritreischen Präsidenten protestiert habe. Am selben Tag
habe das SEM einen Bericht betreffend die vorstehend erwähnte Praxis-
änderung veröffentlicht (vgl. vorstehend E. 4.7.1). Auch der Beschwerde-
führer sei von dieser betroffen. Dieser schildert sodann, dass in Eritrea
nach dem elften Schuljahr die zwölfte Klasse mit Schule und militärischer
Ausbildung in einer Art Camp in Sawa zu absolvieren sei, wobei er die dor-
tigen Verhältnisse kritisiert, und darauf für die grosse Mehrheit der Jugend-
lichen der Nationaldienst folge. Abschliessend wird ausgeführt, dass er
sich innerhalb einer politischen Gruppierung für seine Landsleute einsetze.
Der Beschwerdeführer vermag aus seinen exilpolitischen Vorbringen
nichts zu seinen Gunsten abzuleiten. Zwar könnte er insbesondere auf-
grund des eingereichten Zeitungsartikels durch das eritreische Regime
oder von in der Schweiz lebenden regimetreuen Landsleuten identifiziert
werden. Indessen entstünde selbst in diesem Fall aus den entsprechenden
aktenkundig gemachten Tätigkeiten kein Bild, das ihn in einer derartigen
Art und Weise exponiert zeigen würde, dass er das ernsthafte Verfolgungs-
interesse der heimatlichen Behörden geweckt haben könnte. Er weist so-
mit kein beachtenswertes politisches Profil auf, aufgrund dessen bei einer
Rückkehr auf eine künftige Verfolgung zu schliessen wäre.
4.8 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass sowohl das Vorliegen von
Vorfluchtgründen als auch dasjenige von subjektiven Nachfluchtgründen
zu verneinen ist. Es erübrigt sich, auf die weiteren Ausführungen in der
Beschwerde und den Inhalt der Beweismittel näher einzugehen, da sie an
der vorgenommenen Würdigung des Sachverhalts nichts zu ändern ver-
mögen. Das SEM hat zu Recht die Flüchtlingseigenschaft des Beschwer-
deführers verneint und sein Asylgesuch abgelehnt.
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Seite 10
5.
5.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
5.2 Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche
Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol-
chen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (vgl. BVGE
2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
6.
6.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AuG [SR 142.20]).
6.2
6.2.1 Nach Art. 83 Abs. 3 AuG ist der Vollzug nicht zulässig, wenn völker-
rechtliche Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin
oder des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat ent-
gegenstehen. Vorliegend kommt dem Beschwerdeführer die Flüchtlingsei-
genschaft nicht zu. Das flüchtlingsrechtliche Rückschiebungsverbot von
Art. 33 Abs. 1 FK und Art. 5 AsylG ist daher nicht anwendbar. Die Zulässig-
keit des Vollzugs beurteilt sich vielmehr nach den allgemeinen verfas-
sungs- und völkerrechtlichen Bestimmungen (Art. 25 Abs. 3 BV; Art. 3 des
Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grau-
same, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe [FoK,
SR 0.105]; Art. 3 EMRK).
6.2.2 Aufgrund des Alters des Beschwerdeführers ist nicht auszuschlies-
sen, dass er bei einer Rückkehr in den Nationaldienst eingezogen werden
könnte (vgl. zur eritreischen Musterungspraxis auch das Referenzurteil
D-2311/2016 vom 17. August 2017 E. 13.2–13.4).
6.2.3 Die Frage der Zulässigkeit des Wegweisungsvollzugs bei anstehen-
der Einziehung in den eritreischen Nationaldienst ist vom Bundesverwal-
tungsgericht in einem jüngst ergangenen Grundsatzurteil geklärt worden
(vgl. Urteil des BVGer E-5022/2017 vom 10. Juli 2018 [zur Publikation vor-
gesehen]).
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Seite 11
Das Gericht hat die Zulässigkeit des Wegweisungsvollzugs im genannten
Urteil sowohl unter dem Gesichtspunkt des Zwangsarbeitsverbots (Art. 4
Abs. 2 EMRK) als auch unter jenem des Verbots der Folter und der un-
menschlichen und erniedrigenden Behandlung (Art. 3 EMRK) geprüft und
bejaht (vgl. Urteil E-5022/2017 E. 6.1.5.2). Es kann auf die Ausführungen
im genannten Urteil verwiesen werden.
6.2.4 Aus den Akten ergeben sich keine weiteren Gründe für die Annahme
der Unzulässigkeit des Wegweisungsvollzugs. Der Wegweisungsvollzug
ist folglich als zulässig zu betrachten.
7.
7.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AuG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren (vgl. Botschaft zum Bundesgesetz über die Aus-
länderinnen und Ausländer vom 8. März 2002, BBl 2002 3818).
7.2 Die drohende Einziehung in den eritreischen Nationaldienst führt man-
gels einer hinreichend konkreten Gefährdung nicht generell zur Feststel-
lung der Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs gemäss Art. 83 Abs. 4
AuG (vgl. Urteil E-5022/2017 E. 6.2).
7.3 Gemäss aktueller Rechtsprechung kann in Eritrea nicht von einem
Krieg, Bürgerkrieg oder einer Situation allgemeiner Gewalt beziehungs-
weise einer generellen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs ausge-
gangen werden. In jüngster Zeit haben sich die Lebensbedingungen in ei-
nigen Bereichen verbessert. Zwar ist die wirtschaftliche Lage nach wie vor
schwierig. Die medizinische Grundversorgung, die Ernährungssituation,
der Zugang zu Wasser und zur Bildung haben sich jedoch stabilisiert. Der
Krieg ist seit Jahren beendet und ernsthafte ethnische oder religiöse Kon-
flikte sind nicht zu verzeichnen. Zu erwähnen sind an dieser Stelle auch
die umfangreichen Zahlungen aus der Diaspora, von denen ein Grossteil
der Bevölkerung profitiert. Angesichts der schwierigen allgemeinen Lage
des Landes muss jedoch in Einzelfällen nach wie vor von einer Existenz-
bedrohung ausgegangen werden, wenn besondere Umstände vorliegen.
Anders als noch unter der früheren Rechtsprechung sind begünstigende
individuelle Faktoren indessen nicht mehr zwingende Voraussetzung für
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Seite 12
die Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs (vgl. Referenzurteil
D-2311/2016 E. 16 f.).
7.4 Beim Beschwerdeführer handelt es sich um einen jungen, gesunden
Mann mit verwandtschaftlichen Beziehungen (...) und nahezu (...)jähriger
Schulbildung. Er verfügt über Erwerbserfahrung (...). Es ist deshalb davon
auszugehen, dass er bei einer Rückkehr mit Unterstützung seiner Familie
eine gesicherte Wohnsituation und Möglichkeiten zur Wiedereingliederung
vorfinden wird.
Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung auch als
zumutbar.
7.5 Zwar ist darauf hinzuweisen, dass derzeit die zwangsweise Rückfüh-
rung nach Eritrea generell nicht möglich ist. Die Möglichkeit der freiwilligen
Rückkehr steht jedoch praxisgemäss der Feststellung der Unmöglichkeit
des Wegweisungsvollzugs im Sinne von Art. 83 Abs. 2 AuG entgegen. Es
obliegt daher dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständigen Vertretung
des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Reisedokumente zu
beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE 2008/34 E. 12),
weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu bezeichnen ist
(Art. 83 Abs. 2 AuG).
7.6 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Die Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AuG).
8.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
9.
9.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem
Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Indessen wurde
mit Zwischenverfügung vom 26. Oktober 2016 das Gesuch um Gewährung
der unentgeltlichen Rechtspflege gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG gutgeheis-
sen. Demgemäss sind keine Verfahrenskosten zu erheben.
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Seite 13
9.2 Mit derselben Zwischenverfügung wurde dem Beschwerdeführer die
unentgeltliche Rechtsverbeiständung im Sinne von Art. 110a Abs. 1 Bst. a
AsylG zugesprochen und der bezeichnete Rechtsvertreter eingesetzt.
Wie bereits in der Zwischenverfügung sowie in anderen Urteilen mit Hin-
weis auf ein allfälliges Unterliegen festgehalten, beträgt der Stundenansatz
bei amtlicher Vertretung für nicht-anwaltliche Vertreterinnen und Vertreter
in der Regel Fr. 100.– bis Fr. 150.– (vgl. auch Art. 12 i.V.m. Art. 10 Abs. 2
des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigun-
gen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]), wobei nur
der notwendige Aufwand entschädigt wird (vgl. Art. 8 Abs. 2 VGKE). Der
auf der Kostennote vom 6. Juli 2018 veranschlagte Stundenansatz von
Fr. 300.– ist entsprechend auf Fr. 150.– zu kürzen. Zudem erscheinen die
geltend gemachten 9.75 Stunden für die Redaktion der Beschwerde als
nicht vollständig angemessen und sind entsprechend zu kürzen. Das amt-
liche Honorar für den eingesetzten Rechtsvertreter des unterliegenden Be-
schwerdeführers ist somit unter Berücksichtigung der geltenden Berech-
nungsfaktoren auf Fr. 1‘675.– festzusetzen (inkl. Auslagen und Mehrwert-
steuer) und geht zulasten der Gerichtskasse des Bundesverwaltungsge-
richts.
(Dispositiv nächste Seite)
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