Decision ID: 8cf87f9b-e40c-49b6-8de2-80d7b7d7ab8e
Year: 2021
Language: de
Court: GR_VG
Chamber: GR_VG_003
Canton: GR
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: social_law

I. Sachverhalt:
1. A._, Jahrgang 1997, wurde im September 2003 aufgrund eines
kindlichen POS mit verschiedenen Störungen der Motorik, der
Wahrnehmung und des Verhaltens bei überdurchschnittlicher Intelligenz
bei der IV-Stelle des Kantons Graubünden angemeldet. Letztere
anerkannte diese Störung als Geburtsgebrechen Ziffer 404 und erteilte
mehrere Kostengutsprachen für Ergotherapie, bevor die Leistungen
eingestellt wurden, als bei A._ eine Autismus-Spektrum-Störung,
vereinbar mit dem Asperger-Syndrom, mit namentlich erheblichen
Auffälligkeiten im sozialen Bereich, festgestellt wurde. Diese Störung
wurde von der IV-Stelle wiederum als Geburtsgebrechen anerkannt und
sie gewährte verschiedene Kostengutsprachen (neuropsychologische
Abklärung, integrative Sonderschulung, Ergotherapie, ambulante
Psychotherapie) sowie berufliche Massnahmen (Berufsberatung,
erstmalige berufliche Ausbildung). Mit Verfügung vom 22. Februar 2008
sprach die IV-Stelle A._ erstmals eine Hilflosenentschädigung
leichten Grades für Minderjährige zu, nachdem im Abklärungsbericht vom
13. September/29. August 2007 in den alltäglichen Lebensverrichtungen
"Ankleiden", "Körperpflege" und "Fortbewegung im Freien/Pflege
gesellschaftlicher Kontakte" ein regelmässiger und erheblicher Bedarf an
Dritthilfe festgestellt worden war. Der Anspruch wurde in der Folge
mehrfach revisionsweise bestätigt (vgl. Mitteilungen vom 22. März 2010,
13. Juli 2012 und 15. Januar 2016).
2. Am 1. Juli 2015 leitete die IV-Stelle erneut ein Revisionsverfahren ein,
wobei sie A._ aufgrund des bevorstehenden Erreichens der
Volljährigkeit anzeigte, dass der Anspruch auf eine
Hilflosenentschädigung für Erwachsene geprüft werde. Anlässlich der
Abklärung vor Ort am 10. Dezember 2015 wurde eine Hilfsbedürftigkeit in
den alltäglichen Lebensverrichtungen "Körperpflege" sowie
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"Fortbewegung/Kontaktaufnahme" festgestellt (vgl. Abklärungsbericht
vom 17. Dezember 2015). Daraufhin sprach die IV-Stelle A._ mit
Verfügung vom 22. Februar 2016 eine Entschädigung wegen leichter
Hilflosigkeit ab 1. November 2015 zu.
3. Nachdem A._ im Sommer 2016 die Maturität erlangt hatte, begann er
ein Studium an der ETH Zürich, wofür zunächst ein Peer-Coaching und
sodann ein professionelles Coaching aufgegleist wurde. Im Frühling 2018
brach A._ das ETH-Studium wegen Überforderung ab. Daraufhin
begann er im Sommer 2018 eine zweijährige Lehre bei der B._ GmbH
in C._, wofür die IV-Stelle eine Kostengutsprache für eine erstmalige
berufliche Ausbildung erteilte. Wegen Überforderung wechselte A._
nach einem Quartal in den vierjährigen Lehrgang, was von der IV-Stelle
unterstützt wurde. Im Februar 2019 nahm er zudem ein Fernstudium an
einer Fachhochschule auf, das er in seiner Freizeit absolvierte.
4. Am 1. Juli 2020 führte die IV-Stelle erneut eine Revision des Anspruchs
auf Hilflosenentschädigung von Amtes wegen durch. Im entsprechenden
Revisionsfragebogen gab A._ an, in der alltäglichen
Lebensverrichtung "Pflege gesellschaftlicher Kontakte" auf Unterstützung
sowie auf lebenspraktische Begleitung angewiesen zu sein. Bei der
Abklärung vor Ort am 6. November 2020 wurde festgestellt, dass A._
in der alltäglichen Lebensverrichtung "Fortbewegung/Kontaktaufnahme"
auf regelmässige und erhebliche Dritthilfe angewiesen ist; ein Bedarf an
lebenspraktischer Begleitung wurde verneint (vgl. Abklärungsbericht vom
11. November 2020).
5. Mit Vorbescheid vom 11. Dezember 2020 stellte die IV-Stelle A._ die
Aufhebung der Hilflosenentschädigung in Aussicht. Während sie in der
Lebensverrichtung "Fortbewegung/Kontaktaufnahme" das
Angewiesensein auf regelmässige und erhebliche Hilfe bejahte, verneinte
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sie das Vorliegen einer dauernden persönlichen Überwachung sowie einer
lebenspraktischen Begleitung. Insgesamt schloss sie, die gesundheitliche
Situation von A._ habe sich geändert und die Voraussetzungen für
eine Entschädigung wegen leichter Hilflosigkeit seien nicht mehr erfüllt.
Dagegen liess A._ durch seine Eltern am 19. Dezember 2020
Einwand erheben. Mit Verfügung vom 28. April 2021 entschied die IV-
Stelle wie vorbeschieden und hob die Hilflosenentschädigung auf das
Ende des auf die Verfügungsdatierung folgenden Monats auf.
6. Mit dagegen am 1. Juni 2021 beim Verwaltungsgericht des Kantons
Graubünden erhobener Beschwerde beantragte A._ (nachfolgend:
Beschwerdeführer) neben der Aufhebung der Verfügung vom 28. April
2021, ihm sei weiterhin eine Hilflosenentschädigung auszurichten.
Eventualiter sei die Angelegenheit zu weiteren Abklärungen an die IV-
Stelle zurückzuweisen. Zur Begründung machte er im Wesentlichen
geltend, der Abklärungsbericht Hilflosenentschädigung weise
insbesondere hinsichtlich der indirekten Hilfe eine ungenügende
Abklärungstiefe auf, weshalb der Untersuchungsgrundsatz verletzt
worden sei. In der Lebensverrichtung "Körperpflege" liege eine
Hilflosigkeit vor, zumal der Unterstützungsbedarf mit einer engen
Begleitung, einer Interventionsbereitschaft und einem aktiven Tun über
eine blosse Aufforderung hinausginge. Sodann liege auch ein relevanter
Hilfebedarf in der Lebensverrichtung "An- und Auskleiden" vor, da er sich
nicht witterungsentsprechend kleiden könne und verschmutzte Kleider
nicht wechsle. Schliesslich sei mit überwiegender Wahrscheinlichkeit ein
die Erheblichkeitsschwelle überschreitender Bedarf an lebenspraktischer
Begleitung ausgewiesen, da er auf umfassende Hilfe in sämtlichen
Bereichen, wie Haushaltsarbeiten, Einkäufe, Wäsche, Planung der
Woche, administrative Aufgaben, Freizeitgestaltung, Kontakt zu Ärzten,
Behörden und Amtsstellen etc. angewiesen sei.
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7. In ihrer Vernehmlassung vom 2. Juli 2021 schloss die IV-Stelle auf
Abweisung der Beschwerde und verwies primär auf die in der
angefochtenen Verfügung angeführte Begründung.
8. Mit Replik vom 17. August 2021 hielt der Beschwerdeführer an seinen
Rechtsbegehren fest und vertiefte seine bisherige Argumentation. Zudem
legte er insbesondere einen Arztbericht seines behandelnden Psychiaters
dipl. med. D._, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, vom
6. August 2021 sowie einen solchen seines Hausarztes Dr. med. E._,
Facharzt für Allgemeine Innere Medizin, vom 20. Juli 2021 ins Recht.
9. Die IV-Stelle duplizierte am 31. August 2021 (Eingang) bei unveränderten
Anträgen und machte geltend, die beiden eingereichten Berichte würden
im Wesentlichen lediglich die Selbsteinschätzung des Beschwerdeführers
bzw. seiner Eltern wiedergeben und vermöchten den Abklärungsbericht
sowie die Stellungnahme der Abklärungsexpertin nicht zu erschüttern.
Auf die weiteren Ausführungen in den Rechtsschriften, die angefochtene
Verfügung sowie die übrigen Akten wird, soweit erforderlich, in den
nachstehenden Erwägungen eingegangen.

II. Das Gericht zieht in Erwägung:
1. Die vorliegende Beschwerde richtet sich gegen die Verfügung der IV-
Stelle des Kantons Graubünden vom 28. April 2021, womit die
Hilflosenentschädigung auf das Ende des auf die Verfügungsdatierung
folgenden Monats aufgehoben wurde. Gemäss Art. 69 Abs. 1 lit. a des
Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG; SR 831.20) sind
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Verfügungen der kantonalen IV-Stellen direkt vor dem
Versicherungsgericht am Ort der IV-Stelle anfechtbar. Als kantonales
Versicherungsgericht ist das Verwaltungsgericht des Kantons
Graubünden für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde sowohl
örtlich als auch sachlich zuständig (Art. 1 Abs. 1 IVG i.V.m. Art. 57 des
Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts [ATSG; SR 830.1] und Art. 49 Abs. 2 lit. a des
Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege [VRG; BR 370.100]). Der
Beschwerdeführer ist Adressat der angefochtenen Verfügung, weshalb er
durch die angefochtene Verfügung unmittelbar betroffen ist und ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung oder Änderung hat. Er ist
demnach zur Beschwerdeführung legitimiert (Art. 59 ATSG). Auf die im
Übrigen frist- und formgerecht (Art. 60 und Art. 61 ATSG) eingereichte
Beschwerde ist somit einzutreten.
2. Unstreitig ist, dass der Beschwerdeführer weder dauernd auf persönliche
Überwachung noch regelmässig in erheblicher Weise auf Dritthilfe in den
Lebensverrichtungen "Aufstehen, Absitzen, Abliegen", "Essen" und
"Verrichten der Notdurft" angewiesen ist. Zudem anerkennt die IV-Stelle,
dass der Beschwerdeführer in der Lebensverrichtung "Fortbewegung und
Kontaktaufnahme" regelmässige und erhebliche Hilfe benötigt.
Streitgegenstand bildet somit die Frage, ob auch über den 31. Mai 2021
hinaus mindestens eine leichtgradige Hilflosigkeit vorliegt, indem der
Beschwerdeführer in mindestens zwei alltäglichen Lebensverrichtungen –
d.h. in mindestens einer weiteren, zur "Fortbewegung und
Kontaktaufnahme" hinzutretenden Lebensverrichtung – regelmässig und
in erheblicher Weise auf die Hilfe Dritter oder aber dauernd auf
lebenspraktische Begleitung angewiesen ist.
3.1.1. Gemäss Art. 42 Abs. 1 IVG haben Versicherte mit Wohnsitz und
gewöhnlichem Aufenthalt (Art. 13 ATSG) in der Schweiz, die hilflos (Art. 9
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ATSG) sind, Anspruch auf eine Hilflosenentschädigung. Als hilflos gilt eine
Person, die wegen einer Beeinträchtigung der Gesundheit für alltägliche
Lebensverrichtungen dauernd der Hilfe Dritter oder der persönlichen
Überwachung bedarf (Art. 9 ATSG). Praxisgemäss (BGE 121 V 88 E.3a
mit Hinweisen) sind die folgenden sechs alltäglichen Lebensverrichtungen
massgebend (BGE 133 V 450 E.7.2, 127 V 94 E.3c, 125 V 297 E.4a): (1.)
Ankleiden, Auskleiden; (2.) Aufstehen, Absitzen, Abliegen; (3.) Essen; (4.)
Körperpflege; (5.) Verrichtung der Notdurft; (6.) Fortbewegung (im oder
ausser Haus), Kontaktaufnahme.
3.1.2. Im Bereich der Invalidenversicherung gilt auch eine Person als hilflos,
welche zu Hause lebt und wegen der gesundheitlichen Beeinträchtigung
dauernd auf lebenspraktische Begleitung angewiesen ist. Ist nur die
psychische Gesundheit beeinträchtigt, so muss für die Annahme einer
Hilflosigkeit mindestens ein Anspruch auf eine Viertelsrente gegeben sein.
Ist eine Person lediglich dauernd auf lebenspraktische Begleitung
angewiesen, so liegt immer eine leichte Hilflosigkeit vor (Art. 42 Abs. 3
IVG; Art. 38 der Verordnung über die Invalidenversicherung [IVV;
SR 831.201]). Nach Art. 38 Abs. 1 IVV liegt ein Bedarf an
lebenspraktischer Begleitung im Sinne von Art. 42 Abs. 3 IVG vor, wenn
eine volljährige versicherte Person ausserhalb eines Heimes lebt und
infolge Beeinträchtigung der Gesundheit: (lit. a) ohne Begleitung einer
Drittperson nicht selbständig wohnen kann; (lit. b) für Verrichtungen und
Kontakte ausserhalb der Wohnung auf Begleitung einer Drittperson
angewiesen ist; oder (lit. c) ernsthaft gefährdet ist, sich dauernd von der
Aussenwelt zu isolieren. Zu berücksichtigen ist nur diejenige
lebenspraktische Begleitung, die regelmässig und im Zusammenhang mit
den in Absatz 1 erwähnten Situationen erforderlich ist. Als regelmässig im
Sinne von Art. 38 Abs. 3 Satz 1 IVV gilt die lebenspraktische Begleitung,
wenn sie über eine Periode von drei Monaten gerechnet im Durchschnitt
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mindestens zwei Stunden pro Woche benötigt wird (BGE 146 V 322 E.6.1,
133 V 450 E.6.2).
3.2. Art. 37 IVV sieht drei Hilflosigkeitsgrade vor. Gemäss Abs. 3 dieser
Bestimmung gilt die Hilflosigkeit als leicht, wenn die versicherte Person
trotz der Abgabe von Hilfsmitteln: (lit. a) in mindestens zwei alltäglichen
Lebensverrichtungen regelmässig in erheblicher Weise auf die Hilfe Dritter
angewiesen ist; (lit. b) einer dauernden persönlichen Überwachung
bedarf; (lit. c) einer durch das Gebrechen bedingten ständigen und
besonders aufwendigen Pflege bedarf; (lit. d) wegen einer schweren
Sinnesschädigung oder eines schweren körperlichen Gebrechens nur
dank regelmässiger und erheblicher Dienstleistungen Dritter
gesellschaftliche Kontakte pflegen kann; oder (lit. e) dauernd auf
lebenspraktische Begleitung im Sinne von Art. 38 IVV angewiesen ist.
Gemäss Art. 37 Abs. 2 IVV gilt die Hilflosigkeit als mittelschwer, wenn die
versicherte Person trotz der Abgabe von Hilfsmitteln: (lit. a) in den meisten
alltäglichen Lebensverrichtungen regelmässig in erheblicher Weise auf die
Hilfe Dritter angewiesen ist; (lit. b) in mindestens zwei alltäglichen
Lebensverrichtungen regelmässig in erheblicher Weise auf die Hilfe Dritter
angewiesen ist und überdies einer dauernden persönlichen Überwachung
bedarf; oder (lit. c) in mindestens zwei alltäglichen Lebensverrichtungen
regelmässig in erheblicher Weise auf die Hilfe Dritter und überdies
dauernd auf lebenspraktische Begleitung im Sinne von Artikel 38
angewiesen ist. Nach der Rechtsprechung setzt Hilflosigkeit
mittelschweren Grades nach Art. 36 (seit 1. Januar 2004: Art. 37) Abs. 2
lit. a IVV eine Hilfsbedürftigkeit in mindestens vier alltäglichen
Lebensverrichtungen voraus (BGE 121 V 88 E.3b, 107 V 145 E.2).
3.3. Gemäss Art. 69 Abs. 2 IVV kann die IV-Stelle zur Prüfung eines
Leistungsanspruches unter anderem Abklärungen an Ort und Stelle
- 9 -
vornehmen. Nach der Rechtsprechung hat ein Abklärungsbericht unter
dem Aspekt der Hilflosigkeit (Art. 9 ATSG) oder des Pflegebedarfs
folgenden Anforderungen zu genügen: Als Berichterstatterin wirkt eine
qualifizierte Person, welche Kenntnis der örtlichen und räumlichen
Verhältnisse sowie der aus den seitens der Mediziner gestellten
Diagnosen sich ergebenden Beeinträchtigungen und Hilfsbedürftigkeiten
hat. Bei Unklarheiten über physische oder psychische Störungen und/oder
deren Auswirkungen auf alltägliche Lebensverrichtungen sind Rückfragen
an die medizinischen Fachpersonen nicht nur zulässig, sondern
notwendig. Weiter sind die Angaben der Hilfe leistenden Personen zu
berücksichtigen, wobei divergierende Meinungen der Beteiligten im
Bericht aufzuzeigen sind. Der Berichtstext muss schliesslich plausibel,
begründet und detailliert bezüglich der einzelnen alltäglichen
Lebensverrichtungen sowie den tatbestandsmässigen Erfordernissen der
dauernden Pflege, der persönlichen Überwachung und der
lebenspraktischen Begleitung sein. Schliesslich hat er in Übereinstimmung
mit den an Ort und Stelle erhobenen Angaben zu stehen. Das Gericht
greift, sofern der Bericht eine zuverlässige Entscheidungsgrundlage im
eben umschriebenen Sinne darstellt, in das Ermessen der die Abklärung
tätigenden Person nur ein, wenn klar feststellbare Fehleinschätzungen
vorliegen. Das gebietet insbesondere der Umstand, dass die fachlich
kompetente Abklärungsperson näher am konkreten Sachverhalt ist als das
im Beschwerdefall zuständige Gericht (BGE 140 V 543 E.3.2.1; Urteile des
Bundesgerichts 9C_98/2020 vom 8. April 2020 E.2.3, 8C_573/2018 vom
8. Januar 2019 E.3.2 und 8C_756/2011 vom 12. Juli 2012 E.3.2).
4. Da vorliegend die Hilflosenentschädigung revisionsweise aufgehoben
worden ist, ist vorab zu prüfen, ob überhaupt ein Revisionsgrund vorliegt.
4.1. Ändert sich der Invaliditätsgrad einer Rentenbezügerin oder eines
Rentenbezügers erheblich, so wird die Rente von Amtes wegen oder auf
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Gesuch hin für die Zukunft entsprechend erhöht, herabgesetzt oder
aufgehoben (Art. 17 Abs. 1 ATSG). Auch jede andere formell rechtskräftig
zugesprochene Dauerleistung wird von Amtes wegen oder auf Gesuch hin
erhöht, herabgesetzt oder aufgehoben, wenn sich der ihr zu Grunde
liegende Sachverhalt nachträglich erheblich verändert hat (Art. 17 Abs. 2
ATSG). Die bei der Revision von Renten entwickelten Grundsätze gelten
bei der Anpassung von Dauerleistungen im Sinne von Art. 17 Abs. 2
ATSG – wie hier bei der Hilflosenentschädigung – analog (vgl. BGE 137 V
424 E.3.1 mit Hinweis). Die Erhöhung, Herabsetzung oder Aufhebung
einer Hilflosenentschädigung gestützt auf Art. 17 Abs. 2 ATSG setzt
folglich einen Revisionsgrund voraus. Darunter ist jede wesentliche
Änderung in den tatsächlichen Verhältnissen, unter anderem
Verbesserung oder Verschlechterung des Gesundheitszustandes oder
Verwendung neuer Hilfsmittel, zu verstehen, die geeignet ist, den Grad der
Hilflosigkeit und damit den Umfang des Anspruchs zu beeinflussen (BGE
137 V 424 E.3.1 mit Hinweis; vgl. BGE 141 V 9 E.2.3; Urteil des
Bundesgerichts 9C_248/2017 vom 15. Februar 2018 E.3.2). Zeitlicher
Referenzpunkt für die Prüfung einer anspruchserheblichen Änderung
bildet die letzte rechtskräftige Verfügung, welche auf einer materiellen
Prüfung des Leistungsanspruchs mit rechtskonformer
Sachverhaltsabklärung und Beweiswürdigung beruht (vgl. BGE 133 V 108;
vgl. Urteil des Bundesgerichts 8C_204/2014 vom 9. September 2014
E.3.2 und E.3.3). Liegt in diesem Sinne ein Revisionsgrund vor, ist der
Anspruch auf Hilflosenentschädigung in rechtlicher und tatsächlicher
Hinsicht umfassend ("allseitig") zu prüfen, wobei keine Bindung an frühere
Beurteilungen besteht (vgl. BGE 141 V 9 E.2.3 und E.6.1; vgl. Urteile des
Bundesgerichts 9C_561/2018 und 9C_631/2018 vom 8. Februar 2019
E.3, 8C_72/2017 vom 23. Mai 2017 E.1).
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4.2. Die bisherige Entschädigung wegen Hilflosigkeit leichten Grades wurde –
nach vorgängiger materieller Anspruchsprüfung mit rechtskonformer
Sachverhaltsabklärung, Beweiswürdigung und Beurteilung des Grades
der Hilflosigkeit – letztmals am 22. Februar 2016 bestätigt (vgl. IV-
act. 185 ff.). In der Beschwerde räumt der Beschwerdeführer ein, dass
sich im Vergleich zur Abklärung im Jahr 2015 hinsichtlich der Teilfunktion
"Rasieren" eine Veränderung ergeben habe, was jedoch nicht bedeute,
dass in der Lebensverrichtung "Körperpflege" kein Hilfebedarf mehr
vorliege. Tatsächlich lässt sich dem der Verfügung vom 22. Februar 2016
zugrundeliegenden Abklärungsbericht vom 17. Dezember 2015
entnehmen, dass der Beschwerdeführer regelmässig vom Vater habe zum
Rasieren aufgefordert werden müssen, da er es nicht von sich aus
gemacht habe. Zudem habe der Vater meistens noch nachbessern
müssen (vgl. IV-act. 179 S. 5). Im Vergleich dazu wird im
Abklärungsbericht vom 11. November 2020 festgehalten, der Vater müsse
beim Rasieren nicht mehr nachbessern. Der Beschwerdeführer rasiere
sich einmal in der Woche. Teilweise müsse er dazu aufgefordert werden,
wenn er es vergesse; er komme dieser Aufforderung dann aber meist nach
(vgl. IV-act. 257 S. 6).
4.3. Da sich insofern eine Veränderung in einer alltäglichen Lebensverrichtung
eingestellt hat, liegt ein Revisionsgrund vor. Mithin kann der Anspruch auf
eine Hilflosenentschädigung umfassend überprüft werden (vgl. BGE 141
V 9 E.2.3).
5. In materieller Hinsicht ist zunächst zu prüfen, ob in der alltäglichen
Lebensverrichtung "Körperpflege" eine Hilflosigkeit besteht.
5.1.1. Die Körperpflege umfasst mehrere Teilfunktionen: das Waschen,
Kämmen, Rasieren und Baden/Duschen (Urteil des Bundesgerichts
9C_253/2013 vom 17. Juni 2013 E.1 mit Verweis auf Rz. 8020 des
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Kreisschreibens über Invalidität und Hilflosigkeit in der
Invalidenversicherung [KSIH]). Die Hilfe ist gemäss Rechtsprechung erst
dann regelmässig, wenn sie die versicherte Person täglich oder eventuell
(nicht voraussehbar) täglich benötigt (Urteile des Bundesgerichts
8C_533/2019 vom 11. Dezember 2019 E.3.2.3, 9C_562/2016 vom
13. Januar 2017 E.5.3; Rz. 8025 KSIH). Von einer erheblichen Hilfe ist
namentlich dann auszugehen, wenn die versicherte Person mindestens
eine Teilfunktion einer einzelnen Lebensverrichtung (z.B. Waschen bei der
Lebensverrichtung Körperpflege) nicht mehr, nur mit unzumutbarem
Aufwand oder nur auf unübliche Art und Weise (BGE 107 V 136) selbst
ausüben kann (Urteil des Bundesgerichts 8C_533/2019 vom
11. Dezember 2019 E.3.2.3; Rz. 8026 KSIH).
5.1.2. Für die Annahme von Hilflosigkeit in einer mehrere Teilfunktionen
umfassenden Lebensverrichtung genügt, wenn die versicherte Person in
Bezug auf eine dieser Funktionen regelmässig in erheblicher Weise auf
(direkte oder indirekte) Dritthilfe angewiesen ist (BGE 121 V 88 E.3c, 117
V 146 E.2; Urteil des Bundesgerichts 8C_30/2010 vom 8. April 2010 E.2.2;
AHI-Praxis 1996 S. 170, H 164/92 E.3c). Eine blosse Erschwerung oder
verlangsamte Vornahme von Lebensverrichtungen vermag nicht bereits
eine Hilflosigkeit zu begründen (Urteile des Bundesgerichts 9C_373/2012
vom 22. August 2012 E.4.2, 8C_912/2008 vom 5. März 2009 E.10.2 mit
Hinweisen).
5.2. Während die IV-Stelle die Vorbringen des Beschwerdeführers im Einwand
zum Duschen und zur Körperhygiene unter dem Aspekt der
lebenspraktischen Begleitung prüfte (vgl. angefochtene Verfügung vom
28. April 2021 [IV-act. 274 S. 2 ff.]), macht dieser beschwerdeweise
geltend, er sei in der Lebensverrichtung "Körperpflege" auf regelmässige
und erhebliche Hilfe angewiesen, welche über einfache Aufforderungen
hinausgehe und ein Insistieren sowie weitere Handlungsanweisungen
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Dritter erfordere. Insofern ist zwischen der (indirekten) Dritthilfe in einer
der sechs alltäglichen Lebensverrichtungen und der lebenspraktischen
Begleitung zu unterscheiden.
5.2.1. Die benötigte Hilfe in den sechs alltäglichen Lebensverrichtungen kann
nicht nur in direkter Dritthilfe, sondern auch anhand einer Überwachung
bei der Vornahme relevanter Lebensverrichtungen bestehen, indem etwa
die Drittperson die versicherte Person auffordert, eine Lebensverrichtung
vorzunehmen, welche diese wegen ihres psychischen oder geistigen
Zustandes ohne besondere Aufforderung nicht vornehmen würde
(indirekte Dritthilfe; BGE 133 V 450 E.7.2 mit Hinweisen). Direkte oder
indirekte Hilfestellungen Dritter, derer die versicherte Person bei mehreren
Lebensverrichtungen bedarf, können grundsätzlich nur einmal
berücksichtigt werden (Urteil des Bundesgerichts 9C_839/2009 vom
4. Juni 2010 E.3.3 mit Hinweisen). Dies gilt auch bei Überschneidungen
im Bedarf an lebenspraktischer Begleitung einerseits und der
Hilfsbedürftigkeit in den alltäglichen Lebensverrichtungen andererseits
(vgl. Urteil des Bundesgerichts 9C_691/2014 vom 11. Dezember 2014
E.4.2 mit Hinweisen). Bei der Zuordnung einer Hilfeleistung zu einer
bestimmten Lebensverrichtung hat eine funktional gesamtheitliche
Betrachtungsweise Platz zu greifen (Urteile des Bundesgerichts
8C_184/2019 vom 22. Juli 2019 E.5.1 und 9C_839/2009 vom 4. Juni 2010
E.3.3, je mit Hinweisen; zum Ganzen: Urteil des Bundesgerichts
9C_381/2020 vom 15. Februar 2021 E.5.1).
5.2.2. Demgegenüber umfasst die lebenspraktische Begleitung weder die
(direkte oder indirekte) Dritthilfe bei den alltäglichen Lebensverrichtungen
noch die dauernde Pflege oder persönliche Überwachung im Sinne von
Art. 37 IVV. Vielmehr stellt sie ein zusätzliches und eigenständiges Institut
dar (BGE 133 V 450 E.9). Die Notwendigkeit einer Dritthilfe ist objektiv
nach dem Gesundheitszustand der versicherten Person zu beurteilen.
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Abgesehen vom Aufenthalt in einem Heim ist die Umgebung, in welcher
sie sich aufhält, grundsätzlich unerheblich. Bei der lebenspraktischen
Begleitung darf keine Rolle spielen, ob die versicherte Person allein lebt,
zusammen mit dem Lebenspartner, mit Familienmitgliedern oder in einer
der heutzutage verbreiteten neuen Wohnformen. Massgebend ist einzig,
ob die versicherte Person, wäre sie auf sich allein gestellt, erhebliche
Dritthilfe in Form von Begleitung und Beratung benötigen würde. Von
welcher Seite diese letztlich erbracht wird, ist ebenso bedeutungslos wie
die Frage, ob sie kostenlos erfolgt oder nicht (zum Ganzen: Urteil des
Bundesgerichts 9C_381/2020 vom 15. Februar 2021 E.5.2 mit
Hinweisen). Die von der Rechtsprechung für grundsätzlich sachlich
gerechtfertigt und damit gesetzes- und verordnungskonform befundene, in
den Rz. 8050-8052 KSIH (gültig ab 1. Januar 2015, Stand 1. Januar 2021)
vorgenommene Konkretisierung der Anwendungsfälle der
lebenspraktischen Begleitung (BGE 133 V 450 E.9) bestimmt in Rz. 8050
u.a. was folgt: "Die lebenspraktische Begleitung ist notwendig, damit der
Alltag selbstständig bewältigt werden kann. Sie liegt vor, wenn die
betroffene Person auf Hilfe bei mindestens einer der folgenden Tätigkeiten
angewiesen ist: Hilfe bei der Tagesstrukturierung; Unterstützung bei der
Bewältigung von Alltagssituationen (z. B. Fragen der Gesundheit,
Ernährung und Hygiene, einfache administrative Tätigkeiten, etc.);
Haushaltsführung." In Rz. 8051 KSIH wird zudem festgehalten: "Die
lebenspraktische Begleitung ist notwendig, damit die versicherte Person
in der Lage ist, das Haus für bestimmte notwendige Verrichtungen und
Kontakte zu verlassen (Einkaufen, Freizeitaktivitäten, Kontakte mit
Amtsstellen oder Medizinalpersonen, Coiffeurbesuch etc. [...])."
5.3.1. Im Abklärungsbericht Hilflosenentschädigung vom 11. November 2020
wird ausgeführt, der Beschwerdeführer sei in der alltäglichen
Lebensverrichtung "Körperpflege" seit Juli 2020 selbstständig. Bei der
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letzten Abklärung sei die Lebensverrichtung ausgewiesen gewesen. Der
Beschwerdeführer habe regelmässig aufgefordert werden müssen, sich zu
rasieren, da er es von sich aus nicht gemacht habe, und der Vater habe
jeweils noch nachbessern müssen. Aktuell gebe der Vater an, dass er
nicht mehr nachbessern müsse. Der Beschwerdeführer rasiere sich
einmal in der Woche. Er müsse teilweise dazu aufgefordert werden, wobei
er der Verrichtung dann meist nachkomme. Eine Aufforderung zum
Zähneputzen genüge. Dies bedinge keine regelmässige und erhebliche
Hilfestellung (vgl. IV-act. 257 S. 5 f.). Zudem ist dem Abklärungsbericht
unter dem Titel "lebenspraktische Begleitung" zu entnehmen, dass der
Beschwerdeführer die Körperpflege zu vereinbarten Zeiten/Wochentagen
selbstständig ausführe, wobei er gelegentlich dazu aufgefordert werden
müsse. Mithilfe von Routinen komme er im normalen Alltag selbstständig
zurecht. Er benötige die Hilfe seiner Schwester am Morgen, wenn er nicht
gut geschlafen habe, weil sein Rhythmus dann gestört sei und er sich nicht
zurechtfinde. Wie oft dies vorkomme, könne er nicht sagen (vgl. IV-
act. 257 S. 7 f.). Gleichermassen wurde an anderer Stelle im
Abklärungsbericht ausgeführt, der Beschwerdeführer könne seine
Morgenroutine alleine durchführen, wenn er gut geschlafen habe.
Ansonsten benötige er die Hilfe seiner Schwester. Seine Morgenroutine
beinhalte das Aufstehen und Ankleiden, das Frühstücken und eine
"Katzenwäsche" (vgl. IV-act. 257 S. 2).
5.3.2. Aus dem soeben Gesagten erhellt, dass die Feststellungen im
Abklärungsbericht Hilflosenentschädigung vom 11. November 2020 unter
dem Titel "lebenspraktische Begleitung" auch die Teilfunktion "Waschen"
der alltäglichen Lebensverrichtung "Körperpflege" beschlagen. Entgegen
diesem Bericht überzeugt es allerdings nicht, die morgendliche Hilfe der
Schwester nach Nächten mit schlechtem Schlaf bei der lebenspraktischen
Begleitung einzuordnen. Vielmehr sprechen die Ausführungen zu der von
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der Schwester geleisteten Unterstützung bei einer funktional
gesamtheitlichen Betrachtungsweise für eine (direkte oder indirekte)
Dritthilfe bei der Körperpflege (Teilfunktion "Waschen") bzw. dafür, dass
die von der Schwester geleistete Unterstützung über eine einfache
Aufforderung bzw. ein blosses Erinnern oder Motivieren im Sinne einer
Hilfestellung bei der Tagesstrukturierung hinausgeht. In welcher Art und
Weise bzw. in welchem Ausmass diese Hilfe bei der Morgenroutine von
der Schwester erbracht wird, lässt sich dem Abklärungsbericht
Hilflosenentschädigung vom 11. November 2020 nicht entnehmen. Dies
rührt wohl daher, dass die Abklärung vor Ort in Abwesenheit der
Schwester bei den Eltern des Beschwerdeführers in F._
stattgefunden hat, wo sich der Beschwerdeführer nur noch am
Wochenende aufhält. Unter der Woche lebt er zusammen mit seiner
Schwester in G._, was sich näher an seiner Ausbildungsstätte bei der
B._ GmbH in C._ befindet (vgl. IV-act. 257 S. 1 ff.). Zudem
scheint die Abklärungsperson übersehen zu haben, dass sich der
Beschwerdeführer anlässlich der Abklärung vor Ort im November 2020
nicht mehr in der stabilen psychischen, schulischen und familiären
Situation befand, wie sie sich noch bei der letzten Abklärung im Dezember
2015 präsentierte. Vielmehr führte die Doppelbelastung mit Lehre und
Fernstudium vor allem in Vorbereitungs- und Prüfungszeiten, das
angespannte Verhältnis zu seinem Ausbildner sowie der im Rahmen der
Ausbildung zu absolvierende überbetriebliche Kurs zu vermehrten
Spannungszuständen bzw. zu einer akuten Überforderungssituation mit
suizidalen Gedanken (vgl. nachstehende Erwägung 6.2.2 zur alltäglichen
Lebensverrichtung "An-/Auskleiden"; Bildungsbericht der B._ zum
5. Semester [IV-act. 269 S. 7] und Verlaufsprotokoll Berufsberatung,
Eintrag vom 30. November 2020 [separate Bg-Beilage]). Dass sich eine
solche Belastungssituation auch negativ auf den Schlaf des
Beschwerdeführers auswirken kann, was wiederum zu einer erhöhten
- 17 -
Beanspruchung seiner Schwester im Rahmen der Morgenroutine führt,
liegt dabei nahe. Da konkrete Angaben der Schwester zu der von ihr
geleisteten Hilfestellung im Abklärungsbericht Hilflosenentschädigung
vom 11. November 2020 fehlen, erweist sich die Abklärung der sich darauf
abstützenden IV-Stelle bereits aus diesem Grund als unvollständig.
5.3.3. Dasselbe gilt mit Blick auf die der alltäglichen Lebensverrichtung
"Körperpflege" zugehörige Teilfunktion "Baden/Duschen". Wie auch im
Abklärungsbericht Hilflosenentschädigung vom 11. November 2020
festgehalten (vgl. IV-act. 257 S. 2), führten die Eltern des
Beschwerdeführers im Einwandverfahren aus, der Beschwerdeführer
verbringe eine Nacht pro Woche bei seiner Patentante, weil diese eine
geräumigere und hellere Dusche habe als die düstere, mit winziger
Badewanne und Duschvorhang versehene Dusche in der mit seiner
Schwester gemeinsam bewohnten Wohnung in G._. Beide Frauen
würden bestätigen, dass der Beschwerdeführer nicht alleine leben könnte.
Ohne Hilfe in diesem Bereich würde er verwahrlosen, da er seine
Hygienebedürfnisse nicht selber erkennen könne. Da er sich aufgrund
seiner autistischen Hypersensibilität vor nassen Badetüchern "ekle",
würde ihn dieser Umstand ohne Hilfe davon abhalten, überhaupt zu
duschen. Trotz Unterstützung durch Drittpersonen werde die Hygiene vom
Lehrbetrieb beanstandet. Der Beschwerdeführer müsse immer dazu
aufgefordert werden, sich zu duschen (vgl. Einwand vom 19. Dezember
2020 [IV-act. 259 S. 1 f.]).
Zwar weist die IV-Stelle in diesem Zusammenhang in der angefochtenen
Verfügung zu Recht auf Rz. 8026.1 (vgl. auch Rz. 8029.1) KSIH hin,
wonach die indirekte Dritthilfe eine gewisse Intensität aufweisen und über
eine einfache Aufforderung hinausgehen muss. Einer versicherten Person
mehrmals zu sagen, sie solle duschen, reicht beispielsweise nicht aus.
Neben der Wiederholung der Aufforderung muss mindestens die
- 18 -
Handlung während der Ausführung überwacht und im Bedarfsfall
eingegriffen werden. Dass vorliegend eine solche Hilfestellung einer
Drittperson krankheitsbedingt notwendig ist, erscheint indes nicht von
vornherein ausgeschlossen. Vielmehr geht bereits aus dem
Abklärungsbericht Hilflosenentschädigung vom 4./18. März 2010 hervor,
dass der Beschwerdeführer keine Einsicht für den Sinn und Zweck der
Körperpflege habe (vgl. IV-act. 105 S. 5). Desgleichen äusserten sich
auch Dr. med. E._ in seinem ärztlichen Bericht vom 20. Juli 2021 und
dipl. med. D._ mit Arztbericht vom 6. August 2021, indem sie
ausführten, dem Beschwerdeführer fehle das Sensorium für die
Notwendigkeit der Körperpflege bzw. er würde Hygienemassnahmen
bereits nach kurzer Zeit sein lassen, da die Einsicht in deren Sinn nicht
zwingend gegeben sei (vgl. beschwerdeführerische Akten [Bf-act.] 3 f.).
Insofern erstaunt es auch nicht weiter, dass der Beschwerdeführer im
Revisionsfragebogen zur Hilflosenentschädigung vom 10. Juli 2020 ein
Angewiesensein auf Unterstützung in der alltäglichen Lebensverrichtung
"Körperpflege" verneinte (vgl. IV-act. 242 S. 2). Dass vor diesem
Hintergrund eine intensivere und zeitlich ausgedehntere Hilfestellung
erforderlich ist, als eine mehrmalige Aufforderung, sich zu duschen, im
Sinne einer blossen lebenspraktischen Begleitung, erscheint durchaus
möglich. Denn bereits aus den Arztberichten von Dr. med. H._,
Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin, vom 15. Oktober 2003 und
14. April 2004 geht hervor, dass sich der Beschwerdeführer
krankheitsbedingt kaum zu etwas bewegen lasse, das ihm nicht sinnvoll
erscheint bzw. dessen Sinn er nicht einsieht (vgl. IV-act. 7 S. 5 und IV-
act. 11 S. 3). Ausserdem stellte Dr. med. H._ schon im Beiblatt zu
seinem Arztbericht vom 22. September 2007 fest, dass der
Beschwerdeführer wegen einer autistischen Hyperreagibilität eine
Aversion gegen "nasse Dinge" hegt (vgl. IV-act. 74 S. 3). Insofern
erscheint es durchaus möglich, dass er – wie im Einwand und in der
- 19 -
Beschwerde vorgebracht – ohne enge Begleitung, einem aktiven Zutun
und weiteren Handlungsanweisungen einer Drittperson nicht duschen
würde, um sich so nicht dem "Problem mit dem nassen Badetuch" stellen
zu müssen. Hinzu kommt, dass es dem Beschwerdeführer als
Jugendlicher nicht möglich war, zu duschen (Abklärungsbericht
Hilflosenentschädigung vom 4./18. März 2010 [IV-act. 105 S. 5]). Vielmehr
wusch er sich beim Baden und spülte sich die Haare mit Badewasser aus
(Abklärungsbericht Hilflosenentschädigung vom 6./12. Juni 2012 [IV-
act. 128 S. 5]). Dies behielt er auch noch als Volljähriger bei, da er die
Duschbrause nicht benutzte, was dem Abklärungsbericht
Hilflosenentschädigung vom 17. Dezember 2015 (vgl. IV-act. 179 S. 5)
entnommen werden kann. Im aktuellen Abklärungsbericht
Hilflosenentschädigung vom 11. November 2020 wird nun ohne weitere
Ausführungen unter dem Titel der lebenspraktischen Begleitung
festgehalten, der Beschwerdeführer könne die Körperpflege zu
vereinbarten Zeiten/Wochentagen selbstständig ausführen, wobei er
gelegentlich dazu aufgefordert werden müsse (vgl. IV-act. 257 S. 8).
Soweit damit das Duschen gemeint ist, ist dies angesichts der genannten
Vorgeschichte des Beschwerdeführers nicht nachvollziehbar und
erscheint erklärungsbedürftig. Insofern durfte sich die Abklärungsperson
nicht damit begnügen, im Rahmen der alltäglichen Lebensverrichtung
"Körperpflege" nur auf das Rasieren und Zähneputzen einzugehen.
Vielmehr hätte es einer eingehenden Auseinandersetzung zum Duschen
unter Einholung der notwendigen Auskünfte bei der Schwester und der
Patentante des Beschwerdeführers und in Würdigung der Ausmasses der
getätigten Hilfestellungen bedurft. Insofern ist dem Beschwerdeführer
darin beizupflichten, dass die von der IV-Stelle getätigten Abklärungen als
ungenügend zurückzuweisen sind.
- 20 -
6. Der Beschwerdeführer macht sodann geltend, er sei auf regelmässige und
erhebliche Hilfe beim "An- und Auskleiden" angewiesen.
6.1. Eine Hilflosigkeit liegt vor, wenn die versicherte Person ein
unentbehrliches Kleidungsstück oder ein Hilfsmittel nicht selber an- oder
ausziehen kann. Sie ist aber auch gegeben, wenn sich die versicherte
Person zwar selber ankleiden, aufgrund kognitiver Probleme jedoch der
Witterung nicht entsprechend kleiden kann oder wenn sie Vor- und
Rückseite der Kleidungsstücke verwechselt (Rz. 8014 KSIH; Urteil des
Bundesgerichts 9C_381/2020 vom 15. Februar 2021 E.5.3.1).
6.2.1. Im Abklärungsbericht Hilflosenentschädigung vom 11. November 2020
wurde zur alltäglichen Lebensverrichtung "An- und Auskleiden"
festgehalten, bei der letzten Abklärung habe der Beschwerdeführer nur
gelegentlich daran erinnert werden müssen, die Socken zu wechseln. In
den Frühlings- und Herbstferien seien die Sommer- bzw. Winterkleider in
den Schrank eingeräumt worden. Der Beschwerdeführer habe sich die
Kleider dann selbstständig ausgesucht. Verschmutzte Kleider habe er
nicht erkannt, sie aber zu einem vereinbarten, fixen Zeitpunkt gewechselt.
Aktuell würden im Revisionsformular Hilfestellungen beim An- und
Auskleiden verneint. Der Beschwerdeführer gebe an, dass er sich nach
dem Aussuchen der Sonntagskleidung eine Rückmeldung seiner Eltern
einhole. Die Eltern äusserten, dass sich der Beschwerdeführer nach dem
Kalender und nicht nach dem Wetter kleide. Es würden keine
Veränderungen zur letzten Abklärung beschrieben (vgl. IV-act. 257 S. 5).
Zudem merkte die Abklärungsperson unter dem Aspekt der
lebenspraktischen Begleitung an, der Beschwerdeführer werde
gelegentlich dazu aufgefordert, seine Kleider zu wechseln (vgl. IV-act. 257
S. 8). Im Einwand vom 19. Dezember 2020 führten die Eltern des
Beschwerdeführers an, er spüre nicht, ob er Sommer- oder Winterkleider
anziehen solle, wenn es ihm niemand sage. Auch würde er die Wäsche
- 21 -
nicht ohne Aufforderung wechseln (vgl. IV-act. 259). Dem hielt die
Abklärungsperson in ihrer Stellungnahme vom 14. April 2021 entgegen,
im Sinne der Schadenminderungspflicht sei es zumutbar, dass der
Kleiderschrank entsprechend den Jahreszeiten eingeräumt werde. Des
Weiteren sei die Hilfestellung nicht als regelmässig und erheblich zu
betrachten, da sie nur bei den Übergängen der Jahreszeiten notwendig
sei (vgl. IV-act. 275 S. 5 und angefochtene Verfügung [IV-act. 274 S. 4]).
Dem hielt der Beschwerdeführer in der Beschwerde entgegen, er sei in
der fraglichen Lebensverrichtung zwar funktional selbstständig, aber auf
indirekte Hilfe angewiesen. Dass er sich nicht witterungsentsprechend
kleiden könne, begründe bereits einen relevanten Hilfebedarf. Jeweils
Sommer- oder Winterkleider verfügbar zu haben, genüge schlichtweg
nicht, um sich adäquat anzuziehen, da sich das Wetter nicht nach dem
Kalender richte. Zudem bemerke er verschmutzte Kleider nicht bzw.
nehme von sich aus notwendige Kleiderwechsel nicht vor. So habe seine
Lehrfirma sein Erscheinungsbild kritisiert. Zu beachten sei ferner, dass er
sonntags nicht eine Rückmeldung seiner Eltern einholen würde, wenn er
eine adäquate Kleiderwahl treffen könnte. Schliesslich führte sein
Hausarzt Dr. med. E._ mit Bericht vom 20. Juli 2021 aus, der
Beschwerdeführer brauche täglich Hilfe auch bei der Auswahl der
Bekleidung; nicht nur saisonal, sondern auch situativ für den betreffenden
Tag könne er seine Garderobe nicht selbstständig wählen (vgl. Bf-act. 4).
6.2.2. Der IV-Stelle ist zwar darin beizupflichten, dass es zumutbar erscheint,
den Kleiderschrank des Beschwerdeführers den Jahreszeiten
entsprechend einzuräumen, was hinsichtlich der Kleiderwahl bis zu einem
gewissen Mass Abhilfe zu verschaffen mag. Dies vermag aber nicht über
die auch innerhalb der Jahreszeiten bestehende Unfähigkeit des
Beschwerdeführers, sich ohne Hilfe situativ der Witterung angepasst zu
kleiden, hinwegzutäuschen. Ein solches fehlendes Sensorium für eine
- 22 -
witterungsentsprechende Kleidung erscheint nicht nur aufgrund der
Aktenlage nachvollziehbar (vgl. hierzu Abklärungsberichte
Hilflosenentschädigung vom 17. Dezember 2015 [IV-act. 179 S. 4],
6./12. Juni 2012 [IV-act. 128 S. 4] und 4./18. März 2010 [IV-act. 105 S. 4]),
sondern drängt sich auch aufgrund des Umstandes auf, dass der
Beschwerdeführer nach wie vor am Sonntag, wenn er bei seinen Eltern
wohnt, deren Rückmeldung zu seiner Kleiderwahl einholt (vgl.
Abklärungsbericht Hilflosenentschädigung vom 11. November 2020 [IV-
act. 257 S. 5]). Mit Blick auf die Hilfsbedürftigkeit verweist der
Beschwerdeführer beschwerdeweise insofern zu Recht auf Rz. 8014 KSIH
(vgl. vorstehende Erwägung 6.1). Hinzu kommt, dass der
Beschwerdeführer verschmutzte Kleidungsstücke nicht bemerkt (vgl. so
schon Abklärungsberichte Hilflosenentschädigung vom 17. Dezember
2015 [IV-act. 179 S. 4], 6./12. Juni 2012 [IV-act. 128 S. 4] und 4./18. März
2010 [IV-act. 105 S. 4]). Zwar kann dem – wie im Abklärungsbericht
Hilflosenentschädigung vom 17. Dezember 2015 [IV-act. 179 S. 4]
angemerkt – durch vorzunehmende Kleiderwechsel zu bestimmten, im
Voraus abgemachten Zeiten entgegengewirkt werden. Dabei ist indes zu
berücksichtigen, dass sich der Beschwerdeführer damals in einer
psychisch stabilen Situation befand, noch zu Hause bei seinen Eltern
wohnte und sich im Gymnasium wohl fühlte, da er gut in der Schule
integriert war und seine speziellen Bedürfnisse berücksichtigt wurden (vgl.
IV-act. 179 S. 1 f.). Dass unter solchen Umständen eine Abmachung zur
Vornahme von regelmässigen Kleiderwechseln zu bestimmten Zeiten
auch eingehalten wird und dem Beschwerdeführer hilft, sich im Alltag
besser zurecht zu finden, erscheint nachvollziehbar. Demgegenüber
präsentierte sich die Situation des Beschwerdeführers anlässlich der
Abklärung vor Ort am 6. November 2020 weit weniger gut. Dem
Abklärungsbericht Hilflosenentschädigung vom 11. November 2020 ist zu
entnehmen, dass der Beschwerdeführer nur noch an den Wochenenden
- 23 -
bei seinen Eltern in F._ wohnt; unter der Woche lebt er zusammen
mit seiner Schwester in G._, da er bei der B._ GmbH in C._
eine Lehre absolviert (vgl. IV-act. 211, 216, 220 f.) und daneben in seiner
Freizeit einem Fernstudium an einer Fachhochschule nachgeht (vgl. IV-
act. 227 S. 3, 229 S. 5, 234 S. 5). Diese Doppelbelastung führte
ausweislich der Akten vor allem in Vorbereitungs- und Prüfungszeiten zu
viel Stress und wenig Erholung, was gemäss dem Ausbildungsbetrieb in
vermehrten Spannungszuständen mündete (vgl. Bildungsberichte der
B._ zum 3. Semester [IV-act. 234 S. 5], zum 4. Semester [IV-act. 244
S. 5] und zum 5. Semester [IV-act. 269 S. 7]). Neben einem schwierigen
Verhältnis zu seinem Ausbildner (vgl. IV-act. 257 S. 1) führte zudem ein
überbetrieblicher Kurs im Rahmen seiner Ausbildung zu einer akuten
Überforderungssituation, in welcher der Beschwerdeführer sich
unangemessen verhielt, Suizidgedanken äusserte und an mehreren
Bildungsstätten eine Bombendrohung vermeldete (vgl. Bildungsbericht
der B._ zum 5. Semester [IV-act. 269 S. 7] und Verlaufsprotokoll
Berufsberatung, Eintrag vom 30. November 2020 [separate Bg-Beilage]).
Dass in solchen psychisch belastenden Situationen Abmachungen zu
Kleiderwechseln an bestimmten Zeiten vernachlässigt werden, liegt nahe
(vgl. hierzu auch ärztlicher Bericht von Dr. med. E._ vom
18. Dezember 2020 [IV-act. 262]). So ist denn auch den Bildungsberichten
der B._ zu entnehmen, dass hinsichtlich der äusseren Erscheinung
des Beschwereführers Entwicklungspotenzial bestünde bzw. er in diesem
Bereich Rückschritte gemacht habe (vgl. IV-act. 244 S. 2 und IV-act. 269
S. 3). Ob aber der Beschwerdeführer hinsichtlich des Kleidungswechsels
genauso wie bei der Wahl einer witterungsentsprechenden Kleidung
derart regelmässig und in erheblicher Weise auf wesentliche
Unterstützung Dritter angewiesen ist (vgl. hierzu Urteil des Bundesgerichts
9C_381/2020 vom 15. Februar 2021 E.5.3.1), so dass die
dementsprechend notwendigen Vorkehren über das Ausmass einer
- 24 -
blossen lebenspraktischen Begleitung hinausgehen und bei der
alltäglichen Lebensverrichtung "An-/Auskleiden" zu berücksichtigen sind,
kann letztlich mangels entsprechender Abklärungen bei der Schwester
des Beschwerdeführers und dessen Eltern aufgrund der Akten nicht
abschliessend beurteilt werden. Jedenfalls vermag der Hinweis im
Abklärungsbericht vom 11. November 2020, wonach der
Beschwerdeführer gelegentlich zum Kleiderwechsel aufgefordert werden
müsse (vgl. IV-act. 257 S. 8), angesichts der vorerwähnten belastenden
Entwicklungen, welche von der Abklärungsperson unberücksichtigt
blieben, nicht zu überzeugen. Die Angelegenheit ist somit auch in diesem
Punkt zu weiteren Abklärungen an die IV-Stelle zurückzuweisen.
7. Zu prüfen ist schliesslich, ob der Beschwerdeführer dauernd auf
lebenspraktische Begleitung angewiesen ist.
7.1. Bei der lebenspraktischen Begleitung handelt es sich – wie bereits
dargelegt – um ein zusätzliches und eigenständiges Institut der Hilfe für
Personen, die ausserhalb eines Heimes leben. Ziel der lebenspraktischen
Begleitung ist es, den Eintritt der versicherten Person in ein Heim nach
Möglichkeit hinauszuschieben oder zu verhindern (BGE 146 V 322 E.6.2).
Lebenspraktische Begleitung besteht mit anderen Worten nur dann, wenn
eine Person unter Berücksichtigung der Mitwirkungs- und
Schadenminderungspflicht nicht fähig ist, ihre Grundversorgung
sicherzustellen, mithin ein Heimeintritt zwingendermassen die Folge wäre
(vgl. Rz. 8040 und 8050.3 KSIH). Wie bereits erwähnt, gilt die
lebenspraktische Begleitung als regelmässig im Sinne von Art. 38 Abs. 3
Satz 1 IVV, wenn sie über eine Periode von drei Monaten gerechnet im
Durchschnitt mindestens zwei Stunden pro Woche benötigt wird (BGE 146
V 322 E.6.1, 133 V 450 E.6.2).
- 25 -
7.2.1. Im Abklärungsbericht Hilflosenentschädigung vom 11. November 2020
wurde beim Bedarf des Beschwerdeführers an lebenspraktischer
Begleitung insgesamt ein Zeitaufwand von 40 Minuten pro Woche
festgehalten (vgl. IV-act. 257 S. 7 ff.). Diese Zeitangabe erscheint in
Anbetracht der krankheitsbedingten Einschränkungen des
Beschwerdeführers gesamtheitlich betrachtet bisweilen rigide, wobei eine
solche für gewisse Bereiche sogar gänzlich fehlt. So benötigt der
Beschwerdeführer aufgrund seiner Autismus-Spektrum-Störung
nachweislich ein hohes Mass an Strukturierung im Alltag. Bereits Dr. med.
J._, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin, führte mit Berichten
vom 12./29. Juni 2006 aus, typisch sei, dass solche Kinder trotz guter bzw.
hoher Intelligenz im Alltag grosse Mühe bekunden, weil sie oft verträumt
seien resp. Aufträge vergessen und ganz klar strukturierte Tagesabläufe
benötigten (vgl. IV-act. 26 S. 4 und IV-act. 147 S. 4). Dies bestätigte sich
im Falle des Beschwerdeführers anlässlich der neuropsychologischen
Abklärung im Oktober 2006, aufgrund welcher lic. phil. K._,
Fachpsychologe für Neuropsychologie, auch für den Alltag einen hohen
Grad an räumlicher, zeitlicher und aufgabenmässiger Strukturierung
empfahl (vgl. neuropsychologischer Untersuchungsbericht vom
17. Oktober 2006 [IV-act. 40 S. 4 ff.]). Auch in der Folge bestätigte sich,
dass der Beschwerdeführer mit einfachen alltäglichen Verrichtungen bzw.
der Handlungsplanung Mühe hat und dabei auf Hilfe angewiesen ist (vgl.
Beiblätter zum Arztbericht von Dr. med. H._ vom 23. Juli 2012 [IV-
act. 137 S. 3] und vom 22. September 2007 [IV-act. 74 S. 3], Antrag des
schulpsychologischen Dienstes auf Verlängerung der Sonderbeschulung
vom 24. August 2007 [IV-act. 65]). Als eindrücklich erweist sich namentlich
der Aufwand der Mutter, welcher zur Etablierung eines Coachings mit
einem Netzwerk von Ansprech- und Helferpersonen sowie klaren Abläufen
und Strukturen betrieben wurde, damit der Beschwerdeführer seinem
Studium an der ETH Zürich nachgehen konnte (vgl. IV-act. 195, 201, 203,
- 26 -
205, 207). Zwar ist – wie im Abklärungsbericht Hilflosenentschädigung
vom 11. November 2020 ausgeführt – davon auszugehen, dass das
Einhalten von routinierten Abläufen bei der Bewältigung des normalen
Alltags Abhilfe verschafft (vgl. IV-act. 257 S. 7 f.). Aber auch diese
bedürfen bisweilen der Anpassung und Neustrukturierung durch Dritte,
was sich gerade anlässlich der im Zeitraum der Abklärung vor Ort im
November 2020 aufgetretenen psychischen Dekompensation des
Beschwerdeführers aufgrund seiner Ausbildungssituation (Teilnahme an
einem überbetrieblichen Kurs, angespanntes Verhältnis zum Ausbildner,
Doppelbelastung durch Lehre und Fernstudium) gezeigt hat (vgl. dazu die
Ausführungen in vorstehender Erwägung 6.2.2 sowie IV-act. 255 S. 1
[Reduktion der im Fernstudium zu absolvierenden ECTS-Punkte pro
Semester]). Insofern hätte es im Rahmen der Bedarfsabklärung an
lebenspraktischer Begleitung bei der Hilfe bei der Tagesstrukturierung
neben dem Hinweis auf die routinierten Abläufe einer vertieften Abklärung
der tatsächlich geleisteten Strukturierungshilfe unter Einbezug der durch
die Schwester unter der Woche geleisteten bedurft.
7.2.2. Dasselbe gilt mit Blick auf die Unterstützung bei der Bewältigung von
Alltagssituationen. Neben dem bereits oben Ausgeführten zur alltäglichen
Lebensverrichtung "Körperpflege" geht aus den Akten insbesondere
hervor, dass die Kostengutsprache der IV-Stelle für die erstmalige
berufliche Ausbildung bei der B._ GmbH ohne Vergütung des
Mittagessens erfolgte (vgl. IV-act. 250), da der Beschwerdeführer zwar in
der Ausbildungsstätte esse, aufgrund seiner krankheitsbedingten
Einschränkung auf gewisse Speisen (Teigwaren ohne Sauce) das Essen
aber meist selber mitbringe (vgl. IV-act. 222). In Übereinstimmung mit dem
Abklärungsbericht Hilflosenentschädigung vom 11. November 2020,
wonach der Beschwerdeführer selbstständig Cervelats und Salzsachen im
Laden kaufen könne (vgl. IV-act. 257 S. 8), führten die Eltern im Einwand
- 27 -
vom 19. Dezember 2020 aus, der Beschwerdeführer würde sich selber
überlassen nur genau dies essen. Gemüse esse er – wie viele Autisten –
sowieso nicht, von Früchten nur Bananen und Äpfel, welche jeweils von
Dritten gerüstet werden müssen, wobei darauf zu achten sei, dass die
Schnitze keine andere Frucht berührten, ansonsten sie nicht von ihm
verzehrt würden. Es brauche eine ständige Anstrengung von aussen,
damit er sich beim Essen nicht auf die vertrauten Speisen (Cervelats und
Party-Gebäck) zurückziehe (vgl. IV-act. 259 S. 2). Aufgrund dieser –
nachweislich der Akten (vgl. auch IV-act. 271) – plausiblen Ausführungen
zum Essverhalten des Beschwerdeführers liegt es nahe, dass er beim
Thema (ausgewogene[re]) Ernährung auf Unterstützung angewiesen ist.
Entsprechende Erhebungen zur Bewältigung von Alltagssituationen bzw.
zur Vor- und Zubereitung von Mahlzeiten, insbesondere auch bei der
Schwester, mit der er unter der Woche zusammenwohnt, fehlen indes im
Abklärungsbericht Hilflosenentschädigung vom 11. November 2020 (vgl.
IV-act. 257 S. 8).
7.2.3. Bei der Haushaltsführung wurde im Abklärungsbericht
Hilflosenentschädigung vom 11. November 2020 kein Zeitaufwand für
Hilfestellungen Dritter veranschlagt (vgl. IV-act. 257 S. 8). Soweit die
weitgehend fehlende Mitwirkung des Beschwerdeführers im Haushalt –
wie im Abklärungsbericht angedeutet – auf einen freiwilligen Verzicht der
Familie, ihn aufgrund seiner Ausbildungen einzubinden, zurückgeführt
wird, vermag dies nicht restlos zu überzeugen. Abgesehen von seiner
nachweislichen, autismusspezifischen Einengung auf Spezialinteressen
(Mathematik, Informatik, PC-Spiele und Fernsehserien [vgl. etwa IV-
act. 257 S. 2 und 9, IV-act. 259 S. 3, IV-act. 201 S. 1 f., IV-act. 212 S. 7
und 11]), deutet auch der im Abklärungsbericht beschriebene Umstand,
dass der Beschwerdeführer das Aufräumen und Staubsaugen seines
Zimmers in G._ nur einmal alle zwei, drei Monate für notwendig hält
- 28 -
(vgl. IV-act. 257 S. 8), auf eine gesundheitsbedingte Einschränkung in der
Haushaltsführung hin (vgl. für das Kochen auch IV-act. 271). Diese
Veranlagung ist denn auch geeignet, dass der Beschwerdeführer innert
relativ kurzer Zeit ohne Hilfestellung Dritter verwahrlosen bzw. in ein Heim
eingewiesen werden müsste (vgl. dazu auch Arztbericht von dipl. med.
D._ vom 6. August 2021 [Bf-act. 3]). Zwar ist der IV-Stelle darin
beizupflichten, dass der Mitwirkungs- und Schadenminderungspflicht im
Bereich der Haushaltsführung grosses Gewicht zukommt und von
Angehörigen im gleichen Haushalt eine Hilfe verlangt werden kann,
welche über das Mass hinausgeht, das im Gesundheitsfalle üblicherweise
erwartet werden kann (vgl. BGE 141 V 642 E.4.3.2; Rz. 8050.3 KSIH).
Angesichts der im Haushalt anfallenden Arbeiten, der Vorbereitung von
Mahlzeiten und der Erledigung von Einkäufen (vgl. dazu auch
nachfolgend) erscheint es fraglich, ob bzw. wie viel einer solchen Mithilfe
insbesondere der Schwester, welche selber einem Studium nachgeht,
noch zugemutet werden kann, so dass keine untragbare
Belastungssituation entstünde. Derartige Abklärungen und entsprechende
Zeitaufwanderfassungen fehlen im Abklärungsbericht
Hilflosenentschädigung vom 11. November 2020.
7.2.4. Für das Einkaufen wurde anlässlich der Abklärung vor Ort ein Zeitaufwand
von fünf Minuten pro Woche ausgewiesen (vgl. IV-act. 257 S. 8). Dies
erscheint sehr knapp bemessen, denn abgesehen vom Vorerwähnten wird
ausweislich des Abklärungsberichts Hilflosenentschädigung vom
11. November 2020 geübt, dass der Beschwerdeführer neben Cervelats
und Party-Gebäck weitere Lebensmittel selbstständig einkaufen kann (vgl.
IV-act. 257 S. 8), was mutmasslich bereits wegen des Motivierens, des
Erstellens einer Einkaufsliste sowie einer allfälligen (anfänglichen)
Begleitung mehr Aufwand als die veranschlagten fünf Minuten pro Woche
generiert. Da sich der Beschwerdeführer gemäss Abklärungsbericht
- 29 -
zudem am liebsten in seinem Zimmer aufhält und sich alleine beschäftigt
(vgl. IV-act. 257 S. 9), erscheint es durchaus plausibel, dass er für
ausserhäusliche Verrichtungen, wie Freizeitaktivitäten, Ferien etc.,
besonders motiviert werden muss (vgl. Einwand vom 19. Dezember 2020
[IV-act. 259 S. 3]). Schliesslich wird im Abklärungsbericht
Hilflosenentschädigung vom 11. November 2020 anerkannt, dass der
Beschwerdeführer zu Arztterminen von seinen Eltern begleitet werden
muss, da er sich alleine nicht zurecht finde an einem für ihn unbekannten
Ort mit fremden Menschen. Da er jedoch seit Jahren nicht mehr zum Arzt
müsse, wurde kein Zeitaufwand für Kontakte mit Medizinpersonen
festgehalten (vgl. IV-act. 257 S. 9). Dabei wird indes ausser Acht
gelassen, dass bereits im Zeitraum der Abklärung vor Ort im November
2020 wegen der sich aufgrund der Ausbildungssituation verschlechterten
psychischen Verfassung des Beschwerdeführers (vgl. hierzu
insbesondere vorstehende Erwägung 6.2.2) eine psychiatrische
Behandlung indiziert war (vgl. dazu Verlaufsprotokoll Berufsberatung,
Einträge vom 20. November 2020, 30. November 2020, 4. Dezember
2020 und 18. Dezember 2020 [separate Bg-Beilage]), welche dann auch
bei dipl. med. D._ im Januar 2021 aufgenommen wurde (vgl.
Arztbericht vom 6. August 2021 [Bf-act. 3]).
7.3. Insgesamt hat die IV-Stelle demnach anhand einer funktional
gesamtheitlichen Betrachtungsweise die Notwendigkeit einer
lebenspraktischen Begleitung erneut abzuklären und dabei zu prüfen, ob
deren Voraussetzungen hinsichtlich Regelmässigkeit, Intensität und
Dauer erfüllt sind.
8. In Gesamtwürdigung der Umstände des konkreten Einzelfalls ist die IV-
Stelle ihrer Abklärungspflicht nach Art. 43 Abs. 1 ATSG somit nur
ungenügend nachgekommen. Die Beschwerde ist aus diesem Grund im
Eventualstandpunkt gutzuheissen, die Verfügung vom 28. April 2021
- 30 -
aufzuheben und die Angelegenheit zu weiteren Abklärungen im Sinne der
Erwägungen und zu neuem Entscheid an die IV-Stelle zurückzuweisen.
9.1.1. Gemäss Art. 69 Abs. 1bis IVG i.V.m. Art. 61 lit. fbis ATSG ist das
Beschwerdeverfahren bei Streitigkeiten über Leistungen aus der
Invalidenversicherung vor dem kantonalen Versicherungsgericht
kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem Verfahrensaufwand und
unabhängig vom Streitwert im Rahmen von CHF 200.-- bis CHF 1'000.--
festgelegt. Bei Fällen wie dem vorliegenden, in denen ein
durchschnittlicher Aufwand entstanden ist, setzt das Gericht die Kosten in
Berücksichtigung des bundesrechtlichen Kostenrahmens auf CHF 700.--
fest.
9.1.2. Die Rückweisung zu weiteren Abklärungen gilt praxisgemäss als
vollständiges Obsiegen der beschwerdeführenden Partei bezüglich der
Verteilung der Gerichtskosten und der Zusprache einer
Parteientschädigung (vgl. BGE 141 V 281 E.11.1, 137 V 210 E.7.1, 132 V
215 E.6.2). Infolge des Ausgangs des Beschwerdeverfahrens sind die
Gerichtskosten von CHF 700.-- demnach der IV-Stelle zu überbinden (vgl.
Art. 73 Abs. 1 VRG).
9.2. Der Beschwerdeführer hat gestützt auf Art. 61 lit. g ATSG Anspruch auf
Ersatz der Parteikosten zu Lasten der IV-Stelle. Die Bemessung der
Entschädigung erfolgt ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der
Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses,
wobei der zeitliche Aufwand der Rechtsvertretung regelmässig durch die
Schwierigkeit des Prozesses mitbestimmt wird. Im Übrigen wird die
Bemessung der Parteientschädigung gemäss Art. 61 Ingress ATSG nach
dem kantonalen Recht bestimmt (vgl. Urteile des Bundesgerichts
9C_714/2018 vom 18. Dezember 2018 E.9.2, 9C_321/2018 vom
16. Oktober 2018 E.6.1, 9C_688/2009 vom 19. November 2009 E.3.1.1
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f.). Gemäss Art. 78 VRG i.V.m. Art. 2 der Verordnung über die Bemessung
des Honorars der Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte
(Honorarverordnung, HV; BR 310.250) wird die Parteientschädigung nach
Ermessen des Gerichts festgesetzt, wobei es grundsätzlich von dem in der
Honorarnote geltend gemachten (und als angemessen zu betrachtenden)
Aufwand sowie (üblichen) Stundenansatz ausgeht. Die Rechtsvertreterin
macht in ihrer Honorarnote vom 7. September 2021 ein Honorar von
CHF 3'248.-- geltend (18.3 Stunden à CHF 160.-- zzgl. 3 %
Spesenpauschale und 7.7 % MWST). Dies erscheint angemessen und
berücksichtigt den praxisgemäss geltenden, reduzierten Stundenansatz
für Hilfsorganisationen, zu denen auch die Procap Schweiz zu zählen ist
(PVG 2010 Nr. 31 und Nr. 32).
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