Decision ID: 9773c845-55a1-514d-b75f-4526685d0242
Year: 2013
Language: de
Court: SG_VWEK
Chamber: SG_VWEK_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.- A besitzt den Führerausweis der Kategorie B seit 1984. Im
Administrativmassnahmen-Register ist er nicht verzeichnet.
B.- Am 28. Januar 2013 äusserte der Erste Staatsanwalt des Kantons St. Gallen
gegenüber dem Strassenverkehrsamt Zweifel an der Fahreignung von A, nachdem
dessen Rechtsvertreter im Rahmen eines Berufungsverfahrens vorgebracht hatte, bei A
handle es sich um einen gebrechlichen und kranken Mann, der gesundheitlich schwer
angeschlagen und insbesondere in der Beweglichkeit seiner Arme stark eingeschränkt
war bzw. sei. Das daraufhin beauftragte Institut für Rechtsmedizin des Kantonsspitals
St. Gallen kam im Aktengutachten vom 6. Februar 2013 zum Schluss, aufgrund der
umfangreichen Krankengeschichte könne die Beurteilung der Fahreignung nur im
Rahmen einer verkehrsmedizinischen Untersuchung erfolgen.
C.- Am 11. Februar 2013 sandte das Strassenverkehrsamt A das Aktengutachten zu
und stellte die Abklärung der Fahreignung in Aussicht. Nachdem sein Rechtsvertreter
dazu Stellung genommen hatte, wurde er mit Zwischenverfügung vom 6. März 2013 zu
einer verkehrsmedizinischen Untersuchung aufgeboten. Dagegen erhob A durch seinen
Rechtsvertreter mit Eingabe vom 22. März 2013 Rekurs bei der
Verwaltungsrekurskommission mit dem Antrag, unter Kosten- und
Entschädigungsfolgen sei die angefochtene Zwischenverfügung aufzuheben und die
Vorinstanz anzuweisen, von weiteren Massnahmen abzusehen. Zudem stellte er
Eventualanträge (Wiederholung der Aktenbeurteilung, vertrauensärztliche
Untersuchung, auf körperliche Aspekte beschränkte verkehrsmedizinische
Untersuchung). Am 23. April 2013 beantragte die Vorinstanz die Abweisung des
Rekurses.
Auf die Ausführungen der Verfahrensbeteiligten zur Begründung ihrer Anträge wird,
soweit erforderlich, in den Erwägungen eingegangen.

Erwägungen:
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1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die
Verwaltungsrekurskommission ist zum Sachentscheid zuständig. Die Befugnis zur
Rekurserhebung ist gegeben. Der Rekurs vom 22. März 2013 ist rechtzeitig eingereicht
worden und erfüllt in formeller und inhaltlicher Hinsicht die gesetzlichen Anforderungen
(Art. 41 lit. g , 45, 47 und 48 des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege,
sGS 951.1, abgekürzt: VRP). Auf den Rekurs ist einzutreten.
2.- Der Rekurrent erachtet die Anordnung einer verkehrsmedizinischen Untersuchung
zur Abklärung der Fahreignung als unzulässig.
a) Eine Grundvoraussetzung für die Erteilung des Führerausweises ist die Fahreignung.
Dieser Begriff umschreibt die körperlichen und geistigen Voraussetzungen, um ein
Fahrzeug im Strassenverkehr sicher lenken zu können. Die Fahreignung muss
grundsätzlich dauernd vorliegen (BGE 133 II 384 E. 3.1). Nach Art. 14 Abs. 2 lit. b SVG
verfügt über Fahreignung, wer die erforderliche körperliche und psychische
Leistungsfähigkeit zum sicheren Führen von Motorfahrzeugen hat. Der Führerausweis
ist zu entziehen, wenn festgestellt wird, dass die gesetzlichen Voraussetzungen zur
Erteilung nicht oder nicht mehr bestehen (Art. 16 Abs. 1 SVG). Wegen fehlender
Fahreignung wird einer Person der Führerausweis auf unbestimmte Zeit entzogen,
wenn ihre körperliche und geistige Leistungsfähigkeit nicht oder nicht mehr ausreicht,
ein Motorfahrzeug sicher zu führen (Art. 16d Abs. 1 lit. a SVG). Nach Art. 7 Abs. 1 der
Verkehrszulassungsverordnung (SR 741.51, abgekürzt: VZV) müssen die medizinischen
Mindestanforderungen nach Anhang 1 der VZV (Nervensystem, Sehschärfe und
Gesichtsfeld, Gehör, Brustkorb und Wirbelsäule, Atmungsorgane, Herz und Gefässe,
Bauch- und Stoffwechselorgane sowie Gliedmassen) erfüllt sein. Insbesondere dürfen
keine Missbildungen vorhanden sein, welche die Atmung und Beweglichkeit erheblich
beeinträchtigen, und die Gliedmassen dürfen keine schweren Verstümmelungen,
Versteifungen oder Lähmungen, die nicht durch Einrichtungen genügend korrigiert
werden können, aufweisen.
Bestehen Zweifel an der Fahreignung einer Person, so wird diese einer
Fahreignungsuntersuchung unterzogen (Art. 15d Abs. 1 SVG). Gemäss
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Rechtsprechung zum alten, bis 31. Dezember 2012 geltenden Recht setzte die blosse
Anordnung einer verkehrsmedizinischen Abklärung der Fahreignung (im Hinblick auf
die Prüfung eines allfälligen Sicherungsentzuges) konkrete Anhaltspunkte dafür voraus,
dass der fragliche Inhaber des Führerausweises mehr als jede andere Person der
Gefahr ausgesetzt war, sich in einem Zustand ans Steuer eines Fahrzeuges zu setzen,
der das sichere Führen nicht mehr gewährleistet (vgl. BGE 127 II 122 E. 3c; 124 II 559
E. 3d, je mit Hinweisen). Es spricht nichts dagegen, diese Praxis auch auf das neue
Recht anzuwenden.
b) Der Rekurrent machte in einem Strafverfahren vor dem Kantonsgericht St. Gallen
geltend, die ihm angelastete Tat nur schon aus gesundheitlichen Gründen nicht
begangen haben zu können. Er sei ein gebrechlicher und kranker Mann: Seit 1999 sei
er wegen eines Autounfalls zu 100 % IV-Rentner, 2004 sei bei ihm die seltene
Autoimmunerkrankung "Morbus Wegener" diagnostiziert worden, im Jahr 2007 sei er
an Prostatakrebs erkrankt, 2008 sei die Lunge angegriffen worden, 2009 habe er
zweimal am rechten Fuss einen Sehnenriss erlitten, 2010 sei Osteoporose
diagnostiziert worden und anfangs 2011 sei er wegen einer Nierentransplantation
operiert worden. Er sei gesundheitlich schwer angeschlagen; insbesondere sei er in der
Beweglichkeit seiner Arme stark eingeschränkt (act. 11/18). Aus einem Arztzeugnis von
Dr. C vom 15. November 2012 geht weiter hervor, dass die Beweglichkeit lumbal (d.h.
im Bereich der Lendenwirbelsäule) allseits mittelgradig und schmerzhaft eingeschränkt
sei. Ausserdem wurde eine beidseitig mittelgradig eingeschränkte Rotation sowohl
thorakal (zum Brustkorb gehörig) als auch cervikal (den Nacken betreffend) festgestellt
(vgl. act. 11/19). Am 11. Dezember 2012 bestätigte sodann Dr.med. D vom
Departement Innere Medizin des Kantonsspitals St. Gallen, Abteilung Nephrologie/
Transplantationsmedizin, dass aus ärztlicher Sicht zum aktuellen Zeitpunkt die
Fahreignung des Rekurrenten gegeben sei (act. 11/8).
c) Angaben eines Fahrzeuglenkers in einem Strafverfahren zum eigenen
Gesundheitszustand können durchaus geeignet sein, Zweifel an der Fahreignung zu
begründen; insofern ist auch nicht zu beanstanden, wenn die Staatsanwaltschaft dem
Strassenverkehrsamt eine entsprechende Mitteilung macht. Falls ein Fahrzeuglenker
seinen Gesundheitszustand in einem Strafverfahren negativ darstellt, nimmt er folglich
in Kauf, dass ein Führerausweisentzug abgeklärt wird. Hinzu kommt ein Auszug aus
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der Krankengeschichte von Dr. C vom 15. November 2012, wonach die Beweglichkeit
des Rekurrenten massiv verringert erscheine. Insbesondere wird eine mittelgradige und
im Nackenbereich auch schmerzhafte Einschränkung der Rotation des Oberkörpers
bestätigt. Gerade aber diese Bewegungen sind beim Führen eines Motorfahrzeuges
unerlässlich, da der Fahrzeugführer seinen Körper beim Rückwärtsfahren ungehindert
drehen können muss. Auch das Blickfeld ist durch eine eingeschränkte Rotation des
Nackens stark begrenzt, indem beim Abbiegen oder Überholen der Blick zur Seite
entfällt und dadurch die Gefahr erhöht wird, dass ein Gegenstand oder sogar ein
anderer Verkehrsteilnehmer im toten Winkel übersehen wird. Es bestehen damit
berechtigte Zweifel an der Fahreignung des Rekurrenten.
An dieser Beurteilung ändert das ärztliche Zeugnis von Dr.med. D nichts. Einerseits
handelt es sich um eine Ärztin der Inneren Medizin und nicht um eine solche der
Verkehrsmedizin. Andererseits ist aus ihrer Bestätigung nicht ersichtlich, auf welche
Grundlagen sie ihre Beurteilung stützt und ob sie lediglich die Fahreignung in Bezug
auf die Nierentransplantation – ihrem Fachgebiet – bejaht, was jedoch nur einen
Teilaspekt erfassen würde.
d) Der Rekurrent beantragt für den Fall der Bejahung berechtigter Zweifel an der
Fahreignung, die Aktenbeurteilung zu wiederholen. Zur Begründung führt er an, es sei
ihm vorab Frist zur Einholung eines Berichts bei der behandelnden Ärztin anzusetzen
(act. 1 Ziff. 9). Er bezieht sich dabei auf einen Aufsatz, wonach in sogenannten
Grenzfällen die Einholung eines Aktengutachtens nützlich sein könne (vgl. M. Haag-
Dawoud, Fahreignungsbegutachtung, in: Jahrbuch zum Strassenverkehrsrecht 2009,
St. Gallen 2009, S. 37). Vorliegend wurde bereits ein Aktengutachten eingeholt. Der
Gutachter kam dabei zum Schluss, aufgrund der umfangreichen Krankengeschichte
des Rekurrenten könne die Fahreignung nur im Rahmen einer verkehrsmedizinischen
Untersuchung beurteilt werden (act. 11/28). Ein Bericht der behandelnden Ärztin ändert
daran nichts. Die Leidens- und Krankengeschichte des Rekurrenten zeigt auf, dass
eine umfangreiche Abklärung der Fahreignung nötig ist und nicht alleine aufgrund der
Akten entschieden werden kann. Zudem handelt es sich beim von Munira Haag-
Dawoud aufgezeigten Vorgehen (a.a.O., S. 37) lediglich um eine Empfehlung und nicht
um eine Richtlinie, an welche die Vorinstanz gebunden ist. Der Eventualantrag auf
Wiederholung des Aktengutachtens ist daher abzuweisen.
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e) Weiter wird eine vertrauensärztliche Untersuchung beantragt, weil eine
verkehrsmedizinische Untersuchung unverhältnismässig und nicht zweckmässig sei,
zumal der Rekurrent im Rahmen des Administrativmassnahmeverfahrens noch nie bei
einem Mediziner persönlich vorstellig habe werden können. Bei einer
vertrauensärztlichen Untersuchung könne sich der Arzt ein persönliches Bild des
Rekurrenten und seiner Krankengeschichte machen und nötigenfalls bei der
behandelnden Ärztin rückfragen (act. 1 Ziff. 10). Der Rekurrent verkennt mit dieser
Argumentation, dass auch bei einer verkehrsmedizinischen Untersuchung eine
persönliche Befragung durch einen Arzt erfolgt und Letzterer bei den behandelnden
Ärzten um für die Fahreignungsbeurteilung relevante Angaben nachfragen kann, sofern
der Rekurrent hierzu einwilligt (vgl. zum Ganzen I. Thiele, Das verkehrsmedizinische
Gutachten, in: Handbuch der verkehrsmedizinischen Begutachtung, Bern 2005, S. 97
ff.). Der Eventualantrag auf Durchführung einer vertrauensärztlichen Untersuchung ist
daher ebenfalls abzuweisen.
f) Schliesslich beantragt der Rekurrent, die verkehrsmedizinische Untersuchung sei
strikt auf körperliche Aspekte zu beschränken, da keine Anhaltspunkte vorlägen, die
eine Untersuchung in psychischer Hinsicht rechtfertige (act. 1 Ziff. 11). Die
Formulierung der Vorinstanz im Gutachtensauftrag unter lit. a) entspricht im
Wesentlichen dem Wortlaut von Art. 14 Abs. 2 lit. b SVG, wonach über Fahreignung
verfügt, wer die erforderliche körperliche und psychische Leistungsfähigkeit zum
sicheren Führen von Motorfahrzeugen hat. Der Gutachtensauftrag ist klar auf die
verkehrsmedizinische Untersuchung beschränkt. Letztere umfasst jedoch körperliche
und psychische Gebrechen, weshalb auch dieser Antrag abzuweisen ist. Insbesondere
muss die Verkehrsmedizin einem psychischen Leiden im Rahmen der
Fahreignungsabklärung nachgehen, wenn es dafür konkrete Hinweise gibt; ob dies
beim Rekurrenten zutrifft, kann aufgrund der Aktenlage nicht gesagt werden.
3.- Zusammenfassend ergibt sich, dass der Rekurs abzuweisen ist. Dem
Verfahrensausgang entsprechend sind die amtlichen Kosten dem Rekurrenten
aufzuerlegen (Art. 95 Abs. 1 VRP). Eine Entscheidgebühr von Fr. 1'200.-- erscheint
angemessen (vgl. Art. 7 Ziff. 122 der Gerichtskostenverordnung, sGS 941.12). Der
Kostenvorschuss von Fr. 1'200.-- ist zu verrechnen.
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