Decision ID: 5e55ea74-ffb2-561f-8379-d6b1eaa1be38
Year: 2016
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
1.1
X._
, geboren 19
7
2, war seit dem
1.
Januar 2014
im Bereich Administration und
Reservation
bei der
Y._
ange
stellt (vgl.
Arbeitsvertrag,
Urk.
6/
3
). Am
6.
August 2014
beantragte
er
bei der
Ar
beitslosenkasse
des Kantons Zürich (nachfolgend: Arbeitslosenkasse) die Aus
richtung von Insolven
zentschädigung für ausstehende
L
öhne
, 1
3.
Monats
lohn und Ferienguthaben
für die
Monate März bis Juli 2014
(
Urk.
6/
2
).
Die Arbeits
losenkasse teilte dem Versicherten mit Schreiben vom 1
1.
August 2014 mit, dass kein entschädigungsberechtigtes Ereignis vorliege (
Urk.
6/6).
1.2
Am 2
9.
Oktober 2014 wurde über die
Y._
der Konkurs eröffnet (vgl.
Urk.
6/
21
).
Mit Eingabe vom 1
1.
November 2014 ergänzte der Versicherte sein Gesuch und beantragte eine Insolvenzentschädigung für die Zeit von März bis September 2014 im Gesamtbetrag von
Fr.
67‘083.-- (
Urk.
6/20).
In der Folge verneinte
die Arbeitslosenkasse
mit Verfügung vom
8.
Dezember 2014
einen Anspruch de
s
Versicherten auf Insolvenzentschädigung mit der Begründung,
er
sei
sein
er Schadenminderungspflicht nicht in genügender Weise nachgekommen (U
rk.
6/
24
). D
agegen erhob der Versicherte
am 2
6.
Januar 201
5
Einsprache (Urk.
6/
28
)
. Mit Schreiben vom
1
0.
März 2015 hielt
die Arbeitslosenkasse
fest, dass für Personen in arbeitgeberähnlicher Stellung kein Anspruch auf Insolven
zentschädigung bestehe, und verlangte weitere Auskünfte (
Urk.
6/
32). Dazu nahm der Versicherte am 3
0.
März 2015 Stellung (Beilage zu
Urk.
6/34
). M
it
E
ntscheid vom
8.
April 2015
wies die Arbeitslosenkasse die Einsprache ab
(
Urk.
6/
35
=
Urk.
2)
.
2.
Gegen den
Einspracheentscheid
vom
8.
April 2015 (
Urk.
2) erhob d
er
Versi
cherte am
7.
Mai 2015
Beschwerde und beantragte, dies
er sei aufzuheben und es sei ihm
Insolvenzentschädigung auszurichten (
Urk.
1). Mit
Beschwerdeant
wort
vom
2
2.
Mai 2015
schloss die Arbeitslosenkasse auf Abweisung der Be
schwerde (
Urk.
5), was de
m
Versicherten am 2
7.
Mai 2015
zur Kenntnis ge
bracht wurde (
Urk.
8).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Gemäss Art. 51 Abs. 1
des Bundesgesetzes über die obligatorische Arbeitslosen
versicherung und die Insolvenzentschädigung (AVIG)
haben beitragspflichtige Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer von Arbeitgebern, die in der Schweiz der Zwangsvollstreckung unterliegen oder in der Schweiz Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer beschäftigen, Anspruch auf Insolvenzentschädigung, wenn:
a)
gegen ihren Arbeitgeber der Konkurs eröffnet wird und ihnen in diesem Zeitpunkt Lohnforderungen zustehen oder
b)
der Konkurs nur deswegen nicht eröffnet wird, weil sich infolge offensicht
licher Überschuldung des Arbeitgebers kein Gläubiger
bereit findet
, die Kosten vorzuschiessen, oder
c)
sie gegen ihren Arbeitgeber für Lohnforderungen das Pfändungsbegehren gestellt haben
oder bei Bewilligung der Nachlassstundung oder richterlichem Konkursaufschub (
Art.
58 AVIG).
Die Aufzählung der Insolvenztatbestände in
Art.
51
Abs.
1 und
Art.
58 AVIG ist abschliessend (BGE 131 V 196).
1.2
Keinen Anspruch auf Insolvenzentschädigung haben Personen, die in ihrer Eigen
schaft als Gesellschafter, als finanziell am Betrieb Beteiligte oder als Mit
glieder eines obersten betrieblichen Entscheidungsgremiums die Entscheidungen des Arbeitgebers bestimmen oder massgeblich beeinflussen können, sowie ihre mitarbeitenden Ehegatten (Art. 51
Abs.
2 AVIG; BGE 126 V 134; vgl. auch Urteil des Bundesgerichts 8C_196/2011 vom
1.
Juni 2011).
Entscheidend ist, dass die Möglichkeit zur massgeblichen Einflussnahme während des
Leistungszeit
raums
bestand (Nussbaumer, Arbeitslosenversicherung, in: Schweizerisches Bun
desverwaltungsrecht, SBVR, Soziale Sicherheit,
2.
Auflage 2007, S. 2316
Rz
463
).
2.
2.1
Strittig und zu prüfen ist der Anspruch de
s
Be
schwerdeführers
auf
Insol
venz
ent
schädigung
für den Zeitraum vom
1.
März bis 3
0.
September 201
4
.
2.2
Die Beschwerdegegnerin
hielt
im angefochtenen Entscheid (
Urk.
2)
fest
,
es sei augenscheinlich, dass der
Beschwerdeführer
bei der Arbeitgeberin faktisch die Geschäfte geführt und sich für diese materiell als Organ betätigt habe.
Überdies dürfte er diese Funktionen auch für die
Z._
und die
A._
ausüben, welche
aufgrund der Identität der für diese han
delnden natürlichen Personen mit der Arbeitgeberin ein Konglomerat bildeten. Damit sei der Beschwerdeführer – als in arbeitgeberähnlicher Stellung befind
lich – nicht insolvenzentschädigungsberechtigt (S. 3 unten).
2.3
Der Beschwerdeführer machte in der Beschwerde (
Urk.
1) geltend,
die
Beschwer
degegnerin
habe sich ihre Begründung einfach gemacht. Zuerst habe sie be
hauptet, er hätte zu wenig zur Schadensminderung beigetragen, und als er dargelegt habe, wie er sich für die Arbeitgeberin eingesetzt habe, sei ihm eine ge
schäftsführende Tätigkeit unterstellt worden (S.
2 Mitte). Dies entspreche nicht der Wahrheit und sei reine Behauptung und Spekulation der
Beschwerde
gegne
rin
.
Er habe keine im Handelsregister eingetragene Funktion inne gehabt, keine Entscheidungsbefugnisse, keine Unterschriftsberechtigung und habe den
Ge
schäftsverlauf
in keiner Art und Weise beein
flussen können (S.
2 oben). Des Weiteren betreffe die Beurteilung der Insolvenzentschädigung den Zeitraum Februar bis August 2014, weshalb nicht relevant sei, welcher Tätigkeit er nach dem Anstellungsverhältnis nachgehe respektive welche Interessen er seitdem vertrete (S. 2 Mitte).
3.
3.
1
Wie dargelegt (E.
1.2), kann d
ie arbeitgeberähnliche Stellung auf drei Gründen beruhen: Auf der Eigenschaft als Gesellschafter, auf einer finanziellen Beteili
gung am Betrieb oder auf der Teilhabe an der Betriebsleitung.
Unter den Begriff der Mitglieder eines obersten betrieblichen
Entscheidgremiums
fallen nicht nur die formellen Organe eines Arbeitgeberbetriebes, sondern auch hier ist darunter der materielle Organbegriff zu verstehen (Nussbaumer,
a.a.O.,
S. 2316 N 463).
3.2
Aus den vorliegenden Akten ergibt sich, dass
B._
als Gesellschafter und Geschäftsführer mit Einzelunterschrift der
Y._
(seit 2
9.
Okto
ber 2014
Y._
in Liquidation)
im Handelsregister
einge
tra
gen
war
(vgl.
ent
sprechenden
Internet-Auszug aus dem Handelsregister des Kantons Zürich,
Urk.
9).
Aus dem Handelsregisterauszug ist
zu
dem ersichtlich,
dass
B._
mit 200 (von 200) Stammanteilen im Wert von je
Fr.
100.--
über das gesamte Gesellschaftskapital verfügt
e
.
De
r
Beschwerdeführer
war gemäss Arbeitsvertrag für die Administration und Reservation zuständig. Er
hat
te
weder eine formelle Organstellung
inne
, noch
war
er an
der
Y._
finanziell beteiligt.
Zu prüfen bleibt
indessen
, ob ihm
als
f
aktisches Organ
eine arbeitgeberähnliche Stellung zu
kam.
3.
3
Als Organe einer juristischen Person sind jene Personen zu betrachten, welche durch Gesetz, Statuten oder aufgrund der faktischen Organisation an der Wil
lensbildung der Gesellschaft teilhaben und auch mit entsprechender rechtlicher oder tatsächlicher
Entscheidkompetenz
ausgestattet sind. Es genügt nicht, wenn ein Mitarbeiter in einem stark eingeschränkten Geschäftsbereich die ihm über
tragene Tätigkeit selbständig ausführt. Erforderlich ist vielmehr, dass er die Willensbildung des Unternehmens zu b
eeinflussen vermag (BGE 122 III 227 E.
4b mit Hinweisen).
Nach der Rechtsprechung muss bei Arbeitnehmern, bei denen sich aufgrund ihrer Mitwirkung im Betrieb die Frage stellt, ob sie einem obersten betrieblichen Entscheidungsgremium angehören und ob sie in dieser Eigenschaft massgeblich Einfluss auf die Unternehmensentscheidungen nehmen können, jeweils geprüft werden, welche Entscheidungsbefugnisse ihnen aufgrund der internen betriebli
chen Struktur zukommen. Es ist nicht zulässig, Angestellte in leitenden Funkti
onen allein deswegen generell vom Anspruch auf Kurzarbeitsentschädigung auszuschliessen, weil sie für einen Betrieb zeichnungsberechtigt und im Han
delsregister eingetragen sind (BGE 122 V 270 E. 3).
3.
4
Soweit d
er Beschwerdeführer
geltend
machte
,
dass
er nie irgendwelche Positio
nen oder Rechte eines Geschäftsführers inne gehabt
habe, ist dies
aus formeller Sicht
richtig. Aus seiner Stellungnahme
vom 3
0.
März 2015 (
Urk.
6/34/2)
ergibt sich
jedoch
, dass er in verschiedener Hinsicht
wie ein
Geschäftsführer gehandelt hat.
Der Beschwerdeführer
gab
darin
an,
seine Haupttätigkeit habe die Admini
stra
tion der beiden Betriebe
C._
und
D._
betroffen (Korrespondenz, Buchhaltung
etcetera
); später sei er immer mehr und intensiver als Troubleshooter in diversen Belangen tätig gewesen. So habe er sich um das Mietverhältnis kümmern müssen, welches durch die Ver
mieterin gekündigt worden sei.
B._
sei ein erstklassiger Frontliner in der Gastronomie, aber absolut schwach in administrativen Belangen. Er
brauche jemanden, der
seine Ideen und Interessen in Wort und Schrift fassen könne und
ihm
administrativ
den Rücken frei halte
.
Der Beschwerdeführer
hielt weiter fest, dass er
über 15 Jahre
mittels
eigener Gesellschaften in der
Trans
portbranche
tätig gewesen sei. Aufgrund einer Erkrankung im Jahr 2011 habe er seine Geschäftstätigkeiten aufgeben müssen. Die
E._
– er sei vor 20 Jahren in der Gastronomie tätig gewesen – figuriere seit über zehn Jahren nur als Holding seiner heute inaktiven Firmen. Er habe
B._
beim Wiederaufbau eines neuen Lokals geholfen, Marken- und Internetrechte in die
Z._
gefasst und mit der
A._
eine neue Betreibergesellschaft eingerichtet.
B._
sei sein Arbeitgeber gewesen, könne aber heute als sein
Geschäftspartner
bezeichnet werden.
Wie der Beschwerdeführer selbst festhielt, wirkte er
als intensiver Troubles
hooter
und hielt
dem Gesellschafter und Geschäft
sführer
B._
den Rücken frei.
Er kümmerte sich um
Streitigkeiten aus
dem
Mietverhältnis und
führte offenbar auch
Verhandlungen ü
ber allfällige neue Lokalitäten. Damit nahm der Beschwerdeführer typische Tätigkeiten eines Geschäftsführers wahr.
Unter Berücksichtigung der Tatsache, dass
der formelle Geschäftsführer
, ein ge
bürtiger Tamile,
gemäss Angaben des Beschwerdeführers
nur über mangelhafte schriftliche Deutschkenntnisse
und
keinerlei Erfahrung
in administrativen Be
langen verfügt, erscheint diese interne Aufgabenteilung nachvollziehbar
.
So hat der Beschwerdeführer nicht nur Erfahrung in der Gastronomie
,
sondern auch im Führen von Unternehmungen. Angesichts der konkreten Situation
kann davon ausgegangen werd
en, dass er die Entscheidungen des Arbeitgebers massgeblich beeinflussen konnte.
3.5
Der alleinige Gesellschafter und Geschäftsführer
B._
hielt
in seiner Stellungnahme vom 2
3.
Dezember 2014 (
Urk.
6/29)
denn auch
fest,
der Be
schwerdeführer
habe
persönlich mit aller Kraft versucht, die Tätigkeit der
Y._
wieder zu reaktivieren und damit das Fortbestehen des Arbeits
verhältnisses zu sichern.
Der Beschwerdeführer habe diesbezüglich täglich enormen Druck auf ihn ausgeübt und
sich persönlich dafür eingesetzt, dass die
Y._
wieder Einnahmen generieren könne.
Dazu ist festzuhalten, dass die
(versuchte)
Rettung des Betriebes
weit über die Aufgabe
n
eines
Angestellten im Bereich Administration und Reservation
hin
aus
geht.
Dass der Beschwerdeführer
B._
schliesslich ermög
lichte, das Restaurant
C._
in einer anderen Lo
kalität
weiter zu betreiben, indem er eine Betreibergesellschaft (
A._
) einrichtete und eine Liegenschaft mietete, ist als weiteres In
diz dafür zu werten, dass
er
bereits im Rahmen seiner Anstellung bei der
Y._
die Aufgaben eines Geschäftsführers wahrnahm und die Entschei
dungen des Arbeitgebers zumin
dest massgeblich beeinflussen konnte
, mithin
faktisch als Geschäftsführer der
Y._
tätig war
.
Diese Sichtweise wird gestützt durch den Umstand, dass der Beschwerdeführer nun als Geschäftsführer mit Einzelunterschrift der
Z._
und als Einzelunterschriftsberechtigter der
A._
im Handelsregister des Kantons Aargau eingetragen ist (Urk.
3/1b)
, wobei die Firma
E._
, dessen einziges verbliebenes Mit
glied des Verwaltungsrats er ist (Urk.
10 S.
3), als jeweils alleinige Gesell
schaf
terin der beiden Gesellschaften fungiert (Urk. 3/1b).
3.
6
Nach dem Gesagten ist nicht zu beanstanden, dass die Beschwerdegegnerin da
von ausging, dass dem Beschwerdeführer eine arbeitgeberähnliche Stellung in der
Y._
zukam.
Angesichts dessen hat
er
keinen Anspruch auf
Insolvenzentschädigung. Der angefochtene
Einspracheentscheid
vom
8.
April 2015
erweist sich somit als korrekt, was
zur Abweisung der Beschwerde
führt
.