Decision ID: bbe76e58-0038-5461-9e4f-22cdc8f93ae7
Year: 2020
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich am 8. März 2012 wegen eines Rückenleidens («Bandscheiben-
Vorfall mit anschl. Notfall-Operat.») bei der IV-Stelle zum Leistungsbezug an (IV-act. 1).
Diese holte in der Folge verschiedene Berichte medizinischer Fachpersonen ein, bei
denen der Versicherte in Behandlung stand bzw. gestanden war. In der Stellungnahme
vom 30. September 2013 vertrat der RAD-Arzt Dr. med. B._, Facharzt für Chirurgie,
den Standpunkt, es bestehe «klinisch objektivierbar - dabei aber nicht von einer
wesentlichen Relevanz und mit wesentlichem Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit - ausser
einer subjektiv leichten Fussheberschwäche, einem Hypertonus der paravertebralen
Muskulatur bzw. im Bereich der stabilisierenden Becken- und Beinmuskulatur sowie
muskulären Haltungsinsuffizienz kein wirklich wesentlicher pathologischer Befund.»
Medizinisch theoretisch verfüge der Versicherte bezogen auf eine leidensangepasste
Tätigkeit über eine 100%ige Arbeitsfähigkeit (IV-act. 67). Gestützt auf diese Beurteilung
ermittelte die IV-Stelle einen nicht rentenbegründenden Invaliditätsgrad und wies das
Rentengesuch des Versicherten mit Verfügung vom 12. November 2013 ab (IV-act. 68).
Die dagegen erhobene Beschwerde vom 10. Dezember 2013 (IV-act. 72-2 ff.) hiess das
Versicherungsgericht mit Entscheid vom 15. Januar 2016, IV 2013/615, teilweise gut.
Es hob die angefochtene Verfügung auf und wies die Sache zur Einholung eines
polydisziplinären Gutachtens an die IV-Stelle zurück (siehe hierzu sowie bis zum für die
gerichtliche Beurteilung massgebenden Sachverhalt IV-act. 86).
A.a.
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Am 22. August 2016 reichte der Versicherte verschiedene medizinische Berichte
ein (IV-act. 115), u.a. einen Bericht von Dr. med. C._, Facharzt u.a. für Neuro
Urologie, vom 12. Juli 2016. Darin hatte dieser folgende Diagnosen gestellt: neurogene
Blasenfunktionsstörung bei normosensitivem, hypokontraktilem Detrusor und
regelrechter Compliance infolge residuellem Cauda equina-Syndrom, Zustand nach
Prostatitis, «BPH», Nierensteine beidseits und neurogene erektile Dysfunktion. Eine
Arbeitsfähigkeit über 50% sei aus neuro-urologischer Sicht nicht zu empfehlen (IV-
act. 116).
A.b.
Mit der Begründung, dass die neuro-urologische Fachdisziplin auf der
Verteilplattform SuisseMED@P nicht angewählt werden könne, gab die IV-Stelle im
Vorfeld der polydisziplinären Begutachtung bei der Klinik D._ eine neuro-urologische
Begutachtung in Auftrag (IV-act. 122-2). Deren Experten diagnostizierten eine
neurogene Harnblasen- und Sexualfunktionsstörung bei residuellem Cauda equina-
Syndrom mit klinisch führender L5 Radikulopathie. Der Versicherte arbeite zur Zeit in
seiner angestammten Tätigkeit zu 50% und empfinde dies seiner gesundheitlichen
Situation angemessen. Die Tätigkeit als Z._ sei in erster Linie weniger durch die
neuro-urologische Problematik eingeschränkt "als _" vielmehr durch die
persistierenden Rückenbeschwerden. Daher könnten zur Arbeitsfähigkeit aus neuro-
urologischer Sicht nur bedingt Aussagen getroffen werden. Im Moment scheine die
50%ige Arbeitstätigkeit "als _" gut für den Versicherten handelbar zu sein, da er auch
bei ausgeprägter Drangsymptomatik genug Zeit finde, ein WC aufzusuchen. Aus rein
neuro-urologischer Sicht und bei Ausserachtlassung der Rückenbeschwerden sei von
Folgendem auszugehen: Je höherprozentig die Arbeit ausgeführt werde, desto mehr
Schwierigkeiten würden durch die Harnblasenproblematik entstehen, im Sinn von
erzwungenen häufigen Arbeitsunterbrechungen, um ein WC aufzusuchen. Diese
Einschränkung gelte auch für andere Tätigkeiten (neuro-urologisches Gutachten vom
2. Februar 2017, das auf Untersuchungen vom 11. Oktober, 3. und 10. November 2016
und vom 31. Januar 2017 beruht, IV-act. 144). Der RAD-Arzt Dr. med. E._, Facharzt
für Innere Medizin, hielt in seiner Einschätzung vom 15. März 2017 die neuro-
urologische Expertise für beweiskräftig. Er empfahl, vor der Erteilung eines Auftrags für
ein polydisziplinäres Gutachten eine Abklärung vor Ort im Betrieb des Versicherten
A.c.
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durchzuführen (IV-act. 146; zur Stellungnahme des Versicherten zu den Ausführungen
des RAD-Arztes vom 1. Mai 2017 siehe IV-act. 155).
Am 15. Juni 2017 führte die IV-Stelle eine Abklärung vor Ort bezüglich der
selbstständigen Erwerbstätigkeit des Versicherten durch. Der Abklärungsperson
gegenüber berichtete der Versicherte, er sei seit 2003 als Selbstständigerwerbender
tätig und übe die Funktion als Geschäftsführer und _" aus. Im _ 20_ habe er das
Einzelunternehmen (F._) in eine GmbH (G._ GmbH) umgewandelt. Er sei "als _",
eine Art Franchising, der H._, AG tätig. Diese erledige die gesamte Akquisition,
Auftragsabwicklung und Rechnungstellung. Im Rahmen der Geschäftsführung
übernehme er nur geringfügige administrative Tätigkeiten (Auftragsentgegennahme und
Rapportierung). Die Abklärungsperson ermittelte im Rahmen eines
Betätigungsvergleichs eine 65%ige bzw. 60%ige Arbeitsfähigkeit (Abklärungsbericht
vom 22. September/30. November 2017, IV-act. 185 bzw. IV-act. 237-14 ff. mit
handschriftlichen Korrekturen in IV-act. 237-21; zur Stellungnahme des Versicherten
vom 19. September 2017 siehe IV-act. 178).
A.d.
Auf Anfrage der IV-Stelle vom 20. April 2018 (IV-act. 205) nahm die Klinik D._
aus neuro-urologischer Sicht Stellung zur Arbeitsfähigkeit des Versicherten in einer
leidensangepassten Tätigkeit. Die im Gutachten vom 2. Februar «2018» (richtig wohl:
2017) beschriebenen Symptome und Probleme würden auch in einer angepassten
Tätigkeit bzw. einem angepassten Arbeitsplatz fortbestehen. Bei einer Tätigkeit ohne
Heben von schweren Lasten wie beispielsweise Büroarbeit sei ein höheres
Arbeitspensum als 50% denkbar. Dies müsse jedoch gesondert evaluiert werden.
Insbesondere müsse eine adaptierte Tätigkeit ein rückenschonendes Arbeiten
ermöglichen. Des Weiteren müsse ein «adäquater Zugang und Zeit zur Benutzung einer
Toilette bestehen», ohne dass dies dem Versicherten im Berufsalltag «nachteilig
ausgelegt» würde (IV-act. 210).
A.e.
Im Auftrag der IV-Stelle wurde der Versicherte am 14., 15. und 16. Januar 2019
polydisziplinär (allgemeininternistisch, urologisch, psychiatrisch, neurologisch und
orthopädisch) in der ABI Aerztliches Begutachtungsinstitut GmbH untersucht. Die
Gutachter erhoben als Diagnosen, die einen Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit hätten:
1. ein residuelles Cauda equina-Syndrom (ICD-10: G83.41) mit/bei sensiblem Ausfall
A.f.
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B.
L5-S5 beidseits mit neuropathischer Schmerzkomponente S1 beidseits, einem
leichtgradigen motorischen Ausfall schwerpunktmässig L5 links resp. S1 rechts,
neurogenen Harnblasen- und Sexualfunktionsstörungen, einem Status nach
notfallmässiger Diskushernienoperation L4/5 links mit Sequesterektomie und
Nukleotomie bei Diskushernie auf dieser Höhe am 3. November 2011, radiologisch
erheblicher Osteochondrose LWK4/SWK1 sowie Diskusprotrusion, deutlicher
Spondylarthrose LWK3/4/SWK1 mit möglicher Affektion der Nervenwurzel L5 links;
2. eine Harnblasenfunktionsstörung unklarer Aetiologie DD neurogen (ICD-10: N39.9)
bei Diagnose 1. Keinen Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit habe etwa die diagnostizierte
leichte depressive Episode (ICD-10: F32.0). Für die angestammte Tätigkeit
bescheinigten die ABI-Gutachter eine 50%ige Arbeitsfähigkeit. Retrospektiv
bescheinigten sie ihm von Oktober 2011 bis Ende Januar 2012 eine 100%ige, für
Februar 2012 eine 70%ige und seit März 2012 eine 50%ige Arbeitsunfähigkeit.
Bezogen auf leidensangepasste Tätigkeiten bescheinigten sie dem Versicherten seit
Ende Februar 2012 eine 80%ige Arbeitsfähigkeit (ABI-Gutachten vom 4. Februar 2019,
IV-act. 230). Der RAD-Arzt Dr. E._ hielt die polydisziplinäre gutachterliche Beurteilung
für beweiskräftig (Stellungnahme vom 18. Februar «2018» [richtig: 2019], IV-act. 231).
Die IV-Stelle nahm in der Folge einen Einkommensvergleich vor, wobei sie zur
Bestimmung des Invalideneinkommens auf die Arbeitsfähigkeit für leidensangepasste
Tätigkeiten abstellte, und ermittelte einen Invaliditätsgrad von 7%. Mit Vorbescheid
vom 5. März 2019 stellte sie dem Versicherten in Aussicht, das Rentengesuch
abzuweisen (IV-act. 234). Dagegen erhob dieser am 27. März 2019 Einwand und
beantragte die Zusprache einer halben IV-Rente, eventualiter einer Viertelsrente, mit
Wirkung ab 1. September 2012. Eventuell sei ein Erwerbsausfallgutachten einzuholen
und/oder eine weitere Abklärung an Ort und Stelle durchzuführen. Er kritisierte, dass
der Invaliditätsgrad im Rahmen eines Einkommensvergleichs ermittelt worden sei (IV-
act. 237). Die IV-Stelle hielt an dem von ihr ermittelten 7%igen Invaliditätsgrad fest und
verfügte am 23. Juli 2019 die Abweisung des Rentengesuchs (IV-act. 243).
Gegen die Verfügung vom 23. Juli 2019 erhob der Beschwerdeführer am
9. September 2019 Beschwerde. Er beantragte deren Aufhebung und die Zusprache
einer Viertelsrente mit Wirkung ab 1. September 2012. Eventuell sei die Streitsache zur
B.a.
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Erwägungen
1.
Zwischen den Parteien umstritten und nachfolgend zu prüfen ist der Rentenanspruch
des Beschwerdeführers.
Einholung eines Erwerbsausfallgutachtens und anschliessender neuer
Invaliditätsbemessung an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen; unter
Entschädigungsfolge. Zur Begründung brachte der Beschwerdeführer im Wesentlichen
vor, die Ermittlung der Invalidität müsse im Rahmen der ausserordentlichen Methode
des erwerblich gewichteten Betätigungsvergleichs vorgenommen werden. Die
Beschwerdegegnerin sei bei der vorgenommenen Bemessungsmethode des erwerblich
gewichteten Betätigungsvergleichs zu behaften (act. G 1).
In der Beschwerdeantwort vom 1. Oktober 2019 beantragte die
Beschwerdegegnerin die Abweisung der Beschwerde. Sie brachte vor, das
Valideneinkommen könne rechtsgenüglich bestimmt werden. Weil der
Beschwerdeführer in einer leidensangepassten Tätigkeit zu 80% arbeitsfähig sei und
im Rahmen einer solchen Tätigkeit ein deutlich höheres Erwerbseinkommen als das
bisherige erzielen könnte, sei es ihm aufgrund des in der gesamten Sozialversicherung
geltenden Grundsatzes der Selbsteingliederungs- und Schadenminderungspflicht
zumutbar, in eine lukrativere Hilfsarbeit zu wechseln und seine bisherige Tätigkeit
aufzugeben. Sie habe zu Recht einen Einkommensvergleich vorgenommen. Unter
Berücksichtigung eines Tabellenlohnabzugs von 10% bei der Bestimmung des
Invalideneinkommens resultiere ein nicht rentenbegründender Invaliditätsgrad von 17%
(act. G 4).
B.b.
Der Beschwerdeführer verzichtete auf eine Akteneinsicht und die Durchführung
eines zweiten Schriftenwechsels (act. G 6).
B.c.
Anspruch auf eine Rente haben gemäss Art. 28 Abs. 1 des Bundesgesetzes über
die Invalidenversicherung (IVG; SR 831.20) Versicherte, die ihre Erwerbsfähigkeit oder
die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht durch zumutbare
Eingliederungsmassnahmen wieder herstellen, erhalten oder verbessern können (lit. a),
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindestens 40%
1.1.
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arbeitsunfähig gewesen sind (lit. b) und nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40%
invalid sind (lit. c). Als Invalidität gilt laut Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den
Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) die voraussichtlich
bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit.
Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder
psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und
Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf
dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für
die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen
der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit
liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2
ATSG).
Für die Bestimmung des Invaliditätsgrads wird das Erwerbseinkommen, das die
versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach Durchführung der
medizinischen Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr
zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte, in Beziehung
gesetzt zum Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid
geworden wäre (Art. 16 ATSG).
1.2.
Nach Art. 28 Abs. 2 IVG besteht Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn die
versicherte Person mindestens zu 70%, derjenige auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie
mindestens zu 60% invalid ist. Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50% besteht
ein Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40%
ein Anspruch auf eine Viertelsrente.
1.3.
Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung und im
Beschwerdefall das Gericht auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und
gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des
Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung
zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte
Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 261 E. 4). Hinsichtlich des Beweiswerts eines
Arztberichts ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist,
auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden
berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten abgegeben worden ist, in der Darlegung der
medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation
einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen des Experten begründet sind (BGE 125 V
352 E. 3a).
1.4.
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2.
Zwischen den Parteien unbestritten ist die Beweiskraft des ABI-Gutachtens vom
4. Februar 2019 (IV-act. 230) und der darin vorgenommenen
Arbeitsfähigkeitsschätzung (50%ige Arbeitsfähigkeit für die angestammte Tätigkeit als
"_" und 80%ige Arbeitsfähigkeit für leidensangepasste Tätigkeiten, IV-act. 230-9 f.;
zur vom Beschwerdeführer ausdrücklich anerkannten Beweiskraft siehe act. G 1, S. 6,
Rz 1.6). Aus den Akten ergeben sich denn auch keine Anhaltspunkte, die geeignet
wären, ernsthafte Zweifel am ABI-Gutachten zu begründen.
3.
Zu prüfen bleibt die Ermittlung des Invaliditätsgrads.
Zwischen den Parteien ist zu Recht unbestritten, dass der Beschwerdeführer als
Erwerbstätiger zu qualifizieren ist und deshalb der Verlust an Erwerbsmöglichkeiten auf
dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt den für die
Invaliditätsermittlung massgebenden Schaden darstellt (Art. 7 Abs. 1 ATSG i.V.m. Art. 8
Abs. 1 ATSG). Art. 28a Abs. 1 IVG sieht für die Ermittlung des Invaliditätsgrads von
(vollzeitlich) Erwerbstätigen den Einkommensvergleich gemäss Art. 16 ATSG vor (siehe
hierzu vorstehende E. 1.2; zur grundsätzlichen Massgeblichkeit des
Einkommensvergleichs siehe auch Ueli Kieser, ATSG-Kommentar, 4. Auflage, Zürich
2020, Rz 27 zu Art. 16; zur Vornahme eines Einkommensvergleichs auch bei
Selbstständigerwerbenden siehe anstatt vieler etwa die Urteile des Eidgenössischen
Versicherungsgerichts [EVG; seit 1. Januar 2007: Sozialrechtliche Abteilungen des
Bundesgerichts] vom 21. Dezember 2001, I 183/01, und des Bundesgerichts vom
30. August 2018, 9C_229/2018). Der Gesetzgeber erfasste mit der von ihm getroffenen
Regelung auch die Thematik der Selbstständigerwerbenden und die sich in diesem
Zusammenhang ergebenden speziellen Fragestellungen bei der Ermittlung der
Erwerbsunfähigkeit. Massgebend für die Bestimmung der Validität bzw. des
Valideneinkommens von Erwerbstätigen ist eine hypothetische Vergleichsbasis,
nämlich jede «Verdienstmöglichkeit, wie sie ohne Eintritt des schädigenden Ereignisses
hätte bestehen können. Vergleichsgrundlage ist somit ein Durchschnitts- oder
Normalverdienst. Der Versicherte fällt dabei in jene Vergleichskategorie, der er im
Vollbesitz seiner Erwerbsmöglichkeiten angehört haben würde. Die entsprechende
Kategorie wird nicht allein durch die Stellung des Versicherten im betreffenden Beruf
und der für die betreffende Stellung üblichen Vorbildung bestimmt. Von Bedeutung ist
in diesem Zusammenhang auch die Gegend, in welcher der Betroffene seine
3.1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/12
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Erwerbstätigkeit normalerweise ausgeübt hätte.» Abzustellen ist folglich «auf die
branchen-, stellungs- und ortsüblichen Verdienstverhältnisse» (siehe den Bericht der
Eidgenössischen Expertenkommission für die Einführung der Invalidenversicherung
vom 30. November 1956, S. 121 f.; zur Bedeutung dieses Expertenberichts für die
Materialien bzw. zur Auslegung der Botschaft des Bundesrates zum Entwurf eines
Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung und eines Bundesgesetzes betreffend
die Änderung des Bundesgesetzes über die Alters- und Hinterlassenenversicherung
vom 13. November 1958 siehe BBl 1958 II 1151; zu den für die Bestimmung des
Valideneinkommens massgebenden Gesichtspunkten siehe BBl 1958 II 1196 f.: «Aus
diesen Gründen sind wir mit der Expertenkommission der Auffassung, dass die
Invalidenversicherung nicht einfach vom tatsächlichen, vor Eintritt der Invalidität
erzielten Erwerbseinkommen ausgehen darf. Als eines der Bemessungselemente wird
vielmehr das Erwerbseinkommen eines nichtinvaliden Erwerbstätigen, auf den
dieselben persönlichen und beruflichen Voraussetzungen zutreffen wie auf den
Versicherten, dienen müssen.»). Der Gesetzgeber war bestrebt, einen objektiven, von
den Schwankungen des Arbeitsmarktes und dem Verhalten des Versicherten
unabhängigen Versicherungstatbestand zu schaffen (BBl 1958 II 1162 oben).
Vorliegend bestehen keine Gründe, welche ein Abweichen von der ordentlichen
Bemessungsmethode für Erwerbstätige (Einkommensvergleich) bzw. welche die
Anwendung der ausserordentlichen Bemessungsmethode zu rechtfertigen vermögen.
Soweit der Beschwerdeführer darauf hinweist, die Beschwerdegegnerin sei auf der
zunächst vorgenommenen ausserordentlichen Bemessungsmethode zu behaften (act.
G 1, S. 8, Rz 3.1), so kann ihm nicht gefolgt werden. Einerseits legt er weder dar noch
ist erkennbar, dass die Beschwerdegegnerin ihm verbindlich eine Methode oder einen
Invaliditätsgrad zugesichert hätte. Andererseits wendet das Versicherungsgericht das
Recht von Amtes wegen an. Es ist nicht an eine rechtliche Betrachtungsweise des
Sozialversicherungsträgers gebunden. Aus der vom Beschwerdeführer ins Feld
geführten Rechtsprechung (Urteil des Bundesgerichts vom 5. Oktober 2018,
9C_420/2018 und 9C_421/2018, E. 5; act. G 1, S. 7, Rz 2.2) ergibt sich die von ihm
geltend gemachte Bindungswirkung nicht. Nicht stichhaltig ist auch sein Standpunkt,
«mit der Anordnung und Durchführung einer AOS hat die Beschwerdegegnerin
jedenfalls anerkannt, dass sich das Valideneinkommen nicht hinreichend genau oder
nur mit unverhältnismässig grossen Aufwand bestimmen lässt» (act. G 1, S. 6 f.,
Rz 2.2). Denn eine solche Abklärung vor Ort wurde vom RAD-Arzt Dr. E._ und
hauptsächlich mit Blick auf die Ermittlung der Arbeitsunfähigkeit empfohlen
(Stellungnahme vom 15. März 2017, IV-act. 146-2; vgl. auch die Begründung des
Abklärungsauftrags vom 15. März 2017, IV-act. 147). Auch die Ausführungen der ABI-
3.2.
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Gutachter, aufgrund der beschränkten Ressourcen des Beschwerdeführers sei wohl
eine Umschulung nicht sinnvoll und es solle ihm ermöglicht werden, seine
angestammte Tätigkeit als selbstständiger "_" weiter in reduziertem Pensum
auszuüben (IV-act. 230-11 oben), spricht nicht gegen die Vornahme eines
Einkommensvergleichs. Dem Beschwerdeführer stehen nämlich auf dem
ausgeglichenen Arbeitsmarkt auch ohne eine Umschulung rentenvermeidende,
leidensangepasste Erwerbsmöglichkeiten offen (siehe hierzu nachstehende E. 3.4.3).
Entgegen der Ansicht des Beschwerdeführers lassen die erzielten Umsätze der
von ihm beherrschten Gesellschaft (siehe hierzu act. G 1, S. 7 f., Rz 2.4) oder
verminderte Aufwände etwa in Form von wegfallenden Leasinggebühren (act. G 1, S. 8,
Rz 2.6) keine aussagekräftigen Rückschlüsse auf seine Erwerbsmöglichkeiten im Sinn
von Art. 7 Abs. 1 ATSG zu, handelt es sich hierbei doch primär um
bertriebswirtschaftlich bedingte Vorgänge. Betriebliche Umsätze sind zu einem
erheblichen Teil durch validitätsfremde konjunkturelle sowie strukturelle Faktoren und
die unternehmerische Gestaltung bestimmt. Der Beschwerdeführer räumt denn auch
selbst ein, dass die von ihm erzielten Einkommen von (betrieblichen und
gesellschaftsrechtlichen) Strukturen und Zusammenarbeitsverträgen geprägt waren
(act. G 1, S. 8, Rz 2.5) und damit gerade nicht primär Ausdruck seiner Arbeitskraft als
"_" sind, sondern der betriebswirtschaftlichen Organisation seines Unternehmens.
Ausserdem versichert die Invalidenversicherung nicht den Umsatz oder den Ertrag der
von einer versicherten Person beherrschten Gesellschaft und die von ihr hierfür als
Kapitalgeberin oder Kapitalgeber getätigten Investitionen bzw. ihre diesbezüglich
eingegangenen finanziellen Verpflichtungen, sondern allein ihre Erwerbsmöglichkeiten
bezogen auf einen ausgeglichen Arbeitsmarkt. Eine andere Betrachtungsweise würde
nicht bloss zu einer nicht gerechtfertigten Ungleichbehandlung von Versicherten, die in
einer von ihnen beherrschten Gesellschaft bzw. selbstständig erwerbstätig tätig sind,
sondern auch zu einem von Art. 7 Abs. 1 ATSG abweichenden Validitäts- und
Invaliditätsbegriff führen.
3.3.
3.4.
Aus dem individuellen Konto des Beschwerdeführers gehen erheblich
schwankende Einkommen hervor (IV-act. 104). Der nominal mit Abstand höchste
Jahresverdienst von Fr. 75'000.-- betrifft das Jahr 2011 (IV-act. 104-3). Angesichts der
zuvor immer erheblich tieferen Jahresverdienste und in Anbetracht dessen, dass im
Spätsommer des Jahres 2011 der vom Beschwerdeführer geltend gemachte
Gesundheitsschaden samt Teilarbeitsunfähigkeit eintrat (siehe zum Ereignis vom
3.4.1.
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19. September 2011 den Entscheid des Versicherungsgerichts vom 18. März 2013,
UV 2012/37 und UV 2017/38, lit. A.a, fremd-act. 4-2), vermag der in der von ihm
beherrschten Gesellschaft abgerechnete Verdienst des Jahres 2011 keine
aussagekräftige Grundlage für das Valideneinkommen zu bilden. Dies gilt umso mehr,
als er in den beiden Vorjahren erheblich tiefere Löhne abrechnete (2009: Fr. 54'000.--
und 2010: Fr. 48'000.--, IV-act. 104-3). Vorliegend kann die Berechnung eines
langjährigen Durchschnittswerts der im individuellen Konto erfassten
Jahreseinkommen jedoch unterbleiben. Selbst wenn nämlich zugunsten des
Beschwerdeführers der höchste im individuellen Konto erfasste Jahresverdienst als
überzeugendes Indiz für seine Erwerbsfähigkeit auf dem ausgeglichenen Arbeitsmarkt
und damit als Grundlage für die Bestimmung des Valideneinkommens herangezogen
würde, resultierte kein rentenbegründender Invaliditätsgrad, wie sich aus
nachfolgenden Ausführungen ergibt.
Massgebend für den Einkommensvergleich sind die Einkommen im Zeitpunkt
des frühest möglichen Rentenbeginns. Der Beschwerdeführer meldete sich am 8. März
2012 zum Bezug von IV-Leistungen an (IV-act. 1), weshalb ein allfälliger
Rentenanspruch frühestens im September 2012 entstünde (Art. 29 Abs. 1 IVG) und der
Jahresverdienst des Jahres 2011 an die entsprechende Nominallohnentwicklung
anzupassen ist (Index 2011: 2171; Index 2012: 218; Bundesamt für Statistik
[Beschwerdeführers], T 39 Entwicklung der Nominallöhne, der Konsumentenpreise und
der Reallöhne, 2010-2018). Folglich würde das Valideneinkommen für das Jahr 2012
bei Abstellen auf den höchsten Wert gemäss obiger E. 3.4.1 Fr. 75'587.--
(Fr. 75'000.-- / 2171 x 2188) betragen.
3.4.2.
Zwischen den Parteien an sich unbestritten ist, dass das Invalideneinkommen
anhand der LSE-Hilfsarbeiterlöhne zu ermitteln ist (zur ausdrücklichen Anerkennung
des rechtskundig vertretenen Beschwerdeführers siehe den Einwand vom 27. März
2019, IV-act. 237-3). Vorliegend ergeben sich keine Gesichtspunkte, die gegen das
Abstellen auf die LSE-Hilfsarbeiterlöhne zur Bestimmung des Invalideneinkommens
sprechen. Die Beschwerdegegnerin begründete schlüssig, dass dem
Beschwerdeführer die Anrechnung der LSE-Hilfsarbeiterlöhne zumutbar ist (act. G 4, III.
Rz 3), was von ihm unbestritten blieb. Der LSE-Hilfsarbeiterlohn beträgt für das Jahr
2012 Fr. 65'177.-- (Anhang 2: Lohnentwicklung, IVG-Gesetzesausgabe der
Informationsstelle AHV/IV, Ausgabe 2019). Mit Blick auf das leicht fortgeschrittene Alter
des Beschwerdeführers und das eingeschränkte Spektrum leidensangepasster
Tätigkeiten fällt - wenn überhaupt - höchstens ein 10%iger Tabellenlohnabzug in
Betracht. Bei Berücksichtigung einer 80%igen Restarbeitsfähigkeit und einem 10%igen
3.4.3.
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4.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen. Das Beschwerdeverfahren ist
kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom
Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr. 1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG).
Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- erscheint in der vorliegend zu beurteilenden
Angelegenheit als angemessen. Dem unterliegenden Beschwerdeführer sind die
Gerichtskosten in der Höhe von Fr. 600.-- aufzuerlegen. Der von ihm geleistete
Kostenvorschuss von Fr. 600.-- ist ihm daran anzurechnen. Ausgangsgemäss hat der
Beschwerdeführer keinen Anspruch auf eine Parteientschädigung.