Decision ID: d857c048-7a2c-4a72-b439-499611f3e52d
Year: 2022
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
Die 1990 geborene
X._
arbeitete
als User Experience
Reseacherin
in einem Teilzeitpensum von 80 % bei der
Y._
AG, ehe das Arbeitsverhältnis
aufgrund von Restrukturierungen wegen der
Coronavirus
-Pandemie
unter Einhaltung der dreimonatigen Kündigungsfrist per 31. Juli 2020
auf
gelöst wurde
(Urk. 6/88). Am 23. April 2020 meldete sich die Versicherte beim Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) Zürich
Hardturmstrasse
zur Arbeitsvermittlung an (Urk.
6/64
) und beantragte am 27. April 2020 die Ausrichtung von Arbeitslosenentschädigung (Urk. 6/87)
.
Mit Verfügung vom 10. März 2021 stellte das Amt für Wirtschaft und Arbeit (AWA) die Versicherte wegen
Nichtbefolgen von Weisungen des RAV ab dem 9. Januar 2021 für die Dauer von 23 Tagen in der Anspruchsberechtigung ein (Urk. 6/13). Die dagege
n von der Versicherten erhobene
Einsprache (Urk. 6/14) wies das AWA mit Entscheid vom 14. April 2021 ab (Urk. 2 [= Urk. 6/21]).
2.
Dagegen erhob die Versicherte am 9. Mai 2021 Beschwerde und beantragte, die dem
Einspracheentscheid
zugrundeliegende
Verfügung sei aufzuheben und es sei auf eine Einstellung in der Anspruchsberechtigung zu verzichten (Urk. 1 S. 2).
Der Beschwerdegegner schloss mit Beschwerdeantwort vom 16. Juni 2021 (Datum Poststempel) auf Abweisung der Beschwerde (Urk. 5), was der Beschwerdeführerin mit Verfügung vom 18. Juni 2021 zur Kenntnis gebracht wurde (Urk. 7).
3.
Auf die Vorbringen der Parteien und die eingereichten Unterlagen wird, soweit erforderlich, im Rahmen der nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
Der Einzelrichter

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Da der Streitwert Fr. 30’000.-- nicht übersteigt, fällt die Beurteilung der
Beschwerde
in die einzelrichterliche Zuständigkeit (§ 11 Abs. 1
des Gesetzes über das Soz
ialversicherungsgericht [
GSVGer
]
).
1.2
Die versicherte Person, die Versicherungsleistungen beanspruchen will, muss nach
Art.
17 Abs. 1
des Bundesgesetzes über die obligatorische Arbeitslosenver
sicherung und die Insolvenzentschädigung (AVIG)
mit Unterstützung des zustän
digen Arbeitsamtes alles Zumutbare unternehmen, um Arbeitslosigkeit zu ver
meiden oder zu verkürzen. Sie muss zur Schadenminderung grundsätzlich jede zumutbare Arbeit unverzüglich annehmen (
Art.
16 Abs. 1 und 2 AVIG), ins
besondere auch eine solche, die ihr vermittelt wurde (
Art.
17 Abs. 3 Satz 1 AVIG).
1.3
Gemäss
Art.
30 Abs. 1
lit
.
d AVIG ist die versicherte Person in der Anspruchs
berechtigung einzustellen, wenn sie die Kontrollvorschriften oder die Weisungen der zuständigen Amtsstelle nicht befolgt, namentlich eine zumutbare Arbeit nicht annimmt.
1.4
Die Verwaltung als verfügende Instanz und – im Beschwerdefall – das Gericht dürfen eine Tatsache nur dann als bewiesen annehmen, wenn sie von ihrem Be
stehen überzeugt sind. Im Sozialversicherungsrecht hat das Gericht seinen Ent
scheid, sofern das Gesetz nicht etwas Abweichendes vorsieht, nach dem Beweis
grad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu fällen. Die blosse Möglichkeit eines bestimmten Sachverhalts genügt den Beweisanforderungen nicht. Das Ge
richt folgt vielmehr jener Sachverhaltsdarstellung, die es von allen möglichen Geschehensabläufen als die wahrscheinlichste würdigt (BGE 144 V 427 E. 3.2).
2.
2.1
Der Beschwerdegegner begründete die Einstellung in der Anspruchsberechtigung im angefochtenen Entscheid damit, dass
die Beschwerdeführerin am 5. J
an
u
a
r 2021 angewiesen worden sei, sich bis am 8. Januar 2021 bei der Firma
Z._
AG in Zürich auf eine Stelle als User Experience Designer zu bewerben. Der Bewerbungsaufforderung sei sie bis zum 8. Januar
2021 nicht nachgekommen. Aufgrund des eingereichten Arztzeugnisses stehe zwar
fest, dass die gesundheitlichen Probleme der Beschwerdeführerin die Stellensuche und den Bewerbungsprozess erschwert hätten. Es liege dennoch in ihrer Verant
wortung, sich dementsprechend zu organisieren und gegebenenfalls Hilfe in An
spruch zu nehmen. Ihre erschwerte Situation vermöge daher die Tatsache, dass sie die Zuweisung übersehen habe, nicht zu entschuldigen. Die P
flicht, sich auf Zuweisungen zu bewerben, könne auch bei einer durch ein geeignetes Arztzeug
nis ausgewiesene
n
vollumfängliche
n
Arbeitsunfähigkeit nur unter gewissen Umständen entfallen. Die Beschwerdeführerin habe wohl unbeabsichtigt
,
aber dennoch selbstverschuldet in Kauf genommen, dass die Stelle bei der Firma
Z._
AG anderweitig besetzt werde. Die Einstellung in der
Anspruchsberechtigung von 23 Tagen liege im mittleren Bereich des mittel
schw
e
ren Verschuldens und trage dem
Verschulden sowie den konkreten Um
ständen angemessen Rechnung (Urk. 2 S. 2 f.).
2.2
Demgegenüber machte
die Beschwerdeführerin geltend, sie habe ihrem RAV-Berater am 5. Januar 2021 auf dessen Anfrage mitgeteilt, dass die Stelle für sie interessant wäre. Sie habe im Anschluss mit ihm in Bezug auf die Arbeits
be
mühungen und die Webseite
A._
.ch weitere E-Mails ausgetauscht. In den mehreren parallelen Aufträgen sowie Anhängen habe sie das
entsprechende
PDF übersehen. Danach sei die Bewerbungsaufforderung nicht mehr zur Sprache gekommen und sei ihr auch nicht wie üblich postalisch zugestellt worden. Anfang März 2021 sei die Stelle neu ausgeschrieben worden, woraufhin sie sich um
gehend beworben habe. Sie habe eine Absage erhalten. Unter anderem sei in der
Ausschreibung ein abgeschlossenes Hochschulstudium vorausgesetzt, das sie nicht
vorweisen könne. Sie sei der Bewerbungsaufforderung zwar nicht innert Frist nachgekommen. Ihre Bewerbung sei jedoch aufgrund ihrer fehlenden Qualifi
ka
tion abgelehnt worden. Das Arbeitsverhältnis wäre damit selbst dann nicht zu
stande gekommen, wenn sie sich zu einem früheren Zeitpunkt beworben hätte (Urk. 1 S. 2-3).
3.
3.1
St
reitig und zu prüfen ist, ob die
Beschwerdeführer
in
zu Recht für die Dauer von 23 Tagen in der Anspruchsberechtigung eingestellt wurde.
Unbestritten ist, dass die Beschwerdeführerin sich nicht auf die Stelle bei der Firma
Z._
AG beworben hat (vgl. Urk. 6/4).
3.2
Der Beschwerdeführerin wurde Gelegenheit gegeben, sich schriftlich bis zum 23. Februar 2021 dazu zu äussern,
weswegen
sie sich nicht auf die zugewiesene Stelle bei der Firma
Z._
AG beworben hat
te
. In ihrer Stellungnahme führte die Beschwerdeführerin aus, sie habe es «vergessen». Ihr RAV-Berater habe ihr die Jobbeschreibung per E-Mail zugesendet und sie habe interessiert darauf geantwortet.
Nach der
Bewerbu
ngsaufforderung hätten sie über
zwei weitere Themen
gesprochen
, weshalb sie den Anhang übersehen habe. Es sei sehr schade, da es eine passende Stelle gewesen wäre. Die Stelle sei jedoch nicht mehr
v
erfügbar
. Es sei ihr bewusst, dass sie hier eine Chance verpasst habe und sie ärgere sich selbst. Es sei ihr in dieser Woche nicht gut gegangen. Sie habe in dieser Woche mit der Psychologin Frau
B._
gesprochen. Es solle keine Entschuldigung sein, sie sei sich ihres Fehlers bewusst
und gebe weiterhin
ihr
bestes
(Urk. 6/4)
.
Mit E-Mail vom 23. Februar 2021 ergänzte die Beschwer
de
führerin, sie sei ein wenig verwirrt gewesen, als ihr RAV-Berater ihr
das Stellen
inserat
zugeschickt
hatte. Er habe
sie gefragt, ob es eine Stelle für sie wäre. Sie hätten an diesem Tag noch weitere E-Mails ausgetauscht, weshalb die Bewer
bungsaufforderung untergegangen sei (Urk. 6/6).
3.3
Mit Einsprache vom 21. März 2021 machte die Beschwerdeführerin geltend, am 5. Januar 2021 habe sie mit ihrem RAV-Berater in Bezug auf die Arbeits
be
mü
hung
en und die Webs
ite
A._
.ch fünf E-Mails mit insgesamt sieben An
hän
gen ausgetauscht. Im E-Mail mit der Bewerbungsaufforderung sei sie gleich
zeitig gebeten worde
n, ihn über den Status der Webs
ite zu informieren, welche aus technischen Gründen nicht funktioniert habe, sowie den Nachweis der Arbeits
bemühungen aufgrund des Ausfalls von
A._
.ch als PDF per E-Mail zu sen
den. Aufgrund der mehreren parallelen Aufträge sowie den Anhängen
sei die
Bewerbungsaufforderung unbemerkt geblieben. Im Nachgang sei die Bewer
bungs
aufforderung nicht mehr zur Sprache gekommen und nicht wie üblich postalisch zugestellt worden. Sie habe in ihrer Stellungnahme nicht erwähnt, dass sie damals bei
Dr.
med.
C._
, Fachärztin Psychiatrie und Psychotherapie, in Be
handlung gewesen sei. Sie habe an einer depressiven Episode gelitten, welche sich in kognitiven Defiziten, verstärkter Vergesslichkeit und massiv eingeschränkter Konzentration gezeigt habe.
Es dürfte sich dabei um einen entschuldbaren Grund
nach
Art.
30
Abs.
1
lit
. d AVIG handeln. Sie habe sich aber nicht krankschreiben lassen wollen, denn eine neue Arbeitsstelle sei für sie an oberster Priorität ge
standen (Urk. 6/14).
3.
4
In den Verwaltungsakten lässt sich keine an die Beschwerdeführerin gerichtete E-Mail-Nachricht finden, welche mit einem einschlägigen und unübersehbaren Betreff (nämlich beispielsweise: Bewerbungsaufforderung) versehen wäre. Die Be
werbungsaufforderung wurde stattdessen aktenausweislich an eine E-Mail-Nach
richt mit dem nichtssagenden, etwas flapsigen Betreff "Ja! :)" angehängt; in
halt
lich ging es schwerpunktmässig darum, dass der RAV-Berater monierte, die Ein
träge der Beschwerdeführerin zum Nachweis der Arbeitsbemühungen würden auf der vom RAV betriebenen elektronischen Plattform ("
A._
") nicht ange
zeigt und er die Versicherte darum bat, ihm die Liste der getätigten Bewerbungen auf anderem Weg zu übermitteln. Indem er dabei einen Screen-
Shot
der Liste mit den nicht angezeigten Einträgen einfügte, wurde die E-Mail auch optisch von dieser Thematik dominiert (Urk. 6/16). Unter solchen Umständen kann aber nicht erwar
tet werden, dass ein durchschnittlich aufmerksamer Adressat die Bewer
bungsauf
forderung zur Kenntnis nimmt. Weisungen der zuständigen Amtsstelle haben immer in klarer, unzweideutiger Form zu erfolgen; beim E-Mail-Verkehr bedeutet
dies, dass solche zumindest mit einer separaten Nachricht zu eröffnen sind, we
lche überdies mit einem entsprechenden, aussagekräftigen Betreff zu ver
sehen ist. An
sonsten kann nicht erwartet werden, dass die Weisung zur Kenntnis genom
men wird, was aber unabdingbar wäre, um einer versicherten Person vor
werfen zu können, sie habe eine Anweisung in schuldhafter Weise nicht befolgt. Bei der gegebenen Sachlage ist es aber entschuldbar, dass die Beschwerdeführerin die
Be
werbungsaufforderung übersehen hat; entsprechend kann ihr nicht vor
ge
wor
fen
werden, sie habe eine Weisung des Amtes nicht befolgt. In diesem Zu
sam
men
hang ist ausserdem darauf hinzuweisen, dass die Beschwerdegegnerin im Übri
gen gut beraten wäre, ihren internen Nachrichtenaustausch zu professio
na
lisieren (vgl. dazu Urk. 6/20: "Hallöchen", "Evtl. bin ich etwas übermüdet ;-)
;-)", "Hallo Liebes").
3.5
Die Beschwerdeführerin bringt sodann zu Recht vor, dass die Stelle, für welche sie vom RAV-Berater aufgefordert worden war, sich zu bewerben, ohnehin nicht mit ihr besetzt worden wäre. Der Stellenausschreibung kann entnommen werden, dass Bewerber über einen Hochschulabschluss im Bereich Human Interaction Design, User Experience Design, Medienwissenschaften oder über eine vergleich
bare Aus- und Weiterbildung verfügen müssen (Urk. 3/5). Auf Nachfrage der Be
schwerdegegnerin hin wurde ausserdem die Auskunft erteilt, dass die ausge
schriebene Stelle mit einem Salär zwischen Fr. 95'000.-- bis Fr. 115'000.-- hono
riert werde (Urk. 6/11). Die Beschwerdeführerin war in der relevanten Zeit für ein Bachelorstudium in Information Science an der Fachhochschule
D._
ein
geschrieben (Urk. 6/9); mithin verfügte sie nicht über den vorausgesetzten Hoch
schulabschluss. Die zuvor absolvierten Studiensemester an der Universität
E._
und der
Hochschule F._
in Business Mana
gement (vgl. Urk. 6/59) entsprechen ebenfalls nicht einer vergleichbaren Ausbil
dung. Es versteht sich vor diesem Hintergrund von selbst, dass eine Bewer
bung
der Beschwerdeführerin auf die ausgeschriebene Stelle chancenlos geblie
ben w
äre; wer einen Hochschulabsolventen mit solider Berufserfahrung sucht, ist nicht bereit, eine sich noch in Ausbildung befindende Person für ein Jahressalär in der Grössenordnung von Fr. 100'000.-- anzustellen. Wenn die Beschwerdefüh
rerin in jedem Fall nicht angestellt worden wäre, kann indes nicht ansatzweise die Rede davon sein, dass sie mit ihrem Versäumnis in Kauf genommen hätte, dass die ausgeschriebene Stelle als User Experience Designer anderweitig besetzt würde.
3.6
Nach dem Gesagten wurde die Beschwerdeführerin, welche ihrer Schadenminde
rungspflicht im Sinne von Art. 17 Abs. 1 AVIG nach Lage der Akten vollumfäng
lich nachgekommen ist, zu Unrecht in der Anspruchsberechtigung eingestellt. Der angefochtene
Einspracheentscheid
ist damit ohne Weiteres ersatzlos aufzuheben.