Decision ID: ead37b5e-202a-4901-bb92-0257122a763b
Year: 2017
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
1.1
X._ war seit der Eintragung im Handelsregister des Kantons Zürich am 28. März 2011 bis zum 13. Dezember 2013 (Urk. 6/151; Publikation im SHAB am 18. Dezember 2013) Gesellschafterin und Geschäftsführerin (mit Ein
zelunterschrift) der Y._ mit Sitz in Rümlang. Diese war der Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, Ausgleichskasse, als beitragspflichtige Arbeitgeberin angeschlossen. Mit Urteil vom 9. September 2014 eröffnete der Konkursrichter des Bezirksgerichts Dielsdorf über die Ge
sellschaft den Konkurs. Das Konkursverfahren wurde mit Entscheid des Kon
kursrichters vom 6. Oktober 2014 mangels Aktiven eingestellt. Am 12. Januar 2015 wurde die Y._ im Handelsregister des Kantons Zürich von Amtes wegen gelöscht (Urk. 6/151).
1.2
Mit Verfügung vom 7. September 2015 forderte die Ausgleichskasse von X._ Schadenersatz für entgangene Sozialversicherungsbeiträge in der Höhe von Fr. 141‘981.40 (Urk. 6/141). Die dagegen von der Verpflichteten am 2. Oktober 2015 (Datum des Poststempels) erhobene Einsprache (Urk. 6/145) hiess die Verwaltung mit Entscheid vom 4. März 2016 teilweise gut und redu
zierte die Schadenersatzforderung auf Fr. 141‘457.95 (Urk. 6/148 = Urk. 2).
2.
Gegen den Einspracheentscheid vom 4. März 2016 erhob X._ am 24. März 2016 Beschwerde und beantragte dessen Aufhebung (Urk. 1). Mit Be
schwerdeantwort vom 28. April 2016 schloss die Ausgleichskasse auf Abwei
sung der Beschwerde (Urk. 5), was der Beschwerdeführerin mit Gerichtsverfü
gung vom 2. Mai 2016 zur Kenntnis gebracht wurde (Urk. 7).
3.
Auf die Ausführungen der Parteien und die eingereichten Unterlagen wird, so
weit erforderlich, in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.

Das Gericht zieht in Erwägung:
1.
1.1
Nach Art. 52 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Alters- und Hinter- lassenenversi
cherung (AHVG) hat ein Arbeitgeber, der durch absichtliche oder grobfahrlässige Missachtung von Vorschriften der Versicherung einen Schaden zufügt, diesen zu ersetzen. Handelt es sich beim Arbeitgeber um eine juristische Person, so haften subsidiär die Mitglieder der Verwaltung und alle mit der Geschäftsführung oder Liquidation befassten Personen. Sind mehrere Personen für den gleichen Schaden verantwortlich, so haften sie für den ganzen Schaden solidarisch (Art. 52 Abs. 2 AHVG).
1.2
Die Vorschriften über die Arbeitgeberhaftung nach
Art.
52 AHVG sowie die dazu entwickelte Rechtsprechung des Bundesgerichts finden mangels eigener Bestimmungen sinngemäss Anwendung auf die Invalidenversicherungs- (
Art.
66 des Bundesgesetzes über die Invalidenvers
icherung), Erwerbsersatz
- (
Art.
21
Abs.
2 des Bundesgesetzes über
den Erwerbsersatz für Dienstleistende und bei Mutterschaft) und Arbeitslosenversicherungsbeiträge
(
Art.
6 des Bun
desgesetzes über die obligatorische Arbeitslosenversicherung und die Insolvenz
entschädigung)
sowie auf jene
an die Familienausgleichskassen (FAK) gemäss dem Bundesgesetz über die Familienzulagen (
Art.
25 lit. c). Gleiches gilt für die bis 3
1.
Dezember 2008 nach kantonalem Recht erhobenen FAK-Beiträge (
§
33
Abs.
2 des Gesetzes über Kinderzulagen für Arbeitnehmer in der bis Ende 2007 gültig gewesenen Fassung bzw.
§
33 des ab
1.
Januar 2008 bis 3
0.
Juni 2009 gültig gewesenen Kinderzulagengesetzes; nicht publiziertes Urteil des Bundes
gerichts 2P.251/19
96 vom 30. Juni 1997).
2.
2.1
Voraussetzung für eine Haftung nach Art. 52 AHVG ist zunächst das Vorliegen eines Schadens. Dieser besteht darin, dass der AHV ein ihr gesetzlich geschul
deter Beitrag entgeht. Die Höhe des Schadens entspricht dabei dem Betrag, dessen die Kasse verlustig geht (Thomas Nussbaumer, Die Ausgleichskasse als Partei im Schadenersatzprozess nach Artikel 52 AHVG, ZAK 1991 S. 383 ff. und 433 ff.). Verwaltungs- und Betreibungskosten, Veranlagungs- und Mahnge
bühren sowie die Verzugszinsen bilden Bestandteil des Schadens, welcher der Ausgleichskasse zu ersetzen ist (BGE 121 III 382 E. 3bb; vgl. auch BGE 109 V 95 oben, 108 V 189 E. 5). Im Hinblick auf die in Art. 14 Abs. 1 AHVG normierte Beitrags- und Abrechnungspflicht des Arbeitgebers gehören auch die Arbeitge
berbeiträge zum massgeblichen Schaden (BGE 98 V 26 E. 5).
2.2
Der von der Beschwerdegegnerin verfügungsweise geltend gemachte Schaden (Urk. 6/141) für die unbezahlt gebliebenen Beiträge und Nebenkosten wird von der Beschwerdeführerin in masslicher Hinsicht nicht bestritten. Er ist anhand der Kassenakten – insbesondere der Beitragsübersicht vom 27. April 2016 und des gleichentags erstellten Kontoauszugs (Urk. 6/153-154) – hinreichend sub
stantiiert dargelegt.
2.3
Die Beschwerdegegnerin reduzierte im angefochtenen Einspracheentscheid – wie bereits ausgeführt – die von der Beschwerdegegnerin geforderte Schaden
ersatzsumme von Fr. 141‘981.40 auf Fr. 141‘457.95. Dabei ging sie zutreffen
derweise davon aus, dass die nach dem Ausscheiden der Beschwerdeführerin als Gesellschafterin und Geschäftsführerin der Y._ in Rechnung gestellten Betreibungs- und Mahnkosten nicht der Pflichtigen ange
lastet werden können.
2.4
Mangels offenkundiger Anhaltspunkte für Berechnungsfehler ist die Schadensbe
rechnung der Beschwerdegegnerin zu bestätigen und von einem vorliegend relevanten Schadensbetrag von Fr. 141‘457.95 auszugehen.
3.
3.1
Art. 14 Abs. 1 AHVG und die Art. 34 ff. der Verordnung über die Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHVV) schreiben vor, dass der Arbeitgeber bei je
der Lohnzahlung die Arbeitnehmerbeiträge in Abzug zu bringen und zusammen mit den Arbeitgeberbeiträgen der Ausgleichskasse zu entrichten hat. Die Arbeit
geber haben den Ausgleichskassen periodisch Abrechnungsunterlagen über die von ihnen an ihre Arbeitnehmer ausbezahlten Löhne zuzustellen, damit die entsprechenden paritätischen Beiträge ermittelt und verfügt werden können. Die Beitragszahlungs- und Abrechnungspflicht des Arbeitgebers ist eine gesetzlich vorgeschriebene öffentlichrechtliche Aufgabe. Die Nichterfüllung dieser öffent
lichrechtlichen Aufgabe bedeutet eine Missachtung von Vorschriften im Sinne von Art. 52 Abs. 1 AHVG und zieht die volle Schadendeckung nach sich (BGE 118 V 193 E. 2a; vgl. BGE 132 III 523 E. 4.6).
3.2
Aus den Akten ist ersichtlich, dass die Y._ den ihr als Arbeitgeberin obliegenden Zahlungsverpflichtungen nur unvollständig nach
kam. Die Beschwerdegegnerin sah sich deshalb veranlasst, die Gesellschaft wie
derholt zu mahnen und mehrere Schuldbetreibungsverfahren einzuleiten (vgl. Urk. 6/153). Hinzu kommt, dass die Konkursitin sowohl am 20. März 2012 (Urk. 6/16) wie auch am 18. März 2013 – die Gesellschaft bestand erst seit März 2011 – um einen Zahlungsaufschub für die Begleichung der ausstehenden Bei
träge ersuchte, wobei die Raten – wenn überhaupt – zumeist verspätet bezahlt wurden (Urk. 6/17 S. 2, 6/56 und 6/59 S. 2). Schliesslich blieben geschuldete Sozialversicherungsbeiträge (inklusive Nebenkosten) in der Höhe von Fr. 141‘981.40 unbezahlt, wovon in diesem Prozess – wie ausgeführt – Fr. 141‘457.95 relevant sind (vgl. 2.3 hievor). Damit ist die Konkursitin ihren Pflichten als Arbeitgeberin selbstredend nicht nachgekommen und hat öffent
lichrechtliche Vorschriften missachtet.
Zu prüfen bleibt, ob und inwieweit der entstandene Schaden auf ein qualifiziert schuldhaftes Verhalten der Beschwerdeführerin zurückzuführen ist.
4.
4.1
Die wesentliche Voraussetzung für die Schadenersatzpflicht besteht nach dem Wortlaut des Art. 52 AHVG darin, dass der Arbeitgeber absichtlich oder grob
fahrlässig Vorschriften verletzt hat und dass durch diese Missachtung ein Scha
den verursacht worden ist (BGE 108 V 183 E. 1a). Absicht beziehungsweise Vorsatz und Fahrlässigkeit sind verschiedene Formen des Verschuldens. Art. 52 AHVG statuiert demnach eine Verschuldenshaftung, und zwar handelt es sich um eine Verschuldenshaftung aus öffentlichem Recht. Die Schadenersatzpflicht ist im konkreten Fall nur dann begründet, wenn nicht Umstände gegeben sind, welche das fehlerhafte Verhalten des Arbeitgebers als gerechtfertigt erscheinen lassen oder sein Verschulden im Sinne von Absicht oder grober Fahrlässigkeit ausschliessen. In diesem Sinne ist es denkbar, dass ein Arbeitgeber zwar in vorsätzlicher Missachtung der AHV-Vorschriften der Ausgleichskasse einen Schaden zufügt, aber trotzdem nicht schadenersatzpflichtig wird, wenn beson
dere Umstände die Nichtbefolgung der einschlägigen Vorschriften als erlaubt oder nicht schuldhaft erscheinen lassen (BGE 108 V 183 E. 1b; ZAK 1985 S. 576 E. 2 und S. 619 E. 3a).
4.2
4.2.1
Grobe Fahrlässigkeit liegt praxisgemäss vor, wenn ein Arbeitgeber das ausser Acht lässt, was jedem verständigen Menschen in gleicher Lage und unter glei
chen Umständen als beachtlich hätte einleuchten müssen. Das Mass der zu ver
langenden Sorgfalt ist abzustufen entsprechend der Sorgfaltspflicht, die in den kaufmännischen Belangen jener Arbeitgeberkategorie, welcher die betreffende Person angehört, üblicherweise erwartet werden kann und muss. Dabei sind an die Sorgfaltspflicht einer Aktiengesellschaft hinsichtlich der Einhaltung gesetz
licher Vorschriften grundsätzlich strenge Anforderungen zu stellen. Ähnlich ist zu differenzieren, wenn es darum geht, die subsidiäre Haftung der Organe eines Arbeitgebers zu ermitteln (BGE 108 V 199 E. 3a; ZAK 1985 S. 51 E. 2a, S. 620 E. 3b; vgl. BGE 132 III 523 E. 4.6).
4.2.2
Nicht jedes einer Firma als solcher anzulastende Ver
schulden muss auch ein solches ihrer sämtlichen Organe sein. Vielmehr hat man abzuwägen, ob und in
wieweit eine Handlung der Firma einem bestimmten Organ im Hinblick auf dessen rechtliche und faktische Stellung innerhalb der Firma zuzurechnen ist. Ob ein Organ schuldhaft gehandelt hat, hängt demnach entscheidend von der Verantwortung und den Kompetenzen ab, die ihm von der juristischen Person übertragen wurden (BGE 108 V 199 E. 3a; ZAK 1985 S. 620 E. 3b). Bei einfa
chen Verhältnissen muss vom einzigen Verwaltungsrat einer Aktiengesellschaft, der als solcher die Verwaltung der Gesellschaft als einzige Person in Organstel
lung zu besorgen hat, in der Regel der Überblick über alle wesentlichen Belange der Firma verlangt werden, und dies selbst dann, wenn er seine Befugnisse weitgehend an einen Geschäftsführer delegiert hat. Er kann mit der Delegation der Geschäftsführung nicht zugleich auch seine Verantwortung als einziges Verwaltungsorgan an den Ge
schäftsführer delegieren (BGE 108 V 199 E. 3b).
4.2.3
Formell eingesetzte Geschäftsführer einer GmbH wie auch Personen, die faktisch die Funktion eines Geschäftsführers ausüben, haften für den der Ausgleichs
kasse zufolge nicht bezahlter Bundessozialversicherungsbeiträge entstandenen Schaden nach den gleichen Grundsätzen wie Organe einer Aktiengesellschaft (BGE 126 V 237 ff.).
4.3
4.3.1
Die Beschwerdeführerin brachte zu ihrer Entlastung unter Hinweis auf die Bi
lanz der Y._ vor, im Zeitpunkt ihres Ausscheidens habe diese über genügend Aktiven verfügt, um die Sozialversicherungsbeiträge zu bezahlen. Nachher sei die Beitragspflicht auf den neuen Geschäftsführer übergegangen, der sämtliche Pflichten und Schulden des Unternehmens über
nommen habe. Sie treffe deshalb keine Haftung mehr (Urk. 1).
4.3.2
Vorweg ist festzuhalten, dass im vorliegenden Prozess nicht zu untersuchen ist, was der Inhalt der mit Z._ im Zusammenhang mit dem Verkauf der Y._ getroffenen Vereinbarung war und ob sie vom Käufer erfüllt worden ist. Zu entscheiden ist einzig, ob die Y._ die ihr als Arbeitgeberin obliegenden Pflichten verletzt hat und ob gegebenenfalls ein qualifiziertes Verschulden der Beschwerdeführerin zu beja
hen ist.
4.3.3
Die Beschwerdeführerin war seit der Eintragung der Y._ im Handelsregister des Kantons Zürich am 28. März 2011 bis zu ihrem Austritt am 13. Dezember 2013 als deren Gesellschafterin und Geschäftsführerin mit Einzelzeichnungsberechtigung aufgeführt. Ihr kommt somit in der betref
fenden Zeitperiode formelle Organeigenschaft zu.
Die Y._ war zwar nicht mehr ein eigentliches Klein
stunternehmen; trotzdem – auch mit Blick auf die ausgerichtete Lohnsumme – ein Unternehmen mit einfacher Verwaltungsstruktur. Die Verhältnisse, nament
lich auch hinsichtlich der beitragsrechtlichen Situation, waren einfach und leicht überschaubar. Bei derartigen Verhältnissen muss von einer Geschäftsfüh
rerin einer Gesellschaft mit beschränkter Haftung (GmbH) verlangt werden, dass sie den Überblick über alle wesentlichen Belange des Unternehmens hat. In diesen Konstellationen werden praxisgemäss auch erhöhte Anforderungen an Kenntnis und Erledigung von Abrechnungs- und Zahlungsverkehr mit der Aus
gleichskasse gestellt. Denn gemäss Art. 812 Abs. 1 des Obligationenrechts (OR) sind die Geschäftsführer sowie Dritte, die mit der Geschäftsführung befasst sind, verpflichtet, ihre Aufgabe mit aller Sorgfalt zu erfüllen und die Interessen der Gesellschaft in guten Treuen zu wahren. Art. 810 Abs. 2 OR enthält sodann ei
nen – im Wesentlichem der aktienrechtlichen Bestimmung von Art. 716a Abs. 1 OR entsprechenden – Katalog unübertragbarer und unentziehbarer Aufgaben. So obliegt den Geschäftsführern insbesondere die Oberleitung der Gesellschaft und die Erteilung der nötigen Weisungen (Ziffer 1), die Ausgestaltung des Rechnungswesens, der Finanzkontrolle sowie der Finanzplanung (Ziffer 3) und die Aufsicht über die Personen, denen Teile der Geschäftsführung
übertragen sind, namentlich im Hinblick auf die Befolgung der Gesetze, Statuten,
Regle
mente und Weisungen (Ziffer 4). Das Gesetz verbietet zwar die Vornahme einer bestimmten Arbeits- und Kompetenzaufteilung nicht, doch die
Überwachungs- und Kontrollpflichten v
erbleiben auch dann bei der (Gesamt)-
Geschäftsführung
beziehungsweise bei sämtlichen Geschäftsführern. Deshalb hat sich jeder Ge
schäftsführer einer GmbH periodisch über den Geschäftsgang und die wichtigs
ten Geschäfte, welche nicht zu seinem primären Aufgabenbereich gehören, zu orientieren, Rapporte zu verlangen, diese sorgfältig zu studieren und nötigen
falls ergänzende Auskünfte einzuholen, Irrtümer abzuklären und bei Unregel
mässigkeiten einzugreifen. Die Rechtslage ist insoweit nicht anders als bei einer Aktiengesellschaft (vgl. hiezu BGE 114 V 219 E. 4a und E. 4.2.3 hie
vor).
Die Beschwerdeführerin hätte daher in der Zeit, als sie formelles Organ der Kon
kursitin war, insbesondere dafür besorgt sein müssen, dass von der Gesellschaft die gesetzlichen Vorschriften, wozu auch jene betreffend das Beitragswesen ge
hören, eingehalten werden. Erst mit dem Ende der Organstellung endet die Be
fugnis zur Vermögensdisposition und somit grundsätzlich auch die Haftung für später entstehende Beitragsschulden. Die Pflichtige kann sich deshalb nicht mit dem Verkauf der Gesellschaft an Z._ von ihren damals bestande
nen Verantwortlichkeiten gegenüber der Beschwerdegegnerin entledigen. Daran ändert auch der Umstand nichts, dass die Jahresabrechnung 2013 (Urk. 6/80) und die Nachzahlungsverfügung für Januar bis März 2012 (Urk. 6/102) nach ihrem Ausscheiden aus der GmbH in Rechnung gestellt wurden. Denn auszu
gleichen waren Sozialversicherungsbeiträge beziehungsweise Beitragsschulden, die zu einem Zeitpunkt entstanden waren, als die Beschwerdeführerin noch Geschäftsführerin und Gesellschafterin der Y._ war. Weder Abrechnungspflicht, Beitragsschuld noch Fälligkeit sind von der Zustel
lung einer Rechnung, einer Veranlagungs- oder Nachzahlungsverfügung seitens der Ausgleichskasse abhängig. Die Abrechnungspflicht sowie die Beitragsschuld entstehen im Zeitpunkt der Lohnzahlung (Art. 14 und Art. 51 AHVG; vgl. hiezu bereits Urteil des damaligen Eidgenössischen Versicherungsgerichts H 136/00 vom 29. Dezember 2000 E. 4b). Vor diesem Hintergrund ist eine Pflichtverlet
zung der Beschwerdeführerin ausgewiesen, die während der Zeit erfolgte, als sie noch Einfluss auf das Abrechnungs- und Zahlungswesen nehmen konnte. Bei den Nachzahlungen handelte es sich denn auch nicht um geringfügige Abwei
chungen von den Akonto-Rechnungen (Art. 24 Abs. 3 AHVV), sondern um eine wesentliche – das heisst eine über 10%ige – Erhöhung der Lohnsumme (Art. 35 Abs. 2 AHVV und Randziffer 2048 der Wegleitung über den Bezug der Beiträge in der AHV, IV und EO [WBB]); vgl. auch Urteil des Bundesgerichts 9C_355/2010 vom 17. August 2010 E. 5.1; ferner Urk. 6/78 und Urk. 6/106).
Nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung verhält sich ein Arbeitgeber wi
derrechtlich und schuldhaft im Sinne von Art. 52 Abs. 1 AHVG, wenn er in Verletzung der Meldepflicht nach Art. 35 Abs. 2 AHVV zu tiefe Akontobeiträge leistet ohne sicherzustellen, etwa durch Bildung von Rückstellungen, dass unter Berücksichtigung der zu erwartenden wirtschaftlichen Entwicklung genügend Mittel für die Begleichung der entsprechend höheren Schlussabrechnung innert nützlicher Frist zur Verfügung stehen (Urteil des Bundesgerichts 9C_247/2016 vom 10. August 2016 E. 5.1.1 mit Hinweis auf Urteil des Bundesgerichts 9C_335/2010 vom 17. August 2010 E. 5.2.1).
Ein Blick in die Bilanz der Y._ per 14. Dezember 2013 (Urk. 3/3) zeigt, dass das Um
laufvermögen – das im Gegensatz zum Anlagevermögen grundsätzlich kurzfris
tige Investitionen erlaubt – zum grösseren Teil aus Debitoren bestand, das heisst aus Forderungen, beispielsweise gegenüber Kunden. Die betreffenden Rechnun
gen wurden per Bilanzstichtag zwar schon gestellt, aber noch nicht bezahlt. Mittel für die Begleichung der Nachtragsabrechnung standen damit – entgegen der Meinung der Beschwerdeführerin (Urk. 1) – effektiv nicht zur Verfügung, zumal Debitoren-Forderungen auch mit einem gewissen Ausfallrisiko verbun
den sind. Zu ergänzen bleibt sodann, dass für die Beurteilung der Verschul
densfrage ohnehin entscheidend ist, ob die verantwortlichen Organe (nach aus
sen erkennbar) der Pflicht, für eine ordnungsgemässe Bezahlung der Sozialver
sicherungsbeiträge zu sorgen, nachgekommen sind (vgl. hiezu bereits das Urteil des damaligen Eidgenössischen Versicherungsgerichts H 34/02 vom 4. März 2004 E. 5.5, ferner etwa auch Urteil des Bundesgerichts 9C_117/2011 vom 29. März 2011 E. 5 mit weiteren Hinweisen). Dies ist aufgrund der vorstehenden Erwägungen zu verneinen.
4.3.4
Werden bei ungenügender Liquidität die einen Schulden bezahlt, andere aber nicht, ist dies grundsätzlich nicht grobfahrlässig. Nach der Rechtsprechung zu Art. 52 AHVG ist es allerdings – allenfalls abgesehen von kurzfristigen Aus
ständen – grobfahrlässig, Löhne zu bezahlen, wenn die darauf geschuldeten AHV-Beiträge nicht gedeckt sind. Gegenteiliges Verhalten ist den verantwortli
chen Organen grundsätzlich als qualifiziertes Verschulden zuzurechnen, was die volle Schadenersatzpflicht nach sich zieht, sofern die übrigen Haftungsvoraus
setzungen ebenfalls erfüllt sind. Der Grund liegt in der besonderen Natur der AHV-Beträge, hinsichtlich welcher der Arbeitgeber die Funktion eines Vollzugs
organs ausübt (Art. 51 AHVG). Daraus resultiert eine besondere Pflicht, für die ordnungsgemässe Bezahlung der Beiträge zu sorgen (Urteil des Bundesgerichts 9C_311/2015 vom 9. Juli 2015 E. 4.2.2). Falls daher die Liquiditätssituation die Begleichung der vollen Bruttolöhne zuzüglich des Beitragsanteils des Arbeitge
bers nicht zulässt, sind die Lohnzahlungen praxisgemäss auf ein Mass zu redu
zieren, welches die Entrichtung der darauf anfallenden Sozialversicherungsbei
träge erlaubt (vgl. etwa bereits Urteil des damaligen Eidgenössischen Versiche
rungsgerichts H 69/05 vom 15. März 2006 E. 5.3.3 mit Hinweis; ferner Urteil des Bundesgerichts 9C_328/2012 vom 11. Dezember 2012 E. 5.1 mit Hinweis auf Marco Reichmuth, Die Haftung des Arbeitgebers und seiner Organe nach Art. 52 AHVG, 2008, Rz 673 und 952 mit weiteren Hinweisen). Dem ist die Be
schwerdeführerin nicht nachgekommen; vielmehr hat sie den Lohnzahlungen – in den Jahren 2012 und 2013 insbesondere auch ihren eigenen Bezügen (Urk. 6/42 S. 3 und Urk. 6/78) – Priorität vor der Beitragsentrichtung einge
räumt, welches Verhalten für ein weiteres Ansteigen der Beitragsausstände ver
antwortlich war. Dieses Handeln stellt eine Verletzung ihrer öffentlichrechtli
chen Pflichten als Geschäftsführerin einer GmbH dar.
4.4
Zusammenfassend ist damit festzuhalten, dass sich die Beschwerdeführerin nicht vom Vorwurf, ihre Obliegenheiten im Zusammenhang mit dem Beitrags
weisen grobfahrlässig missachtet zu haben, zu entlasten mag.
5.
5.1
Schliesslich setzt die Schadenersatzpflicht des Arbeitgebers nach Art. 52 Abs. 1 AHVG voraus, dass zwischen der absichtlichen oder grobfahrlässigen Missach
tung von Vorschriften und dem eingetretenen Schaden ein adäquater Kausal
zusammenhang gegeben ist (BGE 119 V 401 E. 4a mit Hinweisen auf die Lehre, 103 V 120 E. 4).
Nach der Rechtsprechung hat ein Ereignis dann als adäquate Ursache eines Erfol
ges zu gelten, wenn es nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge und nach der allgemeinen Lebenserfahrung an sich geeignet ist, einen Erfolg von der Art des ein
getretenen herbeizuführen, der Eintritt dieses Erfolges also durch das Er
eignis allge
mein als begünstigt erscheint (BGE 119 V 401 E. 4a mit Hinweisen; vgl. auch BGE 122 V 189 sowie 119 Ib 334 E. 3c).
5.2
Zwischen dem der Beschwerdeführerin vorzuwerfenden widerrechtlichen Verhal
ten und dem eingetretenen Schaden ist der Kausalzusammenhang ohne Weiteres zu bejahen. Denn es ist anzunehmen, dass ein pflichtgemässes Ver
halten den Schaden verhindert hätte.
6.
Nach dem Dargelegten wurde die Beschwerdeführerin zu Recht verpflichtet, für den eingetretenen Schaden im Umfang von Fr. 141‘457.95 Ersatz zu leisten. Dies führt zur Abweisung der Beschwerde.