Decision ID: 9d8a2a9f-9ed0-5110-af29-72cd5e29e1ad
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer – ein ehemaliger Ajnabi (registrierter Staatenloser),
welcher im Jahr 2011 in Syrien eingebürgert wurde (A6 S. 3; A23 F224 ff.)
und zuletzt in B._ gewohnt habe – ist gemäss eigenen Angaben im
Oktober 2015 (respektive Juni 2015, A23 F218 und 237 ff.) illegal in die
Türkei ausgereist. Über verschiedene europäische Länder sei er am
15. November 2015 in die Schweiz eingereist, wo er zwei Tage später um
Asyl nachsuchte. Am 3. Dezember 2015 wurde er dem Kanton (...) zuge-
wiesen.
B.
Anlässlich der summarischen Befragung (BzP) vom 27. November 2015
und der eingehenden Anhörung vom 8. November 2017 brachte der Be-
schwerdeführer vor, er habe seine Kindheit in C._ (Gouvernement
al-Hasaka) verbracht. Sein Vater habe die Familie früh verlassen, um als
Ajnabi eine arabische Frau zu heiraten; als Ajanib seien sie stets rechtlos
gewesen und ständig diskriminiert worden (A23 F57 f. und 123 f.). Im Jahr
2007 sei die Familie nach D._ umgezogen (A6 S. 3; A23 F59 und
67). Sein Vater sei schon immer – auch in D._ – gesucht und be-
fragt worden (A23 F66 ff.). Nach seiner Schulzeit (A6 S. 4; A23 F34, 90 ff.
und 123 f.) habe der Beschwerdeführer bis zu den Unruhen bei einem
Freund namens E._ als (...) gearbeitet (A6 S. 4; A23 F106 ff.). Aus-
serdem sei er seit 2010, wie viele Angehörige seiner Familie, Mitglied der
Kurdischen Demokratischen Partei PDK-S (Partiya Demokrata Kurdistan a
Sûriye) gewesen, habe an Sitzungen teilgenommen und Aufklärungsarbeit
betrieben (A23 F20 ff. und 130 ff.).
Als die Unruhen im Jahr 2011 in Syrien begonnen hätten, habe er nicht nur
an den Freitags-Kundgebungen (erstmals am 18. März 2011, A23 F171)
teilgenommen, sondern dafür auch Schilder und Transparente mit Parolen
angefertigt, um für die (anfangs) friedlichen Demonstrationen im Zentrum
von D._ – bei den Moscheen (...) – zu werben (A6 S. 7; A23 F124
und 146 ff.). Während der Kundgebungen habe sich auch das Sicherheits-
aufgebot immer mehr verstärkt und die Sicherheitskräfte hätten die Teil-
nehmer verfolgt und auf sie geschossen (A23 F146 ff.). Viele von ihnen
seien aber auch nach den Protestaktionen verletzt, umgebracht oder inhaf-
tiert worden; ihre Namen seien von Spitzeln, welche an den Demonstratio-
nen anwesend gewesen seien, verraten worden (A23 F146 ff. und 183).
Auf der Suche nach ihm sei sein Zuhause ungefähr fünf Mal durchsucht
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worden, ein erstes Mal im August oder September 2011 (A23 F190 ff.). Er
sei indes nie zuhause gewesen, weil er schon dannzumal bei E._
gewohnt habe, dessen Familie zwei Häuser in D._ besessen habe
(A23 F194). Einmal, im Januar 2012, sei er (der Beschwerdeführer) nach
einer Demonstration vor der Polizei geflohen und habe sich in einem der
Häuser seines Freundes, der auch an der Demonstration teilgenommen
habe, versteckt; eine halbe Stunde später sei dieses Gebäude von einer
Rakete getroffen und dabei zur Hälfte zerstört worden (A23 F179 f.). In der-
selben Nacht hätten Sicherheitskräfte wieder das Zuhause seiner Familie
durchsucht sowie seine Angehörigen bedroht und misshandelt (A6 S. 7;
A23 F182 ff.). Fünf oder sechs Tage später habe sich diese Aktion im Haus
seiner Familie wiederholt. Aufgrund dieser ständigen Gefahr sei die Familie
in den Libanon emigriert, während er selbst sich nach F._ begeben
habe (A6 S. 7; A23 F72 ff. und 199). Später habe er gehört, dass ein an-
derer Teilnehmer mit dem Decknamen (...) zusammen mit seiner Familie
verhaftet und im Gefängnis gefoltert worden sei (A6 S. 7).
Nachdem er am 9. oder 10. Februar 2012 nach F._ (respektive
B._) umgesiedelt sei (A6 S. 7), habe er in einem Restaurant na-
mens «(...)» im Service (auch Kundenlieferdienst) gearbeitet (A23
F114 ff.). Ungefähr im Mai 2015 seien Sicherheitskräfte in B._ vor-
gefahren und hätten den Inhaber des Restaurants namens G._ be-
schuldigt, einen Kriminellen zu beherbergen. Doch dieser habe ihn – er
habe sich versteckt gehalten – nicht verraten. Nachdem diese das Quartier
ungefähr drei Tage durchsucht hätten, seien sie wieder abgezogen (A23
F201 ff.). Anschliessend (im Juni 2015) habe ein Cousin von G._
namens (...), bei welchem er sich auch bis zur Ausreise versteckt habe, ihn
ausser Landes gebracht (A23 F217 ff. und 227 ff.).
Seine Eltern sowie seine Geschwister (mit Ausnahmen) seien nach ihrem
Aufenthalt im Libanon wieder in C._ wohnhaft, jedoch in verschie-
denen Häusern (A6 S. 5 und 7; A23 F77 ff.).
An der Anhörung verwies der Beschwerdeführer ferner auf seine exilpoliti-
schen Tätigkeiten, welche er in der Schweiz seit seiner Einreise ausgeübt
habe (A23 F248 ff.).
C.
An der Anhörung vom 8. November 2017 legte der Beschwerdeführer di-
verse Akten als Beweismittel vor (A21, A22 und A23 F14 ff.):
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- eine Kopie seines Ajnabi-Ausweises (A21 Beweismittel 1; A23 F19);
- eine Bestätigung seiner Mitgliedschaft in der PDK-S, welche von (...), der
zuständigen Person der Sektion in (...) (Gouvernement al-Hasaka), aus-
gestellt und über seinen Onkel ihm zugestellt worden sei (A21 Beweismit-
tel 2 mit Übersetzung; A23 F20 ff.);
- einen Haftbefehl (A23 F29) des Gerichtshofs in (...) mit Datum vom
(...) 2014, ausgestellt auf den Namen des Beschwerdeführers, wegen Teil-
nahmen an Demonstrationen und Mitgliedschaft in einer verbotenen Orga-
nisation – im Jahr 2012 habe er mehrere solcher Dokumente erhalten (wel-
che indes nicht bei den Akten liegen [Anmerkung des Gerichts]; A21 Be-
weismittel 3; A23 F26 ff. und 213);
- verschiedene Schulzeugnisse und andere Unterlagen aus verschiedenen
Schulstufen (A21 und A22 Beweismittel 4 bis 18; A23 F34 ff.).
D.
Mit Verfügung vom 4. Mai 2018 – eröffnet am 8. Mai 2018 – stellte die Vor-
instanz fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht,
lehnte sein Asylgesuch ab und wies ihn aus der Schweiz weg. Da der Voll-
zug der Wegweisung indes nicht zumutbar sei, verfügte sie eine vorläufige
Aufnahme. Auf Details dieses Entscheides wird – soweit entscheidrelevant
– in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
E.
Gegen diese Verfügung erhob der Beschwerdeführer durch seinen Rechts-
vertreter am 7. Juni 2018 Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht
und beantragte, die Ziffern 1 bis 3 des Verfügungsdispositivs seien aufzu-
heben und die Sache sei zur rechtsgenüglichen Sachverhaltsabklärung so-
wie zur neuen Entscheidfindung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Even-
tualiter sei seine Flüchtlingseigenschaft festzustellen und ihm Asyl zu ge-
währen. Subeventualiter sei die vorläufige Aufnahme wegen Unzulässig-
keit (statt der Unzumutbarkeit) des Wegweisungsvollzugs anzuordnen. In
verfahrensrechtlicher Hinsicht sei ihm die unentgeltliche Prozessführung
zu bewilligen, auf die Erhebung eines Kostenvorschusses sei zu verzichten
sowie der Rechtsvertreter als unentgeltlicher Rechtsbeistand zu bestellen.
Auf Details dieser Rechtsmitteleingabe wird – soweit entscheidrelevant –
in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
Der Eingabe lagen eine Bestätigung der PDK-S/Organisation Schweiz vom
(...) 2018 sowie eine Fürsorgebestätigung vom 22. Mai 2018 bei.
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F.
Mit Instruktionsverfügung vom 22. Juni 2018 wurde das Gesuch um Ge-
währung der unentgeltlichen Rechtspflege gutgeheissen und der Rechts-
vertreter dem Beschwerdeführer als amtlicher Rechtsbeistand beigeord-
net. Ausserdem wurde dieser aufgefordert, sich hinsichtlich des Umstan-
des, dass er mehrere Verhaftungsdokumente erhalten habe, zu äussern
und allenfalls diesbezügliche Beweismittel einzureichen.
G.
Am 25. Juli 2018 reichte der Beschwerdeführer seine Stellungnahme zu-
sammen mit einer Kostennote seines Rechtsvertreters gleichen Datums
und Kopien von positiven Asylentscheiden seiner Brüder ein.
H.
Im Rahmen seiner Vernehmlassung vom 22. Mai 2020 hielt das SEM fest,
dass die Beschwerde keine neuen erheblichen Tatsachen oder Beweismit-
tel enthalte, welche eine Änderung seines Standpunktes rechtfertigen wür-
den. Gleichwohl nahm es zu einzelnen Aussagen des Beschwerdeführers
Stellung; darauf wird in den Erwägungen eingegangen.
I.
Am 10. Juni 2020 nahm der Beschwerdeführer sein Replikrecht wahr.
J.
Mit Verfügung vom 30. Oktober 2020 wurde der Beschwerdeführer darauf
hingewiesen, dass zur weiteren Bearbeitung der Beschwerde detailliertere
Informationen erforderlich seien; gleichzeitig wurde er auf abweichende
Aussagen seiner Halbschwester H._ (N [...]) im Rahmen ihres Asyl-
verfahrens aufmerksam gemacht und ihm wurde diesbezüglich das recht-
liche Gehör gewährt.
K.
Mit Eingabe vom 16. November 2020 nahm der Beschwerdeführer hierzu
Stellung und reichte folgende Unterlagen zu den Akten: Kopie einer hand-
schriftlichen und undatierten Bestätigung betreffend eine Reise des Vaters
in den Libanon (nicht übersetzt) sowie Kopie einer Registrierung als Flücht-
ling von I._, geboren am (...) 1982 (den Angaben des Beschwerde-
führers zufolge sei dies seine Tante), vom 25. September 2013 (ausgestellt
vom UNHCR in Tripoli [Libanon]). Überdies wurde eine Kostennote vom
16. November 2020 zu den Akten gereicht.
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L.
Mit Eingabe vom 12. Februar 2021 nahm der Beschwerdeführer aufforde-
rungsgemäss zu seinen heutigen finanziellen Verhältnissen Stellung und
reichte entsprechende Belege ein.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG und das
AsylG nichts anderes bestimmen (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (vgl. BVGE 2014/26
E. 5).
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3.
3.1 In der Beschwerde wird gerügt, der Anspruch auf rechtliches Gehör sei
verletzt. Diese Rüge ist vorab zu prüfen, da sie allenfalls geeignet sein
könnte, eine Kassation der vorinstanzlichen Verfügung zu bewirken.
Der Beschwerdeführer macht geltend, er habe im vorinstanzlichen Verfah-
ren mehrere Beweismittel – beispielsweise einen Haftbefehl vom (...) 2014
sowie ein Schreiben der PDK-S – eingereicht. Ohne diese zu prüfen, sei
lediglich bemerkt worden, dass der Haftbefehl keine Sicherheitsmerkmale
aufweise, einfach fälschbar und käuflich erwerbbar sei. Mit dieser Vorge-
hensweise habe das SEM es unterlassen, die beiden Beweismittel im Kon-
text zur vorgebrachten (glaubhaften) Fluchtgeschichte zu analysieren und
zu würdigen. Weil nicht nachvollziehbar sei, ob die Beweismittel im Zusam-
menhang mit den Vorbringen gewürdigt worden seien, sei der Anspruch
auf rechtliches Gehör gemäss Art. 29 Abs. 2 BV verletzt.
3.2 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches
Gehör, welcher als Mitwirkungsrecht alle Befugnisse umfasst, die einer
Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt
wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 135 II 286 E. 5.1 und BVGE
2009/35 E. 6.4.1 m.H.). Mit dem Gehörsanspruch korreliert die Pflicht der
Behörden, die Vorbringen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und in
ihrer Entscheidfindung angemessen zu berücksichtigen. Nicht erforderlich
ist, dass sich die Begründung mit allen Parteistandpunkten einlässlich aus-
einandersetzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich widerlegt (vgl.
BGE 136 I 184 E. 2.2.1).
3.3 Der Beschwerdeführer vermengt mit der Rüge betreffend die Verlet-
zung des rechtlichen Gehörs formelle Verfahrensfehler mit der Mteriellen
Würdigung der Beweismittel durch die Vorinstanz. Das SEM hat – nach-
dem es die Vorbringen gestützt auf die Aussagen des Beschwerdeführers
als unglaubhaft qualifiziert hat – die eingereichten Beweismittel in der an-
gefochtenen Verfügung erwähnt und sich zu diesen geäussert (vgl. S. 5
der Verfügung). In diesem Sinne sind die Beweismittel und ihre Beweiskraft
vom SEM im Kontext mit seinen Erwägungen – dass die Vorbringen un-
glaubhaft seien – gewürdigt worden. Das SEM hat das Schreiben der PDK-
S, soweit dieses eine politische Verfolgung belegen soll, als Gefälligkeits-
bestätigung gewürdigt und dem Haftbefehl mangels Sicherheitsmerkmalen
und angesichts der leichten käuflichen Erwerbbarkeit solcher Unterlagen
im Kontext der aus anderen Gründen als nicht glaubhaft zu wertenden Aus-
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sagen keinen ausschlaggebenden Beweiswert zugemessen. Diese Be-
weiswürdigung ist im Rahmen der materiellen Glaubhaftigkeitsprüfung zu
betrachten, beschlägt indessen nicht eine Problematik der Verletzung des
rechtlichen Gehörs. Die Rüge erweist sich als nicht stichhaltig.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
5.
5.1 Das SEM begründete seinen abweisenden Asylentscheid im Wesentli-
chen damit, dass es dem Beschwerdeführer nicht gelungen sei, eine Ver-
folgung durch die syrischen Behörden glaubhaft darzulegen. Zwar sei nicht
auszuschliessen, dass er an Demonstrationen in D._ teilgenom-
men und dafür Transparente angefertigt habe. Die Darstellung, wonach er
dabei von den Behörden identifiziert und infolgedessen aktiv wegen re-
gimekritischer Aktivitäten verfolgt worden sei, vermöge indes nicht zu über-
zeugen. Es habe sich herausgestellt, dass er an den Kundgebungen ledig-
lich einer unter Hunderten gewesen sei und sich dementsprechend nicht
von der allgemeinen Masse abgehoben oder eine besondere Aufmerksam-
keit auf sich gezogen habe. An dieser Einschätzung vermöge auch die Aus-
sage, dass Personen an den Kundgebungen die Namen der Teilnehmer
weitergeleitet hätten, nichts zu ändern, denn sie stehe mit dem Beschwer-
deführer nicht im direkten Zusammenhang. Weitere Aussagen die Identifi-
kation betreffend seien ferner als pauschal und oberflächlich zu werten.
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Des Weiteren widerspreche der geltend gemachte Ablauf – die Familie sei
aufgrund der Bedrohung in den Libanon ausgereist, während der Be-
schwerdeführer in die Nähe von F._ umgesiedelt sei – der Logik
des Handelns. Wenn er tatsächlich wie vorgebracht derart gefährdet ge-
wesen wäre, wäre anzunehmen gewesen, dass er emigriert wäre. Statt-
dessen sei er innerhalb des Landes – notabene ins vom Regime kontrol-
lierte F._ – umgezogen. Auch überzeuge die Erklärung, er habe kei-
nen Kontakt zu seinem Vater gehabt, weil alle Verbindungen unterbrochen
worden seien, nicht. Da er sich im Februar 2012 noch in der Nähe seiner
Familie aufgehalten habe, wäre es nahegelegen, die Flucht zu koordinie-
ren. Folglich seien die geltend gemachten Umstände des Umzugs nach
F._ nicht nachvollziehbar und somit anzuzweifeln.
Ferner erscheine es nicht evident, dass nach drei Jahren im Mai 2015
plötzlich Sicherheitskräfte in F._ aufgetaucht seien und nach ihm
gesucht hätten, zumal er sich seit Februar 2012 nicht mehr politisch betä-
tigt habe. Als Grund, weshalb die Behörden herausgefunden hätten, wo er
sich (damals) aufgehalten habe, habe er vorgebracht, zu jenem Zeitpunkt
seien Reservisten für den Militärdienst gesucht worden und aufgrund sei-
nes Alters habe er in diese Kategorie gepasst. Diese zusammenhangslose
Begründung überzeuge nicht, wie auch die darauffolgenden Antworten,
welche pauschal, oberflächlich und abschweifend ausgefallen seien. Das
Geschilderte wirke konstruiert.
Die ausgeführten Zweifel würden sich überdies durch einige Widersprüche
erhärten. So sei unklar, wo er sich während der Suche nach ihm in
F._ versteckt habe: auf einer Farm oder in der Wohnung oberhalb
des Restaurants. Dieser Widerspruch habe sich durch seine Erklärung
nicht aufgelöst. Ferner habe er das Datum seiner Ausreise aus Syrien wi-
dersprüchlich angegeben; während er an der BzP aussagte, er sei im Ok-
tober 2015 ausgereist, habe er gemäss dem Anhörungsprotoll bereits im
Juni 2015 das Land verlassen. Die Begründung dieser Ungereimtheit sei
inkonsistent sowie stereotyp ausgefallen. Weiter seien die Angaben über
die Anzahl der Besuche der Sicherheitskräfte in D._ nicht kongru-
ent. Die Erklärung, der Dolmetscher habe falsch übersetzt (A23 F239 f.),
sei unbehelflich.
Die eingereichten Beweismittel vermöchten diese Einschätzung nicht zu
ändern. Dem Haftbefehl vom (...) 2014 fehle es mangels Sicherheitsmerk-
malen an Beweiswert. Da bekannt sei, dass derlei Dokumente einfach
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fälschbar und käuflich erwerbbar seien, seien sie ungeeignet, eine aus an-
deren Gründen bereits zweifelhafte Verfolgung zu belegen. Das Schreiben
der PDK-S weise den Charakter eines Gefälligkeitsschreibens auf, wel-
ches auf Wunsch des Beschwerdeführers ausgestellt worden sei. Sämtli-
che übrigen Beweismittel stünden in keinem Zusammenhang mit den Asyl-
vorbringen, weshalb sich ihre vertiefte Abhandlung erübrige.
Zusammenfassend seien die Vorbringen einer Verfolgung wegen der Teil-
nahmen des Beschwerdeführers an Demonstrationen nicht glaubhaft
(Art. 7 AsylG), weshalb auf eine Prüfung der Asylrelevanz verzichtet werde.
Schliesslich hielt das SEM hinsichtlich der vorgebrachten exilpolitischen
Tätigkeiten des Beschwerdeführers fest, diese seien weder intensiv noch
exponiert ausgefallen und folglich nicht geeignet, eine Furcht vor flücht-
lingsrelevanter Verfolgung zu begründen (Art. 3 AsylG).
5.2 Gegen diese Erwägungen argumentierte der Beschwerdeführer in sei-
ner Beschwerdeschrift wie folgt:
5.2.1 Er bekräftigte, er sei kein Kundgebungsteilnehmer unter vielen gewe-
sen, denn es hätten nicht Hunderte Transparente beschriftet oder die Be-
tenden vor der Moschee zusammengetrommelt. Ferner müsse er schon
früh identifiziert worden sein, denn an besagter Demonstration sei er ge-
zielt angegriffen und verfolgt worden. Der Verweis, dass die Protestumzüge
jeweils bespitzelt worden seien, sei nicht allgemein zu verstehen, sondern
im Kontext mit der Geltendmachung der gezielten Verfolgung seiner Per-
son aufgrund seiner Teilnahme an den Kundgebungen. Abgesehen davon,
dass das SEM nicht bestreite, dass er von Sicherheitskräften des Regimes
verfolgt und beschossen worden sei, habe er den Hergang dieser Verfol-
gung ausführlich und wiederholt (mit einer Skizze) darlegen können. So
habe er, als willkürlich auf Demonstranten geschossen worden sei, sich mit
anderen Organisatoren mit ihren Transparenten vor die Menge gestellt und
diese zu beschützen versucht. Daraufhin sei er plötzlich gezielt angegriffen
worden, woraufhin er geflüchtet sei. Erst als er sich später wieder habe in
die Menge mischen können, hätten die Verfolger von ihm abgesehen. Als
sich die Demonstration langsam gelichtet habe, seien die Sicherheitskräfte
erneut auf ihn aufmerksam geworden und hätten ihn – diesmal sogar mit
Fahrzeugen – verfolgt, woraufhin er wiederum geflohen sei. Nachdem das
Haus von E._ im Quartier (...) zerstört worden sei, sei auch das
Haus seiner Familie durchsucht und diese bedroht worden. Diese Ge-
schehnisse seien nicht pauschal und oberflächlich vorgetragen worden,
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sondern äusserst glaubhaft, lebensnah und mit Realkennzeichen verse-
hen. Hätte die Vorinstanz noch detaillierte Angaben für nötig befunden,
hätte sie nachfragen müssen, was sie indes unterlassen habe. Aufgrund
der Aneinanderreihung der Verfolgungshandlungen sei der Schluss nicht
erstaunlich, dass die Behörden seinen Namen gekannt und ihn gezielt ver-
folgt hätten. Dies sowie seine Mitgliedschaft bei der PDK-S habe später zur
Einleitung eines Strafverfahrens und zur Ausstellung eines Haftbefehls ge-
führt.
Die Umstände, welche zur Flucht nach F._ geführt hätten, seien ge-
mäss den Erwägungen der Vorinstanz nicht nachvollziehbar. Dem sei ent-
gegenzuhalten, dass er Beschwerdeführer sich zum damaligen Zeitpunkt
(im Januar 2012) bereits nicht mehr bei seiner Familie aufgehalten habe,
weshalb sie sich bezüglich einer gemeinsamen Flucht nicht hätten abspre-
chen können. Ausserdem habe er sich damals mit seinem Vater verworfen,
auch weil dieser die Familie schon früh verlassen habe und als Ajnabi eine
arabische Frau geheiratet habe, statt sich (wie der Beschwerdeführer) ge-
gen die ständigen Diskriminierungen zu wehren. Ausserdem habe er reali-
siert, dass er mit seinem politischen Engagement seine Familie in Gefahr
gebracht habe, weshalb er es – verbunden mit jugendlichem Leichtsinn –
vorgezogen habe, sich von der Familie zu trennen. Hinsichtlich des Fluch-
torts F._, wo sich seine Brüder auch schon früher aufgehalten hät-
ten, sei auf den Aspekt der Anonymität einer Grossstadt zu verweisen,
auch wenn diese von der Regierung kontrolliert gewesen sei. Überdies
habe er befürchtet, bei einem Grenzübertritt verhaftet zu werden.
Hinsichtlich der Verfolgung in F._ sei festzuhalten, dass tatsächlich
sein dienstfähiges Alter möglicherweise die Aufmerksamkeit der Sicher-
heitskräfte auf ihn gelenkt habe. Nichtsdestotrotz habe er in jedem Fall in
den Augen der Behörden als Krimineller und Verräter gegolten, weil er an
Kundgebungen teilgenommen und einer verbotenen Partei angehört habe.
Diese Angaben würden dem Haftbefehl vom (...) 2014 entsprechen, der
seinem Onkel in C._ überbracht worden sei.
Schliesslich gelte es klarzustellen, dass die Ungereimtheiten zwischen der
BzP und der Anhörung nicht wesentlich seien. Die Angaben zum Versteck
in F._ seien in der Tat verwirrend gewesen, was auf Verständi-
gungsprobleme zurückzuführen sei (vgl. z.B. A23 F54, 57, 95, 149, 178
und 180 sowie den Kommentar der Hilfswerkvertretung [A23 S. 34]). Die
Aussagen würden indes verdeutlichen, dass er sich zunächst im Haus von
G._ in der oberen Etage versteckt habe (A23 F201 ff. und 242 ff.);
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erst als sich die Sicherheitskräfte nach drei Tagen zurückgezogen hätten,
sei er beim Cousin von G._ untergekommen (A23 F222, 243 und
246 f.). Dieser Cousin sei ausserdem ein Kunde des Restaurants gewesen
und habe eine Farm (A6 S. 7 f.). Die Abweichungen der Aussagen seien
folglich vernachlässigbar und auf die jeweilige Stresssituation zurückzufüh-
ren. Hinsichtlich des Ausreisedatums habe er schon an der Anhörung da-
rauf hingewiesen, dass der Dolmetscher der BzP ihn nicht habe ausreden
lassen. Es falle auf, dass einige Daten des Protokolls der BzP nachträglich
korrigiert worden seien (A6 S. 6). Ferner sei betreffend die Anzahl der Su-
chen nach ihm (im Haus der Familie in D._) darauf hinzuweisen,
dass er an der BzP nicht gefragt worden sei, wie oft die Sicherheitskräfte
nach ihm gesucht hätten. Die Vorinstanz habe lediglich aus der Aussage,
die Behörden seien fünf oder zehn Tage nach dem «ersten Besuch» wieder
vorbeigekommen (A6 S. 7), abgeleitet, dass es nur zwei Suchaktionen ge-
wesen seien. Es sei ausser Acht gelassen worden, dass er zwischen den
früheren (ab August 2011) Suchen nach ihm und denjenigen im Januar
2012 unterscheide. Nach den beiden letzten Malen, dass er gesucht wor-
den sei, sei sein Vater persönlich vorbeigekommen und habe ihm davon
berichtet; über die Suchaktionen zuvor sei er nur telefonisch verständigt
worden (A23 F195).
Betreffend den Haftbefehl sei darauf hinzuweisen, dass die Vorinstanz kei-
nerlei Fälschungsmerkmale ausgemacht habe. Gestützt auf das Urteil des
BVGer E-7306/2013 vom 12. Januar 2016 (E. 6.2 f.) habe die Vorinstanz –
mangels jeglicher Fälschungsmerkmale – den Haftbefehl keiner seriösen
Beweiswürdigung unterzogen. Ohnehin füge sich dieses Dokument in die
geltend gemachte Fluchtgeschichte auch bezüglich des Motivs ein und sei
damit geeignet, die Glaubhaftigkeit der Vorbringen zu untermauern. Über-
dies habe der Beschwerdeführer auch Angaben darüber machen können,
wie es in seine Hände gelangt sei. In seiner Stellungnahme vom 25. Juli
2018 führte er bezüglich des Umstandes, dass er «mehrmals Verhaftungs-
dokumente nach Hause geliefert bekommen» habe (A23 F26 und 213),
aus, diese seien ihm nicht immer persönlich ausgehändigt worden, son-
dern seien teils mündlich durch Polizisten auch an Verwandte ausgespro-
chen worden. Er wisse indes nicht, wann Angehörige solche Vorladungen
erhalten hätten. Teilweise würden Verwandte eines Gesuchten auch die
Annahme der Verhaftungsdokumente verweigern, damit der Betroffene
nicht in Gefahr gebracht werde, oder diese Dokumente würden vernichtet.
Er sei öfters in verschiedenen Formen gesucht und vorgeladen worden,
habe den Vorladungen jedoch nie Folge geleistet (vgl. auch A23 F31).
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Seite 13
5.2.2 Die Vorinstanz habe seine seit dem Jahr 2010 bestehende Mitglied-
schaft bei der PDK-S nie in Zweifel gezogen, weshalb die Behauptung fehl-
gehe, das Dokument dieser Partei sei ein Gefälligkeitsschreiben. Er habe
nicht nur an Kundgebungen gegen das Regime teilgenommen, sondern
auch aktiv an deren Organisation, der Gestaltung der Transparente und
der Mobilisierung der Teilnehmer mitgeholfen. Nachdem er durch Spitzel
identifiziert worden sei, sei er gezielt verfolgt und später gesucht worden.
Falls seine Identifizierung nicht geglaubt werde, sei darauf hinzuweisen,
dass sein aktives Engagement für die oppositionellen Kundgebungen res-
pektive das Auftreten als missliebiger Kritiker für eine Flüchtlingsanerken-
nung ausreiche (vgl. verschiedene Berichte des UNHCR und des UK Home
Office sowie das Referenzurteil des BVGer D-5779/2013 vom 25. Februar
2015 E. 5.7.2).
5.2.3 Überdies bestehe die Gefahr, dass er als Mitglied der PDK-S bei ei-
ner Rückkehr in seine Herkunftsregion von den YPG (Yekîneyên Parastina
Gel) verfolgt werde. Ferner sei darauf hinzuweisen, dass er auch aufgrund
seiner Familienmitglieder, die zu einem grossen Teil derselben Partei an-
gehören, eine Reflexverfolgung befürchte (vgl. Urteil des BVGer E-
703/2014 vom 12. Mai 2014 E. 4.3 sowie die Beilagen der Eingabe vom
25. Juli 2018 bezüglich der Flüchtlingsanerkennung seiner Geschwister).
5.2.4 Zu guter Letzt sei darauf hinzuweisen, dass die illegale Ausreise aus
Syrien und das Einreichen eines Asylgesuchs als eine Art Regimekritik gel-
ten würden (vgl. Urteile des BVGer D-4051/2011 vom 8. Juli 2013 E. 7.4 f.
und D-1242/2010 vom 4. Januar 2013 E. 6.3.6). Demzufolge habe der Be-
schwerdeführer nach seiner Rückkehr nach Syrien mit einem Verhör zu
rechnen. Da er sich aufgrund seiner politischen Aktivitäten und seiner Par-
teimitgliedschaft exponiert habe, würde er direkt verhaftet und misshandelt
werden. Darüber hinaus bestehe eine grosse Wahrscheinlichkeit, dass
auch seine exilpolitischen Tätigkeiten vom Regime registriert worden
seien.
5.3 In seiner Vernehmlassung hielt das SEM fest, es würden keine über-
zeugenden Beweise dafür vorliegen, dass der Beschwerdeführer tatsäch-
lich identifiziert und in der Folge gezielt angegriffen worden sei. Dass Ab-
trünnige die Namen von Demonstrationsteilnehmern an die Behörden wei-
tergeleitet hätten, sei als stereotyp und als nicht fallbezogen zu bezeich-
nen. Dabei handle es sich vielmehr um eine persönliche Vermutung. Aus-
serdem habe er ausgesagt, dass die Sicherheitskräfte äusserst willkürlich
vorgegangen seien, was gegen eine gezielte Verfolgung spreche. Mit der
E-3345/2018
Seite 14
Schilderung, er habe sich schützend vor die Menge gestellt, versuche er
lediglich, seine eigene Rolle zu übersteigern.
Ferner sei sein Wegzug nach F._ nicht plausibel, weil diese Stadt
schon damals von der Regierung kontrolliert worden sei. Auch wenn er sich
mit seiner Familie nicht habe koordinieren können, sei nicht nachvollzieh-
bar, dass er das Land nicht schon dannzumal verlassen respektive nicht
den Norden Syriens angesichts der damaligen kurdischen Stärke bevor-
zugt habe. Der Wegzug nach F._ scheine daher überaus wider-
sprüchlich. Hinsichtlich seines dienstfähigen Alters erstaune es, dass er
eine derart exponierte Tätigkeit in einem Restaurant ausgeübt habe. Wäre
er tatsächlich gesucht worden, wäre er sicherlich darauf bedacht gewesen,
keine öffentlich sichtbare Tätigkeit auszuüben.
Zum Vorwurf, das SEM habe es unterlassen, auf eine mögliche Verfolgung
durch die YPG einzugehen, sei anzumerken, dass eine solche vom Be-
schwerdeführer nicht explizit geltend gemacht worden sei. Der blosse Ver-
weis darauf, dass es in den damals von den YPG-kontrollierten Gebieten
zu Übergriffen auf Mitglieder der PDK-S gekommen sei, sei denn auch un-
zureichend, um eine gezielte Verfolgung in asylrechtlich relevanter Intensi-
tät wahrscheinlich erscheinen zu lassen.
Hinsichtlich der Reflexverfolgung sei festzustellen, dass dem SEM nicht
bekannt sei, aus welchen Gründen seine Familienmitglieder von Österreich
oder Schweden Asyl erhalten hätten. Es könne nicht automatisch davon
ausgegangen werden, dass dafür die angebliche PDK-S-Mitgliedschaft
ausschlaggebend gewesen sei.
Schliesslich sei bezüglich der exilpolitischen Tätigkeiten festzuhalten, dass
diese keinem qualifizierten Engagement entsprechen würden. Aus den
Schreiben gehe nicht hervor, welche Rolle er eingenommen und wie er
seine Aktivitäten ausgeführt habe.
5.4 Das SEM, so der Beschwerdeführer einleitend in seiner Replik, wieder-
hole in der Vernehmlassung grösstenteils die bereits im Asylentscheid vor-
gebrachten Argumente. Entgegen der Ansicht des SEM sei die Gezieltheit
der Verfolgung klar gegeben. Das Engagement des Beschwerdeführers in
der kurdischen Widerstandsbewegung sei ausführlich dargelegt worden.
So sei er in ihre Organisation eingebunden und damit ein aktiver Oppositi-
oneller gewesen. Er habe Personen zur Teilnahme animiert, Transparente
angefertigt und Parolen skandiert, weshalb er keineswegs nur ein Mitläufer
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Seite 15
gewesen sei. Ferner seien die Namen von früheren Kollegen, welche auch
an den Demonstrationen gewesen seien, auf den Suchlisten des Regimes
aufgetaucht. So habe sich beispielsweise der bekannte Widerstandskämp-
fer (...) (respektive [...]) wie er selbst stark in der Opposition engagiert (vgl.
ein Video einer Kundgebung, an welcher beide zugegen gewesen seien
([...]).
Hinsichtlich der vom SEM kritisierten Berufswahl sei anzumerken, dass er
diesbezüglich keine grosse Auswahl gehabt habe, um sich über Wasser zu
halten. Dabei handle es sich – wie auch hinsichtlich der Anmerkung, wes-
halb er sich nicht in den kurdischen Norden zurückgezogen habe – um
Spekulationen der Vorinstanz. Nicht zu verkennen sei ausserdem, dass ihn
sein Vater gewarnt habe, er solle nicht mehr nach Hause zurückkehren.
Zudem sei im Zeitpunkt der Flucht nur noch der Weg nach F._ offen
gestanden, wo er sich im Stadtteil B._ niedergelassen habe. In die-
sem christlichen Quartier sei die Präsenz der syrischen Sicherheitskräfte
allgemein gering.
In Bezug auf seine politischen Aktivitäten in der Schweiz könne ergänzt
werden, dass er vor allem für logistische Arbeiten bezüglich der Organisa-
tion von Demonstrationen und Protesten zuständig sei.
6.
6.1 Zunächst ist auf die Glaubhaftigkeit des Geschilderten einzugehen.
Nach Durchsicht der Akten kommt das Gericht zum Schluss, dass die Vor-
instanz insgesamt zu Recht die Glaubhaftigkeit der Vorbringen verneint
hat.
6.1.1 Hinsichtlich der Ereignisse in D._ – bis er im Februar 2012
nach F._ umgesiedelt sei – gilt es Folgendes festzuhalten: Ausser
Frage steht, dass der Beschwerdeführer aus politischer Überzeugung an
den jeweiligen freitäglichen Kundgebungen in D._ teilgenommen
hat (A23 F148 ff.). Seine Aussagen sind detailliert und lassen auch die Be-
weggründe seines politischen Engagements als nachvollziehbar erschei-
nen. Auch ist nicht von der Hand zu weisen, dass staatliche Sicherheits-
kräfte jeweils mit exzessivem Gewalteinsatz gegen die Demonstrationsteil-
nehmer vorgegangen sind.
Jedoch ist aufgrund der Schilderungen des Beschwerdeführers nicht da-
von auszugehen, dass er sich dabei exponiert hat und von den Sicherheits-
kräften gezielt verfolgt wurde. Dem SEM ist diesbezüglich Recht zu geben,
E-3345/2018
Seite 16
dass keine Hinweise auf seine Identifizierung vorliegen. Seine Aussage, er
sei namentlich gesucht und sein Name sei an den Kontrollposten schon
veröffentlicht worden (A23 F114), und seine Vermutung, dass die Behörden
seinen Namen durch Spitzel erfahren hätten (A23 F146 und 183), sind
reine Mutmassungen. Zwar ist durchaus möglich, dass er andere zum Um-
zug animiert (A23 F156 ff.) und Transparente an den Kundgebungen ge-
tragen hat (A23 F164 ff.), doch damit allein hat er sich noch nicht exponiert.
Auch ist nicht ausgeschlossen, dass ihm nach einer Kundgebung Polizis-
ten gefolgt sind und dass auf ihn geschossen wurde (A23 F179 f.), doch
dürfte seine Annahme, dass dies gezielt gegen seine Person erfolgt sei,
eher auf subjektives Empfinden zurückzuführen sein (vgl. hierzu auch
seine Aussagen betreffend «willkürliche Schüsse auf Demonstranten»,
A23 F148). Es sind keine konkreten Anzeichen dafür erkennbar, dass die
Sicherheitskräfte gegen ihn persönlich vorgegangen sind. Er ist davon aus-
zugehen, dass diese gegen alle Demonstranten vorgegangen sind und der
Beschwerdeführer ein Opfer des Zufalls war (vgl. z.B. seine Aussagen
dazu, wie sie [die Kundgebungsteilnehmer] geflüchtet seien, sich dann wie-
der unter die Demonstranten gemischt hätten und schliesslich am Abend
getrennt nach Hause gegangen seien, A23 F169; respektive wie ein Poli-
zist befohlen habe, dass die Sicherheitskräfte "auf uns schiessen und uns
töten" sollten, A23 F179). Demzufolge ist auch nicht plausibel, dass er ge-
zielt zu Hause gesucht (A23 F175 und 182 ff.) respektive im Haus seines
Freundes in (...) gezielt beschossen (A23 F179) worden ist.
6.1.2 Hinsichtlich des Vorbringens, weil er seine Familie in Gefahr gebracht
habe, sei diese in den Libanon geflüchtet (A23 F74 und 199), ist Folgendes
anzumerken: Das SEM ging davon aus, dies widerspreche der Handlungs-
logik. Für das Gericht stehen diesbezüglich indessen andere Ungereimt-
heiten im Vordergrund, welche mit der Stellungnahme vom 16. November
2020 nicht ausgeräumt wurden. Namentlich stimmen die Aussagen des
Beschwerdeführers nicht überein mit jenen seiner Halbschwester,
H._, die den gleichen Vater wie der Beschwerdeführer hat; diese
brachte anlässlich ihrer Anhörung vom 29. Februar 2016 vor, dass ihr Vater
«vor langer Zeit» illegal (weil er ein Ajnabi gewesen sei) einmal in den Li-
banon ausgereist sei, was vermuten lässt, dass dies vor 2011 (als die
Ajanib generell eingebürgert wurden) geschehen ist: sonst hätten ihre El-
tern Syrien nie verlassen (N 628 633, A27 F146 f.). Dies widerspricht den
Angaben des Beschwerdeführers. Unklar bleibt auch, wann der Kontakt
zwischen dem Beschwerdeführer und der Familie abgebrochen wurde
(A23 F75 ff., 81, 87 und 199). In der Stellungnahme vom 16. November
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Seite 17
2020 wurde erläutert, dass weder der Beschwerdeführer noch seine Halb-
schwester damals genau gewusst hätten, was vorgefallen sei; als die Fa-
milie in den Libanon geflohen sei, habe der Beschwerdeführer bereits nicht
mehr in D._ gelebt. Beide – der Beschwerdeführer sowie seine
Halbschwester – seien zum Zeitpunkt der Flucht der Familie nicht anwe-
send gewesen (Stellungnahme vom 16. November 2020 S. 1 f.). Diese
Darstellung geht weiterhin von einer Flucht der Familie in den Libanon aus,
ohne erklären zu können, weshalb die Halbschwester ausgesagt hat, ihr
Vater sei nur einmal vor langer Zeit im Libanon gewesen. Die Stellung-
nahme vom 16. November 2020 bleibt pauschal und wenig substantiiert;
teils werden darin neue Vorbringen nachgeschoben, ohne dass nachvoll-
ziehbar wird, wieso diese Darstellungen nicht in der Anhörung im vo-
rinstanzlichen Verfahren oder in der Beschwerdeschrift hätten gemacht
werden können. Dass der Beschwerdeführer erst jetzt Gelegenheit gehabt
habe, "über das Geschehen nachzudenken und seine Gedanken entspre-
chend zu verorten" (Stellungnahme vom 16. November 2020 S. 1), vermag
nicht zu überzeugen.
Mit der Stellungnahme wird ferner in Kopie und ohne Übersetzung eine
handschriftliche Bestätigung eingereicht, die eine Reise des Vaters in den
Libanon schildern und belegen soll (Stellungnahme vom 16. November
2020 S. 2 sowie Beilage 1). Diesem Schreiben kommt keine Beweiskraft
zu. Soweit ersichtlich, ist es nicht datiert; ferner bleibt der Autor des Schrei-
bens unklar; jedenfalls liegt keinerlei Zusatzbeleg vor, wie beispielsweise
eine Kopie einer Identitätskarte des Vaters oder ähnliches, aufgrund des-
sen eine Zuordnung des Schreibens zu einem Verfasser gemacht werden
könnte; in der vorliegenden Form hätte das Schreiben von irgendeiner Per-
son verfasst werden können. Auf eine Übersetzung des Schreibens kann
bei dieser Sachlage verzichtet werden. Weiter wird die Kopie einer Bestä-
tigung des UNHCR vom 25. September 2013 eingereicht, dass eine Per-
son namens I._, geboren am (...) 1982, als Flüchtling registriert
worden sei. Diesbezüglich wird zwar ausgeführt, es handle sich um die
Tante des Beschwerdeführers (Stellungnahme vom 16. November 2020 S.
3, Beilage 2); hingegen wird kein Bezug zwischen dieser Person und dem
Vater des Beschwerdeführers sowie dessen Familie hergestellt; betreffend
deren angebliche Flucht aus D._ lässt sich daher nichts ableiten.
6.1.3 Zwar erachtet es das Gericht, entgegen der Einschätzung des SEM,
als plausibel, dass sich der Beschwerdeführer in dieser Zeit nach
F._, konkret B._, abgesetzt hatte, wo sich zuvor schon seine
Brüder aufgehalten haben (A23 F69). Die diesbezügliche Argumentation in
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Seite 18
der Beschwerde (S. 7 f.) überzeugt (vgl. hierzu auch die Angaben des Be-
schwerdeführers über den letzten Wohnort F._, wo er nicht offiziell
gemeldet war, und die letzte offizielle Adresse in D._ [A6 S. 4]).
Indes ist die gezielte Suche nach dem Beschwerdeführer in F._ be-
ziehungsweise B._ zweifelhaft. Es ist nicht davon auszugehen,
dass die Behörden von seinem neuen Domizil gewusst haben. Sie beschul-
digten den Arbeitgeber des Beschwerdeführers, «einen Kriminellen» zu
verstecken (A23 F201), haben aber den Namen des Beschwerdeführers
nicht erwähnt. Es scheint nicht glaubhaft, dass B._ zum damaligen
Zeitpunkt ein Hort von Oppositionellen war (A23 F203); es ist mit grosser
Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass es sich dabei nicht um eine
gezielte Suche nach der Person des Beschwerdeführers, sondern um eine
allgemeine Razzia handelte, um beispielsweise Reservisten ausfindig zu
machen (A23 F206).
Das Gericht stimmt der Vorinstanz ferner zu, dass sich die Aussagen be-
züglich des unmittelbaren Aufenthaltsorts des Beschwerdeführers anläss-
lich der Razzia in B._ (auf einer Farm beziehungsweise in der Woh-
nung oberhalb des Restaurants) entgegenstehen. Die hierzu vorgebrach-
ten Erklärungen anlässlich der Anhörung (A23 F242 ff.) und in der Be-
schwerde (S. 9 f.) überzeugen nicht.
6.1.4 Des Weiteren ist der Zeitpunkt der Ausreise aus Syrien (im Oktober
2015 beziehungsweise im Juni 2015) unklar. Dass es sich dabei, wie gel-
tend gemacht wird, um einen Übersetzungsfehler handle (A23 F237 f.; Be-
schwerde S. 10), ist nicht plausibel. An der BzP wiederholte der Beschwer-
deführer den Oktober 2015 als Ausreisemonat mehrere Male (A6 S. 3, 6
und 7) und bestätigte diese Aussagen durch seine Unterschrift (A6 S. 9).
Ausserdem scheint er – bevor er im November 2015 in die Schweiz ein-
reiste – nur wenige Tage in der Türkei und Griechenland geblieben zu sein
(A6 S. 6), was mit der Meldung von Eurodac vom 27. November 2015 (A5)
einhergeht, er sei am 5. November 2015 in [Griechenland] daktyloskopiert
worden.
6.1.5 Als Zwischenergebnis ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer
zwar glaubhaft gemacht hat, er habe aus politischer Überzeugung an den
freitäglichen Kundgebungen im Jahr 2011 in D._ teilgenommen. In-
des konnte er nicht überzeugend darlegen, dass er sich an den Demonst-
rationen exponiert habe und in der Folge gezielt von den syrischen Sicher-
heitskräften gesucht worden sei.
E-3345/2018
Seite 19
Hinsichtlich des eingereichten Haftbefehls hat das SEM zutreffend erwo-
gen, dessen Beweiskraft müsse angesichts der fehlenden Sicherheits-
merkmale des Dokuments und dessen leichter käuflicher Erwerbbarkeit im
Kontext der konkreten Vorbringen gewürdigt werden. Nachdem das Ge-
richt die Unglaubhaftigkeit einer gezielten Verfolgung bestätigt hat, erweist
sich die Würdigung des Beweismittels durch die Vorinstanz als zutreffend.
6.2 Die Aussagen bezüglich einer Mitgliedschaft des Beschwerdeführers
bei der PDK-S vermögen zu überzeugen (A23 F130 ff.). Auch scheint plau-
sibel, dass er sich dafür hat registrieren lassen (A23 F134). Dies habe er
im Jahr 2010 (A23 F132) in (...) getan, weil es in D._ kein offizielles
Parteibüro gegeben habe (A23 F138). Wie die Sicherheitskräfte an die Re-
gistrierungsunterlagen, welche folglich im Gouvernement al-Hasaka und
nicht in D._ hinterlegt wurden, gekommen sein sollten, ist weder
aus den Aussagen des Beschwerdeführers noch aus der Beschwerde-
schrift erkennbar. Eine gezielte Verfolgung wegen seiner blossen Mitglied-
schaft bei der PDK-S ist daher nicht glaubhaft aufgezeigt worden.
6.3 Hinsichtlich einer, wie in der Beschwerdeschrift ausgeführt wurde, dro-
henden Verfolgung durch die YPG, ist das SEM in seinen Erwägungen zu
bestätigen, wonach der blosse Verweis darauf, dass es in den damals von
den YPG-kontrollierten Gebieten zu Übergriffen auf Mitglieder der PDK-S
gekommen sei, für die Darlegung einer gezielten Verfolgung in asylrecht-
lich relevanter Intensität nicht ausreicht.
6.4 Ferner ist den Aussagen des Beschwerdeführers nicht zu entnehmen,
dass er aufgrund seiner Brüder eine Reflexverfolgung zu befürchten hätte.
Dass diese im Ausland Asyl erhalten haben, ist kein ausreichender Hinweis
dafür, dass der Beschwerdeführer aufgrund der Aktivitäten seiner Brüder
in Gefahr gewesen sei, zumal sich darüber in den Akten keine Angaben
finden lassen.
6.5 Im Weiteren existiert keine allgemeine Praxis, wonach bei einer geltend
gemachten illegalen Ausreise (als Nachfluchtgrund) die Flüchtlingseigen-
schaft zu bejahen wäre. Die illegale Ausreise aus Syrien kann per se pra-
xisgemäss keine flüchtlingsrechtliche Relevanz entfalten, sofern keine aus-
gewiesene Verfolgungssituation im Sinne von Art. 3 AsylG und keine be-
sondere individuelle Vorbelastung vorliegen (vgl. statt vieler Urteil des
BVGer D-1702/2020 vom 22. Juli 2020 E. 5.3 m.w.H.). Bezüglich des Ur-
teils D-4051/2011 vom 8. Juli 2013 (E. 7.4 f.), auf welches in der Beschwer-
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Seite 20
deschrift verwiesen wurde, gilt es festzuhalten, dass dort die illegale Aus-
reise im Zusammenhang mit einer Wehrdienstverweigerung thematisiert
wurde, wobei aus offensichtlichen Gründen von einer Identifikation der be-
troffenen Person auszugehen ist, was vorliegend nicht der Fall ist.
6.6 In der Beschwerde wurde darauf hingewiesen, dass sich der Be-
schwerdeführer exilpolitisch betätige. Er nehme regelmässig an regimekri-
tischen Demonstrationen teil und spiele eine aktive Rolle bei der Organisa-
tion von Parteiaktivitäten (Beschwerde S. 21 f.). Er reichte ein Schreiben
der PDK-S/Organisation Schweiz vom (...) 2018 ein, wonach er Parteimit-
glied sei und "sich seit seinem Beitritt für [die] Partei eingesetzt" habe (Be-
schwerde Beilage 3). Weitere Präzisierungen, worin die exilpolitischen Ak-
tivitäten bestehen, wurden nicht gemacht; jedenfalls geht aus den vorlie-
genden unsubstanziierten Angaben nicht hervor, dass er sich diesbezüg-
lich besonders exponiert hat. Eine begründete Furcht, dass er wegen exil-
politischen Aktivitäten bei einer Rückkehr nach Syrien mit flüchtlingsrecht-
lich relevanten Nachteilen rechnen müsste, wird nicht dargelegt.
6.7 Zusammenfassend ist festzustellen, dass die geltend gemachten Asyl-
gründe sowie die vorgebrachten subjektiven Nachfluchtgründe nicht geeig-
net sind, eine asyl- respektive flüchtlingsrechtlich relevante Verfolgung be-
ziehungsweise eine entsprechende Verfolgungsfurcht zu begründen. Die
Vorinstanz hat deshalb zu Recht die Flüchtlingseigenschaft verneint und
das Asylgesuch des Beschwerdeführers abgelehnt.
7.
7.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
7.2 Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4 und 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
7.3 Die Vorinstanz ordnete in ihrer Verfügung vom 4. Mai 2018 infolge Un-
zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs die vorläufige Aufnahme des Be-
schwerdeführers in der Schweiz an. Demnach erübrigen sich praxisge-
mäss weitere Ausführungen zur Zulässigkeit, Zumutbarkeit und Möglichkeit
E-3345/2018
Seite 21
des Wegweisungsvollzugs (vgl. zur alternativen Natur der Vollzugshinder-
nisse BVGE 2011/7 E. 8 m.w.H.).
8.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig
sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist ab-
zuweisen.
9.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Beschwerde-
führer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Nachdem indessen mit Verfü-
gung vom 22. Juni 2018 das Gesuch um unentgeltliche Prozessführung
(Art. 65 Abs. 1 VwVG) gutgeheissen worden ist, und nachdem aufgrund
der mit Eingabe vom 12. Februar 2021 eingereichten Stellungnahme und
den entsprechenden Belegen auch heute weiterhin von der Bedürftigkeit
des Beschwerdeführers im prozessrechtlichen Sinne auszugehen ist, ist
von der Auferlegung von Verfahrenskosten abzusehen.
10.
Ferner wurde mit Verfügung vom 22. Juni 2018 auch das Gesuch um un-
entgeltliche Rechtsverbeiständung gutgeheissen (aArt. 110a Abs. 1 AsylG)
und dem Beschwerdeführer sein Rechtsvertreter als amtlicher Rechtsbei-
stand beigeordnet.
Die Kostennote des Rechtsvertreters vom 16. November 2020 weist bei
einem Stundenansatz von Fr. 300.– einen zeitlichen Aufwand von total
17,3 Stunden und damit einen Gesamtaufwand von Fr. 5'620.– (inkl. Aus-
lagen von Fr. 28.20 und Mehrwertsteuerzuschlag) aus. Bei amtlicher Ver-
tretung geht das Gericht in der Regel von einem Stundenansatz von
Fr. 100.– bis Fr. 150.– für nichtanwaltliche Vertreterinnen und Vertreter aus
(Art. 12 i.V.m. Art. 10 Abs. 2 VGKE), wobei nur der notwendige Aufwand zu
entschädigen ist (Art. 8 Abs. 2 VGKE); dem Rechtsvertreter sind diese
Konditionen bekannt (vgl. Instruktionsverfügung vom 22. Juni 2018). Der
ausgewiesene Vertretungsaufwand zur Ausarbeitung der 24-seitigen Be-
schwerde (insgesamt 9.75 Stunden) erscheint angemessen, indes er-
scheint der Aufwand von insgesamt 7.55 Stunden für die Einreichung der
weiteren Eingaben (Eingabe vom 25. Juli 2018, 2 Seiten; Replik vom 10.
Juni 2020, 3 Seiten; Stellungnahme vom 16. November 2020, 3 Seiten)
nicht vollumfänglich angemessen respektive notwendig im Sinne von
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Seite 22
Art. 64 Abs. 1 VwVG. Unter Berücksichtigung der massgebenden Bemes-
sungsfaktoren (Art. 9-13 VGKE) und der Entschädigungspraxis in Ver-
gleichsfällen ist der zeitliche Aufwand für das Beschwerdeverfahren auf
insgesamt 15.5 Stunden (à Fr. 150.–) und das amtliche Honorar zu Lasten
der Gerichtskasse auf insgesamt Fr. 2'534.– (inkl. Auslagen und Mehrwert-
steuerzuschlag) festzusetzen.
(Dispositiv nächste Seite)
E-3345/2018
Seite 23