Decision ID: db56caf5-f6ec-50ae-b4a2-234b67c9e1ce
Year: 2012
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Entscheid Versicherungsgericht, 30.01.12 Art. 16 Abs. 3 aOHG: Verwirkung des Anspruchs auf finanzielle Leistungen gemäss OHG bei schwerer Körperverletzung und Verbreiten menschlicher Krankheiten (Infizierung mit dem HI-Virus). Beginn des Fristenlaufs (Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 30. Januar 2012, OH 2011/7).Vizepräsidentin Marie-Theres Rüegg-Haltinner, Versicherungsrichterinnen Marie Löhrer und Lisbeth Mattle Frei; Gerichtsschreiber Marcel KuhnEntscheid vom 30. Januar 2012in SachenA._,Rekurrentin,vertreten durch Rechtsanwältin lic. iur. Veronica Hälg-Büchi, Marktgasse 14, 9004 St. Gallen,gegenSicherheits- und Justizdepartement des KantonsSt. Gallen, Moosbruggstrasse 11, 9001 St. Gallen,Vorinstanz,betreffendLeistungen nach OHG (Verwirkung)Sachverhalt:
A.
A.a Am 27. Januar 2010 liess A._ durch ihre Rechtsvertreterin beim Sicherheits- und
Justizdepartement des Kantons St. Gallen (SJD) vorsorglich ein Gesuch um
Ausrichtung einer Genugtuung und Schadenersatz gemäss Opferhilfegesetz (OHG)
stellen. Von 2001 bis April 2004 sei sie mit B._ verheiratet gewesen. Nach der
Scheidung habe sie durch einen Aidstest festgestellt, dass sie mit dem HI-Virus infiziert
worden sei. Im Strafverfahren gegen ihren ehemaligen Ehemann habe sich
herausgestellt, dass dieser sie mit dem HI-Virus angesteckt habe. Dieser habe trotz
Kenntnis der Krankheit ungeschützt geschlechtlich mit ihr verkehrt. Seit 2004 befinde
sie sich in Therapie und müsse täglich verschiedene Medikamente zu sich nehmen
sowie regelmässig ihr Blut kontrollieren lassen. Durch die Therapie habe ein Ausbruch
der Krankheit zwar vermieden werden können, dennoch sei sie aber viel anfälliger auf
Infektionen und sei deshalb öfters krank und auch sonst in ihrer Lebensführung
beeinträchtigt. Es sei davon auszugehen, dass B._ die im Strafverfahren geltend
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gemachten Schadenersatz- und Genugtuungsforderungen nie werde bezahlen können
(act. G 4.1/1).
A.b Mit Schreiben vom 2. Februar 2010 teilte das SJD mit, dass sich A._ gemäss
eigenen Angaben seit 2004 wegen der HI-Infektion durch B._ in Therapie befinde.
Die vorliegend anwendbare zweijährige Verwirkungsfrist habe somit nach Kenntnis von
der Ansteckung spätestens am 1. Januar 2005 zu laufen begonnen, weshalb das
Gesuch um Entschädigung und Genugtuung nach OHG als nicht fristgemäss
eingereicht erachtet werde (act. G 4.1/2).
A.c Mit Entscheid des Kreisgerichts Rheintal vom 2. Juni 2010 wurde B._ u.a. der
mehrfachen schweren Körperverletzung und des mehrfachen Verbreitens menschlicher
Krankheiten schuldig erklärt. Durch das medizinische Gutachten und durch die
Aussagen der Klägerinnen sowie des Angeschuldigten sei nachgewiesen, dass B._
zwischen 2001 und Januar 2007 die Klägerinnen, u.a. zwischen 2001 und Dezember
2003 A._, mit dem HI-Virus angesteckt habe. B._ wurde u.a. verpflichtet, A._
Schadenersatz von Fr. 3'338.10 nebst Zins zu 5% seit 1. Januar 2010 und eine
Genugtuung von Fr. 60'000.-- nebst Zins zu 5% seit 3. Juni 2004 zu bezahlen. Sodann
wurde er im Grundsatz verpflichtet, A._ für die Folgen der schuldhaft verursachten
Ansteckung mit dem HI-Virus Schadenersatz in voller Quote zu bezahlen (act. G
4.1/3.1).
A.d Am 10. März 2011 stellte A._ beim SJD ein Gesuch um Vorschuss auf
Entschädigung gemäss OHG und nahm Stellung zum Schreiben des SJD vom 2.
Februar 2010. Das Urteil des Kreisgerichts Rheintal vom 2. Juni 2010 sei von B._ mit
Berufung ans Kantonsgericht St. Gallen weitergezogen worden. Die
Berufungsverhandlung werde im Mai 2011 stattfinden, so dass erst im Laufe des
Sommers 2011 mit einem Urteil des Kantonsgerichts zu rechnen sei. Zudem sei davon
auszugehen, dass B._ auch das Urteil des Kantonsgerichts ans Bundesgericht
weiterziehen werde. Ein rechtskräftiges Strafurteil und somit die Beurteilung der
Zivilforderung liege demnach in ferner Zukunft. A._ habe erst durch das medizinische
Gutachten vom 4. März 2008 erfahren, dass die HIV-Infektion von B._ stammen
müsse. Erst mit diesem Gutachten habe sie somit Kenntnis über die Straftat und den
vermeintlichen Täter gehabt, weshalb die Frist des OHG erst ab 4. März 2008 zu laufen
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begonnen habe. Mit dem Gesuch vom 27. Januar 2010 sei diese Frist gewahrt worden
(act. G 4.1/3).
A.e Mit Urteil des Kantonsgerichts St. Gallen vom 16. Mai 2011 wurde B._ ebenfalls
u.a. der mehrfachen schweren Körperverletzung und des mehrfachen Verbreitens
menschlicher Krankheiten schuldig erklärt. Bezüglich Schadenersatz und Genugtuung
blieb das Urteil des Kreisgerichts Rheintal vom 2. Juni 2010 unverändert (act. G 1.1/5).
A.f Mit Verfügung vom 30. Mai 2011 wies das SJD die Entschädigungs- und
Genugtuungsbegehren von A._ ab; das Vorschussbegehren der Gesuchstellerin
wurde zufolge Gegenstandslosigkeit abgeschrieben. In der Befragung vom 1. März
2007 sei die Gesuchstellerin erstmals von behördlicher Seite damit konfrontiert
worden, dass die HIV-Übertragung in strafrechtlich relevanter Weise von B._ auf sie
erfolgt sei. Sodann sei sie anlässlich der Befragung über die OHG-Bestimmungen und
die Möglichkeit einer Beratung durch eine Opferberatungsstelle informiert worden. Vor
diesem Hintergrund sei davon auszugehen, dass die Gesuchstellerin spätestens ab
1. März 2007 ernsthaft damit habe rechnen müssen, Opfer einer HIV-Ansteckung
geworden zu sein, weshalb von einem Fristenlauf ab diesem Datum auszugehen sei.
Unter Berücksichtigung des vorliegend anwendbaren Opferhilfegesetzes vom 4.
Oktober 1991 (abgekürzt aOHG) sei das am 27. Januar 2010 eingereichte Gesuch
somit als nicht fristgemäss zu qualifizieren. Die geltend gemachten Ansprüche seien
auch unter Berücksichtigung der neurechtlichen Übergangsbestimmungen nach Art. 48
lit. a Satz 2 OHG als verwirkt zu qualifizieren (act. G 4.1/12).
B.
B.a Gegen diese Verfügung richtet sich der von Rechtsanwältin lic. iur. Veronica Hälg-
Büchi, St. Gallen, im Namen von A._ eingereichte Rekurs vom 7. Juni 2011 mit den
Anträgen, die Verfügung vom 30. Mai 2011 sei aufzuheben, die Vorinstanz sei
anzuweisen, der Rekurrentin Schadenersatz von Fr. 3'338.10 nebst Zins zu 5% seit 1.
Januar 2010, Schadenersatz bzw. Entschädigung für das Jahr 2010 von Fr. 1'159.60,
Genugtuung von Fr. 60'000.-- nebst Zins zu 5% seit 3. Juni 2004 und weiteren
Schadenersatz, der in Folge der schuldhaft verursachten Ansteckung mit dem HI-Virus
in den Jahren 2011 und folgenden entstehen wird, zu bezahlen, und der Rekurrentin sei
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für das Rekursverfahren die unentgeltliche Rechtspflege durch die unterzeichnende
Rechtsanwältin zu gewähren; alles unter Kosten- und Entschädigungsfolge. Die
Verwirkungsfrist sei aus verschiedenen Gründen nicht abgelaufen. Die Rekurrentin
habe rechtzeitig ein Gesuch um Entschädigung und Genugtuung gestellt (act. G 1 und
2).
B.b In der Vernehmlassung vom 19. August 2011 beantragt die Vorinstanz die
Abweisung des Rekurses (act. G 4).
B.c Mit Replik vom 1. September 2011 hält die Rekurrentin unverändert an den
gestellten Anträgen fest (act. G 6).
B.d Mit Duplik vom 3. Oktober 2011 hält auch die Vorinstanz an ihrem Antrag fest
(act. G 8).
B.e Auf die Ausführungen der Parteien wird, sofern erforderlich, in den folgenden
Erwägungen eingegangen.

Erwägungen:
1.
Im Rekurs vom 7. Juni 2011 stellte die Rekurrentin ein Gesuch um unentgeltliche
Rechtsverbeiständung. Dieses ist grundsätzlich zu bewilligen, sofern die Bedürftigkeit
der Partei ausgewiesen ist, der Prozess nicht zum vorneherein als aussichtslos
erscheint und die Verbeiständung durch einen Anwalt notwendig ist (Art. 29 Abs. 3 der
Bundesverfassung, SR 101; Urteil des Bundesgerichts vom 30. November 2007,
1C_45/2007, E. 6). Aufgrund der eingereichten Unterlagen (act. G 2.1) kann die
unentgeltliche Rechtsverbeiständung der Rekurrentin für das Verfahren vor
Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen bewilligt werden. Eine Partei, der die
unentgeltliche Rechtspflege gewährt wurde, ist zur Nachzahlung verpflichtet, sobald sie
dazu in der Lage ist (Art. 123 der Schweizerischen Zivilprozessordnung [ZPO; SR 272]
i.V.m. Art. 99 Abs. 2 des st. gallischen Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege
[VRP/SG; sGS 951.1]).
2.
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Am 1. Januar 2009 ist das totalrevidierte Bundesgesetz über die Hilfe an Opfer von
Straftaten (OHG; SR 312.5) in Kraft getreten. Nach den Übergangsbestimmungen von
Art. 48 lit. a OHG gilt das bisherige Recht (aOHG) für Ansprüche auf Entschädigung
oder Genugtuung für Straftaten, die vor Inkrafttreten dieses Gesetzes verübt worden
sind; für Ansprüche aus Straftaten, die weniger als zwei Jahre vor dem Inkrafttreten
des totalrevidierten OHG verübt worden sind, gelten die Fristen nach Art. 25 OHG.
Gemäss Rechtsprechung des Bundesgerichts kann eine Straftat im Sinn des OHG erst
mit dem Eintritt des strafrechtlich relevanten Erfolgs vorliegen, da erst in diesem
Zeitpunkt der objektive Tatbestand erfüllt ist (vgl. Fullin, OHG-Kommentar, Art. 48 N 7,
in: Peter Gomm/Dominik Zehntner [Hrsg.], Opferhilfegesetz, 3. Aufl., 2009, mit
Hinweisen auf Rechtsprechung). Aufgrund der vorliegenden Akten erfolgte die
Ansteckung der Gesuchstellerin mit dem HI-Virus unbestrittenermassen vor dem 1.
Januar 2007. Gemäss Rechtsprechung des Bundesgerichts werden die
Straftatbestände von Art. 231 Ziff. 1 StGB (Verbreiten menschlicher Krankheiten) und
Art. 122 Abs. 1 StGB (schwere Körperverletzung) grundsätzlich bereits durch die
blosse HIV-Infektion erfüllt (BGE 126 II 351 E. 3c mit Hinweisen). Entsprechend wurde
B._ bereits strafrechtlich verurteilt (vgl. Entscheid des Kreisgerichts Rheintal vom 2.
Juni 2010 [act. G 4.1/3.1] bzw. Entscheid des Kantonsgerichts St. Gallen vom 16. Mai
2011 [act. G 1.1/5]). Die Straftaten wurden somit auch aus opferhilferechtlicher
Betrachtungsweise vor dem 1. Januar 2007 verübt, weshalb gemäss den
Übergangsbestimmungen noch das bisherige Recht anzuwenden ist.
3.
3.1 Strittig ist vorliegend, ob die Vorinstanz das Entschädigungs- und
Genugtuungsbegehren nach Opferhilfegesetz zu Recht abgewiesen hat. Hingegen sind
die am 10. März 2011 beantragten Vorschussleistungen nicht mehr Streitgegenstand,
nachdem die Zivilforderungen in Rechtskraft erwachsen sind (vgl. Rekursanträge, act.
G 1 S. 2 und 3).
3.2 Gesuche um Entschädigung oder Genugtuung müssen innert zwei Jahren nach
der Straftat bei der Behörde eingereicht werden; andernfalls sind die Ansprüche
verwirkt (Art. 16 Abs. 3 aOHG).
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3.3 Der Wortlaut von Art. 16 Abs. 3 aOHG verlangt für das Einsetzen des Fristenlaufs
eine Straftat. Eine Straftat im Sinn des OHG liegt grundsätzlich vor, wenn die
Straftatbestandsmerkmale erfüllt sind und kein Rechtfertigungsgrund gegeben ist. Der
Fristenlauf beginnt grundsätzlich bereits mit der Straftat. Dem Opfer darf es allerdings
nicht faktisch verunmöglicht sein, innerhalb der Verwirkungsfrist ein substantiiertes
Opferhilfegesuch zu stellen. Andernfalls würde der Sinn und Zweck des OHG
unterlaufen. Zwar müssen im Zeitpunkt der Einreichung des Opferhilfegesuchs die
Tatbestandsmerkmale noch nicht durch Strafuntersuchung oder Anklageerhebung
konkretisiert (oder gar durch ein rechtskräftiges Urteil nachgewiesen) sein. Nach Treu
und Glauben muss dem Opfer allerdings ein Minimum an Informationen über die
Straftat bzw. deren Umstände und Schadensfolgen vorliegen, die es ihm möglich und
zumutbar machen, ein ausreichend substantiiertes Opferhilfegesuch zu stellen (BGE
126 II 349 f., E. 2c).
4.
4.1 Die Vorinstanz verneinte einen Anspruch der Rekurrentin auf eine Entschädigung
und eine Genugtuung mit der Begründung, dass sie ihr entsprechendes Gesuch nicht
rechtzeitig innerhalb der zweijährigen Verwirkungsfrist geltend gemacht habe. Vorab
gilt es daher zu prüfen, ob die Rekurrentin ihre Ansprüche auf finanzielle Leistungen
gemäss OHG rechtzeitig gestellt hat.
4.2 Zwischen den Parteien blieb grundsätzlich zu Recht unbestritten, dass bezüglich
des Fristenlaufs im OHG nicht allein auf die strafrechtlich relevante Erfüllung des
Straftatbestandes abgestellt werden kann. Vielmehr wird aus opferhilferechtlicher Sicht
für den Beginn der Verwirkungsfrist vorausgesetzt, dass das Opfer überhaupt Kenntnis
davon erhalten hat, von einer schweren Straftat betroffen zu sein. Dies setzt voraus,
dass es die massgebliche Schädigung bzw. Verletzung erkennen kann (BGE 126 II 354
f., E. 5 b und c).
4.3 Den Akten ist zu entnehmen, dass die Rekurrentin am 1. März 2007 von der
Kantonspolizei in Sachen "Verdacht der Verbreitung menschlicher Krankheiten von
B._" als Auskunftsperson befragt wurde. Sie führte im Wesentlichen aus, dass sie
sich Ende 2003 von B._ getrennt und seither keinen geschlechtlichen wie auch
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sonstigen körperlichen Kontakt mehr zu ihm gehabt habe. Seit April 2004 sei sie von
B._ geschieden. Anfangs 2005 (in den übrigen Akten wird grundsätzlich
übereinstimmend von 2004 ausgegangen; vgl. angefochtene Verfügung S. 2 und
Gesuch vom 27. Januar 2010 S. 2; Gutachten C._ S. 4) sei sie HIV positiv getestet
worden. In den Jahren 1999, 2001 und 2003 habe sie bereits Tests gemacht, welche
immer negativ ausgefallen seien. Sie wisse, dass B._ damals nicht HIV positiv
gewesen sei; also das habe er ihr so gesagt. Ein schriftliches Ergebnis habe sie jedoch
nie gesehen. Wie, wann und von wem sich B._ mit dem HIV infiziert habe, wisse sie
nicht. Sie habe mal gehört, dass er den Virus von einer Freundin namens D._
übertragen bekommen habe. B._ habe ihr davon im November 2006 erzählt. Seit
wann er HIV positiv sei, habe er ihr nicht gesagt (act. G 4.1/7.1). Die Aussagen der
Rekurrentin lassen erkennen, dass sie bis zum Zeitpunkt der polizeilichen Einvernahme
noch nicht vollends überzeugt war, von B._ mit dem HI-Virus angesteckt worden zu
sein. Dabei gilt es zu berücksichtigen, dass sie gemäss ihren Aussagen in der
polizeilichen Befragung und in der Konfrontationseinvernahme vom 4. Februar 2009 mit
dem Bescheid über den positiven HIV-Test über die Ansteckung und deren Folgen
informiert wurde und sofort mit Therapien begann. Sodann ist der
untersuchungsrichterlichen Einvernahme zu entnehmen, dass sich die Rekurrentin
bewusst darüber war, dass ihre Ansteckung eigentlich nur über ungeschützten
Sexualverkehr stattgefunden haben konnte, da sie selber keine Drogen mittels Spritze
injiziert und keine Bluttransfusion stattgefunden hatte. Andere Personen fielen zudem
für die Übertragung des HI-Virus ausser Betracht (vgl. act. G 4.1/7.9 S.8-20). Somit
konnte grundsätzlich nur B._ für die Ansteckung mit dem HI-Virus in Frage kommen.
Die Rekurrentin musste daher aus opferhilferechtlicher Sicht spätestens mit der
polizeilichen Befragung vom 1. März 2007 davon ausgehen, Opfer einer Straftat
geworden zu sein, weshalb die Verwirkungsfrist spätestens mit dieser Befragung
ausgelöst wurde. Diese Schlussfolgerung hat umso mehr zu gelten, als für die
Geltendmachung von Opferhilfeansprüchen nicht vorausgesetzt wird, dass das Opfer
den Täter kennt (vgl. Art. 2 Abs. 1 aOHG bzw. Art. 1 Abs. 3 OHG in der ab 1. Januar
2009 geltenden Fassung). Die Rekurrentin wäre somit spätestens im Zeitpunkt der
Befragung vom 1. März 2007 in der Lage gewesen, ein ausreichend substantiiertes
Opferhilfegesuch zu stellen. Zudem ist den vorliegenden Akten zu entnehmen, dass die
Rekurrentin am 4. Juni 2007 eine Einwilligung zu einer Blutuntersuchung unterzeichnet
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hat, in welcher explizit festgehalten wurde, dass gegen B._ der dringende Verdacht
bestehe, die Rekurrentin wissentlich mit dem HI-Virus infiziert zu haben (act. G 4.1/7.4).
Selbst unter der Annahme, dass die Verwirkungsfrist erst mit der Einwilligung zur
Blutuntersuchung ausgelöst wurde, wäre das Gesuch somit nicht rechtzeitig innerhalb
der zweijährigen Verwirkungsfrist gestellt worden. Entgegen den Ausführungen der
Rekurrentin kann vorliegend auch keine ungenügende Aufklärung geltend gemacht
werden, welche die Auslösung der Verwirkungsfrist verhindert oder verzögert hätte. Im
Polizeirapport vom 9. März 2007 wurde ausgeführt, dass die Rekurrentin anlässlich der
Befragung vom 1. März 2007 über die OHG Bestimmungen informiert und aufgeklärt
wurde. Sie werde sich gegebenenfalls selbst bei der Opferhilfestelle melden (act. G
4.1/7.2). Eine weitergehende juristische Beratung, insbesondere ein Hinweis auf die
Verwirkungsfrist, wird von der Polizei nicht verlangt, sondern ist Sache der Opferhilfe-
Beratungsstelle (vgl. BGE 126 II 354 E. 5a). Aus welchen Gründen sich die Rekurrentin
nicht bei der Opferhilfestelle gemeldet hat, lässt sich den Akten nicht entnehmen und
ist letztlich nicht relevant. Entscheidend ist einzig, dass die Rekurrentin hinreichend auf
die Möglichkeit der Beratung durch die Opferhilfe-Behörde aufmerksam gemacht
wurde und freiwillig darauf verzichtet hat.
4.4 Zusammenfassend gilt es somit festzuhalten, dass die Rekurrentin ihre
Ansprüche auf Entschädigung und Genugtuung gemäss OHG nicht rechtzeitig
innerhalb der zweijährigen Verwirkungsfrist geltend gemacht hat, weshalb die
Vorinstanz das Gesuch vom 27. Januar 2010 zu Recht abgewiesen hat.
5.
5.1 Im Sinn der Erwägungen ist der Rekurs unter Bestätigung der angefochtenen
Verfügung abzuweisen.
5.2 Gerichtskosten sind keine zu erheben (Art. 16 Abs. 1 aOHG).
5.3 Der Staat ist zufolge unentgeltlicher Rechtsverbeiständung zu verpflichten, für die
Kosten der Rechtsvertretung der Rekurrentin aufzukommen. In der
Verwaltungsrechtspflege beträgt das Honorar vor Versicherungsgericht nach Art. 22
Abs. 1 lit. b der Honorarordnung für Rechtsanwälte und Rechtsagenten (sGS 963.75)
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pauschal Fr. 1'000.-- bis Fr. 12'000.--. In der vorliegend zu beurteilenden
Angelegenheit erscheint mit Blick auf die Anforderungen und Komplexität der
Streitsache eine pauschale Parteientschädigung von Fr. 3'000.-- angemessen. Diese ist
um einen Fünftel zu kürzen (Art. 31 Abs. 3 des Anwaltsgesetzes [AnwG; sGS 963.70]).
Somit hat der Staat die Rechtsvertreterin der Rekurrentin pauschal mit Fr. 2'400.-- (inkl.
Barauslagen und Mehrwertsteuer) zu entschädigen.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht