Decision ID: 94adbe69-5a5c-41fc-8952-6089db761c0a
Year: 2022
Language: de
Court: AG_OG
Chamber: AG_OG_007
Canton: AG
Region: Northwestern_Switzerland
Law Area: 

Das Versicherungsgericht entnimmt den Akten:
1.
Die 1972 geborene Beschwerdeführerin, zuletzt als Pflegeassistentin und
Hausfrau tätig gewesen, meldete sich am 9. Juli 2018 bei der Beschwerde-
gegnerin zum Bezug von Leistungen (berufliche Integration, Rente) der
Eidgenössischen Invalidenversicherung (IV) an. Die Beschwerdegegnerin
tätigte berufliche sowie medizinische Abklärungen und liess die Beschwer-
deführerin auf Empfehlung des Regionalen Ärztlichen Dienstes (RAD) po-
lydisziplinär begutachten (Gutachten medexperts AG, St. Gallen [medex-
perts], vom 7. Mai 2020). Nach dem Eingang weiterer medizinischer Be-
richte und Rücksprachen mit dem RAD wurde die Beschwerdeführerin er-
neut polydisziplinär begutachtet (Gutachten der MEDAS Zürich GmbH, Zü-
rich [MEDAS ZH], vom 31. August 2021). Nach durchgeführtem Vorbe-
scheidverfahren wies die Beschwerdegegnerin das Rentenbegehren der
Beschwerdeführerin mit Verfügung vom 22. März 2022 ab.
2.
2.1.
Gegen die Verfügung vom 22. März 2022 erhob die Beschwerdeführerin
mit Eingabe vom 25. April 2022 fristgerecht Beschwerde und stellte fol-
gende Rechtsbegehren:
"1. Es sei die Verfügung der Beschwerdegegnerin vom 22. März 2022  und diese zu verpflichten, der Beschwerdeführerin mind. eine halbe Invalidenrente zuzusprechen.
2. Unter o/e-Kostenfolge."
2.2.
Mit Eingabe vom 28. April 2022 reichte die Beschwerdeführerin einen wei-
teren Arztbericht zu den Akten.
2.3.
Mit Vernehmlassung vom 23. Mai 2022 beantragte die Beschwerdegegne-
rin die Abweisung der Beschwerde.
2.4.
Mit instruktionsrichterlicher Verfügung vom 1. Juni 2022 wurde die berufli-
che Vorsorgeeinrichtung der Beschwerdeführerin im Verfahren beigeladen
und ihr Gelegenheit zur Stellungnahme gegeben. Diese verzichtete mit Ein-
gabe vom 14. Juni 2022 auf eine Stellungnahme.
- 3 -

Das Versicherungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Streitig und zu prüfen ist, ob die Beschwerdegegnerin das Rentenbegehren
der Beschwerdeführerin mit Verfügung vom 22. März 2022 (Vernehmlas-
sungsbeilage [VB] 138) zu Recht abgewiesen hat.
2.
In der angefochtenen Verfügung vom 22. März 2022 (VB 138) stützte sich
die Beschwerdegegnerin insbesondere auf das internistisch-neurologisch-
psychiatrisch-otorhinolaryngologisch-neuropsychologisch-rheumatologi
sche MEDAS ZH-Gutachten vom 31. August 2021. Darin wurden interdis-
ziplinär die nachfolgenden Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähig-
keit gestellt (VB 120.4 S. 29 f.):
"- Polyarthrose (...)
- Chronisches Cervikovertebralsyndrom (...)
- Chronisches Lumbovertebralsyndrom (...)
- Chronische Schmerzstörung mit somatischen und psychischen  ICD-10 F45.41, leicht ausgeprägt".
Seit Oktober 2017 bestehe (aufgrund der rheumatologischen Beurteilung)
in der angestammten Tätigkeit eine vollständige Arbeitsunfähigkeit und in
angepasster Tätigkeit eine 80%ige Arbeitsfähigkeit (VB 120.4 S. 39).
3.
3.1.
Die Beschwerdeführerin macht geltend, es sei mit dem MEDAS ZH-Gut-
achten vom 31. August 2021 anstatt des für sinnvoll erachteten Verlaufs-
gutachtens inhaltlich eine unzulässige "second opinion" erstellt worden
(vgl. Beschwerde S. 5, 10).
3.2.
Die für die Beurteilung des Leistungsanspruchs von Amtes wegen durch-
zuführenden Abklärungen nach Art. 43 ATSG beinhalten nicht das Recht
des Versicherungsträgers, eine "second opinion" zu dem bereits in einem
Gutachten festgestellten Sachverhalt einzuholen, wenn dieser nicht seinen
Vorstellungen entspricht (Urteil des Bundesgerichts 9C_561/2021 vom
4. August 2022 E. 4.1 mit Hinweis).
- 4 -
3.3.
3.3.1.
Mit Mitteilung vom 29. Oktober 2020 teilte die Beschwerdegegnerin der Be-
schwerdeführerin mit, dass eine weitere umfassende polydisziplinäre Be-
gutachtung zur Klärung der Leistungsansprüche notwendig sei (VB 103).
Mit Mitteilung vom 31. März 2021 wurde die Beschwerdeführerin sodann
informiert, dass die polydisziplinäre Begutachtung durch die MEDAS ZH
erfolgen werde (VB 114). Die Beschwerdeführerin opponierte weder gegen
die in Auftrag gegebene medizinische Abklärung noch verlangte sie eine
anfechtbare Verfügung. Rechtsprechungsgemäss sind verfahrensrechtli-
che Einwendungen so früh wie möglich, das heisst nach Kenntnisnahme
eines Mangels bei erster Gelegenheit, vorzubringen. Es kann nicht ange-
hen, dass eine versicherte Person gegen medizinische Abklärungen nicht
opponiert, bis sie Kenntnis von der Beurteilung des/der Experten erhält und
damit die Rüge vermutungsweise nur dann erhebt, wenn sie mit der Beur-
teilung nicht einverstanden ist. Dies ist ein Verstoss gegen den auch für
Private geltenden Grundsatz von Treu und Glauben (vgl. BGE 143 V 66
E. 4.3 S. 69 mit Hinweisen; Urteile des Bundesgerichts 9C_174/2020 vom
2. November 2020 E. 6.2.2; 9C_768/2018 vom 21. Februar 2019 E. 5.2.1).
Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass die Beschwerdeführerin im
Zeitpunkt der Gehörsgewährung zur Begutachtung noch nicht anwaltlich
vertreten war (vgl. Urteil des Bundesgerichts 8C_445/2016 vom 7. Februar
2017, E. 5.2; VB 132 f.).
Selbst wenn diese Rüge im vorliegenden Verfahren noch geltend gemacht
werden könnte, wäre die Anordnung des polydisziplinären MEDAS ZH-Gut-
achtens aus nachfolgenden Gründen als zulässig zu erachten: Im Nach-
gang an die am 2. und 5. März 2020 durchgeführten Begutachtungen bei
der medexperts reichte die Beschwerdeführerin einen Bericht der Klinik C.
vom 14. April 2020 ein, in dem unter anderem die Diagnosen "Schwere
agitierte depressive Episode bei rez. depressiver Störung ICD-10 F33.2"
und "Agoraphobie mit Panikstörung ICD-10 F40.01" festgehalten wurden
(VB 68 S. 2). In der konsiliarisch-psychiatrischen Aktenbeurteilung vom
25. Mai 2020 hielt der RAD-Arzt Dr. med. D., Facharzt für Psychiatrie und
Psychotherapie, hinsichtlich des Berichts der Klinik C. vom 14. April 2020
fest, es werde empfohlen, diesen dem psychiatrischen Gutachter
vorzulegen. Dieser habe auszuführen, ob der Bericht zu einer Änderung
der gutachterlichen Einschätzung führe und ob eine Verlaufsbegutachtung
für notwendig erachtet werde (VB 71 S. 4).
In der daraufhin eingeholten Stellungnahme vom 30. Juni 2020 hielt der
psychiatrische medexperts-Gutachter hinsichtlich des Berichts der Klinik C.
vom 14. April 2020 fest, um herauszufinden, ob es sich bei der darin
beschriebenen Verschlechterung des Gesundheitszustandes um ein
reaktives und vorübergehendes Geschehen gehandelt habe und ob die Be-
- 5 -
schwerdeführerin nach der medexperts-Begutachtung auch noch eine Ago-
raphobie mit Panikstörung und möglicherweise eine Somatisierungsstö-
rung entwickelt habe, sei die erneute Durchführung eines psychiatrischen
Gutachtens sinnvoll (VB 77 S. 2). Nach Eingang der Stellungnahme vom
30. Juni 2020 hielt der RAD-Arzt Dr. med. E., Facharzt für Rheumatologie
sowie für Physikalische Medizin und Rehabilitation, am 2. Juli 2020 fest, es
sei die Durchführung eines psychiatrischen Verlaufsgutachtens sinnvoll,
"resultatabhängig" ergänzt mit einem neuropsychologischen Ver-
laufsgutachten; es sei beim medexperts-Psychiater ein Verlaufsgutachten
zu veranlassen (VB 79 S. 2). Nach Eingang diverser nach der medexperts-
Begutachtung erstellten Berichte des Kantonsspitals Aarau (Rheumatolo-
gie, Neurologie, HNO; VB 94; 97 ff.) führte der RAD-Arzt Dr. med. E. in
seiner Aktennotiz vom 26. Oktober 2020 aus, es seien für das "polydis-
ziplinäre Verlaufs-MEDAS-GA" die Fachdisziplinen Psychiatrie, Neuropsy-
chologie, Rheumatologie, Neurologie, Allgemeine Innere Medizin und Oto-
Rhino-Laryngologie zu beteiligen (VB 101). In der Mitteilung vom 29. Okto-
ber 2020 wies die Beschwerdegegnerin die Beschwerdeführerin darauf hin,
dass die Wahl der Gutachterstelle nach dem Zufallsprinzip erfolgen werde
(VB 103 S. 1).
Da der psychiatrische medexperts-Gutachter explizit eine Verlaufsbegut-
achtung empfahl und eine Verschlechterung des psychischen Gesund-
heitszustandes aufgrund des Berichts der Klinik C. sowie eine Veränderung
des somatischen Gesundheitszustandes aufgrund diverser Berichte des F.
möglich erschienen, erwiesen sich weitere Sachverhaltsabklärungen als
unabdingbar. Es ist damit bei der polydisziplinären MEDAS ZH-
Begutachtung nicht von einer unzulässigen "second opinion" auszugehen.
4.
4.1.
4.1.1.
Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob die-
ser für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen
beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der
Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Beurteilung der medi-
zinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Si-
tuation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen des Experten begründet
sind (BGE 134 V 231 E. 5.1 S. 232; 125 V 351 E. 3a S. 352).
4.1.2.
Den von Versicherungsträgern im Verfahren nach Art. 44 ATSG eingehol-
ten Gutachten von externen Spezialärzten, welche auf Grund eingehender
Beobachtungen und Untersuchungen sowie nach Einsicht in die Akten Be-
richt erstatten und bei der Erörterung der Befunde zu schlüssigen Ergeb-
- 6 -
nissen gelangen, ist bei der Beweiswürdigung volle Beweiskraft zuzuerken-
nen, solange nicht konkrete Indizien gegen die Zuverlässigkeit der Exper-
tise sprechen (BGE 135 V 465 E. 4.4 S. 470; 125 V 351 E. 3b/bb S. 353).
4.2.
Die Beschwerdeführerin bringt im Wesentlichen vor, das psychiatrische
MEDAS ZH-Teilgutachten vom 31. August 2021 verletze den "Schlüssig-
keitsgrundsatz" mehrfach, weshalb ihm kein Beweiswert zukommen dürfe
(vgl. Beschwerde S. 5). Das Ergebnis der ersten Begutachtung der medex-
perts vom 8. Mai 2020 werde nicht bestritten und es sei dem RAD zuzu-
stimmen, dass auf dieses Gutachten abgestellt werden könne (vgl. Be-
schwerde S. 6). Auch mit Verweis auf ihre behandelnde Psychiaterin (vgl.
provisorischer Verlaufsbericht, Beschwerdebeilage [BB] 3; Verlaufsbericht
vom 22. April 2022, eingereicht mit Eingabe vom 28. April 2022) sei es nicht
nachvollziehbar, dass im psychiatrischen MEDAS ZH-Gutachten die Diag-
nose einer Depression mangels eigenständiger Antriebsstörung und de-
pressiver Stimmung verneint werde (vgl. Beschwerde S. 6 ff.). Trotz ver-
gleichbaren funktionellen Leistungseinbussen im MEDAS ZH- und im
medexperts-Gutachten werde die Arbeitsfähigkeit durch die jeweiligen psy-
chiatrischen Gutachter diametral abweichend festgelegt. Dies sei nicht
nachvollziehbar und es fehle im MEDAS ZH-Gutachten eine Begründung
für die abweichende Beurteilung der Arbeitsfähigkeit in angestammter und
angepasster Tätigkeit. Dies erwecke massive Zweifel an der Zuverlässig-
keit des psychiatrischen MEDAS ZH-Gutachtens (vgl. Beschwerde S. 8 ff.).
4.3.
4.3.1.
Im medexperts-Gutachten vom 7. Mai 2020 wurden interdisziplinär die
nachfolgenden Diagnosen mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit gestellt
(VB 65.2 S. 6):
"- Mittelgradige depressive Episode ICD-10: F32.1 - Coxarthrose beidseits (ICD-10: M16.0) mit Restbeschwerden im rech-
ten Hüftgelenk im Sinne von Schmerzen (ICD-10: M25.55) und  (ICD-10: M25.65) bei Status nach Implantation einer Hüftgelenkstotalendoprothese im Oktober 2017 (ICD-10: Z96.64)
- Gonarthrose beidseits (ICD-10: M17.0) nach Arthroskopie mit  des medialen Meniskus und Knorpeldebridement links im Juni 2016
- Chronisches Lumbovertebralsyndrom (ICD-10: M54.87) bei  Veränderungen ossärer (ICD-10: M47.87) und diskogener (: M51.2) Art im Sinne von Osteochondrosen und Diskusprotrusionen im unteren LWS-Abschnitt. (...)
- Generalisiertes myofasziales Schmerzsyndrom (ICD-10: M79.80) - Re-Varikositas beider Beine rechts deutlich mehr als links mit wieder-
kehrenden Ödemen bei Zustand nach Varizenoperation beider Beine 2009 (ICD-10: I83.9)".
- 7 -
Aufgrund der psychiatrischen und orthopädischen Einschränkungen sei der
Beschwerdeführerin ihre angestammte Tätigkeit als Pflegeassistentin seit
Oktober 2017 nicht mehr zumutbar (VB 65.2 S. 7, 9; 65.6 S. 14; 65.7
S. 11). Für angepasste Tätigkeiten habe ab Oktober 2017 bis zumindest
am 15. Juli 2019 eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit bestanden, danach habe
bis zum 4. März 2020 eine langsame Abnahme der Einschränkung der Ar-
beitsfähigkeit stattgefunden und mindestens ab dem 5. März 2020 (gemäss
psychiatrischem Teilgutachten [VB 65.6 S. 15]) bzw. mindestens ab dem
29. Mai 2018 (gemäss Gesamtbeurteilung [VB 65.2 S. 10]) sei von einer
50%igen Arbeitsunfähigkeit in angepasster Tätigkeit auszugehen (vgl.
VB 65.2 S. 7, 10; 65.6 S. 15; 65.7 S. 11).
4.3.2.
In der konsiliarisch-psychiatrischen Aktenbeurteilung vom 25. Mai 2020
hielt der RAD-Psychiater fest, das psychiatrische medexperts-Teilgutach-
ten erfülle aus versicherungsmedizinischer Sicht die versicherungsmedizi-
nischen Vorgaben. Der psychiatrische Gutachter habe die Diagnose einer
mittelgradigen depressiven Episode gestellt und diese anhand der ICD-10
Kriterien und des Alltagsaktivitätsniveaus begründet (VB 71 S. 3). Die gut-
achterlich vorgenommene Arbeitsfähigkeitseinschätzung aus psychiatri-
scher Sicht in angestammter und angepasster Tätigkeit sei nachvollzieh-
bar. Gesamthaft werde empfohlen, auf das psychiatrische Teilgutachten
abzustellen (VB 71 S. 4). Der RAD-Rheumatologe führte in seiner Akten-
beurteilung vom 11. Mai 2020 aus, das medexperts-Gutachten sei bezüg-
lich der Arbeitsfähigkeitseinschätzung aus orthopädischer bzw. gesamtso-
matischer Sicht schlüssig und nachvollziehbar, weswegen darauf abge-
stellt werden könne (VB 70 S. 3).
4.3.3.
In dem im Rahmen des Beschwerdeverfahrens eingereichten Austrittsbe-
richt vom 22. April 2022 (eingereicht mit Eingabe vom 28. April 2022) stellt
die behandelnde Psychiaterin als Diagnose mit Auswirkung auf die Arbeits-
fähigkeit eine "Chronische Schmerzstörung mit somatischen und psychi-
schen Faktoren (ICD-10 F45.41) in Verbindung mit depressiver Störung,
gegenwärtig schwergradiger Episode (ICD-10 F32.2)" (S. 3). Zur zeitlichen
Einordnung der depressiven Symptome lasse sich festhalten, dass die Be-
schwerdeführerin vom 29. Mai 2018 bis zum 15. Juli 2019 an einer schwer-
gradigen depressiven Episode gelitten habe und vom 5. März 2020 bis ca.
Januar 2022 nur noch eine mittelgradige depressive Episode vorgelegen
habe. Die erneute Entwicklung zu einer schwergradigen depressiven Epi-
sode habe dann im Februar 2022 stattgefunden (S. 4). Zur zeitlichen Ent-
wicklung der chronischen Schmerzstörung lasse sich festhalten, dass sich
diese wohl nach und nach ab dem 5. März 2020 entwickelt habe. Wie die
psychiatrische MEDAS ZH-Gutachterin das Vorliegen einer mittelschweren
depressiven Episode komplett verneine, könne absolut nicht nachvollzogen
werden. In der angestammten Tätigkeit als Pflegeassistentin bestehe keine
- 8 -
Arbeitsfähigkeit (S. 5). In einer angepassten Tätigkeit bestehe eine Arbeits-
fähigkeit von 50 %, wenn die depressive Episode nur mittelgradig ausge-
prägt sei. Da aber seit Februar 2022 wieder eine schwergradige depressive
Episode vorliege, bestehe seit dann eine volle Arbeitsunfähigkeit (S. 6).
4.4.
Die psychiatrische MEDAS ZH-Gutachterin stellte mit Einfluss auf die Ar-
beitsfähigkeit die Diagnose "Chronische Schmerzstörung mit somatischen
und psychischen Faktoren ICD-10 F 45.41, leicht ausgeprägt" (VB 120.2
S. 67). Hinsichtlich der im medexperts-Gutachten und von den behandeln-
den Ärzten gestellten Diagnosen einer depressiven Episode hielt die psy-
chiatrische MEDAS ZH-Gutachterin fest, die Beschwerdeführerin habe die
geschilderten Unterschiede zwischen normal-psychologischer Stressreak-
tion und einer depressiven Symptomatik verstanden und habe bestätigt,
dass ihre Beschwerden klar im Zusammenhang mit ihren Schmerzen stün-
den. Wären diese besser zu ertragen, könnte sie ihr Leben wieder aktiver
gestalten. Dieses aufrechterhaltene Interesse an der Lebensgestaltung
spreche gegen ein depressives Denken und Wahrnehmen der eigenen Si-
tuation. Somit würden keine Hinweise auf ein eigenständiges Krankheits-
bild aus dem depressiven Formenkreis bestehen. Objektiv seien die Krite-
rien einer depressiven Episode "derzeit also nicht erfüllt" (VB 120.2 S. 68).
Vor der körperlichen Problematik sei die Beschwerdeführerin psychisch ge-
sund gewesen. Diese Perspektive habe keinen eigenen Krankheitswert
und sollte daher nicht als depressives Denken interpretiert werden
(VB 120.2 S. 69). Seit der letzten Begutachtung habe sich aus psychiatri-
scher Sicht objektiv nichts Wesentliches verändert. In der Tätigkeit als Pfle-
gehelferin wäre die Beschwerdeführerin seit Antragsstellung arbeitsfähig
gewesen, zumal sie sich selbst nicht als relevant psychisch beeinträchtigt
fühle. In der angestammten Tätigkeit bestehe damit eine 80%ige und in
einer angepassten Tätigkeit eine 100%ige Arbeitsfähigkeit aus psychiatri-
scher Sicht (VB 120.2 S. 74 f.).
Die psychiatrische MEDAS ZH-Gutachterin weicht damit stark von der Ein-
schätzung des psychiatrischen medexperts-Gutachters ab sowohl hinsicht-
lich der Diagnosestellung als auch hinsichtlich der Arbeitsfähigkeitsein-
schätzung aus psychiatrischer Sicht (vgl. E. 4.3.1. hiervor). Zur abweichen-
den gutachterlichen Einschätzung des psychiatrischen medexperts-Gut-
achters führte die psychiatrische MEDAS ZH-Gutachterin jedoch lediglich
aus, diese könne insgesamt nicht nachvollzogen werden, da "offenbar" der
Verantwortungsbereich einer Pflegehelferin "doch etwas überschätzt" wor-
den sei (VB 120.2 S. 70). Da im medexperts-Gutachten jedoch auch eine
Einschränkung der Arbeitsfähigkeit in angepasster Tätigkeit attestiert
wurde (vgl. E. 4.3.1. hiervor), erweist sich diese Auseinandersetzung als
unvollständig, mangelhaft und nicht schlüssig. Dies insbesondere auch, da
der psychiatrische RAD-Arzt empfohlen hatte, auf das medexperts-Gutach-
ten abzustellen (vgl. E. 4.3.2. hiervor). Damit wäre bei einer solch starken
- 9 -
Abweichung vom medexperts-Gutachten eine umfassende Auseinander-
setzung mit diesem notwendig gewesen mit einlässlicher Begründung,
weshalb von dieser Einschätzung abzuweichen sei.
Zu den weiteren psychiatrischen Akten hielt die psychiatrische MEDAS ZH-
Gutachterin ausschliesslich fest, seit Austritt aus der Klinik C. sei es der
Beschwerdeführerin vorübergehend schlechter gegangen, was aber mit
psychosozialen Belastungen (Entzug des ihr sehr wichtigen Führerscheins)
erklärbar sei und somit keinen Krankheitswert aufweise (VB 120.2 S. 75).
Da sich die psychiatrische MEDAS ZH-Gutachterin damit weder mit dem
von ihrer Einschätzung abweichenden psychiatrischen medexperts-
Gutachten noch mit den zahlreichen weiteren aktenkundigen Facharztbe-
richten nachvollziehbar auseinandergesetzt hat, fand eine ungenügende
Würdigung der medizinischen Aktenlage statt. Damit erweist sich das psy-
chiatrische MEDAS ZH-Gutachten als unzureichend.
Zudem ist hinsichtlich des im Rahmen des Beschwerdeverfahrens einge-
reichten Berichtes der behandelnden Psychiaterin vom 22. April 2022 (vgl.
E. 4.3.3. hiervor) festzuhalten, dass dieser zwar nach Verfügungserlass
verfasst wurde, darin jedoch von einer Verschlechterung seit Februar 2022
berichtet wird. Folglich bezieht er sich auch auf den Zeitraum vor der mass-
geblichen Verfügung vom 22. März 2022, womit er zu berücksichtigen ist
(vgl. BGE 131 V 242 E. 2.1 S. 243; 121 V 362 E. 1b S. 366; Urteil des Bun-
desgerichts 9C_349/2017 vom 8. Januar 2018 E. 2.1). Es kann nicht aus-
geschlossen werden, dass es seit der Begutachtung zu einer invalidenver-
sicherungsrechtlich relevanten Verschlechterung des Gesundheitszustan-
des der Beschwerdeführerin gekommen ist. Dies stellt eine medizinische
Frage dar, welche fachärztlich abzuklären ist.
4.5.
Zusammenfassend erweist sich der zur Beurteilung des Rentenanspruchs
der Beschwerdeführerin relevante Sachverhalt im Lichte der Untersu-
chungsmaxime als unvollständig und nicht rechtsgenüglich erstellt (Art. 43
Abs. 1 und Art. 61 lit. c ATSG; BGE 133 V 196 E. 1.4 S. 200; 132 V 93
E. 5.2.8 S. 105; 125 V 193 E. 2 S. 195; UELI KIESER, ATSG-Kommentar,
4. Aufl. 2020, N. 13 ff. zu Art. 43 ATSG). Es rechtfertigt sich damit vorlie-
gend, die Sache – angesichts eines unvollständigen Gutachtens und einer
möglichen invalidenversicherungsrechtlich relevanten Verschlechterung
des Gesundheitszustandes der Beschwerdeführerin – an die Beschwerde-
gegnerin zu weiteren umfassenden Abklärungen auch in retrospektiver Hin-
sicht zurückzuweisen (BGE 139 V 99 E. 1.1 S. 100; 137 V 210 E. 4.4.1.4
S. 264 f.). Anschliessend hat die Beschwerdegegnerin neu über das Ren-
tenbegehren zu verfügen. Bei diesem Verfahrensausgang erübrigen sich
Ausführungen zu den Vorbringen der Beschwerdeführerin bezüglich der er-
werblichen Auswirkungen des Gesundheitsschadens (vgl. Beschwerde
S. 5, 11 f.).
- 10 -
5.
5.1.
Nach dem Dargelegten ist die Beschwerde in dem Sinne gutzuheissen,
dass die angefochtene Verfügung vom 22. März 2022 aufzuheben und die
Sache zur weiteren Abklärungen im Sinne der Erwägungen und zur Neu-
verfügung an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen ist.
5.2.
Gemäss Art. 69 Abs. 1bis IVG ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Kosten
werden nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im
Rahmen von Fr. 200.00 bis Fr. 1'000.00 festgesetzt. Für das vorliegende
Verfahren betragen diese Fr. 800.00. Sie sind gemäss dem Verfahrensaus-
gang der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen.
5.3.
Ausgangsgemäss hat die Beschwerdeführerin Anspruch auf Ersatz ihrer
richterlich festzusetzenden Parteikosten (Art. 61 lit. g ATSG), denn die
Rückweisung der Sache an die Verwaltung zwecks Vornahme ergänzen-
der Abklärungen gilt als anspruchsbegründendes Obsiegen (BGE 132
V 215 E. 6.1 S. 235 mit Hinweisen).