Decision ID: cfabdcc9-8884-5c89-933f-7b9e3a3a2668
Year: 2016
Language: de
Court: SG_VWEK
Chamber: SG_VWEK_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.- Am Dienstag, 24. März 2015, um 10.21 Uhr, lenkte X in St. Gallen einen Audi S3 auf
der Marktgasse in Richtung Marktplatz. Beim Signal „Kein Vortritt“ passierte sie den
Absatz und fuhr langsam in nördliche Richtung. Bei der Wartelinie hielt sie das
Motorfahrzeug an. Von links näherte sich ein Linienbus in Richtung Guggeien. Die
vortrittsbelastete X setzte ihre Fahrt fort, worauf die Lenkerin des Trolleybusses
bremsen musste und gleichzeitig die Hupe betätigte. Daraufhin beschleunigte X ihr
Fahrzeug, wodurch eine Kollision verhindert wurde.
B.- Mit Strafbefehl vom 18. Mai 2015 wurde X der Verletzung der Verkehrsregeln
(Missachtung des Signals „Kein Vortritt“) gemäss Art. 90 Abs. 1 SVG schuldig
gesprochen und mit einer Busse von Fr. 300.– bestraft.
C.- Das Strassenverkehrs- und Schifffahrtsamt verfügte gegen X am 11. August 2015
einen einmonatigen Führerausweisentzug (Ziffer 1 des Rechtsspruchs). Der Führer
ausweis und allfällig vorhandene weitere Ausweise seien spätestens am 11. November
2015 mit beigelegtem Rückantwortcouvert per Einschreiben zuzustellen oder am
Schalter des Strassenverkehrsamtes, Frongartenstrasse 5, 9001 St. Gallen, abzugeben
(Ziff. 2). Das Führen von Motorfahrzeugen aller Kategorien und Unterkategorien sowie
der Spezialkategorie F sei ihr während der Dauer des Entzugs untersagt (Ziff. 3). Diese
Massnahme habe auch den Entzug allfälliger Lernfahrausweise und internationaler
Führerausweise sowie die Aberkennung ausländischer Führerausweise zur Folge
(Ziff. 4). Die Verfahrenskosten würden Fr. 300.– betragen (Ziff. 5).
D.- Dagegen erhob X am 27. August 2015 durch ihren Rechtsvertreter Rekurs bei der
Verwaltungsrekurskommission. Sie verlangte die Durchführung einer mündlichen
Hauptverhandlung und beantragte die Aufhebung der Verfügung des
Strassenverkehrsamtes vom 11. August 2015, unter Kosten- und Entschädigungsfolge
zu Lasten des Staates. Die Rekurrentin erhielt Gelegenheit zur Ergänzung des Rekurses
sowie zur Bezahlung des Kostenvorschusses bis am 14. September 2015. Beides
erfolgte fristgemäss. Der Hauptantrag wurde mit dem Eventualantrag, die Verfügung
sei abzuändern, ergänzt. Die Vorinstanz nahm am 1. Oktober 2015 Stellung zum
Rekurs. Sie beantragte die vollumfängliche Abweisung des Rekurses. Der
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Rechtsvertreter erklärte am 12. Februar 2016 gegenüber dem Gericht, dass am Antrag
auf mündliche Verhandlung nicht festgehalten werde.
Auf die Ausführungen der Verfahrensbeteiligten wird, soweit erforderlich, in den
Erwägungen eingegangen.

Erwägungen:
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die
Verwaltungsrekurskommission ist zum Sachentscheid zuständig. Die Befugnis zur
Rekurserhebung ist gegeben. Der Rekurs vom 27. August 2015 ist rechtzeitig
eingereicht worden und erfüllt zusammen mit der Rekursergänzung vom 14.
September 2015 in formeller und inhaltlicher Hinsicht die gesetzlichen Anforderungen
(Art. 41 lit. g , 45, 47 und 48 des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege,
sGS 951.1, abgekürzt: VRP, Art. 30 Abs. 1 VRP i.V.m. Art. 145 Abs. 1 lit. b der
schweizerischen Zivilprozessordnung, SR 272, abgekürzt: ZPO). Auf den Rekurs ist
einzutreten.
2.- Entgegen den Ausführungen im Rekurs ist die Aktenführung der Vorinstanz nicht zu
beanstanden. Die Seiten sind von eins bis 41 fortlaufend nummeriert, weshalb eine
Bezugnahme auf ein einzelnes Aktenstück problemlos möglich ist (act. 4/1-41).
3.- Anfechtungsgegenstand des vorliegenden Rekursverfahrens ist die Verfügung vom
11. August 2015 über den einmonatigen Führerausweisentzug. Mit Eingabe vom 14.
September 2015 machte der Rechtsvertreter der Rekurrentin auch Ausführungen zu
dem dem Führerausweisentzugsverfahren vorausgegangenen Verfahren der Vorinstanz
zur medizinischen Fahreignungsabklärung. Die entsprechende Zwischenverfügung vom
1. Juli 2015 erwuchs unangefochten in Rechtskraft und die Rekurrentin unterzog sich
am 8. Juli 2015 der vertrauensärztlichen Untersuchung, weshalb darauf im
vorliegenden Verfahren nicht mehr weiter einzugehen ist.
4.- Da der Sachverhalt insbesondere in Bezug auf die Gefährdungslage umstritten ist,
ist vorab zu klären, auf welche Sachverhaltsfeststellungen abzustellen ist und inwieweit
die Administrativbehörde an die rechtliche Würdigung der Strafverfolgungsbehörden
gebunden ist.
bis
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a) Nach Strassenverkehrsdelikten befindet das Strafgericht über die strafrechtlichen
Sanktionen (Freiheitsstrafe, Geldstrafe, Busse) und die Verwaltungsbehörde in einem
separaten Verfahren über Administrativmassnahmen (insbesondere
Führerausweisentzug, Verwarnung). Die Zweispurigkeit des Verfahrens ist zulässig,
kann aber – bei fehlender Koordination – dazu führen, dass derselbe Lebensvorgang zu
voneinander abweichenden Sachverhaltsfeststellungen von Verwaltungs- und
Justizbehörden führt und die erhobenen Beweise abweichend gewürdigt und rechtlich
beurteilt werden. Um dieser Gefahr entgegenzuwirken, hat die Verwaltungsbehörde
gemäss konstanter bundesgerichtlicher Rechtsprechung grundsätzlich mit ihrem
Entscheid zuzuwarten, bis ein rechtskräftiges Strafurteil vorliegt. Denn das
Strafverfahren bietet durch die verstärkten Mitwirkungsrechte des Beschuldigten, die
umfassenderen persönlichen und sachlichen Ermittlungsinstrumente sowie die
weiterreichenden prozessualen Befugnisse besser Gewähr dafür, dass das Ergebnis
der Sachverhaltsermittlung näher bei der materiellen Wahrheit liegt als im nicht
durchwegs derselben Formstrenge unterliegenden Verwaltungsverfahren. An die
rechtliche Würdigung durch das Strafgericht ist die Verwaltungsbehörde nur dann
gebunden, wenn diese stark von der Würdigung von Tatsachen abhängt, die dem
Strafgericht besser bekannt sind als der Verwaltungsbehörde. Für den Betroffenen
bedeutet dies auf der anderen Seite, dass er nicht das Verwaltungsverfahren abwarten
darf, um allfällige Rügen vorzubringen und Beweisanträge zu stellen, sondern nach
Treu und Glauben verpflichtet ist, dies bereits im Rahmen des Strafverfahrens zu tun
und allenfalls die nötigen Rechtsmittel zu ergreifen. Dies gilt insbesondere dann, wenn
der Beschuldigte aufgrund der Schwere des ihm vorgeworfenen Delikts mit einem
Führerausweisentzugsverfahren zu rechnen hat (BGE 119 Ib 158 E. 2c/bb und 3c/bb,
123 II 97 E. 3c/aa; VRKE IV-2009/152 vom 27. Mai 2010 im Internet abrufbar unter
www.gerichte.sg.ch).
Massgeblich ist also grundsätzlich der Sachverhalt, wie er im Strafverfahren festgestellt
wurde. Nach konstanter Rechtsprechung darf die Verwaltungsbehörde von den
tatsächlichen Feststellungen im Strafurteil nur dann abweichen, wenn sie Tatsachen
feststellt und ihrem Entscheid zu Grunde legt, die dem Strafrichter unbekannt waren
oder die er nicht beachtet hat, wenn sie zusätzliche Beweise erhebt, deren Würdigung
zu einem anderen Entscheid führt, wenn die Beweiswürdigung durch den Strafrichter
den feststehenden Tatsachen klar widerspricht, oder wenn der Strafrichter bei der
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Rechtsanwendung auf den Sachverhalt nicht sämtliche Rechtsfragen abgeklärt hat,
namentlich die Verletzung bestimmter Verkehrsregeln übersehen hat (BGE 124 II 103
E. 1c; VRKE IV-2012/126 vom 21. März 2013).
b) Vorliegend fand keine Beweiswürdigung durch ein Strafgericht statt, sondern die
Angelegenheit wurde von der Sachbearbeiterin mit staatsanwaltlichen Befugnissen des
Untersuchungsamtes St. Gallen mittels Strafbefehls erledigt. Dabei stützte sich das
Untersuchungsamt auf den Polizeirapport vom 20. April 2015, die polizeiliche
Einvernahme der Rekurrentin als Beschuldigte vom 9. April 2015 sowie die polizeiliche
Einvernahme der Lenkerin des Linienbusses als Auskunftsperson vom 26. März 2015.
Die Sachbearbeiterin mit staatsanwaltlichen Befugnissen setzte sich weder mit dem
Sachverhalt noch mit der rechtlichen Subsumtion näher auseinander. Es wurde
lediglich ohne weitere Erläuterungen festgehalten, dass eine „konkrete“ Gefährdung
eines Linienbusses vorgelegen habe und sich die Beschuldigte einer Verletzung der
Verkehrsregeln (Missachtung des Signals „Kein Vortritt“) gemäss Art. 90 Abs. 1 SVG
schuldig gemacht habe. Zusätzliche Beweise wurden offenbar nicht erhoben. Aufgrund
des Umstands, dass der Rekurrentin im Strafbefehl eine konkrete Gefährdung – was
nicht mehr unter eine geringe Gefährdung subsumiert werden kann – vorgeworfen
wurde, musste diese, unabhängig von der Höhe der Busse, mit einem
Führerausweisentzugsverfahren rechnen und wäre damit gehalten gewesen,
entsprechende Rügen und Beweisanträge bereits im Strafverfahren zu stellen; dies
umso mehr, als sie bereits während der laufenden Einsprachefrist gegen den
Strafbefehl anwaltlich vertreten war.
c) Zusammengefasst ergibt sich, dass das Untersuchungsamt die Tatsachen nicht
besser kannte als die Administrativbehörde, die sich gleichermassen auf den
Polizeirapport vom 20. April 2015 und die polizeilichen Einvernahmen vom 26. März
und 9. April 2015 stützte. Auf Tatsachen, die im Strafverfahren unbeachtet blieben, darf
somit abgestellt werden. Zudem ist die Administrativbehörde nicht an die rechtliche
Würdigung des Sachverhalts durch die Sachbearbeiterin mit staatsanwaltlichen
Befugnissen gebunden. Gleichzeitig ist aber dem Grundsatz, dass widersprüchliche
Urteile zu vermeiden sind, die nötige Beachtung zu schenken (vgl. Urteil des
Verwaltungsgerichts des Kantons St. Gallen B 2015/108 vom 17. Dezember 2015
E. 3.3.2 mit Hinweisen zur bundesgerichtlichen Rechtsprechung, im Internet abrufbar
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unter www.gerichte.sg.ch). Dass die Rekurrentin ihre verfahrensrechtlichen
Möglichkeiten im Strafverfahren nicht ausgeschöpft hat, muss sie sich entgegenhalten
lassen.
5.- Zuerst ist zu prüfen, ob eine Widerhandlung gegen die Strassenverkehrsvorschriften
gegeben ist.
a) Das Signal „Kein Vortritt“ verpflichtet den Lenker, den Fahrzeugen auf der Strasse,
der er sich nähert, den Vortritt zu gewähren (Art. 36 Abs. 2 Satz 1 der
Signalisationsverordnung, SR 741.21, abgekürzt: SSV). Die Wartelinie (Reihe weisser
Dreiecke quer zur Fahrbahn) zeigt an, wo die Fahrzeuge beim Signal „Kein Vortritt“
gegebenenfalls halten müssen, um den Vortritt zu gewähren (Art. 75 Abs. 3 SSV).
b) Nachdem die Rekurrentin ihr Fahrzeug vor der Wartelinie angehalten hatte, setzte sie
ihre Fahrt fort und bog nach links in die Strasse ein, obwohl sich ihr auf dieser ein
vortrittsberechtigter Linienbus näherte. Dieser Sachverhalt wird von der Rekurrentin
grundsätzlich nicht bestritten. Ihr Rechtsvertreter führte aus, dass es sich dabei um
eine „Vortrittsbehinderung“ gehandelt habe. Durch ihr Verhalten missachtete sie das
Signal „Kein Vortritt“ und beging somit eine Widerhandlung gegen die
Strassenverkehrsvorschriften.
6.- Es stellt sich die Frage, ob eine leichte Widerhandlung gemäss Art. 16a Abs. 1 lit. a
SVG oder eine mittelschwere Widerhandlung gemäss Art. 16b Abs. 1 lit. a SVG
gegeben ist.
a) Das Gesetz unterscheidet zwischen leichten (Art. 16a SVG), mittelschweren (Art. 16b
SVG) und schweren Widerhandlungen (Art. 16c SVG). Eine leichte Widerhandlung
begeht, wer durch Verletzung von Verkehrsregeln eine geringe Gefahr für die Sicherheit
anderer hervorruft und ihn dabei nur ein leichtes Verschulden trifft (Art. 16a Abs. 1 lit. a
SVG). Eine mittelschwere Widerhandlung begeht, wer durch Verletzung von
Verkehrsregeln eine Gefahr für die Sicherheit anderer hervorruft oder in Kauf nimmt
(Art. 16b Abs. 1 lit. a SVG). Ist die Verletzung von Verkehrsregeln grob und wird
dadurch eine ernstliche Gefahr für die Sicherheit anderer hervorgerufen oder in Kauf
genommen, ist die Widerhandlung schwer (Art. 16c Abs. 1 lit. a SVG). Die
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mittelschwere Widerhandlung nach Art. 16b Abs. 1 lit. a SVG stellt einen
Auffangtatbestand dar. Sie liegt vor, wenn nicht alle privilegierenden Elemente einer
leichten Widerhandlung und nicht alle qualifizierenden Elemente einer schweren
Widerhandlung gegeben sind (BGE 135 II 138 E. 2.2.2). Weiter ist zu berücksichtigen,
dass die einfache Verkehrsregelverletzung nach Art. 90 Abs. 1 SVG
administrativrechtlich die leichte und die mittelschwere Widerhandlung gemäss
Art. 16a und 16b SVG umfasst. Das straf- und das administrativrechtliche
Sanktionssystem sind insoweit nicht deckungsgleich. Von der strafrechtlichen Sanktion
kann deshalb nicht immer und ohne weiteres auf die anzuordnende
Verwaltungsmassnahme geschlossen werden (vgl. VRKE IV-2013/48 vom 29. August
2013 E. 2c; Urteile des Bundesgerichts [BGer] 1C_259/2011 vom 27. September 2011
E. 3.4 und 1C_282/2011 vom 27. September 2011 E. 2.4).
Nach einer leichten Widerhandlung gemäss Art. 16a Abs. 1 SVG wird die fehlbare
Person verwarnt, wenn in den vorangegangenen zwei Jahren der Ausweis nicht
entzogen war und keine andere Administrativmassnahme verfügt wurde (Abs. 3);
dagegen wird der Lernfahr- oder Führerausweis für mindestens einen Monat entzogen,
wenn in den vorangegangenen zwei Jahren der Ausweis entzogen war oder eine
andere Administrativmassnahme verfügt wurde (Abs. 2). Nach einer mittelschweren
Widerhandlung gemäss Art. 16b Abs. 1 SVG wird der Lernfahr-
oder Führerausweis für mindestens einen Monat entzogen (Abs. 2).
Eine Verkehrsgefährdung liegt vor, wenn die körperliche Integrität einer Person
entweder konkret oder zumindest abstrakt gefährdet wurde. Im Recht der
Administrativmassnahmen wird dabei zwischen der einfachen und der erhöhten
abstrakten Gefährdung unterschieden. Erstere zieht keine Administrativmassnahmen
nach sich (vgl. Art. 16 Abs. 2 SVG). Von einem solchen Fall ist jedoch nur dann
auszugehen, wenn keine anderen Verkehrsteilnehmer vom Fehlverhalten hätten
betroffen werden können. Führte dieses hingegen zu einer Verletzung eines Rechtsguts
oder einer konkreten bzw. einer erhöhten abstrakten Gefährdung der körperlichen
Integrität, hat dies eine Administrativmassnahme zur Folge (R. Schaffhauser, Die neuen
Administrativmassnahmen des Strassenverkehrsgesetzes, in: Jahrbuch zum
Strassenverkehrsrecht 2003, St. Gallen 2003, S. 181, N 43 ff.). Innerhalb der erhöhten
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abstrakten Gefährdung ist auf die Nähe der Verwirklichung der Gefahr abzustellen. Je
näher die Möglichkeit einer konkreten Gefährdung oder Verletzung liegt, umso
schwerer wiegt die erhöhte abstrakte Gefahr (vgl. BGE 118 IV 285 E. 3a). Eine konkrete
Gefahr liegt vor, wenn für einen bestimmten, tatsächlich daherkommenden
Verkehrsteilnehmer oder einen Mitfahrer des Täters die Gefahr einer Körperverletzung
oder gar Tötung bestand (J. Boll, Grobe Verkehrsregelverletzung, Davos 1999, S. 12).
Zudem ist das Ausmass der üblicherweise entstehenden Schädigung bei Eintritt der
Rechtsgutverletzung zu berücksichtigen (vgl. VRKE IV-2011/113 vom 24. November
2011 E. 3b, im Internet abrufbar unter: www.gerichte.sg.ch).
b) Die Rekurrentin erklärte, durch ihr Verhalten habe weder eine konkrete noch eine
erhöhte abstrakte Gefahr für andere Verkehrsteilnehmer bestanden. Ihr Rechtsvertreter
führte aus, dass die von den Polizisten und der Buslenkerin gemachten Ausführungen
über Distanz und Geschwindigkeit nicht stimmen könnten. Wäre der Bus bei einer
Geschwindigkeit von 35 km/h nur fünf bis sechs Meter vom Motorfahrzeug der
Rekurrentin entfernt gewesen, als diese wieder angefahren sei, so wäre es nach seinen
Berechnungen unter Beachtung der Reaktionszeiten der Buslenkerin und der
Rekurrentin unausweichlich zu einer Kollision gekommen. Dabei lässt er ausser Acht,
dass bei entsprechenden Aussagen regelmässig eine gewisse Ungenauigkeit
vorhanden ist. Es ist bekannt, dass sich bei Wahrnehmung, Erinnerung und
Wiedergabe von Beobachtungen Fehlerquellen einstellen. Insbesondere sind die
meisten Personen überfordert damit, im Nachhinein konkrete Angaben über Distanz
und Geschwindigkeit zu machen. Diesem Umstand hat das Gericht bei der Würdigung
von Aussagen Rechnung zu tragen. Das bedeutet nicht, dass solche Aussagen
vollends als falsch zu beurteilen sind, sondern, dass gerade auf Distanz- und
Geschwindigkeitsangaben, die auf Beobachtungen beruhen, nicht eins zu eins
abgestellt werden kann. Solche Angaben sind nicht geeignet, exakte Berechnungen
über die Nähe der drohenden Gefahr zu machen. Noch viel weniger kann der
Wahrheitsgehalt dieser Aussagen insgesamt am Resultat solcher Berechnungen
gemessen werden. Vielmehr ist bei der Würdigung einer Aussage die Persönlichkeit
des Aussagenden, seine Beziehung zum Prozessstoff, die Bestimmtheit und Klarheit
der Aussagen sowie deren Übereinstimmung mit anderen Beweismitteln zu prüfen (vgl.
Robert Hauser, Der Zeugenbeweis im Strafprozess mit Berücksichtigung des
Zivilprozesses, Zürich 1974, S. 311 ff.).
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Die Befragung der Buslenkerin erfolgte zwei Tage nach dem massgeblichen Vorfall am
26. März 2015. Die entsprechenden Geschehnisse waren damals noch sehr frisch und
präsent. Die Buslenkerin war zu jenem Zeitpunkt erst ein knappes halbes Jahr für die
VBSG tätig, hatte zuvor aber während über zehn Jahren als Schulbuslenkerin
gearbeitet. Damit verfügte sie über langjährige Erfahrung im Strassenverkehr. Es ist
davon auszugehen, dass sich die Buslenkerin und die Rekurrentin nicht persönlich
kannten. Sodann wurde der Buslenkerin selbst keine Übertretung vorgehalten; sie
wurde zur Missachtung des Vortrittsrechts durch die Rekurrentin als Auskunftsperson
einvernommen. Es ist nicht ersichtlich, weshalb sie die Rekurrentin bewusst falsch
belasten sollte. Sodann beobachteten zwei Polizisten auf Patrouille den Vorfall auf dem
Marktplatz. Auch sie sind weder persönlich in den Vorfall involviert noch stehen sie in
einer persönlichen Beziehung zur Rekurrentin. Es gibt keine Hinweise darauf, dass sie
nicht entsprechend ihrem beruflichen Auftrag gehandelt und den Vorfall bewusst zu
Lasten der Rekurrentin dargestellt haben.
Die Buslenkerin führte aus, dass sie sich wenige Meter vor dem Motorfahrzeug der
Lenkerin befunden habe, als diese plötzlich angefahren sei. Sie habe sofort die
Fussbremse betätigt und gleichzeitig gehupt. Um eine drohende Kollision zu
vermeiden, habe sie den Bus ziemlich stark abbremsen müssen. Es habe sich bei der
Bremsung beinahe um eine Vollbremsung gehandelt. Eine solche versuche sie jeweils
zu verhindern, damit die Passagiere im Innern des Busses nicht stürzen würden. Die
Rekurrentin sei über das Hupsignal erschrocken – dies habe sie deren
Gesichtsausdruck angesehen – und habe ihr Motorfahrzeug ob der drohenden Gefahr
beschleunigt. Sie habe gedacht, sie würde mit der Front ihres Busses gegen die
hintere, linke Ecke des Audis prallen. Durch die Beschleunigung des Personenwagens
habe die drohende Kollision aber verhindert werden können. Aus demselben Grund
habe sie keine Vollbremsung vornehmen müssen. Sie selbst habe danach mit
Herzklopfen die Haltestelle Marktplatz angefahren. Zudem erklärte sie, dass es sich
dabei um eine extreme Situation gehandelt habe, die sich selten ereigne.
Die Schilderung des Vorfalls durch die Buslenkerin erscheint detailgetreu und klar. Es
kommt darin zum Ausdruck, dass sie den Bus ungewöhnlich stark abbremsen musste.
Auf eine gänzliche Vollbremsung verzichtete sie nur im Interesse ihrer Passagiere. Es
handelte sich dabei nicht um eine alltägliche Situation. Dies geht auch aus der Angabe
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der Buschauffeurin hervor, wonach sie nachher mit Herzklopfen zur Haltestelle am
Marktplatz gefahren sei (act. 4/12). Sodann sind weder Hinweise noch eine
Veranlassung dafür ersichtlich, dass die Buslenkerin sich bei ihren Aussagen auf die
Sichtweise der Polizisten und nicht auf ihre eigene Erinnerung abgestützt hätte.
Die Polizisten führten in ihrem Polizeirapport vom 20. April 2015 aus, dass sie
beobachtet hätten, wie das Motorfahrzeug der Rekurrentin bei der Wartelinie
angehalten und ihre Fahrt plötzlich fortgesetzt habe, als der Bus sich eine gute
Wagenlänge vor dem Auto befunden habe. Die Buslenkerin habe den Trolleybus
massiv abbremsen müssen und habe gleichzeitig die Hupe betätigt. Aus ihrer Sicht
hätte diese Verkehrssituation unweigerlich zur Kollision führen müssen. Die
Beschleunigung des Motorfahrzeuges der Rekurrentin habe knapp einen Verkehrsunfall
verhindern können.
Auch aus diesen Schilderungen geht klar hervor, dass es nur sehr knapp nicht zu einer
Kollision gekommen war. Der Umstand, dass die Anzeige der Polizei an die
Staatsanwaltschaft erst einen knappen Monat nach dem Vorfall erfolgte, ist dadurch
bedingt, dass diese erst nach Einvernahme der Beschuldigten und der
Auskunftsperson erfolgte. Die Einvernahmen wurden zügig an die Hand genommen. Es
ist dementsprechend nicht davon auszugehen, dass die Erinnerung der Polizisten in
der Zwischenzeit bereits verblasst war. In den wesentlichen Punkten stimmen diese
Ausführungen mit denjenigen der Buslenkerin überein. Sowohl die Buslenkerin als auch
die Polizisten führten nachvollziehbar aus, dass die Kollision unmittelbar bevorstand
und nur knapp verhindert werden konnte. Der Bus musste massiv abgebremst werden.
Es gibt keine Veranlassung dafür, die Ausführungen der Polizisten ernsthaft in Zweifel
zu ziehen. Die exakte Distanz der Fahrzeuge bei der Fortsetzung der Fahrt durch die
Rekurrentin sowie die genaue Ausgangsgeschwindigkeit des Linienbusses sind bei
dieser Sachlage nicht von grosser Relevanz. Die übereinstimmende Beobachtung und
Einschätzung der Buslenkerin sowie der zwei Polizisten, dass die Buslenkerin massiv
abbremsen musste und ein Zusammenprall unmittelbar bevorstand, sind für sich allein
bereits genügend überzeugend. Diesen Aussagen ist aufgrund der gesamten
Umstände ein höheres Gewicht beizumessen als der Aussage der Rekurrentin in der
Einvernahme vom 9. April 2015 als Beschuldigte, dass sie sich der bevorstehenden
Gefahr nicht bewusst gewesen sei. Im Übrigen gab sie selbst zu, den Bus vor dem
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Hupsignal nicht gesehen zu haben und anschliessend ihr Fahrzeug beschleunigt zu
haben. Sodann erklärte sie bei der Befragung, sich an viele Details nicht mehr genau
erinnern zu können, wodurch ihre Ausführungen insgesamt unbestimmt erscheinen.
Unter Würdigung aller Aussagen gelangt das Gericht zur Überzeugung – und gilt damit
als erstellt –, dass die Buslenkerin stark abbremsen musste und eine Kollision nur
knapp vermieden werden konnte.
c) Da die Kollision unmittelbar bevorstand, ist eine Gefährdung anderer
Verkehrsteilnehmer klar gegeben. Gefährdet waren die Passagiere im Linienbus, der
stark abbremsen musste. Da die gefährdeten Verkehrsteilnehmer klar bestimmt werden
können und die Kollision unmittelbar bevorstand, handelt es sich nicht mehr um eine
erhöhte abstrakte Gefährdung, sondern um eine konkrete Gefährdung. Passagiere, die
in Linienbussen regelmässig nicht angegurtet sind und häufig stehen, hätten bei einer
Kollision – oder bereits durch das Abbremsen – stürzen und sich erheblich verletzen
können. Die Gefahr war dementsprechend nicht mehr gering. Eine leichte
Widerhandlung gemäss Art. 16a Abs. 1 lit. a SVG liegt somit nicht vor, da diese eine
geringe Gefahr und ein leichtes Verschulden kumulativ voraussetzt. Der Grad des
Verschuldens kann unter diesen Umständen offen bleiben. Es liegt folglich eine
mittelschwere Widerhandlung gemäss Art. 16b Abs. 1 lit. a SVG vor. Eine Veranlassung
dafür, von der rechtlichen Würdigung der Vorinstanz oder des Untersuchungsamtes im
Resultat abzuweichen, ergibt sich nicht. Sodann verfangen die Ausführungen der
Rekurrentin, dass Passagiere von Linienbussen gehalten seien, sich selbst zu
schützen, nicht. Insbesondere lässt sich dadurch kein Freipass für eine Gefährdung
anderer Verkehrsteilnehmer schaffen.
7.- Schliesslich ist die Dauer des Führerausweisentzugs zu überprüfen. Die Vorinstanz
hat die Mindestentzugsdauer von einem Monat gemäss Art. 16b Abs. 2 lit. a SVG
verfügt. Diese Mindestentzugsdauer darf nicht unterschritten werden (Art. 16 Abs. 3
SVG). Allfällige massnahmemindernde Umstände wie insbesondere ein ungetrübter
automobilistischer Leumund oder eine berufliche Angewiesenheit der Rekurrentin auf
das Führen eines Motorfahrzeugs sind deshalb nicht weiter zu prüfen. Angesichts der
zwingenden Natur der gesetzlichen Entzugsdauer verbleibt den Behörden auch kein
Ermessensspielraum, innerhalb dessen sie die Überlegungen zur Verhältnismässigkeit
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der Massnahme im Sinn der Erforderlichkeit zur Besserung der Betroffenen anstellen
könnte.
8.- Zusammenfassend ergibt sich, dass der Rekurs sowohl im Hauptantrag (Aufhebung
der vorinstanzlichen Verfügung) als auch im Eventualantrag (Abänderung der
vorinstanzlichen Verfügung) abzuweisen ist. Durch die Missachtung des Signals „Kein
Vortritt“ schuf die Rekurrentin für andere Verkehrsteilnehmer eine Gefahr, die nicht
mehr als gering eingestuft werden kann. Somit ist eine mittelschwere Widerhandlung
gemäss Art. 16b Abs. 1 lit. a SVG gegeben. Für eine mittelschwere Widerhandlung
sieht das Gesetz eine Mindestentzugsdauer von einem Monat vor (Art. 16b Abs. 2 lit. a
SVG), die nicht unterschritten werden darf (Art. 16 Abs. 3 SVG). Die Vorinstanz hat
somit zu Recht einen einmonatigen Führerausweisentzug verfügt.
9.- Diesem Verfahrensausgang entsprechend sind die amtlichen Kosten der
Rekurrentin aufzuerlegen (Art. 95 Abs. 1 VRP). Eine Entscheidgebühr von Fr. 1‘200.–
erscheint angemessen (vgl. Art. 7 Abs. 1 Ziff. 122 der Gerichtskostenverordnung, sGS
941.12). Der Kostenvorschuss von Fr. 1‘200.– ist zu verrechnen. Bei diesem
Verfahrensausgang ist keine ausseramtliche Entschädigung zuzusprechen (Art. 98
VRP).