Decision ID: 92dae7ea-7b7b-4ace-9708-ce9ebab9cf85
Year: 2022
Language: de
Court: AG_OG
Chamber: AG_OG_008
Canton: AG
Region: Northwestern_Switzerland
Law Area: 

Das Obergericht entnimmt den Akten:
1.
1.1.
Die Staatsanwaltschaft Rheinfelden-Laufenburg erhob am 8. Juni 2021
Anklage gegen die Beschuldigte wegen versuchter vorsätzlicher Tötung,
eventualiter versuchter schwerer Körperverletzung, und versuchter Frei-
heitsberaubung.
1.2.
Das Bezirksgericht Laufenburg erkannte mit Urteil vom 9. Dezember 2021:
1. Die Beschuldigte ist schuldig - der versuchten vorsätzlichen Tötung gemäss Art. 111 i.V.m. Art. 22 Abs. 1 StGB - der versuchten schweren Körperverletzung gemäss Art. 122 Abs. 3 i.V.m. Art. 22
Abs. 1 StGB; - der versuchten Freiheitsberaubung gemäss Art. 183 Ziff. 1 Abs. 1 i.V.m. Art. 22 Abs. 1
StGB.
2. Die Beschuldigte wird in Anwendung der in Ziff. 1 erwähnten Bestimmungen sowie gestützt
auf Art. 47 StGB und Art. 49 Abs. 1 StGB zu einer Freiheitsstrafe von 4 Jahren verurteilt.
3.
Die Untersuchungshaft von 89 Tagen (vom 13. Juli 2019 bis zum 9. Oktober 2019) wird
gestützt auf Art. 51 StGB auf die Freiheitsstrafe angerechnet.
4.
Auf die Anordnung einer strafvollzugsbegleitenden, ambulanten Massnahme im Sinne von
Art. 63 StGB wird verzichtet.
5.
5.1.
Folgende beschlagnahmte Gegenstände werden gestützt auf Art. 69 Abs. 1 und Abs. 2
StGB eingezogen und durch das Bezirksgericht vernichtet:
- eine Unterhose, grau
- ein Büstenhalter, schwarz
- eine Jeanshose, blau
- ein T-Shirt, schwarz
- ein Paar Socken, schwarz
- ein Paar Stulpen, schwarz
- ein T-Shirt «[...]», blutverschmiert.
5.2.
Folgende beschlagnahmte Gegenstände werden gestützt auf Art. 69 Abs. 1 und 2 StGB
eingezogen und der Oberstaatsanwaltschaft zur Vernichtung überlassen:
- ein Messer «Victorinox», schwarzer Griff
- ein Brotmesser «50 [...]»
- 3 -
5.3.
Die Abschiedsbriefe und -botschaften bleiben in den Verfahrensakten integriert (act. 909
bis 914).
6.
6.1.
Die Beschuldigte wird gestützt auf Art. 66a Abs. 1 lit. a StGB für 5 Jahre aus der Schweiz
verwiesen.
6.2.
Von der Ausschreibung der Landesverweisung im Schengener Informationssystem wird
abgesehen.
7.
7.1.
Die Verfahrenskosten bestehen aus:
a) der Gebühr Fr. 8'000.00 b) den Kosten für die amtliche Verteidigung Fr. 40'377.40 c) den Kosten für die unentgeltliche Verbeiständung Fr. 00.00 d) den Kosten für Übersetzungen Fr. 00.00 e) den Kosten für Gutachten von Fr. 00.00 f) den Kosten der Mitwirkung anderer Behörden Fr. 13'535.85 g) den Spesen von Fr. 1'820.00 h) den anderen Auslagen Fr. 00.00 i) der Anklagegebühr Fr. 2'450.00 Total Fr. 66'165.75
7.2. Der Beschuldigten werden die Gebühr sowie die Kosten gemäss lit. a, f., g und i im Gesamtbetrag von Fr. 25'788.35 auferlegt.
8. Das Depositum von Fr. 90'000.00 wird zur Deckung der Verfahrenskosten gemäss Ziff. 7.2. verwendet.
9. 9.1. Der amtlichen Verteidigerin der Beschuldigten, MLaw Janine Sommer, Rechtsanwältin, Brugg, wird eine Entschädigung von Fr. 37'046.00 (inkl. Fr. 2'648.60 MwSt) zu Lasten der Staatskasse zugesprochen.
9.2. Dem amtlichen Verteidiger der Beschuldigten, Roland Miotti, Rechtsanwalt in Brugg, wird eine Entschädigung von Fr. 2'648.60 MwSt) zu Lasten der Staatskasse zugesprochen.
9.3. Das Depositum von Fr. 90'000.00 wird gestützt auf Art. 135 Abs. 4 lit. a StPO auch zur Rückzahlung der Kosten der amtlichen Verteidigung gemäss Ziff. 9.1. und 9.2. verwendet.
10. Die Gerichtskasse wird angewiesen, der Beschuldigten die Restanz des Depositiums zurückzuerstatten und eine entsprechende Abrechnung auszustellen.
- 4 -
2.
2.1.
Mit Berufungserklärung vom 24. Januar 2022 beantragte die Beschuldigte,
sie sei von den Vorwürfen der versuchten vorsätzlichen Tötung sowie der
versuchten schweren Körperverletzung freizusprechen. Sie sei stattdessen
wegen versuchter schwerer Körperverletzung (in Bezug auf den Messer-
stich) und versuchter Freiheitsberaubung zu einer bedingten Freiheitsstrafe
von 22 Monaten zu verurteilen. Für den Fall eines Schuldspruchs wegen
versuchter vorsätzlicher Tötung und versuchter schwerer Körperverletzung
sei sie zu einer teilbedingten Freiheitsstrafe von 36 Monaten, davon 24
bedingt, zu verurteilen. Von einer Landesverweisung sei abzusehen.
2.2.
Die Beschuldigte reichte am 21. März 2022 vorgängig zur Berufungs-
verhandlung eine schriftliche Berufungsbegründung ein.
2.3.
Mit vorgängiger Berufungsantwort vom 25. April 2022 beantragte die
Staatsanwaltschaft die Abweisung der Berufung.
3.
Die Berufungsverhandlung mit Einvernahme von B. als Auskunftsperson
sowie der Beschuldigten fand am 17. August 2022 statt.

Das Obergericht zieht in Erwägung:
1.
Die Beschuldigte wendet sich mit Berufung gegen die Schuldsprüche
wegen versuchter vorsätzlicher Tötung und versuchter schwerer Körper-
verletzung, das Strafmass und die Landesverweisung. Die übrigen, nicht
angefochtenen Punkte des vorinstanzlichen Urteils sind – unter Vorbehalt
von Art. 404 Abs. 2 StPO – nicht zu überprüfen (Art. 404 Abs. 1 StPO). Da
lediglich die Beschuldigte Berufung erklärt hat und keine Anschluss-
berufung erhoben worden ist, ist das Obergericht an das Verschlech-
terungsverbot (Verbot der reformatio in peius gemäss Art. 391 Abs. 2
StPO) gebunden.
2.
2.1.
In tatsächlicher Hinsicht ist erstellt, dass die Beschuldigte am 12. Juli 2019
B. mit einem Messer mit einer Klingenlänge von 19 cm in der gemeinsamen
Wohnung an der X-Strasse in Q. eine Stichverletzung in den linken
Brustkorb zufügte. Nicht bestritten ist weiter, dass sie sich zuvor zwei
Messer besorgte, die Wohnung verschloss und sämtliche Schlüssel sowie
das Haustelefon versteckte. Sie rief B., welcher im oberen Stock schlief,
- 5 -
mit ihrem Handy an. Als er die Treppe hinunterkam und sah, dass sie sich
ein Messer an die Kehle hielt, versuchte er, ihr dieses zu entreissen, worauf
sie ihm mit einem zweiten Messer einen Stich in die linke Brustkorbseite
versetzte. In der Folge versuchte B., ihr die beiden Messer zu entreissen.
Nachdem ihm dies gelungen war, würgte die Beschuldigte ihn mit beiden
Händen. Anschliessend traktierte sie ihn mit Faustschlägen und Fusstritten.
Es gelang B., die Beschuldigte auf den Boden zu drücken und zu fixieren
und so das Eintreffen von Polizei und Ambulanz abzuwarten.
B. hat sich bei diesem Vorfall eine Stichverletzung im linken Brustkorb
sowie multiple Schnittverletzungen an beiden Armen und im Gesicht
zugezogen.
2.2.
Die Beschuldigte bestreitet den Vorfall vom 12. Juli 2019 im Grundsatz
nicht, sieht darin aber lediglich eine versuchte schwere Körperverletzung
und keine versuchte vorsätzliche Tötung. Sie wirft der Vorinstanz eine
willkürliche Beweiswürdigung vor, indem sie ausführen lässt, keinen
raffinierten Plan ausgeheckt zu haben, um ihren ehemaligen Partner
möglichst gross zu schädigen. Vielmehr sei ihre Selbsttötung im Fokus
gestanden. Die vorinstanzliche Erwägung, sie habe ihren Suizidversuch
inszeniert, sei willkürlich. Indizien für eine (eventualvorsätzliche) Tötung
von B. fehlten. Sie habe die Reaktion von B. auf ihren Suizidversuch nicht
vorhersehen können. Nach seinem Eingreifen sei das Geschehen völlig
ausser Kontrolle geraten, weshalb es auch nur ansatzweise an einer
zielgerichteten Handlung fehle. Die Verletzung von B. sei vielmehr im Zuge
einer dynamischen Auseinandersetzung und damit zufällig erfolgt. Es fehle
an der überwiegenden Wahrscheinlichkeit, dass die Beschuldigte eine
tödliche Verletzung von B. in Kauf genommen habe. Für den Fall der
Bejahung einer Tötungsabsicht bringt sie vor, sie habe aufgrund der sie
belastenden Situation und damit in einer heftigen Gemütsbewegung
gehandelt (Berufungsbegründung, S. 16, ff.).
2.3.
Der Tatbestand der vorsätzlichen Tötung gemäss Art. 111 StGB ist erfüllt,
wenn der Täter einen Menschen vorsätzlich tötet, ohne dass die
besonderen Voraussetzungen für einen Mord gemäss Art. 112 StGB oder
einen Totschlag gemäss Art. 113 StGB gegeben wären (vgl. zum Mord
BGE 141 IV 61 = Pra 2015 Nr. 68 mit Hinweisen; zum Totschlag: Urteile
des Bundesgerichts 6B_271/2015 vom 26. August 2015 E. 2.2 und
6B_675/2018 vom 26. Oktober 2018 E. 3.2) und auch nicht eine bloss
schwere Körperverletzung gemäss Art. 122 StGB vorliegt, mitunter, wenn
der Täter vorsätzlich einen Menschen lebensgefährlich schwer verletzt
(Urteile des Bundesgerichts 6B_135/2017 vom 20. November 2017
E. 2.1.1 und 6B_115/2018 vom 30. April 2018 E. 4.3).
- 6 -
Strafbar ist auch der Versuch (Art. 22 StGB). Ein Versuch liegt vor, wenn
der Täter, nachdem er mit der Ausführung eines Verbrechens oder
Vergehens begonnen hat, die strafbare Tätigkeit nicht zu Ende führt oder
der zur Vollendung der Tat gehörende Erfolg nicht eintritt oder nicht
eintreten kann (BGE 140 IV 150 mit Hinweisen; Urteil des Bundesgerichts
6B_1159/2018 vom 18. September 2019 E. 2.2.2; nicht publ. in: BGE 145
IV 424).
Vorsätzlich begeht ein Verbrechen oder Vergehen, wer die Tat mit Wissen
und Willen ausführt (Art. 12 Abs. 2 Satz 1 StGB). Vorsätzlich handelt
bereits, wer die Verwirklichung der Tat für möglich hält und in Kauf nimmt
(Art. 12 Abs. 2 Satz 2 StGB). Eventualvorsatz im Sinne von Art. 12 Abs. 2
Satz 2 StGB ist gegeben, wenn der Täter den Eintritt des Erfolgs bzw. die
Tatbestandsverwirklichung für möglich hält, aber dennoch handelt, weil er
den Erfolg für den Fall seines Eintritts in Kauf nimmt, sich mit ihm abfindet,
mag er ihm auch unerwünscht sein (BGE 137 IV 1 E. 4.2.3).
Das Bundesgericht hat sich verschiedentlich mit Messerstichen insbe-
sondere gegen den Oberkörper zu befassen gehabt. Es erwog, auch bei
einem einzigen gegen den Oberkörper des Opfers ausgeführten Messer-
stich könne auf vorsätzliche Tötung erkannt werden, beispielsweise bei
einem Messer mit einer Klingenlänge von 11 cm, einem gezielten Stich in
den Oberkörper mit einem 27 cm langen Messer, einem Stich in die
Nierengegend mit einem Tranchiermesser mit einer Klingenlänge von ca.
23.5 cm oder einem Messerstich mit einer Klingenlänge von 8-10 cm mit
voller Wucht in den Bauch (Urteil des Bundesgerichts 6B_775/2011 vom
4. Juni 2012 E. 2.4.2 mit Hinweisen; vgl. auch Urteil des Bundesgerichts
6B_775/2011 vom 4. Juni 2012 E. 2.4.2 mit Hinweisen; vgl. auch Urteile
des Bundesgerichts 6B_1240/2014 vom 26. Februar 2015 E. 3.3 be-
treffend einen 9.6 cm langen Stichkanal im Bereich der linken Brustwarze
sowie 6B_148/2013 vom 19. Juli 2013 E. 4.4 betreffend einen wuchtigen
und gezielten Stich in den Bauch).
2.4.
B. wies gemäss Gutachten des Kantonsspitals Aarau (KSA) vom 29. Juli
2019 (Untersuchungsakten [UA] act. 469 ff.) eine frische Stichverletzung
im Brustraum, präkordial, Schnittwunden an der Stirn, am linken Unterarm,
an der Innenseite der rechten Hand und am rechten Fuss sowie
Blutergüsse am Hals, am Rücken sowie am rechten Oberschenkel auf.
Sämtliche Hautdurchtrennungen würden die typischen Merkmale einer
scharfen Gewalteinwirkung aufweisen (UA act. 471) und könnten aufgrund
ihrer Morphologie dem Ereigniszeitraum zugeordnet werden (UA act. 472).
Die Gutachter hielten weiter fest, dass mit Blick auf die Verletzungs-
lokalisation am Brustkorb eine Region betroffen gewesen sei, wo sich
lebenswichtige Organe und grosse Blutleiter in unmittelbarer Nähe
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- 7 -
befinden würden. Bei nur geringfügig tieferer Eindringtiefe des Tatwerk-
zeugs oder geringfügig anderer Verlaufsrichtung hätte ohne weiteres eine
in kürzester Zeit zum Tode führende Verletzung, beispielsweise eine
Eröffnung der Körperhauptschlagader oder des Herzens, entstehen
können. Obwohl anhand der festgestellten Verletzungen keine konkrete
Lebensgefahr abgeleitet werden könne, handle es sich bei Stichen bzw.
Schnitten am Brustkorb im Hinblick auf die oben genannten möglichen
Folgen aus rechtsmedizinischer Sicht um eine lebensbedrohliche
Handlung. Es sei lediglich dem Zufall zu verdanken, dass durch den Angriff
bei B. keine unmittelbar tödlichen Verletzungen oder Komplikationen
resultiert hätten (UA act. 473).
Aufgrund des dynamischen Geschehens sind die anderen Verletzungen,
insbesondere die Schnittverletzung am Unterarm, als Abwehrverletzungen
zu interpretieren.
2.5.
Bezüglich des wesentlichen Kerntatablaufs ist auf die konstanten,
widerspruchsfreien und detaillierten Aussagen von B. im Vorverfahren
abzustellen. Seine Schilderungen sind sachlich, nachvollziehbar und
weisen weder Übertreibungen noch unnötige Mehrbelastungen auf.
Ebenso kann ein Motiv für eine Falschbelastung ausgeschlossen werden.
Seine Schilderungen lassen sich zudem mit den im IRM Gutachten
festgehaltenen Verletzungen in Einklang bringen. B. beschrieb, wie er in
die Situation von der Beschuldigten involviert worden sei. Er sei am 12. Juli
2019 gegen 7 Uhr morgens von der Nachtschicht nach Hause gekommen,
habe sich schlafen gelegt und sei gegen 13 Uhr von der Beschuldigten auf
das Mobiltelefon angerufen worden. Da er sich sicher gewesen sei, sie
zuvor unten in der Wohnung gehört zu haben, sei er aufgestanden, um
nachzusehen. Als er die Wendeltreppe hinuntergegangen sei, habe er
gesehen, dass die Beschuldigte am Esstisch gesessen sei und sich ein
grosses Messer an den Hals gehalten habe (UA act. 627 f.). Er habe Blut
und kleine Schnittwunden/ Kratzer an ihrem Hals gesehen und sei in Panik
geraten. Als er versucht habe, ihr das Messer aus der Hand zu reissen,
habe er einen Stich in der Brust verspürt (UA act. 627; 665; 681; Protokoll
Berufungsverhandlung, S. 4 f.). Ob sie dieses Messer parat gelegt habe
oder bereits in der Hand gehalten habe, könne er nicht mehr sagen, es sei
alles sehr schnell gegangen (UA act. 627); es sei sicherlich nicht jenes
Messer gewesen, welches sie sich an den Hals gehalten habe (UA
act. 689; Protokoll Berufungsverhandlung, S. 6). Sie habe gezielt in
Richtung seines Herzens zugestochen (UA act. 629, 670). Er habe sich
nicht schützen können, da er vom Angriff völlig überrascht gewesen sei (UA
act. 688: Protokoll Berufungsverhandlung, S. 7). Die weiteren Verlet-
zungen seien Abwehrverletzungen (UA act. 629; 689). B. präzisierte den
Ablauf, indem er angab, dass die Situation erst nach dem Stich in die Brust
dynamisch geworden sei, da er versucht habe, beide Messer unter
- 8 -
Kontrolle zu bringen (UA act. 670, 689). Er habe Todesangst verspürt (UA
act. 691). Obschon B. in der Berufungsverhandlung wiederholt darauf
hingewiesen hat, dass seine anfänglichen Aussagen zum Tatablauf von
Wut, Enttäuschung und Schock begleitet gewesen seien und er nun mit
genügend Distanz zu dem Ereignis nicht mehr bestätigen könne, dass die
Beschuldigte gezielt in Richtung des Herzens gestochen habe (Protokoll
Berufungsverhandlung, S. 7 und 10), besteht für das Obergericht an
diesem Umstand keine Zweifel, wie im Folgenden aufzuzeigen ist.
2.6.
Die Beschuldigte bestreitet, mit Tötungsvorsatz gehandelt zu haben.
Der Eventualvorsatz auf Tötung unterscheidet sich vom Gefährdungs-
vorsatz dadurch, dass der Täter bei der Lebensgefährdung darauf vertraut,
der Tod des Opfers werde nicht eintreten. Dies setzt voraus, dass er davon
ausgeht, die Gefahr könne durch sein eigenes Verhalten oder dasjenige
der gefährdeten Person abgewendet werden. Bleibt es dem Zufall über-
lassen, ob die Gefahr sich verwirklicht oder nicht, liegt (versuchte) eventual-
vorsätzliche Tötung vor (Urteil des Bundesgerichts 6B_832/2015 vom
25. Januar 2016 E. 1.5 mit Hinweisen).
Die Beschuldigte stach unvermittelt in die linke Brustkorbseite von B.,
wobei die Einstichstelle knapp oberhalb der linken Brustwarze, präkordial,
d.h. vor dem Herzen, mithin einem lebenswichtigen Organ, lokalisiert war.
Das von ihr benutzte Messer wies eine Gesamtlänge von 32 cm und eine
Klingenlänge von 19 cm auf (UA act. 596 f.). Dass mit einem unter Einsatz
eines derartigen Messers in den Brustkorb eines Menschen ausgeführten
Stich das Risiko einer tödlichen Verletzung einhergeht, musste sich der
Beschuldigten geradezu aufgedrängt haben. Es gehört zum Allgemein-
wissen und bedarf keiner besonderen Intelligenz, dass Messerstiche in den
Oberkörper, insbesondere in den linken Brustkorb tödliche Verletzungs-
folgen verursachen können. Bei derartigen Verletzungen bzw. einem
gegen den Brustkorb geführten Messerstich darf ohne Weiteres darauf
geschlossen werden, dass der Täter den Tod (mindestens) in Kauf ge-
nommen hat (vgl. Urteile des Bundesgerichts 6B_927/2019 vom
20. November 2019 E. 3.2; 6B_1394/2017 vom 2. August 2018 E. 5.1.4).
Die Sorgfaltspflichtverletzung der Beschuldigten muss in diesem
Zusammenhang zweifellos als schwer bezeichnet werden. Mit ihrem
Handeln setzte sie B. einem erheblichen Todesrisiko aus. Insofern sie
geltend macht, dass diese Verletzung ein «Unfall im Gerangel» und in
diesem Sinne zufällig gewesen sei, ist dies als Schutzbehauptung zu
qualifizieren. Der Stich erfolgte vielmehr bewusst und in einer zunehmend
eskalierenden Situation. Ein in einem solchen Kontext geführter Stich mit
einem Messer von einer beträchtlichen Klingenlänge ist weder bezüglich
der Wucht kontrollier- noch bezüglich der Richtung steuerbar. Die
Gutachter des IRM weisen in diesem Zusammenhang denn auch darauf
- 9 -
hin, dass bei nur «geringfügig tieferer Eindringtiefe des Tatwerkzeugs oder
geringfügig anderer Verlaufsrichtung» ohne Weiteres eine innerhalb
kürzester Zeit tödliche Verletzung hätte entstehen können (Gutachten, S.
473 = UA act. 743). Im Übrigen ist ein «Unfall im Gerangel» gestützt auf
die Aussagen der Beschuldigten ohnehin nicht ersichtlich. Ihr zufolge habe
das zweite Messer hinter ihr auf dem Tisch gelegen, sie habe es zusammen
mit dem ersten Messer für ihren geplanten Suizid bereitgelegt. Dass sie vor
dem Eintreffen von B. beide Messer gleichzeitig in den Hängen gehalten
habe, mache für sie keinen Sinn (Protokoll Berufungsverhandlung, S. 24 f.)
und ist auch nicht ersichtlich. Dies deckt sich insofern mit den Aussagen
von B., als dass er nur ein Messer wahrgenommen habe, als er die
Wendeltreppe hinuntergekommen sei und zwar jenes am Hals der
Beschuldigten. Erst als er mit beiden Händen nach diesem Messer
gegriffen habe, um es der Beschuldigten zu entwenden, mitunter voll-
ständig auf dieses Messer fokussiert gewesen sei, müsse sie mit ihrer
freien Hand nach dem zweiten Messer gegriffen und damit sogleich ihm in
die Brust gestochen haben (Protokoll Berufungsverhandlung, S. 7 ff.). Das
zweite Messer war dementsprechend bis zu diesem Zeitpunkt gar nicht in
die Auseinandersetzung involviert. Vielmehr musste die Beschuldigte im
«Gerangel» um das erste Messer bewusst nach dem zweiten Messer
gegriffen haben, um mit diesem sodann auf B. einzustechen. Der Messer-
stich kann folglich kein «Unfall im Gerangel» gewesen sein, sondern wurde
erst dadurch ermöglicht, dass die Beschuldigte das zweite Messer in der
laufenden Auseinandersetzung behändigte.
Ob, wie die Vorinstanz ausführte, die Beschuldigte ihren Suizid lediglich
inszenierte oder tatsächlich plante, ist für die Beantwortung der Frage, ob
sie eventualvorsätzlich handelte, letztlich irrelevant. Vielmehr verdeutlicht
ihr Vorgehen die Charakteristika des absichtlichen Tötungsdelikts; eine
detaillierte Planung bedarf es dazu nicht, (Eventual-)Vorsatz kann vielmehr
auch spontan gefasst werden. Wenn die Beschuldigte ausführen lässt, sie
habe sich in einer Ausnahmesituation befunden und im Zustand einer
heftigen Gemütsbewegung gehandelt, ist dies mit dem Geschehenen nicht
vereinbar. Vielmehr sprechen verschiedene Umstände gegen eine Affekt-
tat. Die Trennung von B. stand nicht kurz bevor, sondern war seit längerer
Zeit Realität; ebenso war der Beschuldigten bekannt, dass B. in einer
neuen Beziehung lebte; es drohte weder ein Verlust des Arbeitsplatzes
noch bestand Wohnungsnot. Selbst wenn sie sich am 12. Juli 2019 in
einem emotionalen Ausnahmezustand befunden hätte, könnte sie sich
nicht darauf berufen. Sowohl eine relevante heftige Gemütsbewegung als
auch eine grosse seelische Belastung fallen ausser Betracht, denn dazu
müsste der entsprechende Zustand entschuldbar sein, was vorliegend zu
verneinen ist. Die von der Beschuldigten beschriebene Situation nach einer
Trennung ist nicht selten und stellt keinen derart schweren und unaus-
weichlichen Konflikt dar, als dass keine alternativen Lösungsstrategien
- 10 -
bestünden. Daran ändert nichts, dass die Tat der Beschuldigten im psych-
iatrischen Gutachten als Mitnahmesuizid eingestuft wurde, denn die ihr
zugrundeliegende seelische Belastung beruhte auf einer Fehleinschätzung
der bei objektiver Betrachtungsweise schwierigen, aber nicht ausweglosen
Situation.
Der (Eventual-)Vorsatz der Beschuldigten, B. zu töten respektive ihm
zumindest möglichst starke Schmerzen zuzufügen, manifestierte sich im
Anschluss an den Messerstich abermals. Gemäss den glaubhaften Aus-
sagen von B. habe die Beschuldigte ihn – als er die beiden Messer unter
Kontrolle bringen konnte – heftig gewürgt, so dass er keine Luft mehr
bekommen habe. Da er nicht gewusst habe, ob sie von sich aus wieder
loslassen würde, habe er sich selbst aus dem Würgegriff befreien müssen.
Er habe denn auch Angst gehabt, sie würde ihn erwürgen (UA act. 627 f.;
Protokoll Berufungsverhandlung, S. 5). Kaum habe er sich befreien
können, habe die Beschuldigte ihn mit Fusstritten und Faustschlägen –
unter anderem gezielt auf das kürzlich operierte Schlüsselbein – traktiert
(UA act. 627 f.; Protokoll Berufungsverhandlung, S. 7). Es liegt auf der
Hand, dass die Handlungen der Beschuldigten bewusst und gezielt gegen
B. gerichtet waren. Sobald er ihr die letalen Gegenstände entwenden
konnte, versuchte sie mit blossen Händen den beabsichtigten oder
zumindest in Kauf genommenen Tötungserfolg herbeizuführen. Als sich B.
auch dagegen erfolgreich wehren konnte, versuchte die Beschuldigte ihm
als letzte Option mit teils gezielten Faustschlägen und Fusstritten
zumindest möglichst starke Schmerzen zuzufügen, bis er sie schliesslich
vollständig fixieren konnte, um die Ankunft der Polizei abzuwarten.
Nach dem Gesagten erweist sich die Berufung der Beschuldigten in diesem
Punkt als unbegründet. Sie ist mit der Vorinstanz wegen versuchter
vorsätzlicher Tötung schuldig zu sprechen.
3.
Die Beschuldigte hat sich wegen versuchter vorsätzlicher Tötung gemäss
Art. 111 i.V.m. Art. 22 Abs. 1 StGB und – was im Berufungsverfahren nicht
bestritten worden ist – wegen versuchter Freiheitsberaubung gemäss
Art. 183 i.V.m. Art. 22 StGB schuldig gemacht, wobei aufgrund des Ver-
schlechterungsverbots offen bleiben kann, ob nicht richtigerweise von einer
vollendeten Freiheitsberaubung auszugehen wäre. Entgegen der Vor-
instanz entfällt jedoch ein zusätzlicher Schuldspruch wegen versuchter
schwerer Körperverletzung. Das Würgen von B. wie auch die ihm im
Rahmen der Auseinandersetzung nebst dem Stich in die Brust zugefügten
und versuchten weiteren Körperverletzungen, u.a. durch Fusstritte und
Faustschläge, erscheinen aufgrund ihres zeitlich, örtlich und sachlich sehr
engen Zusammenhangs als verbundenes und auf denselben Willens-
entschluss der Beschuldigten zurückgehendes Geschehen, so dass bei
- 11 -
einer Gesamtbetrachtung von einer natürlichen Handlungseinheit aus-
zugehen ist (vgl. Urteil des Bundesgerichts 6B_1245/2018 vom 20. Mai
2019 E. 3 mit Hinweisen). Ihnen kommt vorliegend deshalb keine selbstän-
dige Bedeutung zu, weshalb sie durch die versuchte vorsätzliche Tötung
konsumiert werden (BGE 137 IV 113 E. 1.5). Das vorinstanzliche Urteil ist
in diesem Punkt von Amtes wegen zu korrigieren (Art. 404 Abs. 2 StPO).
4.
4.1.
Das Bundesgericht hat die Grundsätze der Strafzumessung nach Art. 47 ff.
StGB wiederholt dargelegt (BGE 147 IV 241; BGE 144 IV 313; BGE 144 IV
217; BGE 141 IV 61 E. 6.1.1; BGE 136 IV 55 E. 5.4 ff.; je mit Hinweisen).
Darauf kann verwiesen werden.
4.2.
4.2.1.
Wer vorsätzlich einen Menschen tötet, wird gemäss Art. 111 StGB mit
Freiheitsstrafe nicht unter fünf Jahren bestraft. Liegt ein blosser Versuch
vor, ist in einem ersten Schritt die schuldangemessene Strafe für das
vollendete Delikt festzulegen. Die derart ermittelte hypothetische Strafe ist
in der Folge unter Berücksichtigung des fakultativen Strafmilderungsgrunds
von Art. 22 Abs. 1 StGB zu reduzieren (vgl. Urteil des Bundesgerichts
6B_466/2013 vom 25. Juli 2013 E. 2.3.1).
Die Vernichtung menschlichen Lebens ist immer von einer extremen
Schwere. Sie ist der vorsätzlichen Tötung immanent und wird bereits im
Strafrahmen (Freiheitsstrafe nicht unter fünf Jahren) berücksichtigt. Allein
der Umstand, dass die Beschuldigte das höchste Rechtsgut eines
Menschen, das Leben, verletzt hat, rechtfertigt somit nicht per se die
Ausfällung der Maximalstrafe. Die Rechtsgutverletzung als solche ist
unergiebig, wenn es um eine Tötung geht, da der Erfolgsunwert nicht
abgestuft werden kann. Die objektive Tatschwere bestimmt sich deshalb
vielmehr anhand des Tathergangs und der Tatumstände. Bei Totschlag
(Art. 113 StGB) und bei Mord (Art. 112 StGB) kennzeichnen subjektive
Elemente (eine entschuldbare heftige Gemütsbewegung oder eine grosse
seelische Belastung resp. eine besondere Skrupellosigkeit) den privi-
legierten resp. qualifizierten Tatbestand. Subjektive Merkmale wie Motive,
Beweggründe und Absichten des Täters sind implizit aber auch beim hier
einschlägigen Grundtatbestand des Art. 111 StGB massgeblich, wenn es
um die Festlegung des (objektiven) Schweregrades geht. Dieser bestimmt
sich mit andern Worten anhand aller Tatkomponenten, welche einem
gesetzlichen Tatbestandsmerkmal zuzuordnen sind (Urteil des Bundes-
gerichts 6B_1038/2017 vom 31. Juli 2018 E. 2.6.1).
- 12 -
4.2.2.
Die Beschuldigte stiess B. unvermittelt ein Messer in dessen Brustkorb, als
er versuchte, sie von einem (mutmasslichen) Suizidversuch abzuhalten. B.
ging davon aus, dass sich die Beschuldigte mit dem Messer, welches sie
sich an die Kehle hielt, das Leben nehmen wollte und versuchte, ihr dieses
zu entreissen. Die Messerattacke gegen ihn selbst war für ihn nicht
voraussehbar und traf ihn völlig überraschend, weshalb er keine Möglich-
keit hatte, den Stich abzuwehren. Er hatte auch nicht den geringsten Anlass
für diese Attacke geboten, sondern wollte die Beschuldige vielmehr von
einem vermeintlich folgenschweren Schritt beschützen. Entsprechend
erklärte B., dass seine linke Körperseite «offen», d.h. schutzlos gewesen
sei, da er sich lediglich auf das Messer am Hals der Beschuldigten
konzentriert habe (UA act. 688). Er habe nicht gesehen, wie die
Beschuldigte ein zweites Messer behändigte, sondern erst den Stich in die
Brust gespürt (UA act. 629, 688). Die Beschuldigte nutzte somit die
wehrlose Position von B. sowie die Arglosigkeit und die Hilfsbereitschaft
ihres ehemaligen Lebenspartners aus. Damit offenbarte sie ein hohes
Mass an Skrupellosigkeit. B. erlitt eine 10 bis 15 cm tiefe Stichverletzung in
der linken Brustkorbhälfte. Im Zuge eines dynamischen Tatgeschehens
gelang es ihm schliesslich, der Beschuldigten beide Messer abzunehmen,
wobei er multiple Schnittwunden an der rechten Hand sowie am linken
Unterarm sowie der Stirn erlitt. Die Beschuldigte liess danach jedoch nicht
von ihm ab, sondern würgte ihn mit beiden Händen, bis dieser kurzzeitig
keine Luft mehr bekam. Nachdem er sich aus eigener Kraft aus dem
Würgegriff befreien konnte, traktierte die Beschuldigte ihn gezielt mit
Fusstritten und Faustschlägen, wodurch er weitere Verletzungen im
Gesicht und am Körper erlitt (vgl. Untersuchungsprotokoll = UA act. 475
ff.). Ihr war dabei bekannt, dass er relativ frisch am Schlüsselbein operiert
worden war. B. konnte die Beschuldigte schliesslich am Boden fixieren und
das Eintreffen von Ambulanz und Polizei abwarten. Die Tatausführung
muss als absolut überschiessend bezeichnet werden. Die Beschuldigte
offenbarte in diesem Moment eine ausserordentliche Gewaltbereitschaft.
B. musste in der Folge sowie der damit verbundenen Zunahme der
Verletzungen während einer gewissen Dauer Schmerzen ausstehen. Die
Tatausführung geht damit – hinsichtlich des vollendeten Delikts – deutlich
über die blosse Erfüllung des Tatbestandes hinaus.
Die Beschuldigte handelte aus subjektiv empfundener Verzweiflung und
Existenzangst. Sie wollte B. eine Mitverantwortung für die für sie als
ausweglos empfundene Situation geben und ihn moralisch abstrafen
(Berufungsbegründung, S. 23). Andernfalls hätte sie ihn nicht mit dem
Telefonanruf geweckt und dadurch herbeigerufen. Hintergrund für ihr
Handeln war, dass sich B. vor einiger Zeit von ihr getrennt hatte und bereits
eine neue Beziehung eingegangen war. Mithin war die Beschuldigte aus
egoistischen Gründen nicht bereit, die Entscheidung von B. zu akzeptieren
und ihr Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen. Stattdessen entschied
- 13 -
sie sich dafür, B. für seine Entscheidung zu bestrafen. Dabei kann ihrem
Vorgehen, ohne dass sie dabei bereits eine Tötungsabsicht gehabt haben
musste, eine gewisse Planmässigkeit nicht abgesprochen werden: Sie
besorgte zwei Messer, verfasste Abschiedsbriefe, verschloss sämtliche
Türen und versteckte die Schlüssel sowie das Haustelefon. Sie wählte
sodann gezielt einen Zeitpunkt, als sich B. ihr bekanntermassen in der
gemeinsamen Wohnung aufhielt, und rief ihn an, damit er dazu kam.
Bei uneingeschränkter Schuldfähigkeit wäre – hinsichtlich der vollendeten
Tat – insgesamt von einem schweren Tatverschulden auszugehen. Mit
Blick auf das Mass der Entscheidungsfreiheit ist hingegen zu berück-
sichtigen, dass die Schuldfähigkeit der Beschuldigten gemäss den
gutachterlichen Feststellungen (UA act. 344 ff.) mittelgradig vermindert
war. Sie litt zum Tatzeitpunkt an einer akuten Belastungsstörung. Der
Gutachter Dr. med. C. bewertete die gleichzeitige Intoxikation durch
Alkohol und Medikamente als leichtgradig und als Teil der akuten
Belastungsstörung. Er stellte bei der Beschuldigten eine vollständig
erhaltene Einsichtsfähigkeit fest, erachtete hingegen die Steuerungs-
fähigkeit als eingeschränkt (vgl. psychiatrisches Gutachten vom 30. März
2020, S. 26 = UA act. 370 f.). Er attestierte ihr eine mittelgradig verminderte
Schuldfähigkeit (UA act. 317). Damit vermindert sich das schwere Tat-
verschulden zu einem nicht mehr leichten bis mittelschweren Tat-
verschulden (vgl. BGE 135 IV 55), wofür – hinsichtlich der vollendeten Tat –
in Relation zum ordentlichen Strafrahmen von 5 bis 20 Jahren eine
hypothetische Freiheitsstrafe von 8 Jahren als angemessen erscheint.
Da es vorliegend bei einer versuchten vorsätzlichen Tötung geblieben ist,
ist die Strafe angemessen zu reduzieren (Art. 22 Abs. 1 StGB). Dabei hat
die Strafminderung umso geringer auszufallen, je näher der tatbestands-
mässige Erfolg und je schwerer die tatsächlichen Folgen der Tat waren
(BGE 127 IV 101 E. 2b; BGE 121 IV 49 E. 1b; vgl. auch Urteile des
Bundesgerichts 6B_587/2015 vom 6. April 2016 E. 1.3.3 und 6B_281/2014
E. 3.6). Auch wenn aufgrund des Messerstichs in den linken Brustkorb
keine akute und damit unmittelbare Lebensgefahr für B. bestanden hat,
handelt es sich dennoch um eine objektiv lebensgefährliche Verletzung und
muss dementsprechend der Eintritt des tatbestandsmässigen Erfolgs,
mithin der Tod, als nahe bezeichnet werden. Dies ergibt sich ohne Weiteres
aus dem Gutachten des IRM, welches den Messerstich in den linken
Brustkorb als lebensbedrohliche Handlung qualifizierte und festhielt, dass
es rein dem Zufall zu verdanken sei, dass durch den Messerstich bei B.
keine unmittelbar tödlichen Verletzungen oder Komplikationen resultiert
seien (Gutachten, S. 5 = UA act. 473). Die Beschuldigte verhinderte den
Erfolgseintritt der vorsätzlichen Tötung nicht aktiv. Im Gegenteil attackierte
sie B. weiter, nachdem er bereits erheblich verletzt war. Die Stichverletzung
musste chirurgisch notfallversorgt werden; B. war einen Tag hospitalisiert
(UA act. 488) und bis zum 24. Juli 2019 zu 100 % arbeitsunfähig (UA
- 14 -
act. 504). Obwohl es letztlich allein dem Zufall geschuldet war, dass B.
keine tödlichen Verletzungen erlitten hat, ist der Unterschied zwischen der
von der Beschuldigten beabsichtigten Tötung und dem tatsächlich ausge-
bliebenen Erfolg ausserordentlich gross. Vom Ausbleiben des Taterfolgs
profitiert auch die Beschuldigte. Dies rechtfertigt, den Versuch im Umfang
von 3 Jahren strafmildernd zu berücksichtigen, so dass die Einsatzstrafe
für die versuchte vorsätzliche Tötung unter Berücksichtigung der mittel-
gradig verminderten Schuldfähigkeit auf 5 Jahre und somit das untere Ende
des ordentlichen Strafrahmens festzusetzen ist. Eine noch weitergehende
Strafminderung, die zu einer Unterschreitung des ordentlichen Straf-
rahmens führen würde, ist jedoch nicht angezeigt (vgl. BGE 136 IV 55
E. 5.8).
4.3.
Hinsichtlich der Täterkomponente ergibt sich Folgendes: Die Beschuldigte
weist keine Vorstrafen auf (vgl. aktueller Strafregisterauszug), was sich als
Normalfall jedoch neutral auswirkt (BGE 136 IV 1 E. 2.6.4). Zwar bestritt sie
das Zufügen des Messerstichs nicht. Sie wies jedoch jegliche Verant-
wortung zurück und machte im Kerngeschehen ein Blackout geltend. Ein
Geständnis, welches die Strafuntersuchung in nennenswerter Weise
vereinfacht hätte, liegt damit nicht vor. Zudem ist ein Geständnis, in
welchem ein Täter nur zugibt, was ohnehin auf der Hand liegt, nicht straf-
mindernd zu berücksichtigen (Urteil des Bundesgerichts 6B_762/2011 vom
9. Februar 2012 E. 4.4). Weiter ist weder von Einsicht noch Reue
auszugehen. Einsicht bedeutet, dass eigenes Fehlverhalten erkannt und
bereut wird. Wird, wie vorliegend, das erstellte Fehlverhalten bestritten
bzw. werden Erinnerungslücken geltend gemacht, besteht kein Raum für
eine wahre und nachhaltige Einsicht. Insoweit sie wiederholt beteuert, wie
leid ihr alles tue, geht dies nicht über eine blosse Tatfolgenreue hinaus, was
sich neutral auswirkt. Jedenfalls ist eine Strafminderung, wie dies bei einem
von Anfang an vollständig geständigen, einsichtigen und reuigen Täter
möglich ist, ausgeschlossen.
Die übrigen persönlichen Verhältnisse bieten zu keinen Bemerkungen
Anlass. Die Beschuldigte ist deutsche Staatsangehörte, ledig, kinderlos
und lebt seit der Haftentlassung alleine (Protokoll Berufungsverhandlung,
S. 13 ff.). Sie besitzt eine Niederlassungsbewilligung (Ausländerausweis
C) und arbeitet seit 2012 bei der Bäckerei D. in einem Pensum von aktuell
60 %, wobei ihr auf Ende August die Kündigung ausgesprochen wurde.
Mithin liegt keine erhöhte Strafempfindlichkeit vor. Es liegt im Zweck des
Freiheitsentzugs, eine Härte zu bewirken. Eine erhöhte Strafempfind-
lichkeit lässt sich nur bei aussergewöhnlichen Umständen bejahen (statt
vieler: Urteil des Bundesgerichts 6B_18/2022 vom 23. Juni 2022 E. 2.6.1
mit Hinweisen). Solche sind vorliegend nicht gegeben.
Insgesamt wirkt sich die Täterkomponente neutral aus.
- 15 -
4.4.
Zusammenfassend wäre bereits für die versuchte vorsätzliche Tötung eine
dem nicht mehr leichten bis mittelschweren Verschulden und den
persönlichen Verhältnissen angemessene Freiheitsstrafe von 5 Jahren
auszusprechen. Aufgrund des Verschlechterungsverbots (Art. 391 Abs. 2
StPO) kommt eine zusätzliche Erhöhung der Freiheitsstrafe oder eine
zusätzliche Ausfällung einer Geldstrafe für die versuchte Freiheits-
beraubung nicht infrage. Vielmehr bleibt es bei der von der Vorinstanz aus-
gesprochenen Freiheitsstrafe von 4 Jahren, welche unter dem ordentlichen
Strafrahmen von Art. 111 StGB liegt und sich auch unter Berücksichtigung
eines blossen Versuchs sowie der mittelgradig verminderten Schuld-
fähigkeit als sehr mild erweist.
4.5.
Bei einer Freiheitsstrafe von 4 Jahren kommt weder ein bedingter noch
teilbedingter Strafvollzug in Frage (vgl. Art. 42 f. StGB). Die Freiheitsstrafe
von 4 Jahren ist zu vollziehen.
4.6.
Die ausgestandene Untersuchungshaft von insgesamt 89 Tagen (13. Juli
2019 bis 9. Oktober 2019) ist der Beschuldigten gemäss Art. 51 StGB auf
die Freiheitsstrafe anzurechnen.
5.
Die Vorinstanz hat trotz gutachterlicher Empfehlung und attestierter
Rückfallgefahr (Gutachten, S. 27 = UA act. 371 f.) darauf verzichtet, eine
ambulante, vollzugsbegleitende Massnahme anzuordnen. Nachdem
lediglich die Beschuldigte Berufung erhoben hat und in diesem Punkt auch
keine Anschlussberufung erfolgt ist, hat es damit sein Bewenden, denn die
erstmalige Anordnung einer ambulanten Massnahme durch das
Berufungsgericht verstiesse gegen das Verschlechterungsverbot (BGE
148 IV 89).
6.
6.1.
Die Vorinstanz hat die Beschuldigte für die Dauer von 5 Jahren des Landes
verwiesen.
Die Beschuldigte beantragt, es sei auf die Anordnung der Landes-
verweisung zu verzichten und begründet dies mit einem schweren
persönlichen Härtefall und einem überwiegenden privaten Interesse an
ihrem Verbleiben in der Schweiz.
- 16 -
6.2.
Das Bundesgericht hat die Grundsätze der Landesverweisung nach
Art. 66a StGB unter Berücksichtigung der Rechtsprechung des EGMR zu
Art. 8 EMRK wiederholt dargelegt (BGE 146 IV 311; BGE 146 IV 172; BGE
146 IV 105; BGE 146 II 1; BGE 145 IV 455; BGE 145 IV 364; BGE 145 IV
161; BGE 144 IV 332; statt vieler: Urteil des Bundesgerichts 6B_513/2021
vom 31. März 2022). Darauf kann verwiesen werden.
6.3.
Die Beschuldigte ist deutsche Staatsangehörige. Sie hat sich der
versuchten vorsätzlichen Tötung gemäss Art. 111 i.V.m. Art. 22 Abs. 1
StGB schuldig gemacht und damit eine Katalogtat gemäss Art. 66a Abs. 1
lit. a StGB begangen. Die obligatorische Landesverweisung ist auch bei
versuchter Tatbegehung anzuordnen (BGE 144 IV 168 E. 1.4.1). Die
Beschuldigte ist damit grundsätzlich für die Dauer von 5 bis 15 Jahren des
Landes zu verweisen.
Von der Anordnung der Landesverweisung kann ausnahmsweise unter
den kumulativen Voraussetzungen abgesehen werden, dass sie (1.) einen
schweren persönlichen Härtefall bewirken würde und (2.) die öffentlichen
Interessen an der Landesverweisung gegenüber den privaten Interessen
der Ausländerin am Verbleib in der Schweiz nicht überwiegen (Art. 66a
Abs. 2 erster Satz StGB). Art. 66a StGB ist EMRK-konform auszulegen.
Diese Interessenabwägung im Rahmen der Härtefallklausel von Art. 66a
Abs. 2 StGB hat sich daher an der Verhältnismässigkeitsprüfung nach
Art. 8 Ziff. 2 EMRK zu orientieren.
6.4.
Die Beschuldigte, geboren am tt.mm.1969, ist deutsche Staatsangehörige.
Sie reiste am tt.mm.2012, d.h. im Alter von 43 Jahren, in die Schweiz ein
(MIKA Akten = UA act. 747). Im Tatzeitpunkt (12. Juli 2019) lebte sie somit
erst seit 7 Jahren in der Schweiz. Sie besuchte sämtliche Schulen in
Deutschland, absolvierte ihre Lehre als Speditionskauffrau im elterlichen
Betrieb und war bis zu ihrem Umzug im Jahre 2012 in die Schweiz im
deutschen Arbeitsmarkt vollständig integriert. Ihre Anstellung in Deutsch-
land kündigte sie erst wegen des Wegzugs in die Schweiz (UA act. 9). Ihre
Mutter und ihre Schwester, zu welchen sie einen regelmässigen Kontakt
pflegt (vgl. [Dauer-]Besuchsbewilligung in JVA Lenzburg für E. und F., UA
act. 796 und 800), leben in Deutschland. Nebst Bekannten aus dem
Arbeitsumfeld verfügt sie über kein weiteres soziales Netz in der Schweiz.
Mithin ist ihre Integration in der Schweiz nicht über das mit dem hiesigen
Aufenthalt einhergehende und zu erwartende Mass hinausgegangen.
Unter diesen Umständen würde eine Landesverweisung entgegen der
Beschuldigten nicht zu einer eigentlichen Entwurzelung führen, wie dies bei
in der Schweiz geborenen oder aufgewachsenen Personen oder solchen
mit einem jahrzehntelangen Aufenthalt in der Schweiz der Fall wäre. Dass
- 17 -
die Wirtschaftslage in Deutschland allenfalls schwieriger sein könnte als in
der Schweiz, vermag die Landesverweisung nicht zu verhindern (Urteil des
Bundesgerichts 6B_1299/2019 vom 28. Januar 2020 E. 3.4.2). Sprach-
hindernisse bestehen schliesslich nicht. Dieser Umstand sowie ihre
Ausbildung, ihre bisher lückenlose Berufserfahrung, ihr Alter und ihre
Gesundheit erlauben es ihr, sich wieder in ihrem Heimatland zu integrieren.
Ein beruflicher Neuanfang in Deutschland ist ihr ohne Weiteres zumutbar.
Eine allfällige Psychotherapie kann problemlos auch dort weitergeführt
werden. Die Lebensverhältnisse in Deutschland weichen von jenen in der
Schweiz nicht wesentlich ab.
Hinsichtlich der nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung zumindest
teilweise bereits bei der Frage des Härtefalls vorzunehmenden Interessen-
abwägung ergibt sich Folgendes: Der Beschuldigten, die nunmehr seit 10
Jahren in der Schweiz lebt und sich hier entsprechend – wenn auch nicht
überdurchschnittlich – integriert hat, ist ein persönliches Interesse an einem
Verbleib nicht abzusprechen. Indessen hat sie mit der von ihr zum Nachteil
von B. begangenen versuchten vorsätzlichen Tötung in schwerwiegender
Weise gegen die schweizerische Rechtsordnung verstossen. Es handelt
sich um eine sehr schwere Straftat, welche gegen ein hochwertiges
Rechtsgut gerichtet war. Ihr Verschulden wiegt – in Relation zum weiten
Strafrahmen von bis zu 20 Jahren Freiheitsstrafe und unter Berück-
sichtigung einer verminderten Schuldfähigkeit – nicht mehr leicht bis
mittelschwer und es wird eine mehrjährige Freiheitsstrafe ausgesprochen.
Im Gutachten wird zudem von einer nicht unerheblichen Rückfallgefahr in
einer erneuten Trennungs-/Krisensituation ausgegangen (siehe Gutachten,
S. 27 = UA act. 371). Entsprechend hoch ist nach dem Gesagten das
öffentliche Interesse an einer Wegweisung der Beschuldigten aus der
Schweiz zu veranschlagen. Dieses überwiegt das private Interesse der
Beschuldigten an einem Verbleib in der Schweiz deutlich, zumal eine
Resozialisierung in Deutschland oder gegebenenfalls einem anderen EU-
Land intakt ist und ihren psychischen Problemen auch in Deutschland
angemessen Rechnung getragen werden kann.
Auch das FZA steht vorliegend einer Landesverweisung nicht entgegen.
Die Beschuldigte hat eine sehr schwere Straftat begangen. Entsprechend
hoch erscheint die Gefährdung der öffentlichen Ordnung, zumal von einem
nicht unerheblichen Rückfallrisiko auszugehen ist (siehe dazu oben). Die
Voraussetzungen von Art. 5 Abs. 1 Anhang I FZA zur Einschränkung der
Rechte der Beschuldigten aus dem FZA sind damit gegeben, zumal das
FZA Tätern, die in der Schweiz eine schwere Straftat begangen haben, kein
Aufenthaltsrecht in der Schweiz gewährleistet (vgl. Urteil des Bundes-
gerichts 6B_378/2018 vom 22. Mai 2019 E. 4.5).
- 18 -
6.5.
Zusammenfassend liegt weder ein persönlicher Härtefall vor, noch
überwiegen die persönlichen Interessen der Beschuldigten an einem
Verbleib in der Schweiz. Die Landesverweisung ist nach Art. 8 Ziff. 2 EMRK
und dem FZA gerechtfertigt und deshalb mit der Vorinstanz anzuordnen.
Der Umstand, dass eine Wegweisung aus der Schweiz von der
Beschuldigten als grosse Härte empfunden wird, kann daran nichts ändern.
Eine Landesverweisung bewirkt in den meisten Fällen eine gewisse Härte.
Sie hat ihren Grund jedoch in der Delinquenz der betroffenen Person selber
und kann für sich alleine nicht zur Annahme eines Härtefalls im Sinne von
Art. 66a Abs. 2 StGB führen. Auch ein mehrjähriger Aufenthalt in der
Schweiz und die damit einhergehenden Bindungen in persönlicher und
beruflicher Hinsicht bilden keinen Freipass für Straftaten.
6.6.
Die Vorinstanz hat die Dauer der Landesverweisung auf das gesetzliche
Minimum von 5 Jahren festgesetzt, womit es aufgrund des Verschlech-
terungsverbots sein Bewenden hat.
Eine Ausschreibung der Landesverweisung im Schengener Informations-
system (SIS) kommt aufgrund der deutschen Staatsangehörigkeit der
Beschuldigten nicht in Frage (vgl. Art. 20 N-SIS-Verordnung).
7.
Die Vorinstanz hat gestützt auf Art. 69 Abs. 1 und 2 StGB die Einziehung
und Vernichtung der beiden Messer («Victorinox» und «50 [...]») sowie von
verschiedenen Kleidungsstücken angeordnet, was im Berufungsverfahren
unangefochten geblieben ist und somit nicht zu überprüfen ist.
Die Vorinstanz ist jedoch ausdrücklich darauf hinzuweisen, dass eine
Einziehung gemäss Art. 69 StGB nicht nur voraussetzt, dass ein
beschlagnahmter Gegenstand zur Begehung einer Straftat gedient hat,
bestimmt war oder durch eine Straftat hervorgebracht worden ist. Vielmehr
kommt nach dem klaren Wortlaut von Art. 69 StGB eine Einziehung nur
infrage, wenn ein solcher Gegenstand zusätzlich die Sicherheit von
Menschen, die Sittlichkeit oder die öffentliche Ordnung gefährdet. Mithin
genügt ein Deliktkonnex alleine für eine Einziehung noch nicht. Dass diese
Voraussetzungen vorliegend hinsichtlich der eingezogenen Messer erfüllt
wären, ist nicht ersichtlich. Es handelt sich bei den Messern um
Gegenstände, die von jedermann legal erworben werden konnten und
können und auch nicht gestohlen oder – soweit ersichtlich – anderweitig
unrechtmässig in den Besitz der Beschuldigten gelangt sind. Eine
Einziehung muss immer auch verhältnismässig, d.h. geeignet und
erforderlich sein. Der blosse Umstand, dass ein Täter mit einem solchen
Gegenstand erneut eine Tat begehen könnte, rechtfertigt die Einziehung
- 19 -
nicht. Da diese Gegenstände jederzeit und voraussetzungslos von
jedermann und damit auch der Beschuldigten erworben werden können, ist
die Zwecktauglichkeit einer Einziehung offensichtlich nicht gegeben (siehe
aktuell z.B. Urteil des Bundesgerichts 1B_355/2020 vom 19. Mai 2021
E. 5.2), womit von der Einziehung der Messer abzusehen gewesen wäre,
zumal sich überdies auch die Beschuldigte auf die Eigentumsgarantie
berufen kann und eine Einziehung nicht der Bestrafung dient.
Bei den diversen weiteren eingezogenen Gegenständen handelt es sich
offensichtlich um Beweismittel (Kleider der Beschuldigten sowie von B.;
Abschiedsbriefe). Mit der Rechtskraft des Strafurteils fällt der Beschlag-
nahmegrund dahin, weshalb die beschlagnahmten Beweismittel an sich
ebenfalls den jeweiligen Berechtigten auf deren Verlangen hin heraus-
zugeben gewesen wären.
Keine Rolle spielt, ob die Beschuldigte und B. der Einziehung zugestimmt
haben oder nicht (vgl. vorinstanzliches Protokoll, S. 14 = vorinstanzliche
Akten [VA] act. 971). Die Voraussetzungen einer Einziehung sind von
Amtes wegen zu prüfen und unterstehen nicht der freien Disposition der
Parteien.
8.
8.1.
Die Parteien tragen die Kosten des Rechtsmittelverfahrens nach Massgabe
ihres Obsiegens oder Unterliegens (Art. 428 Abs. 1 StPO). Ob eine Partei
im Berufungsverfahren als obsiegend oder unterliegend gilt, hängt davon
ab, in welchem Ausmass ihre vor Obergericht gestellten Anträge
gutgeheissen wurden (Urteil des Bundesgerichts 6B_330/2016 vom
10. November 2017 E. 4.3).
Die Beschuldigte erwirkt mit ihrer Berufung insoweit einen für sie
günstigeren Entscheid, als dass nebst dem Schuldspruch wegen
versuchter vorsätzlicher Tötung kein zusätzlicher Schuldspruch wegen
versuchter schwerer Körperverletzung ergeht. Dies ist allerdings allein dem
Umstand geschuldet, dass die nebst dem Messerstich erfolgten
(versuchten) Körperverletzungen durch die versuchte vorsätzliche Tötung
konsumiert werden. Im Übrigen ist die Berufung der Beschuldigten
abzuweisen. Mithin wird der vorinstanzliche Entscheid nur unwesentlich
abgeändert, zumal es bei der Freiheitsstrafe von 4 Jahren bleibt bzw. diese
ohne Geltung des Verschlechterungsverbots sogar noch höher ausgefallen
wäre. Unter diesen Umständen sind die obergerichtlichen Verfahrens-
kosten von Fr. 5'000.00 (§ 18 VKD) vollumfänglich der Beschuldigten
aufzuerlegen (Art. 428 Abs. 2 lit. b StPO).
- 20 -
8.2.
Die amtliche Verteidigerin ist gestützt auf die anlässlich der Berufungs-
verhandlung eingereichte Kostennote mit Fr. 9'459.00 (inkl. Auslagen und
Mehrwertsteuer) aus der Staatskasse zu entschädigen (Art. 135 Abs. 1
StPO i.V.m. § 9 Abs. 1 und Abs. 3bis AnwT).
Diese Entschädigung ist von der Beschuldigten zurückzufordern (Art. 135
Abs. 4 lit. a StPO).
8.3.
Fällt die Rechtsmittelinstanz selber einen neuen Entscheid, so befindet sie
darin auch über die vorinstanzliche Kostenfolge (Art. 428 Abs. 3 StPO).
Gemäss Art. 426 Abs. 1 StPO trägt die beschuldigte Person die Kosten,
wenn sie verurteilt wird. Zwar entfällt nebst dem Schuldspruch wegen
versuchter vorsätzlicher Tötung ein solcher wegen versuchter schwerer
Körperverletzung (siehe dazu oben). Es ergeht aber kein Freispruch. Ihr
sind die vorinstanzlichen Verfahrenskosten deshalb vollumfänglich auf-
zuerlegen.
8.4.
Die der amtlichen Verteidigerin für das erstinstanzliche Verfahren zuge-
sprochene Entschädigung (inkl. Entschädigung des früheren amtlichen
Verteidigers aus derselben Kanzlei) ist mit Berufung nicht angefochten
worden, weshalb im Berufungsverfahren nicht mehr darauf zurück-
zukommen ist (Urteil des Bundesgerichts 6B_1299/2018 vom 28. Januar
2019 E. 2.3 f.).
Diese Entschädigung ist von der Beschuldigten zurückzufordern (Art. 135
Abs. 4 lit. a StPO).
8.5.
Die Beschuldigte hat im Sinne einer Ersatzmassnahme eine Sicherheits-
leistung in der Höhe von Fr. 90'000.00 geleistet (Art. 238 StPO).
Diese ist freizugeben bzw. zur Deckung sämtlicher erst- und zweit-
instanzlicher Verfahrenskosten (inkl. Entschädigung der amtlichen Vertei-
digung) zu verwenden, sobald die Beschuldigte die Freiheitsstrafe ange-
treten hat (Art. 239 Abs. 1 lit. c und Abs. 2 StPO). Ein allfälliger Überschuss
ist der Beschuldigten zurückzuerstatten.
9.
Tritt das Berufungsgericht, wie vorliegend, auf die Berufung ein, so fällt es
ein neues Urteil, welches das erstinstanzliche Urteil ersetzt (Art. 408 StPO,
Art. 81 StPO).
- 21 -