Decision ID: 5b4dd00f-bdc5-50ab-9fec-d86e8f467d05
Year: 2012
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Entscheid Versicherungsgericht, 03.04.2012 Art. 28 AVIG. Rückweisung zur Neuberechnung eines Rückforderungsanspruchs (Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 3. April 2012, AVI 2011/57).Vizepräsidentin  Rüegg-Haltinner, Versicherungsrichterinnen Karin Huber-Studerus und Marie Löhrer; a.o. Gerichtsschreiberin Annina BaltisserEntscheid vom 3. April 2012in SachenA._,Beschwerdeführerin,vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Giovanni Schramm, St. Leonhardstrasse 32, 9001 St. Gallen,gegenUNIA Arbeitslosenkasse Zentralverwaltung Zürich, Strassburgstrasse 11, 8004 Zürich,Beschwerdegegnerin,betreffendRückerstattung von TaggeldleistungenSachverhalt:
A.
A.a A._ arbeitete seit Juni 2003 bei der B._. Nachdem sie wegen eines Unfalles seit
dem 19. Juni 2009 arbeitsunfähig war, kündigte die Arbeitgeberin das Arbeitsverhältnis
am 21. Dezember 2009 auf den 31. März 2010 (act. G 3/74). Am 19. April 2010 meldete
sich die Versicherte zur Arbeitsvermittlung an und beantragte
Arbeitslosenentschädigung. Sie gab an, ihr gesuchter Beschäftigungsgrad betrage
80%. Bis auf Weiteres sei sie aufgrund des Unfalles zu 50% arbeitsunfähig. Ab 19.
April 2010 erhalte sie ein Taggeld von Fr. 70.00 (act. G 3/72).
A.b Am 3. Juni 2010 bestätigte die UNIA Arbeitslosenkasse der Versicherten, dass per
19. April 2010 eine zweijährige Rahmenfrist für den Bezug von
Arbeitslosenentschädigung eröffnet werde. Sie habe grundsätzlich Anspruch auf 520
Taggelder bei einem versicherten Verdienst von Fr. 1'983.00 (Taggeldansatz Fr. 73.10
brutto) bei einem Vermittlungsgrad von 30% (act. G 3/66). Mit Schreiben vom 10. Juni
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2010 teilte die Arbeitslosenkasse der Versicherten mit, dass ihr versicherter Verdienst
auf Fr. 2'644.00 angepasst worden sei, was den 50% von 80% einer
Vollzeitbeschäftigung entspreche (act. G 3/64).
A.c Die Allianz Suisse informierte die Versicherte mit Schreiben vom 15. Juli 2010, dass
sie die Leistungen im Zusammenhang mit dem Unfall vom 15. Juni 2009 per 30. April
2010 einstelle. Auf eine Rückforderung der ab dem 1. Mai 2010 erbrachten Leistungen
werde verzichtet (act. G 3/58). Wegen krankheitsbedingter Arbeitsunfähigkeit richtete
die Allianz Suisse Taggelder ab 29. September 2010 und für die Monate Oktober,
November und Dezember 2010 (ausgehend von einer 50%igen Arbeitsunfähigkeit)
sowie für den Januar 2011 (ausgehend von einer 25%igen Arbeitsunfähigkeit) aus
(act. G 3/35; vgl. zudem die Mitteilung der Versicherten, act. G 3/39 sowie act. G 3/40).
A.d Mit Verfügung vom 13. April 2011 forderte die UNIA Arbeitslosenkasse von der
Versicherten zu viel bezogene Taggeldleistungen in den Monaten Juli 2010 bis März
2011 im Umfang von Fr. 13'210.75 zurück. Zur Begründung führte sie an, die Allianz
Suisse habe der Versicherten ab Juni 2010 weiterhin Taggelder im Ausmass von 50%
entschädigt, weshalb die Arbeitslosenkasse zu hohe Taggelder ausgerichtet habe.
Diese seien entsprechend der tatsächlich verbleibenden Resterwerbsfähigkeit zu
berichtigen und zurückzufordern. Es ergebe sich folgender Anspruch: April 2010 bis
Januar 2011 50% sowie Februar und März 2011 70% (Arbeitsunfähigkeit 30%;
act. G 3/3).
A.e Dagegen liess die Versicherte durch ihren Rechtsvertreter am 12. Mai 2011
Einsprache erheben und die Neuberechnung des Rückforderungsanspruches
beantragen. Zur Begründung wurde im Wesentlichen angeführt, die Versicherte habe
von der Taggeldversicherung für die Monate Juli, August und September 2010
aufgrund der 90-tägigen Wartefrist für die krankheitsbedingte Arbeitsunfähigkeit erst
mit Wirkung ab 29. September 2010 Taggelder erhalten. Im Monat Januar 2011 habe
sie von der Allianz Suisse eine Entschädigung für eine Arbeitsunfähigkeit von 25%
erhalten. Mit Wirkung ab 1. Februar 2011 habe die Taggeldversicherung keine weiteren
Leistungen erbracht (act. G 3/2).
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A.f Mit Entscheid vom 21. Juni 2011 hiess die Arbeitslosenkasse die Einsprache
teilweise gut und legte die Rückforderung auf Fr. 7'545.15 fest. Der von der
Versicherten geschilderte Sachverhalt sei korrekt, weshalb die Rückforderung zu hoch
sei. Vom 1. Juli bis und mit 28. September 2010 habe die Taggeldversicherung keine
Leistungen ausgerichtet und die Arbeitslosenkasse sei während dieser Zeit aufgrund
der Rentenprüfung der IV vorleistungspflichtig. Die Rückforderung sei um den
Anspruch von je Fr. 1'947.00 für die Monate Juli und August 2010 sowie Fr. 1'770.70
für die Kontrollperiode September 2010 zu reduzieren (act. G 3/1).
B.
B.a Gegen diesen Einspracheentscheid vom 21. Juni 2011 richtet sich die vorliegende
Beschwerde vom 18. August 2011. Die Beschwerdeführerin beantragt die Festsetzung
des Rückforderungsanspruches der Arbeitslosenkasse auf Fr. 3'806.50. Die
Beschwerdegegnerin habe bei der Festlegung des Rückforderungsanspruches ausser
Acht gelassen, dass sie für die Monate Februar und März 2011 keinerlei Leistungen
von der Taggeldversicherung erhalten habe. Zudem habe ihr die Beschwerdegegnerin
im Januar 2011 lediglich für die Dauer von 14 Tagen Taggelder ausgerichtet, weshalb
die Rückforderung für den Januar 2011 unbegründet und nur jene für die Monate
Oktober und November 2010 berechtigt sei (act. G 1).
B.b Die Beschwerdegegnerin beantragt die Abweisung der Beschwerde unter Verweis
auf die im Einspracheentscheid vom 21. Juni 2011 angeführte Begründung (act. G 3).
B.c Mit Replik vom 17. Oktober 2011 lässt die Beschwerdeführerin an ihren Anträgen
festhalten. Im Januar 2011 habe sie von der Taggeldversicherung lediglich Fr. 1'100.00
erhalten, weshalb der Anspruch falsch berechnet worden sei. Im Weiteren seien die
Abzüge für Februar und März 2011 im Umfang von Fr. 2'279.40 ungerechtfertigt, da
aus den Akten unmissverständlich hervorgehe, dass die Taggeldversicherung ab dem
1. Februar 2011 von der vollen Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin ausgegangen
sei (act. G 9).
B.d Die Beschwerdegegnerin verzichtet auf eine Duplik (vgl. act. G 11).

Erwägungen:
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1.
Vorliegend ist die Höhe der von der Beschwerdegegnerin geltend gemachten
Rückforderung streitig. Im angefochtenen Einspracheentscheid reduzierte die
Beschwerdegegnerin die in der Verfügung vom 13. April 2011 angeordnete
Rückforderung von Fr. 13'210.75 um Fr. 5'665.60 auf den Betrag von Fr. 7'545.15.
Hievon anerkannte die Beschwerdeführerin einen Anteil von Fr. 3'806.50, das heisst die
Rückforderung für zu hohe Leistungen in den Monaten Oktober 2010 (Fr. 1'859.05) und
November 2010 (Fr. 1'947.45) als berechtigt. Entsprechend beantragte sie in der
Beschwerde, die Rückforderung sei auf Fr. 3'806.50 festzulegen. Hinsichtlich der für
Oktober und November 2010 zurückgeforderten Leistungen gilt die Rückforderung
somit als nicht angefochten.
2.
2.1 Nach Art. 28 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die obligatorische Arbeitslosenver
sicherung und die Insolvenzentschädigung (AVIG; SR 837.0) haben versicherte
Personen, die wegen Krankheit (Art. 3 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil
des Sozialversicherungsrechts [ATSG; SR 830.1]), Unfall (Art. 4 ATSG) oder
Schwangerschaft vorübergehend nicht oder nur vermindert arbeits- und
vermittlungsfähig sind und deshalb die Kontrollvorschriften nicht erfüllen können,
sofern sie die übrigen Anspruchsvoraussetzungen erfüllen, Anspruch auf das volle
Taggeld. Dieser dauert längstens bis zum 30. Tag nach Beginn der ganzen oder
teilweisen Arbeitsunfähigkeit und ist innerhalb der Rahmenfrist auf 44 Taggelder
beschränkt. Taggelder der Kranken- oder Unfallversicherung, die Erwerbsersatz
darstellen, werden gemäss Art. 28 Abs. 2 AVIG von der Arbeitslosenentschädigung
abgezogen. Diese Bestimmung statuiert somit die Subsidiarität der Leistungspflicht der
Arbeitslosenversicherung im Verhältnis zur Krankenversicherung und verhindert damit
eine Überversicherung (BGE 128 V 155 E. 3b). Art. 28 Abs. 4 AVIG bestimmt, dass
Arbeitslose, die ihren Anspruch nach Abs. 1 ausgeschöpft haben und weiterhin
vorübergehend vermindert arbeitsfähig sind, Anspruch auf das volle Taggeld haben –
sofern sie unter Berücksichtigung ihrer verminderten Arbeitsfähigkeit vermittelbar sind
und alle übrigen Anspruchsvoraussetzungen erfüllen –, wenn sie zu mindestens 75%
arbeitsfähig sind. Wenn sie zu mindestens 50% arbeitsfähig sind, haben sie Anspruch
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auf das halbe Taggeld. Diese Bestimmung hat nicht nur Bedeutung für die
Vermittlungsfähigkeit, ihr kommt auch Koordinationsfunktion zwischen der
Arbeitslosen- und der Krankenversicherung zu (Urteil des Eidgenössischen Ver
sicherungsgerichts [EVG; seit dem 1. Januar 2007: Sozialrechtliche Abteilungen des
Bundesgerichts] vom 14. April 2003, C 303/02, E. 3.1 = ARV 2004 N 3 S. 50 ff.). Die
Regel von Art. 28 Abs. 4 AVIG ist auf alle Fälle verminderter Arbeitsfähigkeit
anzuwenden, auch wenn vorgängig Art. 28 Abs. 1 AVIG nicht zur Anwendung gelangt
ist, weil etwa die versicherte Person nur leicht in der Arbeitsfähigkeit eingeschränkt ist
und die Kontrollpflichten erfüllt (Thomas Nussbaumer, Arbeitslosenversicherung, in:
Schweizerisches Bundesverwaltungsrecht, Band XIV, Soziale Sicherheit, 2. Auflage,
Rz 442 mit Hinweisen).
2.2 Nach Art. 95 Abs. 1 AVIG in Verbindung mit Art. 25 Abs. 1 ATSG sind
unrechtmässig bezogene Leistungen zurückzuerstatten. Eine versicherte Person, die
Arbeitslosenentschädigung bezogen hat und später für denselben Zeitraum Renten
oder Taggelder der Invalidenversicherung, der beruflichen Vorsorge, aufgrund des
Erwerbsersatzgesetzes vom 25. September 1952, der Militärversicherung, der
obligatorischen Unfallversicherung, der Krankenversicherung oder gesetzliche
Familienzulagen erhält, ist gemäss Art. 95 Abs. 1 AVIG zur Rückerstattung der in
diesem Zeitraum bezogenen Arbeitslosentaggelder verpflichtet. In Abweichung von Art.
25 Absatz 1 ATSG beschränkt sich die Rückforderungssumme auf die Höhe der von
den obgenannten Institutionen für denselben Zeitraum ausgerichteten Leistungen.
3.
3.1 Gemäss der Aktenlage ist als erstellt zu erachten, dass die Krankentaggeldver
sicherung lediglich bis Januar 2011, nicht jedoch in den Monaten Februar und März
2011, Taggelder ausgerichtet hat. Dies wird daraus ersichtlich, dass es sich bei der
Abrechnung vom Januar 2011 um die Schlussabrechnung handelte. Der Abrechnung
für die Monate Oktober und November 2010 ist zudem zu entnehmen, dass der
Krankentaggeldversicherer ab dem 1. Februar 2011 von einer vollen Arbeitsfähigkeit
ausging (act. G 3/35). In einer Aktennotiz vom 8. März 2011 hielt die
Beschwerdegegnerin zudem selbst fest, dass die Taggeldversicherung bis Ende
Januar 2011 zahle und die Arbeitslosentaggelder somit aufgrund der
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Vorleistungspflicht betreffend IV-Antrag ab Februar 2011 "normal" auszurichten seien
(act. G 3/30; vgl. zudem den IV-Antrag vom 22. Januar 2010, act. G 3/74). Für die
Monate Februar und März 2011 hat die Beschwerdegegnerin somit zu Recht eine volle
Arbeitslosenentschädigung ausgerichtet, weshalb die auf diese Monate entfallende
Rückforderung von Fr. 1'060.15 (Februar 2011) und Fr. 1'219.25 (März 2011),
zusammen Fr. 2'279.40, keinen Bestand hat und aufzuheben ist (zur Vorleistungspflicht
der Arbeitslosenversicherung gegenüber der Invalidenversicherung vgl. BGE 136 V 95).
Im Weiteren geht aus den Akten hervor, dass die Krankentaggeldversicherung im
Januar 2011 Taggelder im Umfang von Fr. 1'101.00 (ausgehend von einer 25%igen
Arbeitsunfähigkeit) ausgerichtet hat, die Beschwerdegegnerin jedoch einen
Rückforderungsanspruch von Fr. 1'282.50 geltend macht (act. G 3/35, act. G 3/3). Für
den Monat Januar 2011 hat die Beschwerdegegnerin in der Abrechnung vom 13. April
2011 ausgehend von einem versicherten Verdienst von Fr. 2'644.00 (= 50%
Vermittlungsgrad) 14.5 Taggeld à Fr. 97.00 brutto abgerechnet (act. G 3/3 Beilage).
Gemäss Bescheinigung des RAV weilte die Beschwerdeführerin im Januar 2011 an 16
Halbtagen im Einsatzprogramm und an fünf Tagen (10.-14. Januar 2011) bezog sie
Ferien, wobei ihr hiefür kontrollfreie Tage bewilligt wurden (act. G 3/37 und G 3/41). In
der ursprünglichen Abrechnung vom 10. Februar 2011 war ein auszuzahlender
Nettobetrag von Fr. 2'713.90 ermittelt worden. Diesbezüglich gilt es festzuhalten, dass
die Beschwerdeführerin für die kontrollierten bzw. entschädigungsberechtigten 21
Tage im Rahmen der Vorleistungspflicht der Arbeitslosenversicherung grundsätzlich
Anspruch auf ein volles Taggeld (=Arbeitslosenentschädigung basierend auf einem
versicherten Verdienst von Fr. 5'287.00; vgl. act. G 3/72) hat, wobei das der
Beschwerdeführerin ausbezahlte Taggeld der Krankenversicherung gemäss Art. 28
Abs. 2 AVIG abzuziehen ist. Die Beschwerdegegnerin, an welche die Sache
zurückzuweisen ist, wird die Arbeitslosenentschädigung der Beschwerdeführerin für
den Monat Januar 2011 neu zu ermitteln und sie dem bereits ausbezahlten Betrag von
Fr. 2'713.90 gegenüberzustellen haben. Eine allfällige Rückforderung dürfte aufgrund
der Regelung von Art. 95 Abs. 1 Satz 2 AVIG höchstens dem Betrag der für den
gleichen Zeitraum ausgerichteten Krankentaggeldleistungen entsprechen. Dies gilt
auch für den Monat September 2010, für welchen die Beschwerdeführerin
Krankentaggeldleistungen von Fr. 142.00 erhalten hat, die Beschwerdeführerin dafür
jedoch einen Betrag von Fr. 176.75 zurückfordert.
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3.2 Vor diesem Hintergrund ist davon auszugehen, dass die Beschwerdegegnerin die
Rückforderung falsch berechnet hat. Die Sache ist deshalb an die Beschwerdegegnerin
zur Neuberechnung der Rückforderung im Sinne der vorstehenden Erwägungen
zurückzuweisen.
4.
In Gutheissung der Beschwerde ist der angefochtene Einspracheentscheid vom
21. Juni 2011 aufzuheben und die Sache zur Neuberechnung im Sinne der Erwägungen
an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Gerichtskosten sind keine zu erheben
(Art. 61 lit. a ATSG). Die Rückweisung zur Neubeurteilung gilt praxisgemäss als volles
Obsiegen (BGE 132 V 235 E. 6). Bei diesem Verfahrensausgang hat die
Beschwerdeführerin Anspruch auf eine Parteientschädigung (Art. 61 lit. g ATSG). Eine
Parteientschädigung von pauschal Fr. 2'500.00 (einschliesslich Barauslagen und
Mehrwertsteuer) erscheint angemessen.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP