Decision ID: a1d0375f-c88b-416e-8cae-51bb02bce7b8
Year: 2018
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a A._ wurde im November 2016 zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung angemeldet (IV-act. 9). Der Psychotherapeut ASP/VOPT lic. phil.
B._ hatte bereits im Oktober 2016 berichtet (IV-act. 7), die Versicherte leide an einer
emotionalen Störung des Kindesalters mit einer ungenügenden Realitätsprüfung und
schulischen Konzentrationsschwierigkeiten. Ihre Mutter sei psychisch krank und habe
ihre Partner wiederholt gewechselt. Die Versicherte sei im Sommer 2014 zusammen
mit ihrer Halbschwester bei der Tante und deren Partner fremdplatziert worden. Nach
der Fremdplatzierung seien ihre schulischen Leistungen zusehends schlechter
geworden. Im Herbst 2014 sei eine schulpsychologische Abklärung eingeleitet worden.
Diese habe eine verlangsamte Arbeitsweise und diverse Schwierigkeiten beim Lesen,
Schreiben und Rechnen ergeben. Die Ursache sei eine Funktionsstörung der räumlich-
konstruktiven Fähigkeiten und der Wahrnehmungsorganisation bei psychogenen
Anteilen. Die Versicherte habe die zweite Klasse repetieren müssen. Zudem sei eine
Psychomotoriktherapie eingeleitet worden. Ein Umzug der Pflegefamilie im Sommer
2016 habe einen weiteren Schulwechsel zur Folge gehabt. Aufgrund der laufenden
Psychotherapie hätten sich die Schulleistungen erfreulich verbessert. Auch den Umzug
und den Schulwechsel habe die Versicherte erfreulich gut bewältigt. Nun sei eine
Fortsetzung der Psychotherapie indiziert, damit die erzielten Fortschritte gefestigt
werden könnten. Dadurch könnten die Chancen für ein erfolgreiches Bewältigen der
Primarschule und der anschliessenden Oberstufe wesentlich verbessert werden. Ohne
eine stützende Therapie bestehe die Gefahr, dass es erneut zu einem Leistungsabfall
komme. Dadurch würden die schulische und später die berufliche Integration
gefährdet. Im November 2016 gab die Kinder- und Jugendpsychiaterin Dr. med. C._
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an (IV-act. 13), die Versicherte sei anfangs verschlossen gewesen und habe nicht über
ihre Probleme sprechen können. Das habe sich nun gebessert. Auch die
Schulleistungen seien deutlich besser geworden. Sie benötige aber noch eine
Hausaufgabenhilfe. Bei einer Weiterführung der Psychotherapie sei von einer günstigen
Prognose auszugehen. Ohne eine Behandlung sei die Gefahr sehr gross, dass die
Probleme in der Schule sich verfestigten und dass das Lernen in der Schule stark
behindert würde. Das würde zu einem stabilen psychischen Defekt führen, der später
nicht mehr korrigierbar wäre und die berufliche Integration verhindere oder massiv
gefährden würde.
A.b Am 3. Februar 2017 notierte Dr. med. D._ vom IV-internen regionalen ärztlichen
Dienst (RAD), die Psychotherapie sei zwar aus medizinischer Sicht indiziert, aber die
Voraussetzungen für eine Kostenvergütung der Invalidenversicherung gestützt auf den
Art. 12 IVG seien nicht erfüllt, da angesichts des bisherigen Verlaufs und der nach wie
vor bestehenden schwierigen familiären Konstellation kein Abschluss der
Psychotherapie absehbar sei (IV-act. 18). Mit einem Vorbescheid vom 6. Februar 2017
teilte die IV-Stelle der Mutter der Versicherten mit (IV-act. 20), dass sie die Abweisung
des Leistungsbegehrens betreffend die Vergütung der Kosten einer Psychotherapie
vorsehe. Zur Begründung führte sie aus, die Behandlung werde wohl noch Jahre
dauern. Ausserdem könne nicht mit Sicherheit von einer guten Prognose ausgegangen
werden. Folglich seien die Voraussetzungen für eine Kostengutsprache gestützt auf
den Art. 12 IVG nicht erfüllt. Dagegen liess die nun anwaltlich vertretene Versicherte am
8. März 2017 einwenden (IV-act. 24), gestützt auf den Bericht von Dr. C._ stehe
eindeutig fest, dass die Prognose bei einer Weiterführung der Behandlung günstig sei.
Die RAD-Ärztin Dr. D._ sei keine Kinder- und Jugendpsychiaterin, sondern eine
„Allgemeinpraktikerin“. Ihre Aktenbeurteilung könne folglich die Prognose von Dr. C._
nicht widerlegen. Am 30. März 2017 hielt Dr. C._ fest (IV-act. 27–5), angesichts der
deutlichen Fortschritte, die die Versicherte bislang gemacht habe, sei von einer guten
Prognose und von einem Abschluss der Behandlung innerhalb von zwei Jahren (oder
etwas mehr) auszugehen. Am 10. April 2017 liess die Versicherte nochmals um eine
Kostengutsprache für die Psychotherapie ersuchen (IV-act. 27–1 ff.). Am 28. Juni 2017
notierten die RAD-Ärztinnen Dres. D._ und E._ (IV-act. 28), eine therapeutische
Vorkehr, deren Wirkung sich in der Unterdrückung von Symptomen erschöpfe, könne
nicht als eine medizinische Massnahme im Sinne des Art. 12 IVG gelten, selbst wenn
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sie im Hinblick auf die schulische und erwerbliche Eingliederung unabdingbar sei. Die
Voraussetzungen des Art. 12 IVG seien deshalb vorliegend nicht erfüllt. Mit einer
Verfügung vom 5. Juli 2017 wies die IV-Stelle das Leistungsbegehren ab (IV-act. 29).
Zur Begründung führte sie an, ein Behandlungsabschluss sei nicht absehbar. Zudem
könne nicht mit Sicherheit von einer guten Prognose ausgegangen werden. Eine
therapeutische Vorkehr, deren Wirkung sich in der Unterdrückung von Symptomen
erschöpfe, könne ohnehin nicht als eine medizinische Massnahme im Sinne des Art. 12
IVG gelten.
B.
B.a Am 31. August 2017 liess die Versicherte (nachfolgend: die Beschwerdeführerin)
eine Beschwerde erheben (act. G 1). Ihr Rechtsvertreter beantragte die Aufhebung der
Verfügung vom 5. Juli 2017, die Vergütung der Kosten der Psychotherapie durch die
Invalidenversicherung und eventualiter die Rückweisung der Sache an die
Beschwerdegegnerin (nachfolgend: die Beschwerdegegnerin) zur weiteren Abklärung
und anschliessenden neuen Verfügung. Zur Begründung führte er an, die
psychotherapeutische Behandlung habe schon nach einem Jahr wesentliche Erfolge
gezeitigt. Eine Kostengutsprache durch die Invalidenversicherung setze nicht voraus,
dass eine Behandlung mit Sicherheit innerhalb von zwei Jahren abgeschlossen werden
könne. Erforderlich sei nur eine zuverlässige oder bestimmte Prognose. Eine solche
habe Dr. C._ vorliegend abgegeben. Die Psychotherapie diene nicht nur der
Unterdrückung von Symptomen, sondern bewirke eine nachhaltige Verbesserung des
Gesundheitszustandes, wie der bisherige Verlauf belege.
B.b Die Beschwerdegegnerin beantragte am 29. September 2017 die Abweisung der
Beschwerde (act. G 4). Zur Begründung führte sie aus, es sei nicht erkennbar, inwiefern
die Psychotherapie an den andauernden schwierigen Lebensumständen etwas
Grundlegendes ändern sollte. Die Psychotherapie diene folglich in erster Linie der
Leidensbehandlung. Die schulischen Probleme der Beschwerdeführerin hätten zudem
erst nach ihrer Fremdplatzierung begonnen, was belege, dass bei ihr schwergewichtig
eine psychosoziale und keine psychiatrische Problematik vorliege.
B.c Die Beschwerdeführerin liess am 6. November 2017 an ihren Anträgen festhalten
(act. G 6). Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik (vgl. act. G 7 f.).
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Erwägungen
1.
1.1 Eine invalide oder von einer Invalidität bedrohte versicherte Person hat gemäss
dem Art. 8 Abs. 1 IVG einen Anspruch auf Eingliederungsmassnahmen, soweit diese
notwendig und geeignet sind, die Erwerbsfähigkeit zu erhalten oder zu verbessern, und
soweit die Voraussetzungen für den Anspruch auf eine spezifische
Eingliederungsmassnahme erfüllt sind. Zu den Eingliederungsmassnahmen zählen
gemäss dem Art. 8 Abs. 3 lit. a IVG auch die medizinischen Massnahmen. Laut dem
Art. 12 Abs. 1 IVG hat eine versicherte Person bis zum vollendeten 20. Altersjahr einen
Anspruch auf medizinische Massnahmen, die nicht auf die Behandlung des Leidens an
sich, sondern unmittelbar auf die Eingliederung ins Erwerbsleben gerichtet und
geeignet sind, die Erwerbsfähigkeit dauernd und wesentlich zu verbessern oder vor
einer wesentlichen Beeinträchtigung zu bewahren.
1.2 Die Beschwerdeführerin leidet gemäss den überzeugenden Angaben der
behandelnden Psychiaterin Dr. C._ an einer emotionalen Störung des Kindesalters
mit einer ungenügenden Realitätsprüfung und schulischen
Konzentrationsschwierigkeiten, das heisst an einer psychischen
Gesundheitsbeeinträchtigung. Diese findet ihren Grund zwar in einer belastenden
sozialen Situation, aber das ändert nichts daran, dass es sich dabei (mittlerweile) um
eine eigenständige, krankheitswertige Störung der psychischen Gesundheit der
Beschwerdeführerin handelt. Mit anderen Worten kann also nicht behauptet werden,
mit einer Entlastung hinsichtlich der sozialen Umstände fielen die Symptome der
Beschwerdeführerin dahin. Der behandelnde Psychologe und die behandelnde
Psychiaterin haben mit einer überzeugenden Begründung aufgezeigt, dass sich die
emotionale Störung negativ auf die schulischen Leistungen der offenbar normal
intelligenten Beschwerdeführerin ausgewirkt hat. Die emotionale Störung ist also
geeignet gewesen, die schulische und später die berufliche Ausbildung zu erschweren
oder gar zu verunmöglichen und damit schliesslich die Erwerbsfähigkeit der
Beschwerdeführerin zu gefährden. Durch diese psychische Störung ist die
Beschwerdeführerin folglich von einer Invalidität bedroht gewesen.
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1.3 Die RAD-Ärztinnen Dres. D._ und E._ haben geltend gemacht, die
Psychotherapie sei zwar medizinisch indiziert, aber die Prognose bei einer Fortführung
der Psychotherapie sei ungewiss. Das steht im Widerspruch zur Angabe der
behandelnden Psychiaterin und des behandelnden Psychologen, dass die Prognose
bei einer Fortführung der Psychotherapie als günstig zu qualifizieren sei. Die Frage,
welche dieser beiden prognostischen Aussagen plausibler ist, lässt sich nicht eindeutig
beantworten. Das ist aber auch gar nicht notwendig, denn es steht fest, dass die
Beschwerdeführerin dank der Psychotherapie bereits erfreuliche Fortschritte erzielt hat
und dass dieser Erfolg – und damit auch die weitere schulische und später die
berufliche Ausbildung – erheblich gefährdet wäre, wenn die Psychotherapie nicht
weiter fortgesetzt würde. Mit anderen Worten ist mit einer hohen Plausibilität davon
auszugehen, dass ein Abbruch der Psychotherapie die spätere Eingliederung ins
Erwerbsleben erschweren oder allenfalls gar verunmöglichen würde, weshalb die
medizinische Eingliederungswirksamkeit der Psychotherapie nicht ernsthaft in Abrede
gestellt werden kann. Auch das von den RAD-Ärztinnen Dres. D._ und E._
vorgebrachte Argument, die Psychotherapie bezwecke nur eine Unterdrückung der
Symptome der emotionalen Störung, verfängt nicht. Die behandelnde Psychiaterin und
der behandelnde Psychologe haben nämlich überzeugend begründet dargelegt, dass
sich der psychische Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin infolge der Therapie
bereits erheblich verbessert hatte. Die Psychotherapie hat also offensichtlich nicht nur
auf eine Symptomunterdrückung, sondern auf eine Besserung des
Gesundheitszustandes der Beschwerdeführerin abgezielt. Ausserdem hatte sie im
Zeitpunkt der Eröffnung der angefochtenen Verfügung bereits entsprechende Erfolge
gezeitigt. Gesamthaft betrachtet sind die Voraussetzungen für die Vergütung der
Kosten der Psychotherapie durch die Invalidenversicherung folglich erfüllt. Die
angefochtene Verfügung erweist sich damit als rechtswidrig, weshalb sie aufzuheben
und durch die Feststellung zu ersetzen ist, dass die Beschwerdeführerin einen
Anspruch auf eine Psychotherapie hat. Damit ist das Verwaltungsverfahren allerdings
noch nicht abgeschlossen, denn das auf einen rechtsgestaltenden Entscheid
abzielende Begehren um die Vergütung der Kosten einer Psychotherapie kann nur mit
einer rechtsgestaltenden Verfügung abschliessend behandelt werden. Die Sache ist
deshalb an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Diese wird die Auswahl der
sogenannten Durchführungsstellen und die Vergütungspflicht in Bezug auf die
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durchgeführten psychotherapeutischen Behandlungen prüfen und anschliessend neu
verfügen.
2.
Die Gerichtskosten von 600 Franken sind der unterliegenden Beschwerdegegnerin
aufzuerlegen. Der Beschwerdeführerin wird der von ihr geleistete Kostenvorschuss von
600 Franken zurückerstattet. Die Beschwerdegegnerin hat der Beschwerdeführerin
eine Parteientschädigung auszurichten. Angesichts des sehr geringen Aktenumfangs
ist von einem deutlich unterdurchschnittlichen Aufwand für das Aktenstudium und
folglich auch von einem insgesamt deutlich unterdurchschnittlichen erforderlichen
Vertretungsaufwand auszugehen. Die Parteientschädigung wird deshalb auf 1'500
Franken (einschliesslich Barauslagen und Mehrwertsteuer) festgesetzt.