Decision ID: e23bff99-6d37-43ec-b498-9e8da2367ac6
Year: 2012
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Entscheid Versicherungsgericht, 23.10.2012 Art. 11 Abs. 1 lit. b und g ELG. Anrechnung des Ertrages aus selbstbewohnter Liegenschaft und eines hypothetischen Erwerbseinkommens bei der Berechnung eines allfälligen Anspruchs auf eine jährliche Ergänzungsleistung (Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 23. Oktober 2012, EL 2012/7).Präsidentin Karin Huber-Studerus, Versicherungsrichterin Monika Gehrer-Hug, a.o. Versicherungsrichter Christian Zingg; Gerichtsschreiber Tobias BoltEntscheid vom 23. Oktober 2012in SachenA._, Beschwerdeführer,vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Roland Hochreutener, St. Leonhard-Strasse 20, Postfach, 9001 St. GallengegenSozialversicherungsanstalt des Kantons St. Gallen, Ausgleichskasse des Kantons St. Gallen, Brauerstrasse 54, Postfach, 9016 St. Gallen,Beschwerdegegnerin,betreffendErgänzungsleistung zur IVSachverhalt:
A.
A._ bezieht seit Jahren eine Teilrente der Invalidenversicherung. Gesuche um
Ausrichtung von Ergänzungsleistungen (EL) wurden wiederholt rechtskräftig
abgewiesen.
B.
B.a Am 28. Februar 2011 meldete sich der Versicherte erneut zum Bezug von
Ergänzungsleistungen an (EL-act. 27).
B.b Mit Verfügung vom 20. Juli 2011 wies die EL-Durchführungsstelle das Gesuch ab
(EL-act. 13). Dabei hatte sie als Ausgaben nebst den Prämienpauschalen für die
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obligatorische Krankenpflegeversicherung und der Pauschale für den Lebensbedarf
Hypothekarzinsen und Gebäudeunterhaltskosten einer selbstbewohnten und einer
nicht selbstbewohnten Liegenschaft sowie Wohnkosten von Fr. 15’000.-- anerkannt
und als Einnahmen insbesondere ein Erwerbseinkommen der Ehefrau von Fr. 49’400.--
und Eigenmietwerte von Fr. 20’400.-- (selbstbewohnte Liegenschaft) und Fr. 21’600.--
(nicht selbstbewohnte Liegenschaft) angerechnet (EL-act. 14).
B.c Dagegen erhob der Versicherte am 8. August 2011 Einsprache. Er beanstandete
insbesondere, dass nicht die effektiven Ausgaben und Einnahmen bei der Berechnung
berücksichtigt worden seien (EL-act. 11).
B.d Mit Entscheid vom 26. Januar 2012 wurde die Einsprache abgewiesen
(act. G 1.1).
C.
C.a Dagegen richtet sich die am 27. Februar 2012 erhobene (act. G 1) und am
16. April 2012 ergänzte (act. G 4) Beschwerde, mit der die Zusprache einer jährlichen
Ergänzungsleistung von mindestens Fr. 1’431.-- pro Monat ab Februar 2011 sowie
eventualiter die Rückweisung zu weiteren Abklärungen beantragt werden und zur
Begründung im Wesentlichen ausgeführt wird, der Ehefrau des Beschwerdeführers
dürfe – zumindest nicht, ohne weitere Abklärungen zu tätigen – kein hypothetisches
Erwerbseinkommen angerechnet werden, und es sei nicht ersichtlich, weshalb der
Eigenmietwert lediglich im Betrag von Fr. 15’000.-- als Ausgabe anerkannt, hingegen
aber im Betrag von Fr. 20’400.-- (für den selbstbewohnten Teil) als Einnahme ange
rechnet worden sei. Der Beschwerdeergänzung lag unter anderem eine Übersicht über
Stellenbemühungen der Ehefrau im Jahr 2011 bei (act. G 4.1.3).

C.b Die Beschwerdegegnerin schliesst unter Hinweis auf die Erwägungen im ange
fochtenen Einspracheentscheid auf Abweisung der Beschwerde (Beschwerdeantwort
vom 14. Mai 2012; act. G 6).
Erwägungen:
1.
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1.1 Streitgegenstand dieses Beschwerdeverfahrens bildet die Abweisung des
Gesuchs um Ergänzungsleistungen ab Februar 2011 mit Verfügung vom 20. Juli 2011
bzw. Einspracheentscheid vom 26. Januar 2012. Aufgrund des in Art. 61 lit. c des
Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG;
SR 830.1) statuierten Untersuchungsgrundsatzes sowie des in Art. 61 lit. d ATSG
statuierten Grundsatzes der Rechtsanwendung von Amtes wegen, ohne Bindung an
die Parteibegehren, sind sämtliche Voraussetzungen für die allfällige Zusprache von Er
gänzungsleistungen sowie sämtliche Elemente der Berechnung eines allfälligen
Anspruchs zu prüfen.
1.2 Die jährliche Ergänzungsleistung im Sinne von Art. 3 Abs. 1 lit. a des Bundes
gesetzes über Ergänzungsleistungen zur Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenver
sicherung (ELG; SR 831.30) entspricht dem Betrag, um den die anerkannten Ausgaben
die anrechenbaren Einnahmen übersteigen (Art. 9 Abs. 1 ELG). Da der Beschwerde
führer die übrigen Voraussetzungen für die Zusprache von Ergänzungsleistungen un
bestrittenermassen erfüllt, ist zu prüfen, ob und allenfalls in welchem Umfang die an
erkannten Ausgaben gemäss Art. 10 ELG die anrechenbaren Einnahmen gemäss
Art. 11 ELG übersteigen. Die Vergütung von Krankheits- und Behinderungskosten als
zweiter Bestandteil der Ergänzungsleistungen (Art. 3 Abs. 1 lit. b ELG) bildet nicht
Gegenstand der angefochtenen Verfügung bzw. des angefochtenen Einsprache
entscheides (diesbezüglich liegen auch keine aktuellen Akten im Recht), weshalb
darauf nicht näher einzugehen ist.
2.
2.1 Bezüglich Einnahmen sind insbesondere die Anrechnung eines hypothetischen
Erwerbseinkommens für die Ehefrau des Versicherten und der Höhe des Ertrags aus
der selbstbewohnten Liegenschaft strittig.
2.2 Was die Anrechnung der Höhe des Ertrags aus der selbstbewohnten
Liegenschaft betrifft, so geht die Argumentation des Beschwerdeführers fehl. Die
Anrechnung des Eigenmietwertes fusst auf ähnlichen Überlegungen wie die
Anrechnung eines anderen hypothetischen Einkommens, dass es der betroffenen
Person nämlich zumutbar wäre, sich so zu verhalten, dass sie dieses Einkommen
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effektiv erzielen würde. Wenn dem Beschwerdeführer also der Eigenmietwert als
Einnahme angerechnet wird, dann mit dem Gedanken, er könnte seine Wohnung zu
diesem Mietzins vermieten und selbst in einer anderen Wohnung wohnen. Würde sich
der Beschwerdeführer entsprechend verhalten, läge jedoch der Mietzins der (anderen)
Mietwohnung bei mehr als Fr. 15’000.-- pro Jahr, so würden ihm die effektiven
Mieteinnahmen angerechnet, bei den Ausgaben aber ebenfalls nur Wohnkosten von
maximal Fr. 15’000.-- anerkannt. Diesbezüglich ist der gesetzgeberische Entscheid
klar, weshalb kein Anlass besteht, davon abzuweichen. Im Übrigen ist darauf
hinzuweisen, dass der gesamte Eigenmietwert anzurechnen ist; die steuerrechtliche
Kürzung gelangt nach neuster bundesgerichtlicher Rechtsprechung nicht zur
Anwendung (BGE 138 V 9). Die Beschwerdegegnerin ist mithin korrekt vorgegangen,
wenn sie Wohnkosten nur in maximal anrechenbarer Höhe von Fr. 15’000.-- pro Jahr
für Ehepaare als Ausgaben anerkannt und den effektiven Mietwert der selbst
bewohnten Liegenschaft von Fr. 20’400.-- als Einnahmen berücksichtigt hat. Diesbe
züglich ist daher die angefochtene Verfügung bzw. der angefochtene Einsprache
entscheid nicht zu beanstanden.
3.
3.1 Bei der Berechnung des Anspruchs auf Ergänzungsleistungen sind unter
anderem auch Einkünfte und Vermögenswerte, auf die verzichtet worden ist,
anzurechnen (Art. 11 Abs. 1 lit. g ELG). Ein Verzicht auf Erwerbseinkommen liegt vor,
wenn die versicherte Person keine Erwerbstätigkeit ausübt, obwohl ihr dies zumutbar
und möglich wäre, oder wenn sie zwar eine Erwerbstätigkeit ausübt und
Erwerbseinkünfte erzielt, es ihr aber zumutbar und möglich wäre, mehr zu verdienen.
Ebenso liegt aber auch ein Verzicht auf Erwerbseinkommen vor, wenn der Ehegatte der
versicherten Person in diesem Sinne auf Erwerbseinkommen verzichtet, weil auch
dieser zum Kreis der Leistungsempfänger gehört und die Geltendmachung eines
Anspruchs auf Ergänzungsleistungen somit missbräuchlich erfolgt, wenn auf die
mögliche und zumutbare Erzielung eines Erwerbseinkommens verzichtet wird. Zur
Beantwortung der Frage, ob und allenfalls in welchem Betrag auf Erwerbseinkommen
verzichtet wurde, ist zu ermitteln, wie hoch das Erwerbseinkommen bei einer
zumutbaren und möglichen Ausnützung der Erwerbsfähigkeit wäre; ist dieses
zumutbarerweise erzielbare Erwerbseinkommen höher als das tatsächlich erzielte
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Erwerbseinkommen, liegt ein Verzicht in der Höhe der Differenz zwischen diesen
beiden Vergleichsgrössen vor. Bei der Ermittlung des zumutbarerweise erzielbaren
Erwerbseinkommens sind alle Umstände des Einzelfalls, insbesondere beruflich-
erwerbliche Kenntnisse, Fähigkeiten und Erfahrungen, bei invaliden Personen der
Arbeitsunfähigkeitsgrad, allfällige arbeitsmarktliche Konkurrenznachteile (wie
unterdurchschnittliche berufliche Fähigkeiten oder fehlende Berufserfahrung, fehlende
Sprachkenntnisse, eine erhebliche intellektuelle Einschränkung, eine besondere
geistige Unbeweglichkeit oder ähnliche Nachteile), die Arbeitsmarktlage und die
familiäre Situation zu berücksichtigen (vgl. zum Ganzen Ralph Jöhl, Er
gänzungsleistungen zur AHV/IV, in: SBVR XIV, Soziale Sicherheit, 2. Aufl., Basel 2007,
S. 1759 ff., Rz. 179 ff.).
3.2 Die Ehefrau des Beschwerdeführers arbeitete während rund sechs Jahren für die
Firma B._ (vgl. EL-act. 74–8) und erzielte dabei im Jahr 2008 ein Einkommen von
Fr. 49’400.-- (vgl. EL-act. 102–4), was in etwa dem durchschnittlichen Einkommen einer
Hilfsarbeiterin in der Grossregion Ostschweiz entspricht (vgl. die vom Bundesamt für
Statistik herausgegebenen Ergebnisse der Schweizerischen Lohnstrukturerhebung
2008). Sie kündigte den Arbeitsvertrag am 12. Februar 2009 per Ende April 2009 und
gab als Grund für die Kündigung gesundheitliche Gründe an (EL-act. 74–8). Gegenüber
der Beschwerdegegnerin erwähnte sie am 12. Oktober 2009 (im damals laufenden
Verfahren um EL, rechtskräftig abgeschlossen mit gesuchsabweisendem
Einspracheentscheid vom 10. Mai 2010, EL-act. 38), sie habe unter anderem notfall
mässig mit dem Krankenwagen vom Arbeitsplatz ins Kantonsspital St. Gallen verbracht
werden müssen (EL-act. 64); weiter führte sie aus, aufgrund gesundheitlicher Probleme
ginge sie keiner Erwerbstätigkeit nach (EL-act. 65–2). Die gesundheitlichen Probleme
wurden während jenes Verfahrens nicht näher abgeklärt. Diesbezüglich liegen lediglich
eine ärztliche Bestätigung von Dr. med. C._, Facharzt FMH für Angiologie, vom
27. Oktober 2009 über eine angiologische Abklärung am 19. März 2008 wegen
Beinbeschwerden (EL-act. 61) sowie eine ärztliche Verordnung von Dr. med. D._,
Facharzt FMH für Orthopädische Chirurgie, vom 13. November 2009 betreffend
Abgabe einer Fussstütze bei Spreizfuss mit Metatarsalgien rechts mehr als links und
Status nach beidseitiger Vorfusskorrektur im Jahr 2002 (EL-act. 59) im Recht; Dr. D._
habe ausgeführt, dass er kein ärztliches Zeugnis ausstelle (EL-act. 58). Was etwaige
Erwerbstätigkeiten nach April 2009 betrifft, so hatte die Ehefrau des
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Beschwerdeführers ein Antwortschreiben eines potentiellen Arbeitgebers vom
18. August 2009 betreffend eine Bewerbung als Haushaltshilfe in einem Pensum von
80 % eingereicht (EL-act. 65–3). Weitere Nachweise betreffend Stellenbemühungen
liegen nicht bei den Akten der Beschwerdegegnerin. Aus den mit dem neuen Gesuch
vom 28. Februar 2011 eingereichten Unterlagen geht allerdings hervor, dass die
Ehefrau des Beschwerdeführers offenbar mindestens vom 10. Februar 2010 bis zum
30. April 2011 (vgl. EL-act. 33) bzw. bis zum 31. März 2011 (vgl. EL-act. 28–3) als
Verkäuferin auf Abruf gearbeitet hat; die Kündigung erfolgte wiederum durch die
Ehefrau des Beschwerdeführers, als Grund wurde das angespannte Arbeitsverhältnis
bzw. die allgemein schlechte Zusammenarbeit erwähnt (EL-act. 28–3). Würde man auf
die im Rahmen der Beschwerdeergänzung eingereichte selbst erstellte Liste abstellen,
wäre von durchschnittlich zwei Bewerbungen pro Monat (26 Bewerbungen im Jahr
2011) auszugehen (vgl. act. G 4.1.3). Fraglich bleibt für den zu beurteilenden Zeitraum
von Februar 2011 (erneute EL-Anmeldung) bis Januar 2012 (Einspracheentscheid),
wann die Ehefrau des Beschwerdeführers effektiv in welchem Pensum und zu welchem
Lohn gearbeitet hat, ob sie sich bei der Arbeitslosenversicherung anmeldete und ob
und allenfalls in welchen Zeiträumen sie Taggeld-Leistungen bezog. Ebenfalls unklar
ist, ob und in welchem Umfang sie sich effektiv auf Arbeitsstellen beworben hat und an
welchen gesundheitlichen Beeinträchtigungen sie genau leidet. Auch wenn dem
Beschwerdeführer bzw. seiner Ehefrau durchaus vorzuhalten ist, den
Mitwirkungspflichten bei der Abklärung dieser Fragen nicht genügend nachgekommen
zu sein, so hätte die Beschwerdegegnerin aufgrund ihrer Untersuchungspflicht doch
die massgebenden Akten der zuständigen Organe der Arbeitslosenversicherung
einholen bzw. diese anfragen können, ob sich die Ehefrau des Beschwerdeführers zum
Bezug von Leistungen der Arbeitslosenversicherung angemeldet hat. Da es nicht
Sache des Versicherungsgerichtes ist, im Verwaltungsverfahren versäumte
Abklärungen nachzuholen, ist der angefochtene Einspracheentscheid aufzuheben und
die Sache zur Einholung der erforderlichen Auskünfte und Akten der
Arbeitslosenversicherung zurückzuweisen. Die Beschwerdegegnerin wird den
Beschwerdeführer im Zuge dieser Abklärungen zudem aufzufordern haben, sämtliche
Stellenbemühungen seiner Ehefrau ab dem 1. Mai 2009 (Beendigung des
Arbeitsverhältnisses bei der Firma B._) nachzuweisen und detailliert darzulegen, an
welchen gesundheitlichen Beschwerden sie genau leidet. Notfalls ist der
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Beschwerdeführer unter Androhung der gesetzlichen Sanktionen zur Mitwirkung zu
verhalten.
4.
Demnach ist der angefochtene Einspracheentscheid in teilweiser Gutheissung der
Beschwerde aufzuheben. Gerichtskosten sind gemäss Art. 61 lit. a ATSG keine zu
erheben. Die Beschwerdegegnerin hat den Beschwerdeführer mit einer
praxisgemässen Pauschale von Fr. 3’500.-- (einschliesslich Barauslagen und
Mehrwertsteuer) zu entschädigen, da die Rückweisung einer Angelegenheit zu weiteren
Abklärungen rechtsprechungsgemäss hinsichtlich Kosten- und Entschädigungsfolgen
als vollständiges Obsiegen der Beschwerde führenden Partei zu qualifizieren ist.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP