Decision ID: 2a99aaa5-5a55-57b9-a702-b14e5eb48fae
Year: 2020
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich am 9. April/10. Mai 2012 zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung an (IV-act. 1). Sie ist 198_ in die Schweiz gekommen (vgl. IV-
act. 10).
A.a.
Dr. med. B._, Allgemeine Medizin FMH, gab dem Regionalen Ärztlichen Dienst
(RAD) der Invalidenversicherung am 22. Mai 2012 (IV-act. 11, 20) an, es bestünden bei
ihr ein lumbospondylogenes Syndrom L4-S1, erstmals 05/11, erneut seit
30. September 2011, eine Zervikobrachialgie bei Diskushernie "C6/6" (C6/7) ohne
Beteiligung der Nervenwurzeln (MRI vom 14. November 2011): keine OP-Indikation,
eine Anpassungsstörung mit depressiver Episode seit 01/12 (antidepressive Therapie)
und 08/12 (recte wohl 08/2011, IV-act. 134-2) eine Exzision multipler Lipome an den
Armen. Die Versicherte sei vom 12. September 2011 bis 4. März 2012 voll
arbeitsunfähig gewesen. Der Vertrauensarzt der Taggeldversicherung attestiere ihr eine
Arbeitsfähigkeit von 100 %. Die Versicherte arbeite zurzeit in leidensadaptierter
Tätigkeit, voraussichtlich bis zum Ende der Kündigungsfrist.
A.b.
Der RAD ging am 30. Mai 2012 von einer Arbeitsfähigkeit der Versicherten von
50 %, eventuell steigerbar auf 100 %, in bisheriger und in adaptierter Tätigkeit aus (IV-
act. 15-2).
A.c.
In der Arbeitgeberbescheinigung vom 25. Mai 2012 (IV-act. 16) war angegeben
worden, die Versicherte sei von April 1996 bis 30. Juni 2012 (auch letzter Arbeitstag)
angestellt gewesen. Vor und nach Eintritt des Gesundheitsschadens (seit 5. März 2012
reduzierte Arbeitszeit) sei sie als [...] tätig gewesen. Seit 2011 habe der Jahreslohn
Fr. 55'119.60 ausgemacht. Es sei ihr aus organisatorischen Gründen gekündigt
worden. Gemäss dem Präsenz- und Absenzplan (IV-act. 16-13) war sie ab 23. Mai
2011 während acht Arbeitstagen unfallbedingt abwesend gewesen, dann vom
A.d.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 3/43
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
16. August bis 6. September 2011 und ab dem 24. Oktober 2011 krankheitshalber
(gemäss IV-act. 21-36 hatte Dr. B._ ihr am 3. November 2011 eine Arbeitsunfähigkeit
ab 24. Oktober 2011 - nicht bereits ab 12. September 2011 - bescheinigt; vgl. auch IV-
act. 21-31). - Die Kündigung war am 28. September 2011 ausgesprochen worden (IV-
act. 16-6; mit späteren Verlängerungen).
Die Taggeldversicherung der Versicherten reichte am 25. Mai 2012 ihre Akten ein
(IV-act. 21; Eingang Sozialversicherungsanstalt 1. Juni 2012). Darunter fand sich ihr
Schreiben an die Versicherte vom 25. April 2012 (IV-act. 21-4), wonach die Taggeld
leistungen auf den 30. April 2012 eingestellt würden. Die Versicherte sei gemäss einer
interdisziplinären Untersuchung für die angestammte Tätigkeit ab sofort zu 100 %
arbeitsfähig. - In der bidisziplinären Beurteilung (Psychiatrische Second Opinion,
Dr. med. D._ Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, IV-act. 21-35 ff., und
Rheumatologische Second Opinion, Dr. med. E._, Physikalische Medizin und
Rehabilitation FMH, IV-act. 21-48 ff.; beide zusammen mit [...] Dr. med. F._, Facharzt
für Neurologie FMH; Begutachtungen beide am 13. März 2012) der Klinik G._ vom
19. April 2012 (fortan auch kurz G._-Gutachten) war festgestellt worden, es könne bei
der Versicherten weder eine psychiatrische noch eine somatische/rheumatologische
Diagnose mit Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit gestellt werden.
A.e.
Die Versicherte gab gemäss einem IV-Assessmentprotokoll vom 12. Juni 2012 (IV-
act. 24-2) an, während 16 Jahren im Lager des Betriebs und im letzten Jahr als [...]
gearbeitet zu haben. Es sei ein idealer Arbeitsplatz gewesen. Sie habe lange Jahre
unter grossen Schmerzen gearbeitet und kaum gefehlt. Es wurde im Protokoll
festgehalten, die Versicherte spreche sehr schlecht Deutsch und überlasse die
Kommunikation dem Ehemann. Sie nehme eine deutliche Opferhaltung ein.
A.f.
Die Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle ging am 13. August 2012 (IV-act. 28) von
einer Arbeitsfähigkeit der Versicherten in der bisherigen und in einer leidensadaptierten
Tätigkeit von 50 % aus. - Gleichentags (IV-act. 27) sprach sie ihr Beratung und Unter
stützung bei der Stellensuche (Arbeitsvermittlung) zu. - Gemäss einer Fallübersicht vom
20. August 2012 (IV-act. 29) hielt der RAD fest, die Frühinterventionsphase sei
abgeschlossen. Die Versicherte arbeite zurzeit halbtags mit halbem Rendement. Er (der
RAD) habe am 4. Juni 2012 nach Eingang des bidisziplinären rheumatologischen und
A.g.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 4/43
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
psychiatrischen Gutachtens vom 19. April 2012 [vgl. IV-act. 21-35 bis 58] dieses als
beweiskräftig betrachtet.
Dr. B._ attestierte der Versicherten in einem einfachen Arztzeugnis (vom
14. März/30. April 2012), ergänzt um Angaben bis zu einer Konsultation vom
29. August 2012, für verschiedene Phasen ab März 2012 Arbeitsunfähigkeiten von
100 %, 75 % und 50 % (vgl. IV-act. 25: vom 1. bis 4. März 2012 100 %, ab 5. März
2012 50 %, ab 9. März 2012 100 %, ab 12. März 2012 75 %, ab 1. Mai 2012 50 %, ab
31. Mai 2012 100 % und seit 4. Juni 2012 50 %; vgl. auch IV-act. 134-9: ausserdem
von 24. Oktober 2011 bis 4. März 2012 100 %).
A.h.
Die Kliniken I._ (u.a. Dr. med. J._, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie)
berichteten Dr. B._ (wie der IV-Stelle später durch die am 11. März 2013
eingereichten Unfallversicherungsakten bekannt wurde, IV-act. 49) am 6. September
2012 (IV-act. 49-30 ff.) nach Untersuchungen vom 9. August 2012, es lägen bei der
Versicherten ein chronisches Schmerzsyndrom und eine Depression mit somatischem
Syndrom (aktuell mittelgradig ausgeprägt) vor. Die bisherige Tätigkeit sei durch
repetitive Gewichtsbelastungen gekennzeichnet gewesen. Dafür zeige die Versicherte
keine ausreichende Belastbarkeit. Dadurch sei eine deutlich eingeschränkte Arbeits
ausdauer begründet. Es habe aber eine Leistungsfähigkeit für eine leichte Tätigkeit
halbtags in Wechselbelastung gesehen werden können. - Die Psychosomatik hatte in
ihrem Bericht vom 13. August 2012 festgehalten, über die hohe Belastung der
Versicherten einerseits im Sinn eines chronischen Schmerzerlebens und anderseits im
Sinn der schwierigen Umstände der Arbeitsplatzsituation und der am Ende erfolgten
Kündigung habe sich bei ihr eine mittelgradige depressive Episode mit ausgeprägtem
somatischem Syndrom entwickelt. Das Beschwerdebild sei komplex, aber noch nicht
chronifiziert. Es sei erfreulicherweise gelungen, die Versicherte für eine Weiterführung
der Arbeitstätigkeit - wenn auch im niedrigprozentigen Bereich - zu motivieren. Sie
scheine aus psychiatrischen Gründen deutlich in der Arbeitsfähigkeit beeinträchtigt zu
sein, so dass zurzeit von maximal 50 % Arbeitsfähigkeit auszugehen sei (IV-
act. 49-38 f.).
A.i.
Dr. med. K._, FMH Psychiatrie und Psychotherapie, teilte am 28. Oktober 2012
(IV-act. 34) mit, die Versicherte sei (sc. von ihm) in der Tagesklinik der Klinik L._
A.j.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 5/43
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
angemeldet worden. Nach seinem Bericht vom 23. Juli 2012 (IV-act. 34-2) hatten eine
mittelgradige depressive Episode bei chronischem Schmerzsyndrom und dissoziative
Symptome (Parästhesien, Hypochondrie) vorgelegen. - Gemäss einer Aktennotiz wurde
am 21. November 2012 (IV-act. 35) bekannt gegeben, dass die Versicherte am
20. November 2012 in die betreffende Klinik teilstationär eingetreten sei, und gemäss
einer weiteren am 11. Dezember 2012 (IV-act. 36), dass die Behandlung beendet und
der Versicherten empfohlen worden sei, vorerst weiterhin zum Regionalen
Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) zu gehen. - Die Klinik L._ (Dr. med. M._,
Psychiatrie und Psychotherapie FMH) gab in ihrem Austrittsbericht vom 17. Dezember
2012 (IV-act. 39-2 f.) an, die Versicherte sei vom 19. November 2012 bis 10. Dezember
2012 in der Tagesklinik behandelt worden. Es lägen bei ihr eine schwere depressive
Episode ohne psychotische Symptome und eine anhaltende somatoforme Schmerz
störung vor. In der zweiten Woche habe sie sich durch die parallelen Verpflichtungen
im Rahmen eines RAV-Projektes und der tagesklinischen Behandlung zunehmend
überfordert gefühlt. Sie habe eine ambulante Nachbehandlung durch eine ihre
Muttersprache sprechende Behandlerin gewünscht. Die Arbeitsunfähigkeit betrage
50 %.
Am 11. Dezember 2012 (vgl. IV-act. 7-1) wurde in einem IV-Verlaufsprotokoll
festgehalten, die Versicherte arbeite seit dem 3. September 2012 in einem
Einsatzprogramm des RAV, zuerst zu 25 %, seit 1. November 2012 zu 50 % (gemäss
Eintrag vom 9. April 2013, IV-act. 71-2, Arbeit ab 1. Oktober 2012 bis zu einem Unfall
vom 7. Dezember 2012; gemäss Verlaufsprotokoll nach Grundsatzentscheid vom
12. August 2013, IV-act. 71, war die Tätigkeit nach einer Schmerzverstärkung [soweit
ersichtlich ohne Angabe der Zeit] abgebrochen worden und die Versicherte ins
"Transmed" übergetreten, IV-act. 71-2).
A.k.
Am 19. Dezember 2012 (IV-act. 38) sandte die Unfallversicherung der Versicherten
der IV-Stelle ihre Akten. Gemäss einer Schadenmeldung vom 13. Dezember 2012 (IV-
act. 38-16) hatte die Versicherte am _ Dezember 2012 einen Verkehrsunfall erlitten.
Ein [...] sei in das von ihr gelenkte Fahrzeug gefahren. - Dr. B._ attestierte der
Versicherten in einem Arztbericht vom 5. März 2013 (IV-act. 49-6 f.) ab dem Unfall
datum eine volle Arbeitsunfähigkeit. Es habe nach Angaben der Versicherten zwar eine
A.l.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 6/43
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Besserung gegeben, aber die Nackenbeschwerden seien noch nicht in einem Zustand
wie vor dem Unfall.
Am 11. März 2013 (IV-act. 49) übermittelte die Unfallversicherung weitere Akten. -
Der betroffene [...]-fahrer hatte angegeben, im Personenwagen (der Versicherten) sei
ohne ersichtlichen Grund eine Vollbremsung eingeleitet worden (IV-act. 49-211). - Das
Unfallanalytische Gutachten vom _ Februar 2013 ergab, auf den Personenwagen habe
eine mittlere Beschleunigung zwischen 1.2 und 2.3 g gewirkt, was vergleichbar sei mit
dem 1.3- bis 2.5-fachen Wert, der bei einer Vollbremsung (aus einer langsamen
Rückwärtsfahrt) erzielt werde. Die kollisionsbedingte Geschwindigkeitsänderung habe
im Mittelwert bei etwa 8 km/h gelegen (IV-act. 49-223). - Gemäss einem
Untersuchungsbericht des Spitals V._ vom _ Dezember 2012 (IV-act. 49-13 f.) war
an jenem Tag eine Hospitalisation [erste nach dem Unfall] der Versicherten erfolgt,
nämlich eine notfallmässige Selbstvorstellung. Ein Kopfanprall habe beim Unfall nicht
stattgefunden. Die Versicherte habe nach dem Unfall mit dem Unfallwagen nach Hause
fahren können. - Die Klinik für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des
Bewegungsapparates am Kantonsspital St. Gallen hatte in einem Bericht vom
26. Februar 2013 (IV-act. 49-8 f.) mitgeteilt, es bestünden der Verdacht auf eine
Fibromyalgie und die bekannten chronischen Cervicobrachialgien und die
Lumboischialgie rechtsseitig. - Die Rehaklinik N._ hatte der Unfallversicherung am
27. Februar 2013 (IV-act. 58-24 ff.) nach einem ambulanten Assessment vom
25. Februar 2013 als Diagnosen (verkürzt wiedergegeben) einen Unfall vom
_ Dezember 2012: PW-Heckaufprall, mit HWS-Distorsion QTF II; und 12/2012 eine
schwere depressive Episode, in leichter Regredienz, bekanntgegeben. Das
Assessment habe wegen des instabilen psychischen Zustandsbildes (depressive
Gehemmtheit, Weinerlichkeit, Verlangsamung, weswegen die Zeit nicht für alle Tests
und Befragungen ausgereicht habe) nicht lege artis durchgeführt werden können.
A.m.
In einem IV-Arztbericht vom 23. April 2013 (Eingangsdatum, IV-act. 53) gab
Dr. med. O._, FMH Psychiatrie und Psychotherapie, an, es lägen bei der Versicherten
eine mittelgradige depressive Episode mit somatischem Syndrom (bestehend seit Juli
2012), ein chronisches Schmerzsyndrom mit Lumboischialgie rechts und
Zervikobrachialgie rechts, sowie eine Diskopathie L4/5, eine Spondylarthrose L4/5 und
eine zervikale Diskushernie C6/7 links vor. Die Behandlung der Versicherten erfolge seit
A.n.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 7/43
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
dem 4. Februar 2013. Seit Februar 2013 sei sie für adaptierte leichte Tätigkeiten zu
50 % arbeitsfähig. Vielleicht könnte es durch eine intensivere Behandlung im
stationären/halbstationären Rahmen zu einer Steigerung der Arbeitsfähigkeit kommen.
Dr. med. P._, Fachärztin FMH für Neurologie, teilte der Unfallversicherung am
8. Mai 2013 (IV-act. 58-7 ff.) mit, es lägen ein St. n. HWS-Distorsion QTF II am
_ Dezember 2012 und eine schwere depressive Episode vor. Es wurde davon
ausgegangen, dass eine Stauchung der Wirbelsäule und ein Kopfanprall eingetreten
seien. Die Untersuchung sei durch die mangelnden Sprachkenntnisse erschwert
gewesen und einzelne Untersuchungen hätten deswegen nicht durchgeführt werden
können. Die HWS-Beweglichkeit sei in alle Richtungen massiv eingeschränkt gewesen,
wobei die Versicherte die Muskulatur massiv angespannt und gegengedrückt habe. Der
Kopf habe auch passiv kaum bewegt werden können. In den klinischen
Untersuchungsbefunden hätten sich diverse Diskrepanzen gezeigt, die darauf
schliessen lassen würden, dass die Symptomatik nicht Folge einer strukturellen
neurogenen Läsion sei. Objektivierbare pathologische neurologische Befunde seien
nicht gefunden worden, ein leichtes Schädel-Hirn-Trauma habe nicht stattgefunden. Im
Befund der Kernspintomographie der HWS vom 9. Januar 2013 seien vorbestehende
degenerative Veränderungen beschrieben worden, jedoch keine Kompromittierung
neuraler Strukturen (IV-act. 58-10), der Befund sei im Vergleich zum Vorbefund vom
14. November 2011 tendenziell sogar besser bei volumenregredienter vorbestehender
Diskushernie C6/C7 (IV-act. 58-9).
A.o.
Der RAD hielt am 13. Juni 2013 (IV-act. 61) fest, gemäss dem Bericht von
Dr. O._ sei davon auszugehen, dass die Versicherte in einer adaptierten Tätigkeit zu
50 % arbeitsfähig sei. Die Arbeitsfähigkeit sei steigerbar.
A.p.
Nach Angaben des RAV vom 12. August 2013 (IV-act. 71-2) war die Versicherte im
Mai 2013 wegen längerer Arbeitsunfähigkeit vom RAV abgemeldet worden.
A.q.
Die Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle des Kantons St. Gallen teilte der
Versicherten am 18. Oktober 2013 (IV-act. 76) mit, weitere berufliche Massnahmen
seien nicht angezeigt. Sie wies darauf hin, dass sie (die Versicherte) sich seit dem
A.r.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 8/43
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Autounfall nicht mehr arbeitsfähig fühle und beim RAV seit Mai 2013 nicht mehr
angemeldet sei.
Mit Verfügung vom 6. November 2013 (IV-act. 79) stellte die Unfallversicherung die
Leistungen auf den 17. November 2013 hin ein und verneinte einen Anspruch auf eine
Invalidenrente und eine Integritätsentschädigung. Die Beschwerden seien organisch
nicht hinreichend nachweisbar und die Adäquanz des gemeldeten Ereignisses zum
Schaden sei nicht gegeben.
A.s.
Die Klinik für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des
Bewegungsapparates am Kantonsspital St. Gallen berichtete Dr. B._ am
21. November 2013 (IV-act. 90-18 f.), es liege unter anderem eine aktive
Spinalkanalstenose mit rezessaler Enge bei Spondylarthrose und Status nach
Facettengelenksinfiltration L4/5, L5/S1 beidseits vor. Die relative Enge der L5er-Wurzel
rechts habe sich in einem von der Versicherten mitgebrachten, auswärts angefertigten
MRI aus dem Jahr 2011 (ohne Datumsnennung, vgl. Liste im Gutachten, IV-
act. 134-81) gezeigt. Das LWS-Röntgenbild in zwei Ebenen vom 19. November 2013
habe, soweit beurteilbar, altersentsprechende ossäre und diskogene Strukturen
ergeben, ausserdem ein regelhaftes Alignement.
A.t.
In einem IV-Arztbericht vom 14. April 2014 (IV-act. 90-1 bis 10) gab Dr. B._
entsprechend an, es liege eine aktive Spinalkanalstenose (ab 24. Oktober 2012) vor,
ausserdem bestünden eine schwere depressive Episode und eine anhaltende
somatoforme Schmerzstörung, beides seit Oktober 2012. Die Versicherte sei seit
24. Oktober 2011 wechselnd zu 100 %, 75 % und 50 % arbeitsunfähig gewesen und
sei zuletzt seit 7. Dezember 2012 voll arbeitsunfähig, und zwar wegen der HWS-
Beschwerden mit massiver Bewegungseinschränkung und Schmerzexazerbation und
der depressiven Grundstimmung.
A.u.
Dr. K._ hatte am 26. März 2014 (IV-act. 89) erklärt, die Versicherte sei an jenem
Tag bei ihm gewesen; es habe von ihr keine Erwerbstätigkeit aufgenommen werden
können.
A.v.
Die Klinik L._ gab in einem IV-Arztbericht vom 9. Mai 2014 (IV-act. 94) an, es
bestünden bei der Versicherten eine mittelgradige depressive Episode mit
A.w.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 9/43
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
somatischem Syndrom, eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung und ein
zweimaliges HWS-Schleudertrauma bei Auffahrunfällen 7/2012 und 12/2013. Sie habe
angegeben, je von einem Fahrzeug von hinten angefahren worden zu sein [zweites
Unfallereignis ansonsten nicht aktenkundig, vgl. auch die entsprechende Bemerkung
der MEDAS, IV-act. 134-66]. Sie sei vom 19. November 2012 bis 18. Dezember 2012
und vom 14. Mai 2013 bis 26. Juli 2013 zu 100 % arbeitsunfähig gewesen und sei es
seit 2. Dezember 2013 bis auf weiteres. Zurzeit bestünden mittelgradig ausgeprägte
depressive Symptome und eine Schmerzstörung an Kopf-, Hals- und Schulterbereich
sowie im Bereich des rechten Arms und des rechten Beins. Diese schränke die
Versicherte beruflich und bei der Haushaltführung massiv ein.
Das Schmerzzentrum am Kantonsspital St. Gallen teilte der Klinik für
Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des Bewegungsapparates am
11. September 2014 (IV-act. 104-4 f.) mit, es liege ein chronifiziertes
Ganzkörperschmerzsyndrom nach Gerbershagen Stadium III vor, nozizeptiv, bei aktiver
Spinalkanalstenose mit rezessaler Enge bei Spondylarthrose, Diskopathie L4/5,
cervicaler Diskushernie C6/7 links, epiduraler Infiltration L5/S1 ohne Schmerzlinderung,
Yellow Flags: Verdacht auf depressive Entwicklung, körperliche Schonung, Angst;
keine Komorbiditäten. Die Versicherte habe klar einen Zusammenhang zwischen
psychischer Nervosität und dem Schmerz geschildert.
A.x.
Dr. K._ gab im IV-Verlaufsbericht vom 6. Oktober 2014 (IV-act. 98) an, als
Diagnosen lägen bei der Versicherten vor eine depressive Episode mittleren,
intermittierend auch schweren Grades, eine chronische Schmerzstörung und diverse
rheumatologische Krankheiten. Aus psychiatrischer Sicht dürfte die Arbeitsunfähigkeit
etwa 60 bis 70 % betragen. Das komorbide Auftreten der drei Diagnosen erhöhe die
pathogene Auswirkung. Die Krankheitsentwicklung habe schleichend seit 2008
stattgefunden. Es sei immer häufiger und immer mehr Gebrauch von Schlaf- und
Schmerzmitteln gemacht worden. Zurzeit sei die Versicherte nicht einmal im Haushalt
aktiv. Es gebe eine Schmerzausweitung auf den rechten Arm und den Nacken. Die
Versicherte absolviere unzählige Therapien und Rehabilitationen. Bei ihm sei sie in
monatlichen Sitzungen.
A.y.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 10/43
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Am 30. Dezember 2014 (IV-act. 104-1 f.) teilte Dr. B._ mit, die Symptomatik bei
der Versicherten habe sich deutlich verschlechtert und es sei auch eine nachweisliche
Progredienz der Diskushernie C2/3 festzustellen mit Schwäche in der rechten Hand
(gemäss MR Befundkopie vom 23. Dezember 2014; IV-act. 104-6). Die aktive Spinal
kanalstenose mit "rezessiver" Enge bei Spondylarthrose L4/5 S1 bestehe weiter. Ent
sprechende Facettengelenksinfiltrationen und eine epidurale Infiltration L5/S1 hätten
keine Besserung des Zustandsbildes erbracht. Gemäss dem Ehemann der Versicherten
bestehe bei ihr mittlerweile auch ein beginnendes demenzielles Syndrom mit
Gedächtnisstörung. Der Minimental-Test vom aktuellen Tag habe lediglich 21 von 30
Punkten ergeben und das werde in der Psychiatrischen Klinik weiter abgeklärt. Die
Versicherte sei weiterhin zu 100 % arbeitsunfähig, und zwar aus hausärztlicher Sicht
seit 17. November 2013.
A.z.
Der RAD hielt am 17. Februar 2015 (IV-act. 107) dafür, aus psychiatrischer Sicht
bestehe durchschnittlich eine etwa 30 bis 40 % betragende Arbeitsfähigkeit, doch
könne diese wegen des wellenförmigen Verlaufs der depressiven Symptomatik nicht
kontinuierlich umgesetzt werden.
A.aa.
Dr. K._ gab im Verlaufsbericht vom 10. September 2015 (IV-act. 114) an, der
Gesundheitszustand der Versicherten habe sich verschlechtert. Zurzeit liege eine
depressive Episode schweren Grades vor. Er schätze ihre Arbeitsunfähigkeit zurzeit auf
100 %. Seit Jahresbeginn fänden die Behandlungen alle zwei Wochen statt.
A.ab.
Nachdem eine (monodisziplinäre) psychiatrische Begutachtung durch Dr. med.
Q._, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, abgelehnt worden war (vgl. IV-
act. 119), beauftragte die Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle des Kantons St. Gallen
die MEDAS Zentralschweiz mit einer polydisziplinären Begutachtung (IV-act. 127). - Im
Gutachten vom 31. März 2016 (IV-act. 134; über die Begutachtung an drei Tagen im
Januar 2016; auch kurz MEDAS-Gutachten) wurde als Diagnose mit wesentlicher
Einschränkung der zumutbaren Arbeitsfähigkeit eine anhaltende somatoforme
Schmerzstörung bekannt gegeben. Ohne Einschränkung der Arbeitsfähigkeit, aber von
Krankheitswert seien eine depressive Entwicklung, deren Ausprägungsgrad und
Intensität einer leichten bis höchstens mittelgradigen depressiven Episode entspreche,
ein chronifiziertes deutliches rechtsbetontes Ganzkörperschmerzsyndrom ohne
A.ac.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 11/43
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
adäquates organisches Korrelat am Bewegungsapparat, ein chronisches lumbales
Schmerzsyndrom bei mehrsegmentalen leichtgradigen Diskusdegenerationen und
anlagebedingt eher engem Spinalkanal sowie osteo-disko-ligamentär bedingt geringer
neuroforaminaler Einengung L5/S1 beidseits ohne Neurokompression, ein
chronifiziertes, therapierefraktäres zervikobrachiales Schmerzsyndrom rechts bei
leichtgradigen Segmentdegenerationen C4 bis C7 mit diskreter, grössenregredienter
Diskushernie C3/C4 ohne Neurokompression, und eine Fehlstatik mit ausgeprägter
Haltungsinsuffizienz, muskulärer Dysbalance und Dekonditionierung. Von
rheumatologischer Seite hätten sich keine objektivierbaren Befunde ergeben, die eine
relevante Einschränkung der Arbeitsfähigkeit in der zuletzt ausgeübten Tätigkeit, in der
Tätigkeit im Haushalt oder in einer Verweistätigkeit begründen würden. Zurzeit sei der
Versicherten aus ethischen Gründen aufgrund der Schmerzkrankheit und der
diesbezüglichen Folgeerscheinungen eine körperlich schwere Frauenarbeit nicht
zumutbar. Aus psychiatrischer Sicht betrage die Arbeitsfähigkeit der Versicherten
60 %. Diese sei auch in einer Verweistätigkeit nicht steigerbar. Die Arbeitsunfähigkeit
bestehe seit Sommer 2012.
Die Rechtsvertreterin der Versicherten teilte am 6. Juli 2016 (IV-act. 142) mit,
diese sei bereit, an beruflichen Massnahmen mitzuwirken. Das MEDAS-Gutachten
widerspreche den Vorakten deutlich. Seine Schlussfolgerung sei nicht nachvollziehbar.
Die Rechtsvertreterin beanstandete unter anderem, der MEDAS-Gutachter der
Psychiatrie gehe als Einziger lediglich von einer reaktiven Störung aus und das
Ergebnis könne angesichts der klinischen Beurteilung nicht nachvollzogen werden.
A.ad.
Am 5. August 2016 wurden Ergänzungsfragen gestellt (vgl. IV-act. 146;
Aufforderung zur Stellungnahme zu den Vorbringen der Rechtsvertreterin der
Versicherten, zur Erläuterung einer Formulierung betreffend krankheitsfremde Faktoren
und zur Präzisierung der Adaptionskriterien).
A.ae.
Die Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle hielt am 3. November 2016 (IV-act. 152)
unter anderem fest, der Beginn der langdauernden Krankheit sei am 1. Juli 2012 (am
Folgetag nach Ablauf Kündigungsfrist) gewesen, der Eintritt der Invalidität am 1. Juli
2013.
A.af.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 12/43
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Mit Vorbescheid vom 3. November 2016 (IV-act. 153) stellte die Sozialver
sicherungsanstalt/IV-Stelle des Kantons St. Gallen der Versicherten die Ausrichtung
einer Viertelsrente ab 1. Juli 2013 bei einem Invaliditätsgrad von 40 %
(Valideneinkommen Fr. 56'397.--, Invalideneinkommen Fr. 33'838.--) in Aussicht. Nach
der Rentenzusprache könnten, soweit diese angezeigt seien, jederzeit Massnahmen
der Wiedereingliederung durchgeführt werden, um die Erwerbsfähigkeit zu verbessern.
A.ag.
Die Versicherte liess am 6. Dezember 2016 (IV-act. 154) einwenden, es sei eine
weitere interdisziplinäre Begutachtung durchzuführen. Da eine Stellungnahme der
Gutachter sich nicht in den Akten befinde, sei ausserdem eine ausreichende
Begründung des Einwands nicht möglich; das rechtliche Gehör sei verletzt. Es sei ab
der Zustellung der gutachterlichen Stellungnahme eine neue Frist von 30 Tagen
anzusetzen.
A.ah.
Die Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle schrieb der Rechtsvertreterin am
22. Dezember 2016 (IV-act. 156), sie übermittle ihr in der Beilage die Anfrage an den
Gutachter vom 5. August 2016 und die Rückmeldung des Gutachters vom 17. Oktober
2016 (recte: vom 30. September 2016; dem Versicherungsgericht nachgereicht mit
Schreiben vom 29. November 2019, act. G 21).
A.ai.
In ihrer Ergänzung vom 26. Januar 2017 (IV-act. 160) beantragte die Rechts
vertreterin der Versicherten neu, es sei dieser ab 1. Mai 2013 eine halbe Invalidenrente
zuzusprechen. Die psychischen und somatischen Einschränkungen würden der Ver
sicherten nur noch eine Arbeitsfähigkeit von 50 % gestatten. Vom Tabellenlohn sei ein
Abzug von 20 % vorzunehmen. In der Stellungnahme vom 30. September 2016 habe
der MEDAS-Gutachter der Psychiatrie unter anderem zwar die Kriterien für den
Schweregrad einer depressiven Episode aufgeführt, sie aber nicht in Bezug zur
Versicherten gebracht. Er habe Arztberichte anderer Ärzte kritisiert. Die Beurteilung an
der von der Familie vorgegebenen Tagesstruktur der Versicherten festzumachen, sei
eindimensional, da die beschriebenen psychischen Vorgänge ausgeblendet würden.
A.aj.
Mit Verfügung vom 28. April 2017 (IV-act. 171 und 163) sprach die Sozialver
sicherungsanstalt/IV-Stelle des Kantons St. Gallen der Versicherten ab 1. Juli 2013 eine
Viertelsrente zu.
A.ak.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 13/43
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.
Gegen diese Verfügung richtet sich die von Rechtsanwältin Dr. iur. Barbara Wyler für
die Betroffene am 1. Juni 2017 erhobene Beschwerde. Die Rechtsvertreterin beantragt,
die angefochtene Verfügung sei aufzuheben und es sei der Beschwerdeführerin ab
1. Mai 2013 eine halbe Invalidenrente zuzusprechen; eventualiter seien weitere
medizinische Abklärungen zu treffen, insbesondere sei die Beschwerdegegnerin zu
verpflichten, die Beschwerdeführerin erneut interdisziplinär begutachten zu lassen. Mit
der angefochtenen Verfügung sei mehrfach die Begründungspflicht und damit der
Anspruch der Beschwerdeführerin auf rechtliches Gehör verletzt worden. So habe sich
die Beschwerdegegnerin nie zum Zeitpunkt des Rentenbeginns - in der Ergänzung des
Einwands sei dargelegt worden, dass das Wartejahr im Mai 2013 abgelaufen sei -
vernehmen lassen. Unter 'Sommer 2012' liessen sich die Monate Mai bis August 2012
verstehen. Weshalb die Rente nicht nach "Ablauf des Wartejahrs im März 2012"
ausgerichtet werden solle, sei nicht ersichtlich. Dr. K._ habe angegeben, dass die
Beschwerdeführerin seit März 2012 bei ihm in Behandlung stehe, Dr. B._ am 24. April
2012 gegenüber der Lebensversicherung, ab 1. Mai 2012 habe eine Arbeitsfähigkeit
der Beschwerdeführerin von 50 % (vorher von 100 %) vorgelegen. Die Einschränkung
der Arbeitsfähigkeit sei daher überwiegend wahrscheinlich spätestens im Mai 2012
vorhanden gewesen. Auf die ausführlichen Einwände der Beschwerdeführerin
gegenüber dem (MEDAS-)Gutachten und gegenüber dem Antwortschreiben des
Gutachters vom 30. September 2016 sei die Beschwerdegegnerin ebenfalls nicht
eingegangen. Der MEDAS-Gutachter der Psychiatrie sei der Kritik mit theoretischen
Ausführungen aus dem Weg gegangen. Stattdessen hätte er mit Begründung aufzeigen
müssen, welche Kriterien bei der Beschwerdeführerin erfüllt seien und welche nicht.
Aus den Antworten der Beschwerdeführerin zu den Fragen nach dem Schweregrad der
depressiven Episode habe sich als offensichtlich ergeben, dass die Kardinalsymptome
der Depression und (mit Ausnahme des den Appetit betreffenden Symptoms)
mindestens alle Nebenkriterien für eine mittelgradige Ausprägung erfüllt seien. Aus
dem Umstand, dass die Beschwerdeführerin eine gewisse von der Familie
vorgegebene Tagesstruktur mitmache, lasse sich nichts ableiten, was für Aktivität oder
für nicht vorhandenen sozialen Rückzug spreche. Es sei auch nicht nachvollziehbar,
weshalb sich der Gutachter einerseits auf den Bericht der Klinik L._ vom 7. (wohl:
17.) Dezember 2012 beziehe, anderseits jedoch von der betreffenden Einschätzung der
Arbeitsfähigkeit abweiche. Sollten angebliche krankheitsfremde Faktoren der Grund für
die Abweichung um 10 % sein, werde nicht dargelegt, um welche es sich handle. Es
bestünden keine solchen Faktoren. Durch ihre vollzeitliche Tätigkeit während sechzehn
Jahren am gleichen Arbeitsplatz habe die Beschwerdeführerin ihre Motivation und
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 14/43
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Leistungsfähigkeit nachgewiesen. Sie habe auch mehrfach kundgetan, dass sie bereit
sei, an beruflichen Massnahmen mitzuwirken. Zudem habe weder somatisch noch
psychisch eine Verbesserung des Gesundheitszustands stattgefunden. Der
Beschwerdeführerin sei offensichtlich nur noch eine Arbeitsfähigkeit von 50 % möglich.
Im Antwortschreiben vom 30. September 2016 habe der Gutachter der Psychiatrie
zusätzlich festgehalten, die Beschwerdeführerin sei auf vermehrte Ruhepausen und
einen verständnisvollen Arbeitgeber angewiesen; auch dazu habe die
Beschwerdegegnerin in der Verfügung keine Stellung genommen. Entgegen der
Ansicht der (wohl:) Beschwerdegegnerin sei das also mit Sicherheit nicht bereits in der
Arbeitsfähigkeitsschätzung von 40 % enthalten, sondern sei im Rahmen eines
Leidensabzugs - von 20 % - zu berücksichtigen. Dass die Arbeitsfähigkeit in
angestammter und in adaptierter Tätigkeit gleich hoch sein solle, sei zu bestreiten. Bei
ihrer bisherigen Tätigkeit habe die Beschwerdeführerin des Weiteren teilweise auch
schwere Gewichte heben müssen, wozu sie zweifellos nicht mehr in der Lage sei, und
sie habe keinen verständnisvollen Arbeitgeber gehabt. Von einer Restarbeitsfähigkeit
für die angestammte Tätigkeit könne nicht ausgegangen werden. Für eine adaptierte
Tätigkeit fehle ferner sowohl im (MEDAS-)Gutachten wie in der angefochtenen
Verfügung ein nachvollziehbares Belastbarkeitsprofil. Darin liege eine weitere
Verletzung der Abklärungspflicht gemäss Art. 43 Abs. 1 ATSG und des Anspruchs auf
rechtliches Gehör nach Art. 42 ATSG. Da eine Arbeitsfähigkeit in der bisherigen
Tätigkeit nicht mehr in Frage komme, sei das Invalideneinkommen nicht anhand der
Angaben des ehemaligen Arbeitgebers, sondern anhand von Tabellenlöhnen
festzulegen. Entweder sei von einer Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin von 60 %
mit einem Leidensabzug von 20 % oder von einer Arbeitsfähigkeit von 50 % gemäss
dem Bericht der Klinik L._ vom 7. (wohl: 17.) Dezember 2012 auszugehen. Im Jahr
2014 habe das durchschnittliche Einkommen von Frauen Fr. 53'793.-- ausgemacht.
Der Invaliditätsgrad betrage somit entweder 54.22 % oder 52.3 %. Sollte das Gericht
wider Erwarten nicht vom Anspruch auf eine halbe Rente ausgehen, sei klar von einem
widersprüchlichen und nicht beweiskräftigen MEDAS-Gutachten auszugehen. Diesfalls
sei die Sache an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Bereits aus formellen
Gründen wäre die Sache ohnehin an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Um
keine unnötige Verfahrensverzögerung zu verursachen, sei jedoch ein zweiter
Schriftenwechsel zur Behebung der Verletzung des Gehörsanspruchs durchzuführen.
C.
In ihrer Beschwerdeantwort vom 28. September 2017 beantragt die
Beschwerdegegnerin die Abweisung der Beschwerde. Gemäss dem psychiatrischen
G._-Gutachten vom 19. April 2012 habe damals bei der Beschwerdeführerin keine
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 15/43
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Einschränkung der Arbeitsfähigkeit festgestellt werden können. Der von der
Beschwerdeführerin geltend gemachte Rentenbeginn - ein Beginn (sc. der
Arbeitsunfähigkeit) vor Juli 2012 - finde in den Akten keine Stütze. Eine psychiatrische
Exploration könne von der Natur der Sache her nicht ermessensfrei erfolgen und
eröffne dem begutachtenden Psychiater praktisch immer einen gewissen Spielraum.
Das psychiatrische MEDAS-Teilgutachten entspreche den Anforderungen der
Rechtsprechung. Es sei darauf abzustellen. Am 30. September 2016 habe der
Gutachter zu den einzelnen Berichten der behandelnden Ärzte Stellung genommen. Die
Indikatoren und die krankheitsfremden Faktoren seien berücksichtigt worden. Bei der
bisherigen Arbeit habe es sich gemäss dem Arbeitgeberfragebogen um eine leichte
Tätigkeit gehandelt; mittelschwere und schwere Tätigkeiten habe die
Beschwerdeführerin nicht ausüben müssen. Auch bei Berücksichtigung eines
Tabellenlohnes von Fr. 53'793.-- sei kein Invaliditätsgrad von mehr als 50 %
ausgewiesen. Ein Abzug vom Tabellenlohn sei nicht vorzunehmen. Dass die
Beschwerdeführerin auf zusätzliche Pausen und auf einen verständnisvollen
Arbeitgeber angewiesen sei, sei in der Arbeitsfähigkeitsschätzung berücksichtigt und
könne nicht beim Abzug nochmals in Rechnung gestellt werden. Ein Bedarf nach
verstärkter Rücksichtnahme gelte im Übrigen nicht als eigenständiger Abzugsgrund.
D.
Mit Replik vom 6. November 2017 bringt die Rechtsvertreterin der Beschwerdeführerin
vor, es sei der Beschwerdegegnerin nicht gelungen, ihren berechtigten Einwand zum
Rentenbeginn zu widerlegen. Sie habe der korrekten Beurteilung von Dr. B._ vom
24. April 2012 (nun IV-act. 134-9) offensichtlich rein reflexartig jeden Beweiswert
abgesprochen. Es sei auch nicht ersichtlich, weshalb der MEDAS-Gutachter der
Psychiatrie besser geeignet sein sollte, die Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin -
erst noch retrospektiv - zutreffender einzuschätzen als Dr. B._. Der Gutachter habe
sich unsicher und zeitlich zu ungenau ausgedrückt. Wenn nicht auf den 1. Mai 2012, so
sei der Beginn der Arbeitsunfähigkeit eventualiter wenigstens auf den
meteorologischen Sommerbeginn vom 1. Juni 2012 festzulegen. Das Gutachten der
G._ vom April 2012 sei nicht nach der Einschätzung von Dr. K._ - diese datierend
nämlich vom 23. Juli 2012 - verfasst worden. Sowohl der Diagnosebeginn gemäss
Dr. K._ vom März 2012 (IV-act. 34-2) wie das genannte Gutachten vom April 2012
lägen noch vor dem 1. Mai 2012. Allein die Dauer der (MEDAS-)Begutachtung von drei
Stunden belege noch keine sorgfältige Begutachtung. Auch die Kritik, die
angefochtene Verfügung sei ungenügend begründet, sei nicht widerlegt worden. Die
Behauptung, der Bedarf nach vermehrten Ruhepausen und einem verständnisvollen
Arbeitgeber sei in der Beurteilung der Arbeitsfähigkeit bereits berücksichtigt worden,
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 16/43
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
sei sachverhaltswidrig. Der Gutachter der Psychiatrie habe im Gutachten nicht nebst
der Arbeitsfähigkeit auch die Leistungsfähigkeit der Beschwerdeführerin beurteilt. Es
sei ein Leidensabzug von 20 % vorzunehmen. Im MEDAS-Gutachten sei festgehalten
worden, dass wohl in Zukunft keine Verbesserung des Gesundheitszustands der
Beschwerdeführerin zu erwarten sei. Sie befinde sich im Übrigen derzeit (Tätigkeit in
einer Institution ab 30. Oktober 2017) in einer beruflichen Abklärung der
Beschwerdegegnerin.
E.
Die Beschwerdegegnerin hat auf die Erstattung einer Duplik verzichtet.
F.
Mit Schreiben vom 27. Juni 2019 ist der Beschwerdeführerin gemäss Art. 61 lit. d
ATSG (vgl. BGE 137 V 314) Gelegenheit zu einem allfälligen Rückzug der Beschwerde
gegeben worden, weil das Gericht zur Auffassung gelangen könnte, der Sachverhalt sei
ungenügend abgeklärt, was auch eine allfällige Schlechterstellung ihrer Rechtsposition
bedeuten könnte. - Mit Eingabe vom 27. August 2019 bringt die Rechtsvertreterin der
Beschwerdeführerin vor, deren Gesundheitszustand habe sich keineswegs verbessert.
Der Invaliditätsgrad von lediglich 40 % trage deren Einschränkung in der
Erwerbstätigkeit nicht Rechnung. Zur Begründung dienten zwei beigelegte
medizinische Berichte, nämlich ein solcher der Klinik R._ vom 2. Mai 2018 und ein
solcher eines Zentrums W._ vom 4. Mai 2019. Selbst bei einer Rückweisung an die
Beschwerdegegnerin und einer zusätzlichen Abklärung des Sachverhalts werde sich
wieder ein rentenbegründender Invaliditätsgrad ergeben, überwiegend wahrscheinlich
sogar voraussichtlich ein höherer Grad als der derzeit zu einer Viertelsrente führende.
Die Beschwerdeführerin halte an der Beschwerde fest. - Im Bericht der Klinik R._
vom 2. Mai 2018 (act. G 17.1.1) hatte der Radiologe dem Hausarzt Dr. B._ den
Befund und die Beurteilung eines MRI LWS vom betreffenden Tag mitgeteilt. Es hätten
ein kongenital enger Spinalkanal lumbal, eine zentrorezessale Spinalkanalstenose L4/5
> L3/4 mit Kompression der Wurzel L5 im Segment L4/5 beidseits, eine Diskopathie
L4/5, geringer L3/4, und hypertrophe Spondylarthrosen L3/4 und L4/5 vorgelegen. -
Das betreffende Zentrum W._ (Dr. med. S._, Facharzt für Neurochirurgie FMH,
act. G 17.1.2) hatte Dr. B._ am 4. Mai 2019 berichtet, es liege ein desolat hoch
chronifiziertes Schmerzsyndrom vor. Die Beschwerdeführerin habe eine halbe Rente
(wohl versehentliche Angabe), arbeite aber bereits seit 2011 nicht mehr. Wie der
berichtende Arzt denke, vermöge sie das auch nicht zu tun. Wahrscheinlich müsse man
ihr mit der Invalidenversicherung helfen; das werde sie wirtschaftlich etwas
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 17/43
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
entspannen. Eine chirurgische Massnahme sei kategorisch auszuschliessen, da die
Beschwerdeführerin keinerlei neurologische Störungen habe.
G.
Nach Anzeige eines Beweisbeschlusses des Gerichts (vgl. act. G 23) hat sich die
Beschwerdeführerin am 20. Februar 2020 (act. G 24) mit der vorgesehenen
bidisziplinären Gerichtsbegutachtung und den gestellten Fragen einverstanden erklären
lassen. Am 27. Februar 2020 (act. G 25) ist der Auftrag ergangen. - In ihrem
bidisziplinären Gutachten vom 6. Juni 2020 (act. G 36; auch Gerichtsgutachten;
Begutachtungen am 8. Mai 2020) nennen Dr. med. T._ , Fachärztin für Psychiatrie
und Psychotherapie, und Dr. med. U._, Facharzt für Orthopädische Chirurgie und
Traumatologie des Bewegungsapparates, als bei der Beschwerdeführerin vorliegende
Diagnosen eine rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig mittelgradige Episode,
eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung, eine Verbitterungsstörung, ein
chronisches lumbosacrales Vertebralsyndrom bei degenerativen Veränderungen
ossärer und diskogener Art im Bereich der unteren LWS, ein chronisches
Zervikobrachialsyndrom bei degenerativen Veränderungen ossärer und diskogener Art
im Bereich der unteren HWS, und eine muskuläre Dysbalance. Die Beschwerdeführerin
sei in der angestammten Tätigkeit aus rein psychischen Gründen seit dem 30. Juni
2012 zu 50 % arbeitsunfähig und sei das zur Begutachtungszeit (nach einer
Arbeitsunfähigkeit von 50 % ab Oktober 2011, von 10 % ab April 2012, von 30 % ab
August 2012 und von 50 % nach einer Verschlechterung etwa im Oktober 2019)
ebenfalls aus orthopädischer Sicht. Eine Kumulation der Arbeitsunfähigkeit sei nicht
vorzunehmen. In einer optimal angepassten Tätigkeit sei die Arbeitsfähigkeit aus
psychiatrischer Sicht während der Zeit vom 30. Juni 2012 bis 28. April 2017 (gemeint
wohl: bis zum für die gerichtliche Beurteilung als massgeblich bekanntgegebenen
Stichtag vom 28. April 2017, aber auch darüber hinaus) zu 50 % eingeschränkt
gewesen (ganztägige Arbeit bei vermehrten Pausen und reduzierter Leistungsfähigkeit),
orthopädisch gesehen sei die Arbeitsfähigkeit zur Untersuchungszeit zu (maximal)
20 % beeinträchtigt, bidisziplinär also zu 50 %.
G.a.
Die Beschwerdegegnerin bringt am 1. Juli 2020 (act. G 40) unter Hinweis auf eine
beigelegte Stellungnahme des RAD vom 26. Juni 2020 vor, dem bidisziplinären
G.b.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 18/43
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
(Gerichts-) Gutachten fehle eine differenzierte Auseinandersetzung mit den schweren
Diskrepanzen zwischen subjektiver Einschränkung der Beschwerdeführerin und
objektiven Befunden. - Der RAD hat erklärt, der orthopädische Teil des
(Gerichts-)Gutachtens zeichne sich u. a. durch eine sehr präzise Befunddarstellung und
nachvollziehbare Herleitung der Beurteilung aus. Es habe eine sorgfältige und
vollständige Auseinandersetzung mit den Diskrepanzen zwischen den geschilderten
Beschwerden und den objektiven klinischen Untersuchungsergebnissen und mit dem
Verhalten der Beschwerdeführerin bei der Untersuchung stattgefunden. Die
diagnostische Einordnung sei problemlos nachvollziehbar. Im psychiatrischen Teil des
Gutachtens würden dagegen weder die im orthopädischen Teil angedeutete
psychische Komponente der Schmerzverarbeitungsstörung noch die im eigenen
fachpsychiatrischen Teil vorhandenen Diskrepanzen zwischen der subjektiv
wahrgenommenen schweren Erkrankung und den objektiv festgestellten leichten und
mässigen Einschränkungen in relevanten Funktionsbereichen (keine beobachtbare
Vernachlässigung der Körperpflege oder Einschränkung im Selbstbehauptungs- und
Durchsetzungsvermögen; keine Beeinträchtigung bei Anpassung an Routinen; mit
leichten Einschränkungen vorhandene Fähigkeit zur Planung und Durchführung von
Aufgaben; keine Einschränkung der fachlichen Kompetenzen; mittelgradige Schwierig
keiten, sich auf eine neue Situation einzustellen; keine Einschränkungen der
mnestischen Funktionen wie Aufmerksamkeit, Konzentration, Merkfähigkeit,
Gedächtnisleistung) erklärt. Vielmehr scheine apodiktisch von der Bezeichnung
"mittelgradig depressiv", die fachlich nicht begründet sei, auf eine Arbeitsunfähigkeit
von 50 % geschlossen worden zu sein. Die Gutachterin habe sich auf das von der
Beschwerdeführerin präsentierte Bild einer depressiven Symptomatik gestützt und
trotz der Hinweise auf die im orthopädischen Gutachten klar ersichtlich gewordenen
Verdeutlichungstendenzen unkritisch alle anamnestischen Angaben übernommen. Auf
die Diskrepanzen im Schmerzerleben sei sie nicht eingegangen und habe einen
schweren quälenden Schmerz angenommen, der momentan von der
Beschwerdeführerin aber therapeutisch überhaupt nicht angegangen werde. Die
Gutachterin gehe von einer vorübergehenden Verschlechterung des
Gesundheitszustands der Beschwerdeführerin vor einem Jahr (nach dem Tod der
Mutter) infolge einer Trauerreaktion aus, obwohl sie keinen Hinweis auf eine
prolongierte Trauerreaktion gefunden habe. Die notwendige psychodynamische
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 19/43
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Erklärung zur Entwicklung der postulierten schweren Schmerzstörung lasse das
Gutachten also ebenso vermissen wie eine Begründung, inwieweit eine langjährige
Dekonditionierung und subjektive Überzeugung im Kontext der gestellten Diagnosen
bei laut ICF vorhandenen Ressourcen zu einer psychiatrisch begründbar fehlenden
Eingliederungsfähigkeit führe. Aus versicherungspsychiatrischer Sicht lasse sich die
attestierte Arbeitsunfähigkeit von 50 %, die angesichts der (nur) maximal mässigen
Einschränkungen äusserst fraglich erscheine, somit nicht begründen. Das Ergebnis sei
zu sehr von den subjektiven Darstellungen der Beschwerdeführerin gefärbt und damit
begründet worden.
Die Rechtsvertreterin der Beschwerdeführerin weist in ihrer Stellungnahme vom
17. August 2020 (act. G 41) darauf hin, dass die depressive Entwicklung, die im
Gutachten der MEDAS Zentralschweiz vom 31. März 2016, das noch vor der
Durchsetzung von BGE 141 V 281 und von BGE 143 V 409 und 418 verfasst worden
sei, als Diagnose ohne wesentliche Einschränkung der Arbeitsfähigkeit eingestuft
worden sei, heute sicherlich als Leiden mit solcher Einschränkung qualifiziert würde.
Das bidisziplinäre Gutachten vom 6. Juni 2020 führe nur noch die ICD-
Klassifikationsmerkmale auf und sei (sc. da es keine solche Unterscheidung in
Diagnosen mit und ohne Einschränkung der Arbeitsfähigkeit treffe) mit dem früheren
Gutachten nicht eins zu eins vergleichbar. Seine Diagnosestellung sei glaubwürdiger,
denn dabei seien sämtliche durch die Rechtsprechung geänderten Parameter
sicherlich beachtet worden. Die Diagnosen seien ähnlich. Hinzugekommen sei eine
Verbitterungsstörung. Es sei also eine Verschärfung der Schwere der Diagnosen zu
verzeichnen, die es als glaubwürdig und nachvollziehbar erscheinen lasse, dass sich
die Arbeitsunfähigkeit der Beschwerdeführerin auf 50 % erhöht habe. Die ausführlichen
Begründungsversuche im bidisziplinären (Gerichts-)Gutachten zeigten, dass es nach
wie vor schwierig sei, den Rentenbeginn festzulegen. Die Begründung für den 1. Juli
2013 sei so weit nachvollziehbar. Der Beschwerdeführerin sei entgegen dem
bidisziplinären Gutachten jedoch nur noch in einer leidensadaptierten Tätigkeit
einsatzfähig, nicht mehr in ihrer zuletzt ausgeübten Tätigkeit als Einpackerin. Wenn
angenommen werde, dass eine Arbeit von zweimal zweieinhalb Stunden pro Tag
zumutbar sei, wäre die Beschwerdeführerin mehr oder weniger den ganzen Tag durch
Arbeit und Arbeitsweg belastet, weshalb diesfalls ein Leidensabzug von bis zu 20 %
G.c.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 20/43
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
anerkannt werden müsse. Insgesamt könne dem jüngeren Gutachten ein wesentlich
besseres Zeugnis ausgestellt werden als dem älteren. Offenbleiben würden aber noch
diverse Fragen, etwa zum Ausmass des Leidensabzugs und zum Invalideneinkommen
(anhand des früheren Lohns oder des Tabellenlohns zu bestimmen). Damit der
gesamte Instanzenzug erhalten bleibe, sei die Sache zur Neuverfügung an die
Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
Die Beschwerdegegnerin hält am 26. August an ihren Anträgen fest und beantragt
eine angemessene Kürzung der Honorarnote vom 17. August 2020. - Die
Rechtsvertreterin der Beschwerdeführerin begründet am 4. September 2020
(act. G 45), weshalb aus ihrer Sicht ein ausserordentlicher Aufwand erforderlich
gewesen sei.
G.d.
Auf Ersuchen vom 1. September 2020 (act. G 44), zu den Einwänden des RAD
Stellung zu nehmen, teilen die Gutachter Dres. T._ und U._ am 9. September 2020
(act. G 47) mit, in psychiatrischer Hinsicht habe sich bei der Begutachtung kein Hinweis
auf Diskrepanzen oder Widersprüche gezeigt. Die Beschwerdeführerin bringe die von
ihr erwähnten Einschränkungen vor allem mit einer Verschlechterung etwa im Oktober
2019 in Verbindung; vorher seien noch gewisse Aktivitäten möglich gewesen. Im
Rahmen der orthopädischen Untersuchung habe eine Symptomverdeutlichung
festgestellt werden können. Der Schmerz diene funktional betrachtet der Signalisierung
von schädlichen Dysfunktionalitäten von körperlichen Systemen, dann aber in der
weiteren Entwicklung auch von psychischen Schädigungen, Verlusten, Mängeln und
psychischen Dysfunktionalitäten. Es komme, wie bei einer Angstreaktion, oft auch zu
pathologischen Verzerrungen der ursprünglich nützlichen Schmerzreaktion. Ziemlich
von Anfang an finde aber ein normaler Funktionswandel der Schmerzreaktion statt,
indem psychisch sehr unangenehme Ereignisse wie Trennung, Verlust, Schuld oder
Scham als schmerzhaft erlebt würden. Der zunächst körperlich begründbare Schmerz
werde auch nach der Behebung der somatischen Ursache beibehalten und werde zu
einem Ersatz und/oder Ausdrucksmittel des seelischen Schmerzes. Könnte des
Weiteren ein Gutachten allein aufgrund von objektiven Kriterien erstellt werden, wäre
eine gutachterliche Beurteilung und Bewertung nicht erforderlich. Hinter einem
Gutachten stehe aber in der Regel eine subjektive Einschätzung eines Gutachters
aufgrund seines Fachwissens sowie der klinischen und gutachterlichen Erfahrung. Ein
G.e.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 21/43
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte

Erwägungen
1.
Gutachten basiere somit auf subjektivem Wissen des Gutachters, das sich auf
subjektive Befunde und zum Teil auch auf objektive Befunde stütze. Wäre keine
subjektive Wertung erforderlich, würden alle Sachverständigen zum selben Ergebnis
gelangen. Ein psychischer Befund könne immer nur subjektiv gültig festgestellt werden.
In der Psychiatrie würden Gutachter in der Regel nur dann zu einer ähnlichen oder
gleichartigen gutachterlichen Feststellung gelangen, wenn der Sachverhalt typisch sei
(denn die Befunde bzw. Diagnosen würden bezogen auf definierte Typen gewonnen).
Psychiatrische Diagnosen könnten im Unterschied oft zu somatischen Diagnosen nicht
auf der Grundlage von objektiven Zeichen oder Befunden allgemeingültig festgestellt
werden. Mit drei Hauptsymptomen und vier Nebensymptomen seien bei der
Beschwerdeführerin die diagnostischen Kriterien für eine mittelgradige depressive
Episode nach ICD-10 erfüllt. Diagnostisch liege ein im Vergleich zu 2012 weitgehend
unverändertes Zustandsbild vor, allerdings seien eine Chronifizierung, eine Verbitterung
und eine Zunahme der subjektiven Schmerzproblematik zu verzeichnen. Medizintheo
retisch liege eine Eingliederungsfähigkeit von 50 % vor, doch seien Massnahmen
unrealistisch. Retrospektiv sei eine Beurteilung im Längsschnittverlauf vorgenommen
worden, weil es schwierig sei, das während der einzelnen Episoden des fluktuierenden
Geschehens vorliegende Ausmass der Arbeitsfähigkeit verlässlich zu bestimmen.
Die Stellungnahme ist den Parteien am 17. September 2020 mitgeteilt worden. G.f.
Im Streit liegt die Verfügung vom 28. April 2017, mit welcher die
Beschwerdegegnerin der Beschwerdeführerin ab 1. Juli 2013 eine Viertelsrente
zusprach. Die Beschwerdegegnerin geht demgemäss (bei Rentenbeginn im Juli 2013)
von einer Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin von 60 % aus. - Die
Beschwerdeführerin lässt in der Beschwerde und in der Replik vorbringen, sie sei
lediglich noch zu 50 % arbeitsfähig. Im Hauptstandpunkt lässt sie eine halbe
Invalidenrente (bzw. am 27. August 2019 eine höhere als eine Viertelsrente)
beantragen. Die Begründung für den Rentenbeginn vom 1. Juli 2013 hat sie am
17. August 2020 für nachvollziehbar erklärt.
1.1.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 22/43
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.
Von einer Aufhebung der angefochtenen Verfügung aus formellen Gründen (infolge
Verletzung des Anspruchs auf rechtliches Gehör), ist vorliegend abzusehen. Eine
Gehörsverletzung kann geheilt werden, wenn sich der Betroffene vor einer Rechts
mittelinstanz äussern kann, die sowohl den Sachverhalt wie auch die Rechtslage frei
überprüfen kann, und wenn die Rückweisung zu einem formalistischen Leerlauf und
damit zu unnötigen Verzögerungen führen würde, die mit dem Interesse der
betroffenen Partei an einer beförderlichen Beurteilung der Sache nicht zu vereinbaren
wären (vgl. Bundesgerichtsentscheid vom 2. Juni 2017, 8C_219/2017 E. 3.2.1). Beides
kann angenommen werden.
1.2.
Nach Art. 28 IVG besteht der Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn die
versicherte Person mindestens zu 70 %, derjenige auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie
mindestens zu 60 % invalid ist. Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 %
besteht Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens
40 % Anspruch auf eine Viertelsrente.
2.1.
Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich
die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine
Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht
überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
2.2.
Nach der Rechtsprechung (BGE 143 V 418 E. 7.1 f. vom 30. November 2017) sind
grundsätzlich (bei Ausnahmen nach dem jeweiligen Beweisbedarf) sämtliche
psychischen Erkrankungen einem strukturierten Beweisverfahren nach BGE 141 V 281
(vom 3. Juni 2015) zu unterziehen, denn bei sämtlichen psychischen Störungen
bestehen trotz variierender Prägnanz der erhebbaren Befunde im Wesentlichen
vergleichbare Beweisprobleme. Die funktionellen Folgen der Gesundheitsschädigung
sind danach qualitativ zu erfassen und quantitativ einzuschätzen. Für die Beurteilung
des funktionellen Leistungsvermögens sind in der Regel diverse Standardindikatoren
beachtlich, die in zwei Kategorien systematisiert werden, nämlich einerseits in der
Kategorie des funktionellen Schweregrads und anderseits in jener der Konsistenz. -
Ärztlicherseits ist substanziiert darzulegen, aus welchen medizinisch-psychiatrischen
Gründen die erhobenen Befunde das funktionelle Leistungsvermögen und die
psychischen Ressourcen in qualitativer, quantitativer und zeitlicher Hinsicht zu
schmälern vermögen (vgl. BGE 145 V 361 E. 4.3). Durch den Versicherungsträger und
im Beschwerdefall durch das Gericht ist zu prüfen, ob und inwieweit die ärztlichen
Experten ihre Arbeitsunfähigkeitsschätzung unter Beachtung der massgebenden
2.3.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 23/43
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.
Indikatoren (Beweisthemen) hinreichend und nachvollziehbar begründet haben (vgl.
BGE 145 V 361 E. 4.3). Kommen die medizinischen Experten der oben erwähnten
Aufgabe unter Berücksichtigung der durch BGE 141 V 281 normierten Beweisthemen
überzeugend nach, wird die medizinisch-psychiatrische Folgenabschätzung auch aus
der juristischen Sicht des Rechtsanwenders - Durchführungsstelle oder Gericht -
Bestand haben. Andernfalls liegt ein triftiger Grund vor, der rechtlich ein Abweichen
davon gebietet (vgl. BGE 145 V 361 E. 4.3). Dabei gilt als Leitschnur, dass die ärztliche
Beurteilung - von der Natur der Sache her unausweichlich - Ermessenszüge aufweist,
die auch den Rechtsanwender begrenzen (vgl. BGE 145 V 361 E. 4.3).
Hinsichtlich des somatischen Teils des Gesundheitszustands und der Leistungs
fähigkeit der Beschwerdeführerin ist davon auszugehen, dass eine relevante Arbeits
unfähigkeit der Beschwerdeführerin in adaptierter Tätigkeit im gesamten vorliegend
massgeblichen Zeitraum (bis zum Zeitpunkt des Erlasses der angefochtenen Verfügung
am 28. April 2017) nicht vorliegt:
3.1.
Im März 2012 erfolgte eine bidisziplinäre Begutachtung. Rheumatologisch (wie
psychiatrisch, dazu unten E. 4 ff.) gesehen war damals gemäss dem Gutachten der
G._ vom 19. April 2012 kein die Arbeitsfähigkeit beeinträchtigendes Leiden zu
erheben gewesen. Nach der rheumatologischen Untersuchung wurde damals
gutachterlich beschrieben, dass die Symptomatik der unteren zwei Segmente LWK4/5
und LWK5/SWK1 bei guter Beweglichkeit in lokaler Druckdolenz und in der
Reklinations- und Rotationsprüfung unauffällig gewesen sei. Allenfalls sei eine
Symptomatik des Segments LWK3/4 rechtsbetont auslösbar gewesen. Dieses
Beschwerdebild entspreche der Symptomatik der aktiven Spondylarthrose dieses
Segmentes. Nach Infiltrationen der genannten unteren Segmente sei aktuell keine
Symptomatik mehr feststellbar (IV-act. 21-55). Die beklagten Beschwerden seien in
ihrer Ausprägung ohne ausreichendes Korrelat und durch adäquate therapeutische
Massnahmen sei eine Überwindung dieser Funktionseinschränkung realisierbar, zumal
gravierende strukturelle Läsionen, die über häufige Alterationen in der
Normalpopulation hinausgingen, fehlten (IV-act. 21-55). Hinsichtlich dieser Beurteilung
der Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin unter somatischem Aspekt für den
damaligen Zeitpunkt ergeben sich keine Gründe für erhebliche Zweifel. - Von den
Kliniken I._ wurde im Übrigen auch noch aufgrund der rheumatologischen
Untersuchung vom August 2012 dargelegt, die beklagte Schmerzsymptomatik
(genannt werden Zervikobrachialgie rechts und lumbospondylogenes Syndrom rechts
mit Diskopathie L4/5, Spondylarthrosen L4 bis S1, zervikale Diskushernie C6/7 links)
3.2.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 24/43
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
lasse sich nicht zwanglos erklären. Die Bewegungseinschränkungen in der Wirbelsäule
vermöchten teilweise auf die beschriebenen radiologischen Veränderungen
zurückgeführt werden, seien aber vor allem auch durch das Gegenhalten bestimmt. Die
das klinische Bild dominierende Muskelschwäche sei zusammenfassend bedingt durch
Schonung, wahrscheinlich durch psychische Faktoren, durch ein gewisses
kinesiophobes Verhalten und eher passive Verhaltenstendenzen (vgl. IV-act. 49-35; die
Arbeitsunfähigkeit wurde psychiatrisch begründet, vgl. IV-act. 49-39). - Bei der
polydisziplinären Begutachtung durch die MEDAS Zentralschweiz (der Disziplinen
Allgemeine Innere Medizin, Psychiatrie und Rheumatologie) vom Januar 2016
(Gutachten vom 31. März 2016) zeigte sich aus allgemein-internistischer und aus
rheumatologischer Sicht auch damals keine nennenswerte Arbeitsunfähigkeit der
Beschwerdeführerin. Namentlich ergaben sich aus rheumatologischer Sicht (klinisch
und bildgebend) nach gutachterlicher Beurteilung mit den vorgefundenen
mehrsegmentalen (die HWS und die LWS betreffenden) Diskusdegenerationen, dem
engen Spinalkanal, den neuroforaminalen Einengungen und den Diskushernien keine
objektivierbaren Befunde, die - abgesehen von der fehlenden Fähigkeit zu schwerer
Arbeit - eine relevante Einschränkung der Arbeitsfähigkeit hinreichend begründen
würden (IV-act. 134-40, -90). Anhaltspunkte für eine unvollständige gutachterliche
Beurteilung des somatischen Zustands der Beschwerdeführerin ergeben sich auch
nicht hinsichtlich dieser MEDAS-Begutachtung vom Januar 2016. - Nach der
Gerichtsbegutachtung vom Mai 2020 (Gutachten vom 6. Juni 2020) schliesslich wurde
unter orthopädischem Gesichtspunkt rückblickend angenommen, dass die
Beschwerdeführerin in der angestammten Tätigkeit ab Oktober 2011 zu 50 %, ab April
2012 zu 10 % und ab August 2012 zu 30 % arbeitsunfähig gewesen sei (S. 5) und dass
sie diesbezüglich seit einer Verschlechterung etwa im Oktober 2019 (S. 11) - also in
vorliegend nicht mehr relevanter Zeit - zu 50 % arbeitsunfähig sei (S. 3, 5). In einer
optimal angepassten Tätigkeit sei die Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin zur
Untersuchungszeit vom Mai 2020 (also wiederum selbst nach der Verschlechterung)
orthopädisch gesehen zu (maximal) 20 % beeinträchtigt gewesen (S. 4). Dabei waren
auch die durch die Klinik R._ am 2. Mai 2018 erhobenen somatischen Befunde (enger
Spinalkanal lumbal, Spinalkanalstenose L4/5 > L3/4 mit Kompression der Wurzel L5 im
Segment L4/5 beidseits, Diskopathie L4/5, geringer L3/4, und hypertrophe
Spondylarthrosen L3/4 und L4/5) bekannt gewesen (vgl. Gerichtsgutachten S. 27). -
Eine erhebliche Arbeitsunfähigkeit der Beschwerdeführerin für eine adaptierte Tätigkeit
in somatischer Hinsicht lässt sich demnach im gesamten vorliegend relevanten
Zeitraum bis zum 28. April 2017 zusammenfassend wie erwähnt nicht annehmen (eine
Arbeitsunfähigkeit von 10 % in bisheriger Tätigkeit von April bis August 2012, wie sie
das Gerichtsgutachten annimmt, erscheint nicht eher wahrscheinlich als das Ergebnis
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 25/43
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.
des echtzeitlichen Gutachtens der G._, da der Gerichtsgutachter die dort erhobenen
Befunde als gut bestätigt und die Arbeitsunfähigkeit unter Hinweis auf Angaben des
behandelnden Arztes lediglich als sinnvoll bezeichnet, S. 5, vgl. dazu unten E. 10.2; auf
das Attest einer Arbeitsunfähigkeit von 30 % ab August 2012 kommt es angesichts der
weiter zurückreichenden höheren psychiatrisch bedingten Arbeitsunfähigkeit von 40 %,
vgl. unten, nicht an).
Unter psychiatrischem Gesichtspunkt zeigt sich zunächst für den Zeitpunkt der
Begutachtung vom April 2012 (zur Phase danach vgl. unten E. 5 f.) noch eine
Übereinstimmung der Arbeitsfähigkeitsschätzungen.
4.1.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 26/43
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Das psychiatrische Gutachten der G._ vom damaligen Zeitpunkt (April 2012)
verliert, obwohl vor BGE 141 V 281 erstattet, den Beweiswert nicht per se, sondern es
ist zu prüfen, ob eine schlüssige Beurteilung im Licht der massgeblichen Indikatoren
möglich ist oder nicht (vgl. BGE 141 V 281 E. 8; vgl. Bundesgerichtsurteil vom 18. Mai
2017, 8C_842/2016). - Der Experte der Psychiatrie befasste sich darin mit den
Vorakten und erhob die Anamnese und den Befund. Im Einzelnen hielt er fest, die
Diagnose einer somatoformen Schmerzstörung sei zwar möglich, aber nicht
ausreichend sicher nachzuweisen. Es wäre dafür eine ursächliche entscheidende
Konfliktsituation erforderlich. Aufgrund der Untersuchung könne nicht angenommen
werden, dass die Umstände der Umplatzierung (neu zugeteilte Aufgaben, zusätzlich
Maschinenbedienung, Durchzug in der kalten Lagerhalle im Winter) für die
Beschwerdeführerin ein solches Ausmass angenommen hätten. Die Foerster'schen
Kriterien wären ohnehin nicht erfüllt (bezüglich der Dauer der Erkrankung, der
Behandlungsversuche, der Komorbidität). Eine depressive Störung sei nicht
nachweisbar. Die Beschwerdeführerin zeige sich lebhaft, zwar affektlabil, aber gut
kontaktfähig, mit einer realistischen Haltung ohne jeden psychischen Leidensdruck,
ohne pathologische Ängste, Schuldgefühle oder Zwangssymptome. Dr. B._ habe in
einem Zeugnis [Fremd-act. 4-121 ff., vom 1. Februar 2012] berichtet, es bestehe die
Indikation zur Schmerz- und Psychotherapie, doch habe sich die Beschwerdeführerin
darauf nicht einlassen wollen. Aus dem Dossier sei zu erfahren, dass die Compliance
der Beschwerdeführerin nicht optimal zu sein scheine. Sie habe die Physiotherapie
nicht als Eigentraining zu Hause fortgesetzt, ein Schmerzprotokoll offenbar nicht
geführt und ein Training zur Muskelkräftigung aufgeschoben. All das lasse sich
sicherlich auch im Sinn eines geringen Leidensdrucks interpretieren. Damit sei auch
nicht von einer behinderungsrelevanten krankheitswertigen Störung auszugehen (vgl.
IV-act. 21-43 ff.).
4.2.
Im späteren Gutachten der MEDAS Zentralschweiz vom März 2016 wurden
retrospektiv zwar abweichende Auffassungen betreffend zwei Annahmen des G._-
Gutachtens vom 19. April 2012 geäussert, doch wurde vom Ergebnis seiner
Arbeitsfähigkeitsschätzung nicht abgewichen. Zum einen wurde zum Aspekt des
Leidensdrucks eingewandt, wenn der Gutachter der G._ es als Anhaltspunkt gegen
einen Leidensdruck betrachtet habe, dass die Beschwerdeführerin sich vorerst auf die
Schmerz- und Psychotherapie nicht eingelassen habe, so sei dem entgegenzuhalten,
dass nicht auszuschliessen sei, dass sie damals bereits intuitiv realisiert habe, dass
eine Schmerz- und Psychotherapie wenig erfolgversprechend sei, wie das der weitere
Verlauf auch gezeigt habe (IV-act. 134-70). - Dieser retrospektive Einwand vermag
4.2.1.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 27/43
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
nicht zu überzeugen, hat der Gutachter der G._ seine Feststellung zum damals nicht
vorhandenen psychischen Leidensdruck doch mit dem vorgefundenen Status
begründet (vgl. IV-act. 21-44).
Zum andern wurde im MEDAS-Gutachten retrospektiv eingewandt, der
Gutachter der Psychiatrie der G._ habe die Angabe, dass nicht anzunehmen sei, die
Umplatzierung der Beschwerdeführerin am Arbeitsplatz habe das Ausmass eines für
sie unlösbaren Konflikts angenommen, nicht plausibilisiert (IV-act. 134-64). Es sei nicht
mit Sicherheit auszuschliessen, dass die Beschwerdeführerin dem betreffenden
Gutachter weniger differenziert Auskunft gegeben habe oder dass deren Anliegen aus
sprachlichen Gründen nicht verstanden worden seien (IV-act. 134-64). Angesichts der
Schwere der Arbeitsplatzkonfliktsituation sei nicht nachvollziehbar, dass sich weder der
behandelnde Psychiater Dr. K._ noch der begutachtende Psychiater zur
Zumutbarkeit einer Rückkehr der Beschwerdeführerin an den angestammten
Arbeitsplatz geäussert hätten. Aufgrund der Schwere des Konflikts sei eine solche
Rückkehr zur Zeit der Kündigung [28. September 2011] medizinisch nicht mehr
zumutbar gewesen (IV-act. 134-64). Ein ärztlicher Bericht des Kantonsspitals St. Gallen
vom 22. Mai 2012 (vgl. IV-act. 134-9, Schmerzzentrum), wonach das Arbeitspensum
von 50 % die Beschwerdeführerin an die Grenzen der Belastbarkeit bringe, und ein
Bericht vom 1. Juni 2012 (richtig wohl des Physiotherapeuten, vgl. IV-act. 134-6) an
Dr. B._, wonach sie sich freue, die Arbeit niederzulegen, weil ihr offenbar die rechte
Schulter Ärger bereite, sprächen für seine (des MEDAS-Gutachters) Hypothese, dass
die Wiederaufnahme der Tätigkeit (zu 50 %) Ende April 2012 den intrapsychischen
Disstress der Beschwerdeführerin verstärkt habe (IV-act. 134-64). - Die damalige
gutachterliche Beurteilung der Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin durch die Klinik
G._ vom 19. April 2012 ist indessen auch in dieser Hinsicht auf die Beschreibung der
damals vorgefundenen psychiatrischen Befunde abgestützt und in Kenntnis der
Vorakten ergangen. Es liegen mit den erwähnten Berichten keine relevanten
Anhaltspunkte dafür vor, dass der Schweregrad des Konflikts und damit die
Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin damals unzutreffend eingeschätzt worden
wären. Auch Dr. K._ hat gemäss seinem Schreiben vom 10. März 2012 (Fremd-
act. 4-54, wiedergegeben in IV-act. 134-7), wie im MEDAS-Gutachten erwähnt, eine
Unzumutbarkeit der Arbeitstätigkeit nicht angenommen. Zur Zeit der Kündigung vom
28. September 2011 war die Beschwerdeführerin nach der Aktenlage nach zeitnahem
Attest nicht arbeitsunfähig geschrieben gewesen (vgl. IV-act. 21-36, Attest von
Dr. B._ vom 3. November 2011). - Die gutachterliche Begründung der Klinik G._
4.2.2.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 28/43
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
5.
(von 2012) erscheint für den damaligen Sachverhalt bis April 2012 somit überzeugender
als diejenige der MEDAS aus dem Rückblick.
Das G._-Gutachten stellte wie erwähnt im April 2012 bei der Beschwerdeführerin
kein die Arbeitsfähigkeit tangierendes psychiatrisches Leiden fest. Aber auch die
MEDAS nahm eine Arbeitsunfähigkeit der Beschwerdeführerin erst ab Sommer 2012
an. Im Gerichtsgutachten schliesslich wurde das Ergebnis des psychiatrischen G._-
Gutachtens vom 19. April 2012 ebenfalls bestätigt (S. 7). Für den damaligen Zeitpunkt
stimmen somit (zumindest hinsichtlich der Arbeitsfähigkeitsschätzung) wie erwähnt alle
drei Gutachten überein, weshalb ohne weiteres darauf abgestellt werden kann.
4.3.
Was den Sachverhalt des psychiatrischen Gesundheitszustands und der
Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin in der Zeit nach der Begutachtung vom April
2012 betrifft, hielt die MEDAS im Gutachten vom März 2016 fest, die
Beschwerdeführerin sei in der angestammten und in jeder Verweistätigkeit seit Sommer
2012 zu 40 % arbeitsunfähig (insgesamt sei ihr zurzeit der Begutachtung aus ethischen
Gründen aufgrund der Schmerzkrankheit und der diesbezüglichen Folgeerscheinungen
eine körperlich schwere Frauenarbeit nicht zumutbar). - Im Gerichtsgutachten vom Juni
2020 wurde angegeben, die Beschwerdeführerin sei in einer optimal angepassten
Tätigkeit aus psychiatrischer Sicht seit 30. Juni 2012 zu 50 % arbeitsunfähig (zumutbar
sei ganztägige Arbeit bei vermehrten Pausen und reduzierter Leistungsfähigkeit).
5.1.
Vorweg ist festzuhalten, dass die Beschwerdegegnerin ihre angefochtene
Verfügung in medizinischer Hinsicht auf das Ergebnis des polydisziplinären
Administrativgutachtens gemäss Art. 44 ATSG (der MEDAS Zentralschweiz) einer
Arbeitsunfähigkeit der Beschwerdeführerin von 40 % abgestützt hat. Einem solchen
versicherungsexternen Gutachten kommt ein hoher Beweiswert zu, denn es ist darauf
abzustellen, sofern nicht konkrete Indizien gegen die Zuverlässigkeit der Expertise
sprechen (vgl. Bundesgerichtsurteil vom 14. Dezember 2017, 8C_616/2017 E. 6.2.2;
BGE 137 V 210 E. 2.2.2 und 1.3.4). - Die Beschwerdeführerin liess gegen das MEDAS-
Gutachten diverse Einwände erheben, aber auch erwähnen, entweder sei auf die
entsprechende Arbeitsunfähigkeit von 40 % mit einem Leidensabzug von 20 % oder
dann auf eine Arbeitsunfähigkeit von 50 % gemäss dem Bericht der Klinik L._
abzustellen. Das MEDAS-Gutachten konnte bei damaliger Aktenlage insbesondere
aufgrund angenommenen Ausbleibens einer richtunggebenden Verschlechterung
bezüglich Kognition, Affektivität und Antrieb (vgl. IV-act. 134-62) bei dennoch
Hinzutreten einer somatoformen Schmerzstörung als Hauptdiagnose (vgl. IV-
5.2.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 29/43
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
6.
act. 134-42) sowie für sich allein ungenügend erscheinender Begründungen zu den
Standardindikatoren der Inkonsistenzen (vgl. IV-act. 134-68) und der vermuteten (nicht
in allen Belangen durch eine Erkrankung erklärbaren) Diskrepanz zwischen
innerfamiliärem und ausserhäuslichem Aktivitätenniveau (vgl. IV-act. 134-70, vgl. auch
IV-act. 134-62 und IV-act. 134-59 oben) nicht ohne weiteres bereits als ausreichend
stichhaltig betrachtet werden. Deshalb war die Gerichtsbegutachtung (vgl. BGE 137 V
210 E. 4.4.1.4) vom Mai/Juni 2020 erforderlich. - Von der in einem Gerichtsgutachten
festgehaltenen Einschätzung der medizinischen Experten, deren Aufgabe es ist, ihre
Fachkenntnisse der Gerichtsbarkeit zur Verfügung zu stellen, um einen bestimmten
Sachverhalt medizinisch zu erfassen, weicht ein Gericht nicht ohne zwingende Gründe
ab (vgl. Bundesgerichtsurteile vom 31. Oktober 2017, 9C_541/2017 E. 3.1.2, und vom
14. März 2018, 8C_599/2017 E. 3.2; vgl. BGE 143 V 269 E. 6.2.3.2). Das Bundesgericht
bezeichnet dies als eine praxisgemässe Richtlinie zur Beweiswürdigung (vgl. BGE 143
V 269 E. 6.2.3.2). Dass damit den Gerichtsgutachten ein höherer Beweiswert
zugemessen wird als den Administrativgutachten, gilt es aber wesensgemäss stets
unter Vorbehalt abweichender Ergebnisse im Rahmen fallweiser pflichtgemässer
Beweiswürdigung zu verstehen (BGE 143 V 269 a.a.O., vgl. auch Art. 61 lit. c ATSG).
Ein Abweichen kann u.a. gerechtfertigt sein, wenn gegensätzliche
Meinungsäusserungen anderer Fachexperten dem Gericht als triftig genug erscheinen,
die Schlüssigkeit des Gerichtsgutachtens in Frage zu stellen, so dass es vom Ergebnis
des Gerichtsgutachtens abweichende Schlussfolgerungen zieht (vgl.
Bundesgerichtsurteile vom 31. Oktober 2017, 9C_541/2017 E. 3.1.2, und vom 14. März
2018, 8C_599/2017 E. 3.2; vgl. BGE 143 V 269 E. 6.2.3.2). Kann die Sache aufgrund
der vorhandenen medizinischen Unterlagen entschieden werden, ist ein Obergutachten
nicht erforderlich (vgl. Bundesgerichtsurteil vom 20. März 2018, 8C_569/2017 E. 4.3,
vgl. auch Bundesgerichtsurteil 8C_599/2017 E. 3.2).
Aufgrund der insbesondere das MEDAS-Gutachten vom 31. März 2016 und das
Gerichtsgutachten vom 6. Juni 2020 umfassenden medizinischen Aktenlage lässt sich
für den Zeitraum nach (der Begutachtung vom) April 2012, was die Arbeitsfähigkeits
schätzung für diesen Zeitraum betrifft, zwar eine weitgehende, aber keine vollständige
Übereinstimmung von MEDAS- und Gerichtsgutachten feststellen. Ausserdem kann
Folgendes festgehalten werden:
6.1.
Der Gutachter der Psychiatrie der MEDAS Zentralschweiz gab seine Beurteilung
nach Kenntnisnahme von den Vorakten und Erhebung des Befundes ab. - Diagnostisch
hat er die Arbeitsunfähigkeit bei der Beschwerdeführerin einer (als einzige
6.2.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 30/43
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Hauptdiagnose erhobenen) anhaltenden somatoformen Schmerzstörung
zugeschrieben. Daneben erhob er eine depressive Entwicklung, deren
Ausprägungsgrad und Intensität einer leichten bis höchstens mittelgradigen
depressiven Episode entspreche (IV-act. 134-59 f.). Zeitlich seien bei der
Beschwerdeführerin keine depressiven Episoden abgrenzbar; insbesondere verneine
sie Perioden mit vollkommener Remission (IV-act. 134-63). Die diagnostischen Kriterien
für rezidivierende depressive Episoden seien nicht erfüllt (vgl. IV-act. 134-68). - Im
Gerichtsgutachten, ebenfalls in Kenntnis der Vorakten und nach Untersuchung
erstattet, wurde dagegen dargelegt, der MEDAS-Gutachter der Psychiatrie beschreibe
den medizinischen Sachverhalt umgekehrt als die Gerichtsgutachterin selbst (S. 6).
Seine Beurteilung sei jedoch (dennoch) nachvollziehbar, weil die
Schmerzverarbeitungsstörung und die depressive Störung als gleichwertige
Erkrankungen zu betrachten seien, die sich nicht addierten (S. 6). Sie (die
Gerichtsgutachterin) gelange aber zum Schluss, es liege eine rezidivierende depressive
Störung mit mittelgradiger Beeinträchtigung vor (S. 6, vgl. S. 3). Daneben nannte sie als
Diagnosen auch die anhaltende somatoforme Schmerzstörung und ausserdem eine
Verbitterungsstörung (F43.8; gemäss ICD-10-GM Version 2021 "Sonstige Reaktionen
auf schwere Belastung"). - Eine Unterscheidung in die Arbeitsfähigkeit tangierende und
sie nicht tangierende Leiden wird im Gerichtsgutachten unterlassen. Die genannte
Verbitterungsstörung lässt sich zudem nicht zuverlässig der Diagnose eines
anerkannten Klassifikationssystems zuordnen, was wiederum die Annahme eines
invalidisierenden Gesundheitsschadens - unter diesem diagnostischen Titel allein -
ausschliesst (vgl. Bundesgerichtsurteile vom 14. April 2016 9C_908/2015 E. 4.2 und
8C_822/2013 vom 4. Juni 2014 E. 4.6 und BGE 130 V 396).
In Bezug auf die Standardindikatoren lässt sich festhalten, was folgt:6.3.
Zur Kategorie des funktionellen Schweregrads bzw. zum Aspekt des
Ausprägungsgrads und der Intensität lässt sich der MEDAS-Diagnose hinsichtlich der
depressiven Entwicklung entnehmen, dass dieses Leiden im Ausprägungsgrad und in
der Intensität einer leichten bis höchstens mittelgradigen depressiven Episode
entspreche (IV-act. 134-60). Der Gutachter legte dar, es sei spürbar gewesen, dass die
Beschwerdeführerin unter Schmerzen leide. Trotz deren hoher Intensität seien die
kognitiven Funktionen nicht beeinträchtigt gewesen. Der Antrieb sei ebenfalls nicht
beeinträchtigt gewesen. Sie habe nie den Nacken umfasst, wie es bei Personen mit
persistierenden HWS-Beschwerden oft der Fall sei (vgl. IV-act. 134-62). Die affektive
Schwingungs- und Resonanzfähigkeit sei (bei emotional belastenden Themen, IV-
act. 134-62) leicht vermindert gewesen (vgl. IV-act. 134-68). Bei der Depressivität
6.4.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 31/43
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
handle es sich um reaktive Zustände als Folge des Schmerzsyndroms (vgl. IV-
act. 134-63). Der leichten bis höchstens mittelgradigen depressiven Entwicklung mass
der MEDAS-Gutachter der Psychiatrie denn auch im Ergebnis wie erwähnt keine
Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin zu (IV-act. 134-60).
Indessen habe sich in den letzten drei Jahren eine Schmerzstörung mittelgradigen
Ausmasses entwickelt (vgl. IV-act. 134-68). Im Jahr 2011 sei die - oben E. 4.2.2
erwähnte - psychosoziale Belastungssituation der Beschwerdeführerin explorierbar,
nämlich der innerbetriebliche Wechsel zu einem körperlich anstrengenderen
Arbeitsplatz mit widrigen Arbeitsumständen, das Gefühl eines Unter-Druck-gesetzt-
Seins durch den Vorgesetzten und die Kündigung vom September 2011. Mit der
Kündigung habe die Integration der Beschwerdeführerin ab- und der intrapsychische
Disstress zugenommen (IV-act. 134-63). Nach seiner Hypothese habe die
Wiederaufnahme der Tätigkeit [im April 2012], die nach seiner Auffassung unzumutbar
gewesen wäre (IV-act. 134-64), den Disstress verstärkt (vgl. IV-act. 134-64).
Medikalisierung und Psychiatrisierung des Arbeitskonfliktes hätten über die Zeit zu
einer Verschlechterung des psychophysischen Zustands geführt (vgl. IV-act. 134-68).
Es habe sich dadurch eine Verstärkung der Symptome ergeben. Ausserdem hätten die
Medikalisierung und die infausten ärztlichen therapeutischen Bemühungen bei guter
Compliance die Überzeugung der Beschwerdeführerin, körperlich und psychisch krank
zu sein, genährt (IV-act. 134-64). Der MEDAS-Gutachter der Psychiatrie hielt aber
umgekehrt auch fest, es könne aufgrund der Angaben des Hausarztes (vom 5. März
2013: ab 24. September 2012 Arbeitsunfähigkeit von 75 %, ab 24. Oktober 2012
Arbeitsunfähigkeit von 50 %, Dezember [recte: September, IV-act. 49-6] 2012 Arbeit an
vier Stunden pro Tag im Einsatzprogramm) davon ausgegangen werden, dass die
Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin über die Zeit hinweg zugenommen (die
Arbeitsunfähigkeit also abgenommen) habe (vgl. IV-act. 134-70). Das sei ein Hinweis
darauf, dass mit der Zunahme ihrer Integration die Schmerzen weniger stark
wahrgenommen worden seien. Der Gutachter hat nicht nur diesen Zusammenhang des
Schmerzerlebens der Beschwerdeführerin mit der tatsächlichen Integration
berücksichtigt, sondern auch, welches das von der Beschwerdeführerin tatsächlich
geleistete Pensum war (IV-act. 134-70). - Dem Gerichtsgutachten lässt sich zum
Schweregrad entnehmen, vorherrschende Beschwerde der Beschwerdeführerin sei ein
andauernder, schwerer und quälender Schmerz, der durch einen physiologischen
Prozess oder eine körperliche Störung nicht vollständig erklärt werden könne. Der
Schmerz trete in Verbindung mit emotionalen Konflikten oder psychosozialen
Problemen auf. Diese sollten schwerwiegend genug sein, um als entscheidende
ursächliche Einflüsse zu gelten (S. 35). Die Gerichtsgutachterin erklärte, es sei ein
schwankendes Zustandsbild im Rahmen einer rezidivierenden depressiven Störung
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 32/43
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
nachvollziehbar (S. 34). - Ein beachtenswerter Schweregrad des psychiatrischen
Leidens scheint demnach insgesamt ausgewiesen.
Zum Gesichtspunkt der Komorbidität stellte der MEDAS-Gutachter entsprechend
der Beurteilung, wonach die leichte bis höchstens mittelgradige depressive
Entwicklung ohne Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit sei (oben E. 6.2), fest, es bestehe
eine psychiatrische Komorbidität (IV-act. 134-68, erster Absatz), die somatoforme
Schmerzstörung sei (allerdings) nicht von einer invalidisierenden psychiatrischen
Komorbidität begleitet, welche die Beschwerdeführerin bei einfachen Tätigkeiten in der
Arbeitsfähigkeit einschränken würde (vgl. IV-act. 134-68, zweiter Absatz). Die
somatoforme Schmerzstörung fällt gemäss dem MEDAS-Gutachten psychiatrisch
diagnostisch gesehen mit dieser leichten bis höchstens mittelgradigen depressiven
Entwicklung (und abgesehen davon mit den mehreren diagnostizierten somatischen
Schmerzsyndromen, vgl. IV-act. 134-42 f.) zusammen, ansonsten aber auch noch mit
(nicht in der Diagnose erfassten) krankheitswertigen Persönlichkeitsanteilen (vgl.
nachfolgend E. 6.6). - Im Gerichtsgutachten findet sich keine ausdrückliche
Auseinandersetzung mit der Bedeutung der Komorbidität, doch wurden drei
verschiedene zusammenfallende Leiden (betreffend Depression, Schmerz,
Verbitterung) diagnostiziert. - Vom Zusammentreffen verschiedener psychiatrischer
Leiden ist demnach auszugehen.
6.5.
Den Aspekt der Persönlichkeit betreffend beschrieb der MEDAS-Gutachter, es
bestünden bei der Beschwerdeführerin Anteile, die pathognomonisch seien für
Personen, die unter Disstress zu psychosomatovegetativen Reaktionsbildungen
neigten. Diese Persönlichkeitsanteile seien sowohl Ressourcen der Beschwerdeführerin
wie auch Stressoren. Die oben (E. 4.2.2 und 6.4) beschriebenen Umstände (am
Arbeitsplatz, die Kündigung, die dysfunktionale medizinische Beurteilung nach der
Kündigung) hätten dazu geführt, dass diese Persönlichkeitsanteile Krankheitswert
bekommen hätten (IV-act. 134-69). - Im Gerichtsgutachten wurde zur
Persönlichkeitsebene dargelegt, Selbst- und Fremdwahrnehmung der
Beschwerdeführerin seien nicht gestört und auch die Selbstbehauptungs- und die
Durchsetzungsfähigkeit seien nicht vermindert (S. 36). Es wurde allerdings eine
Verbitterungsstörung diagnostiziert, welche in diesem Zusammenhang erwähnt werden
kann.
6.6.
Unter dem Aspekt des sozialen Kontexts schilderte der MEDAS-Gutachter,
ausserhalb des häuslichen Kontextes fühle sich die Beschwerdeführerin invalid (IV-
act. 134-69). Die mangelnde Integration der Beschwerdeführerin - sie ist seit dem Alter
von 25 Jahren, und damit bereits seit 30 Jahren, in der Schweiz (IV-act. 10) - sei nicht
6.7.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 33/43
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
einer mangelnden Anpassungsabsicht zuzuschreiben, sondern Folge unter anderem
der harten Arbeitsbedingungen (vgl. IV-act. 134-69). Der Gutachter legte dar, bei der
Genese dieser Gefühle (Invalidität ausserhalb des häuslichen Kontextes) spielten nebst
Krankheitsfaktoren auch krankheitsfremde Faktoren (Migrationshintergrund,
Sprachbarrieren, soziokultureller Kontext und Persönlichkeitsanteile) eine Rolle (IV-
act. 134-69). Der Gutachter stellte fest, (unter anderem) diese krankheitsfremden
Faktoren würden bei der Genese des aktuellen psychophysischen Zustandsbildes eine
wichtige Rolle spielen (vgl. IV-act. 134-70). Es ist gemäss dem MEDAS-Gutachten
anzunehmen, dass der Gutachter den Einfluss der krankheitsfremden Faktoren bei der
Beurteilung der medizinischen zumutbaren Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin
bereits ausgeschieden hat (vgl. IV-act. 134-71). - Im Gerichtsgutachten wurde
diesbezüglich ein enger Zusammenhang von Schmerz einerseits und emotionalen
Konflikten und psychosozialen Problemen anderseits festgestellt (S. 35), ohne dass die
Gutachterin sich allerdings zur Bedeutung dieses Umstands geäussert hätte.
Zur Kategorie der Konsistenz des Verhaltens der Beschwerdeführerin zeigt sich
schliesslich Folgendes:
6.8.
Der Gutachter der Psychiatrie der MEDAS erklärte, eine Simulation sei
wahrscheinlich ausschliessbar (fünf der sieben Kriterien nicht erfüllt; IV-act. 134-66 f.).
Es handle sich eher um eine somatoforme Störung als um eine Symptomausweitung
(IV-act. 134-67 ff. i.V.m. IV-act. 134-72). Er wies (unter dem Gesichtspunkt der
Indikatoren der Kategorie des funktionellen Schweregrads, IV-act. 134-68) aber darauf
hin, dass in den Arztberichten betreffend die Beschwerdeführerin immer wieder von
Selbstlimitierung, Affektlabilität, Symptomausweitung und Inkonsistenz die Rede sei.
So war bei der Untersuchung in den Kliniken I._ etwa festzustellen gewesen, dass
die Druckschmerzhaftigkeit der Muskulatur nicht durch eine erhebliche Anspannung
derselben untermauert worden sei und die Bewegungseinschränkungen in der
Wirbelsäule vor allem auch durch das Gegenhalten bestimmt gewesen seien (vgl. IV-
act. 49-35). Dr. P._ hatte diverse Diskrepanzen festgestellt (beispielsweise
Demonstration einer Parese der rechten oberen Extremität bei normalem Einsatz der
Hand bei Bedarf, Demonstration einer Fussheberparese rechts bei Absinken im
Fersengang links, vgl. IV-act. 58-10). Auch bei der (rheumatologischen) MEDAS-
Begutachtung wurde angenommen, trotz einer Vielzahl [soweit beurteilbar] adäquater
Behandlungsmassnahmen habe ein vollständig therapierefraktärer Verlauf
stattgefunden, und es wurden auch dort eine deutliche Ausweitung der Schmerzen
auffallend hoher Intensität und ein äusserst auffälliges Schmerzverhalten der
Beschwerdeführerin in der Untersuchungssituation festgestellt (vgl. IV-act. 134-40).
6.8.1.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 34/43
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Diesen aktenkundigen Feststellungen hält der MEDAS-Gutachter der Psychiatrie zwar
(ausdrücklich) lediglich entgegen, dass sich die Beschwerdeführerin in die
Behandlungsprogramme eingefügt habe (IV-act. 134-68), was als Begründung
ungenügend erscheint. Er stellte aber auch fest, während der Untersuchung habe es
keine Hinweise auf eine willentliche Verdeutlichung, Aggravation oder Simulation
gegeben (IV-act. 134-69). Die Überzeugung der Beschwerdeführerin, invalid zu sein, sei
aus psychologischen Gründen nachvollziehbar (IV-act. 134-69). - Im Gerichtsgutachten
wurde diesbezüglich festgehalten, aus psychiatrischer Sicht habe es keinen Hinweis
auf Diskrepanzen oder Widersprüche gegeben (S. 39). In der Stellungnahme vom
9. September 2020 wurde das bekräftigt (S. 1). Hinzuweisen ist diesbezüglich
allerdings auf die das Begutachtungsergebnis einer Arbeitsfähigkeit von 50 % weit
unterschreitende Selbsteinschätzung der Beschwerdeführerin (keine Arbeitsfähigkeit
mehr; Gerichtsgutachten S. 32). Die bei der orthopädischen Gerichtsbegutachtung
festgestellte Symptomverdeutlichung bestätigte die Gerichtsgutachterin der Psychiatrie
im Übrigen (Stellungnahme S. 2).
Auch bei der Begründung seines Standpunkts bezüglich des Leidensdrucks der
Beschwerdeführerin (vgl. zur diesbezüglichen Abweichung vom Gutachten der G._
aus der Retrospektive oben E. 4.2.1) verwies der MEDAS-Gutachter wiederum auf den
(oben erwähnten) Umstand, dass gemäss der Aktenlage davon ausgegangen werden
müsse, dass die Beschwerdeführerin sich an die ärztlichen Anweisungen gehalten
habe (vgl. IV-act. 70). Er berichtete, die Beschwerdeführerin sei der Meinung, eine
Rente verdient zu haben, weil sie bei der Erwerbstätigkeit und während der
Rehabilitation alles gegeben und sich immer an die ärztlichen Verordnungen gehalten
habe (IV-act. 134-67). - In einem Bericht vom 6. Oktober 2014 (IV-act. 98; zwischen
G._- und MEDAS-Gutachten) gab Dr. K._ an, die Beschwerdeführerin absolviere
unzählige Therapien und Rehabilitationen und mache immer häufiger und immer mehr
Gebrauch von Schlaf- und Schmerzmitteln. Der MEDAS-Gutachter selbst erwähnte
bezüglich der Arzneimittel, die Exploration des Schmerzcopings habe ergeben, dass
die Medikamenteneinnahme der Beschwerdeführerin ein bisschen helfe (IV-
act. 134-57). Der Medikamentenspiegel lag für Venlafaxin (mit 0.77; 0.7 - 1.44) im
unteren therapeutischen Bereich, für Amitriptylin aber (mit 0.05; 0.29 - 0.72) unter dem
therapeutischen Bereich (vgl. IV-act. 134-48, IV-act. 134-37 und 134-41 f.).
Schlussfolgerungen aus Serumspiegelmessungen können allerdings lediglich mit
Zurückhaltung gezogen werden. Zu beachten ist diesbezüglich des Weiteren, dass der
MEDAS-Gutachter der Psychiatrie festhielt, aufgrund der gemachten Erfahrungen
könne das psychosomatische Leiden der Beschwerdeführerin durch schulmedizinische
6.8.2.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 35/43
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Interventionen nicht mehr weiter beeinflusst werden (IV-act. 134-68). Der
krankheitswertige Anteil der Arbeitsunfähigkeit sei nicht therapierbar (IV-act. 134-71).
Im Gesamtgutachten wurde im Übrigen geschlossen, einer medikamentösen
Schmerztherapie komme eine untergeordnete Rolle zu. Die Beschwerdeführerin habe
weder auf peripher wirksame Analgetika noch auf nicht-steroidale Antirheumatika noch
auf Opiate mit einer Schmerzlinderung angesprochen (IV-act. 134-44). Die Begründung
für die Annahme eines ausgewiesenen Leidensdrucks der Beschwerdeführerin im
MEDAS-Gutachten erscheint bei diesen Gegebenheiten etwas dürftig. - Die
Gerichtsgutachterin bejahte einen Leidensdruck indessen ebenfalls, wenn auch mit
nicht ohne Vorbehalt zu betrachtender Begründung. Dass sie die psychiatrische
Behandlung nun abgebrochen habe, begründete die Beschwerdeführerin anlässlich der
Gerichtsbegutachtung nämlich damit, dass sie sich damit nicht besser fühle (S. 35).
Dieser Annahme scheint die Gerichtsgutachterin gefolgt zu sein, nahm sie das doch
nicht zum Anlass, am Leidensdruck der Beschwerdeführerin zu zweifeln. Sie hielt
vielmehr gar dafür, es sei bei der Beschwerdeführerin ein sehr hoher Leidensdruck
spürbar (S. 35). - Insgesamt rechtfertigt es sich angesichts der im Ergebnis
übereinstimmenden gutachterlichen Auffassungen, einen gewissen Leidensdruck der
Beschwerdeführerin anzuerkennen.
Der MEDAS-Gutachter der Psychiatrie legte des Weiteren dar, das
Tagesaktivitätsniveau der Beschwerdeführerin sei schwer abschätzbar (IV-act. 134-61).
Es habe "wohl" einen sozialen Rückzug gegeben; dieser beschränke sich vor allem auf
die Aussenkontakte, betreffe aber nicht die familiären Kontakte (vgl. IV-act. 134-61).
Die Beschwerdeführerin sei affektlabil gewesen; im familiären Kreis scheine sie aber in
der Lage zu sein, ihr psychophysisches Gleichgewicht stabiler zu halten (IV-
act. 134-68, vgl. IV-act. 134-58). Es sei zu betonen, dass das Aktivitätsniveau und
damit verbunden die Funktionsfähigkeit der Beschwerdeführerin im familiären Kontext
höher einzuschätzen sei als im ausserhäuslichen Kontext. In der Familie erhalte die
Beschwerdeführerin Unterstützung. Anderseits fördere diese Unterstützung auch die
Regression (IV-act. 134-69). Der Gutachter wies (wie oben bereits erwähnt) darauf hin,
dass die vermutete Diskrepanz zwischen innerfamiliärem und ausserhäuslichem
Aktivitäten Niveau nicht in allen Belangen durch eine Erkrankung erklärbar sei (vgl. IV-
act. 134-70). Es fällt auf, dass der MEDAS-Gutachter weiter festhielt, die Affektlage der
Beschwerdeführerin sei wechselhaft - und dabei themenabhängig - gewesen (IV-
act. 134-62, IV-act. 134-59 oben). - Im Gerichtsgutachten wurde dargelegt, in der
sozialen Partizipation berichte die Beschwerdeführerin mittelgradige Einschränkungen.
Ausserdem beschreibe sie Einschränkungen in den Aktivitäten des täglichen Lebens
6.8.3.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 36/43
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
7.
(S. 36). Bezüglich dem Tagesaktivitätsniveau wird im Gerichtsgutachten somit einzig
auf die Angaben der Beschwerdeführerin hingewiesen. Eine Divergenz - wie vom
MEDAS-Gutachter vermutet - wurde nicht erwähnt. Eine Auseinandersetzung mit der
Frage nach einem allfälligen sekundären Krankheitsgewinn (vgl. BGE 130 V 352
E. 3.3.2), der für die Invaliditätsbemessung unbeachtlich zu bleiben hat, ist allerdings
ausgeblieben. Aus dem Gerichtsgutachten geht ferner hervor, dass es in der Beziehung
zu vertrauten Menschen kaum Probleme gebe und die Beschwerdeführerin häufig mit
ihrer Tochter Kontakt habe (S. 39). In der Stellungnahme der Gerichtsgutachter vom
9. September 2020 wurde zudem festgehalten, dass die Beschwerdeführerin die von
ihr erwähnten Einschränkungen vor allem mit einer Verschlechterung etwa im Oktober
2019 in Verbindung bringe, während vorher noch gewisse Aktivitäten möglich gewesen
seien. - Damit ist überwiegend wahrscheinlich anzunehmen, dass immerhin eine
gewisse Regression vorlag.
Was den (allfälligen) Verlauf der Gesundheitsschädigung der Beschwerdeführerin
im vorliegend massgeblichen Zeitraum anhand der Befunde und der geklagten
Beschwerden betrifft, ist zunächst nochmals darauf hinzuweisen, dass in der
psychiatrischen gutachterlichen Beurteilung der G._, deren
Arbeitsfähigkeitsschätzung von den nachfolgenden Gutachten (MEDAS und
Gerichtsgutachten) im Ergebnis als bestätigt betrachtet werden kann, festgehalten
worden war, eine depressive Störung definierende ICD-Kriterien hätten damals im März
2012 nicht vorgelegen. Dies war mit dem damals vorgefundenen Befund begründet
worden (vgl. IV-act. 21-44).
7.1.
Der MEDAS-Gutachter hielt im Gutachten vom März 2016 (bei der Auseinander
setzung mit den Diagnosen aus den vor Akten) fest, der aktuelle Psychostatus der
Beschwerdeführerin differiere nicht richtungsgebend von jenem, der in den Kliniken
I._ am 13. August 2012 beschrieben worden sei. In der Folge gab er auch den
Psychostatus wieder, der im Gutachten der Klinik G._ vom 19. April 2012 erhoben
worden war. Daraufhin stellte er fest, aus rein psychiatrischer Sicht sei gemäss den
klinischen Befunden in den medizinischen Berichten in Bezug auf Kognition, Affektivität
und Antrieb nicht von einer richtunggebenden Verschlechterung des psychischen
Zustandes der Beschwerdeführerin auszugehen (IV-act. 134-62). Nach Wiedergabe
auch der Beschreibung des Psychostatus im Bericht der Klinik L._ vom
17. Dezember 2012 schloss der MEDAS-Gutachter, es erstaune, dass die Verfasser der
ärztlichen Berichte trotz in etwa gleicher klinischer Befunde diagnostisch zu hoch
"widersprüchlichen" (bzw. auseinanderfallenden) Beurteilungen gelangt seien. Der
7.2.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 37/43
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Psychiater der Kliniken I._ und derjenige der Klinik L._ hätten eine mittelgradige
depressive bzw. eine schwere depressive Episode diagnostiziert; einzig aus Sicht des
Gutachters der Psychiatrie der Klinik G._ sei eine depressive Störung nicht
nachweisbar, weil entsprechende ICD-konforme Kriterien nicht vorlägen (IV-
act. 134-62 f.). Diese Angaben des MEDAS-Gutachters bilden einen Hinweis darauf,
dass im gesamten Zeitablauf ein nicht wesentlich veränderter psychiatrischer
Gesundheitszustand vorgelegen haben könnte (vgl. allerdings auch unten E. 7.4).
Der Gerichtsgutachterin hat die Beschwerdeführerin im Mai 2020 berichtet, es
gehe ihr bezüglich der Rückenschmerzen so schlecht, dass sie seit sieben Monaten
praktisch nicht mehr aus dem Haus bzw. aus der kleinen Einzimmerwohnung
gekommen sei. Im Haushalt müsse sie nichts mehr machen; es gebe für sie nichts
mehr zu tun. Es gehe ihr seit Jahren schlecht, seit sieben Monaten aber extrem
schlecht (S. 28). Sie sei vollumfänglich auf die Unterstützung der Familie angewiesen
und könne selbständig nicht einmal ein paar Schritte machen (S. 31). Schon bei der
G._-Begutachtung vom 19. April 2012 hat sie allerdings angegeben, an schlimmen
Schmerzen (vom Rücken ausgehend und in Bauch und Beine ausstrahlend) zu leiden
und deswegen Schlafstörungen zu haben. Sie werde jeweils ganz nervös. Wegen
dieses Zustands gehe sie inzwischen gar nicht mehr aus dem Haus. Den Haushalt
schaffe sie nur noch mit Mühe und brauche bei allem die Hilfe der Familie (vgl. IV-
act. 21-39 f.). Es wurde im Gerichtsgutachten wiedergegeben, die Beschwerdeführerin
habe von einer Verschlechterung seit etwa sieben Monaten (d.h. etwa seit Oktober
2019) berichtet, die nach dem Tod ihrer Mutter vor einem Jahr aufgetreten sei (S. 35;
vgl. unten E. 7.6). Die Gerichtsgutachterin bezeichnete diese Verschlechterung infolge
der Trauerreaktion als vorübergehend; zurzeit gebe es keinen Hinweis auf eine
prolongierte Trauerreaktion (S. 35). In der Stellungnahme vom 9. September 2020
bestätigte die Gerichtsgutachterin der Psychiatrie, die erwähnten Einschränkungen
würden von der Beschwerdeführerin vor allem mit einer Verschlechterung des
Gesundheitszustands etwa im Oktober 2019 in Verbindung gebracht, während ihr
vorher noch gewisse Aktivitäten möglich gewesen seien (Stellungnahme S. 2; vgl. auch
oben E. 6.8.3). Es wurde des Weiteren darauf hingewiesen, dass die Arbeitsunfähigkeit
(von 50 %) sich (psychiatrisch betrachtet) aus einer Beurteilung der Fähigkeiten,
Ressourcen und Belastungen ergebe (S. 4, unter Hinweis auf S. 39 Ziff. 7.4). Bei den
Befunden (S. 33) wurden ein verminderter Antrieb, ein manchmal leicht ausfahrendes
und eingeengtes Ausdrucksverhalten, leicht distanzierte Umgangsformen, ein
negativistischer und verbissener Wille, je nach Thematik ein leicht verschlossenes und
misstrauisches Kontaktverhalten und, ein eingeengtes formales Denken angeführt. Von
Seiten der Persönlichkeit gebe es Hinweise auf verbitterte Anteile. Die Stimmung sei
7.3.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 38/43
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
affektarm, depressiv, zeitweise dysphorisch, flach gedrückt, teilweise auch gereizt,
klagsam, niedergeschlagen, pessimistisch, ratlos und verzagt gewesen (S. 33).
Entsprechend wurde festgehalten, die Steuerungsfähigkeit von Affekten und Impulsen
sei etwas vermindert und die Flexibilität und Umstellungsfähigkeit seien mittelgradig
eingeschränkt (S. 36). Im Rahmen der mehrstündigen Untersuchungen (S. 36; die
zweistündige, S. 33, psychiatrische Untersuchung erfolgte nach einer halbstündigen
Pause nach der orthopädischen Untersuchung von ebenfalls mehr als eineinhalb
Stunden Dauer, S. 13) waren jedoch nur Hinweise auf eine etwas erhöhte
Erschöpfbarkeit (S. 36 oben) und keine mnestischen Störungen (S. 33) gefunden
worden. In der Beurteilung wurde von einem mässig beeinträchtigten
Durchhaltevermögen berichtet (S. 39). Des Weiteren wurde erwähnt, die Fähigkeit der
Beschwerdeführerin zur Planung und Strukturierung von Aufgaben sei leicht
eingeschränkt. Grundsätzlich versorge sie sich aber selbständig und brauche im
Wesentlichen keine Hilfe im Haushalt (S. 39). Wie oben erwähnt wurde die
Selbstbehauptungs- und die Durchsetzungsfähigkeit im Gerichtsgutachten als nicht
vermindert bezeichnet (S. 36), die Durchhaltefähigkeit aber als mässig eingeschränkt
(S. 39). Im Gerichtsgutachten wurde geschlossen, nach dem endgültigen Stellenverlust
am 30. Juni 2012 sei es zu einer so deutlichen Verstärkung der depressiven
Symptomatik (S. 10) gekommen, dass von einer Arbeitsunfähigkeit von 50 % (S. 6)
auszugehen wäre.
Insgesamt betrachtet ist demnach einerseits im MEDAS-Gutachten vom März
2016 der oben erwähnte Hinweis auf einen über die gesamte Zeit hinweg
unveränderten Zustand der Beschwerdeführerin zu finden. - Anderseits ist aber zu
berücksichtigen, dass der MEDAS-Gutachter auch einen Vergleich mit dem Zustand
von 13. August 2012 gezogen und dass er ausserdem dargelegt hat, der
Arbeitsplatzwechsel, die widrigen Umstände am Arbeitsplatz, die als Kränkung
empfundene Kündigung und die dysfunktionale medizinische Beurteilung nach der
Kündigung hätten dazu geführt, dass die Persönlichkeitsanteile (labiles
Selbstwertgefühl, hoher Leistungsanspruch, Aggressionshemmung,
Konfliktvermeidung, Dyslexiethymie und hohes Unabhängigkeitsbedürfnis)
Krankheitswert bekommen hätten (IV-act. 134-69). Das MEDAS-Gutachten berichtete
ferner von einer Verschlechterung nach der Begutachtung vom März 2012 durch
Hinzutreten einer somatoformen Schmerzstörung in den letzten drei Jahren (vgl. IV-
act. 134-68) mit einer Arbeitsunfähigkeit von 40 % ab Sommer 2012 (vgl. IV-
act. 134-43 f.). - Durch das Gerichtsgutachten wurde nun die Annahme bestätigt, dass
der endgültige Stellenverlust - mit dem letzten Arbeitstag am 30. Juni 2012 -
retrospektiv betrachtet zu einer Verstärkung der depressiven Symptomatik geführt
7.4.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 39/43
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
habe (S. 10). Demnach lässt sich bei nunmehr vorhandener Aktenlage mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit schliessen, dass zu benanntem Zeitpunkt (d.h. nach
dem letzten Arbeitstag) eine Verschlimmerung des Gesundheitszustands der
Beschwerdeführerin (im Vergleich zum März 2012) eingetreten ist.
Was nun das Ausmass der Arbeitsunfähigkeit (nach der anzunehmenden
Verschlechterung) als solches betrifft, liegen die gutachterlichen Beurteilungen der
MEDAS und des Gerichtsgutachtens mit 10 % Unterschied wie erwähnt (vgl. E. 6.1) nur
wenig, aber in relevantem Umfang, auseinander.
7.5.
Aus den obigen Darlegungen ergibt sich, dass das Gerichtsgutachten bezüglich
des Arbeitsunfähigkeitsattests in verschiedener Hinsicht weniger überzeugend
begründet erscheint als das MEDAS-Gutachten. Während die starke Verschlimmerung
von der Beschwerdeführerin bei der Gerichtsbegutachtung erst für eine Zeit nach
Erlass der angefochtenen Verfügung geltend gemacht wurde, hat die
Gerichtsgutachterin der Psychiatrie der Beschwerdeführerin auch für die lange
zurückliegende Zeit ab Juni 2012 schliesslich eine - im Längsschnitt vorhandene -
Arbeitsunfähigkeit von 50 % attestiert und festgehalten, aus gutachterlicher Sicht sei
"nach wie vor" von einer mittelgradigen depressiven Episode und einer anhaltenden
somatoformen Schmerzstörung auszugehen, die auch zur Begutachtungszeit eine
Arbeitsunfähigkeit von 50 % in allen Tätigkeiten begründe (S. 35), was sich dann
erklären lässt, wenn die für Oktober 2019 beschriebene Verschlechterung
vorübergehend und bei der Begutachtung wieder abgeklungen war. Das
Gerichtsgutachten ist vom vorliegend zu beurteilenden Sachverhalt auch zeitlich weiter
entfernt als das MEDAS-Gutachten, was zwar naturgemäss der Fall, aber dennoch zu
würdigen ist. Die Beschwerdegegnerin wendet gegen die Beweiskraft des
(psychiatrischen) Gerichtsgutachtens ein, es sei dabei zu sehr auf die subjektiven
Angaben der Beschwerdeführerin abgestellt worden. Die Expertin hält in der
Stellungnahme vom 9. September 2020 entgegen, dass jede psychiatrische
Begutachtung eine gutachterliche subjektive Beurteilung bedeute. Eine psychiatrische
Untersuchung kann denn auch, wie die Rechtsprechung festgehalten hat, von der
Natur der Sache her nicht ermessensfrei erfolgen und eröffnet dem Gutachter praktisch
immer einen gewissen Spielraum, innerhalb dessen verschiedene medizinisch-
psychiatrische Interpretationen möglich und zulässig und zu respektieren sind, sofern
der Experte lege artis vorgegangen ist (vgl. Bundesgerichtsentscheid vom 5. April
2019, 9C_668/2018 E. 3.5). Wie sich aus dem oben Dargelegten ergibt, lässt sich dem
Gerichtsgutachten (einschliesslich der Stellungnahme) allerdings keine so
nachvollziehbare Begründung hinsichtlich der Abgrenzung zwischen objektivierbaren
7.6.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 40/43
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
8.
Zusammenfassend ergibt die gerichtliche Würdigung des gesamten medizinischen
Sachverhalts, dass nach dem letzten Arbeitstag vom 30. Juni 2012, somit ab 1. Juli
2012, eine Arbeitsunfähigkeit der Beschwerdeführerin von 40 % als ausgewiesen zu
betrachten ist.
9.
Bei einer Arbeitsunfähigkeit von 40 % ergibt sich ein entsprechender Invaliditätsgrad,
da sich die Arbeitsunfähigkeitsschätzung gemäss MEDAS-Gutachten auch auf die bis
herige Tätigkeit der Beschwerdeführerin bezieht. Damit hat die Beschwerdeführerin
Anspruch auf eine Viertelsrente. Nichts Anderes zeigte sich, wenn zum Vergleich für die
Bemessung eines Invalideneinkommens auf die Tabellenlöhne zu greifen wäre. Dass
die Beschwerdegegnerin von einem Einkommen 2011 von Fr. 55'120.-- ausgegangen
ist (vgl. IV-act. 151), ist nicht zu beanstanden (vgl. dazu auch den IK-Auszug, IV-
act. 12). Der statistische Durchschnittslohn von Frauen für einfache und repetitive
Tätigkeiten betrug damals Fr. 53'367.--. 60 % davon machen Fr. 32'020.-- aus. Der
Invaliditätsgrad machte diesfalls somit 42 % aus. Selbst bei einem Abzug von -
Beschwerden der Beschwerdeführerin und lediglich subjektivem Empfinden
entnehmen, dass die Arbeitsfähigkeitsschätzung überzeugender wäre als jene des
MEDAS-Gutachtens. Allzu pauschal erscheint hierfür die Beurteilung.
Die Gutachter der MEDAS Zentralschweiz ihrerseits haben ihre
Arbeitsfähigkeitsschätzung dagegen nach einer vergleichsweise eingehenderen
Berücksichtigung der Aspekte der Standardindikatoren abgegeben. Zwar fallen auch
da erhebliche Inkonsistenzen und eine nicht gleichmässige Einschränkung der
Beschwerdeführerin im Alltag auf, zu deren Bedeutung sich im MEDAS-Gutachten für
sich allein genommen keine genügende Begründung findet. Wird nun allerdings
berücksichtigt, dass das nachträgliche Gerichtsgutachten ebenfalls zur Beurteilung des
Vorliegens einer versicherungsmedizinisch erheblichen Gesundheitsschädigung der
Beschwerdeführerin mit einer ausgewiesenen massgeblichen Arbeitsunfähigkeit
gelangt ist, so lässt sich bei einer Gesamtwürdigung der Aktenlage festhalten, dass der
psychiatrische Gesundheitsschaden der Beschwerdeführerin einen Schweregrad
aufweist, der eine versicherungsrechtlich relevante Einschränkung der Arbeitsfähigkeit
annehmen lässt. Als überwiegend wahrscheinlich ist dabei nach dem Dargelegten eine
Arbeitsunfähigkeit der Beschwerdeführerin von 40 % zu betrachten, wie sie im
MEDAS-Gutachten attestiert wurde.
7.7.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 41/43
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
höchstens als gerechtfertigt zu betrachtenden (ein höherer Abzug fällt angesichts
namentlich der Fähigkeit zur vollzeitlichen Präsenz am Arbeitsplatz und des Umstands,
dass die gesundheitlichen Beeinträchtigungen in der Arbeitsfähigkeitsschätzung
enthalten sind, nicht in Betracht) - 10 % ergäbe sich ein Invaliditätsgrad von 48 %.
10.
11.
Anspruch auf eine Rente haben nach Art. 28 Abs. 1 IVG Versicherte, die ihre
Erwerbsfähigkeit nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen wiederherstellen,
erhalten oder verbessern können (lit. a), während eines Jahres ohne wesentlichen
Unterbruch durchschnittlich mindestens 40 % arbeitsunfähig (Art. 6 ATSG) gewesen
sind (lit. b) und nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (Art. 8 ATSG)
sind (lit. c). Ein wesentlicher Unterbruch der Arbeitsfähigkeit im Sinn von Art. 28 Abs. 1
lit. b IVG liegt vor, wenn die versicherte Person an mindestens 30 aufeinanderfolgenden
Tagen voll arbeitsfähig war (Art. 29 IVV; Bundesgerichtsentscheide vom 16. Februar
2018, 8C_633/2017 E. 3.4, und vom 10. August 2016, 9C_289/2016 E. 3.2). Nach
Art. 29 Abs. 1 IVG entsteht der Rentenanspruch frühestens nach Ablauf von sechs
Monaten nach Geltendmachung des Leistungsanspruchs nach Art. 29 Abs. 1 ATSG.
Die Schaffung dieser Bestimmung hat keine Veränderung des (nämlich in Art. 4 IVG
und Art. 28 IVG geregelten) Zeitpunkts des Eintritts des Versicherungsfalls mit sich
gebracht (vgl. Bundesgerichtsentscheid vom 14. Dezember 2015, 9C_655/2015 E. 4;
Entscheide des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 19. Oktober 2015,
IV 2013/52 E. 1.2, vom 2. Mai 2016, IV 2013/641 E. 1.1, vom 15. März 2016, IV
2013/572 E. 6.4).
10.1.
ter
Die Beschwerdeführerin war nach der Aktenlage (gemäss dem zeitnäheren der
Atteste Dr. B._s) zwar bereits ab Oktober 2011 arbeitsunfähig, ab April 2012 bis Juni
2012 lag aber gemäss dem (im Vergleich zur späteren Gerichtsexpertise) zeitnäheren
und diesbezüglich relevanten Gutachten der G._ keine Arbeitsunfähigkeit mehr vor.
Daher konnte ein Wartejahr erst am 1. Juli 2012 beginnen und im Juli 2013 ablaufen.
Art. 29 Abs. 1 IVG steht einer Auszahlung ab 1. Juli 2013 nicht entgegen.
10.2.
Im Sinn der vorstehenden Erwägungen ist die Beschwerde abzuweisen. 11.1.
Nach Art. 69 Abs. 1 IVG ist das Beschwerdeverfahren bei Streitigkeiten um die
Bewilligung oder die Verweigerung von IV-Leistungen vor dem kantonalen
Versicherungsgericht kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem Verfahrensaufwand
und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von 200 bis 1000 Franken festgelegt. Als
11.2. bis
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 42/43
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte