Decision ID: 85ed785e-e3f5-5d5e-9431-5fc15ddcd5dc
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer suchte am 18. Mai 2020 in der Schweiz um Asyl
nach. Auf dem, beim Eintritt von jedem Asylsuchenden selbst auszufüllen-
den, sogenannten Personalienblatt ist als Geburtsdatum der (...) eingetra-
gen.
B.
Ein am 20. Mai 2020 erfolgter Abgleich mit der europäischen Fingerab-
druckdatenbank (Zentraleinheit Eurodac) ergab, dass er am 13. Dezember
2017 in Griechenland ein Asylgesuch eingereicht hat und ihm dort am
30. Oktober 2018 internationaler Schutz gewährt wurde. Am 12. Februar
2020 hat er zudem in (...) ein Asylgesuch eingereicht.
C.
Am 22. Mai 2020 bevollmächtigte er die ihm zugewiesene Rechtsvertre-
tung. Am selben Tag fand die Personalienaufnahme (PA) statt. In deren
Verlauf korrigierte er sein Geburtsdatum und gab an, am (...) geboren und
demzufolge minderjährig zu sein.
D.
Am 26. Mai 2020 wurde der Beschwerdeführer in einem persönlichen Ge-
spräch gemäss Art. 5 der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen
Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien
und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung ei-
nes von einem Drittstaatangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitglied-
staat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist, angehört.
Gleichzeitig wurde ihm auch das rechtliche Gehör zu einem allfälligen
Nichteintretensentscheid und einer Rückführung in einen sicheren Dritt-
staat gemäss Art. 6a Abs. 2 Bst. b AsylG erteilt.
Dabei bestätigte der Beschwerdeführer, dass er am 13. Dezember 2017
anlässlich eines Asylgesuchs in Griechenland registriert worden sei und
am 30. Oktober 2018 eine Aufenthaltsbewilligung erhalten habe. Vor etwa
vier Monaten sei er nach (...) gereist, wo er ein Asylgesuch gestellt und
seine Fingerabdrücke abgegeben habe. Nach einigen Übernachtungen sei
ihm keine Unterkunft mehr zur Verfügung gestellt worden, worauf er mit
den griechischen Papieren via (...) in die Schweiz gereist sei. Die Papiere
habe er in der Schweiz weggeworfen, weil er sie nicht mehr gebraucht
habe.
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In Griechenland habe er sich zuerst etwa eineinhalb Jahre auf der Insel
Lesbos im Camp Moria aufgehalten. Nach Erhalt der Aufenthaltsbewilli-
gung sei er aus dem Camp weggeschickt worden. Danach sei er nach
Athen gegangen, wo er ungefähr die ersten sechs Monate Unterstützung
in einem Camp erhalten und anschliessend die Zeit im Freien verbracht
und oft im Park geschlafen habe. Er habe von einer Hilfsorganisation zu
essen erhalten, aber nicht immer. Weiter sei er in Griechenland mehrmals
vergewaltigt und gezwungen worden, Drogen zu konsumieren. Deshalb
gehe es ihm psychisch nicht sehr gut und er könne wegen schlimmen Alb-
träumen nicht gut schlafen. Aus Angst, dass ihm noch mehr angetan
würde, habe er damals keine Anzeige erstattet. Auch habe er in Griechen-
land keine Gelegenheit gehabt, zu einem Arzt zu gehen. Es werde ihm im-
mer wieder schwindelig und er zittere innerlich. Im Camp Moria habe ihm
ein Arzt einmal wegen seiner psychischen Probleme Medikamente ver-
schrieben, die aber nicht gewirkt hätten. Er habe bereits in Afghanistan vie-
les durchgemacht und dort eine Verletzung am Bauch und Folterungen er-
litten. Durch das Erlebte in Athen habe sich seine psychische Verfassung
weiter verschlechtert. In der Schweiz seien seine Zahnschmerzen behan-
delt, bezüglich seiner psychischen Probleme aber noch nichts unternom-
men worden.
Hinsichtlich seines Alters gab er zu Protokoll, gemäss afghanischem Ka-
lender sei er am (...) (gemäss europäischem Kalender: [...]) geboren. Das
Personalienblatt, in welchem der (...) als Geburtsdatum steht, habe er nicht
selbständig ausgefüllt. In Griechenland sei er mit dem gleichen Namen und
Vornamen registriert worden. Als Alter habe er dort (...) Jahre angegeben,
aber man habe ihn automatisch volljährig gemacht. Er nehme an, dass in
den griechischen Papieren das Geburtsdatum (...) gestanden sei.
E.
Am (...) Mai 2020 wurde der Beschwerdeführer zur ambulanten Behand-
lung an einen Arzt überwiesen. Dem gleichentags erstellten Arztbericht ist
zu entnehmen, dass ein Verdacht auf Insomnie im Rahmen einer posttrau-
matischen Störung vorliege und ihm Medikamente zur Behandlung verord-
net worden seien. Weitere ärztliche Kurzberichte vom (...) Juni und (...)
Juni 2020 bestätigen die Diagnose einer Insomnie im Rahmen einer post-
traumatischen Störung.
F.
In ihrer Antwort vom 4. Juni 2020 auf ein Informationsersuchen des SEM
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vom 27. Mai 2020 bestätigten die (...) Behörden, dass der Beschwerdefüh-
rer am 14. Februar 2020 in (...) ein Asylgesuch gestellt hat und anlässlich
der Gesuchstellung angegeben habe, älter als 18 Jahre zu sein. Nach des-
sen Untertauchen, sei das Verfahren am 6. März 2020 abgeschrieben wor-
den. Als Geburtsdatum ist entsprechend der (...) auf dem Schreiben ver-
merkt.
G.
Am 29. Juni 2020 stimmten die griechischen Behörden dem Rückübernah-
meersuchen der Vorinstanz vom 24. Juni 2020 zu und bestätigten, dass
der Beschwerdeführer, registriert mit dem Geburtsdatum (...), von Grie-
chenland den subsidiären Schutzstatus erhalten hat und über eine bis am
14. Februar 2022 gültige Aufenthaltsbewilligung verfügt.
H.
Am 7. Juli 2020 wurde in Anwesenheit seiner Rechtsvertretung eine Erst-
befragung UMA (EB UMA) durchgeführt.
Dabei machte der Beschwerdeführer im Wesentlichen geltend, er sei (...)
Jahre alt, kenne sein genaues Geburtsdatum aber – auch im afghanischen
Kalender – nicht. Er sei Analphabet und kenne sich mit Daten nicht aus.
Seine Eltern hätten ihm, als er noch in Afghanistan gewesen sei, jeweils
gesagt, wie alt er sei. Danach habe er sein Alter selber berechnet. Bei der
Ankunft in B._ sei er als (...)-jährig registriert worden. Zwei andere
Afghanen hätten ihm dies bestätigt, als er sie gebeten habe, sein Alter
– (...) Jahre – umzurechnen.
In seiner Heimatregion seien die Taliban sehr mächtig. Im Alter von acht
oder neun Jahren sei er mindestens fünfmal nachts von Taliban-Angehöri-
gen abgeholt und mitgenommen worden, um als Kämpfer gegen die Re-
gierung ausgebildet zu werden. Dabei sei er mit Messern verletzt und ge-
foltert worden, weshalb er sich nicht an alles erinnern könne. Aufgrund die-
ser Folter leide er unter psychischen Problemen. Er nehme täglich vier Tab-
letten ein und es gehe ihm seitdem ein wenig besser. Als er zehn Jahre alt
gewesen sei, sei er zusammen mit Kollegen von Afghanistan in den Iran
gegangen, wo er zunächst in Isfahan und später in Teheran illegal gelebt
habe. Seine gesamte Familie lebe noch in Afghanistan.
Hinsichtlich der Zustimmung Griechenlands vom 29. Juni 2020 zu seiner
Rückübernahme gab er zu Protokoll, nicht dorthin zurückkehren zu kön-
nen. Er habe nach nur sechs Monaten Aufenthalt das Camp (...) verlassen
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müssen und danach auf der Strasse übernachtet. Niemand habe ihn un-
terstützt, er sei sexuell belästigt und vergewaltigt worden. Diese schwieri-
gen Erlebnisse in Griechenland würden ihn belasten und er könne sie nicht
vergessen.
Als ihm das rechtliche Gehör zur Absicht des SEM gewährt wurde, sein
Geburtsdatum auf den (...) abzuändern und ihn damit volljährig zu machen,
weil er keine Identitätsdokumente eingereicht habe, sein Geburtsdatum nur
vom Hörensagen kenne, in Griechenland und (...) jeweils mit dem Geburts-
jahr (...) registriert worden sei und in der Schweiz zunächst angegeben
habe, (...) geboren zu sein, entgegnete er, mittels eines Altersgutachtens
gerne sein Alter erfahren zu wollen. In Griechenland sei das Alter gemäss
dem Aussehen geschätzt und aufgeschrieben worden. Seine Rechtsver-
tretung schloss sich seinen Ausführungen an und bestand auf die Durch-
führung einer Altersabklärung. Weiter sei angesichts dessen, dass der Be-
schwerdeführer als minderjähriger Asylsuchender Opfer sexueller Miss-
handlungen in Griechenland geworden und somit eine vulnerable Person
sei, von der Zustimmung Griechenlands abzusehen und das nationale
Asylverfahren durchzuführen.
Der Beschwerdeführer reichte keine Ausweisdokumente oder andere Un-
terlagen zu den Akten.
I.
Gemäss Berichten von (...), Psychiatrische Dienste (...), vom (...) August
und (...) August 2020 hinsichtlich einer Untersuchung vom (...) August
2020 wurde dem Beschwerdeführer eine Anpassungsstörung mit depres-
siver Reaktion sowie eine posttraumatische Belastungsstörung. attestiert.
J.
Am 26. August 2020 händigte die Vorinstanz der Rechtsvertretung des Be-
schwerdeführers den Entwurf der Verfügung zum Asylgesuch zur Stellung-
nahme aus.
Ihren vorgesehenen Nichteintretensentscheid begründete sie damit, dass
im vorliegenden Fall zwar Anzeichen bestünden, dass der Beschwerdefüh-
rer die Bedingungen für eine vorläufige Aufnahme im Sinne von Art. 83 AIG
erfülle, da er in Griechenland subsidiären Schutz erhalten habe. Für ein
allfälliges Ersuchen um Wiedererwägung des Asylentscheids sei jedoch
nicht die Schweiz, sondern Griechenland zuständig. Gemäss Art. 25 Abs. 2
VwVG sei einem Begehren um Feststellung der Flüchtlingseigenschaft
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oder von Wegweisungshindernissen (recte: Wegweisungsvollzugshinder-
nissen) in den Heimat- oder Herkunftsstaat in der Schweiz nur dann zu
entsprechen, wenn ein schutzwürdiges Interesse nachgewiesen werde.
Dieser Nachweis könne aber offensichtlich nicht gelingen, wenn bereits ein
Drittstaat einen Schutzstatus erteilt habe, wie es vorliegend der Fall sei.
Der Beschwerdeführer könne nach Griechenland zurückkehren, ohne eine
Rückschiebung in Verletzung des Non-Refoulement-Prinzips zu befürch-
ten. Deshalb sei nicht auf sein Asylgesuch einzutreten.
Weder die in Griechenland herrschende Situation noch andere Gründe
würden gegen die Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs in diesen Staat
sprechen.
Die Aussagen des Beschwerdeführers über sein Alter seien im Rahmen
der EB UMA vage, teils unplausibel und widersprüchlich ausgefallen. Er
habe keinen Identitätsnachweis zu den Akten gereicht. Er habe angege-
ben, es sei ein Umrechnungs- oder Registrierungsfehler durch Dritte, dass
auf dem Personalienblatt (...) als sein Geburtsjahr vermerkt sei, da er sein
Geburtsdatum nicht kenne. Dem gegenüber stehe jedoch, dass er gewusst
habe, dass in Griechenland der (...) als sein Geburtsdatum festgehalten
worden sei. Im Dublin-Gespräch habe er den (...) im afghanischen Kalen-
der ([...]) als sein Geburtsdatum angegeben, während er in der EB UMA in
Widerspruch dazu mehrfach betont habe, sein genaues Geburtsdatum im
afghanischen Kalender nicht zu kennen. Nicht logisch seien auch seine
Aussagen einzustufen, weshalb er sowohl in Griechenland als auch in (...)
jeweils mit dem Geburtsdatum (...) registriert worden sei. Sein geltend ge-
machtes Alter habe er nicht belegen können. Seine Behauptung, (...) Jahre
alt und damit minderjährig zu sein, entbehre der Grundlage, weshalb das
SEM keine Veranlassung sehe, eine medizinische Altersabklärung vorzu-
nehmen. Es liege in der Verantwortung des Beschwerdeführers, anhand
von Originaldokumenten seine Identität und sein Alter nachzuweisen. Nach
der EB UMA habe die Vorinstanz sein Geburtsdatum auf den (...) abgeän-
dert. Er werde seither im Asylverfahren als volljährige Person behandelt.
Das SEM verkenne die derzeit schwierigen Lebensverhältnisse für Asylsu-
chende und anerkannte Flüchtlinge in Griechenland nicht. Von einer allge-
meinen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs nach Griechenland
könne deswegen aber nicht ausgegangen werden, zumal es nachgewie-
sen sei, dass der Beschwerdeführer in Griechenland ein Asylverfahren
durchlaufen habe und über einen Schutzstatus verfüge, der ihm in Grie-
chenland – wie in der Richtlinie 2011/95/EU des Parlaments und des Rates
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vom 13. Dezember 2011 (sogenannte Qualifikationsrichtlinie) vorgege-
ben – dieselben Rechte zugestehe, wie sie griechische Staatsbürger be-
züglich des Zugangs zu medizinischer Versorgung, zum Arbeitsmarkt oder
zu Sozialversicherungen hätten. Sollte Griechenland seinen Verpflichtun-
gen der Fürsorgeleistungen dem Beschwerdeführer gegenüber nicht nach-
kommen, sei es ihm unbenommen, seine Rechte bei den griechischen Be-
hörden geltend zu machen. Ferner könne er sich bei zusätzlichem Unter-
stützungsbedarf an zahlreiche in Griechenland tätige karitative Organisati-
onen wenden. Griechenland sei ein Rechtsstaat und verfüge über eine
funktionierende, sowohl als schutzwillig als auch als schutzfähig geltende
Polizeibehörde. Sollte er sich durch andere Flüchtlinge bedroht fühlen oder
gar Angriffen durch Drittpersonen ausgesetzt sein, könne er sich an die
zuständigen staatlichen Stellen wenden. Es könne nicht den griechischen
Behörden angelastet werden, wenn er keine Anzeige erstatte und es damit
den Behörden verunmögliche, adäquate Schutzmassnahmen zu seinen
Gunsten einzuleiten. Auch die medizinische Grundversorgung sei in Grie-
chenland sichergestellt. Der ihm gewährte Schutzstatus erlaube ihm zu-
dem freien Zugang zur entsprechenden Gesundheitsversorgung. Er sei ge-
halten, sich bei künftigen medizinischen Problemen an die zuständigen In-
stitutionen in Griechenland zu wenden. Die Tatsache, dass er im Camp
Moria die Möglichkeit gehabt habe, sich mit seinen psychischen Problemen
an einen Arzt zu wenden und ihm Medikamente verschrieben worden
seien, lasse erkennen, dass sein Anliegen ernst genommen worden sei. In
Bezug auf seine psychische Verfassung lägen dem SEM vier aktuelle Arzt-
berichte aus der Schweiz vor. Seit dem (...) August 2020 sei er nicht mehr
in ärztlicher Behandlung, was auf einen erfolgreichen Verlauf der ihm ver-
schriebenen Medikation schliessen lasse. Vor diesem Hintergrund könne
auf weitere medizinische Abklärungen verzichtet werden, zumal seine Vor-
bringen nicht darauf schliessen lassen würden, dass eine adäquate Be-
handlung in Griechenland nicht gegeben wäre.
Der Wegweisungsvollzug nach Griechenland sei somit insgesamt zulässig,
zumutbar sowie technisch möglich und praktisch durchführbar.
K.
In ihrer Stellungnahme vom 1. September 2020 zum Entscheidentwurf
führte die Rechtsvertretung des Beschwerdeführers im Wesentlichen aus,
dass es sich beim Beschwerdeführer um eine verletzliche Person handle,
welche besonderen Schutz benötige. Diese Vulnerabilität müsse bei der
Frage des Wegweisungsvollzugs besser berücksichtigt werden. Nach Er-
halt des Schutzstatus in Griechenland sei ihm die Unterbringung in Camps
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verweigert worden und er sei monatelang obdachlos gewesen, ohne me-
dizinische und psychiatrische Hilfe und öfters ohne ausreichend Essen.
Diese Vorgehensweise beruhe auf der aktuell gültigen Rechtslage in Grie-
chenland. Er sei Opfer schwerer sexueller Misshandlungen, von Gewalt
und unfreiwilligem Drogenkonsum. Seine psychische Verfassung– die
durch verschiedene medizinische Berichte belegt sei – sei bereits nach
dem Erlebten in Afghanistan sehr schlecht gewesen und habe sich in Grie-
chenland verschlimmert. Aktuell habe er wegen Nebenwirkungen seine
Medikamente wechseln müssen und sei laut seinem behandelnden Arzt
auf die Dauertherapie weiterhin angewiesen. Es sei unklar, ob er in Grie-
chenland Zugang zu adäquater Therapie hätte. Die vom SEM festgestellte
Volljährigkeit werde vonseiten der Rechtsvertretung weiterhin als fraglich
angesehen und mangels der medizinischen Abklärung bestritten.
Es reiche nicht aus, auf die allgemeinen rechtlichen Verpflichtungen und
Rechtsstaatlichkeit Griechenlands zu verweisen. Eine soziale und berufli-
che Wiedereingliederung sei für den Beschwerdeführer nicht möglich.
Seine Interessen an einem menschenwürdigen Leben und einem Schutz
seiner psychischen und physischen Gesundheit würden überwiegen, wo-
mit Wegweisungsvollzugshindernisse vorlägen.
L.
Mit Verfügung vom 2. September 2020 – eröffnet am 3. September 2020 –
trat die Vorinstanz gestützt auf Art. 31a Abs. 1 Bst. a AsylG auf das Asylge-
such des Beschwerdeführers nicht ein und ordnete die Wegweisung aus
der Schweiz an. Gleichzeitig beauftragte sie den zuständigen Kanton mit
dem Vollzug der Wegweisung und händigte dem Beschwerdeführer die
editionspflichtigen Akten gemäss Aktenverzeichnis aus.
Die Vorinstanz hielt an ihrer Begründung – wie im Entwurf – fest und führte
zur Stellungnahme der Rechtsvertretung des Beschwerdeführers vom
1. September 2020 unter anderem aus, er habe es trotz Vorhalts anlässlich
der EB UMA unterlassen, die behauptete Minderjährigkeit mittels geeigne-
ter Beweismittel zu belegen. Dieses Versäumnis wiege umso schwerer, als
er sowohl gemäss seinen Angaben in Griechenland als auch in (...) von
den dortigen Behörden als volljähriger Asylbewerber registriert worden sei.
Es wäre in seinem Interesse gewesen, sich in den Besitz entsprechender
Ausweisdokumente zu bringen, zumal es sowohl in Athen als auch in Brüs-
sel afghanische Vertretungen gebe, wo er sich eine entsprechende Bestä-
tigung hätte ausstellen lassen können. Der Vorhalt der Rechtsvertretung,
dass die vom SEM festgestellte Volljährigkeit weiterhin fraglich sei, sei als
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unbegründet zurückzuweisen. Aufgrund seiner Volljährigkeit sei der Be-
schwerdeführer nicht als vulnerable Person einzustufen, die besonderen
Schutz benötigen würde.
Hinsichtlich der in der Stellungnahme angeführten Lebensumstände des
Beschwerdeführers in Griechenland sei erneut auf die Qualifikationsrichtli-
nie zu verweisen, die Griechenland umgesetzt habe. Der Ausschluss aus
den Camps führe nicht dazu, dass ihm die gemäss der Richtlinie zustehen-
den minimalen Lebensbedingungen vorenthalten oder er einer existenziel-
len Notlage ausgesetzt werde. Es sei nicht zu erwarten, dass die neue Ge-
setzeslage in Griechenland generell und bezüglich ihm persönlich ein «real
risk» bewirken werde, unweigerlich einer menschenrechtswidrigen Le-
benssituation ausgesetzt zu werden. Es könne vielmehr davon ausgegan-
gen werden, dass sich Griechenland nicht in Wiederspruch zu seinen völ-
kerrechtlichen Verpflichtungen begeben werde, und dass zudem gestützt
auf Art. 34 EMRK im Falle einer Verletzung der Garantien der EMRK der
Rechtsweg an den EGMR (Europäischen Gerichtshofs für Menschen-
rechte) offen stehe. Es sei aus seinen Darlegungen nicht ersichtlich, dass
er bei den griechischen Behörden um entsprechenden Schutz ersucht
habe oder er rechtlich gegen eine Verweigerung der Unterstützungsleis-
tungen vorgegangen wäre. Es wäre ihm jedoch zuzumuten gewesen, sich
an eine höhere Instanz zu wenden, um seine Rechte geltend zu machen.
Auch in Anbetracht der gegenwärtigen Asylpolitik Griechenlands betrachte
der Bundesrat Griechenland – gestützt auf Art. 83 Abs. 5 AIG – als Staat,
in welchen die Rückkehr in der Regel zumutbar sei. Es würden keine ver-
dichteten Hinweise darauf bestehen, dass ihm Griechenland dauerhaft die
ihm gemäss der Richtlinie und der Flüchtlingskonvention zustehenden mi-
nimalen Lebensbedingungen vorenthalten und ihn einer existenziellen Not-
lage aussetzen würde. Der Antrag der Rechtsvertretung, wonach im vorlie-
genden Fall aufgrund von deutlichen Hinweisen auf Wegweisungsvollzugs-
hindernisse eine eingehende Ermessensausübung erfolgen müsse, sei da-
her zurückzuweisen.
M.
Mit undatierter Eingabe (Postaufgabe: 10. September 2020) erhob der Be-
schwerdeführer Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht. Er bean-
tragte, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben und eventualiter zur
Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Subeventualiter sei die
Unzulässigkeit und Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs festzustel-
len. In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuchte er um die Gewährung der
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unentgeltlichen Prozessführung inklusive Verzicht auf die Erhebung eines
Kostenvorschusses.
In der Beschwerdeschrift wird betreffend die Unzulässigkeit des Wegwei-
sungsvollzugs ausgeführt, dass systemische Menschenrechtsverletzun-
gen und substanzielle Mängel in Griechenland vorlägen und das griechi-
sche Asylsystem seit längerem nicht nur für Asylsuchende, sondern auch
für Personen mit Schutzstatus in Kritik stehe. Angesichts der sich ver-
schlechternden Situation von Flüchtlingen in Griechenland und der jüngs-
ten Gesetzesänderung vom März 2020 könne die Sicherheitsvermutung
des SEM nicht ohne weitere Abklärungen aufrechterhalten werden. Grie-
chenland halte sich nicht an seine völkerrechtlichen Verpflichtungen, ins-
besondere diejenigen aus der im Entscheid erwähnten Qualifikationsricht-
linie sowie Art. 3 EMRK und sehe keine Integrationsmassnahmen im Sinne
von Art. 34 Qualifikationsrichtlinie für Personen mit Schutzstatus vor. Es
drohe dem Beschwerdeführer als besonders verletzliche Person in Grie-
chenland aufgrund der neuen Gesetzeslage eine existenzbedrohliche Not-
lage, welche eine unmenschliche beziehungsweise erniedrigende Behand-
lung im Sinne von Art. 3 EMRK darstelle. Selbst der EGMR habe im Urteil
M.S.S. gegen (...) und Griechenland festgehalten, dass eine EGMR-Be-
schwerde gegen Griechenland von Griechenland aus illusorisch sei. Es sei
– so der Beschwerdeführer weiter – abwegig und unplausibel, dass er sich
in Griechenland auf dem Rechtsweg sein Recht auf Unterbringung und
Fürsorge einfordern könnte, zumal das Recht auf eine Unterkunft und fi-
nanzielle Unterstützung von Personen mit Schutzstatus mit dem neuen Ge-
setz bewusst abgeschafft worden sei. Da diese Rechte gesetzlich nicht
mehr existierten, könnten sie auch nicht eingeklagt werden. Zudem bestün-
den Parallelen zur Tarakhel-Rechtsprechung des EGMR, so dass die
Schweizer Behörden von Griechenland die Zusicherung erhalten sollten,
dass für eine adäquate, kindgerechte Unterbringung gesorgt sei sowie der
Zugang zu medizinischer Versorgung und Nahrung bestehe.
Hinsichtlich der Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs verkenne die
Vorinstanz, dass der Beschwerdeführer einer Gruppe der vulnerablen
Menschen angehöre. Aufgrund seiner Erlebnisse in Afghanistan habe er
massive psychische Beschwerden. Die griechischen Behörden hätten
zwar die Voraussetzungen für die Gewährung des subsidiären Schutzes
als gegeben gesehen, jedoch faktisch keinen ausreichenden Schutz ge-
mäss Flüchtlingskonvention und Qualifikationsrichtlinie bieten können. Die
Folgen seiner Erlebnisse – auch in Griechenland – seien erst in der
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Schweiz von den Ärzten richtig diagnostiziert und behandelt worden. Fer-
ner sei er minderjährig und Analphabet, was die Interessensabwägung un-
ter deutlich höhere Anforderungen stelle. Gemäss Rechtsprechung des
Bundesverwaltungsgerichts sei auch bei einer Wegweisung in einen an-
geblich sicheren europäischen Drittstaat die einschlägige Rechtsprechung
in Zusammenhang mit der Anordnung des Wegweisungsvollzugs von un-
begleiteten Minderjährigen heranzuziehen, wonach das SEM von Amtes
wegen verpflichtet sei, spezifische Abklärungen der persönlichen Situation
unter dem Blickwinkel des Kindeswohls vorzunehmen, ansonsten der
Sachverhalt nicht als korrekt und vollständig festgestellt gelte. Gemäss
Art. 69 Abs. 4 AIG habe das SEM vor einer Ausschaffung von unbegleiteten
Minderjährigen sicherzustellen, dass diese im Rückkehrstaat einem Fami-
lienmitglied, einem Vormund oder einer Aufnahmeeinrichtung übergeben
würden, welche den Schutz des Kindes gewährleiste. Solche individuellen
Garantien von griechischen Behörden seien seitens des SEM nicht einge-
holt worden. Damit sei die Untersuchungspflicht wie auch Bundesrecht be-
züglich Angemessenheit verletzt worden.
Schliesslich habe die Behandlung dieser Rechtsfragen im Rahmen des be-
schleunigten Verfahrens und einer fünftägigen Beschwerdefrist das Recht
auf wirksame Beschwerde gemäss Art. 13 EMRK verletzt. Die Rechtsver-
tretung habe sich nicht ausgiebiger mit dem Einzelfall auseinandersetzen
und die Rechtsprechung auf Ebene EGMR und BVGer nicht im Detail kon-
sultieren können. Die Sache sei – eventualiter – zu detaillierteren Abklä-
rungen, insbesondere zu Alter, Gesundheit und individuellen Garantien, an
die Vorinstanz zurückzuweisen.
N.
Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am
11. September 2020 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 1 AsylG).
O.
Mit superprovisorischer Massnahme vom 11. September 2020 verfügte die
Instruktionsrichterin per sofort einen einstweiligen Vollzugsstopp.
P.
Am 15. September 2020 verfügte die Instruktionsrichterin, der Beschwer-
deführer dürfe den Ausgang des Verfahrens in der Schweiz abwarten,
hiess das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gut,
verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und lud die Vo-
rinstanz zur Vernehmlassung ein.
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Q.
Mit Vernehmlassung vom 28. September 2020 hielt das SEM mit ergän-
zenden Ausführungen an seinem Entscheid fest. Eine Überstellung (recte:
ein Wegweisungsvollzug) nach Griechenland vermöge kein «real risk» im
Sinne von Art. 3 EMRK zu begründen. Die Schilderungen des Beschwer-
deführers betreffend seine Situation in Griechenland würden durch keine
eingereichten Beweismittel belegt und ihm gelinge der Nachweis nicht,
dass er in Griechenland nicht von den garantierten Rechten für Personen
mit Schutzstatus profitieren könne. Das in der Beschwerdeschrift zitierte
EGMR-Urteil M.S.S. gegen (...) und Griechenland beziehe sich auf die
Überstellung von Asylbewerbern nach Griechenland im Rahmen der Dub-
lin-Verordnung und ziele somit am Gegenstand des vorliegenden Verfah-
rens vorbei.
Das SEM habe eingehend dargelegt, weshalb vorliegend nicht von der
Minderjährigkeit des Beschwerdeführers ausgegangen werden könne. Die
Beschwerdeschrift setze sich nicht inhaltlich mit den Argumenten des SEM
auseinander und lege keine Unterlagen ins Recht, welche seine behaup-
tete Altersangabe stützen würden. Die Vorinstanz erachte daher den in
Frage gestellten Sachverhalt als korrekt und vollständig festgestellt. Als
volljährige Person falle der Beschwerdeführer nicht unter die Gruppe der
vulnerablen Personen, womit für das SEM die Pflicht entfalle, bei den grie-
chischen Behörden für eine Rücküberstellung (recte: Wegweisungsvoll-
zug) Garantien einzuholen. Mithin sei es ihm nicht gelungen, die Regelver-
mutung, wonach ein Wegweisungsvollzug nach Griechenland zumutbar
sei, umzustossen.
R.
In seiner Replik vom 14. Oktober 2020 macht der Beschwerdeführer gel-
tend, die Vorinstanz verkenne nach wie vor die prekäre Lage der Menschen
mit Schutzstatus in Griechenland. Ihre Antwort beinhalte keine fallbezoge-
nen und begründeten Argumente zu dem in der Beschwerde Geschilder-
ten. Flüchtlinge mit subsidiärem Schutz seien in dem überforderten Grie-
chenland nach Gewährung vom Status sehr wohl massiven Menschen-
rechtsverletzungen ausgesetzt, in dem ihnen die staatliche Unterstützung
und Versorgung faktisch zur Gänze entzogen werde. In der Folge würden
sie in existenzbedrohlichen Verhältnissen auf der Strasse landen, wo sie
erneut schutzlos Gewalt, Schmerz und Erniedrigungen ausgesetzt seien.
Dem Verlust an Unterkunft, der Einstellung der finanziellen Unterstützung
sowie dem weitgehenden Ausschluss oder zumindest dem erschwerten
Zugang zur Gesundheitsversorgung gebühre mehr Berücksichtigung. Das
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SEM beschränke sich darauf, dass die Verfügbarkeit eines Rechtsweges
an den EGMR des Beschwerdeführers zur Wahrung seiner Interessen the-
oretisch bestehe, ohne sich jedoch damit auseinanderzusetzen, ob er als
Ausländer und Analphabet konkret Zugang zu diesem erhalten würde. Die
Aufnahme des Bundesrates von Griechenland auf die Liste der sogenann-
ten «safe countries» im Sinne von Art. 83 Abs. 5 AIG entbinde die Vor-
instanz nicht von der gesetzlichen Aufgabe, konkret zu untersuchen, inwie-
fern die Lage einer Personengruppe, wie die der Flüchtlinge mit Schutzsta-
tus, sich in dem Land verändere beziehungsweise verschlechtere. Die Prü-
fung allfälliger Wegweisungsvollzugshindernisse müsse in Anbetracht der
persönlichen Lage des Beschwerdeführers als eine psychisch labile und
somit vulnerable Person erfolgen. Die bei ihm diagnostizierte Anpassungs-
störung mit depressiver Reaktion sowie der Verdacht auf eine posttrauma-
tische Belastungsstörung sei in der Vernehmlassung des SEM jedoch mit
keinem Wort erwähnt worden.
Einzig aus dem Grund, dass die asylsuchende Person keine Identitätspa-
piere einreiche, dürfe nicht der Schluss gezogen werden, dass ihre Min-
derjährigkeit unglaubhaft sei. Mit Verweis auf zwei Urteile des Bundesver-
waltungsgerichts (E-5785/2006 und E-594/2015) führt der Beschwerdefüh-
rer aus, das SEM hätte bei seiner Konstellation weitere Abklärungen treffen
müssen und nicht ohne Weiteres auf die Volljährigkeit schliessen dürfen.
Er sei nicht in Besitz seiner persönlichen Unterlagen wie etwa einer Taz-
kera, was jedoch bei afghanischen Flüchtlingen keine Seltenheit darstelle.
Im Verfahren habe er in Bezug auf sein Alter nur solche Angaben machen
können, welche ihm höchst wahrscheinlich aus seinen familiären Überlie-
ferungen bekannt seien. Trotz seiner kontinuierlichen Angaben, minderjäh-
rig zu sein, und seiner Bereitschaft, sich medizinischen Abklärungen zu un-
terziehen, seien diesbezüglich behördlich keine Schritte in die Wege gelei-
tet worden, obwohl das der Behörde zumutbar und möglich gewesen wäre
und sei. Damit habe sie den Untersuchungsgrundsatz verletzt.
S.
Mit Verfügung des SEM vom 23. Oktober 2020 wurde der Beschwerdefüh-
rer dem Kanton C._ zugewiesen.
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Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurtei-
lung von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig
und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorlie-
gend – endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der Be-
schwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108
Abs. 3 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist
einzutreten.
1.3 Die Rechtsbegehren und die Begründung beschränken sich vorliegend
auf die Frage des Vollzugs der Wegweisung (Dispositiv-Ziffern 3 und 4),
weshalb einzig zu prüfen ist, ob der Wegweisungsvollzug zu Recht
angeordnet worden oder ob an der Stelle des Vollzugs eine vorläufige
Aufnahme anzuordnen ist.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Auf Beschwerdeebene wird gerügt, das SEM habe sich nicht genügend
mit der Bedeutung und den Auswirkungen der neuen Gesetzeslage in Grie-
chenland auf dort anerkannte Flüchtlinge sowie mit der besonderen Ver-
letzlichkeit des Beschwerdeführers aufgrund seiner Minderjährigkeit und
seiner psychischen Beschwerden auseinandergesetzt und damit die Be-
gründungs- sowie die Untersuchungspflicht verletzt. Weiter habe die Be-
handlung dieser Rechtsfragen im Rahmen des beschleunigten Verfahrens
das Recht auf wirksame Beschwerde gemäss Art. 13 EMRK verletzt. Diese
verfahrensrechtlichen Rügen sind vorab zu prüfen, da sie allenfalls geeig-
net wären, eine Kassation der vorinstanzlichen Verfügung zu bewirken (vgl.
BVGE 2013/34 E. 4.2; KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungsverfahren und
Verwaltungsrechtspflege des Bundes; 3. Aufl. 2013, Rz. 1043 ff. m.w.H.).
E-4480/2020
Seite 15
3.2
3.2.1 Die in Art. 29a BV verankerte Rechtsweggarantie garantiert, dass
Rechtsstreitigkeiten mindestens einmal durch eine richterliche Instanz
überprüft werden können, die in tatsächlicher wie in rechtlicher Hinsicht
über eine umfassende Prüfungsbefugnis verfügt. Art. 29a BV vermittelt
dem Einzelnen mithin einen Anspruch auf effektiven gerichtlichen Rechts-
schutz (vgl. Urteil des BVGer E-6713/2019 vom 9. Juni 2020 E. 9.3 m.w.H.,
zur Publikation vorgesehen). In dieselbe Richtung weist Art. 13 EMRK.
Nach dieser Bestimmung hat jede Person, die eine (drohende) Verletzung
ihrer Konventionsrechte plausibel geltend macht, das Recht, bei einer in-
nerstaatlichen Instanz eine wirksame Beschwerde zu erheben (vgl. Urteil
des EGMR vom 25. März 1983, Nr. 5947/72, Silver und andere gegen Ver-
einigtes Königreich, § 113). Die durch Art. 13 EMRK gewährleistete Verfah-
rensgarantie ist akzessorisch und kann nur in Verbindung mit materiellen
Konventionsrechten und -freiheiten angerufen werden. Weil mit der ab-
schlägigen Beurteilung eines Asylgesuchs regelmässig die Anordnung des
Wegweisungsvollzugs einhergeht, kommt Art. 3 EMRK in Gestalt des Non-
Refoulement-Gebots zum Tragen (vgl. Urteil des BVGer E-6713/2019 vom
9. Juni 2020 E. 9.4 m.w.H.).
3.2.2 Eine Beschwerde gegen Nichteintretensentscheide – die vom SEM
im Übrigen innert 5 Arbeitstagen zu fällen sind (Art. 37 Abs. 5 AsylG) – ist
innerhalb von fünf Arbeitstagen einzureichen (vgl. Art. 108Abs. 3 AsylG).
Das Bundesverwaltungsgericht ist durch Art. 190 BV an diese
Gesetzesordnung gebunden. Der Bundesrat erachtete aber angesichts der
derart kurzen Frist einen wirksamen und effektiven Rechtsschutz (mit
Einschluss einer Rechtsvertretung) als notwendig und verfassungs-
rechtlich geboten. Er formulierte, es müsse sichergestellt sein, dass die
Betroffenen effektiven Zugang zum Gericht erhalten und ihr Recht auf eine
wirksame Beschwerde wahrnehmen könnten, dies unter Hinweis auf
Art. 29a BV, Art. 6 und Art. 13 EMRK (vgl. Botschaft BBl 2014 7991, 8054,
mit Hinweisen auch auf die Ausführungen des Bundesrates in der
Botschaft zur Änderung des Asylgesetzes vom 26. Mai 2010, 10.052,
S. 4502 f.).
3.2.3 Die anfangs des vorinstanzlichen Asylverfahrens zugeordnete
Rechtsvertretung ist bei Beginn des Fristenlaufs der Beschwerdefrist be-
reits über den Fall im Bilde. Ausserdem wird der Rechtsvertretung vor Ent-
scheideröffnung ein Entscheidentwurf zur Stellungnahme unterbreitet, was
vorliegend korrekt gehandhabt wurde. Die Frist zur Einreichung einer Stel-
lungnahme ist zwar ebenfalls sehr kurz bemessen. Dem Beschwerdeführer
E-4480/2020
Seite 16
beziehungsweise seiner Rechtsvertretung wäre indes offen gestanden,
beim SEM um Fristerstreckung zur Einreichung einer Stellungnahme zu
ersuchen, was gemäss den vorinstanzlichen Akten vorliegend nicht erfolgt
ist. Der Umstand, dass er mithilfe seiner Rechtsvertretung fristgerecht eine
Beschwerde einreichen konnte, zeigt ferner auf, dass er in der Lage war,
sein Recht auf eine wirksame Beschwerde wahrzunehmen. Nach dem Ge-
sagten ist vorliegend keine Verletzung der Rechtsweggarantie beziehungs-
weise des Rechts auf eine wirksame Beschwerde feststellbar.
Ergänzend ist festzustellen, dass das vorliegende vorinstanzliche Verfah-
ren länger als die vorgesehene Ordnungsfrist von 5 Tagen für die Fällung
eines Nichteintretensentscheids dauerte, was dem schon damals professi-
onell vertretenen Beschwerdeführer ebenfalls Zeit liess, hinsichtlich seiner
Gesundheit, seines Alters und der Situation in Griechenland weitere Be-
lege ins Recht zu legen.
3.3
3.3.1 Die Einhaltung des Untersuchungsgrundsatzes und die Beachtung
der Begründungspflicht sind als aus dem Anspruch auf rechtliches Gehör
abgeleitete Teilaspekte getrennt zu prüfen.
3.3.2 Das Verwaltungs- respektive Asylverfahren wird vom Untersuchungs-
grundsatz beherrscht (Art. 12 VwVG i.V.m. Art. 6 AsylG). Gemäss
Art. 12 VwVG stellt die Behörde den Sachverhalt von Amtes wegen fest
und bedient sich nötigenfalls der unter Buchstaben a-e aufgelisteten Be-
weismittel. Die Behörde hat von Amtes wegen für die richtige und vollstän-
dige Abklärung des rechtserheblichen Sachverhaltes zu sorgen, die für das
Verfahren notwendigen Unterlagen zu beschaffen, die rechtlich relevanten
Umstände abzuklären und ordnungsgemäss darüber Beweis zu führen
(BVGE 2015/10 E. 3.2 m.w.H.). Die Behörde ist dabei jedoch nicht ver-
pflichtet, zu jedem Sachverhaltselement umfangreiche Nachforschungen
anzustellen. Zusätzliche Abklärungen sind vielmehr nur dann vorzuneh-
men, wenn sie aufgrund der Aktenlage als angezeigt erscheinen (vgl. dazu
AUER/BINDER, in: Auer/Müller/Schindler [Hrsg.], Kommentar zum Bundes-
gesetz über das Verwaltungsverfahren [VwVG], 2. Aufl. 2019, Rz. 16 zu
Art. 12).
Die Vorinstanz hat die Ausführungen des Beschwerdeführers im Rahmen
der Stellungnahme vom 1. September 2020 zum Entwurf der angefochte-
nen Verfügung entgegengenommen, in der angefochtenen Verfügung gel-
http://links.weblaw.ch/BVGE-2015/10
E-4480/2020
Seite 17
tend gemachte Sachverhaltselemente explizit aufgenommen (neue Ge-
setzgebung in Griechenland, Umsetzung der Qualifikationsrichtlinie durch
Griechenland, Gesundheitszustand und Alter) und in ihrem Kerngehalt zur
Entscheidfindung herangezogen. Indem das SEM auf bestehende Sicher-
heitsvermutungen für Griechenland hinweist und den Beschwerdeführer
hinsichtlich der Durchsetzung von Ansprüchen insbesondere gemäss Qua-
lifikationsrichtlinie auf die Beschreitung von dort zur Verfügung stehenden
Behördengängen und Rechtswegen verweist, beinhaltet dies durchaus
auch die geforderte individuelle Komponente der Situation des Beschwer-
deführers. Das SEM hatte, wie sich auch aufgrund nachstehender materi-
eller Beurteilung der Sache ergibt, keine objektive Veranlassung zur Vor-
nahme weiterer Untersuchungen betreffend den Zugang des Beschwerde-
führers zu den ihm in Griechenland zustehenden Rechten und bean-
spruchbaren Leistungen im Hinblick auf die Beurteilung der Zulässigkeits-
frage unter dem Aspekt des im Rahmen von Art. 3 EMRK massgeblichen
«real risk».
Aufgrund des Untersuchungsgrundsatzes besteht für das SEM die Pflicht
zur grundsätzlichen Berücksichtigung der Minderjährigkeit des Beschwer-
deführers. In der angefochtenen Verfügung wird dargetan, weshalb das
SEM auf eine medizinische Altersabklärung verzichtete und anhand der
vorliegenden Angaben des Beschwerdeführers und gestützt auf dessen
Mitwirkungspflicht ohne weitere Sachverhaltsabklärungen seinen Ent-
scheid traf. Angesichts der vorliegenden Altersangabe ([...]-jährig) ist nach-
vollziehbar, dass keine medizinischen Abklärungen getätigt wurden, sind
diese im Sinne der Rechtsprechung (vgl. EMARK 2000 Nr. 19; 2001 Nr. 23;
2004 Nr. 30) bei einem kleinen Altersunterschied zur Volljährigkeit doch
kaum aussagekräftig und nicht alleine ausschlaggebend für die Beurteilung
der Minder- beziehungsweise Volljährigkeit. Unter diesen Umständen gab
es für das SEM keinen Anlass, die Erstellung eines Altersgutachtens in Auf-
trag zu geben. Da das SEM von der Volljährigkeit des Beschwerdeführers
ausging, hat es zurecht auch keine weiteren Abklärungen hinsichtlich des
Kindswohls im Zusammenhang mit dem Wegweisungsvollzug getätigt. Ob
das SEM zurecht von der Volljährigkeit ausging ist eine materielle Frage,
die unter diesem Aspekt vom Gericht zu prüfen sein wird (vgl. E. 4.3).
Zusammenfassend sind weder eine unvollständige Feststellung des Sach-
verhalts noch eine Verletzung der Untersuchungspflicht zu erkennen.
Diese Rüge ist unbegründet.
E-4480/2020
Seite 18
3.3.3 Das SEM tut seiner Begründungspflicht dann Genüge, wenn es im
Rahmen der Begründung die wesentlichen Überlegungen nennt, welche
es seinem Entscheid zugrunde legt. Die Vorinstanz hat in einer Gesamt-
würdigung nachvollziehbar aufgezeigt, von welchen Überlegungen sie sich
leiten liess. Sie hat sich zum Anwendungsbereich der neuen Gesetzeslage
und zu deren rechtlichen Auswirkungen auf anerkannte Flüchtlinge in Grie-
chenland geäussert. Sie hat die wesentlichen Ansprüche des Beschwerde-
führers insbesondere gemäss der Qualifikationsrichtlinie dargelegt und die
Subsumption nach Massgabe der für die Zulässigkeitsfrage relevanten völ-
kerrechtlichen Bestimmung in allgemeiner und individueller Hinsicht vorge-
nommen. Sie zeigte nachvollziehbar und im Einzelnen hinreichend diffe-
renziert auf, von welchen Überlegungen sie sich bei der Schlussfolgerung,
der Beschwerdeführer habe betreffend sein behauptetes Alter unglaub-
hafte Angaben gemacht und mithin die Mitwirkungspflicht verletzt, leiten
liess (vgl. angefochtene Verfügung Ziff. II. und III. 2.). Sie hat in der ange-
fochtenen Verfügung auch dargelegt, aufgrund welcher Überlegungen sie
zum Schluss gekommen ist, dass die Voraussetzungen für einen Nichtein-
tretensentscheid gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. a AsylG erfüllt sind und der
Wegweisungsvollzug als zulässig, zumutbar und möglich zu erachten ist.
Das SEM ist demnach den Anforderungen an die Begründungspflicht ge-
recht geworden.
3.4 Insgesamt setzte sich die Vorinstanz mit sämtlichen wesentlichen Vor-
bringen des Beschwerdeführers auseinander. Ob ihre Schlussfolgerungen
inhaltlich zutreffen, betrifft die rechtliche Würdigung der Sache und somit
eine materielle Frage. Eine Verletzung der Untersuchungs- und Begrün-
dungspflicht ist demnach nicht zu erkennen. Die formellen Rügen erweisen
sich als unbegründet. Es besteht keine Veranlassung, die angefochtene
Verfügung aufzuheben und die Sache an die Vorinstanz zurückzuweisen.
Das Gericht hat in der Sache zu entscheiden (Art. 61 Abs. 1 VwVG).
4.
4.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
E-4480/2020
Seite 19
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
4.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz (insb. Art. 5 Abs. 1 AsylG, Art. 33 Abs. 1 FK, Art. 25 Abs. 3 BV,
Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und
andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder
Strafe [FoK, SR 0.105] und Art. 3 EMRK) einer Weiterreise der Ausländerin
oder des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat ent-
gegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AIG). Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der
Vollzug für Ausländerinnen und Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im
Heimat- oder Herkunftsstaat aufgrund von Situationen wie Krieg, Bürger-
krieg, allgemeiner Gewalt und medizinischer Notlage konkret gefährdet
sind. Wird eine konkrete Gefährdung festgestellt, ist – unter Vorbehalt von
Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige Aufnahme zu gewähren. Der Vollzug ist
schliesslich nicht möglich, wenn die Ausländerin oder der Ausländer weder
in den Heimat- oder in den Herkunftsstaat noch in einen Drittstaat ausrei-
sen oder dorthin gebracht werden kann (Art. 83 Abs. 2 AIG).
Der Bundesrat bezeichnet Heimat- oder Herkunftsstaaten oder Gebiete
dieser Staaten, in welche eine Rückkehr zumutbar ist. Kommen weg- oder
ausgewiesene Ausländerinnen und Ausländer aus einem dieser Staaten
oder aus einem Mitgliedstaat der EU oder der EFTA, so ist ein Vollzug der
Weg- oder Ausweisung in der Regel zumutbar (Art. 83 Abs. 5 AIG).
4.3 Vorab ist zu prüfen, ob das SEM zurecht von der Volljährigkeit des Be-
schwerdeführers ausgegangen ist.
4.3.1 Bleibt eine Tatsache trotz vollständiger Feststellung des rechtserheb-
lichen Sachverhalts unbewiesen, ist auf die Regeln zur Beweislastvertei-
lung abzustellen. Die Beweislast für die Minderjährigkeit obliegt der asyl-
suchenden Person. Wurde der Sachverhalt abschliessend festgestellt und
ist es dem Betroffenen nicht gelungen, die behauptete Minderjährigkeit
glaubhaft zu machen, hat er die Folgen zu tragen und wird als volljährig
betrachtet (vgl. BVGE 2019 I/6 E. 5.1 ff.).
4.3.2 Wie von der Vorinstanz ausgeführt, ergeben sich in Bezug auf Anga-
ben zum Alter des Beschwerdeführers – insbesondere betreffend seine
Identitätspapiere (vgl. A11 und A42) und die Kenntnis seines Geburtsda-
tums (vgl. A13 und A42 Ziff. 1.06) – Widersprüche, welche nicht mit den
von ihm vorgebrachten Begründungen erklärt werden können. Ein solches
E-4480/2020
Seite 20
Aussageverhalten lässt erhebliche Zweifel an der persönlichen Glaubwür-
digkeit des Beschwerdeführers aufkommen. Es bleibt auch eine blosse Be-
hauptung, dass er in Griechenland angab, (...)jährig zu sein, da er gemäss
dem griechischen Antwortschreiben mit dem Geburtsdatum (...) registriert
ist. Weiter habe er gemäss (...) Behörden in (...) ausgesagt, älter als
(...)jährig zu sein (vgl. A25). Auch in der Beschwerde wird seine Minder-
jährigkeit lediglich behauptet. Angesichts der Tatsache, dass er keine
rechtsgenüglichen Identitätspapiere vorgelegt hat – gemäss Art. 1a Bst. c
der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) kann ein
Identitätspapier nur ein amtliches Dokument mit Fotografie sein, welches
zum Zweck des Nachweises der Identität seiner Inhaberin oder seines In-
habers ausgestellt wurde – und aufgrund seiner unstimmigen Aussagen zu
seinem Alter ist die Vorinstanz zu Recht von der Volljährigkeit des Be-
schwerdeführers ausgegangen.
4.3.3 Das Bundesverwaltungsgericht geht nach dem Festgestellten eben-
falls von der Volljährigkeit des Beschwerdeführers aus und sieht sich eben-
falls nicht veranlasst, eine Altersabklärung in Auftrag zu geben. Der ent-
sprechende Antrag ist auch auf Beschwerdestufe abzuweisen.
Der Beschwerdeführer kann sich somit aufgrund seiner festgestellten Voll-
jährigkeit bei der Prüfung der Zulässigkeit beziehungsweise Zumutbarkeit
des Wegweisungsvollzugs nicht auf die schweizerische Gesetzgebung für
unbegleitete Minderjährige berufen.
4.4 In einem nächsten Schritt ist zu prüfen, ob das SEM zurecht festhielt,
dass der Wegweisungsvollzug des Beschwerdeführers nach Griechenland
zulässig, zumutbar und möglich ist.
4.4.1 Das Gericht geht in konstanter Rechtsprechung grundsätzlich davon
aus, dass Griechenland als Signatarstaat der EMRK, der FoK und der FK
sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967 (SR 0.142.301)
seinen entsprechenden völkerrechtlichen Verpflichtungen nachkommt.
Das Vorliegen eines Vollzugshindernisses unter dem Aspekt der Zulässig-
keit bei Personen, denen von den griechischen Behörden ein Schutzstatus
verliehen wurde, wird vom Bundesverwaltungsgericht praxisgemäss nur
unter sehr strengen Voraussetzungen bejaht. Das Gericht anerkennt, dass
die Lebensbedingungen in Griechenland schwierig sind. Dennoch ist ge-
mäss Rechtsprechung diesbezüglich nicht von einer unmenschlichen oder
entwürdigenden Behandlung im Sinne von Art. 3 EMRK respektive einer
existenziellen Notlage auszugehen (so insb. Urteil des BVGer D-559/2020
E-4480/2020
Seite 21
vom 13. Februar 2020 E. 8.2 m.w.H. [als Referenzurteil publiziert]). Der
Beschwerdeführer macht im Wesentlichen geltend, seit der neuen Geset-
zeslage vom März 2020 würde in Griechenland bereits anerkannten Flücht-
lingen die Möglichkeit entzogen, ihr Recht auf Wohnung sowie auf Sach-
und Geldleistungen gerichtlich geltend zu machen. Demzufolge sei die
Schutzinfrastruktur in Griechenland in einem derart hohen Masse einge-
schränkt worden, dass − wie es insbesondere auch auf den Beschwerde-
führer als vulnerable Person zutreffe − von einer Verletzung von Art. 3
EMRK auszugehen sei. Dieser Einschätzung folgt das Gericht nicht. Es ist
nicht zu erwarten, dass die neue Gesetzeslage generell und bezüglich des
Beschwerdeführers persönlich ein "real risk" bewirken würde, unweigerlich
einer menschenrechtswidrigen Lebenssituation ausgesetzt zu werden. Wie
das SEM in Bezug auf die neue Rechts- und Sachlage in Griechenland zu
Recht ausführte, ist nicht davon auszugehen, dass Griechenland sich in
einen Widerspruch zu seinen völkerrechtlichen Verpflichtungen begeben
wird. Abgesehen davon kann etwa auf das Urteil des Bundesverwaltungs-
gerichts E-2508/2020 vom 24. September 2020 verwiesen werden, dem
ebenfalls die Vorbringen zur Beurteilung zugrunde lagen, in Griechenland
hätten anerkannte Schutzberechtigte keinen Zugang zu Arbeit oder zu So-
zialleistungen, erhielten keinerlei Unterstützung bei der Suche nach einer
Wohnung, müssten gleich nach ihrer Anerkennung die Flüchtlingsunter-
künfte verlassen, weshalb ihnen die Obdachlosigkeit drohe und ihnen der
Zugang zu entsprechenden Leistungen durch überhöhte formelle Anforde-
rungen illusorisch gemacht würde. Zudem habe Griechenland seine Asyl-
politik in jüngster Zeit erneut verschärft, wovon auch die Ankündigung des
Migrationsministers, sämtliche finanzielle Unterstützung für anerkannte
Flüchtlinge komplett einzustellen, zeuge. Auch in diesem Urteil ging das
Gericht nicht davon aus, die bekannten Unzulänglichkeiten würden in einer
Weise auftreten, welche darauf schliessen liesse, Griechenland sei grund-
sätzlich nicht gewillt oder nicht fähig, Schutzberechtigten die ihnen zu-
stehenden Rechte und Ansprüche zu gewähren beziehungsweise dass
diese bei Bedarf nicht auf dem Rechtsweg durchgesetzt werden könnten
(vgl. a.a.O. E. 6). Im Falle einer Verletzung der Garantien der EMRK steht
zudem gestützt auf Art. 34 EMRK letztlich nach wie vor der Rechtsweg an
den EGMR offen (vgl. Urteil des BVGer D-559/2020 vom 13. Februar 2020
E. 8.2). Der Beschwerdeführer hat nicht erwähnt, dass er bei den griechi-
schen Behörden um entsprechenden Schutz ersucht habe. Ausserdem ist
nicht ersichtlich, dass er rechtlich gegen eine Verweigerung von Unterstüt-
zungsleistungen vorgegangen wäre. Aufgrund der Akten liegen folglich
keine hinreichenden Anhaltspunkte dafür vor, dass für den Beschwerde-
führer persönlich ein "real risk" bestehen würde, bei einer Rückkehr nach
E-4480/2020
Seite 22
Griechenland dort einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen
Strafe oder Behandlung ausgesetzt zu werden. Die blosse Möglichkeit, in
nicht absehbarer Zeit aus nicht vorausschaubaren Gründen in eine derart
missliche Lebenssituation getrieben zu werden, die einer Aussetzung einer
existenziellen Notlage und andauernden menschenrechtswidrigen Be-
handlung gleichkäme, vermag die Schwelle zu einem entsprechenden
"real risk" nicht zu überschreiten.
Es ist zudem mit dem SEM festzuhalten, dass Griechenland ein Rechts-
staat ist, der über einen funktionierenden Polizei- und Justizapparat verfügt
(vgl. Urteil des BVGer D-559/2020 vom 13. Februar 2020 E. 9.2 m.w.H.;
Urteil des BVGer E-4234/2018 vom 30. Juli 2018 E. 6.3.3, m.w.H.). Wenn
der Beschwerdeführer geltend macht, in Griechenland keine Sicherheit ge-
habt zu haben, kann er sich an die griechischen Behörden wenden und die
erforderliche Hilfe nötigenfalls auf dem Rechtsweg einfordern (vgl. Urteil
des BVGerD-559/2020 vom 13. Februar 2020 E. 8.2 und 9.1).
Auch hat der Beschwerdeführer hinsichtlich seines Gesundheitszustands
und der in Griechenland allenfalls benötigten medizinischen Infrastruktur
nicht glaubhaft machen können, dass ihm dort eine ernsthafte, rapide und
irreversible Verschlechterung des Gesundheitszustands, verbunden mit
übermässigem Leiden oder einer bedeutenden Verkürzung der Lebenser-
wartung, drohen würde. Gemäss Praxis des EGMR kann der Vollzug der
Wegweisung eines abgewiesenen Asylsuchenden mit gesundheitlichen
Problemen im Einzelfall einen Verstoss gegen Art. 3 EMRK darstellen; hier-
für sind jedoch ganz aussergewöhnliche Umstände Voraussetzung (vgl.
Urteil Paposhvili gegen (...) vom 13. Dezember 2016, 41738/10 §183). Eine
solche Situation ist vorliegend nicht gegeben. Griechenland verfügt als EU-
Staat über eine hinreichende medizinische Infrastruktur für die vorliegend
ausgewiesenen Gesundheitsbeschwerden. Das Land hat sich, wie im Ur-
teil E-3110/2020 des BVGer vom 24. Juni 2020 ausführlich dargelegt wor-
den ist (auf welche Erwägungen an dieser Stelle verwiesen werden kann
[vgl. a.a.O. E. 7.4 S. 13 f.]), völkerrechtlich verpflichtet, Asylsuchenden und
ausländischen Personen mit einem Schutzstatus die erforderlichen medi-
zinischen Behandlungen zur Verfügung zu stellen. Der bedauerliche aktu-
elle Gesundheitszustand des Beschwerdeführers vermag die Annahme der
Unzulässigkeit des Wegweisungsvollzugs nicht zu rechtfertigen. Der Be-
schwerdeführer ist gehalten, diese ihm zustehenden Rechte einzufordern
und nötigenfalls auf dem Rechtsweg durchzusetzen.
E-4480/2020
Seite 23
4.4.2 Gestützt auf Art. 83 Abs. 5 AIG besteht die Vermutung, dass eine
Wegweisung in einen EU- oder EFTA-Staat in der Regel zumutbar ist (vgl.
Anhang 2 der Verordnung über den Vollzug der Weg- und Ausweisung so-
wie der Landesverweisung von ausländischen Personen [VVWAL,
SR 142.281]). Der Bundesrat ist – auch in Anbetracht der gegenwärtigen
Asylpolitik Griechenlands – auf seine diesbezügliche Einschätzung, welche
periodisch zu überprüfen ist (vgl. Art. 83 Abs. 5bis AIG), denn bisher auch
nicht zurückgekommen.
Die Vorinstanz hat zutreffend auf die Verpflichtungen Griechenlands ge-
genüber Schutzberechtigten bezüglich Unterbringung, medizinischer Ver-
sorgung, Sozialhilfe und Erwerbstätigkeit hingewiesen, welche sich insbe-
sondere aus der Qualifikationsrichtlinie sowie aus der Flüchtlingskonven-
tion ergeben. Es bestehen keine verdichteten Hinweise darauf, Griechen-
land würde dem Beschwerdeführer dauerhaft die ihm gemäss der Richtli-
nie zustehenden minimalen Lebensbedingungen vorenthalten und ihn ei-
ner existenziellen Notlage aussetzen. Entgegen den Einwänden des Be-
schwerdeführers geht das Bundesverwaltungsgericht nach wie vor davon
aus, dass Personen mit Schutzstatus griechischen Bürgerinnen und Bür-
gern in Bezug auf Fürsorge, den Zugang zu Gerichten und den öffentlichen
Schulunterricht respektive mit anderen Ausländern und Ausländerinnen
beispielsweise in Bezug auf Erwerbstätigkeit oder die Gewährung einer
Unterkunft gleichgestellt sind (vgl. Art. 16-24 FK). Unterstützungsleistun-
gen und weitere Rechte können direkt bei den zuständigen Behörden ein-
gefordert werden, falls notwendig auf dem Rechtsweg. Die Schutzberech-
tigten können sich auf die Garantien in der Qualifikationsrichtlinie berufen,
insbesondere die Regeln betreffend den Zugang von Personen mit Schutz-
status zu Beschäftigung (Art. 26), zu Bildung (Art. 27), zu Sozialhilfeleis-
tungen (Art. 29), zu Wohnraum (Art. 32) und zu medizinischer Versorgung
(Art. 30). Es darf inskünftig vom Beschwerdeführer erwartet werden, sich
bei Unterstützungsbedarf an die griechischen Behörden zu wenden und
die erforderliche Hilfe nötigenfalls auf dem Rechtsweg einzufordern. Hin-
sichtlich dem Vorbringen des Beschwerdeführers auf Beschwerde- und
Replikebene, er könne aufgrund der neuen Gesetzeslage den Rechtsweg
nicht bestreiten, ist darauf hinzuweisen, dass es sich dabei um eine Partei-
behauptung handelt, welche weder begründet noch belegt wurde. Es ist
zwar durchaus möglich, dass ihm der Zugang zu innerstaatlichen Instan-
zen nicht mühelos alleine gelingt, obschon es sich bei Griechenland um
einen Rechtsstaat handelt, welcher an die Qualifikationsrichtlinie gebun-
den ist. Aber es gibt unterstützende Dienste wie beispielsweise Nichtregie-
E-4480/2020
Seite 24
rungsorganisationen, die ihm dabei behilflich sein können. Es ist ihm durch-
aus zumutbar, sich an diese zu wenden. Auch wenn also eine adäquate
Eingliederung des Beschwerdeführers in die sozialen Strukturen Griechen-
lands als anerkannter Flüchtling mit nicht zu verkennenden Erschwernis-
sen verbunden ist, vermögen die Vorbringen die hohen Anforderungen an
eine konkrete Gefährdung nicht zu erfüllen.
Den zu den Akten gereichten aktuellen medizinischen Berichten ist zu ent-
nehmen, dass der Beschwerdeführer medikamentös behandelt sowie eine
Psychotherapie indiziert wird. Gemäss den Unterlagen des SEM ist er seit
dem (...) August 2020 nicht mehr in ärztlicher Behandlung. Es sind den
Akten keine Hinweise darauf zu entnehmen, dass eine adäquate Behand-
lung in Griechenland nicht gegeben wäre. Die mit dem Vollzug der Weg-
weisung beauftragten schweizerischen Behörden werden die griechischen
Behörden vor der Durchführung der Wegweisung über die besonderen me-
dizinischen Bedürfnisse des Beschwerdeführers zu informieren und diesen
Umständen bei der Bestimmung geeigneter Vollzugsmodalitäten Rech-
nung zu tragen haben. Der Beschwerdeführer ist seinerseits gehalten, bei
der Vorbereitung seiner Rückkehr mit den Vollzugsbehörden zu kooperie-
ren, was seine geordnete und gut vorbereitete Rückkehr erleichtern würde.
Es steht ihm auch frei, von den Möglichkeiten der Rückkehrhilfe Gebrauch
zu machen (vgl. Art. 93 Abs. 1 Bst. d AsylG, Art. 75 der der Asylverordnung
2 vom 11. August 1999 [AsylV 2, SR 142.312]).
Ohne die psychischen Leiden des Beschwerdeführers und seine persönli-
chen Schwierigkeiten bei einer Rückkehr zu verkennen, ist aufgrund der
Aktenlage zusammenfassend nicht davon auszugehen, er gerate bei einer
Rückkehr nach Griechenland zwangsläufig in eine seine Existenz gefähr-
dende Situation, die als konkrete Gefährdung im Sinn von Art. 3 EMRK
oder Art. 83 Abs. 4 AIG zu werten wäre.
Nach dem Ausgeführten erweisen sich die Vorbringen des Beschwerde-
führers gegen den Wegweisungsvollzug unter dem Aspekt der Zumutbar-
keit ebenfalls als unbegründet.
4.4.3 Der Vollzug der Wegweisung ist schliesslich nach Art. 83 Abs. 2 AIG
möglich, da die griechischen Behörden einer Rückübernahme des Be-
schwerdeführers ausdrücklich zugestimmt haben, er dort über eine Aufent-
haltsbewilligung verfügt und den Akten keine Hinweise auf eine Reiseun-
fähigkeit zu entnehmen sind.
E-4480/2020
Seite 25
4.5 Zusammenfassend hat das SEM zu Recht den Wegweisungsvollzug
nach Griechenland als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet, wes-
halb die Anordnung der vorläufigen Aufnahme ausser Betracht fällt.
5.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, und auch sonst nicht zu beanstanden ist
(Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist abzuweisen.
6.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Beschwerde-
führer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da ihm aber mit Zwischenver-
fügung vom 15. September 2020 die unentgeltliche Prozessführung ge-
währt wurde und seither keine Veränderung der finanziellen Lage ersicht-
lich ist, sind keine Verfahrenskosten zu erheben.
(Dispositiv nächste Seite)
E-4480/2020
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