Decision ID: f160a0c8-e9d1-427b-a01c-a61659e6f2d1
Year: 2016
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a Die B._ GmbH war bei der Sozialversicherungsanstalt St. Gallen, Kantonale
Ausgleichskasse St. Gallen, als beitragspflichtige Arbeitgeberin angeschlossen. Am 16.
Juni 2009 wurde über die Gesellschaft der Konkurs eröffnet und am 19. Mai 2014 für
geschlossen erklärt (Online-Handelsregisterauszug, abgerufen am 17. Juni 2016). In
der Folge erliess die Sozialversicherungsanstalt am 27. August 2014 eine
Schadenersatzverfügung gegenüber dem alleinigen Gesellschafter und Geschäftsführer
A._ und verlangte Schadenersatz für entgangene Sozialversicherungsbeiträge in
Höhe von Fr. 58'758.95 (davon kantonalrechtliche Beiträge von Fr. 1'196.85 [act. G
3.2/20]). Dagegen liess der Belangte am 23. September 2014 Einsprache erheben.
Diese wurde damit begründet, dass der Schaden bereits mit Konkurseröffnung
eingetreten sei und die Ausgleichskasse zu diesem Zeitpunkt auch Kenntnis des
Schadens erhalten habe. Mithin sei die Forderung verjährt und die
Schadenersatzverfügung verspätet erfolgt (act. G 3.2/22).
A.b Mit Entscheid vom 1. Dezember 2014 wies die Sozialversicherungsanstalt die
Einsprache ab. Der Schaden entstehe, wenn anzunehmen sei, dass die geschuldeten
Beiträge aus rechtlichen oder tatsächlichen Gründen nicht mehr erhoben werden
könnten. Nach einer Konkurseröffnung stehe noch nicht fest, dass auch tatsächlich ein
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Schaden entstanden sei. Erst nach Auflage des Kollokationsplans habe die
Ausgleichskasse sicher sein können, dass der Schaden effektiv eingetreten sei. Die
blosse Möglichkeit eines Schadeneintritts könne also nicht genügen, um die Fristen
des Art. 52 Abs. 3 AHVG auszulösen (act. G 3.2/28). Nach erfolgter Beschwerde vom
15. Dezember 2014 - bemängelt wurde unter anderem eine Verweigerung des
rechtlichen Gehörs - hob die Sozialversicherungsanstalt den angefochtenen Entscheid
mit Wiedererwägungsentscheid vom 23. Januar 2015 auf und gab A._ nochmals
Gelegenheit zur ergänzenden Begründung seiner Einsprache (act. G 3.2/34). Diese
erfolgte mit Eingaben vom 30. Januar 2015 und vom 5. März 2015, wobei der
Einsprecher wiederum darauf hinwies, dass die absolute Verjährungsfrist mit der
Konkurseröffnung 16. Juni 2009 zu laufen begonnen habe und demzufolge bei
Verfügungserlass am 27. August 2014 bereits abgelaufen gewesen sei (act. G 3.2/36
und 40). Mit Entscheid vom 13. März 2015 wies die Sozialversicherungsanstalt die
Einsprache nochmals ab. Aus der alleinigen Tatsache, dass die in Frage stehende
Schadenersatzforderung (gemeint: Beitragsforderung) nach erfolgter Konkurseröffnung
nicht mehr auf dem ordentlichen Weg habe geltend gemacht werden können, könne
nicht geschlossen werden, dass der Schaden bereits mit der Konkurseröffnung definitiv
eingetreten sei. Erst nach Auflage des Kollokationsplans habe die Ausgleichskasse
sicher sein können, dass dies der Fall sei. Die blosse Möglichkeit eines eventuellen
Schadeneintritts nach erfolgter Konkurseröffnung am 16. Juni 2009 genüge
demgegenüber in Anbetracht der selbst für das Konkursamt komplexen und
unübersichtlichen Verhältnisse nicht, um die Fristen nach Art. 52 Abs. 3 ATSG
auszulösen. Sowohl die absolute als auch die relative Verjährungsfrist seien mit Ablauf
der Auflagefrist des Kollokationsplans, d.h. am 17. Dezember 2012, ausgelöst worden.
Schliesslich sei darauf hinzuweisen, dass die Verjährungsfristen - selbst wenn sie im
Zeitpunkt der Konkurseröffnung zu laufen begonnen hätten - durch die definitive
Forderungseingabe an das Konkursamt am 14. August 2009 unterbrochen worden
wären. Die Ausgleichskasse sei auch weiterhin tätig gewesen, etwa als sie nach Erhalt
des Verlustscheins am 15. Mai 2014 am 10. Juli 2014 den Einsprecher erstmals über
den Eintritt des Schadens informiert habe (act. G 3.2/41).
B.
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B.a Gegen diesen Entscheid richtet sich die vorliegende Beschwerde vom 2. April
2015 mit dem Antrag, die Beitragsverfügung (richtig: Schadenersatzverfügung) der
Beschwerdegegnerin vom 27. August 2014 und deren Einspracheentscheid vom 13.
März 2015 seien aufzuheben. Gemäss Wegleitung des Bundesamtes für
Sozialversicherung über den Bezug der Beiträge in der AHV, IV und EO (WBB), Rz 8020
in Verbindung mit Rz 8059 gelte der Schaden als eingetreten, sobald der geschuldete
Betrag aus rechtlichen oder tatsächlichen Gründen nicht mehr erhoben werden könne.
Dies sei der Fall, wenn die Arbeitgeberin zahlungsunfähig sei, also bei
Konkurseröffnung oder Ausstellung eines Verlustscheins. Dies werde vom
Bundesgericht in BGE 136 V 268 E. 2.6 bestätigt. Auch in AHI-Praxis 6/2003 (S. 433 E.
2.2) werde bestätigt, dass der von der Kasse erlittene Schaden mit dem Tag der
Konkurseröffnung als eingetreten gelte, denn ab diesem Zeitpunkt könnten die Beiträge
nicht mehr ordentlich eingefordert werden. Dies sei vorliegend am 16. Juni 2009
gewesen. Die absolute fünfjährige Verjährungsfrist habe somit am 17. Juni 2009
begonnen und am 16. Juni 2014 geendet. Die Schadenersatzverfügung vom 27.
August 2014 sei damit verspätet erfolgt (act. G 1).
B.b Mit Beschwerdeantwort vom 12. Mai 2015 beantragt die Beschwerdegegnerin
Abweisung der Beschwerde. Bei der Prüfung des Schadeneintritts sei auf die
Umstände des konkreten Einzelfalls abzustellen. Entgegen der Ansicht des
Beschwerdeführers könne nicht apodiktisch auf den Zeitpunkt der Konkurseröffnung
abgestellt werden. Es werde bestritten, dass zu diesem Zeitpunkt hinreichend
festgestanden habe, dass tatsächlich ein Schaden resultieren würde. Dies sei erst nach
Auflage des Kollokationsplans der Fall gewesen. Aus dem Umstand allein, dass ab
dem Zeitpunkt der Konkurseröffnung die Beiträge nicht mehr ordentlich hätten
eingefordert werden können, folge jedenfalls nicht, dass keine Möglichkeit bzw.
Aussicht bestanden habe, die Beiträge trotzdem noch erhältlich zu machen, zumal die
zur Diskussion stehenden Beitragsforderungen gemäss Art. 217 Abs. 4 SchKG
privilegierte Forderungen der zweiten Klasse darstellten (act. G 3).
B.c Mit Replik vom 18. Juni 2015 und Duplik vom 7. August 2015 halten die Parteien
an ihren Anträgen und Standpunkten fest, wobei die Beschwerdegegnerin nun
ausführt, dass erst mit Eintritt der Rechtskraft der Verlustscheine infolge Konkurses
vom 15. Mai 2014 aus konkursrechtlicher Sicht festgestanden habe, dass ihr ein
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Schaden entstanden sei. Selbst wenn auf die Konkurseröffnung abgestellt würde, wäre
deren Rechtskraft massgebend. Es sei unklar, wann diese eingetreten sei (act. G 5 und
7). Mit einer weiteren Eingabe vom 1. September 2015 hält der Beschwerdeführer dazu
fest, dass der Entscheid des Konkursgerichts gemäss Art. 174 SchKG innert zehn
Tagen angefochten werden könne. Art. 175 SchKG bestimme sodann, dass der
Konkurs von dem Zeitpunkt an als eröffnet gelte, in welchem er erkannt worden sei.
Auf Grund dieser gesetzlichen Bestimmungen stehe fest, dass das massgebende
Datum der 16. Juni 2009 sei, womit die Verfügung vom 27. August 2014 um über zwei
Monate zu spät ergangen sei (act. G 11).
B.d Am 15. Juli 2015 reicht der Rechtsvertreter eine Kostennote über Fr. 10'327.50 für
vorprozessuale Aufwendungen bzw. für die Abrechnungsperiode vom 5. September
2014 bis zum 18. Juni 2015 betreffend Vertretung durch die D._ AG ein und macht
unter Hinweis auf eine eigene Stundenaufstellung geltend, dass für die anwaltliche
Vertretung im Beschwerdeverfahren ein Zeitaufwand von 11.35 h entstanden sei (act. G
7 und G 7.1).

Erwägungen
1.
Fügt ein Arbeitgeber durch absichtliche oder grobfahrlässige Missachtung von
Vorschriften der Versicherung einen Schaden zu, so hat er diesen zu ersetzen. Handelt
es sich beim Arbeitgeber um eine juristische Person, so haften subsidiär die Mitglieder
der Verwaltung und alle mit der Geschäftsführung oder Liquidation befassten
Personen. Sind mehrere Personen für den gleichen Schaden verantwortlich, so haften
sie für den ganzen Schaden solidarisch (Art. 52 Abs. 1 und 2 AHVG). Der
Schadenersatzanspruch verjährt zwei Jahre, nachdem die zuständige Ausgleichskasse
vom Schaden Kenntnis erhalten hat, spätestens aber fünf Jahre nach Eintritt des
Schadens. Diese Fristen können unterbrochen werden. Der Arbeitgeber kann auf die
Einrede der Verjährung verzichten. Sieht das Strafrecht eine längere Frist vor, so gilt
diese (Art. 52 Abs. 3 AHVG).
2.
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Vorliegend ist umstritten, ob die Schadenersatzverfügung vom 27. August 2014 erst
nach Ablauf der fünfjährigen absoluten Verjährungsfrist ergangen ist. Die
Beschwerdegegnerin macht geltend, der Schaden sei erst eingetreten, nachdem der
Kollokationsplan aufgelegt worden sei bzw. sogar erst nach Erhalt der
Konkursverlustscheine vom 15. Mai 2014 (vgl. act. G 3.3/326 f.). Erst zu diesem
Zeitpunkt habe definitiv festgestanden, dass sie einen Schaden erlitten habe. Dem ist
jedoch mit dem Beschwerdeführer entgegen zu halten, dass gemäss
höchstrichterlicher Rechtsprechung der Schaden zu dem Zeitpunkt eintritt, als die
Beiträge nicht mehr im ordentlichen Verfahren erhoben werden können. Dies ist nach
ständiger Rechtsprechung der Zeitpunkt der Konkurseröffnung (BGE 136 V 268 E. 2.6
mit Hinweisen, BGE 141 V 487 E. 2.2; vgl. auch Rz 8059 i.V.m. Rz 8020 WBB). In BGE
141 V 487 E. 4.2 (mit zahlreichen Hinweisen) hat das Bundesgericht zudem explizit
ausgeführt, dass die Ausgleichskasse im Fall eines drohenden Eintritts der absoluten
Verjährungsfrist (etwa wegen eines langwierigen Konkursverfahrens) nicht einfach
zuwarten dürfe. Vielmehr habe sie gegebenenfalls noch vor genauer Kenntnis des
Schadenumfangs eine Schadenersatzverfügung unter Abtretung einer allfälligen
Konkursdividende zu erlassen. So verhält es sich auch vorliegend. Im Weiteren ist auch
mit BGE 126 V 443 E. 4c nichts für den Standpunkt der Beschwerdegegnerin
gewonnen: In jener Erwägung geht es um den Zeitpunkt der Schadenkenntnis und um
die Einhaltung der - damals noch einjährigen - relativen Verjährungsfrist (bzw.
Verwirkungsfrist) nach aArt. 82 Abs. 1 AHVV. Schliesslich ist festzustellen, dass die
Konkurseröffnung gemäss Handelsregisterauszug am und per 16. Juni 2009 erfolgt ist.
Es gibt keinen Grund, davon abzuweichen. Insbesondere kann nicht von einem
späteren Eintritt der Rechtskraft des Konkurserkenntnisses ausgegangen werden. Wie
der Beschwerdeführer zu Recht ausführt, gilt der Konkurs gemäss Art. 175 Abs. 1
SchKG in dem Zeitpunkt als eröffnet, in welchem er erkannt wird. Das Gericht stellt
diesen Zeitpunkt in Konkurserkenntnis fest (Abs. 2). Wäre in einem allfälligen
Rechtsmittelverfahren ein anderes Datum festgelegt worden, wäre dies auch im
Handelsregister publiziert worden. Wie sich aus der "Ergänzenden Stellungnahme
Fachbereich" vom 17. Februar 2015 ergibt, wurde im Verwaltungsverfahren von der
Beschwerdegegnerin offenbar übersehen, dass nicht nur für die
Vollstreckungsverwirkung nach Art. 16 Abs. 2 AHVG (Beitragsbezug), sondern auch für
die Schadenersatzverjährung nach Art. 52 Abs. 3 AHVG eine absolute fünfjährige Frist
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gilt (vgl. act. G 3.2/37). Entgegen deren ursprünglicher Annahme kann sich die
Verwaltung somit nicht allein auf die zweijährige relative Verjährungsfrist seit Kenntnis
des Schadens verlassen. Nach der klaren Rechtsprechung des Bundesgerichts kann
auch nicht davon ausgegangen werden, dass der Schaden erst dann als eingetreten
gilt, wenn definitiv feststeht, ob und in welchem Umfang die Ausgleichskasse zu
Schaden kommt (vgl. BGE 141 V 487 E. 3 und 4.2). Insofern ist die im Zusammenhang
mit der absoluten Verjährungsfrist geäusserte Ansicht der Beschwerdegegnerin
unzutreffend. Es ist im Weiteren aus den Akten nicht ersichtlich und wird von der
Beschwerdegegnerin auch nicht geltend gemacht, dass der Schaden durch eine nach
StGB strafbare Handlung, die mit längerer Verjährungsfrist versehen ist, verursacht
wurde. Eine Unterbrechung der absoluten Verjährungsfrist hat ebenfalls nicht
stattgefunden. Entgegen der Ansicht der Beschwerdegegnerin wird die Frist nur durch
Handlungen unterbrochen, die auf die Durchsetzung der Schadenersatzforderung,
nicht jedoch durch solche, die auf die Durchsetzung der Beitragsforderung gerichtet
sind. Die Eingabe der offenen Beitragsforderung im Konkurs der Arbeitgeberin hat
damit keine Auswirkungen auf die Schadenersatzforderung gegenüber dem Organ, wie
die Beschwerdegegnerin im angefochtenen Einspracheentscheid meint (Ziff. II.4; vgl.
BGE 141 V 487 E. 4.2). Entgegen der Ansicht der Beschwerdegegnerin kann letztere
natürlich auch nicht im Konkurs der Arbeitgeberin eingegeben werden (vgl. act. G
3.2/37). Vielmehr entsteht sie ja gerade dadurch, dass im Konkurs der Arbeitgeberin
keine genügende Deckung resultiert. Nach dem Gesagten hat es sein Bewenden damit,
dass der Konkurs gegen die B._ GmbH am 16. Juni 2009 eröffnet worden und am
16. Juni 2014 die absolute Verjährung eingetreten ist. Nachdem die
Beschwerdegegnerin vor diesem Datum keine auf die Verfolgung der
Schadenersatzforderung gerichtete Handlung ausgeführt hat, ist der Erlass der
strittigen Schadenersatzverfügung vom 27. August 2014 zu spät erfolgt.
3.
3.1 Nach dem Gesagten ist die Beschwerde gutzuheissen, und der angefochtene
Einspracheentscheid ist aufzuheben. Gerichtskosten sind keine zu erheben (Art. 61 lit.
a ATSG).
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3.2 Gemäss Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende beschwerdeführende Partei
Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Die Parteientschädigung wird vom
Versicherungsgericht festgesetzt und ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der
Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen. In
der Verwaltungsrechtspflege beträgt das Honorar vor Versicherungsgericht nach Art.
22 Abs. 1 lit. b HonO (sGS 963.75) pauschal Fr. 1'000.-- bis Fr. 12'000.--. Der
Rechtsvertreter macht mit Kostennote vom 15. Juli 2015 einen Aufwand von 11.35
Stunden geltend, wobei darin die Eingabe vom 1. September 2015 noch nicht
eingerechnet ist. In Anbetracht der auf die Verjährungsfrage beschränkten Thematik
und des anwaltlichen Aufwandes ist die Parteientschädigung auf pauschal Fr. 3'500.--
(inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer) festzusetzen.
3.3 Die Kostennote der D._ AG vom 19. Juni 2015 über Fr. 10'327.50 (act. G 7.1)
betrifft im Wesentlichen das Einspracheverfahren. Kosten der Rechtsvertretung im
Einspracheverfahren können nicht durch eine Parteientschädigung im
Beschwerdeverfahren abgegolten werden, wie dies der Anwalt des Beschwerdeführers
in seinem Schreiben vom 15. Juli 2015 geltend macht. Anzumerken bleibt, dass im
Einspracheverfahren grundsätzlich keine Parteientschädigungen zugesprochen werden
(Art. 52 Abs. 3 ATSG).