Decision ID: 43fb14e3-14a1-4457-8a9f-854597a2dded
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Am 11. Mai 2016 richtete die französische Steuerbehörde, die Direc-
tion Générale des Finances Publiques (DGFP; nachfolgend auch: ersu-
chende Behörde), gestützt auf Art. 28 des Abkommens vom 9. September
1966 zwischen der Schweiz und Frankreich zur Vermeidung der Doppel-
besteuerung auf dem Gebiet der Steuern vom Einkommen und vom Ver-
mögen und zur Vermeidung von Steuerbetrug und Steuerflucht
(SR 0.672.934.91, DBA CH-FR) ein Amtshilfeersuchen an die Eidgenössi-
sche Steuerverwaltung (ESTV; nachfolgend auch: Vorinstanz).
Als vom Ersuchen betroffene Personen nannte die DGFP mutmasslich in
Frankreich steuerpflichtige Personen, die anhand einer dem Ersuchen bei-
gelegten Liste identifizierbar seien. Als Informationsinhaberin in der
Schweiz wurde die UBS AG (heute: UBS Switzerland AG; nachfolgend:
UBS) genannt. Die Informationen würden für die Erhebung der französi-
schen Einkommenssteuer («impôt sur le revenu») für die Steuerjahre 2010
bis 2014 und die Solidaritätssteuer auf Vermögen («impôt de solidarité sur
la fortune») für die Steuerjahre 2010 bis 2015 benötigt.
A.b Grundlage des Ersuchens bildeten drei Listen, die aus einer in
Deutschland gegen die UBS geführten Strafuntersuchung stammen und
Angaben zu über 45'000 UBS-Konten enthalten. Anhand der in den Listen
erfassten Domizil-Codes vermutete die DGFP, dass die ihr mehrheitlich na-
mentlich nicht bekannten Kontoinhaber beziehungsweise wirtschaftlich Be-
rechtigten einer Steuerpflicht in Frankreich unterliegen. Aufgrund zahlrei-
cher Hinweise, wonach französische Steuerpflichtige ihren Steuerpflichten
nicht nachgekommen waren und mit Blick darauf, dass gegen die UBS in
Frankreich ein Strafverfahren wegen des Aufbaus eines umfassenden
Steuerfluchtsystems eingeleitet worden war, nahm die DGFP an, dass die
in den Listen aufgeführten Kontodaten beziehungsweise die damit verbun-
denen Vermögenswerte in Frankreich pflicht- und rechtswidrig weder de-
klariert noch versteuert worden waren. Die DGFP schätzte die dadurch für
den französischen Fiskus entstandenen Mindereinnahmen auf bis zu meh-
rere Milliarden Euro.
A.c Konkret ersuchte die DGFP die ESTV für jedes in der Beilage des Er-
suchens aufgeführte Konto um die Übermittlung der folgenden Informatio-
nen für den Zeitraum vom 1. Januar 2010 bis 31. Dezember 2015:
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a) Name(n)/Vorname(n), Geburtsdaten und letzte bekannte Adresse ge-
mäss den Bankunterlagen
(i) des/der Kontoinhaber(s)
(ii) der wirtschaftlich berechtigten Person(en) gemäss Formular A
(iii) jeder anderen Person, die in die Rechte und Pflichten der beiden
letztgenannten Personen tritt
b) die Kontostände jeweils per 1. Januar der Jahre 2010 bis 2015.
B.
B.a Mit Editionsverfügung vom 10. Juni 2016 forderte die Vorinstanz die
UBS auf, die ersuchten Informationen einzureichen. Zudem bat sie diese,
die betroffenen Personen mit noch aktiven Geschäftsbeziehungen über
das Amtshilfeverfahren zu informieren.
B.b Darüber hinaus informierte die ESTV die betroffenen Personen mittels
Publikation im Bundesblatt vom 26. Juli 2016 über das laufende Amtshilfe-
verfahren und den wesentlichen Inhalt des Amtshilfeersuchens.
C.
Die UBS erteilte der ESTV die ersuchten Informationen mit Teillieferungen
im Zeitraum vom 24. Juni 2016 bis 28. Juli 2017.
D.
Die ESTV und die DGFP einigten sich im Briefwechsel vom 11. Juli 2017
auf eine Verständigungslösung betreffend Einhaltung des Spezialitätsprin-
zips. Zudem teilte die DGFP der ESTV am 11. Juli 2017 mit, allfällige von
den schweizerischen Behörden im Zusammenhang mit UBS-Konten erhal-
tene Informationen würden im Strafverfahren gegen die Bank nicht verwen-
det werden.
E.
E.a Am 9. Februar 2018 erliess die ESTV acht Schlussverfügungen gegen
gewisse betroffene Personen – darunter die UBS, die mit Urteil des Bun-
desverwaltungsgerichts A-4974/2016 vom 25. Oktober 2016 als Partei an-
erkannt worden war –, in denen sie das Amtshilfeersuchen Frankreichs als
zulässig qualifizierte und die Amtshilfe im von der DGFP beantragten Um-
fang gewährte.
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E.b Am 9. März 2018 erhob die UBS beim Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerde. Sie beantragte, die Schlussverfügungen vom 9. Februar 2018
sowie die Editionsverfügung vom 10. Juni 2016 (vgl. B.a.) seien aufzuhe-
ben. Mit Urteil A-1488/2018 vom 30. Juli 2018 hiess das Bundesverwal-
tungsgericht die Beschwerde gut, soweit es darauf eintrat, und hob die
Schlussverfügungen vom 9. Februar 2018 und die Editionsverfügung vom
10. Juni 2016 auf.
E.c Eine gegen dieses Urteil erhobene Beschwerde der ESTV hiess das
Bundesgericht mit Urteil 2C_653/2018 vom 26. Juli 2019, publiziert als
BGE 146 II 150, gut und bestätigte die Editionsverfügung der ESTV vom
10. Juni 2016 und die Schlussverfügungen vom 9. Februar 2018. Das Ge-
richt qualifizierte das Listenersuchen Frankreichs vom 11. Mai 2016 als zu-
lässig und die verlangten Informationen als voraussichtlich erheblich. Wei-
ter erkannte es keine konkreten Anhaltspunkte für eine Verletzung des
Spezialitätsprinzips oder der Geheimhaltungspflicht durch Frankreich.
F.
Im Anschluss an das höchstrichterliche Urteil vom 26. Juli 2019 und die
erst später öffentlich zugänglich gewordene schriftliche Urteilsbegründung
nahm die ESTV die Bearbeitung der sistierten Verfahren, deren Ausgang
von der Beurteilung des Ersuchens der DGFP vom 11. Mai 2016 abhängig
war, wieder auf. Die ESTV gewährte dem Beschwerdeführer das rechtliche
Gehör zur beabsichtigten Datenübermittlung an Frankreich. Am 21. Sep-
tember 2020 reichte der Beschwerdeführer eine Stellungnahme ein.
G.
Mit Schlussverfügung vom 16. November 2020 ordnete die ESTV die Leis-
tung der Amtshilfe in Bezug auf die von der DGFP erfragten Bankinforma-
tionen betreffend den Beschwerdeführer an.
H.
Am 17. Dezember 2020 erhob der Beschwerdeführer Beschwerde beim
Bundesverwaltungsgericht. Er beantragte unter Kosten- und Entschädi-
gungsfolgen, die Schlussverfügung der ESTV vom 26. November 2020 sei
insoweit aufzuheben, als sie eine Übermittlung von Bankunterlagen und
Informationen an die DGFP betreffend Sachverhalte erfasse, die sich ab
dem 1. Januar 2012 zugetragen hätten. Ferner seien die von der UBS bis
zum Abschluss des Beschwerdeverfahrens gelieferten Bankunterlagen
und Informationen, welche Sachverhalte ab dem 1. Januar 2012 erfassten,
unverzüglich an die UBS zurückzugeben.
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Seite 5
I.
Mit Eingabe vom 7. Juni 2021 verzichtete die Vorinstanz unter Hinweis auf
die Erwägungen in der angefochtenen Verfügung auf eine Vernehmlas-
sung.
J.
Am 26. August 2021 teilte das Bundesverwaltungsgericht den Parteien mit,
dass nunmehr die Abteilung VI für die Bearbeitung des von der Beschwer-
deführerin eingeleiteten Verfahrens A-6442/2020 zuständig sei und dieses
neu unter der Verfahrensnummer F-6442/2020 geführt werde. Ferner
wurde die Zusammensetzung des Spruchkörpers sowie der eingesetzte
Gerichtsschreiber bekannt gegeben und eine Frist zur Einreichung eines
allfälligen Ausstandsbegehrens angesetzt. Die Parteien liessen sich dazu
innert Frist nicht vernehmen.
K.
Am 3. Mai 2022 orientierte das Bundesverwaltungsgericht die Parteien
über einen Wechsel im Spruchkörper und setze ihnen Frist zur Einreichung
eines allfälligen Ausstandsbegehrens. Die Parteien liessen die Frist unbe-
nützt ablaufen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das Bundesverwaltungsgericht ist zur Beurteilung von Beschwerden
gegen Schlussverfügungen der ESTV im Bereich der internationalen Amts-
hilfe in Steuersachen zuständig (Art. 19 Abs. 1 und 5 des Bundesgesetzes
vom 28. September 2012 über die internationale Amtshilfe in Steuersachen
[StAhiG, SR 651.1] i.V.m. Art. 31 ff. VGG).
1.2 Das Rechtsmittelverfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht richtet
sich nach dem VwVG, soweit das VGG nichts anderes bestimmt (Art. 37
VGG).
1.3 Der Beschwerdeführer ist zur Erhebung der Beschwerde legitimiert
(Art. 19 Abs. 2 StAhiG, Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und formgerecht
eingereichte Beschwerde ist einzutreten (Art. 50 Abs. 1 VwVG; Art. 52 Abs.
1 VwVG).
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Seite 6
2.
2.1 Mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht kann die Verletzung
von Bundesrecht einschliesslich Überschreitung oder Missbrauch des Er-
messens, die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheb-
lichen Sachverhaltes und die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 49
VwVG).
2.2 Das Bundesverwaltungsgericht wendet im Beschwerdeverfahren das
Bundesrecht von Amtes wegen an. Es ist gemäss Art. 62 Abs. 4 VwVG
nicht an die Begründung der Begehren gebunden und kann die Be-
schwerde auch aus anderen als den geltend gemachten Gründen gutheis-
sen oder abweisen.
2.3 Die streitige Schlussverfügung bezieht sich auf das Listenersuchen der
DGFP, welches durch das Bundesgericht mit Leitentscheid vom 26. Juli
2019 – gefällt in öffentlicher Beratung und auszugsweise amtlich publiziert
in BGE 146 II 150 – als zulässig qualifiziert wurde mit der Folge, dass die
entsprechende Amtshilfe zu gewähren war. Das Bundesverwaltungsgericht
ist an dieses Präjudiz gebunden; es darf in Bezug auf Fragen, welche das
Bundesgericht in diesem Zusammenhang beantwortet hat, nicht von des-
sen Erwägungen abweichen. Ein Beurteilungsspielraum verbleibt ihm le-
diglich in Bezug auf Fragen, welche das Bundesgericht offengelassen hat
(vgl. Urteile des BVGer A-3045/2020, A-3047/2020 und A-3048/2020, je-
weils vom 29. März 2021 E. 1.4.3).
3.
3.1 Landesrechtlich ist die internationale Amtshilfe in Steuersachen im
Steueramtshilfegesetz geregelt, welches am 1. Februar 2013 in Kraft ge-
treten ist. Abweichende Bestimmungen des im Einzelfall anwendbaren Ab-
kommens bleiben vorbehalten (Art. 1 Abs. 2 StAhiG).
3.2 Das Amtshilfeersuchen der DGFP stützt sich auf Art. 28 DBA CH-FR
(in der hier anwendbaren Fassung gemäss Art. 7 des Zusatzabkommens
vom 27. August 2009 [AS 2010 5683; nachfolgend: Zusatzabkommen
2009]; Art. 11 Abs. 3 des Zusatzabkommens 2009) und auf Ziff. XI des im
DBA CH-FR integrierten Zusatzprotokolls in der Fassung gemäss Art. 1 der
Vereinbarung vom 25. Juni 2014 über die Änderung des Zusatzprotokolls
zum revidierten Abkommen zwischen der Schweiz und Frankreich vom
9. September 1966 zur Vermeidung der Doppelbesteuerung auf dem Ge-
biet der Steuern vom Einkommen und vom Vermögen und zur Vermeidung
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Seite 7
von Steuerbetrug und Steuerflucht (AS 2016 1195; nachfolgend: Vereinba-
rung 2014).
3.3 In den Übergangsbestimmungen sieht die Vereinbarung 2014 ihre An-
wendung auf Informationsbegehren betreffend Kalender- oder Geschäfts-
jahre, die ab dem 1. Januar 2010 beginnen, vor (Art. 2 Abs. 2 der Verein-
barung 2014). Im Sinne einer Ausnahme findet Art. 1 Abs. 1 der Vereinba-
rung 2014 Anwendung auf Informationsbegehren über Sachverhalte, wel-
che Zeiträume ab dem 1. Februar 2013 betreffen (Art. 2 Abs. 3 der Verein-
barung 2014). Gemäss dem Leiturteil des Bundesgerichts beschränkt
Art. 2 Abs. 3 der Vereinbarung 2014 jedoch die Anwendung von Ziff. XI
Abs. 3 Bst. a des Zusatzprotokolls nur für Gruppenersuchen auf Informati-
onen betreffend Zeiträume ab dem 1. Februar 2013. Demgegenüber kann
die Amtshilfe für den Zeitraum ab dem 1. Januar 2010 gewährt werden,
wenn es sich – wie im vorliegenden Fall – um ein Listenersuchen handelt,
bei welchem die betroffenen Personen nicht namentlich genannt werden,
sondern anhand bekannter Banknummern identifiziert werden (BGE 146 II
150 E. 5.6).
4.
4.1 Gemäss Ziff. XI Abs. 3 des Zusatzprotokolls muss das Amtshilfegesuch
folgende Informationen enthalten: die Identität der in eine Prüfung oder Un-
tersuchung einbezogenen Person, wobei diese Information mittels Angabe
des Namens der betreffenden Person oder weiterer Informationen, welche
ihre Identifikation ermöglichen, geliefert werden kann (Bst. a), die Zeitperi-
ode, für welche die Informationen verlangt werden (Bst. b), die Beschrei-
bung der verlangten Informationen sowie Angaben hinsichtlich der Form,
in der der ersuchende Staat diese Informationen vom ersuchten Staat zu
erhalten wünscht (Bst. c), den Steuerzweck, für den die Informationen ver-
langt werden (Bst. d) und soweit bekannt, den Namen und die Adresse des
mutmasslichen Inhabers der verlangten Informationen (Bst. e). Die Buch-
staben a) – e) sind so auszulegen, dass sie einen wirksamen Informations-
austausch für die Anwendung von Artikel 28 DBA CH-FR nicht behindern.
4.2 Das Bundesgericht hat in BGE 146 II 150 das Amtshilfeersuchen
Frankreichs vom 11. Mai 2016 für zulässig erklärt, womit es implizit auch
die Voraussetzungen von Ziff. XI Abs. 3 des Zusatzprotokolls als erfüllt er-
achtete. Dies wird vom Beschwerdeführer nicht bestritten.
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Seite 8
5.
5.1 Gemäss Art. 28 Abs. 1 erster Satz DBA CH-FR tauschen die zuständi-
gen Behörden der Vertragsstaaten die Informationen aus, die zur Durch-
führung dieses Abkommens oder zur Anwendung oder Durchsetzung des
innerstaatlichen Rechts betreffend Steuern jeder Art und Bezeichnung, die
für Rechnung der Vertragsstaaten oder ihrer politischen Unterabteilungen
oder lokalen Körperschaften erhoben werden, voraussichtlich erheblich
sind, soweit die diesem Recht entsprechende Besteuerung nicht dem Ab-
kommen widerspricht. Der Informationsaustausch ist durch die Art. 1 DBA
CH-FR (persönlicher Geltungsbereich) und Art. 2 DBA CH-FR (sachlicher
Geltungsbereich) nicht eingeschränkt.
5.2 Der Verweis auf «voraussichtlich erhebliche» Informationen in Art. 28
Abs. 1 DBA CH-FR soll einen möglichst breiten Informationsaustausch in
Steuersachen gewährleisten, ohne dass die Vertragsstaaten eine «fishing
expedition» durchführen oder Informationen verlangen können, deren Er-
heblichkeit für die Aufklärung der Steuerangelegenheiten bestimmter Steu-
erpflichtiger wenig wahrscheinlich ist (Ziff. XI 2. Abs. des Zusatzprotokolls).
Die Voraussetzung der voraussichtlichen Erheblichkeit der beantragten In-
formationen gilt als erfüllt, wenn zum Zeitpunkt der Einreichung des Amts-
hilfegesuchs bei vernünftiger Betrachtung die Möglichkeit besteht, dass
sich die Informationen als erheblich erweisen. Keine Rolle spielt, ob sich
die Informationen nach ihrer Übermittelung als unerheblich herausstellen.
Die Beurteilung der voraussichtlichen Erheblichkeit obliegt in erster Linie
dem ersuchenden Staat. Der ersuchte Staat beschränkt sich auf die Prü-
fung, ob die verlangten Informationen mit dem im Ersuchen dargelegten
Sachverhalt zusammenhängen und sich möglicherweise für die Verwen-
dung im ausländischen Verfahren eignen (sog. Plausibilitätsprüfung); er
kann die Übermittlung von Informationen nur verweigern, wenn er sicher
ist, dass sie für den ersuchenden Staat nicht sachdienlich sind (BGE 144
II 206 E. 4.3; 142 II 161 E. 2.1.1). Einem Amtshilfeersuchen fehlt es dem-
nach an der voraussichtlichen Erheblichkeit, wenn es zur Beschaffung von
Beweismitteln aufs Geratewohl und ohne konkreten Zusammenhang zum
laufenden Steuerverfahren gestellt wird («fishing expedition»; BGE 146 II
150 E. 6.1.2). Das Verbot der «fishing expedition» entspricht dem Grund-
satz der Verhältnismässigkeit (Art. 5 Abs. 2 BV), der zwingend einzuhalten
ist (Urteil des BVGer A-1562/2018 vom 3. August 2020 E. 2.4.2).
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Seite 9
6.
6.1 Der Beschwerdeführer macht geltend, er habe auf den 1. Januar 2012
seinen Wohnsitz von Frankreich in die Schweiz verlegt und unterliege seit-
her der unbeschränkten Steuerpflicht in der Schweiz. Das sei den hiesigen
Steuerbehörden, die ihn ab seinem Zuzug entsprechend veranlagt hätten,
bekannt. Da sein steuerrechtlicher Wohnsitz seit 1. Januar 2012 nachweis-
lich nicht in Frankreich, sondern in der Schweiz liege, sei für Sachverhalte
ab dem 1. Januar 2012 das DBA CH-FR auf ihn nicht anwendbar und seien
die für die Jahre 2012 bis 2015 erfragten Informationen für die französische
Steuerbehörde nicht «voraussichtlich erheblich», wie es das Gesetz ver-
lange. Es sei vorliegend die Aufgabe der Vorinstanz, ihre Kenntnis vom
schweizerischen Steuerwohnsitz des Beschwerdeführers gegenüber den
französischen Behörden einzuwenden und von einer Übermittlung der er-
fragten Informationen für die Jahre 2012 bis 2015 abzusehen. Hinsichtlich
des Nachweises eines steuerrechtlichen Wohnsitzes auf das französische
Steuerverfahren zu verweisen, würde in der vorliegenden Konstellation als
treuwidrig anmuten. Dies insbesondere auch vor dem Hintergrund, dass
die Vorinstanz beziehungsweise die schweizerischen Steuerbehörden bei
einem allfälligen Ansässigkeitsstreit direkt involviert wären.
6.2 Die Kontonummer des Beschwerdeführers befand sich auf einer si-
chergestellten UBS-Liste und stand in Verbindung mit dem Domizil-Code
für Frankreich. Unter Hinweis auf das Grundsatzurteil des Bundesgerichts
BGE 146 II 150 hat das Bundesverwaltungsgericht den Domizil-Code als
hinreichenden Anknüpfungspunkt für eine mögliche Steuerpflicht in Frank-
reich für die Jahre 2010 bis 2015 qualifiziert (Urteil des BVGer A-1562/2018
vom 3. August 2020 E. 4.2). Damit ist der notwendige Bezug zu Frankreich
gegeben. Wo letztendlich der Steuerwohnsitz des Beschwerdeführers
liegt, in Frankreich oder in einem anderen Staat, ist rechtsprechungsge-
mäss nicht im Rahmen des Amtshilfeverfahrens zu klären. In diesem Ver-
fahren ist es auch nicht Aufgabe der Schweizer Behörden zu prüfen, ob
nach französischem Recht ein Steuerwohnsitz in Frankreich besteht. Das
Gesagte gilt entgegen der Auffassung des Beschwerdeführers auch in ei-
ner Konstellation wie der vorliegenden, die dadurch gekennzeichnet ist,
dass der Betroffene einen steuerrechtlichen Wohnsitz in der Schweiz und
nicht in einem Drittstaat behauptet. Der Beschwerdeführer ist daher mit
seinen Einwänden auf das französische Steuerverfahren zu verweisen
(BGE 145 II 112 E. 2.2.2 und E. 3.2; 142 II 161 E. 2.2.2; Urteil des BGer
2C_805/2018 vom 23. August 2019 E. 4.5; Urteile des BVGer A-6532/2020
E. 5.2 vom 21. Dezember 2021; A-5662/2020 vom 10. Mai 2021 E. 5.1; A-
1562/2018 vom 3. August 2020 E. 4.2).
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Seite 10
Ein treuwidriges Verhalten kann darin nicht erkannt werden. Die Bestim-
mung des Steuerwohnsitzes auf internationaler Ebene ist eine grundsätz-
liche Frage, die von der Schweiz als ersuchtem Staat im Stadium der Amts-
hilfe gar nicht behandelt werden muss. Einerseits ist die Schweiz grund-
sätzlich nicht in der Lage, einen Wohnsitzkonflikt zu entscheiden, wenn sie
ein Amtshilfegesuch erhält: Da sie sich bisher auf die Besteuerung der Ziel-
person beschränkt hat, musste sie sich nie um den Ort ihres steuerlichen
Wohnsitzes auf internationaler Ebene kümmern und verfügt daher nicht
über alle Elemente, die eine Entscheidung über einen solchen Konflikt er-
möglichen. Im Übrigen ist es nicht sicher, dass es zu einem Konflikt über
die Steuerhoheit kommt, da der ersuchende Staat gerade versucht, Infor-
mationen zu erhalten, um festzustellen, ob die Zielperson als in seinem
Hoheitsgebiet steuerlich ansässig angesehen werden kann oder nicht (vgl.
dazu BGE 145 II 112 E. 2.2.2 mit Hinweisen).
6.3 Zusammenfassend ist von der voraussichtlichen Erheblichkeit der vor-
liegend zur Übermittlung vorgesehenen Informationen betreffend den Be-
schwerdeführer auszugehen.
7.
Nach dem Gesagten sind die Voraussetzungen für die in der Schlussver-
fügung vom 16. November 2020 vorgesehene Amtshilfeleistung erfüllt. Die
Beschwerde ist abzuweisen.
8.
8.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens hat der Beschwerdeführer die auf
Fr. 5'000.– festzusetzenden Verfahrenskosten zu tragen (Art. 63 Abs. 1
VwVG und Art. 2 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 4 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Der in gleicher Höhe einbe-
zahlte Kostenvorschuss ist zur Bezahlung der Verfahrenskosten zu ver-
wenden.
8.2 Dem unterliegenden Beschwerdeführer ist keine Parteientschädigung
zuzusprechen (Art. 64 Abs. 1 VwVG e contrario und Art. 7 Abs. 1 VGKE
e contrario).
(Dispositiv nächste Seite)
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