Decision ID: 19d6e365-8e14-5558-bbed-247fbdbd1d50
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der aus B._ in der Ostprovinz Sri Lankas stammende Beschwerde-
führer gab anlässlich seiner Befragung zur Person (BzP) vom 18. April
2017 an, er habe seinen Heimatstaat am 26. März 2017 mit Hilfe eines
Schleppers mit seinem eigenen Pass verlassen und sei auf dem Luftweg
von C._ nach D._ gereist. Von dort sei er via Bahrain und
die Türkei am 4. April 2017 in die Schweiz gelangt, wo er noch am selben
Tag um Asyl nachsuchte.
In Bezug auf seine Asylgründe führte er aus, seine ältere Schwester sei
eine arrangierte Ehe mit einem Mann eingegangen, der den abtrünnigen
Teil der Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE) unterstützt habe. Davon
habe seine Familie allerdings im Zeitpunkt des Eheschlusses keine Kennt-
nis gehabt. Im Jahr 2014 sei sein Schwager von unbekannten maskierten
Personen mitgenommen und am Folgetag wieder freigelassen worden.
Nach der zweiten Mitnahme am 17. April 2015 sei jedoch am darauffolgen-
den Tag seine Leiche im Fluss gefunden worden, worüber alle Zeitungen
berichtet hätten. Er und seine ältere Schwester hätten nach der Obduktion
die Dokumente unterschrieben und deswegen Probleme bekommen.
Er sei entführt und misshandelt worden, worunter er noch heute leide. Die
Entführer hätten ihn zu den geheimen Tätigkeiten seines Schwagers für
die Karuna-Partei befragt und ihm gedroht, er würde seine Familienmitglie-
der in Gefahr bringen, sollte er sich an die Polizei wenden. In der Folge sei
er bis zu seiner Ausreise bei Bekannten und Freunden in benachbarten
Orten untergekommen; seine älteren Geschwister würden sich seither bei
Verwandten aufhalten. Er habe seinen Heimatstaat schliesslich verlassen,
weil er um sein Leben gefürchtet habe. Seit seiner Ausreise sei es zu
keinen weiteren Zwischenfällen gekommen, aber manchmal fahre nachts
ein Kleinbus am Haus vorbei.
B.
Anlässlich der Anhörung zu den Asylgründen vom 18. November 2019 gab
der Beschwerdeführer zu Protokoll, er und sein Schwager hätten die
Karuna-Partei unterstützt, weswegen sie Probleme bekommen hätten.
Sein Schwager sei eine zuständige Person innerhalb der Partei gewesen,
wogegen er selber nur mit ihm mitgegangen sei, die Organisation aber
nicht unterstützt habe. Sein Schwager sei vier Monate lang mit seiner
Schwester glücklich gewesen, bevor er von unbekannten Personen zu
einer Befragung mitgenommen worden sei. Nach seiner Rückkehr am Fol-
getag habe er ihm (dem Beschwerdeführer) Datenträger und Papiere mit
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Geheimnissen der Karuna-Partei zur Aufbewahrung gegeben und sei un-
tergetaucht. Der Schwager sei im April 2015 zurückgekehrt und kurz
darauf erneut von unbekannten Personen mitgenommen und bereits am
nächsten Tag tot aufgefunden worden. Kurze Zeit später sei er selber we-
gen der Geheimnisse seines Schwagers entführt, befragt und gequält wor-
den. Man habe von ihm verlangt, dass er die Geheimnisse der Karuna-
Partei preisgebe und ihm zur Beschaffung dieser Informationen drei Tage
Zeit gegeben. Er sei deswegen auf Anraten seiner Mutter sowie seines
Freundes E._ untergetaucht und habe die Kiste seines Schwagers
mit den Geheimnissen der Karuna-Partei seinem Freund übergeben, der
diese bei einer verlassenen (...)plantage vergraben habe. Nach seinem
Untertauchen sei sein Freund E._ mitgenommen und geschlagen
worden. Seit seiner Ausreise hätten seine Eltern ihn darüber informiert,
dass dreimal nach ihm gesucht worden sei, das erste Mal am (...) 2018.
Ein älterer Bruder halte sich seit mehreren Jahren in F._ auf, weil
er früher bei der Bewegung gewesen sei und Probleme bekommen habe,
als er diese verlassen habe. Ein weiterer Bruder halte sich ungefähr gleich-
lang im G._ auf. Sein dritter Bruder halte sich innerhalb Sri Lankas
versteckt; dessen Probleme seien ihm aber nicht bekannt. Ein Freund, mit
welchem er sich gemeinsam versteckt aufgehalten habe, sei geschlagen,
umgebracht und am (...) 2019 tot (...) aufgefunden worden.
Als Beweismittel legte der Beschwerdeführer seine originale Identitäts-
karte, verschiedene Fotografien, eine Beanstandung bei der Polizei sowie
die Todesurkunde, die Todesanzeige und einen Zeitungsartikel betreffend
die Tötung seines Schwagers ins Recht; er gab an, die übrigen Beweismit-
tel würden den Tod eines Freundes betreffen.
C.
Mit Verfügung vom 29. Januar 2020 – eröffnet am 5. Februar 2020 – lehnte
das SEM das Asylgesuch des Beschwerdeführers ab und ordnete die Weg-
weisung aus der Schweiz sowie den Wegweisungsvollzug an.
D.
Mit Eingabe vom 6. März 2020 (Datum des Poststempels) liess der Be-
schwerdeführer gegen die Verfügung des SEM vom 29. Januar 2020 beim
Bundesverwaltungsgericht Beschwerde erheben und beantragen, es sei
die vorinstanzliche Verfügung aufzuheben und im Asyl zu gewähren; even-
tualiter sei infolge Unzulässigkeit oder Unzumutbarkeit seine vorläufige
Aufnahme in der Schweiz anzuordnen. Er liess in prozessualer Hinsicht um
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Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege, inklusive Verzicht auf Erhe-
bung eines Kostenvorschusses, sowie um unentgeltliche Rechtsverbei-
ständung ersuchen.
Zur Untermauerung seiner Vorbringen legte er einen aktualisierten Bericht
zur aktuellen Lage in Sri Lanka ins Recht.
E.
Mit Verfügung vom 12. März 2020 bestätigte die vormalige Instruktionsrich-
terin dem Beschwerdeführer den Eingang seiner Beschwerde.
F.
Mit Zwischenverfügung vom 8. April 2020 hiess die Instruktionsrichterin die
Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung sowie der
unentgeltlichen Rechtsverbeiständung gut und setzte MLaw Cora Dubach
als amtliche Rechtsbeiständin ein. Gleichzeitig wurde die Vorinstanz zur
Vernehmlassung eingeladen.
G.
In der Vernehmlassung vom 23. April 2020 schloss das SEM auf Abwei-
sung der Beschwerde, weil diese keine neuen erheblichen Tatsachen oder
Beweismittel enthalte, die eine Änderung der Asylverfügung notwendig ma-
che.
H.
Die Vernehmlassung des SEM wurde dem Beschwerdeführer mit Instruk-
tionsverfügung vom 1. Mai 2020 zur Stellungnahme zugestellt.
I.
Der Beschwerdeführer reichte am 18. Mai 2020 eine Replik zu den Akten
und liess sinngemäss an seinen Anträgen festhalten.
J.
Aus organisatorischen Gründen übertrug das Präsidium der Abteilung V
das Verfahren Anfang 2021 dem vorsitzenden Richter zur weiteren Be-
handlung.
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Seite 5

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinn von
Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zu-
ständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entscheidet
auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Ausliefe-
rungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinn von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor,
weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG).
1.5 Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Das SEM begründete seinen ablehnenden Asylentscheid in erster Linie
mit der Unglaubhaftigkeit der Asylvorbringen des Beschwerdeführers. Die-
ser habe an der BzP noch angegeben, die Familie habe nichts von der
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Tätigkeit seines Schwagers für die Karuna-Partei gewusst, an der Anhö-
rung jedoch ausgeführt, er habe sogar zusammen mit seinem Schwager
die Gruppierung unterstützt und mit ihnen zusammengearbeitet. Es sei so-
dann zu weiteren Widersprüchen gekommen in Bezug auf die Geheim-
nisse der Karuna-Partei, die der Beschwerdeführer von seinem Schwager
anvertraut erhalten habe. Er habe seine unterschiedlichen Darstellungen,
wie und wo er sich nach seiner Verschleppung versteckt aufgehalten habe,
nicht aufklären können. Insgesamt sei es ihm nicht gelungen eine Furcht
vor Verfolgung durch die heimatlichen Behörden glaubhaft zu machen.
Nachdem die Kernvorbringen als unglaubhaft beurteilt würden, könne auf
eine ergänzende geschlechtsspezifische Anhörung verzichtet werden, zu-
mal diese die Gesamteinschätzung seiner Asylvorbringen nichts zu ändern
vermöge. Den eingereichten Beweismitteln fehle es am direkten Bezug zur
vorgebrachten Furcht vor einer allfälligen Verfolgung. Aufgrund dessen sei
nicht ersichtlich, weshalb der Beschwerdeführer bei einer Rückkehr in sei-
nen Heimatstaat in den Fokus der Behörden geraten und in asylrelevanter
Weise verfolgt werden sollte. Er erfülle folglich die Flüchtlingseigenschaft
nicht und sein Asylgesuch sei abzulehnen.
Der Vollzug seiner Wegweisung erweise sich weiter sowohl als zulässig als
auch als zumutbar. Daran vermöchten weder die Unruhen seit April 2019
noch der durch Staatspräsident Sirisena ausgerufene Notstand etwas zu
ändern. Der Beschwerdeführer sei ein junger, gesunder Mann, der über
eine gesicherte Wohnsituation sowie über die Möglichkeit des Aufbaus ei-
ner wirtschaftlichen Lebensgrundlage verfüge.
3.2
3.2.1 Zur Begründung seiner Beschwerdeanträge führte der Beschwerde-
führer im Wesentlichen aus, sein Schwager habe die Familie erst nach der
arrangierten Hochzeit darüber informiert, dass er für die Karuna-Gruppe
arbeite; hätte sie zuvor davon gewusst, wäre die Hochzeit nicht durchge-
führt worden. Er habe den Schwager nur drei- oder viermal zum Büro der
Karuna-Partei begleitet und ausserhalb des Büros mit verschiedenen Per-
sonen gesprochen. Er habe die Kiste mit den Parteigeheimnissen in dieser
Stresssituation an sich genommen, ohne die Konsequenzen zu bedenken.
Vor seiner Flucht habe er sich bei Fischern in B._ versteckt, die
Freunde von E._ gewesen seien. So habe er über E._ mit
seiner Familie in Kontakt bleiben und seine Ausreise im Jahr 2017 organi-
sieren können. Die angefochtene Verfügung werde bemängelt, weil es
nicht legitim sei, widersprüchliche Aussagen zwischen den Protokollen der
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BzP und der Anhörung derart stark zu gewichten. Es bestehe darüber hin-
aus kein Anlass, an der Verbindung zur Karuna-Partei zu zweifeln, zumal
er die entsprechenden Treffen detailliert beschrieben habe. Die Widersprü-
che mit der auf der (...)plantage vergrabenen Kiste seien zudem entstan-
den, weil er befürchtet habe, die Schweizer Behörden würde die Kiste aus-
graben wollen, womit sie seiner in Sri Lanka verbliebenen Familie Prob-
leme bereitet hätten. Auch die Widersprüche in Bezug auf den Aufenthalts-
ort vor seiner Flucht seien der Kürze der BzP geschuldet und würden sich
leicht auflösen lassen. Er habe von Freunden gesprochen, weil es sich um
E._' Freunde gehandelt habe. Es würden folglich ernsthafte Nach-
teile im Sinn von Art. 3 AsylG vorliegen und er erfülle gleich mehrere wich-
tige Risikofaktoren: Er sei bereits entführt und gefoltert worden, wovon er
Narben davongetragen habe, die ihn als Folteropfer erkennbar machen
würden. Hinzu komme, dass sein Bruder wegen dessen politischer Tätig-
keiten bereits vor Jahren habe fliehen müssen. Zu berücksichtigen sei aus-
serdem der Regierungswechsel vom 16. November 2019, mit welchem der
Rajapaksa-Clan die Führungsspitze des Heimatstaates übernommen
habe. Damit hätten nämlich in Sri Lanka die Repressionen, insbesondere
gegen die tamilische Minderheit, zugenommen.
3.3 In ihrer Vernehmlassung führte die Vorinstanz aus, es wäre trotz der
kurzgehaltenen BzP zu erwarten gewesen, dass der Beschwerdeführer die
Kiste mit den angeblich geheimen Dokumenten der Karuna-Partei an die-
ser Befragung angegeben hätte, zumal diese von wichtiger Bedeutung für
seine Vorbringen seien. Dasselbe gelte hinsichtlich seiner Unterstützung
der Karuna-Partei. Es würden sich aber auch zahlreiche Ungereimtheiten
direkt aus dem Anhörungsprotokoll ergeben. Als nachgeschoben werde
ausserdem seine Erklärung erachtet, aus welchen Gründen er unter-
schiedliche Angaben zum Versteck der Kiste gemachte habe.
3.4 In der Replik erklärte der Beschwerdeführer, er habe seine Unterstüt-
zung zugunsten der Karuna-Gruppe anlässlich der BzP deshalb nicht er-
wähnt, weil es sich tatsächlich lediglich um einzelne Besuche gehandelt
habe. Er habe aus diesem Grund seine diesbezügliche erste Aussage an
der Anhörung in der Folge angepasst. Angesichts der Geschichte der tami-
lischen Bevölkerung in Sri Lanka sei verständlich, dass diese misstrauisch
gegenüber den Behörden eingestellt sei; auch seine später korrigierte Aus-
sage, er kenne das Versteck der Kiste nicht, sei nachvollziehbar.
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4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
5.
5.1 Vorab ist festzustellen, dass der Beschwerdeführer zwar zu Recht auf
die Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts hinwies, wonach es
sich bei der BzP gemäss konstanter Praxis um eine summarische Befra-
gung handelt, der für die Beurteilung der Glaubhaftigkeit der Asylvorbrin-
gen lediglich beschränkter Beweiswert zukommt (vgl. bereits Entscheidun-
gen und Mitteilungen der vormaligen Schweizerischen Asylrekurskommis-
sion [EMARK] 1993 Nr. 3).
Der durch die Vorinstanz ins Feld geführte Widerspruch, der Beschwerde-
führer habe anlässlich der BzP noch angegeben, er und seine Familie
hätten keine Kenntnis von der Tätigkeit seines Schwagers zugunsten des
"abtrünnigen Teils der LTTE" gehabt (vgl. A5 S. 6), hingegen an der Anhö-
rung erklärt, er habe seinen Schwager nach der Hochzeit jeweils zum Büro
der Karuna-Partei begleitet und für sie gearbeitet (vgl. A15 ad F125 und
F117 ff.), lässt sich jedoch offensichtlich nicht allein mit dem summarischen
Charakter der BzP plausibel erklären.
5.2 Zudem lässt auch das Aussageverhalten des Beschwerdeführers wäh-
rend der Anhörung an der Glaubhaftigkeit seiner Ausführungen zweifeln.
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5.2.1 So gab der Beschwerdeführer an der Anhörung zuerst an, er habe
die Karuna-Partei unterstützt, sie befürwortet und für sie gearbeitet. Auf
Nachfrage stellte er jedoch klar, er habe die Partei gar nicht unterstützt,
sondern lediglich seinen Schwager zum Parteibüro begleitet (vgl. A15
ad F119 und F129 f.). Nachdem er (Beschwerdeführer) zum Parteibeitritt
aufgefordert worden sei, habe ihm der Schwager verboten, ihn zu beglei-
ten, und ihm gesagt, auch er wolle seine Arbeit für die Partei beenden (vgl.
A15 ad F128). Vor diesem Hintergrund erstaunt doch sehr, dass der
Schwager gerade dem Beschwerdeführer die Hauptgeheimnisse der Ka-
runa-Partei hätte anvertrauen sollen; seine diesbezügliche Erklärung
– er sei der einzige im Haus anwesende Mann gewesen – erscheint ange-
sichts der angeblichen Bedeutung dieser Geheimnisse überaus fragwürdig
(vgl. A15 ad F138 ff. und F147).
5.2.2 Auch bezüglich der Inhalte dieser Geheimnisse machte der
Beschwerdeführer ungereimte Aussagen (vgl. A15 ad F144: "[...] Auf den
Papieren stand drauf vom wem Gelder kommen und wer zwangsweise zur
Bewegung kommt [...]."; F145: "Sie sagten, es stand unter anderem drauf,
von wem Gelder kamen. Von wem kamen diese Gelder?" A: "Keine Na-
men. Es stand nur wie viel, welcher Betrag.").
5.2.3 Dasselbe wechselhafte Aussageverhalten ist erkennbar bei den
Fragen betreffend die Kiste mit den Parteigeheimnissen (vgl. A15 ad F112:
"[...] Dann hat man mich freigelassen. Ich habe dann dieses Geheimnis zu
einem Freund gebracht."; F154: "Ich und E._ zusammen haben
dann unter einer (...)plantage ein Loch gegraben und das Ganze dort rein-
gelegt und vergraben."; F157: "Weshalb haben Sie genau diesen Ort für
das Versteck ausgesucht?" A: "Das kann man nicht zuhause haben, weil
es Kontrollen gibt. [...]. Deswegen haben wir es in einer einsamen und ver-
lassenen Gegend vergraben."; ad F161: "Ich möchte nicht sagen, dass ich
mit E._ zusammen die Kiste vergraben habe. Der Schwager hat mir
das gegeben. Ich habe es dann E._ gegeben und ihm gesagt, er
soll es verstecken.").
Der Versuch des Beschwerdeführers diesen Widerspruch aufzuklären
– er habe befürchtet, die Schweizer Asylbehörden würden die Kiste vor Ort
ausgraben lassen und damit seiner Familie grosse Probleme bereiten (vgl.
Beschwerde vom 6. Januar 2020 S. 9, Replik vom 18. Mai 2020 S. 2) –
wirkt konstruiert und vermag nicht zu überzeugen. Es ist der Vorinstanz
somit beizupflichten, soweit sie diesen Erklärungsversuch als nachgescho-
ben erachtet.
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5.3 In Bezug auf die geltend gemachten persönlichen Nachteile, die er we-
gen der Parteigeheimnisse erlitten habe, die ihm sein Schwager vor des-
sen Untertauchen übergeben habe, kann auf die zutreffenden Ausführun-
gen des SEM verwiesen werden (vgl. angefochtene Verfügung S. 3). Es ist
in der Tat nicht nachvollziehbar, weshalb der Beschwerdeführer die gehei-
men Informationen der Karuna-Partei hätte von seinem Schwager anneh-
men sollen, nachdem dieser deswegen bereits Probleme gehabt habe.
Seine diesbezügliche Angabe, er habe nicht erwartet, deswegen derartige
Probleme zu bekommen (vgl. A15 ad F152), ist insbesondere angesichts
seiner zuvor gemachten Aussage, sein Schwager habe ihm die Parteige-
heimnisse anvertraut, weil diese nicht an die Öffentlichkeit gelangen sollten
(vgl. A15 ad F139 ff.), als Schutzbehauptung zu qualifizieren.
5.4 Weitere Ungereimtheiten ergeben sich aus den Aussagen des Be-
schwerdeführers im Zusammenhang mit seinem Untertauchen sowie der
Organisation seiner Ausreise rund zwei Jahre nach seiner Entführung.
Zunächst erstaunt, dass der Beschwerdeführer seinen Peinigern den
Namen seines Freundes E._ mitgeteilt haben will, er aber nicht er-
wähnte, dass er diesen vorgewarnt habe, als er ihm von seiner Entführung
berichtet habe; vielmehr habe dieser ihm zum Untertauchen geraten (vgl.
A15 ad F203, Replik S. 6). Es wäre auch zu erwarten gewesen, dass sein
Freund gemeinsam mit ihm untergetaucht wäre, gerade weil sich der Be-
schwerdeführer bei Freunden von E._ versteckt aufgehalten habe
(vgl. Replik S. 6). Angesichts dessen widerspricht es jeglicher Logik, dass
gerade E._ alle Vorkehrungen betreffend die Ausreise des Be-
schwerdeführers getroffen habe, obwohl dieser selber auch unter-
getaucht gewesen sei (vgl. A15 ad F217: "Ich habe das Ganze durch
E._ geholt. Pass und alles. Er hat alle Vorkehrungen getroffen.", ad
F97: "[...] Danach habe ich ihm das Geheimnis gebracht und wir sind beide
untergetaucht.").
5.5 Andererseits ist diese Angabe in zeitlicher Hinsicht nicht in Einklang zu
bringen mit den zuvor protokollierten Aussagen des Beschwerdeführers,
sein Freund sei ebenfalls untergetaucht beziehungsweise nach seinem
Untertauchen im Jahr 2015 mitgenommen und geschlagen worden (vgl.
A15 ad F97 und F112). Abschliessend ist auch fraglich, ob der Tod seines
Freundes im Jahr 2019 überhaupt in Zusammenhang stand zu der durch
den Beschwerdeführer erfolgten Preisgabe seines Namens im Jahr 2015
(vgl. A15 ad F94 f.).
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5.6 Die eingereichten Beweismittel vermögen diese zahlreichen Wider-
sprüche und Ungereimtheiten nicht aufzulösen. Im Übrigen kann – unter
anderem in diesem Zusammenhang – auf die überzeugenden Erwägungen
des SEM verwiesen werden (vgl. angefochtene Verfügung S. 3).
5.7 Nach dem Gesagten, erachtet das Gericht die Vorbringen des Be-
schwerdeführers als nicht glaubhaft. Es ist ihm folglich nicht gelungen
glaubhaft zu machen, sein Leben sei aus einem der in Art. 3 AsylG genann-
ten Gründen in Gefahr.
6.
6.1 Zu prüfen bleibt, ob dem Beschwerdeführer trotz fehlender Vorverfol-
gung bei einer Rückkehr in seinem Heimatland ernsthafte Nachteile im
Sinne von Art. 3 AsylG drohen würden.
6.2 Das Bundesverwaltungsgericht hat im Referenzurteil E-1866/2015 vom
15. Juli 2016 festgestellt, dass Angehörige der tamilischen Ethnie bei einer
Rückkehr nach Sri Lanka nicht generell einer ernstzunehmenden Gefahr
von Verhaftung und Folter ausgesetzt sind. Zur Beurteilung des Risikos
von Rückkehrenden, Opfer ernsthafter Nachteile in Form von Verhaftung
und Folter zu werden, wurden verschiedene Risikofaktoren identifiziert.
Eine tatsächliche oder vermeintliche, aktuelle oder vergangene Verbindung
zu den LTTE, ein Eintrag in der "Stop-List" und die Teilnahme an exilpoliti-
schen regimekritischen Handlungen wurden als stark risikobegründende
Faktoren eingestuft, da sie unter den im Entscheid dargelegten Umständen
bereits für sich alleine genommen zur Bejahung einer begründeten Furcht
führen könnten. Demgegenüber stellen das Fehlen ordentlicher Identitäts-
dokumente bei der Einreise in Sri Lanka, Narben und eine gewisse Aufent-
haltsdauer in einem westlichen Land schwach risikobegründende Faktoren
dar. Von den Rückkehrenden, die diese weitreichenden Risikofaktoren er-
füllten, habe jedoch nur jene kleine Gruppe tatsächlich mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit ernsthafte Nachteile im Sinn von Art. 3 AsylG zu be-
fürchten, die nach Ansicht der sri-lankischen Behörden bestrebt sei, den
tamilischen Separatismus wiederaufleben zu lassen, und so den sri-lanki-
schen Einheitsstaat gefährde. Mit Blick auf die dargelegten Risikofaktoren
seien in erster Linie jene Rückkehrer gefährdet, deren Namen in der am
Flughafen in C._ abrufbaren "Stop-List" vermerkt seien und deren
Eintrag den Hinweis auf eine Verhaftung beziehungsweise einen Straf-
registereintrag im Zusammenhang mit einer tatsächlichen oder vermuteten
Verbindung zu den LTTE enthalte. Entsprechendes gelte für sri-lankische
Staatsangehörige, die sich im Ausland regimekritisch betätigt hätten (vgl.
Urteil E-1866/2015 E. 8.5.5).
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6.3 Die Asylvorbringen des Beschwerdeführers wurden als unglaubhaft be-
urteilt und den Akten sind keine Anhaltspunkte zu entnehmen, wonach er
bei einer Rückkehr in den Heimatstaat in den Fokus der heimatlichen Be-
hörden geraten würde. Der Beschwerdeführer hat zu keinem Zeitpunkt gel-
tend gemacht, wegen den Problemen seines älteren Bruders, der den Hei-
matstaat bereits vor Jahren verlassen habe, je behelligt worden zu sein.
Der Beschwerdeführer hat seinen Heimatstaat mit seinem eigenen Reise-
pass verlassen (vgl. A5 S. 5 f.), und mit seiner Zugehörigkeit zur tamili-
schen Ethnie, der Herkunft aus dem Norden des Landes sowie der mehr-
jährigen Landesabwesenheit liegen keine stark risikobegründenden Fakto-
ren gemäss Referenzurteil vor, aufgrund welcher davon auszugehen wäre,
er würde im Falle einer Rückkehr von den heimatlichen Behörden als
Bedrohung wahrgenommen. Vor diesen Hintergrund bestehen folglich
keine Hinweise darauf, dass alleine die Narben (...) des Beschwerdefüh-
rers eine Verhaftung oder Folter nach sich ziehen könnte (vgl. a.a.O.,
E. 8.4.5).
6.4 Nach dem Gesagten ist festzustellen, dass das SEM folglich zu Recht
die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers verneint und sein Asyl-
gesuch abgelehnt hat.
7.
7.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
7.2 Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
8.
8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
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Seite 13
8.2
8.2.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG). So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land
gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem
Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft,
zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1
AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über
die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gemäss Art. 25
Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen
Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behand-
lung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3 EMRK darf nie-
mand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Be-
handlung unterworfen werden.
8.2.2 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend da-
rauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur
Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem
Beschwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr-
dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG
verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren
keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers in den
Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
8.2.3 Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerde-
führers noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer
Ausschaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit
einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behand-
lung ausgesetzt wäre. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofes für
Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses
müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr ("real risk") nachwei-
sen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter
oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR
Saadi gegen Italien 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06, §§ 124–
127 m.w.H.).
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8.2.4 Der EGMR hat sich mit der Gefährdungssituation im Hinblick auf eine
EMRK-widrige Behandlung namentlich für Tamilen, die aus einem europä-
ischen Land nach Sri Lanka zurückkehren müssen, wiederholt befasst
(vgl. EGMR, R.J. gegen Frankreich, Urteil vom 19. September 2013, Be-
schwerde Nr. 10466/11; E.G. gegen Grossbritannien, Urteil vom 31. Mai
2011, Beschwerde Nr. 41178/08; T.N. gegen Dänemark, Urteil vom 20. Ja-
nuar 2011, Beschwerde Nr. 20594/08; P.K. gegen Dänemark, Urteil vom
20. Januar 2011, Beschwerde Nr. 54705/08; N.A. gegen Grossbritannien,
Urteil vom 17. Juli 2008, Beschwerde Nr. 25904/07; Rechtsprechung zu-
letzt bestätigt in J.G. gegen Polen, Entscheidung vom 11. Juli 2017, Be-
schwerde Nr. 44114/14). Dabei unterstreicht der Gerichtshof, dass nicht in
genereller Weise davon auszugehen sei, zurückkehrenden Tamilen drohe
eine unmenschliche Behandlung. Vielmehr müssten im Rahmen der Beur-
teilung, ob der oder die Betroffene ernsthafte Gründe für die Befürchtung
habe, die Behörden hätten an seiner Festnahme und Befragung ein Inte-
resse, verschiedene Aspekte – welche im Wesentlichen durch die im Re-
ferenzurteil E-1866/2015 identifizierten Risikofaktoren abgedeckt sind (vgl.
EGMR, T.N. gegen Dänemark, a.a.O., § 94; EGMR, E.G. gegen Grossbri-
tannien, a.a.O., § 13 und 69) – in Betracht gezogen werden. Dabei sei dem
Umstand gebührend Beachtung zu tragen, dass diese einzelnen Aspekte,
auch wenn sie für sich alleine betrachtet möglicherweise kein "real risk"
darstellen, diese Schwelle bei einer kumulativen Würdigung erreichen
könnten.
8.2.5 Nachdem der Beschwerdeführer nicht glaubhaft gemacht hat, dass
er befürchten müsse, bei einer Rückkehr in den Heimatstaat die Aufmerk-
samkeit der sri-lankischen Behörden in einem flüchtlingsrechtlich relevan-
ten Ausmass auf sich zu ziehen, bestehen auch keine Anhaltspunkte dafür,
ihm würde eine menschenrechtswidrige Behandlung in Sri Lanka drohen.
8.2.6 Aus Sicht des Bundesverwaltungsgerichts besteht kein Grund zur
Annahme, dass sich die jüngsten politischen Entwicklungen in Sri Lanka
konkret auf den Beschwerdeführer auswirken könnten. Die allgemeine
Menschenrechtssituation in Sri Lanka lässt den Wegweisungsvollzug zum
heutigen Zeitpunkt nicht als generell unzulässig erscheinen und der Be-
schwerdeführer weist seinerseits keine individuellen Merkmale auf, welche
eine Unzulässigkeit des Vollzugs begründen könnten. Der Vollzug der
Wegweisung erweist sowohl im Sinn der asyl- als auch der völkerrechtli-
chen Bestimmungen als zulässig.
E-1347/2020
Seite 15
8.3
8.3.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
8.3.2 Das SEM hat die Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs vorliegend
bejaht. Der bewaffnete Konflikt zwischen der sri-lankischen Regierung und
den LTTE ist im Mai 2009 zu Ende gegangen. Aktuell herrscht in Sri Lanka
weder Krieg noch eine Situation allgemeiner Gewalt. An dieser Einschät-
zung vermögen auch die am Ostersonntag 2019 erfolgten Anschläge auf
Kirchen und Luxushotels nichts zu ändern (vgl. Urteil des BVGer
E-868/2020 vom 25. März 2020). Auch unter Berücksichtigung des Vorfalls
im Zusammenhang mit der Festnahme einer Mitarbeiterin der Schweizeri-
schen Botschaft und der aktuellen politischen Situation rund um Präsident
Gotabaya Rajapaksa, dessen Auflösung des Parlaments und die Neuwah-
len von August 2020, sieht das Bundesverwaltungsgericht keine Veranlas-
sung, den Wegweisungsvollzug sri-lankischer Staatsangehöriger tamili-
scher Ethnie als generell unzumutbar einzustufen.
8.3.3 Was die allgemeine Situation in Sri Lanka betrifft, aktualisierte das
Bundesverwaltungsgericht im Referenzurteil E-1866/2015 die Lagebeur-
teilung bezüglich der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs in die Nord-
und Ostprovinzen Sri Lankas (vgl. E. 13.2–13.4). Betreffend die Ost-
Provinz (Distrikte Trincomalee, Batticaloa, Ampara), aus welcher der Be-
schwerdeführer stammt, hielt das Gericht zusammenfassend fest, dass es
den Wegweisungsvollzug dorthin als zumutbar erachte, wenn das Vorlie-
gen der individuellen Zumutbarkeitskriterien – insbesondere Existenz eines
tragfähigen familiären oder sozialen Beziehungsnetzes sowie Aussichten
auf eine gesicherte Einkommens- und Wohnsituation – bejaht werden
könne (vgl. E. 13.4).
8.3.4 Der Beschwerdeführer gab an, er habe während (...) Jahren die
Schule besucht und in der Folge als (...) sowie jahrelang in (...) gearbeitet.
Er stehe weiterhin in Kontakt mit seinen Eltern, die zusammen mit seinen
beiden Schwestern das eigene Familienhaus in B._ bewohnen und
massgeblich durch den in F._ lebenden Bruder des Beschwerde-
führers unterstützt würden. Die Geschwister des Vaters würden auch in
demselben Dorf leben (vgl. A5 S. 3; A15 ad F47 ff., F77 ff., F82 ff.). Damit
http://links.weblaw.ch/BVGer-E-868/2020
E-1347/2020
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ist mit dem SEM davon auszugehen, der junge und gesunde Beschwerde-
führer verfüge in seiner Heimatregion über ein tragfähiges Beziehungsnetz
sowie die Möglichkeit, sich beruflich wieder reintegrieren – respektive hier-
bei Unterstützung erhältlich machen – zu können.
8.3.5 Der Vollzug der Wegweisung des Beschwerdeführers nach Sri Lanka
erweist sich demnach insgesamt als zumutbar.
8.4 Es obliegt sodann dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständigen
Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr weiteren notwendigen
Reisedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch
BVGE 2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als mög-
lich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
8.5 Schliesslich steht auch die Corona-Pandemie dem Wegweisungsvoll-
zug nicht entgegen. Die Anordnung einer vorläufigen Aufnahme setzt vo-
raus, dass ein Vollzugshindernis nicht nur vorübergehender Natur ist, son-
dern voraussichtlich eine gewisse Dauer bestehen bleibt. Ist dies nicht der
Fall, so ist dem temporären Hindernis bei den Vollzugsmodalitäten Rech-
nung zu tragen (vgl. EMARK 1995 Nr. 14 E. 8d und e). Bei der Corona-
Pandemie handelt es sich – wenn überhaupt – um ein bloss temporäres
Vollzugshindernis, welchem somit im Rahmen der Vollzugsmodalitäten
durch die kantonalen Behörden Rechnung zu tragen ist.
8.6 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist.
Die Beschwerde ist abzuweisen.
10.
10.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Be-
schwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Angesichts der mit
Zwischenverfügung vom 8. April 2020 gewährten unentgeltlichen Prozess-
führung werden keine Verfahrenskosten auferlegt, nachdem den Akten
http://links.weblaw.ch/EMARK-1995/14
E-1347/2020
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keine Hinweise auf eine relevante Veränderung der finanziellen Verhält-
nisse zu entnehmen sind.
10.2 Das Gesuch um amtliche Rechtsverbeiständung wurde ebenfalls mit
derselben Zwischenverfügung vom 8. April 2020 gutgeheissen, und MLaw
Cora Dubach wurde als amtliche Rechtsbeiständin eingesetzt. Ihr ist
zulasten der Gerichtskasse ein Honorar zuzusprechen.
10.3 Es wurde keine Kostennote zu den Akten gereicht, womit das Honorar
der amtlichen Rechtsbeiständin aufgrund der Akten zu bestimmen ist
(Art. 14 Abs. 2 Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Ent-
schädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
Unter Berücksichtigung der massgebenden Bemessungsfaktoren und der
in der Zwischenverfügung vom 8. April 2020 angekündigten Stunden-
ansätze (in casu Fr. 150.–) ist das Honorar demnach auf insgesamt
Fr. 1500.– (inklusive sämtlicher Auslagen und Nebenkosten) festzusetzen
und MLaw Dubach durch die Gerichtskasse zu vergüten.
(Dispositiv nächste Seite)
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