Decision ID: 6b9462e2-ee10-46db-8b12-9c51f8a591e5
Year: 2013
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführer,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Kurt Balmer, Stadelhoferstrasse 40, Postfach 354,
8024 Zürich,
gegen
Schweizerische Unfallversicherungsanstalt (Suva), Fluhmattstrasse 1, Postfach 4358,
6002 Luzern,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
Versicherungsleistungen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Sachverhalt:
A.
A._ war als Schreiner bei der B._ AG (UV-act. 14), bei der Suva unfallversichert, als
er als Beifahrer in einem Lieferwagen auf der Autobahn in einen Auffahrunfall verwickelt
war (UV-act. 20, 64). Hierbei erlitt er ein kranio-zervikales Beschleunigungstrauma und
eine Thoraxkontusion (UV-act. 4). Die Suva anerkannte ihre Leistungspflicht. Nach
Durchführung von ärztlichen Behandlungen und Abklärungen eröffnete sie dem
damaligen Rechtsvertreter des Versicherten, Rechtsanwalt lic. iur. E. Nisple, St. Gallen,
mit Verfügung vom 1. Februar 2012, dass die Versicherungsleistungen auf den 1.
Februar 2012 eingestellt worden sind. Die noch geklagten Beschwerden seien
organisch nicht hinreichend nachweisbar. Der adäquate Kausalzusammenhang
zwischen dem Unfall vom 5. Juli 2010 und den gesundheitlichen Beschwerden sei zu
verneinen. Mangels Vorliegens adäquater Unfallfolgen bestehe auch kein Anspruch auf
weitere Geldleistungen in Form einer Invalidenrente und/oder Integritätsentschädigung
(UV-act. 195). Die gegen diese Verfügung vom Rechtsvertreter erhobene Einsprache
(UV-act. 198) wies die Suva mit Einspracheentscheid vom 21. August 2012 (UV-act.
208) ab.
B.
B.a Gegen diesen Einspracheentscheid erhob Rechtsanwalt Nisple für den
Versicherten mit Eingabe vom 21. September 2012 Beschwerde. Er stellte die
Rechtsbegehren, der Entscheid sei aufzuheben und die Beschwerdegegnerin sei
anzuweisen, weiterhin Taggelder auszurichten und die Kosten der Heilbehandlung zu
übernehmen. Eventualiter sei der Anspruch auf eine Invalidenrente und eine
Integritätsentschädigung aufgrund des neuen medizinischen Gutachtens zu beurteilen.
Zur Begründung legte der Rechtsvertreter unter anderem dar, es werde bestritten, dass
beim Beschwerdeführer keinerlei objektivierbares organisches Korrelat feststellbar sei.
Ein solches ergebe sich aus den von Dr. med. C._, Facharzt für diagnostische
Radiologie, beschriebenen Befunden (UV-act. 90). Der Untersuch in der
Universitätsklinik Balgrist (Prof. Dr. med. D._) sei anhand eines herkömmlichen MRT
erfolgt. Insoweit könne es nicht erstaunen, dass dort kein objektivierbares Substrat
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
habe eruiert werden können. In verschiedenen Bereichen hätten in jüngster Zeit mit der
fMRT-Methode diagnostische Fortschritte erzielt werden können. Es sei mehr als
angezeigt, diese Art der Diagnostik kritisch zu prüfen und deren Resultate angemessen
zu würdigen. Es widerspreche diversen Rechtsgrundsätzen, "neue" wissenschaftliche
Methoden per se auszuschliessen bzw. nicht zu beachten und auf diese Art und Weise
Befunde richtiggehend zu verdrängen. Indem sich die Beschwerdegegnerin um solche
Erkenntnisse foutiere, keine diesbezüglichen Abklärungen gelten lasse und den
Ergebnissen von Dr. C._ keine Beachtung schenke, verletze sie das rechtliche Gehör
des Beschwerdeführers und den Untersuchungsgrundsatz. Die von Dr. C._
angewendete Methode sei zu Lasten der gesetzlichen Unfallversicherungsträger im
Landesverband E._ im Jahr 2009 offiziell genehmigt worden und genüge damit den
hohen Anforderungen Deutschlands. Entsprechend müsse diese Art der Diagnostik
durchaus versicherungsrechtlich verwertbare Resultate liefern. Der medizinische
Sachverhalt sei unter Berücksichtigung der Resultate von Dr. C._ ergänzend
abzuklären. Des Weiteren sei ein Fachgutachten zur Tauglichkeit der fMRT respektive
der Upright-Kernspintomographie-Methode einzuholen. Beim Beschwerdeführer könne
eine nennenswerte Besserung des Gesundheitszustands durch die Fortsetzung der
ärztlichen und therapeutischen Behandlung erreicht werden. Die intensive
Rehabilitationsphase führe in jedem Fall dazu, dass Kopfschmerzen und der Schwindel
minimiert sowie der psychische Zustand stabilisiert werden könnten. Ein Abbruch der
Heilbehandlung wäre daher fatal und würde das Gegenteil bewirken. Sollte das Gericht
dennoch zur Auffassung gelangen, dass die Befunde von Dr. C._ nicht verwertbar
seien, so wäre jedenfalls der adäquate Kausalzusammenhang gegeben. Die
Beschwerdegegnerin habe den Anspruch auf eine Dauerrente zu früh geprüft, da von
der Fortsetzung der ärztlichen Behandlung noch eine namhafte Besserung zu erwarten
sei.
B.b In der Beschwerdeantwort vom 31. Oktober 2012 beantragte die
Beschwerdegegnerin Abweisung der Beschwerde. Zur Begründung verwies sie auf die
Darlegungen im angefochtenen Entscheid und führte unter anderem aus, das
angerufene Gericht habe von Amtes wegen zu prüfen, ob es örtlich zuständig sei. Der
Beschwerdeführer sei sowohl im Unfallzeitpunkt als auch im Zeitpunkt der
Beschwerdeerhebung in Deutschland domiziliert gewesen. Den mit funktioneller
Magnetresonanztomographie erhobenen Befunden komme nach der Rechtsprechung
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
für die Beurteilung der Unfallkausalität von Beschwerden nach Schleudertraumen der
HWS und äquivalenten Unfallmechanismen kein Beweiswert zu. Es sei davon
auszugehen, dass kein objektivierbares unfallkausales organisches Substrat vorliege.
Der medizinische Endzustand sei im Zeitpunkt der Leistungseinstellung (1. Februar
2012) erreicht gewesen. Der Beschwerdeführer leide unter einer posttraumatischen
Belastungsstörung, welche nicht zu den schleudertraumaspezifischen Beschwerden
gehöre, sondern ein davon zu trennendes, eigenständiges Leiden darstelle. Deshalb
habe die Adäquanzprüfung diesbezüglich nach der Psycho-Praxis zu erfolgen. Da
keine organisch objektivierbaren Unfallfolgen vorlägen, würden die entsprechenden
Adäquanzkriterien zum vornherein entfallen. Die psychischen Beschwerden stünden
also ebenfalls in keinem adäquaten Kausalzusammenhang zum Unfall vom 5. Juli 2010.
B.c Mit Replik vom 18. Dezember 2012 bestätigte der neu mandatierte Rechtsvertreter
des Beschwerdeführers, Rechtsanwalt lic. iur Kurt Balmer, Zürich, die in der
Beschwerde gestellten Anträge. Ergänzend wies er darauf hin, dass die Beurteilung von
Prof. D._ vom 28. Oktober 2011 äusserst kurz ausgefallen sei und in den Akten nicht
die nötige Unterschrift des Arztes enthalte. Somit sei die Stellungnahme ungültig, auch
wenn angeblich eine elektronische Genehmigung vorliege. Eine gültige Stellungnahme
enthalte nach den üblichen obligationenrechtlichen Bestimmungen eine Unterschrift
oder eine analoge gesetzlich gültige Genehmigung. Diese liege nicht vor. In der
Beurteilung vom 28. Oktober 2011 weise Prof. D._ darauf hin, dass ein Vergleich
aufgrund der unterschiedlichen Untersuchungstechnik nur bedingt möglich sei. Die
Feststellung des Kreisarztes Dr. med. F._, wonach keine objektivierbaren
somatischen Befunde existieren würden, die vom Unfall vom 5. Juli 2010 stammten ,
sei unzutreffend und nicht nachvollziehbar. Auch zum Bericht von Dr. F._ vom
21. November 2011 - sowie weiteren ähnlichen Dokumenten - sei festzuhalten, dass
die Authentizität aufgrund der Akten nicht nachvollzogen werden könne, da eine
ordentliche Unterschrift fehle und die elektronische Signatur lediglich auf
elektronischen Datenträgern überprüft werden könne. Die Beschwerdegegnerin sei
anzuhalten, die Originalakten ins Recht zu legen. Diese seien dem Rechtsvertreter des
Beschwerdeführers zur Einsichtnahme zur Verfügung zu stellen (act. G 8). Auf das
Schreiben des Versicherungsgerichts vom 7. Januar 2013 (act. G 9) reichte der
Rechtsvertreter des Beschwerdeführers am 14. Januar 2013 die unterzeichnete Version
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
der Eingabe vom 18. Dezember 2012 sowie eine Meldebescheinigung des
Einwohneramtes vom 19. November 2012 nach (act. G 10).
B.d In der Duplik vom 8. Februar 2013 nahm die Beschwerdegegnerin Stellung zur
Frage der Unterzeichnung von Arztberichten. Im Übrigen bestätigte sie ihren
Standpunkt (act. G 13).

Erwägungen:
1.
Nach Art. 58 Abs. 2 ATSG ist für das erstinstanzliche Rechtspflegeverfahren im Bereich
des Sozialversicherungsrechts des Bundes das Versicherungsgericht desjenigen
Kantons zuständig, in dem sich der letzte schweizerische Wohnsitz der versicherten
Person befand oder in dem ihr letzter schweizerischer Arbeitgeber Wohnsitz hat, wenn
sich der Wohnsitz der versicherten Person im Ausland befindet; lässt sich keiner dieser
Orte ermitteln, so ist das Versicherungsgericht desjenigen Kantons zuständig, in dem
das Durchführungsorgan seinen Sitz hat. Der Beschwerdeführer war im Unfallzeitpunkt
bei einer Arbeitgeberin mit Sitz im Kanton St. Gallen angestellt. Er war vom 5. Juli 2010
bis 3. April 2011 gemeldet und zog danach wieder nach Deutschland (act. G 10.2). Die
örtliche Zuständigkeit des angerufenen Gerichts ist damit gegeben. - In materieller
Hinsicht streitig ist, ob die Beschwerdegegnerin die im Nachgang zum Unfall vom 5.
Juli 2010 erbrachten Leistungen auf den 1. Februar 2012 zu Recht einstellte oder nicht.
Sie legte im angefochtenen Entscheid (E. 1, 3a, 4a und 5a) die rechtlichen
Voraussetzungen des Vorliegens eines natürlichen und adäquaten
Kausalzusammenhangs zwischen Unfall und Gesundheitsschädigung sowie die
Beweisanforderungen zutreffend dar; darauf ist zu verweisen.
2.
2.1 Ein ambulantes Assessment in der Rehaklinik Bellikon ergab gemäss Bericht vom
26. November 2010 als aktuelle Probleme des Beschwerdeführers Schmerzen im
Schulter-/Nackenbereich, Kopfschmerzen, diffuse Schwindelepisoden,
Durchschlafstörungen, Tagesmüdigkeit, subjektive Störung von Konzentration,
Kribbelparästhesien in den Händen und einen Tinnitus beidseits. Insgesamt hätten ein
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
adäquates Schmerzverhalten und gute Leistungsbereitschaft bestanden (UV-act. 59).
Dr. med. G._, Fachärztin für HNO-Heilkunde, bestätigte am 28. Februar 2011 das
Vorliegen eines beidseitigen Tieftontinnitus (UV-act. 85). Die Arbeitgeberin löste das
Arbeitsverhältnis auf Anfang April 2011 auf (UV-act. 86). Eine Upright-MRT-
Untersuchung durch Dr. med. C._ ergab gemäss Bericht vom 18. März 2011 unter
anderem einen hochgradigen Verdacht, dass es im densnahen Ansatzbereich/mittleren
Verlauf des linken Ligamentum alare zu einer Partialruptur gekommen sei. Die
Befundkonstellation im Bereich der Kopfgelenke sei durchaus mit einem
posttraumatischen Residuum bei Zustand nach Schleuderverletzung in der Kopf-Hals-
Region vereinbar (UV-act. 90, 95). Dr. med. H._ berichtete am 22. März 2011, es
handle sich um eine posttraumatische Vertigo, welche atiologisch nicht sicher
zuzuordnen sei. Für eine relevante axonale radikuläre Schädigung habe sich kein
sicherer Hinweis ergeben. Offensichtlich sei es im Verlauf zu einer erheblichen
Chronifizierung gekommen. Eine medikamentöse Therapie und physiotherapeutische
Betreuung sei indiziert (UV-act. 92). Dr. med. I._, Chirurgie/Orthopädie &
Unfallchirurgie, empfahl im Bericht vom 29. April 2011 die Fortführung der
Physiotherapie und Mitbeurteilung durch HNO und Neurologie (UV-act. 109). Dr. med.
Ch. J._, Fachärztin für Orthopädie, diagnostizierte am 27. Juni 2011 eine
Atlasgefügestörung nach Schleudertrauma, eine Teilruptur des ligamentum alare, eine
chronische cranio-cervikale Instabilität und eine Psoriasis Arthritis (UV-act. 118). Der
Suva-Kreisarzt erachtete die Brillenversorgung des Beschwerdeführers und die
Psoriasis Arthritis am 1. Juli 2011 als in keinem Kausalzusammenhang zum Unfall vom
5. Juli 2010 stehend (UV-act. 120, 122). Am 27. Juli 2011 bescheinigte Dr. J._ eine
seit dem Unfall andauernde volle Arbeitsunfähigkeit (UV-act. 123). In der kreisärzlichen
Beurteilung vom 5. Oktober 2011 kam Dr. med. F._, Facharzt für Chirurgie FMH, zum
Schluss, subjektiv würden belastungsabhängige Beschwerden, verminderte
Belastbarkeit, Konzentrationsstörungen, Einschlafen der Hände und eine depressive
Stimmungslage persistieren. Klinisch objektivierbar fänden sich bei der aktuellen
Untersuchung somatisch eine leichte Einschränkung der HWS-Beweglichkeit und eine
Verspannung der Paravertebral-Muskulatur im BWS-Bereich (UV-act. 135).
2.2 Der Neurologe PD Dr. med. K._ berichtete am 28. September 2011, dass keine
neurologischen Ausfälle bestünden. Die elektrophysiologischen Untersuchungen seien
unauffällig. Es bestehe eine posttraumatische Belastungsstörung infolge des schweren
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Verkehrsunfalls. Diese sollte psychotherapeutisch behandelt werden. Bezüglich der
HWS habe er keine zusätzlichen Therapievorschläge (UV-act. 137). Ein an der Uniklinik
Balgrist am 28. Oktober 2011 durchgeführtes MRI der HWS zeigte gemäss Bericht von
Prof. Dr. med. D._ eine leichte Diskusprotrusion C4/C5 und im Übrigen einen
unauffälligen Befund. Aufgrund der unterschiedlichen Untersuchungstechnik sei ein
Vergleich mit der Voruntersuchung (fMRI) nur bedingt möglich. Eine eindeutige
Pathologie sei nicht abgrenzbar (UV-act. 144). Am 21. November 2011 hielt Kreisarzt
Dr. F._ ergänzend fest, bildgebend seien in der aktuellen Untersuchung keine
Unfallfolgen mehr nachweisbar. Die vom Patienten geklagte Sensibilitätsstörung der
gesamten linken oberen Extremität sei aus chirurgisch-rheumatologischer Sicht nicht
erklärbar. Eine neurale Kompromittierung sei aufgrund des aktuellen MRI im HWS-
Bereich ausgeschlossen. Die enggradige Bewegungseinschränkung der HWS sei durch
die Bildgebung nicht objektivierbar. Die paravertebrale Verspannung im Bereich der
BWS könne nach mehr als 15 Monaten nicht mehr mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit als unfallbedingt angesehen werden, da insbesondere die
Muskulatur unauffällig sei (UV-act. 149). Dr. J._ bestätigte am 23. November 2011 die
im früheren Bericht bescheinigten Diagnosen und hielt fest, ein gezieltes muskuläres
Koordinations- und Stabilisationstraining sei indiziert (UV-act. 152). Der Neurologe Dr.
med. L._ diagnostizierte am 1. Dezember 2011 schwerwiegende, ernsthafte Folgen
eines unverschuldeten massiven Verkehrsunfalls mit Schleuderverletzung der HWS und
davon abhängigen neurologischen Störungen, insbesondere eine Wurzelläsion C7 bzw.
eine traumatische Myelopathie, einen traumatischen Bandscheibenschaden mit einer
L5-Läsion rechts und traumaabhängiger schwerer Schädigung der Kopfgelenke mit
einem abhängigen tanzenden Dens, eine traumaabhängige Vertebralis-Basilaris
insuffizienz und den Ausschluss einer psychosomatischen Erkrankung. Er empfahl
osteopathische Massnahmen, Medikation und physikalische Massnahmen für die LWS
(UV-act. 163). Dr. med. M._, Facharzt für Innere Medizin und psychotherapeutische
Medizin, berichtete am 3. Januar 2012, er behandle den Beschwerdeführer seit dem
11. Oktober 2011. Es lägen eine ängstliche Übererregbarkeit, Schreckhaftigkeit,
Konzentrationsstörungen, Flashbacks und Alpträume vor. Es sei eine posttraumatische
Belastungsstörung nach Autounfall zu diagnostizieren. Bei Einsatz
psychotherapeutischer Methoden sei die Prognose als günstig einzuschätzen. Die
körperliche Genesung sei jedoch eine wesentliche Vorbedingung für die psychische
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Genesung (UV-act. 186). Am 7. Januar 2012 vermerkte Dr. L._ ergänzend, dass die
Untersuchungen in der Klinik Balgrist nur mit einer herkömmlichen MRT der HWS
erfolgt und keine MRT-Aufnahme mit Upright-Technik durchgeführt worden sei. Die in
der Klinik Balgrist erhobenen Befunde seien daher absolut wertlos (UV-act. 191).
2.3 Am 27. Januar 2012 nahm Kreisarzt Dr. F._ zum Bericht von Dr. L._ vom 1.
Dezember 2011 Stellung. Dr. L._ beschreibe eine zervikale Wurzelläsion C7 bzw. eine
entsprechende traumatische Myelopathie. Sodann beschreibe er normale motorische
und sensible Nervenleitgeschwindigkeiten im Elektromyogramm und schliesse ein
Wurzelkompressionssyndrom derzeit mit Sicherheit aus. Er habe eine extrakranielle
Dopplersonographie durchgeführt und eine Minderdurchblutung der linken Vertebral
arterie und der Basilaris-arterie gefunden. Für eine traumatisch bedingte Einschränkung
ergebe sich keinerlei Anhalt. Es sei indessen bekannt, dass inbesondere die
Vertebralarterien oft unterschiedlich angelegt seien, so dass eine Hypoplasie einer
Vertebralarterie nichts Ungewöhnliches sei. Eine Evidenz, dass hier eine unfallbedingte
Schädigung vorliege, existiere nicht. Wenn Dr. L._ sowohl eine kraniale als auch
zervikale Läsion vermute und diese "mutmasslich im Zusammenhang mit dem
schweren Auffahrunfall" sehe, handle es sich um eine Spekulation, die nicht weiter zu
objektivieren sei. Die Wertigkeit der Upright-Kernspintomographie sei Gegenstand der
Diskussion. Es gebe jedoch keinerlei Grund, die von Dr. D._ erhobenen Befunde in
irgendeiner Weise anzuzweifeln; seine radiologische Expertise sei höher zu gewichten
als diejenige von Dr. L._, der Facharzt für Neurologie und Psychiatrie sei. Aufgrund
der vorliegenden Untersuchungsbefunde seien keine strukturelle Unfallfolgen
nachgewiesen (UV-act. 193). Im Bericht vom 9. Februar 2012 verwies Dr. L._ auf
seine bisherigen Darlegungen. Es könne keine Rede davon sein, dass die Aussagen
von Prof. D._, die wesentliche Untersuchungen (Upright-MRI) nicht beinhalten
würden, den seinigen überlegen seien. Er könne es nicht hinnehmen, dass die
Beschwerdegegnerin sich auf Befunde von Radiologen und eines Neurologen beziehe,
die nicht den modernen medizinisch-rechtlichen Anforderungen an Aussagekraft
entsprechen würden (UV-act. 197). Dr. J._ hielt im Bericht vom 29. Februar 2012
unter anderem fest, im Rahmen des Unfallgeschehens sei es zu einer substantiellen
MRT-technisch objektivierten Schädigung des craniozervikalen Übergangs mit
Instabilitätszeichen gekommen. Vor dem Unfall habe sich der Patient nicht in
Behandlung befunden. Er befinde sich nicht in einer Wohlfühl-Wellnesstherapie,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
sondern in einer intensiven Rehabilitationsphase mit schwankenden Erfolgen. Eine
Einstellung der Zahlungen bezüglich der notwendigen therapeutischen und
diagnostischen Konsequenzen sei nicht begründet und nachvollziehbar (UV-act. 198).
3.
3.1 Der Beschwerdeführer lässt beantragen, die kreisärztlichen Berichte sowie der
Bericht von Prof. D._, Uniklinik Balgrist, vom 28. Oktober 2011 (UV-act. 144) seien
wegen fehlender Unterschrift aus den Akten zu entfernen. - Im erwähnten Bericht vom
28. Oktober 2011 findet sich im Unterschriftenbereich der Hinweis, dass der Befund
elektronisch visiert und auch ohne Unterschrift gültig sei (UV-act. 144). Ebenfalls
elektronisch visiert wurde der kreisärztliche Bericht vom 21. November 2011 (vgl. UV-
act. 149 S. 2 unten). Von der Authentizität der Berichte ist damit ohne Weiteres
auszugehen, zumal gegenteilige Anhaltspunkte weder vom Beschwerdeführer geltend
gemacht werden noch aus den Akten ersichtlich sind. Die Beschwerdegegnerin wies
sodann darauf hin, dass die Unfalldossiers elektronisch angelegt und keine Dossiers
mit physischen Originalen mehr geführt würden (act. G 13). Ein Anlass, die erwähnten
Berichte aus den Akten zu entfernen bzw. ihnen die Beweistauglichkeit abzusprechen,
liegt damit nicht vor.
3.2
3.2.1 Funktionale Magnetresonanztomographie-Aufnahmen (fMRT) können zwar einen
bestehenden Gesundheitsschaden als solchen durchaus zuverlässig aufzeigen, sofern
die Bildqualität stimmt. Die Ergebnisse von funktionalen MRI-Aufnahmen werden in
diesem Sinn - entgegen der Auffassung des Beschwerdeführers (act. G 1 S. 6) - von
der Rechtsprechung auch nicht per se ausgeschlossen bzw. verdrängt (vgl. dazu
explizit BGE 134 V 109 E. 7.2). Nach der Rechtsprechung gelten jedoch fMRT-
Untersuchungen (funktionale Aufnahmen) nicht als geeignetes Beweismittel zur
Beurteilung der Unfallkausalität von Beschwerden nach HWS-Traumen (vgl. Urteil des
Bundesgerichts vom 26. Mai 2008 i/S K. [8C_152/2007 = BGE 134 V 231] E. 5; Urteil
des Bundesgerichts vom 5. September 2011, 8C_310/2011, E. 4.2). Weder aus den
durchgeführten Röntgen- und MRI-Abklärungen der HWS (vgl. UV-act. 25, 59 S. 1,
144) noch aus dem Upright-MRI der HWS vom 18. März 2011, welches unter anderem
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
ergab, dass die Befundkonstellation im Bereich der Kopfgelenke "durchaus mit einem
posttraumatischen Residuum bei Zustand nach Schleuderverletzung in der Kopf-Hals-
Region vereinbar" sei (UV-act. 90, 95), lässt sich überwiegend wahrscheinlich auf das
Vorhandensein von unfallbedingten Strukturläsionen schliessen, welche überwiegend
wahrscheinlich als Ursache für die nach dem 1. Februar 2012 geklagten Beschwerden
gelten könnten. Die Bemerkung von Prof. D._, dass aufgrund der unterschiedlichen
Untersuchungstechnik ein Vergleich mit der Voruntersuchung nur bedingt möglich sei
(UV-act. 144), ändert an der fehlenden Objektivierbarkeit von Unfallfolgen nichts. Die
erwähnte Schlussfolgerung in BGE 134 V 231 hat nicht den Hintergrund einer
Verdrängung von medizinischen Erkenntnissen, sondern beruht darauf, dass die im
erwähnten Upright-MRI angeführten Strukturveränderungen konkret zwar eine
gesundheitliche Schädigung zu belegen vermögen, nicht jedoch den kausalen
Zusammenhang zwischen der Schädigung und dem acht Monate früher aufgetretenen
Unfallereignis. Dieser Beweis wäre allenfalls unter der Voraussetzung des Vorliegens
von fMRT-Aufnahmen unmittelbar vor und nach dem Unfall - und daraus resultierender
Vergleichbarkeit der Bilder - näher zu diskutieren. Diese Bedingung ist jedoch hier nicht
gegeben. Zu beachten ist in diesem Zusammenhang auch die Feststellung von Prof.
D._, wonach eine eindeutige Pathologie nicht abgrenzbar sei (UV-act. 144) sowie
diejenige von Dr. H._, wonach sich für eine relevante axonale Schädigung kein
sicherer Hinweis ergeben habe (UV-act. 92). Der Neurologe Dr. K._ verneinte im
Weiteren neurologische Ausfälle und bezeichnete die elektrophysiologischen
Untersuchungen als unauffällig (UV-act. 137). Die Berichte von Prof. D._ und Dr.
L._ brauchen unter diesen beweismässigen Voraussetzungen nicht inhaltlich bzw.
beweisrechtlich gegeneinander abgewogen zu werden (vgl. UV-act. 197), zumal daraus
zur Frage der Unfallkausalität keine überwiegend wahrscheinlich zutreffende Antwort
resultieren würde. Die blosse Vereinbarkeit der festgestellten fMRI-Befunde mit einem
posttraumatischen Residuum bei Zustand nach Schleuderverletzung (UV-act. 90)
genügt für den überwiegend wahrscheinlichen Nachweis von Folgen des hier in Frage
stehenden Ereignisses nicht.
3.2.2 Sodann vermag der Umstand, dass das Gerät "Fonar Upright-MRI" die
gesetzlichen Anforderungen zur Durchführung von Untersuchungen erfüllt und die
Genehmigung zur Durchführung der kernspintomographischen Abklärung vom
zuständigen Unfallversicherungsträger erteilt worden war (Schreiben Dr. C._ vom 14.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
September 2012; act. G 1 Beilage 4), den Beweis einer Unfallkausalität von
strukturellen Schäden nicht zu leisten. Der Beschwerdegegnerin kann bei diesem
Sachverhalt auch nicht vorgeworfen werden, sie habe das rechtliche Gehör des
Beschwerdeführers und den Untersuchungsgrundsatz verletzt (vgl. act. G 1 S. 7).
Nachdem wie dargelegt die Tauglichkeit der (funktionalen) Upright-
Kernspintomographie-Methode als solche in diesem Verfahren gar nicht in Frage
gestellt werden soll, bedarf es auch keines diesbezüglichen Gutachtens (vgl. act. G 1
S. 8). Im Weiteren bleibt festzuhalten, dass klinisch erhobene Druckdolenzen,
Muskelhartspann sowie Bewegungseinschränkungen im Bereich der HWS
praxisgemäss kein klar fassbares organisches Substrat darstellen (vgl. Urteil des EVG
vom 3. August 2005, U 9/05, E. 4 und vom 23. November 2004, U 109/04, E. 2.2). In
diesem Zusammenhang ist sodann zu beachten, dass gemäss der einschlägigen
Literatur (Bär/Kiener, Prellung, Verstauchung oder Zerrung der Wirbelsäule,
Medizinische Mitteilungen Nr. 67 der Suva, S. 45ff) nach einem Unfall mit fehlenden
strukturellen Schädigungen der Wirbelsäule eine vorübergehende Verschlimmerung
eines degenerativen Vorzustands nach spätestens einem Jahr als abgeschlossen zu
betrachten ist. Eine eigentliche Verursachung bzw. eine richtunggebende (dauernde)
Verschlimmerung einer Wirbelsäulenpathologie durch das in Frage stehende
Unfallereignis kann angesichts der geschilderten medizinischen Gegebenheiten sowie
des Unfallsachverhalts nicht überwiegend wahrscheinlich angenommen werden. Eine
allfällige vorübergehende unfallbedingte Verschlimmerung wäre längst als abgeheilt
anzusehen. Kreisarzt Dr. F._ hatte am 21. November 2011 denn auch festgehalten,
dass die paravertebrale Verspannung im Bereich der BWS nach mehr als 15 Monaten
nach dem Unfall nicht mehr mit überwiegender Wahrscheinlichkeit als unfallbedingt
angesehen werden könne (UV-act. 149).
3.3 Ist ein Schleudertrauma oder eine äquivalente Verletzung der HWS diagnostiziert
und liegt - wie die vorstehenden Ausführungen vorliegend ergeben haben - kein als
Unfallfolge fassbarer organischer Befund an der HWS vor, muss für die Bejahung der
natürlichen Kausalität ein typisches Beschwerdebild mit einer Häufung von
Beschwerden wie diffuse Kopfschmerzen, Schwindel, Konzentrations- und
Gedächtnisstörungen, Übelkeit, rasche Ermüdbarkeit und Visusstörungen, Reizbarkeit,
Affektlabilität, Depression, Wesensveränderung usw. gegeben sein (BGE 117 V 359 E.
4b; vgl. auch BGE 117 V 369 E. 3e; Bestätigung in BGE 134 V 109 E. 9; Urteile des
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Bundesgerichts vom 30. Januar 2007, U 215/05, und vom 15. März 2007, U 258/06;
RKUV 2000 Nr. 359 S. 29 E. 5e). - Den Angaben der erstbehandelnden Ärztin (in UV-
act. 8 Ziff. 4) lassen sich Kopf- und Nackenschmerzen entnehmen. Nach der
Arbeitsaufnahme am 19. Juli 2010 ergaben sich erneut HWS-Schmerzen und
Schwindel (UV-act. 16). Am 17. August 2010 berichtete der Beschwerdeführer, dass
sich der seit dem Unfall leicht vorhandene Tinnitus vorübergehend verstärkt habe (UV-
act. 21 S. 2). Von Seiten des Hausarztes wurden am 22. August 2010 sodann Angst,
Anspannung und Nervosität bestätigt (UV-act. 19). Der Beschwerdeführer klagte
danach weiterhin über Tinnitus und Schwindelgefühl (UV-act. 37, 59, 83). Einzelne
Ausprägungen eines typischen Beschwerdebildes lagen somit in der Zeit nach dem
Unfall vor. Entsprechend anerkannte die Beschwerdegegnerin den diesbezüglichen
Anspruch auf Versicherungsleistungen denn auch bis zum 31. Januar 2012.
3.4 Sind Unfallfolgen organisch nicht (hinreichend) fassbar, ist eine eigenständige
Adäquanzbeurteilung durchzuführen, bei welcher wie folgt zu differenzieren ist: Hat die
versicherte Person beim Unfall kein Schleudertrauma bzw. keine
schleudertraumaähnliche Verletzung erlitten, gelangt die Rechtsprechung gemäss BGE
115 V 140 E. 6c/aa zur Anwendung. Ergeben die Abklärungen indessen das Vorliegen
eines Schleudertraumas oder einer ähnlichen Verletzung, muss geprüft werden, ob die
zum typischen Beschwerdebild einer solchen Verletzung gehörenden
Beeinträchtigungen zwar teilweise vorliegen, im Vergleich zur psychischen Problematik
aber ganz in den Hintergrund treten. Trifft dies zu, sind für die Adäquanzbeurteilung
ebenfalls die in BGE 115 V 140 E. 6c/aa für Unfälle mit psychischen Unfallfolgen
aufgestellten Grundsätze massgebend (BGE 123 V 99 E. 2a). Andernfalls erfolgt die
Beurteilung der Adäquanz gemäss den in BGE 117 V 359 festgelegten und in BGE 134
V 109 präzisierten Kriterien. Die Anwendung der Rechtsprechung zum adäquaten
Kausalzusammenhang bei Schleudertraumen der HWS sowie bei äquivalenten
Verletzungen setzt voraus, dass die psychischen Beschwerden aus dem Unfall
hervorgehen und zusammen mit den organischen Beschwerden, die ebenfalls auf das
Unfallereignis zurückzuführen sind, ein komplexes Gesamtbild ergeben (RKUV 2000
Nr. U 397 S. 328 E. 3b).
4.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Zu klären ist - als Voraussetzung für die Adäquanzprüfung (BGE 134 V 109) - die Frage,
ob Anfang Februar 2012 die Behandlung als abgeschlossen betrachtet werden durfte.
Der Abschluss des Falls durch den Unfallversicherer im Sinn von Art. 19 Abs. 1 UVG
bedingt, dass von weiteren medizinischen Massnahmen keine namhafte Besserung
des Gesundheitszustands mehr erwartet werden kann, nicht aber, dass eine ärztliche
Behandlung nicht länger erforderlich ist (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 4.
November 2008, 8C_467/2008, E. 5.2.2.2.). Es genügt für eine weiterdauernde
Übernahme der Behandlungskosten nicht, dass eine Therapie lediglich eine
unbedeutende Besserung erhoffen lässt oder dass für eine namhafte Besserung nur
eine weit entfernte Möglichkeit besteht (A. Maurer, Unfallversicherungsrecht, 2. A.,
Bern 1989, 274). Von einer namhaften Besserung des Gesundheitszustands kann auch
dann nicht gesprochen werden, wenn eine therapeutische Massnahme mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit nur die sich aus einem stationären
Gesundheitsschaden ergebenden Beschwerden für eine begrenzte Zeit zu lindern
vermag (RKUV 2005, Nr. U 557, S. 388). Für die Bejahung des medizinischen
Endzustands wird keine vollständige Schmerzfreiheit vorausgesetzt (vgl. Rumo-Jungo,
Bundesgesetz über die Unfallversicherung, 3. A., S. 145). - Der Neurologe Dr. H._
befürwortete am 22. März 2011 eine medikamentöse Therapie und
physiotherapeutische Betreuung, wobei er von einer erheblichen Chronifizierung
ausging (UV-act. 92). Am 27. Juni 2011 empfahl Dr. J._ die Behandlung bezüglich
Psoriasis Arthritis der Hand-, Schulter- und Kniegelenke (UV-act. 118), welche der
Kreisarzt Dr. F._ als unfallfremd bezeichnete (120, 122) bzw. die vorbestehend war
(UV-act. 8 Beilage Ziff. 5) und später auch nicht mehr zur Diskussion stand. Am 27. Juli
2011 beschrieb Dr. J._ die Beschwerdesymptomatik (Zervikalbereich, Schlafstörung,
Depression) und bestätigte eine regelmässige osteopathische Behandlung und einen
Muskelaufbau (UV-act. 123). Der Neurologe Dr. K._ verneinte am 4. Oktober 2011 mit
Bezug auf sein Fachgebiet einen Behandlungsbedarf und empfahl eine psychiatrische
Behandlung (UV-act. 137). Der Kreisarzt legte am 5. Oktober 2011 dar, dass subjektiv
belastungsabhängige Beschwerden, verminderte Belastbarkeit,
Konzentrationsstörungen, Einschlafen der Hände und eine depressive Stimmungslage
persistieren würden. Objektiv finde sich somatisch eine leichte Einschränkung der
HWS-Beweglichkeit und eine Verspannung der Paravertebral-Muskulatur im BWS-
Bereich (UV-act. 135 S. 4). Dr. J._ befürwortete hierauf am 23. November 2011 ein
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
muskuläres Koordinations- und Stabilisationstraining (UV-act. 152) und hielt am 29.
Februar 2012 fest, dass sich der Beschwerdeführer nicht in einer Wohlfühl-
Wellnesstherapie, sondern in einer intensiven Rehabilitationsphase mit schwankenden
Erfolgen befinde (UV-act. 198). Dr. L._ hatte sich am 1. Dezember 2011 für weitere
osteopathische und physikalische Massnahmen sowie Medikation bezüglich der LWS
ausgesprochen (UV-act. 163). Der Psychiater Dr. M._ machte, bezugnehmend auf die
Frage, in welchem Zeitraum eine gegebenenfalls Besserung des psychischen
Beschwerdebildes zu erwarten sei (UV-act. 153 Ziff. 5), die psychische Genesung am
3. Januar 2012 von der körperlichen Gesundung abhängig. Bei Einsatz von
traumatherapeutischen Methoden sei die Prognose als günstig einzuschätzen (UV-act.
186). Zur Frage einer Aussicht auf Verbesserung des Gesundheitszustands und der
Arbeitsfähigkeit durch weitere Behandlung (für die Zeit ab Februar 2012) lässt sich den
erwähnten Berichten von Dr. L._ und Dr. J._ sowie sämtlichen weiteren bei den
Akten liegenden ärztlichen Berichten keine klare Äusserung entnehmen. Die erwähnten
Ärzte wurden allerdings diesbezüglich auch nicht befragt. Die Feststellung von
Kreisarzt Dr. F._ vom 27. Januar 2012, dass sich die Frage von weiteren
Behandlungsmassnahmen erübrige, wenn keine strukturellen Unfallfolgen
nachgewiesen seien (UV-act. 193 S. 3 unten), trifft dabei insofern nicht zu, als
grundsätzlich auch somatisch-strukturell nicht objektivierbare sowie psychische Folgen
von schleudertraumaähnlichen Verletzungen einen Behandlungsbedarf (mit Aussicht
auf namhafte Verbesserung) begründen können. Aus dem kreisärztlichen Bericht lässt
sich somit eine Begründung für die Einstellung der weiteren Heilbehandlung ab Februar
2012 nicht ableiten. Zur Arbeitsfähigkeit in diesem Zeitpunkt äusserte sich der Kreisarzt
nicht. Gestützt auf die geschilderte Aktenlage lässt sich eine unfallbedingte
Behandlungsbedürftigkeit mit der Aussicht auf eine namhafte Verbesserung des
Gesundheitszustands und der Arbeitsfähigkeit für die Zeit ab Februar 2012 nicht mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit ausschliessen. Ein Fallabschluss im Sinn von Art. 19
Abs. 1 UVG auf Ende Januar 2012 mit Einstellung der Leistungen erscheint damit nicht
ausgewiesen. Nachdem die Beschwerdegegnerin das Vorliegen eines
Leistungseinstellungsgrundes ausreichend zu belegen hat (vgl. RKUV 2000 Nr. U 363
S. 45, 1994 Nr. U 206 S. 328 Erw. 3b), wird sie die Frage der Aussicht auf namhafte
Besserung durch Behandlung nach dem erwähnten Zeitpunkt noch abzuklären haben.
Bevor diese Frage nicht geklärt, kann die Adäquanz nicht geprüft werden.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
5.
Im Sinn der vorstehenden Erwägungen ist die Beschwerde unter Aufhebung des
Einspracheentscheids vom 21. August 2012 dahingehend gutzuheissen, dass die
Sache zur Abklärung der Frage, ob nach dem 1. Februar 2012 noch Aussicht auf eine
namhafte Verbesserung des Gesundheitszustands und der Arbeitsfähigkeit durch
weitere Behandlung bestanden hat, an die Beschwerdegegnerin zurückgewiesen wird.
Gerichtskosten sind keine zu erheben (Art. 61 lit. a ATSG). Hingegen besteht bei
diesem Verfahrensausgang Anspruch auf Parteientschädigung (Art. 61 lit. g ATSG). Es
rechtfertigt sich, diese - wie in vergleichbaren Verfahren üblich - auf pauschal
Fr. 4'000.-- anzusetzen (einschliesslich Barauslagen und Mehrwertsteuer).
Demgemäss hat das Versicherungsgericht im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39