Decision ID: f54664f4-0ad5-5c78-a6bf-c50611039009
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer (Staatsangehöriger von Sri Lanka, geb. [...]) reichte
am 24. September 2020 in der Schweiz ein Asylgesuch ein. Ein Abgleich
seiner Fingerabdrücke mit der Eurodac-Datenbank ergab, dass er am
13. Juli 2016, am 12. Mai 2017 sowie am 7. Mai 2018 in Deutschland um
Asyl ersucht hatte.
B.
Das SEM gewährte dem Beschwerdeführer am 2. Oktober 2020 rechtli-
ches Gehör zu einem allfälligen Nichteintretensentscheid und der Möglich-
keit einer Überstellung nach Deutschland, dessen Zuständigkeit für die Be-
handlung des Asylgesuchs grundsätzlich in Frage komme. Der Beschwer-
deführer erklärte, er habe in Deutschland dreimal vergeblich ein Asylge-
such eingereicht und man habe ihn nach Sri Lanka zurückschicken wollen.
Nach dem letzten negativen Entscheid, den er im August 2020 erhalten
habe, habe ihm die Rechtsvertretung gesagt, dass es schwierig werde,
weshalb er in die Schweiz weitergereist sei. Ausser dem negativen Asyl-
verfahren in Deutschland spreche aus seiner Sicht nichts gegen eine Rück-
kehr dorthin. In Bezug auf seinen Gesundheitszustand reichte er ein fach-
ärztliches Attest aus Deutschland, ausgestellt am 26. Oktober 2018, zu den
Akten, wobei der behandelnde Arzt bei ihm eine posttraumatische Belas-
tungsstörung diagnostizierte. Vor dem SEM gab er an, in Deutschland see-
lisch krank gewesen und dort auch entsprechend behandelt worden zu
sein.
Gemäss Abklärungen des SEM beim Gesundheitsdienst des BAZ Zürich-
Duttweiler sei der Beschwerdeführer am 5. und 7. Oktober 2020 bei der
Medic-Help in der Sprechstunde gewesen. Dort habe er angegeben,
Durchschlafstörungen, Gedankenkreisen und Alpträume zu haben, wobei
ihm Medikamente (Relaxane und Redormin) verabreicht worden seien.
C.
Die deutschen Behörden hiessen ein Gesuch des SEM vom 5. Oktober
2020 um Übernahme des Beschwerdeführers gestützt auf Art. 18 Abs. 1
Bst. d der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments
und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfah-
ren zur Bestimmung des Mitgliedstaates, der für die Prüfung eines von ei-
nem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat ge-
stellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend Dub-
lin-III-VO), am 8. Oktober 2020 gut.
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D.
Mit Verfügung vom 9. Oktober 2020 (eröffnet am 12. Oktober 2020) trat das
SEM auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein, verfügte des-
sen Überstellung nach Deutschland und forderte ihn auf, die Schweiz am
Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen. Gleichzeitig verfügte es
die Aushändigung der editionspflichtigen Akten und stellte fest, einer allfäl-
ligen Beschwerde gegen den Entscheid komme keine aufschiebende Wir-
kung zu.
E.
Mit Beschwerde vom 19. Oktober 2020 (Postaufgabe) gelangte der Be-
schwerdeführer an das Bundesverwaltungsgericht mit den Anträgen, die
angefochtene Verfügung sei aufzuheben, auf das Asylgesuch sei einzutre-
ten und ein nationales Asylverfahren sei durchzuführen; eventualiter sei die
Sache zur weiteren Abklärung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Ferner
ersuchte er um Erteilung der aufschiebenden Wirkung der Beschwerde und
um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege.
F.
Am 20. Oktober 2020 ordnete die zuständige Instruktionsrichterin einen su-
perprovisorischen Vollzugsstopp an.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anders bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.2 Die Beschwerde ist zulässig (Art. 105 AsylG; Art. 31 ff. VGG). Die übri-
gen Sachurteilsvoraussetzungen (Legitimation [Art. 48 Abs. 1 VwVG], Frist
[Art. 108 Abs. 3 AsylG] und Form [Art. 52 VwVG] sind offensichtlich erfüllt.
Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreitung des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde erweist sich als offen-
sichtlich unbegründet, weshalb sie im Verfahren einzelrichterlicher Zustän-
digkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise einer
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zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e AsylG), ohne Durchführung eines Schrif-
tenwechsels und mit summarischer Begründung, zu behandeln ist
(Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG).
3.
3.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). In diesem Fall verfügt das SEM in der Regel die Weg-
weisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an (Art. 44 AsylG).
3.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III (Art.
8–15 Dublin-III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird (vgl. auch Art. 7
Abs. 1 Dublin-III-VO). Das Verfahren zur Bestimmung des zuständigen Mit-
gliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals ein
Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Rahmen des Wie-
deraufnahmeverfahrens (Art. 23–25 Dublin-III-VO) findet grundsätzlich
keine (neue) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel III Dublin-III-VO mehr
statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1).
3.3 Jeder Mitgliedstaat kann abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO
beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa-
tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn
er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü-
fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 erster Satz Dublin-III-VO). Dieses soge-
nannte Selbsteintrittsrecht wird im Landesrecht durch Art. 29a Abs. 3 der
Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV, SR 142.311) konkretisiert
und das SEM kann das Asylgesuch gemäss dieser Bestimmung "aus hu-
manitären Gründen" auch dann behandeln, wenn dafür gemäss Dublin-III-
VO ein anderer Staat zuständig wäre.
3.4 Der Beschwerdeführer bestreitet nicht, in Deutschland ein Asylgesuch
eingereicht zu haben. Nachdem die deutschen Behörden innert der in
Art. 25 Abs. 2 Dublin-III-VO festgelegten Frist dem Wiederaufnahmege-
such des SEM zugestimmt haben, ist die Zuständigkeit gemäss dieser Be-
stimmung an Deutschland übergegangen.
4.
Der Beschwerdeführer bringt in seiner Rechtsmitteleingabe im Wesentli-
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chen vor, er sei mit der Überstellung nach Deutschland nicht einverstan-
den. Deutschland habe sein Asylgesuch abgelehnt und ihn nach Sri Lanka
weggewiesen, wo er verfolgt werde und sein Leben in grosser Gefahr wäre.
Durch eine Überstellung nach Deutschland würde die Schweiz somit eine
Verletzung des Non-Refoulement-Prinzips durch Kettenabschiebung be-
gehen. Die Flucht aus Sri Lanka habe sich in extremster Weise auf seine
Psyche ausgewirkt. Seine Erlebnisse hätten zu einer posttraumatischen
Belastungsstörung geführt. Er sei deswegen bereits in Deutschland in Be-
handlung gewesen und werde nun auch in der Schweiz medikamentös be-
handelt. Seine Angst vor einer Rückkehr nach Sri Lanka sei enorm, wes-
halb er sich wünsche, hier zu bleiben und seinen Fall den Schweizer Be-
hörden vortragen zu können.
4.1 Wie das SEM zutreffend festgehalten hat, gibt es keine wesentlichen
Gründe für die Annahme, das Asylverfahren und die Aufnahmebedingun-
gen für asylsuchende Personen in Deutschland hätten Schwachstellen im
Sinne von Art. 3 Abs. 2 Sätze 2 und 3 Dublin-III-VO, die eine Gefahr einer
unmenschlichen oder entwürdigenden Behandlung im Sinne des Artikels 4
der EU-Grundrechtcharta und Art. 3 EMRK mit sich bringen würden.
Auch wenn das Asylverfahren des Beschwerdeführers in Deutschland be-
reits rechtskräftig abgeschlossen ist, bleibt Deutschland weiterhin für sein
Verfahren bis zu einem Wegweisungsvollzug oder einer Regelung des Auf-
enthaltsstatus zuständig, wobei es an ihm liegt, allfällige Wegweisungshin-
dernisse bei den zuständigen deutschen Behörden vorzubringen.
4.2 Die Vorinstanz hat sodann die Anwendung des Selbsteintrittsrechts im
Sinne von Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO sowie Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 zu
Recht verneint.
4.2.1 Der Beschwerdeführer hat kein konkretes und ernsthaftes Risiko dar-
getan, die deutschen Behörden würden sich weigern, ihn wieder aufzuneh-
men und seinen Antrag auf internationalen Schutz unter Einhaltung der Re-
geln der Verfahrensrichtlinie zu prüfen. Den Akten sind denn auch keine
Gründe für die Annahme zu entnehmen, Deutschland werde in seinem Fall
den Grundsatz des Non-Refoulement missachten und ihn zur Ausreise in
ein Land zwingen, in dem sein Leib, sein Leben oder seine Freiheit aus
einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem er Gefahr
laufen würde, zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden.
Ausserdem hat der Beschwerdeführer nicht dargetan, die ihn bei einer
Rückführung erwartenden Bedingungen in Deutschland seien derart
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schlecht, dass sie zu einer Verletzung von Art. 4 der EU-Grund-
rechtecharta, Art. 3 EMRK oder Art. 3 FoK führen könnten. Es liegen keine
Hinweise dafür vor, dass die Behandlung seines Asylgesuchs mangelhaft
gewesen sein könnte und seine Wegweisung in Verletzung des Non-Re-
foulement-Prinzips verfügt worden wäre. In diesem Zusammenhang ist der
Vollständigkeit halber festzustellen, dass ein definitiver Entscheid über ein
Asylgesuch und die Wegweisung in das Heimatland nicht per se eine Ver-
letzung des Non-Refoulement-Prinzips darstellen. Das Prinzip der Über-
prüfung eines Asylgesuchs durch einen einzigen Mitgliedstaat («one
chance only») dient im Gegenteil der Vermeidung von multiplen Asylgesu-
chen in verschiedenen Staaten (sogenanntes «asylum shopping»; vgl.
BVGE 2017 VI/5 E.8.5.3.3). Die Überstellung des Beschwerdeführers nach
Deutschland führt nicht zu einer Kettenabschiebung, welche gegen das
Non-Refoulement-Prinzip verstossen würde, wie es in Art. 33 FK verankert
ist (und sich ausserdem aus Art. 4 der EU-Grundrechtecharta, Art. 3 EMRK
oder Art. 3 FoK ableiten lässt).
4.2.2 Was den Gesundheitszustand des Beschwerdeführers betrifft, so
bringt dieser zu Recht nicht vor, er sei in Deutschland nicht ausreichend
medizinisch versorgt worden. Hinweise, wonach ihm in Zukunft eine adä-
quate medizinische Behandlung verweigert würde, liegen nicht vor. Im Üb-
rigen trägt das SEM dem aktuellen Gesundheitszustand des Beschwerde-
führers bei der Organisation der Überstellung nach Deutschland Rech-
nung, indem es die deutschen Behörden vor der Überstellung über seinen
Zustand und eine allfällige notwendige medizinische Behandlung infor-
miert.
4.2.3 Zusammenfassend liegt kein Grund für die Anwendung der Ermes-
sensklausel von Art. 17 Dublin-III-Verordnung beziehungsweise Art. 29a
Abs. 3 AsylV 1 vor. Deutschland ist als zuständiger Mitgliedstaat gemäss
Art. 18 Abs. 1 Bst. d i.V.m. Art. 25 Abs. 2 Dublin-III-VO verpflichtet, den
Beschwerdeführer wiederaufzunehmen.
5.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen, und mit dem Urteil
in der Sache wird das Gesuch um Erteilung der aufschiebenden Wirkung
gegenstandslos. Der angeordnete Vollzugsstopp fällt mit vorliegendem Ur-
teil dahin.
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6.
Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege ist abzuwei-
sen, da die Begehren – wie sich aus den vorstehenden Erwägungen ergibt
– als aussichtslos zu bezeichnen sind. Die Verfahrenskosten sind dem Be-
schwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr.
750.– festzusetzen (Art. 1-3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über
die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
[VGKE, SR 173.320.2]).
7.
Dieses Urteil ist endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
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