Decision ID: ee17cf0c-0436-4c77-92d0-d8cf98396ca9
Year: 2020
Language: de
Court: SG_VGN
Chamber: SG_VGN_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

Entscheid Verwaltungsgericht, 12.11.2020 Ausländerrecht, Art. 64 und Art. 56 Abs. 2 VRP. Sind nach einem bundesgerichtlichen Rückweisungsentscheid umfangreiche zusätzliche Sachverhaltsabklärungen zu treffen, weist das Verwaltungsgericht die Angelegenheit an das Migrationsamt zurück. Seit dem vom Bundesgericht am 15. September 2020 (Eingang 16. Oktober 2020) aufgehobenen Entscheid des Verwaltungsgerichts vom 19. Mai 2018 sind zweieinhalb Jahre verstrichen. Deshalb ist auch zu prüfen, ob sich die tatsächlichen Verhältnisse in dieser Zeit so verändert haben, dass der damalige – vom Bundesgericht festgestellte – Anspruch des Beschwerdeführers auf Nachzug der Ehefrau und der beiden und allenfalls weiterer gemeinsamer Kinder – aus welchen Gründen auch immer – wieder untergegangen ist (Verwaltungsgericht, B 2020/207).
Entscheid vom 12. November 2020
Besetzung
Abteilungspräsident Eugster; Verwaltungsrichterin Reiter, Verwaltungsrichter Zogg;
Gerichtsschreiber Scherrer
Verfahrensbeteiligte
A._,
Beschwerdeführer,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Adrian Fiechter, Adrian Fiechter Anwalt und
Beratung GmbH, Poststrasse 6, Postfach 239, 9443 Widnau,
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St.Galler Gerichte
gegen
Sicherheits- und Justizdepartement des Kantons St. Gallen, Oberer Graben 32,
9001 St. Gallen,
Vorinstanz,
Gegenstand
Bundesgerichtsurteil vom 15. September 2020 betreffend
Familiennachzugsgesuch / Rückweisung zur neuen Entscheidung in der Sache
(vorher B 2017/197)
Das Verwaltungsgericht stellt fest:
A.
A._ (geb. 1976), Staatsangehöriger der Republik Kosovo, heiratete 2004 die in der
Schweiz aufenthaltsberechtigte B._ und erhielt 2006 eine Aufenthaltsbewilligung im
Familiennachzug. Am 22. Juni 2007 kam die gemeinsame Tochter K._ zur Welt, die in
der Schweiz niederlassungsberechtigt ist. Die Ehe zwischen A._ und B._ wurde im
Jahr 2010 geschieden. Die Tochter wurde unter die alleinige elterliche Sorge der Mutter
gestellt, während A._ ein Besuchsrecht erhielt und zur Bezahlung monatlicher
Unterhaltsbeiträge von CHF 600 verpflichtet wurde. Aufgrund seiner affektiven und
wirtschaftlichen Beziehung zur gemeinsamen Tochter blieb A._ in der Schweiz
aufenthaltsberechtigt (VerwGE B 2011/160 vom 7. Dezember 2011). Im Jahr 2012
heiratete A._ im Kosovo seine Landsfrau C._ (geb. 1978). Sein Gesuch um
Familiennachzug wurde im Jahr 2013 mangels genügender finanzieller Mittel
abgewiesen und die Ehe im Jahr 2014 wieder geschieden.
B.
Am 11. Juli 2016 heiratete A._ in der Schweiz seine in X._/D wohnhafte Landsfrau
D._ (geb. 1981). Sie ist Mutter von zwei Kindern (geb. 2002 und 2003) aus einer
früheren Ehe. Das am 4. Oktober 2016 von A._ gestellte Gesuch um Familiennachzug
für seine Ehefrau D._ wurde vom Migrationsamt des Kantons St. Gallen mit Verfügung
vom 9. Januar 2017 abgewiesen. Am 24. Januar 2017 kam die gemeinsame Tochter
M._ zur Welt. Der gegen die genannte Verfügung des Sicherheits- und
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Justizdepartements eingereichte Rekurs erwies sich als erfolglos, wobei der Entscheid
vom 13. September 2017 auch die Tochter M._ betraf. Das Verwaltungsgericht wies
die dagegen am 28. September 2017 erhobene und am 16. Oktober 2017 mit neuen
Tatsachen ergänzte Beschwerde am 19. Mai 2018 (Versand 30. Mai 2018) ab (VerwGE
B 2017/197).
C.
Das Bundesgericht hiess die am 2. Juli 2018 gegen den Entscheid des
Verwaltungsgerichts erhobene Beschwerde mit Urteil vom 15. September 2020
(Eingang 16. Oktober 2020) gut, soweit darauf eingetreten wurde, hob den

angefochtenen Entscheid auf und wies die Angelegenheit im Sinne der Erwägungen zu
neuem Entscheid an das Verwaltungsgericht zurück. Zur Begründung führte es aus,
gemäss neuester Rechtsprechung habe eine ausländische Person, welche wie
vorliegend über ein gefestigtes Aufenthaltsrecht in der Schweiz verfüge, grundsätzlich
einen Anspruch auf Familiennachzug (BGer 2C_668/2018 vom 28. Februar 2020 E. 6,
zur Publikation bestimmt). Gemäss dieser Rechtsprechung sei die Durchsetzung einer
restriktiven Einwanderungspolitik kein zulässiges Kriterium der Prüfung des
Familiennachzugs gestützt auf Art. 8 der Europäische Konvention zum Schutze der
Menschenrechte und Grundfreiheiten (SR 0.101, EMRK) in Verbindung mit Art. 44 des
Bundesgesetzes über die Ausländerinnen und Ausländer (SR 142.20, AuG). Die
Voraussetzung von Art. 44 lit. c AuG sei nicht erfüllt beziehungsweise der
Widerrufsgrund von Art. 62 Abs. 1 lit. c AuG gegeben, wenn eine konkrete Gefahr der
Sozialhilfeabhängigkeit bestehe. Es bestünden keine konkreten Anhaltspunkte dafür,
dass die Ehefrau nicht in der Lage sein sollte, in der Schweiz zumindest teilzeitmässig
eine Anstellung im Gastgewerbe oder anderswo zu finden und damit ein Manko,
welches sich vorliegend noch im überschaubaren Rahmen bewegen dürfte,
auszugleichen. A._ erwähne in der Beschwerde, er und seine Ehefrau seien noch vor
der Fällung des angefochtenen Entscheides vom 19. Mai 2018 Eltern eines zweiten
gemeinsamen Kindes geworden. Diesbezüglich sei vorinstanzlich sachverhaltsmässig
nichts festgestellt worden.
Darüber zieht das Verwaltungsgericht in Erwägung:
1.
Sind nach einem bundesgerichtlichen Rückweisungsentscheid umfangreiche
zusätzliche Sachverhaltsabklärungen zu treffen, weist das Verwaltungsgericht die
Angelegenheit an das Migrationsamt zurück (vgl. VerwGE B 2020/26 vom 18. März
2020 E. 1, B 2018/79 vom 18. Mai 2018 E. 1 mit zahlreichen Hinweisen).
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Der Beschwerdeführer und seine Ehefrau sind am 28. Dezember 2017 Eltern des
Sohnes O._ geworden. Das Verwaltungsgericht hat in seinem Entscheid vom 19. Mai
2018 dazu keine tatsächliche Feststellung getroffen, weil dieser Umstand dem Gericht
im Beschwerdeverfahren nicht zur Kenntnis gebracht worden war. Das Bundesgericht
geht davon aus, dass der finanzielle Mindestbedarf zwar entsprechend anzupassen sei,
sich aufgrund der Ausgangslage allerdings kaum etwas daran ändern würde, dass
jedenfalls im Zeitpunkt der verwaltungsgerichtlichen Beurteilung keine konkrete Gefahr
der Sozialhilfeabhängigkeit im Sinn von Art. 44 lit. c AuG gegeben gewesen sei.
Indessen ist – wie das Bundesgericht festhält – gemäss Art. 62 Abs. 1 lit. e AuG ein
Widerrufsgrund gegeben, wenn eine konkrete Gefahr der Sozialhilfeabhängigkeit
besteht. Da seit dem Entscheid des Verwaltungsgerichts vom 19. Mai 2018 (Versand
30. Mai 2018), der vom Bundesgericht am 15. September 2020 (Eingang 16. Oktober
2020) aufgehoben wurde, zweieinhalb Jahre verstrichen sind, ist deshalb auch zu
prüfen, ob sich die tatsächlichen Verhältnisse in dieser Zeit so verändert haben, dass
der damalige – vom Bundesgericht festgestellte – Anspruch des Beschwerdeführers
auf Nachzug der Ehefrau und der beiden und allenfalls weiterer gemeinsamer Kinder –
aus welchen Gründen auch immer – wieder untergegangen ist. Die Abklärungen zum
Sachverhalt gehen deshalb über die Feststellungen bezüglich der Existenz und des
aktuellen Aufenthaltsortes des zweiten Kindes hinaus.
Zusammenfassend ergibt sich, dass die Beschwerde gutzuheissen und der
angefochtene vorinstanzliche Rekursentscheid vom 13. September 2017 aufzuheben
ist. Die Angelegenheit ist zur weiteren Klärung des Sachverhalts im Sinne der
Erwägungen des Bundesgerichts und des Verwaltungsgerichts und zu neuer
Entscheidung an das Migrationsamt zurückzuweisen.
2.
Bei diesem Ausgang – die Rechtsmittel in den kantonalen Verfahren sind gutzuheissen
– gehen die amtlichen Kosten des Beschwerdeverfahrens von CHF 2'000 und des
Rekursverfahrens von CHF 1'000 zulasten des Staates. Auf die Erhebung ist zu
verzichten (Art. 95 Abs. 3 VRP). Der Kostenspruch in der erstinstanzlichen Verfügung
vom 9. Januar 2017 ist zusammen mit der Verfügung aufgehoben. Der
Beschwerdeführer ist für die kantonalen Verfahren ausseramtlich pauschal mit
CHF 4'000 zuzüglich CHF 160 Barauslagen zu entschädigen. Die dem Rechtsvertreter
des Beschwerdeführers zugesprochene und am 6. Juni 2018 zur Zahlung angewiesene
Entschädigung aus unentgeltlicher Rechtsverbeiständung im Beschwerdeverfahren von
CHF 1'680 zuzüglich Mehrwertsteuer ist anzurechnen. Auf dem verbleibenden
Anspruch von CHF 2'480 kommen CHF 198.40 Mehrwertsteuer (bis 31. Dezember
2017 geltender Satz von acht Prozent) hinzu.
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Für diesen Entscheid werden weder amtliche Kosten erhoben noch ausseramtliche
Kosten entschädigt.