Decision ID: 82184af0-cce4-45b4-bd85-852f390cacb6
Year: 2012
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend Verleumdung etc.
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Zürich, 10. Abteilung - , vom 27. Juni 2011 (GG110040)
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Anklage:
Die Anklageschriften des Anklägers vom 15. Juli 2009 (Urk. 2/1) beziehungsweise
vom 13. Januar 2011 (Urk. 2/22) sind diesem Urteil beigeheftet.
Entscheid der Vorinstanz:
Das Verfahren betreffend Beschimpfung im Sinne von Art. 177 StGB wird einge-
stellt.
Urteil der Vorinstanz:
1. Der Beschuldigte ist nicht schuldig und wird freigesprochen:
− der Verleumdung im Sinne von Art. 174 StGB
− der üblen Nachrede im Sinne von Art. 173 StGB.
2. Auf das Genugtuungsbegehren des Anklägers wird nicht eingetreten.
3. Die Entscheidgebühr fällt ausser Ansatz; die übrigen Kosten werden auf die
Gerichtskasse genommen.
4. Es wird davon Vormerk genommen, dass der Beschuldigte auf eine Um-
triebsentschädigung verzichtet hat.
Berufungsanträge:
a) Der Verteidigung des Beschuldigten:
(Urk. 30 S. 2)
1. Der Beschuldigte resp. Berufungsbeklagte sei aufgrund des Tatbestandes
der üblen Nachrede im Sinne von Art. 173 StGB schuldig zu erklären und
angemessen zu bestrafen.
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2. Es sei ferner der Beschuldigte resp. Berufungsbeklagte zu verurteilen, dem
Ankläger als Genugtuung einen Betrag nach richterlichem Ermessen für ei-
nen wohltätigen Zweck zu entrichten.
3. Alles unter Kosten- und Entschädigungsfolge zu Lasten des Beschuldigten
resp. Berufungsbeklagten.
b) Des Beschuldigten:
(Prot. II S. 7; Prot. I S. 13, sinngemäss)
Freispruch.
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Erwägungen:
I. Formelles
Am 16. Juli 2009 ging beim Bezirksgericht Zürich die Anklageschrift wegen
Ehrverletzung des Privatstrafklägers A._ gegen den Beschuldigten B._
ein (Urk. 2/1). Für das entsprechende Privatstrafverfahren war die kantonalzür-
cherische Strafprozessordnung (StPO/ZH, insbesondere deren §§ 286 ff und 309
ff) anzuwenden, deren Bestimmungen für das erstinstanzliche Verfahren auch
nach dem Inkrafttreten der schweizerischen StPO weiter Geltung behielten (Art.
456 StPO).
Nach durchgeführter Untersuchung und Ergänzung der Anklageschrift wur-
den die Akten dem Einzelgericht überwiesen, welches das Hauptverfahren durch-
führte und im anschliessenden Urteil vom 27. Juli 2011 den Beschuldigten von
den Vorwürfen der Verleumdung und der üblen Nachrede freisprach sowie das
Verfahren betreffend Beschimpfung einstellte (Urk. 21).
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Gegen dieses Urteil meldete der Ankläger am 30. Juli 2011 Berufung an
(Urk. 18). Seine Berufungserklärung folgte unter dem 30. August 2011 (Urk. 22).
Demnach verlangte er die Verurteilung und Bestrafung des Beschuldigten wegen
Verleumdung, eventuell wegen übler Nachrede. Zudem wurde eine Genugtuung
nach richterlichem Ermessen zugunsten eines wohltätigen Zweckes beantragt.
Anlässlich der Berufungsverhandlung liess der Anklagevertreter den Vorwurf der
Verleumdung fallen und beschränkte sich auf denjenigen der üblen Nachrede
(Urk. 30 S. 2). Demnach sind das erstinstanzliche Urteil hinsichtlich des Frei-
spruchs vom Anklagevorwurf der Verleumdung sowie der Entscheid des Einzelge-
richts betreffend Einstellung des Verfahrens wegen Beschimpfung unangefochten
geblieben und bereits in Rechtskraft erwachsen, was vorab festzustellen ist.
Anders als für das erstinstanzliche Verfahren finden für das Berufungsver-
fahren die Bestimmungen der schweizerischen StPO Anwendung. Der Privat-
strafkläger nach altem Recht ist nunmehr in der Rolle eines Privatklägers. Als sol-
cher ist er zur Anfechtung des ergangenen Freispruchs legitimiert (Art. 382 StPO).
Die Berufung, auf die einzutreten ist, erweist sich als spruchreif.
II. Sachverhalt
Die Anklageschrift spricht davon (Urk. 2/22 S. 16, Mitte), dass "nach wie vor"
davon auszugehen sei, dass der Beschuldigte "auch direkt mit der Presse Kontakt
hatte und damit auch auf direkte Weise die ehrverletzenden Ausführungen über
die Presse verbreitete". Gleiches wurde vom Anwalt des Anklägers anlässlich der
heutigen Berufungsverhandlung vertreten (Urk. 30 S. 4). Indes ergab die Untersu-
chung und das erstinstanzliche Gerichtsverfahren klar, dass der Beschuldigte im
Vorfeld der Veröffentlichung der fraglichen Zeitungsartikel weder mit dem
C._-Journalisten E._ und noch mit dem D._-Journalisten F._
gesprochen und folglich der Presse auch nicht gesagt hat, der Ankläger habe
G._ eine Flasche auf den Kopf geschlagen (vgl. Urk. 21 S. 12). Die diesbe-
zügliche Beweiswürdigung der Vorinstanz überzeugt und auch aus der Berufung
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des verantwortlichen Journalisten auf Quellenschutz lässt sich nichts Gegenteili-
ges ableiten, sodass dazu auf die zutreffenden Erwägungen im angefochtenen
Urteil verwiesen werden kann (a.a.O. S. 5-12). Was der Anklagevertreter anläss-
lich der Berufungsverhandlung ausführte, lässt ebenfalls keinen anderen Schluss
zu. Folglich ist mit der Vorinstanz vorerst einzig als erstellt zu erachten, dass sich
der Beschuldigte gegenüber G._ und gegenüber den Strafverfolgungsbehör-
den geäussert hat, was er zu wissen glaubte, nämlich, dass es der Ankläger ge-
wesen sei, der G._ die Flasche über den Kopf gezogen habe. Sollte der Be-
schuldigte sich in der gleichen Weise gegenüber weiteren Dritten so geäussert
haben, wie der Anklagevertreter geltend macht (Urk. 30. S. 6), so ist darauf hin-
zuweisen, dass dies vom Ankläger nicht zum Gegenstand seiner Anklage ge-
macht worden ist. Im Übrigen ist zu betonen, dass die Anklage dem Beschuldig-
ten nicht die Äusserung vorwirft, der Ankläger habe G._ verletzt, sondern le-
diglich, dass ersterer dem anderen eine Flasche auf den Kopf geschlagen habe.
Dies ist nicht das Gleiche, zumal der Beschuldigte ausgesagt hat, dass die Mög-
lichkeit bestehe, dass ein Unbekannter im Nachhinein G._ noch etwas auf
den Kopf geschlagen haben könne (vgl. Urk. 30 S. 8).
Was sodann den Wahrheitsgehalt der inkriminierten Äusserung des Be-
schuldigten angeht, so ist bereits die Vorinstanz davon ausgegangen, dass dafür
die entsprechenden Beweise fehlen. Die Strafuntersuchung gegen den Ankläger
wegen schwerer Körperverletzung war am 22. Dezember 2010 denn auch man-
gels Beweisen eingestellt worden (Urk. 2/23/12). Gegen diese Einstellungsverfü-
gung hatte G._ zwar rekurriert, seinen Rekurs jedoch auf den Tatbestand
des Raufhandels beschränkt und seinen Rechtsvertreter ausführen lassen, dass
"möglicherweise nicht rechtsgenügend nachgewiesen werden (könne), dass
A._ meinen Mandanten mit einem gläsernen Gegenstand eine schwere Au-
genverletzung zufügte" (Urk. 2/23/13 S. 3). Dem Rekurs war im Übrigen kein Er-
folg beschieden: die III. Strafkammer des Obergerichts beschloss am 1. Dezem-
ber 2011, darauf mangels Legitimation von G._ (im Zusammenhang mit dem
Tatbestand des Raufhandels) nicht einzutreten (Urk. 27). Im Ergebnis ist auch für
das vorliegende Verfahren davon auszugehen, dass die inkriminierte Äusserung
des Beschuldigten nicht der Wahrheit entspricht.
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III. Rechtliche Würdigung
Der Vorinstanz ist zu folgen, wenn sie die Ehrenrührigkeit der gegenüber
G._ und den Strafverfolgungsbehörden gemachten Behauptung des Be-
schuldigten bejahte und eine üble Nachrede in objektiver Hinsicht für gegeben er-
achtete, welche zumindest eventualvorsätzlich begangen worden sei (a.a.O. S.
14f). Dennoch gelangte die Vorinstanz zu einem Freispruch, da sie den Beschul-
digten zum Entlastungsbeweis zuliess und ihm in der Folge zubilligte, ernsthafte
Gründe gehabt zu haben, seine Äusserung im damaligen Zeitpunkt in guten
Treuen für wahr gehalten zu haben.
Die Zulassung zum Entlastungsbeweis und das Gelingen des Gutglaubens-
beweises sind im angefochtenen Urteil ausführlich dargetan (a.a.O. S. 16-18). Die
Vorinstanz ging dabei zurecht davon aus, dass dem Beschuldigten eine Beleidi-
gungs- und Schädigungsabsicht nicht unterstellt werden könne. Des Weiteren
vertrat die Vorinstanz die Auffassung, dass dem Beschuldigten die grosse Beach-
tung seiner Aussage in den Medien nicht anzurechnen sei, weil er nicht selber mit
der Presse in Kontakt getreten war. Auch wenn der Anklagevertreter dem unter
Hinweis auf die Prominenz des Anklägers in der Berufungsverhandlung erneut
widersprach (Urk. 30 S. 5 und 10), so ist dennoch der Auffassung der Vorinstanz
beizupflichten, denn das in der Folge eingetretene Medienecho war für den Be-
schuldigten nicht abzuschätzen. Demzufolge trifft auch zu, dass der Ehreingriff,
soweit es der Beschuldigte zu vertreten hat, zwar ein erheblicher, aber nicht ein
besonders schwerwiegender war, weil die Tatsachenbehauptung, soweit der An-
klagesachverhalt erstellt werden konnte, nur gegenüber G._ und den Straf-
verfolgungsbehörden aufgestellt worden ist. Die Absicht des Beschuldigten war
demnach nicht über eine allfällige Strafverfolgung des Täters hinaus gegangen.
Gemäss der Vorinstanz war auch nicht ersichtlich, wie der Beschuldigte die sich
auf seine eigene Wahrnehmung stützende Behauptung noch hätte weiter absi-
chern oder überprüfen können. Seine Äusserung erfolgte erstmals (gegenüber
H._) unmittelbar nach dem konkreten Vorfall und wurde später gegenüber
G._ und im Zeugenstand unter der Strafandrohung von Art. 307 StGB wie-
derholt.
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Auch diese Erwägungen der Vorinstanz überzeugen. Entgegen der Ansicht
der Anklagevertretung (Urk. 30 S. 8) ist insbesondere nicht ersichtlich, wie der
Beschuldigte das selber Erlebte in jener chaotischen Situation bei anderen am
Streit beteiligten, ja gar beim Ankläger selber, hätte sinnvoll verifizieren können.
Demnach ist zu bestätigen, dass die Anforderungen an die Informations- und
Sorgfaltspflicht des Beschuldigten angesichts des nicht besonders schwerwie-
genden Ehreingriffs und der Umstände, wie und gegenüber wem die Äusserun-
gen erfolgt sind, herabgesetzt waren. Wenn aus all diesen Gründen der Gutglau-
bensbeweis als gelungen betrachtet wurde, so war dies naheliegend und ist auch
in zweiter Instanz zu bestätigen. Der Beschuldigte ist demnach vom Vorwurf der
üblen Nachrede freizusprechen.
IV. Genugtuung
Aufgrund der freisprechenden Erkenntnis ist auf das Genugtuungsbegehren
des Anklägers nicht einzutreten.
V. Kosten und Entschädigungsfolgen
Für die Kostenregelung vor erster Instanz gilt § 293 StPO/ZH. Es sind des-
halb dem unterliegenden Privatkläger die Kosten der Untersuchung und des erst-
instanzlichen Gerichtsverfahrens unter Ansetzung einer Gerichtsgebühr von Am-
tes wegen aufzuerlegen. Dass der Beschuldigte keine Entschädigung zugespro-
chen erhielt, hat er nicht angefochten.
Die Kosten des Rechtsmittelverfahrens tragen die Parteien nach Massgabe
ihres Obsiegens oder Unterliegens (Art. 428 StPO). Obsiegt die beschuldigte Per-
son bei Antragsdelikten im Schuldpunkt, so kann die Privatklägerschaft verpflich-
tete werden, der beschuldigten Person die Aufwendungen für die angemessene
Ausübung ihrer Verfahrensrechte zu ersetzen (Art. 432 i.V.m. Art. 436 Abs. 1
StPO). Folglich sind dem Ankläger die Kosten des Berufungsverfahrens aufzuer-
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legen und er ist zu verpflichten, dem Beschuldigten eine angemessene Umtriebs-
entschädigung von Fr. 500.- zu bezahlen.