Decision ID: c40bc469-37f0-545e-8368-786a350eeac8
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer suchte am 25. Mai 2015 um Asyl nach. Am 1. Juni
2015 fand die Befragung zur Person (BzP) statt. Die Vorinstanz hörte ihn
am 27. November 2017 und 26. März 2018 einlässlich zu seinen Asylgrün-
den an.
B.
Am 14. August 2018 gab die Vorinstanz weitere Abklärungen durch andere
Behörden im In- und Ausland in Auftrag.
C.
Am 19. Oktober 2018 ersuchte die Vorinstanz den Beschwerdeführer um
zusätzliche Angaben zu seiner Person. Dieser Aufforderung kam der Be-
schwerdeführer mit Eingabe vom 25. Oktober 2018 nach.
D.
Auf ein entsprechendes Ersuchen übermittelte die Vorinstanz am 5. No-
vember 2018 die Anfrage vom 14. August 2018 in einer anderen Sprache.
E.
Am 24. Januar 2019 gingen bei der Vorinstanz erste Erkenntnisse anderer
Behörden ein.
F.
F.a Am 29. Oktober 2019 ersuchte der Beschwerdeführer die Vorinstanz
um baldigen Erlass eines Entscheids.
F.b Mit Schreiben vom 11. Dezember 2019 erkundigte sich der Beschwer-
deführer nach dem Stand seines Verfahrens.
G.
Am 29. Januar 2020 richtete sich die Vorinstanz erneut an die anderen
Behörden im In- und Ausland und gab weitere Abklärungen in Auftrag.
H.
Die Vorinstanz teilte dem Beschwerdeführer mit Schreiben vom 18. Feb-
ruar 2020 mit, aufgrund der hohen Geschäftslast könne keine verbindliche
Aussage zur genauen Dauer seines Verfahrens gemacht werden. Sobald
es die Ressourcen erlauben würden, werde das Nötige veranlasst, damit
schnellstmöglich ein Entscheid gefällt werden könne.
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I.
Der Beschwerdeführer fragte mit Schreiben vom 28. Mai 2020 erneut nach
dem Verfahrensstand und bat um rasche Entscheidfällung, anderenfalls er
sich gezwungen sehe, eine Rechtsverzögerungsbeschwerde einzu-
reichen. Dieses Schreiben blieb seitens der Vorinstanz unbeantwortet.
J.
J.a Mit Schreiben vom 16. Juli 2020 ersuchte der Beschwerdeführer die
Vorinstanz um Akteneinsicht.
J.b Am 22. Juli 2020 teilte die Vorinstanz dem Beschwerdeführer mit, die
beantragte Akteneinsicht könne nicht gewährt werden, weil die Untersu-
chung zu den Asylvorbringen noch nicht abgeschlossen sei.
K.
Mit Eingabe vom 26. August 2020 reichte der Beschwerdeführer beim Bun-
desverwaltungsgericht eine Rechtsverzögerungsbeschwerde ein. Er bean-
tragt, es sei festzustellen, dass sich das SEM zu Unrecht weigere, das Ge-
such vom 25. Mai 2015 an die Hand zu nehmen beziehungsweise das Ver-
fahren übermässig lange dauere. Die Vorinstanz sei anzuweisen, das Ver-
fahren ohne weitere Verzögerung an die Hand zu nehmen und abzu-
schliessen. Prozessual sei ihm die unentgeltliche Prozessführung, inklu-
sive Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses, und die amtliche
Verbeiständung zu gewähren.
L.
Mit Zwischenverfügung vom 10. September 2020 hiess die Instruktions-
richterin das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung
gut und verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Gleichzei-
tig wies sie das Gesuch um Gewährung der amtlichen Verbeiständung ab
und lud die Vorinstanz zur Vernehmlassung ein.
M.
In der Vernehmlassung vom 23. September 2020 beantragte die Vor-
instanz die Abweisung der Beschwerde.
N.
In der Replik vom 13. Oktober 2020 hielt der Beschwerdeführer an seinen
Anträgen fest und gab eine Kostennote zu den Akten.
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Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Am 1. März 2019 ist die Teilrevision des AsylG vom 26. Juni 1998
(AS 2016 3101; SR 142.31) in Kraft getreten. Für das vorliegende Verfah-
ren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur
Änderung des AsylG vom 25. September 2015).
2.
2.1 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurtei-
lung von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig
und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorlie-
gend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG).
Gegen das unrechtmässige Verweigern oder Verzögern einer anfechtba-
ren Verfügung kann bei der Beschwerdeinstanz, die für die Behandlung
einer Beschwerde gegen eine ordnungsgemäss ergangene Verfügung zu-
ständig wäre, Beschwerde geführt werden (Art. 46a VwVG; vgl. dazu auch
MARKUS MÜLLER, in: Auer/Müller/Schindler [Hrsg.], Kommentar zum Bun-
desgesetz über das Verwaltungsverfahren [VwVG], 2019, Rz. 19 zu
Art. 46a). Das Bundesverwaltungsgericht ist damit zur Beurteilung der vor-
liegenden Rechtsverzögerungsbeschwerde zuständig.
2.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
3.
3.1 Rechtsverzögerungsbeschwerden richten sich gegen den Nichterlass
einer anfechtbaren Verfügung. Die Beschwerdelegitimation setzt voraus,
dass bei der zuständigen Behörde zuvor ein Begehren um Erlass einer
Verfügung gestellt wurde und Anspruch darauf besteht. Ein Anspruch ist
anzunehmen, wenn die Behörde verpflichtet ist, in Verfügungsform zu han-
deln und der gesuchstellenden ansprechenden Person nach Art. 6 i.V.m.
Art. 48 Abs. 1 VwVG Parteistellung zukommt (vgl. BVGE 2008/15 E. 3.2
m.w.H.).
Vorliegend suchte der Beschwerdeführer am 25. Mai 2015 um Asyl nach.
Über das Gesuch hat die Vorinstanz in Form einer anfechtbaren Verfügung
zu befinden. Der Beschwerdeführer ist daher zur Beschwerdeführung legi-
timiert.
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3.2 Gegen das unrechtmässige Verweigern oder Verzögern einer Verfü-
gung kann grundsätzlich jederzeit Beschwerde geführt werden (Art. 50
Abs. 2 VwVG). Die zeitliche Grenze bildet der Grundsatz von Treu und
Glauben. Die beschwerdeführende Person muss zudem darlegen, dass sie
zur Zeit der Beschwerdeerhebung ein schutzwürdiges – mithin aktuelles
und praktisches – Interesse an der Vornahme der verzögerten Amtshand-
lung respektive der Feststellung einer entsprechenden Rechtsverzögerung
hat (vgl. MOSER/BEUSCH/KNEUBÜHLER, Prozessieren vor dem Bundesver-
waltungsgericht, 2. Aufl. 2013, Rz. 5.23).
Das schutzwürdige Interesse des Beschwerdeführers an der Vornahme
der allenfalls verzögerten Amtshandlung manifestiert sich einerseits in den
mehreren Eingaben an die Vorinstanz, mit denen er um beförderliche Ver-
fahrenserledigung gebeten hat. Andererseits ergibt es sich aus der Tatsa-
che, dass die Vorinstanz bis anhin noch nicht in der Sache entschieden
hat.
3.3 Gestützt auf die vorstehenden Erwägungen ist auf die formgerecht
eingereichte (Art. 52 Abs. 1 VwVG) Rechtsverzögerungsbeschwerde ein-
zutreten.
4.
Die Prüfungsbefugnis des Bundesverwaltungsgerichts beschränkt sich auf
die Frage, ob die Vorinstanz das Rechtsverzögerungsverbot verletzt hat.
Im Falle einer Gutheissung der Beschwerde weist es die Sache mit ver-
bindlichen Weisungen an die Vorinstanz zurück (Art. 61 Abs. 1 VwVG).
5.
5.1 Das Verbot der Rechtsverzögerung ergibt sich als Teilgehalt aus der
allgemeinen Verfahrensgarantie von Art. 29 Abs. 1 BV. Danach hat jede
Person Anspruch auf eine Beurteilung ihrer Sache innert angemessener
Frist (sog. Beschleunigungsgebot). Diese Verfassungsgarantie gilt für alle
Sachbereiche und alle Akte der Rechtsanwendung (vgl. BGE 130 I 174
E.2.2 m.w.H.).
5.2 Von einer Rechtsverzögerung im Sinne des Gesetzes ist nach Lehre
und Praxis auszugehen, wenn behördliches Handeln zwar nicht (wie bei
einer formellen Rechtsverweigerung) grundsätzlich infrage steht, aber die
Behörde nicht innert der Frist handelt, die nach der Natur der Sache objek-
tiv noch als angemessen erscheint. Die Angemessenheit der Dauer eines
Verfahrens ist im Einzelfall unter Berücksichtigung der gesamten Um-
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stände zu beurteilen. In Betracht zu ziehen sind dabei namentlich die Kom-
plexität der Sache, das Verhalten der betroffenen Beteiligten und der Be-
hörden, die Bedeutung des Verfahrens für die betroffene Partei sowie ein-
zelfallspezifische Entscheidungsabläufe (vgl. zum Ganzen BGE 130 I 312
E. 5.1 und 5.2 m.w.H.).
6.
6.1 In der Rechtsmitteleingabe macht der Beschwerdeführer geltend, er
befinde sich seit über fünf Jahren im Asylverfahren. Die ergänzende Anhö-
rung zu seinen Asylgründen liege über zwei Jahre zurück. Die Vorinstanz
gebe zwar an, dass es sich um komplexe Vorbringen handle, die genauerer
Abklärung bedürften. Sie unterlasse es jedoch, die Gründe für die lange
Verfahrensdauer näher darzulegen. Die Komplexität der Sache sei zwar
gemäss bundesverwaltungsgerichtlicher Rechtsprechung zu berücksichti-
gen, doch rechtfertige sie nicht automatisch eine lange Verfahrensdauer.
Eine Verfahrensdauer von über 60 Monaten sei als unverhältnismässig
lange zu beurteilen.
6.2 In der Vernehmlassung anerkennt die Vorinstanz die lange Verfahrens-
dauer. Entgegen der Annahme des Beschwerdeführers treffe es jedoch
nicht zu, dass der letzte Verfahrensschritt bereits über zwei Jahre zurück-
liege. Das SEM habe dem Beschwerdeführer am 19. Oktober 2018 schrift-
lich Fragen gestellt. In der Folge seien sowohl amtsintern als auch durch
andere Behörden im In- und Ausland weitere Abklärungen getroffen wor-
den. Diese seien zuletzt durch die Grenzschliessungen aufgrund Covid-19
verzögert worden.
6.3 In der Replik bringt der Beschwerdeführer vor, da ihm aufgrund des
hängigen Verfahrens keine Akteneinsicht gewährt worden sei, könne er
nicht beurteilen, ob «nachweislich» wiederholte Abklärungen durch die
Vorinstanz vorgenommen worden seien. Er sei erstmals am 22. Juli 2020
über hängige Instruktionshandlungen informiert worden. Vorher sei er mit
allgemeinen Antworten verströstet worden.
7.
7.1 Gemäss aArt. 37 Abs. 2 AsylG ist über Asylgesuche erstinstanzlich in
der Regel innerhalb von zehn Arbeitstagen nach der Gesuchstellung zu
entscheiden.
7.2 Das Bundesverwaltungsgericht ist in Kenntnis der nach wie vor hohen
Pendenzenzahl der Vorinstanz und den Umständen, welche die Einführung
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des neuen Asylgesetztes im März 2019 mit sich gebracht haben. Es ist
deshalb nachvollziehbar und zu einem gewissen Grad auch unvermeidbar,
dass nicht alle (altrechtlichen) Verfahren innerhalb der Behandlungsfristen
von aArt. 37 Abs. 2 AsylG abgeschlossen werden können, insbesondere
dann, wenn sich noch weitere Abklärungsmassnahmen aufdrängen.
Der Beschwerdeführer hat am 25. Mai 2015 um Asyl nachgesucht und
wurde am 1. Juni 2015 summarisch zur Person befragt. Die Vorinstanz
hörte ihn am 27. November 2017 und 26. März 2018 einlässlich zu den
Asylgründen an. Am 14. August 2018 ersuchte sie andere Behörden im In-
und Ausland um weitere Abklärungen. Auf ein entsprechendes Ersuchen
übermittelte die Vorinstanz am 5. November 2018 die Anfrage vom 14. Au-
gust 2018 in einer anderen Sprache. Am 24. Januar 2019 liess eine andere
Behörde der Vorinstanz erste Erkenntnisse zukommen, welche offensicht-
lich zwingend die Einleitung weiterer Instruktionsmassnahmen seitens der
Vorinstanz erforderten. Gemäss Akten wurde die Vorinstanz mit einem
Schreiben an eine andere Behörde am 29. Januar 2020 wieder aktiv. Sie
ist demnach ein Jahr lang untätig geblieben. Das vorliegende Verfahren
weist aufgrund des geltend gemachten Sachverhalts durchaus eine ge-
wisse Komplexität auf. Gerade aber aus diesem Grund und weil das Ver-
fahren im Zeitpunkt der Antwort vom 24. Januar 2019 bereits dreidreiviertel
Jahre hängig war, sind keine objektiven Gründe für das Untätigsein wäh-
rend eines Jahres ersichtlich. Dies umso mehr, als der Beschwerdeführer
in diesem Zeitraum zweimal um einen baldigen Entscheid bat. Von einer
gerechtfertigten Verfahrensverzögerung kann demnach nicht ausgegan-
gen werden. Weiter ist festzustellen, dass die Vorinstanz in ihrer Antwort
vom 18. Februar 2020 auf die Verfahrensstandsanfragen vom 29. Oktober
2019 und 11. Dezember 2019 die hohe Geschäftslast als Grund für die
lange Verfahrensdauer angegeben hat. Aufgrund dieses standardisierten
Schreibens war es dem Beschwerdeführer nicht möglich, Rückschlüsse
auf die Gründe für das Untätigsein in seinem Fall zu ziehen. Eine weitere
Verfahrensstandsanfrage vom 28. Mai 2020 liess die Vorinstanz sodann
unbeantwortet. Erst in ihrem Schreiben vom 22. Juli 2020 betreffend das
Akteneinsichtsgesuch führte sie aus, es seien noch weitere Instruktions-
massnahmen notwendig. Schliesslich ist der Verweis auf die erst seit an-
fangs 2020 auftretende Corona-Pandemie nicht geeignet, die vorliegende
Verzögerung zu erklären. Das Vorgehen der Vorinstanz entspricht nicht ei-
ner beförderlichen Behandlung eines Asylgesuchs. Das Beschleunigungs-
gebot im Sinne von Art. 29 Abs. 1 BV ist somit verletzt. Die Rüge der
Rechtsverzögerung erweist sich als begründet.
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8.
Die Beschwerde ist gutzuheissen. Die Akten gehen an die Vorinstanz zu-
rück, verbunden mit der Anweisung, das Asylgesuch des Beschwerdefüh-
rers vom 25. Mai 2015 beförderlich zu behandeln und zeitnah einer Verfü-
gung zuzuführen.
9.
9.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). Damit wird die mit Zwischenverfügung vom
10. September 2020 gewährte unentgeltliche Prozessführung gegen-
standslos.
9.2 Obsiegende oder teilweise obsiegende Parteien haben Anspruch auf
eine Parteientschädigung für die ihnen erwachsenen notwendigen und ver-
hältnismässig hohen Kosten (Art. 64 Abs. 1 VwVG i.V.m. Art. 7 des Regle-
ments vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor
dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
Dem vertretenen Beschwerdeführer ist zulasten der Vorinstanz eine Par-
teientschädigung für die ihm erwachsenen notwendigen Kosten zuzuspre-
chen (Art. 64 Abs. 1 VwVG i.V.m. Art. 7 VGKE). Die Rechtsvertreterin
macht in ihrer Kostennote einen Aufwand von sechs Stunden à Fr. 300.–
und Auslagen in der Höhe von Fr. 21.10 geltend (insgesamt Fr. 1'846.10).
Der Aufwand liegt wesentlich über dem üblicherweise geltend gemachten
Aufwand für eine Rechtsverzögerungsbeschwerde, mithin ist er nicht an-
gemessen. Er ist daher auf drei Stunden zu kürzen. Die von der Vorinstanz
an den Beschwerdeführer zu entrichtende Parteientschädigung ist dem-
nach auf Fr. 921.10 (inklusiv Auslagen und ohne Mehrwertsteuerzuschlag
gemäss Art. 9 Abs. 1 Bst. c VGKE) festzusetzen.
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