Decision ID: 813e0ffe-b9ef-5275-b118-77d68e4655af
Year: 2014
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführer,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Daniel Ehrenzeller, Engelgasse 214, 9053 Teufen,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdegegnerin,
betreffend
Rente (Wiederanmeldung)
Sachverhalt:
A.
A.a A._ meldete sich am 15. Februar 2007 erneut zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung an (Rente [act. G 4.1/45]), nachdem zuvor eine erste Anmeldung
mit Verfügung vom 14. Juni 2006 bzw. Einspracheentscheid vom 27. November 2006
gestützt auf eine bidisziplinäre Abklärung rechtskräftig abgewiesen worden war (act. G
4.1/31, 41). In der Folge erstellte das Begutachtungszentrum BL GmbH am 5. März
2008 ein polydisziplinäres Gutachten (rheumatologisch/psychiatrisch), in dem in der
Hauptsache ein Chronic wide spread pain syndrome mit/bei degenerativer Diskopathie
mit Diskusprotrusionen L4/5 und L5/S1 leicht progredient von 2003 bis 2005,
Spondylarthrosen L4/5 und L5/S1 rechtsbetont, Sakral- und Wurzelzyste S1 sowie
gemäss Akten Hyperlaxizität und muskulärer Dysbalance diagnostiziert wurde. Gestützt
auf das rheumatologische Teilgutachten ging die BEGAZ davon aus, dass dem
Versicherten eine leichte bis mittelschwere, wechselbelastende und rückenadaptierte
Tätigkeit - mit gewissen qualitativen Einschränkungen - vollschichtig zumutbar sei.
Psychiatrisch begründete Einschränkungen beständen nicht (act. G 4.1/60.28f.). Mit
Verfügung vom 22. Oktober 2008 wies die IV-Stelle St. Gallen das Rentengesuch ab
(act. G 4.1/77).
A.b Nachdem der Rechtsvertreter gegen diese Verfügung Beschwerde beim hiesigen
Gericht erhoben hatte, reichte er am 22. Januar 2009 pendente lite - mit der Replik
selbigen Datums - einen Bericht des B._ vom 13. Januar 2009 ein. Daraus ging
hervor, dass auf Höhe L4/5 eine moderate Diskusdegeneration, eine
positionsabhängige nicht fokale Protrusion und eine dynamische birezessale Stenose
mit Kompression der Nervenwurzeln L5 in Extension sowie auf Höhe L5/S1 eine
degenerative Retrolisthesis, eine verminderte Stabilität und eine birezessale Stenose
mit Kompression der Nervenwurzeln S1 bestehen (act. G 4.1/92). Auf entsprechende
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Aufforderung des Gerichts führte die rheumatologische Gutachterin Dr. C._ (BEGAZ)
mit Stellungnahme vom 11. November 2010 aus, dass sich in der klinischen
Untersuchung keine Hinweise auf eine radikuläre Problematik im Bereich der unteren
Extremitäten ergeben hätten. Sollten die nun radiologisch neu dokumentierten
Veränderungen bereits damals vorgelegen haben, seien diese zum
Untersuchungszeitpunkt sicher klinisch nicht relevant gewesen. Ob die radiologischen
Befunde aktuell klinisch relevant seien, könne ohne erneute klinische Untersuchung
nicht beurteilt werden (act. G 4.1/97.6f.). Mit Entscheid vom 6. Januar 2011 stellte das
hiesige Gericht fest, es könne auf Grund der FMRI-Untersuchung vom 12. Januar 2009
nicht ausgeschlossen werden, dass die geklagte radikuläre Reizproblematik doch
objektiviert werden (und auf Grund der zeitlichen Nähe zum Verfügungszeitpunkt im
Oktober 2008 bereits bestanden haben) könne, und ordnete im Rahmen der
Rückweisung der Angelegenheit an die IV-Stelle eine erneute rheumatologische
Begutachtung mit ermessensweiser elektroneurologischer Untersuchung an (act.
G 4.1/99.12).
B.
B.a Auf Vorschlag des RAD Ostschweiz ordnete die IV-Stelle St. Gallen eine erneute
polydisziplinäre Begutachtung (rheumatologisch/psychiatrisch) an.
B.b Am 8. März 2012 erstattete die Medas Zentralschweiz ihr Gutachten. Sie kam zum
Schluss, dass keine Diagnose mit wesentlicher Einschränkung der Arbeitsfähigkeit
vorliege. Ohne wesentliche Einschränkung der Arbeitsfähigkeit diagnostizierte die
Medas unter anderem ein chronifiziertes generalisiertes Ganzkörperschmerzsyndrom
ohne adäquates organisches Korrelat am Bewegungsapparat sowie formal bildgebend
Segmentdegenerationen L4/5 und L5/S1 mit Osteochondrose L4/5, Chondrose L5/S1,
mit moderaten Spondylarthrosen, diskreter medianer Diskusprotrusion L4/5,
Diskusbulging L5/S1 sowie degenerativ bedingter leichtgradiger segmentaler
Gefügelockerung L5/S1. Da kein schwerer Gesundheitsschaden aufgedeckt werden
konnte, ging die Medas in der Gesamtbeurteilung davon aus, dass der Versicherte die
angestammte Tätigkeit als Maschinenbediener in der Textilindustrie, die er
rezessionsbedingt verloren hatte, weiterhin hätte ausüben können. Er sei ausserdem in
allen körperlich leichten und mittelschweren Tätigkeiten, nicht aber in Schwerarbeit,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
voll arbeitsfähig, wenn ausgesprochen rückenbelastende Arbeiten, z.B. in vornüber
geneigter oder abgedrehter Haltung vermieden werden könnten. Diese Arbeitsfähigkeit
bestehe seit Jahren (act. G 4.1/114.27f.). Der RAD Ostschweiz hielt dazu in seiner
Stellungnahme vom 4. Dezember 2012 fest, dass in den Fachgebieten Rheumatologie,
Psychiatrie und Neurologie kein Gesundheitsschaden habe eruiert werden können und
dass die vom Versicherungsgericht in Erwägung gezogene Pathologie der lumbalen
Nervenwurzel gemäss FMRI 1/09 im aktuellen Gutachten habe ausgeschlossen werden
können. Somit sei auch eine Verschlechterung des Gesundheitszustands seit der
letzten rechtskräftigen Beurteilung vom November 2006 nicht ausgewiesen (act.
G 4.1/115.2).
B.c Nach Durchführung des Vorbescheidsverfahrens wies die IV-Stelle St. Gallen das
Leistungsgesuch mit Verfügung vom 20. Juni 2012 erneut ab (act. G 4.1/125).
C.
C.a Gegen diese Verfügung richtet sich die vorliegende Beschwerde vom 22. August
2012 mit dem Antrag auf Aufhebung der angefochtenen Verfügung. Dem
Beschwerdeführer sei sodann mindestens eine halbe Rente zuzusprechen. Eventualiter
sei die Verfügung aufzuheben und die Prozedur zur weiteren Abklärung an die
Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Gestützt auf den Wortlaut der Erwägung 3.3
(S. 12) sei zu erwarten gewesen, dass für die neue Begutachtung MRI oder FMRI
angefertigt würden. Dies sei nicht geschehen. Gerade um die Frage des heutigen
Zustands der Bereiche L4 bis S1 abzuklären und zu vergleichen, wäre ein neues MRI
notwendig gewesen, damit qualitativ gleichrangige objektive Untersuchungsergebnisse
verglichen werden könnten. Demgegenüber könnten die von der Medas erstellten
Röntgenbilder diese Voraussetzungen rein technisch nicht erfüllen. Weiter sei die
angeregte elektroneurologische Untersuchung nicht erfolgt. Zudem sei trotz der
abweichenden Interpretation des FMRI vom 12. Januar 2009 durch den
rheumatologischen Gutachter und den beigezogenen Radiologen keine Stellungnahme
von Dr. D._ eingeholt worden. Da der Beschwerdeführer ein Schonverhalten gezeigt
habe und es nicht auf eine Schmerzexazerbation habe ankommen lassen wollen,
erscheine die Angabe, das FMRI von 2009 habe keine klinische Relevanz, vorschnell
und nicht haltbar. Schliesslich seien die im Gutachten selber erwähnten Zuckungen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
und die mögliche beginnende Demenz nicht weiter abgeklärt worden. Aus diesem
Grund werde eine neuropsychologische Abklärung verlangt. Allenfalls sei auch ein
Kopf-MRI zu erstellen, um demenzielle Prozesse oder andere pathologische
Strukturveränderungen im Gehirn sichtbar zu machen. Was die psychiatrische
Begutachtung anbelange, seien der Verlust des dritten Kindes kurz vor der Geburt wie
auch die ernsthafte Erkrankung der Ehefrau zu wenig gewürdigt worden.
Zusammenfassend sei eine Arbeitsunfähigkeit vorhanden, die zu einer
Erwerbsunfähigkeit im hohen Bereich führe (act. G 1).
C.b Mit Beschwerdeantwort vom 26. Oktober 2012 beantragt die Verwaltung
Abweisung der Beschwerde. Der Beschwerdeführer sei umfassend polydisziplinär
untersucht worden. Der Medas hätten auch die FMRI-Aufnahmen der LWS vom
12. Januar 2009 sowie Röntgenbilder unter anderem der LWS vom 7. Dezember 2011
zur Verfügung gestanden. Sie sei demnach in der Lage gewesen, die geltend
gemachten Rückenbeschwerden zu beurteilen. Aus dem Urteil vom 6. Januar 2011
ergebe sich sodann nicht, dass die Medas weitere MRI-Aufnahmen hätte anfertigen
müssen. Es werde einzig eine weitere rheumatologische Begutachtung verlangt. Diese
sei zweifellos durchgeführt worden. Im Übrigen könne nicht direkt von radiologischen
Befunden auf Funktionsausfälle geschlossen werden. Ausschlaggebend seien vielmehr
die Ergebnisse der klinischen Untersuchung und die festgestellten funktionellen
Einschränkungen unter Berücksichtigung der Inkonsistenzen. Insgesamt liege beim
Beschwerdeführer im Rückenbereich eine harmlose Befundlage vor. Der Neurologe
führe sodann aus, dass das vom Beschwerdeführer gezeigte Verhalten nicht in erster
Linie auf eine Demenz hindeute. Es fänden sich keine Hinweise auf ein frontales
Geschehen im Hirnbereich. Eine Demenz könne offensichtlich ausgeschlossen werden,
weil sowohl aus dem Medas- als auch aus dem BEGAZ-Gutachten hervorgehe, dass
der Beschwerdeführer sein groteskes Verhalten willentlich steuere und als Mittel
einsetze, eine schwere Krankheit zu "beweisen". Schliesslich gebe es auch keine
Hinweise, dass der Beschwerdeführer in psychiatrischer Hinsicht durch die Medas
nicht kompetent beurteilt worden sei. Weitere Abklärungen seien unnötig (act. G 4).
C.c Mit Replik vom 7. Dezember 2012 wird ausgeführt, der Vorwurf, der
Beschwerdeführer schone sich bei der Untersuchung und sei deshalb klinisch gar nicht
richtig beurteilbar, dürfe nicht erhoben werden, solange das Objektivierungspotential
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
nicht ausgeschöpft sei. So sei anlässlich der Medas-Begutachtung
unverständlicherweise kein neues MRI oder gar FMRI erstellt worden. Es gelte nach
wie vor das FMRI vom Januar 2009, das eine Kompromittierung der Nervenwurzel
zeige. Dem stehe die etwas andere Interpretation der Medas nicht entgegen. Gerade
wenn dem Beschwerdeführer Aggravation oder gar Simulation vorgeworfen werde, sei
die Anfertigung eines neuen MRI der LWS unverzichtbar. Die konventionellen
Röntgenbilder seien demgegenüber keine genügende Vergleichsgrundlage, gehe es
doch um eine Verschlechterung seit 2006, während die vorhandenen MRI aus der Zeit
davor (Februar 2003 und November 2005) stammten. Im Weiteren seien eine
Stellungnahme von Dr. D._ einzuholen, die neurographischen Messresultate des
neurologischen Gutachters beizuziehen und eine neuropsychiatrische Begutachtung,
verbunden mit einer Demenz-Abklärung, durchzuführen (act. G 6). Am 18. Dezember
2012 weist der Rechtsvertreter noch darauf hin, dass der psychische
Gesundheitszustand des Beschwerdeführers zunehmend als behandlungsbedürftig
eingestuft werde, und reicht ein Arztzeugnis der Klinik Teufen ein, das eine
Arbeitsunfähigkeit von 100 % für die Zeit vom 13. bis 31. Dezember 2012 attestiert
(act. G 8). Die Beschwerdegegnerin verzichtet auf eine Duplik (act. G 10).
C.d Am 19. Dezember 2013 reicht der Rechtsvertreter einen Bericht der Klinik E._
vom 17. Dezember 2013 ein. Daraus geht hervor, dass der Beschwerdeführer seit dem
13. Dezember 2012 in ambulanter psychiatrisch-psychotherapeutischer Behandlung
stehe. Es könne die Diagnose einer rezidivierenden depressiven Störung, gegenwärtig
mittelgradige Episode mit somatischen Symptomen, gestellt werden. Anamnestisch
könne davon ausgegangen werden, dass der Beschwerdeführer seit 2006 an einer
anhaltenden depressiven Symptomatik leide. Eine demenzielle Entwicklung habe sich
jedoch nicht bestätigt. Rein psychiatrisch könne eine Arbeitsunfähigkeit von 50 %
attestiert werden (act. G 11.1).

Erwägungen:
1.
Mit der vorliegend angefochtenen Verfügung vom 20. Juni 2012 wird ein Sachverhalt
beurteilt, der bis ins Jahr 2006 zurückreicht (vgl. rechtskräftige Abweisung der ersten
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Anmeldung vom November 2005 mit Einspracheentscheid vom 27. November 2006
[act. G 4.1/1 und 41]). Am 1. Januar 2008 und am 1. Januar 2012 sind mit der 5. und
6. IVG-Revision verschiedene Änderungen des Bundesgesetzes über die
Invalidenversicherung (IVG; SR 831.20) in Kraft getreten. Weil in zeitlicher Hinsicht
grundsätzlich diejenigen Rechtssätze massgebend sind, die bei der Erfüllung des zu
Rechtsfolgen führenden Tatbestandes Geltung haben (BGE 127 V 467 E. 1), und weil
bei der Beurteilung ferner auf den bis zum Zeitpunkt des Erlasses der streitigen
Verfügung eingetretenen Sachverhalt abzustellen ist (BGE 121 V 366 E. 1b), sind für
den bis Ende 2007 verwirklichten Sachverhalt die bis zum 31. Dezember 2007 gültig
gewesenen materiellen Bestimmungen anzuwenden. Für den bis Ende 2011 und den
danach bis zur Verfügung vom 20. Juni 2012 verwirklichten Sachverhalt ist auf das
jeweils aktuelle materielle Recht abzustellen, wobei dieses in Bezug auf die
Anspruchsvoraussetzungen keine hier interessierende Änderung erfahren hat.
2.
2.1 Nach Art. 28 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG;
SR 831.20) in der bis am 31. Dezember 2007 gültig gewesenen Fassung (heute: Art. 28
Abs. 2 IVG) besteht der Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn die versicherte
Person mindestens zu 70 %, derjenige auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie mindestens
zu 60 % invalid ist. Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % besteht Anspruch
auf eine halbe Rente und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % Anspruch
auf eine Viertelsrente. Gemäss aArt. 28 Abs. 2 IVG (heute: Art. 28a Abs. 1 IVG) i.V.m.
Art. 16 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts
(ATSG; SR 830.1) ist die Invalidität grundsätzlich durch einen Einkommensvergleich zu
ermitteln. Dabei wird das Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach dem
Eintritt der Invalidität und nach der Durchführung der notwendigen und zumutbaren
Eingliederungsmassnahmen bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte, in
Beziehung gesetzt zum Erwerbseinkommen, das die versicherte Person erzielen
könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre.
2.2 Grundlage der Bemessung des zumutbaren Invalideneinkommens ist die Arbeits
fähigkeitsschätzung. Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichts ist nach der
höchstrichterlichen Rechtsprechung entscheidend, ob der Bericht für die streitigen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten
Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten bzw. der Anamnese abgegeben
worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der
Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen der
medizinischen Fachperson begründet und nachvollziehbar sind (BGE 125 V 352 E. 3a
mit Hinweis; RKUV 2000, 214).
3.
3.1 Nachdem vorliegend nach wie vor die Wiederanmeldung vom 15. Februar 2007
umstritten ist, ist Beweisthema, ob seit der letzten rechtskräftigen, auf einer
umfassenden materiellen Prüfung mit rechtskonformer Sachverhaltsabklärung,
Beweiswürdigung und Durchführung eines Einkommensvergleichs beruhenden
Rentenabweisung vom 27. November 2006 (act. G 4.1/41) bis zum Erlass der
Verfügung vom 20. Juni 2012 eine Verschlechterung des Gesundheitszustands oder
der Auswirkungen auf die erwerblichen Möglichkeiten eingetreten ist (vgl. BGE 130 V
71 E. 3.2.3).
3.2 Die infolge der Wiederanmeldung vom Februar 2007 durch die
Beschwerdegegnerin getätigten Abklärungen (psychiatrisch-rheumatologisches
Gutachten vom 5. März 2008) wurden vom Versicherungsgericht im Entscheid vom
6. Januar 2011 bereits gewürdigt. Es stellte fest, dass das psychiatrische Teilgutachten
vom 22. Januar 2008, das von einer leichtgradigen depressiven Episode (F32.0) ohne
Vorliegen einer anhaltenden somatoformen Schmerzstörung und ohne Auswirkung auf
die Arbeitsfähigkeit ausging, nicht zu beanstanden sei. Demgegenüber hielt es die
rheumatologische Begutachtung vom 25. Januar 2008 insofern für ungenügend, als auf
Grund der fehlenden Bildgebung für die Neubegutachtung eine Veränderung
gegenüber den MRI vom Februar 2003 und vom November 2005 nicht beurteilt werden
konnte und zudem gestützt auf die vom Rechtsvertreter veranlasste FMRI-
Untersuchung der LWS vom Januar 2009 nicht auszuschliessen war, dass die geklagte
radikuläre Problematik objektiviert werden könnte. Dementsprechend ordnete es eine
erneute rheumatologische Begutachtung an (act. G 4.1/99.10 ff.).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.3 Dr. med. F._, Facharzt Rheumatologie FMH, zertifizierter medizinischer
Gutachter SIM, diagnostizierte in seinem Gutachten vom 20. Januar 2012 in Bezug auf
die Lendenwirbelsäule ein chronifiziertes, generalisiertes Ganzkörperschmerzsyndrom
ohne adäquates organisches Korrelat am Bewegungsapparat sowie formal bildgebend
Segmentdegenerationen L4/L5 und L5/S1 mit Osteochondrose L4/L5, Chondrose L5/
S1, moderaten Spondylarthrosen, diskreter medianer Diskusprotrusion L4/L5,
Diskusbulging L5/S1 sowie degenerativ bedingter, leichtgradiger segmentaler
Gefügelockerung L5/S1. Diese Diagnosen hätten keine Auswirkung auf die
Arbeitsfähigkeit. Der Experte stützte sich dabei auf die bildgebenden Untersuchungen
vom 7. Dezember 2011, anlässlich derer ein Röntgenbild der LWS ap/lat. stehend, eine
Beckenübersicht ap stehend sowie ein Röntgenbild der Füsse dv aufgenommen
wurden. Das LWS-Röntgenbild ergab eine unauffällige ossäre
Röntgenstrahlentransparenz sowie eine physiologische Lendenlordose. In der
Frontalebene ergaben sich ein unauffälliger LWS-Aspekt und eine unauffällige
Wirbelkörperkonfiguration. Es wurde eine leichte Retroposition L5 gegenüber S1 um
5mm sowie eine mässige Verschmälerung des Intervertebralraumes L5/S1 mit reaktiver
ventraler Spondylose entsprechend einer Osteochondrose L5/S1 festgehalten. Es
bestehe eine ventrale Spondylose L3/L4 und L4/L5. Die Wirbelgelenkfazetten seien im
einsehbaren Bereich unauffällig, die Bogenwurzeln durchgehend erhalten, das ISG
normal breit und regelmässig begrenzt. Der Gutachter führte aus, dass sich die
(klinische) Untersuchung auf Grund des grotesken Schmerzverhaltens schwierig
gestaltet habe und keine seriösen Angaben über die effektive Funktion der Wirbelsäule
wie der peripheren Gelenke gemacht werden könnten. Zum Zeitpunkt der
Untersuchung hätten keine Hinweise für eine radikuläre Reiz- und Ausfallsymptomatik
bestanden. Die oberen und unteren Extremitäten hätten trotz jahrelanger Symptomatik
eine seitengleiche, unauffällige muskuläre Trophik ohne Umfangsdifferenzen
aufgewiesen, was eine motorische Nervenwurzelläsion weitgehend ausschliessen
lasse. Auf Grund des genannten Verhaltens liessen sich auch keine verlässlichen
Angaben zur Frage einer segmentalen Instabilität auf lumbo-sakralem Niveau machen.
Insgesamt sei von einem chronifizierten, generalisierten Ganzkörperschmerzsyndrom
ohne organischem Korrelat auszugehen (act. G 4.1/114.39 ff.).
3.4 In der Beschwerde wird im Wesentlichen moniert, dass kein MRI oder FMRI der
Lendenwirbelsäule angefertigt worden sei. Solche Aufnahmen wären nötig gewesen,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
um den heutigen Zustand im Bereich L4 bis S1 abzuklären und um qualitativ
gleichrangige objektive Untersuchungsergebnisse vergleichen zu können. Die von der
Medas angefertigten Röntgenbilder könnten diese Voraussetzungen rein technisch
nicht erfüllen. Dem ist jedoch entgegen zu halten, dass die Frage, ob eine
invalidisierende Arbeitsunfähigkeit vorliegt, nicht in erster Linie nach der Diagnostik,
sondern nach dem aus Anamnese, klinischer und apparativer Untersuchung sich
ergebenden Gesamtbild beurteilt wird. Die Ergebnisse der bildgebenden Verfahren wie
MRI und Upright MRI sind nur ein Element bei der Beurteilung (Urteil des
Bundesgerichts vom 25. Juli 2011 [9C_752/2010] 3.3). Der rheumatologische Gutachter
weist vorliegend darauf hin, dass er wie die verschiedenen rheumatologischen
Voruntersucher in den Akten keine Hinweise für ein vertebragenes oder lumbo-
spondylogenes Syndrom, geschweige denn für eine lumbo-radikuläre Reiz- oder
Ausfallsymptomatik oder für eine Segmentinstabilität gefunden habe. Vielmehr habe er
- wie auch schon die Voruntersucher - ein generalisiertes Ganzkörperschmerzsyndrom
gefunden, das weder durch die früher durchgeführten kernspintomografischen
Untersuchungen in liegender Position wie auch nicht durch die Befunde des Upright
MRI vom 12. Januar 2009 erklärt werden könne. Auf Grund der
Ganzkörperschmerzsymptomatik wäre es keinem Spezialarzt, der sich mit dem
Bewegungsapparat befasse, eingefallen, ein Upright MRI in Auftrag zu geben. Zudem
seien die Bilder des Upright MRI der Lendenwirbelsäule einem Facharzt für Radiologie,
Dr. G._, unterbreitet worden. Dieser Arzt gehe klar davon aus, dass keine schwere
Segmentdegeneration im Bereich der Lendenwirbelsäule und insbesondere keine
MODIC-Veränderungen vorlägen. Die Retroposition von L5 gegenüber S1 betrage
knapp 5mm und entspreche nicht einer Instabilität, sondern einer banalen degenerativ
bedingten Gefügelockerung. Im Weiteren könnten keine hypertrophen
Spondylarthrosen eingesehen werden und die Rezessus erschienen auf allen
erkennbaren Etagen altersentsprechend normal bis höchstens leicht eingeengt. In
Reklination seien zwar geringe Protrusionen erkennbar, nicht aber abgrenzbare
Nervenwurzelkompressionen. Bei der von Dr. D._ in seinem Befund vom 13. Januar
2009 ausserdem erwähnten Anterolisthesis geht Dr. F._ von einer Verwechslung aus,
da Dr. D._ zunächst eine Retrolisthesis erwähnt habe. Im Weiteren weist Dr. F._
sinngemäss darauf hin, dass allein gestützt auf ein MRI nicht auf eine Klinik oder gar
auf einen Funktionsausfall bzw. auf eine Arbeitsunfähigkeit geschlossen werden könne.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
So zeigten diverse Studien, dass auch bei vollständig asymptomatischen Individuen in
über 25 % der Fälle abnorme MRI-Befunde erhoben worden seien. In einer weiteren
Studie würden zwar die Vorteile eines Upright MRI erkannt, jedoch unmissverständlich
darauf hingewiesen, dass Befunde im Upright MRI nur in Zusammenhang mit der Klinik
zu beurteilen und von Wertigkeit seien (act. G 4.1/114.46 f.).
3.5 Am 12. Dezember 2011 wurde der Beschwerdeführer sodann neurologisch durch
Dr. med. H._, Facharzt für Neurologie, untersucht. Auch dieser Arzt konnte keine
lumboradikuläre Irritation oder Läsion feststellen. Er habe keine Anhaltspunkte für
umschriebene Paresen, die angegebenen Sensibilitätsstörungen hätten nicht
segmentale Ausbreitung und schliesslich seien auch keine Denervationen in der den
Segmenten L4 bis S1 zugeordneten Muskulatur zu erkennen. Damit hätten die im
Upright MRI festgehaltenen Befunde keinerlei klinische Bedeutung und die Diskrepanz
Retrolisthesis-Anterolisthesis sei irrelevant (act. G 4.1/114.57).
3.6 Nachdem somit weder in den früheren MRI vom Februar 2003 und vom November
2005 (vgl. act. G 4.1/19.14 f.) noch in den aktuellen Röntgenaufnahmen vom Dezember
2011 ein radikuläres Geschehen nachgewiesen werden und auch die Klinik keinerlei
Hinweise auf ein solches liefern konnte, erscheint die Situation an der lumbalen
Wirbelsäule nunmehr ausreichend abgeklärt, zumal das neuerliche Gutachten explizit
zur Abklärung der durch die Upright MRI-Bildgebung vom Januar 2009
hervorgerufenen Zweifel angefertigt wurde. Entgegen der Ansicht des
Beschwerdeführers ist diesbezüglich sehr wohl von Bedeutung, dass die von ihm
beschriebenen diffusen Schmerzen am ganzen Körper sich nicht mit der Klinik eines
radikulären Geschehens in der lumbalen Wirbelsäule in Verbindung bringen lassen. Im
Übrigen steht der Beschwerdeführer - soweit ersichtlich - nicht mehr in
rheumatologischer oder neurologischer sondern nur noch in hausärztlicher und
psychiatrischer Behandlung, was die These einer radikulären Genese der Schmerzen
zumindest nicht unterstützt (act. G 4.1/114.17, 114.20 und G 11.1). Weitere Nachfragen
bei Dr. D._, der keinen klinischen Befund erhoben hat, abermalige MRI-
Untersuchungen oder eine elektroneurologische Untersuchung erübrigen sich bei
diesem Ergebnis. Die Durchführung der letzteren wurde vom Gericht explizit in das
Ermessen des rheumatologischen Gutachters gestellt (act. G 4.1/99.12).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.7 Obwohl nicht Gegenstand des Rückweisungsauftrags des Gerichts, hat die
Beschwerdegegnerin den Beschwerdeführer in Nachachtung des
Untersuchungsgrundsatzes auch nochmals psychiatrisch abgeklärt. Dabei fiel auch
dem psychiatrischen Gutachter, Dr. med. I._, im Wesentlichen das auffällige
Verhalten des Beschwerdeführers auf, für das er jedoch keine Erklärung fand. Er
konnte letztlich nur einen Verdacht auf Entwicklung körperlicher Symptome aus
psychischen Gründen (F68.0), einen Verdacht auf eine leichte depressive Episode ohne
somatisches Syndrom (F32.00), differentialdiagnostisch subsyndromale Depression
(F34.8), als blosse Verdachtsdiagnosen alle ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit,
diagnostizieren. Mithin konnte Dr. I._ wie auch schon die Vorgutachter aus den
Jahren 2006 (Dr. J._) und 2008 (Dr. K._) keine psychiatrische Erkrankung mit
Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit objektivieren. Dr. J._ diagnostizierte zwar eine
anhaltende somatoforme Schmerzstörung mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit,
verneinte aber - abgesehen von der ohnehin attestierten Zumutbarkeit der
Schmerzüberwindung - das Vorhandensein einer psychiatrischen Erkrankung (vgl. act.
G 4.1/20.4). Dr. K._ diagnostizierte eine leichtgradige depressive Episode (F32.0)
ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit (act. G 4.1/60.39). Nachdem nun auch das
neue psychiatrische Gutachten keine wesentlichen neuen Erkenntnisse im Vergleich
zum letzten, vom Versicherungsgericht bereits als beweiskräftig bezeichneten
Gutachten von Dr. K._ zu Tage förderte - Dr. I._ geht von einem typischerweise
schwankenden, gegenüber der letzten Begutachtung sogar leicht gebesserten Zustand
aus (act. G 4.1/114.65) -, erübrigen sich auch diesbezüglich weitere Abklärungen. Dies
zumindest für den Zeitraum bis zum Verfügungserlass im Juni 2012. Sollte sich der
psychische Gesundheitszustand nachträglich, d.h. ab Dezember 2012 verschlechtert
haben, wie dies der Beschwerdeführer unter Hinweis auf das im vorliegenden
Verfahren eingereichte Arztzeugnis vom 13. Dezember 2012 und den Bericht der Klinik
E._ vom 17. Dezember 2013 geltend macht, ist dies nicht im vorliegenden Verfahren
abzuhandeln. Die Klinik E._ geht für den Zeitraum vom 13. bis 31. Dezember 2012
von einer 100 %-igen Arbeitsunfähigkeit aus, danach von einer solchen von 50 % (act.
G 8.1 und 11.1).
3.8 Die im Nachgang zum neurologischen Gutachten vom 14. Dezember 2011 und
zum psychiatrischen Gutachten vom 12. Dezember 2011 neu geltend gemachten
Zuckungen und der fragliche demenzielle Prozess konnten in der Folge nicht erhärtet
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
werden. So geht die Klinik E._ in ihrem Bericht vom 17. Dezember 2013 davon aus,
dass sich die demenzielle Entwicklung nicht bestätigt habe und die intermittierenden
Störungen der mnestischen Funktionen (Gedächtnisfunktionen,
Konzentrationsfähigkeit, Auffassungsvermögen) sowie leichte Wortfindungsstörungen
auf die depressive Symptomatik zurückzuführen seien (act. G 11.1). Somit erübrigt sich
diesbezüglich auch die beantragte neuropsychologische Abklärung, zumal auch der
neurologische Gutachter eher nicht von einem demenziellen Geschehen ausgeht und
den schon damals aufgetretenen Zuckungen keinen organischen Charakter zuschrieb
(act. G 4.1/114.56 f.).
3.9 Zusammenfassend ist auf das polydisziplinäre Gutachten vom 8. März 2012
abzustellen. Damit ist eine anspruchsbegründende Verschlechterung des
Gesundheitszustands von November 2006 bis Verfügungserlass im Juni 2012 nicht
ausgewiesen. Es ist nach wie vor davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer in
einer körperlich leichten bis mittelschweren Tätigkeit voll arbeitsfähig ist. Vermieden
werden sollten ausgesprochen rückenbelastende Arbeiten, z.B. in vornüber geneigter
oder abgedrehter Haltung (act. G 4.1/114.27). Bei einer allfälligen weiteren
Leistungsanmeldung hätte der Beschwerdeführer eine Verschlechterung des
Gesundheitszustands gegenüber Juni 2012 glaubhaft zu machen.
4.
4.1 Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen. Das Beschwerdeverfahren
ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig
vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr. 1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1
IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- erscheint in der vorliegend zu beurteilenden
Angelegenheit angemessen. Dem Ausgang des Verfahrens entsprechend ist sie
vollumfänglich dem Beschwerdeführer aufzuerlegen. Der von ihm geleistete
Kostenvorschuss von Fr. 600.-- ist ihm daran anzurechnen. Ausgangsgemäss hat der
Beschwerdeführer keinen Anspruch auf eine Parteientschädigung.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte