Decision ID: 66f98330-d8be-4180-9b5b-996ef0876ef0
Year: 2009
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
G._,
Beschwerdeführer,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Urs Christen, Weinbergstrasse 18, 8001 Zürich,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
Rente
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Sachverhalt:
A.
A.a G._, geboren 1965, meldete sich am 26. Februar 1997 erstmals zum Bezug von
IV-Leistungen (Rente) an, da er an einer Sehbehinderung leide, bestehend seit 1970
(act. G 4.1.1). Mit Verfügung vom 27. April 1999 lehnte die IV-Stelle das
Rentenbegehren des Versicherten ab, da er vom Strassenverkehrsamt eine
Spezialbewilligung erhalten habe und bei der Ausübung seiner selbstständigen
Tätigkeit als Autohändler, Altmetall und Autoexport nicht eingeschränkt sei (act. G
4.1.26). Diese Verfügung erwuchs in der Folge unangefochten in Rechtskraft.
A.b Am 25. Juli 2005 meldete sich der Versicherte erneut zum Bezug von IV-Leistungen
(Rente) an, da er seit einem Unfall an einer Verletzung der rechten Schulter leide (act. G
4.1.27). Im Arztbericht vom 13. Dezember 2005 stellte Dr. med. A._, Allgemeine
Medizin FMH, unter Beilage verschiedener anderer Arztberichte, folgende Diagnosen
mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit: Status nach Supraspinatussehnenruptur rechts
(Sturz von einem Dachstuhl), transossäre Reinsertion und Defilée-Erweiterung rechts
sowie resultierende Periarthropathie der rechten Schulter. Der Versicherte sei in der
angestammten Tätigkeit seit 1. September 2005 bis "heute" zu 50% arbeitsunfähig; ab
Anfang 2006 betrage die Arbeitsunfähigkeit voraussichtlich 0% (act. G 4.1.42). Im
Arztbericht vom 10. November 2006 führte Dr. med. B._, Facharzt für orthopädische
Chirurgie und Traumatologie des Bewegungsapparates am Kantonsspital St. Gallen
(KSSG) aus, eine 100%ige Arbeitsfähigkeit als Altstoffhändler scheine aktuell kaum
mehr zu erreichen zu sein. Dem Versicherten sollte jedoch eine 100%ige
Arbeitsfähigkeit in einem Beruf mit Arbeiten unter der Horizontalen und Heben von
Lasten bis maximal 10 kg zumutbar sein (act. G 4.1.59-2). Am 11. Juli 2006 erfolgte
eine Abklärung beim Versicherten. Im "Abklärungsbericht Selbständigerwerbende" vom
11. Juli 2007 ermittelte die Abklärungsperson aufgrund der Angaben des Versicherten
eine Einschränkung in der angestammten Tätigkeit von 60% (act. G 4.1.61). In ihrer
Stellungnahme vom 7. Februar 2007 führte Dr. med. C._, Fachärztin für physikalische
Medizin und Rehabilitation, vom Regionalen Ärztlichen Dienst der
Invalidenversicherung (RAD) aus, die ermittelte Einschränkung von 60% als
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Altstoffhändler sei medizinisch plausibel. Für schulteradaptierte Tätigkeiten sei der
Versicherte zu 100% arbeitsfähig (act. G 4.1.62).
A.c Am 18. Juni 2007 teilte die IV-Stelle dem Versicherten mit, dass sie die
Arbeitsvermittlung abschliesse. Laut Besprechung mit der Eingliederungsberaterin sei
er damit einverstanden, dass die IV-Stelle ihre Unterstützung bei der Stellensuche
beende. Er wolle seine bisherige selbstständige Tätigkeit nicht aufgeben und sehe sich
nicht in der Lage, eine andere Tätigkeit aufzunehmen (act. G 4.1.72).
A.d Mit Vorbescheid vom 18. Juni 2007 stellte die IV-Stelle dem Versicherten in
Aussicht, dass er keinen Anspruch auf eine Invalidenrente habe (act. G 4.1.74).
Hiergegen erhob er, vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Urs Christen, am 20. August
2007 Einwand (act. G 4.1.78).
B.
Mit Verfügung vom 27. August 2007 wies die IV-Stelle das Rentenbegehren des
Versicherten ausgehend von einem Invaliditätsgrad von 12% ab (act. G 4.1.79).
C.
C.a Mit Eingabe vom 26. September 2007 erhebt der Vertreter des Versicherten
Beschwerde und beantragt, es sei dem Beschwerdeführer eine Invalidenrente aufgrund
eines Invaliditätsgrads von mindestens 50% zuzusprechen. Eventualiter seien weitere
medizinische Massnahmen und Abklärungen vorzunehmen. Zur Begründung macht er
im Wesentlichen geltend, der Beschwerdeführer sei als Fahrender aufgewachsen und
in der entsprechenden Kultur erzogen worden. Aufgrund dieses soziokulturellen
Hintergrunds sei es für ihn völlig undenkbar, als unselbständiger Hilfsarbeiter tätig zu
sein. Hinzu komme, dass er Analphabet sei. Sodann dürfe nicht unberücksichtigt
bleiben, dass er aus gesundheitlichen Gründen erheblich eingeschränkt sei. Es sei
nicht realistisch, dass er mit seinen Einschränkungen eine volle Hilfsarbeitertätigkeit
ausüben könne (act. G 1).
C.b Mit Beschwerdeantwort vom 26. November 2007 beantragt die
Beschwerdegegnerin die Abweisung der Beschwerde. Zur Begründung führt sie im
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Wesentlichen an, der Beschwerdeführer sei seit 1986 kein Fahrender mehr. Der
Wechsel von einer selbstständigen zu einer unselbstständigen Tätigkeit sei ihm
zumutbar und dürfe aufgrund der Schadenminderungspflicht verlangt werden. Aus den
medizinischen Unterlagen gehe hervor, dass eine adaptierte Tätigkeit ganztätig ohne
Einschränkung zumutbar sei. Auf dem ausgeglichenen Arbeitsmarkt gebe es durchaus
adaptierte Hilfsarbeitertätigkeiten (act. G 4).
C.c Mit Replik vom 16. Januar 2008 hält der Vertreter des Beschwerdeführers an
seinen Anträgen fest (act. G 7).
C.d Die Beschwerdegegnerin verzichtet auf das Einreichen einer Duplik (act. G 9).

Erwägungen:
1.
Am 1. Januar 2008 sind mit der 5. IVG-Revision verschiedene Änderungen des
Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG; SR 831.20) in Kraft getreten. Weil
in zeitlicher Hinsicht grundsätzlich diejenigen Rechtssätze massgebend sind, die bei
der Erfüllung des zu Rechtsfolgen führenden Tatbestandes Geltung haben (BGE 127 V
467 E. 1), und weil bei der Beurteilung ferner auf den bis zum Zeitpunkt des Erlasses
der streitigen Verfügungen eingetretenen Sachverhalt abzustellen ist (BGE 121 V 366
E. 1b), sind auf die angefochtene Verfügungdie bis zum 31. Dezember 2007 geltenden
materiellen Bestimmungen anzuwenden.
2.
2.1 Unter Invalidität wird die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde
ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit verstanden (Art. 8 des Bundesgesetzes über
den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG; SR
830.1]). Erwerbsunfähigkeit ist dabei der durch eine Beeinträchtigung der körperlichen
oder geistigen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und
Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf
dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 ATSG). Der Grad der
für einen allfälligen Rentenanspruch massgebenden Invalidität wird gemäss Art. 16
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
ATSG durch einen Einkommensvergleich ermittelt, bei dem das Einkommen, das die
versicherte Person nach dem Eintritt der Invalidität und nach der Durchführung der
notwendigen und zumutbaren Eingliederungsmassnahmen bei ausgeglichener
Arbeitsmarktlage erzielen könnte (zumutbares Invalideneinkommen), in Beziehung
gesetzt wird zum Einkommen, das die versicherte Person erzielen könnte, wenn sie
nicht invalid geworden wäre (Valideneinkommen). Lassen sich die beiden
hypothetischen Erwerbseinkommen nicht zuverlässig ermitteln oder schätzen, so ist in
Anlehnung an die spezifische Methode für Nichterwerbstätige (Art. 27 der Verordnung
über die Invalidenversicherung [IVV; SR 831.201]) ein Betätigungsvergleich anzustellen
und der Invaliditätsgrad nach Massgabe der erwerblichen Auswirkungen der
verminderten Leistungsfähigkeit in der konkreten erwerblichen Situation zu bestimmen.
Der grundsätzliche Unterschied des ausserordentlichen Bemessungsverfahrens zur
spezifischen Methode besteht darin, dass die Invalidität nicht unmittelbar nach
Massgabe des Betätigungsvergleichs als solchem bemessen wird. Vielmehr ist
zunächst anhand des Betätigungsvergleichs die leidensbedingte Behinderung
festzustellen; sodann aber ist diese im Hinblick auf ihre erwerbliche Auswirkung zu
gewichten. Eine bestimmte Einschränkung im funktionellen Leistungsvermögen eines
Erwerbstätigen kann zwar, braucht aber nicht notwendigerweise eine Erwerbseinbusse
gleichen Umfanges zur Folge zu haben (vgl. Art. 4 Abs. 1 IVG; BGE 104 V 135; AHI
1998, 119; BGE 128 V 29). Nach Art. 28 Abs. 1 IVG besteht Anspruch auf eine ganze
Invalidenrente, wenn die versicherte Person mindestens zu 70%, auf eine
Dreiviertelsrente, wenn sie wenigstens zu 60% invalid ist. Liegt ein Invaliditätsgrad von
mindestens 50% vor, so besteht Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem IV-Grad
von mindestens 40% auf eine Viertelsrente.
2.2 Um das Ausmass der Arbeitsunfähigkeit beurteilen und somit den Invaliditätsgrad
bemessen zu können, ist die Verwaltung und im Beschwerdefall das Gericht auf
Unterlagen angewiesen, die ärztliche und gegebenenfalls auch andere Fachleute zur
Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es, den
Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang
und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V
261 E. 4). Das Gericht hat den Sachverhalt von Amtes wegen festzustellen und
demnach zu prüfen, ob die vorliegenden Beweismittel eine zuverlässige Beurteilung
des strittigen Leistungsanspruchs gestatten. Die Rechtsprechung hat es mit dem
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Grundsatz der freien Beweiswürdigung als vereinbar erachtet, in Bezug auf bestimmte
Formen medizinischer Berichte und Gutachten Richtlinien für die Beweiswürdigung
aufzustellen (BGE 125 V 351 E. 3b). Das im Rahmen des Verwaltungsverfahrens
eingeholte Gutachten von externen Spezialärzten, welche aufgrund eingehender
Beobachtungen und Untersuchungen sowie nach Einsicht in die Akten Bericht
erstatten und bei der Erörterung der Befunde zu schlüssigen Ergebnissen gelangen,
besitzt bei der Beweiswürdigung volle Beweiskraft, solange nicht konkrete Indizien
gegen die Zuverlässigkeit der Expertise sprechen (BGE 125 V 351 E. 3b/bb).
3.
Aus den Akten geht hervor, dass der Beschwerdeführer in seiner angestammten
Tätigkeit zu 60% arbeitsunfähig ist. Dies wird von den Parteien denn auch nicht
bestritten. Strittig und zu prüfen ist demgegenüber die Arbeitsfähigkeit in einer
adaptierten Tätigkeit, wobei insbesondere zu klären sein wird, ob eine solche
adaptierte Tätigkeit dem Beschwerdeführer zumutbar ist.
3.1 In der angefochtenen Verfügung ist die Beschwerdegegnerin gestützt auf die
medizinischen Unterlagen davon ausgegangen, dass der Beschwerdeführer in einer
adaptierten Tätigkeit zu 100% arbeitsfähig ist. Der Vertreter des Beschwerdeführers
macht demgegenüber geltend, aufgrund seiner multiplen Beschwerden und
körperlichen Behinderung sei ihm auch in einer adaptierten Tätigkeit nur ein
Teilzeitpensum möglich. Diese Behauptung wird nicht weiter substantiiert und findet in
den Akten keine Stütze. Vielmehr ist verschiedenen Arztberichten zu entnehmen, dass
der Beschwerdeführer in einer adaptierten Tätigkeit (Arbeiten unter der Horizontalen,
Heben bis maximal 10 kg) medizinisch-theoretisch zu 100% arbeitsfähig ist (act. G
4.1.42, 4.1.59-2, 4.1.62). Entsprechende adaptierte Stellen sind auf dem
ausgeglichenen Arbeitsmarkt durchaus vorhanden.
3.2 Zu prüfen bleibt damit, ob es dem Beschwerdeführer zumutbar ist, seine
selbstständige Tätigkeit, in welcher er zu 60% eingeschränkt ist, aufzugeben und eine
adaptierte Hilfsarbeitertätigkeit im Umfang von 100% aufzunehmen.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.2.1 Gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung bezweckt der Begriff der
zumutbaren Tätigkeit im Rahmen der Invaliditätsbemessung nach Art. 16 ATSG, die
Schadenminderungspflicht zu begrenzen oder - positiv formuliert - deren Ausmasse zu
bestimmen. Eine versicherte Person ist daher unter Umständen
invalidenversicherungsrechtlich so zu behandeln, wie wenn sie ihre Tätigkeit als
Selbstständigerwerbende aufgibt, d.h. sich im Rahmen der Invaliditätsbemessung jene
Einkünfte anrechnen lassen muss, welche sie bei Aufnahme einer leidensangepassten
unselbstständigen Erwerbstätigkeit zumutbarerweise verdienen könnte. Für die
Auslegung des unbestimmten Rechtsbegriffs der zumutbaren Tätigkeit im Allgemeinen,
wie bei der Aufgabe der selbstständigen Erwerbstätigkeit im Besonderen, sind die
gesamten subjektiven und objektiven Gegebenheiten des Einzelfalles zu
berücksichtigen. Im Vordergrund stehen bei den subjektiven Umständen die
verbliebene Leistungsfähigkeit sowie die weiteren persönlichen Verhältnisse, wie Alter,
berufliche Stellung, Verwurzelung am Wohnort etc. Bei den objektiven Umständen sind
insbesondere der ausgeglichene Arbeitsmarkt und die noch zu erwartende
Aktivitätsdauer massgeblich (Urteil vom 5. April 2006, I 750/04, E 5.3, mit Hinweisen).
Das Mass der zulässigen Schadenminderungslast bestimmt sich nach
Gesichtspunkten der Verhältnismässigkeit. Die Anforderungen an die
Schadenminderungspflicht sind dort strenger, wo eine erhöhte Inanspruchnahme der
Invalidenversicherung in Frage steht. Dies trifft insbesondere zu, wenn der Verzicht auf
schadenmindernde Vorkehren Rentenleistungen auslösen würde (Urteil vom 1. Juni
2006, I 842/05, E. 5.3.1, mit Hinweisen).
3.2.2 Der Vertreter des Beschwerdeführers bringt diesbezüglich vor, dieser sei als
Fahrender aufgewachsen und in der entsprechenden Kultur erzogen worden. Diese
Kultur lebe er denn auch seit 42 Jahren. Aufgrund dieses soziokulturellen Hintergrunds
sei es für ihn völlig undenkbar, als unselbstständiger Hilfsarbeiter tätig zu sein und als
unterstes Glied einer in aller Regel ausgeprägten Arbeitshierarchie Arbeiten
auszuführen, die er nicht gewohnt sei. Wer - wie der Beschwerdeführer - über
Jahrzehnte geprägt worden sei, selbstständig als sein eigener Herr und Meister in der
ganzen Schweiz umherzuziehen, Altmetalle zu sammeln und damit zu handeln, könne
sich nicht mehr in eine andere Arbeitswelt integrieren, die ihm völlig fremd sei. Die
Erfahrung mit anderen Fahrenden in vergleichbaren Situationen zeige, dass solche
Versuche nach kurzer Zeit scheiterten. Hinzu komme, dass der Beschwerdeführer
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
weder lesen noch schreiben könne. Auch in Hilfsarbeiterfunktionen werde jedoch
vorausgesetzt, dass eine Arbeitskraft zumindest einfache Texte bzw. Anweisungen
lesen und Protokolle, Formulare und dergleichen ausfüllen könne. Diese Welt sei dem
Beschwerdeführer fremd; er würde zweifellos nach kürzester Zeit wieder ausbrechen
oder es würden sich psychische Beschwerden einstellen. Schliesslich beruft er sich auf
den Entscheid des Bundesgerichts vom 5. Mai 2000, I 224/99 (act. G 1).
3.2.3 Die Beschwerdegegnerin hält dem entgegen, der Beschwerdeführer sei seit 1986
kein Fahrender mehr. Er habe nämlich 1986 eine sesshafte Frau geheiratet und wohne
mit ihr und seinen vier Söhnen in einem Einfamilienhaus in Z._. Da er noch eine
Erwerbstätigkeit von mehr als 20 Jahren bis zu ordentlichen Pensionierung vor sich
habe, sei ein Wechsel von einer selbstständigen zu einer unselbstständigen Tätigkeit
zumutbar (act. G 4).
3.2.4 Soweit sich der Beschwerdeführer auf den Entscheid des Bundesgerichts vom 5.
Mai 2000 (I 224/99) beruft, ist festzuhalten, dass der dortige mit dem vorliegenden
Sachverhalt nicht vergleichbar ist. In besagtem Urteil ging es um einen 1939 geborenen
jenischen Händler, Messer- und Scherenschleifer, der dem fahrenden Volk angehörte
und für körperlich leichte Arbeiten zu 50% arbeitsfähig war. Das Bundesgericht stellte
fest, dass der Versicherte für den Fall einer regelmässigen Tätigkeit in der Fabrik
sesshaft werden müsste, was einen weitgehenden Verlust der familiären und kulturellen
Beziehungen und damit einhergehend die Gefahr der Entwurzelung zur Folge hätte.
Diese Umstellung sei dem Versicherten nicht zuzumuten, umso weniger als er bereits
60 Jahre alt sei und auch von medizinischer Seite eine Belassung in den bekannten
sozialen Verhältnissen empfohlen werde. Im vorliegenden Fall war der
Beschwerdeführer - wie die Beschwerdegegnerin zu Recht einwendet - im Zeitpunkt
des Erlasses der angefochtenen Verfügung erst 42 Jahre alt. Zudem führt er seit seiner
Heirat im Jahr 1986 und der Wohnsitznahme in Z._ (wo er bis heute lebt) nicht mehr
im eigentlichen Sinn das Leben eines Fahrenden, sondern ist im Grossen und Ganzen
sesshaft. Daran ändert auch der Umstand nichts, dass er und seine Familie gemäss
eigenen Angaben während sämtlicher Schulferien im Wohnwagen als klassische
Fahrende unterwegs sind (drei Wochen im Frühling, acht Wochen im Sommer
[bewilligte dreiwöchige Verlängerung der Sommerferien für die Kinder], drei Wochen im
Herbst und eineinhalb Wochen im Winter) und er auch regelmässig bei seiner Mutter in
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
deren Wohnwagen übernachtet, also nach wie vor mit seiner fahrenden Sippe
verbunden ist (act. G 7). So hat das Bundesgericht es denn auch als zumutbar
erachtet, dass ein 34-jähriger Versicherter, der seine selbstständige Erwerbstätigkeit
als fahrender Scheren- und Messerschleifer aus invaliditätsfremden Gründen nur in den
Monaten Mai bis September ausübte, während des Winterhalbjahres einer
leidensangepassten selbstständigen oder unselbstständigen Erwerbstätigkeit
nachgehen kann, ohne dass er damit eines weiteren Teilgehalts seiner kulturbedingten
Lebensform verlustig geht (Urteil vom 5. April 2006, I 750/04, E. 5.4).
Auf der anderen Seite kann auch nicht völlig ausgeblendet werden, dass der
Beschwerdeführer als Fahrender aufwuchs und bis zu seiner Heirat im Jahr 1986 ein
entsprechendes Leben führte. Er hat nie eine Schule besucht, kann offenbar weder
lesen noch schreiben und war stets als Selbstständigerwerbender tätig. So wurde im
"Abklärungsbericht Selbständigerwerbende" vom 11. Juli 2006 denn auch
festgehalten, realistisch gesehen gebe es für den Beschwerdeführer keine beruflichen
Alternativen. In seiner Sippe sei man stets in diesem Metier auf
selbstständigerwerbender Basis tätig gewesen (act G 4.1.61-10). Die
Eingliederungsberaterin führte am 7./11. Mai 2007 aus, für sie sei es nachvollziehbar,
dass der Beschwerdeführer als Fahrender mit seinem kulturellen Hintergrund keine
Anstellung in der freien Wirtschaft suche (act. G 4.1.67). Gemäss Dr. A._ ist der
Beschwerdeführer zwar in Z._ domiziliert, aber nicht im bürgerlichen Sinne
domestizierbar. Als Altstoffhändler sei er täglich auf Achse. Eine Festanstellung
beispielsweise in einem industriellen Betrieb mit regelmässigen Arbeitszeiten und
Arbeitsabläufen sei für einen Menschen seines Schlags undenkbar. Das Scheitern
eines solchen Arbeitsverhältnisses wäre vorprogrammiert (act. G 4.1.78-4).
Insgesamt kann gesagt werden, dass betreffend die Zumutbarkeitsbeurteilung
vorliegend ein strenger Massstab anzuwenden ist, war der Beschwerdeführer doch im
Zeitpunkt der Verfügung erst 42 Jahre alt. Zudem könnte er durch eine medizinisch-
theoretisch als zumutbar bezeichnete adaptierte Tätigkeit ein rentenausschliessendes
Einkommen erzielen. Allerdings berücksichtigt diese so definierte zumutbare Tätigkeit
lediglich die körperlichen Beeinträchtigungen des Beschwerdeführers. Vorliegend
erscheint die Zumutbarkeit jedoch aus psychischen Gründen fraglich. Der
"Abklärungsbericht Selbständigerwerbende" sowie die Einschätzungen der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Eingliederungsberaterin und von Dr. A._ liefern durchaus Anhaltspunkte dafür, dass
der Beschwerdeführer aus psychischen Gründen möglicherweise nicht in der Lage ist,
eine unselbstständige Hilfsarbeitertätigkeit (zumindest nicht im Rahmen eines 100%-
Pensums) aufzunehmen. Der Sachverhalt ist in dieser Hinsicht zu wenig abgeklärt,
weshalb die Angelegenheit zur weiteren Untersuchung an die Beschwerdegegnerin
zurückzuweisen ist.
4.
4.1 Im Sinne der vorstehenden Erwägungen ist die Beschwerde teilweise gutzuheissen.
Die angefochtene Verfügung vom 27. August 2007 ist aufzuheben, und die Sache ist
zur weiteren Abklärung und neuen Verfügung an die Beschwerdegegnerin
zurückzuweisen.
4.2 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr.
1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von insgesamt Fr. 600.--
erscheint vorliegend als angemessen. Die Rückweisung zur Neubeurteilung gilt
praxisgemäss als volles Obsiegen (BGE 132 V 235 E. 6.2). Die Beschwerdegegnerin hat
deshalb die gesamte Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- zu bezahlen. Dementsprechend ist
der vom Beschwerdeführer geleistete Kostenvorschuss von Fr. 600.--
zurückzuerstatten.
4.3 Bei diesem Ausgang des Verfahrens hat der Beschwerdeführer Anspruch auf Ersatz
der Parteikosten, die vom Gericht ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der
Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen
werden (Art. 61 lit. g ATSG; vgl. auch Art. 98 ff. VRP/SG, sGS 951.1). Der Bedeutung
der Streitsache und dem Aufwand erscheint eine Parteientschädigung von Fr. 3'500.--
(einschliesslich Barauslagen und Mehrwertsteuer) angemessen.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 53 GerG