Decision ID: ee650442-d53c-5a65-9aa4-23d4b4301030
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer ersuchte mit seiner Partnerin am 9. Juli 2009 um
Asyl in der Schweiz. Nachdem Spanien im Dublin-Verfahren seine Zustän-
digkeit für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens erklärt
hatte, trat das Bundesamt für Migration (heute: SEM) am 17. März 2010
auf das Asylgesuch nicht ein und verfügte die Wegweisung nach Spanien.
Der Beschwerdeführer, seine Partnerin und der in der Schweiz geborene
Sohn wurden am 20. Mai 2010 nach Spanien überstellt. Am 2. Juli 2015
reichte der Beschwerdeführer erneut ein Asylgesuch in der Schweiz ein.
Das SEM erliess am 10. August 2015 einen Nichteintretensentscheid und
verfügte seine Wegweisung nach Spanien. Durch sein Untertauchen ent-
zog er sich einer Überstellung nach Spanien.
B.
Der Beschwerdeführer stellte am 21. Januar 2021 ein drittes Asylgesuch
in der Schweiz. Anlässlich des Dublin-Gesprächs vom 23. Februar 2021
gab er an, nach seinem Untertauchen im September 2015 habe er mehr-
heitlich in der Schweiz gelebt. Im September 2015 habe er sich circa eine
Woche und im Jahr 2019 circa drei Tage in Spanien aufgehalten. Des Wei-
teren sei er einmal in Italien gewesen und von Genf aus regelmässig nach
Frankreich gegangen. Die Vorinstanz gewährte ihm das rechtliche Gehör
zur möglichen Zuständigkeit Spaniens und zur Wegweisung dorthin.
C.
Gemäss Eurodac-Abgleich hatte der Beschwerdeführer bereits am 10. De-
zember 2003 in Spanien ein Asylgesuch eingereicht. Gestützt darauf und
auf seine Angaben ersuchte die Vorinstanz am 26. Februar 2021 die spa-
nischen Behörden um Übernahme des Beschwerdeführers gemäss Art. 18
Abs. 1 Bst. b der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parla-
ments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und
Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines
von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitglied-
staat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfol-
gend: Dublin-III-VO). Am 4. März 2021 hiessen die spanischen Behörden
das Übernahmeersuchen gut.
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D.
Der Beschwerdeführer reichte folgende Arztberichte zu den Akten:
 Zuweisung zur medizinischen Abklärung vom 27. Januar 2021 und
vom 8. Februar 2021;
 Arztbericht vom 12. Februar 2021;
 zwei Arztberichte des Stadtspitals B._ vom 21. Februar 2021;
 Arztbericht des Stadtspitals B._ vom 4. März 2021;
 Ambulanter Bericht des Universitätsspitals C._ vom 12. März
2021;
 Konsultationsbericht der D._ vom 18. März 2021;
 Austrittsbericht des Kantonsspitals E._ vom 31. März 2021.
E.
Mit Verfügung vom 10. März 2021 (recte: 19. April 2021; eröffnet am
21. April 2021) trat die Vorinstanz auf das Asylgesuch des Beschwerdefüh-
rers nicht ein, ordnete dessen Wegweisung nach Spanien an und forderte
ihn auf, die Schweiz am Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen.
Zudem stellte sie fest, einer allfälligen Beschwerde gegen den Entscheid
komme keine aufschiebende Wirkung zu.
F.
Am 28. April 2021 erhob der Beschwerdeführer beim Bundesverwaltungs-
gericht Beschwerde. Er beantragte, die Verfügung der Vorinstanz sei auf-
zuheben. Die Vorinstanz sei anzuweisen, auf sein Asylgesuch einzutreten.
Eventualiter sei die angefochtene Verfügung aufzuheben und die Sache
zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Die Vorinstanz und
die Vollzugsbehörden seien einstweilig und superprovisorisch anzuweisen,
bis zum Entscheid über das vorliegende Rechtsmittel von jeglichen Voll-
zugshandlungen abzusehen. Der vorliegenden Beschwerde sei die auf-
schiebende Wirkung zu gewähren. Ihm sei die unentgeltliche Prozessfüh-
rung zu gewähren. Insbesondere sei auf die Erhebung eines Kostenvor-
schusses zu verzichten.
Der Beschwerde war ein Konsultationsbericht der D._ vom 26. April
2021 beigelegt.
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G.
Am 28. April 2021 ordnete die Instruktionsrichterin einen superprovisori-
schen Vollzugsstopp an. Gleichentags lagen die vorinstanzlichen Akten
dem Bundesverwaltungsgericht in elektronischer Form vor.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungs-
gericht zur Beurteilung von Beschwerden auf dem Gebiet des Asyls zu-
ständig und entscheidet über diese in der Regel – wie auch vorliegend –
endgültig (vgl. Art. 83 Bst d Ziff. 1 BGG). Der Beschwerdeführer ist zur Be-
schwerdeführung legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und form-
gerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 3 AsylG und
Art. 52 Abs. 1 VwVG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
2.
2.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
2.2 Die Beschwerde erweist sich als offensichtlich unbegründet, weshalb
sie im Verfahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines
zweiten Richters beziehungsweise einer zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e
AsylG), ohne Durchführung eines Schriftenwechsels und mit summari-
scher Begründung, zu behandeln ist (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG).
3.
3.1 Der Beschwerdeführer beantragt, die Sache sei wegen unvollständiger
Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts an die Vorinstanz zurück-
zuweisen. Gemäss den im Laufe des vorinstanzlichen Verfahrens erstell-
ten Arztberichten leide er an mehreren gesundheitlichen Problemen. Die
möglicherweise vorliegende komplexe posttraumatische Belastungsstö-
rung sei nie genauer abgeklärt worden, obwohl bereits in früheren Arztbe-
richten ein entsprechender Verdacht diagnostiziert worden sei und seine
Ausführungen im Dublin-Gespräch auf gravierende psychische Probleme
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hindeuten würden. Der medizinische Sachverhalt sei somit nicht korrekt
erstellt worden, was die Prüfung eines Selbsteintritts verunmöglicht habe.
3.2 Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen
Sachverhalts kann nach Art. 49 Bst. b VwVG gerügt werden. Unrichtig ist
die Sachverhaltsfeststellung beispielsweise dann, wenn der Verfügung ein
aktenwidriger oder nicht weiter belegbarer Sachverhalt zugrunde gelegt
wurde. Unvollständig ist die Sachverhaltsfeststellung, wenn die Behörde
trotz der geltenden Untersuchungsmaxime (Art. 12 ff. VwVG i.V.m. Art. 37
VGG) den Sachverhalt nicht von Amtes wegen abgeklärt, oder nicht alle
für den Entscheid wesentlichen Sachumstände berücksichtigt hat
(vgl. BENJAMIN SCHINDLER, in: Kommentar zum VwVG, 2. Aufl. 2019,
Art. 49 N. 29).
3.3 Der Beschwerdeführer klagte über Ohrenschmerzen und Atmungs-
probleme. Diese Beschwerden wurden einlässlich medizinisch abgeklärt,
behandelt und in sechs Arztberichten dokumentiert. Zudem wurde er einer
kardiologischen Untersuchung unterzogen, die aber keinerlei Unregelmäs-
sigkeiten ergab. Gemäss neustem Arztbericht vom 26. April 2021 leidet er
an einer Nasenatmungsbehinderung, an Ein- und Durchschlafstörungen
sowie an einer operierten Otitis media chronica simplex rechts (chronische
Mittelohrentzündung mit Trommelfellperforation) mit kombinierter Schwer-
hörigkeit und aktuell Otalgie rechts (Ohrenschmerzen). Zudem besteht we-
gen eines Faustschlags am 18. März 2021 ein Verdacht auf dissoziativen
Zustand mit Kontusion Oszygomaticus links (Prellung des Jochbeins), bei
posttraumatischer Belastungsstörung. Die in verschiedenen Arztberichten
erwähnte posttraumatische Belastungsstörung wird nirgends begründet;
es fanden auch keine weiteren Abklärungen statt. Der Beschwerdeführer
gab beim Dublin-Gespräch an, als seine Mutter gestorben sei, habe er
nicht gewusst, wer und wo er sei. Anlässlich der unzähligen Arztbesuche
erwähnte er lediglich seine physischen Beschwerden und Durchschlaf-
probleme. Aus den Arztberichten und seinen Angaben lassen sich dem-
nach keine konkreten Hinweise auf eine psychische Erkrankung ableiten,
die einer weiteren Abklärung bedurft hätte. Die Vorinstanz war daher nicht
gehalten, weitere gesundheitliche Abklärungen zu veranlassen. Der rechts-
erhebliche Sachverhalt ist somit richtig und vollständig festgestellt worden.
4.
4.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
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Abs. 1 Bst. b AsylG). In diesem Fall verfügt das SEM in der Regel die Weg-
weisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an (Art. 44 AsylG).
4.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III
(Art. 8–15 Dublin-III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird (vgl. auch
Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO). Das Verfahren zur Bestimmung des zuständi-
gen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals
ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Rahmen des
Wiederaufnahmeverfahrens (Art. 23–25 Dublin-III-VO) findet grundsätzlich
keine (neue) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel III Dublin-III-VO mehr
statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1).
Die spanischen Behörden stimmten dem Übernahmeersuchen der Vor-
instanz innert der in Art. 25 Abs. 1 Dublin-III-VO festgelegten Frist zu. Die
Zuständigkeit Spaniens ist somit grundsätzlich gegeben.
4.3 Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller an den zunächst als
zuständig bestimmten Mitgliedstaat zu überstellen, da es wesentliche
Gründe für die Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahme-
bedingungen für Antragsteller in diesem Mitgliedstaat systemische
Schwachstellen aufweisen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder
entwürdigenden Behandlung im Sinne des Artikels 4 der EU–Grundrechte-
charta mit sich bringen, so setzt der die Zuständigkeit prüfende Mitglied-
staat die Prüfung der in Kapitel III vorgesehenen Kriterien fort, um festzu-
stellen, ob ein anderer Mitgliedstaat als zuständig bestimmt werden kann.
Kann keine Überstellung gemäss diesem Absatz an einen aufgrund der
Kriterien des Kapitels III bestimmten Mitgliedstaat oder an den ersten Mit-
gliedstaat, in dem der Antrag gestellt wurde, vorgenommen werden, so wird
der die Zuständigkeit prüfende Mitgliedstaat der zuständige Mitgliedstaat
(Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO).
4.4 Abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO kann jeder Mitgliedstaat
beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa-
tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn
er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü-
fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO). Dieses sogenannte
Selbsteintrittsrecht wird durch Art. 29a Abs. 3 der Asylverordnung 1 vom
11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkretisiert. Gemäss dieser Be-
stimmung kann das SEM das Asylgesuch aus humanitären Gründen auch
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dann behandeln, wenn dafür gemäss Dublin-III-VO ein anderer Staat zu-
ständig wäre.
5.
5.1 Der Beschwerdeführer bringt vor, die Vorinstanz sei mit Entscheid vom
10. August 2015 auf sein Asylgesuch vom 2. Juli 2015 nicht eingetreten
und habe ihn nach Spanien weggewiesen. Seit dem 18. September 2015
sei sein Aufenthaltsort den Schweizer Behörden nicht mehr bekannt gewe-
sen. Bis zum heutigen Zeitpunkt habe kein Transfer im Sinne der Dublin-
III-VO stattgefunden. Die wegen Untertauchens verlängerte Überstellungs-
frist sei deshalb am 7. Februar 2017 abgelaufen, weshalb die Schweiz für
sein Asylverfahren zuständig sei.
Der Beschwerdeführer verkennt, dass mit seinem Asylgesuch vom 21. Ja-
nuar 2021 ein neues Zuständigkeitsverfahren eingeleitet worden ist. In die-
sem hat sich Spanien wiederum für zuständig erklärt und dem Übernah-
meersuchen der Vorinstanz am 4. März 2021 zugestimmt. Ab diesem Zeit-
punkt hat die sechsmonatige Überstellungsfrist zu laufen begonnen. Mit
Beschwerdeerhebung und Anordnung des Vollzugsstopps wurde die Über-
stellungsfrist unterbrochen; sie beginnt erst mit Vorliegen einer rechtskräf-
tigen Entscheidung neu zu laufen (Art. 29 Abs. 1 Dublin-III-VO; BVGE
2015/19 E. 5.4). Die Überstellungsfrist ist somit nicht abgelaufen und es
hat kein Zuständigkeitswechsel auf die Schweiz stattgefunden.
5.2 Der Beschwerdeführer bringt keine weiteren Gründe vor, die gegen
eine Überstellung nach Spanien sprechen könnten, weshalb auf die zutref-
fenden Ausführungen in der vorinstanzlichen Verfügung zu verweisen ist.
Bezüglich seiner gesundheitlichen Probleme ist anzumerken, dass sie
nicht von einer derartigen Schwere sind, dass aus humanitären Gründen
von einer Überstellung nach Spanien abgesehen werden müsste. Im Übri-
gen verfügt Spanien über eine ausreichende medizinische Infrastruktur,
welche der Beschwerdeführer im Bedarfsfall in Anspruch nehmen kann.
Ein Selbsteintritt aus humanitären Gründen (Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO
i.V.m. Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 [SR 142.311]) ist bei dieser Sachlage nicht
angezeigt.
6.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen. Mit dem vorliegen-
den Urteil fällt der am 28. April 2021 angeordnete Vollzugsstopp dahin. Das
Gesuch um Erteilung der aufschiebenden Wirkung ist gegenstandslos ge-
worden.
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7.
7.1 Die gestellten Begehren erweisen sich als aussichtslos, weshalb das
Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung ungeachtet ei-
ner allfälligen prozessualen Bedürftigkeit abzuweisen ist (Art. 65 Abs. 1
VwVG).
7.2 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem Beschwer-
deführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.–
festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die
Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE,
SR 173.320.2]).
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