Decision ID: 330fcd00-d86c-59e6-ac6c-22ef2fae2b64
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer suchte am (...) Juli 2020 in der Schweiz um Asyl
nach. Am 1. Oktober 2020 wurde er dem erweiterten Verfahren zugewie-
sen.
Anlässlich des Dublin-Gesprächs vom 18. August 2020 und der Anhörung
vom 21. September 2020 machte er im Wesentlichen Folgendes geltend:
Er sei syrischer Staatsangehöriger kurdischer Ethnie und in B._ ge-
boren und aufgewachsen. Sein Heimatort liege an der türkischen Grenze,
weshalb dort oft Konflikte zwischen den kurdischen Volksverteidigungsein-
heiten YPG (Yekîneyên Parastina Gel) und der syrischen Armee bezie-
hungsweise zwischen den YPG und dem türkischen Staat vorkämen. Der
Markt und das Zentrum seien unter der Kontrolle der syrischen Regierung
gewesen, während der Rest, also ungefähr ein Drittel der Stadt, von den
YPG kontrolliert worden sei. Eines Tages habe seine Mutter einen Anruf
von einem Vertreter des Rekrutierungsbüros der syrischen Armee in
B._ entgegengenommen, welcher sie informiert habe, dass ihr
Sohn (der Beschwerdeführer) in die Armee einrücken müsse. Seit diesem
Anruf habe er die Schule nicht mehr besucht, weil in deren Nähe regelmäs-
sig Kontrollen durchgeführt worden seien. Ungefähr zwei Wochen nach
dem obengenannten Anruf habe die syrische Armee das Haus seiner Fa-
milie gestürmt und seinem Vater eine ihn betreffende schriftliche Vorladung
zum Militärdienst übergeben. Dabei hätten sie dem Vater mitgeteilt, dass
sie seinen Sohn (den Beschwerdeführer) festnehmen würden, wo auch im-
mer sie ihn finden würden. Er habe sich zu diesem Zeitpunkt im (...) seines
Nachbarn befunden. Die Eltern hätten nach diesem Vorfall ein Taxi bestellt
und ihn im (...) abgeholt, um ihn zu seinem Grossvater zu bringen, welcher
in einem anderen Quartier von B._ gewohnt habe. Aus Angst vor
einer Zwangsrekrutierung habe er sich bei diesem in der Folge ungefähr
zwei Monate lang versteckt und sei danach ausgereist. Sein Militärbüchlein
habe er schon erhalten und auch die medizinischen Tests in C._
durchlaufen. (...) seiner (...) Brüder seien ebenfalls bereits von der syri-
schen Armee einberufen worden und befänden sich nun im Ausland. Auch
mit den YPG, welche sein Quartier kontrollierten, habe er Probleme ge-
habt. Deren Mitglieder hätten ihn ebenfalls rekrutieren wollen und seien zu
diesem Zweck mehrmals bei ihm zuhause erschienen. Sein Vater habe sie
über zehnmal bestochen, um die Zwangsrekrutierung seines Sohnes zu
verhindern. Er sei auch schon schriftlich von den YPG vorgeladen worden.
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Als Beweismittel reichte er seine Identitätskarte, sein Militärbüchlein, ein
Militärdienstaufgebot vom (...) Juni 2019 (alles im Original) sowie eine Ko-
pie seines Familienbüchleins ein.
B.
Am 25. September 2020 wurde dem Beschwerdeführer schriftlich das
rechtliche Gehör zum Prüfungsresultat seiner Identitätskarte, zu Wider-
sprüchen in Bezug auf seine militärischen Unterlagen sowie zu der seinen
Vorbringen widersprechenden Aussage seines Bruders – seine Familie be-
finde sich seit 2017 in Irak – gewährt. Mit Eingabe vom 30. September 2020
nahm der Beschwerdeführer dazu Stellung.
C.
Mit Verfügung vom 16. Oktober 2020 – eröffnet am 19. Oktober 2020 –
verneinte die Vorinstanz die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdefüh-
rers und lehnte sein Asylgesuch ab. Gleichzeitig ordnete sie wegen Unzu-
mutbarkeit des Wegweisungsvollzugs seine vorläufige Aufnahme an.
D.
Gegen diesen Entscheid erhob der Beschwerdeführer am 18. November
2020 Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht und beantragte, die
vorinstanzliche Verfügung sei aufzuheben und die Sache dem SEM zur
vollständigen und richtigen Abklärung und Feststellung des rechtserhebli-
chen Sachverhalts und zur Neubeurteilung zurückzuweisen. Eventualiter
sei die vorinstanzliche Verfügung aufzuheben und es sei seine Flüchtlings-
eigenschaft festzustellen und ihm Asyl zu gewähren. Eventualiter sei die
vorinstanzliche Verfügung aufzuheben und er als Flüchtling anzuerkennen.
In prozessualer Hinsicht ersuchte er um unentgeltliche Prozessführung un-
ter Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses; eventualiter sei
eine angemessene Frist zur Bezahlung eines Gerichtskostenvorschusses
beziehungsweise zur Einreichung einer Sozialhilfebestätigung anzuset-
zen. Zudem ersuchte er um Einsicht in den Beweismittelumschlag gemäss
Akte 19, Akte 7/3, A17/1, 35/1, 36/1 und in das Original der Identitätskarte.
Eventualiter sei das rechtliche Gehör zum Beweismittelumschlag gemäss
Akte 19, Akte 7/3, A17/1, 35/1, 36/1 und zum Original der Identitätskarte zu
gewähren. Nach der Gewährung der Akteneinsicht und eventualiter des
rechtlichen Gehörs sei ihm eine angemessene Frist zur Einreichung einer
Beschwerdeergänzung anzusetzen.
E-5780/2020
Seite 4
E.
Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am
19. November 2020 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 2 AsylG).
Gleichentags bestätigte das Bundesverwaltungsgericht den Eingang der
Beschwerde.
F.
Mit Zwischenverfügung vom 2. Dezember 2020 hiess die Instruktionsrich-
terin des Bundesverwaltungsgerichts das Gesuch um unentgeltliche Pro-
zessführung unter der Voraussetzung des fristgerechten Einreichens einer
Fürsorgebestätigung gut und lud das SEM zur Vernehmlassung ein.
G.
Am 17. Dezember 2020 reichte der Beschwerdeführer eine Fürsorgebe-
stätigung vom 10. Dezember 2020 zu den Akten.
H.
Mit Vernehmlassung vom 17. Dezember 2020 hielt die Vorinstanz an ihrer
Verfügung fest.
I.
Mit Verfügung vom 21. Dezember 2020 wurde dem Beschwerdeführer Ge-
legenheit zur Replik gewährt. Am 5. Januar 2021 reichte er fristgemäss
eine Replik ein.
J.
Mit Eingabe vom 21. Januar 2021 reichte der Beschwerdeführer ein auf
den (...) Juni 2020 datiertes Dokument zu den Akten, welches seine Fami-
lie vor einigen Tagen erhalten habe. Es handle sich um eine ihn betreffende
Militärdienstaufforderung.
K.
Am 3. Februar 2021 liess der Beschwerdeführer dem Bundesverwaltungs-
gericht eine französische Übersetzung dieses Dokuments zukommen und
bezeichnete es als «Zusammenfassung Strafregisterauszug», datiert auf
den (...) Juni 2020.
L.
Mit Eingabe vom 17. Februar 2021 reichte der Beschwerdeführer das Ori-
ginal des obengenannten Strafregisterauszugs zu den Akten.
E-5780/2020
Seite 5
M.
Auf die Ausführungen in der Beschwerdeschrift und der Replik sowie die
Erwägungen in der vorinstanzlichen Verfügung und Vernehmlassung wird
– soweit für den Entscheid wesentlich – in den nachstehenden Erwägun-
gen eingegangen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so wie auch vorliegend – end-
gültig (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108
Abs. 2 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
3.
Gemäss Art. 53 VwVG kann eine Nachfrist zur Ergänzung der Beschwer-
debegründung gewährt werden, wenn der aussergewöhnliche Umfang
oder die besondere Schwierigkeit der Beschwerdesache es erfordert. Dies
ist vorliegend nicht gegeben, weshalb von der Gewährung einer Nachfrist
E-5780/2020
Seite 6
zur Ergänzung der Beschwerdebegründung abzusehen und der entspre-
chende Antrag abzulehnen ist.
4.
4.1 In der Beschwerde werden formelle Rügen erhoben, welche vorab zu
behandeln sind.
4.2
4.2.1 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches
Gehör, welches als Mitwirkungsrecht alle Befugnisse umfasst, die einer
Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt
wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 144 I 11 E. 5.3; BVGE
2009/35 E. 6.4.1). Mit dem Gehörsanspruch korreliert die Pflicht der Be-
hörden, die Vorbringen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und in ih-
rer Entscheidfindung angemessen zu berücksichtigen. Nicht erforderlich
ist, dass sich die Begründung mit allen Parteistandpunkten einlässlich aus-
einandersetzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich widerlegt
(vgl. BGE 143 III 65 E. 5.2). Dem verfassungsmässigen Grundsatz des
rechtlichen Gehörs erwachsen behördliche Pflichten. Das AsylG als lex
specialis zum VwVG sieht für das Asylverfahren besondere Verfahrensbe-
stimmungen vor (Art. 6–17 AsylG).
4.2.2 Der verfahrensrechtliche Anspruch auf Akteneinsicht (Art. 26 VwVG)
bildet Teilgehalt des Anspruchs auf rechtliches Gehör. So können sich die
Betroffenen in einem Verfahren nur dann wirksam zur Sache äussern und
geeignet Beweis führen beziehungsweise Beweismittel bezeichnen, wenn
ihnen die Möglichkeit eingeräumt wird, die Unterlagen einzusehen, auf wel-
che die Behörde ihren Entscheid stützt. Eine allfällige Einschränkung des
Akteneinsichtsrechts gegenüber den um Einsicht Ersuchenden ist grund-
sätzlich zulässig, muss aber nach Art. 27 VwVG konkret begründet sein
und sich im Rahmen der Verhältnismässigkeitsprüfung auf das Erforderli-
che beschränken. In interne Akten, die von der verfügenden Behörde aus-
schliesslich für den Eigengebrauch beziehungsweise für die interne Ent-
scheidfindung erstellt werden, wie beispielsweise Notizen zuhanden einer
Drittperson innerhalb der Behörde, Telefonnotizen, Anträge oder Ent-
scheidentwürfe, ist keine Einsicht zu gewähren (vgl. BGE 115 V 303). So-
fern die Einsichtnahme in ein Aktenstück verweigert wird, darf auf dieses
nur dann zum Nachteil der Partei abgestellt werden, wenn ihr die Behörde
von seinem für die Sache wesentlichen Inhalt Kenntnis und ihr ausserdem
Gelegenheit gegeben hat, sich zu äussern und Gegenbeweismittel zu be-
zeichnen (Art. 28 VwVG).
E-5780/2020
Seite 7
4.2.3 Die Begründungspflicht dient der rationalen und transparenten Ent-
scheidfindung der Behörden und soll die Betroffenen in die Lage versetzen,
den Entscheid sachgerecht anzufechten. Die Behörde hat kurz die wesent-
lichen Überlegungen zu nennen, von denen sie sich leiten liess und auf die
sie ihren Entscheid stützt. Je weiter der Entscheidungsspielraum, je kom-
plexer die Sach- und Rechtslage und je schwerwiegender der Eingriff in die
Rechtsstellung der betroffenen Person, desto höhere Anforderungen sind
an die Begründung zu stellen (vgl. zum Ganzen BVGE 2012/24 E. 3.2.1 f.
m.w.H.; KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltungs-
rechtspflege des Bundes, 3. Aufl. 2013, Rz. 629 ff.).
4.2.4 Im Asylverfahren – wie in anderen Verwaltungsverfahren – gilt der
Untersuchungsgrundsatz (Art. 6 AsylG i.V.m. Art. 12 VwVG). Danach muss
die entscheidende Behörde den Sachverhalt von sich aus abklären, das
heisst sie ist verantwortlich für die Beschaffung der für den Entscheid not-
wendigen Unterlagen und das Abklären sämtlicher rechtsrelevanter Tatsa-
chen (KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, a.a.O., Rz. 142; KRAUSKOPF/EMMENEG-
GER/BABEY, Praxiskommentar Verwaltungsverfahrensgesetz, 2. Aufl. 2016,
Rz. 20 ff. zu Art. 12 VwVG). Unrichtig ist die Sachverhaltsfeststellung, wenn
der Verfügung ein falscher und aktenwidriger Sachverhalt zugrunde gelegt
wird oder Beweise falsch gewürdigt worden sind; unvollständig ist sie,
wenn nicht alle für den Entscheid rechtswesentlichen Sachumstände be-
rücksichtigt werden (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, a.a.O., Rz. 1043). Der
Untersuchungsgrundsatz findet seine Grenze an der Mitwirkungspflicht der
asylsuchenden Person (Art. 8 AsylG; Art. 13 VwVG).
4.3
4.3.1 In der Beschwerdeschrift wird der Vorinstanz eine mehrfache Verlet-
zung des rechtlichen Gehörs vorgeworfen. Insbesondere habe sie Anträge
des Beschwerdeführers, welche vor Erlass der angefochtenen Verfügung
eingegangen seien, nicht behandelt sowie die inhaltlichen Ausführungen in
der Stellungnahme des Beschwerdeführers vom 30. September 2020 nicht
berücksichtigt. Ebenso sei die Ansetzung einer Frist von fünf Arbeitstagen
zur Gewährung des rechtlichen Gehörs nicht ausreichend gewesen und
verletze dieses.
4.3.2 Zunächst ist festzuhalten, dass die kurze Frist zur Stellungnahme von
fünf Arbeitstagen nicht zu beanstanden ist. Wie das SEM in seiner Ver-
nehmlassung zutreffend festgehalten hat, hat die damalige Rechtsvertre-
terin nicht um Fristverlängerung zur Verfassung einer Stellungnahme er-
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Seite 8
sucht, obwohl ihr dies möglich gewesen wäre. Deshalb ist davon auszuge-
hen, dass es dem Beschwerdeführer auch innert dieser relativ kurzen Zeit
möglich war, seinen Anspruch auf rechtliches Gehör wahrzunehmen.
4.3.3 Ebenso ist die Rüge, das SEM habe die inhaltlichen Ausführungen
des Beschwerdeführers in der Stellungnahme vom 30. September 2020
nicht berücksichtigt, unbegründet. Die Vorinstanz hat sich in ihrer Verfü-
gung mit sämtlichen Vorbringen des Beschwerdeführers auseinanderge-
setzt und dabei auch seine Argumente in der obengenannten Stellung-
nahme berücksichtigt (vgl. SEM-Akten 1070868-39/8 S. 3).
4.3.4
4.3.4.1 Der Beschwerdeführer hat in seinen Eingaben vom 30. September
2020 und 13. Oktober 2020 verschiedene Anträge gestellt (Antrag um
Durchführung einer ergänzenden Anhörung, Akteneinsichtsgesuch betref-
fend das Anhörungsprotokoll des Bruders, das eingereichte Militärdienst-
büchlein und die Militärdienstvorladung). Den Akten sind weder Hinweise
dafür zu entnehmen, dass die Vorinstanz die Anträge abgewiesen hat,
noch dafür, dass sie den Anträgen nachgekommen ist. Es muss deshalb
davon ausgegangen werden, dass die betreffenden Anträge nicht behan-
delt wurden.
4.3.4.2 Der Anspruch auf rechtliches Gehör ist formeller Natur, eine Verlet-
zung desselben führt deshalb grundsätzlich – das heisst ungeachtet der
materiellen Auswirkungen – zur Aufhebung des daraufhin ergangenen Ent-
scheides. Die Heilung von Gehörsverletzungen aus prozessökonomischen
Gründen ist auf Beschwerdeebene möglich, sofern das Versäumte nach-
geholt wird, die beschwerdeführende Person dazu Stellung nehmen kann,
die fehlende Entscheidreife durch die Beschwerdeinstanz mit vertretbarem
Aufwand hergestellt werden kann und der Beschwerdeinstanz im streitigen
Fall die gleiche Kognition wie die Vorinstanz in Bezug auf Sachverhalt und
Rechtsanwendung zukommt. Zu beachten ist, dass der Kognitionsumfang
nicht abstrakt zu betrachten ist. Eine Heilung ist bei eingeschränkter Kog-
nition auch dann möglich, wenn der Streitpunkt Rechtsfragen betrifft, wel-
che das Gericht frei überprüfen kann. Unter diesen Voraussetzungen kann
selbst bei einer schwerwiegenden Verletzung des Anspruchs auf rechtli-
ches Gehör von einer Rückweisung in der Sache an die Vorinstanz abge-
sehen werden, wenn und soweit die Rückweisung zu einem formalisti-
schen Leerlauf und damit zu unnötigen Verzögerungen führen würde, die
mit dem Interesse der betroffenen Partei an einer beförderlichen Beurtei-
lung der Sache nicht zu vereinbaren wären (vgl. BGE 142 II 218 E. 2.8.1,
E-5780/2020
Seite 9
BVGE 2014/22 E. 5.3 m.w.H., PATRICK SUTTER, in: Auer/Müller/Schindler
[Hrsg.], Kommentar zum Bundesgesetz über das Verwaltungsverfahren, 2.
Aufl. 2019, Art. 29 N. 17 ff. sowie BERNHARD WALDMANN/JÜRG BICKEL, in:
Bernhard Waldmann/Philippe Weissenberger [Hrsg.], Praxiskommentar
VwVG, 2. Aufl. 2016, Art. 29 N. 106 ff.).
4.3.4.3 Vorliegend wurde das Versäumte auf Beschwerdeebene nachge-
holt, indem die Vorinstanz mit Vernehmlassung vom 17. Dezember 2020
dem Akteneinsichtsgesuch des Beschwerdeführers nachkam und sämtli-
che in der Stellungnahme vom 30. September 2020 gestellten Anträge be-
handelt hat.
In ihrer Vernehmlassung hielt die Vorinstanz fest, eine ergänzende Anhö-
rung sei nicht angezeigt gewesen, da sich der Beschwerdeführer in seiner
Anhörung genügend zum Grund seiner Ausreise habe äussern können. Er
habe mehrmals bestätigt, die wesentlichen Asylgründe genannt zu haben.
Dies trifft zu und wie sich aus den nachfolgenden Erwägungen ergibt, ist
keine Verletzung des Untersuchungsgrundsatzes durch das SEM festzu-
stellen (vgl. E. 4.5).
Sodann legte die Vorinstanz in ihrer Vernehmlassung dar, dass die Einsicht
in die Verfahrensakten des Bruders des Beschwerdeführers nicht gewährt
werden könne, jedoch die entscheidrelevanten Passagen offengelegt wor-
den seien. Ausserdem lagen die Kopien der eingereichten Beweismittel
(Militärbüchlein und Militärdienstaufforderung) sowie des Beweismittelver-
zeichnisses der vorinstanzlichen Vernehmlassung bei und wurden dem Be-
schwerdeführer mit Verfügung vom 21. Dezember 2020 zur Kenntnis ge-
bracht. Darauffolgend hatte der Beschwerdeführer Gelegenheit, eine Stel-
lungnahme einzureichen, was er mit Eingabe vom 5. Januar 2021 getan
hat.
Die Entscheidreife konnte das Gericht mit vertretbarem Aufwand durch die
vorstehend aufgeführte Instruktion herstellen. Darüber hinaus ist eine
Rechtsfrage betroffen, die das Bundesverwaltungsgericht mit gleicher Kog-
nition wie die Vorinstanz überprüfen kann. Der geltend gemachte Verfah-
rensmangel ist somit als geheilt zu erachten, zumal der rechtserhebliche
Sachverhalt erstellt ist. Eine Kassation der Sache ist nicht angezeigt. Der
Gehörsverletzung ist allerdings im Rahmen der Kosten- und Entschädi-
gungsfolge Rechnung zu tragen (vgl. E. 11.2).
4.4
E-5780/2020
Seite 10
4.4.1 In der Beschwerdeschrift wird gerügt, die Vorinstanz habe das Akten-
einsichtsrecht des Beschwerdeführers verletzt, indem sie ihm die Einsicht
in die SEM-Akten A17/1, A35/1 und A36/1 verweigert habe. Bei der Akte
A17/1 habe das SEM fälschlicherweise den genauen Betreff des Doku-
ments nicht erwähnt. Stattdessen habe es das Dokument lediglich als «no-
tice interne» bezeichnet, was jedoch lediglich die Paginierungskategorie,
nicht aber den Gegenstand des Dokuments bezeichne. Sein Anspruch auf
Akteneinsicht und somit sein rechtliches Gehör sei dadurch verletzt, dass
aus der pauschalen Bezeichnung der ihm zur Einsicht verweigerten Akten
A35/1 und A36/1 („correspondance interne à l'administration“) nicht ersicht-
lich werde, worum es bei dieser Korrespondenz gehe. Die Akte A7/3 (Prü-
fungsbericht Identitätsdokument) sei falsch paginiert worden. Gemäss Aus-
führungen des SEM enthalte das Dokument geheim zu haltende Stellen,
weshalb es mit «A» (überwiegende öffentliche oder private Interessen an
Geheimhaltung) anstatt mit «B» (interne Akten) hätte paginiert werden
müssen. Zum Prüfungsbericht hätte ihm zudem das Einsichtsrecht gewährt
werden müssen, allenfalls unter Abdeckung geheim zu haltender Stellen.
Indem das SEM dies unterlassen habe und auch das Resultat der Doku-
mentenprüfung nicht begründet habe, habe es das Akteneinsichtsrecht des
Beschwerdeführers verletzt. Die Vorinstanz hätte ausserdem dem Rechts-
anwalt Gelegenheit geben müssen, Einsicht in das Original der Identitäts-
karte zu gewähren. Des Weiteren hätte das SEM aufgrund des Aktenbei-
zugs des Bruders des Beschwerdeführers eine Aktennotiz erstellen müs-
sen. Auch dadurch, dass die Vorinstanz ihm das Befragungsprotokoll sei-
nes Bruders nicht vorgelegt habe, habe sie sein Akteneinsichtsrecht ver-
letzt.
4.4.2 Zunächst ist darauf hinzuweisen, dass die Rüge der Verletzung des
Akteneinsichtsrecht bezüglich der Akte A17/1 unbegründet ist. Das SEM ist
zwar vorab in Bezug auf die Aktenführung daran zu erinnern, dass die Be-
zeichnung «notice interne» grundsätzlich ungenügend ist, da es sich bei
dieser Bezeichnung nicht um eine Beschreibung eines Dokuments handelt.
Vorliegend hat das SEM aber – unabhängig von der Bezeichnung im Ak-
tenverzeichnis – die Akte A17/1 (Aktennotiz betreffend Anwesenheit des
Bruders des Beschwerdeführers in der Schweiz) zu Recht als nicht dem
Akteneinsichtsrecht unterliegende interne Akte paginiert (vgl. BGE 115 V
303 E. 5.4.1, wonach in interne Akten, die von der verfügenden Behörde
ausschliesslich für den Eigengebrauch oder die interne Entscheidfindung
erstellt werden, keine Einsicht zu gewähren ist). Eine Gehörsverletzung
liegt diesbezüglich nicht vor.
E-5780/2020
Seite 11
Dasselbe gilt für die Akten A35/1 und A36/2. Die Vorinstanz hat in ihrer
Stellungnahme vom 17. Dezember 2020 diesbezüglich zutreffend festge-
halten, dass es sich dabei um interne Akten im Sinne der obengenannten
Rechtsprechung handelt. Zwar wäre eine etwas genauere Bezeichnung –
beispielsweise „e-mail concernant l'examen du dossier“ wünschenswert
gewesen. Die Bezeichnung dieses Aktenstücks als intern und somit nicht
editionspflichtig ist aber vorliegend gesetzes- und praxiskonform und in kei-
ner Weise zu beanstanden.
4.4.3 In Bezug auf den Bericht der Dokumentenprüfung seiner Identitäts-
karte vermag der Beschwerdeführer in der Beschwerde keine Verletzung
seines Akteneinsichtsrechts aufzuzeigen. Wie die Vorinstanz in der Ver-
nehmlassung ausführt, hält die Verweigerung einer detaillierten Offenle-
gung vor dem Anspruch auf Akteneinsicht und rechtliches Gehör durchaus
stand, zumal ein überwiegendes öffentliches Interesse an der Vermeidung
missbräuchlicher Weiterverwendung solcher Informationen besteht (vgl.
Art. 27 f. VwVG). Es bestehen insbesondere bezüglich der Prüfungspunkte
bei der Durchführung einer derartigen Dokumentenanalyse gewichtige Ge-
heimhaltungsinteressen, die geeignet sind, eine Einschränkung der Akten-
einsicht und damit des rechtlichen Gehörs zu rechtfertigen (vgl. Entschei-
dungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission [E-
MARK] 1998 Nr. 34 E. 9 m.w.H., bestätigt im Urteil des BVGer D-1466/2013
vom 19. November 2015 E. 5.2). Wesentlich ist im vorliegenden Fall, dass
die Vorinstanz den Prüfbericht insofern nicht zum Nachteil des Beschwer-
deführers verwendet hat, als sie keine Zweifel an dessen Identität geäus-
sert hat. Eine Verletzung des rechtlichen Gehörs ist somit nicht ersichtlich.
Die Paginierung des Berichts der Dokumentenanalyse mit «B» (interne Ak-
ten) erscheint zwar nicht korrekt, weil vorliegend überwiegende öffentliche
oder private Interessen an deren Geheimhaltung betroffen sind und somit
die Kategorie «A» zutreffender gewesen wäre. Die falsche Paginierung
vermag aber vorliegend keine Verletzung des rechtlichen Gehörs zu be-
gründen, zumal dem Beschwerdeführer daraus kein Rechtsnachteil ent-
standen ist. Eine Rückweisung der Verfügung zur Neubeurteilung aus die-
sem Grund ist nicht angezeigt.
4.4.4 Die Rüge des Beschwerdeführers, das SEM habe sein rechtliches
Gehör verletzt, indem es keine Aktennotiz in Bezug auf den Aktenbeizug
des Bruders erstellt habe, ist unbegründet. Aus dem Schreiben des SEM
E-5780/2020
Seite 12
vom 25. September 2020 zur Gewährung des rechtlichen Gehörs geht un-
missverständlich hervor, dass die Verfahrensakten des Bruders beigezo-
gen wurden.
Hinsichtlich der Rüge, das SEM habe ihm keine Einsicht in die Verfahrens-
akten seines Bruders gewährt, gilt es festzuhalten, dass dem Beschwerde-
führer grundsätzlich nur mit einer Einwilligungserklärung seines Bruders
vollständige Einsicht in dessen Akten gewährt werden könnte, zumal es
sich nach wie vor um Akten Dritter handelt und nicht um Akten des Be-
schwerdeführers, was dieser in seiner Argumentation zu verkennen
scheint. Ihm darf nur insoweit Akteneinsicht in Akten Dritter gewährt wer-
den, wie es zur Wahrung des rechtlichen Gehörs notwendig ist. Dies wurde
praxisgemäss genügend erfüllt, indem der Beschwerdeführer mit vor-
instanzlichem Schreiben vom 25. September 2020 mit denjenigen Aussa-
gen seines Bruders, die seinen eigenen Aussagen entgegenstehen, kon-
frontiert worden ist. Ihm wurde sodann Einsicht in die entsprechende Pas-
sage des Befragungsprotokolls des Bruders gewährt (vgl. 1070868-42/5).
Eine weitergehende Protokolleinsicht ist entgegen den Ausführungen des
Beschwerdeführers nicht notwendig. Der Beschwerdeführer hatte genü-
gend Gelegenheit, sich zu den Aussagen des Bruders zu äussern und das
rechtliche Gehör wurde in diesem Zusammenhang nicht verletzt.
4.5
4.5.1 In Bezug auf den Untersuchungsgrundsatz rügt der Beschwerdefüh-
rer, die Vorinstanz habe zu Unrecht im Rahmen des schriftlichen rechtli-
chen Gehörs eine Schilderung des Lebens des Beschwerdeführers ab dem
Jahre 2017 verlangt. Es sei aber nicht Aufgabe der Rechtsvertretung, son-
dern des SEM, die entsprechende Sachverhaltsabklärung vorzunehmen.
Es gehöre zur Kernaufgabe des SEM, solche Abklärungen im Rahmen von
Anhörungen vorzunehmen. Die Zuweisung des Beschwerdeführers ins er-
weiterte Verfahren illustriere, dass in seinem Falle weitere Abklärungen
notwendig gewesen seien. In Bezug auf die militärische Vorladung sowie
das Militärbüchlein hätte das SEM eine Dokumentenanalyse erstellen müs-
sen.
4.5.2 Der Beschwerdeführer hatte im Rahmen der Anhörung ausreichend
Gelegenheit, seine Asylvorbringen sowie seine Lebensumstände in Syrien
zu schildern. Zur Klärung des erheblichen Widerspruchs, dass der Be-
schwerdeführer seine Vorbringen zeitlich im Jahr 2019 eingeordnet hat,
wohingegen sein Bruder angegeben hat, dass seine Familie Syrien Anfang
E-5780/2020
Seite 13
2017 verlassen hatte, war das SEM nicht zur Ansetzung einer ergänzen-
den Anhörung verpflichtet. Wie bereits erwähnt, findet der Untersuchungs-
grundsatz seine Grenze an der Mitwirkungspflicht der asylsuchenden Per-
son (vgl. E. 4.2.3). Das SEM hat ihn im Schreiben vom 25. September
2020 mit dem Widerspruch zwischen seinen Aussagen und denjenigen sei-
nes Bruders konfrontiert und ihm damit Gelegenheit gegeben, sein Äusse-
rungsrecht wahrzunehmen.
Überdies ist festzuhalten, dass sich die Vorinstanz mit den wesentlichen
Sachverhaltselementen in den Vorbringen des Beschwerdeführers diffe-
renziert auseinandergesetzt und ihm dadurch eine sachgerechte Anfech-
tung ermöglicht hat (vgl. BVGE 2008/47 E. 3.2 m.w.H.). Die Rüge, wonach
das SEM das vorliegende Asylgesuch nicht genügend umfassend und
sorgfältig geprüft und damit seine Abklärungspflicht verletzt haben soll, er-
weist sich aufgrund der vorstehenden Erwägungen als unbegründet. Des-
sen ungeachtet ist festzustellen, dass das Bundesverwaltungsgericht den
Akten auch sonst keinerlei Hinweise entnehmen kann, dass die Vorinstanz
den Sachverhalt nicht ausreichend erstellt hätte, womit das Gericht folglich
in der Sache zu entscheiden hat (Art. 61 Abs. 1 VwVG).
4.6
4.6.1 Auf Replikebene macht der Beschwerdeführer geltend, die Vor-
instanz habe Ausführungen zur Situation in B._ nachgeschoben,
was eine Verletzung der Begründungspflicht illustriere.
4.6.2 Diese Rüge erweist sich als unbegründet. Die Vorinstanz hat im an-
gefochtenen Entscheid alle wesentlichen Vorbringen berücksichtigt und
diese sodann einer Würdigung unterzogen. Es hat die Einschätzung der
Unglaubhaftigkeit der Vorbringen des Beschwerdeführers insbesondere
mit dem Umstand begründet, dass er in einem von den YPG kontrollierten
Gebiet gelebt habe, weshalb die Rekrutierung durch die syrische Armee
nicht geglaubt werden könne. Wie bereits erwähnt, muss sich die verfü-
gende Behörde nicht ausdrücklich mit jeder tatbestandlichen Behauptung
und jedem rechtlichen Einwand auseinandersetzen, sondern darf sich auf
die wesentlichen Gesichtspunkte beschränken (vgl. E. 4.2.1). Trotzdem hat
sich das SEM in seiner Vernehmlassung mit dem Einwand des Beschwer-
deführers, die syrische Armee kooperiere mit den YPG, auseinanderge-
setzt und detailliert dargelegt, weshalb trotz der teilweisen Kooperation der
beiden Konfliktparteien eine Rekrutierung des Beschwerdeführers durch
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die syrische Armee unglaubhaft sei. Damit hat es lediglich Stellung genom-
men zu den Ausführungen in der Beschwerdeschrift, wozu es auch aufge-
fordert wurde und was nicht zu beanstanden ist.
Alleine der Umstand, dass die Vorinstanz nach Würdigung der Parteivor-
bringen respektive der aktuellen Situation in der Heimat des Beschwerde-
führers zu einem anderen Schluss als dieser kam, stellt keine Gehörsver-
letzung dar, sondern beschlägt die Frage der materiellen Würdigung.
Schliesslich hat die Vorinstanz in ihrer Verfügung die wesentlichen Überle-
gungen genannt, von denen sie sich hat leiten lassen, so dass eine sach-
gerechte Anfechtung möglich war, wie die vorliegende Beschwerde zeigt.
Mithin liegt auch keine Verletzung der Begründungspflicht vor.
4.7
4.7.1 Schliesslich wird der Vorinstanz auf Replikebene vorgeworfen, die
Bezeichnung seines Rechtsvertreters als «la défense» zeige auf, dass sie
ihn als Beschuldigten betrachte. Dies erwecke den Anschein der Befan-
genheit der zuständigen Person.
4.7.2 Dieser Vorwurf erweist sich ebenfalls als unbegründet. Die Bezeich-
nung der Rechtsvertretung als «défense» und nicht als «mandataire» ist
zwar nicht korrekt. Diese einmalige falsche Wortwahl begründet für sich
alleine jedoch keine Voreingenommenheit. Für die Annahme von Befan-
genheit müssten weitere Gründe hinzutreten. Dies wäre namentlich dann
der Fall, wenn konkrete Anhaltspunkte dafür vorlägen, dass der zuständige
Mitarbeiter einer unvoreingenommenen Würdigung der Sach- und Rechts-
lage nicht mehr zugänglich war und der Verfahrensausgang deswegen
nicht mehr als offen erschienen wäre (vgl. Urteil des BVGer D-2088/2020
vom 2. Juli 2020 E. 5). Dies ist jedoch vorliegend nicht der Fall.
4.8 Aufgrund der vorstehenden Erwägungen erweisen sich die formellen
Rügen insgesamt als unbegründet beziehungsweise die festgestellten Ver-
fahrensfehler als geheilt, weshalb keine Veranlassung besteht, die Sache
aus formellen Gründen aufzuheben und an die Vorinstanz zurückzuweisen.
Das diesbezügliche Rechtsbegehren ist abzuweisen.
5.
5.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
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politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
5.2 Keine Flüchtlinge sind Personen, die wegen Wehrdienstverweigerung
oder Desertion ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder begründete
Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden, wobei die Einhal-
tung des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der
Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) vorbehalten bleibt (Art. 3 Abs. 3 AsylG).
5.3 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
6.
6.1 Die Vorinstanz begründet ihren ablehnenden Entscheid damit, dass die
Vorbringen des Beschwerdeführers unglaubhaft seien. Sein geltend ge-
machtes Vorgehen bezüglich Erhalt des Militärbüchleins sei widersprüch-
lich: Er habe in der Befragung angegeben, dass seine Mutter telefonisch
darüber informiert worden sei, dass er sich zur Erstellung seines Militär-
büchleins zum Rekrutierungsbüro von B._ begeben solle und auf
der eingereichten Vorladung stehe ebenfalls geschrieben, dass er zu die-
sem Zweck beim Rekrutierungsbüro erscheinen müsse. Das Militärbüch-
lein sei aber schon am (...) Januar 2019 ausgestellt worden. Seine Erklä-
rung, die Ausstellung des Militärbüchleins habe sich über mehrere Tage
gezogen, stosse sich an den Einträgen in diesem Büchlein. Dort seien
nämlich alle durchgeführten Schritte auf den (...) Januar 2019 datiert wor-
den. Es sei ohnehin unglaubhaft, dass die syrische Armee sein Haus ge-
stürmt und versucht habe, ihn zu rekrutieren, obwohl das betroffene Gebiet
unter der Kontrolle der YPG stehe. Ausserdem habe sein Bruder in seinen
Befragungen angegeben, dass seine Familie seit Anfang 2017 im Irak lebe.
Aufgrund dieser Angabe sei seinen Vorbringen, welche gemäss seinen
Aussagen im Jahre 2019 vonstattengegangen seien, die Grundlage entzo-
gen. Seine Identitätskarte habe sich als gefälscht herausgestellt. Es wür-
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den aber keine Zweifel an seiner Identität bestehen. Die eingereichten Mi-
litärdokumente hätten einen geringen Beweiswert, weil sie leicht fälschbar
seien. Die Glaubhaftigkeit der angeblich drohenden Rekrutierung durch die
YPG könne offengelassen werden, da diese ohnehin keine Asylrelevanz
entfalten würde.
6.2 Der Beschwerdeführer hält dem in seiner Beschwerdeschrift entgegen,
seine Vorbringen seien glaubhaft. Aus dem Vergleich der Militärdienstauf-
forderung mit dem Militärbüchlein sei kein Widerspruch zu erkennen. In
Bezug auf die Rekrutierungsversuche der syrischen Armee sei zu beach-
ten, dass diese mit den YPG zusammenarbeite. Ausserdem werde jeder
Wehrdienstverweigerer, sei es in Bezug auf die syrische Armee oder auch
auf die YPG, als Regimegegner angesehen und würde deshalb die Flücht-
lingseigenschaft erfüllen. Gemäss neuer Praxis des SEM würde die illegale
Ausreise einer Person, welche über ein spezifisches Profil verfüge, für sich
alleine die Flüchtlingseigenschaft begründen.
6.3 In ihrer Vernehmlassung vom 17. Dezember 2020 setzt sich die Vor-
instanz einerseits mit der formellen Rüge des Beschwerdeführers betref-
fend Verletzung des Akteneinsichtsrechts sowie des rechtlichen Gehörs
auseinander. Diese formellen Rügen wurden oben unter E. 4 bereits be-
handelt, weshalb an dieser Stelle nicht weiter darauf eingegangen wird.
Ausserdem führt die Vorinstanz in ihrer Vernehmlassung aus, dass die
YPG und die syrische Regierung im betroffenen Gebiet zwar in verschie-
denen Bereichen, jedoch nicht in Bezug auf Rekrutierungen zusammenar-
beiteten. Die syrische Armee unternehme in den von den YPG kontrollier-
ten Gebieten keine Rekrutierungsversuche. Deshalb sei das Vorbringen
des Beschwerdeführers, die syrische Armee habe ihn in seinem Quartier,
welches von den YPG kontrolliert werde, rekrutieren wollen, als unglaub-
haft einzuschätzen. Diese Einschätzung werde gestützt durch die Aussa-
gen des Beschwerdeführers, welche im Widerspruch zu den Angaben in
seinem Militärdienstbüchlein beziehungsweise auf seiner Militärdienstauf-
forderung stünden.
Der Vernehmlassung legte sie eine Kopie der eingereichten Beweismittel
(Militärbüchlein und Militärdienstaufforderung) sowie des Beweismittelver-
zeichnisses bei.
6.4 In seiner Replik führt der Beschwerdeführer erneut seine formellen Rü-
gen an, welche bereits unter E. 4 behandelt wurden und auf die folglich an
dieser Stelle nicht mehr eingegangen wird. Mit Verweis auf das Urteil
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Seite 17
C-238/19 vom 19. November 2020 des EGMR macht er geltend, es sei zu
vermuten, dass er die Bedingungen für die Anerkennung als Flüchtling er-
fülle.
7.
7.1 Was die vom Beschwerdeführer geltend gemachte Wehrdienstverwei-
gerung betrifft, ist auf die diesbezüglichen Feststellungen des Bundesver-
waltungsgerichts in seinem Grundsatzurteil BVGE 2015/3 (insbesondere
die dortige E. 5) zu verweisen. Demnach vermag eine Wehrdienstverwei-
gerung oder Desertion nicht allein, sondern nur verbunden mit einer Ver-
folgung im Sinne von Art. 3 Abs. 1 AsylG die Flüchtlingseigenschaft zu be-
gründen. Mit anderen Worten muss die betroffene Person aus einem in
dieser Norm genannten Grund (Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörig-
keit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder politische Anschauungen)
wegen ihrer Wehrdienstverweigerung oder Desertion eine Behandlung zu
gewärtigen haben, die ernsthaften Nachteilen gemäss Art. 3 Abs. 2 AsylG
gleichkommt. In Bezug auf die spezifische Situation in Syrien erwog das
Gericht, die genannten Voraussetzungen seien im Falle eines syrischen
Refraktärs erfüllt, welcher der kurdischen Ethnie angehöre, einer oppositi-
onell aktiven Familie entstamme und bereits in der Vergangenheit die Auf-
merksamkeit der staatlichen syrischen Sicherheitskräfte auf sich gezogen
hatte (BVGE 2015/3 E. 6.7.3; bestätigt im Referenzurteil E-2188/2019 vom
30. Juni 2020 E. 6).
7.2 Zunächst ist festzuhalten, dass – wie die Vorinstanz zutreffend festhält
– die Ausführungen des Beschwerdeführers zu erheblichen Zweifeln An-
lass geben. Diesbezüglich kann auf die vorinstanzlichen Erwägungen ver-
wiesen werden, denen der Beschwerdeführer in seinen Rechtsmitteleinga-
ben nichts Stichhaltiges entgegenzusetzen vermag. Erhebliche Zweifel be-
stehen sodann an der Echtheit des am 21. Januar 2021 in Kopie (und am
17. Februar 2021 im Original) eingereichten Dokuments, dessen Überset-
zung mit Eingabe vom 3. Februar 2021 folgte. Erstens beschreibt der Be-
schwerdeführer das Dokument im Schreiben vom 21. Januar 2021 als Mi-
litärdienstaufforderung, wohingegen er es in der Eingabe vom 3. Februar
2021 als «Zusammenfassung Strafregisterauszug» bezeichnet. Dies lässt
vermuten, dass dem Beschwerdeführer selbst nicht bewusst ist, um was
es sich bei dieser Unterlage handeln sollte. Zweitens erklärt er nicht an-
satzweise, unter welchen Umständen dieses Dokument seiner Familie
übergeben worden sein soll und weshalb dies erst im Januar 2021 erfolgte,
wurde es doch offenbar bereits am (...) Juni 2020 ausgestellt. Nicht zuletzt
spricht auch die Aussage seines Bruders, seine Familie sei ungefähr im
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(...) 2017 aus Syrien ausgereist, gegen die Glaubhaftigkeit der Vorbringen
des Beschwerdeführers. Aus den nachfolgenden Gründen braucht die
Frage der Glaubhaftigkeit seiner Vorbringen indessen nicht abschliessend
geklärt zu werden.
Eine allfällige Rekrutierung würde im Falle des Beschwerdeführers ohne-
hin nicht zur Annahme der Gefahr einer flüchtlingsrechtlichen Verfolgung
führen. Der Beschwerdeführer hat weder im Rahmen seiner Befragungen
noch auf Beschwerdeebene geltend gemacht, je irgendwelche Probleme
mit den Behörden gehabt oder sich politisch betätigt zu haben beziehungs-
weise diesen in irgendeiner Weise aufgefallen zu sein. Der vorgebrachte
Versuch der syrischen Armee, den Beschwerdeführer zu rekrutieren, führt
nicht zu einer anderen Einschätzung. Weitere Repressalien durch die syri-
schen Sicherheitskräfte machte er nicht geltend (vgl. a.a.O. Q68). Zudem
sind den Akten keine Hinweise dafür zu entnehmen, dass sich seine Fami-
lienmitglieder politisch betätigt hätten. Seine Ausreise habe sodann keine
Konsequenzen für seine Eltern nach sich gezogen (vgl. a.a.O. Q83). Es
bestehen somit keinerlei Indizien dafür, dass die syrischen Sicherheitsbe-
hörden den Beschwerdeführer als Regimegegner identifiziert hätten und er
als solcher bei einer Rückkehr nach Syrien eine über die Bestrafung der
Wehrdienstverweigerung hinausgehende Behandlung zu erwarten hätte.
Auch der Hinweis auf seine kurdische Ethnie vermag diese Einschätzung
nicht umzustossen, zumal er abgesehen davon keine weiteren Risikofak-
toren aufweist. Mit Blick auf die oben genannte Praxis (vgl. E. 7.1) muss
daher nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen
werden, der Beschwerdeführer werde aufgrund der Nichtbefolgung des Mi-
litärdienstaufgebots der syrischen Armee als Regimegegner betrachtet und
habe als solcher eine politisch motivierte Bestrafung im Sinne von Art. 3
AsylG zu befürchten. Der in der Beschwerdeschrift ausgeführten allfälligen
Bestrafung wegen der Wehrdienstverweigerung würde vorliegend kein
asylrelevantes Verfolgungsmotiv zugrunde liegen. Allenfalls drohende
Strafmassnahmen sind deshalb in casu – wie von der Vorinstanz korrekt
erkannt wurde – im Wegweisungsvollzugspunkt zu berücksichtigen.
7.3 In Bezug auf die vom Beschwerdeführer geltend gemachte drohende
Rekrutierung durch die YPG ist festzuhalten, dass einer solchen grundsätz-
lich keine Asylrelevanz zukommt, da auch diese Militärdienstpflicht nicht an
eine der in Art. 3 AsylG erwähnten Eigenschaften anknüpft beziehungs-
weise kein asylrelevanter Nachteil droht (vgl. Referenzurteil des BVGer
D-5329/2014 vom 23. Juni 2015 E. 5.3; bestätigt etwa in den Urteilen des
BVGer D-4482/2018 vom 12. Oktober 2018 E. 5.2 und E-427/2020 vom
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22. Oktober 2020 E. 5.3). Das Bundesverwaltungsgericht geht sodann da-
von aus, dass der Beschwerdeführer kein Profil aufweist, welches unter
Berücksichtigung der in Art. 3 AsylG aufgeführten Verfolgungsmotive in Be-
zug auf allfällige Rekrutierungsversuche einen anderen Schluss zulassen
würde. Die diesbezüglichen vorinstanzlichen Ausführungen, wonach die
Vorbringen im Zusammenhang mit den YPG nicht asylrelevant seien, sind
daher zu bestätigen.
7.4 Auch die illegale Ausreise des Beschwerdeführers vermag an dieser
Einschätzung nichts zu ändern. Seine Behauptung auf Beschwerdeebene,
er verfüge über ein spezifisches Profil, weshalb er in Kombination mit sei-
ner illegalen Ausreise in Syrien asylrelevant verfolgt werde, hat er weder in
der Anhörung noch in der Beschwerdeschrift begründet. Auch sonst gehen
aus den Akten keinerlei Hinweise dafür hervor, dass ihm aus Sicht der sy-
rischen Behörden eine regierungsfeindliche Haltung unterstellt werden
sollte.
7.5 Zusammenfassend hat der Beschwerdeführer nichts vorgebracht, was
geeignet wäre, seine Flüchtlingseigenschaft nachzuweisen oder zumindest
glaubhaft zu machen. Die Vorinstanz hat daher sein Asylgesuch zu Recht
abgelehnt.
8.
8.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
8.2 Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
9.
Da das SEM in seiner Verfügung vom 16. Oktober 2020 die vorläufige Auf-
nahme des Beschwerdeführers in der Schweiz angeordnet hat, erübrigen
sich praxisgemäss Ausführungen zur Zulässigkeit, Zumutbarkeit und Mög-
lichkeit des Wegweisungsvollzugs.
10.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
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Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
11.
11.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Be-
schwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Aufgrund der Gewäh-
rung der unentgeltlichen Prozessführung ist jedoch auf die Erhebung von
Verfahrenskosten zu verzichten.
11.2 Praxisgemäss ist sodann eine anteilsmässige Parteientschädigung
zuzusprechen, wenn – wie vorliegend – eine Verfahrensverletzung (vgl.
E. 4.3.4) auf Beschwerdeebene geheilt wird (vgl. BVGE 2007/9 E. 7.2).
Gestützt auf die in Betracht zu ziehenden Bemessungsfaktoren (Art. 9–13
VGKE) ist dem Beschwerdeführer für das Verfahren vor dem Bundesver-
waltungsgericht zu Lasten der Vorinstanz eine Parteientschädigung von
Fr. 500.– (inkl. Auslagen und Mehrwertsteuerzuschlag) auszurichten.
(Dispositiv nächste Seite)
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