Decision ID: e6ea2ac6-4dca-5c57-920e-b8cbd5cb2ec8
Year: 2019
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
Am 28. Oktober 2015 liess A._, vertreten durch Rechtsanwältin Dr. iur. Nicole
Zürcher Fausch, beim Sicherheits- und Justizdepartement des Kantons St. Gallen
(nachfolgend: SJD) vorsorglich ein Gesuch um Ausrichtung einer Entschädigung und
einer Genugtuung nach Opferhilfegesetz stellen. Sie sei zwischen dem _ und
_ Dezember 2014 Opfer mehrfacher sexueller Übergriffe (inkl. Geschlechtsverkehr)
geworden, begangen von B._, dem damaligen Freund ihrer Mutter. Das Verfahren sei
bis zum Abschluss des Strafverfahrens gegen B._ zu sistieren (act. G3.1).
A.a.
Mit Entscheid vom 1. Juni 2017 sprach das Kreisgericht C._ B._ unter
anderem der Vergewaltigung, der mehrfachen sexuellen Nötigung und der mehrfachen
sexuellen Handlungen mit einem Kind schuldig und verurteilte ihn zu einer
Freiheitsstrafe von vier Jahren (act. G3.3). Das Gericht erachtete es als erwiesen, dass
B._ zwischen dem _ und _ Dezember 2014 mehrfach sexuelle Handlungen mit der
damals _-jährigen A._ vorgenommen, sie sexuell genötigt und vergewaltigt hat (vgl.
act. G3.3.3 E. 12 bis E. 14).
A.b.
Mit Entscheid vom 24. September 2018 wies das Kantonsgericht St. Gallen die
Berufung von B._ ab (act. G3.3.4).
A.c.
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B.
Am 20. Februar 2019 beantragte die Gesuchstellerin die Fortführung des
Verfahrens. Sie zog das vorsorglich zur Fristwahrung eingereichte Gesuch um
Entschädigung zurück und bezifferte die Höhe der Genugtuungsforderung nach OHG
auf den vom Strafgericht zugesprochenen Betrag von Fr. 15'000.-- (act. G3.3 und
act. G3.3.2).
A.d.
Mit Verfügung vom 11. März 2019 schrieb das SJD das Entschädigungsbegehren
zufolge Gegenstandslosigkeit ab und hiess das Genugtuungsgesuch insoweit gut, als
es A._ eine Genugtuung von Fr. 7'000.-- zusprach. Im Mehrbetrag wies es das
Genugtuungsbegehren ab. Zur Begründung führte es im Wesentlichen aus, bei
schweren Sexualdelikten wie Vergewaltigung und sexuellen Handlungen mit Kindern
sei eine schwere Beeinträchtigung der sexuellen Integrität bereits aufgrund der Taten
per se anzunehmen, weshalb in solchen Fällen auch bei geringen psychischen Folgen
eine Genugtuung zuzusprechen sei. In der opferhilferechtlichen Praxis würden in
vergleichbaren Fällen je nach Schwere der Folgen beim Opfer jeweils Genugtuungen
zwischen Fr. 6'000.-- und Fr. 9'000.-- zugesprochen. Das Strafgericht habe der
Gesuchstellerin gestützt auf die zivilrechtliche Genugtuungspraxis eine Genugtuung
von Fr. 15'000.-- zugesprochen. Aus opferhilferechtlicher Sicht erscheine dieser Betrag
eher hoch, zumal der Tatzeitraum nicht besonders lang gewesen sei und die Übergriffe
(bislang) keine schweren psychischen Beeinträchtigungen zur Folge gehabt hätten.
Eine Defloration sei gemäss Gutachten des Instituts für Rechtsmedizin St. Gallen nicht
erfolgt. Zu berücksichtigen sei, dass die Gesuchstellerin im Tatzeitpunkt erst _ Jahre
alt gewesen sei, die Taten in ihrem Zuhause stattgefunden hätten und sie unter
massiven psychischen Druck gesetzt worden sei. Insgesamt erscheine eine
Genugtuung von Fr. 7'000.-- angemessen (act. G1.7).
A.e.
Gegen diese Verfügung richtet sich der Rekurs vom 25. März 2019. Die
Rekurrentin beantragt, Ziff. 2 der angefochtenen Verfügung sei aufzuheben und ihr sei
eine Genugtuung in Höhe von mindestens Fr. 10'000.-- zuzusprechen. Zudem sei ihr
eine angemessene Parteientschädigung zuzusprechen. Die Vorinstanz habe einen
Betrag in der Höhe von 46.66% der im Strafverfahren zugesprochenen zivilrechtlichen
Genugtuung gutgeheissen, mithin eine Kürzung von 53.33% vorgenommen. Diese
B.a.
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Kürzung gehe zu weit. Die Strafgerichte hätten keine täterbezogenen Merkmale bei der
Festsetzung der Genugtuung berücksichtigt, welche bei der Festlegung der
Genugtuung nach Opferhilferecht zu korrigieren wären. Die zivilrechtliche Genugtuung
erscheine im Vergleich mit ähnlichen Fällen tief. Dies zeige sich schon an den
objektiven Bemessungskriterien. Die Rekurrentin sei zum Tatzeitpunkt _ Jahre alt
gewesen, noch weit von der Grenze des Schutzalters entfernt, mit entsprechenden
Auswirkungen der Taten auf ihre Entwicklung. Sie sei mehrmals nachts und zu Hause
im eigenen Bett Opfer von sexuellen Übergriffen mit Nötigungshandlungen, begangen
durch den damaligen Freund ihrer Mutter, geworden. Die Strafgerichte hätten
offensichtlich genugtuungsmindernde Umstände berücksichtigt. So sei das
Kreisgericht C._ unzutreffenderweise davon ausgegangen, die Rekurrentin habe die
Taten gut verarbeiten können. Vor diesem Hintergrund erscheine es angezeigt, die
zivilrechtliche Genugtuung ungekürzt als Ausgangspunkt für die opferhilferechtliche
Genugtuung heranzuziehen. Die Vorinstanz dürfe die Genugtuung nicht nochmals mit
dem Argument kürzen, die Rekurrentin habe die Folgen des Übergriffs weitgehend
verarbeitet. Zulässig sei nur eine Kürzung aufgrund des Unterschieds, dass
Genugtuungen nach Opferhilferecht eine staatliche Hilfeleistung und keine Leistung aus
Verantwortlichkeit darstellen würden. Diesem Umstand könne mit einer prozentualen
Kürzung am gerechtesten Rechnung getragen werden. Auch aus diesem Grund
rechtfertige sich im vorliegenden Fall keine Kürzung um mehr als einen Drittel im
Vergleich zur zivilrechtlichen Genugtuung, was einer Genugtuung von mindestens
Fr. 10'000.-- entspreche. Die Rekurrentin habe die Folgen der sexuellen Übergriffe
noch nicht verarbeitet, sondern weitgehend verdrängt. Sie habe im Mai 2015 eine
Therapie begonnen, diese aber im Juli 2015 (vorerst) abgebrochen, weil sie sich nicht
mit den Erlebnissen habe auseinandersetzen können und wollen und ihre Ressourcen
für die Ausbildung und Alltagsbewältigung benötigt habe. Aufgrund der kurzen Dauer
habe kein Therapiebericht erhältlich gemacht werden können. Es sei hinlänglich
bekannt, dass die Strategie des Verdrängens oft nicht langfristig aufgehe und die
Betroffenen Jahre später in eine Krise stürzen könnten. Es liege in der Natur der Sache,
dass Langzeitfolgen sich erst im Laufe der Zeit zeigten. Bei Vergewaltigung und
sexuellem Missbrauch dürfe daher nicht vorschnell angenommen werden, ein Opfer
habe die Erlebnisse verarbeitet, ganz besonders, wenn es keine Therapie gemacht
habe. Eine Genugtuung in der Höhe von Fr. 7'000.-- werde den Beeinträchtigungen der
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Erwägungen
1.
Rekurrentin jedenfalls nicht gerecht und sei deutlich zu tief. Die Rekurrentin sei erst vor
kurzem volljährig geworden und sei juristischer Laie. Sie sei deshalb auf anwaltliche
Unterstützung angewiesen und habe Anspruch auf Ersatz der notwendigen und
angemessenen Kosten der anwaltlichen Vertretung (act. G1).
Mit Vernehmlassung vom 8. April 2019 beantragt die Vorinstanz unter Verweis auf
die Erwägungen in ihrer angefochtenen Verfügung die Abweisung des Rekurses
(act. G3).
B.b.
Am 15. April 2019 reichte die Rechtsvertreterin der Rekurrentin eine Kostennote
ein (act. G5).
B.c.
Die Rekurrentin ist unstreitig Opfer im Sinne des Bundesgesetzes über die Hilfe an
Opfer von Straftraten (OHG; SR 312.5) und hat gestützt auf dieses Gesetz ebenso
unstreitig Anspruch auf eine Genugtuung. Die Vorinstanz hat die diesbezüglichen
Rechtsgrundlagen korrekt wiedergegeben, sodass darauf verwiesen werden kann.
Streitig und zu prüfen ist einzig die Höhe des opferhilferechtlichen
Genugtuungsanspruchs der Rekurrentin (Ziff. 2 der Verfügung vom 11. März 2019; act.
G1.7).
1.1.
Die kantonale Beschwerdeinstanz besitzt gemäss Art. 29 Abs. 3 OHG freie
Überprüfungsbefugnis. Sie überprüft daher Sachverhalts- und Rechtsfragen in freier
Kognition. In Ermessensfragen kann sie deshalb ihr eigenes Ermessen anstelle
desjenigen der unteren Instanz setzen. Diese freie Überprüfungsbefugnis hindert die
Beschwerdeinstanz jedoch nicht, in Ermessensfragen einen Entscheidungsspielraum
der Verwaltung zu respektieren. Im Rahmen der Überprüfung von
Genugtuungsentscheiden kann sie sich daher damit begnügen, die Angemessenheit
der von der Verwaltungsbehörde zugesprochenen Summe zu kontrollieren und, soweit
diese der Billigkeit entspricht, von einer Änderung des angefochtenen Entscheides
absehen, auch wenn sie selbst, hätte sie als erstinstanzliche Behörde entschieden,
möglicherweise nicht auf die gleiche Summe gekommen wäre. Allerdings darf die
Zurückhaltung nicht so weit gehen, dass die kantonale Beschwerdeinstanz erst bei
einer rechtsfehlerhaften Ermessensüberschreitung eingreift. Problematisch kann eine
allzu grosse Zurückhaltung der Beschwerdeinstanz vor allem dort werden, wo die
1.2.
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2.
kantonale Entschädigungsbehörde regelmässig und mit einer gewissen Systematik die
Höhe der gesprochenen Genugtuungen jeweils an den untersten Rand vergleichbarer
Fälle setzt und sich dadurch eine von der Rechtsprechung anderer Kantone messbare
und erhebliche Abweichung ergibt. Hier sollte bereits die kantonale Rechtsmittelinstanz
ihr eigenes Ermessen dazu benutzen, Rechtsungleichheiten zu vermeiden. Dies nicht
zuletzt auch aufgrund der Tatsache, dass das Bundesgericht Genugtuungen in der
Höhe nur mit äusserster Zurückhaltung überprüft (Peter Gomm/Dominik Zehntner,
Opferhilfegesetz, 3. Aufl., Bern 2009, Art. 29 N 21).
Gemäss Art. 22 Abs. 1 OHG haben das Opfer und seine Angehörigen Anspruch
auf eine Genugtuung, wenn die Schwere der Beeinträchtigung es rechtfertigt. Artikel 47
und 49 des Obligationenrechts (Bundegesetz betreffend die Ergänzung des
Schweizerischen Zivilgesetzbuches, Fünfter Teil: Obligationenrecht; SR 220) und damit
die von den Zivilgerichten entwickelten Grundsätze zur Bemessung der Genugtuung
sind sinngemäss anwendbar (Gomm/Zehntner, a.a.O., Art. 22 N 7). Die Genugtuung
wird nach der Schwere der Beeinträchtigung – und damit nach der Intensität und Dauer
der Auswirkungen auf die Persönlichkeit – bemessen und beträgt höchstens
Fr. 70'000.-- für das Opfer bzw. Fr. 35'000.-- für Angehörige (Art. 23 OHG; Hütte/
Landolt, Genugtuungsrecht, Band 1, Zürich/St. Gallen 2013, S. 66). Unter
Beeinträchtigung ist (wie im Zivilrecht) die Verletzung der persönlichen Verhältnisse
bzw. das konkrete Ausmass des Eingriffs in die Persönlichkeitsrechte zu verstehen.
Das Gericht hat auf die objektive Schwere und die subjektiven Auswirkungen des
Eingriffs in das verletzte Rechtsgut abzustellen und dabei die Umstände des den
Genugtuungsanspruch auslösenden Ereignisses und des Einzelfalls zu
berücksichtigen. Zweck der Genugtuung ist die Abgeltung einer immateriellen Unbill.
Nicht massgeblich sind die Art der Straftat und das Verschulden des Täters;
täterbezogene Faktoren sind nicht zu berücksichtigen (Gomm/Zehntner, a.a.O., Art. 23
N 5).
2.1.
Die Höhe der Summe, die als Abgeltung immaterieller Unbill in Frage kommt, lässt
sich naturgemäss nicht errechnen, sondern nur schätzen. Deren Festsetzung ist eine
Entscheidung nach Billigkeit und lässt den kantonalen Behörden einen weiten
Ermessensspielraum. Das Bundesgericht lehnt eine allzu schematische Bemessung der
Genugtuung ab und stellt die Einzelfallgerechtigkeit in den Vordergrund. Faktoren,
welche bei der Erhöhung des Genugtuungsanspruchs eine Rolle spielen können, sind
insbesondere das Alter des Opfers, die Auswirkungen auf das berufliche und das
2.2.
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private Leben, die Intensität und Dauer der psychischen Folgen oder Auswirkungen
von wiederholten Taten (Gomm/Zehntner, a.a.O., Art. 23 N 1 und N 5 f.).
Persönlichkeitsverletzungen als Folge von Sexualdelikten unterscheiden sich in
ihrer Auswirkung von denjenigen aus sonstigen schädigenden Handlungen. Sie
belasten das Opfer oft langfristig. Es kann sich häufig nicht vom Ereignis lösen. Scham
und Angst lasten auf ihm. Dem traumapsychologischen Aspekt kommt erhebliche
Bedeutung zu (vgl. Hütte/Landolt, a.a.O., S. 57). Deshalb gilt es bei Sexualdelikten bei
der Festsetzung der opferhilferechtlichen Genugtuung zu beachten, dass zwar eine
direkte Beeinträchtigung der sexuellen Integrität in der Regel einzig während der Tat
erfolgt, die sich daraus ergebenden Folgen jedoch meist von längerer Dauer sind. Sie
manifestieren sich häufig, aber nicht zwingend in Form von psychischen
Beeinträchtigungen. Auch der Verlust von Lebensfreude, verschiedene Ängste oder
Schwierigkeiten bei der Vertrauensbildung können durch die Taten verursacht werden.
Bei der Beurteilung der Fälle ist zu berücksichtigen, dass solche Folgen nicht immer
unmittelbar auftreten. Die Dauer und Intensität der Auswirkung stehen zum Zeitpunkt
des Entscheids über die Genugtuung oft noch nicht abschliessend fest. Opfer von
Sexualdelikten haben oft besondere Schwierigkeiten, die psychischen Folgen der
Straftat konkret nachzuweisen. Deshalb wird für die Bestimmung der
Genugtuungshöhe als Ausgangspunkt von der Schwere der Straftat ausgegangen und
von dieser auch auf notorisch auftretende Auswirkungen geschlossen. Ist die seelische
Verletzung nach der allgemeinen Lebenserfahrung geeignet, eine schwere Unbill zu
verursachen, so genügt der Beweis dieser Verletzung; die Schwere der Verletzung
muss dann nicht mehr bewiesen werden (Meret Baumann/Blanca Anabitarte/Sandra
Müller Gmünder, Genugtuungspraxis Opferhilfegesetz, S. 18, in: Jusletter 1. Juni 2015;
Gomm/Zehntner, a.a.O., Art. 23 N 22).
2.3.
Massgebend sind die Umstände des Einzelfalls. Genugtuungserhöhend wirken die
Ausübung von psychischem Druck bei Kindern und Jugendlichen, eine qualifizierte
Tatbegehung wie z.B. grausames Handeln durch Gewaltanwendung, Verwendung einer
Waffe, mehrfache Tatbegehung sowie der Zeitraum bei mehrfacher Tatbegehung, die
gemeinsame Tatbegehung durch mehrere Mittäter, ein allfälliges Verwandtschafts-
oder Bekanntschaftsverhältnis bzw. ein bestehendes Vertrauens- oder
Abhängigkeitsverhältnis, das missbraucht wird. Objektivierbar sind dabei die
schädigende Handlung (mit anderen Worten Art und Unrechtsgehalt der sexuellen
Delikte), die besondere Schutzbedürftigkeit des Opfers, insbesondere die Abhängigkeit
vom Täter, die Gewaltanwendung, die Anzahl und Dauer der Missbrauchshandlungen,
2.4.
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3.
der Ausgang des Strafverfahrens und gewisse erfassbare Folgen der schädigenden
Handlung (Hütte/Landolt, a.a.O., S. 156 f.).
Die Verletzlichkeit der Person durch Sexualdelikte hängt auch vom Alter ab. Vor
allem bei Kindern, Jugendlichen und sexuell unerfahrenen Personen ist von einer
schweren Beeinträchtigung auszugehen, welche insbesondere ihre sexuelle
Entwicklung und Beziehungsfähigkeit betreffen kann. Speziell bei Kindern, welche über
eine längere Zeit missbraucht werden, kann die Beeinträchtigung in ihrer Gesamtheit
zum Zeitpunkt des Genugtuungsentscheids regelmässig noch gar nicht festgestellt
werden. Es ist notorisch, dass in solchen Fällen auch zu einem späteren Zeitpunkt
verschiedene Auswirkungen in unterschiedlichem Ausmass auftreten (Baumann/
Anabitarte/Müller Gmünder, a.a.O., S. 18 f.; vgl. auch Hütte/Landolt, a.a.O., S. 181). In
der Lehre wird deshalb bei Minderjährigen aufgrund der besonderen Verletzlichkeit und
der noch bevorstehenden Jahre, während der die minderjährigen Opfer später auch als
Erwachsene mit den Folgen der Übergriffe zurechtkommen müssen, die Festsetzung
von höheren Genugtuungssummen postuliert (vgl. Gomm/Zehntner, a.a.O., Art. 23 N
24 mit Hinweisen).
2.5.
Das Bundesamt für Justiz (BJ) hat im Oktober 2008 einen Leitfaden zur
Bemessung der Genugtuung nach Opferhilfegesetz erstellt (nachfolgend: Leitfaden).
Darin hat es einen Rahmen für die Bemessung der Genugtuungsleistungen für Opfer
mit Beeinträchtigung in der sexuellen Integrität festgelegt. Für eine schwere
Beeinträchtigung des Opfers legt der Leitfaden eine Bandbreite von Fr. 0.-- bis
Fr. 10'000.-- und für eine sehr schwere Beeinträchtigung eine Bandbreite von
Fr. 10'000.-- bis Fr. 15'000.-- fest. Leichte Fälle führen hingegen nicht zu einem
Anspruch auf Genugtuung. Die im Leitfaden vorgesehene Bandbreite bis Fr. 15'000.--
ist für schwerste Fälle nicht adäquat. Entsprechend findet sich auch bereits im
Leitfaden der Hinweis, dass die Behörde bei ausserordentlich schwerer
Beeinträchtigung auch über den empfohlenen Betrag hinausgehen kann (Leitfaden
S. 10 f.; vgl. Baumann/Anabitarte/Müller Gmünder, a.a.O., S. 19).
3.1.
Baumann/Anabitarte/Müller Gmünder stellen fest, dass bei Fällen von sexueller
Nötigung, versuchter Vergewaltigung und Schändung meist Genugtuungen zwischen
Fr. 1'500.-- bis Fr. 6'000.-- gesprochen werden, bei Vergewaltigungen häufig solche im
Bereich von Fr. 7'000.-- bis 8'000.-- und vor allem in Fällen von mehrfachen oder
qualifizierten Vergewaltigungen sowie von mehrfachen sexuellen Handlungen mit
Kindern Genugtuungen ab Fr. 10'000.--. Fälle der sexuellen Handlungen mit Kindern
3.2.
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finden sich in praktisch allen Bereichen, was damit zusammenhängt, dass die Schwere
des Vorfalls und entsprechend auch die Beeinträchtigung des Opfers erheblich
variieren kann (Baumann/Anabitarte/Müller Gmünder, a.a.O., S. 19). Gomm/Zehntner
postulieren, dass die opferhilferechtliche wie auch die zivilrechtliche Genugtuung im
Bereich minderjähriger Opfer in Anbetracht der besonderen Vulnerabilität und der noch
bevorstehenden vielen Jahre, während der Kinder später auch als Erwachsene mit den
Folgen der Übergriffe zurechtkommen müssen, oft viel zu tief seien und die
Rechtsprechung sich in diesem Bereich generell hin zu höheren Genugtuungsbeträgen
entwickeln sollte (Gomm/Zehntner, a.a.O., Art. 23 N 24). Diesem Anliegen aus der
Lehre hat jüngst auch das BJ Rechnung getragen, indem es den Leitfaden im Oktober
2019 grundlegend überarbeitet und dabei auch die Bandbreite der Genugtuung für die
Beeinträchtigung der sexuellen Integrität deutlich erhöht hat (siehe überarbeiteter
Leitfaden, S. 14).
Die Schweizerische Verbindungsstellenkonferenz zur Anwendung des
Opferhilfegesetzes empfiehlt für opferhilferechtliche Genugtuungsleistungen eine
Kürzung von 30 bis 40% gegenüber den zivilrechtlichen Genugtuungssummen
(Empfehlungen der Schweizerischen Verbindungsstellenkonferenz zur Anwendung des
Opferhilfegesetzes [SVK-OHG] vom 21. Januar 2010, Ziff. 4.7.2). Auch im Leitfaden des
BJ wird das angestrebt, wird darin doch zunächst festgehalten, für eine Vergewaltigung
betrage die haftpflichtrechtliche Genugtuung in der Regel Fr. 10'000.-- bis
Fr. 20'000.--, um danach die Obergrenze der Genugtuung nach OHG mit Fr. 15'000.--
auf gut zwei Drittel des zivilrechtlichen Genugtuungsanspruchs anzusetzen (vgl.
Gomm/Zehntner, a.a.O., Art. 23 N 23). Sowohl bei dem vom BJ festgelegten
Bemessungsrahmen als auch bei den in den Empfehlungen genannten Prozentzahlen
handelt es sich jedoch lediglich um Richtwerte. Entsprechend kann die Behörde im
Einzelfall davon abweichen (vgl. Leitfaden, S. 11; Gomm/Zehntner, a.a.O., Art. 23 N 23;
Baumann/Anabitarte/Müller Gmünder, a.a.O., S. 4).
3.3.
In der Lehre wird dafür eingetreten, bei sexuellen Handlungen mit Kindern ohne
Geschlechtsverkehr zivilrechtliche Regelgenugtuungen von Fr. 20'000.-- bis 25'000.--
zuzusprechen, wobei die Genugtuungssumme bei langjährigem Missbrauch und dem
Ausnutzen eines besonderen Vertrauensverhältnisses deutlich zu erhöhen wäre. Das
Bundesgericht hielt in diesem Zusammenhang fest, dass in der Praxis die
Genugtuungssummen zwar erheblich divergieren, aber in solchen Fällen nicht selten
Genugtuungen von Fr. 20'000.-- oder mehr zugesprochen werden (Urteil des
Bundesgerichts vom 27. Februar 2009, 6B_830/2008, E. 5.4; als Praxis bestätigt in den
3.4.
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4.
Urteilen des Bundesgerichts vom 25. Oktober 2010, 6B_544/2010 E. 3.2 und vom
19. Januar 2017, 6B_653/2016, E. 4.3).
Vorliegend wurde der Täter, B._, rechtskräftig verurteilt. Aufgrund des
Gewaltentrennungsprinzips ist die Verwaltungsbehörde zwar nicht an die Erkenntnisse
des Strafgerichts gebunden. Im Interesse der Rechtssicherheit und Rechtseinheit sollte
sie aber nicht ohne sachlichen Grund von deren Entscheid abweichen. Die
Verwaltungsbehörde hat deshalb grundsätzlich auf die tatsächlichen Feststellungen
des Strafgerichts abzustellen. Etwas anderes würde nur gelten, wenn die
Verwaltungsbehörde aufgrund eigener Beweiserhebungen Tatsachen feststellen würde,
welche dem Strafgericht unbekannt waren oder die es nicht beachtet hat, wenn neue
entscheiderhebliche Tatsachen vorliegen, die Beweiswürdigung des Strafgerichts
feststehenden Tatsachen klar widerspricht oder wenn das Strafgericht bei der
Rechtsanwendung auf den Sachverhalt nicht alle Rechtsfragen abgeklärt hat. In reinen
Rechtsfragen ist die Verwaltungsbehörde dagegen nicht an die Beurteilung durch das
Strafgericht gebunden. Die Unabhängigkeit vom Erkenntnis der Strafbehörde folgt hier
auch aus der unterschiedlichen Zwecksetzung der von der Verwaltungsbehörde
anzuwendenden Normen. Die Verwaltungsbehörde ist jedoch dann an die rechtliche
Qualifikation des Sachverhalts durch das Strafurteil gebunden, wenn die rechtliche
Würdigung sehr stark von der Würdigung von Tatsachen abhängt, die das Strafgericht
besser kennt als die Verwaltungsbehörde (Urteil des Bundesgerichts vom
30. November 2007, 1C_45/2007, E. 4.3 mit Hinweisen).
4.1.
Der von den Strafgerichten bestimmte Sachverhalt lässt sich wie folgt
zusammenfassen. Die Rekurrentin lernte B._, den neuen Freund ihrer Mutter, am
_ Dezember 2014 kennen. Er kam ihr bereits am Tag des ersten Kennenlernens
ungewöhnlich nahe. In der Folge suchte B._ bei jeder Gelegenheit den körperlichen
Kontakt mit ihr und begab sich mit Ausnahme einer Nacht, in der er abwesend war,
jede Nacht in deren Zimmer. Er setzte sie psychisch unter Druck, hielt sie fest,
versuchte sie zu küssen, streichelte sie am ganzen Körper, legte sich nackt zu ihr ins
Bett und schmiegte sich an sie. Zudem penetrierte er die Rekurrentin mit den Fingern
und drang bei einer Gelegenheit mit seinem Geschlechtsteil in ihres ein (vgl. act. G3.3.3
E. 12 bis E. 14 und act. G3.3.4 S. 4 ff.). Auf den so festgestellten Sachverhalt ist auch
für das vorliegende Verfahren abzustellen.
4.2.
Im Rahmen des Strafverfahrens forderte die Rekurrentin adhäsionsweise eine nach
richterlichem Ermessen festzusetzende Genugtuung, mindestens aber Fr. 17'000.--
4.3.
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(act. G3.3.3 S. 2). Das erstinstanzliche Strafgericht setzte sich ausführlich mit dieser
Forderung auseinander und legte gut nachvollziehbar eine Genugtuung von
Fr. 15'000.-- fest (vgl. act. G3.3.3 S. 24 ff.), was vom Kantonsgericht vollumfänglich
bestätigt wurde (act. G3.3.4 S. 34 f.). Nachdem die Höhe der Genugtuung sehr stark
von der Würdigung der Tatsachen abhängt und das Strafgericht mit diesen umfassend
vertraut war, kann die opferhilferechtliche Genugtuung an die zivilrechtliche angelehnt
werden. Gemäss dem Willen des Gesetzgebers ist die zivilrechtliche Genugtuung dabei
in der Regel um 30 bis 40% zu kürzen.
Die von der Vorinstanz zugesprochene opferhilferechtliche Genugtuung beträgt
weniger als 60% der zivilrechtlichen Genugtuung. Gründe, welche eine solche, über die
Empfehlungen der SVK-OHG hinausgehende Kürzung konkret rechtfertigen würden,
sind nicht ersichtlich. Insbesondere wurde das Verschulden des Täters im
Strafverfahren zwar nicht als leicht, aber am unteren Rahmen der für ein
Vergewaltigungsdelikt vorstellbaren Konstellationen eingeschätzt. Die zivilrechtlich
zugesprochene Genugtuung enthält also keine täterbezogene Erhöhungskomponente,
welche im Opferhilferecht nicht zu berücksichtigen und dementsprechend mit einer
weitergehenden Kürzung auszugleichen wäre. Ausserdem gingen die Strafgerichte –
wie nun auch die Vorinstanz – davon aus, dass die Rekurrentin die Ereignisse gut
verarbeitet habe. Andernfalls hätten sie mit grosser Wahrscheinlichkeit eine deutlich
höhere Genugtuung zugesprochen. Schon bei erwachsenen Frauen beträgt die
zivilrechtliche Genugtuung in der Regel Fr. 10'000.-- bis Fr. 20'000.-- (Leitfaden, S. 11).
Bei besonders verletzlichen Personen wie Kindern und Jugendlichen muss diese
entsprechend erhöht werden. Das Bundesgericht anerkennt, dass bei sexuellen
Handlungen mit Kindern ohne Geschlechtsverkehr und ohne Ausnutzen eines
besonderen Vertrauensverhältnisses "nicht selten" Genugtuungen von mindestens
Fr. 20'000.-- gesprochen werden, wie das auch von der Lehre gefordert wird.
Vorliegend fanden nicht nur mehrmals über den Zeitraum von rund einer Woche
sexuelle Handlungen mit einem Kind statt, sondern die Rekurrentin wurde auch
vergewaltigt und psychisch unter Druck gesetzt. Der Täter war der damals neue Freund
ihrer Mutter. Dies alles deutet darauf hin, dass eine deutlich höhere zivilrechtliche
Genugtuung gesprochen worden wäre, hätte die Rekurrentin psychische
Beeinträchtigungen gezeigt und sich in Therapie befunden. Der Rekurrentin ist somit
Recht zu geben, wenn sie geltend macht, eine Kürzung von mehr als 40% der
zivilrechtlich zugesprochenen Forderung könne nicht damit begründet werden, sie
habe die Geschehnisse gut verarbeitet. Vor diesem Hintergrund erscheint die mit der
Zusprache einer Genugtuung von Fr. 7'000.-- einhergehende Kürzung der im
Strafverfahren zugesprochenen Genugtuung um 53% als unangemessen.
4.4.
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Selbst wenn die opferhilferechtliche Genugtuung vorliegend unabhängig von den
rechtlichen Erwägungen der Strafgerichte und der von diesen festgelegten
zivilrechtlichen Genugtuung bestimmt wird, ist der von der Vorinstanz bestimmte
Betrag von Fr. 7'000.-- mit Blick auf die Umstände des vorliegenden Einzelfalls zu tief.
Ein Eingriff in die sexuelle Integrität sollte wegen der psychischen Langzeitwirkung in
seiner Bedeutung nicht unterschätzt werden. Insbesondere bei Kindern kann die
Verarbeitung einer solchen oft als äusserst erniedrigend empfundenen
Persönlichkeitsverletzung ein Leben lang dauern (vgl. Hütte/Landolt, a.a.O., S. 165,
S. 167 und S. 180). Vorliegend fanden nicht nur einer, sondern mehrere Eingriffe in die
sexuelle Integrität des damals _-jährigen Mädchens statt, und zwar über mehrere
Tage und Nächte, in ihrem Zuhause und ihrem Schlafzimmer. Dadurch, dass der Täter
die Rekurrentin mit seinen Handlungen teilweise auch aus dem Schlaf weckte, war sie
zusätzlich vulnerabel. Inwiefern ihre Fähigkeit zur Vertrauensbildung und ihre sexuelle
Entwicklung beeinträchtigt wurden, welche Schäden sie erlitten hat und welche
Spätfolgen sie dereinst wird zu bewältigen haben, kann nicht zuverlässig ermittelt
werden. Es ist nicht ungewöhnlich, dass solche Folgen nicht unmittelbar in
Erscheinung treten. Angesichts der noch bevorstehenden Jahre, während der die
minderjährigen Opfer auch später als Erwachsene mit den Folgen der Übergriffe
zurechtkommen müssen, ist die Genugtuung regelmässig höher anzusetzen. Die
subjektiven Beeinträchtigungen sind oft schwer nachweisbar. Auch vorliegend kann
aus der Tatsache, dass die Rekurrentin keine langfristige Therapie besucht bzw.
besucht hat, nicht einfach abgeleitet werden, sie habe keine längerfristige psychische
Beeinträchtigung erlitten bzw. die Übergriffe bereits verarbeitet. Entsprechende
Hinweise fehlen in den Akten. Insbesondere hat die Rekurrentin nach eigenen Angaben
die Therapie abgebrochen und nicht etwa – nach der Verarbeitung der Ereignisse –
abgeschlossen. Den objektiven Umständen kommt grosse Bedeutung zu.
Objektivierbar ist vorliegend insbesondere, dass die Rekurrentin über den Zeitraum von
rund einer Woche immer wieder Opfer verschiedener schädigender Handlungen,
insbesondere auch einer Vergewaltigung, geworden ist, aufgrund ihres Alters
besonders schutzbedürftig war und sich wegen des auf sie ausgeübten psychischen
Drucks und der körperlichen Überlegenheit des erwachsenen Täters nicht wehren
konnte.
4.5.
Beantragt wurde eine Genugtuung von mindestens Fr. 10'000.--. Eine Genugtuung
in Höhe von Fr. 10'000.-- liegt noch innerhalb des im Leitfaden für eine schwere
Beeinträchtigung der sexuellen Integrität des Opfers vorgesehenen Rahmens
(Leitfaden, S. 10) und erscheint damit unter Berücksichtigung der gesamten Umstände
gerechtfertigt. Sie beträgt zwei Drittel der zugesprochenen zivilrechtlichen Genugtuung
4.6.
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5.