Decision ID: 29c2383b-8c12-5613-a8af-48e32586ac35
Year: 2008
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
D._,
Beschwerdeführer,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Max Auer, Bahnhofstrasse 32A, Postfach,
8360 Eschlikon TG,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
Rente; Arbeitsvermittlung
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Sachverhalt:
A.
D._, geb. 1951, meldete sich am 23. August 2004 zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung an. Dr. med. A._ bescheinigte am 14. September 2004 unter
anderem die Diagnosen eines chronischen panvertebralen Schmerzsyndroms sowie
einer psychischen Überlastungssituation. Der Arzt legte dar, der Beschwerdeführer sei
seit Anfang 1999 in seiner Behandlung. Seit Anfang 2004 hätten die Beschwerden
zugenommen; die psychische Situation sei intensiviert worden. Seit dem 23. April 2004
bestehe eine volle Arbeitsunfähigkeit (IV-act. 10). Nach Durchführung von ärztlichen
und erwerblichen Abklärungen eröffnete die IV-Stelle des Kantons St. Gallen dem
Versicherten mit Verfügung vom 9. Juni 2006, bei einem Invaliditätsgrad von 35%
(Valideneinkommen von Fr. 64'717.-- und Invalideneinkommen von Fr. 41'990.--)
bestehe kein Anspruch auf eine IV-Rente (IV-act. 45). In einer gleichentags erlassenen
weiteren Verfügung gab die IV-Stelle dem Versicherten bekannt, die Arbeitsvermittlung
sei zur Zeit nicht möglich. Sie werde daher abgeschlossen. Gemäss den Unterlagen
fühle er sich nicht im Ausmass der attestierten Arbeitsfähigkeit von 80% arbeitsfähig
(IV-act. 46). Die gegen diese Verfügungen vom Rechtsvertreter des Versicherten
erhobene Einsprache (IV-act. 48, 52) wies die IV-Stelle mit Einspracheentscheid vom
27. November 2006 ab.
B.
B.a Gegen diesen Einspracheentscheid erhob Rechtsanwalt lic. iur. Max Auer,
Eschlikon, für den Versicherten mit Eingabe vom 12. Januar 2007 Beschwerde mit den
Anträgen, der Entscheid sowie die Verfügungen vom 9. Juni 2006 seien aufzuheben
und es sei dem Beschwerdeführer eine ganze IV-Rente seit 1. September 2005
zuzusprechen. Zur Begründung führte der Rechtsvertreter unter anderem aus, es sei
aktenmässig ausgewiesen, dass auch der Einsatzbereich des Beschwerdeführers bei
sehr leichten und leichten Tätigkeiten deutlich eingeschränkt sei, und dass er deshalb
nicht ohne weiteres eine Arbeitsstelle, auch in einem Teilzeitpensum mit einer leichten
Belastung, ohne irgendeine Einschränkung annehmen könne. Das psychiatrische
Konsilium gemäss MEDAS-Gutachten sei in sich widersprüchlich und deshalb nur
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
bedingt aussagekräftig; im Minimum aber lasse sich daraus lediglich eine
Arbeitsfähigkeit von maximal 70% ableiten. Diesbezüglich aussagekräftiger und
glaubwürdiger sei das Arztgutachten von Dr. med. B._ vom 4. Februar 2006, wonach
der Beschwerdeführer für jede Tätigkeit zu 70% arbeitsunfähig sei und die
Beschwerden einen invalidisierenden Charakter hätten. Dass Dr. B._ nicht eine
Gefälligkeitsbescheinigung erstellt habe, belege der aktuellste Arztbericht von Dr. med.
C._, welcher dem Beschwerdeführer ebenfalls eine Arbeitsunfähigkeit von 60%
attestiere. Dabei sei zu berücksichtigen, dass der psychiatrische Konsiliararzt der
MEDAS den Beschwerdeführer lediglich einmal während rund einer Stunde gesehen
habe. Alle anderen Ärzte hätten den Beschwerdeführer mehrfach untersucht und
könnten deshalb eine verlässlichere Diagnose abgeben. Es sei im Minimum von einer
Arbeitsunfähigkeit von 60%, im Eventualfall aber in jedem Fall von 30% auszugehen.
Der konkrete Einkommensvergleich mit einem Leidensabzug von 10% ergebe dann
Anspruch auf eine ganze Rente, im Minimum aber auf eine halbe Rente. Aufgrund des
MEDAS-Gutachtens sei ausgewiesen, dass der Beschwerdeführer Anspruch auf
berufliche Massnahmen und auch auf Arbeitsvermittlung besitze. Der
Abklärungsbericht Verzahnungsprogramm (act. G 1.1.2) belege auch, dass der
Beschwerdeführer motiviert sei.
B.b In der Beschwerdeantwort vom 22. Januar 2007 beantragte die
Beschwerdegegnerin Abweisung der Beschwerde. Zur Begründung verwies sie auf die
Darlegungen im angefochtenen Entscheid.
B.c Mit Eingabe vom 28. Februar 2007 reichte der Rechtsvertreter des
Beschwerdeführers ein psychiatrisches Gutachten von Dr. med. C._, Klinik Teufen,
vom 19. Februar 2007 ein (act. G 5). Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine
Stellungnahme.

Erwägungen:
1.
1.1 Streitig ist zum einen, ob der Beschwerdeführer Anspruch auf eine IV-Rente hat.
Die Beschwerdegegnerin legte im angefochtenen Entscheid (Erwägung 1) die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
rechtlichen Grundlagen der Rentenzusprechung zutreffend dar; darauf ist zu verweisen.
- Dr. med. E._ bestätigte im Bericht vom 14. Dezember 2004 eine uneingeschränkte
Arbeitsfähigkeit aus rheumatologischer Sicht für eine körperlich leichte,
wechselbelastende Tätigkeit. Sodann hielt er fest, der psychiatrische Konsiliararzt
attestiere eine Arbeitsunfähigkeit von höchstens 20% (IV-act. 15-6/39f). Dr. med. F._,
Spezialarzt für Psychiatrie und Psychotherapie, hatte am 2. Oktober 2004
Verstimmungszustände bei chronischem Schmerzsyndrom infolge körperlicher
Krankheit diagnostiziert und eine Arbeitsunfähigkeit von höchstens 20% aus
psychischen Gründen bescheinigt (IV-act. 15-17/39). Von Seiten der Klinik Valens
wurde am 5. April 2005 festgehalten, für eine leichte wechselbelastende Tätigkeit sollte
der Beschwerdeführer unter Vermeidung von Überkopfarbeiten weiterhin zu 100%
arbeitsfähig sein (IV-act. 20-3/3). Im Bericht vom 17. Mai 2005 hielt die IV-
Eingliederungsberaterin fest, in der Stellensuche werde der Beschwerdeführer
weiterhin über das RAV betreut. Seitens der beruflichen Eingliederung könne ihm kein
vernünftiges Angebot gemacht werden. Auch fühle sich der Beschwerdeführer nicht im
attestierten Ausmass von 80% arbeitsfähig (IV-act. 24-1/2). Dr. med. B._, Spezialarzt
für Psychiatrie und Psychotherapie, bescheinigte im Bericht vom 4. Februar 2006, dass
der Beschwerdeführer seit dem 29. April 2005 in seiner Behandlung stehe. Es liege
eine mittelgradige depressive Störung mit somatischen Symptomen auf dem Boden
einer anankastischen Persönlichkeit vor; sodann bestehe ein chronifiziertes
Schmerzsyndrom. Aus rein psychiatrischer Sicht halte er (der Arzt) ihn zumindest zu
70% arbeitsunfähig. Auch den eventuellen Rest seiner Arbeitsfähigkeit könne man
nicht in eine normale Tätigkeit investieren, sondern nur in einem geschützten Rahmen
realisieren (IV-act. 53). Gemäss dem MEDAS-Gutachten vom 7. April 2006 leidet der
Beschwerdeführer an einem chronischen lumbospondylogenen und
zervikospondylogenen Syndrom, einer chronischen Tendinopathie der
Supraspinatussehne beidseits, einer leichten Varusgonarthrose beidseits, einer
Femoropatellararthrose rechts und einer depressiven Reaktion. Die bisherige Tätigkeit
als Bauarbeiter und Hilfsmaurer sei (seit 23. April 2004) nicht mehr zumutbar. Für
körperlich leichte, wechselnd belastende und nur gelegentlich mit mittelschweren
Arbeiten dotierte Tätigkeiten bestehe (ab 17. März 2006) eine Arbeitsfähigkeit von 80%,
wobei die psychiatrischen Befunde die Grenzen setzen bzw. in einer körperlich
adaptierten Tätigkeit die Arbeitsunfähigkeit von 20% bewirken würden (IV-act. 38). Dr.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A._ bestätigte am 21. April 2006, dass dem Beschwerdeführer eine leichte, nicht
rückenbelastende Tätigkeit zu 50% zumutbar sei (IV-act. 54). Die IV-
Eingliederungsberaterin hielt im Bericht vom 19. Mai 2006 unter anderem fest, mit
Bezug auf die 50%-Anmeldung bei der Arbeitslosenversicherung und die Weigerung
des Beschwerdeführers, bei einem Einsatzprogramm (50%) der
Arbeitslosenversicherung mitzuwirken, sowie aufgrund seiner Überzeugung, diesem
Einsatz weder physisch noch psychisch gewachsen zu sein, werde klar, dass sich der
Beschwerdeführer weiterhin nicht im Ausmass der von der MEDAS attestierten
Arbeitsfähigkeit von 80% arbeitsfähig fühle. Er habe auch nach Beendigung der
Rahmenfrist die Möglichkeit, vom RAV als Stellensuchender begleitet zu werden. Eine
durch die IV unterstützte Stellensuche könne nicht empfohlen werden. Nebst der
subjektiven Krankheitsüberzeugung würden auch IV-fremde Faktoren wie Alter,
Ausbildung und Sprachproblematik mitwirken (IV-act. 41-1/2).
1.2 Grundlage der Bemessung des zumutbaren Invalideneinkommens ist die
Arbeitsfähigkeitsschätzung. Es liegen sich widersprechende Einschätzungen vor.
Während der Internist Dr. E._ im Dezember 2004 und die Klinik Valens im April 2005
aus somatischer (rheumatologischer) Sicht für eine angepasste Tätigkeit eine
uneingeschränkte Arbeitsfähigkeit bescheinigten (IV-act. 15-6/39; 20-3/3), erachtete
der Hausarzt Dr. A._, ohne dass sich zwischenzeitlich eine gesundheitliche
Veränderung ergeben hätte, im April 2006 lediglich eine 50%-Tätigkeit zumutbar (IV-
act. 54). In psychiatrischer Hinsicht hatte Dr. F._ im Oktober 2004 eine höchstens
20%ige Einschränkung der Arbeitsfähigkeit bescheinigt (IV-act. 15-7/39), wohingegen
Dr. B._ im Februar 2006 eine Arbeitsunfähigkeit von zumindest 70% als gegeben
erachtete (IV-act. 53). Die Ärzte der MEDAS gaben die Arbeitsunfähigkeit des
Beschwerdeführers gestützt auf eine im Februar 2006 erfolgte multidiziplinäre
Abklärung in der angestammten Tätigkeit mit 100% an, erachteten jedoch in einer
anderen Tätigkeit eine Einschränkung von lediglich 20% - dies im Wesentlichen aus
psychiatrischen Gründen - als gegeben (IV-act. 38). Daraus kann nicht ohne weiteres
auf die Notwendigkeit weiterer Sachverhaltsabklärung geschlossen werden. Dies wäre
nur dann der Fall, wenn keine der Schätzungen zu überzeugen vermöchte. Dabei ist zu
beachten, dass bei Zusammentreffen verschiedener Gesundheitsbeeinträchtigungen
sich deren erwerbliche Auswirkungen in der Regel überschneiden, weshalb der Grad
der Arbeitsunfähigkeit diesfalls aufgrund einer sämtliche Behinderungen umfassenden
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
ärztlichen Gesamtbeurteilung zu bestimmen ist. Eine blosse Addition der mit Bezug auf
einzelne Funktionsstörungen und Beschwerdebilder geschätzten
Arbeitsunfähigkeitsgrade ist nicht zulässig (Urteil des Eidgenössischen
Versicherungsgerichts [EVG; seit 1. Januar 2007: Sozialrechtliche Abteilungen des
Bundesgerichts] vom 3. März 2003 i/S E. [U 850/02] Erw. 6.4.1).
1.3 Die Arbeitsfähigkeitsschätzungen von Hausärzten dürfen nicht generell unter
Verweis auf eine mögliche Befangenheit als unbeachtlich beiseite geschoben werden.
Für die Überzeugungskraft der Arbeitsfähigkeitsschätzungen der Hausärzte wird
regelmässig vorgebracht, die Hausärzte hätten sich lange und intensiv um die
Gesundheitsbeeinträchtigungen ihrer Patienten gekümmert und könnten diese deshalb
besser beurteilen als jene Ärzte, die sich nur ganz kurz gutachterlich mit den Patienten
befasst hätten. Die lange Beschäftigung mit den Gebrechen der Patienten kann aber
genauso gut gegen die Überzeugungskraft der Hausarztschätzungen ins Feld geführt
werden. Die (pessimistische) subjektive Einschätzung eines Patienten schlägt sich
nämlich in der Arbeitswelt sofort nieder. Dies wiederum erweckt den Anschein, dass
die Selbsteinschätzung richtig sei, sie bestätigt sich sozusagen selbst. Bei den
Hausärzten muss deshalb damit gerechnet werden, dass sie sich durch die "Macht des
Faktischen" von der Einschätzung ihrer Patienten überzeugen lassen (vgl. Entscheid
des Versicherungsgerichts vom 27. März 2003 i/S M. [IV 2002/10]). Im vorliegenden Fall
kommt hinzu, dass den Dres. A._ und B._ bei der Beurteilung der Auswirkungen
der psychischen Beeinträchtigung auf die Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers die
arbeitsmedizinische Erfahrung des Psychiaters der MEDAS fehlte. Den behandelnden
Ärzten fehlte ausserdem die Möglichkeit der Auseinandersetzung mit den Spezialisten
verschiedener Fachrichtungen. Die psychiatrische Exploration kann von der Natur der
Sache her nicht ermessensfrei erfolgen. Sie eröffnet dem begutachtenden Psychiater
daher praktisch immer einen gewissen Spielraum, innerhalb dessen verschiedene
medizinisch-psychiatrische Interpretationen möglich, zulässig und zu respektieren sind,
sofern der Experte lege artis vorgegangen ist. Daher und unter Beachtung der
Divergenz von medizinischem Behandlungs- und Abklärungsauftrag (BGE 124 I 175
Erw. 4; Urteil des EVG i/S P. vom 13. Juni 2001 [I 506/00]) kann es nicht angehen, eine
medizinische Administrativ- oder Gerichtsexpertise stets dann in Frage zu stellen und
zum Anlass weiterer Abklärungen zu nehmen, wenn die behandelnden Ärzte nachher
zu unterschiedlichen Einschätzungen gelangen oder an solchen vorgängig geäusserten
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
abweichenden Auffassungen festhalten. Anders verhält es sich hingegen, wenn die
behandelnden Ärzte objektiv feststellbare Gesichtspunkte vorbringen, welche im
Rahmen der psychiatrischen Begutachtung unerkannt geblieben und die geeignet sind,
zu einer abweichenden Beurteilung zu führen (Urteil des EVG vom 13. März 2006 i/S G.
[I 676/05] Erw. 2.4). Der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers macht geltend, das
psychiatrische Konsilium gemäss MEDAS-Gutachten sei in sich widersprüchlich und
deshalb nur bedingt aussagekräftig; im Minimum aber lasse sich daraus lediglich eine
Arbeitsfähigkeit von maximal 70% ableiten (act. G 1 S. 6). Dazu ist festzuhalten, dass
der Psychiater Dr. G._ in seiner Funktion als MEDAS-Konsiliararzt ausdrücklich eine
Einschränkung der Leistung im Umfang von 20% und eine Arbeitsunfähigkeit in
gleicher Höhe bescheinigte (IV-act. 38-40/41). Wenn er festhielt, dass eine Präsenzzeit
von 90-100% mit vermehrten Pausen möglich sei, so brachte er damit lediglich zum
Ausdruck, innerhalb welcher Präsenzzeit die Arbeitsfähigkeit von 80% verwertet
werden kann; eine über 20% hinausgehende Arbeitsunfähigkeit resultiert daraus nicht.
Eine Widersprüchlichkeit ist nicht ersichtlich.
1.4 Aus den dargelegten Gründen vermag die Arbeitsfähigkeitsschätzung der MEDAS
mehr zu überzeugen als diejenige der Dres. B._ und A._. Auch dem
Abklärungsbericht Verzahnungsprogramm lässt sich im Ergebnis nichts anderes
entnehmen. Dort wurde - im Sinn der späteren Bestätigung von Dr. A._ (IV-act. 54) -
ein Pensum von 50% als medizinisch zumutbar bezeichnet und im Wesentlichen
festgehalten, dass der Beschwerdeführer mindestens alle zwei Stunden wechselnde
Tätigkeiten benötigt, diese Tätigkeiten sehr rückenschonend sein müssten und kein
Tragen von Gewichten über 10kg beinhalten dürften (IV-act. 21-3/7). Die
Beschwerdegegnerin ging insgesamt zu Recht von einem Arbeitsfähigkeitsgrad von
80% aus.
1.5 Konkret sind die Verhältnisse bis zum Erlass des angefochtenen Entscheids
(27. November 2006) zu prüfen (BGE 121 V 362 Erw. 1b). Im Gutachten vom 19.
Februar 2007 hielt der Psychiater Dr. C._ unter anderem fest, nach Angaben des
Beschwerdeführers habe sich sein Zustand in den letzten Monaten aus psychiatrischer
Sicht zusätzlich verschlechtert. Es sei die Diagnose von rezidivierenden depressiven
Störungen, gegenwärtig mittelgradige Episode mit somatischen Symptomen, zu
stellen. Der Verlust der Tagesstruktur, die prekäre psychosoziale Situation,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
insbesondere die depressive Erkrankung der Ehefrau, Statusverlust, Existenzängste,
Schmerzzunahme und zum Teil schmerzbedingte Schlafstörungen hätten trotz
regelmässiger psychiatrischer Behandlung offensichtlich zur weiteren Verschlechterung
des Zustandes des Beschwerdeführers geführt. Die Zunahme der psychischen
Probleme habe auch zunehmend die Arbeitsfähigkeit beeinträchtigt. Gegenwärtig
schätze er die Arbeitsunfähigkeit aus psychiatrischer Sicht um ca. 50% vermindert (act.
G 5.1 S. 2). Mit Blick auf diese Ausführungen bestehen Anhaltspunkte, dass sich die
gesundheitlichen (psychischen) Verhältnisse beim Beschwerdeführer im Nachgang zum
MEDAS-Gutachten und zum angefochtenen Entscheid verschlechtert haben. Diese
Umstände können jedoch in das vorliegende Verfahren aufgrund der erwähnten
zeitlichen Prüfungsgrenze nicht einbezogen werden. Der Beschwerdeführer hat die
Möglichkeit, bei der Beschwerdegegnerin allenfalls ein entsprechendes Gesuch um
Neuprüfung der Angelegenheit einzureichen (vgl. Art. 17 Abs. 1 ATSG).
2.
2.1 Das Valideneinkommen 2006 von Fr. 64'717.-- legte die Beschwerdegegnerin
gestützt auf die Angaben der H._ fest, welche für 2004 den Lohn ohne
Gesundheitsschaden mit Fr. 63'505.-- (13x Fr. 4'885.--) bezifferte (IV-act. 5, 41-1/2).
Von diesem Betrag ist nachstehend auszugehen. Einig sind sich die Parteien
grundsätzlich, dass das zumutbare Invalideneinkommen anhand der
Lohnstrukturerhebung (LSE) des Bundesamtes für Statistik zu ermitteln und dabei auf
Tabelle 1 (Privater Sektor) Niveau 4 (einfache und repetitive Tätigkeiten) abzustellen ist.
Zugrunde zu legen sind - wie beim Valideneinkommen - die Zahlen des Jahres 2006
bzw. diejenigen im Zeitpunkt der Prüfung des Rentenanspruchs (vgl. BGE 128 V 174).
Massgebend sind dabei die gesamtschweizerischen Werte und nicht diejenigen der
Grossregion (vgl. SVR-UV 2007 Nr. 17, 56 Erw. 8.1-8.5). Der Beschwerdeführer ist zwar
auf leichte Hilfsarbeiten beschränkt, aber er wäre in der Lage, seine
Restarbeitsfähigkeit in vielen Branchen zu verwerten, sowohl im Sektor Produktion als
auch im Sektor Dienstleistungen. Auszugehen ist deshalb vom allgemeinen
Durchschnittslohn aller Branchen gemäss LSE 2006 TA 1 Niveau 4 von Fr. 56'784.--
(12 x Fr. 4'732.--). Unter Berücksichtigung einer wöchentlichen Arbeitszeit von 41.7
Stunden und einer zumutbaren Arbeitsfähigkeit von 80% resultiert ein Wert von Fr.
47'358.--.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.2 Nach der Rechtsprechung ist ein Abzug vom Invalideneinkommen gerechtfertigt,
wenn im Einzelfall Anhaltspunkte dafür bestehen, dass eine versicherte Person, die
gesundheitsbedingt lediglich noch leichtere Hilfsarbeiten ausführen kann, ihre
Restarbeitsfähigkeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt nur mit unterdurchschnittlichem
erwerblichem Erfolg zu verwerten in der Lage ist. Zudem können weitere persönliche
und berufliche Merkmale (Alter, Dauer der Betriebszugehörigkeit, Nationalität oder
Aufenthaltskategorie sowie Beschäftigungsgrad) Auswirkungen auf die Lohnhöhe
haben. Hingegen ist zu beachten, dass nicht immer sämtliche Ausländer weniger
Einkommen als der Totalwert aller Schweizer und Ausländer erzielen; vielmehr können
sich je nach Aufenthaltskategorie und Anforderungsniveau weit gehende Unterschiede
ergeben, insbesondere bei Inhabern einer Niederlassungsbewilligung C, bei welchen
der Durchschnittslohn für einfache und repetitive Tätigkeiten darüber liegen kann (vgl.
BGE 126 V 75 Erw. 5a mit Hinweisen). Bei der Überprüfung des Abzuges, der eine
Schätzung darstellt und von der Verwaltung kurz zu begründen ist, darf das
Sozialversicherungsgericht sein Ermessen nicht ohne triftigen Grund an die Stelle
desjenigen der Verwaltung setzen (BGE 126 V 75 Erw. 6).
Der Beschwerdeführer besuchte sechs Jahre die Grundschule. 1976 kam er erstmals
als Saisonnier in die Schweiz und reiste 1985 definitiv ein. Von September 1999 bis Mai
2004 war er als Maurer bei der H._ tätig. Die Arbeitgeberin hatte das
Arbeitsverhältnis infolge Betriebsaufgabe gekündigt (IV-act. 1 und 5). Der
Beschwerdeführer verfügt über eine Niederlassungsbewilligung C. Er ist bei
Tätigkeiten, welche gehäufte Überkopfarbeiten, eine vorgeneigte oder abgedrehte
Haltung oder gehäuft kniende oder kauernde Positionen beinhalten, eingeschränkt und
kann diesbezüglich nur noch leichte Arbeiten ausführen. Er verrichtete ohne
abgeschlossene berufliche Ausbildung während des ganzen Erwerbslebens manuelle
Arbeit und ist nun auch für leichte Arbeiten eingeschränkt. Diesem Umstand trägt ein
Abzug von 10% zureichend Rechnung. Die Limitierung auf ein Teilzeitpensum von 80%
rechtfertigt keinen weiteren Abzug, zumal keine Anhaltspunkte dafür bestehen, dass
der Beschwerdeführer (bei reduzierter Leistung) nicht vollzeitlich (90-100%; vgl. IV-act.
38-40/41) an einem Arbeitsplatz anwesend sein könnte (vgl. Urteil des EVG vom 18.
Juli 2005 i/S A.P.-G. [I 104/05] Erw. 3 mit Hinweisen, und vom 2. November 2007 i/S
S.A. [I 69/07] Erw. 5.2). Einem Valideneinkommen von Fr. 64'717.-- steht demgemäss
ein Invalideneinkommen von Fr. 42'622.-- gegenüber, woraus sich ein
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Erwerbsunfähigkeitsgrad von 34% errechnet. Die Beschwerdegegnerin lehnte unter
diesen Umständen den Rentenanspruch zu Recht ab.
3.
3.1 Nach Art. 8 Abs. 1 IVG haben Invalide oder von einer Invalidität unmittelbar
bedrohte Versicherte Anspruch auf Eingliederungsmassnahmen, soweit diese
notwendig und geeignet sind, die Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im
Aufgabenbereich zu betätigen, wieder herzustellen, zu erhalten oder zu verbessern.
Dabei ist die gesamte noch zu erwartende Arbeitsdauer zu berücksichtigen. Die
Eingliederungsmassnahmen bestehen unter anderem in Massnahmen beruflicher Art
(Berufsberatung, erstmalige berufliche Ausbildung, Umschulung und
Arbeitsvermittlung; Art. 8 Abs. 3 lit. b IVG).
3.2 Notwendig für die Bejahung des Anspruchs auf Arbeitsvermittlung nach Art. 18
Abs. 1 IVG sind die allgemeinen Voraussetzungen für Leistungen der IV gemäss Art. 4ff
und Art. 8 IVG, d.h. insbesondere eine leistungsspezifische Invalidität (Art. 4 Abs. 2
IVG), die im Rahmen von Art. 18 Abs. 1 Satz 1 IVG schon bei relativ geringen
gesundheitlich bedingten Schwierigkeiten in der Suche nach einer Arbeitsstelle erfüllt
ist (BGE 116 V 81 neues Fenster Erw. 6a mit Hinweis; AHI 2000 S. 69 Erw. 2b). Es
muss für die Bejahung einer Invalidität im Sinne von Art. 18 Abs. 1 Satz 1 IVG zwischen
dem Gesundheitsschaden und der Notwendigkeit der Arbeitsvermittlung ein
Kausalzusammenhang bestehen (Urteil des EVG vom 15. Juli 2002 [I 421/01; publiziert
in AHI 2003, 268ff]). Gesundheitliche Schwierigkeiten bei der Suche einer neuen
Arbeitsstelle erfüllen den leistungsspezifischen Invaliditätsbegriff, wenn die
Behinderung bleibend oder während voraussichtlich längerer Zeit Probleme bei der - in
einem umfassenden Sinn verstandenen - Stellensuche selber verursacht. Das trifft
beispielsweise zu, wenn wegen Stummheit oder mangelnder Mobilität kein
Bewerbungsgespräch möglich ist oder dem potentiellen Arbeitgeber die besonderen
Möglichkeiten und Grenzen der versicherten Person erläutert werden müssen, damit
der Behinderte überhaupt eine Chance hat, den gewünschten Arbeitsplatz zu erhalten.
Zur Arbeitsvermittlung nach Art. 18 Abs. 1 Satz 1 IVG ist im Weiteren berechtigt, wer
aus invaliditätsbedingten Gründen spezielle Anforderungen an den Arbeitsplatz (z.B.
Sehhilfen) oder den Arbeitgeber (z.B. Toleranz gegenüber invaliditätsbedingt
http://relevancy.bger.ch/aza/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&sort=relevance&from_date=&to_date=&subcollection=&query_words=i+240%2F02&rank=0&highlight_docid=atf%3A%2F%2F116-V-80&number_of_ranks=0#page81
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
notwendigen Ruhepausen) stellen muss und demzufolge aus invaliditätsbedingten
Gründen für das Finden einer Stelle auf das Fachwissen und entsprechende Hilfe der
Vermittlungsbehörden angewiesen ist. Bei der Frage der Anspruchsberechtigung nicht
zu berücksichtigen sind demgegenüber invaliditätsfremde Probleme bei der
Stellensuche, wie etwa Sprachschwierigkeiten (im Sinne fehlender Kenntnisse der
Landessprache) oder fehlende berufliche Ausbildung (zum Ganzen: AHI 2003, 269f
Erw. 2c mit Hinweisen). Vorausgesetzt für den Anspruch auf Arbeitsvermittlung ist
sodann, dass die versicherte Person objektiv und subjektiv eingliederungsfähig ist (vgl.
mit weiteren Hinweisen Urteil des EVG vom 24. März 2006 [I 427/05], Erw. 4.1.1).
3.3 Beim Beschwerdeführer liegt eine durch den psychiatrischen Befund
eingeschränkte Arbeitsfähigkeit von 80% vor, und die MEDAS-Ärzte bejahten eine
raschmöglichste Wiedereingliederung in eine adaptierte Arbeitsstelle mit Hilfe der IV
(IV-act. 38-23/41). Bereits im Bericht vom 5. April 2005 hatte die Rheumatologin Dr.
med. I._ berufliche Massnahmen der IV empfohlen (IV-act. 20-3/3). Hingegen lag die
subjektive Eingliederungsbereitschaft im Zeitpunkt der Verfügung vom 9. Juni 2006
insofern nicht vor, als der Beschwerdeführer die Zuteilung in ein ALV-Einsatzprogramm
(50%) mit der Begründung ablehnte, er fühle sich dazu physisch und psychisch nicht in
der Lage (IV-act. 41-1/2). Letzteres blieb von Seiten des Beschwerdeführers
unbestritten, weshalb sich ein Beizug der diesbezüglichen ALV-Akten erübrigt.
Anhaltspunkte dafür, dass sich die subjektive Bereitschaft bis zum Erlass des
angefochtenen Entscheids (27. November 2006) geändert hätte, sind aus den Akten
nicht ersichtlich und werden auch nicht geltend gemacht. Vielmehr lässt der
Beschwerdeführer in diesem Verfahren mit Wirkung ab September 2005 die
Ausrichtung einer ganzen Rente beantragen. Die Beschwerdegegnerin lehnte unter
diesen Umständen den Anspruch auf Arbeitsvermittlung zu Recht ab. Die Formulierung
in der Verfügung vom 9. Juni 2006, dass eine Arbeitsvermittlung zur Zeit nicht möglich
sei (IV-act. 46), zeigt im Übrigen, dass es sich bei dieser Leistungsablehnung um eine
Momentaufnahme handelt, welche eine spätere Anmeldung zur Arbeitsvermittlung
nicht ausschliesst.
4.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Im Sinn der vorstehenden Erwägungen ist die Beschwerde unter Bestätigung des
Einspracheentscheids vom 27. November 2006 abzuweisen. Gerichtskosten sind keine
zu erheben (Art. 61 lit. a ATSG i.V.m. lit. b der Schlussbestimmungen des IVG zur
Änderung vom 16. Dezember 2005).
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 53 GerG