Decision ID: e10b9bc0-38f0-5338-962e-2911f83cf7a1
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer suchte erstmals am 18. August 1998 in der Schweiz
um Asyl nach. Mit Verfügung vom 8. Juni 2000 stellte das Bundesamt für
Flüchtlinge (BFF, heute SEM) fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flücht-
lingseigenschaft nicht, wies das Asylgesuch ab, verfügte die Wegweisung
aus der Schweiz und ordnete den Vollzug der Wegweisung an. Eine hier-
gegen am 14. Juni 2000 eingereichte Beschwerde wies die Asylrekurskom-
mission (heute Bundesverwaltungsgericht) mit Urteil vom 28. Januar 2002
ab. Mit Verfügung vom 20. November 2002 wies das BFF ein am 4. No-
vember 2002 eingereichtes Wiedererwägungsgesuch ab. Aufgrund der
Nichtbezahlung eines Kostenvorschusses trat die Asylrekurskommission
mit Urteil vom 12. Februar 2003 auf eine hiergegen eingereichte Be-
schwerde nicht ein. Mit Verfügung vom 27. Januar 2005 bestätigte das
Bundesamt für Migration (BFM, heute SEM) die Verfügung vom 8. Juni
2000, hob die Ziffer 4 (territoriale Einschränkung des Vollzugs der Wegwei-
sung) des Dispositivs der Verfügung vom 8. Juni 2000 infolge Gegen-
standslosigkeit (Verbesserung der Lage vor Ort) auf und setzte eine neue
Ausreisefrist an. Mit Verfügung vom 17. November 2006 hiess das BFM
ein Wiedererwägungsgesuch des Beschwerdeführers vom 8. November
2006 gut, hob den Vollzug der Wegweisung auf und ordnete die vorläufige
Aufnahme an. Am 4. Februar 2013 verliess der Beschwerdeführer die
Schweiz im Rahmen eines Rückkehrhilfeprogramms freiwillig und erhielt
eine finanzielle Rückkehrhilfe für die Eröffnung einer (...) in seiner Heimat.
B.
Der Beschwerdeführer suchte am 20. November 2018 in der Schweiz er-
neut um Asyl nach. Am 29. November 2018 fand die Befragung zur Person
und am 13. Dezember 2018 die Anhörung statt. Hierbei machte er geltend,
nachdem er, seine Frau und sein Sohn aus der Schweiz in den Irak zurück-
gekehrt seien, habe er zunächst in B._ ein (...) eröffnet, bevor er
ab (...) am Hauptsitz C._ sowie im (...) gearbeitet habe, wo er wei-
terhin angestellt sei. Er sei zusammen mit drei anderen geheim und per-
sönlich von C._ mit regulärem Lohn angestellt worden. Zwei seiner
Arbeitskollegen vom (...) seien neidisch auf ihn gewesen. Während seiner
Abwesenheit hätten diese wahrscheinlich falsche Anschuldigungen gegen
ihn erhoben. Er vermute, dass sie irgendetwas manipuliert hätten, weshalb
man ihn nun in der Heimat der Veruntreuung und des Diebstahls beschul-
dige. Deshalb sei bei ihm eine Hausdurchsuchung durchgeführt worden,
wie er per Telefon von seiner Frau erfahren habe.
E-2283/2019
Seite 3
C.
Mit Verfügung vom 10. April 2019 stellte das SEM fest, der Beschwerde-
führer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte das Asylgesuch ab,
verfügte die Wegweisung aus der Schweiz und ordnete deren Vollzug an.
D.
Mit Eingabe vom 13. Mai 2019 reichte der Beschwerdeführer beim Bun-
desverwaltungsgericht Beschwerde ein und beantragte, es sei die ange-
fochtene Verfügung aufzuheben, die Flüchtlingseigenschaft anzuerkennen
und Asyl zu gewähren. Eventualiter sei die Sache an die Vorinstanz zu-
rückzuweisen. Subeventualiter sei die vorläufige Aufnahme anzuordnen. In
prozessualer Hinsicht sei die unentgeltliche Rechtspflege zu gewähren, auf
die Erhebung eines Kostenvorschusses zu verzichten und ein unentgeltli-
cher Rechtsbeistand in der Person der Unterzeichneten zu bestellen.
E.
Mit Zwischenverfügung vom 22. Mai 2019 stellte der Instruktionsrichter
fest, der Beschwerdeführer könne den Ausgang des Verfahrens einstwei-
len in der Schweiz abwarten, hiess die Gesuche um Erlass der Prozess-
kosten gut und setzte die Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers als
amtliche Rechtsbeiständin ein. Gleichzeitig lud er das SEM zur Vernehm-
lassung ein, das der Aufforderung mit Eingabe vom 29. Mai 2019 nachkam.
Nach einer Fristerstreckung replizierte der Beschwerdeführer mit Eingabe
vom 10. Juli 2019.
F.
Am 18. April 2019 suchte die Frau des Beschwerdeführers zusammen mit
den gemeinsamen Kindern in der Schweiz erneut um Asyl nach. Mit Ver-
fügung vom 5. Mai 2021 stellte das SEM fest, diese erfüllten die Flücht-
lingseigenschaft nicht, lehnte die Asylgesuche ab, verfügte die Wegwei-
sung aus der Schweiz und ordnete deren Vollzug an. Mit Eingabe vom
4. Juni 2021 reichten sie hiergegen beim Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerde ein (E-2654/2021).
E-2283/2019
Seite 4

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Am 1. März 2019 ist die Teilrevision (AS 2016 3101) des Asylgesetzes
vom 26. Juni 1998 (AsylG, SR 142.31) in Kraft getreten. Für das vorlie-
gende Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbe-
stimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015).
1.2 Am 1. Januar 2019 wurde das Ausländergesetz vom 16. Dezember
2005 (AuG, SR 142.20) teilrevidiert (AS 2018 3171) und in Ausländer- und
Integrationsgesetz (AIG) umbenannt. Die vorliegend anzuwendenden
Gesetzesartikel (Art. 83 Abs. 1–7 und Art. 84) sind unverändert vom AuG
ins AIG übernommen worden.
2.
Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung
von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und
entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend
– endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG, Art. 105 AsylG). Der Beschwerde-
führer ist als Verfügungsadressat zur Beschwerdeführung legitimiert
(Art. 48 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist
einzutreten (aArt. 108 Abs. 1 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
3.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
4.
Aufgrund des engen sachlichen und persönlichen Zusammenhangs ist das
vorliegende Verfahren mit dem Beschwerdeverfahren E-2654/2021 (Frau
und Kinder des Beschwerdeführers) koordiniert zu behandeln.
5.
5.1 Der Beschwerdeführer rügt in formeller Hinsicht, der Sachverhalt sei
fehlerhaft festgestellt worden, indem namentlich seine Tätigkeit basierend
auf seinem Anstellungsvertrag beim (...) in einem Satz zusammengefasst
worden sei, wobei der tatsächliche Hintergrund dieser Anstellung und die
damals nicht rechtmässig erhaltene Peschmerga-Rente weder erwähnt
noch gewürdigt worden seien und es entstehe der Eindruck, als sei er dort
einer normalen Tätigkeit nachgegangen. Die Vorinstanz habe es zudem
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unerwähnt gelassen, dass es sich bei der Peschmerga-Rente um Zahlun-
gen für geheime Dienste oder Schweigen gehandelt habe. Im Übrigen be-
ziehe sich die angefochtene Verfügung auf das falsche Asylgesuch aus
dem Jahre 1998.
Diese formellen Rügen sind vorab zu prüfen, da sie zu einer Kassation der
angefochtenen Verfügung führen können.
5.2 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches
Gehör. Mit dem Gehörsanspruch korreliert die Pflicht der Behörden, die
Vorbringen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und in ihrer Entscheid-
findung angemessen zu berücksichtigen. Nicht erforderlich ist, dass sich
die Begründung mit allen Parteistandpunkten einlässlich auseinandersetzt
und jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich widerlegt (vgl. BGE 143 III 65
E. 5.2).
Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sach-
verhalts in Verletzung der behördlichen Untersuchungspflicht bildet einen
Beschwerdegrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Unrichtig ist die Sachver-
haltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidriger Sach-
verhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch gewürdigt worden sind;
unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Entscheid rechtswesentlichen
Sachumstände berücksichtigt werden (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwal-
tungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes; 3. Aufl. 2013,
Rz. 1043).
5.3 Eine unvollständige oder unrichtige Feststellung des Sachverhalts ist
nicht feststellbar. Sofern mit den Ausführungen sinngemäss auch eine Ver-
letzung der Begründungspflicht gerügt wird, weil sich die Vorinstanz nicht
genügend mit den vorgebrachten Tatsachen auseinandergesetzt haben
soll, geht auch diese Rüge fehl. Es trifft zwar zu, dass sich die Vorinstanz
in der angefochtenen Verfügung nicht mit jeder Angabe des Beschwerde-
führers einzeln auseinandergesetzt hat. Hierzu war sie auch nicht gehal-
ten. Die Verfügung beinhaltet eine genügend ausführliche Darstellung des
Sachverhalts. Aus der Verfügung wird ersichtlich, von welchen Kriterien
sich die Vorinstanz leiten liess und weshalb sie zum vorliegenden Ergebnis
gelangte. Die Verfügung konnte zudem sachgerecht angefochten werden.
Im Übrigen liegt alleine darin, dass die Vorinstanz aus sachlichen Gründen
zu einer anderen Würdigung der Gesuchvorbringen gelangt, als vom Be-
schwerdeführer erwartet, weder eine Verletzung der Untersuchungspflicht
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Seite 6
noch eine fehlerhafte Sachverhaltsfeststellung. Schliesslich ist dem Be-
schwerdeführer zwar darin beizupflichten, dass auf der ersten Seite der
angefochtenen Verfügung fälschlicherweise Bezug auf sein erstes Asylge-
such aus dem Jahre 1998 genommen wird. Hierbei handelt es sich jedoch
lediglich um einen unbeachtlichen Kanzleifehler, führte die Vorinstanz doch
im nachfolgenden Sachverhalt das Datum des zweiten Asylgesuchs kor-
rekt auf (angefochtene Verfügung S. 2) und ist dem Beschwerdeführer hie-
raus kein Nachteil erwachsen.
5.4 Die formellen Rügen erweisen sich insgesamt als unbegründet. Es be-
steht folglich kein Anlass zur Rückweisung der Sache an die Vorinstanz
aufgrund formeller Mängel.
6.
6.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden. Als
ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Le-
bens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psy-
chischen Druck bewirken (vgl. Art. 3 AsylG).
6.2 Die Flüchtlingseigenschaft muss nachweisen oder zumindest glaubhaft
machen, wer um Asyl nachsucht (Art. 7 Abs. 1 AsylG). Gleiches gilt für die
Person, die subjektive Nachfluchtgründe geltend macht. Glaubhaft ge-
macht ist die Flüchtlingseigenschaft, wenn die Behörde ihr Vorhandensein
mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für gegeben hält. Unglaubhaft sind
insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet
oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder
massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt wer-
den (Art. 7 Abs. 2 und 3 AsylG). Das Bundesverwaltungsgericht hat die An-
forderungen an das Glaubhaftmachen der Vorbringen in einem publizierten
Entscheid dargelegt und folgt dabei ständiger Praxis. Darauf kann hier ver-
wiesen werden (BVGE 2015/3 E. 6.5.1, m.w.H.).
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Seite 7
7.
7.1 Die Vorinstanz kommt in der angefochtenen Verfügung zum Schluss,
die Asylvorbringen des Beschwerdeführers seien weder glaubhaft noch
asylrelevant. Seinen Ausführungen sei kein asylrelevantes Motiv zu ent-
nehmen, habe es sich bei den Arbeitskollegen, die ihn der Veruntreuung
und des Diebstahls bezichtigt hätten, doch um Neid gehandelt, womit ein
hierauf basierendes Strafverfahren zur Untersuchung eines gemeinrechtli-
chen Delikts keine Asylrelevanz zu entfalten vermöge und hierin auch kein
Politmalus zu erkennen sei. In der Autonomen Region Kurdistan (ARK) be-
stehe zudem eine funktionierende Schutzinfrastruktur, wo er sich bei Be-
darf an die zuständigen Behörden wenden könne. Ferner würden seine
Ausführungen in keiner Art und Weise den Anforderungen an das Glaub-
haftmachen standhalten.
7.2 Hiergegen wendet der Beschwerdeführer in der Beschwerde ein, er sei
legal ausgereist, um seinem Bruder eine Niere zu spenden. Erst nach sei-
ner Ausreise habe er erfahren, dass an seinem Arbeitsplatz falsche An-
schuldigungen gegen ihn erhoben worden seien. Zu Beginn habe es sich
zwar tatsächlich um eine Eifersuchtskonstellation zwischen ihm und seinen
Arbeitskollegen gehandelt, hieraus habe sich aber eine asylrelevante Ver-
folgungssituation ergeben. Aufgrund der Anschuldigungen sei es insbeson-
dere zu einem massiven Verlust seiner Vertrauensposition gekommen. Zu-
dem sei er Träger geheimer Informationen. Die durch Geheimdienstmitar-
beiter in Zivil durchgeführte Hausdurchsuchung könne nicht als rechts-
staatliches Handeln bezeichnet werden und es bestehe auch keine Schutz-
infrastruktur, da der Geheimdienst involviert sei. Was die Glaubhaftigkeit
anbelange, sei die Peschmerga-Rente inzwischen eingestellt worden und
habe er seine Anstellung im (...) – die keine normale Anstellung gewesen
sei – inzwischen mit Sicherheit verloren.
7.3 Die Vorinstanz führt in ihrer Vernehmlassung aus, die Ausführungen in
der Beschwerde seien nicht geeignet, an der Einschätzung in der ange-
fochtenen Verfügung etwas zu ändern. Im Übrigen habe seine Frau die
Hausdurchsuchungen völlig anders dargelegt. Insbesondere habe der Be-
schwerdeführer in Widerspruch hierzu erklärt, seine Frau habe ihm am Te-
lefon von einer einmaligen Hausdurchsuchung nach Bargeld durch den
Geheimdienst berichtet.
7.4 Hiergegen wendet der Beschwerdeführer in seiner Replik insbeson-
dere ein, es könne nicht auf die Unglaubhaftigkeit seiner Vorbringen ge-
schlossen werden, wenn seine Frau von seinen Problemen bei der Arbeit
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Seite 8
und den Gründen, weshalb er nicht in den Irak zurückgekehrt sei, nichts
wisse. Er habe sich lediglich auf die Aussagen seiner Frau gestützt, von
der er alles erfahren habe.
8.
8.1 Nach Prüfung der Akten durch das Gericht ist in Übereinstimmung mit
der Vorinstanz festzustellen, dass die Vorbringen des Beschwerdeführers
weder den Anforderungen an die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3
AsylG noch denjenigen an das Glaubhaftmachen gemäss Art. 7 AsylG
standzuhalten vermögen, weshalb vorab auf die zutreffenden Erwägungen
der Vorinstanz zu verweisen ist.
Der Beschwerdeführer arbeitete seit (...) bis zu seiner Ausreise im (...) in
einem vertraglich festgehaltenen Anstellungsverhältnis mit regelmässiger
Lohnzahlung; das Anstellungsverhältnis ist mit dem eingereichten Anstel-
lungsbeschluss vom (...) belegt, eine Kündigung liegt dem Gericht nicht
vor (vgl. SEM-Akten A1 Nr. 4). Seine Arbeit will der Beschwerdeführer zur
Zufriedenheit seiner Vorgesetzten ausgeführt haben. Im (...) reiste er legal
aus dem Irak aus, um seinem Bruder in der Schweiz eine Niere zu spen-
den, was schliesslich nicht geschehen ist (vgl. Beschwerde S. 2). Während
seiner Landesabwesenheit sollen nun zwei Arbeitskollegen aus Neid und
wider besseres Wissen dem Beschwerdeführer Veruntreuung und Dieb-
stahl unterstellt sowie entsprechende Manipulationen vorgenommen ha-
ben, weshalb dessen Haus im (...) einmal durchsucht worden sein soll;
hiernach soll nichts mehr vorgefallen sein (vgl. z. B. SEM-Akten A11 F64).
Zunächst ist hierzu zusammen mit der Vorinstanz festzustellen, dass in der
ARK für solche Konstellationen eine funktionierende Schutzinfrastruktur
besteht und sich der Beschwerdeführer – bei Bedarf – an die zuständigen
Behörden vor Ort wenden kann, was er noch nicht getan hat. Sein Vorbrin-
gen vermag – auch wenn, wie auf Beschwerdeebene betont, die Tätigkei-
ten eine gewisse Nähe zur Regierung gehabt haben sowie mit einer gewis-
sen Geheimhaltungspflicht verbunden gewesen sein mögen oder die Pe-
schmerga-Rente illegal ausgezahlt worden ist – keine Asylrelevanz zu ent-
falten. Hinzu kommt, dass der Beschwerdeführer ausschliesslich per Tele-
fon über die Geschehnisse informiert wurde. Vorbringen, die sich lediglich
auf Informationen Dritter stützen, genügen auch nicht den Anforderungen
an eine Verfolgung im asylrechtlichen Sinne (vgl. Urteile des BVGer D-
6056/2016 vom 19. Januar 2018 E. 5.2, E-801/2015 vom 6. Oktober 2017
E. 3.7, E-4329/2006 vom 17. Oktober 2011 E. 4.4). Zudem hinterlassen die
protokollierten Vorbringen gesamthaft einen unsubstanziierten und stereo-
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typen Eindruck; ihnen ist auch aus diesem Grund die Glaubhaftigkeit ab-
zusprechen. So erschöpfen sich die Ausführungen sowohl in den Befra-
gungen als auch auf Beschwerdeebene in oberflächlichen Vermutungen
(vgl. z. B. SEM-Akten A8 Ziff. 7.01 insb. dritte Frage und A11 F60) und
vermögen die angeblich missglückten Klärungsversuche mit dem Vorge-
setzten ebenfalls nicht zu überzeugen (vgl. SEM-Akten A11 F77).
Die Rechtsmitteleingabe ist nicht geeignet, zu einer anderen Einschätzung
zu gelangen, da sie lediglich an der Glaubhaftigkeit der gemachten Aussa-
gen festhält, indem sie entweder das bereits bei den Befragungen Darge-
legte wiederholt, die von der Vorinstanz aufgeführten Ungereimtheiten
nicht nachvollziehbar zu erklären vermag oder sich in weiteren Mutmas-
sungen erschöpft.
8.2 Zusammenfassend ist festzustellen, dass es dem Beschwerdeführer
nicht gelungen ist, einen glaubhaften beziehungsweise flüchtlingsrechtlich
bedeutsamen Sachverhalt darzulegen. Die Feststellung der Vorinstanz,
dieser erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, ist dementsprechend zu be-
stätigen. Die Vorinstanz hat das Asylgesuch zu Recht abgelehnt.
9.
Gemäss Art. 44 AsylG verfügt das SEM in der Regel die Wegweisung aus
der Schweiz, wenn es das Asylgesuch ablehnt oder darauf nicht eintritt.
Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche Aufent-
haltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer solchen (vgl.
BVGE 2009/50 E. 9). Die Wegweisung wurde zu Recht angeordnet.
10.
10.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, regelt das Staatssekretariat das Anwesenheitsverhältnis
nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme
(Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG). Beim Geltendmachen von Wegwei-
sungsvollzugshindernissen gilt gemäss Praxis des Bundesverwaltungsge-
richts der gleiche Beweisstandard wie bei der Prüfung der Flüchtlingsei-
genschaft; das heisst, sie sind wenigstens glaubhaft zu machen (vgl.
BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
10.2 Nach Art. 83 Abs. 3 AIG ist der Vollzug nicht zulässig, wenn völker-
rechtliche Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin
oder des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat ent-
gegenstehen. Da der Beschwerdeführer die Flüchtlingseigenschaft nicht
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erfüllt, ist das flüchtlingsrechtliche Rückschiebungsverbot von Art. 33
Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der
Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) und Art. 5 AsylG nicht anwendbar. Die Zu-
lässigkeit des Vollzuges beurteilt sich vielmehr nach den allgemeinen ver-
fassungs- und völkerrechtlichen Bestimmungen (Art. 25 Abs. 3 BV; Art. 3
des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere
grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe
[FoK, SR 0.105]; Art. 3 EMRK).
Weder aus den Akten noch aus der Beschwerde ergeben sich konkrete
Anhaltspunkte dafür, dass der Beschwerdeführer für den Fall einer Aus-
schaffung in den Irak dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit einer nach
Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung ausge-
setzt wäre. Der Vollzug der Wegweisung ist zulässig.
10.3
10.3.1 Der Vollzug der Wegweisung kann nach Art. 83 Abs. 4 AIG unzu-
mutbar sein, wenn der Ausländer oder die Ausländerin im Heimat- oder
Herkunftsstaat auf Grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemei-
ner Gewalt und medizinischer Notlage konkret gefährdet ist.
10.3.2 Die Vorinstanz stellt im Wesentlichen fest, die Konfliktlage im Irak
zeichne sich durch grosse Dynamik und Volatilität aus, womit allgemeine
Aussagen über die Sicherheits- und Menschenrechtslage rasch ihre Gül-
tigkeit verlieren könnten. Trotz grosser Flüchtlingswelle in die ARK sei die
Sicherheits- und Versorgungslage für Einheimische nicht derart gravie-
rend, dass generell von einer konkreten Gefährdung im Sinne von Art. 83
Abs. 4 AIG gesprochen werden könne. Die Lage in den angrenzenden Dis-
trikten in den Provinzen Ninawa, Salah ad-Din und Diyala habe sich zudem
dahingehend wesentlich verändert, dass der Krieg gegen die Terrormiliz
Islamischer Staat als Territorialmacht von der irakischen Regierung als be-
endet erklärt worden sei. Auch wenn nach wie vor das Risiko von terroris-
tischen Anschlägen bestehe und sich die wirtschaftliche Lage im Nachgang
des Unabhängigkeitsreferendums vom 25. September 2017 sowie auf-
grund der Ereignisse in der Region verschärft und teilweise zu Protesten
in der Bevölkerung geführt habe, herrsche in der Autonomen Region Kur-
distan keine Situation allgemeiner Gewalt. Der Wegweisungsvollzug sei
deshalb grundsätzlich zumutbar, was im Einklang mit der aktuellen Weg-
weisungspraxis des Bundesverwaltungsgerichts stehe. Zudem würden im
vorliegenden Fall auch keine individuellen Gründe gegen die Zumutbarkeit
des Wegweisungsvollzugs sprechen.
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Seite 11
10.3.3 Diese Ausführungen sind nicht zu beanstanden. So hat sich das
Bundesverwaltungsgericht im Urteil BVGE 2008/5 einlässlich mit der Frage
der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs in die drei damaligen kurdi-
schen Provinzen des Nordiraks (Dohuk, Erbil und Suleimania) auseinan-
dergesetzt. Es hielt diesbezüglich fest, dass sich sowohl die Sicherheits-
als auch die Menschenrechtslage in dieser Region im Verhältnis zum rest-
lichen Irak relativ gut darstelle. Gestützt auf die vorgenommene Lageana-
lyse kam das Bundesverwaltungsgericht zum Schluss, dass ein Wegwei-
sungsvollzug in die kurdischen Provinzen dann zumutbar ist, wenn die be-
treffende Person ursprünglich aus der Region stammt, oder eine längere
Zeit dort gelebt hat und über ein soziales Netz (Familie, Verwandtschaft
oder Bekanntenkreis) oder aber über Beziehungen zu den herrschenden
Parteien verfügt, wobei bei alleinstehenden Frauen, Familien mit Kindern,
Kranken sowie Betagten grosse Zurückhaltung angebracht sei (vgl. BVGE
2008/5 E. 7.5, insb. E. 7.5.1 und 7.5.8).
Diese Praxis wurde in den folgenden Jahren durch das Bundesverwal-
tungsgericht bekräftigt. Im Referenzurteil E-3737/2015 vom 14. Dezember
2015 wurde die Lage im Nordirak und die Zumutbarkeitspraxis neuerlich
überprüft. Festgestellt wurde, dass in den Provinzen der ARK aktuell nach
wie vor nicht von einer Situation allgemeiner Gewalt im Sinne von Art. 83
Abs. 4 AIG auszugehen ist. An dieser Einschätzung, welche jeweils auf die
aktuell herrschende Lage fokussiert, ändert auch das am 25. Septem-
ber 2017 in der ARK durchgeführte Referendum nichts, in dem offenbar
eine Mehrheit der Kurden für die Unabhängigkeit vom Irak votierte. Den
begünstigenden individuellen Faktoren – insbesondere denjenigen eines
tragfähigen familiären Beziehungsnetzes – ist angesichts der Belastung
der behördlichen Infrastrukturen durch im Irak intern Vertriebene (Internally
Displaced Persons [IDPs]) gleichwohl ein besonderes Gewicht beizumes-
sen (vgl. dazu statt vieler Urteil des BVGer E-1524/2020 vom 28. Mai 2020
E.6.4.2).
Der Beschwerdeführer hat langjährige Berufserfahrung in verschiedenen
Bereichen und stammt aus B._, wohin er im Rahmen seines ersten
Asylverfahrens im (...) freiwillig zurückkehren und wo er bis zu seiner letz-
ten Ausreise im (...) arbeiten und mit seiner Familie leben konnte. Bereits
anlässlich seiner letzten Rückkehr gelang ihm offensichtlich erfolgreich die
berufliche Reintegration. In B._ leben seine Geschwister (vier Brü-
der und zwei Schwestern), auf deren Hilfe (auch finanzieller Natur) er be-
reits zurückgreifen konnte und – sofern notwendig – bei einer Reintegration
zurückgreifen kann; sein Vater lebt in einem grossen Haus in D._
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Seite 12
(vgl. SEM-Akten A9 Ziff. 3.01, Ziff. 5.01 f. und A11 F22 ff.). Zudem hat er
bereits finanzielle Unterstützung im Rahmen seiner letzten Rückkehr zur
Eröffnung einer (...) erhalten, die noch nicht eröffnet wurde. Die genannten
begünstigenden Faktoren sprechen für die Zumutbarkeit des Wegwei-
sungsvollzugs. Im Übrigen leidet der Beschwerdeführer den Akten zufolge
an keinen gesundheitlichen Problemen, die einem Wegweisungsvollzug
entgegenstehen könnten. Insgesamt ist nicht davon auszugehen, dass er
bei einer Rückkehr nach B._ aufgrund der allgemeinen Situation
oder aus individuellen Gründen wirtschaftlicher, sozialer oder gesundheit-
licher Natur in eine existenzbedrohende Lage geraten würde. Dieser
Schlussfolgerung wird auf Beschwerdeebene nichts Stichhaltiges entge-
gengestellt. Die Frage, ob der Beschwerdeführer die Peschmerga-Rente
tatsächlich nicht mehr erhält, kann offengelassen werden, weil er sich noch
nicht im Rentenalter befindet und ihm – wie aufgezeigt – die Wiedereinglie-
derung in den irakischen Arbeitsmarkt möglich ist. Mit Urteil gleichen Da-
tums werden die Frau des Beschwerdeführers und die gemeinsamen Kin-
der in den Irak weggewiesen, weshalb sich diesbezügliche Ausführungen
erübrigen und auf dieses zu verweisen ist (vgl. Urteil des BVGer
E-2654/2021 vom 5. August 2021 insb. E. 9.3.4).
Der Vollzug der Wegweisung erweist sich nach dem Gesagten sowohl in
genereller als auch individueller Hinsicht als zumutbar.
10.4 Nach Art. 83 Abs. 2 AIG ist der Vollzug auch als möglich zu bezeich-
nen, weil es dem Beschwerdeführer obliegt, sich die für eine Rückkehr not-
wendigen Reisedokumente bei der zuständigen Vertretung seines Heimat-
staats zu beschaffen (Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu BVGE 2008/34 E. 12).
Der Vollzug der Wegweisung ist möglich.
10.5 Die Vorinstanz hat den Vollzug demnach zu Recht als zulässig, zu-
mutbar und möglich erachtet. Damit fällt die Anordnung einer vorläufigen
Aufnahme ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG). Das Subeventualbegeh-
ren ist abzuweisen.
11.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und auch sonst nicht zu beanstanden ist
(Art. 106 AsylG). Die Beschwerde ist abzuweisen. Nach dem Gesagten be-
steht auch kein Grund zur Rückweisung der Sache an die Vorinstanz; das
entsprechende Eventualbegehren ist abzuweisen.
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Seite 13
12.
12.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Be-
schwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da ihm jedoch mit
Zwischenverfügung vom 22. Mai 2019 die unentgeltliche Rechtspflege im
Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG gewährt wurde und davon auszugehen ist,
dass er nach wie vor bedürftig ist, sind ihm keine Verfahrenskosten aufzu-
erlegen.
12.2 Mit derselben Zwischenverfügung wurde die Rechtsvertreterin des
Beschwerdeführers als amtliche Rechtsbeiständin beigeordnet, weshalb
dieser ein entsprechendes Honorar auszurichten ist. Die Rechtsvertreterin
hat keine Kostennote eingereicht. Auf entsprechende Nachforderung kann
verzichtet werden, da sich die Vertretungskosten aufgrund der Akten ab-
schätzen lassen (Art. 14 Abs. 2 des Reglements vom 21. Februar 2008
über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
[VGKE, SR 173.320.2]). Bei amtlicher Vertretung geht das Gericht in der
Regel von einem Stundenansatz von Fr. 200.‒ bis Fr. 220.‒ für Anwältin-
nen und Anwälte aus. Unter Berücksichtigung der massgebenden Berech-
nungsfaktoren (Art. 8, 9 und 11 VGKE) ist das amtliche Honorar auf
Fr. 880.– festzusetzen und der rubrizierten Rechtsvertreterin zu Lasten der
Gerichtskasse auszurichten.
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E-2283/2019
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