Decision ID: 77e69287-b694-4220-ac56-de811f15c1f5
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer reiste am (....) November 2016 in die Schweiz ein,
wo er im damaligen Empfangs- und Verfahrenszentrum (EVZ) B._
gleichentags um Asyl nachsuchte. Am 17. November 2016 wurde er zu sei-
ner Person, seinem Reiseweg und summarisch zu seinen Ausreisegrün-
den befragt (Befragung zur Person, BzP). Am 22. Dezember 2016 wurde
er vertieft zu seinen Asylgründen angehört.
B.
B.a Zur Begründung seines Asylgesuchs brachte der Beschwerdeführer im
Wesentlichen Folgendes vor:
Er sei türkischer Staatsangehöriger, ethnischer Kurde und stamme aus
C._, Provinz D._, wo er mit seinen Eltern und seinen (....)
Geschwistern aufgewachsen sei. Ein weiterer Bruder, E._, sei be-
reits vor seiner Geburt der Partiya Karkerên Kurdistanê (PKK) beigetreten
und lebe nun seit etwa zehn Jahren in der Schweiz (Anmerkung des Ge-
richts: E._ wurde am [...] 2008 unter der Verfahrensnummer [...]
in der Schweiz als Flüchtling anerkannt und es wurde ihm Asyl gewährt).
Wegen E._ sei die Familie immer wieder belästigt worden und es
sei ab (...) zu Hausdurchsuchungen gekommen, zumal sie auch selber
Sympathisanten der Halkların Demokratik Partisi (HDP) seien. Er sei mit
dem Jugendflügel der Partei in Kontakt gestanden und habe jeweils an
Protestkundgebungen und Veranstaltungen der HDP teilgenommen, Mit-
glied sei er jedoch nicht gewesen. Zwischen 2011 und 2014 habe er in
F._ gelebt und gearbeitet, wo er auch offiziell registriert gewesen
sei. In dieser Zeit habe er nur noch sporadisch – etwa vier bis fünf Mal –
an Protesten teilgenommen. Im Jahr 2014 sei er nach C._ zurück-
gekehrt, wo er im Januar 2015 ein (...) eröffnet habe; dieses habe er jedoch
nach einem halben Jahr wieder schliessen müssen, da er wegen der Teil-
nahme an Demonstrationen gesucht worden sei. Infolgedessen sei er im
Juni oder Juli 2015 nach F._ zurückgekehrt.
Am (....) 2015 sei er in F._ verhaftet worden. Nachdem er die ersten
Tage in Polizeigewahrsam verbracht habe, sei er dem Haftrichter vorge-
führt und in Untersuchungshaft genommen worden. Während dem Polizei-
gewahrsam und der Untersuchungshaft sei er mehrmals misshandelt, ge-
foltert und vergewaltigt worden. Sein in der Türkei mandatierter Rechtsver-
treter habe seine Freilassung erwirken können. Nach seiner Freilassung
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(....) 2016 habe er sich eine Identitätskarte und einen Pass ausstellen las-
sen, ohne dabei Probleme zu gewärtigen. Eines Tages – etwa anfangs o-
der Mitte September 2016 – sei er, als er auf der Strasse am Telefon Kur-
disch gesprochen habe, von Angehörigen der Ülkücü-Bewegung angegrif-
fen worden, er habe jedoch fliehen können. Er vermute, dass die Polizei
diese Gruppierung gegen ihn aufgehetzt habe. Daraufhin sei er nach Alba-
nien geflogen; infolge fehlender Hotelreservierung sei ihm jedoch die Ein-
reise verweigert worden, weshalb er nach drei Tagen in die Türkei zurück-
gekehrt sei. Aus Angst, erneut festgenommen zu werden, habe er sich nur
noch Zuhause aufgehalten. Daraufhin habe er seinen Heimatstaat am (...)
2016 mit Hilfe eines Schleppers auf dem Landweg verlassen.
Nach seiner Ausreise sei bei den Familienangehörigen in C._ und
F._ jeweils ein Mal nach ihm gesucht worden. Ein Cousin, welcher
wegen denselben Vorwürfen angeklagt und freigelassen worden sei, sei
erst kürzlich erneut verhaftet worden; gleiches sei einer Tante väterlicher-
seits widerfahren. Zudem seien 27 Kollegen von ihm anfangs Dezember
2016 festgenommen worden. Die Kurdinnen und Kurden würden schika-
niert und diskriminiert, er könne nicht in seinen Heimatstaat zurückkehren.
B.b Zum Nachweis seiner Identität reichte der Beschwerdeführer seinen
Nüfüs im Original, ausgestellt am (....) 2016, den Führerschein, sowie ei-
nen Auszug aus dem Familienregister zu den Akten. Zur Stützung seiner
Vorbringen reichte er im Wesentlichen folgende Dokumente ein:
- Verhörprotokoll ([...]) vom (....) 2015 des Friedens- und Strafgerichts
C._, wonach der Beschwerdeführer wegen dringendem Tatver-
dacht und Fluchtgefahr in Untersuchungshaft genommen werde;
- Erste Seite der Anklageschrift ([...]) der Generalstaatsanwaltschaft
D._, an das Strafgericht D._ aus dem Jahr 2016, wo-
nach dem Beschwerdeführer «Mitgliedschaft in einer bewaffneten Ter-
rororganisation, unbewilligter Besitz oder Besitzerwechsel von gefähr-
lichen Stoffen, Sachbeschädigung öffentlichen Eigentums sowie be-
sorgniserregende und Panik auslösende Benutzung von Sprengstof-
fen» vorgeworfen werde, wobei er die Straftaten am (....) in C._
verübt habe;
- Erste Seite des Ermittlungsberichts der lokalen Staatsanwaltschaft von
C._ an die Oberstaatsanwaltschaft von D._ aus dem
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Jahr 2016, welche sich inhaltlich mit der ersten Seite der Anklageschrift
decke;
- Schreiben des Gemeindevorstehers des Stadtviertels in C._
vom 10. November 2016, wonach der Beschwerdeführer wegen seinen
Aktivitäten in der Jugendbewegung der HDP nach wie vor gesucht
werde und es zu Razzien komme;
- Schreiben vom 7. Juni 2017, wonach er von seinem in der Türkei man-
datierten Rechtsvertreter erfahren habe, dass gegen ihn unter der Ver-
fahrensnummer (....) ein neues Verfahren eröffnet worden sei.
C.
Mit Verfügung vom 20. Mai 2020 stellte das Staatssekretariat für Migration
(SEM) fest, dass der Beschwerdeführer die Flüchtlingseigenschaft nicht er-
fülle, lehnte sein Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung aus der
Schweiz sowie den Vollzug an.
D.
Mit Eingabe an das Bundesverwaltungsgericht vom 1. Juli 2020 erhob der
Beschwerdeführer Beschwerde gegen die Verfügung der Vorinstanz und
beantragte, die vorinstanzliche Verfügung sei aufzuheben und die Sache
zur vollständigen und richtigen Sachverhaltsabklärung sowie Neubeurtei-
lung an die Vorinstanz zurückzuweisen; eventualiter sei die Flüchtlingsei-
genschaft festzustellen und ihm Asyl zu gewähren. Subeventualiter sei er
als Flüchtling vorläufig aufzunehmen, sub-subeventualiter sei die Verfü-
gung im Wegweisungsvollzugspunkt aufzuheben und eine vorläufige Auf-
nahme anzuordnen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht wurde um unentgelt-
liche Prozessführung inklusive des Verzichts auf die Erhebung eines Kos-
tenvorschusses sowie um unentgeltliche Rechtsverbeiständung ersucht.
Zudem sei der vorliegenden Beschwerde die aufschiebende Wirkung zu
erteilen.
Der Beschwerdeschrift waren diverse nicht übersetzte, türkische Gerichts-
dokumente sowie eine Fürsorgebestätigung beigelegt.
E.
In der Zwischenverfügung vom 7. Juli 2020 stellte der Instruktionsrichter
fest, dass der Beschwerde aufschiebende Wirkung zukommt und der Be-
schwerdeführer den Ausgang des Verfahrens in der Schweiz abwarten
kann. Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung
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wurde gutgeheissen und auf die Erhebung eines Kostenvorschusses ver-
zichtet. Der rubrizierte Rechtsvertreter wurde für das vorliegende Be-
schwerdeverfahren als amtlicher Rechtsbeistand beigeordnet. Schliesslich
wurde der Beschwerdeführer aufgefordert, innert Frist Übersetzungen der
auf Türkisch verfassten Beweismittel einzureichen.
F.
Mit Eingabe vom 22. Juli 2020 reichte der Beschwerdeführer – nebst einer
Honorarnote – Übersetzungen und zum Teil besser lesbare Kopien der mit
der Beschwerdeeingabe vom 1. Juli 2020 eingereichten Dokumente zu den
Akten. Es handelt sich dabei im Wesentlichen um folgende Beweismittel:
- Einvernahmeprotokoll ([...]) vom (....) 2015 der Oberstaatsanwalt-
schaft von C._, demgemäss der Beschwerdeführer die im
Raum stehendenden Vorwürfe in Abrede stellt;
- Antrag um Haftverlängerung der Generalstaatsanwaltschaft
D._ vom (....) 2016;
- Anklageschrift ([...]) vom (....) 2016 der Generalstaatsanwaltschaft
D._, an das Strafgericht D._, wonach der Beschwerde-
führer wegen «Mitgliedschaft in einer bewaffneten Terrororganisation,
Gefahrgut ohne Erlaubnis aufbewahren und austauschen, Gefährdung
der öffentlichen Sicherheit, Verwendung von Sprengstoff, welcher
Angst, Unruhe und Panik erzeugt» am (....) 2015 in Untersuchungshaft
genommen wurde. Gemäss den Ermittlungen würden ausreichend Be-
weise vorliegen, wonach der Beschwerdeführer am (....) in C._
(....) in C._ (....);
- Urteil des Richteramts für Justizvollzug G._ ([...]) vom (....)
2016, wonach dem Beschwerdeführer und diversen weiteren Gefäng-
nisinsassen vorgeworfen werde, am (....) 2016 Parolen gerufen sowie
gegen die Zellentüren geschlagen und damit die Ruhe und Sicherheit
im Gefängnis gefährdet zu haben; ein Insasse habe zu Protokoll gege-
ben, dass Personen in diesem Gefängnis gefoltert und die Körperkon-
trollen nackt stattgefunden hätten, was erniedrigend sei. In Bezug auf
den Beschwerdeführer werde aufgrund der zuvor erfolgten Freilassung
kein neues Urteil gefällt;
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- Urteil ([...]) des (....) Strafgerichts für schwere Straftaten (Ağır Ceza
Mahkemesi, ACM) D._ vom (....) 2016, wonach der Beschwer-
deführer von den Vorwürfen gemäss Anklageschrift mangels Beweisen
vollumfänglich freigesprochen wurde;
- Rechtskraftbescheinigung ([...]) vom (....) 2017 betreffend Urteil (....);
- Schreiben des in der Türkei mandatierten Rechtsvertreters vom 6. Juni
2020, wonach der Beschwerdeführer nach wie vor regelmässig bei der
Familie gesucht werde; auf entsprechende Nachfrage bei der Polizei
seien keine weiteren Informationen erhältlich gewesen;
- Schreiben des in der Türkei mandatierten Rechtsvertreters vom
26. Juni 2020, in welchem die Vorbringen betreffend Strafverfahren und
Freispruch bestätigt werden.
G.
Mit Verfügung vom 24. Juli 2020 wurde die Vorinstanz zur Einreichung ei-
ner Vernehmlassung eingeladen. In ihrer Vernehmlassung vom 7. August
2020 nahm die Vorinstanz Stellung und hielt vollumfänglich an ihren Erwä-
gungen fest.
H.
Der Beschwerdeführer wurde mit Instruktionsverfügung vom 11. August
2020 eingeladen, eine Replik einzureichen. Der Replik vom 26. August
2020 waren – nebst einer aktualisierten Kostennote – Kopien des Urteils
([...]) vom (....) 2016, der Rechtskraftbescheinigung vom (....) 2017 betref-
fend Urteil (....), des Einvernahmeprotokolls ([...]) vom (....) 2015 sowie
der Anklageschrift vom (....) 2016 beigelegt, welche allesamt mit dem offi-
ziellen Siegel des Gerichts und dem Vermerk UYAP (Ulusal Yargi Ağı Bi-
lişim Sistemi) versehen waren. Die Originale seien unterwegs und würden
nach Erhalt umgehend eingereicht.
I.
Mit Eingabe vom 10. September 2020 reichte der Beschwerdeführer die in
Aussicht gestellten Originale zu den Akten. Zudem waren der Eingabe das
Original des Überweisungsberichts ([...]) der lokalen Staatsanwaltschaft
von C._ an die Oberstaatsanwaltschaft D._ vom (....) 2016
sowie das Verhörprotokoll ([...]) des Friedens- und Strafgerichts
C._ vom (....) 2015 beigelegt.
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J.
Mit Verfügung vom 14. September 2020 wurde das SEM gestützt auf
Art. 57 Abs. 2 VwVG zu einem weiteren Schriftenwechsel eingeladen. In
seiner Duplik vom 6. Oktober 2020 nahm das SEM Stellung und hielt wei-
terhin an seinen Erwägungen fest.
K.
Der Beschwerdeführer wurde mit Instruktionsverfügung vom 12. Oktober
2020 eingeladen, eine Triplik einzureichen. Der Triplik vom 21. Dezember
2020 waren eine Auskunft der Schweizerischen Flüchtlingshilfe (SFH), Tür-
kei: Teilen und «Liken» von «kritischen» Inhalten auf Facebook, vom
29. Oktober 2020, ein Zeitungsbericht, Wie Erdogan die türkische Justiz
umbaut, vom 5. November 2020 (publiziert auf: «https://www.deutschland-
funk.de/tuerkei-wie-erdogan-die-justiz-umbaut-100.html»), sowie eine ak-
tualisierte Kostennote beigelegt.
L.
Mit Eingabe vom 11. Januar 2021 reichte der Beschwerdeführer zwei wei-
tere Zeitungsberichte – Neue Zürcher Zeitung, Das Schweigen überwin-
den, vom 27. März 2015; Tagesanzeiger, Unerbittlich gegen Kritiker, vom
23. Dezember 2020 – sowie ein Urteil des Verwaltungsgerichts Osnabrück
vom 1. Juli 2020 zu den Akten.
M.
Am 10. August 2022 ersuchte der Beschwerdeführer um Auskunft betref-
fend Stand des Verfahrens. Mit Schreiben vom 18. August 2022 führte der
Instruktionsrichter aus, man bemühe sich, das Verfahren demnächst abzu-
schliessen, ein genauer Entscheidzeitpunkt könne jedoch nicht in Aussicht
gestellt werden.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
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det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Zur Begründung des ablehnenden Asylentscheids vom 20. Mai 2020
führte das SEM im Wesentlichen aus, es sei dem Beschwerdeführer auf-
grund seiner unsubstantiierten und widersprüchlichen Angaben nicht ge-
lungen, glaubhaft darzulegen, dass er in Untersuchungshaft genommen
und gegen ihn ein Strafverfahren eingeleitet worden sei. Gleiches habe
auch für die angeblich erlittenen Misshandlungen und Vergewaltigungen in
Untersuchungshaft zu gelten, zumal es auch nicht nachvollziehbar sei,
dass er nicht wenigstens seinen in der Türkei mandatierten Rechtsvertreter
über die erlittenen Misshandlungen informiert habe. Da die im Rahmen des
erstinstanzlichen Verfahrens zu den Akten gereichten Beweismittel nur in
Kopie vorlägen, komme diesen – gerade auch in Anbetracht der unglaub-
haften Aussagen – nur ein geringer Beweiswert zu. Zudem seien die ein-
gereichten Dokumente nicht vollständig, gehe aus diesen doch der nähere
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Sachverhalt nicht hervor, da die vollständige Anklageschrift fehle; schliess-
lich fehlten auch die Gerichtsdokumente des seit dem Jahr 2016 laufenden
Strafverfahrens vor dem ACM D._. Insgesamt hielten die Vorbrin-
gen den Anforderungen an die Glaubhaftigkeit nicht stand, weshalb deren
Asylrelevanz nicht geprüft werden müsse. Die geltend gemachte Teil-
nahme an Veranstaltungen der HDP oder dessen Jugendflügels sei nicht
geeignet, eine begründete Furcht vor ernsthaften Nachteilen zu begrün-
den, sei der Beschwerdeführer doch nicht in exponierter Stellung tätig ge-
wesen. Da die HDP mittlerweile legal tätig sei, sei eine begründete Furcht
vor ernsthaften Nachteilen zu verneinen. Hinsichtlich des durch Angehö-
rige der Ülkücü-Bewegung verübten Angriffs sei festzuhalten, dass die gel-
tend gemachte Verbindung zu staatlichen Behörden eigenen Angaben zu-
folge auf einer reinen Mutmassung basiere. Angehörige der kurdischen
Ethnie seien in der Türkei Benachteiligungen und Diskriminierungen ver-
schiedenster Art ausgesetzt. Diese Nachteile seien jedoch nicht als ernst-
haft im Sinne des Asylgesetzes zu qualifizieren. Insgesamt hielten die Vor-
bringen den Anforderungen an die Glaubhaftigkeit im Sinne von Art. 7
AsylG respektive die Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG nicht
stand, weshalb das Asylgesuch abzulehnen sei.
Der Vollzug der Wegweisung sei als zulässig und möglich zu qualifizieren.
Hinsichtlich Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzug sei anzumerken, dass
auch nach der Niederschlagung des versuchten Militärputschs vom
15. und 16. Juli 2016 keine Situation allgemeiner Gewalt bestehe, welche
den Vollzug der Wegweisung als generell unzumutbar erscheinen lasse.
Gleiches gelte für die Heimatprovinz D._, zumal der Beschwerde-
führer auch mehrere Jahre in F._ gelebt habe. Zudem verfüge er
über ein grosses Beziehungsnetz in verschiedenen türkischen Städten,
welches ihm bei seiner Wiedereingliederung behilflich sein könne. Es
handle sich beim Beschwerdeführer um einen jungen, gesunden und ledi-
gen Mann, mithin zu erwarten sei, dass er bei seiner Rückkehr nicht in eine
wirtschaftliche Notlage geraten werde. Dementsprechend sei der Vollzug
der Wegweisung auch in individueller Hinsicht als zumutbar zu erachten.
3.2 In der Beschwerdeschrift wurde seitens der Rechtsvertretung im We-
sentlichen entgegnet, die geltend gemachte (....)monatige Inhaftierung
könne nunmehr belegt werden. Der Beschwerdeführer sei mangels Bewei-
sen freigesprochen worden und das entsprechende Urteil am (....) 2016
unangefochten in Rechtskraft erwachsen. Dem Beschwerdeführer falle es
in der Tat schwer, sich an seine Verhaftung, die Haftdauer und die erlittenen
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Misshandlungen zu erinnern. Der Grund dafür liege, neben dem Abwehr-
mechanismus der Verdrängung, in seinem jahrelangen, regelmässigen
Cannabiskonsum, welcher sich negativ auf sein Gedächtnis ausgewirkt
habe. In Anbetracht der nunmehr vorliegenden Dokumente erübrige es
sich, zu den Erwägungen der Vorinstanz betreffend Fälschungsanfälligkeit
Stellung zu nehmen, weshalb die unterbliebene Prüfung der Asylrelevanz
der Vorbringen des Beschwerdeführers nachzuholen sei. Betreffend erlit-
tener Folter und Vergewaltigung sei hervorzuheben, dass die Schamge-
fühle respektive die innere Blockade verhinderten, dass er – auch gegen-
über dem rubrizierten Rechtsvertreter – über die erlittenen Misshandlun-
gen sprechen könne. Die Misshandlungen seien unter dem Vorwand der
Körperdurchsuchung passiert, wobei er und andere Inhaftierte ausgezogen
und sodann vergewaltigt worden seien. Zudem sei es anlässlich der Anhö-
rung zu Übersetzungsschwierigkeiten gekommen, als der Dolmetscher
den türkischen Ausdruck für «gefoltert werden» wörtlich als «Folter sehen»
übersetzt habe. Im Laufe der Anhörung habe der Beschwerdeführer präzi-
siert, dass er selber gefoltert worden sei. Zwecks Untermauerung dieser
Vorbringen werde ein weiteres türkisches Urteil des Strafvollstreckungsge-
richts G._ vom (....) 2016 zu den Akten gereicht. In diesem Urteil
berichte ein Häftling davon, dass die Körperdurchsuchungen nackt durch-
geführt und Personen gefoltert worden seien. Der Beschwerdeführer sel-
ber werde in ebendiesem Urteil ebenfalls erwähnt und es werde festgehal-
ten, dass – infolge der erfolgten Freilassung – kein Bedarf für ein Urteil
hinsichtlich seiner Person bestehe. Für die Glaubhaftigkeit der Vorbringen
des Beschwerdeführers spreche schliesslich auch, dass es gemäss dem
Bericht des UNO Sonderberichterstatters für Folter aus dem Jahr 2018 in
der Türkei zu einer drastischen Zunahme von Folter gekommen sei, wobei
auch verhaftete Mitglieder der PKK betroffen seien.
Nach dem gescheiterten Militärputsch 2016 sei es in der Türkei zu einer
noch nie dagewesenen Säuberungswelle gekommen. Die Regierung habe
ihre Anhänger bewaffnet und es komme – in Absprache mit der Regierung
– immer wieder zu Angriffen gegen Parteibüros der HDP und Personen
kurdischer Ethnie, wobei auch die Ülkücü-Bewegung involviert sei. Daher
habe der Beschwerdeführer auch nicht wissen können, ob es sich um ei-
nen spontanen Angriff, eine gezielte Attacke, um Sicherheitskräfte des
Staats oder um inoffizielle Söldner gehandelt habe. Sodann habe die Vo-
rinstanz gänzlich ausser Acht gelassen, dass ein Bruder des Beschwerde-
führers in der Schweiz als Flüchtling anerkannt und Asyl erhalten habe,
sich mithin auch in diesem Zusammenhang eine Rückweisung der Sache
aufdränge, zumal seit den Jahren 1993 respektive 2006 auch zwei weitere
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Cousins des Beschwerdeführers inhaftiert seien. Dass der Beschwerde-
führer überhaupt freigelassen worden sei, sei der Willkür des türkischen
Justizsystems geschuldet, wobei es auch vorkomme, dass Richterinnen
und Richter, welche Freisprüche anordneten, gleich selbst angeklagt wer-
den. Da es immer noch zu Besuchen der Polizei bei dessen Adressen in
F._ und C._ komme, sei die Gefahr einer erneuten Inhaftie-
rung als real zu erachten; dem beigelegten Schreiben des in der Türkei
mandatierten Rechtsvertreters sei auch zu entnehmen, dass dieser keine
klaren Antworten zu diesen Besuchen erhalten habe. In der Türkei bestehe
kein Rechtsstaat mehr, sondern eine de facto Diktatur, was in öffentlich
zugänglichen Berichten und in Urteilen des Bundesverwaltungsgerichts
entsprechend bestätigt werde. Damit sei aufgezeigt, dass der Beschwer-
deführer im Falle einer Rückkehr mit einer erneuten Verhaftung zu rechnen
habe, mithin der Vollzug der Wegweisung wenigstens als unzulässig res-
pektive unzumutbar zu erachten sei.
3.3 In seiner Vernehmlassung vom 7. August 2020 führte das SEM im We-
sentlichen aus, es sei erstaunlich, dass es dem Beschwerdeführer im Rah-
men des erstinstanzlichen Verfahrens nicht möglich gewesen sei, diese
Beweismittel zu beschaffen. Aufgrund der hohen Fälschungsanfälligkeit sei
der Beweiswert der eingereichten Dokumente gering, weshalb nach wie
vor auf die Prüfung der Asylrelevanz verzichtet werden könne. Die geltend
gemachte mangelnde Erinnerungsfähigkeit aufgrund regelmässigen Can-
nabiskonsums werde zur Kenntnis genommen. Wie dem Zentralen Migra-
tionsinformationssystem (ZEMIS) zu entnehmen sei, sei das Dossier des
Bruders E._ bei der Entscheidfindung miteinbezogen worden. Allein
die Verwandtschaft zu einer Person begründe noch keine Reflexverfol-
gung. In Anbetracht des Umstands, dass der Beschwerdeführer gemäss
dem Urteil freigesprochen worden sei, seien keine konkreten Hinweise er-
kennbar, wonach das Strafverfahren mit einem Malus behaftet gewesen
sei.
3.4 In der Replik vom 26. August 2020 wurde im Wesentlichen eingewandt,
die Vorinstanz begründe in keiner Art und Weise, warum die eingereichten
türkischen Beweismittel verfälscht sein sollen und warum sie diesen pau-
schal den Beweiswert abspreche. Der Vollständigkeit halber sei gleichwohl
darauf hinzuweisen, dass nach dem Putschversuch im Jahr 2016 mehrere
1000 Justizbeamte entlassen worden seien, mithin das Erfassen und
Hochladen der Dokumente nicht mehr gewährleistet gewesen sei. Zudem
sei der Beschwerdeführer auch in psychischer Hinsicht nicht mehr in der
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Lage gewesen, sich um die Beschaffung der Akten zu kümmern. Nichts-
destotrotz seien der vorliegenden Eingabe noch mit dem offiziellen Siegel
des Gerichts und dem Vermerk UYAP versehene Kopien der wesentlichs-
ten Gerichtsdokumente beigelegt, womit der Sachverhalt als glaubhaft dar-
gelegt zu erachten sei. Da der Beschwerdeführer keine Einsicht ins ZEMIS-
Dossier habe, könne er zum Thema Reflexverfolgung keine Stellung be-
ziehen. Der Beschwerdeführer sei monatelang inhaftiert und misshandelt
worden, weshalb ihm im Falle einer Rückkehr in seinen Heimatstaat erst
recht eine willkürliche Behandlung durch die türkischen Behörden drohe.
Es bestehe keine Trennung mehr zwischen Anklagebehörde und Justiz,
wobei die Angestellten auch hart gegenüber angeblichen Staatsfeinden
vorgehen müssten, um nicht selbst in den Fokus der Behörden zu geraten.
3.5 In seiner Duplik vom 6. Oktober 2020 stellte das SEM im Wesentlichen
fest, aus den nunmehr auf Beschwerdeebene eingereichten Dokumenten
ergebe sich ein genaueres Bild über das Strafverfahren, wobei das SEM
die Dokumente übersetzt und einer internen Dokumentenanalyse unterzo-
gen habe. Gemäss dem vorliegenden Urteil vom (....) 2016 sei der Be-
schwerdeführer freigesprochen worden, wobei das Urteil unangefochten in
Rechtskraft erwachsen sei. Er gelte daher grundsätzlich als strafrechtlich
unbescholten. Da keine weiteren konkreten Hinweise vorlägen, welche auf
eine begründete Furcht vor ernsthaften Nachteilen hindeuteten, sei nicht
von einer flüchtlingsrelevanten Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG aus-
zugehen.
3.6 Dem wird in der Triplik vom 21. Dezember 2020 im Wesentlichen ent-
gegengehalten, der türkische Staat verfolge seine Feinde mit erschrecken-
der Beharrlichkeit. Oppositionelle würden solange mit Vorwürfen einge-
deckt, bis das Terrain für zukünftige Bestrafungen geebnet sei. Dieses Bild
der Erosion des Rechtsstaats werde auch in öffentlich zugänglichen Be-
richten gezeichnet. Die dem Beschwerdeführer von der Vorinstanz attes-
tierte Unbescholtenheit hätte in einem funktionierenden Rechtsstaat be-
stand, nicht jedoch in der Türkei. Die Polizei verfüge über etliche weitere
Datenbanken; Oppositionelle und Angehörige der kurdischen Ethnie, die
einmal erfasst worden seien, blieben registriert. Der Beschwerdeführer
wisse nicht, ob er auch bereits wegen seinen Aktivitäten auf den sozialen
Medien erfasst worden sei. Der Beschwerdeführer sei registriert, es werde
nach wie vor nach ihm gesucht und er stelle zweifellos ein Risiko für die
Sicherheit des türkischen Staats dar.
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4.
Das Bundesverwaltungsgericht hat im vorliegenden Verfahren die Akten
von E._ (N [...]) von Amtes wegen beigezogen.
5.
5.1 Der Beschwerdeführer beantragt in der Hauptsache die Aufhebung der
angefochtenen Verfügung und Rückweisung der Sache zur vollständigen
und richtigen Abklärung und Feststellung des rechtserheblichen Sachver-
halts sowie anschliessender Neubeurteilung. Diese formelle Rüge ist vorab
zu beurteilen, da sie allenfalls geeignet wäre, eine Kassation der angefoch-
tenen Verfügung zu bewirken (vgl. BVGE 2013/34 E. 4.2).
5.2 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches
Gehör, welcher als Mitwirkungsrecht alle Befugnisse umfasst, die einer
Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt
wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 144 I 11 E. 5.3 BVGE
2009/35 E. 6.4.1 mit Hinweisen). Mit dem Gehörsanspruch korreliert die
Pflicht der Behörden, die Vorbringen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prü-
fen und in ihrer Entscheidfindung angemessen zu berücksichtigen. Nicht
erforderlich ist, dass sich die Begründung mit allen Parteistandpunkten ein-
lässlich auseinandersetzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich wi-
derlegt (vgl. BGE 143 III 65 E. 5.2).
Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sach-
verhalts in Verletzung der behördlichen Untersuchungspflicht bildet einen
Beschwerdegrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Unrichtig ist die Sachver-
haltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidriger Sach-
verhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch gewürdigt worden sind;
unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Entscheid rechtswesentlichen
Sachumstände berücksichtigt werden (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwal-
tungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes, 3. Aufl., 2013,
Rz. 1043). Aus der Begründungspflicht als Teilgehalt des rechtlichen Ge-
hörs ergibt sich, dass die Abfassung der Begründung dem Betroffenen er-
möglichen soll, den Entscheid sachgerecht anzufechten. Dies ist nur der
Fall, wenn sich sowohl die Betroffenen als auch die Rechtsmittelinstanz
über die Tragweite des Entscheids ein Bild machen können. Die Begrün-
dungsdichte richtet sich dabei nach dem Verfügungsgegenstand, den Ver-
fahrensumständen und den Interessen des Betroffenen, wobei bei schwer-
wiegenden Eingriffen in die rechtlich geschützten Interessen der Betroffe-
E-3355/2020
Seite 14
nen – und um solche geht es bei Verfahren betreffend Asyl und Wegwei-
sung – eine sorgfältige Begründung verlangt wird (vgl. BVGE 2011/37
E. 5.4.1 m.w.H.).
5.3 Der Beschwerdeführer beanstandet in seiner Rechtsmitteleingabe, die
Vorinstanz habe den Umstand, dass einer seiner Brüder in der Schweiz als
Flüchtling anerkannt worden sei und in der Schweiz Asyl erhalten habe,
nicht berücksichtigt. Da im Kontext der Türkei Reflexverfolgung von Fami-
lienangehörigen durchaus vorkomme, wäre sie gehalten gewesen, eine
entsprechende Prüfung vorzunehmen. Weiter habe sie den eingereichten
Beweismitteln keinen Glauben geschenkt und die geltend gemachte Folter
und Vergewaltigungen nicht berücksichtigt. Daher sei der rechtserhebliche
Sachverhalt insgesamt nicht richtig und nicht vollständig festgestellt.
5.4 In der vorliegenden Beschwerde wird nicht näher ausgeführt, inwiefern
das SEM in Bezug auf die geltend gemachte Folter und Vergewaltigungen
sowie die eingereichten Beweismittel zu seinem Strafverfahren den rechts-
erheblichen Sachverhalt unrichtig oder unvollständig abgeklärt haben soll.
Der Umstand, dass der Beschwerdeführer die vom SEM vorgenommene
Beurteilung der Glaubhaftigkeit nicht teilt, stellt keine formelle Frage dar,
sondern beschlägt vielmehr die Frage der materiellen Richtigkeit der ange-
fochtenen Verfügung. Dementsprechend erweist sich die formelle Rüge
diesbezüglich als unbegründet.
5.5 Dessen ungeachtet ist jedoch festzustellen, dass sich in den Erwägun-
gen der angefochtenen Verfügung – abgesehen eines unter Ziffer 2 im
Rahmen des Sachverhalts aufgeführten Satzes, wonach es nach dem Bei-
tritt des Bruders zur PKK ab (...) zu Razzien gekommen sei – keine weite-
ren Ausführungen zur geltend gemachten Reflexverfolgung finden. In sei-
ner Vernehmlassung vom 7. August 2020 führt das SEM diesbezüglich
aus, es habe die Akten des Bruders E._ bei der Entscheidfindung
mitberücksichtigt, was aus der ZEMIS-Dossierverwaltung hervorgehe. Al-
leine die Verwandtschaft zu einer Person mit einem politischen Profil be-
gründe noch keine Furcht vor einer flüchtlingsrelevanten Reflexverfolgung.
5.6 Ein bloss hypothetisch denkbares Vorliegen eines Verfolgungszusam-
menhangs reicht zweifelsohne nicht, um einen Aktenbeizug als indiziert zu
erachten. Dagegen können – wie auch vorliegend – die konkrete Geltend-
machung einer Reflexverfolgung sowie die zuerkannte Flüchtlingseigen-
schaft von engen Verwandten, aber auch weitere objektive Gründe, Anlass
E-3355/2020
Seite 15
für einen Aktenbeizug von Amtes wegen geben. Diesfalls müsste der er-
wähnte Beizug sowie die Begründung des Beizugsergebnisses auch sei-
nen Niederschlag im Asylentscheid finden (vgl. Urteil des Bundesverwal-
tungsgerichts E-4122/2016 vom 16. August 2016 E.6.2.4, m.w.H.). Dem-
entsprechend hat die Vorinstanz die Begründungspflicht als Teilgehalt des
Anspruchs auf rechtliches Gehör verletzt, in dem weder der gemäss
ZEMIS-Dossierverwaltung erfolgte Beizug der Akten des Beschwerdefüh-
rers noch die Begründung des Beizugsergebnisses Eingang in die vor-
instanzliche Verfügung gefunden haben. Im Rahmen der Vernehmlassung
hat sich die Vorinstanz zum Beizug der Verfahrensakten von E._
geäussert und entsprechend – wenn auch knapp – begründet, warum vor-
liegend keine Reflexverfolgung vorliegt. Der Beschwerdeführer hatte Gele-
genheit, auf die vorinstanzlichen Erwägungen zu replizieren, diesbezüglich
jedoch lediglich ausgeführt, mangels Einsicht in die ZEMIS-Dossierverwal-
tung könne nicht Stellung genommen werden. Der entsprechende Verfah-
rensmangel ist somit auf Beschwerdeebene geheilt.
Abschliessend festzuhalten ist, dass sich die Begründung einer Verfügung
nicht zu jedem erdenklichen Aspekt der vorgetragenen Asylgründe äussern
muss, sondern sich auf die wesentlichen Elemente der Asylbegründung
konzentrieren darf und eine sachgerechte Anfechtung ermöglichen muss.
Diesen Anforderungen wird die angefochtene Verfügung im Übrigen ge-
recht. Eine Rückweisung des Verfahrens kommt demzufolge nicht in Be-
tracht.
6.
6.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken.
6.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
E-3355/2020
Seite 16
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
7.
7.1 Nach Auffassung des Gerichts hat die Vorinstanz den Vorbringen des
Beschwerdeführers zu Recht die asylrechtliche Relevanz abgesprochen
respektive diese als unglaubhaft erachtet. Die Ausführungen in der Be-
schwerdeschrift vermögen an dieser Sichtweise nichts zu ändern, was
nachfolgend aufzuzeigen ist.
7.2 Einleitend ist festzuhalten, dass sich nach den Parlamentswahlen im
Juni 2015 respektive im November 2015 und dem gleichzeitigen Wieder-
aufflackern des Kurdenkonflikts die Menschenrechtslage in der Türkei wie-
der deutlich verschlechtert hat. Nach dem gescheiterten Militärputsch ge-
gen die Regierung vom 15. und 16. Juli 2016 kam es zu einer Eskalation
bezüglich Inhaftierungen und politischer Säuberungen. Während des fol-
genden Ausnahmezustands, welcher im Juli 2018 faktisch wieder aufgeho-
ben wurde, ging die türkische Regierung rigoros gegen tatsächliche und
vermeintliche Regimekritiker und Oppositionelle vor. Dabei wird auch in
neueren Berichten darauf hingewiesen, dass in der Türkei demokratische
Werte und insbesondere die Rechtsstaatlichkeit zunehmend in Frage ge-
stellt sind (vgl. etwa: U.S. Department of State, 2021 Country Reports on
Human Rights Practices: Turkey, 12. April 2022 [https://www.state.gov
/wp-content/uploads/2022/03/313615_TURKEY-2021-HUMAN-RIGHTS-
REPORT.pdf]; Freedom House, Freedom in the World 2022 – Turkey,
32/100 [https://freedomhouse.org/country/turkey/freedom-world/2022];
beide abgerufen am 16. August 2022). Vor diesem Hintergrund geht das
Bundesverwaltungsgericht davon aus, dass im Einzelfall Personen, denen
in der Türkei Unterstützung von als terroristisch eingestuften Organisatio-
nen vorgeworfen wird, begründete Furcht vor Verfolgung haben (vgl. Ur-
teile des BVGer D-2408/2022 vom 16. Juni 2022 E. 7.2; D-602/2022 vom
22. März 2022 E. 6.3; D-3154/2021 vom 1. November 2021 E. 6.3 m.w.H.).
7.3 Das geltend gemachte politische Engagement des Beschwerdeführers
betreffend ist darauf hinzuweisen, dass das türkische Verfassungsgericht
im Juni 2021 ein Verbotsverfahren gegen die HDP eröffnet hat und die Par-
tei dementsprechend unter Druck geraten ist (vgl. srf.ch, Verbot der pro-
kurdischen Partei HDP nimmt weitere Hürde, vom 21. Juni 2021
[https://www.srf.ch/news/international/tuerkische-oppositionspartei-verbot-
der-prokurdischen-partei-hdp-nimmt-weitere-huerde] abgerufen am
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Seite 17
16. August 2022). Eigenen Angaben zufolge sind der Beschwerdeführer
sowie auch seine Familienangehörigen jedoch lediglich Sympathisanten
der HDP und keine Mitglieder. Sein eigenes Engagement beschränkte sich
auf die gelegentliche Teilnahme an Protestkundgebungen des Jugendflü-
gels. Während seines Aufenthalts in F._ konnte er nur noch insge-
samt etwa vier oder fünf Mal teilnehmen (vgl. SEM-Akte A8/31 F162). Dem-
entsprechend sind den vorliegenden Akten keine Hinweise zu entnehmen,
wonach sich der Beschwerdeführer in einer Art und Weise für die Anliegen
der HDP eingesetzt hätte, welche das Interesse der türkischen Behörden
auf sich zu ziehen vermöchte.
7.4 Hinsichtlich der geltend gemachten Reflexverfolgung aufgrund seines
Bruders E._ ist anzumerken, dass die gelegentlichen Hausdurch-
suchungen ab dem Jahr (...) aufgrund ihrer Intensität nicht geeignet sind,
um als asylrechtlich relevant im Sinne von Art. 3 AsylG qualifiziert zu wer-
den, zumal es den übrigen Familienangehörigen offenbar möglich ist, in
C._ oder F._ ein im Übrigen unbehelligtes Leben zu führen.
Die in den Jahren 1993 und 2006 erfolgten Inhaftierungen seiner Cousins
vermögen keinen sachlichen oder zeitlichen Kausalzusammenhang zu sei-
ner im (...) 2016 erfolgten Ausreise zu begründen. Die angeblich nach sei-
ner Ausreise erfolgte Inhaftierung einer Tante väterlicherseits und eines an-
deren Cousins sowie weiterer Kollegen ist nicht geeignet, eine objektive
Furcht vor ernsthaften Nachteilen zu begründen. Der Beschwerdeführer
liess sich nach seiner Haftentlassung Identitätspapiere ausstellen, ohne
dabei Probleme zu gewärtigen. Überdies konnte er seinen Heimatstaat le-
gal Richtung Albanien verlassen und hatte auch bei der Wiedereinreise in
die Türkei keine Schwierigkeiten zu gewärtigen (vgl. SEM-Akte A8/31 F57).
7.5
7.5.1 Die Durchführung eines Strafverfahrens wegen eines gemeinrechtli-
chen Delikts stellt insbesondere dann eine Verfolgung im asylrechtlichen
Sinn dar, wenn die Strafnorm die Verfolgung einer Bevölkerungsgruppe
wegen unverzichtbarer äusserer oder innerer Merkmale bezweckt, wenn
einer Person eine gemeinrechtliche Tat aufgrund eines solchen Motivs un-
tergeschoben wird, oder wenn die Dauer oder Art der Strafe oder die pro-
zessuale Stellung des Täters, der ein gemeinrechtliches Delikt tatsächlich
begangen hat, aus einem solchen Motiv in bedeutender Weise erschwert
wird. Eine solche Erschwerung der Lage (sog. Politmalus) ist insbesondere
dann anzunehmen, wenn das Strafverfahren rechtsstaatlichen Ansprüchen
klarerweise nicht zu genügen vermag, wenn der asylsuchenden Person in
E-3355/2020
Seite 18
Form der Strafe oder im Rahmen der Strafverbüssung eine Verletzung fun-
damentaler Menschenrechte droht, oder wenn die Strafe der betroffenen
Person gegenüber anderen Straftätern erhöht wird (Malus im relativen
Sinn); beziehungsweise dann, wenn die Strafe im Verhältnis zur Ernsthaf-
tigkeit der konkreten Tat per se unverhältnismässig hoch ausfällt und damit
als exzessiv erscheint (Malus im absoluten Sinn; vgl. zum Ganzen BVGE
2020 VI/4 E. 6 m.w.H.).
7.5.2 Die eingereichten Beweismittel hinsichtlich seines Gerichtsverfah-
rens belegen, dass der Beschwerdeführer am (....) 2015 unter anderem
wegen des Verdachts der Mitgliedschaft in einer bewaffneten Terrororgani-
sation, Gefährdung der öffentlichen Sicherheit sowie der Verwendung von
Sprengstoff in Untersuchungshaft genommen wurde, aus welcher er so-
dann – eigenen Angaben zufolge – nach etwa (....) Monaten entlassen
wurde. Im Rahmen dieses Strafverfahrens wurde der Beschwerdeführer zu
den im Raum stehenden Vorwürfen angehört und konnte seine Verteidi-
gungsrechte auch mit Unterstützung eines Anwalts soweit ersichtlich wahr-
nehmen. Ein entsprechender Antrag um Haftverlängerung der General-
staatsanwaltschaft D._ vom (....) 2016 findet sich ebenfalls in den
Akten. Mit Urteil vom (....) 2016 wurde der Beschwerdeführer schliesslich
vom (....) Strafgericht für schwere Straftaten in D._ vollumfänglich
freigesprochen, das Anwaltshonorar und die Gerichtskosten von der Ge-
richtskasse übernommen und er wurde auf die Möglichkeit hingewiesen,
eine Entschädigung für die verbüsste Untersuchungshaft geltend zu ma-
chen. Den vorliegenden Akten sind – auch in Anbetracht der obenstehen-
den Ausführungen zum Profil des Beschwerdeführers – keine konkreten
Hinweise zu entnehmen, wonach das Strafverfahren rechtsstaatlichen An-
sprüchen klarerweise nicht zu genügen vermöchte oder in anderer Weise
mit einem Malus behaftet wäre, zumal das Verfahren auch in einem Frei-
spruch mündete.
7.5.3 In Bezug auf die angeblich während der Polizei- respektive Untersu-
chungshaft erlittenen Misshandlungen und sexuellen Übergriffe ist festzu-
stellen, dass es dem Beschwerdeführer nicht gelungen ist, diese glaubhaft
im Sinne von Art. 7 AsylG darzulegen. Die diesbezüglich vom Beschwer-
deführer gemachten Angaben sind insgesamt vage ausgefallen und er-
schöpfen sich im Wesentlichen in den Aussagen, er sei im Gefängnis ge-
foltert, nackt ausgezogen und mit Gummiknüppel vergewaltigt worden (vgl.
SEM-Akte A8/31 F168 f.). Auf entsprechende Vertiefungsfragen der befra-
genden Person vermochte der Beschwerdeführer keine präziseren oder in-
dividuelleren Angaben zu machen, welche darauf schliessen liessen, die
E-3355/2020
Seite 19
geltend gemachten Übergriffe hätten sich mit überwiegender Wahrschein-
lichkeit so ereignet (vgl. a.a.O. F225 f.). Auf die Frage nach einer Beschrei-
bung der geltend gemachten Vergewaltigung gibt er beispielsweise zu Pro-
tokoll, man werde nackt ausgezogen und mit einem Gummiknüppel verge-
waltigt (vgl. a.a.O. F230 f.); auch auf die Frage nach der Anzahl der Verge-
waltigungen vermag er nur wenig konkret zu Protokoll zu geben, es seien
zwei, drei Male gewesen, mithin auch diesbezüglich konkretere Aussagen
zu erwarten gewesen wären.
Der Einwand des Beschwerdeführers, aufgrund seines regelmässigen
Cannabiskonsums habe er Gedächtnisschwierigkeiten und könne sich
nicht an Daten erinnern, vermag nichts an den obenstehenden Ausführun-
gen zu ändern. Seine vagen Angaben beziehen sich einerseits nicht nur
auf die Angabe von Daten, sondern auch auf die eigentlichen Kernvorbrin-
gen; andererseits vermag der Beschwerdeführer nicht näher darzulegen,
inwiefern die zitierten Studienergebnisse im vorliegenden asylrechtlichen
Kontext von konkreter Relevanz sein sollten. Mit dem Urteil des Richter-
amts für Justizvollzug G._ ([...]) vom (....) 2016 sowie den Ausfüh-
rungen zur allgemeinen Menschenrechtslage in der Türkei vermag der Be-
schwerdeführer – insbesondere auch in Anbetracht der obenstehenden
Ausführungen – nicht darzulegen, er selber sei während seiner Inhaftie-
rung Opfer von Folterhandlungen wie etwa Vergewaltigungen geworden.
7.5.4 Insgesamt ist es dem Beschwerdeführer nicht gelungen, die angeb-
lich erlittenen Vergewaltigungen und Folterhandlungen substantiiert und
damit glaubhaft im Sinne von Art. 7 AsylG darzulegen.
7.6 Hinsichtlich des vorgebrachten Übergriffs durch Angehörige der Ül-
kücü-Bewegung anfangs respektive Mitte September 2016 ist anzumer-
ken, dass dieser den Ausführungen des Beschwerdeführers zufolge nicht
gezielt gegen ihn gerichtet gewesen ist. So gab der Beschwerdeführer auf
eine entsprechende Nachfrage zu Protokoll, es handle sich um eine fa-
schistische Gruppierung, welche wohl jede Person kurdischer Ethnie an-
gegriffen hätte (vgl. SEM-Akte A8/31 F58 f.), zumal der Beschwerdeführer
die ursprünglich geäusserte Vermutung auch nicht näher substantiiert, wo-
nach staatliche Behörden in diesen Angriff involviert gewesen seien. Dem-
entsprechend hat die Vorinstanz dieses Vorbringen zurecht als nicht asyl-
relevant im Sinne von Art. 3 AsylG erachtet.
7.7 Den vorliegenden Akten sind keine Hinweise zu entnehmen, welche ein
behördliches Interesse an seiner Person zum heutigen Zeitpunkt noch als
E-3355/2020
Seite 20
wahrscheinlich erscheinen lassen. Die entsprechenden Bestätigungs-
schreiben seines in der Türkei mandatierten Rechtsvertreters sowie des
Gemeindevorstehers sind von äusserst geringem Beweiswert. Weder aus
dem der Eingabe vom 11. Januar 2021 beigelegten Urteil des Verwaltungs-
gerichts Osnabrück noch den übrigen Beweismitteln vermag der Be-
schwerdeführer eine individuelle Gefährdung abzuleiten. Abschliessend ist
festzustellen, dass das nunmehr in der Triplik vom 21. Dezember 2020 gel-
tend gemachte exilpolitische Engagement des Beschwerdeführers sowie
das angeblich unter der Verfahrensnummer (....) neu eröffnete Verfahren
nicht substantiiert dargelegt oder mit entsprechenden Beweismitteln belegt
worden sind, weshalb sich diesbezüglich weitere Ausführungen erübrigen.
7.8 Zusammenfassend ist festzustellen, dass keine konkreten Hinweise
dafür vorliegen, dass der Beschwerdeführer im Zeitpunkt seiner Ausreise
einer asylbeachtlichen Verfolgung oder einer entsprechenden Verfolgungs-
gefahr ausgesetzt war oder im Falle seiner Rückkehr in die Türkei ernst-
hafte Nachteile im Sinne von Art. 3 Abs. 2 AsylG zu gewärtigen hätte. Dem-
nach hat die Vorinstanz zu Recht die Flüchtlingseigenschaft verneint und
das Asylgesuch abgelehnt.
8.
8.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
8.2 Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
9.
9.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
E-3355/2020
Seite 21
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
9.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
9.2.1 So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land
gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem
Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft,
zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1
AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über
die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember
1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-
gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3
EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender
Strafe oder Behandlung unterworfen werden.
9.2.2 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend da-
rauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur
Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem
Beschwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr-
dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG
verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren
keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers in den
Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
9.2.3 Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des
Beschwerdeführers noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für
den Fall einer Ausschaffung in die Türkei dort mit beachtlicher Wahrschein-
lichkeit einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Be-
handlung ausgesetzt wäre. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtsho-
fes für Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschus-
ses müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr ("real risk") nach-
weisen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Fol-
ter oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR
Saadi gegen Italien 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06, §§ 124–
127 m.w.H.). Auch die allgemeine Menschenrechtssituation im Heimatstaat
E-3355/2020
Seite 22
lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt nicht als unzulässig
erscheinen.
9.2.4 Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im
Sinne der asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig.
9.3 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
9.3.1 Seit Juli 2015 sind der türkisch-kurdische Konflikt und die bewaffne-
ten Auseinandersetzungen zwischen der PKK und staatlichen Sicherheits-
kräften im Südosten des Landes wieder aufgeflammt. Von den gewaltsa-
men Auseinandersetzungen betroffen waren neben den Provinzen Hakkâri
und Şırnak – bei denen das Bundesverwaltungsgericht seit längerer Zeit
von der generellen Unzumutbarkeit des Vollzugs von Wegweisungen aus-
geht (vgl. BVGE 2013/2 E. 9.6) – noch weitere Provinzen im Südosten der
Türkei. Von einer landesweiten Situation allgemeiner Gewalt oder von bür-
gerkriegsähnlichen Verhältnissen auf dem gesamten Staatsgebiet ist je-
doch nach wie vor nicht auszugehen (vgl. Urteil des BVGer E-1948/2018
vom 12. Juni 2018 E. 7.3.1 [als Referenzurteil publiziert]).
Der Beschwerdeführer stammt ursprünglich aus C._, Provinz
D._, hatte seinen letzten offiziellen Wohnsitz vor der Ausreise je-
doch in F._ (vgl. SEM-Akte A4/15 S. 4), weshalb sich eine Rückkehr
des Beschwerdeführers aus den genannten Gründen nicht als unzumutbar
erweist.
9.3.2 Aus den Akten und den Angaben des Beschwerdeführers ergeben
sich keine hinreichend konkreten Anhaltspunkte, die darauf schliessen lies-
sen, der alleinstehende, junge und gesunde Beschwerdeführer gerate im
Falle der Rückkehr in die Türkei aus individuellen Gründen wirtschaftlicher,
sozialer oder gesundheitlicher Natur in eine existenzbedrohende Situation.
Gemäss eigenen Angaben hat der Beschwerdeführer die achte Klasse ab-
geschlossen (vgl. SEM-Akte A8/31 F83 f.) und war danach in verschiede-
nen Positionen – zuletzt als Koch – im Gastgewerbe tätig. Mit seinen Eltern
und Geschwistern in C._ sowie seinen (....) Geschwistern in
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Seite 23
F._ verfügt er über ein grosses Beziehungsnetz, welches ihn bei
der Rückkehr notfalls unterstützen könnte (vgl. SEM-Akte A4/15 S. 6).
9.3.3 Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung auch
als zumutbar.
9.4 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
9.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
10.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
11.
11.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Be-
schwerdeführer anteilsmässig seines Unterliegens aufzuerlegen (Art. 63
Abs. 1 VwVG). Da mit Instruktionsverfügung vom 7. Juli 2020 das Gesuch
um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung im Sinne von Art. 65
Abs. 1 VwVG gutgeheissen wurde und den Akten keine Hinweise auf eine
Veränderung der finanziellen Verhältnisse zu entnehmen sind, sind keine
Verfahrenskosten aufzuerlegen.
11.2 Für die auf Beschwerdeebene geheilte Verletzung des rechtlichen
Gehörs ist dem Beschwerdeführer zu Lasten der Vorinstanz anteilig eine
Parteientschädigung für die ihm erwachsenen notwendigen und verhältnis-
mässig hohen Kosten zuzusprechen (Art. 64 Abs. 1 VwVG i.V.m. Art. 7
Abs. 1 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Ent-
schädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
Gestützt auf die in Betracht zu ziehenden Bemessungsfaktoren (Art. 9-13
VGKE) ist die vom SEM an den Beschwerdeführer auszurichtende Partei-
entschädigung auf Fr. 300.– festzusetzen.
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11.3 Dem Beschwerdeführer wurde mit Zwischenverfügung vom 7. Juli
2020 rubrizierter Rechtsvertreter als amtlicher Rechtsbeistand eingesetzt.
Ihm ist für ihre Aufwendungen im Beschwerdeverfahren ein Honorar zu
Lasten der Gerichtskasse auszurichten.
Bei amtlicher Vertretung geht das Gericht – wie in erwähnter Zwischenver-
fügung mitgeteilt – in der Regel von einem Stundenansatz von Fr. 200.–
bis Fr. 220.– für anwaltliche Vertreterinnen und Vertreter aus (vgl. Art. 12
i.V.m. Art. 10 Abs. 2 VGKE), wobei nur der notwendige Aufwand zu ent-
schädigen ist (vgl. Art. 8 Abs. 2 VGKE). Mit Eingabe vom 21. Dezember
2020 wurde ein Aufwand von 13 Stunden zu einem Stundenansatz von
Fr. 200.– sowie Auslagen in der Höhe von Fr. 48.80.– geltend gemacht.
Diese Aufwendungen scheinen als angemessen und der Stundenansatz
bewegt sich zudem im vorgegebenen Rahmen. Die Entschädigung ist
demnach unter Berücksichtigung der Eingabe vom 11. Januar 2021 und
der seitens des SEM auszurichtenden Parteientschädigung auf insgesamt
Fr. 2450.– (inkl. Mehrwertsteuerzuschlag und Auslagen) festzusetzen.
(Dispositiv nächste Seite)
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