Decision ID: 3f5c0bde-d0a8-471d-b30c-2ba468ad442a
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Der Beschwerdeführer suchte am 14. Dezember 2015 – als unbeglei-
teter Minderjähriger – in der Schweiz um Asyl nach.
A.b Zu seinem persönlichen Hintergrund und zur Begründung seines Asyl-
gesuchs brachte er im Wesentlichen vor, er sei irakischer Staatsangehöri-
ger und stamme aus B._ in der Autonomen Region Kurdistan
(ARK). Nach dem Tod seiner Eltern habe er, zusammen mit (...), bei einem
(...) und dessen Familie gelebt. Da (...) ihn mehrfach geschlagen, vernach-
lässigt, ausgesperrt und aus dem Haus geworfen habe, habe er sich zur
Ausreise entschieden.
B.
B.a Mit Verfügung vom 5. Juli 2016 stellte das SEM fest, der Beschwerde-
führer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte sein Asylgesuch ab
und verfügte die Wegweisung aus der Schweiz, schob den Vollzug jedoch
wegen Unzumutbarkeit zu Gunsten einer vorläufigen Aufnahme auf.
B.b Zur Begründung der vorläufigen Aufnahme erachtete es den Vollzug
der Wegweisung des Beschwerdeführers aus individuellen Gründen – na-
mentlich aufgrund seiner Minderjährigkeit und mangels eines tragfähigen
Beziehungsnetzes sowie existenzsichernder Lebensgrundlagen – zum da-
maligen Zeitpunkt als nicht zumutbar.
B.c Diese Verfügung erwuchs unangefochten in Rechtskraft.
C.
Am 17. November 2018 erlangte der Beschwerdeführer die Volljährigkeit.
D.
D.a Am 11. Juni 2019 ersuchte der Beschwerdeführer beim SEM – unter
Beilage eines Arztzeugnisses vom 12. Mai 2019 des (...) in B._ –
um Ausstellung eines Passes für eine ausländische Person zwecks Be-
such seiner kranken (...) im Nordirak.
D.b Mit Schreiben vom 13. Juni 2019 stellte das SEM fest, dass die Vo-
raussetzungen für die Ausstellung eines entsprechenden Dokuments man-
gels Schriftenlosigkeit im Sinne von Art. 10 der Verordnung über die Aus-
stellung von Reisedokumenten für ausländische Personen (RDV,
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SR 143.5) nicht erfüllt seien. Namentlich seien im Rahmen des Asylverfah-
rens irakische Identitätsdokumente (Identitätskarte sowie Nationalitäten-
ausweis) hinterlegt worden. Gleichzeitig machte es den Beschwerdeführer
darauf aufmerksam, dass es ihm möglich und zumutbar sei, sich bei den
zuständigen Behörden seines Heimatstaates in der Schweiz um die Aus-
stellung eines heimatlichen Reisepasses zu bemühen.
E.
E.a Mit Schreiben vom 22. April 2020 teilte das SEM dem Beschwerdefüh-
rer seine Absicht mit, seine vorläufige Aufnahme aufzuheben und den Voll-
zug der Wegweisung anzuordnen.
E.b Zur Begründung führte es aus, dass aufgrund der Erlangung der Voll-
jährigkeit das Hauptargument für die ursprüngliche Anordnung der vorläu-
figen Aufnahme weggefallen sei. Sodann ergäben sich aus den Akten
keine individuellen Gründe mehr, welche den Vollzug der Wegweisung als
unzumutbar erscheinen liessen. So verfüge der Beschwerdeführer in sei-
nem Heimatland über ein Beziehungsnetz ([...], [...] sowie [...]), welches
ihm – zumindest in einer ersten Zeit – bei einer Reintegration behilflich sein
könne. Im Juni 2019 habe er zudem seine im Irak lebende (...) besuchen
wollen. Weiter habe er sich während seines bald fünfjährigen Aufenthaltes
in der Schweiz Berufserfahrungen als (...) aneignen können, weshalb nicht
davon auszugehen sei, dass er bei einer Rückkehr in eine existenzielle
Notlage geriete.
E.c Gleichzeitig räumte es dem Beschwerdeführer eine Frist zur Einrei-
chung einer Stellungnahme bis zum 27. Mai 2020 ein.
F.
F.a Der Beschwerdeführer nahm zur beabsichtigten Aufhebung der vorläu-
figen Aufnahme mit Eingabe vom 7. Mai 2020 – handelnd durch den rubri-
zierten Rechtsvertreter – fristgerecht Stellung.
F.b Darin machte er im Wesentlichen geltend, es gehe aus der Verfügung
vom 5. Juli 2016 nicht hervor, dass die vorläufige Aufnahme in erster Linie
wegen der damaligen Minderjährigkeit angeordnet worden sei, zumal das
minderjährige Alter, ein nicht tragfähiges Beziehungsnetz sowie man-
gelnde existenzsichernde Lebensgrundlagen kumulativ aufgeführt worden
seien. Hinzu komme, dass laut Referenzurteil des Bundesverwaltungsge-
richts E-3737/2015 vom 14. Dezember 2015 das Vorhandensein eines
tragfähigen Beziehungsnetzes für die Feststellung der Zumutbarkeit des
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Wegweisungsvollzugs in die kurdischen Provinzen im Nordirak nach wie
vor Voraussetzung sei (vgl. a.a.O. E. 7.4). Es sei nicht nachvollziehbar,
weshalb das SEM unterdessen von einem tragfähigen Beziehungsnetz
ausgehe, zumal die im Schreiben vom 22. April 2020 genannten Personen
bereits zum damaligen Zeitpunkt bekannt gewesen seien. Weiter sei es
stossend, seine Arbeitserfahrungen hierzulande als begünstigenden Um-
stand für die Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs anzuführen.
Schliesslich habe er sich bestens integriert und verfüge über einen tadel-
losen Leumund.
F.c Gleichzeitig legte er folgende Unterlagen ins Recht:
- Arbeitsbestätigung des (...) vom 30. April 2020;
- Privatauszug aus dem Schweizerischen Strafregister vom 30. April
2020.
G.
Mit Verfügung vom 10. Juni 2020 (eröffnet am 12. Juni 2020) hob das SEM
die am 5. Juli 2016 angeordnete vorläufige Aufnahme des Beschwerdefüh-
rers auf, setzte ihm eine Ausreisefrist an und beauftragte den zuständigen
Kanton mit dem Vollzug der Wegweisung.
H.
Gegen diesen Entscheid erhob der Beschwerdeführer mit Eingabe seines
Rechtsvertreters vom 19. Juni 2020 (Datum des Poststempels) beim Bun-
desverwaltungsgericht Beschwerde und beantragte, die angefochtene Ver-
fügung sei aufzuheben und die Sache zur Neubeurteilung an die Vor-
instanz zurückzuweisen. Eventualiter sei ihm die vorläufige Aufnahme zu
belassen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuchte er um Gewährung der
unentgeltlichen Prozessführung inklusive Verzicht auf die Erhebung eines
Kostenvorschusses und um Beiordnung seines Rechtsvertreters als amtli-
chen Rechtsbeistand.
Der Beschwerde lag – nebst einer Kopie der angefochtenen Verfügung,
einer Vollmacht vom 17. Juni 2020 und einer Bestätigung betreffend die
Ablösung von der Sozialhilfe per 1. Juli 2020 – ein Arbeitsvertrag mit der
(...) vom 1. Juni 2020 bei.
I.
Mit Zwischenverfügung vom 25. September 2020 stellte der Instruktions-
richter fest, der Beschwerdeführer dürfe den Ausgang des Verfahrens in
der Schweiz abwarten. Gleichzeitig hiess er die Gesuche um Gewährung
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der unentgeltlichen Prozessführung und um amtliche Rechtsverbeistän-
dung – unter der Voraussetzung des fristgerechten Nachweises der pro-
zessualen Bedürftigkeit sowie unter Vorbehalt einer Veränderung der finan-
ziellen Verhältnisse – gut und forderte den Beschwerdeführer auf, bis zum
12. Oktober 2020 entweder eine Übersicht seiner finanziellen Verhältnisse
nachzureichen oder einen Kostenvorschuss von Fr. 750.– zu leisten, unter
Androhung des Nichteintretens im Unterlassungsfall.
J.
Mit Eingabe seines Rechtsvertreters vom 2. Oktober 2020 erneuerte der
Beschwerdeführer – unter Beilage von Lohnabrechnungen der Monate Au-
gust und September 2020 – die Gesuche um Gewährung der unentgeltli-
chen Prozessführung und amtlichen Rechtsverbeiständung.
K.
Am 5. Oktober 2020 ging der Kostenvorschuss fristgerecht beim Bundes-
verwaltungsgericht ein.
L.
Am 30. Oktober 2020 liess sich das SEM zur Beschwerde vernehmen.
Dazu nahm der Beschwerdeführer mit Eingabe seines Rechtsvertreters
vom 24. November 2020 innert erstreckter Frist Stellung. Gleichzeitig
reichte sein Rechtsvertreter eine Kostennote desselben Datums zu den
Akten.
M.
Mit Eingabe vom 27. November 2020 liess der Beschwerdeführer ein wei-
teres fremdsprachiges Beweismittel (gemäss eigenen Angaben: Todesur-
kunde betreffend den (...) [in Kopie]) zu den Akten reichen.
N.
Mit Zwischenverfügung vom 15. Januar 2021 wurde das SEM eingeladen,
unter Berücksichtigung von BVGE 2020 VI/9 (Prüfung der Verhältnismäs-
sigkeit bei der Aufhebung einer vorläufigen Aufnahme) eine zweite Ver-
nehmlassung einzureichen.
O.
In seiner zweiten Vernehmlassung vom 1. Februar 2021 beantragte das
SEM die Abweisung der Beschwerde.
P.
Am 12. Oktober 2021 ersuchte der Beschwerdeführer beim SEM – unter
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Beilage einer Bestätigung der Botschaft der irakischen Republik in
C._ betreffend die Vorsprache beim Konsulat der irakischen Repub-
lik in D._ für die Beschaffung heimatlicher Reisedokumente – wie-
derum um Ausstellung eines Passes für eine ausländische Person.
Q.
Am 16. Dezember 2021 lud der Instruktionsrichter den Beschwerdeführer
ein, zur zweiten Vernehmlassung der Vorinstanz Stellung zu nehmen. Die-
ser Aufforderung kam er mit Eingabe vom 27. Dezember 2021 nach.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung
von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und
entscheidet im Bereich der Aufhebung der vorläufigen Aufnahme endgültig
(Art. 84 Abs. 2 AIG [SR 142.20], Art. 83 Bst. c Ziff. 3 BGG). Der Beschwer-
deführer ist als Verfügungsadressat zur Beschwerdeführung legitimiert. Auf
die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten (Art. 37
VGG i.V.m. Art. 112 AIG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG).
2.
Mit der Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht, die unrichtige
oder unvollständige Feststellung des Sachverhalts und die Unangemes-
senheit gerügt werden (Art. 112 Abs. 1 AIG i.V.m. Art. 49 VwVG).
3.
3.1 Gemäss Art. 84 AIG prüft das SEM periodisch, ob die Voraussetzungen
für die vorläufige Aufnahme noch gegeben sind (Abs. 1); es hebt sie auf
und ordnet den Vollzug der Wegweisung an, wenn die Voraussetzungen
nicht mehr gegeben sind (Abs. 2). Die Voraussetzungen der vorläufigen
Aufnahme fallen weg, wenn der Vollzug der rechtskräftig angeordneten
Wegweisung zulässig ist und es der ausländischen Person zumutbar und
möglich ist, sich in ihren Heimat-, in den Herkunfts- oder in einen Drittstaat
zu begeben (Art. 83 Abs. 2–4 AIG).
3.2 Bezüglich der Geltendmachung von Wegweisungsvollzugshindernis-
sen gilt gemäss ständiger Praxis der gleiche Beweisstandard wie bei der
Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte
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Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen
(vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1 m.w.H.).
4.
4.1 Zur Begründung der angefochtenen Verfügung führte das SEM unter
anderem aus, gemäss ständiger Rechtsprechung gelte bei unbegleiteten
minderjährigen Asylsuchenden (UMA) hinsichtlich des Beziehungsnetzes
im Heimatland ein strengerer Massstab. Das in der Verfügung vom 5. Juli
2016 erwähnte «nicht tragfähige Beziehungsnetz» – insbesondere betref-
fend die Familie des (...) – sei vor diesem Hintergrund zu verstehen. Dar-
über hinaus habe der Beschwerdeführer widersprüchliche Angaben zu sei-
nem Beziehungsnetz gemacht. Anlässlich der BzP habe er angegeben,
sein in B._ wohnhafter (...) sei der einzige Verwandte im Nordirak.
Bei der Anhörung habe er hingegen erklärt, er habe weitere Verwandte im
Heimatland, welche alle in B._ lebten. Diese Angehörigen habe der
Beschwerdeführer selbst nicht konkret bezeichnet, deren Existenz im Rah-
men der Stellungnahme aber auch nicht bestritten. Es könne daher davon
ausgegangen werden, dass sich das Beziehungsnetz des Beschwerdefüh-
rers in seinem Heimatland breiter präsentiere, als lediglich in Form der Fa-
milie des besagten (...). Da er ausserdem im Juni 2019 seine beim selben
(...) lebende (...) habe besuchen wollen, dürfe davon ausgegangen wer-
den, dass er weiterhin in Kontakt mit seinen Angehörigen im Nordirak
stehe. Des Weiteren handle es sich beim fast (...)-jährigen Beschwerde-
führer um einen gesunden und arbeitsfähigen Mann, der bis zu seiner Aus-
reise im Jahr 2015 im Nordirak gelebt habe. Folglich habe er die Kindheit
und einen Teil seiner Jugend in seinem Heimatland verbracht und sei mit
der Sprache und den Bräuchen vertraut. Des Weiteren habe er in seinem
Heimatland die Schule bis zur (...) Klasse besucht und als (...) sowie als
(...) gearbeitet. Vor diesem Hintergrund dürfe von ihm erwartet werden,
dass er die erforderlichen Bemühungen für eine Reintegration in sein Hei-
matland unternehme. Die Berufserfahrungen, welche er sich hierzulande
als (...) angeeignet habe, würden ihm dabei dienlich sein.
Ferner bilde der Grad der Integration grundsätzlich kein Kriterium für die
Beurteilung der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs; die Beurteilung
einer Härtefallsituation infolge einer allenfalls fortgeschrittenen Integration
falle vielmehr in die Zuständigkeit der kantonalen Migrationsbehörden.
Festzuhalten sei in diesem Zusammenhang dennoch, dass sich der Be-
schwerdeführer während seines bald fünfjährigen Aufenthaltes in der
Schweiz nicht überdurchschnittlich integriert habe. Gemäss eingereichter
Arbeitsbestätigung vom 30. April 2020 sei er erst seit dem 1. November
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2019 in einem (...) als Praktikant tätig. Bis auf einen einmonatigen Einsatz
als Praktikant in einem anderen (...) im März 2019 seien weitere Bemü-
hungen auf dem Arbeitsmarkt (beispielsweise die Suche nach einer Lehr-
stelle) weder aktenkundig noch würden solche geltend gemacht.
4.2 Der Beschwerdeführer wendet dagegen in der Rechtsmitteleingabe im
Wesentlichen ein, dass der Entzug des damals angeordneten Schutzes
und somit der Entzug seiner gesamten Lebensgrundlage in der Schweiz
ausführlich und nachvollziehbar hätte begründet werden müssen. Insbe-
sondere sei offenzulegen, weshalb der Schutz damals angeordnet worden
sei. Ferner verletze der Zeitpunkt der Aufhebung des angeordneten Schut-
zes – rund eineinhalb Jahre nach Erreichen der Volljährigkeit – den Grund-
satz von Treu und Glauben.
Sollte die Verfügung wider Erwarten nicht aufgehoben werden, sei die Un-
zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs festzustellen. Entgegen der An-
sicht der Vorinstanz würden nach wie vor individuelle Gründe vorliegen,
welche gegen die Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs sprächen. So
halte das Beziehungsnetz, von welchem man im Zeitpunkt des Asylent-
scheides ausgegangen sei, auch nach Erreichen der Volljährigkeit den An-
forderungen an die Tragfähigkeit nicht stand. Für die Existenz eines sol-
chen reiche es nicht aus, seine Aussagen fünf Jahre später als unglaubhaft
einzustufen. In der Verfügung vom 5. Juli 2016 habe man sein geltend ge-
machtes Beziehungsnetz nicht angezweifelt. Damals habe man einzig fest-
gehalten, dass er hinsichtlich der Anzahl Kinder seines (...) unterschiedli-
che Angaben gemacht habe. Hierzu sei anzumerken, dass er an der Anhö-
rung gefragt worden sei, wie viele Kinder sein (...) habe und in der BzP
sinngemäss, wie viele davon in der Heimat lebten. Entsprechend seien
seine Angaben unterschiedlich ausgefallen. Sodann reichten seine in der
Schweiz gesammelten Berufserfahrungen nicht aus, sich im Nordirak eine
existentielle Grundlage aufzubauen.
Schliesslich bemühe er sich um die Integration in die Schweiz. Nach der
Asylgesuchstellung in der Schweiz habe er regelmässig die Schule be-
sucht und sei am 1. Juni 2020 ein unbefristetes Arbeitsverhältnis (Arbeits-
pensum von 80 Prozent) mit der (...) eingegangen.
4.3 In ihrer Vernehmlassung vom 30. Oktober 2020 hält die Vorinstanz an
der angefochtenen Verfügung fest, zumal die Beschwerde keine neuen er-
heblichen Tatsachen oder Beweismittel enthalte, welche eine Änderung ih-
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res Standpunktes rechtfertigen könne. Insbesondere habe der Beschwer-
deführer nicht dargelegt, inwiefern das Beziehungsnetz – dessen Vorhan-
densein er nicht bestreite – zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht tragfähig
sein soll. Der Vollständigkeit halber sei darauf hinzuweisen, dass seine
Aussagen hinsichtlich der Anzahl Kinder seines (...) klar widersprüchlich
ausgefallen seien. So habe er anlässlich der BzP angegeben, sein (...)
habe zwei Kinder. Im Rahmen der Anhörung habe er hingegen vorge-
bracht, derselbe (...) habe fünf Kinder.
4.4 In der Replik macht der Beschwerdeführer geltend, dass es die Vor-
instanz auch im Rahmen der Vernehmlassung unterlasse, konkret aufzu-
zeigen und zu benennen, welche Personen man zu seinem tragfähigen
Beziehungsnetz im Nordirak zähle und wie ihn dieselben bei einer Rück-
kehr unterstützen könnten. In diesem Zusammenhang sei festzuhalten,
dass sein (...) kürzlich an den Folgen einer (...) gestorben sei, was er mit-
tels nachzureichender Dokumente belegen könne. Was seine restlichen
Verwandten anbelange, habe er bereits im Rahmen der Anhörung vom
21. Dezember 2015 ausgeführt, nur wenig Kontakt mit denselben gepflegt
zu haben. Ohnehin könne der Kontakt zu den fraglichen Verwandten nach
seinem fünfjährigen Aufenthalt in der Schweiz nur als lose bezeichnet wer-
den, was gegen ein tragfähiges Beziehungsnetz im Heimatstaat spreche.
Weiter macht der Beschwerdeführer auf den Grundsatzentscheid des Bun-
desverwaltungsgerichts E-3822/2019 vom 28. Oktober 2020 aufmerksam,
wonach bei der Aufhebung von vorläufigen Aufnahmen das Verhältnismäs-
sigkeitsprinzip zu beachten sei. Diesbezüglich macht er geltend, dass der
angefochtene Entscheid nicht verhältnismässig sei. Er sei im Alter von (...)
Jahren in die Schweiz gelangt, verfüge in der Zwischenzeit über einen un-
befristeten Arbeitsvertrag und sei nicht mehr auf die Unterstützung der So-
zialhilfe angewiesen. Darüber hinaus sei er der deutschen Sprache mäch-
tig, habe sich hierzulande ein Beziehungsnetz aufgebaut und verfüge über
einen tadellosen Leumund.
4.5 Im Rahmen der zweiten Vernehmlassung stellt die Vorinstanz mit Blick
auf die vom Bundesverwaltungsgericht in BVGE 2020 VI/9 festgelegte Prü-
fung des Verhältnismässigkeitsprinzips fest, das private Interesse des Be-
schwerdeführers an einem weiteren Verbleib in der Schweiz sei derzeit als
nicht besonders gewichtig zu bezeichnen, und hält im Einzelnen was folgt
fest: Die Erwerbssituation des Beschwerdeführers habe sich insofern ver-
ändert, als er sich seit dem 1. Juni 2020 in einer Festanstellung bei der (...)
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befinde, bei welcher er vom 1. März 2019 bis zum 31. Mai 2019 als Prakti-
kant tätig gewesen sei. Darüber hinaus habe er während sieben Monaten
bei einem anderen Arbeitgeber (...) als Praktikant gearbeitet. Folglich sei
der Beschwerdeführer seit seinem über fünfjährigen Aufenthalt in der
Schweiz während 10 Monate als Praktikant und während 8 Monaten in ei-
ner teilzeitlichen Festanstellung erwerbstätig. Er sei im Alter von (...) Jah-
ren in die Schweiz gelangt und habe – ohne eine Berufsausbildung zu
durchlaufen – erst im Alter von (...) Jahren und (...) Monaten mit seiner In-
tegration ins Erwerbsleben begonnen. Vor diesem Hintergrund könne nicht
von einer guten beruflichen Integration die Rede sein. Mangels Berufslehre
seien seine beruflichen Perspektiven auch nicht als besonders günstig zu
erachten. Er habe sich sodann erst am 1. Juli 2020 – mit Beginn seiner
Festanstellung bei seinem heutigen Arbeitgeber und nachdem seine vor-
läufige Aufnahme erstinstanzlich aufgehoben worden sei – von der Sozial-
hilfe loslösen können. Familiäre Bindungen in der Schweiz unterhalte er
keine. Das in der Replik geltend gemachte Beziehungsnetz werde nicht
weiter belegt. Nicht speziell hervorzuheben sei das Wohlverhalten des Be-
schwerdeführers, da ein solches erwartet werden dürfe.
4.6 Dem hält der Beschwerdeführer in der zweiten Replik entgegen, die
Vorinstanz berücksichtige nicht ernsthaft, dass er in der Schweiz arbeite
und seit längerer Zeit nicht mehr auf Unterstützung der Sozialhilfe ange-
wiesen sei. Ebenso wenig berücksichtige sie, dass er sich später weiterbil-
den könne.
5.
5.1 Auf Beschwerdeebene werden verschiedene formelle Rügen (Verlet-
zung des Anspruchs auf rechtliches Gehör respektive der Begründungs-
pflicht sowie Verletzung des Grundsatzes von Treu und Glauben) erhoben.
Sie sind vorab zu beurteilen, da sie gegebenenfalls geeignet sind, eine
Kassation der vorinstanzlichen Verfügung zu bewirken.
5.2 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches
Gehör, welcher als Mitwirkungsrecht alle Befugnisse umfasst, die einer
Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt
wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 144 I 11 E. 5.3; BVGE
2009/35 E. 6.4.1). Mit dem Gehörsanspruch korreliert die Pflicht der Be-
hörden, die Vorbringen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und in ihrer
Entscheidfindung angemessen zu berücksichtigen. Nicht erforderlich ist
http://links.weblaw.ch/BVGE-2009/35 http://links.weblaw.ch/BVGE-2009/35
D-3185/2020
Seite 11
hingegen, dass sich die Begründung mit allen Parteistandpunkten einläss-
lich auseinandersetzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich wider-
legt (vgl. BGE 143 III 65 E. 5.2).
Die Vorinstanz hat in der angefochtenen Verfügung nachvollziehbar und
hinreichend differenziert aufgezeigt, von welchen Überlegungen sie sich
leiten liess. Entgegen der in der Beschwerde vertretenen Auffassung hat
sie begründet, von welchem Sachverhalt sie bei der Anordnung der vorläu-
figen Aufnahme ausgegangen war und was sich daran seither geändert
habe. Allein der Umstand, dass die Vorinstanz die geltend gemachten
Sachvorbringen nicht so beurteilt wie vom Beschwerdeführer gewünscht,
lässt nicht auf eine Verletzung des rechtlichen Gehörs respektive der Be-
gründungspflicht schliessen. Schliesslich zeigt die ausführliche Beschwer-
deeingabe auf, dass eine sachgerechte Anfechtung des Entscheids der
Vorinstanz ohne Weiteres möglich war.
5.3 Beim Grundsatz von Treu und Glauben geht es einerseits um die
Frage, wie weit sich Privatpersonen auf eine im Widerspruch zum gelten-
den Recht stehende behördliche Auskunft verlassen können, und anderer-
seits darum, dass die Behörden nicht ohne sachlichen Grund einen einmal
in einer Sache eingenommenen Standpunkt wechseln können sollen (vgl.
BGE 138 I 49 E. 8.3.1).
Das gerügte Verhalten der Vorinstanz stellt offensichtlich keine Verletzung
dieses Grundsatzes dar. So handelt es sich bei der vorläufigen Aufnahme
um eine Massnahme von provisorischem Charakter, weshalb eine periodi-
sche Überprüfung gesetzlich vorgesehen ist (vgl. oben E. 3.1) und die Auf-
hebung derselben bei Wegfall der Voraussetzungen jederzeit erfolgen
kann. Ob die Aufhebung der vorläufigen Aufnahme gerechtfertigt ist, betrifft
vielmehr eine materielle Frage, weshalb diesbezüglich auf die nachfolgen-
den Erwägungen zu verweisen ist.
5.4 Nach dem Gesagten besteht keine Veranlassung, die angefochtene
Verfügung aus formellen Gründen aufzuheben und die Sache an die Vor-
instanz zurückzuweisen. Das entsprechende Begehren ist abzuweisen.
6.
6.1 Nach Art. 83 Abs. 3 AIG ist der Vollzug nicht zulässig, wenn völker-
rechtliche Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin
oder des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat ent-
gegenstehen.
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Vorliegend ist das flüchtlingsrechtliche Rückschiebungsverbot von Art. 33
Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der
Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) und Art. 5 AsylG – wie von der Vorinstanz
zutreffend festgehalten – nicht anwendbar. Die Zulässigkeit des Vollzugs
beurteilt sich vielmehr nach den allgemeinen verfassungs- und völkerrecht-
lichen Bestimmungen (Art. 25 Abs. 3 BV; Art. 3 des Übereinkommens vom
10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche
oder erniedrigende Behandlung oder Strafe [FoK, SR 0.105]; Art. 3
EMRK). Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofes für Menschen-
rechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses müsste der
Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr ("real risk") nachweisen oder
glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter oder un-
menschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR Saadi ge-
gen Italien vom 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06, §§ 124-127
m.w.H.). Solches wird vom Beschwerdeführer indessen weder vorgebracht
noch ergeben sich entsprechende konkrete Anhaltspunkte aus den Akten.
Schliesslich lässt auch die allgemeine Menschenrechtssituation im Nord-
irak den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt nicht als unzulässig
erscheinen. Mithin ist der Vollzug der Wegweisung des Beschwerdeführers
zulässig.
6.2 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
6.2.1 Im bereits zitierten Referenzurteil E-3737/2015 vom 14. Dezember
2015 (E. 7.4) bestätigte das Bundesverwaltungsgericht seine in
BVGE 2008/5 publizierte Praxis zur Frage der Zumutbarkeit des Wegwei-
sungsvollzugs in die kurdischen Provinzen im Nordirak. Es hielt dabei Fol-
gendes fest: In den vier Provinzen des KRG – das betreffende Gebiet wird
seit Anfang 2015 durch die Provinzen Dohuk, Erbil, Suleimaniya sowie der
von Letzterer abgespalteten Provinz Halabja gebildet – sei nicht von einer
Situation allgemeiner Gewalt im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG auszugehen,
und es lägen keine konkreten Anhaltspunkte dafür vor, dass sich dies in
absehbarer Zeit massgeblich ändern würde. Die langjährige Praxis im
Sinne von BVGE 2008/5 für aus dem KRG-Gebiet stammende Kurdinnen
und Kurden bleibt somit weiterhin anwendbar. Besonderes Gewicht ist an-
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Seite 13
gesichts der Belastung der behördlichen Infrastrukturen durch im Irak in-
tern Vertriebene («Internally Displaced Persons» [IDPs]) dem Vorliegen
begünstigender individueller Faktoren beizumessen (vgl. statt vieler Urteil
des BVGer D-2633/2022 vom 9. September 2022 E. 8.3.3; E-1205/2022
vom 4. April 2022 E. 9.4.2 und E-4484/2021 vom 22. Februar 2022
E. 8.4.1). Die Anordnung des Wegweisungsvollzugs setzt insbesondere
voraus, dass die betreffende Person ursprünglich aus der Region stammt
oder längere Zeit dort gelebt hat und dort über ein soziales Beziehungsnetz
(Familie, Verwandtschaft oder Bekanntenkreis) oder über Beziehungen zu
den herrschenden Parteien verfügt. Andernfalls dürfte eine soziale und
wirtschaftliche Integration in die kurdische Gesellschaft nicht gelingen, da
der Erhalt einer Arbeitsstelle oder von Wohnraum weitgehend von gesell-
schaftlichen und politischen Beziehungen abhängt (vgl. BVGE
2008/5 E. 7.5; ausführlich zudem Urteil des BVGer E-6430/2016 vom
31. Januar 2018 E. 6.4.1 ff., m.w.H.).
6.2.2 Der Beschwerdeführer stammt aus B._ in der Provinz Dohuk,
wo er bis zu seiner Ausreise gelebt hat (vgl. SEM-Akten A6 Ziff. 2.01, A18
F11). Der Vollzug in dieses Gebiet ist im Lichte der Rechtsprechung grund-
sätzlich zumutbar. Beim Beschwerdeführer sind sodann entgegen der Be-
schwerde begünstigende Faktoren gegeben. Zur Vermeidung von Wieder-
holungen kann vorab auf die zutreffenden Erwägungen der Vorinstanz (vgl.
die Zusammenfassung der entsprechenden Erwägungen in E. 4.1 und 4.3
des vorliegenden Urteils) verwiesen werden. Hinsichtlich der Tragfähigkeit
des Beziehungsnetzes schliesst sich das Gericht der Auffassung der
Vorinstanz an, dass Familienangehörige des Beschwerdeführers nach wie
vor in der betreffenden Region ansässig sind (vgl. SEM-Akten A6 Ziff. 3.01;
A18 F18 f., F27-29, F39, F73), und der beabsichtigte Besuch der (...) im
Nordirak (vgl. Prozessgeschichte, Bst. D.a) darauf schliessen lässt, dass
er weiterhin in Kontakt mit seinen Angehörigen steht, weshalb von einem
familiären Beziehungsnetz auszugehen ist, das ihn sowohl bei der berufli-
chen als auch sozialen Reintegration unterstützen kann. Die Ausführungen
auf Beschwerdeebene und das eingereichte Beweismittel halten dem
nichts Stichhaltiges entgegen. Hinsichtlich des Vorbringens auf Beschwer-
deebene, sein (...) sei an den Folgen einer (...) gestorben, was mittels ei-
nes fremdsprachigen Dokuments belegt werden könne (vgl. Prozessge-
schichte, Bst. L.), ist zunächst festzuhalten, dass dieses Beweismittel le-
diglich in Form einer leicht manipulierbaren Kopie vorliegt, weshalb ihm
keinerlei Beweiskraft zuerkannt werden kann. Doch selbst unter der An-
nahme, dass sein (...) verstorben ist, erscheint das Vorbringen, dass der
Kontakt zu den restlichen Verwandten ohnehin als lose zu bezeichnen sei,
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als Schutzbehauptung, zumal er sich gemäss Aktenlage nach wie vor um
die Beschaffung heimatlicher Reisedokumente bemüht (vgl. Prozessge-
schichte, Bst. P.). Ferner ist in Übereinstimmung mit der Vorinstanz und
entgegen der auf Beschwerdeebene vertretenen Ansicht davon auszuge-
hen, dass die Existenz des Beschwerdeführers bei einer Rückkehr auch in
finanzieller Hinsicht gesichert ist. Der Beschwerdeführer besuchte gemäss
eigenen Angaben in der Schweiz mehrere Jahre die Schule und sammelte
Arbeitserfahrungen als (...), was ihm beim Aufbau einer neuen wirtschaft-
lichen Existenz entgegenkommen wird (vgl. Prozessgeschichte, Bstn. E.c
und G.). Ausserdem leidet der Beschwerdeführer den Akten zufolge an kei-
nen gesundheitlichen Problemen (vgl. SEM-Akten A6 Ziff. 8.02, A18 F93).
Etwas anderes wird auch auf Beschwerdeebene nicht vorgebracht. Insge-
samt sind keine Aspekte ersichtlich, die darauf schliessen lassen würden,
dass der Beschwerdeführer bei einer Rückkehr aus persönlichen Gründen
wirtschaftlicher, sozialer oder gesundheitlicher Art in eine existenzielle Not-
lage geraten würde.
6.2.3 Unter Berücksichtigung sämtlicher vorliegender Umstände beurteilt
auch das Bundesverwaltungsgericht nach dem Gesagten den Vollzug der
Wegweisung aktuell als zumutbar im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG.
6.3 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
7.
7.1 Praxisgemäss bleibt zu prüfen, ob sich die Aufhebung der vorläufigen
Aufnahme als verhältnismässig erweist.
7.2 Praxisgemäss sind im Sinne von Art. 96 AIG die privaten Interessen
der vorläufig aufgenommenen Person an einem Verbleib in der Schweiz
und das Interesse des Staates an der Aufhebung der vorläufigen Auf-
nahme und des Vollzugs der Wegweisung gegeneinander abzuwägen (vgl.
dazu BVGE 2007/32); dabei ist keine schematische Betrachtungsweise
vorzunehmen, sondern auf die gesamten Umstände des Einzelfalles abzu-
stellen. Zu berücksichtigen sind Faktoren wie die Dauer der Anwesenheit
in der Schweiz, der Grad der Integration, die familiäre Situation, die noch
zum Heimatstaat bestehenden Verbindungen, bei Straffälligkeit die
Schwere begangener Delikte beziehungsweise die Art der verletzten
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Rechtsgüter, das Verschulden des Betroffenen und das Verhalten des
Ausländers in dieser Periode (vgl. BVGE 2020 VI/9 E. 10.4).
7.3 Eigenen Angaben zufolge verliess der Beschwerdeführer den Irak im
November 2015, im Alter von (...) Jahren. Zum damaligen Zeitpunkt ver-
fügte er weder über eine angemessene Schulbildung noch über nennens-
werte Arbeitserfahrung. Zwischenzeitlich lebt er seit über sechseinhalb
Jahren in der Schweiz. Er verbrachte somit für die Sozialisation noch rele-
vante Jahre als Jugendlicher beziehungsweise junger Erwachsener in der
Schweiz. Während seines Aufenthaltes in der Schweiz hat er durchaus
nennenswerte Anstrengungen unternommen, um sich auf dem Schweizer
Arbeitsmarkt zu integrieren. Beginnend mit einem Praktikum hat er sich
offenbar als geschätzter (...) etablieren können und ist seit dem 1. Juli 2020
von der Sozialhilfe unabhängig. Selbst wenn ihm die Aufnahme einer Be-
rufsausbildung bis anhin nicht gelungen ist, so ist sein Engagement als po-
sitiv zu würdigen und auch die Prognose, ob er längerfristig finanziell un-
abhängig in der Schweiz leben kann, fällt nach Aktenlage positiv aus. Zwar
ist über die soziale Integration des Beschwerdeführers in der Schweiz
nichts aktenkundig, es ist aber anzunehmen, dass er sich nach einem über
sechsjährigen Aufenthalt zumindest ein Stück weit auch gesellschaftlich in-
tegrieren konnte, zumal er wiederholt an derselben Arbeitsstelle gearbeitet
hat. Insbesondere steht er in regelmässigem Kontakt mit einem (...) in der
Schweiz, der ihm eine Vaterfigur geworden sei (vgl. SEM-Akten A6
Ziff. 3.02, A18 F69). Gemäss neuster Aktenlage ist dem Beschwerdeführer
allerdings vorzuhalten, dass er sich infolge (...) strafbar gemacht haben
soll (vgl. SEM-Akten «CH-Reisedokumente PA», Schreiben des [...] vom
1. September 2022). Positiv zu werten ist jedoch, dass ihm zuvor keine
anderen Delikte zur Last gelegt wurden. Eine Gefährdung der öffentlichen
Ordnung ist zum heutigen Zeitpunkt nicht anzunehmen.
7.4 Zusammenfassend ist festzustellen, dass die privaten Interessen des
Beschwerdeführers an einem Verbleib in der Schweiz die öffentlichen Inte-
ressen am Wegweisungsvollzug im heutigen Zeitpunkt knapp überwiegen
und sich die Aufhebung der vorläufigen Aufnahme damit als unverhältnis-
mässig erweist.
Es ist jedoch darauf hinzuweisen, dass das Resultat der vorgenommenen
Interessenabwägung und die damit verbundene weiterhin zu gewährende
vorläufige Aufnahme als letzte Chance für eine weitergehende soziale und
berufliche Integration des Beschwerdeführers zu verstehen ist.
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8.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde gutzuheissen. Die vorinstanzliche
Verfügung vom 15. Juni 2020 ist aufzuheben. Der Beschwerdeführer bleibt
vorläufig aufgenommen.
9.
9.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). Der mit Verfügung vom 25. September 2020
erhobene und am 5. Oktober 2020 geleistete Kostenvorschuss in der Höhe
von Fr. 750.– ist dem Beschwerdeführer zurückzuerstatten.
9.2 Dem vertretenen Beschwerdeführer ist angesichts seines Obsiegens
in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihm
notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen. Der Rechts-
vertreter des Beschwerdeführers reichte am 24. November 2020 eine Kos-
tennote zu den Akten, die einen zeitlichen Vertretungsaufwand von insge-
samt 17.5 Stunden zu einem Stundenansatz von Fr. 200.– sowie eine Aus-
lagenpauschale von Fr. 40.– ausweist. Hinsichtlich der danach erfolgten
Eingaben vom 27. November 2020 und 27. Dezember 2021 wurde keine
aktualisierte Kostennote ins Recht gelegt. Auf die Nachforderung einer sol-
chen ist indessen zu verzichten (vgl. Art. 14 Abs. 2 VGKE), weil der Vertre-
tungsaufwand zuverlässig abgeschätzt werden kann. Gestützt auf die in
Betracht zu ziehenden Bemessungsfaktoren (Art. 9–13 VGKE), ist der zur
Anwendung gebrachte Stundenansatz bei Fr. 200.– zu belassen. Der gel-
tend gemachte zeitliche Aufwand erscheint indes im Verhältnis zu ähnli-
chen gelagerten Verfahren zu hoch und wird – unter Berücksichtigung der
Eingaben vom 27. November 2020 und 27. Dezember 2021 – auf zwölf
Stunden gekürzt. Die angeführte Auslagenpauschale von Fr. 40.– wird pra-
xisgemäss nicht vergütet. Somit ist dem Beschwerdeführer zulasten der
Vorinstanz eine Parteientschädigung von Fr. 2’400.– zuzusprechen. Die
Parteientschädigung umfasst keinen Mehrwertsteuerzuschlag im Sinne
von Art. 9 Abs. 1 Bst. c VGKE.
(Dispositiv nächste Seite)
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