Decision ID: 39408a6c-a04e-4ace-86a3-6c847b1dcb96
Year: 2022
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a.
A._ bezog gestützt auf eine Verfügung vom 25. September 2013 und 29.
Oktober 2013 (IV-act. 35 f.) ab dem 1. Juni 2013 eine ganze Rente der
Invalidenversicherung sowie eine Kinderrente für ihre Tochter (Jahrgang 19_) und –
allerdings nur für die Monate Juni und Juli 2013 – eine Kinderrente für ihren Sohn
(Jahrgang 19_). Im September 2014 trat der Sohn der Versicherten ein
rechtswissenschaftliches Studium an (AK-act. 120–1), weshalb die Versicherte am 27.
Juni 2014 die Ausrichtung einer Kinderrente für ihn beantragt hatte (AK-act. 120–2). Mit
einer Verfügung vom 10. Juli 2014 sprach die IV-Stelle der Versicherten für die Zeit ab
September 2014 antragsgemäss wieder eine Kinderrente für den Sohn zu (IV-act. 38).
Am 13. September 2019 teilte die IV-Stelle der Versicherten mit, dass sie die
Kinderrente für den Sohn nur noch bis Ende November 2019 auszahlen werde, da
dieser im November 2019 sein 25. Altersjahr vollenden werde (AK-act. 66).
A.b.
Im Januar 2020 gingen der Ausgleichskasse Lohnausweise zu, denen sich
entnehmen liess (AK-act. 59 ff.), dass der Sohn ein Bruttoeinkommen von 3’710
Franken in der Zeit von März bis und mit August 2017, von 12’240 Franken in der Zeit
von Oktober bis und mit Dezember 2017 und von 24’145 Franken in der Zeit von April
bis und mit Dezember 2018 erzielt hatte. Am 5. Februar 2020 forderte die
Ausgleichskasse die Versicherte auf anzugeben, ob es sich bei den entsprechenden
A.c.
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Arbeitseinsätzen um ausbildungsrelevante Praktika gehandelt habe (AK-act. 56). Der
Sohn der Versicherten teilte am 5. Februar 2020 mit (AK-act. 50), er habe in den
Monaten Oktober bis und mit Dezember 2017 ein Praktikum absolviert, das jedoch
keinen zwingenden Teil des Studiums gebildet habe; bei den anderen Arbeitseinsätzen
habe es sich um Teilzeit-Studentenjobs gehandelt. Auf eine Rückfrage der
Ausgleichskasse hin teilte er am 18. Februar 2019 ergänzend mit (AK-act. 46), er habe
auch im Jahr 2019 ein Erwerbseinkommen erzielt. Er reichte einen Arbeitsvertrag, laut
dem er ab dem 16. September 2019 als studentischer Mitarbeiter zu einem
Stundenlohn von 33.21 Franken in einem Pensum von durchschnittlich über acht
Stunden pro Woche angestellt gewesen war (AK-act. 47), sowie einen Lohnausweis
ein, laut dem er durch seine am 1. April 2018 angetretene Tätigkeit im Jahr 2019 einen
Lohn von 25’962 Franken erhalten hatte (AK-act. 48). Mit einer Verfügung vom 28.
Februar 2020 forderte die IV-Stelle von der Versicherten die im Zeitraum vom 1. Januar
2018 bis zum 30. November 2019 ausbezahlten Kinderrenten für den Sohn im
Gesamtbetrag von 14’223 Franken zurück (AK-act. 43).
Am 18. April 2020 ersuchte die Versicherte um den Erlass dieser Rückforderung
(AK-act. 37). Sie machte geltend, ihr Sohn habe im Jahr 2019 zwar ein Einkommen von
insgesamt 29’490 Franken erzielt, aber gemäss der Rz. 3367 der Wegleitung über die
Renten (RWL) dürfe das ab dem Monat nach dem 25. Geburtstag erzielte
Erwerbseinkommen nicht mehr berücksichtigt werden. Ziehe man die Dezemberlöhne
der beiden Arbeitsstellen ab, resultiere ein massgebendes Bruttoeinkommen von
26’092.60 Franken für das Jahr 2019, das lediglich 22.60 Franken über dem
Maximalbetrag der vollen Altersrente liege. Da der Sohn im Stundenlohn angestellt
gewesen sei, habe das Einkommen gewissen Schwankungen unterlegen. Der Betrag
von 22.60 Franken entspreche dem Lohn für 40 Minuten Arbeit. Im Voraus sei nicht
abschätzbar gewesen, dass der Sohn letztlich einen minimal zu hohen Lohn erzielen
werde, weshalb diesbezüglich nicht von einer Bösgläubigkeit ausgegangen werden
könne. Für das Jahr 2018 dürfe nicht unbesehen auf die Gesamtsumme des
Erwerbseinkommens abgestellt werden. Im Januar 2018 habe sich der Sohn noch in
dem am 1. Oktober 2017 angetretenen Praktikum befunden. Gemäss der Rz. 3367
RWL müsse dieser Praktikumsmonat gesondert von den übrigen Monaten in jenem
Kalenderjahr betrachtet werden. Weiter sei zu beachten, dass der Sohn von Februar
A.d.
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B.
bis und mit August 2018 ein sogenanntes Urlaubssemester eingelegt respektive keine
Vorlesungen besucht habe. Er habe in dieser Zeit keinen Ausbildungsaufwand von
mindestens 20 Stunden pro Woche betrieben, was bedeute, dass er sich in jener Zeit
nicht in Ausbildung befunden habe. Massgebend für die Beantwortung der Frage, ob
der Kinderrentenanspruch zufolge des Überschreitens der Einkommensschwelle
dahingefallen sei, sei folglich nur das in den Monaten September bis und mit Dezember
2018 erzielte Erwerbseinkommen, das unter dem Grenzwert gelegen habe. Das
Kriterium der grossen Härte sei ebenfalls erfüllt. Mit einer Verfügung vom 17. Dezember
2020 sprach die IV-Stelle der Versicherten für die Monate September bis und mit
Dezember 2018 eine Kinderrente für den Sohn im Gesamtbetrag von 2’464 Franken zu,
die sie mit der offenen Rückforderung von 14’223 Franken verrechnete (AK-act. 24).
Zur Begründung führte sie an, für die Zeit von Januar bis und mit August 2018 bestehe
kein Anspruch auf die Kinderrente, da der Sohn im Januar 2018 ein den Grenzwert
überschreitendes Erwerbseinkommen erhalten und sich von Februar bis und mit
August 2018 nicht in Ausbildung befunden habe. Für die Zeit von September bis und
mit Dezember 2018 habe er sich wieder in Ausbildung befunden; das erzielte
Erwerbseinkommen habe unterhalb des Grenzwertes gelegen. Für die Zeit von Januar
bis und mit November 2019 bestehe kein Kinderrentenanspruch, da das erzielte
Erwerbseinkommen den Grenzwert überschritten habe. Das Erlassbegehren werde
nach dem Eintritt der formellen Rechtskraft dieser Verfügung geprüft werden. Mit einer
Verfügung vom 30. März 2021 wies die IV-Stelle das Erlassbegehren mit der
Begründung ab (AK-act. 18), die Versicherte habe den Antritt des Praktikums, den
Unterbruch des Studiums sowie die Stellenantritte per 1. April 2018 und per 1.
September 2019 nicht gemeldet. Wegen dieser Verletzung der Meldepflicht könne der
gute Glaube nicht „zugesprochen“ werden. Der Erlass der Rückforderung sei folglich
ausgeschlossen. Die Prüfung, ob eine grosse Härte vorliege, erübrige sich.
Am 11. Mai 2021 erhob die Versicherte (nachfolgend: die Beschwerdeführerin)
eine Beschwerde gegen die Verfügung vom 30. März 2021 (act. G 1). Sie beantragte
die Aufhebung der angefochtenen Verfügung, den Erlass der Rückforderung „in noch
zu beziffernder Höhe“, die Sistierung des Beschwerdeverfahrens „bis zum Abschluss
des Wiedererwägungsverfahrens“ betreffend die Höhe der Rückforderung sowie die
B.a.
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Gewährung einer Frist von 30 Tagen zur Ergänzung der Beschwerde. Zudem
beantragte sie die unentgeltliche Prozessführung. Zur Begründung führte sie aus, es
seien erneut unentdeckte Tatsachen zutage getreten, die zu einer weiteren Reduktion
der Rückforderungssumme führen könnten, weshalb die Beschwerdeführerin die IV-
Stelle (nachfolgend: die Beschwerdegegnerin) um eine zweite Wiedererwägung der
Rückforderungsverfügung ersucht habe. Der Ausgang dieses
Wiedererwägungsverfahrens müsse abgewartet werden, bevor die Erlassfrage
beantwortet werden könne. Die Beschwerdeführerin habe ihre Meldepflicht nur „leicht“
verletzt, was gemäss dem Schrifttum der Berufung auf den guten Glauben nicht
entgegen stehe.
Die verfahrensleitende Richterin sistierte das Beschwerdeverfahren am 20. Mai
2021 „formlos“ für die Dauer des Wiedererwägungsverfahrens (act. G 2). Den von der
Beschwerdegegnerin am 3. März 2022 eingereichten Akten liess sich entnehmen, dass
die Beschwerdeführerin am 23. April 2021 um eine Wiedererwägung der Verfügung
vom 17. Dezember 2020 ersucht hatte (AK-act. 13). Sie hatte geltend gemacht, ihr
Sohn habe von Januar bis und mit April 2020 (recte: 2018) intensiv an verschiedenen
Seminararbeiten gearbeitet und sich folglich in dieser Zeit weiterhin in Ausbildung
befunden. Erst ab Mai 2018 habe er eine Pause eingelegt. Mit einer Verfügung vom 27.
Januar 2022 hatte die Beschwerdegegnerin der Beschwerdeführerin für die Zeit von
Januar bis und mit April 2018 eine Kinderrente für den Sohn zugesprochen; die
Nachzahlung von 2’464 Franken hatte sie mit der „bestehenden Rückforderung von
11’759 Franken“ verrechnet (AK-act. 3). Die Sistierung des Beschwerdeverfahrens
wurde am 8. März 2022 wieder aufgehoben (act. G 11).
B.b.
Am 27. Mai 2022 beantragte die Beschwerdeführerin dem Gericht die Aufhebung
der angefochtenen Verfügung vom 30. März 2021, den Erlass der Rückforderung sowie
eventualiter die Rückweisung der Sache an die Beschwerdegegnerin zur
Neuberechnung des Rückforderungsbetrages unter Berücksichtigung des
Nettoerwerbseinkommens. Zudem beantragte sie die Bewilligung der unentgeltlichen
Prozessführung sowie eventualiter die Festsetzung der Gerichtskosten auf den
Minimalbetrag. Zur Begründung führte sie aus, sie habe die Meldepflicht nicht grob
fahrlässig verletzt, denn das vom Sohn erzielte Erwerbseinkommen habe
Schwankungen unterlegen und den Grenzwert letztlich nur minimal überschritten. Sie
B.c.
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Erwägungen
1.
habe nicht ständig Buch über die Einnahmen ihres Sohnes führen können. Sie habe die
Kinderrente gutgläubig bezogen. Das Kriterium der grossen Härte sei erfüllt. Im Übrigen
müsse die Berücksichtigung des Bruttoeinkommens zur Beantwortung der Frage, ob
der Grenzwert überschritten sei, als willkürlich qualifiziert werden. Die Altersrente
werde nämlich ohne jeden Abzug vollumfänglich ausbezahlt, was bedeute, dass der
Empfänger einer maximalen Altersrente im Jahr 2019 effektiv monatlich 2’370 Franken
erhalten habe. Der Sohn der Beschwerdeführerin habe dagegen nicht den Brutto-,
sondern nur den Nettobetrag des Lohnes erhalten. Für die Beantwortung der Frage, ob
der Grenzwert überschritten sei, hätte folglich das Nettoeinkommen berücksichtigt
werden müssen.
Die Beschwerdegegnerin beantragte am 26. August 2022 die Abweisung der
Beschwerde (act. G 20). Zur Begründung führte sie an, auf das Eventualbegehren
könne nicht eingetreten werden, weil der Gegenstand des Beschwerdeverfahrens nicht
weiter als jener des mit der angefochtenen Verfügung abgeschlossenen
Verwaltungsverfahrens sein könne. Bei der Beantwortung der Frage, ob die Leistungen
gutgläubig bezogen worden seien, müsse ein strenger Massstab angelegt werden. Die
Beschwerdegegnerin habe die Beschwerdeführerin wiederholt darauf hingewiesen,
dass sie relevante Sachverhaltsveränderungen melden müsse und dass der Anspruch
auf eine Kinderrente unter anderem voraussetze, dass das Kind kein über dem
Maximalbetrag einer vollen Altersrente liegendes Erwerbseinkommen erziele. Nicht nur
die Beschwerdeführerin selbst, sondern auch ihr Sohn sei verpflichtet gewesen, die
Erwerbsaufnahme zu melden.
B.d.
Die Beschwerdegegnerin hat am 28. Februar 2020 eine Verfügung erlassen, mit
der sie den Kinderrentenanspruch der Beschwerdeführerin für den Sohn revisionsweise
(Art. 17 Abs. 1 ATSG) per Ende Dezember 2017 aufgehoben hat. Der häufigste Vollzug
einer Revisionsverfügung, die zur Aufhebung einer laufenden Rente führt, besteht darin,
die Rente auf den nächstmöglichen Zeitpunkt nicht mehr zu zahlen. Da sich diese
Vollzugshandlung direkt aus dem Dispositiv der Revisionsverfügung ergibt, ist sie
offensichtlich nicht verfügungsbedürftig, was bedeutet, dass keine zweite Verfügung
1.1.
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ergehen muss, mit der die Einstellung der Zahlung auf den Revisionszeitpunkt hin
angeordnet wird. Ergeht eine Revisionsverfügung aber – wie hier – „verspätet“ und
muss der Revisionszeitpunkt folglich auf ein in der Vergangenheit liegendes Datum
festgesetzt werden, kann sich der Vollzug nicht direkt aus dem Dispositiv der
Revisionsverfügung ergeben, denn in einem solchen Fall genügt es nicht, die Zahlung
einzustellen, da die versicherte Person jene Leistungen, auf die sie ab dem in der
Vergangenheit liegenden Revisionszeitpunkt keinen Anspruch mehr gehabt hat, ja
längst bezogen hat. Sie muss also in Anwendung des Art. 25 Abs. 1 Satz 1 ATSG
verpflichtet werden, jene Leistungen zurückzuerstatten, die sie über den
Revisionszeitpunkt hinaus bereits bezogen hat. Die Rückforderungssumme ergibt sich
aus einem Vergleich zwischen dem (neu) verfügten Anspruch und jenem Betrag, den
die versicherte Person effektiv bezogen hat. Diese Differenz ist die Gesamtsumme der
im Sinne des Art. 25 Abs. 1 Satz 1 ATSG unrechtmässig bezogenen,
rückerstattungspflichtigen Leistungen. Da sich die Rückforderung also nicht aus dem
Dispositiv der Revisionsverfügung, sondern vielmehr aus einer zweiten – rein
vollzugsrechtlichen (offensichtlich nicht zum Revisionsrecht gehörenden) – Subsumtion
des massgebenden Sachverhaltes unter den Art. 25 Abs. 1 Satz 1 ATSG ergibt, muss
eine entsprechende zweite Verfügung ergehen, nämlich die Rückforderungsverfügung.
Bei richtiger Interpretation hat die Beschwerdegegnerin also am 28. Februar 2020 zwei
Verfügungen erlassen, nämlich eine (rückwirkende) Revisionsverfügung und eine
Rückforderungsverfügung. Das Dispositiv der Revisionsverfügung hat gelautet: „Der
Kinderrentenanspruch für den Sohn wird per 31. Dezember 2017 aufgehoben“; jenes
der Rückforderungsverfügung: „Die im Zeitraum vom 1. Januar 2018 bis zum 30.
November 2019 bezogenen Kinderrenten für den Sohn im Gesamtbetrag von 14’223
Franken sind zurückzuerstatten“.
Das von der Beschwerdeführerin am 18. April 2020 gestellte Erlassbegehren hat
darauf abgezielt, die Beschwerdeführerin von der Pflicht zu befreien, unrechtmässig
bezogene Leistungen im Gesamtbetrag von 14’223 Franken zurückzuerstatten. Hätte
die Beschwerdegegnerin den Erlass bewilligt, wäre das Dispositiv der
Rückforderungsverfügung vom 28. Februar 2020 („Die im Zeitraum vom 1. Januar 2018
bis zum 30. November 2019 bezogenen Kinderrenten für den Sohn im Gesamtbetrag
von 14’223 Franken sind zurückzuerstatten“) durch ein neues Dispositiv ersetzt
worden: „Die im Zeitraum vom 1. Januar 2018 bis zum 30. November 2019 bezogenen
Kinderrenten für den Sohn im Gesamtbetrag von 14’223 Franken sind nicht
zurückzuerstatten“. Das zeigt, dass der Erlass der verfügten Rückforderung das
Dispositiv der betreffenden Rückforderungsverfügung „aushebelt“ und ersetzt. Es wäre
unerträglich, wenn zwei sich widersprechende formell rechtskräftige Verfügungen
1.2.
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(Rückerstattungspflicht – keine Rückerstattungspflicht) nebeneinander existieren
würden, weil sich in einer solchen Situation die Frage, welche der beiden Verfügungen
nun zu vollziehen sei, nicht beantworten liesse. Eine Erlassverfügung ist also – wie eine
Rückforderungsverfügung – eine rein vollzugsrechtliche Verfügung, die aber die
Besonderheit aufweist, dass sie eine andere Vollzugsverfügung ersetzt, nämlich jene
Verfügung, mit der die betreffende Rückforderung angeordnet worden ist. Das am 18.
April 2020 gestellte Erlassbegehren der Beschwerdeführerin kann folglich nur einen
einzigen Zweck verfolgt haben, nämlich den Ersatz des Rückforderungsdispositivs der
Verfügung vom 28. Februar 2020.
Nun hat die Beschwerdegegnerin aber am 17. Dezember 2020 eine Verfügung
erlassen, die sie ausdrücklich als eine sich auf die Revisions- und
Rückforderungsverfügung vom 28. Februar 2020 beziehende
Wiedererwägungsverfügung im Sinne des Art. 53 Abs. 2 ATSG bezeichnet hat. Mit
einer Wiedererwägung wird nach dem klaren und eindeutigen Wortlaut des Art. 53 Abs.
2 ATSG eine formell rechtskräftige, aber zweifellos unrichtige Verfügung berichtigt, was
nur so verstanden werden kann, dass die zweifellos unrichtige Verfügung aufgehoben
und integral durch eine neue, nun richtige Verfügung ersetzt wird. Der Mechanismus
der Wiedererwägung lässt ein „Weiterleben“ der zweifellos unrichtigen Verfügung nicht
zu, denn die Wiedererwägung bezweckt den Ersatz einer zweifellos unrichtigen durch
eine neue, richtige Verfügung. Eine Wiedererwägung führt also notwendigerweise in
einem ersten Schritt zur vollständigen Beseitigung der zweifellos unrichtigen
Verfügung. Das hat zur Folge, dass das ursprünglich mit der zweifellos unrichtigen
Verfügung abgeschlossene Verwaltungsverfahren wieder „auflebt“ und nun mit einer
neuen (richtigen) Verfügung abgeschlossen wird. Diese neue Verfügung, die den
notwendigen zweiten Schritt einer Wiedererwägung bildet, muss selbstverständlich
dem Gegenstand des wieder hängig gewordenen Verfahrens entsprechen: Wird eine
leistungszusprechende Verfügung wiedererwägungsweise aufgehoben, enthält die
Wiedererwägungsverfügung eine erneute Leistungszusprache (oder Abweisung des
Leistungsbegehrens); wird eine Revisionsverfügung nach Art. 17 Abs. 1 ATSG
wiedererwägungsweise aufgehoben, enthält die Wiedererwägungsverfügung eine neue
Revision. Indem die Beschwerdegegnerin ihre Revisions- und
Rückforderungsverfügung vom 28. Februar 2020 am 17. Dezember 2020 in
Wiedererwägung gezogen hat, hat sie also die zweifellos unrichtige, d.h. rechtswidrige
Verfügung vom 28. Februar 2020 aufgehoben, das Revisionsverfahren wieder
„aufleben“ lassen und dieses dann mit einer richtigen Revisions- und
Rückforderungsverfügung abgeschlossen.
1.3.
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Die Beschwerdegegnerin ist dies in der Wiedererwägungsverfügung vom 17.
Dezember 2020 rein buchhalterisch angegangen. Die (Rück-) Forderung von 14’223
Franken ist nämlich – rein buchhalterisch gesehen – von der Wiedererwägung
unberührt geblieben; die Buchhaltung hat also weiterhin eine Forderung von 14’223
Franken ausgewiesen. Diese Forderung ist nach der wiedererwägungsweisen Korrektur
der Verfügung vom 28. Februar 2020 zu hoch gewesen und ist deshalb mit einer
„Gegenbuchung“ korrigiert worden, was die Beschwerdegegnerin als eine
„Verrechnung“ der Rückforderung mit einer „Nachzahlung“ bezeichnet hat. Rechtlich
korrekt hat die Beschwerdegegnerin natürlich weder eine Nachzahlung noch eine
Verrechnung verfügt. Das wäre auch gar nicht möglich gewesen. Die am 28. Februar
2020 verfügte Rückforderung ist nämlich eine sich auf die Revisionsverfügung vom 28.
Februar 2020 beziehende Vollzugsanordnung gewesen, die im Rahmen der
Wiedererwägung zusammen mit der Revisionsverfügung vom 28. Februar 2020
aufgehoben worden ist. Eine Vollzugsanordnung kann die Beseitigung der
entsprechenden materiellen Verfügung offensichtlich nicht „überleben“. Die
Beschwerdegegnerin hat also gar keine andere Wahl gehabt, als im Rahmen der
wiedererwägungsweisen Korrektur der Revisionsverfügung vom 28. Februar 2020 auch
eine neue Rückforderungsverfügung zu erlassen. Die Wiedererwägungsverfügung vom
17. Dezember 2020 hat deshalb in ihrem Vollzugsteil nicht etwa eine Nachzahlung von
2’464 Franken, sondern vielmehr eine Rückerstattung von 11’759 Franken (= 14’223 –
2’464 Franken) angeordnet. Das bedeutet, dass das Dispositiv jener
Rückerstattungsverfügung, gegen die sich das Erlassbegehren vom 18. April 2020
gerichtet hat, nach dem 17. Dezember 2020 nicht mehr existiert hat, weil es durch das
folgende Dispositiv einer neuen Rückerstattungsverfügung ersetzt worden ist: „Die im
Zeitraum vom 1. Januar 2018 bis zum 31. August 2018 und im Zeitraum vom 1. Januar
2019 bis zum 30. November 2019 bezogenen Kinderrenten für den Sohn im
Gesamtbetrag von 11’759 Franken sind zurückzuerstatten“. Das mit dem Begehren
vom 18. April 2020 eingeleitete Erlassverfahren hat also mit der Eröffnung der
Wiedererwägungsverfügung vom 17. Dezember 2020 seinen Gegenstand verloren, da
es auf die Modifikation eines Verfügungsdispositivs der am 28. Februar 2020 verfügten
Rückforderung abgezielt hat, das nicht mehr existiert hat. Die Beschwerdegegnerin
hätte das Erlassverfahren deshalb als gegenstandslos abschreiben müssen.
1.4.
Wohl weil die Beschwerdegegnerin nicht rechtlich, sondern rein buchhalterisch
vorgegangen ist, ist sie fälschlicherweise davon ausgegangen, dass das sich gegen die
am 28. Februar 2020 verfügte Rückforderung richtende Erlassbegehren vom 18. April
2020 die am 17. Dezember 2020 verfügte Wiedererwägung „überleben“ und sich gegen
die „neue“ Rückerstattungsverfügung richten könne, weshalb sie es dann mit der
1.5.
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2. Auf das Eventualbegehren, die am 27. Januar 2022 verfügte Rückforderung sei zu
korrigieren, kann nicht eingetreten werden, weil es ausserhalb des durch die
angefochtene Verfügung definierten Streitgegenstandes liegt.
3. Gemäss dem Art. 4 Abs. 4 ATSV hätte die Beschwerdeführerin ihr neues
Erlassbegehren innert 30 Tagen nach dem Eintritt der formellen Rechtskraft der
Rückforderungsverfügung vom 27. Januar 2022 einreichen müssen. Das Bundesgericht
hat allerdings das typische Wesensmerkmal der im Art. 4 Abs. 4 ATSV geregelten
Ordnungsfrist, nämlich den Untergang des Rechtes, ein Erlassbegehren zu stellen,
angefochtenen Verfügung vom 30. März 2021 abgewiesen hat. Richtigerweise hätte sie
die Beschwerdeführerin darauf hinweisen müssen, dass diese ein neues – sich nun
gegen die am 17. Dezember 2020 verfügte Rückforderung richtendes – Erlassbegehren
stellen müsse, wenn sie weiterhin an einem Erlass interessiert sei. In diesem
Beschwerdeverfahren hätte die abweisende Verfügung vom 30. März 2021 in
Abweisung der Beschwerde durch den Beschluss ersetzt werden müssen, das
Erlassverfahren abzuschreiben. Nun hat die Beschwerdegegnerin aber (nach der
Erhebung der Beschwerde gegen die Verfügung vom 30. März 2021) auch ihre
Wiedererwägungsverfügung vom 17. Dezember 2020 wiedererwägungsweise
aufgehoben und am 27. Januar 2022 durch eine Verfügung ersetzt, mit der sie die
Kinderrente für den Sohn per 30. April 2018 aufgehoben und befristet für die Zeit vom
1. September 2018 bis zum 31. Dezember 2018 nochmals zugesprochen sowie
unrechtmässig bezogene Kinderrenten von insgesamt 9’295 Franken (= 11’759 – 2’464
Franken) zurückgefordert hat. Selbst wenn man unterstellen könnte, dass die
Beschwerdegegnerin das sich gegen die am 28. Februar 2018 verfügte Rückforderung
richtende Erlassbegehren vom 18. April 2018 in ein sich gegen die am 17. Dezember
2020 verfügte Rückforderung richtendes Erlassbegehren uminterpretiert hätte, hätte
das Erlassbegehren mit der zweiten Wiedererwägung vom 27. Januar 2022 definitiv
seinen Gegenstand verloren. Da das Verwaltungsverfahren betreffend den Erlass aber
am 27. Januar 2022 bereits – rein formal – abgeschlossen war, hat es nicht mehr
abgeschrieben werden können. Allerdings hat sich dieses Beschwerdeverfahren ab
dem 27. Januar 2022 auf eine Erlassverfügung bezogen, die eine nicht mehr existente
Rückforderung betroffen hat. An einer Beurteilung ihrer Beschwerde kann die
Beschwerdeführerin aber kein schutzwürdiges Interesse mehr gehabt haben, denn das
Gericht hätte bestenfalls noch feststellen können, ob diese – gar nicht mehr
existierende – erlassverweigernde Verfügung richtig oder falsch gewesen sei, was den
Parteien offensichtlich nichts gebracht hätte. Das Beschwerdeverfahren ist also am 27.
Januar 2022 gegenstandslos geworden, weshalb es nur noch abgeschrieben werden
kann.
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wenn die Frist unbenützt abgelaufen ist, mit einer nicht nachvollziehbaren Begründung
vollständig beseitigt (Urteil des Bundesgerichtes 9C_795/2020 vom 10. März 2021, E.
5). Das bedeutet, dass das Verstreichenlassen der Frist des Art. 4 Abs. 4 ELV folgenlos
bleibt. Der Beschwerdeführerin steht es also frei, zu einem völlig beliebigen Zeitpunkt in
der Zukunft noch ein sich gegen die am 27. Januar 2022 verfügte Rückforderung
richtendes Erlassbegehren zu stellen, das die Beschwerdegegnerin dann wird
behandeln müssen. Die Abschreibung dieses Beschwerdeverfahrens hat für die
Beschwerdeführerin also keine nachteiligen Konsequenzen, weil sie einfach ein neues
Erlassbegehren wird stellen können, auf das die Beschwerdegegnerin wird eintreten
müssen.
4. Gerichtskosten sind nicht zu erheben, weil das Beschwerdeverfahren nach der
ständigen Praxis des Versicherungsgerichtes keine Leistungen der
Invalidenversicherung im Sinne des Art. 69 Abs. 1 IVG betrifft. Gemäss dem Art. 17
Abs. 2 GerG kann das Versicherungsgericht für einfache Fälle einen
Einzelrichterentscheid vorsehen. Als einfache Fälle gelten laut dem Art. 18 Abs. 2 OrgR
(sGS 941.114) insbesondere Streitsachen, die aufgrund einer klaren Rechtslage oder
einer feststehenden Gerichtspraxis beurteilt werden können. Diese Voraussetzungen
sind hier erfüllt, weil es um ein Verwaltungsverfahrensproblem gegangen ist, das
gestützt auf eine ständige Praxis der Abteilung II des Versicherungsgerichtes hat gelöst
werden können. Der Abschreibungsbeschluss erfolgt deshalb einzelrichterlich.