Decision ID: dba21beb-a638-5730-8a04-16e8ea8619e9
Year: 2017
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer ersuchte am 19. Juni 2017 in der Schweiz um Asyl
(Akten der Vorinstanz [SEM-act.] A9/11 S. 6 Ziff. 5.05). Am 23. Juni 2017
wurde er im Empfangs- und Verfahrenszentrum Basel summarisch befragt
(SEM-act. A9/11). Am selben Tag wurde ihm zur mutmasslichen staatsver-
traglichen Zuständigkeit Polens zur Durchführung des Asyl- und Wegwei-
sungsverfahrens und zu einem allfälligen Nichteintretensentscheid mit
Wegweisung nach Polen das rechtliche Gehör gewährt. Er machte geltend,
er wolle in die Schweiz und nicht nach Polen (SEM-act. A9/11 S. 7 Ziff.
8.01).
B.
Da dem Beschwerdeführer gemäss dem zentralen Visa-Informationssys-
tem CS-VIS von Polen ein vom 15. Januar 2017 bis am 14. Juli 2017 gül-
tiges Visum ausgestellt worden war, ersuchte das SEM am 28. Juni 2017
die polnischen Behörden um Übernahme des Beschwerdeführers (SEM-
act. A11/7 und A12/2). Am 4. Juli 2017 stimmte Polen dem Übernahmege-
such zu (SEM-act. A13/1).
C.
Mit am 18. Juli 2017 eröffneter Verfügung vom 6. Juli 2017 trat das SEM
auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein, wies ihn aus der
Schweiz nach Polen weg und forderte ihn auf, die Schweiz am Tag nach
Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen. Gleichzeitig stellte es fest, einer
allfälligen Beschwerde gegen den Entscheid komme keine aufschiebende
Wirkung zu, und verfügte die Aushändigung der editionspflichtigen Akten
gemäss Aktenverzeichnis (SEM-act. A13/9 und A16/1).
D.
Mit Eingabe vom 25. Juli 2017 liess der Beschwerdeführer den Entscheid
beim Bundesverwaltungsgericht anfechten und beantragen, die angefoch-
tene Verfügung sei aufzuheben und die Vorinstanz anzuweisen, auf das
Asylgesuch einzutreten. Eventualiter sei die angefochtene Verfügung auf-
zuheben und die Angelegenheit zu weiteren Sachverhaltsabklärungen an
die Vorinstanz zurückzuweisen. Subeventualiter sei die Vorinstanz anzu-
weisen, bei den polnischen Behörden vorgängig der Überstellung Zusiche-
rungen hinsichtlich der Einhaltung der völkerrechtlichen Verpflichtungen
einzuholen. In prozessualer Hinsicht liess er um Wiederherstellung der auf-
schiebenden Wirkung der Beschwerde, um Aussetzung des Vollzugs, um
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unentgeltliche Rechtspflege sowie um Verzicht auf die Erhebung eines
Kostenvorschusses ersuchen (BVGer-act. 1).
E.
Am 28. Juli 2017 stoppte der Instruktionsrichter den Vollzug der Überstel-
lung mit superprovisorischer Massnahme vorsorglich (BVGer-act. 2).
F.
Am 2. August 2017 trafen die vorinstanzlichen Akten beim Bundesverwal-
tungsgericht ein.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung
von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und
entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend –
endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG [SR 142.31]). Der Be-
schwerdeführer ist als Verfügungsadressat zur Beschwerdeführung legiti-
miert (Art. 48 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Be-
schwerde (Art. 108 Abs. 2 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG) ist einzutreten.
2.
Das Bundesverwaltungsgericht überprüft die angefochtene Verfügung auf
Verletzung von Bundesrecht sowie unrichtige oder unvollständige Feststel-
lung des rechtserheblichen Sachverhalts hin (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
3.
Die Beschwerde erweist sich als offensichtlich unbegründet und ist im Ver-
fahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten
Richters (Art. 111 Bst. e AsylG), ohne Weiterungen und mit summarischer
Begründung zu behandeln (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG).
4.
Auf Asylgesuche ist in der Regel nicht einzutreten, wenn Asylsuchende in
einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des Asyl- und
Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a Abs. 1
Bst. b AsylG). Zur Anwendung gelangt das Dublin-Assoziierungsabkom-
men vom 26. Oktober 2004 (DAA, SR 0.142.392.68). Das SEM hat die Zu-
ständigkeitsfrage gestützt auf die Verordnung (EG) Nr. 604/2013 des Eu-
ropäischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung
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der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaates, der für
die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in
einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zustän-
dig ist (Dublin-III-VO), geprüft. Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO ist jeder
Asylantrag von einem einzigen Mitgliedstaat zu prüfen, der nach den Kri-
terien des Kapitels III (Art. 8–15 Dublin-III-VO) als zuständiger Staat be-
stimmt wird, wobei die einzelnen Bestimmungskriterien in der Reihenfolge
ihrer Auflistung im Kapitel III Anwendung finden (Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-
VO).
5.
In der angefochtenen Verfügung stellte die Vorinstanz zu Recht fest, auf-
grund der Umstände, dass dem Beschwerdeführer von Polen ein Visum
ausgestellt worden sei und die polnischen Behörden dem Übernahmege-
such zugestimmt hätten, liege die Zuständigkeit zur Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens bei Polen. Die staatsvertragliche Zu-
ständigkeit Polens steht aufgrund der Akten ohne Weiteres fest. Die Ein-
wände des Beschwerdeführers vermögen die Zuständigkeit Polens – wie
nachfolgend aufzuzeigen – nicht in Frage zu stellen.
6.
Soweit der Beschwerdeführer mit der Rechtsmitteleingabe erneut auf seine
in der Schweiz lebenden Verwandten – insbesondere eine Tante (SEM-act.
A9/11 S.5 Ziff. 3.02) – hinweist, hat die Vorinstanz in zutreffender Weise
dargetan, dass diese nicht als Familienangehörige im Sinne von Art. 2 Bst.
g Dublin-III-VO gelten und zudem auch kein besonderes Abhängigkeitsver-
hältnis aufgezeigt wurde, weshalb sich aus deren Anwesenheit keine Zu-
ständigkeit der Schweiz für den Beschwerdeführer ergibt.
7.
Jeder Mitgliedstaat kann abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO be-
schliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staaten-
losen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn er
nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prüfung
zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO; sog. Selbsteintrittsrecht).
Aus landesrechtlichen Normen wie etwa Art. 29a Abs. 3 der Asylverord-
nung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) lässt sich gegebenen-
falls ein Anspruch auf Selbsteintritt ableiten – etwa aus humanitären Grün-
den (vgl. BVGE 2010/45 E. 5).
8.
Der Beschwerdeführer liess den Selbsteintritt der Schweiz beantragen.
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Dieser wurde damit begründet, die meisten Dublin-Rückkehrer würden in
Polen inhaftiert. Die Haftkonditionen müssten als intransparent bezeichnet
werden. Weiter sei der Zugang zu Rechtsvertretungen erschwert, „Dublin-
Rückkehrende“ würden diskriminiert, die Unterbringungsstandarts seien
mangelhaft, Rassismus sei in Polen weit verbreitet, es käme vermehrt zu
verbalen aber auch physischen Übergriffen gegen asylsuchende Perso-
nen, insbesondere gegen dunkelhäutige Menschen. Des Weiteren fehle es
in Polen an psychologischer und medizinischer Versorgung. Der Be-
schwerdeführer riskiere in Polen aufgrund seiner Hautfarbe und seines
Auftretens, Opfer von rassistischen Übergriffen zu werden. Ausserdem ris-
kiere er, in den Asylheimen oder in Haft, wieder Opfer von Misshandlungen
zu werden. Sein psychischer Zustand würde sich zudem weiter verschlech-
tern (BVGer-act. 1).
Polen ist Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom 10. Dezem-
ber 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder ernied-
rigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Abkommens
vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK,
SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967
(SR 0.142.301). Ferner gelten die Richtlinien des Europäischen Parla-
ments und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni 2013 zu gemeinsamen
Verfahren für die Zuerkennung und Aberkennung des internationalen
Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) sowie 2013/33/EU vom 26. Juni 2013
zur Festlegung von Normen für die Aufnahme von Personen, die internati-
onalen Schutz beantragen (sog. Aufnahmerichtlinie). Gemäss konstanter
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts gilt die Vermutung, dass Polen sei-
nen völker- und EU-rechtlichen Verpflichtungen nachkommt (vgl. statt vie-
ler die Urteile des Bundesverwaltungsgerichts E-2632/2017 vom 12. Mai
2017, D-5514/2016 vom 27. September 2016, E-2050/2016 vom 8. April
2016). Das Rechtsbegehren, es seien bei den polnischen Behörden vor-
gängig der Überstellung Zusicherungen hinsichtlich der Einhaltung der völ-
kerrechtlichen Verpflichtungen einzuholen, ist deshalb abzuweisen. Die
Mitgliedstaaten müssen den Antragstellern die erforderliche medizinische
Versorgung, die zumindest die Notversorgung und die unbedingt erforder-
liche Behandlung von Krankheiten und schweren psychischen Störungen
umfasst, zugänglich machen (Art. 19 Abs. 1 Aufnahmerichtlinie) und den
Antragstellern mit besonderen Bedürfnissen die erforderliche medizinische
oder sonstige Hilfe (einschliesslich erforderlichenfalls einer geeigneten
psychologischen Betreuung) gewähren (Art. 19 Abs. 2 Aufnahmerichtlinie).
Eine zwangsweise Rücküberstellung von Personen mit gesundheitlichen
Problemen kann überdies nur dann einen Verstoss gegen Art. 3 EMRK dar-
stellen, wenn die betroffenen Personen sich in einem fortgeschrittenen
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oder terminalen Krankheitsstadium und bereits in Todesnähe befinden
oder wenn ernsthafte Gründe dargelegt werden, dass sie bei einer Über-
stellung im Zielstaat nicht angemessen behandelt würden oder ihnen der
Zugang zum Gesundheitssystem verwehrt bliebe, so dass sie einem realen
Risiko einer ernsthaften, raschen und unwiederbringlichen Verschlechte-
rung ihres Gesundheitszustandes ausgesetzt wären, die zu intensiven Lei-
den oder einer erheblichen Verkürzung der Lebenserwartung führen (vgl.
Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte Paposhvili vs.
Belgien vom 13. Dezember 2016, Nr. 41738/10, § 183 sowie BVGE 2011/9
E. 7 mit weiteren Hinweisen auf die Praxis des EGMR), was vorliegend
nicht der Fall ist. Mit der Vorinstanz ist zudem davon auszugehen, dass
Polen über eine ausreichende medizinische Infrastruktur verfügt und keine
Hinweise zu erkennen sind, wonach Polen dem Beschwerdeführer eine
adäquate medizinische Behandlung verweigern würde. Was die beanstan-
deten Mängel im Asylverfahren sowie bei der Unterbringung in Polen be-
trifft, so ist die Vermutung, dass Polen den entsprechenden Verpflichtungen
nachkommt, damit nicht umgestossen. Vielmehr ist der Beschwerdeführer
gehalten, sich an die zuständigen polnischen Behörden zu wenden und in
Polen Rechtschutz zu suchen. Die schweizerischen Behörden, welche mit
dem Vollzug der angefochten Verfügung beauftragt sind, sind gehalten,
den medizinischen Umständen bei der Bestimmung der konkreten Modali-
täten der Überstellung des Beschwerdeführers Rechnung zu tragen und
die polnischen Behörden vorgängig in geeigneter Weise über die spezifi-
schen medizinischen Umstände zu informieren (Art. 31 f. Dublin-III-VO).
Hinsichtlich der befürchteten – rassistisch motivierten – Übergriffe gegen
asylsuchende Personen in Polen ist festzustellen, dass die polnischen Be-
hörden willens und in der Lage sind, dem Beschwerdeführer den nötigen
Schutz zu gewähren. Schliesslich hat der Beschwerdeführer auch nicht
aufgezeigt, weshalb gerade er zu befürchten hätte, in Polen inhaftiert zu
werden.
Nach dem Gesagten hat die Vorinstanz beim Entscheid, ihr Selbsteintritts-
recht nicht auszuüben, keinen Ermessensfehler begangen. Demnach hat
die Vorinstanz die Zuständigkeit Polens zu Recht festgestellt, ist auf das
Asylgesuch in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG nicht eingetre-
ten und hat die Wegweisung nach Polen angeordnet.
9.
Aus diesen Erwägungen folgt, dass die angefochtene Verfügung Bundes-
recht nicht verletzt und auch sonst nicht zu beanstanden ist (Art. 106 Abs. 1
AsylG). Die Beschwerde ist daher abzuweisen.
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Die gestellten Rechtsbegehren erweisen sich nach dem Gesagten als aus-
sichtslos, weshalb das Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege gemäss
Art. 65 Abs. 1 VwVG – ungeachtet einer allfälligen prozessualen Bedürftig-
keit – abzuweisen ist. Mit dem angeordneten Vollzugsstopp ist das Gesuch
um Wiederherstellung der aufschiebenden Wirkung gegenstandslos ge-
worden, wobei ersterer hinfällig wird.
11.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten von Fr. 750.– (Art. 1-
3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädi-
gungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]) dem
Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG).
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