Decision ID: 073931b0-5bee-4aae-90f7-5ef7f4fb4aea
Year: 2019
Language: de
Court: SH_OG
Chamber: SH_OG_001
Canton: SH
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
Das Ehepaar A. und B. sowie weitere Beteiligte erhoben gegen eine kommunale
Baubewilligung Rekurs an den Regierungsrat des Kantons Schaffhausen. Der
Rechtsdienst des Baudepartements forderte die Rekurrenten zur Leistung eines
Barvorschusses auf unter der Androhung, im Säumnisfall nicht auf den Rekurs ein-
zutreten. Daraufhin übermittelte A. den Einzahlungsschein zwecks Überweisung
des Vorschusses der Bank X., ohne jedoch den ausgefüllten Multizahlungs-Auftrag
beizulegen, gemäss welchem die Zahlung sofort auszuführen gewesen wäre und
eine Belastungsanzeige hätte erfolgen sollen. Die Bank X. führte mangels Multi-
zahlungs-Auftrags die Überweisung nicht aus, worauf A. einen Tag nach Ablauf
der Vorschussfrist der Bank X. erneut einen Zahlungsauftrag übermittelte. Der Vor-
schuss wurde mit drei Tagen Verspätung dem Konto des Kantons Schaffhausen
gutgeschrieben. Der Regierungsrat wies in der Folge das Gesuch um Wieder-
herstellung der Vorschussfrist ab und trat auf den Rekurs nicht ein. Das Oberge-
richt wies eine dagegen erhobene Verwaltungsgerichtsbeschwerde ab.

Aus den Erwägungen
3. Gemäss Art. 11 des Gesetzes über den Rechtsschutz in Verwal-
tungssachen vom 20. September 1971 (Verwaltungsrechtspflegegesetz, VRG,
SHR 172.200) kann eine versäumte Frist wiederhergestellt werden, wenn dem
Säumigen keine grobe Nachlässigkeit zur Last fällt. Eine Fristwiederherstellung ist
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somit nur zulässig, wenn dem Säumigen nur leichte Nachlässigkeit oder überhaupt
kein Fehlverhalten vorgeworfen werden kann. Eine fehlende grobe Nachlässigkeit
ist nur zu bejahen, wenn es der säumigen Person trotz Anwendung der üblichen
Sorgfalt objektiv unmöglich oder subjektiv nicht zumutbar war, die fristgebundene
Rechtshandlung rechtzeitig vorzunehmen oder – bei behördlichen Fristen – zumin-
dest ein Fristerstreckungsgesuch zu stellen. Objektive Unmöglichkeit liegt vor,
wenn die gesuchstellende Person beziehungsweise ihre Vertretung wegen eines
von ihrem Willen unabhängigen Umstands verhindert war, zeitgerecht zu handeln.
Zu den objektiven Hinderungsgründen zählen beispielsweise Naturkatastrophen
oder schwerwiegende Erkrankungen, nicht aber Arbeitsüberlastung oder organisa-
torische Unzulänglichkeiten. Subjektive Unmöglichkeit wird angenommen, wenn
zwar die Vornahme einer Handlung objektiv betrachtet möglich gewesen wäre, die
betroffene Person aber durch besondere Umstände, die sie nicht zu verantworten
hat, am Handeln gehindert wurde. Als subjektive Hinderungsgründe kommen Fälle
in Betracht, in denen die Person aufgrund mangelnder Kenntnisse die Situation
nicht richtig einzuschätzen vermochte oder aufgrund eines unverschuldeten Irr-
tums nicht rechtzeitig handelte (OGE 60/2018/14 vom 26. Februar 2019 E. 2.1 mit
Hinweis auf Kaspar Plüss, in: Alain Griffel [Hrsg.], Kommentar zum Verwaltungs-
rechtspflegegesetz des Kantons Zürich [VRG], 3. A., Zürich/Basel/Genf 2014, § 12
N. 43 und 45 f., S. 305 f.; VGer ZH VB.2017.00147 vom 29. Mai 2017 E. 2.2.1 mit
Hinweisen; ferner OGE vom 14. November 1997 i.S. X., E. 3, Amtsbericht 1997,
S. 139 f.). Als grobe Nachlässigkeit gelten demnach auch schlichtes Vergessen
oder versehentlich falsches Terminieren (vgl. BGer 9C_286/2010 vom 8. Juni 2010
E. 3; OGE 10/2011/34 vom 4. Mai 2012 E. 2a). Schliesslich ist umso eher von
grober Nachlässigkeit auszugehen, je höher die Sorgfaltspflicht des Betroffenen zu
veranschlagen ist. Letztere hängt von der Wichtigkeit der vorzunehmenden Hand-
lung ab und verschärft sich mit dem Schwinden der hierfür zur Verfügung stehen-
den Zeitspanne. Je grösser die Gefahr und je höher deren Wahrscheinlichkeitsgrad
ist, sich zu verwirklichen, desto höher ist auch die zu beachtende Sorgfalt (vgl.
OGE 63/2013/3 vom 31. Dezember 2013 E. 2c mit Hinweisen; ferner BGer
9C_222/2010 vom 30. Juni 2010 E. 3.2; VGer ZH VB.2016.00529 vom 20. Dezem-
ber 2016 E. 4.2; zum Ganzen BGer 5P.319/2005 vom 9. November 2005 E. 3 und
OGE 10/2005/5 vom 1. Juli 2005 E. 1b/aa zu Art. 55 Abs. 1 aZPO/SH [OS 26,
S. 434], welcher bezüglich der Voraussetzung der fehlenden groben Nachlässig-
keit Art. 11 VRG entsprach).
[...]
5.1. Es ist inzwischen unbestritten, dass A. am 11. Februar 2019 den Einzah-
lungsschein für den Kostenvorschuss der Bank X. zur Bezahlung übermittelte, den
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ausgefüllten Multizahlungs-Auftrag jedoch versehentlich nicht beigelegt hatte. Wei-
ter ergibt sich aus den Akten, dass B. offenbar davon ausging, der Auftrag sei spä-
testens am 12. Februar 2019 bei der Bank X. eingegangen. Aus dem ausgefüllten,
unterzeichneten und vom 11. Februar 2019 datierten Multizahlungs-Auftrag, wel-
cher nach Darstellung von B. den Einzahlungsunterlagen hätte beiliegen sollen,
ergibt sich sodann, dass die Zahlungen sofort auszuführen gewesen wären und
dass eine Belastungsanzeige hätte erfolgen sollen. Es ist somit davon auszuge-
hen, dass die Zahlung des Vorschusses am 12. oder 13. Februar 2019 ausgeführt
und die Belastungsanzeige entsprechend noch an diesen Tagen ausgestellt wor-
den wäre, wie dies auch beim Multizahlungs-Auftrag vom 20. Februar 2019 der Fall
war. Folglich hätten sich A. und B. nach Treu und Glauben bei Ausbleiben der
Belastungsanzeige spätestens am 18. Februar 2018 bei der Bank X. über den
Stand des Zahlungsauftrags erkundigen müssen, zumal sie im Schreiben des
Rechtsdiensts des Baudepartements vom 31. Januar 2019 ausdrücklich auf die
Risiken einer Banküberweisung hingewiesen worden waren und angesichts des
drohenden gewichtigen Rechtsverlusts, den letztlich auch die Beschwerdeführer
wiederholt betonen, eine erhöhte Sorgfalt geboten gewesen wäre. Wie die private
Beschwerdegegnerin zutreffend bemerkt, bringen die Beschwerdeführer keine
Gründe vor, weshalb ein rechtzeitiges Nachfragen seitens A. und B. bei der
Bank X. nicht hätte möglich sein sollen. Vor diesem Hintergrund ist mit dem Regie-
rungsrat von einer groben Nachlässigkeit im Sinne von Art. 11 VRG auszugehen.
5.2. Die weiteren Vorbringen der Beschwerdeführer vermögen an diesem
Schluss nichts zu ändern.
5.2.1. Soweit die Beschwerdeführer das Ergebnis infolge fehlenden groben Ver-
schuldens als stossend, willkürlich und überspitzt formalistisch bezeichnen, ver-
kennen sie, dass gerade ein Fall grober Nachlässigkeit vorliegt. Davon abgesehen
ist der Einwand, A. habe "in der Eile" vergessen, das Multizahlungs-Auftragsfor-
mular beizulegen, bzw. das Formular "im übrigen Papierkram" verlegt, unbehelf-
lich. Denn mangels geltend gemachter und ersichtlicher Umstände, welche das
Vergessen bzw. Verlegen entschuldigen würden, wäre nach der gefestigten, oben
in E. 3 zitierten Rechtsprechung bereits darin eine grobe Nachlässigkeit zu erbli-
cken. Weiter wurden die Beschwerdeführer, wie sowohl die private Beschwerde-
gegnerin als auch der Regierungsrat zutreffend festhalten, explizit auf die Säum-
nisfolgen bei verspätetem Zahlungseingang hingewiesen. Unter diesen Umstän-
den liegt kein Verstoss gegen das Verbot des überspitzten Formalismus nach
Art. 29 Abs. 1 BV vor. Daran vermag der Umstand, dass der Kostenvorschuss drei
Tage nach Ablauf der Zahlungsfrist geleistet wurde, nichts zu ändern (vgl. BGer
9C_410/2018 vom 19. Juli 2018 E. 3.2.2 mit Hinweisen; ferner BGer 2C_107/2019
vom 27. Mai 2019 E. 6.2). Ebenso wenig ändert der Umstand etwas daran, dass
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der Regierungsrat für die Leistung des Kostenvorschusses und für die Rekurs-
begründung unterschiedliche Fristen angesetzt hatte, denn diese Fristen, welche
unterschiedliche Verfahrenshandlungen zum Gegenstand haben, können grund-
sätzlich unabhängig voneinander festgesetzt werden (vgl. zum Ganzen BGer
9C_862/2018 vom 10. Januar 2019 E. 2.1 mit Hinweis).
5.2.2. Sodann erweist sich auch der Verweis der Beschwerdeführer auf die Nach-
frist von Art. 101 Abs. 3 ZPO als unbehelflich, da der für das Rekursverfahren ein-
schlägige Art. 14 VRG, welcher vom Gesetzgeber mit dem Inkrafttreten der
Schweizerischen Zivilprozessordnung nicht geändert wurde, nach entsprechender
Androhung im Säumnisfall direkt die Folge des Nichteintretens vorsieht und nach
konstanter Praxis des Obergerichts entsprechend keine Nachfrist angesetzt
werden muss. Die Kantone sind denn auch nicht verpflichtet, in ihrem öffentlichen
Verfahrensrecht eine Nachfristansetzung vorzusehen (BGer 2C_1065/2017 vom
15. Juni 2018 E. 6.3 mit Hinweisen). Ebenso wenig kann es nach ständiger Praxis
des Bundesgerichts im Säumnisfall auf die Schwere des durch eine verpasste Vor-
schussfrist erlittenen Rechtsnachteils ankommen (vgl. BGer 2C_345/2018 vom
11. Oktober 2018 E. 3.3 in fine sowie 2C_795/2017 und 2C_796/2017 vom 3. Ok-
tober 2017 E. 4.3 in fine, je mit Hinweis). Schliesslich ist angesichts der 18-tägigen
Kostenvorschussfrist nicht ersichtlich, inwiefern den Beschwerdeführern der Zu-
gang zur Justiz bzw. zum Recht verwehrt worden wäre (vgl. dazu eingehend BGer
2C_703/2009 und 2C_22/2010 vom 21. September 2010 E. 4.3). Daran vermögen
auch die von den Beschwerdeführern ins Feld geführten Schulferien und die von
ihnen zitierte Literatur nichts zu ändern, zumal von einer prohibitiven Wirkung der
– im Übrigen erstreckbaren – Frist wegen ihrer Kürze keine Rede sein kann (vgl.
Regina Kiener, Zugang zur Justiz, ZSR 2019 II 47 f.) und die Beschwerdeführer
nicht darlegen, inwiefern sich die Schulferien negativ ausgewirkt haben sollen.
6. Der Regierungsrat wies das Fristwiederherstellungsgesuch nach dem Ge-
sagten zu Recht ab und trat zu Recht auf den Rekurs nicht ein. Auf die weiteren
Vorbringen, namentlich hinsichtlich einer möglichen groben Nachlässigkeit des
Rechtsvertreters der Beschwerdeführer und des Verhaltens der Bank X., braucht
daher nicht eingegangen zu werden. Anzufügen ist lediglich, dass den Beschwer-
deführern ein Fehlverhalten des Rechtsvertreters oder der Bank als Hilfsperson
grundsätzlich anzurechnen wäre (vgl. etwa BGer 2C_177/2019 vom 22. Juli 2019
E. 4.2.2 mit Hinweisen; VGer ZH VB.2014.00578 vom 26. November 2014 E. 2.7
betreffend "eine den Kostenvorschuss überweisende Bank"). Die Beschwerde er-
weist sich demnach als unbegründet und ist abzuweisen.