Decision ID: 1acc8ed0-1770-4ebe-9ece-583666570acf
Year: 2022
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
Der 1969 geborene
X._
war seit dem 1. September 2011 als Hochbaupolier bei der
Y._
AG tätig und in dieser Eigenschaft bei der Suva gegen die Folgen von Unfällen versichert. Am 3. April 2018 stürzte der Versicherte durch eine Deckenschalung sechs Meter in die Tiefe und zog sich insbesondere einen Bruch an der Wirbelsäule sowie weitere Verletzungen zu (Schadenmeldung vom 5. April 2018, Urk. 9/1 sowie Austrittsbericht des Uni
versitätsspitals
Z._
,
Urk.
9/4). Gleichentags wurde der Versicherte im
Universitätsspital Z._
operativ behandelt (Operationsbericht vom 4. April 2018, Urk. 9/2) und am 6. April 2018 aus dem Spital entlassen (Urk. 9/4). Die Suva erbrachte die gesetzlichen Versicherungsleistungen (
Urk.
9/7).
Im
Austrittsbericht
der Rehaklinik
A._
vom
7.
Juni 2019
wurden Muskelzuckungen in der Waden
muskulatur rechts > links notiert (Urk. 9/230/2).
Nach neurologischen Abklärungen (vgl. Urk. 9/247
, 9/254
, 9/432, 9/434/3-4, 9/465
)
wurden kreisärztliche Stellungnahmen von
Dr.
med.
B._
, Fachärztin Neurologie, eingeholt (Urk. 9/256, 9/280
, 9/306
, 9/435, 9/466
, 9/490
).
Mit Verfügung vom 5. Oktober 2020 teilte
die Suva dem Versicherten mit,
es bestehe kein sicherer oder wahrscheinlicher Kausal
zusammenhang zwischen dem Ereignis vom 3. April 2018 und den Waden
beschwerden beidseits, weshalb keine Versicherungs
leistungen für die
se
beklagten Beschwerden
erbracht
würden (Urk. 9/492).
Dagegen
liess
der Versicherte am
5. November 2020
Einsprache
erheben
(Urk. 9
/531
).
Mit Entscheid vom 15. März 2021 wies die Suva die Einsprache ab (Urk. 2 [= Urk. 8/583]).
2.
Dagegen erhob der Versicherte am 3. Mai 2021 Beschwerde und beantragte, der angefochtene
Einspracheentscheid
sei aufzuheben und die Beschwerdeführerin
sei
zu verpflichten,
ihm
für die beidseitigen Wadenbeschwerden die gesetzlichen Versicherungsleistungen gemäss UVG zu erbringen; eventualiter sei die Angele
genheit an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen, damit diese nach Vornahme weiterer medizinischer Abklärungen erneut über den Leistungsanspruch des Beschwerdeführers für die Wadenbeschwerden beidseits entscheide (Urk. 1 S. 2). Die Beschwerdegegnerin beantragte mit Beschwerdeantwort vom 8. Juli 2021 (Urk. 8) die Abweisung der Beschwerde, was dem Beschwerdeführer mit Verfü
gung vom 12. Juli 2021 zur Kenntnis gebracht wurde (Urk. 10).
3.
Zu ergänzen ist, dass die Suva m
it
Einspracheentscheid
vom 31. August 2020 ausserdem
weitere
Versicherungsleistungen im Zusammenhang mit dem Unfall
ereignis vom 3. April
2018 betreffend die link
sseitigen
Schulter
beschwerden
verweigert
hatte
mit der Begründung, diese seien
nach dem 24. Juli 2018
nicht
mehr
unfallbedingt. Die
vom Beschwerdeführer
dagegen
beim Sozialversiche
rungsgericht
erhobene Beschwerde
ist Gegenstand des Prozess N
ummer UV.2020.00230 und
wurde
mit Urteil heutigen Datums abgewiesen.
4.
Auf die Vorbringen der Parteien und die eingereichten Unterlagen wird, soweit erforderlich, in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Nach Art. 10 Abs. 1
des Bundesgesetzes über die Unfallversicherung (UVG)
hat die versicherte Person Anspruch auf die zweckmässige Behandlung ihrer Unfall
folgen. Ist sie infolge des Unfalles voll oder teilweise arbeitsunfähig, so steht ihr gemäss Art. 16 Abs. 1 UVG ein Taggeld zu. Wird sie infolge des Unfalles zu mindestens 10 % invalid, so hat sie Anspruch auf eine Invalidenrente, sofern sich der Unfall vor Erreichen des ordentlichen Rentenalters ereignet hat (Art. 18 Abs. 1 UVG).
1.2
Die Leistungspflicht eines Unfallversicherers gemäss UVG setzt voraus, dass zwischen dem Unfallereignis und dem eingetretenen Schaden (Krankheit, Invali
dität, Tod) ein natürlicher Kausalzusammenhang besteht. Ursachen im Sinne des natürlichen Kausalzusammenhangs sind alle Umstände, ohne deren Vorhanden
sein der eingetretene Erfolg nicht als eingetreten oder nicht als in der gleichen Weise beziehungsweise nicht zur gleichen Zeit eingetreten gedacht werden kann. Entsprechend dieser Umschreibung ist für die Bejahung des natürlichen Kausal
zusammenhangs nicht erforderlich, dass ein Unfall die alleinige oder un
mittelbare Ursache gesundheitlicher Störungen ist; es genügt, dass das schädi
gende Ereignis zusammen mit anderen Bedingungen die körperliche oder geis
tige Integrität der versicherten Person beeinträchtigt hat, der Unfall mit andern Worten nicht weggedacht werden kann, ohne dass auch die eingetretene ge
sundheitliche Störung entfiele (BGE 129 V 177 E. 3.1, 402 E. 4.3.1, 119 V 335 E. 1, 118 V 286 E. 1b, je mit Hinweisen).
Ob zwischen einem schädigenden Ereignis und einer gesundheitlichen Störung ein natürlicher Kausalzusammenhang besteht, ist eine Tatfrage, worüber die Verwaltung beziehungsweise im Beschwerdefall das Gericht im Rahmen der ihm obliegenden Beweiswürdigung nach dem im Sozialversicherungsrecht üblichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu befinden hat. Die blosse Möglichkeit eines Zusammenhangs genügt für die Begründung eines Leistungs
anspruches nicht (BGE 129 V 177 E. 3.1, 119 V 335 E. 1, 118 V 286 E. 1b, je mit Hinweisen).
1.3
Ist die Unfallkausalität einmal mit der erforderlichen Wahrscheinlichkeit nachge
wiesen, entfällt die deswegen anerkannte Leistungspflicht des Unfallversicherers erst, wenn der Unfall nicht die natürliche und adäquate Ursache des Gesundheits
schadens darstellt, wenn also Letzterer nur noch und ausschliesslich auf unfall
fremden Ursachen beruht. Dies trifft dann zu, wenn entweder der (krankhafte) Gesundheitszustand, wie er unmittelbar vor dem Unfall bestanden hat (Status quo ante), oder aber derjenige Zustand, wie er sich nach dem schicksalsmässigen Verlauf eines krankhaften Vorzustandes auch ohne Unfall früher oder später eingestellt hätte (Status quo sine), erreicht ist. Ebenso wie der leistungsbegrün
dende natürliche Kausalzusammenhang muss das Dahinfallen jeder kausalen Bedeutung von unfallbedingten Ursachen eines Gesundheitsschadens mit dem im Sozialversicherungsrecht allgemein üblichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit nachgewiesen sein. Die blosse Möglichkeit nunmehr gänzlich fehlender ursächlicher Auswirkungen des Unfalls genügt nicht. Da es sich hierbei um eine anspruchsaufhebende Tatsache handelt, liegt die entsprechende Beweis
last
anders als bei der Frage, ob ein leistungsbegründender natürlicher Kausal
zusammenhang gegeben ist
nicht beim Versicherten, sondern beim Unfallversicherer. Diese Beweisgrundsätze gelten sowohl im Grundfall als auch bei Rückfällen und Spätfolgen und sind für sämtliche Leistungsarten massgebend (Urteil des Bundesgerichts 8C_669/2019 vom 25. März 2020 E. 2.2 mit Hinweisen).
Mit dem Erreichen des Status quo sine
vel
ante entfällt eine Teilursächlichkeit für die noch bestehenden Beschwerden. Solange jedoch dieser Zustand noch nicht wieder
erreicht
ist, hat der Unfallversicherer gestützt auf Art. 36 Abs. 1 UVG Leistungen zu erbringen (Urteil des Bundesgerichts 8C_589/2017 vom 21. Februar 2018 E. 3.2.3 mit Hinweisen).
1.4
Die Leistungspflicht des Unfallversicherers setzt im Weiteren voraus, dass zwischen dem Unfallereignis und dem eingetretenen Schaden ein adäquater Kausalzusammenhang besteht. Nach der Rechtsprechung hat ein Ereignis dann als adäquate Ursache eines Erfolges zu gelten, wenn es nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge und nach der allgemeinen Lebenserfahrung an sich geeignet ist, einen Erfolg von der Art des eingetretenen herbeizuführen, der Eintritt dieses Erfolges also durch das Ereignis allgemein als begünstigt erscheint (BGE 129 V 177 E. 3.2, 402 E. 2.2, 125 V 456 E. 5a).
1.5
Bei objektiv ausgewiesenen organischen Unfallfolgen deckt sich die adäquate, das heisst rechtserhebliche Kausalität weitgehend mit der natürlichen Kausalität; die Adäquanz hat hier gegenüber dem natürlichen Kausalzusammenhang praktisch keine selbständige Bedeutung (
Urteil des Bundesgerichts 8C_75/2016 vom 18. April 2016 E. 2.2 mit Hinweis auf
BGE 134 V 109 E. 2.1).
1.6
Nach der Rechtsprechung kommt auch den Berichten und Gutachten versiche
rungsinterner Ärztinnen und Ärzte Beweiswert zu, sofern sie als schlüssig erscheinen, nachvollziehbar begründet sowie in sich widerspruchsfrei sind und keine Indizien gegen ihre Zuverlässigkeit bestehen (BGE 125 V 351 E. 3b/
ee
). Das Anstellungsverhältnis einer versicherungsinternen Fachperson zum Versiche
rungsträger alleine lässt nicht schon auf mangelnde Objektivität und Befangenheit schliessen (BGE 137 V 210 E. 1.4, 135 V 465 E. 4.4). Soll ein Versicherungs
fall jedoch ohne Einholung eines externen Gutachtens entschieden werden, so sind an die Beweiswürdigung strenge Anforderungen zu stellen. Bestehen auch nur geringe Zweifel an der Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit der versicherungs
internen ärztlichen Feststellungen, so sind ergänzende Abklä
rungen vorzunehmen (BGE 142 V 58 E. 5.1, 139 V 225 E. 5.2, 135 V 465 E. 4.4 und E. 4.7).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin begründete ihren
Einspracheentscheid
damit, dass
zeitnah zum
U
nfall keine Hinweise für eine Rückenmarkskontusion (
Myelonkon
tusion
) vorgelegen
hätten. B
ildgebend
habe zudem
zeitnah zum Unfall auch kein Anhalt für eine
Hinterkantenbeteiligung
beziehungsweise eine relevante Spinal
kanaleinengung mit konsekutiver Irritation oder Kompression des Rückenmarks in Höhe der Brustwirbelkörper-Fraktur
bestanden
. Im weiteren Verlauf seien keine sensomotorischen Defizite oder pathologischen Reflexe der oberen oder unteren Extremität im Rahmen der Untersuchungen erhoben und auch im Rahmen der Anamnese seien keine Taubheitsgefühle oder Schmerzen im Bereich beider Waden geschildert worden. Aufgrund der vorgenommenen bildgebenden Abklärungen sei nicht mit dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit erstellt, dass die Wadenbeschwerden des Beschwerdeführers auf den Unfall vom 3. April 2018 zurückzuführen seien (Urk. 2 S. 10).
2.2
Dagegen brachte der Beschwerdeführer vor,
die Kreisärztin habe ihre Stellung
nahme rund eineinhalb Monate vor dem Bericht von
Dr.
C._
erstellt und somit keine S
tellung dazu beziehen können (Urk. 1 S. 7)
.
Dr.
C._
habe in seinem Bericht schlüssig und einleuchtend dargelegt, dass die gesamte Konstellation für eine nukleare Schädigung im Segment S1 spreche (Urk. 1 S. 8). Sein Bericht sei geeignet, begründete Zweifel an der Beurteilung der Kreisärztin zu
erwecken
. Ansonsten sei eine neurologische Begutachtung des Beschwerde
führers mit der Fragestellung nach der Unfallkausalität der nach wie vor bestehenden Wadenbeschwerden
durchzuführen
(Urk. 1 S. 9).
3.
3.1
Im Austrittsbericht des
Universitätsspitals Z._
vom 6. April 2018 wurde ausgeführt, der Beschwer
deführer sei nach einem Sturz aus sechs Metern Höhe notfallmässig zugewiesen worden.
Als Diagnosen wurden ein leichtes Schädel-Hirn-Trauma, ein Status nach Hyperflexionstrauma mit BWK 10-Fraktur sowie eine Schürfwunde proximale Tibia links lateral notiert
.
Der Beschwerdeführer habe über Schmerzen im Bereich des
thorakolumbalen
Übergangs geklagt. Der neurologische Befund habe keine sensiblen Defizite sowie einen negativen
Babinski
gezeigt. Das CT des
Neurocranium
s
inklusive Schädelkalotte und hintere Schädelgrube habe keine Fraktur oder intrakranielle Blutung gezeigt. Die hintere Schädelgrube sei jedoch wegen
Artefaktüberlagerung
stark eingeschränkt beurteilbar gewesen. Das CT des Halses, Thorax, Abdomen sowie Oberschenkel habe eine nic
ht dislozierte Fraktur des
Processus
spinosus
BWK 10-12 mit Einstrahlung der Frakturlinie in den
Pedikel
BWK 10 und BWK 11 beidseits sowie BWK 12 rechts gezeigt. In den BWK 11 und BWK 12 bestehe eine ventrale Höhenminderung, wobei eine Impressions
fraktur möglich sei. Es würden jedoch keine Hinweise auf traumatische Organ- oder Weichteilläsionen bestehen.
Die BWK 10-Fraktur sei am 3. April 2018 mit einer dorsalen Stabilisation behandelt worden. Der postoperative Verlauf und die Mobilisation habe sich komplikationslos gestaltet.
Der Beschwerdeführer sei am 6. April 2018 in gutem Allgemeinzustand und mit reizlosen Wundverhältnissen nach Hause entlassen worden (Urk. 9/4).
Am
16. Mai 2018 berichteten die behandelnden Ärzte des
Universitätsspitals Z._
,
der Beschwerde
führer habe sich zur klinisch-radiologischen Verlaufskontrolle sechs Wochen postoperativ vorgestellt. Er habe über Schmerzen im Bereich des
thorakolumbalen
Übergangs geklagt. Befundmässig wurde festgehalten, das Integument sei intakt, die Narbenverhältnisse seien reizlos und es würden keine Entzü
n
dungszeichen bestehen. Über dem mittleren BWK paravertebral rechts bestehe eine starke
Druckdolenz
. Das
pDMS
sei vollständig intakt, das Gangbild leicht verlangsamt aber o
hne wesentliche Schmerzen (
Urk. 9/20).
3.2
Am 6. November 2018
erstatte
te
Dr.
med.
D._
, Facharzt Neuro
chirurgie, eine Zweitmeinung bezüglich der En
tfernung des
Implantatmaterials
. Betreffend die Bildgebung führte
Dr.
D._
aus,
d
ie Gesamtschau d
er Bildge
bung zeige eine BWK 10
-Fraktur mit
Frakturierung
des oberen Gelenkfortsatzes BWK 10/1
1.
Der
Procesus
s
spinosus
von BWK 10 sei ebenfalls
betroffen. Der BWK 10 zeige zudem im vorderen Anteil eine A1 Fraktur, was aufgrund des
Trauma
mechanismus
zu erwarten gewesen sei. Im Verlauf sei eine dorsale Instrumenta
tion von BWK 9 und BWK 11 mit
orthotoper
Schraubenlage und
ossärer
Konsolidierung des behandelten BWK 10 erfolgt. In der
Verlaufsbildgebung
zeige sich eine sekundäre Sinterung von BWK 11 und BWK
8. Dr.
D._
führte zudem aus, beide sekundären Höhenminderungen seien aktuell an sich in akzep
tabler Position, der Höhenverlust auf zwei Segmenten bewirke jedoch eine ziemlich ausgeprägte thorakale Hyperkyphose. Die Statik der BWS sei sicherlich nicht optimal. Bezüglich der Entfernung des
Implantatmaterials
habe er daher seine Bedenken, da es zu den genannten
Nachsinterungen
gekommen sei. Er habe dem Beschwerdeführer von einer Entfernung des
Implantatmaterials
zum jetzigen Zeitpunkt abgeraten. Eine
radikuläre
Kompression, welche die ausstrahlenden Beschwerden erklären würde
n
, liege zumindest im Liegen
in der MR-Bildgebung nicht vor
(Urk. 9/97).
3.3
Mit Bericht vom 18. Oktober 2018 hielten die Ärzte des
Universitätsspitals Z._
fest, in der
durch
geführten Kernspin- und CT
-Untersuchung habe sich die Verletzung
ossär
verheilt und ohne Hinweise für eine Kompression des
Myelons
oder der Nerv
en
wurzeln gezeigt
(Urk. 9/98).
3.4
Im Austrittberich
t der Rehaklinik
A._
vom 7
. Juni 2019 w
urde aus
geführt, dass der Beschwerdeführer vom 30. April bis 4. Juni 2019
stationär
in der Klinik
gewesen sei
.
Als Probleme bei Austritt wurden
bewegungs-, haltungs- und b
elast
ungsabhängige Rückenschmerzen, b
elastungsabhängige Schmerzen des linken Knies sowie der linken Schulter, Muskelzuckungen in der Wadenmusku
latur rechts mehr als links und Schlafstörungen, Gereiztheit sowie Unsicherheit bezüglich der Zukunft aufgeführt (Urk. 9/230/2).
Die Ärzte führten aus, der Beschwerdeführer sei für eine neurologische Abklärung für die von ihm als sehr unangenehm und beunruhig
end empfundenen
willkürlich
en Muskelaktivitäten in der Wadenmuskulatur beidseits (refraktär
auf Magnesium-Gabe) anzumelden
(Urk. 9/230/3)
.
3.5
Mit Bericht vom 12. Juni 2019
notierte
Dr.
med.
E._
,
Facharzt Rheumatologie, der Beschwerdeführer habe nach wie vor bewegungs- und belastungsabhängige Rückenschmerzen mit Betonung des
thorakolumbalen
Übergangs sowie belastungsabhängige Schmerzen im linken Knie. Die aktuelle Konsultation sei weg
en den
exazerbierenden
Schulterschmerzen links, begleitet von Verspannungen des ganzen Schultergürtels linksbetont, wie auch
myofaszial
an der BWS bis über den
Scapulae
beidseits
erfolgt
. Ferner seien die Muskel
zuckungen in der Unterschenkelmuskulatur störend, aktuell seien diese rechts
betont. Die Problematik bestehe
sowohl
tagsüber als auch nachts. Dabei würden ziehende «Zerrungen» und Schmerzen in den Waden auftreten, diese seien mo
rgens beim Aufstehen verstärkt
(Urk. 8/227).
3.6
Im Bericht vom 20. Juni 2019 führte
med.
pract
.
F._
, Fachärztin Neurologie, aus, der Beschwerdeführer habe berichtet, die Muskelzuckungen in den Wade
n hätten sich während des
Rehaa
u
fenthaltes
entwickelt. Vor dem
Aufenthalt habe er Taubheitsgefühle in beiden W
aden gespürt. Der klinisch-neurologische Befund der unteren Extremitäten
habe
im Bereich der Waden
muskulatur
Faszikulationen
gezeigt
. Der elektrophysiologische Befund
sei
weitgehend ohne Pathologien
gewesen
. Beim Einstich des M.
gastrocnemius
medialis
beidseits hätten sich Spontanaktivitäten in Form von
Faszikulationen
beidseits, rechtsbetont, gezeigt. Bei willkürlicher Aktivität
seien
die
Muskel
aktionspotentiale
sonst regelrecht
gewesen
mit normaler Dauer und Amplituden. Das Interferenzmuster sei beidseits leicht gelichtet
.
Elektrophysiologisch hätten sich keine Hinweise auf Schädigung der peripheren Nerven an den Beinen gezeigt. Passen
d
zum klinischen Befund seien die
Faszikulationen
im Bereich des
M
.
gastrocnemius
rechtsbetont. In Zusammenschau der Befunde erachtete
med.
pract
.
F._
eine Störung zentraler Genese, welche am ehesten als
Trauma
folge
zu betrachten sei, als möglich. Die Folgen einer
Myelonkontusion
seien denkbar. Passend dazu habe der Beschwerdeführer über ein Taubheitsgefühl in den Beinen berichtet, welche
s
im Verlauf zu Muskelzuckungen gewechselt
habe
(Urk. 9/247).
3.7
Am 12. Juli 2019 wurde in den Spitälern
G._
ein MRI der gesamten Wirbelsäule angefertigt.
Dr.
med. Fabian Hässler, Facharzt Radiologie, führte aus, die Rückenmarkdarstellung sei unauffällig gewesen und es bestehe keine MR-tomographisch erkennbare Myelopathie. Lediglich in Höhe der
Pedikelschrauben
bei BWK 9 und BWK 11 bestehe eine reduzierte Beurteilbarkeit durch das Met
all
artef
akt.
Sonstige
intradurale
Auffälligkeiten
würden nicht
bestehen (Urk. 9/252).
3.8
Im Bericht
des Kantonsspitals
H._
vom 3. April 2020
wurde notiert
,
es
sei gemäss Verordnung über Massnahmen zur Bekämpfung des
Coronavirus
eine telefonische Konsultation durchgeführt worden.
Anamnestisch hätten sich keine Hinweise für eine
Motoneuro
n
erkrankung
ergeben. Die beschriebenen
Faszikula
tionen
könnten im Rahmen einer
Radikulopathie
oder peripheren Nervenläsion im Rahmen des Traumas erklärt werden. Zur weiteren Abklärung werde eine neurologische Standortbestimmung und elektrophysiologische Abklärung im Sommer 2020 erfolgen (Urk. 9/412). Am 9. Juni 2020 führten die Ärzte des Kantonsspitals
H._
aus, dem Beschwerdeführer seien circa ein Jahr nach dem Unfall während der Rehabilitation
Faszikulationen
der Wadenmuskulatur rechtsbetont aufgefallen. Vor der Rehabilitation habe er Missempfindungen sowie ein ziehendes Gefühl an den dorsalen Unterschenkel
n
vor allem rechts gespürt. Aktuell würden für den Beschwerdeführer die starken Rückenschmerzen im thorakalen Bereich im Vordergrund stehen. Diese würden nach ventral, jedoch nicht an den Beinen ausstrahlen. Lähmungen oder Gefühlsstörungen seien verneint worden.
Der elektromyografische Befund mit Spontanaktivität im Sinne von
Faszikulationen
sowie diskreten chronisch-neurogenen Zeichen im
Musculus
gastrocnemius
rechtsbetont seien mit einer leichten, nicht akuten
Radikulopathie
S1 beidseits vereinbar. Hinweise für eine Polyneuropathie oder
Motoneuron
erkrankung
an den unteren Extremitäten hätten sich nicht ergeben (Urk. 9/432).
3.9
In
der
kreisärztlichen Beurteilung vom
30. September
2020
(Urk. 9/490)
führte
Dr.
B._
aus,
der Beschwerdeführer habe sich beim Sturz aus mehreren Metern Höhe am 3. April 2018 unter anderem eine BWK10-Fraktur zugezogen, die in der Folge operativ mittels dorsaler Stabilisierung BWK 9 auf 11 behandelt worden sei. Zeitnah zum Unfall hätten sich jedoch weder präoperativ noch im postope
rativen Verlauf irgendwelche Hinweise für eine Rückenmarkskontusion (
Myelonkontusion
) gezeigt. Im Austrittsbericht des
Universitätsspitals Z._
sei ein unauffälliger neurologischer Status
festgestellt
beziehungsweise keine sensomotorischen Defizite festgehalten worden. Auch bildgebend hätten sich zeitnah zum Unfall kein Anhalt für eine
Hinterkantenbeteiligung
beziehungsweise relevante Spinal
kanaleinengung mit konsekutiver Irritation oder Kompression des Rückenmarks in Höhe der Brustwirbelkörper-Fraktur ergeben. Im weiteren Verlauf des Jahres 2018 bis Mitte 2019 seien weder in der ärztlichen Dokumentation des
Universitätsspitals Z._
noch in den Berichten der externen behandelnden Ärzte
Dr.
E._
und
Dr.
D._
sensomotorische Defizite oder pathologische Reflexe der oberen oder unteren Extremität im Rahmen der Untersuchungen erhoben worden. Auch im Rahmen der Anamnese seien weder Taub
heitsgefühle oder Schmerzen im B
ereich beider Waden in der ärztlichen Dokumentation der Jahre 2018 bis Mitte 2019 erwähnt worden. Anlässlich der Besprechungen mit dem Beschwerdeführer selbst habe er keine Beschwerden wie Schm
erzen oder Gefühlsstörungen im B
ereich der Waden angegeben. Erstmals seien
Muskelfaszikulationen
im Austrittsbericht der Reha
klinik
A._
im Juni 2019 erwähnt worden. Für die vom Beschwerdeführer postulierten vorbestehenden Taubheitsgefühle und Schmerzen in beiden Waden seit dem Unfall seien keine Belege vorhanden, weder in der vorliegenden ärztlichen Dokumentation
n
och in den dokumentier
t
en Besprechungen mit dem Beschwerdeführer in den ersten 12 Monaten nach dem Unfall
(
Urk.
9/490
S. 13)
.
Kurz nach Austritt aus der Rehabilitation sei der Beschwerdeführer am 15. Juni 2019 gestürzt. Weder klinisch noch bildgebend hätten sich Hinweise auf eine erneute Verletzung im Bereich der Brustwirbelsäule gezeigt (
Urk.
9/49
0
S. 14). Die Diagnose von
Dr.
F._
«Verdacht auf Schädigung der spinalen Motoneu
ronen bei Status nach spinaler Kontusion im Rahmen des Polytraumas» könne unter Berücksichtigung der dokumentierten Symptome und Beschwerden zeitnah zum Unfall, dem Verlauf, der Bildgebung und Elektrophysiologie nicht nachvoll
zogen werden und sei auch von den Neurologen des Kantonsspitals
H._
nicht bestätigt worden. Zeitnah zum Unfall habe sich weder bildgebend ein Anhalt für eine
Hinterkantenbeteiligung
oder Spinalkanaleinengung mit konsekutiver Irritation von Rückenmark/Kompression von Rückenmark ergeben, noch hätten sich anamnestisch oder klinisch im ersten Jahr nach dem Unfall irgendwelche neurologische
n
Symptome als Hinweis für eine thorakale Rücken
markbeteiligung finden lassen. Bei den erstmals ein Jahr nach dem Unfall aufgetretenen
Faszikulationen
der Wade
n
handle es sich nicht überwiegend wahrscheinlich um Folgen des Unfalls vom 3. April 2018 (
Urk.
9/490
S. 15).
3.1
0
Im Bericht vom
31. Dezember 2020
führte
Dr.
med.
Konrad
C._
, Facharzt Neurologie, aus, der Beschwerdeführer habe berichtet, auch in der Rehabili
t
ation sei es vorübergehend zu unangenehmen Sensibilitätsstörungen gekommen, die in die Wade und bis in den Fuss rechts mehr als links hineinstrahl
t
en. Zwischen
zeitlich seien diese abgeklungen, allerdings komme es nachts beim Übereinan
derlegen der Beine immer noch zu Missempfindungen.
Dr.
C._
kam zum Schluss, die Anamnese mit passageren Sensibilitätsstörungen in der Waden
muskulatur, die aktuellen
Faszikulationen
und die Wadenumfangsdifferenz (die Hypertrophie sei als Folge einer chronischen Reizsymptomatik in der Literatur gut belegt) sowie der auffällige Reflexbund mit einer Abschwächung des AST links spreche eindeutig für eine
Myelonschädigung
. Bestätigt werde dies durch den pathologischen Befund des H-Reflexes, der rechts eine erniedrigte Reizant
wort zeige und links eine Latenzverzögerung. Bildgebend sei im Reflexbogen und lumbal keine Erklärung für diese Sch
ä
digung zu finden, die gesamte Konstella
tion spreche jedoch für eine
nukleäre
Schädigung im Segment S
1.
In der elektromyografischen Konstellation finde sich ebenfalls eine
nukleäre
Schädi
gung, wobei die ausgeprägten
Faszikulationen
als Reizsymptome zu werten seien. Da bildgebend keine persistierende Kompression nachweisbar sei, könne es nur Folge des Traumas mit einer leichten
Contusio
des
Conus
medullaris
sein
. Dieser Befund sei aufgrund der aktuellen Datenlage eindeutig objektivierbar, trage aber wenig zur Schmerzsymptomatik bei und manifestiere sich vorwiegend durch die störenden
Faszikulationen
(Urk. 9/549).
3.11
Dr.
B._
nahm mit ärztlicher Beurteilung vom 7. April 2021 Stellung zum Arzt
bericht von
Dr.
C._
. Sie führte aus,
Dr.
C._
habe korrekterweise darauf hingewiesen, dass es erst während der stationären Rehabilitation zu passageren Sensibilitätsstörungen gekommen sei. Er habe jedoch nicht berücksichtigt, dass die stationäre Rehabilitation erst ein Jahr nach dem Unfall stattge
funden habe. Die Latenz von einem Jahr zwischen dem Unfall und der Erstmani
festation der Beschwerden und klinischen Befunde habe
Dr.
C._
nicht d
iskutiert. Bei einer Rückenmark
schädigung wäre eine sofortige Manifestation der Beschwerden zu erwarten gewesen.
Die von
Dr.
C._
durchgeführte Sonografie habe lediglich den sichtbaren Befund der
Faszikulationen
bestätigt, bringe jedoch keine neuen Erkenntnisse betreffend Kausalität der
Faszikula
tionen
.
Dr.
C._
habe im Dezember 2020 eine Latenzverzögerung des H-Reflexes nachweisen können, auf eine elektro
neurografische Untersuchung jedoch verzichtet. Eine Latenzverzögerung weise lediglich einen gestörten Reflex
bogen nach und könne Hinweis auf eine
demyelisierende
Neuropathie oder
Radikulopathie
sein. Hinweise für eine
Myelonschädigung
würden hinge
ge
n nicht bestehen. Aufgrund der in grossen Teilen vergleichbaren elektrophysiologischen Befunde seien die Ärzte des Kantonsspitals
H._
im Juni 2020 im Gegensatz zu
Dr.
C._
nicht zum Schluss gekommen, es liege eine Rückenmark
schädigung vor. Sie halte daher auch unter Kenntnis des Berichts von
Dr.
C._
an ihrer Beurteilung vom September 2020
fest
(Urk.
9/621)
.
4.
4.1
Die Beschwerdegegnerin stützte sich im angefochtenen
Einspracheentscheid
vom 1
5.
März 2021 in medizinischer Hinsicht auf die Beurteilung von Kreisärztin
Dr.
B._
, welche diese in Kenntnis der
Vorakten
abgegeben hatte.
Dr.
B._
setzte sich ausführlich mi
t
den erhobenen Befunden und gestellten Diagnosen bezüglich der Wadenbeschwerden auseinander. Dabei nahm sie in nachvollziehbarer und begründeter Weise zur
entscheidrelevanten
Frage Stellung, ob ein Kausalzusam
menhang zwischen den beklagten Wadenbeschwerden/
Faszikulationen
und dem Unfallereignis vom
3.
April 2018 hergestellt werden könne. Dies verneinte sie schlüssig und wies dabei insbesondere darauf hin, dass weder präoperativ noch im postoperativen Verlauf Hinweise für eine Rückenmarkskontusion (
M
yelon
kontusion
) festgestellt wurden. Da weder anamnestisch noch klinisch im ersten Jahr nach dem Unfall neurologische Symptome festgestellt wurden, ist nachvoll
ziehbar, dass
Dr.
B._
bei fehlendem Hinweisen auf eine
Hinterkantenbeteiligung
oder Spinalkanaleinengung mit Irritation des Rückenmarks beziehungsweise einer Kompression des Rückenmarks eine Kausalität der Beschwerden zum Unfall
nicht
mit überwiegender Wahrscheinlichkeit
erstellen konnte
(E. 3.9
).
Sodann schlossen auch
die Ärzte des Kantonsspital
H._
eine
Polyneuropathie oder
Motoneuronerkrankung
aus
(E. 3.8; vgl. auch Urk. 9/581/25
,
wonach der im Auftrag der IV-Stelle begutachtende Neurologe
Dr.
med.
I._
k
eine
Hinweise auf eine Polyneuropathie oder Vorderhorn-Erkrankung feststellen konnte
).
An dieser Einschätzung vermag die Beurteilung von Dr.
C._
keine Zweifel zu erwecken.
Zeitnah zum Unfallereignis konnten keine objekti
vierbaren Befunde erhoben werden, welche auf eine Rückenmarkskontusion hingewiesen hätten.
Objektivierbar sind nur Untersuchungsergebnisse, die repro
duzierbar und von der Person des Untersuchenden und den Angaben des Patienten unabhängig sind. Von organisch objektiv ausgewiesenen Unfallfolgen kann somit erst dann gesprochen werden, wenn die erhobenen Befunde mit apparativen/bildgebenden Abklärungen bestätigt wurden und die
hiebei
angewendeten Untersuchungsmethoden wissenschaftlich anerkannt sind (BGE 138 V 248 E. 5.1; Urteil des Bundesgerichts 8C_582/2021 vom 11. Januar 2022 E. 9.3 mit Hinweisen).
Objektivierbare Befunde, welche eine Kausalität zwischen den
Faszikulationen
und dem Unfallereignis begründen würden, wurden von
Dr.
C._
nicht erhoben.
Soweit der Beschwerdeführer geltend macht,
Dr.
C._
habe festgestellt, es könne sich um eine Folge des Traumas mit leichter
Contusio
des
Conus
medullaris
handeln (Urk. 1 S. 5-6), ist darauf hinzuweisen, dass d
ie blosse Möglichk
eit eines Zusammenhangs mit dem Unfallereignis rechtsprechungsgemäss
für die Begründung eines Leistungs
anspruches nicht genügt (vgl. E. 1.2).
4.2
I
n Würdigung der medizinischen Unterlagen ist die Unfallkausalität der beklagten
Wadenbeschwerden
jedenfalls nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit ausgewiesen und es liegen keinerlei Anhaltspunkte dafür vor, dass weitere Abklärungen andere Erkenntnisse erbrächten (antizipierte Beweiswürdigung; vgl.
vgl.
BGE 136 I 229 E. 5.3 mit Hinweis
).
Der angefochtene
Einspracheentscheid
vom
1
5.
März
2021 (Urk. 2) erweist sich damit als rechtens, weshalb die Beschwerde abzuweisen ist.