Decision ID: f677ec9e-d699-5fbf-9288-7f651f23c013
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Die Beschwerdeführerin – eine somalische Staatsangehörige – ver-
liess ihr Heimatland eigenen Angaben zufolge am 1. Januar 2018 und ge-
langte am 1. Januar 2020 via B._, C._, D._ und Ita-
lien illegal in die Schweiz, wo sie am 18. Januar 2020 um Asyl nachsuchte.
A.b Ein Abgleich mit der europäischen Fingerabdruck-Datenbank (Zentral-
einheit Eurodac) ergab, dass die Beschwerdeführerin am 23. Dezember
2019 in Italien aufgegriffen worden war und dort am 28. Dezember 2019
ein Asylgesuch gestellt hatte.
A.c
A.c.a Anlässlich des Dublin-Gesprächs vom 30. Januar 2020 (Akten der
Vorinstanz [SEM-act.] 1060389-12/5) gab die Beschwerdeführerin nament-
lich an, sie sei fast unmittelbar nach der Ankunft in D._ von Polizis-
ten oder Soldaten festgenommen und eingesperrt worden. Das Gespräch
wurde an dieser Stelle kurz unterbrochen, weil die Beschwerdeführerin in
Tränen ausgebrochen war.
Im weiteren Verlauf des Gesprächs erklärte sie, der Aufenthalt in
D._ sei die schlimmste Zeit ihrer Reise gewesen. Sie sei ein Jahr
und neun Monate lang eingesperrt gewesen und täglich geschlagen und
misshandelt worden. Andere Frauen seien weggebracht und vergewaltigt
worden. Sie sei dann von der E._ gerettet und für zwei Monate auf-
genommen worden. Als das Camp der E._ bombardiert worden sei,
hätten alle fliehen müssen. Sie sei mit dem Boot nach Italien gekommen,
auf See gerettet worden und schliesslich zu einem Camp (in F._,
später in G._) gebracht worden. Man habe sie daktyloskopiert und
ihren Namen aufgenommen. Es sei aber kein Interview geführt worden.
Man habe sie im Camp nicht beachtet, weshalb sie von ihrem Bruder ab-
geholt worden sei.
Ihr Bruder lebe in der Schweiz mit einer Aufenthaltsbewilligung. Er wohne,
wie auch ein Onkel mütterlicherseits, in H._. Sie möchte gerne zu
ihm gehen.
A.c.b Im Rahmen des ihr von der Vorinstanz gleichzeitig gewährten recht-
lichen Gehörs zur Zuständigkeit Italiens für die Durchführung des Asyl- und
Wegweisungsverfahrens beziehungsweise zur Wegweisung dorthin und
zum Nichteintretensentscheid gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG
F-2628/2020
Seite 3
(SR 142.31) machte die Beschwerdeführerin geltend, sie sei von den itali-
enischen Behörden gerettet worden. Bei der Ankunft habe sie keine Unter-
stützung bekommen. Wenn sie nach einem Schlafplatz, Lebensmitteln
oder Shampoo gefragt habe, sei ihr gesagt worden, man sei nur für ihre
Rettung verantwortlich gewesen. Sie könne gehen oder bleiben.
A.c.c Was den medizinischen Sachverhalt anbelangt, erklärte die Be-
schwerdeführerin, ihr gehe es momentan nicht so gut. Sie habe einen
schmerzhaften Hautausschlag und Pickel, was sie erstmals auf dem Boot
nach Italien bemerkt habe. Sie habe eine Salbe erhalten, welche bis anhin
nicht geholfen habe. Es sollte aber noch einen weiteren Termin geben. Den
für 11 Uhr angesetzten Termin habe sie wegen des gleichzeitig stattfinden-
den Dublin-Gesprächs nicht wahrnehmen können. In diesem Zusammen-
hang wurde die Beschwerdeführerin von der Befragerin gebeten, sich um
einen weiteren Termin zu bemühen.
Die Rechtsvertreterin beantragte für die Beschwerdeführerin eine mög-
lichst schnelle Verlegung nach I._ zum Bruder, eine medizinische
Abklärung inkl. gynäkologischer Untersuchung und eine dringende psycho-
logische Unterstützung.
B.
Gestützt auf die Eurodac-Treffer ersuchte die Vorinstanz die italienischen
Behörden am 19. Februar 2020 um Übernahme der Beschwerdeführerin
im Sinne von Art. 18 Abs. 1 Bst. b der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des
Europäischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festle-
gung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der
für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen
in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zu-
ständig ist (Neufassung), ABl. L 180/31 vom 29.6.2013 (nachfolgend: Dub-
lin-III-VO).
Die italienischen Behörden stimmten diesem Ersuchen am 3. März 2020
zu.
C.
Mit E-Mail vom 28. Februar 2020 teilte das SEM der Rechtsvertreterin be-
zugnehmend auf ihren anlässlich des Dublin-Gesprächs gestellten Antrag
auf medizinische Abklärung der Beschwerdeführerin mit, dass diese ge-
mäss Rückmeldung des medizinischen Personals im Bundesasylzentrum
schon mehrere Male bei der Pflege gewesen sei. Es sei begonnen worden,
die Pilzinfektion mit verschiedenen Cremes zu behandeln. Aktuell warte
F-2628/2020
Seite 4
man diesbezüglich noch auf ein Aufgebot der dermatologischen Poliklinik.
Auch einer gynäkologischen Kontrolle habe sich die Beschwerdeführerin
bereits unterzogen. Dabei sei jedoch nichts herausgekommen. Was die
psychologische Unterstützung betreffe, habe die Beschwerdeführerin ge-
genüber dem Pflegepersonal nie einen entsprechenden Wunsch geäus-
sert. Man sei aber mit ihr viel in Kontakt und werde nochmals nachfragen.
D.
Mit Verfügung vom 12. Mai 2020 – eröffnet am 13. Mai 2020 – trat das SEM
in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG auf das Asylgesuch der
Beschwerdeführerin vom 18. Januar 2020 nicht ein, verfügte die Wegwei-
sung nach Italien, forderte die Beschwerdeführerin – unter Androhung von
Zwangsmitteln im Unterlassungsfall – auf, die Schweiz am Tag nach Ablauf
der Beschwerdefrist zu verlassen, beauftragte den Kanton J._ mit
dem Vollzug der Wegweisung, händigte der Beschwerdeführerin die editi-
onspflichtigen Akten gemäss Aktenverzeichnis aus und stellte fest, eine all-
fällige Beschwerde gegen die Verfügung habe keine aufschiebende Wir-
kung.
E.
Mit Eingabe vom 20. Mai 2020 liess die Beschwerdeführerin gegen den
vorinstanzlichen Entscheid beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde
erheben und beantragen, es sei die Verfügung des SEM vom 12. Mai 2020
vollumfänglich aufzuheben und die Vorinstanz anzuweisen, auf das Asyl-
gesuch einzutreten. Eventualiter sei die Verfügung des SEM vom 12. Mai
2020 an die Vorinstanz zurückzuweisen. Subeventualiter sei das SEM an-
zuweisen, bei den italienischen Behörden individuelle Garantien für eine
adäquate Unterbringung und medizinische Behandlung einzuholen. Es sei
im Sinne einer superprovisorischen Massnahme der vorliegenden Be-
schwerde die aufschiebende Wirkung zu erteilen und die Vollzugsbehör-
den seien anzuweisen, von einer Überstellung nach Italien abzusehen, bis
das Bundesverwaltungsgericht über den Suspensiveffekt der eingereich-
ten Beschwerde entschieden habe. Es sei die unentgeltliche Prozessfüh-
rung zu gewähren und insbesondere von der Erhebung eines Kostenvor-
schusses abzusehen.
Ausserdem wurde um Beizug der Verfahrensakten der Vorinstanz ersucht.
Auf die Begründung der Beschwerde wird – soweit entscheidrelevant – in
den Erwägungen eingegangen.
F-2628/2020
Seite 5
F.
Der zuständige Instruktionsrichter setzte am 22. Mai 2020 gestützt auf
Art. 56 VwVG den Vollzug der Überstellung per sofort einstweilen aus.
G.
Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am
22. Mai 2020 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 3 AsylG).

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – und so auch vorliegend –
endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilge-
nommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt, hat ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung und ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und form-
gerecht eingereichte Beschwerde ist somit einzutreten (Art. 108 Abs. 3 und
Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
2.
2.1. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
2.2. Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
F-2628/2020
Seite 6
Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1;
2012/4 E. 2.2, je m.w.H.).
2.3. Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterli-
cher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungs-
weise einer zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Vorlie-
gend handelt es sich, wie nachfolgend aufgezeigt wird, um eine solche,
weshalb das Urteil nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2
AsylG). Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf einen Schriften-
wechsel verzichtet.
3.
Ein Abgleich mit der europäischen Fingerabdruck-Datenbank (Zentralein-
heit Eurodac) ergab, dass die Beschwerdeführerin am 23. Dezember 2019
in Italien aufgegriffen worden war und dort am 28. Dezember 2019 ein Asyl-
gesuch gestellt hatte. Das SEM ersuchte deshalb die italienischen Behör-
den am 19. Februar 2020 um Übernahme der Beschwerdeführerin im
Sinne von Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin-III-VO. Die italienischen Behörden
hiessen das Ersuchen am 3. März 2020 gut. Vor diesem Hintergrund ist die
Zuständigkeit Italiens zur Durchführung des Asyl- und Wegweisungsver-
fahrens gegeben.
4.
4.1. Auf Beschwerdeebene wird im Wesentlichen geltend gemacht, die
Vorinstanz habe es vorliegend unterlassen, den medizinischen Sachver-
halt abzuklären. Aufgrund der Schilderungen und des Verhaltens der Be-
schwerdeführerin während des Dublin-Gesprächs sei es offensichtlich ge-
wesen, dass sie mit grösster Wahrscheinlichkeit auf psychologische Be-
treuung angewiesen sei, was auch die Rechtsvertretung umgehend bean-
tragt habe. Die Vorinstanz habe die notwendigen Schritte nicht veranlasst
und dies damit begründet, dass die Beschwerdeführerin sich deswegen
nicht bei der Pflege in der ihr zugewiesenen Unterkunft gemeldet habe.
Diese Begründung überzeuge nicht, weil von ihr nicht erwartet werden
könne, dass sie sich in ihrer emotionalen Notlage selbst aktiv um notwen-
dige Versorgung bemühe.
Da es sich bei der Beschwerdeführerin mit grösster Wahrscheinlichkeit um
eine vulnerable Person handle, welche auf medizinische Versorgung an-
gewiesen sei, hätte sich die Vorinstanz im Sinne des Referenzurteils des
Bundesverwaltungsgerichts E-962/2019 vom 17. Dezember 2019 darum
bemühen müssen, entsprechende Zusicherungen von den italienischen
F-2628/2020
Seite 7
Behörden einzuholen. Bezüglich des fehlenden Zugangs zur Gesundheits-
versorgung werde auch auf den neusten Bericht der Schweizerischen
Flüchtlingshilfe (SFH) vom Januar 2020 verwiesen, wonach zu wenig und
nicht angemessene Aufnahmestrukturen sowie keine genügende medizini-
sche Versorgung für Personen mit psychischen Problemen vorhanden
seien.
Im Weiteren sei anzumerken, dass die Vorinstanz die Vulnerabilität der Be-
schwerdeführerin in der Anfrage vom 19. Februar 2020 mit keinem Wort
erwähnt habe. Abgesehen davon habe sie sich nur oberflächlich mit der
Möglichkeit eines allfälligen Selbsteintritts auseinandergesetzt. Die diesbe-
züglichen Erläuterungen beschränkten sich auf textbausteinartige Ausfüh-
rungen, welche der tatsächlichen Situation der Beschwerdeführerin nicht
gerecht würden. So sei nicht angemessen berücksichtigt worden, dass sie
mit grösster Wahrscheinlichkeit traumatische Erfahrungen gemacht habe
und auf psychologische Unterstützung angewiesen sei. Auch aufgrund ih-
res jugendlichen Alters sei anzunehmen, dass ihr in der Schweiz wohnhaf-
ter Bruder wohl eine grosse Stütze für sie wäre.
4.2. Mit ihren Vorbringen fordert die Beschwerdeführerin die Anwendung
von Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO respektive Art. 29a Abs. 3 der Asylverord-
nung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311).
5.
5.1. Italien ist Vertragsstaat der EMRK, des Übereinkommens vom 10. De-
zember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder er-
niedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Abkommens
vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR
0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967 (SR
0.142.301) und kommt seinen diesbezüglichen völkerrechtlichen Verpflich-
tungen nach. Es darf davon ausgegangen werden, dieser Staat anerkenne
und schütze die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richtlinien
des Europäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni
2013 zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aberkennung
des internationalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) sowie 2013/33/EU
vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Aufnahme von Per-
sonen, die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnahmerichtlinie) er-
geben.
5.2. Die Beschwerdeführerin hat kein konkretes und ernsthaftes Risiko dar-
getan, die italienischen Behörden würden sich weigern, sie wieder aufzu-
nehmen und ihren Antrag auf internationalen Schutz unter Einhaltung der
F-2628/2020
Seite 8
Regeln der Verfahrensrichtlinie zu prüfen. Den Akten sind auch keine
Gründe für die Annahme zu entnehmen, Italien werde in ihrem Fall den
Grundsatz des Non-Refoulement missachten und sie zur Ausreise in ein
Land zwingen, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem
Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr laufen
würde, zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden. Die Ver-
mutung, Italien halte seine völkerrechtlichen Verpflichtungen ein, kann im
Einzelfall widerlegt werden. Wie soeben erwähnt, bedarf es hierfür aber
konkreter und ernsthafter Hinweise, die gegebenenfalls vom Betroffenen
glaubhaft darzutun sind (vgl. Urteil des BVGer E-937/2020 vom 24. Februar
2020 E. 5.4 m.H.).
5.3. Des Weiteren gibt es auch keine konkreten Hinweise für die Annahme,
Italien würde der Beschwerdeführerin dauerhaft die ihr gemäss Aufnahme-
richtlinie zustehenden minimalen Lebensbedingungen vorenthalten. Das
italienische Fürsorgesystem für Asylsuchende und Personen mit Schutz-
status steht zwar in der Kritik, das Bundesverwaltungsgericht ist aber im
Referenzurteil E-962/2019 vom 17. Dezember 2019 zum Schluss gelangt,
auch nach Erlass und Umsetzung des «Salvini-Dekrets» sei gegenwärtig
das Vorliegen systemischer Schwachstellen im Sinne von Art. 3 Abs. 2 Satz
2 Dublin-III-VO, welche die staatliche Unterstützung Italiens und dessen
Einrichtungen für Asylsuchende betreffen, zu verneinen (vgl. ausführlich
E. 6.1 – 6.4). Diese Einschätzung gilt auch, obwohl die dortigen Lebens-
umstände von Asylsuchenden, anerkannten Flüchtlingen und Personen mit
einem subsidiären Schutzstatus mit gewissen Mängeln behaftet sind, und
sich demgegenüber mehrere private Hilfsorganisationen der Betreuung
von Asylsuchenden und Flüchtlingen annehmen (vgl. bspw. Urteile des
BVGer F-2009/2020 vom 24. April 2020 E. 8.3 oder F-762/2020 vom
18. Februar 2020 S. 5). Vor diesem Hintergrund vermag die Beschwerde-
führerin aus dem Bericht der SFH vom Januar 2020 nichts zu ihren Guns-
ten abzuleiten.
5.4.
5.4.1. Wie sich der jüngsten Rückmeldung des Pflegepersonals im Bun-
desasylzentrum vom 6. Mai 2020 (vgl. SEM-act. 1060389-20/2) auf die Fra-
gen des SEM hin, ob neue ärztliche Dokumente/Atteste/Medizinalakten
vorliegen würden und die Pilzinfektion mittlerweile habe geheilt werden
können, entnehmen lässt, hat sich die Beschwerdeführerin seit ihrem Auf-
enthalt im Bundesasylzentrum insgesamt fünf Mal bei K._ wegen
Hautveränderungen oder Juckreiz gemeldet. Äusserlich sei nicht viel er-
kennbar. Die Beschwerdeführerin hätte am 26. März 2020 einen Termin
beim Heimarzt gehabt, sei allerdings ferngeblieben. Seither habe es keine
F-2628/2020
Seite 9
Möglichkeit für Arztvisiten gegeben. Sollte sich die Beschwerdeführerin be-
treffend ihre Hautprobleme wieder melden, werde man sie auf die Arztvisite
nehmen.
Da die Beschwerdeführerin wegen ihrer Hautprobleme mehrmals medizi-
nische Hilfe in Anspruch genommen hat, hätte von ihr – entgegen anders-
lautender Einschätzung – ebenso erwartet werden dürfen, sich selbststän-
dig um psychologische Unterstützung zu bemühen. Stattdessen hat sie we-
der gegenüber dem Pflegepersonal einen entsprechenden Wunsch geäus-
sert (vgl. Sachverhalt, Bst. C) noch den Arzttermin vom 26. März 2020
wahrgenommen. Bei dieser Sachlage war das SEM nicht gehalten, weitere
Abklärungen zu treffen, weshalb die Rüge der mangelhaften Sachverhalts-
ermittlung unbegründet ist.
5.4.2. Eine zwangsweise Rückweisung von Personen mit gesundheitlichen
Problemen kann nur ganz ausnahmsweise einen Verstoss gegen Art. 3
EMRK darstellen. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn die betroffene
Person sich in einem fortgeschrittenen oder terminalen Krankheitsstadium
und bereits in Todesnähe befindet, nach einer Überstellung mit dem siche-
ren Tod rechnen müsste und dabei keinerlei soziale Unterstützung erwar-
ten könnte (vgl. BVGE 2011/9 E. 7 mit Hinweisen auf die damalige Praxis
des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte [EGMR]). Eine wei-
tere vom EGMR definierte Konstellation betrifft Schwerkranke, die durch
die Abschiebung – mangels angemessener medizinischer Behandlung im
Zielstaat – mit einem realen Risiko konfrontiert würden, einer ernsten, ra-
schen und unwiederbringlichen Verschlechterung ihres Gesundheitszu-
stands ausgesetzt zu werden, die zu intensivem Leiden oder einer erheb-
lichen Verkürzung der Lebenserwartung führen würde (vgl. Urteil des
EGMR Paposhvili gegen Belgien 13. Dezember 2016, Grosse Kammer,
41738/10, §§ 180–193 m.w.H.).
5.4.3. Eine solche Situation ist vorliegend aufgrund der aktenkundigen und
geschilderten gesundheitlichen Beeinträchtigungen nicht gegeben. Die Be-
schwerdeführerin konnte nicht nachweisen, dass eine Überstellung ihre
Gesundheit ernsthaft gefährden würde. Ihr Gesundheitszustand vermag
eine Unzulässigkeit im Sinne der erwähnten restriktiven Rechtsprechung
nicht zu rechtfertigen. Die medizinischen Probleme sind auch nicht von ei-
ner derartigen Schwere, dass aus humanitären Gründen von einer Über-
stellung abgesehen werden müsste. Vor diesem Hintergrund gilt die Be-
schwerdeführerin nicht als vulnerable Person im Sinne des Referenzurteils
E-962/2019 vom 17. Dezember 2019 E. 7.4.3 (vgl. diesbzgl. auch das Urteil
F-1268/2020 vom 12. März 2020 S. 6), sodass bei ihr keine individuelle
F-2628/2020
Seite 10
Garantieerklärung der italienischen Behörden hinsichtlich Unterbringung
und medizinischer Behandlung einzuholen ist (vgl. zitiertes Referenzurteil
E-962/2019 E. 7.4 und 8). Der entsprechende Subeventualantrag ist folg-
lich abzuweisen. Auch aus dem Bericht der SFH vom Januar 2020 kann
die Beschwerdeführerin unter diesen Umständen nichts für sich ableiten.
Die Mitgliedstaaten sind verpflichtet, den Antragstellern die erforderliche
medizinische Versorgung, die zumindest die Notversorgung und die unbe-
dingt erforderliche Behandlung von Krankheiten und schweren psychi-
schen Störungen umfasst, zugänglich zu machen (Art. 19 Abs. 1 Aufnah-
merichtlinie); den Antragstellern mit besonderen Bedürfnissen ist die erfor-
derliche medizinische oder sonstige Hilfe (einschliesslich nötigenfalls einer
geeigneten psychologischen Betreuung) zu gewähren (Art. 19 Abs. 2 Auf-
nahmerichtlinie). Es gilt darauf hinzuweisen, dass Italien grundsätzlich
über eine ausreichende medizinische Infrastruktur verfügt (vgl. Urteil des
BVGer F-2009/2020 vom 24. April 2020 E. 8.7 m.H.). Es liegen keine An-
haltspunkte vor, wonach der Beschwerdeführerin dort eine adäquate me-
dizinische Behandlung verweigert würde. Der Zugang für asylsuchende
Personen zum italienischen Gesundheitssystem über die Notversorgung
hinaus ist derzeit grundsätzlich gewährleistet, auch wenn es in der Praxis
zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann (Urteil E-962/2019 E. 6.2.7).
Im Hinblick auf die vorgenannten Ausführungen darf davon ausgegangen
werden, die Beschwerdeführerin finde bezüglich ihrer gesundheitlichen Be-
einträchtigungen Zugang zu entsprechender medizinischer Versorgung,
sollte sie auf solche angewiesen sein.
Im Weiteren ist hervorzuheben, dass die mit der Überstellung beauftragten
Behörden die besonderen Bedürfnisse der Beschwerdeführerin – ein-
schliesslich die der notwendigen medizinischen Versorgung, auch in Bezug
auf die Corona-Problematik – berücksichtigen würden, falls dies erforder-
lich sein sollte (vgl. Art. 31 Abs. 2 Dublin-III-VO). So hat die Vorinstanz in
der angefochtenen Verfügung festgehalten, die Reisefähigkeit werde erst
kurz vor der Überstellung definitiv beurteilt. Ebenso hat die Vorinstanz dem
Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin bei der Organisation der
Überstellung nach Italien Rechnung zu tragen, indem sie die italienischen
Behörden im Sinne von Art. 31 und Art. 32 Dublin-III-VO vorgängig über
den Gesundheitszustand und die notwendige medizinische Behandlung zu
informieren hat. Vor diesem Hintergrund vermag die Beschwerdeführerin
aus ihrem Vorwurf, das SEM habe ihre Vulnerabilität im Übernahmeersu-
chen vom 19. Februar 2020 an die italienischen Behörden unerwähnt ge-
lassen, nichts für sich abzuleiten.
F-2628/2020
Seite 11
5.5. Der Wunsch der Beschwerdeführerin nach einem Verbleib bei ihrem
Bruder, der hierzulande als anerkannter Flüchtling über eine Aufenthalts-
bewilligung B verfügt (vgl. Einträge im Zentralen Migrationsinformations-
system [ZEMIS]), ist zwar durchaus nachvollziehbar. Sie kann daraus je-
doch nichts zu ihren Gunsten ableiten, zumal Geschwister nicht als Fami-
lienangehörige im Sinne von Art. 2 Bst. g Dublin-III-VO gelten. Im Übrigen
ist aus den Akten kein besonderes Abhängigkeitsverhältnis ersichtlich, wel-
ches einer Überstellung nach Italien entgegenstehen würde. Der Onkel
mütterlicherseits, den die Beschwerdeführerin als weitere Bezugsperson in
der Schweiz erwähnte, ist im ZEMIS bei ihren Personendaten unter der
Rubrik "Beziehungen" nicht registriert. Es würde sich aber auch bei ihm
nicht um einen Familienangehörigen gemäss Art. 2 Bst. g Dublin-III-VO
handeln.
5.6. Das SEM führte im angefochtenen Entscheid aus, in Würdigung der
Akten und der von der Beschwerdeführerin geäusserten Umstände bestün-
den keine Gründe, die die Schweiz veranlassen würden, die Souveräni-
tätsklausel anzuwenden. Es hat diesen Umständen in der Verfügung Rech-
nung getragen und sich insbesondere auch mit der gesundheitlichen Situ-
ation der Beschwerdeführerin hinreichend auseinandergesetzt. Vor diesem
Hintergrund läuft der Vorhalt, wonach sich das SEM auf textbausteinartige
Ausführungen beschränke, ins Leere und es erübrigt sich, die angefoch-
tene Verfügung zur vollständigen Feststellung des Sachverhalts an die Vor-
instanz zurückzuweisen, weshalb der entsprechende Eventualantrag ab-
zuweisen ist.
5.7. Mit ihrer Rechtsmittelbegründung kann die Beschwerdeführerin insge-
samt nicht das gewünschte Verfahrensziel – die Behandlung ihres Asylge-
suchs in der Schweiz – erreichen, zumal die Dublin-III-Verordnung den
Schutzsuchenden kein Recht einräumt, den ihren Antrag prüfenden Staat
selbst auszuwählen. Es sind ebenso keine Gründe ersichtlich, welche die
Vorinstanz zu einem Selbsteintritt gemäss Art. 17 Dublin-III-VO bezie-
hungsweise Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 hätten verpflichten können.
6.
Die Vorinstanz ist angesichts der vorstehenden Erwägungen zu Recht und
ohne Ermessensfehler auf das Asylgesuch der Beschwerdeführerin nicht
eingetreten und hat ihre Wegweisung verfügt (vgl. Art. 31a Abs. 1 Bst. b
und Art. 44 AsylG). Die Beschwerde ist folglich abzuweisen.
F-2628/2020
Seite 12
7.
Mit dem vorliegenden Urteil in der Hauptsache sind die Gesuche um Ertei-
lung der aufschiebenden Wirkung und um Verzicht auf die Erhebung eines
Kostenvorschusses gegenstandslos geworden.
Der am 22. Mai 2020 angeordnete Vollzugsstopp fällt mit vorliegendem Ur-
teil dahin und die Vorinstanz hat der Beschwerdeführerin eine neue Frist
zur Ausreise anzusetzen.
8.
8.1. Die Begehren waren – wie sich aus den oben stehenden Erwägungen
ergibt – als aussichtslos zu bezeichnen, weshalb das Gesuch um Gewäh-
rung der unentgeltlichen Prozessführung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG un-
besehen der geltend gemachten Bedürftigkeit abzuweisen ist.
8.2. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten von Fr. 750.–
(Art. 1‒3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Ent-
schädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2])
der Beschwerdeführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG).
(Dispositiv nächste Seite)
F-2628/2020
Seite 13