Decision ID: ac379143-81ed-5db5-a55b-f73cc6b64aa5
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer ersuchte am 28. November 2020 in der Schweiz um
Asyl. Ein Abgleich mit der europäischen Fingerabdruck-Datenbank (Zent-
raleinheit Eurodac) vom 2. Dezember 2020 ergab, dass er am 22. Septem-
ber 2020 in Italien wegen illegaler Einreise registriert worden war und am
19. November 2020 in Deutschland um Asyl nachgesucht hatte. Am 4. De-
zember 2020 fand die Personalienaufnahme statt.
B.
Im Rahmen des Dublin-Gespräches vom 8. Dezember 2020 gewährte das
SEM dem Beschwerdeführer im Beisein seiner zugewiesenen Rechtsver-
tretung das rechtliche Gehör zur Zuständigkeit Deutschlands und Italiens
für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens, zu einer
Überstellung dorthin sowie zum medizinischen Sachverhalt (vgl. Protokoll
in den SEM-Akten: 1082447 [nachfolgend A]-13/2). Der Beschwerdeführer
führte im Wesentlichen aus, er sei in Deutschland zwar mehrfach von der
Polizei aufgegriffen worden, die ihn respektlos behandelt habe, jedoch
habe er nicht um Asyl nachgesucht. Als er in Italien eingereist sei, habe er
Geld dabeigehabt, um dort zu leben. Man habe ihm aber nicht geholfen
und er habe auf der Strasse übernachtet. In Italien sei er auch schlecht
behandelt worden und habe sein Geld verloren. Ausserdem habe er keine
medizinische Hilfe erhalten; verlangt habe er eine solche allerdings nicht.
Er könne nicht in Italien leben, da er die Sprache nicht beherrsche, in der
Schweiz könne er wenigstens Französisch sprechen. Wenn er gesund
wäre, würde er arbeiten, dies dürfe er aber in Italien nicht. Sein Ziel sei
ohnehin immer die Schweiz gewesen.
C.
C.a Am 12. Januar 2021 ersuchte das SEM die deutschen Behörden ge-
stützt auf Eurodac-Daten um Übernahme des Beschwerdeführers gemäss
Art. 18 Abs. 1 Bst. b der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen
Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien
und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung ei-
nes von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mit-
gliedstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist
(nachfolgend: Dublin-III-VO). Die deutschen Behörden lehnten dieses Er-
suchen am 14. Januar 2021 ab. Sie hielten zur Begründung fest, dass mut-
masslich Italien für das weitere Verfahren des Beschwerdeführers zustän-
dig und ein entsprechendes Übernahmeersuchen noch hängig sei.
E-685/2021
Seite 3
C.b In der Folge ersuchte das SEM am 15. Januar 2021 die italienischen
Behörden um Übernahme des Beschwerdeführers gestützt auf Art. 18
Abs. 1 Bst. b Dublin-III-VO. Die italienischen Behörden hiessen das Ersu-
chen am 5. Februar 2021 gut.
D.
Mit Verfügung vom 8. Februar 2021, eröffnet am 9. Februar 2021, trat das
SEM in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf das
Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein, ordnete die Wegweisung
aus der Schweiz nach Italien an und forderte ihn auf, die Schweiz am Tag
nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen. Gleichzeitig beauftragte es
die zuständige kantonale Behörde mit dem Vollzug der Wegweisung und
stellte fest, einer allfälligen Beschwerde gegen den Entscheid komme
keine aufschiebende Wirkung zu.
E.
Mit Beschwerde vom 16. Februar 2021 (Poststempel) an das Bundesver-
waltungsgericht beantragt der Beschwerdeführer, die angefochtene Verfü-
gung sei aufzuheben und die Vorinstanz sei anzuweisen, ihre Pflicht zum
Selbsteintritt auszuüben und sich für sein Asylverfahren zuständig zu er-
klären. Eventualiter sei die Vorinstanz anzuweisen, sich gestützt auf
Art. 29a Abs. 3 der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV1, SR
142.311) für zuständig zu erklären. Subeventualiter sei die Sache wegen
Verletzung des rechtlichen Gehörs an die Vorinstanz zurückzuweisen.
In prozessualer Hinsicht ersucht er um Erteilung der aufschiebenden Wir-
kung der Beschwerde, Erlass vorsorglicher Massnahmen, Gewährung der
unentgeltlichen Prozessführung, Verzicht auf die Erhebung eines Kosten-
vorschusses sowie um Zusprechung einer angemessenen Parteientschä-
digung.
F.
Mit superprovisorischer Massnahme vom 17. Februar 2021 setzte die In-
struktionsrichterin den Vollzug der Überstellung des Beschwerdeführers
gestützt auf Art. 56 VwVG per sofort einstweilen aus.
Gleichentags lagen dem Bundesverwaltungsgericht die vorinstanzlichen
Akten in elektronischer Form vor (Art. 109 Abs. 3 AsylG).
E-685/2021
Seite 4
G.
Mit Eingabe vom 18. Februar 2021 reichte der Beschwerdeführer einen
Arztbericht des (...) des B._ in C._ (nachfolgend: [...]) vom
15. Februar 2021, einen Bericht des (...) vom 3. Februar 2021 betreffend
Eingriff vom 11. Januar 2021 und Laborbefunde des D._ vom 22.
Januar 2021 zu den Akten. Die ebenfalls zu den Akten gereichten Berichte
des (...) vom 6. und 11. Januar 2021 sowie der Austrittsbericht des
E._ vom 9. Januar 2021 befinden sich bereits in den vorinstanzli-
chen Akten.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – und so auch vorliegend –
endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der Be-
schwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108
Abs. 3 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
2.1 Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterli-
cher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungs-
weise einer zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie
nachstehend aufgezeigt, handelt es sich vorliegend um eine solche, wes-
halb der Beschwerdeentscheid nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a
Abs. 2 AsylG).
E-685/2021
Seite 5
2.2 Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
3.
3.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
3.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1;
2012/4 E. 2.2, je m.w.H.).
4.
4.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmung des staatsvertraglich zuständigen
Staates prüft das SEM die Zuständigkeitskriterien gemäss Dublin-III-VO.
Führt diese Prüfung zur Feststellung, dass ein anderer Mitgliedstaat für die
Prüfung des Asylgesuchs zuständig ist, tritt das SEM, nachdem der betref-
fende Mitgliedstaat einer Überstellung oder Rücküberstellung zugestimmt
hat, auf das Asylgesuch nicht ein (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 6.2).
4.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als
zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung des zu-
ständigen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat
erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO).
Im Fall eines sogenannten Aufnahmeverfahrens (engl.: take charge) sind
die in Kapitel III (Art. 8–15 Dublin-III-VO) genannten Kriterien in der dort
aufgeführten Rangfolge (Prinzip der Hierarchie der Zuständigkeitskriterien;
vgl. Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO) anzuwenden, und es ist von der Situation
im Zeitpunkt, in dem die antragstellende Person erstmals einen Antrag in
einem Mitgliedstaat gestellt hat, auszugehen (Art. 7 Abs. 2 Dublin-III-VO).
Im Rahmen eines Wiederaufnahmeverfahrens (engl.: take back) findet
E-685/2021
Seite 6
demgegenüber grundsätzlich keine (erneute) Zuständigkeitsprüfung nach
Kapitel III statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1 m.w.H.).
Der nach dieser Verordnung zuständige Mitgliedstaat ist verpflichtet, die
antragstellende Person, die während der Prüfung ihres Antrags in einem
anderen Mitgliedstaat einen Antrag gestellt hat oder der sich im Hoheitsge-
biet eines anderen Mitgliedstaats ohne Aufenthaltstitel aufhält, nach Mass-
gabe der Artikel 23, 24, 25 und 29 wieder aufzunehmen (Art. 18 Abs. 1
Bst. b Dublin-III-VO).
4.3 Die italienischen Behörden haben dem Gesuch um Übernahme des
Beschwerdeführers am 5. Februar 2021 zugestimmt. Die grundsätzliche
Zuständigkeit Italiens für die Behandlung seines Asylgesuches wird vom
Beschwerdeführer – abgesehen vom Einwand, es lägen in Italien systemi-
sche Mängel vor (vgl. nachfolgend E. 6) – denn auch zu Recht nicht be-
stritten. Soweit er anlässlich des Dublin-Gesprächs angab, sein Ziel sei
stets die Schweiz gewesen, ist ihm zu entgegnen, dass die Dublin-III-VO
den Schutzsuchenden kein Recht einräumt, den ihren Antrag prüfenden
Staat selber auszuwählen (vgl. BVGE 2010/45 E. 8.3).
5.
5.1 Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller in den eigentlich zu-
ständigen Mitgliedstaat zu überstellen, weil es wesentliche Gründe für die
Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für
Antragsteller in jenem Mitgliedstaat systemische Schwachstellen aufwei-
sen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behand-
lung im Sinne von Artikel 4 der Charta der Grundrechte der Europäischen
Union (EU-Grundrechtecharta) mit sich bringen, ist zu prüfen, ob aufgrund
dieser Kriterien ein anderer Mitgliedstaat als zuständig bestimmt werden
kann. Kann kein anderer zuständiger Mitgliedstaat bestimmt werden, wird
der die Zuständigkeit prüfende Mitgliedstaat zum zuständigen Mitgliedstaat
(Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO).
5.2 Jeder Mitgliedstaat kann abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO
beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen gestellten
Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn er nach den in
dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prüfung zuständig ist
(Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO; sog. Selbsteintrittsrecht). Die Ermes-
sensklausel von Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO ist nicht direkt, sondern nur in
Verbindung mit einer nationalen Norm (namentlich Art. 29a Abs. 3 AsylV1,
E-685/2021
Seite 7
Selbsteintritt aus humanitären Gründen) oder internationalem Recht an-
wendbar (vgl. BVGE 2010/45 E. 5).
6.
6.1 Italien ist Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom 10. De-
zember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder er-
niedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Abkommens
vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR
0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967
(SR 0.142.301) und kommt seinen diesbezüglichen völkerrechtlichen Ver-
pflichtungen nach. Ausserdem darf auch davon ausgegangen werden, die-
ser Staat anerkenne und schütze die Rechte, die sich für Schutzsuchende
aus den Richtlinien des Europäischen Parlaments und des Rates
2013/32/EU vom 26. Juni 2013 zu gemeinsamen Verfahren für die Zuer-
kennung und Aberkennung des internationalen Schutzes (sog. Verfahrens-
richtlinie) sowie 2013/33/EU vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Nor-
men für die Aufnahme von Personen, die internationalen Schutz beantra-
gen (sog. Aufnahmerichtlinie) ergeben.
6.2 Gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts liegen aktuell, auch
unter Würdigung der kritischen Berichterstattung bezüglich des italieni-
schen Fürsorgesystems für Asylsuchende und Personen mit Schutzstatus,
keine Gründe für die Annahme vor, das Asylverfahren und die Aufnahme-
bedingungen für Antragstellende würden systemische Schwachstellen im
Sinne von Art. 3 Abs. 2 Sätze 2 und 3 Dublin-III-VO aufweisen (vgl. das als
Referenzurteil publizierte Urteil des BVGer E-962/2019 vom 17. Dezem-
ber 2019 E. 6 sowie die Urteile des BVGer E-595/2021 vom 17. Feb-
ruar 2021 E. 6.2, D-6450/2020 vom 12. Februar 2021 E. 5.3 und
F-6213/2020 vom 5. Januar 2021 E. 5.3). Die Hinweise in der Beschwerde
auf die Berichte von «The New Humanitarian» vom 9. November 2020,
«InfoMigrants» vom 14. Oktober 2020 und der Schweizerischen Flücht-
lingshilfe vom Januar 2020 vermögen daran nichts zu ändern.
6.3 Nach dem Gesagten ist die Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO
nicht gerechtfertigt.
7.
7.1 Zwar kann die Vermutung, Italien halte seine völkerrechtlichen Ver-
pflichtungen ein, insbesondere mit Blick auf Art. 3 EMRK im Einzelfall wi-
derlegt werden (vgl. BVGE 2010/45 E. 7.4 f.; Urteil des BVGer
E-685/2021
Seite 8
D-5698/2017 vom 6. März 2018 E. 5.3.1). Dies gelingt dem Beschwerde-
führer allerdings, wie das SEM zutreffend erwogen hat, nicht.
7.2 Das SEM hält zu Recht fest, es stehe dem Beschwerdeführer frei, nach
seiner Überstellung ein Asylverfahren in Italien zu durchlaufen und so Zu-
gang zu den Leistungen gemäss den Aufnahmerichtlinien zu erhalten. Er
könne sich sodann nach seiner Ankunft in Italien an die zuständigen Be-
hörden wenden, um eine Unterkunft und sozialstaatliche Unterstützung zu
erhalten. Schliesslich sei festzustellen, dass im vorliegenden Fall keine be-
gründeten Anhaltspunkte dafür vorlägen, dass er nach einer Rückkehr
nach Italien in eine existenzielle Notlage geraten könnte.
Soweit der Beschwerdeführer befürchtet, dass er in Italien keinen Zugang
zu einem fairen Asylverfahren habe werde, gehen aus den Akten keine
diesbezüglichen Hinweise hervor. Vielmehr hatte er angegeben, er sei
nicht lange in Italien geblieben, da die Schweiz von Anfang an sein Ziel
gewesen sei. Sein Einwand, die italienischen Behörden stuften Tunesien
als «sicheres Herkunftsland» ein und dadurch würde sein Asylgesuch von
Beginn weg als unbegründet erachtet werden, weshalb er keinen Zugang
zu einem fairen Asylverfahren hätte, vermag daran nichts zu ändern. Denn
aufgrund der Akten ist nicht davon auszugehen, die Überstellung des Be-
schwerdeführers nach Italien würde zu einer Kettenabschiebung führen,
die gegen das Non-Refoulement-Prinzip verstossen würde, wie es in
Art. 33 FK verankert ist (und sich ausserdem aus Art. 4 der EU-Grund-
rechtecharta, Art. 3 EMRK oder Art. 3 FoK ableiten lässt). Auch aus dem
erstmals auf Beschwerdeebene erhobenen Argument, bei einer Rückkehr
nach Italien laufe er Gefahr, nicht mit genügend Essen und Trinken versorgt
oder gar ohne Grund unter unmenschlichen Bedingungen inhaftiert zu wer-
den, kann er offensichtlich ebenfalls nichts zu seinen Gunsten ableiten, zu-
mal auch diesbezüglich nichts den Akten zu entnehmen ist.
Schliesslich liegen auch keine Hinweise vor, wonach Italien seinen Ver-
pflichtungen im Rahmen der Dublin-III-VO in medizinischer Hinsicht nicht
nachkommen würde. Soweit der Beschwerdeführer in der Beschwerde be-
hauptet, das Medikament F._ stehe ihm in Italien nicht kostenlos
zur Verfügung, ist auf die zutreffenden Ausführungen der Vorinstanz zu ver-
weisen, wonach Italien über eine ausreichende medizinische Infrastruktur
verfügt und gemäss Art. 19 Abs. 1 der Aufnahmerichtlinie verpflichtet ist,
dem Beschwerdeführer die erforderliche medizinische Versorgung, welche
zumindest die Notversorgung und die unbedingt erforderliche Behandlung
E-685/2021
Seite 9
von Krankheiten und schweren psychischen Störungen umfasst, zu ge-
währen. Das SEM hält ausserdem zu Recht fest, die Aussage des Be-
schwerdeführers, er habe in Italien keine medizinische Hilfe erhalten, ver-
möge nicht zu einer anderen Einschätzung zu führen, denn auf Nachfrage
habe er angegeben, dass er in Italien gar keine medizinische Versorgung
verlangt habe.
7.3 Hinsichtlich der geltend gemachten gesundheitlichen Überstellungs-
hindernisse ist im Einzelnen Folgendes festzuhalten:
7.3.1 Auch wenn die Annahme einer Verletzung von Art. 3 EMRK aus ge-
sundheitlichen Gründen nicht mehr ein fortgeschrittenes oder terminales
Krankheitsstadium beziehungsweise eine Todesnähe voraussetzt (vgl.
etwa noch BVGE 2011/9 E. 7 m.w.H.), bleibt die Schwelle hoch. Sie kann
erreicht sein, wenn eine schwer kranke Person durch die Abschiebung –
mangels angemessener medizinischer Behandlung im Zielstaat – mit ei-
nem realen Risiko konfrontiert würde, einer ernsten, raschen und unwie-
derbringlichen Verschlechterung ihres Gesundheitszustands ausgesetzt
zu werden, die zu intensivem Leiden oder einer erheblichen Verkürzung
der Lebenserwartung führen würde (vgl. Urteil des EGMR Paposhvili ge-
gen Belgien 13. Dezember 2016, 41738/10, §§ 180–193 m.w.H.).
7.3.2 Zum Gesundheitszustand des Beschwerdeführers ergibt sich im We-
sentlichen Folgendes aus den Akten:
Anlässlich des Dublin-Gesprächs führte er aus, er habe sich vor drei Jah-
ren bei einem Sturz aus einer Höhe von rund vier Metern den Fuss verletzt.
In Tunesien sei er operiert worden und sein Fuss werde von Metall zusam-
mengehalten. Er könne den Fuss aber nicht richtig belasten. Es sei ihm ein
Invalidenausweis (in Kopie in den SEM-Akten) ausgestellt worden und man
habe ihm gesagt, dass er aufgrund seiner Gehbehinderung nicht mehr ar-
beiten könne. Es belaste ihn psychisch sehr, dass er als behindert gelte
und er habe manchmal Suizidgedanken. Er werde aber nicht Selbstmord
begehen. Wegen seiner Gehbehinderung benötige er medizinische Pflege.
Zum aktuellen Gesundheitszustand des Beschwerdeführers geht bezüg-
lich seines verletzten Fusses aus den Arztberichten des (...) vom 11. Ja-
nuar 2021, 6. Januar 2021 und 14. Dezember 2020 hervor, dass bei ihm
eine schwere sekundäre posttraumatische Arthrose im talocalcanearen
Gelenk mit/bei Status nach einer Schraubenosteosynthese einer Cal-
caneusfraktur 2018 (Tunesien) diagnostiziert wurde. Zur Behandlung
E-685/2021
Seite 10
wurde ihm insbesondere das Medikament F._ verschrieben. Den
Arztberichten ist zudem zu entnehmen, dass dem Beschwerdeführer auf-
grund der Schmerzen durch die Belastung seines Fusses Gehstöcke ab-
gegeben worden seien, und zur Verbesserung seines Zustandes am ehes-
ten eine Versteifung des Fussgelenkes und eine Entfernung des Fersen-
sporns geeignet seien. Gemäss dem Bericht vom 11. Januar 2021 wurde
eine röntgengesteuerte USG (unteres Sprunggelenk)-Infiltration vorge-
nommen und zum weiteren Vorgehen festgehalten, dass eine klinische
Verlaufskontrolle am 29. Januar 2021 vorgesehen sei, mit Planung einer
allfälligen Gelenkversteifung. Aus dem neusten, im Verlauf des Beschwer-
deverfahrens zu den Akten gereichten Bericht des (...) vom 15. Februar
2021 geht betreffend Prozedere hervor, dass beim Beschwerdeführer eine
operative Gelenkversteifung notwendig sei. Diese sei nach Erhalt der Kos-
tengutsprache für Anfang März 2021 geplant.
Betreffend psychische Gesundheit des Beschwerdeführers ist dem Bericht
des E._ vom 9. Januar 2021 zu entnehmen, dass er notfallmässig
behandelt worden sei, nachdem er sich am Oberarm selber Schnittwunden
zugefügt habe, da er aufgrund einer Auseinandersetzung mit anderen Per-
sonen angespannt gewesen sei. Aus psychiatrischer Sicht wurde festge-
halten, dass er ein selbstverletzendes Verhalten in Konfliktsituationen auf-
weise, jedoch nicht von einer akuten Selbst- oder Fremdgefährdung aus-
zugehen sei. Der Beschwerdeführer wurde noch gleichentags aus dem
Spital entlassen. Gemäss Abklärungen der Vorinstanz seien keine weiteren
Arzttermine bezüglich des psychischen Zustands des Beschwerdeführers
vorgesehen.
Im Übrigen geht aus dem Arztbericht des (...) vom 22. Januar 2021 hervor,
dass beim Beschwerdeführer ein Vitamin-D-Mangel sowie ein leichter Kal-
ziummangel diagnostiziert wurden. Es wurde ihm ein Vitamin-D-Präparat
verschrieben.
7.3.3 Ohne die gesundheitlichen Beeinträchtigungen des Beschwerdefüh-
rers verharmlosen zu wollen, handelt es sich bei ihm demnach offensicht-
lich nicht um eine schwer kranke Person im Sinne der oben beschriebenen
Rechtsprechung des EGMR (vgl. E. 7.3.1). Dass gemäss neustem Arztbe-
richt vom 15. Februar 2021 ein operativer Eingriff am Fuss des Beschwer-
deführers anfangs März 2021 bevorstehe, sofern die Kostengutsprache er-
folge, vermag nicht zu einer anderen Einschätzung zu führen. Die Opera-
tion kann gegebenenfalls auch in Italien durchgeführt werden. Das SEM
E-685/2021
Seite 11
hat zu Recht bereits in der angefochtenen Verfügung ausgeführt, dass all-
fällige weitere Abklärungen und Behandlungen bezüglich seiner Fussver-
letzung und seines psychischen Zustandes in Italien erfolgen könnten und
aus den Akten nicht hervorgehe, dass die gestellten Diagnosen seine Rei-
sefähigkeit beeinträchtigten oder eine nahtlose Weiterbehandlung sicher-
gestellt werden müsste. Ausserdem wird die Vorinstanz, wie sie ebenfalls
in der angefochtenen Verfügung festgehalten hat, dem Gesundheitszu-
stand des Beschwerdeführers bereits bei der Organisation der Überstel-
lung nach Italien Rechnung tragen sowie die italienischen Behörden im
Sinne von Art. 31 und 32 Dublin-III-VO vor der Überstellung über den Ge-
sundheitszustand und die notwendige Behandlung informieren, wodurch
gegebenenfalls die angemessene Weiterbehandlung des Beschwerdefüh-
rers gewährleistet werden kann. Die Vorinstanz hat damit der Vulnerabilität
des Beschwerdeführers ausreichend Rechnung getragen. Zudem kann
auch einer allfällig akzentuierten Suizidalität mit geeigneten Massnahmen
der Vollzugsbehörden Rechnung getragen werden. Gemäss Rechtspre-
chung stellt Suizidalität für sich alleine nämlich kein Vollzugshindernis dar
(vgl. u.a. Urteile des Bundesgerichts 2C_856/2015 vom 10. Oktober 2015
E. 3.2.1 und des BVGer F-693/2018 vom 9. Februar 2018).
Der aktuelle Gesundheitszustand des Beschwerdeführers führt für den Fall
einer Überstellung nach Italien im Rahmen des Dublin-Verfahrens nicht zur
Annahme einer drohenden Verletzung von Art. 3 EMRK.
7.4 Nach dem Gesagten konnte der Beschwerdeführer kein konkretes und
ernsthaftes Risiko dartun, wonach seine Wegweisung nach Italien die Ver-
letzung völkerrechtlicher Bestimmungen zur Folge hätte.
8.
8.1 Schliesslich verlangt der Beschwerdeführer die Anwendung der Sou-
veränitätsklausel.
8.2 Gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts verfügt das SEM bei
der Anwendung der Kann-Bestimmung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 über
einen Ermessensspielraum (vgl. BVGE 2015/9 E. 7 f.). Aufgrund der Kog-
nitionsbeschränkung gemäss Art. 106 Abs. 1 Bst. a AsylG überprüft das
Gericht den vorinstanzlichen Verzicht der Anwendung von Art. 29a Abs. 3
AsylV 1 nicht auf Angemessenheit hin; das Gericht beschränkt seine Beur-
teilung im Wesentlichen darauf, ob das SEM den Sachverhalt diesbezüg-
E-685/2021
Seite 12
lich korrekt und vollständig erhoben, allen wesentlichen Umständen Rech-
nung getragen und seinen Ermessensspielraum genutzt hat (vgl. Art. 106
Abs. 1 Bst. a und b AsylG).
8.3 Inwiefern das SEM die spezifischen Umstände des Einzelfalls nicht ge-
nügend berücksichtigt haben soll – so dass ein Ermessensmissbrauch an-
zunehmen wäre – wird nicht substantiiert geltend gemacht und ist auch
nicht erkennbar. Es ist nicht ersichtlich, inwiefern der Sachverhalt vom SEM
unvollständig oder unrichtig festgestellt worden wäre. Im Übrigen ist der
nur subeventuell gestellte Rückweisungsantrag wegen angeblicher Verlet-
zung des rechtlichen Gehörs abzuweisen, da er weder begründet wird und
auch nichts aus den Akten hervorgeht, was eine Rückweisung aus diesem
Grunde rechtfertigen könnte.
9.
Die Vorinstanz ist nach dem Gesagten zu Recht in Anwendung von Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein-
getreten. Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine gül-
tige Aufenthalts- oder Niederlassungsbewilligung noch über einen entspre-
chenden Anspruch (Art. 44 AsylG; Art. 32 Bst. a AsylV1), wobei dies bereits
Voraussetzung für die Anwendbarkeit des vorliegenden Nichteintretenstat-
bestandes ist.
10.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig
sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Eine weitere Auseinan-
dersetzung mit den Vorbringen auf Beschwerdeebene sowie den einge-
reichten Beweismitteln erübrigt sich und die Beschwerde ist abzuweisen.
11.
Das Beschwerdeverfahren ist mit vorliegendem Urteil abgeschlossen, wes-
halb sich der Antrag auf Gewährung der aufschiebenden Wirkung als ge-
genstandslos erweist. Der am 17. Februar 2021 angeordnete, vorsorgliche
Vollzugsstopp fällt mit dem vorliegenden Urteil dahin.
E-685/2021
Seite 13
12.
Es verbleibt der Entscheid über die Verfahrenskosten und eine allfällige
Entschädigung. Diese sind nach Massgabe des Unterliegens respektive
Obsiegens zu berechnen (Art. 63 Abs. 1 und Art. 64 Abs. 1 VwVG).
12.1 Die Behandlung des Gesuchs um Verzicht auf die Erhebung eines
Kostenvorschusses erübrigt sich mit dem vorliegenden abschliessenden
Urteil in der Sache.
12.2 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten grundsätzlich
dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Das Gesuch
um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung im Sinne von Art. 65
Abs. 1 VwVG ist abzuweisen, weil sich die Beschwerde entsprechend den
vorstehenden Erwägungen bereits bei Eingang der Begehren, unbesehen
der finanziellen Verhältnisse des Beschwerdeführers, als aussichtlos er-
wiesen hat. Demzufolge hat der Beschwerdeführer die Verfahrenskosten
in der Höhe von Fr. 750.– zu tragen (Art. 1 ‒ 3 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
12.3 Aufgrund des Unterliegens des Beschwerdeführers ist ihm keine Par-
teientschädigung durch die Vorinstanz auszurichten (Art. 64 Abs. 1 VwVG
e contrario).
(Dispositiv nächste Seite)
E-685/2021
Seite 14