Decision ID: 27643b14-422d-4ea7-98fc-29315ce574b9
Year: 2019
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a A._ (nachfolgend: Versicherte) wohnte bis zu ihrem Tod am 22. September 2016
(vgl. SVA-act. 6-2) im Alters- und Pflegeheim D._, wo sie zuletzt gemäss Pflegestufe
9 betreut wurde. Am 22. September 2016 meldete das Heim der EL-
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Durchführungsstelle der Sozialversicherungsanstalt des Kantons St. Gallen (SVA) die
pro Tag angefallenen Pflegekosten, wobei ein Pflegekosten- bzw.
Restfinanzierungsanteil der öffentlichen Hand von Fr. 85.40 pro Tag ermittelt worden
war (act. 18). Am 23. September 2016 stellte das Heim der Versicherten den
stationären Heimaufenthalt vom 14. bis 22. September 2016 in Rechnung. Der
Restfinanzierungsanteil für die letzten neun Aufenthaltstage belief sich auf insgesamt
Fr. 786.60 (9 x Fr. 85.40; SVA-act. 16-1).
A.b Mit Schreiben vom 26. September 2016 teilte die SVA der Versicherten mit, sie
gehe davon aus, dass die Versicherte einen Anspruch auf Restfinanzierung der
Pflegekosten habe. Zu deren Geltendmachung müsse sie sich bei der AHV-Zweigstelle
der zuständigen politischen Gemeinde für die Pflegefinanzierung anmelden. Weiter
wurde die Versicherte darauf hingewiesen, dass eine Restfinanzierung rückwirkend für
längstens sechs Monate seit Antragstellung erfolgen könne (SVA-act. 17).
A.c Am 27. März 2017 meldete die Tochter der Versicherten, B._, die Versicherte bei
der zuständigen AHV-Zweigstelle für die Pflegefinanzierung bzw. den Bezug der
staatlichen Rückvergütung der Pflegekosten an (SVA-act. 15).
A.d Am 4. April 2017 verfügte die SVA Nichteintreten auf die Anmeldung für die
Pflegefinanzierung mit der Begründung, dass Pflegekosten rückwirkend für längstens
sechs Monate seit Antragstellung ausgerichtet würden (SVA-act. 14).
B.
B.a Gegen diese Verfügung erhob B._ für die Erbengemeinschaft A._ sel. mit
Eingabe vom 24. April 2017 Einsprache mit dem Antrag, die Pflegekosten im Betrag
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
von Fr. 768.60 gemäss Heimrechnung vom 23. September 2016 seien
zurückzuerstatten (SVA-act. 12).
B.b Auf Ersuchen der SVA (SVA-act. 11) reichte B._ mit Schreiben vom 13. Juni
2017 die Erbbescheinigung sowie eine Vollmachts- und Einverständniserklärung der
einzigen Miterbin, C._, ein (SVA-act. 9 f.).
B.c Nachdem der zuständige Fachbereich der SVA mit Stellungnahme vom 4.
September 2017 die Abweisung der Einsprache beantragt hatte (SVA-act. 7), erliess die
SVA am 30. Oktober 2017 einen entsprechenden Einspracheentscheid (SVA-act. 6).
B.d Infolge einer telefonischen Anfrage von B._ vom 7. November 2017 (SVA-act. 5)
stellte ihr die SVA das Schreiben vom 26. September 2016 betreffend
Anmeldeverfahren für die Pflegefinanzierung zu (SVA-act. 4, 17; vgl. Sachverhalt A.b).
C.
C.a Gegen den Einspracheentscheid vom 30. Oktober 2017 erhob die
Erbengemeinschaft der Versicherten (nachfolgend: Beschwerdeführerin), vertreten
durch B._, mit Eingabe vom 29. November 2017 Beschwerde mit dem sinngemässen
Antrag auf Restfinanzierung der Pflegekosten durch die zuständige politische
Gemeinde (act. G 1).
C.b Unter Verzicht auf eine einlässliche Begründung beantragte die SVA (nachfolgend:
Beschwerdegegnerin) mit Schreiben vom 21. Dezember 2017 die Abweisung der
Beschwerde (act. G 4).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
C.c Nach Einsichtnahme in die Vorakten (vgl. act. G 6) erneuerte die
Beschwerdeführerin mit Eingabe vom 19. Februar 2018 ihren Beschwerdeantrag (act.
G 8).

Erwägungen
1.
Anfechtungsgegenstand des vorliegenden Verfahrens bildet der Einspracheentscheid
vom 30. Oktober 2017 (SVA-act. 6). Gemäss diesem hat die Beschwerdegegnerin
zufolge verspäteter Antragstellung/Anmeldung einen Anspruch der Beschwerdeführerin
auf Pflegekostenbeiträge für den Aufenthalt von A._ sel. im Heim D._ vom 14. bis
22. September 2016 verneint. Streitig und zu prüfen ist damit, ob die von der
Beschwerdeführerin am 27. März 2017 eingereichte Anmeldung (SVA-act.15)
rechtzeitig erfolgt ist.
2.
2.1 Gemäss Art. 10a Abs. 2 des Pflegefinanzierungsgesetzes des Kantons St. Gallen
(PFG; sGS 331.2) wird der Pflegekostenbeitrag rückwirkend für längstens sechs
Monate seit Antragstellung ausgerichtet. A._ sel. befand sich vom 14. bis 22.
September 2016 im Alters- und Pflegeheim D._. Dem Wortlaut von Art. 10a Abs. 2
PFG entsprechend hätte die Anmeldung für einen Pflegekostenbeitrag damit
spätestens am 14. März 2017 (sechs Monate nach dem Heimeintritt [fristauslösendes
Ereignis]) erfolgen müssen, damit die Ansprüche nicht untergehen (vgl. dazu auch die
Formulierung in Art. 12 Abs. 2 des Bundesgesetzes über Ergänzungsleistungen zur
Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenversicherung [ELG; SR 831.30]).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.2 An einer wortgetreuen Anwendung der genannten Bestimmung ändern auch die
weiteren Absätze von Art. 10a PFG nichts, wonach der Pflegekostenbeitrag ab Beginn
des Monats ausgerichtet wird, in dem die Voraussetzungen erfüllt sind (Abs. 1) bzw. die
Leistung des Pflegekostenbeitrags am Ende des Monats eingestellt wird, in dem eine
der Voraussetzungen nicht mehr erfüllt ist (Abs. 3). Gestützt auf den Wortlaut dieser
Bestimmungen könnte man zur Einschätzung gelangen, dass Ansprüche nur
monateweise entstehen und eingestellt werden und die sechsmonatige Frist bei
Einstellung der Leistungen Ende September 2016 erst am 1. Oktober 2016 zu laufen
begann. Dies ist aber nicht der Fall. Bei der stationären Pflege wird im Rahmen der
Pflegekosten-Restfinanzierung nur der effektive Pflegebedarf je Tag entschädigt (vgl.
dazu Art. 25a des Bundesgesetzes über die Krankenversicherung [KVG; SR 832.10] in
Verbindung mit Art. 2 der Verordnung über die Pflegefinanzierung [PFV; sGS 331.21]),
womit ein tageweiser und nicht monateweiser Anspruch auf Leistungen besteht.
Angesichts des Gesagten bestand entgegen dem Wortlaut von Art. 10a Abs. 3 PFG
nicht bis zum letzten Tag des Todesmonats September 2016 ein Anspruch auf
Leistungen, sondern nur bis und mit Todestag am 22. September 2016. Entsprechend
rechtfertigt es sich nicht, den Beginn der sechsmonatigen Frist auf den 1. Oktober
2016 bzw. den letztmöglichen Zeitpunkt für eine rechtzeitige Anmeldung von
Ansprüchen für den gesamten September 2016 am 31. März 2017 festzusetzen. Ein
Anspruch auf Pflegekostenbeiträge bis zum letzten Tag des Todesmonats würde im
Übrigen zu einer Überentschädigung von Heimbewohnern und Heimbewohnerinnen
führen, da ihnen nur die effektiven Pflegekosten bis zum Todestag vom Heim in
Rechnung gestellt werden (vgl. Art. 5 lit. a PFG; so auch SVA-act. 16).
2.3 Zusammengefasst ist festzuhalten, dass die sechsmonatige Frist zur Anmeldung
gemäss Art. 10a Abs. 2 PFG am 14. September 2016 begonnen und damit am 14.
März 2017 geendet hat. Mit der Antragstellung vom 27. März 2017 sind demnach
Ansprüche für die Tage 14. bis 22. September 2016 bei Ablauf der sechsmonatigen
Frist erloschen.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.
3.1 Der Einwand der Beschwerdeführerin, sie habe das an die Versicherte gerichtete
Schreiben der Beschwerdegegnerin vom 26. September 2016 betreffend
Anmeldeverfahren für die Pflegefinanzierung das erste Mal via E-Mail vom 24.
November 2017 gesehen, vermag an der abgelaufenen gesetzlichen Frist von sechs
Monaten bzw. der Verwirkung eines Anspruchs auf Pflegekostenbeiträge nichts zu
ändern.
3.2 Das Schreiben der Beschwerdegegnerin vom 26. September 2016 enthielt zwar
eine ausführliche Aufklärung über die Finanzierung der Pflegekosten - insbesondere
über das Institut der Restfinanzierung bzw. die Rückerstattung der Pflegekosten
generell, die vermutungsweise Anspruchsberechtigung von A._ sel. auf einen
Pflegekostenbeitrag, die Durchführungsstellen der Pflegefinanzierung, das
Anmeldeverfahren sowie die sechsmonatige Frist zur Geltendmachung eines
Pflegekostenbeitrags. Beim vorgenannten Schreiben handelte es sich jedoch lediglich
um eine von der Beschwerdegegnerin freiwillig erbrachte Dienstleistung. Eine
entsprechende Verpflichtung bestand nicht, auch nicht nach der in Art. 27 Abs. 1 des
Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR
830.1) festgelegten Aufklärungspflicht.
3.3 Gemäss Art. 27 Abs. 1 ATSG sind die Versicherungsträger und
Durchführungsorgane der einzelnen Sozialversicherungen verpflichtet, im Rahmen ihres
Zuständigkeitsbereiches die interessierten Personen über ihre Rechte und Pflichten
aufzuklären. Die genannte Bestimmung stipuliert jedoch nur eine vom Einzelfall
unabhängige, somit allgemeine und dauernde Pflicht, einen unbestimmten,
interessierten Personenkreis über mögliche Rechte und Pflichten aufzuklären. Die
allgemeine Aufklärungspflicht hat die erforderlichen Struktur- und Systeminformationen
und die allgemeinen Handlungsinformationen zu vermitteln. Sie erfolgt mit
Informationsbroschüren, Merkblättern, Wegleitungen, Inseraten oder durch
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Internetauftritte (vgl. dazu THOMAS LOCHER/THOMAS GÄCHTER, Grundriss des
Sozialversicherungsrechts, 4. Aufl. Bern 2014, § 67 N. 11; UELI KIESER, ATSG-
Kommentar, 3. Aufl. Zürich/Basel/Genf 2015, Art. 27 N 15 ff.; BGE 131 V 476 E. 4.1).
Sämtliche der von der Beschwerdegegnerin mit dem Schreiben vom 26. September
2016 mitgeteilten Informationen finden sich in Merkblättern und
Informationsbroschüren der SVA, welche insbesondere auch im Internet abgerufen
werden können (https://www.svasg.ch/online-schalter/merkblaetter/produkte/pf.php;
https://www.svasg.ch/ produkte/pf/; https://www.sg.ch/home/soziales/alter/
tages_und_nachtstrukturen/finanzie-rung/informationen_fuer_nutzende_angehoerige/
_jcr_content/Par/downloadlist_0/ Down-loadListPar/download_0.ocFile/Informationen
%20der%20SVA%20St.Gallen%20 zur % 20 Finanzierung%20der
%20Pflegekosten.pdf, abgerufen am 27. März 2019). Die an der Pflegefinanzierung
interessierten und mit dieser befassten Personen können sich also jederzeit umfassend
informieren und werden durch die genannten Merkblätter und Informationsbroschüren
in die Lage versetzt, die für sie im konkreten Fall in Betracht fallenden Schritte
einzuleiten. In den genannten Unterlagen wird insbesondere auch darauf hingewiesen,
dass der Anspruch auf staatliche Rückvergütung an die Pflegekosten maximal für
sechs Monate rückwirkend geltend gemacht werden könne. Für Bewohnerinnen und
Bewohner von Alters- und Pflegeheimen, ihre Rechtsvertreter oder Angehörigen ist die
Finanzierung eines Heimaufenthalts von einer derartigen Relevanz, dass man eine
eigenständige aktive Informationsbeschaffung ohne Weiteres voraussetzen darf.
Angesichts des Gesagten besteht damit (für den Fall, dass als erwiesen gelten würde,
dass die Beschwerdeführerin das Schreiben vom 26. September 2016 nicht erhalten
hätte) kein Grund von einem Unterbleiben einer Auskunft auszugehen, welche eine vom
materiellen Recht abweichende Behandlung der rechtssuchenden Beschwerdeführerin
gebieten würde.
4.
Der angefochtene Einspracheentscheid vom 30. Oktober 2017 lässt sich somit nicht
beanstanden. Die dagegen erhobene Beschwerde ist im Sinn der vorstehenden
Erwägungen abzuweisen. Gerichtskosten sind keine zu erheben (Art. 61 lit. a ATSG).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte