Decision ID: fc0dbbd9-ecc3-5646-bb42-4ec24dcecf72
Year: 2016
Language: de
Court: BE_VB
Chamber: BE_VB_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: public_law

I. Sachverhalt
1. Der Beschwerdeführer 1 reichte am 27. Januar 2016 bei der Gemeinde Sumiswald
ein Baugesuch ein für den Umbau bzw. die Sanierung des Obergeschosses sowie den
Neubau einer Stückholzheizung und einer Waschküche auf Parzelle Sumiswald
Grundbuchblatt Nr. D._, Gebäude Nr. E._. Die Parzelle liegt in der
Landwirtschaftszone. Mit Entscheid vom 7. März 2016 erteilte die Gemeinde Sumiswald
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eine kleine Baubewilligung ohne Publikation oder Nachbarschaftsorientierung. Dies unter
anderem unter der Auflage, dass die betroffene Liegenschaft bis spätestens 31. Dezember
2016 an die Kanalisation anzuschliessen ist. Gleichzeitig mit dem Bauentscheid eröffnete
die Gemeinde die Verfügung des Amts für Gemeinden und Raumordnung (AGR) vom
5. Februar 2016, mit welcher für das Bauvorhaben eine Ausnahmebewilligung nach
Art. 24c RPG1 erteilt wird.
2. Gegen die Auflage betreffend Kanalisationsanschluss reichten die
Beschwerdeführenden am 19. März 2016 gemeinsam Beschwerde bei der Bau-, Verkehrs-
und Energiedirektion des Kantons Bern (BVE) ein. Sie beantragen sinngemäss die
Streichung der umstrittenen Auflage.
3. Das Rechtsamt, welches die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet2, führte den
Schriftenwechsel durch und holte die Vorakten ein. Das AGR und die Gemeinde
Sumiswald nehmen in ihren Eingaben vom 6. und 20. April 2016 weder zur Beschwerde
Stellung noch stellen sie einen Antrag. Das Amt für Wasser und Abfall (AWA) beantragt in
seiner Beschwerdevernehmlassung vom 25. April 2016 die Abweisung der Beschwerde.
Auf die Rechtsschriften und Vorakten wird, soweit für den Entscheid wesentlich, in den
nachfolgenden Erwägungen eingegangen.

II. Erwägungen
1. Eintreten
a) Bauentscheide können nach Art. 40 BauG3 innert 30 Tagen seit Eröffnung mit
Baubeschwerde bei der BVE angefochten werden. Die BVE ist somit für die Beurteilung
der Beschwerde zuständig. Zur Beschwerde befugt sind die Baugesuchsteller, die
1 Bundesgesetz vom 22. Juni 1979 über die Raumplanung (Raumplanungsgesetz, RPG; SR 700) 2 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (OrV BVE; BSG 152.221.191) 3 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721)
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Einsprecher im Rahmen ihrer Einsprachegründe und die zuständige Gemeindebehörde
(Art. 40 Abs. 2 BauG). Der Beschwerdeführer 1, dessen Baugesuch unter Auflagen
bewilligt wurde, ist hinsichtlich dieser Auflagen durch den vorinstanzlichen Entscheid
beschwert und daher insoweit zur Beschwerdeführung legitimiert.
b) Die Beschwerdeführerin 2 wird weder im Baugesuch noch in der Baubewilligung
erwähnt und hat das Baugesuch auch nicht unterschrieben. Sie hat somit am
vorinstanzlichen Verfahren nicht teilgenommen, womit es ihr an der formellen Beschwer
fehlt. Insofern ist ihre Beschwerdebefugnis fraglich. Allerdings ist sie Miteigentümerin der
Bauparzelle, womit die Baubewilligung auch für sie gilt (Art. 42 Abs. 1 BauG). Zudem ist
auf die Beschwerde aufgrund der Legitimation des Beschwerdeführers 1 ohnehin
einzutreten. Daher wird die Legitimation der Beschwerdeführerin 2 nicht abschliessend
geprüft. Auf die form- und fristgerecht eingereichte Beschwerde der Beschwerdeführenden
wird eingetreten.
2. Anschlusspflicht an Kanalisation
a) Das AWA verlangt in seiner Gewässerschutzbewilligung vom 22. Februar 2016, dass
sämtliche häuslichen Abwässer an die Kanalisation anzuschliessen sind.
Dementsprechend findet sich in der angefochtenen Baubewilligung die Auflage, dass die
Liegenschaft an die Kanalisation angeschlossen werden muss. Mit dieser Auflage sind die
Beschwerdeführenden nicht einverstanden. Sie machen geltend, es mache keinen Sinn,
eine Kanalisationsleitung durch solch schwieriges Gelände zu ziehen, wenn die
Einrichtungen für andere und bessere Lösungen schon vorhanden seien. Unter diesen
Umständen entspreche die Auflage betreffend Anschlusspflicht nicht dem Natur- und
Gewässerschutz.
b) Im Bereich öffentlicher Kanalisationen muss das verschmutzte Abwasser in die
Kanalisation eingeleitet werden (Art. 11 Abs. 1 GSchG4). Der Bereich öffentlicher
Kanalisationen umfasst neben der Bauzone weitere Gebiete, in welchen der Anschluss an
die Kanalisation zweckmässig und zumutbar ist (Art. 11 Abs. 2 Bst. c GSchG). Der
Anschluss von verschmutztem Abwasser an die öffentliche Kanalisation ausserhalb von
4 Bundesgesetz vom 24. Januar 1991 über den Schutz der Gewässer (Gewässerschutzgesetz, GSchG; SR 814.20)
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Bauzonen (Art. 11 Abs. 2 Bst. c GSchG) ist zweckmässig, wenn er sich einwandfrei und
mit normalem baulichem Aufwand herstellen lässt (Art. 12 Abs. 1 Bst. a GSchV5); zumutbar
ist ein solcher Anschluss, wenn die Kosten des Anschlusses diejenigen für vergleichbare
Anschlüsse innerhalb der Bauzone nicht wesentlich überschreiten (Art. 12 Abs. 1 Bst. b
GSchV).
Nach der Rechtsprechung des Bundesgerichts und des Verwaltungsgerichts ist die
Zweckmässigkeit dann zu verneinen, wenn der Kanalisationsanschluss aufgrund der
topografischen oder baugrundspezifischen Verhältnisse nur mit besonderem baulichem
Aufwand zu verwirklichen ist. Im Übrigen stellt die Rechtsprechung an das Erfordernis der
Zweckmässigkeit keine hohen Anforderungen. Für die Beurteilung der Zumutbarkeit
werden nach der Praxis des Bundesgerichts und des Verwaltungsgerichts die
Anschlusskosten durch die Anzahl der Einwohnergleichwerte (EGW) dividiert. Als
Anschlusskosten gelten sämtliche von der betroffenen Eigentümerschaft tatsächlich zu
tragenden Kosten, welche durch den Kanalisationsanschluss entstehen.6
c) Das AWA hat im Beschwerdeverfahren in seiner Beschwerdevernehmlassung vom
25. April 2016 die umstrittene Auflage betreffend Kanalisationsanschluss erstmals
ausführlich begründet. Darin finden sich zwar Angaben zu einem möglichen
Anschlusspunkt an die bestehende Kanalisation sowie zur ungefähren Länge und zum
ungefähren Verlauf einer Anschlussleitung. Weiter findet sich in der
Beschwerdevernehmlassung auch eine Kostenschätzung für den Kanalisationsanschluss.
Eine konkrete Linienführung mit einem konkreten Kostenvoranschlag lässt sich der
Beschwerdevernehmlassung aber nicht entnehmen.
Ohne diese Abklärungen lässt sich nicht beurteilen, ob der Kanalisationsanschluss
zweckmässig und zumutbar ist. Beides wird von den Beschwerdeführenden in ihrer
Stellungnahme vom 11. Juli 2016 denn auch bestritten. Sie machen geltend, das Gelände
weise eine extreme Steigung mit grosser Hangrutschgefahr auf. Da der Hang zudem aus
Nagelfluh bestehe, sei ein Einpflügen der Leitung unmöglich. Was die Kostenschätzung
betreffe, sei diese aus der Luft gegriffen.
5 Gewässerschutzverordnung des Bundesrates vom 28. Oktober 1998 (GSchV; SR 814.201) 6 BVR 2008 S. 452 E. 4.2 und 5.2 mit Hinweisen auf die Rechtsprechung
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d) Somit ist der Sachverhalt betreffend Kanalisationsanschluss ungenügend abgeklärt.
Es ist nicht an der BVE als Beschwerdeinstanz, diese Abklärungen erstmalig
vorzunehmen. Daher wird der angefochtene Entscheid aufgrund mangelnder
Entscheidreife aufgehoben und die Sache zur Fortsetzung des Verfahrens im Sinne der
Erwägungen an die Vorinstanz zurückgewiesen (Art. 72 Abs. 1 VRPG7). Insoweit wird die
Beschwerde gutgeheissen. Eine Rückweisung an die Vorinstanz zwecks detaillierter
Prüfung der umstrittenen Auflage zur Gewässerschutzbewilligung wird auch vom AWA in
seiner Stellungnahme vom 10. August 2016 begrüsst.
3. Publikation
a) Die angefochtene Baubewilligung vom 7. März 2016 wurde als kleine Baubewilligung
erteilt, ohne dass das Baugesuch publiziert worden ist. Die Möglichkeit einer kleinen
Baubewilligung ohne Publikation ist zwar in Art. 27 BewD8 vorgesehen. Das Bauvorhaben
beinhaltet jedoch einen erheblichen Um- und Ausbau des Wohnteils des bestehenden
Gebäudes. Vorgesehen sind insbesondere die Erweiterung um einen Anbau mit zwei
Räumen "Holzlager" und "Heizung/Waschen", der Abriss einer Dachaufbaute auf dem
Nordostdach, das Anheben des Nordostdachs und damit verbunden die Erhöhung der
Nordostfassade um ein Geschoss, die komplette Umgestaltung des Obergeschosses
inklusive Anheben der Decke sowie der Ersatz des Balkons des Dachgeschosses an der
Südostfassade. Auch wenn einzelne dieser Arbeiten die Voraussetzungen von Art. 27
BewD erfüllen, so sprengt die Gesamtheit der Arbeiten diesen Rahmen jedoch deutlich.
Dieser Mangel der unterbliebenen Publikation wiegt hier umso schwerer, als es sich um ein
Bauvorhaben ausserhalb der Bauzone handelt und eine Ausnahmebewilligung gemäss
Art. 24c RPG beansprucht wird. Das Bundesrecht verlangt grundsätzlich, dass solche
Ausnahmegesuche den beschwerdeberechtigten Organisationen bekannt gegeben
werden.9
b) Die Beschwerdeführenden haben zwar lediglich die Auflage betreffend
Kanalisationsanschluss angefochten. Somit sind die Baubewilligung und die
Ausnahmebewilligung gemäss Art. 24c RPG nicht Streitgegenstand dieses
7 Gesetz vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege (VRPG; BSG 155.21) 8 Dekret vom 22. März 1994 über das Baubewilligungsverfahren (Baubewilligungsdekret, BewD; BSG 725.1) 9 BGE 116 Ib 119 E. 2.c
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Beschwerdeverfahrens. Gemäss Erwägung 2 wird der Bauentscheid in Gutheissung der
Beschwerde aber aufgehoben. Diese Aufhebung betrifft nicht bloss den Streitgegenstand,
also die angefochtene Auflage, sondern das Anfechtungsobjekt, also den ganzen
Bauentscheid.10 Im Übrigen könnte die BVE gestützt auf Art. 40 Abs. 3 BauG ohnehin auch
unangefochtene Teile des Bauentscheids von Amtes wegen aufheben, wenn der Entscheid
erhebliche Mängel aufweist.11 Im Rahmen der Rückweisung der Sache an die Vorinstanz
muss diese das Bauvorhaben daher noch publizieren.
4. Kosten
a) Die Verfahrenskosten für das Beschwerdeverfahren bestehen aus einer
Pauschalgebühr (Art. 103 Abs. 1 VRPG). Für Entscheide in einer Verwaltungsjustizsache
wird eine Pauschalgebühr von Fr. 200.-- bis Fr. 4'000.-- erhoben (Art. 19 Abs. 1 i.V.m.
Art. 4 Abs. 2 GebV12). In Anwendung dieser Bestimmungen wird die Pauschale auf
Fr. 600.-- festgelegt.
Bei diesem Ausgang des Beschwerdeverfahrens können die Verfahrenskosten keiner
Partei auferlegt werden (Art. 108 Abs. 1 und 2 VRPG). Daher trägt der Kanton die
Verfahrenskosten.
b) Die Parteikosten umfassen den durch die berufsmässige Parteivertretung
anfallenden Aufwand (Art. 104 Abs. 1 VRPG). Die Parteien haben sich nicht durch Anwälte
vertreten lassen. Daher sind keine Parteikosten im Sinne des Gesetzes entstanden und es
sind keine Parteikosten zu sprechen.