Decision ID: 3ff15795-6140-4ec9-923e-1991df106d71
Year: 2022
Language: de
Court: AG_OG
Chamber: AG_OG_008
Canton: AG
Region: Northwestern_Switzerland
Law Area: 

Das Obergericht entnimmt den Akten:
1.
Die Staatsanwaltschaft Rheinfelden-Laufenburg erhob am 20. Januar 2020
Anklage gegen den Beschuldigten wegen mehrfacher Schändung. Sie
beantragte, dass der Beschuldigte dafür zu einer bedingten Freiheitsstrafe
von 24 Monaten, bei einer Probezeit von zwei Jahren, sowie einer Busse
von Fr. 5'000.00, ersatzweise 50 Tage Freiheitsstrafe, zu verurteilen sei.
Weiter beantragte sie den Widerruf des dem Beschuldigten mit Strafbefehl
der Staatsanwaltschaft Basel-Stadt bedingt gewährten Strafvollzugs sowie
eine Landesverweisung für die Dauer von sieben Jahren.
2.
Mit Urteil des Bezirksgerichts Rheinfelden vom 26. Mai 2021 wurde der
Beschuldigte der mehrfachen Schändung schuldig gesprochen und dafür
mit einer bedingten Freiheitsstrafe von 24 Monaten und einer Busse in
Höhe von Fr. 5'000.00 bestraft. Weiter wurde der Beschuldigte für die
Dauer von sieben Jahren des Landes verwiesen.
3.
3.1.
Gegen dieses ihm am 21. Juni 2021 zugestellte Urteil meldete der
Beschuldigte gleichentags die Berufung an. Das begründete Urteil wurde
ihm am 13. September 2021 zugestellt.
3.2.
Mit Berufungserklärung vom 27. September 2021 beantragte der
Beschuldigte einen Freispruch vom Vorwurf der mehrfachen Schändung.
3.3.
Der Beschuldigte reichte am 10. Januar 2022 vorgängig zur Berufungs-
verhandlung seine Berufungsbegründung ein.
3.4.
Die Staatsanwaltschaft Rheinfelden-Laufenburg beantragte mit
vorgängiger Berufungsantwort vom 13. Januar 2022 die Abweisung der
Berufung.
3.5.
Die Berufungsverhandlung fand am 24. Juni 2022 zusammen mit dem
Berufungsverfahren des ebenfalls beschuldigten B. (SST.2021.225) statt.
- 3 -

Das Obergericht zieht in Erwägung:
1.
Der Beschuldigte beantragt mit Berufung einen vollständigen Freispruch
von Schuld und Strafe. Damit ist das vorinstanzliche Urteil – mit Ausnahme
des Entscheids über die beschlagnahmten Gegenstände – vollumfänglich
angefochten und zu überprüfen (Art. 404 Abs. 1 StPO).
2.
2.1.
Gemäss Anklage habe sich der Beschuldigte am 4. März 2018 in R. in
einem Club befunden und sei später zusammen mit der Privatklägerin C.
in einem Taxi zu seiner Wohnung in Q. gefahren, wobei beide reichlich
alkoholisiert gewesen seien. Der Beschuldigte habe im Bett im
Schlafzimmer seiner Wohnung zweimal mit Wissen und Wollen den
vaginalen Geschlechtsverkehr an der wehrlosen C. vollzogen. Er habe
jeweils in einen Lumpen, welcher sich neben seinem Bett befunden habe,
ejakuliert. C. habe sich in einem komaähnlichen Zustand befunden und von
den Übergriffen nichts mitbekommen. Dieser Zustand sei dem
Beschuldigten bekannt und bewusst gewesen.
In der Folge habe der Beschuldigte seinen Cousin B. angerufen und zu sich
bestellt. Dieser sei um ca. 6:00 Uhr in der Wohnung des Beschuldigten
eingetroffen und habe auch zweimal den Geschlechtsverkehr an der
wehrlosen C. vollzogen. Diese sei weiterhin in einem komaähnlichen
Zustand gewesen und habe von diesen Handlungen nichts mitbekommen.
Der Beschuldigte habe sich bei diesen Handlungen durch B. bereits
schlafend im Nebenzimmer befunden.
Am Morgen nach dem Erwachen sei C. bewusst geworden, was sich
vorgängig zugetragen habe, nachdem ihr der Beschuldigte und B. vom
vorgängigen, mehrmaligen und nach ihrer Auffassung einvernehmlichen
Geschlechtsverkehr erzählt hätten.
Damit habe sich der Beschuldigte der mehrfachen Schändung gemäss
Art. 191 StGB schuldig gemacht.
2.2.
Gemäss Art. 191 StGB macht sich der Schändung strafbar, wer eine
urteilsunfähige oder eine zum Widerstand unfähige Person in Kenntnis
ihres Zustandes zum Beischlaf, zu einer beischlafsähnlichen oder einer
anderen sexuellen Handlung missbraucht. Als widerstandsunfähig gilt nach
konstanter Rechtsprechung, wer nicht im Stande ist, sich gegen ungewollte
sexuelle Kontakte zu wehren. Art. 191 StGB schützt Personen, die einen
zur Abwehr ausreichenden Willen zum Widerstand gegen sexuelle
Übergriffe nicht oder nicht sinnvoll bilden, äussern oder betätigen können.
- 4 -
Es genügt, dass das Opfer vorübergehend zum Widerstand unfähig ist. Die
Gründe für die Widerstandsunfähigkeit können dauernder oder vorüber-
gehender, chronischer oder situationsbedingter Natur sein. Erforderlich ist,
dass die Widerstandsfähigkeit ganz aufgehoben und nicht nur
beeinträchtigt oder eingeschränkt ist (BGE 133 IV 49 E. 7.2; BGE 119 IV
230 E. 3a). Eine Bewusstlosigkeit im Sinne eines komatösen Zustands ist
nicht vorausgesetzt. Widerstandsunfähigkeit kann etwa auch vorliegen,
wenn sich eine Person alkohol- und müdigkeitsbedingt nicht oder nur
schwach gegen die an ihr vorgenommenen Handlungen wehren kann.
Subjektiv ist Vorsatz erforderlich, wobei Eventualvorsatz genügt (Urteil des
Bundesgerichts 6B_232/2016 vom 21. Dezember 2016 E. 2.2 mit
Hinweisen).
2.3.
2.3.1.
Vorweg ist festzuhalten, dass C. konstant aussagte, sich an jene Nacht und
die vorgefallenen Handlungen in der Wohnung des Beschuldigten nicht
mehr erinnern zu können, sie also ein Blackout bekommen hätte und
entsprechend auch keinerlei Aussagen zum Vorgefallenen machen könne
(vgl. Untersuchungsakten [UA] act. 132; Gerichtsakten [GA] act. 57).
Gemäss ihren Aussagen sei das Letzte, woran sie sich erinnern könne,
dass sie im Club D. in Richtung der Tanzfläche gegangen sei (UA act. 423;
GA act. 53) resp. sich noch mit zwei oder einem Mann unterhalten habe
(UA act. 132). Sie habe keine Drogen genommen, nur Alkohol getrunken
(UA act. 423; GA act. 55). Sie vermute, dass sie K.O.-Tropfen erhalten
habe (UA act. 137; GA act. 56).
Mangels eines zeitnahen Bluttests durch C. nach dem Vorfall liegen keine
sachlichen Beweismittel vor, welche über ihren Alkoholisierungsgrad
Aufschluss geben könnten, sowie darüber, ob sich noch weitere
Substanzen (Drogen, «K.O.-Tropfen») in ihrem System befunden haben.
Hinweise über den physischen und psychischen Zustand von C. an jenem
Abend können neben den Aussagen des Beschuldigten und des ebenfalls
beschuldigten B. noch die Zeugenaussagen von E. und F. liefern (vgl. dazu
unten). Sodann lassen sich ebenfalls aus dem Zustand von C. am nächsten
Morgen sowie aus ihren diesbezüglichen Aussagen gültige Rückschlüsse
auf ihren Zustand am Vorabend ziehen.
2.3.2.
Unbestritten und soweit erstellt ist aufgrund der Aussagen der
Beschuldigten selber, dass es zwischen C. und dem Beschuldigten zwei
Mal zu ungeschütztem Geschlechtsverkehr gekommen ist, wobei der
Beschuldigte jeweils in einen Lumpen ejakuliert hat (UA act. 218 f.).
Ebenfalls unbestritten ist, dass B. am frühen Morgen dazu gestossen ist
und danach ebenfalls zweimal mit C. Geschlechtsverkehr hatte (UA
act. 197 f.).
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- 5 -
2.3.3.
Der Beschuldigte bestreitet, dass sich C. während des
Geschlechtsverkehrs in einem Zustand der Widerstandsunfähigkeit
befunden habe. Gemäss seinen Aussagen sei C. zwar angetrunken
gewesen, «so locker, so easy», aber sie sei nicht bewusstlos gewesen,
sondern auch aktiv. Sie hätten zusammen «rumgemacht» und sich
ausgezogen. C. habe an ihm «herumgefummelt», ihre Hände seien an
seinem Körper und in seinem Schritt gewesen. Sie hätten auch zusammen
gesprochen, unter anderem habe er sie gefragt, ob sie schon einen
«Dreier» gehabt habe, was diese verneinte. Da habe er etwas auf sie
eingeredet, worauf C. dann gesagt habe, dann solle er seinem Kollegen
anrufen, was er dann getan habe (UA act. 216 ff.; GA act. 87 f.).
B. erklärte, im Club D. in R. C. an der Bar getroffen zu haben, als sie mit E.
gesprochen habe. Sie habe sich als «Spitzname.» vorgestellt. Sie – er und
der Beschuldigte zusammen mit C. – hätten dann in der Raucherlounge
zusammen geraucht. Später sei er mit dem Taxi nach Hause nach T.
gefahren, da habe ihn sein Cousin, der Beschuldigte, angerufen und
gesagt, er solle zu ihm nach Q. kommen, «sie» (gemeint ist C.) wolle einen
Dreier, weshalb er um ca. 6:00 Uhr nach Q. gefahren sei. Er habe dann mit
C. «normale Gespräche» geführt, unter anderem habe er sie gefragt, was
der Drogenkonsum bei ihr bewirke, worauf sie geantwortet habe, sie sei
dann einfach aufgestellter und hyperaktiv (UA act. 191 ff.; GA act. 95 ff.;
Protokoll Berufungsverhandlung, S. 29).
E. wurde delegiert als Zeuge einvernommen (UA act. 443 ff.). Dabei gab er
an, den Beschuldigten und B. vom Sehen her zu kennen und zu grüssen,
aber er habe nicht viel Kontakt zu ihnen. C. kenne er auch nicht richtig. Er
habe am 3./4. März 2018 alle drei zufälligerweise im Club D. getroffen. Mit
C. habe er sich kurz unterhalten. Sie sei «voll besoffen» gewesen, damit
meine er, sie habe Alkohol im Blut gehabt, sie sei fröhlich und glücklich
gewesen und habe getanzt. Anlässlich der erstinstanzlichen
Hauptverhandlung erklärte E. sodann jedoch, dass der Beschuldigte und
B. gute Kollegen von ihm seien (GA act. 70). C. kenne er etwas von früher.
Im Club D. an jenem Abend hätten sie sich kurz gesehen und sich gegrüsst.
Sie sei so gewesen, wie man ist, wenn man Alkohol getrunken habe (GA
act. 71).
F., eine damalige Freundin von C., erklärte, dass sie an jenem Abend bei
sich zuhause Alkohol getrunken hätten, bevor sie in den Club D. gegangen
seien. Sie selber habe auch einen Filmriss von jener Nacht, und sie habe
bemerkt, dass sie geweitete Pupillen gehabt habe, weshalb sie nicht
ausschliessen könne, dass sie unter Drogeneinfluss gestanden habe. Sie
könne sich nur noch daran erinnern, dass sie in Richtung der Tanzfläche
- 6 -
gegangen seien, danach habe sie C. nicht mehr gesehen resp. könne sich
nicht mehr erinnern (UA act. 456; GA act. 64 f.).
2.3.4.
C. und die beiden Beschuldigten wurden im Rahmen der
Berufungsverhandlung vom 24. Juni 2022 erneut einlässlich ein-
vernommen. Das Obergericht konnte dadurch einen persönlichen Eindruck
ihres Aussageverhaltens und ihrer Persönlichkeit gewinnen und Unklar-
heiten plausibel klären bzw. nachvollziehbar auflösen.
Es ist damit in einem ersten Schritt festzuhalten, dass gemäss den
Zeugenaussagen von keinem Zustand der Widerstandsunfähigkeit von C.
im Club D. auszugehen ist. Zwar war C. zweifellos alkoholisiert, jedoch
liegen keine Hinweise vor, dass sie beispielsweise hätte gestützt oder gar
getragen werden müssen. Auch sei sie imstande gewesen, eine
Konversation zu führen, ohne dass dabei ein besonders verwaschenes
Sprechen oder Lallen aufgefallen wäre. Weiter ist festzuhalten, dass
aufgrund der vorliegenden Aktenlage konkrete Hinweise fehlen, dass C. im
Club D. sogenannte K.O.-Tropfen verabreicht erhalten hätte.
In einer Gesamtbetrachtung liegen allerdings gewichtige Indizien vor,
welche auf eine eingeschränkte Funktionsfähigkeit von C. hindeuten. So ist
es schlicht nicht erklärlich, weshalb sie beim Verlassen des Club D. ihre
Tasche, worin sich ihre persönlichen Gegenstände und insbesondere ihr
Portemonnaie befanden (Protokoll Berufungsverhandlung, S. 11),
zurückgelassen hat. C. sagte glaubhaft aus, dass sie ihre Tasche noch nie
irgendwo zurückgelassen hätte (Protokoll Berufungsverhandlung, S. 5),
zumal sich zeigte, dass C. kein Geld auf sich trug (vgl. UA act. 133;
Protokoll Berufungsverhandlung, S. 13), was es noch unwahrscheinlicher
macht, dass sie in einem klaren Zustand mit dem ihr unbekannten
Beschuldigten in ein Taxi nach Q. eingestiegen sein soll, ohne Geld für ihre
Rückfahrt mitzuführen. Auch ist das für C. untypische Verhalten, sich von
ihrer Kollegengruppe ohne Mitteilung zu entfernen (Protokoll
Berufungsverhandlung, S. 8), ein Anzeichen auf eine sich anbahnende
Unfähigkeit, willensgemäss zu handeln. Dies steht sodann im Einklang mit
den Aussagen des Zeugen E. und der Beschuldigten, dass C. auch im Club
D. weiterhin – wohl alkoholische – Getränke zu sich nahm und
wahrnehmbar betrunken war (UA act. 448; GA act. 71, 88 und 98).
Es ist damit davon auszugehen, dass C. bereits während der Taxifahrt mit
dem Beschuldigten zu dessen Wohnung in Q. nicht mehr gänzlich
funktioniert hat. Umso mehr muss sodann spätestens im Zeitpunkt des
ersten Geschlechtsverkehrs zwischen C. und dem Beschuldigten von einer
Widerstandsunfähigkeit von C. aufgrund des Alkoholkonsums und der sich
daraus entwickelten Müdigkeit ausgegangen werden. Möglicherweise war
auch noch ein Drogenkonsum im Spiel. Anders lässt sich nicht erklären,
- 7 -
dass C., welche bei der Befragung vor Obergericht glaubhaft und
überzeugend ausführte, panische Angst vor Geschlechtskrankheiten zu
haben (Protokoll Berufungsverhandlung, S. 15), mit ihr unbekannten
Männern gleich mehrfach ungeschützten Geschlechtsverkehr gehabt hat.
Auch ihr Verhalten am nächsten Morgen, ihre Bestürztheit über das
Vorgefallene und dass sie Geld für die Pille danach verlangte (vgl. UA
act. 133 und 203; Protokoll Berufungsverhandlung, S. 5), zeigen deutlich
auf, dass sie bei erstellter Widerstandsfähigkeit nicht in ungeschützten
Geschlechtsverkehr einwilligen würde. Es ist unter diesen Umständen nicht
nur von einer alkoholbedingten herabgesetzten Hemmschwelle
auszugehen, sondern klarerweise von einem Zustand, welcher es C.
verunmöglichte, einen klaren Willen zu fassen und entsprechend zu
handeln.
Nach dem eben Ausgeführten erschliesst sich, dass die Aussagen des
Beschuldigten, dass er mit C. normal kommuniziert habe, diese ebenfalls
aktiv beim Geschlechtsverkehr gewesen sei und diesen sogar initiiert habe,
Schutzbehauptungen sind, zumal seine diesbezüglichen Schilderungen
sehr detailarm und pauschal gehalten sind (vgl. UA act. 217 ff.; GA act. 87
ff.; Protokoll Berufungsverhandlung, S. 21). Selbst wenn sich diese
Ungenauigkeiten bis zu einem gewissen Grad mit der verstrichenen
Zeitdauer zwischen dem Vorfall und der Einvernahmen des Beschuldigten
erklären lassen, so ist dennoch auffällig, dass der Beschuldigte keinerlei
konkrete Angaben zum Kennenlernen, zur Taxifahrt, welche immerhin rund
eine halbe Stunde dauerte, und zu den besprochenen Themen zwischen
ihm und C. machen konnte (vgl. Protokoll Berufungsverhandlung, S. 21).
Seine Aussagen zum Ablauf des Geschlechtsverkehrs resp. seine sehr
pauschal gehaltenen Aussagen dazu, sowie seine wenig glaubhafte
Angabe, dass die Initiative eher von C. ausgegangen sei, obwohl er
unumwunden aussagte, dass seine primäre Absicht Sex sei, wenn er im
Ausgang Frauen angesprochen habe (Protokoll Berufungsverhandlung,
S. 19), lassen nur den Schluss zu, dass es sich keineswegs wie von ihm
geschildert abgespielt hat. Der Zustand von C. und ihre
Widerstandsunfähigkeit war demnach dem Beschuldigten bekannt und er
hat dies für seine egoistischen Ziele ausgenutzt.
B. führte zwar etwas ausführlicher aus, dass er bei seinem Eintreffen beim
Beschuldigten mit C. gesprochen habe (UA act. 198; GA act. 96) und
konnte auch mehr Einzelheiten in Bezug auf das Kennenlernen im Club D.
schildern (UA act. 199; GA act. 95 f.; Protokoll Berufungsverhandlung,
S. 28). Doch sind auch seine Ausführungen zum, seiner Aussage nach
einvernehmlichen, Geschlechtsverkehr wiederum sehr pauschal: Es sei
zuerst zu Oralverkehr gekommen, er habe C. gefragt, ob sie verhüte, was
diese bejaht habe und beim zweiten Mal sei es zu vaginalem
Geschlechtsverkehr gekommen, wobei er in C. ejakuliert habe (UA act. 197
f.). Wie bereits ausgeführt, ist nicht nachvollziehbar oder erklärbar, dass C.
- 8 -
in ungeschützten Geschlechtsverkehr eingewilligt hat und sogar noch,
entgegen der Tatsache, bestätigt hätte, dass sie verhüte. Entsprechende
Aussagen von B. sind derart abwegig, dass diese klarerweise
Schutzbehauptungen sind. Dies lässt wiederum nur den Schluss zu, dass
sich C. während des Geschlechtsverkehrs mit B. immer noch in einem
Zustand befand, welches es ihr verunmöglichte, einen Willen zu bilden und
danach zu handeln.
2.3.1.
In das oben Ausgeführte reihen sich sodann schlüssig die Vorkommnisse
am nächsten Morgen ein. C. gab wiederholt an, schockiert gewesen zu
sein, als ihr die Beschuldigten erzählten, was in der Nacht geschehen sei
(UA act. 132 f. und 425 ff.; Protokoll Berufungsverhandlung, S. 5 und 13).
Auch ihr weiteres Verhalten, insbesondere das längere Verweilen in der
Wohnung des Beschuldigten, zusammen mit den beiden Beschuldigten,
lässt sich ohne weiteres durch ihren Schockzustand erklären. C. führte
denn auch aus, dass sie weder genau wusste, wo sie war, noch hatte sie
Geld dabei und ihr Handy hatte nicht mehr viel Akku (vgl. UA act. 428;
Protokoll Berufungsverhandlung, S. 5). Auch versuchte sie durch Erfragen
Licht in ihre nicht vorhandene Erinnerung zu bringen (vgl. Protokoll
Berufungsverhandlung, S. 13 f.), was in einer solchen Situation
verständlich und nachvollziehbar ist.
Sodann schilderte sowohl der Beschuldigte als auch B. übereinstimmend,
dass C. nach Kokain gefragt habe (UA act. 196 und 225). Dies wird von C.
verneint und sie wies darauf hin, dass im Gegenteil die Beschuldigten ihr
Kokain angeboten hätten (UA act. 438). Es lässt sich nicht abschliessend
klären, wer Kokain konsumieren wollte oder danach gefragt hat. Dies ist
aber für die vorliegend zu beantwortenden Fragen ohnehin unerheblich und
mögen die glaubhaften Aussagen von C., soweit diese überhaupt für die
Erstellung des Sachverhalts herangezogen werden können, nicht in Zweifel
zu ziehen.
2.3.2.
Zusammenfassend ist aufgrund verschiedener Indizien und Hinweisen als
erstellt zu erachten, dass sich C. im Zeitpunkt des Geschlechtsverkehrs mit
dem Beschuldigten in einem Zustand der Widerstandsunfähigkeit befunden
hat, bedingt durch ihren Alkoholkonsum zusammen mit der einsetzenden
Müdigkeit, möglicherweise auch einem Drogenkonsum. Dieser Zustand
verunmöglichte es C. überhaupt in ungeschützten Geschlechtsverkehr
einzuwilligen, was dem Beschuldigten hat klar sein müssen. Er hat die
Widerstandsunfähigkeit von C. ausgenutzt und zweimal den
Geschlechtsverkehr an ihr vollzogen.
Gemäss Anklage haben die zwei Geschlechtsakte «kurz nacheinander»
stattgefunden. Mithin erscheinen die Penetrationen aufgrund ihres zeitlich,
- 9 -
örtlich und sachlich sehr engen Zusammenhangs als verbundenes und auf
denselben Willensentschluss des Beschuldigten zurückgehendes
Geschehen, so dass bei einer Gesamtbetrachtung von einer natürlichen
Handlungseinheit auszugehen ist (vgl. Urteil des Bundesgerichts
6B_1245/2018 vom 20. Mai 2019 E. 3 mit Hinweisen). Der alleinige
Umstand, dass der Beschuldigte zum Samenerguss gekommen ist, verleiht
den unmittelbar nacheinander folgenden Penetrationen keine selbständige
Bedeutung, welche die Annahme einer mehrfachen Tatbegehung
rechtfertigen würde. Das vorinstanzliche Urteil ist in diesem Punkt von
Amtes wegen zu korrigieren (Art. 404 Abs. 2 StPO).
Der Beschuldigte hat sich demnach der Schändung gemäss Art. 191 StGB
schuldig gemacht und ist entsprechend zu bestrafen, ohne dass Art. 49
Abs. 1 StGB zur Anwendung gelangen würde.
3.
3.1.
Die Vorinstanz hat den Beschuldigten zu einer bedingten Freiheitsstrafe
von 24 Monaten, Probezeit 3 Jahre, und einer Verbindungsbusse von
Fr. 5'000.00 verurteilt. Zudem hat sie den mit Strafbefehl der
Staatsanwaltschaft Basel-Stadt vom 17. Januar 2017 bedingten Vollzug
der Geldstrafe von 30 Tagessätzen à Fr. 90.00 widerrufen.
In der Berufung finden sich für den Fall der Abweisung der Berufung im
Schuldpunkt keine Ausführungen zur Strafzumessung, ausser, dass die
Verletzung des Beschleunigungsgebots sich deutlich strafmindernd
auswirken müsse (Berufungsbegründung, Ziff. 4).
3.2.
Das Bundesgericht hat die Grundsätze der Strafzumessung nach Art. 47 ff.
StGB wiederholt dargelegt (BGE 147 IV 241; BGE 144 IV 313; BGE 144 IV
217; BGE 141 IV 61 E. 6.1.1; BGE 136 IV 55 E. 5.4 ff.; je mit Hinweisen).
Darauf kann verwiesen werden.
3.3.
Der Täter, der eine Schändung begeht, wird mit Freiheitsstrafe bis zu zehn
Jahren oder Geldstrafe bestraft (Art. 191 StGB). Das Gericht misst die
Strafe innerhalb des ordentlichen Strafrahmens nach dem Verschulden zu
(Art. 47 Abs. 1 StGB). Ausgangspunkt für die Strafzumessung bildet die
Verletzung oder Gefährdung des betroffenen Rechtsguts (Art. 47 Abs. 2
StGB). Der Straftatbestand der Schändung schützt die sexuelle
Selbstbestimmung von Personen, die nicht in der Lage sind, sich gegen
sexuelle Zumutungen zu wehren (Urteil des Bundesgerichts 6B_518/2020
vom 15. September 2021 E. 1.3; BGE 133 IV 49 E. 7.2).
- 10 -
Der Beschuldigte hat am 4. März 2018 in der Nacht an C., die im damaligen
Zeitpunkt unfähig war, sich gegen einen unerwünschten Sexualkontakt zu
wehren, kurz nacheinander zweimal den ungeschützten
Geschlechtsverkehr vollzogen.
Beim ungeschützten Geschlechtsverkehr handelt es sich im weiten
Spektrum möglicher sexueller Handlungen gegenüber einem zum
Widerstand unfähigen Opfer um eine schwerwiegende Form der
Schändung mit einer sehr hohen Eingriffsintensität, hat der Beschuldigte C.
doch zusätzlich der Gefahr einer Geschlechtskrankheit und einer
ungewollten Schwangerschaft ausgesetzt. Entsprechend schwer wiegt die
Verletzung der sexuellen Selbstbestimmung und Integrität und damit
einhergehend das Verschulden. Nichts zu seinen Gunsten kann der
Beschuldigte daraus ableiten, dass C. beim Geschlechtsakt nicht physisch
verletzt worden ist. Das Fehlen eines zur Erfüllung des objektiven
Tatbestands nicht notwendigen Umstandes wirkt sich vielmehr neutral aus.
Der Tatbestand der Schändung setzt voraus, dass das Opfer unfähig war,
sich gegen die sexuellen Handlungen zu wehren. Der vorliegend zur Erfül-
lung des Tatbestands wesentliche Umstand, dass es sich bei C. aufgrund
ihres damaligen Zustands um ein vulnerables Opfer gehandelt hat, kann
sich deshalb nicht zusätzlich verschuldenserhöhend auswirken.
Der Schändung ist eine (rein) sexuelle sowie egoistische Motivation im-
manent, was für sich allein nicht verschuldenserhöhend zu berücksichtigen
ist (vgl. Urteil des Bundesgerichts 6P.194/2001 vom 3. Dezember 2002
E. 7.4.2). Der Beschuldigte verfügte jedoch über ein sehr hohes Mass an
Entscheidungsfreiheit. Je leichter es aber für den Beschuldigten gewesen
wäre, die sexuelle Selbstbestimmung von C. zu respektieren, desto schwe-
rer wiegt die Entscheidung dagegen und damit einhergehend das Ver-
schulden (vgl. BGE 117 IV 112 E. 1 mit Hinweisen). Auch ein allfälliger
Einfluss von Alkohol und Drogen haben sein hohes Mass an
Entscheidungsfreiheit nicht wesentlich einschränken können. Es liegen
denn auch keine Hinweise für eine eingeschränkte Einsichts- oder
Steuerungsfähigkeit vor. Vielmehr hat er C. gezielt aufgrund ihres sich
abzeichnenden Zustands mit nach Hause genommen, wo er dann an der
zum Widerstand unfähigen C. den Geschlechtsverkehr vollzogen hat, was
zeigt, dass er genau wusste, was er tat.
Insgesamt ist in Relation zum Strafrahmen von bis zu 10 Jahren Freiheits-
strafe und den in diesem Rahmen denkbaren Erscheinungsformen von
Schändungen von einem mittelschweren bis schweren Verschulden und
einer dafür angemessenen Strafe von vier Jahren Freiheitsstrafe
auszugehen.
3.4.
- 11 -
Im Rahmen der Täterkomponente fällt die Vorstrafe des Beschuldigten
leicht straferhöhend ins Gewicht. Er wurde am 17. Januar 2017 mit
Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Basel-Stadt wegen Begünstigung zu
einer bedingten Geldstrafe von 30 Tagessätzen à Fr. 90.00 und einer
Busse von Fr. 500.00 verurteilt. Auch wenn es sich dabei nicht um ein
einschlägiges Delikt handelt, so hat der Beschuldigte doch gezeigt, dass er
nicht genügende Lehren aus seinem Fehlverhalten gezogen hat (BGE 136
IV 1 E. 2.6.2). Es ist jedoch zu beachten, dass aus dem täterbezogenen
Strafzumessungskriterium der Vorstrafen nicht indirekt ein tatbezogenes
Kriterium gemacht wird. Mithin darf diese Vorstrafe nicht wie ein
eigenständige Delikt gewürdigt werden (vgl. Urteil des Bundesgerichts
6B_510/2015 vom 25. August 2015 E. 1.4).
Der Beschuldigte hat zwar zugegeben, mit C. zweimal nacheinander
Geschlechtsverkehr gehabt zu haben, er hat jedoch von Anfang an
vehement bestritten, dass sich C. in einem zum Widerstand unfähigen
Zustand befunden habe. Zwar musste sich der Beschuldigte nicht selbst
belasten (vgl. Art. 113 Abs. 1 StPO). Unter diesen Umständen ist aber auch
eine erhebliche Strafminderung, wie sie bei einem geständigen,
einsichtigen und reuigen Täter möglich ist, ausgeschlossen. Daran ändert
auch nichts, dass er sich grundsätzlich kooperativ verhalten hat.
Weitere strafzumessungsrelevante Faktoren sind nicht ersichtlich resp.
wirken sich neutral aus. Insbesondere ist nicht von einer besonderen
Strafempfindlichkeit auszugehen. Es liegt im Zweck des Freiheitsentzugs,
eine Härte zu bewirken. Eine erhöhte Strafempfindlichkeit lässt sich nur bei
aussergewöhnlichen Umständen bejahen (statt vieler: Urteil des
Bundesgerichts 6B_18/2022 vom 23. Juni 2022 E. 2.6.1 mit Hinweisen).
Solche sind vorliegend nicht gegeben.
Insgesamt überwiegen aufgrund der Vorstrafe die negativen Faktoren zwar
minim, welche jedoch in einer Gesamtbetrachtung vernachlässigbar sind,
womit sich die Täterkomponente neutral auf die Strafzumessung auswirkt.
3.5.
Das Bundesgericht hat die Grundsätze des Beschleunigungsgebots
wiederholt dargelegt (statt vieler: Urteile des Bundesgerichts
6B_1003/2020 vom 21. April 2021 E. 3.3.1 sowie 6B_855/2020 vom 25.
Oktober 2021 E. 1.5.4; BGE 143 IV 373). Darauf kann verwiesen werden.
Der ebenfalls beschuldigte B. wurde am 10. Oktober 2018 verhaftet, für
zehn Tage in Untersuchungshaft versetzt und ein erstes Mal
einvernommen (UA act. 26 ff.). Aufgrund seiner Aussagen wurde das
Verfahren am 17. Oktober 2018 auch gegen den Beschuldigten eröffnet
(UA act. 123) und er wurde am 19. Oktober 2018 an seinem Wohnort
angehalten und zur Einvernahme mitgenommen (UA act. 397 ff.). Weitere
- 12 -
Verfahrenshandlungen bis zur Anklageerhebung am 20. Januar 2020
beinhalteten vor allem die erneute Einvernahme der Privatklägerin C. und
der Zeugen E. und F. im April 2019. Diese Lücke von 11 Monaten zwischen
den letzten Einvernahmen und der Anklageerhebung erscheint nicht mehr
angemessen lange, zumal der Vorwurf gegen den Beschuldigten erheblich
war. Sodann wurde von der Vorinstanz ohne ersichtliche Gründe erst über
ein Jahr nach der Anklageerhebung zur Hauptverhandlung im Mai 2021
vorgeladen.
Insgesamt rechtfertigt die mehrfache, jedoch weder einzeln noch
insgesamt nicht sehr schwer wiegende Verletzung des Beschleunigungs-
gebots, eine Reduktion der Strafe um drei Monate.
3.6.
Zusammengefasst erachtet das Obergericht unter Berücksichtigung der
Verletzung des Beschleunigungsgebots eine Freiheitsstrafe von 3 Jahren
und 9 Monaten dem Verschulden und den persönlichen Verhältnissen des
Beschuldigten für angemessen.
Da jedoch nur der Beschuldigte ein Rechtsmittel erhoben hat, bleibt es
aufgrund des Verschlechterungsverbots (Art. 391 Abs. 2 StPO) bei der von
der Vorinstanz ausgefällten Freiheitsstrafe von 24 Monaten zuzüglich einer
Verbindungsbusse (siehe dazu unten). Diese im Hinblick auf das
Verschulden sehr mild erscheinende Freiheitsstrafe kann unter keinem
Titel weiter herabgesetzt werden.
3.7.
Die Vorinstanz hat die ausgesprochene Freiheitsstrafe von 24 Monaten
bedingt ausgesprochen, womit es aufgrund des Verschlechterungsverbots
sein Bewenden hat. Den nicht unerheblichen Bedenken an der
Legalbewährung des Beschuldigten, der sich weder einsichtig noch reuig
gezeigt hat, ist mit einer erhöhten Probezeit von 3 Jahren Rechnung zu
tragen.
3.8.
Eine bedingt ausgesprochene Freiheitsstrafe kann mit einer Busse
verbunden werden (Art. 42 Abs. 4 StGB). Vorliegend ist die Verbindung der
bedingt ausgesprochenen Freiheitsstrafe mit einer Busse angezeigt, um
dem Beschuldigten die Ernsthaftigkeit der Sanktion und die Konsequenzen
seines Handelns deutlich vor Augen zu führen. Zudem soll er gegenüber
einem Täter, der sich bloss wegen einer Übertretung (z.B. sexueller
Belästigung) zu verantworten hat und dafür mit einer Busse bestraft wird,
nicht bessergestellt werden (sog. Schnittstellenproblematik).
Um dem akzessorischen Charakter der Verbindungsstrafe gerecht zu
werden, erscheint unter Berücksichtigung der wirtschaftlichen Verhältnisse
- 13 -
und des Verschuldens des Beschuldigten sowie dem Umstand, dass der
Verbindungsbusse nicht lediglich symbolische Bedeutung zukommen soll,
mit der Vorinstanz eine Verbindungsbusse von Fr. 5'000.00 in der
Gesamtheit mit der bedingt ausgesprochenen Freiheitsstrafe von
24 Monaten angemessen (vgl. BGE 135 IV 188 E. 3.4.4).
Die Ersatzfreiheitsstrafe bei schuldhaftem Nichtbezahlen der Busse ist,
ausgehend von einem Umrechnungsschlüssel von Fr. 100.00 auf 50 Tage
Freiheitsstrafe festzusetzen (Art. 106 Abs. 2 und 3 StGB).
3.9.
Die Vorinstanz hat den mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Basel-Stadt
vom 17. Januar 2017 für die Geldstrafe von 30 Tagessätzen à Fr. 90.00
gewährte bedingte Strafvollzug widerrufen.
Begeht der Verurteilte während der Probezeit ein Verbrechen oder
Vergehen und ist deshalb zu erwarten, dass er weitere Straftaten verüben
wird, so widerruft das Gericht die bedingte Strafe oder den bedingten Teil
der Strafe (Art. 46 Abs. 1 StGB). Nach Art. 46 Abs. 5 StGB darf der Widerruf
nicht mehr angeordnet werde, wenn seit dem Ablauf der Probezeit drei
Jahre vergangen sind. Massgebend für die Einhaltung der Frist nach
Art. 46 Abs. 5 StGB ist das Urteil der Berufungsinstanz, soweit es das
erstinstanzliche Urteil auch betreffend den Widerruf ersetzt (vgl. BGE 143
IV 441 E. 2.2).
Die mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Basel-Stadt vom 17. Januar
2017 angesetzte Probezeit von 2 Jahren ist im Januar 2019 verstrichen.
Die dreijährige Frist gemäss Art. 46 Abs. 5 StGB ist im heutigen Zeitpunkt
somit bereits verstrichen. Nach dem Gesagten ist ein Widerruf vorliegend
nicht mehr möglich.
4.
4.1.
Die Vorinstanz hat den Beschuldigten für sieben Jahre des Landes
verwiesen. Der Beschuldigte beantragt, es sei auf die Anordnung einer
Landesverweisung zu verzichten und begründet dies damit, dass ein
schwerer persönlicher Härtefall vorliege und ein Landesverweis
unverhältnismässig wäre (Plädoyer Verteidigung, S. 16).
4.2.
Das Bundesgericht hat die Grundsätze der Landesverweisung nach
Art. 66a StGB unter Berücksichtigung der Rechtsprechung des EGMR zu
Art. 8 EMRK wiederholt dargelegt (BGE 146 IV 311; BGE 146 IV 172; BGE
146 IV 105; BGE 146 II 1; BGE 145 IV 455; BGE 145 IV 364; BGE 145 IV
161; BGE 144 IV 332; statt vieler: Urteil des Bundesgerichts 6B_513/2021
vom 31. März 2022). Darauf kann verwiesen werden.
- 14 -
4.3.
Der Beschuldigte ist kosovarischer Staatsangehöriger. Er hat sich der
Schändung gemäss Art. 191 StGB schuldig gemacht und damit eine
Katalogtat gemäss Art. 66a Abs. 1 lit. h StGB begangen. Der Beschuldigte
ist damit grundsätzlich für die Dauer von 5 bis 15 Jahren des Landes zu
verweisen.
Von der Anordnung der Landesverweisung kann ausnahmsweise unter
den kumulativen Voraussetzungen abgesehen werden, dass sie (1) einen
schweren persönlichen Härtefall bewirken würde und (2) die öffentlichen
Interessen an der Landesverweisung gegenüber den privaten Interessen
der Ausländerin am Verbleib in der Schweiz nicht überwiegen (Art. 66a
Abs. 2 erster Satz StGB). Dabei ist der besonderen Situation von
Ausländern Rechnung zu tragen, die in der Schweiz geboren oder
aufgewachsen sind (Art. 66a Abs. 2 zweiter Satz StGB).
Von einem schweren persönlichen Härtefall im Sinne von Art. 66a Abs. 2
StGB ist bei einem Eingriff von einer gewissen Tragweite in den Anspruch
des Ausländers auf das in Art. 13 BV und Art. 8 EMRK verankerte Recht
auf Achtung des Privat- und Familienlebens auszugehen. Art. 66a StGB ist
EMRK-konform auszulegen. Die Interessenabwägung im Rahmen der
Härtefallklausel von Art. 66a Abs. 2 StGB hat sich daher an der
Verhältnismässigkeitsprüfung nach Art. 8 Ziff. 2 EMRK zu orientieren.
Nach der Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs für Menschen-
rechte (EGMR) sind bei der Interessenabwägung im Rahmen von Art. 8
EMRK insbesondere Art sowie Schwere der Straftat, die Dauer des
Aufenthalts im Aufnahmestaat, die seit der Tat verstrichene Zeit sowie das
Verhalten des Betroffenen in dieser Zeit und der Umfang der sozialen,
kulturellen und familiären Bindungen im Aufnahme- sowie im Heimatstaat
zu berücksichtigen. Die Konvention verlangt, dass die individuellen
Interessen an der Erteilung beziehungsweise am Erhalt des Anwesenheits-
rechts und die öffentlichen Interessen an dessen Verweigerung gegen-
einander abgewogen werden (Urteil des Bundesgerichts 6B_1318/2020
vom 19. Mai 2022 E. 1.2.3 mit Hinweisen).
4.4.
4.4.1.
Der 28-jährige Beschuldigte ist 1995 als knapp zwei Jahre alter Bub in die
Schweiz gekommen. Er besuchte in der Schweiz den Kinderarten und die
obligatorische Schule. Anschliessend absolvierte er erfolgreich eine Lehre
als Automobilfachmann und machte sich anschliessend als Autohändler
selbständig (GA act. 85; UA act. 23). Inzwischen arbeitet er bei seinem
Bruder im I. als Autoverkäufer, Verkaufsleiter und Geschäftsleiter und
erwirtschaftet damit einen monatlichen Nettolohn von rund Fr. 8'900.00
(Protokoll Berufungsverhandlung, S. 18; vgl. eingereichte
- 15 -
Lohnabrechnungen). Der Beschuldigte hat keine Schulden (vgl.
eingereichter Betreibungsregisterauszug) und hat inzwischen ein
Vermögen von Fr. 50'000.00 (vgl. eingereichte Steuerunterlagen)
angehäuft. Der Beschuldigte wohnt zusammen mit seinem Bruder
unentgeltlich in einer seinem Vater gehörenden Wohnung in einem
Mehrfamilienhaus (Protokoll Berufungsverhandlung, S. 17). Er verfügt über
die Niederlassungsbewilligung C (Protokoll Berufungsverhandlung, S. 19;
MIKA-Akten, act. 130). Der Beschuldigte heiratete im Oktober 2020 eine
Landsfrau, welche jedoch immer noch im Kosovo lebt (Protokoll Berufungs-
verhandlung, S. 17). Der Beschuldigte spricht einwandfrei Schweizer-
deutsch und kann sich ebenfalls problemlos auf Albanisch verständigen
(Protokoll Berufungsverhandlung, S. 19). Mit der Kultur seines Heimat-
landes ist er durchaus vertraut. Der Beschuldigte ist nach eigenen Angaben
gesund (Protokoll Berufungsverhandlung, S. 18), womit keine
gesundheitlichen Probleme einer Ausweisung entgegenstehen würden.
Schliesslich ist auch aufgrund seiner in der Schweiz erworbenen
beruflichen Fähigkeiten davon auszugehen, dass er im Kosovo, dessen
Kultur und Sprache er kennt, nicht nur gesellschaftlich, sondern auch
wirtschaftlich Fuss fassen könnte, zumal er dabei von seiner Familie und
Verwandtschaft, auch wenn diese nicht mehr im Kosovo leben, unterstützt
werden könnte. Insbesondere lebt seine Ehefrau mit ihrer Familie im
Kosovo, welche zusätzlich Integrationshilfe leisten kann. Zu seinen Eltern
und Geschwistern kann der Kontakt mit den modernen Kommunikations-
mitteln und Besuchen aufrechterhalten werden.
Der Beschuldigte hat sich der Schändung und somit einer schweren
Straftat schuldig gemacht. Dabei hat er ein nicht unerhebliches Mass an
krimineller Energie offenbart und sich skrupellos über die sexuelle
Selbstbestimmung und Integrität von C. hinweggesetzt. Dafür wird er zu
einer bedingten Freiheitsstrafe von 24 Monaten verurteilt, wobei darauf
hinzuweisen ist, dass das Obergericht ohne Geltung des
Verschlechterungsverbots eine höhere Freiheitsstrafe ausgefällt hätte,
welche sodann unbedingt ausgefallen wäre. Im Rahmen der Landes-
verweisung und ausländerrechtlich ist denn auch bereits ab einer
Verurteilung von zwei Jahren von einem schweren Verstoss gegen die
schweizerische Rechtsordnung auszugehen (vgl. Urteil des Bundes-
gerichts 6B_1044/2019 vom 17. Februar 2020 E. 2.6). Es gilt weiter zu
beachten, dass bei der Interessenabwägung betreffend die Landes-
verweisung andere, strengere Kriterien und Massstäbe entscheidend sind,
als bei der Prüfung der Bewährungsaussichten (Urteil des Bundesgerichts
6B_513/2021 vom 31. März 2022 E. 1.5.3). Erschwerend kommt hinzu,
dass der Beschuldigte die vorliegend zu beurteilende Schändung noch
während der laufenden Probezeit gemäss Strafbefehl der Staatsanwalt-
schaft Basel-Stadt, mit welchem er wegen Begünstigung zu einer
bedingten Geldstrafe von 30 Tagessätzen verurteilt worden ist. Gemäss
MIKA-Akten hat er noch weitere Straftaten begangen, auch wenn sich
- 16 -
diese im Bagatellbereich abspielten (MIKA-Akten, act. 106, 114 und 119).
An seiner Legalbewährung bestehen ganz erhebliche Zweifel, zumal der
Beschuldigte weiterhin jegliches deliktische Verhalten bestreitet und
keinerlei Einsicht und Reue zeigt. Angesichts der begangenen schweren
Straftat, der sehr ungewissen Legalbewährung und der vom Beschuldigten
an den Tag gelegten Gleichgültigkeit gegenüber der Schweizerischen
Rechtsordnung und fremden Rechtsgütern ist insgesamt von einer hohen
Gefährlichkeit des Beschuldigten für die öffentliche Sicherheit auszugehen,
womit ein entsprechend hohes öffentliches Interesse an der Landes-
verweisung gegeben ist.
4.4.2.
Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass der Lebensmittelpunkt
des in der Schweiz aufgewachsenen Beschuldigten zweifellos in der
Schweiz liegt. Er hat sich hier – mit Ausnahme der vorliegend zu
beurteilenden Straftat und der Vorstrafe auf dem Jahre 2017 –
grundsätzlich erfolgreich integriert. Mithin ist bei einer Gesamtbetrachtung
von einem gewichtigen Interesse des Beschuldigten an einem Verbleib in
der Schweiz auszugehen, womit ein persönlicher Härtefall zu bejahen ist.
Auch wenn sich der Beschuldigte seit der Schändung wohl verhalten hat,
überwiegt jedoch das sehr hohe öffentliche Interesse an einer Wegweisung
das persönliche Interesse des Beschuldigten an einem Verbleib in der
Schweiz, zumal seine Resozialisierungschancen im Kosovo, wo er
regelmässig zu Besuch ist und seine Ehefrau lebt, durchaus intakt
erscheinen. Den Kontakt zu seinen Eltern und zu seinen Geschwistern
kann er ohne Weiteres mit den modernen Kommunikationsmitteln oder
Besuchen im Heimatland aufrechterhalten. Die Landesverweisung ist nach
Art. 8 Ziff. 2 EMRK gerechtfertigt und deshalb anzuordnen.
4.5.
Die Landesverweisung dauert zwischen 5 und 15 Jahren. Die Vorinstanz
hat diese auf 7 Jahre festgesetzt.
Der Beschuldigte wird vorliegend wegen Schändung und somit einer
schweren Straftat zu einer bedingten Freiheitsstrafe von 24 Monaten
verurteilt. Auch an dieser Stelle ist erneut darauf hinzuweisen, dass das
Obergericht eine höhere und unbedingte Freiheitsstrafe ausgefällt hätte.
Der uneinsichtige und nicht reuige Beschuldigte hat ein hohes Mass an
krimineller Energie gezeigt und es bestehen erhebliche Bedenken an
seiner Legalbewährung. Mithin besteht ein sehr hohes öffentliches
Interesse an seiner Wegweisung, welches es auch unter Beachtung des
gewichtigen persönlichen Interesses des Beschuldigten an einem Verbleib
rechtfertigt, die Dauer der Landesverweisung über dem Minimum von
5 Jahren anzusetzen. Die von der Vorinstanz für die Dauer von 7 Jahren
angeordnete Landesverweisung kann deshalb nicht herabgesetzt werden.
- 17 -
Eine Erhöhung der Dauer ist aufgrund des Verschlechterungsverbots
jedoch ausgeschlossen.
4.6.
Der Beschuldigte wird zu einer Freiheitsstrafe von 24 Monaten verurteilt
und es wird eine obligatorische Landesverweisung angeordnet.
Entsprechend ist davon auszugehen, dass er eine Gefahr für die öffentliche
Sicherheit und Ordnung im Sinne von Art. 24 Ziff. 2 SIS-II-Verordnung
darstellt. Gründe, welche eine Ausschreibung im SIS als unverhältnis-
mässig erscheinen lassen würden, sind keine ersichtlich (vgl. BGE 147 IV
340; BGE 146 IV 172 E. 3.2). Somit ist die Ausschreibung der Landes-
verweisung im Schengener Informationssystem (SIS) anzuordnen.
4.7.
Zusammenfassend ist somit eine obligatorische Landesverweisung für die
Dauer von 7 Jahren anzuordnen und diese ist im SIS auszuschreiben. Die
Berufung des Beschuldigten erweist sich in diesem Punkt als unbegründet.
5.
Die Vorinstanz hat der Privatklägerin C. Schadenersatz in Höhe von
Fr. 1'050.00 und eine Genugtuung von Fr. 5'000.00, unter solidarischer
Haftbarkeit mit B., zugesprochen (vorinstanzliches Urteil, E. 7).
In der Berufung des Beschuldigten finden sich für den Fall der ganz oder
teilweisen Abweisung der Berufung im Strafpunkt keine Ausführungen zum
von der Vorinstanz zugesprochenen Schadenersatz und der Genugtuung.
Darauf ist somit nicht weiter einzugehen bzw. es kann auf die unbestritten
gebliebenen Erwägungen der Vorinstanz verwiesen werden (Art. 82 Abs. 4
StPO), zumal hinsichtlich der adhäsionsweise geltend gemachten
Zivilforderungen die Dispositionsmaxime gilt und vom Beschuldigten ein
substanziertes Bestreiten verlangt würde.
6.
6.1.
Die Parteien tragen die Kosten des Berufungsverfahrens nach Massgabe
ihres Obsiegens und Unterliegens (Art. 428 Abs. 1 StPO). Der Beschuldigte
erwirkt mit seiner Berufung insofern einen für ihn günstigeren Entscheid,
als dass er aufgrund der Annahme einer Handlungseinheit nicht der
mehrfachen Schändung schuldig gesprochen wird und zudem kein
Widerruf des mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft des Kantons Basel-
Stadt vom 17. Januar 2017 gewährten bedingten Strafvollzugs erfolgt.
Damit wird der angefochtene Entscheid jedoch nur unwesentlich
abgeändert (vgl. Art. 428 Abs. 2 lit. b StPO), zumal es bei der vorinstanzlich
ausgesprochenen Strafe bleibt. Im Übrigen ist die Berufung des
Beschuldigten denn auch abzuweisen. Unter diesen Umständen
rechtfertigt es sich, dem Beschuldigten die auf ihn im Verhältnis zum
- 18 -
ebenfalls Beschuldigten B. anteilsmässig entfallenden (vgl. Art. 418 Abs. 1
StPO) obergerichtlichen Verfahrenskosten im Umfang von Fr. 4'000.00 –
von insgesamt Fr. 8'000.00 (§ 18 VKD) – vollumfänglich aufzuerlegen.
6.2.
Der amtliche Verteidiger des Beschuldigten ist für das obergerichtliche
Verfahren gestützt auf seine Kostennote, angepasst an die die effektive
Dauer der Berufungsverhandlung von 4 Stunden mit insgesamt gerundet
Fr. 7'070.00 aus der Staatskasse zu entschädigen (Art. 135 StPO i.V.m.
§ 9 Abs. 1 und Abs. 3bis AnwT).
Ausgangsgemäss ist diese Entschädigung vom Beschuldigten, der über
massgebliche Vermögenswerte verfügt, sofort zurückzufordern (Art. 135
Abs. 4 lit. a StPO).
7.
7.1.
Fällt die Rechtsmittelinstanz selbst einen neuen Entscheid, so befindet sie
darin auch über die von der Vorinstanz getroffene Kostenregelung (Art. 428
Abs. 3 StPO). Gemäss Art. 426 Abs. 1 StPO trägt die beschuldigte Person
die Verfahrenskosten, wenn sie verurteilt wird.
Die vorinstanzliche Kostenverlegung erweist sich als zutreffend und bedarf
keiner Korrektur. Der Beschuldigte wird verurteilt und hat deshalb die
Verfahrenskosten zu tragen (Art. 428 Abs. 3 i.V.m. Art. 426 Abs. 1 StPO).
7.2.
Die dem amtlichen Verteidiger für das erstinstanzliche Verfahren
zugesprochene Entschädigung von Fr. 12'921.90 ist mit Berufung nicht
angefochten worden, weshalb darauf im Berufungsverfahren nicht mehr
zurückgekommen werden kann (Urteil des Bundesgerichts 6B_1299/2018
vom 28. Januar 2019).
Diese Entschädigung ist vom Beschuldigten sofort zurückzufordern
(Art. 135 Abs. 4 lit. a StPO).
7.3.
Die Privatklägerin C., die sich im erstinstanzlichen Verfahren anwaltlich hat
vertreten lassen, hat gegenüber dem Beschuldigten Anspruch auf
angemessene Entschädigung für notwendige Aufwendungen im Verfahren,
wenn sie obsiegt (Art. 433 Abs. 1 lit. a StPO). Die ihr für das
erstinstanzliche Verfahren zugesprochene Entschädigung ist im
Berufungsverfahren unbestritten geblieben, weshalb darauf nicht
zurückzukommen ist.
- 19 -
8.
Tritt das Berufungsgericht, wie vorliegend, auf die Berufung ein, so fällt es
ein neues Urteil, welches das erstinstanzliche Urteil ersetzt (Art. 408 StPO,
Art. 81 StPO).