Decision ID: f02c1688-e75a-5fe2-94f9-af8ce699a826
Year: 2013
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
Erben des A._, sel.,
1. B._,
2. C._,
3. D._,
4. E._,
Beschwerdeführer,
Beschwerdeführer 2,3 und 4 vertreten durch Beschwerdeführerin 1 und diese
wiederum vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Massimo Aliotta, Obergasse 20,
Postfach 1508, 8401 Winterthur,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
gegen
Schweizerische Unfallversicherungsanstalt (Suva), Fluhmattstrasse 1, Postfach
4358, 6002 Luzern,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
Versicherungsleistungen (Bruno Alder, sel.)
Sachverhalt:
A.
A.a A._ war von 1963 bis zu seiner Pensionierung im Jahre 2000 bei der F._,
Effretikon (heute: W._ AG), angestellt und dadurch bei der Schweizerischen
Unfallversicherungsanstalt (nachfolgend: Suva) obligatorisch gegen die Folgen von
Berufsunfällen, Nichtberufsunfällen und Berufskrankheiten versichert (vgl. Suva-act.
24). Ab dem 10. Februar 2012 war der Versicherte aufgrund eines fortgeschrittenen
Bronchuskarzinoms im Kantonsspital St. Gallen hospitalisiert, wo er am 21. Februar
2012 verstarb. Im Bericht vom 23. Februar 2012 diagnostizierten die behandelnden
Ärzte im Wesentlichen einen Exitus letalis bei komplexer palliativer Situation bei
nichtkleinzelligem Bronchuskarzinom (Adenokarzinom), eine reaktive Depression sowie
eine valvuläre Herzkrankheit (Suva-act. 9).
A.b Im Autopsie-Bericht vom 16. März 2012 wurde als Grundleiden ein metastasiertes
Adenokarzinom der rechten Lunge, ein Lungenemphysem beidseits und gering- bis
mässiggradige allgemeine Arteriosklerose angegeben sowie als Todesursache eine
respiratorische Insuffizienz bei metastasiertem Adenokarzinom der rechten Lunge
genannt (Suva-act. 5).
A.c Im Bericht vom 13. April 2012 führte Suva-Arzt Dr. med. G._, Facharzt FMH für
Arbeitsmedizin sowie Allgemeine Innere Medizin, aus, aus dem Autopsie-Bericht, in
welchem die histologische Beurteilung der Lunge beschrieben sei, gehe keine Fibrose
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
hervor. Auch habe der Hausarzt des Versicherten, Dr. med. H._, Facharzt FMH für
Allgemeine Innere Medizin, in einem Telefongespräch radiologische Hinweise auf eine
Silikose verneint (Suva-act. 17; vgl. auch Suva-act. 11).
A.d Im persönlichen Gespräch vom 9. Mai 2012 gaben die Witwe, B._, sowie die
Tochter des Versicherten, E._, gegenüber dem zuständigen Aussendienstmitarbeiter
der Suva an, der Versicherte habe eine vierjährige Lehre als Dreher bei der I._,
absolviert. Danach sei er noch ca. ein Jahr in gleicher Funktion tätig gewesen und habe
dann drei Jahre als Werkzeugmacher und später als Mechaniker gearbeitet. Bis zu
seiner Pensionierung im Jahr 2000 habe er bei der F._ in der Werkstatt und im
Gleisbau als Maschinenführer gearbeitet. Die Witwe gab an, nicht sagen zu können, mit
welchen Stoffen der Ehemann in Berührung gekommen sei, jedoch habe er eine
Vorsorgeuntersuchung im Zusammenhang mit quarzhaltigem Staub machen müssen
(vgl. Suva-act. 26). Der Versicherte sei immer topfit gewesen und habe keine
Krankheiten gehabt. Ca. Mitte Dezember 2011 seien plötzlich ein sehr starker Husten
und Schulterschmerzen aufgetreten. Danach sei der Versicherte innert kürzester Zeit
verstorben (Suva-act. 24).
A.e In einer ärztlichen Beurteilung vom 16. Mai 2012 hielt Dr. G._ fest, auch wenn
man annehme, dass der Versicherte bei seiner Tätigkeit in der I._ asbestexponiert
gewesen sei, liege die kumulative Exposition im ganzen Arbeitsleben sicher unter 25
Faserjahren (Suva-act. 33). Eine am 24. Mai 2012 im Institut für Klinische Pathologie
des Universitätsspitals Zürich durchgeführte Lungenstaubanalyse ergab minime
Mengen von Amphibolasbest. Es wurde festgehalten, dass diese Menge nicht
ausreiche, um eine leichte bzw. eine Minimal-Asbestose hervorzurufen. Eine solche
lasse sich auch nicht in den histologischen Schnittpräparaten diagnostizieren (Suva-
act. 40-3). Dr. G._ führte in einem internen Bericht vom 31. Mai 2012 aus, die
angeforderten Röntgenbilder von 1997 hätten keine Pleuralplaques gezeigt (Suva-act.
38).
A.f Dr. G._ hielt in der ärztlichen Beurteilung vom 28. Juni 2012 fest, nach den zu
beachtenden Helsinki-Kriterien sei nicht wahrscheinlich, dass das Adenokarzinom eine
Berufskrankheit im Sinne einer Folge der beruflichen Asbestexposition darstelle, und
auch die Kriterien für die Anerkennung der Krankheit als Folge einer beruflichen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Quarzstaubexposition seien nicht erfüllt (Suva-act. 45). Mit Verfügung vom 4. Juli 2012
lehnte die Suva ihre Leistungspflicht ab (Suva-act. 49).
B.
B.a Gegen diese Verfügung erhoben die Witwe und die Tochter des Versicherten am 9.
Juli 2012 Einsprache und machten im Wesentlichen geltend, das Beschwerdebild
sowie der Krankheitsverlauf entsprächen einem ausschliesslich bzw. überwiegend
durch die berufliche Tätigkeit verursachten Brustfell-/Lungenkrebs. Es sei sehr
wahrscheinlich, dass es sich um eine Berufskrankheit handle (Suva-act. 51).
B.b Der Krankenversicherer des Versicherten, die avanex Versicherungen AG, zog
seine am 12. Juli 2012 erhobene vorsorgliche Einsprache (Suva-act. 62) am 16. Juli
2012 wieder zurück (Suva-act. 53).
B.c Im Schreiben vom 30. Juli 2012 führte Hausarzt Dr. H._ aus, die Erstbehandlung
habe am 5. Dezember 2011 wegen einer Pleuritis rechts stattgefunden. Die am
14. Dezember 2011 durchgeführte radiologische Nachkontrolle habe den radiologisch
dringenden Verdacht auf ein Pleuramesotheliom rechts ergeben. In der Folge seien
Abklärungen und Behandlungen unter der Diagnose eines nichtkleinzelligen
Bronchuskarzinoms erfolgt (Suva-act. 55).
B.d Mit Einspracheentscheid vom 28. August 2012 wies die Suva die Einsprache vom
9. Juli 2012 ab. Zur Begründung führte sie im Wesentlichen an, Dr. G._ lege in seinen
Beurteilungen überzeugend dar, dass keine Fibrose, keine Pleuraplaques und kein
Pleuramesotheliom festgestellt worden seien. Auch habe er nachvollziehbar dargelegt,
dass die kumulative Asbestexposition von 25 Faserjahren im ganzen Arbeitsleben nicht
erreicht worden sei und dass das Adenokarzinom aufgrund der Helsinki-Kriterien nicht
wahrscheinlich eine Folge der Asbestexposition sei. Der Bericht von Dr. H._ könne an
der nachvollziehbaren Beurteilung von Dr. G._ nichts ändern, da lediglich dargelegt
werde, dass die Erstbehandlung aufgrund einer Pleuritis erfolgt sei und danach der
Verdacht auf ein Pleuramesotheliom bestanden habe, welcher sich in der Folge jedoch
nicht bekräftigt habe. Schliesslich lägen keine den Einschätzungen von Dr. G._
widersprechende Arztberichte vor (Suva-act. 56).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
C.
C.a Dagegen erhob B._ am 21. September 2012 Beschwerde mit den Anträgen, der
Einspracheentscheid vom 28. August 2012 sei aufzuheben und es seien ihr die
gesetzlichen Versicherungsleistungen zuzusprechen. Eventualiter sei die Angelegenheit
zwecks Vornahme ergänzender medizinischer Abklärungen an die
Beschwerdegegnerin zurückzuweisen, alles unter Kosten- und Entschädigungsfolgen
zulasten der Beschwerdegegnerin. Zur Begründung brachte sie im Wesentlichen vor,
es sei ohne entsprechende Belege und Auswertungsergebnisse hauptsächlich auf die
Berichte von Dr. G._ abgestellt worden. Zudem sei festzuhalten, dass der Versicherte
bereits bei der I._ und danach bei der F._ bei der Schotterreinigung erheblicher
Asbestbelastung ausgesetzt gewesen sei, da sowohl der Gleisschotter selbst als auch
die Bremsbeläge der Züge Asbest enthalten hätten. Letzterer hätte sich auf dem
Gleisschotter abgelagert. Damit seien die erforderlichen 25 Faserjahre klar gegeben
(act. G 1).
C.b Nach Einholung einer Stellungnahme von Dr. J._, Suva-Fachbereich Chemie,
vom 6. November 2012 sowie von Dr. G._ vom 20. November 2012 (Suva-act. 65,
70) beantragte die Beschwerdegegnerin mit Beschwerdeantwort vom 3. Dezember
2012 die Abweisung der Beschwerde. Sie führte an, aus der Arbeitsanamnese des
Versicherten lasse sich keine kumulative Asbestexposition von mindestens 25
Faserjahren herleiten. Der gemäss den Helsinki-Kriterien erforderliche Wert an
Asbestkörperchen bzw. Asbestfasern pro Gramm Lungentrockengewicht werde sowohl
bei einem Umrechnungsfaktor von 10 als auch von 20 bezüglich der in
Feuchtpräparaten der Lunge erhobenen Konzentrationen nicht erreicht. Auch eine
Asbestose oder Pleuraverdickung habe nicht objektiviert werden können. Das
Adenokarzinom sei schliesslich auch nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit auf
eine berufliche Quarzstaubexposition zurückzuführen, da keine Silikose objektivierbar
sei (act. G 5).
C.c Mit Replik vom 14. Februar 2013 hielt die neu durch Rechtsanwalt lic. iur.
Massimo Aliotta, Winterthur, vertretene Beschwerdeführerin an ihren Anträgen fest und
beantragte ergänzend im Wesentlichen ein verwaltungsexternes medizinisches
Gutachten zur Frage des Vorliegens eines asbestbedingten Pleuramesothelioms, die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Vornahme weiterer Abklärungen zur beruflichen Anamnese des Versicherten, die
Einholung von Akten über die vom Versicherten bis im Jahr 2000 durchgeführten
Arbeiten sowie die Einvernahme von ehemaligen Arbeitskollegen des Versicherten als
Zeugen. Die Beschwerdegegnerin habe den medizinischen Sachverhalt nicht genügend
abgeklärt und die Arbeitsanamnese unzureichend erhoben. Insbesondere seien keine
Personal- und Betriebsdossiers eingeholt worden (act. G 9). Der Rechtsvertreter reichte
zudem ein Schreiben der Beschwerdeführerin vom 12. Februar 2013 über die Tätigkeit
des Versicherten in den Jahren 1963 bis 2000 (act. G 9.2), Einsatzpläne der
Schotterreinigungsmaschine (act. G 9.4) sowie Fotografien der Schotterreinigung (act.
G 9.5) ein.
C.d Mit Duplik vom 24. April 2013 hielt die Beschwerdegegnerin an ihren Anträgen fest
und reichte zudem eine weitere ärztliche Beurteilung von Dr. G._ vom 10. April 2013
(act. G 14.1) ein. Bezüglich der vom Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin mit der
Replik eingereichten Unterlagen führte sie aus, diese seien nicht beweisbildend (act. G
14).
C.e Mit Stellungnahme vom 2. Mai 2013 beantragte der Rechtsvertreter der
Beschwerdeführerin die Einvernahme von zwei weiteren Zeugen und reichte zudem
weitere Fotografien im Zusammenhang mit den vom Versicherten durchgeführten
Arbeiten ein (act. G 16). Mit Schreiben vom 3. Juni 2013 nahm die
Beschwerdegegnerin zu den Eingaben dahingehend Stellung, dass nicht
nachvollziehbar sei, inwiefern die Zeugen relevante Aussagen zur Beurteilung der
massgebenden Helsinki-Kriterien zu machen vermöchten. Auch hätten die neu
aufgelegten Fotografien keinerlei Bezug zum vorliegenden Fall (act. G 19).
C.f Mit Stellungnahme vom 25. Juni 2013 machte der Rechtsvertreter der
Beschwerdeführerin geltend, der Versicherte habe nicht nur in der Führerkabine
gesessen, sondern auch auf der Gleistrasse gearbeitet. Ausserdem habe der Anteil der
eingesetzten Asbestbremsbeläge bis zum Jahr 1990 bei 42% gelegen. Es könne somit
davon ausgegangen werden, dass der Versicherte die Voraussetzung der 25 Faserjahre
erfüllt habe (act. G 21).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
C.g Auf Aufforderung des Gerichtes (act. G 23) reichte der Rechtsvertreter der
Beschwerdeführerin eine Erbenbescheinigung sowie Prozessvollmachten der drei
Nachkommen des Versicherten ein (act. G 24).
C.h Auf die Begründungen in den einzelnen Rechtsschriften sowie den Inhalt der
übrigen Akten wird, soweit erforderlich, in den nachfolgenden Erwägungen näher
eingegangen.

Erwägungen:
1.
Zwischen den Parteien ist das Vorliegen einer Berufskrankheit streitig.
2.
2.1 Vorab ist zu prüfen, ob die Beschwerdegegnerin den Grundsatz des Devolutiv
effekts missachtet hat, als sie am 6. November 2012 bei Dr. J._ (Suva-act. 65) eine
interne Stellungnahme des Fachbereichs Chemie und am 20. November 2012 bei Dr.
G._ eine Suva-ärztliche Beurteilung (Suva-act. 70) einholte.
2.2 Gemäss Art. 43 Abs. 1 Satz 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) prüft der Versicherungsträger die
Begehren, nimmt die notwendigen Abklärungen von Amtes wegen vor und holt die
erforderlichen Auskünfte ein. Das sozialversicherungsrechtliche Verwaltungsverfahren –
wie im Übrigen auch das kantonale Beschwerdeverfahren vor Versicherungsgericht
(BGE 122 V 158 E. 1a, mit Hinweisen) – ist mithin vom Untersuchungsgrundsatz
beherrscht, d.h. Verwaltung und Versicherungsgericht haben von sich aus für die
richtige und vollständige Abklärung des Sachverhalts zu sorgen, ohne an die
Parteibegehren gebunden zu sein. Wurde der entscheidrelevante Sachverhalt
ungenügend abgeklärt, kann das Gericht die Angelegenheit zu neuer Entscheidung an
die Vorinstanz zurückweisen (vgl. Ueli Kieser, ATSG-Kommentar, 2. Aufl. Zürich 2009,
N 62 zu Art. 61).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.3 Als ordentlichem Rechtsmittel kommt der Beschwerde nach Art. 56 ATSG
Devolutiveffekt zu. Die Behandlung der Angelegenheit geht mit Einreichung der
Beschwerde auf die Beschwerdeinstanz über. Insoweit ist es dem Versicherungsträger
grundsätzlich verwehrt, nach Einreichung der Beschwerde weitere oder zusätzliche
Abklärungen vorzunehmen, soweit sie den Streitgegenstand betreffen und auf eine
allfällige Änderung der angefochtenen Verfügung durch Erlass einer neuen abzielen.
Nach der Rechtsprechung sind punktuelle Abklärungen (wie z.B. Einholen von
Bestätigungen, Bescheinigungen usw. oder auch Rückfragen beim Arzt oder andern
Auskunftspersonen) in der Regel zulässig, nicht aber eine medizinische Begutachtung
oder vergleichbare Beweismassnahmen. Eine Ausnahme vom Prinzip des
Devolutiveffekts gilt im Beschwerdeverfahren insofern, als der Versicherungsträger den
angefochtenen Einspracheentscheid bis zu seiner Vernehmlassung in Wiedererwägung
ziehen kann (Art. 53 Abs. 3 ATSG; Kieser, a.a.O., N 73 f. zu Art. 61 und N 46 ff. zu Art.
53). Wegleitende Gesichtspunkte für die Beantwortung der Frage, was im kantonalen
Verfahren noch zulässiges Verwaltungshandeln darstellt, bilden die inhaltliche
Bedeutung der Sachverhaltsvervollständigung für die (Streit-)Sache und die zeitliche
Intensität allfälliger weiterer Abklärungsmassnahmen (BGE 127 V 228 E. 2b/bb).
2.4 Im vorliegenden Fall holte die Beschwerdegegnerin die Stellungnahme des internen
Fachbereichs Chemie vom 6. November 2012 im Anschluss an die in der Beschwerde
geltend gemachte Faserjahrbelastung (vgl. act. G 1) ein. Auch Dr. G._ äussert sich in
der Stellungnahme vom 20. November 2012 zu den in der Beschwerde vorgebrachten
Rügen, so insbesondere zur Relation von Proben in Lungenfeucht- und -
trockenpräparaten, und nahm dabei auf die vorliegenden medizinischen Akten Bezug.
Sowohl in der Einholung der internen Stellungnahme des Fachbereichs Chemie zur
Faserjahrbelastung als auch in der ärztlichen Beurteilung ist keine Verletzung des
Devolutiveffekts bzw. keine über eine Bestätigung des bisherigen Standpunkts hinaus
gehende Stellungnahme zu erblicken. Die lite pendente vorgenommene Abklärung führt
schliesslich auch zu keiner Beeinträchtigung der verfahrensrechtlichen Stellung der
Beschwerdeführerin, da sie auf Beschwerdestufe (im Rahmen der Replik) von den
Beurteilungen Kenntnis sowie dazu Stellung nehmen konnte.
3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.1 Nach Art. 6 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Unfallversicherung (UVG; SR
832.20) werden bei Berufsunfällen, Nichtberufsunfällen und Berufskrankheiten
Versicherungsleistungen gewährt.
3.2 Als Berufskrankheiten gelten Krankheiten (Art. 3 ATSG), die bei der beruflichen
Tätigkeit ausschliesslich oder vorwiegend durch schädigende Stoffe oder bestimmte
Arbeiten verursacht worden sind. Der Bundesrat erstellt die Liste dieser Stoffe und
Arbeiten sowie der arbeitsbedingten Erkrankungen (Art. 9 Abs. 1 UVG). Die
schädigenden Stoffe und arbeitsbedingten Erkrankungen sind im Anhang 1 der
Verordnung über die Unfallversicherung (UVV; SR 832.202) aufgeführt. Im vorliegenden
Fall stehen Asbeststaub als schädigender Stoff nach Ziffer 1 Anhang 1 UVV sowie die
Staublunge als arbeitsbedingte Erkrankung im Vordergrund. Staublungen gelten
gemäss Ziffer 2 lit. b von Anhang 1 UVV nur dann als Berufskrankheit, wenn sie auf
Arbeiten in Stäuben von Aluminium, Silikaten, Graphit, Kieselsäure oder (Quarz-)
Hartmetallen zurückzuführen sind (vgl. auch Alfred Maurer, Schweizerisches
Unfallversicherungsrecht, 2. Aufl. Bern 1989, S. 210 ff.).
3.3 Zwischen den aufgelisteten Stoffen und Arbeiten und der Erkrankung muss ein
qualifizierter adäquater Kausalzusammenhang vorliegen (Maurer, a.a.O., S. 215; BGE
108 V 160); ein solcher ist zu bejahen, wenn die schädigenden Stoffe oder Arbeiten
mehr wiegen als alle anderen beteiligten Ursachen, mithin im gesamten
Ursachenspektrum mehr als 50% ausmachen (BGE 119 V 200 E. 2a).
4.
4.1 Gemäss der vorliegenden Aktenlage verstarb der Versicherte an respiratorischer
Insuffizienz bei metastasierendem Adenokarzinom der rechten Lunge (Suva-act. 5). Ein
solches Karzinom kann asbestbedingt auftreten, jedoch sind auch zahlreiche andere
Ursachen möglich. Aufgrund der Diagnose allein lässt sich daher nicht zuverlässig
beantworten, ob das Adenokarzinom vorwiegend durch den schädigenden Stoff
verursacht wurde und damit als Berufskrankheit im Sinne von Art. 9 UVG zu gelten hat.
Stattdessen sind zusätzliche Elemente zu berücksichtigen (Urteil des Bundesgerichtes
vom 7. Mai 2009, 8C_762/2008, E. 5.2). Vorliegend hat sich die Beschwerdegegnerin
rechtsprechungsgemäss an den bei einer beruflichen Asbestexposition anwendbaren
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
"Helsinki-Kriterien" orientiert und diese zutreffend dargelegt (vgl. act. G 5, E. 5.1). Eine
Berufskrankheit i.S.v. Art. 9 UVG ist zu bejahen, wenn eines der folgenden Kriterien
gegeben ist: Kumulative Asbestdosis von mindestens 25 Faserjahren gemäss
Arbeitsanamnese, bestimmte Befunde der Lungenstaubanalyse (zwei bzw. fünf
Millionen Asbestfasern pro Gramm Lungentrockengewicht, 5'000 Asbestkörperchen
pro Gramm Lungentrockengewicht oder fünf Asbestkörperchen pro Milliliter BAL),
Vorliegen einer Asbestose oder von bilateralen, diffusen, mit Wahrscheinlichkeit
asbestinduzierten Pleuraverdickungen (Urteil des Bundesgerichtes vom 8. Juni 2010,
8C_67/2010, E. 4, mit Hinweisen).
4.2 Das Vorliegen einer Asbestose sowie von bilateralen, mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit asbestinduzierten Pleuraverdickungen ist aufgrund der vorliegenden
Aktenlage zu verneinen. Sowohl aus dem Bericht des Kantonsspitals St. Gallen vom
23. Februar 2012 (Suva-act. 9) als auch aus dem Autopsiebericht vom 16. März 2012
(Suva-act. 5) geht hervor, dass sich die festgestellte Pleuraverdickung auf die rechte
Lunge beschränkt. Eine Minimal-Asbestose wurde in der Lungenstaubanalyse vom 24.
Mai 2012 (Suva-act. 40-3) verneint. Anhaltspunkte, welche gegen die Beweiskraft der
medizinischen Berichte sprechen würden, gehen aus den vorliegenden Akten nicht
hervor. Schliesslich erreichen die bei der Lungenstaubanalyse ermittelten Werte von
10'000 Asbestfasern bzw. 97 Asbestkörperchen auch unter Beachtung, dass das
Verhältnis von Trocken- zu Feuchtgewicht je nach Probe von 5 bis 20% variiert (vgl.
hierzu die E-Mail-Auskunft der X._ vom 13. November 2012, Suva-act. 68), und
entsprechender Anwendung des Umrechnungsfaktors 20 nicht die vorausgesetzten
Werte.
4.3 Entsprechend ist zu prüfen, ob die Voraussetzung der Asbestexposition von
mindestens 25 Faserjahren gegeben ist. Die Beschwerdeführerin macht geltend, die
Arbeitsanamnese des Versicherten sei unzureichend erhoben worden, da weder
Betriebs- bzw. Personaldossiers eingeholt noch konkrete Erhebungen durchgeführt
oder Zeugen befragt worden seien (act. G 9, 16). Die Beschwerdegegnerin bringt
ihrerseits vor, aus der Arbeitsanamnese lasse sich keine kumulative Asbestdosis von
25 Faserjahren ableiten.
4.4 In erster Linie ist zu klären, ob der Sachverhalt rechtsgenüglich abgeklärt worden
ist.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.4.1 In der Stellungnahme vom 6. November 2012 (Suva-act. 65) führte Dr. J._ aus,
der Versicherte habe als Dreher und Mechaniker weder mit Quarz noch mit Asbest zu
tun gehabt. Im Gleisbau sitze der Maschinenführer oben oder in der Maschine und
überwache die Anlage. Der Helfer müsse allenfalls Schotter entfernen und könne hinten
beim Besen von einigen Maschinen kurzzeitig dem Staub ausgesetzt sein. Dr. J._
hielt fest, er habe das geotechnische Labor der Y._ besucht und festgestellt, dass
eine Grube mit asbesthaltigen Steinen für die Schotterproduktion gesperrt werde, da
ein Stein mit Asbestadern nicht mehr von allen Seiten druckbeständig wäre. Es könne
demnach ausgeschlossen werden, dass Schotter asbesthaltig sei. Schliesslich seien
die Zugbremsen aus gegossenem phosphorlegiertem Gusseisen. Somit ergäben sich
eine geringe Exposition des Versicherten bei Quarz und keine Exposition bei Asbest.
4.4.2 Dr. G._ führte zur kumulativen Asbestexposition in seiner Beurteilung vom 20.
November 2012 (Suva-act. 70) aus, die relevante Exposition von 25 Faserjahren werde
durch die Tätigkeiten als Dreher und danach im Gleisbau sicher nicht erreicht. Gemäss
Auskunft des Medical Service der Y._ seien in früheren Jahren Bremsen aus
Gusseisen im Einsatz gewesen und Asbest sei bei Bremsen eher als Ausnahme
eingesetzt worden. Gleisschotter, welcher asbesthaltig sei, werde nicht eingesetzt.
4.4.3 Der vorliegenden Aktenlage sind keine Hinweise darauf zu entnehmen, dass die
Beschwerdegegnerin nebst dem Gespräch mit der Beschwerdeführerin und der
Tochter des Versicherten vom 9. Mai 2012 (Suva-act. 24) weitere Abklärungen zur
Erhebung der Arbeitsanamnese getätigt hätte. So hat sie bei der ehemaligen
Arbeitgeberin des Versicherten keinerlei Auskünfte bezüglich der Ausgestaltung der
Tätigkeiten des Versicherten, wie zum Beispiel Einsatz- bzw. Arbeitspläne, aufgrund
welcher das Ausmass der Tätigkeiten des Versicherten als Werkzeugmacher und als
Maschinenführer ersichtlich wird, eingeholt. Auch hat sie keine Abklärungen hinsichtlich
der von der Unternehmung im fraglichen Zeitraum (bis 2000) verwendeten Materialien
und Stoffe bzw. der Exposition zu solchen vorgenommen. Die Beschwerdegegnerin
stützt sich bei der Verneinung einer Asbest- und Relativierung einer
Quarzstaubexposition auch nicht auf konkrete Erhebungen, wie beispielsweise
eingeholte Messdaten, sondern einzig auf den Bericht des Suva-Fachbereichs Chemie,
wobei nicht nachvollziehbar ist, inwiefern die von Dr. J._ erwähnten Messergebnisse
der letzten sechs Jahre Rückschlüsse auf den vorliegend wesentlichen Zeitraum
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
zulassen. Insgesamt erscheint der Bericht hinsichtlich der Grundlagen, auf welchen er
erstellt wurde, wenig transparent, zumal Dr. J._ lediglich auf einen Besuch des
geotechnischen Labors der Y._ verweist und seine Aussagen nicht näher belegt.
Gleiches gilt für Ausführungen Dr. G._s; die vorliegende Aktenlage enthält keine
Unterlagen, welche die von ihm geltend gemachte Auskunft des Medical Service der
Y._ belegen würde.
4.4.4 Indem keine von externen Fachleuten abgegebenen Einschätzungen oder
Messergebnisse belegt sind und die Beschwerdegegnerin weder bei der ehemaligen
Arbeitgeberin des Versicherten genaue Informationen über Art und Umfang der
Tätigkeiten des Versicherten eingeholt, noch abgeklärt hat, welche Materialien und
Stoffe im fraglichen Zeitraum verwendet wurden, sondern lediglich auf die nicht näher
begründeten Ausführungen der Dres. J._ und G._ abgestellt hat, hat sie den
Untersuchungsgrundsatz (vgl. E. 2.2) verletzt. Aufgrund der nicht rechtsgenüglich
vorgenommenen Abklärungen verfängt entsprechend auch der Einwand der
Beschwerdegegnerin, das Schreiben über die Tätigkeiten des Versicherten vom 12.
Februar 2013 (act. G 9.2) enthalte konstruierte Behauptungen, welche in keiner Weise
beweisbildend seien, nicht.
5.
5.1 Nach dem Gesagten ist der angefochtene Einspracheentscheid vom 28. August
2012 in Verletzung des Untersuchungsgrundsatzes erlassen worden. Die Angelegenheit
ist entsprechend den vorstehenden Erwägungen an die Beschwerdegegnerin
zurückzuweisen, damit sie die versäumten Abklärungen nachhole. Dabei wird sie
insbesondere die kumulierte Asbestexposition des Versicherten zu klären haben. In
diesem Zusammenhang wird sie bei der ehemaligen Arbeitgeberin des Versicherten
und den zuständigen Stellen die erforderlichen Unterlagen, wie Arbeits-/Einsatzpläne
des Versicherten, Belege, welche die Verwendung von oder Exposition zu
gefährdenden Stoffen dokumentieren, sowie allfällige Messergebnisse der
Asbestkonzentration im Tätigkeitsgebiet des Versicherten (insbesondere auch zu
asbesthaltigen Bremsabriebablagerungen auf dem maschinell bearbeiteten Schotter
und nicht zu als Krankheitsursache wohl weniger interessierenden Asbestadern im
Stein [vgl. Bericht Dr. J._ vom 6. November 2012; Suva-act. 65, sowie die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Bemerkungen dazu von Dr. G._; Suva-act. 70]), einzuholen sowie gegebenenfalls
ehemalige Arbeitskollegen zu befragen haben. Sofern sich die Faserjahrbelastung
anhand der eingeholten Akten nicht rechtsgenüglich ermitteln liesse, erschiene die
Einholung eines externen Gutachtens angebracht.
5.2 Sollten die weiteren Abklärungen auf das Vorliegen einer Berufskrankheit
schliessen lassen, wird schliesslich die Frage nach der genauen Definition des
Verfügungsgegenstandes zu klären sein. Da die Beschwerdeführerin
Versicherungsleistungen beantragt (vgl. act. G 1, 9), ist entgegen der
Beschwerdegegnerin (vgl. act. G 5) nicht ohne Weiteres davon auszugehen, dass sich
der geltend gemachte Anspruch auf Hinterlassenenleistungen der Beschwerdeführerin
gemäss Art. 28 ff. UVG beschränkt.
6.
6.1 Nach dem Gesagten ist die Beschwerde dahingehend gutzuheissen, dass die
Sache im Sinne der vorstehenden Erwägungen zu weiteren Abklärungen und
anschliessender Neuverfügung an die Beschwerdegegnerin zurückgewiesen wird.
6.2 Gerichtskosten sind keine zu erheben (Art. 61 lit. a ATSG).
6.3 Gemäss Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende beschwerdeführende Partei
hingegen Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Als volles Obsiegen gilt auch die
Rückweisung der Sache an die Verwaltung zwecks ergänzender Abklärungen (BGE 132
V 215 E. 6.2). Das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen spricht in
unfallversicherungsrechtlichen Verfahren gestützt auf Art. 22 Abs. 1 lit. b der
Honorarordnung für Rechtsanwälte und Rechtsagenten [HonO; sGS 963.75])
regelmässig eine pauschale Entschädigung zwischen Fr. 3'500.-- und Fr. 4'500.-- zu.
Unter Berücksichtigung der Bedeutung der Streitsache und der Schwierigkeit des
Prozesses erscheint eine Entschädigung von Fr. 4'000.-- (inkl. Barauslagen und
Mehrwertsteuer) angemessen.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39
VRP entschieden:
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
1. Die Beschwerde wird dahingehend gutgeheissen, dass der Einspracheentscheid
vom 28. August 2012 aufgehoben und die Angelegenheit zur Durchführung weiterer
Abklärungen im Sinne der Erwägungen und anschliessender Neuverfügung an die
Beschwerdegegnerin zurückgewiesen wird.
2. Es werden keine Gerichtskosten erhoben.
3. Die Beschwerdegegnerin hat die Beschwerdeführerin mit Fr. 4’000.--
(einschliesslich Barauslagen und Mehrwertsteuer) zu entschädigen.
Publikationsplattform St.Galler Gerichte Entscheid Versicherungsgericht, 22.10.2013 Art. 9 UVG, Art. 14 UVV, Anhang 1 UVV. Berufskrankheit. Frage nach dem Vorliegen einer Asbestexposition eines im Gleisbau tätig gewesenen Versicherten. Rückweisung zur weiteren Abklärung (Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 22. Oktober 2013, UV 2012/77).
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
2021-09-19T12:07:48+0200 "9001 St.Gallen" Publikationsplattform Kanton St.Gallen