Decision ID: 5770dfe9-b823-4c03-a813-17bd12ad1258
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Die Beschwerdeführenden suchten am (...) (Beschwerdeführerin) und
am (...) (Beschwerdeführer) in der Schweiz um Asyl nach. Am 15. März
2017 fand die Befragung zur Person (BzP) mit der Beschwerdeführerin und
am 23. Juni 2017 mit dem Beschwerdeführer statt. Am 31. Januar 2018
wurde die Beschwerdeführerin vom SEM einlässlich zu ihren Asylgründen
angehört. Die Anhörungen mit dem Beschwerdeführer fanden am 7. März
2018 sowie am 18. April 2018 statt.
A.b Die Beschwerdeführerin brachte zur Begründung ihres Asylgesuchs
vor, sie stamme aus C._ und sei kurdischer Volkszugehörigkeit. Sie
habe seit dem (Nennung Zeitpunkt) bis zur Ausreise im (Nennung Amt) in
C._ gearbeitet. Bereits zuvor habe sie sich in verschiedenen Orga-
nisationen für die Rechte der Frauen eingesetzt. In den Jahren (...) bis (...)
sei sie parallel zu ihrer Arbeit im (Nennung Amt) D._ in E._
tätig gewesen. Nachdem sie zunächst Mitglied der F._ gewesen
sei, sei sie im Jahr (...) zur neu gegründeten G._ übergetreten. Im
Rahmen dieser Mitgliedschaft sei sie aufgrund ihrer Aktivitäten für die
Rechte von Frauen zu (Nennung Tätigkeit) eingeladen worden, in welchen
sie über (Nennung Themen) gesprochen habe. Zudem habe sie in diesem
Zusammenhang ebenfalls an etlichen Workshops teilgenommen. Aufgrund
dieser aktiven Mitarbeit sei sie von G._ im Jahr (...) als Kandidatin
für (Nennung Behörde) aufgestellt worden. Zusammen mit ihren Kindern
habe sie im Rahmen des Wahlkampfs Plakate aufgehängt, die jedoch in
der Folge von Leuten der H._ wieder entfernt worden seien. Sie
habe die Wahl schliesslich nicht geschafft. Im Jahr (...) sei sie für eine kur-
dische (Nennung Organisation) mit Sitz in I._ tätig gewesen. Sie
habe ein Büro in (Nennung Region) eröffnen wollen, was ihr jedoch wegen
ihrer Mitgliedschaft zu G._ verweigert worden sei. Überhaupt hätten
mit dem Übertritt zu G._ im Jahr (...) die Probleme begonnen. Da
sie und ihr Mann Angestellte (...) unter der Führung der H._ gewe-
sen seien, seien sie beide wegen ihrer Mitgliedschaft bei G._ von
der H._ unter Druck gesetzt und – in ihrem Fall – langsam aus ihrer
Tätigkeit entfernt und ihrem Mann sei sogar gekündigt worden. In der Folge
sei sie, ihr Mann und auch ihre Kinder von einem Unbekannten in unregel-
mässigen Abständen sowohl telefonisch als auch per Mail bedroht worden.
Während den Telefonaten habe ihr die Person mit dem Tod oder mit Ver-
gewaltigung gedroht, falls sie ihre Tätigkeit für G._ nicht einstelle
und aus der Partei austrete. Auch seien Steine an ihre Fenster geworfen
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worden. Sie und ihr Mann hätten ein bis zwei Mal auf dem Polizeiposten
Anzeige erstatten wollen. Der Beamte habe sie jedoch lediglich zur Ruhe
ermahnt und geraten, entweder eine Lösung zu finden oder dann in ihrer
Wohnung zu bleiben. Die Drohungen seien auch deshalb geschehen, weil
sie als (Nennung Tätigkeit) auf Fehler der Regierung hingewiesen und kri-
tische (Nennung Tätigkeit) gegeben habe. Insbesondere im Wahljahr (...),
als sie kandidiert habe, seien die Drohungen sehr stark gewesen. Sie habe
die ganzen Jahre immer gehofft, dass die Drohungen aufhören würden,
was aber nicht der Fall gewesen sei, obschon es manchmal monatelang
keine Vorfälle mehr gegeben habe. Es sei auch nicht möglich gewesen, in
eine andere Stadt umzuziehen, um den Drohungen zu entgehen, da die
H._ überall Einfluss habe und ihnen am Telefon gesagt worden sei,
dass sie verfolgt würden, egal in welche Stadt Kurdistans sie umziehen
würden. Es sei schon vorgekommen, dass die H._ unliebsame Per-
sonen habe ermorden lassen. Da sich die Drohungen weiter intensiviert
hätten, sei dies kein Leben mehr gewesen. Sie habe auch Angst um ihre
Kinder gehabt und deswegen zunächst ihren (Nennung Verwandter) im
Jahr (...) ins Ausland geschickt. (Nennung Zeitpunkt) habe sie für (Nennung
Dauer) einen unbezahlten Urlaub genommen, damit sie ihre kranke (Nen-
nung Verwandte) habe betreuen können. Im Anschluss daran habe sie den
unbezahlten Urlaub dann nochmals für (Nennung Dauer) verlängert. In die-
ser Zeit sei ihr mit einem offiziellen Schreiben die Arbeitsstelle gekündigt
worden. Im (Nennung Zeitpunkt) habe sie sich zusammen mit ihrem Mann
zur Flucht aus dem Irak entschlossen. Sie befürchte, bei einer Rückkehr
ermordet zu werden. Am (...) habe sie zusammen mit ihrem Ehemann, ih-
rem Sohn (...) (Geschäfts-Nr. D-914/2020; N [...]) und ihrer Tochter (...) (Ge-
schäfts-Nr. D-908/2020; N [...]) C._ kontrolliert auf dem Luftweg ver-
lassen. In J._ habe ihnen der Schlepper ihre Pässe abgenommen.
Von der K._ aus seien sie (Nennung Dauer) später nach L._
weitergereist. Am (...) sei sie ohne ihren Ehemann in einem Fahrzeug ver-
steckt durch ihr unbekannte Länder in die Schweiz gebracht worden. Seit
ihrer Ankunft in der Schweiz stehe sie in regelmässigem telefonischen Kon-
takt mit ihren Verwandten (Nennung Verwandte).
Die Beschwerdeführerin reichte (Aufzählung Beweismittel) ins Recht.
A.c Der ebenfalls aus C._ stammende Beschwerdeführer kurdi-
scher Volkszugehörigkeit brachte zur Begründung seines Asylgesuchs vor,
er habe (Nennung Ausbildung und Tätigkeiten). Am (...) habe der (Nennung
Person) alle (Nennung Funktionäre) entlassen, wodurch auch er und der
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Rest des Teams ihre Stelle verloren hätten. Er habe jedoch weiterhin sei-
nen Lohn erhalten, weil man ihm nicht offiziell habe kündigen können. Er
habe aber sein Büro nicht mehr aufsuchen dürfen. Er habe in der Folge
einige (Nennung Tätigkeit), jedoch nicht als Vertreter der Behörden, son-
dern als Privatperson. Zudem habe er in den Jahren (...) und (...) bei (...)
Zeitungen als (Nennung Tätigkeit) gearbeitet. Im Jahr (...) sei er der
G._ beigetreten und in den Jahren (Nennung Dauer) für diese als
(Nennung Tätigkeit) tätig gewesen. Von (Nennung Dauer) habe er auch für
das (Nennung Zentrum) der G._ gearbeitet. Danach sei er regel-
mässig vom (Nennung Betrieb) (...) der G._ zu Gesprächen (...) ein-
geladen worden, da er fast der Einzige gewesen sei, der sich so gut mit
der wirtschaftlichen Lage ausgekannt habe. Für diese Tätigkeit sei er nicht
entschädigt worden. Die kurdische Regierung versuche mittels Korruption
und Gewalt an der Macht zu bleiben. Er habe sich der G._ ange-
schlossen, weil er an ihr Programm um eine bessere Nation und eine ge-
rechtere Regierung geglaubt habe. Zusammen mit einer Gruppe von Aka-
demikern hätten sie mit Einverständnis der Bewegung ein Zentrum gegrün-
det, das (Nennung Aufgabe dieses Zentrums und Stellung des Beschwer-
deführers innerhalb desselben). Aufgrund seiner kritischen Ansichten zur
aktuellen Regierungspartei seien er und seine Familienangehörigen von
"Schlägertypen" der H._ seit dem Jahr (...) zunächst per E-Mail und
danach auch in unregelmässigen Abständen respektive seit dem Jahr (...)
telefonisch bedroht worden, damit er seine regierungskritische Tätigkeit für
die G._ beende. Die Aggressoren hätten jeweils (Nennung Drohun-
gen). Auch Sohn (...) sei kontaktiert und bedroht worden. Er sei überzeugt,
dass diese Drohungen auf Anweisung der höchsten Stelle der H._
ausgesprochen worden seien. Er habe Angst bekommen und sich vorsich-
tiger verhalten, jedoch mit seiner Tätigkeit nicht aufhören wollen. Seine Kri-
tik an der Regierung sei auch der Grund gewesen, dass er im (Nennung
Amt) in Ungnade gefallen, nach einer Auseinandersetzung mit dem dorti-
gen Direktor im Jahr (...) zum (Nennung Amt) versetzt und schliesslich sus-
pendiert worden sei. Man habe ihn von seinen beruflichen Tätigkeiten fern-
halten und seinen Ruf schädigen wollen. Sie hätten sich davon aber nicht
einschüchtern lassen und sich weiterhin regierungskritisch geäussert. Im
(...) habe er geahnt, dass die gegen ihn gerichteten Drohungen zur Aus-
führung gelangen könnten und ihre Wohnung unter Beobachtung stehe. Er
habe nämlich eines Abends auf dem Nachhauseweg den Eindruck gehabt,
dass ihm ein Auto zu ihrem Haus gefolgt sei. Dies sei der Zeitpunkt gewe-
sen, als er zusammen mit seiner Ehefrau den Entschluss zur Ausreise ge-
troffen habe.
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Der Beschwerdeführer reichte (Aufzählung Beweismittel) als Beweismittel
ein.
B.
Mit Verfügung vom 13. Januar 2020 stellte das SEM fest, die Beschwerde-
führenden würden die Flüchtlingseigenschaft nicht erfüllen, und lehnte ihre
Asylgesuche ab. Gleichzeitig ordnete es ihre Wegweisung aus der Schweiz
sowie den Wegweisungsvollzug an.
C.
Die Beschwerdeführenden fochten diesen Entscheid mit Beschwerde vom
17. Februar 2020 beim Bundesverwaltungsgericht an. Sie beantragten, es
sei die Verfügung des SEM vom 13. Januar 2020 wegen Verletzung des
Anspruchs auf rechtliches Gehör, eventuell wegen Verletzung der Begrün-
dungspflicht, eventuell zur Feststellung des vollständigen und richtigen
rechtserheblichen Sachverhalts und zur Neubeurteilung an das SEM zu-
rückzuweisen, eventuell sei die Verfügung aufzuheben und ihre Flücht-
lingseigenschaft festzustellen und ihnen Asyl zu gewähren, eventuell sei
die Verfügung betreffend die Dispositivziffern 3 bis 5 aufzuheben und die
Unzulässigkeit oder zumindest die Unzumutbarkeit des Wegweisungsvoll-
zugs festzustellen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht beantragten sie, es sei
ihnen unverzüglich das Spruchgremium mitzuteilen und dessen zufällige
Auswahl zu bestätigen, andernfalls seien die objektiven Kriterien für die
Auswahl des Spruchkörpers bekanntzugeben. Ferner sei das SEM anzu-
weisen, die von ihnen eingereichten elektronischen Beweismittel einzeln
aufzulisten, einheitlich zu erfassen, ein einheitliches Beweismittelverzeich-
nis zu erstellen und diese im Rahmen der Akteneinsicht unter Einräumung
einer angemessenen Frist zur Einreichung einer Beschwerdeergänzung
offenzulegen.
Der Beschwerde lagen mehrere Unterlagen (Nennung Beweismittel) bei.
D.
Mit Zwischenverfügung vom 10. März 2020 teilte die Instruktionsrichterin
den Beschwerdeführenden – unter Vorbehalt allfälliger Wechsel bei Abwe-
senheiten – die Zusammensetzung des Spruchkörpers mit. Ferner wies sie
das SEM an, die auf den beiden elektronischen Datenträgern enthaltenen
Dateien zu erfassen, aufzulisten und anschliessend den Beschwerdefüh-
renden bis am 25. März 2020 Einsicht in dieselben zu gewähren. Das Ge-
such um Einräumung einer Frist zur Einreichung einer Beschwerdeergän-
zung wies sie ab und forderte die Beschwerdeführenden auf, bis zum
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25. März 2020 einen Kostenvorschuss von Fr. 750.– zugunsten der Ge-
richtskasse einzuzahlen.
E.
Mit Eingabe vom 19. März 2020 ersuchten die Beschwerdeführenden um
Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses sowie um Erlass der
Verfahrenskosten. Ihrer Eingabe legten sie eine Fürsorgebestätigung vom
17. März 2020 bei. Ferner beantragten sie bezüglich der Zusammenset-
zung des Spruchkörpers, es sei Richter Lorenz Noli durch eine nicht der
SVP-angehörigen Gerichtsperson zu ersetzen.
F.
In ihrer Vernehmlassung vom 23. März 2020 hielt die Vorinstanz – nebst
ergänzenden Ausführungen – an ihren Erwägungen im Asylentscheid fest.
G.
Mit Zwischenverfügung vom 27. März 2020 hob die Instruktionsrichterin die
Dispositivziffer 5 der Zwischenverfügung vom 10. März 2020 auf, hiess das
Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gut, verzich-
tete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und stellte den Beschwer-
deführenden das Doppel der Vernehmlassung des SEM vom 23. März
2020 mit dem Hinweis zu, dass ihnen das Replikrecht zu einem späteren
Zeitpunkt einzuräumen sein werde.
H.
In ihrer Eingabe vom 30. März 2020 nahmen die Beschwerdeführenden
zur Zwischenverfügung der Instruktionsrichterin vom 10. März 2020 sowie
zum Schreiben des SEM vom 20. März 2020 und der damit verbundenen
Akteneinsicht Stellung und hielten an ihren Rügen einer unkorrekten Ak-
tenordnung sowie einer fehlerhaften Erstellung des Aktenverzeichnisses
durch das SEM, einer Verletzung des rechtlichen Gehörs und der Begrün-
dungspflicht sowie einer unvollständigen und unrichtigen Abklärung des
rechtserheblichen Sachverhalts fest.
I.
Auf instruktionsrichterliche Einladung vom 9. Juni 2020 replizierten die Be-
schwerdeführenden mit Eingabe vom 24. Juni 2020.
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Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Am 1. März 2019 ist die Teilrevision (AS 2016 3101) des AsylG in Kraft
getreten. Für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl.
Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.2 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung
von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und
entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend
– endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG [SR 142.31]).
1.3 Die Beschwerdeführenden sind als Verfügungsadressaten zur Be-
schwerdeführung legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und form-
gerecht eingereichte Beschwerde (aArt. 108 Abs. 1 AsylG und Art. 52
Abs. 1 VwVG) ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
Dem Rechtsvertreter wurde mit Zwischenverfügung vom 10. März 2020
der Spruchkörper – unter Vorbehalt einer allfälligen Stellvertretung insbe-
sondere aufgrund von Abwesenheiten – antragsgemäss bekannt gegeben.
Die hinterlegten Kriterien des Automatismus bezüglich Auswahlprozedere
dieses bekanntgegebenen Spruchkörpers wurden durch zusätzliche Krite-
rien manuell ergänzt. Die manuelle Anpassung wurde aufgrund objektiver
und im Voraus bestimmter Kriterien vorgenommen (vgl. Art. 31 Abs. 3
VGR). Als objektive Kriterien in diesem Sinne gelten Amtssprache, Be-
schäftigungsgrad, Belastung durch die Mitarbeit in Gerichtsgremien, Vor-
befassung, Kammerzuständigkeit, Austritt, Erweiterung des Spruchkör-
pers, Ausstand, enger Sachzusammenhang, Abwesenheit sowie Ausgleich
der Belastungssituation. Für die Spruchkörperbildung ist das Abteilungs-
beziehungsweise Kammerpräsidium verantwortlich (vgl. Art. 31 und 32
i.V.m. Art. 25 Abs. 5 Bst. b VGR). Zwischenzeitlich wurde die bekanntge-
gebene Drittrichterin Contessina Theis infolge zeitweiliger Abwesenheit
durch Richter Simon Thurnheer ersetzt.
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Seite 8
4.
Mit Eingabe vom 19. März 2020 verlangte der Rechtsvertreter, dass in kor-
rekter Umsetzung des Entscheides des Bundesgerichts 12T 3/2018 vom
22. Mai 2018 Richter Lorenz Noli durch eine nicht der SVP angehörende
Gerichtsperson zu ersetzen sei.
Weder aus den gesetzlichen noch aus den reglementarischen Vorgaben
des Bundesverwaltungsgerichts respektive der Abteilungen IV und V ergibt
sich eine Pflicht, bei Mehrheiten einer politischen Partei im Spruchgremium
korrigierend einzugreifen. Eine solche folgt – wie dem Rechtsvertreter des
Beschwerdeführers bereits in mehreren Urteilen des Bundesverwaltungs-
gerichts mitgeteilt worden ist – auch nicht aus dem Entscheid des Bundes-
gerichts 12T_3/2018 vom 22. Mai 2018 (vgl. statt vieler die Urteile
E-3822/2018, E-3816/2018 und D-3751/2018 je E. 6.1). Der Antrag, Lorenz
Noli sei durch ein nicht der SVP angehörende Gerichtsperson zu ersetzen,
ist abzuweisen.
5.
5.1 In der Beschwerde werden formelle Rügen erhoben. Diese sind vorab
zu beurteilen, da sie allenfalls geeignet wären, eine Kassation der vorin-
stanzlichen Verfügung zu bewirken.
5.2 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches
Gehör, welches als Mitwirkungsrecht alle Befugnisse umfasst, die einer
Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt
wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 144 I 11 E. 5.3; BVGE
2009/35 E. 6.4.1). Mit dem Gehörsanspruch korreliert die Pflicht der Be-
hörden, die Vorbringen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und in ihrer
Entscheidfindung angemessen zu berücksichtigen. Die Begründung muss
so abgefasst sein, dass sie eine sachgerechte Anfechtung ermöglicht.
Nicht erforderlich ist, dass sich die Begründung mit allen Parteistandpunk-
ten einlässlich auseinandersetzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrück-
lich widerlegt (vgl. BGE 143 III 65 E. 5.2).
Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sach-
verhalts bildet einen Beschwerdegrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Un-
richtig ist die Sachverhaltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher
und aktenwidriger Sachverhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch
gewürdigt worden sind; unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Ent-
scheid rechtswesentlichen Sachumstände berücksichtigt werden (vgl.
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KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechts-
pflege des Bundes, 3. Aufl. 2013, Rz. 1043).
Aus dem Anspruch auf rechtliches Gehör resultiert der verfahrensrechtli-
che Anspruch auf Akteneinsicht (Art. 26 VwVG). In jedem Verfahren kön-
nen sich die Betroffenen nur dann wirksam zur Sache äussern und geeig-
net Beweise führen beziehungsweise Beweismittel bezeichnen, wenn
ihnen die Möglichkeit eingeräumt wird, die Unterlagen einzusehen, auf wel-
che sich die Behörde stützt. Vom Akteneinsichtsrecht ausgeschlossen sind
verwaltungsinterne Unterlagen (vgl. BVGE 2013/23 E. 6.4 m.w.H.). Das
Recht auf Akteneinsicht kann eingeschränkt werden, wenn ein überwie-
gendes Interesse an deren Geheimhaltung vorhanden ist. Dies muss indes
aufgrund einer konkreten, sorgfältigen und umfassenden Abwägung der
entgegenstehenden Interessen beurteilt werden, wobei der Grundsatz der
Verhältnismässigkeit zu beachten ist. Je stärker das Verfahrensergebnis
von der Stellungnahme der Betroffenen zum konkreten Dokument abhängt
und je stärker auf ein Dokument bei der Entscheidfindung (zum Nachteil
der Betroffenen) abgestellt wird, desto intensiver ist dem Akteneinsichts-
recht Rechnung zu tragen (vgl. Art. 27 f. VwVG).
Der Anspruch auf Akteneinsicht setzt sodann eine geordnete, übersichtli-
che und vollständige Aktenführung (Ablage, Paginierung und Registrierung
der vollständigen Akten im Aktenverzeichnis) voraus (vgl. BVGE 2012/24
E. 3.2, 2011/37 E. 5.4.1 je m.H.).
5.3
5.3.1 Soweit die Beschwerdeführenden eine Verletzung des Aktenein-
sichtsrechts und der Pflicht zur vollständigen Aktenführung rügen, ist zu-
nächst auf die Zwischenverfügung vom 10. März 2020 zu verweisen. Darin
kam die Instruktionsrichterin zum Schluss, es sei ohne Weiteres auch in
die der Partei bekannten Akten beziehungsweise die von ihr selber einge-
reichten Beweismittel Einsicht zu gewähren. Da aus den Vorakten nicht
ersichtlich sei, ob das SEM im Rahmen der bereits gewährten Aktenein-
sicht den Beschwerdeführenden auch Einsicht in die auf ihre in den beiden
USB-Sticks befindlichen Dateien gewährt habe, wies sie die Vorinstanz an,
die von den Beschwerdeführenden eingereichten elektronischen Beweis-
mittel einzeln aufzulisten, einheitlich zu erfassen, ein einheitliches Beweis-
mittelverzeichnis zu erstellen und den Beschwerdeführenden in geeigneter
Weise Einsicht in diese zu gewähren. Am 20. März 2020 kam das SEM
dieser Aufforderung nach. Die Beschwerdeführenden konnten sich in der
Folge zur nachträglich gewährten Akteneinsicht mit Eingabe vom 30. März
http://links.weblaw.ch/BVGE-2012/24
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2020 und in ihrer Replik vom 24. Juni 2020 äussern. Soweit darin ein Ver-
fahrensfehler zu erkennen ist, ist er als geheilt zu betrachten (vgl. zu den
Voraussetzungen der Heilung einer Gehörsverletzung BVGE 2015/10
E. 7.1). Zum gleichen Schluss gelangt das Gericht auch hinsichtlich der
gerügten Verletzung der Aktenführungspflicht, zumal das SEM im Rahmen
der Beschwerdeinstruktion die in Frage stehenden und auf dem USB-Stick
enthaltenen elektronischen Unterlagen einzeln auflistete, eine digitale Ko-
pie erstellte und den Beschwerdeführenden zur Einsicht zukommen liess.
Alleine der Umstand, dass das SEM bei einigen von den Beschwerdefüh-
renden eingereichten Beweismitteln ("Dok 1; Dok2, BM3") auf dem ent-
sprechenden Beweismittelumschlag neben dem Zeitpunkt deren Einrei-
chung noch ein Fragezeichen setzte oder die als "BM5" vermerkte Publi-
kation des Beschwerdeführers auf zwei Beweismittelumschlägen aufge-
führt wurde (vgl. Rechtsmitteleingabe S. 7), lässt nicht auf eine unkorrekte
Aktenführung schliessen. So wurde in den jeweiligen Anhörungen zu Be-
ginn einlässlich erörtert wurde, worum es sich bei den bereits eingereichten
Dokumenten beziehungsweise bei den mit der Anhörung ins Recht geleg-
ten Beweismitteln handle. Dabei wurde insbesondere auch auf die mit ei-
nem Fragezeichen auf den verschiedenen SEM-Beweismittelumschlägen
versehenen, die Beschwerdeführenden betreffenden Dokumente (Identi-
tätskarte; Nationalitätenausweis; Eheschein) Bezug genommen (vgl. act.
A26: F4-35, F58-60, F70, F123, F139-140; A28: F6-40; A30: F4-9 und
F16). Es besteht daher in diesem Zusammenhang keine Veranlassung für
eine Aufhebung der angefochtenen Verfügung.
5.3.2 Weiter bleibt die Kritik, es sei bei den Anhörungen des Beschwerde-
führers zu schweren formellen Fehlern gekommen, unbehelflich. Der Be-
schwerdeführer erklärte zu Beginn der ersten Anhörung, die Dolmetscherin
gut zu verstehen (vgl. act. A28, F1). Alleine der Umstand, dass die Dolmet-
scherin sich krank fühlte und nach Rückübersetzung der ersten 16 Fragen
durch einen anderen Dolmetscher ersetzt wurde, der die restliche Rück-
übersetzung vornahm, anlässlich welcher bei insgesamt fünfzehn Fragen
Anmerkungen des Beschwerdeführers angebracht wurden, lässt an der
Verwertbarkeit des ersten Anhörungsprotokolls keine ernsthaften Zweifel
aufkommen. So dient die Rückübersetzung doch gerade dazu, eine mit den
Aussagen allenfalls nicht übereinstimmende Protokollierung zu korrigieren
und/oder zu ergänzen. Selbst wenn die erste Dolmetscherin, gemäss An-
gaben auf dem Unterschriftenblatt der Hilfswerkvertretung, mit der Über-
setzung von Fachbegriffen Mühe gehabt hätte – ein Einwand, den der Be-
schwerdeführer auch auf Nachfrage in der Anhörung selber nicht vor-
brachte (vgl. act. A28, F86), ist davon auszugehen, dass im Verlauf der
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Seite 11
Rückübersetzung sämtliche Ungenauigkeiten in der Protokollierung geklärt
werden konnten. Sodann bestätigte der Beschwerdeführer am Schluss bei-
der Anhörungen die Korrektheit und Vollständigkeit des Protokolls durch
seine Unterschrift. Soweit er auf das Unterschriftenblatt der Hilfswerkver-
tretung verweist, welche bei beiden Anhörung jeweils festhalte, dass nicht
garantiert werden könne, dass es zu keinen Ungenauigkeiten bei der Über-
setzung gekommen sei, ist hinsichtlich der ersten Anhörung auf obige Aus-
führungen zu verweisen. Soweit bezüglich der zweiten Anhörung auf mög-
liche Konzentrationsprobleme angesichts der langen Anhörungsdauer hin-
gewiesen wird, ist festzuhalten, dass sich aus einer Durchsicht des fragli-
chen Anhörungsprotokolls keine konkreten Anhaltspunkte erkennen las-
sen, welchen diesen Einwand zu stützen vermöchten. Weder das Aussa-
geverhalten des Beschwerdeführers, der bis zum Schluss der Anhörung
offenbar problemlos in der Lage war, auf die gestellten Antworten einläss-
lich zu antworten, noch irgendwelche Bemerkungen seitens seiner Person
deuten auf Konzentrationsprobleme hin.
Soweit der Beschwerdeführer moniert, die Befragerin habe sich im Rah-
men der zweiten Anhörung über Richtlinien des SEM in Bezug auf hand-
schriftliche Änderungen des Protokolls hinweggesetzt, da ihre zahlreichen
Änderungen weder von ihm noch von der zuständigen Sachbearbeiterin
signiert worden seien, gesteht er ein, dass es sich dabei nicht um inhaltli-
che, sondern vorwiegend um Korrekturen der Rechtschreibung handelt,
weshalb der Verweis auf einen Verstoss gegen SEM-Richtlinien schon des-
halb nicht verfängt. Zudem stellen die fraglichen Korrekturen nicht nur "vor-
wiegend", sondern gänzlich Rechtschreibekorrekturen dar, die – entgegen
der in der Beschwerde vertretenen Ansicht – weder bei der Rücküberset-
zung noch bei der Lektüre zu Bedeutungsveränderungen des Satzes ge-
führt haben können (so bspw. vergessene Fragezeichen am Ende eines
Satzes oder vergessene Kommas bei der Kennzeichnung eines Nebensat-
zes).
Ferner kritisiert der Beschwerdeführer die mangelhafte Befragungstechnik
anlässlich der zweiten Anhörung. So sei er in seiner freien Rede von der
Sachbearbeiterin immer wieder unterbrochen worden, was bei ihm Unsi-
cherheit und Verwirrung ausgelöst habe. Dadurch sei kein Klima des Ver-
trauens entstanden und er habe sich letztlich nicht frei und uneinge-
schränkt zu seinen Fluchtgründen äussern können. Dieser Einwand ist als
nicht stichhaltig zu qualifizieren. Eine die Anhörung leitende Befragerin hat
das Ziel, alle wesentlichen Fakten für die Beurteilung des Asylgesuchs zu
sammeln (vgl. act. A30, S. 1, 2. Abschnitt). Demzufolge obliegt es ihr auch,
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die Anhörung entsprechend zu gliedern sowie zu lenken und dabei den
Asylgesuchsteller bei abschweifenden Weiterungen zu belehren oder bei
unzusammenhängenden Ausführungen oder thematisch abweichenden
oder unwesentlichen Äusserungen zu unterbrechen. Auf diese Möglichkeit
wurde der Beschwerdeführer denn auch bereits zu Beginn der ersten An-
hörung explizit aufmerksam gemacht (vgl. act. A28, S. 1, 1. Abschnitt letz-
ter Satz). Im Umstand, dass die Befragerin den Beschwerdeführer im Rah-
men der ausführlichen Darlegung seiner Asylgründe wiederholt zur weite-
ren Erläuterung einer Antwort, der Klärung einer Frage oder auch bei ab-
schweifendem Aussageverhalten zu genaueren Aussagen aufforderte, ma-
nifestiert sich noch keine Voreingenommenheit der Befragerin. Zudem er-
hielt der Beschwerdeführer dadurch grundsätzlich auch die Möglichkeit,
Aussagen zu verdeutlichen oder allfällige Missverständnisse auszuräu-
men. Eine Verletzung des rechtlichen Gehörs ist in dieser Vorgehensweise
nicht zu erblicken. Soweit er darin einen formellen Fehler zu erblicken
glaubt, dass die eingereichten Beweismittel im Verlaufe der Anhörungen
mit wenigen Ausnahmen kaum thematisiert worden seien, kann diesem
Einwand ebenfalls nicht gefolgt werden. Anlässlich der ersten Anhörung
vereinbarte die Befragerin mit dem Beschwerdeführer bei der Besprechung
der eingereichten Beweismittel, dass er sich zunächst zum Inhalt der ein-
zelnen Dokumente kurz äussern solle und anschliessend bei der Auf-
nahme der Asylgründe auf diese jeweils zurückgekommen werde, wenn
ein Beweismittel sehr zentral sei (vgl. act. A28, F17). Auch anlässlich der
zweiten Anhörung kam diese Vorgehensweise zur Anwendung respektive
stellte der Beschwerdeführer in Aussicht, auf einzelne Dokumente zurück-
zukommen, falls Fragen bestünden, was er mit diesen Dokumenten zeigen
wolle, worauf dies konkret an die Hand genommen wurde (vgl. act. A30,
F2 ff.). Auch wenn in der Folge in den Anhörungen nur auf einige der ein-
gereichten Unterlagen konkret zurückgekommen wurde, wurden dennoch
sämtliche Dokumente in den Anhörungen mindestens einmal hinreichend
ausführlich thematisiert. Zudem ist zu berücksichtigen, dass die überwie-
gende Anzahl der Dokumente entweder Identitäts- beziehungsweise Zivil-
standsdokumente oder Belege für die von der Vorinstanz nicht in Frage
gestellten beruflichen Tätigkeiten der Beschwerdeführenden darstellen,
weshalb sich in nachvollziehbarer Weise ein weiteres Eingehen auf diese
Unterlagen für die Feststellung des Sachverhalts nicht als unabdingbar
darstellte. Eine Verletzung des rechtlichen Gehörs ist daher nicht gegeben.
5.3.3 Zum selben Schluss gelangt das Gericht sodann bezüglich der Rüge,
das rechtliche Gehör sei verletzt worden, weil die Anhörung nicht von der
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gleichen Person durchgeführt worden sei, welche die angefochtene Verfü-
gung erlassen habe. Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch
auf rechtliches Gehör. Jedoch besagt Art. 30 Abs. 1 VwVG nur, dass die
Behörde die Parteien anhört, bevor sie verfügt, nicht aber, dass die Anhö-
rung durch dieselbe Person erfolgen muss, welche verfügt (vgl. Urteil des
BVGer D-6560/2016 vom 29. März 2018 E. 5.2).
5.4
5.4.1 Weiter rügen die Beschwerdeführenden eine unvollständige und un-
richtige Feststellung des Sachverhalts hinsichtlich ihres regimekritischen
Engagements für die G._, ihres politischen Profils, der fluchtauslö-
sende Ereignisse sowie im Zusammenhang mit der Einschätzung der Si-
tuation für regimekritische Personen in der Region der M._ (vgl.
Rechtsmitteleingabe S. 25 ff.).
5.4.2 Das SEM stellte sowohl im angefochtenen Asylentscheid als auch in
seiner Vernehmlassung nicht in Zweifel, dass sich die Beschwerdeführen-
den im Rahmen ihrer politischen Tätigkeit für die G._ in der Öffent-
lichkeit während Jahren kritisch gegenüber der H._ geäussert oder
wie im Fall des Beschwerdeführers sogar (Nennung Vorfälle) publik ge-
macht haben (vgl. act. A32/11, S. 8; Vernehmlassung S. 1). Es kann daher
als erstellt gelten, dass sich der Beschwerdeführer insbesondere auch und
ganz wesentlich mit der (Nennung Tätigkeit) beschäftigt hat.
Mit Blick auf die Lage respektive Gefährdung von Personen, welche Kor-
ruption in der Region Kurdistan-Irak (RKI) öffentlich thematisieren, hat das
Gericht folgende Quellen konsultiert:
 U.S. Department of State, 2021 Country Reports on Human Rights
Practices: Iraq, 12.04.2022, https://www.state.gov/reports/2021-
country-reports-on-human-rights-practices/iraq, abgerufen am
16.05.2022
 UN Assistance Mission for Iraq (UNAMI) / Office of the UN High
Commissioner for Human Rights (OHCHR), Freedom of Expres-
sion in the Kurdistan Region of Iraq, 05.2021,
https://www.ohchr.org/Documents/Countries/IQ/Freedom-of-Ex-
pression-in-the-Kurdistan-Region_En.pdf, abgerufen am
16.05.2022
D-926/2020
Seite 14
 Bertelsmann Stiftung, Bertelsmann Stiftung Transformation Index
(BTI) 2022 – Iraq, 23.02.2022, https://bti-project.org/filead-
min/api/content/en/downloads/reports/country_report_2022_IRQ.
pdf, abgerufen am 16.05.2022
 Rûdaw [Hewlêr/C._], Kurdish MP in Iraqi parliament stab-
bed outsi-de Sulaimani home, 26.02.2021, https://www.ru-
daw.net/english/kurdistan/26022021, abgerufen am 16.05.2022
 Daraj, Beirut. Attempted murder of deputy reveals the continuation
of the "two administrations" regime in Kurdistan, 16.03.2021,
www.daraj.com/68308/, abgerufen am 16. Mai 2022
 Department of Foreign Affairs and Trade (DFAT), DFAT Country In-
formation Report Iraq, 17.08.2020, https://www.dfat.gov.
au/sites/default/files/country-information-report-iraq.pdf, abgerufen
am 16.05.2022
 UN High Commissioner for Refugees (UNHCR), International Pro-
tection Considerations with Regard to People Fleeing the Republic
of Iraq, 01.05.2019, https://www.ecoi.net/en/file/local/2007789/
5cc9b20c4.pdf, abgerufen am 16.05.2022
 Freedom House, Freedom in the World 2022 – Iraq, 28.02.2022,
https://freedomhouse.org/country/iraq/freedom-world/2022,
abgerufen am 16.05.2022
 Neue Zürcher Zeitung (NZZ), Was der Westen in Kurdistan anders
machen müsste, um die Iraker von der Flucht nach Europa abzu-
halten, 12.11.2021, https://www.nzz.ch/international/irak-der-wes-
ten-istmitverantwortlich-fuer-die-misere-im-nordirak-ld.1654826,
abgerufen am 16.05.2022.
 Fleet, Mike et Connelly, Megan / Middle East Institute (MEI), Games
without Frontiers: Renegotiating the Boundaries of Power in Iraqi
Kurdistan, 23.06.2021, https://www.mei.edu/publications/games-
withoutfrontiers-renegotiating-boundaries-power-iraqi-kurdistan,
abgerufen am 16.05.2022
5.4.3 Gestützt auf die zitierten Quellen ist festzustellen, dass mit Blick auf
die freie Meinungsäusserung und deren Einschränkungen in der RKI Me-
dienschaffende und andere Personen, so beispielsweise Menschenrechts-
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und andere Aktivisten, die das Vorgehen der kurdischen Regionalbehörden
kritisieren, je nach Lage des Einzelfalls Einschüchterungen, Drohungen,
Schikanen sowie willkürlichen Verhaftungen und Inhaftierungen ausgesetzt
sein können. Zudem können solche Personen zuweilen auch im Zusam-
menhang mit der legitimen Ausübung des Rechts auf freie Meinungsäuße-
rung strafrechtlich angeklagt und in Prozesse verwickelt werden, in denen
Grundrechte und Verfahrensgarantien nicht oder nur unzureichend beach-
tet werden. Zudem haben die Behörden in der RKI Massnahmen ergriffen,
um die Berichterstattung über Korruption und weitere Themen zu unterbin-
den, indem Betroffene in ihrer Bewegungsfreiheit behindert werden und die
Verbreitung von Informationen unter Berufung auf die "Rechtfertigung" der
nationalen Sicherheit verhindert wird. Insbesondere wurden schon Medi-
enschaffende, welche über Korruptionsfälle berichten, gezielt inhaftiert, zu-
mal die Regierung mit offener Repression auf kritische Medien oder Akti-
visten reagiert, und wegen "Terrorunterstützung" angeklagt. Zu den For-
men der gezielten Angriffe gehören laut UNHCR Einschüchterung, Beläs-
tigung, körperliche Angriffe, willkürliche Verhaftungen und politisch moti-
vierte Strafverfolgung. Zudem können auch Familienangehörige von tat-
sächlichen oder vermeintlichen Kritikern der M._ durch deren Ver-
treter oder unbekannten Akteuren Drohungen und Verleumdungen ausge-
setzt sein.
5.4.4 Das SEM hat die von den Beschwerdeführenden vorgebrachten
Schikanen und Drohungen unter dem Blickwinkel der Glaubhaftigkeit ge-
mäss Art. 7 und deren Asylrelevanz gemäss Art. 3 AsylG beurteilt. Dabei
hat sie – wie in E. 5.5.1 bereits dargelegt – das politische Engagement der
Beschwerdeführenden und insbesondere auch den Umstand, dass der Be-
schwerdeführer bei der Aufdeckung von (Nennung Vorfälle) wiederholt be-
teiligt war, nicht in Frage gestellt. Vor dem Hintergrund des geschilderten
Länderkontextes sowie des vorliegend sehr komplex gelagerten Einzelfalls
greift es nun zu kurz, wenn die Vorinstanz argumentiert, es sei den Schil-
derungen der Beschwerdeführenden nicht zu entnehmen, dass die Dro-
hungen im Jahr (...) ein im Vergleich zu früheren Jahren besonders inten-
sives Mass erreicht hätten, beziehungsweise sich die Beschwerdeführen-
den wohl kritisch in der Öffentlichkeit gegenüber der H._ geäussert
hätten, aber keine Beweise bezüglich der vorgebrachten Drohungen vor-
gelegt hätten, die Bedrohungslage unklar bleibe und insgesamt im Zeit-
punkt des Asylentscheids keine derartige Bedrohungslage vorgelegen
habe, dass sich die Beschwerdeführenden dieser nur durch Flucht ins Aus-
land hätten entziehen können. So liegt Asylrelevanz nicht nur dann vor,
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wenn im Zeitpunkt der Flucht bereits eine Vorverfolgung im Sinne ernsthaf-
ter Nachteile stattgefunden hat, sondern auch dann, wenn eine begründete
Furcht vorliegt, bei einer Rückkehr Opfer einer solchen Verfolgung zu wer-
den (vgl. Urteil des BVGer D-5799/2017 vom 7. Mai 2019 E. 5.5; CARONI
et al., Migrationsrecht, 4. Aufl. 2018, S. 459). Somit kann im vorliegenden
Fall die Asylrelevanz nicht allein mit dem Argument verneint werden, die
Drohungen seien nicht nachgewiesen worden und die Drohungen als sol-
che würden keine ernsthaften Nachteile darstellen. Vielmehr müsste dar-
über hinaus dargelegt werden, dass keine begründete Furcht dafür vor-
liege, im Falle einer Rückkehr Opfer von Massnahmen zu werden, welche
über blosse Drohungen und Schikanen hinausgehen. Entgegen der in der
Vernehmlassung vertretenen Ansicht des SEM haben die Beschwerdefüh-
renden in ihrer Rechtsmitteleingabe zu Recht auf ihr exponiertes politi-
sches Profil hingewiesen, welches bei der Beurteilung einer begründeten
Furcht im Fall einer Rückkehr in die Heimat zu berücksichtigen ist. Das
SEM hat es jedoch vorliegend gänzlich unterlassen, dieses politische Profil
bei seiner Prüfung und Würdigung zu berücksichtigen, wodurch es seiner
Prüfungspflicht nicht nachgekommen ist, zumal es nicht alle für den Ent-
scheid rechtswesentlichen Sachumstände berücksichtigt hat. Zudem ist
darin auch eine Verletzung der Begründungspflicht als Teilgehalt des recht-
lichen Gehörs – welche es aufgrund der Ausgestaltung der Begründung
dem Betroffenen ermöglichen soll, den Entscheid sachgerecht anzufech-
ten, was nur der Fall ist, wenn sich sowohl der Betroffene als auch die
Rechtsmittelinstanz über die Tragweite des Entscheides ein Bild machen
können (vgl. BVGE 2011/37 E. 5.4.1; BVGE 2008/47 E. 3.2) – durch das
SEM zu erkennen, hat es sich doch nicht mit sämtlichen zentralen Vorbrin-
gen der Beschwerdeführenden hinreichend auseinandergesetzt.
6.
6.1 Gemäss Art. 61 Abs. 1 VwVG entscheidet das Bundesverwaltungsge-
richt in der Sache selbst oder weist diese ausnahmsweise mit verbindlichen
Weisungen an die Vorinstanz zurück.
Eine nicht besonders schwerwiegende Verletzung des rechtlichen Gehörs
kann ausnahmsweise als geheilt gelten, wenn die betroffene Person die
Möglichkeit erhält, sich vor einer Rechtsmittelinstanz zu äussern, die so-
wohl den Sachverhalt wie auch die Rechtslage frei überprüfen kann. Unter
dieser Voraussetzung ist darüber hinaus – im Sinne einer Heilung des Man-
gels – selbst bei einer schwerwiegenden Verletzung des Anspruchs auf
rechtliches Gehör von einer Rückweisung der Sache an die Vorinstanz ab-
zusehen, wenn und soweit die Rückweisung zu einem formalistischen
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Leerlauf und damit zu unnötigen Verzögerungen führen würde, die mit dem
Interesse der betroffenen Partei an einer beförderlichen Beurteilung der
Sache nicht zu vereinbaren wären (vgl. dazu BGE 137 I 195 E. 2.3.2,
m.w.H.; vgl. auch BVGE 2008/47 E. 3.3.4 m.w.H.).
6.2 Im vorliegenden Fall ist angesichts der Schwere des Mangels eine Hei-
lung desselben nicht in Betracht zu ziehen. Sodann haben die Beschwer-
deführenden zur Hauptsache die Rückweisung der Sache an die Vorin-
stanz zur Neubeurteilung beantragt (vgl. Rechtsbegehren Ziff. 3 und S. 33
der Beschwerdeschrift). Durch eine Rückweisung der Sache an die Vorin-
stanz bleibt der Instanzenzug gewahrt, was umso wichtiger erscheint, als
das Bundesverwaltungsgericht einzige Beschwerdeinstanz gegen Verfü-
gungen des SEM im Asylbereich ist. Eine Kassation erweist sich vorliegend
insgesamt als angezeigt.
7.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde insofern gutzuheissen, als die Auf-
hebung der vorinstanzlichen Verfügung beantragt wird. Die angefochtene
Verfügung ist aus formellen Gründen aufzuheben und die Sache in Anwen-
dung von Art. 61 Abs. 1 VwVG an die Vorinstanz zurückzuweisen mit der
Anweisung, bei der neuerlichen Beurteilung der vorgebrachten Asylgründe
das exponierte politische Profil der Beschwerdeführenden zu prüfen und
entsprechend zu würdigen. Da die Verfügung aus formellen Gründen auf-
gehoben wird, erübrigt es sich, auf die weiteren (materiellen) Beschwerde-
vorbringen näher einzugehen. Vor diesem Hintergrund erweist sich auch
eine weitergehende Würdigung der eingereichten Beweismittel (siehe
oben Bst. C) als obsolet.
8.
8.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Verfahrenskosten zu
erheben (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). Bereits mit Zwischenverfügung vom
27. März 2020 wurde das Gesuch um unentgeltliche Prozessführung gut-
geheissen.
8.2 Der ganz oder teilweise obsiegenden Partei ist eine Parteientschädi-
gung für die ihr notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzuspre-
chen (Art. 64 Abs. 1 VwVG sowie Art. 7 des Reglements vom 21. Feb-
ruar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwal-
tungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Der Rechtsvertreter der Beschwer-
deführenden reichte keine Kostennote ein. Auf die Nachforderung einer
solchen kann indessen verzichtet werden (vgl. Art. 14 Abs. 2 VGKE), da im
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vorliegenden Verfahren der Aufwand für die Beschwerdeführung zuverläs-
sig abgeschätzt werden kann. Gestützt auf die in Betracht zu ziehenden
Bemessungsfaktoren (Art. 9-13 VGKE) ist die Parteientschädigung auf-
grund der Akten pauschal auf Fr. 2800.– festzusetzen. Dieser Betrag ist
den Beschwerdeführenden durch das SEM zu entrichten.
(Dispositiv nächste Seite)
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