Decision ID: 8035a8db-ad2b-5629-9bf3-b13fe3720221
Year: 2017
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
Wegen eines Geburtsgebrechens wurde
X._
, geboren 2000, am 1
1.
Mai 2015 durch ihre Mutter bei der Invalidenversicherung zum
Leistungs
be
zug
angemeldet (Urk. 7/2). Die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, holte den Arztbericht der
A._
Klinik (
Dr.
med.
B._
, Oberarzt Kinderorthopädie) vom 1
2.
Juni 2015 (
Urk.
7/7/4, unter
Beilage
des Konsultationsberichts vom
8.
Mai 2015,
Urk.
7/7/5-6; sowie des
Operationsb
e
richts
vom 2
1.
Mai 2015,
Urk.
7/7/7-8) ein. Am 2
2.
Oktober 2015 nahm sodann Prof.
Dr.
med.
C._
, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin, vom Regionalen Ärztlichen Dienst (RAD) der IV-Stelle Stellung (
Urk.
7/8/2). Mit Vorbescheid vom 2
9.
Dezember 2015 teilte die IV-Stelle der Versicherten mit, es könne keine Kostengutsprache für medizinische Mass
nahmen geleistet werden,
da kein Geburtsgebrechen vorliege (
Urk.
7/9).
Gegen diesen Vorbescheid erho
be
n die Eltern der Versicherten am 1
1.
Januar 2016 Einwand (
Urk.
7/11).
Die IV-Stelle holte den weiteren
Operationsbericht vom 11.
Januar 2016 der
A._
Klinik ein (
Operation vom
7.
Januar 2016; Urk.
7/14).
Am
3.
März 2016 nahm RAD-Arzt Prof.
Dr.
C._
erneut Stellung (Urk.
7/15). Mit Verfü
gung vom
4.
März 2016 wies die IV-Stelle das Leistungsbegehren ab (
Urk.
2).
2.
Gegen diese Verfügung
erhob
X._
durch Rechtsanwältin Chris
t
ine
Fleisch am 1
8.
April 2016 unter Beilage der Stellungnahme der
A._
Klinik
(Oberarzt
Dr.
B._
)
vom
6.
April 2016 (
Urk.
3) Beschwerde mit folgen
den An
trägen (
Urk.
1 S. 2):
„1.
Es sei die IV-Verfügung vom 04.03.2016 aufzuheben und es sei die IV-Stelle zu verpflichten, der Beschwerdeführerin Kostengutsprache für medi
zinische Massnahmen inklusive die notwendigen Operationen ab Mai 2015 zu erteilen.
2.
Unter Kosten- und Entschädigungsfolge zu Lasten der Gegenpartei.“
Die Beschwerdegegnerin ersuchte mit Beschwerdeantwort vom 2
4.
Mai 2016 um Abweisung der Beschwerde (
Urk.
6). Dies wurde der Beschwerdeführerin am 30. Mai 2016 mitgeteilt (
Urk.
8).
3.
Auf die Vorbringen der Parteien und die eingereichten Akten wird, soweit erfor
derlich, in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Versicherte haben bis zum vollendeten 20. Altersjahr Anspruch auf die zur Behandlung von Geburtsgebrechen (
Art.
3
Abs.
2
des Bundesgesetzes über den All
gemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts [
ATSG
]
) notwendigen medizi
nischen Massnahmen (
Art.
13
Abs.
1
des Bundesgesetzes über die Invalidenver
sicherung [
IVG
]
). Der Bundesrat bezeichnet die Gebrechen, für welche diese Mass
nahmen gewährt werden. Er kann die Leistung ausschliessen, wenn das Gebrechen von geringfügiger Bedeutung ist (
Art.
13 Abs. 2 IVG).
Als Geburtsgebrechen gelten diejenigen Krankheiten, die bei vollendeter Geburt
bestehen (
Art.
3
Abs.
2 ATSG in Verbindung mit
Art.
1
Abs.
1 Satz 1
der Ver
ord
nung über Geburtsgebrechen [
GgV
]
). Die blosse Veranlagung zu einem Lei
den gilt nicht als Geburtsgebrechen. Der Zeitpunkt, in dem ein
Geburtsge
brechen
als solches erkannt wird, ist unerheblich (
Art.
1
Abs.
1 GgV). Die
Ge
burts
gebrechen
sind in der Liste im Anhang aufgeführt. Das Eidge
nössische Depar
tement des Innern kann die Liste jährlich anpassen, sofern die Mehrausgaben einer solchen Anpassung für die Versicherung insgesamt drei Millionen Franken pro Jahr nicht übersteigen (
Art.
1
Abs.
2 GgV). Als medizinische Massnahmen, die für die Behandlung eines Geburtsgebrechens notwendig sind, gelten sämtli
che Vor
kehren, die nach bewährter Erkenntnis der medizinischen Wissenschaft ange
zeigt
sind und den therapeutischen Erfolg in einfacher und zweckmässiger Weise anstreben (
Art.
2
Abs.
3
GgV
).
1.2
Für die Annahme einer Leistungspflicht der Invalidenversicherung aufgrund von
Art.
13 IVG genügt nach konstanter Rechtsprechung des Bundesgerichts in beweisrechtlicher Hinsicht, dass es ein Facharzt oder eine Fachärztin zumindest für wahrscheinlich hält, es liege ein im Anhang der GgV enthaltenes Gebrechen vor (BGE 100 V 104 E. 2 in
fine
).
1.3
Zu den Geburtsgebrechen gehören gemäss Ziffer 177
Anhang
zur GgV übrige
(neben den in den Ziffern 170 bis 172 und 176 ausdrücklich genannten) ange
bo
rene Defekte und Missbildungen der Extremitäten, sofern Operation,
Appara
te
ver
sorgung
oder Gipsverband notwendig sind. Nicht als
Geburts
gebrechen
gelten
unbedeutende ana
tomische Skelettvarietäten wie Os
navicu
lare
cornutum
, Os
tibiale
externum
, Os
vesalianum
usw., unabhängig davon, ob eine Operation wegen periostalen Reizungen ausgeführt wird oder nicht. Ausge
nommen sind ebenfalls Leiden wie
Digitus
sup
erductus
,
Hallux
valgus
,
Kampto
daktylie
usw., da sie teils als geringfügig, erworben oder primär
als
Weichteil
affektionen
gel
ten
.
Eine
Patelladysplasie
(Typus Wiberg usw.) oder eine
Pa
tellaalta
und andere Lageanomalien der Kniescheibe C 6 resp. eine Dysplasie des
Condylus
femoris
lateralis
fallen nicht unter die Ziffer 177 GgV und können auch nicht gestützt auf
Art.
12 IVG übernommen werden
(
vgl. Kreisschreiben des Bundesamtes für
Sozialversicherung über die medizinischen Eingliederung
s
m
assnahmen in der Inva
lidenversicherung [KSME] in der seit
1. Januar
201
6
gültigen Fassung,
Rand
ziffer
177.1).
2.
2.1
Dr.
B._
, Oberarzt Kinderorthopädie der
A._
Klinik, hielt
im
Bericht vom 1
2.
Juni 2015 (
Urk.
7/7/4) fest, bei der Beschwerdeführerin sei ein lädierter lateraler Scheibenmeniskus links mit ausgeprägter klinischer Symptomatik vor
gelegen. Das MRI habe eine hochgradige Läsion gezeigt, weshalb eine
Kniege
lenksarthroskopie
mit Teilresektion des Aussenmeniskus notwendig gewesen sei. Es könne auf die weiteren Berichte verwiesen werden. Auswirkungen auf Schul
besuch oder Berufsausbildung bestünden zum jetzigen Zeitpunkt nicht. Es liege das Geburtsgebrechen Nr. 177 vor.
Eine abschliessende Beurteilung des Zustan
des könne nach Ende der Behandlung orientierend gegeben werden.
Es liege auf jeden Fall ein Vorschaden des Kniegelenks vor, welcher langfristig mit einem erhöhten
Arthroserisiko
einhergehe. Körperlich stark belastende Berufe sollte die Beschwerdeführerin deswegen nicht ergreifen.
2.2
Am
6.
April 2016 (
Urk.
3
) führte
Dr.
B._
zu Händen der Rechtsvertreterin der Beschwerdeführerin
aus, es handle sich bei dem vorliegenden Scheibenmeniskus
der Beschwerdeführerin nicht um einen knöchernen Defekt gemäss Ziffer 17
7
.
Jedoch handle es sich eindeutig um eine angeborene Fehlbildung des Knie
ge
lenks und somit zumindest im rein sprachlichen Sinne um ein
Geburts
gebre
chen
, welches in das funktionelle Gesamtsystem „Skelett“ durch
aus
einzu
ordnen sei, da der Meniskus im
vorliegenden Falle zu einer Achsen
verschiebung durch sein
e
Übergrösse führe.
Achsenkorrekturen würden von der Invaliden
versiche
rung ebenfalls übernommen. Eine Verbesserung der Eingliede
rung in das Er
werbs
leben bestehe durch die durchgeführte Therapie auf jeden Fall, da der
Spon
tanverlauf
des
rupturierten
Scheibenmeniskus leider be
kanntermassen eher ungünstig sei.
2.
3
2.
3
.1
RAD-Arzt Prof.
Dr.
C._
führte in seiner Stellungnahme vom 2
2.
Oktober 2015 (
Urk.
7/8/2) aus, bei der Beschwerdeführerin sei gemäss Arztbericht
im März 2015 „ohne initiales Trauma“ bei Schmerzen im Knie links eine Ruptur eines lateralen Scheibenmeniskus festgestellt worden.
Röntgenologisch sei ein „knöchern unauffälliger Befund“ dokumentiert. Mittels MRI sei ein Meniskus
mit Rissbildung beschrieben worden. Aus versicherungsmedizinischer Sicht seien
keine Leistungsansprüche nach Ziffer 177 GgV ausgewiesen
, da es sich um keine angeborene knöcherne Fehlbildung handle.
Der laterale
Scheiben
meniskus
sei eine seltene angeborene Variante des Bandapparates im Knie
ge
lenk, die an
fällig sei für Verletzungen und nach Ruptur symptomatisch werden könne. Für eine
Patelladysplasie
habe kein Anhalt bestanden, es würden sich daraus auch keine Ansprüche nach Ziffer 177 GgV und nach
Art.
12 IVG erge
ben.
Von einer angeborenen Patellaluxation könne auch nicht ausgegangen werden, so dass sich keine Ansprüche aus Ziffer 194 GgV ableiten liessen.
Nach der Operation liege nunmehr ein Vorschaden vor, dies sei aus
versicherungs
me
dizinischer
Sicht mit der zitierten Feststellung gemeint.
2.
3
.2
Am
3.
März 2016
(
Urk.
7/15/2) hielt Prof.
Dr.
C._
fest, es sei
am
7.
Januar 2016
eine zweite Operation am linken Knie der Beschwerdeführerin notwendig geworden, um die nach der ersten Operation entstandene Überlastung zu ver
mindern.
Intraoperativ hätten sich intakte Gelenkverhältnisse und ein intakter Restmeniskus gezeigt. Die Oberschenkelstellung sei mittels Osteotomie um 4° verändert worden.
Es sei daran festzuhalten, dass kein angeborener
skelettaler
Schaden zu behandeln gewesen sei, weshalb sich weiterhin keine
Leistungsan
sprüche
nach Ziffer 177 GgV ergäben.
3.
3.1
Die Beschwerdegegnerin verneinte gestützt auf die Stellungnahmen von Prof.
Dr.
C._
einen Anspruch der Beschwerdeführerin auf Gewährung von medizi
nischen Massnahmen zur Behandlung des Geburtsgebrechens Ziffer 177 GgV (
Urk.
2
und
Urk.
6
).
3.2
Demgegenüber macht die Beschwerdeführerin geltend,
sie leide an beiden Knien an angeborenen grossen Scheibenmenisken links und rechts. Diese führten seit
Geburt zu einer Fehlstellung im Sinne eine
r Achsenfehlform. Die
Skelett
defor
mi
tät
im Sinne eine
s
Genu
valgum
(
Valgusdeformität
) sei als
Geburts
gebrechen
anzusehen, da es sich dabei um eine angeborene Knochenfehlstellung im Sinne einer Skelettdeformität handle. Sie falle unter das funktionelle Gesamtsystem „Skelett“ und könne nur mittels einer operativen Korrektur der Beinachse beho
ben werden. Die am
7.
Januar 2016 durchgeführte
Beinachsen
korrektur
im Sinne
eine
r
varisierenden
supracondylären
Osteotomie führe mit Sicherheit zu einer Verbesserung der Eingliederung in das Erwerbsleben, habe dadurch doch ein stabiler Skelettdefekt mit dessen unmittelbaren mechanischen Folgen besei
tigt/
korrigiert werden können (
Urk.
1).
4.
4.1
Es ist unstrittig und geht aus den Akten hervor, dass bei der Beschwerdeführerin ein Scheibenmeniskus vorliegt und es sich dabei um eine angeborene Fehlbil
dung des Kniegelenkes handelt.
Wie RAD-Arzt Prof.
Dr.
C._
zu Recht
aus
führt, handelt es sich bei einem Scheibenmeniskus jedoch nicht um eine knö
cherne Fehlbildung, sondern um eine seltene angeborene Variante des
Band
apparates
im Kniegelenk
(
Urk.
7/8/2).
Dies wird auch vom behandelnden Arzt
Dr.
B._
a
usdrücklich anerkannt (
Urk.
3),
der
konzediert,
dass
vor der Oper
a
tion vom 2
1.
Mai 2015 ein knöchern unauffälliger Befund vor
gelegen habe
(
Urk.
7/
7
/
5
).
4.2
Es musste
in einer zweiten Operation
zwar auch eine operative Korrektur der Beinachse vorgenommen werden, dabei wurde aber entgegen der Behauptung der Beschwerdeführerin keine angeborene Skelettdeformität beseitigt. Vielmehr hielten die Ärzte der
A._
Klinik i
m Operationsbericht vom 2
1.
Mai 2015 (
Urk.
7
/7/8) fest, aufgrund der Pathologie im lateralen Kompartiment sollte lang
fristig eine leicht
varische
Beinachse angestrebt werden, um die Hauptlast auf das mediale Kompartiment umzuleiten.
Im Operationsbericht vom
7.
Januar 2016 (
Urk.
7/14)
führten sie aus, die Beschwerdeführerin habe nach ausge
dehnter Teilresektion eines lädierten lateralen Scheibenmeniskus eine
Überlas
tungssymptomatik
des lateralen Kompartiments mit Schmerzen, Ergussneigung und Unfähigkeit, Sport auszuüben. Es komme zu einer zunehmenden
Valgisie
rung
der Beinachse.
Somit bestehe eine Indikation zur diagnostischen Arthro
skopie bei Verdacht auf Meniskusrestläsion sowie
varisierender
Osterotomie
zur Entlastung des lateralen Kompartiments.
Die
Varisierung
der Beinachse
musste vor
genommen werden, weil durch die in der ersten Operation durchgeführte
aus
gedehnte Teilentfernung des
Aussen
meniskus
das laterale Kompartiment ent
lastet werden musste. Es ist
demnach
der Beurteilung von RAD-Arzt Prof.
Dr.
C._
zu folgen, wonach kein angeborener
skelettaler
Schaden behandelt worden ist und kein
Leistungs
anspruch
nach Ziffer 177 GgV besteht.
Ebenso wenig handelt es sich vorliegend um einen stabilen Skelettdefekt.
Dies führt zur Abweisung der Beschwerde.
5.
Gestützt auf
Art.
69
Abs.
1
bis
IVG ist das Beschwerdeverfahren vor dem kanto
nalen Versicherungsgericht bei Streitigkeiten um die Bewilligung oder die Ver
weigerung von IV-Leistungen kostenpflichtig. Die Kosten sind nach dem Ver
fahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert unter Berück
sichtigung des ge
setzlichen Rahmens (
Fr.
200.--
bis
Fr.
1'000.--) auf Fr. 600.
festzusetzen und de
r
unterliegenden Beschwerdeführer
in
aufzu
erlegen.