Decision ID: d505db9a-1f5c-552e-994d-84a24c916128
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Auf der Flucht wurde der Beschwerdeführer von seiner Mutter und seinem
jüngeren Bruder getrennt. Mutter und Bruder stellten am 10. Juli 2016 in
der Schweiz ein Asylgesuch.
B.
Der Beschwerdeführer ersuchte am 11. September 2016 in der Schweiz
um Asyl. Anlässlich der Befragung zur Person vom 22. September 2016
und der Anhörung vom 29. Juli 2019 führte er im Wesentlichen aus, er sei
Hazara und im Dorf B._, Distrikt C._, Provinz D._,
geboren. Im Alter von circa zehn Jahren sei sein Vater gestorben und er
sei er mit seiner Mutter und seinen zwei Brüdern nach Kabul gezogen. Dort
habe er bis zur Ausreise die Schule besucht. Während zweier Jahre habe
er nebenbei in einer Druckerei gearbeitet, um sich das Schulgeld zu ver-
dienen. Seine Mutter sei als Hebamme in einem Krankenhaus tätig gewe-
sen. Sie sei von Paschtunen, vermutlich Angehörige der Taliban, mit dem
Tod bedroht worden. Als er seine Mutter einmal zum Krankenhaus gebracht
habe, sei er von zwei Männern mit einem Messer bedroht und nach ihr
befragt worden. Zudem habe es seine Mutter abgelehnt, dem Brauch ent-
sprechend seinen Grossonkel väterlicherseits zu heiraten. Der Grossonkel
habe sie deshalb schlecht behandelt. Im Februar 2016 sei er mit seiner
Mutter und seinem jüngeren Bruder legal aus Afghanistan ausgereist.
C.
Mit Verfügung vom 5. September 2019 (eröffnet am 9. September 2019)
stellte die Vorinstanz fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingsei-
genschaft nicht, lehnte sein Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung
aus der Schweiz sowie den Vollzug an. Die Asylgesuche seiner Mutter und
seines Bruders lehnte die Vorinstanz in zwei separaten Verfügungen ab.
Für sie wurde ebenfalls der Wegweisungsvollzug angeordnet.
D.
Mit Eingabe vom 24. September 2019 erhob der Beschwerdeführer beim
Bundesverwaltungsgericht Beschwerde. Er beantragt, der Entscheid der
Vorinstanz vom 5. September 2019 sei in den Dispositivpunkten 4 und 5
aufzuheben. Es sei die Unzumutbarkeit des Vollzugs der Wegweisung fest-
zustellen und die vorläufige Aufnahme anzuordnen. Es sei auf die Erhe-
bung eines Kostenvorschusses zu verzichten. Es sei dem Beschwerdefüh-
rer die unentgeltliche Prozessführung zu bewilligen und in der Person des
Unterzeichneten ein unentgeltlicher Rechtsbeistand zu gewähren.
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Der Beschwerdeführer reichte eine Fürsorgeabhängigkeitsbestätigung ein.
E.
Mit Zwischenverfügung vom 4. Oktober 2019 hiess der Instruktionsrichter
die Gesuche um unentgeltliche Prozessführung und amtliche Rechtsver-
beiständung gut, verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses
und gab der Vorinstanz Gelegenheit zur Einreichung einer Vernehmlas-
sung.
F.
Am 16. Oktober 2019 reichte die Vorinstanz eine Vernehmlassung ein.
G.
Mit Replik vom 29. Oktober 2019 nahm der Beschwerdeführer zur Ver-
nehmlassung Stellung. Der Replik war eine Medienmitteilung des SEM
vom 26. Mai 2014 beigelegt.
H.
Mit Schreiben vom 10. Dezember 2019 gab der Beschwerdeführer eine
Honorarnote zu den Akten.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Am 1. März 2019 ist die Teilrevision (AS 2016 3101) des Asylgesetzes
vom 26. Juni 1998 (AsylG; SR 142.31) in Kraft getreten. Für das vorlie-
gende Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbe-
stimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015).
1.2 Am 1. Januar 2019 wurde das Ausländergesetz vom 16. Dezember
2005 (AuG; SR 142.20) teilrevidiert (AS 2018 3171) und in Ausländer- und
Integrationsgesetz (AIG) umbenannt. Die vorliegend anzuwendenden Ge-
setzesartikel (Art. 83 Abs. 1–7 und Art. 84) sind unverändert vom AuG ins
AIG übernommen worden.
2.
Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung
von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und
entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend –
endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG). Der Beschwerdeführer
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ist als Verfügungsadressat zur Beschwerdeführung legitimiert (Art. 48
VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist einzu-
treten (aArt. 108 Abs. 1 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
3.
Mit Beschwerde in Asylsachen kann die Verletzung von Bundesrecht (ein-
schliesslich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die un-
richtige und unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachver-
halts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Kognition im Bereich des
Ausländerrechts richtet sich nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
4.
Die Vorinstanz hat über die Asylgesuche des Beschwerdeführers, seiner
Mutter und seines Bruders in separaten Verfügungen entschieden. In den
Begründungen verweist sie jeweils auf die übrigen zwei Familienmitglieder.
Die Mutter und der Bruder haben die Verfügungen ebenfalls angefochten.
Das Bundesverwaltungsgericht hat für sie die Beschwerdeverfahren
E-4901/2019 (Mutter) respektive E-4925/2019 (Bruder) eröffnet. Diese Ver-
fahren wurden aufgrund des engen Sachzusammenhangs mit dem vorlie-
genden Verfahren koordiniert und im gleichen Spruchkörper entschieden.
5.
Der Beschwerdeführer hat mit seiner Beschwerde den in der vorinstanzli-
chen Verfügung angeordneten Wegweisungsvollzug angefochten. Die Ver-
neinung seiner Flüchtlingseigenschaft, die Ablehnung seines Asylgesuchs
und die Anordnung der Wegweisung blieben unangefochten und sind mit
Ablauf der Beschwerdefrist in Rechtskraft erwachsen. Gegenstand des
vorliegenden Beschwerdeverfahrens bildet somit einzig die Frage, ob die
Wegweisung zu vollziehen ist oder ob anstelle des Vollzugs eine vorläufige
Aufnahme anzuordnen ist.
6.
6.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das Staatssekretariat das Anwesenheitsverhältnis
nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme
(Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG).
6.2 Bezüglich der Geltendmachung von Wegweisungsvollzugshindernis-
sen gilt gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Be-
weisstandard wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst,
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sie sind zu beweisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls
wenigstens glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
6.3 Die genannten drei Bedingungen für einen Verzicht auf den Wegwei-
sungsvollzug (Unzulässigkeit, Unzumutbarkeit und Unmöglichkeit) sind al-
ternativer Natur. Sobald eine dieser Bedingungen erfüllt ist, ist der Vollzug
als undurchführbar zu betrachten und die weitere Anwesenheit der be-
troffenen Person in der Schweiz nach den Bestimmungen über die vorläu-
fige Aufnahme zu regeln (vgl. BVGE 2009/51 E. 5.4.).
7.
7.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
7.2 Die Vorinstanz begründet die Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs
damit, der Vollzug nach Kabul sei bei Vorliegen besonders begünstigender
Umstände zumutbar. Der Beschwerdeführer sei ein junger, gesunder, al-
leinstehender Mann. Vor seiner Ausreise habe er sieben Jahre in Kabul
gelebt und die Schule besucht. Nach seiner Rückreise könne er eine Er-
werbstätigkeit aufnehmen und selbst für seinen Lebensunterhalt sorgen.
Zudem kehre er gemeinsam mit seiner Mutter und seinem Bruder nach
Kabul zurück; nach der Rückkehr könnten sie sich gegenseitig unterstüt-
zen. In Kabul lebe ein Grossonkel mütterlicherseits, bei dem sie vor der
Ausreise einen Monat gewohnt hätten. In C._ habe er weitere Ver-
wandte. Folglich verfüge er über ein soziales Beziehungsnetz, das ihn bei
der Wiedereingliederung unterstützen könne. Ferner habe ihm sein Bruder
im Iran bereits früher mit Geldzahlungen geholfen.
7.3 Der Beschwerdeführer macht geltend, bei seiner Ausreise sei er min-
derjährig gewesen. Er habe in Kabul nie für sich selbst gesorgt. Er habe
keinen Schulabschluss und keinen Beruf erlernt. Als 14-Jähriger habe er
nur nebenbei in einer Druckerei gearbeitet, um sich Schulmaterialien kau-
fen zu können. Dies könne nicht als Berufserfahrung gewertet werden.
Nach der langen Abwesenheit sei er kaum in der Lage, bei einer Rückkehr
für seinen Lebensunterhalt aufzukommen. Das tragfähige soziale Bezie-
hungsnetz werde mit dem Grossonkel mütterlicherseits begründet. Der
Grossonkel sei ein armer Mann von circa 60 Jahren; die durchschnittliche
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Lebenserwartung afghanischer Männer liege bei 63 Jahren. Der Grosson-
kel habe eine Erstfrau in C._ und eine Zweitfrau mit Kindern in Ka-
bul. Er lebe hauptsächlich bei seiner Erstfrau in C._, wo er Land-
wirtschaft betreibe. In Kabul habe er keine Arbeit. Die Wohnung in Kabul
bestehe aus zwei Zimmern. Sie hätten sich vor der Ausreise lediglich
40 Tage dort aufgehalten. Es sei unerklärlich, wie ein einziger Mensch,
dessen Lebensmittelpunkt nicht in Kabul liege, ein tragfähiges Beziehungs-
netz darstellen könne. Der in Kabul arbeitslose, arme und alte Grossonkel
erfülle die Anforderungen an ein tragfähiges Beziehungsnetz in Kabul
nicht. Entgegen der Annahme der Vorinstanz habe der Bruder im Iran sie
in Afghanistan nie finanziell unterstützt; sie hätten vom Einkommen der
Mutter gelebt. Der Bruder habe lediglich etwas Geld für die Ausreise gege-
ben. Er lebe und arbeite illegal im Iran. Es könne nicht erwartet werden,
dass der Bruder einen Teil der illegalen Einkünfte für ihren Lebensunterhalt
zur Verfügung stelle. Der Wegweisungsvollzug seiner Mutter und seines
Bruders seien nicht in Rechtskraft erwachsen; ob sie nach Kabul zurück-
gewiesen würden, sei ungewiss. Er und sein Bruder seien mittlerweile voll-
jährig, weil die Vorinstanz über drei Jahre für das Asylverfahren gebraucht
habe. Nun verwende die Vorinstanz ihre Volljährigkeit als Argument für die
Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs, indem sie die Söhne als volljäh-
rige männliche Begleiter ihrer verwitweten Mutter hinstelle und davon aus-
gehe, dass sie als Familie in Kabul überleben könnten. Bei einer Rückkehr
seien die Mutter und der Bruder in Kabul selbst auf Unterstützung ange-
wiesen, was unmissverständlich aus ihren Asylentscheiden hervorgehe,
welche am selben Tag von derselben Person der Vorinstanz verfasst wor-
den seien. Die vorinstanzliche Argumentation, sie könnten sich gegenseitig
unterstützen, widerspreche folglich den eigenen Entscheiden, entbehre
jeglicher Logik und sei realitätsfremd. Unter Berücksichtigung der Akten-
lage und der Verfahrensdauer erwecke es den Anschein, als ob die Vo-
rinstanz mit einer Verschleppung des Asylverfahrens absichtlich ihre Voll-
jährigkeit abgewartet habe. Die Vorinstanz habe nicht berücksichtigt, dass
er sowie seine Mutter und sein Bruder auf dasselbe mutmassliche Bezie-
hungsnetz zurückgreifen müssten und dieses demnach in der Lage sein
müsste, drei Personen zu unterstützen. Des Weiteren müsse sich das trag-
fähige Beziehungsnetz am Ort befinden, wohin die Person zurückgebracht
werde. Die Vorinstanz verweise auf einen Grossonkel in C._, auf
einen Bruder im Iran sowie auf seine verwitwete Mutter und den jüngeren
Bruder in der Schweiz. Die Voraussetzungen für ein tragfähiges Bezie-
hungsnetz seien somit klarerweise nicht erfüllt. Bei einer Rückkehr müsste
er zudem gemäss Argumentation der Vorinstanz ebenfalls seine Mutter
und seinen jüngeren Bruder unterstützen, weshalb es sich bei ihm nicht um
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einen alleinstehenden Mann handle, der nur für sich selbst sorgen müsste.
Es würden demnach keine begünstigenden Faktoren gemäss dem Refe-
renzurteil
D-5800/2016 vorliegen. Der Wegweisungsvollzug sei unzumutbar.
7.4 In der Vernehmlassung führt die Vorinstanz aus, nach einem mehrjäh-
rigen Aufenthalt in Kabul könne davon ausgegangen werden, der Be-
schwerdeführer verfüge dort über ein soziales Beziehungsnetz; einerseits
mit dem Verwandten mütterlicherseits, andererseits mit sozialen Kontak-
ten, die sich mit überwiegender Wahrscheinlichkeit während des mehrjäh-
rigen Aufenthalts ergeben und gefestigt hätten. Zudem habe er die prägen-
den Jugendjahre in Kabul verbracht, sei dort sozialisiert worden, verfüge
über eine zehnjährige Schulbildung sowie zwei Jahre Arbeitserfahrung und
sei mit den örtlichen Konventionen vertraut. Es könne erwartet werden,
dass er eine Erwerbstätigkeit aufnehmen und nach der Eingewöhnungs-
phase – für die Rückkehrhilfe in Anspruch genommen werden könne –
selbständig für seinen Lebensunterhalt aufkommen könne.
7.5 Der Beschwerdeführer entgegnet, die Vorinstanz erachte ein tragfähi-
ges soziales Beziehungsnetz in Kabul offenbar nicht als Voraussetzung für
die Anordnung des Wegweisungsvollzuges. Zum einen geht sie davon aus,
die Rückkehrhilfe reiche für eine Reintegration in Kabul aus. Zum anderen
erwähne sie seine Mutter und seinen Bruder, welche sich selber reintegrie-
ren müssten. Weder seine Mutter und der Bruder noch seine nicht näher
bezeichneten Verwandten in C._ würden ein tragfähiges Bezie-
hungsnetz darstellen, welches ihn auffangen könnte.
8.
8.1 Das Bundesverwaltungsgericht hat mit Referenzurteil D-5800/2016
vom 13. Oktober 2017 eine aktuelle Lageeinschätzung zu Afghanistan, ins-
besondere zu Kabul, vorgenommen. Das Gericht stellte eine deutliche Ver-
schlechterung der Sicherheitslage seit dem letzten Länderurteil des Bun-
desverwaltungsgerichts im Jahr 2011 (BVGE 2011/7) über alle Regionen
hinweg fest. Es kam zum Schluss, dass in weiten Teilen von Afghanistan
unverändert eine derart schlechte Sicherheitslage und derart schwierige
humanitäre Bedingungen bestehen würden, dass die Situation als exis-
tenzbedrohend im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG zu qualifizieren und somit
der Wegweisungsvollzug nach wie vor als unzumutbar zu beurteilen sei.
Die Sicherheitslage und die allgemeine humanitäre Situation in Kabul seien
aus verschiedenen Gründen differenziert und gesondert zu analysieren. Im
heutigen Zeitpunkt würden sich sowohl die Sicherheitslage, welche als
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volatil und von zahlreichen Anschlägen geprägt zu bezeichnen sei, als
auch die humanitäre Situation in Kabul im Vergleich zu der in BVGE 2011/7
beschriebenen Situation klar verschlechtert darstellen. Die Lage in Kabul
sei daher grundsätzlich als existenzbedrohend und demnach unzumutbar
gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG zu beurteilen. Von dieser Regel könne abgewi-
chen werden, falls besonders begünstigende Faktoren vorliegen würden,
aufgrund derer ausnahmsweise von der Zumutbarkeit des Vollzugs ausge-
gangen werden könne (vgl. vorgenanntes Referenzurteil E. 8.2 ff.).
Solche günstigen Voraussetzungen könnten namentlich dann gegeben
sein, wenn es sich bei der rückkehrenden Person um einen jungen, gesun-
den Mann handle. Unabdingbar sei in jedem Fall ein soziales Netz, das
sich im Hinblick auf die Aufnahme und Wiedereingliederung des Rückkeh-
renden als tragfähig erweise. Dieses soziale Netz müsse dem Rückkeh-
renden insbesondere eine angemessene Unterkunft, Grundversorgung so-
wie Hilfe zur sozialen und wirtschaftlichen Reintegration bieten können. Al-
lein aufgrund von losen Kontakten zu Bekannten, Verwandten oder auch
Mitgliedern der Kernfamilie, bei welchen insbesondere das wirtschaftliche
Fortkommen sowie die Unterbringung ungeklärt seien, sei nicht von einem
tragfähigen sozialen Beziehungsnetz auszugehen. Es liege in der Natur
der Sache, dass bei Personen, bei welchen Kabul lediglich eine Aufent-
haltsalternative darstelle und die somit kaum oder nie in Kabul gelebt ha-
ben, eine Bejahung eines solchen tragfähigen sozialen Netzes noch grös-
serer Zurückhaltung bedürfe. Ebenso sei entscheidrelevant, über welche
Berufserfahrung die rückkehrende Person verfüge beziehungsweise inwie-
fern eine wirtschaftliche Wiedereingliederung mit einer bezahlten Arbeit im
Zusammenspiel mit dem Beziehungsnetz begünstigt werden könne. Ange-
sichts der festgestellten Verschlechterung der Lage in Kabul verstehe es
sich von selbst, dass das Vorliegen dieser strengen Anforderungen in je-
dem Einzelfall sorgfältig geprüft werde und diese erfüllt sein müssen, um
einen Wegweisungsvollzug nach Kabul als zumutbar zu betrachten
(vgl. vorgenanntes Referenzurteil E. 8.4.1).
8.2 Beim Beschwerdeführer handelt es sich um einen jungen, gesunden
Mann. Er verfügt weder über einen Schulabschluss noch über eine Berufs-
ausbildung. Begleitend zum Schulbesuch arbeitete er circa zwei Jahre in
einer Druckerei, um sich das Geld für das Schulmaterial zu verdienen. Auf-
grund der Tätigkeit und der Entlöhnung ist davon auszugehen, dass es sich
nur um eine Hilfsarbeit gehandelt hat, welche kaum als Berufserfahrung
gewertet werden kann. Der Beschwerdeführer verfügt über keinerlei finan-
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zielle Mittel. Seine Mutter ist für seinen Lebensunterhalt in Afghanistan auf-
gekommen. In Afghanistan befinden sich keine Mitglieder seiner Kernfami-
lie; sein Vater ist tot, seine Mutter und sein jüngerer Bruder leben in der
Schweiz und sein älterer Bruder lebt im Iran. Zu den Verwandten seines
Vaters hat er keinen Kontakt. Seine Grossmutter und Tanten mütterlicher-
seits wohnen in C._. Ein Grossonkel mütterlicherseits lebt mit sei-
ner Erstfrau in C._. Seine Zweitfrau, welche der Grossonkel ab und
zu besucht, lebt mit drei Kindern in einer Zweizimmerwohnung in Kabul.
Vorab ist darauf hinzuweisen, dass das tragfähige, soziale Beziehungsnetz
am Ort, an welchen die betroffene Person zurückgewiesen wird, vorhan-
den sein muss. Vorliegend ist dies Kabul. Der Grossonkel hat seinen Le-
bensmittelpunkt in C._ und hält sich nur gelegentlich in Kabul auf,
womit er von vornherein nur bedingt als Beziehungsnetz herangezogen
werden kann. Zudem ist der Grossonkel mit circa 61 Jahren ein alter Mann,
der den Lebensunterhalt für seine zwei Familien mit der Bewirtschaftung
von gepachtetem Land bestreitet. Der Beschwerdeführer durfte zwar vor
seiner Ausreise 40 Tage mit seiner Mutter und seinem Bruder bei der
Zweitfrau in Kabul wohnen. Aufgrund der bescheidenen Lebensverhält-
nisse des Grossonkels und der Wohnverhältnisse der Zweitfrau in Kabul
ist aber nicht anzunehmen, dass der Grossonkel langfristig in der Lage ist,
dem Beschwerdeführer eine angemessene Unterkunft, eine Grundversor-
gung sowie Hilfe zur sozialen und wirtschaftlichen Reintegration zu bieten.
Des Weiteren hat der Beschwerdeführer zu Recht darauf hingewiesen,
dass die Vorinstanz sowohl für die Zumutbarkeit seines Wegweisungsvoll-
zugs als auch für diejenige seiner Mutter und seines Bruders diesen einen
Grossonkel als Beziehungsnetz heranzog. Das heisst, der Grossonkel
müsste in der Lage sein, für drei erwachsene Personen zu sorgen. Dies ist
aufgrund der geschilderten Umstände ausgeschlossen. Soweit die Vo-
rinstanz argumentiert, der Beschwerdeführer habe noch Verwandte in
C._ und einen Bruder im Iran, ist wiederum festzustellen, dass das
tragfähige, soziale Beziehungsnetz in Kabul vorhanden sein muss. Im Üb-
rigen dürften weder der illegal im Iran lebende Bruder noch die Grossmutter
und Tanten in C._ in der Lage sein, ihn zu unterstützen. So hat der
Beschwerdeführer angegeben, in Kabul sei die Mutter für den Lebensun-
terhalt der Familie aufgekommen; sie seien von niemanden sonst unter-
stützt worden (SEM-Akten, act. A18 F 57 f.). Der vorinstanzliche Hinweis,
der Beschwerdeführer habe mehrere Jahre in Kabul gelebt, weshalb er dort
über ein soziales Netzwerk verfügen dürfte, steht im Widerspruch zum Re-
ferenzurteil. Darin wird explizit ausgeführt, dass aufgrund loser Kontakte
zu Bekannten, Verwandten oder auch Mitgliedern der Kernfamilie, bei wel-
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chen insbesondere das wirtschaftliche Fortkommen sowie die Unterbrin-
gung ungeklärt seien, nicht von einem tragfähigen sozialen Beziehungs-
netz auszugehen sei. Dem vorinstanzlichen Argument, der Beschwerde-
führer, seine Mutter und sein Bruder könnten sich bei einer gemeinsamen
Rückkehr gegenseitig unterstützen, ist nicht zu folgen. Die Mutter und der
Bruder wären bei einer Rückkehr ebenfalls auf eine umfassende Unterstüt-
zung durch ein tragfähiges soziales Beziehungsnetz angewiesen und we-
der in der Lage für sich selbst noch für den Beschwerdeführer zu sorgen.
Der Beschwerdeführer verfügt in Kabul nicht über ein tragfähiges soziales
Beziehungsnetz, das ihm eine angemessene Unterkunft, Grundversorgung
sowie Hilfe zur sozialen und wirtschaftlichen Reintegration bieten könnte.
Er hat somit in Kabul weder eine gesicherte Wohnsituation noch Mittel für
die Grundversorgung. Aufgrund seiner fehlenden Schul- und Berufsbildung
sind seine wirtschaftlichen Reintegrationsmöglichkeiten in Kabul als äus-
serst gering einzuschätzen. Es ist davon auszugehen, dass er bei einer
Rückkehr in eine existenzielle Notlage geraten würde. Folglich liegen – in
Anbetracht der strengen Anforderungen – keine besonders begünstigen-
den Faktoren vor, welche es erlauben würden, von der Regel der Unzu-
mutbarkeit des Wegweisungsvollzugs nach Kabul abzuweichen. Da den
Akten keine Gründe im Sinne von Art. 83 Abs. 7 AIG zu entnehmen sind,
ist der Beschwerdeführer vorläufig aufzunehmen. Anzufügen ist, dass sei-
ner Mutter und seinem Bruder ebenfalls die vorläufige Aufnahme gewährt
worden ist (vgl. Urteile des BVGer E-4901/2019 vom 3. November 2020
und E-4925/2019 vom 3. November 2020).
9.
Die Beschwerde ist somit gutzuheissen. Die Dispositivziffern 4 und 5 der
Verfügung vom 5. September 2019 sind aufzuheben. Die Vorinstanz ist an-
zuweisen, den Beschwerdeführer wegen Unzumutbarkeit des Wegwei-
sungsvollzugs in der Schweiz vorläufig aufzunehmen.
10.
10.1 Der Beschwerdeführer hat mit seiner Beschwerde vollständig obsiegt.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63
Abs. 1 und 2 VwVG).
10.2 Dem vertretenen Beschwerdeführer ist angesichts seines Obsiegens
in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht (VGKE; SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihm
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notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen. Der Rechts-
vertreter des Beschwerdeführers reichte eine Honorarnote in der Höhe von
Fr. 2'440.– (inkl. Auslagen) ein. Dieser Betrag erscheint angemessen und
ist dem Beschwerdeführer zulasten der Vorinstanz als Parteientschädi-
gung zuzusprechen.
(Dispositiv nächste Seite)
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