Decision ID: fcb7c437-7e7e-46ea-b03c-9f0774c8904a
Year: 2013
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführerin,
gegen
Sozialversicherungsanstalt des Kantons St. Gallen, Ausgleichskasse des Kantons St.
Gallen, Brauerstrasse 54, Postfach, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/8
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Ergänzungsleistung zur AHV (Waisenrente)
Sachverhalt:
A.
A.a A._ bezieht eine Waisenrente der Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHV).
Am 19. September 2011 meldete sie sich zum Bezug von Ergänzungsleistungen (EL)
bei der Ausgleichskasse des Kantons St. Gallen als EL-Durchführungsstelle an (EL-
act. 34–1 ff.). Den der Anmeldung beigelegten Unterlagen lässt sich unter anderem
entnehmen, dass sie an der Universität X._ studiert (EL-act. 36) und als Untermieterin
in einer möblierten Wohnung in der Stadt Y._ wohnt, wobei sie monatlich Fr. 990.--
für die Miete der Wohnung, der Möbel, für Stromanteil und die Benutzung des
Internetanschlusses bezahlt (EL-act. 35–1 f.). Am 26. September 2011 gingen der EL-
Durchführungsstelle weitere Unterlagen zu, unter anderem ein Auszug aus einer
Verfügung des Sozialamtes B._ vom 5. Mai 2011, mit welcher dem Vater der
Versicherten Fürsorgeleistungen zugesprochen worden waren (EL-act. 24–6 f.).
A.b Mit Verfügung vom 10. Januar 2012 sprach die EL-Durchführungsstelle der Ver
sicherten für die Monate Oktober bis und mit Dezember 2011 eine Ergänzungsleistung
von monatlich Fr. 1’470.-- und ab Januar 2012 eine solche von monatlich Fr. 1’492.--
zu. Bei der Berechnung des EL-Anspruchs anerkannte sie unter anderem als Ausgabe
einen Mietzins von Fr. 9’840.-- und einen Lebensbedarf von Fr. 9’945.-- (EL-act. 7 ff.).
B.
B.a Dagegen erhob die Versicherte am 31. Januar 2012 Einsprache. Sie beantragte,
einen Lebensbedarf von Fr. 19’050.-- als Ausgabe anzuerkennen, und führte zur Be
gründung aus, sie wohne nicht mehr in häuslicher Gemeinschaft mit ihrem Vater, wes
halb der Lebensbedarf für Alleinstehende zu berücksichtigen sei (EL-act. 4).
B.b Mit Entscheid vom 11. April 2012 wurde die Einsprache abgewiesen und die
angefochtene Verfügung zuungunsten der Versicherten geändert. Der Versicherten sei
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/8
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
es unter Berücksichtigung ihrer Schadenminderungspflicht zuzumuten, während der
Dauer ihres Studiums bei ihrem Vater zu wohnen, weshalb lediglich entsprechende
Kosten berücksichtigt werden könnten, nämlich der tiefere Lebensbedarf für Kinder
sowie anstelle des effektiven Mietzinses der hälftige Eigenmietwert der Liegenschaft
des Vaters. Da gemäss einem Onlineartikel des Tagesanzeigers vom 23. November
2010 rund drei Viertel aller Studenten einer Nebenerwerbstätigkeit nachgingen, sei es
der Versicherten darüber hinaus zumutbar, ebenfalls eine Nebenerwerbstätigkeit
aufzunehmen. Aus diesem Grund seien auch nicht die geleisteten AHV-Beiträge für
Nichterwerbstätige als Ausgaben anzuerkennen – bei entsprechender Tätigkeit würden
Beiträge für Erwerbstätige erhoben und als Ausgaben anerkannt. Der EL-Anspruch
wurde für die Monate Oktober bis und mit Dezember 2011 auf je Fr. 1’120.-- und per
1. Januar 2012 auf monatlich Fr. 1’142.-- festgelegt (act. G 3.1).
C.
C.a Dagegen richtet sich die am 11. Mai 2012 erhobene Beschwerde, mit der sinnge
mäss die Erhöhung der jährlichen Ergänzungsleistung, nämlich mittels Anerkennung
eines höheren Lebensbedarfes, höherer Mietkosten und der geleisteten AHV-Beiträge,
sowie die Ausrichtung einer angemessenen Parteientschädigung beantragt wird
(act. G 1).

C.b Die Beschwerdegegnerin schliesst unter Hinweis auf die Erwägungen im ange
fochtenen Einspracheentscheid auf Abweisung der Beschwerde (act. G 3).
C.c Mit Replik vom 25. Juni 2012 liess die Beschwerdeführerin an den mit
Beschwerde vom 11. Mai 2012 gestellten Anträgen festhalten (act. G 5).
C.d Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik.
Erwägungen:
1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/8
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Bei den Ergänzungsleistungen und insbesondere der jährlichen Ergänzungsleistung im
Sinne von Art. 3 Abs. 1 lit. a des Bundesgesetzes über Ergänzungsleistungen zur
Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenversicherung (ELG; SR 831.30) handelt es sich
um Bedarfsleistungen, die den berechtigten Personen die Deckung ihres Existenz
bedarfs ermöglichen sollen (vgl. Art. 2 Abs. 1 ELG). Als solche haben sie sich an der
konkreten Ausgaben- und Einnahmesituation zu orientieren (vgl. etwa Ralph Jöhl, Er
gänzungsleistungen zur AHV/IV, in: Ulrich Meyer (Hrsg.), 2. Aufl. 2007, Schweizerisches
Bundesverwaltungsrecht, Band XIV Soziale Sicherheit, Rz. 62, oder BGE 122 V 19
E. 5a S. 24 mit weiteren Hinweisen). Die jährliche Ergänzungsleistung entspricht dem
Betrag, um den die gemäss Art. 10 ELG anerkannten Ausgaben die gemäss Art. 11
ELG anrechenbaren Einnahmen übersteigen (Art. 9 Abs. 1 ELG). Zu den anerkannten
Ausgaben zählen insbesondere eine Pauschale für den allgemeinen Lebensbedarf, der
für alleinstehende Personen aktuell Fr. 19’120.-- beträgt, der Mietzins einer Wohnung
und die damit zusammenhängenden Nebenkosten, für alleinstehende Personen aktuell
maximal Fr. 13’200.--, und eine Pauschale für die obligatorische Krankenpflegever
sicherung. Mittels Pauschalierungen und Limitierungen der anrechenbaren Ausgaben
wird der Betrag der jährlichen Ergänzungsleistung limitiert. So wird Alleinstehenden, die
eine Wohnung für jährlich mehr als Fr. 13’200.-- mieten, lediglich ein Anteil in eben
diesem Betrag als Ausgabe anerkannt. Den Mehrbetrag müssen die Betroffenen mithin
selbst tragen. Innerhalb der in den Art. 10 f. ELG aufgestellten Regeln über die An
erkennung von Ausgaben und die Anrechnung von Einnahmen spielt der allgemeine
sozialversicherungsrechtliche Grundsatz der Schadenminderungspflicht eine unterge
ordnete Rolle. Die bedeutsamste, in Art. 11 Abs. 1 lit. g ELG explizit normierte, als Aus
fluss der Schadenminderungspflicht zu qualifizierende Ausnahme der Anrechnung der
tatsächlichen Ausgaben und Einnahmen im Rahmen der erwähnten Pauschalierungen
und Limitierungen stellt die Anrechnung von Einkommen und Vermögenswerten, auf
die verzichtet worden ist, dar. Könnte beispielsweise eine versicherte Person eine Er
werbstätigkeit in einem Pensum von 60 Prozent ausüben, arbeitet sie effektiv aber nur
zu 40 Prozent, so ist ihr unter Umständen ein Verzichtseinkommen von 20 Prozent an
zurechnen.
2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/8
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.1 Die Beschwerdegegnerin lebt alleine, weshalb grundsätzlich die allgemeine
Lebensbedarfspauschale für Alleinstehende und die effektive Miete bis zum für Allein
stehende vorgesehenen Maximalbetrag anzurechnen ist. Sie entgegen der tatsäch
lichen Verhältnisse so zu stellen, als würde sie bei ihrem Vater leben, heisst, von den
tatsächlichen, grundsätzlich massgebenden tatsächlichen Verhältnissen abzuweichen.
Die Rechtfertigung dafür könnte einzig eine entsprechende Schadenminderungspflicht
bilden. Eine andere, gesetzlich gestützte Begründung für eine entsprechende Bedarfs
berechnung ist nicht ersichtlich.
2.2 Von der Beschwerdeführerin zu verlangen, wieder zum Vater zu ziehen, hiesse,
von einem EL-Bezüger mit eigenem Rentenanspruch zu verlangen, bei einem
Verwandten zu wohnen, um die eigenen Ausgaben zu minimieren. Für eine derart
weitgehende Schadenminderungspflicht findet sich im Gesetz keine Stütze. Es besteht
auch kein Bedarf dafür, denn die Limitierung der Mietkosten in Art. 10 Abs. 1 lit. b
Ziff. 1 ELG wie auch die Begrenzung des allgemeinen Lebensbedarfs in Art. 10 Abs. 1
lit. a Ziff. 1 ELG verhindern die Bestreitung übermässiger Ausgaben mittels
Ergänzungsleistungen. Weitere Kürzungen dieser Ausgabeposten sind vor diesem
Hintergrund – insbesondere soweit sie die Niederlassungsfreiheit und damit die
persönliche Lebensführung einschränken – als zu einschneidend zu qualifizieren und
entsprechend nur in besonderen Ausnahmefällen zulässig. Ein solcher besonderer
Ausnahmefall liegt hier allerdings nicht vor. Der Beschwerdeführerin kann deshalb nicht
zugemutet werden, wieder zu ihrem Vater zu ziehen, bloss, um ihre (bescheidenen)
Ausgaben weiter zu minimieren. Der angefochtene Einspracheentscheid ist insofern
aufzuheben.
2.3 Es stellt sich allerdings die Frage, ob der Vater der Beschwerdeführerin
verpflichtet wäre, die Beschwerdeführerin mit Unterhaltszahlungen zu unterstützen (vgl.
Art. 11 Abs. 1 lit. h ELG). Art. 277 Abs. 2 des Schweizerischen Zivilgesetzbuches (ZGB;
SR 210) sieht vor, dass Eltern ihre volljährigen Kinder, soweit es ihnen nach den
gesamten Umständen zugemutet werden darf, zu unterstützen haben, solange die
Kinder noch keine angemessene Ausbildung abgeschlossen haben bzw. bis eine ent
sprechende Ausbildung ordentlicherweise abgeschlossen werden kann. Da der Vater
der Beschwerdeführerin selbst fürsorgeabhängig ist (vgl. EL-act. 24–6 f., act. G 1.3 und
act. G 1.6), besteht keine Aussicht auf Erfolg, Unterhaltsansprüche ihm gegenüber
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/8
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
geltend machen zu können. Der Beschwerdeführerin kann mithin auch kein ent
sprechendes Einkommen angerechnet werden. Selbst wenn aus ergänzungsleistungs
rechtlicher Sicht eine Unterhaltspflicht des Vaters grundsätzlich bejaht würde (etwa,
weil er nicht sozialhilfebedürftig wäre), dürften die Behörden – Verwaltung und Gericht
– nicht selber einen hypothetischen Beitrag anrechnen, sondern müssten vielmehr von
der Beschwerdeführerin den Gang ans Zivilgericht abmahnen.
2.4 Grundsätzlich sind deshalb die effektiven Mietkosten anzurechnen. Zu beachten
ist allerdings, dass der Mietzins von Fr. 990.-- pro Monat unter anderem auch die Miete
der Wohnungseinrichtung, des Internetzugangs und des Strombedarfs abgilt, nämlich
im Betrag von Fr. 200.-- pro Monat (vgl. EL-act. 28–2 f.). Sowohl Möbel als auch
Internetzugang und Strombedarf fallen unter den Begriff des allgemeinen
Lebensbedarfs und nicht unter jenen der Wohnkosten. Der Anteil des Mietzinses für
Möbel, Internet und Strom ist deshalb von den Wohnkosten abzuziehen und als im
allgemeinen Lebensbedarf inbegriffen zu qualifizieren. Mit anderen Worten sind
lediglich Wohnkosten von Fr. 790.-- pro Monat bzw. Fr. 9’480.-- pro Jahr
anzuerkennen.
2.5 Sodann ist, weil die Beschwerdeführerin alleine in ihrer Wohnung lebt und insbe
sondere nicht bei ihrem Vater, die Pauschale für den allgemeinen Lebensbedarf für
Alleinstehende anzurechnen. Es gelangt mit anderen Worten Art. 10 Abs. 1 lit. a Ziff. 1
ELG zur Anwendung und nicht Art. 10 Abs. 1 lit. a Ziff. 3 ELG.
3.
3.1 Die Aufnahme einer Nebenerwerbstätigkeit während eines Vollzeitstudiums ist
schliesslich jedenfalls keine so selbstverständliche und offensichtliche Pflicht, dass sie
ohne vorgängige Abmahnung in Anspruch zu nehmen wäre. Hinzu kommt, dass die
Beschwerdeführerin Stipendien erhält (vgl. act. G 1.5). Bei der Zusprache von
Stipendien wird unter anderem berücksichtigt, wie hoch ein zumutbarerweise
erzielbares Einkommen ist, wobei der Beschwerdeführerin vorliegend augenscheinlich
keine Erwerbstätigkeit zugemutet wurde. Würde sie nun von der Beschwerdegegnerin
faktisch gezwungen, eine an sich nicht zumutbare Erwerbstätigkeit aufzunehmen, hätte
dies Einfluss auf die Höhe der Stipendien. Diese würden dann wohl entsprechend
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/8
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
gekürzt. Die Anrechnung eines Verzichtseinkommens würde daher indirekt zu einer
Anrechnung der Stipendien führen, was gemäss Art. 11 Abs. 3 lit. e ELG unzulässig ist.
Schliesslich hat eine allgemeine Erhebung darüber, welcher Anteil von Studenten einer
Nebenerwerbstätigkeit nachgeht, wenig Relevanz im Einzelfall. Es ist fraglich, ob
daraus die Vermutung abgeleitet werden könnte, der Beschwerdeführerin sei es
zumutbar, einer Nebenerwerbstätigkeit nachzugehen, zumal ebenso notorisch ist, dass
der Stundenplan an der Universität X._ – vor allem nach Einführung des so
genannten Bologna-Systems – sehr straff ist und kaum Spielraum für die Ausübung
einer Nebenerwerbstätigkeit zulässt. Die Anrechnung eines hypothetischen
Erwerbseinkommens verbietet sich deshalb.
3.2 Selbstverständlich sind entsprechend die tatsächlich geleisteten Beiträge für
Nichterwerbstätige an die AHV als Ausgaben anzuerkennen. Dies wäre auch der Fall,
wenn die Aufnahme einer Erwerbstätigkeit zugemutet würde, und zwar bis zu dem
Zeitpunkt, in dem erstmals ein Erwerbseinkommen angerechnet würde. Der
angefochtene Einspracheentscheid ist auch diesbezüglich zu korrigieren.
4.
4.1 Gesamthaft obsiegt die Beschwerdeführerin, da ihren Anträgen – Anerkennung
eines höheren Lebensbedarfs, der höheren Mietkosten und der Beiträge an die AHV –
für den massgebenden Zeitraum weitgehend entsprochen wird. Die Kürzung um die im
Mietvertrag vereinbarten Lebenshaltungskosten (Strom, Internet, Möblierung) wirkt sich
nicht wesentlich auf den Entscheid aus. Der angefochtene Einspracheentscheid ist in
weitgehender Gutheissung der Beschwerde aufzuheben; die Beschwerdegegnerin hat
den EL-Anspruch im Sinne der obigen Erwägungen neu zu berechnen und an
schliessend neu zu verfügen.
4.2 Gerichtskosten sind keine zu erheben.
4.3 Eine Parteientschädigung kann der Beschwerdeführerin trotz weitgehenden Ob
siegens nicht zugesprochen werden, da sie im vorliegenden Verfahren nicht anwaltlich
vertreten war, sondern ihre Sache selbst geführt hat und ausserordentliche Umtriebe
nicht ausgewiesen sind.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/8
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP