Decision ID: 6485e360-bff9-4f05-8688-ac6190103eaa
Year: 2018
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a A._ bezog im Kanton Thurgau Ergänzungsleistungen zu einer Rente der
Invalidenversicherung. Nachdem die EL-Durchführungsstelle des Kantons Thurgau
Kenntnis davon erhalten hatte, dass A._ bereits ab dem 1. Februar 2015 zwei
deutsche Renten bezogen hatte, die bei der EL-Anspruchsberechnung nicht
berücksichtigt worden waren, setzte sie die laufende Ergänzungsleistung mit einer
Verfügung vom 4. Mai 2016 rückwirkend per 1. Februar 2015 herab; gleichzeitig
forderte sie von A._ unrechtmässig bezogene Ergänzungsleistungen von total 24’140
Franken zurück (EL-act. 85).
A.b Am 20. Mai 2016 erhob A._ bei der EL-Durchführungsstelle des Kantons
Thurgau eine Einsprache gegen die Verfügung vom 4. Mai 2016 (EL-act. 87). Im
Oktober 2017 verlegte sie ihren Wohnsitz in den Kanton St. Gallen (EL-act. 119). Mit
einem Einspracheentscheid vom 17. November 2017 korrigierte die EL-
Durchführungsstelle des Kantons Thurgau die angefochtene Verfügung vom 4. Mai
2016 zu Ungunsten von A._ (sog. reformatio in peius; EL-act. 127).
B.
B.a Am 25. November 2017 erhob A._ bei der EL-Durchführungsstelle des Kantons
Thurgau einen – nicht unterzeichneten – „Einspruch“ gegen den Einspracheentscheid
vom 17. November 2017 (act. G 1.1). Diese leitete die Eingabe „zur weiteren
Veranlassung“ an das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen weiter (act. G 1).
Am 13. Dezember 2017 forderte das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen
A._ auf, die Beschwerdeschrift zu verbessern (act. G 2). Dieser Aufforderung kam
A._ am 22. Januar 2018 nach (act. G 5). Am 2. Mai 2018 hielt das
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Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen A._ an, die Beschwerdeschrift auch
noch zu unterzeichnen (act. G 9). Die unterzeichnete Beschwerde ging am 5. Mai 2018
bei der EL-Durchführungsstelle des Kantons Thurgau ein (vgl. die handschriftliche Notiz
auf act. G 1). Diese leitete die Eingabe am 7. Mai 2018 an das Versicherungsgericht
des Kantons St. Gallen weiter (act. G 11).
B.b Das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen sah davon ab, die EL-
Durchführungsstelle des Kantons Thurgau zur Beschwerdeantwort aufzufordern,
sondern prüfte direkt seine örtliche Zuständigkeit zur Behandlung der Beschwerde.

Erwägungen
1.
1.1 Laut dem Art. 58 Abs. 1 ATSG ist das Versicherungsgericht jenes Kantons örtlich
zuständig zur Behandlung einer Beschwerde gegen einen Einspracheentscheid, in dem
die versicherte Person im Zeitpunkt der Beschwerdeerhebung ihren Wohnsitz hat.
Anders als beispielsweise das IVG sieht das ELG keine Abweichung von diesem
Grundsatz vor. Im Bereich der Ergänzungsleistungen bestimmt sich die örtliche
Zuständigkeit zur Behandlung einer Beschwerde folglich ausschliesslich nach dem Art.
58 Abs. 1 ATSG.
1.2 Der Wortlaut des Art. 58 Abs. 1 ATSG ist klar: Die örtliche Zuständigkeit bestimmt
sich nach dem Wohnsitz der versicherten Person im Zeitpunkt der
Beschwerdeerhebung. Für die Auslegung einer Gesetzesnorm ist allerdings nicht allein
deren Wortlaut massgebend, selbst wenn er als noch so klar erscheint. Eine sorgfältige
Interpretation hat auch den Willen des historischen Gesetzgebers, den systematischen
Kontext der Norm und den Sinn und Zweck der Bestimmung zu berücksichtigen.
1.3 Den Materialien zum ATSG lässt sich entnehmen, dass der Art. 58 Abs. 1 ATSG
weitgehend dem früheren Art. 86 Abs. 3 KVG (der allerdings alternativ eine örtliche
Zuständigkeit am Sitz der Versicherung vorgesehen hatte) entspricht. Mit dieser
(eingeschränkten) Anleihe an die frühere krankenversicherungsrechtliche Lösung hat
der historische Gesetzgeber den Grundsatz verankern wollen, dass sich der
Gerichtsstand nach dem Wohnsitz der versicherten Person bestimmt (vgl. den Bericht
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der Kommission des Nationalrates für soziale Sicherheit und Gesundheit vom 26. März
1999, BBl 1999 4620). Damit sollte nicht nur ein einheitliches Anknüpfungskriterium für
die örtliche Zuständigkeit geschaffen, sondern auch sichergestellt werden, dass sich
jenes Gericht mit einer Streitsache befasst, das dem zu beurteilenden Sachverhalt am
nächsten steht (vgl. dazu auch UELI KIESER, ATSG-Kommentar, 3. Aufl. 2015, Art. 58
N 16). An den eher seltenen Fall, dass die versicherte Person ihren Wohnsitzkanton im
Zeitraum zwischen der Einsprache- und der Beschwerdeerhebung wechselt, hat der
historische Gesetzgeber aber offenbar nicht gedacht.
1.4 In systematischer Hinsicht ist massgebend, dass die
Bundessozialversicherungszweige einen unterschiedlich starken Bezug zum
kantonalen Recht aufweisen. Die erste Säule (AHV/IV), die Unfall- und die
Militärversicherung richten sich beispielsweise ausschliesslich nach Bundesrecht. Die
Familienzulagen sind dagegen weitgehend kantonalrechtlich geregelt; die
entsprechenden Bundesgesetze (FamZG; FLG) enthalten lediglich gewisse
vereinheitlichende Rahmenbestimmungen. Dementsprechend sieht der Art. 22 FamZG
Vor, dass sich die örtliche Zuständigkeit zur Behandlung einer Beschwerde in
Abweichung vom Art. 58 Abs. 1 ATSG danach bestimmt, welche (kantonale)
Familienzulagenordnung anwendbar ist. Selbst das AHVG und das IVG sehen
allerdings trotz der fehlenden kantonalrechtlichen Bezüge vor, dass nicht das
Versicherungsgericht am Wohnsitz der versicherten Person, sondern jenes am Ort der
verfügenden Ausgleichskasse beziehungsweise IV-Stelle örtlich zuständig ist. Die
jährliche Ergänzungsleistung ist zwar weitgehend bundesrechtlich geregelt. Die
Kantone können aber ergänzende Vorschriften betreffend die jährliche
Ergänzungsleistung erlassen, weshalb diese einen starken kantonalrechtlichen Bezug
aufweist. Die zweite Komponente der Ergänzungsleistung, die Vergütung von
Krankheits- und Behinderungskosten, richtet sich sogar fast ausschliesslich nach
kantonalem Recht. Das Bundesgesetz enthält nur einige Minimal- und
Rahmenvorschriften. Gesamthaft zeichnet sich das Ergänzungsleistungsrecht also
durch einen gewichtigen kantonalrechtlichen Bezug aus. In systematischer Hinsicht
drängt sich deshalb eine örtliche Zuständigkeitsregelung auf, die diesem Umstand
Rechnung trägt, denn andernfalls wäre ein kantonales Versicherungsgericht
gezwungen, anstelle des für es einzig massgebenden Bundes- und kantonalen Rechts
ausserkantonale Bestimmungen anzuwenden, was verfassungsrechtlich gar nicht
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zulässig wäre. Massgebendes Recht für ein kantonales Versicherungsgericht kann aber
nur das Bundesrecht und das Recht des eigenen Kantons sein; das Recht eines
anderen Kantons gehört dagegen nicht zum geltenden Recht. Das
Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen kann weder berechtigt noch verpflichtet
sein, die Anwendung thurgauischen EL-Rechts (z.B. betreffend die Höchstbeträge der
Heimtaxen oder betreffend Krankheits- und Behinderungskosten) durch die EL-
Durchführungsstelle des Kantons Thurgau auf ihre Gesetzmässigkeit zu überprüfen.
Die Zuständigkeitsordnung müsste im Ergänzungsleistungsrecht also so ausgestaltet
sein, dass die Anwendung von ausserkantonalem „Nicht-Recht“ vermieden würde. Sie
müsste folglich eher jener im Familienzulagenrecht (das ebenfalls stark
kantonalrechtlich geprägt ist) als jener im Unfall- oder Militärversicherungsrecht (das
ausschliesslich bundesrechtlich geregelt ist) entsprechen. Aus systematischer Sicht ist
das Fehlen einer entsprechenden Abweichung vom Art. 58 Abs. 1 ATSG somit als eine
(unechte) Gesetzeslücke zu qualifizieren.
1.5 Der Art. 58 Abs. 1 ATSG verfolgt zwei Ziele: Erstens will er ein einheitliches
Anknüpfungskriterium schaffen und zweitens will er einen engen sachlichen Bezug
zwischen dem Verwaltungs- und dem Beschwerdeverfahren herstellen. Hinsichtlich der
Schaffung eines einheitlichen Anknüpfungskriteriums spielt es keine Rolle, ob am
Wohnsitz der versicherten Person, am Sitz der Versicherung oder daran angeknüpft
wird, welches kantonale Recht zur Anwendung kommt. Jedes dieser Kriterien
ermöglicht eine einheitliche örtliche Zuständigkeitsordnung. Bezüglich des engen
sachlichen Bezuges hat der historische Gesetzgeber zwar dem Wohnsitz der
versicherten Person den Vorzug gegeben, womit er wohl hat erreichen wollen, dass
diese ein allfälliges Beschwerdeverfahren dort führen kann, wo sie sich am besten
auskennt. Dabei hat er aber offenbar übersehen, dass dieses von ihm gewählte
Anknüpfungskriterium das angestrebte Ziel verfehlt, wenn die versicherte Person ihren
Wohnsitz erst kurz vor der Beschwerdeerhebung verlegt hat, weil sie dann ja nicht am
(„gewohnten“) „alten“ Ort Beschwerde führen kann, sondern ge¬zwungen ist, sich am
(noch „fremden“) „neuen“ Ort gegen einen Entscheid eines Versicherungsträgers zu
wehren. Die Anknüpfung am Wohnsitz der versicherten Person im Zeitpunkt der
Beschwerdeerhebung steht in einem solchen (eher ungewöhnlichen) Fall also dem Sinn
und Zweck des Art. 58 Abs. 1 ATSG diametral entgegen. In sachlicher Hinsicht führt sie
zum stossenden Ergebnis, dass das kantonale Versicherungsgericht an sich das Recht
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eines anderen Kantons anwenden müsste oder dass es, was rein theoretisch ebenfalls
in Frage käme, nach seinem eigenen einschlägigen Recht einen Einspracheentscheid
beurteilen müsste, der auf dem Recht eines anderen Kantons beruhte, was zumindest
aus der Sicht der Gleichbehandlung aller EL-Bezüger jenes anderen Kantons zu
unerträglichen Resultaten führen würde. Da die örtliche Zuständigkeit der kantonalen
Versicherungsgerichte für alle Fälle gleich geregelt sein muss, muss das oben
Ausgeführte auch dann gelten, wenn ein Beschwerdeverfahren nur bundesrechtliche
Bestimmungen beschlägt. Die teleologische Auslegung spricht folglich ebenfalls für
das Vorliegen einer (unechten) Gesetzeslücke.
1.6 Zusammenfassend lassen die historische, die systematische und die teleologische
Interpretation für den Fall, dass eine versicherte Person ihren Wohnsitz nach der Ein-
sprache-, aber vor der Beschwerdeerhebung in einen anderen Kanton verlegt hat, nur
die Lösung zu, dass vom Wortlaut des Art. 58 Abs. 1 ATSG abgewichen wird. Für die
Behandlung einer Beschwerde im Bereich des Ergänzungsleistungsrechtes
(lückenfüllend) ist demnach nicht das Versicherungsgericht jenes Kantons örtlich
zuständig, in dem die versicherte Person zum Zeitpunkt der Beschwerdeerhebung
ihren Wohnsitz hat, sondern vielmehr das Versicherungsgericht jenes Kantons, dessen
kantonalrechtliches Ergänzungsleistungsrecht im angefochtenen Einspracheentscheid
zur Anwendung gekommen ist. Vorliegend geht es zwar hauptsächlich um die Frage
nach der Rechtmässigkeit einer rückwirkenden Revision und Rückforderung infolge der
Anrechnung von zwei zuvor nicht bekannten deutschen Renten, aber das ändert nichts
am Umstand, dass die Streitsache kantonalrechtliche Bezüge aufweist und dass die
Beschwerdeführerin das Beschwerdeverfahren am („gewohnten“) „alten“ Ort, nämlich
im Kanton Thurgau, soll führen können. Das Versicherungsgericht des Kantons St.
Gallen ist deshalb zur Behandlung der Beschwerde vom 25. November 2017 örtlich
nicht zuständig (vgl. zum Ganzen auch den Entscheid EL 2017/16 des St. Galler
Versicherungsgerichtes vom 15. und 17. Mai 2018). Die Beschwerde ist nach Eintritt
der Rechtskraft des vorliegenden Entscheides zur Behandlung dem Verwaltungsgericht
des Kantons Thurgau zu überweisen.
2.
Gerichtskosten sind keine zu erheben. Die unterliegende A._ hat keinen Anspruch auf
eine Parteientschädigung.
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