Decision ID: a6758ab1-e446-4891-80e4-cda7c488d0c1
Year: 2022
Language: de
Court: GR_VG
Chamber: GR_VG_002
Canton: GR
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: social_law

I. Sachverhalt:
1. Die B._ AG mit Sitz in C._ wurde im September 2015
gegründet und widmete sich u.a. der Entwicklung, der Produktion und dem
Vertrieb von tragbaren Überwachungsgeräten der menschlichen
Vitalzeichen. Die Finanzierung erfolgte ausschliesslich über die
Muttergesellschaft, die F._ Inc. in den USA. Die B._ AG
war seit ihrer Gründung der AHV-Ausgleichskasse des Kantons
Graubünden (nachfolgend AHV-Ausgleichskasse) angeschlossen. Als
deren Verwaltungsratsmitglied mit Kollektivunterschrift zu zweien amtete
vom 16. September 2015 bis 22. Januar 2018 und ab dem 28. Mai 2018
A._, wohnhaft in G._. Am 12. April 2019 wurde über die
Gesellschaft der Konkurs eröffnet und mit Konkursentscheid des
Regionalgerichts I._ vom 3. Februar 2020 das Konkursverfahren
mangels Aktiven eingestellt. Am 11. Mai 2020 wurde die Gesellschaft im
Handelsregister des Kantons Graubünden gelöscht.
2. Weil die offenen Forderungen der AHV-Ausgleichskasse gegenüber der
Gesellschaft aufgrund des Konkurses nicht mehr beglichen werden
konnten, erliess die AHV-Ausgleichskasse am 18. Februar 2021
gegenüber A._, D._ (Beschwerdeführerin im
verwaltungsgerichtlichen Verfahren S 21 49) und E._ gestützt auf
Art. 52 AHVG Schadenersatzverfügungen in der Höhe von jeweils
CHF 87'959.15 für entgangene Sozialversicherungsbeiträge des Jahres
2018 samt Verwaltungskosten.
3. Am 28. Februar 2021 erhob A._ gegen die ihn betreffende
Schadenersatzverfügung bei der AHV-Ausgleichskasse Einsprache mit
den Anträgen auf deren Aufhebung und Einstellung des Verfahrens
betreffend Schadenersatzanspruch nach Art. 52 AHVG. Zur Begründung
brachte er im Wesentlichen vor, dass er alle gesetzlichen Vorschriften in
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seiner Funktion als Verwaltungsrat der B._ AG pflichtgemäss und
verantwortungsvoll wahrgenommen habe und dass ihm deshalb weder
eine absichtliche noch grobfahrlässige Missachtung von Vorschriften zur
Last gelegt werden könne.
4. Mit Entscheid vom 23. März 2021 wies die AHV-Ausgleichskasse die
Einsprache mit der Begründung ab, dass der AHV-Ausgleichskasse
aufgrund grobfahrlässiger Missachtung von Vorschriften durch
Nichtbezahlung von paritätischen Sozialversicherungsbeiträgen ein
Schaden von CHF 87'959.15 entstanden sei, den A._ als
verantwortliches Organ der Gesellschaft zu ersetzen habe.
5. Dagegen erhob A._ (nachfolgend Beschwerdeführer) am 7. Mai
2021 Beschwerde beim Verwaltungsgericht des Kantons Graubünden.
Der Beschwerdeführer beantragt sowohl die Aufhebung des
Einspracheentscheids der Vorinstanz vom 23. März 2021 sowie der
diesem zugrundeliegenden Schadenersatzverfügung vom 18. Februar
2021 und die definitive Einstellung des Verfahrens gegen ihn betreffend
Schadenersatzanspruch aufgrund Art. 52 AHVG; unter Kosten- und
Entschädigungsfolgen zulasten der Vorinstanz. Der Beschwerdeführer
macht im Wesentlichen geltend, er habe keine Pflichten missachtet und
jedenfalls nicht grobfahrlässig (geschweige denn vorsätzlich) gehandelt,
womit die Voraussetzungen der Widerrechtlichkeit und des Verschuldens
nicht erfüllt seien. Ebenso wenig liege der adäquate
Kausalzusammenhang zwischen einer Verletzung einer Vorschrift und
dem eingetretenen Schaden vor, da er davon habe ausgehen können, die
Sozialversicherungsbeiträge für das Jahr 2018 nach deren
Inrechnungstellung bezahlen zu können.
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6. Mit Vernehmlassung vom 8. Juni 2021 beantragte die AHV-
Ausgleichskasse (nachfolgend Beschwerdegegnerin) die
Beschwerdeabweisung und verwies grundsätzlich auf die Ausführungen
im Einspracheentscheid vom 23. März 2021. Ergänzend führte sie aus,
entgegen der Darstellung des Beschwerdeführers habe die B._
AG die Sozialversicherungsbeiträge nicht während einer Periode von drei
Jahren pünktlich und vollständig bezahlt. Insbesondere seien die
(notabene viel zu tiefen) Akonto-Zahlungen in den ersten beiden
Quartalen 2018 von der B._ AG nicht fristgerecht bezahlt worden.
Die Begleichung der im Jahr 2018 schuldig gebliebenen
Sozialversicherungsbeiträge seien an den vom 20. Dezember 2018 bis
25. März 2019 durchgeführten Verwaltungsratssitzungen nie thematisiert
worden. Die B._ AG habe zudem gegen die Pflicht zur Meldung
von wesentlichen Änderungen der Lohnsumme während des laufenden
Jahres gemäss Art. 35 Abs. 2 AHVV verstossen, so dass die
Widerrechtlichkeit erfüllt sei. Der Beschwerdeführer habe seine Pflichten
ungenügend wahrgenommen und sich weder um die korrekte Meldung der
effektiven Lohnsumme noch um die Begleichung der
Sozialversicherungsbeiträge gekümmert. Sein Verhalten sei
grobfahrlässig gewesen. Es gebe keinen Rechtfertigungs- und keinen
Entlastungsgrund im Sinne der Rechtsprechung. Durch die Wahrnehmung
seiner Pflichten hätte der Beschwerdeführer den Schadenseintritt
verhindern können, so dass zwischen seinen Unterlassungen und dem
Schaden auch ein adäquater Kausalzusammenhang bestehe. Damit seien
alle Haftungsvoraussetzungen erfüllt.
7. In seiner Replik vom 21. Juni 2021 bringt der Beschwerdeführer vor, dass
der Beschwerdegegnerin die Lohnsumme der B._ AG im Jahr
2017 bekannt gewesen sei. Im Verlaufe des Jahres 2018 seien zwei neue
Mitarbeiter angestellt worden, während zwei weitere Mitarbeiter die
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B._ AG verlassen hätten. Als Folge des personellen Wachstums
habe eine steigende Lohnsumme resultiert. Im Übrigen wiederholte der
Beschwerdeführer seinen bisherigen Standpunkt, zudem machte er
Ausführungen zu den eingereichten Honorarnoten betreffend das
vorliegende und das parallele Beschwerdeverfahren S 21 49.
8. In ihrer Duplik vom 29. Juni 2021 vertiefte die Beschwerdegegnerin ihren
bisherigen Standpunkt und beantragte bei einem allfälligen Obsiegen des
Beschwerdeführers die Reduktion seiner Honorarnoten.
Auf die Ausführungen der Parteien in ihren Rechtsschriften und den
angefochtenen Einspracheentscheid wird, soweit erforderlich, in den
nachstehenden Erwägungen eingegangen.

II. Das Gericht zieht in Erwägung:
1.1. Die zu beurteilende Beschwerde richtet sich gegen den in Anwendung von
Art. 52 des Bundesgesetzes über die Alters- und
Hinterlassenenversicherung (AHVG; SR 831.10) ergangenen
Einspracheentscheid vom 23. März 2021, mit welchem die
Beschwerdegegnerin die Einsprache des Beschwerdeführers vom
28. Februar 2021 abwies. Gegen sozialversicherungsrechtliche
Einspracheentscheide kann Beschwerde beim kantonalen
Versicherungsgericht erhoben werden (Art. 56 Abs. 1 des
Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts [ATSG; SR 830.1] i.V.m. Art. 57 ATSG). Für die
Beurteilung dieser Beschwerde ist in Abweichung zu Art. 58 Abs. 1 ATSG
das kantonale Versicherungsgericht örtlich zuständig, in welchem die
Arbeitgeberin ihren Wohnsitz hat bzw. bis zum Konkurs hatte (Art. 52
Abs. 5 AHVG; KIESER, in: STAUFFER/CARDINAUX [Hrsg.], Rechtsprechung
des Bundesgerichts zum AHVG, 4. Aufl., Zürich/Basel/Genf 2020, Rz. 143
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zu Art. 52 AHVG). Nachdem die Gesellschaft vor ihrer Löschung in
C._ und damit im Kanton Graubünden domiziliert war, ist für die
Beurteilung der vorliegenden Streitigkeit demnach das
Versicherungsgericht des Kantons Graubünden, sprich das
Verwaltungsgericht des Kantons Graubünden zuständig (Art. 49 Abs. 2
lit. a des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege [VRG; BR 370.100]).
Das angerufene Gericht ist für die Beurteilung der vorliegenden
Beschwerde somit örtlich und sachlich zuständig. Als formeller und
materieller Adressat ist der Beschwerdeführer vom angefochtenen
Einspracheentscheid überdies unmittelbar berührt und hat ein
schutzwürdiges Interesse an dessen gerichtlicher Überprüfung (vgl.
Art. 59 ATSG). Auf die von ihm frist- und formgerecht eingereichte
Beschwerde ist damit – vorbehältlich nachfolgender Erwägung 1.2. –
einzutreten (Art. 60 f. ATSG i.V.m. Art. 38 ATSG).
1.2. Bei Erhebung einer Einsprache wird das Verwaltungsverfahren erst durch
den Einspracheentscheid abgeschlossen, welcher die ursprüngliche
Verfügung ersetzt. Für eine spätere richterliche Beurteilung sind denn
auch grundsätzlich die tatsächlichen Verhältnisse zur Zeit des Erlasses
des strittigen Einspracheentscheids massgebend (vgl. BGE 133 V 50
E.4.2.2, 131 V 407 E.2.1.2.1). Da der Einspracheentscheid vom 23. März
2021 an die Stelle der vorgängig erlassenen Schadenersatzverfügung
vom 18. Februar 2021 getreten ist, hat jene jede rechtliche Bedeutung
verloren (vgl. BGE 132 V 368 E.6.1; 131 V 407 E.2.1.2.1; Urteile des
Bundesgerichts 9C_66/2016 vom 10. August 2016 E.1.2, 9C_386/2013
vom 20. September 2013 E.4). Auf das Begehren um Aufhebung der
Schadenersatzverfügung vom 18. Februar 2021 ist somit nicht einzutreten
(vgl. Urteil des Bundesgerichts 9C_648/2020 vom 21. Januar 2021 E.1.2).
Was das zweite Rechtsbegehren auf definitive Einstellung des Verfahrens
betreffend Schadenersatzanspruch aufgrund von Art. 52 AHVG
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anbelangt, fehlt diesbezüglich im Beschwerdeverfahren ein
Rechtsschutzinteresse, so dass auch darauf nicht einzutreten ist.
1.3. In formeller Hinsicht rügt der Beschwerdeführer die Verletzung des
Rechtlichen Gehörs, indem sich die Beschwerdegegnerin kaum mit seinen
Vorbringen auseinandergesetzt habe, und der angefochtene
Einspracheentscheid aus verschiedenen Muster-Textbausteinen
zusammengesetzt erscheine, ohne Rücksicht darauf, ob sie auf den
konkreten Fall passten oder nicht. Die Beschwerdegegnerin äussert sich
zu diesem Vorbringen nicht.
Nach bundesgerichtlicher Rechtsprechung (siehe Urteil des
Bundesgerichts 9C_187/2020 vom 11. November 2020 E.2.1.2) fliesst aus
dem Anspruch auf rechtliches Gehör nach Art. 29 Abs. 2 der
Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft (BV; SR 101)
die Pflicht der Behörden, die Vorbringen des von einem Entscheid in seiner
Rechtsstellung Betroffenen tatsächlich zu hören, zu prüfen und in der
Entscheidfindung zu berücksichtigen. Nicht erforderlich ist, dass sich die
Behörden mit allen Parteistandpunkten einlässlich auseinandersetzen und
jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich widerlegen. Vielmehr können sich
die Behörden auf die für einen Entscheid wesentlichen Punkte
beschränken. Die Begründung muss so abgefasst sein, dass sich die
Betroffenen über die Tragweite eines Entscheids Rechenschaft geben und
ihn in voller Kenntnis der Sache an die höhere Instanz weiterziehen
können. In diesem Sinne müssen wenigstens kurz die Überlegungen
genannt werden, von denen sich die Behörde hat leiten lassen und auf die
sich ihr Entscheid stützt (vgl. BGE 142 I 135 E.2.1; 138 I 232 E.5.1; 136 I
229 E.5.2). Vorliegend genügt der angefochtene Einspracheentscheid
vom 23. März 2021 diesen Anforderungen. Dem Beschwerdeführer ist
zwar beizupflichten, dass der angefochtene Einspracheentscheid
stellenweise mit Textbausteinen und wenig einzelfallbezogen formuliert
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wurde. Allerdings lässt sich dem Einspracheentscheid genügend klar
entnehmen, weshalb die Beschwerdegegnerin die Einsprache des
Beschwerdeführers abwies. So hält die Beschwerdegegnerin als
Begründung fest, dass der Beschwerdeführer in den Zeiträumen vom
16. September 2015 bis 22. Januar 2018 und ab 28. Mai 2018 als
Verwaltungsratsmitglied auch formelles Organ der Gesellschaft gewesen
sei, womit er infolge deren Zahlungsunfähigkeit gegenüber der
Ausgleichskasse grundsätzlich für den Schaden haftbar sei. Dennoch
habe es der Beschwerdeführer trotz Kenntnis über die seit Anfang 2018
bestehenden, chronischen finanziellen Schwierigkeiten unterlassen, die
Fortentwicklung der Liquidität und die Begleichung der bedeutenderen
Schulden wie die Sozialversicherungsbeiträge des Jahres 2018 zu
beobachten und dementsprechend Gegenmassnahmen zu beantragen,
und habe es stattdessen dabei belassen, die Muttergesellschaft um Geld
zu bitten. Durch die Passivität des Beschwerdeführers und die
Weiterführung der Gesellschaft ohne finanzielle Basis und realistische
Sanierungskonzepte seien laufend mehr Schulden gegenüber der
Ausgleichskasse entstanden, die voraussehbarerweise nicht mehr hätten
gedeckt werden können. Nachdem die Gesellschaft die fälligen
Lohnbeiträge für das Jahr 2018 nicht beglichen habe, habe der
Beschwerdeführer offensichtlich nicht ernsthaft und objektiv annehmen
können, die Beitragsschulden innert nützlicher Frist bezahlen zu können.
Umso mehr, als dass die der Gesellschaft im Jahr 2018 in Rechnung
gestellten Akontobeiträge lediglich auf einer Jahreslohnsumme von CHF
333'800.-- beruht hätten, obwohl die effektive Lohnsumme im Jahr 2018
CHF 757'179.70, d.h. mehr als das Doppelte, betragen habe. Es wäre die
Pflicht des Beschwerdeführers gewesen, insbesondere im Wissen um die
finanziellen Schwierigkeiten, dafür zu sorgen, dass die Ausgleichskasse
über die wesentlich höhere effektive Lohnsumme orientiert werde. Darin
liege gemäss Auffassung der Beschwerdegegnerin zumindest eine
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grobfahrlässige Verletzung der Zahlungspflicht bzw. der Pflicht, dafür
besorgt zu sein, dass keine Zahlungsunfähigkeit eintrete. Die
Beschwerdegegnerin war zudem der Auffassung, dass kein
Rechtfertigungsgrund im Sinne der Rechtsprechung vorliege und die
ergriffenen Massnahmen (Verwaltungsratssitzungen im Zeitraum vom
20. Dezember 2018 bis 25. März 2018) viel zu spät ergriffen worden seien,
da zu diesem Zeitpunkt der Schaden in Bezug auf die
Sozialversicherungsbeiträge 2018 bereits angerichtet gewesen sei. Da der
Beschwerdeführer durch die Wahrnehmung seiner Pflichten den Eintritt
des Schadens hätte verhindern können, erachtete die
Beschwerdegegnerin zudem auch den adäquaten Kausalzusammenhang
als erfüllt. Indem die Gesellschaft bzw. der Beschwerdeführer als
Verwaltungsratsmitglied nicht für die Bezahlung der ausstehenden
Sozialversicherungsbeiträge (Nachforderungen und Akontorechnungen)
gesorgt und die wesentlich höhere Lohnsumme nicht gemeldet habe,
seien die im Jahr 2018 in Rechnung gestellten Akontozahlungen zu tief
ausgefallen, was schliesslich mit zum Schaden geführt habe. Wie die
Beschwerde vom 7. Mai 2021 zeigt, war der Beschwerdeführer jedenfalls
in der Lage, den Einspracheentscheid sachgerecht anzufechten. Dass
dies nicht der Fall gewesen sein sollte, macht er selber nicht geltend.
Folglich ist die Beschwerdegegnerin der sie betreffenden
Begründungspflicht hinreichend nachgekommen. Der Anspruch auf
rechtliches Gehör ist nach dem Gesagten nicht verletzt.
2. Vorliegend geht es um die Arbeitgeberhaftung gemäss Art. 52 AHVG,
welcher in der seit dem 1. Januar 2020 geltenden Fassung wie folgt lautet:
1Fügt ein Arbeitgeber durch absichtliche oder grobfahrlässige Missachtung von Vorschriften der Versicherung einen Schaden zu, so hat er diesen zu ersetzen. 2Handelt es sich beim Arbeitgeber um eine juristische Person, so haften subsidiär die Mitglieder der Verwaltung und alle mit der Geschäftsführung oder Liquidation befassten Personen. Sind mehrere Personen für den gleichen Schaden verantwortlich, so haften sie für den ganzen Schaden solidarisch.
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3Der Schadenersatzanspruch verjährt nach den Bestimmungen des Obligationenrechts über die unerlaubten Handlungen. 4Die zuständige Ausgleichskasse macht den Schadenersatz durch Erlass einer Verfügung geltend. 5In Abweichung von Artikel 58 Absatz 1 ATSG ist für die Beschwerde das Versicherungsgericht des Kantons zuständig, in welchem der Arbeitgeber seinen Wohnsitz hat. 6Die Haftung nach Artikel 78 ATSG ist ausgeschlossen.
In materieller Hinsicht unbestritten ist die Organstellung des
Beschwerdeführers als Verwaltungsrat der B._ AG im fraglichen
Zeitraum vom 16. September 2015 bis 22. Januar 2018 und ab dem
28. Mai 2018 (vgl. Akten des Beschwerdeführers [Bf-act.] 3) sowie der
entstandene Schaden (Akten der Beschwerdegegnerin betreffend
A._ [Bg-act. II.] 5). Bestritten werden hingegen explizit die
Widerrechtlichkeit, das Verschulden und der adäquate
Kausalzusammenhang, d.h. eine angebliche Pflichtverletzung des
Beschwerdeführers, weil eine Pflicht des Beschwerdeführers als
Verwaltungsrat dafür zu sorgen, dass die B._ AG nicht
zahlungsunfähig werde, so gar nicht bestehe; und die Vermutung einer
groben Fahrlässigkeit, wenn dem Beschwerdeführer keine Exkulpation
gelinge, weil damit die Haftung für grobes Fehlverhalten gemäss Art. 52
AHVG zu einer einfachen Kausalhaftung würde (Beweislastumkehr;
Ausnahmefall der subsidiären Organhaftung würde zum Regelfall); sowie
ein adäquater Kausalzusammenhang zwischen einer (allfälligen)
Verordnungsverletzung und dem Schaden, da der Beschwerdeführer
habe davon ausgehen dürfen, die Sozialversicherungsbeiträge für das
Jahr 2018 nach deren Inrechnungstellung bezahlen zu können.
Die Arbeitgeber sind verpflichtet, von dem von ihnen ausgerichteten
Einkommen aus unselbständiger Erwerbstätigkeit die
Arbeitnehmerbeiträge in Abzug zu bringen, mit der Ausgleichskasse
abzurechnen sowie die erforderlichen Angaben zu machen, und die
Beiträge zusammen mit dem Arbeitgeberbeitrag periodisch der
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Ausgleichskasse zu entrichten (Art. 14 Abs. 1 und Art. 51 AHVG; Art. 34,
35 und 36 der Verordnung über die Alters- und
Hinterlassenenversicherung [AHVV; SR 831.101]). Die Missachtung
dieser Pflichten verletzt Vorschriften der Versicherung im Sinne von
Art. 52 AHVG. Art. 52 Abs. 1 AHVG sieht eine Verschuldenshaftung nach
öffentlichem Recht vor. Damit eine Schadenersatzpflicht entstehen kann,
müssen alle Haftungsvoraussetzungen gegeben sein, d.h. es muss ein
Schaden eingetreten sein, der auf ein widerrechtliches und schuldhaftes
Verhalten des verantwortlichen Organs zurückzuführen ist. Zudem muss
zwischen dem Verhalten der belangten Person und dem eingetretenen
Schaden ein adäquater Kausalzusammenhang gegeben sein.
3.1. Nachstehend sind somit die spezifischen Haftungsvoraussetzungen
gemäss Art. 52 AHVG zu prüfen. Die Beschwerdegegnerin macht einen
Schaden von CHF 87'959.15 geltend, bestehend aus nicht oder nur zum
Teil bezahlten Lohnbeiträgen für das Jahr 2018 (siehe Bg-act. II. 5 S. 7).
Der Schaden im Sinne von Art. 52 AHVG umfasst in erster Linie die
geschuldeten paritätischen AHV/IV/EO/ALV- und FAK-Beiträge sowie
Verwaltungskosten. Hinzu kommen unbezahlt gebliebene Mahngebühren,
Verzugszinsen und Betreibungskosten (vgl. REICHMUTH, Die Haftung des
Arbeitgebers und seiner Organe nach Art. 52 AHVG, Zürich/Basel/Genf
2008, Rz. 329 ff.; FORSTER, in: STEIGER-SACKMANN/MOSIMANN [Hrsg.],
Recht der Sozialen Sicherheit, Basel 2014, Rz. 11.6; NEDI, Die Haftung
der GmbH als Arbeitgeberin nach Art. 52 AHVG und Art. 52 BVG, S. 145).
In zeitlicher Hinsicht ist die Haftung beschränkt. Der Beitragsausstand, für
den das Organ haftbar gemacht wird, muss im Zeitpunkt seines effektiven
Austritts aufgelaufen bzw. die Beitragsforderungen müssen bis dahin fällig
sein (vgl. FREY/MOSIMANN/BOLLINGER, AHVG-/IVG-Kommentar, Aufl.
2018, Rz. 7 zu Art. 52 AHVG; KIESER, a.a.O., Rz. 17 ff. und 86 ff. zu Art. 52
AHVG). Der Schaden entsteht nicht schon mit der Fälligkeit der Beiträge,
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sondern erst in dem Zeitpunkt, in dem anzunehmen ist, dass die
geschuldeten Beiträge aus rechtlichen oder tatsächlichen Gründen nicht
mehr erhoben werden können, sei es durch Beitragsverwirkung, sei es
durch Zahlungsunfähigkeit der Arbeitgeberin. Zahlungsunfähigkeit wird
bejaht, wenn der Konkurs eröffnet oder ein definitiver Verlustschein
ausgestellt wurde (siehe BGE 141 V 487 E.2.2, 136 V 268 E.2.2 und 2.6,
129 V 193 E.2.2; KIESER, a.a.O., Rz. 18 zu Art. 52 AHVG).
Die Schadenspositionen über die ausstehenden
Sozialversicherungsbeiträge zuzüglich Verwaltungskosten,
Mahngebühren und Verzugszinsen von gesamthaft CHF 87'959.15 sind
belegt (siehe Bg-act. II. 5 S. 7) und im Übrigen nicht bestritten. Die
B._ AG wurde nach Einstellung des Konkursverfahrens am
3. Februar 2020 mangels Aktiven am 11. Mai 2020 im Handelsregister
gelöscht (vgl. Bf-act. 3). Die infrage stehenden
Sozialversicherungsbeiträge etc. können somit im ordentlichen
Bezugsverfahren tatsächlich nicht mehr erhoben werden. Infolge
Zahlungsunfähigkeit der (gelöschten) B._ AG hat die
Beschwerdegegnerin folglich einen Verlust in der Höhe von
CHF 87'959.15 erlitten, womit die Haftungsvoraussetzung des Schadens
erfüllt ist.
3.2.1. Weitere Haftungsvoraussetzung für die Schadenersatzforderung ist die
Widerrechtlichkeit bzw. Pflichtverletzung. Dabei geht es um eine doppelte
Prüfung: Zum einen stellt sich die Frage, ob Vorschriften der AHV verletzt
wurden, zum anderen ist zu beantworten, ob die entsprechende
Verletzung dem Arbeitgeber bzw. dem Organ entgegenzuhalten ist
(Verletzung der Organpflicht; siehe dazu KIESER, a.a.O, Rz. 39 f. zu Art. 52
AHVG). Anwendbar sind Art. 14 Abs. 1 AHVG und Art. 51 Abs. 1 AHVG,
wonach die Beiträge vom Einkommen aus unselbständiger
Erwerbstätigkeit bei jeder Lohnzahlung in Abzug zu bringen und vom
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Arbeitgeber zusammen mit dem Arbeitgeberbeitrag periodisch zu
entrichten sind. Weiter zu beachten sind Art. 34 ff. AHVV. Gemäss Art. 35
AHVV haben die Arbeitgeber im laufenden Jahr periodisch Akontobeiträge
zu entrichten; diese werden von der Ausgleichskasse auf Grund der
voraussichtlichen Lohnsumme festgesetzt (Abs. 1). Die Arbeitgeber
haben zudem der Ausgleichskasse wesentliche Änderungen der
Lohnsumme während des laufenden Jahres zu melden (Abs. 2).
3.2.2. Nach Angaben des Beschwerdeführers war die B._ AG
ausschliesslich von ihrer Muttergesellschaft, der F._ Inc. in den
USA, finanziert worden und mit Bezug auf die Sicherstellung ihrer
Liquidität damit vollständig von der Finanzierung durch die
Muttergesellschaft F._ Inc. abhängig (siehe Beschwerde Rz. 9
und 25 f.). Zu Beginn des Jahres 2019 habe die Muttergesellschaft
F._ Inc. entgegen einer schriftlichen Zusage kurzfristig die
Finanzierung der B._ AG zurückgezogen. Der Beschwerdeführer
dokumentiert die Bemühungen der B._ AG um deren
Finanzierung ab dem 20. Dezember 2018 bis 25. März 2019 mittels
Verwaltungsratsprotokollen etc. ausführlich (vgl. Bf-act. 5 bis 14). Es
wurde zunächst eine Frist bis 18. Januar 2019 gesetzt, bis zu welcher die
B._ AG operativ tätig sein sollte; ab 19. Januar 2019 sollte – falls
die Finanzierung bis dahin nicht zustande käme – die Bilanz hinterlegt
werden (vgl. Bf-act. 6 Beschluss Ziff. 2.1.). Am 16. Januar 2019 wurde
einstimmig beschlossen, die Überschuldung der B._ AG
anzumelden, wobei der Beschwerdeführer mit den entsprechenden
Ausführungsarbeiten betraut wurde (vgl. Bf-act. 7, Beschluss Ziff. 2.1. und
2.2.). Am 31. Januar 2019 wurde dieser Beschluss rückgängig gemacht,
jedoch die Kündigung aller Mitarbeitenden per 31. März 2019 beschlossen
(vgl. Bf-act. 8). Am 22. Februar 2019 erfolgte die Bestätigung durch den
Verwaltungsrats-Präsidenten, dass keine weitere Finanzierung mehr
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durch den Hauptinvestor (H._ Inc.) erfolge, woraufhin
beschlossen wurde, eine Ersatzfinanzierung durch einen neuen Investor
anzustreben (vgl. Bf-act. 9). Ab März 2019 erfolgten Bemühungen um
Finanzierung der Gesellschaft durch vier mögliche andere europäische
Investoren und es erging ein "Separation Agreement" zur Trennung der
B._ AG von der F._ Inc. als zwei gänzlich voneinander
unabhängige Rechtseinheiten (vgl. Bf-act. 10 und 11). Die Bemühungen
um weitere Investoren blieben erfolglos, so dass gemäss einstimmigem
Beschluss vom 25. März 2019 die Überschuldungsanzeige an das
Betreibungs- und Konkursamt erstattet wurde (vgl. Bf-act. 12 bis 14). Mit
Verfügung vom 12. April 2019 erfolgte die Konkurseröffnung (vgl. Bf-act.
3). Das Konkursverfahren wurde in der Folge mit Entscheid des
Regionalgerichts I._ vom 3. Februar 2020 mangels Aktiven
eingestellt und die Gesellschaft am 11. Mai 2020 im Handelsregister
gelöscht (vgl. Bf-act. 3). Der Beschwerdeführer moniert insbesondere, es
habe keine Missachtung von Vorschriften und keine Pflichtverletzung
stattgefunden, vielmehr sei sorgfältig gehandelt worden (siehe
Beschwerde Rz. 12, 46 und 48 ff.). Die Beschwerdegegnerin hingegen
bestreitet, dass die B._ AG die Beitragsschulden während drei
Jahren pünktlich und vollständig beglichen habe, habe sie doch schon die
Beitragsschulden des Jahres 2017 nicht fristgerecht bezahlt. Auch habe
sie der Beschwerdegegnerin in widerrechtlicher Weise nicht mitgeteilt,
dass die effektive Lohnsumme im Jahr 2018 wesentlich über dem Betrag
von CHF 333'815.-- gelegen habe, nämlich letztlich bei CHF 757'179.70
(vgl. Akten der Beschwerdegegnerin betreffend B._ AG [Bg-act.
I.] 76 und 171), d.h. bei mehr als dem Doppelten, so dass sie folglich die
Lohnbeiträge seit Anfang 2018 nicht mehr vorschriftsgemäss bezahlt
habe.
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3.2.3. Tatsächlich ist aktenkundig, dass die B._ AG bereits am
10. Februar 2016 von der Beschwerdegegnerin an die Lohnabrechnung
für das Jahr 2015 erinnert werden musste und danach gegenüber der
B._ AG bis im Mai 2017 Verzugszinsverfügungen und
Mahnungen auf Lohnnachforderungen bzw. Akontorechnungen
ausgestellt wurden (vgl. Bg-act. I. 8, 10, 13, 17, 20, 22 und 24). Gemäss
Lohndeklaration vom 17. Januar 2018 betrug die Lohnsumme der neun
Mitarbeiter der B._ AG für das Jahr 2017 insgesamt
CHF 333'815.-- (vgl. Bg-act. I. 35). Für die Bezahlung der bisher
aufgelaufenen Sozialversicherungsbeiträge musste die B._ AG
bei der Beschwerdegegnerin am 9. Februar 2018 einen
Zahlungsaufschub beantragen, was ihr am 12. Februar 2018 in der Höhe
von CHF 35'995.25 auch gewährt wurde (vgl. Bg-act. I. 38, 39, 41, 45 und
47). Auch diese Ratenzahlungen verliefen indes schleppend (vgl. Bg-
act. I. 51, 53, 58 und 59). Neue Verzugszinsverfügungen folgten (vgl. Bg-
act. I. 47, 55, 61 und 66) wie auch Mahnungen für die Akontorechnungen
des 2. Quartals 2018 (vgl. Bg-act. I. 56 und 62) und des 3. Quartals 2018
(vgl. Bg-act. I. 64, 68 und 70). Für die Bezahlung der Akontorechnungen
für das 3. und das 4. Quartal 2018 (fällig am 10. Oktober 2018 bzw.
10. Januar 2019 [vgl. Bg-act. I. 64 und 69]) musste je eine Fristerstreckung
am 21. Dezember 2018 und 11. Februar 2019, jeweils bis 31. März 2019
(mit Mahnstopps), eingeholt werden (vgl. Bg-act. I. 71 f. resp. 79 f.).
Wenn der Beschwerdeführer dartut und mit den
Verwaltungsratsprotokollen vom 20. Dezember 2018 bis 25. März 2019
sowie weiteren Unterlagen (vgl. Bf-act. 5 bis 13) die Bemühungen um eine
Finanzierung der B._ AG ab Ende Dezember 2018 belegt,
blendet er die in casu verletzte Pflicht zur Zahlung der bis Ende 2017
aufgelaufenen Sozialversicherungsbeiträge sowie die Pflicht zur Meldung
der effektiven Lohnsumme 2018 inklusive der darauf Akonto entfallenden
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Sozialversicherungsbeiträge 2018 aus (vgl. Art. 35 Abs. 2 AHVV). Nach
eigenen Angaben des Beschwerdeführers wurde der Geschäftsführerin
der B._ AG bereits am 15. Januar 2018 von der Gründerin,
Geschäftsführerin und Präsidentin des Verwaltungsrates der F._
Inc., J._, mitgeteilt, dass die F._ Inc. Schwierigkeiten bei
ihrer eigenen Finanzierung hätte und die B._ AG daher nicht die
geplante Finanzierung für das 1. Quartal 2018 erhalten würde; nach
Ansicht der Geschäftsführerin der B._ AG ging es dabei um das
"Überleben" der B._ AG im Januar 2018 und aktenkundig in den
folgenden Monaten (vgl. Bg-act. I. 169 S. 2 und 169 S. 14 ff.: "But status
quo is: AG needs 130k in order to survive Jan" [Bg-act. I. 169 S. 15]).
Dennoch hielt der Verwaltungsrat der B._ AG erst circa elf
Monate später, am 20. Dezember 2018, eine Sitzung ab betreffend die
weitere Finanzierung der B._ AG (siehe nebst den Akten des
Beschwerdeführers auch Bg-act. I. 169 S. 4). Angesichts dieses
Umstandes und des am 12. Februar 2018 erhaltenen Zahlungsaufschubs
bezüglich der bis Ende 2017 aufgelaufenen Sozialversicherungsbeiträge
ist erwiesen, dass sich die B._ AG seit Beginn des Jahres 2018
in finanziellen Schwierigkeiten befand. So bezahlte sie auch die
Akontorechnungen des 3. Quartals 2018 vom 10. September 2018 und
des 4. Quartals 2018 vom 10. Dezember 2018 nicht bis zu ihrer Fälligkeit,
so dass es hierfür Fristerstreckungen jeweils bis 31. März 2019 (mit
Mahnstopps) erforderte.
3.2.4. Dennoch entnimmt man der Jahresabrechnung vom 6. Februar 2019 zur
Lohndeklaration 2018 eine Lohnsumme von CHF 757'179.70 (vgl. Bg-
act. I. 77), welche die Vorjahressumme von CHF 333'815.-- um mehr als
das Doppelte übersteigt (vgl. Bg-act. I. 37). Die Ausführungen des
Beschwerdeführers in der Replik, wonach bei der B._ AG ein
Mitarbeiterwachstum im Jahre 2018 stattgefunden habe, welches auch die
- 17 -
steigende Lohnsumme zur Folge gehabt habe, von ihm aber gleichzeitig
ein Gleichstand in der Belegschaft im Jahre 2018 beschrieben wird, indem
zwei Mitarbeitende ausgeschieden und zwei Mitarbeitende eingestellt
worden seien, muten eigentümlich an. Auch, weil gemäss Lohndeklaration
2018 vom 31. Januar 2019 nur, aber immerhin insgesamt ein zusätzlicher
Mitarbeiter (insgesamt 10) im Vergleich zum Vorjahr (9) hinzugekommen
ist (vgl. Bg-act. I. 37 und 76; Anmerkung des Gerichts: 2018 verliessen
K._ und L._ die B._ AG und kamen neu
M._ [vgl. Bg-act. I. 46], N._ und O._ hinzu, wenn
auch nicht ganzjährig). Zudem waren vier Mitarbeitende nicht während des
ganzen Jahres 2018, sondern nur während einiger Monate im Jahr 2018
für die B._ AG tätig (vgl. Bg-act. 76 S. 3). Auffällig ist, dass bei
einzelnen bisherigen Mitarbeitenden 2018 neu erheblich erhöhte Löhne
verzeichnet wurden. Demgemäss erhielten die Geschäftsführerin
D._ neu einen beitragsrechtlich massgebenden Lohn von
CHF 110'000.04 (statt den bisherigen von CHF 88'833.33), P._
neu CHF 95'000.04 (statt CHF 45'442.21 für 7 1⁄2 Monate), Q._
CHF 105'000.-- (statt CHF 82'499.60 für 10 Monate) und R._
einen solchen von CHF 24'850.-- für 11 1⁄2 Monate (statt CHF 18'280.19),
obschon die B._ AG die Sozialversicherungsbeiträge darauf
bereits seit Anfang 2018 nicht mehr pflichtgemäss bezahlen konnte (vgl.
Bg-act. I. 37 und 76). Offensichtlich ist, dass sich die Beitragsschulden seit
Beginn des Jahres 2018 laufend erhöhten, insbesondere auch infolge der
erhöhten Lohnsummen. Die vom Beschwerdeführer ausgewiesenen
Bemühungen um Geldmittel setzten aber erst im Dezember 2018 ein, als
die Finanzierungsschwierigkeiten bereits seit mindestens einem knappen
Jahr bestanden und somit nicht "unerwartet" (siehe Beschwerde Rz. 69
und Replik S. 3 oben) auftraten.
- 18 -
3.2.5. Der Beschwerdeführer bringt vor, die Verordnungsbestimmung von Art. 35
Abs. 2 AHVV (Meldepflicht über wesentliche Änderungen der Lohnsumme
während des laufenden Jahres) sei in der Korrespondenz der
Beschwerdegegnerin nicht erwähnt worden, und er habe sie als Nichtjurist
nicht kennen müssen. Dieses Vorbringen verfängt indes nicht. Bereits mit
Schreiben vom 9. Februar 2018 wurde die B._ AG darauf
aufmerksam gemacht, dass sie der Beschwerdegegnerin die effektive
Lohnsumme mitzuteilen habe, wenn die Akontobeiträge wesentlich von
den tatsächlich geschuldeten Beiträgen abweichen; als wesentlich gelten
Abweichungen von mehr als zehn Prozent (vgl. Bg-act. I. 40). Der
Beschwerdeführer konnte sich in seiner Funktion als
Verwaltungsratsmitglied mit den damit verbundenen unübertragbaren und
unentziehbaren Aufgaben der Ausgestaltung des Rechnungswesens, der
Finanzkontrolle sowie der Finanzplanung, sofern diese für die Führung der
Gesellschaft notwendig ist (Art. 716a Abs. 1 Ziff. 3 des Bundesgesetzes
betreffend die Ergänzung des Schweizerischen Zivilgesetzbuches
[Obligationenrecht, OR; SR 220]), und der Oberaufsicht über die mit der
Geschäftsführung und der Vertretung betrauten Personen, namentlich im
Hinblick auf die Befolgung der Gesetze, Statuten, Reglemente und
Weisungen (Art. 716a Abs. 1 Ziff. 5 OR) seiner Verantwortung nicht
entziehen.
3.2.6. Rechtsprechungsgemäss kann der B._ AG bzw. ihrem Organ für
die nicht der Beitragshöhe entsprechenden Akontozahlungen nicht a priori
ein Vorwurf gemacht werden. Dieser bzw. diesem käme indessen ein
qualifiziertes Verschulden zu, wenn wegen finanzieller Schwierigkeiten
und um die Fälligkeit der Schulden weitestmöglich hinauszuschieben
deutlich ungenügende Akontozahlungen geleistet werden, im Wissen
darum, dass vielleicht dannzumal die verbleibende Restschuld nicht
- 19 -
bezahlt werden kann (vgl. ZAK 1992 247 E.3b; vgl. Erwägung 3.3.1.
hiernach).
3.2.7. Angesichts der finanziellen Schieflage der B._ AG spätestens seit
Beginn des Jahres 2018 hat die B._ AG bzw. deren Organ die
Melde- und Beitragszahlungspflicht betreffend die von der
Beschwerdegegnerin geltend gemachten Ausstände missachtet, womit
die Haftungsvoraussetzung der Widerrechtlichkeit bzw. Pflichtverletzung
zu bejahen ist.
3.3.1. Das Verschulden der Arbeitgeberin bzw. des Beschwerdeführers als
Organ aus Art. 52 Abs. 1 AHVG statuiert eine Verschuldenshaftung aus
öffentlichem Recht. Sowohl den Arbeitgeber wie auch das allfällige
Arbeitgeberorgan muss ein Verschulden treffen; verlangt wird somit ein
doppeltes oder zweistufiges Verschulden (vgl. REICHMUTH, a.a.O.,
Rz. 535; KIESER, a.a.O., Rz. 40 zu Art. 52 AHVG; BGE 136 V 268 E.3 zum
qualifizierten Verschulden). Art. 52 Abs. 1 AHVG setzt weiter für die
Haftbarkeit des Arbeitgebers voraus, dass die Missachtung von
Vorschriften in absichtlicher oder grobfahrlässiger Weise erfolgt ist. Es ist
abzuwägen, ob und inwieweit eine Handlung der Unternehmung einem
bestimmten Organ im Hinblick auf dessen rechtliche und faktische
Stellung innerhalb der Firma zuzurechnen ist. Ob ein Organ schuldhaft
handelt, hängt demnach entscheidend von der Verantwortung und den
Kompetenzen ab, die ihm von der juristischen Person übertragen wurden
(vgl. NEDI, a.a.O, S. 146 ff.). Das Mass der zu verlangenden Sorgfalt hängt
von den Umständen ab, die von jener Arbeitgeberkategorie, welcher die
betroffene Person angehört, üblicherweise erwartet werden kann und
muss (vgl. ZAK 1985 S. 51). Als Kriterien der Beurteilung des
Verschuldens werden u.a. die Organisation und Aufgabendelegierung
innerhalb des Arbeitgebers, die Passivität des Arbeitgebers und seiner
Organe, die Dauer der Beitragsausstände sowie die Unternehmensgrösse
- 20 -
berücksichtigt (vgl. NEDI, a.a.O., S. 148). Strengere Anforderungen an die
Überwachungs- und Kontrollpflichten gelten bei Kleinunternehmen. Es
wird vom zuständigen Organ erwartet, über sämtliche Belange der
Gesellschaft inklusive des Beitragswesens im Bilde zu sein, selbst wenn
die Befugnisse delegiert wurden (vgl. NEDI, a.a.O., S. 149). Wenn eine
Gesellschaft bei objektiver Betrachtung durch einfache und leicht
überschaubare Betriebsverhältnisse (wenige Angestellte, einfache
Verwaltungsstruktur) gekennzeichnet ist, so ist ein strenger
Sorgfaltsmassstab anzulegen (vgl. Urteil des Bundesgerichts
9C_763/2018 vom 16. Juli 2019 E.4.1.1). Die Ausgleichskasse, welche
feststellt, dass sie einen durch Missachtung von Vorschriften
entstandenen Schaden erlitten hat, darf rechtsprechungsgemäss
allerdings davon ausgehen, dass die Vorschriften absichtlich oder
mindestens grobfahrlässig verletzt wurden, sofern keine Rechtfertigungs-
oder Exkulpationsgründe gegeben sind (siehe BGE 119 V 401 E.4a, 108
V 199 E.1; Urteile des Bundesgerichts 9C_906/2017 vom 21. Juni 2018
E.4.2.3, 9C_599/2017 vom 26. Juni 2018 E.4.2.1 ff.; vgl.
FREY/MOSIMANN/BOLLINGER, a.a.O., Rz. 12 zu Art. 52 AHVG;
NUSSBAUMER, Die Haftung des Verwaltungsrates nach Art. 52 AHVG
[Haftung des Verwaltungsrates], in: AJP 1996, S. 1071 ff., 1077 f. mit
Hinweisen auf BGE 108 V 186 E.1b). Unerheblich ist, dass die Beiträge in
Ermangelung finanzieller Mittel nicht bezahlt worden sind, denn für die
Beurteilung der Haftbarkeit des Beschwerdeführers kommt es nicht darauf
an, dass die Gesellschaft nicht über ausreichende materielle Mittel
verfügte. Entscheidend ist vielmehr, ob sie infolge Verschuldens des
Beschwerdeführers nicht in der Lage war, ihrer Zahlungspflicht gegenüber
der Ausgleichskasse nachzukommen (BGE 109 V 86 E.5f.). Der Begriff
der Grobfahrlässigkeit im Sinne von Art. 52 AHVG ist gleich zu verstehen
wie im übrigen Haftpflicht- und Versicherungsrecht. Grobfahrlässig
handelt, wer eine elementare Vorsichtsmassnahme missachtet bzw.
- 21 -
ausser Acht lässt, was jedem verständigen Menschen in gleicher Lage und
unter gleichen Umständen als beachtlich hätte einleuchten müssen. Die
Verschuldensfrage wird primär nach den Umständen beurteilt, die zum
Zahlungsrückstand geführt haben (BGE 124 V 255 E.3b); dabei stellt der
Normverstoss von einer gewissen Schwere eine grobe Fahrlässigkeit im
Sinne von Art. 52 AHVG dar (vgl. zum Ganzen KIESER, a.a.O., Rz. 41 ff.
zu Art. 52 AHVG m.H.). Beim Akontoverfahren gemäss Art. 35 AHVV ist
bezüglich des Verschuldens festzuhalten, dass der Arbeitgeber für eine
Differenz zwischen den geleisteten Akontozahlungen und den genauen
Beträgen nicht haftbar gemacht werden kann, es sei denn, er bezwecke
aufgrund von finanziellen Schwierigkeiten die Fälligkeit seiner Schulden
durch deutlich ungenügende Akontozahlungen weitestmöglich
hinauszuschieben (vgl. ZAK 1992 247 E.3b); vgl. dazu aber auch die in
Art. 35 Abs. 2 AHVV (gültig seit 1. Januar 2001) festgelegte Meldepflicht
des Arbeitgebers. Wenn Änderungen der massgebenden Lohnsumme –
entgegen den Vorschriften – der Ausgleichskasse nicht gemeldet werden,
wird die Ausgleichskasse daran gehindert, die Beiträge anzupassen; was
grundsätzlich als grobe Fahrlässigkeit im Sinne von Art. 52 AHVG zu
werten ist (siehe SVR 2006 AHV Nr. 8). Gemäss Urteil des Bundesgericht
9C_312/2021 vom 8. November 2021 E.3.2.2 ist es – allenfalls abgesehen
von kurzfristigen Ausständen – grobfahrlässig, Löhne zu bezahlen, wenn
die darauf geschuldeten AHV-Beiträge nicht gedeckt sind. Solches
Verhalten ist den verantwortlichen Organen grundsätzlich als qualifiziertes
Verschulden zuzurechnen, was die volle Schadenersatzpflicht nach sich
zieht, sofern ein adäquater Kausalzusammenhang zwischen der
schuldhaften Verletzung von Vorschriften und dem Schadenseintritt
besteht und die Ausgleichskasse kein Mitverschulden trifft. Der Grund für
diese Praxis liegt in der besonderen Natur der AHV-Beiträge, hinsichtlich
welcher der Arbeitgeber die Funktion eines Vollzugsorgans ausübt (Art. 51
AHVG). Daraus resultiert eine besondere Pflicht, für die
- 22 -
ordnungsgemässe Bezahlung der Beiträge zu sorgen (vgl. auch KIESER,
a.a.O., Rz. 48 ff. zu Art. 52 AHVG; Urteil des Bundesgerichts
9C_247/2016 vom 10. August 2016 E.5.2 [Bejahung des Verschuldens,
weil der Arbeitgeber höhere Akontozahlungen hätte vornehmen müssen]).
Entscheidend für die Beurteilung der Verschuldensfrage ist nicht, was die
verantwortlichen Organe zur Aufrechterhaltung des Betriebes oder zur
Vermeidung eines Konkurses allenfalls unternommen haben (z.B.
Einbringung beachtlicher privater Mittel in die Gesellschaft), sondern ob
sie (nach aussen erkennbar) der Pflicht, für eine ordnungsgemässe
Bezahlung der Sozialversicherungsbeiträge zu sorgen, nachgekommen
sind (vgl. Urteil des Bundesgerichts 9C_312/2021 vom 8. November 2021
E.4.3 m.H.).
3.3.2. Die Beschwerdegegnerin macht zumindest grobfahrlässiges Verschulden
des Beschwerdeführers geltend, weil die B._ AG bzw. der
Beschwerdeführer als deren Organ von den gesetzlichen Verpflichtungen
(Zahlungspflicht, Meldepflicht) Kenntnis haben musste und dennoch das
gesetzlich gebotene Handeln unterliess. Der Beschwerdeführer wiederum
macht bezüglich Verschulden geltend, dass ihm keine grobe
Fahrlässigkeit (geschweige denn Absicht) vorgeworfen werden könne, so
dass kein Verschulden vorliege. Ein solches sei aber erforderlich für seine
Haftung, handle es sich doch bei Art. 52 AHVG um eine
Verschuldenshaftung und nicht um eine Kausalhaftung (H.a. BGE 108 V
183 und BGE 108 V 199 sowie BGE 121 V 243).
Diese Argumentation des Beschwerdeführers verfängt angesichts obiger
aktuellerer Rechtsprechung nicht. Zum einen, weil der vorliegende
Sachverhalt sich in wesentlichen Punkten von demjenigen in BGE
108 V 183 unterscheidet: der Beschwerdeführer war nicht Eigentümer der
Gesellschaft, sondern nur kollektivzeichnungsberechtigtes
Verwaltungsratsmitglied; er ging keine persönliche (Solidar-)Haftung für
- 23 -
die Gesellschaft ein und es lagen keine Umstände vor, die auf eine
Befriedigung der ausstehenden Sozialversicherungsbeiträge innert
nützlicher Frist hätten schliessen lassen; zudem ging es nicht um die
erwartungswidrige tiefe Verwertung eines wichtigen Aktivums, so dass
kein Rechtfertigungsgrund bzw. kein Exkulpationsgrund ersichtlich ist (vgl.
ZAK 1985 S. 575 ff.; Urteil des Bundesgerichts 9C_41/2017 vom 2. Mai
2017 E.7.2). In BGE 108 V 199 E.2 f. wird zudem – unter Hinweis auf den
rund ein halbes Jahr früher ergangenen BGE 108 V 183 – festgehalten,
es könne "in einem Zahlungsaufschub bloss der Versuch erblickt werden,
den – bereits widerrechtlich eingetretenen – Zahlungsrückstand der Firma
nachträglich wieder in Ordnung zu bringen, wobei es der Ausgleichskasse
in erster Linie darum gehen musste, die eingetretenen Rückstände ohne
Verlust einbringen zu können. Eine solche Massnahme an sich vermag
die nicht rechtzeitige Bezahlung sowohl der bereits verfallenen als auch
der erst fällig werdenden Beiträge überhaupt nicht zu entschuldigen bzw.
zu rechtfertigen."
3.3.3. Die Abrechnungs- und Beitragspflichten treffen subsidiär zur juristischen
Person die natürlichen Personen, die eine Organstellung innehaben (BGE
114 V 219 E.3c). Wenn auch die Sorgfaltspflicht der Organe einer
Aktiengesellschaft grundsätzlich streng ist, ist doch das Ausmass der
Sorgfaltspflicht nach den Verhältnissen im Einzelfall zu beurteilen (vgl.
KIESER, a.a.O., Rz. 43 ff. zu Art. 52 AHVG). Nicht jedes einer juristischen
Person anzulastende Verschulden muss auch ein solches ihrer sämtlichen
Organe sein. Vielmehr ist abzuwägen, ob und inwieweit eine Handlung der
Gesellschaft einem bestimmten Organ im Hinblick auf dessen rechtliche
und faktische Stellung innerhalb der Gesellschaft zuzurechnen ist. Ob das
Verhalten eines Organs als schuldhaft zu werten ist, beurteilt sich
aufgrund der ihm obliegenden obligationenrechtlichen Sorgfalts- und
Überwachungspflichten im Rahmen der ihm von der juristischen Person
- 24 -
übertragenen Verantwortung und den Kompetenzen, wobei ein objektiver
Verschuldensmassstab anzuwenden ist. Das Mass der zu verlangenden
Sorgfalt ist seinerseits entsprechend der Sorgfaltspflicht abzustufen, die in
den kaufmännischen Belangen jener Arbeitskategorie, welcher der
Betroffene angehört, üblicherweise erwartet werden kann und muss. Die
Differenzierung des Sorgfaltsmasstabs richtet sich nach der Organisation
und Rechtsform des Arbeitgebers, sie ist nicht abhängig von der Branche
der Gesellschaft oder der Berufsgattung des Organs (vgl. dazu BGE 108
V 199 E.3a; FREY/MOSIMANN/BOLLINGER, a.a.O., Rz. 4 und 14 f. zu Art. 52
AHVG; siehe dazu auch FORSTER, a.a.O., Rz. 11.22 f.). Vom
Verwaltungsratspräsidenten, der einziges ausführendes Organ einer
Gesellschaft ist, ist ein höheres Mass an Sorgfalt zu verlangen als vom
Organ eines Grossunternehmens, dessen Kontrollmöglichkeiten
eingeschränkt sind. Demnach ist nicht jede Verletzung der öffentlich-
rechtlichen Aufgaben einer Arbeitgeberin ohne Weiteres als qualifiziertes
Verschulden ihrer Organe zu werten; vielmehr wird ein Normverstoss von
einer gewissen Schwere verlangt. Bei der Beurteilung, ob ein Organ des
Arbeitgebers schuldhaft gehandelt hat, ist entscheidend, welche
Kompetenzen dem Organ übertragen wurden. Der Verwaltungsrat kann
sich aber seiner Überwachungspflicht im Sinne von Art. 716a OR durch
eine Delegation seiner Geschäftsführungs- und Vertretungsbefugnisse an
Dritte nicht entledigen. Auch wenn sich das Verwaltungsratsmitglied auf
die Überprüfung der Tätigkeit der Geschäftsleitung und des
Geschäftsganges beschränken darf, wird diesbezüglich verlangt, dass es
sich laufend über den Geschäftsgang informiert, Rapporte verlangt und sie
sorgfältig studiert, nötigenfalls ergänzende Auskünfte beizieht und Irrtümer
abzuklären versucht. Massgebend sind dabei die gesetzlich nicht
übertragbaren Pflichten des Verwaltungsrates (siehe dazu
FREY/MOSIMANN/BOLLINGER, a.a.O, Rz. 15 zu Art. 52 AHVG; KIESER,
a.a.O., Rz. 41 ff. zu Art. 52 AHVG m.H.).
- 25 -
3.3.4. Passivität trotz möglicher Kenntnis ausstehender Beitragszahlungen ist
als grobfahrlässig zu bewerten. Auch der nicht geschäftsführende
Verwaltungsrat untersteht einer strengen Aufsichts- und Kontrollpflicht. So
ist es zulässig, den Verkehr mit der Ausgleichskasse z.B. an eine
Treuhandfirma zu delegieren, was aber nicht von der Überwachungspflicht
entbindet, dass die Pflichten auch ausgeführt werden (vgl.
FREY/MOSIMANN/BOLLINGER, a.a.O., Rz. 15 zu Art. 52 AHVG; KIESER,
a.a.O., Rz. 95 zu Art. 52 AHVG; BGE 108 V 199 E.3; Urteil des
Bundesgerichts 9C_906/2017 vom 21. Juni 2018 E.4.2.2 m.H.a.
9C_651/2012 vom 15. Mai 2013 E.6.2). So sieht Art. 717 Abs. 1 OR vor,
dass die Mitglieder des Verwaltungsrates sowie Dritte, die mit der
Geschäftsführung befasst sind, ihre Aufgaben mit aller Sorgfalt erfüllen
und die Interessen der Gesellschaft in guten Treuen wahren müssen.
Gemäss Art. 716a Abs. 1 Ziff. 1, 3 und 5 OR hat der Verwaltungsrat die
folgenden unübertragbaren und unentziehbaren Aufgaben: Die
Oberleitung der Gesellschaft und die Erteilung der nötigen Weisungen; die
Ausgestaltung des Rechnungswesens, der Finanzkontrolle sowie der
Finanzplanung, sofern diese für die Führung der Gesellschaft notwendig
ist; und die Oberaufsicht über die mit der Geschäftsführung betrauten
Personen, namentlich im Hinblick auf die Befolgung der Gesetze,
Statuten, Reglemente und Weisungen.
3.3.5. Im vorliegenden Fall handelt es sich bei der B._ AG um ein
kleines Unternehmen mit sehr einfacher Verwaltungsstruktur. Als
formelles Organ war nur der Beschwerdeführer als
Verwaltungsratsmitglied tätig. Es herrschten einfache und überschaubare
Verhältnisse, so dass vom einzigen hiesigen Verwaltungsrat, der
zusammen mit der Geschäftsführerin D._ (Beschwerdeführerin
im Verfahren S 21 49) die Verwaltung der Aktiengesellschaft zu besorgen
hatte, der Überblick über alle wesentlichen Belange der Gesellschaft
- 26 -
verlangt werden musste. Nach eigenen Angaben des Beschwerdeführer
wurde der Geschäftsführerin der B._ AG bereits am 15. Januar
2018 von der Gründerin, Geschäftsführerin und Präsidentin des
Verwaltungsrats der F._ Inc., J._, mitgeteilt, dass die
F._ Inc. Schwierigkeiten bei ihrer eigenen Finanzierung hätte und
die B._ AG daher nicht die geplante Finanzierung für das
1. Quartal 2018 erhalten würde; nach Ansicht der Geschäftsführerin der
B._ AG ging es dabei um das reine "Überleben" der Gesellschaft
im Januar 2018 und aktenkundig in den folgenden Monaten (vgl. Bg-act. I.
169 S. 2 und 169 S. 14 ff.: "But status quo is: AG needs 130k in order to
survive Jan" [vgl. Bg-act. I. 169 S. 15]). Angesichts dieses Umstandes und
des am 12. Februar 2018 erhaltenen Zahlungsaufschubs bezüglich der bis
Ende 2017 aufgelaufenen Sozialversicherungsbeiträge ist erwiesen, dass
sich die B._ AG seit (spätestens) Beginn des Jahres 2018 in
finanziellen Schwierigkeiten befand. So bezahlte sie auch die
Akontorechnungen des 3. Quartals 2018 vom 10. September 2018 und
des 4. Quartals 2018 vom 10. Dezember 2018 nicht bis zu ihrer Fälligkeit,
so dass es hierfür Fristerstreckungen bis jeweils 31. März 2019 benötigte.
Dennoch hielt der Verwaltungsrat der B._ AG erst circa elf
Monate später, am 20. Dezember 2018, eine Sitzung betreffend die
weitere Finanzierung der B._ AG ab (siehe nebst den Akten des
Beschwerdeführers auch Bg-act. I. 169 S. 4). Selbst wenn der
B._ AG Zahlungserleichterungen gewährt wurden, musste dem
Beschwerdeführer doch bewusst sein, dass es nicht so weit hätte kommen
dürfen und dass nicht weiterhin von den Löhnen paritätische Beiträge
abgezogen werden durften, ohne diese – zusammen mit den
Arbeitgeberbeiträgen – der Ausgleichskasse zu überweisen. In Anbetracht
der zunehmenden Verschuldung der B._ AG hätte der
Beschwerdeführer erst recht für die Bezahlung dieser Beiträge sorgen
müssen. Indem der Beschwerdeführer diese seine Sorgfaltspflicht
- 27 -
missachtete, hat er das ausser Acht gelassen, "was jedem verständigen
Menschen in gleicher Lage und unter gleichen Umständen als beachtlich
hätte einleuchten müssen". Es wurden weder Umstände dargetan, welche
sein Verhalten als berechtigt oder entschuldbar erscheinen liessen, noch
ergeben sich hierfür irgendwelche Anhaltspunkte aus den Akten (vgl. BGE
108 V 199 E.3b). Bei pflichtgemässer Ausübung seiner Sorgfalts- und
Überwachungspflichten als Verwaltungsratsmitglied der B._ AG
hätte der Beschwerdeführer die finanziellen Schwierigkeiten, in denen sich
die B._ AG spätestens ab Februar 2018 erwiesenermassen
befand, erkennen und mit erhöhter Aufmerksamkeit für die Begleichung
der ausstehenden Sozialversicherungsbeiträge der Mitarbeitenden der
B._ AG sorgen müssen. Auch hätte er in Nachachtung der
Meldepflicht gemäss Art. 35 Abs. 2 AHVV dafür sorgen müssen, dass der
Beschwerdegegnerin die effektive Lohnsumme im Jahr 2018, welche die
den Akontorechnungen zu entnehmende Lohnsumme 2017 von
CHF 333'815.-- um mehr als das Doppelte überstieg, gemeldet würde. Es
ist den Akten nicht zu entnehmen, dass sich der Beschwerdeführer jemals
um diese Angelegenheit gekümmert hätte. Diese Passivität stellt eine
Verletzung seiner Sorgfalts- und Überwachungspflichten als
Verwaltungsratsmitglied dar, welche ihm zumindest als grobfahrlässiges
Verhalten vorwerfbar ist. Exkulpationsgründe, wonach
rechtsprechungsgemäss die vorübergehende Nichtbezahlung der
Beiträge ausnahmsweise rechtmässig erscheint, wenn feststeht, dass der
Arbeitgeber bzw. das Organ aus ernsthaften und objektiven Gründen
annehmen durfte, seine Beitragsschulden innert nützlicher Frist bezahlen
zu können (vgl. Urteil des Bundesgerichts 9C_330/2010 vom 18. Januar
2011 E.3.4), sind keine ersichtlich, zumal nach eigenen Angaben des
Beschwerdeführers erst Ende Dezember 2018 intensive – letztlich aber
erfolglose – Bemühungen um finanzielle Mittel einsetzten und er auch
keine persönlichen Verpflichtungen zugunsten der B._ AG (z.B.
- 28 -
[zinsloses] Darlehen, Bürgschaften, oder dgl.) leistete. Auch betraf der
Ausstand nicht eine kurze Dauer, sondern das gesamte Jahr 2018.
Aufgrund der Aktenlage fehlt jeglicher Anhaltspunkt dafür, dass die
B._ AG oder der Beschwerdeführer hätten davon ausgehen
dürfen, aufgrund der Bemühungen um neue finanzielle Mittel ab Ende
2018 innert nützlicher Frist die geschuldeten Sozialversicherungsbeiträge
der B._ AG begleichen zu können, wurde doch der
Geschäftsführerin seitens der F._ Inc. bereits im Januar 2018 und
seither wiederholt kommuniziert, dass die F._ Inc. ihrerseits
Schwierigkeiten bei ihrer eigenen Finanzierung hätte und die B._
AG daher nicht die geplante Finanzierung für das 1. Quartal 2018 erhalten
würde.
3.3.6. Zu seiner Exkulpation macht der Beschwerdeführer implizit ein
Mitverschulden der Beschwerdegegnerin geltend, da diese von der
steigenden Lohnsumme Kenntnis gehabt hätte. Nach der Rechtsprechung
ist ein Mitverschulden der Ausgleichskasse gegeben, wenn sich die
Verwaltung einer groben Pflichtverletzung schuldig gemacht hat, was
namentlich dann der Fall ist, wenn sie elementare Vorschriften der
Beitragsveranlagung und des Beitragsbezugs missachtet hat, und wenn
zwischen dem rechtswidrigen Verhalten und dem Schaden ein adäquater
Kausalzusammenhang besteht (vgl. KIESER, a.a.O., Rz. 34 ff. und 71 ff. zu
Art. 52 AHVG; NEDI, a.a.O., S. 149; Urteil des Eidgenössischen
Versicherungsgerichts [EVGE] H 235/03 vom 2. März 2004 E.7 mit
Hinweisen). Die Frage eines allfälligen Mit- bzw. Selbstverschuldens der
Ausgleichskasse ist ohne Einfluss auf die Verpflichtung des Arbeitgebers,
für die Beitragsabrechnung und –zahlung besorgt zu sein und vermag
daher den Kausalzusammenhang zwischen dem pflichtwidrigen Verhalten
und dem eingetretenen Schaden nicht zu unterbrechen (vgl. Urteil des
Kantonsgerichts des Kantons Luzern [KGU-Luzern] 5V 13 308 vom
- 29 -
20. Mai 2014 E.5.3.3.1). Eine grobe Pflichtverletzung seitens der
Ausgleichskasse kann jedoch dazu führen, dass die Ersatzpflicht in
sinngemässer Anwendung von Art. 44 Abs. 1 OR ermessensweise
herabgesetzt wird, ohne sie jedoch ganz wegzudenken (BGE 122 V 185
E.3c). Es sind vorliegend aber keine Anhaltspunkte ersichtlich, wonach die
Beschwerdegegnerin elementare Vorschriften missachtet hätte, indem sie
selbst den Anstieg der Lohnsumme im Jahr 2018 hätte erkennen können,
denn die entsprechende Meldung obliegt der Arbeitgeberin. Es ist nicht
Aufgabe der Beschwerdegegnerin, die Gesellschaft bzw. deren Organe
auf eine Anpassung der Akontobeiträge hinzuweisen bzw. auf einen
drohenden Schaden aufmerksam zu machen. Vor diesem Hintergrund
lässt sich festhalten, dass ein Mitverschulden der Beschwerdegegnerin
und damit auch eine Reduktion der Haftung des Beschwerdeführers
entfallen. Weitere Entlastungsgründe werden vom Beschwerdeführer
weder geltend gemacht noch sind solche ersichtlich, weshalb davon
auszugehen ist, dass er seine Pflichten zumindest grobfahrlässig verletzt
hat. Damit ist auch die Haftungsvoraussetzung des Verschuldens zu
bejahen.
3.4. Zwischen dem bei der Beschwerdegegnerin eingetretenen Schaden und
dem pflichtwidrigen Verhalten des Arbeitgebers muss sodann ein
adäquater Kausalzusammenhang bestehen (vgl. BGE 119 V 406 E.4a).
Ein Ergebnis hat dann als adäquate Ursache eines Schadens zu gelten,
wenn es nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge und nach allgemeiner
Lebenserfahrung an sich geeignet ist, einen Erfolg in der Art des
eingetretenen herbeizuführen, der Eintritt des Erfolgs durch das Ereignis
also allgemein als begünstigt erscheint (vgl. BGE 128 V 124 E.4 f., 125 V
456 E.5a). Daran fehlt es, wenn auch ein pflichtgemässes Verhalten den
Schaden nicht hätte verhindern können (vgl. Urteil des Bundesgerichts
9C_599/2017 vom 26. Juni 2018 E.4.3.1.1). Oder wenn der
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Ausgleichskasse eine grobe Pflichtverletzung wie die Missachtung
elementarer Vorschriften der Beitragsveranlagung und des
Beitragsbezugs vorzuwerfen ist, was für die Entstehung oder
Verschlimmerung des Schadens adäquat kausal war. In diesem Fall kann
der Schadenersatz ermessensweise herabgesetzt werden (siehe NEDI,
a.a.O., S. 151). Letzteres wurde bereits verneint (siehe oben Erwägung
3.3.6.).
Vorliegend hat das pflichtwidrige Verhalten der B._ AG bzw. des
Beschwerdeführers als Verwaltungsratsmitglied dazu geführt, dass
Beitragszahlungen mangels Liquidität nicht geleistet werden konnten und
dass infolge Nichtmeldung der erheblich gestiegenen Lohnsumme im Jahr
2018 die Beschwerdegegnerin für das Jahr 2018 deutlich zu tiefe
Akontobeiträge in Rechnung gestellt hat. Wären die B._ AG bzw.
der Beschwerdeführer als Verwaltungsratsmitglied ihren Zahlungs- und
Meldepflichten rechtzeitig nachgekommen und wären die Löhne nur
insoweit ausbezahlt worden, als die darauf geschuldeten Abgaben bei
Fälligkeit hätten beglichen werden können, wäre der Schaden nicht
eingetreten bzw. geringer ausgefallen (vgl. Urteil des Bundesgerichts
9C_789/2018 vom 1. Mai 2019 E.3.4). Zahlungsaufschübe bedeuten im
Übrigen lediglich einen Aufschub der Fälligkeit der öffentlich-rechtlichen
Forderung, relativieren diese aber grundsätzlich in keiner Weise (vgl. Urteil
des Bundesgerichts 9C_37/2019 vom 1. Juli 2019 E.5.3.1). Die
Unterlassungen der B._ AG bzw. des Beschwerdeführers als
Verwaltungsratsmitglied waren nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge
und der allgemeinen Lebenserfahrung geeignet, den eingetretenen Erfolg
(Schaden) herbeizuführen. Somit ist auch der adäquate
Kausalzusammenhang zu bejahen.
3.5. In antizipierter Beweiswürdigung erübrigen sich weitere
Beweismassnahmen wie die angebotene Zeugenbefragung von
- 31 -
D._ (vgl. Beschwerde Rz. 35; Replik) über Kontakte zu
potentiellen Investoren im Februar/März 2019 bzw. die personelle
Besetzung der B._ AG im Jahr 2018, da von einer
entsprechenden Befragung keine entscheidrelevanten Ergebnisse zu
erwarten sind (vgl. BGE 144 V 361 E.6.5, 136 I 229 E.5.3).
3.6. Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass sämtliche
Haftungsvoraussetzungen gegenüber dem Beschwerdeführer erfüllt sind.
Gemäss Art. 52 Abs. 2 Satz 2 AHVG haften mehrere
Schadenersatzpflichtige solidarisch. Als Solidarschuldner hat jedes
einzelne Organ für den ganzen Schaden einzustehen, die
Ausgleichskasse braucht sich um die internen Beziehungen zwischen
ihnen nicht zu kümmern. Die Beschwerdegegnerin hat somit den
Beschwerdeführer als solidarisch Haftpflichtigen zu Recht verpflichtet,
Ersatz für den gesamten Schaden zu leisten. Demgemäss ist die
Beschwerde abzuweisen, soweit darauf einzutreten ist.
4.1. Bis anhin galt vor kantonalen Gerichten bei Beschwerdeverfahren im
Bereich Sozialversicherungen der Grundsatz der Kostenlosigkeit (aArt. 61
lit. a ATSG). Mit der Änderung des ATSG vom 21. Juni 2019 wurde u.a.
einer Motion nach einer (generellen) Kostenpflicht der Verfahren vor den
kantonalen Versicherungsgerichten Rechnung getragen (vgl. BBl 2018
1607 ff., 1624 f. und 1639 sowie BBl 2019 4475 ff.). In Bezug auf die
Kostenpflicht bei Beschwerdeverfahren im Bereich des
Sozialversicherungsrechts haben sich der Bundesrat und die
Parlamentsmehrheit indes für eine differenzierte Lösung anstelle einer
generellen Kostenpflicht ausgesprochen, um den Eigenheiten der
einzelnen Sozialversicherungen Rechnung zu tragen. Bei
Leistungsstreitigkeiten besteht nach der Revision des ATSG eine
Kostenpflicht nur nach Massgabe des jeweiligen Einzelgesetzes (z.B.
Art. 69 Abs. 1bis IVG; siehe Art. 61 lit. fbis ATSG, in Kraft seit 1. Januar
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2021). Da insoweit der Grundsatz des Vorrangs übergeordneten Rechts
greift, besteht bei solchen Streitigkeiten kein Spielraum für die Auferlegung
von Kosten durch das kantonale Versicherungsgericht. Ein solcher
Spielraum besteht hingegen bei Beitragsstreitigkeiten und anderen Nicht-
Leistungsstreitigkeiten genauso wie bei mutwilliger oder fahrlässiger
Beschwerdeführung.
Streitigkeiten betreffend Schadenersatz nach Art. 52 AHVG stellen keine
Leistungsstreitigkeiten im Sinne von Art. 61 lit. fbis dar (vgl. Urteil des
Bundesgerichts 9C_419/2021 vom 4. Oktober 2021 und Amtliches Bulletin
des Ständerates vom 18. September 2018 [AB 2018 S. 667 f.]), so dass
aufgrund des revidierten Art. 61 ATSG nicht mehr von grundsätzlicher
Kostenlosigkeit der Verfahren vor dem kantonalen Versicherungsgericht
auszugehen ist.
4.2. Die Änderung einer Rechtsprechung kommt nur unter ganz bestimmten
Voraussetzungen in Frage. Sie muss sich auf ernsthafte sachliche Gründe
stützen, die – vor allem im Hinblick auf das Gebot der Rechtssicherheit –
umso gewichtiger sein müssen, je länger die als falsch oder nicht mehr
zeitgemäss erkannte Rechtsanwendung für zutreffend erachtet worden ist.
Eine Praxisänderung lässt sich grundsätzlich nur begründen, wenn die
neue Lösung besserer Erkenntnis des Gesetzeszwecks, veränderten
äusseren Verhältnissen oder gewandelten Rechtsanschauungen
entspricht (vgl. BGE 146 I 105 E.5.2.2; 145 V 200 E.4.5.3, 145 V 50
E.4.3.1; 141 II 297 E.5.5.1; 140 V 538 E.4.5 mit Hinweisen; Urteil des
Bundesgerichts 8C_773/2020 vom 9. November 2021 E.7.1.1).
In Änderung der bisherigen Praxis des Verwaltungsgerichts des Kantons
Graubünden soll sich demnach bei Verfahren mit Einleitung ab dem
1. Januar 2021 (Art. 82a ATSG) im Anwendungsbereich des ATSG, die
nicht als Leistungsstreitigkeiten im Sinne von Art. 61 lit. fbis ATSG gelten,
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wie insbesondere Beitragsstreitigkeiten oder andere Nicht-
Leistungsstreitigkeiten, die Kostenpflicht und der Kostenrahmen des
versicherungsgerichtlichen Verfahrens gemäss Art. 61 ATSG
grundsätzlich nach dem kantonalen Recht und somit nach den
allgemeinen Kostenverlegungsgrundsätzen für Rechtsmittel- und
Klageverfahren vor dem Verwaltungsgericht (Art. 72 ff. VRG) richten,
wobei im Einzelfall auch auf eine Kostenerhebung verzichtet werden kann.
4.3. Bei diesem Ausgang des Verfahrens gehen die Kosten zu Lasten des
Beschwerdeführers (Art. 73 Abs. 1 VRG). Die Staatsgebühr beträgt in der
Regel höchstens CHF 20'000.-- und richtet sich nach dem Umfang und der
Schwierigkeit der Sache sowie nach dem Interesse und der
wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit der Kostenpflichtigen. Vorliegend ist
die Staatsgebühr in Anwendung von Art. 75 Abs. 2 VRG auf CHF 1'000.--
festzusetzen (Art. 1 Abs. 1 AHVG i.V.m. Art. 61 ATSG). Der obsiegenden
Beschwerdegegnerin steht keine Parteientschädigung zu (vgl. Art. 61 lit. g
ATSG).
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