Decision ID: 93154b51-e722-4d69-a2e6-4fd063abcab1
Year: 2021
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend Körperverletzung etc. und Widerruf
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Zürich, 10. Abteilung - Einzelgericht, vom 23. Oktober 2020 (GG200180)
- 2 -
Anklage:
Die berichtigte Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Zürich-Limmat vom
23. Oktober 2020 (Urk 32) ist diesem Urteil beigeheftet.
Urteil der Vorinstanz: (Urk. 41 S. 24 f.)
"Es wird erkannt:
1. Der Beschuldigte A._ ist schuldig
− der groben Verletzung der Verkehrsregeln im Sinne von Art. 90 Abs. 2 SVG in Ver-
bindung mit Art. 27 Abs. 1 SVG, Art. 22 Abs. 1 SSV sowie Art. 4a Abs. 1 lit. d VRV;
− der mehrfachen Verletzung der Verkehrsregeln im Sinne von Art. 90 Abs. 1 SVG in
Verbindung mit Art. 39 Abs. 1 SVG.
2. Vom Vorwurf der einfachen Körperverletzung im Sinne von Art. 123 Ziff. 1 Abs. 1 StGB wird
der Beschuldigte freigesprochen.
3. Der Beschuldigte wird bestraft mit einer Geldstrafe von 48 Tagessätzen zu Fr. 30.– und ei-
ner Verbindungsbusse von Fr. 360.– sowie mit einer Busse von Fr. 200.–.
4. Der Vollzug der Geldstrafe wird aufgeschoben und die Probezeit auf 4 Jahre festgesetzt.
5. Die Bussen sind zu bezahlen. Bezahlt der Beschuldigte die Bussen schuldhaft nicht, so tritt
an deren Stelle eine Ersatzfreiheitsstrafe von 16 Tagen.
6. Die Probezeit der mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Brugg-Zurzach vom 10. April 2019
ausgesprochenen, bedingt aufgeschobenen Geldstrafe von 40 Tagessätzen zu je Fr. 50.–
wird um 1 Jahr verlängert.
7. Der Antrag auf Anordnung der Abnahme einer DNA-Probe und Erstellung eines DNA-Profils
wird abgewiesen.
- 3 -
8. Die Entscheidgebühr wird festgesetzt auf:
Fr. 1'500.–; die weiteren Kosten betragen:
Fr. 3'000.– Gebühr für das Vorverfahren
Fr. 2'827.13 Auslagen (Gutachten)
Fr. 3'600.– Telefonkontrolle
Allfällige weitere Auslagen bleiben vorbehalten.
9. Die Kosten der Untersuchung, mit Ausnahme der Kosten für das Gutachten und die Tele-
fonkontrolle, und des gerichtlichen Verfahrens werden zur Hälfte dem Beschuldigten aufer-
legt und zur Hälfte auf die Gerichtskasse genommen.
Die Auslagen für das Gutachten werden dem Beschuldigten vollumfänglich auferlegt. Die
Kosten für die Telefonkontrolle werden vollumfänglich auf die Gerichtskasse genommen.
10. (Mitteilungen.)
11. (Rechtsmittel)"
Berufungsanträge: (Prot. II S. 7 f.)
a) Der Staatsanwaltschaft:
(Urk. 63)
1. Der Beschuldigte sei zusätzlich wegen einfacher Körperverletzung im Sinne
von Art. 123 Ziff. 1 Abs. 1 StGB schuldig zu sprechen.
2. Der Beschuldigte sei mit einer Freiheitsstrafe von 9 Monaten, einer Geldstra-
fe von 60 Tagessätzen zu einer angemessenen Tagessatzhöhe sowie einer
Busse von CHF 200.– zu bestrafen.
3. Dem Beschuldigten sei der bedingte Vollzug der Freiheitsstrafe sowie der
Geldstrafe unter Ansetzung einer Probezeit von 4 Jahren zu gewähren.
4. Es sei eine Abnahme einer DNA-Probe beim Beschuldigten sowie die Er-
stellung eines DNA-Profils anzuordnen.
5. Dem Beschuldigten seien die Kosten vollständig aufzuerlegen.
- 4 -
b) Der Verteidigung des Beschuldigten:
(Urk. 64)
1. Ziff. 1 des Dispositivs des angefochtenen Urteils sei aufzuheben und durch
folgenden Urteilsspruch zu ersetzen:
Der Beschuldigte A._ ist schuldig der mehrfachen Verletzung der Ver-
kehrsregeln im Sinne von Art. 90 Abs. 1 SVG in Verbindung mit Art. 27
Abs. 1 SVG, 22 Abs. 1 SSV sowie Art. 4a Abs. 1 lit. d VRV und Art. 39 Abs.
1 SVG.
2. Ziff. 2 des Dispositivs des angefochtenen Urteils sei zu bestätigen.
3. Ziff. 3 des Dispositivs des angefochtenen Urteils sei aufzuheben und durch
folgenden Urteilsspruch zu ersetzen:
Der Beschuldigte wird bestraft mit einer angemessenen Busse.
4. Ziff. 4 des Dispositivs des angefochtenen Urteils sei ersatzlos aufzuheben.
5. Ziff. 5 des Dispositivs des angefochtenen Urteils sei mit Bezug auf die Höhe
der Busse gemäss Anschlussberufungsantrag Ziff. 3 anzupassen.
6. Ziff. 6 des Dispositivs des angefochtenen Urteils sei ersatzlos aufzuheben.
7. Ziff. 7 des Dispositivs des angefochtenen Urteils sei zu bestätigen.
8. Ziff. 9 des Dispositivs des angefochtenen Urteils sei aufzuheben und durch
folgenden Urteilsspruch zu ersetzen:
Die Kosten der Untersuchung, mit Ausnahme der Kosten für das Gutachten
und die Telefonkontrolle, und des gerichtlichen Verfahrens werden dem
Beschuldigten in der Höhe von CHF 500 auferlegt. Die Kosten des Gutach-
tens und der Telefonkontrolle werden vollumfänglich auf die Gerichtskasse
genommen.
9. Unter Kostenfolge zulasten des Staates.
- 5 -

Erwägungen:
I. Prozessgeschichte, Prozessuales und Umfang der Berufung
1. Für Einzelheiten zum Prozessverlauf und zum erstinstanzlichen Urteil kann
auf die Ausführungen der Vorinstanz verwiesen werden (Urk. 41 S. 4 f.).
2. Gegen das eingangs wiedergegebene Urteil des Bezirksgerichts Zürich,
10. Abteilung – Einzelgericht, vom 23. Oktober 2020 meldete die Staatsanwalt-
schaft mit Eingabe vom 4. November 2020 in der Frist Berufung an (Urk. 35) und
erstattete hernach mit Schreiben vom 7. Januar 2021 (Poststempel 11. Januar
2021) ebenfalls rechtzeitig die Berufungserklärung (Urk. 42). Die dem Beschuldig-
ten mit Präsidialverfügung vom 12. Februar 2021 bestellte amtliche Verteidigerin
(vgl. Urk. 49) erhob auf entsprechende Fristansetzung mit Eingabe vom 5. März
2021 (Poststempel 8. März 2021) fristgerecht Anschlussberufung (Urk. 53).
3.1 Die Staatsanwaltschaft verlangt wie schon im erstinstanzlichen Verfahren
einen zusätzlichen Schuldspruch wegen einfacher Körperverletzung im Sinne von
Art. 123 Ziff. 1 Abs. 1 StGB und eine Bestrafung des Beschuldigten mit einer
Freiheitsstrafe von 9 Monaten, einer Geldstrafe von 60 Tagessätzen zu einer an-
gemessenen Tagessatzhöhe und Fr. 200.– Busse, unter Gewährung des beding-
ten Vollzuges bei Ansetzung einer Probezeit von 4 Jahren. Zudem hält sie an ih-
rem Antrag auf Anordnung der Abnahme einer DNA-Probe und Erstellung eines
DNA-Profils fest (Urk. 63).
3.2 Der Beschuldigte lässt den Schuldspruch wegen grober Verletzung der
Verkehrsregeln anfechten, den er als (einfache) Verkehrsregelverletzung taxiert
haben will. Hinsichtlich des Schuldspruchs betreffend der mehrfachen Verletzung
der Verkehrsregeln und des Freispruchs vom Vorwurf der einfachen Körperver-
letzung beantragt er Bestätigung. Als Sanktion akzeptiert er einzig eine angemes-
sene Busse, weshalb die Vollzugsregelung und Probezeitansetzung betreffend
Geldstrafe aufzuheben und die Regelung zur Ersatzfreiheitsstrafe anzupassen
seien (Urk. 64).
- 6 -
3.3 Im Ergebnis nicht angefochten ist das vorinstanzliche Urteil einzig hinsicht-
lich der mehrfachen Verletzung der Verkehrsregeln (Dispositivziffer 1 Lemma 2)
und der Kostenfestsetzung (Dispositivziffer 8) (vgl. Prot. II S. 9). Es ist daher vor-
ab mit Beschluss festzustellen, dass das vorinstanzliche Urteil insoweit in Rechts-
kraft erwachsen ist.
4. Die Verteidigung brachte an der Berufungsverhandlung formelle Einwände
betreffend das Dossier 1 bzw. den Vorwurf der Körperverletzung vor, weshalb sie
die Ergebnisse aus der Überwachung und der Wahlbildkonfrontation als unver-
wertbar taxierte (Urk. 64 S. 3 ff.). Wie noch zu zeigen sein wird, hat betreffend
Dossier 1 ohnehin ein Freispruch zu ergehen, weshalb sich eine Auseinanderset-
zung mit den formellen Einwänden der Verteidigung erübrigt.
5. Im Übrigen ist an dieser Stelle darauf hinzuweisen, dass sich die urteilende
Instanz nicht mit allen Parteistandpunkten einlässlich auseinandersetzen und je-
des einzelne Vorbringen ausdrücklich widerlegen muss. Das Berufungsgericht
kann sich auf die für seinen Entscheid wesentlichen Gesichtspunkte beschränken
(BGE 146 IV 297 E. 2.2.7; 143 III 65 E. 5.2; 141 IV 249 E. 1.3.1; Urteil des Bun-
desgerichts 6B_1403/2019 vom 10. Juni 2020 E. 2.5 mit Hinweisen).
II. Schuldunkt – Sachverhaltserstellung
1. Anklagevorwürfe
Die im Berufungsverfahren noch gegenständlichen Anklagevorwürfe der einfa-
chen Körperverletzung (vgl. nachstehende Erw. II. 3) und der groben Verletzung
der Verkehrsregeln (vgl. nachstehende Erw. II. 2) ergeben sich aus der Anklage-
schrift und sind auch im angefochtenen Urteil zusammengefasst aufgeführt. Da-
rauf kann zur Vermeidung von Wiederholungen verwiesen werden (Urk. 32 S. 2
ff.; Urk. 41 S. 5 f.).
- 7 -
2. Grobe Verkehrsregelverletzung
2.1 Zum Vorwurf der groben Verletzung der Verkehrsregeln gemäss Dossier 2
räumt der Beschuldigte zwar ein, die zulässige Höchstgeschwindigkeit am besag-
ten Ort von 120 km/h überschritten zu haben. Er bestreitet jedoch, die zulässige
Höchstgeschwindigkeit um 49 km/h überschritten zu haben und macht durchwegs
geltend, höchstens 20 km/h zu schnell bzw. mit maximal 140 km/h gefahren zu
sein. Er fahre immer mit 10-15 km/h bzw. 15-20 km/h zu schnell. Das sei ja nicht
schnell und gebe nur eine Busse (Urk. D2/2, Frage 5 f.; Urk. D1/9/2, Fragen 17-20
und 23; Urk. D1/9/6, Fragen 17 und 18; Prot. I S. 11 f. und Urk. 62 S. 5 f.). Es
stellt sich somit die Frage, um wie viele Stundenkilometer der Beschuldigte die
zulässige Höchstgeschwindigkeit von 120 km/h überschritten hat.
2.2 Als Beweismittel zur Sachverhaltserstellung stehen vorliegend im Wesent-
lichen zur Verfügung:
− die unter Erw. II. 2.1 hiervor aufgeführten polizeilichen, staatsanwaltschaft-
lichen und gerichtlichen Aussagen des Beschuldigten;
− die DVD mit der Aufzeichnung der Nachfahrmessung (Urk. D2/3);
− das Gutachten zur Ermittlung der maximalen Geschwindigkeit des vom
Beschuldigten gelenkten Fahrzeugs vom 25. Juni 2020 (Urk. D2/5/9).
Zu den Regeln der Beweiswürdigung, namentlich betreffend gerichtlicher Exper-
tisen, kann zwecks Vermeidung von Wiederholungen auf das angefochtene Urteil
verwiesen werden (Urk. 41 S. 7 f.).
2.3 Das Gutachten zur Ermittlung der maximalen Geschwindigkeit des vom
Beschuldigten gelenkten Fahrzeugs vom 25. Juni 2020 (Urk. D2/5/9) kommt zum
Ergebnis, dass der vom Beschuldigten gelenkte Audi R8 mit einer maximalen
Geschwindigkeit von 169 km/h bis 170 km/h auf der Autobahn A53 in Fahrtrich-
tung Brüttisellen unterwegs war. Abzüglich der dort zulässigen Höchstgeschwin-
digkeit von 120 km/h ergibt dies gemäss Gutachten einen Geschwindigkeitsüber-
schuss von 49 km/h. Es wurde eine Fahrstrecke von rund 3,5 km ausgewertet.
- 8 -
Die wesentlichen Grundlagen der Auswertung und die sachverständigen Feststel-
lungen und Schlussfolgerungen sind im Gutachten nachvollziehbar dargelegt. Trif-
tige Gründe, vom Gutachten abzuweichen, bestehen keine und werden vom Be-
schuldigten auch nicht geltend gemacht. Der Beschuldigte hält das Gutachten mit
dem – nicht zutreffenden – Argument für falsch, zur Tatzeit, d.h. ca. 16.05 - 16.10
Uhr, herrsche dort Abendverkehr und der grösste Stau (Prot. I S. 12). Auch die
von der Verteidigung ins Feld geführten Einwände, wonach das Gutachten im Wi-
derspruch zu den Angaben des FOR stehe, lediglich 3 Sekunden gemessen wor-
den seien, noch ein Toleranzabzug zu berücksichtigen sei und die Angaben des
Beschuldigte aufgrund seines Head-up Displays glaubhaft seien, führen ins Leere
(Urk. 64 S. 14 f.). Bekanntlich handelt es sich beim FOR-Bericht um kein Gutach-
ten, sondern um eine Grobeinschätzung. Beim Ergebnis eines Gutachtens gibt es
keinen Toleranzabzug mehr. Was die Verteidigung aus dem Umstand ableiten
möchte, dass der Beschuldigte lediglich 3 Sekunden mit massiv erhöhter Ge-
schwindigkeit fuhr, erhellt von Vornherein nicht. Auf den Videoaufnahmen ist zu-
dem deutlich zu erkennen, wie das Fahrzeug der Polizei in gleichbleibender Dis-
tanz hinterher gefahren ist. Mit der Vorinstanz ist demnach dem Gutachten zur
Ermittlung der maximalen Geschwindigkeit des vom Beschuldigten gelenkten
Fahrzeugs vom 25. Juni 2020 (Urk. D2/5/9) zu folgen und es ist erstellt, dass der
Beschuldigte die zulässige Höchstgeschwindigkeit von 120 km/h um 49 km/h
überschritten hat (Urk. 41 S. 13).
3. Einfache Körperverletzung
3.1 Den Vorwurf der Körperverletzung zum Nachteil des Geschädigten gemäss
Dossier 1 (vgl. Urk. 32 S. 2 f.) bestreitet der Beschuldigte vollumfänglich. Er habe
keine Ahnung, damit habe er nichts zu tun. Die fragliche Strassenverzweigung
und der vorgehaltene Vorfall besagten ihm gar nichts (Urk. D1/9/2, Fragen 7 ff.;
Urk. D1/9/6, Fragen 5, 16 und 18; Urk. 62 S. 6 f.). Im Rahmen seiner Stellung-
nahme zu den Zeugenaussagen von B._ (Geschädigter) und C._ (des-
sen Partnerin) erklärte der Beschuldigte, er kenne weder den Mann noch die
Frau. Er habe die beiden in seinem ganzen Leben noch nie gesehen (Urk. D1/9/5
Fragen 4 ff.). Namentlich verneinte er, am 3. Oktober 2018, dem Tatabend, der
- 9 -
Beifahrer von D._ gewesen zu sein (Prot. I S. 10 f.). Es ist daher zu prüfen,
ob der diesbezügliche Anklagesachverhalt in objektiver und subjektiver Hinsicht
erstellt werden kann. Der gemäss Art. 123 Ziff. 1 StGB erforderliche Strafantrag
liegt vor (Urk. D1/7).
3.2 Als Beweismittel finden sich in den Akten:
− die Aussagen des Beschuldigten (Urk. D1/9/2; Urk. D1/1/9/5-6; Prot. I S.
10 f., Urk. 62 S. 6 f.);
− die Aussagen des Geschädigten B._ (Urk. D1/8/1; Urk. D1/8/5;
Urk. D1/9/3) und insbesondere dessen Aussagen anlässlich der Konfrontati-
on mit einem Fotobogen zur Personenidentifizierung des Beschuldigten
(Urk. D1/8/10-11);
− die Aussagen der Zeugin C._ (Urk. D1/8/2; Urk. D1/8/6; Urk. D1/9/4)
sowie insbesondere ihre Aussagen anlässlich der Konfrontation mit einem
Fotobogen zur Personenidentifizierung des Beschuldigten (Urk. D1/8/8-9)
− die Auswertungen der Daten der rückwirkenden Überwachung des Telefon-
anschlusses Nr. 1 von D._ vom 11. September 2018 bis zum 11. März
2019 (Urk. D1/13/1-7; Urk. D1/14/1-16; Urk. D1/3; Urk. D1/6/1-3);
− die Auswertung der Daten der rückwirkenden Überwachung des Telefonan-
schlusses Nr. 2 des Beschuldigten vom 21. September 2018 bis zum 21.
März 2019 (Urk. D1/13/1-7; Urk. D1/14/1-16; Urk. D1/3; Urk. D1/6/1-3).
Hinsichtlich der Regeln der Beweiswürdigung, namentlich betreffend Aussagen
von Beteiligten, kann wiederum auf das angefochtene Urteil verwiesen werden
(Urk. 41 S. 7 f.).
3.3 Aussagen des Geschädigten und vorläufige Würdigung
3.3.1 Anlässlich der polizeilichen Einvernahme vom 21. November 2018
(Urk. D1/8/1) beschrieb der Geschädigte B._ weitestgehend in freiem Bericht
den eingeklagten Vorfall vom 3. Oktober 2018 im Wesentlichen folgendermassen:
- 10 -
Er sei nach dem Kino mit seiner Partnerin die Langstrasse entlang Richtung Un-
terführung gegangen. Kurz vor der Kreuzung Lang-/Röntgenstrasse sei ein roter
Lamborghini in normalem Tempo vorbeigefahren. Der Motor habe aufgeheult, er
könne nicht sagen ob bewusst. Das Lichtsignal sei auf Rot gestanden, wobei vor
dem Lamborghini noch zwei bis drei Fahrzeuge gestanden seien. Er sei aufmerk-
sam geworden auf den Lamborghini weil dieser lauter gewesen sei als die andern
Fahrzeuge. Sie hätten zu Fuss aufgeholt. Bei Grün sei der Lamborghini nach
rechts in die Röntgenstrasse abgebogen. Sie seien am Fussgänger[streifen] ge-
standen und hätten gleichzeitig Grün gehabt. Er habe dann gesagt "Hoffentlich
machsch en Täsche". Das Fahrzeug habe danach direkt neben dem Fussgän-
ger[streifen] auf dem Parkplatz auf dem Trottoir parkiert und der Lenker habe das
Fahrzeug zweimal aufheulen lassen. Da sei der Beifahrer aus dem Fahrzeug
ausgestiegen und habe gerufen: "Was hesch gseid". Er gehe davon aus, noch-
mals gesagt zu haben "Hoffentlich machsch en Täsche". Sie hätten weiter gehen
wollen, zurückgeschaut und gesehen, dass der Beifahrer auf sie zugekommen
sei. Vor ihnen stehend habe dieser gesagt "Was hesch gseid". Seine Partnerin sei
zwischen ihn und den Beifahrer gegangen und habe versucht diesen zurückzu-
drängen. Er habe bemerkt, dass dieser ihn fixiere und habe – vor oder nach den
Tritten – gesagt "Lass uns in Ruhe". Er (Beifahrer) habe ihm zweimal gezielt mit
dem rechten Fuss gegen seine linke Gesichtshälfte getreten. Er (Geschädigter)
habe dann etwas energischer gesagt, dass er sie in Ruhe lassen solle. In diesem
Moment sei ein Fahrradfahrer direkt zwischen sie beide und den Angreifer ge-
kommen. Weitere drei bis vier Passanten seien dazu gekommen und hätten zu-
sammen mit dem Fahrradfahrer einer Mauer gebildet. Der Fahrer habe den Bei-
fahrer an den Schultern zurückgezogen. Sie seien dann weitergegangen. Passan-
ten hätten gewollt, dass sie die Polizei anrufen würden. Seine Partnerin habe
noch nicht gewusst, dass der Angreifer ihn getroffen hatte, sondern dies erst be-
merkt, als er sich an den Kiefer gefasst habe. Sie seien zurück zum Fahrzeug und
hätten ein Foto des Kontrollschildes gemacht und seien danach direkt zum Poli-
zeiposten gegangen (Urk. D1/8/1 Fragen 7 ff.).
Auf Nachfrage schilderte der Geschädigte, der Beifahrer sei mit einem selbst-
bewussten schnellen Schritt auf sie zugekommen, habe weder links noch rechts
- 11 -
geschaut, sondern ihn (Geschädigten) fixiert. Aus dessen Körperhaltung habe er
bemerkt, dass er auf ihn los wolle. Gesagt habe der Beifahrer nur mehrfach "Was
hast Du gesagt" resp. "Was hesch gseid" (Urk. D1/8/1 Fragen 13-15). Dazu auf-
gefordert, das zweimalige Treten mit dem Fuss gegen die linke Gesichtshälfte
genau dazulegen, führte der Geschädigte aus, der Beifahrer sei frontal vor ihm
gestanden, seine Partnerin dazwischen, er selber ca. 30 cm hinter ihr, wobei der
Beifahrer mit diesem Abstand genau habe zutreten können. Es sei sehr schnell
gegangen. Durch die Wucht sei er zur Seite gedrückt worden. Als er sich aufge-
richtet habe, sei schon der nächste Schlag gekommen. Zu Boden gegangen sei
er durch die Tritte nicht, doch bejahte er, kurz "schwarz" gesehen zu haben, aber
ohne Bewusstseinsstörung. Er habe nur nochmals gesagt "Lass uns in Ruhe".
Das erste Mal habe es ihn direkt im Oberkiefer getroffen, der zweite Schlag dann
genau am Unterkiefer (Urk. D1/8/1 Fragen 16 ff.). Zuletzt beschrieb der Geschä-
digte den Beifahrer als ca. 1.70m gross, einen Kopf kleiner als er selber, markan-
tes schmales Gesicht, glattrasiert, sportliche Statur, Mitteleuropäer, auf beiden
Seiten "Placks" drin, wobei es auch Stecker gewesen sein könnten, dunkle Haare.
Den Fahrer konnte der Geschädigte nicht beschreiben (Urk. D1/8/1 Fragen 23 f.).
3.3.2 Bei der polizeilichen Befragung vom 30. Januar 2019 (Urk. D1/8/5) wurden
dem Geschädigten im Rahmen einer Wahlbildkonfrontation drei Fotobogen mit je
acht Vergleichspersonen vorgelegt, wobei der Geschädigte niemanden als den
mutmasslichen Beifahrer bezeichnen konnte (Urk. D1/8/5 Fragen 5 ff.). Der
Beschuldigte befand sich denn auch nicht unter diesen Personen (vgl. Urk. D1/8/5
und Urk. D1/8/11). Zum Vorfall ergänzte der Geschädigte, dieser habe höchstens
zwei, drei Minuten gedauert und er erwähnte nochmals, dass der Fahrer ausge-
stiegen sei und den Beifahrer ohne sich verbal bemerkbar zu machen an beiden
Schultern von hinten gepackt habe und mit ihm ca. 5m rückwärts gegangen sei.
3.3.3 Anlässlich der polizeilichen Einvernahme betreffend Wahlbildkonfrontation
vom 23. Mai 2019 (Urk. D1/8/10 und D1/8/11) wurde dem Geschädigten ein wei-
terer Fotobogen mit acht Vergleichspersonen vorgehalten. Danach gefragt, ob
sich der ihn beim Vorfall attackierende Beifahrer unter den Vergleichspersonen
befinde, antwortete der Geschädigte: "Ich würde meinen ja. Allerdings kenne ich
- 12 -
die Grösse der hier vorgezeigten Personen nicht. Von den Gesichtszügen her,
Lippen, Augen und Ohren, weist diese Person mit der Nr. 8 grosse Ähnlichkeiten
auf." (Urk. D1/8/10 Frage 4). Die anschliessende Frage, ob es weitere Personen
auf dem Fotobogen gebe, die er mit der Tat in Verbindung bringen könnte, ver-
neinte der Geschädigte. Die weiteren Personen könne er allesamt ausschliessen
(Urk. D1/8/10 Frage 5). Er sei sich mindestens zu 80% sicher, dass es sich bei
der Nr. 8 um den Täter handeln könnte. Er kenne die Grösse nicht, daher könne
er ihn nicht zu 100% identifizieren. Als zusätzliche Merkmale, die er der Nr. 8 zu-
ordne, nannte der Geschädigte die kräftige Schulterpartie, die Kinnpartie und den
fokussierten Blick. Wenn er nun bei der Person die Frisur abdecke und nur von
der Augenpartie her betrachte, sei er sich ziemlich sicher, dass es sich um den
Angreifer gehandelt haben könnte (Urk. D1/8/10 Fragen 6 ff.). Der Geschädigte
bekräftigte seine Aussagen sodann mit seiner Unterschrift unter dem Foto der
Person mit der Nr. 8 (Urk. D1/8/11).
3.3.4 In seiner Zeugeneinvernahme vom 14. Mai 2020 – mithin mehr als 19 Mo-
nate nach dem Ereignis – bestätigte der Geschädigte zunächst, in den polizeili-
chen Einvernahmen die Wahrheit gesagt zu haben, dass er an jenen Aussagen
festhalte und nichts zu ergänzen habe. Er erklärte, sich teilweise an den Vorfall
erinnern zu können. Teilweise deswegen, weil viel Zeit vergangen sei und der
Vorfall sehr schnell gewesen sei (Urk. D1/9/3 Fragen 10 ff.).
Den ebenfalls im Einvernahmezimmer sich befindenden Beschuldigten anschau-
end, antwortete der Geschädigte, er möchte ihn nicht falsch beschuldigten, aber
das Gesicht komme ihm bekannt vor. Nach dem genauen damaligen Ereignis
gefragt, schilderte der Geschädigte wiederum in freier Rede wie schon anlässlich
seiner ersten Einvernahme, dass er mit seiner Freundin die Langstrasse runter in
Richtung Kreuzung gegangen sei, dass der rote Lamborghini mit offenem Fenster
die Langstrasse runter gefahren sei und er gesagt habe "Hoffentlich machsch en
Täsche", es dann grün geworden sei und der Lenker rechts abbog und auf den
dortigen Parkplatz fuhr, dass sie als Fussgänger ebenfalls grün hatten, die Stras-
se Langstrasse) überquerten in Richtung Unterführung, dass der Beifahrer aus-
stieg und fragte, was er gesagt habe. Darauf habe er es nochmals etwas lauter
- 13 -
gesagt: "Hoffentlich machsch en Täsche". Er sei weitergegangen und habe zu-
rückgeschaut, weil seine Freundin nicht gerade neben ihm gewesen sei. Da habe
er auch den Beifahrer in seine Richtung kommen sehen. Es sei relativ schnell ge-
gangen, doch erinnere er sich, wie seine Freundin ihn [gemeint den Beifahrer]
abhalten resp. wegstossen wollte. Ob das vor dem ersten oder zwischen dem ers-
ten und dem zweiten Fusstritt gewesen sei, wisse er nicht mehr. Der erste Tritt
habe ihn auf der linken Wangenseite etwas unterhalb des Jochs getroffen, der
zweite Tritt dann ganz genau am Unterkiefer. Beim zweiten Fusstritt habe er ge-
merkt, wie sich sein Kiefer verschoben habe. In diesem Moment sei ein Velofah-
rer zwischen sie gekommen und ca. 3-7 weitere Personen, die eine Reihe zwi-
schen ihnen gemacht hätten. Der Fahrer sei dann auch zu ihnen gekommen und
habe den Beifahrer zurückgenommen bzw. zurückgeführt, ohne ihn ziehen zu
müssen. In dem Moment habe er nicht realisiert, was genau passiert sei. Beim
Weitergehen habe er gemerkt, wie sein Mund/Kiefer taub und ihm schwindlig war.
Dann seien sie zum Polizeiposten gegangen (Urk. D1/9/3 Frage 16). Verletzun-
gen habe er keinen bleibenden davongetragen, er sei einfach in die Permanence
gegangen um zu röntgen, wo man nichts Auffälliges gesehen habe. Hinsichtlich
Schmerzen erwähnte er Taubheit während zwei Tagen und innenseitig gewisse
Blessuren / Platzwunden. Es sei ihm auch bewusst, dass er eine Provokation,
quasi den ersten Schritt gemacht habe. Dass es so in Gewalt ende und so gezielt,
damit hätte er nicht gerechnet (Urk. D1/9/3 Fragen 17 ff.).
Aufgefordert, die Situation des Fusstritts genauer zu beschreiben, erläuterte der
Geschädigte, dass die Distanz genau richtig gewesen sei, 1 bis 1,5 Meter. Der
Täter sei ihm frontal gegenüber gestanden, dessen Kick aus dem Stand gekom-
men, seitlich mit dem Fuss. Nach dem ersten Kick habe er sich kurz vornüber
gebeugt und wieder aufgerichtet, da sei schon der zweite Kick gekommen. In die-
sem Moment habe er auch Angst um seine Freundin gehabt. Als sie den Angrei-
fer wegzustossen versucht habe, habe er sie gar nicht beachtet, sondern, wie er
im Nachhinein wisse, nur ihn im Fokus gehabt. Die Kicks seien sehr heftig gewe-
sen, die Körperspannung des Angreifers dagewesen. Wenn es nur der erste Kick
gewesen wäre, der wie verfehlt gewesen sei und seine Wirkung nicht erzielt habe,
wäre er vielleicht gar nicht zur Polizei gegangen. Der zweite Kick sei aber so ge-
- 14 -
zielt erfolgt, dass es zu bleibenden Schäden hätte kommen können. Er sei weder
auf den ersten noch auf den zweiten Kick gefasst gewesen. Er sei wehrlos gewe-
sen, habe noch eine Getränkedose in der Hand gehabt, welche er aus dem Kino
kommend gerade erst geöffnet habe. Zuvor habe er nichts getrunken (Urk. D1/9/3
Fragen 22 ff.).
Zuletzt wurde der Beschuldigte vom Staatsanwalt ersucht, das auf dem Kopf ge-
tragene Cap abzuziehen, worauf der Geschädigte äusserte: "Ja, er ist es. Ich hat-
te ihn etwas dünner und kleiner in Erinnerung." (Urk. D1/9/3 Frage 28). In einer
Protokollnotiz ist anschliessend vermerkt, der Beschuldigte entschuldige sich
beim Geschädigten für das, was passiert sei. Er wisse nun, von welchem Fall ge-
sprochen werde (Urk. D1/9/3 nach Frage 29). Auf Ergänzungsfragen des Be-
schuldigten zu Haaren und Ohrsteckern des Täters führte der Geschädigte aus,
die Haare seien sicher kurz gewesen, auf der Seite wohl geschoren, allenfalls
nach hinten gegelt. Er könne es aber nicht genau sagen. Noch in Erinnerung ha-
be er, dass der Täter auf beiden Seiten Ohrenstecker in den Ohrläppchen gehabt
habe; rund, eine Art fake plugs, nicht im Sinne eines Rings, sondern rund und flä-
chig (Urk. D1/9/3 Fragen 30 ff.).
3.3.5. Was die Identifikation der Täterschaft betrifft, hat der Geschädigte wie
gezeigt schon anlässlich der ersten polizeilichen Einvernahme ca. 7 Wochen nach
dem Vorfall eine erste Beschreibung abgegeben: hinsichtlich des Kopfes nannte
er ein markantes schmales Gesicht, glattrasiert, Mitteleuropäer, dunkle Haare, auf
beiden Seiten Placks drin (Urk. D1/8/1 Fragen 23 f.). In der rund 7 1⁄2 Monate nach
dem Vorfall stattfindenden polizeilichen Einvernahme betreffend Wahlbildkonfron-
tation erkannte der Geschädigte in der Person auf Bild Nr. 8 grosse Ähnlichkeiten
mit der Person, welche ihn am 3. Oktober 2018 angegriffen habe. Er begründete
dies mit den Gesichtszügen, konkret den Lippen, Augen und Ohren, der Kinnpar-
tie und dem fokussierenden Blick, auch der kräftigen Schulterpartie. Wenn er bei
dieser Person die Frisur abdecke und nur von der Augenpartie her betrachte, sei
er sich ziemlich sicher, mindestens zu 80%. Zu 100% identifizieren könne er ihn
nicht, da er die [Körper]Grösse nicht kenne. Die andern sieben Personen schloss
der Geschädigte allesamt aus (Urk. D1/8/10 Fragen 4 ff.). Schliesslich erklärte der
- 15 -
Geschädigte in seiner Zeugeneinvernahme rund 19 Monate nach dem Vorfall "Ja,
er ist es. Ich hatte ihn etwas dünner und kleiner in Erinnerung." (vgl. Urk. D1/9/3
Frage 28; zu Letzterem auch Urk. D1/8/1 Frage 23), nachdem der im Raum an-
wesende Beschuldigte auf Ersuchen des Staatsanwaltes das auf dem Kopf getra-
gene Cap am Ende der Befragung abgenommen hatte. Bereits zu Beginn der Ein-
vernahme hatte der Geschädigte beim Anblick des Beschuldigen ja erwähnt, das
Gesicht komme ihm bekannt vor (Urk. D1/9/3 Frage 15).
Nach dem Gesagten ist festzuhalten, dass der Geschädigte den Vorfall an sich
sehr detailliert und glaubhaft schilderte, jedoch betreffend den Beschuldigten als
mutmasslichen Täter unsicher war. Diese Unsicherheit ist nicht mit einer blossen
Zurückhaltung erklärbar. Auffallend ist, dass er seine Belastungen grösstenteils
immer wieder relativiert, indem er namentlich angab, ihn (den Beschuldigten)
nicht falsch belasten zu wollen. Aus den Aussagen des Geschädigten lässt sich
der Beschuldigte als Täter nicht zweifelsfrei eruieren. Eine blosse Wahrschein-
lichkeit für eine Täterschaft genügt bekanntlich nicht.
3.4 Aussagen der Zeugin C._ und vorläufige Würdigung
Die Zeugin C._, begleitende Partnerin des Geschädigten am fraglichen
Abend, anvisierte in ihren Einvernahmen klar die Nr. 8 bzw. bezeichnete in ihrer
Zeugeneinvernahme den anwesenden Beschuldigen als dem Täter sicher sehr
ähnlich sehend. So beschrieb sie den Beifahrer im Rahmen der polizeilichen
Einvernahme vom 21. November 2018 als sportlich und kräftig mit einem kurzen
Maschinenhaarschnitt (Urk. D1/8/2 Frage 28). Anlässlich der Wahlbildkonfrontati-
on vom 29. Mai 2019 zeigte sie auf zwei Vergleichspersonen, anfänglich auf die
Nr. 4 und dann auf die Nr. 8. Beim genaueren Betrachten schloss sie die Nr. 4
wieder aus und konzentrierte sich eindeutig auf die Nr. 8. Die restlichen Personen
konnte sie gänzlich ausschliessen. Zur Begründung gab sie an, Ausstrahlung,
Blick und Gesicht der Nr. 8 würden für sie am ehesten mit dem Täter überein-
stimmen bzw. zum Täterprofil passen, ohne dass sie sich auf eine Prozentzahl
festlegen möchte (Urk. D1/8/8 Fragen 5 ff.). Ihre Unterschrift setzte sie unter das
Foto von Nr. 8 (Urk. D1/8/9). Im Rahmen ihrer Zeugeneinvernahme auf den im
Einvernahmezimmer ebenfalls anwesenden Beschuldigten angesprochen, ob er
- 16 -
im Zusammenhang mit dem inkriminierten Delikt stehe, führte sie aus: "Ja, er
kann es sehr gut gewesen sein. Wenn ich jemanden einmal sehe in einer einma-
ligen Situation, kann ich nicht sagen, dass er es 100% ist. Aber er sieht dem Täter
sicher sehr ähnlich." (Urk. D1/9/4 Frage 16). Nachdem der Beschuldigte auf ent-
sprechende Aufforderung seine Kopfbedeckung entfernt hatte, fügte sie an, so ein
Bild habe sie in Erinnerung, aber es sei sehr schwierig (Urk. D1/9/4 Frage 18).
Nach dem Gesagten findet sich eine ähnliche Untersicherheit betreffend Täteri-
dentifikation in den Aussagen der Zeugin C._. Mithin ist mit der Vorinstanz
festzuhalten, dass sowohl der Geschädigte als auch die Zeugin C._ zwar
glaubhaft aussagten, aber den Beschuldigten nicht derart sicher als Täter identi-
fizieren konnten, dass keine Zweifel mehr an der Täterschaft des Beschuldigten
bestehen.
3.5 Weitere Beweismittel und vorläufige Würdigung
Aus der RTI-Auswertung der Rufnummer 2 des Beschuldigten mit Bezug auf das
Mobiltelefon von D._, 1, bezüglich der Bewegungen am 3. Oktober 2018 er-
geben sich diverse Telefonate zwischen dem Beschuldigten und D._ am
fraglichen Tag sowie Antennenstandorte in der Stadt Zürich, auch unweit des
Tatortes (vgl. D1/14/11-14, rosa markiert, und Urk. D1/3 S. 3). D._, ein ehe-
maliger Sekundarschulkollege des Beschuldigten, den er laut eigenen Aussagen
nach wie vor gelegentlich an Wochenenden trifft, hatte im Zeitraum vom 1. bis 5.
Oktober und damit zur Tatzeit den roten Lamborghini mit den Kontrollschildern AR
... gemietet (Urk. D1/16/6; Urk. D1/8/3 Fragen 6 ff.; Urk. D1/9/2 Frage 10; Urk.
D1/9/1 Frage 17). So rief der Beschuldigte D._ am 3. Oktober 2018 um 16:06
und 16:09 Uhr, 17:19 und 17:47 Uhr an (Antennenstandorte Kloten und Winkel
bzw. Bahnhofstrasse 70-72 Zürich und Hauptbahnhof Zürich) und um 22:53 er-
folgte ein Anruf von D._ an den Beschuldigten. Um 19:20 Uhr befand sich
der Beschuldigte beim Antennenstandort Schaffhauserstrasse 380, 8050 Zürich.
Gestützt auf das Verbindungsprotokoll resp. die Internetverbindungen hielt sich
D._ am 3. Oktober 2018 um 20:13 Uhr im Kreis 5 in der Nähe des Antennen-
standorts Josefstrasse 84 auf, und die folgenden Geräteerfassungen um 20:23
Uhr bzw. 20:59 Uhr zeichneten den Antennenstandort Schöneggstrasse 5, 8004
- 17 -
Zürich auf. Aus den beiden Verbindungsprotokollen lässt sich ableiten, dass sich
D._ zur Tatzeit in Zürich aufgehalten haben dürften. D._ räumte ein,
dass er (während der 5-tägigen Mietdauer) jeden Tag auch in der Stadt Zürich un-
terwegs war und auch fast jeden Tag über die Langstrasse fuhr sowie dass er am
Abend des 3. Oktober 2018 den roten Lamborghini fuhr. An einen Beifahrer könne
er sich nicht erinnern. Daran hielt er in allen Einvernahmen fest (Urk. D1/8/3 Fra-
gen 14 ff.; Urk. D1/8/7 Fragen 3, 18 und 20 ff.; Urk. D1/9/1 Fragen 14 ff.).
Aus diesen Aussagen ergibt sich, dass seine Freundin und viele Kollegen von
E._ [Ortschaft] – wo ebenso der Beschuldigte wohnhaft war und noch ist –
ihn auf Fahrten mit dem roten Lamborghini begleitet hätten. Auf weitergehende
Fragen erklärte er stets, keine Schlägerei gesehen und niemanden zurückgezo-
gen zu haben. Zuletzt gab er allerdings an, nur seine Freundin und der Kollege
F._ hätten ihn als Beifahrer begleitet. Dass sich D._ mit dem roten
Lamborghini zur Tatzeit in nächster Nähe des Tatortes befand, steht aufgrund der
erwähnten Geräteerfassungen in Kombination mit den RTI-Ortungen und seinen
eigenen Angaben fest. Allein der Umstand, dass am Tattag fünf gemeinsame Te-
lefonate zwischen dem Beschuldigten und D._ getätigt wurden sowie die
wohl gelebte kollegiale Beziehung – die sich auch aus ihrem regelmässigen und
ziemlich häufigen gegenseitigen telefonischen Kontakt ablesen lässt (vgl. Urk.
D1/14/13-14) – lässt nicht den rechtsgenügenden Schluss zu, dass der Beschul-
digte damals als Beifahrer mit ihm unterwegs war.
Daran ändert auch der von der Staatsanwaltschaft ins Feld geführte Anruf von
D._ an den Beschuldigten unmittelbar nach D._s Zeugeneinvernahme
vom 8. März 2019, welche von 09.35 Uhr bis 10:32 Uhr gedauert hatte (vgl.
Urk. D1/9/1), nichts. So rief D._ den Beschuldigten um 10:43 Uhr an, Anten-
nenstandort Hohlstrasse 36 8004 Zürich (Urk. D1/14/14 S. 11; mithin sehr nach
vom Ort der Einvernahme). Gemessen an der üblichen, oftmals ziemlich kurzen
Gesprächsdauer zwischen den beiden Kollegen (vgl. Urk. D1/14/13-14) fiel dieser
Kontakt mit 6 1/2 Minuten zwar überdurchschnittlich lang aus (Urk. D1/14/14 S.
11). D._ belastete den Beschuldigten in der Zeugeneinvernahme jedoch
nicht. Über den Gesprächsinhalt des Telefonats lässt sich nur spekulieren. Erstellt
- 18 -
sind am fraglichen Tag nach diesem ersten Gespräch zudem insgesamt noch
weitere 11 wechselseitige Anrufe von kürzerer Dauer zwischen D._ und dem
Beschuldigten (Urk. D1/14/13 S. 12 und D1/14/14 S. 11).
3.6 Aussagen des Beschuldigten und vorläufige Würdigung
Zu den Ausführungen des Beschuldigten kann einerseits auf die vorstehende
Erw. II. 3.1 und ergänzend auf die diesbezügliche Darstellung im angefochtenen
Urteil verwiesen werden (Urk. 41 S. 10). Zusammengefasst bezeichnete der
Beschuldigte den Anklagevorwurf als falsch. Der genannte Vorfall sei ja über zwei
Jahre her und er habe keine Ahnung davon und damit nichts zu tun. Es sage ihm
nichts. Er kenne D._, aber er könne nicht mehr sagen, ob er am 3. Oktober
2018 mit diesem unterwegs gewesen sei und ob Letzterer an jenem Abend einen
Lamborghini gemietet habe. Er wüsste nicht, dass er jemals mit D._ in einem
Lamborghini unterwegs gewesen sei (Urk. D1/9/2 Fragen 7-16). Anlässlich der
weiteren staatsanwaltschaftlichen Einvernahmen vom 14. Mai 2020 und vom 22.
Juli 2020 (Urk. D1/9/5 Frage 7 und Urk. D1/9/5 Fragen 4 und 5) sowie am 23. Ok-
tober 2020 vor Vorinstanz (Prot. I S. 10 f.) machte der Beschuldigte keine weiter-
gehenden Angaben.
Anlässlich der Berufungsverhandlung wurde der Beschuldigte mit den Protokoll-
notizen in der Zeugeneinvernahme des Geschädigten konfrontiert, wonach zu
lesen sei "Der Beschuldigte entschuldigt sich beim Geschädigten für das was
passiert sei" und "Der Beschuldigte erklärt, er wisse nun, von welchem Fall ge-
sprochen werde". Der Beschuldigte nahm dazu Stellung und gab an, er habe da-
mit nicht gemeint, dass er es gewesen sei, sondern es ihm leid tue, was dem Ge-
schädigten passiert sei. Aufgrund der Einladung (wohl Vorladung gemeint) habe
er gewusst, warum es gehe (Urk. 62 S. 7). Entsprechend lässt sich aus diesen
Protokollnotizen nicht ableiten, dass sich der Beschuldigte gegenüber dem Ge-
schädigten für ein Tatverhalten entschuldigte.
Es ist mit der Vorinstanz zudem nachvollziehbar, dass man sich nicht mehr daran
erinnern kann, was man an einem bestimmten, mehr als eineinhalb Jahre zurück-
liegenden Tag unternommen hat. Die Bestreitungen des Beschuldigten sind kurz
- 19 -
und konstant. Seine kargen Antworten auf die Vorhalte enthalten weder Wider-
sprüche noch Hinweise auf offensichtliche Lügensignale. Entgegen der Vo-
rinstanz lässt sich daraus aber nicht einfach schliessen, dass die Aussagen des
Beschuldigten deshalb insgesamt als glaubhaft angesehen werden müssen (so in
Urk. 41 S. 11). Denn die blosse Bestreitung von Vorwürfen als solche kann keiner
eigentlichen Aussagewürdigung unterzogen werden, da sie kaum Raum für Inter-
pretationen offen lässt. Es ist selbstredend auch nicht am Beschuldigten, seine
Unschuld zu beweisen und in einem Sermon darzulegen, dass der Vorwurf – aus
seiner Sicht eine negative Tatsache – so nicht stattgefunden hat.
3.7 Fazit Sachverhaltserstellung
In gesamthafter Würdigung des Beweisergebnisses mangelt es an einer rechts-
genügenden Täteridentifikation des Beschuldigten und es bestehen aufgrund der
vorhandenen Beweislage nicht unerhebliche Zweifel an der Täterschaft des
Beschuldigten. In Wahrnehmung des Grundsatzes in dubio pro reo hat deshalb
betreffend Dossier 1 bzw. den Vorwurf der Körperverletzung ein Freispruch zu
ergehen.
III. Schuldpunkt - rechtliche Würdigung
1.1 Der Staatsanwaltschaft folgend sprach die Vorinstanz den Beschuldigten der
groben Verletzung der Verkehrsregeln im Sinne von Art. 90 Abs. 2 SVG schuldig.
1.2 Der Beschuldigte stellt sich auf den Standpunkt, nur eine einfache Verkehrs-
regelverletzung begangen zu haben. Die Verteidigung führte aus, das Gefahren-
potenzial von Geschwindigkeitsüberschreitungen auf Autobahnen sei geringer, als
auf nicht richtungsgetrennten Strassen. Die Geschwindigkeitsüberschreitung sei
am Tag bei guter Sicht auf trockener Autobahn und gerader Strecke begangen
worden. Zudem befänden sich an der Strasse keine Schulhäuser, Kindergärten
o.ä. (Urk. 64 S. 15 f.).
1.3 Eine grobe Verkehrsregelverletzung nach Art. 90 Abs. 2 SVG liegt gemäss
der Rechtsprechung vor, wenn der Täter eine wichtige Verkehrsvorschrift in ob-
- 20 -
jektiv schwerer Weise missachtet und die Verkehrssicherheit ernstlich gefährdet.
Eine ernstliche Gefahr der Sicherheit anderer ist dabei nicht erst bei einer konkre-
ten, sondern bereits bei einer erhöhten abstrakten Gefahr bejahen (BGE 130 IV
32 E. 5.1; BGE 123 II 106 E. 2a; BGE 123 IV 88 E. 3a, je mit Hinweisen). Eine er-
höhte abstrakte Gefahr ist dann gegeben, wenn der Eintritt einer konkreten Ge-
fahr oder gar einer Verletzung naheliegt. Massgebliches Abgrenzungskriterium ist
die Nähe der Gefahrenverwirklichung (BGE 123 IV 88 E. 3a; BGE 118 IV 285 E.
3a). In subjektiver Hinsicht setzt Art. 90 Abs. 2 SVG ein rücksichtsloses oder
sonst wie schwerwiegend verkehrsregelwidriges Verhalten, das heisst ein schwe-
res Verschulden voraus. Dies ist bei Vorsatz, Eventualvorsatz oder grober Fahr-
lässigkeit gegeben (WEISSENBERGER, Kommentar SVG und OBG, 2. Aufl., Art. 90
SVG N 68 mit Hinweisen). (BGE 130 IV 32 E. 5.1; BGE 123 II 106 E. 2a; BGE
123 IV 88 E. 3a, je mit Hinweisen).
1.4 Die Vorschriften über die Geschwindigkeit (Art. 32 Abs. 2 SVG) gelten als
wichtige Verkehrsvorschriften im Sinne von Art. 90 Abs. 2 SVG (statt vieler
BGE 123 II 37 E. 1c). Gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung ist ungeach-
tet der konkreten Umstände objektiv eine grobe Verkehrsregelverletzung gemäss
Art. 90 Abs. 2 SVG gegeben, wenn die zulässige Höchstgeschwindigkeit auf Au-
tobahnen um 35 km/h oder mehr überschritten wird (BGE 118 IV 118). Es ist er-
stellt, dass der Beschuldigte die zulässige Höchstgeschwindigkeit von 120 km/h
um 49 km/h überschritten hat. Anlässlich der vorinstanzlichen Hauptverhandlung
gab der Beschuldigte ferner zu, dass zum Tatzeitpunkt Abendverkehr geherrscht
habe (Prot. I S. 12). Entsprechend war die Autobahn zum Tatzeitpunkt stark be-
fahren. Dabei ist es naheliegend, dass bei der Überschreitung der zulässigen
Höchstgeschwindigkeit von 120 km/h um 49 km/h auf einer verkehrsreichen Au-
tobahn eine erhöhte Unfallgefahr und damit eine naheliegende Möglichkeit einer
konkreten Gefährdung oder Verletzung der anderen Verkehrsteilnehmer besteht.
Der objektive Tatbestand der groben Verkehrsregelverletzung ist daher entgegen
den Ausführungen der Verteidigung erfüllt.
- 21 -
Der Beschuldigte ist wissentlich und willentlich und damit vorsätzlich viel zu
schnell gefahren und hat sich dadurch rücksichtslos gegenüber den andern Ver-
kehrsteilnehmern verhalten. Folglich ist auch der subjektive Tatbestand erfüllt.
1.5 In Bestätigung des angefochtenen Urteils ist der Beschuldigte der groben
Verletzung der Verkehrsregeln im Sinne von Art. 90 Abs. 2 SVG in Verbindung
mit Art. 27 Abs. 1 SVG, Art. 22 Abs. 1 SSV sowie Art. 4a Abs. 1 lit. d VRV schul-
dig zu sprechen.
IV. Strafzumessung und Vollzug
1. Allgemeine Strafzumessungsregeln
Die Vorinstanz hat zutreffende Ausführungen gemacht zu den allgemeinen Straf-
zumessungsregeln mit Unterscheidung von Tat- und Täterkomponente. Darauf ist
vorab zu verweisen (Urk. 41 S. 15 f.).
2. Strafart
2.1 Bei der Wahl der Sanktionsart ist als wichtiges Kriterium die Zweckmässig-
keit einer bestimmten Sanktion, ihre Auswirkungen auf den Täter und sein sozia-
les Umfeld sowie ihre präventive Effizienz zu berücksichtigen (BGE 134 IV 97
E. 4.2 S. 100 mit Hinweisen). Nach dem Prinzip der Verhältnismässigkeit soll
nach konstanter Rechtsprechung bei alternativ zur Verfügung stehenden und hin-
sichtlich des Schuldausgleichs äquivalenten Sanktionen im Regelfall diejenige
gewählt werden, die weniger stark in die persönliche Freiheit des Betroffenen ein-
greift (BGE 138 IV 120 E. 5.2 S. 123; Urteil 6B_125/2018 vom 14. Juni 2018
E. 1.3.2; je mit Hinweis).
Die Geldstrafe stellt die Hauptsanktion dar (BGE 134 IV 97 E. 4.2.2 S. 101).
Sie wiegt als Vermögenssanktion prinzipiell weniger schwer als ein Eingriff in
die persönliche Freiheit (BGE 138 IV 120 E. 5.2 S. 123; 134 IV 97 E. 4.2.2
S. 101, 82 E. 7.2.2 S. 90). Am Vorrang der Geldstrafe hat der Gesetzgeber im
Rahmen der erneuten Revision des Sanktionenrechts entgegen der ursprüngli-
- 22 -
chen Stossrichtung festgehalten (BGE 144 IV 217 E. 3.6 S. 237 f. mit Hinwei-
sen).
2.2 Zu sanktionieren sind heute zwei Delikte: die grobe Verletzung der Ver-
kehrsregeln und die mehrfache einfache Verletzung der Verkehrsregeln.
2.2.1 Den Vorwurf der mehrfachen einfachen Verletzung der Verkehrsregeln
durch Nichtbetätigen des rechten und linken Richtungsanzeigers zunächst bei
der Autobahneinfahrt und dann beim Spurwechsel vom Beschleunigungsstrei-
fen auf den Normalstreifen sowie beim direkt nachfolgenden Spurwechsel vom
Normalstreifen auf die Überholspur hat der Beschuldigte von Anfang an aner-
kannt und der diesbezügliche Schuldspruch ist wie eingangs erwähnt nicht
angefochten. Die Busse als Sanktionsart hierfür ist gesetzlich vorgegeben und
wird entsprechend weder vom Beschuldigten noch von der Anklagebehörde
beanstandet. Aus diesen Gründen bleibt es bei dieser Strafart.
2.2.2 Hinsichtlich der groben Verletzung der Verkehrsregeln hat die Vo-
rinstanz den Beschuldigten mit einer Geldstrafe bestraft. Der Straftatbestand
der groben Verletzung der Verkehrsregeln hat ein Strafrahmen einer Freiheits-
strafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe (Art. 90 Abs. 2 SVG). Die Staatsan-
waltschaft beantragt ebenfalls eine (separate) Geldstrafe (Urk. 63), wobei sie
sich gegen die Reduktion der Geldstrafe im Falle einer Verbindungsbusse aus-
spricht. Bislang weist der Beschuldigte im Bereich der Strassenverkehrsdelikte
keine Vorstrafe auf. Demzufolge sowie aus Gründen der Verhältnismässigkeit
rechtfertigt es sich, für die grobe Verletzung der Verkehrsregeln auch im Beru-
fungsverfahren eine Geldstrafe auszusprechen.
3. Konkrete Strafzumessung
3.1 Tatkomponente
Bei der objektiven Tatschwere fällt mit der Vorinstanz in Betracht, dass eine
Überschreitung der zulässigen Höchstgeschwindigkeit von 120 km/h um 49 km/h
nicht unwesentlich ist. Leicht zu Gunsten des Beschuldigten ist zu gewichten,
dass er mit rund 3.5 Kilometern auf einer verhältnismässig kurzen Strecke zu
- 23 -
schnell fuhr (Urk. D2/5/9 S. 4). Weiter ist der Tatsache Rechnung zu tragen, dass
im Tatzeitpunkt Abendverkehr herrschte, was eine erhöhte Gefahr für die übrigen
Verkehrsteilnehmer schuf. Aufgrund des Doppelverwertungsverbots darf dieser
Umstand bei der konkreten Strafzumessung zwar nicht berücksichtigt werden, da
er bereits Merkmal des qualifizierten Tatbestands ist (vgl. BGE 142 IV 14 E. 5.4
m.w.H.). Das Gericht ist aber nicht gehindert zu berücksichtigen, in welchem
Ausmass der qualifizierte Tatumstand gegeben ist (WIPRÄCHTIGER/KELLER, a.a.O.,
N. 102 zu Art. 47 StGB). Insgesamt wiegt das objektive Tatverschulden des Be-
schuldigten aufgrund des Ausgeführten noch leicht.
In subjektiver Hinsicht ist festzuhalten, dass der Beschuldigte vorsätzlich handel-
te. Die subjektive Tatschwere vermag die objektive weder zu erhöhen noch zu
relativieren.
Aufgrund der Tatkomponente erscheint eine Einsatzstrafe von 50 Tagessätzen
angemessen.
3.2 Täterkomponente
Gemäss seinen eigenen Angaben wurde der Beschuldigte in E._ geboren
und wuchs in E._ auf, wo er auch die Schulen bis zum Abschluss der Se-
kundarschule B und das 10. Schuljahr besuchte. Aufgewachsen ist er bei seinem
in E._ wohnhaften Onkel. Zu seiner in G._ lebenden Mutter pflegt er
Kontakt. Sein Vater ist in seiner frühen Kindheit ausgeschafft worden, aber er hat
bis heute auch viel Kontakt zu ihm. Eine bei H._ im Detailhandel begonnene
Lehre brach der Beschuldigte nach einem Jahr im Alter von 17 oder 18 Jahren ab,
weil es ihm nicht gefiel. Danach hat er so ziemlich alles probiert, bei Kollegen ge-
arbeitet, vor der Coronakrise zuletzt als Elektriker. Seither ist er arbeitslos, bezieht
aber kein Arbeitslosengeld. Er wird von der Familie unterstützt und lebt nach wie
vor bei seinem Onkel (Urk. D1/9/6 S. 6 f.; Prot. I S. 8 f.). Anlässlich der Beru-
fungsverhandlung führte er aktualisierend aus, rund ein halbes Jahr beim I._
gearbeitet zu haben und nun die Möglichkeit für eine neue Stelle als Hilfs-Gipser
auf dem Bau zu haben, wobei er den definitiven Entscheid noch nicht erhalten
habe (Urk. 62 S. 1 f.). Er gibt an, weder über Vermögen zu verfügen noch Schul-
- 24 -
den zu haben. Der Beschuldigte ist ledig und hat keine Kinder. Diese Biografie
des Beschuldigten bleibt ohne Einfluss auf die Strafzumessung.
Der Beschuldigte wurde mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Brugg-Zurzach
vom 10. April 2019 zu einer auf Bewährung ausgesprochenen Geldstrafe von
40 Tagessätzen zu Fr. 50.– sowie zu einer Busse in der Höhe von Fr. 400.– we-
gen eines Vergehens gegen das Waffengesetz verurteilt (Urk. 44). Die grobe Ver-
letzung der Verkehrsregeln beging er am 19. Oktober 2019. Auch wenn es sich
um keine gleichartige Straftat handelt, ist diese Vorstrafe dennoch leicht strafer-
höhend zu berücksichtigen. Zudem fällt die heute zu beurteilende grobe Verlet-
zung der Verkehrsregeln in die mit der Vorstrafe angesetzte zweijährige Probe-
zeit, was sich ebenfalls erschwerend auswirkt.
Das Nachtatverhalten ist nur marginal strafreduzierend zu würdigen. Der Be-
schuldigte zeigt sich bezüglich der Geschwindigkeitsüberschreitung zwar teilweise
geständig, doch von Einsicht oder Reue kann nicht die Rede sein.
Anhaltspunkte für eine erhöhte Strafempfindlichkeit sind beim jungen und ge-
sunden Beschuldigten nicht ersichtlich.
Bei der Täterkomponente überwiegen die straferhöhenden Faktoren noch deut-
lich, weshalb die Einsatzstrafe um 10 Tagessätze auf 60 Tagessätze Geldstrafe
anzuheben ist.
In Übereinstimmung mit der Vorinstanz und unter Verweis auf deren Begründung
rechtfertigt es sich, den Tagessatz auf Fr. 30.– festzusetzen (vgl. Urk. 41 S. 17 f.),
zumal nach aktuellem Stand unklar ist, ob der Beschuldigte die Stelle als Hilfs-
Gipser effektiv antreten kann.
4. Mehrfache einfache Verletzung der Verkehrsregeln
Die durch die Vorinstanz für diese Übertretungen ausgefällte Busse von
Fr. 200.– ist ohne Weiteres zu bestätigen, nachdem auch der Beschuldigte und
die Staatsanwaltschaft deren Höhe nicht monieren. Ebenso zu bestätigen ist
der Tagessatz von Fr. 30.–. Zur Begründung ist abrundend auf die Erwägun-
- 25 -
gen im angefochtenen Urteil zu verweisen (vgl. Urk. 41 S. 18 f.; auch Urk. 42
S. 4 und Urk. 53 S. 2). Wie noch zu zeigen ist, rechtfertigt sich eine Verbin-
dungsbusse (nachfolgende Erw. IV. 5.5).
5. Vollzug und Verbindungsbusse
5.1 Die Voraussetzungen für die Gewährung des bedingten Vollzugs einer
Geld- oder Freiheitsstrafe im Sinne von Art. 42 Abs. 1 StGB sind im vorinstanz-
lichen Urteil ausführlich und korrekt dargestellt. Darauf kann verwiesen werden
(Urk. 41 S. 20).
5.2 Mit zutreffender Begründung, auf die ebenfalls zu verweisen ist, hat die
Vorinstanz dem Beschuldigten für die Geldstrafe den bedingten Strafvollzug
gewährt und die Probezeit auf 4 Jahre festgesetzt (Urk. 41 S. 20).
5.3 Die Busse für die unbestrittenen Übertretungen ist in Bestätigung des an-
gefochtenen Urteils und der dortigen Begründung zu vollziehen (Urk. 41 S. 21).
5.4 Hinsichtlich der Sanktion für die grobe Verletzung der Verkehrsregeln hat
die Vorinstanz in Anwendung von Art. 42 Abs. 4 StGB die bedingte Geldstrafe
mit einer Busse nach Art. 106 StGB verbunden, um das unter spezial- und
generalpräventiven Gesichtspunkten eher geringe Drohpotential der bedingten
Geldstrafe zu erhöhen und so dem Beschuldigten sofort einen spürbaren
"Denkzettel" zu verabreichen (Urk. 41 S. 21). Das ist ebenfalls zu bestätigen.
Ausgehend von einer bedingten Geldstrafe von 60 Tagessätzen zu Fr. 30.–
rechtfertigt es sich im Einklang mit der Vorinstanz, dem Beschuldigten eine Busse
im Umfang von 20% der Geldstrafe, mithin in der Höhe von Fr. 360.– aufzuerle-
gen. Aufgrund der auszufällenden Verbindungsbusse in der Höhe von Fr. 360.–
ist die Geldstrafe somit von 60 Tagessätzen auf 48 Tagessätze zu reduzieren.
Die Verbindungsbusse ist zu vollziehen (vgl. Urk. 41 S. 21).
5.5 Gemäss Art. 106 Abs. 2 StGB ist für den Fall, dass die Busse (Übertre-
tungsbusse von Fr. 200.– und Verbindungsbusse von Fr. 360.–) schuldhaft nicht
bezahlt wird, eine Ersatzfreiheitsstrafe auszusprechen. In Anwendung der
- 26 -
Grundsätze, welche das Bundesgericht in BGE 134 IV 60, E. 7.3.3 zur Bemes-
sung der Höhe der Ersatzfreiheitsstrafe im Falle der Ausfällung einer Verbin-
dungsbusse festgelegt hat, resultiert vorliegend bei einer Gesamthöhe der Busse
von Fr. 560.– und einem Tagessatz von Fr. 30.– gemäss der Vorinstanz eine Er-
satzfreiheitsstrafe von 16 Tagen. Einer leichten rechnerischen Korrektur auf 18
Tage Ersatzfreiheitsstrafe steht das Verschlechterungsverbot nicht entgegen.
6. Fazit Sanktion
Der Beschuldigte ist zu bestrafen mit einer Geldstrafe von 48 Tagessätzen zu
Fr. 30.– und mit einer Verbindungsbusse von Fr. 360.– sowie mit einer Busse von
Fr. 200.–.
Der Vollzug der Geldstrafe wird aufgeschoben und die Probezeit je auf 4 Jahre
festgesetzt.
Die Bussen sind zu bezahlen. Bezahlt der Beschuldigte die Bussen schuldhaft
nicht, so tritt an deren Stelle eine Ersatzfreiheitsstrafe von 18 Tagen.
V. Widerruf
Da der Beschuldigte die grobe Verletzung der Verkehrsregeln während der mit
Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Brugg-Zurzach vom 10. April 2019 wegen ei-
nes Vergehens gegen das Waffengesetz angesetzten zweijährigen Probezeit be-
gangen hat, ist vorliegend über den Widerruf der damals auf Bewährung ausge-
sprochenen Geldstrafe von 40 Tagessätzen zu Fr. 50.– zu entscheiden (Art. 46
StGB). Übereinstimmend mit der Vorinstanz ist davon auszugehen, dass sich der
Beschuldigte vom vorliegenden Strafverfahren hinreichend beeindrucken lässt
und in Zukunft keine weiteren Straftaten begehen wird. Es ist daher von der
Vollziehbarerklärung der Vorstrafe vom 10. April 2019 abzusehen und stattdessen
die Probezeit um ein Jahr zu verlängern.
- 27 -
VI. DNA-Profil
Gemäss Art. 5 des Bundesgesetzes über die Verwendung von DNA-Profilen im
Strafverfahren und zur Identifizierung von unbekannten oder vermissten Personen
(DNA-Profil-Gesetz, SR 363) kann unmittelbar nach Rechtskraft von Personen,
die wegen eines vorsätzlich begangenen Verbrechens zu einer Freiheitsstrafe
oder zu einem Freiheitsentzug von mehr als einem Jahr verurteilt worden sind
(Art. 5 lit. a DNA-Profil-Gesetz), die wegen eines vorsätzlich begangenen Verbre-
chens oder Vergehens gegen Leib und Leben oder die sexuelle Integrität verur-
teilt worden sind (Art. 5 lit. b DNA-Profil-Gesetz) oder gegenüber denen eine the-
rapeutische Massnahme (Art. 59-63 StGB), eine Verwahrung (Art. 64 StGB) oder
eine Unterbringung (Art. 15 JStGB) angeordnet worden ist (Art. 5 lit. c DNA-Profil-
Gesetz), eine Probe genommen und ein DNA-Profil erstellt werden.
Vorliegend hat ist keine der genannten Voraussetzungen erfüllt. Der Antrag auf
Anordnung der Abnahme einer DNA-Probe und Erstellung eines DNA-Profils ist
deshalb abzuweisen.
VII. Kosten- und Entschädigungsfolgen
1. Bei diesem Verfahrensausgang ist die vorinstanzliche Kostenregelung zu
bestätigen. Die Kosten der Untersuchung, mit Ausnahme der Kosten für das Gut-
achten und die Telefonkontrolle, und des gerichtlichen Verfahrens sind zur Hälfte
dem Beschuldigten aufzuerlegen und zur Hälfte auf die Gerichtskasse zu neh-
men. Die Auslagen für das Gutachten sind dem Beschuldigten vollumfänglich
aufzuerlegen. Die Kosten für die Telefonkontrolle sind vollumfänglich auf die Ge-
richtskasse zu nehmen.
2. Die Staatsanwaltschaft unterliegt mit ihrer Berufung betreffend Dossier 1
vollumfänglich. Der Beschuldigte unterliegt auch im Berufungsverfahren teilweise.
Die Kosten des Berufungsverfahrens sind ihm daher zu einem Drittel aufzuerle-
gen. Davon ausgenommen sind die Kosten der amtlichen Verteidigung, welche
- 28 -
unter Vorbehalt der Nachzahlungspflicht nach Art. 135 Abs. 4 StPO im Umfang
von einem Drittel einstweilen auf die Gerichtskasse zu nehmen sind.
3. Die amtliche Verteidigung des Beschuldigten macht für das Berufungsver-
fahren ein Honorar von Fr. 5'852.– geltend (Urk. 65). Hinzu kommt der Aufwand
für die Berufungsverhandlung und eine Nachbesprechung, weshalb die amtliche
Verteidigung mit insgesamt Fr. 7'000.– pauschal zu entschädigen ist.