Decision ID: 755279e6-f14b-5972-ac2f-a519caf28900
Year: 2012
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Der Beschwerdeführer, ein kurdischer Syrer mit letztem Wohnsitz in
C._ (D._), verliess den Heimatstaat nach eigenen Anga-
ben am 22. Dezember 2008 und reiste auf dem Landweg über die Türkei
und unbekannte Länder am 23. Februar 2009 in die Schweiz ein, wo er
gleichentags ein Asylgesuch stellte. Am 20. März 2009 wurde er im Tran-
sitzentrum Altstätten summarisch zu den Personalien und Ausreisegrün-
den befragt. Am 1. April 2009 hörte ihn das BFM zu den Asylgründen an.
A.b Im Wesentlichen machte er während der Anhörungen geltend, sich
vor den Staatssicherheitsdiensten zu fürchten. Er habe im (...)betrieb der
Familie in C._ gearbeitet. Im (...) 2001 sei er in den Militärdienst in
Damaskus eingerückt. Als er am 12. März 2004 anlässlich der Gewalter-
eignisse in Nordsyrien in Damaskus unterwegs gewesen sei, sei er we-
gen seiner Ethnie mit einem Freund zusammen festgenommen worden.
Per Telegramm sei seine Einheit informiert worden. Nach einigen Tagen
Festhaltung durch die Polizei sei er rund 23 Tage lang vom Staatssicher-
heitsdienst festgehalten und misshandelt worden. Anschliessend sei er
aus der Haft entlassen worden und in seine militärische Einheit zurückge-
kehrt. Einige Tage später – am (...) 2004 – habe er den Militärdienst ab-
geschlossen und sei nach C._ zurückgekehrt. Seither habe er sich
bei der Yekiti-Partei (Partîya Yekîtî ya Demokrat a Kurd li Sûrîyê; Kurdi-
sche Demokratische Partei der Einheit in Syrien) engagiert. Er habe an
deren Sitzungen teilgenommen, diese teilweise sogar selber vorbereitet
und Zeitschriften verteilt. Nach jeder Sitzung sei er von Angehörigen des
Sicherheitsdienstes vorgeladen und verhört worden und manchmal für ei-
nen oder zwei Tage lang festgehalten worden. Er habe deswegen kaum
arbeiten und seine Familie sehen können. Ausserdem hätten die Behör-
den von ihm gefordert, dass er ihnen unentgeltlich Ersatzteile für ihre
Fahrzeuge liefere, wozu er nicht bereit gewesen sei. Eine Woche nach
seiner Rückkehr nach C._ sei sein Bruder S. mitgenommen und
rund ein Jahr lang inhaftiert worden. Wegen dieser Probleme sei sein er-
krankter Vater am (...) 2004 gestorben. Etwa im Sommer 2008 habe sei-
ne Schwester beabsichtigt, in die Türkei zu reisen, weshalb sie sich einen
Reisepass beschafft habe. Weil er sie zum Passamt begleitet habe, habe
er sich auch gleich zur Beschaffung eines Reisepasses entschlossen,
ohne indessen schon den Wunsch zu einer Ausreise gehabt zu haben.
Am (...) November 2008 habe er an einer Demonstration von Kurden in
Damaskus teilgenommen, die in Richtung Parlamentsgebäude marschiert
seien. Die Polizei habe eingegriffen und zahlreiche Personen, darunter
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auch ihn, festgenommen. Nach der Registrierung sei er nachts freigelas-
sen worden. Als sein Bruder S. ihm mitgeteilt habe, dass die Sicherheits-
behörden von D._ ihn im Geschäft gesucht hätten, habe er sich
auf dem Grundstück der Familie versteckt. Er sei wiederholt gesucht wor-
den. Aus Furcht vor weiteren Festnahmen habe er sich zur Ausreise ent-
schlossen. Am 21. Dezember 2008 sei er per Bus nach Aleppo gereist,
wo er sich ein Visum für die Türkei habe ausstellen lassen. Nachdem ihm
Freunde berichtet hätten, dass er an der Grenze nicht namentlich regist-
riert sei, sei er tags darauf aus Syrien ausgereist. Beim Cousin in Istanbul
habe er dann zwei Monate zugebracht, bevor er den Lastwagen bestie-
gen habe, der ihn in die Schweiz gebracht habe. In der Schweiz habe er
Kontakte zur Yekiti-Partei aufgenommen. Von der Familie in Syrien habe
er erfahren, dass sein Bruder von der syrischen Polizei verhört worden
sei. Offenbar wüssten die syrischen Behörden inzwischen Bescheid, dass
er sich in der Schweiz aufhalte.
Der Beschwerdeführer reichte eine syrische Identitätskarte ein.
A.c Am 28. April 2009 ersuchte die Vorinstanz die Schweizerische Bot-
schaft in Damaskus um Abklärung verschiedener Fragen betreffend den
Beschwerdeführer.
Am 24. Juni 2009 teilte die Schweizerische Botschaft der Vorinstanz mit,
dass der Beschwerdeführer die syrische Staatsangehörigkeit besitze und
sich einen syrischen Reisepass beschaffen könnte, von den syrischen
Behörden nicht gesucht werde und in den Einwanderungsregistern nicht
verzeichnet sei.
Das BFM teilte dem Beschwerdeführer den wesentlichen Inhalt der Abklä-
rungsergebnisse mit und gewährte ihm dazu das rechtliche Gehör.
Die Stellungnahme des Beschwerdeführers datiert vom 3. August 2009.
Er erklärte, seit (...) einen syrischen Reisepass zu besitzen. Das Ergeb-
nis der Botschaft sei indessen nur eine Quelle, auf die nicht allein abzu-
stellen sei. So würden viele Kurden gesucht, obschon sie nicht in den
Fahndungsregistern aufgeführt seien. Es sei somit auf seine Asylangaben
und Beweismittel abzustellen. Zum bereits Bekannten führte er ergän-
zend aus, im März 2004 sei er während des Militärdienstes im Rahmen
eines Ausgangs zu einer Kundgebung in Damaskus unterwegs gewesen,
habe sich dort aufgehalten und sei für 26 oder 27 Tage in Haft gewesen.
Als Mitglied der Yekiti-Partei habe er bei allen Tätigkeiten mitgemacht. Im
November 2008 sei er nach der Festhaltung nach C._ zurückge-
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kehrt und habe während zehn Tagen zwei- bis dreimal auf dem Polizei-
posten erscheinen müssen. Dann sei eine Vorladung vom Polizeiposten
in D._ eingetroffen, weshalb er geflohen sei. Ein seiner Freunde,
M.N., sei als Flüchtling in der Schweiz anerkannt. Dieser Mann sei bereit,
als Zeuge zu seinen Gunsten auszusagen. Da die syrische Polizei über
seinen aktuellen Aufenthaltsort Kenntnis habe, werde er Probleme bei ei-
ner Rückreise bekommen.
B.
Mit Verfügung vom 19. Oktober 2009 – eröffnet am 21. Oktober 2009 –
stellte das BFM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigen-
schaft nicht, lehnte das Asylgesuch ab, verfügte die Wegweisung des Be-
schwerdeführers aus der Schweiz und ordnete den Vollzug an.
C.
Der Beschwerdeführer beantragte mit Eingabe vom 20. November 2009
(Postaufgabe) beim Bundesverwaltungsgericht die Aufhebung der ange-
fochtenen Verfügung, die Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft und
die Asylgewährung beziehungsweise eventualiter wegen unzulässigen
oder unzumutbaren Wegweisungsvollzugs die Anordnung der vorläufigen
Aufnahme. In prozessualer Hinsicht beantragte er die Gewährung der
unentgeltlichen Prozessführung, einschliesslich den Verzicht auf die Er-
hebung eines Kostenvorschusses. Mit der Beschwerde reichte er eine
Vollmacht vom 5. November 2009, ein Schreiben der Vorstandsvorsitzen-
den der Partei "Yekiti Schweiz" vom 3. November 2009, mit welchem der
Beitritt des Beschwerdeführers per 16. Mai 2009 bestätigt wird, drei Fo-
tos, Kopien der angefochtenen Verfügung und des Flüchtlingsausweises
seines Freundes M.H. vom 20. August 2009 ein. Auf die Begründung
wird, soweit wesentlich, in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
D.
Mit Verfügung vom 26. November 2009 wurde das Gesuch um Gewäh-
rung der unentgeltlichen Prozessführung abgewiesen und ein Kostenvor-
schuss erhoben, welcher am 7. Dezember 2009 geleistet wurde.
E.
In ihrer Vernehmlassung vom 21. Dezember 2009 beantragte die Vorin-
stanz die Abweisung der Beschwerde. Das BFM stellte fest, dass der vom
Beschwerdeführer in seinem Schreiben vom 3. August 2009 als M.N. be-
zeichnete Freund, welcher wie er im Jahr 2004 festgenommen worden
sei und das selbe Verfolgungsprofil aufweise und welchen das BFM in
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seiner Datenbank nicht habe finden könne, keineswegs dem Namen der
Person entspreche, deren Ausweiskopie er eingereicht habe. Es könne
erwartet werden, dass er den Name eines Freundes korrekt hätte ange-
ben können. Diese Ungereimtheit bestätige die Einschätzung des BFM.
Weiter seien die von ihm angegebenen exilpolitischen Tätigkeiten, die er
mit Fotos und einem Bestätigungsschreiben der Yekiti Schweiz belege,
nicht von einer Art, die erwarten liesse, dass er sich über längere Zeit öf-
fentlich als Regimekritiker exponiert hätte oder seine Handlungen die
Fortsetzung bereits im Heimatland manifestierter politischer Aktivitäten
darstellen würden. Folglich seien sie nicht geeignet, eine begründete
Furcht vor Verfolgung zu begründen. Die Organisation Yekiti Schweiz
stelle Dokumente in der Art der eingereichten Bestätigung, welche aus-
gesprochen vage formuliert sei, offensichtlich sehr grosszügig aus.
F.
Mit Schreiben vom 6. Januar 2010 reichte der Beschwerdeführer drei wei-
tere Fotos betreffend die Teilnahme an exilpolitischen Tätigkeiten in der
Schweiz und ein Exemplar einer Petition der Human Rights Organization
in Syria (MAF), für die er sich engagiert habe, nach. Er gab an, selber
solche Schreiben verteilt zu haben.
G.
In der Replik vom 27. Januar 2010 erklärte der Beschwerdeführer, das
BFM habe den Namen seines Freundes falsch interpretiert. Es handle
sich bei M.H. um M., den Sohn von N. – mithin um die gleiche Person.
Weiter spekuliere das BFM über das Interesse syrischer Verfolger von ak-
tiven Personen, die nicht Kaderpositionen politischer oder exilpolitischer
Organisationen zuzurechnen seien. Gerade die geringe Anzahl von exil-
politisch aktiven Syrern in der Schweiz mache die Registrierung einzelner
Personen für den syrischen Geheimdienst einfach. Einem Urteil des Bun-
desverwaltungsgerichts vom 18. Oktober 2007 (E-7133/2006) sei zu ent-
nehmen, zu welchen Handlungen syrische Verfolger im Ausland fähig
seien und welche Konsequenzen kurdische Syrer bei einer Rückkehr zu
befürchten hätten. Der Beschwerdeführer habe aufgrund seines dauern-
den Engagements für die Yekiti-Partei in Syrien und in der Schweiz objek-
tiv begründete Furcht vor Nachteilen bei einer Rückkehr nach Syrien. Die
syrischen Sicherheits- und Geheimdienste seien mit grossen Vollmachten
ausgestattet, weshalb für ihn keine innerstaatliche Fluchtalternative exis-
tiere. Ein Wegweisungsvollzug sei unzulässig. Der Replik lag ein fünfsei-
tiges "Gutachten" vom 25. November 2009 aus Deutschland bei.
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Seite 6
H.
Am 26. Mai 2010 reichte der Beschwerdeführer vier weitere Fotos, die ihn
an Demonstrationen in der Schweiz zeigten, sowie zwei politische Erklä-
rungen der Sektion der Yekiti Partei Schweiz und einen Internetbericht
über den Empfang seines Cousin und politischen Aktivisten A.N. ein. Die-
ser sei Mitglied der Yekiti-Partei und aus politischen Gründen wiederholt
inhaftiert gewesen, letztmals bis Ende April 2010, und sei nach dem Auf-
enthalt des Beschwerdeführers, mit welchem er in enger familiärer Bezie-
hung gestanden habe, gefragt worden.
I.
Am 29. September 2010 wurden neu fünf Fotos in Kopie von Kundge-
bungen vom 12. März und 7. April 2010 nachgereicht. Weiter wurde er-
klärt, dass Nachbarn und Verwandte bestätigen könnten, dass der Cousin
A.N. nach dem Aufenthaltsort des Beschwerdeführers gefragt worden sei.
J.
Der Instruktionsrichter ersuchte am 11. August 2011 das BFM, unter Be-
rücksichtigung der veränderten Situation im Heimatland und des geltend
gemachten Umfeldes des Beschwerdeführers, bis zum 25. August 2011
eine weitere Stellungnahme zur Beschwerde einzureichen.
K.
Mit Verfügung vom 19. August 2011 zog das BFM die angefochtene Ver-
fügung vom 19. Oktober 2009 teilweise in Wiedererwägung, anerkannte
den Beschwerdeführer als Flüchtling und nahm ihn infolge Unzulässigkeit
des Wegweisungsvollzugs nach Syrien vorläufig auf.
L.
Mit Zwischenverfügung vom 25. August 2011 stellte das Bundesverwal-
tungsgericht fest, dass die Beschwerde vom 20. November 2009 durch
den Entscheid der Vorinstanz vom 19. August 2011 bezüglich Flüchtlings-
eigenschaft und Wegweisungsvollzug gegenstandslos geworden ist, und
fragte den Beschwerdeführer an, ob er die Beschwerde im nicht gegen-
standslos gewordenen Umfang zurückziehen möchte. Zudem erhielt die
Rechtsvertreterin Gelegenheit, eine Kostennote einzureichen.
M.
Die am 25. August 2011 beim Bundesverwaltungsgericht eingetroffene
Honorarnote datiert vom 24. August 2011. Auf die Rückzugseinladung er-
folgte keine Reaktion.
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Seite 7

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005
(VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden
gegen Verfügungen nach Art. 5 des Verwaltungsverfahrensgesetzes vom
20. Dezember 1968 (VwVG, SR 172.021). Das BFM gehört zu den Be-
hörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgül-
tig (Art. 105 des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 [AsylG, SR 142.31];
Art. 83 Bst. d Ziff. 1 des Bundesgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005
[BGG, SR 173.110]).
1.2 Das Verfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht richtet sich nach
dem VwVG, soweit das VGG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Der Beschwer-
deführer ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt, hat ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung und ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und Art. 108 Abs. 1 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG, Art. 48 Abs. 1 und Art. 52
VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten.
1.4 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht, die unrichtige
oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und
die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
1.5 Die Schweiz gewährt Flüchtlingen auf Gesuch hin Asyl, sofern kein
Asylausschlussgrund vorliegt (Art. 2 Abs. 1, Art. 49 ff. AsylG).
Das BFM hat in seiner Verfügung vom 19. August 2011 den Beschwerde-
führer aufgrund seiner exilpolitischen Aktivitäten als Flüchtling anerkannt.
In Anwendung des sich auf subjektive Nach-Fluchtgründe beziehenden
Asylausschlussgrundes von Art. 54 AsylG hat es die Asylgewährung ver-
weigert und ihn als Flüchtling vorläufig aufgenommen. Damit sind die Zif-
fern 1, 4 und 5 des Dispositivs der angefochtenen Verfügung gegen-
standslos geworden. Da der Beschwerdeführer an seinen Rechtsbegeh-
ren festhält, ist nachfolgend zu prüfen, ob er einen Anspruch auf Asyl hat.
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Seite 8
2.
2.1 Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in
dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zu-
gehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politi-
schen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden; als
ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des
Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen
psychischen Druck bewirken (Art. 3 AsylG).
Nach Lehre und Rechtsprechung erfüllt eine asylsuchende Person die
Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG, wenn sie mit beachtli-
cher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft mit gutem Grund
Nachteile von bestimmter Intensität befürchten muss, die ihr gezielt und
aufgrund bestimmter Verfolgungsmotive zugefügt zu werden drohen und
vor denen sie keinen ausreichenden staatlichen Schutz erwarten kann
(vgl. BVGE 2007/31 E. 5.2 f., BVGE 2008/4 E. 5.2, m.w.H.). Die im Art. 3
Abs. 1 AsylG erwähnten fünf Verfolgungsmotive sind über die sprachlich al-
lenfalls engere Bedeutung ihrer Begrifflichkeit hinaus so zu verstehen, dass
die Verfolgung wegen äusserer oder innerer Merkmale, die untrennbar mit
der Person oder Persönlichkeit des Opfers verbunden sind, erfolgt ist be-
ziehungsweise droht (vgl. Entscheidungen und Mitteilungen der Schweize-
rischen Asylrekurskommission [EMARK] 2006 Nr. 32 E. 8.7.1).
Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesent-
lichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den
Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder ver-
fälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
2.2 Nachfolgend ist nur noch auf Vorbringen einzugehen, die grundsätz-
lich geeignet sind, einen Asylanspruch zu begründen, das heisst auf vor
dem Verlassen des Landes bestandene und bis heute andauernde
Fluchtgründe oder allfällige, ohne das Dazutun des Beschwerdeführers
nach seiner Ausreise aus dem Heimatland entstandene Gründe für eine
gegenwärtig bestehende begründete Furcht vor Verfolgung (sog. objekti-
ve Nach-Fluchtgründe).
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Seite 9
2.3 Das Bundesverwaltungsgericht kommt aus den nachfolgenden Grün-
den zum Schluss, dass diesbezügliche Betrachtungsweise und die
Schlussfolgerungen der Vorinstanz zutreffen.
2.3.1 Die generelle Situation in Syrien ist für politische Opponenten seit
vielen Jahren angespannt, namentlich hinsichtlich solche kurdischer
Ethnie. In Anbetracht der zahlreichen erheblichen Ungereimtheiten in
zentralen Asylangaben – es kann im Einzelnen auf die Begründung in der
angefochtenen Verfügung (E. I.1 und I.2) verwiesen werden – kann dem
Beschwerdeführer aber nicht geglaubt werden, dass er in Syrien allein
wegen seiner Ethnie, seines Engagements bei der Yekiti-Partei und sei-
ner Kontakte zu Bekannten und Verwandten in der geltend gemachten Art
und Weise jahrelang verfolgt worden ist. Vor dem Hintergrund des kom-
promisslosen Verhaltens syrischer Sicherheitskräfte, Militärstellen und
Strafverfolgungsbehörden gegenüber politischen Aktivisten der Yekiti-
Partei und staatsgefährdenden Personen ist es nicht glaubhaft, dass er –
wenn er wirklich im von ihm beschriebenen Mass über Jahre hinweg ver-
folgt und schikaniert worden wäre – sich seit 2004 lediglich seiner guten
finanziellen Lage und seiner einflussreichen Familie wegen (A8 F12 und
F56) noch freiwillig in Syrien aufgehalten haben will. Dass er sich dabei
trotz der geltend gemachten erlebten massiven wiederholten Behelligun-
gen durch Sicherheitskräfte Mitte 2008 legal einen Pass beschaffen, sei-
ne (...) Geschäfte ungehindert weiterführen und den (...)ausweis prob-
lemlos erwerben konnte (A1 S. 3 f.; A8 F18 und F96 f.), spricht dafür,
dass seine Schilderungen in den wesentlichen Punkten der Asylbegrün-
dung (Festnahmen, Haftbeschrieb, Behelligungen, Auflagen) nicht glaub-
haft sind. Sie weisen denn auch nicht die zu erwartenden Realkennzei-
chen auf; seine Erzählungen basieren offensichtlich nicht auf selbst Erleb-
tem. Er hat auch keine fundierte Kenntnisse über die Yekiti-Partei im
Rahmen seiner Anhörungen erkennen lassen, und seine Rolle innerhalb
dieser Partei in Syrien ist widersprüchlich geschildert: Er sei während sei-
nes Aufenthaltes in Syrien nicht Parteimitglied, aber Kandidat oder An-
wärter für eine Mitgliedschaft gewesen (A1 S. 6, A 8 S. 9), beziehungs-
weise er sei Mitglied gewesen, aber kein Exponent oder wichtiger Führer
der Partei (A17 S. 1; Beschwerde S. 3 unten). Gleichzeitig will er aber so
viel Engagement innerhalb dieser Yekiti-Partei geleistet haben, dass er
begründete Furcht vor Verfolgung haben soll (Beschwerde S. 3). Es erüb-
rigt sich angesichts dieser bloss beispielhaft aufgezeigten Unstimmigkei-
ten, auf die weiteren Behauptungen, Einwände und Beweismittel einzu-
gehen; namentlich der Einwand in der Beschwerde, ihm seien die Unter-
schiede zwischen Mitglied und Sympathisant einer Partei nicht verständ-
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lich gewesen (Beschwerde S. 3), sind mit seiner präzisen Differenzierung
zwischen Parteimitglied und "Kandidat für eine Mitgliedschaft" bezie-
hungsweise "Anwärter, den man jetzt [gemeint ist: in der Schweiz] akzep-
tiert hat" (A1 S. 6 und A8 S. 9) nicht vereinbar. Bei dieser Sachlage sind
denn auch die im Schreiben vom 23. Juli 2009 und in der Beschwerde
geäusserten Einwände gegen das Abklärungsergebnis der Schweizer
Botschaft vom 28. April 2009 ohne Bedeutung. Die Behauptung von Ver-
hören seines Bruders durch Sicherheitskräfte und der Bezug zu einem
politisch aktiven Cousin und einem Freund, der das selbe Verfolgungs-
profil aufweise und M.N. oder M.H. heisse, ändern nichts an der Erkennt-
nis, dass er selber nicht verfolgt war, zumal im Fall einer tatsächlichen po-
litischen Verfolgung wesentlich einschneidendere Eingriffe in die Rechts-
güter des Beschwerdeführers und seiner Angehörige rapportiert hätten
werden können. Der Beizug der Asylakten von M.H. (vgl. Antrag in act. 8
S. 1) erübrigt sich mithin. Zusammenfassend ist dem Beschwerdeführer
nicht zu glauben, dass er im Zeitpunkt seiner Ausreise aus Syrien Grund
zur Befürchtung gehabt hat, von syrischen Behörden verfolgt zu werden.
2.3.2 Massgeblich für die Beurteilung der Flüchtlingseigenschaft ist in-
dessen nicht die Situation im Zeitpunkt der Ausreise, sondern diejenige
im Zeitpunkt des Datums des Asylentscheides, wobei allerdings erlittene
Verfolgung oder begründete Furcht vor Verfolgung im Zeitpunkt der Aus-
reise Hinweis auf weiterbestehende Gefährdung sein kann; Veränderun-
gen der objektiven Situation im Heimatstaat zwischen Ausreise und Asyl-
entscheid sind zugunsten und zulasten der Asylgesuch stellenden Person
zu berücksichtigen (BVGE 2008/4 E.5.4 m.w.H.).
Eine asylsuchende Person ist somit auch dann als Flüchtling anzuerken-
nen, wenn sie erst aufgrund von Ereignissen nach ihrer Ausreise im Falle
einer Rückkehr in ihren Heimat- oder Herkunftsstaat Verfolgung zu be-
fürchten hat. Zu unterscheiden ist dabei zwischen objektiven Nach-
Fluchtgründen und den hier nicht mehr interessierende subjektiven (vgl.
E. 1.5). Objektive Nach-Fluchtgründe liegen vor, wenn äussere Umstän-
de, auf die die asylsuchende Person keinen Einfluss nehmen konnte, zur
drohenden Verfolgung führen; der von einer Verfolgung bedrohten Person
ist in solchen Fällen Asyl zu gewähren. Konkret stellt sich die Frage, ob
der Beschwerdeführer Reflexverfolgung zu befürchten hat.
Gemäss den dem Bundesverwaltungsgericht vorliegenden Erkenntnissen
ist es in Syrien in der Vergangenheit wiederholt zu Verfolgung von Famili-
enangehörigen politischer Aktivisten gekommen. Familienangehörige von
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Personen, die von den Behörden oppositioneller oder staatsfeindlicher
Aktivitäten verdächtigt werden und sich ins Ausland abgesetzt haben oder
anderweitig untergetaucht sind, laufen vermehrt Gefahr, von syrischen
Behörden gesucht, verhört und inhaftiert zu werden.
Somit wäre es denkbar, dass die in der Schweiz entstandenen Kontakte
des Beschwerdeführers zu politisch verfolgten, im Exil oder in Syrien le-
benden Verwandten und Bekannten zu einer Verfolgung des Beschwer-
deführers bei einer Rückkehr führen könnten. Dazu gibt es allerdings in
den Akten keine konkreten Hinweise. Während all seiner Jahre in der
Schweiz, in denen sich Verwandte des Beschwerdeführers in seinem
Heimatland und in Drittstaaten (A1 S. 3) aufgehalten haben, und selbst
als er sich noch in Syrien befunden hat, hat ihm gegenüber keine glaub-
hafte Reflexverfolgung eingesetzt. Es ist auch nicht anzunehmen, dass
sich daran bei seiner allfälligen Rückkehr nach Syrien etwas ändern soll-
te. Von seiner engeren Familie (...grosse Anzahl von Personen...) wäre
in all den Jahren nicht bekannt geworden, dass sie allein wegen ihrer
Verwandt- oder Bekanntschaft mit dem Beschwerdeführer je konkrete
Nachteile erlebt hätten. Die geltend gemachten Verhöre des Bruders
durch Sicherheitskräfte und die behördlichen Nachfragen nach dem Be-
schwerdeführer erscheinen aufgesetzt und unglaubhaft. Die Reise der
Schwester ins Ausland und zurück, die gemeinsame problemlose Pass-
beschaffung und seine jahrelange Unlust zur Ausreise trotz angeblich
massiver und erniedrigender Behelligungen sind weitere erhebliche Indi-
zien für eine fehlende Reflexverfolgung wegen angeblich früher bestan-
dener Beziehungsnähe zu politischen Exponenten. Bei den meisten in
der Beschwerdeschrift angeführten Verwandten finden sich zudem keine
engeren politischen Verbindungen oder Kontaktnahmen zum Beschwer-
deführer. Es ist damit nicht erkennbar, dass die syrischen Behörden im
heutigen Zeitpunkt ihretwegen ein Interesse an der Person des Be-
schwerdeführers haben sollten.
Zusammenfassend kann der Beschwerdeführer keine ihm drohende,
flüchtlingsrechtlich relevante Verfolgung im Sinne einer Reflexverfolgung
glaubhaft machen. Er erfüllt die Flüchtlingseigenschaft unter dem Aspekt
eines objektiven Nachfluchtgrundes nicht.
2.4 Somit erfüllt der Beschwerdeführer keines der erforderlichen Kriterien,
die Anspruch auf eine Asylerteilung geben würden, und die angefochte-
nen Verfügung ist hinsichtlich der Asylverweigerung zu bestätigen.
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Seite 12
3.
3.1 Lehnt das Bundesamt das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein,
so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet
den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der
Familie (Art. 44 Abs. 1 AsylG).
3.2 Der Beschwerdeführer verfügte im Zeitpunkt des Entscheides des
BFM weder über eine ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung (Art. 32
der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) noch
über einen Anspruch auf Erteilung einer solchen. Die Wegweisung wurde
demnach zu Recht angeordnet.
4.
Zusammenfassend ist festzustellen, dass es dem Beschwerdeführer be-
züglich Asylverweigerung und Anordnung der Wegweisung (Dispositiv-
punkte 2 und 3 der angefochtenen Verfügung) nicht gelungen ist darzu-
tun, inwiefern die angefochtene Verfügung Bundesrecht verletzt, den
rechtserheblichen Sachverhalt unrichtig und unvollständig feststellt oder
unangemessen ist (Art. 106 AsylG). Der Beschwerdeführer ist jedoch mit
seinen Begehren insofern durchgedrungen, als die Vorinstanz im zusätz-
lichen Schriftenwechsel ihn als Flüchtling anerkannte und vorläufig auf-
nahm. Die Beschwerde ist somit abzuweisen, soweit sie nicht durch die
Verfügung des BFM vom 18. August 2011 gegenstandslos geworden ist.
5.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens ist von einem hälftigen Obsiegen
des Beschwerdeführers auszugehen, in welchem Umfang er grundsätz-
lich kostenpflichtig wird und zu entschädigen ist.
5.1 Die Kosten des Beschwerdefahrens sind auf Fr. 300.– festzusetzen
und dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 2 f. des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]; Art. 63 Abs. 1 VwVG). Nach
Verrechnung mit dem am 7. Dezember 2009 geleisteten Kostenvorschuss
von Fr. 600.– sind dem Beschwerdeführer Fr. 300.– zurückzuerstatten.
5.2 Dem vertretenen Beschwerdeführer ist in Anwendung von Art. 64
Abs. 1 VwVG i.V.m. Art. 7 VGKE eine um die Hälfte reduzierte Entschädi-
gung für die ihm erwachsenen Parteikosten zuzusprechen. Die Honorar-
note der Rechtsvertreterin vom 24. August 2011 beziffert die gesamten
Aufwendungen auf Fr. 1770.–. Die Vertretungstätigkeiten erscheinen an-
gemessen; sie sind im Umfang von Fr. 885.– zu entschädigen.
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