Decision ID: 01e95f82-beaa-483e-a2d5-25630b204c72
Year: 2022
Language: de
Court: SG_VG
Chamber: SG_VG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

Das Verwaltungsgericht stellt fest:
A.
A._, geb. 1963, lebt in X._ und wurde von den dortigen Sozialen Diensten seit dem
1. Dezember 2016 sozialhilferechtlich unterstützt. Am 4. Januar 2019 verfügten die
Sozialen Dienste die Teilnahme am entlohnten Beschäftigungsprogramm im M._ in
Y._ ab 7. Januar 2019 mit einem Arbeitspensum von 80 Prozent zu einem Taglohn von
CHF 85 pro erfülltem Arbeitstag. Nebst der pünktlichen und vollumfänglichen
Teilnahme am Beschäftigungsprogramm verfügten sie weitere Auflagen, wie die
Anmeldung beim RAV, intensive Arbeitsbemühungen und die Annahme jeder
verfügbaren oder zugewiesenen Arbeit (vgl. act. 2, Sachverhalt A.). Allerdings nahm
A._ am Arbeitsprogramm des M._ in Y._ nicht teil mit der Begründung, er könne
seinen Hund nicht mit zur Arbeit nehmen. Daraufhin kürzten die Sozialen Dienste mit
Verfügung vom 14. März 2019 die Sozialhilfeleistungen ab 1. April 2019 für sechs
Monate um 30 Prozent.
A.a.
Den gegen die Verfügung vom 4. Januar 2019 erhobenen Rekurs von A._ hatte der
Stadtrat X._ am 12. März 2019 abgewiesen. Diesen Entscheid focht A._ beim
Departement des Innern an. Mit Entscheid vom 5. November 2019 (act. 7.1) wies
dieses den Rekurs ab, soweit er sich gegen die Teilnahme von A._ am
Beschäftigungsprogramm im M._ in Y._ richtete. Weiter ging es von einer
A.b.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 3/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.
B.a.
Unterdessen und wohl mit Blick auf den rechtskräftigen Entscheid des Departements
des Innern vom 5. November 2019 betreffend Teilnahme am Beschäftigungsprogramm
hatten die Sozialen Dienste A._ mit Schreiben vom 26. Februar 2020 aufgefordert, ab
1. April 2020 eine Arbeit im M._ in Z._ zu 80 Prozent aufzunehmen. Es sei ihm nicht
erlaubt, seinen Hund mit zur Arbeit zu führen (Rekurs-Akten, act. 7/39). Nach weiteren
Abklärungen insbesondere zur Arbeitsfähigkeit von A._ (vgl. etwa Rekurs-Akten, act.
7/55) hatten die Sozialen Dienste von ihm mit E-Mail vom 27. Mai 2020 erneut die
"Teilnahme am Programm" ab 2. Juni 2020 verlangt (vgl. Rekursakten, act. 7/64). Sie
hatten ihn ausserdem aufgefordert, ihnen bis zum 3. Juni 2020 Informationen über
seinerseits erwähnte Zuwendungen der Mutter zukommen zu lassen, namentlich über
Umfang und Art der Verschuldung. Da A._ weder das Arbeitsintegrationsprogramm
angetreten noch die geforderten Informationen über die Zuwendungen seiner Mutter
eingereicht hatte, hatten sie nach Gewährung des rechtlichen Gehörs mit Verfügung
sinngemässen Anfechtung der Verfügung der Sozialen Dienste vom 14. März 2019
betreffend Kürzung der Sozialhilfe aus und überwies den Rekurs diesbezüglich
zuständigkeitshalber an den Stadtrat X._. Der Entscheid vom 5. November 2019
erwuchs in Rechtskraft.
Mit Beschluss vom 4. Februar 2020 wies der Stadtrat X._ den vom Departement an
ihn überwiesenen Rekurs gegen die Kürzung ab. Dagegen rekurrierte A._ am
13. Februar 2020 wiederum an das Departement des Innern, welches den Rekurs mit
Entscheid vom 3. Dezember 2020 abwies, soweit es darauf eintrat (vgl. act. 2,
Sachverhalt B. und C.).
A.c.
Die dagegen erhobene Beschwerde hiess das Verwaltungsgericht mit Entscheid
B 2020/238 vom 26. März 2021 teilweise gut, soweit es darauf eintrat, und hob den
vorinstanzlichen Entscheid auf. Die Kürzung des Grundbedarfs für den Lebensunterhalt
reduzierte es ab 1. April 2019 von 30 Prozent für 6 Monate, auf 20 Prozent für 4
Monate. Das Verwaltungsgericht begründete die Reduktion der Kürzung insbesondere
mit einer ärztlich bescheinigten Arbeitsunfähigkeit, die A._ für einen Teil des in die
Beurteilung der Kürzung durch die Sozialen Dienste einbezogenen Zeitraums (Januar
bis März 2019) attestiert worden war.
A.d.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 4/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
vom 9. Juli 2020 unter anderem die finanzielle Sozialhilfe rückwirkend ab 1. Juni 2020
eingestellt und Sozialhilfeleistungen über CHF 71'876.10 (Zeitraum 1. Dezember 2016
bis 31. Mai 2020) als rückerstattungspflichtig bezeichnet (vgl. Rekursakten, act. 7/67).
B.b.
Mit Schreiben vom 13. Juli 2020 hatte A._ dagegen Rekurs beim Stadtrat erhoben
(vgl. Rekursakten, act. 7/68). Dieser wies den Rekurs mit Beschluss vom 27. April 2021
(Versand am 3. Mai 2021) vollumfänglich ab, soweit er darauf eintrat, und entzog einem
allfällig dagegen erhobenen Rekurs die aufschiebende Wirkung (vgl. Rekursakten, act.
5).
B.c.
Mit Eingabe vom 6. Mai 2021 rekurrierte A._ beim Departement des Innern gegen den
Beschluss des Stadtrates (vgl. Rekursakten, act. 1). Das Departement des Innern wies
den Rekurs mit Entscheid vom 11. Mai 2022 ab, soweit es darauf eintrat, und folgte
dem Begehren der der politischen Gemeinde X._, einer allfälligen Beschwerde die
aufschiebende Wirkung zu entziehen, nicht.
C.
Am 13. Mai 2022 gelangte A._ (Beschwerdeführer) mit Beschwerde gegen den
Entscheid vom 11. Mai 2022 des Departementes des Innern (Vorinstanz) an das
Verwaltungsgericht. Er beantragt sinngemäss, dass ihm die Sozialhilfe weder
gestrichen noch gekürzt werde, er seinen Hund zur Arbeit ins M._ mitnehmen dürfe, er
unentgeltliche "Rechtshilfe" erhalte, das Arztgeheimnis und die freie Arztwahl erhalten
blieben, die persönliche Würde des Menschen und des Tieres gewahrt werde und dass
er 50 Prozent im M._ arbeiten dürfe, um seinen Hund S._ zu behalten (vgl. act. 1). Mit
Schreiben vom 24. Mai 2022 verzichtete die Vorinstanz auf eine Stellungnahme und
verwies auf ihren Entscheid vom 11. Mai 2022 sowie auf den Entscheid des
Verwaltungsgerichtes B 2020/238 vom 26. März 2021 (vgl. act. 6). Die Politische
Gemeinde X._ (Beschwerdegegnerin) verzichtete stillschweigend auf eine
Vernehmlassung. Der Beschwerdeführer nahm die Gelegenheit, sich abschliessend zu
äussern, nicht wahr.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 5/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Auf die Erwägungen im angefochtenen Entscheid und die Ausführungen des
Beschwerdeführers zur Begründung seiner Anträge sowie die Akten wird, soweit
wesentlich, in den Erwägungen eingegangen.

Darüber zieht das Verwaltungsgericht in Erwägung:
1.
2.
Die Sozialen Dienste der politischen Gemeinde X._ begründeten die Einstellung der
finanziellen Sozialhilfe einerseits mit der Nichtteilnahme des Beschwerdeführers am
angeordneten Beschäftigungsprogramm und andererseits mit dem fehlenden
Nachweis seiner Bedürftigkeit. Streitig und zu prüfen ist, ob diese Einstellung ab 1. Juni
2020 rechtmässig ist.
Die sachliche Zuständigkeit des Verwaltungsgerichts ist gegeben (Art. 59 Abs. 1 des
Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, VRP). Der Beschwerdeführer
ist als Adressat des angefochtenen Entscheids zur Ergreifung des Rechtsmittels
berechtigt (Art. 64 in Verbindung mit Art. 45 Abs. 1 VRP). Die Beschwerdeeingabe vom
13. Mai 2022 erfolgte rechtzeitig und erfüllt formal und inhaltlich die gesetzlichen
Anforderungen (Art. 64 in Verbindung mit Art. 47 Abs. 1 und Art. 48 Abs. 1 VRP). Auf
die Beschwerde ist somit grundsätzlich einzutreten.
1.1. bis
Auf die Anträge des Beschwerdeführers, das Arztgeheimnis und die freie Arztwahl
seien zu erhalten sowie die Würde des Menschen und des Tieres sei zu wahren, kann
nicht eingetreten werden, da diese vorliegend materiell nicht vom Streitgegenstand
erfasst sind bzw. diesbezüglich kein überprüfbarer Entscheid vorliegt.
1.2.
2.1.
Gemäss Art. 2 Abs. 1 des Sozialhilfegesetzes (sGS 381.1, SHG) bezweckt die
persönliche Sozialhilfe, der Hilfebedürftigkeit vorzubeugen, deren Folgen nach
Möglichkeit zu beseitigen oder zu mildern (lit. a) und die Eigenverantwortung und die
2.1.1.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 6/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Selbsthilfe der Hilfebedürftigen sowie ihre soziale berufliche Integration zu fördern (lit.
b). Nach kantonalem Recht ist die politische Gemeinde zuständig für die Leistung der
persönlichen (betreuenden und finanziellen) Sozialhilfe (Art. 3 Abs. 1 SHG). Wer für
seinen Lebensunterhalt nicht hinreichend oder nicht rechtzeitig aus eigenen Mitteln
aufkommen kann, hat Anspruch auf finanzielle Sozialhilfe (Art. 9 SHG), soweit keine
Hilfeleistung durch unterstützungspflichtige Verwandte, andere Private oder private
Sozialhilfeinstitutionen gewährt wird oder diese nicht rechtzeitig verfügbar ist und kein
Anspruch auf Sozialversicherungsleistungen oder auf Sozialhilfe nach der besonderen
Gesetzgebung besteht (Art. 2 Abs. 2 SHG). Die finanzielle Sozialhilfe umfasst Geld- und
Naturalleistungen sowie Kostengutsprachen (Art. 10 Abs. 1 SHG). Wer finanzielle
Sozialhilfe bezieht, erteilt wahrheitsgetreu und vollständig Auskunft, ermächtigt
Amtsstellen und Dritte – namentlich Ärztinnen und Ärzte –, Auskünfte zu erteilen, und
meldet umgehend Tatsachen, die Anspruch oder Berechnung verändern (Art. 16 SHG).
Eine arbeitsfähige Person ist verpflichtet, eine ihren Fähigkeiten entsprechende Arbeit
anzunehmen (Art. 12 SHG). Die Ausrichtung der finanziellen Sozialhilfe kann mit
Bedingungen und Auflagen verbunden werden, die geeignet sind, die Hilfebedürftigkeit
zu beseitigen oder zu mildern, oder die Selbsthilfe der hilfebedürftigen Person und ihrer
Familienangehörigen sowie ihre soziale und berufliche Integration zu fördern (Art. 12b
Abs. 1 lit. b und c SHG). Aus Art. 15 SHG ergibt sich, dass die zuständige Behörde
einer sozialhilfebedürftigen Person Arbeit zuweisen kann. Mit solchen
Nebenbestimmungen strebt die Sozialhilfebehörde eine konkrete Verhaltensänderung
der betroffenen Person an. Sinn und Zweck der Sozialhilfe ist die Förderung der
wirtschaftlichen und persönlichen Selbständigkeit des Sozialhilfeempfängers. Auflagen
und Weisungen können daher zur Förderung der richtigen Verwendung der materiellen
Hilfe von den Sozialhilfeorganen unter Berücksichtigung des
Verhältnismässigkeitsprinzips auferlegt werden. Die Tauglichkeit von Weisungen und
Auflagen ist im konkreten Einzelfall zu prüfen. Sie müssen in einem engen
Sachzusammenhang zur Hilfsbedürftigkeit oder deren Ursachen stehen und geeignet
sein, im Hinblick auf die konkrete Situation eine Ablösung von der Sozialhilfe zu
bewirken (U. Vogel, Rechtsbeziehungen – Rechte und Pflichten der unterstützten
Person und der Organe der Sozialhilfe, in: C. Häfeli [Hrsg.], Das Schweizerische
Sozialhilferecht, Luzern 2008, S. 153 ff., S. 183 f.).
2.1.2.
Finanzielle Sozialhilfe wird nach Art. 17 SHG verweigert oder gekürzt, wenn die
hilfesuchende Person keine oder unrichtige Auskünfte erteilt (lit. a), verlangte
2.1.3.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 7/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Unterlagen nicht einreicht (lit. b), Bedingungen und Auflagen missachtet (lit. c) oder
ihren Fähigkeiten entsprechende Arbeit ablehnt (lit. d). Nimmt also die Empfängerin
oder der Empfänger von finanzieller Sozialhilfe die ihr oder ihm gesetzlich auferlegten
Pflichten nicht wahr, kann die zuständige Behörde Sanktionen anordnen. Von der
sanktionsweisen Kürzung von Leistungen der Sozialhilfe nach Art. 17 SHG ist die
Einstellung wegen fehlender Anspruchsvoraussetzungen (Subsidiaritätsprinzip) nach
Art. 17a SHG zu unterscheiden. Der Grundsatz der Subsidiarität staatlicher Fürsorge
ergibt sich ohne Weiteres aus Art. 12 der Bundesverfassung der Schweizerischen
Eidgenossenschaft (SR 101, BV). Gemäss diesem Verfassungsartikel hat die in Not
geratene Person nur Anspruch auf Unterstützungsleistungen, wenn und soweit sie
nicht in der Lage ist, selbst für sich zu sorgen. Wer objektiv in der Lage ist –
insbesondere durch die Annahme einer zumutbaren Arbeit –, aus eigener Kraft die für
das Überleben erforderlichen Mittel selber zu beschaffen, hat keinen Anspruch auf
Sozialhilfe. Solche Personen stehen nicht in jener Notsituation, auf die das Grundrecht
in Notlagen und die weitergehenden kantonalrechtlichen Ansprüche auf
Sozialhilfeleistungen zugeschnitten sind. Bei ihnen fehlt es bereits an den
Anspruchsvoraussetzungen, weshalb sich in solchen Fällen die Prüfung erübrigt, ob die
Voraussetzungen für einen Eingriff in das Grundrecht erfüllt sind (BGE 130 I 71 E. 4;
139 I 218 E. 3.3; VerwGE B 2015/4 vom 30. Juni 2015 E. 2.1; B 2016/133 vom
18. Oktober 2017 E. 4.1 mit Hinweisen). Wer die Annahme zumutbarer Arbeit
verweigert, verhält sich daher nicht nur weisungswidrig – was zu Kürzungen im Sinne
von Art. 17 SHG führen kann –, sondern die Anspruchsvoraussetzungen entfallen
gänzlich (vgl. Art. 17a SHG; vgl. BGE 139 I 218 E. 3.4 f. mit Hinweis auf BGE 133 V 353
E. 4.2 und C. Hänzi, Die Richtlinien der schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe, 2011,
S. 85 ff.).
Die Praxis der Beschwerdegegnerin orientiert sich an den Richtlinien der
Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe (SKOS-Richtlinien) und der
konkretisierenden Praxishilfe der St. Gallischen Konferenz für Sozialhilfe (KOS-
Praxishilfe bzw. seit 2021 KOS-Handbuch). Danach ist die Teilnahme an einem von den
Sozialhilfeorganen anerkannten lohnwirksamen Beschäftigungsprogramm des zweiten
Arbeitsmarkts, mit dem der eigene Unterhalt zumindest teilweise gedeckt werden kann,
der zumutbaren Erwerbstätigkeit gleichgesetzt (vgl. SKOS-Richtlinien in der im Jahr
2020 gültig gewesenen Fassung, Kap. A.5.2). Diese Gleichsetzung steht im Einklang
mit der Zweckbestimmung des Sozialhilfegesetzes (vgl. E. 2.1.1.; Art. 2 Abs. 1 SHG),
denn die Projekte auf dem zweiten Arbeitsmarkt fördern einerseits die soziale und
berufliche (Re-)Integration der Arbeitslosen, wie zum Beispiel durch das stufenweise
2.2.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 8/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.
Angewöhnen an einen geregelten Arbeitstag. Andererseits dienen sie dem öffentlichen
Interesse an der Vermeidung längerdauernder Sozialhilfeabhängigkeit (BGE 130 I 71 E.
5.4). Ein solches Programm als Massnahme ist deshalb grundsätzlich zumutbar und
geeignet, die Lage der Sozialhilfeempfängerin bzw. des Sozialhilfeempfängers zu
verbessern. Die Zumutbarkeit einer Erwerbstätigkeit misst sich an der persönlichen
Situation der Betroffenen. Dabei sind Alter, Gesundheitszustand und persönliche
Verhältnisse realistisch zu berücksichtigen (vgl. SKOS-Richtlinien Kap. A.5.2).
Gemäss Bundesgericht kommt der Teilnahme an einem Arbeitsintegrationsprogramm
für Sozialhilfeempfängerinnen und Sozialhilfeempfänger der Vorrang gegenüber dem
Bezug von öffentlichen Unterstützungsleistungen zu, da mit der Teilnahme
Erwerbseinkommen erzielt wird, welches zur Überwindung der Notlage dient (BGE 142
I 1 E. 7.2.2 mit Hinweisen). Entgilt die Gemeinde ihr Beschäftigungsprogramm im
Umfang der Sozialhilfe oder zumindest der Nothilfe, kann sie sich auf die
bundesgerichtliche Rechtsprechung hinsichtlich Subsidiarität stützen und bei
ungenügender oder gar fehlender Mitwirkung am Programm die Sozialhilfe streichen.
Das Subsidiaritätsprinzip kommt zur Anwendung, wenn die Entlohnung mindestens im
Umfang der Nothilfe erfolgt. Wer die Teilnahme am entlohnten
Beschäftigungsprogramm ablehnt, muss daher mit der Einstellung sämtlicher
sozialhilferechtlicher Leistungen rechnen (vgl. VerwGE B 2021/183 und 186 vom 10.
März 2022 E. 4.1 mit Hinweis auf Studer/Pärli, Entscheidbesprechung zu BGE 142 I 1,
in: AJP 2016, S. 1385 ff., 1392). Mit anderen Worten kann eine Teilnahmeverweigerung
zum Verlust des Sozialhilfeanspruchs führen, solange die entlohnte, konkret zumutbare
Arbeitsstelle effektiv zur Verfügung steht. Denn in diesem Fall ist die Bedürftigkeit zu
verneinen (G. Wizent, Die sozialhilferechtliche Bedürftigkeit, Zürich/St. Gallen 2014, S.
285).
2.3.
Der Beschwerdeführer begründet seine Nichtteilnahme am Beschäftigungsprogramm
im M._ mit dem dort herrschenden Hundeverbot. Er verweigere das
Beschäftigungsprogramm nicht, müsse aber seinen Hund mitnehmen können, denn er
könne diesen nicht acht bis zehn Stunden am Tag alleine zuhause lassen. Einen
Hundesitter könne er sich nicht leisten. Er beantragt mitunter, wegen der Hundehaltung
im 50 Prozent Pensum arbeiten zu können.
3.1.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 9/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Die Beschwerdegegnerin verfügte am 4. Januar 2019 mehrere Auflagen, darunter die
Teilnahme am Beschäftigungsprogramm des M._. Dass diese Auflagen und
insbesondere die Teilnahme am Programm grundsätzlich geeignet und rechtmässig
sind, bestätigte die Vorinstanz ausführlich begründet mit Entscheid vom 5. November
2019. Die daraus resultierende Abweisung des Rekurses erwuchs in Rechtskraft, nur
die sinngemässe Anfechtung der Verfügung vom 14. März 2019 betreffend Kürzung
überwies die Vorinstanz an den Stadtrat X._ zur Behandlung. Das Verwaltungsgericht
bezeichnete im Entscheid B 2020/238 vom 26. März 2021 betreffend Kürzung die
Ausführungen der Vorinstanz zur Rechtmässigkeit der Auflagen als in sich schlüssig
begründet und nachvollziehbar. In diesem Entscheid wies auch das Verwaltungsgericht
in seiner Erwägung 2.3.2. zudem darauf hin, dass es keinen gesetzlichen Anspruch
gebe, sein Haustier an den Arbeitsplatz mitzunehmen. Dem Beschwerdeführer sei
bereits im November 2018 das rechtliche Gehör zu den beabsichtigten Auflagen
gewährt worden. Er hätte daher genügend Zeit gehabt, eine kostengünstige Betreuung
für seinen Hund, beispielsweise durch Bekannte oder Verwandte, zu organisieren. Dem
ist nichts hinzuzufügen. Für weitere Ausführungen wird auf den erwähnten Entscheid
verwiesen.
3.2.
Durch das Verweigern der Teilnahme am Arbeitsintegrationsprogramm hat der
Beschwerdeführer eine mögliche Integration in den Arbeitsmarkt verweigert und
gleichzeitig auf die ihm dafür angebotenen finanziellen Leistungen der
Beschwerdegegnerin verzichtet. Die Nichtteilnahme an einem entlohnten
Arbeitsprogramm zieht dieselben Konsequenzen nach sich, wie wenn eine bedürftige
Person ein konkretes Stellenangebot ausschlägt. Eine Unterscheidung zwischen einem
staatlichen Beschäftigungsprogramm und einer Stelle in der Privatwirtschaft
rechtfertigt sich nicht. Denn in beiden Fällen wäre es der bedürftigen Person möglich,
die erforderlichen Mittel für ein menschenwürdiges Dasein selbst zu beschaffen. Tut sie
dies nicht, ist sie nicht bedürftig und damit nicht auf Unterstützung angewiesen ist (vgl.
BGE 139 I 218 E. 5.3).
3.3.
Dass die Beschwerdegegnerin die Ausrichtung finanzieller Sozialhilfe von der
Teilnahme am Arbeitsintegrationsprogramm des M._ abhängig machte, ist folglich
rechtens (vgl. E. 2.2; BGE 142 I 1 E. 7.2.6). Durch die Entlohnung würde sich der
Beschwerdeführer nicht (mehr) in einer Notlage befinden. Eine Notlage ist allerdings die
notwendige Anspruchsvoraussetzung für die vom Staat erbrachten
3.4.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 10/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.
Der Vollständigkeit halber ist Folgendes zu ergänzen: Die Beschwerdegegnerin
begründete die Leistungseinstellung neben den fehlenden Anspruchsvoraussetzungen
zusätzlich damit, dass der Beschwerdeführer den Nachweis der Bedürftigkeit nicht
erbracht habe. Nachdem er in einer E-Mail an die Beschwerdegegnerin eine
Verschuldungszunahme bei seiner Mutter erwähnt hatte, weil die Sozialhilfe nicht
ausreiche (vgl. Rekursakten, act. 7/64), hatte diese eine Aufstellung der Zuwendungen
der Mutter sowie Angaben über die Art der Verschuldung gefordert. Der
Beschwerdeführer hatte die verlangten Informationen jedoch nicht eingereicht, sondern
der Beschwerdegegnerin lediglich in einer weiteren E-Mail mitgeteilt, dass seine
Schulden vom damaligen Tierheimbetrieb stammen würden und dass eine genaue
Aufstellung nicht mehr möglich sei (vgl. Rekursakten, act. 7/67). Nun macht der
Beschwerdeführer geltend, die finanziellen Verhältnisse seiner Mutter seien bei der
Prüfung des Anspruchs auf finanzielle Sozialhilfe durch die Beschwerdegegnerin
bereits abgeklärt worden (vgl. act. 3, Punkt 3). Seine Mutter lebe von der AHV-Rente
(vgl. act. 3, Punkt 6). Es ist davon auszugehen, dass die Zuwendungen bzw. allfällige
Darlehen – der Beschwerdeführer sprach von einer Verschuldung – sich im fraglichen
Zeitraum höchstens in einem Umfang bewegt haben, welcher zu einer Anrechnung an
die monatlichen Sozialhilfebeiträge geführt hätte. Dem Beschwerdeführer auf dieser
Informationsbasis gänzlich die Bedürftigkeit und daher den Anspruch auf Sozialhilfe
abzusprechen, führt in diesem Fall zu weit. Der Vorinstanz ist daher zuzustimmen,
wenn sie argumentiert, dass die zur (Mit-)Begründung der Leistungseinstellung
genannten fehlenden Auskünfte keine Einstellung der finanziellen Sozialhilfe zu
rechtfertigen vermögen (vgl. act. 2, E. 4.3).
5.
Unterstützungsleistungen. Demzufolge durften dem Beschwerdeführer aufgrund seiner
ungerechtfertigten Nichtteilnahme am entlohnten Arbeitsintegrationsprogramm gestützt
auf das Subsidiaritätsprinzip grundsätzlich jegliche Unterstützungsleistungen
gestrichen werden (vgl. BGE 142 I 1 E. 7.2.6, Studer/Pärli, a.a.O., S. 1394). Dies gilt
umso mehr, weil dem Beschwerdeführer die Sozialhilfe bereits ab April 2019 für 4
Monate aus demselben Grund sowie wegen ungenügender Arbeitsbemühungen
gekürzt worden war (vgl. VerwGE B 2020/238 E. 2.4.3).
Zusammenfassend ergibt sich, dass die Einstellung der finanziellen Sozialhilfe vor dem
Hintergrund, dass der Beschwerdeführer nicht am für ihn zumutbarerweise
vorgesehenen Beschäftigungsprogramm teilgenommen hat, rechtmässig war.
5.1.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 11/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Zu beachten ist allerdings, dass Art. 17a Abs. 1 lit. b SHG festhält, dass der
hilfesuchenden Person schriftlich und unter Androhung der Leistungseinstellung eine
angemessene Frist zur Annahme der Arbeit anzusetzen ist. Die Dauer dieser Frist lässt
sich nicht abstrakt bestimmen. Sie muss im Einzelfall verhältnismässig sein. Bei der
nach Ermessen erfolgenden Festsetzung dieser Frist hat die Behörde eine
Interessenabwägung vorzunehmen (vgl. sinngemäss Auer/Müller/Schindler [Hrsg.],
VwVG-Kommentar, Zürich/St. Gallen 2008, Gächter/Egli, N 55 zu Art. 41). Angemessen
ist eine Frist, wenn die betroffene Person die geforderte Handlung ohne Hast und mit
der notwendigen Sorgfalt vornehmen kann (GVP 2000 Nr. 27).
5.2.
Die Sozialen Dienste erliessen am 30. Juni 2020 einen Vorbescheid, den sie dem
Beschwerdeführer mit Begleitschreiben vom 1. Juli 2020 zustellten (Rekursakten, act.
7/65). Darin kündigten sie erstmals mit ausreichender Begründung an, die Leistungen
(rückwirkend ab 1. Juni 2020) einstellen zu wollen, und räumten ihm das rechtliche
Gehör bis 9. Juli 2020 ein. Gemäss diesem Vorbescheid verfügten sie am 9. Juli 2020.
Mit diesem Vorgehen haben die Sozialen Dienste es versäumt, dem Beschwerdeführer
im Sinn von Art. 17a Abs. 1 lit. b SHG eine angemessene Frist zur Annahme der Arbeit
anzusetzen. Die Verpflichtung zur Fristansetzung bezweckt insbesondere, der
betroffenen Person – nun im vollen Bewusstsein über die Konsequenzen bei
Nichtbefolgung – die Zeit einzuräumen, das geforderte Verhalten an den Tag zu legen,
konkret also, die Arbeit aufzunehmen. Eine rückwirkende Leistungseinstellung erweist
sich vor diesem Hintergrund als unverhältnismässig. Die Auszahlung der Sozialhilfe
erfolgt in der Regel vorschüssig, weil die Unterstützung so zu leisten ist, dass
bedürftige Personen ihren anerkannten Verpflichtungen nachkommen können und der
Bedarf gedeckt ist (vgl. SKOS-Richtlinien 2022, Kapitel D.1., Erläuterungen, lit. d, 4.
Absatz). Folglich ist anzunehmen, dass im Zeitpunkt der Gewährung des rechtlichen
Gehörs mittels Vorbescheids, der dem Beschwerdeführer frühestens am 2. Juli 2020
zugegangen sein dürfte, die Sozialhilfe für den Monat Juli 2020 bereits ausbezahlt war.
Auf die Leistungen für diesen Monat hat der Beschwerdeführer noch Anspruch. Es
wäre zumutbar und von ihm zu erwarten gewesen, dass er bis Ende Juli 2020 seine
Belange geregelt (insbesondere eine Betreuung für seinen Hund organisiert) und das
Beschäftigungsprogramm angetreten hätte. Folglich besteht erst ab dem Monat
August 2020 kein Anspruch auf Sozialhilfe mehr. In diesem Punkt ist der Entscheid der
Vorinstanz in teilweiser Gutheissung der Beschwerde zu korrigieren.
5.3.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 12/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
6.
Im Schreiben vom 3. Juli 2020 (Rekursakten, act. 7/66) hielt der Beschwerdeführer fest,
die Sozialhilfe sei seit drei Monaten gestrichen. In den Akten findet sich für eine
Einstellung bereits auf diesen Zeitpunkt hin ansonsten kein Hinweis. Sollte es jedoch
effektiv zutreffen, dass der Beschwerdeführer schon seit 1. April 2020 keine Sozialhilfe
mehr ausbezahlt erhielt, so wäre dies zu korrigieren und ihm wären die Leistungen für
die Monate April bis und mit Juli 2020 nachzubezahlen.
5.4.
Bei veränderter Situation muss die von einer (rechtskräftigen) Leistungseinstellung
betroffene Person die Möglichkeit haben, ein neues Unterstützungsgesuch zu stellen
und den Anspruch auf Sozialhilfe wieder prüfen zu lassen. Darauf ist im
Einstellungsentscheid hinzuweisen (SKOS-Richtlinien 2022, Kapitel F.3., Erläuterungen,
lit. b, letzter Punkt). Ein solcher Hinweis fehlt in der Verfügung vom 9. Juli 2020. Wie
sich aus Kapitel F.3. Ziff. 3 der SKOS-Richtlinien im Weiteren ergibt, kommt u.a. bei
Nichtannahme einer möglichen, zumutbaren und konkret zur Verfügung stehenden
Arbeit nicht nur die vollumfängliche, sondern auch bloss die teilweise Einstellung von
Leistungen in Betracht. Der Beschwerdeführer hat im Beschwerdeverfahren
vorgebracht, dass er bereit sei, die Arbeit im M._ im Pensum von 50% anzutreten. Bei
diesem Pensum könnte er nach seinen Angaben die Betreuung seines Hundes
gewährleisten. Diese Bereitschaft zur Arbeit im 50%-Pensum samt Erfüllung der
Auflage, den Hund nicht zum Arbeitsort mitzubringen, stellt eine relevante
Sachverhaltsveränderung dar, die sinngemäss ein neues Unterstützungsgesuch
darstellt. Dieses ist zuständigkeitshalber an die Sozialen Dienste zu überweisen (vgl.
Art. 64 i.V.m. Art. 11 Abs. 3 VRP). Diese werden zu prüfen haben, ob die Arbeitsstelle
im Beschäftigungsprogramm konkret noch zur Verfügung steht und auch mit einem
Pensum von 50% ausgeführt werden kann. Weiter werden sie abzuklären haben, in
welchem Pensum dem Beschwerdeführer aktuell ein Arbeitspensum zumutbar ist. Ist
nach wie vor ein 80%-iges Pensum zumutbar, so werden sie zu prüfen haben, ob vor
dem Hintergrund der 30%, die der Beschwerdeführer nicht bereit ist zu arbeiten, eine
Teil-Einstellung der Sozialhilfe in Frage kommt. Eine gänzliche Einstellung wäre bei
diesem Sachverhalt jedenfalls offenkundig unverhältnismässig.
6.1.
Sollte es dereinst wiederum zu einer (Teil-)Einstellung von Leistungen und zur
Beschreitung des Rechtswegs kommen, so sind die Sozialen Dienste darauf
hinzuweisen, dass in der Verfügung über die Leistungseinstellung die aufschiebende
6.2.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 13/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
7.
Trotz der teilweisen Gutheissung der Beschwerde ist materiell von einem
überwiegenden Unterliegen des Beschwerdeführers auszugehen. Daher sind die
amtlichen Kosten des Beschwerdeverfahrens dem Beschwerdeführer aufzuerlegen
(Art. 95 Abs. 1 VRP). Eine Entscheidgebühr von CHF 2'000 ist angemessen (Art. 7
Ziff. 222 der Gerichtskostenverordnung; sGS 941.12). Auf die Erhebung der Kosten ist
zufolge voraussichtlicher Uneinbringlichkeit zu verzichten (Art. 97 VRP). Ausseramtliche
Kosten sind nicht zu entschädigen und wurden auch nicht beantragt.