Decision ID: 4f450961-997a-4e62-9b20-cf9b5dc6826d
Year: 2022
Language: de
Court: GR_VG
Chamber: GR_VG_001
Canton: GR
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

I. Sachverhalt:
1. An der Versammlung der Bürgergemeinde K._ vom L._ 2022
wurde u.a. unter Traktandum 8 über 'Pachtzinsanpassungen von
landwirtschaftlichen Grundstücken in der Gemeinde K._ beraten und
abgestimmt. Dabei stimmten von den anwesenden 34 stimmberechtigten
Bürgerinnen und Bürger deren 20 dem Antrag der Bürgergemeinde zu,
wonach der Pachtzins ab 01.01.2023 für die nächsten sechs Jahre von
aktuell Fr. 3.40 auf neu Fr. 4.30 pro Are festgesetzt werde. Der
Gegenantrag von A._, wonach der bestehende Pachtzins um 10% zu
erhöhen und die 10% (aufgerundet auf Fr. 0.35) in den bereits bestehenden
Bewässerungsanlagefond einzuzahlen seien (aktueller Stand des Fonds:
Fr. 43'625.50), fand hingegen mit nur 14 Stimmen keine Mehrheit.
2. Mit an die Bürgergemeinde adressierten 'Rekurs' vom M._ 2022
beantragten A._ und zehn weitere Bürgerinnen und Bürger
sinngemäss die Aufhebung des Abstimmungsergebnisses von Traktandum
8 der Bürgergemeindeversammlung vom L._ 2022. Sie begründen
ihren Rekurs im Wesentlichen damit, dass anlässlich der
Bürgergemeindeversammlung die Anwesenden von Seiten des
Vorstandes ungenügend, mangelhaft und irreführend orientiert worden
seien.
3. Die Bürgergemeinde leitete die Eingabe mit Schreiben vom N._ 2022
infolge Unzuständigkeit an das Verwaltungsgericht weiter.
4. Am 11. Juli 2022 beantragte die Bürgergemeinde K._ die
Beschränkung des Verfahrens auf die Eintretensfrage und das
Nichteintreten auf die Beschwerde, eventualiter sei der Bürgergemeinde für
den Fall, dass auf die Beschwerde eingetreten werde, eine neue Frist zur
Stellungnahme anzusetzen und die Beschwerde abzuweisen, alles unter
Kostenfolge zu Lasten der Beschwerdeführer. Ihren Hauptantrag
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begründet die Bürgergemeinde damit, dass die Beschwerdeführer ihre
Stimmrechtsbeschwerde verspätet eingereicht hätten, was zu einem
Nichteintreten führen müsse. Die anderslautende Bestimmung in der
Verfassung der Bürgergemeinde, auf welche sich die Beschwerdeführer
beriefen, habe keine eigenständige Bedeutung.
5. In ihrer Replik vom 19. August 2022 vertieften die Beschwerdeführer ihre
Argumentation.
6. Die Bürgergemeinde (nachfolgend Beschwerdegegnerin genannt)
verzichtete am 2. September 2022 auf eine Duplik.

II. Das Gericht zieht in Erwägung:
1. Anfechtungsobjekt des vorliegenden 'Rekurses' (recte: 'Beschwerde' laut
Gesetz über die Verwaltungsrechtspflege [VRG; BR 370.100]; Art. 49 ff.)
ist die Beschlussfassung der Beschwerdegegnerin anlässlich ihrer
Bürgerversammlung vom L._ 2022, unter Traktandum 8
"Pachtzinsanpassung von landwirtschaftlichen Grundstücken der
Bürgergemeinde", gegen dessen Abstimmungsergebnis sich 10
Stimmberechtigte (Beschwerdeführer) mit Eingabe vom M._ 2022 bei
der Beschwerdegegnerin zur Wehr setzten, worauf diese die Streitsache
am N._ 2022 wegen Unzuständigkeit an das kantonale
Verwaltungsgericht zur Beurteilung weiterleitete. In ihrer Vernehmlassung
beantragte die Beschwerdegegnerin dazu im Hauptantrag (Ziff. 1), das
laufende Verfahren sei auf die Eintretensfrage zu beschränken und auf die
Beschwerde deshalb gar nicht einzutreten.
2. Gemäss Art. 57 Abs. 1 lit. b VRG beurteilt das Verwaltungsgericht als
Verfassungsgericht Beschwerden gegen Eingriffe in das Stimmrecht sowie
Wahlen und Abstimmungen. Bei der von den Beschwerdeführern gerügten
mangelhaften Information über die Abstimmungsvorlage handelt es sich
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gerade um einen solchen Eingriff in das Stimmrecht und das daraus
resultierende Abstimmungsresultat, weshalb der strittige Beschluss an sich
ein taugliches Anfechtungsobjekt für ein Verfahren
(Stimmrechtsbeschwerde) vor dem streitberufenen Verwaltungsgericht
darstellen würde. Für diese Art der Beschwerde gilt gemäss Art. 60 Abs. 2
VRG allerdings eine Anfechtungsfrist von 10 Tagen seit Mitteilung des
Entscheids (lit. a) bzw. seit Entdeckung des Beschwerdegrundes,
spätestens aber nach der Bekanntgabe des amtlichen Ergebnisses einer
Wahl oder Abstimmung. Für stimmberechtigte Mitglieder einer
Körperschaft gilt bei Versammlungsbeschlüssen der Tag der
Beschlussfassung als Tag der Kenntnisnahme; erfolgt eine amtliche
Veröffentlichung, ist diese nach Art. 60 Abs. 3 VRG für den Fristbeginn
massgebend. Im Beschwerdeverfahren müssen sämtliche formellen
Prozessvoraussetzungen erfüllt sein, damit das Gericht auf die
Beschwerde eintritt, die Sache materiell prüft und einen Sachentscheid
fällt. Fehlt es an einer dieser Voraussetzungen, führt das zu einem
Nichteintretensentscheid. Die angerufene Gerichtsinstanz prüft von Amtes
wegen, ob alle Prozessvoraussetzungen – zu denen auch die Einhaltung
der gesetzlichen (Anfechtungs-) Fristen zählen – sowohl im Zeitpunkt der
Beschwerdeerhebung als auch im Zeitpunkt der Entscheidfällung – erfüllt
sind.
2.1. Im konkreten Fall sehen die Statuten der Beschwerdegegnerin keine
amtliche Veröffentlichung der Beschlüsse vor; damit hat die
Rechtsmittelfrist für sämtliche Beschwerdeführer spätestens am Tag nach
der Bürgergemeindeversammlung begonnen, mithin am 30. April 2022. Der
10. Tag der (Anfechtungs-) Frist war somit der 9. Mai 2022 (Montag). Die
Stimmrechtsbeschwerde wurde aber nachweislich (erst) am 16. Mai 2022
der Schweizerischen Post übergeben (Poststempel) und somit klarerweise
verspätet.
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2.2. Die Beschwerdeführer berufen sich für ihren gegenteiligen Standpunkt auf
Art. 14 der Verfassung der Beschwerdegegnerin vom 1. Dezember 2006,
welcher unter der Marginale 'Rekursrecht' festhält, dass Beschlüsse und
Entscheide des Bürgerrates und der Bürgerversammlung nach Massgabe
des Gesetzes über die Verwaltungsgerichtsbarkeit (VGG) innert 20 Tagen
durch Rekurs angefochten werden können. Die Beschwerdegegnerin weist
zu Recht darauf hin, dass die in Art. 14 ihrer Verfassung festgehaltene
Beschwerdefrist von 20 Tagen, auf welche sich die Beschwerdeführer
berufen, ohne eigenständige Bedeutung ist, zumal das VGG (seit Ende
2006) ausser Kraft ist. Das bis dahin geltende VGG und für das
Versicherungsgericht (Art. 49 Abs. 2 VRG) die bisherige grossrätliche
Verordnung über das Verfahren in Sozialversicherungsstreitsachen (VVS;
BR 542.300) wurden nämlich beide gleichzeitig durch das am 1. Januar
2007 in Kraft getretene VRG abgelöst (vgl. VGU V 14 7 vom 17. März 2015
E.2b in fine).
2.3. Auch wenn die Tatsache, dass die Beschwerdeführer auf den Text der
Verfassung der Beschwerdegegnerin vertrauten, welche
bemerkenswerterweise nur einen Monat (Dezember 2006) vor der
Inkraftsetzung des VRG (Januar 2007) bzw. der Ablösung des VGG
beschlossen wurde, mithin also der angerufene Art. 14 der Verfassung der
Beschwerdegegnerin bereits einen Monat später schon überholt war,
irritierend und ärgerlich ist, vermag der Text dieses Artikels den
Beschwerdeführern dennoch keinen Rechtsmittelweg zu eröffnen. Das
anwendbare materielle Verfahrensrecht (VRG) geht in jedem Fall vor. Auf
die Beschwerde kann folglich bereits aus formellen Gründen (verpasste
Anfechtungsfrist) nicht eingetreten werden.
3.1. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Gerichtskosten gestützt auf
Art. 73 Abs. 1 VRG den Beschwerdeführern aufzuerlegen. Da es sich hier
um ein Prozessurteil handelt und dem Gericht daher ein geringer Aufwand
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entstanden ist, erachtet das Gericht ermessensweise eine Staatsgebühr
von CHF 500.-- (zgl. Kanzleiauslagen) für gerechtfertigt und angemessen,
wobei die 10 Beschwerdeführer (Anteil pro Beschwerdeführer somit 1/10)
untereinander solidarisch für die gesamten Gerichtskosten haften.
3.2. Aussergerichtlich steht der Beschwerdegegnerin nach Art. 78 Abs. 2 VRG
keine Parteientschädigung zu, da sie lediglich in ihrem amtlichen
Wirkungskreis obsiegt hat.