Decision ID: ee31dde2-cb9e-5c0a-8c3a-ba01095cbf17
Year: 2010
Language: de
Court: BE_VB
Chamber: BE_VB_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: public_law

I. Sachverhalt
1. Die Beschwerdegegnerin reichte am 29. September 2009 bei der Gemeinde Lenk ein
Baugesuch ein für den Ausbau der bestehenden Mobilfunkanlage auf Parzelle Lenk
Grundbuchblatt Nr. D._. Sie plant, die drei bestehenden Antennen für den GSM
Funkdienst durch drei neue Antennen für die Funkdienste GSM und UMTS zu ersetzen.
Die Parzelle liegt in der Gewerbezone. Gegen das Bauvorhaben erhob unter anderen der
Beschwerdeführer Einsprache. Mit Gesamtentscheid vom 12. März 2010 erteilte das
Regierungsstatthalteramt Obersimmental-Saanen für das Vorhaben die Baubewilligung.
2. Dagegen reichte der Beschwerdeführer am 12. April 2010 Beschwerde bei der Bau-,
Verkehrs- und Energiedirektion des Kantons Bern (BVE) ein. Er beantragt, die
Baubewilligung sei zu verweigern. Sinngemäss verlangt er damit die Aufhebung des
Gesamtentscheids vom 12. März 2010. Er rügt die Überschreitung der Grenzwerte, das
Fehlen eines Qualitätssicherungssystems, die Nicht-Messbarkeit der UMTS-Strahlung und
die Gefährdung der Gesundheit. Die Beschwerdegegnerin beantragt in ihrer
Beschwerdeantwort vom 14. Mai 2010 die Abweisung der Beschwerde, soweit darauf
eingetreten werden könne.
3. Das Regierungsstatthalteramt von Obersimmental-Saanen hält in seiner
Stellungnahme vom 7. Mai 2010 fest, als Baubewilligungsbehörde stütze es sich in den
meisten Fällen auf die Aussagen der Fachstellen. Im vorliegenden Fall auf den Amtsbericht
des beco (Berner Wirtschaft). Es führt aus, das beco sei zum Schluss gekommen, dass
das Bauvorhaben bewilligt werden könne. Es bestehe kein Anlass, diese Aussage zu
bezweifeln. Ohne einen Antrag zu stellen verweist es im Weiteren auf den angefochtenen
Bauentscheid. Die Einwohnergemeinde Lenk nimmt in ihrer Eingabe vom 26. Mai 2010
keine Stellung zu den vorgebrachten Rügen. Das beco hält in seiner Stellungnahme vom
23. April 2010 zusammengefasst fest, im Bereich des Schutzes vor nichtionisierener
Strahlung würden sich aus der Beschwerde keine neuen Erkenntnisse ergeben, die zu
einer anderen Beurteilung führe als im Amtsbericht vom 13. November 2009.
3
4. Das Rechtsamt, welches die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet1, führte den
Schriftenwechsel durch und holte bei der Vorinstanz die Vorakten ein. Es liess bei der
Einwohnergemeinde Lenk zudem die Baubewilligungsakten der mit Gesamtbauentscheid
vom 5. März 2001 bewilligten Mobilfunkanlage edieren. Auf die eingereichten
Rechtsschriften, Eingaben und Akten wird, soweit für den Entscheid relevant, in den
nachfolgenden Erwägungen eingegangen.

II. Erwägungen
1. Sachurteilsvoraussetzungen
a) Angefochten ist ein Gesamtentscheid nach Art. 9 KoG2. Laut Art. 11 Abs. 1 KoG kann
er – unabhängig von den geltend gemachten Einwänden – nur mit dem Rechtsmittel
angefochten werden, das für das Leitverfahren massgeblich ist. Das Leitverfahren ist im
vorliegenden Fall das Baubewilligungsverfahren (Art. 5 Abs. 1 KoG). Bauentscheide
können nach Art. 40 Abs. 1 BauG3 innert 30 Tagen seit Eröffnung mit Baubeschwerde bei
der BVE angefochten werden. Die BVE ist somit zur Beurteilung der Beschwerde gegen
den Gesamtentscheid zuständig.
b) Zur Beschwerde befugt sind die Baugesuchsteller, die Einsprecher im Rahmen ihrer
Einsprachegründe und die zuständige Gemeindebehörde (Art. 10 KoG in Verbindung mit
Art. 40 Abs. 2 BauG). Der Beschwerdeführer, dessen Einsprache abgewiesen wurde, hat
sich am vorinstanzlichen Verfahren beteiligt. Seine Liegenschaft befindet sich innerhalb
des Einspracheradius von 727 m. Er ist formell und materiell durch den vorinstanzlichen
Gesamtentscheid beschwert und daher zur Beschwerdeführung legitimiert. Auf die form-
und fristgerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten.
1 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (OrV BVE; BSG 152.221.191) 2 Koordinationsgesetz vom 21. März 1994 (KoG; BSG 724.1) 3 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721)
4
2. Streitgegenstand
a) Anfechtungsobjekt ist der Gesamtentscheid der Vorinstanz. Der Streitgegenstand
braucht sich nicht mit dem Anfechtungsobjekt zu decken, kann aber auch nicht über dieses
hinausgehen. Innerhalb dieses Rahmens bestimmen die Parteien den Streitgegenstand.
Sowohl für das Einleiten eines Beschwerdeverfahrens als auch für dessen Umfang und
eine allfällige vorzeitige Beendigung gilt somit die Verfügungs- oder Dispositionsmaxime
sowie das Rügeprinzip. Die Parteien können den Streitgegenstand im Verlauf des
Verfahrens nicht erweitern, sondern nur einschränken.4
b) Der Beschwerdeführer bemängelt in seiner Beschwerde, das bestehende
Werkhofgebäude, auf dem die Sendeantenne montiert wurde, halte die 1984 bewilligte
Firsthöhe nicht ein. Er fordert für den Fall, dass seine Beschwerde abgewiesen wird, den
Rückbau auf die bewilligte Firsthöhe von 9 m. In seiner Eingabe vom 11. Mai 2010 erklärte
der Beschwerdeführer, er wolle die Vergangenheit zu diesem Sachverhalt ruhen lassen. Er
sei für das vorliegende Beschwerdeverfahren nicht relevant. Damit hat der
Beschwerdeführer den Streitgegenstand des Beschwerdeverfahrens eingeschränkt. Die
BVE prüft somit nicht, ob die Firsthöhe des bestehenden Werkhofgebäudes der
Baubewilligung von 1984 entspricht.
3. Einhaltung der Anlagegrenzwerte
a) Der Beschwerdeführer rügt, die geplante Mobilfunkanlage überschreite die
Anlagegrenzwerte massiv. Im Standortgebäude unterhalb der Antenne befänden sich
Räumlichkeiten für Arbeitsplätze, die mehr als 800 Stunden im Jahr oder zwei Stunden
täglich besetzt würden. Bei solchen Orten handle es sich nach dem Bundesgerichtsurteil
1C_34/2009 vom 19. Juni 2009 um einen Ort mit empfindlicher Nutzung (OMEN), an dem
der Anlagegrenzwert einzuhalten sei. Anders als das beco und der Regierungsstatthalter
meinten, könne für diesen Ort nicht die Berechnung für Orte für den kurzfristigen Aufenthalt
(OKA) angewendet werden. Die Räumlichkeiten seien bereits bei der bestehenden
Antenne als OMEN eingestuft worden. Die Räumlichkeiten unterhalb der Antenne würden
heute auch als Werkstatt für Reparaturen und Unterhalt an Maschinen und Geräten
4 Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum bernischen VRPG, Bern 1997, Art. 72 N. 6 bis 8
5
benutzt. Im Erdgeschoss betrage der von einer externen Fachstelle berechnete
Strahlungswert 9.9 V/m und jener im Obergeschoss sogar 13.6 V/m. Mit Eingabe vom 11.
Mai 2010 legte der Beschwerdeführer zudem einen Plan zu den Akten. Er macht geltend,
daraus sei ersichtlich, dass die Haupthalle, in der während den Wintermonaten
Reparaturen und Revisionen an den grossen Fahrzeugen ausgeführt würden, bis unter das
Dach offen sei.
b) Das beco hat in seiner Stellungnahme vom 23. April 2010 ausgeführt, es habe
anlässlich der Standortbesichtigung vom 3. November 2009 vor Ort die Lage des Ortes mit
kurzfristigem Aufenthalt (Punkt Nr. 1 im Situationsplan des Standortdatenblatts vom
18. September 20095) überprüft. Es habe sich dabei um einen Raum unter dem Dach
gehandelt, der 6.5 m über dem Boden liege und als reiner Lager- und Abstellraum genutzt
werde. Die Behandlung dieses Raums als Ort für den kurzfristigen Aufenthalt sei somit
korrekt. Es stellte zudem fest, dass sich im Erdgeschoss grösstenteils eine Abstellfläche für
Fahrzeuge befand. An die Abstellfläche angrenzend habe sich ein Arbeitsplatz für
mechanisches Arbeiten befunden. Die Decke darüber habe aus Beton bestanden. In seiner
Stellungnahme führte es dazu aus, dass dieses Material die nichtionisierende Strahlung
stark dämpfe. Deshalb sei selbst unter der Annahme, dass es sich beim Arbeitsplatz um
ein OMEN handle, eine Überschreitung des Anlagegrenzwertes (AGW) ausgeschlossen.
c) Die Beschwerdegegnerin bringt vorab vor, der Beschwerdeführer sei gemäss Art. 15c
[richtig 35c] BauG zu dieser Rüge nicht legitimiert. Sie hält fest, das Standortdatenblatt sei
korrekt erstellt worden. Aus den bewilligten Plänen des Standortgebäudes gehe hervor,
dass das Obergeschoss ausschliesslich als Lager genutzt werde. Das Erdgeschoss werde
ebenfalls als Lager und für Garagen (Garage 1 und Garage 2) genutzt. Einzig die Werkstatt
in der Garage 1 im Erdgeschoss komme als OMEN in Betracht. Die Werkstatt sei jedoch
nicht für ständiges Arbeiten konzipiert. Der Raum, in der sich die Werkstatt befinde,
verfüge zudem über eine Betondecke. Die Beschwerdegegnerin hält fest, wenn man die
Werkstatt als OMEN behandeln würde und mit einer Gebäudedämpfung von 15 dB (Beton)
berechne, würde die elektrische Feldstärke 1.71 V/m betragen. Damit sei klar, dass für die
Werkstatt der Grenzwert auch dann eingehalten sei, wenn sie als OMEN qualifiziert würde.
Weil es keine Rolle gespielt habe, sei im alten Standortdatenblatt der bestehenden Anlage
5 Vgl. pag. 73 der Vorakten des Regierungsstatthalteramts von Obersimmental-Saanen
6
die Betondecke nicht berücksichtigt worden. Massgebend für die Berechnung der
Grenzwerte seien aber die heutigen Verhältnisse.
d) Art. 35c Abs. 1 BauG ist einzig im Geltungsbereich des kantonalen Rechts
anwendbar. Soweit die Verletzung von Bundesrecht in Frage steht, dürfen die kantonalen
Behörden die Beschwerdebefugnis nicht enger fassen, als dies für die Beschwerde ans
Bundesgericht vorgesehen ist. Im vorliegenden Fall bringt der Beschwerdeführer Einwände
vor, die im Geltungsbereich der NISV6 liegen. Bei der NISV handelt es sich um Vorschriften
des Bundesrechts, deren Verletzung auch vor Bundesgericht gerügt werden kann (Art. 95
Bst. a BGG7). Diese Befugnis darf von Art. 35c Abs. 1 BauG nicht eingeschränkt werden.
Anders als die Beschwerdegegnerin meint, kommt somit Art. 35c Abs. 1 BauG hier nicht
zum Tragen.8
e) Die Rüge des Beschwerdeführers, wonach die geplante Umrüstung die
Anlagegrenzwerte verletzt, ist unbegründet. Punkt Nr. 1 im Standortdatenblatt vom
18. September 2009 wurde zu Recht als Ort für den kurzfristigen Aufenthalt behandelt. Er
liegt auf einer Höhe von 6.50 m direkt unter dem Antennenmast. Zum fraglichen Ort kann
man nach den Projektplänen nur über ein Gitterpodest (ca. 5 m über Boden), das mit der
Söll-Leiter des Mastes verbunden ist, gelangen. An solchen Orten, wo sich Personen nicht
regelmässig während längerer Zeit aufhalten, muss die Mobilfunkanlage die
Immissionsgrenzwerte und nicht die strengeren Anlagegrenzwerte einhalten (Art. 5 und
Anhang 2 NISV). Die erwartete elektrische Feldstärke beträgt am fraglichen Ort für den
kurzfristigen Aufenthalt (Punkt Nr. 1 im Standortdatenblatt vom 18. September 2009)
17.28 V/m. Die Mobilfunkanlage hält damit den zulässigen Immissionsgrenzwert ein; er
wird lediglich zu 33 Prozent ausgeschöpft.
f) Auch nicht gefolgt werden kann der Argumentation des Beschwerdeführers, wonach
sich im Standortgebäude unter der Antenne Arbeitsplätze befänden, an denen der
strengere Anlagegrenzwert einzuhalten sei. Das Standortgebäude mit der Antennenanlage
liegt in der Gewerbezone und wird von der E._ AG als Werkhofgebäude genutzt.
Der bestehende Antennenmast hat eine Länge von ca. 7.75 m. Der untere Teil des Mastes
6 Verordnung des Bundesrates vom 23. Dezember 1999 über den Schutz vor nichtionisierender Strahlung (NISV; SR 814.710) 7 Bundesgesetz vom 17. Juni 2005 über das Bundesgericht (Bundesgerichtsgesetz, BGG; SR 173.110) 8 BGer 1C_236/2010 vom 16. Juli 2010, E. 1.5; anders noch VGE 100.2009.251 vom 4. Februar 2010, E. 2 und VGE 100.2009.290 vom 6. April 2010, E. 2
7
befindet sich (ca. 3 m) im Gebäudeinnern. Er tritt ungefähr auf einer Höhe von 9.70 m aus
dem Dach und überragt den Dachfirst um 4.45 m. Die drei Antennen-Module sind am
oberen Teil des Mastes auf einer Höhe von ca. 14.40 über dem Boden montiert.9 Der
untere Teil des Mastes ist im Gebäudeinnern ca. auf einer Höhe von 6.80 m am Firstträger
des Gebäudes befestigt. Der Antennenmast befindet sich nach dem Grundrissplan und
dem Ost-Westschnittplan vom 17. November 2000 (im Massstab 1:100, mit Stempel vom
27. November 2000 des Bauinspektorats Lenk)10 im südlichen Teil des Gebäudes in der
Nähe der Treppe, die zum Obergeschoss führt. Direkt unter dem Antennenmast liegt der
Eingang zu einem Raum im Obergeschoss, der nach dem Projektplan „Grundriss
Obergeschoss“11 als Lager für Baustoffe und Schalungen dient. In diesem Raum befindet
sich ausserdem der Technikraum der bestehenden Mobilfunkanlage.12 Auch die übrigen
Räume im Obergeschoss dienen alle als Lagerräume für Leichtbaustoffe.13
Zusammengefasst kann somit festgehalten werden, dass sich im Obergeschoss des
Standortgebäudes unterhalb des Antennenmastes keine Arbeitsplätze befinden. Diese
Einschätzung deckt sich auch mit den Feststellungen des beco. Es hat die Mobilfunkanlage
und Räumlichkeiten am 3. November 2009 vor Ort besichtigt und die Angaben im
Standortdatenblatt auf deren Richtigkeit überprüft. Es hat dabei festgestellt, dass der Raum
unter dem Antennenmast als reiner Lager- und Abstellraum genutzt wird. Bei solchen
Räume handelt es sich nicht um OMEN im Sinn von Art. 3 Abs. 3 Bst. a NISV, in denen
sich Personen regelmässig während längerer Zeit aufhalten. Somit hat die Mobilfunkanlage
auch in diesen Räumen – anders als der Beschwerdeführer behauptet – den
Immissionsgrenzwert und nicht den strengeren Anlagegrenzwert für OMEN einzuhalten.
Die Behauptung, dass heute die gleichen Räume plötzlich als Orte für den kurzfristigen
Aufenthalt anstatt als OMEN deklariert und bewilligt würden, ist zudem aktenwidrig.
Gemäss dem Standortdatenblatt vom 23. November 2000 wurden die Räume im
Obergeschoss nie als Orte mit empfindlicher Nutzung deklariert. Von Amtsmissbrauch oder
unerlaubter Begünstigung kann hier keine Rede sein.
9 Vgl. Vorakten des Regierungsstatthalteramts Obersimmental ganz hinten, Projektplan vom 21. September 2009, Ansicht „A“ im Massstab 1:100 10 Vgl. Baubewilligungsakten zum Gesamtbauentscheid vom 5. März 2001 der Gemeinde Lenk (Baugesuch Nr. 8974-1 blaues Mäppchen) 11 Vgl. Beilage 2 zur Beschwerdeantwort der Beschwerdegegnerin 12 Vgl. Projektplan Grundriss vom 17. November 2000 im Massstab 1:100 der Baubewilligungsakten zum Gesamtbauentscheid vom 5. März 2001 der Gemeinde Lenk (Baugesuch Nr. 8974-1 blaues Mäppchen ganz hinten) 13 Vgl. Beilage 2 zur Beschwerdeantwort der Beschwerdegegnerin
8
g) Der Beschwerdeführer leitet aus dem alten Standortdatenblatt vom 23. November
2000 ab, dass sich auch im Erdgeschoss unterhalb der Antennen Arbeitsplätze befänden.
Dieser Schlussfolgerung kann ebenfalls nicht gefolgt werden. Es trifft zwar zu, dass die
Lage dieses Ortes (Punkt Nr. 1 im alten Standortdatenblatt vom 23. November 2000) im
Baubewilligungsverfahren für die bestehende Antenne als OMEN behandelt wurde. Daraus
lässt sich aber nicht ohne Weiteres ableiten, dass es sich dabei um Arbeitsplätze handelt.
Die Beurteilung im Standortdatenblatt vom 23. November 2000 ist für das hängige
Verfahren nicht bindend. Vielmehr ist auf die tatsächlichen Verhältnisse abzustellen. Bei
einer genauen Analyse kann dem Erdgeschossplan14 entnommen werden, dass sich der
fragliche Punkt Nr. 1 (Standortdatenblatt vom 23. November 2000) im Bereich von
Lagerräumen für Baustoffe, Schalungen, Maschinen und Geräte befindet. Derartige Räume
sind ebenfalls keine OMEN, für die die strengeren Anlagegrenzwerte gelten. Vielmehr
handelt es sich bei den Räumen um Orte für den kurzfristigen Aufenthalt. Demnach gilt
auch in den genannten Räumen im Erdgeschoss der Immissionsgrenzwert. Dieser ist
aufgrund des grösseren Höhenunterschieds zu den projektierten Antennen eingehalten.
Dies gilt auch für die bis unter das Dach offene Einstellhalle. Sie wird, wie dies das beco
vor Ort feststellte, als Abstellfläche für Fahrzeuge genutzt. Bei der Einstellhalle handelt es
sich somit ebenfalls nicht um einen Raum mit ständigen Arbeitsplätzen im Sinn der
bundesgerichtlichen Rechtsprechung.15 Das alte Standortdatenblatt vom 23. November
2000 erweist sich zwar bezüglich des Punktes Nr. 1 im Untergeschoss als unpräzis. Dies
lässt sich aber damit erklären, dass die Qualifikation dieses Punktes als OMEN oder OKA
im damaligen Bewilligungsverfahren nicht von Bedeutung war. Nach den damaligen
Berechnungen waren dort sowohl der Anlage- wie auch der Immissionsgrenzwert
eingehalten.
h) Es stellt sich hier einzig die Frage, ob allenfalls die Werkstatt und Garagen (vgl.
Grundrissplan Erdgeschoss in den Beilagen zur Beschwerdeantwort) im Erdgeschoss als
OMEN zu qualifizieren sind. Nach dem Querschnittplan A-A vom 23. März 198416 sind
diese Räume durch Betondecken abgeschirmt. Das beco hat in seiner Vernehmlassung
ausgeführt, dass dieses Material die nichtionisierende Strahlung stark dämpfe und eine
Überschreitung des Anlagegrenzwertes ausgeschlossen sei. Die Beschwerdegegnerin hat
für die Werkstatt eine elektrische Feldstärke von 1.71 V/m berechnet. Es besteht kein
14 Vgl. Beilage 2 zur Beschwerdeantwort der Beschwerdegegnerin 15 BGer 1C_34/2009 vom 19.06.2009, E. 3 16 Vgl. Beilage 2 zur Beschwerdeantwort der Beschwerdegegnerin
9
Grund, an der Einschätzung des beco und der Berechnung der Beschwerdegegnerin zu
zweifeln. Selbst wenn die Werkstatt und die Garagen im Erdgeschoss als OMEN
qualifiziert würden, wäre an diesen Orten der Anlagegrenzwert eingehalten. Es wäre auch
nicht nötig, diese Orte im Standortdatenblatt als OMEN auszuweisen. Nach Art. 5 Abs. 2
Bst. b Ziff. 2 NISV müssen nur die drei höchstbelasteten OMEN im Standortdatenblatt
ausgewiesen werden. Damit vermag der Beschwerdeführer mit seiner Rüge nichts zu
seinen Gunsten abzuleiten. Die Beschwerde ist in diesem Punkt unbegründet.
4. Erhöhte Sendeleistung
a) Der Beschwerdeführer bringt weiter vor, der vorgesehene Antennentyp Kathrein
742270 könne laut dem Datenblatt des Herstellers wesentlich mehr leisten, als im
Standortdatenblatt deklariert worden sei. Er befürchtet, die Sendeleistung könne so
jederzeit ferngesteuert um den Faktor fünf erhöht werden. Zudem liessen sich die
Vertikalwinkel der Antennen nicht nur wie im Standortdatenblatt deklariert um -2°, sondern
gemäss dem Datenblatt des Herstellers bis auf -12° im GSM-Betrieb und bis auf -8° im
UMTS-Betrieb absenken. Dies führe zu massiven Grenzwertüberschreitungen im ganzen
Quartier.
b) Die Beschwerdegegnerin entgegnet, diesen Einwand habe der Beschwerdeführer in
der Einsprache nicht vorgebracht. Es sei darauf nicht einzutreten. Das
Qualitätssicherungssystem (QS-System) gewährleiste, dass die deklarierten
Sendeleistungen nicht überschritten würden.
c) Auf die Rüge ist einzutreten (vgl. Erwägung 4.e). Die Rüge erweist sich jedoch als
unbegründet. Es trifft zwar zu, dass eine Sendeanlage oft nicht für ihre theoretische
Kapazität, sondern nur bis zu den vom Netzbetreiber beantragten Betriebswerten bewilligt
wird. Dieses Vorgehen ist dennoch rechtmässig. Mit dem QS-System ist sichergestellt,
dass die bewilligten NIS-relevanten Parameter der Mobilfunkanlage, wie beispielsweise die
Sendeleistung (ERP) oder die Senderichtung (Winkelbereich), eingehalten werden. Die
Beschwerdegegnerin hat im Standortdatenblatt vom 18. September 2009 bestätigt, dass
ihre Anlage die Anforderungen an die Qualitätssicherung gemäss dem Rundschreiben des
Bundesamts für Umwelt (BAFU) vom 16. Januar 2006 erfüllt. Das Bundesgericht hat das
10
QS-System zudem in zahlreichen Entscheiden als rechtsgenüglich beurteilt.17 Demnach
dürfen Anlagen bewilligt werden, auch wenn die im Standortdatenblatt deklarierte
Strahlungsleistung der Antennen nicht der maximal möglichen Leistung entspricht. Die
BVE sieht keinen Anlass für eine andere Beurteilung. Im Weiteren kann dazu auf die
detaillierten Ausführungen des beco vom 23. April 2010 verwiesen werden. Die
Beschwerde ist auch in diesem Punkt unbegründet.
5. Qualitätssicherungssystem
a) Der Beschwerdeführer bringt weiter vor, das sogenannte QS-System sei nicht
existent. Alle bisherigen Gerichtsurteile betreffend QS-Systeme würden lediglich auf dem
Hörensagen beruhen. Er beantragt, es sei im Beisein seiner technischen Berater eine
Augenscheinverhandlung auf der Betriebszentrale der Beschwerdegegnerin
durchzuführen.
b) Das beco führt in seiner Stellungnahme vom 23. April 2010 dazu aus, im
Sommer/Herbst 2007 seien die QS-Systeme der Mobilfunkbetreiber B._,
F._, G._ und H._ überprüft worden. An dieser Kontrolle hätten
sich unter der Leitung der Arbeitsgruppe NIS des Cercl’Air zwanzig kantonale und
städtische NIS-Fachstellen beteiligt. Es seien dabei auf den Netzzentralen der
Mobilfunkbetreiber insgesamt 376 Sendeanlagen überprüft worden. Die NIS-Fachstelle des
beco habe im Jahr 2009 weitere Stichprobenkontrollen vorgenommen, die das
Funktionieren der QS-Systeme bestätigten.
c) Die Beschwerdegegnerin weist die pauschale Kritik zurück und verweist auf die
einschlägige Rechtsprechung des Verwaltungs- und Bundesgerichts.
d) Der Beschwerdeführer stösst mit seiner Kritik ins Leere. Unter der Leitung der
Arbeitsgruppe NIS des Cercl'Air haben im Sommer/Herbst 2007 zwanzig kantonale und
städtische NIS-Fachstellen die QS-Systeme der Mobilfunkbetreiber Orange, F._,
G._ und H._ in den Netzzentralen stichprobeweise kontrolliert. Das
Funktionieren dieser Systeme wurde bestätigt. Die Arbeitsgruppe NIS des Cercl’Air hat die
17 BGer 1C_316/2007 vom 10. April 2008; BGer 1C_172/2007 vom 17. März 2008; 1A.57/2006 vom 6. September 2006
11
Resultate der Stichprobenkontrollen in einem Bericht „Evaluation der
Qualitätssicherungssysteme für Mobilfunksendeanlagen vom 10. April 2008“
zusammengefasst. Diesen Bericht hat das BAFU veröffentlicht.18 Das Bundesgericht und
das Verwaltungsgericht haben mehrfach bestätigt, dass das QS-System den
Anforderungen an eine wirksame Kontrolle der bewilligten Sendeleistung und an die
Einhaltung der immissionsrechtlichen Grenzwerte genügt.19 Die Behauptung, wonach keine
QS-Systeme bestünden, entbehrt unter diesen Umständen jeglicher Grundlage. Es ist nach
dem Gesagten nicht nötig, auf der Betriebszentrale der Beschwerdegegnerin einen
Augenschein durchzuführen. Der Beweisantrag des Beschwerdeführers ist abzuweisen.
e) Inwieweit dadurch das rechtliche Gehör des Beschwerdeführers verletzt sein soll, ist
nicht ersichtlich, und wird von ihm auch nicht näher begründet.
6. Messung von UMTS-Strahlung
a) Der Beschwerdeführer rügt weiter, die UMTS-Strahlung könne nach wie vor nicht
genau genug gemessen werden. Das Bundesgericht habe im Urteil 1C_132/2007 vom
30. Januar 2008 zur Problematik der Messung von UMTS-Strahlung bei OMEN keine klare
Antwort gegeben. Das beco habe als Vollzugsbehörde detailliert darzulegen, wie es mit
solch ungenauen Messgeräten, die unter Umständen bis zu 45 Prozent zu wenig anzeigen
würden, die Einhaltung der Anlagegrenzwerte nachweisen wolle.
b) Die Beschwerdegegnerin hält dem entgegen, die bestehenden Messmethoden seien
in ständiger Rechtsprechung als tauglich und genügend beurteilt worden.
c) Das beco hat in seiner Stellungnahme vom 23. April 2010 dazu – soweit hier von
Interesse – Folgendes ausgeführt: „Die akkreditierten Messfachfirmen, welche mit den Abnahmemessungen beauftragt werden,
haben sich mit den geeigneten Messgeräten ausgerüstet und sind in der Lage, die code-
selektiven UMTS Messungen zuverlässig auszuführen. Zur Verringerung der
18 Bericht zur „Evaluation der Qualitätssicherungssysteme für Mobilfunksendeanlagen“ vom 10. April 2008, herausgegeben von der Arbeitsgruppe NIS des Cercl’Air, einsehbar unter: http://www.bafu.admin.ch/elektrosmog/01100/01108/03361/06349/index.html?lang=de 19 Vgl. u.a. BGE 133 II 64 E. 3.3; BGer 1C_45/2009 vom 6. Juli 2009 E. 2.3, 1C_316/2007 vom 30. April 2008 E. 7.1; BVR 2007 S. 126 E. 5.5.5 f.; VGE 22852 vom 8. November 2007
12
Messunsicherheit müssen die Messgeräte spezifisch kalibriert werden. Diese Anforderung
wird heute von allen akkreditierten Messlabors erfüllt. Es gibt deshalb kein Grund,
Abnahmemessungen von UMTS-Anlagen über Gebühr anzuzweifeln.“
d) Der vom Beschwerdeführer zitierte Bericht des METAS20 vom 15. Januar 2007
„Nichtionisierende Strahlung, UMTS Vergleichsmessungen Sommer 2006“ hält fest, dass
das im Entwurf der Messempfehlung21 beschriebene code-selektive Messverfahren
geeignet sei, um UMTS-Strahlung an Orten mit empfindlicher Nutzung zu messen und die
Einhaltung oder Überschreitung des Anlagegrenzwertes festzustellen. Das Bundesgericht
hat sich zudem in dem vom Beschwerdeführer zitierten Urteil zur Messunsicherheit klar
geäussert. Das Bundesgericht hat darin unmissverständlich festgehalten, dass es beim
allgemeinen Grundsatz bleiben müsse, wonach der gemessene Wert massgeblich sei, und
die Messunsicherheit weder dazugerechnet noch abzuziehen sei.22
e) Aus der Stellungnahme des beco geht hervor, dass es für die Abnahmemessungen
nur akkreditierte Messfachfirmen beauftragt. Sie müssen über Messgeräte verfügen, die für
das code-selektiven Messverfahren geeignet sind. Das vom beco verlangte Messverfahren
hält sich somit an die Messempfehlungen des BAFU. Dieses Messsystem ist nach den
heutigen Erkenntnissen geeignet, die UMTS-Strahlung zu messen und die Einhaltung oder
Überschreitung des Anlagegrenzwertes festzustellen. Es besteht für die BVE kein Grund,
diese Erkenntnisse in Zweifel zu ziehen. Die Rüge des Beschwerdeführers betreffend
Messbarkeit der UMTS-Strahlung erweist sich als unbegründet.
7. Gesundheitliche Bedenken
a) Der Beschwerdeführer befürchtet, bei den heute geltenden Anlagegrenzwerten – bei
gemischten Anlagen 5 V/m – sei die Gesundheit der Bevölkerung nicht garantiert. Die
biologisch und medizinisch vertretbaren Werte würden unterhalb von 0.06 V/m liegen.
Dazu bestünden zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten.
20 http://www.metas.ch/2006-218-598, S. 23 (besucht am 30. Juli 2010) 21 Mobilfunk-Basisstationen (UMTS - FDD). Messempfehlung. Entwurf vom 17.9.2003 (http://www.bafu.admin.ch/elektrosmog >Publikationen >4.NISV: Vollzugshilfen) 22 BGer 1C_132/2007 vom 30. Januar 2008, E. 4.6
13
b) Die Beschwerdegegnerin entgegnet, die NISV beinhalte nach der Rechtsprechung
bezüglich Strahlung und Grenzwerte eine abschliessende Regelung.
c) Das Bundesgericht hat die Immissions- und Anlagegrenzwerte der NISV stets als
verfassungs- und gesetzeskonform beurteilt.23 Es kommt zum Ergebnis, dass sich das
Konzept der Verordnung an den von Art. 13 USG24 vorgezeichneten Rahmen halte;
insbesondere setze es das Vorsorgeprinzip um. Die NISV stelle eine abschliessende
Regelung für den Schutz vor nichtionisierender Strahlung dar. Das Bundesgericht hat
ausdrücklich neue wissenschaftliche Erkenntnisse vorbehalten, jedoch darauf hingewiesen,
dass der Bundesrat für die Gesetzgebung in dieser Frage zuständig sei. Es verlangt von
den zuständigen Behörden des Bundes, dass sie den Stand von Wissenschaft und
Forschung verfolgen und eine Revision der Grenzwerte für nichtionisierende Strahlung
prüfen, wenn neue Erkenntnisse über Gesundheitseffekte nichtionisierender Strahlung
vorliegen. Dem Bundesrat stehe in dieser Frage ein erheblicher Ermessens- und
Beurteilungsspielraum zu, den das Bundesgericht aufgrund der bundesrechtlichen
Zuständigkeitsordnung zu respektieren habe.25
Auch das beco hat in seiner Stellungnahme vom 23. April 2010 erklärt, dass das BAFU als
Umweltbehörde des Bundes die Aufgabe hat, die wissenschaftlichen Erkenntnisse über die
gesundheitlichen Auswirkungen von nichtionisierender Strahlung zu verfolgen und dem
Bundesrat bei Bedarf Antrag auf eine Anpassung der Grenzwerte der NISV zu stellen.
d) Das BAFU hat einen Bericht zur Beurteilung des Gesundheitsrisikos durch
hochfrequente nichtionisierende Strahlung im Niedrigdosisbereich publiziert.26 Es kommt
darin zum Schluss, dass aus wissenschaftlicher Sicht keine Grundlage bestehe, die
Grenzwerte der ICNIRP (International Commission on Non-Ionizing Radiation Protection)
und die darauf basierenden Immissionsgrenzwerte der NISV anzupassen. Es könne jedoch
weiterhin nicht abschliessend beurteilt werden, ob diese Grenzwerte auch vor langfristigen
Schäden genügend Schutz böten. Dies gelte auch für Expositionen im Bereich der
Anlagegrenzwerte der NISV, da auch in diesem Dosisbereich noch Hinweise auf mögliche
23 BGer 1C_45/2009 vom 6. Juli 2009, E. 3.2. mit vielen Hinweisen; BEG 126 II 399 E. 4 24 Bundesgesetz vom 7. Oktober 1983 über den Umweltschutz (Umweltschutzgesetz, USG; SR 814.01) 25 BGer 1A.60/2006 vom 2. Oktober 2006 26 Hochfrequente Strahlung und Gesundheit, Bewertung von wissenschaftlichen Studien im , Stand: September 2006, 2. aktualisierte Auflage, Bern 2007, zu finden unter http://www.bafu.admin.ch/publikationen/publikation/00059/index.html?lang=de (Stand 17. Mai 2010)
14
Wirkungen mit gesundheitlicher Relevanz bestünden. Aus wissenschaftlicher Sicht sei
daher weiterhin ein vorsorgeorientierter Ansatz im Umgang mit nichtionisierender Strahlung
und eine Verstärkung der Forschung erforderlich.
e) Massgebend ist damit einzig, ob die Grenzwerte der NISV eingehalten werden. Dies
wird vom beco bejaht.27 Die BVE sieht keinen Anlass, von der Beurteilung durch das beco
als kantonale Fachbehörde abzuweichen. Die Beschwerde erweist sich damit auch in
diesem Punkt als unbegründet.
8. Kosten
a) Bei diesem Ausgang des Verfahrens unterliegt der Beschwerdeführer. Er hat die
Verfahrenskosten zu tragen (Art. 108 Abs. 1 VRPG). Diese werden bestimmt auf eine
Pauschalgebühr von Fr. 1’800.00.
b) Der Beschwerdeführer hat zudem der Beschwerdegegnerin die Parteikosten zu
ersetzen (Art. 108 Abs. 3 VRPG). Die Parteikosten der Beschwerdegegnerin werden von
deren Anwalt beziffert auf insgesamt Fr. 3'906.95 (inkl. Auslagen und Mehrwertsteuer). Die
Kostennote des Rechtsvertreters der Beschwerdegegnerin gibt zu keinen Bemerkungen
Anlass. Der Beschwerdeführer hat somit der Beschwerdegegnerin die Parteikosten von
Fr. 3'906.95 (inkl. Auslagen und Mehrwertsteuer) zu ersetzen.