Decision ID: 0b7d62e0-4d6a-4714-8ad1-da7c00870b5e
Year: 2022
Language: de
Court: SG_VG
Chamber: SG_VG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

Das Verwaltungsgericht stellt fest:
A.
Die Genossenschaft Olma Messen St. Gallen stellte am 25. August 2021 ein Gesuch
um Bewilligung einer lokalen Sportwette für das vom 7. bis 17. Oktober 2021
durchzuführende 24. Olma-Schweinerennen (act. G 8.1.5). Mit Verfügung vom
17. September 2021 erteilte die Stadtpolizei St. Gallen antragsgemäss die Bewilligung
(act. G 8.1). Dagegen erhob die interkantonale Geldspielaufsicht (Gespa) am 4. Oktober
2021 Rekurs beim Volkswirtschaftsdepartement des Kantons St. Gallen. Sie beantragte
die Aufhebung der angefochtenen Verfügung im Wesentlichen mit der Begründung,
dass ein Schweinerennen nicht als lokale Sportwette bewilligt werden könne (act.
G 8.2). Nachdem das Volkswirtschaftsdepartement am 6. Oktober 2021 auf Antrag der
Genossenschaft Olma Messen St. Gallen (act. G 8.4) dem Rekurs vom 4. Oktober 2021
zunächst superprovisorisch die aufschiebende Wirkung entzogen hatte (act. G 8.5),
wies es ihn mit Entscheid vom 1. Juni 2022, VD/G-21.15, ab (act. G 8.16).
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 3/8
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.
Gegen den Rekursentscheid vom 1. Juni 2022 erhob die Gespa (Beschwerdeführerin)
am 14. Juni 2022 (Datum Postaufgabe) Beschwerde. Sie beantragte dessen Aufhebung
und es sei festzustellen, dass das Geldspiel im Rahmen der Schweinerennen an der
Olma Messe 2021 nicht als lokale Sportwette hätte bewilligt werden dürfen; unter
Kosten- und Entschädigungsfolge. Zur Begründung wiederholte sie im Wesentlichen,
dass diese Rennen kein Sportereignis im Sinn der Geldspielgesetzgebung darstellen
würden (act. G 1).
B.a.
Das Volkswirtschaftsdepartement (Vorinstanz) beantragte in der Vernehmlassung vom
6. Juli 2022, die Beschwerde sei abzuweisen, soweit darauf überhaupt einzutreten sei.
Die Beschwerdelegitimation der Beschwerdeführerin bedürfe einer vertieften Prüfung,
da sie lediglich zur Erfüllung ihrer Aufgaben zur Rechtsmittelerhebung berechtigt sei.
Die vorliegende Streitfrage drehe sich ausschliesslich um ein Kleinspiel und falle
deshalb nicht in den Zuständigkeitsbereich der Beschwerdeführerin (act. G 7).
B.b.
In der Beschwerdeantwort vom 31. August 2022 ersuchte die Genossenschaft Olma
Messen St. Gallen (Beschwerdegegnerin), soweit auf die Beschwerde einzutreten sei,
sei sie abzuweisen; unter Kosten- und Entschädigungsfolge. Sie vertrat im
Wesentlichen die Standpunkte, die Beschwerdeführerin sei nicht
beschwerdeberechtigt und es handle sich beim Schweinerennen um ein Sportereignis
bzw. beim damit verbundenen Geldspiel um eine lokale Sportwette (act. G 10).
B.c.
Die politische Gemeinde St. Gallen (Beschwerdebeteiligte) verzichtete stillschweigend
auf eine Vernehmlassung (vgl. act. G 9).
B.d.
Die Beschwerdeführerin hielt in der Replik vom 19. September 2022 unverändert an der
Beschwerde fest und machte hauptsächlich ergänzende Ausführungen zur von ihr
bejahten Beschwerdelegitimation (act. G 12).
B.e.
Während die Beschwerdebeteiligte stillschweigend (vgl. act. G 14) und die Vorinstanz
ausdrücklich auf eine Stellungnahme verzichteten (act. G 15), hielt die
Beschwerdegegnerin in der Eingabe vom 4. Oktober 2022 unverändert an den von ihr
B.f.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 4/8
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte

Darüber zieht das Verwaltungsgericht in Erwägung:
1.
Zunächst ist von Amtes wegen zu prüfen, ob auf die Beschwerde eingetreten werden
kann.
gestellten Rechtsbegehren fest und äusserte sich ergänzend zur aus ihrer Sicht
fehlenden Beschwerdelegitimation der Beschwerdeführerin und zum Sportbegriff (act.
G 16).
In der Eingabe vom 14. Oktober 2022 hielt die Beschwerdeführerin unverändert an
ihren bisherigen Ausführungen fest und teilte mit, sie verzichte auf eine weitere
Stellungnahme (act. G 18).
B.g.
Die sachliche Zuständigkeit des Verwaltungsgerichts ist gegeben (Art. 59 Abs. 1 des
Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege [VRP; sGS 951.1]).
1.1. bis
Die Beschwerdegegnerin und die Vorinstanz vertreten die Auffassung, es fehle der
Beschwerdeführerin an der Beschwerdeberechtigung.
1.2.
Zur Erhebung der Beschwerde ist berechtigt, wer an der Änderung oder Aufhebung
des Entscheids ein eigenes schutzwürdiges Interesse dartut (Art. 64 i.V.m. Art. 45
Abs. 1 VRP). Zur Wahrung öffentlicher Interessen steht das Beschwerderecht auch der
zuständigen Behörde einer öffentlich-rechtlichen Körperschaft oder einer
selbstständigen öffentlich-rechtlichen Anstalt zu (Art. 64 i.V.m. Art. 45 Abs. 2 VRP).
Eine solche Beschwerdeberechtigung einer Behörde setzt voraus, dass sie den
streitigen Entscheid durch Setzen eines Rechtsaktes im eigenen Aufgabenbereich
erlassen und damit bestimmte öffentliche Interessen vertreten hat. Das ist nur der Fall,
wenn sie im Bereich einer ihr obliegenden Aufgabe tätig geworden ist und dabei lokale
Interessen wahrgenommen hat (Entscheid des Verwaltungsgerichts B 2018/254 vom
13. Juni 2019 E. 1 mit Hinweisen; siehe auch Geiser/Zogg, in: Rizvi/Schindler/Cavelti
[Hrsg.], Praxiskommentar zum Gesetz über die Verwaltungsrechtspflege [VRP], 2020,
N 37 zu Art. 45 mit Hinweisen).
1.2.1.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 5/8
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Die Beschwerdeberechtigung im gesamten kantonalen Verfahren darf von
Bundesrechts wegen nicht enger gefasst sein als vor Bundesgericht (Art. 111 Abs. 1
des Bundesgesetzes über das Bundesgericht [BGG; SR 173.110]; eingehend hierzu
Geiser/Zogg, a.a.O., N 4 zu Art. 45 mit Hinweisen; Art. 111 Abs. 2 BGG ist auf die
Beschwerdeführerin, bei der es sich um eine interkantonale und nicht um eine
Bundesbehörde handelt, nicht anwendbar). Zur Beschwerde in öffentlich-rechtlichen
Angelegenheiten sind gemäss Art. 89 Abs. 2 lit. d BGG Personen, Organisationen und
Behörden, denen ein anderes Bundesgesetz dieses Recht einräumt, berechtigt.
Gestützt auf Art. 108 Ingress und Abs. 1 lit. j des Bundesgesetzes über Geldspiele
(BGS; SR 935.51) kann die Beschwerdeführerin als interkantonale Behörde zur
Erfüllung ihrer Aufgaben gegen die Entscheide der letztinstanzlichen kantonalen oder
interkantonalen richterlichen Behörden in Anwendung dieses Gesetzes und seiner
Ausführungserlasse Beschwerde beim Bundesgericht erheben.
1.2.2.
Für die Bewilligung zur Durchführung von Kleinspielen (sei es nun als Kleinlotterie oder
lokale Sportwette; siehe Art. 3 lit. f, Art. 34 oder Art. 35 BGS) ist die kantonale
Aufsichts- und Vollzugsbehörde zuständig (Art. 32 Abs. 1 BGS). Die Bewilligung
solcher Kleinspiele fällt grundsätzlich nicht in den Aufgabenbereich der
Beschwerdeführerin, zumal diese weder vorbrachte noch ersichtlich ist, dass die hier
umstrittene Veranstaltung als Grossspiel ihrer Bewilligung (siehe hierzu Art. 21 BGS)
oder sonstwie ihrer Mitwirkung bedurft hätte. Vielmehr lässt sie zu Recht erkennen,
dass das Schweinerennen jedenfalls als in der alleinigen Kompetenz der
Beschwerdebeteiligten liegende Kleinlotterie bewilligungsfähig erscheint (act. G 1,
Rz 15 und Rz 33). Aus dem von der Beschwerdeführerin angerufenen Art. 32 Abs. 2
BGS (act. G 12, Rz 2), wonach ihr die kantonale Aufsichts- und Vollzugsbehörde die
Kleinspiele betreffenden Bewilligungsentscheide zuzustellen hat, vermag sie den
gewünschten Rückschluss (zugunsten ihres Aufgabenbereichs) nicht abzuleiten.
Mehrere Kantone nahmen im Rahmen des Vernehmlassungsverfahrens zum BGS
Anstoss an dieser Bestimmung, da sie als unzweckmässig befunden und deshalb ihre
ersatzlose Streichung gefordert wurde (Vernehmlassung des Kantons Schwyz vom
12. August 2014, S. 2 unten, des Kantons Aargau vom 13. August 2014, S. 2 unten,
und des Kantons Graubünden vom 19. August 2014, S. 2 oben; siehe auch den Bericht
über die Ergebnisse des Vernehmlassungsverfahrens vom 21. Oktober 2015, S. 27
Mitte). Dies dürfte wohl ein Grund gewesen sein, weshalb der Bundesrat in der
Botschaft zum Geldspielgesetz vom 21. Oktober 2015 ergänzende Ausführungen zu
1.2.3.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 6/8
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Art. 32 Abs. 2 BGS vornahm. Der Bundesrat stellte klar, diese Bestimmung verfolge
(nur) den Zweck, die verfahrensrechtlichen Grundlagen zu schaffen, damit die
interkantonale Behörde ihre Aufgaben erfüllen kann («Damit die interkantonale Behörde
ihre Aufgaben erfüllen und insbesondere überprüfen kann, ob ein von einem Kanton
bewilligtes Kleinspiel tatsächlich in diese Kategorie fällt und nicht ein Grossspiel ist,
müssen ihr die kantonalen Bewilligungsbehörden ihre Bewilligungsentscheide
zustellen.»; BBl 2015 8450 oben). Offenkundig wurde damit kein über diese
Abgrenzungsprüfung hinausgehender Aufgabenbereich begründet. Dies bedeutet, dass
sich auch die Rechtsmittelberechtigung grundsätzlich auf Fälle beschränkt, in denen
diese Fragestellung – rechtswidrige Kategorisierung als Kleinspiel durch eine kantonale
Behörde – betroffen ist. Die Rechtsmittelberechtigung ergibt sich aus Art. 108 Ingress
und Abs. 1 lit. j BGS. Sowohl aus dem Wortlaut dieser Bestimmung («zur Erfüllung ihrer
Aufgaben») als auch der Funktion einer Rechtsmittelberechtigung für Behörden geht
hervor, dass das BGS keine rechtliche Grundlage für eine Rechtsmittelberechtigung
der Beschwerdeführerin im Anwendungsbereich der Kleinspiele enthält, soweit nicht ihr
Aufgabenbereich betroffen ist (vgl. vorstehende E. 1.2.1 f. sowie die Literatur und
Rechtsprechung zum betreffend das mit dem Wortlaut von Art. 32 Abs. 2 BGS
vergleichbaren in Art. 89 Abs. 2 lit. a BGG aufgeführten Tatbestandsmerkmal «in ihrem
Aufgabenbereich» B. Waldmann, in: Niggli/Uebersax/Wiprächtiger [Hrsg.], Basler
Kommentar zum Bundesgerichtsgesetz, 3. Auflage 2018, N 52 zu Art. 89).
Entgegen der Auffassung der Beschwerdeführerin (act. G 12, Rz 2) wird der zur
Rechtsmittelerhebung berechtigende Aufgabenbereich im Sinn von Art. 108 Ingress
und Abs. 1 lit. j BGS mit dem gesamtschweizerischen Geldspielkonkordat (GSK;
sGS 455.31) nicht erweitert. Die für den Aufgabenbereich der Beschwerdeführerin
massgebende Bestimmung enthält Art. 19 Abs. 1 Satz 1 GSK. Er legt fest, dass die
Gespa die im BGS der interkantonalen Aufsichts- und Vollzugsbehörde zugewiesenen
Aufgaben wahrnimmt und über die ihr bundesrechtlich zugewiesenen Befugnisse
verfügt. Damit ist für den hier interessierenden Kontext offenkundig, dass das GSK der
Beschwerdeführerin keine über das BGS hinausgehenden Aufgaben betreffend
Kleinspiele zuweist. Der von ihr zusätzlich ins Feld geführte Art. 25 Abs. 6 GSK ordnet
der Geschäftsstelle der Gespa zwar die Prüfung der von den kantonalen
Bewilligungsbehörden gestützt auf Art. 32 Abs. 2 BGS zugestellten
Bewilligungsentscheide zu, um sie auf ihre Bundesrechtskonformität zu überprüfen
(siehe hierzu BBl 2015 8450 oben). Art. 25 Abs. 6 GKS stellt nach Sinn und Zweck
jedoch eine rein organisationsinterne Zuständigkeitsregelung der allein aus dem BGS
1.2.4.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 7/8
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.
fliessenden Aufgaben dar. Dies verdeutlicht auch die formelle Systematik des GSK, das
im 3. Kapitel («Die interkantonale Geldspielaufsicht (GESPA)») im ersten Abschnitt unter
dem Titel «Aufgaben und Organisation» zunächst die «Aufgaben und Befugnisse» in
Art. 19 GSK bestimmt und in den unmittelbar folgenden Artikeln lediglich
organisatorische Belange, u.a. eine Zuständigkeitsabgrenzung zwischen Aufsichtsrat,
Geschäftsstelle und Revisionsstelle, regelt (Art. 20 bis Art. 26 GSK). Im erläuternden
Bericht zum GSK vom 20. Mai 2019 wird dieses Auslegungsergebnis bestätigt: «Das
BGS weist der interkantonalen Behörde diverse Aufgaben und Befugnisse zu. Art. 19
Abs. 1 GSK stellt klar, dass die GESPA die interkantonale Behörde im Sinne des BGS
ist und überträgt ihr formell die entsprechenden Aufgaben und Befugnisse.» (S. 18
oben des Berichts). Aus der ausdrücklich als «formell» bezeichneten Übertragung
erhellt ausserdem nochmals, dass keine über das BGS hinausgehenden Aufgaben und
Kompetenzen der Gespa begründet werden. Bezüglich der «Parteirechte» wird
ausschliesslich auf Art. 108 Abs. 1 lit. i und j BGS bzw. andere, im vorliegenden Fall
nicht interessierende bundesrechtliche Bestimmungen verwiesen (S. 18 unten des
Berichts). Zudem wird bereits am Anfang der Erläuterungen zur Geschäftsstelle auf den
organisationsrechtlichen Charakter von Art. 25 GSK und an anderer Stelle auf den
bloss die bundesrechtlichen Vorgaben konkretisierenden Charakter aufmerksam
gemacht (S. 21 oben und Mitte des Berichts). Anzufügen bleibt, dass der Kanton
St. Gallen der Beschwerdeführerin keine weiteren Aufgaben im Sinn von Art. 107
Abs. 2 BGS übertragen hat.
Vor diesem Hintergrund ist die Beschwerdelegitimation der Beschwerdeführerin nicht
dargetan, womit auf die von ihr erhobene Beschwerde nicht einzutreten ist. Bei diesem
Ergebnis kann offenbleiben, ob – wie die Beschwerdeführerin vorbringt (act. G 1, Rz 3)
– überhaupt ein schützenswertes virtuelles Interesse an der Beurteilung ihrer
Beschwerde vorhanden ist, nachdem das Schweinerennen sowohl im Jahr 2021
durchgeführt als auch im Jahr 2022 als Kleinlotterie bewilligt und abgehalten wurde.
Offenbar spielt es für die Bewilligungsfähigkeit dieses Anlasses als Kleinspiel somit an
sich keine Rolle, ob dessen Ausgang ausschliesslich von einer menschlichen
Leistungserbringung abhängt.
1.2.5.
Gemäss vorstehenden Erwägungen ist auf die Beschwerde nicht einzutreten.
2.1.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 8/8
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte