Decision ID: 53e43376-15cb-5633-bbc6-8e162301b357
Year: 2012
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Entscheid Versicherungsgericht, 09.07.2012 Art. 25 Abs. 1 ATSG. Erlass der Rückforderung von unrechtmässig bezogenen EL. Kein guter Glaube gegeben (Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 9. Juli 2012, EL 2012/10).Präsidentin Karin Huber-Studerus, Versicherungsrichterin Monika Gehrer-Hug, a.o. Versicherungsrichter Christian Zingg; a.o. Gerichtsschreiber Martin HorniEntscheid vom 9. Juli 2012in SachenA._, Beschwerdeführer,gegenSozialversicherungsanstalt des Kantons St. Gallen, Ausgleichskasse des Kantons St. Gallen, Brauerstrasse 54, Postfach, 9016 St. Gallen,Beschwerdegegnerin,betreffendErgänzungsleistung zur IV (Erlass Rückforderung)Sachverhalt:
A.
A.a A._ bezieht seit längerem eine IV-Rente sowie Ergänzungsleistungen (EL). Mit
Verfügung vom 28. Dezember 2009 sprach die EL-Durchführungsstelle dem
Versicherten mit Wirkung ab 1. Januar 2010 zu seiner IV-Rente eine monatliche EL von
Fr. 1'944.-- zu (EL-act. 37). Mit Verfügung vom 29. Dezember 2010 wurde die EL mit
Wirkung ab 1. Januar 2011 auf Fr. 2'054.-- monatlich erhöht (EL-act. 33).
A.b Anlässlich einer periodischen Überprüfung der Ergänzungsleistungen ging bei der
EL-Durchführungsstelle am 9. Mai 2011 der vom Versicherten ausgefüllte Fragebogen
ein. Er führte darin die Namen aller im Haushalt lebenden Personen auf: "A._, B._,
C._ und D._" (EL-act. 24).
A.c Mit Verfügung vom 14. Dezember 2011 forderte die EL-Durchführungsstelle vom
Versicherten EL im Betrag von Fr. 2'577.-- zurück. Aufgrund der periodischen Über
prüfung sei festgestellt worden, dass seit dem 1. März 2010 vier Personen im Haushalt
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wohnten. Da jedoch nur drei Personen in der Ergänzungsleistung zu berücksichtigen
seien, müsse die EL-Durchführungsstelle den Anteil der vierten Person ausser Betracht
lassen. Die EL seien deshalb rückwirkend ab März 2010 neu zu berechnen und die zu
viel ausbezahlten EL seien zurückzufordern (EL-act. 15).
B.
B.a Am 22. Dezember 2011 ersuchte der Versicherte um Erlass der Rückforderung. Er
habe die zu viel ausbezahlten EL in gutem Glauben bezogen. Es liege ein Härtefall vor.
Im Übrigen erhalte er vom Januar an Fr. 2'324.-- IV und EL. Von diesem Betrag könne
er unmöglich etwas weggeben, da dies lediglich knapp zum Leben reiche (EL-act. 14).
B.b Nach Eintritt der Rechtskraft der Rückforderungsverfügung vom 14. Dezember
2011 wies die EL-Durchführungsstelle mit Verfügung vom 30. Januar 2012 das Erlass
gesuch ab. Die Voraussetzung des guten Glaubens sei nicht erfüllt (EL-act. 6).
C.
C.a Dagegen erhob der Versicherte am 3. Februar 2012 Einsprache. Er macht erneut
geltend, dass er die zu viel ausbezahlten EL in gutem Glauben bezogen habe. Er könne
diesen Betrag höchstens in kleinen Raten begleichen. Er sehe nicht ein, weshalb er für
einen Fehler der EL-Durchführungsstelle gerade stehen müsse (EL-act. 3).
C.b Mit Einspracheentscheid vom 19. März 2012 wies die EL-Durchführungsstelle das
Erlassgesuch ab. Anlässlich der periodischen Überprüfung im Mai 2011 sei festgestellt
worden, dass seit dem 1. März 2010 vier Personen im Haushalt wohnten. Bisher sei die
EL-Durchführungsstelle davon ausgegangen, dass der Stiefsohn D._ Bewohner eines
Jugendheims sei. Seit September 2008 seien daher jeweils nur noch die anderen
Familienmitglieder berücksichtigt worden. Der Versicherte habe seine Meldepflicht
verletzt, weil er nicht rechtzeitig gemeldet habe, dass sein Stiefsohn D._ seit März
2010 wieder bei ihm wohnte. Dem Versicherten sei aufgrund der bereits ergangenen
Einspracheentscheide vom 27. Januar 2009 (EL-act. 39) bewusst gewesen, dass die
Anzahl der in der EL-Berechnung eingeschlossenen Personen Einfluss auf die Höhe der
EL habe. Daher liege eine grobfahrlässige Verletzung der Melde-, Auskunfts-, und
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Prüfungspflichten vor, womit sich der Versicherte nicht erfolgreich auf den guten
Glauben berufen könne (EL-act. 41).
D.
D.a Gegen diesen Entscheid richtet sich die vorliegend zu beurteilende Beschwerde
vom 20. März 2012. Der Beschwerdeführer beantragt die Aufhebung des Einsprache
entscheids vom 19. März 2012 und das Absehen von der Rückforderung der EL im
Betrag von Fr. 2'577.--. Da er nicht immer zuhause anwesend gewesen sei, habe er
nicht bemerkt, dass sein Stiefsohn D._ im gemeinsamen Haushalt gelebt habe. Er
sehe nicht ein, weshalb er für die begangene Meldepflichtverletzung durch seine
geschiedene Frau gerade stehen müsse. Schliesslich sei auch die Voraussetzung einer
grossen Härte erfüllt (act. G 1).
D.b Die Beschwerdegegnerin beantragt in der Beschwerdeantwort vom 30. März
2012 unter Verweis auf den Einspracheentscheid die Abweisung der Beschwerde (act.
G 3).
D.c Der Beschwerdeführer verzichtet auf die Einreichung einer Replik (act. G 4).

Erwägungen:
1.
Streitig und vorliegend zu prüfen ist, ob dem Beschwerdeführer die Rückforderung von
Fr 2'577.-- zu erlassen ist. Über Bestand und Höhe der Rückforderung selbst wurde
bereits rechtskräftig entschieden.
2.
2.1 Unrechtmässig bezogene Leistungen sind zurückzuerstatten. Wer die unrecht
mässigen Leistungen in gutem Glauben empfangen hat, muss sie nicht
zurückerstatten, wenn eine grosse Härte vorliegt (Art. 25 Abs. 1 des Bundesgesetzes
über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG; SR 830.1]; Art. 4 f.
der Verordnung über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSV; SR
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830.11]). Die Rückerstattung kann nur erlassen werden, wenn die beiden
Voraussetzungen des gutgläubigen Empfangs und der grossen Härte der
Rückerstattung kumulativ erfüllt sind (vgl. etwa Ueli Kieser, ATSG-Kommentar,
2. Aufl. 2009, Rz. 28 zu Art. 25 ATSG). Diese Kriterien sind in einer reichhaltigen
Rechtsprechung konkretisiert worden. Der Bezüger unrechtmässiger Leistungen darf
sich nicht nur keiner böswilligen Absicht, sondern auch keiner groben Nachlässigkeit
schuldig gemacht haben. Der Erlass der Rückforderung ist daher zu verweigern, wenn
der Leistungsbezüger die nach den Umständen gebotene zumutbare Aufmerksamkeit
nicht beachtet oder seine Meldepflicht hinsichtlich Änderungen in den massgebenden
Verhältnissen in grober Weise verletzt hat (BGE 102 V 245 mit Hinweisen). Der
Versicherte, der sich auf den guten Glauben beruft, darf seine Melde- und
Auskunftspflicht somit nicht in grober Weise verletzt haben; eine bloss leichte
Verletzung der Sorgfalts- und Aufmerksamkeitspflicht schliesst hingegen den Begriff
des guten Glaubens nicht aus (BGE 110 V 176; ZAK 1985, 63; I 622/05 vom 14. August
2006, E. 3.1). Grobe Fahrlässigkeit liegt vor, wenn jemand das ausser Acht lässt, was
jedem verständigen Menschen in gleicher Lage und unter gleichen Umständen als
beachtlich hätte einleuchten müssen (BGE 110 V 176).
2.2 Die Verletzung der Melde- oder Auskunftspflicht ist eine zwar häufige, aber nicht
die einzige Form eines schuldhaften Verhaltens, das die Berufung auf den guten
Glauben ausschliesst. In Betracht fällt z.B. auch die Unterlassung, sich bei der
Verwaltung (nach der Rechtmässigkeit der Auszahlung) zu erkundigen (vgl. ARV 1998
Nr. 41, 234). Zwar kann von einem Bezugsberechtigten in der Regel nicht erwartet
werden, dass er die EL-Berechnung vollständig nachzuvollziehen vermag. Um sich
nicht dem Vorwurf einer Sorgfaltspflichtverletzung auszusetzen, muss es grundsätzlich
genügen, dass er die Berechnungsblätter, die den EL-Verfügungen beigelegt sind, im
Rahmen seiner individuellen Möglichkeiten auf offensichtliche Fehler hin kontrolliert. In
diesem Umfang besteht eine Prüfungspflicht. Als Beispiel eines ohne weiteres zu
erkennenden Fehlers, dessen Nichtmeldung einen gutgläubigen Leistungsbezug
ausschliesst, ist etwa die Anrechnung von zu hohen Krankenkassenprämien zu nennen.
Das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen hat beispielsweise die Tatsachen,
dass EL-Bezüger nicht bemerkt hatten, dass eine um Fr. 21.-- pro Tag zu hohe
Tagestaxe angerechnet oder eine IV-Zusatzrente oder eine Lebensversicherungs- oder
Leibrente nicht berücksichtigt worden war, als groben Verstoss gegen die
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Sorgfaltspflicht gewertet (vgl. Entscheide des Versicherungsgerichts vom 22. Mai 2001
[EL 1998/28]; vom 12. Februar 2004 [EL 2003/26]; vom 13. März 2006 [EL 2005/22];
vom 12. März 2008 [EL 2008/1] sowie vom 4. September 2008 [EL 2008/16]).
2.3 Bereits mit Einspracheentscheid vom 27. Januar 2009 wurde dem Beschwerde
führer mitgeteilt, dass D._ bei der EL-Berechnung rückwirkend ab dem September
bis November 2008 in der EL-Berechnung nicht mehr zu berücksichtigen sei, da er sich
seit dem 12. August 2008 aufgrund einer Verfügung der Jugendanwaltschaft St. Gallen
auf unbestimmte Zeit in einem Jugendheim aufhalte. Aufgrund dessen sind die zu viel
ausbezahlten Leistungen von Fr. 729.-- für die Monate September bis November 2008
mit Verfügung vom 3. November 2008 zurückgefordert worden (EL-act. 39). Dem
Berechnungsblatt für die Ergänzungsleistungen der AHV/IV vom 29. Dezember 2010 für
die Periode ab 1. Januar 2011 ist denn auch zu entnehmen, dass in der Berechnung
nur drei Personen enthalten sind: "A._, B._, C._" (EL-act. 32). Die
Beschwerdegegnerin erkannte erst anlässlich der ordentlichen periodischen
Überprüfung der Ergänzungsleistungen anhand des vom Beschwerdeführer am 9. Mai
2011 eingereichten Formulars, dass im Haushalt des Beschwerdeführers ab 1. März
2010 neu vier statt wie bisher drei Personen im Haushalt des Beschwerdeführers
wohnten (EL-act. 24). Das Jugendheim G._ stellte mit Schreiben vom 23. Juni 2010
zuhanden von B._ den Abschluss der Attestlehre von D._ zum Küchengehilfen in
der heiminternen Küche erst auf den 31. Juli 2011 in Aussicht (EL-act. 25). Dennoch ist
der Stiefsohn des Beschwerdeführers bereits offenbar im Frühjahr 2010 wieder in den
gemeinsamen Haushalt an der Strasse E._ eingezogen.
2.4 Der Beschwerdeführer macht geltend, die EL in gutem Glauben entgegen
genommen zu haben. Er habe aufgrund seiner häufigen Abwesenheit nicht bemerkt,
dass sein Stiefsohn D._ wieder im gemeinsamen Haushalt an der Strasse E._
eingezogen sei. Dieser Einwand vermag nicht zu überzeugen, zumal der
Beschwerdeführer es unterliess, in nachvollziehbarer Weise aufzuzeigen, dass er derart
oft oder lange abwesend war, dass ihm die Anwesenheit des Stiefsohnes nicht
auffallen konnte. Was das weitere Argument des Beschwerdeführers, der Fehler liege
im Verantwortlichkeitsbereich seiner Ex-Frau, betrifft, so muss sich der
Beschwerdeführer entgegen halten lassen, dass er selbst Bezüger der EL ist und die
entsprechenden Verfügungen und Berechnungsblätter entsprechend an ihn selbst
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adressiert wurden. Er durfte die Pflicht zur Prüfung der EL-Berechnung nicht auf seine
damalige Ehefrau überwälzen und sich ohne eigene Kontrolle darauf verlassen, diese
werde das Notwendige vorkehren. So hätte ihm ohne besondere Kenntnisse und ohne
grösseren Aufwand auffallen müssen, dass der EL-Berechnung vom 29. Dezember
2010 (vgl. EL-act. 32), in der nur drei im gleichen Haushalt lebende Personen
berücksichtigt wurden, nicht mehr die richtigen tatsächlichen Verhältnisse zugrunde
lagen, da der Stiefsohn inzwischen wieder in den gemeinsamen Haushalt eingezogen
war, was er entsprechend hätte melden müssen. Auf diese Pflicht war er im Übrigen
ausdrücklich hingewiesen worden (vgl. EL-act. 34 und 37). Dem Einspracheentscheid
vom 27. Januar 2009 ist denn auch zu entnehmen, dass dem Beschwerdeführer diese
Meldepflicht bekannt gewesen war, denn er hatte am 28. Juli 2008 der AHV-
Zweigstelle St. Gallen mitgeteilt, dass C._ per 30. Juni 2008 ein Praktikum bei der
Firma F._ angetreten und dabei monatlich Fr. 2'115.-- verdient hätte (vgl. EL-act. 38).
Der Beschwerdeführer hat die ab März 2010 zu viel ausbezahlten EL somit nicht in
gutem Glauben im Sinn von Art. 25 Abs. 1 Satz 2 ATSG entgegengenommen, weil er
die ihm obliegende Meldepflicht in grober Weise verletzt hat. Die Beschwerdegegnerin
hat das Erlassgesuch deshalb zu Recht abgewiesen.
3.
3.1 Im Sinne der vorstehenden Erwägungen ist die Beschwerde abzuweisen.
3.2 Gerichtskosten sind keine zu erheben (Art. 61 lit. a ATSG).
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP