Decision ID: 5258823a-b67c-5b0f-b78c-dee5abd1b3d3
Year: 2020
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich im Dezember 2010 erstmals zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung (IV) an (IV-act. 1). Dr. med. B._, Facharzt Innere Medizin und
Rheumatologie, stellte mit Arztbericht vom 16. November 2010 zuhanden des
Hausarztes Dr. med. C._, Facharzt Allgemeinmedizin, unter anderem folgende
Diagnosen: chronisch lumbal betontes Panvertebralsyrom mit lumbospondylogener
Komponente links bei segmentalen Dysfunktionen, muskulären Dysbalancen, kleiner
medianer Diskushernie C4/C5, Diskusprotrusionen L3 bis S1 und Beckenhochstand
rechts ca. 1 cm. Dem Bericht ist weiter zu entnehmen, dass die Versicherte für die
mittelschwere Arbeit als Reinigungsangestellte vorderhand nicht einsetzbar sei. Eine
leichte Arbeit, vorzugsweise wechselbelastend, teils sitzend und stehend, wäre ihr aber
vollzeitig zumutbar (IV-act. 9-5 ff.). Vom 2. Dezember 2010 bis 5. Januar 2011 war die
Versicherte zur intensiven Abklärung der Schmerzen und Evaluation der
Arbeitsfähigkeit stationär in der Rehabilitationsklinik Valens hospitalisiert (vgl. IV-act 9,
14). Die behandelnden Ärzte berichteten am 20. Januar 2011 von einem positiven
Rehabilitationsverlauf mit zunehmender Steigerung der Belastbarkeit und
Rückläufigkeit der Schmerzintensität im Lumbalbereich. Ab Austritt sei die Versicherte
für ihre bisherige Tätigkeit als Hausabwartin wieder zu 100 % arbeitsfähig. Für eine
körperlich leichte bis mittelschwere, wechselbelastende Verweistätigkeit mit
A.a.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Gewichtsbelastungen bis max. 15 kg sei die Versicherte ganztags zu 100 % ohne
Einschränkungen arbeitsfähig (IV-act. 14). Mit Verfügung vom 12. März 2012 wies die
IV-Stelle das Leistungsbegehren ab (IV-act. 33).
Im Januar 2013 meldete sich die Versicherte infolge Verschlechterung des
Zustandes und eingeschränkter Beweglichkeit der Schultern erneut zum
Leistungsbezug bei der IV an (IV-act. 38). Dr. med. D._ des Regionalen Ärztlichen
Dienstes (RAD) gelangte zur Auffassung, dass die Schulterproblematik eine
Verschlechterung des Gesundheitszustandes nach sich gezogen habe und weitere
medizinische Abklärungen erforderlich seien (vgl. Stellungnahme vom 21. Mai 2013, IV-
act. 48). Im Verlaufsbericht vom 29. Mai 2013 gab der Hausarzt Dr. C._ gegenüber
der IV-Stelle an, es liege ein stationärer Gesundheitszustand vor, wobei die Versicherte
weiterhin in Behandlung in der Rheumatologie des Kantonsspitals in St. Gallen sei. Die
bisherige Erwerbstätigkeit sei ihr noch zumutbar, sofern diese als eine körperlich
leichte und wechselbelastende Tätigkeit mit Gewichtsbelastungen bis max. 15 kg und
Hebeverbot über Schulterhöhe ausgestaltet sei. Solche Erwerbstätigkeiten seien ihr
ganztags mit Möglichkeit von Pausen zumutbar (IV-act. 49-2 ff.). Mit Verfügung vom
30. September 2013 wies die IV-Stelle das Leistungsbegehen ab (IV-act. 56).
A.b.
Im November 2013 ging bei der IV-Stelle ein erneute Wiederanmeldung zum
Leistungsbezug ein (IV-act. 60). Die Versicherte war zuvor vom 30. September bis 11.
Oktober 2013 im Kantonsspital St. Gallen zur konventionellen Multimodalen
Schmerztherapie hospitalisiert gewesen. Im Bericht vom 22. Oktober 2013 von Dr.
med. E._, Prof. Dr. F._ und Dr. med. G._, Rheumatologie / Rehabilitation des
Kantonsspitals St. Gallen, waren ein chronisches Schmerzsyndrom im Stadium II nach
Gerbershagen mit Belastbarkeitsminderung des Schultergürtels bei chronischer
Cervicocephalgie und Brachialgie beidseits, ein subacromiales Impingement beidseits
sowie eine andauernde Persönlichkeitsveränderung bei chronischem Schmerzsyndrom
diagnostiziert worden (IV-act. 62). Die Versicherte war seit dem 30. September 2013 zu
100% arbeitsunfähig geschrieben worden (vgl. diverse Arztzeugnisse, IV-act. 75). Im
ärztlichen Bericht zur Eingliederung vom 31. Dezember 2013 (Eingang SVA) gab Dr.
E._ an, der Versicherten seien leichte Tätigkeiten ohne Heben und Tragen von Lasten
über 5 kg zumutbar, wobei Tätigkeiten in Augenhöhe und über Kopf sowie Tätigkeiten
mit repetitiven Anforderungen an die oberen Extremitäten nicht ausgeführt werden
A.c.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
könnten (IV-act. 76-1). In der Stellungnahme vom 15. Januar 2014 stellte die
zuständige RAD-Ärztin fest, dass die Schulter- und Halswirbelsäulenbeschwerden
zugenommen hätten, wodurch schulter- und halswirbelbelastende Tätigkeiten nicht
mehr ausgeführt werden könnten. In der angestammten Tätigkeit als Reinigungskraft
betrage die Arbeitsfähigkeit 40%, in einer adaptierten Tätigkeit sei die Versicherte
jedoch zu 100% arbeitsfähig (IV-act. 77). Mit Vorbescheid vom 22. Januar 2014
gewährte die IV-Stelle der Versicherten das rechtliche Gehör zum beabsichtigten
Nichteintreten auf das Leistungsbegehren (IV-act. 80), worauf die Versicherte am 27.
Februar 2014 (Posteingang SVA) Einwand erhob und weitere medizinische Abklärungen
durch die IV beantragte (IV-act. 81). In den Berichten vom 14. April 2014 und vom 24.
Juni 2014 stellte Facharzt H._, orthopädische Chirurgie und Traumatologie des
Bewegungsapparates am Spital I._, betreffend die Arbeitsfähigkeit fest, dass die
Versicherte aus orthopädischer Sicht für schwere und schwerste körperliche Arbeit
sowie für Tätigkeiten mit dauerhaften Arbeiten auf Höhe der Horizontalen oder darüber
sowie Tätigkeiten mit Heben und Tragen von schweren Lasten nicht geeignet sei. Für
leichte und mittelschwere Tätigkeiten mit Arbeiten unterhalb der Horizontalen scheine
die Versicherte geeignet (IV-act. 92 und 95). In der erneuten Stellungnahme vom 6.
August 2014 bestätigte Dr. D._ des RAD die Arbeitsunfähigkeit im angestammten
Beruf. Die Versicherte sei jedoch für sehr leichte bis leichte Arbeiten, ausschliesslich
unterhalb der Horizontalen bzw. unterhalb der Schulterhöhe geeignet und bei einer
adaptierten Tätigkeit betrage die Arbeitsfähigkeit 100% (IV-act. 97). In ihrer
Stellungnahme vom 25. August 2014 zur zweiten Anhörung beantragte die Versicherte
eine Begutachtung (IV-act. 99 und 100).
Gestützt auf die Empfehlung der RAD-Ärztin Dr. D._ (Stellungnahme vom 2.
September 2014, vgl. IV-act 103) liess die IV-Stelle die Versicherte von der MEDAS
Ostschweiz bidisziplinär (orthopädisch und psychiatrisch) abklären. In ihrem Gutachten
vom 22. Oktober 2014 hielten die Fachärzte (Dr. med. J._, Facharzt Orthopädische
Chirurgie und Traumatologie des Bewegungsapparates; med. prakt. K._, Facharzt
Psychiatrie und Psychotherapie; Untersuchungen am 24. September 2014) folgende
Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit fest: Subacromiales Impingement
beidseits, Partialläsion Supraspinatussehne rechts und Uncovertebralarthrose C3 bis
C6. Betreffend die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit in der zuletzt ausgeübten Tätigkeit
A.d.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
hielt der orthopädische Gutachter fest, dass bei einer vollen Leistungsfähigkeit in allen
Bereichen der Reinigungsarbeiten höchstens ein zeitlicher 50%iger Arbeitseinsatz ab
Oktober 2013 in Frage komme. Eine adaptierte Tätigkeit sei der Versicherten ab
Oktober 2013 vollschichtig zumutbar, wobei bei einer solchen Tätigkeit bezüglich
beider Arme keine Überkopfarbeiten vorkommen dürfen, Tätigkeiten mit abduzierten
Armen nur kurzfristig möglich seien, das wiederholte Heben von Lasten auf 2 kg zu
limitieren und kurzzeitiges Heben am hängenden Arm bis 5 kg möglich sei. Weiter dürfe
die Tätigkeit keine dauernde Vorneigung des Kopfes und wiederholte Drehbewegungen
erfordern. Zudem sei die Sitzdauer wegen der zu erwartenden lumbalen Beschwerden
auf etwa 1 Stunde limitiert, danach sei ein kurzer Positionswechsel nötig. Für eine
wesentliche Verbesserung der Arbeitsfähigkeit würden keine therapeutischen
Massnahmen zur Verfügung stehen (IV-act. 107-23 ff.). In der Verfügung vom 20.
Februar 2015 wies die IV-Stelle das Leistungsbegehren nach Durchführung eines
Einwandverfahrens ab, da die Versicherte in einer leidensangepassten Tätigkeit 100%
arbeitsfähig sei (IV-act. 117).
Im Januar 2016 meldete sich die Versicherte erneut bei der IV-Stelle zum
Leistungsbezug infolge Verschlimmerung der Schulterbeschwerden an (IV-act 119). Die
Versicherte war vom 7. Dezember 2015 bis 3. Januar 2016 im Rehabilitationszentrum
L._ hospitalisiert gewesen. Im Austrittsbericht vom 31. Dezember 2015 berichtete der
behandelnde Arzt, dass die Versicherte nach drei wöchigem Rehabilitationsaufenthalt
in gebessertem Allgemein- und Funktionszustand sowie bei nahezu bestehender
Selbständigkeit in den Aktivitäten des alltäglichen Lebens entlassen werden konnte.
Für die Dauer des stationären Aufenthaltes bestehe eine Arbeitsunfähigkeit von 100%
und anschliessend eine Arbeitsunfähigkeit von 80%. Zur Klärung der langfristigen
Arbeitsfähigkeit empfehle er ein Job-Match in den Kliniken Valens (IV-act. 124). In der
Stellungnahme vom 8. Februar 2016 kam die RAD-Ärztin Dr. D._ zur Auffassung,
dass der Gesundheitszustand der Versicherten im Vergleich zum bidisziplinären
Gutachten vom Oktober 2014 stationär sei. Anlässlich des stationären Aufenthaltes im
Rehabilitationszentrum L._ seien dieselben bekannten Diagnosen gestellt worden
und von einer Verschlechterung der Schultern könne nicht ausgegangen werden. Die
Beweglichkeit der Schultergelenke sei sogar etwas besser als sie bei der
orthopädischen Begutachtung im Rahmen des bidisziplinären Gutachtens gewesen sei
A.e.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
(IV-act. 127). Die IV-Stelle trat mit Verfügung vom 24. Februar 2016 auf das erneute
Leistungsbegehren nicht ein, da die Versicherte die wesentliche Veränderung der
tatsächlichen Verhältnisse nicht glaubhaft habe darlegen können (IV-act. 133).
Am 28. Dezember 2016 (Eingangsdatum) meldete sich die Versicherte erneut bei
der IV-Stelle zum Leistungsbezug an (IV-act. 134) und reichte verschiedene
Arztberichte ein (vgl. IV-act. 135, 136 und 137). Die IV-Stelle teilte am 1. Februar 2017
mit, dass keine beruflichen Massnahmen angezeigt seien und die Prüfung des
Rentenanspruchs erfolge (IV-act. 145, 147). Im Bericht vom 15. November 2016 stellte
Dr. E._, Orthopädische Rehabilitation Ambulatorium Klinik M._, zusätzlich zu den
bestehenden Befunden die Diagnosen Neuritis des Plexus brachialis links und
Handgelenksganglion rechts mit progredientem Sydnrom der Loge von Guyon (IV-act.
136). Dr. med. N._ und Dr. med. O._, Klinik für Hand-, Plastische- und
Wiederherstellungschirurgie des Kantonsspitals St. Gallen, berichteten am 19. Januar
2017, dass bei Entfernung des ulnopalmares Handgelenksganglions rechts am 5.
Dezember 2016 ein normaler postoperativer Verlauf bestehe, wobei die Hand
grundsätzlich frei eingesetzt werden dürfe (vgl. IV-act. 154-10). Die RAD-Ärztin Dr.
D._ stellte nach weiteren Abklärungen zum Gesundheitszustand und zur
Arbeitsfähigkeit der Versicherten fest, dass nach Entfernung des
Handgelenksganglions rechts und bei normalem postoperativem Verlauf sowie
prinzipiell freier Einsetzung der Hand in Bezug auf das Handgelenksganglion keine
Änderung der Arbeitsfähigkeit vorliege. Betreffend die Schmerzen und die
Bewegungseinschränkung der linken Schulter sei bei bekannter Symptomatik lediglich
eine Modifikation der medizinisch diagnostischen Einordnung erforderlich. Im
bidisziplinären Gutachten sei die Einschränkung der linken Schulter ausführlich bei der
adaptierten Tätigkeit berücksichtigt worden. Aufgrund der weiteren medizinischen
Abklärungen müsse davon ausgegangen werden, dass der Gesundheitszustand
stationär sei und weiterhin auf die Einschätzung der Arbeitsfähigkeit im bidisziplinären
Gutachten abgestellt werden könne (Stellungnahme vom 27. Juli 2017, IV-act. 155-2).
A.f.
Mit Vorbescheid vom 27. Juli 2017 gewährte die IV-Stelle der Versicherten das
rechtliche Gehör zur beabsichtigten Abweisung des Rentengesuchs (IV-act. 158),
woraufhin die Versicherte am 12. September 2017 über ihren Rechtsvertreter,
Rechtsanwalt lic. iur. Paul Rechsteiner, Einwand erheben liess. Sie liess geltend
A.g.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
machten, dass gemäss dem Schreiben der Klinik P._ vom 11. September 2017
neben der anhaltenden Funktionsbeeinträchtigung des linken Armes bei bekannten
Diagnosen neu auch eine Funktionsminderung der rechten Hand und des Unterarmes
bei Status nach mehrfachen operativen Interventionen durch die Handchirurgie des
Kantonsspitals St. Gallen bestehe (vgl. Ärztliches Zeugnis von Dr. med. E._, Chefarzt
Rehabilitation Klinik P._, IV-act. 164). Die Versicherte sei seit dem 1. Juni 2017 zu
100% arbeitsunfähig und eine umfassende medizinische Neubeurteilung sei
unumgänglich (IV-act. 163). Dr. D._ des RAD stellte nach weiteren medizinischen
Abklärungen fest, dass im Verlaufe des Jahres 2017 neue Probleme an der rechten
Hand aufgetreten seien und empfahl deshalb eine Rückfrage an Dr. N._ betreffend
die Arbeitsfähigkeit (vgl. Stellungnahme vom 7. März 2018, IV-act. 188). Dieser
berichtete am 22. März 2018 in seinem Antwortschreiben an die IV-Stelle, dass bei
gleichbleibender Situation, wie bei der letzten Kontrolle am 29. November 2017, ein
Arbeitsversuch für manuell leichte Tätigkeiten gerechtfertigt sei und keine
handchirurgischen Kontraindikationen bestehen würden (IV-act. 190). In der erneuten
Stellungnahme des RAD vom 12. April 2018 gab Dr. D._ an, dass aus
handchirurgischer Sicht eine manuell leichte, leidensadaptierte Tätigkeit ausgeführt
werden könne und von Seiten der linken Schulter und des linken Arms ein stationärer
Gesundheitszustand im Vergleich zum bidisziplinären Gutachten bestehe. Folglich
könne weiterhin von einer Arbeitsfähigkeit von 100% in einer adaptierten Tätigkeit
ausgegangen werden (IV-act. 191). Vom 4. Juni bis 17. Juni 2018 war die Versicherte
erneut stationär in der Klinik P._ hospitalisiert wegen persistierender
Funktionsminderung des Schultergürtels und Zervikobrachialgie beidseits bei
degenerativen Halswirbelsäulenveränderungen. Im Austrittsbericht vom 15. Juni 2018
hielten die behandelnden Ärzte (Dr. med. Z._ und E._, Abteilung Rehabilitation /
Rheumatologie) fest, dass der Kurztest zur Einschätzung der Belastbarkeit eine
eingeschränkte Belastbarkeit und reduzierte Arbeitsfähigkeit gezeigt habe. Bei der
Testung sei es zu einer schmerzbedingten Selbstlimitierung bei allen gestellten
Aufgaben gekommen, wodurch eine genaue Einschätzung der körperlichen Leistungs-
und Arbeitsfähigkeit schwierig sei und diese deshalb rein medizinisch-theoretisch
erfolgen müsse. Bei allen Testungen hätten die Schmerzen in der linken Schulter sowie
Kraftlosigkeit in der linken und rechten Hand limitierend gewirkt und das Heben und
Tragen von Gewichten über 2.5 kg habe der Versicherten grosse Mühe bereitet. Aus
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Sicht der Ärzte sei die Versicherte momentan nur für sehr leichte Tätigkeiten maximal
25% (ungefähr 2 Stunden pro Tag) arbeitsfähig (IV-act. 195-2).
Im Auftrag der IV-Stelle (IV-act. 206) wurde die Versicherte am 30. Oktober und 1.
November 2018 durch die Ärzte des Zentrums für interdisziplinäre Medizinische
Begutachtung AG (ZIMB) in Schwyz polydisziplinär (allgemeininternistisch,
handchirurgisch, neurologisch, orthopädisch und psychiatrisch) abgeklärt. Im
polydisziplinären Gutachten der ZIMB vom 7. Dezember 2018 hielten die Fachärzte (Dr.
med. Q._, Facharzt Allgemeine Innere Medizin; Dr. med. R._, Facharzt Psychiatrie
und Psychotherapie; Dr. med. S._, Facharzt orthopädische Chirurgie und
Traumatologie des Bewegungsapparates; Dr. med. T._, Facharzt für Neurologie; Dr.
med. U._, Facharzt orthopädische Chirurgie und Traumatologie des
Bewegungsapparates sowie Handchirurgie) folgende Diagnosen mit Auswirkung auf
die Arbeitsfähigkeit fest: Leichtgradige Rhizarthrose und STT-Arthrose bei
Fingerpolyarthrose beidseits (rechts mehr als links), leichtgradige
Funktionseinschränkung Zeigefinger links bei Status nach Ganglionexzision
Beugesehnenscheide Grundphalanx Dig. II links am 13. August 2018, Status nach
Spaltung 1. Strecksehnenfach bei Quervain-Tendovaginitis Hand rechts am 28. Juni
2017, Status nach Ganglionexzision rechts am 5. Dezember 2016, Morbus Dupuytren
Knoten Palma manus Dig. IV rechts, chronische Schulterbeschwerden der
adominanten linken Seite, chronisches panvertebrales Schmerzsyndrom. Zudem wurde
eine chronische Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Faktoren als
Diagnose ohne Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit festgestellt. Für die zuletzt ausgeübte
Tätigkeit als Reinigungsangestellte bestehe keine zumutbare Arbeitsfähigkeit. In einer
optimal angepassten Tätigkeit bestehe ab Dezember 2016 eine 75% Arbeits- und
Leistungsfähigkeit bei einer Präsenz von 6 bis 8 Stunden pro Tag, wobei ein erhöhter
Pausenbedarf bestehe. Es müsse sich um eine körperlich sehr leichte,
wechselbelastende Tätigkeit handeln, ohne Heben und Tragen von Lasten über 5 kg
und ohne Einsatz der oberen Extremitäten oberhalb des Brustniveaus. Monotone
stereotype Arbeitsabläufe sowie Arbeiten, die einen kräftigen Handeinsatz erfordern,
sollten vermieden werden. Aus neurologischer, psychiatrischer und
allgemeininternistischer Sicht könne keine Diagnose mit Einfluss auf die
Arbeitsfähigkeit gestellt werden. Aus interdisziplinärer Sicht könnten keine
A.h.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.
Massnahmen zur Verbesserung der Arbeitsfähigkeit empfohlen werden (IV-act. 210-11
ff.).
Mit Vorbescheid vom 14. Februar 2019 gewährte die IV-Stelle der Versicherten das
rechtliche Gehör zur beabsichtigten Abweisung des Rentengesuches (IV-act. 214),
worauf die Versicherte am 15. März 2019 über Rechtsanwalt Paul Rechsteiner Einwand
erheben liess. Sie liess geltend machen, dass der Tabellenlohnabzug aufgrund ihres
fortgeschrittenen Alters sowie der tätigkeitsmässig und leidensbedingt starken
Einschränkung auf 25%, mindestens aber 20% festzulegen sei. Bei Zugrundelegung
eines Leidensabzuges von mindestens 20% sei aufgrund eines Invaliditätsgrades von
40% ein Anspruch auf eine Viertelsrente der IV gegeben (IV-act. 218).
A.i.
Mit Verfügung vom 20. Mai 2019 wies die IV-Stelle das Rentenbegehren ab. In
leidensangepassten Erwerbstätigkeiten bestehe eine zumutbare Arbeitsfähigkeit von
75% bei einer ganztägigen Beschäftigung mit erhöhtem Pausenbedarf. Betreffend die
Verwertbarkeit der Restarbeitsfähigkeit seien eine längere Abwesenheit vom
Arbeitsmarkt und das Alter nicht zwingend lohnsenkende Faktoren. Für einfache und
repetitive Tätigkeiten sei kein besonderes Bildungsniveau erforderlich. Die körperlichen
Limitierungen seien zudem bereits beim Anforderungs- und Belastbarkeitsprofil
berücksichtigt worden. Im Rahmen der konkreten Adaptionskriterien gäbe es im
Kompetenzniveau 1 eine Vielzahl von Tätigkeiten auf dem freien Arbeitsmarkt, welche
die Versicherte im Umfang von 75% ausüben könne. Ein höherer Leidensabzug als
10% aufgrund des fortgeschrittenen Alters sei nicht gerechtfertigt (IV-act. 220).
A.j.
Gegen diese Verfügung erhob A._, vertreten durch Rechtsanwalt Paul
Rechsteiner, am 17. Juni 2019 Beschwerde. Sie beantragt, die angefochtene
Verfügung sei unter Kosten- und Entschädigungsfolgen aufzuheben und es sei ihr eine
ganze, eventualiter aber mindestens eine Viertelsrente zuzusprechen. Sie habe im _
20_ das 62. Altersjahr erreicht und von der Möglichkeit des vorzeitigen Bezugs einer
AHV-Rente Gebrauch gemacht. Somit stelle sich die Frage, inwieweit ihr im IV-
Verfahren überhaupt noch in realistischer und zumutbarer Weise eine realisierbare
Erwerbsfähigkeit attestiert werden könne. Es sei schleierhaft, wie sie in einem halben
Jahr zwischen der Erstellung des Gutachtens und dem vorzeitigen AHV-Rentenbezug
B.a.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
ihre verbleibende Resterwerbsfähigkeit in einer Tätigkeit, welche sie noch nicht
ausgeübt habe, hätte verwerten können. Es liege in realistischer Weise keine
Zumutbarkeit der Verwertung der ohnehin sehr eingeschränkten Resterwerbsfähigkeit
mehr vor. Somit habe sie Anspruch auf eine ganze Invalidenrente. Eventualiter müsse
die besondere Situation, in welcher nicht nur tätigkeitsbedingt, sondern auch
altersbedingt eine Verwertung der Resterwerbsfähigkeit nicht mehr möglich sei, bei der
Festsetzung des Leidensabzugs berücksichtigt werden. Der Tabellenlohnabzug müsse
aufgrund der besonders erschwerenden Umständen auf 25%, aber mindestens auf
20% erhöht werden, wodurch im Ergebnis zumindest Anspruch auf eine Viertelsrente
bestehe (act. G 1).
Mit Beschwerdeantwort vom 21. August 2019 beantragt die Beschwerdegegnerin
die Abweisung der Beschwerde. Im Zeitpunkt des medizinischen Gutachtens sei die
Beschwerdeführerin 61-jährig gewesen und habe in der Vergangenheit in
verschiedenen Bereichen (Hilfsarbeiterin in der Gastronomie, Reinigungsangestellte
und Hausabwartin) gearbeitet und somit eine gewisse Flexibilität gezeigt. Auf dem
ausgeglichenen Arbeitsmarkt bestehe eine Vielzahl solcher der Beschwerdeführerin
zumutbaren Hilfsarbeitertätigkeiten, wobei bei solchen Tätigkeiten keine Umschulung
erforderlich sei und sehr kurze Einarbeitungszeiten bestehen. Aufgrund der
Gesamtumstände sei es der Beschwerdeführerin möglich, die Restarbeitsfähigkeit zu
verwerten und die Möglichkeit einer Frühpensionierung sei betreffend die
Verwertbarkeit nicht von Bedeutung. Ein höherer Abzug vom Tabellenlohn sei nicht
gerechtfertigt, da die körperliche Limitierung bereits berücksichtigt worden sei und das
Alter sowie das Bildungsniveau für den Abzug nicht von Bedeutung seien (act. G 4).
B.b.
Mit Replik vom 5. September 2019 hält die Beschwerdeführerin an ihren Anträgen
fest. Die Beschwerdegegnerin erkenne implizit an, dass die verbleibende sehr
beschränkte Resterwerbsfähigkeit behinderungs- und altersbedingt rein theoretischer
Natur sei (act. G 6).
B.c.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte

Erwägungen
1.
Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) umschreibt Invalidität als voraussichtlich
bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit.
Erwerbsunfähigkeit ist der durch die gesundheitliche Beeinträchtigung verursachte und
nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende Verlust der
Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt
(Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind
ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen.
Eine Erwerbsunfähigkeit liegt nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar
ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.1.
Nach Art. 28 Abs. 2 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG; SR
831.20) besteht Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn die versicherte Person
mindestens zu 70 %, auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie mindestens zu 60 %, auf eine
halbe Rente, wenn sie mindestens zu 50 %, und auf eine Viertelsrente, wenn sie
mindestens zu 40 % invalid ist.
1.2.
Im Sozialversicherungsrecht gilt der Untersuchungsgrundsatz. Verwaltung und
Sozialversicherungsgericht haben von sich aus für die richtige und vollständige
Abklärung des rechtserheblichen Sachverhaltes zu sorgen (BGE 122 V 157 E. 1a).
Rechtserheblich sind alle Tatsachen, von deren Vorliegen es abhängt, ob über den
streitigen Anspruch so oder anders zu entscheiden ist. In diesem Rahmen haben
Verwaltungsbehörden und das Sozialversicherungsgericht zusätzliche Abklärungen
stets dann vorzunehmen oder zu veranlassen, wenn hierzu aufgrund der
Parteivorbringen oder anderer sich aus den Akten ergebenden Anhaltspunkte
hinreichender Anlass besteht (BGE 117 V 282 E. 4a). Im Sozialversicherungsrecht hat
das Gericht seinen Entscheid, sofern das Gesetz nichts abweichendes vorsieht, nach
dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu fällen (vgl. BGE 126 V 353
E. 5b; BGE 125 V 193 E. 2, je mit Hinweisen).
1.3.
Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung - und im
Beschwerdefall das Gericht - auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und
gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des
Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand der versicherten Person zu
beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher
1.4.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.
Tätigkeiten die versicherte Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 256 E. 4 mit
Hinweisen). Ob einer versicherungsmedizinischen Expertise oder einem ärztlichen
Bericht Beweiswert zukommt, stellt eine frei überprüfbare Rechtsfrage dar. Diese ist zu
bejahen, wenn der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen
Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis
der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Beurteilung der medizinischen
Zusammenhänge sowie der medizinischen Situation einleuchtet und die
Schlussfolgerungen der Experten begründet sind. Den von Versicherungsträgern im
Verfahren nach Art. 44 ATSG eingeholten, den Anforderungen der Rechtsprechung
entsprechenden Gutachten externer Spezialärzte (sogenannte Administrativgutachten)
darf voller Beweiswert zuerkannt werden, solange nicht konkrete Indizien gegen die
Zuverlässigkeit der Expertise sprechen (BGE 125 V 351 E. 3a mit Hinweisen; Urteil des
Bundesgerichts vom 20. August 2018, 9C_86/2018, E. 5.1 mit Hinweisen).
Die Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin von 75% in adaptierter Tätigkeit ist
nicht bestritten. Dennoch ist unter Anwendung des Untersuchungsgrundsatzes zu
prüfen, ob der Gesundheitszustand genügend abgeklärt wurde, um der
Beschwerdegegnerin eine fundierte Beurteilung der Arbeitsfähigkeit der
Beschwerdeführerin zu ermöglichen. Die Beschwerdegegnerin stützt die angefochtene
Verfügung im Wesentlichen auf das polydisziplinäre Gutachten der ZIMB vom 7.
Dezember 2018 ab (vgl. IV-act. 210). Der RAD erachtet das polydisziplinäre Gutachten
vom 7. Dezember 2018 als ausführlich, schlüssig und nachvollziehbar (IV-act. 211).
2.1.
Der orthopädische Gutachter gab an, dass für körperlich leichte,
wechselbelastende Tätigkeiten eine Arbeits- und Leistungsfähigkeit von 50% bestehe,
wobei das wiederholte Heben und Tragen von Lasten über 10 kg und der Einsatz der
oberen Extremitäten oberhalb des Brustniveaus vermieden werden sollten. Für
körperlich sehr leichte, wechselbelastende Tätigkeiten bestehe eine zeitlich und
leistungsmässig uneingeschränkte Arbeitsfähigkeit von 100%, dabei sollte das
wiederholte Heben und Tragen von Lasten über 5kg und der Einsatz der oberen
Extremitäten oberhalb des Brustniveaus vermieden werden. Bei der orthopädischen
Untersuchung sei festgestellt worden, dass ein gewisser Leidensdruck bezüglich der
linken Schulter bestehe, dies jedoch kaum für die übrigen Abschnitte des
Bewegungsapparates gelte. Bei der Untersuchung der Wirbelsäule demonstriere die
Versicherte unter Verspannung eine erheblich eingeschränkte bis aufgehobene
Beweglichkeit sämtlicher Abschnitte, doch könne zum einen unter Ablenkung kein
höhergradiges Defizit bei der Kopfrotation beobachtet werden und zum anderen
2.2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.
würden ausserhalb der fokussierten Untersuchung relevante Defizite fehlen. Auf
radiologischer Ebene fehlten an zervikaler, thorakaler und lumbaler Wirbelsäule sowie
Hüft und Illiosakralgelenken höhergradige degenerative Veränderungen. Es bestünden
deutliche Inkonsistenzen als Hinweis für ein nicht-organisches Beschwerdebild (vgl. IV-
act. 210-52 und 55 f.). Aus handchirurgischer Sicht liege für die bisherigen Tätigkeiten
eine Arbeitsunfähigkeit vor. Für sehr leichte Reinigungsarbeiten oder andere sehr
leichte manuelle Tätigkeiten mit einer Gewichtslimitierung von 5kg und ohne monotone
stereotype Arbeitsabläufe sowie Arbeiten mit kräftigem Handeinsatz bestehe eine
Arbeitsfähigkeit von 75%. Weiter auffallend sei die stark reduzierte Kraft in beiden
Händen bei jedoch fehlenden Atrophien und Paresen (vgl. IV-act. 210-71 ff.) Bei der
psychiatrischen Untersuchung sei aufgefallen, dass das Ausmass der Schmerzen und
die Überzeugung, nicht mehr arbeiten zu können, aufgrund der somatischen Befunde
nicht hinreichend objektiviert werden könnten. Es müsse deshalb eine psychische
Überlagerung angenommen werden. Aus psychiatrischer Sicht sei die Versicherte in
adaptierten Tätigkeiten zu 100% arbeitsfähig, wenn diese den somatischen
Einschränkungen und den Fähigkeiten angepasst seien (vgl. IV-act. 210-44 ff.).
Das Gutachten der ZIMB vom 7. Dezember 2018 (vgl. IV-act. 210) beruht auf
umfassender Aktenkenntnis sowie polydisziplinären eigenen Untersuchungen. Im
Gutachten wird das gesamte Leidensbild der Beschwerdeführerin berücksichtigt und
die auf dieser Grundlage gezogenen Schlüsse und Einschätzung der Arbeitsfähigkeit
erscheinen nachvollziehbar. Mit dem RAD (Stellungnahme vom 29. Januar 2019, vgl.
IV-act. 211-2) ist daher auf das Gutachten abzustellen und von einer 75%igen
Arbeitsfähigkeit in adaptierter Tätigkeit (körperlich sehr leichte, wechselbelastende
Tätigkeit mit Spezifikation der Adaptionskriterien) auszugehen.
2.3.
Zwischen den Parteien umstritten und zu prüfen ist vorliegend die Verwertbarkeit
der Arbeitsfähigkeit von 75%. Die Beschwerdeführerin bringt vor, dass ihre
Restarbeitsfähigkeit auf dem Arbeitsmarkt aufgrund der tätigkeitsbedingten
Einschränkung und des fortgeschrittenen Alters nicht mehr verwertbar sei.
3.1.
Das trotz der gesundheitlichen Beeinträchtigung zumutbarerweise erzielbare
Einkommen ist bezogen auf einen ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 16 ATSG) zu
ermitteln. Dieser ist gekennzeichnet durch ein gewisses Gleichgewicht zwischen
Angebot und Nachfrage nach Arbeitskräften und weist einen Fächer verschiedener
Tätigkeiten auf (BGE 110 V 273 E. 4b). Dies gilt sowohl bezüglich der dafür verlangten
beruflichen und intellektuellen Voraussetzungen wie auch hinsichtlich des körperlichen
3.2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Einsatzes (Urteil des Bundesgerichts vom 26. Juni 2018, 8C_133/2018, E. 2.2.1). An die
Konkretisierung von Arbeitsgelegenheiten und Verdienstaussichten sind keine
übermässigen Anforderungen zu stellen. Der ausgeglichene Arbeitsmarkt umfasst auch
sogenannte Nischenarbeitsplätze, also Stellen- und Arbeitsangebote, bei denen
Behinderte mit einem sozialen Entgegenkommen von Seiten des Arbeitgebers rechnen
können (Urteil des Bundesgerichts vom 21. September 2010, 9C_124/2010, E. 2.2 mit
Hinweis). Von einer Arbeitsgelegenheit kann jedoch dann nicht mehr gesprochen
werden, wenn die zumutbare Tätigkeit nur noch in so eingeschränkter Form möglich
ist, dass sie der ausgeglichene Arbeitsmarkt praktisch nicht kennt oder sie nur unter
nicht realistischem Entgegenkommen eines durchschnittlichen Arbeitgebers möglich
wäre und das Finden einer entsprechenden Stelle daher von vornherein als
ausgeschlossen erscheint (BGE 138 V 457 E. 3.1; Urteil des Bundesgerichts vom 6. Juli
2017, 9C_253/2017, E. 2.2.1).
Das fortgeschrittene Alter wird, obgleich an sich ein invaliditätsfremder Faktor, in
der Rechtsprechung als Kriterium anerkannt, welches zusammen mit weiteren
persönlichen und beruflichen Gegebenheiten dazu führen kann, dass die einer
versicherten Person verbliebene Resterwerbsfähigkeit auf dem ausgeglichenen
Arbeitsmarkt realistischerweise nicht mehr nachgefragt wird. Fehlt es an einer
wirtschaftlich verwertbaren Resterwerbsfähigkeit, liegt eine vollständige
Erwerbsunfähigkeit vor, die einen Anspruch auf eine ganze Invalidenrente begründet
(BGE 138 V 457 E. 3.1). Der Einfluss des Lebensalters auf die Möglichkeit, das
verbliebene Leistungsvermögen auf dem ausgeglichenen Arbeitsmarkt zu verwerten,
lässt sich nicht nach einer allgemeinen Regel bemessen, sondern hängt von den
Umständen des Einzelfalls ab. Massgebend können die Art und Beschaffenheit des
Gesundheitsschadens und seiner Folgen, der absehbare Umstellungs- und
Einarbeitungsaufwand und in diesem Zusammenhang auch Persönlichkeitsstruktur,
vorhandene Begabungen und Fertigkeiten, Ausbildung, beruflicher Werdegang oder
Anwendbarkeit von Berufserfahrung aus dem angestammten Bereich sein (BGE 138 V
457 E. 3.1 mit Hinweisen). Körperlich leichte Hilfstätigkeiten werden auf dem
massgebenden hypothetisch ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 16 ATSG)
grundsätzlich altersunabhängig nachgefragt (Urteil des Bundesgerichtes vom 29. Juni
2018, 9C_862/2017, E. 3.3.3 mit Hinweis). Die Rechtsprechung hat für die
Unverwertbarkeit der Restarbeitsfähigkeit älterer Menschen relativ hohe Hürden
aufgestellt (Urteile des Bundesgerichtes vom 18. Dezember 2019, 9C_693/2019, E. 5
mit Hinweisen und vom 31. August 2018, 8C_117/2018, E. 5; Hans-Jakob Mosimann,
Problemzonen Invalideneinkommen - Alter, Leidensabzug, Selbsteingliederung,
3.3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Parallelisierung, in: Sozialversicherungsrechtstagung 2018, Ueli Kieser (Hrsg.), 2019, S.
161 ff, S. 164 ff.).
Die Möglichkeit, die verbliebene Arbeitsfähigkeit auf dem ausgeglichenen
Arbeitsmarkt zu verwerten, hängt nicht zuletzt davon ab, welcher Zeitraum der
versicherten Person für eine berufliche Tätigkeit und vor allem auch für einen allfälligen
Berufswechsel noch zur Verfügung steht. Als massgebender Stichtag für die
Beantwortung dieser Frage ist der Zeitpunkt des Feststehens der medizinischen
Zumutbarkeit einer (Teil-) Erwerbstätigkeit ausschlaggebend. Dieser Zeitpunkt ist
gegeben, sobald die medizinischen Unterlagen diesbezüglich eine zuverlässige
Sachverhaltsdarstellung erlauben (BGE 138 V 457 E. 3.3). Für das Ende des Zeitraums
ist die ordentliche Alterspensionierung massgebend. Eine vorzeitige Pensionierung hat
IV-rechtlich nur insoweit Konsequenzen, als die Invaliditätsbemessungsmethode
allenfalls ändern würde (vgl. zur Qualifikation von Privatiers und frühzeitig Pensionierten
Urteil des Bundesgerichts vom 27. März 2013, 9C_9/2013; zum Begriff
Restaktivitätsdauer Urteil des Bundesgerichts vom 14. Mai 2019, 9C_190/2019, E. 4.1).
3.4.
Die im _ 19_ geborene Beschwerdeführerin war im massgeblichen Zeitpunkt der
Erstattung des polydisziplinären Gutachtens am 7. Dezember 2018 (vgl. IV-act. 210)
rund _ Jahre und _ Monate alt. Aufgrund der verbleibenden Aktivitätsdauer von 2 1⁄2
Jahren bis zur ordentlichen Alterspensionierung lässt sich die geltend gemachte
Unverwertbarkeit der Restarbeitsfähigkeit nicht mit dem fortgeschrittenen Alter alleine
begründen (vgl. E. 3.2 vorstehend), ist jedoch genauer zu prüfen
3.5.
Zu Recht ist unbestritten, dass die Beschwerdeführerin ihrer angestammten
Tätigkeit als Reinigungsangestellte und Hausabwartin invaliditätsbedingt nicht mehr
nachgehen kann, hingegen eine leidensangepasste Erwerbstätigkeit seit Dezember
2016 mit einer Arbeitsfähigkeit von 75% bei einer ganztägigen Beschäftigung mit
erhöhtem Pausenbedarf und reduzierter Leistungsfähigkeit auszuüben vermöchte. Die
Beschwerdeführerin ist in quantitativer Hinsicht somit nur leicht eingeschränkt. In
qualitativer Hinsicht kann sie nur körperlich sehr leichte, wechselbelastende Tätigkeiten
ohne Heben und Tragen von Lasten über 5kg, ohne Einsatz der oberen Extremitäten
oberhalb des Brustniveaus, ohne stereotype Arbeitsabläufe und Arbeiten, die einen
kräftigen Handeinsatz erfordern, ausführen. Der Beschwerdeführerin steht aufgrund
dieses Zumutbarkeitsprofils ein zwar eingeschränktes, aber dennoch genügend weites
Betätigungsfeld (z.B. leichte Kontroll-, Prüf-, Überwachungs-, Verpackungs-, Sortier-
oder Montagetätigkeiten) auf dem ausgeglichenen Hilfsarbeiterinnen-Arbeitsmarkt zur
Verfügung.
3.6.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Betreffend die Art und Beschaffenheit des Gesundheitsschadens und seiner
Folgen ist anzumerken, dass gemäss den Gutachtern aus orthopädischer und
psychiatrischer Sicht ein gewisser Leidensdruck bestehe, die im Alltag geltend
gemachten Einschränkungen jedoch nicht ausnahmslos klar nachvollzogen werden
könnten und dies auf eine nichtorganische Beschwerdekomponente hinweise (vgl. IV-
act. 210-41 und 57). Laut dem psychiatrischen Gutachter bestehe eine deutlich
ausgeprägte Krankheits- und Arbeitsunfähigkeitsüberzeugung. Er stellte jedoch keine
Diagnose mit Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit (IV-act. 210-42 f.). Die
Beschwerdeführerin ist gemäss eigenen Angaben ihrer angestammten Tätigkeit als
Hausabwartin zweier Liegenschaften mit einem wöchentlichen Pensum von 4 Stunden
bis im März 2018 nachgegangen (vgl. IV-act. 210-31). Der damaligen Arbeitgeberin
seien die körperlichen Einschränkungen der Beschwerdeführerin bis zur erneuten
Anmeldung bei der IV im Dezember 2016 nicht bekannt gewesen (vgl. IV-act. 148-3).
Die Beschwerdeführerin verfügt über keinen Lehrabschluss, da sie ihre Anlehre als
Coiffeuse gesundheitsbedingt (Handekzem) abbrechen musste. Sie arbeitete in der
Folge über fünf Jahre in verschiedenen Tätigkeiten im Gastgewerbe (Service, Küche,
Büffet) und seit 1991 vorwiegend in Teilzeit in Unternehmen und bei Privatpersonen als
Reinigungsangestellte und Hausabwartin. Während zwei Monaten im Jahr 2012 hatte
sie im Hotel V._ als Zimmermädchen gearbeitet (vgl. IV-act. 210-30, 210-67). Die
Beschwerdeführerin verfügt demnach über langjährige Berufserfahrungen in
verschiedenen Hilfstätigkeiten. Auch wenn sie infolge der bisher ausgeübten
mittelschweren und schweren Tätigkeiten für die angepasste Erwerbstätigkeit nur
wenig spezifische Fertigkeiten nutzbar machen kann, zeugen die bisherigen
Berufserfahrungen dennoch von einer vorhandenen Umstellungsfähigkeit der
Beschwerdeführerin im Erwerbsleben. Zudem ziehen Hilfstätigkeiten
rechtsprechungsgemäss nur kurze Umstellungs- und Einarbeitungsaufwände nach sich
und setzen keine Ausbildung sowie Berufserfahrung voraus. Ferner zeugen auch die
verschiedenen Stellenwechsel und gleichzeitigen Tätigkeiten sowohl für Unternehmen
als auch für Privatpersonen von einer gewissen Flexibilität der Beschwerdeführerin im
Erwerbsleben und der Fähigkeit, sich an neue Aufgaben und Situationen anpassen zu
können. Das Finden einer zumutbaren Stelle erscheint nach dem Gesagten nicht zum
Vornherein ausgeschlossen. In Berücksichtigung der vorstehend genannten quantitativ
nur leicht eingeschränkten Arbeitsfähigkeit, der nicht übermässigen qualitativen
Einschränkung sowie der vorhandenen kognitiven und sozialen Kompetenzen ist bei
der verbleibenden Aktivitätsdauer von 2 1⁄2 Jahren von einer Verwertbarkeit der
Resterwerbsfähigkeit auszugehen.
3.7.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.
Als Eventualantrag ersucht die Beschwerdeführerin um Zusprache mindestens
einer Viertelsrente. Der Abzug des Tabellenlohnes sei infolge des fortgeschrittenen
Alters auf 25%, jedoch mindestens 20% zu erhöhen.
4.1.
Mit dem Abzug vom Tabellenlohn soll der Tatsache Rechnung getragen werden,
dass persönliche und berufliche Merkmale, wie Art und Ausmass der Behinderung,
Lebensalter, Dienstjahre, Nationalität oder Aufenthaltskategorie und
Beschäftigungsgrad, Auswirkungen auf die Lohnhöhe haben können und je nach
Ausprägung die versicherte Person nur deswegen die verbliebene Arbeitsfähigkeit auch
auf einem ausgeglichenen Arbeitsmarkt nur mit unterdurchschnittlichem erwerblichen
Erfolg verwerten kann. Der Abzug ist unter Würdigung der Umstände im Einzelfall nach
pflichtgemässem Ermassen gesamthaft zu schätzen und darf 25% nicht übersteigen
(BGE 146 V 16 E. 4.1 mit Hinweisen). Im Hinblick auf das Merkmal "Alter" ist jeweils
unter Berücksichtigung aller konkreten Umstände des Einzelfalls zu prüfen, ob sich ein
Abzug vom Tabellenlohn rechtfertigt (BGE 146 V 16 E. 7.2.1). Im Bereich der
Hilfsarbeiten wirkt sich das fortgeschrittene Alter auf dem hypothetisch ausgeglichenen
Arbeitsmarkt nicht zwingend lohnsenkend aus, da Hilfsarbeiten auf dem
massgebenden ausgeglichenen Stellenmarkt altersunabhängig nachgefragt werden
(BGE 146 V 16 E. 7.2.1 mit Hinweisen). Der Faktor Alter hat rechtsprechungsgemäss im
Kompetenzniveau 1 nicht zwingend einen lohnsenkenden Effekt und wirkt sich bei
Frauen im Segment von 40 bis 64/65 Jahren bei Stellen ohne Kaderfunktion eher
lohnerhöhend aus (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 24. August 2018, 9C_857/2017,
E. 4.3.1 mit Hinweis). Weiter wird dem Umstand, dass die Stellensuche altersbedingt
erschwert sein mag, als invaliditätsfremder Faktor bezüglich des Abzuges regelmässig
keine Bedeutung beigemessen (Urteil des Bundesgerichts vom 16. Oktober 2019,
8C_411/2019, E. 8.2; Urteil vom 21. August 2019, 8C_878/2018, E. 5.3.1; je mit
Hinweisen).
4.2.
Ob ein Abzug vom Tabellenlohn vorzunehmen ist und dessen Höhe, stellt eine vom
kantonalen Gericht frei überprüfbare Rechtsfrage dar und erstreckt sich auch auf die
Beurteilung der Angemessenheit der Verwaltungsverfügung (Urteil des
Bundesgerichtes vom 31. August 2018, 8C_327/2018, E. 3.3). Bei der Angemessenheit
geht es um die Frage, ob der zu überprüfende Entscheid, den die Behörde nach dem
ihr zustehenden Ermessen im Einklang mit den allgemeinen Rechtsprinzipien in einem
konkreten Fall getroffen hat, nicht zweckmässigerweise anders hätte ausfallen sollen.
Allerdings darf das kantonale Gericht sein Ermessen nicht ohne triftigen Grund an die
Stelle desjenigen der Verwaltung setzen, es muss sich somit auf Gegebenheiten
4.3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 18/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
5.
abstützen können, die seine abweichende Ermessensausübung als naheliegender
erscheinen lassen (Urteil des Bundesgerichtes vom 31. August 2018, 8C_327/2018, E.
3.4).
Nach dem Gesagten verfügt die 19_ geborene Beschwerdeführerin über
vielfältige berufliche Erfahrungen (verschiedene Tätigkeiten im Gastgewerbe, im
Reinigungsdienst und als Hausabwartin), von welcher sie auf dem ausgeglichenen
Arbeitsmarkt profitieren kann. Angesichts des Zumutbarkeitsprofils ist von einem
genügend breiten Spektrum an zumutbaren Erwerbstätigkeiten auszugehen, auch
wenn die Beschwerdeführerin über keine Berufsausbildung verfügt und bisher
vorwiegend mittelschwere bis schwere Arbeiten (insbesondere als
Reinigungsangestellte) ausübte (vgl. E. 3.6 f. vorstehend). Zumal bei Hilfstätigkeiten
Berufserfahrung und Ausbildung nicht von zentraler Bedeutung sind und solche
Tätigkeiten eine relativ kurze Einarbeitungszeit nach sich ziehen. Aus den Akten gehen
keine Hinweise hervor, wonach die Beschwerdeführerin in ihrer Anpassungs- und
Umstellungsfähigkeit beeinträchtigt wäre. Die verschiedenen Erwerbstätigkeiten bei
Firmen und Privatpersonen (vgl. IK-Auszug, IV-act. 123) zeigen vielmehr die Flexibilität
der Beschwerdeführerin im Rahmen der Arbeitsplatzauswahl. Die gesundheitlichen
Einschränkungen, der erhöhte Pausenbedarf und die reduzierte Arbeitsgeschwindigkeit
(vgl. IV-act 210-73) sind ferner bereits durch die reduzierte Arbeitsfähigkeit von 75%
und Art der zumutbaren Tätigkeit berücksichtigt worden, weshalb sie nicht noch einmal
als abzugsrelevant herangezogen werden können. Der von der Beschwerdegegnerin
berücksichtigte Abzug von 10% vom Tabellenlohn erscheint angesichts der konkreten
Umstände als angemessen. Ein höherer Abzug vom Tabellenlohn wegen des
fortgeschrittenen Alters und der gesundheitlich bedingten Einschränkung lässt sich
nicht begründen.
4.4.
Im vorliegenden Fall ergibt sich bei einer Arbeitsunfähigkeit von 25% für
leidensangepasste Tätigkeiten und unter Berücksichtigung eines leidensbedingten
Abzugs vom Tabellenlohn von 10% ein Invaliditätsgrad von 33% (25%+ [75% x 10%]).
Weil die versicherte Person erst Anspruch auf eine Viertelsrente hat, wenn sie
mindestens 40% invalid ist (vgl. Art. 28 Abs. 2 IVG), besteht vorliegend kein Anspruch
auf eine Rente der Invalidenversicherung.
4.5.
Nach dem Gesagten ist die Verfügung vom 20. Mai 2019 nicht zu beanstanden
und die Beschwerde vollumfänglich abzuweisen.
5.1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 19/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte