Decision ID: 9ee77a54-ba75-5315-8044-7e5bcc6bbcb6
Year: 2022
Language: de
Court: BE_VG
Chamber: BE_VG_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die 1969 geborene A._ (Versicherte bzw. Beschwerdeführerin) war bei C._ zu vier Stunden pro Woche als ... angestellt und dadurch bei der Helsana Unfall AG (Helsana bzw. Beschwerdegegnerin) gegen die Folgen von Unfällen und Berufskrankheiten versichert, als sie gemäss Unfallmeldung vom 1. September 2020 am 23. Mai 2020 von ... geschubst worden sei und sich beim Sturz das linke Knie und die linke Schulter geprellt bzw. verdreht habe (Akten der Helsana [act. II] 1). Die Helsana klärte den Sachverhalt in medizinischer Hinsicht ab und legte die Akten der beratenden Ärztin Dr. med. D._, Fachärztin für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des Bewegungsapparates, zur Beurteilung vor (act. II 13). Mit Schreiben vom 18. März 2021 (act. II 14) stellte die Helsana der Versicherten die Leistungseinstellung per 30. Juni 2020 in Aussicht. Nach Stellungnahmen des behandelnden Arztes Dr. med. E._, Facharzt für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des Bewegungsapparates, vom 29. März 2021 (act. II 20) und der beratenden Ärztin Dr. med. D._ vom 6. April 2021 (act. II 19) verneinte die Helsana mit Verfügung vom 7. April 2021 (act. II 23) einen Leistungsanspruch ab dem 1. Juli 2020 mit der Begründung, der Zusammenhang zwischen den gesundheitlichen Beschwerden und dem Unfall sei nicht mehr nachgewiesen. Mit E-Mail vom 30. April 2021 (act. II 26) zeigte sich die Versicherte mit diesem Entscheid nicht einverstanden. Die Helsana erachtete diese Eingabe als Einsprache und forderte die Versicherte ebenfalls per E-Mail am 3. Mai 2021 (act. II 27) auf, die Einsprache persönlich zu unterschreiben. Gleichzeitig machte sie die Versicherte auf die Folgen einer verspäteten oder formell ungenügenden Einsprache aufmerksam. In einer weiteren E-Mail vom 31. Mai 2021 (act. II 31) teilte die Versicherte unter Bezugnahme auf ein gleichentags geführtes Telefonat mit dem fallführenden Kundenbetreuer der Helsana mit, sie habe die E-Mail vom 3. Mai 2021 mit der Aufforderung zur Unterzeichnung der Einsprache nicht bzw. erst nach dem Telefonat erhalten. Gleichentags stellte sie der Helsana im Anhang einer weiteren E-Mail das Bild eines auf den 30. April 2021 datierten und unterzeichneten Ausdrucks der
Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 17. Feb. 2022, UV/21/625, Seite 3
Einsprache zu (act. II 32). Ebenfalls am 31. Mai 2021 bestätigte die Helsana per E-Mail den Erhalt der Einsprache. Mit Einspracheentscheid vom 11. August 2021 (act. II 36) wies sie diese ab.
B.
Hiergegen erhob die Versicherte, vertreten durch Rechtsanwalt B._, am 10. September 2021 Beschwerde mit den Anträgen, der Einspracheentscheid vom 11. August 2021 sei aufzuheben und die Beschwerdegegnerin sei zu verpflichten, für die Folgen des am 23. Mai 2020 erlittenen Unfalls Leistungen aus der Unfallversicherung auch nach dem 30. Juni 2020 zu erbringen. Eventuell sei der Einspracheentscheid vom 11. August 2021 aufzuheben und die Sache an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen, um weitere Abklärungen zum medizinischen Sachverhalt vorzunehmen.
Die Beschwerdegegnerin schloss mit Beschwerdeantwort vom 13. Oktober 2021 auf Abweisung der Beschwerde.
In der prozessleitenden Verfügung vom 25. Oktober 2021 erwog der Instruktionsrichter, gestützt auf eine erste Sichtung der Sach- und Rechtslage sei fraglich, ob die Beschwerdegegnerin auf die Einsprache der Beschwerdeführerin hätte eintreten dürfen. Es sei davon auszugehen, dass die Verbesserung der Einsprache nicht rechtzeitig erfolgte. Er forderte die Beschwerdegegnerin auf, den Zustellnachweis für Versand und Abholung der Verfügung vom 7. April 2021 an die Beschwerdeführerin einzureichen. Der Beschwerdeführerin gewährte er die Möglichkeit, sich zur Frage der Rechtzeitigkeit zu äussern und allfällige diesbezügliche Beweismittel einzureichen.
Die Beschwerdeführerin nahm mit Eingabe vom 2. November 2021 Stellung.
Mit Eingabe vom 10. November 2021 reichte die Beschwerdegegnerin den eingeforderten Zustellungsnachweis zu den Akten.
Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 17. Feb. 2022, UV/21/625, Seite 4
Mit prozessleitenden Verfügungen vom 29. November und vom 15. Dezember 2021 ordnete der Instruktionsrichter diverse Beweismassnahmen an und forderte die Beschwerdeführerin auf, Auskunft darüber zu erteilen, bei welchen Ärztinnen und Ärzten bzw. Gesundheitsfachpersonen sie seit Juli 2019 in Behandlung gestanden sei.
Die im Rahmen der angeordneten Beweismassnahmen beim Arbeitgeber und den behandelnden Ärzten einverlangten Unterlagen gingen beim Gericht am 3., 6., 21. und 24. Dezember 2021 ein.
Die Beschwerdeführerin teilte mit Eingabe vom 23. Dezember 2021 mit, sie sei vor August 2020 in keiner Behandlung bei einem Arzt gestanden.
Auf die mit prozessleitender Verfügung vom 3. Januar 2022 eingeräumte Möglichkeit, zu den eingegangenen Beweismitteln Stellung zu nehmen, verzichteten die Parteien mit Eingaben vom 20. (Beschwerdegegnerin) bzw. 24. Januar 2022 (Beschwerdeführerin).

Erwägungen:
1.
1.1 Der angefochtene Entscheid ist in Anwendung von Sozialversicherungsrecht ergangen. Die Sozialversicherungsrechtliche Abteilung des Verwaltungsgerichts beurteilt gemäss Art. 57 des Bundesgesetzes vom 6. Oktober 2000 über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) i.V.m. Art. 54 Abs. 1 lit. a des kantonalen Gesetzes vom 11. Juni 2009 über die Organisation der Gerichtsbehörden und der Staatsanwaltschaft (GSOG; BSG 161.1) Beschwerden gegen solche Entscheide. Die Beschwerdeführerin ist im vorinstanzlichen Verfahren mit ihren Anträgen nicht durchgedrungen, durch den angefochtenen Entscheid berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an dessen Aufhebung, weshalb sie zur Beschwerde befugt ist (Art. 59 ATSG). Die örtliche Zuständigkeit ist gegeben (Art. 58 ATSG). Da auch die
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Bestimmungen über Frist (Art. 60 ATSG) sowie Form (Art. 61 lit. b ATSG; Art. 81 Abs. 1 i.V.m. Art. 32 des kantonalen Gesetzes vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege [VRPG; BSG 155.21]) eingehalten sind, ist auf die Beschwerde einzutreten.
1.2 Angefochten ist der Einspracheentscheid vom 11. August 2021 (act. II 36). Streitig und zu prüfen ist der Anspruch der Beschwerdeführerin auf Leistungen der Unfallversicherung über den 30. Juni 2020 hinaus.
1.3 Die Abteilungen urteilen gewöhnlich in einer Kammer bestehend aus drei Richterinnen oder Richtern (Art. 56 Abs. 1 GSOG).
1.4 Das Gericht überprüft den angefochtenen Entscheid frei und ist an die Begehren der Parteien nicht gebunden (Art. 61 lit. c und d ATSG; Art. 80 lit. c Ziff. 1 und Art. 84 Abs. 3 VRPG).
2.
2.1 Gegen Verfügungen kann innerhalb von 30 Tagen bei der verfügenden Stelle Einsprache erhoben werden; davon ausgenommen sind prozess- und verfahrensleitende Verfügungen (Art. 52 Abs. 1 ATSG). Diese gesetzliche Frist kann nicht erstreckt werden.
2.2 Einsprachen müssen ein Rechtsbegehren und eine Begründung enthalten (Art. 10 Abs. 1 der Verordnung vom 11. September 2002 über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSV; SR 830.11]). Die schriftlich erhobene Einsprache muss die Unterschrift der Einsprache führenden Person oder ihres Rechtsbeistandes enthalten (Art. 10 Abs. 4 ATSV). Genügt die Einsprache diesen Anforderungen nicht oder fehlt die Unterschrift, so setzt der Versicherer eine angemessene Frist zur Behebung der Mängel an und verbindet damit die Androhung, dass sonst auf die Einsprache nicht eingetreten wird (Art. 10 Abs. 5 ATSV).
2.3 Eine per E-Mail erhobene Einsprache gegen eine Verfügung ist mangels der gemäss Art. 10 Abs. 4 Satz 1 ATSV bei schriftlich erhobenen Einsprachen erforderlichen Unterschrift nicht zulässig. Anspruch auf eine Nachfristansetzung besteht in einem solchen Fall nicht. Eine Verbesserung
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des Formmangels kann innerhalb der ordentlichen Rechtsmittelfrist vorgenommen werden, worauf die versicherte Person gegebenenfalls aufmerksam zu machen ist (BGE 142 V 152).