Decision ID: 3e9bd5ea-3e75-43fc-9870-475929ea7c26
Year: 2020
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich erstmals im März 2010 wegen "Asthma, Ellbogen li + re,
Wirbelsäule etc." zum Bezug von IV-Leistungen an (IV-act. 1). Der Versicherte hatte
nach eigenen Angaben in B._ eine einjährige Maurerlehre absolviert. Von 1993 bis zur
Kündigung durch den Arbeitgeber per Ende August 2009 hatte er zu 100 % bei der
C._ AG gearbeitet (IV-act. 8). Zunächst war er in der Pulverbeschichtung und
Schäumerei tätig gewesen. Nachdem beim Versicherten ein Isocyanatasthma
diagnostiziert worden war, war ein Wechsel in die Stuhlmontage erfolgt
(Nichteignungsverfügung der Suva vom Juni 1995, IV-act. 173-36). Nebenbei war er als
Hausabwart tätig gewesen.
A.a.
Am 24. Mai 2011 erstattete die Medas Ostschweiz der IV-Stelle ein
polydisziplinäres Gutachten (IV-act. 37). Die Gutachter gaben als Diagnosen mit
Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit eine chronifizierte Epicondylopathia humeri radialis
linksbetont, eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung und eine längere
depressive Reaktion im Rahmen einer Anpassungsstörung an. Die Gutachter kamen
interdisziplinär zum Schluss, dass in der früher ausgeführten Tätigkeit in der
Schäumerei und der Pulverbeschichtung aufgrund der Isocyanat-Allergie eine
dauerhafte Arbeitsunfähigkeit bestehe. Auch die zuletzt ausgeführte Tätigkeit in der
Stuhlmontage, eine zeitweise mittelschwere bis schwere körperliche Tätigkeit, sei ab
dem Unfallereignis (Sturz auf den linken Ellbogen am 9. Juni 2008) nicht mehr sinnvoll.
Aufgrund der wiederholten operativen Eingriffe an den Ellbogen beidseits dürfte von
Juli 2008 bis spätestens April 2010 für jegliche Tätigkeit eine volle Arbeitsunfähigkeit
bestanden haben. Von April 2010 bis spätestens Oktober 2010 sei von einer
A.b.
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B.
Arbeitsfähigkeit von 50 % auch für adaptierte Tätigkeiten auszugehen. Seit November
2010 lasse sich aus somatischer Sicht für eine den Adaptionskriterien entsprechende
körperlich leichte, wechselbelastende Tätigkeit keine Arbeitsunfähigkeit mehr
begründen. Aus psychiatrischer Sicht sei die Arbeitsfähigkeit um 20 % eingeschränkt.
Gestützt auf dieses Gutachten der Medas Ostschweiz sprach die IV-Stelle dem
Versicherten mit Verfügung vom 19. Dezember 2012 eine befristete Rente zu
(Viertelsrente vom 1. August 2011 bis 31. Oktober 2011, ganze Rente vom 1.
November 2011 bis 30. Mai 2012; IV-act. 95, 98). Die dagegen erhobene Beschwerde
wies das Gericht am 22. Juni 2015 im Ergebnis ab; insbesondere verneinte es bei
einem IV-Grad von 32 % einen (unbefristeten) Rentenanspruch über den 30. Mai 2012
hinaus (IV 2013/46, IV-act. 128). Dieser Entscheid erwuchs unangefochten in
Rechtskraft.
A.c.
Bereits am 3. September 2014 hatte Dr. med. D._, Spezialarzt Orthopädische
Chirurgie und Traumatologie des Bewegungsapparates, der IV-Stelle berichtet, dass
sich der Gesundheitszustand des Versicherten über die letzten zwei Jahre
verschlechtert habe (IV-act. 118). Am 9. Oktober 2014 forderte die IV-Stelle den
Versicherten auf, das Schreiben vom 3. September 2014 zu unterzeichnen und zu
retournieren (IV-act. 120). Das vom Versicherten unterzeichnete Schreiben ging am
29. Oktober 2014 bei der IV-Stelle ein (IV-act. 121).
B.a.
Dr. D._ berichtete der IV-Stelle am 5. November 2015 (IV-act. 133), dass es zu
einer Exazerbation der Rückenbeschwerden und der Kniebeschwerden rechts
gekommen sei. Neu bestünden ein Zustand nach einer Infiltration am Ellbogen links bei
beginnender Radiohumeralarthrose und ein mittels MRI dokumentierter breiter
Partialriss des Caput commune der Extensoren bis an den tendoossären Übergang
reichend (MRT-Untersuchung vom 9. Januar 2015). Die übrigen Diagnosen seien
unverändert geblieben. RAD-Arzt Dr. med. E._ notierte am 12. November 2015, dass
eine Verschlimmerung des Gesundheitszustandes gegenüber der RAD-Stellungnahme
vom 9. August 2012 und dem Urteil des Versicherungsgerichts vom 22. Juni 2015 nicht
hinreichend plausibel nachvollziehbar sei (IV-act. 134-3).
B.b.
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Am 14. Januar 2016 trat die IV-Stelle auf das neue Rentengesuch nicht ein (IV-act.
137). Dagegen liess der Versicherte am 16. Februar 2016 Beschwerde erheben (IV-act.
140). Mit der Beschwerde reichte sein Rechtsvertreter diverse medizinische Berichte
ein (IV-act. 143). Am 15. Dezember 2014 hatte Dr. D._ eine Kniearthroskopie rechts
mit medialer und lateraler Meniskusteilresektion sowie Knorpelabrasio durchgeführt (IV-
act. 143-6 ff.). Dr. med. F._, Neurochirurgie, hatte Dr. D._ am 10. Dezember 2015
berichtet (IV-act. 143-48 f.), dass in der aktuellen Situation einer seit acht Jahren
bestehenden lumbosakralen Schmerzsymptomatik mit Progredienz und einer
hochdosierten NSAR-Medikation ohne Unterbruch bei Therapieresistenz gegen
chiropraktische und physiotherapeutische Massnahmen ohne Möglichkeit einer
Infiltration in das Bandscheibenfach nur die operative Intervention mit Diskektomie und
einer Spondylodese des instabilen Segmentes L5/S1 bleibe. Dr. med. G._, Fachärztin
Psychiatrie und Psychotherapie, hatte dem Rechtsvertreter am 6. Februar 2016
berichtet, dass sich der Versicherte seit dem 31. August 2015 in ihrer Behandlung
befinde (IV-act. 143-23). Der Versicherte leide an einer posttraumatischen
Belastungsstörung (PTBS; ICD-10: F43.1; Tod des Bruders durch Stromschlag und
reaktivierte schwere Depressivität im Rahmen der Anpassungsstörung nach
Todesfällen unmittelbar nach der Kündigung) und an einer posttraumatischen
Verbitterungsstörung (F43.8; aufgrund des Arbeitsunfalls und darauffolgender
Kündigung). Zudem bestehe der Verdacht auf eine sonstige bipolare affektive Störung
(F31.8). Dr. med. H._, Spezialarzt für Innere Medizin, hatte in seinem Bericht vom 14.
Februar 2016 erklärt (IV-act. 143-25 f.), dass der Versicherte wegen seiner
Polymorbidität zweifellos mindestens teilweise invalid sei. Dr. D._ hatte dem
Rechtsvertreter am 17. Februar 2016 berichtet (IV-act. 143-28 f.), dass der Versicherte
neben seinen pulmonalen Einschränkungen weiterhin zunehmend an Polyarthralgien
und Degenerationen an Hals, Schulter, Hüfte, der unteren LWS und den Knien bds.
leide. Sein Alltag sei deutlich schmerzhaft eingeschränkt. Wegen der Polyarthralgien
und den pulmonalen Einschränkungen sei auch die Ausübung von körperlich leichten
Verweistätigkeiten mit vermehrten Pausen nicht möglich.
B.c.
RAD-Arzt Dr. E._ notierte am 4. April 2016 (IV-act. 165), dass sich der
Gesundheitszustand mit den neu eingegangenen Berichten, unter anderem auch einem
der Psychiaterin Dr. G._, nicht konklusiv beurteilen lasse. Deshalb sei eine
B.d.
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Als Diagnosen ohne Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit gaben die Gutachter unter
anderem die folgenden an (vollständige Diagnoseliste: IV-act. 173-38):
polydisziplinäre Begutachtung (allgemein-internistisch, pneumologisch, orthopädisch,
neurologisch, ophthalmologisch und psychiatrisch) zu veranlassen. Am 6. April 2016
widerrief die IV-Stelle die Nichteintretensverfügung vom 14. Januar 2016 (IV-act. 153).
Das Beschwerdeverfahren wurde in der Folge abgeschrieben (IV 2016/58; IV-act. 159).
Dr. G._ gab in dem für die IV-Stelle verfassten Bericht vom 30. Mai 2016 als
neue Diagnose eine bipolare affektive Störung, gegenwärtig leichte bzw. mittelgradige
Episode mit somatischem Syndrom (F31.31), an (IV-act. 162). Sie hielt fest, dass dem
Versicherten weder die bisherige noch eine andere Tätigkeit zumutbar sei. Denkbar
wäre lediglich ein zweistündiger Arbeitseinsatz in einer leichten Tätigkeit ohne
Zeitdruck und ohne viele soziale Kontakte oder viel Kundschaft. Zusätzlich bestehe
eine verminderte Leistungsfähigkeit von 60 bis 70 %.
B.e.
Am 24. und 25. Oktober 2016 wurde der Versicherte durch die ABI Aerztliches
Begutachtungsinstitut GmbH polydisziplinär in den vom RAD vorgeschlagenen
Disziplinen abgeklärt (Gutachten vom 23. November 2016, IV-act. 173). Die Diagnosen
mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit lauteten (vollständige Diagnoseliste: IV-act.
173-37):
B.f.
Rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig leichte Episode (F33.0)–
anhaltende somatoforme Schmerzstörung (F45.4)–
chronisches unspezifisches multilokuläres Schmerzsyndrom–
chronisches panvertebrales Schmerzsyndrom–
chronische Kniebeschwerden rechts und links–
chronische Ellbogenbeschwerden beidseits–
chronisches Asthma bronchiale–
Zerviko- und lumbovertebrales Schmerzsyndrom ohne Anhalt für neurale
Beteiligung
–
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Der allgemein-internistische Gutachter Dr. med. I._ hielt fest, dass er ausser einer
Adipositas keine Diagnose habe stellen können; aus allgemein-internistischer Sicht
bestehe keine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit. Der psychiatrische Gutachter Dr.
med. J._ erklärte, dass beim Versicherten diagnostisch eine leichte depressive
Episode, gekennzeichnet durch depressive Verstimmungen, eine erhöhte
Ermüdbarkeit, Schlafstörungen und negative Zukunftsperspektiven bezüglich der
gesundheitlichen und beruflichen Situation, bestünden. Die anhaltende somatoforme
Schmerzstörung sei durch ausgeweitete Schmerzen im Bewegungsapparat
gekennzeichnet, deren Ausmass mit den somatischen Befunden nicht hinreichend
erklärt werden könne und die auch nicht nur auf eine Somatisierung im Rahmen der
Depression zurückgeführt werden könnten. Die rezidivierende depressive Störung
verlaufe chronisch. Allerdings liege auch eine deutlich ausgeprägte Krankheits- und
Behinderungsüberzeugung vor. Die Prognose sei deshalb ungünstig. Der Versicherte
sei in allen seinen Fähigkeiten entsprechenden und aus somatischer Sicht angepassten
Tätigkeiten zu 80 % arbeitsfähig, realisierbar auch ganztags mit der Möglichkeit zu
vermehrten Pausen. Die von Dr. G._ angegebene Diagnose einer PTBS könne nicht
bestätigt werden. Diese Diagnose erfordere gemäss ICD-10 das wiederholte Auftreten
traumatischer Erinnerungen in sich aufdrängenden Träumen und Gedanken, und zwar
so, als ob das traumatische Ereignis unmittelbar stattfinde. Zudem müssten eine
emotionale Abstumpfung der Umgebung gegenüber oder Phasen von deutlicher
Erregtheit bestehen. Weiter fordere die Diagnose ein deutlich schweres traumatisches
Ereignis wie z.B. das Erleben eines schweren Katastrophenereignisses oder eines
schweren Verbrechens wie Folter, das bei fast jedem eine tiefe Verzweiflung
hervorrufen würde. Dies sei beim Versicherten nicht der Fall. Auch eine bipolare
affektive Störung könne nicht bestätigt werden. Der Versicherte habe im
Untersuchungsgespräch keine Phasen mit Angetriebenheit beklagt. Die Situation mit
der Ehefrau sei zuweilen angespannt, Tätlichkeiten habe er aber verneint. Ausserdem
wäre beim Vorliegen einer bipolaren affektiven Störung eine entsprechende Medikation
anamnestisch fraglich diskrete Ulnarisneuropathie–
leichtes obstruktives Schlaf-Apnoe-Syndrom (Dg. 1/2004), CPAP-Therapie sistiert
wegen Maskenintoleranz
–
Medikamenten-Malcompliance.–
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mit einem Stimmungsstabilisator zu erwarten. Der orthopädische Gutachter Dr. med.
K._ führte aus, dass sich die völlig diffusen, unter anderem sämtliche Abschnitte des
Bewegungsapparates umfassenden Beschwerden durch die klinischen, radiologischen
und intraoperativen Befunde keinesfalls vollständig begründen liessen. Ein gewisser
Leidensdruck an der thorakolumbalen Wirbelsäule, den Kniegelenken sowie auch im
Sinne einer Restsymptomatik nach wiederholtem Eingriff an den Ellbogen sei zwar
nachvollziehbar, nicht aber die lächelnd präsentierte, völlig ubiquitäre Symptomatik,
sodass eine im Vordergrund stehende nicht-organische Beschwerdekomponente
angenommen werden müsse. Das laut dem Versicherten am Morgen des
Untersuchungstages eingenommene Voltaren und Novalgin sei im Serum nicht
nachweisbar gewesen. Dies lasse gewisse Zweifel an den Angaben des Versicherten
aufkommen. Für die Tätigkeit in der Pulverbeschichtung und Schäumerei wie auch für
andere überwiegend stehende und gehende sowie körperlich andauernd mittelschwere
und schwere Verrichtungen bestehe eine bleibende und vollständige
Arbeitsunfähigkeit. Demgegenüber liege für körperlich leichte, wechselbelastende
Verrichtungen aus rein orthopädischer Sicht eine uneingeschränkte Arbeitsfähigkeit
vor. Das häufige Heben und Tragen von Lasten über 10 kg, das wiederholte
Überwinden von Treppen und unebenem Grund sowie die Einnahme kniender und
kauernder Positionen sollte vermieden werden. Der Einschätzung von Dr. D._ könne
nicht gefolgt werden. Aus seinen Berichten gingen keine klaren funktionellen Defizite
hervor und es sei unklar, inwieweit die attestierte vollständige Arbeitsunfähigkeit für
jegliche Tätigkeiten nicht auf überwiegend pulmonalen Faktoren beruhe. Der
neurologische Gutachter Dr. med. L._ gab an, dass er keine Diagnose mit
wesentlicher Einschränkung der Arbeitsfähigkeit stellen könne. Bezüglich des zerviko-
und lumbovertebralen Schmerzsyndroms bestünden keine Anhaltspunkte für eine
neurale Beteiligung. Aus neurologischer Sicht sei die Arbeitsfähigkeit nicht
eingeschränkt. Die ophthalmologische Gutachterin Dr. med. M._ hielt fest, dass an
beiden Augen ein altersentsprechender Normalbefund mit beginnender Linsentrübung
bestehe. Aus ophthalmologischer Sicht sei die Arbeitsfähigkeit nicht eingeschränkt. Der
pneumologische Gutachter Dr. med. N._ führte aus, dass aufgrund der unter
Inhalationstherapie normalen lungenfunktionellen Befunde ohne Allergenexposition für
vorwiegend leichte körperliche Arbeiten keine Arbeitsunfähigkeit vorliege. In
polydisziplinärer Hinsicht kamen die Gutachter zum Schluss, dass für die angestammte
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Tätigkeit wie auch für andere körperlich mittelschwere und schwer belastende
Tätigkeiten und für überwiegend stehend und gehend zu verrichtende Tätigkeiten eine
volle Arbeitsunfähigkeit bestehe. Für körperlich leichte, angepasste Tätigkeiten liege
die Arbeitsfähigkeit aus psychiatrischen Gründen bei 80 %. Das Pensum könne
vollschichtig umgesetzt werden mit einem leicht erhöhten Pausenbedarf und einem
leicht reduzierten Rendement. Die Arbeitsunfähigkeit von 20 % gelte über die Zeit
gemittelt seit dem letzten Medas-Gutachten von 2011. Ausser während den
postoperativen Rekonvaleszenzen nach teilweise fragwürdigen Operationen habe
seither keine länger andauernde, höhergradige Arbeitsunfähigkeit bestanden.
B.g. RAD-Arzt Dr. E._ notierte am 14. Dezember 2016, dass das ABI-Gutachten die
versicherungsmedizinischen Anforderungen erfülle, weshalb auf es abgestellt werden
könne (IV-act. 174).
B.h. Mit Vorbescheid vom 16. Dezember 2016 stellte die IV-Stelle dem Versicherten die
Abweisung seines Rentengesuchs in Aussicht (IV-act. 176). Zur Begründung hielt sie
fest, dass für angepasste Tätigkeiten eine Arbeitsfähigkeit von 80 % bestehe. Das
Valideneinkommen entspreche dem auf das Jahr 2014 indexierten Einkommen vor dem
Eintritt der Behinderung. Das Invalideneinkommen sei anhand von Tabellenlöhnen
berechnet worden (Lohnstrukturerhebung [LSE], Schweiz, privater Sektor, Niveau 4,
Männer). Bei einem Valideneinkommen von Fr. 65'380.-- und einem
Invalideneinkommen von Fr. 53'218.-- resultiere ein IV-Grad von 19 %. Dagegen liess
der Versicherten am 20. Dezember 2016/2. Februar 2017 einwenden (IV-act. 179, 181),
dass ihm mindestens eine halbe Rente auszurichten sei. Die IV-Stelle habe weder den
im Gerichtsurteil vom 22. Juni 2015 berücksichtigten Lohn noch den vom Gericht als
angemessen betrachteten Tabellenlohnabzug einbezogen. Auf das ABI-Gutachten
könne nicht abgestellt werden, weil es sich um eine Apologie zu Gunsten der IV handle.
Die von Dr. G._ angegebene Diagnose einer bipolaren Störung sei in den Wind
geschlagen worden, ohne widerlegt worden zu sein. Es sei eine Oberexpertise
notwendig. Dr. G._ hatte in einer "Gegendarstellung zum polydisziplinären Gutachten
ABI Basel" vom 1. Februar 2017 (IV-act. 181-4 ff.) festgehalten, dass der Eindruck
bestehe, dass das psychiatrische Explorationsgespräch nicht fachgerecht durchgeführt
worden sei. Die Dolmetscherfähigkeiten der Übersetzerin seien fraglich gewesen. Der
Gutachter habe falsche Angaben zur Medikamenteneinnahme und -dosierung
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gemacht. Er habe weder den 19_ verstorbenen Bruder noch die verstorbenen Cousins
erwähnt. Auch das Aktivitätsniveau im Berufsleben − der Versicherte habe in der
letzten Tätigkeit 300 Überstunden angesammelt − sei in Bezug auf die diagnostizierte
bipolare Störung nicht hinterfragt worden. Der psychiatrische Gutachter habe die
Diagnose einer anhaltenden somatoformen Schmerzstörung "pauschal" vom
Vorgutachter übernommen. Des Weiteren habe er sich nicht mit den Vorakten
auseinandergesetzt und keine Stellung zu ihrem Bericht vom 30. Mai 2016 und den
Diagnosen einer posttraumatischen Verbitterungsstörung und einer bipolaren Störung
genommen.
B.i. Die IV-Stelle bat die ABI Begutachtungsinstitut GmbH am 14. März 2017, zu den
medizinischen Einwänden Stellung zu beziehen (IV-act. 185). Der psychiatrische
Gutachter und der ärztliche Leiter der Gutachterstelle antworteten am 23. März 2017
(IV-act. 186), dass es sich nicht um eine neue Beurteilung von Dr. G._ handle. Dr.
G._ habe die Diagnose einer bipolaren Störung nicht begründet. Zudem fehle es an
einem deutlich schweren traumatischen Ereignis, um eine PTBS diagnostizieren zu
können. Zu den eingenommenen Medikamenten lägen tatsächlich unterschiedliche
Angaben des Versicherten vor. Allerdings sei auch zu beachten, dass keine
Medikamentenspiegel nachweisbar gewesen seien oder dass diese nicht im
therapeutischen Bereich gelegen hätten. Es bestehe also die Möglichkeit, dass nicht
nur die Angaben bezüglich der Medikamenteneinnahme, sondern auch andere
Angaben des Versicherten nicht der Wahrheit entsprochen hätten. Bei der anwesenden
Dolmetscherin habe es sich um eine qualifizierte Dolmetscherin vom HEKS oder vom
Dolmetscherdienst für Ausländer gehandelt. Dr. med. O._ vom RAD notierte am 27.
April 2017, dass die Gutachter die Beurteilung von Dr. G._ ausführlich und
nachvollziehbar widerlegt hätten (IV-act. 187).
B.j. Die IV-Stelle räumte dem Versicherten am 28. April 2017 die Gelegenheit ein, zu
den ergänzenden Abklärungen Stellung zu nehmen (IV-act. 188). Der Rechtsvertreter
des Versicherten antwortete am 29. Mai 2017 (IV-act. 191), dass die Kritik der
behandelnden Psychiaterin zu beherzigen und die Begutachtung zu wiederholen sei.
Dr. G._ hatte in einer "Gegendarstellung zur Gegendarstellung" vom 24. Mai 2017
(IV-act. 191-2 f.) ausgeführt, die Gutachter hätten bemerken müssen, dass die
Angaben zu den Medikamentendosierungen unrichtig gewesen seien. Die Diagnose
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einer bipolaren Störung könne mit der Phasenhäufigkeit "depressiv-submanisch" über
die Jahre begründet werden. Die Diagnose einer PTBS sei angesichts des Todes des
Bruders durch einen Stromschlag, wobei sich der Versicherte in unmittelbarer Nähe
beim Rettungsversuch befunden habe, gut nachvollziehbar. Es entstehe der Eindruck,
dass der psychiatrische Gutachter die psychischen Beschwerden und das
psychiatrische Krankheitsbild nicht gewürdigt habe. RAD-Arzt Dr. O._ notierte am 10.
Juli 2017 (IV-act. 194), dass das Schreiben von Dr. G._ vom 24. Mai 2017
medizinisch nichts Neues enthalte.
B.k. Mit Verfügung vom 11. Juli 2017 wies die IV-Stelle das Rentengesuch wie
angekündigt ab (IV-act. 195). Zu den Einwänden erwiderte sie, dass es sich bei der
Beurteilung von Dr. G._ um eine andere Beurteilung desselben Sachverhalts handle.
Anders als in Aussicht gestellt sei jedoch auch beim Valideneinkommen auf den LSE-
Tabellenlohn aus dem Jahr 2014 von Fr. 66'453.-- abzustellen. Ein Leidensabzug sei
unter Berücksichtigung der bundesgerichtlichen Rechtsprechung nicht angezeigt. Bei
einem Invalideneinkommen von Fr. 53'162.-- betrage der IV-Grad 20 %.
C.
C.a. Gegen diese Verfügung liess der Versicherte (nachfolgend: Beschwerdeführer) am
8. September 2017 Beschwerde erheben (act. G 1). Sein Rechtsvertreter beantragte
die Aufhebung der Verfügung und die Gewährung einer mindestens halben Rente ab
der Neuanmeldung resp. ab April 2015. Eventualiter sei eine polydisziplinäre Abklärung
in Auftrag zu geben. Zur materiellen Begründung hielt er fest, es sei nicht
nachvollziehbar, dass die ABI-Gutachter trotz der seit der letzten Begutachtung
zahlreichen neuen Diagnosen (Rückenschmerzen mit Diskushernie HWK5/6,
chronische Kniebeschwerden links und rechts, chronische Ellbogenbeschwerden
beidseits sowie Asthma bronchiale) eine Arbeitsfähigkeit von 80 % für leichte Arbeiten
postuliert hätten. Des Weiteren sei für die Zeiten, in denen der Beschwerdeführer
operiert worden sei, eine volle Arbeitsunfähigkeit zu berücksichtigen. Es sei nicht die
Aufgabe der behandelnden Ärztin, die Diagnose einer bipolaren Störung zu begründen.
Vielmehr sei es die Aufgabe der Gutachter, alle Diagnosen, die Einfluss auf die
Arbeitsfähigkeit hätten, zu evaluieren und dazu Stellung zu nehmen. Die IV-Stelle
(nachfolgend: Beschwerdegegnerin) habe den vom Gericht im Entscheid vom 22. Juni
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2015 angegebenen Tabellenlohnabzug von 15 % nicht übernommen. Ein
Tabellenlohnabzug sei angesichts der psychischen und körperlichen Beschwerden
angezeigt. Ausserdem sei davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer heute, wenn
er gesund wäre, gegen Fr. 80'000.-- pro Jahr verdienen könnte. Dr. D._ hatte dem
Rechtsvertreter am 4. September 2017 berichtet (act. G 1.4), dass aufgrund einer
progredienten Degeneration zunehmende Rückenbeschwerden und Kniebeschwerden
rechts bestünden. Anfang 2016 sei ein subscapuläres, taubeneigrosses, subcutanes,
schmerzhaftes Lipom entdeckt worden, dessen Extension kurz bevorstehe. Des
Weiteren bestünden zunehmende Hüftbeschwerden rechts.
C.b. Am 12. September 2017 reichte der Rechtsvertreter einen Austrittsbericht der
Chirurgie des Spitals P._ vom 7. September 2017 ein (act. G 2). Er merkte an, dass
der Tumor im aktuellen Verfahren mitberücksichtigt werden müsse, weil er seit längerer
Zeit bestehe. Am 7. September 2017 war die Exstirpation eines schmerzhaften Tumors
im Bereich des Rückens links auf Höhe TH11 erfolgt (act. G 2.1). Der langsam
wachsende Tumor hatte den Beschwerdeführer "zusehends" beim Schlafen gestört.
C.c. Die Beschwerdegegnerin beantragte am 6. November 2017 die Abweisung der
Beschwerde (act. G 5). Zur Begründung hielt sie fest, dass sich praxisgemäss in
analoger Anwendung der für die Rentenrevision geltenden Regeln beurteile, ob
aufgrund der Neuanmeldung ein Rentenanspruch bestehe. Es fehlten Anhaltspunkte
dafür, dass die gutachterlichen Untersuchungen nicht lege artis erfolgt wären. Der ABI-
Expertise komme daher voller Beweiswert zu. Aus den gutachterlichen
Abklärungsergebnissen sei zu schliessen, dass sich der Gesundheitszustand in
somatischer Hinsicht seit Dezember 2012 nicht relevant verändert habe. Der
psychiatrische Gutachter habe zu den von der psychiatrischen Behandlerin postulierten
Diagnosen einer PTBS und einer bipolaren Störung Stellung genommen und mit einer
überzeugenden Begründung aufgezeigt, dass beim Beschwerdeführer die
Voraussetzungen für diese Diagnosen nicht erfüllt seien. Hinsichtlich der Diagnose
einer bipolaren Störung sei darauf hinzuweisen, dass diese gemäss ICD-10 durch
wiederholte Episoden charakterisiert sei, in denen die Stimmung und das
Aktivitätsniveau des Betreffenden deutlich gestört seien: Einmal würden eine gehobene
Stimmung, ein vermehrter Antrieb und eine vermehrte Aktivität auftreten, dann wieder
eine Stimmungssenkung, ein verminderter Antrieb und eine verminderte Aktivität.
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Charakteristischerweise sei die Besserung zwischen den Episoden vollständig.
Inwiefern beim Beschwerdeführer diese Merkmale vorliegen sollten, habe die
Behandlerin in keinem ihrer Berichte darzulegen vermocht. Die Feststellung des
psychiatrischen Gutachters, wonach Dr. G._ die Diagnose einer bipolaren Störung
nicht begründet habe, sei somit zutreffend und nicht zu beanstanden. Demgegenüber
habe der Gutachter die Diagnosen, insbesondere diejenige einer rezidivierende
depressive Störung − welche laut ICD-10 eine Ausschlussdiagnose zur bipolaren
Störung darstelle − lege artis gestellt und mit objektiven Befunden begründet. Damit
erweise sich das ABI-Gutachten auch in psychiatrischer Hinsicht als schlüssig. Da es
sich um eine Neuprüfung eines Rentenanspruchs nach einer rechtskräftigen
Rentenablehnung handle und da sich im Rahmen der Abklärungen keine erhebliche
Änderung der tatsächlichen Verhältnisse ergeben habe, bestehe kein Anlass zur
Durchführung eines neuen Einkommensvergleichs. Es bleibe folglich bei einem IV-Grad
von 32 % gemäss dem Gerichtsentscheid vom 22. Juni 2015. Im Ergebnis sei die
angefochtene Verfügung nicht zu beanstanden.
C.d. In seiner Replik vom 8. Januar 2018 machte der Rechtsvertreter des
Beschwerdeführers ergänzend geltend (act. G 9), dass die Begutachtung wiederholt
werden müsse, weil kein definitiver Zustand im Hinblick auf die neuen medizinischen
Diagnosen vorliege. Eine Oberexpertise sei aber auch deshalb nötig, weil sich die
Beurteilungen der Fachpsychiater in wesentlichen Punkten unterschieden.
C.e. Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik (act. G 11).

Erwägungen
1.
Als Eintretensvoraussetzung zu prüfen ist, ob die 30-tägige Beschwerdefrist (Art. 60
Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts,
ATSG, SR 830.1) zur Anfechtung der Verfügung eingehalten worden ist. Der
Rechtsvertreter des Beschwerdeführers hat die Verfügung vom 11. Juli 2017 gemäss
eigenen Angaben am 19. Juli 2017 erhalten. Die Verfügung ist also während den vom
15. Juli bis und mit dem 15. August laufenden Gerichtsferien zugestellt worden,
weshalb die Frist erst am 16. August 2017 zu laufen begonnen hat (Art. 38 Abs. 4 lit. b
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ATSG). Der Rechtsvertreter hat am 8. September 2017 und damit vor Ablauf der
Beschwerdefrist Beschwerde erhoben. Auf die Beschwerde ist somit einzutreten.
2.
Das erste Rentengesuch des Beschwerdeführers ist mit dem Gerichtsentscheid
vom 22. Juni 2015 rechtskräftig abgewiesen worden. Bereits am 8. September 2014
(Posteingang) hat sich der Beschwerdeführer erneut zum Bezug von IV-Leistungen
angemeldet. Zwar ist die Neunmeldung durch den behandelnden Orthopäden erfolgt
und vom Beschwerdeführer nicht unterzeichnet gewesen (IV-act. 118). Der
Beschwerdeführer hat dies jedoch auf Aufforderung der Beschwerdegegnerin hin am
26. Oktober 2014 (Eingang: 29. Oktober 2014) nachgeholt (IV-act. 121). Wird eine
Anmeldung nicht formgerecht eingereicht, so ist für die Einhaltung der Fristen und für
die an die Anmeldung geknüpften Rechtswirkungen trotzdem der Zeitpunkt
massgebend, in dem sie der Post übergeben wird (Art. 29 Abs. 3 ATSG). Entgegen der
Meinung der Beschwerdegegnerin ist die Neuanmeldung somit bereits im September
2014 und nicht erst im Oktober 2014 erfolgt (vgl. IV-act. 137).
2.1.
Gemäss Art. 87 Abs. 3 der Verordnung über die Invalidenversicherung (IVV,
SR 831.201) wird eine neue Anmeldung nur geprüft, wenn darin glaubhaft gemacht
wird, dass sich der Grad der Invalidität in einer für den Anspruch erheblichen Weise
geändert hat. Die Beschwerdegegnerin war zunächst nicht auf die Neuanmeldung
eingetreten (IV-act.137). Hiergegen hatte der Beschwerdeführer Beschwerde erhoben.
Mit der Beschwerde hatte er eine Vielzahl weiterer medizinischer Berichte eingereicht.
RAD-Arzt Dr. E._ hatte hierauf festgehalten, dass sich mit den neu eingegangenen
Berichten, unter anderem dem Bericht der Psychiaterin Dr. G._ vom 6. Februar 2016
(IV-act. 143-23), der Gesundheitszustand nicht konklusiv beurteilen lasse (IV-act. 165).
Daraufhin hatte die Beschwerdegegnerin die Nichteintretensverfügung widerrufen und
war auf die Neuanmeldung eingetreten. Dr. G._ hatte in ihrem Bericht vom 6. Februar
2016 erklärt, dass sich der Beschwerdeführer seit dem 31. August 2015 in ihrer
Behandlung befinde. Als Diagnosen hatte sie eine PTBS, einen Verdacht auf eine
sonstige bipolare affektive Störung und eine posttraumatische Verbitterungsstörung
angegeben. Hierbei handelt es sich um völlig neue psychiatrische
(Verdachts-)Diagnosen: Die Gutachter der Medas Ostschweiz hatten in ihrem
Gutachten vom 24. Mai 2011 eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung und eine
längere depressive Reaktion im Rahmen einer Anpassungsstörung erwähnt. Da es sich
im Vergleich zur ersten Anmeldung um neue psychische Beeinträchtigungen bzw.
Diagnosen gehandelt hat, ist die Beschwerdegegnerin zu Recht auf die Neuanmeldung
eingetreten.
2.2.
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3.
Mit der angefochtenen Verfügung vom 11. Juli 2017 hat die Beschwerdegegnerin
dann allerdings das Rentengesuch des Beschwerdeführers abgewiesen. Gemäss dem
Bundesgericht muss bei einer erneuten Anmeldung nach einer vorausgegangenen
rechtskräftigen Abweisung eines Rentenbegehrens geprüft werden, ob ein
Revisionsgrund im Sinne von Art. 17 ATSG vorliegt (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom
4. März 2015, 9C_9/2015). Diese Praxis ist jedoch gesetzeswidrig: Mit Art. 29 Abs. 1
ATSG besteht eine abschliessende gesetzliche Regelung der Wirkung von
Neuanmeldungen, sodass keine ausfüllungsbedürftige Gesetzeslücke vorliegt, die
durch eine analoge Anwendung des Art. 17 ATSG auf die Neuanmeldung auszufüllen
wäre (vgl. Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 6.
Dezember 2016, IV 2014/188 E. 1.3 ff.). Die Neuanmeldung unterscheidet sich also
nicht von einer erstmaligen Anmeldung. Demnach ist im vorliegenden Fall nur zu
prüfen, ob der Beschwerdeführer in einem rentenbegründenden Ausmass invalid ist.
2.3.
Einen Anspruch auf eine Rente der Invalidenversicherung haben Versicherte, die
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht
durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen wiederherstellen, erhalten oder
verbessern können, während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch
durchschnittlich mindestens 40 % arbeitsunfähig gewesen sind und nach Ablauf dieses
Jahres zu mindestens 40 % invalid sind (Art. 28 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die
Invalidenversicherung, IVG, SR 831.20). Invalidität ist gemäss Art. 8 Abs. 1 ATSG die
voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise
Erwerbsunfähigkeit. Erwerbsunfähigkeit ist der durch eine Beeinträchtigung der
körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer
Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der
Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt
(Art. 7 Abs. 1 ATSG).
3.1.
Gemäss Art. 28a Abs. 1 IVG i.V.m. Art. 16 ATSG ist der Invaliditätsgrad
grundsätzlich durch einen Einkommensvergleich zu ermitteln. Dabei wird das
Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach
Durchführung der medizinischen Behandlung und allfälliger
Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener
Arbeitsmarktlage erzielen könnte (zumutbares Invalideneinkommen), in Beziehung
gesetzt zum Einkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre
(Valideneinkommen).
3.2.
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4.
Um den IV-Grad ermitteln zu können, muss die Arbeitsfähigkeit bzw. die
Arbeitsunfähigkeit des Beschwerdeführers mit dem Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit feststehen.
4.1.
In medizinischer Hinsicht liegen insbesondere das ABI-Gutachten vom 23.
November 2016, die Berichte des behandelnden Orthopäden Dr. D._ vom 17.
Februar 2016 und 4. September 2017 sowie die Berichte der behandelnden
Psychiaterin Dr. G._ vom 30. Mai 2016, 1. Februar 2017 und 24. Mai 2017 im Recht.
4.2.
Der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers hat in seiner Replik geltend gemacht,
dass die Begutachtung schon deshalb wiederholt werden müsse, weil im Hinblick auf
die neuen medizinischen Diagnosen (Rückenschmerzen mit Diskushernie HWK5/6,
chronische Kniebeschwerden beidseits, chronische Ellbogenbeschwerden beidseits
sowie Asthma bronchiale) noch kein definitiver Zustand vorliege. Als Grund hat er
angeführt, dass die Beschwerden weiterhin behandlungsbedürftig seien. Von der
(weiteren) Behandlungsbedürftigkeit eines Leidens muss jedoch nicht zwingend darauf
geschlossen werden, dass noch kein stabiler Gesundheitszustand im
invalidenversicherungsrechtlichen Sinne eingetreten sei. Bei den angegebenen Leiden
handelt es sich unter anderem um degenerative Veränderungen des
Bewegungsapparates, die mit zunehmendem Alter naturgemäss (langsam)
voranschreiten. Ein "definitiver Zustand" in einem absoluten Sinne, wie ihn der
Rechtsvertreter fordert, wäre also gar nie zu erreichen. Aus dem Bericht von Dr. D._
vom 4. September 2017 geht nicht hervor, inwieweit hinsichtlich der
Rückenschmerzen, der Kniebeschwerden und der Ellbogenbeschwerden im
Verfügungszeitpunkt kein stabiler Zustand vorgelegen haben sollte. Zum Asthma
bronchiale liegen gar keine neuen Berichte im Recht. Demnach ist entgegen der
Meinung des Rechtsvertreters davon auszugehen, dass im Verfügungszeitpunkt (11.
Juli 2017) ein stabiler Gesundheitszustand im invalidenversicherungsrechtlichen Sinne
vorgelegen hat.
4.3.
Dr. D._ hat in seinem Bericht vom 4. September 2017 über zunehmende
Rückenbeschwerden (L5/S1-Degeneration mit Vacuumphänomen und
Osteochondrose), zunehmende Kniebeschwerden rechts und zunehmende
Hüftbeschwerden rechts berichtet (act. G 1.4). Ausserdem sei anfangs 2016 ein
taubeneigrosses, subcutanes, schmerzhaftes Lipom entdeckt worden, dessen
Extension kurz bevorstehe. Die L5/S1-Degeneration mit Osteochondrose hat bereits im
Begutachtungszeitpunkt bestanden (IV-act. 173-25). Zudem hatte der Bericht von Dr.
4.4.
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Q._ vom 10. Dezember 2015, auf welchen Dr. D._ verwiesen hat, den ABI-
Gutachtern vorgelegen (siehe IV-act. 173-6). Auch bezüglich der Kniebeschwerden
sind dem Bericht vom 4. September 2017 keine neuen objektiven Befunde zu
entnehmen. Eine Arthrographie und MR-Arthrographie des Hüftgelenks rechts vom 25.
Januar 2017 hat moderate degenerative Veränderungen und eine moderate
Insertionstendinopathie der Glutealmuskulatur am Trochanter major rechts mit
Begleitbursitis gezeigt. In einer gleichentags durchgeführten Sonographie der
muskuloskelettalen Weichteile (Leiste bds.) sind direkte und indirekte, reponible
("zurückbringbare"), symptomatische Leistenhernien rechts und eine symptomatische,
reponible Inguinalhernie links ersichtlich gewesen. Weder den neuen bildgebenden
Befunden noch dem Bericht von Dr. D._ vom 4. September 2017 lässt sich allerdings
entnehmen, wann die Hüftbeschwerden zugenommen haben sollen. Demgegenüber ist
dem klinischen Befund des orthopädischen Gutachters des ABI zu entnehmen, dass
bereits im Zeitpunkt der gutachterlichen Untersuchung (Oktober 2016) Hüft- und
Leistenbeschwerden sowie eine massive muskuläre Verkürzung beidseits vorgelegen
haben (IV-act. 173-23). Der langsam wachsende Rückentumor (Verdacht auf ein Lipom,
d.h. einen gutartigen Tumor des Fettgewebes: siehe www.neurochirurgie.insel.ch/
spezialgebiete-erkrankungen/
neurochirurgische-erkrankungen/spezielle-erkrankungen/lipom/, besucht am 18.
Februar 2020) ist laut Dr. D._ bereits anfangs 2016 diagnostiziert worden. Entfernt
worden ist er erst im September 2017, und zwar deshalb, weil er den
Beschwerdeführer "zusehends" beim Schlafen gestört hatte. Einerseits ist nicht
ersichtlich, inwiefern der Tumor dadurch die Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers
hätte beeinflussen sollen. Andererseits hat es sich nur um eine vorübergehende
gesundheitliche Beeinträchtigung gehandelt, die zum Vornherein keine invalidisierende
Wirkung hat entfalten können (vgl. Art. 8 Abs. 1 ATSG). Zusammenfassend ist
festzuhalten, dass die im Beschwerdeverfahren neu eingereichten medizinischen
Berichte keine ausreichenden Hinweise dafür enthalten, dass zwischen dem Zeitpunkt
der gutachterlichen Untersuchung (Oktober 2016) und dem Erlass der angefochtenen
Verfügung (11. Juli 2017) eine erhebliche Verschlechterung des somatischen
Gesundheitszustandes eingetreten wäre.
Der behandelnde Orthopäde Dr. D._ hat in seinem Bericht vom 17. Februar 2016
angegeben, dass dem Beschwerdeführer wegen der Polyarthralgieentwicklungen
seines Skeletts (Hals, Schulter, Hüfte, untere LWS, Knie bds.) und den pulmonalen
Einschränkungen auch die Ausübung einer körperlich leichten, angepassten
Verweistätigkeit mit vermehrten Pausen nicht möglich sei. Der orthopädische ABI-
Gutachter hat darauf hingewiesen, dass aus den Berichten von Dr. D._ keine klaren
4.5.
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funktionellen Defizite hervorgingen. Zudem sei unklar, inwieweit die attestierte
vollständige Arbeitsunfähigkeit auf überwiegend pulmonalen Faktoren beruhe (IV-act.
173-29). Die Kritik des orthopädischen Gutachters an der Beurteilung von Dr. D._
überzeugt. Die Arbeitsfähigkeitsschätzung von Dr. D._ scheint hauptsächlich auf den
subjektiven Angaben des Beschwerdeführers zu basieren. Diese Angaben sind wegen
der festgestellten, deutlich ausgeprägten Krankheits- und Behinderungsüberzeugung
und der psychiatrischen Diagnose einer anhaltenden somatoformen Schmerzstörung
im vorliegenden Fall jedoch besonders kritisch zu würdigen. Hinzu kommt, dass Dr.
D._ als orthopädischer Chirurg wohl kaum über das medizinische Fachwissen verfügt
hat, um die Auswirkungen des chronischen Asthma bronchiale auf die Arbeitsfähigkeit
verlässlich beurteilen zu können. Der pneumologische ABI-Gutachter hat diesbezüglich
festgehalten, dass aufgrund der unter der Inhalationstherapie normalen
lungenfunktionellen Befunde ohne Allergenexposition für vorwiegend leichte
körperliche Arbeiten keine Arbeitsunfähigkeit vorliege (IV-act. 173-36). Diese
Einschätzung überzeugt, zumal auch der behandelnde Pneumologe in der Kontrolle
vom 15. Dezember 2015 eine weitgehend normale Lungenfunktion festgestellt hatte
(Bericht vom 21. Dezember 2015, IV-act. 143-17 ff.). Auf die Arbeitsfähigkeitsschätzung
von Dr. D._ kann somit nicht abgestellt werden. Gemäss dem orthopädischen
Gutachter des ABI bestünden auf radiologischer Ebene degenerative Veränderungen
im medialen und femoropatellären Abschnitt der Kniegelenke. An der thorakalen
Wirbelsäule lägen Zeichen der disseminierten idiopathischen skelettalen Hyperostose
und auf der Höhe des lumbosakralen Überganges liege eine mässig ausgeprägte
Osteochondrose vor. Hinweise für eine Neurokompression fehlten. An den Ellbogen
seien Hinweise für eine radiale Epicondylopathie dokumentiert, welche rechts
zwischenzeitlich operativ saniert worden sei; beidseits seien jedoch keine relevanten
degenerativen Veränderungen festgestellt worden. Laut dem orthopädischen Gutachter
des ABI sei ein gewisser Leidensdruck an der thorakolumbalen Wirbelsäule, den
Kniegelenken sowie im Sinne einer Restsymptomatik nach den wiederholten Eingriffen
an den Ellbogen zwar nachvollziehbar, nicht jedoch die völlig diffusen, sämtliche
Abschnitte des Bewegungsapparates umfassenden Beschwerden. Der neurologische
Gutachter des ABI hat bezüglich des zerviko- und lumbovertebralen Schmerzsyndroms
ebenfalls keine Anhaltspunkte für eine neurale Beteiligung gefunden. Angesichts der
objektivierbaren Befunde überzeugt die Beurteilung der ABI-Gutachter, wonach dem
Beschwerdeführer überwiegend stehende und gehende sowie körperlich andauernd
mittelschwere und schwere Verrichtungen (wie die bisherigen Tätigkeiten in der
Pulverbeschichtung/ Schäumerei und der Stuhlmontage) nicht mehr zumutbar sind. Für
körperlich leichte, wechselbelastende Tätigkeiten hingegen besteht aus somatischer
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Sicht unter Berücksichtigung der von den Gutachtern angegebenen Adaptionskriterien
mit überwiegender Wahrscheinlichkeit eine uneingeschränkte Arbeitsfähigkeit.
Der Rechtsvertreter hat weiter vorgebracht, dass eine Oberexpertise notwendig
sei, weil sich die Beurteilungen der Fachpsychiater in wesentlichen Punkten
unterschieden. Der psychiatrische Gutachter des ABI hat dem Beschwerdeführer
wegen einer rezidivierenden depressiven Störung, gegenwärtig leichte Episode, und
wegen einer anhaltenden somatoformen Schmerzstörung eine Einschränkung der
Arbeitsfähigkeit von 20 % attestiert. Seine Einschätzung entspricht im Wesentlichen
derjenigen der Medas Ostschweiz aus dem Jahr 2011. Die behandelnde Psychiaterin
Dr. G._ hat hinsichtlich der Diagnosen und der Arbeitsfähigkeitsschätzung eine völlig
andere Beurteilung abgegeben: Der Beschwerdeführer leide an einer bipolaren
Störung, an einer PTBS und an einer posttraumatischen Verbitterungsstörung. Sie hat
dem Beschwerdeführer eine volle Arbeitsunfähigkeit für jegliche Tätigkeiten bescheinigt
respektive lediglich noch ein zweistündiger Arbeitseinsatz in einer adaptierten Tätigkeit
als zumutbar erachtet, wobei zusätzlich eine verminderte Leistungsfähigkeit von 60-70
% bestehe (was einer Arbeitsfähigkeit von insgesamt ca. 7.5-10 % entsprechen
würde). Der psychiatrische Gutachter des ABI hat zur Beurteilung von Dr. G._
festgehalten, dass die Kriterien einer PTBS nicht erfüllt seien, insbesondere habe der
Beschwerdeführer kein deutlich schweres traumatisches Ereignis erlebt. Auch eine
bipolare Störung könne nicht bestätigt werden; der Beschwerdeführer habe im
Untersuchungsgespräch nicht über Phasen mit Angetriebenheit geklagt. Zudem wäre
bei einer bipolaren Störung eine entsprechende Medikation mit einem
Stimmungsstabilisator zu erwarten. Die Ausführungen des psychiatrischen Gutachters
des ABI sind im Ergebnis überzeugend: Hinsichtlich der Diagnose einer PTBS ist
ergänzend festzuhalten, dass gemäss der ICD-10 die Latenz zwischen dem Trauma
und dem Beginn einer PTBS wenige Wochen bis Monate dauern kann (ICD-10: F43.1).
Laut Dr. G._ soll die PTBS durch den Tod des Bruders im Jahr 19_ ausgelöst
worden sein. Trotzdem wäre der Beschwerdeführer jahrzehntelang (bis 2009) in der
Lage gewesen, einer vollen Erwerbstätigkeit nachzugehen. Auch aus diesem Grund
überzeugt die von Dr. G._ gestellte Diagnose einer PTBS nicht. Bezüglich der
Diagnose einer bipolaren Störung ist anzumerken, dass die von Dr. G._ erwähnten
submanischen Phasen nirgends in den Akten festgehalten sind. Gerade deshalb hätte
Dr. G._ diese Diagnose detailliert begründen müssen. Inwiefern die Anhäufung von
300 Überstunden in der letzten Tätigkeit das Vorliegen einer bipolaren Störung belegen
sollte, ist nicht nachvollziehbar. Zur Diagnose einer posttraumatischen
Verbitterungsstörung hat der psychiatrische Gutachter des ABI keine Stellung bezogen.
Zwar hat Dr. G._ die Auslöser erwähnt, nämlich den Arbeitsunfall, die Kündigung des
4.6.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 19/23
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Arbeitsverhältnisses und drei Todesfälle naher Verwandter im Jahr 2009. Welchen
Einfluss diese posttraumatische Verbitterungsstörung auf die Arbeitsfähigkeit haben
soll, hat sie jedoch nicht dargelegt. Insgesamt überzeugt die diagnostische
Einschätzung der behandelnden Psychiaterin somit nicht. Aus diesem Grund kann
auch nicht auf ihre Arbeitsfähigkeitsschätzung abgestellt werden.
Dr. G._ hat weitere Kritikpunkte am psychiatrischen Teilgutachten des ABI
angebracht. Erstens hat sie die Fähigkeiten der Dolmetscherin angezweifelt. Das ABI
hat hierzu festgehalten, dass es sich um eine qualifizierte Dolmetscherin vom HEKS
oder vom Dolmetscherdienst für Ausländer gehandelt habe. Dr. G._ hat ihre Kritik
nicht begründet. Ausserdem ist der Beschwerdeführer zum Zeitpunkt der
Begutachtung bereits anwaltlich vertreten gewesen. Es ist davon auszugehen, dass
sich sein Rechtsvertreter nach der Begutachtung umgehend an die
Beschwerdegegnerin gewandt hätte, wenn der Beschwerdeführer von Unstimmigkeiten
bei der Übersetzung berichtet hätte. Der Rechtsvertreter selbst hat auch später im
gesamten Verfahren keine Kritik an der Übersetzung geäussert. Demnach ist davon
auszugehen, dass die Dolmetscherin ihre Aufgabe fachlich einwandfrei erfüllt hat.
Zweitens hat Dr. G._ moniert, der psychiatrische Gutachter hätte bemerken müssen,
dass die vom Beschwerdeführer gemachten Angaben zur Medikamenteneinnahme und
-dosierung falsch gewesen seien. Auf eine Rückfrage hin haben der psychiatrische
Gutachter und der ärztliche Leiter des ABI darauf hingewiesen, dass der
Beschwerdeführer tatsächlich unterschiedliche Angaben zur Medikamenteneinnahme
gemacht habe. Zu beachten sei auch, dass ein Medikamentenspiegel nicht
nachweisbar oder nicht im therapeutischen Bereich gelegen habe. Diese Aussage ist
so zu interpretieren, dass der psychiatrische Gutachter den von den behandelnden
Ärzten verordneten Medikamenten für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit aus
psychiatrischer Sicht keine entscheidende Bedeutung beigemessen hat, weil er
aufgrund der Messungen davon hat ausgehen müssen, dass der Beschwerdeführer die
Medikamente nicht, nur unregelmässig oder in einer zu tiefen (und damit nicht
wirksamen) Dosis eingenommen hatte. Deshalb hat er die Angaben des
Beschwerdeführers zur Medikamenteneinnahme und -dosierung auch nicht weiter
hinterfragt. Dass im Gutachten widersprüchliche oder falsche Angaben zu den
verordneten Medikamenten enthalten sind, vermag daher keine Zweifel an der
Beurteilung des psychiatrischen Gutachters zu wecken. Dr. G._ hat schliesslich noch
darauf hingewiesen, dass die Kriterien für die Diagnose einer anhaltenden
somatoformen Schmerzstörung nicht erfüllt seien. Diese Diagnose sei aus dem
"Bericht von 2011" übernommen worden. Der psychiatrische Gutachter hat die
Diagnose einer anhaltenden somatoformen Schmerzstörung mit den ausgeweiteten
4.7.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 20/23
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5.
Schmerzen im Bewegungsapparat, deren Ausmass mit somatischen Befunden nicht
hinreichend erklärt werden könne und die auch nicht nur auf eine Somatisierung im
Rahmen der Depression zurückgeführt werden könnten, begründet (IV-act. 173-18).
Gemäss dem orthopädischen Gutachter des ABI liessen sich die völlig diffus, unter
anderem sämtliche Abschnitte des Bewegungsapparates umfassenden Beschwerden
durch die klinischen, radiologischen und intraoperativen Befunde keinesfalls vollständig
begründen. Er ist davon ausgegangen, dass im Vordergrund eine nicht-organische
Beschwerdekomponente steht (IV-act. 173-27). Angesichts des Ausmasses der vom
Beschwerdeführer geltend gemachten körperlichen Schmerzen erscheint die Diagnose
einer somatoformen Störung als begründet. Jedenfalls hat Dr. G._ nicht aufgezeigt,
welche Diagnosekriterien denn nicht erfüllt sein sollen. Zusammenfassend ist
festzuhalten, dass auch die Kritik von Dr. G._ am psychiatrischen Teilgutachten des
ABI nicht stichhaltig ist.
Der psychiatrische Gutachter des ABI hat seine Beurteilung, dass der
Beschwerdeführer in einer seinen Fähigkeiten entsprechenden Tätigkeit zu 80 %
arbeitsfähig sei, wobei die Restarbeitsfähigkeit auch ganztags mit der Möglichkeit
vermehrter Pausen realisierbar sei, nachvollziehbar begründet. Der Beschwerdeführer
leide an depressiven Verstimmungen, einer erhöhten Ermüdbarkeit, Schlafstörungen,
negativen Zukunftsperspektiven bezüglich seiner gesundheitlichen und beruflichen
Situation und an einer ausgeweiteten Schmerzsymptomatik im Bewegungsapparat. Der
psychiatrische Gutachter hat sich zudem mit den gemäss der bundesgerichtlichen
Rechtsprechung zu prüfenden Standardindikatoren befasst (vgl. BGE 141 V 281; IV-
act. 173-19 ff.). Insbesondere angesichts der vom psychiatrischen Gutachter
benannten objektiven Befunde, aber auch unter Berücksichtigung der noch
vorhandenen Ressourcen und den Belastungen, die direkt negative funktionelle Folgen
haben, erscheint dessen Arbeitsfähigkeitsschätzung als begründet. Somit kann auch
auf das psychiatrische Teilgutachten des ABI abgestellt werden.
4.8.
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer in der
angestammten Tätigkeit als Hilfsarbeiter in der Pulverbeschichtung/Schäumerei und in
der zuletzt ausgeübten Tätigkeit als Hilfsarbeiter in der Stuhlmontage voll
arbeitsunfähig ist. In einer körperlich angepassten Tätigkeit besteht mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit eine Arbeitsfähigkeit von 80 %.
4.9.
Somit bleibt noch der von der Beschwerdegegnerin vorgenommene
Einkommensvergleich zu überprüfen. Aus dem Gutachten des ABI vom 23. November
5.1.
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2016 geht hervor, dass die Nichteignungsverfügung der Suva für die Tätigkeit in der
Pulverbeschichtung/Schäumerei bereits im Juni 1995 ergangen war (IV-act. 173-36).
Die Annahme des Gerichts im Entscheid vom 22. Juni 2015 (IV 2013/46), dass der
Wechsel in die Stuhlmontage wohl im 2002 oder 2003 erfolgt sei, ist somit falsch
gewesen. Der Wechsel in die Stuhlmontage muss bereits im Jahr 1995 erfolgt sein. Der
Beschwerdeführer hatte die Stelle bei der C._ AG im Juni 1993 angetreten (IV-act.
8-1). Im Jahr 1994 hatte er ein Erwerbseinkommen von Fr. 53'359.-- und damit mehr
als in den Folgejahren erzielt (IV-act. 9). Allerdings kann für die Berechnung des
Valideneinkommens nicht auf das im Jahr 1994 erzielte Erwerbseinkommen (aus der
Tätigkeit in der Pulverbeschichtung/Schäumerei) abgestellt werden, denn zwischen
1994 und dem Zeitpunkt des frühestmöglichen Rentenbeginns (1. März 2015) sind über
20 Jahre vergangen. Wie das Gericht bereits im Entscheid vom 22. Juni 2015 erwogen
hat, ist es schwierig bis unmöglich zu beurteilen, wie sich das Einkommen des
Beschwerdeführers in den letzten 20 Jahren ohne das Isocyanatasthma und die
weiteren gesundheitlichen Beeinträchtigungen entwickelt hätte. Deshalb hat die
Bemessung des Valideneinkommens anhand von Tabellenlöhnen zu erfolgen, konkret
anhand des durchschnittlichen Einkommens eines Hilfsarbeiters. Der Vollständigkeit
halber ist anzumerken, dass der vom Beschwerdeführer im Jahr 1994 erzielte Lohn
(Fr. 53'359.--) zwar leicht überdurchschnittlich gewesen war; der durchschnittliche
Lohn eines Hilfsarbeiters hatte im Jahr 1994, aufgerechnet auf die betriebsübliche
wöchentliche Arbeitszeit von 41.9 Stunden, Fr. 51'876.-- betragen (vgl. Tabelle
T A1.1.1 der Schweizerischen Lohnstrukturerhebung des Bundesamtes für Statistik,
LSE, 1994; zur betriebsüblichen wöchentlichen Arbeitszeit siehe LSE 1994 S. 42; vgl.
Urteil des Eidgenössischen Versicherungsgerichts vom 27. Juli 2001, U 290/2000 E.
4bb). Werden diese Löhne jedoch an die Nominallohnentwicklung bis 2015 angepasst,
so verändert sich das Bild: Der Lohn des Beschwerdeführers hätte dann Fr. 66'600.--
betragen (vgl. Nominallohnindex, 1993-2001 und 2011-2015, Herstellung von Möbeln,
Schmuck und sonstigen Erzeugnissen, Bundesamt für Statistik, www.bfs.admin.ch/bfs/
de/home/statistiken/katalogedatenbanken/tabellen.assetdetail.278133.html
[Nominallohnindex 1993-2001], www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/aktuell/neue-
veroeffentlichungen.assetdetail.255159.html [Nominallohnindex 2011-2015], besucht
am 27. Februar 2020). Der durchschnittliche Hilfsarbeiterlohn war im selben Jahr
praktisch gleich hoch gewesen; aufgerechnet auf die betriebsübliche wöchentliche
Arbeitszeit von 41.7 Stunden, hatte er bei Fr. 66'633.-- gelegen (vgl. Anhang 2 der IVG-
Ausgabe der Informationsstelle AHV/IV, Ausgabe 2019). Der Lohn aus der
Nebentätigkeit als Hausabwart kann bei der Bemessung des Valideneinkommens nicht
berücksichtigt werden: In der Invalidenversicherung ist grundsätzlich immer nur ein
100 %-Pensum versichert (vgl. Die Invaliditätsbemessung in der Invalidenversicherung
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 22/23
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6.
Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis
Fr. 1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.--
erscheint in der vorliegend zu beurteilenden Angelegenheit als angemessen. Dem
Ausgang des Verfahrens entsprechend ist sie vollumfänglich dem Beschwerdeführer
aufzuerlegen. Die Gerichtsgebühr ist durch den von ihm geleisteten Kostenvorschuss
von Fr. 600.-- gedeckt. Der Beschwerdeführer hat bei diesem Verfahrensausgang
keinen Anspruch auf eine Parteientschädigung.
bei Teilerwerbstätigkeit, Bericht des Bundesrates in Erfüllung des Postulates Jans
[12.3960 "Schlechterstellung von Teilerwerbstätigen in der Invalidenversicherung"] vom
28. September 2012, 1. Juli 2015, S. 7, abrufbar unter: www.newsd.admin.ch/newsd/
message/attachments/ 40281.pdf). Die Normalarbeitszeit bzw. die Höchstarbeitszeit
haben zum Zweck, die gesundheitlichen Belastungen zu begrenzen (Wegleitung zur
Verordnung 1 zum Arbeitsgesetz, S. 113-1, abrufbar unter: www.seco.admin.ch/seco/
de/home/Publikationen_ Dienstleistungen/Publikationen_und_Formulare/Arbeit/
Arbeitsbedingungen/Wegleitungen _zum_Arbeitsgesetz/wegleitung-zum-arbeitsgesetz-
und-den-verordnungen-1-und-2.html, besucht am 2. Februar 2018). Es würde keinen
Sinn machen, wenn die Invalidenversicherung derartige gesundheitliche Belastungen
fördern würde, indem sie Erwerbseinkommen, die in Missachtung der
Normalarbeitszeit und der gesetzlich vorgesehenen Höchstarbeitszeit erzielt worden
sind, bei der Invaliditätsbemessung berücksichtigen würde (zum Ganzen siehe
Entscheid des Versicherungsgerichts vom 21. Februar 2018, IV 2015/344 E. 5.2).
Warum der Beschwerdeführer die Ansicht vertritt, dass er ohne gesundheitliche
Beeinträchtigung im Jahr 2015 Fr. 80'000.-- hätte verdienen können, hat er nicht
begründet. Aufgrund der obigen Ausführungen ist diese Ansicht auch nicht
nachvollziehbar. Das Invalideneinkommen ist ebenfalls auf der Grundlage des
durchschnittlichen Einkommens eines Hilfsarbeiters im Jahr 2015 zu ermitteln, weshalb
sich eine ziffernmässige Festlegung der Vergleichseinkommen erübrigt und der IV-Grad
anhand einer Gegenüberstellung blosser Prozentzahlen berechnet werden kann (vgl.
BGE 114 V 310 E. 3a). Praxisgemäss wäre im vorliegenden Fall ein zusätzlicher Abzug
von höchstens 15 % gerechtfertigt. Da auch unter Berücksichtigung eines solchen
Abzugs ein nicht rentenbegründender IV-Grad von 32 % resultieren würde (20 % + [80
% x 0.15]), kann die Höhe des zusätzlichen Abzuges offen gelassen werden.
Demnach hat die Beschwerdegegnerin einen Rentenanspruch zu Recht verneint.
Die Beschwerde ist folglich abzuweisen.
5.2.
bis
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