Decision ID: 5359498e-c3fb-4956-bff3-44ec416ce1d9
Year: 2015
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Fürsprecher Marco Büchel, LL.M., K & B Rechtsanwälte,
Freudenbergstrasse 24, Postfach 213, 9240 Uzwil,
gegen
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IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
Rente (Wiedererwägung)
Sachverhalt:
A.
A.a A._ meldete sich im April 1995 zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung an (IV-act. 6). Im Auftrag der IV-Stelle (vgl. IV-act. 17) erstattete
die Klinik für Neurochirurgie des Kantonsspitals St. Gallen am 15. April 1996 ein
fachärztliches Gutachten (IV-act. 19). Der Sachverständige führte aus, die Versicherte
habe über anhaltende Kreuzschmerzen mit Ausstrahlungen in das linke Bein geklagt.
Eine optimale Untersuchung sei wegen der Aggravationstendenz der Versicherten nicht
möglich gewesen. Eine vertebrospinale Kernspintomographie L1–S1 vom
23. November 1995 habe eine mediane Discushernie L5/S1 mit Alteration der
Nervenwurzel S2 links und eine fortgeschrittene Dehydratation der Bandscheibe L5/S1
ergeben. Das übrige cranio-cerebrale Kernspintomogramm sei altersentsprechend
normal gewesen. Die Bildqualität sei allerdings aufgrund einer Bewegungsunruhe trotz
Sedation mit Valium suboptimal gewesen. Trotzdem sei gestützt auf diese Befunde
eine lumbale Discushernie L5/S1 mit einer funktionellen Überlagerung zu
diagnostizieren. Die Versicherte sei als Hilfsarbeiterin sowie auch für eine
beschwerdegerechte Tätigkeit vollständig arbeitsunfähig. Nach einer Discushernien-
Operation dürfte die Arbeitsfähigkeit etwa 70 Prozent betragen. Der Arzt der IV-Stelle
notierte am 2. Mai 1996 (IV-act. 21), gemäss dem Gutachten bestehe mit oder ohne
Operation eine Arbeitsunfähigkeit von mehr als zwei Dritteln. Aktuell liege eine
vollständige Arbeitsunfähigkeit vor, womit die Versicherte einen Anspruch auf eine
ganze Rente habe. Der Rentenanspruch sollte nach Ablauf eines Jahres überprüft
werden, denn nach einer allfälligen Operation könnte sich der Gesundheitszustand der
Versicherten anders darstellen. Mit einer Verfügung vom 17. Juli 1996 sprach die IV-
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Stelle der Versicherten rückwirkend ab dem 1. September 1995 eine ganze Rente zu
(IV-act. 25).
A.b Der Hausarzt der Versicherten berichtete im Rahmen einer Rentenüberprüfung am
31. Juli 1997 über einen im Wesentlichen unveränderten Gesundheitszustand der
Versicherten (IV-act. 27). Er hielt fest, dass die Versicherte blass und weinerlich gewirkt
und über Schmerzen im gesamten Rückenbereich mit ausstrahlenden Schmerzen ins
linke Bein geklagt habe. Zudem habe die Versicherte chronische, durch Medikamente
nicht beeinflussbare Magenschmerzen angegeben. Ihre Grundstimmung sei depressiv
gewesen, sie habe behauptet, keinen Sinn im Leben mehr zu sehen. Die IV-Stelle teilte
der Versicherten am 8. August 1997 mit, dass sie nach wie vor einen Anspruch auf eine
ganze Rente habe (IV-act. 28). Im Rahmen einer weiteren Rentenüberprüfung
berichtete der Hausarzt der Versicherten am 18. Juli 2002 (IV-act. 30), dass sich ihr
Gesundheitszustand nicht verändert habe. Am 29. August 2002 teilte die IV-Stelle der
Versicherten mit, dass sie nach wie vor einen Anspruch auf eine ganze Rente habe (IV-
act. 32). Im Rahmen einer dritten Rentenüberprüfung berichtete der Hausarzt der
Versicherten am 18. September 2005 (IV-act. 36), dass sich der Gesundheitszustand
der Versicherten zwischenzeitlich verschlechtert habe. Die Rückenschmerzen hätten
zugenommen und die Versicherte leide nun auch an Kopfschmerzen. Am
21. November 2005 teilte die IV-Stelle der Versicherten mit, dass sie weiterhin einen
Anspruch auf eine ganze Rente habe (IV-act. 39). Am 30. April 2009 berichtete der
Hausarzt der Versicherten (IV-act. 45), dass sich deren Gesundheitszustand weiter
verschlechtert habe. Die Kopf- und Rückenschmerzen hätten zugenommen und die
Versicherte leide unter Magenbeschwerden und neu an einer Urininkontinenz. Die IV-
Stelle schloss daraufhin auch die vierte Überprüfung des Rentenanspruchs mit einer
Mitteilung an die Versicherte ab, dass sich deren Rentenanspruch nicht verändert habe
(IV-act. 47).
A.c Im Rahmen einer fünften revisionsweisen Überprüfung berichtete der neue
Hausarzt der Versicherten am 2. Juli 2012 (IV-act. 52), dass der Gesundheitszustand
zwischen stationär und sich verschlechternd unduliere. Für die Bemessung der
Invalidität ergebe sich aber keine relevante Veränderung. Anlässlich einer internen
Prüfung des Falles gelangte die IV-Stelle zum Schluss, dass ein
Wiedererwägungspotential bestehe (IV-act. 53). Sie beauftragte die medizinische
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Abklärungsstelle (MEDAS) Zentralschweiz mit einer polydisziplinären Begutachtung (IV-
act. 64). Dieses Gutachten wurde am 8. August 2013 erstellt (IV-act. 70). Die
Sachverständigen führten darin aus, dass die Versicherte an einer schweren
Urininkontinenz sowie – ohne wesentliche Einschränkung der Arbeitsfähigkeit – an
einem chronischen generalisierten Schmerzsyndrom, an einer Symptomausweitung,
Aggravation bzw. Selbstlimitierung, an einer episodischen Migräne ohne Aura, an
einem rezidivierenden Schwindel, an einer Persönlichkeitsstörung mit histrionischen
Zügen und ausgeprägter Symptomausweitung, möglicherweise an einem schädlichen
Gebrauch von Benzodiazepin-Präparaten, an einer Hypertonie und an einer Adipositas
leide. Die zuletzt ausgeübte Erwerbstätigkeit sei der Versicherten wohl auch heute noch
vollständig zumutbar, doch bestehe diesbezüglich mangels eines Arbeitsplatzprofils
eine gewisse Unsicherheit. Jede körperlich leichte bis selten mittelschwere Tätigkeit in
Wechselpositionen bei überwiegendem Sitzen sei der Versicherten voll zumutbar.
Limitierend wirke sich einzig die schwere Urininkontinenz aus. Diese
Arbeitsfähigkeitsschätzung gelte ab dem Datum der Schlussbesprechung, das heisst
ab dem 13. Juni 2013. Der rheumatologische Sachverständige hatte in seinem
Teilgutachten ausgeführt, dass weder aktuell noch für die Vergangenheit ein
vollständiger beruflicher Dispens gerechtfertigt sei, „sofern ich dies aufgrund der
vorliegenden Akten für die zurückliegenden Jahre überhaupt tun darf“ (IV-act. 70–16
bzw. 70–29 f.). Im Vordergrund stünden nicht die Folgeerscheinungen einer isoliert
vorkommenden Discusprotrusion, wie sie bildgebend im Jahr 1995 festgestellt worden
sei, sondern eine Aggravation und eine Selbstlimitierung. Angesichts der bildgebend
nachgewiesenen Discushernie dürfte aber im Jahr 1995 eine vorübergehende
Arbeitsunfähigkeit vorgelegen haben. Der RAD-Arzt Dr. med. B._ taxierte das
Gutachten als überzeugend (IV-act. 71).
A.d Mit einem Vorbescheid vom 19. Juni 2014 kündigte die IV-Stelle der Versicherten
an, dass sie die Rente wiedererwägungsweise aufheben werde (IV-act. 76). Dagegen
liess die Versicherte am 25. August 2014 einwenden (IV-act. 81), dass die
rentenzusprechende Verfügung nicht zweifellos unrichtig gewesen sei. Die IV-Stelle
habe nämlich den relevanten medizinischen Sachverhalt mittels eines Gutachtens
abgeklärt. Der Sachverständige habe eindeutig festgehalten, dass der Versicherten
auch leidensadaptierte Tätigkeiten nicht mehr zumutbar gewesen seien. Am
4. September 2014 verfügte die IV-Stelle gemäss ihrem Vorbescheid (IV-act. 82). Sie
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hielt fest, dass das Gutachten der Klinik für Neurochirurgie des Kantonsspitals
St. Gallen den massgebenden Sachverhalt nicht mit dem erforderlichen Beweisgrad
der überwiegenden Wahrscheinlichkeit habe belegen können, weil die Untersuchung
durch die Aggravationstendenz der Versicherten verunmöglicht worden sei. Aus dem
Gutachten der MEDAS Zentralschweiz ergebe sich, dass eine korrekte
Invaliditätsbemessung zu einem anderen Ergebnis geführt hätte. Die IV-Stelle entzog
einer allfälligen Beschwerde gegen diese Verfügung die aufschiebende Wirkung.
B.
B.a Am 29. September 2014 liess die Versicherte (nachfolgend: die
Beschwerdeführerin) eine Beschwerde erheben (act. G 1). Ihr Rechtsvertreter
beantragte die Aufhebung der Verfügung vom 4. September 2014, die
Wiederherstellung der aufschiebenden Wirkung der Beschwerde und die
Weiterausrichtung der bisherigen Rentenleistungen. Zur Begründung führte er aus, der
IV-Stelle (nachfolgend: die Beschwerdegegnerin) sei schon im ursprünglichen
Rentenverfahren bewusst gewesen, dass das Gutachten der Klinik für Neurochirurgie
des Kantonsspitals St. Gallen nicht über alle Zweifel erhaben sei. Trotzdem habe sie
sich entschieden, der Beschwerdeführerin eine Rente zuzusprechen. Sie könne sich
nun heute nicht auf den Standpunkt stellen, eine korrekte Invaliditätsbemessung hätte
damals mit Sicherheit zu einem anderen Ergebnis geführt. Eventuell wären damals
tatsächlich weitere Abklärungen angezeigt gewesen, doch bedeute dies nicht, dass die
rentenzusprechende Verfügung als derart falsch zu qualifizieren sei, dass sie
wiedererwägungsweise aufgehoben werden müsse. Selbst wenn die wieder
erwägungsweise Aufhebung zulässig wäre, sei zu beachten, dass der Beschwerde
führerin rechtsprechungsgemäss vorgängig Massnahmen zur Eingliederung hätten
gewährt werden müssen, weil sie die Rente seit mehr als 15 Jahren bezogen habe.
B.b Die Beschwerdegegnerin beantragte am 28. November 2014 die Abweisung der
Beschwerde (act. G 6). Zur Begründung führte sie aus, dass Schauspiel und
mangelnde Mitwirkung nicht mit einer Rente auf Lebenszeit belohnt werden dürften.
Die Voraussetzungen für die vorgängige Gewährung von Eingliederungsmassnahmen
seien vorliegend entgegen der Ansicht der Beschwerdeführerin nicht erfüllt.
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B.c Die Beschwerdeführerin liess am 16. Januar 2015 darauf hinweisen, dass die
Beschwerdegegnerin trotz einer entsprechenden Aufforderung des
Versicherungsgerichtes keine Stellung zum Begehren um Wiederherstellung der
aufschiebenden Wirkung genommen habe. Da die Rente zudem im Jahr 1995
zugesprochen und seither ausgerichtet worden sei, liege ohnehin keine Dringlichkeit
vor, weshalb die aufschiebende Wirkung wiederhergestellt werden müsse. Die
Beschwerdegegnerin habe nach wie vor nicht belegen können, dass die
rentenzusprechende Verfügung zweifellos unrichtig sei.
B.d Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik (act. G 10).

Erwägungen:
1. Der Entzug der aufschiebenden Wirkung einer allfälligen Beschwerde gegen eine
Verfügung eines Sozialversicherungsträgers stellt eine vorsorgliche Massnahme für die
Dauer des Beschwerdeverfahrens dar. Die aufschiebende Wirkung kann mittels eines
weiteren Zwischenentscheides wieder hergestellt werden. Ein solcher
Zwischenentscheid ist vom Gericht zu fällen, das die Beschwerde zu beurteilen hat. Da
der entsprechende Zwischenentscheid, mit dem das Begehren abgewiesen oder die
aufschiebende Wirkung wieder hergestellt worden wäre, bloss für die Dauer des
Beschwerdeverfahrens Bestand gehabt hätte beziehungsweise mit dem Entscheid in
der Hauptsache dahin fallen würde, besteht kein schutzwürdiges Interesse mehr daran,
den versäumten Zwischenentscheid nun noch nachzuholen.
2.
2.1 Die Sozialversicherungsträger können auf formell rechtskräftige Verfügungen oder
Einspracheentscheide zurückkommen, wenn diese zweifellos unrichtig sind und ihre
Berichtigung von erheblicher Bedeutung ist (Art. 53 Abs. 2 ATSG). Hierbei wird, wie der
Wortlaut der Bestimmung bereits aufzeigt, die ursprüngliche Verfügung oder
derursprüngliche Einspracheentscheid aufgehoben und – integral – durch eine neue
Verfügung oder einen neuen Einspracheentscheid ersetzt: Der
Sozialversicherungsträger kommt auf seinen Entscheid zurück und berichtigt ihn, das
heisst ersetzt ihn durch einen richtigen Entscheid (vgl. Ralph Jöhl, Zur Praxis der
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substituierten Begründung der Wiedererwägung bei zu Unrecht ergangenen
Anpassungsverfügungen, in: AJP 2004, S. 1003). Da er damit einem unter Umständen
langjährigen Rechtsverhältnis nachträglich die rechtsverbindliche Grundlage entzieht,
ist eine Wiedererwägung nur unter restriktiven Voraussetzungen zulässig. Die
Berichtigung muss von erheblicher Bedeutung und der ursprüngliche Entscheid
zweifellos unrichtig sein. Zweifellos unrichtig bedeutet dabei nicht, dass die
Unrichtigkeit des dem ursprünglichen Entscheid zugrunde gelegten Sachverhaltes
zweifellos bewiesen sein muss. Dieses Erfordernis beschlägt also nicht das
Beweismass. Eine zweifellose Unrichtigkeit kann nämlich auch dann vorliegen, wenn
das Recht falsch auf einen richtig erhobenen, also den effektiv bestehenden
Sachverhalt angewendet worden ist. Der Sozialversicherungsträger kann also einen
zweifellos unrichtigen Entscheid fällen, indem er das Recht richtig auf eine falsche
Sachverhaltsüberzeugung anwendet oder indem er das Recht falsch auf einen richtig
erhobenen Sachverhalt anwendet. Mit dem Begriff der Sachverhaltsüberzeugung ist
dabei der „Sachverhalt“ gemeint, wie er sich für den Sozialversicherungsträger
dargestellt hat. Diese Sachverhaltsüberzeugung kann mit dem effektiv bestehenden
Sachverhalt übereinstimmen oder davon abweichen. Eine Abweichung der
Sachverhaltsüberzeugung vom effektiv bestehenden Sachverhalt, die verschiedene
Gründe haben kann, führt zur Anwendung des Rechtes auf einen „falschen
Sachverhalt“, genauer: auf eine falsche Sachverhaltsüberzeugung. Eine
Wiedererwägung ist ebenso bei rechtlichen Mängeln des ursprünglichen Entscheides
wie bei einem Mangel zulässig, der auf die Anwendung des Rechtes auf eine falsche
Sachverhaltsüberzeugung zurückzuführen ist. In beiden Fällen muss der Entscheid
aber zweifellos unrichtig sein, das heisst retrospektiv betrachtet muss augenscheinlich
sein, dass der Entscheid an einem wesentlichen Mangel leidet. Der von der
Sachverhaltsüberzeugung abweichende effektiv bestehende Sachverhalt muss folglich
nicht ohne jeden Zweifel (d.h. mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit)
nachgewiesen sein. Er muss nur mit dem üblichen Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit feststehen. Der Umstand, dass der Rechtsanwendung, d.h. der
(ursprünglichen, aufzuhebenden) Verfügung eine (falsche) Sachverhaltsüberzeugung
zugrunde gelegt worden ist, erfüllt nämlich bereits das Wiedererwägungserfordernis
der zweifellosen Unrichtigkeit.
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2.2 Die Beschwerdegegnerin hat der Beschwerdeführerin die ganze Rente der Inva
lidenversicherung gestützt auf ein Gutachten der Klinik für Neurochirurgie des
Kantonsspitals St. Gallen zugesprochen. Entscheidend für die Beantwortung der Frage,
ob die rentenzusprechende Verfügung zweifellos unrichtig gewesen ist, ist allerdings
nicht die damalige Aktenlage, sondern vielmehr der damalige effektive Sachverhalt. Im
Wiedererwägungsverfahren werden deshalb oft später produzierte Akten gewürdigt,
die den damaligen effektiven Sachverhalt belegen. Vorliegend ist insbesondere das
rheumatologische Teilgutachten der MEDAS Zentralschweiz zu berücksichtigen. Der
entsprechende Sachverständige hat nämlich ausgeführt, dass er angesichts der von
ihm erhobenen Befunde und der in den Akten wiedergegebenen Befunde das damalige
Attest einer dauernden vollständigen Arbeitsunfähigkeit für sämtliche Tätigkeiten nicht
nachvollziehen könne. Seiner Ansicht nach habe damals höchstens eine
vorübergehende Einschränkung der Arbeitsfähigkeit bestanden. Diese deutlichen
Aussagen hat er zwar etwas relativiert, indem er ausgeführt hat, dass er sich nicht
sicher sei, ob er solche Aussagen überhaupt machen dürfe. Damit hat er aber nur eine
Unsicherheit in Bezug auf die rechtliche Verwertbarkeit seiner Aussagen geäussert. In
fachärztlicher Hinsicht ist er sich sicher gewesen. Seinem Teilgutachten lässt sich auch
entnehmen, dass der Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin in den Jahren
1995–2013 keine wesentlichen Veränderungen erfahren hat. Auch den übrigen Akten
lässt sich kein Hinweis auf eine Verbesserung des Gesundheitszustandes der
Beschwerdeführerin nach dem 17. Juli 1996 entnehmen, weshalb mit dem
erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit erstellt ist, dass die
Beschwerdeführerin im Jahr 1996 nicht stärker in ihrer Arbeitsfähigkeit beeinträchtigt
gewesen ist als im Jahr 2013. Auch die neurologische Sachverständige der MEDAS
Zentralschweiz hat überzeugend dargelegt, dass aus der Sicht ihres Fachgebietes
keine Befunde vorlägen, welche eine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit der
Beschwerdeführerin rechtfertigen würden, und dass anhand der Akten retrospektiv
höchstens möglicherweise eine vorübergehende Arbeitsunfähigkeit im Rahmen des
lumbo-radiculären Reiz- und Ausfallsyndroms bestanden habe. Damit haben die
Sachverständigen der MEDAS Zentralschweiz das Gutachten der Klinik für
Neurochirurgie des Kantonsspitals St. Gallen entkräftet und nachgewiesen, dass die
Beschwerdeführerin im Zeitpunkt der Rentenzusprache am 17. Juli 1996 weder
voraussichtlich bleibend noch längere Zeit dauernd arbeitsunfähig war. Gemäss den
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überzeugenden Ausführungen der Sachverständigen ist die Arbeitsfähigkeit der
Beschwerdeführerin bloss möglicherweise vorübergehend beeinträchtigt gewesen. Es
ist davon auszugehen, dass die Arbeitsfähigkeit möglicherweise in der zweiten Hälfte
des Jahres 1995 und allenfalls noch zu Beginn des Jahres 1996 vorübergehend
eingeschränkt gewesen ist, dass die Beschwerdeführerin dann aber für
leidensadaptierte Tätigkeiten wieder durchgehend voll arbeitsfähig geworden ist. Als
Invalidität im Sinne des Art. 8 Abs. 1 ATSG kann bloss eine voraussichtlich bleibende
oder längere Zeit dauernde Erwerbsunfähigkeit qualifiziert werden; vorübergehende
Beeinträchtigungen der Erwerbsfähigkeit fallen nicht unter den Begriff der Invalidität.
Damit steht fest, dass die Rentenzusprache auf einem zweifellos unrichtigen
Sachverhalt beruht hat, weshalb sich die rentenzusprechende Verfügung vom 17. Juli
1996 als zweifellos unrichtig erweist. Angesichts des Umstandes, dass die
Beschwerdeführerin noch während Jahren monatlich eine vierstellige Rente bezöge,
wenn diese zweifellos unrichtige Verfügung nicht korrigiert würde, ist die erhebliche
Bedeutung der Berichtigung offensichtlich gegeben, weshalb die Wiedererwägung
zulässig gewesen ist. Daran vermag der Umstand, dass die laufende ganze
Invalidenrente in der Vergangenheit mehrfach "überprüft" worden ist, nichts zu ändern,
denn bei diesen "Überprüfungen" hat es sich um rein revisionsrechtlich (Art. 17 Abs. 1
ATSG) ausgerichtete Verfahren gehandelt, d.h. die Sachverhaltsabklärung ist
ausschliesslich auf die Frage einer allfälligen nach dem 17. Juli 1996 eingetretenen
Veränderung des Invaliditätsgrades fokussiert gewesen. Die Frage, ob die Verfügung
vom 17. Juli 1996 auf einer richtigen Sachverhaltsgrundlage beruht habe, ist deshalb
bei diesen "Überprüfungen" gar nie gestellt worden. Inwiefern die Beschwerdegegnerin
damit das "Recht" auf eine Wiedererwägung der Verfügung vom 17. Juli 1996
eingebüsst haben sollte, lässt sich nicht nachvollziehen, zumal die Wiedererwägung
nur dazu dient, eine materiell unrechtmässige Weiterausrichtung der ganzen
Invalidenrente und damit eine unzulässige Besserstellung der Beschwerdeführerin
gegenüber den anderen Versicherten zu verhindern.
2.3 Das bedeutet, dass die Verfügung vom 17. Juli 1996 – integral – aufzuheben und
durch eine neue Verfügung zu ersetzen ist, mit der über das Rentengesuch der
Beschwerdeführerin zu befinden ist. Da die Beschwerdeführerin überwiegend
wahrscheinlich nicht länger dauernd in ihrer Arbeitsfähigkeit beeinträchtigt gewesen ist
und da sie eine adaptierte Hilfsarbeit mit voller Präsenz und voller Leistung hätte
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verrichten können, ergibt sich anhand eines so genannten Prozentvergleichs ein
Invaliditätsgrad von null Prozent. Die Beschwerdeführerin hätte nämlich ohne die
Gesundheitsbeeinträchtigung ihre durchschnittlich entlöhnte Hilfsarbeitertätigkeit
weiter ausgeübt und sie hätte trotz ihrer Gesundheitsbeeinträchtigung nach dem
(fiktiven) Ablauf des sogenannten Wartejahres uneingeschränkt dieselbe oder eine
andere, leidensadaptierte, durchschnittlich entlöhnte Hilfsarbeitertätigkeit ausüben
können, weshalb das zumutbarerweise erzielbare Invalideneinkommen dem
Valideneinkommen entsprochen hat. Folglich ist das ursprüngliche Rentengesuch der
Beschwerdeführerin, das aufgrund der wiedererwägungsweisen Aufhebung der
Verfügung vom 17. Juli 1996 wieder zu behandeln ist, abzuweisen. Dies bedeutet, dass
die Beschwerdeführerin keinen Anspruch mehr auf weitere Rentenleistungen der
Invalidenversicherung hat und dass sie die bisherigen Rentenleistungen unrechtmässig
bezogen hat, weshalb sie diese an sich zurückzuerstatten hätte. Gemäss einer
konstanten bundesgerichtlichen Rechtsprechung ist allerdings auf Fälle wie den
vorliegenden, in denen keine Meldepflicht verletzt worden ist, der Art. 88 Abs. 2 lit. a
IVV analog anzuwenden, was bedeutet, dass die „Aufhebung“ der Rente erst auf den
zweiten der Zustellung der Verfügung folgenden Monat erfolgen darf, bei richtiger
Interpretation also dass die bis zu diesem „Aufhebungszeitpunkt“ bezogenen
Rentenleistungen nicht zurückerstattet werden müssen. Vor diesem Hintergrund
erweist sich die die aufgehobene rentenzusprechende Verfügung vom 17. Juli 1996
wiedererwägungsweise ersetzende angefochtene Verfügung vom 4. September 2014
als rechtmässig.
2.4 Die Beschwerdeführerin hat unter Hinweis auf die bundesgerichtliche Recht
sprechung geltend machen lassen, dass die Beschwerdegegnerin ihr vor der
wiedererwägungsweisen Aufhebung der Rente Eingliederungsmassnahmen hätte
gewähren müssen, weil sie die Rente bereits über 15 Jahre lang bezogen habe. Dieser
Einwand ist nicht stichhaltig, denn das Gesetz sieht keine entsprechende
Voraussetzung für die Zulässigkeit einer Wiedererwägung vor. Ein solches
Zusatzerfordernis könnte richterrechtlich nur geschaffen werden, wenn sich das Gesetz
als diesbezüglich lückenhaft erwiese. Ohne Gesetzeslücke kann es keine
richterrechtliche Lückenfüllung geben. Eine Lücke im gesetzlich normierten
Wiedererwägungsrecht ist aber nicht ersichtlich. Der Sinn und Zweck der
Wiedererwägung als Aufhebung einer materiell qualifiziert falschen Verfügung und
bis
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integraler Ersatz derselben durch einen materiell richtigen Entscheid schliesst eine
Abhängigkeit der Wiedererwägung von der vorgängigen Durchführung irgendwelcher
Eingliederungsmassnahmen aus. Ein entsprechendes Zusatzerfordernis wäre auch
systemfremd, denn eine – notwendigerweise die damalige Rentenverfügung
aufhebende – Wiedererwägung kann nichts mit allenfalls aktuell durchzuführenden
Eingliederungsmassnahmen zu tun haben. Es mag zwar im Einzelfall ein Anspruch auf
eine berufliche Eingliederung bestehen, aber deren Durchführung setzt schon deshalb
keine Weiterausrichtung der – unrechtmässigen – Rente voraus, weil vor und während
der Eingliederung ein Anspruch auf ein Taggeld besteht. Der Art. 53 Abs. 2 ATSG weist
deshalb keine (nur für die Wiedererwägung von Invalidenrentenverfügungen der
Invalidenversicherung) bestehende ausfüllungsbedürftige Lücke auf, die mit einer
richterrechtlichen Regelung gefüllt werden müsste, laut der eine
wiedererwägungsweise Aufhebung der Rentenverfügung erst mit dem Abschluss der
beruflichen Eingliederung zulässig wäre. Die Zulässigkeit der Wiedererwägung der
Verfügung vom 17. Juli 1996 hängt demnach nicht von der vorgängigen Durchführung
beruflicher Eingliederungsmassnahmen ab. Das hindert die Beschwerdeführerin
natürlich nicht daran, sich mit einem entsprechenden Gesuch an die
Beschwerdegegnerin zu wenden, wenn sie berufliche Eingliederungsmassnahmen
wünscht. Allerdings ist nicht ersichtlich, welche beruflichen
Eingliederungsmassnahmen (mit Ausnahme der nicht unter den Grundsatz der
Eingliederung vor Rente fallenden Arbeitsvermittlung) für die Beschwerdeführerin in
Frage kommen würden.
3. Zusammenfassend ist die Beschwerde abzuweisen. Die unterliegende
Beschwerdeführerin hat die Gerichtskosten von 600 Franken zu bezahlen. Diese
Gebühr ist durch den von ihr geleisteten Kostenvorschuss gedeckt. Bei diesem
Verfahrensausgang besteht kein Anspruch auf eine Parteientschädigung.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP