Decision ID: e89b2552-39df-4391-b211-88d9c0c01356
Year: 2015
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Entscheid Versicherungsgericht, 03.06.2015 Art. 25 Abs. 1 Satz 2 ATSG. Erlass einer Rückforderung.Art. 24 ELV. Definition der ins Gewicht fallenden Änderungen in den wirtschaftlichen Verhältnissen.Meldepflichtig ist jede Veränderung, von der die  Person annehmen muss, dass die  ein Interesse daran habe, sich selbst ein Bild darüber zu machen, ob eine revisionsrechtlich relevante Veränderung einer Einnahmen- oder Ausgabenposition vorliege. Art. 24 ELV ist diesbezüglich also sehr weit auszulegen (Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom3. Juni 2015, EL 2013/74).Vizepräsident Ralph Jöhl, Versicherungsrichterinnen Monika Gehrer-Hug undKarin Huber-Studerus; Gerichtsschreiberin Evelyn HeinigerEntscheid vom 3. Juni 2015in SachenA._,Beschwerdeführerin,vertreten durch Rechtsanwältin lic. iur. Bettina Surber, Oberer Graben 44,9000 St. Gallen,gegenSozialversicherungsanstalt des Kantons St. Gallen, Ausgleichskasse, Brauerstrasse 54, Postfach, 9016 St. Gallen,Beschwerdegegnerin,betreffendErlass der Rückforderung (EL zur AHV)Sachverhalt:
A.
A.a A._ meldete sich am 6. Januar 1995 zum Bezug einer Ergänzungsleistung zur
Altersrente an. Auf die Frage, welche Personen in ihrem Haushalt wohnten, antwortete
sie, indem sie ihren eigenen Namen angab (EL-act. 102-2). Dementsprechend
berücksichtigte die EL-Durchführungsstelle den gesamten Wohnungsmietzins als
Ausgabe. Am 8. Juni 1999 füllte die Versicherte den Fragebogen zur periodischen
Überprüfung der laufenden Ergänzungsleistung aus (EL-act. 103). Dabei beantwortete
sie die Frage, welche Personen in ihrem Haushalt wohnten, nicht. In der Folge wurde
weiterhin der gesamte Wohnungsmietzins als Ausgabe angerechnet (EL-act. 104-6,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
105-3, 101-3). Die Versicherte füllte am 30. April 2002 erneut einen Fragebogen zur
periodischen Überprüfung aus (EL-act. 100). Sie beantwortete die Frage, wieviele
Personen – sie eingeschlossen – in ihrem Haushalt wohnten, nicht. Auch diesmal
wurde der Wohnungsmietzins weiter in vollem Umfang angerechnet (EL-act. 97-3).
Daran änderte sich in der Folge nichts (EL-act. 96-3, 93-3, 90-3). Im nächsten
Fragebogen zur periodischen Überprüfung beantwortete die Versicherte am 2. Mai
2005 die Frage, wie viele Personen in ihrem Haushalt wohnten, indem sie angab, es sei
nur eine Person. Ausserdem gab sie an, ihr Vermögen belaufe sich auf Fr. 17'705.--.
Die Angaben zum Vermögensertrag lassen sich nicht mehr entziffern (EL-act. 87-2).
Dementsprechend blieb es ab 1. August 2005 bei der Anrechnung des gesamten
Wohnungsmietzinses. Die EL-Durchführungsstelle berücksichtigte keinen
Vermögensverzehr, weil das Vermögen unter der gesetzlichen Freigrenze blieb.
Hingegen rechnete sie der Versicherten einen jährlichen Vermögensertrag von Fr. 95.--
an (EL-act. 83-3, 80-3, 76-3). Im nächsten Fragebogen zur periodischen Überprüfung,
den die Versicherte am 26. April 2008 ausfüllte (EL-act. 73), wurde die Frage, wieviele
Personen im Haushalt wohnten, nicht beantwortet. Die Versicherte gab ein Vermögen
von Fr. 14'899.30 und einen jährlichen Vermögensertrag von Fr. 137.20 an. Die
Anspruchsberechnungen beinhalteten weiterhin den gesamten Wohnungsmietzins. Da
das Vermögen nach wie vor den gesetzlichen Grenzbetrag nicht erreichte, unterblieb
die Anrechnung eines Vermögensverzehrs. Die EL-Durchführungsstelle rechnete aber
ab September 2008 einen Vermögensertrag von Fr. 137.-- an (EL-act. 72-3, 70-3, 68-3,
65-1).
A.b Die Versicherte füllte am 18. Juli 2011 einen weiteren Fragebogen zur periodischen
Überprüfung aus (EL-act. 58). Diesmal gab sie an, in ihrem Haushalt wohne auch B._.
Das Vermögen belaufe sich auf Fr. 35'427.--, der jährliche Ertrag daraus auf Fr. 66.90.
Sie sei an einer Erbschaft beteiligt. Effektiv waren ihr bereits am 8. Dezember 2010
nach der Erbteilung Fr. 18'805.43 ausbezahlt worden. Am 28. Dezember 2011 erging
eine Verfügung, mit der die EL-Durchführungsstelle den laufenden EL-Anspruch ab
1. Januar 2012 festsetzte (EL-act. 55). Dabei fanden trotz des laufenden
Revisionsverfahrens der gesamte Wohnungsmietzins und ein Vermögensertrag von
Fr. 137.-- Berücksichtigung (EL-act. 56). Die EL-Durchführungsstelle forderte die AHV-
Zweigstelle am 15. März 2012 auf abzuklären, seit wann B._ im Haushalt der
Versicherten wohne. Ausserdem würden verschiedene Bankbelege benötigt (EL-
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
act. 54-2). Die AHV-Zweigstelle berichtete am 19. April 2012 (EL-act. 43-2), B._
wohne seit dem 1. Dezember 1999 im Haushalt der Versicherten. Sie reichte u.a. einen
Bankbeleg ein, laut dem sich der Vermögensertrag für das Jahr 2011 auf Fr. 137.--
belaufen hatte. Die EL-Durchführungsstelle nahm eine rückwirkende Revision der
Ergänzungsleistung vor, wobei sie die Neuberechnung aufgrund der Verwirkung einer
allfälligen Rückforderung auf die Zeit ab 1. Mai 2007 beschränkte. Bei dieser
Neuberechnung berücksichtigte sie nur noch die Hälfte des Wohnungsmietzinses. Für
die Zeit von Mai 2007 bis Dezember 2009 war dies die einzige Veränderung in den
Anspruchsberechnungen. Ab Januar 2010 veränderte sich auch die Einnahmenposition
des Vermögensertrages. Anstelle des ursprünglich angerechneten Ertrages von
Fr. 137.-- berücksichtigte die EL-Durchführungsstelle nur noch einen Ertrag von
Fr. 76.--, so dass die Reduktion des Ausgabenüberschusses als Folge der Anrechnung
deutlich tieferer Mietzinsausgaben teilweise durch die Reduktion der anrechenbaren
Einnahmen kompensiert wurde. Ab 1. Januar 2012 hingegen fand statt des
ursprünglich angerechneten Ertrages von Fr. 137.-- ein solcher von Fr. 155.--
Berücksichtigung. Damit wurde der durch die Reduktion der Mietzinsausgaben tiefer
ausfallende Ausgabenüberschuss durch die Erhöhung der anrechenbaren Einnahmen
noch weiter gesenkt. Auf die Höhe der Ergänzungsleistung ab 1. Januar 2012 wirkte
sich das aber nicht aus, weil unabhängig vom Vermögensertrag ein Anspruch auf eine
Ergänzungsleistung im Betrag der sogenannten Minimalgarantie (Betrag der
Prämienpauschale für die Krankenversicherung) bestand. Mit einer Verfügung vom
20. April 2012 forderte die EL-Durchführungsstelle die zwischen Mai 2007 und April
2012 unrechtmässig bezogenen Ergänzungsleistungen zurück (EL-act. 33). Eine gegen
diese Rückforderungsverfügung gerichtete Einsprache wurde am 27. August 2012
zurückgezogen (EL-act. 20).
A.c Am 10. Oktober 2012 liess die Versicherte ein Erlassgesuch stellen (EL-act. 18).
Die Rechtsvertreterin führte am 3. Dezember 2012 zur Begründung dieses Gesuches
aus (EL-act. 14), die Versicherte habe die Tatsache, dass die Tochter bei ihr gewohnt
habe, nicht bewusst verschwiegen. Die Tochter habe zudem nicht ausschliesslich bei
der Versicherten gewohnt, sondern sich regelmässig auch bei ihrem Lebenspartner
aufgehalten, so dass nicht von einer ständigen Wohngemeinschaft gesprochen werden
könne. Zudem habe die Versicherte nicht gewollt, dass bekannt werde, dass sie auf die
Hilfe ihrer Tochter angewiesen sei. Ihr sei nicht bewusst gewesen, dass die Angabe,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
ihre Tochter lebe bei ihr, ihren EL-Anspruch verändern würde. Mit einer Verfügung vom
5. Dezember 2012 wies die EL-Durchführungsstelle das Erlassgesuch ab (EL-act. 11).
Sie begründete diesen Entscheid damit, dass die Versicherte bei der periodischen
Überprüfung 2002 nicht angegeben habe, dass in ihrem Haushalt noch eine weitere
Person wohne; dass sie bei der periodischen Überprüfung 2005 zudem ausdrücklich
angegeben habe, sie wohne allein im Haushalt und damit dass sie bei der periodischen
Überprüfung 2008 wieder keine Mitbewohnerin genannt habe. Aus diesem Grund habe
die Versicherte die zu Unrecht ausgerichteten Ergänzungsleistungen nicht gutgläubig
empfangen.
A.d Die Versicherte liess am 9. Januar/11. März 2013 Einsprache gegen die
Abweisung ihres Erlassgesuches erheben (act. G 5). Die Rechtsvertreterin führte aus,
der Versicherten sei nicht klar gewesen, dass sie hätte angeben müssen, dass ihre
Tochter bei ihr ein Zimmer habe. Die Tochter habe sich im fraglichen Zeitraum nur
zeitweise bei der Versicherten aufgehalten, da sie auch noch bei ihrem Lebenspartner
gewohnt habe. Sie habe sich bei der Versicherten aufgehalten, um dieser die
notwendige Unterstützung zu leisten. Der Versicherten sei nicht bewusst gewesen,
dass der Umstand, dass ihre Tochter zeitweise bei ihr gewohnt habe, einen Einfluss auf
die Ergänzungsleistung haben könnte. Die EL-Durchführungsstelle wies diese
Einsprache am 8. November 2013 ab (act. G 1.1). Sie führte aus, die mit der Verfügung
vom 20. April 2012 vorgenommene Neuberechnung und Rückforderung habe ihren
Grund darin gehabt, dass in den Anspruchsberechnungen ein nicht nach der Anzahl
der Personen aufgeteilter Mietzins (Art. 16c der Verordnung über die
Ergänzungsleistungen zur Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenversicherung [ELV,
SR 831.301]) als Ausgabe enthalten gewesen sei. Daraus habe ein zu hoher EL-
Anspruch resultiert. Mit der Argumentation, wonach die Tochter nicht dauernd bei ihr,
sondern auch bei ihrem Lebenspartner gewohnt habe, stelle die Versicherte die
Rechtmässigkeit der Mietzinsaufteilung in Frage. Dieser Punkt stehe aber aufgrund der
Rechtskraft der (Rückforderungs-) Verfügung vom 20. April 2012 nicht mehr zur
Diskussion und könne im Erlassverfahren nicht überprüft werden. Auch das Argument,
mit einer Anrechnung eines ungeteilten Mietzinses seien die Kosten für die
Allgemeinheit immer noch geringer gewesen, als wenn die Versicherte durch Dritte
hätte betreut werden müssen, sei bei der Prüfung des Kriteriums des guten Glaubens
nicht einschlägig. Gemäss Art. 24 ELV habe eine anspruchsberechtigte Person der EL-
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Durchführungsstelle von jeder Änderung in den persönlichen und von jeder ins Gewicht
fallenden Änderung der wirtschaftlichen Verhältnisse unverzüglich Mitteilung zu
machen. Betreffend den Einzug ihrer Tochter im Dezember 1999 habe der Versicherten
eindeutig eine Meldepflicht oblegen. Der Hinweis auf die Meldepflicht in Bezug auf
Änderungen in den persönlichen oder wirtschaftlichen Verhältnissen finde sich auf
sämtlichen Leistungsverfügungen. Hinzu komme, dass jedem EL-Ansprecher eine
Auskunfts-, Sorgfalts-, und Überprüfungspflicht obliege. Darunter falle auch die Pflicht
zum wahrheitsgetreuen Ausfüllen eines EL-Revisionsformulars. Indem die Versicherte
auf den in den Jahren 2002, 2005 und 2008 ausgefüllten und unterzeichneten EL-
Revisionsformularen die Frage nach Mitbewohnern stets dahingehend beantwortet
habe, dass sie keine weiteren Personen angegeben habe, habe die Versicherte auf eine
klare Fragestellung eine unwahre Antwort gegeben. Damit habe sie erwirkt, dass zu
hohe Ergänzungsleistungen ausgerichtet worden seien, was eine grobe Verletzung der
ihr obliegenden Auskunftspflicht darstelle. Der Umstand, dass sie offenbar schon seit
längerem auf die Unterstützung ihrer Tochter angewiesen gewesen sei, vermöge daran
nichts zu ändern. Der gute Glaube beim unrechtmässigen Leistungsbezug sei der
Versicherten damit zu Recht abgesprochen worden. Bei diesem Ergebnis erübrige sich
eine Prüfung der grossen Härte.
B.
B.a Die Versicherte liess am 11. Dezember 2013 gegen diesen Einspracheentscheid
Beschwerde erheben und beantragen, es sei von der Rückforderung der zu viel
bezogenen Leistungen abzusehen (act. G 1). Zur Begründung führte ihre
Rechtsvertreterin an, der Beschwerdeführerin sei nicht bewusst gewesen, dass die
Tatsache, dass ihre Tochter teilweise bei ihr wohne, Einfluss auf die Höhe der
Ergänzungsleistungen haben würde. Deshalb könne ihr nicht vorgeworfen werden,
dass sie die Ergänzungsleistungen nicht in gutem Glauben bezogen habe. Zudem sei
zu berücksichtigen, dass die Tochter zeitweise bei der Beschwerdeführerin gelebt
habe, um für diese die im Alter notwendigen Unterstützungsleistungen zu erbringen.
Die Beschwerdeführerin habe diese Unterstützungsbedürftigkeit aber nicht richtig
akzeptieren können und sie deshalb auch gegen aussen nicht zugeben wollen. Ferner
sei zu berücksichtigen, dass die Tochter nicht ständig bei der Beschwerdeführerin
gelebt habe. Die Tochter helfe der Beschwerdeführerin im Haushalt, erledige schwere
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Hausarbeit und gehe Einkaufen. Aufgrund dieser Unterstützungsleistungen sei es der
Beschwerdeführerin noch möglich, ohne die Hilfe Dritter zu leben. Die Tochter sei auch
stets in Sorge um den Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin, da diese bereits
mehrere Herzinfarkte erlitten habe. Die Tochter habe ein Zimmer in der Wohnung der
Beschwerdeführerin und schlafe, wenn sie merke, dass es dieser nicht besonders gut
gehe, dort. Sie sei deswegen auch in C._ angemeldet. Für das Zimmer bezahle sie
keine Untermiete, da sie im Gegenzug zur Übernachtungsmöglichkeit die
Beschwerdeführerin betreue. Diesbezüglich liege keine schriftliche Vereinbarung vor;
das Wohn- und Betreuungsverhältnis habe sich aber in den letzten Jahren so
eingespielt. Immer wenn es der Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin zulasse,
verbringe die Tochter viel Zeit bei ihrem Lebenspartner. Die Beschwerdeführerin habe
gegen aussen – und auch gegenüber der Beschwerdegegnerin – versucht, ihre
Selbständigkeit zu wahren. In ihrer Wahrnehmung habe die Tochter beim
Lebenspartner und nur ab und zu bei ihr in C._ gelebt. Sie habe in keiner Weise
Leistungen beziehen wollen, die ihr nicht zugestanden hätten. Der gute Glaube sei
daher zu bejahen. Die besondere Härte sei aufgrund der Einkommenssituation der
Beschwerdeführerin mit einer minimalen AHV-Rente plus Ergänzungsleistungen erstellt.
Die Beschwerdeführerin sei nicht in der Lage, die zu viel bezogenen
Ergänzungsleistungen zurückzuerstatten.
B.b Die Beschwerdegegnerin beantragte am 6. Januar 2014 die Abweisung der
Beschwerde (act. G 3). Sie verwies zur Begründung auf ihren Einspracheentscheid.

Erwägungen:
1.
1.1 Wer eine unrechtmässige Leistung in gutem Glauben empfangen hat, muss sie
nicht zurückerstatten, wenn eine grosse Härte vorliegt (Art. 25 Abs. 1 Satz 2 des
Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG,
SR 830.1]). Aufgrund der rechtskräftigen Rückforderungsverfügung vom 20. April 2012
steht fest, dass die Beschwerdeführerin Ergänzungsleistungen im Umfang von
Fr. 10'712.-- unrechtmässig bezogen hat. Da die Beschwerdeführerin weiterhin eine
Ergänzungsleistung erhält, ist die Erlassvoraussetzung der grossen Härte (Art. 5 der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Verordnung über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSV,
SR 830.11]) offenkundig erfüllt. Zu prüfen bleibt, ob die Beschwerdeführerin die ihr zu
Unrecht ausgerichteten Ergänzungsleistungen im Umfang von Fr. 10'712.-- gutgläubig
empfangen hat. Wer um die Unrechtmässigkeit seines laufenden Bezuges einer
Ergänzungsleistung weiss oder bei Aufwendung pflichtgemässer Sorgfalt wissen
müsste, kann nicht im Sinne von Art. 25 Abs. 1 Satz 2 ATSG gutgläubig sein. Gemäss
den – diesbezüglich überzeugenden – Ausführungen der Rechtsvertreterin hat die
Beschwerdeführerin nicht gewusst, dass ihr nur die Hälfte des Wohnungsmietzinses als
Ausgabe hätte angerechnet werden dürfen und dass ihr deswegen zu hohe und damit
im Sinne von Art. 25 Abs. 1 Satz 1 ATSG unrechtmässige Ergänzungsleistungen
ausgerichtet worden sind.
1.2 Damit bleibt zu prüfen, ob die Beschwerdeführerin bei Anwendung
pflichtgemässer Sorgfalt hätte erkennen müssen, dass nur die Hälfte des
Wohnungsmietzinses anzurechnen gewesen wäre und dass sie deshalb zu hohe
Ergänzungsleistungen bezog. Der Zweck der Ergänzungsleistung besteht darin, die
Altersrente so weit "aufzustocken", dass der Existenzbedarf der versicherten Person
gedeckt ist. Zum Existenzbedarf gehört auch die Befriedigung des Wohnbedürfnisses.
Offensichtlich nicht zum Existenzbedarf gehört das Wohnbedürfnis einer anderen
Person, für welche die versicherte Person nicht unterhaltspflichtig ist. Deshalb ist es
naheliegend, dass jener Anteil am Mietzins, der auf das Wohnbedürfnis dieser anderen
Person entfällt, nicht durch die Ergänzungsleistung zu decken und deshalb nicht als
anerkannte Ausgabe in die Anspruchsberechnung einzusetzen ist. Der Regelungsinhalt
des Art. 16c ELV ergibt sich also direkt aus dem Zweck der Ergänzungsleistung und
müsste deshalb grundsätzlich auch ohne spezifische Kenntnisse des EL-Rechts zu
erkennen sein. Das würde allerdings eine vertiefte Auseinandersetzung mit dem Zweck
der Ergänzungsleistung bzw. mit der Definition des Existenzbedarfs als der Summe der
existenziell notwendigen Ausgaben erfordern. Gestützt auf die allgemeine
Lebenserfahrung ist davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerin nicht über
spezifische EL-rechtliche Kenntnisse verfügt hat und dass sie mit einer Analyse des
Zwecks der Ergänzungsleistung und den Auswirkungen dieses Zwecks auf die Höhe
der anrechenbaren Wohnkosten überfordert gewesen wäre. Die Beschwerdeführerin
hat deshalb auch bei Anwendung der ihr möglichen und zumutbaren Sorgfalt nicht
erkennen müssen, dass die Ergänzungsleistung nicht dazu da sein konnte, auch die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Wohnkosten der Tochter zu decken, dass also ab dem 1. Dezember 1999 nur noch die
Hälfte des Wohnungsmietzinses hätte angerechnet werden dürfen. Die
Beschwerdeführerin hat demnach weder um den durch die Anrechnung eines zu hohen
Wohnungsmietzinses ausgelösten unrechtmässigen Bezug der Ergänzungsleistung
gewusst noch hätte sie darum wissen müssen. Ob das auch auf die Höhe des ab
Januar 2012 angerechneten Vermögensertrages zutrifft, kann offen bleiben, weil sich
diese Einnahmenposition als Folge des Anspruchs der Beschwerdeführerin auf eine
Ergänzungsleistung im Betrag der sogenannten Minimalgarantie nicht auf die Höhe der
Rückforderung hat auswirken können.
2.
2.1 Die Erlassvoraussetzung des gutgläubigen Bezuges der unrechtmässigen
Leistungen ist auch dann nicht erfüllt, wenn die versicherte Person zwar nicht um die
Unrechtmässigkeit gewusst hat oder hätte wissen müssen, aber eine Pflichtverletzung
begangen hat, die ursächlich dafür gewesen ist, dass es zu einem unrechtmässigen
Leistungsbezug gekommen ist. Im Zusammenhang mit der Ausrichtung von
Ergänzungsleistungen handelt es sich um die Auskunfts- und Meldepflicht (Art. 28
Abs. 2 ATSG, Art. 31 Abs. 1 ATSG, Art 24 ELV) und um die Pflicht, die Verfügungen (mit
den dazugehörigen Berechnungsblättern) auf deren Richtigkeit zu prüfen und die EL-
Durchführungsstelle auf Fehler (oder auch nur auf mögliche Fehler) hinzuweisen. Im
vorliegenden Fall steht nur eine Meldepflichtverletzung zur Diskussion. Die
Beschwerdegegnerin hat sinngemäss argumentiert, die Beschwerdeführerin habe in
den Fragebögen für die periodischen Überprüfungen 2002, 2005 und 2008 falsche
Angaben gemacht. Das ist zwar richtig, aber die massgebende Verletzung der
Meldepflicht datiert vom November 1999, als die Beschwerdeführerin den Einzug ihrer
Tochter in die Wohnung per 1. Dezember 1999 nicht gemeldet hat. Hätte die
Beschwerdeführerin diese Tatsache gemeldet, wäre es ab 1. Dezember 1999 nicht zur
Ausrichtung unrechtmässiger Ergänzungsleistungen gekommen, weil die
Beschwerdegegnerin die laufende Ergänzungsleistung auf diesen Zeitpunkt
revisionsweise auf den korrekten Betrag herabgesetzt hätte. Mit den falschen oder den
fehlenden Angaben in den Fragebögen 2002, 2005 und 2008 hat es die
Beschwerdeführerin der Beschwerdegegnerin nur verunmöglicht zu erkennen, dass die
seit dem 1. Dezember 1999 ausgerichtete Ergänzungsleistung auf zu hohen Ausgaben
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
für den Wohnungsmietzins beruhte, und diesen Fehler durch eine (rückwirkende)
revisionsweise Herabsetzung der Ergänzungsleistung per 1. Dezember 1999 und durch
eine Rückforderung der seit diesem Zeitpunkt unrechtmässig bezogenen
Ergänzungsleistungen zu korrigieren. Gemäss dem Wortlaut des Art. 24 ELV (als
Ausführungsbestimmung zu Art. 31 Abs. 1 ATSG) ist von jeder Änderung der
persönlichen und von jeder ins Gewicht fallenden Änderung der wirtschaftlichen
Verhältnisse der anspruchsberechtigten Person Mitteilung zu machen. Das entspricht
offensichtlich nicht dem Zweck der Meldepflicht. Die "Mitteilung" ist nämlich nur dazu
da, der EL-Durchführungsstelle die Möglichkeit zu geben, die Eröffnung eines
Revisionsverfahrens gemäss Art. 17 Abs. 2 ATSG zu prüfen, gegebenenfalls ein
solches Revisionsverfahren durchzuführen, d.h. den – neuen – Sachverhalt zu ermitteln
und anschliessend die laufende Ergänzungsleistung revisionsweise anzupassen. Würde
man den Wortlaut des Art. 24 ELV ernst nehmen, müssten die Anspruchsberechtigten
nur jene Veränderungen melden, von denen sie wüssten, dass sie revisionsrechtlich
relevant sind, d.h. eine Anpassung der laufenden Ergänzungsleistung erfordern. Da die
Anspruchsberechtigten in aller Regel nicht über eine ausreichende Kenntnis des EL-
Rechts verfügen, unterblieben in sehr vielen Fällen die "Mitteilungen", weil die Relevanz
der Veränderung für die betreffende anspruchsberechtigte Person nicht erkennbar
wäre. Art. 24 ELV kann deshalb nur so gemeint sein, dass jede Veränderung in den
wirtschaftlichen Verhältnissen, die in irgendeiner Form möglicherweise für die
Ausgaben- oder die Einnahmenseite der Anspruchsberechnung von Bedeutung sein
könnte, gemeldet werden muss. Das gilt selbst dann, wenn die anspruchsberechtigte
Person eigentlich davon ausgeht, dass es sich wohl nicht um eine anspruchserhebliche
Veränderung handle. Nur bei einer so weit verstandenen Meldepflicht ist ausreichend
sichergestellt, dass die EL-Durchführungsstellen von jedem möglichen Anlass für ein
Revisionsverfahren Kenntnis erhalten. Die Anspruchsberechtigten haben in Kauf zu
nehmen, dass sie auch Veränderungen melden müssen, die dann von der EL-
Durchführungsstelle als irrelevant qualifiziert und deshalb nicht zum Anlass genommen
werden, ein Revisionsverfahren zu eröffnen. Mit der "Mitteilung" einer Änderung ist
nämlich kaum je ein unzumutbarer Aufwand verbunden.
2.2 Bei dieser weiten Definition der ins Gewicht fallenden Änderung in den wirtschaft
lichen Verhältnissen unterlag der am 1. Dezember 1999 erfolgte Einzug der Tochter in
die Wohnung der Beschwerdeführerin eindeutig der Meldepflicht. Für die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdeführerin war nämlich offenkundig, dass sich ihre wirtschaftlichen
Verhältnisse in irgendeiner Form verändert hatten, weil nun eine zweite Person in ihrem
Haushalt wohnte. Die Beschwerdeführerin hätte sich also des Umstands bewusst sein
müssen, dass sie der Beschwerdegegnerin die Gelegenheit geben musste zu prüfen,
ob diese Sachverhaltsveränderung eine Anpassung der laufenden Ergänzungsleistung
erfordere. Auch wenn die Beschwerdeführerin keinen direkten Zusammenhang
zwischen dem Einzug der Tochter mit den (anerkannten) Ausgaben, d.h. mit der EL-
Anspruchsberechnung hat erkennen können, wäre für sie bei der Anwendung
zumutbarer Sorgfalt erkennbar gewesen, dass die Beschwerdegegnerin diese
Information benötigte, um prüfen zu können, ob eine Anpassung der laufenden
Ergänzungsleistung nötig sei, zumal sie bereits in der Anmeldung nach der Zahl der in
ihrem Haushalt wohnenden Personen gefragt worden war; schon aus diesem Grund
musste sie bei Anwendung gebührender Sorgfalt davon ausgehen, dass eine
Meldepflicht bestand. Weder die Tatsache, dass die Tochter immer wieder für eine
beschränkte Zeit bei ihrem Lebenspartner weilte, noch der Umstand, dass die
Beschwerdeführerin sich selbst und ihrer Umgebung nicht eingestehen wollte, dass sie
die Hilfe der Tochter benötigte, vermag das Unterlassen dieser Meldung zu
rechtfertigen. Das gilt auch für die Beantwortung der in den Fragebögen 2002, 2005
und 2008 gestellten Fragen nach der Zahl der im Haushalt wohnenden Personen, mit
denen die Beschwerdeführerin im Ergebnis aufgefordert worden ist, ihre Meldepflicht
nachträglich noch zu erfüllen. Zusammenfassend steht fest, dass die Beschwerde
gegnerin betreffend den Einzug der Tochter in die Wohnung der Beschwerdeführerin zu
Recht von einer groben Verletzung der Meldepflicht ausgegangen ist. Ob dies auch für
den Vermögensertrag 2012 zutrifft, kann offen bleiben, da diese Einnahmenposition
keinen Einfluss auf die Höhe der Ergänzungsleistung – und damit auf die Höhe der
Rückforderung – gehabt hat.
3.
3.1 Da die Erlassvoraussetzungen des gutgläubigen Bezuges der unrechtmässig
ausgerichteten Leistungen und der grossen Härte einer Rückerstattung kumulativ erfüllt
sein müssen (vgl. Kieser, ATSG-Kommentar, 2. A., Rz 19 zu Art. 25 ATSG), hat die
Beschwerdegegnerin der Beschwerdeführerin den Erlass zu Recht verweigert.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.2 Somit ist die Beschwerde abzuweisen. Gemäss Art. 61 lit. a ATSG sind keine
Gerichtskosten zu erheben. Die vollumfänglich unterliegende Beschwerdeführerin hat
keinen Anspruch auf eine Parteientschädigung (Art. 98 VRP).
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP