Decision ID: b201ded3-e1ad-467b-b65c-9b1f03ba3bc8
Year: 2013
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch B._
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
Hilflosenentschädigung (Erlass Rückforderung)
Sachverhalt:
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A.
A.a A._ (nachfolgend Versicherte), leidet seit Geburt an einer geistigen Behinderung
(Down-Syndrom). Mit Beschluss des Gemeinderats C._ vom 20. März 2007 wurde
die Versicherte entmündigt und unter die elterliche Sorge von Vater und Mutter gestellt
(act. G 7.1/25). Mit Verfügung vom 4. Juli 2007 wurde ihr (bzw. den Eltern) rückwirkend
ab 1. März 2007 eine Hilflosenentschädigung der Invalidenversicherung (IV) mittleren
Grades zugesprochen (act. G 7.1/21).
A.b Mit Verfügung vom 28. Dezember 2009 sprach die Ausgleichskasse des Kantons
St. Gallen als EL-Durchführungsstelle der Versicherten mit Wirkung ab 1. Januar 2010
eine Ergänzungsleistung zur IV von monatlich Fr. 701.-- zu (act. G 7.2/28). Am 7. bzw.
27. Dezember 2010 stellten die Stiftung D._, C._, sowie die Eltern infolge auf den
1. Januar 2011 vorgesehenen Eintritts der Versicherten ins Internat der Stiftung D._
ein Gesuch für eine Kostenübernahmegarantie (act. G 7.2/17-2). Hierauf wurden die
Ergänzungsleistungen neu berechnet. Die EL-Durchführungsstelle berücksichtigte für
die Periode ab 1. Januar 2011 als Ausgaben für Heimaufenthalt eine Tagestaxe von Fr.
130.-- bzw. Fr. 47'450.-- pro Jahr sowie eine Hilflosenentschädigung von jährlich Fr.
13'920.-- (act. G 7.2/16) und sprach der Versicherten mit Verfügung vom 18. Februar
2011 ab 1. Januar 2011 eine monatliche Ergänzungsleistung zur IV von Fr. 3'208.-- zu
(act. G 7.2/15).
A.c Mit Schreiben vom 31. Mai 2011 stellte die EL-Durchführungsstelle dem Vater der
Versicherten das zur periodischen Überprüfung der EL verwendete Formular zu (act. G
7.2/14), worin dieser am 13. Juni 2011 vermerkte, dass die Versicherte in der Stiftung
D._ wohnhaft sei, ein Vermögen von Fr. 16'387.-- aufweise und eine
Hilflosenentschädigung von Fr. 13'920.-- erhalte (act. G 7.2/9).
A.d Am 28. Dezember 2011 wurde die IV-Stelle von der EL-Durchführungsstelle über
den Heimeintritt der Versicherten informiert (act. G 7.2/6). Am 11. Januar 2012
beschloss die IV-Stelle die Herabsetzung der Hilflosenentschädigung per 1. Februar
2011 (Folgemonat des Heimeintritts) auf den einfachen Betrag und ersuchte die
Ausgleichskasse, die Geldleistung entsprechend zu berechnen und allfällig zu viel
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ausbezahlte Beträge zurückzufordern. Eine entsprechende Meldung erfolgte auch an
die EL-Durchführungsstelle (act. G 7.1/18, G 7.2/6).
A.e Am 19. Januar 2012 verfügte die IV-Stelle die Rückforderung von Fr. 7'250.-- für zu
viel ausbezahlte doppelte Hilflosenentschädigungsbeträge (Fr. 1'160.-- anstatt Fr.
580.--) für den Zeitraum vom 1. Februar 2011 bis 31. Januar 2012 sowie die
Auszahlung der tieferen Hilflosenentschädigung (Fr. 290.--) ab Januar 2012 (act. G
7.1/14-17).
A.f Mit Schreiben vom 19. Februar 2012 stellte der Vater der Versicherten bezüglich
der Rückforderungsverfügung der IV-Stelle vom 19. Januar 2012 ein Erlassgesuch (act.
G 7.1/12). Nach Eintritt der Rechtskraft der Rückforderungsverfügung wies die IV-Stelle
mit Verfügung vom 29. Februar 2012 das Erlassgesuch ab. Die Voraussetzungen des
guten Glaubens seien nicht erfüllt (act. G 7.2/11).
B.
B.a Gegen die Verfügung vom 29. Februar 2012 richtet sich die vom Vater der Ver
sicherten als deren gesetzlicher Vertreter für sie eingereichte Beschwerde vom 21.
März 2012 mit dem Antrag, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben, gegenüber
der Beschwerdeführerin sei auf eine Rückforderung der zu viel bezogenen Leistungen
der Hilflosenentschädigung zu verzichten und es sei ihr die Rückforderung von Fr.
7'250.-- gemäss Abrechnungsdossier AD_2012_00069362 zu erlassen, unter Kosten-
und Entschädigungsfolge (act. G 1).
B.b Mit Schreiben vom 7. bzw. 19. April 2012 stellte der Vater der Beschwerdeführerin
ein Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege (act. G 3, G 6).
B.c Mit Beschwerdeantwort vom 10. Mai 2012 schloss die Beschwerdegegnerin auf
Abweisung der Beschwerde und verwies zur Begründung vollumfänglich auf eine
Stellungnahme ihres Fachbereichs vom 30. April 2012 (act. G 7).
B.d Am 25. Mai 2012 wurde dem Gesuch um Bewilligung der unentgeltlichen
Rechtspflege (Befreiung von den Gerichtskosten) entsprochen (act. G 8).
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B.e Mit Replik vom 14. Juni 2012 hielt der Vater der Beschwerdeführerin an seinem
Standpunkt fest (act. G 10). Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf die Einreichung
einer Duplik (act. G 11 f.).

Erwägungen:
1.
Streitig und im vorliegenden Verfahren einzig zu beurteilen ist die Frage, ob die am 19.
Januar 2012 verfügte Rückforderung in der Höhe von Fr. 7'250.-- zu erlassen ist. Über
Bestand und Höhe der Rückforderung wurde bereits rechtskräftig entschieden.
2.
2.1 Unrechtmässig bezogene Leistungen sind zurückzuerstatten. Wer die unrecht
mässigen Leistungen aber in gutem Glauben empfangen hat, muss sie nicht
zurückerstatten, wenn eine grosse Härte vorliegt (Art. 25 Abs. 1 des Bundesgesetzes
über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG; SR 830.1]); Art. 4 f.
der Verordnung über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSV; SR
830.11]). Die Rückerstattung kann nur erlassen werden, wenn die beiden
Voraussetzungen des gutgläubigen Empfangs und der grossen Härte der
Rückerstattung kumulativ erfüllt sind (vgl. etwa U. Kieser, ATSG-Kommentar, 2. Aufl.
Zürich 2009, N 28 zu Art. 25 ATSG).
2.2 Gemäss Art. 31 Abs. 1 ATSG ist jede wesentliche Änderung in den für eine
Leistung massgebenden Verhältnissen von den Bezügerinnen und Bezügern, ihren
Angehörigen oder Dritten, denen die Leistung zukommt, dem Versicherungsträger oder
dem jeweils zuständigen Durchführungsorgan zu melden. Ist die betreffende Person
bevormundet bzw. verbeiständet, trifft die Meldepflicht den Vormund bzw. Beistand
(vgl. dazu BGE 112 V 101 E. 2a; Art. 398 des Schweizerischen Zivilgesetzbuches [ZGB;
SR 201]). Art. 31 Abs. 1 ATSG spezifiziert nicht näher, welches die massgebenden
Verhältnisse sind. Zu ihnen zählen jedenfalls die persönlichen, gesundheitlichen und
wirtschaftlichen Gegebenheiten. Denn durch diese Sachverhaltselemente wird die
sozialversicherungsrechtliche Leistung im Wesentlichen bestimmt (U. Kieser, a.a.O., N
8 zu Art. 31). In Art. 77 der Verordnung über die Invalidenversicherung (IVV; SR
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831.201) wird als wesentliche Änderung und somit als meldepflichtig namentlich eine
Änderung des Gesundheitszustandes, der Arbeits- oder Erwerbsfähigkeit, des
Zustands der Hilflosigkeit, des invaliditätsbedingten Betreuungsaufwandes oder
Hilfebedarfs, des für den Ansatz der Hilfslosenentschädigung und des
Assistenzbeitrages massgebenden Aufenthaltsortes sowie der persönlichen und
gegebenenfalls der wirtschaftlichen Verhältnisse der versicherten Person aufgezählt.
Eine wesentliche Änderung ist gemäss Art. 77 IVV unverzüglich der IV-Stelle
anzuzeigen. Die Meldepflicht gemäss Art. 77 IVV ist grundsätzlich durch die (inhaltlich
analoge) Meldepflicht nach Art. 31 ATSG ersetzt worden (vgl. dazu BGE 130 V 351 E.
3.5.3 und U. Kieser, a.a.O., N 1 und N 28 zu Art. 31), ohne dass allerdings die
Verordnungsbestimmung aufgehoben worden wäre (Th. Locher, Grundriss des
Sozialversicherungsrechts, 3. Aufl. Bern 2003, S. 256).
2.3 Der gute Glaube als Erlassvoraussetzung im Sinne von Art. 25 Abs. 1 ATSG ist
nicht schon mit der Unkenntnis des Rechtsmangels gegeben. Vielmehr darf sich der
Leistungsempfänger nicht nur keiner böswilligen Absicht, sondern auch keiner groben
Nachlässigkeit schuldig gemacht haben. Daraus erhellt, dass der gute Glaube von
vornherein entfällt, wenn der Leistungsbezüger die nach den Umständen gebotene
zumutbare Aufmerksamkeit nicht beachtet oder seine Meldepflicht hinsichtlich
Änderungen in den massgebenden Verhältnissen in grober Weise verletzt hat (BGE 112
V 103 E. 2c, 102 V 245 mit Hinweisen). Andererseits kann sich der
Rückerstattungspflichtige auf den guten Glauben berufen, wenn sein fehlerhaftes
Verhalten nur eine leichte Verletzung der Sorgfalts- und Aufmerksamkeitspflicht
darstellt (BGE 112 V 103 E. 2c, 110 V 180 E. 3c). Grobe Fahrlässigkeit liegt vor, wenn
jemand das ausser Acht lässt, was jedem verständigen Menschen in gleicher Lage und
unter gleichen Umständen als beachtlich hätte einleuchten müssen (BGE 110 V 176 E.
3d; ZAK 1985, 63).
3.
3.1 Im vorliegenden Fall ist unbestritten, dass der Tatbestand der wesentlichen
Änderung des für den Ansatz der Hilflosenentschädigung massgebenden
Aufenthaltsortes gemäss Art. 77 IVV erfüllt ist und dem Vater als gesetzlichem Vertreter
der Beschwerdeführerin damit eine entsprechende Meldepflicht an die IV-Stelle zukam.
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Am 31. Dezember 2010 ging bei der Sozialversicherungsanstalt des Kantons St. Gallen
bzw. der EL-Durchführungsstelle das von der Stiftung D._ und den Eltern der
Beschwerdeführerin unterzeichnete Formular "Interkantonale Vereinbarung für soziale
Einrichtungen (IVSE), Verbindungsstelle des Kantons St. Gallen" ein, woraus
hervorgeht, dass die Beschwerdeführerin ab 1. Januar 2011 im Heim bzw. in der
Stiftung D._ wohnhaft sein werde und womit um entsprechende
Kostenübernahmegarantie ersucht wurde (act. G 7.2/17). Gemäss Akten hat die für die
Bemessung der Hilflosigkeit zuständige IV-Stelle (vgl. Art. 57 Abs. 1 lit. f des
Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung [IVG; SR 831.20]) vom Heimeintritt der
Beschwerdeführerin erst am 28. Dezember 2011 durch die EL-Durchführungsstelle
erfahren (vgl. act. G 7.2/7).
3.2 Die Frage, ob mit der Meldung des Heimeintritts an die Sozialversicherungsanstalt
bzw. die EL-Durchführungsstelle im Dezember 2010 der Meldepflicht genüge getan ist
und - wie vom Vater der Beschwerdeführerin argumentiert - aus der mit Art. 11 Abs. 3
des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege (VRP; sGS 951.1) bzw. Art. 31 Abs. 2
ATSG einhergehenden Ausweitung des Kreises der meldepflichtigen Personen und
Stellen Folgerungen für das Bestehen der sonstigen Meldepflichten gezogen werden
können, kann angesichts der nachfolgenden Erwägung 3.3 offen gelassen werden.
3.3 Selbst wenn der Heimeintritt sofort der IV-Stelle mitgeteilt worden wäre und
insofern keine Meldepflichtverletzung vorliegen würde, könnte im konkreten Fall nicht
auf einen im juristischen Sinn gutgläubigen Leistungsbezug geschlossen werden. Zwar
ist in der Verfügung für die Ergänzungsleistung vom 18. Februar 2011 der Heimeintritt
ab 1. Januar 2011 festgehalten, doch wurde in der Berechnung der Ansatz für die
Hilflosenentschädigung bei Aufenthalt zu Hause eingesetzt (act. G 7.2/15 f.).
Unbestrittenermassen wurde der Beschwerdeführerin weiterhin auch der höhere
Hilflosenentschädigungsansatz bei Aufenthalt zu Hause ausgerichtet. Eine Berufung
auf Rechtsunkenntnis betreffend Höhe der Hilflosenentschädigung fällt ausser
Betracht. Der Vater der Beschwerdeführerin wurde in der Verfügung der IV-Stelle bzw.
der Sozialversicherungsanstalt vom 4. Juli 2007 ausdrücklich auf die monatlichen
Ansätze für die Hilflosenentschädigung bei Aufenthalt im Heim und zu Hause bzw. auf
deren unterschiedliche Höhe aufmerksam gemacht, womit der wesentliche Einfluss des
Heimeintritts auf die Höhe der Hilflosenentschädigung für ihn offenkundig sein musste
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(act. G 7.1/21 f.). Dies umso mehr, als die Stiftung D._ den Eltern der
Beschwerdeführerin auch nur den tieferen Hilflosenentschädigungsansatz bei
Aufenthalt im Heim in Rechnung gestellt hat (vgl. act. G 7.2/13: Fr. 19.05 pro
Aufenthaltstag, was bei 365 Tagen im Jahr einen monatlichen Betrag von Fr. 580.--
ergibt). Nachdem die Änderungsmeldung an die Sozialversicherungsanstalt durch den
Vater der Beschwerdeführerin erfolgt war und er bei gebührender Sorgfalt hätte
erkennen müssen, dass die Anpassung der laufenden Hilflosenentschädigung auf den
halbierten Ansatz bei Aufenthalt im Heim offensichtlich unterblieben war, hätte es im
Rahmen des gutgläubigen Leistungsbezugs zur Pflicht sowohl des EL-Bezügers als
auch des Hilflosenentschädigungsbezügers gehört, nachzufragen, warum weder die
EL-Durchführungsstelle noch die IV-Stelle mit einer Revisionsverfügung auf die
Änderungsmeldung reagiert bzw. die Meldung des Heimeintritts nicht die aus dem
Wortlaut der Hilflosenentschädigungsverfügung vom 4. Juli 2007 erkennbare Wirkung
ausgelöst habe. Diese Unterlassung stellt eine grobe Verletzung der Sorgfaltspflicht
dar, sodass der gutgläubige Leistungsbezug zu verneinen ist. Die wahrheitsgetreue
Deklarierung der Hilflosenentschädigung von Fr. 13'920.-- im Formular betreffend
periodische Überprüfung der Ergänzungsleistungen vom 13. Juni 2011 (act. G 7.2/9)
vermag an dieser Beurteilung nichts zu ändern.
3.4 Unter diesen Umständen erübrigt sich die Prüfung der grossen Härte. Der Erlass
der Rückforderung kann nicht gewährt werden.
4.
4.1 Aufgrund der vorangegangenen Erwägungen ist Beschwerde gegen den
Einspracheentscheid vom 29. Februar 2012 abzuweisen.
4.2 Die Verfahrenskostenpflicht gemäss Art. 69 Abs. 1 IVG findet hier keine
Anwendung, da der vorliegende Entscheid weder die Bewilligung noch die
Verweigerung von IV-Leistungen betrifft (vgl. Urteil des Versicherungsgerichts St.
Gallen vom 23. Januar 2013, IV 2011, E. 3.2). Deshalb ist das vorliegende Verfahren in
Nachachtung von Art. 61 lit. a ATSG kostenlos.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39