Decision ID: 8c646a86-5cac-45a3-a0b7-80cdef940467
Year: 2021
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
1.1
X._
, geboren 1994 und Mutter eines K
indes (Jahrgang 2019
)
,
war zuletzt vom
9.
August 2013
bis
3
1.
Juli 2015
als
Coiffeuse
tätig
, wobei der letzte Arbeits
tag am 2
3.
Juni 2015 war (
Urk.
7/12/1
Ziff.
2.2,
Urk.
7/12/11
,
Urk.
7/35/5
)
. Unter Hinweis auf Rückenschmerzen meldete sie sich erstmals am
1.
Juli 2015 bei der Invalidenversicherung zum Leistungsbezug an (
Urk.
7/4
Ziff.
6.3). Die Sozialver
sicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, klärte die medizinische und erwerbliche Situation ab und
teilte der Versicherten am
2.
März 2016 mit, dass kein Anspruch auf berufliche Massnahmen bestehe, da sie
nach Durchführung
eines
medizinischen Eingriff
s
zur Behandlung ihrer Beschwerden
die Wieder
auf
nahme
ihre
r
angestammte
n
Tätigkeit als Coiffeuse
plane
(
Urk.
7/23)
. Nach ergan
genem Vorbescheid (
Urk.
7/28) verneinte die IV-Stelle mit Verfügung vom
2.
Mai 2016 einen Rentenanspruch (
Urk.
7/29).
1.2
Am 1
0.
August 2016 meldete sich die Versicherte unter Hinweis auf Nacken- und Schulterbeschwerden erneut bei der Invalidenversicherung zum Leistungsbezug an (
Urk.
7/31
Ziff.
6.1).
Nach weiteren medizinischen und erwerblichen Abklä
rungen gewährte die IV-Stelle mit Verfügung vom 2
8.
November 2016 Kosten
gutsprache für eine Umschulung zur Erlangung des Bürofachdiploms an der
Z._
vom 2
3.
Januar bis 3
1.
Juli 2017 (
Urk.
7/49) sowie
mit Verfü
gung vom 1
4.
August 2017 Kostengutsprache für ein
e Potenzialabklärung bei der
A._
-
Stiftung vom 2
1.
August bis 1
5.
September 2017 (
Urk.
7/68).
Mit Mitteilung vom 2
0.
Februar 2018
(
Urk.
7/85)
und vom
3.
Oktober 2018 (
Urk.
7/102) wurde
sodann
Kostengutsprache für ein Aufbautraining bei der
B._
AG vom
5.
März bis
4.
September 2018 respektive vom
8.
Oktober 2018 bis
7.
April 2019 gewährt. Am 2
7.
Dezember 2018 teilte die IV-Stelle
der Versicherten
mit, dass sie im Rahmen einer beruflichen Ausbildung die Kosten für die Ausbildung zur Elite
Make
Up
Artistin
an der
Schule C._
übernehmen werde (
Urk.
7/114). Mit Mitteilung vom 1
0.
April 2019
gewährte sie
ferner
Kostengutsprache für eine
Vorbereitungsmassnahme bei der
A._
-Stiftung vom
8.
April bis
7.
Oktober 2019 (
Urk.
7/119), welche gemäss Mitteilung vom
4.
September 2019
aufgrund der Schwangerschaft der Versicherten
vorzeitig
abgebrochen
wurde
(
Urk.
7/128).
Nach durchgeführtem Vorbescheidverfahren (
Urk.
7/150,
Urk.
7/151,
Urk.
7/154)
verneinte die IV-Stelle mit Verfügung vom 1
3.
August 2020 einen Rentenan
spruch
(
Urk.
7/156 =
Urk.
2).
2.
Die Versicherte erhob am 1
5.
September 2020 Beschwerde gegen die Verfügung vom 1
3.
August 2020 (
Urk.
2) und beantragte, diese sei aufzuheben und es sei die Beschwerdegegnerin zu verpflichten, ihr rückwirkend ab
1.
August 2019 mindes
tens eine halbe Rente zuzusprechen
. Eventuell sei die Sache an die Beschwer
de
gegnerin zwecks ergänzender Abklärung des medizinischen Sachverhalts mittels polydisziplinärem Gutachten zurückzuweisen (
Urk.
1 S. 2
Ziff.
1-2). Die IV-Stelle beantragte mit Beschwerdeantwort vom 2
7.
Oktober 2020 die Ab
weisung der Be
schwerde (
Urk.
6), was der Beschwerdeführerin am
3.
November 2020 zur Kennt
nis gebracht wurde (
Urk.
8).
Mit Gerichtsverfügung vom
7.
Januar 2021 holte das Gericht bei der
Klinik D._
einen ärztlichen Bericht ein (
Urk.
9), welcher
am
1
8.
Januar 2021 erstattet
(vgl.
Urk.
13,
Urk.
14
) und den Parteien am
9.
Febru
a
r 2021 zur Kenntnisnahme zugestellt wurde (
Urk.
15).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1
des Bundesgesetzes über den Allge
meinen Teil des
Sozialversicherungsrechts, ATSG
). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kom
menden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der ge
sundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.2
Anspruch auf eine Rente haben gemäss
Art.
28
Abs.
1
des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG)
Versicherte, die:
a.
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betä
tigen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen
wieder herstellen
, erhalten oder verbessern können;
b.
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindes
tens 40 % arbeitsunfähig (
Art.
6 ATSG) gewesen sind; und
c.
nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (
Art.
8 ATSG) sind.
Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % besteht Anspruch auf eine Vier
telsrente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 % auf eine Dreiviertelsrente und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 % auf eine ganze Rente (
Art.
28
Abs.
2 IVG).
1.3
Mit BGE 143 V 418 entschied das Bundesgericht, dass grundsätzlich sämtliche psychischen Erkrankungen für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit einem struk
tu
rierten Beweisverfahren nach BGE 141 V 281 zu unterziehen sind (E. 6 und 7, Änderung der Rechtsprechung; vgl. BGE 143 V 409 E. 4.5.2 speziell mit Bezug auf leichte bis mittelschwere Depressionen).
Das strukturierte Beweisverfahren definiert systematisierte Indikatoren, die es
–
unter Berücksichtigung leistungshindernder äusserer Belastungsfaktoren einer
seits und von Kompensationspotentialen (Ressourcen) andererseits
–
erlauben, das tatsächlich erreichbare Leistungsvermögen einzuschätzen (BGE 141 V 281 E. 2, E. 3.4-3.6 und 4.1; vgl. statt vieler: Urteil des Bundesgerichts 9C_590/2017 vom 15.
Februar 2018 E. 5.1). Die Anerkennung eines rentenbegründenden Inva
li
di
tätsgrades ist nur zulässig, wenn die funktionellen Auswirkungen der medizi
nisch festgestellten gesundheitlichen Anspruchsgrundlage im Einzelfall anhand der Standardindikatoren schlüssig und widerspruchsfrei mit (zumindest) überwie
gender Wahrscheinlichkeit nachgewiesen sind. Fehlt es an diesem Nachweis, hat die materiell beweisbelastete versicherte Person die Folgen der Beweislosigkeit zu tragen (BGE 141 V 281 E. 6; vgl. BGE 144 V 50 E. 4.3).
Diese Rechtsprechung ist auf alle im Zeitpunkt der Praxisänderung noch nicht erledigten Fälle anzuwenden (Urteil des Bundesgerichts 9C_580/2017 vom 16. Januar 2018 E. 3.1 mit Hinweisen).
1.4
Die für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit bei psychischen Erkrankungen im Regelfall beachtlichen Standardindikatoren (BGE 143 V 418, 143 V 409, 141 V 281) hat das Bundesgericht wie folgt systematisiert (BGE 141 V 281 E. 4.3.1):
-
Kategorie «funktioneller Schweregrad» (E. 4.3)
-
Komplex «Gesundheitsschädigung» (E. 4.3.1)
-
Ausprägung der diagnoserelevanten Befunde (E. 4.3.1.1)
-
Behandlungs- und Eingliederungserfolg oder -resistenz (E. 4.3.1.2)
-
Komorbiditäten (E. 4.3.1.3)
-
Komplex «Persönlichkeit» (Persönlichkeitsdiagnostik, persönliche Res
sourcen, E. 4.3.2)
-
Komplex «Sozialer Kontext» (E. 4.3.3)
-
Kategorie «Konsistenz» (Gesichtspunkte des Verhaltens, E. 4.4)
-
gleichmässige Einschränkung des Aktivitätenniveaus in allen vergleich
baren Lebensbereichen (E. 4.4.1)
-
behandlungs- und eingliederungsanamnestisch ausgewiesener Leidens
druck (E. 4.4.2)
Beweisrechtlich entscheidend ist der verhaltensbezogene Aspekt der Konsistenz (BGE 141 V 281 E. 4.4; vgl. Urteil des Bundesgerichts 8C_604/2017 vom 1
5.
März 2018 E. 7.4).
1.5
Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung (und im Be
schwerdefall das Gericht) auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und gegebe
nenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 256 E. 4). Im Weiteren sind die ärztlichen Auskünfte eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche Arbeitsleistungen der versicherten Person noch zugemutet werden können (BGE 125 V 256 E. 4 mit Hinweisen; AHI 2002 S. 70 E. 4b/cc).
1.6
Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob dieser für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schluss
folgerungen der Experten begründet sind (BGE 134 V 231 E. 5.1, 125 V 351 E. 3a mit Hinweis).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin ging in der angefochtenen Verfügung (
Urk.
2) davon
aus,
die Beschwerdeführerin sei aufgrund eines Überlastungssyndroms der rechte
n Schulter seit
5.
Juni 2015 in ihrer Arbeitsfähigkeit eingeschränkt (S. 1). Für die angestammte Tätigkeit als Coiffeuse bestehe aus ärztlicher Sicht eine restliche Arbeitsfähigkeit von 50
%
. In einer anderen, körperlich leichten und wechsel
be
lastenden Tätigkeit bestehe jedoch eine volle Arbeitsfähigkeit. Höhere Arbeits
un
fähigkeiten im Zusammenhang mit den
Hospitalisationen
und akutmedizi
ni
schen Behandlungen seien nicht langandauernd und könnten invalidenversiche
rungs
rechtlich nicht berücksichtigt werden. Unter Berücksichtigung der neuen Anstel
lung ergebe der Einkommensvergleich ein
en
Invaliditätsgrad von 13
%
, womit
kein Anspruch auf eine Invalidenrente bestehe
(S. 2). Ferner seien nie psychia
trische Diagnosen gestellt worden und die Beschwerdeführerin sei auch nie in regelmässiger psychiatrischer Behandlung gewesen. Im Rahmen der geklagten Schulter-Nacken-Beschwerden sei zudem kein
pathomorphologisches
Korrelat gefunden worden (S. 3).
2.2
Demgegenüber wandte die Beschwerdeführerin im Wesentlichen ein (
Urk.
1),
sie stehe
wegen ihrer psychischen Beschwerden mit Krankheitswert wieder in der
Klinik D._
in regelmässiger psychiatrischer Behandlung (S. 5
Ziff.
11). Der Aktenbeurteilung durch den RAD, welcher keine eigenen Untersuchu
ngen vorausgegangen seien, könn
e nicht gefolgt w
erden. Insbesondere fehle
die Be
rücksichtigung des aktenkundigen Arztberichts der behandelnden Hausärztin
Dr.
E._
vom 2
0.
Januar 2020 und der von ihr attestierten 100%igen Arbeits
unfähigkeit in der angestammten Tätigkeit als Coiffeuse sowie einer zirka 50%igen
Restarbeitsfähigkeit (S. 6
Ziff.
13). Es werde bestritt
en, dass die Beurteilung der
A._
-
Stiftung vom 1
5.
September 2017 sowie vom 2
7.
August 2019 «jeglicher medizinischen G
rundlage» entbehre, wie vom RAD
-Arzt behauptet worden sei.
Dass die angestammte Tätigkeit als Coiffeuse zu 50
%
möglich sei, werde auf
grund
der medizinischen Akten und gescheiterten Arbeitsversuche bestritten (S.
7
Ziff.
14
)
. Die Beschwerdegegnerin habe sich demnach auf eine unvollständige und somit offensichtlich falsche Sachverhaltsfeststellung gestützt. Aufgrund der medizinischen Akten und insbesonder
e auch der Beurteilungen der
A._
-
Stiftung und der
B._
AG über einen Längsschnitt von total 16 Monaten hätten sich weitere Abklärungen aufgedrängt, da sich ihr Gesundheitszustand seit dem Auf
bautraining in der
B._
AG offensichtlich nicht verbessert habe (S. 8
Ziff.
15).
Entsprechend der von den behandelnden Ärzten attestierten 50%igen Arbeits
fähigkeit in angepasster Tätigkeit habe sie rückwirkend ab
1.
August 2019 An
spruch auf eine halbe Invalidenrente (S. 8
Ziff.
16).
2.3
Die Beschwerdeführerin reichte bereits im
Juli 2015 bei der Invalidenversicherung
ein Leistungsbegehren ein. In ihrer Mitteilung vom
2.
März 2016 (
Urk.
7/23) hielt die IV-Stelle fest, dass berufliche Massnahmen nicht notwendig seien, da die Versicherte eine
Magenverkleinerung
zur Behandlung ihrer Rückenbeschwerden plane. Anschliessend wolle sie wieder ihren angestammten Beruf als Coiffeuse aufnehmen und später eine selbständige Tätigkeit aufbauen (vgl.
Urk.
7/42 S. 1, S. 4). Die Abweisung eines Rentenanspruchs mit Verfügung vom
2.
Mai
2016 (
Urk.
7/2
9
) begründete die IV-Stelle
schliesslich damit, dass gemäss
Randziffer (Rz) 9002 des
Kreisschreiben
s
über Invalidität und Hilflosigkeit in der IV (KSIH
)
ein Rentenanspruch erst nach Beendigung der Eingliederungsmassnahmen ent
stehen könn
e. Da die
Versicherte sich indes gegen die angebotenen Eing
liede
rungsmassnahmen entschieden habe,
sei kein Rentenanspruch entstanden (S. 2).
Im
Hinblick auf den geplanten medizinische
n Eingriff verzichtete die Beschwer
deführerin
freiwillig auf weitere Leistungen de
r Invalidenversicherung, was einer Abmeldung vom Leistungsbezug gleichkommt.
Die
Verfügung vom
2.
Mai
2016
beruhte somit
nicht auf einer vollumfänglichen materiellen Prüfung des Renten
anspruchs mit rechtskonformer Sachverhaltsabklärung, Beweiswürdigung und Durchführung eines Einkommensvergleichs. Vor diesem Hintergrund ist das erneute Leistungsgesuch vom 1
0.
August 2016 (
Urk.
7/31) nicht als Neuan
mel
dung im Sinne von
Art.
87
Abs.
3
der Verordnung über die Invalidenversicherung (IVV)
, sondern wie eine erstmalige Anmeldung zu behandeln. Entsprechend hat die Frage der Veränderung des Gesundheitszustandes
vorliegend
ausser Acht zu bleiben (vgl. sinngemäss Urteil des Bundesgerichts 8C_876/2017 vom 1
5.
Mai 2018 E. 4.1 mit weiteren Hinweisen).
Streitig und zu prüfen ist, ob die B
eschwerdeführerin Anspruch auf eine Inva
lidenrente hat
und ob diesbezüglich der medizinische Sachverhalt rechtsge
nüg
lich abgeklärt worden ist.
3
.
3
.1
Dr.
med.
F._
, Facharzt für Allgemeine Innere Medizin und für Rheu
matologie, nannte in seinem Bericht vom 1
3.
September 2016 (7/38) die folgende Diagnose:
-
cervicospondylogenes
Schmerzsyndrom
-
Haltungsinsuffizienz,
Kopfprotraktion
, ungenügende Scapula-Stabili
sation
Bei der Patientin bestünden mechanisch-bedingte Nackenschmerzen im Sinne eines
cervicospondylogenes
Schmerzsyndroms, ohne Hinweise für eine entzünd
liche Genese. Als die Belastungstoleranz der Wirbelsäule herabsetzende
Faktoren liessen
sich eine Haltungsinsuffizienz mit
Kopfprotraktion
und ungenügender muskulärer Stabilisationsfähigkeit der Scapula (
Rhomboideusmuskulatur
)
finden
. Zeichen für eine radikuläre Reiz- oder sensomotorische Ausfallsymptomatik seien nicht erkennbar. Vorläufig bestehe eine
100%ige
Arbeitsunfähigkeit als Coiffeuse.
3
.2
Die Ärzte des
Rehaz
entrums
G._
berichteten am 3
0.
November 2017
über den stationären Aufenthalt vom
5.
Oktober bis
1.
November
2017 (
Urk.
7/82) und nannten die folgenden Diagnosen (S. 1):
-
c
ervicospondylogenes
Schmerzsyndrom
-
Haltungsinsuffizienz,
Kopfp
rotraktion
, ungenügende Scapula-
Stabili
sation
-
bildgebend keine wesentlichen pathologischen, strukturellen Befunde der HWS
-
MRI HWS vom
7.
Dezember 2015: Keine degenerativen oder entzünd
lichen Veränderungen an der HWS. Keine Diskushernien. Keine Steno
sen.
-
MRI HWS vom 2
2.
Januar 2017: Keine Diskushernie. Keine Stenosen. Unauffällige Facettengelenke. Keine Hinweise auf eine entzündliche Spondylarthritis
-
Status nach
Nephrolithiasis
rechts 2016
Die vordokumentierten herabsetzenden Faktoren für die Belastungstoleranz seien eine Haltungsinsuffizienz mit
Kopfprotraktion
und ungenügender muskulärer
Stabilisationsfähgikeit
. Zusätzlich sei zu erwähnen, dass die
Scores
für angstbe
zogenes Vermeidungsverhalten sowie Depression und Angst bei Eintritt erhöht gewesen seien. Zum Austritt hin habe eine Verbesserung des
Scores
für depressive Symptome relevant erreicht werden können. Damit sei ihres Erachtens die Indi
kation für eine weiterzuführende interdisziplinäre, ambulante Therapie gegeben. Die Prognose für
eine
berufliche Reintegration erscheine anhand der Arbeits
un
fähigkeit seit 2015 und den abgebrochenen Reintegrationsversuchen, der unver
änderten Schmerzintensität mit stark erhöhten
Scores
für angstbezogene
s
Ver
mei
dungsverhalten ungünstig (S. 3).
3
.3
Die Integrationsmanagerin der
B._
AG hielt im Abschlussbericht über das Aufbautraining vom
8.
Oktober 2018 bis
7.
April 2019 (
Urk.
7/121) fest, dass eine Präsenz von 6 Stunden täglich habe erreicht werden können, auch wenn diese noch Schwankungen unterlegen habe. Bei einer
anschliessenden
Tätigkeit
werde
daher zu Beginn die gleiche Präsenz mit der Möglichkeit zur Steigerung emp
fohlen. Im Aufbautraining habe eine Leistungsfähigkeit um die 50
%
erreicht werden können. Um die noch schwankende Belastbarkeit und Instabilität weiter zu stabilisieren, werde vor einem Einsatz im ersten Arbeitsmarkt eine berufsprak
tische Vorbereitung empfohlen, bevor ein Unterbruch aufgrund der Geburt
des
Kindes
der Versicherten
anstehe. Mit dieser Massnahme sei voraussichtlich eine Leistungsfähigkeit von 50-80
%
zu erreichen
(S. 2-3
Ziff.
8).
Die Versicherte habe in Bezug auf ihre Gesundheit über Tage berichtet, an
welche
n sie nach wie vor erhöhte Schmerzen (Rücken, Nacken, Schulter) verspürt habe und daher in ihrer Konzentrationsleistung eingeschränkt gewesen sei
und
eine erhöhte Müdigkeit empfunden habe. Des Weiteren habe sie an erhöhter Müdigkeit, Übelkeit und Magenbeschwerden als Folge der Magenoperation vom September 2018 gelitten. Per Februar 2019 habe sie zudem erfahren, dass sie im September ein Kind
erwarte. Die eingeschränkte gesundheitliche Situation und die damit verbun
de
nen Beschwerden hätten dazu geführt, dass sie sich relativ häufig vom Training habe abmelden müssen. Sie habe weiterhin regelmässig die Psychotherapie bei Frau
H._
besucht (S. 3-4
Ziff.
10).
3
.4
Im Abschlussbericht der Integrationsmanagerin der
A._
-Stiftung vom 2
7.
August 2019 über die berufspraktische Vorbereitung vom
8.
April bis
7.
Oktober respek
tive
bis
zum Zeitpunkt des Abbruchs per 1
9.
August 2019 (
Urk.
7/126)
wurde
von einer 60-80%igen Leistungsfähigkeit innerhalb der empfohlenen Präsenz von 30
%
ausgegangen. Die
Praxistätigkeit
sei
aufgrund der Nacken- und Rücken
schmerzen sowie der fortgeschrittenen Schwangerschaft
per 2
5.
Juni 2019
seitens der Versicherten und des Arb
eitgebers abgebrochen worden
(S.
1-
2
Ziff.
6). Die
Psychotherapie sei in Absprache mit dem Therapeuten weitergeführt worden (S. 2
Ziff.
7). Nicht nur hinsichtlich der Präsenz, sondern auch hinsichtlich der Leis
tungsfähigkeit habe sie sich während der Massnahme deutlich eingeschränkt ge
zeigt. Die Schultage
der Weiterbildung
habe sie jeweils zuverlässig wahrgenom
men und die Prüfung in Theorie und Praxis bestanden
. In der Praxistätigkeit habe sie sich geschickt und kundenorientiert gezeigt, habe jedoch von Beginn an über Schmerzen sowie weiterhin über Müdigkeit und Schwindel geklagt. Da sie vor
wiegend frisiert und geföhnt habe, hätten sich die Schmerzen zunehmend ver
schlimmert. Es sei jedoch schwierig zu beurteilen gewesen, welchen Anteil die Schwangerschaft an der eingeschränkten Arbeitsfähigkeit gehabt habe. Beim Schminken habe sie angegeben, keine Einschränkungen bemerkt zu haben. Ab dem
3.
Juni
2019
sei sie zu 50
%
und ab dem 2
5.
Juni
2019
zu 100
%
krankge
schrieben worden
. Sie selbst habe sich, unabhängig von der Schwangerschaft, als zu 30
%
ar
beitsfähig eingeschätzt. Auffällig seien die starken Schmerzen bei den Handlungsabläufen als Coiffeuse gewesen. Eine solche Tätigkeit dürfte auch zukünftig nicht in Frage kommen
.
Offen bleibe, inwiefern sie als Make-Up-Artist
ohne die Belastung der
Coiffeurarbeiten
und der Schwangerschaft
beschwerdefrei arbeiten könnte (S
.
3-4
Ziff.
9).
3
.
5
Am
4.
September 2019 nahm RAD-Arzt
Dr.
med.
I._
, Facharzt für
Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des Bewegungsapparates
,
Stellung
zu den Eingliederungsmassnahmen respektive zum Belastbarkeitsprofil (
Urk.
7
/127). Bei der Versicherten liege eine erhebliche Dekonditionierung der den Rumpf und Kopf stabilisierenden Muskulatur vor, ohne dass wesentliche
patho
mor
phologische
Veränderungen nachweisbar seien. Monotone Körperhaltungen sollten vermieden werden. Sinnvoll sei eine körperlich leichte wechselbelastende
Tätigkeit, ohne Arbeiten auf Leitern und Gerüsten, ohne häufige wirbelsäulen
belastende Zwangshaltungen und Tätigkeiten (Bücken, Hocken, Kauern, Knien, Überkopfarbeit, Arbeiten in weiter Armvorhalte). Eine überwiegend stehende Tätigkeit sei nicht sinnvoll (S. 1).
3
.6
Dr.
F._
(vorstehend E. 3.1
) nannte in seinem Bericht vom
4.
Dezember 2019 (
Urk.
7/134/7-8) die folgenden Diagnosen (S. 1):
-
cervicospondylogenes
Schmerzsyndrom
-
Haltungsinsuffizienz,
Kopfprotraktion
, ungenügende Scapula-Stabili
sation
-
bildgebend keine wesentlichen pathologischen, strukturellen Befunde der HWS (MRI 2015/2017)
-
Status nach bariatrischem Eingriff September 2018
-
Status nach HWS-Distorsion 1999 bei Status nach Autounfall
-
Status nach
Nephrolithiasis
2016
Die Patientin zeige seit Jahren ein
cervicospondylogenes
Schmerzsyndrom, welches er auf eine mechanisch-statische Genese zurückführe. Hierzu fänden sich als die Belastungstoleranz herabsetzende Faktoren eine Haltungsinsuffizienz mit
Kopfprotraktion
und ungenügender muskulärer Stabilisationsfähigkeit. Zeichen einer radikulären Reiz- oder sensomotorischen Ausfallssymptomatik seien nie zu erkennen gewesen. Auch von struktureller Seite seien bildgebend keine wesent
lichen pathologischen Befunde festzustellen (MRI 2015/2017; S. 1). Die Tätigkeit als Coiffeuse sei als ungünstig betrachtet worden und das Vermeiden dieser Arbeit habe jeweils zu einer Beschwerdeminderung geführt. Gemäss Schilderung der Patientin sei sie im Juni 2019 wieder als Coiffeuse während 3-4 Stunden pro Tag tätig gewesen, was dann wieder zu einer Beschwerdezunahme geführt habe. Aufgrund der Erfahrungen über die Jahre sei die Tätigkeit als Coiffeuse auf Dauer nicht zu empfehlen (S. 2).
3
.7
Dr.
med.
E._
, Fachärztin für
Allgemeine Innere Medizin
,
nannte
in ihrem Bericht
vom 2
0.
Januar 2020 (
Urk.
7/145/2-7
)
die folgenden Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit (
Ziff.
2.5):
-
Cervikobrachialgie
mi
t funktioneller Überlastung Sup
ra
-
/
Infraspinatus
sehne
Schulter rechts
-
MRI HWS vom Dezember 2015: Keine degenerativen oder ent
zünd
lichen Veränderungen an der HWS, keine Diskushernien, keine Stenose
-
MRI HWS vom Januar 2017: Keine Diskushernien, keine Stenosen, unauffällige Facettengelenke, keine entzündliche Spondylarthritis
-
Haltungsinsuffizienz,
Kopfprotraktion
, ungenügende Scapula Stabili
sation
-
Langzeitarbeitslosigkeit wegen Krankheit/Schmerzen, aktuell in IV-Programm
-
Status nach Autounfall 1999
, Status nach Sturz auf Rücken 2013
-
Migräne
-
Hochrisikoschwangerschaft
-
Geburt der Tochter am
1.
September 2019
Die Arbeitsfähigkeit als Coiffeuse sei (leider) zu 100
%
nicht mehr möglich (
Ziff.
2.7). Die Schmerzen träten im Nacken,
in
den Schultern beziehungsweise
der
BWS schon nach wenigen Minuten auf. Bei einer Überlastung komme es zu einem Rückfall für mehrere
Tage sowie
starke
r
Migräne. Sie könne die Arme nicht über 90 Grad heben und es seien keine Überkopfarbeiten möglich (
Ziff.
3.4) Die bisherige Tätigkeit als Coiffeuse sei nicht mehr zumutbar, die Tätigkeit als Make-Up-Artistin sei ebenfalls grenzwertig (
Ziff.
4.1). Eine dem Leiden angepasste Tätigkeit sei zirka 4 Stunden pro Tag möglich (
Ziff.
4.2).
3
.8
RAD-Arzt
Dr.
I._
(vorstehend E. 3.5
) nahm am 1
2.
März 2020
Stellung zum medizinischen Sachverhalt (
Urk.
7/149/4-5) und nannte eine
Cervicobrachialgie
mit funktioneller Überlastung der Supra-/
Infraspinatussehne
der rechten Schulter
als Diagnose mit dauerhafter Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit
. In Bezug auf die bisherige Tätigkeit als Coiffeuse erachtete er eine ganztägige Tätigkeit direkt am Kunden als zu sehr die rechte Schulter belastend. Das Belastungsprofil bein
halte leichte wechselbelastende Tätigkeiten, ohne Arbeiten auf Leitern und Gerüs
ten, ohne die rechte Schulter belastende Zwangshaltungen und Tätigkeiten (län
ge
res Arbeiten in weiter Armvorhalte, Tätigkeit oberhalb der Schulterhorizon
ta
len, repetitive Rotationsbewegungen). In der bi
sherigen Tätigkeit habe vom
3.
Mai bis 1
8.
August 2019 eine 50%ige
und vom
1
9.
August bis
3.
September 2019
(Geburt der Tochter am
1.
September 2019) eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit bestanden. Nach Ende des Mutterschaftsurlaubs sei wieder von einer Arbeitsfähigkeit von 50
%
als Coiffeuse auszugehen. Die Arbeitsunfähigkeit in angepasster Tätigkeit
gemäss Belastungsprofil betrage 0
%
, mit Ausnahme der kürzeren, höheren Arbe
itsunfähigkeitszeiten im Zusammenhang mit den
Hospitalisationen
und akutmedizinischen Behandlungen (S. 4). Eine wesentliche Änderung des Gesund
heitszustands sei nicht zu erwarten und es sei nicht davon auszugehen, dass weitere medizinische Massnahmen zu einer relevanten Reduktion der Arbeitsun
fähigkeit führten (S. 5 oben). Die Beurteilung der
A._
-Stiftung entbehre hinsicht
lich der Arbeits- und Leistungsfähigkeit jeglic
her medizinischen Grundlage und es
gebe keine objektivierbaren medizinischen Befunde, welche
diese
plausi
bili
sieren könnten (S. 5 unten).
In seiner Stellungnahme vom 1
5.
Juli 2020 (
Urk.
7/155 S. 3) führte
er des Weiteren
aus, im Bericht der Ärzte des
Rehazentrums
G._
vom Nov
ember 2017 (vgl. vorstehend E. 3.2
) würden keine Diagnosen oder Befunde aus dem psychiatrischen Formenkreis genannt. Fachspezifische ärztliche Berichte zur ps
ychischen Situation lägen nicht vor. Im Rahmen der geklagten Schulter-Nacken-Beschwerden sei kein
pathomorphologisches
Korrelat gefunden worden (keine degenerativen oder entzündlichen Veränderungen der HWS, keine Diskus
hernien, keine Stenose, unauffällige Facettengelenke). Die weiteren Diagnosen bedingten keine länger dauernde Arbeitsunfähigkeit.
Dr.
E._
(vgl. vorstehend E. 3.7
) gebe eine fachfremde Beurteilung des Gesundheitszustands ab und beur
teile die Arbeitsfähigkeit vor dem Hintergrund, dass ihre Patientin einen vier Monate alten Säugling zu versorgen habe. Den Beurteilungskriterien einer Haus
ärztin möge das entsprechen, aus versicherungsmedizinischer Sicht könne dem nicht zugestimmt werden.
4.
4.
1
Die Beschwerdeführerin machte geltend, dass sie wegen ihrer psychischen Be
schwerden mit Krankheitswert in der
Klinik D._
in regelmässiger psy
chiatrischer Behandlung stehe (vgl.
Urk.
1 S. 5
Ziff.
11). Nach Ersuchen des Gerichts (
Urk.
9) reichten die Fachpersonen
der
D._
am 1
8.
Januar 2021
(
Urk.
13)
einen Bericht vom 2
8.
Septem
ber 2020
ein (
Urk.
14).
Für die Beurteilung der Gesetzmässigkeit der angefochtenen Verfügung oder des Einspracheentscheides ist für das Sozialversicherungsgericht in der Regel der
Sachverhalt massgebend, der zur Zeit des Erlasses des angefochtenen Verwal
tungs
aktes
gegeben war. Tatsachen, die jenen Sachverhalt seither verändert haben, sollen im Normalfall Gegenstand einer neuen Verwaltungsverfügung bilden (BGE
130 V 138 E. 2.1 mit Hinweis). Sie können indessen, unter Wahrung des recht
lichen Gehörs, berücksichtigt werden, wenn sie kurze Zeit nach dem Erlass des angefochtenen Entscheids eingetreten sind, sich ihre Beachtung aus prozess
ökonomischen Gründen unbedingt aufdrängt und sie hinreichend klar feststehen (BGE 105 V 156 E. 2d; ZAK 1984 S. 349 E. 1b). Dies ist der Fall, wenn sie mit dem Streitgegenstand in engem Sachzusammenhang stehen und geeignet sind, die Beurteilung im Zeitpunkt des
Entscheiderlasses
zu beeinflussen (BGE 99 V 98 E. 4 mit Hinweisen).
Diese Vorau
ssetzungen sind hinsichtlich des genannten Berichts
erfüllt, weshalb
dieser
zu berücksichtigen ist
.
4.2
Die Fachpersonen der
Klinik D._
nannten
in ihrem Bericht vom 2
8.
September 2020 über die gleichentags erfolgte erst
malige Untersuchung (
Urk.
14) die folgenden Diagnosen (S. 1 Mitte):
-
chronische Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Faktoren (ICD-10 F45.41)
-
andauernde Persönlichkeitsänderung bei chronischem Schmerzsyndrom (ICD-10 F62.80)
Die Patientin habe sich aufgrund von chronischen Schmerzen selbst zugewiesen (S. 1 Mitte). Zwischen 2018 und 2019 habe eine
psychiatrisch/
psychothera
peu
ti
sche Behandlung stattgefunden. A
ufgrund einer längeren Abwesenheit der The
rapeutin (Mutterschaftsurlaub) sei diese Behandlung abgeschlossen worden. Sie sei nie medikamentös behandelt worden (S. 2 oben). Aufgrund der in der Anam
nese geschilderten Symptomatik werde von einer chronischen Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Faktoren sowie von einer andauernden Persön
lichkeitsänderung bei chronischem Schmerzsyndrom aus
gegangen. Die Patientin habe berichtet
, sie sei in den letzten Jahren ein völlig anderer Mensch geworden. Diese Veränderung sei ihr auch aus ihrem sozialen Umfeld zurückgemeldet worden (S. 3 Mitte).
Die Indikation für eine psychiatrisch/ psychotherapeutische Behandlung sei gegeben. Aufgrund mangelnder Kapazitäten der Referentin seien weitere Behandlungs-/ Anschlussmöglichkeiten besprochen worden. Eine Anbin
dung an einen niedergelassenen Therapeuten mit einem Behandlungsschwer
punkt der chronischen Schmerzstörung gegebenenfalls mit Biofeedback wäre zu empfehlen. Der Patientin sei eine Adresse einer Therapeutin in
J._
sowie die Adresse und Telefonnummer der
Klinik K
._
ausgehändigt worden (S. 3 unten).
5.
5.1
Die Beschwerdegegnerin ging in der angefochtenen Verfügung (
Urk.
2)
gestützt auf die Aktenbeur
teilung durch RAD-Arzt
Dr.
I._
(vorstehend E
. 3.8
) davon aus, der
Beschwerdeführer
in sei die angestammte Tätigkeit als Coiffeuse zu 50
%
zumutbar. In einer anderen, körperlich leichten und wechselbelastenden Tätigkeit bestehe jedoch eine volle Arbeitsfähigkeit (vgl. vorstehend E. 2.1).
Demgegenüber machte d
ie Besc
hwerdeführerin
geltend,
gestützt auf die Beurteilung der behan
delnden Ärzte sei sie
in einer angepassten Tätigkeit
aufgrund ihrer somatischen und psychischen Beschwerden lediglich zu 50
%
arbeitsfähig, weshalb ihr rück
wirkend ab
1.
August 2019 eine halbe Invalidenrente zustehe (vgl. vorstehend E.
2.2).
5.2
Praxisgemäss kommt einer reinen Aktenbeurteilung des RAD im Vergleich zu einer auf allseitigen Untersuchungen beruhenden Expertise, welche auch die ge
klagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abge
geben worden ist, in der Beurteilung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und die Schlussfol
ge
rungen widerspruchsfrei begründet, nicht der gleiche Beweiswert zu (Urteil des Bundesgerichts
8C_971/2012 vom 11. Juni 2013 E. 3.4).
Der Beweiswert von RAD-Berichten nach Art. 49 Abs. 2 IVV ist mit jenem exter
ner medizinischer Sachverständigengutachten vergleichbar, sofern sie den praxis
g
emässen Anforderungen an ein ärztliches Gutachten (
BGE 134 V 231
E. 5.1) genügen und die Arztperson über die notwendigen fachlichen Qualifikationen verfügt (
BGE 137 V 210
E. 1.2.1). Allerdings kann auf das Ergebnis versiche
rungsinterner ärztlicher Abklärungen – zu denen die RAD-Berichte gehören – nicht abgestellt werden, wenn auch nur geringe Zweifel an ihrer Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit bestehen (Urteil des Bundesgerichts 8C_197/2014 vom 3. Okto
ber 2014 E. 4.2 mit Hinweisen auf
BGE 139 V 225
E. 5.2;
135 V 465
E. 4.4 und E. 4.7).
5.3
Vorliegend ergeben sich
Zweifel an der Schlüssigkeit und Zuverlässigkeit der Aktenbeurteilung durch
RAD-Arzt
Dr.
I._
,
auf welcher der abweisende Leis
tungsentscheid der Beschwerdegegnerin massgeblich beruhte
.
Insbesondere
die von ihm
aus versicherungsmedizini
s
cher Sicht
attestierte 50%ige Arbeitsfähigkeit in der angestammten Tätigkeit als Coiffeuse sowie die
100%ige
Arbeitsfähigkeit in angepasster Tätigkeit
erweisen sich
mangels einer
diesbezüglichen
Begründung
als nicht nac
hvollziehbar
.
Auch d
ie
unter dem Titel «weitere Hinweise»
aufge
führten Stichworte
sind im Zusammenhang mit der attestierten Arbeitsfähigkeit
weitgehend unverständlich und inkohärent und
vermögen eine
rechtsgenügliche
Begründung der attestierten Arbeitsfähigkeit nicht zu ersetzen
.
Ferner
setzte sich der RAD-Arzt nur unzureichend mit dem Umstand auseinander, dass
den Be
richten über die Potenzialabklärung
(
Urk.
7/77
)
, das Aufbautraining
(vorstehend E. 3.3
)
sowie die ber
ufspraktische Vorbereitung
(vorstehend E. 3.4
)
eine weit
ge
ringere als die von ihm attestierte Arbeitsfähigkeit zu entnehmen ist.
Es mag zu
treffend sein, dass den Berichten der
A._
-Stiftung und
der
B._
AG (vor
stehend E. 3.3-3.4
) nicht der Beweiswert einer fachärztlichen
medizinisch-theoretischen
Beurteilu
ng der Arbeitsfähigkeit zukommt,
angesichts
der rund eineinhalb Jahre
dauernden
beruflichen Massnahmen ist
ihnen
indes nicht zum
Voraus
eine
inva
lidenversicherungsrec
htli
che Relevanz gänzlich abzusprechen
.
Zu
mindest eine begründete Auseinandersetzung mit den abweichenden Einschät
zungen der Ein
gliederungsfachleute wäre
erforderlich
gewesen.
Des Weiteren
fehlt
es seinen
Stellungnahme
n
an einer vertieften Auseinandersetzung mit den divergierenden Beurteilungen der Arbeitsfähigkeit durch die behandelnden Ärzte sowie
den weiteren von ihm genannten Diagnosen, welchen er
ohne nähere
Ausführungen
keine Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit zuerkannte.
Insgesamt vermag die nur oberflächlich gehaltene und knapp begründete
Stel
lung
nahme des
RAD-
Arztes
somit
nicht zu überzeugen.
Sie
erlaubt
keine re
chts
ver
bindliche Beurteilung
der Arbeitsfähigkeit
der Beschwerdeführerin
in somati
scher Hinsicht, weshalb sich
weitere Abklärungen als notwendig erweisen.
5.4
Einzig gestützt auf die Berichte der behandelnden Ärzte lassen sich der
soma
tische
Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin und dessen Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit
indes
nicht abschliessend beurteilen. Dass
Dr.
E._
im Bericht
vom Januar 2020 (vorstehend E. 3.7
) eine dem Leiden angepasste Tätig
keit als lediglich zu 4 Stunden pro Tag zumutbar erachtete, leuchtet in Anbetracht der von ihr festgestellten Funktionseinschränkungen und mangels einer entspre
chenden Begründung nicht ein und erweist sich als zu wenig belegt. In Bezug auf Berichte von Hausärztinnen und Hausärzten wie überhaupt von behandelnden Arztpersonen beziehungsweise Therapiekräften ist
ferner
auf die Erfahrungstat
sache hinzuweisen, dass diese mitunter im Hinblick auf ihre auftragsrechtliche Vertrauensstellung in Zweifelsfällen eher zu Gunsten ihrer Patientinnen und Patienten aussagen (BGE 135 V 465 E. 4.5, 125 V 351 E. 3b/cc).
Eine abschliessende Beurteilung des
somatischen
Gesundheitszustandes der Be
schwerdeführerin und der Frage, welche Arbeitsleistung ihr noch zugemutet werden kann, ist
nach dem Gesagten
gestützt auf die vorliegenden Berichte somit nicht möglich.
5.5
Was die im Einwand vom 2
4.
Juni 2020 (
Urk.
7/154 S. 5
Ziff.
1
1) sowie in der Beschwerde vom September 2020 (vgl. vorstehend E. 2.2
) geklagten psychiatri
schen Beschwerden mit Krankheitswert anbelangt, ist vor Verfügungserlass
dies
bezüglich
keine fachärztliche Beurteilung aktenkundig. Dem zirka ein Monat nach
Verfügungserlass erstatteten Bericht der Fachpersonen der
Klinik D._
über die erstmalige Untersuchung vom
September 2020 (vorstehend E. 4.2
) sind
indes eine chronische Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Faktoren
(ICD-10 F45.41) sowie eine andauernde Persönlichkeitsänderung bei chronischem Schmerzsyndrom (ICD-10 F62.80) als neue Diagnosen zu entnehmen. Die Fach
per
sonen erachteten die Indikation für eine psychiatrisch/ psychotherapeutische Behandlung als klar gegeben, aufgrund mangelnder Kapazitäten der Referentin seien jedoch Anschlussmöglichkeiten besprochen worden. Gemäss Aktenlage
befand sich die Beschwerdeführerin bereits
seit zirka Mai 2018
in psychothera
peutischer Behandlung (vgl.
Urk.
7/129 S
. 16 Mitte, vorstehend E. 3.3-3.4
), welche aufgrund einer längeren Abwesenheit der Therapeutin (Schwangerschaftsurlaub) im Jahr 2019 abgeschlossen wor
den sei (vorstehend E. 4.2
).
Mit den im Bericht vom September 2020 neu genannten Diagnosen und der aktenkundigen psychotherapeutischen Behandlung
von 2018 bis 2019
bestehen konkrete Anhaltspunkte für bereits vor Verfügungserlass vorhandene, im invali
den
versicherungsrechtlichen Sinne relevante und näher abzuklärende psychische Beeinträchtigung
en
, welche die Beurteilung im Zeitpunkt des
Entscheiderlasses
zu beeinflussen verm
ö
g
en
(vgl.
vorstehend E. 4.1
).
Der psychische Gesund
heits
zustand der Beschwerdeführerin beziehungsweise die konkreten psychiatrischen Diagnosen sind
gestützt auf den lediglich eine einmalige Untersuchung beur
tei
lenden Bericht indes nicht
hinreichend klar erstellt
.
Somit erweisen sich
ins
be
son
dere
unter Berücksichtigung des vom Bundesgericht vorgesehenen struktu
rierten Beweisverfahrens
(vgl. vorstehend E. 1.3-1.4)
auch in
psychiatrischer Hinsicht
weitere Abklärungen
als erforderlich.
5.
6
Zusammenfassend
kann der psychische und somatische Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin gestützt auf die vorliegenden Berichte nicht abschliessend
beurteilt werden.
Erforderlich ist somit eine medizinische Gesamtbetrachtung unter
Beachtung der Standardindikatoren
(vgl. vorstehend E. 1.3-1.4)
, welche die aktu
ellen psychischen und somatischen Einschränkungen der Beschwerdeführerin
und deren Auswirkungen auf ihre Arbeitsfähigkeit
gesamtheitlich berücksichtigt.
Damit fehlt es
vorliegend
an der Grundlage für einen Entscheid.
6.
6.1
Das Gericht kann die Angelegenheit zu neuer Entscheidung an die Vorinstanz zurückweisen,
besonders
wenn mit dem angefochtenen Entscheid nicht auf die Sache eingetreten oder der Sachverhalt ungenügend festgestellt wurde (§ 26 Abs. 1 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht, GSVGer). Gemäss stän
diger Rechtsprechung ist in der Regel von der Rückweisung – da diese das Ver
fahren verlängert und verteuert – abzusehen, wenn die Rechtsmittelinstanz den Prozess ohne wesentliche Weiterungen erledigen kann. In erster Linie kommt eine Rückweisung in Frage, wenn der Versicherungsträger auf ein Begehren überhaupt
nicht eingetreten ist oder es ohne materielle Prüfung abgelehnt hat, wenn sc
hwierige Ermessensentscheide zu treffen sind, oder wenn der
ent
scheidre
le
vante
Sachverhalt ungenügend abgeklärt ist (vgl. Urteil des Bundesgerichts U 209/02 vom 10. September 2003 E. 5.2).
6.2
Nach dem Gesagten ist ein abschliessender materieller Entscheid gestützt auf die vorhandenen medizinischen Akten nicht möglich. Da es die IV-Stelle unterlassen hat, den Gesundheitszustand und die Arbeitsfähigkeit in somatischer und psy
chiatrischer Hinsicht rechtsgenüglich abzuklären, hat eine Rückweisung zu erfolgen. Es ist deshalb angezeigt, die Sache an die Beschwerdegegnerin zurück
zuweisen, damit sie ein den praxisgemässen Anforderungen entsprechendes poly
disziplinäres Gutachten einhole.
Im
Falle, dass eine Invaliditätsbemessung vor
zunehmen ist,
hat
sie
im
Rahmen der ergänzenden Sachverhaltsabklärung
zudem
auch die
sozialversicherungsrechtliche Qualifikation der Beschwerdeführerin, welche im Jahr 2019 Mutter einer Tochter geworden ist, genauer
zu beurteilen
und hernach
über den
Leistungsanspruch
der Beschwerdeführerin
erneut zu ent
scheiden.
In diesem Sinne ist die Beschwerde gutzuheissen und die angefochtene Verfügung aufzuheben
.
7.
7.1
Da es um die Bewilligung oder Verweigerung von Versicherungsleistungen geht, ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Gerichtskosten sind nach dem Verfah
rens
aufwand und unabhängig vom Streitwert festzulegen (
Art.
69
Abs.
1
bis
IVG) und auf
Fr.
800.-- anzusetzen. Entsprechend dem Ausgang des Verfahrens sind sie der unterliegenden Beschwerdegegnerin aufzuerlegen.
7.2
Nach ständiger Rechtsprechung gilt die Rückweisung der Sache an die Verwal
tung zur weiteren Abklärung und neuen Verfügung als vollständiges Obsiegen (BGE 137 V 57 E. 2.2), weshalb
die
vertretene Beschwerdeführer
in
Anspruch auf eine Prozessentschädigung hat.
Diese
wird ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache, der Schwierigkeit des Prozesses und dem Mass des Obsiegens bemessen (
§
34
Abs.
3
des Gesetzes über das Soz
ialver
siche
rungsgericht, GSVGer
) und ist beim praxisge
mässen Stundenansatz von
Fr.
185
.--
(ohne MWSt)
für Juristinnen und Juristen
ermessensweise auf
Fr.
1’7
00.-- (inkl. MWSt und Auslagenersatz) festzusetzen.