Decision ID: 8e277aef-f666-4957-b661-3375c21578d6
Year: 2021
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich am 3. Juli 2019 wegen eines Morbus Scheuermann zum Bezug
von IV-Leistungen an (IV-act. 1). Er gab an, seit dem 22. Februar 2019 voll
arbeitsunfähig zu sein. Er habe eine Ausbildung zum Modeberater absolviert und sei
seit dem Jahr 2011 als Sicherheitsangestellter tätig.
A.a.
Am 19. Juli 2019 berichtete Dr. med. B._, Fachärztin für Allgemeine und Innere
Medizin FMH, beim Versicherten bestehe ein Verdacht auf ein spondylogenes
Schmerzsyndrom untere LWS mit/bei einem thorakalen Morbus Scheuermann Th4-L1
von 80°. Die Arbeitsfähigkeit sei aufgrund einer starken Dorsalgie, lumbalbetont und
vor allem bei längerem Stehen, eingeschränkt. Eine Tätigkeit mit wechselnden
Positionen (Sitzen, Gehen, Stehen) könne der Versicherte noch ausüben. Eine
Umschulung sei erforderlich. Dr. med. C._, Facharzt für Orthopädische Chirurgie und
Traumatologie des Bewegungsapparates FMH, hatte am 29. März 2019 angegeben (IV-
act. 9-3 f.), der Versicherte leide am ehesten an den Folgen eines Morbus
Scheuermann mit einer kompensatorischen Hyperlordose der LWS und einer
Spondylarthrose. Er habe mit dem Versicherten ein intensives, gezieltes
Kräftigungsprogramm der autochthonen Rückenmuskulatur thorakal sowie der
Rumpfmuskulatur lumbal besprochen. Weiter sei eine Umschulung diskutiert worden;
diese sei im Sinne einer Wechseltätigkeit zu empfehlen.
A.b.
Die letzte Arbeitgeberin berichtete am 5. August 2019 (IV-act. 13), der Versicherte
sei vom 15. Oktober 2011 bis 21. Februar 2019 bei ihr in einem Pensum von ca. 50 bis
60% im Sicherheitsdienst tätig gewesen.
A.c.
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Am 29. August 2019 berichtete Dr. med. D._, Fachärztin für Orthopädische
Chirurgie und Traumatologie des Bewegungsapparates FMH, sie habe den
Versicherten im Auftrag der Krankentaggeldversicherung untersucht (Fremdakten act.
2-4 ff.). Sie gab an, sie habe beim Versicherten folgende Diagnosen erhoben:
Langjährige Beschwerden der Wirbelsäule bei einem bekannten Morbus Scheuermann
thoracal, fixierte Brustkyphose, erhebliche muskuläre Dysbalancen trotz intensiver
Fitness-Gymnastik, da vorwiegend die Bewegungsmuskulatur und nicht die kleine
stabilisierende Muskulatur trainiert sei, kein nervenwurzelbezogenes neurologisches
Defizit, erheblich verkürzte Ischiokruralmuskulatur. Die vorgetragenen Beschwerden
thorakolumbal, lumbal und zeitweise auch nuchal fänden ihr Korrelat in einer Fehlstatik
und einer Haltungsinsuffizienz. Der Versicherte habe eine gut trainierte
Bewegungsmuskulatur am Rumpf und an den oberen Extremitäten. Bereits beim
Stehen im Einbeinstand und beim Hüpfen bestünden aber Probleme, da die Kraft der
unteren Extremitäten nicht ausreichend sei und die Koordination fehle. Anhand der
erhobenen Untersuchungsbefunde ergebe sich unter anderem die Indikation zur
Kräftigung der kleinen stabilisierenden Muskulatur. In körperlich leichten und
gelegentlich mittelschweren Tätigkeiten, die bevorzugt aus wechselnder Ausgangslage
verrichtet werden könnten, sei der Versicherte ab sofort einsatzfähig. Die Prognose sei
als gut zu erachten, da zurzeit funktionelle Beschwerden im Vordergrund stünden, die
einer Therapie gut zugänglich seien. Eine Arbeitsplatzbeschreibung liege nicht bei.
Einschränkungen ergäben sich für häufiges Gehen und Stehen sowie für mittelschwere
und schwere Tätigkeiten. Bücken und Zwangshaltungen seien vorübergehend noch zu
vermeiden. Für berufliche Massnahmen bestehe ab sofort eine vollständige
Arbeitsfähigkeit, wenn es sich um überwiegend körperlich leichte Arbeiten handle, die
bevorzugt aus wechselnder Ausgangslage verrichtet werden könnten.
A.d.
Der RAD-Arzt Dr. med. E._ hielt am 16. September 2019 fest (IV-act. 16), in der
bisherigen Tätigkeit, sofern sie häufiges Gehen und Stehen sowie mittelschwere
Arbeitsbelastungen und Zwangshaltungen umfasse, verfüge der Versicherte über keine
Arbeitsfähigkeit mehr. Ein versicherungsmedizinisch verwertbares Profil hinsichtlich der
bisherigen Tätigkeit liege allerdings nicht vor. In einer adaptierten Tätigkeit verfüge der
Versicherte, in Übereinstimmung mit Dr. D._, über eine vollständige Arbeitsfähigkeit.
A.e.
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Als Adaptionskriterien nannte Dr. E._ eine körperlich überwiegend leichte, wechsel
belastende Tätigkeit ohne die Einnahme von Zwangshaltungen.
Mit einem Vorbescheid vom 19. September 2019 kündigte die IV-Stelle dem Ver
sicherten an, sie beabsichtige, sein Begehren um berufliche Massnahmen und
Rentenleistungen abzuweisen (IV-act. 20). Zur Begründung führte sie aus, Abklärungen
hätten ergeben, dass in einer adaptierten, also in einer überwiegend körperlich leichten,
wechselbelastenden Tätigkeit ohne die Einnahme von Zwangshaltungen, eine
vollständige Arbeitsfähigkeit bestehe. Am 13. November 2019 verfügte die IV-Stelle wie
angekündigt (IV-act. 28).
A.f.
Am 11. Dezember 2019 erhob der Versicherte Beschwerde gegen die Verfügung
vom 13. November 2019 (IV-act. 32-2). Er beantragte sinngemäss die Aufhebung der
Verfügung vom 13. November 2019 und die Zusprache der gesetzlichen Leistungen.
Zur Begründung machte er geltend, wegen des Morbus Scheuermann sei sein Alltag
mit sehr vielen Schmerzen beim Sitzen, langen Laufen und langen Stehen
beeinträchtigt. Im beigelegten Bericht der Klinik für Orthopädische Chirurgie und
Traumatologie des Bewegungsapparates des Kantonsspitals St. Gallen vom
22. November 2019 hatten die Fachärzte angegeben (IV-act. 34), beim Versicherten
bestehe der bekannte Morbus Scheuermann mit einer Hyperlordosierung des zerviko-
thorakalen Übergangs. Aufgrund der durch den Morbus Scheuermann veränderten
Wirbelsäulenkonfiguration sei eine Weiterführung der Tätigkeit als
Sicherheitsangestellter nicht anzuraten, da der Versicherte bei dieser Tätigkeit mehrere
Stunden durchgehend stehen oder gehen müsse. Sie hätten bereits früher zu einem
Wechsel in eine Tätigkeit mit abwechselndem Stehen und Sitzen geraten. Die IV-Stelle
beantragte am 27. Januar 2020 die Abweisung der Beschwerde (IV-act. 36). Der nun
anwaltlich vertretene Versicherte änderte in der Replik vom 20. Mai 2020 (IV-act. 43)
seine Anträge dahingehend, dass die Verfügung vom 13. November 2019 aufzuheben
und die IV-Stelle anzuweisen sei, die Umschulungskosten zu übernehmen. Die IV-Stelle
liess in ihrer Duplik vom 9. Juni 2020 an ihrem Antrag festhalten (IV-act. 44). In seinem
Entscheid vom 10. September 2020 hiess das Versicherungsgericht des Kantons
St.Gallen die Beschwerde teilweise gut (IV-act. 46); es hob die Verfügung vom 13.
November 2019 auf und wies die Sache zur weiteren Abklärung im Sinne der
Erwägungen an die IV-Stelle zurück. Zur Begründung führte es aus, der Versicherte
A.g.
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habe die Abweisung des Rentenbegehrens nicht angefochten. Die Verfügung vom 13.
November 2019 sei also soweit formell rechtskräftig geworden, als sie einen
Rentenanspruch des Versicherten verneint habe. Da der Versicherte nur eine
Umschulung beantragt habe, bilde nur diese den Streitgegenstand. Die IV-Stelle habe
nicht abgeklärt, ob der Beschwerdeführer eine Ausbildung absolviert habe, sei es als
Modeberater, als Sicherheitsangestellter oder in einem anderen Bereich. Damit habe
sie ihre Untersuchungspflicht verletzt (Art. 43 Abs. 1 ATSG). Die IV-Stelle habe daher
noch abzuklären, ob der Versicherte eine Berufsbildung abgeschlossen habe oder ob
er als Hilfsarbeiter zu qualifizieren sei. Der RAD-Arzt Dr. E._ habe keine
überzeugende Arbeitsfähigkeitsschätzung des Beschwerdeführers für die Tätigkeit als
Modeberater oder als Sicherheitsangestellter abgeben können, da ihm die
berufsspezifischen Belastungsprofile nicht bekannt gewesen seien. Die
berufsberaterische Fachperson werde also auch ein Belastungsprofil für die Tätigkeit
im erlernten Beruf auszuarbeiten haben. Für eine überzeugende
Arbeitsfähigkeitsschätzung fehle es auch an einer Äusserung über eine mögliche
Verbesserung des Gesundheitszustandes und damit auch der Arbeitsfähigkeit des
Versicherten für die allenfalls erlernte Berufstätigkeit (Modeberater oder
Sicherheitsangestellter) durch therapeutische Massnahmen.
Mit einem Schreiben vom 1. Dezember 2020 gab die IV-Stelle dem Versicherten
bekannt (IV-act. 51), dass die Verfügung vom 13. November 2019 infolge des
Entscheids des Versicherungsgerichts des Kantons St.Gallen aufgehoben werde. Am
18. Dezember 2020 reichte der Versicherte diverse Arbeitszeugnisse und Diplome/
Fähigkeitsausweise ein (IV-act. 62 ff.). Unter anderem reichte er folgende Unterlagen
ein: Diplom als kaufmännischer Sachbearbeiter vom Juli 2020 der G._ (IV-act. 64-1),
Bestätigung Grundkurs H._ (Kurs vom 10. August 2011 bis 19. August 2011) vom 21.
Oktober 2020 (IV-act. 64-2), Staplerausweis Kategorie A1 vom 10. Oktober 2008 (IV-
act. 64-8), Diplom als Fitness Betreuer vom September 2003 (IV-act. 64-6) und
Fähigkeitsausweis als Verkäufer in der Textilbranche vom 31. Juli 2001 (IV-act. 64-8 f.).
A.h.
Bereits am 24. November 2020 hatte Dr. med. F._, Facharzt für Neurologie FMH,
gegenüber der SUVA St.Gallen berichtet (IV-act. 69-15 ff.), er habe beim Versicherten
folgende Diagnosen erhoben: Status nach Autounfall am 10. August 2020 mit
Heckauffahrunfall mit initialen Oberarmschmerzen links sowie seither chronifizierten
A.i.
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B.
Wirbelsäulenschmerzen zervikal bis lumbal sowie subjektiv empfundener
Beeinträchtigung der Gedächtnisfunktion, kein Hinweis für fokal neurologische,
klinische Defizite bei anamnestisch Skoliose und Morbus Scheuermann. Bei aktuell
fehlenden fokal neurologischen Defiziten bestehe beim Versicherten aus neurologischer
Sicht keine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit, wobei wahrscheinlich Tätigkeiten im
Sicherheitsdienst mit häufig vermehrt körperlicher Aktivität eher ungünstig seien.
Tätigkeiten in Wechselhaltung, z.B. als kaufmännischer Sachbearbeiter, seien
sicherlich zu empfehlen. Der RAD-Arzt Dr. E._ hielt am 5. Januar 2021 fest (IV-act.
70-4), der Versicherte sei in einer adaptierten, körperlich leichten, wechselbelastenden,
im Büro auszuübenden Tätigkeit vollumfänglich arbeitsfähig. Dieses Arbeitsprofil
entspreche der Tätigkeit im Detailhandel. Als Mitarbeiter im Sicherheitsdienst bestehe
eine volle Arbeitsunfähigkeit.
Mit einem Vorbescheid vom 12. Januar 2021 kündigte die IV-Stelle dem
Versicherten an (IV-act. 73), sie beabsichtige den Antrag auf Umschulung und andere
berufliche Massnahmen sowie den Anspruch auf Rentenleistungen abzuweisen. Sie
führte aus, der Versicherte könne in einer leidensadaptierten Tätigkeit bei einer vollen
Arbeitsfähigkeit ein gleichwertiges Erwerbseinkommen wie in der zuletzt ausgeübten
Tätigkeit als Mitarbeiter im Sicherheitsdienst erzielen. Somit bestehe auch ohne
Umschulungsmassnahme eine gleichwertige Erwerbsmöglichkeit. Aufgrund der vollen
Arbeitsfähigkeit bestehe auch kein Anspruch auf andere berufliche Massnahmen und
Rentenleistungen. Am 11. Februar 2021 liess der Versicherte Einwand gegen den
Vorbescheid vom 12. Januar 2021 erheben (IV-act. 80); eine Begründung innert
Nachfrist blieb jedoch aus. Am 19. März 2021 verfügte die IV-Stelle, das
Leistungsbegehren für eine Umschulung und andere berufliche Massnahmen sowie für
Rentenleistungen werde abgewiesen (IV-act. 82).
A.j.
Der Versicherte (nachfolgend: Beschwerdeführer) liess am 7. Mai 2021
Beschwerde gegen die Verfügung vom 19. März 2021 der IV-Stelle (nachfolgend:
Beschwerdegegnerin) erheben. Er beantragte, die angefochtene Verfügung sei
aufzuheben und die Beschwerdegegnerin sei anzuweisen, die Kosten für die
Umschulung zu übernehmen. Zur Begründung führte er im Wesentlichen aus, die
B.a.
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Erwägungen
1.
In ihrer Verfügung vom 19. März 2021 hat die Beschwerdegegnerin den Anspruch auf
Umschulung, andere berufliche Massnahme und Rentenleistungen verneint. Daher gilt
es zunächst zu klären, was der Streitgegenstand des vorliegenden
Beschwerdeverfahrens bildet. Der anwaltlich vertretene Beschwerdeführer hat in seiner
Beschwerde die Aufhebung der Verfügung vom 19. März 2021 und die Anweisung der
Beschwerdegegnerin, die Umschulungskosten zu übernehmen, beantragt. Die
Abweisung des Rentenbegehrens und der anderen beruflichen Massnahmen hat der
Beschwerdegegnerin nehme an, er könne in einer leidensadaptierten Tätigkeit ein
gleichwertiges Einkommen wie in seiner zuletzt ausgeübten Tätigkeit als Mitarbeiter im
Sicherheitsdienst erzielen. Als Sicherheitsmitarbeiter habe er bei einem 70%-Pensum
einen Jahreslohn von Fr. 41'202.00 erhalten. Ohne die gesundheitliche Einschränkung
wäre er in einem 100% Pensum tätig und würde daher ein Valideneinkommen von Fr.
58'860.00 erzielen. Weiter sei keine dem Entscheid des Versicherungsgerichts des
Kantons St.Gallen vom 19. September 2020 entsprechende Abklärung über das
Belastungsprofil im erlernten Beruf des Beschwerdeführers erfolgt. Der
Beschwerdeführer sei in seinen angestammten Tätigkeiten (Modeberater und
Sicherheitsangestellter) je voll arbeitsunfähig, da diese Berufe ein ganztägiges Stehen
mit sich brächten. Aufgrund der Fähigkeitsausweise dürfe der Beschwerdeführer nicht
als Hilfsarbeiter eingestuft werden. Im erlernten Beruf sei eine mindestens 20%ige
gesundheitsbedingte Erwerbseinbusse gegeben, weshalb ein Umschulungsanspruch
bestehe.
In einer Beschwerdeantwort vom 22. Juni 2021 beantragte die
Beschwerdegegnerin die Abweisung der Beschwerde (act. G 4). Sie führte aus, die
geforderten Abklärungen des Versicherungsgerichts vorgenommen zu haben. Gestützt
darauf habe der RAD festgehalten, der Beschwerdeführer sei im Detailhandel zu 100%
arbeitsfähig. Eine Erwerbseinbusse von 20% sei nicht gegeben, womit kein Anspruch
auf Umschulung bestehe.
B.b.
Die Beschwerdeführerin reichte keine Replik ein (act. G 6).B.c.
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Beschwerdeführer damit nicht angefochten. Streitgegenstand bildet somit
ausschliesslich ein allfälliger Anspruch des Beschwerdeführers auf eine Umschulung.
2.
Eine invalide oder von einer Invalidität bedrohte versicherte Person hat gemäss Art. 8
Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG, SR 831.20) einen
Anspruch auf Eingliederungsmassnahmen, soweit diese notwendig und geeignet sind,
die Erwerbsfähigkeit wieder herzustellen, zu erhalten und zu verbessern, und die
Voraussetzungen für den Anspruch auf die einzelnen Massnahmen erfüllt sind. Zu den
Eingliederungsmassnahmen gehören gemäss Art. 8 Abs. 3 lit. b IVG die Massnahmen
beruflicher Art, also auch die Umschulung. Eine versicherte Person hat laut dem Art. 17
Abs. 1 IVG einen Anspruch auf eine Umschulung in eine neue Erwerbstätigkeit, wenn
eine solche infolge einer Invalidität notwendig ist und wenn dadurch die
Erwerbsfähigkeit voraussichtlich erhalten oder verbessert werden kann. Eine
umschulungsspezifische Invalidität liegt vor, wenn der erlernte Beruf infolge einer
Gesundheitsbeeinträchtigung nicht mehr uneingeschränkt ausgeübt werden kann.
Gemäss der langjährigen konstanten Rechtsprechung des Bundesgerichtes setzt ein
Umschulungsanspruch eine Erwerbseinbusse von etwa 20 Prozent voraus (Urteil des
Bundesgerichts vom 28. Februar 2020, 8C_792/2019, E. 3.1; BGE 130 V 488, E. 4.2;
124 V 110, E. 2b). Dies ist in Anbetracht des Sinns und Zwecks einer Umschulung so
zu interpretieren, dass für den Umschulungsanspruch eine Erwerbseinbusse von etwa
20% im erlernten Beruf vorausgesetzt ist. Eine Umschulung hat nämlich zum Ziel, der
versicherten Person eine im Vergleich zur bisher ausgeübten Erwerbstätigkeit
gleichwertige Erwerbstätigkeit zu ermöglichen (so bereits BGE 100 V 18 und die oben
angeführten Bundesgerichtsurteile). Eine gleichwertige Erwerbstätigkeit beinhaltet nicht
nur ein quantitatives Element, das heisst die Ausübung einer Erwerbstätigkeit mit einer
annähernd gleichen Verdienstmöglichkeit wie in der vor Eintritt der Invalidität
ausgeübten Tätigkeit, sondern auch ein qualitatives Element, indem der versicherten
Person durch eine Umschulung ermöglicht werden soll, einen Beruf auszuüben, der
ihren Fähigkeiten entspricht (vgl. Ulrich Meyer/Marco Reichmuth, Bundesgesetz über
die Invalidenversicherung, 3. Aufl. 2014, N 14 zu Art. 17). Deshalb kann eine
unqualifizierte Hilfsarbeitertätigkeit bei einer versicherten Person, die eine
Berufsausbildung abgeschlossen hat, nie eine annähernd gleichwertige
Erwerbstätigkeit darstellen (vgl. Meyer/Reichmuth, a.a.O., N 18 zu Art. 17; BGE 124 V
111, E. 3). Ist es also das Ziel, der versicherten Person mittels einer Umschulung zu
einer im Vergleich zur bisher ausgeübten Erwerbstätigkeit gleichwertigen
Erwerbstätigkeit zu verhelfen, kann sich der rechtsprechungsgemäss geforderte
Minderverdienst von etwa 20% als Voraussetzung für einen Umschulungsanspruch nur
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auf eine Erwerbseinbusse im erlernten Beruf beziehen. Das (umschulungsspezifische)
versicherte Gut ist also die Erwerbsfähigkeit im erlernten Beruf. Um diese ermitteln zu
können, bedarf es einer medizinisch-theoretischen Einschätzung der Arbeitsfähigkeit
im erlernten Beruf. Dabei gilt es zu berücksichtigen, dass eine Arbeitsunfähigkeit am
letzten Arbeitsplatz nicht mit einer Arbeitsunfähigkeit im erlernten Beruf gleichzusetzen
ist. Es ist nämlich nicht auszuschliessen, dass eine versicherte Person aufgrund einer
Gesundheitsbeeinträchtigung am letzten Arbeitsplatz nicht mehr oder nur noch
teilweise ausüben kann, an einer anderen Arbeitsstelle, aber im gleichen Beruf,
uneingeschränkt arbeitsfähig ist. Eine umschulungsspezifische Invalidität liegt dann
nicht vor. Zusammenfassend ist somit festzuhalten, dass ein Umschulungsanspruch
eine gesundheitsbedingte Erwerbseinbusse von etwa 20% im erlernten Beruf
voraussetzt.
3.
Der Beschwerdeführer hat im Jahr 2001 die Berufsbildung zum Verkäufer in der
Textilbranche abgeschlossen (IV-act. 64-8 f.). Dabei handelt es sich um seinen
angestammten Beruf. Als Verkäufer ist der Beschwerdeführer gemäss den
überzeugenden Abklärungen der Beschwerdegegnerin aufgrund seiner
gesundheitlichen Beeinträchtigung voll arbeitsunfähig. Eine Umschulung hat zum Ziel,
den Beschwerdeführer, der gesundheitsbedingt in seinem angestammten Beruf als
Verkäufer nicht mehr arbeitsfähig ist, in die Lage zu versetzen, in einem anderen Beruf
eine Arbeitsstelle zu finden, an der er einen vergleichbaren Lohn erzielen kann. Um zu
prüfen, ob in einer anderen Tätigkeit ein vergleichbarer Lohn erzielt werden kann, muss
als Vergleichsbasis vorab feststehen, welchen Lohn der Beschwerdeführer als
Verkäufer, insbesondere unter Berücksichtigung seines Alters und seiner beruflichen
Fähigkeiten (auch unter Berücksichtigung von allfälligen Weiterbildungen wie z.B.
Lehrmeisterkurs), erzielen könnte. Die Beschwerdeführerin hat dies jedoch nicht
abgeklärt. Da dem Versicherungsgericht das berufsberaterische Fachwissen für eine
solche Einkommensermittlung fehlt, ist die Sache zur weiteren Abklärung über den
möglichen Lohn des Beschwerdeführers als Verkäufers (unter Berücksichtigung von
möglichen Zusatzqualifikationen) in der Textilbranche an die Beschwerdegegnerin
zurückzuweisen.
3.1.
Neben seiner Berufsbildung zum Verkäufer hat der Beschwerdeführer weitere
berufliche Ausbildungen absolviert. Er hat im September 2003 ein Diplom als
Fitnessbetreuer erhalten (IV-act. 64-6). Im Mai 2004 hat er einen Kurs zum Lehrmeister
absolviert (IV-act. 64-7) und im August 2011 hat er einen 10tägigen Grundkurs H._
besucht (IV-act. 64-2). Im Juli 2020 hat er schliesslich das Diplom für den erfolgreichen
3.2.
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Abschluss des Lehrgangs als kaufmännischer Sachbearbeiter an der G._ erhalten
(IV-act. 64-1). Ob es sich dabei um die Verwirklichung von Berufswünschen oder um
eine versuchte Selbsteingliederung des Beschwerdeführers gehandelt hat, kann
offenbleiben. Massgebend ist, ob der Beschwerdeführer in einem dieser Berufe ein mit
dem Lohn als Verkäufer in der Textilbranche vergleichbares Einkommen erzielen
könnte und wenn ja, ob er in diesem Beruf zu wenigstens 80% arbeitsfähig ist. Da der
Beschwerdeführer als Securitasmitarbeiter gemäss den überzeugenden Abklärungen
der Beschwerdegegnerin voll arbeitsunfähig ist, fällt diese Tätigkeit als geeignete
alternative Tätigkeit von vornherein ausser Betracht. Demnach ist zu prüfen, ob der
Beschwerdeführer als kaufmännischer Sachbearbeiter oder als Fitnessbetreuer mit der
verbleibenden Arbeitsfähigkeit einen vergleichen Lohn, der nicht tiefer als 80%
desjenigen als Verkäufers (im fiktiven "Gesundheitsfall") sein darf, erzielen kann.
Die Tätigkeit als kaufmännischer Sachbearbeiter ist dem Beschwerdeführer
gemäss den überzeugenden Abklärungen der Beschwerdegegnerin zu 100%
zumutbar. Anhand des eingereichten Diploms lässt sich jedoch nicht ermitteln, welcher
Ausbildungsstufe (bspw. eidgenössisch anerkannte Berufsbildung) die vom
Beschwerdeführer abgeschlossene Weiterbildung als kaufmännischer Sachbearbeiter
gleichkommt. Für die Ermittlung des möglichen Einkommens wäre dies jedoch
notwendig. Da dem Versicherungsgericht das berufsberaterische Fachwissen fehlt, um
dies zu ermitteln, hat die Beschwerdegegnerin abzuklären, welcher Ausbildungsstufe
der Abschluss als kaufmännischer Sachbearbeiter entspricht. Danach hat die
Beschwerdegegnerin weiter berufsberaterisch abzuklären, wie viel der
Beschwerdeführer als kaufmännischer Sachbearbeiter auf einem ausgeglichenen
Arbeitsmarkt verdienen würde, um so einen Vergleich zum möglichen Lohn des
Beschwerdeführes als Verkäufer vornehmen zu können. Die Sache ist damit auch
diesbezüglich zur weiteren berufsberaterischen Abklärung an die Beschwerdegegnerin
zurückzuweisen.
3.2.1.
Wie das Belastungsprofil für die Tätigkeit als Fitnessbetreuer aussieht und ob
diesbezüglich noch eine verbleibende Arbeitsfähigkeit besteht, hat die
Beschwerdegegnerin ebenfalls nicht abgeklärt. Aufgrund des Verdachts auf eine
Anabolika-induzierte medikamentöse toxische Hepatopathie kann eine Arbeitsfähigkeit
als Fitnessbetreuer ohne genauere Abklärungen weder bejaht noch ausgeschlossen
werden. Die Beschwerdegegnerin hat folglich sowohl berufsberaterisch das
Belastungsprofil als auch medizinisch die verbleibende Arbeitsfähigkeit des
Beschwerdeführers als Fitnessbetreuer abzuklären. Falls eine verbleibende
Arbeitsfähigkeit vorhanden ist, hat die Beschwerdegegnerin weiter berufsberaterisch
3.2.2.
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4.