Decision ID: 97efc380-682a-47d9-ba8a-e30163fb6f30
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer suchte am 22. März 2022 in der Schweiz um Asyl
nach. Auf dem Personalienblatt gab er an, er sei im Jahr (...) gemäss af-
ghanischem Kalender am 2.1. (entspricht [...]) geboren worden.
B.
Ein Abgleich mit der Fingerabdruck-Datenbank Eurodac ergab, dass der
Beschwerdeführer bereits am 7. Oktober 2021 in Bulgarien und am
16. März 2022 in Österreich Asyl beantragt hatte.
C.
Anlässlich der Erstbefragung für unbegleitete Minderjährige (UMA) vom
11. April 2022 gab der Beschwerdeführer an, er sei nach dem afghani-
schen Kalender am zweiten Tag des ersten Monats (entspricht 22. März)
im Jahr (...) geboren worden. Dies entspreche dem Jahr (...).
D.
Zur Altersbestimmung veranlasste die Vorinstanz beim (...) eine umfas-
sende Altersanalyse, welche am 22. April 2022 durchgeführt wurde. Das
entsprechende Gutachten vom 26. April 2022 hält fest, es ergebe sich im
Untersuchungszeitpunkt ein Mindestalter von 21.6 Jahren, weshalb das
vom Beschwerdeführer angegebene Lebensalter von (...) Jahren und (...)
Monat mit den erhobenen Befunden nicht vereinbar sei.
E.
Mit Schreiben vom 10. Mai 2022 gewährte die Vorinstanz dem Beschwer-
deführer das rechtliche Gehör zum Resultat des Altersgutachtens und der
beabsichtigten Änderung seines Geburtsdatums im Zentralen Migrati-
onsinformationssystem (ZEMIS) auf den (...) unter Anbringung eines Be-
streitungsvermerks. Das Glaubhaftmachen des behaupteten Geburtsda-
tums (22. März 2005) sei ihm nicht gelungen.
F.
In seiner Stellungnahme vom 16. Mai 2022 teilte der Beschwerdeführer
mit, er sei mit der beabsichtigten Anpassung seines Alters nicht einverstan-
den. Der Geburtsmonat und –tag sei seinen Eltern bekannt. Diese würden
üblicherweise gleich nach der Geburt auf der letzten Seite des Korans nie-
dergeschrieben. Das Geburtsjahr hätten sie anhand seines Alters eruieren
können. Seine Tazkira sei ihm an der türkisch-bulgarischen Grenze abge-
nommen worden, weshalb es ihm nicht möglich sei sich auszuweisen. Das
E-3958/2022
Seite 3
Ergebnis des Altersgutachtens sei nicht nachvollziehbar und werde vollum-
fänglich bestritten. Weiter stellte er verschiedene Anträge (Einsicht in die
Dublin-Akten betreffend Bulgarien, Einsicht in die Befundberichte der Al-
tersschätzung, eine Verfügung der Vorinstanz zur Altersänderung im
ZEMIS, seine Unterbringung bis zum Ausgang des Verfahrens in einer
UMA-Struktur).
Der Beschwerdeführer reichte ein Foto seines Impfausweises ein.
G.
Am 18. Mai 2022 änderte das SEM das Geburtsdatum des Beschwerde-
führers im ZEMIS auf den (...). Es versah den Eintrag mit einem Bestrei-
tungsvermerk, was es dem Beschwerdeführer mit E-Mail vom gleichen Tag
mitteilte.
H.
Gleichentags ersuchte das SEM sowohl die bulgarischen als auch die ös-
terreichischen Behörden um Übernahme des Beschwerdeführers gestützt
auf Art. 18 Abs. 1 Bst. b der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäi-
schen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der
Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prü-
fung eines von einem Drittstaatangehörigen oder Staatenlosen in einem
Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist
(nachfolgend: Dublin-III-VO). Die österreichischen Behörden lehnten das
Ersuchen am 20. Mai 2022 ab. Die bulgarischen Behörden liessen das In-
formationsersuchen unbeantwortet.
I.
Mit Schreiben vom 13. Juni 2022 und 24. August 2022 stellte der Be-
schwerdeführer einen Antrag auf eine als ZEMIS-Verfügung bezeichnete
Verfügung betreffend die Altersanpassung. Des Weiteren stellte er einen
Antrag auf Unterbringung in einer Struktur für Minderjährige.
J.
Mit Verfügung vom 29. August 2022 (eröffnet am 30. August 2022) trat das
SEM auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein, verfügte, im
ZEMIS sei der (...) als Geburtsdatum registriert und mit einem Bestrei-
tungsvermerk versehen worden, ordnete seine Wegweisung nach Bulga-
rien an und forderte ihn auf, die Schweiz am Tag nach Ablauf der Be-
schwerdefrist zu verlassen. Gleichzeitig beauftragte es die zuständige kan-
E-3958/2022
Seite 4
tonale Behörde mit dem Vollzug der Wegweisung und stellte fest, einer all-
fälligen Beschwerde gegen den Entscheid komme keine aufschiebende
Wirkung zu. Ferner wurden dem Beschwerdeführer die editionspflichtigen
Akten gemäss Aktenverzeichnis zugestellt.
K.
Mit Eingabe vom 6. September 2022 erhob der Beschwerdeführer beim
Bundesverwaltungsgericht Beschwerde und beantragte die Aufhebung der
Dispositivziffern 1 und 3–7 der angefochtenen Verfügung der Vorinstanz
vom 29. August 2022. Die Vorinstanz sei anzuweisen, auf sein Asylgesuch
einzutreten. Die Dispositivziffer 2 der angefochtenen Verfügung sei aufzu-
heben und das Geburtsdatum sei auf den (...) im ZEMIS abzuändern.
Eventualiter sei die Verfügung der Vorinstanz zur rechtsgenüglichen Sach-
verhaltsabklärung und Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen.
Im Sinne einer superprovisorischen Massnahme sei der vorliegenden Be-
schwerde bezüglich des Dublin-Verfahrens die aufschiebende Wirkung zu
erteilen und bezüglich der ZEMIS-Anpassung sei festzustellen, dass die
aufschiebende Wirkung nicht entzogen werde. Die Vollzugsbehörden seien
anzuweisen, von einer Überstellung nach Bulgarien bis zur Rechtskraft der
ZEMIS-Anpassung abzusehen. In prozessualer Hinsicht sei die unentgelt-
liche Prozessführung zu gewähren. Auf die Erhebung eines Kostenvor-
schusses sei zu verzichten.
Der Beschwerde war ein Methodendokument (Version 02) vom Juni 2022
zur forensischen Altersdiagnostik, verfasst von der Arbeitsgruppe "Quali-
tätsmanagement in der Forensischen Medizin" der Sektion Medizin der
"Schweizerischen Gesellschaft für Rechtsmedizin" (SGRM) (nachfolgend:
Methodendokument), beigelegt.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Beim angefochtenen Entscheid handelt es sich um eine Verfügung im
Sinne von Art. 5 VwVG, die von einer Vorinstanz gemäss Art. 33 Bst. d
VGG erlassen wurde. Da keine Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG vor-
liegt, ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung der Beschwerde
zuständig (Art. 31 VGG). Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, so-
weit das VGG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG). Der Beschwerde-
führer ist als Verfügungsadressat zur Beschwerdeführung legitimiert
(Art. 48 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist
E-3958/2022
Seite 5
unter Vorbehalt von Erwägung 1.2 einzutreten (Art. 50 Abs. 1 und Art. 52
Abs. 1 VwVG).
1.2 Das Bundesverwaltungsgericht hat bezüglich der Anträge in der Be-
schwerdeschrift vom 6. September 2022 zwei Beschwerdeverfahren eröff-
net (E-3882/2022 und E-3958/2022). Die Beschwerde gegen den Nichtein-
tretensentscheid wurde mit Urteil E-3882/2022 vom 14. September 2022
abgewiesen. Insbesondere wurde festgestellt, dass die Vorinstanz zu
Recht von der Volljährigkeit des Beschwerdeführers im Zeitpunkt seiner
Gesuchseinreichung ausgegangen ist. Vorliegender Prozessgegenstand
beschränkt sich auf das Rechtsbegehren, die Dispositivziffer 2 der ange-
fochtenen Verfügung sei aufzuheben und das Geburtsdatum im ZEMIS sei
auf den (...) abzuändern sowie auf seinen Antrag, im Sinne einer super-
provisorischen Massnahme sei festzustellen, dass der ZEMIS-Anpassung
die aufschiebende Wirkung nicht entzogen werde (vgl. E. 3).
2.
2.1 Das Bundesverwaltungsgericht entscheidet hinsichtlich der ZEMIS-Be-
richtigung mit uneingeschränkter Kognition. Es überprüft die angefochtene
Verfügung somit auf die Verletzung von Bundesrecht, die unrichtige und
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts sowie auf
die Unangemessenheit hin (Art. 49 VwVG).
2.2 In Anwendung von Art. 37 VGG in Verbindung mit Art. 57 Abs. 1 VwVG
wurde auf die Durchführung eines Schriftenwechsels verzichtet.
3.
In der Beschwerde wird bemängelt, die Vorinstanz habe bereits am 18. Mai
2022 eine Altersanpassung vorgenommen und es unterlassen, eine an-
fechtbare Verfügung zu erlassen sowie die vorgenommene Anpassung zu
begründen und zu beweisen. Indem sie das Geburtsdatum des Beschwer-
deführers im ZEMIS bereits abgeändert habe, ohne die Beschwerdefrist
von 30 Tagen gemäss Art. 50 Abs. 1 VwVG abzuwarten, habe sie einer Be-
schwerde implizit die aufschiebende Wirkung entzogen. Er ersucht somit
um Wiederherstellung der aufschiebenden Wirkung nach vorgängiger An-
ordnung superprovisorischer Massnahmen sowohl hinsichtlich des stritti-
gen ZEMIS-Eintrages als auch der ihm entstandenen Rechtsnachteile
(Wegfall der prioritären Behandlung des Asylgesuchs, der höheren Anfor-
derungen an Unterbringung, Betreuung und Wegweisung oder gar Verzicht
darauf im Rahmen des Dublin-Verfahrens).
E-3958/2022
Seite 6
Die Vorinstanz gewährte dem Beschwerdeführer mit Schreiben vom
10. Mai 2022 das rechtliche Gehör zum Resultat des Altersgutachtens so-
wie der beabsichtigten Änderung seines Geburtsdatums im ZEMIS und be-
gründete diese ausführlich. In der E-Mail vom 18. Mai 2022 teilte sie ihm
die Altersanpassung im ZEMIS inklusive Bestreitungsvermerk mit und
stellte ihm in Aussicht, darüber im Rahmen des Verfahrens mit dem Ent-
scheid zu verfügen. Sie stellte sich somit auf den Standpunkt, sie müsse
momentan keine anfechtbare Verfügung erlassen. Dem Beschwerdeführer
hätte es freigestanden, dies mittels einer Rechtsverzögerungs- respektive
Rechtsverweigerungsbeschwerde gerichtlich prüfen zu lassen. In den Ak-
ten sind jedoch keine diesbezüglichen Anträge oder Ausführungen ersicht-
lich. Da der Beschwerde im vorliegend zu beurteilenden Umfang grund-
sätzlich von Gesetzes wegen aufschiebende Wirkung zukommt (Art. 55
Abs. 1 VwVG) und die Vorinstanz die aufschiebende Wirkung auch nicht
gestützt auf Art. 55 Abs. 2 VwVG entzogen hat, bedarf es vonseiten des
Gerichts keiner Anordnungen im beantragten Sinne. Dass die Vorinstanz
einer allfälligen Beschwerde gegen Ziffer 2 des Dispositivs seiner Verfü-
gung die aufschiebende Wirkung nicht entzogen hat, ergibt sich aus der
Verfügung selbst unter Beachtung der zum Dispositiv gehörenden Rechts-
mittelbelehrung (vgl. dort den Verweis auf die Bestimmung von Art. 108
Abs. 2 AsylG). Für vorsorgliche Massnahmen im Sinne von Art. 56 VwVG
gibt es ebenfalls keinen Anlass, zumal beim Beschwerdeführer im Urteil E-
3882/2022 vom 15. September 2022 zweifelsfrei die Volljährigkeit festge-
stellt wurde, er somit getrennt von Minderjährigen unterzubringen ist. Zu-
dem kann er sich auch nicht auf die in einem anderen Verfahren in einer
Zwischenverfügung erlassenen superprovisorischen Massnahmen stützen
(vgl. Zwischenverfügung des Bundesverwaltungsgerichts A-3149/2022
vom 5. August 2022); der Verfügung kommt keine bindende Wirkung zu,
da sie kein Urteil darstellt. Das entsprechende Begehren ist abzuweisen.
4.
4.1 Die Vorinstanz führt zur Erfüllung ihrer gesetzlichen Aufgaben das
ZEMIS, welches der Bearbeitung von Personendaten aus dem Ausländer-
und Asylbereich dient (Art. 1 Abs. 1 i.V.m. Art. 2 des Bundesgesetzes über
das Informationssystem für den Ausländer- und den Asylbereich vom
20. Juni 2003 [BGIAA, SR 142.51]) und in der Verordnung über das Zent-
rale Migrationsinformationssystem vom 12. April 2006 (ZEMIS-Verord-
nung, SR 142.513) näher geregelt ist. Nach Art. 19 Abs. 1 ZEMIS-Verord-
nung richten sich die Rechte der Betroffenen, insbesondere deren Aus-
E-3958/2022
Seite 7
kunfts-, Berichtigungs- und Löschungsrecht sowie das Recht auf Informa-
tionen über die Beschaffung besonders schützenswerter Personendaten,
nach dem Datenschutzgesetz (DSG, SR 235.1) und dem VwVG.
4.2 Wer Personendaten bearbeitet, hat sich über deren Richtigkeit zu ver-
gewissern (Art. 5 Abs. 1 DSG). Werden Personendaten von Bundesorga-
nen bearbeitet, kann jede betroffene Person insbesondere verlangen, dass
unrichtige Personendaten berichtigt werden (Art. 5 Abs. 2 i.V.m. Art. 25
Abs. 3 Bst. a DSG). Ist die Unrichtigkeit erstellt, besteht auf Berichtigung
ein uneingeschränkter Anspruch (vgl. statt vieler Urteil des BVGer
A-7615/2016 vom 30. Januar 2018 E. 3.2). Die ZEMIS-Verordnung sieht in
Art. 19 Abs. 3 ausdrücklich vor, dass unrichtige Daten von Amtes wegen
zu berichtigen sind.
4.3 Grundsätzlich hat die das Berichtigungsbegehren stellende Person die
Richtigkeit der von ihr verlangten Änderung, die Bundesbehörde im Be-
streitungsfall dagegen die Richtigkeit der von ihr bearbeiteten Personen-
daten zu beweisen (vgl. Urteil des BGer 1C_240/2012 vom 13. August
2012 E. 3.1; BVGE 2013/30 E. 4.1). Nach den massgeblichen Beweisre-
geln des VwVG gilt eine Tatsache als bewiesen, wenn sie in Würdigung
sämtlicher Erkenntnisse so wahrscheinlich ist, dass keine vernünftigen
Zweifel bleiben; unumstössliche Gewissheit ist dagegen nicht erforderlich.
Die mit dem Berichtigungsbegehren konfrontierte Behörde hat zwar nach
dem Untersuchungsgrundsatz den Sachverhalt grundsätzlich von Amtes
wegen abzuklären (Art. 12 VwVG); die gesuchstellende Person ist jedoch
gemäss Art. 13 Abs. 1 Bst. a VwVG verpflichtet, an dessen Feststellung
mitzuwirken (vgl. Urteile des BVGer A-4256/2015 vom 15. Dezember 2015
E. 3.3, A-2291/2015 vom 17. August 2015 E. 4.3).
4.4 Amtliche Dokumente ausländischer Staaten, deren Zweck es ist, die
Identität ihres Inhabers nachzuweisen, gelten nicht als öffentliche Urkun-
den im Sinne von Art. 9 ZGB, weshalb ihnen nicht ohne Weiteres ein er-
höhter Beweiswert zukommt und sie wie andere Urkunden einer freien Be-
weiswürdigung zu unterziehen sind (Urteile des BGer 6B_394/2009 vom
27. Juli 2009 E. 1.1 und 5A_3/2007 vom 27. Februar 2007 E. 2).
4.5 Kann bei einer verlangten oder von Amtes wegen beabsichtigten Be-
richtigung weder die Richtigkeit der bisherigen noch diejenigen der neuen
Personendaten bewiesen werden, dürfen grundsätzlich weder die einen
noch die anderen Daten bearbeitet werden (vgl. Art. 5 Abs. 1 DSG). Dies
ist jedoch nicht immer möglich, müssen doch bestimmte Personendaten
E-3958/2022
Seite 8
zur Erfüllung wichtiger öffentlicher Aufgaben notwendigerweise bearbeitet
werden. Dies gilt namentlich auch für im ZEMIS erfasste Daten. In solchen
Fällen überwiegt das öffentliche Interesse an der Bearbeitung möglicher-
weise unzutreffender Daten das Interesse an deren Richtigkeit. Unter die-
sen Umständen sieht Art. 25 Abs. 2 DSG deshalb die Anbringung eines
Vermerks vor, in dem darauf hingewiesen wird, dass die Richtigkeit der be-
arbeiteten Personendaten bestritten und/oder nicht gesichert ist. Spricht
dabei mehr für die Richtigkeit der neuen Daten, sind die bisherigen Anga-
ben zunächst zu berichtigen und die neuen Daten anschliessend mit einem
derartigen Vermerk zu versehen. Ob die vormals eingetragenen Angaben
(als Neben- beziehungsweise Aliasidentität) weiterhin abrufbar bleiben sol-
len oder ganz zu löschen sind, bleibt grundsätzlich der Vorinstanz überlas-
sen. Verhält es sich umgekehrt, erscheint also die Richtigkeit der bisher
eingetragenen Daten als wahrscheinlicher, sind diese zu belassen und mit
einem Bestreitungsvermerk zu versehen. Über dessen Anbringung ist je-
weils von Amtes wegen und unabhängig davon zu entscheiden, ob ein ent-
sprechender Antrag gestellt worden ist (vgl. Urteil des BVGer A-7615/2016
vom 30. Januar 2018 E. 3.5; Urteil des BGer 1C_240/2012 vom 13. August
2012 E. 3.2).
4.6 Im vorliegenden Fall obliegt es demnach grundsätzlich der Vorinstanz
zu beweisen, dass das aktuell im ZEMIS eingetragene Geburtsdatum ([...])
korrekt ist. Der Beschwerdeführer hat nachzuweisen, dass das von ihm
geltend gemachte Geburtsdatum ([...]) richtig beziehungsweise zumindest
wahrscheinlicher ist als das im ZEMIS erfasste, ihm mithin eine höhere
Glaubhaftigkeit zukommt als dem bisherigen Eintrag. Gelingt keiner Partei
der sichere Nachweis, ist dasjenige Geburtsdatum im ZEMIS zu belassen
oder einzutragen, dessen Richtigkeit wahrscheinlicher ist.
Dass im Asylverfahren die Glaubhaftmachung der Minderjährigkeit genügt,
ist angesichts der möglichen Rechtsfolgen (etwa höhere Anforderungen an
Unterbringung und Betreuung, erschwerte Rückschaffung oder gar Ver-
zicht darauf im Rahmen des Dublin-Verfahrens) nachvollziehbar. Anders
verhält es sich im datenschutzrechtlichen Verfahren betreffend die Berich-
tigung von Personendaten im ZEMIS. Hier wird verlangt, dass die wahr-
scheinlichsten – also überwiegend wahrscheinlichen – Personendaten ein-
getragen werden. Immerhin ist in diesem Zusammenhang darauf hinzuwei-
sen, dass sich die Frage des Alters einer im ZEMIS erfassten Person ge-
rade auch für das ausländer- und asylrechtliche Verfahren stellt (vgl. Urteil
des BGer 1C_224/2014 vom 25. September 2014 E. 3.3), weshalb sich ein
ZEMIS-Eintrag auf dieses auswirken kann.
E-3958/2022
Seite 9
5.
Vom Beschwerdeführer wird im Sinne eines Eventualbegehrens die Rück-
weisung der Sache an die Vorinstanz zwecks einer umfassenden Abklä-
rung seines Alters beantragt. Zudem macht er geltend, die Vorinstanz habe
den Impfausweis nicht gewürdigt.
Aufgrund der Aktenlage ist von einem offenkundig genügend erstellten
Sachverhalt bezüglich Altersangaben auszugehen (vgl. nachfolgend). Die
Vorinstanz hat den Impfausweis entgegengenommen und sich bei der Ent-
scheidfindung damit auseinandergesetzt. Eine Gehörsverletzung infolge
Nichtbeachtung entscheidwesentlicher Beweismittel liegt somit nicht vor.
Vielmehr handelt es sich dabei um eine Frage der materiellen Beurteilung.
Die Vorinstanz hat den rechtserheblichen Sachverhalt somit richtig und
vollständig festgestellt und das rechtliche Gehör nicht verletzt.
5.1 Die Vorinstanz stützt den bestehenden ZEMIS-Eintrag auf das Alters-
gutachten vom 26. April 2022, wonach beim Beschwerdeführer von einem
Mindestalter von 21.6 Jahren ausgegangen werde. Somit sei das von ihm
angegebene Alter von (...) Jahren und (...) Monat nicht plausibel. Seine
Angaben zu seinem Geburtsdatum seien nicht nachvollziehbar. Bei dem
durch seine Eltern vorgenommenen Vergleich seines Alters mit dem Alter
von anderen Jungen könne es sich lediglich um eine Schätzung handeln.
Seine Vorbringen hinsichtlich der Tazkira würden nicht überzeugen.
5.2 Der Beschwerdeführer bringt vor, seine Aussagen zu seinem Alter
seien nicht widersprüchlich. Er sei sich seines Alters sicher. Seine biogra-
fischen Angaben seien insbesondere hinsichtlich seiner Schulbildung kon-
sistent. Der Geburtsmonat und der Geburtstag sei seinen Eltern bekannt.
Das Geburtsjahr hätten sie anhand seines Alters eruieren können. Die Al-
tersangabe im Impfausweis stimme mit seinen Angaben, er sei minderjäh-
rig, überein. Das Altersgutachten sei nicht aussagekräftig, da gemäss die-
sem vor Abschluss des Wurzelwachstums kein Mindestalter angegeben
werden könne. Zudem seien gemäss dem Methodendokument populati-
onsspezifische Referenzstudien für die Beurteilung der Weisheitszahnent-
wicklung zu verwenden, für eine männliche Population aus Afghanistan be-
stehe eine solche jedoch nicht. Das Altersgutachten beziehe sich lediglich
auf Befunde zum Mindestalter der Hand sowie der Schlüsselbein-Brust-
bein- Gelenke. Zum Mindestalter betreffend Handskelett und zahnärztliche
Untersuchung würden keine vollständigen Ergebnisse vorliegen.
E-3958/2022
Seite 10
5.3 Der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers verweist auf den Grund-
satz «in dubio pro minore». Vorliegend bildet das konkrete Geburtsdatum
des Beschwerdeführers den Streitgegenstand. Dieses ist nach daten-
schutzrechtlichen Gesichtspunkten und damit nach der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit zu bestimmen. Die Beweisregel, wonach im Zweifelsfall
von der Minderjährigkeit auszugehen sei, ist dem Datenschutzrecht fremd
(vgl. Urteil des Bundesgerichts 1C_709/2017 vom 12. Februar 2019
E. 2.4).
5.4 Weder die Vorinstanz noch der Beschwerdeführer können das von
ihnen behauptete Geburtsdatum beweisen. Es ist daher nachfolgend zu
prüfen, welches Geburtsdatum – der vom Beschwerdeführer behauptete
(...) oder der von der Vorinstanz behauptete (...) – wahrscheinlicher ist.
5.5 Nach der Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts stellen me-
dizinische Altersabklärungen je nach Ergebnis unterschiedlich zu gewich-
tende Indizien für das Alter einer Person dar. Die Schlüsselbein- respektive
Skelettaltersanalyse und die zahnärztliche Untersuchung sind dabei grund-
sätzlich – anders als die Handknochenanalyse und die ärztliche Untersu-
chung – zum Beweis geeignet. Das Bundesverwaltungsgericht hat in die-
ser Hinsicht Grundsätze zur Gewichtung der Resultate der Untersuchun-
gen definiert (eingehend hierzu BVGE 2018 VI/3 E. 4.2.1 f.; vgl. Urteile des
BVGer A-904/2021 vom 17. Januar 2022 E. 5.4.2 und A-4775/2020 vom
31. März 2021 E. 6.2.4). Darüber hinaus sind die üblichen verfahrensrecht-
lichen Regeln der Beweiswürdigung zu beachten, wobei es umso weniger
auf eine Gesamtwürdigung der Beweise ankommt, je stärker die medizini-
schen Abklärungen ein Indiz für das Vorliegen des streitigen Alters darstel-
len (vgl. BVGE 2018 VI/3 E. 4.2.2 f., 2019 I/6 E. 6.1 ff.).
Im Altersgutachten vom 26. April 2022 zur Untersuchung vom 22. April
2022 wurde vorab vermerkt, dass die körperliche Untersuchung aus medi-
zinischer Sicht keine Hinweise auf das Vorliegen einer entwicklungsbeein-
flussenden Erkrankung beziehungsweise einer manifesten Entwicklungs-
störung ergeben habe. Die zahnärztliche Untersuchung habe einen voll-
ständigen Abschluss des Wurzelwachstums ergeben, welcher ab einem Al-
ter von 16 Jahren zur Beobachtung komme. Dies könne nur als Mittelwert
und nicht als Minimum gewertet werden. Nach Untersuchung der Weis-
heitszähne könne kein vollständiger Abschluss des Wurzelwachstums fest-
gestellt werden, weshalb kein Mindestalter angegeben werden könne. Eine
Referenzstudie für eine männliche Population aus Afghanistan liege nicht
vor. Die radiologische Altersschätzung des linken Handskeletts ergab ein
E-3958/2022
Seite 11
Knochenalter eines Jungen im Alter von 19 Jahren, die radiologische Al-
tersschätzung der Brustbein-Schlüsselbein-Gelenke ergab ein Knochenal-
ter Stadium 4; das minimale Alter, bei welchem das vorliegende Stadium
noch gesehen werden konnte, lag bei 21.6 Jahren. Zusammenfassend
ergab sich gemäss des Befunds am Schlüsselbein ein Mindestalter von
21.6 Jahren; das vom Beschwerdeführer angegebene Lebensalter von
(...) sei mit diesem Befund nicht zu vereinbaren. Mit an Sicherheit gren-
zender Wahrscheinlichkeit habe er das 18. Lebensjahr vollendet.
Gestützt auf BVGE 2018 VI/3 ist es als ein starkes Indiz für die Volljährig-
keit zu werten, wenn das Mindestalter bei der Schlüsselbein- respektive
Skelettaltersanalyse oder der zahnärztlichen Untersuchung über 18 Jahren
liegt und sich die anhand der beiden Analysen ergebenden Altersspannen
überlappen (vgl. ebenda E.4.2.2). Gemäss dem Gutachten des IRM liegt
das Mindestalter bei der Schlüsselbeinanalyse über 18 Jahren (21.6
Jahre), bei der zahnärztlichen Untersuchung unter 18 Jahren. Da bei der
Mineralisation der Weisheitszähne kein Mindestalter angegeben werden
konnte und die zahnärztliche Untersuchung nur einen Mittelwert von 16
Jahren nannte, überlappen sich die Altersspannen zwar insofern tatsäch-
lich nicht, als dass im Rahmen dieser Untersuchung keine konkrete Alters-
spanne angegeben wird. Die Ergebnisse stehen demgegenüber auch nicht
im Widerspruch zueinander. Gemäss dem vom Beschwerdeführer einge-
reichten Methodendokument ist bei der Frage nach der Volljährigkeit ge-
rade die mediale Schlüsselbeinepiphyse das massgebende Element.
Diese erfüllt als einzige die Voraussetzung für eine Alterseinschätzung "mit
an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit", wohingegen die Weisheits-
zähne als alleiniges Kriterium für die forensische Altersschätzung nicht ge-
eignet sind. Dazu ist mindestens das Ossifikationsstadium 3c erforderlich
(vgl. ebenda Kapitel 4, 8.1 f., 9.2). Im vorliegenden Gutachten wurde beim
Beschwerdeführer bei der medialen Schlüsselbeinepiphyse bereits das
Stadium 4 festgestellt, bei welchem das minimale Alter bei 21.6 Jahren
liegt, also deutlich über 18 Jahren. Angesichts des Fazits des Gutachtens
und insbesondere des Befunds am Schlüsselbein vor dem Hintergrund des
Methodendokuments ist kein starkes Indiz erkennbar, welches für das vom
Beschwerdeführer vorgebrachte Alter spricht. Zudem ergeben sich gemäss
dem Methodendokument keine Anhaltspunkte für gravierende interethni-
sche Differenzen im zeitlichen Verlauf der Skelettierung; im Gegenteil
käme es bei anderen Populationen eher zu einer Altersunterschätzung,
weshalb sich die Anwendung der einschlägigen Referenzstudien auf an-
dere Populationen für die Betroffenen nicht nachteilig auswirke (vgl.
ebenda Kapitel 6).
E-3958/2022
Seite 12
Schliesslich ist festzustellen, dass die Schilderungen des Beschwerdefüh-
rers zwar konsistent wirken, aber weder speziell substanziiert noch von
Realkennzeichen geprägt sind. Seine Angaben, er habe sein Alter von sei-
nem Vater erfahren, seine Eltern hätten sein Alter mit anderen Knaben im
gleichen Alter verglichen, überzeugen nicht. Auch lassen sich seinen Aus-
sagen oder den Akten keine Hinweise dafür entnehmen, dass er sich be-
reits gegenüber den bulgarischen oder österreichischen Behörden als min-
derjährige Person ausgegeben hätte. In Anbetracht des Umstandes, dass
er zudem keine rechtsgenüglichen Identitätspapiere vorgelegt hat – ge-
mäss Art. 1a Bst. c der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1,
SR 142.311) können Identitätspapiere nur Reisepapiere (-pässe) und Iden-
titätskarten sein, nicht aber zu anderen Zwecken ausgestellte Dokumente
(vgl. BVGE 2007/7 E. 4-6), wie etwa vorliegend die Kopie eines auf seinen
Namen lautenden Impfausweises, welchem der Beschwerdeführer ge-
mäss eigenen Aussagen selber die Fälschungssicherheit abspricht – und
das umfangreiche Gutachten zur Altersanalyse ihm ein Alter von 21.6 Jah-
ren oder mehr bescheinigte, bestehen vorliegend deutliche Indizien, wel-
che gegen seine Altersangabe sprechen. Eine Tazkira dürfte kaum zu einer
anderen Einschätzung führen, zumal einer Tazkira in der Regel ein gerin-
ger Beweiswert beizumessen ist und diese lediglich ein Element in der Ge-
samtwürdigung darzustellen vermag. Auch wenn das Geburtsdatum in sei-
nem Herkunftsland keine grosse Bedeutung hat, überzeugt darüber hinaus
seine Aussage, er sei mit der Tazkira aus Afghanistan ausgereist, nicht ge-
genüber seiner Aussage, er habe sein Geburtsdatum nie auf einem amtli-
chen Dokument gesehen.
Zusammenfassend ist weder die Richtigkeit des im ZEMIS eingetragenen
noch diejenige des vom Beschwerdeführer angegebenen Geburtsdatums
bewiesen. Aufgrund der vorstehenden Erwägungen ist jedoch festzustel-
len, dass das vom Beschwerdeführer – gestützt auf die vagen Angaben
seiner Eltern – geltend gemachte Geburtsdatum eine zu grosse Abwei-
chung der Ergebnisse des Altersgutachtens darstellt. Nach den von der
Rechtsprechung entwickelten Beweisregeln, kommt dem Resultat des Al-
tersgutachtens ein erhöhter Beweiswert zu. In Gesamtwürdigung aller Be-
weismittel und Indizien (Angaben des Beschwerdeführers, medizinische
Altersschätzung, Foto des Impfausweises) ist jedoch das im ZEMIS einge-
tragene Geburtsdatum ([...]) wahrscheinlicher als das beantragte Geburts-
datum ([...]).
Es entspricht sodann der üblichen Praxis der Vorinstanz, im ZEMIS den
1. Januar als Geburtstag einzutragen, wenn das Geburtsdatum nicht exakt
E-3958/2022
Seite 13
bestimmt werden kann. Dass es sich dabei um ein fiktives Datum handelt,
ist insofern nicht zu beanstanden (vgl. Urteil des BGer 1C_709/2017 vom
12. Februar 2019 E. 2.5 und Urteil des BVGer A-1162/2022 vom 8. Sep-
tember 2022 E. 5.4.2). Der bestehende ZEMIS-Eintrag mit dem Geburts-
datum (...) (mit Bestreitungsvermerk) ist unverändert zu belassen.
6.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und auch sonst nicht zu beanstanden ist. Die
Beschwerde ist abzuweisen. Das Gesuch, der Beschwerde die aufschie-
bende Wirkung nicht zu entziehen, ist gegenstandslos geworden.
7.
7.1 Die gestellten Rechtsbegehren erweisen sich als von vornherein aus-
sichtslos, weshalb das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Pro-
zessführung ungeachtet einer allfälligen prozessualen Bedürftigkeit abzu-
weisen ist (Art. 65 Abs. 1 und 2 VwVG).
7.2 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten von Fr. 500.–
(Art. 1-3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Ent-
schädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE], SR 173.320.2)
dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Das Gesuch
um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses ist mit vorliegen-
dem Urteil gegenstandslos geworden.
8.
Entscheide des Bundesverwaltungsgerichts auf dem Gebiet des Daten-
schutzes sind gemäss Art. 35 Abs. 2 der Verordnung vom 14. Juni 1993
zum Bundesgesetz über den Datenschutz (VDSG, SR 235.11) dem Eidge-
nössischen Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragten (EDÖB) bekannt
zu geben
(Dispositiv nächste Seite)