Decision ID: d3e0184a-89f7-5b3d-bc44-50caadda39c4
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer ersuchte am 14. November 2017 in der Schweiz um
Asyl und führte anlässlich der Personalienaufnahme vom 20. November
2017, der Erstbefragung vom 29. Dezember 2017 und der Anhörung vom
12. Februar 2018 im Wesentlichen aus, sri-lankischer Staatsangehöriger
tamilischer Ethnie zu sein und aus Jaffna zu stammen. Die Schule habe er
mit dem A-Level abgeschlossen, seine Noten seien jedoch für die Univer-
sität ungenügend gewesen, weshalb er als Tuk-Tuk-Fahrer gearbeitet
habe. Sein Vater sei als (...) tätig gewesen. Ein Cousin sei bei seiner (Be-
schwerdeführer) Familie aufgewachsen. Dieser habe die Liberation Tigers
of Tamil Eelam (LTTE) unterstützt, ohne jedoch Mitglied gewesen zu sein.
Im Jahr 2007 sei der Cousin von der Armee gesucht worden und habe des-
halb bei den Behörden um Schutz ersucht. Im gleichen Jahr, nach dem Tod
des Vaters des Beschwerdeführers am (...) 2007, seien Mitglieder der Be-
hörden zu Hause vorbeigekommen und hätten Fragen zum Cousin gestellt.
Am (...) 2008 sei der Cousin festgenommen worden und sie hätten seit
diesem Zeitpunkt nichts mehr von ihm gehört. Seine Mutter habe sich an
die Behörden gewendet, um ihn zu finden. Die Sache sei bis an ein Gericht
gelangt. Zusammen mit seiner Tante habe er (Beschwerdeführer) ab 2009
an verschiedenen Demonstrationen zur Aufklärung des Schicksals von
Verschwundenen teilgenommen. Ende Mai 2010 hätten drei Personen, die
sich als LTTE-Kollegen des Cousins ausgegeben hätten, um Unterkunft
gebeten. Einige Tage nachdem diese Personen sein Haus wieder verlas-
sen hätten, sei er zu Hause aufgesucht, gefesselt und mit verbundenen
Augen an einen unbekannten Ort gebracht worden. Dort sei er geschlagen
und auf seine Demonstrationsteilnahmen sowie die drei Kollegen seines
Cousins angesprochen worden. Er habe alles zugegeben. Nach zwei Ta-
gen habe er ein leeres Blatt unterschreiben müssen und sei dann frei ge-
lassen worden. Nach diesem Erlebnis habe er weiter an Demonstrationen
teilgenommen und versucht herauszufinden, was mit seinem Cousin ge-
schehen sei. Ende 2013 sei ein Mann namens B._ bei ihm zu Hause
aufgetaucht, der sich als Freund seines Cousins ausgegeben habe.
B._ habe Mithilfe für die LTTE verlangt, was er (Beschwerdeführer)
jedoch abgelehnt habe. Von Kollegen habe er erfahren, dass B._ auf
einer Fahndungsliste stehe. Seine Mutter habe daraufhin anonyme Tele-
fonanrufe erhalten. Eines Abends auf dem Weg nach Hause sei er von zwei
Motorradfahrern angehalten worden. Er sei gefesselt und mit verbundenen
Augen in einem Auto an einen unbekannten Ort gebracht worden. Dort sei
er zu seiner Verbindung zu B._ verhört und misshandelt worden.
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Nach drei Tagen habe ihm einer der Entführer eine Pistole an den Kopf
gehalten und er habe gedacht, er werde sterben. Kurz bevor sein Entführer
habe abdrücken wollen, sei dieser plötzlich von einer anderen Person nach
draussen gerufen worden. Nach einigen Minuten seien beide zurückge-
kommen und hätten ihm mitgeteilt, er sei unschuldig und werde freigelas-
sen. Aus Angst vor einer weiteren Verfolgung habe er Sri Lanka im Januar
2014 verlassen und sei auf dem Seeweg nach Indien gelangt. Dort habe
er unter falschem Namen gelebt und erfahren, dass B._ im April 2014
getötet worden sei. Seine Mutter habe ihm mitgeteilt, dass sich die Lage
verbessert habe, weshalb er (Beschwerdeführer) am (...) 2017 nach Sri
Lanka zurückgekehrt sei, um an der Hochzeit seiner Schwester im Juli teil-
zunehmen. Am (...) 2017 habe ein Onkel einen Verkehrsunfall erlitten, an
dem er später verstorben sei. Er (Beschwerdeführer) habe sich sofort zu
seinem Onkel begeben. Am selben Abend habe ihm seine Mutter telefo-
nisch mitgeteilt, dass er von bewaffneten Männern zu Hause gesucht wor-
den sei. Sie hätten CDs, den Laptop, seinen Pass und andere Dokumente
mitgenommen und ihr mitgeteilt, er müsse sich am nächsten Tag zur Ver-
fügung halten, ansonsten würde er getötet werden. Die Männer seien da-
von ausgegangen, dass er vermutlich in Indien die LTTE unterstützt habe.
Er habe sich daher nach Negombo begeben und habe dort drei Tage bei
einem Bekannten und danach bei einem Schlepper gelebt. Am (...) 2017
habe er Sri Lanka mit einem gefälschten Pass verlassen und sei in die
Türkei geflogen. Auf dem Landweg sei er in die Schweiz gelangt und habe
dann erfahren, dass er im Januar 2018 bei seiner Tante gesucht worden
sei.
Als Beweismittel reichte er folgende Unterlagen ein (wenn nicht anders ver-
merkt in Kopie): seine Identitätskarte (Original) und seine Geburtsurkunde,
die Identitätskarte und die Geburtsurkunde seines Cousins, Gerichtsakten
zum Verschwinden seines Cousins aus den Jahren 2007 und 2008, eine
Bestätigung der "C._" vom 9. Januar 2008, eine Bestätigung der
sri-lankischen Armee vom 15. Februar 2008, eine Quittung des Gerichts
vom 17. September 2008, ein Schreiben seiner Tante an den Präsidenten
von Sri Lanka vom 26. August 2009, zwei Vermisstanzeigen seiner Mutter
vom 3. Juni 2010 und 27. Dezember 2013, einen Polizeibericht vom 15.
Mai 2012, einen Zeitungsartikel zum Unfall seines Onkels vom 25. August
2017, zwei Schreiben der "D._" betreffend seinen Cousin vom 26.
November 2015, eine Bestätigung eines Anwalts vom 8. Dezember 2017
und ein Affidavit seiner Mutter vom 10. Dezember 2017 (beide im Original)
sowie eine Einladung zur Hochzeit seiner Schwester (im Original).
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Seite 4
B.
Mit Verfügung vom 14. März 2018 (eröffnet am 20. März 2018) verneinte
die Vorinstanz die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers, lehnte
sein Asylgesuch ab und verfügte die Wegweisung aus der Schweiz sowie
den Wegweisungsvollzug.
C.
Gegen diesen Entscheid erhob der Beschwerdeführer am 5. April 2018
beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde und beantragte, die vor-
instanzliche Verfügung sei aufzuheben, er sei als Flüchtling anzuerkennen
und ihm sei Asyl zu gewähren. Weiter sei festzustellen, dass der Vollzug
der Wegweisung unzulässig, unzumutbar und unmöglich sei, und er sei
vorläufig aufzunehmen. In prozessualer Hinsicht ersuchte er um Gewäh-
rung der unentgeltlichen Prozessführung unter Verzicht auf die Erhebung
eines Kostenvorschusses und um Beiordnung eines amtlichen Rechtsbei-
stands. Eventualiter sei die aufschiebende Wirkung der Beschwerde wie-
derherzustellen.
D.
Mit Zwischenverfügung vom 10. April 2018 zeigte das Bundesverwaltungs-
gericht den Eingang der Beschwerde an und teilte dem Beschwerdeführer
mit, er könne den Ausgang des Verfahrens in der Schweiz abwarten.
E.
Das Bundesverwaltungsgericht hiess mit Zwischenverfügung vom 24. April
2018 das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gut
und verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Den Be-
schwerdeführer forderte es auf, innert Frist unter Beilage einer Vollmacht
eine Rechtsvertretung zu benennen, die amtlich beigeordnet werden soll.
F.
Der rubrizierte Rechtsvertreter zeigte mit Schreiben vom 30. April 2018 un-
ter Beilage einer Vollmacht die Mandatsübernahme an und ersuchte um
Akteneinsicht in die Verfahrensakten.
G.
Mit Zwischenverfügung vom 2. Mai 2018 hiess das Bundesverwaltungsge-
richt das Gesuch um amtliche Rechtsverbeiständung gut, ordnete den
rubrizierten Rechtsvertreter als amtlichen Rechtsbeistand bei, sandte ihm
die im gerichtlichen Verfahren eingegangenen Akten in Kopie zu, überwies
das Gesuch um Akteneinsicht betreffend die vorinstanzlichen Akten an die
E-2007/2018
Seite 5
Vorinstanz und gewährte dem Beschwerdeführer Frist zur Einreichung ei-
ner Beschwerdeergänzung.
H.
Am 30. Mai 2018 reichte der Beschwerdeführer eine Ergänzung seiner Be-
schwerde ein und hielt darin an den in der Beschwerde formulierten
Rechtsbegehen fest.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.2 Am 1. Januar 2019 wurde das Ausländergesetz vom 16. Dezember
2005 (AuG, SR 142.20) teilrevidiert (AS 2018 3171) und in Ausländer- und
Integrationsgesetz (AIG) umbenannt. Der vorliegend anzuwendende Ge-
setzesartikel (Art. 83 Abs. 1–4) ist unverändert vom AuG ins AIG übernom-
men worden, weshalb das Gericht nachfolgend die neue Gesetzesbezeich-
nung verwendet.
2.
Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung
von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und
entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend
– endgültig (vgl. Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG). Der Beschwer-
deführer ist als Verfügungsadressat zur Beschwerdeführung legitimiert
(Art. 48 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde
(aArt. 108 Abs. 1 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG) ist einzutreten.
3.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
4.
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde vorliegend auf die Durchführung
eines Schriftenwechsels verzichtet.
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Seite 6
5.
Der Beschwerde kommt von Gesetzes wegen aufschiebende Wirkung zu
und diese wurde von der Vorinstanz nicht entzogen (Art. 55 VwVG). Der
Eventualantrag in der Beschwerdeschrift ist deshalb abzuweisen.
6.
6.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
6.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
7.
7.1 Zur Begründung des ablehnenden Asylentscheids führte die Vorinstanz
aus, die Asylvorbringen des Beschwerdeführers seien nicht glaubhaft, wes-
halb er die Flüchtlingseigenschaft nicht erfülle. Seine Aussagen seien we-
der logisch noch nachvollziehbar ausgefallen. Es müsse bezweifelt wer-
den, dass er drei unbekannte LTTE-Anhänger bei sich untergebracht habe
und Probleme mit den Behörden in Kauf genommen habe. Ebenso sei nicht
glaubhaft, dass er nach den geltend gemachten Problemen mit den Behör-
den im Jahr 2010 erneut an Demonstrationen teilgenommen habe. Für
beide Inhaftierungen könne er sodann nicht erklären, woher die Behörden
Kenntnis von seinem Kontakt mit LTTE-Angehörigen gehabt hätten. Unre-
alistisch sei, dass anlässlich der zweiten Inhaftierung genau in dem Mo-
ment seine Unschuld bestätigt worden sei, als er hätte erschossen werden
sollen. Er habe sodann nicht erläutern können, wie herausgefunden wor-
den sei, dass er unschuldig sei. Nicht überzeugend erklären können habe
er, weshalb er im August 2017 erneut gesucht worden sei, nachdem er
nach seiner Rückkehr aus Indien mehrere Monate zu Hause gelebt habe.
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Seite 7
Es sei als unrealistischer Zufall zu qualifizieren, dass die Suche nach ihm
genau am Tag des Verkehrsunfalls seines Onkels stattgefunden habe. Un-
terschiedlich geschildert habe er, wie ihm der Pass abhanden gekommen
sein soll (im Jahr 2012 gestohlen beziehungsweise im Jahr 2015 beschlag-
nahmt worden). Unterschiedlich angegeben habe er, wann er zum ersten
Mal inhaftiert worden sei (zwei oder drei Tage nach dem Verschwinden der
LTTE-Angehörigen beziehungsweise eine Woche danach). Unklar sei
auch, ob sich die LTTE-Angehörigen zwei Tage oder eine Woche bei ihm
zu Hause aufgehalten hätten. Widersprüchlich erzählt habe er, welche Per-
sonen ihn bei der zweiten Inhaftierung misshandelt hätten und wer alles im
Raum gewesen sei. Den Zeitpunkt der Suche nach ihm am 25. August
2017 habe er einmal auf den Nachmittag und dann auf 22.30 Uhr gelegt.
Die drei LTTE-Angehörigen und B._ habe er nicht konkret beschrei-
ben können. Zu den Peinigern der angeblichen Haft habe er keine differen-
zierten Aussagen gemacht, ebenso wenig zu den Räumen der Inhaftierung
und zu seinem eigenen Verhalten. Es würden sodann auch keine Risiko-
faktoren vorliegen. Der Cousin sei im Jahr 2007 verschwunden und der
Beschwerdeführer sei deshalb einmal von den Behörden befragt worden.
Mit seiner Tante habe er an Demonstrationen teilgenommen und sich bei
den Behörden um die Aufklärung des Falls bemüht. Die Befragung bei ei-
ner Rückkehr aufgrund der illegalen Ausreise und der allfälligen Eröffnung
eines Strafverfahrens deswegen würden keine asylrelevante Verfolgungs-
massnahme darstellen. Es bestehe auch unter Berücksichtigung der Be-
weismittel kein begründeter Anlass zur Annahme, er wäre bei einer Rück-
kehr nach Sri Lanka mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer
Zukunft asylrelevanten Verfolgungsmassnahmen ausgesetzt.
7.2 In seiner Beschwerde macht der Beschwerdeführer geltend, die Vor-
instanz habe lediglich Vermutungen geäussert, weshalb seine Geschichte
nicht wahr sei. Die aufgeführten Widersprüche habe er anlässlich der An-
hörung aufgelöst. Er habe detailliert und ausführlich seine Vergangenheit
geschildert, deshalb habe die Anhörung auch sechs Stunden gedauert.
Wegen der Verbindung seines Cousins zu den LTTE, der Aufnahme von
LTTE-Angehörigen und der deshalb erfolgten Verhaftungen sowie der er-
neuten Suche nach ihm im Jahr 2017 erfülle er verschiedene Risikofakto-
ren. Im Falle einer Rückkehr wäre er ernsthaften Nachteilen im Sinne von
Art. 3 AsylG ausgesetzt, weshalb er als Flüchtling anzuerkennen und ihm
Asyl zu gewähren sei.
E-2007/2018
Seite 8
8.
8.1 Die Vorinstanz bezweifelt, dass der Beschwerdeführer drei unbekannte
LTTE-Anhänger bei sich aufgenommen und damit aus freien Stücken das
Risiko von Problemen mit den Behörden in Kauf genommen habe. Ferner
seien auch seine Schilderungen unglaubhaft, dass er zwei Mal verhaftet
und misshandelt worden sei. Seine diesbezüglichen Angaben erwiesen
sich als wenig überzeugend, stereotyp und von Ungereimtheiten belastet.
Die Frage, ob die Vorinstanz die betroffenen Darstellungen des Beschwer-
deführers zu Recht als unglaubhaft eingestuft hat, kann im Resultat offen-
gelassen werden, da diese selbst bei Wahrunterstellung ungeeignet wären
eine rechtsrelevante Verfolgung zu begründen. Der Beschwerdeführer
brachte hierzu selber klar und deutlich zum Ausdruck, dass er am Ende der
behaupteten zweiten Inhaftierung wieder freigelassen und ihm hierbei un-
missverständlich mitgeteilt worden sei, dass er als unschuldig gelte (vgl.
A18 S. 6 und act. A22 F115, F154). Durch diesen Vorgang geht klar hervor,
dass die sri-lankischen Behörden ihn nicht als Gefährdung für den sri-lan-
kischen Einheitsstaat eingestuft haben.
Im Januar 2014 verliess der Beschwerdeführer Sri Lanka auf dem Seeweg
und hielt sich danach in Indien auf. Er machte nicht geltend, dass er wäh-
rend der Zeit in Indien erneut von den Behörden gesucht worden sei. Der
Beschwerdeführer kehrte im Mai 2017 problemlos nach Sri Lanka zurück.
Die Hochzeit seiner Schwester fand am (...) 2017 statt (vgl. act. A22 F167).
Erst am (...) 2017 soll dann angeblich nach ihm gesucht worden sein.
Selbst wenn er von anderen Gästen der Hochzeit verraten worden sein
sollte (vgl. act. A22 F166), erschiene der Zeitraum bis zur Suche nach ihm
ungewöhnlich lang. Seine Erklärungsversuche, er vermute, die Behörden
würden ihn möglichenfalls beschuldigen, am Wiederaufbau der LTTE in In-
dien beteiligt gewesen zu sein (vgl. act. A22 F170), stellen reine Vermutun-
gen dar. Seine Schilderungen zur angeblichen Suche nach ihm am (...)
2017 und zum Zeitraum bis zu seiner Ausreise sind denn auch sehr vage
und oberflächlich ausgefallen. Zu seiner Zeit in Negombo führte er lediglich
aus, drei Tage bei "irgendjemanden" gewohnt zu haben und danach bei
einem Schlepper (vgl. A18 S. 7). Was er in der Zeit vom (...) bis zum (...)
2017 gemacht und wie er sich gefühlt hat, schilderte er nicht. Anders als
von der Vorinstanz dargestellt, machte der Beschwerdeführer indes nie gel-
tend, sein Pass sei im Jahre 2015 beschlagnahmt worden, sondern am (...)
2017 (vgl. A18 F15 und S.7). Am Ergebnis ändert diese kleine Präzisierung
jedoch nichts; die Suche nach ihm am (...) 2017 ist als unglaubhaft einzu-
stufen. Es ist im Ergebnis davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer
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spätestens nach seiner Freilassung aus der behaupteten zweiten Verhaf-
tung, also seit dem (...) 2013, keinerlei Probleme (mehr) mit den sri-lanki-
schen Behörden gehabt hat, weshalb es augenscheinlich an einem zeitli-
chen Kausalzusammenhang zwischen den behaupteten Inhaftierungen
und seiner Ausreise im Jahr 2017 fehlt.
8.2 Zu prüfen bleibt, ob die im Referenzurteil E-1866/2015 vom 15. Juli
2016 (vgl. dort E. 8.5) aufgeführten Risikofaktoren erfüllt sind, deren Vor-
liegen zur Bejahung der Flüchtlingseigenschaft führen können. Der Be-
schwerdeführer wurde eigenen Angaben zufolge anlässlich der behaupte-
ten zweiten Inhaftierung als unschuldig befunden und entlassen. Die an-
gebliche Suche nach ihm im August 2017 ist unglaubhaft. Er selbst war nie
Mitglied der LTTE und seine Familie in Sri Lanka weist keine Verbindungen
zu den LTTE auf. Sein Vater arbeitete als (...) und war somit sogar für den
sri-lankischen Staat tätig. Der Cousin ist seit dem Jahr 2007 verschwunden
und der Beschwerdeführer hatte abgesehen von der behaupteten einmali-
gen Befragung zu seinem Cousin im Jahr 2007 deswegen keine Probleme
mit den Behörden. Nach seiner behaupteten Freilassung am 29. Dezember
2013 wurde er von den sri-lankischen Behörden nicht mehr belangt. Eine
exilpolitische Tätigkeit wird vom Beschwerdeführer weder geltend ge-
macht, noch geht entsprechendes aus den Akten hervor. Weiter wurde er
keiner Straftat angeklagt oder verurteilt und verfügt somit auch nicht über
einen Strafregistereintrag. Dass er in einer „Stop List“ aufgeführt sein soll,
erscheint aufgrund des Gesagten als unwahrscheinlich. Allein aus der ta-
milischen Ethnie und der mittlerweile zweieinhalbjährigen Landesabwe-
senheit kann keine Gefährdung abgeleitet werden. Unter Würdigung aller
Umstände besteht somit kein Grund zu der Annahme, dass der Beschwer-
deführer von der sri-lankischen Regierung zu jener kleinen Gruppe gezählt
wird, die bestrebt ist, den tamilischen Separatismus wiederaufleben zu las-
sen und so eine Gefahr für den sri-lankischen Einheitsstaat darstellt. Es ist
nicht davon auszugehen, dass ihm persönlich im Falle einer Rückkehr
nach Sri Lanka ernsthafte Nachteile im Sinne von Art. 3 AsylG drohen wür-
den.
8.3 Zusammenfassend hat der Beschwerdeführer nichts vorgebracht, was
geeignet wäre, seine Flüchtlingseigenschaft nachzuweisen oder zumindest
glaubhaft zu machen. Die Vorinstanz hat sein Asylgesuch zu Recht abge-
lehnt.
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Seite 10
9.
Lehnt das Staatssekretariat das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht
ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet
den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Fa-
milie (Art. 44 AsylG). Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine aus-
länderrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Er-
teilung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeord-
net (Art. 44 AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
10.
10.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das Staatssekretariat das Anwesenheitsverhältnis
nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme
(Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AuG [SR 142.20]).
Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen der
Schweiz (insbesondere Art. 5 Abs. 1 AsylG, Art. 33 Abs. 1 des Abkommens
über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30], Art. 25 Abs. 3
BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und
andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder
Strafe [FoK, SR 0.105] und Art. 3 EMRK) einer Weiterreise der Ausländerin
oder des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat ent-
gegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AlG). Gemäss Art. 83 Abs. 4 AlG kann der
Vollzug für Ausländerinnen und Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im
Heimat- oder Herkunftsstaat aufgrund von Situationen wie Krieg, Bürger-
krieg, allgemeiner Gewalt und medizinischer Notlage konkret gefährdet
sind. Wird eine konkrete Gefährdung festgestellt, ist – unter Vorbehalt von
Art. 83 Abs. 7 AlG – die vorläufige Aufnahme zu gewähren. Der Vollzug ist
schliesslich nicht möglich, wenn die Ausländerin oder der Ausländer weder
in den Heimat- oder in den Herkunftsstaat noch in einen Drittstaat ausrei-
sen oder dorthin gebracht werden kann (Art. 83 Abs. 2 AlG).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
10.2 Die Vorinstanz hat in der angefochtenen Verfügung mit zutreffender
Begründung erkannt, dass der in Art. 5 AsylG verankerte Grundsatz der
Nichtrückschiebung mangels Erfüllung der Flüchtlingseigenschaft keine
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Seite 11
Anwendung findet und keine anderweitigen völkerrechtlichen Vollzugshin-
dernisse erkennbar sind. Gemäss Rechtsprechung des Bundesverwal-
tungsgerichts lassen weder die Zugehörigkeit zur tamilischen Ethnie noch
die allgemeine Menschenrechtssituation in Sri Lanka den Wegweisungs-
vollzug als unzulässig erscheinen (vgl. Referenzurteil E-1866/2015 E. 12.2
f.). An dieser Einschätzung ist auch unter Berücksichtigung der jüngsten
politischen Entwicklungen (vgl. E. 10.3) in Sri Lanka festzuhalten. Im Hin-
blick auf die diplomatischen Unstimmigkeiten zwischen der sri-lankischen
und der schweizerischen Regierung (nach der Entführung einer Angestell-
ten der schweizerischen Botschaft in Sri Lanka am 25. November 2019)
besteht ebenfalls kein konkreter Grund zur Annahme, die allgemeinen po-
litischen Entwicklungen in Sri Lanka könnten sich zum heutigen Zeitpunkt
auf den Beschwerdeführer auswirken (vgl. Entscheid D-1466/2020 vom
23. März 2020 E. 7.2.2). Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte
(EGMR) hat zudem wiederholt festgestellt, dass nicht generell davon aus-
zugehen sei, zurückkehrenden Tamilen drohe in Sri Lanka eine unmensch-
liche Behandlung. Eine Risikoeinschätzung müsse im Einzelfall vorgenom-
men werden (vgl. Urteil des EGMR R.J. gegen Frankreich vom 19. Sep-
tember 2013, Nr. 10466/11; Rechtsprechung zuletzt bestätigt in J.G. gegen
Polen vom 11. Juli 2017, Nr. 44114/14). Aus den Akten ergeben sich keine
konkreten Anhaltspunkte dafür, dass der Beschwerdeführer bei einer Rück-
kehr nach Sri Lanka mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit Massnahmen zu
befürchten hätte, die über einen so genannten „Background Check“ (Be-
fragung und Überprüfung von Tätigkeiten im In- und Ausland) hinausgehen
würden, oder dass er persönlich gefährdet wäre. Der Vollzug der Wegwei-
sung ist zulässig.
10.3 Der bewaffnete Konflikt zwischen der sri-lankischen Regierung und
den LTTE ist im Mai 2009 zu Ende gegangen. Aktuell herrscht in Sri Lanka
weder Krieg noch eine Situation allgemeiner Gewalt. Am 16. November
2019 wurde der frühere Verteidigungssekretär Gotabaya Rajapaksa zum
neuen Präsidenten Sri Lankas gewählt (vgl. Neue Zürcher Zeitung [NZZ],
In Sri Lanka kehrt der Rajapaksa-Clan an die Macht zurück, 17.11.2019;
https://www.theguardian.com/world/2019/nov/17/sri-lanka-presidential-
candidate-rajapaksa-premadas-count-continues, abgerufen am 05.03.
2020). Kurz nach der Wahl ernannte der neue Präsident seinen Bruder
Mahinda (früherer Präsident) zum Premierminister und band einen weite-
ren Bruder, Chamal Rajapaksa, in die Regierung ein; die drei Brüder Go-
tabaya, Mahinda und Chamal Rajapaksa kontrollieren im neuen Regie-
rungskabinett zusammen zahlreiche Regierungsabteilungen oder -institu-
tionen (vgl. https://www.aninews.in/news/world/asia/sri-lanka-35-including-
E-2007/2018
Seite 12
presidents-brother-chamal-rajapksa-sworn-in-as-ministers-of-
state20191127174753/, abgerufen am 04.03.2020). Beobachter und ethni-
sche / religiöse Minderheiten befürchten insbesondere mehr Repression
und die vermehrte Überwachung von Menschenrechtsaktivistinnen und -
aktivisten, Journalistinnen und Journalisten, Oppositionellen und regie-
rungskritischen Personen (vgl. Schweizerische Flüchtlingshilfe [SFH]: Re-
gierungswechsel weckt Ängste bei Minderheiten, 21.11.2019). Anfang
März 2020 löste Gotabaya Rajapaksa das Parlament vorzeitig auf und kün-
digte Neuwahlen an (vgl. NZZ, Sri Lankas Präsident löst das Parlament
auf, 03.03.2020). Nach einer eingehenden Analyse der sicherheitspoliti-
schen Lage in Sri Lanka ist das Bundesverwaltungsgericht zum Schluss
gekommen, dass der Wegweisungsvollzug in die Nordprovinz zumutbar ist,
wenn das Vorliegen der individuellen Zumutbarkeitskriterien (insbesondere
Existenz eines tragfähigen familiären oder sozialen Beziehungsnetzes so-
wie Aussichten auf eine gesicherte Einkommens- und Wohnsituation) be-
jaht werden kann (vgl. Urteil E-1866/2015 E. 13.2). In einem weiteren als
Referenzurteil publizierten Entscheid erachtet das Bundesverwaltungsge-
richt auch den Wegweisungsvollzug ins „Vanni-Gebiet“ als zumutbar (vgl.
Urteil D-3619/2016 vom 16. Oktober 2017 E. 9.5). An dieser Einschätzung
vermögen auch die aktuellen Ereignisse in Sri Lanka nichts zu ändern.
Der Beschwerdeführer lebte bis vor seiner Ausreise im Haus seiner Mutter
in Jaffna. Die Schule besuchte er mehrere Jahre und verdiente seinen Le-
bensunterhalt als Tuk-Tuk-Fahrer. Während seines Aufenthalts in Indien
wurde er von seiner Familie finanziell unterstützt (vgl. act. A18 S. 7). Seine
Mutter, zwei Schwestern und ein Bruder sowie weitere Verwandte leben
immer noch in Jaffna (vgl. act. A18 F22 ff.). Es ist davon auszugehen, dass
die Familie ihn bei der Wiedereingliederung unterstützen kann und er eine
neue Existenz wird aufbauen können. Es liegen auch in individueller Hin-
sicht keine Wegweisungsvollzugshindernisse vor.
10.4 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
10.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
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11.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
12.
12.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Be-
schwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Zufolge der mit Zwi-
schenverfügung vom 24. April 2018 gewährten unentgeltlichen Prozess-
führung ist auf die Erhebung von Verfahrenskosten jedoch zu verzichten.
12.2 Das Gesuch um Bestellung eines amtlichen Rechtsbeistands im
Sinne von aArt. 110a Abs. 1 AsylG wurde mit Zwischenverfügung vom
2. Mai 2018 gutgeheissen und dem Beschwerdeführer der rubrizierte
Rechtsvertreter als amtlicher Rechtsbeistand beigeordnet. Die notwendi-
gerweise erwachsenen Parteikosten sind deshalb durch das Bundesver-
waltungsgericht zu übernehmen (vgl. aArt. 110a Abs. 1 AsylG i.V.m. Art. 9–
14 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädi-
gungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Nach
Praxis des Gerichts werden amtlich bestellte Rechtsvertreter ohne An-
waltspatent mit einem Stundensatz von Fr. 100.– bis 150.– entschädigt
(vgl. Art. 12 i.V.m. Art. 10 Abs. 2 VGKE). Der in der Honorarnote vom
30. Mai 2018 geltend gemachte Aufwand von 3.75 Stunden und die Ausla-
gen von Fr. 70.– erscheinen für das vorliegende Verfahren angemessen.
Gestützt auf die in Betracht zu ziehenden Bemessungsfaktoren (Art. 9–13
VGKE) ist dem Rechtsbeistand zu Lasten des Bundesverwaltungsgerichts
ein Honorar von insgesamt 632.50 (inklusive Auslagen) zuzusprechen.
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