Decision ID: 144405d1-b6f8-41b8-b9fe-0ab48c8149a0
Year: 2015
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
X._
, geboren 1965
, bezog vom
1.
Mai 2005
bis 27. Novem
ber 2006 und seit dem 21. Juli 2007
eine
ganze
Rente der Invalidenversi
cherung
(
Urk.
7/50)
und beantragte mit Gesuch vom 29. März 2013 Zusatzleis
tungen zur Invalidenrente (
Urk.
7/
43
).
Mit Leistungsv
erfügung vom 11.
Oktober
2013
(
Urk.
7/31
-32
,
Urk.
7/46/1
)
teilte
die
Stadt Y._
, Amt für
Zusatzleistungen
zur AHV/IV,
der Versicherten mit, dass
die anerkannten Ausgaben kleiner seien als die anrechenbaren Einnahmen
, weshalb keine Zusatzleistungen ausbezahlt werden könnten
(
Urk.
7/31-32)
.
Die dagegen
von der Versicherten
am 30
.
Oktober
2013 erhobene Einsprache (
Urk.
7/35
)
hiess
die
Stadt Y._
, Amt
für Zusatzleistungen zur AHV/IV,
mit
Einspracheentscheid vom
13. Dezember 2013
teilweise gut, indem in der Leis
tungsv
erfügung vom 11. Dezember 2013
Leistungen der Krankenkasse im Um
fang von
Fr.
730.-- nicht mehr in die Berechnung der Einnahmen aufgenom
men wurden
(
Urk.
7/46/3-4 =
Urk.
2)
.
Auch aus der angepassten Berechnung resultiert jedoch kein Anspruch auf Zusatzleistungen.
2.
Die Versicherte erhob
am 16
.
Januar 2014 Beschwerde
g
eg
en den Einspra
-
cheent
scheid vom 13
.
Dezember
2013 (
Urk.
2)
und beantragte, dieser und die Verfügung vom 11. Dezember 2013 seien aufzuheben
,
und es sei der Anspruch auf Ergänzungsleistungen ohne Anrechnung eines hypothetischen Einkommens des Ehemannes, lediglich unter Berücksichtigung des effektiven Einkommens aus selbständiger Erwerbstätigkeit zu bestimmen (
Urk.
1 S. 1).
Mit Beschwerdeantwort vom 17.
Februar 2014 beantragte die
Stadt Y._
, Amt für Zusatzleistungen zur AHV/IV
,
die Abweisung der Beschwerde (
Urk.
6), was der Beschwerdeführerin am 19. Februar 2014 zur Kenntnis gebracht wurde (
Urk.
8).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Gemäss Art. 4
Abs.
1 lit. a des Bundesgesetzes über Ergänzungsleistungen zur Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenversicherung (ELG) haben Personen mit Wohnsitz und gewöhnlichem Aufenthalt (Art. 13 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts, ATSG) in der Schweiz, die eine
Altersrente der Alters- und Hinterlassenenversicherung beziehen oder Anspruch auf eine Rente oder eine Hilflosenentschädigung der Invalidenversicherung ha
ben, Anspruch auf Ergänzungsleistungen. Die jährliche Ergänzungsleistung entspricht dem Betrag, um den die anerkannten Ausgaben die anerkannten Ein
nahmen übersteigen (Art. 9
Abs.
1 ELG).
1.2
Art. 11 ELG hält fest,
welches anrechenbare Einnahmen darstellen. Dazu zählen unter
anderem zwei Drittel
der Erwerbseinkünfte in Geld oder Naturalien, soweit sie bei alleinstehenden Personen jährlich 1‘000
.--
Franken und bei Ehepaaren jährlich 1‘500
.--
Franken übersteigen (lit. a) sowie Einkünfte aus beweglichem und unbeweglichem Vermögen (lit. b). Sodann ist ein Fünfzehntel des Reinver
mögens anzurechnen, soweit es bei alleinstehenden Personen 37
'
500
.--
Franken und bei Ehepaaren 60‘000
.--
Franken übersteigt (lit. c). Weiter sind Renten, Pensionen und andere wiederkehrende Leistungen anzurechnen (lit. d)
sowie Einkünfte und Vermögenswerte, auf die verzichtet worden ist (lit. g).
1.3
Ein Verzicht im Sinne von Art. 11
Abs.
1 lit. g ELG liegt auch vor, wenn der Ehegatte einer berechtigten Person auf die Ausnützung der Erwerbsfähigkeit verzichtet, obwohl er nach Art. 163 des Schweizerischen Zivilgesetzbuches
(ZGB)
dazu verpflichtet ist
. Übt der rentenberechtigte Ehegatte keine Erwerbstä
tigkeit mehr aus, kann
vom nicht invaliden Ehegatten, der bis anhin nicht oder nur beschränkt erwerbstätig war, verlangt werden, eine Erwerbstätigkeit aufzu
nehmen oder die bisherige auszudehnen (BGE 117 V 287; Erwin Carigiet/Uwe Koch, Ergänzungsleistungen zur AHV/IV,
2.
überarbeitete und ergänzte Auflage, Zürich/Basel/Genf 2009, S. 157).
In
jedem Einzelfall ist zu prüfen, ob von dem nicht invaliden Ehegatten unter den gegebenen Umständen verlangt werden kann, einer Erwerbstätigkeit nach
zugehen, zu wie viel Prozent es ihm zumutbar ist, einer Erwerbstätigkeit nach
zugehen, und wie hoch der Lohn wäre, den er bei gutem Willen erzielen könnte.
Massgebende Faktoren bei der Beurteilung der Frage, ob ein hypothetisches Einkommen anzurechnen ist, sind praxisgemäss unter anderem
Alter, Abwesen
heit vom Berufsleben, Gesundheitszustand, Pflege- oder Betreuungsaufgaben, Kinderbetreuung
, konkrete Arbeitsmarktlage
und Vermittelbarke
it. Für die Festsetzung der Höhe des zu berücksichtigenden
hypothetischen Einkommens ist auf die „Schweizerische Lohnstrukturerhebung“ abzustellen, dabei handelt es sich um Bruttolöhne. Die persönlichen Umstände wie das Alter, der Gesund
heitszustand, die Sprachkenntnisse, die Berufsausbildung, die bisher ausgeübten Tätigkeiten, die Dauer der Erwerbslosigkeit oder Familienpflichten (z.B. die Be
treuung von Kleinkindern) sind bei der Festsetzung zu berücksichtigen (Weg
leitung über die
Ergänzungsleistungen zur AHV und IV (WEL), gültig ab 1. Ap
ril 2011, Stand 1. Januar 2015, Rz 3482.04; Carigiet/Koch, S. 158 f.).
Dabei ist zu vermuten, dass es dem Ehegatten grundsätzlich möglich und zumut
bar ist, seine Erwerbsfähigkeit zu verwerten.
Diese Vermutung kann er aber umstossen, indem er erfolglose Stellenbemühungen einreicht.
Dem Ehe
gatten ist eine angemessene Frist zu setzen, in der er sich auf die neue Situation einstellen kann, und welche bis zu sechs Monate dauern kann (Carigiet/Koch,
S. 159).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin ging im angefochtenen Einspracheentscheid
(
Urk.
2)
davon aus,
dass das
Vermögen des Ehemannes in die Berechnung der Zusatz
leistungen aufzunehmen sei, da
der
Güterst
and der Ehe keine Rolle
spiele
(S. 2
Ziff.
5).
Es lägen keine Hinweise dafür vor, dass es dem nicht invalide
n
Ehegatte
n
unzu
mutbar wäre, eine Erwerbstätigkeit
im Umfang eines Vollzeitpensums
auszu
üben. Es dürfe nicht erwartet werden,
dass
ihm
alleine infolge der Vollendung des 60. Lebensjahres kein hypothetisches Einkommen anzurechnen sei.
Dass die bisherige selbständige T
ätigkeit nicht zu Gunsten einer
unselbständigen
Tätig
keit aufgebeben worden und damit ein
tieferes Einkommen in Kauf g
enommen worden sei, habe sie
nicht zu verantworten (S. 3
Ziff.
6).
In Anbetracht des Alters, den
damit einhergehenden Dienstjahre
n, der Ausbil
dung als Gestalter und der
Tatsache, dass er als Erwachs
enenbildner gelehrt habe und der
damit verbundene Berufserfahrung, müsste es dem Ehemann grundsätzlich möglich sein, in unselbständiger Tätigkeit monatlich rund
Fr.
8‘400.-- zu verdienen. Die Anrechnung von nicht einmal der Hälfte dieses Salärs in der Berechnung der Zusatzleistungen sei äusserst grosszügig und nicht zu beanstanden (S. 3
Ziff.
7). Die
allfälligen, seitens der
Krankenkasse
erstatte
ten Be
träge seien zu vernachlässigen, weshalb diesbezüglich die Beschwerde gutzuheissen sei (S. 3
Ziff.
8).
2.2
Die Beschwerdeführerin machte dagegen in ihrer Beschwerde (
Urk.
1) geltend,
sie sei zu
keinem Zeitpunkt darüber informiert worden, dass wenn ihr Ehemann belegen könne, dass er sich in Vergangenheit und in Zukunft um Arbeit be
mühe, auf die Anrechnung eines hypothetischen Einkommens verzichtet werden könne.
Ihr Ehemann habe
bis zur Aussteuerung Arbeitsnachweise
gemäss den Anforde
rungen des Regionalen Arbeitsvermittlungszentrums (RAV)
erbrach
t. Er habe
auch nach Einstellung der Versicherungsleistungen die Arbeitssuche nicht voll
ständig aufgegeben, wie behauptet werde. Es sei auch nicht nachvollziehbar, weshalb er in einer Zeit, in der er keine Leistungen der Arbeitslosenkasse bezo
gen habe, Arbeitsnachweise hätte erbringen oder Belege hätte sammeln sollen (S. 1
Ziff.
1).
Ihr Ehemann sei heute über 60 Jahre alt und habe seit 2007 keinen Anspruch auf Arbeitslosentaggeld mehr, da er ausgesteuert sei
. Er habe sich aber trotzdem immer wieder auf einzelne Stellen beworben. Um überhaupt etwas zu verdienen
, nehme er auf
selbständiger Basis kleinere Aufträge entgegen und stehe auch für Kurse zur Verfügung, sollte ein Bedarf bestehen. Er habe in der Vergangenheit alles getan,
um
eine Stelle zu finden, aber leider nur mit geringem Erfolg. Es sei daher nicht gerechtfertigt, ein hypothetisches Einkommen anzurechnen.
Weiter sei nicht rechtens, dass keine Übergangsfrist für die Anrechnung eines hypothetischen
Einkommens gewährt worden sei
(S. 2
Ziff.
2
).
Betreffend die Höhe des angerechneten hypothetischen Einkommen
s machte die Beschwerdeführerin
geltend, ihr Ehemann
sei durch sämtliche „Netze“ bereits durchgefalle
n
,
und es sei unzutreffend davon zu reden, dass er sich wissentlich mit einer nur ungenügend erträgl
ichen Erwerbstätigkeit begnüge
. Richtig und sinnvoll sei einzig
,
das anzurechnen, was ihr Ehemann effektiv im Jahr ver
diene, damit
rund
Fr.
11‘738.--
im Jahr 2012 (S. 2 f.
Ziff.
3).
2.3
Strittig und zu prüfen ist der Anspruch
der Beschwerdefüh
rerin
auf Zusatz
-
leistun
gen und in diesem Zusammenhang insbesondere die Anrechnung
und die Höhe
eines hypothe
tischen Einkommens des Ehemannes.
3.
3.1
Massgebende Faktoren bei der Beurteilung der Frage, ob ein hypothetisches Ein
kommen anzurechnen ist, sind praxisgemäss unter anderem
Alter
,
die Dauer der
Abwesenheit vom Berufsleben
, Gesundheitszustand, Pflege- oder Betr
euungs
aufgaben, Kinderbetreuung,
die konkrete Arbeitsmarktlage
und Vermittelbarkeit
des nicht invaliden Ehegatten (vgl. vorstehend E. 1.
3
)
.
Ferner ist bei der Festlegung eines hypothetischen Einkommens zu berücksichti
gen, dass für die Aufnahme und Ausdehnung der Erwerbstätigkeit eine gewisse Anpassungsperiode erforderlich
ist
(vgl. Urs Müller, Rechtsprechung des Bun
desgerichts zum ELG, Art. 11 Rz. 517).
Dabei ist im Bereich der Ergänzungsleistung nicht das Alter im Zeitpunkt bei Erlass des Einsprac
heentscheides massgebend
, sondern das anlässlich der erst
maligen Anre
chnung eines hypothetischen Einkommens erreichte Alter (
Urteil des Bunde
sgerichts 9C_717/2010
vom 2
6.
Januar 20111
E. 5.3).
Bei der Beurteilung der konkreten Arbeitsmarktlage ist einerseits das Angebot an offenen geeigneten Stellen für Personen, welche die persönlichen und beruf
lichen Voraussetzungen der betreffenden Person erfüllen und andererseits die Zahl der suchenden Perso
nen zu berücksichtigen. Im Allgemeinen kann ange
nommen werden, dass nach einer langen Abwesenheit vom Berufsleben in ei
nem gewissen Alter die volle Integration in den Arbeitsmarkt nicht mehr zu
mutbar ist (vgl. Urs Müller, Rechtsprechung des Bundesgerichts zum ELG, Art. 11 Rz. 520-521, Urteil des Bundesgerichts 9C_539/2009 vom
9.
Februar 2010
E. 5.1.1).
3.2
Den Akten ist zu entnehmen, dass der Ehegatte
der Beschwerdeführerin
zum Zeitpunkt
der Anrechnung des hypothetischen Einkommens knapp
60-jährig war. Wie die Beschwerdeführerin geltend machte, war ihr Ehegatte bereits seit 2007
bei der Arbeitslosenkasse
ausgesteuert und hat lediglich kleinere Aufträge einholen können
(vgl.
vorstehend E. 2.2,
Urk.
7/38,
Urk.
7/41
/2
).
Mit Blick auf den konkreten Ar
beitsmarkt lassen vorliegend sein
fortgeschritte
ne
s Alter
, die erfolglosen Arbeitsbemühungen
,
die in der Aussteuerung endeten,
sowie
insgesamt
seine lange Abwesenheit vom Arbeitsmarkt seine Aussichten
,
tatsächlich eine
Arbeitsstelle zu finden, ohne
dass hierzu weitere Ausführungen nötig wären, äusserst gering erscheinen.
Die Aufnahme einer Erwerbstätigkeit
muss damit
als nicht mehr zumutbar be
zeichnet werden, so dass
sich
die
Anrechnung eines h
y
pothetischen Erwerbsein
kommens
nicht rechtfertigt.
Damit erübrigen sich auch Ausführungen
zur Höhe des anzurechnenden hypothe
tischen Einkommens oder zur
Gewährung von Übergangsfristen
.
3.3
Zeitlich massgebend für die Berechnung der jährlichen Ergänzungsleistung sind gemäss Art. 23
Abs.
1
der
Verordnung über Ergänzungsleistungen zur Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenversicherung (ELV)
in der Regel die während des vorausgegangenen Kalenderjahres er
zielten anrechenbaren Einnahmen
.
Anrechenbar ist daher lediglich das, was der Ehegatte der Beschwerdeführerin tatsächlich verdiente. Der effektive Verdienst lag gemäss einge
reichter Abrech
nung im Jahr 2012 bei rund
Fr.
11‘738
.--
(vgl.
Urk.
7/38/4
und
Urk.
3/4/4
)
.
4.
In Bezug auf die Frage der Anrechenbarkeit des Vermögens des Ehemannes hielt d
ie Beschwerdegegnerin
zu Recht fest, dass der Güterstand der Errungen
schaftsbeteiligung keinen Einfluss darauf habe, ob das Vermögen des Eheman
nes, welches er bereits vor
der
Eheschlies
sung gehabt habe,
in die Berechnung der anrechenbaren Einnahmen miteinzubeziehen sei
(vorstehend E. 2.1)
.
So sieht Art. 11
Abs.
1 lit. c ELG
ohne nach Güterstand zu differenzieren
vor, dass ein Fünfzehntel des Reinvermögens, soweit es bei Ehepaaren
Fr.
60‘000.-- übersteigt, als
Einnahmen angerechnet werden
(vgl. vorstehend E. 1.2)
.
D
iesbe
zügli
ch erweist
sich die Berechnung
als korrekt, was so
-
anders als in der am
3
0.
Oktober 2013 erhobene
n
Einsprache (
Urk.
7/35
)
-
beschwerdeweise auch nicht mehr explizit bestritten wurde.
5.
Auf Grund des Gesagten kann dem nicht invaliden Ehegatten der Beschwer
-
defüh
rerin
, welche
r
bei einer erstmaligen Anrechnung eines hypothe
tische
n Erwerbseinkommens schon knapp 60 Jahre alt gewesen wäre
, die Auf
nahme einer Erwerbstätigkeit auf Grund
seines Alters und der langen Dauer der Ab
-
wesenheit vom Arbeitsmarkt
nicht mehr zugemutet werden.
Es ist von dem Einkommen auszugehen, das er tatsächlich erzielte.
Hingegen erweist sich der Einbezug seines Vermögens in die Berechnung der Zusatzleistungen als rech
tens.
D
ie Beschwerde ist daher gutzuheissen un
d die Sache ist an die Beschwer
-
degeg
n
e
rin zurückzuweisen, dam
it sie den Leistungsanspruch der
Be
schwerde
-
führerin
für die Zeit ab
1.
April 2013
neu beme
sse und dabei davon absehe, ein hypothetisches Erwerb
seinkommen
des Ehemannes anzu
rechnen.