Decision ID: b6bc1ac2-26c6-4ad9-b697-bacd4e1a272c
Year: 2008
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
D._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Rainer Niedermann, St. Leonhard-Strasse 20,
Postfach, 9001 St. Gallen,
gegen
Kantonale Arbeitslosenkasse, Davidstrasse 21, 9001 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
betreffend
Arbeitslosenentschädigung (Vertrauensschutz)
Sachverhalt:
A.
A.a D._ meldete sich am 3. September 2007 erneut zum Leistungsbezug bei der
Arbeitslosenversicherung an (act. G 3.1.42), nachdem per 30. April 2007 eine
Abmeldung erfolgt war (act. G 3.1.30). Anlässlich des Erstgesprächs nach der
Wiederanmeldung gab die Versicherte beim Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum
St. Gallen (nachfolgend RAV) als Grund für die Abmeldung an, sie habe ihrem
Personalberater mitgeteilt, dass sie mit dem neuen Job monatlich ca. Fr. 650.--
erzielen werde. Aufgrund des damaligen versicherten Verdiensts von Fr. 885.-- sei die
Abmeldung beim RAV mit ihr besprochen worden und sie habe zugestimmt. Die
Neuanmeldung erfolge nun aufgrund des rückwirkend ab Antragstellung erhöhten
versicherten Verdiensts (act. G 13.2). Zum Zeitpunkt der Abmeldung war die
Berechnung des versicherten Verdiensts streitig und eine entsprechende Beschwerde
gegen die Kantonale Arbeitslosenkasse hängig. Mit Urteil vom 16. Juli 2007 entschied
das Versicherungsgericht des Kantons St Gallen, dass der versicherte Verdienst neu zu
berechnen sei (act. G 3.1.35). Darauf ersuchte der Rechtsvertreter der Versicherten,
Rechtsanwalt Rainer Niedermann, St. Gallen, die Kantonale Arbeitslosenkasse mit
Schreiben vom 6. und 10. August 2007 um Neuberechnung des versicherten
Verdiensts sowie um korrigierte Taggeldabrechnungen unter Berücksichtigung der
Zwischenverdienste für die Monate Mai, Juni und Juli 2007 (act. G 3.1.36 und 37). In
der Folge wurden der versicherte Verdienst bei einem Vermittlungsgrad von 40 % auf
Fr. 1'615.-- festgelegt (act. G 3.1.38) und für die Zeit bis 30. April 2007 die korrigierten
Arbeitslosenentschädigungen nachbezahlt (act. G 3.1.50 sowie Hinweis in G 13.2). Das
Begehren um Auszahlung von Arbeitslosenentschädigung ab dem 1. Mai 2007
hingegen wurde am 12. September 2007 mit der Begründung abgelehnt, die
Versicherte habe sich per 30. April 2007 bei der Arbeitslosenkasse abgemeldet,
weshalb weitere Ansprüche nicht überprüfbar seien (act. G 13.2). Mit Schreiben vom
13. September 2007 forderte der Rechtsvertreter die Kantonale Arbeitslosenkasse
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
erneut auf, die Abrechnung der Taggelder ab Mai 2007 vorzunehmen (act. G 3.1.41).
Nach Einsicht in die Akten teilte er am 15. Oktober 2007 zudem mit, der Versicherten
sei die Abmeldung aufgrund ihres voraussichtlichen künftigen Verdiensts nahe gelegt
worden. Selbst unter der Annahme, sie habe dieser Abmeldung zugestimmt – was
ausdrücklich bestritten werde –, wäre dieser Umstand vor dem Hintergrund der
offensichtlich falschen Auskunft des Personalberaters nicht relevant. Die Versicherte
habe den Personalberater schon früher mehrfach auf das hängige Gerichtsverfahren
hingewiesen. Er hätte daher nicht zur Abmeldung raten dürfen. Es käme einer
stossenden Ungerechtigkeit gleich, wenn die Versicherte für den doppelten Fehler der
Verwaltung (falsche Berechnung des versicherten Verdiensts durch die
Arbeitslosenkasse; verfrühte Abmeldung bzw. falsche Information seitens des RAV)
bestraft würde, indem ihr für die Zeit vom 1. Mai 2007 bis zur Wiederanmeldung die
Differenz zwischen dem höheren versicherten Verdienst und dem Lohn verweigert
würde (act. G 3.1.47).
A.b Mit Verfügung vom 22. November 2007 verneinte die Kantonale Arbeitslosenkasse
den Anspruch auf Kompensationszahlungen für die Kontrollperioden April, Mai und
Juni 2007. Es könne kein Anspruch gestützt auf den Vertrauensschutz abgeleitet
werden (act. G 3.1.54). Dagegen erhob der Rechtsvertreter der Versicherten am
27. November 2007 Einsprache mit ergänzender Begründung vom 8. Januar 2008. Er
führte insbesondere aus, die Verwaltung habe ihre Aufklärungspflicht verletzt. Sie hätte
die Versicherte zwingend über die Folgen ihres angeblichen Wunsches einer
Abmeldung aufklären müssen; dies umso mehr, als bei positivem Ausgang des
hängigen Verfahrens infolge des höheren versicherten Verdiensts Anspruch auf
Kompensationszahlungen bestanden hätte (act. G 3.1.55 und 58).
A.c Mit Einspracheentscheid vom 12. Februar 2008 wurde die Einsprache abgewiesen.
Die Kantonale Arbeitslosenkasse machte insbesondere geltend, die Versicherte habe
unbestrittenermassen am 30. April 2007 telefonisch den zuständigen Personalberater
über den baldigen Stellenantritt informiert. Streitig sei jedoch der Inhalt dieses
Gesprächs. Laut Aussagen der Versicherten habe ein Gespräch über den
Zwischenverdienstausgleich stattgefunden und ihr sei zur Abmeldung geraten worden.
Der Personalberater bestreite, solche Aussagen gemacht zu haben. Dies wirke
glaubwürdig, zumal der Personalberater als ehemaliger Kassenmitarbeiter ein
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
ausgewiesener Fachmann in Fragen der Taggeldauszahlung sei und kaum eine solche
Empfehlung abgeben würde. Ausserdem enthalte das Gesprächsprotokoll (act. G 13.2)
keinen Hinweis auf die von der Versicherten geltend gemachte Diskussion, was
angesichts seiner sonst üblichen pointierten Abschriften der Gesprächsinhalte zu
erwarten gewesen wäre. Überdies bleibe unklar, weshalb die Versicherte von einem
voraussichtlichen Verdienst von rund Fr. 650.-- ausgegangen sei, da es sich bei der
Anstellung laut Arbeitsvertrag um ein flexibles Pensum von ein bis zwölf
Wochenstunden gehandelt habe. Zusammenfassend sei die Darstellung der
Versicherten nicht wahrscheinlicher als diejenige des Personalberaters, weshalb nicht
mit dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit behauptet werden könne,
die Abmeldung sei aufgrund einer mangelnden Auskunftserteilung seitens der
Verwaltung erfolgt. Schliesslich wurde die Verfügung vom 22. November 2007 insofern
korrigiert, als der Anspruch auf Kompensationszahlungen erst ab dem Monat Mai 2007
verneint wurde, da für den Monat April 2007 zufolge der Abmeldung per 30. April noch
Leistungen ausgerichtet worden seien (act. G 3.1.61).
B.
B.a Gegen diesen Einspracheentscheid richtet sich die vom Rechtsvertreter der
Beschwerdeführerin eingereichte Beschwerde vom 31. März 2008 mit den Anträgen,
der angefochtene Einspracheentscheid sei unter angemessener Kosten- und
Entschädigungsfolge aufzuheben und es seien auf der Basis eines monatlichen
versicherten Verdiensts von Fr. 1'574.-- (bei einem Vermittlungsgrad von 39 %,
nunmehr gestützt auf einen IV-Grad von 61 %: act. G 3.1.45 und 51) und den in den
Monaten Mai 2007 bis August 2007 erzielten Einkommen entsprechende
Kompensationszahlungen auszurichten. Zur Begründung verweist er auf die
Sorgfaltspflichtverletzung der Verwaltung aufgrund unterlassener oder falscher
Auskunftserteilung, die schliesslich zur Abmeldung der Beschwerdeführerin bei der
Arbeitslosenversicherung geführt habe und aus der ihr in der Folge ein Schaden durch
ausgebliebene Kompensationszahlungen erwachsen sei. Die Beschwerdeführerin sei
so zu stellen, wie wenn sie sich nach pflichtgemäss erfolgter Auskunft nicht
abgemeldet hätte. Im Übrigen handle es sich bei der besagten Telefonnotiz um ein
untaugliches Beweismittel, da es aufgrund der fehlenden Unterschrift des
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Personalberaters und des fehlenden Gesprächsdatums bereits in formeller Hinsicht
nicht genüge (act. G 1).
B.b Mit Beschwerdeantwort vom 30. April 2008 beantragt die Beschwerdegegnerin
Abweisung der Beschwerde. Es müsse davon ausgegangen werden, dass die
Beschwerdeführerin den zuständigen Personalberater nicht über das hängige
Gerichtsverfahren in Kenntnis gesetzt habe, daher habe seinerseits keine Veranlassung
bestanden, der gewünschten Abmeldung nicht zu entsprechen (act. G 3).
B.c Mit Replik vom 20. Juni 2008 lässt die Beschwerdeführerin an ihren Anträgen
festhalten. Sie habe den Personalberater anlässlich der Kontrolltermine regelmässig
über das laufende Rechtsmittelverfahren orientiert. Überdies sei dem RAV eine Kopie
des damaligen Einspracheentscheids zugestellt worden. Der Einwand der
Beschwerdegegnerin, der Personalberater habe keine Kenntnis vom hängigen
Verfahren gehabt, greife nicht. Er müsse sich das Wissen des RAV bzw. der
Arbeitslosenkasse zurechnen lassen (act. G 8).
B.d Die Beschwerdegegnerin hat auf eine Duplik verzichtet (act. G 10).
B.e Mit Schreiben vom 3. Juli 2008 fordert das Versicherungsgericht des Kantons
St. Gallen die Beschwerdegegnerin zur Vervollständigung der Akten auf (act. G 11). Die
nachgereichten Akten wurden dem Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin zugestellt
(act. G 14, G 16). Dieser hat auf eine Stellungnahme verzichtet (act. G 17).

Erwägungen:
1.
Streitig und zu prüfen ist, ob die Beschwerdeführerin für die Monate Mai und Juni 2007
Anspruch auf Arbeitslosenentschädigung hat. Soweit die Beschwerdeführerin
Arbeitslosenentschädigung für die Monate Juli und August 2007 beantragt, kann auf
die Beschwerde nicht eingetreten werden, da diese Leistungen nicht Gegenstand des
angefochtenen Entscheids bilden und damit auch nicht Streitgegenstand des
vorliegenden Beschwerdeverfahrens sein können (vgl. BGE 125 V 413).
2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Gemäss Art. 27 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) sind die Versicherungsträger und
Durchführungsorgane der einzelnen Sozialversicherungen verpflichtet, im Rahmen ihres
Zuständigkeitsbereichs die interessierten Personen über ihre Rechte und Pflichten
aufzuklären (Abs. 1). Jede Person hat Anspruch auf grundsätzlich unentgeltliche
Beratung über ihre Rechte und Pflichten. Dafür zuständig sind die Versicherungsträger,
denen gegenüber die Rechte geltend zu machen oder die Pflichten zu erfüllen sind
(Abs. 2). Der im hier zu beurteilenden Fall relevante Absatz 2 beschlägt ein individuelles
Recht auf Beratung durch den zuständigen Versicherungsträger. Jede versicherte
Person kann vom Versicherungsträger im konkreten Einzelfall eine unentgeltliche
Beratung über ihre Rechte und Pflichten verlangen (BGE 131 V 476 E. 4.1). Das
Eidgenössische Versicherungsgericht (EVG; seit 1. Januar 2007: Sozialrechtliche
Abteilungen des Bundesgerichts) hat bisher offen gelassen, wo die Grenzen der in Art.
27 Abs. 2 ATSG verankerten Beratungspflicht in generell-abstrakter Weise zu ziehen
sind. Es hat jedoch entschieden, dass es auf jeden Fall zum Kern der Beratungspflicht
gehört, die versicherte Person darauf aufmerksam zu machen, ihr Verhalten könne eine
der Voraussetzungen des Leistungsanspruchs gefährden (BGE 131 V 479 f. E. 4.3 in
fine). Bezüglich der Beratungspflicht ist vorliegend zu beachten, dass sämtliche
Durchführungsstellen der Arbeitslosenversicherung die Versicherten über diejenigen
Rechte und Pflichten aufklären, die sich aus den jeweiligen Aufgabenbereichen
ergeben (Art. 76 Abs. 1 lit. a-d des Bundesgesetzes über die Arbeitslosenversicherung
und die Insolvenzentschädigung [AVIG, SR 837.0] i.V.m. Art. 19a der Verordnung über
die Arbeitslosenversicherung und die Insolvenzentschädigung [AVIV, SR 837.02]). Im
Kanton St. Gallen sind die RAV und die Kantonale Arbeitslosenkasse im Amt für Arbeit
zusammengefasst und bilden eine Verwaltungseinheit (je Art. 1 - 3 des Kantonalen
Gesetzes über Arbeitslosenversicherung und Arbeitsvermittlung [sGS 361.0] und der
entsprechenden Verordnung [sGS 361.11]). Eine allfällige Verletzung der
Beratungspflicht seitens des RAV muss die Kantonale Arbeitslosenkasse als
Beschwerdegegnerin daher gegen sich gelten lassen.
3.
3.1 Die Beschwerdeführerin behauptet, sie habe der Abmeldung beim RAV per Ende
April 2007 zugestimmt, nachdem der Personalberater sie anlässlich des
http://relevancy.bger.ch/php/aza/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=soz&query_words=ATSG+27&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F131-V-472%3Ade&number_of_ranks=0#page476 http://relevancy.bger.ch/php/aza/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=soz&query_words=ATSG+27&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F131-V-472%3Ade&number_of_ranks=0#page479
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Telefongesprächs darauf hingewiesen habe, dass sie beim damaligen versicherten
Verdienst von Fr. 885.-- und dem Zwischenverdienst von etwa Fr. 650.-- keinen
Anspruch auf Arbeitslosenentschädigung habe (act. G 1; act. G 13.2). Es stellt sich die
Frage, ob bei dieser Version des Sachverhalts die gesetzmässige Aufklärung und
Beratung des RAV pflichtgemäss erfolgt ist. Fest steht, dass der versicherte Verdienst
zum damaligen Zeitpunkt streitig war und sich eine Gutheissung der hängigen
Beschwerde auf die Berechnung der Kompensationszahlungen ausgewirkt hätte. Fest
steht ebenso, dass die Kantonale Arbeitslosenkasse dem RAV eine Kopie des
entsprechenden Einspracheentscheids vom 8. März 2007 zugestellt hat (act. G 3.1.18).
Es ist zwar davon auszugehen, dass der Personalberater im Zeitpunkt des
Telefongesprächs, das Ende April / Anfang Mai 2007 stattfand, noch keine Kenntnis
von der Beschwerdeerhebung vom 27. April 2007 haben konnte - sofern die
Beschwerdeführerin den Personalberater nicht darauf aufmerksam gemacht hat, wofür
aber ein Beweis fehlt -, wohl aber von der laufenden Rechtsmittelfrist. Überdies war
aufgrund des Hinweises der Beschwerdeführerin, wonach ihr künftiger Verdienst
aufgrund des in Aussicht gestellten wöchentlichen Arbeitspensums "circa" Fr. 650.--
betragen werde, von monatlichen Schwankungen auszugehen (wie dies das
"Lohnkonto" für die Monate Mai 2007 bis August 2007 belegt [act. G 3.1.40]). Eine
Aussage zu künftigen Arbeitslosenentschädigungen wäre daher erst nach Eingang der
monatlichen Zwischenverdienstformulare möglich gewesen. Vor diesem Hintergrund
erweist sich die behauptete Empfehlung zur Abmeldung als falsch.
3.2 Die Beschwerdegegnerin erklärt demgegenüber, die behauptete falsche Auskunft
sei nicht erteilt worden. Der Personalberater habe lediglich die Abmeldung infolge
Stellenantritts zur Kenntnis genommen und dem Wunsch der Beschwerdeführerin
entsprochen (act. G 3.1.61). Für diese Version spricht die Aktennotiz ("Frau D._ ruft
an. Sie hat Stelle in der Reinigung per 1.5.07 gefunden und wünscht Abmeldung per
30.4.07. Sie wird das noch kurz schriftlich bestätigen." [act. G 13.2]) insofern, als ihr
kein Hinweis auf die streitige Diskussion zu entnehmen ist. Unter der Annahme, dass
sich der Sachverhalt auf diese Weise ereignet hat, ist wiederum zu prüfen, ob das RAV
seine Beratungspflicht rechtsgenüglich erfüllt hat. Den Wunsch der Beschwerdeführerin
nach einer Abmeldung hätte es nicht ohne weiteres zur Kenntnis nehmen dürfen,
gehört es doch zum Kern der Beratungspflicht, die versicherte Person auf ihr
möglicherweise leistungsgefährdendes Verhalten hinzuweisen. Der Personalberater
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
hätte sich somit konkret nach dem Grund für die Abmeldung bzw. den konkreten
Umständen der neuen Stelle erkundigen müssen. Bei Kenntnis des flexiblen
Arbeitspensums hätte er sodann auf die Möglichkeit des Zwischenverdiensts und des
Anspruchs auf Kompensationszahlungen hinweisen und demzufolge von der
Abmeldung abraten müssen. Indem er bestreitet, ein entsprechendes Gespräch geführt
zu haben, hat er es offensichtlich unterlassen, seiner gesetzlichen Beratungspflicht in
genügender Weise nachzukommen. Ein Indiz dafür stellt auch die fehlende schriftliche
Abmeldung der Beschwerdeführerin dar. Schriftliche Abmeldungen bzw.
entsprechende Bestätigungen des RAV sind im Fall einer Abmeldung die Regel, um
Personen auf die Bedeutung der Abmeldung hinzuweisen resp. den Nachweis für die
erfolgte Beratung zu erbringen.
3.3 Letztlich kann offen bleiben, welche Sachverhaltsversion zutreffend ist.
Massgebend ist, dass in beiden Fällen eine Verletzung der Beratungspflicht mit dem im
Sozialversicherungsrecht üblichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit
als erstellt zu erachten ist. Damit kann sich die Beschwerdeführerin auf den
Vertrauensschutz berufen, wie nachfolgend zu zeigen sein wird. Weitere Abklärungen
erübrigen sich bei dieser Konstellation. Offen bleiben kann daher auch, ob es sich bei
der Aktennotiz des Personalberaters um ein taugliches Beweismittel handelt oder ob
die Beschwerdeführerin zu Recht einen voraussichtlichen Verdienst von Fr. 650.--
angegeben hat. Bei Letzterem ergeben sich je nach Berechnungsmodus ohnehin
unterschiedliche Beträge (Zuschläge für Ferien, Feiertage; Abzüge für
Sozialversicherungen, Rückstellung für 13. Monatslohn; durchschnittliche
Arbeitswochen pro Monat).
4.
4.1 Da sowohl eine falsche wie auch eine ungenügende resp. unterlassene
Wahrnehmung der Beratungspflicht nach Art. 27 Abs. 2 ATSG gemäss konstanter
Rechtsprechung einer falsch erteilten Auskunft des Versicherungsträgers gleichkommt,
hat dieser unter Berücksichtigung des Vertrauensprinzips hierfür einzustehen, sofern
sämtliche Voraussetzungen des öffentlich-rechtlichen Vertrauensschutzes erfüllt sind.
Gemäss Rechtsprechung und Lehre ist eine falsche Auskunft bindend, wenn die
Behörde in einer konkreten Situation mit Bezug auf bestimmte Personen gehandelt hat,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
wenn sie für die Erteilung der betreffenden Auskunft zuständig war, wenn die
betroffene Person die Unrichtigkeit der Auskunft nicht ohne Weiteres erkennen konnte,
wenn sie im Vertrauen auf die Richtigkeit der Auskunft Dispositionen getroffen hat, die
nicht ohne Nachteil rückgängig gemacht werden können, und wenn die gesetzliche
Ordnung seit der Auskunftserteilung keine Änderung erfahren hat (vgl. zum
Ganzen: BGE 131 V 480 f. E. 5 mit Hinweisen).
4.2 Vorliegend steht fest, dass das RAV für die streitige Auskunft zuständig war. Von
der Beschwerdeführerin kann nicht verlangt werden, dass sie die Unvollständigkeit
oder Fehlerhaftigkeit der Auskunft hätte erkennen müssen, da der Modus für die
Berechnung der Kompensationszahlungen nicht ohne Weiteres nachvollziehbar ist.
Dies gilt selbst dann, wenn die allgemeine Aufklärung der Stellenlosen über die Rechte
und Pflichten zu Beginn der Arbeitslosigkeit wohl erfolgt sein sollte. Schliesslich hat die
Rechtslage im zu betrachtenden Zeitraum keine Änderung erfahren. Zusammenfassend
ist festzuhalten, dass sich die Beschwerdeführerin auf die falsche resp. unterlassene
Auskunft des Personalberaters berufen kann. Es kann angenommen werden, dass sie
sich sonst anders verhalten hätte, weshalb ihr die Abmeldung nicht vorzuhalten ist. Die
Beschwerdeführerin ist daher so zu stellen, wie wenn sie sich nicht abgemeldet hätte.
Bei dieser Sachlage kann ihr im Übrigen ebenso wenig entgegengehalten werden, dass
sie den Nachweis ihrer Arbeitsbemühungen nicht mehr erbracht hat.
5.
5.1 Im Sinn der vorstehenden Erwägungen ist die Beschwerde, soweit darauf
einzutreten ist, unter Aufhebung des angefochtenen Einspracheentscheids vom
12. Februar 2008 teilweise gutzuheissen und die Sache zur weiteren Abklärung des
Anspruchs auf Arbeitslosenentschädigung für die Monate Mai und Juni 2007 und zur
neuen Verfügung an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
5.2 Gerichtskosten sind keine zu erheben (Art. 61 lit. a ATSG). Hingegen hat die
Beschwerdeführerin bei diesem Verfahrensausgang, der im Hinblick auf die
Parteientschädigung als vollständiges Obsiegen gilt, Anspruch auf Ersatz der
Parteikosten. Diese werden vom Gericht festgesetzt und ohne Rücksicht auf den
Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des
http://relevancy.bger.ch/php/aza/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=soz&query_words=ATSG+27&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F131-V-472%3Ade&number_of_ranks=0#page480
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Prozesses bemessen (Art. 61 lit. g ATSG). In der Verwaltungsrechtspflege beträgt das
Honorar vor Versicherungsgericht nach Art. 22 Abs. 1 lit. b HonO (sGS 963.75)
pauschal Fr. 1'000.-- bis Fr.12'000.--. In Anbetracht des aufgrund der Akten
abzuschätzenden Aufwands und in Relation zu den in vergleichbaren Fällen
zugesprochenen Entschädigungen erscheint ein Betrag von Fr. 3'000.-- (inklusive
Barauslagen und Mehrwertsteuer) als angemessen.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 53 GerG