Decision ID: 3b5be4e1-ae5c-4d17-a347-022b9b505f1e
Year: 2021
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend schwere Körperverletzung (Rückweisung der strafrechtlichen Abteilung des Schweiz. Bundesgerichts)
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Zürich, Jugendgericht, vom 27. November 2017 (DJ170003)
Urteil der I. Strafkammer des Obergerichtes des Kantons Zürich vom 16. Januar 2019 (SB180148)
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Urteil der strafrechtlichen Abteilung des Schweiz. Bundesgerichts vom 26. Mai 2020 (6B_589/2019, 6B_597/2019, 6B_599/2019)
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Anklage:
Die Anklageschrift der Jugendanwaltschaft Zürich-Stadt vom 12. Juli 2017
(Urk. 1/15) ist diesem Urteil beigeheftet.
Urteil der Vorinstanz: (Urk. 2/76 S. 50 ff.)
"Es wird erkannt:
1. Der Beschuldigte C._ ist der schweren Körperverletzung im Sinne von Art. 122 Abs. 1
und Abs. 2 StGB nicht schuldig und wird freigesprochen.
2. Die Zivilklagen der Privatkläger A._ und B._ werden auf den Weg des Zivilprozes-
ses verwiesen.
3. Die Entscheidgebühr fällt ausser Ansatz; die weiteren Kosten betragen:
CHF 500.00 Gebühr Strafuntersuchung
CHF 3'221.30 Auslagen Untersuchung
CHF 11'102.00 Gutachten/Expertisen etc.
CHF 32'054.55 amtliche Verteidigung
Allfällige weitere Auslagen bleiben vorbehalten. Diese Kosten werden auf die Gerichtskasse
genommen.
4. Der amtliche Verteidiger wird mit CHF 32'054.55 (inkl. MwSt.) aus der Gerichtskasse ent-
schädigt.
5. Das Gesuch des Beschuldigten um Zusprechung einer Entschädigung wird abgewiesen.
6. Dem Beschuldigten wird eine Genugtuung von CHF 400.– zuzüglich 5 % Zins ab dem
8. September 2015 aus der Gerichtskasse zugesprochen.
7. (Mitteilungen)
8.-9. (Rechtsmittel)"
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Berufungsanträge: (Prot. III S. 8 f.)
a) Der Verteidigung des Beschuldigten:
(Urk. 170 S. 57 f.)
C._ sei freizusprechen unter Zusprechung einer angemessenen Ge-
nugtuung zuzüglich 5% Zins ab dem 8. September 2015.
Evtl. sei er mit einer Busse von Fr. 300.– zu bestrafen unter Absehen einer
Kostenauflage und Abweisung oder Verweisung der Zivilansprüche (inkl.
Festlegung der Haftungsquote) und Genugtuungsbegehren der Privatkläger
1 und 2 auf den Weg des Zivilprozesses.
Subevtl. sei die Haftungsquote auf 5% festzulegen.
b) Der Staatsanwaltschaft:
(Urk. 2/80, 2/88 und 2/109 und Urk. 161 sinngemäss)
Bestätigung des vorinstanzlichen Urteils.
c) Der Rechtsvertreterin des Privatklägers 1:
(Urk. 152 S. 2; Prot. II S. 8)
1. Dispositivziffer 1 des Urteils des Jugendgerichts (Bezirksgericht) Zürich vom
27. November 2017 (DJ170003) sei aufzuheben und es sei der Beschuldigte
C._ der schweren Körperverletzung im Sinne von Art. 122 Abs. 1 und
Abs. 2 StGB schuldig zu sprechen und angemessen zu bestrafen.
2. Dispositivziffer 2 des Urteils des Jugendgerichtes (Bezirksgericht) Zürich
vom 27. November 2017 (DJ170003) sei aufzuheben und es sei der Be-
schuldigte zu verpflichten, dem Privat- und Berufungskläger 1)
- Schadenersatz in Höhe von CHF 817'958.45 nebst Zins zu 5% seit dem
8. September 2015 zu bezahlen,
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- ihm dem Grundsatz nach für zukünftig sich verwirklichende Schäden Ersatz
zu leisten, und
- eine Genugtuung in Höhe von mindestens CHF 60'000 nebst Zins zu
5% seit dem 8. September 2015 zu bezahlen.
3. Dispositivziffern 3 teilweise und 6 des Urteils des Jugendgerichtes (Bezirks-
gericht) Zürich vom 27. November 2017 (DJ170003) seien aufzuheben und
die Kosten der Untersuchung und des gerichtlichen Verfahrens, einschliess-
lich der Kosten der amtlichen Verteidigung ausgangsgemäss dem Beschul-
digten aufzuerlegen.
4. Die Kosten des Rechtsmittelverfahrens seien dem Beschuldigten aufzuerle-
gen und dem Privat- und Berufungskläger 1) im Umfang des Obsiegens eine
Entschädigung seiner Aufwendungen für die angemessene Ausübung der
Verfahrensrecht zuzusprechen.
d) Der Privatklägerin 2:
(Urk. 156)
1. Dispositivziffer 1 des Urteils des Jugendgerichts Zürich vom 27. November
2017 (DJ170003-L) sei aufzuheben und es sei der Beschuldigte wegen
schwerer Körperverletzung schuldig zu sprechen und angemessen zu be-
strafen.
2. Dispositivziffer 2 sei aufzuheben und es sei der Beschuldigte zu verpflichten,
mir Schadenersatz in Höhe von CHF 16'500.00 nebst Zins zu 5 % seit dem
8. September 2015 zu bezahlen.
3. Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zu Lasten des Beschuldigten.
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Erwägungen:
I. Verfahrensverlauf
1.1. Zum Verfahrensgang bis zum vorinstanzlichen Urteil kann zwecks
Vermeidung unnötiger Wiederholungen auf die zutreffenden Erwägungen im
angefochtenen Entscheid verwiesen werden (Urk. 2/76 S. 4).
1.2. Mit dem eingangs im Dispositiv wiedergegebenen Urteil der Vorinstanz
vom 27. November 2017 wurde der Beschuldigte Bergkraut vom Anklagevorwurf
der schweren Körperverletzung freigesprochen und die Zivilklagen der
Privatkläger wurden auf den Zivilprozessweg verwiesen (Urk. 2/76 S. 50). Gegen
diesen Entscheid meldeten die Oberjugendanwaltschaft sowie die Privatkläger mit
Eingaben vom 27. und 30. November sowie 4. Dezember 2017 innert gesetzlicher
Frist Berufung an (Art. 399 Abs. 1 StPO; Urk. 1/67-69). Nach Kenntnisnahme des
begründeten vorinstanzlichen Entscheides zog die Anklagebehörde ihre Berufung
zurück (Urk. 2/80). Die Berufungserklärungen der Privatkläger gingen innert ge-
setzlicher Frist bei der Berufungsinstanz ein (Art. 399 Abs. 3 StPO; Urk. 2/82 und
84). Die Anklagebehörde hat mit Eingabe vom 2. Mai 2018 auf
Anschlussberufung verzichtet (Urk. 2/88; Art. 400 Abs. 2 f. und Art. 401 StPO).
Die seitens der Privatkläger gestellten Beweisergänzungsanträge wurden mit
Präsidialverfügung vom 6. August 2018 begründet – und dem Antrag der
Anklagebehörde folgend – abgewiesen (Art. 389 Abs. 3 StPO; Urk. 105; Urk. 82
und 84 sowie 91). Die Anklagebehörde beantragt die Bestätigung des
angefochtenen Entscheides (Urk. 2/88).
1.3. Die Privatkläger haben die Berufung in ihrer Berufungserklärung lediglich in
einem Punkt (Dispositiv-Ziff. 5) beschränkt (Urk. 2/82 und 84; Art. 399 Abs. 4
StPO). Darüber hinaus sind die Privatkläger nicht legitimiert, die Kostenfestset-
zung (Dispositiv-Ziff. 3 teilweise) und die Festsetzung der Entschädigung der amt-
lichen Verteidigung und deren einstweilige Übernahme durch die Gerichtskasse
(Dispositiv-Ziff. 4) anzufechten. Dies wurde an der Berufungsverhandlung vom
14. Januar 2019 seitens der Privatkläger auch anerkannt (vgl. dazu Prot. II S. 8).
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Das Urteil des Obergerichts erging am 16. Januar 2019 und wurde im Dispositiv
schriftlich mitgeteilt (Urk. 2/122).
1.4. Mit Urteil des Obergerichtes vom 16. Januar 2019 wurde der Beschuldigte
der schweren Körperverletzung im Sinne von Art. 122 Abs. 1 und Abs. 2 StGB in
Verbindung mit Art. 16 Abs. 1 StGB schuldig gesprochen und mit einem Frei-
heitsentzug von 4 Monaten bestraft, wovon zwei Tage durch Haft erstanden sind.
Zudem wurde über die Schadenersatz- und Genugtuungsforderungen der Privat-
kläger entschieden (Urk. 2/125 S. 39 f.).
1.5. Gegen das Urteil des Obergerichts erhoben die Privatkläger am 16. bzw.
17. Mai 2019 und der Beschuldigte am 17. Mai 2019 jeweils Beschwerde in Straf-
sachen beim Bundesgericht (Urk. 2/129 bis 131; Verfahren Nr. 6B_589/2019,
6B_597/2019 und 6B_599/2019). Die Beschwerden der Privatkläger wurden mit
Urteil des Bundesgerichts vom 26. Mai 2020 gutgeheissen, das Urteil des Ober-
gerichts aufgehoben und die Sache zur neuen Entscheidung ans Obergericht
zurückgewiesen (Urk. 143).
1.6. Nachdem sich die Parteien mit der schriftlichen Durchführung des vor-
liegenden (Rückweisungs-)Verfahrens einverstanden erklärt hatten (Urk. 145/1-3),
wurde mit Präsidialverfügung vom 18. August 2020 dessen schriftliche Durch-
führung angeordnet sowie den Privatklägern Frist angesetzt, die
Berufungsanträge zu stellen und zu begründen sowie letztmals Beweisanträge zu
stellen (Urk. 146). Nach Eingang der Berufungsbegründungen der Privatkläger
(Urk. 152 und 156) wurde dem Beschuldigten mit Präsidialverfügung vom
7. Oktober 2020 Frist zu Berufungsantwort und Stellungnahme zu den
Beweisanträgen sowie der Vorinstanz und der Oberjugendanwaltschaft Frist zur
freigestellten Vernehmlassung angesetzt (Urk. 158). Die Vorinstanz und die
Oberjugendanwaltschaft verzichteten ausdrücklich auf eine Vernehmlassung
(Urk. 160 und 161). Der Beschuldigte liess mit Eingabe vom 10. Dezember 2020
die Berufungsantwort erstatten (Urk. 170). Mit Präsidialverfügung vom
15. Dezember 2020 wurde den Privatklägern Frist zur Berufungsreplik angesetzt
(Urk. 172). Mit Zuschriften vom 15. Februar 2021 gingen die Berufungsrepliken
der Privatkläger am 16. Februar 2021 hierorts ein (Urk. 184 und 186). Mit
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Präsidialverfügung vom 18. Februar 2021 wurde dem Beschuldigten Frist zur
Berufungsduplik angesetzt (Urk. 188). Mit Eingabe vom 26. März 2021 liess der
Beschuldigte die Berufungsduplik erstatten (Urk. 192). Mit Präsidialverfügung vom
30. März 2021 wurde den Rechtsvertretern Frist angesetzt, um ihre Honorarnoten
einzureichen (Urk. 194). Mit Eingaben vom 6. bzw. 7. April 2021 gingen die
Honorarnoten der Rechtsvertreter ein (Urk. 196, 198/1-4 und Urk. 199).
II. Rückweisung, Bindungswirkung und Umfang der Berufung
1. Allgemeines
1.1. Hebt das Bundesgericht einen Entscheid auf und weist es die Sache zu
neuer Beurteilung an die kantonale Instanz zurück, so wird der Streit in jenes
Stadium vor der kantonalen Instanz zurückversetzt, in dem er sich vor Erlass des
angefochtenen Entscheids befunden hat.
Im Falle eines bundesgerichtlichen Rückweisungsentscheids hat die mit der neu-
en Entscheidung befasste kantonale Instanz ihrem Urteil die rechtliche Beurtei-
lung, mit der die Rückweisung begründet wird, zugrunde zu legen. Jene bindet
auch das Bundesgericht, falls ihm die Sache erneut unterbreitet wird. Aufgrund
dieser Bindungswirkung ist es den erneut mit der Sache befassten Gerichten wie
auch den Parteien, abgesehen von allenfalls zulässigen Noven, verwehrt, der
Überprüfung einen anderen als den bisherigen Sachverhalt zu unterstellen oder
die Sache unter rechtlichen Gesichtspunkten zu prüfen, die im Rückweisungsent-
scheid ausdrücklich abgelehnt oder überhaupt nicht in Erwägung gezogen worden
sind. Die neue Entscheidung der kantonalen Instanz ist somit auf diejenige The-
matik beschränkt, die sich aus den bundesgerichtlichen Erwägungen als Gegen-
stand der neuen Beurteilung ergibt. Das Verfahren wird nur insoweit neu in Gang
gesetzt, als dies notwendig ist, um den verbindlichen Erwägungen des Bundesge-
richts Rechnung zu tragen (BGE 143 IV 214 E. 5.2.1 S. 220 und 135 III 334 E. 2
S. 335 f., je mit Hinweisen; Urteile des Bundesgerichts 6B_613/2018 vom
7. Januar 2019 E. 1.3 und 6B_54/2018 vom 28. November 2018 E. 1.2). Dabei
kann sich die neue Entscheidung in den Grenzen des Verbots der reformatio in
peius auch auf Punkte beziehen, die vor Bundesgericht nicht angefochten waren,
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sofern dies der Sachzusammenhang erfordert (BGE 123 IV 1 E. 1; Urteile des
Bundesgerichts 6B_980/2017 vom 20. Dezember 2018 E. 2.2. und 6B_1438/2017
vom 12. Oktober 2018 E. 2.3.1, je mit Hinweisen).
1.2. Da das Bundesgerichtsgesetz das Institut der Teilrechtskraft nicht kennt, ist
im aktuellen Berufungsverfahren grundsätzlich nochmals über alle Punkte zu
entscheiden, wobei die urteilende Kammer in ihrem neuen Entscheid nur in jenen
Punkten auf ihr früheres Urteil zurückkommen darf, die zu dessen Aufhebung
geführt haben, selbst wenn aus formellen Gründen das ganze Urteil aufgehoben
wurde (BGE 123 IV 1 E. 1). Die anderen Teile des Urteils haben Bestand und
werden in das neue Urteil übernommen (SCHMID/JOSITSCH, Handbuch des
schweizerischen Strafprozessrechts, 3. Aufl., Zürich/St. Gallen 2017, N 1713).
2. Umfang der Berufung
Die Privatkläger haben die Berufung in ihrer Berufungserklärung lediglich in einem
Punkt (Dispositiv-Ziff. 5) beschränkt (Urk. 2/82 und 84; Art. 399 Abs. 4 StPO).
Darüber hinaus sind die Privatkläger nicht legitimiert, die Kostenfestsetzung
(Dispositiv-Ziff. 3 teilweise) und die Festsetzung der Entschädigung der amtlichen
Verteidigung und deren einstweilige Übernahme durch die Gerichtskasse
(Dispositiv-Ziff. 4) anzufechten. Dies wurde an der Berufungsverhandlung seitens
der Privatkläger auch anerkannt (vgl. dazu Prot. II S. 8). Insoweit ist vorab vom
Eintritt der Rechtskraft dieser Anordnungen Vormerk zu nehmen (Art. 404 StPO).
3. Sachverhalt / Ausgangslage
3.1. Am frühen Abend des 8. September 2015 trafen im D._-Park in Zü-
rich der damals 17 Jahre alte Beschuldigte C._ und der damals 64 Jahre al-
te Privatkläger A._ aufeinander. Der Beschuldigte versetzte dem Privatklä-
ger unbestrittenermassen mehrere Faustschläge gegen den Kopf. Beim Privat-
kläger resultierten nebst weiteren Verletzungen ein schweres Schädel-Hirn-
Trauma mit akuter Lebensgefahr und bis heute anhaltenden gravierenden ge-
sundheitlichen Beeinträchtigungen (vgl. auch Urk. 1/15).
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3.2. Da keine weiteren Personen am Tatort waren und der Privatkläger sich
nicht an den Vorfall erinnern kann (Urk. 1/3/1-4), stützt sich die Schilderung des
Anklagesachverhalts zur Vorgeschichte und dem eigentlichen Tathergang
(Urk. 1/15 S. 2 f.) ausschliesslich auf die Darstellung des Beschuldigten, wie er
sie in der Untersuchung in mehreren Einvernahmen deponiert hat (Urk. 1/2/1-4).
An der Berufungsverhandlung hat der Beschuldigte wie bereits an der
Hauptverhandlung Aussagen zur Sache (und zur Person) verweigert (Prot. I
S. 13; Urk. 2/115A).
3.3. Das Bundesgericht hielt im Urteil vom 26. Mai 2021 fest, dass die
Erwägung des Obergerichts im Urteil vom 16. Januar 2019, der Sachverhalt sei
aufgrund einer Verbindlichkeit der Anklage erstellt, nicht mit Bundesrecht
vereinbar sei. Der in der Anklageschrift umschriebene Sachverhalt sei nach einer
umfassenden Beweiswürdigung mit nachvollziehbarer Begründung festzustellen.
Insbesondere bezüglich des Teils des Anklagesachverhaltes, wonach der
Beschuldigte nach dem Verlassen des eingezäunten Spielplatzes und seiner
Bitte, in Ruhe gelassen zu werden, beim Privatkläger A._ einen völlig
veränderten Gesichtsausdruck festgestellt habe, welchen der Beschuldigte mit
Hass und Aggressivität interpretiert und geglaubt habe, der Privatkläger A._
käme mit den Händen auf ihn los und würde zu einer Packbewegung ansetzen,
dränge sich eine sorgfältige und für eine rechtsgenügende Prüfung der Notwehr
unerlässliche Beweiswürdigung auf. Explizite Hinweise auf Notwehr seien der
Anklageschrift nicht zu entnehmen. Ein Tatgeschehen ohne drohenden Angriff auf
den Beschuldigten oder ohne entsprechende subjektive Wahrnehmung müsse –
so das Bundesgericht weiter – eine mögliche Variante der vorinstanzlichen
Beweiswürdigung bilden (Urk. 143 E. 3.4).
3.4. Der Beschuldigte zeigte sich von Beginn an im äusseren Sachverhalt
geständig, dem Privatkläger A._ im D._-Park Zürich mindestens zwei
Faustschläge gegen das Gesicht verpasst zu haben, infolgedessen Letzterer zu
Boden fiel, bewusstlos liegenblieb und die in der Anklageschrift umschriebenen
Verletzungen erlitt. Er macht jedoch ein Handeln in einer Notwehrsituation geltend
(Urk. 2/1 S. 1 ff., Urk. 2/2 S. 3 ff. und Urk. 2/4 S. 6 ff.).
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4. Parteivorbringen im (zweiten) Berufungsverfahren
4.1. Der Privatkläger A._ lässt in der Berufungsbegründung vom
5. Oktober 2020 zusammengefasst ausführen, dass das mutmassliche Verhalten
des Privatklägers und des Beschuldigten einer Plausibilitätsprüfung zu
unterziehen seien. Ein solches Verhalten, wie es der Beschuldigte behaupte, sei
für den Privatkläger undenkbar. Es gebe keinerlei auch nur annähernd
vergleichbare Vorfälle oder Verhaltensweisen im Leben des Privatklägers, die für
eine Gewalt- oder auch nur Übergriffsneigung sprechen würden. Der Leumund
des Privatklägers, der seine Bisexualität nie versteckt habe und daher auch nicht
habe verheimlichen müssen, sei makellos. Die Glaubwürdigkeit des Privatklägers
sei nicht zweifelhaft. Der Beschuldigte habe mit seinem Verhalten gezeigt, dass er
nicht bedroht gewesen sei, dass also der Angriff auf den Privatkläger nicht in
einer Verteidigungssituation erfolgt sei. Er habe die Polizei gerufen, ohne
persönlich bedroht gewesen zu sein, sei dem Privatkläger gefolgt, um zu
beobachten, was er tue und sei mitten in der angeblichen Szenerie geblieben,
anstatt am Rande des Parks zu warten, was normal gewesen wäre, wenn er sich
wirklich bedroht gefühlt hätte. Er habe dann nicht den möglichen und zur
Verfügung stehenden Ausweg aus dem umzäunten Spielplatz gewählt, sondern
sei in aller Ruhe durch das Tor auf der dem Privatkläger zugewandten Seite
geschritten, habe sich vor dem Privatkläger aufgebaut und ihm gesagt, er wolle in
Ruhe gelassen werden. Auf Basis all dessen sei es absolut unplausibel, dass der
Privatkläger ihn daraufhin angegriffen und eine Packbewegung gemacht haben
soll. Es gebe weder ein Motiv noch ein Grund oder irgendeine Veranlassung. Der
Privatkläger sei dem Beschuldigten auch körperlich völlig unterlegen gewesen,
was der Beschuldigte gewusst habe (Urk. 152 S. 4 f.). Das Verhalten des
Beschuldigten zeige, dass die behauptete Bedrohung so zum Tatzeitpunkt nicht
habe bestehen können. Der körperliche Angriff auf den Privatkläger sei erfolgt,
ohne dass sich der Beschuldigte selbst körperlich habe bedroht fühlen können.
Der Beschuldigte hätte einfach weggehen können, zumal er ja gewusst habe,
dass die Polizei bald eintreffen würde. Er habe die körperliche Konfrontation
selbst gesucht. Es sei ausgeschlossen, dass der Privatkläger onanierte habe, als
er ihm gegenüber gestanden sei. Der Privatkläger sei mit geschlossener Hose
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und ordentlich-züchtig bekleidet zusammengeschlagen worden. Der Angriff auf
die Ehre wäre, selbst wenn es ihn gegeben hätte, beendet gewesen (Urk. 152
S. 6). Die Unterstellung, der Privatkläger habe ein für ihn völlig unübliches, seiner
Familie und seinen Bekannten unbekanntes "anderes" Gesicht gezeigt, sei weit
weniger plausibel als die Annahme, dass der damals noch 17-jährige
Beschuldigte seine Phantasie und Affektkontrolle nicht mehr im Griff gehabt habe.
Grund dafür gebe es genug: Seine Brüder seien sexuell belästig worden, er habe
"Hassgefühle" gegen Schwule gehabt, habe an jenem Abend wieder Cannabis im
Blut gehabt und habe, wie sein früher Anruf bei der Polizei zeige, für Recht und
Ordnung sorgen wollen (Urk. 152 S. 7).
Es sei demnach davon auszugehen, dass kein Angriff seitens des Privatklägers
stattgefunden habe und es gebe auch keine eindeutigen Hinweise dafür, dass der
Beschuldigte berechtigterweise von einem solchen Angriff habe ausgehen müs-
sen. Das Verhalten des Beschuldigten sei weder gerechtfertigt noch entschuldbar
und stelle rechtlich eine schwere Körperverletzung dar (Urk. 152 S. 7).
4.2. Die Berufungsbegründung der Privatklägerin B._ enthält die identi-
schen Ausführungen wie diejenigen des Privatklägers A._, weshalb darauf
verzichtet wird, diese nochmals wiederzugeben (Urk. 156 S. 2 f.).
4.3. Der Beschuldigte lässt in der Berufungsantwort zusammgefasst ausführen,
es sei von der Sachverhaltserstellung der Vorinstanz auszugehen. Der
Beschuldigte habe demnach in rechtfertigender Notwehr gehandelt. Es habe ein
rechtswidriger Angriff gegen das Leben (Packbewegung gegen den Hals) sowie
gegen die sexuelle Integrität bestanden, mindestens nach seinem subjektiven
Empfinden habe der Beschuldigte in Lebensgefahr geschwebt, weshalb er als
Abwehrmittel seine Fäuste gewählt habe und reflexartig zwei- bis dreimal zuge-
schlagen habe. Mit den Fäusten habe er die ungefährlichste Art der Verteidigung
gewählt, welche ihm zur Verfügung gestanden sei. Die zwei bis drei Faustschläge
seien als Handlungseinheit zu sehen und nicht über das Notwendige hinaus-
gegangen. Sie hätten in einem angemessenen Verhältnis zum Angriff gegen
seine körperliche Unversehrtheit, die sexuelle Integrität und das Leben
gestanden. Auch liege kein Missverhältnis zwischen der durch den Angriff
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einerseits und durch die Abwehr andererseits drohenden Rechtsverletzung vor
(Urk. 170 S. 2 ff.). Sollte das Obergericht wider Erwarten die nach dem ersten
Schlag erfolgten maximal zwei weiteren Schläge als Exzess betrachten, sei von
einem entschuldbaren Notwehrexzess im Sinne von Art. 16 Abs. 2 StGB
auszugehen (Urk. 170 S. 27 ff.).
5. Beweisanträge des Privatklägers A._
5.1. Der Privatkläger A._ lässt die Befragung von E._, Dr.
F._, Dr. iur. G._, H._, I._ und J._ durch das Beru-
fungsgericht beantragen (Urk. 155). Das Zeugnis dieser Personen sei geeignet,
die Persönlichkeit des Privatklägers zu beschreiben und damit zu beweisen, dass
dem Privatkläger nicht nur im allgemeintäglichen Leben, sondern auch im Konflikt
jede Form von Gewalt fern sei, und er stattdessen den Rückzug oder das kon-
struktive Argument suche. Dies würde aufzeigen, dass die Darstellung des Be-
schuldigten vom objektiven Tatablauf nicht stimmen könne (Urk. 155 S. 2 f.).
5.2. Wie erwähnt hat der Privatkläger A._ an den inkriminierten Vorfall
keine Erinnerung mehr. Die vom Privatkläger A._ angerufenen Zeugen
können allesamt auch keine Angaben zum Tatgeschehen machen. Vielmehr
werden sie offeriert, um allgemeine Angaben zum Verhalten des Privatklägers
A._ in einer Konfliktsituation zu machen. Wie bereits die
Jugendanwaltschaft im Schreiben vom 12. Januar 2017 (Urk. 1/7/10/1) und auch
die Vorinstanz in ihren Erwägungen zutreffend festhielt (Urk. 2/76 S. 19), kann
eben gerade nicht ausgeschlossen werden, dass sich der Privatkläger A._
an jenem Abend anders verhielt als er dies "üblicherweise" tat, zumal es sich um
eine ausserordentliche Situation in einem Park mit einem ihm unbekannten
Jugendlichen handelte. Der Privatkläger A._ hat überdies bereits mehrere
Schreiben ins Recht gelegt (Urk. 1/7/9/1-7), woraus ersichtlich ist, dass er über
einen tadellosen Leumund und durchwegs positive persönliche Eigenschaften
verfügt. Aus Befragungen von Zeugen aus dem persönlichen Umfeld des
Privatklägers A._ sind demnach keine neuen Erkenntnisse zu erwarten. Die
Beweisanträge des Privatklägers A._ sind abzuweisen.
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6. Formelles
Im Übrigen ist an dieser Stelle darauf hinzuweisen, dass sich die urteilende In-
stanz nicht mit allen Parteistandpunkten einlässlich auseinandersetzen und jedes
einzelne Vorbringen ausdrücklich widerlegen muss. Das Berufungsgericht kann
sich auf die für seinen Entscheid wesentlichen Gesichtspunkte beschränken (BGE
146 IV 297 E. 2.2.7; 143 III 65 E. 5.2; 141 IV 249 E. 1.3.1; Urteil des Bundesge-
richts 6B_1403/2019 vom 10. Juni 2020 E. 2.5 mit Hinweisen).
III. Würdigung – Schuldpunkt
1. Sachverhalt
1.1. Als Beweismittel liegen die Aussagen des Beschuldigten, des Privatklägers
A._, der Privatklägerin B._, des Vaters des Beschuldigten, K._,
persönliche Stellungnahmen diverser Bekannter des Beschuldigten, eine
Fotodokumentation des Forensischen Instituts, die Aufzeichnung des Anrufs des
Beschuldigten bei der Polizeizentrale der Stadtpolizei Zürich und medizinische
Unterlagen im Recht. Die Vorinstanz hat den Inhalt der Beweismittel und
namentlich auch die Aussagen des Beschuldigten, des Privatklägers A._,
der Privatklägerin B._ und des Vaters des Beschuldigten K._
zutreffend wiedergegeben. Darauf kann verwiesen werden (Urk. 2/76 S. 6 ff.).
1.2. Die Vorinstanz nahm eine sehr sorgfältige und überzeugende Beweiswür-
digung vor, worauf vorab ebenfalls verwiesen werden kann (Urk. 2/76 S. 6 ff.). Die
nachfolgenden Ausführungen sind als die vorinstanzlichen teilweise ergänzende
und rekapitulierende zu verstehen.
1.3. Der Beschuldigte sagte sehr detailreich aus und schilderte das
Vorgefallene minutiös unter Angabe seiner Gefühlslage, Ängste und
Überlegungen. Von Beginn an räumte er ein, dem Privatkläger Faustschläge ins
Gesicht verpasst zu haben, wobei er auch die Heftigkeit des ersten Faustschlages
auf einer Skala von 1 bis 10 mit einer 10 qualifizierte. Seine Schilderungen wirken
authentisch und sprechen aufgrund des hohen Detailierungsgrades für tatsächlich
Erlebtes. Der wiedergegebene Ablauf, inklusive der Vorgeschichte, ist in sich
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stimmig und wird im Kerngeschehen gleich geschildert. Die von der
Privatklägerschaft aufgeworfene Frage, es sei nicht nachvollziehbar, weshalb der
Beschuldigte nicht einfach den Park verliess, wenn er sich durch den Privatkläger
A._ belästigt bzw. bedroht gefühlt habe, konnte der Beschuldigte
nachvollziehbar damit begründen, dass er von der Polizei aufgefordert wurde,
sich bemerkbar zu machen, nachdem er die Polizei anrief, weil er sich durch den
Privatkläger A._ sexuell belästigt fühlte. Auch gab der Beschuldigte
anschaulich an, dass er es zunächst mit Ignorieren des Privatklägers A._
versucht habe, Letzterer aber immer näher gekommen sei und mit dem
Onanieren weitergemacht habe, weshalb er über den Zaun zum Privatkläger
A._ hingegangen sei und ihm gesagt habe "Bitte gehen Sie weg, ich bin
nicht schwul". Dass er danach einen veränderten Gesichtsausdruck, eine andere
Körpersprache sowie eine Packbewegung in Richtung Hals oder Schulterbereich
beim Privatkläger A._ festgestellt bzw. wahrgenommen habe, gab der
Beschuldigte ebenfalls durchwegs konstant an.
Es ergibt sich aus den Aussagen des Beschuldigten ein anschauliches und über-
zeugendes Bild: Der Beschuldigte fühlte sich im Park vom Privatkläger A._
sexuell belästigt, weshalb er die Polizei um Hilfe rief. Er wartete danach gemäss
der Anweisung, sich bemerkbar zu machen, auf die Polizei, welche jedoch nach
10 Minuten noch nicht eingetroffen war. Der Privatkläger A._ näherte sich
dem Beschuldigten währenddessen in einer sexuell auffordernden Art und Weise,
weshalb der Beschuldigte trotz Ignorierens keine andere Möglichkeit mehr sah,
als mit dem Privatkläger A._ zu sprechen, um ihm mitzuteilen, dass er nicht
schwul ist, damit der Privatkläger weggeht. Dass diese Worte zu einem veränder-
ten Gesichtsausdruck und einer anderen Körpersprache beim Privatkläger
A._ führten, ist plausibel und lebensnah. Womöglich war der Privatkläger
A._ enttäuscht oder gar überrumpelt und machte deshalb eine Bewegung
mit seinen Händen. Der Beschuldigte legte konstant dar, dass der Privatkläger
A._ versucht habe, ihn mit den Händen zu greifen bzw. ihn in Richtung Hals
/ Schulterbereich zu packen. Entsprechend sah sich der Beschuldigte auch veran-
lasst, diese Packbewegung abzuwehren, indem er dem Privatkläger A._
mindestens zwei Faustschläge verpasste. Aufgrund der gesamten Umstände –
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anfängliches Onanieren, Masturbieren, Anstarren und die sukzessive Annäherung
durch den Privatkläger und die schliesslich erfolgte Zurückweisung durch den Be-
schuldigten – erscheint die vom Beschuldigten beschriebene Packbewegung des
Privatklägers aufgrund aufkommender Wut nicht realitätsfremd und kann insofern
auch nicht widerlegt werden. Abrunden lässt sich dieses stimmige Bild entgegen
den Ausführungen der Rechtsvertreterin des Privatklägers A._ auch damit,
dass sich der Beschuldigte gar selbstkritisch zeigte und einräumte, er habe rück-
blickend betrachtet, irrationale Befürchtungen gehabt. Dies zeigt eben gerade die
ausserordentliche Situation, in der sich der Beschuldigte befand, weshalb das ge-
zeigte Verhalten des Beschuldigten im Nachhinein auch nicht mit rationalen Über-
legungen – z.B. er hätte doch weggehen müssen und können – , erklärt werden
kann. Das forensisch- psychiatrische Gutachten hält dazu (Abwehrreaktion aus
Angst) sachdienlich fest, beim Beschuldigten habe sich aus dem Gefühl eines un-
angenehmen Berührtseins, ein Bedrohungsgefühl von zunehmender Angst entwi-
ckelt, weshalb es auch nachvollziehbar sei, dass er auf die Packbewegung des
Privatklägers A._ in sehr starker Angst zugeschlagen habe (Urk. 1/7/4
S. 45 ff.). Die Impulsivität dieses Handelns sei durch die mehrfachen Schläge und
deren Wucht ersichtlich. Dass der erste Schlag mit voller Kraft erfolgt sei, sei
durch die Angst und den Umstand, dass dem Beschuldigten seine Kraft nicht ha-
be bewusst sein können, erklärbar (Urk. 1/7/4 S. 49).
1.4. Der Privatkläger A._ räumte ein, dass er in der Vergangenheit einmal
pro Monat in den D._-Park gegangen sei, um sexuelle Kontakte mit Män-
nern zu suchen. Er fühle sich auch zu Männern hingezogen, wobei bis zum Vorfall
nur seine Ehefrau über seine Neigung Bescheid gewusst habe (Urk. 1/3/4 S. 7).
Entsprechend falsch ist die Behauptung des Rechtsvertreterin des Privatklägers
A._, der Privatkläger habe seine Bisexualität nie verstecken und verheimli-
chen müssen (Urk. 152 S. 4 Rz. 5). Obschon der Privatkläger an den Vorfall keine
Erinnerungen mehr hat, führte er aus, dass an jenem Tag von ihm aus gar nichts
gelaufen sei (vgl. Urk. 1/3/3 F/A 23). Dies vermag nicht zu überzeugen. Es ist
vielmehr davon auszugehen, dass sich der Privatkläger A._ auch am Abend
des 8. September 2015 wie üblich in den D._-Park begab, um Männer zu
treffen und sexuelle Kontakte mit ihnen zu knüpfen. Der Privatkläger schliesst
- 17 -
weiter aus, dass er sich dem Beschuldigten mit entblösstem Geschlechtsteil ona-
nierend genähert haben soll. Er wisse nichts vom Vorfall, aber das habe er ganz
sicher nicht gemacht. Er sei generell überhaupt kein aggressiver Typ (Urk. 1/3/4
S. 10 f.). Mit der Vorinstanz (Urk. 2/76 S. 27 f.) ist hierzu festzuhalten, dass sich
der Privatkläger auffallend als zurückhaltend, respektvoll und nicht offensiv ver-
haltend charakterisiert. Dies mag im "normalen" Umfeld sicherlich zutreffen, es ist
indessen nicht auszuschliessen, dass er im Park auch eine sexuell offensivere
Kontaktaufnahme als nur den Augenkontakt wählte, um Männern sein Interesse
zu signalisieren, namentlich gerade dann, wenn er der Auffassung war, sein Inte-
resse werde erwidert.
1.5. Die Aussagen des Privatklägers A._, man habe gewusst, dass die
Leute bei den Bänkchen "etwas gewollt" hätten (Urk. 1/3/3 S. 3 F/A 20 und 23),
sowie der Umstand, dass sich der Privatkläger A._ jeweils in den D._-
Park begab, um sexuelle Kontakte mit Männern zu suchen bzw. zu knüpfen,
verdeutlicht den sexuellen Bezug des Aufeinandertreffens des Beschuldigten und
des Privatklägers. Die Erwägungen der Vorinstanz (Urk. 2/76 S. 34 f.), wonach
der Privatkläger zunächst den Blickkontakt mit dem Beschuldigten aufnahm, ihm
dann durch Onanieren sein Interesse zu verstehen gab, der Beschuldigte dies er-
kannte, aufstand und nachschaute, und dennoch nicht wegging, was vom Privat-
kläger (fälschlicherweise) als gewisses Interesse an einem sexuellen Kontakt in-
terpretiert wurde, fallen überzeugend aus und sind zu teilen. Entsprechend sandte
der Privatkläger auch weitere Signale aus und näherte sich dem Beschuldigten
zunehmend. Geradezu ins Bild passt dann auch der Anruf des Beschuldigten bei
der Polizeizentrale der Stadtpolizei Zürich, wonach ein älteren Mann ihn komisch
anschaue sowie die ganze Zeit verfolge und nun zwischen den Bäumen am Mas-
turbieren sei. Widerlegt ist damit auch die Behauptung des Privatklägers
A._, es sei nie vorgekommen, dass er seinen Penis zwecks Kontaktauf-
nahme bzw. zur Befriedigung entblösst habe. Überdies ist auf der Fotodokumen-
tation (Urk. 1/1/8/2 und Urk. 1/1/9) nicht erkennbar, ob die Hose bzw. der Hosen-
schlitz der Hose des Privatklägers geschlossen oder offen war, weshalb entgegen
der Behauptung der Privatklägervertretung nicht erwiesen ist, dass der Privatklä-
ger mit geschlossener Hose gefunden worden sei. Vielmehr ist die Darstellung
- 18 -
des Beschuldigten, der Privatkläger habe seinen Penis ausgepackt gehabt nicht
widerlegbar.
1.6. Für den von der Rechtsvertreterin des Privatklägers ins Feld geführte
homophoben bzw. den auf "Hassgefühlen" gegen Schwule motivierten Angriff auf
den Privatkläger A._ gibt es dagegen keine Hinweise. Ansonsten hätte der
Beschuldigte zuvor sicherlich nicht die Polizei um Hilfe ersucht und den Privatklä-
ger über eine Viertelstunde lang zu ignorieren versucht, währenddessen sich
Letzterer dem Beschuldigten sukzessiv näherte und sein sexuellen Interesse be-
kundete. Der Privatkläger interpretierte das Herankommen des Beschuldigten
falsch und wurde unmissverständlich aber unerwartet durch die Worte des Be-
schuldigten zurückgewiesen. Diese Zurückweisung und Enttäuschung über den
erhofften sexuellen Kontakt lässt sich durchaus mit aufkommender Wut beim Pri-
vatkläger A._ vereinbaren. Entsprechend glaubhaft ist auch die Aussage
des Beschuldigten, beim Privatkläger einen veränderten aggressiveren Gesichts-
ausdruck festgestellt zu haben. Dass der Privatkläger aufgrund dieser aufkom-
menden Wut zu einer Packbewegung gegen den Beschuldigten ansetzte, ist wie
bereits erwähnt aufgrund der dargelegten Beweislage nicht widerlegbar, weshalb
mit der Vorinstanz (vgl. Urk. 2/76 S. 37) davon auszugehen ist, dass sich der Pri-
vatkläger mit den Händen in Richtung der oberen Körperhälfte des Beschuldigten
bewegte und tatsächlich zu einer Packbewegung ansetzte. Unbestrittenermassen
reagierte der Beschuldigte darauf mit mindestens zwei oder drei heftigen Faust-
schlägen gegen das Gesicht des Privatklägers, wodurch der Privatkläger tief be-
wusstlos wurde und die inkriminierten Verletzungen erlitt.
1.7. Fazit
Nach dem Gesagten ist der Anklagesachverhalt gestützt auf die glaubhaften
Aussagen des Beschuldigten anklagegemäss erstellt. Mit der Vorinstanz ist
zudem als erwiesen zu erachten, dass der Privatkläger tatsächlich zu einer
Packbewegung in Richtung der oberen Körperhälfte (Hals / Schulterbereich) des
Beschuldigten ansetzte.
- 19 -
2. Rechtliche Würdigung
2.1. Schwere Körperverletzung
2.1.1. Die Vorinstanz hat zur rechtlichen Würdigung erwogen, der Beschuldigte
habe dem Privatkläger mindestens zwei oder drei Faustschläge ins Gesicht ver-
setzt, infolgedessen dieser ein schweres Schädel-Hirn Trauma erlitt und überdies
in Lebensgefahr schwebte. Dieses Verletzungsbild entspreche klarerweise dem
objektiven Tatbestand einer schweren Körperverletzung im Sinne von Art. 122
Abs. 1 und 2 StGB. Die Verteidigung hat sich im Hauptverfahren hinsichtlich des
objektiven Tatbestandes nicht kritisch geäussert (Urk. 1/55 Rz. 18 ff.; Prot. I
S. 14 f.). Im Berufungsverfahren beschränkte sich die Verteidigung sodann da-
rauf, einen Freispruch aufgrund einer rechtfertigenden Notwehr nach Art. 15 StGB
zu postulieren und die Bestätigung des vorinstanzlichen Urteils zu beantragen
(Urk. 2/121 Rz. 14 f.; Urk. 170).
2.1.2. Der Beschuldigte habe, so die Vorinstanz, mehrmals heftig zugeschlagen
mit dem Ziel, den Privatkläger unschädlich zu machen. Dabei habe er subjektiv
die schwerwiegenden und lebensgefährlichen Verletzungen des Privatklägers
mindestens in Kauf genommen und demnach mindestens eventualvorsätzlich ge-
handelt (Urk. 2/76 S. 42).
2.1.3. Die Verteidigung führte dazu an der Hauptverhandlung aus, aus Schlägen
gegen den Kopf könne nicht automatisch auf eine schwere Körperverletzung er-
kannt werden. Es müssten weitere Umstände hinzutreten, die im konkreten Fall
auf den Eintritt und die Inkaufnahme einer schweren Verletzung schliessen las-
sen. Solche Umstände fänden sich in den Akten nicht. Die gravierenden gesund-
heitlichen Folgen beim Privatkläger seien vielmehr einer Verkettung unglücklicher
Umstände geschuldet (Urk. 1/55 S. 27 und 30).
2.1.4. Gemäss Gutachten zur körperlichen Untersuchung des Privatklägers des
IRM Zürich bestand beim Privatkläger nach dem Ereignis – objektiv – eine Le-
bensgefahr. Dies aufgrund der Atemwegsverlegung durch die im Rachen zurück-
gesunkene Zunge und die in den Rachen und die Atemwege des bewusstlosen
Privatklägers zurücklaufende Blutung (Urk. 1/6/1/3 S. 6).
- 20 -
2.1.5. Gemäss seinen eigenen Aussagen wollte der Beschuldigte mit seinen
Schlägen gegen den Kopf des Privatklägers diesen "unschädlich machen"; er
wisse, dass man bewusstlos werden kann, wenn man auf den Kopf geschlagen
werde (Urk. 1/2/1 S. 3; Urk. 1/2/2 S. 10). Er habe den Privatkläger aber nicht be-
wusstlos schlagen wollen (Urk. 1/2/2 S. 13).
2.1.6. Der Privatkläger wies gemäss Gutachten des IRM multiple Brüche an ver-
schiedenen Gesichtsregionen auf (Urk. 1/6/1/3 S. 3 f.). Daraus lässt sich
zwingend ableiten, dass auch die dem ersten, ausdrücklich als heftig
inkriminierten Faustschlag folgenden beiden Schläge eine grosse Intensität
aufwiesen. Der Beschuldigte gab zudem zu Protokoll, der erste Schlag habe eine
Intensität von 10 ("sehr stark") gehabt, die weiteren Schläge seien schwächer
gewesen, da ihm die Hand vom ersten Schlag weh getan habe (Urk. 1/2/2 S. 11).
Wer einem Menschen dreimal so heftig mit der Faust ins Gesicht schlägt, in der
Absicht, diesen ausser Gefecht zu setzen, nimmt zwingend zumindest in Kauf,
dass dieser einerseits als Folge der Schläge das Bewusstsein verliert und
andererseits auch im Nasen- und Mundbereich stark blutende Verletzungen
erleidet. Somit nimmt er auch in Kauf, dass dem in der Folge bewusstlos am
Boden Liegenden durch eine zurücksinkende Zunge und gegen das Körperinnere
auslaufendes Blut die Atemwege blockiert werden, was – notorisch – zu einer
lebensbedrohlichen Erstickungsgefahr führen kann und in concreto auch führte.
2.1.7. Demnach hat der Beschuldigte eventualvorsätzlich gehandelt und mit der
Vorinstanz und auch den subjektiven Tatbestand der schweren Körperverletzung
erfüllt.
2.2. Rechtfertigende Notwehr
2.2.1. Die Vorinstanz hat in den Erwägungen des angefochtenen Urteils die recht-
lichen Grundlagen zur Notwehr und vorab zur Notwehrsituation zutreffend ange-
führt (Urk. 2/76 S. 43). Darauf kann vorab verwiesen werden (vgl. auch Urteile
des Bundesgerichts 6B_873/2018 vom 15. Februar 2019 E. 1.1.3; 6B_853/2016
vom 18. Oktober 2017 E.2.2.).
- 21 -
2.2.2. Anschliessend hat die Vorinstanz – zusammengefasst – erwogen, der
aggressiv wirkende Privatkläger habe gegen den vor ihm stehenden
Beschuldigten eine drohende Haltung eingenommen und eine Packbewegung
gegen diesen gemacht, die auf einen Angriff habe schliessen lassen. Für den
Beschuldigten seien somit Anzeichen einer Gefahr vorhanden gewesen, die eine
Verteidigung nahelegten. Ein rechtswidriger Angriff auf den Beschuldigten habe
unmittelbar bevor gestanden. Der drohende Angriff habe sich gegen die
körperliche wie auch dessen sexuelle Integrität gerichtet. Es habe somit eine
Notwehrsituation bestanden, die den Beschuldigten berechtigt habe, den Angriff
des Privatklägers in einer den Umständen angemessenen Weise abzuwehren.
2.2.3. Sodann hat die Vorinstanz die rechtlichen Vorgaben zur Subsidiarität und
Proportionalität der Abwehrhandlung angeführt (Urk. 2/76 S. 44 f.), worauf wiede-
rum verwiesen wird, und dazu erwogen, die instinktive und reflexartige Reaktion
des Beschuldigten habe darin bestanden, dem Privatkläger mit der rechten Faust
einen ersten gezielten, wuchtigen Schlag gegen das Gesicht zu versetzen, wel-
chem ein bis zwei weitere Faustschläge gegen das Gesicht gefolgt seien, worauf-
hin der Privatkläger und der Beschuldigte zu Boden gefallen seien. Weitere
Schläge seien nicht erfolgt. Der Beschuldigte und der angreifende Privatkläger
hätten in etwa die gleiche Körpergrösse aufgewiesen, wobei der Privatkläger um
einiges massiger und schwerer gewesen sei.
Ein weniger weitreichendes Mittel, um den Angriff des Privatklägers erfolgreich
abzuwehren, habe für den Beschuldigten nicht bestanden. Ein Schlag in den
Bauch bzw. gegen den Oberkörper des Privatklägers – statt in dessen Gesicht –
sei einerseits nicht möglich gewesen, da diese Körperstelle von den Armen des
Privatklägers abgedeckt gewesen seien; ausserdem wäre dies als Abwehrmittel
gegen den drohenden Angriff auch nicht erfolgversprechend gewesen. Gleiches
gelte für ein Wegschubsen, einen Fusstritt oder ein Packen des Privatklägers.
Somit sei der verängstigte Beschuldigte, der sich noch nie zuvor in einer solchen
Lage befunden hatte, in der vorliegenden Situation mit den zur Verfügung stehen-
den Mitteln und der überaus kurzen Reaktionszeit angesichts eines solchen
Angriffs unter dem Gesichtspunkt der Verhältnismässigkeit berechtigt gewesen,
- 22 -
dem Privatkläger mit der Faust ins Gesicht zu schlagen. Er habe nicht zuwarten
können und auch nicht die Flucht ergreifen müssen.
Angesichts der angegriffenen Rechtsgüter des Beschuldigten sei auch das
Kriterium der Proportionalität erfüllt.
Schliesslich habe der Beschuldigte sein Notwehrrecht auch nicht in zeitlicher Hin-
sicht überschritten, indem er mehrere Schläge ausgeführt habe. Er habe sofort
mit den Schlägen aufgehört, sobald er erkannte, dass der Privatkläger ihm nichts
mehr anhaben konnte. Da nach dem ersten Schlag offensichtlich noch ein Geran-
gel stattgefunden habe, sei der Angriff des Privatklägers noch nicht erfolgreich
abgewehrt gewesen und die Notwehrsituation habe angedauert. Die Bedrohung
für den Beschuldigten sei erst abgewendet gewesen, als beide am Boden gele-
gen seien. Auch in zeitlicher Hinsicht liege somit kein Exzess vor. Angesichts der
verständlichen, massiven Angst des Beschuldigten wäre ein solcher – so die Vo-
rinstanz – ohnehin gemäss Art. 16 Abs. 2 StGB entschuldbar gewesen.
Indem der Beschuldigte dem Privatkläger mehrere Faustschläge gegen das
Gesicht versetzte, habe er dessen drohenden Angriff in einer Weise abgewehrt,
die sowohl erforderlich als auch verhältnismässig gewesen sei. Es sei von recht-
fertigender Notwehr des Beschuldigten im Sinne von Art. 15 StGB auszugehen.
Mangels rechtwidrigen Verhaltens sei die Strafbarkeit damit aufgehoben und der
Beschuldigte sei freizusprechen (Urk. 2/76 S. 45-47).
2.2.4. Die Privatklägervertretung bestreitet im Berufungsverfahren die rechtliche
Qualifikation der Vorinstanz, dass der Beschuldigte in rechtfertigender oder
eventualiter in entschuldbarer Notwehr gehandelt habe (Urk. 2/82 S. 3 f.;
Urk. 2/116 S. 18 ff.; Urk. 152). Zur Begründung stützt sie dabei wie bereits im
Hauptverfahren im Wesentlichen auf eine Sachdarstellung ab, welche in den
Akten keine rechtsgenügende Stütze findet und aufgrund des erstellten Anklage-
sachverhaltes bereits widerlegt wurde: Der Beschuldigte sei in keiner physischen
Bedrängnis gewesen, er sei der körperlich weit Überlegene gewesen, er sei nicht
bedroht, nicht aktiv sexuell bedrängt worden und nicht angegriffen worden. Er
gebe keine eindeutigen Hinweise, dass der Beschuldigte berechtigterweise von
- 23 -
einem Angriff habe ausgehen müssen. Vielmehr gebe es diverse, in sich
plausible, Erklärungsmodelle, die von einem Aggressionsausbruch seitens des
Beschuldigten ausgehen würden (Urk. 1/61 S. 7 f.; Urk. 152 S. 7 "Impulsvariante"
gemäss Gutachter). Es ist an dieser Stelle anzumerken, dass der Gutachter zwar
eine Impulstat aus anfänglicher Angst, welche teilweise in Ärger und Wut
umgeschlagen habe, als alternative Tatvariante nennt, jedoch ausdrücklich darauf
hinweist, dass aus forensisch-psychiatrischer Sicht die Abwehrreaktion aus Angst
wahrscheinlicher sei. Zutreffend ist im Übrigen die Bemerkung der
Privatklägervertretung selbst, dass sich zur Frage einer Notwehrsituation nicht der
psychiatrische Gutachter zu äussern hat, da dies eine rechtliche Qualifikation
darstellt, was Letzterer allerdings selber einräumt (Urk. 1/61 S. 9; Urk. 1/7/4 S.
50).
Im Weiteren führte die Privatklägervertretung aus, sollte die erkennende Kammer
der Auffassung sein, es habe tatsächlich ein körperlicher Angriff seitens des
Privatklägers auf den Beschuldigten unmittelbar bevorgestanden, seien Faust-
schläge gegen den Kopf zwar ein geeignetes Mittel, den Angriff abzuwehren, aber
sie seien nicht das mildeste Mittel, das zur Verfügung gestanden sei und somit
nicht erforderlich gewesen. Für die Frage der Erforderlichkeit gelte der Massstab
eines besonnenen Drittbeobachters. Dem Beschuldigten sei früh aufgefallen,
dass der Privatkläger ein unfitter Mann sei, der Mühe habe, sich geschmeidig zu
bewegen. Der Privatkläger sei deutlich behäbiger gewesen (damals 90-100 kg;
Urk. 1/6/1/3). Der Beschuldigte sei weitaus überlegen gewesen, weshalb
unzweifelhaft schon der erste Schlag auf den Kopf nicht erforderlich gewesen sei.
Umso mehr gelte dies für all die weiteren Schläge. Bereits der erste Schlag
müsse angesichts seiner Wucht ("10 von 10") geeignet gewesen sein, jeglichen
nur denkbaren Angriff zu beenden. Die Vorinstanz sei zugunsten des
Beschuldigten davon ausgegangen, dass ein "Gerangel" stattgefunden habe, da
der Beschuldigte auch Verletzungen davongetragen habe. Die beim
Beschuldigten festgestellten Verletzungen seien minim und würden keinen Angriff
oder die Fortdauer eines Angriffs beweisen (Urk. 2/116 Rz. 60 ff.). Die
Privatklägervertretung kommt zum Schluss, dass soweit man der Hypothese
eines Angriffs folge, der erste Schlag ein intensiver, die weiteren Schläge
- 24 -
extensive Exzesse gewesen seien. Extensive Exzesse seien durch Art. 16 StGB
nicht gedeckt. Der erste Schlag sei aufgrund der Umstände (lange Überlegungs-
und Vorbereitungsdauer, zahlreiche Alternativmöglichkeiten, angesichts des
Wissens um den eigenen Anteil und der Missverständlichkeit der Situation sowie
der fehlenden Notwendigkeit, auf den Privatkläger überhaupt zuzugehen) nicht
nach Art. 16 Abs. 1 StGB entschuldbar (Urk. 2/116 Rz. 67 ff.).
2.2.5. Dass der Privatkläger unmittelbar vor dem ersten Faustschlag des Be-
schuldigten tatsächlich zu einer Packbewegungen gegen den Beschuldigten an-
setzte und mit den Händen auf ihn loskam, wurde wie gezeigt rechtsgenügend er-
stellt.
Somit fühlte sich der jugendliche Beschuldigte zutreffend in seiner körperlichen In-
tegrität bedroht. Da der Privatkläger sein Geschlechtsteil entblösste und mehrmals
masturbierte sowie sich dem Beschuldigten währenddessen sukzessive näherte,
musste der Beschuldigte mit der Vorinstanz und entgegen den Ausführungen der
Privatklägerklägervertretung auch befürchten, bei einem körperlichen Übergriff des
Privatklägers in seiner sexuellen Integrität tangiert zu werden. Die Argumentation
der Privatklägervertretung, es sei bezüglich der Bedrohung der sexuellen Integrität
ohnehin, wenn überhaupt, von einer Notstandssituation auszugehen, weshalb der
Beschuldigte hätte fliehen müssen, geht deshalb fehl, zumal der Beschuldigte auf-
grund der drohenden Packbewegung und der veränderten Mimik des Privatklägers
nicht mehr nur von einer sexuellen Belästigung oder Exhibitionismus ausgehen
durfte, sondern mit einem tatsächlichen Übergriff bzw. einem konkreten Angriff auf
seine sexuelle Integrität rechnen musste (vgl. Urk. 2/116 Rz. 28).
2.2.6. Da der Privatkläger nicht davon abliess, den auf einer Bank sitzenden
Beschuldigten in sexuelle Handlungen einzubeziehen, verliess der Beschuldigte
die Bank und stellte sich vor den Privatkläger, um ihn aufzufordern, dies nun
endgültig zu unterlassen. Ob es nicht geschickter gewesen wäre, auf der Bank
sitzen zu bleiben und das Eintreffen der avisierten Polizei abzuwarten, ist im
Nachhinein zu vermuten, ändert jedoch entgegen der Privatklägervertretung am
Vorliegen einer Notwehrsituation des Beschuldigten nichts: Der Beschuldigte
musste sich den Anblick des vor ihm – und ihn offensichtlich einbeziehend –
- 25 -
onanierenden Privatklägers nicht gefallen lassen und war berechtigt, auf diesen
zuzugehen und ihn zum Aufhören aufzufordern. Gemäss Beweisresultat hat der
Beschuldigte den Privatkläger weder provoziert noch angegriffen und er ging auch
nicht mit dem Vorsatz, diesen zu schlagen, auf den Privatkläger zu. Die tätliche
Eskalation ergab sich erst nach dem veränderten Verhalten des Privatklägers,
welches der Beschuldigte nicht voraussah und auch nicht voraussehen musste.
Der erste Faustschlag des Beschuldigten erfolgte unmittelbar, nachdem der nur
knapp vor ihm stehende Privatkläger überraschend einen aggressiven Ausdruck
annahm und zu einer Packbewegung gegen den Beschuldigten ansetzte. Diesem
drohenden Angriff durfte der Beschuldigte mit einem sofortigen Schlag begegnen.
Es konnte nicht von ihm erwartet werden, dass er versucht, sich umzudrehen und
davon zu rennen, da er sich diesfalls aufgrund des geringen Abstandes zum
Privatkläger der Gefahr ausgesetzt hätte, von diesem gepackt und überwältigt zu
werden. Es ist dem Beschuldigten auch nicht vorzuwerfen, dass er den
Privatkläger ins Gesicht und nicht gegen einen anderen Körperteil geschlagen
hat: Mit der Vorinstanz hatte der Beschuldigte weder die Zeit noch die
Möglichkeit, eine andere, mildere Abwehrhandlung einzusetzen, die
aussichtsreich gewesen wäre, den überraschenden Übergriff des Privatklägers zu
parieren.
Der Beschuldigte hat den Privatkläger mehrmals, mutmasslich dreimal ins Gesicht
geschlagen. Die Schilderung des Beschuldigten, diese Schläge seien unmittelbar
nacheinander innert einer sehr kurzen Zeitspanne erfolgt (Urk. 2/76 S. 6 ff. mit
Verweisen), ist nicht zu widerlegen. Die Schläge sind mithin entgegen den Aus-
führungen der Privatklägervertretung als eine Handlungseinheit zu sehen, um den
Angriff abzuwehren, und können zeitlich infolge kürzester Abfolge und bezüglich
der eingetretenen Verletzungen kaum bzw. gar nicht auseinander gehalten
werden (vgl. dazu auch das Gutachten, Urk. 1/6/1/3 S. 5: "Die multiplen
Lokalisationen im Gesicht und die [...] teils mehrteiligen Brüche der Kieferhöhle
links und der Augenhöhlenplatte rechts sprechen für eine mehrfache, teils heftige,
stumpfe Gewalteinwirkung gegen den Kopf, wie sie beispielsweise durch mehrere
wuchtig geführte Faustschläge verursacht werden kann").
- 26 -
2.2.7. Der dem Beschuldigten unmittelbar drohende Übergriff des Privatklägers
auf seine körperliche und sexuelle Integrität war zweifellos rechtswidrig. Als der
Beschuldigte die Gefahr eines kürzest bevorstehenden Angriffs realisierte, konnte
er weder fliehen noch zu einer subsidiär milderen Abwehrmassnahme als einen
Schlag gegen das Gesicht des Privatklägers greifen. Angesicht der drohenden
Packbewegung ist ein Schlag gegen den Kopfbereich des Privatklägers nachvoll-
ziehbar. Zu prüfen bleibt, ob das Verteidigungsverhalten des Beschuldigten mit
einer Salve von Schlägen angemessen ist oder ob damit die Grenzen der
Notwehr überschrittet wurden. Das Bundesgericht hält dazu fest, dass
entscheidend sei, ob ein sorgfältig beobachtender Verteidiger das vom
Beschuldigten an den Tag gelegte Verteidigungsverhalten aufgrund des
konkreten Tatgeschehens für erforderlich gehalten hätte. Erforderlich sei diejenige
Verteidigung, die aufgrund eines objektiven ex ante-Urteils geeignet erscheine,
den Angriff endgültig zu beenden und unter gleich geeigneten Mitteln dasjenige
darstelle, das den Angreifer am wenigsten schädige. Das Notwehrrecht gebe
nicht nur das Recht, mit gleichen Mitteln abzuwehren, mit denen der Angriff
erfolge, sondern mit solchen, die eine effektive Abwehr ermöglichen (Urteil des
Bundesgerichtes 6B_910/2016 vom 22. Juni 2017 E. 4.2.2.). Die Angemessenheit
der Abwehr beurteilt sich aufgrund jener Situation, in der sich der rechtswidrig
Angegriffene im Zeitpunkt seiner Tat befand (BGE 136 IV 49 E. 3.2.).
2.2.8. Vorliegend schlug der Beschuldigte mehrfach innert kürzester Zeit gegen
den Kopf des Privatklägers, wobei die Salve von Schlägen wuchtig und heftig war.
Derart harte Schläge gegen den Kopf sind regelmässig geeignet,
Bewusstlosigkeit und erhebliche Verletzungen hervorzurufen, was im Weiteren zu
einem unkontrollierten Sturz führen kann. Diese Gefahr ist allgemein bekannt. Der
Beschuldigte räumte auch ein, er wisse darum, dass Schläge gegen den Kopf zu
Bewusstlosigkeit führen können (Urk. 1/2/1 S. 3, Urk. 1/2/2 S. 10). Er [der
Beschuldigte] habe ihn [den Privatkläger] unschädlich machen wollen (Urk. 1/2/1
S. 3). Der Beschuldigte gab weiter an, er habe den nach seiner Einschätzung ca.
50-jährigen, etwa gleich grossen Mann, mit einem torkelnden Gang
wahrgenommen (Urk. 1/2/2 S. 2; S. 6). Er habe gedacht, er [der Privatkläger]
könnte alkoholisiert sei, weil er getorkelt habe (Urk. 1/2/1 S. 4). Später ergänzte
- 27 -
bzw. korrigierte er, jeder zweite oder dritte Schritt sei ihm [dem Privatkläger]
schwer gefallen, wobei Torkeln eigentlich das falsche Wort sei. Es sei schwer zu
sagen, ob der Privatkläger alkoholisiert gewesen sei, es hätte sein können
(Urk. 1/2/2 S. 6). Der Beschuldigte musste jedenfalls gestützt auf seine eigenen
Angaben mit keiner besonderen Gewaltbereitschaft des Privatklägers rechnen
bzw. von einer kämpferischen Überlegenheit des Privatklägers ausgehen.
Trotzdem schlug er mit voller Kraft heftig und mit einer Salve von Schlägen
mehrfach gegen den Kopf des Privatklägers und nahm damit in Kauf, den
Privatkläger erheblich zu verletzen. Diese Abwehr war zwar effektiv, aber
erscheint in dieser konkreten Situation entgegen der Auffassung der Verteidigung
nicht angemessen. Das Übermass ergibt sich aus der Intensität und der Mehrzahl
der Schläge, die aufgrund ihrer sehr engen zeitlichen Abfolge, wie bereits
erwähnt, als eine Handlungseinheit zu würdigen sind, ohne dass der Beschuldigte
aufgrund der drohenden Packbewegung mit einem derart schweren
Rechtsguteingriff rechnen durfte bzw. musste. Vorliegend ist daher von einem
Notwehrexzess im Sinne von Art. 16 Abs. 1 StGB auszugehen.
2.3. Entschuldbarkeit des Notwehrexzesses
2.3.1. Überschreitet der Abwehrende die Grenzen der Notwehr in entschuldbarer
Aufregung oder Bestürzung über den Angriff, so handelt er nicht schuldhaft
(Art. 16 Abs. 2 StGB). Ein Notwehrexzess ist entschuldbar, wenn die Aufregung
oder die Bestürzung des Täters allein oder zumindest vorwiegend auf den
rechtswidrigen Angriff zurückzuführen ist. Überdies müssen Art und Umstände
des Angriffs derart sein, dass sie die Aufregung oder die Bestürzung entschuldbar
erscheinen lassen. Nicht jede geringfügige Erregung oder Bestürzung führt zur
Straflosigkeit. Erforderlich ist, dass es dem Täter aufgrund der Aufregung oder
Bestürzung über den Angriff nicht möglich war, besonnen und verantwortlich zu
reagieren. Ein umso höherer Grad entschuldbarer Aufregung oder Bestürzung
wird verlangt, je mehr die Reaktion des Täters geeignet ist, den Angreifer zu
gefährden oder zu verletzen (Urteile des Bundesgerichtes 6B_873/2018 vom
15. Februar 2019 E. 1.1.3., 6B_853/2016 vom 18. Oktober 2017 E. 2.2.4. m.w.H.).
- 28 -
2.3.2. Der Beschuldigte hat dem Privatkläger mit einer Salve wuchtiger Schläge
schwere Verletzungen zugefügt und ihn dadurch letztlich in eine
lebensbedrohliche Situation versetzt. Demnach sind die durch die Abwehr
verursachten Folgen für die körperliche Integrität des Privatklägers als erheblich
zu erachten, weshalb die Anforderungen für die Entschuldbarkeit der Aufregung
oder Bestürzung des Beschuldigten eher hoch anzusetzen sind. Der Beschuldigte
schilderte von Beginn der Untersuchung an, er habe Angst gehabt, wobei die
Jugendanwaltschaft im Rahmen der Hauptverhandlung zu Recht darauf hinwies,
dass der Beschuldigte seine Ängste im weiteren Verlauf des Verfahrens immer
extensiver schilderte (vgl. Urk. 1/60 S. 8). Der Beschuldigte bezeichnete den
Privatkläger in der letzten Befragung beispielweise als "kein Mensch", sondern als
"Tier" oder als "Stier vor dem Kampf" (Urk. 1/2/4 Fragen 135 und 146). Es ist
jedoch zugunsten des Beschuldigten davon auszugehen, dass er sicherlich
aufgeregt oder bestürzt war bzw. sich in einer entsprechenden Gemütsbewegung
befand. Diese Aufregung war jedoch weitgehend durch das mehrfache Onanieren
des Privatklägers bedingt. Der Beschuldigte fühlte sich dadurch veranlasst, den
Privatkläger aus nächster Nähe, in einer körperlichen Distanz von ca. 70 cm und
ohne Zaun dazwischen, aufzufordern, damit aufzuhören, da er sich sexuell
bedroht bzw. belästigt fühlte. Das vom Beschuldigten akribisch beschriebene
Verhalten, wonach er sich auch genau überlegt habe, was bzw. welche Worte er
nun dem Privatkläger sage, damit Letzterer aufhöre, relativiert die Aufregung oder
Bestürzung des Beschuldigten in entscheidendem Masse (vgl. dazu Urk. 1/2/4
Frage 139). Es ist als absolut lebensfremd zu erachten, dass jemand, der angibt,
er habe Angst um sein Leben gehabt, sich aus einer sicheren Lage, in Kenntnis,
dass die Polizei bald kommen sollte, ca. 70 cm, mithin in nächster Distanz, vor
dem potentiellen Angreifer positioniert, um ihm freundlich, "authentisch" und "mit
Respekt" von "Mann zu Mann" die Meinung zu sagen. Die vom Beschuldigten
behauptete Angst um sein Leben aufgrund der drohenden Packbewegung
erscheint mithin als sehr übertrieben dargestellt und ist als Schutzbehauptung zu
erachten. Vielmehr ist von einer niedrigeren emotionalen Betroffenheit
auszugehen, weitgehend bedingt durch die Bestürzung aufgrund des
vorausgegangenen Onanierens des Privatklägers, die aufgrund der gesamten
- 29 -
Umstände, namentlich nicht zuletzt aufgrund der Heftigkeit und Salve von
Schlägen und der daraus resultierten schweren Verletzungen des Privatklägers,
als nicht entschuldbar im Sinne von Art. 16 Abs. 2 StGB zu erachten ist.
2.4. Fazit
Der Beschuldigte ist demnach der schweren Körperverletzung im Sinne von
Art. 122 Abs. 1 und Abs. 2 StGB in Verbindung mit Art. 16 Abs. 1 StGB schuldig.
Das Vorliegen des Notwehrexzesses im Sinne von Art. 16 Abs. 1 StGB ist nach-
folgend im Rahmen der konkreten Strafzumessung zu berücksichtigen.
IV. Sanktion
1. Vorbemerkung
1.1. Hat ein Jugendlicher schuldhaft gehandelt, so ist eine Strafe zu verhängen
(Art. 11 Abs. 1 JStG). Schuldhaft handeln kann nur derjenige Jugendliche, der
gemäss Art. 11 Abs. 2 JStG fähig ist, das Unrecht seiner Tat einzusehen und
nach dieser Einsicht zu handeln. Vorliegend ist davon auszugehen, dass der Be-
schuldigte schuldhaft gehandelt hat (vgl. Urk. 1/7/4 S. 57 f.). Strafbefreiungsgrün-
de nach Art. 21 JStG liegen nicht vor.
1.2. Die Jugendanwaltschaft beantragte im erstinstanzlichen Verfahren, der Be-
schuldigte sei mit einem bedingten Freiheitsentzug von fünf Monaten zu
bestrafen, unter Anrechnung der erstandenen Haft. Die Probezeit sei auf ein Jahr
festzusetzen (Urk. 1/60 S. 1 und S. 12).
1.3. Der Beschuldigte hatte zum Tatzeitpunkt das 15. Altersjahr bereits vollendet,
so dass er für diese Taten ausser mit einem Verweis (Art. 22 JStG) als mildeste
Sanktion oder einer persönlichen Leistung bis zu drei Monaten (Art. 23 JStG)
auch mit einer Busse bis zu Fr. 2'000.– (Art. 24 JStG) oder aber, da mit der
schweren Körperverletzung ein Verbrechen zu sanktionieren ist, mit Freiheits-
entzug von einem Tag bis zu einem Jahr (Art. 25 Abs. 1 JStG) als schwerste
Sanktion bestraft werden kann. Nicht in Frage kommt hingegen ein Freiheitsent-
zug von bis zu vier Jahren gemäss Art. 25 Abs. 2 JStG, da die Voraussetzungen
hierfür nicht gegeben sind.
- 30 -
Aufgrund der Art der Tat sowie des Alters und der Vorgehensweise des Beschul-
digten rechtfertigt es sich vorliegend entgegen der Auffassung der Verteidigung,
von der schwersten Sanktionsart auszugehen und den Beschuldigten hierfür mit
Freiheitsentzug im Sinne von Art. 25 Abs. 1 JStG zu bestrafen. Demnach ist
nachfolgend bei der Strafzumessung von einem Strafrahmen von einem Tag bis
zu maximal einem Jahr Freiheitsentzug auszugehen, da keine
aussergewöhnlichen Umstände vorliegen, um den ordentlichen Strafrahmen zu
erweitern oder zu unterschreiten. Der Strafmilderungsgrund des
Notwehrexzesses im Sinne von Art. 16 Abs. 1 StGB ist entsprechend im
ordentlichen Strafrahmen strafmindernd zu berücksichtigen ist (Urteil des
Bundesgerichtes 6B_935/2017 vom 9. Februar 2018 E. 2.3).
2. Strafzumessung
2.1. Allgemeines
2.1.1. Für die Strafzumessung innerhalb des Strafrahmens kommen im Jugend-
strafrecht gemäss Art. 1 Abs. 2 lit. b JStG die Bestimmungen des Erwachsenen-
strafrechts hinsichtlich der Strafzumessung (Art. 47 StGB), der Strafmilderungs-
gründe (Art. 48 StGB) sowie der Anrechnung der Untersuchungshaft (Art. 51
StGB) sinngemäss zur Anwendung. Ferner zu berücksichtigen sind gemäss Art. 1
Abs. 2 lit. a JStG nebst anderem die Bestimmungen betreffend die Strafmilderung
bei verminderter Schuldfähigkeit (Art. 19 Abs. 2 StGB).
2.1.2. Innerhalb des ordentlichen Strafrahmens bemisst das Gericht die Strafe
nach dem Verschulden des Täters (Art. 47 Abs. 1 StGB). Im Jugendstrafrecht
wird das Verschulden ähnlich beurteilt wie im Erwachsenenstrafrecht, wobei zu-
sätzlich die Einsichts- und Steuerungsfähigkeit, das jugendliche Alter sowie der
individuelle Entwicklungsstand des Täters zu beachten sind (vgl. CHRISTOPH
HUG/PATRICIA SCHLÄFI/MARTINA VALÄR, in: BSK-Strafrecht II, 4. Aufl., N 2 ff. zu
Art. 11 und N 13 ff. zu Vor Art. 21 JStG). Das Gericht berücksichtigt das Vorleben
und die persönlichen Verhältnisse sowie die Wirkung der Strafe auf das Leben
des Täters. Das Verschulden wird nach der Schwere der Verletzung oder Gefähr-
dung des betroffenen Rechtsguts, nach der Verwerflichkeit des Handelns, den
Beweggründen und Zielen des Täters sowie danach bestimmt, wie weit der Täter
- 31 -
nach den inneren und äusseren Umständen in der Lage war, die Gefährdung oder
Verletzung zu vermeiden (Art. 47 Abs. 2 StGB). Der Begriff des Verschuldens
muss sich auf den gesamten Unrechts- und Schuldgehalt der konkreten Straftat
beziehen, wobei im Einzelnen zwischen der Tat- und der Täterkomponente zu un-
terscheiden ist.
2.1.3. Bei der Tatkomponente sind das Ausmass des verschuldeten Erfolges, die
Art und Weise der Herbeiführung dieses Erfolges, die Willensrichtung, mit der
der Täter gehandelt hat, sowie die Beweggründe des Schuldigen zu beachten
(MARKUS HUG, in: DONATSCH [Hrsg.], Kommentar StGB/JStG, 20. Aufl., Zürich
2018, N 7 ff. zu Art. 47 StGB).
2.1.4. Die verschuldensangemessene Strafe kann aufgrund von Umständen, die
mit der Tat grundsätzlich nichts zu tun haben, erhöht oder herabgesetzt werden.
Massgebend hierfür sind im Wesentlichen technische Strafzumessungsgründe
(z.B. Tatbegehung während laufender Untersuchung) sowie täterbezogene
Komponenten wie die persönlichen Verhältnisse des Beschuldigten, Vorstrafen,
Leumund, Strafempfindlichkeit und Nachtatverhalten, worunter Geständnis, Ein-
sicht und Reue fallen (MATHYS, Zur Technik der Strafzumessung, in: SJZ
100/2004, S. 179).
Die Täterkomponente umfasst das Vorleben, die persönlichen Verhältnisse sowie
das Verhalten nach der Tat und im Strafverfahren (HUG, in: DONATSCH [Hrsg.],
a.a.O., N 14 ff. zu Art. 47 StGB). Zum Vorleben des Beschuldigten gehören seine
Lebensgeschichte zum Zeitpunkt der Tat, sein Herkommen, das Verhältnis inner-
halb der elterlichen Familie, die Erziehung und Ausbildung sowie seine Haltung
gegenüber den Gesetzen (HANS WIPRÄCHTIGER/STEFAN KELLER, in: BSK-
Strafrecht I, 4. Aufl., N 122 zu Art. 47 StGB).
2.1.5. Im Jugendstrafrecht sind schliesslich auch die Grundsätze von Art. 2 JStG
zu berücksichtigen (Art. 1 Abs. 3 JStG). Demnach stehen der Schutz und die
Erziehung des Jugendlichen im Vordergrund. Besondere Beachtung ist den
Lebens- und Familienverhältnissen sowie der Entwicklung der Persönlichkeit zu
schenken, so dass sich die Strafe nicht hemmend oder schädlich auswirkt, son-
- 32 -
dern die Weiterentwicklung des Jugendlichen vielmehr fördert und günstig beein-
flusst (BGE 94 IV 56 E. 1, HUG/SCHLÄFLI/VALÄR, a.a.O., N 11 zu Art. 1 JStG).
2.2. Tatkomponenten: objektive und subjektive Tatschwere
Bei der objektiven Tatschwere ist zu berücksichtigen, dass der Beschuldigte
mehrfach, mindestens zwei- bis dreimal, heftig mit der Faust gegen den Kopf des
Privatklägers schlug, sodass der Privatkläger zu Boden sank, bewusstlos wurde
und schwere Verletzungen am Kopf und am Hirn (schweres Schädel-Hirn-
Trauma) davontrug. Es bestand zudem eine Lebensgefahr für den Privatkläger
(vgl. Urk. 1/6/1/1+3). Der Beschuldigte griff mithin erheblich in die körperliche Un-
versehrtheit des Privatklägers ein. Durch seine brutale Salve von Schlägen
offenbarte der Beschuldigte ein beachtliches Mass an krimineller Energie. Den
Privatkläger trifft indessen ein gewisses Mitverschulden, indem er mehrfach in
Sichtweite des Beschuldigten onanierte, sich ihm in erkennbarer sexueller Absicht
annäherte und den Beschuldigten dadurch sexuell bedrohte bzw. belästigte. Es ist
jedoch wiederum erschwerend zu berücksichtigen, dass der Privatkläger wohl für
immer körperlich und kognitiv stark beeinträchtigt sein wird. Die objektive
Tatschwere wiegt insgesamt erheblich. Es erscheint eine Einsatzstrafe von 7 bis
8 Monaten Freiheitsentzug angezeigt.
Hinsichtlich der subjektiven Tatschwere gilt es festzuhalten, dass der Beschuldig-
te eventualvorsätzlich gehandelt hat. Als Motiv ist der Schutz vor einem sexuellen
und körperlichen Übergriff auszumachen. Deshalb hatte der Beschuldigte auch
zuvor die Polizei alarmiert und sich über das sexuell belästigende Verhalten des
Privatklägers beklagt. Die Schläge erfolgten spontan und waren nicht geplant,
sondern ergingen vielmehr im Rahmen eines Notwehrexzesses, weshalb den Pri-
vatkläger auch eine nicht unerhebliche Mitschuld trifft. Zugunsten des Beschuldig-
ten ist zudem gestützt auf das Ergänzungsgutachten vom 20. November 2017
von einer leichtgradigen Verminderung der Schuldfähigkeit im Sinne von Art. 19
Abs. 2 StGB auszugehen (Urk. 1/51), obwohl das Gutachten vom 2. März 2016
bezüglich einer allfälligen Wirkung des Cannabiskonsums' widersprüchlich ausfällt
(Urk. 1/7/4 S. 48 und S. 52). Die subjektive Tatschwere relativiert die objektive
Tatschwere leicht, weshalb die Einsatzstrafe um rund zwei Monate zu reduzieren
- 33 -
und insgesamt von einem keineswegs mehr leichten bis erheblichen Verschulden
auszugehen ist.
Es resultiert demnach eine Einsatzstrafe von 5 bis 6 Monaten Freiheitsentzug.
2.3. Täterkomponente
Der Beschuldigte, im Tatzeitpunkt ein beinahe volljähriger Jugendlicher, gab im
Rahmen der Befragung zur Person vom 29. Juni 2016 an, er befinde sich zurzeit
im Gymnasium und wolle Polizist oder Psychologe werden. Er habe bis ca. vor
vier bis fünf Monaten Cannabis konsumiert (Urk. 1/9/4). Dem Gutachten kann
zum Vorleben und den persönlichen Verhältnissen des Beschuldigten entnommen
werden, dass der Beschuldigte einen Zwillingsbruder, einen jüngeren Bruder und
zwei Halbbrüder hat. Sein Zwillingsbruder und sein jüngerer Bruder wurden beide
Opfer sexueller Belästigung, was den Beschuldigten nach eigenen Angaben und
Angaben seines Vaters sehr beschäftigte (vgl. dazu Urk. 1/2/1 Fragen 18 und 19).
Der Beschuldigte besuchte zum Tatzeitpunkt die Kantonsschule L._ und kon-
sumierte regelmässig Cannabis, wobei er angab drei bis fünf Joints pro Woche zu
rauchen (zum Ganzen Urk. 1/7/4 S. 18 ff.). Insgesamt hält das Gutachten fest,
dass die Persönlichkeit des Beschuldigten wenig auffällig und sicherlich in der
Norm liegend sei (Urk. 1/7/4 S. 56). Der Beschuldigte ist zudem unbescholten
(Urk. 2/79). Die Täterkomponente wirkt sich nach dem Gesagten bei der
Strafzumessung neutral aus.
2.4. Nachtatverhalten / Geständnis
Der Beschuldigte schrieb dem Privatkläger am 8. Oktober 2015 einen Brief, indem
er sich reuig zeigt und beteuert, das schlimme Ausmass der Folgen nie gewollt zu
haben (in Urk. 1/6/5). Zudem gab er von Beginn an zu, mindestens zwei bis drei
Mal zugeschlagen zu haben, ohne dabei wissen zu können, ob der Privatkläger
Erinnerungen an den Vorfall haben wird oder nicht, was ebenfalls strafmindernd
ins Gewicht fällt. Es rechtfertigt sich demnach die Einsatzstrafe auf 4 Monate zu
reduzieren.
2.5. Fazit
- 34 -
In Würdigung der massgeblichen Strafzumessungsgründe erscheint es dem
Verschulden und den persönlichen Verhältnissen des Beschuldigten angemes-
sen, ihn mit 4 Monaten Freiheitsentzug zu bestrafen.
3. Strafvollzug
3.1. Gemäss Art. 35 Abs. 1 JStG schiebt die urteilende Behörde den Vollzug ei-
nes Freiheitsentzuges ganz oder teilweise auf, soweit eine unbedingte Strafe
nicht notwendig erscheint, um den Jugendlichen von der Begehung weiterer Ver-
brechen oder Vergehen abzuhalten. Materiell ist demnach das Fehlen einer un-
günstigen Prognose vorausgesetzt. Das heisst in Anlehnung an die herrschende
Praxis, dass auf das Fehlen von Anhaltspunkten für eine Wiederholungsgefahr
abgestellt wird. Die günstige Prognose wird demnach vermutet. Bei der Beur-
teilung der Frage, ob die für die Gewährung des bedingten Strafvollzuges erfor-
derliche Voraussetzung des Fehlens einer ungünstigen Prognose vorliegt, ist eine
Gesamtwürdigung aller Umstände vorzunehmen, wobei insbesondere Vorleben,
Leumund, Charaktermerkmale und Tatumstände einzubeziehen sind.
3.2. Der Beschuldigte ist Ersttäter und unbescholten (Urk. 144). Dem Gutachten
lässt sich keine (bei der Annahme von Notwehr bzw. eines Notwehrexzesses)
bzw. nur eine gering ausgeprägte (bei der Annahme einer Impulstat) Rückfallge-
fahr für Gewaltdelikte entnehmen (Urk. 1/7/4 S. 59). Es ist praxisgemäss anzu-
nehmen, der Beschuldigte werde sich durch die Untersuchung, das Gerichtsver-
fahren, die erstandene Untersuchungshaft und die heutige Bestrafung von weite-
rer Delinquenz abhalten lassen. Der Vollzug der Strafe ist demnach aufzuschie-
ben.
3.3. Gestützt auf Art. 35 Abs. 2 JStG in Verbindung mit Art. 29 Abs. 1 JStG ist
bei einer bedingten Strafe eine Probezeit von mindestens sechs Monaten bis
höchstens zwei Jahre festzulegen. Da der Beschuldigte eine günstige Prognose
aufweist, ist ihm eine minimale Probezeit von sechs Monaten aufzuerlegen.
4. Anrechnung der Haft
Gemäss Art. 1 Abs. 2 lit. b JStG i.V.m. Art. 51 StGB rechnet das Gericht dem Tä-
ter die erstandene Haft auf die Strafe an. Der Beschuldigte befand sich während
- 35 -
zwei Tagen in Haft (Urk. 1/8/1+9). Die zwei Tage sind ihm entsprechend auf die
4 Monate Freiheitsentzug anzurechnen.
V. Zivilforderungen
1. Allgemeines
Die geschädigte Person kann zivilrechtliche Ansprüche aus der Straftat entweder
selbständig auf dem Wege des Zivilprozesses oder adhäsionsweise durch schrift-
liches oder mündliches Begehren an das für den Entscheid über die Anklage
zuständige Strafgericht geltend machen (Art. 119 i.V.m. Art. 122 Abs. 1 StPO).
Sie wird dadurch zur Privatklägerschaft (Art. 119 Abs. 2 lit. b StPO). Das gleiche
Recht steht auch den Angehörigen des Opfers zu, soweit sie gegenüber dem Be-
schuldigten eigene Zivilansprüche geltend machen (Art. 122 Abs. 2 StPO). Das
Gericht entscheidet über eine anhängig gemachte Zivilklage, wenn es die be-
schuldigte Person schuldig spricht (Art. 126 Abs. 1 lit. a StPO). Es kann das Be-
gehren auf den Zivilweg verweisen, wenn das Strafverfahren eingestellt oder im
Strafbefehlsverfahren erledigt wird, die Privatklägerschaft ihre Klage nicht hinrei-
chend begründet oder beziffert hat, die Privatklägerschaft die Sicherheit für die
Ansprüche des Beschuldigten nicht leistet, der Beschuldigte freigesprochen wird,
der Sachverhalt jedoch nicht spruchreif ist oder dem Gericht aufgrund der Akten
und Vorbringen der Parteien kein sofortiger Entscheid über die Zivilansprüche
möglich ist (Art. 126 Abs. 2 lit. a-d StPO sowie Art. 126 Abs. 3 StPO). Ferner kann
das Gericht gestützt auf Art. 126 Abs. 3 StPO die Zivilklage nur dem Grundsatz
nach entscheiden und die Privatklägerschaft im Übrigen auf den Zivilweg verwei-
sen, wenn die vollständige Beurteilung des Zivilanspruchs unverhältnismässig
aufwendig ist.
Ansprüche aus einer Straftat sind namentlich solche, welche sich auf eine
deliktische Anspruchsgrundlage stützen (Art. 41 ff. OR). In erster Linie sind es
Schadenersatz- und Genugtuungsansprüche aus unerlaubter Handlung gemäss
Art. 41 ff. OR, insbesondere Art. 46, Art. 47 und Art. 49 OR.
Schweigt sich die beschuldigte Person oder ihre Verteidigung zur Zivilklage aus,
so nimmt sie damit in Kauf, dass sich dies zu ihrem Nachteil auswirkt, indem das
- 36 -
Gericht auf die unwidersprochen gebliebene Aktenlage abstellt. Haftungs-
reduzierende Gründe, wie Selbst- oder Drittverschulden, hat die beschuldigte
Person substantiiert zu behaupten, soweit diese nicht bereits aktenkundig sind
(BSK StPO I-ANNETTE DOLGE, 2. Aufl., Art. 124 N 5).
2. Zivilforderungen des Privatklägers A._
2.1 Schadenersatz
2.1.1. Der Privatkläger macht eine Schadenersatzforderung von Fr. 817'958.45
nebst Zins zu 5 % seit dem 8. September 2015 geltend. Zudem beantragt er, den
Beschuldigten dem Grundsatz nach zu verpflichten, ihm für zukünftig sich verwirk-
lichende Schäden aus dem schädigenden Ereignis Ersatz zu leisten (Urk. 2/116
S. 1 und Urk. 152 S. 2). Zur Begründung dieser Forderungen verwies die Privat-
klägervertretung im Wesentlichen auf ihre Ausführungen im Plädoyer vor der Vor-
instanz (Urk. 1/61 Rz. 28 ff.; Urk. 152 S. 8). Die Verteidigung des Beschuldigten
nahm an der Berufungsverhandlung keine Stellung mehr zu den Zivilforderungen,
sondern ersuchte lediglich um Bestätigung des vorinstanzlichen Freispruchs
(Urk. 2/121 S. 8). Vor der Vorinstanz beantragte die Verteidigung, auf allfällige
Zivilforderungen sei infolge des beantragten Freispruchs in der Hauptsache nicht
einzutreten (Urk. 1/55 S. 33). Demnach gelten die Zivilforderungen des Privat-
klägers als (pauschal) bestritten, weshalb zu prüfen ist, ob die Schadenersatz-
forderung aufgrund der offerierten Beweismittel des Privatklägers ausgewiesen ist
und die Voraussetzungen von Art. 41 ff. OR erfüllt sind.
2.1.2. Wer einen andern widerrechtlich Schaden zufügt, sei es mit Absicht, sei es
aus Fahrlässigkeit, wird ihm zum Ersatze verpflichtet (Art. 41 Abs. 1 OR). Wer
Schadenersatz beansprucht, hat den Schaden zu beweisen (Art. 42 Abs. 1 OR
i.V.m. Art. 8 ZGB, BSK StPO I-DOLGE, a.a.O., Art. 122 N 25). Das Adhäsionsge-
richt ist an die tatsächlichen Feststellungen über Schuld im Strafverfahren, welche
dem Strafpunkt zugrunde liegen, aufgrund der Natur des Adhäsionsprozesses
stets auch im Zivilpunkt gebunden (BSK StPO I-DOLGE, a.a.O., Art. 122 N. 34).
Auch wenn das Zivilgericht in Bezug auf die Widerrechtlichkeit nicht an die Er-
kenntnisse des Strafgerichtes gebunden ist, besteht vorliegend für die erkennen-
de Kammer kein Grund, davon abzuweichen. Die Widerrechtlichkeit ist aufgrund
- 37 -
des Vorliegens einer schwerer Körperverletzung (absolut gestütztes Rechtsgut
der körperlichen Integrität) ohnehin gegeben. Als Schaden gilt die unfreiwillige
Vermögenseinbusse, adäquat kausal verursacht durch das widerrechtliche Ereig-
nis (BGE 132 III 359 E. 4).
Der Privatkläger macht als bezifferten Schaden infolge der (schweren) Körper-
verletzung gestützt auf Art. 46 Abs. 1 OR
- die bisher resultierten Krankheitskosten von insgesamt Fr. 9'927.05
(Fr. 9'657.05 plus Fr. 280.– Selbstbehalte),
- die Krankheits- und Betreuungskosten von insgesamt Fr. 3'017.90
(Fr. 977.90 und Fr. 2'040.–),
- die Aufwendungen für bauliche Veränderungen von Fr. 3'127.05,
- die notwendigen Anschaffungen von Fr. 290.– (Spezialkopfhörer),
- die angefallenen Gebühren und Honorare infolge der Tat von insgesamt
Fr. 22'655.45 (Fr. 1'097.– Verfahren KESB, Fr. 19'958.45 vorprozessuale
Anwaltskosten, Fr. 1'600.– Beschwerdeverfahren Obergericht betr. Ergän-
zung des psychiatrischen Gutachtens),
- die Reisekosten Angehöriger von insgesamt Fr. 8'930.10, sowie
- den Wiederanschaffungswert des Anzuges des Privatklägers von
Fr. 500.– geltend.
Diese dargelegten Schadenspositionen sind alle rechtsgenügend durch ins Recht
gelegte Beweismittel des Privatklägers belegt und ausgewiesen (Urk. 1/62/1-18).
Erforderlich ist zudem im Sinne der Adäquanztheorie, dass das schädigende
Ereignis nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge und den Erfahrungen des
Lebens geeignet ist, einen Erfolg wie den eingetretenen herbeizuführen oder
mindestens zu begünstigen. Dies tritt vorliegend auf sämtliche geltend gemachten
Schadenspositionen zu, zumal diese natürlich und adäquat kausal infolge der
Körperverletzung entstanden, mit Ausnahme der Fr. 1'600.–, die für das
Beschwerdeverfahren vor Obergericht geltend gemacht werden. Die Abweisung
von Beweisanträgen durch die Staatsanwaltschaft ist nicht anfechtbar, wenn der
entsprechende Beweisantrag ohne Rechtsnachteil vor dem erstinstanzlichen
- 38 -
Gericht wiederholt werden kann (vgl. Art. 394 lit. b StPO). Die III. Strafkammer trat
auf die Beschwerde des Privatklägers nicht ein, zumal kein rechtlich geschütztes
Interesse des Privatklägers an der Einholung des beantragten
Ergänzungsgutachtens bestehe und der Beweisantrag ohne Rechtsnachteil vor
dem erstinstanzlichen Gericht wiederholt werden könne (Urk. 1/7/10/7). Die
Adäquanz ist aufgrund des Verschuldens des Privatklägers für diese
Aufwendungen unterbrochen bzw. aufgehoben. Die Höhe des ausgewiesenen
Schadens beläuft sich demnach auf Fr. 46'847.55.
2.1.3. Art. 46 Abs. 1 OR gibt dem Verletzten nicht nur Anspruch auf Ersatz der
Kosten, sondern auch auf Entschädigung für die Nachteile gänzlicher oder teil-
weise Arbeitsunfähigkeit, unter Berücksichtigung der Erschwerung des wirtschaft-
lichen Fortkommens (sog. Erwerbsschaden). Der Privatkläger ist nachweislich bis
auf unbestimmt zu 100 % arbeitsunfähig, weshalb sich die Frage des Erwerbs-
schaden grundsätzlich aufdrängt (vgl. dazu insb. Urk. 1/6/1/4 und Urk. 1/62/20).
Indessen handelt es sich um eine blosse Parteibehauptung und Hypothese, dass
der Privatkläger bis zum 70 Altersjahr gearbeitet hätte und ihm somit infolge der
Arbeitsunfähigkeit über 5 1⁄2 Jahre Gewinne von insgesamt Fr. 769'468.38 ent-
gangenen seien. Der diesbezügliche Sachverhalt erweist sich als illiquide, basie-
rend auf blossen Mutmassungen und nicht hinreichend begründeten und belegten
Parteibehauptungen, zumal nicht anhand einer einzige Steuererklärung aus dem
Jahr 2014 für die kommenden 5 1⁄2 Jahre aussagekräftig ein Nettoeinkommen be-
stimmt werden kann, welches dem Privatkläger entgangen sein soll. Daran ändert
auch das Schreiben über die geplante Partnerschaft mit dem Privatkläger von Dr.
M._ nichts, wonach der Privatkläger anlässlich des Vorstellungsgesprächs
angegeben habe, dass er gedenke, noch sicher 5 Jahre als Anwalt tätig zu sein
(Urk. 154). Entgegen den Ausführungen der Rechtsvertreterin des Privatklägers
wurde auch keine Krankentaggeldberechnungen als Beweis offeriert (Urk. 152
S. 9). Es liegt einzig die Police der Unfallversicherung des Privatklägers als Be-
weisofferte im Recht, wonach der Privatkläger ein Taggeld von 80% des Ver-
dienstes ab dem 31. bis 750. Tag des Unfalls erhalte, wobei die Höhe des Ver-
dienstes nicht genannt wird (Urk. 1/62/21). Der Privatkläger ist mit dem Begehren
- 39 -
betreffend Nachteile infolge Arbeitsunfähigkeit demnach auf den Zivilweg zu ver-
weisen (Art. 126 Abs. 1 lit. b StPO).
2.1.4. Der Privatkläger beantragt schliesslich, wie bereits erwähnt, eine Ver-
pflichtung des Beschuldigten zur Leistung von Schadenersatz dem Grundsatz
nach für künftig aus dem schädigenden Ereignis resultierenden Schaden.
Aufgrund der im Adhäsionsverfahren geltenden Dispositionsmaxime ist der Antrag
auf einen Grundsatzentscheid zu respektieren und der Beschuldigte aufgrund der
soeben bejahten Haftpflicht dem Grundsatz nach zu verpflichten, dem
Privatkläger für künftig aus dem schädigenden Ereignis vom 8. September 2015
resultierenden Schaden ersatzpflichtig zu sein.
2.1.5. Vorliegend steht jedoch aufgrund des Strafurteils fest, dass der
Beschuldigte vom Privatkläger rechtswidrig angegriffen wurde. Dies stellt
klarerweise einen Herabsetzungsgrund im Sinne von Art. 44 Abs. 1 OR (ein
gewisses Selbst- bzw. Mitverschulden des Privatklägers) dar, welchen die
erkennende Kammer als erwiesene Tatsache bei der Festlegung der
Haftungsquote berücksichtigen muss, selbst wenn sich der Beschuldigte nicht
darauf berufen hat (vgl. dazu Urteil des Bundesgerichtes 6B_521/2007 vom 1.
Februar 2008 E. 4.2).
Der Privatkläger hat den Beschuldigten durch das Onanieren zunächst sexuell
belästigt. Im Weiteren hat er sich dem Beschuldigten angenähert, in einem
sexuell bedrohlichen Verhalten und nochmals onaniert. Der Beschuldigte wollte
dem ein Ende setzen und ging ebenfalls auf den Privatkläger zu. Das
Selbstverschulden des Privatklägers ist nach gängiger Praxis mit dem
Verschulden des Schädigers (des Beschuldigten) zu vergleichen, alsdann wird
der Schaden bzw. die Haftungsquote nach der Grösse der beiden Verschulden
auf die Beteiligten verteilt (sog. sektorielle Schadensaufteilung, vgl. dazu
ausführlich BSK OR I-CHRISTIAN HEIERLI/ANTON K. SCHNYDER, 6. Aufl., Art. 44
N 9). Der Privatkläger hat durch sein zunächst belästigendes und bedrohliches
Verhalten und die schliesslich drohende Packbewegung die Ursache gesetzt,
dass sich der Beschuldigte – wenn auch in unangemessener Weise – zur Wehr
setzte. Es ist von einem nicht unerheblichen Selbst- bzw. Mitverschulden des
- 40 -
Privatklägers auszugehen, weshalb es aufgrund der Umstände gerechtfertigt
erscheint, die Haftungsquote des Beschuldigten um 50 % zu reduzieren.
2.1.6. Zum Schaden gehört nach konstanter Rechtsprechung der Zins vom Zeit-
punkt an, in dem das schädigende Ereignis sich finanziell ausgewirkt hat. Er läuft
bis zum Tag der Zahlung des Schadenersatzes (BGE 118 II 363). Dieser Scha-
denszins bezweckt, den Anspruchsberechtigten so zu stellen, wie wenn er für
seine Forderung am Tag der unerlaubten Handlung bzw. für deren wirtschaftliche
Auswirkungen mit deren Entstehung befriedigt worden wäre (BGE 81 II 512 E. 6).
Der Zinssatz wird in Analogie zu Art. 74 OR mit 5 % bemessen (BGE 122 III 53
E. 4b).
2.1.7. Der Beschuldigte ist nach dem Gesagten zu verpflichten, dem Privatkläger
Fr. 23'423.80 (ausgehend von einer den Beschuldigten treffende Haftungsquote
von 50 %) zuzüglich Zins von 5 % seit dem 8. September 2015 zu bezahlen.
Zudem ist er dem Grundsatz nach zu verpflichten, auch für künftig aus dem
schädigenden Ereignis resultierenden Schaden Schadenersatz zu leisten, wobei
die den Beschuldigten treffende Haftungsquote ebenso 50 % ist. Die Schaden-
ersatzforderung betreffend Nachteile infolge Arbeitsunfähigkeit ist mit der fest-
gelegten Haftungsquote von 50 % auf den Zivilweg zu verweisen.
2.2. Genugtuung
2.2.1. Der Privatkläger beantragt zudem, den Beschuldigten zur Leistung einer
Genugtuung in der Höhe von mindestens Fr. 60'000.– nebst Zins von 5 % seit
dem 8. September 2015 zu verpflichten (Urk. 2/116 S. 2; Urk. 152).
2.2.2. Gemäss Art. 47 OR kann das Gericht bei einer Körperverletzung dem
Geschädigten unter Würdigung der besonderen Umstände eine angemessene
Genugtuung zusprechen, soweit ein Haftungstatbestand erfüllt ist. Das Gericht
entscheidet nach Recht und Pflicht über die Zusprechung einer Genugtuung. Die
Körperverletzung muss zu einer immateriellen Unbill beim Verletzten geführt
haben, d.h. der erlittene körperliche und/oder seelische Schmerz muss eine
gewisse Schwere aufweisen. Dem Geschädigten ist i.d.R. eine Genugtuung
geschuldet, wenn die Verletzung (alternativ) bleibende Folgen hat, schwer ist, das
Leben bedroht, einen längeren Krankenhausaufenthalt nötig macht, eine längere
- 41 -
Arbeitsunfähigkeit zur Folge hat oder mit besonders starken oder lang
anhaltenden Schmerzen verbunden ist (BSK OR I-HEIERLI/SCHNYDER, a.a.O,
Art. 47 N 13). Der Privatkläger erlitt schwere Verletzungen, ist bleibend
arbeitsunfähig und in seiner Lebensgestaltung dauernd eingeschränkt. Mithin ist
ohne Weiteres von einer immateriellen Unbill auszugehen. Bezüglich der übrigen
Haftungsvoraussetzungen der Widerrechtlichkeit, Kausalität und des
Verschuldens kann auf das bereits Erwogene verwiesen werden.
Die Höhe der Genugtuung hängt dabei in erster Linie von der Art und Schwere
der Verletzung, der Intensität und Dauer der Auswirkungen sowie vom Grad des
Verschuldens des Schädigers am Schadensereignis ab (INGEBORG SCHWENZER,
Schweizerisches Obligationenrecht, Allgemeiner Teil, 7. Auflage, Bern 2016,
N 17.12 m.w.H.). Die Bemessung der Genugtuung steht im Ermessen des Ge-
richts. Bei der Festlegung der Höhe der Genugtuung spielen die finanziellen Ver-
hältnisse des Pflichtigen wie auch des Geschädigten keine Rolle. Die Genugtuung
ist dazu bestimmt, einen Schaden wieder gut zu machen, der nur schwer auf eine
Geldsumme reduziert werden kann. Aufgrund ihres Wesens entzieht sie sich
jeglicher Festsetzung nach mathematischen Kriterien, so dass ihre ziffernmässige
Bestimmung gewisse Grenzen nicht übersteigen kann. Das Gericht ist gehalten,
den Betrag der Schwere der erlittenen Verletzung anzupassen, die Grundsätze
von Recht und Billigkeit zu beachten und zu vermeiden, dass die zugesprochene
Summe dem Opfer lächerlich erscheint (BGE 112 II 133 und 118 II 408). Bei der
Beurteilung der Schwere der Verletzung sind die soziale Stellung und das Umfeld
der betroffenen Person zu berücksichtigen (ZR 1995 Nr. 23, S. 83).
Bei Vorliegen von Herabsetzungsgründen ist die Genugtuung in analoger An-
wendung von Art. 44 Abs. 1 OR zu kürzen, insbesondere bei (adäquat-kausalem)
Mitverschulden des Opfers (BSK OR I-HEIERLI/SCHNYDER, a.a.O., Art. 47 N 20b,
SCHWENZER, a.a.O., N 17.12).
2.2.3. Vorweg gilt es zu festzuhalten, dass das Bundesgericht gerade bei schwe-
ren Fällen die Genugtuungssumme zunehmend höher ansetzt. So hat das
Bundesgericht bei schweren Körperverletzung bereits mehrfach Genugtuungs-
summen von Fr. 100'000.– oder mehr zugesprochen (vgl. BGE 134 III 97, 100;
- 42 -
BGer 4A_157/2009 E. 4). Der Privatkläger erlitt durch die Faustschläge schwere
Körperverletzungen (schweres Schädel-Hirn-Trauma und zahlreiche Folgeschä-
den) und wird, wie bereits mehrfach erwähnt, auf unbestimmt arbeitsunfähig und
erheblich in allen Alltagsaktivitäten beeinträchtigt bleiben (ausgeprägte kognitive
und somatische Beeinträchtigung durch die traumatische Hirnverletzung). Zudem
lag er wochenlang im Koma (vgl. zum Ganzen die Krankheitsgeschichte in
Urk. 1/6/1/1+3 ff.). Die Intensität und Dauer der Auswirkungen sind schwer und
bleibend. Das (objektive und subjektive) Verschulden des Beschuldigten wiegt un-
ter Berücksichtigung der gesamten Umstände mittelschwer. Der Leitfaden des
Bundesamtes für Justiz zur Bemessung von Genugtuung nach Opferhilfegesetz
sieht für starke Einschränkungen der Bewegungsfreiheit und/oder der intellektuel-
len und sozialen Fähigkeiten (z.B. Paraplegie) Genugtuungssummen von
Fr. 40'000.– bis Fr. 55'000.– vor. Bei weniger gravierenden Einschränkungen und
dem Verlust einer Funktion oder eines Organs geht die Bandbreite der Genugtu-
ungssummen von Fr. 20'000.– bis Fr. 40'000.–. Da sich die beschriebenen Beein-
trächtigungen des Privatklägers in diesem Schnittstellenbereich bewegen, recht-
fertigt sich vorliegend eine Genugtuung in der Höhe von Fr. 40'000.– für die erlit-
tene Unbill auszusprechen. Wie bereits erwogen, ist aufgrund des nicht unerheb-
lichen Mitverschuldens des Privatklägers eine Herabsetzung der Haftungsquote
des Beschuldigten um 50 % in analoger Anwendung von Art. 44 Abs. 1 OR vor-
zunehmen.
2.2.4. Nach dem Gesagten ist der Beschuldigte zu verpflichten, dem Privatkläger
eine Genugtuung in der Höhe von Fr. 20'000.– (unter Berücksichtigung der
Haftungsquote des Beschuldigten von 50 %) zuzüglich Zins von 5 % seit dem
8. September 2015 zu bezahlen.
3. Zivilforderung der Privatklägerin B._
Die Privatklägerin, die Ehefrau des Privatklägers, beantragt, der Beschuldigte sei
zu verpflichten, ihr Schadenersatz in der Höhe von Fr. 16'500.– nebst Zins zu 5 %
seit dem 8. September 2015 zu bezahlen (Urk. 156). Die Privatklägerin begründet
ihre Forderung damit, dass sie gezwungen sei, trotz Erreichen des Rentenalters
weiter zu arbeiten und ihr aufgrund der Betreuung des Privatklägers trotz ihrer
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Erwerbstätigkeit jährlich mindestens Fr. 3'300.– entgingen (Urk. 2/119). Es ist
wohl davon auszugehen, dass die Privatklägerin die Fr. 3'300.– pro Jahr mal 5
rechnete, wodurch die geltend gemachten Fr. 16'500.– resultieren. Weshalb diese
Berechnung erfolgte, wird seitens der Privatklägerin jedoch weder behauptet noch
begründet. Als Beweisofferten legt die Privatklägerin ihre Lohnausweise der Jahre
2016 und 2017 sowie ein ärztliches Zeugnis ihres Arbeitsgebers, wonach sie "oft
der Arbeit habe fernbleiben müssen" ins Recht (Urk. 2/120/1-3). Es obliegt den
Privatklägern, spätestens in der erstinstanzlichen Hauptverhandlung ihre Ansprü-
che rechtsgenügend zu substantiieren (Art. 123 Abs. 2 StPO). Insbesondere ist
der Schaden zu substantiieren und, soweit möglich und zumutbar, zu belegen
(BSK StPO I-DOLGE, a.a.O., Art. 123 N 8). Versäumt die Privatklägerschaft dieser
Substantiierungspflicht nachzukommen, ist sie mit ihrem Begehren auf den Zivil-
weg zu verwiesen. Die Schadenersatzforderung der Privatklägerin erweist sich
nach dem Gesagten als illiquide und nicht rechtsgenügend behauptet und belegt.
Die Privatklägerin ist folglich mit ihrer Schadenersatzforderung auf den Zivilweg
zu verweisen, wobei die den Beschuldigten treffende Haftungsquote aus dem
schädigen Ereignis ebenfalls auf 50 % festzusetzen ist.
VI. Kosten- und Entschädigungsfolgen
1. Vorverfahren und erstinstanzliches Verfahren
1.1. Wird der Beschuldigte verurteilt, hat er in der Regel die Kosten des
Prozesses zu tragen (Art. 426 Abs. 1 StPO). Diese setzen sich zusammen aus
den Gebühren zur Deckung des Aufwands und den Auslagen im konkreten
Straffall (Art. 422 Abs. 1 StPO). Im Kanton Zürich gilt die Gebührenverordnung
des Obergerichtes vom 10. September 2010 (GebV OG; LS 211.11). Die Grund-
lage für die Festsetzung der Gebühren im Strafprozess bildet nach § 2 GebV OG
die Bedeutung und die Schwierigkeit des Falles sowie der Zeitaufwand des Ge-
richtes. Entscheidet das Gericht materiell über die Anklage, beträgt die Gebühr
nach § 14 Abs. 1 lit. b GebV OG in der Regel zwischen Fr. 750.– bis Fr. 45'000.–.
1.2. Auch im Jugendstrafverfahren sind die Verfahrenskosten grundsätzlich
dem Verurteilten aufzuerlegen (Art. 44 Abs. 2 JStPO i.V.m. Art. 426 Abs. 1 StPO).
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Dabei können Forderungen aus den Verfahrenskosten von der Strafbehörde ge-
stundet oder unter Berücksichtigung der wirtschaftlichen Verhältnisse der kosten-
pflichtigen Person herabgesetzt oder erlassen werden (Art. 44 Abs. 2 JStPO
i.V.m. Art. 425 StPO).
1.3. Vorliegend handelt es sich beim Beschuldigten aktuell um einen 24-
jährigen Mann. Es ist davon auszugehen, dass er das Gymnasium mittlerweile
abgeschlossen hat und möglicherweise ein Studium oder eine Lehre begonnen
hat, wenn auch keine aktuellen Angaben zur Person vorliegen. Zugunsten des
Beschuldigten erweist sich jedenfalls als gerechtfertigt, von keinen regelmässigen
Einnahmen auszugehen, zumal er noch am Anfang seiner Berufslaufbahn steht.
Dem Beschuldigten ist lediglich zuzumuten, die Kosten der Untersuchung und des
erstinstanzlichen Verfahrens in der Höhe von Fr. 1'500.– zu tragen. Im Übrigen
werden diese Kosten (Fr. 500.– Gebühr Strafuntersuchung, Fr. 3'221.30 Auslagen
Untersuchung, Fr. 11'102.– Gutachten/Expertise etc.) auf die Gerichtskasse ge-
nommen. Die erstinstanzliche Gerichtsgebühr ist auf Fr. 1'500.– festzusetzen.
1.4. Der Privatkläger ersucht um Zusprechung einer Prozessentschädigung von
Fr. 5'011.35 (inkl. MwSt.) für Anwaltskosten für das erstinstanzliche Verfahren
(Urk. 1/61 S. 2; Urk. 1/62/22). Gemäss Art. 433 Abs. 1 lit. a StPO hat die Privat-
klägerschaft gegenüber der beschuldigten Person Anspruch auf eine angemes-
sene Entschädigung für notwendige Aufwendungen im Verfahren, wenn sie ob-
siegt. Der Privatkläger beantragte vor der Vorinstanz einen Schuldspruch wegen
schwerer Körperverletzung im Sinne der Anklageschrift. Die erkennende Kammer
kommt zum Schluss, dass der Beschuldigte in einem Notwehrexzess gehandelt
hat, d.h. den Privatkläger ein (zivil- und strafrechtliches) Mitverschulden trifft,
weshalb der Privatkläger nur teilweise als obsiegend zu erachten ist. Die Pro-
zessentschädigung ist entsprechend um die Hälfte auf Fr. 2'505.50 (inkl. MwSt.)
zu reduzieren.
- 45 -
2. Erstes Berufungsverfahren
2.1. Die Gerichtsgebühr für das Berufungsverfahren ist auf Fr. 1'500.– anzu-
setzen (Art. 44 Abs. 2 JStPO in Verbindung mit Art. 424 Abs. 1 StPO; § 16 Abs. 1
und § 14 Abs. 1 lit. b GebV OG).
2.2. Im Berufungsverfahren tragen die Parteien auch im Bereich des Jugend-
strafrechts die Kosten nach Massgabe ihres Obsiegens oder Unterliegens (Art. 44
Abs. 2 JStPO in Verbindung mit Art. 428 Ziff. 1 und 2 StPO). Bezüglich der
Stundung bzw. Herabsetzung kann aus soeben Ausgeführte verwiesen werden.
Vorliegend rechtfertigt es sich, dem Beschuldigten und dem Privatkläger, welcher
nur teilweise obsiegt hat, je Fr. 750.– aufzuerlegen und die weiteren Kosten, in-
klusive diejenigen der amtlichen Verteidigung in der Höhe von Fr. 6'640.60, defini-
tiv auf die Gerichtskasse zu nehmen. Die Berücksichtigung der Anträge der
Privatklägerin ist bei der Regelung der Kostenfolgen vernachlässigbar, zumal sie
die Ehefrau und dadurch eine Angehörige des Privatklägers ist.
2.3. Der Privatkläger beantragt zudem die Zusprechung einer Prozess-
entschädigung für das Berufungsverfahren von insgesamt Fr. 16'214.25 [recte:
Fr. 16'211.25] für Anwaltskosten (Urk. 2/118/1-8). Der Privatkläger obsiegt im
Berufungsverfahren nur teilweise. Die erkennende Kammer bejaht einen Not-
wehrexzess. Seine Zivilansprüche werden zudem summenmässig grösstenteils
auf den Zivilweg verwiesen. Es rechtfertigt sich demnach, ihm eine um 3⁄4 redu-
zierte Prozessentschädigung von Fr. 4'052.80 (inkl. MwSt.) zuzusprechen.
2.4. Die Privatklägerin ersucht ebenfalls um Zusprechung einer Entschädigung
für das Berufungsverfahren, wobei sie keine konkreten Aufwendungen geltend
macht bzw. die beantragte Entschädigung nicht beziffert. Ihr Begehren ist daher
mangels Substantiierung und Bezifferung abzuweisen.
2.5. Die amtliche Verteidigung macht ein Honorar von Fr. 6'640.60 geltend
(Urk. 2/114), was ausgewiesen und antragsgemäss definitiv aus der Gerichtskas-
se zu entschädigen ist.
- 46 -
3. Zweites Berufungsverfahren
3.1. Dass infolge der Rückweisung des Bundesgerichts ein zweites Berufungs-
verfahren nötig wurde, haben die Parteien nicht zu vertreten. Demnach hat die
Gerichtsgebühr für das zweite Berufungsverfahren ausser Ansatz zu fallen. Die
Kosten dieses Verfahrens, inklusive der Kosten der amtlichen Verteidigung der
Beschuldigten, sind definitiv auf die Gerichtskasse zu nehmen.
3.2. Der Privatkläger beantragt zudem die Zusprechung einer Prozessentschä-
digung für das zweite Berufungsverfahren von insgesamt Fr. 5'280.35 für An-
waltskosten (Urk. 196 und Urk. 198/1-4), was ausgewiesen und antragsgemäss
aus der Gerichtskasse zuzusprechen ist.
3.3. Die Privatklägerin ersucht ebenfalls um Zusprechung einer Entschädigung
für das zweite Berufungsverfahren, wobei sie keine konkreten Aufwendungen
geltend macht bzw. die beantragte Entschädigung nicht beziffert. Ihr Begehren ist
daher mangels Substantiierung und Bezifferung abzuweisen.
3.4. Die amtliche Verteidigung des Beschuldigten macht einen Aufwand von
45.75 Stunden bzw. Fr. 10'840.05 für das zweite Berufungsverfahren geltend
(Urk. 199). Dies ist deutlich zu hoch. Nach der bundesgerichtlichen Rechtspre-
chung ist es zulässig, für das Anwaltshonorar Pauschalen vorzusehen (BGE 143
IV 453 E. 2.5.1). Angesichts der konkreten Bedeutung und Schwierigkeit des
Falles, der Durchführung des schriftlichen Berufungsverfahrens sowie unter
Berücksichtigung der getätigten Bemühungen des Verteidigers ist die Verteidi-
gung für das zweite Berufungsverfahren mit Fr. 6'000.– (inkl. MwSt.) pauschal aus
der Gerichtskasse zu entschädigen.