Decision ID: f90a5d86-ba55-4a1d-9af7-8ec049374967
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Der Beschwerdeführer, ein Tamile mit letztem Aufenthalt in B._
(Distrikt C._/Nordprovinz), verliess Sri Lanka eigenen Angaben ge-
mäss am 27. Mai 2021 und reiste am 14. Juli 2021 in die Schweiz ein, wo
er gleichentags um Asyl nachsuchte.
A.b Der Rechtsschutz für Asylsuchende des Bundesasylzentrums
D._ teilte dem SEM am 19. Juli 2021 mit, für die Befragungen des
Beschwerdeführers seien aufgrund geschlechtsspezifischer Verfolgung je-
weils Frauenteams einzuplanen.
A.c Am 20. Juli 2021 führte das SEM mit dem Beschwerdeführer die Per-
sonalienaufnahme (PA) durch.
A.d Das SEM hörte den Beschwerdeführer am 13. September 2021 zu sei-
nen Asylgründen an. Dabei machte er im Wesentlichen geltend, er sei in
B._ aufgewachsen, wo er mit seiner Mutter und zwei Geschwistern
gelebt habe. Sein Vater habe Sri Lanka im Jahr (...) verlassen und lebe
seither illegal in E._. Sein Bruder halte sich seit kurzem in
F._ auf. Er (der Beschwerdeführer) habe eine Freundin namens
G._ gehabt, deren Onkel, H._, politisch aktiv sei. Dieser ge-
höre der «Eelam People’s Democratic Party» (EPDP) an. Als die Familie
von G._ – vermutlich im Januar 2021 – von ihrer Beziehung erfah-
ren habe, habe sie ihr alle Handys abgenommen. Es sei zu einer familiären
Auseinandersetzung gekommen, bei der ihr eine Hand abgehackt worden
sei. Im späteren Verlauf der Anhörung sagte der Beschwerdeführer,
G._ habe sich selbst an der Hand verletzt. Sie sei von ihrer Familie
nach I._ in ein Krankenhaus gebracht worden. Am 25. Januar 2021
habe sie ihn angerufen und ihn gebeten, sich mit ihr bei einer Schule in
I._ zu treffen. Als H._ ihn dort gesehen habe, sei er zu ihm
gekommen und habe mit einem Eisenstab auf ihn eingeschlagen, wobei er
ihm den Arm gebrochen habe. Er sei von Leuten, die zugegen gewesen
seien, in ein Krankenhaus gebracht worden, wo man ihm eine Metallplatte
angelegt habe. Am (...) 2021 habe er an einer Demonstration teilgenom-
men, die von J._ nach K._ geführt habe. Dies habe er auf
Facebook veröffentlicht. H._ habe ihn beim «Criminal Investigation
Department» (CID) denunziert und ihm fälschlicherweise vorgeworfen, er
setze sich für die Belange der Freiheitskämpfer ein. H._ habe dafür
gesorgt, dass er unter dem Anti-Terror-Gesetz befragt worden sei. In seiner
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Abwesenheit sei dieser bei seiner Familie erschienen und habe Fragen ge-
stellt. Seine Mutter sei gefragt worden, wo sich ihr Ehemann aufhalte. Sein
Vater und dessen Freund L._, der erschossen worden sei, hätten
der Bewegung geholfen. Seiner Mutter sei gesagt worden, ihr Sohn helfe
der Bewegung ebenso. Er (der Beschwerdeführer) habe in Facebook auch
veröffentlicht, dass er zusammen mit Kollegen Essen für die Flutopfer ver-
teilt habe. H._ habe behauptet, er (der Beschwerdeführer) habe die
Befreiungstiger unterstützt. Seinem Onkel sei vorgeworfen worden, er
habe den Befreiungskämpfern Essen gegeben, weshalb er mitgenommen
und geschlagen worden sei. Nach seiner Freilassung habe er Sri Lanka
verlassen. Man habe seine Mutter bedroht und behauptet, die Familie wolle
die Bewegung wiederbeleben. Man habe gefordert, dass sie ihn ausliefere,
ansonsten er erschossen werde. Nachdem seine Mutter ihn telefonisch ge-
warnt habe, sei er nach M._ gegangen, wo er sich bei Verwandten
aufgehalten habe. H._ habe Kenntnis davon erlangt und die AVA-
Gruppe beauftragt. Als er (der Beschwerdeführer) bei Nachbarn seiner Ver-
wandten gewesen sei, sei nach ihm gesucht worden. Er habe dies gesehen
und sei weggegangen. Er habe sich in einem Tempel versteckt und seine
Mutter habe ihm mitgeteilt, dass im Haus seiner Verwandten alles demoliert
worden sei. Ein Freund habe ihn vom Tempel abgeholt und er sei einige
Zeit bei diesem in N._ geblieben. Seine Familie sei von H._
erneut bedroht worden. Als sein Bruder im Mai 2021 von der Arbeit zurück-
gekehrt sei, sei er angegriffen und mit Stichen in den Rücken verletzt wor-
den. Am vorigen Tag sei er von H._ «besucht» worden. Er (der Be-
schwerdeführer) habe das Haus seines Freundes nicht mehr verlassen, sei
von dort abgeholt und nach F._ gebracht worden. Dann habe er Sri
Lanka verlassen. Zur Stützung seiner Vorbringen gab der Beschwerdefüh-
rer mehrere Fotografien ab.
A.e Das SEM teilte dem Beschwerdeführer am 22. September 2021 mit,
sein Asylgesuch bedürfe weiterer Abklärungen, weshalb es gemäss
Art. 26d AsylG (SR 142.31) fortan im erweiterten Verfahren behandelt
werde.
A.f Am 11. November 2021 hörte das SEM den Beschwerdeführer ergän-
zend zu seinen Asylgründen an. Dabei gab er zu Protokoll, er habe seine
Freundin im August 2019 an einem Tempelfestival kennengelernt und sei
danach über Facebook und auch per Telefon mit ihr in Kontakt gestanden.
Während eineinhalb Jahren hätten sie keine Probleme gehabt. Dann hät-
ten sie sich gestritten, worauf er sie am Telefon geblockt habe. Sie habe
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sich an der Hand verletzt, weshalb ihre Familie Kenntnis von ihrer Bezie-
hung erhalten habe. H._ habe ihm telefonisch verboten, weiterhin
mit G._ Kontakt zu pflegen. Er (der Beschwerdeführer) habe ent-
gegnet, er werde dieses Verbot nicht beachten. Er sei telefonisch davon in
Kenntnis gesetzt worden, dass H._ seine Freundin nach I._
mitgenommen habe. G._ habe ihn angerufen und um ein Treffen
gebeten. Als er sich am 25. Januar 2021 mit ihr unterhalten habe, sei
H._ gekommen. Dieser habe ihn geschlagen und am Arm verletzt.
Er (der Beschwerdeführer) habe geschrien und sei von herbeigeeilten Leu-
ten ins Spital gebracht worden. Dort habe er genau berichtet, was vorge-
fallen sei. Er sei operiert und nach fünf Tagen entlassen worden. Laut Ge-
setz hätte er von der Polizei befragt werden müssen, aber im Spitalbericht
sei nur gestanden, dass sein Arm gebrochen gewesen sei. H._
habe seinen Einfluss geltend gemacht, sodass die Polizei ihn nicht befragt
habe. Am 7. Februar 2021 habe er an einer Demonstration teilgenommen
und davon in Facebook Fotos und Videoaufzeichnungen publiziert. Er sei
mitmarschiert und habe Fahnen getragen. Danach habe er erfahren, dass
H._ dieses Material an das CID und die Armee weitergeleitet habe.
H._ habe Leute des CID zu ihm nach Hause gebracht. Seiner Mut-
ter seien Fotografien gezeigt worden, anhand derer sie ihn identifiziert
habe. Man werfe ihm vor, er rufe mit seinen Videos zum Kampf auf. Dies
stehe im Zusammenhang damit, dass sein Vater Spenden für die Bewe-
gung gesammelt habe. 2007 habe sein Onkel der Bewegung Essen gege-
ben. Er sei verfolgt worden und habe ins Ausland fliehen müssen. 2018
habe er (der Beschwerdeführer) Flutopfern geholfen. Nun behaupte
H._, er habe Anhängern der Bewegung geholfen. H._ habe
die von ihm auf Facebook veröffentlichten Fotografien an das CID weiter-
geleitet. Seine Mutter habe den Leuten des CID gesagt, sie wisse nicht, wo
er sich aufhalte. Während er bei Verwandten in M._ gewesen sei,
seien Leute der AVA-Gruppe gekommen. Sie seien mit Schwertern bewaff-
net gewesen und hätten ihn gesucht. Sie hätten Motorradhelme getragen
und durch die Fenster geschaut. Als sie bemerkt hätten, dass er wegge-
rannt sei, seien sie ihm gefolgt. Er habe sich in einem Tempel versteckt.
Am folgenden Morgen habe ihn ein Freund abgeholt und zu sich nach
Hause gebracht. Während dieser Zeit habe H._ nach ihm gesucht
und seine Mutter bedroht. Er habe ihr gesagt, wenn es zu einem Todesfall
in der Familie komme, müsse er (der Beschwerdeführer) wieder «auftau-
chen». Als sein Bruder am folgenden Tag von der Arbeit zurückgekehrt sei,
sei auf ihn eingestochen worden. Wenige Tage später habe ihm seine Mut-
ter telefonisch mitgeteilt, er solle sich bereithalten, man werde ihn nach
F._ bringen. Seine Mutter sei nach seiner Ausreise mehrmals vom
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CID und der Armee befragt worden. Der Beschwerdeführer gab Kopien sei-
ner Identitätskarte, eines Spitalberichts und eines Berichts über H._
sowie mehrere Fotografien ab.
A.g Die Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers stellte dem SEM mit
Schreiben vom 2. Dezember 2021 die Originale der Identitätskarte ihres
Mandanten und des ihn betreffenden Spitalberichts zu.
B.
Mit Verfügung vom 7. Juli 2022 – eröffnet am folgenden Tag – stellte das
SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht,
und lehnte das Asylgesuch ab. Gleichzeitig verfügte es seine Wegweisung
aus der Schweiz. Es verpflichtete ihn, das Staatsgebiet der Schweiz sowie
den Schengen-Raum bis am 9. August 2022 zu verlassen. Dies zur Rück-
reise in seinen Heimat- beziehungsweise Herkunftsstaat oder zur Weiter-
reise in ein Land, das sich ausserhalb des Schengen-Raums befinde und
in dem er aufgenommen werde. Wenn er dieser Verpflichtung nicht innert
Frist nachkomme, könne die Wegweisung unter Zwang vollzogen werden.
Es verpflichtete den Kanton (dieser wurde vom SEM nicht genannt; Anmer-
kung des Gerichts) mit dem Vollzug der Wegweisung und ordnete die Aus-
händigung der editionspflichtigen Akten gemäss Aktenverzeichnis an. Ei-
ner allfälligen Beschwerde gegen diese Verfügung entzog es die aufschie-
bende Wirkung.
C.
Mit Eingabe seiner Rechtsvertreterin vom 27. Juli 2022 liess der Beschwer-
deführer gegen diese Verfügung beim Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerde erheben. Darin wurde beantragt, der angefochtene Entscheid sei
aufzuheben und es sei Asyl zu gewähren. Eventualiter sei die Verfügung in
den Dispositionspunkten 3 und 4 aufzuheben, die Unzumutbarkeit des
Wegweisungsvollzugs festzustellen und die vorläufige Aufnahme anzuord-
nen. Auf die Erhebung eines Kostenvorschusses sei zu verzichten, dem
Beschwerdeführer sei die unentgeltliche Prozessführung zu bewilligen und
ihm in der Person der Unterzeichnenden eine unentgeltliche Rechtsbei-
ständin zu gewähren. Der Beschwerde wurden mehrere Beweismittel bei-
gelegt (vgl. S. 11 derselben).
D.
Mit Instruktionsverfügung vom 22. August 2022 stellte der Instruktionsrich-
ter fest, der Beschwerdeführer könne den Ausgang des Beschwerdever-
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fahrens in der Schweiz abwarten. Die Gesuche um Gewährung der unent-
geltlichen Prozessführung und amtliche Verbeiständung hiess er gut. Auf
die Erhebung eines Kostenvorschusses verzichtete er. Er ordnete dem Be-
schwerdeführer MLaw Lynn Honegger als amtliche Rechtsbeiständin bei.
Die Akten übermittelte er zur Vernehmlassung an das SEM.
E.
Das SEM nahm in seiner Vernehmlassung vom 5. September 2022 zur Be-
schwerde Stellung.
F.
Mit Eingabe vom 13. September 2022 liess der Beschwerdeführer replizie-
ren und einen Internet-Artikel aus dem Tagesanzeiger vom 24. August
2022 sowie einen Bericht des UNO-Welternährungsprogramms vom
13. September 2022 einreichen.
G.
Die Rechtsvertreterin reichte am 22. September 2022 eine Kostennote zu
den Akten.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche
Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor.
1.2 Der Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
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AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und form-
gerecht eingereichte Beschwerde (Art. 108 Abs. 2 AsylG; Art. 105 AsylG
i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52 Abs. 1 VwVG) ist einzutreten.
1.3 Das SEM hat in Ziffer 7 des Dispositivs seiner Verfügung vom 7. Juli
2022 einer allfälligen Beschwerde die aufschiebende Wirkung entzogen.
Gemäss Art. 55 Abs. 1 VwVG hat die Beschwerde aufschiebende Wirkung
und gemäss Art. 42 AsylG darf sich, wer in der Schweiz ein Asylgesuch
gestellt hat, bis zum Abschluss des Verfahrens in der Schweiz aufhalten.
In der angefochtenen Verfügung wird für den Entzug der aufschiebenden
Wirkung weder eine Rechtsgrundlage genannt noch eine Begründung an-
gegeben. Es ist deshalb davon auszugehen, dass die Ziffer 7 des Disposi-
tivs auf einem Kanzleiversehen beruht. Die Ziffer 7 des Dispositivs der an-
gefochtenen Verfügung ist demnach aufzuheben.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
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4.
4.1 Das SEM führt zur Begründung seines Entscheides aus, der Beschwer-
deführer sei nicht in der Lage, zu seiner Beziehung mit G._ detail-
lierte Aussagen zu machen, die seine freie Schilderung vertieften. Zum Fa-
miliennamen seiner Freundin und der Kaste, welcher sie angehöre, habe
er keine Angaben machen können. Zur Frage, weshalb die Familie seiner
Freundin gegen die Beziehung gewesen sei, habe er ebenso wenig detail-
lierte Angaben gemacht, wie zu ihrer Wohnadresse. All dies spreche nicht
für ein tatsächliches Erleben. Auch zu seiner Beziehung mit G._
habe er nichts sagen können, womit Zweifel an deren Glaubhaftigkeit be-
stünden. Hinsichtlich des Onkels von G._ seien seine Aussagen
wenig detailliert. Er habe gesagt, dieser gehöre der Geheimpolizei an und
arbeite für diese. Gefragt, welche konkrete Verbindung H._ zum
CID habe, habe er angegeben, das CID gehöre zur Polizei und wende das
Anti-Terror-Gesetz an. Dies kläre die Verbindungen H._ zum sri-
lankischen Sicherheitsapparat nicht. Die Aussagen zum politischen Profil
von H._ seien unpräzis gewesen. Dieser habe gemäss Beschwer-
deführer für verschiedene Parteien kandidiert und eine gewisse Verantwor-
tung gehabt, zu deren Art er keine Angaben habe machen können. Er habe
nicht überzeugend dargelegt, wie H._ ihn konkret durch die Partei
verfolge, sondern habe gesagt, er habe nur wegen der Beziehung zu
G._ Probleme. Er habe H._ nur am Tag des Angriffes auf
ihn (25. Januar 2021) gesehen. An der Demonstration habe er am 7. Feb-
ruar 2021 teilgenommen. Ein kausaler Zusammenhang zwischen seinem
politischen Engagement und der Verfolgung sei zu bezweifeln.
Die Angaben des Beschwerdeführers zur Verfolgung durch die AVA-
Gruppe in M._ seien unsubstantiiert und unlogisch. Diese kriminelle
Gruppe sei vor allem in der Gegend um C._ präsent. Die mehrma-
ligen Nachfragen, woher er wisse, dass die AVA-Gruppe ihn gesucht habe,
habe er ausweichend beantwortet. Gefragt, an was er erkannt habe, dass
es Leute der AVA-Gruppe seien, habe er geantwortet, diese Gruppe sei die
einzige, die auf diese Art und Weise agiere. Unglaubhaft sei, dass er vor
den Leuten der AVA-Gruppe zu Fuss habe flüchten können, obwohl diese
ihn gesehen hätten und ihm auf Motorrädern gefolgt seien. Seine Schilde-
rung, er habe sich in einem Tempel versteckt und dort übernachtet, obwohl
die AVA-Gruppe nach ihm gesucht habe, erwecke ebenso Zweifel an der
Glaubhaftigkeit, hätten diese Leute doch durch die Fenster in die Häuser
geschaut, um nach ihm zu suchen.
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Auf Grund der unsubstantiierten, ausweichenden und stereotypen Aussa-
gen des Beschwerdeführers bestünden Zweifel am Wahrheitsgehalt seiner
Vorbringen. Diese müssten deshalb als nicht glaubhaft eingestuft werden.
Zu prüfen bleibe, ob der Beschwerdeführer im Falle der Rückkehr nach Sri
Lanka dennoch begründete Furcht vor künftigen Verfolgungsmassnahmen
im Sinne von Art. 3 AsylG habe. Diese Prüfung sei anhand sogenannter
Risikofaktoren vorzunehmen (Referenzurteil des BVGer E-1866/2015 vom
15. Juli 2016 E. 8.9.1). Er sei tamilischer Ethnie und haben Sri Lanka 2009
verlassen. Gemäss eigenen Angaben sei er 2016 aus Europa nach Sri
Lanka zurückgekehrt und habe erneut knapp zwei Jahre in Sri Lanka ge-
lebt. Die Zugehörigkeit zur tamilischen Ethnie und die zweimalige Landes-
abwesenheit reiche gemäss herrschender Praxis nicht zur Annahme aus,
er werde bei seiner Rückkehr verfolgt. Rückkehrer, die illegal ausgereist
seien, über keine gültigen Identitätsdokumente verfügten, im Ausland ein
Asylverfahren durchlaufen hätten oder behördlich gesucht würden, würden
am Flughafen zu ihrem Hintergrund befragt. Allein diese Befragung und
das allfällige Eröffnen eines Strafverfahrens wegen illegaler Ausreise stelle
keine flüchtlingsrechtlich relevante Verfolgungsmassnahme dar. Rückkeh-
rer würden auch am Herkunftsort zwecks Registrierung, Erfassung der
Identität, bis hin zur Überwachung ihrer Aktivitäten befragt. Auch diese
Kontrollmassnahmen am Herkunftsort nähmen grundsätzlich kein flücht-
lingsrechtlich relevantes Ausmass an. Personen, die vormals besonders
enge Beziehungen zu den «Liberation Tigers of Tamil Eelam» (LTTE) ge-
habt hätten und kein Rehabilitierungsprogramm durchlaufen hätten, wür-
den nach wie vor verhaftet. Hinsichtlich der Teilnahme des Beschwerde-
führers an einer Demonstration sei festzuhalten, dass er keine aktive Rolle
eingenommen, sondern nur Videos und Fotos live auf Facebook übertra-
gen habe. Er sei mitmarschiert und habe Fahnen gehalten. Die eingereich-
ten Fotografien könnten eine Teilnahme an einer Demonstration nicht ab-
schliessend beweisen. Die Aufnahme, die den Demonstrationsführer
O._ zeigen solle, sei nicht tauglich, dies zu beweisen. Mit den Bil-
dern werde belegt, dass er an einer Veranstaltung zugegen gewesen sei,
nicht jedoch, dass er an der genannten Demonstration teilgenommen
habe. In aller Regel sei eine Tätigkeit solcher Art unproblematisch, da sie
keine separatistische oder andere Absicht verfolge, die für die Einheit des
Staates eine Gefahr darstellte. Seine politische Tätigkeit genüge nicht, um
eine asylrechtlich relevante Verfolgung zu begründen. Der Beschwerdefüh-
rer sei nicht in der Lage, die geltend gemachten Probleme mit dem CID mit
dem sri-lankischen Staatsorgan in Verbindung zu bringen. Er habe nie per-
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sönlichen Kontakt mit dem CID gehabt und habe von seiner Mutter erfah-
ren, dass er gesucht werde. Die Kenntnisnahme von Informationen durch
eine Drittperson reiche nicht aus, eine begründete Furcht vor zukünftiger
Verfolgung zu belegen. Die Frage, ob ein Haftbefehl gegen ihn vorliege,
habe er nicht beantworten können. Er habe erklärt, die von H._ ge-
gen ihn erhobenen Anschuldigungen seien falsch, und er habe zuvor nie
Probleme mit dem Staat gehabt. Die geltend gemachte Verfolgung durch
H._ sei nicht als staatliche Verfolgung zu qualifizieren. Übergriffe
durch Dritte oder Befürchtungen, solchen ausgesetzt zu werden, seien nur
dann flüchtlingsrechtlich relevant, wenn der Staat nicht schutzwillig oder -
fähig sei. Er habe angegeben, er sei nicht zur Polizei gegangen, um Schutz
vor H._ zu suchen, da diese nichts unternehmen würde. Dies sei
jedoch nur eine Vermutung seinerseits. ln Anbetracht dieser Ausführungen
sei nicht ersichtlich, weshalb er bei einer Rückkehr nach Sri Lanka in den
Fokus der Behörden rücken und in asylrelevanter Weise verfolgt werden
sollte.
4.2 In der Beschwerde wird geltend gemacht, in Sri Lanka trage man den
Vornamen des Vaters als Familiennamen. Der Beschwerdeführer kenne
den Familiennamen seiner Freundin nicht, da er ihren Vater nicht kenne.
Es erscheine logisch, dass er den Namen des Vaters von G._ nicht
kenne, da die Familie gegen die Beziehung gewesen sei und er diese nicht
kennengelernt habe. Dass er den offiziellen Familiennamen seiner Freun-
din nicht kenne, hänge auch damit zusammen, dass sie einer anderen
Kaste angehöre als er. Angehörige einer Kaste in Sri Lanka blieben gerne
unter sich, was er bei der Anhörung ausgeführt habe. Ebenso habe er ge-
sagt, er kenne die Kaste seiner Freundin nicht, da ihre Familie aus Indien
stamme. Die indischen und sri-lankischen Kastensysteme unterschieden
sich voneinander. Es sei nachvollziehbar, dass G._ und er sich nicht
vertieft über ihre unterschiedlichen Kasten unterhalten hätten, da sie ihre
Liebe bewusst schwerer gewichtet hätten als ihre Kasten-Zugehörigkeit.
Bei der Anhörung habe er ausgeführt, die Familie von G._ sei we-
gen der unterschiedlichen Kasten-Zugehörigkeit mit der Beziehung nicht
einverstanden gewesen. In Sri Lanka sei es üblich, die Wohnadresse zu
umschreiben und nicht den exakten Strassennamen anzugeben. Er habe
gesagt, dass seine Freundin in I._ gewohnt habe. Er habe ausge-
führt, sie hätten sich bei einem Tempelfest kennengelernt, hätten über Fa-
cebook Kontakt gehabt, telefoniert und sich heimlich getroffen. Es sei an-
gesichts des kulturellen Hintergrunds verständlich, dass es ihm schwerge-
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fallen sei, bei den Anhörungen ausführlich über seine Beziehung zu berich-
ten. Er habe Fotografien von G._ eingereicht sowie ein TikTok-Vi-
deo gezeigt, welches seine Freundin mit einem Foto von ihm zeige.
Der Beschwerdeführer habe ausgeführt, der Onkel seiner Freundin habe
politischen Einfluss und gehöre zur Geheimpolizei. Dass er über keine ge-
naueren Informationen verfüge, sei auf sein junges Alter zurückzuführen.
Bei der Anhörung habe er offengelegt, dass er nicht exakt wisse, welche
Position und welches Amt dieser innehabe. Auch habe er nicht vorge-
bracht, H._ habe ihn lediglich aufgrund politischer Motive verfolgt.
Er habe erklärt, dass er sowohl aufgrund seiner Beziehung sowie auch we-
gen seiner politischen Einstellung Probleme mit ihm gehabt habe.
Betrachte man die Aussagen des Beschwerdeführers, entstehe der Ein-
druck, dass es sich bei der Aussage, die ihn verfolgenden Personen ge-
hörten der AVA-Gruppe an, um eine Vermutung handle. Es sei möglich,
dass es ihm in seinem eigenen Dorf gelungen sei, zu Fuss zu flüchten. Er
sei durch verwinkelte Strassen mit nahe beieinanderstehenden Häusern,
die verschiedenste Ausgänge aufwiesen, und Strassen mit Zäunen, die zu
Feldern führten, geflohen.
Der Beschwerdeführer habe das Geschehene in freier Rede ausführlich
geschildert und seine Gefühle und Gedankengänge kämen zum Ausdruck.
Widersprüche seien in seinen Aussagen keine zu finden. Diese wiesen
klare Realitätskennzeichen auf und seien als glaubhaft einzustufen.
Die Teilnahme an einer Demonstration könne nicht anders als mit Foto-
und Videoaufnahmen bewiesen werden. Es sei schwierig zu beweisen, um
welche Demonstration es sich gehandelt habe. Der Beschwerdeführer
habe mehrmals angegeben, die Demonstration habe am (...) 2021 von
J._ bis K._ geführt, und habe auch deren Grund genannt.
Dies lasse auf persönlich Erlebtes schliessen. Dass die Demonstration
stattgefunden habe, lasse sich Medienberichten entnehmen. Das SEM
habe es unterlassen, die Tatsache zu würdigen, dass sowohl der Be-
schwerdeführer als auch sein Vater über ein politisches Risikoprofil verfüg-
ten. Sein Vater sei (...) nach E._ geflüchtet, weil er zusammen mit
einem Freund der Bewegung geholfen habe. Ihnen sei vorgeworfen wor-
den, dass sie Spendengelder für die Bewegung aufgetrieben hätten, und
der Freund sei später erschossen worden. Deshalb sei der Beschwerde-
führer gefragt worden, wo sein Vater sei. Das SEM habe es unterlassen,
die Reflexverfolgung in die Entscheidfindung miteinzubeziehen. Auch dem
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Beschwerdeführer sei vorgeworfen worden, die Bewegung zu unterstüt-
zen, weil er Essen verteilt habe. Sein Onkel, der ebenfalls Essen verteilt
habe, sei deshalb verfolgt und geschlagen worden und in die Schweiz ge-
flohen. All dies sei beim Entscheid nicht berücksichtigt worden. Die Tatsa-
che, dass der Bruder des Beschwerdeführers wegen ihm angegriffen und
verletzt worden sei, sei nicht berücksichtigt worden. Es sei nachvollziehbar,
dass der Beschwerdeführer sich bei Verfolgung durch eine mit den Singha-
lesen verbundene Person nicht an die singhalesische Polizei gewandt
habe. Aufgrund des Angriffs habe er im Krankenhaus behandelt werden
müssen und es wäre Aufgabe des Krankenhauses gewesen, die Polizei
über das Offizialdelikt zu informieren. Hinsichtlich der Schutzfähigkeit und
-willigkeit des sri-lankischen Staats sei die aktuelle politische Lage zu be-
rücksichtigen. Vor dem Hintergrund der Wirtschaftskrise könne Sri Lanka
kaum als schutzfähig bezeichnet werden. Der Beschwerdeführer werde
aufgrund seiner politischen Anschauung verfolgt und der sri-lankische
Staat biete ihm keinen Schutz. Die Verfolgung sei gezielt und weise die
nötige Intensität auf. Er sei als Flüchtling anzuerkennen und es sei ihm Asyl
zu gewähren.
4.3 Das SEM führt in seiner Vernehmlassung aus, aufgrund der Akten sei
keine Reflexverfolgung ersichtlich. Der Beschwerdeführer habe sich nach
der Ausreise seines Vaters im Jahr (...) bis 2021 in Sri Lanka aufgehalten
und keine Probleme gehabt. Er sei nicht in der Lage gewesen, glaubhaft
darzulegen, dass sein Bruder von H._ angegriffen und verletzt wor-
den sei, zumal er selbst angebe, nicht zu wissen, wer seinen Bruder ver-
letzt habe. Daher hätten in der Beschwerde weder die Reflexverfolgung
des Beschwerdeführers noch die Verfolgung seines Bruders ausreichend
dargestellt werden können.
4.4 In der Replik wird entgegnet, einzig aufgrund der Tatsache, dass dem
Beschwerdeführer wegen seines Vaters in Sri Lanka einige Jahre nichts
zugestossen sei, lasse sich nicht ableiten, dass ihm in Zukunft keine Nach-
teile drohten. Noch im Jahr 2021 sei er nach dessen Verbleib gefragt wor-
den. Zudem werde er aufgrund der Tätigkeiten seines Vaters von
H._ verfolgt. Hinsichtlich der Verfolgung seines Bruders habe er
den Spitalbericht eingereicht.
5.
5.1 Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaub-
haftmachen der Vorbringen gemäss Art. 7 AsylG in verschiedenen Ent-
scheiden dargelegt und präzisiert. Darauf kann hier verwiesen werden (vgl.
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BVGE 2015/3 E. 6.5.1; Urteil des BVGer D-5779/2013 vom 23. Februar
2015 E. 5.6.1 [als Referenzurteil publiziert] m.w.H.).
5.2
5.2.1 Im Rahmen der Anhörung brachte der Beschwerdeführer vor, er habe
seine Freundin im August 2020 während eines Tempelfests kennengelernt.
Schätzungsweise im Januar 2021 habe ihre Familie von der Beziehung
erfahren. Der Onkel seiner Freundin habe ihn im Januar 2021 telefonisch
kontaktiert und ihn unter Drohungen aufgefordert, die Beziehung zu
G._ abzubrechen (vgl. SEM-act. [...]-20/16 S. 8 f.). Während der
ergänzenden Anhörung sagte er, er habe G._ im August 2019 ken-
nengelernt; seine Freundin und er hätten eineinhalb Jahre lang keine Prob-
leme gehabt. Infolge eines Beziehungsstreits habe sie sich an der Hand
verletzt, wonach ihre Familie von der Beziehung erfahren habe (vgl. SEM-
act. [...]-31/19 S. 5 und S. 7). Bei der Anhörung antwortete der Beschwer-
deführer, nach der Entwicklung seiner Beziehung zu G._ gefragt,
sie seien über Facebook und auch telefonisch miteinander in Kontakt ge-
standen. Auf Nachfrage seiner Rechtsvertretung gab er an, er habe
G._ auch bei ihr zuhause besucht (vgl. SEM-act. [...]-20/16 S. 8
und S. 14). Bei der ergänzenden Anhörung führte er aus, er sei mit
G._ über Facebook und später auch telefonisch in Kontakt gestan-
den. Wiederum erst auf Nachfrage gab er an, er habe seine Freundin be-
sucht, sie sei am Fenster gewesen und er sei vor dem Haus gestanden.
Kurz vor Abschluss der ergänzenden Anhörung sagte er, er habe sich fast
jede Nacht heimlich zu ihr geschlichen (vgl. SEM-act. [...]-31/19 S. 5, S. 9
und S. 17). Nach seinen Gesuchsgründen gefragt, erklärte er bei der An-
hörung, die Familie von G._ habe von der Beziehung erfahren und
ihr alle Mobiltelefone abgenommen. Familiäre Auseinandersetzungen hät-
ten dazu geführt, dass ihre Hand abgehackt worden sei (vgl. SEM-act. [...]-
20/16 S. 5). Im weiteren Verlauf der Anhörung führte er aus, seine Freundin
habe einen Suizidversuch unternommen, nachdem ihre Familie ihr den
Umgang mit ihm verboten habe, und sich dabei am Arm verletzt (vgl. SEM-
act. [...]-20/16 S. 10). Während der ergänzenden Anhörung brachte er vor,
G._ und er hätten sich gestritten, wonach er sie am Telefon geblockt
habe. Danach habe sie sich an der Hand verletzt, was dazu geführt habe,
dass ihre Familie von ihrer Beziehung erfahren habe (vgl. SEM-act. [...]-
31/19 S. 5 und S. 7).
5.2.2 Aufgrund des vorstehend Gesagten ergibt sich, dass die Aussagen
des Beschwerdeführers zum Zeitpunkt, zu dem er G._ kennenge-
D-3257/2022
Seite 14
lernt habe, und zur Dauer der heimlichen Beziehung nicht übereinstim-
mend sind. Hinsichtlich der Verletzung, die G._ zugefügt worden
sei beziehungsweise, die sie sich selbst zugefügt habe, machte er vonei-
nander abweichende Angaben. Zudem machte er auch zum Grund, aus
dem sich G._ selbst verletzt haben soll, widersprüchliche Angaben.
Seine Umschreibungen, wie er die Beziehung mit G._ geführt habe,
sind fragmentarisch geblieben, und er machte erst auf Nachfragen weitere
Angaben zur Art und Weise, wie er mit ihr in Kontakt gestanden habe. Bei
der ergänzenden Anhörung wurde er gefragt, ob er jemals im Haus seiner
Freundin gewesen sei, worauf er antwortete, er sei heimlich dort gewesen,
als die anderen nicht dort gewesen seien. Auf die Bitte Genaueres darüber
zu berichten, sagte er, nur ihr Vater und ihre Grosseltern seien dort gewe-
sen, nicht aber H._. Sie habe ihn jeweils nach 22 oder 23 Uhr an-
gerufen und ihn gebeten, sie zu besuchen. Sie sei am Fenster gewesen
und er sei vor dem Haus gestanden (vgl. SEM-act. [...]-31/19 S. 9). Auch
diese Angaben sind nicht stimmig. Das SEM stellte mithin in der angefoch-
tenen Verfügung zu Recht fest, dass die Aussagen, welche er zu seiner
Freundin und deren familiären Umfeld machte, oberflächlich geblieben
sind. Obwohl die Beziehung zu G._ ein halbes Jahr beziehungs-
weise eineinhalb Jahre lang gedauert haben soll, war der Beschwerdefüh-
rer nicht in der Lage, ihren Familiennamen zu nennen und genauere Infor-
mationen über ihren Vater zu geben. Der Umstand, dass er zur Kaste, wel-
cher seine Freundin zugehöre, keine genaueren Angaben machen konnte,
ist in Anbetracht seiner Erklärung, deren Familie stamme aus Indien, wo
ein anderes als das sri-lankische Kastensystem bestehe, nicht als gegen
eine Beziehung mit G._ sprechendes Indiz zu werten. Am Vorbrin-
gen des Beschwerdeführers, er sei aufgrund einer verheimlichten Bezie-
hung mit einer Frau ins Visier deren Onkels geraten, was der Beginn von
Verfolgungsmassnahmen gewesen sei, bestehen hingegen angesichts des
vorstehend Gesagten erhebliche Zweifel.
5.3
5.3.1 Der Beschwerdeführer führte bei der Anhörung aus, der Onkel seiner
Freundin sei Tamile, arbeite aber mit den Singhalesen zusammen und
habe sich oft für verschiedene Parteien zur Wahl aufstellen lassen (vgl.
SEM-act. [...]-20/16 S. 7). Er gehöre der EPDP an und habe Verbindungen
zum CID (vgl. SEM-act. [...]-20/16 S. 5). Das letzte Mal habe er für die
«Tamil National Alliance» (TNA) kandidiert (vgl. SEM-act. [...]-20/16 S. 12).
Im Widerspruch dazu sagte er bei der ergänzenden Anhörung, H._
habe 2020 das letzte Mal für die «United National Party» (UNP) zur Wahl
D-3257/2022
Seite 15
gestanden (vgl. SEM-act. [...]-31/19 S. 16). Angesichts des vom Be-
schwerdeführer geschilderten politischen Hintergrunds von H._
– dieser gehöre der EPDP, einer mit der «Sri Lankan Freedom Party»
(SLFP) des ehemaligen Präsidenten Rajapakse verbündeten Partei, an
und habe enge Verbindungen zu den Singhalesen – ist nicht nachvollzieh-
bar, dass derselbe Mann von der TNA, einer regierungskritischen politi-
schen Allianz der tamilischen Minderheit Sri Lankas, für Wahlen aufgestellt
worden sein soll. Vor dem Hintergrund, dass hochrangige Vertreter der
TNA den Demonstrationszug, der vom (...) 2021 von J._ nach
K._ führte, ausdrücklich guthiessen (vgl. [...]), wirft die Aussage des
Beschwerdeführers, H._ habe ihn ausgerechnet wegen seiner Teil-
nahme an dieser Demonstration beim CID denunziert, weitere Fragen auf.
Somit bestehen auch am Vorbringen des Beschwerdeführers, der Onkel
seiner Freundin habe die sri-lankischen Sicherheitskräfte auf ihn ange-
setzt, erhebliche Zweifel.
5.3.2 In diesem Zusammenhang ist festzuhalten, dass der Beschwerdefüh-
rer bei der Anhörung sagte, H._ habe den CID nach seiner Teil-
nahme an der Demonstration gegen ihn aufgestachelt und dafür gesorgt,
dass dieser ihn unter dem Anti-Terror-Gesetz befragt habe. Unmittelbar da-
nach schilderte er, H._ sei zusammen mit dem CID in seiner Abwe-
senheit bei seiner Mutter erschienen (vgl. SEM-act. [...]-20/16 S. 5). Auch
bei der ergänzenden Anhörung gab er vorerst an, H._ habe von ihm
auf Facebook veröffentlichte Fotografien und Videoaufzeichnungen an den
CID und die Armee weitergeleitet. Er sei von denen zuhause aufgesucht
worden und vom CID befragt worden. Anschliessend führte er aus, die Be-
amten hätten mit seiner Mutter gesprochen, die ihn anhand von Bildern
identifiziert habe (vgl. SEM-act. [...]-31/19 S. 6). Die Aussagen des Be-
schwerdeführers dazu, ob er vom CID zuhause befragt oder von diesem
dort nicht angetroffen worden sei, sind gleichbleibend widersprüchlich, da
er bei beiden Anhörungen angab, befragt worden zu sein, gleichzeitig aber
ausführte, er sei nicht zuhause gewesen, als die Agenten des CID dort er-
schienen seien.
5.4 Bei der Anhörung sagte der Beschwerdeführer, H._ habe die
AVA-Gruppe beauftragt, ihm nachzustellen, als er sich in M._ bei
Verwandten versteckt habe. Als er im Nachbarhaus gespielt habe, habe
H._ nach ihm gesucht. Er habe gesehen, wie H._ durch die
Fenster geschaut habe, um ihn zu suchen (vgl. SEM act. [...]-20/16 S. 8).
Seinen Aussagen bei der ergänzenden Anhörung ist nicht zu entnehmen,
dass H._ bei der geltend gemachten Suche nach ihm in M._
D-3257/2022
Seite 16
zugegen gewesen sei. Dort machte er geltend, die Leute der AVA-Gruppe
seien gekommen und hätten nach ihm gesucht. Sie seien am Fenster ge-
wesen und hätten hereingeschaut, weshalb er gewusst habe, dass sie
nach ihm gesucht hätten. Auf Nachfrage gab er unmissverständlich an,
H._ sei nicht dabei gewesen, als er in M._ von der AVA-
Gruppe gesucht worden sei (vgl. SEM-act. [...]-31/19 S. 6 und S. 12). Die
widersprüchlichen Angaben dazu, ob H._ an der Suche nach ihm
persönlich beteiligt gewesen sei oder nicht, bestärken die bereits beste-
henden Zweifel an den Vorbringen des Beschwerdeführers.
5.5 Der Beschwerdeführer machte weiter geltend, H._ habe auf-
grund von Fotografien, auf denen er bei der im Verband mit seiner Sport-
mannschaft geleisteten Hilfe an Flutopfer abgebildet sei, den Vorwurf er-
hoben, er habe die Bewegung unterstützt (vgl. SEM-act. [...]-20/16 S. 8).
Bei der ergänzenden Anhörung führte er aus, er habe im Jahr 2018 zusam-
men mit seiner Sportmannschaft Essen an die Flutopfer verteilt (vgl. SEM-
act. [...]-31/19 S. 11). Es erscheint unwahrscheinlich, dass aufgrund von
Fotografien wie der vom Beschwerdeführer eingereichten, die zeitlich ein-
geordnet werden können und auf denen ersichtlich ist, dass eine Gruppe
von Menschen während Überschwemmungen in aller Öffentlichkeit tätig
ist, der Verdacht gegen ihn erweckt werden könnte, er habe an Aktionen
teilgenommen, die der Unterstützung der Bewegung gedient haben könn-
ten.
5.6 Die vom Beschwerdeführer eingereichten Fotografien, auf denen seine
Freundin und deren Familie abgebildet seien, sowie die Zeitungsberichte
über die politischen Aktivitäten H._ vermögen keinerlei Hinweise
auf die von ihm geltend gemachte Verfolgung zu geben. Ebenso wenig ver-
mögen die Fotografien, auf denen einer der Anführer des Demonstrations-
zugs vom Februar 2021 beziehungsweise der Beschwerdeführer bei der
Teilnahme daran abgebildet seien, als Beweis für seine Vorbringen zu die-
nen. Dem eingereichten Diagnosis Ticket ist zu entnehmen, dass der Be-
schwerdeführer sich wegen eines Knochenbruchs am Unterarm vom
25. bis zum 29. Januar 2021 in Spitalpflege befand. Dem Bericht kann nicht
entnommen werden, bei welcher Gelegenheit er sich die Verletzung zuzog.
Angesichts der Ausführungen in den vorstehenden Erwägungen 5.2 bis 5.5
ist davon auszugehen, dass die Angaben des Beschwerdeführers zur Ur-
sache der erlittenen Verletzung am Unterarm nicht den Tatsachen entspre-
chen.
D-3257/2022
Seite 17
5.7 Zusammenfassend gelangt das Bundesverwaltungsgericht überein-
stimmend mit dem SEM zum Schluss, dass es dem Beschwerdeführer
nicht gelungen ist, den von ihm vorgebrachten Sachverhalt, er sei aufgrund
einer geheim gehaltenen Beziehung zu einer Frau in den Fokus deren
rachsüchtigen Onkels geraten, der Verfolgungsmassnahmen gegen ihn
ausgelöst habe, zu beweisen oder glaubhaft zu machen.
6.
6.1 Zu prüfen bleibt, ob dem Beschwerdeführer trotz fehlender Vorverfol-
gung bei einer Rückkehr in sein Heimatland aus anderen Gründen ernst-
hafte Nachteile im Sinne von Art. 3 AsylG drohen würden.
6.2
6.2.1 Das Bundesverwaltungsgericht hat im Referenzurteil E-1866/2015
vom 15. Juli 2016 festgestellt, dass Angehörige der tamilischen Ethnie bei
einer Rückkehr nach Sri Lanka nicht generell einer ernstzunehmenden Ge-
fahr von Verhaftung und Folter ausgesetzt sind (vgl. a.a.O. E. 8.3). Zur Be-
urteilung des Risikos von Rückkehrenden, Opfer ernsthafter Nachteile in
Form von Verhaftung und Folter zu werden, wurden verschiedene Risiko-
faktoren identifiziert. Eine tatsächliche oder vermeintliche, aktuelle oder
vergangene Verbindung zu den LTTE, ein Eintrag in der «Stop List» und
die Teilnahme an exilpolitischen regimekritischen Handlungen wurden als
stark risikobegründende Faktoren eingestuft, da sie unter den im Entscheid
dargelegten Umständen bereits für sich alleine genommen zur Bejahung
einer begründeten Furcht führen könnten. Demgegenüber stellen das Feh-
len ordentlicher Identitätsdokumente bei der Einreise in Sri Lanka, Narben
und eine gewisse Aufenthaltsdauer in einem westlichen Land schwach ri-
sikobegründende Faktoren dar. Von den Rückkehrenden, die diese weit-
reichenden Risikofaktoren erfüllten, habe jedoch nur jene kleine Gruppe
tatsächlich mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit ernsthafte Nachteile im
Sinne von Art. 3 AsylG zu befürchten, die nach Ansicht der sri-lankischen
Behörden bestrebt sei, den tamilischen Separatismus wiederaufleben zu
lassen und so den sri-lankischen Einheitsstaat gefährde. Mit Blick auf die
dargelegten Risikofaktoren seien in erster Linie jene Rückkehrer gefährdet,
deren Namen in der am Flughafen in Colombo abrufbaren «Stop-List» ver-
merkt seien und der Eintrag den Hinweis auf eine Verhaftung beziehungs-
weise einen Strafregistereintrag im Zusammenhang mit einer tatsächlichen
oder vermuteten Verbindung zu den LTTE enthalte. Entsprechendes gelte
für sri-lankische Staatsangehörige, die sich im Ausland regimekritisch be-
tätigt hätten (vgl. a.a.O. E. 8). Im Zusammenhang mit der aktuellen politi-
D-3257/2022
Seite 18
schen Lage in Sri Lanka ist festzuhalten, dass sich das Bundesverwal-
tungsgericht der jüngeren Veränderungen – insbesondere im Zusammen-
hang mit dem Machtwechsel nach den Präsidentschaftswahlen im Novem-
ber 2019 – bewusst ist. Es beobachtet die Entwicklungen aufmerksam und
berücksichtigt sie bei der Entscheidfindung. Zum heutigen Zeitpunkt gibt
es keinen Grund zur Annahme, dass seit dem Machtwechsel in Sri Lanka
ganze Bevölkerungsgruppen kollektiv einer Verfolgungsgefahr ausgesetzt
wären. Unter diesen Umständen ist im Einzelfall zu prüfen, ob ein persön-
licher Bezug der asylsuchenden Personen zur Präsidentschaftswahl vom
16. November 2019 respektive deren Folgen besteht (vgl. [statt vieler]: Ur-
teile des BVGer E-2191/2020 vom 24. August 2022 E. 6.4.1, D-4668/2021
vom 9. November 2021 E. 8.5 sowie Referenzurteil des Bundesverwal-
tungsgerichts E-1866/2015 vom 15. Juli 2016; Human Rights Watch
[HRW], Sri Lanka: Families of "Disappeared" Threatened, 16. Februar
2020). Die am 20. Juli 2022 erfolgte Wahl von Ranil Wickremesinghe zum
Nachfolger des abgetretenen Gotabaya Rajapaksa als neuen Staatspräsi-
denten ändert vorerst nichts an der bisherigen Lageeinschätzung, ist die-
ser doch Teil der alten politischen Elite.
6.3 Der Beschwerdeführer weist kein Profil auf, das ihn als LTTE-nah qua-
lifizieren könnte. Aufgrund seines Geburtsjahres kann er nicht im Verdacht
stehen, während des im Jahr 2009 zu Ende gegangenen Bürgerkriegs auf
Seiten der LTTE gekämpft beziehungsweise diese ernsthaft unterstützt zu
haben. Sein Vorbringen, der Onkel seiner Freundin habe ihn bei den sri-
lankischen Sicherheitskräften denunziert und diesen Fotografien und Vi-
deoaufnahmen übergeben, die ihn bei Hilfeleistungen an die Opfer der
Flutkatastrophe im Jahr 2018 und der Teilnahme an einer Demonstration
vom (...) 2021 zeigten, hat sich als unglaubhaft erwiesen. Selbst wenn ge-
gen ihn solche Anschuldigungen erhoben worden sein sollten, wäre es
dem Beschwerdeführer gestützt auf die erwähnten Fotografien – eine da-
von gab er zu den Akten des SEM –, aufgrund derer auszumachen ist, bei
welcher Gelegenheit er im Verbund mit anderen Menschen an einer Hilfs-
aktion beteiligt war, und mit Hilfe der anderen Mitglieder der Sportmann-
schaft, leicht möglich, eine derart gesponnene Intrige als solche zu entlar-
ven. Des Weiteren ist nicht davon auszugehen, dass die von ihm geltend
gemachte Teilnahme am Demonstrationszug, an dem (...) von Menschen
teilnahmen (vgl. [...]), bei einer Rückkehr nach Sri Lanka ernsthafte Mass-
nahmen seitens der sri-lankischen Behörden zur Folge hätte. Er machte im
Rahmen der Anhörungen geltend, sein Vater und sein in der Schweiz le-
bender Onkel hätten die LTTE unterstützt, weshalb sie die Heimat hätten
D-3257/2022
Seite 19
verlassen müssen. Er führte aus, dass die Familie von den Sicherheitsbe-
hörden nach dem Aufenthaltsort seines Vaters gefragt worden sei und re-
gelmässig geantwortet habe, sie wisse dies nicht. Die Behörden haben sich
offenbar damit zufriedengegeben, da er keine weitergehenden behördli-
chen Massnahmen geltend machte. Da er während der (...) Jahre nach der
Ausreise seines Vaters – er war damals (...) Jahre alt und somit noch ein
Kind – keine ernsthaften behördlichen Behelligungen erlitt, ist nicht davon
auszugehen, dass er nach seiner Rückkehr aufgrund der zeitlich zurück-
liegenden Unterstützungsleistungen seines Vaters an die LTTE ins Visier
der Behörden geraten wird. Im Weiteren hat er nicht ausgesagt, seine Fa-
milie habe wegen der Aktivitäten seines in die Schweiz geflohenen Onkels
Schwierigkeiten gehabt, weshalb ebenso wenig anzunehmen ist, dies
werde sich nach seiner Rückkehr in die Heimat ändern. Auch aus dem Aus-
landaufenthalt – entgegen der Ausführungen in der angefochtenen Verfü-
gung machte der Beschwerdeführer keine zweimalige Landesabwesenheit
geltend, erklärte er bei der Anhörung doch unmissverständlich, er habe Sri
Lanka im Jahr 2021 zum ersten Mal verlassen (vgl. SEM-act. [...]-20/16
S. 5) – oder dem Asylverfahren in der Schweiz ist keine Gefährdung abzu-
leiten. Die Narbe an seinem Unterarm erlitt er im Januar 2021, was er mit
dem eingereichten Diagnosis Ticket belegen kann. Unter Würdigung sämt-
licher Umstände ist anzunehmen, dass der Beschwerdeführer von den sri-
lankischen Sicherheitskräften nicht zu jener kleinen Gruppe gezählt wird,
die bestrebt ist, den tamilischen Separatismus wieder aufleben zu lassen,
und so eine Gefahr für den sri-lankischen Einheitsstaat darstellt. Die im
Rahmen des Beschwerdeverfahrens eingereichten Länderberichte, die
keinen konkreten Bezug zum Beschwerdeführer aufweisen, vermögen da-
ran nichts zu ändern. Insgesamt ist nicht davon auszugehen, dass er bei
einer Rückkehr nach Sri Lanka einem erhöhten Verfolgungsrisiko ausge-
setzt wäre und ernsthafte Nachteile im Sinne von Art. 3 Abs. 2 AsylG zu
befürchten hätte. Daran ändert auch das Vorbringen, sein Bruder sei über-
fallen und mit einem Messer verletzt worden, nichts, da die Hintergründe
der geltend gemachten Straftat, nicht bekannt sind und eine von
H._ ausgehende Verfolgung seiner Familie als unglaubhaft gewer-
tet wurde. Es erübrigt sich unter diesen Umständen, auf die weiteren Aus-
führungen in den Beschwerdeeingaben und die eingereichten Beweismittel
einzugehen, da sie an der vorgenommenen Würdigung des Sachverhalts
nichts zu ändern vermögen.
6.4 Das SEM hat demnach zu Recht festgestellt, dass der Beschwerdefüh-
rer die Flüchtlingseigenschaft nicht erfüllt, und sein Asylgesuch abgelehnt.
D-3257/2022
Seite 20
7.
7.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab, so verfügt es in der Regel die Weg-
weisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt da-
bei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44 AsylG).
7.2 Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet
(vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
8.
8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
8.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun-
gen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund
nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Aus-
reise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl.
ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechts-
stellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember
1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-
gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3
EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender
Strafe oder Behandlung unterworfen werden.
D-3257/2022
Seite 21
8.3
8.3.1 Das SEM wies in der angefochtenen Verfügung zutreffend darauf hin,
dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur Personen
schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem Beschwerde-
führer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefährdung nach-
zuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG verankerte
Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren keine An-
wendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers nach Sri Lanka ist
demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
8.3.2 Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerde-
führers noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer
Ausschaffung nach Sri Lanka dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit ei-
ner nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung
ausgesetzt wäre. Gemäss der Praxis des Europäischen Gerichtshofes für
Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses
müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr («real risk») nachwei-
sen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter
oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR
Saadi gegen Italien vom 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06,
§§ 124–127 m.w.H.). Dies ist ihm unter Hinweis auf die vorstehenden Er-
wägungen zum Asylpunkt nicht gelungen. Die allgemeine Menschen-
rechtssituation in Sri Lanka lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen
Zeitpunkt nicht als unzulässig erscheinen. Dies gilt auch unter Berücksich-
tigung der jüngsten politischen Entwicklungen in Sri Lanka.
8.3.3 Der EGMR hat sich wiederholt mit der Gefährdungssituation im Hin-
blick auf eine EMRK-widrige Behandlung namentlich für Tamilen, die aus
einem europäischen Land nach Sri Lanka zurückkehren müssen, befasst
(vgl. Urteil R.J. gegen Frankreich vom 19. September 2013, Beschwerde
Nr. 10466/11; E.G. gegen Grossbritannien vom 31. Mai 2011, 41178/08;
T.N. gegen Dänemark vom 20. Januar 2011, 20594/08; P.K. gegen Däne-
mark vom 20. Januar 2011, 54705/08; N.A. gegen Grossbritannien vom
17. Juli 2008, 25904/07). Dabei unterstreicht der Gerichtshof, dass nicht in
genereller Weise davon auszugehen sei, zurückkehrenden Tamilinnen und
Tamilen drohe eine unmenschliche Behandlung. Eine Risikoeinschätzung
müsse im Einzelfall vorgenommen werden (vgl. Urteil des EGMR R.J. ge-
gen Frankreich vom 19. September 2013, Nr. 10466/11; Rechtsprechung
zuletzt bestätigt in J.G. gegen Polen vom 11. Juli 2017, Nr. 44114/14). Aus
den Akten ergeben sich keine konkreten Anhaltspunkte dafür, dass der Be-
D-3257/2022
Seite 22
schwerdeführer bei einer Rückkehr nach Sri Lanka mit beachtlicher Wahr-
scheinlichkeit Massnahmen zu befürchten hätte, die über einen so genann-
ten «Background Check» (Befragung und Überprüfung von Tätigkeiten im
In- und Ausland) hinausgehen würden, oder dass er persönlich gefährdet
wäre.
8.3.4 Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im
Sinne der asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig.
8.4
8.4.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
8.4.2 In Sri Lanka herrscht weder Krieg noch Bürgerkrieg noch eine Situa-
tion allgemeiner Gewalt. Der bewaffnete Konflikt zwischen der sri-lanki-
schen Regierung und den LTTE ist im Mai 2009 zu Ende gegangen. In den
beiden Referenzurteilen E-1866/2015 vom 15. Juli 2016 und D-3619/2016
vom 16. Oktober 2017 hat das Bundesverwaltungsgericht eine aktuelle
Einschätzung der Lage in Sri Lanka vorgenommen. Dabei stellte es fest,
dass der Wegweisungsvollzug sowohl in die Nordprovinz als auch in die
Ostprovinz unter Einschluss des sogenannten Vanni-Gebiets zumutbar ist,
wenn das Vorliegen von individuellen Zumutbarkeitskriterien bejaht werden
kann. Zu den individuellen Zumutbarkeitskriterien gehören insbesondere
das Vorhandensein eines tragfähigen familiären oder sozialen Beziehungs-
netzes sowie Aussichten auf eine gesicherte Einkommens- und Wohnsitu-
ation (vgl. Referenzurteil des BVGer E-1866/2015 E. 13.2 ff. und Urteil des
BVGer D-3619/2016 vom 16. Oktober 2017 E. 9.5).
8.4.3 Der Beschwerdeführer lebte seit seiner Kindheit bis kurz vor seiner
Ausreise in B._ in der Nordprovinz. Seinen Aussagen gemäss ver-
liess sein Vater Sri Lanka im Jahr (...) und begab sich nach E._, wo
er offenbar einer Erwerbstätigkeit nachgeht, da er seiner Familie regelmäs-
sig Geld überweist. Zusammen mit seinem Bruder arbeitete der Beschwer-
deführer im (...), die über (...) Grundstücke und ein eigenes Haus verfügt.
Die Familie ist wirtschaftlich gut gestellt und konnte in der Vergangenheit
den Lebensunterhalt der Familienmitglieder gut bestreiten (vgl. SEM-act.
D-3257/2022
Seite 23
[...]-20/16 S. 2 ff.). Im Rahmen der ergänzenden Anhörung sagte der Be-
schwerdeführer, seine Mutter kümmere sich weiterhin um (...) und sein Va-
ter schicke immer noch Geld nach Hause (vgl. SEM-act. [...]-31/19 S. 3).
Er wird in Sri Lanka sowohl ein familiäres Beziehungsnetz als auch eine
geregelte Wohnsituation vorfinden. Es ist davon auszugehen, dass ihm mit
Hilfe seiner Angehörigen die Reintegration in beruflicher und finanzieller
Sicht gelingen wird. Den Akten ist ebenfalls zu entnehmen, dass er unter
keinen ernsthaften gesundheitlichen Problemen leidet (vgl. SEM-act. [...]-
20/16 S. 2, [...]-31/19 S. 3). Es besteht somit auch unter Berücksichtigung
der derzeitig problematischen wirtschaftlichen Lage Sri Lankas kein Grund
zur Annahme, dass er bei einer Rückkehr in seine Heimat in eine existen-
zielle Notlage geraten wird.
Der Beschwerdeführer kann zudem weder aus der Situation seit dem
Machtwechsel im Jahr 2019 noch aus der aktuellen Lage in Sri Lanka eine
Gefährdung für sich ableiten. Die Wahl von Ranil Wickremesinghe zum
Nachfolger des abgetretenen Gotabaya Rajapaksa am 20. Juli 2022 als
neuen Staatspräsidenten ändert vorerst nichts an der bisherigen Lageein-
schätzung, ist dieser doch – wie bereits vorstehend festgehalten – Teil der
alten politischen Elite (vgl. auch Urteil des BVGer D-2995/2022 vom
21. Juli 2022 E. 10 und 13). Auch diesbezüglich erübrigt es sich, auf die
eingereichten Berichte zur aktuellen Lage in Sri Lanka vertieft einzugehen,
da sie dem Bundesverwaltungsgericht bekannt sind und es diese bei der
Einschätzung der allgemeinen Lage in Sri Lanka und den daraus zu zie-
henden juristischen Schlüssen mit einbezieht.
8.4.4 Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung nicht
als unzumutbar.
8.5 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
D-3257/2022
Seite 24
10.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Beschwerde-
führer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da ihm mit Instruktionsverfü-
gung vom 22. August 2022 die unentgeltliche Rechtspflege gemäss Art. 65
Abs. 1 VwVG gewährt wurde und sich an den Voraussetzungen dazu
nichts geändert hat, sind keine Verfahrenskosten aufzuerlegen.
11.
11.1 Da dem Beschwerdeführer die unentgeltliche Rechtsverbeiständung
gewährt und MLaw Lynn Honegger als amtliche Rechtsbeiständin einge-
setzt wurde, ist jener ein amtliches Honorar auszurichten.
11.2 Das Bundesverwaltungsgericht geht bei amtlicher Vertretung in der
Regel von einem Stundenansatz von Fr. 200.– bis Fr. 220.– für Anwältin-
nen und Anwälte und Fr. 100.– bis Fr. 150.– für nicht-anwaltliche Vertrete-
rinnen und Vertreter aus (vgl. Art. 12 i.V.m Art. 10 Abs. 2 des Reglements
vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bun-
desverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Es wird nur der notwen-
dige Aufwand entschädigt.
11.3 Vorliegend wurde am 22. September 2022 eine Kostennote einge-
reicht, in der ein zeitlicher Aufwand von 8 Stunden à Fr. 200.– (Fr. 1600.–)
und Spesen von Fr. 40.– geltend gemacht werden. Die Kostennote er-
scheint hinsichtlich des veranschlagten zeitlichen Aufwands angemessen,
indessen ist unter Hinweis auf die vorstehende Erwägung 11.2 der Stun-
denansatz auf Fr. 150.– festzusetzen. Unter Berücksichtigung der mass-
gebenden Berechnungsfaktoren (Art. 8 – 11 VGKE) ist das vom Bundes-
verwaltungsgericht auszurichtende amtliche Honorar daher auf (gerundet)
insgesamt Fr. 1336.– (Fr. 1240.– Arbeit und Auslagen sowie Fr. 95.50
Mehrwertsteuerzuschlag im Sinne von Art. 9 Abs. 1 Bst. c VGKE) festzu-
setzen.
(Dispositiv nächste Seite)
D-3257/2022
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