Decision ID: 977092ef-25da-472f-b9e1-ef9fd9c91545
Year: 2013
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/5
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.- X Y wurde am xx.xx.19xx geboren. Sie lebt zusammen mit ihrem Lebensgefährten
Z in einer Wohnung in M und war bereits ca. 35-mal in der Kantonalen Psychiatrischen
Klinik (nachfolgend KPK) Wil hospitalisiert (letztmals vom 1. April bis 2. August 2011).
Am 8. Mai 2012 trat X Y freiwillig in die KPK Wil ein, in welcher sie mit amtsärztlicher
Verfügung vom 26. Mai 2012 zurückbehalten wurde. Die Diagnose lautete jeweils auf
paranoide Schizophrenie.
B.- Am 22. Januar 2013 ordnete die KPK Wil die Behandlung einer psychischen
Störung an, nachdem X Y den im Behandlungsplan vorgesehenen medizinischen
Massnahmen nicht zugestimmt hatte. Dagegen erhob sie mit Eingabe vom 29. Januar
2013 Beschwerde bei der Verwaltungsrekurskommission. Telefonische Abklärungen
bei der Beschwerdeführerin vom 29. Januar und 1. Februar 2013 ergaben, dass sie
insbesondere mit einer allfälligen Verlegung ins Pflegeheim Eggfeld und der
Medikamentendosis nicht einverstanden sei. Am 7. Februar 2013 stellte sie zudem ein
Entlassungsgesuch, worüber die Klinikleitung im Urteilszeitpunkt noch nicht
entschieden hatte.

Erwägungen:
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die
Verwaltungsrekurs-kommission ist zum Sachentscheid zuständig. Die Befugnis zur
Rechtsmittelerhebung ist gegeben. Die Beschwerde vom 29. Januar 2013 ist
rechtzeitig eingereicht worden und erfüllt in formeller und inhaltlicher Hinsicht die
gesetzlichen Anforderungen (Art. 439 Abs. 1 Ziff. 4, 450 und 450b des Schweizerischen
Zivilgesetzbuches [SR 210; abgekürzt: ZGB], Art. 27 des Einführungsgesetzes zum
Kindes- und Erwachsenenschutzrechts [sGS 912.5; abgekürzt: EG-KES] sowie
Art. 41 des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege [sGS 951.1; abgekürzt: VRP]).
Auf die Beschwerde ist somit einzutreten.
2.- Fehlt die Zustimmung der betroffenen Person, so kann der Chefarzt der Abteilung
die im Behandlungsplan vorgesehenen medizinischen Massnahmen anordnen, wenn
ohne Behandlung der betroffenen Person ein ernsthafter gesundheitlicher Schaden
ter
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/5
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
droht oder das Leben oder die körperliche Integrität Dritter ernsthaft gefährdet ist (Art.
434 Abs. 1 Ziff. 1 ZGB), die betroffene Person bezüglich ihrer Behandlungsbedürftigkeit
urteilsunfähig ist (Ziff. 2) und keine angemessene Massnahme zur Verfügung steht, die
weniger einschneidend ist (Ziff. 3). Diese drei Voraussetzungen müssen kumulativ
erfüllt sein; dies geht aus dem Wortlaut der Gesetzesbestimmung hervor.
a) Art. 434 ZGB setzt voraus, dass die betroffene Person zur Behandlung einer
psychischen Störung fürsorgerisch in einer Einrichtung untergebracht worden ist (vgl.
Botschaft zur Änderung des ZGB, BBl 2006 7069). Ohne Bedeutung ist, ob es sich um
eine behördliche (Art. 426 ZGB) oder ärztliche (Art. 429 ZGB) Einweisung oder um eine
Zurückbehaltung durch die Einrichtung (Art. 427 ZGB) gehandelt hat (Geiser/
Etzensberger, in: Geiser/Reusser [Hrsg.], Basler Kommentar zum Erwachsenenschutz,
Basel 2012, N 13 zu Art. 434/435 ZGB).
Die Beschwerdeführerin wurde mit amtsärztlicher Verfügung vom 26. Mai 2012 zur
Behandlung einer paranoiden Schizophrenie mittels fürsorgerischer Freiheitsentziehung
gemäss Art. 397a ff. aZGB in der KPK Wil zurückbehalten.
b) Für die Anordnung der Behandlung ohne Zustimmung im Sinn von Art. 434 ZGB ist
der Chefarzt der Abteilung oder sein Stellvertreter zuständig. Nicht ausschlaggebend
ist der Titel, sondern die ausgeübte Funktion (vgl. AmtlBull StR 2007 S. 838). Im Kanton
St. Gallen gehören Chefärzte zu den Kaderärzten, genauso wie leitende Ärzte und
Oberärzte mit besonderen Funktionen (vgl. Art. 2 der Verordnung über die Besoldung
der Kaderärztinnen und Kaderärzte, sGS 320.41). Massgebend ist folglich, dass die
zuständige Person für die ganze Klinik oder wenigstens für die entsprechende
Abteilung die medizinische Gesamtverantwortung trägt. Weiter muss es sich um einen
Arzt mit Spezialausbildung handeln, weil er sonst nicht Chefarzt einer psychiatrischen
Klinik sein kann. Da der ärztliche Heileingriff tief in die Persönlichkeit der betroffenen
Person eingreift und um dem rechtsstaatlichen Gebot der Unbefangenheit Rechnung
zu tragen, sollte eine Behandlung ohne Zustimmung nur dann erfolgen, wenn
mindestens zwei Spezialärzte von deren Notwendigkeit überzeugt sind. Dies hat zur
Folge, dass derjenige Arzt, der den Behandlungsplan aufgestellt hat oder als
behandelnder Arzt tätig ist, nicht auch über die Anordnung medizinischer Massnahmen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/5
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
ohne Zustimmung des Betroffenen entscheiden darf (so auch Geiser/Etzensberger,
a.a.O., N 32 ff. zu Art. 434/435 ZGB).
Der behandelnde Arzt der Beschwerdeführerin ist Dr.med. W, welcher zusammen mit
dem Pflegepersonal den Behandlungsplan erstellt und jeweils visiert hat (vgl. act. 13).
Die Verfügung vom 22. Januar 2013 – mithin die Anordnung einer Behandlung ohne
Zustimmung – wurde ebenfalls durch Dr.med. W erlassen. Gemäss angefochtener
Verfügung handelte er "in Delegation" des Chefarztes Bereich 1, der stellvertretenden
Chefärztin Bereich 2 und des Chefarztes Bereich 3 der Vorinstanz. Dieser
Delegationsverweis ist unbehelflich und ändert insbesondere nichts daran, dass der
behandelnde Arzt die angefochtene Verfügung erlassen hat, weshalb Letztere bereits
aus diesem formellen Grund aufzuheben ist. Im Übrigen scheint das Vorgehen der
Vorinstanz mit der Delegationsklausel auch deshalb nicht unproblematisch, weil nicht
ausgeschlossen ist, dass ein Chefarzt ebenfalls als behandelnder Arzt wirken kann. In
einem solchen Fall dürfte der Chefarzt die Behandlung ohne Zustimmung ebenfalls
nicht verfügen (vgl. Geiser/Etzensberger, a.a.O., N 34 zu Art. 434/435 ZGB).
Hinzu kommt, dass die angefochtene Verfügung keine eigenhändige Unterschrift trägt.
Da das Gesetz dies aber vorschreibt (vgl. Art. 434 Abs. 1 ZGB), wäre die Anordnung
vom 22. Januar 2013 auch aus diesem Grund aufzuheben.
3.- Die Beschwerde ist aus formellen Gründen gutzuheissen und die angefochtene
Verfügung entsprechend aufzuheben. Eine inhaltliche Prüfung der Anordnung einer
Behandlung ohne Zustimmung erübrigt sich daher. Da seit Inkrafttreten des neuen
Erwachsenenschutzrechts per 1. Januar 2013 erstmals über eine solche Verfügung zu
entscheiden ist, erscheint es jedoch zweckdienlich, auf einige weitere formelle Punkte
hinzuweisen.
Die Anordnung einer Behandlung ohne Zustimmung stellt eine Verfügung dar. Für ihren
Erlass gelten somit alle für eine Verfügung massgeblichen rechtsstaatlichen
Grundsätze. Namentlich ist das rechtliche Gehör zu gewähren; eine Anhörung ist aber
nicht vorgeschrieben. Es genügt, dass sich der Betroffene zum Behandlungsplan
äussern konnte. In der Verfügung sollte jedoch festgehalten werden, wie er sich zur
Behandlung ohne Zustimmung geäussert hat. Der Betroffene und die vorzunehmenden
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/5
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Handlungen sind genau anzugeben. Die Bezeichnung "Frau X.Y" allein reicht nicht aus,
weil dies keine klare Zuordnung zur betroffenen Person erlaubt; mindestens der
vollständige Name und das Geburtsdatum sind anzugeben. Da nur im
Behandlungsplan vorgesehene medizinische Massnahmen angeordnet werden dürfen,
kann zur Begründung, warum eine Behandlung notwendig ist und die Voraussetzungen
von Art. 434 ZGB erfüllt sind, auf den Behandlungsplan verwiesen werden, soweit
dieser die entsprechenden Fragen beantwortet (vgl. Geiser/Etzensberger, a.a.O., N 36
ff. zu Art. 434/435 ZGB). Eine genaue Bezeichnung der Behandlungsmassnahmen
erscheint auch deshalb wichtig, weil unter Umständen nicht jede medizinische
Massnahme gemäss Behandlungsplan die Voraussetzungen von Art. 434 ZGB erfüllt.
Schliesslich sollte aus der Verfügung hervorgehen, mit welchen Zwangsmassnahmen
die betroffene Person zu rechnen hat, wenn sie sich der Behandlung widersetzt.
4.- Zusammenfassend genügt die Verfügung der Vorinstanz vom 22. Januar 2013 den
formellen Anforderungen nicht. Insbesondere ist der behandelnde Arzt nicht befugt,
eine Behandlung der psychischen Störung ohne Zustimmung anzuordnen; weiter fehlt
die eigenhändige Unterschrift auf der Anordnung. Die Beschwerde ist daher
gutzuheissen und die Verfügung vom 22. Januar 2013 aufzuheben.
5.- Nach Art. 11 lit. a EG-KES i.V.m. Art. 95 Abs. 1 VRP hat in Streitigkeiten jener
Beteiligte die Kosten zu tragen, dessen Begehren ganz oder teilweise abgewiesen
werden. Es gilt der Grundsatz der Kostentragung nach Massgabe des Obsiegens und
Unterliegens. Da dem Hauptantrag zu entsprechen ist, obsiegt die Beschwerdeführerin
vollumfänglich, womit ihr keine Kosten auferlegt werden können. Deshalb sind die
amtlichen Kosten vom Staat zu tragen. Angemessen erscheint eine Entscheidgebühr
von Fr. 1'000.-- (vgl. Art. 7 Ziff. 122 der Gerichtskostenverordnung, sGS 941.12).