Decision ID: 907e6fe1-4681-54ab-b6cd-56d82480b1a0
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer, ein sri-lankische Staatsangehöriger tamilischer
Ethnie aus B._, C._, D._ (Nordprovinz), suchte am
28. September 2015 in der Schweiz um Asyl nach.
B.
Anlässlich der Befragung zur Person (BzP) vom 22. Oktober 2015 und der
Anhörung vom 2. Mai 2017 gab der Beschwerdeführer im Wesentlichen
an, im Jahre 2006 in einem Heim gearbeitet zu haben, in dem die Bewoh-
ner während der Friedensverhandlungen an ihren Wohnort hätten zurück-
kehren können. Eines Tages seien vier junge Heimbewohner verschwun-
den und hätten sich vermutlich den LTTE (Liberation Tigers of Tamil Eelam)
angeschlossen. Die Eltern der Verschwundenen hätten bei der Polizei eine
Vermisstenanzeige eingereicht und angegeben, dass er, der Beschwerde-
führer, für die Obhut der Kinder verantwortlich gewesen sei. In der Folge
seien er und eine andere Person von der Polizei beschuldigt worden, mit
den LTTE zusammengearbeitet zu haben. Zudem habe man ihm vorge-
worfen, dass er sich nicht rechtzeitig bei der Polizei gemeldet habe. Des-
wegen habe er 2006 Sri Lanka verlassen und sei nach E._ gereist,
wo er sich bis 2009 aufgehalten habe.
Nach dem Krieg sei er 2009 nach Sri Lanka zurückgekehrt, wobei er am
Flughafen befragt worden sei und seine Handynummer habe angeben
müssen. In der Folge sei er im Lager F._ als Verantwortlicher für
den Fahrzeugpark des Lagers tätig gewesen. Im Jahre 2009 habe er aus
humanitären Beweggründen drei Familienväter ausserhalb des Lagers ge-
bracht. Erst später habe er erfahren, dass es sich hierbei um (ehemalige)
Mitglieder der LTTE gehandelt habe. Er habe bis 2012 im Lager gearbeitet.
Angehörige der sri-lankischen Armee, welche im Lager als Bauarbeiter tä-
tig gewesen seien, hätten Geld und Hilfsgüter verlangt, was er verweigert
habe, weshalb es im Lager zu Unruhen zwischen ihm und den Armeean-
gehörigen gekommen sei. Seit 2014 habe er als Angestellter für den Ge-
meinderat in C._ gearbeitet und dabei 2015 in einem muslimischen
Dorf in der Nähe des Flüchtlingslagers frei herumlaufende Kühe einfangen
lassen und Bussen verteilt, unter anderem an einen Mann namens
G._, der sich in der Folge geweigert habe, die auferlegten Bussen
zu zahlen. In diesem muslimischen Dorf seien damals die LTTE-Mitglieder,
die er aus dem Lager gebracht habe, in Linienbusse umgestiegen und nach
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Hause gefahren. Er vermute nun, dass sich G._ wegen den aufer-
legten Bussen womöglich an ihm habe rächen wollenund daher vielleicht
den Geheimdienst über seine damals geleistete Hilfe informiert habe. Un-
mittelbare Probleme mit G._ habe er nicht gehabt. Am 20. Juni 2015
hätten Angehörige des CID (Criminal Investigation Department) ihn zu-
hause aufgesucht und ihm mitgeteilt, dass sie Kenntnis davon hätten, dass
er früher heimlich LTTE-Mitglieder aus dem Flüchtlingslager gebracht und
freigelassen habe. Sie hätten von ihm den Aufenthaltsort dieser Leute er-
fahren wollen. Er habe ihnen gesagt, nichts dergleichen getan zu haben.
Man habe ihm seine Identitätskarte abgenommen und ihn dazu aufgefor-
dert, sich am nächsten Tag beim CID zu melden. Aus Furcht, festgenom-
men zu werden, habe er seinen Herkunftsort und ein paar Tage später Sri
Lanka verlassen. Von seiner Ehefrau habe er erfahren, dass er nach seiner
Ausreise von Angehörigen des CID gesucht worden sei. Die Angehörigen
des CID hätten seine Ehefrau belästigt. Zudem hätten Unbekannte sein
Motorrad beschädigt. In der Schweiz habe er an zwei Märtyrerfeierlichkei-
ten und zweimal an Demonstrationen in H._ teilgenommen.
Zum Nachweis der Identität und zur Stützung seiner Vorbringen reichte der
Beschwerdeführer mehrere Dokumente und Fotos ein (u.a. Führerschein,
Familienkarte, beglaubigte Geburtsurkunden, verschiedene Arbeitsbestäti-
gungen, Gehaltsabrechnung vom 25. Juni 2015, undatiertes Referenz-
schreiben des Sekretärs des Gemeinderates I._, Schreiben der Kir-
che «J._» vom 17. Januar 2016, Schreiben eines Friedensrichters
aus B._ vom 12. Januar 2015, Fotografien bezüglich Heirat, Ehe-
frau mit Kind, Arbeit).
C.
Mit Entscheid vom 22. Mai 2018 lehnte das SEM das Asylgesuch des Be-
schwerdeführers ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz und
deren Vollzug an.
D.
Mit Eingabe seiner Rechtsvertretung vom 19. Juni 2018 erhob der Be-
schwerdeführer unter Beilage diverser Beweismittel beim Bundesverwal-
tungsgericht gegen diese Verfügung Beschwerde (Beilagen 4 – 8: Foto der
polizeilichen Vorladung vom 4. Januar 2016, Foto der Ehefrau mit dem po-
lizeilichen Überbringer der Vorladung vom 4. Januar 2016, Aufforderung
des Arbeitgebers [Gemeinde] an den Beschwerdeführer, seine Abwesen-
heit zu begründen, Kündigung der Gemeinde, Hinweis auf den Prevention
of Terrorism Act). Es wurde die Aufhebung der angefochtenen Verfügung
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und die Asylgewährung, eventualiter die vorläufige Aufnahme des Be-
schwerdeführers, in verfahrensrechtlicher Hinsicht die Gewährung der un-
entgeltlichen Prozessführung samt Verzicht auf das Erheben eines Kosten-
vorschusses und die Beiordnung des rubrizierten Rechtsvertreters als amt-
lichen Rechtsbeistand sowie die Einräumung einer Nachfrist von 30 Tagen
zur Nachreichung weiterer Beweismittel beantragt.
E.
Am 21. Juni 2018 bestätigte das Bundesverwaltungsgericht den Eingang
der Beschwerde.
F.
Mit Eingabe vom 5. Juli 2018 reichte die Rechtsvertretung einen Bedürftig-
keitsnachweis ein.
G.
Mit Instruktionsverfügung vom 9. Juli 2018 wurden die Gesuche um Ge-
währung der unentgeltlichen Prozessführung und der amtlichen Rechtsver-
beiständung gutgeheissen. Es wurde auf das Erheben eines Kostenvor-
schusses verzichtet und Fürsprecher Christian Wyss dem Beschwerdefüh-
rer als amtlicher Rechtsbeistand beigeordnet.
H.
Mit Eingabe vom 23. Juli 2018 reichte die Rechtsvertretung Screenshots
der mit der Beschwerde in Aussicht gestellten Beweismittel ein (Beilagen 9
– 19: Schreiben der N._ vom 16. August 2016, Bestätigung des
K._ vom 27. Februar 2016, Dokumente des Bezirks betreffend
Busse an Kuhbesitzer vom 20. Februar 2015, Bussen-Kopie an die Kuhbe-
sitzer, Schreiben der Ehefrau und der Nachbarn, Polizeirapport vom 4. Ja-
nuar 2016, Arbeitsbestätigung der Gemeinde, Bericht an die L._
vom 16. Februar 2016, Liste der beteiligten Gemeindeleute an der «Stray-
Cattle-Aktion» der Gemeinde) und teilte mit, dass die Nachreichung der
Dokumente im Original und mit Übersetzung erfolgen werde.
I.
Mit Eingabe der Rechtsvertretung vom 2. August 2018 wurden die Origi-
nale der genannten Dokumente samt Übersetzung eingereicht (Beilagen
20 – 49) und mit Eingabe vom 22. August 2018 erfolgte die Einreichung
einer Vorladung des CID vom 25. Dezember 2017 im Original mit Überset-
zung (Beilagen 50 und 51). Im Weiteren wurde eine Kostennote einge-
reicht.
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J.
Mit Eingaben vom 7. November 2018 und 29. Oktober 2020 (Eingang)
reichte die Rechtsvertretung weitere Beweismittel ein (Beilagen 53 – 67:
Schreiben der Ehefrau vom 5. Oktober 2018 und vom 5. August 2020 und
Fotografien im Rahmen polizeilicher Besuche, Kommentare des Be-
schwerdeführers, Schreiben der «M._» vom 5. August 2020, alle
samt Übersetzung).
K.
Mit Zwischenverfügung vom 24. September 2021 wurde dem Beschwer-
deführer (unter Hinweis auf die darin vorgenommenen Ausführungen zu
einzelnen Unglaubhaftigkeitselementen) Gelegenheit gegeben, bis zum
11. Oktober 2021 zur Frage einer allfälligen Motivsubstitution Stellung zu
nehmen.
L.
Mit Eingabe vom 8. Oktober 2021 äusserte sich die Rechtsvertretung zur
Frage einer allfälligen Motivsubstitution und ersuchte zur Einreichung von
Bestätigungsschreiben im Zusammenhang mit der geltend gemachten
Fluchthilfe um Erstreckung der Frist zur Stellungnahme bis zum 25. Okto-
ber 2021.
M.
Nach gewährter Fristerstreckung reichte die Rechtsvertretung mit Eingabe
vom 22. Oktober 2021 weitere Beweismittel ein (mehrere Bestätigungs-
schreiben in Kopie als Beilagen 68-74).
N.
Mit Eingabe der Rechtsvertretung vom 27. Oktober 2021 wurden (teils) die
Originale der bereits mit Eingabe vom 22. Oktober eingereichten Betäti-
gungsschreiben und deren Übersetzung und im Übrigen eine aktualisierte
Kostennote nachgereicht.
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Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche
Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb
das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Am 1. März 2019 ist die Teilrevision des AsylG vom 26. Juni 1998 (AS
2016 3101) in Kraft getreten. Für das vorliegende Verfahren gilt das bishe-
rige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des
AsylG vom 25. September 2015).
1.3 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Der Beschwer-
deführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die
angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges In-
teresse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist daher zur
Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1
AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist
einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
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politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.
4.1 Das SEM erachtete sowohl die Vorbringen des Beschwerdeführers,
ihm sei von den Behörden vorgeworfen worden, mit den LTTE bezüglich
Jugendlicher im Heim eine Vereinbarung getroffen zu haben, als auch die-
jenigen, während seiner Tätigkeit zwischen 2009 und 2012 im Flüchtlings-
lager mit Angehörigen der Armee wegen deren Verhalten Probleme gehabt
zu haben, mangels hinreichenden zeitlichen und sachlichen Zusammen-
hangs mit der im Jahre 2015 erfolgten Ausreise als nicht asylrelevant.
4.2 Im Weiteren stellte das SEM fest, dass auch die Vorbringen, im Jahre
2015 aufgrund auferlegter Bussen gegen die Besitzer herumlaufender
Kühe von diesen (insbesondere G._) bedroht worden zu sein (vgl.
Schreiben eines Friedensrichters aus B._. vom 12. Januar 2015
und des Sekretärs des Gemeinderates I._.), wegen eines fehlen-
den Verfolgungsgrundes im Sinne von Art. 3 AsylG nicht asylrelevant seien.
Es handle sich bei den Drohungen um ein gemeinrechtliches Delikt.
4.3 Zusätzlich hielt das SEM fest, der Beschwerdeführer habe geltend ge-
macht, am 20. Juni 2015 hätten ihn Angehörige der CID aufgesucht und
ihm mitgeteilt, dass sie angeblich davon wüssten, dass er früher heimlich
LTTE- Leute aus dem Flüchtlingslager F._ gebracht und freigelas-
sen habe. Sie hätten vom ihm wissen wollen, wo diese Leute seien. Er
habe erklärt, nichts dergleichen getan zu haben. Er vermute nun, dass
G._ sich an ihm habe rächen wollen und vielleicht den Geheim-
dienst über seine frühere Hilfstätigkeit im Heim informiert habe. Seine Ehe-
frau habe ihm erzählt, dass sich nach seiner Ausreise Angehörige des CID
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nach ihm erkundigt hätten, weshalb sie den Wohnort innerhalb des Hei-
matdorfs gewechselt habe. In der Schweiz habe er, aus Freude an der
neuen Meinungsfreiheit, an zwei Märtyrer Feierlichkeiten und zweimal an
Demonstrationen in Genf teilgenommen.
Es sei nicht nachvollziehbar weshalb das CID den Beschwerdeführer
sechs Jahre nachdem er diesen Leuten angeblich aus dem Flüchtlingsla-
ger geholfen habe, verfolgen sollte. Zudem sei davon auszugehen, dass
dem Beschwerdeführer als langjährigen Staatsangestellten nie irgendet-
was im Zusammenhang mit den LTTE zur Last gelegt worden sei. Als
Staatsangestellter geniesse der Beschwerdeführer zudem Ansehen und
Respekt, wie dies auch aus dem Schreiben des Sekretärs des Gemeinde-
rates I._ hervorgehe.
Zur Stützung der gemachten Bedrohungslage im Zusammenhang mit der
Tätigkeit des Beschwerdeführers im Lager F._ seien verschiedene
Dokumente eingereicht worden. So ein Schreiben der Kirche "J._"
vom 17. Januar 2016, worin in bloss allgemeiner Form festgehalten werde,
dass der Beschwerdeführer einigen Personen geholfen habe, ihr Leben zu
retten. Im Schreiben eines Friedensrichters aus B._ vom 12. Januar
2015 werde gemäss der vorliegenden deutschen Übersetzung festgehal-
ten, dass der Beschwerdeführer während seiner Tätigkeit im Flüchtlingsla-
ger junge Tamilen vor Folter bewahrt habe. In diesen Schreiben werde le-
diglich in allgemeiner Form von Schwierigkeiten des Beschwerdeführers
gesprochen, weshalb sie als Referenzschreiben von blossem Gefälligkeits-
charakter zu werten seien, die an obenstehender Würdigung nichts zu än-
dern vermöchten. Die geltend gemachten exilpolitischen Tätigkeiten, die
weder durch Beweismittel belegt noch in der einlässlichen Anhörung sub-
stantiiert dargelegt worden seien, seien von bloss niederschwelliger Natur.
Sie seien, wenn sie überhaupt von den sri-lankischen Behörden wahrge-
nommen worden seien, nicht geeignet, als Bedrohung für den sri-lanki-
schen Staat zu erscheinen und damit auch nicht geeignet, eine Furcht vor
künftiger Verfolgung zu begründen. Weitere Risikofaktoren seien aus den
Akten nicht ersichtlich.
Schliesslich sei festzuhalten, dass der Beschwerdeführer gemäss seinen
Aussagen in der einlässlichen Anhörung anscheinend mit seinem eigenen
Pass regulär aus Sri Lanka ausgereist sei («Und kurz vor dem Schalter am
Flughafen bekam ich meinen Reisepass vom Schlepper. Ich hatte nur kurz
Zeit, um meinen Pass anzuschauen. Da habe ich mein Foto gesehen. Der
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Schlepper stand neben mir. Nach der Passkontrolle musste ich meinen
Pass wieder dem Schlepper zurückgeben», vgl. SEM-Protokoll A13 F42).
Die übrigen eingereichten Dokumente seien für die Frage der Flüchtlings-
eigenschaft nicht relevant, da sie sich auf nicht bestrittene Sachverhalte
beziehen würden.
5.
5.1 Auf Beschwerdeebene wurde unter anderem geltend gemacht, dass
das SEM die im Rahmen des vorinstanzlichen Verfahrens eingereichten
Bestätigungsschreiben in der angefochtenen Verfügung zu Unrecht als
blosse Gefälligkeitsschreiben bezeichnet habe. Die Kernelemente der Ver-
folgung würden in den Schreiben genannt. Indem das SEM diese Schrei-
ben schlichtweg «unter den Tisch kehre und sich nicht die Mühe nehme,
die Situation und Hintergründe bei den Behörden (Gemeindeverwaltung,
Friedensrichter) zu überprüfen, verletze sie das rechtliche Gehör, das zur
Abnahme und Würdigung tauglicher Beweismittel verpflichte».
5.2 Mit der Feststellung in der angefochtenen Verfügung auf Seite 4, wo-
nach der sachliche und zeitliche Kausalzusammenhang zwischen den Er-
eignissen in den Jahren 2006 und 2012 und der im Jahre 2015 erfolgten
Ausreise nicht gegeben sei, werde augenscheinlich, dass das SEM den
Sachzusammenhang und die Entstehung der Verfolgung nicht begriffen
habe. Der Zusammenhang sei indes einfach: Zwischen 2009 und 2012
habe der Beschwerdeführer einige Tamilen, welche infolge ihrer früheren
Tätigkeit für die LTTE gefährdet gewesen seien, aus dem Lager F._
gebracht. Dabei habe er diese Leute im benachbarten muslimischen Dorf
ausgeladen, was von Anwohnern bemerkt worden sei. Im Jahre 2015 habe
es Auseinandersetzungen mit den muslimischen Tierhaltern wegen der
Auferlegung von Bussen aufgrund freilaufender Kühe gegeben, welche
sich an ihre frühere Beobachtung (Beschwerdeführer als Fluchthelfer) er-
innert hätten. In der Folge habe G._ den Beschwerdeführer beim
CID denunziert. Die Fluchthilfe des Beschwerdeführers sei dem CID also
erst durch diese Denunziation bekannt geworden. Die Begründung der Vo-
rinstanz fusse insgesamt auf einer falschen Wahrnehmung des Sachver-
halts. Dies sei durch die Beschwerdeinstanz zu korrigieren. Er habe damit
rechnen müssen, bei der zweiten Befragung durch das CID gefoltert zu
werden, auch wenn seine betreffenden Handlungen zugegebenermassen
bereits mehrere Jahre zurückgelegen seien. Daran ändere auch die An-
nahme des SEM, wonach der Beschwerdeführer möglicherweise mit dem
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eigenen Pass habe ausreisen können, nichts. Wenn der CID mit Untersu-
chungen begänne, würden die Betroffenen nicht sofort auf die Stopp-Lists
am Flughafen aufgenommen, sondern erst bei einem Verdacht auf Flucht-
vorbereitungen. Der Beschwerdeführer habe «die heraufziehende Gefahr»
einfach bloss rasch genug erkannt.
5.3 Zu den auf Beschwerdeebene eingereichten (unter G-I und H-N einzeln
aufgeführten) Dokumenten und Fotografien hielt die Rechtsvertretung un-
ter anderem fest, dass die Vorladung vom 4. Januar 2016, wonach sich der
Beschwerdeführer am 6. Januar 2016 bei der Polizei zu melden habe, sei-
ner Ehefrau polizeilich überbracht worden sei, was auf der eingereichten
Fotografie zu erkennen sei. Im Schreiben der N._ vom 16. August
2016 werde bestätigt, dass sich die Ehefrau des Beschwerdeführers we-
gen wiederholten Besuchen des CID beschwert habe. In seinem Schreiben
vom 27. Februar 2016 bestätige der Dorfbeamte, dass Polizeibeamte nach
dem Beschwerdeführer suchen würden und auch in sein Büro gekommen
seien, um Informationen über ihn zu sammeln. In einem von der Ehefrau
verfassten Dokument bestätigten Nachbarn unterschriftlich die Besuche
und Bedrohungen von Unbekannten. Beim Polizeirapport vom 4. Januar
2016 handle es sich genau genommen um ein Mitteilungsformular, worin
der Verdacht geäussert werde, dass der Beschwerdeführer an terroristi-
schen Aktivitäten der LTTE teilgenommen habe. Im Weiteren werde darin
festgestellt, dass sich der Beschwerdeführer nicht beim CID gemeldet
habe, weshalb er am 6. Januar 2016 dem CID vorzuführen sei. Die Vorla-
dung des CID vom 25. Dezember 2017 sei erlassen worden, nachdem die
polizeiliche Vorladung von 2016 nicht befolgt worden sei. Im Fall des Nicht-
erscheinens werde Verhaftung angedroht. Im Schreiben vom 5. Oktober
2018 an den Beschwerdeführer berichte die Ehefrau von sexueller Beläs-
tigung durch die Polizei, sie denke an Selbstmord. Im Schreiben der
«M._» vom 5. August 2020 bestätige die Präsidentin, die Ehefrau
des Beschwerdeführers zu kennen. Diese erhalte immer wiederkehrende
behördliche Besuche und werde dabei belästigt. Mit Eingaben vom 22. und
vom 27. Oktober 2021 wurden weitere Bestätigungsschreiben als Beilagen
68 -74 eingereicht (Schreiben des ehemaligen Vorgesetzten O._
und ehemaliger Mitarbeiter des Beschwerdeführers P._ und
Q._ im Lager F._ [vgl. Beilage 68 – 72] und ehemals dort
Internierter R._, S._ und T._ [Beilagen 72 – 74]). In
diesen Schreiben wird bestätigt, dass der Beschwerdeführer dort tätig ge-
wesen und wegen Fluchthilfe von den sri-lankischen Sicherheitsbehörden
gesucht worden sei.
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Seite 11
6.
6.1 Die Rüge in der Beschwerde, das SEM habe die im Rahmen des vo-
rinstanzlichen Verfahrens eingereichten Bestätigungsschreiben zu Unrecht
als blosse Gefälligkeitsschreiben bezeichnet und damit nicht hinreichend
berücksichtigt beziehungsweise gewürdigt, was eine Verletzung des recht-
lichen Gehörs darstelle, erweist sich als unzutreffend.
Das SEM hielt in der angefochtenen Verfügung diesbezüglich fest, dass im
Schreiben der Kirche "J._" vom 17. Januar 2016 in allgemeiner
Form festgehalten werde, dass der Beschwerdeführer einigen Personen
geholfen habe, ihr Leben zu retten, weswegen er angeblich von Interesse
für die sri-lankischen Behörden sei. Im Schreiben eines Friedensrichters
aus B._ vom 12. Januar 2015 werde gemäss der vorliegenden
deutschen Übersetzung festgehalten, dass der Beschwerdeführer wäh-
rend seiner Tätigkeit im Flüchtlingslager junge Tamilen vor Folter bewahrt
habe, weshalb er von Unbekannten bedroht worden sei. Damit hat das
SEM den Inhalt der eingereichten Schreiben richtig und vollständig festge-
stellt. Es hat im Weiteren zutreffend festgehalten, dass in diesen Schreiben
nur in allgemeiner Form von Schwierigkeiten des Beschwerdeführers ge-
sprochen werde. Der Schluss des SEM, dass es sich aufgrund des allge-
mein gehaltenen Inhalts lediglich um Referenzschreiben von blossem Ge-
fälligkeitscharakter handle, erscheint nachvollziehbar. Zumindest ist die
Beweiskraft dieser Dokumente aufgrund der naheliegenden Möglichkeit,
dass es sich um blosse Gefälligkeitsschreiben handelt – unabhängig von
der Frage der Authentizität – als gering einzustufen. Somit hat das SEM
die im Rahmen des vorinstanzlichen Verfahrens als Beweismittel einge-
reichten Dokumente berücksichtigt und hinreichend gewürdigt, womit sich
der Vorwurf in der Beschwerde, das SEM habe das rechtliche Gehör, das
zur Abnahme und Würdigung tauglicher Beweismittel verpflichte, verletzt,
als offensichtlich unzutreffend erweist.
6.2 Im Weiteren wird in der Beschwerde geltend gemacht, dass das SEM
mit der Feststellung in der angefochtenen Verfügung auf Seite 4, wonach
der sachliche und zeitliche Kausalzusammenhang zwischen den Ereignis-
sen in den Jahren 2006 und 2012 und der im Jahre 2015 erfolgten Ausreise
nicht gegeben sei, «den Sachzusammenhang nicht erkannt habe». Viel-
mehr sei die Fluchthilfe des Beschwerdeführers im Jahre 2012 dem CID
erst durch die Denunziation von G._ im Jahre 2015 bekannt gewor-
den, weshalb nicht von einem fehlenden Kausalzusammenhang gespro-
chen werden könne. Indessen ergibt sich aus der angefochtenen Verfü-
gung, dass die Rechtsvertretung die entsprechenden Feststellungen des
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SEM unrichtig und unvollständig wiedergibt. Das SEM erachtete nämlich
sowohl den Kausalzusammenhang zwischen den Ereignissen im Jahre
2006 (Vorwurf der Behörden, mit den LTTE bezüglich Jugendlicher im
Heim eine Vereinbarung getroffen zu haben) als auch diejenigen, während
seiner Tätigkeit zwischen 2009 und 2012 im Flüchtlingslager mit Angehöri-
gen der Armee wegen deren Verhalten Probleme gehabt zu haben (und
nicht «die Fluchthilfe» des Beschwerdeführers) mangels hinreichenden
zeitlichen und sachlichen Zusammenhangs mit der im Jahre 2015 erfolgten
Ausreise als nicht asylrelevant. Die Einschätzung der fehlenden Asylrele-
vanz aus den vom SEM genannten Gründen erweist sich denn auch als
zutreffend. Dies gilt auch für die geltend gemachten Drohungen im Jahre
2015 aufgrund angeblich auferlegter Bussen gegen die Besitzer herumlau-
fender Kühe, die vom SEM als gemeinrechtliches Delikt eingestuft und da-
mit als nicht asylrelevant erachtet wurden.
6.3 Es stellt sich die Frage, ob der Beschwerdeführer zum heutigen Zeit-
punkt aufgrund seiner zentralen Vorbringen begründete Furcht vor künfti-
ger Verfolgung haben muss.
6.3.1 Der Beschwerdeführer machte im Wesentlichen geltend, zwischen
2009 und 2012 einige tamilische Familienväter, welche infolge ihrer frühe-
ren Tätigkeit für die LTTE gefährdet gewesen seien – was er indes damals
nicht gewusst habe – aus dem Lager F._ gebracht zu haben. Etliche
Jahre später, am 20. Juni 2015 hätten ihn Angehörige des CID zuhause
aufgesucht und ihm mitgeteilt, dass sie Kenntnis davon hätten, dass er frü-
her LTTE-Mitglieder aus dem Flüchtlingslager gebracht und freigelassen
habe. Er vermute, dass ihn G._ wegen auferlegten Bussen denun-
ziert habe. Sie hätten von ihm den Aufenthaltsort dieser Leute erfahren
wollen. Er habe ihnen gesagt, nichts dergleichen getan zu haben. Man
habe ihm seine Identitätskarte abgenommen und ihn dazu aufgefordert,
sich am nächsten Tag beim CID zu melden. Aus Furcht, festgenommen zu
werden, habe er seinen Herkunftsort und ein paar Tage später Sri Lanka
verlassen. Von seiner Ehefrau habe er erfahren, dass er nach seiner Aus-
reise von Angehörigen des CID mehrmals gesucht worden sei.
Zum Nachweis seiner Vorbringen wurden im Rahmen des vorinstanzlichen
Verfahrens und auf Beschwerdeebene mehrere Dokumente eingereicht
(u.a. Polizeirapport vom 4. Januar 2016, Vorladung des CID vom 25. De-
zember 2017, verschiedene Bestätigungsschreiben, Fotografien). Auf Be-
schwerdeebene wurde festgehalten, dass die Vorladung vom 4. Januar
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Seite 13
2016, wonach sich der Beschwerdeführer am 6. Januar 2016 bei der Poli-
zei zu melden habe, seiner Ehefrau polizeilich überbracht worden sei. Die
Vorladung des CID vom 25. Dezember 2017 sei erlassen worden, nach-
dem die polizeiliche Vorladung von 2016 nicht befolgt worden sei.
6.3.2 Es ist festzuhalten, dass erhebliche Zweifel an der Glaubhaftigkeit
dieser Vorbringen bestehen.
So ist zunächst nicht nachvollziehbar, aus welchen Beweggründen der Be-
schwerdeführer gehandelt haben sollte, als er angeblich drei Personen aus
dem Lager gebracht habe. Aus seinen auffallend wenig substanziierten An-
gaben geht hervor, dass er die Betroffenen anscheinend kaum gekannt und
eigentlich keine weitergehende Kenntnis von ihnen gehabt hat (vgl. A13 F
67). Weshalb er sich freiwillig einem hohen Risiko, welche mit solchen
Handlungen verbunden wären, ausgesetzt haben will, ist nicht erkennbar.
Die diesbezüglichen Angaben des Beschwerdeführers erschöpfen sich
denn auch in der allgemeinen Behauptung, einfach aus «humanitären»
Gründen gehandelt zu haben (vgl. A13 F53, F67). Bei den drei Männern
habe es sich um Familienväter gehandelt, weshalb er gedacht hätte, «es
wäre besser wegen den Ehefrauen und Kindern» (vgl. A13 F53). Dieser
Begründungsversuch stellt indes einen argumentativen Allgemeinplatz dar,
der – angesichts des hohen Risikos einer Entdeckung und der massiven
möglichen Konsequenzen für ihn selbst – offensichtlich keine nachvollzieh-
bare Begründung für ein solches Handeln sein kann. Auch ist nicht erklär-
lich, wie er im Jahr 2021 erfahren haben soll, wo sich diese Männer heute
aufhalten (vgl. Eingabe vom 8. Oktober 2021) und wie er angebliche Betä-
tigungsschreiben von ihnen einreichen konnte (vgl. Eingabe vom 22. Ok-
tober 2021).
Weiter weisen die Darstellungen, wie die entsprechenden Handlungen an-
geblich vorgenommen worden sein sollen, eine auffallende Substanzlosig-
keit und klare Widersprüche auf. Trotz eines hohen Entdeckungsrisikos
und trotz drastischer möglichen Folgen, die sein Handeln für ihn hätte zei-
tigen können, will der Beschwerdeführer auch keinerlei Vorsichtsmassnah-
men getroffen haben. Beim Einsteigen in das Fahrzeug im Lager sei es
schliesslich ohnehin dunkel gewesen. Und beim Aussteigen habe man nur
«aufpassen» müssen. Sie hätten die Dorfbewohner daher «mit Hilfsgüter
bestochen» (vgl. A12 F79). Die beschriebene Vorgehensweise ist indes in
keiner Weise mit einer realen Situation einer Gefangenenbefreiung zu ver-
gleichen. Wenn Personen, die in einem Lager arbeiten, heimlich Menschen
befreien, so zeichnen sich solche Handlungen gemeinhin durch ein hohen
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Grad an Planung aus und werden von zahlreichen Vorsichtsmassnahmen
begleitet. Nichts hiervon liegt in casu vor. Die vom Beschwerdeführer be-
schriebene geradezu sorglose Vorgehensweise erscheint daher angese-
hen des hohen Risikos kaum lebensnah. Dies besonders auch, da er nicht
nur einmal, sondern gleich drei Mal je einen Mann auf diese Weise aus
dem Lager gebracht haben will. Auch sein Erklärungsversuch, er habe die
«Dorfbewohner mit Hilfsgüter» bestochen wirkt unbeholfen. Heimliche Ak-
tionen zeichnen sich gemeinhin dadurch aus, dass diese verdeckt vorge-
nommen werden und unnötige Risiken eines Entdecktwerdens vermieden
werden. Dass der Beschwerdeführer also mittels «Bestechung durch Hilfs-
güter» quasi ein ganzes Dorf über seine Machenschaften in Kenntnis ge-
setzt haben und damit auch das Risiko eines Bekanntwerdens seines hei-
matlichen Tuns selber erhöht haben will, erscheint kaum lebensnah.
Erschwerend kommt hinzu, dass die Angaben des Beschwerdeführers Wi-
dersprüche aufweisen. So führt der Beschwerdeführer beispielsweise aus,
dass er die drei Männer nicht einfach im Dunkeln habe aus dem Auto aus-
steigen lassen können, sondern diese ganz bewusst im benachbarten Dorf
abgesetzt habe. Die drei «Ex-LTTE-Mitglieder seien ja schliesslich aus der
Vanni-Region und wären daher ortsunkundig» (vgl. A13 F80). Diese Dar-
stellung steht in offenem Widerspruch zu seiner kurz zuvor zu Protokoll
gegebenen Aussage, dass er damals gar nicht gewusst habe, dass die drei
Männer vormalige LTTE-Mitglieder gewesen seien (vgl. A13 F53).
Weiter erschiene es doch bemerkenswert, dass der Beschwerdeführer
trotz seiner sorglosen Vorgehensweise in der Folge keinerlei Probleme be-
kommen und hiernach noch jahrelang bis 2014 unbehelligt in diesem Lager
seinen Dienst verrichtet beziehungsweise danach unbehelligt als Beamter
gearbeitet haben sollte. Dies erscheint angesichts der zu erwartenden be-
hördlichen Nachforschungen wenig glaubhaft. Bemerkenswert erscheint in
diesem Zusammenhand auch die Aussage des Beschwerdeführers, er
habe denn auch ganz offen seinen Arbeitskollegen und anderen Personen
freimütig von seinen Handlungen erzählt (vgl. A13 F123).
Weiter kommt hinzu, dass auch die Gründe, die sodann erst sechs Jahren
später zu einer Behelligung durch den CID geführt haben sollen, als stark
konstruiert erscheinen. Insbesondere erscheint wenig lebensnah, dass
G._, obwohl dieser schon länger Kenntnis von den Handlungen des
Beschwerdeführers gehabt haben soll, sich erst aufgrund einer reinen Ba-
nalität in Zusammenhang mit der Auferlegung einer Busse wegen «freilau-
fender Kühe» nach Jahren an die CID gewandt haben sollte. Auch die vom
E-3569/2018
Seite 15
Beschwerdeführer hierzu geschilderte Behelligung durch den CID er-
scheint wenig lebensnah. So sei der CID einfach bei ihm vorbeigekommen
und habe ihn mit dem Vorhalt konfrontiert, ihnen sei bekannt, dass er vor
etlichen Jahren heimlich Männer aus dem Lager verbracht habe. Aus
Schock habe er keinerlei Antworten geben können und habe dies einfach
abgestritten. Damit habe sich der CID begnügt und ihn bloss gebeten, am
kommenden Tag bei ihnen vorbeizukommen (vgl. A13 F87-89). Eine solche
Vorgehensweise erscheint realitätsfremd. Sofern die Behörde tatsächlich
von einer für sie bedeutsamen Befreiung von Personen aus einem Lager
Kenntnis erhielten, wäre vielmehr anzunehmen, dass sie diesem Verdacht
gezielt nachgehen, umgehende Verhaftungen vornehmen und vertieft Be-
fragungen durchführen würden. Auch die Erklärungsversuche des Be-
schwerdeführers, die Beamten hätten ihn damals vermutlich einfach nicht
gleich verhaftet, weil er «in seinem Lebensmittelladen» gewesen sei (vgl.
A13 F115) beziehungsweise weil «seine Ehefrau und die Schwiegereltern»
anwesend gewesen seien (vgl. A13 F112), sind unbehelflich. Auch die üb-
rigen Schilderungen des Beschwerdeführers erwecken kaum den Eindruck
eines erlebten Ereignisses. So vermochte er die angebliche Behelligung
durch den CID kaum substanziiert zu beschreiben. Hierbei konnte er bei-
spielsweise nicht einmal ausführen, wie viele Personen tatsächlich vor Ort
gewesen sein sollen. Es sei halt bereits 20:30 Uhr gewesen und «in der
Abenddämmerung» habe er die anderen nicht gesehen. Es «könnte sein,
dass es viele Leute» gewesen seien (vgl. A13 F91).
Auch die Umstände seiner Ausreise lassen sich letztlich nur wenig mit der
Furcht vor Verfolgung in Einklang bringen. So bringt der Beschwerdeführer
vor, dass er am 20. Juni 2015 vom CID im Laden aufgesucht worden sei
und sodann fünf Tage später mit seinem eigenen Pass am 25. Juni 2015
ausgereist sei. Bei einer tatsächlichen Furcht vor Verfolgung wäre kaum
davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer sich selber dem hohen Ri-
siko ausgesetzt hätte, erst Tage später und auch noch mit seinem eigenen
Reisepass auszureisen (vgl. bestätigend in Eingabe vom 19. Juni 2018,
Seite 7). Die Tatsache, dass der Beschwerdeführer noch nach mehreren
Tagen seit dem behördlichen Besuch im Laden unbehelligt ausreisen
konnte, stellt angesichts der strengen, engmaschigen Kontrollen im Flug-
hafen von Colombo ein klares Indiz für ein fehlendes Verfolgungsinteresse
dar. Der Erklärungsversuch in der Beschwerde, wonach verdächtige Per-
sonen nicht sofort, sondern erst bei einem Verdacht auf Fluchtvorbereitun-
gen in die Stopp-Lists am Flughafen aufgenommen würden, ist realitäts-
fremd und vermag nicht zu überzeugen.
E-3569/2018
Seite 16
Insgesamt erscheinen die vom Beschwerdeführer im Zusammenhang mit
der angeblichen Behelligung durch den CID im Juni 2015 stehenden direk-
ten und indirekten Umstände nicht glaubhaft. Vor diesem Hintergrund ist
auch die Beweiskraft des auf Beschwerdeebene im Original eingereichten
Polizeirapports vom 4. Januar 2016, bei dem es sich genau genommen um
ein Mitteilungsformular («Message Form») handelt, als gering einzustufen.
Darin wird der Verdacht geäussert, dass der Beschwerdeführer an terroris-
tischen Aktivitäten der LTTE teilgenommen habe, und im Weiteren festge-
stellt, dass sich der Beschwerdeführer nicht beim CID gemeldet habe, wes-
halb er am 6. Januar 2016 dem CID vorzuführen sei. Wie bereits obenste-
hend ausgeführt, bestehen keine plausiblen Gründe dafür, dass die sri-lan-
kischen Sicherheitsbehörden erst nach mehreren Jahren von der angebli-
chen, riskanten Fluchthilfe des Beschwerdeführers ehemaliger LTTE-An-
gehöriger aus dem Lager erfahren haben sollten. Daher erscheint auch die
Richtigkeit des Inhalts des genannten polizeilichen Dokumentes (die be-
hördliche Suche nach dem Beschwerdeführer) vom 4. Januar 2016 als
äusserst fraglich. Hinzu kommt, dass dieses Dokument nach Angaben der
Rechtsvertretung seiner Ehefrau im Original polizeilich überbracht worden
sei (vgl. Fotografie und Beweismittel 48), was aufgrund der Tatsache, dass
es sich hierbei um ein behördeninternes Mitteilungsformular handelt, das
nur als Kopie der betreffenden Person ausgehändigt wird, nicht nachvoll-
ziehbar erscheint und die genannten Zweifel bestärkt. Ferner erstaunt,
dass der Beschwerdeführer anlässlich der Anhörung im Jahre 2017 nicht
bereits zu Protokoll gab, dass seine Ehefrau ein derartiges Dokument er-
halten hatte, hat sie doch von der Übergabe durch die Polizei ein Foto aus-
gefertigt und müsste sie ihm diesen einschneidenden Moment mitgeteilt
haben. Dem Protokoll ist lediglich zu entnehmen, dass in Abwesenheit der
Ehefrau und er Kinder Geheimdienstleute bei ihm zuhause sein Motorrad
beschädigt haben sollen (A13 F109). Von weiteren Vorfällen seit seiner
Ausreise bis zur Anhörung am 2. Mai 2017 berichtet er nicht, obschon er
am selben Tag noch Kontakt mit seiner Ehefrau hatte (F14). Bei dieser kla-
ren Sachlage erübrigen sich vorliegend Ausführungen zur allgemeinen Fäl-
schungssicherheit solcher im Original eingereichter Dokumente sri lanki-
scher Ermittlungsbehörden. Bei der Vorladung des CID vom 25. Dezember
2017, welche nach Angaben auf Beschwerdeebene aufgrund der Nichtbe-
folgung der polizeilichen Vorladung von 2016 erlassen worden sei, handelt
es sich um ein ergänztes Blankoformular in Kopie, weshalb deren Beweis-
kraft bereits aus diesem Grund als gering einzustufen ist. Ohnehin bezieht
sich dieses Dokument auf Vorbringen, welche als nicht glaubhaft erachtet
wurden. Neben den unter G-I einzeln aufgeführten Beweismitteln hat die
Rechtsvertretung mit Eingaben vom 22. und vom 27. Oktober 2021 weitere
E-3569/2018
Seite 17
Bestätigungsschreiben als Beilagen 68 -74 eingereicht. Es handelt sich um
Schreiben des ehemaligen Vorgesetzten A.V. und ehemaliger Mitarbeiter
des Beschwerdeführers P._ und Q._ im Lager F._
(vgl. Beilage 68 – 72) und ehemals dort Internierter R._, S._
und T._ (Beilagen 72 – 74). In diesen Schreiben wird bestätigt, dass
der Beschwerdeführer dort tätig gewesen und wegen Fluchthilfe von den
sri-lankischen Sicherheitsbehörden gesucht worden sei. Die Beweiskraft
solcher Bestätigungsschreiben, in denen lediglich in allgemeiner Form die
geltend gemachten Vorbringen wiedergegeben werden, ist vor dem Hinter-
grund der Unglaubhaftigkeit der Vorbringen und angesichts der nahelie-
genden Möglichkeit, dass es sich um blosse Gefälligkeitsschreiben han-
delt, gering. Auch die übrigen auf Beschwerdeebene eingereichten Be-
weismittel (weitere Bestätigungsschreiben, Fotografien) vermögen an der
Einschätzung der Unglaubhaftigkeit nichts zu ändern. Die im Weiteren be-
haupteten Belästigungen der Ehefrau, die zum einen wenig realitätsnah
erscheinen und zum anderen durch die blosse Einreichung von Fotografien
(bei denen weder die Identität der abgebildeten Personen noch der Zusam-
menhang, in dem sie gemacht wurden, feststeht) und Schreiben auch nicht
hinreichend belegt sind, wären unabhängig von der Frage der Glaubhaf-
tigkeit aufgrund des fehlenden politischen Profils des Beschwerdeführers
weniger Ausdruck eines behördlichen Interesses am Beschwerdeführer als
eher von behördlicher Willkür, gegen welche die Ehefrau des Beschwerde-
führers mit einer Anzeige bei einer übergeordneten Behörde vorgehen
könnte.
Im Rahmen des rechtlichen Gehörs zur allfälligen Motivsubstitution machte
die Rechtsvertretung in ihrer Eingabe vom 8. Oktober 2021 geltend, dass
«neu gehegte Zweifel an der Glaubhaftigkeit der Vorbringen einer Auswei-
tung des Streitgegenstands gleichkommen würden». Dies würde die Rück-
weisung der Sache an die Vorinstanz implizieren, da die Glaubhaftigkeit im
Rahmen einer Befragung «leichter und authentischer als im schriftlichen
Verfahren beurteilt werden könne». Daher werde die Rückweisung aus die-
sem Grund als Subeventualbegehren beantragt. Hinsichtlich der Argumen-
tation in der Zwischenverfügung vom 24. September 2021, wonach nicht
klar sei, aus welchen Beweggründen der Beschwerdeführer bei seiner
Fluchthilfe gehandelt habe, sei festzuhalten, dass der Beschwerdeführer
anlässlich der Anhörung aufgrund des abrupten Fragestils des Befragers
seine Beweggründe vorerst nicht vertieft habe erläutern können. Erst im
Verlaufe der Anhörung habe er schildern können, aus Mitmenschlichkeit
und in Erinnerung an seinen Vater, der unter dem Regime stark gelitten
habe, geholfen zu haben. Bezüglich des Vorwurfs, die Schilderungen des
E-3569/2018
Seite 18
Beschwerdeführers seien oberflächlich ausgefallen, sei darauf hinzuwei-
sen, dass auch nicht entsprechend detailliert gefragt worden sei. Mit dieser
Argumentation vermag die Rechtsvertretung die Einschätzung der Un-
glaubhaftigkeit nicht in Frage zu stellen. Aus dem Anhörungsprotokoll
ergibt sich, dass der Beschwerdeführer hinreichend Gelegenheit erhielt,
sowohl seine Beweggründe zur Fluchthilfe als auch die damit verbundenen
Vorbringen (detailliert) zu schildern, und entgegen der Behauptung in der
Stellungnahme auch entsprechende Nachfragen seitens der befragenden
Person nicht unterblieben. Schliesslich ist festzuhalten, dass eine vorge-
nommene Motivsubstitution im Rahmen des Beschwerdeverfahrens keine
«Ausweitung des Streitgegenstands» darstellt, wie in der Beschwerde be-
hauptet. Die Beschwerdeinstanz ist zwar an den durch die Parteianträge
festgelegten Streitgegenstand gebunden. Innerhalb dieses Rahmens be-
urteilt sie indes die Rechtslage nach freiem richterlichem Ermessen (vgl.
Art. 62 Abs. 4 VwVG). Die Beschwerdeinstanz hat die Möglichkeit, die an-
gefochtene Verfügung mittels anderer rechtlicher Argumentation zu bestä-
tigen. Sie ist also nicht an die Begründung der Vorinstanz gebunden, ist
indessen dazu verpflichtet, zu einer Argumentation, mit der die beschwer-
deführende Partei nicht rechnen konnte, das rechtliche Gehör zu gewäh-
ren, was vorliegend erfolgt ist.
6.3.3 Aus den voranstehenden Erwägungen ergibt sich, dass die zentralen
Vorbringen des Beschwerdeführers als nicht glaubhaft zu erachten sind.
Bei dieser Sachlage erübrigt sich eine abschliessende Beurteilung der
Frage, ob die Vorinstanz die zentralen Vorbringen des Beschwerdeführers
zu Recht als nicht asylrelevant erachtet hat. Das Vorliegen einer begrün-
deten Furcht des Beschwerdeführers vor künftiger Verfolgung wurde im Er-
gebnis zu Recht verneint.
6.4 Zu prüfen bleibt, ob der Beschwerdeführer wegen der geltend gemach-
ten exilpolitischen Tätigkeit sowie der langjährigen Landesabwesenheit bei
einer Rückkehr in sein Heimatland ernsthafte Nachteile drohen würden.
Im Referenzurteil E-1866/2015 vom 15. Juli 2016 hat das Bundesverwal-
tungsgericht eine aktuelle Analyse der Situation von Rückkehrenden nach
Sri Lanka vorgenommen (vgl. a.a.O., E. 8) und festgestellt, dass aus Eu-
ropa beziehungsweise der Schweiz zurückkehrende tamilische Asylsu-
chende nicht generell einer ernstzunehmenden Gefahr von Verhaftung und
Folter ausgesetzt seien (vgl. a.a.O., E. 8.3). Das Gericht orientiert sich bei
der Beurteilung des Risikos von Rückkehrern, Opfer ernsthafter Nachteile
E-3569/2018
Seite 19
in Form von Verhaftung und Folter zu werden, an verschiedenen Risiko-
faktoren. Dabei handelt es sich um das Vorhandensein einer tatsächlichen
oder vermeintlichen, aktuellen oder vergangenen Verbindung zu den LTTE,
um eine Teilnahme an exilpolitischen regimekritischen Handlungen, und
um das Vorliegen früherer Verhaftungen durch die sri-lankischen Behör-
den, üblicherweise im Zusammenhang mit einer tatsächlichen oder vermu-
teten Verbindung zu den LTTE (sog. stark risikobegründende Faktoren, vgl.
a.a.O., E. 8.4.1-8.4.3). Einem gesteigerten Risiko, genau befragt und über-
prüft zu werden, unterliegen ausserdem Personen, die ohne die erforderli-
chen Identitätspapiere nach Sri Lanka einreisen wollen, die zwangsweise
nach Sri Lanka zurückgeführt werden oder die über die Internationale Or-
ganisation für Migration (IOM) nach Sri Lanka zurückkehren, sowie Perso-
nen mit gut sichtbaren Narben (sog. schwach risikobegründende Faktoren,
vgl. a.a.O., E. 8.4.4 und 8.4.5). Das Gericht wägt im Einzelfall ab, ob die
konkret glaubhaft gemachten Risikofaktoren eine asylrechtlich relevante
Gefährdung der betreffenden Person ergeben. Dabei zieht es in Betracht,
dass insbesondere jene Rückkehrer eine begründete Furcht vor ernsthaf-
ten Nachteilen im Sinne von Art. 3 AsylG haben, denen seitens der sri-
lankischen Behörden zugeschrieben wird, bestrebt zu sein, den tamili-
schen Separatismus wiederaufleben zu lassen (vgl. a.a.O. E. 8.5.1).
Vorbestehende Risikofaktoren können – alleine oder in Kombination mitei-
nander – unter Umständen bereits zur Bejahung von Vorfluchtgründen und
zur Asylgewährung führen. War eine Person vor ihrer Ausreise aus Sri
Lanka trotz bereits vorhandener Risikofaktoren jedoch nicht mit flüchtlings-
rechtlich relevanten Nachteilen konfrontiert, fällt die Bejahung von Vor-
fluchtgründen und die Gewährung von Asyl ausser Betracht. Diese Vernei-
nung von Vorfluchtgründen schliesst aber nicht aus, dass die betroffene
Person bei ihrer Rückkehr nach Sri Lanka aufgrund von bereits vor der
Ausreise vorhandenen Risikofaktoren im Verbund mit durch oder seit der
Ausreise geschaffenen Risikofaktoren wie der Landesabwesenheit und ge-
gebenenfalls exilpolitischer Tätigkeit im Sinne von subjektiven Nachflucht-
gründen nach Art. 54 AsylG eine begründete Furcht vor Verhaftung und
Folter, mithin ernsthaften Nachteilen hat.
Vor dem Hintergrund, dass klare Zweifel an den Asylvorbringen des Be-
schwerdeführers bestehen und der Beschwerdeführer ohnehin kein er-
kennbares politisches Profil aufweist, ist nicht zu erkennen, inwiefern der
Beschwerdeführer einen Eintrag in der sogenannten «Stop-List» aufwei-
sen sollte und er deswegen befürchten müsste, bei der Einreise nach Sri
Lanka umgehend festgenommen und inhaftiert zu werden. Im Übrigen
E-3569/2018
Seite 20
kann auf die Ausführungen in der angefochtenen Verfügung verwiesen
werden.
Die geltend gemachten exilpolitischen Aktivitäten, die weder durch Beweis-
mittel belegt noch substantiiert dargelegt wurden, sind, wenn überhaupt,
von niederschwelliger Natur und es ist nicht davon auszugehen, dass diese
von den Behörden überhaupt wahrgenommen worden sind. Ausser der ta-
milischen Ethnie und der Einreichung eines Asylgesuches in der Schweiz
und der damit verbundenen langjährigen Landesabwesenheit, bestehen
keine weiteren Risikofaktoren.
6.5 Seit Einreichung des Asylgesuchs durch den Beschwerdeführer war
die Lage in Sri Lanka verschiedenen Veränderungen unterworfen, wobei
namentlich politische Spannungen, die verheerenden Terroranschläge an
Ostern 2019 sowie zuletzt die Wahl von Gotabaya Rajapaksa zum Präsi-
denten von Sri Lanka zu erwähnen sind. Der neue Präsident war unter sei-
nem älteren Bruder Mahinda Rajapaksa, der seinerseits von 2005 bis 2015
Präsident Sri Lankas war, Verteidigungssekretär. Er wurde angeklagt, zahl-
reiche Verbrechen gegen Journalistinnen und Journalisten sowie Aktivisten
begangen zu haben. Zudem wird er von Beobachtern für Menschenrechts-
verletzungen und Kriegsverbrechen verantwortlich gemacht; er bestreitet
die Anschuldigungen (vgl. Human Rights Watch: World Report 2020 – Sri
Lanka, 14.1.2020). Kurz nach der Wahl ernannte der neue Präsident sei-
nen Bruder Mahinda zum Premierminister und band einen weiteren Bruder,
Chamal Rajapaksa, in die Regierung ein; die drei Brüder Gotabaya, Ma-
hinda und Chamal Rajapaksa kontrollieren im neuen Regierungskabinett
zusammen zahlreiche Regierungsabteilungen oder -institutionen (vgl. vgl.
https://www.aninews.in/news/world/asia/sri-lanka-35-including-presidents-
brother-chamal-rajapksa-sworn-in-as-ministers-ofstate/20191127174753/,
abgerufen am 4. März 2020). Beobachter und ethnische / religiöse Minder-
heiten befürchten insbesondere mehr Repression und die vermehrte Über-
wachung von Menschenrechtsaktivistinnen und -aktivisten, Journalistinnen
und Journalisten, Oppositionellen und regierungskritischen Personen (vgl.
Schweizerische Flüchtlingshilfe [SFH]: Regierungswechsel weckt Ängste
bei Minderheiten, 21.11.2019). Er wurde angeklagt, zahlreiche Verbrechen
gegen Journalistinnen und Journalisten sowie Aktivisten begangen zu ha-
ben. Zudem wird er von Beobachtern für Menschenrechtsverletzungen und
Kriegsverbrechen verantwortlich gemacht; er bestreitet die Anschuldigun-
gen (vgl. Human Rights Watch: World Report 2020 – Sri Lanka, 14.1.2020).
Kurz nach der Wahl ernannte der neue Präsident seinen Bruder Mahinda
zum Premierminister und band einen weiteren Bruder, Chamal Rajapaksa,
E-3569/2018
Seite 21
in die Regierung ein; die drei Brüder Gotabaya, Mahinda und Chamal Raja-
paksa kontrollieren im neuen Regierungskabinett zusammen zahlreiche
Regierungsabteilungen oder -institutionen (vgl. vgl. https://www.ani-
news.in/news/world/asia/sri-lanka-35-including-presidents-brother-chmal-
rajapksa-sworn-in-as-ministers-of-state/20191127174753/, abgerufen am
4. März 2020).
Das Bundesverwaltungsgericht ist sich dieser Veränderungen in Sri Lanka
bewusst. Es beobachtet die Entwicklungen aufmerksam und berücksichtigt
sie bei seiner Entscheidfindung. Zwar ist beim derzeitigen Kenntnisstand
durchaus von einer möglichen Akzentuierung der Gefährdungslage auszu-
gehen, der Personen mit einem bestimmten Risikoprofil ausgesetzt sind
beziehungsweise bereits vorher ausgesetzt waren (vgl. Referenzurteil des
Bundesverwaltungsgerichts E 1866/2015 vom 15. Juli 2016, HRW, Sri
Lanka: Families of «Disappeared» Threatened, 16.02.2020). Dennoch gibt
es zum heutigen Zeitpunkt keinen Grund zur Annahme, dass seit dem
Machtwechsel in Sri Lanka ganze Bevölkerungsgruppen kollektiv einer
Verfolgungsgefahr ausgesetzt wären. Unter diesen Umständen ist im Ein-
zelfall zu prüfen, ob ein persönlicher Bezug der asylsuchenden Personen
zu den Präsidentschaftswahlen vom 16. November 2019 beziehungsweise
deren Folgen besteht. Ein solcher Bezug ist vorliegend, wie sich aus den
vorstehenden Erwägungen ergibt, nicht ersichtlich.
6.6 Damit ist nach Würdigung der gesamten Umstände als Ergebnis fest-
zuhalten, dass der Beschwerdeführer die Voraussetzungen der Flücht-
lingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG nicht erfüllt. Folgerichtig bleiben
ihm die Gewährung von Asyl durch die schweizerischen Behörden versagt
(Art. 2 Abs. 1 und Art. 49 AsylG). Die Ablehnung des entsprechenden Ge-
suchs durch die Vorinstanz ist zu bestätigen.
7.
Die Ablehnung eines Asylgesuchs oder das Nichteintreten auf ein Asylge-
such hat in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz zur Folge (Art. 44
AsylG). Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtli-
che Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer
solchen (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). Die verfügte
Wegweisung steht daher im Einklang mit den gesetzlichen Bestimmungen
und wurde von der Vorinstanz zu Recht angeordnet.
E-3569/2018
Seite 22
8.
8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das Staatssekretariat das Anwesenheitsverhältnis
nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme von
Ausländerinnen und Ausländern (Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 des Bundes-
gesetzes über die Ausländerinnen und Ausländer und über die Integration
AIG, SR 142.20]).
8.2
8.2.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder in einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs.
3 AIG). So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land
gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem
Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft,
zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1
AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über
die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gemäss Art. 25 Abs.
3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter
und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung o-
der Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3 EMRK darf niemand
der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Behand-
lung unterworfen werden.
8.2.2 Der Vollzug der Wegweisung durch Rückschaffung nach Sri Lanka
ist unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig, weil der Beschwerde-
führer – wie zuvor dargelegt – dort keinen Nachteilen im Sinne von Art. 3
AsylG ausgesetzt wäre. Aus den Vorbringen des Beschwerdeführers erge-
ben sich im Weiteren auch keine konkreten und gewichtigen Anhaltspunkte
für die Annahme, dass er im Falle einer Ausschaffung nach Sri Lanka mit
beachtlicher Wahrscheinlichkeit einer nach Art. 3 EMRK verbotenen Strafe
oder Behandlung ausgesetzt wäre (vgl. EMARK 2001 Nr. 16 S. 122, 2001
Nr. 17 S. 130 f.; aus der Praxis des Europäischen Gerichtshofs für Men-
schenrechte [EGMR] etwa die Urteile i.S. Bensaid, Rep. 2001-I, S. 303,
sowie i.S. Saadi vom 28. Februar 2008 [Grosse Kammer], Beschwerde Nr.
37201/06, Ziff. 124 ff., jeweils m.w.N.). Auch die allgemeine Menschen-
rechtssituation in Sri Lanka lässt den Wegweisungsvollzug nach Einschät-
zung des Bundesverwaltungsgerichts nicht als unzulässig erscheinen
(BVGE 2011/24 E. 10.4). Ebenso hat der EGMR wiederholt festgestellt,
dass nicht generell davon auszugehen sei, Rückkehrern drohe in Sri Lanka
eine unmenschliche Behandlung, sondern dass jeweils im Einzelfall eine
E-3569/2018
Seite 23
Risikoeinschätzung vorzunehmen sei (vgl. Urteil R.J. gegen Frankreich
vom 19. September 2013, Beschwerde Nr. 10466/11, Ziff. 37). Weder aus
den Vorbringen des Beschwerdeführers noch in anderweitiger Hinsicht er-
geben sich konkrete Anhaltspunkte dafür, dass er im Falle einer Ausschaf-
fung nach Sri Lanka dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit einer gemäss
der EMRK oder der FoK verbotenen Strafe oder Behandlung ausgesetzt
wäre.
8.3
8.3.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf
Grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
8.3.2 Das Bundesverwaltungsgericht hat zuletzt im länderspezifischen Re-
ferenzurteil E-1866/2015 vom 15. Juli 2016 zur Frage der Zumutbarkeit des
Wegweisungsvollzugs abgewiesener Asylsuchender aus Sri Lanka insbe-
sondere tamilischer Ethnie eine Lageanalyse vorgenommen (ebd., E.
13.2–13.4). Das SEM begründete die Zumutbarkeit des Wegweisungsvoll-
zugs damit, dass weder die allgemeine Lage in Sri Lanka noch individuelle
Faktoren gegen die Zumutbarkeit sprächen. Der nach eigenen Angaben
gesunde Beschwerdeführer stamme aus der Nordprovinz, wo er bis zu sei-
ner Ausreise mehrheitlich gelebt habe, und verfüge dort mit seiner Ehefrau,
seinen Schwestern und seiner Mutter über ein familiäres Beziehungsnetz.
Er besitze ein eigenes Haus, habe eine vergleichsweise sehr gute Schuld-
bildung (A-Level) und verfüge über jahrelange Arbeitserfahrung. Dies seien
gute Voraussetzungen für eine Wiedereingliederung in den Heimatstaat.
Daher sei nicht davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer bei einer
Rückkehr nach Sri Lanka in eine existenzielle Notlage geraten werde.
Diese Ansicht erweist sich als zutreffend. An dieser Einschätzung ändert
die überzeichnete, spekulative Darstellung in der Beschwerde, wonach der
Beschwerdeführer wegen der ihm feindlich gesinnten muslimischen Nach-
barn mit seiner Familie in eine andere Stadt ziehen müsste, wo er vom CID
erneut dem Kreis der Unterstützer der LTTE zugeordnet würde, was den
Wegweisungsvollzug als unzumutbar erscheinen lasse, nichts zu ändern.
8.4 Schliesslich ist festzustellen, dass der Vollzug der Wegweisung man-
gels aktenkundiger objektiver Hindernisse auch möglich im Sinne von Art.
83 Abs. 2 AIG ist.
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Seite 24
8.5 Die durch die Vorinstanz verfügte Wegweisung und deren Vollzug ste-
hen somit in Übereinstimmung mit den zu beachtenden Bestimmungen und
sind zu bestätigen. Nach dem Gesagten fällt eine Anordnung der vorläufi-
gen Aufnahme ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
9.
Aus den obenstehenden Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene
Verfügung Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt
richtig sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit dies-
bezüglich überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist folglich abzu-
weisen.
10.
10.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Be-
schwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG; Art. 1–3 des Regle-
ments vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor
dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Mit Zwischenver-
fügung vom 9. Juli 2018 wurde das Gesuch um unentgeltliche Rechts-
pflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG gutgeheissen, weshalb keine
Verfahrenskosten zu erheben sind, zumal den Akten keine veränderte fi-
nanzielle Lage des Beschwerdeführers zu entnehmen ist.
10.2 Dem Beschwerdeführer wurde – ebenfalls mit Zwischenverfügung
vom 9. Juli 2018 – die unentgeltliche Rechtsverbeiständung im Sinne von
Art. 110a Abs. 1 Bst. a AsylG zugesprochen und Herr Fürsprecher Chris-
tian Wyss dem Beschwerdeführer als amtlicher Rechtsbeistand beigeord-
net. In der Kostennote vom 27. Oktober 2021 wird ein zeitlicher Aufwand
für das Verfassen der Beschwerde und weiteren Eingaben von 16 Stunden
ausgewiesen, was angemessen erscheint. Auch der unter «Auslagen» auf-
geführte zeitliche Aufwand für die Übersetzung der eingereichten Doku-
mente von insgesamt 11,5 Stunden à 80.– ist als angemessen zu erachten.
Von einem Stundenansatz von Fr. 200.– ausgehend, ergibt dies ein Hono-
rar von 3'200. Hinzu kommen gemäss Kostennote Auslagen von 1’010.70
und eine Mehrwertssteuer von 253.40 (7,7%), womit dem Rechtsvertreter
ein Honorar von insgesamt Fr. 4’465.– aus der Gerichtskasse zu entrichten
ist (vgl. Art. 12 und Art. 14 Abs. 2 VGKE).
(Dispositiv nächste Seite)
E-3569/2018
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