Decision ID: d48fe187-4a1b-5550-be32-c42375d4530c
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer suchte am 17. Juli 2017 in der Schweiz um Asyl
nach und machte ohne Einreichung von Identitätsdokumenten unter ande-
rem geltend, am (...) geboren und damit noch minderjährig zu sein. Auf-
grund dieser Angabe wurde am 21. Juli 2017 eine Handknochenanalyse
vorgenommen, welche ein Alter von 19 Jahren oder älter ergab.
B.
Im Rahmen der Befragung zur Person (BzP) vom 3. August 2017 wurde
der Beschwerdeführer ergänzend zum Befund der Handknochenanalyse
angehört. Das SEM teilte ihm mit, aufgrund seines Aussehens, der Kno-
chenaltersbestimmung, der fehlenden Identitätsdokumente und teils un-
glaubhafter Angaben zur Schule, zum Alter bei der Ausreise, zum Geburts-
ort, zu den Zeugnissen und zum Reiseweg von dessen Volljährigkeit aus-
zugehen (Geburtsdatum [...]).
Zur Begründung seines Asylgesuches gab der Beschwerdeführer in der
BzP unter anderem an, im September 2014 habe die sogenannte Liyu-Po-
lice (Spezialeinheit der Polizei in der Herkunftsregion des Beschwerdefüh-
rers Somali) seinen Vater aufgesucht, um dessen Söhne zu rekrutieren. Da
der Vater sich indessen diesem Vorhaben widersetzt habe, sei dieser ver-
haftet worden. Er, der Beschwerdeführer, habe Angst bekommen und sei
daher ausgereist. Bis zu seiner Ausreise sei nichts mehr vorgefallen (vgl.
SEM-Protokoll A11 F7.01). Nach kurzen Aufenthalten an verschiedenen
Orten Äthiopiens habe er seinen Heimatstaat 2015 verlassen und sei über
den Sudan nach Libyen gereist. In Lybien sei er in Haft gewesen. Im Juni
2017 sei er übers Meer nach Italien und danach in die Schweiz gereist (vgl.
A11 F5.02).
C.
Am 24. Oktober 2017 reichte der Beschwerdeführer seine Geburtsurkunde
in Kopie ein und am 17. August 2018 wurde das eingeleitete Dublin-Ver-
fahren beendet.
D.
Im Rahmen der Anhörung zu den Asylgründen vom 21. November 2018
machte der Beschwerdeführer im Wesentlichen geltend, eines Tages hät-
ten Angehörige der Liyu-Police seinen Vater zuhause aufgesucht und von
ihm verlangt, der Rekrutierung des Beschwerdeführers einzuwilligen. Sein
Vater habe abgelehnt und sei geschlagen worden. Die Polizisten hätten
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seinem Vater eine Frist von sechs Tagen zur Erteilung der Zustimmung ge-
währt. Während der Beschwerdeführer in der BzP noch angab, in der Folge
ausgereist zu sein und dass – abgesehen von der Verhaftung des Vaters –
nichts mehr vorgefallen sei, gab er anlässlich der Anhörung nun einen ab-
weichenden Geschehnisablauf zu Protokoll. Nach Ablauf der vorgenannten
Frist hätten die Polizisten ihn und seinen sich weiterhin widersetzenden
Vater festgenommen, wobei letzterer unterwegs zurückgelassen worden
sei. Er selber sei in ein Lager gebracht worden, da er sich weiterhin der
Rekrutierung widersetzt habe, und sei dort gefoltert worden, bis er schliess-
lich zugestimmt habe. Wegen der erlittenen Verletzungen habe er zur Er-
holung für fünfzehn Tage nach Hause gehen dürfen. Acht Tage später hät-
ten ihn Vertreter der Ogaden National Liberation Front (OLNF) aufgesucht
und ihn zwangsweise in eine Höhle gebracht, wo er aufgrund seiner Wei-
gerung, sich der OLNF anzuschliessen, ebenfalls gefoltert worden sei. We-
gen der Situation zwischen den kriegsführenden Parteien sei er aus sei-
nem Wohngebiet geflohen. Weil er sich nach Ablauf der fünfzehntägigen
Erholungsfrist nicht mehr gemeldet gehabt habe, habe die äthiopische Re-
gierung sogar ein Todesurteil gegen ihn ausgesprochen. Angehörige der
Liyu-Police hätten nach seiner Ausreise nach ihm gesucht.
E.
Mit Entscheid vom 8. Januar 2020 (Eröffnung am 9. Januar 2020) wies das
SEM das Asylgesuch des Beschwerdeführers vom 17. Juli 2017 ab, ord-
nete dessen Wegweisung an und erachtete den Vollzug der Wegweisung
als zulässig, zumutbar und möglich. Es hielt weiter auch fest, dass das im
zentralen Migrationsinformationssystem ZEMIS erfasste Geburtsdatum
des Beschwerdeführers unverändert als der (...) erfasst bleibe (Dispositiv-
Ziffer 1).
F.
Mit Eingabe vom 6. Februar 2020 erhob der Beschwerdeführer gegen die-
sen Entscheid Beschwerde. Er beantragte die Aufhebung der angefochte-
nen Verfügung und die Asylgewährung. Eventualiter sei festzustellen, dass
der Wegweisungsvollzug unzulässig, unzumutbar und unmöglich sei, und
die vorläufige Aufnahme in der Schweiz anzuordnen. Subeventualiter sei
die Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Die Dis-
positiv-Ziffer 1 der vorinstanzlichen Verfügung verblieb indes unangefoch-
ten. In verfahrensrechtlicher Hinsicht wurde die Gewährung der unentgelt-
lichen Prozessführung inklusive Verzicht auf das Erheben eines Kosten-
vorschusses und die Ernennung eines amtlichen Rechtsbeistandes bean-
tragt.
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Seite 4
G.
Am 7. Februar 2020 bestätigte das Bundesverwaltungsgericht den Ein-
gang der Beschwerde.
H.
Mit Zwischenverfügung vom 18. Februar 2020 wurden die Gesuche um
Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und um Beiordnung eines
amtlichen Rechtsbeistandes abgewiesen und ein Kostenvorschuss in der
Höhe von Fr. 750.– erhoben, der in der Folge fristgerecht einging.
I.
In seinen Eingaben vom 31. Juli 2020 und vom 6. Oktober 2020 teilte der
Beschwerdeführer mit, dass er sich seit August 2020 beim (...) in Behand-
lung befinde, und stellte die baldige Einreichung eines entsprechenden
ärztlichen Berichts in Aussicht.
J.
Mit Eingabe vom 15. Oktober 2020 reichte der Beschwerdeführer einen
ärztlichen Bericht des (...) vom 30. September 2020 (inklusive eines im
Rahmen der Migrations-Sprechstunde erstellten ärztlichen Berichts vom 9.
November 2017) ein.
K.
Mit Eingabe vom 30. Oktober 2020 teilte der Beschwerdeführer seine ak-
tuelle Adresse mit.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche
Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb
das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
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Seite 5
1.2 Am 1. März 2019 ist die Teilrevision des AsylG vom 26. Juni 1998 (AS
2016 3101) in Kraft getreten. Für das vorliegende Verfahren gilt das bishe-
rige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des
AsylG vom 25. September 2015).
1.3 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Der Beschwer-
deführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die
angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges In-
teresse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist daher zur
Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1
AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist
einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters entschieden (Art. 111
Bst. e AsylG). Vorliegend handelt es sich, wie nachfolgend aufgezeigt, um
eine solche, weshalb der Beschwerdeentscheid nur summarisch zu be-
gründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG). Auf die Durchführung eines Schriften-
wechsels wurde verzichtet (Art. 111a Abs. 1 AsylG).
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
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Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
5.
5.1 Das SEM begründete seine Verfügung damit, dass die Verfolgungsvor-
bringen des Beschwerdeführers den Anforderungen an die Glaubhaftigkeit
gemäss Art. 7 AsylG nicht standhielten.
5.2 Die Vorinstanz führte aus, dass die Angaben zur geltend gemachten
Zwangsrekrutierung durch die Liyu-Police stark widersprüchlich ausgefal-
len seien. So habe der Beschwerdeführer abweichend von der Angabe im
Rahmen der BzP, wonach die genannte Spezialeinheit der Polizei die
Söhne seines Vaters habe rekrutieren wollen (vgl. SEM-Protokoll A11
F7.01), anlässlich der Anhörung nur von sich als zu Rekrutierenden ge-
sprochen (vgl. A33 F102). Im Weiteren führe die Liyu-Police gemäss den
Erkenntnissen des SEM gar keine Zwangsrekrutierungen in der vom Be-
schwerdeführer beschriebenen Weise durch. In der BzP habe der Be-
schwerdeführer angegeben, ausser der Verhaftung seines Vaters sei in
den ungefähr drei verbleibenden Monaten bis zur Ausreise ausdrücklich
nichts mehr geschehen (vgl. A11 F.7.02). Die erst in der Anhörung erstmals
überhaupt geltend gemachten Vorbringen (Verhaftung durch Angehörige
der OLNF und Folter, Todesurteil) seien zuvor nicht erwähnt worden. Der
Beschwerdeführer habe für dieses Nachschieben keine plausible Erklä-
rung geben können (vgl. A33 F108-F111).
5.3 In der Beschwerde führte der Beschwerdeführer – ausschliesslich in
Zusammenhang mit seinen Asylvorbringen – aus, er sei mit dem vom SEM
festgestellten Geburtsdatum nicht einverstanden. Nach Aufforderung des
SEM, Dokumente einzureichen, die sein Geburtsdatum belegten, habe er
seinen Onkel darum gebeten, ein solches Dokument zu besorgen, wobei
dieser sein Geburtsdatum angegeben habe. Er habe zuvor keine Geburts-
urkunde besessen, weil die Geburten in seinem Heimatstaat nicht wie in
der Schweiz offiziell registriert würden. Die Tatsache, dass das von ihm
eingereichte Dokument erst nach der BzP ausgestellt worden sei, ändere
nichts an der Glaubhaftigkeit des angegebenen Geburtsdatums. Er wisse
nicht, warum das SEM die eingereichte Geburtsurkunde nicht als beweis-
tauglich erachtet habe. Die Altersfeststellung durch das SEM habe zur
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Folge gehabt, dass er während des Asylverfahrens von Anfang an als voll-
jährig betrachtet worden und ihm keine Vertrauensperson beigeordnet wor-
den sei.
Im Weiteren habe das SEM bei der Beurteilung der Aussagen seinen Bil-
dungsstand nicht beachtet. Er kenne sich mit Jahreszahlen nicht so gut
aus und habe Mühe, zu rechnen. Aus diesem Grund habe er anlässlich der
BzP unzutreffende Angaben gemacht, die er im Rahmen der Anhörung auf-
grund des in der Zwischenzeit erfolgten Erlernens des «Rückberechnens»
in der Schweiz habe berichtigen können. Das SEM habe diese Erklärung
an der Anhörung als Schutzbehauptung gewertet, insbesondere da er bei
der BzP präzise Angaben gemacht habe. Indessen habe es sich bei den
Jahreszahlen, die er bei der BzP angegeben habe, nur um Schätzungen
gehandelt.
Ferner werde ihm vorgeworfen, dass er widersprüchliche Angaben hin-
sichtlich der Zwangsrekrutierung durch die Liyu-Police sowie die ONLF ge-
macht habe. Dies sei darauf zurückzuführen, dass er anlässlich der BzP
keine Gelegenheit erhalten habe, seine Asylgründe auszuführen. Er sei
dazu angehalten worden, sich kurz zu halten. So habe er nur geschildert,
was zuerst geschehen sei. Anlässlich der Anhörung habe er dann alles er-
zählt und habe sich auch um Details bemüht (beispielsweise habe er er-
wähnt, dass seine Mutter ein männliches Kamel organisiert habe, um ihn
nach Hause zu transportieren). Die Frage, ob er jemals persönlich Prob-
leme mit den Behörden oder der Polizei gehabt habe, habe er verneint, da
die Liyu-Police für ihn nicht zu den Behörden und der «normalen Polizei»
gehöre. Entgegen der Auffassung der Vorinstanz führe die Liyu-Polizei
Zwangsrekrutierungen in der Somali Region durch und gehe gegen Zivil-
personen vor, die verdächtigt würden, mit der ONLF zusammenzuarbeiten.
Im Weiteren sei die Übersetzung anlässlich der Anhörung mangelhaft ge-
wesen. Daher seien einige Ungenauigkeiten aufgetreten. Er habe den Dol-
metscher bei der Rückübersetzung nicht gut verstanden, weil dieser einen
anderen Akzent gesprochen habe, habe aber nicht gewusst, dass er die-
sen jederzeit unterbrechen könne, sollte er ihn nicht richtig verstehen. Er
sei aufgeregt und psychisch belastet gewesen. Im Weiteren habe die An-
hörung nur knapp vier Stunden gedauert und es seien nur wenige Fragen
gestellt worden, womit er seine Asylgründe nicht genügend ausführlich
habe darstellen können. Zudem sei er an der BzP aufgrund der erlittenen
Misshandlungen im Heimatstaat und auf der Flucht psychisch angeschla-
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gen gewesen, weshalb die Hilfswerkvertreterin eine psychologische Abklä-
rung von Amtes wegen angeregt habe. Zwar sei er seit seiner Ankunft in
der Schweiz nie in psychologischer Behandlung gewesen, aber dies dürfe
ihm nicht zum Vorwurf gemacht werden, da er sich mit dem Gesundheits-
wesen in der Schweiz nicht auskenne. Vielmehr wäre das SEM gehalten
gewesen, «seine Traumatisierung abzuklären».
Schliesslich habe er entgegen der Auffassung des SEM seine Herkunft
nicht verschleiert und seine persönliche und familiäre Situation im Heimat-
staat nicht möglichst negativ darzustellen versucht. Er habe nur wenige
Jahre die Schule besucht und während seines Aufenthaltes in der Schweiz
nur sporadisch telefonischen Kontakt mit der Familie gehabt. Bei einer
Rückkehr nach Äthiopien drohe ihm aufgrund der dort erlittenen Folter eine
Retraumatisierung. Schliesslich sei auf seine Integrationsbemühungen in
der Schweiz hinzuweisen.
6.
6.1 Vorab ist festzuhalten, dass sich die verfahrensrechtlichen Rügen in
der Beschwerde, wonach das SEM sowohl den Grundsatz des fairen Ver-
fahrens (angeblich mangelhafte Übersetzung, zu kurze Befragung) als
auch den Untersuchungsgrundsatz verletzt habe (ungenügende Abklärung
der Asylvorbringen sowie der Traumatisierung des Beschwerdeführers) als
unzutreffend erweisen.
So ergeben sich aus dem Anhörungsprotokoll keine konkreten Anhalts-
punkte darauf, dass eine rechtsungenügende Übersetzung erfolgt wäre.
Die Hilfswerkvertreterin hielt denn auch lediglich allgemein fest, dass der
Dolmetscher etwas Schwierigkeiten gehabt habe, sich auf Deutsch auszu-
drücken. Der Beschwerdeführer hat sodann sowohl anlässlich seiner An-
hörung wie auch seiner BzP beide Male ausdrücklich angegeben den Dol-
metscher «sehr gut» zu verstehen (vgl. A 33 F 1 und A 11 Antwort zu Ziffer
h.) Im Weiteren hat der Beschwerdeführer die Richtigkeit und Vollständig-
keit der Übersetzung unterschriftlich bestätigt (vgl. A33). Beim Vorbringen,
es seien einige Ungenauigkeiten aufgetreten, welche «eindeutig» auf
Übersetzungsschwierigkeiten beruhten, handelt es sich um eine Behaup-
tung, wofür keine Entsprechung in den Akten zu erkennen ist. Ferner gibt
entgegen der Auffassung in der Beschwerde auch die Dauer der Anhörung
keinen Anlass zur Kritik. Aus den Akten ergibt sich vielmehr, dass der Be-
schwerdeführer hinreichend Gelegenheit erhielt, seine Asylgründe zu schil-
dern (vgl. A33 F102), und zur Feststellung des rechtserheblichen Sachver-
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halts genügend Fragen gestellt wurden. In diesem Zusammenhang ist fest-
zuhalten, dass sich auch aus dem Protokoll der BzP keine Anhaltspunkte
dafür ergeben, dass der Beschwerdeführer, wie in der Beschwerde be-
hauptet, «stets dazu angehalten worden sei, sich kurz zu halten» und da-
her keine Gelegenheit erhalten habe, seine Asylgründe auszuführen.
Hinsichtlich des Vorwurfs in der Beschwerde, das SEM wäre gehalten ge-
wesen, «seine Traumatisierung abzuklären», da er aufgrund der erlittenen
Misshandlungen im Heimatstaat und auf der Flucht psychisch angeschla-
gen gewesen sei, ist mit dem SEM festzuhalten, dass der Beschwerdefüh-
rer anlässlich der Anhörung zunächst das Vorliegen gesundheitlicher
Schwierigkeiten unmissverständlich verneinte (vgl. A33 F5). Erst im Verlauf
der Anhörung wies er lediglich allgemein darauf hin, im Zeitpunkt der Ein-
reise «immer noch traumatisiert gewesen zu sein». Obwohl bereits am
17. Juli 2017 eingereist, begab sich der Beschwerdeführer jedoch in den
darauffolgenden eineinhalb Jahren bis zum Zweitpunkt der Anhörung vom
21. November 2018 weder in psychologische Behandlung, noch regte er
eine solche an. Der auf Beschwerdeebene vorgebrachte Erklärungsver-
such für dieses passive Verhalten, «dass er sich mit dem Gesundheitswe-
sen in der Schweiz nicht auskenne», vermag offenkundig nicht zu überzeu-
gen. Im Übrigen hielt die Hilfswerkvertreterin in ihrer Stellungnahme auch
lediglich fest, dass womöglich eine psychiatrische Abklärung vorgenom-
men werden sollte. Schliesslich ergeben sich aus dem Anhörungsprotokoll
keine konkreten Anhaltspunkte darauf, dass der Beschwerdeführer anläss-
lich der Anhörung in psychisch angeschlagener Verfassung gewesen wäre.
Bei dieser Sachlage hat das SEM zu Recht mangels Notwendigkeit auf die
Vornahme psychiatrischer Abklärungen verzichtet. Insgesamt erweisen
sich die vom Beschwerdeführer erhobenen formellen Rügen als unbegrün-
det. Es besteht daher keine Veranlassung, die angefochtene Verfügung
aus diesen Gründen aufzuheben und die Sache zur Feststellung des voll-
ständigen und richtigen rechtserheblichen Sachverhalts und zur Neubeur-
teilung an das SEM zurückzuweisen.
6.2 Das SEM hat im vorinstanzlichen Verfahren die behauptete Minderjäh-
rigkeit des Beschwerdeführers in Zweifel gezogen. Im Rahmen der Befra-
gung zur Person (BzP) vom 3. August 2017 wurde der Beschwerdeführer
ergänzend zum Befund der Handknochenanalyse angehört. Das SEM
teilte ihm mit, aufgrund seines Aussehens, der Knochenaltersbestimmung,
der fehlenden Identitätsdokumente und teils unglaubhafter Angaben zur
Schule, zum Alter bei der Ausreise, zum Geburtsort, zu den Zeugnissen
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und zum Reiseweg von dessen Volljährigkeit auszugehen (Geburtsdatum
[...]).
Auf Beschwerdeebene hält der Beschwerdeführer in Zusammenhang mit
seinen Asylvorbringen an seinen Geburtsangaben fest. Nach der Aufforde-
rung des SEM, Dokumente einzureichen, die sein Geburtsdatum belegten,
habe er eine durch seinen Onkel beschaffte Geburtsurkunde eingereicht.
Er wisse nicht, warum das SEM die eingereichte Geburtsurkunde nicht als
beweistauglich erachtet habe. Er habe zuvor ganz einfach keine Geburts-
urkunde besessen, weil die Geburten in seinem Heimatstaat nicht wie in
der Schweiz offiziell registriert würden. Die Tatsache, dass das von ihm
eingereichte Dokument erst nach der BzP ausgestellt worden sei, ändere
seiner Auffassung zufolge nichts an der Glaubhaftigkeit des angegebenen
Geburtsdatums. Die Altersfeststellung durch das SEM habe zur Folge ge-
habt, dass er während des Asylverfahrens keine Vertrauensperson beige-
ordnet worden sei.
6.3 Das SEM ist im Ergebnis zu Recht von der Volljährigkeit des Beschwer-
deführers ausgegangen.
Nach Praxis des Bundesverwaltungsgerichts ist die Handknochenanalyse
zwar zum direkten Beweis der Minder- beziehungsweise Volljährigkeit ei-
ner Person nicht geeignet (vgl. Koordinationsurteil des Bundesverwal-
tungsgerichts E-891/2017 vom 8. August 2018 E. 4.2.2). Vorliegend liegt
das vom Beschwerdeführer behauptete Alter (16,5 Jahre) im Vergleich zum
festgestellten Knochenalter von 19 Jahren (bloss) noch knapp innerhalb
der Standard-Abweichung von drei Jahren, womit das Ergebnis der Hand-
knochenanalyse relativiert wird. Mit der Einreichung der äthiopischen Ge-
burtsurkunde in Kopie vermag der Beschwerdeführer seinerseits aber die
geltend gemachte Minderjährigkeit nicht zu belegen. So handelt es sich
hierbei nicht um ein rechtsgenügliches Identitätspapier (vgl. BVGE 2007/7)
und solche Dokumente sind auch leicht fälschbar beziehungsweise käuf-
lich erwerbbar. Weiter beruhen die Angaben in der Geburtsurkunde offen-
bar ohnehin bloss auf den Angaben des Onkels des Beschwerdeführers.
Da die Identität des Beschwerdeführers mangels Vorliegen erforderlicher
Identitätspapiere nicht belegt ist, ist letztlich auch nicht überprüfbar, ob es
sich bei der in der Geburtsurkunde genannten Person effektiv um den Be-
schwerdeführer handelt. Im Weiteren ist darauf hinzuweisen, dass der Be-
schwerdeführer, wie vom SEM zutreffend festgestellt, unglaubhafte Anga-
ben zur Schule, zum Alter bei der Ausreise, zum Geburtsort, zu den Zeug-
nissen und zum Reiseweg machte. Somit ist es dem Beschwerdeführer
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nicht gelungen, die behauptete Minderjährigkeit glaubhaft zu machen. Das
SEM hat den Beschwerdeführer zu Recht als Volljährigen behandelt und
von der Beiordnung einer Vertrauensperson abgesehen. Das Geburtsda-
tum des Beschwerdeführers hat es mit (...) erfasst und den impliziten An-
trag auf Änderung des Geburtsdatums abgelehnt. In der Dispositivziffer 1
der angefochtenen Verfügung hielt es fest, dass das Geburtsdatum im
zentralen Migrationsinformationssystem ZEMIS unverändert als der (...) er-
fasst bleibe.
Die Frage, ob der in der Beschwerde manifestierte Anfechtungswille des
Beschwerdeführers auch die grundsätzlich anfechtbare Feststellung in Dis-
positivziffer 1 umfasst, ist vorliegend klar zu verneinen. Zum einen wird in
den Rechtsbegehren der Beschwerde – ohne Änderungsantrag des im
ZEMIS eingetragenen Geburtsdatums – ausdrücklich bloss die Aufhebung
der angefochtenen Verfügung und die Asylgewährung beantragt. Zum an-
deren stehen die Ausführungen des Beschwerdeführers zu seinem be-
haupteten Alter und den diesbezüglichen Erwägungen der Vorinstanz au-
genscheinlich nur in Zusammenhang zu seinen Asylvorbringen; insbeson-
dere zur Stellung als angeblich Minderjähriger im Asylverfahren.
6.4 Die Asylvorbringen des Beschwerdeführers, sowohl von der Liyu-Po-
lice als auch von der der ONLF beim Versuch der Zwangsrekrutierung
misshandelt worden zu sein, hat das SEM zu Recht als nicht glaubhaft er-
achtet.
6.5 Wie das SEM in der angefochtenen Verfügung zutreffend festhielt, sind
die Angaben des Beschwerdeführers in zentralen Punkten widersprüchlich
ausgefallen und die zentralen Vorbringen in der Anhörung erweisen sich
als offenkundig nachgeschoben. So hat der Beschwerdeführer abwei-
chend von der Angabe im Rahmen der BzP, wonach die genannte Spezi-
aleinheit der Polizei die Söhne seines Vaters habe rekrutieren wollen (vgl.
SEM-Protokoll A11 F7.01), anlässlich der Anhörung nur von sich als zu
Rekrutierenden gesprochen (vgl. A33 F102). Im Weiteren hat der Be-
schwerdeführer in der BzP angegeben, ausser der Verhaftung seines Va-
ters sei in den ungefähr drei verbleibenden Monaten bis zur Ausreise nichts
mehr geschehen (vgl. A11 F.7.02). Die erst im Rahmen der Anhörung erst-
mals geltend gemachten Vorbringen (Verhaftung durch die Liyu-Police,
Verhaftung durch Angehörige der OLNF, Folter, Todesurteil) wurden zuvor
in keiner Weise erwähnt. Der auf Beschwerdeebene vorgebrachte Erklä-
rungsversuch, wonach er im Rahmen der BzP keine Gelegenheit gehabt
habe, seine Asylgründe auszuführen, weshalb er nur geschildert habe, was
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Seite 12
zuerst geschehen sei, erweis sich als unbeholfen und vermag das wider-
sprüchliche Aussageverhalten keineswegs plausibel zu erklären. Wie be-
reits unter E. 6.1 festgehalten, ergeben sich aus dem Protokoll der BzP
keine Anhaltspunkte dafür, dass der Beschwerdeführer, wie in der Be-
schwerde behauptet, «stets dazu angehalten worden sei, sich kurz zu hal-
ten» und daher keine Gelegenheit erhalten habe, seine Asylgründe auszu-
führen. Ebenso wenig vermag die weitere Erklärung zu überzeugen, er
habe die Frage, ob er jemals persönlich Probleme mit den Behörden oder
der Polizei gehabt habe, verneint, da die Liyu-Police für ihn nicht zu den
Behörden und der «normalen Polizei» gehöre. Entsprechende Erklärungs-
versuche erweisen sich augenscheinlich als Schutzbehauptungen.
Schliesslich ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer auch mit dem Hin-
weis auf angebliche Übersetzungsschwierigkeiten die Widersprüchlichkeit
seiner Aussagen nicht zu erklären vermag (vgl. E.6.1).
Hinsichtlich des auf Beschwerdeebene eingereichten ärztlichen Berichts
des (...) vom 30. September 2020, worin der Verdacht auf eine posttrau-
matische Belastungsstörung (PTBS) attestiert wird, ist vorab festzustellen,
dass Arztberichte lediglich ein allgemeines Indiz bilden, das bei der Beur-
teilung der Glaubhaftigkeit von Verfolgungsvorbringen im Rahmen der Be-
weiswürdigung zu berücksichtigen ist. Vorliegend wird im genannten ärzt-
lichen Bericht der Verdacht auf eine PTBS aufgeführt, der auf traumatische
Erlebnisse auf der Flucht übers Mittelmeer zurückzuführen sei. Der ärztli-
che Bericht führt die erlittenen Misshandlungen somit gerade nicht auf Er-
lebnisse im Heimatstaat zurück. Der Bericht vermag daher die Einschät-
zung der Unglaubhaftigkeit der Asylvorbringen (hinsichtlich der geltend ge-
machten Erlebnisse im Heimatland) somit verständlicherweise nicht in
Frage zu stellen. Indes fällt auf, dass in den anamnetischen Angaben des
Berichts lediglich aufgeführt wird, dass der Beschwerdeführer «wegen
ständigen ethnischen Problemen und wegen der Gefahr des Einzuges in
das Militär» sich zur Flucht entschlossen habe. Vorbringen, wie vom Be-
schwerdeführer im Rahmen der Anhörung erstmals vorgetragen wurden,
sind interessanterweise somit auch den anamnetischen Angaben des Be-
richts nicht zu entnehmen.
6.6 Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass das SEM zu Recht die
Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers verneint und dessen Asyl-
gesuch abgewiesen hat.
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7.
7.1 Lehnt das Bundesamt das Asylgesuch ab oder tritt es nicht darauf ein,
so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet
den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Fa-
milie (Art. 44 AsylG).
7.2 Gemäss Art. 44 AsylG verfügt das SEM in der Regel die Wegweisung
aus der Schweiz, wenn es das Asylgesuch ablehnt oder darauf nicht ein-
tritt. Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche
Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol-
chen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (vgl. BVGE
2013/37 E.44; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
7.3 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG des Bundesgesetzes vom 16. Dezember 2005 über die
Ausländerinnen und Ausländer und über die Integration [AIG, SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
7.3.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn Verpflichtungen der Schweiz ei-
ner Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den Heimat-, Her-
kunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AIG).
So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun-
gen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund
nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur
Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG;
vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die
Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gemäss Art. 25 Abs. 3
BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und
andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder
Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3 EMRK darf niemand der
Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Behandlung
unterworfen werden.
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Die Vorinstanz wies in der der angefochtenen Verfügung zutreffend darauf
hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur Per-
sonen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem Be-
schwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr-
dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG
verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren
keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers in den
Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerdeführers
noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer Aus-
schaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit ei-
ner nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung
ausgesetzt wäre. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofes für Men-
schenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses müsste
der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr ("real risk") nachweisen oder
glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter oder un-
menschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR Saadi ge-
gen Italien 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06, §§ 124–127
m.w.H.).
7.3.2 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und
medizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefähr-
dung festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläu-
fige Aufnahme zu gewähren.
7.3.2.1 Das SEM führte aus, dass verschiedene Angaben des Beschwer-
deführers zu seinem Lebenslauf und zu seiner Situation in Äthiopien wider-
sprüchlich ausgefallen seien und den Eindruck erweckten, dass der Be-
schwerdeführer insbesondere anlässlich der Anhörung versucht habe,
seine persönliche und familiäre Situation im Heimatstaat möglichst un-
günstig darzustellen.
So habe er in der BzP angegeben, er sei in B._ geboren und habe
ab 2012 in C._ gelebt (vgl. A11 F2.01). Anlässlich der Anhörung
habe er hingegen geltend gemacht, er sei in B._ geboren worden
und bereits als Siebenjähriger nach C._ zur Grossmutter gezogen,
wobei er mit ungefähr vierzehn Jahren nach B._ zurückgekehrt sei
und dann dort gelebt habe (vgl. A33 F66). Im Weiteren habe der Beschwer-
deführer abweichend von der Aussage im Rahmen der BzP, wonach seine
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Mutter in C._ lebe (vgl. A11 F3.01) anlässlich der Anhörung geltend
gemacht, dass sie sich immer noch in B._ («im Dorf») aufhalte (vgl.
A33 F51). Auch bezüglich seiner Geschwister habe der Beschwerdeführer
widersprüchliche Angaben gemacht. So habe er in der BzP angegeben,
seine drei Brüder seien alle älter als er und habe für zwei genaue Altersun-
terschiede genannt (vgl. A11 F3.01). Anlässlich der Anhörung habe er in-
dessen geltend gemacht, zwei der Brüder seien jünger (vgl. A33 F27, F30-
F32). Hierzu habe er keine plausible Erklärung gegeben (vgl. A33 F44-
F45). Auch habe er anlässlich der Anhörung zuerst nur eine Schwester ge-
nannt (vgl. A33 F27, F33) und erst auf Nachfrage angegeben, eine zweite
(Halb)-Schwester zu haben (vgl. A33 F41). Im Weiteren habe der Be-
schwerdeführer an der Anhörung ausgesagt, das gesamte Vieh seiner Fa-
milie sei von der ONLF beschlagnahmt worden, er sei da gewesen, als das
geschehen sei, es sei Ende 2015 oder Anfang 2016 gewesen (vgl. A33
F75-F77). Bezugnehmend auf die Aussage des Beschwerdeführers, im
ersten Monat 2015 ausgereist zu sein (vgl. A11 F5.01), habe der Beschwer-
deführer indessen bei der angeblichen Beschlagnahmung des Viehs nicht
anwesend sein können. Bei der Erklärung des Beschwerdeführers, zum
Zeitpunkt der BzP habe er nichts über Daten gewusst und er sei in Wirk-
lichkeit erst im vierten Monat 2016 ausgereist (vgl. A33 F78-F79), handle
es sich offenbar um eine Schutzbehauptung, zumal der Beschwerdeführer
in der BzP relativ präzis angegeben habe, wo er auf der Reise in die
Schweiz wie lange gewesen sei (vgl. A11 F5.02), und die Gesamtdauer der
einzelnen Aufenthalte sich nicht mit einer Ausreise erst im April 2016 ver-
einbaren lasse.
Angesichts dieser zahlreichen unglaubhaften Aussagen müsse davon aus-
gegangen werden, dass der Beschwerdeführer nicht bereit sei, wahrheits-
gemäss über seine persönliche und familiäre Situation im Heimatstaat Aus-
kunft zu geben. Es sei dem SEM deshalb nicht möglich, sich in voller
Kenntnis der tatsächlichen persönlichen und familiären Situation des Be-
schwerdeführers zur Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs zu äussern.
Somit gäbe es keine Hinweise dafür, dass eine konkrete Gefährdung im
Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG vorliege
7.3.2.2 Das Bundesverwaltungsgericht geht in konstanter Praxis von der
grundsätzlichen Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs in alle Regionen
Äthiopiens aus. Trotz der weiterhin herrschenden ethnischen Spannungen
und Protestbewegungen in Äthiopien ist die Situation seit Amtsantritt von
Premierminister Abiy Ahmed stabiler, weshalb die allgemeine Lage in Äthio-
pien weder durch Krieg, Bürgerkrieg noch durch eine Situation allgemeiner
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Gewalt gekennzeichnet ist, aufgrund derer die Zivilbevölkerung allgemein
als konkret gefährdet bezeichnet werden müsste (vgl. Referenzurteil des
BVGer D-6630/2018 E. 12.2, in Bestätigung von BVGE 2011/25 E. 8.3).
Die Lebensbedingungen in Äthiopien sind allerdings nach wie vor prekär,
weshalb gemäss konstanter Praxis zur Existenzsicherung genügend finan-
zielle Mittel, berufliche Fähigkeiten sowie ein intaktes Beziehungsnetz er-
forderlich sind, um individuell die Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs
bestätigen zu können (vgl. Referenzurteil des BVGer D-6630/2018 E. 12.4,
in Bestätigung von BVGE 2011/25 E. 8.4).
7.3.2.3 Vorliegend ist hierzu festzuhalten, dass Wegweisungshindernisse
zwar grundsätzlich von Amtes wegen zu prüfen sind, diese Untersuchungs-
pflicht jedoch ihre Grenzen an der Mitwirkungs-und Offenbarungspflicht
des Asylsuchenden findet. Es ist nach ständiger Rechtsprechung nicht Auf-
gabe der Asylbehörden, bei fehlenden Hinweisen seitens des Asylsuchen-
den nach allfälligen Wegweisungshindernissen zu forschen, falls dieser
seiner Mitwirkungspflicht im Rahmen der Sachverhaltsermittlung nicht
nachkommt. Wie das SEM in seiner ausführlichen Begründung zutreffend
festgehalten hat, sind die Angaben des Beschwerdeführers zu seiner per-
sönlichen und familiären Situation in mehreren Punkten widersprüchlich
ausgefallen. Diese Einschätzung vermag der Beschwerdeführer in seiner
Beschwerde mit den Hinweisen auf seinen «geringen Bildungshinter-
grund» und seiner offenbaren «Schwierigkeit, Daten genau wiederzuge-
ben» und den nachträglichen Anpassungen und Umdeutungen seiner ur-
sprünglichen Aussagen nicht in Frage zu stellen. Aufgrund des genannten
unglaubhaften Aussageverhaltens muss davon ausgegangen werden,
dass der Beschwerdeführer nicht gewillt ist, seine tatsächlichen Lebens-
umstände im Heimatstaat (vollständig) offenzulegen. Eine Beurteilung der
tatsächlichen Verhältnisse ist somit aufgrund des Verhaltens des Be-
schwerdeführers nicht beziehungsweise nur eingeschränkt möglich. Je-
denfalls erscheint die geltend gemachte Beschlagnahmung des Viehs auf-
grund der diesbezüglich widersprüchlichen Angaben unglaubhaft. Ebenso
ist davon auszugehen, dass der Aufenthaltsort des Vaters des Beschwer-
deführers bekannt ist und sich dieser nicht im Gefängnis befindet, haben
sich doch die zugrundeliegenden Ereignisse als nicht glaubhaft erwiesen.
Selbst der Beschwerdeführer stellte in der Beschwerde heute nicht mehr
in Abrede, dass sich sein Vater (wieder) zuhause in B._ befinde.
Ausgehend von den übrigen eingeschränkten Angaben des Beschwerde-
führers steht fest, dass dieser an seinem letzten Wohnort über ein Bezie-
hungsnetz verfügt (Eltern und drei Geschwister), auf das er bei seiner
Rückkehr zurückgreifen kann. Auch kann, wie vorstehend erörtert, davon
http://links.weblaw.ch/BVGer-D-6630/2018 http://links.weblaw.ch/BVGE-2011/25 http://links.weblaw.ch/BVGer-D-6630/2018 http://links.weblaw.ch/BVGE-2011/25
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ausgegangen werden, dass die Familienmitglieder, wie bereits vor der Aus-
reise geschehen, erneut in der Lage sein werden, für ihn zu sorgen. Im
Übrigen hat der Beschwerdeführer im heutigen Zeitpunkt – selbst bei
Wahrunterstellung des als unglaubhaft eingestuften, behaupteten Geburts-
termins vom 17. Januar 2001 – die Volljährigkeit erreicht. Weiter ist der
Beschwerdeführer arbeitsfähig, wovon unter anderem auch die bisherigen
Integrationsbemühungen in der Schweiz (in Form von Arbeitsleistungen
und Spracherwerb) zeugen.
Somit lassen die individuellen Umstände, soweit angesichts des fraglichen
Aussageverhaltens des Beschwerdeführers überhaupt feststellbar, nicht
auf eine konkrete Gefährdung des Beschwerdeführers im Falle seiner
Rückkehr schliessen. Hinsichtlich des auf Beschwerdeebene eingereich-
ten ärztlichen Berichts des Ambulatoriums für Kriegs- und Folteropfer des
SRK vom 30. September 2020 ist festzuhalten, dass der darin diagnosti-
zierte Verdacht auf eine PTBS auf (angebliche) traumatische Erlebnisse
auf der Flucht übers Mittelmeer und eben gerade nicht auf erlittene Miss-
handlungen im Heimatstaat zurückgeführt wird, womit eine Retraumatisie-
rung bei einer Rückkehr in den Heimatstaat offenkundig nicht zu befürchten
ist. Im Weiteren ist davon auszugehen, dass das (wenig ausgeprägte)
Krankheitsbild in Äthiopien behandelbar ist. Die gesundheitliche Versor-
gung in Äthiopien hat sich in den letzten Jahren verbessert und der Zugang
zum Gesundheitssystem ist grundsätzlich gewährleistet (vgl. Urteil des
BVGer D-6630/2018 vom 6. Mai 2019, E. 12.3.4 [m.H.]). Im Übrigen ist
darauf hinzuweisen, dass aus gesundheitlichen Gründen ohnehin nur dann
auf Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs zu schliessen ist, wenn
eine notwendige medizinische Behandlung Heimatland nicht zur Verfügung
steht und die Rückkehr zu einer raschen und lebensgefährdenden Beein-
trächtigung des Gesundheitszustands, zur Invalidität oder gar zum Tod der
betroffenen Person führt (vgl. BVGE 2011/50 E. 8.3, 2009/52 E. 10.1,
2009/51 E. 5.5, 2009/28 E. 9.3.1, 2009/2 E. 9.3.2).
7.3.2.4 Nach dem Gesagten erweist sich der Wegweisungsvollzug auch
als zumutbar.
7.3.3 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
http://links.weblaw.ch/BVGer-D-6630/2018
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7.4 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
8.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
9.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten von Fr. 750.–
(Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Ent-
schädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2])
dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG), welche durch
den geleisteten Kostenvorschuss in gleicher Höhe gedeckt sind.
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