Decision ID: b71f7d4a-91fb-4dce-9c8c-e4dc3a0eb4fc
Year: 2022
Language: de
Court: GR_VG
Chamber: GR_VG_003
Canton: GR
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: social_law

I. Sachverhalt:
1. A._, geboren 1982, war zuletzt als Küchenhilfe und
Reinigungskraft im Hotel B._ in C._ tätig. Nachdem
bereits während Jahren rezidivierende lumbale Schmerzen bestanden
hatten, erlitt sie am 2. Januar 2020 bei der Arbeit eine akut aufgetretene
Lumboischialgie. Daraufhin wurde sie zu 100 % krankgeschrieben. Mit
Bericht vom 5. Februar 2020 diagnostizierte Dr. med. K._
namentlich ein ISG-Syndrom links.
2. Nachdem die im Februar und Juli 2020 durchgeführten Infiltrationen jeweils
zu einer deutlichen Schmerzexazerbation geführt hatten, begab sich
A._ vom 24. August 2020 bis zum 19. September 2020 zur
stationären Rehabilitation in die Kliniken D._. Mit Austrittsbericht
vom 15. Oktober 2020 wurde ein lumbospondylogenes Schmerzsyndrom
linksbetont bei einer Fehlform und -haltung der Wirbelsäule, einer
muskulären Dysbalance und Insuffizienz sowie leichten degenerativen
Veränderungen der Lendenwirbelsäule und ein ISG-Syndrom
diagnostiziert. Trotz Integration ins multimodale Therapieprogramm
konnten insgesamt nur geringe Verbesserungen erreicht werden.
3. Bereits am 10. September 2020 hatte sich A._ unter Hinweis auf
ihre Rückenschmerzen und Beschwerden am linken Bein bei der IV-Stelle
des Kantons Graubünden (nachfolgend IV-Stelle) zum Leistungsbezug
angemeldet. Diese tätigte erwerbliche und medizinische Abklärungen.
Dabei forderte sie den Hausarzt Dr. med. E._ und den
behandelnden Rheumatologen F._ mehrmals erfolglos auf,
Berichte einzureichen.
4. Mit Mitteilung vom 23. November 2020 schloss die IV-Stelle
Eingliederungsmassnahmen ab, da sich A._ zurzeit aus
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gesundheitlichen Gründen nicht in der Lage fühle, im wesentlichen Umfang
einer Erwerbstätigkeit nachzugehen.
5. In ihrem Bericht vom 14. Dezember 2020 diagnostizierte Dr. med.
G._, leitende Ärztin Neurologie des Kantonsspitals Graubünden,
eine unklare Beinparese links, und hielt in ihrer Beurteilung fest, die
durchgeführten Abklärungen seien allesamt normal. Insbesondere finde
sich weder eine periphere noch eine zentrale Ursache für die
Beschwerden.
6. Nach Einholung der Abschlussbeurteilung des Arztes des Regionalen
Ärztlichen Dienstes (RAD) Dr. med. H._ vom 28. Mai 2021 stellte
die IV-Stelle A._ mit Vorbescheid vom 17. Juni 2021 die
Abweisung ihres Leistungsbegehrens in Aussicht. Den getätigten
Abklärungen zufolge liege bei ihr eine Erkrankung vor, die nicht zu einem
länger andauernden Ausfall der Erwerbstätigkeit führe. Auch bestünden
zwischen den angegebenen Beschwerden bzw. Symptomen und den
erhobenen Befunden deutliche Diskrepanzen. Es werde davon
ausgegangen, dass die zuletzt ausgeführte Tätigkeit wie auch jegliche
angepasste Tätigkeit spätestens ab November 2020 wiederum voll
zumutbar sei. Dagegen erhob A._ am 14. Juli 2021 Einwand und
machte geltend, ihr Gesundheitszustand sei noch nicht stabil und es
müssten weitere Untersuchungen durchgeführt werden, über welche die
Dres. med. F._ und E._ Auskunft geben könnten.
Daraufhin informierte die IV-Stelle sie, dass im Vorbescheidverfahren keine
weiteren medizinischen Unterlagen eingeholt würden und solche bis zum
18. August 2021 (Einwandfrist) eingereicht werden könnten. Nachdem
keine weiteren medizinischen Berichte eingegangen waren, entschied die
IV-Stelle mit Verfügung vom 31. August 2021 wie vorbeschieden und
verneinte einen Anspruch auf eine Invalidenrente und auf berufliche
Eingliederungsmassnahmen.
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7. Dagegen liess A._ (nachfolgend Beschwerdeführerin) am 30.
September 2021 Beschwerde beim Verwaltungsgericht des Kantons
Graubünden erheben und in Aufhebung der Verfügung vom 31. August
2021 beantragen, ihr seien die Leistungen nach
Invalidenversicherungsgesetz, namentlich eine Invalidenrente,
zuzusprechen. Eventualiter sei die IV-Stelle anzuweisen, den
medizinischen Sachverhalt rechtsgenüglich abzuklären. Zur Begründung
führte sie im Wesentlichen aus, aus den aktenkundigen Berichten gehe
hervor, dass sie an invalidisierenden Rückenbeschwerden leide, welche
ihre Leistungsfähigkeit einschränkten. Diese seien auch Grund dafür, dass
sie seit dem Hebetrauma zu 100 % arbeitsunfähig sei. Trotz Infiltrationen,
stationärem Rehaaufenthalt, Physiotherapie, Versuch einer
osteopathischen Behandlung und physiotherapeutisch geleiteter
medizinischer Trainingstherapie sei es zu Schmerzexazerbationen
gekommen. Entsprechend seien ein ISG-Syndrom, ein
lumbospondylogenes Schmerzsyndrom und ein Verdacht auf
Hypermobilität diagnostiziert worden. Die Beschwerden seien objektivier-
und erklärbar. Sie sei deshalb aktuell nicht in der Lage, einer
Erwerbstätigkeit nachzugehen. Wegen der Rückenproblematik sei sie
nebst ihrem Hausarzt Dr. med. E._ insbesondere beim
Rheumatologen F._ in Behandlung. In den Akten fänden sich
jedoch keine Berichte dieser beiden Ärzte. Im Winter 2020 habe die IV-
Stelle zwar Erinnerungen an diese geschickt, es aber in den weiteren sechs
Monaten bis zum Vorbescheid unterlassen, die Ärzte ein weiteres Mal an
die Unterlagen zu erinnern. Dies obwohl in den vorliegenden Berichten
ausgeführt worden sei, dass die Rückenschmerzen weiterhin abgeklärt
werden müssten. Der aktuellste Bericht betreffend den Rücken datiere vom
15. Oktober 2020; aktuellere Berichte fänden sich keine in den Akten. Es
könne damit nicht behauptet werden, dass die vorliegenden medizinischen
Unterlagen eine Würdigung der Rückenbeschwerden mit dem Beweisgrad
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der überwiegenden Wahrscheinlichkeit zuliessen, so dass der
rechtserhebliche Sachverhalt als erstellt gelten könne. Mithin sei der
Untersuchungsgrundsatz verletzt worden. Auch könne auf die
Beurteilungen des RAD-Arztes Dr. med. H._ nicht abgestellt
werden. Bei objektiv vorliegenden Befunden zu ihren Rückenbeschwerden
und nachdem jegliche Therapieversuche gescheitert seien, könne von
einer niedrigen Beweiskonsistenz keine Rede sein. Ihre Ärzte bestätigten
vielmehr weiterhin die damit einhergehenden Einschränkungen und der
hohe Leidensdruck. Der RAD-Arzt widerspreche sich auch selbst, wenn er
zuerst ausführe, dass am Ende der vorgesehenen osteopathischen
Behandlung mit einer 100%igen Arbeitsfähigkeit gerechnet werden müsse,
und dann nach Abbruch dieser Behandlung von keiner Arbeitsunfähigkeit
mehr ausgehe. Schliesslich verfüge Dr. med. H._ mangels
Facharzttitels nicht über die erforderlichen Qualifikationen, um eine
sachgerechte Beurteilung vornehmen zu können.
8. In ihrer Vernehmlassung vom 4. November 2021 schloss die IV-Stelle
(nachfolgend Beschwerdegegnerin) auf Abweisung der Beschwerde. Den
Vorbringen der Beschwerdeführerin entgegnete sie unter anderem, dass
die RAD-Abschlussbeurteilung in ihren Ergebnissen schlüssig,
nachvollziehbar und widerspruchsfrei sei. Die Beschwerdeführerin
vermöge diese Einschätzung nicht im Geringsten zu erschüttern. So lägen
insbesondere keine abweichenden Arztberichte vor. Dr. med. H._
verfüge als medico chirurga, specialista in medicina legale e delle
assicurazioni (IT), auch über klar genügende fachärztliche Kenntnisse, um
die vorliegenden Rückenbeschwerden anhand der Akten zu beurteilen.
Diesbezüglich seien seine Ausführungen nachvollziehbar: Das vorhandene
Wirbelsäulenleiden sei ärztlicherseits übereinstimmend diagnostisch
zugeordnet und auch die Einschätzung der dadurch bewirkten
Beeinträchtigungen der Arbeitsfähigkeit entspreche einhelliger Auffassung.
Rechtsprechungsgemäss könnten denn auch reine Aktengutachten
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beweiskräftig sein, sofern – wie hier – ein lückenloser Befund vorliege und
es im Wesentlichen nur um die fachärztliche Beurteilung eines an sich
feststehenden medizinischen Sachverhalts gehe. Sämtliche vorliegenden
fachärztlichen Abklärungen hätten altersentsprechend normale Befunde
ergeben, welche keine längerdauernde Arbeitsunfähigkeit zu begründen
vermöchten. Daher habe auf das Einholen der Berichte der behandelnden
Dres. med. E._ und F._ verzichtet werden können. Es
bestünden keine Zweifel an der Beurteilung des RAD, dass die
Voraussetzungen für die Anerkennung einer bleibenden Arbeitsunfähigkeit
nicht gegeben seien.
9. Die Beschwerdeführerin replizierte am 20. Dezember 2021 bei
unveränderten Rechtsbegehren und vertiefte ihren Standpunkt. Sie
widersprach der Ansicht der Beschwerdegegnerin, wonach keine
abweichenden Arztberichte zur RAD-Beurteilung vorlägen, eine einhellige
Auffassung zur Arbeitsfähigkeit bestünde und es nur um die Beurteilung
eines an sich feststehenden Sachverhalts gehe. Dazu legte sie zwei
Zuweisungsberichte ihres behandelnden Rheumatologen F._ vom
9. April 2021 und 8. Oktober 2021, einen Bericht von Dr. med. I._
vom 22. November 2021 sowie einen solchen von Dr. med. J._
vom 26. November 2021 ins Recht.
10. Die Beschwerdegegnerin nahm dazu in ihrer Duplik vom 29. Dezember
2021 in ablehnender Weise Stellung.
Auf die weiteren Vorbringen der Parteien in den Rechtsschriften, die
angefochtene Zwischenverfügung und die weiteren Akten wird, sofern
erforderlich, in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.

II. Das Gericht zieht in Erwägung:
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1. Die vorliegende Beschwerde vom 30. September 2021 richtet sich gegen
die Verfügung der Beschwerdegegnerin vom 31. August 2021, worin das
Leistungsbegehren der Beschwerdeführerin abgewiesen wurde. Eine
solche Anordnung, welche gemäss Bundesrecht der Beschwerde an das
Versicherungsgericht am Ort der verfügenden IV-Stelle unterliegt, kann
beim Verwaltungsgericht des Kantons Graubünden als das örtlich und
sachlich zuständige Versicherungsgericht angefochten werden (vgl. Art.
49 Abs. 2 lit. a des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege [VRG; BR
370.100] i.V.m. Art. 69 Abs. 1 lit. a des Bundesgesetzes über die
Invalidenversicherung [IVG; SR 831.20] sowie Art. 57 des
Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts [ATSG; SR 830.1]). Als formelle und materielle
Verfügungsadressatin ist die Beschwerdeführerin von der angefochtenen
Verfügung unmittelbar betroffen und hat ein schutzwürdiges Interesse an
deren Aufhebung oder Änderung. Sie ist folglich zur Beschwerdeerhebung
legitimiert (Art. 1 Abs. 1 IVG i.V.m. Art. 59 ATSG). Die Beschwerde wurde
überdies frist- und formgerecht eingereicht (Art. 1 Abs. 1 IVG i.V.m. Art. 60
Abs. 1 und 2 ATSG, Art. 38 f. sowie Art. 61 lit. b ATSG). Darauf ist
demnach einzutreten.
2. Streitgegenstand bildet die Frage, ob die Beschwerdeführerin Anspruch
auf Leistungen der Invalidenversicherung hat. Zu prüfen ist, ob ein
invalidisierender Gesundheitsschaden mit Auswirkungen auf die
Arbeitsfähigkeit vorliegt bzw. ob ein solcher hinreichend abgeklärt worden
ist.
3. Zunächst gilt es verfahrensrechtlich festzuhalten, dass der
Beschwerdegegnerin insoweit nicht gefolgt werden kann, als sie gewisse
mit der Replik von der Beschwerdeführerin eingereichte medizinische
Berichte pauschal aus dem Recht gewiesen haben möchte. Zwar ist nach
ständiger Rechtsprechung des Bundesgerichts der Zeitraum bis zum
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Abschluss des Verwaltungsverfahrens die Bezugsgrösse für den
entscheidrelevanten Sachverhalt (BGE 143 V 409 E.2.1 m.H.). Spätere
Arztberichte sind aber in die Beurteilung miteinzubeziehen, soweit sie
Rückschlüsse auf die im Zeitpunkt des Abschlusses des
Verwaltungsverfahrens gegebene Situation erlauben (vgl. BGE 121 V 362
E.1b am Ende; Urteil des Bundesgerichts 9C_361/2020 vom 26. Februar
2021 E.3.3 und 8C_414/2019 vom 25. September 2019 E.2.2.2).
4.1. Bei der Feststellung des Gesundheitszustands und bei der Beurteilung der
Arbeitsfähigkeit der versicherten Person ist die Verwaltung und im
Beschwerdefall das Gericht auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und
gegebenenfalls auch andere Fachpersonen zur Verfügung stellen.
Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu
beurteilen und wenn nötig seine Entwicklung im Laufe der Zeit zu
beschreiben. Dies bedeutet in erster Linie, mit den Mitteln fachgerechter
ärztlicher Untersuchungen unter Berücksichtigung der subjektiven
Beschwerden die Befunde zu erheben und gestützt darauf die Diagnose
zu stellen. Bei der Folgenabschätzung der erhobenen gesundheitlichen
Beeinträchtigungen für die Arbeitsfähigkeit kommt der Arztperson
hingegen keine abschliessende Beurteilungskompetenz zu. Vielmehr
nimmt die Arztperson zur Arbeitsunfähigkeit Stellung, das heisst sie gibt
eine Schätzung ab, welche sie aus ihrer Sicht so substanziell wie möglich
begründet bzw. nimmt sie dazu Stellung, in welchem Umfang und
bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte Person arbeitsunfähig ist.
Insoweit sind die ärztlichen Auskünfte eine wichtige Grundlage für die
Beurteilung der Frage, welche Arbeitsleistungen der versicherten Person
noch zugemutet werden können (siehe BGE 145 V 364 E.3.2.1 f., 140 V
193 E.3.1 f. und 132 V 93 E.4; Urteile des Bundesgerichts 8C_569/2021
vom 2. Februar 2022 E.3.2.2, 8C_225/2021 vom 10. Juni 2021 E.3.2,
8C_144/2021 vom 27. Mai 2021 E.2.4, 8C_47/2021 vom 18. März 2021
E.5.2.3).
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4.2. Das Gericht hat die medizinischen Unterlagen nach dem für den
Sozialversicherungsprozess gültigen Grundsatz der freien
Beweiswürdigung (vgl. Art. 61 lit. c ATSG) – wie alle anderen Beweismittel
– frei, d.h. ohne Bindung an förmliche Beweisregeln, sowie umfassend und
pflichtgemäss zu würdigen. Dies bedeutet, dass das
Sozialversicherungsgericht alle Beweismittel, unabhängig davon, von
wem sie stammen, objektiv zu prüfen und danach zu entscheiden hat, ob
die verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige Beurteilung des streitigen
Rechtsanspruchs gestatten. Insbesondere darf es bei einander
widersprechenden medizinischen Berichten den Prozess nicht erledigen,
ohne das gesamte Beweismaterial zu würdigen und die Gründe
anzugeben, warum es auf die eine und nicht auf die andere medizinische
These abstellt (siehe BGE 143 V 124 E.2.2.2 und 125 V 351 E.3a).
Hinsichtlich des Beweiswerts eines Arztberichts ist demnach
entscheidend, ob dieser für die streitigen Belange umfassend ist, auf
allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden
berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden
ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der
Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die
Schlussfolgerungen der Expertin oder des Experten begründet sind (vgl.
BGE 134 V 231 E.5.1, 125 V 351 E.3a; Urteile des Bundesgerichts
8C_380/2021 vom 21. Dezember 2021 E.3.2, 8C_173/2021 vom
25. Oktober 2021 E.4.1, 8C_101/2021 vom 25. Juni 2021 E.5.1,
8C_225/2021 vom 10. Juni 2021 E.3.2, 8C_144/2021 vom 27. Mai 2021
E.2.4). Ausschlaggebend für den Beweiswert ist grundsätzlich somit
weder die Herkunft eines Beweismittels noch die Bezeichnung der
eingereichten oder in Auftrag gegebenen Stellungnahme als Bericht oder
Gutachten (vgl. BGE 125 V 351 E.3a und 122 V 157 E.1c).
4.3. Dennoch erachtet es die bundesgerichtliche Rechtsprechung mit dem
Grundsatz der freien Beweiswürdigung als vereinbar, in Bezug auf
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bestimmte Formen medizinischer Berichte und Gutachten Richtlinien für
die Beweiswürdigung aufzustellen (vgl. die ausführliche
Zusammenstellung dieser Richtlinien in BGE 125 V 351 E.3b mit
zahlreichen Hinweisen). So kommt den Berichten und Gutachten
versicherungsinterner Ärzte Beweiswert zu, sofern sie als schlüssig
erscheinen, nachvollziehbar begründet sowie in sich widerspruchsfrei sind
und keine Indizien gegen ihre Zuverlässigkeit sprechen. Die Tatsache
allein, dass der befragte Arzt in einem Anstellungsverhältnis zum
Versicherungsträger steht, lässt nicht schon auf mangelnde Objektivität
und auf Befangenheit schliessen. Es bedarf vielmehr besonderer
Umstände, welche das Misstrauen in die Unparteilichkeit der Beurteilung
objektiv als begründet erscheinen lassen. Im Hinblick auf die erhebliche
Bedeutung, welche den Arztberichten im Sozialversicherungsrecht
zukommt, ist an die Unparteilichkeit des Gutachters allerdings ein strenger
Massstab anzulegen (vgl. BGE 125 V 351 E.3b, 122 V 157 E.1c).
Bestehen auch bloss geringe Zweifel an der Zuverlässigkeit und
Schlüssigkeit der versicherungsinternen Feststellungen, so sind
ergänzende Abklärungen vorzunehmen (vgl. BGE 135 V 465 E.4.3.2 und
E.4.4; Urteile des Bundesgerichts 9C_168/2020 vom 17. März 2021 E.3.2,
8C_245/2011 vom 25. August 2011 E.5.3).
5. Im konkreten Fall sind zur Beurteilung des Gesundheitszustands bzw. der
Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin im Wesentlichen die folgenden
medizinischen Unterlagen zu berücksichtigen:
5.1. Mit Bericht vom 5. Februar 2020 diagnostizierte Dr. med. K._,
Facharzt für Neurochirurgie, ein ISG-Syndrom links sowie eine milde
Diskopathie L5/S1 bzw. fortgeschrittene Diskopathie L1/2. Zur
Vorgeschichte führte er aus, die Beschwerdeführerin schildere eine akut
aufgetretene Lumboischialgie links seit dem 2. Januar 2020. Aktuell liege
eine gewisse Besserung nach Schmerzmitteleinnahme und einer
Infiltration beim Hausarzt vor. Sie fühle sich aber weiterhin im Rücken stark
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blockiert; es bestehe ein intensiver Schmerz hauptsächlich gluteal und
über der Dorsalseite des Beines bis zur Ferse. Das Gehen sei auf wenige
Minuten limitiert. Im Sitzen sei es am Schlechtesten; die
Beschwerdeführerin könne aber auch nicht gut schlafen: Sie werde in der
Nacht häufig aufgrund der Beschwerden wach und müsse etwas
herumgehen. In befundlicher Hinsicht hielt Dr. med. K._ fest, bei
der neurologischen Untersuchung der schlanken Beschwerdeführerin in
gutem Allgemeinzustand finde sich kein sehr ausgeprägtes
Lumbalsyndrom, der Fingerspitzen-Boden-Abstand betrage 10 cm. Die
Hüftrotation sei etwas eingeschränkt. Es bestehe eine deutliche
Druckschmerzhaftigkeit interspinös und noch mehr über dem ISG. Auch
liege ein deutlicher Hüftkompressionsschmerz und positiver Gaenslen-
Test vor. Die Sensibilität in den Füssen sei seitengleich intakt. Die grobe
Kraft sei bei manueller Prüfung ebenfalls seitengleich. Das einbeinige
Heben in den Zehenstand gelinge auf der linken Seite jedoch nicht,
wahrscheinlich schmerzschonungsbedingt. In seiner Beurteilung stellte
Dr. med. K._ fest, die Beschwerdeführerin zeige einen hohen
Leidensdruck. Eine Neurokompression liesse sich nicht nachweisen. Es
bestehe kein Bandscheibenvorfall, keine Spinalkanalstenose und keine
vertebrale Instabilität. Als Therapieversuch habe er eine ISG-Infiltration
CT-gesteuert direkt im Anschluss an die Konsultation vorgeschlagen, was
die Beschwerdeführerin gerne angenommen habe (siehe Akten der
Beschwerdegegnerin [Bg-act.] 9 S. 2 f.).
5.2. Am 27. Juni 2020 äusserte der behandelnde Rheumatologe F._
einen hochgradigen Verdacht auf eine seronegative Spondarthropathie. In
anamnestischer Hinsicht führte er namentlich aus, es sei nach der ISG-
Infiltration zu einer Schmerzexazerbation gekommen. Unter Steroiden
habe eine Verringerung der Beschwerden erreicht werden können. Aktuell
fänden sich anhaltende lumbale und linksbetonte Beckenschmerzen.
Klinisch bestehe eine segmentale Dysfunktion der LWS und ISG-
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Blockaden links > rechts. Die Beschwerden seien aufgrund der erhobenen
Befunde erklärbar. Es bestehe weiterhin eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit.
In der bisherigen Tätigkeit sei die Beschwerdeführerin aufgrund der stark
verminderten Belastbarkeit der Lendenwirbelsäule eingeschränkt. Es
komme zu einer Verstärkung der Schmerzen bei Belastung. Eine sehr
leichte, wechselbelastende Tätigkeit sei in einem Pensum von ca. 30 %
möglich (Bg-act. 9 S. 8).
5.3. Zum Röntgenbefund hielt Dr. med. L._ mit Bericht vom 11.
September 2020 einen Verdacht auf eine geringgradige Hypermobilität
fest. Bei Inklination bestehe ein diskretes ventrales Gleiten LWK 3
gegenüber LWK4 sowie LWK4 gegenüber LWK5, aber kein Nachweis
einer Instabilität. Als Diagnosen wies er ein lumbospondylogenes
Schmerzsyndrom linksbetont bei einer Fehlform und -haltung der
Wirbelsäule, einer muskulären Dysbalance sowie mässigen
degenerativen Veränderungen der LWS und ein ISG-Syndrom links bei
Status nach Infiltrationen links 02/2020 und 07/2020 mit jeweils deutlicher
Schmerzexazerbation fest (Bg-act. 39 S. 3).
5.4. Mit Bericht vom 4. Oktober 2020 stellte Dr. med. M._, Fachärztin
für Urologie, eine intermittierende Harninkontinenz im Rahmen von
lumbospondylogenen Schmerzen fest. Die Untersuchung habe einen
urosonographisch unauffälligen Befund gezeigt. Da die Harninkontinenz
nur im Rahmen der Rückenschmerzen auftrete, sei eine neurogene
Ursache am wahrscheinlichsten. Insofern werde eine neurologische
Abklärung und eine erneute Abklärung der rezidivierenden
Rückenschmerzen empfohlen (Bg-act. 43 S. 7).
5.5. In seinem psychosomatischen Austrittsbericht vom 6. Oktober 2020 wies
Dr. med. I._ zum Behandlungsverlauf in den Kliniken D._
darauf hin, dass die Beschwerdeführerin stets sehr engagiert trainiert und
sich dabei durchaus als schmerzspitzentolerant erwiesen habe.
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Andererseits habe sie berichtet, von den vielen Monaten mit Schmerzen
doch recht zermürbt zu sein, aber keinesfalls aufgeben wolle, ihre
Probleme konservativ zu behandeln. Trotzdem plane sie mit ihrem
Rheumatologen F._ gründlich zu besprechen, ob nicht allenfalls
ein operatives Vorgehen doch von Vorteil wäre. In seiner Beurteilung
konnte Dr. med. I._ keine Psychopathologie erheben (Bg-act. 39
S. 5).
5.6. Im Austrittsbericht vom 15. Oktober 2020 zu der vom 24. August 2020 bis
zum 19. September 2020 stattgefundenen stationären Behandlung in den
Kliniken D._ wurde das bekannte lumbospondylogene
Schmerzsyndrom linksbetont und ISG-Syndrom ausgewiesen. Zum
Verlauf wurde festgehalten, die Beschwerdeführerin habe im Januar 2020
mehrere Blockierungen im lumbalen Bereich bei vorgeneigter Position
erlitten. Die Infiltrationen hätten eine gute anhaltende Wirkung für ca. 2.5
Monate gezeigt. Die Wiederholung habe keinen therapeutischen Effekt
ergeben. Die aktuelle MRI-Untersuchung der LWS zeige eine leicht
aktivierte Osteochondrose LWK1/2 sowie insgesamt leichte degenerative
Veränderungen der LWS. Bei Eintritt habe die Beschwerdeführerin über
starke lumbale Rückenschmerzen berichtet mit Ausstrahlung ins linke
Bein bis zum Fuss, nicht dermatombezogen. Zusätzlich hätten
Sensibilitätsstörungen am linken Ober- und Unterschenkel lateral sowie
am lateralen Fuss bestanden. Die Schmerzen seien mit einer Intensität
von 4-5/10 angegeben worden. Bei Schmerzspitzen sei es zu
blockierenden Schmerzen mit 9/10 auf NRS gekommen. Die
Beschwerdeführerin sei in ein multimodales intensives Therapieprogramm
integriert worden und habe sich während des Aufenthalts sehr motiviert
gezeigt. Insgesamt habe die Schmerzintensität unter regelmässigem
Training zwischenzeitlich zugenommen, weshalb eine analgetische
Therapie vorübergehend etabliert worden sei. Durch physikalische und
physiotherapeutische Behandlung habe der Muskeltonus im
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Lumbalbereich leicht reduziert werden können. In den letzten
Behandlungstagen sei es unter Belastungssteigerung beim Training zu
einer Schmerzexazerbation der muskulären Genese, Muskelschwäche im
ganzen linken Bein und Fuss sowie Hypästhesie, nicht dermatombezogen,
gekommen. Aus rheumatologischer Sicht sei die Ursache der anhaltenden
Schmerzsymptomatik im Rahmen einer muskulären Dysbalance zu
sehen. Trotz Integration ins multimodale Therapieprogramm hätten
insgesamt nur geringe Verbesserungen erreicht werden können. Bei
ausgeschöpftem stationären Rehapotenzial werde die
Beschwerdeführerin in die weitere ambulante Behandlung nach Hause
entlassen. Eine regelmässige Weiterführung des instruierten
Heimprogramms, des physiotherapeutisch geleiteten medizinischen
Trainingsprogramms (MTT) und der ambulanten Physiotherapie werde
empfohlen. Für die Dauer des stationären Aufenthalts wurde eine 100%ige
Arbeitsunfähigkeit ausgewiesen (Bg-act. 39 S. 10).
5.7. Mit Bericht vom 27. Oktober 2020 wies Dr. med. G._, Fachärztin
für Neurologie, eine unklare Beinparese links, DD Myelopahtie bzw.
Beinplexusläsion links aus. Zur Anamnese führte sie aus, die
Beschwerdeführerin berichte, seit dem 18. Lebensjahr an
intermittierenden Rückenschmerzen zu leiden. Bei Exazerbationen habe
sie jeweils Schmerzmittel eingenommen, welche zu einer Regredienz
geführt hätten. Am 2. Januar 2020 habe die Beschwerdeführerin infolge
eines Hebetraumas einen akuten stechenden Rückenschmerz mit
immediater Ausstrahlung ins linke Bein entwickelt. Seitdem würden die
Schmerzen invalidisierend persistieren. Sie habe schon mehrere
therapeutische Versuche mit Infiltrationen hinter sich, welche bis auf eine
einmalige Linderung keine Besserung bewirkt hätten. Sie mache wie
verordnet auch Physiotherapie und MTT, was alles nichts bringe. Aktuell
sei sie zu 100 % krankgeschrieben. Zum neurologischen Status führte Dr.
med. G._ aus, das Gehen erfolge mit Nachziehen des linken
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Beines ohne Abrollen vom Fuss. Die Fussspitze werde am Boden mit
Extrarotation vom Bein nachgeschleift. Das Gehen für längere Strecken
sei nur mit Stöcken möglich. Ein Fersen- und Fussspitzgang sei links nicht
möglich. Die Beschwerdeführerin könne vom Stuhl nur mit Unterstützung
der Hände aufstehen, vorwiegend wegen der Rückenschmerzen. Die Kraft
im gesamten linken Bein sei vermindert. In ihrer Beurteilung führte Dr.
med. G._ sodann aus, bei der Beschwerdeführerin bestehe eine
Beinparese links mit Lumbalgien. Die bis anhin durchgeführten MRI der
LWS hätten kein Korrelat dazu gezeigt. Die heutige Klinik scheine nicht
eindeutig somatoform überlagert zu sein (was aber eine solche auch nicht
grundsätzlich ausschliesse). Es bestehe eine Indikation für weitere
Abklärungen (Bg-act. 43 S. 9 f.).
5.8. Im MRI der HWS/BWS vom 6. November 2020 fand sich kein Nachweis
einer Myelopathie (Bg-act. 43 S. 11).
5.9. Am 25. November 2020 berichtete Dr. med. G._, die bislang
durchgeführten Abklärungen hätten keine wegweisenden Befunde
ergeben. Insbesondere habe keine Myelopathie nachgewiesen werden
können. Auch bestünden keine Hinweise auf eine Polyneuropathie,
motorische Radikulopathie L4-L5 oder sensible Radikulopatie S1 bilateral.
Im heutigen Neurostatus falle auf, dass die Beschwerdeführerin relativ
inkonstante Befunde nachweise, die auf eine mögliche somatoforme
Ursache hindeuten könnte. Darauf angesprochen verneine die
Beschwerdeführerin eine solche Möglichkeit vehement. Die Symptome
könnten nicht eingeordnet werden. Eine mögliche somatoforme Ursache
werde nicht ausgeschlossen. Zur Sicherheit würden Abklärungen für eine
zentrale Ursache in die Wege geleitet (Bg-act. 43 S. 13).
5.10. Am 3. Dezember 2020 berichtete Dr. med. N._, Facharzt für
Gastroenterologie, anlässlich der bei der Beschwerdeführerin
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gleichentags durchgeführten Koloskopie einen Polypen im Colon
transversum abgetragen zu haben (Bg-act. 43 S. 14 f.).
5.11. In ihrem Bericht vom 14. Dezember 2020 führte Dr. med. G._ bei
bekannter Diagnose einer unklaren Beinparese links aus, dass die
Beschwerdeführerin weiterhin an Stöcken laufe und auf der linken Seite
hinke. Die durchgeführten Zusatzuntersuchungen hätten ein
altersentsprechend normales MRI des Schädels (vgl. hierzu Bg-act. 57)
und normale SSEP tibialis ergeben. In ihrer Beurteilung führte sie aus, die
durchgeführten Abklärungen seien allesamt normal. Insbesondere finde
sich weder eine periphere noch eine zentrale Ursache für die
Beschwerden. Die Beschwerdeführerin sei weiterhin der Überzeugung,
dass eine organische Ursache für ihre Beschwerden vorliege und weise
eine somatoforme Ursache weiterhin ab. Wie schon mehrmals erklärt,
könne sie die Beschwerden der Beschwerdeführerin nicht richtig
einordnen, merkwürdig bleibe der Temperaturunterschied zwischen den
Extremitäten. Es spreche nichts dagegen, die Beschwerdeführerin zum
Osteopathen gehen zu lassen. Eine neurologische Grunderkrankung habe
nicht gefunden werden können. Es sei keine Kontrolle mehr geplant (Bg-
act. 43 S. 1 f.).
5.12. Am 28. März 2021 teilte der behandelnde Osteopathe Donckles der
Beschwerdegegnerin auf Nachfrage mit, dass die Therapie in Absprache
mit dem Arzt und der Beschwerdeführerin aufgrund fehlender
Erfolgsaussichten nach zwei Sitzungen abgebrochen worden sei (Bg-act.
54).
5.13. Im Zuweisungsbericht vom 9. April 2021 (wohl recte eher 9. Oktober 2021;
sicherlich jedoch nach dem 12. Juli 2021) des behandelnden
Rheumatologen F._ an Dr. med. J._ zur
rheumatologischen Zweitbeurteilung diagnostizierte Ersterer neben einer
unklaren linksseitigen passagären Visusstörung im Mai 2021
- 17 -
insbesondere eine unklare, persistierende, nicht dermatomspezifische
Sensibilitätsstörung und Beinparese im linken Bein bei intermittierender
Harninkontinenz unklarer Ursache und als Differenzialdiagnose eine
Somatisierungsstörung bzw. funktionell eine chronisch rezidivierende
lumboradikuläre Reizsymptomatik mit Schmerzhemmung. Zudem wies er
ein therapieresistentes, invalidisierendes lumbospondylogenes
Schmerzsyndrom beidseits linksbetont aus bei anamnestisch initial
vereinbar mit einem entzündlichen Rückenschmerz, mässig
degenerativen Veränderungen (MRI 01/2020, 03/2020, 07/2020 und RX
03/2020), ISG-Syndrom links bei St. n. ISG-Infiltrationen 04/2020 und
07/2020 mit jeweils deutlicher Schmerzexazerbation, unklare
Sensibilitätsstörungen links vereinbar mit dem Dermatom S1 und L5 bei
St. n. periradikulärer Infiltration der L5-Wurzel am 12. Juli 2021 mit
vollständiger Schmerzfreiheit für ein bis zwei Tage, Fehlform und -haltung
der Wirbelsäule sowie einer Tendenz zur Schmerzausweitung. Dazu
führte er aus, bis auf eine deutliche Verringerung der Beschwerden bis zur
Schmerzfreiheit durch wiederholte Steroidstösse, welche später nicht
mehr toleriert worden seien, seien sämtliche Therapiemassnahmen im
Verlauf ohne Effekt gewesen. Bei anhaltenden Beschwerden sei die
Beschwerdeführerin zur Rehabilitation nach D._ geschickt
worden. Während des Aufenthalts sei dann eine zunehmende Beinparese
links aufgetreten, weshalb die Beschwerdeführerin seither auf
Unterarmgehstöcke angewiesen sei. Sämtliche Therapieversuche seien
seither ohne wesentlichen Effekt gewesen, auch wegen multipler
Medikamentenunverträglichkeiten. Im Juni (wohl recte: Mai) sei dann auch
eine unklare Visusstörung links aufgetreten. Wiederholte neurologische
Beurteilungen hätten keine Ursache für die persistierenden
Rückenschmerzen, die linksseitige Beinparese und Visusstörung
ergeben. Aus neurologischer Sicht sei der Verdacht auf eine
Somatisierungsstörung geäussert worden, weshalb er eine Zuweisung an
Dr. med. I._ veranlasst habe, welcher die Beschwerdeführerin
- 18 -
während der Rehabilitation in D._ beurteilt habe, mit damals
unauffälligem Befund. Zuletzt habe er aufgrund des letzten MRI-Befunds
vom 22. Juni 2021 mit möglicher Reizung der L5-Wurzel und dazu
passenden Angaben der Beschwerdeführerin eine periradikuläre
Infiltration L5 veranlasst. Nach der Infiltration am 12. Juli 2021 habe die
Beschwerdeführerin für ein bis zwei Tage deutlich weniger Schmerzen
und eine vermehrte Beinschwäche angegeben mit anschliessend wieder
unveränderter Symptomatik. Aufgrund der Symptomatik und der
Beschwerden sei die Beschwerdeführerin seit ihrer Entlassung aus den
Kliniken D._ im September 2020 anhaltend zu 100 %
arbeitsunfähig geschrieben (vgl. Replik-Akten Beschwerdeführerin [Bf-R-
act.] 1).
5.14. Im Zuweisungsschreiben an Dr. med. I._ vom 8. Oktober 2021
zur erneuten psychiatrischen Beurteilung führte der behandelnde
Rheumatologe F._ bei unveränderten Diagnosen aus, es würden
linksseitige lumbospondylogene Beschwerden und eine auch durch
wiederholte Abklärungen aus neurologischer Sicht nicht erklärbaren
Beinparese links persistieren. Diese habe sich während des
Rehabilitationsaufenhalts in D._ akzentuiert und persistiere
seither. Die Beschwerdeführerin sei seither nur mit Unterarmstücken
gehfähig. Dr. med. G._ habe den Verdacht auf eine mögliche
somatoforme Ursache der anhaltenden Beschwerden geäussert. Im Mai
2021 seien zudem unklare, im Verlauf vollständig regrediente
Visusstörungen des linken Auges aufgetreten, ohne dass sich sichere
Hinweise auf eine MS oder andere Ursache habe finden lassen. Alle
bisherigen Therapieversuche mit Pharmakotherapie, ambulanter
Physiotherapie, stationärer Rehabilitationsbehandlung, MTT, Chiropraxis
und Osteopathie hätten die Beschwerden bisher nicht verringern können
oder deren Zunahme verursacht. Eine Somatisierungsstörung mit
funktioneller Lähmung sei zu diskutieren. Dafür passe allerdings nicht,
- 19 -
dass die lumbalen Rückenschmerzen mit Ausstrahlung in das linke Bein
wiederholt auf Steroidstösse und zuletzt auf eine periradikuläre Infiltration
der L5-Wurzel links bei möglicher radikulärer L5-Reizung mit vollständiger
bis parzieller Regredienz der Schmerzen reagiert hätten. Hinweise auf
einen entzündlichen Befall der Wirbelsäule seien keine gefunden worden.
Die Ursache bleibe unklar. Eine psychiatrische Verlaufsbeurteilung
erscheine indiziert. Aus rheumatologischer Sicht sei die
Beschwerdeführerin seit September 2020 aufgrund der anhaltenden
Schmerzen und der Beinparese links mit deutlich eingeschränkter
Gehfähigkeit zu 100 % arbeitsunfähig geschrieben (Bf-R-act. 2).
5.15. Mit Bericht vom 22. November 2021 hielt Dr. med. I._ fest, es
gelte zu berücksichtigen, dass im Verlauf der bisherigen
Krankengeschichte verschiedene Phänomene aufgetreten und auch
aktuell nachvollziehbar seien, welche sich aus psychosomatischer Sicht
nicht abschliessend erklären liessen. Hierbei handle es sich um
sogenannte psychologische Faktoren und Verhaltensfaktoren (ICD-10:
F54) und die körperlich nachvollziehbaren Beschwerden würden
zumindest punktuell von dissoziativen Störungen der Bewegung und
Sinnesempfindlichkeit überlagert. Auch die Episode mit äthiologisch nicht
zugeordneten Sehstörungen könnte im Sinne dieser spezifischen
Psychopathologie interpretiert werden (Bf-R-act. 3).
5.16. In seinem Bericht vom 26. November 2021 diagnostizierte Dr. med.
J._ ein lumbospondylogenes Syndrom links mit intermittierender
lumboradikulären Reizsymptomatik L5 links bei muskulärer Dysbalance,
degenerativen Veränderungen der unteren LWS mit
Segmentdegeneration L4/5 und L5/S1, generalisierter Hyperlaxizität und
teilweiser funktioneller Begleitproblematik. Dazu führte er aus, die
Symptomatik lasse sich nicht alleine auf ein organisches Korrelat
zurückführen. Die (im Untersuch festgestellte) Fusshebeschwäche zeige
sich in unterschiedlichen Situationen in unterschiedlichem Ausmass, so
- 20 -
dass zusammen mit der ebenfalls angegebenen Urin- und leichter
Stuhlinkontinenz ein leichtgradiges schmerzassoziiertes funktionelles
Geschehen vermutet werden müsse. Diagnostisch würde er weitere
infiltrative Massnahmen vorsehen im Sinne einer
Facettengelenksinfiltration L4/5 und L5/S1 beidseits und allenfalls einer
Diskographie bzw. eines Diskoblocks. Möglicherweise sei die
Symptomatik auf eine segmentale Mikroinstabilität im Sinne eines
intradiskalen Derangements zurückzuführen. Sollte ein solches
segmentales Problem vorliegen, so müssten die infiltrativen
Behandlungen an den Facettengelenken oder an der Bandscheibe zu
einer doch deutlicheren Beschwerdelinderung führen. In dieser Situation
wäre allenfalls mit einem erfahrenen Wirbelsäulenchirurgen eine
segmentstabilisierende Operation zu diskutieren (Bf-R-act. 4).
6. Vorliegend verneinte die Beschwerdegegnerin in der angefochtenen
Verfügung vom 31. August 2021 einen Anspruch auf Leistungen der
Invalidenversicherung namentlich mit der Begründung, die bei der
Beschwerdeführerin vorliegende Erkrankung führe nicht zu einem länger
andauernden Ausfall der Erwerbstätigkeit; die zuletzt ausgeführte Tätigkeit
wie auch jegliche angepasste Tätigkeit sei spätestens ab November 2020
wiederum voll zumutbar (Bg-act. 70). Die Beschwerdegegnerin stützte sich
dabei insbesondere auf die Abschlussbeurteilung des RAD-Arztes Dr. med.
H._ vom 28. Mai 2021 ab (Bg-act. 71 S. 10 [Case Report]). Dieser
führte darin aus, es bestehe eine LWS-Problematik ohne neurologische
Ausfälle (siehe negative EMG vom 8. Dezember 2020 und auch negative
PESS). Auch das MRI vom 10. Dezember 2020 sei unauffällig. Laut
neurologischem Bericht vom 14. Dezember 2020 seien die durchgeführten
Abklärungen als normal zu bewerten. Insbesondere sei weder eine
periphere noch eine zentrale Ursache für die Beschwerden gefunden
worden. Es sei von Seiten des Urologen von einer intermittierenden
Harninkontinenz im Rahmen der lumbospondylogenen Schmerzen die Rede
- 21 -
(siehe Arztbericht von Dr. med. M._ vom 4. Oktober 2020). Es seien
keine Komorbiditäten vorhanden, ausser Kolonpolypen, wobei am 9.
Dezember 2020 ein Polyp reseziert worden sei, ohne Auffinden von
Dysplasien mit empfohlener Kontrollkoloskopie per 2023. Von
psychiatrischer Seite gebe es anscheinend keine gesundheitliche
Problematik (siehe Bericht vom 31. August 2020). Aufgrund dieser niedrigen
Beweiskonsistenz des Krankheitsbildes, bei welchem eine deutliche
Diskrepanz zwischen den angegebenen Symptomen und den Befunden
bestehe, seien die Voraussetzungen für die Anerkennung einer bleibenden
Arbeitsunfähigkeit sowohl in den angestammten Tätigkeiten und so mehr in
adaptierten Tätigkeiten nicht gegeben. Auf Eingliederungsmassnahmen
dürfte verzichtet werden. Gestützt darauf wies Dr. med. H._ ab dem
14. Dezember 2020 eine 100%ige Arbeitsfähigkeit in der bisherigen und
einer adaptierten Tätigkeit aus (Bg-act. 71 S. 11 [Case Report]).
7. Im Folgenden ist somit zu prüfen, ob die Beschwerdegegnerin zu Recht auf
die RAD-Abschlussbeurteilung vom 28. Mai 2021 abgestellt hat oder ob die
übrige Aktenlage daran auch nur geringe Zweifel zu wecken vermag.
Während die Beschwerdegegnerin darin einen Gesamtwert der
Arbeitsfähigkeit erblickt und sie in ihren Ergebnissen für schlüssig,
nachvollziehbar und widerspruchsfrei hält, erachtet die
Beschwerdeführerin eine Einschränkung ihrer Leistungsfähigkeit aufgrund
der therapierefraktären Rückenbeschwerden für ausgewiesen bzw. den
medizinischen Sachverhalt für ungenügend abklärt.
8. Im Sozialversicherungsrecht gilt grundsätzlich der
Untersuchungsgrundsatz, wobei die Auskunfts- und Mitwirkungspflicht der
Leistungen beanspruchenden Person zu berücksichtigen ist. Die Behörde
hat, wo notwendig, den rechtserheblichen Sachverhalt von Amtes wegen
abzuklären, ohne dabei an die Anträge der Parteien gebunden zu sein (vgl.
Art. 43 Abs. 1 und 3 ATSG; KIESER, ATSG-Kommentar, 4. Aufl.,
- 22 -
Zürich/Basel/Genf 2020, Art. 43 Rz. 13 ff. und 96 ff.). Die
Untersuchungspflicht gilt sowohl im Verwaltungsverfahren wie auch
grundsätzlich im kantonalen Gerichtsverfahren (vgl. Art. 61 lit. c ATSG). Die
Untersuchungspflicht dauert so lange, bis über die für die Beurteilung des
streitigen Anspruchs erforderlichen Tatsachen hinreichende Klarheit
besteht. Wenn der Versicherungsträger oder das kantonale
Sozialversicherungsgericht im Rahmen einer umfassenden, sorgfältigen,
objektiven und inhaltsbezogenen Beweiswürdigung zur Überzeugung
gelangt, dass ein bestimmter Sachverhalt überwiegend wahrscheinlich sei,
steht dies einer antizipierten Beweiswürdigung nicht entgegen. Bleiben
jedoch erhebliche Zweifel an der Vollständigkeit und/oder Richtigkeit der
getroffenen Tatsachenfeststellungen bestehen, ist weiter zu ermitteln,
soweit von zusätzlichen Abklärungsmassnahmen noch neue wesentliche
Erkenntnisse zu erwarten sind (vgl. Urteile des Bundesgerichts
8C_398/2018 vom 5. Dezember 2018 E.3.1, 8C_616/2013 vom 28. Januar
2014 E.2.1; KIESER, a.a.O., Art. 43 Rz. 18 ff. und 29 f.). Kommt die
Verwaltung ihrer Abklärungspflicht nicht oder nicht genügend nach, kann
die Sache aus diesem Grund an die Verwaltung zurückgewiesen werden
(vgl. BGE 132 V 368 E.5).
9. Zwar ist der Beschwerdegegnerin darin beizupflichten, dass auch reine
Aktenberichte, wie dies grundsätzlich auch bei den Stellungnahmen
Regionaler Ärztlicher Dienste der Fall ist, rechtsprechungsgemäss
beweiskräftig sein können (vgl. Urteil des Bundesgerichts 8C_224/2020
vom 13. Mai 2020 E.4.3, 8C_125/2020 vom 15. April 2020 E.3,
8C_322/2020 vom 9. Juli 2020 E.3). Hierfür muss aber – auch nach der
von der Beschwerdegegnerin zitierten Praxis – ein lückenloser Befund
vorliegen und es im Wesentlichen nur um die fachärztliche Beurteilung
eines an sich feststehenden medizinischen Sachverhalts gehen, so dass
eine direkte ärztliche Befassung mit der versicherten Person in den
Hintergrund rückt (vgl. Urteil des Bundesgerichts 8C_224/2020 vom 13.
- 23 -
Mai 2020 E.4.3, 9C_651/2019 vom 18. Februar 2020 E.4.3 m.H.). Dies trifft
vorliegend auf das von der Beschwerdeführerin als im Vordergrund
stehend bezeichnete Rückenleiden indessen nicht zu. Soweit sich den
Akten entnehmen lässt, waren RAD-Arzt Dr. med. H._ mit Blick
auf dieses Beschwerdebild einzig der Bericht von Dr. med. K._
vom 5. Februar 2020 sowie der Austrittsbericht der Kliniken D._
vom 15. Oktober 2020 bzw. der diesem zugrundeliegende Röntgenbefund
vom 11. September 2020 bekannt (vgl. RAD-Beurteilung vom 17. Februar
2021 [Bg-act. 71 S. 8 f.]). Obwohl darin ein ISG-Syndrom links und ein
lumbospondylogenes Schmerzsyndrom linksbetont mit Fehlform und -
haltung der Wirbelsäule, muskulärer Dysbalance und mässigen
degenerativen Veränderungen der LWS ausgewiesen wurden (vgl. Bg-act.
9 S. 2 f., 39 S. 3 und S. 9 ff.), bezüglich welcher ein hoher Leidensdruck
anerkannt wurde bzw. gestützt auf welche der behandelnde Rheumatologe
F._ auch nach dem Klinikaustritt im September 2020 eine
100%ige Arbeitsunfähigkeit attestierte (vgl. Zuweisungsberichte vom 9.
April 2021 und 8. Oktober 2021 [Bf-act. 1 f.], Bericht vom 27. Juni 2020 [Bg-
act. 9 S. 8] und diverse ärztliche Zeugnisse ab dem 15. April 2020 [Bg-act.
10 S. 4 ff.]), sind keine entsprechenden, im Rahmen des
Abklärungsverfahrens eingeholten Verlaufsberichte aktenkundig. Zwar
bemühte sich die Beschwerdegegnerin nach erfolgter Anmeldung zum
Leistungsbezug zu Beginn noch darum, solche bei den der behandelnden
(Fach-)Ärzten F._ und Dr. med. E._ erhältlich zu machen
(vgl. Bg-act. 20, 29, 38, 40, 45). Die letzten Erinnerungen zur Einreichung
der einverlangten Unterlagen datieren jedoch von Dezember 2020 (Bg-act.
40 und 45), womit bis zum Erlass der Verfügung am 31. August 2021 trotz
der klinisch und bildgebend unterlegten, therapierefraktären
persistierenden Rückenbeschwerden mit funktionellen Auswirkungen
keine entsprechenden Abklärungen mehr erfolgten. Da die Akten somit
kein vollständiges Bild über die Anamnese, den Verlauf und den im
Verfügungszeitpunkt gegenwärtigen Status ergaben, ist dem Aktenbericht
- 24 -
des RAD-Arztes Dr. med. H._ vom 28. Mai 2021 bereits aus
diesem Grund die Beweistauglichkeit abzusprechen. Aufgrund der
unvollständigen Abklärung des medizinischen Sachverhalts ist Dr. med.
H._ denn auch in befundlicher Hinsicht entgangen, dass die
therapierefraktären Rückenbeschwerden persistierten und neben der im
Mai 2021 bei der Beschwerdeführerin aufgetretenen unklaren Visusstörung
im MRI-Befund vom 22. Juni 2021 eine mögliche Reizung der L5-Wurzel
festgestellt worden ist (vgl. Zuweisungsberichte des behandelnden
Rheumatologen F._ vom 9. April 2021 und 8. Oktober 2021 [Bf-R-
act. 1 f.]), gestützt auf welche Dr. med. J._ mit Bericht vom 26.
November 2021 als Ursache für die Symptomatik eine segmentale
Mikroinstabilität im Sinne eines intradiskalen Derangements vermutete, bei
welcher – sollte sich diese diagnostisch bewahrheiten – eine
segmentstabilisierende Operation zu diskutieren sei (Bf-R-act. 4). Auch
insoweit kann somit entgegen der Auffassung der Beschwerdegegnerin
nicht von einer im Zeitpunkt der Aktenbeurteilung durch den RAD bzw. des
Verfügungserlasses an sich feststehenden medizinischen Sachlage mit
Blick auf die Rücken- bzw. Wirbelsäulenleidens gesprochen werden.
Insofern hätte die Beschwerdegegnerin auch nicht in antizipierter
Beweiswürdigung auf weitere medizinische Abklärungen, insbesondere bei
den behandelnden (Fach-)Ärzten, verzichten dürfen.
10. Hinzu kommt, dass RAD-Arzt Dr. med. H._ in seiner
Abschlussbeurteilung vom 28. Mai 2021 auf die neurologischen Ausfälle
betreffend das linke Bein fokussierte und es hinsichtlich des Rückenleidens
beim Hinweis auf die LWS-Problematik bewenden liess, ohne sich mit den
vorbefundlichen Diagnosen und deren Auswirkungen auf die
Arbeitsfähigkeit auseinanderzusetzen und seine abweichende
Einschätzung in nachvollziehbarer Weise zu begründen. Denn während er
insgesamt eine bleibende Arbeitsunfähigkeit der Beschwerdeführerin in der
bisherigen und einer adaptierten Tätigkeit verneinte (Bg-act. 70 S. 10 f.),
- 25 -
stellten die behandelnden Fachärzte gestützt auf die klinischen und
bildgebenden Befunde neben einem ISG-Syndrom links insbesondere ein
therapieresistentes, lumbospondylogenes Schmerzsyndrom linksbetont
bei einer Fehlform und -haltung der Wirbelsäule, einer muskulären
Dysbalance sowie mässigen degenerativen Veränderungen der LWS fest
(vgl. Bg-act. 9 S. 2 f., 9 S. 7 f., 39 S. 3, 39 S. 9 f., Bf-R-act. 1 und 2), wobei
der behandelnde Rheumatologe F._ eine auch nach dem
Rehabilitationsaufenthalt weiterhin bestehende 100%ige
Arbeitsunfähigkeit auswies (vgl. Zuweisungsberichte vom 9. April 2021 und
8. Oktober 2021 [Bf-act. 1 f.], Bericht vom 27. Juni 2020 [Bg-act. 9 S. 8]
und diverse ärztliche Zeugnisse ab dem 15. April 2020 [Bg-act. 10 S. 4 ff.]).
Demnach erweist es sich als aktenwidrig, wenn die Beschwerdegegnerin
in der Vernehmlassung ausführte, die Einschätzung des RAD der durch
das Wirbelsäulenleiden bewirkten Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit
entspreche einhelliger Auffassung und es lägen keine abweichenden
Berichte vor. Vielmehr hätte es diesbezüglich von Seiten von Dr. med.
H._ einer eingehenden und nachvollziehbaren Begründung
bedurft, sind doch die zwischen der RAD-ärztlichen und den vorgenannten
fachärztlichen Beurteilungen bestehenden Divergenzen unmittelbar für die
zu klärenden Belange bedeutsam.
11. Des Weiteren vermag die Einschätzung von Dr. med. H._ auch
nicht mit Blick auf die neurologisch untersuchte, letztendlich aber unklar
gebliebenen Beinparese links zu überzeugen. Zwar stellte er in
Übereinstimmung mit dem Bericht von Dr. med. G._ vom 14.
Dezember 2020 fest, dass die Ergebnisse der durchgeführten Abklärungen
als normal zu bewerten seien und sich weder eine periphere noch eine
zentrale Ursache für die Beschwerden habe finden lassen (Bg-act. 71 S.
10 und 43 S. 1). Dr. med. G._ betonte in ihren Berichten indes
mehrmals, dass sie die Symptomatik nicht richtig einordnen könne, und
vermutete eine mögliche somatoforme Ursache für die anhaltenden
- 26 -
Beschwerden (Bg-act. 43 S. 9 f., 43 S. 13 und 43 S. 1). Mangels
neurologisch klar fassbarer Ausfallproblematik am linken Bein hätte es Dr.
med. H._ daher nicht beim Hinweis auf eine niedrige
Beweiskonsistenz des Krankheitsbildes und die deutliche Diskrepanz
zwischen den angegebenen Symptomen und den Befunden bewenden
lassen dürfen (Bg-act. 71 S. 11). Aufgrund des aus neurologischer Sicht
geäusserten Verdachts auf eine Somatisierungsstörung hätten sich weitere
psychiatrische Abklärungen aufgedrängt, auch wenn Dr. med. I._
mit psychosomatischem Austrittsbericht vom 6. Oktober 2020 damals
keinen auffälligen Befund erheben konnte (Bg-act. 39 S. 5), wurde er doch
auch nicht spezifisch um eine Abklärung einer Somatisierungsstörung
gebeten. Dies wurde erst durch den behandelnden Rheumatologen
F._ mit der Zuweisung vom 8. Oktober 2021 nachgeholt (Bf-R-act.
2). In seinem Bericht vom 22. November 2021 stellte Dr. med. I._
letztlich fest, dass im Verlauf der bisherigen Krankengeschichte
verschiedene Phänomene aufgetreten und auch aktuell nachvollziehbar
seien, welche sich aus psychosomatischer Sicht nicht abschliessend
erklären liessen. Hierbei handle es sich um sogenannte psychologische
Faktoren und Verhaltensfaktoren (ICD-10: F54) und die körperlich
nachvollziehbaren Beschwerden würden zumindest punktuell von
dissoziativen Störungen der Bewegung und Sinnesempfindlichkeit
überlagert. Auch die Episode mit äthiologisch nicht zugeordneten
Sehstörungen könnte im Sinne dieser spezifischen Psychopathologie
interpretiert werden (Bf-R-act. 3). Dies blieb mit Blick auf die Beurteilung
der medizinischen Zusammenhänge unberücksichtigt.
12. Schliesslich kann der RAD-Abschlussbeurteilung vom 28. Mai 2021 auch
nicht hinsichtlich der Einschätzung der funktionellen Auswirkungen der
festgestellten Ausfallproblematik im linken Bein gefolgt werden. So geht
aus den Berichten von Dr. med. G._ in befundlicher Hinsicht
hervor, dass die Beschwerdeführerin beim Gehen das linke Bein nachziehe
- 27 -
und nicht vom Fuss abrolle. Die Fussspitze werde am Boden mit
Extrarotation vom Bein nachgeschleift. Das Gehen für längere Strecken sei
nur mit Stöcken möglich. Ein Fersen- und Fussspitzgang sei links nicht
möglich. Die Beschwerdeführerin könne vom Stuhl nur mit Unterstützung
der Hände aufstehen, vorwiegend wegen der Rückenschmerzen. Die Kraft
im gesamten linken Bein sei vermindert (Bg-act. 43 S. 9 f. und 43 S. 1). In
Übereinstimmung damit stellte auch der behandelnde Rheumatologe
F._ in seinen Zuweisungsberichten vom 9. April 2021 und 8.
Oktober 2021 fest, dass sich die Beinparese links während des
Rehabilitationsaufenthalts in den Kliniken D._ akzentuiert habe
und seither persistiere, wobei die Beschwerdeführerin nur mit
Unterarmgehstöcken gehfähig sei (Bf-R-act. 1 und 2). Vor diesem
Hintergrund leuchtet insbesondere nicht ein, wenn Dr. med. H._
die Voraussetzungen für die Anerkennung einer bleibenden
Arbeitsunfähigkeit in der angestammten Tätigkeit, d.h. als Küchenhilfe und
Reinigungsfachkraft (Bg-act. 19), verneint hat. Auch mit Blick auf mögliche
Verweisungstätigkeiten fand keine eigentliche Auseinandersetzung mit den
funktionellen Auswirkungen der festgestellten Einschränkungen statt. So
wurde denn auch kein leidensangepasstes Belastungsprofil definiert (Bg-
act. 71 S. 10 f.). Zudem weist die Beschwerdeführerin zu Recht darauf hin,
dass es widersprüchlich erscheint, wenn Dr. med. H._ in seiner
Stellungnahme vom 16. Februar 2021 in prognostischer Hinsicht zunächst
mit einer Wiedererlangung einer 100%igen Arbeitsfähigkeit am Ende der
vorgesehenen osteopathischen Behandlung rechnete (Bg-act. 71 S. 6),
nach deren Abbruch mangels Erfolgsaussichten in Absprache mit dem Arzt
nach nur zwei Sitzungen (Bg-act. 54) sodann aber von keiner
Arbeitsunfähigkeit mehr ausging (Bg-act. 71 S. 9 f.).
13. Insgesamt vermag die RAD-Abschlussbeurteilung vom 28. Mai 2021 somit
keinen beweiswertig genügenden, insbesondere umfassenden und
betreffend die medizinischen Zusammenhänge und deren funktionelle
- 28 -
Auswirkungen nachvollziehbaren Aktenbericht zu bilden. Da sich das
tatsächlich erreichbare Leistungsvermögen der Beschwerdeführerin
mangels genügender Abklärung des rechtserheblichen Sachverhalts auch
nicht anhand der übrigen Aktenlage zuverlässig und umfassend
einschätzen lässt, erweist sich ein reformatorischer Entscheid im Sinne
einer Zusprache von Leistungen der Invalidenversicherung, insbesondere
einer Invalidenrente, wie dies von der Beschwerdeführerin im
Hauptrechtsbegehren beantragt wird, als verfrüht.
Die Beschwerde ist daher im Eventualstandpunkt gutzuheissen, die
angefochtene Verfügung aufzuheben und die Angelegenheit an die
Beschwerdegegnerin zurückzuweisen, damit diese nach externer
sachverständiger oder fachärztlicher Abklärung des medizinischen
Sachverhalts (und unter Gewährung des rechtlichen Gehörs) gestützt auf
die dannzumal vollständigen medizinischen Unterlagen über den
Leistungsanspruch der Beschwerdeführerin neu entscheide bzw.
berufliche Eingliederungsmassnahmen einleite. Vor diesem Hintergrund
erübrigen sich Weiterungen zur spezifischen fachärztlichen Qualifikation
von RAD-Arzt Dr. med. H._.
14. Gemäss Art. 69 Abs. 1bis IVG i.V.m. Art. 61 lit. fbis ATSG ist das
Beschwerdeverfahren bei Streitigkeiten über Leistungen aus der
Invalidenversicherung vor dem kantonalen Versicherungsgericht
kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem Verfahrensaufwand und
unabhängig vom Streitwert im Rahmen von CHF 200.-- bis CHF 1'000.--
festgelegt. Bei Fällen wie dem vorliegenden, in denen ein durchschnittlicher
Aufwand entstanden ist, setzt das Gericht die Kosten in Berücksichtigung
des bundesrechtlichen Kostenrahmens auf CHF 700.-- fest. Die
Rückweisung zu weiteren Abklärungen gilt praxisgemäss als vollständiges
Obsiegen der beschwerdeführenden Partei bezüglich der Verteilung der
Gerichtskosten und der Zusprache einer Parteientschädigung (vgl. BGE
- 29 -
141 V 281 E.11.1, 137 V 210 E.7.1, 132 V 215 E.6.2). Infolge des Ausgangs
des Beschwerdeverfahrens sind die Gerichtskosten von CHF 700.--
demnach der Beschwerdegegnerin zu überbinden (vgl. Art. 73 Abs. 1
VRG).
15. Die Beschwerdeführerin hat gestützt auf Art. 61 lit. g ATSG Anspruch auf Ersatz der Parteikosten zu Lasten der Beschwerdegegnerin. Die
Bemessung der Entschädigung erfolgt ohne Rücksicht auf den Streitwert
nach der Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des
Prozesses, wobei der zeitliche Aufwand der Rechtsvertretung regelmässig
von der Schwierigkeit des Prozesses mitbestimmt wird. Im Übrigen wird die
Bemessung der Parteientschädigung gemäss Art. 61 Ingress ATSG nach
dem kantonalen Recht bestimmt (vgl. Urteile des Bundesgerichts
9C_714/2018 vom 18. Dezember 2018 E.9.2, 9C_321/2018 vom 16.
Oktober 2018 E.6.1, 9C_688/2009 vom 19. November 2009 E.3.1.1 f.).
Gemäss Art. 78 VRG i.V.m. Art. 2 der Verordnung über die Bemessung des
Honorars der Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte (Honorarverordnung,
HV; BR 310.250) wird die Parteientschädigung nach Ermessen des
Gerichts festgesetzt, wobei es grundsätzlich von dem in der Honorarnote
geltend gemachten (und als angemessen zu betrachtenden) Aufwand
sowie (üblichen) Stundenansatz ausgeht. Der Rechtsvertreter der
Beschwerdeführerin reichte trotz entsprechender Aufforderung durch das
Gericht mit Schreiben vom 8. November 2021 keine Honorarnote ein. Der
Beschwerdeführerin ist deshalb unter Berücksichtigung des praxisgemäss
bei fehlender Honorarvereinbarung geltenden Stundenansatzes von CHF
240.-- (vgl. statt vieler Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons
Graubünden R 17 86 vom 17. April 2018 E.5.2) eine pauschale
Parteientschädigung in der Höhe von CHF 3'500.-- (inkl. Spesen und
MWST) zuzusprechen. In diesem Umfang hat die Beschwerdegegnerin die
Beschwerdeführerin aussergerichtlich zu entschädigen.
- 30 -