Decision ID: 44d61cbd-ae9b-429f-bb54-6525f67865d2
Year: 2020
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
Die 1971
geborene
X._
, seit
1.
Februar
2014 als Betreuerin bei der
Y._
mit Sitz in
Z._
(BE)
angestellt, war bei der Allianz Suisse Versicherungs-Gesellschaft AG
(nach
folgend: Allianz)
im Rahmen einer kollektiven Krankentaggeldversicherung gemäss dem Bundesgesetz über den Versicherungsvertrag (VVG) taggeldvers
ichert (Urk. 9/3, Urk.
9/1005
).
A
m
8.
Mai 2017
wurde der Allianz
eine
seit
5.
April 2017 bestehende vollum
fängliche
Arbeitsunfähigkeit
der Versicherten aufgrund eines Burnouts gemeldet (
Urk.
9
/3).
Am 1
8.
Juli 2017 kündigte die Arbeitgeberin das Arbeitsverhältnis mit der Versicherten auf den 3
1.
Oktober 2017 (vgl.
Urk.
9/20).
Auf Veranlassung der Allianz wurde die Versicherte durch
Dr.
med. A._
, Facharzt für Psych
i
atrie und Psychotherapie
,
am 1
0.
August 2017
vertrauensärztlich untersucht, wobei der Untersuchungsbericht am 1
5.
August 2017 erstattet wurde (
Urk.
9/22). In der Folge
eröffnete
die Allianz der Versicherten
am 2
8.
August 2017
,
dass ihr aufgrund der Beurteilung durch
Dr.
A._
bis zum 3
1.
Oktober 2017 Taggel
der
aufgrund einer 100%igen Arbeitsunfähigkeit
ausgerichtet würden. A
b dem
1.
November 2017
sei ihr zumutbar,
wieder eine volle
Arbeitsleistung zu erbrin
gen
(Urk.
9/24 und
9/26).
Die
Versicherte
teilte
der Allianz mit Ein
gabe vom 3
1.
Oktober 2017 (Urk.
9/39)
unter
Beilage
des
Austrittsbericht
s
der
B._
vom 3.
Oktober 2017 (
Urk.
9/38) mit,
dass sie mit
der Leistungseinstellung nicht einverstanden
sei. Daraufhin
veranlasste die Allianz eine
neuropsychologische
Abklärung der Versicherten durch
Dr.
med. C._
, Fachärztin für Neurologie
. Diese erstatte
te
am 3
1.
Januar
2018 ihren Bericht (Urk.
9/58).
Mit Schreiben vom
7.
Februar
2018 (
Urk.
9/60) teilte die Allianz der Versicherten mit, dass gestützt auf die versicherungsneuro
logische Abklärung
ab dem
1.
Februar 2018 wieder eine 30%ige Arbeitsfähigkeit ausgewiesen sei. Danach sei eine graduelle Leistungssteigerung von 20 % alle zwei bis vier Wochen zumutbar und zweckmässig. Entsprechend
würden die
Tag
gelder
ab Februar 2018
zu 70
%
, ab März
2018
zu 5
0
%
und
ab April
2018
zu 30
%
geleistet
und
nach dem 3
0.
April 2018
ganz eingestellt
(
Urk.
9/60,
9/63, 9/66
).
Bis Ende Januar 2018 erbrachte die Allianz Taggeldleistungen
aufgrund einer
vollständige
n
Arb
eitsunfähigkeit
(Urk.
9/24, 9/32, 9/33, 9/61).
2.
Mit Klage vom
2.
November 2018 gegen die Allianz
beantragte
X._
,
dass
die Beklagte
zu verpflichten
sei
, ihr Krankentaggelder in der Höhe
von
Fr.
3'468.53 zuzüglich
Verzugs
zins von 5
%
für die Zeitspanne vom 1. N
ovember 2017 bis
3
0.
April 2018 sowie Krankentaggelder in der Höhe
von
Fr.
11'742.-- zuzüglich Verzugszins von 5
%
für die Zeitspanne vom
1.
Mai 2018 bis 3
0.
September 2018
zu bezahlen. A
b dem
1.
Oktober 2018
sei die Beklagte zu verpflichten, ihr
gestützt auf eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit
weiterhin Kran
kentaggelder
zu
bezahlen
. Eventualiter sei ein psychiatrisches Gerichtsgutachten einzuholen und der Krankentaggeldanspruch hernach zu bemessen und zuzuspre
chen (Urk. 1 S. 2). Die Beklagte
beantragte
in der
Klageantwort
vom 2
1.
Februar 2019
die
Abweisung der Klage, soweit darauf einzutreten sei (
Urk.
8). Am 1
1.
April 2019
stellte
die
IV-Stelle
des Kantons Bern
die mit Verfügung vom
3.
April 2019 beigezogenen Akten der Eidgenössischen Invalidenversicherung in Sachen der Klägerin
zu
(
Urk.
10, 12/1-64, 13). Die Klägerin reichte innert ange
setzter Frist keine Replik ein. Die Beklagte
nahm mit Eingabe
vom
8.
November 2019
zu den beigezogenen Akten der IV-Stelle
des Kantons
Bern Stellung und hielt
am Antrag auf Abweisung der Klage fest (Urk. 21). Diese
Stellungnahme
wurde der
Klägerin
mit Verfügung vom 12.
November 2019
zur Kenntnis ge
bracht
und den Parteien
wurde
mit
geteilt
, dass die Durchführung einer Gerichts
verhandlung nicht als notwendig erachte
t werde
(Urk. 23).
Auf
die Vorbringen
der Parteien und die eingereichten Unterlagen wird, soweit für die
Entscheidfindung
erforderlich, nachfolgend eingegangen.
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Zusatzversicherungen zur sozialen Krankenversicherung nach dem Bundesgesetz über die Krankenversicherung (KVG) unterstehen nach Art. 2 Abs. 2 des Bundes
gesetzes betreffend die Aufsicht über die Krankenversicherung (KVAG) dem VVG. Dazu gehören auch Streitigkeiten aus Krankentaggeldversicherungen nach dem VVG (BGE 138 III 2, 558 E. 2). Die Kantone können gestützt auf Art. 7 der Schwei
zerischen Zivilprozessordnung (ZPO) ein Gericht bezeichnen, welches als einzige kantonale Instanz für Streitigkeiten in diesem Gebiet sachlich zuständig ist. Im Kanton Zürich liegt die Zuständigkeit beim Sozialversicherungsgericht (§ 2 Abs. 2
lit
. b des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht,
GSVGer
).
Das Verfahren richtet sich nach der ZPO, wobei das vereinfachte Verfahren zur Anwendung gelangt (Art. 243 Abs. 2
lit
. f ZPO)
und die Klage direkt beim Sozi
alversicherungsgericht, mithin ohne vorgängiges Schlichtungsverfahren anhän
gig zu machen ist (BGE 138 III 558 E. 3.2 und E. 4.6).
Die sachliche und örtliche Zuständigkeit des hiesigen Gerichts zur Beurteilung der eingereichten Klage ist unstrittig gegeben.
1.2
Das Gericht stellt den Sachverhalt unabhängig vom Streitwert von Amtes wegen fest (Untersuchungsmaxime; Art. 247 Abs. 2
lit
. a ZPO). Der Untersuchungs
grundsatz, wonach das Gericht alle rechtserheblichen Sachverhaltselemente zu berücksichtigen hat, die sich im Verlaufe des Verfahrens ergeben, auch wenn die Parteien diese nicht angeführt haben, gilt nicht uneingeschränkt; er findet sein Korrelat in den Mitwirkungspflichten der Parteien. Er entbindet die Parteien nicht davon, Beweise beizubringen und bei der Erstellung des Sachverhalts mitzuwir
ken (BGE 125 III 231 E. 4a;
Stephan
Mazan
in: Basler Kommentar zur Schwei
zerischen Zivilprozessordnung, 3. Aufl., Basel 2017
,
Art. 247
Rz
9 und
Rz
13). Ebenso schliesst er die antizipierte Beweiswürdigung nicht aus (Urteil des Bundesgerichts 5C.206/2006 vom 9. November 2006 E. 2.1) und verleiht den Par
teien keinen Anspruch, dass alle möglichen Beweise abgenommen werden, und auch keinen Anspruch auf ein bestimmtes Beweismittel (BGE 125 III 231; Urteil des Bundes
gerichts 5C.34/2006 vom 27. Juni 2006 E. 2a). Ausserdem gilt die Dis
positions
maxime. Danach darf das Gericht einer Partei nicht mehr und nichts
anderes
zusprechen, als sie verlangt, und nicht weniger, als die Gegenseite aner
kannt hat (Art. 58 ZPO; Urteil des Bundesgerichts 4A_138/2013 vom 27. Juni 2013 E. 6).
1.3
Wo das Gesetz es nicht anders bestimmt, hat gemäss Art. 8 des Zivilgesetzbuches (ZGB) derjenige das Vorhandensein einer behaupteten Tatsache zu beweisen, der aus ihr Rechte ableitet. Nach dieser Grundregel hat der Anspruchsberechtigte - in der Regel der Versicherungsnehmer, der versicherte Dritte oder der Begünstigte - die Tatsachen zur "Begründung des Versicherungsanspruches" (Marginalie zu Art. 39 VVG) zu beweisen, also namentlich das Bestehen eines Versicherungsver
trags, den Eintritt des Versicherungsfalls und den Umfang des Anspruchs. Den Versicherer trifft die Beweislast für Tatsachen, die ihn zu einer Kürzung oder Verweigerung der vertraglichen Leistung berechtigen oder die den Versicherungs
vertrag gegenüber dem Anspruchsberechtigten unverbindlich machen. Anspruchsberechtigter und Versicherer haben im Streit um vertragliche Leistun
gen je ihr eigenes Beweisthema und hierfür je den Hauptbeweis zu erbringen (BGE
130 III 321 E. 3.1).
1.4
Es obliegt
auch
der versicherten Person zu beweisen, dass sie (weiterhin) arbeits
unfähig ist und daher Anspruch auf
Taggeld
er hat, wenn die Versicherung zu
nächst
Tag
geld
er ausbezahlt hat, sich in der Folge aber relevante Umstände ändern
(BGE 141 III 241 E. 3.1).
1.5
Da der Nachweis rechtsbegründender Tatsachen im Bereich des Versicherungs
vertrags regelmässig mit Schwierigkeiten verbunden ist, geniesst der beweis
pflichtige Anspruchsberechtigte insofern eine Beweiserleichterung, als er in der Regel nur eine überwiegende Wahrscheinlichkeit für das Bestehen des geltend gemachten Versicherungsanspruchs darzutun hat. Allerdings kann der Versiche
rer im Rahmen des Gegenbeweises Indizien geltend machen, welche die Glaub
würdigkeit des Ansprechers erschüttern oder erhebliche Zweifel an seinen Schilderungen erwecken. Gelingt der Gegenbeweis, dürfen die vom Anspruchs
berech
tigten behaupteten Tatsachen nicht als überwiegend wahrscheinlich und damit nicht als bewiesen anerkannt werden. Der Hauptbeweis ist vielmehr gescheitert (BGE 130 III 321 E. 3.4).
1.6
Nach Art. 168 Abs. 1 ZPO sind als Beweismittel zulässig: Zeugnis (
lit
. a), Urkunde (
lit
. b), Augenschein (
lit
. c), Gutachten (
lit
. d), schriftliche Auskunft (
lit
. e) sowie Parteibefragung und Beweisaussage (
lit
. f). Diese Aufzählung ist abschliessend; im Zivilprozessrecht besteht insofern ein
numerus
clausus der Beweismittel, vor
behalten bleiben nach Art. 168 Abs. 2 ZPO lediglich die Bestimmungen über Kinderbelange in familienrechtlichen Angelegenheiten (BGE 141 III 433 E. 2.5.1). Art. 168 Abs. 1
lit
. d ZPO lässt einzig vom Gericht eingeholte Gutachten als Beweismittel zu. Privatgutachten sind zwar zulässig, aber nicht als Beweismittel, sondern nur als Parteibehauptungen (BGE 141 III 433 E. 2.5.2)
.
1.7
Parteibehauptungen, denen ein Privatgutachten zugrunde liegt, werden indes meist besonders substantiiert sein. Entsprechend genügt eine pauschale Bestrei
tung nicht; die Gegenpartei ist vielmehr gehalten zu substantiieren, welche einzelnen Tatsachen sie konkret bestreitet. Wird jedoch eine Tatsachenbehauptung von der Gegenpartei substantiiert bestritten, so vermögen Parteigutachten als reine Parteibehauptungen diese allein nicht zu beweisen. Als Parteibehauptungen mögen sie allenfalls zusammen mit - durch Beweismittel nachgewiesenen - Indi
zien den Beweis zu erbringen. Werden sie aber nicht durch Indizien gestützt, so dürfen sie als bestrittene Behauptungen nicht als erwiesen erachtet werden (BGE 141 III 433 E. 2.6).
1.8
Auch Berichte von Fachärzten, welche die Taggeldversicherer beraten, sind als blosse Parteibehauptungen zu qualifizieren (Urteil des Bundesgerichts 4A_571/2016 vom 23. März 2017, E. 3.2 am Ende).
1.9
Das Arztzeugnis wird beweisrechtlich den Zeugnisurkunden, denen im Beweis
verfahren mit einer gewissen Zurückhaltung zu begegnen ist, zugeordnet und gilt im Bereich des Zivilprozessrechts gemäss der Rechtsprechung des Bundesgerichts als
Privatgutachten (BGE 140 III 24 E. 3.3.3; 140 III 16 E. 2.5). Nach der Lehre beweisen Arztzeugnisse grundsätzlich nur, dass die Erklärung von der ausstellen
den Person abgegeben wurde. Aufgrund des Fachwissens der ausstel
lenden Per
son sowie der strafrech
tlichen Sanktion (Art. 318 StGB
) kann zunächst von der Richtigkeit eines Arztzeugnisses ausgegangen werden. Der Beweiswert kann jedoch durch irgendwelche Beweismittel und Umstände erschüttert werden, wenn beispielsweise der Arzt den Patienten nicht untersucht und ausschliesslich auf dessen Aussagen abgestellt hat ober bei widersprüchlichem Verhalten des Pati
enten während bescheinigter Arbeitsunfähigkeit.
Solchenfalls
hat der Beweisfüh
rer bei unveränderter Beweislast den vollen Beweis für die mit dem Arztzeugnis bescheinigten Tatsachen zu erb
ringen (Heinrich Andreas Müller
in: Schweizeri
sche Zivilprozessordnung, ZPO, Kommentar, Brunner/Gas
ser/Schwander, Hrsg., 2. Aufl.
, Zürich 2016, Art. 177
Rz
9; Annette
Dolge
in:
Basler
Kommentar
zur Schweizerischen Zivilprozessordnung, 3. Aufl., Basel 2017, Art. 177
Rz
13).
2
.
2
.1
Gemäss der hier massgeblichen
Kollektiv-Krankenversicherung P
olice
«...»
, abgeschlossen zwischen der Beklagten und der
Y._
, leistet die Beklagte im Krankheitsfall
Taggelder während 730 Tagen
im Umfang von 100 % des versicherten Lohnes abzüglich einer War
tefrist von 120 Tagen. Versichert ist das gesamte Personal (
Urk.
9
/1005
).
An
wendbar sind neben den
B
esonderen
Bedingungen
-
Überschussbeteiligung (
Urk.
9/1004), die Allgemeinen Bedingungen (AB) für die Kollektiv
-Krankenv
er
sicherung, Ausgabe 2008 (
Urk.
9/1001), die Zusatzbedingungen (ZB) für die Kran
kentaggeld-Versicherung, Ausgabe 2008 (
Urk.
9/1002), und zwei Merkblätter für die versicherten Personen respektive Arbeitnehmer (
Urk.
9/1003).
2
.2
Nac
h
Art.
1 ZB (
Urk.
9/1002) sind Taggelder bei Arbeitsunfähigkeit infolge einer Krankheit, die einen Erwerbsausfall zur Folge hat, versichert.
Art.
2
Ziff.
1 ZB bezeichnet als Krankheitsfall jede Arbeitsunfähigkeit infolge Krankheit und legt fest, dass der Krankheitsfall mit der ärztlich attestierten Arbeitsunfähigkeit beginnt.
Nach
Art.
3
Ziff.
1 ZB wird das Taggeld ausgerichtet, wenn die Arbeitsunfähigkeit ohne Unterbruch während der vertraglich vereinbarten Wartefrist bestanden hat. Nach
Art.
3
Ziff.
2 ZB beginnt die Wartefrist bei jedem neuen Krankheitsfall mit dem Tag der ärztlich attestierten, mindestens 25%igen Arbeitsunfähigkeit, frü
hestens jedoch
drei Tage vor der ersten ärztlichen Konsultation. Tage teilweiser Arbeitsunfähigkeit von mindestens 25
%
werden an die Wartefrist als ganze Tage angerechnet.
2
.
3
Nach Art. 8 Ziff. 1 AB erlischt der Versicherungsschutz für die einzelnen ver
si
cherten Personen für sämtliche für sie versicherten Leistungen unter anderem mit dem Erlöschen des Vertrages (
lit
. a), bei B
eendigung des Arbeitsverhältnis
ses (
lit
.
c) und sobald die maximale Leistungsdauer (Genussberechtigung) erreicht ist (
lit
. d).
Besteht in den Fällen gemäss Art. 8 AB Anspruch auf Leistungen, so erlischt die
ser Anspruch nach Art. 9 Ziff. 1 AB mit Erlöschen des Versicherungs
schutzes, wobei der Anspruch auf Nachleistung gemäss Ziffer 2 vorbehalten bleibt. Art. 9 Ziff. 2
lit
. a AB statuiert den Anspruch auf Nachleistung für ver
sicherte Ereig
nisse, welche im Zeitpunkt der Beendigung des Versicherungs
schutzes eine Arbeitsunfähigkeit bewirken, wenn der Versicherungsschutz aus den in Art. 8 Ziff. 1
lit
. a und c AB genannten Gründen erlischt und kein ande
rer Beendigungs
grund (gemäss Art. 8 Abs. 1
lit
. b, d-g und i AB) vorliegt. Nach Art. 9 Ziff. 2 Abs. 2 AB werden Nachleistungen nur dann erbracht, wenn die Arbeitsunfähig
keit aus gleicher Ursache und höchstens im bisherigen Grad ununterbrochen an
dauert.
3.
3.1
Die Klägerin lässt ihre Forderung in der Klageschrift vom
2.
November 2018 zu
samme
ngefasst damit begründen, dass
sie aufgrund von Mobbing und Instabilität am Arbeitsplatz, der Auferlegung von zusätzlichen Aufgaben sowie der schliess
lich erfolgten Kündigung an einem Burnout erkrankt sei. Inzwischen leide sie an einer mittelgradigen Depression. Sie habe
sich
deshalb
bereits mehrfach stationär behandeln lassen müssen.
Seither sei sie fortdauernd aus
psychischen
Gründen zu 100
%
arbeitsunfähig geschrieben.
Dies werde insbesondere durch die Unter
lagen des behandelnden Psychiaters
Dr.
D._
und des
behandelnden Psychologen
lic
. phil.
E._
belegt.
Dem von der Beklagten eingehol
ten Gutachten von Dr.
A._
komme schon deshalb kein erhöhtes Gewicht zu, weil es sich um ein Parteigutachten handle. Zudem genüge die Ex
p
ertise – soweit überhaupt lesbar und verständlich – nicht einmal den minimalen Anforderungen an ein versicherungsmedizinisches Gutachten und sei zur Beurteilung einer Arbeitsunfähigkeit gänzlich unbrauchbar, weshalb die Einholung eines Gerichts
gutachtens angezeigt sei
(Urk. 1 S.
4 f
f.
).
3.2
Die Beklagte
stellt sich
demgegenüber
in ihrer Klageantwort vom 21. Februar 2019
im Wesentlichen
auf den Standpunkt
, eine über April 2018
hinaus geltend gemachte
mittelgradige Depression und
eine
damit verbundene Arbeitsunfähig
keit sei nicht erstellt
.
Gemäss der Empfehlung
von D
r.
A._
sei bei
Dr.
C._
eine neuropsychologische Abklärung zwecks Beschwerdevali
dierung durchgeführt worden. Gestützt auf Vorbefunde, subjektiv-eigenanam
nestische Angaben der
Klägerin
und eigene explorative und testdiagnostische Befunde sei
Dr.
C._
zum schlüssigen Ergebnis gelangt, dass aus verhal
tensneurologisch-psychopathologischer beziehungsweise neuropsychologisch-leistungspsychologischer Sicht keine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit
für die angestammte Tätigkeit und jede andere bildungsadäquate angepasste Tätigkeit
bestehe. Aus therapeutisch-rehabilitativen Gründen, zwecks Festigung des posi
tiven Verlaufs,
könne
eine 30%ige Arbeitsfähigkeit bis und mit Februar 2018
angenommen werden
;
danach
sei eine graduelle Leistungssteigerung von 20
%
alle zwei bis vier Wochen möglich. Entsprechend habe die
Beklagte
für den Monat Februar 2018 Taggelder auf einem Arbeitsunfähigkeitsgrad von 70
%
, für März 2018 auf der Basis von 50
%
und für April 2018 auf der Basis von 30
%
bezahlt. Per Ende April 2018 seien die Leistungen eingestellt worden, zumal eine Arbeit
s
unfähigkeit von weniger als 25
% keinen Anspruch auf Leistungen ergebe
.
Die Berichte des behandelnden Psychiaters
Dr.
D._
seien
dagegen
allesamt nicht verwertbar. Die unseriöse
n
Bemerkung
en im
Schreiben vom 27. Dezember 2018 veranschaulich
t
e
n
mit aller Deutlichkeit dessen nicht-objektive, voreinge
nommene Haltung gegenüber der Beklagten.
Aus den Einträgen in der Kranken
karte s
e
i
zudem
ersichtlich, dass die Klägerin im
Jahr
2018 lediglich
zehn
Mal bei
Dr.
D._
in Behandlung gewesen sei.
Es sei deshalb fraglich, inwiefern
Dr.
D._
den Gesundheitszustand der Klägerin überhaupt beurteilen könne.
Das Vorliegen einer posttraumatischen Belastungsstörung, welche Diagnose lediglich durch Dr.
D._
gestellt worden sei, werde jedenfalls vorsorglich bestritten. Ebenso würden d
ie angeblich wöchentlichen Behandlun
gen bei
lic
. phil.
E._
mit Nichtwissen bestritten
(
Urk.
8 S. 3 ff.)
.
Mit der Stellungnahme zu den beigezogenen Akten der Eidgenössisc
hen Invali
denversicherung macht
die Beklagte
sodann
geltend, dass das von der IV-Stelle
des Kantons
Bern in Auftrag gegebene Gu
tachten von
Dr.
F._
und Dr.
G._
festhalte, dass aus psychiatrischer Sicht von April bis August 2017 ei
ne Arbeits
fähigke
i
t
von 0 %, von September bis Dezember 2017 von 50 % und seit Januar 2018 von 100 % bestanden habe. Damit stehe fest, dass keine weiteren Taggelder geschuldet seien (
Urk.
21 S. 2).
4.
4.1
Gegenstand der Klage ist der von der Klägerin geltend gemachte Anspruch auf Kranke
ntaggelder vom
1.
November 2017
(beziehungsweise
1.
Februar 2018)
bis 3
0.
September 2018 im Betrag von
Fr.
15'210.53 zuzüglich 5
%
Verzugszins sowie
weitere Krankentaggelder
ab dem
1.
Oktober 2018 (
Urk.
1
S. 2
).
Strittig
ist mithin, ob die Beklagte
die
Taggeldleistungen
rechtmässig
per 1
. Februar 2018
re
duziert und per
3
0.
April
2018
eingestellt hat.
Folglich ist
anhand der medizi
nischen Akten
lage
zu prüfen
, ob sich die Beklagte zu
Recht auf den Standpunkt stellt
, die Arbeitsfähigkeit der Klägerin habe sich ab
1. Februar 2018
kontinuier
lich
verbessert und der Klägerin sei es nicht gelungen zu beweisen, dass sie
danach
weiterhin
zu 100
%
arbeitsunfähig
gewesen sei.
Den Akten ist dazu Folgendes zu entnehmen:
4.2
4.2.1
Dr.
med. H._
, Facharzt
FMH
für Psychiatrie und Psychotherapie,
und
I._
, diplomierte Psychologin FSP,
von der
J._
berich
tete
n
am
1
3.
Juni 2017 über die stationäre Behandlung
der Klägerin vom
2.
Mai bis 24.
Mai 2017 und diagnostizierte
n
eine rezidivierende depressive Störung (ICD-10 F33.1).
In
einem schleichenden Prozess mit zunehmenden Konflikten am Arbeitsplatz (Mobbing, Personalmangel)
habe sich das
Arbeitspensum
der Kläge
rin
unmerklich
von 50
%
auf 80
%
erhöht. Da
die Klägerin
nebenberuflich ihren Ehemann auf dem Bauernhof unterstützt habe, sei es zu einer chronischen Über
lastung und einem Verlust an Erholungszeit gekommen. Anfangs April habe
sie
schliesslich einen psychophysiologischen Nervenzusammenbruch erlitten und leide seitdem unter Schlafproblemen, Energielosigkeit und Panikgefühlen.
Dr.
H._
at
testierte eine 100%
ige Arbeitsunfähigkeit vom
3.
April bis 3
0.
Juni 2017
aufgrund von Konzentrationsproblemen, erniedrigter Stressresistenz und Erschöpfungsgefühlen
(
Urk.
9/2, 9/7
, 9/13
)
.
4.2.2
Dr.
A._
untersuchte die Klägerin
am 1
0.
August 2017
im Auftrag der Beklagten und
führte
in seinem Untersuchungsbericht vom 1
5.
August 2017
aus
,
dass die Klägerin an einer Anpassungsstörung leide. A
us therapeutisch-rehabili
tativen Gründen, zwecks psychisch-emotionaler Stabilisierung,
bestehe
für jede Tätigkeit unverändert eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit bis und mit Oktober 201
7.
Danach sei eine volle Arbeitsfähigkeit zumutbar und zweckmässig (
Dekon
ditionierung
, Selbstwirksamkeit).
Die Frage hinsichtlich
des objektiven hand
lungsbezogenen Funktionsniveaus müsse
mittels qualifizierter neuropsychologi
scher Leistungstestung beantwortet werden
(
Urk.
9/22).
4.2.3
Dr.
med.
K._
,
Facharzt
FMH
für Psychiatri
e und Psychotherapie, und
L._
, Psychologin,
von der
B._
berichteten in ihrem Austrittsbericht vom
3.
Oktober 2017 über die stationäre Behandlung der Klägerin vom 2
5.
bis 3
0.
September 2017, und diagnostizierten eine mittelgradige depressive Störung (
ICD-10
F32.10) nach Mobbingsituation auf dem Hintergrund einer
Traumafolgestörung
(
ICD-10
F43.0)
.
Sie schilderten, dass besonders die kognitiven Leistungen (Merkfähigkeit, Konzentration, Auffas
sung und Gedächtnis) reduziert seien und die Klägerin schnell in eine Blockade komme. Parallel liege eine Erschöpfung vor, die mit einem herabgesetzten Antrieb und schneller Ermüdung einhergehe. Die Stimmung sei wechselhaft.
Sie schätzten die Klägerin als nicht arbeitsfähig ein (
Urk.
9/38).
4.2.4
Dr.
C._
erstattete
am 3
1.
Januar 2018 einen
von der Beklagten in Auf
trag gegebenen neuropsychologischen Abklärungsbericht und
führte aus
,
dass
aus verhaltensneurologisch-psychopathologischer
Sicht hinsichtlich
depressoge
ner
Kernsymptome (Denken, Antrieb,
Spontanreaktivität
, pragmatisches Kommu
nikationsverhalten, dynamischer Gesamteindruck, psychisches Energieniveau, kognitive Umstellfähigkeit, Emotionsregulation, Ich-Stärke) keine relevanten affektpathologischen Alterationen
hätten
objektiviert werden können. Die Gedan
kengänge der Klägerin seien kohärent und ihre psychische und kognitive Belast
barkeit sowie ihre Kontroll- und Steuerungsfähigkeit seien nicht beeinträchtigt. Insbesondere
habe
die Klägerin über den gesamten Verlauf der Exploration
vom
8.
Januar 2018
keine Antriebs-, Initiations- oder Impulskontrollstörung
en
und keine psychomotorische Hemmung oder anderweitigen affektpathologischen Störungsbilder
gezeigt
.
Die berufsbezogene neuropsychologisch-leistungspsy
chologische Abklärung
habe
im kognitiven Bereich unter Berücksichtigung eines
prämorbid mittleren Leistungspr
ofils sowie ordentliche
n
Leistungswillen
s
im Un
tersuchungsgang eine leicht verminderte Belastbarkeit (
Dekonditionierung
)
sowie eine leicht verminderte verbale Ideenproduktion, assoziiert an die vorbesteh
e
nde, frühkindlich erworbene Sprachentwicklungsschwäche bei ansonsten durchwegs in
takter kognitiver Leistungsfähi
g
kei
t
ergeben
. Ein depressionsassoziiertes kog
nitives Ausfallmuster
habe
sich nicht objektivier
e
n
lassen
.
Gesamthaft
würden
sich keine kognitiven Einschränkungen
betreffend der
im angestammten Beruf der Klägerin gestellten Anforderungen an die kognitive Belastbarkeit, die kogni
tive Flexibilität und die Fehlerkontrolle ableiten
lassen
. Die aufgeführten Befunde würden gemäss Mini-ICF-
APP nicht für relevante Beeinträchtigungen des psy
chosozialen Funktionsniveaus (Alltagsaktivitätsspektrum) qualifizieren.
Folglich
liege keine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit vor.
Aus
therapeutisch-rehabili
tativen Gründen, zwecks Festigung des posit
iven Verlaufs, sei von einer 30%
igen Arbeitsfähigkeit (angestammt und adaptiert) bis und mit Februar 2018 auszuge
hen. Hernach sei eine graduelle Leistungssteigerung (sozial-adaptiv) von 20
%
alle
zwei bis vier Wochen anzunehmen
(
Urk.
9/58).
4.2.5
Dr.
med.
D._
, Facharzt
FMH
für Psychiatrie und Psycho
therapie, und
lic
. phil
.
E._
, Psychologe FSP, eidgenössisch anerkannter Psychotherapeut,
welche die Klägerin seit April 2017 psychiatrisch-psychotherapeutisch behandeln,
stellten in i
hrem Bericht vom 2
7.
Februar 2018 (
Urk.
2/8) die Diagnose einer mittelgradigen depressiven Störung (ICD-10 F32.1) nach Mobbingsituation auf dem Hintergrund einer
Trauma
folgestörung
(ICD-10 F43.1). Im
Arztbericht vom 1
8.
Januar 2019 (
Urk.
9/79)
nannte
Dr.
D._
als Diagnosen eine mittelgradige depressive Episode mit ängstlichen Symptomen und Somatisierung bei Mobbing am Arbeitsplatz (ICD-10 F32.11) sowie eine post
traumatische Belastungsstörung (ICD-10 F43.1) mit Verdacht auf eine andau
ernde Persönlichkeitsstörung nach Gewalterlebnissen (ICD-10 F62.0).
In beiden Berichten wurde ausgeführt, dass es durch eine Mobbingsituation am Arbeitsplatz zu stark erhöhter Reizbarkeit, fehlender Stressresistenz, Schlafstörungen, Ängst
lichkeit, starker Verminderung des Antriebs, schneller Ermüdung und Erschöpfung, niedergedrückter Stimmung, sehr stark verminderter Merk- und Konzentrationsfähigkeit, stark eingeschränkter Auffassung und eingeschränktem Gedächtnis, Beeinträchtigung des Selbstwertgefühls und Flashbacks mit Verlust der Kontrolle der Gefühle
sowie
Angst und Trauer gekommen sei.
Durch die Arbeitsunfähigkeit und finanzielle Not nach Einstellung der Taggeldleistungen sei es zum nervlichen Zusammenbruch, zu Anspannungen in der Familie und in der Verzweiflung zum Verkauf der Landwirtschaftstiere gekommen. Die
s
sei vor dem Hintergrund des unverarbeiteten Kindheitstraumas mit immer wiederkehren
den Rückschlägen zu sehen. Der Klägerin sei es aktuell nicht möglich, einer Arbeitstätigkeit nachzugehen. Es sei unklar, ab wann mit einer Wiederaufnahme der Tätigkeit zu 100
%
zu rechnen sei.
Im Frühling 2019 sei ein Start mit 30
%
als Testlauf vorhersehbar.
In diversen ärztlichen Zeugnissen zuvor hatte
Dr.
D._
der Klägerin durchgehend eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit ab dem 1. Juli 2017
attestiert
(Urk. 9/68,
9/80
).
4.2.6
Die IV-Stelle
des Kantons
Bern gab bei
Dr.
med.
F._
, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, und
Dr.
med.
G._
, Facharzt für Rheuma
tologie und Innere Medizin, ein Gutachten in Auftrag, welches am
7.
und
1
8.
März 2019 erstattet wurde (
Urk.
12/54.1,
12/56
.1,
12/56.2
).
Die Gutachter
führten aus, dass keine Diagnose mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit vor
liege. Als Diagnosen ohne Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit nannten sie folgende (
Urk.
12/56.1 S. 4):
-
Status nach Anpassungsstörung, längere depressive Reaktion (ICD-10 F43.21)
-
Schmerzverarbeitungsstörung (ICD-10 F54)
-
Fibromyalgie
-
Retropatellararthrose beidseits
-
Status nach
Teilmeniskektomie
medial linkes Knie am 17.08.2015
-
Adipositas WHO Grad I (BMI 33,7 kg/m2)
-
Status nach
Migraine
accompagn
ée
mit passagerem
Hemisyndrom
rechts
seitig am 11.12.2011, gemäss Explorandin als Nebenwirkung einer Grippeimpfung, seither ohne Beschwerden
-
Anamnestisch Migräne
-
Status nach Laparoskopie bei intermittierende
r
Torquierung
des linken Ovar 2013
Aus somatischer Sicht sei die Arbeitsfähigkeit
nie
eingeschränkt
gewesen
.
Aus psychiatrischer Sicht
habe v
on April bis August 2017 eine Arbeitsfähigkeit
von 0
% und
von Septe
mber bis Dezember 2017 von 50
%
bestanden.
Seit Januar 2018
liege
wieder
ein
e vollständige Arbeitsfähigkeit
vor
.
Die noch leicht erhöhte Ermüdbarkeit begründe keine Einschränkungen im Alltag oder bei einer allfälli
gen Berufstätigkeit
(
Urk.
12/56.1 S. 4 ff.).
Dr.
F._
führte
weiter
aus,
dass in der Untersuchung keine Reizbarkeit, keine Schlafstörungen, keine Ängstlichkeit und keine
starke Verminderung des An
trieb
s hätten festgestellt werden können. Die Stimmung sei ausgeglichen und die Konzentrationsfähigkeit, die Auffassung sowie das Gedächtnis
seien
nicht beein
trächtigt gewesen. Es sei auch ohne
Weiteres
möglich gewesen, sich mit der Klägerin über die früheren, belastenden Erlebnisse zu unterhalten, ohne dass sie dabei in vegetative Erregung geraten wäre beziehungsweise ihre Fassung verloren hätte. Die Stimme sei nicht leise und das Denken nicht verlangsamt
gewesen, es habe kein Gedankenkreisen bestanden. Die
Klägerin
sei auch nicht agitiert, nicht hilflos und nicht affektstarr gewesen. Die im Bericht des behandelnden Psychia
ters vom Mai 2018
erhobenen psychopathologischen Befunde hätten mithin nicht bestätigt werden können.
Es seien keine depressiven Symptome vorhanden ge
wesen.
Im Jahr 2017 hätten d
ie Belastungen durch die Veränderungen am Arbeitsplatz, die Schwierigkeiten der Klägerin, sich gegenüber den Anforderungen der Umwelt zur Wehr zu setzen
,
und der hohe finanzielle Druck zu einer depressiven Dekom
pensation geführt. Bereits während des Aufenthaltes in der
J._
habe sich das depressive Zustandsbild gebessert. Im Oktober 2017 sei
die Klägerin
erneut stationär
behandelt worden.
Eine chemische antidepressive Therapie sei nie über längere Zeit und auch die pflanzliche antidepressive Therapie nur wäh
rend den Wintermonaten durchgeführt worden. Die Klägerin lebe zusammen mit ihrem Ehemann und ihrer Tochter auf einem Hof, fühle sich im Rahmen ihrer Familie wohl, könne gut schlafen und führe den Haushalt weitgehend selbststän
dig. Sie übernehme wieder einige Aufgaben auf dem Hof und sei in der Lage, sowohl Auto zu fahren als auch alleine mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zu reisen.
Sie sei im Alltag lediglich noch durch
eine leicht erhöhte Ermüdbarkeit beeinträchtigt.
Da die depressive Krise durch externe Belastungen ausgelöst wor
den sei und keine Hinweise für eine vorbestehende depressive Störung vorliegen würden, könne die Diagnose
‘
Status nach Anpassungsstörung, längere depressive Reaktion
’
, gestellt werden. Die Anpassungsstörung sei bereits im August 2017 zum Untersuchungszeitpunkt von
Dr.
A._
weitgehend remittiert gewesen. Nach dem Oktober 2017 sei die Klägerin nicht mehr stationär psychiatrisch be
handelt worden.
Da durch die geklagten Schmerzen keine wesentlichen Einschränkungen im All
tag ersichtlich seien, könne auch die Diagnose einer Schmerzstörung nicht ge
stellt werden. Ebenso wenig würden sich Hinweise für eine posttraumatische Belastungsstörung finden. Die in der Kindheit
erlittenen
Schläge durch die Mutter sowie die Ausgrenzungen und Hänseleien durch Mitschüler würden nicht genü
gen, um eine solche Störung auszulösen. Zudem leide die Klägerin nicht unter Flashbacks und Albträumen. Sie sei in der Lage gewesen, eine berufliche Ausbil
dung zu absolvieren sowie in verschiedenen Bereichen und an verschiedenen Stellen ohne Probleme zu arbeiten. Sie fühle sich in der Ehe wohl und sei in der Lage,
sich um ihre Kinder zu kümmern
(
Urk.
12/56.2 S. 1
8.
ff).
5.
5.1
Die
Beklagte leistete der
Klägerin
Taggelder
auf der Basis einer 100%igen Arbeitsunfähigkeit
bis
zum
3
1.
Januar 2018 und
aufgrund einer teilweisen Arbeitsunfähigkeit
bis
zum 3
0.
April 201
8.
Das Arbeitsverhältnis der Klägerin endete pe
r 3
1.
Oktober 2017
(Urk. 9/20).
Danach beruht der Taggeldanspruch der Klägerin auf ihrem Nachleistungsanspruch gemäss Art. 9 Ziff. 2
lit
. a in Verb
in
dung mit Art. 8 Ziff. 1
lit
. c AB
(vgl.
E. 2.4
).
Die Klägerin stützte ihre Annahme einer
weiterhin bestehenden
100%igen Arbeitsunfähigkeit
insbesondere
auf die
Bericht
e
von
Dr.
D._
(
und
lic
. phil.
E._
) vom 2
7.
Februar 2018 und 1
8.
Januar 2019
(vgl. vorste
hend E. 4.2.5
)
. Die Beklagte verneinte ihre
Leistungspflicht gestützt auf die Ein
schätzungen von
Dr.
A._
und
Dr.
C._
sowie das Gutachten von
Dr.
F._
und
Dr.
G._
(vorste
hend E. 4.2.2,
4.2.4
und 4.2.6
).
5.2
Zu prüfen ist, ob die Klägerin den Beweis für die von ihr behauptete 100%ige Arbeitsunfähigkeit in der strittigen Periode erb
ringen kann (vorstehend E. 1.4)
oder ob der Beklagten der Gegenbeweis gelingt, mithin hinreichende In
dizien den Hauptbeweis sch
eitern lassen (vorstehend E. 1.5
). Den
medizinischen
Be
urtei
lun
gen
der behandelnden Ärzte sowie der
Fachärzte, welche
die Beklagte
beraten,
kommt dabei der Stellenwert von Partei
be
hauptungen zu (vorstehend E. 1.6-1.9
).
5.3
Die Klägerin kam mit der Einreichung der Arztberichte
von
Dr.
H._
und
der
Psychologin
I._
von der
J._
vom 1
3.
Juni 2017, von Dr.
K._
und
der
Psychologin
L._
von der
B._
vom
3.
Oktober 2017 sowie von
Dr.
D._
und
lic
. phil.
E._
vom 2
7.
Februar 2018 und 1
8.
Januar 2019,
in wel
chen
stets eine
100%ige Arbeitsunfähigkeit attestiert
wurde
,
grundsätzlich
ihrer vertragli
chen Obliegenheit gemäss
Art.
10
Ziff.
1
Abs.
2
AB
zur Einreichung
der erforderlichen Arztzeugnisse mit Angabe der vollständigen Diagnose
na
ch.
Dabei beziehen sich die
Berichte
der
J._
und
der
B._
auf das Jahr 2017, in welchem
das Vorliegen einer voll
ständigen Arbeitsunfähigkeit
un
bestritten
ist
.
D
ie Beklagte
leistete bis Ende Januar 2018
Taggelder auf der Basis einer 100%igen Arbeitsunfähigkeit.
5.4
Was die Zeit
ab Februar 2018
betrifft,
führten
Dr.
D._
und
lic
. phil.
E._
in den Berichten vom
2
7.
Februar 2018 und 18.
Januar 2019 (vorstehend E. 4.2.5
) aus, dass die Klägerin nach wie vor an stark erhöhter Reiz
barkeit, fehlender Stressresistenz, Schlafstörungen, Ängstlichkeit, starker Ver
minderung des Antriebs, schneller Ermüdung und Erschöpfung, niedergedrückter Stimmung, sehr stark verminderter Merk- und Konzentrationsfähigkeit, stark ein
geschränkter Auffassung und
eingeschränktem Gedächtnis, Beeinträchtigung des Selbstwertgefühls und Flashbacks mit Verlust der Kontrolle der Gefühle, Angst und Trauer leide, weshalb es ihr nicht möglich sei, einer Arbeitstätigkeit nachzu
gehen.
Fast zeitgleich
mit dem
ersten der beiden Berichte von
Dr.
D._
und
lic
. phil.
E._
nahm
Dr.
C._
im Auftrag der Beklagten eine neuropsychologische Abklärung der Klägerin vor. In ihrem Bericht vom 31. Januar 2018
(vorstehend E. 4.2.4
)
führte die Neurologin
aus, dass die Klägerin
in ihrer Arbeitsfähigkeit nicht mehr eingeschränkt sei.
Sie berichtete
nachvoll
ziehbar
, dass
anlässlich der Abklärung keine
depressogenen
Kernsymptome
hät
ten festgestellt werden können.
Die Gedankengänge der Klägerin seien kohärent und ihre psychische und kognitive Belastbarkeit sowie ihre Kontroll- und Steuerungsfähigkeit seien nicht beeinträchtigt
gewesen
. Insbesondere habe die Klägerin über den gesamten Verlauf der Exploration keine Antriebs-, Initiations- oder Impulskontrollstörung
en
und keine psychomotorische Hemmung oder anderweitige
n
affektpathologische
n
Störungsbilder gezeigt.
Es hätten
sich
gesamthaft
keine kognitiven Einschränkungen
hinsichtlich
der
im angestammten Beruf der Klägerin gestellten Anforderungen an die kognitive Belastbarkeit, die kognitive Flexibilität und die Fehlerkontrolle
ableiten lassen
.
Diese gest
ützt auf die damalige Aktenlage
und die persönliche Untersuchung der Klägerin
erstellte Be
u
rteilung der Arbeitsfähigkeit
von
Dr.
C._
stellt den mit den Arbeitsunfäh
ig
k
eit
szeugnissen von
Dr.
D._
und
lic
. phil
.
E._
vom 27. Februar 2018 und 1
8.
Januar 2019
erbr
achten Haupt
beweis
, auch wenn es sich nicht um eine fachpsychiatrische Einschätzung handelt, zumindest
in Frage
,
zumal
sie
sorgfältig,
nachvollziehbar
und
unter Zugrun
delegung verschiedener Testungen
vorgenommen wurde
.
Zusätzlich
und insbe
sondere
we
rden die durch
Dr.
C._
genährten Zweifel an der Arbeits
unfähigkeit durch das im Auftrag der IV-Stelle
des Kantons
Bern erstellte
psy
chiatrisch-rheumatologische
Gu
tachten von
Dr.
F._
und Dr.
G._
vom
7.
und 1
8.
März 2019
bestärkt
(
Urk.
12/56.1, 12/56.2 und 12/54
.
1
)
:
5.5
Dr.
F._
konnte in der psychiatrischen Untersuchung
, welche am 2
9.
Januar 2019 und damit
lediglich
elf
Tag
e
nach dem zweiten Bericht von
Dr.
D._
stattfand,
bezeichnenderweise
keine Diagnose mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit
feststellen
.
Als Diagnose ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähig
keit attestierte er
lediglich ein
en
Status nach Anpassungsstörung, längere depres
sive Reaktion (ICD-10 F43.21)
,
sowie
eine Schmerzverarbeitungsstörung (ICD-10 F54)
.
D
r.
F._
legte dabei
in
schlüssiger
Weise dar, das
s bei der Klägerin zur Zeit der Un
t
ersuchung keine depressiven Symptom
e mehr vorhanden gewesen seien; d
ie von Dr.
D._
i
m Mai
2018 erhobenen psychopathologischen Befunden hätten nicht bestätigt werden können.
Die Belastungen
am Arbeitsplatz
und der hohe finanzielle Druck hätten 2
017 zu einer depressiven Dekomp
ensation geführt. Bereits während des Aufenthaltes in der
J._
habe
sich das depressive Zustandsbild
jedoch wieder
gebessert
und nach dem Oktober 2017 sei die Klägerin nicht mehr stationär psychiatrisch behandelt worden. Des Weiteren
wies
Dr.
F._
auf das Fehlen einer längeren antidepressiven Medikation hin und
zeigte das intakte Familienleben, die selbstständige Haushaltführung
, die Beteiligung an den Hofarbeiten
sowie
die vorhandene Verkehrsfähigkeit der Klägerin
auf.
Er schilderte nachvollziehbar, dass die Klägerin
im Alltag einzig noch durch eine leicht erhöhte Ermüdbarkeit beeinträchtig
t
sei
, was aber nicht
genüge
,
um
(
weiterhin
)
eine depressive Störung diagnostizieren zu können.
Nach
dem
Dr.
F._
auch die Voraussetzungen für eine Schmerzstörung und eine posttraumatische Belastungsstörung glaubhaft verneinte, kam der Gutachter zum Schluss, dass aus psychischer Hinsicht seit September 2017 wieder eine 50%ige und seit Januar 2018 eine 100%ige Arbeitsfähigkeit bestehe
(
Urk.
12/56.2 S.
1
8.
f
f
.
)
.
Dr.
G._
stellte
im rheumatologischen Gutachten
schliesslich fest, dass aufgrund der Anamnese, der Akten und der vorgenommenen Untersuchung keine Hinweise
beständen
, dass die Arbeitsfähigkeit aus somatischer Sicht je einge
schränkt gewesen
sei
(Urk.
12/54.1
S. 32 f.
)
.
Das
psychiatrisch-rheumatologische
Gutachten von Dr.
F._
und
Dr.
G._
ist, basierend auf den erforderlichen Untersuchun
gen, für die streitigen Belange um
fassend, in Kenntnis der
Vorakten
und in Be
rücksichtigung der geklagten Beschwerden abgegeben worden. Nachdem es auch in der Darlegung und Beur
teilung der medizinischen Zusammenhänge einleuchtet und zu nachvollziehbaren Schlussfolgerungen gelangt, erfüllt es alle rechtspre
chungsgemässen Kriterien (vgl. BGE 134 V 231 E. 5.1, 125 V 351 E. 3a, 122 V 157 E. 1c), welche die
beweismässige
Verwertbarkeit eines ärztlichen Berichtes bestimmen.
5.6
Die Würdigung der zugunsten der Parteistandpunkte ins Feld geführten ärzt
l
ichen Berichte
sowie des durch die IV-Stelle
des Kantons
Bern in Auftrag gegebenen Gutachtens
führt zum Schluss, dass der (Haupt-)Beweis für den von der Klägerin behaupteten Sachverhalt einer 100%igen Arbeitsunfähigkeit für die strittige Zeit
dauer ab Februar 2018 nicht erbracht ist.
Auch gelingt es der Klägerin nicht, den Beweis zu erbringen, dass in der Zeit vom
1.
Februar bis 3
0.
April 2018 höhere Arbeitsunfähigkeiten vorlagen, als die Beklagte ihren Taggeldzahlungen zu
grunde legte
,
und dass ab
1.
Mai 2018 überhaupt noch eine Arbeitsunfähigkeit bestand.
Die im Zeitpunkt der Leistungseinstellung aktuelle und nachvollziehbare Ein
schätzung
von
Dr.
C._
vom 3
1.
Januar 2018 (vorstehend E. 4.2.4
) sowie die
schlüssige Beurteilung durch
Dr.
F._
und
Dr.
G._
i
m psy
chiatrisch-rheumatologischen Gutachten vom
7.
und 1
8.
März 2019
(vorstehend E. 4.2.6
)
sind
geeignet, im Sinne eines Gegenbeweises derart ernsthafte Zweifel an dem von der Klägerin behaupteten Sachverhalt zu begründen, dass dieser als nicht über
wiegend wahrscheinlich und damit nicht als bewiesen anerkannt werden kann.
5.7
Auf das (eventualiter) beantragte psychiatrische Gerichtsgutachten (vgl. Urk. 1 S. 2 und 6) kann schliesslich in antizipierter Beweiswürdigung (vgl. Urteile des Bundesge
richts 4A_571/2016 vom 23. März 2017 E. 4.1, 4A_626/2015 vom 24. Mai 2016 E. 2.4 und 4A_491/2014 vom 30. März 2015 E. 2.5) verzichtet wer
den. Die Klägerin wurde mit dem zuhanden der IV-Stelle
des Kantons Bern
erstatteten Gutachten von
Dr.
F._
und
Dr.
G._
vom
7.
und
1
8.
März 2019 hinreichend psychiatrisch beurteilt und ihr Gesundheitszustand sowie die medi
zinisch-theoretische Arbeitsfähigkeit sind aufgrund der medizinischen Akten genügend abgeklärt. Ausserdem sind die Ver
hältnisse in der massgebenden Zeit
spanne zu beurteilen.
Dafür könnte zwangsläufig nur auf die damaligen oder kurz danach erstatteten Berichte und allenfalls Angaben von damals involvierten Per
sonen abgestellt werden. Angesichts der unterdessen ver
strichenen Zeit könnte eine Begutachtung
zum aktuellen Zeitpunkt
absehbar kein über die vorliegenden hinausgehenden zusätzlichen Erkenntnisse vermitteln
(vgl. Urteil des Bundesge
richts 4A_445/2016 vom 16. Feb
ruar 2017 E. 4.3).
Ebensowenig
sind von der beantragten (vgl. Urk. 1 S.
4 ff.
) Befragung der
die
Kläger
in
in der Vergangenheit oder aktuell
behan
delnden Ärzte
sowie von Dr.
A._
massgeblich
e neue Erkenntnisse zu erwarten, zumal sich die betref
fenden Ärzte bereits in den erstatteten Arztberichten hinlänglich äusserten.
5.8
Nach dem Gesagten ist zusammenfassend festzuhalten, dass der Beweis für den von der Klägerin behaupteten Sachverhalt nicht erbracht ist. Dies führt zur Ab
weisung der Klage.
6.
6.1
Gemäss Art. 114
lit
. e ZPO ist das Verfahren kostenlos.
6.2
Die Beklagte wurde nicht durch einen externen Anwalt vertreten. Sie hat somit praxisgemäss - mangels eines besonderen Aufwandes (vgl. BGE 110 V 72 E. 7) -
keinen Anspruch auf eine Parteientschädigung (vgl. Urteil des Bundesgerichts 4A_355/2013 vom 22. Oktober 2013 E. 4.2).