Decision ID: 4117a405-9154-55c9-8124-70af11ec67f0
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer suchte am 4. Mai 2017 in der Schweiz um Asyl
nach.
Er machte im Wesentlichen geltend, er sei sri-lankischer Staatsangehöri-
ger tamilischer Ethnie aus B._ (C._). Nach Abschluss der
Schule habe er das (...) seines Vaters übernommen und im Rahmen seiner
geschäftlichen Tätigkeit auch (...) für die Partei TNA (Tamil National Alli-
ance) ausgeführt, wobei er aber nie politisch aktiv gewesen sei. Ab 2015
seien Agenten des CID (Criminal Investigation Department) sieben bis acht
Mal bei ihm zuhause erschienen, hätten Geld von ihm zu erpressen ver-
sucht, ihn mit dem Tod bedroht und ihn auch einmal geschlagen. Bezie-
hungsweise er persönlich habe nie CID-Agenten angetroffen, da er bei de-
ren Auftauchen jeweils in der Schule oder bei der Arbeit gewesen sei. Die
CID-Agenten hätten nicht von ihm, sondern von seinen Eltern Geld verlangt
und diese hätten auch gezahlt. Nachdem er am 10. Januar 2017 von CID-
Agenten beziehungsweise von unbekannten Personen geschlagen worden
sei und CID-Agenten sich am 17. Januar 2017 bei seinen Eltern nach sei-
nem Verbleib erkundigt und, nachdem die Eltern einmal kein Geld gezahlt
hätten, verlangt hätten, dass er sich beim CID melde, habe er sich aus
Angst vor weiteren Behelligungen einstweilen für drei Monate in
D._ versteckt gehalten, ehe er am (...) via E._ aus Sri Lanka
ausgereist sei. Drei Tage nach seiner Ankunft in der Schweiz hätten CID-
Leute bei seinen Eltern nach ihm gefragt und gesagt, dass sie wüssten,
dass er in der Schweiz sei, und ihm ausrichten lassen, dass er nach Sri
Lanka zurückkommen solle.
B.
Mit Verfügung vom 7. Februar 2020 stellte das SEM fest, dass der Be-
schwerdeführer die Flüchtlingseigenschaft nicht erfülle. Es lehnte das Asyl-
gesuch ab und ordnete die Wegweisung sowie den Vollzug an.
Es führte im Wesentlichen an, die Ausführungen des Beschwerdeführers
zu den fluchtauslösenden Ereignissen seien widersprüchlich und vermöch-
ten den Anforderungen an die Glaubhaftigkeit gemäss Art. 7 AsylG
(SR 142.31) nicht standzuhalten. Andere Faktoren, die darauf schliessen
lassen würden, dass der Beschwerdeführer bei einer Rückkehr nach Sri
Lanka asylrelevanten Verfolgungsmassnahmen ausgesetzt sein könnte,
lägen nicht vor. Der Wegweisungsvollzug sei als zulässig, zumutbar und
möglich zu erachten.
D-3871/2020
Seite 3
C.
Die vom Beschwerdeführer dagegen erhobene Beschwerde wies das Bun-
desverwaltungsgericht mit Urteil D-1232/2020 vom 17. Juni 2020 ab.
Das Gericht führte an, die geltend gemachten Fluchtvorbringen seien un-
glaubhaft und der Beschwerdeführer weise kein Risikoprofil auf, aufgrund
dessen anzunehmen wäre, er würde bei einer Rückkehr nach Sri Lanka in
den Fokus der sri-lankischen Behörden geraten und in flüchtlingsrechtlich
relevanter Weise verfolgt. Der Wegweisungsvollzug sei durchführbar.
D.
Mit als "Wegweisung" betiteltem Schreiben vom 27. Juni 2020 ersuchte der
Beschwerdeführer beim SEM (sinngemäss) um Gewährung des Asyls.
Er brachte im Wesentlichen vor, er habe im April 2020 von seiner Freundin
in Sri Lanka erfahren, dass nicht das CID hinter den im Asylverfahren ge-
schilderten Vorfällen gesteckt habe, sondern die Eltern der Freundin, die
ihn hätten vertreiben wollen. Er und seine Freundin, die einer höheren
Kaste angehöre, hätten gedacht, dass ihre Eltern nicht über die Beziehung
Bescheid gewusst hätten. Als die Eltern die Freundin im April 2020 auf eine
Heirat mit einem kastengleichen Mann angesprochen hätten und die
Freundin diese verweigert habe, weil sie auf ihn warten wolle, hätten die
Eltern sie geschlagen und ihr gesagt, dass sie dafür gesorgt hätten, dass
er das Land habe verlassen müssen; falls sie an ihm festhalte, würden sie
auch nicht davor zurückschrecken, ihn im Ausland töten zu lassen. Er habe
daher seit April 2020 in ständiger Angst gelebt. Er habe dies bisher nicht
offengelegt, weil er gehofft habe, dass sein Asylgesuch sowieso gutgeheis-
sen würde. Nachdem dies nicht der Fall gewesen sei, habe er die Freundin
am 22. Juni 2020 telefonisch über den negativen Ausgang des Asylverfah-
rens und den bevorstehenden Wegweisungsvollzug informiert. Dabei sei
die Freundin von ihrem Vater überrascht worden. Der Vater habe sie ge-
schlagen und sie habe sich im Spital behandeln lassen müssen. Die Fami-
lie habe ihr gesagt, man werde seine Geschichte beenden, sobald er in Sri
Lanka lande. Die Freundin habe am 22. Juni 2020 bei der Polizei Anzeige
gegen Unbekannt erstattet; die wahre Geschichte habe sie nicht aussagen
können, da sonst auch ihr nach dem Leben getrachtet würde. Sie sei un-
tergetaucht und wohne nun bei Freunden. Als er seinem Vater von dem
negativen Asylentscheid berichtet habe, habe dieser einen (...) erlitten. Die
nun zutage getretenen Umstände seiner Verfolgung würden zeigen, dass
die Wegweisung für ihn lebensgefährlich sei.
D-3871/2020
Seite 4
Zur Stützung seiner Vorbringen reichte er Fotoausdrucke ein, die seine
Freundin mit Verletzungen zeigen würden, die ihr im April 2020 und am
22. Juni 2020 zugefügt worden seien.
E.
Mit Verfügung vom 2. Juli 2020 – eröffnet am 3. Juli 2020 – wies das SEM
das Wiedererwägungsgesuch ab. Es erklärte die Verfügung vom 7. Feb-
ruar 2020 als rechtskräftig und vollstreckbar, erhob eine Gebühr von
Fr. 600.– und stellte fest, dass einer allfälligen Beschwerde keine aufschie-
bende Wirkung zukomme.
Es führte an, die Eingabe vom 27. Juni 2020 sei als qualifiziertes Wieder-
erwägungsgesuch entgegenzunehmen, da die Beweismittel am 22. Juni
2020 und somit erst nach Abschluss des Beschwerdeverfahrens entstan-
dene Verletzungen der Freundin des Beschwerdeführers zeigen würden.
Die neuen Vorbringen des Beschwerdeführers seien unglaubhaft. Er wäre
gehalten gewesen, die im April 2020 erfahrenen Tatsachen im Beschwer-
deverfahren mitzuteilen. Die Begründung, weshalb er dies unterlassen
habe, vermöge nicht zu überzeugen. Vielmehr dränge sich die Vermutung
auf, dass er die neuen Tatsachen erst nach Erhalt des Beschwerdeurteils
konstruiert habe. Die neu genannten Hintergründe seiner Probleme in Sri
Lanka seien auch nicht mit seinen Aussagen im Asylverfahren vereinbar.
So mache er nun geltend, die Familie der Freundin habe über Unbekannte
versucht, ihm zu schaden, wohingegen er im Asylverfahren angegeben
habe, er und sein Vater hätten angenommen, es handle sich um CID-
Leute, die ihnen wegen früherer Hilfeleistungen für die TNA hätten schaden
wollen. Im Asylverfahren habe er weiter angegeben, die CID-Leute hätten
wiederholt Geld von seinen Eltern verlangt und erst, nachdem einmal nicht
gezahlt worden sei, verlangt, dass er in ihr Büro komme. Es sei nicht er-
sichtlich, warum von der Familie der Freundin mit der Vertreibung des Be-
schwerdeführers beauftragte Personen sich mit Geldzahlungen hätten zu-
friedengeben und erst nach dem Ausbleiben einer Zahlung weitere Mass-
nahmen hätten ergreifen sollen. Auch sei die Zitierung des Beschwerde-
führers zum CID nicht logisch. Diese wäre nur zu erklären, wenn die Fami-
lie der Freundin das CID selbst mit der Verfolgung des Beschwerdeführers
beauftragt hätte, was wiederum gänzlich unplausibel sei. Auch leuchte es
nicht ein, weshalb im Auftrag der besagten Familie Handelnde die Rück-
kehr des Beschwerdeführers nach seiner Ausreise, wie er es im Asylver-
fahren geltend gemacht habe, hätten verlangen sollen, wenn gerade seine
Vertreibung aus Sri Lanka das Ziel gewesen sei. Zudem sei nicht nachvoll-
D-3871/2020
Seite 5
ziehbar, warum nach Erreichen des Ziels (Ausreise) weiter nach ihm ge-
fragt worden wäre. Des Weiteren leuchte nicht ein, dass die Familie der
Freundin es offenbar dennoch zugelassen habe, dass sie nach seiner Aus-
reise weiterhin telefonisch Kontakt gehabt hätten. Es sei schwer vorstell-
bar, dass die Familie dies nicht bemerkt haben sollte. Schliesslich sei im
Rahmen der Anhörung des Beschwerdeführers im Asylverfahren der Ein-
druck entstanden, dass die Familie der Freundin über die Beziehung Be-
scheid gewusst habe, wohingegen der Beschwerdeführer nun vorbringe,
dies sei ihm erst nach dem Vorfall im April 2020 bewusst geworden. Die
eingereichten Beweismittel vermöchten an der Unglaubhaftigkeit der
neuen Vorbringen nichts zu ändern. Auf den Fotos sei eine Frau mit Verlet-
zungen an der Hand respektive im Gesicht zu sehen. Schlüsse zu den Um-
ständen, unter denen die Verletzungen entstanden seien, würden sich da-
raus nicht ziehen lassen. Ein Bezug zu den Vorbringen des Beschwerde-
führers sei nicht belegt.
F.
Mit Eingabe vom 31. Juli 2020 erhob der Beschwerdeführer beim Bundes-
verwaltungsgericht Beschwerde, worin um Aufhebung der vorinstanzlichen
Verfügung vom 2. Juli 2020 und um Feststellung der Flüchtlingseigen-
schaft sowie um Gewährung des Asyls, eventualiter um Feststellung der
Unzulässigkeit oder Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs und um
Gewährung der vorläufigen Aufnahme, und subeventualiter um Rückwei-
sung der Sache an das SEM zur Neubeurteilung ersucht wurde. In verfah-
rensrechtlicher Hinsicht wurde zudem um Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung ersucht und die Gewährung der aufschiebenden Wirkung
der Beschwerde beantragt.
Er machte im Wesentlichen geltend, er habe bisher gemutmasst, dass hin-
ter den langjährigen Behelligungen von ihm und seiner Familie das CID
gesteckt habe. Nun sei jedoch klargeworden, dass es sich dabei nicht um
eine staatliche, sondern eine private Verfolgung durch die Familie seiner
Freundin gehandelt habe, die offenbar aufgrund seines tieferen Kasten-
rangs weit mehr gegen ihre Beziehung gehabt habe, als ihnen bewusst
gewesen sei. Die Freundin habe im April 2020 von ihrer Familie erfahren,
dass sie es gewesen sei, die für seinen Weggang aus Sri Lanka gesorgt
habe. Die Familie könne offensichtlich nicht damit umgehen, dass die
Freundin trotz seiner langjährigen Abwesenheit keine arrangierte Ehe mit
einer Person gleichrangiger Kaste eingehen wolle, und habe ihre Wut nun
an der Freundin ausgelassen. Die Familie der Freundin, die politischen und
militärischen Einfluss habe, habe die Behörden gegen ihn mobilisiert, als
D-3871/2020
Seite 6
er noch in Sri Lanka gewesen sei, und gesagt, dass sie auch nicht zurück-
scheuen würde, ihn im Ausland zu töten. Er sei daher in grosser Gefahr,
da eine Tötung aufgrund eines Kastenunterschieds als Ehrenmord gelte.
Der Staatsapparat würde diesen im Auftrag der besagten Familie durch-
führen und dabei die politische Vergangenheit seiner Familie als Grund
heranziehen. Das SEM habe das Hauptmotiv der für ihn bestehenden Ge-
fahr – das Kastensystem, das zu Gewaltakten führen könne, und die Liie-
rung mit einer kastenhöheren Frau – nicht in die Prüfung der Glaubhaf-
tigkeit der Vorbringen mitbeingezogen, und damit das rechtliche Gehör ver-
letzt. In Sri Lanka seien kastenfremde Beziehungen verpönt und es sei
durchaus denkbar, dass politisch einflussreiche Familien die Behörden in-
struieren würden, und die Behörden dann gegen die betreffende Person
vorgehen würden. Er sei mit seiner Freundin auch nach der Ausreise immer
in Kontakt geblieben, aber erst nachdem deren Familie bemerkt habe, dass
sie auch nach Jahren noch an der Bindung festhalte, habe sie ihren Unmut
gegen die eigene Tochter gerichtet. Erst dadurch sei das Motiv der von ihm
in Sri Lanka erlittenen behördlichen Verfolgung zum Vorschein gekommen.
Die Freundin werde derzeit von einem Bekannten von ihm beherbergt. Er
wäre bei einer Rückkehr nach Sri Lanka aufgrund der von der Familie der
Freundin gegen ihn ausgesprochenen Morddrohung an Leib und Leben
bedroht. Zumindest sei die Familienfehde bei der Frage des Wegweisungs-
vollzugs im Rahmen des Refoulement-Verbots zu berücksichtigen.
Als Beweismittel reichte er die (bereits aktenkundigen) Fotoausdrucke, die
seine Freundin mit Verletzungen zeigen würden, und Kopien eines die
Freundin betreffenden Arztzeugnisses vom 28. Juni 2020 (in Englisch) und
eines Schreibens des die Freundin beherbergenden Bekannten vom
17. Juli 2020 (mit Übersetzung) ein.
G.
Im Sinne einer vorsorglichen Massnahme setzte die Instruktionsrichterin
den Vollzug der Wegweisung am 3. August 2020 einstweilen aus.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
D-3871/2020
Seite 7
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche
Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb
das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der Be-
schwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108
Abs. 6 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachste-
hend aufgezeigt, handelt es sich um eine solche, weshalb das Urteil nur
summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG). Gestützt auf
Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines Schriftenwech-
sels verzichtet.
4.
4.1 Das Wiedererwägungsverfahren ist im Asylrecht spezialgesetzlich ge-
regelt (vgl. Art. 111b ff. AsylG). Ein entsprechendes Gesuch ist dem SEM
innert 30 Tagen nach Entdeckung des Wiedererwägungsgrunds schriftlich
und begründet einzureichen; im Übrigen richtet sich das Verfahren nach
den revisionsrechtlichen Bestimmungen von Art. 66-68 VwVG (Art. 111b
Abs. 1 AsylG).
4.2 In seiner praktisch relevantesten Form bezweckt das Wiedererwä-
gungsgesuch die Anpassung einer ursprünglich fehlerfreien Verfügung an
eine nachträglich eingetretene erhebliche Veränderung der Sachlage (vgl.
D-3871/2020
Seite 8
BVGE 2014/39 E. 4.5 m.w.H.). Falls die abzuändernde Verfügung unange-
fochten blieb – oder ein eingeleitetes Beschwerdeverfahren mit einem
blossen Prozessentscheid abgeschlossen wurde – können auch Revisi-
onsgründe einen Anspruch auf Wiedererwägung begründen (vgl. zum so-
genannten „qualifizierten Wiedererwägungsgesuch“ BVGE 2013/22 E. 5.4
m.w.H.). Darüber hinaus sind Revisionsgründe, welche sich auf Tatsachen
und Beweismittel abstützen, die erst nach Abschluss eines Beschwerde-
verfahrens entstanden sind, stets unter dem Titel der Wiedererwägung bei
der Vorinstanz einzubringen (vgl. Art. 45 VGG i.V.m. Art. 123 Abs. 2 Bst. a
[letzter Satz] BGG; BVGE 2013/22). Nach Art. 66 Abs. 2 VwVG liegen Re-
visionsgründe unter anderem dann vor, wenn eine Partei neue erhebliche
Tatsachen oder Beweismittel vorbringt (Bst. a). Neue Beweismittel im
Sinne von Art. 66 Abs. 2 Bst. a VwVG müssen entweder den Beweis für
neue erhebliche Tatsachen oder den Beweis für Tatsachen erbringen kön-
nen, deren Existenz oder Eigenschaften im Beschwerdeverfahren respek-
tive im Asylverfahren vor dem SEM zum Nachteil des Beschwerdeführers
unbewiesen geblieben sind.
4.3 Das SEM hat die vom Beschwerdeführer geltend gemachten Vorbrin-
gen und Beweismittel im als (qualifiziertes) Wiedererwägungsgesuch ent-
gegengenommenen Gesuch um Gewährung des Asyls vom 27. Juni 2020
materiell geprüft und damit den Anspruch des Beschwerdeführers auf Be-
handlung des besagten Gesuchs nicht in Abrede gestellt. Im vorliegenden
Beschwerdeverfahren ist deshalb zu prüfen, ob das SEM zu Recht davon
ausgegangen ist, dass keine Gründe vorliegen, welche die Rechtskraft der
Verfügung vom 7. Februar 2020 zu beseitigen vermögen.
5.
Vorab ist in Bezug auf den Eventualantrag des Beschwerdeführers um
Rückweisung der Sache an das SEM festzustellen, dass keine Veranlas-
sung besteht, die vorinstanzliche Verfügung aus formellen Gründen aufzu-
heben und die Sache an die Vorinstanz zurückzuweisen. Die formelle Rüge
des Beschwerdeführers, das SEM habe bei der Prüfung der Glaubhaf-
tigkeit der Vorbringen das in Sri Lanka bestehende Kastensystem und die
Möglichkeit der Einflussnahme einer kastenhohen Familie auf die Behör-
den nicht genügend miteinbezogen, vermag nicht zu einer Kassation zu
führen. Das SEM hat in seinem Entscheid in genügender Weise dargelegt,
weshalb eine Instrumentalisierung der Behörden durch die Familie der
Freundin der Beschwerdeführerin als nicht glaubhaft zu erachten sei. Ob
seiner Einschätzung zuzustimmen ist, ist nun im Rahmen des vorliegenden
Beschwerdeverfahrens zu prüfen
D-3871/2020
Seite 9
6.
6.1 Im Rahmen des Asyl- und Beschwerdeverfahrens ist es dem Be-
schwerdeführer nicht gelungen, nachzuweisen oder zumindest glaubhaft
zu machen, dass er seitens der sri-lankischen Behörden in flüchtlingsrecht-
lich relevanter Weise verfolgt worden ist. Er hatte damals vorgebracht, er
beziehungsweise seine Eltern seien von 2015 bis anfangs 2017 wieder-
holte Male von CID-Agenten zu Geldzahlungen verpflichtet worden, und er
hätte sich, nachdem die Eltern einmal kein Geld bezahlt hätten, beim CID-
Büro melden sollen, und CID-Leute hätten nach seiner Ankunft in der
Schweiz anfangs Mai 2017 verlangt, dass er nach Sri Lanka zurückkomme.
In seinem Gesuch um (wiedererwägungsweise) Asylgewährung vom
27. Juni 2020 macht er nunmehr geltend, hinter den im Asylverfahren ge-
schilderten Behelligungen habe nicht das CID, sondern die Familie seiner
Freundin gesteckt. Dies vermag jedoch nicht zu überzeugen. Mit den im
besagten Gesuch vom 27. Juni 2020 geltend gemachten Vorbringen ver-
mag der Beschwerdeführer nicht zu belegen, dass er bei einer Rückkehr
nach Sri Lanka seitens Dritter – der Familie der Freundin – respektive sei-
tens der im Auftrag der besagten Familie handelnden heimatlichen Behör-
den aufgrund eines in Art. 3 AsylG umschriebenen Motivs und in flücht-
lingsrechtlich relevantem Ausmass verfolgt würde. Seine Ausführungen
und Beweismittel in der Rechtsmitteleingabe vom 31. Juli 2020 gegen die
ablehnende vorinstanzliche Verfügung vom 2. Juli 2020 vermögen an die-
ser Einschätzung nichts zu ändern. Hätte die Familie der Freundin tatsäch-
lich Personen angeheuert mit dem Zweck, die Ausreise des Beschwerde-
führers aus Sri Lanka zu erwirken, wäre die Vorgehensweise der Beauf-
tragten (jahrelanges Beruhenlassen bei Geldforderungen an die Eltern des
Beschwerdeführers, Aufforderung zur Rückkehr des Beschwerdeführers
nach Sri Lanka nach dessen erfolgter Ausreise) völlig unverständlich, wi-
derspräche diese doch gänzlich dem Auftragsziel. Des Weiteren vermag
der Beschwerdeführer nicht glaubhaft darzulegen, dass er, wie im Asylver-
fahren vorgebracht, von CID-Angehörigen behelligt worden sei, diese aber
nicht aufgrund eines behördlichen Auftrags, sondern im Auftrag der Familie
der Freundin gehandelt hätten. Den Akten lassen sich keinerlei Anhalts-
punkte für die angeblichen Einflussmöglichkeiten der Familie der Freundin
entnehmen. Eine Instrumentalisierung der sri-lankischen Behörden – na-
mentlich des CID – in der vom Beschwerdeführer in der Rechtsmittelein-
gabe vom 31. Juli 2020 geschilderten Weise durch die Familie der Freun-
din erscheint denn auch nicht plausibel. Die allgemeinen Ausführungen des
Beschwerdeführers zum Kastenwesen in Sri Lanka vermögen an dieser
Einschätzung nichts zu ändern. Es bestehen keine konkreten Anhalts-
punkte für die Annahme, dass die Sicherheitskräfte bei inner-tamilischen
D-3871/2020
Seite 10
Konflikten Partei zu Gunsten Angehöriger der höheren Kasten ergreifen o-
der sogar Personen tieferer Kasten verfolgen würden (vgl. hierzu das Urteil
des BVGer E-5154/2017 vom 8. Januar 2018 E. 6.1). Eine Verfolgung des
Beschwerdeführers seitens der Familie der Freundin vermögen die im Wie-
dererwägungsverfahren vorgelegten Beweismittel nicht zu belegen. Die
Fotoausdrucke (Bilder einer Frau mit Verletzungen im Gesicht und an der
Hand sowie zwei Nahaufnahmen einer Handverletzung) lassen keine
Rückschlüsse auf die Identität der verletzten Person, das Zustandekom-
men der Verletzungen und die Datierung derselben zu. Auch das ärztliche
Schreiben vom 28. Juni 2020, wonach eine Frau namens F._ "for
accidental injury happened on 22/6/2020" im (...) in G._ behandelt
worden sei, und das Schreiben einer in H._ wohnhaften Drittperson
namens I._ vom 17. Juli 2020, die F._ Unterschlupf gewährt
habe, vermögen die Vorbringen des Beschwerdeführers nicht zu belegen
respektive keine flüchtlingsrechtlich relevante Verfolgung seiner Person im
Sinne von Art. 3 AsylG zu beweisen oder zumindest glaubhaft zu machen.
Die Beweismittel sind damit nicht als beweistauglich und somit auch nicht
als erheblich im Sinne von Art. 66 Abs. 2 Bst. a VwVG zu erachten. Selbst
wenn die Familie der Freundin des Beschwerdeführers mit der Beziehung
nicht einverstanden sein sollte, vermöchte dies nicht zur Annahme der Un-
durchführbarkeit des Wegweisungsvollzugs zu führen. Auch wenn nicht an-
zuzweifeln ist, dass innerhalb der sri-lankischen Polizei zum Teil Miss-
stände bestehen, liegen dem Gericht keine Informationen vor, wonach sri-
lankische Staatsangehörige tamilischer Ethnie aufgrund ihrer Kastenzuge-
hörigkeit von der vorwiegend singhalesischen Polizei diskriminiert würden
oder von dieser keinen Schutz zu erwarten hätten (vgl. hierzu das Urteil
des BVGer E-5154/2017 vom 8. Januar 2018 E. 6.1).
6.2 Zusammenfassend ist festzustellen, dass die vom Beschwerdeführer
im Wiedererwägungs- und vorliegenden Beschwerdeverfahren vorgeleg-
ten Dokumente und seine diesbezüglichen Vorbringen nicht geeignet sind,
zu einer Anpassung der Verfügung des SEM vom 7. Februar 2020 zu füh-
ren. Das SEM hat das Gesuch des Beschwerdeführers um (wiedererwä-
gungsweise) Asylgewährung vom 27. Juni 2020 zu Recht abgelehnt.
7.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
D-3871/2020
Seite 11
8.
8.1 Ein Wiedererwägungsgesuch ist aussichtslos, wenn die Gewinnaus-
sichten beträchtlich geringer sind als die Verlustgefahren und deshalb
kaum als ernsthaft bezeichnet werden können (vgl. BGE 139 II 475). Im
Lichte der vorstehenden Erwägungen waren die gestellten Wiedererwä-
gungsbegehren als aussichtslos zu beurteilen. Somit wäre das Gesuch um
Gewährung der aufschiebenden Wirkung der Beschwerde abzuweisen ge-
wesen, es erweist sich indes mit dem vorliegenden Entscheid in der Sache
als gegenstandslos.
8.2 Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung ist
abzuweisen, da die Voraussetzungen von Art. 65 Abs. 1 VwVG angesichts
der Aussichtslosigkeit der Beschwerdebegehren – ungeachtet der behaup-
teten Mittellosigkeit des Beschwerdeführers – nicht erfüllt sind. Bei diesem
Ausgang des Verfahrens sind die Kosten somit dem Beschwerdeführer auf-
zuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 1500.– festzuset-
zen (Art. 1‒3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und
Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE,
SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
D-3871/2020
Seite 12