Decision ID: 60366e24-207a-5dee-99ef-f6f50f2e0819
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Gemäss eigenen Angaben verliess der Beschwerdeführer seinen Heimat-
staat am 21. Juli 2016 und betrat in Italien erstmals europäischen Boden.
Am 21. Juli 2020 suchte er in der Schweiz um Asyl nach, wo am 27. Juli
2020 seine Personalien aufgenommen wurden (SEM-Akten Vorha-
ben 1070341 A10).
B.
Im Rahmen des Dublin-Gesprächs vom 31. Juli 2020 gab der Beschwer-
deführer an, er sei Ende 2016 in Italien eingetroffen, wo er in der
B._ Anfang 2017 ein Asylgesuch gestellt habe. Gegen den negati-
ven Entscheid von Juli 2019 habe er Beschwerde eingereicht. Diese sei
noch hängig. Die Vorinstanz gewährte dem Beschwerdeführer das rechtli-
che Gehör zu einem allfälligen Nichteintretensentscheid und der Möglich-
keit einer Überstellung nach Italien, das gemäss Verordnung (EU)
Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni
2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mit-
gliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehörigen o-
der Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internatio-
nalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO), grundsätzlich für
die Behandlung seines Asylgesuchs zuständig sei. Dazu machte er gel-
tend, er leide unter gesundheitlichen Problemen und sei deshalb bereits in
Nigeria und in Italien in Behandlung gewesen, wo ihm jeweils mitgeteilt
worden sei, man könne ihm nicht helfen. Nach seiner Ankunft in Italien sei
er wegen Tuberkulose behandelt worden. Nach dem negativen Entscheid
sei die medizinische Behandlung in Italien gestoppt worden. In der Schweiz
sei er bereits zweimal beim Arzt gewesen und man habe Brust und Bauch
geröntgt. Aktuell habe er während der Nacht noch Atembeschwerden
(SEM-Akten A13).
C.
Am 5. August 2020 ersuchte die Vorinstanz die italienischen Behörden um
Übernahme des Beschwerdeführers gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dub-
lin-III-VO. Die italienischen Behörden stimmten am 7. August 2020 zu
(SEM-Akten A18).
D.
Die Rechtsvertretung des Beschwerdeführers reichte der Vorinstanz am
11. August 2020 einen Radiologiebericht des C._, datierend vom
30. Juli 2020, zu den Akten (SEM-Akten A20/2).
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E.
Am 17. August 2020 wurde beim Beschwerdeführer durch das Röntgen-
institut D._ eine Computertomographie (CT) des Thorax durchge-
führt (SEM-Akten A24/2).
F.
Am 27. August 2020 wurde beim Beschwerdeführer der linke Oberschen-
kel geröntgt und eine Magnetresonanztomographie (MRT) des Thorax
durchgeführt (SEM-Akten A27).
G.
Auf Anfrage des zuständigen SEM-Mitarbeiters teilte das Pflegefachperso-
nal am 21. Oktober 2020 mit, es verfüge nicht über den Bericht der Kon-
trastmitteluntersuchung des Beschwerdeführers, und gab am 28. Oktober
2020 die Auskunft: «Tatsächlich leidet der Antragsteller dauernd über
Schmerzen im (...), offenbar sei kein Eingriff möglich.» (SEM-Akten A26).
H.
H.a Mit Verfügung vom 30. Oktober 2020 trat die Vorinstanz in Anwendung
von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf das Asylgesuch des Be-
schwerdeführers nicht ein, verfügte seine Überstellung nach Italien und for-
derte ihn auf, die Schweiz am Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu ver-
lassen. Gleichzeitig beauftragte die Vorinstanz den zuständigen Kanton mit
dem Vollzug der Wegweisung, händigte die editionspflichtigen Akten ge-
mäss Aktenverzeichnis aus und stellte fest, dass einer allfälligen Be-
schwerde gegen den Entscheid keine aufschiebende Wirkung zukomme.
H.b Die Rechtsvertretung bestätigte am 2. November 2020 den Empfang
der Verfügung. Am 3. November 2020 teilte die Rechtsvertretung dem
SEM mit, sie könne den Entscheid dem Beschwerdeführer nicht eröffnen,
da er sich in Isolation befinde. Wie zuvor besprochen, werde der Nichtein-
tretensentscheid vom 30. Oktober 2020 an die Vorinstanz retourniert
(SEM-Akten A31).
H.c Die auf den 12. November 2020 neu datierte Verfügung wurde der
Rechtsvertretung am 13. November 2020 ausgehändigt (SEM-Akten A34).
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I.
Gegen den vorinstanzlichen Entscheid liess der Beschwerdeführer durch
seine Rechtsvertreterin am 20. November 2020 Beschwerde beim Bun-
desverwaltungsgericht erheben und beantragen, die Verfügung des SEM
vom 12. November 2020 sei aufzuheben und die Vorinstanz anzuweisen,
auf sein Asylverfahren einzutreten. Eventualiter sie die Verfügung an die
Vorinstanz zurückzuweisen. Subeventualiter sei das SEM anzuweisen, bei
den italienischen Behörden individuelle Garantien für eine adäquate Unter-
bringung und medizinische Behandlung einzuholen. In verfahrensrechtli-
cher Hinsicht beantragte er die Gewährung der unentgeltlichen Prozess-
führung und insbesondere den Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvor-
schusses.
J.
Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Gericht am 23. November 2020 in
elektronischer Form vor.
K.
Am 24. November 2020 setzte die Instruktionsrichterin gestützt auf Art. 56
VwVG den Vollzug der Überstellung per sofort einstweilen aus.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das Bundesverwaltungsgericht entscheidet auf dem Gebiet des Asyls
– in der Regel und auch vorliegend – endgültig über Beschwerden gegen
Verfügungen (Art. 5 VwVG) der Vorinstanz (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31‒
33 VGG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Das Verfahren richtet sich nach dem
VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes be-
stimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.2 Der Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt, hat ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung und ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 48
Abs. 1 VwVG). Auf die im Übrigen frist- und formgerecht eingereichte Be-
schwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 3 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
1.3 Gemäss Art. 111 Bst. e AsylG entscheidet der Richter respektive die
Richterin bei offensichtlich begründeten Beschwerden in einzelrichterlicher
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Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin. Da es sich vorliegend – wie nachstehend aufzuzei-
gen sein wird – um eine solche handelt, ist der Beschwerdeentscheid nur
summarisch zu begründen (vgl. Art. 111a Abs. 2 AsylG). Darüber hinaus
wird vorliegend auch auf die Durchführung eines Schriftenwechsels ver-
zichtet (vgl. Art. 111a Abs. 1 AsylG).
2.
Mit Beschwerde können die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige und
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
3.
3.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asyl-
antrag von einem einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des
Kapitels III der Dublin-III-VO als zuständiger Staat bestimmt wird (vgl. auch
Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO).
3.2 Jeder Mitgliedstaat kann abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO
beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa-
tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn
er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü-
fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO). Dieses sogenannte
Selbsteintrittsrecht wird im Landesrecht durch Art. 29a Abs. 3 der Asylver-
ordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkretisiert. Er-
weist sich die Überstellung einer asylsuchenden Person in einen Dublin-
Mitgliedstaat als unzulässig im Sinne der EMRK oder einer anderen die
Schweiz bindenden, völkerrechtlichen Bestimmung, muss die Vorinstanz
die Souveränitätsklausel anwenden und das Asylgesuch in der Schweiz
behandeln (BVGE 2015/9 E. 8.2.1; 2010/45 E. 7.2).
4.
Ein Abgleich der Fingerabdrücke des Beschwerdeführers mit der «Euro-
dac»-Datenbank ergab, dass dieser am 28. Februar 2017 in B._ ein
Asylgesuch gestellt hat (SEM-Akten A8). Nachdem das SEM die italieni-
schen Behörden um Übernahme des Beschwerdeführers ersuchte und
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diese zustimmten, ist die grundsätzliche Zuständigkeit Italiens somit gege-
ben. Dies wird vom Beschwerdeführer auch nicht bestritten.
5.
5.1 In der Beschwerde wird gerügt, die Vorinstanz habe den Sachverhalt,
was die gesundheitliche Situation des Beschwerdeführers betreffe, nicht
hinreichend abgeklärt, und damit den Untersuchungsgrundsatz im Sinne
von Art. 12 VwVG verletzt. Zudem habe sie die Möglichkeit eines allfälligen
Selbsteintritts nicht korrekt geprüft und ihren Ermessenspielraum nicht
rechtsgenüglich ausgeschöpft.
5.2 Der Untersuchungsgrundsatz gehört zu den allgemeinen Grundsätzen
des Verwaltungs- beziehungsweise Asylverfahrens (Art.12 VwVG). Dem-
nach hat die Behörde von Amtes wegen für die richtige und vollständige
Abklärung des rechtserheblichen Sachverhalts zu sorgen, die für das Ver-
fahren notwendigen Unterlagen zu beschaffen, die rechtlich relevanten
Umstände abzuklären und ordnungsgemäss darüber Beweis zu führen.
Unrichtig ist die Sachverhaltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher
und aktenwidriger Sachverhalt zugrunde gelegt wird. Ferner ist dies der
Fall, wenn die Vorinstanz nicht alle entscheidwesentlichen Gesichtspunkte
des Sachverhalts prüfte, etwa weil sie die Rechtserheblichkeit einer Tatsa-
che zu Unrecht verneinte. Unvollständig ist die Sachverhaltsfeststellung
demgegenüber, wenn nicht alle für den Entscheid rechtsrelevanten Sa-
chumstände berücksichtigt wurden. Der Untersuchungsgrundsatz gilt in-
des nicht uneingeschränkt, zumal er sein Korrelat in der Mitwirkungspflicht
des Asylsuchenden gemäss Art. 13 VwVG und Art. 8 AsylG findet (vgl.
BVGE 2015/4 E. 3.2 m.w.H.).
5.3 In der Beschwerde wird vorgebracht, in der angefochtenen Verfügung
werde nicht erwähnt, dass der Beschwerdeführer nach wie vor in Behand-
lung sei und diese dringend weitergeführt werden müsse. Der Beschwer-
deführer leide an (...). Er gehe alle zehn Tage zum Arzt zur Nachkontrolle
und sei auf eine regelmässige Medikamenteneinnahme angewiesen, zu-
mal eine Operation nicht möglich sei. Die Ärzte hätten ihm berichtet, eine
eigentlich notwendige Operation könne bei ihm nicht durchgeführt werden,
da sie aufgrund seiner schwachen Organfunktionen für ihn lebensgefähr-
lich wäre. Um diese Krankheit erfolgreich zu behandeln, sei der Beschwer-
deführer auf eine regelmässige Medikamenteneinnahme und Nachkontrol-
len angewiesen. Die Vorinstanz habe es unterlassen, gründlich abzuklä-
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ren, welche Behandlung und medizinischen Massnahmen notwendig er-
schienen. In der angefochtenen Verfügung werde der Sachverhalt nur pau-
schal abgehandelt und nicht ausreichend gewürdigt.
Eine Überstellung nach Italien hätte schwerwiegende Folgen für die Ge-
sundheit des Beschwerdeführers, da es in Italien keine ausreichende me-
dizinische Infrastruktur gebe und die Unterbringung für besonders vul-
nerable Personen nicht garantiert sei. Eine Überstellung würde demnach
eine Verletzung von Art. 3 EMRK darstellen. Die Vorinstanz habe die Vul-
nerabilität des Beschwerdeführers in ihrem Wiederaufnahmegesuch (Stan-
dardformular) nicht erwähnt. Die Sicherstellung einer individuellen medizi-
nischen Betreuung und Abstimmung der Medikamente und der Zugang zu
einer weiterführenden Behandlung für den Beschwerdeführer seien vorlie-
gend aber dringend erforderlich.
6.
6.1 Die Vorinstanz hat bezüglich des gesundheitlichen Zustands des Be-
schwerdeführers in der angefochtenen Verfügung festgehalten, es seien
zahlreiche Medizinalakten betreffend den gesundheitlichen Zustand des
Beschwerdeführers aktenkundig, welche zeigten, dass man sich seinen
gesundheitlichen Problemen angenommen habe und er seitens der Pfle-
gefachkräfte des Bundesasylzentrums medikamentös begleitet werde. Ge-
mäss Ausführungen der internen Pflegefachkräfte vom 21. und 28. Oktober
2020 habe der Beschwerdeführer vom Resultat der radiologischen Unter-
suchungen Kenntnis genommen und dieses mit dem Hausarzt des
E._ besprochen. Demgemäss verspüre der Beschwerdeführer an-
dauernde Schmerzen in (...), welche medikamentös behandelt würden, da
ein Eingriff nicht möglich sei. Darüber hinaus sei er wegen (...) Behand-
lung. Am 27. Oktober 2020 sei er positiv auf das COVID-19 Virus getestet
worden und bis zum 6. November 2020 in Isolation gewesen.
Italien verfüge über eine ausreichende medizinische Infrastruktur und sei
gemäss Art. 19 Abs. 1 der Aufnahmerichtlinie verpflichtet, dem Beschwer-
deführer bei Bedarf die erforderliche medizinische Versorgung zu gewäh-
ren, welche zumindest die Notversorgung und die unbedingt erforderliche
Behandlung von Krankheiten und schweren psychischen Störungen um-
fasse. Es sei im Rahmen des Dublin-Systems davon auszugehen, dass
der zuständige Dublin-Staat angemessene medizinische Versorgungsleis-
tungen erbringen könne und den Zugang zu notwendiger medizinischer
Behandlung gewährleiste. Es lägen dem SEM keine Hinweise vor, wonach
Italien dem Beschwerdeführer eine medizinische Behandlung verweigert
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hätte oder zukünftig verweigern würde. Der Beschwerdeführer habe selbst
erwähnt, in Italien in ärztlicher Behandlung gewesen zu sein. Was die Be-
fürchtung angehe, nach der Rückkehr von einer allfälligen medizinischen
Versorgung in Italien ausgeschlossen zu sein, richte sich Art und Umfang
der Unterstützung, auf welche er in Italien Anspruch habe, nach der Auf-
nahmerichtlinie. Sein Asylverfahren in Italien sei nicht abgeschlossen, wes-
halb er bei benötigter ärztlicher Hilfe gehalten sei, sich an die zuständigen
medizinischen Einrichtungen zu wenden. Es lägen beim Beschwerdeführer
keine gesundheitlichen Beeinträchtigungen vor, die einer Überstellung
nach Italien entgegenstünden. Für das weitere Verfahren sei einzig die Rei-
sefähigkeit ausschlaggebend, die erst kurz vor der Überstellung definitiv
beurteilt werde. Seinem Gesundheitszustand werde dabei Rechnung ge-
tragen und die medizinischen Unterlagen und gegebenenfalls Medika-
mente in angemessener Menge mitgegeben. Es lägen damit keine Gründe
für die Anwendung der Souveränitätsklausel vor.
6.2 Der medizinische Sachverhalt präsentiert sich gemäss Aktenlage wie
folgt:
Beurteilung im Radiologiebericht des C._ (vom 30.7.2020): «(...).
Ergänzende CT Thorax mit Kontrastmittel empfohlen.» (SEM-Akten
A20/2).
Befund des Röntgeninstituts D._ (vom 17.8.2020) CT Thorax:
«(...)» In der Woche (...) werde eine grobe Darstellung der anatomischen
Situation und des (...) mittels MRT-Untersuchung des Thorax durchgeführt
(SEM-Akten A24).
Befund des Röntgeninstituts D._ (vom 27.8.2020) Röntgen Femur
links, MRT des Thorax: «(...)» (SEM-Akten A27).
6.3 Weitere ärztliche Abklärungen oder Diagnosen sind nicht aktenkundig.
In der Medikamentenliste der F._, welche für die Betreuung zustän-
dig ist, ist einzig das Medikament (...) (in der Dosierung [...]) verzeichnet,
wobei es sich um ein schmerzstillendes Medikament handelt (SEM-Akten
A27). In den Akten finden sich weder eine abschliessende Diagnose noch
ein Behandlungsplan. Es erschliesst sich dem Gericht daher nicht, wie akut
die medizinischen Probleme des Beschwerdeführers tatsächlich sind und
wie diese behandelt werden müssen. Gemäss Aussagen des Beschwer-
deführers könne bei ihm keine Operation vorgenommen werden. Eine sol-
che Beurteilung von ärztlicher Seite findet sich nicht in den Akten. Es bleibt
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unklar, um was für eine Operation es sich dabei handeln würde (beispiels-
weise um die chronischen (...)schmerzen zu beseitigen). Nicht klar ist
auch, ob der Beschwerdeführer zwingend täglich auf die Einnahme des
Schmerzmittels angewiesen ist, oder dieses nur bei Bedarf – wenn die
Schmerzen ansonsten nicht erträglich sind – eingenommen wird. Die vom
Beschwerdeführer geltend gemachten ärztlichen Nachkontrollen in Ab-
ständen von jeweils zehn Tagen sind aus den Akten nicht ersichtlich. Es ist
nicht klar, worum es sich dabei handelt, beziehungsweise im Zusammen-
hang mit welchen seiner Beschwerden ([...]) diese stehen. Damit erweist
sich vorliegend der medizinische Sachverhalt als unzureichend erstellt.
6.4 Im Referenzurteil E-962/2019 vom 17. Dezember 2019 hat das Bun-
desverwaltungsgericht strengere Kriterien für Dublin-Überstellungen von
schwer erkrankten Asylsuchenden, die sofort nach der Ankunft in Italien auf
lückenlose medizinische Versorgung angewiesen sind, beschlossen und
das SEM verpflichtet, individuelle Zusicherungen betreffend die Gewähr-
leistung der nötigen medizinischen Versorgung und Unterbringung bei den
italienischen Behörden einzuholen, weil ein nahtloser Zugang zur medizi-
nischen Versorgung in Italien derzeit nicht in jedem Fall mit Sicherheit ge-
währleistet sei (vgl. u.a. Urteile des BVGer D-2846/2020 vom 16. Juli 2020
E. 6.2.1, F-1945/2020 vom 23. April 2020 E. 9.6).
Vor dem Hintergrund des unvollständig festgestellten medizinischen Sach-
verhalts kann vorliegend nicht beurteilt werden, ob der Beschwerdeführer
– wie geltend gemacht – weiterhin dringend auf eine Behandlung angewie-
sen ist. Es steht nicht fest, welche Auswirkungen eine fehlende Behand-
lung auf die Gesundheit des Beschwerdeführers hätte. Aufgrund dessen
kann auch nicht darüber befunden werden, ob die schweizerischen Behör-
den konkrete Garantien im Sinne des Referenzurteils E-962/2019 vom
17. Dezember 2019 von Seiten der italienischen Behörden hätten einholen
oder gar die Souveränitätsklausel hätten anwenden müssen.
6.5 Gemäss Art. 61 Abs.1 VwVG entscheidet das Bundesverwaltungsge-
richt in der Sache selbst oder weist diese ausnahmsweise mit verbindlichen
Weisungen an die Vorinstanz zurück. Eine Rückweisung an die Vorinstanz
ist insbesondere angezeigt, wenn weitere Tatsachen festgestellt werden
müssen und ein umfassendes Beweisverfahren durchzuführen ist. Die in
diesen Fällen fehlende Entscheidungsreife kann grundsätzlich zwar auch
durch die Beschwerdeinstanz selbst hergestellt werden, wenn dies im Ein-
zelfall aus prozessökonomischen Gründen angebracht erscheint; sie muss
dies aber nicht (vgl. BVGE 2015/4 E.3.3 m.w.H.).
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Der Umfang der Sachverhaltsabklärungen und die gegenüber der Vor-
instanz engere Kognition bei der Handhabung des Selbsteintrittsrechts
(vgl. BVGE 2015/9 E. 7 und 8) verbietet vorliegend die Herstellung der Ent-
scheidreife durch das Bundesverwaltungsgericht selbst. Die angefochtene
Verfügung ist daher aufzuheben und die Sache an die Vorinstanz zu er-
gänzenden Sachverhaltsabklärungen und zu einer Neubeurteilung zurück-
zuweisen (vgl. auch BVGE 2016/2 E. 4.4; zuletzt bestätigt in Urteil des
BVGer F-1968/2020 vom 4. August 2020 E. 8.2). Die Vorinstanz wird eine
fachärztliche Stellungnahme zum Gesundheitszustand des Beschwerde-
führers und zu den möglichen Konsequenzen eines allfällig verzögerten
Zugangs zu einer adäquaten medizinischen Versorgung in Italien einholen
müssen. Diese hat die allfälligen Auswirkungen einer Reduktion der ärztli-
chen Betreuung auf eine Notfallversorgung respektive die Auswirkungen
einer zeitweiligen Unterbrechung der Behandlung auf den körperlichen Ge-
sundheitszustand des Beschwerdeführers zu beurteilen.
7.
Die Beschwerde erweist sich als begründet. Sie ist – soweit damit die Auf-
hebung der angefochtenen Verfügung und die Rückweisung der Sache an
die Vorinstanz beantragt werden – gutzuheissen. Die Verfügung vom
12. November 2020 ist aufzuheben und die Sache zur ergänzenden Sach-
verhaltsermittlung sowie zu neuem Entscheid an die Vorinstanz zurückzu-
weisen.
8.
8.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). Das Gesuch um Gewährung der unentgeltli-
chen Prozessführung ist folglich gegenstandslos geworden.
8.2 Dem vertretenen Beschwerdeführer ist für das vorliegende Verfahren
keine Parteientschädigung zuzusprechen (Art. 111ater i.V.m. Art. 102f ff.
AsylG).
8.3 Mit vorliegendem Entscheid in der Hauptsache ist das Gesuch um Ver-
zicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses gegenstandslos gewor-
den.
(Dispositiv nächste Seite)
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