Decision ID: 35936435-8bc6-42a3-94ae-505902db82fc
Year: 2010
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
M._,
Beschwerdeführer,
vertreten durch A._,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
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betreffend
Hilfsmittel (Kontakt mit der Umwelt)
Sachverhalt:
A.
Gemäss einem Bericht von Dr. med. B._ vom Ostschweizer Kinderspital vom 3.
November 2009 waren bei M._ (Jg. 1985) folgende Diagnosen erhoben worden:
schwere Mehrfachbehinderung (multifokale symptomatische Epilepsie, bilaterale
spastisch-dyskinetische Cerebralparese, schwerer psychomotorischer
Entwicklungsrückstand, thorakal rechts- und lumbal linkskonvexe Skoliose), St. n.
Hüftrekonstruktion rechts, St. n. Achillessehnenverlängerung bds., Fussarthrodese
rechts, Windswept-Deformation und Dysphagie mit PEG-sondenabhängiger
Ernährung. Der Versicherte lebte im Beschäftigungswohnheim des C._. Er war
schwergradig hilflos. Seine Mutter und Vertreterin stellte am 11. November 2009 das
Gesuch um die Abgabe eines BIG Step-by-Step Kommunikators als Hilfsmittel. Zur
Begründung machte sie geltend, der Versicherte könne nur sehr begrenzt Einzellaute
und Silben bilden, so dass eine verbale Kommunikation erheblich eingeschränkt sei. Er
sei dringend auf eine Kommunikationshilfe angewiesen, um mit der Umwelt in Kontakt
treten zu können, zumal er ein ausgeprägtes Mitteilungsbedürfnis habe. Oft werde er
nicht oder falsch verstanden, worauf er mit Aggression, Frust- und Resignation
reagiere. Seien entsprechende Hilfsmittel vorhanden, bediene er diese ausdauernd und
konzentriert. Beim Step-by-Step Kommunikator handle es sich um einen portablen
Kommunikator, den der Versicherte den ganzen Tag bei sich haben könne. Durch das
Drücken der Taste spreche das Gerät aus, was der Versicherte gerne sagen möchte.
Damit könnten alle Personen den Versicherten verstehen. Der Step-by-Step
Kommunikator habe die nötige Menge an Aussagemöglichkeiten und er könne vom
Versicherten bedient werden. Die Kosten beliefen sich gemäss einer Offerte des
Lieferanten auf Fr. 6854.75 (inklusive eine Pauschale von Fr. 6044.- für
"Dienstleistungen gemäss Tarifvereinbarungen mit BSV").
B.
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Die IV-Stelle nahm eine telephonische Abklärung beim C._ vor. Gemäss der Notiz
vom 17. Dezember 2009 war der Versicherte nicht fähig, den Schalter zum Aufnehmen
zu betätigen. Er konnte auch nicht selber darauf sprechen, da er kein Wort reden
konnte. Aufgenommen wurden stattdessen Äusserungen der Eltern, der Heimleiterin,
der Physiotherapeutin und der Betreuungspersonen. Der Versicherte nahm das Gerät
mit nach Hause, um dort das abzuspielen, was andere Personen darauf gesprochen
hatten. Das Gerät konnte also nicht situationsbezogen eingesetzt werden, d.h. der
Versicherte konnte damit nicht ausdrücken, was er im Moment gerade sagen wollte.
Die IV-Stelle betrachtete den Step-by-Step Kommunikator nicht als
Kommunikationsgerät und damit auch nicht als Hilfsmittel. Mit einem Vorbescheid vom
4. Januar 2010 teilte sie der Vertreterin des Versicherten mit, dass sie beabsichtige,
das Leistungsgesuch abzuweisen, da der Step-by-Step Kommunikator nicht als
situationsbezogenes Kommunikationsgerät eingesetzt werden könne. Das Gerät
gehöre deshalb nicht zur Hilfsmittelkategorie der Kommunikationsgeräte. Im übrigen
sei offensichtlich kein Gebrauchstraining nötig, so dass die entsprechenden Kosten
von über Fr. 6000.- nicht gerechtfertigt seien. Am 15. Februar 2010 erging eine
gleichlautende Verfügung.
C.
Die Vertreterin des Versicherten erhob am 12. März 2010 Beschwerde gegen diese
Abweisungsverfügung. Sie machte geltend, der Versicherte habe bereits erste positive
Erfahrungen mit dem Step-by-Step Kommunikator gemacht. Er könne das Gerät
beidhändig bedienen. Da er kognitiv in der Lage sei, Aussagen gegenüber
Bezugspersonen zu machen, freue er sich, wenn er verstanden werde. Er sollte die
Möglichkeit haben, mit weniger vertrauten Menschen zu kommunizieren. Deshalb sei
eine verbale Kommunikationsmöglichkeit vonnöten. Mit dem Step-by-Step
Kommunikator könne der Versicherte eigene Erlebnisse der Woche an die
Bezugspersonen weitergeben und diese könnten wieder darauf eingehen. Abläufe des
Alltags seien dadurch leichter anzuzeigen und könnten vom Versicherten selbständig
wiederholt werden. So sei ihm die Partizipation im Alltag möglich.
D.
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Die IV-Stelle beantragte am 3. Juni 2010 die Abweisung der Beschwerde. Sie machte
geltend, der Step-by-Step Kommunikator könne nicht als spontanes und
situationsbezogenes Kommunikationsgerät eingesetzt werden, mit dem der Versicherte
seine Bedürfnisse und Wünsche mitteilen könnte. Vielmehr sei es ein pädagogisches
Hilfsmittel, mit dem Drittpersonen über Erlebnisse im Alltag des Versicherten
berichteten und die entsprechende Aufnahme dann bei anderen Personen abgespielt
werden könne. Das Gerät werde ausschliesslich zwischen dem Elternhaus und der
Schule eingesetzt. Die Anforderungen an ein Hilfsmittel zur Kommunikation seien in Rz
15.02.4 KHMI wiedergegeben. Diese seien nicht erfüllt. Die bundesgerichtliche Praxis
verlange zudem, dass ein Kommunikationsgerät der versicherten Person ermöglichen
müsse, sich spontan und situationsbezogen auszudrücken. Auch diese Anforderung
werde vom Step-by-Step Kommunikator nicht erfüllt. Sprachfördermassnahmen und
Schulungsmaterial gingen nicht zulasten der Invalidenversicherung. Im übrigen sei der
Step-by-Step Kommunikator so einfach zu bedienen, dass kein Gebrauchstraining
erforderlich sei.

Erwägungen:
1.
Versicherte, die infolge ihrer Invalidität u.a. für die Herstellung des Kontakts mit der
Umwelt kostspielige Geräte benötigen, haben im Rahmen einer vom Bundesrat
aufzustellen Liste ohne Rücksicht auf die Erwerbsfähigkeit einen Anspruch auf
Hilfsmittel (Art. 21 Abs. 2 IVG). Der Bundesrat hat diese Aufgabe an das zuständige
Departement delegiert (Art. 14 IVV). Dieses hat eine Verordnung über die Abgabe von
Hilfsmitteln durch die Invalidenversicherung (HVI) erlassen. Gemäss dem Art. 2 Abs. 1
HVI sind die abzugebenden Hilfsmittel in einer Liste im Anhang zu dieser Verordnung
aufgeführt. Die Ziffer 15 dieser Liste enthält die Hilfsmittel für den Kontakt mit der
Umwelt. Dazu gehören gemäss der Ziffer 15.02 elektronische Kommunikationsgeräte
für schwer sprech- und schreibbehinderte Versicherte, die zur Pflege des täglichen
Kontakts mit der Umwelt auf ein solches Gerät angewiesen sind und über die
notwendigen intellektuellen und motorischen Fähigkeiten zur Bedienung verfügen. Die
Verwaltungsweisungen enthalten keine Präzisierung des Begriffs 'Kontakt mit der
Umwelt' (vgl. Rz 15.021 KHMI). Sinn und Zweck eines Hilfsmittels zur Ermöglichung
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des Kontakts mit der Umwelt muss sein, die behinderungsbedingt fehlende
Sprechfähigkeit zu ersetzen. Der Beschwerdeführer kann nur einzelne Laute oder
Silben bilden. Er kann also nicht sprechen, auch nicht indem er einzelne Wörter bildet.
Durch Schreiben kann er diese behinderungsbedingte Einschränkung in der
Kommunikation nicht kompensieren, weil er behinderungsbedingt auch nicht schreiben
kann. Er benötigt deshalb ein Gerät, das ihm eine Stimme gibt, das es ihm also erlaubt,
wenigstens über die aktuellen alltäglichen Dinge – synthetisch, d.h. mittels
Sprachausgabe des elektronischen Kommunikationsgeräts - zu sprechen, z.B. dass er
Durst habe, dass er friere oder dass er auf die Toilette müsse. Das Bundesgericht hat
das treffend als Möglichkeit, sich spontan und situationsbezogen auszudrücken,
zusammengefasst (vgl. BGE 131 V 9 ff. Erw. 3.6.2). Diese Aufgabe kann der zur
Diskussion stehende Step-by-Step Kommunikator nicht erfüllen. Der Beschwerdeführer
kann den Inhalt der Sprachausgabe nämlich nicht selbst steuern, indem er das
gewünschte Wort auswählt und dem Gerät den Befehl erteilt, dieses Wort zu sagen. Er
hat also keinen Einfluss auf den Inhalt der Sprachausgabe. Seine
Steuerungsmöglichkeit beschränkt sich auf die Möglichkeit, das Gerät dazu zu bringen,
den von Drittpersonen vorgegebenen Mitteilungsinhalt wiederzugeben. Dabei handelt
es sich nur im weitesten Sinn um eine Kommunikation des Beschwerdeführers mit
anderen Personen, denn der Inhalt der konkreten Botschaft ist völlig fremdbestimmt.
Die Kommunikation läuft also zwischen der Drittperson, die den Inhalt der
aufzunehmenden Botschaft bestimmt, und der Drittperson, der gegenüber der
Beschwerdeführer den Step-by-Step Kommunikator abspielt. Auch wenn die erste
Drittperson versucht, den Inhalt der aufzunehmenden Botschaft so zu wählen, dass sie
möglichst dem entspricht, was der Beschwerdeführer selbst in der konkreten Situation
erzählen würde, wenn er könnte, handelt es sich doch nicht im eigentlichen Sinn um
einen direkten und aktuellen Kontakt des Beschwerdeführers mit seiner Umwelt. Da der
Step-by-Step Kommunikator also nicht geeignet ist, das fehlende Sprechvermögen
des Beschwerdeführers in einer ausreichenden Form zu ersetzen, ist er kein Hilfsmittel
für den Kontakt mit der Umwelt im Sinne der Ziffer 15.02 der Liste im Anhang zur HVI.
Die Beschwerdegegnerin hat zu Recht einen Anspruch des Beschwerdeführers auf die
Abgabe eines Step-by-Step Kommunikators als Hilfsmittel der Invalidenversicherung
verneint.
2.
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Da sich die angefochtene Verfügung als rechtmässig erweist, ist die Beschwerde
abzuweisen. Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Gerichtsgebühr bemisst
sich nach dem Verfahrensaufwand (Art. 69 Abs. 1 IVG). Der konkrete
Verfahrensaufwand war deutlich unterdurchschnittlich. Eine Gerichtsgebühr von Fr.
400.- erweist sich als angemessen. Diese Gebühr ist durch den geleisteten
Kostenvorschuss von Fr. 600.- gedeckt. Dem Beschwerdeführer sind Fr. 200.-
zurückzuerstatten.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 53 GerG