Decision ID: 1eaaed88-250c-5094-b118-4d48319825fd
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A._, geboren am (...), bezog seit 1. April 2002 eine ganze Rente der
schweizerischen Invalidenversicherung (IV; Akten im Beschwerdeverfah-
ren [im Folgenden: B-act.] 3 Beilage 4 S. 4); diese wurde später abgelöst
durch eine Rente der Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHV). Seine
am 26. September 1942 geborene Ehefrau B._ bezieht ebenfalls
eine Rente der AHV (B-act. 3 Beilage 4 S. 15). Gemäss den vom 14. Ja-
nuar 2015 datierenden Abmeldebescheinigungen der Einwohnergemeinde
C._ zogen A._ und B._ (im Folgenden: Versicherte,
Eheleute oder Beschwerdeführende) im November 2014 nach D._
in Frankreich um; diese Gemeinde bestätigte am 10. Februar 2015 die auf
den 1. Januar 2015 erfolgte Wohnsitznahme (B-act. 3 Beilage 2 S. 10 bis
12, Beilage 4 S. 18). Daraufhin teilte die Schweizerische Ausgleichskasse
SAK den Versicherten am 2. April 2015 mit, dass sie aufgrund des Wohn-
sitzwechsels von der Schweiz nach Frankreich neu für die Zahlung der
AHV-Rente zuständig sei und die monatliche Hilflosenentschädigung ent-
falle, da lediglich in der Schweiz wohnhafte Personen Anspruch auf diese
Leistung hätten. Weiter wurden die Eheleute über ihre Rentenhöhe infor-
miert und um die Retournierung der beiliegenden Formulare gebeten (B-
act. 3 Beilage 4 S. 7 bis 18).
B.
B.a Am 24. Januar 2017 (Posteingang: 27. Januar 2017) reichten die Ver-
sicherten der Gemeinsamen Einrichtung KVG (im Folgenden: GE KVG
oder Vorinstanz) ein Gesuch um Befreiung von der Krankenversicherungs-
pflicht in der Schweiz als Bezüger einer Schweizer Rente mit Wohnort in
Frankreich ein; das entsprechende Formular "Choix du système d'as-
surance-maladie applicable" enthielt unter der durch die französische Be-
hörde Caisse primaire d'assurance francaise (im Folgenden: CPAM) aus-
zufüllenden Ziffer 6 den handschriftlichen Vermerk "liegt bei der Agence
und dauert etwa 2 Monate bis es retour kommt" (B-act. 3 Beilage 2 S. 2 bis
8).
B.b Mit zwei Verfügungen vom 26. Februar 2018 wies die GE KVG das
Gesuch der Eheleute um Befreiung von der Krankenversicherungspflicht
in der Schweiz ab. In der Begründung wurden gesetzliche Normen wieder-
gegeben und ausgeführt, eine Befreiung von der Versicherungspflicht in
der Schweiz sei nur unter Vorlage des vollständig ausgefüllten Formulars
"choix du système" möglich; die Eheleute hätten kein vollständiges Gesuch
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um Befreiung gestellt (B-act. 3 Beilage 6 S. 14 und 15; vgl. E. 1.4.1 hier-
nach).
B.c Hiergegen erhoben die Versicherten am 20. März 2018 Einsprache
und beantragten sinngemäss die Befreiung von der Krankenversiche-
rungspflicht in der Schweiz. Zur Begründung brachten sie zusammenge-
fasst vor, man habe die Abmeldung in der Schweiz und die Anmeldung in
Frankreich "gesetzesbezogen" erledigt; alle diesbezüglichen Unterlagen
seien beiliegend. Von wem die Ablehnung erfolgt sei, sei unklar. Warum
von der Schweiz immer wieder neue Anmeldungen etc. verlangt würden,
sei nicht nachvollziehbar. Wolle man aus der "Schweizerpflicht" austreten,
sei dies nicht möglich (B-act. 3 Beilage 4 S. 1 und 2).
B.d In ihrem Einspracheentscheid vom 23. April 2018 wies die GE KVG die
Einsprache ab. Zur Begründung gab sie den Inhalt von gesetzlichen Nor-
men wieder und führte zusammengefasst weiter aus, die Versicherten hät-
ten trotz mehrfacher Aufforderung bis heute nicht mittels vollständigem Ge-
such unter Auflage des ausgefüllten und von der französischen Behörde
bestätigten Formulars "Choix de système" eine Befreiung von der schwei-
zerischen Krankenversicherungspflicht beantragt. Die Versicherten gingen
von der falschen Annahme aus, dass die Verlagerung des Wohnsitzes von
der Schweiz nach Frankreich alleine bereits ausreiche, um nicht mehr dem
schweizerischen KVG-Obligatorium zu unterstehen. Vielmehr unterstün-
den die in Frankreich wohnhaften Versicherten, welche ausschliesslich
eine schweizerische Altersrente beziehen würden, weiterhin unter zwin-
gender Anwendung des EU-Koordinationsrechts der schweizerischen
Krankenversicherungspflicht. Die Versicherten hätten aber innert der Frist
von drei Monaten seit ihrer Ausreise aus der Schweiz die Möglichkeit ge-
habt, sich über ein formelles Gesuch von der schweizerischen Versiche-
rungspflicht zu befreien. Aufgrund der sich präsentierenden Sachlage und
der klaren Rechtslage könne einer Befreiung zu Gunsten einer französi-
schen Versicherungslösung für die Versicherten nicht entsprochen werden
(B-act. 3 Beilage 5).
C.
C.a Hiergegen erhoben die Versicherten beim Bundesverwaltungsgericht
mit Eingabe vom 23. Mai 2018 Beschwerde und beantragten die Entlas-
sung aus der Krankenversicherungspflicht in der Schweiz ab Januar 2017
(letzte bezahlte Prämie). Zur Begründung führten sie zusammengefasst
aus, sie hätten von Anfang an alles korrekt befolgt und erledigt. Mit der
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Seite 4
E._ habe man in der Schweiz keine Probleme gehabt. Dass die
Prämien um einen Drittel erhöht würden, könne nicht nachvollzogen wer-
den, da die Gesundheitskosten in Frankreich einiges billiger seien. In der
Zwischenzeit hätten sie dazu gelernt, dass trotz sehr grossen Schwierig-
keiten noch an etwas festgehalten werde, was überhaupt nicht mehr ge-
setzeskonformen Bestand habe. Sie wollten in Frankreich versichert sein,
da sich ihr Lebensmittelpunkt nun seit vier Jahren in diesem Land befinde.
Entscheide man sich für die Kasse in Frankreich, sei es nicht möglich, in
der Schweiz auszutreten, und man müsse in der Schweiz versichert blei-
ben, weil die Rentenzahlung von der Schweiz komme. Seit letztem Jahr
hätten sie alle medizinischen Kosten selbst bezahlt. Die von der E._
verlangten ausstehenden Prämien für zwei Jahre seien für sie nicht be-
zahlbar. Ebenso wenig könnten sie sich einen Kostenvorschuss leisten (B-
act. 1).
C.b In ihrer Vernehmlassung vom 6. Juli 2018 beantragte die GE KVG die
Abweisung der Beschwerde. Zur Begründung äusserte sich die Vorinstanz
vorab zum Rechtlichen und führte im Rahmen der Erwägungen zusam-
mengefasst aus, im Januar 2017 hätten die Beschwerdeführenden das Ge-
such um Befreiung von der Versicherungspflicht in der Schweiz gestellt.
Ihren Unterlagen sei zu entnehmen, dass sie sich bereits per November
2014 von ihrer damaligen Wohngemeinde C._ nach Frankreich ab-
gemeldet hätten. Das Formular "Choix du système d'assurance-maladie
applicable" sei beigelegt worden, allerdings ohne die zwingend vorge-
schriebene Unterschrift der CPAM. Das Gesuch um Befreiung von der Ver-
sicherungspflicht in der Schweiz sei innerhalb von drei Monaten nach Ent-
stehung der Krankenversicherungspflicht zu stellen. Die GE KVG ent-
scheide über die Befreiung. Aufgrund des erwähnten, unvollständig ausge-
füllten Formulars und der bereits verstrichenen Frist zur Einreichung sei
das Gesuch entsprechend abgewiesen worden. Die Tatsache, dass die Be-
schwerdeführenden ihre schweizerische Krankenversicherung gekündigt
und ihren Lebensmittelpunkt nach Frankreich verlegt hätten, vermöge
nichts daran zu ändern. Schliesslich bestehe für Personen, welche in be-
scheidenen wirtschaftlichen Verhältnissen lebten, ein Anspruch auf Prämi-
enverbilligung. Eine Befreiung von der Versicherungspflicht in der Schweiz
sei "aufgrund von geringen wirtschaftlichen Verhältnissen" nicht vorgese-
hen (B-act. 3).
C.c In ihrer Replik vom 31. August 2018 liessen die Beschwerdeführenden
an ihrem Rechtsbegehren festhalten. Sie warfen eine Reihe von Fragen
auf und führten zusammengefasst aus, sie hätten weder in der Schweiz
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Seite 5
noch in Frankreich eine Grundversicherung, und es seien seit dem 23. April
2018 keine Vergütungen geleistet worden. Man habe die medizinischen
Behandlungen selbst bezahlt (B-act. 5).
C.d In ihrer Duplik vom 3. Oktober 2018 beantragte die GE KVG weiterhin
die Abweisung der Beschwerde. Zusammengefasst machte diese zur Be-
gründung geltend, sie halte an den bisherigen Ausführungen grundsätzlich
fest. Aus den Gesuchsunterlagen der Beschwerdeführenden sei ersicht-
lich, dass die Gemeinde C._ bestätigt habe, dass eine Abmeldung
an die Wohnadresse in D._ Frankreich bereits am 12. November
2014 erfolgt sei. Erst am 27. Januar 2017 hätten die Beschwerdeführenden
bei der GE KVG ein Gesuch eingereicht mit dem Anliegen, nicht weiter in
der Schweiz nach dem Krankenversicherungsgesetz versichert zu bleiben.
Dabei sei ein unvollständiges Formular "Choix du système d'assurance-
maladie applicable" eingereicht worden, welches nie von der zuständigen
CPAM bestätigt worden sei. Dieses Formular müsse zwingend durch die
CPAM visiert werden, bevor es innert drei Monaten nach Entstehung des
Optionsrechts an die zuständige schweizerische Behörde zurückgeschickt
werde. Es sei darüber hinaus erwähnt, dass auch bis zum "heutigen Tag"
nie ein durch die zuständige CPAM bestätigtes Formular bei der GE KVG
eingegangen sei. Auch auf informelle Nachfrage der GE KVG bei der zu-
ständigen CPAM sei dies nicht der Fall gewesen. Die Beschwerdeführen-
den hätten vielmehr im August 2017 über anderweitige Dokumentationen
"aus der schweizerischen Versicherungspflicht zu entfliehen" versucht.
Das zwischenstaatliche formelle Formularverfahren sei aber zwingend zu
befolgen. Die versäumte Optierung für den Wohnstaat könne grundsätzlich
nicht nachgeholt werden (vgl. BGE 136 V 295 E. 2.3.4). Schliesslich seien
die Beschwerdeführenden entgegen ihrer Ausführungen aktuell nicht ohne
staatlichen Versicherungsschutz. Vielmehr bestehe die KVG-Versicherung
bei der E._ immer noch. Aufgrund der ausstehenden Prämienzah-
lungen seit Januar 2017 sei ein Leistungsaufschub erfolgt (B-act. 7).
C.e Mit prozessleitender Verfügung vom 8. Oktober 2018 wurde der Schrif-
tenwechsel unter Vorbehalt weiterer Instruktionsmassnahmen abgeschlos-
sen (B-act. 8). Nachdem die Beschwerdeführenden diese Verfügung nicht
abgeholt hatten (B-act. 9), wurde ihnen diese mit Schreiben vom 1. No-
vember 2018 nochmals per A-Post gesendet (B-act. 10).
C.f Auf den weiteren Inhalt der Akten sowie der Rechtsschriften und Be-
weismittel der Parteien ist – soweit erforderlich – in den nachfolgenden Er-
wägungen einzugehen.
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Seite 6

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Das Bundesverwaltungsgericht prüft von Amtes wegen und mit freier Kog-
nition, ob die Prozessvoraussetzungen erfüllt sind und ob auf eine Be-
schwerde einzutreten ist (Art. 7 Abs. 1 des Bundesgesetzes vom 20. De-
zember 1968 über das Verwaltungsverfahren [VwVG; SR 172.021]; BVGE
2016/15 E. 1; 2014/4 E. 1.2).
1.1 Das Bundesverwaltungsgericht ist zur Behandlung der vorliegenden
Beschwerde zuständig (Art. 90a Abs. 1 des Bundesgesetzes über die
Krankenversicherung vom 18. März 1994 [KVG; SR 831.10] in Verbindung
mit Art. 18 Abs. 2bis KVG sowie Art. 31, 32 und 33 Bst. d des Verwaltungs-
gerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [VGG; SR 173.32]).
1.2 Das Verfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht richtet sich nach
dem VwVG, soweit das VGG nichts anderes bestimmt (vgl. Art. 37 VGG).
Gemäss Art. 3 Bst. dbis VwVG bleiben in sozialversicherungsrechtlichen
Verfahren die besonderen Bestimmungen des Bundesgesetzes vom 6. Ok-
tober 2000 über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts
(ATSG; SR 830.1) vorbehalten. Gemäss Art. 2 ATSG sind die Bestimmun-
gen dieses Gesetzes auf die bundesgesetzlich geregelten Sozialversiche-
rungen anwendbar, wenn und soweit die einzelnen Sozialversicherungs-
gesetze es vorsehen. Nach Art. 1 Abs. 1 KVG in der seit 1. Januar 2016
geltenden Fassung (vgl. AS 2015 5137; BBl 2012 1941) sind die Bestim-
mungen des ATSG auf die Krankenversicherung anwendbar, soweit das
KVG oder das Krankenversicherungsaufsichtsgesetz vom 26. September
2014 (KVAG; SR 832.12) nicht ausdrücklich eine Abweichung vom ATSG
vorsieht. Nach den allgemeinen intertemporalrechtlichen Regeln finden
diejenigen Verfahrensregeln Anwendung, welche im Zeitpunkt der Be-
schwerdebeurteilung in Kraft stehen (BGE 130 V 1 E. 3.2).
1.3 Als direkte Adressaten sind die Beschwerdeführenden vom angefoch-
tenen Einspracheentscheid vom 23. April 2018 berührt und können sich auf
ein schutzwürdiges Interesse an dessen Aufhebung oder Änderung beru-
fen (Art. 59 ATSG; Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und formgerecht
eingereichte Beschwerde (Art. 60 ATSG; Art. 50 Abs. 1 und Art. 52 Abs. 1
in Verbindung mit Art. 63 Abs. 4 VwVG) ist somit grundsätzlich einzutreten
(vgl. hierzu E. 1.4.2 hiernach).
http://www.admin.ch/ch/d/as/2015/5137.pdf http://www.admin.ch/ch/d/ff/2012/1941.pdf
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Seite 7
1.4
1.4.1 Anfechtungsobjekt und damit Begrenzung des Streitgegenstandes
des vorliegenden Beschwerdeverfahrens (vgl. BGE 131 V 164 E. 2.1) bil-
det der Einspracheentscheid der GE KVG vom 23. April 2018, mit dem die
Vorinstanz in Bestätigung ihrer Verfügung vom 26. Februar 2018 das Ge-
such der Beschwerdeführenden um Befreiung von der Krankenversiche-
rungspflicht in der Schweiz abgewiesen hat. Zwar ist nur die alleine an
A._ adressierte Verfügung vom 26. Februar 2018 aktenkundig. Mit
Blick auf den Umstand, dass die dagegen erhobene Einsprache vom
20. März 2018 von beiden Eheleuten unterzeichnet und im Titel zwei Ein-
schreiben vom 26. Februar 2018 bzw. "Verfügungen" erwähnt worden wa-
ren, sowie der Tatsache, dass der vorliegend angefochtene Einspracheent-
scheid ebenfalls an beide Eheleute gerichtet war, ist – trotz nicht aktenkun-
diger Verfügung betreffend B._ – davon auszugehen, dass die Vo-
rinstanz zuvor zwei separate Verfügungen erlassen, die hiergegen von bei-
den Eheleuten eingereichte und unterzeichnete Einsprache in einem Ver-
fahren vereinigt und deshalb in der Folge bloss einen Einspracheentscheid
erlassen hatte. Dies geht letztlich auch aus der Einsprache vom 20. März
2018 hervor, in welcher Bezug genommen wurde auf "Ihre zwei E-Schrei-
ben vom 26.02.2018" (B-act. 3 Beilage 4 S. 1 und 2).
1.4.2 Nicht Prozessthema bilden die von den Beschwerdeführenden selbst
bezahlten Rechnungen (B-act. 5), die aufgelaufenen Prämien in der Höhe
von Fr. 14'430.-, allfällige Prämienverbilligungen (B-act. 7 Beilage 8) sowie
eine eventuelle spätere Teilübernahme der ausstehenden Krankenkassen-
prämien (vgl. Art. 64a KVG in Verbindung mit Art. 105 ff. KVV), weshalb
darauf nicht einzutreten ist.
1.5 Das Bundesverwaltungsgericht prüft die Verletzung von Bundesrecht
einschliesslich der Überschreitung oder des Missbrauchs des Ermessens,
die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen
Sachverhalts und die Unangemessenheit (Art. 49 VwVG).
1.6 Das sozialversicherungsrechtliche Verfahren ist vom Untersuchungs-
grundsatz beherrscht (Art. 43 ATSG). Danach hat die Verwaltung und im
Beschwerdeverfahren das Gericht von Amtes wegen für die richtige und
vollständige Abklärung des erheblichen Sachverhalts zu sorgen. Dieser
Grundsatz gilt indessen nicht uneingeschränkt; er findet zum einen sein
Korrelat in den Mitwirkungspflichten der Parteien (Art. 28 ff. ATSG; BGE
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Seite 8
125 V 195 E. 2, BGE 122 V 158 E. 1a, je mit Hinweisen). Im Sozialversi-
cherungsprozess hat das Gericht seinen Entscheid, sofern das Gesetz
nicht etwas Abweichendes vorsieht, nach dem Beweisgrad der überwie-
genden Wahrscheinlichkeit zu fällen. Die blosse Möglichkeit eines be-
stimmten Sachverhalts genügt den Beweisanforderungen nicht. Das Ge-
richt hat vielmehr jener Sachverhaltsdarstellung zu folgen, die es von allen
möglichen Geschehensabläufen als die wahrscheinlichste würdigt (BGE
126 V 360 E. 5b, 125 V 195 E. 2, je mit Hinweisen).
2.
Im Folgenden sind die weiteren, im vorliegenden Verfahren im Wesentli-
chen anwendbaren Normen und Rechtsgrundsätze darzustellen.
2.1 Zu beurteilen ist ein grenzüberschreitender Sachverhalt mit Bezug zur
EU, weshalb das am 1. Juni 2002 in Kraft getretene Abkommen vom
21. Juni 1999 zwischen der Schweizerischen Eidgenossenschaft einer-
seits und der Europäischen Gemeinschaft und ihren Mitgliedstaaten ande-
rerseits über die Freizügigkeit (FZA; SR 0.142.112.681) zu beachten ist. Im
Rahmen des FZA ist auch die Schweiz als «Mitgliedstaat» im Sinne der
Koordinierungsverordnungen zu betrachten (Art. 1 Abs. 2 Anhang II FZA;
vgl. BGE 141 V 246 E. 2.1). Nach Art. 1 Abs. 1 des auf der Grundlage von
Art. 8 FZA ausgearbeiteten und Bestandteil des Abkommens bildenden
(Art. 15 FZA) Anhangs II FZA in Verbindung mit Abschnitt A dieses Anhangs
wenden die Vertragsparteien untereinander insbesondere die Verordnun-
gen (EWG) Nr. 1408/71 des Rates vom 14. Juni 1971 zur Anwendung der
Systeme der sozialen Sicherheit auf Arbeitnehmer und Selbstständige so-
wie deren Familienangehörige, die innerhalb der Gemeinschaft zu- und ab-
wandern (AS 2004 121), und (EWG) Nr. 574/72 des Rates vom 21. März
1972 über die Durchführung der Verordnung (EWG) Nr. 1408/71 (AS 2005
3909; im Folgenden: V [EWG] Nr. 1408/71) oder gleichwertige Vorschriften
an. Mit Wirkung auf 1. April 2012 sind diese beiden Rechtsakte durch die
Verordnungen (EG) Nr. 883/2004 des Europäischen Parlaments und des
Rates vom 29. April 2004 zur Koordinierung der Systeme der sozialen Si-
cherheit (SR 0.831.109.268.1; im Folgenden: V [EG] Nr. 883/2004) sowie
(EG) Nr. 987/2009 des Europäischen Parlaments und des Rates vom
16. September 2009 zur Festlegung der Modalitäten für die Durchführung
der Verordnung (EG) Nr. 883/2004 über die Koordinierung der Systeme der
sozialen Sicherheit (SR 0.831.109.268.11) abgelöst worden (BGE 143 V
52 E. 6.1).
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Seite 9
2.2 Nach Art. 3 Abs. 1 KVG muss sich jede Person mit Wohnsitz in der
Schweiz innert drei Monaten nach der Wohnsitznahme oder der Geburt in
der Schweiz für Krankenpflege versichern oder von ihrem gesetzlichen
Vertreter beziehungsweise ihrer gesetzlichen Vertreterin versichern lassen.
Für die gesamte Schweiz gilt somit ein Versicherungsobligatorium (BGE
143 V 52 E. 4). Art. 1 der vom Bundesrat erlassenen Verordnung über die
Krankenversicherung vom 27. Juni 1995 (KVV; SR 832.102) präzisiert,
dass Personen mit Wohnsitz im Sinn von Art. 23 bis 26 des Schweizeri-
schen Zivilgesetzbuches vom 10. Dezember 1907 (ZGB; SR 210) in der
Schweiz der Versicherungspflicht nach Art. 3 KVG unterstehen (Abs. 1).
2.3 Der Bundesrat kann die Versicherungspflicht gemäss Art. 3 Abs. 3 KVG
auf Personen ohne Wohnsitz in der Schweiz ausdehnen, insbesondere auf
solche, die in der Schweiz tätig sind oder dort ihren gewöhnlichen Aufent-
halt (Art. 13 Abs. 2 ATSG) haben (Bst. a) oder die im Ausland von einem
Arbeitgeber mit einem Sitz in der Schweiz beschäftigt werden (Bst. b). Zu-
dem erklärt Art. 1 Abs. 2 Bst. d KVV – neben den Personen mit einem zi-
vilrechtlichen Wohnsitz in der Schweiz – unter anderem Personen, welche
in einem Mitgliedstaat der Europäischen Union wohnen und nach dem in
Art. 95a Bst. a KVG genannten FZA sowie seinem Anhang II der schwei-
zerischen Versicherung unterstellt sind, als versicherungspflichtig. Nach
Art. 7 Abs. 8 KVV sind versicherungspflichtige Personen nach Art. 1 Abs. 2
Bst. d KVV verpflichtet, sich innert drei Monaten nach Entstehung der Ver-
sicherungspflicht in der Schweiz zu versichern. Versichern sie sich innert
dieser Frist, so beginnt die Versicherung im Zeitpunkt der Unterstellung un-
ter die schweizerische Versicherung.
2.4 Nach Art. 2 Abs. 6 KVV sind Personen auf Gesuch hin von der Versi-
cherungspflicht ausgenommen, die in einem Mitgliedstaat der Europäi-
schen Union wohnen, sofern sie nach dem Freizügigkeitsabkommen sowie
seinem Anhang II von der Versicherungspflicht befreit werden können und
nachweisen, dass sie im Wohnstaat und während eines Aufenthalts in ei-
nem anderen Mitgliedstaat der Europäischen Union und in der Schweiz für
den Krankheitsfall gedeckt sind. Weiter sind nach Art. 2 Abs. 8 KVV auf
Gesuch hin von der Versicherungspflicht ausgenommen Personen, für wel-
che eine Unterstellung unter die schweizerische Versicherung eine klare
Verschlechterung des bisherigen Versicherungsschutzes oder der bisheri-
gen Kostendeckung zur Folge hätte und die sich auf Grund ihres Alters
und/oder ihres Gesundheitszustandes nicht oder nur zu kaum tragbaren
Bedingungen im bisherigen Umfang zusatzversichern könnten. Dem Ge-
such ist eine schriftliche Bestätigung der zuständigen ausländischen Stelle
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Seite 10
mit allen erforderlichen Angaben beizulegen. Die betreffende Person kann
die Befreiung oder einen Verzicht auf die Befreiung ohne besonderen
Grund nicht widerrufen.
3.
Es ergibt sich aus den Akten und ist unbestritten, dass die Beschwerdefüh-
ren keinen Wohnsitz in der Schweiz mehr haben und gemäss der Bestäti-
gung der Gemeinde D._ vom 10. Februar 2015 seit dem 1. Januar
2015 in Frankreich wohnen. Gestützt auf Art. 3 Abs. 1 KVG lässt sich damit
mangels Wohnsitzes in der Schweiz keine Unterstellung der Beschwerde-
führenden unter das schweizerische Krankenversicherungsobligatorium
begründen. Nachfolgend ist deshalb weiter zu prüfen, ob sie nach den Nor-
men des FZA sowie seinem Anhang II und/oder weiteren Bestimmungen
der Versicherungspflicht in der Schweiz unterstehen.
4.
4.1 Für die Prüfung der Frage, in welchem Mitgliedstaat die Beschwerde-
führenden ab 1. April 2012 der Krankenversicherung unterstellt sind, ist die
V (EG) Nr. 883/2004 in sachlicher und zeitlicher Hinsicht anwendbar. In
persönlicher Hinsicht gilt die V (EG) Nr. 883/2004 für Staatsangehörige ei-
nes Mitgliedstaats, für Staatenlose und Flüchtlinge mit Wohnort in einem
Mitgliedstaat, für die die Rechtsvorschriften eines oder mehrerer Mitglied-
staaten gelten oder galten, sowie für ihre Familienangehörigen und Hinter-
bliebenen (Art. 2 Ziff. 1 V [EG] Nr. 883/2004).
4.2 Da die Beschwerdeführenden Schweizer Staatsbürger sind (B-act. 3
Beilage 2 S. 10 und 11), besteht kein Zweifel darüber, dass sie Staatsan-
gehörige eines Mitgliedstaates sind und somit in den Anwendungsbereich
der V (EG) Nr. 883/2004 fallen. Nachfolgend ist zu prüfen, ob sich in An-
wendung der V (EG) Nr. 883/2004 eine Unterstellung der Beschwerdefüh-
renden unter die Krankenversicherung in der Schweiz begründen lässt.
5.
5.1 Titel II der V (EG) Nr. 883/2004 (Art. 11 ff.) enthält allgemeine Kollisi-
onsregeln zur Bestimmungen der anzuwenden Rechtsvorschriften. Dabei
legt Art. 11 Abs. 1 V (EG) Nr. 883/2004 den kollisionsrechtlichen Grundsatz
der Einheitlichkeit der anwendbaren Rechtsvorschriften in dem Sinne fest,
dass für jede betroffene Person die Rechtsvorschriften nur eines Mitglied-
staats massgebend sind. Eine Person unterliegt stets der Versicherungs-
pflicht eines einzigen Staats (Art. 11 Abs. 1 V [EG] Nr. 883/2004). Zweck
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Seite 11
ist die Vermeidung von doppelten Versicherungspflichten (vgl. BEAT
MEYER, Krankenversicherung [Versicherte und Finanzierung], in: Recht der
Sozialen Sicherheit, Handbücher für die Anwaltspraxis, Band XI, 2014,
S. 439 Rz. 12.23; GEBHARD EUGSTER, die obligatorische Krankenpflege-
versicherung, in: Soziale Sicherheit, SBVR Band XIV, 3. Aufl. 2016, S. 435
Rz. 85 mit Hinweisen). Eine Versicherungspflicht in zwei oder mehr Staaten
ist nicht vorgesehen (vgl. Leitfaden der Gemeinsamen Einrichtung KVG
über die Krankenversicherung mit Bezug zur EU/EFTA und über die Leis-
tungsaushilfe für Personen mit einer Grundversicherung in der Schweiz
[Stand: 9. Dezember 2019], S. 23; abrufbar unter www.kvg.org). Nichter-
werbstätige sind ebenfalls den Rechtsvorschriften (nur) eines Mitglied-
staats unterstellt. Nach Art. 11 Abs. 3 Bst. e V (EG) Nr. 883/2004 unterlie-
gen sie den Rechtsvorschriften des Wohnmitgliedstaats, sofern nichts an-
deres bestimmt ist (vgl. BGE 143 V 52 E. 6.2.2). Die allgemeinen Vorschrif-
ten gemäss Titel II V (EG) Nr. 883/2004 gelten jedoch nur insoweit, als die
besonderen Bestimmungen für die einzelnen Leistungsarten, die Titel III
bilden ("Besondere Bestimmungen über die verschiedenen Arten von Leis-
tungen" [Art. 17-70]), nicht etwas Anderes bestimmen (vgl. BGE 144 V 127
E. 4.2.2 mit Hinweisen).
5.2 Titel III der V (EG) Nr. 883/2004 (Art. 23 ff.) regelt den Sachleistungs-
anspruch von Rentnerinnen und Rentnern und deren Familienangehörigen
bei Krankheit. Danach erhält eine Person, die eine Rente nach den Rechts-
vorschriften eines Mitgliedstaats bezieht und die keinen Anspruch auf
Sachleistungen nach den Rechtsvorschriften des Wohnmitgliedstaats hat,
dennoch Sachleistungen für sich und ihre Familienangehörigen, sofern
nach den Rechtsvorschriften des für die Zahlung ihrer Rente zuständigen
Mitgliedstaats Anspruch auf Sachleistungen bestünde, wenn sie in diesem
Mitgliedstaat wohnte (Art. 24 Abs. 1 V [EG] Nr. 883/2004). Hat die Rentne-
rin oder der Rentner nur Anspruch auf Sachleistungen nach den Rechts-
vorschriften eines einzigen Mitgliedstaats, so übernimmt der zuständige
Träger dieses Mitgliedstaats die Kosten für die Sachleistungen (Art. 24
Abs. 2 Bst. a V [EG] Nr. 883/2004). Art. 24 V (EG) Nr. 883/2004 umfasst
den Fall, dass Rentnerinnen und Rentner mangels hinreichender Bezie-
hungen zum Rentensystem des Wohnortstaats keinen originären Anspruch
auf Sachleistungen bei Krankheit im Wohnortstaat haben. Beim Bezug nur
einer Rente ist der Träger für Leistungen bei Krankheit desjenigen Staats
kostenpflichtig, der die Rente leistet. Der Rentnerin oder dem Rentner wird
ein Anspruch auf Sachleistungsaushilfe gegenüber dem Träger des Woh-
nortstaats gewährt (FRANK SCHREIBER, in: Kommentar zur V [EG]
C-3093/2018
Seite 12
Nr. 883/2004, 2012, N. 1 und 7 zu Art. 24 V [EG] Nr. 883/2004). Anknüp-
fungspunkt bei Art. 23 und 24 V (EG) Nr. 883/2004 ist ein tatsächlicher
Rentenbezug, eine blosse Rentenberechtigung reicht nicht aus (EUGSTER,
a.a.O., S. 441 f. Rz. 109; vgl. auch ROLF SCHULER, in: Kommentar zum
europäischen Sozialrecht, 6. Aufl. 2013, Vorbemerkungen zu Art. 23 ff.
Rz. 9; SCHREIBER, a.a.O. N 3 ff. zu Art. 23 V [EG] Nr. 883/2004).
5.3 Die Leistungsaushilferegeln und die Bestimmung des primär zuständi-
gen Trägers in Art. 23 ff. V (EG) Nr. 883/2004 definieren bei Rentnerinnen
und Rentnern das anzuwendende Recht bezüglich der Versicherteneigen-
schaft (vgl. BGE 143 V 52 E. 6.3.2; BGE 138 V 206 E. 2.3; EUGSTER,
a.a.O., S. 441 Rz. 109). Personen, für die nach den Artikeln 24, 25 und 26
der V (EG) Nr. 883/2004 die Schweiz die Kosten für Leistungen trägt, un-
terliegen den schweizerischen Rechtsvorschriften über die Krankenversi-
cherungspflicht, auch wenn sie nicht in der Schweiz wohnen (Ziffer 3 Bst.
a, Schweiz, des Anhangs XI zur V [EG] Nr. 883/2004). Für Einfachrentne-
rinnen und Einfachrentner mit Wohnort in einem Mitgliedstaat, nach dessen
Vorschriften die Rente gewährt wird, gilt das KV-Recht dieses Staates. Ein
Angehöriger eines Mitgliedstaats, der ausschliesslich eine schweizerische
Sozialversicherungsrente bezieht, untersteht damit der Versicherungs-
pflicht des KVG, auch wenn er seinen Wohnsitz nicht in der Schweiz hat
(vgl. EUGSTER, a.a.O., S. 442 Rz. 110).
5.4 Für die Frage, ob die Beschwerdeführenden der Krankenversiche-
rungspflicht in der Schweiz unterstehen, ist somit entscheidend, ob sie nur
eine Rente aus der Schweiz (Einfachrentner) oder zusätzlich noch eine
Rente aus einem anderen Mitgliedstaat (Mehrfachrentner) beziehen. Aus
den Akten ergibt sich und ist nicht strittig, dass beide Beschwerdeführende
eine AHV-Rente aus der Schweiz beziehen (B-act. 3 Beilage 4 S. 7 bis 9
und 14 bis 16). Mit Blick auf die von den Beschwerdeführenden auf dem
Formular "DÉCLARATION EN VUE DE L'IMMATRICULATION D'UN PEN-
SIONNÉ, OU DE SA VEUVE, OU D'UN ORPHELIN" gemachten Angaben
ist weiter auch davon auszugehen, dass ihnen keine weiteren Renten von
einem oder mehreren Mitgliedstaaten ausgerichtet werden (B-act. 3 Bei-
lage 4 S. 21 und 22). Somit unterstehen die Beschwerdeführenden nach
den Bestimmungen des FZA und der V (EG) Nr. 883/2004 trotz ihres Wohn-
sitzes in Frankreich in der Schweiz der Versicherungspflicht. Nachfolgend
ist zu somit weiter zu prüfen, nach welchen Grundsätzen sich die Beurtei-
lung des Gesuchs der Beschwerdeführenden um Befreiung von der Versi-
cherungspflicht in der Schweiz richtet:
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Seite 13
6.
6.1 Dem Anhang XI der V (EG) Nr. 883/2004 (Schweiz, Ziffer 3 Bst. b) lässt
sich entnehmen, dass unter anderem die Personen, für die nach den Arti-
keln 24, 25 und 26 der V (EG) Nr. 883/2004 die Schweiz die Kosten für
Leistungen trägt, und deren Familienangehörige, auf Antrag von der Versi-
cherungspflicht befreit werden können, wenn sie unter anderem in Frank-
reich wohnen und nachweisen, dass sie dort für den Krankheitsfall gedeckt
sind. Dieser Antrag ist innerhalb von drei Monaten nach Entstehung der
Versicherungspflicht in der Schweiz zu stellen; wird in begründeten Fällen
der Antrag nach diesem Zeitraum gestellt, so wird die Befreiung ab dem
Zeitpunkt der Entstehung der Versicherungspflicht wirksam. Der Antrag
schliesst sämtliche im selben Staat wohnenden Familienangehörigen ein.
Dieses Optionsrecht war bereits in der V [EWG] Nr. 1408/71 (Anhang VI,
Schweiz, Ziff. 3 Bst. b) vorgesehen.
6.2 Den Antrag auf Befreiung von der Versicherungspflicht in der Schweiz
muss eine Rentnerin oder ein Rentner schriftlich und innerhalb von drei
Monaten nach Verlegung des Wohnsitzes ins Ausland oder nach Beginn
des Rentenbezugs bei der Gemeinsamen Einrichtung KVG stellen (Leitfa-
den, S. 78 ff.; Art. 18 Abs. 2bis KVG). Das Optionsrecht zugunsten einer
Versicherung im Wohnstaat anstelle einer Krankenpflegeversicherung
nach dem schweizerischen KVG kann nicht stillschweigend (konkludent)
erfolgen (Urteil des BGer 9C_801/2014 vom 10. März 2015 E. 3.3). Die
versäumte Optierung für den Wohnstaat kann grundsätzlich nicht nachge-
holt werden, es sei denn, die Frist zur Ausübung des Optionsrechts habe
unverschuldet nicht ausgeübt werden können («begründeter Fall»; EUGS-
TER, a.a.O., S. 440 Rz. 104). Wird in begründeten Fällen der Antrag nach
diesem Zeitraum gestellt, so wird die Befreiung ab dem Zeitpunkt der Ent-
stehung der Versicherungspflicht wirksam. Die Verweisung auf begründete
Ausnahmefälle zeigt, dass eine starre Verwirkungsfrist als unverhältnis-
mässig erachtet wird. Auch wenn eine entschuldbare oder sonst wie auf
achtenswerten Gründen beruhende Fristversäumnis nicht schadet, ist den-
noch nicht von einer blossen, mehr oder weniger sanktionsfreien Ord-
nungsvorschrift zu sprechen, da eine Fristversäumnis ohne rechtfertigen-
den Gründe zum Erlöschen des Optionsrecht führt. Der Begriff «begründe-
ter Fall» lässt aber einen grossen Interpretationsspielraum offen (EUGSTER,
a.a.O., S. 429 f. Rz. 65, mit Hinweis auf BGE 136 V 295).
6.3 Die Vorinstanz geht davon aus, dass die Beschwerdeführenden die
vorstehend erwähnte Dreimonatsfrist verpasst hätten und überdies auf
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dem beigelegten Formular "Choix du système d'assurance-maladie appli-
cable" die zwingend vorgeschriebene Unterschrift der CPAM nicht enthal-
ten sei. Gemäss der "Note conjointe relative à I‘exercice du droit d‘option
en matière d‘assurance maladie dans le cadre de l‘Accord sur la libre cir-
culation des personnes entre la Suisse et l‘Union européenne" besteht für
die Beschwerdeführenden in ihrer Eigenschaft als Bezüger von AHV-Ren-
ten aus der Schweiz unter der Voraussetzung, dass sie in Frankreich ver-
sichert sind, eine Befreiungsmöglichkeit (vgl. hierzu www.bsv.admin.ch >
Informationen für Versicherte > Fragen und Antworten zu Internationales >
suchen Sie Informationen betreffend die Krankenversicherung > Note con-
jointe relative à I‘exercice du drolt d‘option en matière d‘assurance maladie
dans le cadre de l‘Accord sur la libre circulation des personnes entre la
Suisse et l‘Union européenne; zuletzt aufgerufen am 17. Februar 2020). Es
ist in Übereinstimmung mit der Vorinstanz auch zutreffend, dass gemäss
dem Informationsschreiben des Bundesamtes für Gesundheit an die KVG-
Versicherer, ihre Rückversicherer und die Gemeinsame Einrichtung KVG
sowie an die Kantonsregierungen und die für die Kontrolle der Versiche-
rungspflicht zuständigen kantonalen Stellen vom 4. Juli 2014 das ausge-
füllte Formular "Choix du système d'assurance-maladie applicable" zwin-
gend durch die CPAM visiert werden muss, bevor es innert drei Monaten
nach Entstehung des Optionsrechts an die zuständige schweizerische Be-
hörde (GE KVG für Rentner/-innen und kantonale Behörde für Grenzgän-
ger/-innen) zurückzuschicken ist (PDF zuletzt am 17. Februar 2020 abge-
rufen auf www.google.ch). Es trifft zwar zu, dass die entsprechende Bestä-
tigung auf dem aktenkundigen, am 24. Januar 2017 unterzeichneten For-
mular nicht enthalten ist (B-act. 3 Beilage 2 S. 1 bis 5). Es sind jedoch
keinerlei Dokumente aktenkundig, die beweisen, weshalb dieses Formular
mit der zwingend notwendigen Visierung der CPAM nie bei der Vorinstanz
eingetroffen ist. Darüber hinaus fehlen auch Beweise in Form eines Schrei-
bens, einer E-Mail oder einer Telefonnotiz betreffend die seitens der Vo-
rinstanz bei der CPAM offenbar getätigte informelle Nachfrage.
6.4 Weiter ergibt sich mit Blick auf die vorliegenden Akten, dass die CPAM
den Beschwerdeführenden den Versicherungsschutz mit Entscheid vom
6. Februar 2017 zufolge Versäumens der Optionsfrist versagt hat (B-act. 3
Beilage 4 S. 19). Aufgrund der vorliegenden Akten ist jedoch nicht rechts-
genüglich erstellt, ob den Beschwerdeführenden dieses Formular von einer
Adressatin oder einem Adressaten des Informationsschreibens des BAG
vom 4. Juli 2014 bei ihrem Wegzug Ende 2014 rechtzeitig abgegeben wor-
den ist und weshalb die Beschwerdeführenden das entsprechende Gesuch
um Befreiung von der Krankenversicherungspflicht in der Schweiz erst am
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24. Januar 2017 gestellt resp. bis zu diesem Zeitpunkt die Prämien in der
Schweiz bezahlt hatten. Ein Hinweis darauf, dass die E._ das ent-
sprechende Formular an die falsche Adresse geschickt haben könnte,
ergibt sich aus den glaubwürdigen Angaben der Beschwerdeführenden in
deren Schreiben an die E._ vom 5. April 2018, wonach diese bis
2016 die alte Adresse in C._ verwendet habe (B-act. 7 Beilage 8).
Im Übrigen ist diesbezüglich ergänzend auf das Informationsschreiben des
BAG vom 2. Mai 2013 zu verweisen (PDF zuletzt am 17. Februar 2020
abgerufen auf www.google.ch). Darin findet sich der wichtige Hinweis, dass
die Krankenkasse für den Fall, dass sie das Formular einem Versicherten
abgibt, der nach Frankreich umzieht, diesen darüber orientiert, dass er ihr
eine Kopie des durch die CPAM visierten Formulars zurückschicken muss,
damit die Versicherung in der Schweiz endet. Ein diesbezüglicher Schrift-
verkehr findet sich ebenso wenig in den Akten wie eine Aktennotiz über
eine persönliche oder telefonische Orientierung. Die damit im Zusammen-
hang stehende Frage, ob der zuständige Kanton F._ damals beim
Wegzug der Beschwerdeführenden aus der Gemeinde C._ (eben-
falls) seiner Informationspflicht gemäss Art. 6a Abs. 1 Bst. c KVG nachge-
kommen ist, lässt sich aufgrund der Akten ebenfalls nicht klären. Mit ande-
ren Worten lässt sich im vorliegenden Fall aufgrund der Akten nicht beur-
teilen, ob ein «begründeter Fall» vorliegt, der ein Gesuch auch nach Ablauf
von drei Monaten nach Wohnsitznahme im Ausland rechtfertigen würde.
Im Übrigen ist schliesslich zu beachten, dass die V (EG) Nr. 883/2004 auch
die im schweizerischen Recht weitergehenden Befreiungsmöglichkeiten
zulässt, beispielsweise in Ausnahmefällen die Befreiung von der Versiche-
rungspflicht durch Nachweis einer ausreichenden privaten Versicherung
für den Krankheitsfall (EUGSTER, a.a.O., S. 441 Rz. 106).
7.
Aufgrund der vorstehenden Erwägungen ergibt sich zusammenfassend,
dass sich der entscheidwesentliche Sachverhalt in mehrfacher Hinsicht
nicht rechtsgenüglich abgeklärt erweist, weshalb die Streitsache nicht ab-
schliessend materiell beurteilt werden kann. Die Beschwerde ist daher –
soweit auf sie einzutreten ist – dahingehend gutzuheissen, dass der ange-
fochtenen Einspracheentscheid vom 23. April 2018 aufzuheben und die
Sache im Sinne der vorstehenden Erwägungen zur weiteren Abklärung
und Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen ist (Art. 61 Abs. 1
VwVG).
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8.
Zu befinden bleibt noch über die Verfahrenskosten und eine allfällige Par-
teientschädigung.
8.1 Das Verfahren ist kostenlos (Art. 18 Abs. 8 KVG i.V.m. Art. 85bis Abs. 2
des Bundesgesetzes über die Alters- und Hinterlassenenversicherung vom
20. Dezember 1946 (AHVG; SR 831.10), weshalb keine Verfahrenskosten
zu erheben sind.
8.2 Den obsiegenden (vgl. BGE 132 V 215 E. 6), nicht vertretenen Be-
schwerdeführenden sind keine unverhältnismässig hohen Kosten entstan-
den, weshalb ihnen keine Parteientschädigung zuzusprechen ist (vgl. Art.
64 Abs. 1 VwVG i.V.m. Art. 7 Abs. 3 und 4 des Reglements vom 21. Februar
2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungs-
gericht [VGKE, SR 173.320.2]). Die unterliegende Vorinstanz hat ebenfalls
keinen Anspruch auf eine Parteientschädigung (Art. 64 Abs. 1 VwVG und
Art. 7 Abs. 1 VGKE, je e contrario; Art. 7 Abs. 3 VGKE).