Decision ID: 72ac1f7b-03d0-4f30-8d49-50abe85db4b1
Year: 2022
Language: de
Court: AG_OG
Chamber: AG_OG_001
Canton: AG
Region: Northwestern_Switzerland
Law Area: civil_law

Das Obergericht entnimmt den Akten:
1.
A. reichte mit Eingabe vom 20. August 2021 beim Bezirksgericht Bremgar-
ten, Familiengerichtspräsidium, ein Begehren um Abänderung des Ehe-
schutzentscheids vom 7. September 2020 ein. Mit Eingabe vom 8. Sep-
tember 2021 beantragte A. zusätzlich die Verpflichtung des Gesuchsgeg-
ners B. zur Leistung eines Prozesskostenvorschusses und eventuell die
Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege und Rechtsverbeiständung.
Diesen Antrag hatte sie zuvor schon handschriftlich und in eigenem Namen
mit Eingabe vom 31. August 2021 gestellt.
2.
2.1.
Gleichentags mit dem Entscheid über die Abänderung des Eheschutzent-
scheids wies die Präsidentin des Bezirksgerichts Bremgarten am 9. De-
zember 2021 mit separater Verfügung das Gesuch von A. um Bewilligung
der unentgeltlichen Rechtspflege ab.
2.2.
A. erhob gegen diese ihr am 5. Januar 2022 zugestellte Verfügung mit Ein-
gabe vom 17. Januar 2022 beim Obergericht des Kantons Aargau Be-
schwerde mit folgenden Anträgen:
" 1. In Gutheissung der Beschwerde sei die angefochtene Verfügung des  Bremgarten, Familiengerichtspräsidium, vom 9. Dezember 2021 aufzuheben, und der Gesuchstellerin und Beschwerdeführerin sei in vollumfänglicher Gutheissung ihres Gesuchs vom 31. August 2021/ 8. September 2021 die uneingeschränkte unentgeltliche Rechtspflege für deren Eheschutzverfahren SF.2021.49 und damit auch die unentgeltliche Rechtsverbeiständung durch den Unterzeichneten zu bewilligen.
2. Der Gesuchstellerin und Beschwerdeführerin sei (auch) für das mit der  Beschwerde ausgelöste zweitinstanzliche Verfahren die  Rechtspflege zu bewilligen, und der Unterzeichnete zu deren  Rechtsvertreter zu ernennen
3. Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen.

Das Obergericht zieht in Erwägung:
1.
Wird die unentgeltliche Rechtspflege ganz oder teilweise abgelehnt oder
entzogen, so kann der Entscheid mit Beschwerde angefochten werden
- 3 -
(Art. 121 ZPO). Mit der Beschwerde können die unrichtige Rechtsanwen-
dung und die offensichtlich unrichtige Feststellung des Sachverhalts gel-
tend gemacht werden (Art. 320 ZPO). Neue Anträge, neue Tatsachenbe-
hauptungen und neue Beweismittel sind ausgeschlossen (Art. 326 Abs. 1
ZPO).
2.
Eine Person hat Anspruch auf unentgeltliche Rechtspflege, wenn sie nicht
über die erforderlichen Mittel verfügt und ihr Rechtsbegehren nicht aus-
sichtslos erscheint (Art. 117 ZPO).
3.
3.1.
Die Vorinstanz hat das Gesuch im Wesentlichen mit der Begründung ab-
gewiesen, dass von Grundeigentümern einer Liegenschaft verlangt werden
dürfe, dass sie darauf eine Hypothek aufnehmen oder diese wenn möglich
erhöhen, um die Prozesskosten zu finanzieren. Die eheliche Liegenschaft
der Parteien weise nach Auskunft des Gesuchsgegners im Eheschutzver-
fahren einen Verkehrswert von Fr. 950'000.00 bis Fr. 1'000'000.00 auf und
sei mit rund Fr. 635'000.00 belastet, wozu die Beschwerdeführerin selber
keine Auskunft habe geben können, weshalb die Bestätigung der Bank
über die Möglichkeit zur Erhöhung der Hypothek unverzichtbar wäre, wel-
che von der anwaltlich vertretenen Beschwerdeführerin nicht eingereicht
worden sei und wozu ihr auch keine Nachfrist angesetzt werden könne. Es
komme hinzu, dass die Beschwerdeführerin gemäss der Steuererklärung
2020 ohne die Liegenschaft über Vermögen von rund Fr. 42'800.00 ver-
füge, womit der Notgroschen von Fr. 15'000.00 deutlich überschritten wer-
de.
3.2.
In der Beschwerde wird dagegen im Wesentlichen eingewendet, beachtlich
seien zunächst nur die liquiden Mittel der Beschwerdeführerin zur Zeit der
Gesuchseinreichung. Gemäss dem als Beilage zur Eingabe vom 8. Sep-
tember 2021 verurkundeten Kontoauszug hätten diese nur einige wenige
tausend Franken betragen. An der Hauptverhandlung hätten die Parteien
zudem übereinstimmend ausgeführt, dass die Hypothek im Jahr 2020 um
Fr. 50'000.00 für eine angedachte Parkplatzerweiterung erhöht, dann aber
für Steuern und anderweitige Verpflichtungen verbraucht worden sei. Der
vom Gesuchsgegner an der Verhandlung genannte Verkehrswert der ehe-
lichen Liegenschaft sei viel zu hoch und dürfte effektiv auf Fr. 700'000.00
bis Fr. 750'000.00 zu beziffern sein. Beide Parteien lebten unter dem Exis-
tenzminimum und könnten daher die Belastbarkeitsvorgaben der Bank
nicht erfüllen, und zudem sei die eheliche Liegenschaft schon "bis unters
Dach" drittfinanziert. Irgendwelche unnötigen Zettel seien daher weder er-
gänzend einzuholen noch bereits mit dem Gesuch um unentgeltliche
- 4 -
Rechtspflege einzureichen gewesen; die Einforderung einer "Negativfinan-
zierungsbestätigung" sei rechtswidrig. Die Bank habe dem Gesuchsgegner
gemäss dessen Erklärung an der Hauptverhandlung dessen Hypotheken-
Anfragen negativ beantwortet.
4.
4.1.
Als bedürftig gilt eine Person dann, wenn sie die Kosten eines Prozesses
nicht aufzubringen vermag, ohne jene Mittel anzugreifen, die für die De-
ckung des eigenen notwendigen Lebensunterhalts und desjenigen ihrer
Familie erforderlich sind. Die prozessuale Bedürftigkeit beurteilt sich nach
der gesamten wirtschaftlichen Situation der rechtssuchenden Person zum
Zeitpunkt der Einreichung des Gesuches (BGE 141 III 369 E. 4.1 m.w.H.).
Die gesuchstellende Person hat nach Art. 119 Abs. 2 Satz 1 ZPO ihre Ein-
kommens- und Vermögensverhältnisse darzulegen und sich zur Sache so-
wie über ihre Beweismittel zu äussern. Es trifft sie eine umfassende Mitwir-
kungsobliegenheit (Urteil des Bundesgerichts 5A_456/2020 vom 7. Okto-
ber 2020 E. 5.1.2 m.w.H.). Praxisgemäss dürfen dabei an die Darstellung
der finanziellen Situation durch die gesuchstellende Person umso höhere
Anforderungen gestellt werden, je komplexer die Verhältnisse sind, und hat
das Gericht dennoch den Sachverhalt dort weiter abzuklären, wo Unsicher-
heiten und Unklarheiten bestehen, und dabei allenfalls unbeholfene
Rechtssuchende auf die Angaben hinzuweisen, die es zur Beurteilung des
Gesuches benötigt. Bei einer anwaltlich vertretenen Partei ist das Gericht
nach Art. 97 ZPO hingegen nicht verpflichtet, eine Nachfrist anzusetzen,
um ein unvollständiges oder unklares Gesuch zu verbessern (Urteil des
Bundesgerichts 5A_456/2020 vom 7. Oktober 2020 E. 5.1.3 m.w.H.)
Das Bundesgericht geht davon aus, dass normalerweise die Belehnung ei-
ner Liegenschaft im Eigentum der gesuchstellenden Partei von 80 % des
Verkehrswerts möglich ist (Urteil des Bundesgerichts 2C_91/2011 vom
5. Juli 2011 E. 2.4) und eine Erhöhung der Hypothek grundsätzlich denkbar
ist, wenn die aktuelle Belehnung unter diesen 80 % liegt, wobei der gesuch-
stellenden Partei die Glaubhaftmachung des Gegenteils offensteht (DANIEL
WUFFLI, Die unentgeltliche Rechtspflege in der Schweizerischen Zivilpro-
zessordnung, 2015, Rz. 199)
4.2.
Das Gesuch vom 8. September 2021 wurde nur mit einer Gutschriftanzeige
sowie einem Kontoauszug eingereicht, weshalb die Vorinstanz zur Beurtei-
lung auf die im Rahmen des weiteren Eheschutz-Abänderungsverfahrens
zusätzlich eingereichten Beilagen abzustellen hatte. Daraus konnte zu-
nächst entnommen werden, dass der aktuelle Stand auf dem Privatkonto
der Beschwerdeführerin zum Zeitpunkt der Gesuchseinreichung rund
Fr. 6'500.00 betragen hat (Beilage zur Eingabe der Beschwerdeführerin
- 5 -
vom 27. Oktober 2021). Zur Belastungssituation auf der ehelichen Liegen-
schaft lagen weiter die Unterlagen zu den Darlehen der D. (ehemals C.)
über zusammen Fr. 500'000.00 sowie der E. AG von Fr. 133'429.00 vor.
Der Steuerwert der Liegenschaft mit Baujahr 1986 und Kaufjahr 2012 ist
mit Fr. 475'700.00 in der Steuererklärung 2020 ausgewiesen (Beilage 6 zur
Eingabe vom 23. August 2021).
Es kann vor diesem Hintergrund entgegen der anderslautenden Begrün-
dung zur Beschwerde die Möglichkeit einer Aufstockung der Hypothek im
Hinblick auf die Belastbarkeitsgrenze von 80 % nicht von vornherein aus-
geschlossen werden: Immerhin konnten die Parteien im Jahr 2020 noch
eine zusätzliche Hypothek von Fr. 50'000.000 aufnehmen und ist die Hy-
pothek per 1. Februar 2022 mit einem neuen Kreditrahmen von insgesamt
Fr. 500'000.00 für eine Fixdauer von 10 Jahren bis 30. Januar 2032 verlän-
gert worden. Vor diesem Hintergrund kann auch die Möglichkeit einer Er-
höhung der Hypothek zur Prozessfinanzierung, für welche ein relativ be-
scheidener Umfang von rund Fr. 20'000.00 ausreichend wäre, nicht ausge-
schlossen werden, zumal über die möglichen Erlöse aus der selbständigen
Coiffeurtätigkeit der Beschwerdeführerin nur ungenügende Angaben ak-
tenkundig sind, da sich die Parteien diesbezüglich in ihrer Trennungsver-
einbarung vom 14. August 2020 auf ein anrechenbares Einkommen von
Fr. 500.00 geeinigt hatten und sich weitere Abklärungen dazu erübrigten.
Die Beschwerdeführerin hätte daher von sich aus dazu Abklärungen treffen
und dokumentieren müssen, dass die Bank eine Erhöhung des Hypothe-
karkredits verweigert hätte. Dieser Nachweis wurde nicht erbracht und
konnte auch mit der mündlichen Erklärung des Gesuchsgegners anlässlich
der vorinstanzlichen Hauptverhandlung nicht erbracht werden. Die ange-
fochtene Verfügung ist daher im Ergebnis zu bestätigen und die Be-
schwerde abzuweisen
5.
Die Beschwerdeführerin ist ausgangsgemäss kostenpflichtig (Art. 106
Abs. 1 ZPO) und hat ihre eigenen Parteikosten selbst zu tragen. Aus den
vorstehenden Erwägungen ergibt sich, dass ihre Beschwerdeanträge of-
fensichtlich aussichtslos waren, weshalb ihr auch für das Beschwerdever-
fahren gestelltes Gesuch um Bewilligung der unentgeltlichen Rechtspflege
abzuweisen ist.