Decision ID: ea7ce9bf-f124-550e-94ea-e1579963eda6
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a A._ (Beschwerdeführer 1) verliess eigenen Angaben zufolge
seinen Heimatstaat am (...) 2014 zusammen mit seiner Ehefrau,
B._ (Beschwerdeführerin 2), und seinen drei Kindern C._
(Beschwerdeführerin 3), D._ (Beschwerdeführerin 4) und
E._ (Beschwerdeführer 5). Sie gelangten am (...) 2014 in die
Schweiz und suchten am (...) 2014 in F._ um Asyl nach. Am 8. April
2014 wurden die Beschwerdeführenden, mit Ausnahme der Beschwerde-
führerin 4 und des Beschwerdeführers 5, im Rahmen einer Befragung zur
Person (BzP) zu ihren persönlichen Umständen, dem Reiseweg sowie
summarisch zu ihren Gesuchsgründen befragt. Die einlässliche Anhörung
zu den Asylgründen erfolgte am 16. Mai 2014 (Beschwerdeführer 1) bezie-
hungsweise am 13. Juni 2014 (Beschwerdeführerinnen 2 und 3).
A.b Der Beschwerdeführer 1 brachte zur Begründung seines Asylgesuchs
im Wesentlichen vor, er sei türkischer Staatsangehöriger kurdischer Ethnie
aus G._. Seine Ehefrau stamme aus einer politisch oppositionell
gesinnten Familie. Im Jahr 1992 sei sein Schwager H._ von den
Behörden umgebracht worden. Die anderen Brüder seiner Ehefrau seien
seitens der Behörden ebenfalls verfolgt worden und deshalb in die Schweiz
geflüchtet. Er selbst sei Sympathisant der Partei I._ beziehungs-
weise der illegalen Partei J._, für welche er sich eingesetzt habe.
Im (...) 2011 sei er von (...) Polizisten zuhause aufgesucht und ermahnt
worden, der I._ und der Zeitung K._ fernzubleiben. Es sei
ihm damit gedroht worden, wie sein Schwager H._ zu enden, wenn
er nicht vernünftig würde. Ausserdem seien ihm 20 Jahre Haft und die Be-
einträchtigung des Wohlergehens seiner Familie angedroht worden. In der
Folge habe ihn die Polizei ständig kontrolliert, sein Telefon abgehört und
sich oft in der Nähe seines Hauses aufgehalten. Von (...) 2012 bis (...) 2013
habe er L._, dessen richtiger Name L._ (N [...]; nachfol-
gend: L._) laute und der für die J._ tätig sei, beherbergt. Im
(...) 2013 sei er erstmals festgenommen und zum Sicherheitsposten von
G._ gebracht worden, nachdem er im Zusammenhang mit dem
1. Mai Plakate angebracht habe. Nachdem er (...) Stunden nackt in einer
Zelle habe warten müssen, sei er geschlagen und verhört worden. Ihm sei
vorgeworfen worden, trotz der Warnung vom (...) 2011 weiterhin für die
I._ tätig gewesen zu sein, die Zeitung K._ gelesen und Pla-
kate aufgehängt zu haben. Auch sei er nach verschiedenen Namen gefragt
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worden, die er nicht gekannt habe. Am folgenden Morgen sei er nach er-
neuter Androhung von Konsequenzen freigelassen worden.
Am (...) 2013 sei er von zivilen Polizisten zum zweiten Mal festgenommen
und an einen ihm unbekannten Ort gebracht worden. Die Behörden hätten
ihm dieselben Vorwürfe wie bei der ersten Festnahme gemacht. Zudem
seien ihm Kontakte mit den Freunden seines Schwagers H._, die
Teilnahme an den Gezi-Protesten sowie die Tätigkeit für die J._ vor-
geworfen worden. Wiederum sei er nach diversen Namen gefragt und
seien ihm Fotos verschiedener Personen gezeigt worden, anhand welcher
er letztlich L._ wiedererkannt habe. Ausserdem sei er geschlagen
und mittels (...) gefoltert worden. Unter Androhung von 20 Jahren Haft habe
man von ihm verlangt, als Spitzel Polizeiinformationen zu sammeln und an
die Behörden weiterzugeben. Um zu entkommen, habe er sich dazu bereit
erklärt. Daraufhin sei er an den Ort der Festnahme zurückgebracht und
freigelassen worden.
Am (...) 2013 sei er von seinem Arbeitgeber entlassen worden, weil die
Behörden behauptet hätten, er sei ein Terrorist und Separatist. Am selben
Tag sei seine Tochter C._ von Polizisten in einem Auto mitgenom-
men und befragt worden.
Um (...) Uhr des darauffolgenden Morgens seien er und seine Ehefrau zu-
hause von Polizisten aufgesucht worden. Nach erfolgter Hausdurchsu-
chung seien sie zum Polizeiposten mitgenommen worden. Dort habe er
getrennt von seiner Ehefrau (...) Stunden warten müssen. Daraufhin sei er
dem Vorgesetzten vorgeführt worden. Dabei sei ihm wiederholt sein Enga-
gement für die I._ und die J._ vorgeworfen worden. Unter
Schlägen und Androhung der eigenen Vergewaltigung und derjenigen sei-
ner Ehefrau sei er erneut zur Spitzeltätigkeit aufgefordert worden. Schliess-
lich habe er das Angebot angenommen. Gegen Mittag sei er zusammen
mit seiner Ehefrau nach Hause zurückgebracht worden.
Nachdem er mit dem Menschenrechtsverein IHD Kontakt aufgenommen
und am (...) 2013 eine Presseerklärung abgegeben habe, sei er zusammen
mit seiner Familie nach M._ gereist, von wo aus sie die Reise in die
Schweiz angetreten hätten.
Zur Stützung seiner Vorbringen reichte er einen Artikel aus der Zeitung
K._ vom (...) 2013 zu den Akten. Diesem zufolge sei er aufgrund
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der Überwachung und Bedrohung durch die Polizei von seinem Arbeitge-
ber entlassen worden und hätte sich die Überwachung wegen seines im
Jahr 1992 umgebrachten Schwagers H._ sowie nach den Gezi-
Protesten verstärkt. Aufgrund der Bedrohungen habe er den IHD um Hilfe
gebeten.
A.c Die Beschwerdeführerin 2 führte zur Begründung ihres Asylgesuchs im
Wesentlichen aus, ihr Bruder H._, welcher sich stark für die illegale
J._ engagiert habe, sei im Jahr 1992 getötet worden. Ihre übrigen
Geschwister seien innerhalb der letzten (...) Jahre alle ins Ausland geflüch-
tet. Sie selbst sei Sympathisantin der I._ und habe diese unter-
stützt. Am (...) 2011 seien sie und ihr Ehemann von (...) Zivilpolizisten der
Terrorbekämpfungseinheit zuhause aufgesucht worden. Man habe ihnen
mit Schlimmerem gedroht, falls sie sich zukünftig nicht von der I._
fernhalten und weiterhin die Zeitung K._ lesen und verteilen wür-
den. Von jenem Ereignis an hätten sich oft Zivilpolizisten vor ihrem Haus
aufgehalten, hätten zu ihrer Wohnung hochgeschaut und ihre Bewohner
beobachtet. Von (...) 2012 bis (...) 2013 habe sie L._, der für die
J._ tätig sei, beherbergt. In der Folge hätten sich die Beobachtun-
gen und Belästigungen intensiviert. Ihr Ehemann sei zweimal festgenom-
men worden. Am (...) 2013 hätten Polizisten ihre Tochter C._ in ei-
nem Auto mitgenommen und befragt. Am (...) 2013 sei ihre Wohnung von
Zivilpolizisten aufgesucht worden. Nach erfolgter Hausdurchsuchung sei
sie (Beschwerdeführerin 2) getrennt von ihrem Mann mit verbundenen Au-
gen zum Sicherheitsposten von G._ gebracht worden. Nachdem
sie gefesselt und mit stets verbundenen Augen zirka während (...) in einer
Zelle hätte warten müssen, hätten (...) Polizistinnen den Raum betreten.
Von diesen sei sie zunächst angeschrien, erniedrigt und beleidigt worden.
Daraufhin hätten sie ihre Handfesseln entfernt, sie (Beschwerdeführerin 2)
(...) geschlagen und gegen ihren Willen ausgezogen. Mit (...) sei sie am
Körper, insbesondere (...), berührt worden. Auch sei (...) worden. Zudem
habe sie auf Anweisung der Polizistinnen (...) müssen. Schliesslich sei sie,
wie sie annehme, in Ohnmacht gefallen. Nach Wiedererlangung des Be-
wusstseins sei sie von den Polizistinnen angezogen und mit gefesselten
Händen in ein Verhörzimmer gebracht worden, wo sich (...) Polizisten be-
funden hätten. Derjenige Polizist, welcher vom andern "(...)" genannt wor-
den sei, habe ihr vorgeworfen, unter dem Decknamen der I._ für
die J._ zu arbeiten und Terroristen zu unterstützen. Er habe sie auf-
gefordert, als Spitzel mit den Behörden zu kooperieren und dabei heraus-
zufinden, welche Personen in dieser Organisation verkehrten sowie wann
und wo Kundgebungen geplant seien. Man habe ihr mit einer mehrjährigen
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Haft, der Beeinträchtigung des Wohlergehens ihrer Familie und dem Tod
gedroht, falls sie der Forderung der Behörden nicht Folge leisten würde.
Aus Angst habe sie eingewilligt. Daraufhin seien ihr einige Namen aufge-
zählt und Fotos gezeigt worden, wobei man ihr vorgeworfen habe, einige
dieser Personen zu beherbergen. Später sei sie mit verbundenen Augen in
einen Raum zu ihrem Mann gebracht worden. Nach zirka (...) seien sie in
der Nähe ihres Hauses freigelassen worden. Nachdem ihr Ehemann mit
dem Menschenrechtsverein IHD Kontakt aufgenommen und am (...) 2013
eine Presseerklärung abgegeben habe, sei sie zusammen mit ihrer Familie
nach M._ gereist, von wo aus sie die Reise in die Schweiz angetre-
ten hätten.
A.d Die Beschwerdeführerin 3 brachte zur Begründung ihres Asylgesuchs
im Wesentlichen vor, ihre Eltern hätten Probleme mit der Polizei. Am (...)
2013 sei sie auf dem Weg nach Hause von Polizisten angehalten und auf-
gefordert worden, zu ihnen ins Auto zu steigen. Sie hätten ihr Namen ge-
nannt und sie gefragt, ob sie diese Personen kenne. Als sie verneint habe,
sei ihr mit der Beeinträchtigung des Wohlergehens ihrer Eltern gedroht
worden, falls sie nicht die Wahrheit erzählen sollte. Nach (...) Minuten sei
sie wieder freigelassen worden. Zuhause habe sie ihren Eltern von diesem
Vorfall berichtet.
B.
Mit drei separaten Verfügungen vom 29. Juli 2014 stellte das SEM fest, die
Beschwerdeführenden erfüllten die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte
ihre Asylgesuche ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz sowie
den Wegweisungsvollzug an.
C.
Die gegen diese Verfügungen erhobenen Beschwerden vom (...) wurden
vom Bundesverwaltungsgericht mit den Urteilen (...) (Beschwerdeführer 1
und 5 sowie Beschwerdeführerin 4), (...) (Beschwerdeführerin 2) und (...)
(Beschwerdeführerin 3), alle vom (...), gutgeheissen, soweit die Aufhebung
der vorinstanzlichen Verfügung beantragt wurde, und die Sache im Sinne
der Erwägungen zur vollständigen Sachverhaltsfeststellung und Neubeur-
teilung an das SEM zurückgewiesen.
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D.
D.a Mit Schreiben vom (...) 2015 informierte der Rechtsvertreter das SEM
darüber, dass L._ zwischenzeitlich in der Schweiz Asyl gewährt
worden sei.
D.b Mit Schreiben vom (...) 2016 liess der Rechtsvertreter dem SEM eine
Kopie eines Hausdurchsuchungsprotokolls vom (...) im Haushalt der Be-
schwerdeführerin 2 betreffend deren Bruder N._ (N [...]) zukom-
men.
D.c In einer Nachbefragung vom 1. Juni 2016 wurden die Beschwerdefüh-
rer 1 und die Beschwerdeführerinnen 2 und 3 in Anwesenheit ihrer Rechts-
vertretung erneut angehört. Dabei wurden sie insbesondere auch zu den
Geschwistern der Beschwerdeführerin 2 befragt. Sie bestätigten im We-
sentlichen ihre bisherigen Vorbringen. Zusätzlich brachten die Beschwer-
deführenden (Eltern) vor, sie hätten erfahren, dass nach ihrer Einreise in
die Schweiz bei ihnen in der Türkei (...) worden sei. Der Beschwerdefüh-
rer 1 gehe davon aus, dass es sich um die Polizei gehandelt habe, die nach
ihnen suche. Nach allfälligen politischen Aktivitäten gefragt, ergänzte die
Beschwerdeführerin 3, dass sie ihre Eltern bei der 1. Mai-Feier und bei
Gezi-Protesten begleitet habe.
D.d Mit Schreiben vom 6. Juni 2016 reichte der Rechtsvertreter ein Schrei-
ben der Universitätsklinik für (...) vom (...) 2016 betreffend den Gesund-
heitszustand der Beschwerdeführerin 2 ein.
D.e Mit Schreiben vom 25. Juli 2016 ersuchte das SEM die Schweizerische
Botschaft in Ankara um Abklärung, ob gegen den Beschwerdeführer 1 und
seine Ehefrau seitens der Behörden ein Datenblatt vorliege, ob gegen sie
ein Verfahren hängig sei und ob gegen sie ein Passverbot bestehe.
D.f Mit Schreiben vom 19. Oktober 2016 informierte die Schweizerische
Vertretung das SEM über die Ergebnisse der Abklärungen. Diese ergaben,
dass gegen die besagten Beschwerdeführenden weder ein hängiges Ver-
fahren noch ein Passverbot vorliegen. Ein Eintrag im politischen Daten-
blatte konnte ebenfalls nicht festgestellt werden.
D.g Am 29. November 2016 informierte das SEM den Rechtsvertreter über
das Resultat der Abklärungen der Schweizerischen Vertretung.
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D.h Mit Schreiben vom 14. Dezember 2016 nahm der Rechtsvertreter Stel-
lung zum Botschaftsbericht. Darin erläuterte er, dass sich die Gefährdungs-
lage der Beschwerdeführenden aufgrund der aktuellen Ereignisse und Ent-
wicklungen in der Türkei weiter verschärft habe. In Bezug auf die Bot-
schaftsabklärung seien die abzuklärenden Fragen seitens des SEM zu all-
gemein und pauschal formuliert worden, sodass dadurch keine Kenntnisse
betreffend die Verfolgung durch die türkischen Behörden erlangt werden
könnten. Ausserdem könnten die gestellten Fragen nur durch die türki-
schen Behörden beantwortet werden, welche aber die Verfolger seien,
weswegen die Resultate der Botschaftsabklärung nicht dazu geeignet
seien, eine Verfolgung zu belegen. Die Botschaftsabklärung verletze zu-
dem die Verschwiegenheitspflicht und somit auch den Grundsatz eines fai-
ren Verfahrens. Durch das Beauftragen einer Botschaftsabklärung habe
das SEM objektive Nachfluchtgründe geschaffen. Des Weiteren spräche
die Nichtexistenz eines Datenblattes nicht gegen eine tatsächliche Gefähr-
dung der Beschwerdeführenden.
Im Rahmen der Stellungnahme reichte der Rechtsvertreter drei Medienbe-
richte betreffend die aktuelle Lage in der Türkei, einen Ausdruck betreffend
Facebook-Profil und Kopien von Fotos der Beschwerdeführenden (Eltern)
anlässlich von Demonstrationen in der Schweiz als weitere Beweismittel
ein.
E.
Mit Verfügung vom 10. Februar 2017 – eröffnet am 14. Februar 2017 –
stellte das SEM fest, die Beschwerdeführenden erfüllten die Flüchtlingsei-
genschaft nicht, lehnte ihre Asylgesuche erneut ab und ordnete die Weg-
weisung aus der Schweiz sowie den Vollzug an.
F.
F.a Mit Eingabe ihres Rechtsvertreters vom 15. März 2017 an das Bundes-
verwaltungsgericht erhoben die Beschwerdeführenden durch ihren
Rechtsvertreter gegen die Verfügung der Vorinstanz Beschwerde und be-
antragten, der Entscheid des SEM sei aufzuheben und die Sache zur voll-
ständigen und richtigen Abklärung und Feststellung des rechtserheblichen
Sachverhalts und zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen;
eventualiter sei die Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführenden fest-
zustellen und ihnen Asyl zu gewähren. Mit weiteren Eventualbegehren be-
antragten sie, sie seien als Flüchtlinge anzuerkennen beziehungsweise es
sei die Unzulässigkeit oder Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs
festzustellen. In prozessualer Hinsicht beantragten sie, auf die Erhebung
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eines Kostenvorschusses zu verzichten und sie von der Bezahlung der
Verfahrenskosten zu befreien; eventualiter sei eine angemessene Frist zur
Einreichung einer Sozialhilfebestätigung beziehungsweise zur Bezahlung
eines Gerichtskostenvorschusses anzusetzen. Zudem ersuchten sie um
vollumfängliche Einsicht in die Akten (...), (...) und (...) sowie in die vom
SEM beigezogenen Verweiserdossiers (N [...], N [...], N [...], N [...]); even-
tualiter sei ihnen das rechtliche Gehör zu den Akten (...), (...) und (...) sowie
den Verweiserdossiers (N [...], N [...], N [...], N [...]) zu gewähren; nach der
Gewährung der Akteneinsicht und eventualiter des rechtlichen Gehörs sie
ihnen eine angemessene Frist zur Einreichung einer Beschwerdeergän-
zung zu gewähren.
F.b In der Beilage reichten die Beschwerdeführenden eine Reihe von In-
ternet- und Zeitungs-Artikeln zur Sicherheits- und Menschenrechtslage in
der Türkei sowie zur Bespitzelung, Bedrohung und Verfolgung politischer
Gegner der Regierung Erdogans in der Schweiz ein.
G.
Am 16. März 2017 bestätigte das Gericht den Eingang der Beschwerde.
H.
Der damals zuständige Instruktionsrichter teilte den Beschwerdeführenden
mit Zwischenverfügung vom 22. März 2017 mit, sie dürften den Ausgang
des Verfahrens in der Schweiz abwarten. Gleichzeitig hiess er das Gesuch
um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung im Sinne von Art. 65
Abs. 1 VwVG unter der Voraussetzung des fristgerechten Nachreichens ei-
ner Fürsorgebestätigung sowie unter Vorbehalt der Veränderung der finan-
ziellen Lage der Beschwerdeführenden gut und forderte diese auf, bis zum
6. April 2017 eine Fürsorgebestätigung nachzureichen oder einen Kosten-
vorschuss von Fr. 600.– zu Gunsten der Gerichtskasse zu überweisen.
Zudem wurde dem Rechtsvertreter eine Kopie des Aktenstücks (...) zuge-
sandt und den Beschwerdeführenden der Inhalt des Aktenstücks (...) im
Sinne der Erwägungen offengelegt. Die Gesuche um Einsicht in das Ak-
tenstück (...) sowie die Verweiserdossiers N (...), N (...), N (...) und N (...)
wurden abgewiesen. Der Eventualantrag auf Gewährung des rechtlichen
Gehörs zu den Aktenstücken (...), (...), (...) sowie den Verweiserdossiers
N (...), N (...), N (...) und N (...) wurde ebenfalls abgewiesen und in diesem
Zusammenhang auf Art. 32 Abs. 2 VwVG verwiesen. Schliesslich wurde
der Antrag auf Ansetzung einer Frist zur Einreichung einer Beschwerdeer-
gänzung abgewiesen.
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I.
Ebenfalls am 22. März 2017 wurde eine Sozialhilfebestätigung eingereicht.
J.
Am 24. März 2017 reichte der Rechtsvertreter je einen Arztbericht vom
7. Januar 2015 und 20. März 2017 betreffend die Beschwerdeführerin 2
ein.
K.
Mit Instruktionsverfügung vom 28. März 2017 wurde die Vorinstanz zur Ein-
reichung einer Vernehmlassung eingeladen.
L.
Am 7. April 2017 reichte der Rechtsvertreter einen Brief der Schwester
O._ der Beschwerdeführerin 2 (N [...]) samt Übersetzung ein.
M.
Die Vorinstanz beantragte in ihrer Vernehmlassung vom 13. April 2017 die
Abweisung der Beschwerde.
N.
Mit Eingabe vom 10. Mai 2017 machten die Beschwerdeführenden von
dem ihnen mit Instruktionsverfügung vom 25. April 2017 eingeräumten
Recht zur Replik Gebrauch, wobei sie auf gleichzeitig eingereichte Beweis-
mittel verwiesen.
O.
Mit Schreiben vom 11. Mai 2017 teilte der Instruktionsrichter dem Rechts-
vertreter mit, dass die in der Eingabe vom 10. Mai 2017 erwähnten Beila-
gen fehlten, und forderte ihn auf, diese nachzureichen.
P.
Mit Schreiben vom 15. Mai 2017 reichte der Rechtsvertreter folgende Un-
terlagen nach:
− Schreiben des Vereins für Menschenrechte IHD, Human Rights Associ-
ation, Zweigstelle G._, vom (...) 2017, betreffend Antrag des Be-
schwerdeführers 1 vom (...) 2013, inklusive Kopie Antrag und Überset-
zung;
− Kopie ärztliches Schreiben vom 31. Mai 2016 betreffend die Beschwer-
deführerin 2;
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− (...) Internet-Artikel zur aktuellen Situation in der Türkei (Bericht-
erstattung zum Vorgehen der Regierung Erdogans).
Q.
Am 1. Februar 2019 wurde das vorliegende Beschwerdeverfahren aus or-
ganisatorischen Gründen zur Behandlung dem vorsitzenden Richter über-
tragen.
R.
Mit Instruktionsverfügung vom 10. März 2020 wurde die Vorinstanz zur Ein-
reichung einer zweiten Vernehmlassung eingeladen.
S.
Nach erstreckter Frist beantragte die Vorinstanz in ihrer zweiten Vernehm-
lassung vom 3. April 2020 die Abweisung der Beschwerde.
T.
Mit Eingabe vom 23. April 2020 machten die Beschwerdeführenden von
dem ihnen mit Instruktionsverfügung vom 8. April 2020 eingeräumten
Recht zur Replik Gebrauch und reichten gleichzeitig weitere Beweismittel
ein.
U.
Auf die am 17. Mai 2017, 28. Juli 2017, 18. Januar 2018, 28. März 2018,
29. August 2018, 29. November 2018, 7. Februar 2019, 18. April 2019,
10. Mai 2019, 2. Juli 2019, 22. August 2019, 26. September 2019, 23. April
2020, 22. Mai 2020 und 24. Juni 2020 zu den Akten gereichten weiteren
Beweismittel wird, soweit für den Entscheid wesentlich, in den Erwägungen
eingegangen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
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det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die
Beschwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben
ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf
die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Die Beschwerdeführenden rügen in formeller Hinsicht, das SEM habe
den Anspruch auf Akteneinsicht und auf rechtliches Gehör schwerwiegend
verletzt. Zudem habe es die Abklärungspflicht schwerwiegend sowie Art. 9
BV verletzt. Diese Rügen wären vorab zu beurteilen, zumal sie allenfalls
geeignet sind, die Kassation der angefochtenen Verfügung zu bewirken.
3.2 Da vorliegend in materieller Hinsicht ein reformatorisches Urteil ergeht,
würde, selbst wenn die formellen Verfahrensrügen begründet wären, eine
Kassation einen prozessökonomisch überflüssigen Leerlauf darstellen und
damit zu unnötigen Weitschweifigkeiten führen.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
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Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken. Den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Sie ist glaubhaft gemacht, wenn die Be-
hörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für gege-
ben hält (Art. 7 Abs. 1 und 2 AsylG). Glaubhaftmachung bedeutet im Ge-
gensatz zum strikten Beweis ein reduziertes Beweismass und lässt durch-
aus Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen. Eine Be-
hauptung gilt bereits als glaubhaft gemacht, wenn das Gericht von ihrer
Wahrheit nicht völlig überzeugt ist, sie aber überwiegend für wahr hält, ob-
wohl nicht alle Zweifel beseitigt sind. Demgegenüber reicht es für die
Glaubhaftmachung nicht aus, wenn der Inhalt der Vorbringen zwar möglich
ist, aber in Würdigung der gesamten Aspekte wesentliche und überwie-
gende Umstände gegen die vorgebrachte Sachverhaltsdarstellung spre-
chen. Entscheidend ist im Sinne einer Gesamtwürdigung, ob die Gründe,
die für eine Richtigkeit der Sachverhaltsdarstellung sprechen, überwiegen
oder nicht; dabei ist auf eine objektivierte Sichtweise abzustellen (vgl.
BVGE 2015/3 E. 6.5.1). Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in
wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich
sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte
oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 Abs. 3 AsylG).
5.
5.1 Die Vorinstanz führte zur Begründung des ablehnenden Asylentschei-
des aus, die Vorbringen genügten den Anforderungen an die Glaubhaf-
tigkeit und an die Flüchtlingseigenschaft nicht. So seien die Beschwerde-
führenden (Eltern) nicht in der Lage gewesen, die ständigen Kontrollen
durch die Polizei ab (...) 2011 anschaulich zu beschreiben. Zudem habe
der Beschwerdeführer 1 im Zusammenhang mit seiner ersten Festnahme
im (...) 2013 kaum Angaben zu den von ihm aufgehängten Plakaten zu
machen vermocht. Er sei auch nicht in der Lage gewesen, seine Zelle, den
Verhörraum oder die ihn befragenden Personen detailliert zu beschreiben.
Auch in Bezug auf die zweite Haft seien seine Beschreibungen pauschal
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und oberflächlich geblieben. Hinsichtlich der dritten Festnahme habe er un-
stimmige und realitätsfremde Angaben zu seinen Identitätspapieren ge-
macht. Seine Vorbringen wirkten konstruiert und einstudiert. Die Beschwer-
deführerin 2 sei ausser Stande gewesen, in Bezug auf ihre Festnahme im
(...) 2013 detaillierte Aussagen zu machen. Die Beschwerdeführerin 3 sei
nicht in der Lage gewesen, die Zivilpolizisten, von denen sie am (...) 2013
im Auto befragt worden sei, näher zu beschreiben. Des Weiteren enthielten
ihre Aussagen einige Unstimmigkeiten. Zudem sei ihre Beschreibung der
Reaktion ihrer Eltern, nachdem sie ihnen den Vorfall geschildert habe, pau-
schal und emotionslos ausgefallen. Sodann sei nicht nachvollziehbar, wes-
halb die Behörden ausgerechnet die Beschwerdeführenden (Eltern) für die
Tätigkeit als Spitzel hätte einsetzen wollen, zumal ihre Kenntnisse über die
erwähnten Parteien bescheiden zu sein scheinen. Es sei auch nicht plau-
sibel, weshalb sie erst Jahre, nachdem ihre Familienangehörigen geflüch-
tet beziehungsweise gestorben seien, ins Visier der Behörden geraten sein
sollen. Die geltend gemachten Benachteiligungen seien aufgrund der un-
stimmigen, unplausiblen und undetaillierten Aussagen nicht glaubhaft.
Das SEM habe nach dem Kassationsurteil des Bundesverwaltungsgerichts
vom (...) sämtliche Dossiers der in der Schweiz ansässigen Familienange-
hörigen sowie dasjenige von L._ konsultiert. In der Nachbefragung
vom 1. Juni 2016 sei der Beschwerdeführer 1 über die Beherbergung von
L._ befragt worden. Er habe erklärt, dass diese von (...) 2012 bis
(...) 2013 gedauert habe. Dagegen habe L._ angegeben, sich von
(...) 2012 bis (...) 2013 bei jemandem versteckt gehalten zu haben. Der
Beschwerdeführer 1 habe zudem nur sehr wenig über die Person von
L._ zu berichten vermocht. Dasselbe gelte sinngemäss bezüglich
der Beschwerdeführerin 2. In Anbetracht sämtlicher Umstände und der un-
detaillierten, unplausiblen und widersprüchlichen Aussagen sei die Beher-
bergung von L._ nicht glaubhaft.
Aufgrund der diesbezüglich unstimmigen Aussagen bei der Nachbefragung
vom 1. Juni 2016 sei das Vorbringen der Beschwerdeführenden, wonach
die Sicherheitsbehörden nach ihrer Ausreise nach ihnen gesucht hätten,
nicht glaubhaft.
Auch die geltend gemachte Reflexverfolgung sei nicht glaubhaft. Die Be-
schwerdeführenden seien anlässlich der Nachbefragung vom 1. Juni 2016
über die Probleme der Geschwister O._, P._ (N [...]),
Q._ (N [...]), N._ und H._ der Beschwerdeführerin 2
befragt worden. Auf die Frage, wie die Probleme der Geschwister mit ihren
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eigenen zusammenhingen, hätten sie keine konkreten Antworten gegeben,
sondern lediglich pauschal angegeben, dass ihre Familienangehörigen po-
litisch aktiv gewesen seien. Deshalb hätten auch die Beschwerdeführen-
den Probleme gehabt und seien von den Polizisten befragt worden. Den
konsultierten Dossiers, so das SEM, seien keine Anhaltspunkte bezüglich
einer Reflexverfolgung zu entnehmen. Ohnehin sei nur bei N._
nachweislich ein Verfahren im Heimatstaat hängig. Diesbezüglich hätten
die Beschwerdeführenden eine Kopie eines Protokolls einer Hausdurchsu-
chung vom (...) zu den Akten gereicht, in dem der Name der Beschwerde-
führerin 2 erwähnt werde. Allein die Verwandtschaft mit politischen Aktivis-
ten begründe im Regelfall keine Furcht vor asylrelevanter Reflexverfol-
gung. Die Bedeutung des politischen Engagements der Beschwerdefüh-
renden falle eher bescheiden aus. So seien das Verteilen der Zeitung
K._ sowie die Teilnahme an Anlässen der I._ weder von
weitreichender Bedeutung noch illegal. Die Hausdurchsuchung wegen
N._ liege über (...) zurück und erfülle weder die Anforderungen der
Intensität noch Aktualität einer asylrelevanten Verfolgung. Zudem hätten
die Abklärungen der Schweizerischen Vertretung in Ankara ergeben, dass
gegen die Beschwerdeführenden (Eltern) weder ein hängiges Verfahren
noch ein Passverbot vorlägen. Auch ein Eintrag im politischen Datenblatt
habe nicht festgestellt werden können.
Die vom Rechtsvertreter an der Botschaftsabklärung geübte Kritik sei un-
begründet. Das SEM habe dabei weder die Verschwiegenheitspflicht ver-
letzt, noch die abzuklärenden Fragen zu pauschal formuliert. Auch seien
keine objektiven Nachfluchtgründe geschaffen worden.
Die geltend gemachte Reflexverfolgung und die geltend gemachten Be-
nachteiligungen seien unglaubhaft ausgefallen. Zusätzlich seien die Ver-
weiserdossiers konsultiert und eine Botschaftsanfrage getätigt worden. Da-
bei hätten sich auch keine Anhaltspunkte für eine Reflexverfolgung erge-
ben. Eine solche liege somit nicht vor.
Die Beschwerdeführenden hätten geltend gemacht, sie hätten in der
Schweiz mehrfach an Anlässen und Demonstrationen teilgenommen. Ihr
Rechtsvertreter habe diesbezüglich Auszüge aus ihrem Facebook-Profil
und Fotos eingereicht, auf denen sie bei Protestmärschen zu sehen seien.
Die geltend gemachten exilpolitischen Aktivitäten liessen nicht auf eine
spezifische Exponierung der Beschwerdeführenden schliessen. Somit
liege diesbezüglich keine asylbeachtliche begründete Furcht vor.
D-1605/2017
Seite 15
Die von den Beschwerdeführenden geltend gemachten (...) Probleme, auf-
grund derer sie in der Schweiz in medizinischer Behandlung seien, stellten
keine asylrelevante Verfolgung dar.
Die geltend gemachten Benachteiligungen seien nicht glaubhaft. Dasselbe
gelte bezüglich der geltend gemachten Nachteile aufgrund der Reflexver-
folgung. Die Hausdurchsuchung vom Jahr (...) sei mangels Intensität und
Aktualität nicht asylrelevant. Auch exilpolitischen Tätigkeiten und die medi-
zinischen Probleme seien nicht asylrelevant.
Daran vermöchten auch die eingereichten Beweismittel nichts zu ändern.
Dem Artikel in der Zeitung K._ komme kein Beweiswert zu, da er
auf eigenen Aussagen gegenüber dem Menschenrechtsverein IHD beruhe.
Bei den übrigen eingereichten Beweismitteln handle es sich, abgesehen
von den erwähnten Fotos und Facebook-Auszügen, um Berichte und Ab-
handlungen über die allgemeine Lage in der Türkei oder Schicksale ande-
rer Personen, weshalb sie keine gezielte Verfolgung der Beschwerdefüh-
renden zu belegen vermöchten.
5.2 Auf Beschwerdeebene halten die Beschwerdeführenden in materieller
Hinsicht an der Glaubhaftigkeit der Vorverfolgung fest. Zudem bestünden
sowohl subjektive als auch objektive Nachfluchtgründe. Das SEM hält in
seiner Vernehmlassung vom 13. April 2017 insbesondere fest, dass sich
aus den im Beschwerdeverfahren eingereichten Beweismitteln, namentlich
aus den öffentlichen Berichten zur allgemeinen Lage in der Türkei, keine
persönliche, gezielte oder wahrscheinliche Verfolgung der Beschwerdefüh-
renden ableiten lasse. Beim Brief der in der Schweiz wohnhaften Schwes-
ter O._ der Beschwerdeführerin 2 handle es sich um ein Gefällig-
keitsschreiben ohne Beweiswert. In der Replik wird insbesondere betref-
fend Überwachung und Kontrolle der Beschwerdeführenden durch die Po-
lizei im Jahr (...) und die Kontaktaufnahme mit dem Menschenrechtsverein
IHD in G._ auf ein gleichzeitig eingereichtes Schreiben des IHD,
Zweigstelle G._, vom (...) 2017, und eine Kopie des Antrags des
Beschwerdeführers 1 vom (...) 2013 verwiesen. Mit dem Antrag an den IHD
im (...) sei der Beschwerdeführer 1 dem Verein als Mitglied beigetreten und
habe ihn um Hilfe und Unterstützung ersucht, insbesondere auch hinsicht-
lich seiner Absicht, das Erlebte und seine Anliegen zu veröffentlichen. In
seiner weiteren Vernehmlassung vom 3. April 2020 äussert sich das SEM
zu den zahlreichen Beweismitteln zu exilpolitischen Tätigkeiten der Be-
schwerdeführerin 2. Die Fotos vermöchten keine besondere Funktion der
D-1605/2017
Seite 16
Beschwerdeführerin 2 anlässlich von Demonstrationen und somit keine be-
sondere Exponiertheit zu belegen. Dies gelte auch bezüglich ihrer weiteren
öffentlichen Tätigkeiten. Die Beweismittel zu Facebook-Einträgen seien
teilweise unbestritten von einer stark kritischen Haltung gegenüber der tür-
kischen Regierung geprägt, gleichzeitig aber in ihrer Form nicht per se öf-
fentlicher Natur. Die Beschwerdeführerin 2 weise somit wegen ihrer exilpo-
litischen Tätigkeiten zwar ein gewisses Risikoprofil auf. Insgesamt gehe
das SEM jedoch nicht davon aus, dass sie deswegen begründete Furcht
vor zukünftiger asylrelevanter Verfolgung habe, zumal keine konkreten
Hinweise vorlägen, dass die türkischen Behörden von ihren Tätigkeiten
Kenntnis genommen und deswegen strafrechtliche Ermittlungen eingelei-
tet hätten. In der Stellungnahme vom 23. April 2020 wird insbesondere
ausgeführt, das SEM habe es unterlassen, trotz des Risikoprofils der Be-
schwerdeführerin 2 eine detaillierte Begründung vorzunehmen, weshalb
sie trotzdem nicht gefährdet sei.
6.
6.1 Es ist als erstes festzustellen, welcher Sachverhalt der späteren recht-
lichen Würdigung zu Grunde zu legen ist. Dazu ist zu prüfen, ob das SEM
den Schilderungen der Beschwerdeführenden zu ihren Asylgründen zu
Recht in wesentlichen Teilen die Glaubhaftigkeit abgesprochen hat.
6.2 Die Glaubhaftigkeit von Aussagen asylsuchender Personen kann im
Rahmen eines inhaltsorientierten Ansatzes aufgrund sogenannter Real-
kennzeichen beurteilt werden. Die Realkennzeichen ermöglichen eine Dif-
ferenzierung zwischen erlebnisbasierten und erfundenen respektive ver-
fälschten Aussagen. Zu den Realkennzeichen gehören insbesondere die
logische Konsistenz, die ungeordnete, aber inhaltlich letztlich stimmige
Darstellung, der quantitative Detailreichtum, raum-zeitliche Verknüpfun-
gen, die Wiedergabe von Gesprächen, ausgefallene Einzelheiten, spon-
tane Verbesserungen der eigenen Aussagen, das Eingeständnis von Erin-
nerungslücken sowie die Schilderung von Interaktionen, Komplikationen,
Nebensächlichkeiten, unverstandenen Handlungselementen und eigenen
psychischen Vorgängen (vgl. ANGELIKA BIRCK, Traumatisierte Flüchtlinge,
Wie glaubhaft sind ihre Aussagen?, Heidelberg 2002, S. 82 ff. und
S. 139 ff.; REVITAL LUDEWIG/DAPHNA TAVOR/SONJA BAUMER, Wie können
aussagepsychologische Erkenntnisse Richtern, Staatsanwälten und An-
wälten helfen?, in: AJP 11/2011, S. 1423 ff.; vgl. auch BGE 129 I 49 E. 5
sowie BVGE 2015/3 E. 6.5.1; 2013/11 E. 5.1 und 2012/5 E. 2.2, jeweils
m.w.H.).
D-1605/2017
Seite 17
6.3 Nach Auffassung des Gerichts vermögen die Vorbringen der Be-
schwerdeführenden zu den Geschehnissen vor ihrer Ausreise aus der Tür-
kei diesen Anforderungen zu genügen:
6.3.1 Die Konsultierung der Befragungskontrolle hinterlässt zunächst
grundsätzlich einen glaubwürdigen persönlichen Eindruck der Beschwer-
deführenden. Ihre Erzählweise ist authentisch. Ihren Aussagen ist eine ins-
gesamt schlüssige und konsistente Sachdarstellung zu entnehmen, die le-
bensnah und echt wirkt. Immer wieder fallen die Antworten der Beschwer-
deführenden nicht undifferenziert aus, und sie enthalten verschiedene Re-
alkennzeichen; dies sowohl in den Kernvorbringen als auch, wenn sie
scheinbar Unwesentliches beschreiben. Schliesslich sind die Beschwerde-
führenden auch in der Lage, raumzeitliche Verknüpfungen herzustellen
und Ereignisse stimmig einzuordnen, selbst wenn sie dabei nicht die exak-
ten Daten nennen. Schliesslich haben sie die wesentlichen Asylgründe be-
reits anlässlich der BzP genannt.
6.3.2 Die protokollierten Ausführungen der Beschwerdeführenden zu ih-
rem oppositionellen Engagement sowie den behördlichen Repressalien
sind im Wesentlichen widerspruchsfrei, insbesondere hinsichtlich der zeit-
lichen Einordnung, und von zu erwartender Substanziiertheit. Namentlich
ist nicht in Zweifel zu ziehen, dass die Beschwerdeführerin 2 aus einer po-
litisch oppositionell gesinnten Familie stammt, ihr Bruder H._ im
Jahr 1992 im Zusammenhang mit diesbezüglichen Aktivitäten von den Be-
hörden getötet wurde und ihren Geschwistern O._, P._,
Q._ und N._ in der Schweiz Asyl gewährt wurde. Ebenso
wenig ist in Abrede zu stellen, dass das vom Beschwerdeführer 1 geltend
gemachte oppositionelle Engagement seinen Anfang im Jahr 2009 nahm,
als er am Gedenktag seines Schwagers H._ (...) die Bekanntschaft
mit Personen aus dem Umfeld der J._ machte (vgl. act. [...]), und
die Beschwerdeführenden in diesem Zusammenhang im (...) 2011 von der
Polizei zu Hause aufgesucht und ermahnt wurden. Die Beschwerdeführe-
rin 2 machte dazu übereinstimmende Angaben (vgl. act. [...]).
6.3.3 Der Beschwerdeführer 1 gab zu Protokoll, dass er zwischen 2011
und der ersten Festnahme im Jahr 2013 immer wieder auf der Strasse po-
lizeilich angehalten und mitgenommen worden sei. Seine Identität sei kon-
trolliert worden, wobei man ihn ziellos habe warten lassen. Diese Anhalte-
rei und der damit verbundene Zeitverlust von (...) Stunde habe ihn in Be-
drängnis gebracht (vgl. act. [...]). Zudem hätten die Behörden sein Telefon
D-1605/2017
Seite 18
abgehört und seinen Kunden mitgeteilt, dass er ein Terrorist sei. Der an-
haltende Verlust seiner Kunden habe letztlich dazu geführt, dass er sein
Geschäft habe schliessen müssen (vgl. act. [...]). Die Beschwerdeführe-
rin 2 erklärte diesbezüglich, dass ihr Mann immer wieder auf offener
Strasse kontrolliert worden sei. Oft seien auch (...) von Zivilpolizisten vor
ihrem Haus gestanden. Diese hätten immer wieder zu ihrer Wohnung
hochgeschaut. Mit der Zeit habe die Beschwerdeführerin 2 den Eindruck
gewonnen, ebenfalls beobachtet zu werden, vor allem, wenn sie sich auf
dem Weg nach Hause befunden habe (vgl. act. [...]). Auch die Beschwer-
deführerin 3 erwähnte, dass immer wieder Polizisten (...) vor ihrem Haus
gestanden seien, die zu ihrer Wohnung hochgeschaut und auch sie (die
Beschwerdeführerin 3) (...) angeschaut hätten (vgl. act. [...]). Zwar sind die
Aussagen des Beschwerdeführers 1 zu den polizeilichen Kontrollen nicht
sehr detailliert ausgefallen. Allein aus diesem Grund sind sie aber nicht als
unglaubhaft einzuschätzen. Vielmehr ist aufgrund der Aussagen der Be-
schwerdeführenden davon auszugehen, dass sie ab dem Jahr 2011 unter
behördlichem Druck standen.
6.3.4 Entgegen den Ausführungen des SEM kann dem Beschwerdefüh-
rer 1 nicht vorgeworfen werden, er sei im Zusammenhang mit der ersten
Festnahme im (...) 2013 kaum in der Lage gewesen, Angaben zu den von
ihm aufgehängten Plakaten zu machen. Wie in der Beschwerde zutreffend
eingewendet wird, führte er dazu aus, dass es sich um Werbeplakate der
I._ für die 1. Mai-Feier gehandelt habe, welche mit dem Schriftzug
"(...)" beschriftet gewesen seien (vgl. act. [...]). Im Übrigen äusserte er sich
auch zu den Umständen der Festnahme und dass seine Tätigkeit den Be-
hörden nur als Vorwand gedient habe, um ihn mitnehmen zu können.
6.3.5 Der Einschätzung der Vorinstanz, dass die drei Festnahmen und mit
Misshandlungen verbundenen Inhaftierungen des Beschwerdeführers 1 im
Jahr 2013 insgesamt konstruiert und einstudiert wirkten, kann nicht beige-
pflichtet werden. Die diesbezüglichen Aussagen des Beschwerdeführers 1
bei der Anhörung vom 16. Mai 2014 (vormittags) in nahezu freier Schilde-
rung auf (...) Protokollseiten sind sehr detailliert, wirken authentisch und
enthalten zahlreiche Realkennzeichen (vgl. act. [...]). Der Vorwurf des
SEM, nach den konkreten Umständen gefragt und zur erneuten Schilde-
rung einzelner Ereignisse aufgefordert, sei er nicht in der Lage gewesen,
die Geschehnisse ein zweites Mal ähnlich gehaltvoll zu schildern, geht fehl.
In der Beschwerde wird dazu zu Recht insbesondere eingewendet, es sei
logisch, dass er während der Anhörung am Nachmittag, als er noch einmal
die genau gleichen Fragen habe beantworten müssen, nicht mehr gleich
D-1605/2017
Seite 19
ausführlich und detailliert wie am Vormittag geantwortet habe, da er habe
wiederholen müssen, was er zuvor bereits ausführlich geschildert habe
(vgl. auch act. [...]). Bezüglich der dritten Haft des Beschwerdeführers 1 im
(...) 2013 wirft das SEM diesem zu Unrecht unstimmige und realitätsfremde
Angaben zu seinen Identitätspapieren vor. Dieser Vorwurf ist insofern nicht
stichhaltig, als dass der Beschwerdeführer 1 erklärte, sie hätten erst im
Nachhinein gemerkt, dass ihre Pässe bei der vorgängigen Hausdursu-
chung beschlagnahmt worden seien, und ihnen ihre Identitätskarten, wel-
che sie bei der Festnahme mit sich geführt hätten, nach der Kontrolle vor
der Haftentlassung retourniert worden seien; eine Identitätskarte sei be-
deutungslos (vgl. act. [...]). Auch die Beschwerdeführerin 2 brachte vor,
dass ihre Pässe im Rahmen der Hausdurchsuchung beschlagnahmt wor-
den seien (vgl. act. [...]).
6.3.6 Entgegen den Ausführungen in der angefochtenen Verfügung hat die
Beschwerdeführerin 2 sowohl ihre Festnahme als auch ihre Haft im (...)
2013 detailliert geschildert (vgl. act. [...]).
6.3.7 Bezüglich der Glaubhaftigkeit der Vorbringen der Beschwerdeführe-
rin 3 wird in der Beschwerde zu Recht vorab auf deren Aussagen bei der
Anhörung vom 13. Juni 2014 verwiesen. Sodann wird zutreffend darauf
hingewiesen, dass von einem zum Tatzeitpunkt (...)-jährigen Mädchen wohl
kaum detailliertere Ausführungen zu einem für sie sehr traumatischen Er-
lebnis erwartet werden könnten. Zudem habe das SEM nicht genauer aus-
geführt, welche Unstimmigkeiten in ihren Aussagen zu finden sein sollen.
Im Übrigen deckten sich ihre Aussagen mit denjenigen von L._
6.3.8 Dass die Beschwerdeführenden (Eltern) zur Spitzeltätigkeit aufgefor-
dert worden seien, erscheint entgegen den Ausführungen des SEM in der
angefochtenen Verfügung insofern nachvollziehbar, als die Beschwerde-
führerin 2, nach dem Grund dafür gefragt, die Vermutung äusserte, dass
schon ihr verstorbener Bruder H._ innerhalb der J._ stark
engagiert gewesen sei und wahrscheinlich auch die Beherbergung von
L._ dazu geführt habe (vgl. act. [...]). Abgesehen davon wird in der
Beschwerde zu Recht eingewendet, dass es sich bei dieser Aufforderung
um Drittverhalten (der Behörden) handle, auf welches die Beschwerdefüh-
renden keinen Einfluss hätten, und dieser Umstand nicht herangezogen
werden könne, um die Unglaubhaftigkeit der Aussagen begründen zu kön-
nen.
D-1605/2017
Seite 20
6.3.9 Entgegen den Ausführungen in der angefochtenen Verfügung er-
scheint auch insofern plausibel, dass die Beschwerdeführenden erst Jahre
nach der Flucht der Familienangehörigen der Beschwerdeführerin 2 bezie-
hungsweise dem Tod ihres Bruders H._ ins Visier der Behörden ge-
rieten, als sie geltend machten, sie hätten ihre oppositionellen Aktivitäten
erst im Jahr 2009 aufgenommen, nachdem sie am Gedenktag von
H._ die Bekanntschaft mit Personen aus dem Umfeld der
J._, für welche Kreise dieser selbst stark engagiert gewesen sei,
gemacht hätten (vgl. E. 6.3.2 und 6.3.8). Sodann wird dazu in der Be-
schwerde zutreffend ausgeführt, dass nicht mit Sicherheit gesagt werden
könne, was der Auslöser dafür gewesen sei, weshalb die Beschwerdefüh-
renden am 13. (...) 2011 zum ersten Mal von den türkischen Behörden auf-
gesucht worden seien, aber ihre Verfolgung im Zusammenhang mit ihren
eigenen politischen Aktivitäten und derjenigen ihrer Verwandten sowie mit
der Ermordung des Bruders H._ der Beschwerdeführerin 2 im Jahr
1992 stehe, wobei die Verfolgungssituation durch die Beherbergung von
L._ verschärft worden sei. Die Beschwerdeführenden haben sich
denn auch im Rahmen ihrer Befragungen in diesem Sinn geäussert.
6.3.10 Das Gericht erachtet die geltend gemachte Beherbergung von
L._ als glaubhaft. Zum einen haben die Beschwerdeführenden
plausibel erklärt, weshalb sie nicht in der Lage sind, mehr Details zu seiner
Person zu schildern. Diesbezüglich ist auf ihre entsprechenden Aussagen
zu verweisen. Dass sie sich zur Anzahl der Beherbergungen von Gästen
unpräzise beziehungsweise widersprüchlich geäussert haben, vermag die
Glaubhaftigkeit der Beherbergung von L._ nicht zu relativieren,
umso weniger, als die Beschwerdeführerin 2 erklärte, dass sich L._
als Gast länger bei ihnen aufgehalten habe, aber hin und wieder auch
I._-Leute als Gäste geblieben seien, wobei es sich um gewöhnliche
Besuche gehandelt habe (vgl. act. [...]). Dasselbe gilt bezüglich des Wider-
spruchs hinsichtlich des Beginns der Beherbergung. So erklärte
L._, er habe letztmals im (...) 2012 zu Hause übernachtet, danach
bis zur Ausreise bei einem Kollegen. Dessen Namen und Adresse wollte er
in seinem Asylverfahren zunächst nicht bekanntgeben, da allen Leuten, mit
denen er etwas zu tun gehabt habe, später Probleme mit den Behörden
entstanden seien. Erst bei der Rückübersetzung erklärte er, dass es sich
dabei um das Haus der Beschwerdeführenden, Sympathisanten seiner
Partei, gehandelt habe und diese Familie nun ernsthafte Probleme habe,
nachdem die Polizei die Beschwerdeführerin 3 unter Druck gesetzt und von
seinem Aufenthalt erfahren habe. Aus den Aussagen von L._ ist
weiter zu schliessen, dass er sich erst ab der zweiten Hälfte des Monats
D-1605/2017
Seite 21
(...) 2012 bei den Beschwerdeführenden aufgehalten hat, nachdem er kurz
zuvor erfahren hat, dass ein Haftbefehl gegen ihn ergangen sei. Insoweit
relativiert sich der Widerspruch bezüglich des Beginns seiner Beherber-
gung stark und kann davon ausgegangen werden, dass sowohl die Be-
schwerdeführenden als auch L._ vom selben Zeitraum sprachen.
In der Beschwerde wird auch zutreffend darauf hingewiesen, dass diese
Aussagen von L._ am (...) 2013 erfolgt sind, also zu einem Zeit-
punkt, als sich die Beschwerdeführenden nach wie vor in der Türkei auf-
hielten.
6.3.11 Betreffend den Zeitpunkt des (...) der Beschwerdeführenden nach
ihrer Ausreise wird in der Beschwerde zu Recht eingewendet, dass der Be-
schwerdeführer 1 nach dem Zeitpunkt des Vorfalls gefragt worden sei (vgl.
act. [...]), die Beschwerdeführerin 2 dagegen, wann sie davon erfahren
habe (vgl. act. [...]), weshalb möglich sei, dass die Tür im (...) 2014 aufge-
brochen worden sei, die Beschwerdeführerin 2 jedoch erst (...) 2015 davon
erfahren habe.
6.3.12 Das Vorliegen einer Reflexverfolgung wurde von der Vorinstanz zu
Recht verneint. Der Beschwerdeführer 1 gab dazu zu Protokoll, dass er
wegen seiner Schwäger oder seiner Schwägerin von der Polizei unter
Druck gesetzt worden sei. Die Polizei habe lediglich alle deren Namen er-
wähnt, als sie die Beschwerdeführenden im Jahr 2011 zu Hause aufge-
sucht und ermahnt habe (vgl. [...]). Die Beschwerdeführerin 2 bestätigte
diese Aussagen ihres Ehemannes sinngemäss (vgl. act. [...]). Sie erklärte
zudem, dass sie über ihren Bruder N._ Bekanntschaft mit Kreisen
gemacht, die das sozialistische Gedankengut vertreten. Bei ihrem Bruder
H._ handle es sich um einen Märtyrer. An seinem Märtyrer-Gedenk-
tag im Jahr 2009 habe sie I._-Leute kennengelernt, von denen sie
dann auch zu Hause besucht worden seien (vgl. a.a.O. [...]). Daraus und
aus der Hausdurchsuchung im Jahr (...) lässt sich keine Reflexverfolgung
ableiten. Dasselbe gilt bezüglich des am 23. April 2020 kommentarlos ein-
gereichten Schreibens der türkischen Rechtsanwältin von N._ vom
(...) 2019 und der Haftanordnung der (...) Strafkammer G._ vom (...)
2016. Im Schreiben wird abschliessend ausgeführt, dass gegen
N._ noch ein Verfahren bei der besagten Strafkammer hängig sei
und ein Haftbefehl gegen ihn vorliege. Unter diesen Umständen reicht die
Verwandt- beziehungsweise Schwägerschaft mit politischen Aktivisten
nicht aus, um eine Furcht vor asylrelevanter Reflexverfolgung zu begrün-
den.
D-1605/2017
Seite 22
6.3.13 Aufgrund einer Gesamtwürdigung gelangt das Gericht demnach
zum Schluss, dass die Beschwerdeführenden vor dem Hintergrund der von
ihnen geltend gemachten politischen Aktivitäten und derjenigen der Ge-
schwister der Beschwerdeführerin 2 im (...) 2011 von der Polizei Hause
aufgesucht und ermahnt wurden. In der Folge wurde der Beschwerdefüh-
rer 1 wiederholt polizeilich kontrolliert und sein Haus beobachtet. Vor die-
sem Hintergrund wurde er nach der Beherbergung von L._ von (...)
2012 bis (...) 2013 im (...) 2013 und am (...) 2013 auf die geltend gemachte
Weise festgenommen und in Haft verhört und misshandelt. Im Rahmen der
zweiten Haft wurde er zu Spitzeltätigkeiten aufgefordert. Die Beschwerde-
führerin 3 wurde am (...) 2013 in dem von ihr geltend gemachten Zusam-
menhang von Polizisten in einem Auto bedroht. Die Beschwerdeführenden
(Eltern) wurden am (...) 2013 (...) nach einer Hausdurchsuchung festge-
nommen. In der anschliessenden Haft wurden sie auf die von ihnen geltend
gemachten Weise verhört, misshandelt und zu Spitzeltätigkeiten aufgefor-
dert. Nach der Haftentlassung nahm der Beschwerdeführer 1 in
G._ Kontakt mit dem Menschenrechtsverein IHD auf und liess in
diesem in der Zeitung K._ vom (...) 2013 eine Presseerklärung be-
treffend den zunehmenden polizeilichen Druck auf ihn und seine Familie
veröffentlichen. Daraufhin begaben sich die Beschwerdeführenden nach
M._, wo sie sich bis zu ihrer Ausreise aufhielten.
7.
7.1 Ausgangspunkt für die Beurteilung der Flüchtlingseigenschaft ist die
Frage nach der zum Zeitpunkt der Ausreise vorhandenen Verfolgung oder
begründeten Furcht vor einer solchen. Die Situation zum Zeitpunkt des
Asylentscheids ist jedoch im Rahmen der Prüfung nach der Aktualität der
Verfolgungsfurcht ebenfalls wesentlich. Veränderungen der objektiven Si-
tuation im Heimatstaat zwischen Ausreise und Asylentscheid sind deshalb
zugunsten und zulasten der das Asylgesuch stellenden Person zu berück-
sichtigen (vgl. zum Ganzen BVGE 2011/51 E. 6 S. 1016 f., 2011/50
E. 3.1.1 und 3.1.2 S. 996 ff., 2010/57 E. 2, 2008/34 E. 7.1 S. 507 f.,
2008/12 E. 5.2 S. 154 f. und 2008/4 E. 5.2 S. 37, jeweils m.w.H.; WALTER
STÖCKLI, Asyl, in: Uebersax / Rudin / Hugi Yar / Geiser [Hrsg.], Ausländer-
recht, 2. Aufl., 2009, Rz. 11.17 und 11.18).
7.2 Die Beschwerdeführenden haben glaubhaft dargelegt, dass sie vor ih-
rer Ausreise mehrmals von den türkischen Sicherheitskräften vor dem Hin-
tergrund ihrer eigenen politischen Aktivitäten und derjenigen der Geschwis-
ter der Beschwerdeführerin 2 sowie der Beherbergung von L._ be-
droht, festgenommen, verhört und misshandelt wurden (vgl. E. 6.3.13).
D-1605/2017
Seite 23
Diese ihnen gezielt zugefügten Verfolgungsmassnahmen erfüllen hinsicht-
lich des Motivs, der Intensität sowie der betroffenen Rechtsgüter die Anfor-
derungen, um als ernsthafte Nachteile im Sinne von Art. 3 AsylG qualifiziert
zu werden. Demnach ist davon auszugehen, dass die Beschwerdeführen-
den zum Zeitpunkt ihrer Ausreise begründete Furcht vor asylrelevanter
Verfolgung hatten. Daran vermag der negative Ausgang der Botschaftsab-
klärung nichts zu ändern. In der Beschwerde wird dazu zutreffend ausge-
führt, dieser bedeute noch nicht, dass für die Beschwerdeführenden keine
Gefahr von den türkischen Behörden ausgehe.
7.3
7.3.1 Praxisgemäss besteht die Regelvermutung, dass von erlittener, mit
der Ausreise in Kausalzusammenhang stehender Vorverfolgung ohne wei-
teres auf das Bestehen einer begründeten Furcht vor weiterer, zukünftiger
Verfolgung zu schliessen ist (vgl. BVGE 2009/51 E. 4.2.5 m.w.H.; WALTER
KÄLIN, Grundriss des Asylverfahrens, Basel/Frankfurt a. M. 1990,
S. 126 ff.). Dabei ist auch zu beachten, dass eine Person, die bereits ein-
mal staatlicher Verfolgung ausgesetzt war, objektive Gründe für eine aus-
geprägtere (subjektive) Furcht hat als jemand, der erstmals in Kontakt mit
staatlichen Sicherheitskräften kommt (vgl. BVGE 2011/51 E. 6.2, 2011/50
E. 3.1.1 und 2010/57 E. 2, jeweils m.w.H.).
7.3.2 Vorliegend besteht kein Grund, von dieser Regelvermutung abzuwei-
chen. Zum einen ist davon auszugehen, dass die türkischen Behörden wei-
terhin bemüht sind, L._ habhaft zu werden. Zum andern wurde im
Beschwerdeverfahren insbesondere aufgezeigt, dass die Regierung Erdo-
gans nach dem Putschversuch in der Türkei 2016 die Bespitzelung, Bedro-
hung und Verfolgung ihrer (auch kurdisch-stämmigen) politischen Gegner
zunehmend intensivierte. Zudem hielt die Vorinstanz fest, dass die Be-
schwerdeführerin 2 wegen ihrer exilpolitischen Tätigkeiten ein gewisses
Risikoprofil aufweise. Somit erscheint die Furcht der Beschwerdeführen-
den vor asylrelevanter Verfolgung nach wie vor begründet.
7.4 Nach dem Gesagten ist festzustellen, dass die Beschwerdeführen-
den 1–3 auch zum heutigen Zeitpunkt die Voraussetzungen für die Zuer-
kennung der originären Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG
erfüllen. Die Beschwerdeführenden 4 und 5, die mangels eigener Asyl-
gründe die originäre Flüchtlingseigenschaft nicht erfüllen, ist unter Aner-
kennung ihrer derivativen Flüchtlingseigenschaft ebenfalls Asyl zu gewäh-
ren, zumal keine besonderen Umstände dagegensprechen (Art. 51
Abs. 1 AsylG).
D-1605/2017
Seite 24
7.5 Aus den Akten sind sodann auch keine Hinweise ersichtlich, die auf
das Bestehen von Asylausschlussgründen hindeuten würden. Insbeson-
dere liegen keinerlei Anhaltspunkte für die Annahme vor, die Beschwerde-
führenden hätten Taten begangen, die unter dem Gesichtspunkt der
Asylunwürdigkeit im Sinne von Art. 53 AsylG zu beurteilen wären.
7.6 Bei diesem Verfahrensausgang kann die Frage der flüchtlingsrechtli-
chen Relevanz der von der Beschwerdeführerin 2 geltend gemachten
Nachteile aufgrund exilpolitischer Aktivitäten offengelassen werden.
8.
Die Beschwerde ist nach dem Gesagten gutzuheissen. Die Verfügung des
SEM ist aufzuheben, die Beschwerdeführenden als Flüchtlinge anzuerken-
nen und die Vorinstanz anzuweisen, ihnen in der Schweiz Asyl zu gewäh-
ren.
9.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten aufzuerlegen
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG).
10.
Den Beschwerdeführenden ist angesichts ihres Obsiegens in Anwendung
von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom 21. Februar 2008
über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
(VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihnen notwendigerweise
erwachsenen Parteikosten zuzusprechen. Es wurde keine Kostennote zu
den Akten gereicht, weshalb die notwendigen Parteikosten aufgrund der
Akten zu bestimmen sind (Art. 14 Abs. 2 in fine VGKE). Die von der
Vorinstanz auszurichtende Parteientschädigung wird in Anwendung der
betreffenden Bestimmungen und unter Berücksichtigung der massgebli-
chen Bemessungsfaktoren demnach von Amtes wegen auf insgesamt
Fr. 3'800.– (inkl. Auslagen und Mehrwertsteuerzuschlag) festgelegt.
(Dispositiv nächste Seite)
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