Decision ID: df7541c7-4990-447f-8511-9015249d1674
Year: 2021
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
Der
1999
geborene
X._
brach per 1
5.
Oktober 201
5
die am
1
0.
August 2015
angetretene
Lehre als Strassenbauer
a
b und hielt sich v
om 2
1.
Januar bis 2
4.
März 2016 sowie vom
7.
April bis
5.
Juni 2016 stationär
in der Int
egrierten Psychiatrie Y._
auf (
Urk.
11/19/8)
.
Am
5.
Februar 201
6
meldete
er
sich
vertreten durch seine Eltern
unter Hinweis auf
eine Angststörung
bei der Invalidenversicherung zum Leistungsbezug
(Massnahmen für die berufliche Eingliederung)
an (Urk.
11/1
;
Anmeldung für Erwachsene: Berufliche Integration, Rente, vom 1
0.
April 2019,
Urk. 11/22
). Die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, tätigte medizinische Abklärungen
und
führte von August 2016 bis Mai 2018 eine Berufsberatung durch
, in deren Verlauf mit Unterstützung der Psychiatrie
-S
pitex versucht wurde, mittels Arbeitsversuchen eine Arbeitsfähigke
it aufzubauen (Autogarage Z._, A._
, Firma von Bekannten der Eltern;
Urk.
11/16
)
.
Am 17. Mai 2018 (Urk. 11/15) teilte sie mit, dass
gesundheitsbedingt
zurzeit keine beruflichen Massnahmen möglich seien
und der Rentenanspruch
separat
geprüft werde (
Urk.
11/16 S. 2)
.
In der Folge auferlegte die IV-Stelle dem Versicherten mit Schreiben vo
m
5. Februar 2019 (Urk. 11/27) die Pflicht zur Durchführung einer Behandlung zur Verbesserung des Ges
undheitszustandes (mehrwöchige s
tationäre
psychiatrische
Behandlung
mit
anschliessend
betreute
m
Wohnen)
. Mit Stellungnahme vom 2
1.
Mai 2019 (
Urk.
11/43) teilte der Ver
sicherte unter Auflage von Arztberichten (
Urk.
11/44) mit, dass die auferlegte Massnahme
nicht sinnvoll sei und
die zwischenzeitlich erzielten Therapieerfolge gefährden würde.
M
it Vorbescheid vom
2. Juli 2019 (Urk. 11/46)
stellte die IV-Stelle
die Abweisung des Leistungsbegehrens in Aussicht. Nach erhobenem Ein
wand vom 3. September 2019 (Urk. 11/49) verfügte die IV-Stelle am 14. Februar 2020 (Urk. 2) im angekündigten Sinne.
2.
Dagegen erhob der Versicherte am 17. März 2020 (Urk. 1)
Beschwerde
und be
antragte, die Verfügung der Beschwerdegegnerin vom 14. Februar 2020 sei auf
zuheben, ihm sei ab 1. September 2017 bis auf weiteres eine ga
nze Invalidenrente zuzusprechen und
es sei ihm die unentgeltliche
Verbeiständung
und Prozess
führung zu gewähren; unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zu Lasten der Beschwerdegegnerin (S. 2).
Die in der Folge von der IV-Stelle mit
Beschwerde
antwort vom 8. Mai 2020 (Urk. 10) beantragte teilweise Gutheissung der Beschwerde im Sinne einer Rückweisung der Sache zur weiteren
Abklärung lehnte der
Beschwerdeführer
mit Stellungnahme vom 11. Juni 2020 (Urk. 14) ab und hielt an seinen Anträgen fest. Im Weiteren verzichtete die Beschwerde
gegnerin am 1. Juli 2020 (Urk. 16) auf eine Stellungnahme, was dem
Beschwerdeführer
mit Verfügung vom 7. Juli 2020 (Urk. 17) zur Kenntnis ge
bracht wurde. Mit Schreiben vom 4. Februar 2021 (Urk. 18)
teilte der Beschwerdeführer mit
, dass
er
die
Beschwerdegegnerin um Prüfung von Ein
gliederungsmassnahmen
bei der B._
(geschützter Arbeitsplatz im Sinne eines Vorbereitungspraktikums im Hinblick auf eine mögliche berufliche Ausbildung
;
Urk.
19/1-3
)
ersucht
hab
e.
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1
des
Bundesgesetz
es
über den All
gemeinen Teil
des Sozialversicherungsrechts [
ATSG
]
). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurtei
lung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.2
Anspruch auf eine Rente haben gemäss
Art.
28
Abs.
1
des
Bundesgesetz
es
über die Invalidenversicherung (IVG)
Versicherte, die:
a.
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen wieder herstel
len, erhalten oder verbessern können;
b.
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindes
tens 40 % arbeitsunfähig (
Art.
6 ATSG) gewesen sind; und
c.
nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (
Art.
8 ATSG) sind.
Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % besteht Anspruch auf eine
Vier
telsrente
, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 % auf eine
Dreiviertelsrente
und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 % auf eine ganze Rente (
Art.
28
Abs.
2 IVG).
1.3
Hinsichtlich des Beweiswertes eines ärztlichen Berichtes ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen
beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der
Vorakten
(Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen in der Expertise begründet sind (BGE 134 V 231 E. 5.1, 125 V 351 E. 3a, 122 V 157 E. 1c).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin erwog in der angefochtenen Verfügung vom 14. Februar 2020 (Urk. 2) im Wesentlichen, dass die Gesundheitsstörungen mit Einfluss auf die
Ausbildungs- und
Arbeitsfähigkeit unbestritten ausgewiesen seien. Dennoch könne keine abschliessende Beurteilung des Gesundheits
zustandes und der Ausbildungsfähigkeit vorgenommen werden. Darum sei
das Weiterführen einer regelmässigen mindestens wöchentlichen psychiatrisch-psychotherapeutischen Behandlung sowie der Psych
i
atrie-Spitex nötig
. Nach Ab
schluss der vorgeschlagenen Behandlung werde zu prüfen sein, ob eine Aus
bildung versucht werden könne
.
Die medizinischen Therapien seien dem Beschwerdeführer zumutbar und aus IV-Sicht nötig, um die Ausbildungs- beziehungsweise die Arbeitsfähigkeit zu bestimmen. Vor dem Hintergrund Ein
gliederung vor Rente entstehe kein Anspruch auf Rentenleistungen (S. 2).
Mit Beschwerdeantwort vom 8. Mai 2020 (Urk. 10) vertrat die Beschwerde
gegnerin dahingegen den Standpunkt, dass die Nichterfüllung der Schaden
minderungspflicht keinen Grund für eine Leistungsverweigerung darstelle. Auch der Grundsatz «Eingliederung vor Rente» stehe vorliegend einem Rentenanspruch nicht entgegen, sei doch gestützt auf die medizinischen Unterlagen insbesondere nicht klar, ob der
Beschwerdeführer
überhaupt eingliederungsfähig sei. Jedoch böten vorliegen
d
die vorhandenen medizinischen Unterlagen auch keine rechts
genügende Grundlage für eine Beurteilung des Rentenanspruchs (S. 1).
2.2
Dagegen wendet der Beschwerdeführer (Urk. 1) im Wesentlichen ein, es sei mithin erstellt, dass
er
seit früher Jugend unter gravierenden
psychischen
Störungen leide und seit mittlerweile bald fünf Jahren nicht ausbildungsfähig sei. Selbst wenn therapeutische Bemühungen allenfalls noch zu einer Verbesserung und da
mit zum Erlangen einer Ausbildungsfähigkeit führen könnten, sei bis auf weiteres von einem langandauernden Gesundheitsschaden auszugehen
(S. 4). Selbst wenn
Therapiebemühungen zu einer Ausbildungsfähigkeit führen sollten,
sei ihm vor
derhand antragsgemäss ab Erreichen der Volljährigkeit und bis auf weiteres eine ganze Rente der Invalidenversicherung zuzusprechen
. Entgegen de
n
Aus
füh
rungen der Beschwerdegegnerin lasse die Aktenlage die Beurteilung des Renten
anspruches zu, und es sei eine vollständige Ausbildungsunfähigkeit seit August 20
15 ausgewiesen
(S. 4 f.
; vgl. auch Urk. 14
).
2.3
Strittig und zu prüfen ist
der
(allenfalls befristete)
Rentenanspruch des Beschwerdeführers ab
1.
September 2017
und in diesem Zusammenhang ins
besondere die Frage der Eingliederungsfähigkeit des Beschwerdeführers
.
Demgegenüber ist – wie d
er Begründung und den
beigelegten gesetzlichen Grundlagen (
Urk.
11/52
)
zu entnehmen
ist -
der Anspruch auf Eingliederungs
massnahmen nicht Gegenstand der vorliegend angefochtenen Verfügung. So hatte
die Beschwerdegegnerin
bereits
mit Mitteilung vom 1
7.
Mai 2018 den Ab
schluss der seit 2016 durchgeführten beruflichen Massnahmen mitgeteilt
, unter Hinweis darauf
, dass der Beschwerdeführer sich wieder melden könne, sobald sich sein Gesundheitszustand stabilisiert habe und weitere berufliche Schritte möglich seien (
Urk.
11/15).
In diesem Sinne
wird das Schreiben des Beschwerdeführers vom
4.
Februar 2021 (
Urk.
19/1), mit welchem dieser um Prüfung von Ein
gliederungsma
ssnahmen bei der B._
ersuchte,
von der Beschwerde
gegnerin
als
neues Gesuch
entgegenzunehmen sein
.
3.
3.1
Die verantwortlichen medizinischen Fachpersonen des
Kanton
s
spitals
C._
diagnostizierten in ihrem Bericht vom 16. Mai 2017 (Urk. 11/14) eine einfache Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung (ADHS, ICD-10 F90.0; anamnestisch be
kannt), eine Angststörung nicht näher bezeichnet (ICD-10 F49.1
; anamnestisch bekannt
) sowie eine Verhaltens- und emotionale Störung mit sozialer Unsicher
heit, Anzeichen depressiver Wahrnehmungs- und Verarbeitungsstrukturen, all
ge
meiner Emotionsregulationsproblematik mit geringer Frustrationstoleranz und Impulskontrolldurchbrüchen sowie Ablösungsschwierigkeiten (S. 2). Zur Beurteilung führten sie aus, der
Beschwerdeführer
sei ein 17
,
8-jähriger junger Mann in gutem Allgemeinzustand und Ernährungszustand, der sowohl inter
nalisierende wie auch externalisierende Verhaltensschwierigkeiten zeige. Hinweise auf eine gesonderte
Autismusspektrumstörung
hätten keine festgestellt werden können. Der Beschwerdeführer sei mitunter schwer fassbar, da er teil
s
ein Pokerface aufsetze, sich vordergründig gelassen gebe, sein Verhalten jedoch einen hohen Leidensdruck erahnen lasse. Gegen aussen zeige der
Beschwerde
führer
einen Hang, vieles zu bagatellisieren beziehungsweise zu überspielen, selbst zu verleugnen und sich mit Floskeln cool zu geben. Diese
s
Verhalten werde
unter anderem als Abwehrstrategie mit Funktion von Selbstwertrettung verstan
den. Es sei anzunehmen, dass das Zeigen eines bestimmten Bildes von sich gegen aussen viel Energie vom Beschwerdeführer erfordere, was sich unter anderem mittels Somatisierung (Übelkeit, Müdigkeit, und Ähnliches) zuhause nieder
schlage (S. 5 f.).
Wohl in der Folge des fassadenhaften Verhaltens des
Beschwerdeführer
s zeigten sich auch deutliche Unterschiede in der Selbst- und Fremdwahrnehmung vom
Beschwerdeführer
. Beim
Beschwerdeführer
selber drift
et
en sein Ideal- und Real
bild auseinander. Es sei anzunehmen, dass der
Beschwerdeführer
zunehmend wahrnehme beziehungsweise sich
bewusst werde
, dass sowie er sein möchte (Idealbild) nicht mit der Realität, das heisse
,
so wie er sei (
Realbild
)
,
überein
stimme. Dies könne das Risiko einer depressiven Verstimmung begünstigen (S. 7).
Da sich die berufliche Eingliederung des Beschwerdeführers unter anderem durch seine Ängste als sehr schwierig darstelle und daher ein hoher Leidensdruck vor
handen sei, bestehe dringender Handlungsbedarf. Im Rahmen der vorliegenden Abklärung einer möglichen
Autismusspektrumstörung
habe keine abschliessende Diagnostik der bereits längerdauernden Leidensgeschichte und der Gesamt
situati
on gemacht werden können. Um dem
Beschwerdeführer
mit seiner viel
seitigen Thematik und seinem familiären System gerecht zu werden, werde daher dringend eine enge psychiatrisch-psychotherapeutische Behandlung inklusiver medikamentöser Therapie empfohlen. Insbesondere im Rahmen der Identitäts- und Persönlichkeitsentwicklung werde eine enge Begleitung des Beschwerde
führers als unabdingbar betrachtet (S. 7).
3.2
3.2.1
In seinem Bericht vom 30. Juni 2018 (Urk. 11/19/1-7) attestierte der behan
delnde Psychiater Dr. med. D._
, FMH Psychiatrie und Psychotherapie, eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit seit dem 23. Januar 2018 (S. 2). Aufgrund der Ängste sei es dem Beschwerdeführer oft nicht möglich, sein Haus zu verlassen. Sei er aus
serhalb des Hauses in zwischenmenschlichen Interaktionen, so sei er sehr rasch überfordert und ziehe sich dann wieder zurück (S. 5). Im Moment sei eine Tätig
keit unmöglich. Vorerst dürfte eine gezielte Eingliederung nicht möglich sein.
Niederschwellige Beschäftigungsversuche in Landwirtschaftsbetrieben würden mit Hilfe der psychiatrischen Spitex weiter angestrebt; es sei zu hoffen, dass der Beschwerdeführer so an einen Punkt komme, wo an eine Eingliederung in diesem Bereich zu denken sei. Wann dies der Fall sei, sei aber nicht absehbar.
Der Beschwerdeführer sei nach wie vor von der elterlichen Fürsorge abhängig. Die
Mutter besorge den Haushalt. Die Eltern unterstützten ihn im Alltag, sowohl durch Betreuung/Begleitung wie auch finanziell
(S. 6)
.
3.2.2
Mit Bericht vom 13. November 2018 (Urk.
11/26) diagnostizierte Dr. D._
eine Agoraphobie (ICD-10 F40.0), ein ADHS (ICD-10 F90.0) sowie eine kombinierte Persönlichkeitsstörung (ängstlich-vermeidend, emotional instabil; ICD-10 F61.0)
und hielt fest, dass sich der Gesundheitszustand gegenüber dem Vorbericht kaum verändert habe
.
Im Juli und August 2018 habe der Beschwerdeführer das elterliche Haus kaum verlassen, und erst seit Mitte September 2018 sei es
dem Beschwerdeführer
wieder gelungen, ab und zu im Betrieb des befreundeten Land
wirts mitzuhelfen. Gelegentlich sei es gelungen, Treffen mit der psychiatrischen Spitex durchzuführen, ein erster Termin
seit Juni 2018
bei
m behandelnden Psychiater
sei für den 2
1.
November 2018 in Begleitung der psychiatrischen Spitex vorgesehen.
Es bestehe keine Chance für eine Aufnahme der Arbeit im
1.
Arbeitsmarkt, der Beschwerdeführer sei viel zu schwer beeinträchtigt.
Die psy
chische Störung sei kaum durch äussere Faktoren beeinflusst. Allerdings habe der Suizid des Landwirtes Anfang 2018, bei welchem der
Beschwerdeführer
gearbeitet habe, zu einer weiteren Verschlechterung geführt. Es bestünden aber keine nicht krankheitsimmanenten aufrechterhaltenden Bedingungen (S. 3).
3.2.3
M
it Stellungnahme vom 6. Mai 2019 (Urk. 11/44)
wies
Dr. D._
darauf hin, dass der Beschwerdeführer nicht mehr an Ablösungsschwierigkeiten von seiner Mutter beziehungsweise von seinem Vater leide. Schon im Verlaufe von 2017 sei es dem
Beschwerdeführer
gelungen, eine kollegiale Beziehung zu einem Landwirt in einem Nachbardorf aufzubauen und dort mit zunehmender Regelmässigkeit zu arbeiten (S. 1). Leider sei es zu einem Suizid dieses Landwirtes im Frühjahr 2018 gekommen und dieses Ereignis habe dem
Beschwerdeführer
erheblich zugesetzt,
es
habe bei ihm eine depressive Symptomatik und vermehrte soziale Ängste aus
gelöst. In dieser Situation habe er es tatsächlich für fast ein Jahr nicht ges
ch
a
ff
t, eine ambulante Therapie
wahrzunehmen
.
Ab Januar 2019 könne der
Beschwerdeführer
nicht nur wieder eine ambulante Therapie durchführen, sondern auch bei einem neuen Landw
irt wieder in kleinen Schritten e
insteigen. Im heutigen Stand der Persönlichkeitsentwicklung passe die Dynamik der bestehenden Problematik zu einer ängstlich-vermeidenden Persönlichkeits
störung, überlagert von sozialen Ängsten. Diese Probleme manifestierten sich un
abhängig vom Elternhaus. Entsprechend sei zu erwarten, dass der Beschwerde
führer im Verlauf von 1-2 Jahren eine Lehre
werde
antreten könne
n
. Ein erzwungener Klinikaufenthalt
sei nicht zielführend und
werde diesen Reifungs
prozess nicht beschleunigen, sondern im Gegenteil wohl wieder zu Rückschritten führen
(S. 2).
3.3
Dr.
med. E._
, Facharzt für Neurologie und Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie,
RAD,
hielt mit Stellungnahme vom 1
6.
November 2019 (
Urk.
11/51 S. 3) fest, dass
Dr.
D
._
s
Begründunge
n nachvollziehbar seien. Beim Beschwerdeführer lägen ein ausgeprägtes ADHS und eine Angststörung mit struktureller Störung der Persönlichkeitsentwicklung vor. Es seien eine länger
dauernde Funktionseinschränkung und Ausbildungsunfähigkeit entsprechend dem bisherigen Verlauf anzunehmen. Seit 2
1.
August 2015 bestehe eine voll
ständige Ausbildungsunfähigkeit. Die Weiterführung einer regelmässigen mindestens wöchentlichen psychiatrisch-psychotherapeutischen Behandlung so
wie der Psychiatrie-Spitex und ein stufenweiser Belastungsaufbau im geschützten Rahmen und gegebenenfalls Teilnahme an einer störungsspezifischen Gruppen
therapie sei bis zum Erreichen der Ausbildungsfähigkeit zu empfehlen.
4.
4.1
Vorab ist festzuhalten,
dass die
Beschwerdegegnerin die
leistungs
abweisende
Verfügung
vom 14. Februar 2020 (Urk. 2)
mit der
Nichterfüllung
der Schaden
minderungspflicht beziehungsweise mit dem Grundsatz «Eingliederung vor Rente» begründete.
In Bezug auf die Auferlegung einer medizinischen Therapie
erachtete
Dr. D._
mit Stellungnahme vom 6. Mai 2019 (Urk. 11/44)
insbesondere die geforderte stationäre Behandlung
als kontraproduktiv (
E. 3.2.3
).
Dies bestätigte auch RAD
Dr.
E._
am
16. November 2019 (Urk. 11/51)
und empfahl die
Weiterführung des aktuellen therapeutischen Settings
und
den
zusätzlich
e
n
stufen
weisen
Belastungsaufbau in geschütztem Rahmen
sowie
gegebenenfalls
die
Teilnahme an einer störungsspezifischen Gruppentherapie (
E. 3.3
).
Darauf verwies
auch
die Beschwerde
gegne
rin in der angefochtenen Verfügung (
Urk.
2)
, wobei sie an der Notwendigkeit der
vom
behandelnden Facharzt
vorgeschlagenen
angepassten
medizinische
n
Behandlung
– wöchentliche psychiatrisch-psychotherapeutische Behandlung sowie Weiterführen der Psychiatrie-Spitex – festhielt.
Unter diesen Umständen lässt sich d
ie leistungsabweisende Verfügung nicht mit der Ver
letzung der
ursprünglich
auferlegten Schadenminderungspflicht begründen
(vgl.
Urk.
10 S. 1).
Zutreffend wies sodann die Beschwerdegegnerin darauf hin, dass
der Grundsatz «Eingliederung vor Rente» einen Rentenanspruch vor Durchführung beruflicher Massnahmen
nicht
von vornherein ausschliesst
und als Begründung für die Ab
weisung des Leistungsbegehrens nicht herangezogen werden kann
.
So sind
Rentenleistungen erst dann auszurichten, wenn keine zumutbaren Ein
gliederungsmassnahmen mehr in Betracht fallen und ein Rentenanspruch kann grundsätzlich erst nach Beendigung der Eingliederungsmassnahmen entstehen, und zwar selbst dann, wenn diese nur einen Teilerfolg brachten oder scheiterten. Laufen indes keine beruflichen Massnahmen und sind solche auch nicht konkret angeordnet, so kann mithin auch dann ein (allenfalls befristeter) Rentenanspruch entstehen, wenn die Möglichkeiten der beruflichen Eingliederung noch nicht aus
geschöpft sind (Urteil des Bundesgerichts 9C_892/2011 vom 2
1.
September 2012 E. 3.3.1). Demnach bewirkt der in der Invalidenversicherung geltende Grundsatz «Eingliederung vor Rente», dass die Rente hinter einer Eingliederungsmassnahme bzw. dem damit verbundenen Taggeld zurücktritt (so
Art.
28
Abs.
1
lit
. a IVG), jedoch eine Invalidenrente vor dem Zeitpunkt der Beendigung der Ein
gliederungsmassnahmen, gegebenenfalls auch rückwirkend, zuzusprechen ist, wenn die versicherte Person nicht oder noch nicht eingliederungsfähig war (Urteil des Bundesgerichts 9C_689/2019 vom 2
0.
Dezember 2019 E. 3.1 mit Hinweisen).
Wie die Beschwerdegegnerin mit Beschwerdeantwort vom 8. Mai 2020 (Urk.
1
0 S. 1)
richtig
erkannte,
ist
die Begründung der Verfügung vom 14. Februar 2020
damit
nicht haltbar
.
Soweit die Beschwerdegegnerin darin
ohne nähere Aus
einandersetzung mit de
r
Akten- und Rechtslage
dennoch
einen Rentenanspruch
verneinte, erweist sich die Verfü
gung als unzureichend begründet
. Bereits aus diesem
Grunde
ist sie
zufolge Verletzung des rechtlichen Gehörs aufzuheben und
die Sache
an die Beschwerdegegnerin zur korrekten Begründung zurückzuweisen.
4.2
I
m Hinblick auf den (
allenfalls
befristeten
, vgl. E. 4.1
) Rentenanspruch
und die
in diesem Zusammenhang zu prüfende
Frage der Eingliederungsfähigkeit ist den Akten
Folgendes
zu entnehmen
:
I
n psychischer
Hinsicht
sind
Einschränkungen der Leistungsfähigkeit erstellt.
Namentlich diagnostizierten sämtliche mit dem Beschwerdeführer befassten medizinischen Fachpersonen ein ADHS, eine Angststörung – wenn auch unter
schiedlicher Genese –
s
owie eine Persönlichkeitsstörung (E. 3).
Hinsichtlich der Eingliederungsfähigkeit
hielten die Ärzte des C._
am 16.
Mai 2017
fest, dass
eine vollständige Ausbildungsunfähigkeit
bestehe und
sich die berufliche Ein
gliederung sehr schwierig gestalte,
und
empfahlen ein enges IV-gestütztes Coaching im Rahmen der beruflichen
Eingliederung (
Urk.
11/44/7
; E. 3.1
).
Die Beurteilung der
Eingliederungsfähigkeit
bleibt
dabei
unklar. Immerhin war es dem
Beschwerdeführer in der Zeit
von
März bis Dezember 2017 möglich, regel
mässig dreieinhalb bis vier Tage pro Woche (vgl. Urk. 11/16 S. 9) sowie später in einem regelmässigen Pensum von 80 % mit nur zwei kurzen
Absenzphasen
(S. 10) auf dem Bauernhof zu arbeiten
, und die
Beschwerdegegnerin
führte
in
diesem Zeitraum noch berufliche Massnahmen durch. Nach deren Abbruch im Mai 2018 ging d
er behandelnde Psychiater
Dr.
D._
am 3
0.
Juni und am 1
3.
November 2018 von einer Arbeitsunfähigkeit von 100
%
seit 2
3.
Januar 2018
aus und hielt eine Eingliederung
nicht für möglich
;
es seien lediglich nieder
schwellige Beschäftigungsversuche mit Unterstützung der psychiatrischen Spitex möglich.
Für eine erhebliche Einschränkung im Jahr 2018 spricht, dass es dem Beschwerdeführer nach dem Suizid des Bauern, in dessen Betrieb er gearbeitet hatte, offenbar nur mit Unterstützung der Psychiatrie-Spitex möglich
war
, das elterliche Haus überhaupt zu verlassen oder Therapietermine wahrzunehmen.
Be
richte der Psychiatrie-Spitex, welche darüber allenfalls Aufschluss geben könnten, fehlen jedoch.
Am
6.
Mai 2019 hielt
Dr.
D._
hingegen
fest, dass
der Beschwerdeführer
bereits
seit Januar 2019
–
knapp zwei Monate nachdem
Dr.
D._
jegliche Eingliederungsfähigkeit verneint
hatte
-
nicht nur wieder eine ambulante Therapie durchführen, sondern auch bei einem neuen
Landwirt wieder in kleinen Schritten einsteigen könne. Der Antritt einer Lehre sei im Verlauf von 1-2 Jahren zu erwarten (E. 3.2).
In seiner Aktenbeurteilung ging der RAD
schliess
lich
ohne nähere Begründung
von einer vollen Arbeitsunfähigkeit
für den Zeit
raum
seit 2
1.
August 2015 und einer längerdauernden Einschränkung der Aus
bildungsfähigkeit aus (E. 3.3).
Gestützt auf diese – teilweise widersprüchliche -
Aktenlage
lässt sich die
Ein
gliederungsfähigkeit
nicht zuverlässig beurteilen
, und zwar weder
im Verlauf seit Erreichen der Volljährigkeit des Beschwerdeführers
am
5.
August 2017
noch
im Zeitpunkt des Erlasses der angefochtenen Verfügung
am 1
4.
Februar 202
0.
Zu
nächst
fehlt es der Einschätzung des RAD, welcher den Beschwerdeführer nicht selber untersuchte und in erster Linie
auf
die Berichte des behandelnden Fach
arztes
abstellte
, einer näheren Herleitung der attestierten Einschränkungen.
Gleiches gilt für den aktuellsten
zeitlich weit zurückliegenden
fachärztlichen Bericht
des Behandlers
vom Mai 2019
, welcher
überdies
in erster Linie Stellung zur Frage der Zumutbarkeit der auferlegten medizinischen Therapie bezieht (
Urk.
11/44). Eine fachärztliche Beurteilung der seither und bis Verfügungserlass
im Februar 2020
eingetretenen psychischen Entwicklung des Gesundheits
zustands des Beschwerdeführers ist nicht aktenkundig.
Hinzu kommt, dass a
ngesichts
der von den psychiatrischen Fachärzten diagnostizierten Angststörung, dem ADHS und der Persönlichkeitsstörung das tatsächlich erreichbare Leistungsvermögen anhand des strukturierten Beweis
verfahrens
nach Massgabe von BGE 141 V 281
zu
ermitteln
ist
. Ein solches Beweisverfahren hat bis anhin nicht stattgefunden und es erfolgte weder aus ärzt
licher Sicht noch aus Sicht der Beschwerdegegnerin eine umfassende respektive
rechtsgenügliche
Auseinandersetzung mit den massgebenden Standard
indikatoren.
Selbiges gilt hinsichtlich
allfälliger
psychosozial
er Faktoren. Auch wenn Dr. D._
zum Schluss gelangt, dass keine Ablösungsschwier
i
gkeiten mehr bestehen (
E. 3.2.3
), ist bei der erheblichen elterlichen Fürsorge ein sekundärer Krankheitsgewinn des
Beschwerdeführer
s
nicht
auszuschliessen
. Da indes die e
nge Bindung offenkundig
auch eine Belastung für den Beschwerdeführer dar
stellt und sich
nach bisheriger Erfahrung
bei einer Trennung im Laufe der Zeit eine Besserung einstellte (vgl. zum Ganzen Urk. 11/16 Urk. 11/19/10), hätte dies eine eingehe
ndere Differenzierung erfordert.
So
fällt ein Rentenanspruch ebenso ausser Betracht, soweit die attestierte Leistungseinschränkung massgeblich auf
psychosoziale
n
und soziokulturelle
n
Belastungsfaktoren
beruht, wie bei einem stark ausgeprägte
n
sekundäre
n
Krankheitsgewinn (Urteil des Bundesgericht
s
9C_473/2019 vom 25. Februar 2020 E. 4.2.2 mit Hinweisen).
Schliesslich sind die Einschätzungen durch Dr.
D._
aufgrund seiner Nähe zum Beschwerdeführer als behandelnder Arzt mit
Zurückhaltung
zu würdigen (BGE 135 V 465 E. 4.5).
4.
3
Nach dem Gesagten erweist sich vorliegend der medizinische Sachverhalt als un
genügend abgeklärt
, weshalb sich
d
ie Frage nach der Eingliederung
s
- beziehungsweise Ausbildungsfähigkeit des Beschwerdeführers nicht mit über
wiegender Wahrscheinlichkeit beantworten
lässt. Daher
ist d
ie Sache
u
nter Auf
hebung der angefochtenen Verfügung vom 14. Februar 2020 an die Beschwerde
gegnerin zurückzuweisen, damit sie weitere Abklärungen
– allenfalls unter
Beizug
von Berichten der Psychiatrie-Spitex -
tätige und gestützt auf letztere sowie in Berücksichtigung des gesundheitlichen Verlaufs erneut über die Sache entscheide.
Soweit eine Eingliederungsfähigkeit zu verneinen ist, wird dabei ins
besondere auch über einen befristeten Rentenanspruch zu entscheiden sein.
Die Beschwerde ist in dem Sinne gutzuheissen.
5.
5.1
Die Kosten des Verfahrens gemäss
Art.
69
Abs.
1
bis
IVG sind auf
Fr.
600.--fest
zusetzen und ausgangsgemäss der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen.
5.2
N
ach ständiger Rechtsprechung gilt die Rückweisung der Sache an die Ver
waltung zur weiteren Abklärung und neuen Verfügung als vollständiges Ob
siegen (BGE 137 V 57). Dem Beschwerdeführer steht ausgangsgemäss eine Prozess
entschädigung zu.
Die Rechtsvertreterin wurde auf die Möglichkeit der Ein
reichung einer Honorarnote hingewiesen (
Urk.
17). In Ermangelung einer solchen ist die Prozessentschädigung
ermessensweise auf
Fr.
2‘
0
00.-- (inkl. Barauslagen und Mehrwertsteuer) festzusetzen
.
5.3
Damit erweist sich das Gesuch des Beschwerdeführers um unentgeltliche
Verbei
ständung
und Prozessführung (
Urk.
1 S. 2) als gegenstandslos.
Das Gericht
erkennt
:
1.
Die Beschwerde wird in dem Sinne gutgeheissen, dass die angefochtene Verfügung vom
14.
Februar
2020
aufgehoben und die Sache an die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, zurückgewiesen wird, damit diese, nach Vornahme ergän
zender Abklärungen im Sinne der Erwägungen, neu entscheide.
2.
Die Gerichtskosten von
Fr.
600
.-- werden
der Beschwerdegegnerin
auferlegt.
Rechnung und Einzahlungsschein werden
der
Kostenpflichtigen nach Eintritt der Rechtskraft zu
gestellt.
3.
Die Beschwerdegegnerin wird
verpflichtet,
dem Beschwerdeführer
eine Prozessent
schädigung von
Fr.
2’000
.-- (inkl. Barauslagen und
MWSt
) zu bezahlen.
4.
Zustellung gegen Empfangsschein an:
-
Rechtsanwältin Yolanda
Schweri
-
Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle
, unter Beilage einer Kopie von
Urk.
18 und
Urk.
19/1-3
-
Bundesamt für Sozialversicherungen
sowie an:
-
Gerichtskasse (im Dispositiv nach Eintritt der Rechtskraft)
5.