Decision ID: 3250a109-a984-54df-951c-96eb3df46f13
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der eritreische Beschwerdeführer – mit letztem Wohnsitz in B._
(respektive [...], Region Semienawi Kayih Bahri) – ist gemäss eigenen An-
gaben am (...) 2013 illegal in den Sudan ausgereist. Am 18. Juni 2015 sei
er in die Schweiz eingereist und suchte tags darauf bei den hiesigen Be-
hörden um Asyl nach. Am 3. Juli 2015 wurde er vom SEM summarisch be-
fragt (BzP) und am 31. Oktober 2016 eingehend angehört. Am 7. Juli 2015
wurde er dem Kanton (...) zugewiesen.
B.
B.a Zur Begründung seines Asylgesuchs brachte der Beschwerdeführer,
welcher das 8. Schuljahr abgebrochen habe, an der BzP vor, dass acht
Tage vor dem (...) 2013 sein Name in seiner Schule auf einer Liste von
Personen gestanden habe, welche in den Militärdienst hätten eintreten sol-
len. Daraufhin habe er sich für zwei Tage ausserhalb von B._ auf-
gehalten. Anschliessend sei er zwar wieder nach Hause gegangen, indes
habe er stets im Freien geschlafen. Trotz diesen Vorkehrungen sei er am
(...) 2013 abends zuhause festgenommen worden (A7 S. 10). Nach fünf
Tagen Haft sei er am (...) 2013 gegen Mitternacht mit einem Kollegen na-
mens (...) aus dem Gefängnis in C._ geflohen (A7 S. 4 f., 7 und 11).
Nach weiteren fünf Tagen hätten sie die Grenze zum Sudan erreicht und
seien – der Beschwerdeführer habe seine Identitätskarte bei sich getragen
– ausgereist (A7 S. 6 f.; A19 F19). Als er im Sudan gewesen sei, habe er
vernommen, dass seine Mutter wegen dieser Flucht aus C._ für
24 Tage auf einer Polizeistation in D._ gefangen gehalten worden
sei (A7 S. 11).
B.b An der Anhörung machte er geltend, er habe die Schule bis zur
8. Klasse – bis im Jahr (...) – besucht (A19 F92 ff.). Ab dem Jahr 2011 habe
er eine Abendschule besucht (A19 F110 ff.). Da er als volljährig gegolten
habe, sei ihm ungefähr im Jahr 2013 mit einem Brief mitgeteilt worden,
dass er seinen Militärdienst leisten müsse (A19 F130 ff. und 183 f.). Damit
sei er nicht einverstanden gewesen, weshalb er sich im Wald versteckt
habe. Danach sei seine Mutter auf einem Polizeiposten in E._ (res-
pektive D._) gefangen gehalten worden. Nach 25 Tagen habe er
sich in B._ freiwillig gestellt und sei verhaftet worden (A19 F124 f.,
134 ff., 182 und 197). Nach fünf Tagen Haft in B._ sei er nach
F._ (respektive [...]) in ein Blechgefängnis verlegt worden (A19
F124 und 144 ff.). Nach weiteren fünf Tagen sei er mit einem anderen Ge-
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fangenen aus dem Gefängnis geflohen (A19 F124 f. und 152 ff.). Insge-
samt seien sie fünf Tage unterwegs gewesen und hätten am (...) 2013 die
Grenze zum Sudan überquert (A19 F165 f.). Als er im Sudan gewesen sei,
sei seine Mutter vor die Wahl gestellt worden, 50'000 Nakfa zu bezahlen
oder ins Gefängnis zu gehen (A19 F180).
C.
Am 17. Januar 2018 reichte er seine originale eritreische Identitätskarte zu
den Akten.
D.
Mit Verfügung vom 23. Januar 2018 wies das SEM das Asylgesuch des
Beschwerdeführers ab und ordnete die Wegweisung sowie deren Vollzug
an. Die vorgebrachte Rekrutierung, Verhaftung und anschliessende Flucht
erachtete das SEM im Wesentlichen als unglaubhaft, so dass deren Asyl-
relevanz nicht zu prüfen sei. Die weiteren Vorbringen, in Eritrea gebe es
keine Menschenrechte sowie es drohe Verfolgung wegen der illegalen Aus-
reise, seien nicht asylrelevant.
E.
Gegen diese Verfügung erhob der Beschwerdeführer durch seinen Rechts-
vertreter am 26. Februar 2018 Beschwerde beim Bundesverwaltungsge-
richt (Beschwerdeverfahren E-1219/2018). Unter anderem führte er aus, er
sei am (...) 2015 Vater einer Tochter namens G._ geworden; in der
Schweiz habe er sich mit H._ (N 682 483), mit welcher er eine Toch-
ter namens I._ (geboren am [...]) habe, verlobt. Im Übrigen wird für
die Beschwerde auf die Akten verwiesen.
F.
Mit Verfügung vom 14. März 2018 verzichtete das Bundesverwaltungsge-
richt auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und verschob den Ent-
scheid bezüglich des Gesuchs um Gewährung der unentgeltlichen Pro-
zessführung (Art. 65 Abs. 1 AsylG) auf einen späteren Zeitpunkt.
G.
Mit Verfügung vom 27. Februar 2020 wurde der Beschwerdeführer aufge-
fordert, innert Frist zur aktuellen privaten Situation bezüglich seiner Verlob-
ten und der gemeinsamen Tochter zu berichten. Dies, weil der Beschwer-
deführer gemäss der Mitteilung einer Kindsanerkennung des Zivilstands-
amtes (...) I._ am 27. September 2018 als sein Kind anerkannt
hatte. Am 9. März 2020 reichte er eine diesbezügliche Stellungnahme ein.
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H.
Am 6. April 2020 lud das Bundesverwaltungsgericht das SEM zur Einrei-
chung einer Vernehmlassung ein. Nachdem dieses daraufhin am 21. April
2020 seinen Entscheid vom 23. Januar 2018 aufhob und das erstinstanzli-
che Verfahren wiederaufnahm, schrieb das Bundesverwaltungsgericht das
Beschwerdeverfahren E-1219/2018 mit Entscheid vom 29. April 2020 als
gegenstandslos ab.
I.
Am 26. Mai 2020 forderte das SEM den Beschwerdeführer aufgrund der
Vaterschaftsanerkennung auf, einem DNA-Test zuzustimmen und sich die-
sem zu unterziehen, da das Abstammungsverhältnis nicht als festgestellt
erachtet werden könne. Das zuständige Zivilstandsamt habe sich bei der
Anerkennung der Vaterschaft ohne weitere Abklärungen nur auf die Aus-
sagen des Beschwerdeführers gestützt.
J.
Mit Schreiben vom 12. Juni 2020 stimmte der Beschwerdeführer einem
DNA-Test zu und ersuchte im Übrigen um Fristerstreckung.
K.
Mit Eingabe vom 13. Juli 2020 informierte der Beschwerdeführer die Vor-
instanz, er sei – mangels Zustimmung durch die Kindsmutter – nicht in der
Lage, einen DNA-Test einzureichen. Jedoch genüge die Kindsanerken-
nung des Zivilstandsamtes (...) gemäss Art. 12 Bst. a VwVG grundsätzlich
als Beweis für die Vaterschaft. Ein DNA-Test sei nur als letztes geeignetes
Mittel einzusetzen.
L.
Mit Schreiben des SEM vom 12. August 2020 wurde der Beschwerdeführer
zur Einreichung einer Stellungnahme aufgefordert, zumal er im Beschwer-
deverfahren E-1219/2018 als Vollzugshindernis vorgebracht habe, eine
stabile Beziehung mit seiner Verlobten H._ zu führen. Abklärungen
hätten aber ergeben, dass diese Beziehung schon länger beendet sei und
H._ schon immer alleine (mit dem Kind I._) gelebt habe.
Ferner sei der Kontakt zwischen dem Beschwerdeführer und seiner angeb-
lichen Tochter gering, so habe er sie teilweise über Monate hinweg nicht
gesehen. Aktuell sehe er sie ein- bis zweimal pro Monat; indes sei dieser
Besuch jeweils nur von kurzer Dauer, da es hauptsächlich darum gehe,
dass die Kindsmutter dem DNA-Test zustimme. Ausserdem habe er seine
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angebliche Tochter nie finanziell unterstützt. Schliesslich wurde der Be-
schwerdeführer angehalten, sich zu seiner angeblich weiteren Tochter
G._ (vgl. Bst. E) zu äussern.
M.
Mit Schreiben vom 30. November 2020 bestätigte der Beschwerdeführer,
dass er mit H._ keine Beziehung mehr führe. Nichtsdestotrotz be-
stehe aufgrund der Kindsanerkennung kein Zweifel über die Vaterschaft.
Er besuche seine Tochter regelmässig, jedoch könne er angesichts seines
Status keinen Unterhalt leisten. Um die Einheit der Familie gemäss Art. 44
AsylG zu bewahren, dürfe er nicht aus der Schweiz weggewiesen werden.
N.
Mit Verfügung vom 16. Dezember 2020 verneinte das SEM die Flüchtlings-
eigenschaft des Beschwerdeführers, ordnete seine Wegweisung sowie de-
ren Vollzug an. Die Vorbringen seien teilweise nicht glaubhaft und teilweise
nicht asylrelevant. Ausserdem sei der Wegweisungsvollzug als zulässig,
zumutbar und möglich zu bezeichnen. Auf Details dieses Entscheides wird
– soweit entscheidwesentlich – in den Erwägungen eingegangen.
O.
Gegen diese Verfügung erhob der Beschwerdeführer durch seinen Rechts-
vertreter am 18. Januar 2021 Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht
und beantragte, dass ihm nach Aufhebung der Verfügung die Flüchtlings-
eigenschaft unter Asylgewährung zuzuerkennen sei. Eventualiter sei ein
Vollzugshindernis festzustellen und er sei vorläufig aufzunehmen. Eventu-
aliter sei die Verfügung zwecks Neubeurteilung an die Vorinstanz zurück-
zuweisen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht sei zu bestätigen, dass der Be-
schwerdeführer den Ausgang des Beschwerdeverfahrens in der Schweiz
abwarten dürfe; ausserdem sei ihm die unentgeltliche Prozessführung zu
gewähren, der Rechtsvertreter sei als amtlicher Rechtsbeistand zu bestel-
len und auf die Erhebung eines Kostenvorschusses sei zu verzichten. Auf
die Begründung der Rechtsmitteleingabe wird – soweit entscheidwesent-
lich – in den Erwägungen eingegangen. Als Beilage wurde eine Fürsorge-
bestätigung vom 12. Januar 2021 zu den Akten gereicht.
P.
Am 27. Januar 2021 bestätigte das Bundesverwaltungsgericht den Ein-
gang der Beschwerde und verfügte, der Beschwerdeführer könne den Aus-
gang des Verfahrens in der Schweiz abwarten.
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Q.
Im vorinstanzlichen Dossier des Beschwerdeführers (vgl. A18) befinden
sich zwei Zeugnisse der Junior Secondary School des 7. (Schuljahr [...];
Alter: 14 Jahre alt; mit Stempel «promoted») und des 8. Schuljahres
(Schuljahr [...]; Alter: 15 Jahre alt; ohne Stempel «promoted», mit hand-
schriftlichem Vermerk "completed") sowie Kopien der Identitätskarten der
Eltern.
R.
Aus den Akten geht schliesslich hervor, dass der Beschwerdeführer offen-
bar die Schweiz verlassen hat und nach Frankreich gereist ist, um dort am
9. Februar 2021 ein Asylgesuch einzureichen. Die französischen Behörden
richteten gestützt auf die Dublin-Regelungen ein Rückübernahmegesuch
(take back) an das SEM; dieses stimmte dem Gesuch am 10. Februar 2021
zu.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG und das
AsylG nichts anderes bestimmen (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
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1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
1.5 Gestützt auf Art. 33a Abs. 2 VwVG wird das Beschwerdeverfahren in
deutscher Sprache geführt.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachste-
hend aufgezeigt, handelt es sich um eine solche. Gestützt auf Art. 111a
Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines Schriftenwechsels verzich-
tet.
4.
Im Sinne eines Eventualbegehrens wurde die Kassation der angefochte-
nen Verfügung und Rückweisung der Sache an die Vorinstanz beantragt.
Eine Begründung hierzu wurde in der Beschwerde nicht dargelegt. Eine
solche ergibt sich auch nicht aus den Akten; namentlich ist festzuhalten,
dass die Vorinstanz das Verfahren des Beschwerdeführers in jeder Hinsicht
korrekt geführt hat. Folglich besteht demnach keine Veranlassung für eine
Kassation.
5.
5.1 Zur Begründung seiner Verfügung hielt das SEM fest, dass sich der
Beschwerdeführer bezüglich der geltend gemachten Vorbringen, er sei auf-
grund seiner Militärdienstverweigerung verhaftet worden und auch seine
Mutter sei in Haft gekommen, in massive Widersprüche verwickelt habe.
So sei unklar, ob sein Name auf einer Liste von Personen gestanden habe,
welche in den Militärdienst hätten eingezogen werden sollen, oder ob er
einen Brief eines kommunalen Komitees erhalten habe, in welchem er zum
Einrücken in den Militärdienst aufgefordert worden sei. Ferner habe er sich
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bezüglich seines Schulbesuchs mehrfach widersprochen: Einerseits be-
stehe Unklarheit, ob er die Generalprüfung der 8. Klasse geschrieben
habe; anderseits widerspreche das eingereichte Schulzeugnis (des Jahres
[...]) seinen Angaben, er sei im Jahr 2013 in der 8. Klasse gewesen. Über-
dies seien weitere eklatante Widersprüche bezüglich des Ablaufs seiner
Festnahme – respektive ob seine Mutter vor oder nach seiner Festnahme
verhaftet worden sei – und der Dauer respektive dem Ort seiner Verhaftung
und Inhaftierung festzustellen. Seine Versuche, all diese massiven Wider-
sprüche zu erklären, seien fehlgeschlagen. Folglich sei nicht glaubhaft,
dass er aufgrund der geltend gemachten Umstände aus Eritrea ausgereist
sei, weshalb es sich erübrige, auf weitere Widersprüche in seinen Aussa-
gen einzugehen. Die weiteren Vorbringen, Eritrea sei keine Demokratie
und achte keine Menschenrechte, sowie die vorgebrachte illegale Ausreise
seien nicht asylrelevant im Sinne von Art. 3 AsylG.
Bezüglich der Zulässigkeit des Wegweisungsvollzugs hielt das SEM fest,
dass den Akten keine Hinweise zu entnehmen seien, dass dem Beschwer-
deführer mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit bei einer Rückkehr nach Erit-
rea eine Behandlung oder Bestrafung im Sinne von Art. 3 EMRK drohe.
Aufgrund der unglaubhaften Vorbringen sei es weiter nicht möglich zu prü-
fen, ob ein tatsächliches oder unmittelbares Risiko einer drohenden Verlet-
zung von Art. 4 EMRK bestehe. Es könne nicht von einer unmittelbaren
Einberufung in den eritreischen Militärdienst ausgegangen werden, zumal
nicht ausgeschlossen werden könne, dass er vom Nationaldienst suspen-
diert respektive entlassen worden sei oder diesen bereits abgeschlossen
habe.
Das SEM hielt mit Blick auf das Recht auf Achtung des Familienlebens
(Art. 8 EMRK) hielt, dass die geltend gemachte Beziehung zu H._
– und somit auch zu seiner angeblichen Tochter – nicht als dauerhaft und
stabil zu bezeichnen sei. Weil diese in der Schweiz lediglich vorläufig auf-
genommen worden seien und damit kein gefestigtes Aufenthaltsrecht be-
sitzen würden, könne sich der Beschwerdeführer weder auf den Schutzbe-
reich von Art. 8 EMRK noch auf eine Ausnahmesituation gemäss der
Rechtsprechung des Europäischen Gerichthofs für Menschenrechte
(EGMR) berufen. Es sei vorliegend kein tatsächlich bestehendes Familien-
leben – wie ein gemeinsamer Haushalt, eine finanzielle Verflochtenheit so-
wie Dauer und Stabilität der Beziehung – erkennbar. Erschwerend komme
hinzu, dass Zweifel an der Vaterschaft zu I._ bestehen würden. Die
Kindsanerkennung sei nur ein formalrechtlicher Schritt, bei welchem die
Vaterschaft nicht belegt, sondern nur anerkannt werden müsse, weshalb
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die biologische Verbindung zwischen dem Beschwerdeführer und
I._ nicht geklärt sei. Bezüglich der vorliegenden Kindsanerkennung
sei ausserdem darauf hinzuweisen, dass diese nicht nach der Geburt des
Kindes, sondern nach dem ersten negativen Asylentscheid initiiert worden
sei. Dies sei erstaunlich und führe zur Vermutung, dass mit diesem Vorge-
hen ein positiver Ausgang des Asylverfahrens beabsichtigt worden sei.
Schliesslich kam das SEM zum Schluss, dass der Wegweisungsvollzug
auch zumutbar sowie möglich sei.
5.2 In der Beschwerde wurde im Wesentlichen geltend gemacht, die Vor-
instanz bezeichne die Vorbringen zu Unrecht als unglaubhaft. Die Aussa-
gen seien nicht allgemein, sondern schlüssig, detailliert und präzise gehal-
ten worden. Bezüglich seinen Kernaussagen habe der Beschwerdeführer
sich ausserdem nicht widersprochen; seine Aussagen seien plausibel und
er sei als eine glaubwürdige Person zu bezeichnen. Die wenigen vom SEM
festgestellten Ungereimtheiten könnten in einer Gesamtabwägung den ins-
gesamt glaubhaften Gesamteindruck nicht überwiegen. Seine Verhaftung,
weil er sich einer Zwangsrekrutierung habe entziehen wollen, sein Gefäng-
nisaufenthalt sowie seine Flucht aus dem Gefängnis seien zudem asylre-
levant im Sinne von Art. 3 AsylG. Gemäss dem Referenzurteil des BVGer
D-7898/2015 vom 30. Januar 2017 seien diese Vorbringen als weitere Fak-
toren zusätzlich zur illegalen Ausreise zu werten, weshalb der Beschwer-
deführer in den Augen der eritreischen Behörden als missliebige Person
erscheine und ihm daher Asyl zu gewähren sei.
Ferner sei vorliegend gemäss Art. 44 AsylG und Art. 8 EMRK von einer Fa-
milieneinheit auszugehen. Das Dossier der Familie befinde sich derzeit bei
der KESB (Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde respektive Autorité de
protection de l’enfant et de l’adulte), welche die Besuchsrechte zu regeln
beabsichtige. Als Beweismittel für seine Vaterschaft diene die zuvor einge-
reichte Kindsanerkennung, weswegen die Nichteinreichung einer DNA-
Analyse nicht zu seinem Nachteil zu werten sei.
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Seite 10
6.
6.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
6.2 Wer sich darauf beruft, dass durch sein Verhalten nach der Ausreise
aus dem Heimat- oder Herkunftsstaat – etwa durch illegales Verlassen des
Landes – eine Gefährdungssituation erst geschaffen worden ist, macht so-
genannte subjektive Nachfluchtgründe im Sinne von Art. 54 AsylG geltend.
Diese begründen die Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG, füh-
ren jedoch gemäss Art. 54 AsylG zum Ausschluss des Asyls. Stattdessen
werden Personen, welche subjektive Nachfluchtgründe nachweisen oder
glaubhaft machen können, als Flüchtlinge vorläufig aufgenommen (vgl.
BVGE 2009/28 E. 7.1).
6.3 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
7.
7.1 Zunächst ist zu prüfen, ob sich das Bundesverwaltungsgericht den vor-
instanzlichen Erwägungen zur fehlenden Glaubhaftigkeit des vom Be-
schwerdeführenden geltend gemachten Sachverhalts anschliessen kann.
7.1.1 Das SEM hat ausführlich dargelegt, weshalb es die geltend ge-
machte Refraktion des Beschwerdeführers, seine Inhaftierung sowie dieje-
nige seiner Mutter als unglaubhaft erachtet. Diesen Erwägungen ist nach
Durchsicht der Akten (vgl. hierzu die Ausführungen unter Bst. Ba und B.b)
nichts entgegenzuhalten. Das Gericht teilt demnach die Einschätzung der
Vorinstanz, dass in diesen wichtigen Punkten erhebliche Ungereimtheiten
bestehen, welche er nicht erklären konnte. Der Beschwerdeführer setzt
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sich in der Beschwerde mit den in der Verfügung des SEM einlässlich dar-
gelegten massiven Widersprüchlichkeiten nicht konkret auseinander und
vermag mit seinen allgemein bleibenden Ausführungen zu Elementen der
Glaubhaftmachung (Beschwerde S. 6 f.) die schwerwiegenden Unglaub-
haftigkeitsaspekte in seinen Vorbringen nicht auszuräumen.
7.1.2 Zu den vom SEM festgestellten Widersprüchen kommt dazu, dass
die Schilderungen des Beschwerdeführers die Asylbegründung betreffend
teilweise unsubstantiiert ausgefallen sind. Namentlich die Angaben, wie er
sich zum Militärdienst hätte melden müssen (A19 F131), wie er seine Haft-
zeit (A19 F147 und 149 ff.) oder seine Flucht erlebt habe (A19 F154 ff. und
177), sind äusserst ungenau und vermitteln nicht den Eindruck des tatsäch-
lich Erlebten. Unglaubhaft ist ferner, dass er sich nicht einmal ansatzweise
an das Datum erinnern kann, an welchem er auf den Polizeiposten gegan-
gen sei (A19 F139 f.). Ausserdem habe er gemäss den Schulzeugnissen
das 8. Schuljahr im akademischen Jahr (...) besucht (A18 Bm. 2; A19
F107), respektive er sei bis (...) an der Schule in B._ eingeschrie-
ben gewesen (A19 F94). Des Weiteren scheint zweifelhaft, dass er auf der
Flucht in den Sudan eine Tasche sowie Kanister (A19 F171 ff.), Schuhe
und Geld für Datteln (A19 F174 f.) von fremden Personen erhalten habe.
Auch ist nicht plausibel, dass ihm seine Identitätskarte im Gefängnis nicht
abgenommen worden sei und er mit dieser das Land habe verlassen kön-
nen (A19 F188 f.).
7.1.3 Zusammenfassend ist die Würdigung der Vorinstanz zu bestätigen,
dass der Beschwerdeführer die Ereignisse, die ihn zur Flucht aus dem Hei-
matland bewogen hätten, nicht hat glaubhaft machen können und dem-
nach keine Vorfluchtgründe dargelegt hat. Er hat nicht aufgezeigt, dass er
zum Zeitpunkt der Ausreise aus Eritrea ernsthafte Nachteile im Sinne von
Art. 3 AsylG erlebt habe oder in begründeter Weise für die Zukunft habe
befürchten müssen.
7.2 Die Erwägung des SEM, der Umstand, dass es in Eritrea keine Demo-
kratie gebe, sei nicht asylrelevant im Sinne von Art. 3 AsylG, ist ferner zu
bestätigen.
7.3 Somit ist in einem nächsten Schritt zu prüfen, ob der Beschwerdeführer
wegen seiner Ausreise aus Eritrea bei einer Rückkehr dorthin – mithin we-
gen subjektiver Nachfluchtgründe – befürchten müsste, ernsthaften Nach-
teilen im Sinne von Art. 3 AsylG ausgesetzt zu werden.
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Seite 12
7.3.1 Zur geltend gemachten illegalen Ausreise des Beschwerdeführers ist
festzuhalten, dass das Bundesverwaltungsgericht im Referenzurteil
D-7898/2015 vom 30. Januar 2017 zum Schluss kam, die bisherige Praxis,
wonach eine illegale Ausreise per se zur Flüchtlingseigenschaft führte, sei
nicht mehr aufrechtzuerhalten (E. 5.1). Es sei nicht mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass einer Person einzig aufgrund
ihrer illegalen Ausreise aus Eritrea eine flüchtlingsrechtlich relevante Ver-
folgung drohe. Für die Begründung der Flüchtlingseigenschaft im eritrei-
schen Kontext bedürfe es neben der illegalen Ausreise zusätzlicher An-
knüpfungspunkte, welche zu einer Verschärfung des Profils und dadurch
zu einer flüchtlingsrechtlich relevanten Verfolgungsgefahr führen könnten
(E. 5.1 f.).
7.4 Nach Durchsicht der gesamten Akten seit seiner Asyleinreichung weist
der Beschwerdeführer neben der illegalen Ausreise keine relevanten zu-
sätzlichen Anknüpfungspunkte für eine Schärfung seines Profils auf. Die
Vorfluchtgründe wurden in nicht glaubhafter Weise dargelegt. Eine Furcht
vor einer zukünftigen flüchtlingsrechtlich relevanten Verfolgung wegen ille-
galer Ausreise erweist sich somit als unbegründet.
7.5 Nach dem Gesagten ist es dem Beschwerdeführer nicht gelungen, eine
relevante Verfolgungsgefahr im Sinne von Art. 3 respektive Art. 54 AsylG
darzutun. Das SEM hat folglich seine Flüchtlingseigenschaft zu Recht ver-
neint und das Asylgesuch richtigerweise abgelehnt.
8.
8.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG). Der Beschwerdeführer machte auf Beschwerdeebene gel-
tend, die Wegweisung nach Eritrea verstosse gegen den Grundsatz der
Einheit der Familie Art. 44 AsylG.
8.1.1 Unter dem Begriff der «Einheit der Familie» ist zu verstehen, dass
Familienmitglieder nicht voneinander getrennt werden, sondern faktisch
zusammenleben können, und dass der Familie nach Möglichkeit ein ein-
heitlicher Rechtsstatus eingeräumt wird. Dementsprechend beinhaltet
Art. 44 AsylG, dass die vorläufige Aufnahme des einen Familienmitglieds
in der Regel zur vorläufigen Aufnahme der ganzen Familie führt (vgl. hierzu
EMARK 1998 Nr. 31 E. 8c und EMARK 1995 Nr. 24 E. 9, die sich hierfür
freilich noch auf Art. 17 Abs. 1 AsylG in der Fassung gemäss Ziff. I des BB
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Seite 13
vom 22. Juni 1990 über das Asylverfahren [AS 1990 938], welcher inhalt-
lich indessen Art. 44 AsylG entspricht, beziehen). In personeller Hinsicht
umfasst der Begriff der Familie dabei den Ehepartner und die minderjähri-
gen Kinder, wobei der in dauerhaft eheähnlicher Gemeinschaft lebende
Partner dem Ehepartner gleichzustellen ist (EMARK 1995 Nr. 24 E. 7).
8.1.2 Vorliegend verfügen die Kindsmutter und das (gemäss Vaterschafts-
anerkennung) gemeinsame Kind gemäss ZEMIS (Zentrales Migrationsin-
formationssystem) seit dem 31. Januar 2019 über eine vorläufige Auf-
nahme. Aufgrund des Umstandes, dass die Eltern vermutlich noch nie zu-
sammengelebt haben und heute getrennt sind, ist lediglich das Verhältnis
des Beschwerdeführers zu I._ zu prüfen (vgl. Urteil des BVGer D-
7455/2018 vom 16. März 2020 E. 9.3.1).
8.1.3 Aus den Akten ergibt sich, dass der Beschwerdeführer während des
vorinstanzlichen Verfahrens das SEM nicht über sein mutmassliches Kind,
geboren am (...) 2017, informierte. Erst in der Beschwerde vom 26. Feb-
ruar 2018 (E-1219/2018) wurde darauf hingewiesen, dass ein
Kindsanerkennungsverfahren bezüglich I._ beim Zivilstandskreis
(...) eingeleitet worden sei. In späteren Eingaben führte der Beschwerde-
führer aus, dass die elterliche Sorge geteilt werde und er eine sehr gute
Beziehung zu seiner Tochter habe. Weil er nicht erwerbstätig sei, könne er
keinen Unterhalt leisten, aber er mache ihr jeden Monat ein Geschenk.
Auch wenn er nicht mit der Kindsmutter zusammen sei, besuche er seine
Tochter regelmässig (A39, A41, A42).
In der Verfügung vom 16. Dezember 2020 hielt das SEM bezüglich der Fa-
milieneinheit fest, dass vorliegend keine dauerhafte Beziehung, weder zur
Kindsmutter noch zu I._, bestehe. Der Beschwerdeführer nehme
keine Betreuungsaufgaben wahr und leiste keinen Unterhalt. Seiner Erklä-
rung, aufgrund seines Status sei er nicht in der Lage, finanziellen Unterhalt
zu leisten, sei nicht zuzustimmen; eine Arbeitsaufnahme und somit eine
Beteiligung an den Unterhaltszahlungen wäre sehr wohl möglich gewesen.
8.1.4 Entgegen der Meinung des Beschwerdeführers ist lediglich eine for-
male Kindsanerkennung als Beweis für eine «Familieneinheit» nicht aus-
reichend; es sind auch gelebte respektive tatsächliche Komponenten in
Betracht zu ziehen. Mit Blick auf die Aktenlage ergibt sich, dass zwischen
dem Beschwerdeführer und I._ keine nahe, echte und tatsächlich
gelebte familiäre Beziehung vorliegt, zumal er das Kind erst knapp ein Jahr
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nach der Geburt im (...) anerkannte, nachdem zuvor sein Asylgesuch erst-
instanzlich abgewiesen worden war (vgl. oben Bst. D). Weil seine Bemü-
hungen bei der KESB um ein Besuchsrecht unbelegt geblieben sind, han-
delt es sich hierbei lediglich um Behauptungen. Auch in wirtschaftlicher
Hinsicht besteht keine Beziehung des Beschwerdeführers zu seiner an-
geblichen Tochter, zumal er mangels finanzieller Leistungsfähigkeit keinen
Unterhaltsbeitrag ausrichtet. Ferner ist davon auszugehen, dass er nie mit
seiner angeblichen Tochter zusammengelebt hat und dass die Kindsmutter
die Hauptbezugsperson des Kindes ist.
8.1.5 Die Wegweisung und der Vollzug der Wegweisung wurden daher un-
ter der Berücksichtigung des Aspektes der Familieneinheit von der Vo-
rinstanz zu Recht angeordnet (Art. 44 AsylG).
8.2 Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
9.
9.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
9.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
9.3 So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land ge-
zwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem
Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft,
zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1
AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über
die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
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Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember
1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-
gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3
EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender
Strafe oder Behandlung unterworfen werden.
9.3.1 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend da-
rauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur
Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem
Beschwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr-
dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG
verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren
keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers in den
Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
9.3.2 Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerdefüh-
rers noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer
Ausschaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit
einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behand-
lung ausgesetzt wäre. Gemäss der Praxis des EGMR sowie jener des UN-
Anti-Folterausschusses müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Ge-
fahr («real risk») nachweisen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall ei-
ner Rückschiebung Folter oder unmenschliche Behandlung drohen würde
(vgl. Urteil des EGMR Saadi gegen Italien vom 28. Februar 2008, Grosse
Kammer, 37201/06, § 124 ff. m.w.H.). Auch die allgemeine Menschen-
rechtssituation im Heimatstaat lässt den Wegweisungsvollzug zum heuti-
gen Zeitpunkt nicht als unzulässig erscheinen. Nach dem Gesagten ist der
Vollzug der Wegweisung sowohl im Sinne der asyl- als auch der völker-
rechtlichen Bestimmungen grundsätzlich zulässig.
9.3.3 Die Frage der Zulässigkeit des Wegweisungsvollzugs bei einer mög-
lichen Einziehung in den eritreischen Nationaldienst ist vom Bundesver-
waltungsgericht in einem Grundsatzurteil geklärt worden (vgl. BVGE 2018
VI/4). Das Gericht hat die Zulässigkeit des Wegweisungsvollzugs im ge-
nannten Urteil sowohl unter dem Gesichtspunkt des Zwangsarbeitsverbots
(Art. 4 Abs. 2 EMRK) als auch unter jenem des Verbots der Folter und der
unmenschlichen und erniedrigenden Behandlung oder Strafe (Art. 3
EMRK) geprüft und bejaht (vgl. a.a.O. E. 6.1.5.2). Es kann auf die Ausfüh-
rungen im genannten Urteil verwiesen werden.
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9.3.4 Zu klären ist ausserdem, ob der Beschwerdeführer ein Wegwei-
sungsvollzugshindernis gestützt auf Art. 8 EMRK geltend machen kann.
Auch in diesem Zusammenhang sind die ausführlichen und zutreffenden
Erwägungen des SEM in seiner Verfügung vom 16. Dezember 2020 (vgl.
oben E. 5.1) zu bestätigen. Auch das Gericht geht davon aus, dass eine
stabile, dauerhafte und tatsächlich gelebte Familienbeziehung im Sinne
von Art. 8 EMRK zwischen dem Beschwerdeführer und dem Kind
I._ beziehungsweise besondere Umstände, die in diesem Zusam-
menhang ein Vollzugshindernis im Sinne von Art. 8 EMRK begründen
könnten, nicht aufgezeigt worden sind; auch in der Beschwerde wird dies-
bezüglich den Erwägungen des SEM nichts entgegengesetzt.
9.3.5 Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass der Wegwei-
sungsvollzug zulässig ist.
9.4 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
9.4.1 Eine mögliche Einziehung in den eritreischen Nationaldienst führt
mangels einer hinreichend konkreten Gefährdung nicht generell zur Fest-
stellung der Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs gemäss Art. 83
Abs. 4 AIG (vgl. BVGE 2018 VI/4 E. 6.2).
9.4.2 Gemäss aktueller Rechtsprechung kann in Eritrea nicht von einem
Krieg, Bürgerkrieg oder einer Situation allgemeiner Gewalt beziehungs-
weise einer generellen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs ausge-
gangen werden. Zwar ist die wirtschaftliche Lage nach wie vor schwierig,
jedoch haben sich in jüngster Zeit die Lebensbedingungen in einigen Be-
reichen verbessert. So haben sich die medizinische Grundversorgung, die
Ernährungssituation, der Zugang zu Wasser und zur Bildung stabilisiert.
Der Krieg ist seit Jahren beendet und ernsthafte ethnische oder religiöse
Konflikte sind nicht zu verzeichnen. Zu erwähnen sind an dieser Stelle auch
die umfangreichen Zahlungen aus der Diaspora, von denen ein Grossteil
der Bevölkerung profitiert. Angesichts der schwierigen allgemeinen Lage
des Landes muss jedoch in Einzelfällen nach wie vor von einer Existenz-
bedrohung ausgegangen werden, wenn besondere Umstände vorliegen
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(vgl. Referenzurteil des BVGer D-2311/2016 vom 17. August 2017
E. 16 f.).
9.4.3 Gemäss Angaben des Beschwerdeführers seien seine Mutter (sein
Vater sei im (...) 2014 verstorben, A7 S. 5), seine jüngere Schwester, sein
älterer Bruder, welcher Militärdienst leiste (respektive im Jahr 2016 im Ge-
fängnis gewesen sei, A19 F65 und 87 f.), und weitere Verwandte in
B._ wohnhaft (A7 S. 4 f.; A19 F63 ff.). Bevor sein Bruder inhaftiert
worden sei, habe die Familie von dessen Sold gelebt (A19 F74). Seit er in
der Schweiz sei, habe er unregelmässig Kontakt mit seiner Familie (A19
F78 f.). Bei dieser Sachlage ist von einem familiären Beziehungsnetz aus-
zugehen. Der Beschwerdeführer ist ausserdem ein junger und gesunder
Mann mit einer Schulausbildung (bis zur 8. Klasse) und Erfahrungen in der
(...)arbeit (A19 F100 f.). Besondere Umstände, aufgrund derer von einer
Existenzbedrohung ausgegangen werden müsste, sind vorliegend nicht er-
sichtlich.
9.4.4 Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung auch
als zumutbar.
9.5 Zwar ist darauf hinzuweisen, dass derzeit die zwangsweise Rückfüh-
rung nach Eritrea generell nicht möglich ist. Die Möglichkeit der freiwilligen
Rückkehr steht aber praxisgemäss der Feststellung der Unmöglichkeit des
Wegweisungsvollzugs im Sinne von Art. 83 Abs. 2 AIG entgegen. Es ob-
liegt daher dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständigen Vertretung
des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Reisedokumente zu
beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE 2008/34 E. 12),
weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu bezeichnen ist
(Art. 83 Abs. 2 AIG).
9.6 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1-4 AIG).
10.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
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11.
11.1 Das Gesuch um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses
wird mit dem vorliegenden Urteil gegenstandslos.
11.2 Der Beschwerdeführer beantragte die Gewährung um unentgeltliche
Prozessführung (Art. 65 Abs. 1 VwVG). Aufgrund der vorstehenden Erwä-
gungen ergibt sich, dass seine Begehren als aussichtslos zu gelten haben.
Damit ist eine der kumulativ zu erfüllenden Voraussetzungen nicht gege-
ben, weshalb das Gesuch abzulehnen ist. Daher ist auch dem Gesuch um
Beiordnung eines amtlichen Rechtsbeistandes in der Person des Rechts-
vertreters nicht stattzugeben (aArt. 110a Abs. 1 AsylG).
11.3 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem Beschwer-
deführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.–
festzusetzen (Art. 1-3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kos-
ten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE,
SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
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