Decision ID: 8398b957-4017-5110-9bdf-66752708d00f
Year: 2015
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
X._
, geboren 1958 und Staatsangehöriger der Bundesrepublik Deutschland, zog am 17. Juni 2010 in die Schweiz und nahm Wohnsitz in der Stadt
O._
(Urk. 11). Mit Schreiben vom 4. August 2014
(Urk. 9/1)
machte ihn die Stadt
O._
, Einwohnerkontrolle (nachfolgend: Stadt
O._
)
,
auf das
s
chweizerische Versicherungsobligatorium aufmerksam und forderte ihn auf, seine Krankenversicherung bekannt zu geben. Gleichzeitig kündigte sie ihm an, ihn einer Krankenkasse
ihrer Wahl zuzuweisen, falls er der Aufforderung nicht nachkomme.
Mit Verfügung vom 1. September 2014 entschied die Stadt
O._
im angekündigten Sinn und wies
X._
per 1. Oktober 2010 der Krankenkasse Helsana zu (Urk. 9/2).
Die dagegen erhobene Einsprache vom 8. September 2014 (Urk. 9/3) wies die Stadt
O._
mit Entscheid vom 16. September 2014 ab (Urk. 9/4 = Urk. 2).
2.
Gegen diesen Einspracheentscheid vom 16. September 2014 (Urk. 2) erhob
X._
mit Eingabe vom 28. September 2014 (Urk. 1)
und
14. Oktober 2014 (Urk. 6) Beschwerde und beantragte sinngemäss, der Einspracheentscheid vom 16. September 2014 sei aufzuheben und es sei von einer obligatorischen Krankenversicherung abzusehen. Die Beschwerdegegnerin schloss in der Be
schwerdeantwort vom 21. Oktober 2014 (Urk. 8) auf Abweisun
g der Be
schwerde, was dem Beschwerdeführer am 3. November 2014 zur Kenntnis ge
bracht wurde (Urk. 12).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Der Beschwerdeführer ist deutscher Staatsangehöriger und lebt seit Juni 2010 in der Schweiz. Der Streit betrifft eine sozialversicherungsrechtliche Frage. Zu prüfen ist deshalb zunächst, ob ein Sachverhalt vorliegt, der vom Personenfrei
zügigkeitsabkommen (Abkommen vom 21. Juni 1999 zwischen der Schweizeri
schen Eidgenossenschaft einerseits und der Europäischen Gemeinschaft und ih
ren Mitgliedstaaten andererseits über die Freizügigkeit, FZA
)
erfasst ist.
1.2
Art.
8 FZA verweist für die Koordinierung der Systeme der sozialen Sicherheit auf
den Anhang II, der gemäss Art.
15 FZA wie auch die übrigen Anhänge und Protokolle zum FZA dessen Be
standteil darstellt. Auf den 1.
Mai 2010 wurden in den 27 Mitgliedstaaten der Europäischen Union (EU) die Verordnung (EWG) 1408/71 zur Anwendung der Systeme der sozialen Sicherheit auf Arbeitnehmer und Selbständige sowie deren Familienangehörige, die innerhalb der Gemein
schaft zu- und abwandern (nachfolgend: VO 1408/7
1) und die Verordnung (EWG) Nr.
574/72 des
Rates vom 21.
März 1972 über die Durchführung der VO 1408/71 (nachfolgend: VO 574/72
) durch die Verordnung (EG) Nr.
883/2004 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 2
9.
April 2004 zur Koordinierung der Systeme der sozialen Sicherheit (nachfolgend: VO 883/2004) und die (Dur
chführungs-)Verordnung (EG) Nr.
987/2009 des Europäischen P
arlaments und des Rates vom 16.
September 2009 zur Festlegung der Modalitäten für die Durchführung der Verordnung (EG) Nr.
883/2004 über die Koordinierung der Systeme der sozialen Sicherheit (nachfolgend: VO 987/2009) ersetzt.
1.3
1.3.1
Die beiden genannten gemeinschaftlichen Verordnungen sind für die Schweiz durch den Beschluss Nr. 1/2012 des Gemischten Ausschusses vom 31. März 2012 zur Ersetzung des Anhangs II des Abkommens über die Koordinierung der Systeme der sozialen Sicherheit per 1. April 2012 in Kraft getreten (AS 2012 2345; vgl. Urteil des Bundesgerichts 8C_455/2011 vom 4. Mai 2012 E. 2.1) und in zeitlicher Hinsicht auf den v
orliegenden Fall nur teilweise a
nwendbar, da der zu beurteilende Sachverhalt bereits vor dem 1. April 2012 begonnen hat (Zu
teilung der Krankenversicherung ab Oktober 2010; Urk. 9/2).
Gemäss Art. 87 Abs. 1 der VO 88
3
/2004 begründet diese Verordnung keinen Anspruch für den Zeitraum vor dem Beginn ihrer Anwendung.
Aus diesem Grund werden für den Zeitraum bis 31. März 2012 die Bestimmungen der VO 1408/71 und VO 572/72 und hernach die Regelungen der VO 883/2004 und VO 987/2009
zitiert
.
1.3.2
In persönlicher Hinsicht sind das FZA beziehungsweise die darin als anwendbar erklärte VO 883/2004 (bis 31. März 2012 VO 1408/71) anwendbar, da der Be
schwerdeführer Staatsangehöriger der Bundesrepublik Deutschland (Urk. 11) und damit Staatsangehöriger eines Mitgliedstaates ist, für welche die Rechts
vorschriften eines oder mehrerer Mitgliedstaaten gelten (Art. 1 FZA, Art. 2 Abs. 1 VO 883/2004 beziehungsweise
Art. 12 Abs. 1 VO 1408/71).
1.3.3
In sachlicher Hinsicht sind das FZA und die VO 883/2004 (bis 31. März 2012 VO 1408/71) ebenfalls anwendbar, da Leistungen bei Krankheit im Sinne von Art. 3 Abs. 1 lit. a der VO 883/2004 (bis 31. März 2012: Art. 4 Abs. 1 lit. a VO 1408/71) zur Diskussion stehen.
1.4
1.4.1
Gestützt auf das FZA beziehungsweise die Verordnungen ist das anwendbare Landesrecht festzulegen.
Die Beschwerdegegnerin hat ohne erkennbare nähere Prüfung das
s
chweizeri
sche Recht auf den vorliegenden Sachverhalt angewendet (vgl. Urk.
2).
1.4.2
Der Titel II der VO 883/2004
umfasst unter der Überschrift „Bestimmung der anzuwendenden Rechtsvorschriften“ die Art. 11-16
(Art. 13-17 in der VO 1408/71)
. Gemäss Art. 11 Abs. 1 VO 883/2004
(Art. 13 Abs. 1 VO 1408/71)
un
terliegen Personen, für die diese Verordnung gilt, den Rechtsvorschriften nur eines Mitgliedstaates.
Vorbehaltlich der in den Art. 12-16 VO 883/2004
(Art. 14-17 VO 1408/71)
geregelten Konstellationen, welche auf
den
Beschwer
deführer nicht zutreffen, bestimmt sich
das anwendbare Recht nach Art. 11 Abs.
3 lit. a-e VO 883/2004
(Art. 13 Abs. 2 lit. a-
f
VO 1408/71)
. Da auf
den
Beschwerdeführer keine d
er in den Art. 11 Abs.
3 lit.
a-d VO 883/2004
(bezie
hungsweise Art. 13 Abs. 2 lit. a-e VO 1408/71)
geregelten Konstellationen zu
trifft
beziehungsweise betreffend seinen Erwerbsstatus Unklarheit herrscht
, ge
la
ngt die Auffangregelung in Art. 11 Abs. 3 lit.
e
(Art. 13 Abs. 2 lit. f VO 1408/71)
zur Anwendung. Diese Norm bestimmt, dass jede Person, die nicht unter die Buchstaben a bis d
(Buchstaben a-f der VO 1408/71)
fällt, den Rechts
vorschriften des Wohnmitgliedstaates unterliegt.
In Art. 1 lit.
j der VO 883/2004
(Art. 1 lit. h der VO 1408/71)
wird der Begriff des Wohnortes als Ort des gewöhnlichen Aufenthaltes einer Pers
on definiert, wogegen nach Art. 1 lit.
k VO 883/2004
(Art. 1 lit. i VO 1408/71)
unter dem Begriff des Aufenthaltes der vorübergehende Aufenthalt zu verstehen ist.
1.4.3
Der Wohnsitz
des
Beschwerdeführer
s
im Sinne von Art. 23 Abs. 1 des Zivil
-
gesetz
buches (ZGB; in der bis 31. Dezember 2012 in Kraft gestandenen Fassung; vgl. auch Art. 1-4 des Schlusstitels des ZGB) befindet sich unbestritte
nermassen in der Schweiz (Urk. 1, Urk. 2 S. 2 f.). Der Beschwerdeführer ist in die Schweiz gekommen mit der Absicht, hier
dauernd
zu verweilen (Urk.
3/2).
Er ist aus
-
serdem Inhaber einer gültigen Aufenthaltsbewilligung B
(Urk. 11).
D
amit steht auch fest, dass sich
sein
Wohnort im Sinne von Art. 1 lit.
j VO 883/2004
(Art. 1 lit. h VO 1408/71)
in der Schweiz befindet, un
d aufgrund der Regelung in Art. 11 Abs. 3 lit.
e VO 883/2004
(Art. 13 Abs. 2 lit. f VO 1408/71)
die Rechts
-
vorschriften der Schweiz auf die strittige Frage anzuwenden sind.
2.
2.1
Art. 3 Abs.
1 des Bundesgesetzes über die Krankenversicherung (KVG) schreibt vor, dass sich jede Person mit Wohnsitz in der Schweiz innert drei Monaten nach der Wohnsitznahme oder der Geburt in der Schweiz für Krankenpflege versichern oder von ihrem gesetzlichen Vertreter beziehungsweise ihrer gesetz
lichen Vertreterin versichern las
sen muss, wobei sie gemäss Art. 4 Abs.
1 KVG u
nter den Versicherern nach Art.
11 KVG (Krankenkassen nach lit.
a oder pri
vate Versicherungseinrichtungen mit entsprechender Bewilligung nach lit.
b)
frei wählen kann.
Personen mit einer Aufenthaltsbewilligung von mehr als drei Monaten nach Ar
t
. 32 und 33 des Bundesgesetzes über die Ausländerinnen und Ausländer (AuG) oder einer Kurzaufenthalts- oder Aufenthaltsbewilligung von mehr als drei Monaten nach dem FZA oder dem EFTA-Übereinkommen unter
stehen dem schweizerischen Krankenversicherungsobligatorium (Art. 1 Abs. 2 lit. a und f der Verordnung über die Krankenversicherung, KVV).
Art.
3
Abs.
2 KVG ermächtigt den Bundesrat, Ausnahmen von der Versiche
-
r
ungs
pflicht vorzusehen. In Art. 2 Abs.
1
KVV und in Art. 6 Abs.
1 KVV hat er gestützt darauf die Personenkategorien aufgezählt, die von vornhe
rein vom Versicherungsobligatorium ausgenommen sind. Es handelt sich um die aktiven und pensionierten Bundesbediensteten, die der Militärvers
icherung un
terstellt sind (Art. 2 Abs. 1 lit.
a KVV), um Personen, die sich ausschliesslich zur ärztlichen Behandlung oder zur Kur
in der Schweiz aufhalten (Art.
2
Abs.
1 lit.
b KVV), und um gewisse Personen mit Vorrechten n
ach internationalem Recht (Art. 6 Abs. 1 KVV). Ausserdem sind in Art. 2 Abs. 1 lit.
c-g KVV insbe
sondere diejenigen Personenkategorien aufgezählt, die aufgrund der oben zi
tierten Kollisionsnormen des Freizügigkeitsabkommens gar nicht den schweize
rischen Rechtsvorschriften
unterstehen. Sodann ist in Art. 2 Abs.
2-8 KVV die Möglichkeit für verschiedene Personenkategorien geregelt, auf Gesuch hin vom Versicherungs
obligatorium befreit zu werden.
2
.2
Art. 6 Abs.
1 KVG auferlegt den Kantonen, für die Einhaltung der Ver
-
sicherungs
pflicht zu sorgen. Dabei sind Personen, die ihrer Versicherungs
pflicht nicht re
chtzeitig nachkommen, nach Art. 6 Abs.
2 KVG durch die vom Kanton bezeichnete Behörde einem Versicherer zuzuweisen.
Gemäss § 3 Abs.
1 des Einführungsgesetzes zum KVG (EG KVG) obliegt es den Gemeinden, für die Einhaltung der Versicherungspflicht von Personen zu sor
gen, die nach Massgabe der Bestimmungen über die Krankenversicherung versi
che
rungspflichtig sind, und nach §
4 EG KVG teilt die Gemeinde Personen, die ihrer Pflicht, sich zu versichern, nicht nachkommen, einem Versicherer
zu.
3.
3.1
Strittig und zu prüfen ist, ob der Beschwerdeführer der Krankenversicherungs
pflicht untersteht.
3.2
Die Beschwerdegegnerin
bejahte dies im Einspracheentscheid vom 16. Dezember 2014 (Urk. 2) mit der Begründung, der Beschwerdeführer habe keinen Nachweis des Abschlusses einer
s
chweizerischen Krankenversicherung vorgelegt und ein den gesetzlichen Bestimmungen entsprechender Versicherungsschutz habe nicht
festgestellt werden können. Zudem lägen keine Gründe für eine Befreiung von der gesetzlichen Versicherungspflicht v
or (S. 1).
3.3
Demgegenüber stellte sich der Beschwerdeführer auf den Standpunkt, er lebe bei Frau
Y._
, welche auf seine Hilfe angewiesen sei. Er helfe ihr in der All
tagsbewältigung und
erhalte
dafür Kost und Logi
s
. Aus diesem Grund verdiene er kein Geld, um die Krankenversicherungsprämien zu bezahlen
. Ausserdem
gehe es ihm dank Gottvertrauen gut, weshalb er auch keine Krankenversiche
rung brauche (Urk. 6).
4.
4.1
Der Beschwerdeführer hat unbestrittenermassen Wohnsitz in der Schweiz
und ist Inhaber einer B-Aufenthaltsbewilligung
(vgl. vorstehend E. 1.4.3
, E. 2.1
) und untersteht deshalb grundsätzlich der Versicherungspflicht.
Umstritten ist, ob er vom Versicherungsobligatorium auszunehmen ist.
4.2
Nach Lage der Akten ist erstellt, dass der Beschwerdeführer nicht über eine
n
der obligatorischen Krankenpflegeversicherung nach KVG gleichwertigen Versi
cherungsschutz im Sinne von Art. 2 KVV verfügt
beziehungsweise den Nach
weis erbringen konnte, überhaupt krankenversichert zu sein
. Der Beschwerde
führer bringt auch nicht vor, einer der übrigen Personengruppen anzugehören, die nach Art. 2 Abs. 2-8 KVV auf Gesuch hin vom Versicherungsobligatorium befreit werden können (Urk. 1, Urk. 2).
Aus den Akten geht
nur
hervor, dass de
m
Beschwerdeführer
die Gesetzeslage in der Schweiz
an sich
bekannt ist, er
sich
aber eine Krankenversicherung nicht
leisten
kann, da er unentgeltlich bei Frau
Y._
lebt und daher kein Geld einnimmt
sowie aus seiner Sicht kei
ne
r
Krankenversicherung bedarf
(Urk. 6)
.
Damit vermag er aber keinen Grund vorzubringen, welcher es erlauben würde, ih
n
vom Versicherungsobligatorium auszunehmen.
Ebenso
wenig stellt
ein persönlich gewählter anderweitiger Ver
sicherungsschutz (Gottvertrauen) ein Argument für die Befreiung von der Versi
cherungspflicht
dar
(K 127/00)
beziehungsweise ist sein
Hinweis unbehelflich, wonach es ihm gesundheitlich gut gehe und er keine Krankenversicherung brauche (Urk. 6).
4.3
Aufgrund des Gesagten ist erstellt, dass der Beschwerdeführer über keine Kranken
versicherung verfügt und auch sonst keine Umstände vorliegen, welche ihn von der Versicherungspflicht befreien, weshalb die Beschwerdegegnerin ihn zu Recht einer
s
chweizerischen Krankenversicherung zugewiesen hat. Die Be
schwerde ist daher abzuweisen.