Decision ID: 48438d81-10be-4b90-889f-4788187a2edf
Year: 2016
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a A._ meldete sich im Juni 2008 zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung an (IV-act. 1). Sie gab an, sie habe keine berufliche Ausbildung
absolviert. Zuletzt habe sie als Postbotin gearbeitet und nebenbei Zeitungen vertragen.
Im August 2008 berichtete Dr. med. B._ vom Inselspital Bern (IV-act. 19), die
Versicherte leide an einer Hypermotilität, an einem chronischen rechtsbetonten lumbo-
spondylogenen Schmerzsyndrom sowie – ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit –
an einem Asthma bronchiale und an einem Status nach einer Nephrolithiasis. Ab
November 2007 sei ihr die angestammte Tätigkeit zunächst nicht mehr zumutbar
gewesen. Aktuell sei aber wieder von einer Arbeitsfähigkeit von 50 Prozent
auszugehen. Mittels einer konsequent durchgeführten Physiotherapie könne die
Arbeitsfähigkeit für die leichte bis mittelschwere körperliche Tätigkeit im
Postzustelldienst auf 100 Prozent gesteigert werden. Bei einer Haushaltsabklärung gab
die Versicherte im November 2008 an (IV-act. 31), dass sie ohne die
Gesundheitsbeeinträchtigung vollzeitig erwerbstätig wäre. Aktuell plane sie mit ihrem
Ehemann die Eröffnung eines Imbiss. Sie wünsche keine Unterstützung bei der
beruflichen Eingliederung durch die IV-Stelle. Der Hausarzt Dr. med. C._ berichtete
im Januar 2009 (IV-act. 38), die Arbeitsfähigkeit der Versicherten lasse sich
grundsätzlich mit medizinischen Massnahmen steigern, aufgrund des sozialen
Umfeldes und der Persönlichkeit der Versicherten dürfte dies aber „eher schwierig“
sein. Mit einer Verfügung vom 23. April 2009 wies die IV-Stelle das Rentenbegehren ab
(IV-act. 43). Zur Begründung führte sie aus, dass der Versicherten leichte,
wechselbelastende Tätigkeiten uneingeschränkt zumutbar seien. In einer
geeignetenTätigkeit könne sie ein ebenso hohes Einkommen wie bisher erzielen,
weshalb ein Invaliditätsgrad von null Prozent resultiere. Diese Verfügung erwuchs
unangefochten in formelle Rechtskraft.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.b Im Mai 2010 meldete sich die Versicherte erneut zum Leistungsbezug an (IV-act.
44). Die IV-Stelle forderte sie auf, eine wesentliche Veränderung der tatsächlichen
Verhältnisse glaubhaft zu machen (IV-act. 45), woraufhin die Versicherte einen Bericht
der Klinik für Onkologie und Hämatologie des Kantonsspitals St. Gallen vom 2. Juni
2010 einreichte, laut dem sie an einem multiplen Myelom litt (IV-act. 46). Am 29. Juni
2010 notierte Dr. med. D._ vom IV-internen regionalen ärztlichen Dienst (RAD; IV-act.
47), mit der Diagnose eines Myeloms sei eine relevante Veränderung des Sachverhaltes
glaubhaft gemacht. Zurzeit müsse von einer vollständigen Arbeitsunfähigkeit für
sämtliche Tätigkeiten ausgegangen werden. Am 12. April 2011 berichtete Dr. C._ (IV-
act. 62), die Versicherte leide schon seit Jahren an Rückenschmerzen, die zum Teil
psychogen bedingt seien. Im Rahmen der „immer wieder“ durchgeführten Abklärungen
sei eine wahrscheinlich nicht schmerzsignifikante monoklonale Gammopathie
festgestellt worden. Das Kantonsspital habe das Augenmerk „voll“ auf die
Gammopathie gerichtet und entsprechend behandelt. Wegen anhaltender Schmerzen
sei nun aber doch wieder die chronifizierte Schmerzstörung in den Vordergrund
getreten. Der Versicherten sei die bisherige Tätigkeit aufgrund der Schmerzen im
Rücken, einer depressiven Entwicklung und einer „Belastungsschwierigkeit“ nicht mehr
zumutbar. Andere Tätigkeiten seien aber zumutbar. Allerdings äusserte sich Dr. C._
weder zu den qualitativen Anforderungen noch zum zumutbaren Pensum. Die Klinik für
Onkologie und Hämatologie des Kantonsspitals St. Gallen berichtete gleichentags (IV-
act. 63), der Versicherten seien körperlich anstrengende Tätigkeiten nicht mehr
zumutbar. Bezüglich körperlich leichter Tätigkeiten sei die Arbeitsfähigkeit nicht
abschätzbar. Am 25. Juli 2011 notierte die RAD-Ärztin Dr. D._ (IV-act. 70), der
Gesundheitszustand der Versicherten habe sich im April 2010 verschlechtert und im
November 2010 wieder verbessert, weshalb von einer nur vorübergehenden
Verschlechterung auszugehen sei. Mit einem Vorbescheid vom 3. Januar 2012 teilte die
IV-Stelle der Versicherten mit (IV-act. 83), dass sie vorsehe, ihr Leistungsbe¬gehren
mangels eines rentenbegründenden Invaliditätsgrades abzuweisen.
A.c Dagegen wandte die Versicherte am 10. Januar 2012 ein (IV-act. 84), sie könne
diesen Vorbescheid nicht akzeptieren. Seit Jahren leide sie unter Schmerzen, deren
Ursache bislang noch nicht entdeckt worden sei. Am 22. Januar 2012 werde sie
operiert werden. Man werde ihr „irgendwelche Schrauben und Verstrebungen“ in den
Rücken einsetzen. Am 31. Januar 2012 berichtete Dr. med. E._ (IV-act. 85), er habe
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
eine Dekompression L3–S1 und eine dorso-laterale Aufrichte-Spondylodese zwischen
Th12 und S1 durchgeführt. Die Versicherte werde frühestens in sechs Monaten und
höchstens für eine körperlich leichte, rückengerechte Arbeit wieder arbeitsfähig sein.
Der Arbeitsfähigkeitsgrad werde maximal 50 Prozent betragen. Eine vollständige
Arbeitsfähigkeit werde nie mehr erreicht werden. In einem Bericht vom 19. September
2012 führte Dr. E._ aus, die Versicherte werde nicht mehr arbeitsfähig werden,
weshalb die Zusprache einer ganzen Rente der Invalidenversicherung indiziert sei (IV-
act. 91). Auf eine Rückfrage hin räumte er am 19. Oktober 2012 ein, dass ab Januar
2013 eventuell eine leidensadaptierte Tätigkeit während zwei Stunden pro Tag
zumutbar sein könnte (IV-act. 94). Im Auftrag der IV-Stelle erstattete die F._ AG am
24. September 2013 ein polydisziplinäres Gutachten (IV-act. 112). Die
Sachverständigen hielten fest, aus internistischer Sicht leide die Versicherte an einem
Asthma bronchiale, an einer monoklonalen Gammopathie, an einem Status nach einer
Nephrolithiasis sowie möglicherweise an einer Hypertonie. Diese Beschwerden
schränkten die Arbeitsfähigkeit der Versicherten nicht ein. Rheumatologisch seien ein
Beckenschiefstand mit einer leichten rechtskonvexen Lumbalskoliose, ein Status nach
einer Dekompression L3–S1 mit Spondylodese Th12–S1, ein Verdacht auf eine
beidseitige Coxarthrose, eine aktivierte Gonarthrose links, ein Status nach einer
Rippenprellung links tiefthorakal sowie eine leichtgradige Plantarfasziitis bei Fuss- und
Zehenfehlstellung festgestellt worden. Körperlich schwere und mittelschwere
Tätigkeiten seien der Versicherten nicht mehr zumutbar. Für körperlich leichte,
wechselbelastende Tätigkeiten sei jedoch von einer uneingeschränkten Arbeitsfähigkeit
auszugehen. Aus psychiatrischer Sicht leide die Versicherte an einer leichtgradigen
depressiven Störung und an einer chronischen Schmerzstörung mit somatischen und
psychischen Faktoren. Leidensadaptierte Tätigkeiten seien ihr aber uneingeschränkt
zumutbar. Gesamthaft betrachtet sei davon auszugehen, dass der Versicherten die
zuletzt ausgeübte Tätigkeit spätestens seit der im Januar 2012 erfolgten Operation
nicht mehr zumutbar sei. Für eine leidensadaptierte Tätigkeit bestehe eine
uneingeschränkte Arbeits¬fähigkeit. Die RAD-Ärztin Dr. D._ erachtete das Gutachten
als überzeugend (IV-act. 113). Am 21. Oktober 2013 räumte die IV-Stelle der
Versicherten die Gelegenheit ein, nochmals Stellung zur nach wie vor vorgesehenen
Abweisung des Rentenbegehrens zu nehmen (IV-act. 115). Die Versicherte wandte am
4. November 2013 ein (IV-act. 120), die Sachverständigen hätten sich nicht einmal die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
neusten Röntgenbilder angeschaut. Sie hätten angegeben, die Bilddateien auf ihrem
Computer nicht öffnen zu können. Man habe die Versicherte den ganzen Tag geplagt.
In der Folge habe sie drei Tage lang an Schmerzen gelitten. Am 26. November 2013
liess die nun anwaltlich vertretene Versicherte ergänzend ausführen (IV-act. 121), das
Gutachten der F._ stehe in einem krassen Widerspruch zu den Berichten von Dr.
E._. Die Sachverständigen hätten nur Röntgenbilder aus der Zeit vor der Operation
und nur die vor Oktober 2012 verfassten medizinischen Berichte berücksichtigt. Am 12.
Dezember 2013 führte Dr. E._ aus (IV-act. 123), zwischenzeitlich habe sich eine
Schraube gelockert. Längerfristig müsse diese entfernt werden. Allenfalls sei dabei eine
ventrale Spondylodese durchzuführen. Mit der Beurteilung der F._ sei er nicht
einverstanden. Statt eines Internisten hätte ein Wirbelsäulenorthopäde oder ein
Neurochirurg beigezogen werden müssen. Seines Erachtens sei die Versicherte selbst
in einer leichten, rückengerechten Arbeit längerfristig zu 70 Prozent arbeitsunfähig. Die
RAD-Ärztin Dr. D._ notierte am 9. Januar 2014, dass die Einwände die
Überzeugungskraft des Gutachtens nicht schmälerten (IV-act. 124). Mit einer
Verfügung vom 10. Januar 2014 wies die IV-Stelle das Rentenbegehren ab (IV-act.
125).
B.
B.a Am 11. Februar 2014 liess die Versicherte (nachfolgend: die Beschwerdeführerin)
eine Beschwerde erheben (act. G 1). Ihr Rechtsvertreter beantragte die Aufhebung der
Verfügung vom 10. Januar 2014 und die Zusprache einer Rente der
Invalidenversicherung. Zur Begründung führte er aus, die IV-Stelle (nachfolgend: die
Beschwerdegegnerin) hätte sich nicht auf das Gutachten der F._ stützen dürfen.
Dieses enthalte nämlich weder ein wirbelsäulenorthopädisches noch ein
neurochirurgisches Teilgutachten, stütze sich nur auf die bis Oktober 2012 verfassten
medizinischen Berichte und auf Röntgenbilder, die vor Januar 2012 angefertigt worden
seien. Die Begutachtung sei ziemlich „unsanft“ durchgeführt worden. Am 17. Februar
2014 reichte er einen Bericht der Klinik für Onkologie und Hämatologie des
Kantonsspitals St. Gallen vom 23. September 2013 nach (act. G 2). Diesem liess sich
entnehmen (act. G 2.2), dass weiterhin kein Hinweis auf eine vermehrte
Krankheitsaktivität der bekannten monoklonalen Gammopathie festgestellt worden sei.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.b Die Beschwerdegegnerin beantragte am 31. März 2014 die Abweisung der
Beschwerde (act. G 4). Zur Begründung führte sie aus, das Gutachten der F._ sei
umfassend und überzeugend. Sämtliche relevanten Vorakten seien berücksichtigt
worden. Ein neues Röntgenbild würde keine relevanten neuen Erkenntnisse in Bezug
auf die Arbeitsfähigkeit liefern. Da ein Rheumatologe bei der Begutachtung beteiligt
gewesen sei, habe weder ein Orthopäde noch ein Neurochirurg beigezogen werden
müssen.
B.c Am 1. April 2014 bewilligte die Verfahrensleitung die unentgeltliche Rechtspflege
(act. G 5).
B.d Die Beschwerdeführerin liess am 8. April 2014 an ihren Anträgen festhalten (act. G
7). Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik (act. G 9).

Erwägungen
1.
Ist ein Rentenbegehren mangels eines rentenbegründenden Invaliditätsgrades
abgewiesen worden, wird eine neue Anmeldung gemäss dem Art. 87 Abs. 3 IVV (i.V.m.
Art. 87 Abs. 2 IVV) nur geprüft, wenn darin glaubhaft gemacht wird, dass sich der
Invaliditätsgrad in einer für den Anspruch relevanten Weise geändert hat. Vorliegend ist
die Beschwerdegegnerin zu Recht auf die zweite Anmeldung vom Mai 2010
eingetreten, da angesichts des damaligen Verdachtes auf ein multiples Myelom eine
relevante Gesundheitsverschlechterung glaubhaft gemacht war.
2.
Einen Anspruch auf eine Rente der Invalidenversicherung hat eine versicherte Person,
die ihre Erwerbsfähigkeit nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen wieder
herstellen, erhalten oder verbessern kann, die während eines Jahres ohne wesentlichen
Unterbruch durchschnittlich mindestens 40 Prozent arbeitsunfähig gewesen ist und die
nach dem Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 Prozent invalid ist (Art. 28 Abs. 1
IVG). Für die Bemessung der Invalidität wird das Erwerbseinkommen, das die
versicherte Person nach dem Eintritt der Gesundheitsbeeinträchtigung und nach der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Durchführung der medizinischen Behandlung und allfälliger
Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei einer
ausgeglichenen Arbeitsmarktlage erzielen könnte, in Beziehung zu dem
Erwerbseinkommen gesetzt, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden
wäre (Art. 28a Abs. 1 IVG; Art. 16 ATSG).
3.
3.1 Die Höhe des zumutbarerweise erzielbaren Invalideneinkommens hängt
massgebend davon ab, welche Ressourcen der versicherten Person trotz der
Gesundheitsbeeinträchtigung noch zur Verfügung stehen, um ein Erwerbseinkommen
zu erzielen, und welche Einschränkungen die Erzielung eines möglichst hohen
Erwerbseinkommens beeinflussen. Dabei handelt es sich um medizinische Fragen, die
entsprechend von Fachärzten zu beantworten sind. Die Beschwerdegegnerin hat dafür
vorliegend eine polydisziplinäre Begutachtung durchführen lassen. Das entsprechende
Gutachten der F._ datiert vom 24. September 2013. Zudem haben der
Beschwerdegegnerin Berichte der behandelnden Ärzte, insbesondere des
Neurochirurgen Dr. E._, der Klinik für Onkologie und Hämatologie des Kantonsspitals
St. Gallen und des Hausarztes Dr. C._ vorgelegen.
3.2 Die Sachverständigen der F._ haben die Beschwerdeführerin am 23. Juli 2013
persönlich untersucht. Sie haben detailliert wiedergegeben, über welche Beschwerden
diese geklagt hat und welche objektiven Befunde sie bei ihren Untersuchungen
erhoben haben. Die Beschwerdeführerin hat geltend gemacht, sie sei „unsanft“
untersucht worden. Abgesehen davon, dass sich diese Angaben anhand der Akten
nicht belegen lassen, ist die Belastung durch die Untersuchung grundsätzlich bezüglich
des Beweiswertes des Gutachtens nicht massgebend. Nur wenn angenommen werden
müsste, die Sachverständigen hätten die Beschwerdeführerin in einer Weise
untersucht, die Zweifel an ihrer sachlichen Qualifikation wecken würden, müsste dem
Gutachten der Beweiswert abgesprochen werden. Dafür besteht aber kein
Anhaltspunkt. Die Beschwerdeführerin hat weiter bemängelt, sie hätte durch einen
Orthopäden oder durch einen Neurochirurgen untersucht werden müssen. Dies ist aber
nicht notwendig gewesen, da die Beschwerdeführerin von einem rheumatologischen
Sachverständigen untersucht worden ist, der sich zu all jenen relevanten Aspekten hat
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
äussern können, zu denen auch ein Orthopäde oder ein Neurochirurg hätte Stellung
nehmen können (vgl. MARX [Hrsg.], Medizinische Begutachtung, 1992, S. 376 f. sowie
die Urteile des Bundesgerichtes 9C_270/2012 vom 23. Mai 2012, E. 4.2, mit
zahlreichen Hinweisen, und 9C_82/2009 vom 9. Oktober 2009, E. 5.2, laut dem im
Einzelfall sogar auf eine rheumatologische und auf eine orthopädische Begutachtung
verzichtet werden könne, wenn Berichte aus den beiden Fachdisziplinen vorlägen und
die Begutachtung von einem Facharzt in physikalischer Medizin durchgeführt werde).
Die erfahrenen Sachverständigen hätten auf die Notwendigkeit einer zusätzlichen
Untersuchung durch einen weiteren Facharzt hingewiesen, wenn sie Anhaltspunkte
dafür erblickt hätten.
3.3 Die Sachverständigen haben sich nicht nur auf die von ihnen in den persönlichen
Untersuchungen erhobenen objektiven Befunde gestützt, sondern auch die Vorakten
gewürdigt. Die Beschwerdeführerin beanstandet, die Sachverständigen hätten nicht
sämtliche Vorakten berücksichtigt; der Aktenauszug ende nämlich mit einem Bericht
vom Oktober 2012, also fast ein Jahr vor der Begutachtung. Tatsächlich ist aber nach
dem 19. Oktober 2012 kein medizinischer Bericht mehr erstattet worden; nur Dr. E._
hat am 12. Juli 2013 eine Stellungnahme zuhanden des RAD verfasst, die aber keine
neuen Fakten enthält (IV-act. 110) und daher von den Sachverständigen nicht explizit
im Aktenauszug hat angeführt werden müssen. Allerdings wäre zu erwarten gewesen,
dass der rheumatologische Sachverständige die aktuellsten, das heisst die aus der Zeit
nach der Operation vom 23. Januar 2012 stammenden Röntgenbilder berücksichtigt
hätte. Der Umstand, dass er dies versäumt hat, schadet jedoch nicht, denn
ausschlaggebend für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit sind nicht in erster Linie die
bildgebenden Befunde, sondern die Ergebnisse der klinischen Untersuchung. Zudem
muss davon ausgegangen werden, dass sich der bildgebende Befund infolge der
Operation verbessert hat, denn sonst wäre diese ja überflüssig gewesen. Hätte sich der
Befund nach der Operation verschlechtert, wäre diese misslungen. Den Berichten von
Dr. E._ lässt sich kein Hinweis dafür entnehmen, dass dies der Fall gewesen wäre.
Daran ändert auch der Umstand nichts, dass Dr. E._ im neusten Bericht auf eine
Schraubenlockerung hingewiesen hat, denn laut dem Bericht handelt es sich dabei
nicht um eine gravierende Verschlechterung, die entsprechend eine erneute Operation
erfordern würde. Den Berichten von Dr. E._ und dem Gutachten der F._ liegt also
dieselbe medizinische Situation zugrunde, die aber unterschiedlich gewürdigt worden
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
ist. Hinsichtlich der Berücksichtigung der relevanten medizinischen Berichte besteht
also kein Grund, an der Überzeugungskraft des Gutachtens der F._ zu zweifeln.
3.4 Die Sachverständigen haben gestützt auf die aus der umfassenden persönlichen
Untersuchung und aus dem Studium der relevanten medizinischen Berichte
gewonnenen Erkenntnisse überzeugend begründete Diagnosen gestellt und eine
ebenso überzeugend begründete Arbeitsfähigkeitsschätzung abgegeben. Letztere
weicht zwar erheblich von jener von Dr. E._ ab, der selbst für ideal leidensadaptierte
Tätigkeiten eine Arbeitsunfähigkeit von 70 Prozent attestiert hatte. Diesbezüglich hat
der rheumatologische Sachverständige aber überzeugend dargelegt, dass die
Arbeitsfähigkeitsschätzung von Dr. E._ nicht schlüssig sei, da dieser die deutlichen
Zeichen einer bewusstseinsnahen demonstrativen Darbietung von Einschränkungen
und Beschwerden (auf die der rheumatologische Sachverständige in seiner
Befundschilderung hingewiesen hatte), unzureichend berücksichtigt habe. Mehr hat der
rheumatologische Sachverständige hierzu gar nicht ausführen können, denn die
Berichte von Dr. E._ enthalten keine Befundschilderungen, die eine fast vollständig
aufgehobene Arbeitsfähigkeit selbst für ideal leidensadaptierte Tätigkeiten rechtfertigen
würden. Der von Dr. E._ attestierte hohe Arbeitsfähigkeitsgrad kann nur so erklärt
werden, dass Dr. E._ – anders als der rheumatologische Sachverständige der F._ –
nicht nur auf die objektiven Befunde, sondern auch auf die subjektiven Angaben der
Beschwerdeführerin abgestellt hat, und dass er zudem nicht an eine ideal
leidensadaptierte Tätigkeit, sondern eher an eine „gewöhnlich belastende“, seines
Erachtens auf dem tatsächlichen Arbeitsmarkt in Frage kommende Hilfsarbeit gedacht
haben dürfte. Seinen Berichten lässt sich jedenfalls kein überzeugender Grund dafür
entnehmen, dass die Beschwerdeführerin selbst in einer ideal leidensadaptierten
Tätigkeit in einem relevanten Ausmass arbeitsunfähig sein sollte. Seine
Arbeitsfähigkeitsschätzung überzeugt deshalb nicht; sie weckt auch keine relevanten
Zweifel an der Arbeitsfähigkeitsschätzung der Sachverständigen der F._.
Zusammenfassend besteht kein Anlass, an der Überzeugungskraft des Gutachtens der
F._ zu zweifeln, weshalb mit überwiegender Wahrscheinlichkeit davon auszugehen
ist, dass die Beschwerdeführerin eine ideal leidensadaptierte Tätigkeit uneingeschränkt
ausüben kann.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.5 Die Sachverständigen der F._ haben sich zwar nicht zum Verlauf der
Arbeitsfähigkeit in der Vergangenheit geäussert, doch erlauben es die vorhandenen
medizinischen Berichte, diesen Verlauf mit dem erforderlichen Beweisgrad der
überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu belegen. Im Zusammenhang mit der
monoklonalen Gammopathie ist es zu einer vorübergehenden Verschlechterung des
Gesundheitszustandes im Jahr 2010 gekommen, die aber nur wenige Monate gedauert
hat, wie die RAD-Ärztin Dr. D._ am 25. Juli 2011 überzeugend dargelegt hat. Etwas
mehr als ein Jahr nach dieser vorübergehenden Verschlechterung, nämlich zum
Jahreswechsel 2011/2012, hat sich der Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin
wiederum vorübergehend verschlechtert, nämlich im Zusammenhang mit der am 23.
Januar 2012 durchgeführten Rückenoperation. Wie lange diese vorübergehende
Verschlechterung letztlich gedauert hat, lässt sich den Akten nicht eindeutig
entnehmen, doch kann die massgebende Rehabilitationsphase nicht mehr als einige
Monate gedauert haben. Abgesehen von diesen beiden Zeiträumen während der
vorübergehenden Verschlechterungen ist von einer uneingeschränkten Arbeitsfähigkeit
für leidensadaptierte Tätigkeiten auszugehen.
4.
Da die Beschwerdeführerin keinen Beruf erlernt hat und als Hilfsarbeiterin erwerbstätig
gewesen ist, besteht ihre Validenkarriere in der Verrichtung irgendeiner Hilfsarbeit. Das
von ihr erzielte Einkommen ist zwar unterdurchschnittlich tief gewesen, doch lässt sich
den Akten nicht entnehmen, dass der Grund dafür in einer unterdurchschnittlichen
Leistungsfähigkeit gelegen hätte. Vielmehr sind die faktischen Zwänge des –
invalidenversicherungsrechtlich nicht massgebenden – tatsächlichen Arbeitsmarktes
der Grund für das tiefe Erwerbseinkommen gewesen. Hätte sich der
Beschwerdeführerin die Möglichkeit geboten, einer durchschnittlich entlöhnten
Hilfsarbeit nachzugehen, hätte sie die Stelle gewechselt. Ihr Valideneinkommen
entspricht deshalb dem Zentralwert der Löhne für Hilfsarbeiterinnen. Die
Invalidenkarriere der Beschwerdeführerin besteht in der Verrichtung einer
leidensadaptierten Hilfsarbeit, für die der massgebende ausgeglichene Arbeitsmarkt
genügend geeignete Stellen bereit hält. Es besteht kein Grund zur Annahme, der
Zentralwert der Löhne von Hilfsarbeiterinnen bezüglich des Ausschnittes der in Frage
kommenden leidensadaptierten Hilfsarbeiten relevant tiefer als der Zentralwert der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Löhne von Hilfsarbeiterinnen bezüglich aller Hilfsarbeiten wäre. Der Ausgangswert des
zumutbarerweise erzielbaren Invalideneinkommens entspricht folglich ebenfalls dem
Zentralwert der Löhne für Hilfsarbeiterinnen. Bei der Berechnung des Invaliditätsgrades
kann der Betrag des Zentralwertes mathematisch gar keine Rolle spielen; der
Invaliditätsgrad ist folglich anhand des so genannten Prozentvergleichs zu berechnen.
Das bedeutet, dass er dem Arbeitsunfähigkeitsgrad, allenfalls korrigiert um einen
Tabellenlohnabzug von maximal 25 Prozent (vgl. BGE 126 V 75), entspricht. Bei einem
Arbeitsfähigkeitsgrad von 100 Prozent kann selbst bei Anwendung des nicht
gerechtfertigten Maximalabzuges von 25 Prozent kein rentenbegründender
Invaliditätsgrad von mindestens 40 Prozent resultieren. Der Invaliditätsgrad dürfte zwar
während den beiden Zeiträumen der oben erwähnten vorübergehenden
Verschlechterungen des Gesundheitszustandes mehr als 40 Prozent betragen haben,
doch haben diese kurzen Zeiträume nicht zur Erfüllung des so genannten Wartejahres
(Art. 28 Abs. 1 lit. b IVG) ausgereicht. Zudem hat es sich dabei weder um länger
dauernde noch um voraussichtlich bleibende Phasen einer entsprechend höheren
Erwerbsunfähigkeit gehandelt, weshalb der Invaliditätsbegriff nicht erfüllt gewesen ist.
Die angefochtene Verfügung, mit der die Beschwerdegegnerin das Rentenbegehren
der Beschwerdeführerin abgewiesen hat, erweist sich folglich im Ergebnis als
rechtmässig.
5.
Die Beschwerde ist deshalb abzuweisen. An sich müsste die unterliegende
Beschwerdeführerin die Gerichtskosten von 600 Franken bezahlen. Zufolge der
Bewilligung der unentgeltlichen Prozessführung ist sie aber von dieser Pflicht befreit.
Infolge der Bewilligung der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung hat der Staat dem
Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin eine Aufwandsentschädigung auszurichten,
die 80 Prozent des dem Vertretungsaufwand angemessenen Honorars beträgt (Art. 31
Abs. 3 AnwG). Praxisgemäss ist die Entschädigung auf 80 Prozent von 3’500 Franken,
also auf 2’800 Franken (einschliesslich Barauslagen und Mehrwertsteuer), festzusetzen.
Die Beschwerdeführerin wird zur Nachzahlung der Gerichtsgebühr und zur
Rückerstattung dieser Entschädigung verpflichtet werden können, wenn ihre
wirtschaftlichen Verhältnisse dies dereinst gestatten sollten (Art. 99 Abs. 2 VRP i.V.m.
Art. 123 ZPO).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte