Decision ID: 0974a9e1-d8d4-5594-b422-902616c6742a
Year: 2017
Language: de
Court: BE_VB
Chamber: BE_VB_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: public_law

I. Sachverhalt
1. Mit Baugesuch vom 12. November 2014 und Projektänderungen vom 7. April 2015
und 4. August 2016 ersuchte die Beschwerdegegnerin um die Baubewilligung für den
Neubau von zwei Mehrfamilienhäusern (MFH) mit 16 Wohneinheiten und gemeinsamer
Einstellhalle auf Parzelle Meiringen Grundbuchblatt Nr. A._. Die Parzelle liegt in
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der Mischzone 2 (M2) im Gefahrengebiet gelb. Gegen das Bauvorhaben erhoben unter
anderen die Beschwerdeführenden Einsprache. Mit Gesamtentscheid vom 7. April 2017
erteilte das Regierungsstatthalteramt Interlaken-Oberhasli die Baubewilligung.
2. Dagegen reichten die Beschwerdeführenden am 5. Mai 2017 Beschwerde bei der
Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion des Kantons Bern (BVE) ein. Sie beantragen die
Aufhebung des Gesamtentscheids vom 7. April 2017 und die Erteilung des Bauabschlags.
Eventualiter sei die Sache an die zuständige Baubewilligungsbehörde zurückzuweisen. Sie
machen unter anderem geltend, dass das Bauvorhaben über eine ungenügende Anzahl
Parkplätze verfüge und die Vorgaben betreffend Kinderspielplätze und Aufenthaltsbereiche
nicht erfülle. Zudem gälten für das Bauvorhaben die Abstände gemäss
Übergangsbestimmungen der Gewässerschutzverordnung (ÜB GSchV1) und es sei, da es
im Gewässerraum liege, auf eine Ausnahmebewilligung angewiesen. Diese könne hier
nicht erteilt werden. Schliesslich verletze das Projekt den Strassenabstand und verstosse
gegen die Vorgaben der Ästhetik und des Lärmschutzes.
3. Das Rechtsamt, welches die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet2, holte die
Vorakten ein und führte den Schriftenwechsel durch. Das Regierungsstatthalteramt hält mit
Eingabe vom 30. Mai 2017 an seinem Gesamtentscheid fest. Die Gemeinde Meiringen
verweist mit Beschwerdeantwort vom 8. Juni 2017 auf den angefochtenen Entscheid und
beantragt, den Gesamtentscheid der Vorinstanz zu stützen. Der Oberingenieurkreis I des
Tiefbauamtes des Kantons Bern (nachfolgend OIK I) bezieht sich zum Strassenlärm auf
seinen Fachbericht und sieht keine Veranlassung, eine anderslautende Stellungnahme
abzugeben.
Mit Beschwerdeantwort vom 8. Juni 2017 reichte die Beschwerdegegnerin eine
Projektänderung für das gesamte Bauvorhaben ein (rev. Pläne vom 1. Juni 2017,
gestempelt von der BVE am 9. Juni 2017, nachfolgend Projektänderung 1) sowie ein
überarbeitetes Lärmgutachten vom 2. Juni 20173.
1 Gewässerschutzverordnung des Bundesrates vom 28. Oktober 1998 (GSchV; SR 814.201) 2 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (OrV BVE; BSG 152.221.191) 3 Lärmgutachten B._ AG Biel, Beschwerdeantwort vom 8. Juni 2017, Beilage 4
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4. Die Verfahrensbeteiligten und der OIK I erhielten mit Verfügung vom 12. Juli 2017
Gelegenheit, zur Projektänderung 1 Stellung zu nehmen. Gemäss summarischer
Einschätzung des Rechtsamtes stellte dieses fest, es sei fraglich, ob der dem Projekt
zugrundeliegende Gewässerabstand den bundesrechtlichen Vorgaben genüge. Zudem sei
fraglich, ob das Bauvorhaben über genügend grosse anrechenbare Aufenthaltsbereiche
und Kinderspielplätze verfüge.
Der OIK I hält mit Stellungnahme vom 28. Juli 2017 fest, dass das überarbeitete
Lärmgutachten "glaubwürdig und nachvollziehbar" sei. Aus Sicht Lärmschutz sei das
geänderte Bauvorhaben bewilligungsfähig. Bezüglich Gewässerabstand sei in früheren
Stellungnahmen jeweils eine "materielle Prüfung" der von den Gemeinden angewandten
Gewässerräume im Sinne der GSchV vorgenommen worden. Der einseitige
Gewässerabstand von 6 m entspräche der Regelung gemäss GSchV und sei im
vorliegenden Fall angewandt worden. Die Gewässerräume seien jedoch noch nicht ins
Baureglement der Gemeinde (GBR) überführt worden, weshalb im aktuell gültigen GBR
"zwischenzeitlich" auf die ÜB GSchV verwiesen werde. Bei der Projektänderung 1 komme
somit die Regelung gemäss der ÜB GSchV zur Anwendung. Daher gelte ein
Gewässerabstand von 8 m plus bestehende Gerinnesohlebreite, was einen Abstand von
9,2 m ergäbe. Für die wasserbaupolizeiliche Beurteilung habe es jedoch keine Auswirkung,
ob der Gewässerabstand nun 6 m oder 9,2 m betrage. Daher könne die
wasserbaupolizeiliche Zustimmung erteilt werden.
Die Beschwerdeführenden weisen in ihrer Eingabe vom 24. August 2017 darauf hin, dass
die Voraussetzungen zur Projektänderung erfüllt seien. Dem Bauvorhaben sei aber aus
anderen Gründen der Bauabschlag zu erteilen. Zum einen liege das Bauvorhaben nach
den anwendbaren ÜB GSchV im Gewässerraum und sei auf eine Ausnahmebewilligung
durch das zuständige Amt für Gemeinden und Raumordnung (AGR) angewiesen.
Vorliegend habe die Vorinstanz keinen Amtsbericht des AGR eingeholt. Betreffend
Spielflächen entsprächen Lage, Gestaltung und Dimensionierung der Aufenthalts- und
Kinderspielplätze nicht den gesetzlichen Vorgaben (Art. 15 BauG und Art. 44 f. BauV). Im
Übrigen gelange Art. 15 Abs. 5 BauG (als neue Bestimmung) nicht zur Anwendung.
Die Gemeinde hält in ihrer Stellungnahme vom 18. August 2017 (beim Rechtsamt
eingegangen am 22. September 2017) fest, dass sich die Gemeinde bezüglich
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Gewässerabstand an eine Liste des Ortsplaners4 halte, die nicht mehr in das revidierte
GBR habe aufgenommen werden können. Diese Liste werde in Absprache mit dem OIK I
vom 3. Juni 2014 zur Orientierung der Bauherrschaften und Planer verwendet. Bis anhin
habe sich diese Vorgehensweise bewährt. Ferner seien gemäss ihren Berechnungen die
auszuweisenden Flächen der Spielplätze und Aufenthaltsbereiche eingehalten.
5. Mit Datum vom 23. August 2017 reichte die Beschwerdegegnerin mit ihrer
Stellungnahme zur Verfügung des Rechtsamtes eine zweite Projektänderung ein (Pläne
vom 17. August 2017, gestempelt von der BVE am 25. August 2017, nachfolgend
Projektänderung 2), die eine Änderung der Wohnungsgrössen (12 statt 16
Familienwohnungen) und entsprechend neu berechnete Kinderspielflächen und
Aufenthaltsbereiche beinhaltet. Mit Bezug auf den einzuhaltenden Gewässerabstand beruft
sich die Beschwerdegegnerin auf die Auskunft der BVE bzw. des OIK I aus dem Jahr 2014,
wonach ein Abstand von 6 m den kantonalrechtlichen Anforderungen genüge und deshalb
die Übergangsbestimmungen der Gewässerschutzverordnung nicht zur Anwendung
kämen. Daher beantragt sie ausdrücklich, dass eine Fachstelle mittels Gutachten darüber
befinde, ob das Bauvorhaben einen genügenden Gewässerabstand einhalte.
Die Verfahrensbeteiligten und der OIK I erhielten mit Verfügung vom 12. September 2017
Gelegenheit, sich zur Projektänderung 2 zu äussern.
Die Gemeinde Meringen legt mit Stellungnahme 20. September 2017 eine rechnerische
Überprüfung der Spielflächen und Aufenthaltsbereiche vor und ist der Ansicht, dass diese
insgesamt genügend gross bemessen seien. Die Beschwerdeführenden äusserten sich zur
Projektänderung 2 nicht. Das Regierungsstatthalteramt liess sich zu den
Projektänderungen ebenfalls nicht vernehmen.
6. Schliesslich erhielten die Parteien die Gelegenheit, Schlussbemerkungen
einzureichen. Sowohl die Gemeinde Meiringen als auch der OIK I verzichteten auf eine
Stellungnahme. Auch die Beschwerdeführenden verzichten auf Schlussbemerkungen und
4 Ecoptima: Liste "Festlegung und Nutzung des Gewässerraumes von Fliessgewässern" vom August 2012, Beilage 1 zur Stellungnahme der Gemeinde Meringen vom 18. August 2017, vgl. auch Vorakten, Ordner 1, pag. 26 und pag. 30 ff.
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halten an den gestellten Anträgen und der diesbezüglich einlässlichen Begründung fest.
Die Beschwerdegegnerin verweist auf die Stellungnahmen der Vorinstanz wie auch der
mitinvolvierten Behörden, welche ihren Standpunkt untermauerten. Der vorinstanzliche
Entscheid sei unter Einbezug der Projektänderungen und unter Kostenfolge zu bestätigen.
7. Auf die Rechtsschriften und die Vorakten wird, soweit für den Entscheid wesentlich,
in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.

II. Erwägungen
1. Sachurteilsvoraussetzungen
Angefochten ist ein Gesamtentscheid nach Art. 9 KoG5. Laut Art. 11 Abs. 1 KoG kann er –
unabhängig von den geltend gemachten Einwänden – nur mit dem Rechtsmittel
angefochten werden, das für das Leitverfahren massgeblich ist. Das Leitverfahren ist im
vorliegenden Fall das Baubewilligungsverfahren (Art. 5 Abs. 1 KoG). Bauentscheide
können nach Art. 40 Abs. 1 BauG6 innert 30 Tagen seit Eröffnung mit Baubeschwerde bei
der BVE angefochten werden. Die BVE ist somit zur Beurteilung der Beschwerde gegen
den Gesamtentscheid zuständig. Zur Beschwerde befugt sind die Baugesuchstellerinnen,
die Baugesuchsteller, die Einsprecherinnen, die Einsprecher und die zuständige
Gemeindebehörde (Art. 10 KoG i.V.m. Art. 40 Abs. 2 BauG). Die Beschwerdeführenden
sind Eigentümerinnen bzw. Eigentümer der benachbarten Parzelle Meiringen
Grundbuchblatt Nr. C._, D._ und E._ (Beschwerdeführende 1
und 2, 7 sowie 11 und 12) bzw. Eigentümer der nur durch die Kantonsstrasse getrennten
Nachbarparzelle Meiringen Grundbuchblatt Nr. F._ (Beschwerdeführer 8). Die
Parzellen Meiringen Grundbuchblatt Nr. G._ (Beschwerdeführende 3 und 4) bzw.
Nr. H._ (Beschwerdeführende 5 und 6) grenzen zwar nicht direkt an die fragliche
Parzelle an, liegen jedoch in direkter Sichtweite (Beschwerdeführende 5 und 6) bzw. in
einer Distanz von etwa 75 m zum Bauvorhaben (Beschwerdeführende 3 und 4). Sie haben
sich somit zulässigerweise als Einsprechende am Baubewilligungsverfahren beteiligt
(Art. 35 Abs. 2 Bst. a BauG). Die Beschwerdeführenden 1 bis 12, deren Einsprache
5 Koordinationsgesetz vom 21. März 1994 (KoG; BSG 724.1) 6 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721)
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abgewiesen wurde, sind durch den vorinstanzlichen Gesamtentscheid beschwert und
daher zur Beschwerdeführung legitimiert. Auf die form- und fristgerecht eingereichte
Beschwerde ist einzutreten.
2. Projektänderungen
a) Die Beschwerdegegnerin reichte mit ihrer Beschwerdeantwort vom 8. Juni 2017 eine
erste Projektänderung ein. Die Projektänderung umfasst gemäss den Plänen und der
Darlegung der Beschwerdegegnerin den "Verzicht auf die Begrenzungsmauern der
Terrassen in den Fluchten der Seitenfassaden und die Festverglasung der frontseitigen,
vorgesetzten Fenster Richtung I._strasse (EG und 1. OG). Die Projektänderung
wurde durch ein überarbeitetes Lärmgutachten ergänzt, das im Unterschied zum
ursprünglichen Lärmgutachten der neusten bundesgerichtlichen Rechtsprechung bzw. der
sog. «Lüftungsfensterpraxis» Rechnung trägt. Laut Gutachten werden bei den
strassenseitigen Fenstern von lärmempfindlichen Räumen die Immissionsgrenzwerte
(IGW) der Empfindlichkeitsstufe III am Tag überschritten. Deshalb empfiehlt es
verschiedene Massnahmen auf dem Ausbreitungsweg und am Gebäude.7 Bei
Berücksichtigung dieser Massnahmen seien die IGW bzw. die Lärmschutzverordnung
(LSV8) eingehalten. Mit Datum vom 23. August 2017 reichte die Beschwerdegegnerin eine
zweite Projektänderung ein, die eine Anpassung der Wohnungsgrössen (vier 2 1/2-
Zimmer-Wohnungen anstelle von 3-Zimmer-Wohnungen im EG und 1. OG) und neu
berechnete Kinderspielfächen und Aufenthaltsbereiche beinhaltet.
b) Laut Art. 43 BewD9 kann der Baugesuchsteller während eines
Baubewilligungsverfahrens oder eines nachfolgenden Beschwerdeverfahrens vor der BVE
eine Projektänderung einreichen, ohne dass deshalb ein neues Baubewilligungsverfahren eingeleitet werden muss. Eine Projektänderung liegt vor, wenn das Bauvorhaben in seinen
Grundzügen gleich bleibt. Erfolgt die Projektänderung im Beschwerdeverfahren, sind die
Gemeinde, die Gegenpartei und die von der Projektänderung zusätzlich berührten Dritten
anzuhören. Die Beschwerdeinstanz ist befugt, die Sache zur Weiterbehandlung an die
Vorinstanz zurückzuweisen (Art. 43 Abs. 3 BewD), kann aber auch selbst über die
7 Lärmgutachten B._ AG, a.a.O., Ziff. 4, S. 9 f. 8 Lärmschutz-Verordnung des Bundesrates vom 15. Dezember 1986 (LSV; SR 814.41) 9 Dekret vom 22. März 1994 über das Baubewilligungsverfahren (Baubewilligungsdekret, BewD; BSG 725.1)
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Projektänderung entscheiden. Das geänderte Projekt tritt an die Stelle des ursprünglichen
Bauvorhabens.10
c) Bei beiden Projektänderungen bleibt das Bauvorhaben in den Grundzügen gleich.
Deshalb können die Anpassungen als Projektänderungen behandelt werden. Die
Projektänderungen berühren keine öffentlichen oder wesentlichen nachbarlichen
Interessen zusätzlich und die Verfahrensbeteiligten wurden angehört. Auf eine Publikation
oder eine Anhörung Dritter konnte daher verzichtet werden. Gegenstand des Verfahrens ist
somit nur noch das Projekt gemäss der Projektänderung 1 (Pläne gestempelt von der BVE
am 9. Juni 2017) und soweit das EG und das 1. OG betreffend gemäss der
Projektänderung 2 (Pläne gestempelt von der BVE am 25. August 2017).
3. Gewässerabstand / Gewässerraum
a) Umstritten ist, ob das Bauvorhaben die gewässerschutzrechtlichen Vorgaben erfüllt.
Nach Darlegung der Beschwerdeführenden liegt das Bauvorhaben im Gewässerabstand.
Da es in den Gewässerschutzraum hineinrage, sei es auf eine Ausnahmebewilligung nach
Art. 41c Abs. 1 Satz 2 GSchV angewiesen. Im Gewässerraum dürften ausschliesslich
standortgebundene, im öffentlichen Interesse liegende Anlagen erstellt werden. In "dicht
überbauten Gebieten" könne die Behörde Ausnahmen für zonenkonforme Anlagen
bewilligen. Vorliegend bestehe jedoch kein Interesse an verdichteter Bauweise. Das Gebiet
könne zudem gemäss neuster bundesgerichtlicher Rechtsprechung nicht als dicht
überbaut bezeichnet werden, weshalb die Ausnahmebewilligung zu verweigern sei. In
peripheren Gebieten, die an ein Fliessgewässer angrenzten, bestehe "regelmässig kein
überwiegendes öffentliches Interesse an einer verdichteten Überbauung des
Gewässerraums".
b) Die Beschwerdegegnerin und die Gemeinde sind auf Grund früherer Auskünfte bzw.
Amtsberichte des OIK I der Auffassung, dass hier der Gewässerabstand 6 m ab
Mittelwasserlinie betrage und dieser eingehalten sei.11 Gemäss vorinstanzlichem Entscheid
befinden sich – bezogen auf das ursprüngliche Bauvorhaben – "nur die Kinderspielplätze
10 Vgl. BVR 2012 S. 463 E. 2.2 mit weiteren Hinweisen 11 Vgl. Vorakten Ordner 2: 1. Amtsbericht Wasserbaupolizei vom 22. Dezember 2014, pag. 268. Aufgrund des 1. Fachberichts passte die Bauherrschaft das Vorhaben an; siehe 2. Amtsbericht vom 29. Juni 2015, pag. 249
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innerhalb des Gewässerraums".12 Da sich das Bauvorhaben in einem dicht überbauten
Gebiet befinde und den geschützten Gewässerraum lediglich marginal tangiere, sei die
erforderliche Ausnahme zu gewähren.
c) Der Gewässerraum wird durch Art. 36a GSchG in Verbindung mit Art. 41a ff. GSchV
und der Übergangsbestimmungen der GSchV (ÜB GSchV) gemäss Änderung vom 4. Mai
2011 geregelt. Die Kantone haben bis zum 31. Dezember 2018 Zeit, den Raumbedarf der
oberirdischen Gewässer festzulegen, der für die Gewährleistung der natürlichen
Funktionen der Gewässer, den Schutz vor Hochwasser und die Gewässernutzung
erforderlich ist. Im Kanton Bern sind dafür gemäss WBG die Gemeinden zuständig (Art. 5b
WBG).13 Solange der Gewässerraum noch nicht festgelegt ist, gelten für den
Gewässerraum die Vorschriften für Anlagen nach Art. 41c Abs. 1 und 2 GSchV. Entlang
von Fliessgewässern mit einer Gerinnesohle von bis zu 12 m sind sie auf einem
beidseitigen Streifen von je 8 m plus die Breite der bestehenden Gerinnesohle
massgebend (Abs. 2 Bst. b ÜB GSchV). Die Bestimmungen der GSchV zum Uferstreifen
sind direkt anwendbar und bedürfen keiner gesetzgeberischen Umsetzung durch die
Kantone. Kantonale Gewässerabstände, die weniger weit gehen als das Bundesrecht, sind
daher unbeachtlich.14
d) Gemäss geltendem Baureglement der EG Meiringen vom 9. Juni 201315 wurden der
Gewässerraum bzw. die Gewässerabstände noch nicht festgelegt, weshalb sich der
Gewässerabstand nach den ÜB GschV richtet. Gestützt auf Abs. 2 Bst. a ÜB GschV hat
ein Bauprojekt auf Parzelle Meiringen Grundbuchblatt Nr. A._ einen beidseitigen
Streifen entlang des J._ mit einer Breite von je 8 m plus die Breite der
bestehenden Gerinnesohle einzuhalten. Laut der Stellungnahme des OIK I vom 28. Juli
2017 beträgt die Sohlenbreite des J._bachs gemäss der ökomorphologischen
Karte des Kantons Bern 1,2 m.16 Der einzuhaltende Gewässerabstand beträgt somit
entgegen der Auffassung der Vorinstanz17 und früherer Fachberichte des OIK18 bei
12 Gesamtentscheid RSA vom 7. April 2017, S. 7 13 Vgl. VGE 2016/234 vom 25. November 2016, E. 2.1 14 Vgl. VGE 2016/234 vom 25. November 2016, E. 2.1, mit weiteren Hinweisen 15 Durch das Amt für Gemeinden und Raumordnung (AGR) am 14. April 2014 genehmigt 16 Stellungnahme des OIK I vom 28. Juli 2017, S. 2 17 Gesamtentscheid RSA vom 7. April 2017, S. 7 18 Vgl. Vorakten Ordner 2: 1. Amtsbericht Wasserbaupolizei vom 22. Dezember 2014, pag. 268. Aufgrund des 1. Berichts passte die Bauherrschaft das Vorhaben an; siehe 2. Amtsbericht vom 29. Juni 2015, pag. 249
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Anwendung der ÜB GschV nicht 6 m, sondern 9,2 m. Das umstrittene Bauprojekt liegt
somit im Gewässerraum.
e) Nach Art. 41c Abs. 1 GSchV dürfen im Gewässerraum nur standortgebundene, im
öffentlichen Interesse liegende Anlagen wie Fuss- und Wanderwege, Flusskraftwerke oder
Brücken erstellt werden (Satz 1). Sofern keine überwiegenden Interessen entgegenstehen,
kann die Behörde ausserdem die Erstellung zonenkonformer Anlagen in dicht überbauten
Gebieten bewilligen (Satz 2 Bst. a) sowie – gemäss in der seit dem 1. Mai 2017 geltenden
Fassung der GschV19 – ausserhalb von dicht überbauten Gebieten auf einzelnen
unüberbauten Parzellen innerhalb einer Reihe von mehreren überbauten Parzellen
bewilligen (Satz 2 Bst. a bis).
f) Die Gemeinde Meiringen verfügt wie ausgeführt nicht über eine planerische
Festlegung, welche Teile des Gewässerraums im Sinne des Bundesrechts überbaut sind.
Grundsätzlich hat daher die zuständige kantonale Stelle, konkret das AGR, im Rahmen
des Baubewilligungsverfahren darüber zu entscheiden, ob das fragliche Gebiet dicht
überbaut ist (vgl. Art. 5b Abs. 3 WBG).20 Dies ist vorliegend noch nicht erfolgt. In diesem
Zusammenhang ist auch zu entscheiden, ob ein Bauvorhaben als zonenkonforme Anlage
ausserhalb von dicht überbauten Gebieten auf einzelnen unüberbauten Parzellen innerhalb
einer Reihe von mehreren überbauten Parzellen bewilligt werden kann (Art. 41c Abs. 1
GSchV Bst. a bis). Da das Bauprojekt aus anderen Gründen nicht bewilligungsfähig ist,
kann im Verfahren vor der BVE darauf verzichtet werden zu prüfen, ob das Vorhaben als
zonenkonforme Anlage in dicht überbautem Gebiet oder als zonenkonforme Anlage
ausserhalb von dicht überbauten Gebieten innerhalb einer Reihe von mehreren überbauten
Parzellen bewilligt werden kann.
4. Kinderspielplätze und Aufenthaltsbereiche
a) Die Verfahrensbeteiligten hatten Gelegenheit, sich im Rahmen des
Beschwerdeverfahrens zur Frage zu äussern, ob die geplanten Mehrfamilienhäuser
19 AS 2017 2585 20 Vgl. die Präjudizen: BGE 143 II 77 (Altendorf) E. 2.7, BGE 140 II 428 (Dagmersellen), E. 7; BGE 140 II 437 (Rüschlikon II), E. 5.1; vgl. Peter Hänni/Tamara Iseli, Bauen im geschützten Gewässerraum: Erste Urteile in: BR/DC 2/15, S. 82 ff.
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gemäss Projektänderung 2 über genügend grosse anrechenbare Kinderspielplätze und
Aufenthaltsbereiche verfügen.
Die Beschwerdegegnerin hat die Projektänderung 2 auf die summarische Einschätzung
des Rechtsamtes hin eingereicht. Gemäss den neu eingereichten Plänen für das
Erdgeschoss (EG) und das 1. Obergeschoss (1. OG)21 werden die vier mittigen
Wohnungen anstelle als 3-Zimmmer-Wohnungen zu 2 1⁄2-Zimmer-Wohnungen
ausgestaltet, was zu einer Neuberechnung der Flächen für Kinderspielplätze und
Aufenthaltsbereiche führt. Basierend auf der Bruttogeschossfläche der Familienwohnungen
von rund 1471 m2 sei für Kinderspielplätze eine Fläche von rund 221 m2 erforderlich (15 %
von 1471 m2). Mit den geplanten Spielplätzen sei dies eingehalten. Die Gemeinde
errechnet gemäss ihrer Stellungnahme basierend auf den Hauptnutz- und
Konstruktionsflächen der beiden Mehrfamilienhäuser einen Bedarf an Kinderspielplätzen
von 213,5 m2.22
Die Beschwerdeführenden weisen in ihrer Stellungnahme darauf hin, dass Lage,
Gestaltung und Dimensionierung der Aufenthalts- und Kinderspielplätze nicht den
gesetzlichen Vorgaben entsprächen (Art. 15 BauG, Art. 44 f. BauV). Die vorgeschriebenen
Mindestflächen würden u.a. aufgrund der fehlenden Anrechenbarkeit gewisser Flächen
nicht erreicht (minimale nutzbare Breite von 5 m sowie 3 m Abstand gegenüber
Hauptfassaden von Wohnbauten). Beim ursprünglich bewilligten Projekt hatten die
Beschwerdeführenden auch noch die Nähe der Spielflächen zu den Verkehrsträgern und
deren fehlende Besonnung beanstandet.
b) Beim Bau von Mehrfamilienhäusern sind im Freien Aufenthaltsbereiche für die
Bewohner, insbesondere Kinderspielplätze, zu schaffen (Art. 15 Abs. 1 BauG). Deren
Mindestflächen werden in Art. 45 BauV definiert. Als Aufenthaltsbereiche gelten
wenigstens mit einfachen Mitteln zum Verweilen im Freien eingerichtete Teile eines
Gebäudegrundstücks. Kinderspielplätze sind für Kleinkinder und schulpflichtige Kinder
eingerichtete Spielflächen (Art. 43 Abs. 1 und 2 BauV). Zur Ausgestaltung der
Kinderspielplätze hat das Raumplanungsamt des Kantons Bern (heute: Amt für Gemeinden
und Raumordnung, AGR) im Juni 1992 die Arbeitshilfe für die Ortsplanung (AHOP) Nr.
21 Situation Erdgeschoss Mst. 1:100 sowie Situation 1. Obergeschoss Mst. 1:100 vom 17. August 2017, gestempelt von der BVE am 25. August 2017 (Projektänderung 2) 22 Stellungnahme der Gemeinde Meiringen vom 20. September 2017, S. 3
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92.2 «Empfehlungen für die Projektierung und Gestaltung von benutzerfreundlichen
Aussenräumen von Wohnüberbauungen» herausgegeben.23 Ein Spielplatz soll, damit er
den Bedürfnissen nach Bewegung und spielerischer Betätigung gerecht wird, einen
gewissen Freiraum und eine attraktive Spielumgebung bieten. In Ziffer 3.4
«Dimensionierung/Berechnung» wird ausgeführt, dass Spiel- und Aufenthaltsbereiche in
der Regel eine minimale nutzbare Breite von 5 m aufweisen müssen.24 Schmalere
Bereiche können aus funktionellen Gründen in der Regel nicht angerechnet werden. Die
Fläche der Kinderspielplätze hat wenigstens 15 Prozent der Hauptnutz- und
Konstruktionsflächen der Familienwohnungen zu entsprechen (Art. 45 Abs. 1 BauV). Für
Aufenthaltsbereiche sind 5 Prozent der Hauptnutz- und Konstruktionsflächen aller
Wohnungen, pro Mehrfamilienhaus mindestens aber 20 m2 vorzusehen, beziehungsweise
zur Fläche gemäss Absatz 1 hinzuzurechnen (Art. 45 Abs. 2 BauV). Die Fläche mindestens
2 m breiter Terrassen, Balkone und dergleichen kann zur Hälfte an den erforderlichen
Aufenthaltsbereich angerechnet werden (Art. 45 Abs. 4 BauV). Dabei ist jedoch zu
beachten, dass die Terrassen- und Balkonflächen nicht an die Mindestfläche von 20 m2 pro
Mehrfamilienhaus angerechnet werden können; diese Mindestfläche muss integral im
Rahmen der Umgebungsgestaltung nachgewiesen werden.25
c) Die Fläche der Kinderspielplätze hat wie erwähnt wenigstens 15 Prozent der
Hauptnutz- und Konstruktionsflächen der Familienwohnungen zu entsprechen. Als
Familienwohnungen gelten Wohnungen mit wenigstens drei Zimmern (Art. 43 Abs. 3
BauV). Gemäss den massgeblichen Plänen der Projektänderung 2 sind in den beiden
Mehrfamilienhäusern 16 Wohnungen und davon 12 Familienwohnungen vorgesehen.26 Die
Bauherrschaft selbst berechnet den Spielflächenbedarf auf Basis der
Bruttogeschossfläche, was auf eine Fläche von 1471 m2 einen Spielflächenbedarf von rund
221 m2 ergibt, geplant seien 230 m2.27 Das Projekt umfasst eine Kinderspielfläche
(nachfolgend Spielfläche 1) und einen Kinderspielplatz mit Sandkasten und Schattensegel
für kleinere Kinder zwischen den Häusern A und B. Auf der nordwestlich gelegenen Seite
des Hauses A (nachfolgend als westliche Seite oder Westseite des Vorhabens bezeichnet)
23 Im Internet zu finden unter <http://www.jgk.be.ch>, Rubriken "Raumplanung / Arbeitshilfen für die Ortsplanung (AHOP) / Aufenthaltsbereiche und Kinderspielplätze" 24 AHOP-Empfehlung, Ziff. 3.4 S. 19 25 Zaugg/Ludwig, a.a.O., Art. 15 N. 3a, mit Verweis auf VGE 2011/256 vom 2. Mai 2012, E. 4.1 26 Plan Situation Erdgeschoss, Mst. 1:100, Projektänderung 2 27 Plan Situation Erdgeschoss, Mst. 1:100, Projektänderung 2, alter Art. 93 BauV
http://www.jgk.be.ch
RA Nr. 110/2017/47 12
ist ebenfalls eine Kinderspielfläche (nachfolgend Spielfläche 2) im Gelände Richtung
J._bach ausgewiesen. Ab Plan weisen die Spielfläche 1 eine Fläche von rund 72 m2
und der Kinderspielplatz eine solche von 42,4 m2 auf. Die Spielfläche 2 ist ab Plan und bei
sehr unregelmässigem Grundriss gemessen circa 116 m2 gross. Dies ergibt die von der
Beschwerdegegnerin angegebene Gesamtfläche von rund 230 m2.
d) Ein Spielplatz soll einen gewissen Freiraum und eine attraktive Spielumgebung
bieten. Er ist daher so anzulegen, dass mögliche Nutzungskonflikte vermieden oder
zumindest minimiert werden und die Privatsphäre der Wohnungen gewahrt bleibt.28 Die
AHOP-Empfehlung stützt sich auf Art. 44 Abs. 4 BauV. Die darin enthaltenen Vorgaben
konkretisieren die in dieser Bestimmung aufgestellte Vorschrift, dass Aufenthaltsbereiche
und Kinderspielplätze ihrem Zweck entsprechend einzurichten sind. Nach den Vorgaben
der AHOP-Empfehlung sind Spielflächen so anzulegen, dass Konflikte zwischen
verschiedenen Nutzungen (bspw. Spielen und Manövrieren von Motorfahrzeugen; Spielen
und Wohnen) minimiert werden und die Privatsphäre gewahrt ist. Aus diesem Grund
verlangt die AHOP-Empfehlung, dass Kinderspielplätze ab Hauptfassaden einen 3-Meter-
Streifen einzuhalten haben.
Gemäss den Plänen29 wird bei der Spielfläche 1 und dem Kinderspielplatz bis zu den
Fassaden (Ostfassade Haus A und Westfassade Haus B) hin gemessen und lässt somit
den notwendigen Streifen von je 3 Metern unberücksichtigt, obwohl auf beiden betroffenen
Fassadenseiten Fenster von Wohnräumen auf die Spielflächen gerichtet sind. Nach
Darlegung der Bauherrschaft erlaubt dies, dass die dort spielenden Kinder wegen der gut
einsehbaren Lage gut beaufsichtigt werden können.30 Dieses Argument könnte jedoch
grundsätzlich bei jedem Mehrfamilienhaus, welches den Streifen von 3 Metern nicht wahrt,
vorgebracht werden. Die Nichteinhaltung des Streifens führt hier jedoch dazu, dass der
Wahrung der Privatsphäre der Wohnungen im Erdgeschoss zu wenig Rechnung getragen
wird. Denn es ist unzweifelhaft, dass nicht nur die Kinder der Wohnungen im Erdgeschoss
die Kinderspielplätze aufsuchen werden, sondern die Kinder und Eltern aller Wohnungen,
da die Spielplätze (und Aufenthaltsbereiche) für sämtliche Bewohnerinnen und Bewohner
bestimmt sind. Im Übrigen sind auch sonst keine sachlichen Gründe ersichtlich, die im
konkreten Fall eine Abweichung von den Vorgaben der AHOP-Empfehlung gebieten
28 AHOP-Empfehlung, Ziff. 3.2, S. 15 29 Plan Situation Erdgeschoss, Mst. 1:100, Projektänderung 2 30 Stellungnahme der Beschwerdegegnerin vom 23. August 2017, S. 3
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würden. Bei den Häusern A und B ist daher ein Streifen von je 3,0 m x 9 m (27 m2) von der
markierten Spielfläche 1 abzuziehen, gesamthaft also 54 m2. Dieser Streifen ist ebenso
beim Kinderspielplatz einzuhalten, was auf beiden Seiten eine Reduktion um 3,0 m x 5,3 m
(15,9 m2) und gesamthaft 31,8 m2 ergibt. Allein durch diese Zwischenrechnung reduziert
sich die ausgewiesene Kinderspielfläche um mehr als einen Drittel. Entsprechend bleibt
lediglich eine Fläche von 114,2 m2 übrig (230 m2 – 85,8 m2), was bereits nicht mehr den
Vorgaben von Art. 45 Abs. 1 BauV entspricht. Zudem verbleibt nach beidseitiger
Berücksichtigung des 3-Meter-Streifens zwischen Haus A und B bloss eine mittige
Spielflächenbreite von 2 Metern. Dieser schmale Streifen entspricht nicht der minimal
nutzbaren Breite von 5 Metern gemäss AHOP-Empfehlung. Er vermag somit den
Anforderungen an die zweckmässige Gestaltung von Kinderspielflächen nicht zu genügen.
Mithin können die gesamten Flächen zwischen Haus A und B, d.h. der Kinderspielplatz und
die Spielfläche 1 nicht als Spielplätze angerechnet werden.
Auch bei der auf der Westseite von Haus A gelegenen Spielfläche 2 wird gemäss
Projektänderung 2 nicht berücksichtigt, dass ein Streifen von 3 Metern ab Fassade
einzuhalten ist, denn dort ist lediglich auf einem Teil der Länge ein Grünbereich
(Bepflanzung) von 1,0 m als Abgrenzung zwischen Haus A zur Spielfläche vorgesehen.
Auf der Westfassade von Haus A ist somit von der Spielfläche 2 ein Streifen von
mindestens 2,0 m x 14,5 m, ausmachend 29 m2 abzuziehen. Dieser (Minimal-)Abstand von
3 Metern ist entgegen der Beurteilung der Gemeinde31 auch dann einzuhalten, wenn – im
Unterschied zu den Plänen gemäss Projektänderung 1 – auf dieser Seite auf einen
Gartensitzplatz verzichtet wird. Gemäss AHOP-Empfehlung wäre bei privaten
Gartensitzplätzen ein Abstand von mehr als 3 Metern ab Fassade geboten.32
e) Nach dem Gesagten ergibt sich folgendes: Bei Einhaltung des 3-Meter-Streifens
bleibt zwischen dem Kinderspielplatz und der Spielfläche 1 ein mittiger Streifen von
lediglich 2 Metern übrig, weshalb diese Flächen nicht als Kinderspielplätze berücksichtigt
werden können: Von ihrer Dimension und ihrer Nähe zu den Hauptfassaden können die als
solche bezeichneten Flächen nicht als Spielflächen dienen. Von den ausgewiesenen
Kinderspielplätzen sind daher zuerst die Spielfläche 1 und der Kinderspielplatz in Abzug zu
bringen. In einem zweiten Schritt wird der 3-Meter-Streifen auf der Westseite des
31 Stellungnahme der Gemeinde Meiringen zur Projektänderung 1 vom 18. August 2017, eingegangen am 22. September 2017 32 AHOP-Empfehlung, Ziff. 3.4 S. 19
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Bauvorhabens berücksichtigt. Daraus ergibt sich eine anrechenbare Kinderspielfläche von
nur 86,6 m2 (230 m2 - 72 m2 - 42,4 m2 - 29 m2). Damit wird die erforderliche Fläche der
Kinderspielplätze bei weitem unterschritten, und zwar unabhängig davon, ob gemäss
Bauherrschaft die Bruttogeschossflächen (ergebend einen Spielflächenbedarf von rund
221 m2) oder aber gemäss Gemeinde die Hauptnutz- und Konstruktionsflächen (Bedarf
von 213,5 m233) als Basis der Berechnungen genommen werden. Das Bauvorhaben verfügt
nicht über eine genügend grosse anrechenbare Kinderspielplatzfläche. Auf Grund dieses
eindeutigen Ergebnisses stellt sich auch die Frage nach einer möglichen Verlegung bzw.
Erweiterung der Spielfläche 2 in nördliche Richtung gemäss den Vorschlägen der
Beschwerdegegnerin nicht.34
f) Für Aufenthaltsbereiche der übrigen Bewohner sind 5 Prozent der Hauptnutz- und
Konstruktionsflächen aller Wohnungen, pro Mehrfamilienhaus mindestens aber 20 m2,
vorzusehen (Art. 45 Abs. 2 BauV). Als Aufenthaltsbereiche werden gemäss den Plänen35
eine Fläche zwischen den Häusern A und B von knapp 20 m2 und eine Fläche auf der
Ostseite von Haus B von rund 20 m2 ausgewiesen. Die geplanten Aufenthaltsflächen
schliessen sowohl zwischen den beiden Gebäuden als auch an der Ostseite von Haus B
unmittelbar an die Fassaden an. Der Aufenthaltsbereich an der Ostfassade von Haus B
weist eine Breite von maximal 3 Meter auf. Dort befinden sich ebenfalls Wohnräume,
weshalb die Privatsphäre der Bewohnerinnen und Bewohner tangiert wird. Bei Einhaltung
des 3-Meter-Streifens gemäss AHOP-Empfehlung kann diese Aufenthaltsfläche nicht
angerechnet werden. Gleiches gilt für den geplanten Aufenthaltsbereich zwischen Haus A
und B, der zwischen Spielfläche 1 und dem Kinderspielplatz liegt: Zieht man auf beiden
Seiten einen Abstand von 3 Metern ab, verbleibt lediglich ein mittiger Streifen von 2
Metern. Damit ist die Vorgabe der AHOP-Empfehlung nach einer minimal nutzbaren Breite
von 5 m nicht erfüllt, weshalb auch dieser Aufenthaltsbereich nicht zu berücksichtigen ist.
Das geplante Bauvorhaben verfügt somit über keine anrechenbaren Aufenthaltsbereiche
im Freien.
g) Zwar liegt die Bauparzelle unbestrittenermassen36 zwischen zwei Strassen
(Kantonsstrasse und Gemeindestrasse) und hat auf der nordwestlichen Seite Richtung
33 Stellungnahme der Gemeinde Meiringen vom 22. September 2017, S. 3 34 Stellungnahme der Beschwerdegegnerin vom 23. August 2017, S. 4 35 Plan Situation Erdgeschoss, Mst. 1:100, Projektänderung 2 36 Vgl. Gesamtentscheid RSA vom 7. April 2017, S. 17/27 sowie Vorakten, Ordner 1: Baugesuch, pag. 15, 17 und 20
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J._bach den Gewässerraum einzuhalten. Andererseits liegt die Parzelle in flachem
Gelände und weist abgesehen vom westlichen Teil einen normalen rechteckigen Grundriss
auf. Es liegen somit entgegen der Ansicht der Beschwerdegegnerin keine derart
schwierigen Grundstückverhältnisse oder besondere Umstände vor, die es rechtfertigen
würden, die Aufenthalts- und Kinderspielplatzfläche herabzusetzen (Art. 45 Abs. 3 BauV).
Die Vorschriften über die Spielplätze und Aufenthaltsbereiche sind auf der Bauparzelle
demzufolge nicht eingehalten.
h) Schliesslich ist von Amtes wegen die Anwendung des am 1. April 2017 in Kraft
getretenen Art. 15 Abs. 5 BauG zu prüfen. Diese Bestimmung sieht vor, dass die
Bauherrschaft von der Erstellung von Kinderspielplätzen und grösseren Spielflächen befreit
werden kann, wenn in der Nähe des Baugrundstücks genügende und gut erreichbare
Kinderspielplätze vorhanden sind. Bauvorhaben sind grundsätzlich nach dem zur Zeit der
Einreichung des Baugesuchs geltenden Recht zu beurteilen (Art. 36 Abs. 1 BauG), es sei
denn, es handle sich beim späteren Recht um milderes Recht. Dies ist hier der Fall.
Vorliegend würde eine Anwendung der neuen Bestimmungen in der Sache nichts ändern
und wird im Übrigen auch nicht geltend gemacht: Art. 15 Abs. 5 BauG sieht eine Befreiung
nur dann vor, wenn Kinderspielplätze und grössere Spielflächen in der Nähe des
Baugrundstücks liegen und gut erreichbar sind. Gemäss den Materialien sind die
Anforderungen an die "Ersatzspielflächen" in quantitativer (Anzahl Flächen, räumliche
Nähe, gute Erreichbarkeit und zeitliche Verfügbarkeit) wie auch in qualitativer Hinsicht zu
verstehen und im Übrigen durch den Verordnungsgeber zu präzisieren.37 Vorliegend sind in
der Nähe bzw. näheren Umgebung des Baugrundstücks keine genügenden und
insbesondere gut erreichbaren Kinderspielplätze ersichtlich.38
5. Fazit
Nach dem Gesagten verletzt das Bauvorhaben die Bestimmungen über die Spiel- und
Aufenthaltsflächen. Die Beschwerde ist aus diesen Gründen gutzuheissen und der
37 Vgl. Vortrag des Regierungsrates an den Grossen Rat vom 2. September 2015 zur Änderung des Baugesetzes und des Dekrets über das Baubewilligungsverfahren, Tagblatt des Grossen Rates 2016, Beilage 8, S. 9 ff. 38 Basiskarte (inkl. Nomenklaturplan) gemäss Geoportal des Kantons Bern; ferner Aufnahmen auf google maps, einsehbar unter: <https://maps.google.ch>
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Bauabschlag ist zu erteilen. Bei diesem Ergebnis brauchen die übrigen Einwände bzw.
Rügen nicht mehr geprüft zu werden.
6. Zusammenfassung und Kosten
a) Zusammenfassend erweist sich das umstrittene Bauvorhaben gemäss den
Projektänderungen 1 und 2 im Beschwerdeverfahren als nicht bewilligungsfähig, da die
geplanten Mehrfamilienhäuser nicht über genügend grosse Kinderspielplätze bzw. über
keine anrechenbaren Aufenthaltsbereiche verfügen. Damit ist die Beschwerde
gutzuheissen. Der vorinstanzliche Entscheid ist aufzuheben und dem Vorhaben ist der
Bauabschlag zu erteilen.
Bei diesem Ausgang erübrigt es sich, auf die weiteren Rügen der Beschwerdeführenden
einzugehen. Die massgeblichen Sachverhaltselemente konnten schliesslich anhand der
zur Verfügung stehenden Akten und Pläne genügend überprüft bzw. festgestellt werden.
Auf die weiteren von den Parteien beantragten Beweismittel (Augenschein, Gutachten
OLK, Gutachten betreffend Gewässerraum) konnte daher verzichtet werden, da von diesen
Beweismitteln keine neuen relevanten Erkenntnisse zu erwarten waren.
b) Die oberinstanzlichen Verfahrenskosten bestehen aus einer Pauschalgebühr. Für
besondere Untersuchungen, Gutachten und dergleichen können zusätzliche Gebühren
erhoben werden (Art. 103 Abs. 1 VRPG39). Für Entscheide in einer Verwaltungsjustizsache
wird eine Pauschalgebühr von Fr. 200.00 bis Fr. 4'000.00 je Beschwerde erhoben (Art. 19
Abs. 1 i.V.m. Art. 4 Abs. 2 GebV40). Die Gebühren bemessen sich bei Rahmentarifen unter
anderem nach der Bedeutung des Geschäfts für die Gebührenpflichtigen und der
wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit der Gebührenpflichtigen (Art. 7 GebV). Die Pauschale
wird festgelegt auf Fr. 2’000.00.
Die Beschwerde wird gutgeheissen. Bei diesem Ausgang des Verfahrens unterliegt die
Beschwerdegegnerin, weshalb ihr die Verfahrenskosten von Fr. 2’000.00 aufzuerlegen sind
(Art. 108 Abs. 1 VRPG).
39 Gesetz vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege (VRPG; BSG 155.21). 40 Verordnung vom 22. Februar 1995 über die Gebühren der Kantonsverwaltung (Gebührenverordnung, GebV; BSG 154.21).
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c) Die amtlichen Kosten für das erstinstanzliche Baubewilligungsverfahren von
Fr. 24'801.30 hat in jedem Fall die Beschwerdegegnerin als Baugesuchstellerin zu tragen
(Art. 52 Abs. 1 BewD).
d) Die unterliegende Partei hat der Gegenpartei die Parteikosten zu ersetzen, sofern
nicht deren prozessuales Verhalten oder die besonderen Umstände eine andere Teilung
oder Wettschlagung gebieten oder die Auflage der Parteikosten an das Gemeinwesen als
gerechtfertigt erscheint (Art. 108 Abs. 3 VRPG). Die Parteikosten umfassen den durch die
berufsmässige Parteivertretung anfallenden Aufwand (Art. 104 Abs. 1 VRPG). Die
obsiegenden Beschwerdeführenden waren durch den gleichen Rechtsvertreter anwaltlich
vertreten. Dessen Kostennote gibt zu keinen Bemerkungen Anlass. Die
Beschwerdegegnerin hat somit den Beschwerdeführenden die Parteikosten von
Fr. 7'854.30 (Honorar: Fr. 7'200.--, Auslagen: Fr. 72.50, Mehrwertsteuer: Fr. 581.80) zu
ersetzen.