Decision ID: 36252702-5af2-4245-841f-bbb9861c21ac
Year: 2017
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Entscheid Versicherungsgericht, 22.03.2017 Art. 28 IVG. Art. 16 ATSG. Art. 43 Abs. 1 ATSG. Würdigung eines psychiatrischen Gutachtens, das hinsichtlich der massgebenden Befunde effektiv nur auf einer „Momentaufnahme“ beruht, da sich die versicherte Person vor der Begutachtung nur sporadisch in psychiatrischer Behandlung befunden hatte. Wesentliche neue Erkenntnisse in der Zeit zwischen der Begutachtung und der Verfügungseröffnung (fast zweieinhalb Jahre), die erhebliche Zweifel an der Zuverlässigkeit des auf einer „Momentaufnahme“ beruhenden Gutachtens wecken (Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 22. März 2017, IV 2014/202). Entscheid vom 22. März 2017 Besetzung Präsidentin Karin Huber-Studerus, Versicherungsrichter Joachim Huber und Ralph Jöhl; Gerichtsschreiber Tobias Bolt Geschäftsnr. IV 2014/202 Parteien A._, Beschwerdeführerin, vertreten durch Rechtsanwältin lic. iur. Lisa Etter-Steinlin, Bahnhofstrasse 8, Postfach 128, 9004 St. Gallen, gegen IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen, Beschwerdegegnerin, Gegenstand Rente (Befristung) Sachverhalt
A.
A.a A._ meldete sich im Mai 2007 zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung an (IV-act. 4). Sie gab an, sie habe nach der schulischen
Ausbildung während eines Jahres an einem polytechnischen Lehrgang teilgenommen
und später als Serviertochter gearbeitet. In den Jahren 2002–2005 sei sie selbständig
erwerbstätig gewesen. Im Juli 2006 hatte die Psychiaterin med. pract. B._ berichtet
(IV-act. 5), die Versicherte leide an einer Anpassungsstörung mit einer längeren
depressiven Reaktion vor dem Hintergrund einer psychosozialen Verwahrlosung mit
Problemen in der Lebensführung und einer negativ veränderten Struktur der
Familienbeziehung in der Kindheit. Aktuell sei sie vollständig arbeitsunfähig. Das
Psychiatrie-Zentrum C._ berichtete im Oktober 2007 (IV-act. 41), die Versicherte
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leide an einer posttraumatischen Belastungsstörung, die durch den Suizid eines
Kollegen im Januar 2006 ausgelöst worden sei. Am meisten habe die Versicherte
traumatisiert, dass sie damals in der Dunkelheit über Teile des toten Kollegen gelaufen
und ihr dies erst später bewusst geworden sei. Nach wie vor träten mehrmals pro
Woche flash-backs auf. Daneben leide die Versicherte an einer Anpassungsstörung mit
einer längeren depressiven Reaktion, deren Hauptursache ihren Angaben zufolge in
hypochondrischen Symptomen des Ehemannes zu finden sei. Aktuell sei sie zu 50
Prozent (vier Stunden pro Tag) arbeitsfähig. Langfristig erscheine eine Steigerung des
Arbeitspensums auf 80 Prozent als möglich. Im Februar 2008 berichtete das
Psychiatrie-Zentrum C._ (IV-act. 62), die Versicherte werde mittel- bis langfristig
wieder zu 100 Prozent arbeitsfähig sein. Aktuell liege die Arbeitsfähigkeit nach wie vor
bei 50 Prozent. In den nächsten Monaten könne das Pensum aber langsam von 50
Prozent auf 100 Prozent erhöht werden. Allerdings sei nicht ausgeschlossen, dass es
hinsichtlich der posttraumatischen Belastungsstörung zu einem Rückfall kommen
könnte, der eine vollständige Arbeitsunfähigkeit zur Folge haben würde. Im Juli 2008
notierte Dr. med. D._ vom IV-internen regionalen ärztlichen Dienst (RAD), seines
Erachtens sei ab Februar 2008 wieder von einer vollständigen Arbeitsfähigkeit
auszugehen; die Versicherte sei in den Monaten Juli bis Oktober 2007 zu 100 Prozent
und von Oktober 2007 bis Februar 2008 zu 50 Prozent arbeitsunfähig gewesen (IV-act.
64). Obwohl die Versicherte in der Folge darauf hingewiesen hatte, dass sie aufgrund
von somatischen Beschwerden im Bereich der Hände nicht arbeitsfähig sei, wies die
IV-Stelle ihr Rentenbegehren mit einer Verfügung vom 23. Januar 2009 ab (IV-act. 74).
A.b Dagegen erhob die Versicherte am 10. Februar 2009 eine Beschwerde an das
Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen (IV-act. 78). Mit einem Entscheid vom 9.
Dezember 2010 (IV 2009/50; vgl. IV-act. 92) hob das Versicherungsgericht die
angefochtene Verfügung auf. Es wies die Sache zur weiteren Abklärung und zur
anschliessenden neuen Verfügung an die IV-Stelle zurück. Zur Begründung führte es
aus, in somatischer Hinsicht erweise sich der massgebende medizinische Sachverhalt
als ungenügend abgeklärt. Auch hätte geprüft werden müssen, ob die Arbeitsfähigkeit
der Versicherten allenfalls weiterhin oder wieder neu durch eine psychische
Gesundheitsbeeinträchtigung eingeschränkt gewesen sei. Am 14. Januar 2011
beauftragte die IV-Stelle die medizinische Abklärungsstelle (MEDAS) Zentralschweiz
mit einer polydisziplinären Begutachtung der Versicherten. Das entsprechende
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Gutachten wurde am 11. Januar 2012 erstattet (IV-act. 101). Die Sachverständigen
hielten fest, die Versicherte leide an einer posttraumatischen Belastungsstörung, an
einer anhaltenden somatoformen Schmerzstörung sowie – ohne Auswirkung auf die
Arbeitsfähigkeit – an einem nicht klassifizierbaren Irritationssyndrom des
Schultergürtels und der oberen Extremitäten mit einer fibromyalgiformen
Reaktionsbereitschaft, an einer Periarthropathie der linken Schulter mit einer
Supraspinatusbeteiligung, an einer Pericoxalgie beidseits und möglicherweise an
einem atypischen Karpaltunnelsyndrom links. Aus rheumatologischer Sicht könne
weder aktuell noch retrospektiv eine Arbeitsunfähigkeit attestiert werden. Aus
psychiatrischer Sicht stehe diagnostisch die posttraumatische Belastungsstörung im
Vordergrund, die eng mit der anhaltenden somatoformen Schmerzstörung
zusammenhänge. Beide Störungen seien aber nicht mehr stark ausgeprägt.
Gesamthaft sei die Arbeitsfähigkeit der Versicherten für jede in Frage kommende
Tätigkeit zu 30 Prozent beeinträchtigt. Im eigenen Haushalt betrage der
Arbeitsunfähigkeitsgrad 20 Prozent. Der Beginn der Arbeitsunfähigkeit sei auf den
Zeitpunkt des Suizides des Kollegen, also auf den 31. Januar 2006 beziehungsweise
auf den 1. Februar 2006 festzusetzen. Angesichts der dünnen Aktenlage könne für den
weiteren Verlauf keine rechtsgenügliche Arbeitsfähigkeitsschätzung abgegeben
werden. Allerdings sei darauf hinzuweisen, dass im Zeitpunkt der Anmeldung zum
Leistungsbezug im Mai 2007 eine vollständige Arbeitsunfähigkeit attestiert gewesen
sei, dass der Versicherten ab dem 1. Juli 2007 eine Arbeitsfähigkeit von 50 Prozent
attestiert worden sei, dass dieses Attest am 26. Februar 2008 letztmals fachärztlich
bestätigt worden sei und dass man aber bereits anlässlich einer stationären beruflichen
Abklärung im September bis November 2007 davon ausgegangen sei, die
Arbeitsfähigkeit sei steigerbar. Der RAD-Arzt Dr. med. E._ erachtete das Gutachten
als überzeugend (IV-act. 102). Er hielt fest, dass von einer vollständigen
Arbeitsunfähigkeit für die Zeit von Februar 2006 bis Juni 2007, von einer vollständigen
Arbeitsfähigkeit für die Zeit von Juli 2007 bis Oktober 2007, von einer
Arbeitsunfähigkeit von 50 Prozent für die Zeit von Oktober 2007 bis Februar 2008 und
von einer Arbeitsunfähigkeit von 30 Prozent seit Februar 2008 und bis auf weiteres
auszugehen sei.
A.c Mit einem Vorbescheid vom 9. Februar 2012 teilte die IV-Stelle der Versicherten
mit (IV-act. 107), dass sie vorsehe, ihr für die Zeit vom 1. Februar 2007 bis zum 30.
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September 2007 eine ganze und für die Zeit vom 1. Oktober 2007 bis zum 31. Mai
2008 eine halbe Rente zuzusprechen. Für die Zeit nach dem 31. Mai 2008 bestehe bei
einem Invaliditätsgrad von 30 Prozent kein Anspruch auf eine Rente der
Invalidenversicherung. Am 12. März 2012 liess die Versicherte eine „Einsprache“
erheben (IV-act. 108). Ihre Rechtsvertreterin beantragte die Aufhebung der „Verfügung“
vom 9. Februar 2012 und die Zusprache einer Rente. Eventualiter beantragte sie die
Durchführung eines Arbeitsversuchs beginnend mit einem Pensum von 50 Prozent. Sie
reichte eine Stellungnahme des Allgemeinmediziners Dr. med. F._ vom 8. März 2012
ein (IV-act. 110). Dieser hatte ausgeführt, vom behandelnden Rheumatologen sei eine
vollständige Arbeitsunfähigkeit für die angestammte Tätigkeit als Raumpflegerin
attestiert worden. Die behandelnden Psychiater hätten eine Arbeitsunfähigkeit von
mindestens 50 Prozent attestiert. Zur Bestimmung des Arbeitsunfähigkeitsgrades
empfehle sich ein Arbeitsversuch. Am 13. April 2012 liess die Versicherte ergänzend
festhalten, dass das gesamte Gutachten der MEDAS Zentralschweiz widersprüchlich
sei und dass nun berufliche Massnahmen angezeigt seien (IV-act. 114).
A.d Am 8. Mai 2012 teilte die IV-Stelle der Versicherten mit, dass sie Abklärungen
bezüglich der Möglichkeiten einer beruflichen Eingliederung tätigen werde (IV-act. 118).
Am 25. Mai 2012 fand ein persönliches Gespräch zwischen der Versicherten und einer
Eingliederungsverantwortlichen der IV-Stelle statt (IV- act. 120). Dabei gab die
Versicherte an, sie werde Mitte Juli 2012 für einen wahrscheinlich drei Monate
dauernden stationären Aufenthalt in die Klinik G._ eingewiesen. Am 30. August 2012
erfuhr die IV-Stelle, dass die Versicherte nicht stationär behandelt worden war, sondern
sich nur in ambulanter Behandlung im Tageszentrum befunden hatte (IV-act. 121).
Anlässlich eines Telefonats vom 4. September 2012 gab die Versicherte der
Eingliederungsverantwortlichen an, dass der Aufenthalt auf Oktober 2012 verschoben
worden sei (IV-act. 122). Am 22. Oktober 2012 teilte sie mit, dass nach wie vor
ungewiss sei, ob ein stationärer Aufenthalt stattfinden werde. Sie werde nun aber nach
H._ reisen, um ihren Vater zu betreuen. Am 18. April 2013 teilte die Klinik G._ mit,
dass die Versicherte im Februar 2013 stationär behandelt worden sei und danach in die
Tagesklinik gewechselt habe (IV-act. 126). Am 26. Juni 2013 befand sich die
Versicherte immer noch in teilstationärer Behandlung (IV-act. 128). Die
Eingliederungsverantwortliche schloss die berufliche Eingliederung aufgrund der
Instabilität des Gesundheitszustandes der Versicherten ab (IV-act. 129 und 131). Am
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15. August 2013 berichtete die Klinik G._ (IV-act. 137), die Versicherte leide an einer
posttraumatischen Belastungsstörung, an einer rezidivierenden depressiven Störung
mit einer gegenwärtig mittelgradigen Episode und einem somatischen Syndrom sowie
gemäss den Akten an einem langjährigen, chronischen fibromyalgiformen Ganzkörper-
Schmerzsyndrom. Bis auf weiteres sei sie vollständig arbeitsunfähig. In einem
Verlaufsbericht der Klinik G._ vom 31. Oktober 2013 (IV-act. 140) wurde über einen
stationären Gesundheitszustand berichtet. Die Ärzte führten aus, man habe die
Behandlung vorläufig ausgesetzt und werde die therapeutischen Ziele neu evaluieren.
Angaben zur Arbeitsfähigkeit wurden nicht gemacht. Am 25. November 2013 notierte
die RAD-Ärztin Dr. med. I._ (IV-act. 141), aus versicherungsmedizinischer Sicht lasse
sich anhand der ärztlichen Berichte keine anhaltende, wesentliche Verschlechterung
des Gesundheitszustandes der Versicherten im Vergleich zum im Gutachten der
MEDAS Zentralschweiz geschilderten Zustand feststellen. Am 26. November 2013
räumte die IV-Stelle der Versicherten die Gelegenheit ein, Stellung zu den
zwischenzeitlich eingeholten medizinischen Berichten zu nehmen (IV-act. 142). Mit
einer Verfügung vom 10. März 2014 sprach sie der Versicherten für die Zeit vom 1.
Februar 2007 bis zum 30. September 2007 eine ganze und für die Zeit vom 1. Oktober
2007 bis zum 31. Mai 2008 eine halbe Rente zu (IV-act. 160 f.).
B.
B.a Am 4. April 2014 liess die Versicherte (nachfolgend: die Beschwerdeführerin) eine
Beschwerde erheben (act. G 1). Ihre Rechtsvertreterin beantragte die Aufhebung der
Verfügung vom 10. März 2014 und die Zusprache einer halben Rente über den 31. Mai
2008 hinaus sowie eventualiter die Rückweisung der Sache zur weiteren Abklärung und
anschliessender neuen Verfügung an die IV-Stelle (nachfolgend: die
Beschwerdegegnerin). Zur Begründung führte sie aus, anhand der medizinischen
Berichte könne nicht nachvollzogen werden, weshalb die Rente per 31. Mai 2008
befristet worden sei. Die Beschwerdeführerin befinde sich nach wie vor in fachärztlicher
Behandlung.
B.b Am 27. Mai 2014 wurde der Beschwerdeführerin die unentgeltliche Rechtspflege
bewilligt (act. G 5).
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B.c Die Beschwerdegegnerin beantragte am 29. September 2014 die Abweisung der
Beschwerde (act. G 12). Zur Begründung führte sie aus, es bestehe kein Grund, nicht
auf das Gutachten der MEDAS Zentralschweiz abzustellen. Unter Berücksichtigung der
Dreimonatsfrist des Art. 88a Abs. 1 IVV sei die Rente zu Recht ab Oktober 2007
herabgesetzt und ab Juni 2008 aufgehoben worden.
B.d Die Beschwerdeführerin verzichtete auf eine Replik (act. G 20). Am 16. April 2015
liess sie einen Verlaufsbericht des Psychiatrie-Zentrums C._ vom 24. März 2015
einreichen (act. G 23.1.1), in dem weiterhin eine vollständige Arbeitsunfähigkeit
attestiert worden war. Am 28. September 2015 liess sie einen Bescheid der H._schen
Pensionsversicherungsanstalt vom 18. August 2015 einreichen (act. G 25.1.1), mit dem
ihr eine Invaliditätspension über den 30. Juni 2015 hinaus gewährt worden war. Am 30.
Juni 2016 liess sie einen Verlaufsbericht des Psychiatrie-Zentrums C._ vom 7. Juni
2016 einreichen (act. G 27.1), in dem ihr weiterhin eine vollständige Arbeitsunfähigkeit
attestiert worden war.
B.e Die Beschwerdegegnerin liess sich nicht vernehmen.
B.f Am 21. November 2016 teilte das Versicherungsgericht der Beschwerdeführerin
mit (act. G 29), bei einer ersten Durchsicht der Akten sei aufgefallen, dass für die Zeit
zwischen September 2006 und Mai 2007 keine medizinischen Berichte bei den Akten
lägen. In einem Bericht vom 5. Juli 2007 habe Dr. J._ für die Zeit ab dem 1.
September 2006 eine vollständige Arbeitsfähigkeit attestiert, was eine Verbesserung
des Gesundheitszustandes zumindest nicht ausschliesse. Zusammenfassend könnte
eine Beweislosigkeit hinsichtlich einer relevanten Arbeitsunfähigkeit im erwähnten
Zeitraum vorliegen, die sich zulasten der Beschwerdeführerin auswirken würde und
folglich zu einer reformatio in peius führen könnte. Das Versicherungsgericht räumte
der Beschwerdeführerin die Möglichkeit zur Stellungnahme oder zum Rückzug der
Beschwerde ein.
B.g Am 12. Dezember 2016 liess die Beschwerdeführerin geltend machen (act. G 30),
sie sei auch in der Zeit von September 2006 bis Mai 2007 behandlungsbedürftig
gewesen, habe sich aber die regelmässigen Konsultation aufgrund eines
Prämienausstandes bei der obligatorischen Krankenpflegeversicherung nicht leisten
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können. Die Medikamente habe sie aber weiterhin bezogen. Zum Beweis dieser
Ausführungen liess die Beschwerdeführerin einen Auszug aus der Krankengeschichte
einreichen (act. G 30.1.1). In dieser hatte Dr. J._ am 8. September 2006 vermerkt, die
Beschwerdeführerin leide an einer Depression und sei für die Zeit vom 1. September
2006 bis auf weiteres vollständig arbeitsunfähig. Am 12. September 2006 hatte er der
Beschwerdeführerin Medikamente abgegeben. Am 15. September 2006 hatte die EL-
Durchführungsstelle einen detaillierten Arztbericht verlangt, den Dr. J._ am 21.
September 2006 erstattet hatte. Am 5. Oktober 2006 hatte Dr. J._ die finanziellen
Probleme vermerkt. Am 28. November 2006 hatte er Medikamente abgegeben. Am 28.
Dezember 2006 hatte er erneut Medikamente abgegeben. Am 8. Mai 2007 hatte er
nochmals die finanziellen Probleme vermerkt. Am 14. Januar 2017 liess die
Beschwerdeführerin ein Schreiben von Dr. B._ einreichen (act. G 32 und G 32.1).
Diese hatte ausgeführt, sie habe die Beschwerdeführerin am 6. und am 30. Juni 2006
selbst behandelt. Am 4., 11. und 18. Juli sowie am 8., 13. und 23. August 2006 habe
die Beschwerdeführerin den delegiert arbeitenden Psychologen konsultiert. Die
Behandlung sei dann von der Beschwerdeführerin ohne Angabe von Gründen
abgebrochen worden, indem diese einfach nicht mehr zur nächsten vereinbarten
Konsultation erschienen sei. Die Behandlungshonorare seien nicht bezahlt worden.

Erwägungen
1.
Eine versicherte Person, die ihre Erwerbsfähigkeit nicht durch zumutbare
Eingliederungsmassnahmen wieder herstellen, erhalten oder verbessern kann, die
während eines Jahres durchschnittlich mindestens 40 Prozent arbeitsunfähig gewesen
ist und die nach dem Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 Prozent invalid ist, hat
gemäss dem Art. 28 Abs. 1 IVG einen Anspruch auf eine Rente der
Invalidenversicherung. Für die Bestimmung der Invalidität wird laut dem Art. 28a Abs. 1
IVG i.V.m. dem Art. 16 ATSG das Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach
dem Eintritt der Invalidität und nach der Durchführung der medizinischen Behandlung
und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei einer
ausgeglichenen Arbeitsmarktlage erzielen könnte, zu dem Erwerbseinkommen in
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Beziehung gesetzt, das die versicherte Person erzielen könnte, wenn sie nicht invalid
geworden wäre.
2.
2.1 Das zumutbarerweise erzielbare Invalideneinkommen hängt massgebend von der
Arbeitsfähigkeit der versicherten Person ab. Zur Beantwortung der Frage nach der
Arbeitsfähigkeit hat die Beschwerdegegnerin ein polydisziplinäres Gutachten bei der
MEDAS Zentralschweiz eingeholt. Deren Sachverständige haben die
Beschwerdeführerin persönlich untersucht und sich mit den Akten der behandelnden
Ärzte auseinandergesetzt. Sie haben die geklagten Beschwerden und die von ihnen
erhobenen objektiven Befunde detailliert wiedergegeben und ihre Diagnosen sowie ihre
Arbeitsfähigkeitsschätzung ausführlich, nachvollziehbar und überzeugend begründet.
Dem psychiatrischen Teilgutachten könnte zwar entgegen gehalten werden, dass es
sich an der seit dem BGE 141 V 281 überholten Rechtsprechung zu anhaltenden
somatoformen Schmerzstörungen und ähnlichen Gesundheitsbeeinträchtigungen
orientiere. Allerdings hat sich der psychiatrische Sachverständige nicht eingehend mit
den sogenannten Foerster’schen Kriterien auseinandergesetzt und seine
Arbeitsfähigkeitsschätzung entsprechend auch nicht mit der (mittlerweile
aufgegebenen) Überwindbarkeitsvermutung begründet. Vielmehr hat er sich in einem
gesonderten Abschnitt zu den Ressourcen und den Einschränkungen der
Beschwerdeführerin geäussert („Mini-ICF“) und begründet, weshalb der
Beschwerdeführerin trotz ihrer Beschwerden eine Arbeitstätigkeit zugemutet werden
könne und weshalb sie aber nicht in der Lage sei, eine volle Arbeitsleistung zu
erbringen. Die von ihm attestierte Arbeitsunfähigkeit von 30 Prozent vermag angesichts
des klinischen Befundes, der Diagnosen und der Gegenüberstellung der Ressourcen
und Einschränkungen grundsätzlich zu überzeugen. Auch die RAD-Ärzte Dres. E._
und I._ haben das Gutachten als überzeugend qualifiziert.
2.2 Nun sind aber nach der Begutachtung mehr als zwei Jahre vergangen, bis die
angefochtene Verfügung erlassen worden ist. In dieser Zeit hat sich in Bezug auf die
psychische Beeinträchtigung der Beschwerdeführerin einiges zugetragen. Gemäss den
Angaben der psychiatrischen Dienste Süd (IV-act. 137) hat sich der psychische
Gesundheitszustand im März 2012 massiv verschlechtert. Am 11. Februar 2013 ist die
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Beschwerdeführerin zu einer stationären Therapie in die Klinik G._ eingetreten. Sie ist
damit überfordert gewesen, weshalb auf eine teilstationäre Therapie umgestellt worden
ist. Diese Therapie ist zunächst auf eine Suizidprävention ausgerichtet gewesen; der
Verlauf der Behandlung ist dementsprechend sehr schleppend gewesen. Eigentlich
hätte eine erneute stationäre Behandlung erfolgen sollen, was aber unterblieben ist. Die
Symptombeschreibung ist wesentlich von derjenigen im Gutachten abgewichen. In
einem Bericht vom 31. Oktober 2013 (IV-act. 140) haben die psychiatrischen Dienste
unter anderem festgehalten, dass eine äusserst rigide, zwanghafte Tagesstruktur und
ebensolche Gewohnheiten exploriert worden seien. Am 24. März 2015 (act. G 23.1.1)
haben die psychiatrischen Dienste berichtet, die suizidalen Impulse hätten immer
wieder abgefangen werden können, sodass eine stationäre Behandlung habe
umgangen werden können. Es liege eine unveränderte, schwerwiegende und
umfassende psychische Symptomatik vor. Diese zeige im Längsschnitt äusserst rigide
Denkstrukturen, eine schwere Tag-Nacht-Rhythmusstörung und multiple Ängste. Diese
– mehrheitlich aus der Zeit vor dem Erlass der angefochtenen Verfügung stammenden
– Angaben wecken erhebliche Zweifel an der Zuverlässigkeit des psychiatrischen
Teilgutachtens der MEDAS Zentralschweiz. Zwar kann dem psychiatrischen
Sachverständigen kein Vorwurf gemacht werden, denn soweit dies für einen
medizinischen Laien beurteilbar ist, hat er sein Gutachten lege artis und sorgfältig
erstellt. Ihm hat aber praktisch keine psychiatrische Krankengeschichte vorgelegen, da
sich die Beschwerdeführerin vor der psychiatrischen Begutachtung noch praktisch
kaum hatte psychiatrisch behandeln lassen (was zum Teil auf Prämienausstände und
eine entsprechende Weigerung der obligatorischen Krankenpflegeversicherung,
Behandlungskosten zu vergüten, zurückzuführen ist). Für die Zeit bis zum November
2011 fehlt deshalb eine brauchbare psychiatrische Krankengeschichte, die dem
Sachverständigen die besonders bei psychiatrischen Abklärungen unverzichtbare
Dauerbeobachtung des Krankheitsgeschehens hätte verschaffen können.
Erfahrungsgemäss ist es nämlich bei psychisch Kranken immer wieder so, dass erst
eine langjährige Krankheitsentwicklung und -beobachtung es erlaubt, die richtige
Diagnose zu stellen und damit die Arbeitsfähigkeit überzeugend einzuschätzen. Daran
fehlt es beim Gutachten, das deshalb effektiv auf einer „Momentaufnahme“ beruht.
Insbesondere die Rigidität des Verhaltens der Beschwerdeführerin deutet darauf hin,
dass der psychiatrische Sachverständige den Zustand falsch eingeschätzt haben
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könnte. Die langfristige Sicht ist erst lange nach der Begutachtung einigermassen
möglich geworden, weil die Beschwerdeführerin anschliessend in einer konsequenten
psychotherapeutischen Behandlung gewesen ist. Aus der Sicht eines medizinischen
Laien besteht der Verdacht, dass hier einer jener Fälle vorliegen könnte, bei denen erst
durch eine Begutachtung, die sich auf eine mehrjährige Beobachtung stützt,
überzeugend ermittelt werden kann, welche Krankheit in welchem Schweregrad
vorliegt und welche Arbeitsunfähigkeit daraus resultiert. Die Aussage der
psychiatrischen Dienste, im März 2012 habe sich die Situation erheblich verschlechtert,
spricht nicht gegen diese Interpretation der Akten, denn dabei kann es sich um eine
Episode besonderer Stärke gehandelt haben, die nicht allein zu erklären vermag,
weshalb die Einschätzung des psychiatrischen Sachverständigen und diejenige der
psychiatrischen Dienste so weit voneinander abweichen. Vor diesem Hintergrund
vermag das Gutachten der MEDAS Zentralschweiz den massgebenden Sachverhalt
nicht mit dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu
belegen. Der Sachverhalt erweist sich folglich als ungenügend abgeklärt, weshalb die
angefochtene Verfügung in Verletzung der Untersuchungspflicht (Art. 43 Abs. 1 ATSG)
ergangen und deshalb als rechtswidrig aufzuheben ist. Da es nicht die Aufgabe des
Versicherungsgerichtes sein kann, ein Versäumnis der Beschwerdegegnerin
hinsichtlich derer ureigensten Aufgabe, nämlich der Sachverhaltsabklärung,
nachzuholen, ist die Sache zur weiteren Abklärung, insbesondere zur erneuten
psychiatrischen Begutachtung, an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
3.
Hinsichtlich der Kosten- und Entschädigungsfolgen ist dieses Ergebnis
rechtsprechungsgemäss als ein Obsiegen der Beschwerdeführerin zu qualifizieren. Die
Gerichtskosten, die angesichts des durchschnittlichen Verfahrensaufwandes auf 600
Franken festzusetzen sind, sind folglich von der Beschwerdegegnerin zu bezahlen.
Diese hat der Beschwerdeführerin zudem eine Parteientschädigung auszurichten. Der
Vertretungsaufwand ist als unterdurchschnittlich zu qualifizieren, denn die
Rechtsvertreterin der Beschwerdeführerin hat nur eine summarisch begründete
Beschwerdeschrift eingereicht und trotz ihres Begehrens um die Möglichkeit zur
Einreichung einer Beschwerdeergänzung und trotz mehreren Fristverlängerungen die
Frist zur Einreichung einer Beschwerdeergänzung unbenützt verstreichen lassen. Die
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gesamte Beschwerdebegründung hat sich auf wenige Zeilen beschränkt. Ein
Anhaltspunkt dafür, dass die Rechtsvertreterin, die die Beschwerdeführerin schon im
Verwaltungsverfahren vertreten hatte, die Akten nochmals studiert hätte, findet sich
nicht. Nach mehreren Fristerstreckungsgesuchen hat die Rechtsvertreterin schliesslich
auch auf die Einreichung einer Replik verzichtet. In der Folge hat sie zwar noch drei
Aktenstücke eingereicht und auf einer halben A4-Seite Stellung zur angedrohten
reformatio in peius genommen. Dafür war nur ein minimaler Aufwand nötig. Gesamthaft
rechtfertigt es sich, die Parteientschädigung auf 1'500 Franken (einschliesslich
Barauslagen und Mehrwertsteuer) festzusetzen.