Decision ID: 6ee6d690-7878-4846-aa61-1f4c6cb9456a
Year: 2022
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
X._
,
geboren 1958,
war zuletzt
in einem Teilzeitpensum
bei der
Y._
AG als Reinigungsmitarbeiterin tätig (Urk. 7/15)
. Unter Hinweis auf Schmerzen in
Rücken, Arm
e
n
, Beine
n
und Knie rechts
, welche seit einem Unfall vom 14. Oktober 2019 verstärkt seien,
meldete sich die Versicherte am 15.
März 2020 bei der Invalidenversicherung zum Leistungsbezug an (Urk. 7/5). Die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, klärte die medizinische und erwerbliche Situation ab und zog Akten der Suva bei (Urk.
7/8
/1-86
).
Am 10.
September 2020 forderte die IV-Stelle die Versicherte
auf, sich Behandlungen
zur Verbesserung des Gesundheitszustandes zu unterziehen und ihrer Schaden
minderungspflicht nachzukommen (Urk. 7/46).
Nach
ergänzenden Abklärungen und
durchgeführtem
Vorbescheidverfahren
(Urk. 7/69; Urk.
7/76) verneinte die IV-Stelle mit Verfügung vom 4. März 2022 (Urk. 2) einen Rentenanspruch.
2.
Die Versicherte erhob am 4. April 2022 Beschw
erde gegen die Verfügung vom 4.
März 2022 (Urk. 2) und beantragte, diese sei aufzuheben und es se
i ihr eine ganze Invalidenrente
zuzusprechen, eventualiter eine
Viertelsrente
ab September 2021,
subeventualiter
sei ein psychiatrisches und neuropsychologisches Gutach
ten in Auftrag zu geben (Urk. 1 S. 2).
Die IV-Stelle beantragte mit Beschwerdeantwort vom 19. Mai 2022 (Urk. 6) die Abweisung der Beschwerde. Dies wurde der Beschwerdeführerin am 20. Mai 20
22 zur Kenntnis gebracht (Urk. 8
).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Am 1. Januar 2022 sind die geänderten Bestimmungen des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG), der Verordnung über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSV), des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG) sowie der Verordnung über die Invaliden
versicherung (IVV) in Kraft getreten.
In zeitlicher Hinsicht sind
vorbehältlich besonderer übergangsrechtlicher Rege
lungen
grundsätzlich diejenigen Rechtssätze massgebend, die bei Erfüllung des rechtlich zu ordnenden oder zu Rechtsfolgen führenden Tatbestandes Geltung haben (BGE 146 V 364 E. 7.1, 144 V 210 E. 4.3.1, je mit Hinweisen). Da der Zeit
punkt des Invaliditätseintritts (Art. 28 Abs. 1 und 1
bis
IVG) und jener des Renten
anspruchs nicht unbedingt identisch sind, fällt eine Invalidenrente unter das neue Recht, wenn der Anspruchsbeginn ab dem 1. Januar 2022 liegt, auch wenn die Invalidität vor diesem Zeitpunkt eingetreten ist. Neurechtliche Invalidenrenten sind somit Renten, auf die gemäss Art. 29 Abs. 1 und 2 IVG der Anspruch ab dem 1. Januar 2022 entsteht (
vgl.
Rz
. 1008 des Kreisschreibens zu den Übergangsbe
stimmungen zur Einführung des linearen Rentensystems, KS ÜB WE IV, gültig ab 1. Januar 2022).
Die angefochtene Verfügung erging nach dem 1. Januar 2022.
Da der frühestmögliche Rentenanspruch vorliegend bereits vor dem 1. Januar 2022 entstanden ist, sind die bis 31. Dezember 2021 gültig gewesenen Rechtsvorschriften anwendbar, die nachfolgend auch in dieser Fassung zitiert werden.
1.2
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 ATSG). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kom
menden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.3
Anspruch auf eine Rente haben gemäss Art. 28 Abs. 1 IVG Versicherte, die:
a.
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betäti
gen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen
wieder herstellen
, erhalten oder verbessern können;
b.
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindes
tens 40 % arbeitsunfähig (Art. 6 ATSG) gewesen sind; und
c.
nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (Art. 8 ATSG) sind.
Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % besteht Anspruch auf eine
Vier
telsrente
, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 % auf eine
Dreiviertelsrente
und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 % auf eine ganze Rente (Art. 28 Abs. 2 IVG).
1.4
Anspruch auf eine Rente haben Versicherte
somit
, wenn sie während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindestens 40 % arbeitsunfähig gewesen und nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid sind (Art. 28 Abs. 1
lit
. b und c IVG). Die Rentenhöhe ist sowohl vom Ausmass der nach Ablauf der Wartezeit weiterhin bestehenden Erwerbsunfähigkeit als auch von einem ent
sprechend hohen Grad der durchschnittlichen Arbeitsunfähigkeit während des vorangegangenen Jahres abhängig. Somit kommt eine ganze Rente erst in Betracht, wenn der Versicherte während eines Jahres durchschnittlich mindestens zu 70 % arbeitsunfähig gewesen und weiterhin wenigstens im gleichen Umfang invalid im Sinne von Art. 28 Abs. 2 IVG ist (vgl. Urteil I 392/02 vom 23.
Oktober
2003 E. 4.2.1).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin führte zur Begründung ihrer Verfügung
vom 4.
März
2022 (Urk. 2)
aus, dass die medizinischen Abklärungen ergeben hätten, dass de
r
Beschwerdeführerin ihr
e
bisherige Tätigkeit als Reinigungskraft weiterhin zu zwei Stunden am T
ag zumutbar sei. In einer angepassten Tätigkeit liege aus medizini
scher Sicht eine 50%ige Arbeitsfähigkeit vor. Die Beschwerdeführerin würde bei voller Gesundheit seit September 2021
in
einem Pensum von 70 % erwerbstätig und zu 30 % im Haushalt tätig sein. Zuvor habe die Qualifikation bei einem Anteil von 24 % im Erwerb und 76 % in der Haushaltstätigkeit gelegen (S. 1). Hinsicht
lich Qualifikation führte die Beschwerdegegnerin weiter aus, dass der Ehemann pensioniert sei und die Zusatzleistungen per September 2021 eingestellt worden seien. Es sei daher nachvollziehbar, dass die Beschwerdeführerin ohne Gesund
heitsschaden ihr Arbeitspensum aufgestockt hätte. Um die Grundkosten für den Lebensunterhalt abdecken zu können, sei neben der AHV-Rente des Ehemannes
noch ein Einkommen von rund Fr.
27'000.--
pro Jahr nötig, was die Beschwer
deführerin als Reinigungsmitarbeiterin mit einem Pensum von rund 70 % erreicht hätte. Deshalb sei die Qualifikat
ion ab September 2021 auf 70 % e
rwerbstätig und 30 % im Haushalt
tätig
festgelegt worden (S. 2). Die Einschränkungen im Haus
halt lägen bei 13.20 % (S. 1). Daraus ergebe sich ein IV-Grad von 22 % bis August 2021 und 39 % ab September 2021, womit kein Rentenanspruch bestehe. Die Verwertbarkeit sei gegeben, da
Hilfsarbeiten auf dem ausgeglichenen Arbeits
markt grundsätzlich altersunabhängig nachgefragt w
ü
rden (S. 2).
2.2
Die
Beschwerdeführer
in
hielt dagegen (Urk. 1), dass sie zum frühestmöglichen Rentenbeginn im Oktober 2020 bereits beinahe 62 Jahre alt gewesen sei und die
ses Jahr ordentlich pensioniert werde. Sie verfüge über keine Berufsausbildung und habe jahrelang ein Teilzeitpensum in der Reinigungsbranche ausgeübt, welches nicht mehr bzw. bloss in geringem Ausmass noch möglich sei. Die von der Beschwerdegegnerin behaupteten Nischenarbeitsplätze für
eine 63jährige gebe es nicht. E
s müsse von einer Unverwertbarkeit der Restarbeitsfähigkeit ausgegangen werden, weshalb ihr ab Oktober 2020 eine ganze Invalidenrente zuzusprechen sei (S. 5). Sollte wider
Erwarten
von einer Verwertbarkeit ausge
gangen werden, so habe sie Anspruch auf mindestens eine
Viertelsinvalidenrente
. Werde von einer Qualifikation von 70 % im Erwerb ausgegangen, so bestehe Anspruch auf einen Leidensabzug. Aufgrund der massiven gesundheitlichen Lei
den und vor allem auch wegen des fortgeschrittenen Alters rechtfertige sich ein Leidensabzug von mindestens 10 %, womit bei der Verwendung der gemischten Methode ein Invaliditätsgrad von 42.5 % resultiere, sodass Anspruch auf mindes
tens eine
Viertelsinvalidenrente
bestehe (S. 6). Sollte auch dieser Rentenanspruch wider Erwarten nicht ausgewiesen sein,
müss
t
e ein psychiatrisches und neurolo
gisches Gutachten in Auftrag geben werden,
da die Beurteilung des
regional
en
ärztlichen Dienstes (
RAD
)
nicht schlüssig sei und die Beschwerdegegnerin
selber
auf diese A
bklärung nicht ab
ge
stellt
hab
e
, sondern
von sich aus
eine 50%ige
Arbeitsunfähigkeit in an
gepasster Tätigkeit annehme
(S. 6).
3.
3.1
Im Arztbericht von Dr. med.
Z._
, Fachärztin FMH Rheumatologie und Innere Medizin, vom 13. Mai 2020 (Urk. 7/34) wurden folgende Diagnosen aufgelistet
(S.
1
)
:
-
Generalisiertes Schmerzsyndrom seit Jahren
-
c
hroni
fiziertes
lumbal betontes
Panver
tebral
syndrom
mit
spondyloge
ner
Auss
t
rahlung lumba
l rechts
-
Gonarthrosen rechtsbetont aktiviert
-
Coxarthrosen
bds
.
-
Karpaltunnelsyndrom rechtsbetont
-
Per
i
a
rthropathia
humeroscapularis
rechts
-
Depression wahrscheinlich, somatoforme Schmerzstörung
-
Arterielle Hypertonie ungenügend kontrolliert
-
Adipositas BMI: 38.3
-
Vitamin D3 Mangel (2/20: 65
nmol
/l)
-
Refluxösophagitis
Bei der Beschwerdeführerin bestehe ein langjähriges generalisiertes Schmerzsyn
drom, das mit dem Unfall im Oktober 2019
dekompensiert
sei. Im Vordergrund stünden Rückenbeschwerden lumbal betont, aber auch die
Gonarthrosen
bereite
ten Probleme, hinzu komme eine unklar
e
Schulterproblematik rechts. Begünstigt werde das Ganze durch eine Schmerzverarbeitungsstörung, eine
wahrscheinliche Depression
, möglicherweise auch eine Angstsymptomatik mit Vermeidungsstra
tegie. Aufgrund der la
n
gen Dauer der Symptomatik sei die Prognose als ungüns
tig einzustufen
, wobei eine stationäre Therapie Sinn mache (S. 3).
3.2
Dr. med.
A._
, Oberarzt, und Dr. med.
B._
, Assistenzarzt
, Klinik für Rheu
matologie
des Universität
sspitals
C._
, diagnostizierten in ihrem Aus
trittsbericht vom 17. Juni 2020 (Urk. 7/35
/1-4
) betreffend Aufenthalt der Beschwerdeführerin vom 27. Mai bis 10. Juni 2020 (S. 1-2):
-
Chronische Schmerzstörung mit somatischen
und psychischen Faktoren (F45.41
)
-
Klinisch
multilokuläres
Schmerzsyndrom, betont lumbal, Schulter rechts und Knie rechts
-
Somatische Faktoren:
o
siehe Diagnosen 2,3,4
o
ausgeprägte muskuläre Insuffizienz und allgemeine
Dekonditionie
rung
o
Adipositas WHO Grad 2 (05/20: BMI 38.6 kg/m
2
)
o
Coxarthrose
bds
.
o
Karpaltunnelsyndrom rechtsbetont
-
Psychische Faktoren:
o
Mittelschwere depressive Episode (F32.1)
o
Lebensgeschichtliche Aspekte
-
Therapie:
o
Multimodale rheumatologische Komplexbehandlung vom 27. Mai bis 10. Juni 2020
-
Chronisches panvertebrales Schmerzsyndrom mit
lumbospondylogener
Ausstrahlung
-
Periar
t
hropathia
humeroscapularis
rechts
-
Gonarthrose
bds
.
r
echtsbetont
-
Mittelschwere depressi
v
e Episode (F32.1)
-
Diabetes
mellitus (ED 06/20)
-
Vd
. a. chronische Niereninsuffizienz (ED 06/20)
-
Vitamin D3-Mangel
-
Arterielle Hypertonie
Während der
Hospitalisation
sei die Beschwerdeführerin psychiatrisch beurteilt worden, wobei eine mittelschwere depressive Episode sowie eine chronische Schmerzstörung mit somatischen und psychischen F
aktoren
habe
diagnostiziert werd
e
n
können. Letztere
s
sähen sie als Hauptproblem des Beschwerdekomplexes. Auffällig sei eine starke
Fokussierung
und deutliche Einengung der Patientin auf den Unfall als Ursache für die aktuellen Beschwerden sowie auch eine passive Schmerz-Bewältigungsstrategie und fehlende Selbstwirksamkeit (S. 2).
3.3
Im Arztbericht vom 13. Juli 2020 (Urk. 7/42/1-7) führte Dr.
med.
D._
, FMH Allgemeine Innere Medizin, aus, dass bei der Beschwerdeführerin seit dem Unfall
vom
14. Oktober 2019 im Bus mit diversen Kontusionen eine Exazerbation des Schmerzsyndroms statt
gefunden habe
. Hinsichtlich Prognose zur Arbeitsfähigkeit führte sie aus, dass die Beschwerdeführerin voraussichtlich nicht mehr arbeiten könne (S. 3
; vgl. auch den Bericht vom 7. Februar 2020, Urk. 7/8/20-21
).
3.4
Dr.
Z._
führte in ihrem Arztbericht vom 5. August 2020 (Urk. 7/45/
7-13)
aus, dass die Prognose hinsichtlich Arbeitsfähigkeit ungünstig einzustufen sei, bei schlechtem Krankheitsverständnis, sprachlicher B
arriere wie au
ch der Depres
sion (S. 10)
. Aufgrund der Schulterpro
b
lematik seien Arbeiten über der Horizon
talen
sowie
repetitive, mit Kraftaufwand v
erbundene Armeinsä
tz
e
als ungünstig zu erachten. Aufgrund der Arthrosen der unteren Extremitäten sollte
n
das repe
titive Arbeiten in der Kälte, langes Gehen und Arbeiten in der Hocke vermieden werden (S. 11).
In der
bisherige
n
Tätigkeit
sollte
aus rein rheumatologischer S
icht eine Arbeitsfähigkeit für zwei
Stunden pro Tag bestehen. Eine leichte, wechsel
belastende Tätigkeit wäre zu vier Stunden täglich aus rein
rheumatologischer Sicht möglich. Die Prognose
sei
als ungünstig einzustufen
(S. 12).
3.5
Im Verlaufsbericht von Dr.
D._
vom 20. April 2021 (Urk. 7/53)
nach aufer
legter Schadenminderungspflicht
wurde erwähnt, dass die Beschwerdeführerin seit Sommer 2020 zweimal pro Woche in die Bewegungstherapie gehe. Die Mobilität sei verbessert, die Beschwerdeführerin sei nun ohne Stöcke
gehfähig
(S.
2). Die Stimmungslage sei stabil. Es bestehe weiterhin auch in angepasster Tätig
keit keine Arbeitsfähigkeit (S. 1).
Ergänzend dazu führte sie am 13. Mai 2021 (Urk. 7/56
S. 2
) hinsichtlich psycho
therapeutischer Behandlung
aus
, dass sie der Beschwerdeführerin nach der
Hos
pitalisation
die Überweisung zu einer albanischen Psychiaterin angeboten
habe
. Die Beschwerdeführerin habe sich gar nicht vorstellen können, sich dort zu öff
nen und sei aufgrund der Depression auch im Denken sehr eingeengt und miss
trauisch gewesen. Schliesslich habe sie die Be
handlung selber übernommen
, wofür sie aufgrund des
Fähigkeitsausweis
es
zur Ausübung von Psychotherapien (Urk. 7/56/3-4) befähigt sei (S. 1)
. Im L
aufe der Monate sei es zu einer Aufhellung der Gedankeninhalte gekommen. Insgesamt habe eine gute psychische Stabilisie
rung erreicht werden können. Die somatische Problematik i
m
Hinblick auf di
e Arbeitsfähigkeit
habe
leider grösstenteils
persistiert
(S. 2)
.
3.6
Dieselbe berichtete im Verlaufsbericht vom 18. Oktober 2021 (Urk. 7/58) von einem stationären Gesundheitszustand. Nach wie vor klage die Beschwerdefüh
rerin über Schwäche, Rücken- und Kopfschmerzen. Sie gehe weiterhin ein
-
bis zweimal die Woche in die Gruppenther
a
pie (S. 1). Alle ein bis zwei Monate fänden hausärztliche Konsultationen mit psychotherapeutischer/psychosozialer Beglei
tung statt.
Im Moment seien keine weiteren Spezialisten involviert.
Eine weitere Verbesserung sei nicht zu erwarten (S. 2).
3.7
Der RAD
-
Stellungnahme von Dr.
med.
E._
, Facharzt für Rheumatologie,
P
hy
sikalische Medizin & Rehabilitation und Innere Medizin, vom 3.
November
2021 (Urk. 7/68/8-9), ist zu entnehmen, dass
aufgrund der Verlaufsangaben der Haus
ärztin von einer leichten Besserung vor allem der psychischen Situation gespro
chen werden
kann
. Es bestünden keine Befunde am Bewegungsapparat, welche eine Tätigkeit voll
ständig verhindern würden. Dank
der aufgehellten Stimmung liege auch aus psychiatrischer Sicht keine zwingende Arbeitsunf
ähigkeit vor
(S.
8).
Es bestehe eine
geringgradige
Einschränkung in Bezug auf die bis
h
erige Tätigkeit als Raumpflegerin
.
Z
wei Stunden Reinigung pro Tag sei
en
möglich,
wobei
auf wechselnde Körperpositionen
zu achten sei. M
ehrstündiges Stehen
sei nicht mög
lich
. Fü
r
eine angepasste Tätigkeit bestehe eine fast vollständige Einsatzfähigkeit
, dies
entsprechend der Einschätzung der Rheumatologin Dr.
Z._
vom August 2020 von vier Stunden pro Tag und seitheriger Besserung
(S. 9).
3.8
Die Beschwerdeführerin führte anlässlich der
H
aushaltsabklärung
vom 10.
Dezember 2021 (Urk. 7/64)
aus
,
dass sie zusammen mit ihrem Ehemann
, welcher AHV-Rentner sei,
in einer 3-Zimmer-Wohnung lebe (S. 2). Die Kinder seien erwachsen und ausgezogen (S. 7). Hinsichtlich Kochen gab sie an, dass
sie nur noch wenig und ganz schlichte Sachen
k
oche. Ihre Kinder würden ihr Essen vorbeibringen (S. 5). Für die Wohnungspflege
komme
die Schwiegertochter ein
mal pro Woche vorbei
. Kleiner
e
Einkäufe und administrative Angelegenheiten erledige sie mit ihrem Ehemann gemeinsam. Grosseinkäufe erledigten die Kinder (S. 6). Die Wäsche könne sie nicht mehr selber erledigen. Ihre Schwiegertochter nehme jeweils die Wäsche mit und
bringe diese
gewaschen, gebügelt und
zusam
mengelegt wieder zurück
(S. 7).
Die
Abklärungsperson ermittelte unter
Berücksichtigung
der Schadenminde
rungspflicht eine Einschränkung von
13.2 % im Haushaltsbereich. Sie qualifi
zierte die Beschwerdeführerin bis August 2021 zu 24 % im Erwerb und zu 76 % im Haushalt tätig
,
sowie ab September 2021 zu 70 % im Erwerb und zu 30 % im Haushalt tätig (S. 8).
Dies mit der Begründung, dass per September 2021 die Zusatzleistungen
zur AHV-Rente des Ehemannes
eingestellt worden seien. Es sei somit überwiegend wahrscheinlich, dass die Beschwerdeführerin ab diesem Zeit
punkt ohne gesundheitlich
e
Einschränkung ihr bisheriges Arbeitspensum
aus finanziellen Gründen
von 24 % auf 70 %
aufgestockt hätte
(S. 4)
.
4.
4.1
Streitig und zu prüfen ist in erster Linie die Arbeitsfähigkeit der Beschwerdefüh
rerin.
Für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit stützte sich die Beschwerdegegne
rin hauptsächlich auf die Einschätzung des RAD
-Arztes Dr.
E._
v
om 3.
November 2021 (Urk. 7/68/8-9)
.
4.2
Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob dieser für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der
Vorakten
(Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schluss
folgerungen der Experten begründet sind (BGE 134 V 231 E. 5.1, 125 V 351 E. 3a mit Hinweis).
4.3
Nach der Rechtsprechung kommt auch den Berichten und Gutachten versiche
rungsinterner Ärztinnen und Ärzte Beweiswert zu, sofern sie als schlüssig erscheinen, nachvollziehbar begründet sowie in sich widerspruchsfrei sind und keine Indizien gegen ihre Zuverlässigkeit bestehen (BGE 125 V 351 E. 3b/
ee
). Das Anstellungsverhältnis einer versicherungsinternen Fachperson zum Versiche
rungsträger alleine lässt nicht schon auf mangelnde Objektivität und Befangen
heit schliessen (BGE 137 V 210 E. 1.4, 135 V 465 E. 4.4). Soll ein Versicherungs
fall jedoch ohne Einholung eines externen Gutachtens entschieden werden, so sind an die Beweiswürdigung strenge Anforderungen zu stellen. Bestehen auch nur geringe Zweifel an der Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit der versicherungs
internen ärztlichen Feststellungen, so sind ergänzende Abklärungen vorzuneh
men (BGE 145 V 97 E. 8.5, 142 V 58 E. 5.1, 139 V 225 E. 5.2, 135 V 465 E. 4.4 und E. 4.7).
4.
4
RAD
-Arzt
Dr.
E._
ging
in seiner S
tellungnah
m
e
gestützt auf die ärztlichen Berichte von Dr.
Z._
und Dr.
D._
davon
aus, dass
seit August 2020
bei der Beschwerdeführerin
in der bisherigen
angestammte
n
Tätigkeit wieder eine Arbeitsfähigkeit von zwei Stunden pro Tag bestehe.
In ein
er angepassten Tätig
keit bestehe
eine fast vollständige Einsatzfähigkeit
und dies
entsprechend der Einschätzung von D
r.
Z._
von
vier Stunden pro
Tag und seitheriger Besse
rung. Als Belastungsprofil wurde
«
kein mehrstündiges Stehen
»
angegeben (Urk.
7/68/9). Die Beschwerdegegnerin ging dann von einer Arbeitsfähi
gkeit von zwei Stunden pro Tag
in der angestammten Tätigkeit als Reinigungsmitarbeiterin
– was dem ursprünglichen Pensum der Beschwerdeführerin entspricht -
und einer Arbeitsfähigkeit von 50 % in einer leidensangepassten Tätigkeit aus (Urk.
7/68/10)
.
Dabei verkennen
die
Beschwerdegegnerin
und
Dr.
E._
,
dass weder Dr.
Z._
noch Dr.
D._
von einer zweistündige
n Arbeitsfähigkeit als Rei
nigungsmitarbeiterin ausgingen.
Wie aus den Berichten von Dr.
D._
hervor
geht, ist die Beschwerdeführerin in der angestammten Tätigkeit
nicht arbeitsfähig (
Angaben vom 18. Oktober 2021,
Urk. 7/58 S.
1).
Bei der Einschätzung von Dr.
Z._
vom 5. August 2020
(Urk. 7/45/7-13)
,
wonach
aus rein rheumatologi
scher Sicht erneut eine Arbeitsfähigkeit für zwei Stunden pro Tag bestehen sollte, handelt
e
es sich
nur
um
eine prognostische Einschätzung.
Es ist mithin nicht ausgeschlossen, dass sich die Prognose nicht bewahrheitet
e
(Urteil des Bu
ndesge
richts 8C_199/2011 vom 9.
August 2011 E. 6.4)
, was vorliegend aufgrund der späteren Arztberichte der Fall ist (vgl
. Urk.
7/53; Urk. 7/58)
.
Zudem
stellte
sie in Bezug auf die bisherige Tätigkeit fest, dass aufgrund der Schulter
problematik die Putzarbeiten mit repetitiven Belastungen und ungünstigen Körperpositionen a
ls ungünstig
einzustufen seien
. Wegen der Gonarthrose sei auch längeres Gehen
und
Knien ungünstig. Weiter erwähnte sie, dass Arbeiten über der Horizontale
n
und
repetitive, mit Kraftaufwand verbundene
Armeinsä
tz
e
ungünstig sei
en
. Das repetitive Arbeiten in der Kälte, langes Gehen und Arbeiten in der Hocke sei
en
zu vermeiden (S. 11). Insofern ist das
von RAD-Arzt Dr.
E._
formulierte Belastbarkeitsprofil «kein mehrstündiges Stehen» unvollständig
.
Es leuchtet ein, dass bei Reinigungsarbeiten
regelmässig
Körperzwangshaltungen eingenommen werden müssen genauso wie
,
dass dabei
Arbeiten mit
repetitiven
Armeinsätzen
und
über Kopf, in der Hocke und auf den Knien
anfallen
. Insofern entspricht die bisherige angestammte Arbeit der Beschwerdeführerin nicht dem Belastungspro
fil.
Nach dem Gesagten liegen Widersprüche in der Beurteilung
von RAD-Arzt Dr.
E._
in Bezug auf die Arbeitsfähigkeit in der angestammten Tätigkeit der Beschwerdeführerin vor, weshalb diese nicht beweiskräftig ist (vgl.
vorstehende E. 4.3).
Jedoch
ergibt sich aus den
übrigen medizinischen Berichte
n
schlüssig und nachvollziehbar, dass
bei der Beschwerdeführerin keine Arbeitsfähigkeit in der angestammten Tätigkeit als Reinigungsmitarbeiterin mehr vorliegt
(vgl.
vorste
hend
e
E.
3.5-3.6
; vgl. auch die Angaben von Suva-Kreisärztin Dr. med.
F._
, Fachärztin für Chirurgie,
vom 6.
März 2020, Urk. 7/8/9
)
.
Hinsichtlich Arbeitsfähigkeit in einer angepassten Tätigkeit ging die Beschwer
degegnerin von einer 50%igen Arbeitsfähigkeit aus.
RAD-Arzt
Dr.
E._
hinge
gen wies auf «eine fast vollständige Einsatzfähigkeit», entsprechend der Einschät
zung
von
Dr.
Z._
von vier Stunden pro Tag und seitheriger Besserung
hin
(Urk.
7/68/9)
.
Wie der exakte Grad der Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin
in einer leidensgepassten Tätigkeit
aussieht, kann
an dieser Stelle
offengelassen werden, da eine Verwertbarkeit der Restarbeitsfähigkeit ohnehin nicht gegeben
wäre
, wie nachfolgend
darzulegen ist
.
5
.
5
.1
Uneinigkeit besteht darüber, ob die Restarbeitsfähigkeit verwertbar ist. Die Beschwerdeführerin macht
e
geltend, dass insbesondere aufgrund ihres
f
ortge
schrittenen A
lters,
ihrer
mangelnden Berufsausbildung und
der
jahrelange
n
Tätigkeit in der Reinigungsbranche, welche ihr nicht mehr bzw. bloss in geringem Ausmass möglich sei, keine Verwertbarkeit mehr bestehe (Urk. 1 S. 5).
5.2
Das trotz der gesundheitlichen Beeinträchtigung
zumutbarerweise
erzielbare Ein
kommen ist bezogen auf einen ausgeglichenen Arbeitsmarkt zu ermitteln, wobei an die Konkretisierung von Arbeitsgelegenheiten und Verdienstaussichten keine übermässigen Anforderungen zu stellen sind (BGE 138 V 457 E. 3.1 mit Hinweis; Urteil des Bundesgerichts 9C_118/2015 vom 9. Juli 2015 E. 2.1 mit Hinweis).
Das fortgeschrittene Alter wird, obgleich an sich ein invaliditätsfremder Faktor, in der Rechtsprechung als Kriterium anerkannt, welches zusammen mit weiteren persönlichen und beruflichen Gegebenheiten dazu führen kann, dass die einer versicherten Person verbliebene Resterwerbsfähigkeit auf dem ausgeglichenen Arbeitsmarkt
realistischerweise
nicht mehr nachgefragt wird, und dass ihr deren Verwertung auch gestützt auf die Selbsteingliederungspflicht nicht mehr zumut
bar ist. Der Einfluss des Lebensalters auf die Möglichkeit, das verbliebene Leis
tungsvermögen auf dem ausgeglichenen Arbeitsmarkt zu verwerten, lässt sich nicht nach einer allgemeinen Regel bemessen, sondern hängt von den Umständen des Einzelfalles ab. Massgebend können die Art und Beschaffenheit des Gesund
heitsschadens und seiner Folgen, der absehbare Umstellungs- und Einarbeitungs
aufwand und in diesem Zusammenhang auch Persönlichkeitsstruktur, vorhan
dene Begabungen und Fertigkeiten, Ausbildung, beruflicher Werdegang oder Anwendbarkeit von Berufserfahrung aus dem angestammten Bereich sein (BGE 138 V 457 E. 3.1 mit Hinweisen). Die Möglichkeit, die verbliebene Arbeits
fähigkeit auf dem ausgeglichenen Arbeitsmarkt zu verwerten, hängt nicht zuletzt davon ab, welcher Zeitraum der versicherten Person für eine berufliche Tätigkeit und vor allem auch für einen allfälligen Berufswechsel noch zur Verfügung steht (BGE 138 V 457 E. 3.2 mit Hinweisen; vgl. statt vieler: Urteil des Bundesgerichts 8C_645/2017 vom 23. Januar 2018 E. 3.1 mit Hinweisen).
Gemäss BGE 138 V 457 richtet sich der Zeitpunkt, in welchem die Frage nach der Verwertbarkeit der Restarbeitsfähigkeit bei vorgerücktem Alter beantwortet wird, nach dem Feststehen der medizinischen Zumutbarkeit einer (Teil-)Erwerbs
tätigkeit (E. 3.3). Als ausgewiesen gilt die medizinische Zumutbarkeit einer
(Teil-
)
Erwerbstätigkeit, sobald die medizinischen Unterlagen diesbezüglich eine zuver
lässige Sachverhaltsfeststellung erlauben (BGE 143 V 431 E. 4.5.1; vgl. BGE 138 V 457 E. 3.4).
5
.3
Der massgebende Zeitpunkt für die Beantwortung der Frage nach der Verwert
bar
keit der Restarbeitsfähigkeit bei vorgerücktem Alter ist somit jener, ab welchem die medizinische Aktenlage eine schlüssige Einschätzung der Arbeitsfä
higkeit zulässt. Der Verlaufsbericht von Dr.
D._
vom 18.
Oktober
2021 (Urk.
7/5
8
/1-
3
) ging am 20. Oktober 2021 bei der Beschwerdegegnerin ein. Die am 5.
November 1958 geborene Beschwerdeführerin war zu diesem Zeitpunkt 62 Jahre und
elf
Monate alt und es verblieb
en
ihr somit noch
ein
Jahr und
ein
Monat bis zum Erreichen des ordentlichen Rentenalters.
5
.4
Bejaht hat das Bundesgericht die Verwertbarkeit der Restarbeitsfähigkeit bei einem 61-jährigen Versicherten, dem eine angepasste (körperlich leichtere, wech
selbelastende) Verweistätigkeit zu 80 % (Vollpensum mit um 20 % reduzierter Leistung) zumutbar war und der über keine Berufsausbildung verfügte. Dabei wurde berücksichtigt, dass der Versicherte in leichten wechselbelastenden Ver
weistätigkeiten nicht zusätzlich eingeschränkt war und über eine gewisse Erfah
rung mit beruflichen Umstellungen verfügte (Urteil 8C_910/2015 vom 19.
Mai
2016 E. 4.3.2 und E. 4.3.4). Das Bundesgericht erachtete auch die 80%ige Restar
beitsfähigkeit bei einem 62 Jahre alten Barpianisten als verwertbar, der –
unter Beachtung geregelter Arbeitszeiten und unter Ausschluss von Nachtarbeit und längerer Engagements – weiterhin als Pianist arbeiten oder einer leichten bis mit
telschweren Tätigkeit nachgehen konnte. Damit stehe ihm ein breites Spektrum an Verweistätigkeiten offen (Urteil 8C_892/2017 vom 23. August 2018 E. 5). Ebenfalls bei einem 61 Jahre und vier Monate altem Versicherten mit Rest
arbeits
fähigkeit im Umfang von 75 % wurde vom Bundesgericht eine Verwert
barkeit bejaht (Urteil des Bundesgerichts 8C_535/2021 vom 25.
November
2021 E. 5.4).
5
.5
Verneint wurde dagegen die Verwertbarkeit der Restarbeitsfähigkeit im Urteil des Bundesgerichts I 392/02 vom 23. Oktober 2003 bei einem über 61-jährigen Ver
sicherten, der über keine Berufserfahrung verfügte und bezüglich der aus medi
zinischer Sicht im Umfang von 50 % zumutbaren feinmotorischen Tätigkeiten keinerlei Vorkenntnisse besass. Die Teilarbeitsfähigkeit des Versicherten unterlag dabei weiteren krankheitsbedingten Einschränkungen in Form von Atemnot und Hustenanfällen, derentwegen die von der Vorinstanz als zumutbar bezeichneten Arbeiten (Portier- und Kurierdienste) wegen der damit verbundenen Anstrengun
gen praktisch ausser Betracht fielen. Das Bundesgericht bezweifelte anhand der Akten, dass der Versicherte noch über die für einen entsprechenden Berufswech
sel erforderliche Anpassungsfähigkeit verfügte (E.
3.3). Ebenfalls verneint hat das Bundesgericht die Verwertbarkeit der Restarbeitsfähigkeit bei einem 60-jährigen Versicherten, der in einer leichten wechselbelastenden Tätigkeit medizinisch-theoretisch zu 100 % arbeitsfähig war, keine Berufsausbildung abgeschlossen hatte und über 20 Jahre als Hotelportier gearbeitet hatte. Dabei berücksichtigte das Bundesgericht insbesondere, dass der Versicherte selbst bei leichten Tätigkei
ten noch eingeschränkt war, da ihm schmerzbedingt nur eingeschränktes Ziehen oder Stossen und die Vornahme von Verrichtungen mit den Händen möglich war, er in seiner Tätigkeit als Hotelportier aber meist mittelschwere bis schwere Arbei
ten ausgeführt und sich hierbei keine feinmotorischen Fähigkeiten hatte aneignen können. Darüber hinaus wurde auf eine geringe Anpassungsfähigkeit und die Tatsache, dass behindertengerechte Arbeitsplätze mit der Möglichkeit, teils stehend, teils sitzend zu arbeiten, von Behinderten in jungem und mittlerem Alter ebenfalls stark nachgefragt würden, hingewiesen (Urteil 9C_954/2012 vom 10.
Mai 2013 E. 3.2.1 und E. 3.2.2). Ebenso entschied das Bundesgericht bei einem 61,5-jährigen Versicherten, dem es medizinisch-theoretisch zumutbar war, ganz
tags in einer adaptierten leichten, nicht schulterbelastenden Arbeit mit Wechsel
belastung tätig zu sein. Das Bundesgericht begründete diesen Entscheid insbe
sondere damit, dass das fortgeschrittene Alter in Verbindung mit dem Herzleiden und der damit verknüpften Verzögerung einer allfälligen Schulteroperation eine Situation mit vielen Unwägbarkeiten schaffe. Es müsse damit gerechnet werden, dass eine Anstellung durch krankheitsbedingte Unterbrüche geprägt und eine halbwegs ungestörte Tätigkeit gar nicht möglich sei. Dies halte potentielle Arbeitgeber davon ab, das Risiko einer mit solchen Komplikationen behafteten Anstellung einzugehen (Urteil 9C_734/2013 vom 13. März 2014 E. 3.4).
I
m Urteil des Bundesgerichts 9C_183/2017 vom 30. Oktober 2017 E. 5.2.3 und E. 6 wäre die Versicherte bei einer Rückweisung zwecks Anordnung von Eingliederungs
massnahmen deutlich über 62-jährig gewesen, mit klar weniger als zwei Jahren bis zum Erreichen des AHV-Pensionsalters.
Weiter wurde bei einer 62 1/2-jähri
ge
n
Versicherte
n
ohne erlernten Beruf, die seit 2005 als Montagemitarbeiterin am Fliessband arbeitete, was ihr aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr zugemutet werden konnte; altersbedingt und aufgrund minimaler (Aus-) Bildung von einer geringen Anpassungsfähigkeit an eine neue Tätigkeit ausgegangen.
Unter den konkreten Umständen wäre die Arbeitskraft der Versicherten auf dem ausgegli
chenen Arbeitsmarkt
realistischerweise
nicht mehr nachgefragt worden, weshalb die Restarbeitsfähigkeit nach dem Gesagten nicht verwertbar war
(
Urteil
des Bun
desgerichts
9C_416/2016 vom 14. Oktober 2016 E. 3.1 und E. 5
).
5
.6
Vorliegend war die Beschwerdeführerin seit November 2007
-
bis zum unfall- und krankheitsbedingten Unterbruch
also seit rund 1
2
Jahren – bei der
Y._
AG als Rein
igungsmitarbeiterin tätig (Urk.
7/15). Schaut man sich die Erwerbsbiographie der Beschwerdeführerin an, wird deutlich, dass sie seit ihrer Einreise in die Schweiz im
Jahr
2001
praktisch
ausschliesslich in der Reini
gungsbranche
beschäftigt
war (
vgl. IK-Auszug,
Urk. 7/12).
Sie verfügt über keine Berufsausbildung und
über praktisch keine Deutschkenntnisse
(vgl. etwa Urk.
7/34 S. 2).
Das Belastungsprofil der Beschwerdeführerin ist dahingehend einge
schränkt, dass keine ungünstigen Körperpositionen
eingenommen werden kön
nen und dass kein
längeres Gehen, Knien, Arbeiten über der
H
orizontalen
und keine
repetitive
n
, mit Kraftaufwand verbundene
n
Armeinsätze möglich sind (Urk.
7/45/11)
.
D
er
Beschwerdefüh
rerin
verblieb
im Zeitpunkt der medizinischen Zumutbarkeit nur noch eine Aktivitätsdauer von einem Jahr und einem Monat bis zur Pensionierung.
Da in der angestammten Tätigkeit keine Arbeitsfähigkeit mehr besteht, müsste ein Berufswechsel vorgenommen werden, wofür ein hohes Mass an Anpassungsfähigkeit benötigt wird. Aufgrund dessen, dass die Beschwerdeführerin in den letzten Jahren
immer
bei demselben Arbeitgeber die gleiche Arbeit verrichtete, ist wenig wahrscheinlich, dass sie über die nötige Anpassungsfähigkeit verfügt (vgl. Urteil des Bundesgerichts 9C_954/2012 vom 10. Mai 2013 E. 3.2.1).
Angesichts dieser
beruflichen und persönlichen
Umstände und mit Blick auf die bundesgerichtliche Rechtsprechung
ist davon auszugehen, dass die
Beschwerdeführer
in
mit überwiegender Wahrscheinlichkeit keinen Arbeitgeber mehr
finden wird
, der
sie
für eine geeignete Verweistätigkeit
einstellt
. Insbesondere
der Umstand
, dass
die
Beschwerdeführer
in
im massgebenden Zeit
punkt nur noch
gut
ein Jahr
vor
ihrer
Pensionierung stand und einen Berufs
wechsel hätte vornehmen müssen, hätte einen durchschnittlichen Arbeitgeber
realistischerweise
davon abgehalten, die mit einer Beschäftigung de
r Beschwer
deführerin
verbundenen Risiken wie krankheitsbedingte Ausfälle, berufli
che Unerfahrenheit sowie alters
-,
bildungs- und gesundheitsbedingt geringe Anpas
sungsfähigkeit einzugehen.
5.7
Nach dem Gesagten ist somit die Restarbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin nicht mehr verwertbar, weshalb
ab dem Zeitpunkt des frühestmöglichen Renten
beginns per 1. Oktober 2020
eine vollständige Erwerbsunfähigkeit vorliegt.
6.
6.1
Es bleibt der Invaliditätsgrad der teilerwerbstätigen Beschwerdeführerin zu prüfen.
6.2
Bis August 2021 wurde die Beschwerdeführerin als 24 % im Erwerb und 76 % im Aufgabenbereich tätig eingestuft. Gestützt auf den Fragebogen für
Arbeitgebende
vom 9. April 2020 (Urk. 7/15) ist ersichtlich, dass die Beschwerdeführerin im Stundenlohn angestellt und im Umfang von 2 Stunden pro Tag erwerbstätig war (S. 2). Dies entspricht einem Arbeitspensum von 24 %, weshalb die Qualifikation bis August 2021 nicht zu beanstanden ist.
Die Parteien
gehen zudem übereinstimmend davon aus
, dass die Beschwerdefüh
rerin
im G
esundheitsfall ab September 2021
zu 70 %
erwerbstätig und zu 30 %
im Aufgabenbereich
tätig wäre
. Das ist sodann auch aus den Akten schlüssig dargelegt: Der Ehemann der Beschwerdeführerin ist AHV-Rentner und bezog Zusatzleistungen
zur AHV
.
Diese
sind per September 2021 weggefallen (
vgl.
Schreiben des Amts für Zusatzleistungen vom 25. August 2021, Urk. 7/63). Anlässlich der Abklärung vom 10. D
ez
ember 2021
(Urk. 7/64)
gab die Beschwer
deführerin an, dass seither die finanzielle Situation angespannt
sei. Ohne Gesund
heitsschaden hätte sie ihre Tätigkeit als Reinigungsmitarbeiterin nicht aufgege
ben, sondern hätte ihr Arbeitspensum noch gesteigert
(S. 3)
.
Die Schlussfolgerung der Abklärungsperson, die Beschwerdeführerin hätte angesichts der finanziellen Situation ihr Arbeitspensum auf 70 % gesteigert, was angesichts der Tatsache, dass sie in den letzten Jahren bei demselben Arbeitgeber tätig war und somit überwiegen
d
wahrscheinlich eine Aufstockung des Pensums möglich gewesen wäre (S. 4),
ist
nicht zu beanstanden.
6.3
Gemäss dem in Art. 27
bis
Abs. 2–4 IVV per 1. Januar 2018 eingeführten neuen Berechnungsmodell für die Festlegung des Invaliditätsgrads von teilerwerbstä
tigen Versicherten nach der gemischten Methode (Art. 28a Abs. 3 IVG) werden der Invaliditätsgrad in Bezug auf die Erwerbstätigkeit und der Invaliditätsgrad in Bezug auf die Betätigung im Aufgabenbereich – weiterhin – summiert (Art. 27
bis
Abs. 2 IVV). Die Berechnung des Invaliditätsgrads in Bezug auf die Erwerbstätig
keit richtet sich nach Art. 16 ATSG, wobei das Erwerbseinkommen, das die ver
sicherte Person durch die Teilerwerbstätigkeit erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre, auf eine Vollerwerbstätigkeit hochgerechnet wird (Art. 27
bis
Abs. 3
lit
. a IVV) und die prozentuale Erwerbseinbusse anhand des Beschäftigungsgrads,
den
die versicherte Person hätte, wenn sie nicht invalid geworden wäre, gewichtet wird (Art. 27
bis
Abs. 3
lit
. b IVV). Für die Berechnung des Invaliditätsgrads in Bezug auf die Betätigung im Aufgabenbereich wird der prozentuale Anteil der Einschränkungen bei der Betätigung im Aufgabenbereich im Vergleich zur Situation, wenn die versicherte Person nicht invalid geworden wäre, ermittelt. Der Anteil wird anhand der Differenz zwischen dem Beschäfti
gungsgrad nach Absatz 3
lit
. b und einer Vollerwerbstätigkeit gewichtet (Art.
27
bis
Abs. 4 IVV).
6.4
Die Arbeitsunfähigkeit der Beschwerdeführerin trat am 14. Oktober 2019 (Urk.
7/8/86) ein. Nach Ablauf des gesetzlichen Wartejahres bestand im Oktober 2020 ausgehend von einer Unverwertbarkeit der Restarbeitsfähigkeit (vgl.
obenste
hende E.
5.7
) bei einem Arbeitspensum von 24 % ein gleich hoher
Teili
nvalidi
tä
t
sgrad von 24 % im Erwerb. Im Haushaltsbereich betrug d
ie
Einschränkung
13.2 %. Gewichtet auf ein 76 %-Pensum
im Haushalt
ergibt das einen Teilinvali
ditätsgrad von 10.03 % (13.2 x 0.76)
. Daraus ergibt sich ab Oktober 2020 ein rentenausschliessender Invaliditätsgrad von 34 %.
Für die
Zeit ab September 2021
, a
usgehend von einer Unverwertbarkeit der Rest
arbeitsfähigkeit
bei einem
70 %
-Pensum
,
resultiert ein gleich hoher
Teil
i
nvalidi
tät
sgrad
von 70 % im Erwerbsbereich. Im Haushaltsbereich
ist die Einschränkung unverändert 13.2 %. Der Teilinvaliditätsgrad beträgt bei einem 30 %-Pensum 3.96 %
(13.2 x 0.3).
Damit
ergibt sich
ein
Invaliditätsgrad von 74 %
.
Unter der Voraussetzung einer vorgehenden, einjährigen durchschnittlichen Arbeitsunfä
higkeit von mindestens 70 % besteht damit ab 1.
September
2021 Anspruch auf eine ganze Invalidenrente (Urteil des Bundesgerichts 9C_412/2017 vom 5.
Oktober 2017 E. 3.2.2 und E. 4.3). Die Arbeitsunfähigkeit im erwerblichen Bereich betrug
im Jahr vor dem 1. September 2021 durchgehend
100 %, gewichtet somit
24
%. Gemäss dem Abklärungsbericht vom 10. Dezember 2021
umfassten die
Bereiche Wohnungspflege, Einkauf/Besorgungen und Wäsche/Kleiderpflege
60
% der gesamten Haushaltarbeit (Urk. 7/64 S. 5). I
n diesen Bereichen lagen weitge
hende funktionelle Einschränkungen
(vgl. BGE 130 V 97 E. 3.3.3)
vor, sodass im Haushalt bei einem Anteil von 76 % von einer Arbeitsunfähigkeit von
rund 45.6
% auszugehen ist
(60 % x 0.76)
.
Damit ist im Jahr vor dem 1. September 2021 von einer durchschnittlichen Arbeitsunfähigkeit von gerundet 70 %
(24 % zuzüglich
rund
45.6 %)
auszugehen und ab 1. September 2021
besteht somit Anspruch auf eine ganze Invalidenrente. Die Beschwerde ist
damit
entsprechend dem Hauptantrag (Urk. 1 S. 2)
gutzuheissen.
7.
7.1
Das Beschwerdeverfahren bei Streitigkeiten über IV-Leistungen vor dem kanto
nalen Versicherungsgericht ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem Ver
fahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr. 1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1
bis
IVG). Im vorliegenden Verfahren sind sie ermessensweise auf Fr. 700.-- anzusetzen.
7.2
Nach Art. 61
lit
. g ATSG hat die obsiegende Beschwerde führende Person An
spruch auf Ersatz der Parteikosten. Diese werden ohne Rücksicht auf den Streit
wert nach der Bedeutung der Streitsache und der Schwierigkeit des Prozesses bemessen.
Mangels Vorliegens einer Honorarnote ist die Prozessentschädigung ermessens
weise festzusetzen. Unter Berücksichtigung der massgebenden Kriterien hat die Beschwerdegegnerin der Beschwerdeführerin eine Prozessentschädigung in der Höhe von Fr. 1'800.-- (inkl. Barauslagen und Mehrwertsteuer) zu bezahlen.