Decision ID: f0b97bd1-d893-4b13-b72f-92a2786e96fc
Year: 2018
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
1.1
X._
, geboren 1980, erhielt mit Verfügung
der Sozialversicherungsan
stalt des Kantons Zürich, IV-Stelle,
vom
7.
Oktober 2008 eine ganze Rente der Invalidenversicherung a
b Juni 2008 zugesprochen (
Urk.
6
/
43
). Im Zuge der in den Jahren 2008/2009, 2011 und 2014/2015 durch
geführten en
tenrevisionsverfahren wurde dem Versicherten jeweils mitgeteilt, dass er weiterhin unverändert Anspruch a
uf eine ganze Rente habe (
Urk.
6/52, 6/72 und 6
/91).
1.2
Nachdem die IV-Stelle von der Helvetia Schweizerische Lebensversicherungsgesellschaft
AG, bei welch
er der Versicherte privat für die Folgen einer Erwerbs
unfähigkeit versichert war,
nebst andern Akten
insbesondere einen Ermittlungs
bericht vom
2.
Dezember 2016 zur Verfügung
gestellt erhalten hatte (
Urk.
6
/106),
leitete sie Mitte Juni 2017 ein Rentenrev
isionsverfahren ein (vgl.
Urk.
6/115 und 6
/117). Mit Verfügung vom 2
7.
Juli 2017 sistierte sie die bisherige Invalidenrente per sofort respektive per Ende Mai 2017, wobei sie einer allfällig gegen diesen Entscheid gerichteten Beschwerde die aufs
chiebende Wirkung entzog (
Urk.
6
/122).
Mit Urteil vom 3
1.
Januar 2018
wies das hiesige Gericht die dagegen erhobene Beschwerde ab,
soweit es darauf eintrat (
Urk.
6
/152).
1.3
Mit Verfügung vom
2
4.
April 2018 hob die IV-Stelle die Rente des Versicherten per
1.
April 2016
nach durchgeführtem
V
orbescheidverfahren
(vgl.
Urk.
6
/151 ff.)
auf
und entzog
einer allfällig dagegen erhobenen Beschwerde die aufschiebende Wirkung. Darüber hinaus hielt sie fest, dass die von April 2016 bis Mai 2017 bereits bezogenen Leistungen zurückzuerstatten seien, wobei diesbezüglich eine s
eparate Verfügung ergehe (
Urk.
6
/161).
Hiergegen erhob der Versicherte am 1
4.
Mai 2018
beim hiesigen Gericht
Beschwerde
(
Urk.
6
/168/3 ff.), wobei ein Ent
scheid in dieser Angelegenheit noch auss
tehend ist
(
Verfahren
IV.2018.00455).
1.4
Mit Verfügung vom
7.
Juni 2018 verpflichtete die IV-Stelle
den Versicherten, ihr die
von April 2016 bis Mai 2017
zu viel
ausbezahlten
Rentenbeträ
g
e
(Invaliden- und Kinderrenten)
in der Höhe von
insgesamt
Fr.
94'000.-- zurückzuerstatten.
Überdies hielt sie fest, dass einer gegen diesen Entscheid gerichteten
Beschwerde
keine aufsc
hiebende Wirkung zukomme (
Urk.
6
/178/2 f. =
Urk.
2).
2.
Dagegen erhob
X._
am 2
9.
Juni 2018 Beschwerde mit den Rechtsbe
gehren
, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben. Eventualiter sei dieses Beschwerdeverfahren mit dem Beschwerdeverfahren IV.2018.00455 zu vereini
gen und antragsgemäss zu entscheiden. Darüber hinaus sei festzustellen, dass der
Beschwerde von Gesetzes wegen aufschiebende Wirkung zukomme; eventualiter sei die aufschiebende Wirkung wiederherzustellen (
Urk.
1 S. 2).
Mit Beschwerde
antwort vom 2
9.
August 2018 schloss die IV-Stelle auf Ab
weisung der Beschwerde (
Urk.
5), worüber der Versicherte mit Verfügung vom 3
0.
August 2018 in Kenntnis gesetzt wurde (
Urk.
8).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Nach
Art.
49
Abs.
1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozial
versicherungsrechts (ASTG) hat der Versicherungsträger über Leistungen, Forde
rungen und Anordnungen, die erheblich sind oder mit denen die betroffene Per
son nicht einverstanden ist, schriftlich Verfügungen zu erlassen. Gegen Verfü
gungen - ausgenommen gegen prozess- und verfahrensleitende - kann innerhalb von 30 Tagen bei der verfügenden Stelle Einsprache erhoben werden (
Art.
52
Abs.
1
ATSG
).
1.2
In Abweichung von
Art.
52
Abs.
1
ATSG
teilt die IV-Stelle der versicherten Per
son den vorgesehenen Endentscheid über ein Leistungsbegehren oder den Entzug oder die Herabsetzung einer bisher gewährten Leistung mittels Vorbescheid mit. Die versicherte Person hat Anspruch auf rechtliches Gehör im Sinne von
Art.
42
ATSG
(
Art.
57a
Abs.
1 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung [
IVG
]). Sie kann innerhalb einer Frist von 30 Tagen Einwände gegen den Vorbescheid vorbringen (
Art.
73
ter
Abs.
1 der Verordnung über die Invalidenversicherung [
IVV
]).
Gemäss höchstrichterlicher Rechtsprechung handelt es sich bei Streitigkeiten über Rückforderungen um Leistungsstreitigkeiten (Urteil des Eidgenössischen Ver
sicherungsgerichts I 721/05 vom 1
2.
Mai 2006 E. 4), weshalb vor Erlass einer Rückforderungsverfügung das
Vorbescheidverfahren
durchzuführen ist.
1.3
Das Recht, angehört zu werden, ist formeller Natur. Die Verletzung des recht
lichen Gehörs führt ungeachtet der Erfolgsaussichten der Beschwerde in der Sache selbst zur Aufhebung der angefochtenen Verfügung. Es kommt mit anderen Wor
ten nicht darauf an, ob die Anhörung im konkreten Fall für den Ausgang der materi
el
len Streitentscheidung von Bedeutung ist, das heisst die Behörde zu einer Änderung ihres Entscheides veranlasst wird oder nicht (
BGE
132 V 387 E. 5.1; 127 V 431 E. 3d/
aa
).
2.
2.1
Der Beschwerdeführer
rügt in erster Linie eine Verletzung des rechtlichen Gehörs, da ihm die IV-Stelle
vor Erlass der angefochtenen Verfügung (
Urk.
2) nicht im
Zuge
eines
Vorbescheidverfahrens
mitgeteilt habe, welchen Betrag sie zurückfor
dere (
Urk.
1 S. 4).
Die Beschwerdegegnerin äusserte sich in ihrer Beschwerdeant
wort vom 2
9.
August 2018 (
Urk.
5) nicht zu diesem Vorwurf.
Insoweit blieb unbestritten, dass kein
Vorbescheidverfahren
durchgeführt wurde. Ein solches ist denn auch nicht aktenkundig. Insbesondere reicht es nicht aus, dass dem Ver
sicherten bereits mit Verfügung vom 2
4.
April 2018 (
Urk.
6/161) der Erlass eines separaten Entscheides betreffend die Rückforderung der -
zumindest
aus Sicht der IV-Stelle - zu Unrecht bezogenen Rentenbeträge in Aussicht gestellt wurde.
Der Versicherte erhielt damit keine Kenntnis
von der konkret
von ihm
zurückge
forderten Summe
, weshalb es ihm verwehrt blieb, hierzu Stellung zu beziehen.
Der Erlass einer Rückforderungsverfügung ohne
rechtsgenügliche
Anhörung des Verpflichteten im Rahmen eines
Vorbescheidverfahrens
stellt eine schwerwie
gende Verletzung des rechtlichen Gehörs dar, welche einer Heilung grundsätzlich nicht zugänglich ist. Nach der Rechtsprechung kann die Verletzung der Anhö
rungspflicht schon dann schwerwiegend sein, wenn ein nach Erlass des Vorbe
scheids ergangenes Begehren um Aktenedition oder eine Stellungnahme zum Vorbescheid unberücksichtigt geblieben ist, indem auf die vorgebrachten Ein
wendungen nicht eingegangen wurde (
BGE
124 V 180 E. 2). Umso schwerwie
gender ist es, wenn - wie im vorliegenden Fall - überhaupt kein
Vorbescheidver
fahren
durchgeführt und ohne Gewährung des rechtlichen Gehörs eine Verfügung erlassen wird (vgl. Urteile des Bundesgerichts I 584/01 vom 2
4.
Juli 2002 E. 2 und 9C_356/2011 vom
3.
Februar 2012 E. 3.4, jeweils mit Hin
weisen). Neben der zwingend vorgeschriebenen Anhörungspflicht stehen auch die Entlastung der Verwaltungsrechtspflegeorgane sowie die Kostenlosigkeit des
Vorbescheid
verfahrens
- im Gegensatz zur Kostenpflicht im Gerichtsverfahren - einem Verzicht auf dasselbe entgegen. Bei dieser Ausgangslage ist es dem Gericht verwehrt, die Sache
materiellrechtlich
zu beurteilen.
Abgesehen davon war das Vorgehen der IV-Stelle insofern
verfrüht
, als der Rentenanspruch ab
April 2016
strittig ist und die Höhe der Rückforderung nicht abschliessend feststeht, solange über den Rentenanspruch nicht rechtskräftig entschieden worden ist.
2.2
Nach dem Gesagten ist die angefochtene Verfügung vom
7.
Juni 2018 (
Urk.
2)
ungeachtet ihrer
materiellen Erfolgsaussichten
in Gutheissung der Beschwerde aufzuheben. Eine Heilung des schwerwiegenden Verfahrensfehlers ist ausge
schlossen.
Die vom Versicherten eventualiter beantragte Vereinigung des vorlie
genden Verfahrens mit dem Verfahren IV.2018.00455 erübrigt sich vor diesem
Hintergrund.
Darüber hinaus erweist sich d
essen Gesuch
um Feststellung, dass der Beschwerde von Gesetzes weg
en aufschiebende Wirkung zukomme
-
beziehungsweise das Gesuch um Wiederherstellung der aufschiebenden Wir
kung
-
als gegenstandslos.
3
.
3
.1
Das Beschwerdeverfahren vor dem kantonalen Versicherungsgericht ist bei Strei
tigkeiten um die Bewilligung oder Verweigerung von Leistungen der Invaliden
versicherung kostenpflichtig (
Art.
69
Abs.
1
bis
IVG
). Als solche gilt auch
eine Streitigkeit betreffend die Rückforderung unrechtmässig bezogener Leistungen (
vgl.
Urteil des
Bundesgerichts
I 721/05 vom 1
2.
Mai 2006 E. 4).
Die Verfahrens
kosten sind
auf
Fr.
500.-- festzusetzen und
ausgangsgemäss der unterliegenden Besc
hwerdegegnerin aufzuerlegen
.
3
.2
Nach
§
34
Abs.
1 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht (
GSVGer
) hat die obsiegende Beschwerde führende Person Anspruch auf Ersatz der Parteikos
ten. Diese werden ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache, der Schwierigkeit des Prozesses und dem Mass des Obsiegens bemes
sen (
§
34
Abs.
3
GSVGer
).
Unter Berücksichtigung der massgebenden Kriterien ist die Prozessentschädigung auf
Fr.
1'000.-- (inkl. Barauslagen und Mehrwertsteuer) festzusetzen.