Decision ID: a591dc62-2bda-51ac-b4f2-9402c9ad3db9
Year: 2014
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
Der 1968 geborene
X._
arbeitete zuletzt vom 1. Juni 2012 bis 30. April 2013 als Teamleiter und Verkehrsingenieur bei der
Y._
(Urk. 7/79-80). Am 2. April 2013 meldete sich der Versicherte beim Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum (RAV)
Z._
zur Arbeitsvermittlung (Urk. 7/65) und stellte am 5. April 2013 Antrag auf Arbeitslosenentschädigung ab 1. Mai 2013 (Urk. 7/61-64). Am 11. Juni 2013 verfügte die Arbeitslosenkasse des Kan
tons Zürich (ALK), dass der versicherte Verdienst ab dem 1. Mai 2013
Fr. 9‘750.
-- sowie
das Taggeld ab dem
1. Mai 2013 Fr. 314.50 betrage und
dass der Versicherte für den Monat
Mai 2013 grundsätzlich Anspruch auf 23.0
ent
schädigungsberechtigte
Taggelder, einen Höchstanspruch auf 400 Taggelder sowie 15 allgemeine Wartetage zu bestehen habe (Urk. 7/13-17). Die dagegen erhobene Einsprache vom 25. Juni 2013 (Urk. 7/43-47) wies die ALK mit Ent
scheid vom
2. August 2013
ab
. Sie
legte den Taggeldansatz ab dem 1. Mai 2013 auf 70 % des versicherten Verdienstes und das Taggeld auf Fr. 314.50, den Höchstanspruch auf 400 Taggelder, ab dem 1. Mai 2013 15 Wartetage sowie für den Monat Mai 2013 den Anspruch auf Arbeitslosenentschädigung in Höhe von Fr. 2‘516.-- brutto bzw. Fr. 2‘251.30 netto fest
. In Bezug auf die Ziffern 1 und 3 stellte sie fest
, dass die Verfügung Nr. 63021 vom 11. Juni 2013 in Rechtskraft erwachsen ist (
Urk.
2
).
2.
Hiergegen erhob der Versicherte am
12. September 2013
Beschwerde mit dem sinngemässen Antrag, der angefochtene
Einspracheentscheid
sei aufzuheben (Urk.
1
). Mit Beschwerdeantwort vom 14. Oktober 2013 schloss die
Beschwerde
gegnerin
auf Abweisung der Beschwerde (Urk. 6), was dem Beschwerdeführer am 15. Oktober 2013 zur Kenntnis gebracht wurde (Urk. 8).
Innert der mit Ver
fügung vom 28. Januar 2014 angesetzte
n
Frist
liess sich das Staatssekretariat für Wirtschaft SECO nicht vernehmen (Urk. 9).
3.
Auf die Vorbringen der Parteien sowie die Akten ist, soweit für die
Entscheidfin
dung
erforderlich, in den Erwägungen einzugehen.
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Laut Art. 18 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die obligatorische Arbeitslosenversi
cherung und die Insolvenzentschädigung (AVIG) beginnt der Anspruch auf Arbeitslosenentschädigung nach einer Wartezeit von fünf Tagen kontrollierter Arbeitslosigkeit. Für Personen ohne Unterhaltspflicht gegenüber Kindern unter 2
5 Jahren beträgt die Wartezeit (
lit
.
a)
10 Tage bei einem versi
cherten Verdienst zwischen 60‘001 und 90‘000
Franken, (
lit
.
b)
15 Tage bei einem versicherten Verdienst zwischen 90‘001 und 125‘000
Franken, (
lit
.
c)
20 Tage bei einem versicherten Verdienst über 125‘000 Franken.
1.2
Die Arbeitslosenentschädigung wird gemäss Art. 21 AVIG als Taggeld ausgerich
tet. Für eine Woche werden fünf Taggelder ausbezahlt.
1.3
Gemäss
Art.
22
Abs.
1 AVIG beträgt ein volles Taggeld 80 Prozent des versicher
ten Verdienstes. Die versicherte Person erhält zudem einen Zuschlag, der den auf den Tag umgerechneten gesetzlichen Kinder- und
Ausbildungszula
gen
entspricht, auf die sie Anspruch hätte, wenn sie in einem Arbeitsverhältnis stände. Dieser Zuschlag wird nur ausbezahlt, soweit die Kinderzulagen während der Arbeitslosigkeit nicht ausgerichtet werden.
Gemäss
Art.
22
Abs.
2 AVIG erhalten Versicherte, die keine Unterhaltspflichten gegenüber Kindern haben (
lit
. a), ein volles Taggeld erreichen, das mehr als 140 Franken beträgt (
lit
. b) und nicht invalid sind (
lit
. c), ein Taggeld in Höhe von 70 Prozent des versicherten Verdienstes.
1.4
Art. 27 AVIG besagt, dass sich innerhalb der Rahmenfrist für den
Leistungsbe
zug
die Höchstzahl der Taggelder nach dem Alter der Versicherten sowie nach der Beitragszeit bestimmt (Abs. 1). Die versicherte Person hat Anspruch auf (
lit
. a
) höchstens 260 Taggelder, wenn sie
eine Beitragszeit von
ingesamt
12 Mona
ten ausweisen kann; (
lit
b) höchstens 400 Taggelder, wenn sie eine Beitragszeit von insgesamt 18 Monaten nachweisen kann; (
lit
. c) höchstens 520 Taggelder, wenn sie eine Beitragszeit von mindestens 22 Monaten nachweisen kann und (
Ziff.
1) das 5
5.
Altersjahr zurückgelegt hat, oder (
Ziff.
2) eine Invalidenrente bezieht, die einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 Prozent entspricht (
Abs.
2).
2.
2.1
Der Beschwerdeführer trug gegen die von der Beschwerdegegnerin verfügte Warte
zeit von 15 Tagen, den festgelegten Taggeldansatz von 70 % des versi
cherten Verdienstes bzw. die Höhe des Taggeldes von Fr. 314.50 sowie den Höchstanspruch auf 400 Taggelder im Wesentlichen vor, die von der
Beschwer
degegnerin
angewendeten gesetzlichen Bestimmungen des AVIG verletzten sowohl Völkerrecht als auch die Grundrechte der schweizerischen Bundesver
fassung (BV), weil sie diskriminierend und willkürlich seien (Urk. 1).
2.2
Vorliegend ist
unbestritten
und aufgrund der Akten erstellt
, dass der Beschwerde
führer das 5
5.
Altersjahr noch nicht zurückgelegt hat (Urk. 7/69), keine Unterhaltspflicht gegenüber Kindern unter 25 Jahren besteht und der versicherte Verdiens
t Fr. 9‘750 beträgt (Urk. 7/89).
2.3
2.3.1
Mit seiner Rüge machte der Beschwerdeführer
sein Recht auf eine akzessorische Prüfung der dem
Einspracheentscheid
der Beschwerdegegnerin zugrunde lie
genden generellen Rechtssätze des AVIG geltend (vgl.
Häfelin
/Haller/Keller, Schweizerisches Bundesstaatsrecht, 8. Auflage, Zürich/Basel/G
enf 2012, S. 677 f. N 2070 ff.).
E
ine Überprüfung der betreffenden Artikel des AVIG auf die Ver
einbarkeit mit der BV
scheitert jedoch von vornherein daran
, dass die Gerichte gemäss Art. 190 BV an Bundesgesetze gebunden sind, selbst wenn diese ver
fassungswidrig sein sollten (vgl.
Häfelin
/Haller/Keller, a.a.O., S. 683 N 2086 f.)
.
Der Vollständigkeit halber ist festzuhalten, dass hinsichtlich der gerügten Bestim
mungen des AVIG weder ein Verstoss gegen das Gebot der
Rechtsgleich
heit
(Art. 8 BV) noch eine Verletzung des Willkürverbotes (Art. 9 BV) ersichtlich sind.
Das Rechtsgleichheitsgebot besagt nämlich, dass
Gleiches nach Massgabe seiner Gleichheit gleich, und Ungleiches nach Massgabe seiner Ungleichheit ungleich zu behandeln
ist
. Dies
bedeutet, dass dem Gesetzgeber eine erhebliche Gestaltungsfreiheit zukommt und es ihm nur verboten ist, Differenzierungen zu treffen, für die sachliche und vernünftige Gründe fehlen (
Häfelin
/Haller/Ke
ller, a.a.O., S. 236 N 752 f.). Ebenso verletzt eine Norm das Willkürverbot nur dann
, wenn sie sich nicht auf ernsthafte sachliche Gründe stützen lässt oder sinn- und zwecklos ist (
Häfelin
/Halle
r/Keller, a.a.O., S. 251 N 811). B
ei der
Unterstüt
zungspflicht
gegenüber Kindern unter 25 Jahren und der Altersgrenze von 55 Jahren
handelt es sich jedoch
um s
achliche und vernünftige Gründe
, die eine Differenzierung in der Taggeldhöhe und –
dauer
rechtfertigen
.
2.3.2
Nicht in den Anwendungsbereich von Art. 190 BV fallen Bestimmungen des Völkerrechts, weshalb
d
ie vom Beschwerdeführer gerügten
Artikel
des AVIG auf einen Verstoss gegen Völkerrecht überprüft werden
können
(
Häfe
lin
/Haller/Keller, a.a.O., S. 684 N 2091)
.
So anerkennt das
Bundesgericht in sei
ner neueren Praxis grundsätzlich den Vorrang des Staatsvertragsrecht gegen
über Bundesgesetzen, auch wenn das Gesetzesrecht jünger ist (
Häfe
lin
/Haller/Keller, a.a.O., S. 628 N 1926 mit Hinwe
isen auf
Bundesgerichtsur
teile
).
2.4
2.4.1
Aus
dem Protokoll Nr. 12 zur Europäischen Menschenrechtskonvention, welches in Art. 1 ein allgemeines Diskriminierungsverbot verankert,
kann der Beschwer
deführer
ni
chts zu seinen Gunsten ableiten
, hat nämlich die Schweiz dieses nicht ratifiziert, und kommt Art. 14 EMRK, welcher die Diskriminierung nur in den Bereichen, die Gegenstand einer speziellen Garantie der EMRK bilden, ver
bietet, keine selbständige Bedeutung zu (
Häfelin
/Halle
r/Keller, a.a.O., S. 232
N
742).
De
r UNO-Resolution 217 A (III), auch
UN-Menschenrechtscharta genannt,
kommt zwar
keine völkerrechtlich verbindliche Wirkung zu
,
jedoch
finden sich
viele Bestimmungen
der
UN-Menschenrechtschart
a
auch in den beiden interna
tionalen Pakten
über Bürgerliche und Politische Rechte
(UNO-Pakt II von 1966) sowie
über Wirtschaftliche, Soziale und Kulturelle Rechte
(UNO-Pakt I
von 1966
)
. Dadurch haben sie
den
Rang bindenden Völkerrechts
erhalten
.
UNO-Pakt II von 1966
statuiert
neben dem Diskrimin
i
erungsverbot in Art. 2 in Art. 26 ein selbständiges Recht auf Gleichheit vor dem Gesetz
. D
ie Schweiz
hat
aber zu di
esem einen Vorbehalt angebracht
, der besagt, dass die Gleichheit aller Men
schen vor dem Gesetz und ihr Anspruch ohne Diskriminierung auf gleichen Schutz durch das Gesetz nur in Verbindung mit anderen in diesem Pakt enthal
tenen Rechten gewährleistet werden
(
Häfelin
/Haller/Keller, a.a.O., S. 232 N 742)
. Weder
im UNO-Pakt II noch
in der EMRK
lässt sich
eine konkrete Vorschrift finde
n
, aus welcher ein Verbot
der Ungleichbehandlung von Versicherten mit und ohne Unterhaltspflichten gegenüber Kindern sowie solchen über und unter 55 Jahren
ersichtlich wäre
, wobei Gleich
es auch für den UNO-Pakt I gilt.
2.4.2
Ebenfalls nichts zu seinen Gunsten vermag
der Beschwerdeführer aus der Verord
nung (EG) Nr. 883/2004 vom 29. April 2004 zur Koordinierung der Sys
teme der sozialen Sicherheit (VO 883/2004) und der Verordnung (EG) Nr. 987/2009 vom 16. September 2009 zur Festlegung der Modalitäten für die Durchführung der VO 883/2004 (Durchführungsverordnung, DVO) ab
zu
leiten
. W
eder der VO 883/2004 noch der DVO
lassen sich nämlich
Bestimmungen ent
nehmen, wonach sich die Höhe der Leistungen bei Arbeitslosigkeit nicht nach allfälligen Unterhaltspflichten und Alter der v
ersicherten Person richten darf. Das Gegenteil ist der Fall.
Art. 54 Abs. 3 S. 1 DVO, wonach bei der
Leistungs
berechnung
auch Familienangehörige des Leistungsberechtigten zu berücksich
tigen sind, die im Gebiet eines anderen als des zuständigen Mitgliedstaats woh
nen,
weist darauf hin
, dass die Leistungen wegen Arbeitslosigkeit von der Exis
tenz von Familienangehörigen des Leistungsberechtigten abhängig sein darf (vgl. Fuchs [Hrsg.], Europäisches Sozialrecht, 6. Auflage, Baden-Baden 20
13,
N
5
zu Art. 62 VO 883/2004).
2.4.3
H
ingegen
ist
zu prüfen,
ob die
Höhe der Arbeitslosenentschädigung unter Berück
sichtigung von Unterhaltspflichten gegenüber Kindern unter 25 Jahren, die Ausrichtung der Entschädigung gestützt auf das Alter der versicherten Per
son sowie das Absolvieren von Wartetagen
mit dem Übereinkommen Nr. 168 der Internationalen Arbeitsorganisation (IAO) über Beschäftigungsförderung und den Schutz gegen Arbeitslosigkeit vom 2
1.
Juni 1988 (SR
0.822.726.8; AS
1991 1914; für die Schweiz in Kraft seit 1
7.
Oktober 1991, nachfolgend: Über
einkommen
Nr. 168) vereinbar ist. G
emäss Art. 6 Abs. 1 des Übereinkommens Nr. 168
hat
zwar jedes Mitglied allen geschützten Personen Gleichbehandlung ohne Unterscheidung aufgrund unter anderem des Alters zu gewährleisten
. D
ie Bestimmungen des Absatzes 1
stehen
jedoch gemäss
Abs.
2 der Festlegung be
sonderer Massnahmen
,
die der Erfüllung der speziellen Bedürfnisse von
Perso
nengruppen
mit besonderen Problemen auf dem Arbeitsmarkt, insbesondere benachteiligter Gruppen, dienen
sollen, nicht entgegen
. Da
versicherte Personen über 55 Jahre erschwerte Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt zu gewärtigen ha
ben
, rechtfertigt
sich eine erhöhte Anzahl von Taggeldern
. Weiter enthält das
Übereinkommen Nr. 168 weder eine allgemeine noch
eine konkrete Bestim
mung
, welche es dem Landesrecht verbieten würde, die Höhe der Entschädigung nach der Unterhaltspflicht gegenüber Kind
ern unter 25 Jahren zu richten. I
m Übrigen
ist
Art. 22 Abs. 2 AVIG, wonach ein Taggeld in der Höhe von 70 % des versicherten Verdienstes gewährt wird, mit
Art.
15 Abs. 1
lit
. a des Überein
kommens Nr. 168 zu vereinbaren
,
statuiert letzterer doch lediglich eine
Min
desthöhe
vo
n 50 % des früheren Verdienstes.
Allerdings widerspricht
die in Art. 18 Abs. 1
lit
. b AVIG festgehaltene Wartezeit von 15 Tagen Art. 18 Abs. 1 des Übereinkommens Nr. 168, wonach die Warte
zeit sieben Tage nicht überschreiten darf, wobei Art. 18 Abs. 2 des Überein
kommens Nr. 168 nicht anwendbar ist,
da
keine nach Art. 5 des Übereinkom
mens Nr. 168 abgegebene Erk
lärung der Schweiz
geltend gemacht wurde. Das zur Klärung unter anderem dieser Frage zur Stellungnahme eingeladene SECO liess sich nicht vernehmen
. Damit hat
die Beschwerdegegnerin zu Unrecht 15 Warte
tage ab dem 1. Mai 2013 verfügt.
3.
Zusammengefasst ist die
Beschwerde in dem Sinne teilweise gutzuheissen, dass die Ziffern 5 und 6 des
Einspracheentscheids
aufzuheben
sind und
festzustellen ist, dass der Beschwerdeführer ab dem 1. Mai 2013 sieben Wartetage zu beste
hen hat und für die Berechnung des Anspruchs auf Arbeitslosenentschädigung für den Monat Mai 2013 nicht mehr als sieben Wartetage berücksichtigt werden dürfen
.
Da d
ie Beschwerdegegnerin den Anspruch auf
Arbeitslosenentschädi
gung
zutreffend berechnete,
ist
die Beschwerde im Übrigen abzuweisen
.