Decision ID: be2d3ae4-c59c-5320-bf9d-037bdf75a430
Year: 2015
Language: de
Court: SG_VWEK
Chamber: SG_VWEK_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.- Gemäss Schreiben der rumänischen Generalpolizei, Abteilung Verkehrspolizei, vom
18. August 2014 wurde gegen X ein Fahrverbot von 90 Tagen in Rumänien
ausgesprochen. Ihm wurde vorgeworfen, am 5. August 2014 in Rumänien innerorts die
zulässige Höchstgeschwindigkeit von 50 km/h um 53 km/h überschritten zu haben.
B.- Am 23. Oktober 2014 eröffnete das Strassenverkehrs- und Schifffahrtsamt ein
Administrativverfahren gegen X und gewährte ihm das rechtliche Gehör. Zufolge
Zweifel an der Fahreignung ordnete es in der Folge mit Zwischenverfügung vom
8. Dezember 2014 eine verkehrspsychologische Untersuchung an. Die Verfügung
wurde am 10. Dezember 2014 zugestellt.
C.- Dagegen erhob X am 22. Dezember 2014 mit Eingabe seines Rechtsvertreters
Rekurs bei der Verwaltungsrekurskommission mit dem Antrag, unter Kosten- und
Entschädigungsfolge sei die Zwischenverfügung vom 8. Dezember 2014 aufzuheben
und von der Anordnung einer verkehrspsychologischen Untersuchung abzusehen;
eventualiter sei die Streitsache zur weiteren Abklärung und zu anschliessender neuer
Beurteilung bzw. Verfügung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Die Vorinstanz
verzichtete am 21. Januar 2015 auf eine Vernehmlassung.
Auf die Ausführungen der Verfahrensbeteiligten wird, soweit erforderlich, in den
Erwägungen eingegangen.

Erwägungen:
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die
Verwaltungsrekurskommission ist zum Sachentscheid zuständig. Die Befugnis zur
Rekurserhebung ist gegeben. Der Rekurs vom 22. Dezember 2014 ist rechtzeitig
eingereicht worden. Er erfüllt in formeller und inhaltlicher Hinsicht die gesetzlichen
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Anforderungen (Art. 41 lit. g , 45, 47 und 48 des Gesetzes über die
Verwaltungsrechtspflege; sGS 951.1, abgekürzt: VRP). Auf den Rekurs ist einzutreten.
2.- Im Rekursverfahren ist umstritten, ob die Vorinstanz zu Recht an der Fahreignung
des Rekurrenten zweifelte und aufgrund von Art. 15d Abs. 1 lit. c des
Strassenverkehrsgesetzes (SR 741.01, abgekürzt: SVG) in Verbindung mit Art. 11b
Abs. 1 lit. b der Verordnung über die Zulassung von Personen und Fahrzeugen zum
Strassenverkehr (SR 741.51, abgekürzt: VZV) eine verkehrspsychologische
Untersuchung anordnete.
a) Eine Grundvoraussetzung für die Erteilung des Führerausweises ist die Fahreignung.
Dieser Begriff umschreibt die körperlichen und geistigen Voraussetzungen, um ein
Fahrzeug im Strassenverkehr sicher lenken zu können. Die Fahreignung muss
grundsätzlich dauernd vorliegen (BGE 133 II 384 E. 3.1). Der Führerausweis ist zu
entziehen, wenn festgestellt wird, dass die gesetzlichen Voraussetzungen zur Erteilung
nicht oder nicht mehr bestehen (Art. 16 Abs. 1 SVG).
Bestehen Zweifel an der Fahreignung einer Person, so wird diese einer
Fahreignungsuntersuchung unterzogen (Art. 15d Abs. 1 SVG). Die Fahreignung
bedeutet unter anderem, dass die betreffende Person nach ihrem bisherigen Verhalten
Gewähr bietet, als Motorfahrzeugführer die Vorschriften zu beachten und auf die
Mitmenschen Rücksicht zu nehmen (vgl. Art. 14 Abs. 2 lit. d SVG). Nach Art. 15d Abs. 1
lit. c SVG ist daher eine Person einer Fahreignungsuntersuchung zu unterziehen, wenn
sie Verkehrsregelverletzungen begeht, die auf Rücksichtlosigkeit schliessen lassen. Die
Rücksichtslosigkeit kann gegenüber anderen Verkehrsteilnehmern, aber auch
gegenüber der Umwelt und Tieren vorliegen. Sie äussert sich etwa bei krasser
Missachtung der Geschwindigkeitsvorschriften; hierbei steht die Erfüllung von Art. 90
Abs. 3 bzw. 4 SVG (Raser-Strafnorm) im Vordergrund. Fraglich erscheint, ob ein
erstmaliges, auf Rücksichtslosigkeit hindeutendes Delikt den Tatbestand von Art. 15d
Abs. 1 lit. c SVG zu erfüllen vermag. Namentlich ist zu beachten, dass Art. 16c Abs. 2
lit. a SVG für erstmalige Raserdelikte einen Warnungsentzug von mindestens zwei
Jahren vorsieht. Trotzdem muss mit Blick auf die Verkehrssicherheit ein einmaliges
Delikt eine Fahreignungsuntersuchung rechtfertigen können, wenn dadurch – unter
Würdigung sämtlicher Umstände des Einzelfalls – begründete Zweifel an der
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Fahreignung der betreffenden Person hervorgerufen werden (BSK SVG-Bickel, Basel
2014, Art. 15d N 24 ff.). Es spielt keine Rolle, ob die relevanten Umstände in der
Schweiz oder im Ausland eingetreten sind. Zur Begründung der fehlenden Fahreignung
können auch Strassenverkehrsdelikte im Ausland berücksichtigt werden (BGE 133 II
331 E. 9.1; vgl. auch BSK SVG-Rütsche/Weber, Art. 16c N 7; Philippe
Weissenberger, Kommentar SVG und OBG, 2. Aufl. 2015, Art. 16d SVG N 8).
Die Anordnung einer verkehrspsychologischen Abklärung der Fahreignung (im Hinblick
auf die Prüfung eines allfälligen Sicherungsentzuges) setzt konkrete Anhaltspunkte
dafür voraus, dass der fragliche Inhaber des Führerausweises mehr als jede andere
Person der Gefahr ausgesetzt ist, sich in einem Zustand ans Steuer eines Fahrzeuges
zu setzen, der das sichere Führen nicht mehr gewährleistet (vgl. BGE 127 II 122 E. 3c;
124 II 559 E. 3d, je mit Hinweisen). Bei einem im Ausland begangenen Delikt muss die
Entzugsbehörde des Wohnsitzkantons von den Tatumständen umfassende Kenntnis
erhalten haben. Dies dürfte dann der Fall sein, wenn das fehlerhafte Verkehrsverhalten
eines Schweizers im Ausland Anlass zu einer gründlichen Sachverhaltsabklärung durch
die ausländischen Polizei- und Strafbehörden gab und die Tatbestandsfeststellung
dieser Behörden hinsichtlich der Fehlerhaftigkeit des Verkehrsverhaltens die
schweizerischen Entzugsbehörde zu überzeugen vermag; namentlich dürfen die von
den ausländischen Behörden eruierten Tatumstände keine Zweifel offen lassen. Es
müssen eindeutige Schlüsse im Blick auf die zu verfügende Verwaltungsmassnahme
gezogen werden können, denn es ist den schweizerischen Verwaltungsbehörden in der
Regel nicht möglich, selber Erhebungen zur Sache anzustellen. Diese für den
Warnungsentzug aufgestellten Grundsätze sind sinngemäss auch im Verfahren eines
Sicherungsentzugs zu beachten (vgl. BGE 102 Ib 59 E. 3; Rütsche/Weber, a.a.O.,
Art. 16c N 11 f.), wenn eine fehlende Fahreignung aus charakterlichen Gründen zur
Diskussion steht.
b) Das Europäische Übereinkommens über die internationalen Wirkungen des Entzuges
des Führerausweises für Motorfahrzeuge (SR 0.741.16, nachfolgend: Übereinkommen),
das sowohl in Rumänien als auch in der Schweiz gilt, enthält Bestimmungen über das
Prozedere im internationalen Verhältnis im Falle des Entzugs des Führerausweises
durch eine Vertragspartei wegen einer auf ihrem Hoheitsgebiet begangenen
Zuwiderhandlung im Strassenverkehr. Jede Vertragspartei, welche den Entzug
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angeordnet hat, teilt dies unverzüglich der Vertragspartei, welche den Führerausweis
erteilt hat, sowie der Vertragspartei mit, in deren Hoheitsgebiet der Täter seinen
gewöhnlichen Aufenthaltsort hat (Art. 2 des Übereinkommens). In Rumänien ist zur
Übermittlung solcher Mitteilungen die "Direction de la Police Routière – inspectorat
Général de la Police / Ministère de l'Intérieur" zuständig (vgl. http://conventions.coe.int/
Treaty/Commun/ListeDeclarations.asp?NT=
088&CM=7&DF=30/09/2010&CL=ENG&VL=1). Den Mitteilungen nach Art. 2 des
Übereinkommens sind eine beglaubigte Abschrift der Entzugsverfügung sowie eine
Sachverhaltsdarstellung beizufügen. Sind die übermittelten Auskünfte nach Ansicht der
Vertragspartei, an welche die Mitteilung gerichtet worden ist, nicht ausreichend, um ihr
die Anwendung dieses Übereinkommens zu ermöglichen, so ersucht sie um die
notwendigen zusätzlichen Auskünfte und erforderlichenfalls um Übermittlung einer
beglaubigten Abschrift der Verfahrensunterlagen (Art. 6 Ziff. 2 und 3 des
Übereinkommens).
c) Mit Schreiben vom 18. August 2014 teilte die "Inspectoratul General al Poliției
Române" der Schweizerischen Botschaft in Rumänien mit, dass der Rekurrent am
5. August 2014 die zulässige Geschwindigkeitsgrenze von 50 km/h überschritten habe;
das Radargerät habe eine Geschwindigkeit von 103 km/h gemessen. Gemäss
rumänischem Gesetz sei dem Rekurrenten der Führerausweis für neunzig Tage
(Fahrverbot auf rumänischem Gebiet) entzogen worden, beginnend ab 21. August
2014. Der Führerausweis sei dem Rekurrenten am 6. August 2014 zurückgegeben
worden, da er bewiesen habe, vor Ablauf der Entzugsfrist, Rumänien zu verlassen. Die
Schweizerische Botschaft in Rumänien übersetzte das Schreiben summarisch (act. 9/4
f.), welches am 9. Oktober 2014 an die Vorinstanz weitergeleitet wurde. Der Rekurrent
bestreitet den im Schreiben der Generalpolizei erhobenen Vorwurf; zudem sei ihm
keine Verfügung bekannt, wonach gegen ihn ab 21. August 2014 ein Fahrverbot von
neunzig Tagen ausgesprochen worden sei (act. 1 S. 4). Entgegen der Ansicht des
Rekurrenten findet der Grundsatz der Unschuldsvermutung nach Art. 6 Ziff. 2 EMRK im
Verfahren wegen Zweifel an der Fahreignung keine Anwendung (vgl. Weissenberger,
a.a.O., Art. 15d SVG N 17 und 19) und dementsprechend muss für die Anordnung einer
verkehrspsychologischen Untersuchung der Abschluss eines Strafverfahrens nicht
abgewartet werden. Die Administrativbehörde muss aber von den Tatumständen
umfassende Kenntnis erhalten haben; dies ist hier nicht der Fall. Weitere Unterlagen,
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wie beispielsweise ein Polizeirapport oder die Entzugsverfügung, wurden nicht
übermittelt. Ob das bestrittene fehlerhafte Verkehrsverhalten des Rekurrenten in
Rumänien Anlass zu einer gründlichen Sachverhaltsabklärung durch die ausländischen
Polizei- und Strafbehörden gab, kann damit nicht überprüft werden, und das Schreiben
der Generalpolizei alleine vermag noch keine Zweifel an der Fahreignung des
Rekurrenten zu begründen. Vielleicht liegt in der Zwischenzeit auch ein Strafentscheid
vor, der ebenfalls beigezogen werden könnte.
d) Zusammenfassend genügen die Abklärungen der Vorinstanz nicht, um an der
Fahreignung des Rekurrenten zu zweifeln.
3.- Dementsprechend ist der Rekurs gutzuheissen, und die angefochtene Verfügung
der Vorinstanz vom 8. Dezember 2014 ist aufzuheben. Die Angelegenheit ist gestützt
auf Art. 56 Abs. 2 VRP zur weiteren Abklärung und zu neuer Verfügung an die
Vorinstanz zurückzuweisen. Eine Rückweisung erscheint deshalb als sachgerecht, weil
mit der Einholung weiterer Abklärungen die Beweisgrundlagen wesentlich ergänzt
werden. Zudem würde es zu einer Verkürzung des Rechtsmittelwegs führen, wenn das
Gericht die Beweisergänzung selbst vornehmen würde. Damit erübrigt sich auch das
Gesuch um Durchführung einer mündlichen Verhandlung. Der Vollständigkeit halber sei
jedoch darauf hingewiesen, dass es sich vorliegend um ein rein administratives, und
nicht um ein strafrechtliches Verfahren noch um ein solches, in dem massgebliche
"civil rights" in Frage stehen, weshalb kein Anspruch auf eine mündliche Verhandlung
besteht (BGer 1C_242/2013 vom 17. Mai 2013 E. 2.2).
4.- a) Dem Verfahrensausgang entsprechend sind die amtlichen Kosten dem Staat
aufzuerlegen. Eine Entscheidgebühr von Fr. 1'200.– erscheint angemessen (vgl. Art. 7
Ziff. 122 der Gerichtskostenverordnung, sGS 941.12). Dem Rekurrenten ist der
Kostenvorschuss von Fr. 1'200.– zurückzuerstatten.
b) Zufolge Obsiegens hat der Rekurrent Anspruch auf volle Entschädigung der
ausseramtlichen Kosten (Art. 98 VRP und Art. 98 VRP), soweit diese aufgrund der
Rechts- und Sachlage als notwendig und angemessen erscheinen (Art. 98 Abs. 2 VRP).
Im Rekursverfahren war der Beizug eines Rechtsbeistandes geboten. Der
Rechtsvertreter hat keine Kostennote eingereicht, weshalb die Entschädigung für die
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Anwaltskosten ermessensweise festzulegen ist. Im Verfahren vor der
Verwaltungsrekurskommission wird das Honorar als Pauschale ausgerichtet; der
Rahmen liegt zwischen Fr. 1'000.– und Fr. 12'000.– (Art. 22 Abs. 1 lit. b der
Honorarordnung für Rechtsanwälte und Rechtsagenten, sGS 963.75; abgekürzt:
HonO). Innerhalb dieses Rahmens wird das Grundhonorar nach den besonderen
Umständen, namentlich nach Art und Umfang der Bemühungen, der Schwierigkeit des
Falles und den wirtschaftlichen Verhältnissen der Beteiligten, bemessen (Art. 19 HonO).
Umstritten war lediglich die Frage, ob die Anordnung einer verkehrspsychologischen
Untersuchung zulässig war. Angesichts des geringen Aktenumfangs sowie des
eingeschränkten Prozessthemas erscheint ein Honorar von Fr. 1'400.– (Barauslagen
und Mehrwertsteuer inbegriffen, Art. 28 Abs. 1 und Art. 29 HonO) als angemessen;
entschädigungspflichtig ist der Staat (Strassenverkehrs- und Schifffahrtsamt).