Decision ID: ecc01c89-a6df-5ce9-bf11-2617de3b25b6
Year: 2018
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a A._ (nachfolgend: Versicherte) war als Lehrtochter des Sportgeschäfts B._ bei
der Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt (Suva) gegen die Folgen von Unfällen
versichert, als sie am 24. März 1991 im Fussballtraining bei einem Kopfball hochsprang
und bei der Landung mit ihrem rechten Fuss auf den Fuss einer Gegenspielerin auftrat
und abknickte (Suva-act. 3, 16). Dr. med. C._, Allgemeine Medizin FMH, bestätigte
im Arztzeugnis UVG vom 22. April 1991 eine Erstbehandlung am 25. März 1991 und
stellte bei einem durch einen Notfallarzt erhobenen Röntgenbefund die Diagnose einer
Bandläsion rechtes OSG lateral ohne ossäre Läsion. Er attestierte der Versicherten eine
100%ige Arbeitsunfähigkeit ab 25. März 1991 und überwies sie an Dr. med. D._,
Spezialarzt FMH für Orthopädische Chirurgie (Suva-act. 4). Dieser erhob am 2. April
1991 die folgenden klinischen Befunde: OSG rechts lateral mit leichter diffuser,
ödematöser Schwellung, Druckdolenz über der distalen Fibula sowie entlang der Fibula
calcaneare und Fibula talare anterius, supinatorisch deutlich vermehrt aufklappbar,
leichtes Talusshift, periphere Sensomotorik intakt, keine Anhaltspunkte für eine
Peronealsehnenluxation. Eine durch Dr. D._ durchgeführte Röntgenuntersuchung
bestätigte die klinisch erhobene vermehrte Aufklappbarkeit (ca. 12 Grad rechts
gegenüber ca. 6 Grad links) und das bereits vorliegende Röntgenergebnis (Suva-act.
1). Am 9. April 1991 führte Dr. D._ bei der Diagnose "neu traumatisierte, chronische
Instabilität OSG rechts mit Rupturierung der Peronealsehnenscheide" eine
Bandraffungsnaht des Ligamentum fibulatalare anterius, eine Naht fibula calcaneare
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
sowie einen Verschluss der Peronealsehnenscheide rechts durch (Suva-act. 2). Der
postoperative Verlauf war komplikationslos (Suva-act. 5) und am 6. Juni 1991
bestätigte die Versicherte gegenüber der Suva, dass sie seit 27. Mai 1991 wieder zu
100% arbeitsfähig und die ärztliche Behandlung beendet sei (Suva-act. 6).
A.b Am 9. April 2014 meldete die Versicherte, dass sie aufgrund wieder vermehrt
auftretender Beschwerden durch Dr. med. E._, Facharzt für Allgemeine Medizin,
untersucht worden sei; zudem sei ein MRI erstellt worden (Suva-act. 7). Auf Ersuchen
der Suva reichte Dr. E._ am 7. Mai 2014 das Arztzeugnis UVG für Rückfall mit der
Diagnose eines vorderen Impingement des OSG und den Bericht über die von Dr. med.
F._, FMH Radiologie und FMH Nuklearmedizin, Röntgeninstitut G._, am 9. April
2014 durchgeführte MRI-Untersuchung des rechten OSG der Versicherten ein (Suva-
act. 10, 12). Dr. med. H._, FMH Orthopädische Chirurgie, welchem die Versicherte
von Dr. E._ zugewiesen worden war, bestätigte am 15./19. Mai 2014 ein
anteromediales Impingement des OSG rechts (Suva-act. 14).
A.c Am 28. Mai 2014 wurde die Versicherte von der Suva zum Beschwerdeverlauf seit
1991 befragt, wobei sie unter anderem erklärte, die letzte Konsultation bei Dr. H._
habe am 15. Mai 2014 stattgefunden (Suva-act. 16).
A.d In der Folge legte die Suva den Schadenfall zur Prüfung der Frage der
Rückfallkausalität dem kreisärztlichen Dienst vor. Die Beurteilung erfolgte am 6. Juni
2014 durch med. pract. I._, die eine überwiegend wahrscheinliche Teilkausalität der
Beschwerden bejahte, jedoch vor Durchführung einer Operation am OSG "unbedingt"
die Wiedervorlage des Schadenfalls verlangte. Es sei dann nochmals zu beurteilen, "ob
die vorgesehene Operation überwiegend wahrscheinlich unfallkausal sei" (Suva-act.
17). Gestützt auf diese Beurteilung erbrachte die Suva Heilkostenleistungen. Eine
Taggeldzahlung entfiel, weil die Arbeitsunfähigkeit weniger als drei Tage gedauert hatte
(Suva-act. 18).
A.e Am 20. November 2014 teilte die Versicherte der Suva telefonisch mit, dass
bezüglich des OSG rechts keine ärztliche Behandlung oder Kontrolle mehr stattfinde,
worauf diese den Fallabschluss in Aussicht stellte und die Versicherte über ein
allfälliges Rückfallmelderecht informierte (Suva-act. 24).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.f Am 9. März 2015 erstattete die Versicherte erneut eine Rückfallmeldung. Sie habe
seit einigen Wochen wieder mehr Beschwerden im OSG. Diese seien ohne neues
Ereignis aufgetreten. Sie habe am 11. März 2015 einen Untersuchungstermin bei Dr.
med. J._, Facharzt FMH für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des
Bewegungsapparates, (Suva-act. 25). Auf Ersuchen der Suva reichte Dr. J._ am 1.
Mai 2015 seine Patientenberichte zu einer Erstkonsultation vom 11. März 2015 und
einer Verlaufskonsultation vom 25. März 2015 sowie einen Bericht von Dr. med. K._,
Fachärztin für Radiologie FMH, Radiologie L._, über eine von dieser auf seine
Zuweisung am 20. März 2015 durchgeführte MRI-Untersuchung des OSG rechts ein
(Suva-act. 30 f.). Die Suva liess die medizinischen Unterlagen hinsichtlich der Frage der
Rückfallkausalität durch ihren Kreisarzt Dr. med. M._, Facharzt für Orthopädische
Chirurgie und Traumatologie des Bewegungsapparates FMH, prüfen. In einer
Kurzbeurteilung vom 26. Mai 2015 verneinte Dr. M._ eine Rückfallkausalität und
schrieb die beklagten Beschwerden beginnenden Verschleisserscheinungen zu (Suva-
act. 32).
A.g Gestützt auf diese kreisärztliche Einschätzung eröffnete die Suva der Versicherten
mit Verfügung vom 8. Juni 2015, dass zwischen den als Rückfall gemeldeten
Beschwerden am Fussgelenk rechts und dem Unfall vom 24. März 1991 kein sicherer
oder überwiegend wahrscheinlicher Kausalzusammenhang bestehe. Die Suva sei
demzufolge nicht leistungspflichtig (Suva-act. 33).
B.
B.a Gegen diese Verfügung erhob die Versicherte mit Eingabe vom 9. Juli 2015
Einsprache (Suva-act. 34), worauf die Suva den Schadenfall Dr. M._ nochmals zur
Kausalitätsbeurteilung vorlegte (Suva-act. 35). Dessen Stellungnahme datiert vom
16./21. Juli 2015 (Suva-act. 37).
B.b Mit Entscheid vom 16. Februar 2016 wies die Suva die Einsprache der
Versicherten ab und bestätigte die Ablehnung ihrer Leistungspflicht (Suva-act. 44).
C.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
C.a Gegen diesen Einspracheentscheid erhob die Versicherte (nachfolgend:
Beschwerdeführerin), vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. A. Rufener, St. Gallen, mit
Eingabe vom 4. April 2016 Beschwerde mit dem Antrag, der Einspracheentscheid der
Suva (nachfolgend: Beschwerdegegnerin) vom 16. Februar 2016 sei aufzuheben und
der Beschwerdeführerin seien die gesetzlichen Leistungen zu erbringen, unter Kosten-
und Entschädigungsfolge (act. G 1). Zusammen mit der Beschwerde reichte der
Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin verschiedene Arztberichte sowie eine
Stellungnahme von Dr. J._ vom 16. März 2016 zur Unfallkausalität der OSG-
Problematik rechts ein (act. G 1.5-1.9).
C.b In der Beschwerdeantwort vom 9. Mai 2016 beantragte die Beschwerdegegnerin
Abweisung der Beschwerde (act. G 3).
C.c In der Replik vom 21. September 2016 bekräftigte der Rechtsvertreter der
Beschwerdeführerin den Beschwerdeantrag. Er ersuchte ausserdem um Beizug von
Akten zu weiteren Unfällen der Beschwerdeführerin vom 29. August 1994 und 6.
September 2008, für welche die Beschwerdegegnerin ebenfalls leistungspflichtig sei
und welche den Zustand des OSG rechts mitbeeinflusst hätten bzw. mitbeeinflussen
würden (act. G 5).
C.d Auf Ersuchen des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen (act. G 6) reichte
die Beschwerdegegnerin die Akten zu den Unfällen vom 29. August 1994 (Nr.
09.91406.94.8; Akten II) und 6. September 2008 (Nr. 09.36935.08.7; Akten III) ein und
hielt ihrerseits an ihrem Antrag auf Abweisung der Beschwerde fest (act. G 7).
C.e Mit Schreiben vom 14. November 2016 nahm der Rechtsvertreter der
Beschwerdeführerin zu den Akten der Unfälle von 1994 und 2008 Stellung. Aus diesen
gehe hervor, dass die Beschwerdeführerin mehrere namhafte Verletzungen der oder an
den unteren Extremitäten erlitten habe. Aufgrund der Art der Verletzungen bestehe eine
Abhängigkeit, d.h. die Verletzungen beeinflussten die Auswirkungen der anderen
Verletzung negativ (act. G 9).

Erwägungen
1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Anfechtungsgegenstand des vorliegenden Verfahrens bildet der Einspracheentscheid
vom 16. Februar 2016 (Suva-act. 44). Diesem liegt die Verfügung vom 8. Juni 2015 zu
Grunde (Suva-act. 33). Die Verfügung - wie auch der angefochtene
Einspracheentscheid - befassen sich mit der Frage eines möglichen Anspruchs auf
Heilbehandlungskostenleistungen für die am 9. März 2015 gemeldeten OSG-
Beschwerden rechts, wobei hinsichtlich dieser Beschwerden das Vorliegen von
Spätfolgen des Unfalls vom 21. März 1991 geprüft wurde. Nicht Gegenstand des
angefochtenen Einspracheentscheids bzw. der Verfügung bildet die Frage nach dem
Anspruch auf Heilbehandlungskostenleistungen für die OSG-Beschwerden rechts aus
den Unfällen vom 29. August 1994 und 6. September 2008 und damit die vom
Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin formulierte Frage, inwiefern die bei den
vorgenannten Unfällen erlittenen Verletzungen die Beschwerden im OSG rechts negativ
beeinflusst haben. Diese Frage kann demnach im vorliegenden Beschwerdeverfahren
nicht geprüft werden (vgl. dazu BGE 125 V 413, 119 Ib 36 E. 1b, 118 V 313 E. 3b). Der
Vollständigkeit halber ist anzufügen, dass durch die Unfälle vom 29. August 1994 und
6. September 2008 offensichtlich keine direkte Verletzung des rechten OSG
stattgefunden hat (beim Unfall vom 29. August 1994 hat sich die Beschwerdeführerin
den linken Fuss verletzt, beim Unfall vom 6. September 2008 das rechte Knie) und von
beschwerdeführender Seite auch in keiner Weise dargelegt wird, inwiefern eine
indirekte Kausalität zwischen den beiden vorgenannten Unfällen und den OSG-
Beschwerden rechts bestehen könnte.
2.
Am 1. Januar 2017 sind die revidierten Bestimmungen des Bundesgesetzes über die
Unfallversicherung (UVG; SR 832.20) und der Verordnung über die Unfallversicherung
(UVV; SR 832.202) in Kraft getreten. Gemäss Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur
Änderung vom 25. September 2015 werden Versicherungsleistungen für Unfälle, die
sich vor deren Inkrafttreten ereignet haben, und für Berufskrankheiten, die vor diesem
Zeitpunkt ausgebrochen sind, nach bisherigem Recht gewährt. Vorliegend finden
daher, nachdem ein Ereignis aus dem Jahr 1991 zur Debatte steht, die bis 31.
Dezember 2016 gültigen Bestimmungen Anwendung.
3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.1 Im Einspracheentscheid vom 16. Februar 2016 hat die Beschwerdegegnerin die
Bestimmungen über die Leistungspflicht des Unfallversicherers nach Art. 6 Abs. 1 UVG
und den Anspruch auf Versicherungsleistungen bei Rückfällen und Spätfolgen (Art. 11
UVV) zutreffend dargelegt. Gleiches gilt in Bezug auf die Ausführungen über die
gemäss Art. 6 Abs. 1 UVG geltenden Voraussetzungen des natürlichen und adäquaten
Kausalzusammenhangs zwischen dem Unfallereignis und dem Gesundheitsschaden
(BGE 129 V 181 f. E. 3 mit Hinweisen). Darauf ist zu verweisen. Für die Beantwortung
der Tatfrage nach dem Bestehen natürlicher Kausalzusammenhänge im Bereich der
Medizin ist das Gericht in der Regel auf Angaben ärztlicher Experten und Expertinnen
angewiesen. Die Frage nach dem adäquaten Kausalzusammenhang ist demgegenüber
eine Rechtsfrage, die vom Gericht nach den von Doktrin und Praxis entwickelten
Regeln zu beurteilen ist (BGE 129 V 181 E. 3.1, 123 III 110, 112 V 30; PVG 1984 Nr. 82,
174). Bei physischen Unfallfolgen hat indessen die Adäquanz gegenüber dem
natürlichen Kausalzusammenhang praktisch keine selbständige Bedeutung (BGE 118 V
291 f. E. 3a). Ob ein natürlicher Kausalzusammenhang gegeben ist, beurteilt sich nach
dem im Sozialversicherungsrecht üblichen Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit, die blosse Möglichkeit eines Zusammenhangs genügt für die
Begründung eines Leistungsanspruchs nicht (BGE 129 V 177 E. 3.1).
3.2 Der Sozialversicherungsprozess ist vom Untersuchungsgrundsatz beherrscht.
Danach hat die Verwaltung und im Beschwerdefall das Gericht von Amtes wegen für
die richtige und vollständige Abklärung des rechtserheblichen Sachverhalts zu sorgen.
Dieser Grundsatz gilt indessen nicht uneingeschränkt; er findet sein Korrelat in den
Mitwirkungspflichten der Parteien (BGE 125 V 195 E. 2, 122 V 158 E. 1a je mit
Hinweisen; vgl. BGE 130 I 183 E. 3.2). Der Untersuchungsgrundsatz schliesst die
Beweislast im Sinn der Beweisführungslast begriffsnotwendig aus. Im
Sozialversicherungsprozess tragen mithin die Parteien die Beweislast nur insofern, als
im Fall der Beweislosigkeit der Entscheid zu Ungunsten jener Partei ausfällt, die aus
dem unbewiesen gebliebenen Sachverhalt Rechte ableiten wollte. Bei der hinsichtlich
Rückfällen und Spätfolgen zu erfüllenden Anspruchsvoraussetzung eines erneuten
natürlichen Kausalzusammenhangs handelt es sich um eine anspruchsbegründende
Tatsache. Die diesbezügliche Beweislast liegt insofern bei der versicherten Person, als
im Fall der Beweislosigkeit der Entscheid zu ihren Lasten ausfällt. Selbstverständlich
kommt die obgenannte Beweisregel erst dann zur Anwendung, wenn die Verwaltung
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
und - im Beschwerdefall - das Gericht dem Untersuchungsgrundsatz rechtsgenüglich
nachgekommen sind bzw. es sich als unmöglich erweist, im Rahmen des
Untersuchungsgrundsatzes aufgrund einer Beweiswürdigung einen Sachverhalt zu
ermitteln, der zumindest die Wahrscheinlichkeit für sich hat, der Wirklichkeit zu
entsprechen (BGE 138 V 222 E. 6, 117 V 264 E. 3b mit Hinweisen; RKUV 1994 Nr. U
206 S. 328 E. 3b).
3.3 Für das gesamte Verwaltungs- und Verwaltungsgerichtsverfahren gilt der
Grundsatz der freien Beweiswürdigung (Art. 61 lit. c des Bundesgesetzes über den
Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG; SR 830.1]). Danach haben
Versicherungsträger und Sozialversicherungsgericht die Beweise frei, das heisst ohne
Bindung an förmliche Beweisregeln, sowie umfassend und pflichtgemäss zu würdigen.
Für das Beschwerdeverfahren bedeutet dies, dass das Sozialversicherungsgericht alle
Beweismittel, unabhängig davon, von wem sie stammen, objektiv zu prüfen und
danach zu entscheiden hat, ob die verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige
Beurteilung des streitigen Rechtsanspruchs gestatten. Insbesondere darf es bei
einander widersprechenden medizinischen Berichten den Prozess nicht erledigen,
ohne das gesamte Beweismaterial zu würdigen und die Gründe anzugeben, warum es
auf die eine und nicht auf die andere medizinische These abstellt (Urteil des
Eidgenössischen Versicherungsgerichts [EVG; seit 1. Januar 2007: Sozialrechtliche
Abteilungen des Bundesgerichts] vom 21. Juli 2003, U 327/02, E. 2.1, und vom 25.
Januar 2002, U 277/00, E. 4). Hinsichtlich des Beweiswerts eines Arztberichts ist
entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen
Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis
der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen
Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen des Experten oder der Expertin
begründet sind. Insofern darf das Gericht in seiner Beweiswürdigung auch Gutachten
folgen, welche der Unfallversicherer im Administrativverfahren einholt, solange nicht
konkrete Indizien gegen die Zuverlässigkeit der Expertise sprechen (BGE 125 V 353 E.
3b/cc; RKUV 2000 Nr. U 377 S. 186 E. 4a). Auch eine ärztliche Beurteilung aufgrund
der Akten, wie sie vorliegend von Dr. M._ am 16./21. Juli 2015 (Suva-act. 37) erstellt
wurde, ist nicht an sich unzuverlässig. Für die Beweistauglichkeit entscheidend ist,
dass genügend Unterlagen von persönlichen Untersuchungen vorliegen (RKUV 1988
Nr. U 56 S. 371).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.
Die kreisärztliche Beurteilung von Dr. M._ vom 16./21. Juli 2015 erfüllt die in
Erwägung 3.3 dargelegten Beweisanforderungen. Dr. M._ legt die Anamnese bzw.
die umfassenden Ergebnisse der im konkreten Fall durchgeführten persönlichen
ärztlichen Untersuchungen der Beschwerdeführerin lückenlos dar. Im Weiteren
beziehen sich seine Ausführungen auf die im Rahmen der Beurteilung einer
Rückfallkausalität massgebenden Beurteilungskriterien, nämlich die ursprünglich
gestellte Unfalldiagnose sowie die im Rahmen des Rückfalls erhobene Diagnose bzw.
die im Grundfall und Rückfall durchgeführten radiologischen Untersuchungsergebnisse
betreffend Vorliegen relevanter unfallkausaler somatischer Befunde im Sinn
struktureller Veränderungen, die Vorzustände und den zeitlichen Ablauf.
4.1 Die bei einem Unfall erlittene Verletzung, d.h. die Unfalldiagnose, bildet den
massgebenden Ausgangspunkt für traumatische Folgeschäden. Dies in dem Sinne,
dass es offensichtlich erscheint, dass in der Regel nur ein vom Unfall betroffener
Körperteil eine Verletzung mit nachfolgenden Beschwerden zeitigen kann und sich
auch sekundär traumatische Spätfolgen in der Regel im ursprünglichen
Verletzungsgebiet und nicht verletzungsfern entwickeln. In die Beurteilung
unfallkausaler Spätfolgen sind sodann die nach dem Unfall im gesamten Verlauf
erhobenen Diagnosen und Befunde bzw. Beschwerden einzubeziehen. Für die
Annahme unfallkausaler somatischer Restfolgen wird im Regelfall eine strukturelle
Läsion bzw. eine schlecht verheilte strukturelle Läsion als objektivierbares Korrelat
verlangt. Von organisch objektiv ausgewiesenen Unfallfolgen kann erst gesprochen
werden, wenn die erhobenen Befunde mit - wissenschaftlich anerkannten (BGE 134 V
231) - apparativen/bildgebenden Abklärungen (Röntgen, Computertomographie, MRI)
bestätigt werden (Urteil des Bundesgerichts vom 28. Oktober 2009, 8C_216/2009, E.
2).
4.2 Im Rahmen des Grundfalls erlitt die Beschwerdeführerin eine Bandläsion des
rechten OSG mit einer röntgenologisch erhobenen vermehrten Aufklappbarkeit von ca.
12 Grad. Eine frische ossäre Läsion war hingegen nicht sichtbar. Die
Beschwerdeführerin wurde am 9. April 1991 durch Dr. D._ am rechten OSG operiert,
wobei sich ein deutlich elongiertes Ligamentum fibulatalare anterius, gegen cranial
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
eingerissen, ein ebenfalls eingerissenes Ligamentum calcaneare sowie eine offene
Peronealsehnenscheide zeigten. Dr. D._ führte eine Bandraffungsnaht beim
Ligamentum fibulatalare anterium durch und nähte auch das Ligamentum calcaneare
sowie die Peronealsehnenscheide (Suva-act. 1 f., 4 f.). Am 6. Juni 1991 bestätigte die
Beschwerdeführerin die Beendigung der ärztlichen Behandlung sowie die
Wiederaufnahme der Arbeit zu 100% ab 27. Mai 1991 (Suva-act. 6). Infolge im Frühjahr
2014 wieder vermehrt auftretender Beschwerden im rechten OSG wurde auf
Zuweisung des am 8. April 2014 konsultierten Dr. E._ am 9. April 2014 eine MRI-
Untersuchung des rechten OSG durch Dr. F._ durchgeführt, bei welcher sich narbige
Residuen im Bereich des Ligamentum fibulatalare anterius und fibulocalcaneare sowie
ein 2 cm grosses Weichteilganglion im Bereich der Aussenknöchelspitze zeigten.
Weiter kamen atrophytäre Veränderungen im ventro-medialen Bereich des OSG sowie
ein 3.5 x 2 cm grosses Weichteilganglion im plantaren Bereich der
Tarsometatarsalgelenke I und II zur Darstellung. Aufgrund der atrophytären
Veränderungen im ventro-medialen Bereich erhob Dr. F._ den Verdacht auf ein
anteriores Impingement und zum Weichteilganglion im plantaren Bereich der
Tarsometatarsalgelenke I und II fügte er an, dass dieses an die distale Peroneus
longus-Sehne angrenze und bis nach intraossär zwischen der Basis des Metatarsale I
und II reiche (Suva-act. 10). Entsprechend stellte Dr. E._ im Arztzeugnis UVG vom 7.
Mai 2014 die Diagnose eines vorderen Impingements des OSG (Suva-act. 12). Am 15.
Mai 2014 wurde die Beschwerdeführerin ausserdem orthopädisch durch Dr. G._
untersucht, der in seinem Bericht vom 19. Mai 2014 gestützt auf das Ergebnis der MRI-
Untersuchung vom 9. April 2014 die Diagnose anteromediales Impingement bestätigte,
zusätzlich ein Ganglion im Bereich des Sinus tarsi diagnostizierte und festhielt, dass die
Hauptbeschwerden auf das Impingement bei Tibianase und Talusbump zurückzuführen
seien. Diesbezüglich könnte der Beschwerdeführerin bei rezidivierenden
Schmerzepisoden die OSG-Infiltration und gegebenenfalls die OSG-Arthroskopie
offeriert werden. Ein symptomatisches Ganglion im Sinus tarsi könne exzidiert werden,
wobei es häufig Ausdruck einer Pathologie des USG sei (Suva-act. 14). Entsprechende
Heilbehandlungen wurden sodann jedoch keine durchgeführt. Am 20. November 2014
bestätigte die Beschwerdeführerin, dass weder eine ärztliche Behandlung noch eine
Kontrolle stattfinden würde. Die Beschwerden seien erträglich oder weniger geworden
(Suva-act. 24). Am 9. März 2015 meldete die Beschwerdeführerin erneut eine Zunahme
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
der Beschwerden (Suva-act. 25) und begab sich am 11. März 2015 bei Dr. J._ in
Behandlung. Dieser diagnostizierte ein anteriores Narbenimpingement OSG rechts
sowie eine Ganglionbildung laterales OSG rechts bei Status nach Bandraffung vor
Jahren (Suva-act. 30). Die auf Zuweisung von Dr. J._ am 20. März 2015 durch Dr.
K._ ausgeführte MRI-Untersuchung des OSG rechts zeigte folgende Befunde: eine
geringe Arthrose im medialen tibiotalaren Anteil des OSG mit hier Chondropathie Grad
I-II und deutlichem Reizzustand des alt gezerrten zumindest in seinen anterioren
tibiotalaren Faserzügen partialrupturierten Ligamentum deltoideum; eine diskreteste
initiale Arthrose im Chopart-Gelenk talonavicular sowie intertarsal naviculo-cuneiforme
und intercuneiforme mit punktueller Chondropathie Grad I-II, jedoch ohne signifikante
Reizsynovialitis; eine deutlich aktivierte Arthrose (DD:-Itis) im MTP I und
metatarsosesamoidalen Gelenkabschnitt und zusätzlich nachweisbare postoperative
Suszeptibilitätsartefakte; eine diskreteste Insertionstendinose (DD: -Itis) der
Peronealsehne sowie der Sehne des Musculus tibialis posterius bei insgesamt intakten
Extensor- und Flexorensehnen sowie reizlosem subfibularen peritendinösem lobulierten
Ganglion mit einer aktuellen Ausdehnung von 15.9 x 16.1 x 9.1 mm; eine in erster Linie
vom Lisfranc-Gelenk ausgehende flächige ebenfalls reizlose Ganglionformation mit
einer aktuellen Ausdehnung von 20 x 3.3 x 25.1 mm sowie zwei maximal bis 3.7 mm
grosse freie Ossikel zum einen im OSG posterior tibiotalar und inferior talo-navicular.
Ansonsten zeigte sich der postoperative MRI-Befund von OSG, USG und Mittelfuss
regelhaft, insbesondere liess sich keine ligamentäre Reruptur und keine Ostedystrophie
feststellen (Suva-act. 31). Gestützt auf dieses MRI-Untersuchungsergebnis bestätigte
Dr. J._ am 25. März 2015 seine Diagnose vom 11. März 2015 und empfahl eine
arthroskopische Adhäsiolyse, eine Narbenreduktion sowie eine Abtragung des
Talushöckers. Zusätzlich würde über eine weitere Inzision die Exstirpation des
Ganglions erfolgen (Suva-act. 30).
4.3 Gestützt auf die in Erwägung 4.2 dargestellte Aktenlage stellte Dr. M._ zunächst
nachvollziehbar fest, es sei überwiegend wahrscheinlich davon auszugehen, dass die
aktuelle Beschwerdesymptomatik dem von allen untersuchenden Ärzten
übereinstimmend (vgl. Suva-act. 12, 14, 30 f.) diagnostizierten anterioren Impingement
(Einklemmung von Weichteilgewebe im vorderen Bereich des OSG) infolge der
osteophytären Knochenanlagerung am körperfernen Schienbeinende und dem
Sprungbein bzw. bei Tibianase und Talusbump geschuldet sei. Radiologisch
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
objektiviert sind sodann verschiedene Arthrosen im Bereich des rechten Fusses,
welche ebenfalls Schmerzen verursachen können (vgl. dazu PSCHYREMBEL,
Klinisches Wörterbuch, 267. Aufl. Berlin/Boston 2017, S. 152 f.; ROCHE LEXIKON,
Medizin, 5. Aufl. München 2003, S. 134; ALFRED M. DEBRUNNER, Orthopädie,
Orthopädische Chirurgie, 4. Aufl. Bern 2005, S. 586; vgl. auch Dr. M._ in Suva-act.
37-4). Weder ein Impingement noch eine Arthrose können eine primäre
Unfallverletzung darstellen. Die Arthrose ist eine degenerative Erkrankung, die als
unfallkausaler Gesundheitsschaden lediglich sekundär, d.h. als Spätfolge einer
primären Unfallverletzung - beispielsweise einer Gelenksfraktur, eines Sturzes aus
grosser Höhe mit der Folge einer Störung der Fussstatik, einer Bandläsion mit
nachfolgender Bandinsuffizienz und Gelenkinstabilität - auftritt (DEBRUNNER, a.a.O.,
S. 580 f., 740, 1175, 1183; PSCHYREMBEL, a.a.O., S. 152; ROCHE LEXIKOn, a.a.O.,
S. 134). Als Impingement bezeichnet man eine schmerzhafte Funktionseinschränkung
der Gelenkbeweglichkeit durch eine schmerzhafte Verdrängung oder Einklemmung von
Gewebe. Es wird damit noch keine konkrete pathologisch-anatomische
Gesundheitsstörung definiert (DEBRUNNER, a.a.O., S. 601, 619, 725, 975, S. 1183;
PSCHYREMBEL, a.a.O., S. 862; ROCHE LEXIKON, a.a.O., S. 915). Im konkreten Fall
werden als Ursache des Impingements die atro- bzw. osteophytären Veränderungen im
ventro-medialen Bereich des OSG der Beschwerdeführerin genannt (Suva-act. 10).
Angesichts des Gesagten enthält die Beurteilung von Dr. M._ nachvollziehbarerweise
Aussagen zu den Fragen, ob vorliegend eine traumatisch bedingte, sekundäre Arthrose
gegeben sein könnte bzw. ob die Beschwerdeführerin im Bereich der arthrotisch
veränderten Bereiche eine Unfallverletzung erlitten habe, und ob es sich bei den
atrophytären Veränderungen im ventro-medialen Bereich des OSG um die Folge einer
primären Unfallverletzung handeln könnte.
4.4
4.4.1 Bezüglich der Frage einer traumatisch bedingten, sekundären Arthrose weist
Dr. M._ zunächst zutreffend darauf hin, dass es gemäss Dokumentationen aus dem
Jahr 1991 zu einer Teilverletzung des äusseren Kapselbandapparates des rechten OSG
gekommen sei, wobei keine strukturelle Gelenkbinnenverletzung des rechten OSG
stattgefunden habe (vgl. Suva-act. 1 f., 4). Entsprechend habe Dr. D._ bei seiner
Operation vom 2. April 1991 eine Naht des vorderen und mittleren Verstärkungsbandes
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
des Kapselbandapparates und einen operativen Verschluss der
Peronealsehnenscheide durchgeführt. Gemäss Operationsbericht seien keine
Strukturen im intraartikulären Bereich OSG rechts versorgt worden und keine Eröffnung
der das Gelenk umgebenden Kapsel beschrieben (vgl. dazu Suva-act. 2, Suva-act.
37-3). Mit diesem Sachverhalt stimmt überein, dass die verschiedenen anlässlich der
MRI-Untersuchung des OSG rechts von Dr. K._ vom 20. März 2015 erhobenen
Arthrosen nicht im Verletzungsgebiet der Aussenbänder (Kapsel-Band-Apparat) bzw.
des lateralen OSG liegen, sondern innenseitig im medialen tibiotalaren Anteil des OSG,
im Chopart-Gelenk und im Bereich der Metatarsalgelenke lokalisiert sind (Suva-act.
31).
4.4.2 Dr. M._ weist sodann darauf hin, dass es erst im Zeitraum vom 9. April 2014
(MRI-Untersuchung durch Dr. F._, Suva-act. 10) bis zur Kontrollkernspintomographie
vom 20. März 2015 durch Dr. K._ (Suva-act. 31) zu einer leichten Entwicklung einer
innenseitig lokalisierten Arthrose des OSG gekommen sei. Dass eine erstmals 24 Jahre
nach einer Bandläsion im OSG objektivierte und zudem erst leichte Arthrose
überwiegend wahrscheinlich traumatisch bedingt sein soll, erscheint selbst angesichts
des Umstands, dass eine Arthrose für ihre Entwicklung definitionsgemäss einen
gewissen Zeitraum benötigt, d.h. nicht zeitgleich mit der primären Verletzung auftritt,
zweifelhaft. Anamnestisch entnimmt Dr. M._ schliesslich dem Bericht von Dr. D._
vom 2. April 1991 und dessen Operationsbericht vom 9. April 1991 korrekt, dass darin
eine bereits vor dem Unfall vom 24. März 1991 vorliegende chronische Instabilität des
rechten OSG erwähnt ist. Dass Dr. M._ diesen Vorzustand als weiteren bedeutsamen
Umstand für eine unfallfremde Problematik sieht, erscheint schlüssig und fügt sich
ohne Weiteres in einen Sachverhalt mit unfallfremder Arthrosebildung ein (vgl. dazu
DEBRUNNER, a.a.O., S. 601, 612, 619, 636). Insgesamt liegt mithin ein in sich
geschlossener Sachverhalt für eine umfassende unfallfremde Problematik ohne
passende traumatische Verletzung vor (degenerative Pathologie bzw. Arthrosebildung
ausserhalb des ursprünglich verletzten OSG-Bereichs; dokumentierter Vorzustand
einer Instabilität als pathologische Grundlage für eine Arthrosebildung; jahrzehntelange
Latenzzeit bis zur radiologischen Erhebung der Arthrosen).
4.5 Hinsichtlich der Impingement-Symtomatik stellt sich die Sachlage - wie von Dr.
M._ aufgezeigt - vergleichbar mit der Arthrosesituation dar. Die das Impingement
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
verursachenden osteophytären Knochenanlagerungen befinden sich - wie von Dr.
M._ den radiologischen Berichten richtig entnommen - ebenfalls nicht im
Verletzungsgebiet, d.h. im Bereich des beim Unfall vom 24. März 1991 verletzten
äusseren Kapselbandapparates mit Ligamentum fibulatalare anterius, Ligamentum
calcaneare und Peronealsehnenscheide (vgl. dazu Suva-act. 1 f.), sondern liegen - wie
in den medizinischen Akten übereinstimmend dargestellt - im vorderen, inneren Anteil
des rechten OSG bzw. der körperfernen Tibiakante und des Sprungbeins.
Entsprechend spricht Dr. H._ von einer Tibianase und einem Talusbump (vgl. Suva-
act. 10, 12, 14). Der Umstand, dass das vorliegende Impingement gegenüber dem vom
Unfall tangierten OSG-Bereichs neu in einem anderen OSG-Bereich auftritt, lässt die
Schlussfolgerung von Dr. M._, dass dieses nicht überwiegend wahrscheinlich eine
Folge der Bandläsion vom 24. März 1991 sei, ohne Weiteres einleuchtend erscheinen.
4.6 Wie Dr. M._ bereits bezüglich der Arthrose hervorhob, betonte er in seiner
Beurteilung nochmals generell das jahrzehntelange Intervall zwischen dem
Unfallereignis und den schmerzverursachenden Diagnosen ohne dokumentierte
Brückensymptome. Tatsächlich sind - abgesehen von nachträglichen subjektiven
Aussagen (vgl. Suva-act. 16) - während 23 (Impingement mit osteophytärer
Knochenanlagerung) bzw. 24 Jahren (Arthrose) echtzeitlich keine Beschwerden,
ärztliche Behandlungen oder Kontrollen und keine Arbeitsunfähigkeiten dokumentiert,
was unfallkausale Spätfolgen unwahrscheinlich erscheinen lässt. Nach der
Rechtsprechung sind die Anforderungen an den Beweis des natürlichen
Kausalzusammenhangs im Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit umso
strenger, je grösser der zeitliche Abstand zwischen dem Unfall und dem erneuten
Eintritt der Gesundheitsschädigung ist (RKUV 1997 Nr. U 275 S. 188 E. 1c). Dieser
Grundsatz ist insbesondere in denjenigen Fällen zu beachten, in welchen nach einer
längeren Latenzzeit nur Befunde erhoben werden konnten, welche - wie die Arthrose
und das Impingement mit osteophytären Knochenveränderungen - im Regelfall nicht
sekundär traumatisch bedingt sind, sondern degenerativ oder krankhafte Ursachen
haben. Während einer solch langen Latenzzeit wie der vorliegenden sind die
unfallunabhängigen Vorgänge in einem menschlichen Körper vielfältig und der
Beweisgrad einer überwiegenden Wahrscheinlichkeit ohne klar ersichtlichen Hinweis
auf eine traumatische Unfallfolge kaum zu erreichen.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.7 Wie bereits erwähnt (vgl. Erwägung 4.2), erhob Dr. F._ anlässlich seiner MRI-
Untersuchung vom 9. April 2014 auch narbige Residuen im Bereich des Ligamentum
fibulotalare anterius und fibulocalcaneare sowie ein 2 cm grosses Weichteilganglion im
Bereich der Aussenknöchelspitze (Suva-act. 10). Angesichts ihrer Lokalisation sowie
der medizinischen Erfahrungstatsache, dass Operationen Narben hinterlassen können
(vgl. DEBRUNNER, a.a.O., S. 86), und Dr. F._ von postoperativen Artefakten spricht,
könnten diese Befunde grundsätzlich in einem Zusammenhang mit der unfallbedingten
Operation mit Bandraffung des Ligamentum fibulatalare anterius, der Naht beim
Ligamentum calcaneare sowie des Verschlusses der Peronealsehnenscheide vom 9.
April 1991 bzw. der Bandläsion des rechten OSG lateral gesehen werden (Suva-act. 2).
Dr. J._ diagnostizierte jedoch in seinen Konsultationsberichten vom 11. und 25. März
2015 ein anteriores Narbenimpingement OSG rechts und empfahl am 25. März 2015
eine Narbenreduktion und Abtragung des Talushöckers (Suva-act. 30). Ein anteriores
Narbenimpingement befindet sich - gleich wie die in den Erwägungen 4.2 genannten
Arthrosen und osteophytären Knochenanlagerungen - nicht im Bereich des beim Unfall
vom 24. März 1991 verletzten lateralen OSG, womit folglich kein Zusammenhang zur
Operation vom 9. April 1991 bzw. zur lateralen Bandläsion gesehen werden kann (vgl.
Suva-act. 2). Gleiches gilt hinsichtlich des radiologisch zur Darstellung gelangten
grösseren, in erster Linie vom Lisfranc Gelenk ausgehenden Ganglions bzw. des von
Dr. H._ in seinem Untersuchungsbericht vom 19. Mai 2014 genannten Ganglions im
Sinus tarsi, welches häufig Ausdruck einer Pathologie des USG sei (Suva-act. 14).
Gestützt auf das MRI-Untersuchungsergebnis schrieb Dr. J._ im
Verlaufskonsultationsbericht vom 25. März 2015, dass zusätzlich über eine weitere
Inzision die Exstirpation des Ganglions erfolgen könnte. Sollte Dr. J._ damit das
Ganglion im Bereich des lateralen OSG rechts gemeint haben und würde in der Zukunft
eine entsprechende operative Vorkehr erfolgen, hätte die Beschwerdegegnerin eine
diesbezügliche Unfallkausalität zu prüfen. Entsprechend hatte med. pract. I._ am 6.
Juni 2014 erklärt, dass der Schadenfall vor einer Operation des OSG "unbedingt"
wieder vorgelegt werden müsste, um dann nochmals die Kausalität zu beurteilen
(Suva-act. 17). Dr. M._ verneinte zwar in seiner Kurzbeurteilung vom 26. Mai 2015 mit
Blick auf die lange Latenzzeit eine überwiegend wahrscheinliche Unfallkausalität des
Ganglions (Suva-act. 32), wobei zu überprüfen wäre, ob seine Aussage auch bezüglich
das Ganglion laterales OSG rechts gemeint ist. Anlässlich der MRI-Untersuchung vom
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
20. März 2015 durch Dr. K._ hat sich das Ganglion im Aussenknöchelbereich reizlos
gezeigt (Suva-act. 31) und über die Durchführung einer Fussoperation ist nichts
bekannt. Hier geht es einzig um die Überprüfung der Unfallkausalität der
beschwerdeverursachenden Gesundheitsschäden (anteriores Impingement des rechten
OSG infolge osteophytärer Knochenanlagerung am körperfernen Schienbeinende und
Sprungbein, verschiedene Arthrosen; vgl. Erwägungen 4.3 ff.), hinsichtlich welcher
nicht mit dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit dargetan ist, dass es
sich um Spätfolgen der Bandläsion vom 24. März 1991 handelt.
4.8
4.8.1 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass - wie von Dr. M._ angenommen
und schlüssig begründet - aufgrund der ursprünglich erlittenen Unfallverletzung, der im
Rahmen des Rückfalls erhobenen Diagnosen bzw. radiologischen
Untersuchungsergebnisse sowie des zeitlichen Ablaufs keine Anhaltspunkte für eine
natürliche Unfallkausalität der am 9. März 2015 gemeldeten Beschwerden im rechten
OSG vorliegen. Damit hat die Beschwerdegegnerin ihre Leistungspflicht aus der
obligatorischen Unfallversicherung zu Recht verneint. Weder die Stellungnahme zur
Unfallkausalität von Dr. J._ vom 16. März 2016 (act. G 1.9) noch die weiteren der
Beschwerde vom 4. April 2016 beigelegten Berichte von Dr. E._ vom 18. August
2009 (act. G 1.5), von Dr. D._ vom 26. Oktober 2009 (act. G 1.6), von Dr. med. N._,
Leitender Arzt Rheumaklinik und Institut für Physikalische Medizin, Universitätsspital
Zürich, vom 15. November 2011 (act. G 1.7) und von Dr. med. O._, Leitender Arzt,
Reha P._, vom 30. März 2012 (act. G 1.8) vermögen an dieser Beurteilung etwas zu
ändern, wie nachfolgend aufzuzeigen ist.
4.8.2 Aus der von Dr. J._ in seiner Stellungnahme von Dr. K._ übernommenen
Formulierung "des alt gezerrten...partialrupturierten Ligamentum..." kann kein sicherer
Hinweis auf eine sekundäre Unfallfolge abgeleitet werden. Die alte Zerrung betraf das
Ligamentum fibulotalare anterius, das Ligamentum fibulocalcaneare sowie die
Peronealsehnenscheide. Seine weitere Feststellung, aus seiner Sicht könnte aufgrund
der beschriebenen alten Zerrung von einer posttraumatischen Instabilität ausgegangen
werden, wäre zwar ein denkbarer und damit möglicher, jedoch kein überwiegend
wahrscheinlicher Sachverhalt. Zwar stellt die Instabilität des OSG eine in der Medizin
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
anerkannte Folge von Bandläsionen dar (vgl. DEBRUNNER, a.a.O., s. 636;
PSCHYREMBEL, a.a.O., S. 231). Wie in Erwägung 4.4.2 gesagt, ist jedoch im
konkreten Fall bereits eine vorbestehende Instabilität dokumentiert, von der Dr. J._
offensichtlich keine Kenntnis hatte. So gibt er selbst an, dass ihm die Akten aus dem
Jahr 1991 nicht zur Verfügung gestanden hätten, weshalb er nicht habe herausfinden
können, ob die Beschwerdeführerin eine frühere Instabilität vor 1991 beschrieben
habe. Die von Dr. J._ dargestellte traumatische Kausalkette mit primärer Bandläsion
und nachfolgender Instabilität vermag folglich nicht zu überzeugen. Die von der
Beschwerdeführerin erlittene "alte" Verletzung vom 24. März 1991 war sodann -
entgegen der Annahme von Dr. J._ - keine Verletzung des medialen Seitenbandes
(Ligamentum deltoideum in den anterioren Bereichen). Damit fällt auch eine
unfallkausale vermehrte Abnutzung des medialen Knorpels sowie die Bildung eines
unfallkausalen Talushöckers und einer ebensolchen Tibianase ausser Betracht. Mit
seiner Formulierung, er gehe somit "eher" davon aus, dass es sich um eine
"posttraumatische" Veränderung handle, drückt Dr. J._ nur einer Vermutung aus,
welche den im Sozialversicherungsrecht geltenden Anforderungen an den Beweisgrad
der überwiegenden Wahrscheinlichkeit nicht zu genügen vermag (THOMAS LOCHER/
THOMAS GÄCHTER, Grundriss des Sozialversicherungsrechts, 4. Aufl. Bern 2014, §
70 N. 58). Zudem relativiert er seine Schlussfolgerung gleich selbst, wenn er einräumt,
anhand der vorliegenden Akten nicht sagen zu können, ob es sich bei den
Abnutzungserscheinungen um eine Folge des Unfalls von 1991 handle.
4.8.3 Die weiteren in Erwägung 4.8.1 genannten Arztberichte befassen sich nicht
explizit mit der hier zur Diskussion stehenden OSG-Problematik. Es handelt sich um
Berichte über Untersuchungen, bei welchen andere Gesundheitsstörungen der
Beschwerdeführerin im Vordergrund standen, insbesondere ein Panvertebralsyndrom,
Essstörungen und ein Meniskusschaden. Die alleinige Nennung der Diagnose einer
posttraumatischen Arthrose des linken OSG anamnestisch bei Status nach Operation
einer angeblichen Trümmerfraktur und Sehnenruptur ca. 1991 durch Dr. E._ (act. G
1.5) sowie der Diagnose einer Arthrose OSG links posttraumatisch und im rechten
MTP-Gelenk bei Status nach Naht einer lateralen Bandruptur 1994 und entzündlicher
Veränderung OSG inklusive medialer und lateraler Bandapparat (Scintigrafie 16. April
1996, MRI 12. Juni 1996) durch Dr. O._ vermögen jedenfalls nicht als überwiegend
wahrscheinlicher Beweis für das Vorliegen von Unfallspätfolgen im Bereich des rechten
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 18/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
OSG zu dienen. Wie gesagt, folgt in den einzelnen Berichten keinerlei medizinische
Auseinandersetzung mit der OSG-Problematik, anhand derer die Diagnosen überprüft
werden könnten. Diese enthalten im Übrigen bereits an sich keine stichhaltigen
Hinweise für das Vorliegen von Spätfolgen des Unfalls vom 24. März 1991. Mit der
Formulierung "posttraumatisch" wird lediglich eine zeitliche Einordnung vorgenommen,
aus welcher keine überzeugende, medizinisch begründete Bestätigung der
Unfallkausalität abgeleitet werden kann. Der zeitliche Aspekt besitzt keine
wissenschaftlich genügende Erklärungskraft. Andernfalls würde man sich mit dem
blossen Anschein des Beweises bzw. mit der blossen Möglichkeit begnügen und
davon ausgehen, dass eine gesundheitliche Schädigung schon dann (sekundär) durch
den Unfall verursacht sei, wenn sie nach diesem auftrat (UELI KIESER, ATSG-
Kommentar, 3. Aufl. Zürich/Basel/Genf 2015, N 69 zu Art. 4 ATSG; ALFRED MAURER,
Schweizerisches Unfallversicherungsrecht, 2. Aufl. Bern 1989, S. 460 N 1205 [=
Beweisführung nach der Formel "post hoc ergo propter hoc"]; SVR 2009 UV Nr. 13
[8C_590/2007], S. 52 E. 7.2.4 mit weiteren Hinweisen; BGE 119 V 340 E. 2b/bb).
Ausserdem enthalten die Diagnosen gewisse Ungenauigkeiten hinsichtlich Daten und
ursprünglicher Unfalldiagnose, was ihre Exaktheit allgemein in Frage stellt. Verstärkt
wird dieser Umstand durch die Formulierung "angeblich" von Dr. E._, welche
vermuten lässt, dass er seine Diagnose nicht anhand medizinischer Vorakten verifiziert
hat und er sich mit der OSG-Problematik eben auch nicht ausdrücklich befasste. Ein
Scintigrafie- und MRI-Untersuchungsbericht aus dem Jahr 1996 liegen schliesslich
nicht bei den Akten und wurden selbst von beschwerdeführender Seite nirgends
thematisiert. Insgesamt vermögen mithin die obgenannten Berichte keine Aufschlüsse
hinsichtlich unfallkausaler Spätfolgen im Bereich des lateralen OSG zu geben.
5.
Im Sinn der vorstehenden Erwägungen ist die Beschwerde gegen den
Einspracheentscheid vom 16. Februar 2016 abzuweisen. Gerichtskosten sind keine zu
erheben (Art. 61 lit. a ATSG). Ausgangsgemäss hat die Beschwerdeführerin keinen
Anspruch auf eine Parteientschädigung.