Decision ID: 314058cd-0d06-5cd2-942d-510bd9b339b2
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer ersuchte am 23. Juli 2019 um Asyl in der Schweiz.
Anlässlich der Personalienaufnahme vom 26. Juli 2019 und der Erstbefra-
gung vom 21. August 2019 führte er im Wesentlichen aus, er sei chinesi-
scher Staatsangehöriger tibetischer Ethnie und stamme aus dem Dorf
B._, Gemeinde C._. Seit er ungefähr acht Jahre alt gewe-
sen sei habe er als Mönch im Kloster D._, Gemeinde C._,
gelebt. Er habe nie eine Schule besucht und auch kein Handwerk gelernt.
Ungefähr im Jahr 2016 oder 2017 sei er durch seinen verstorbenen Lehrer
im Kloster an ein Bild des Dalai Lama gelangt. Am 6. Juli 2018 – anlässlich
des Geburtstags des Dalai Lama – habe er in seiner Zelle im Kloster das
Bild hervorgenommen und gebetet. Am selben Abend sei er in seiner Zelle
von zwei Polizisten aufgesucht und ihm sei das Bild abgenommen worden.
Daraufhin sei er inhaftiert, befragt und geschlagen worden. Am 16. Juli
2018 sei er mit der Auflage freigelassen worden, den Behörden mitzuteilen,
wer ihn zur Verehrung des Bildes angestiftet habe. Bis zu seiner Ausreise
aus seinem Heimatstaat am 21. oder 22. Juli 2018 habe er sich bei seiner
Familie aufgehalten. Er habe sich während drei Monaten respektive einem
Jahr in Nepal aufgehalten, bevor er in die Schweiz eingereist sei.
In den Akten befinden sich drei Formulare "Zuweisung zur medizinischen
Abklärung" vom 2. August 2019, 16. August 2019 und 29. August 2019 so-
wie drei Arztberichte vom 2. August 2019, 16. August 2019 und 29. August
2019.
B.
Am 27. August 2019 führte die Fachstelle LINGUA im Auftrag der
Vorinstanz ein Telefongespräch mit dem Beschwerdeführer durch. Im Be-
richt vom 30. September 2019 (Lingua-Bericht) gelangte der Experte zum
Schluss, insgesamt sei aufgrund der landeskundlich-kulturellen und der lin-
guistischen Analyse festzuhalten, dass er sehr wahrscheinlich in einer exil-
tibetischen Kolonie und definitiv nicht in Tibet sozialisiert worden sei.
C.
Anlässlich der Anhörung vom 13. November 2019 sowie mit Schreiben
vom 16. Juli 2021 und 1. September 2021 gewährte die Vorinstanz dem
Beschwerdeführer das rechtliche Gehör zu den Ergebnissen des Lingua-
Berichts.
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D.
Der Beschwerdeführer hielt in den Stellungnahmen vom 4. August 2021
und 7. September 2021 unter anderem fest, im Tibet gebe es Höhlen und
Ortschaften, welche nicht nachweisbar seien. Hinsichtlich der Sprachana-
lyse sei anzunehmen, dass im Kloster auch Personen gelebt hätten, die
nicht den ortsüblichen Dialekt gesprochen und damit seine Sprache beein-
flusst hätten. Zudem ersuche er um Herausgabe des Lingua-Gutachtens
und der entsprechenden Tonaufnahmen sowie um Einsicht in das Protokoll
seiner Anhörung vom 13. November 2019.
E.
Mit Verfügung vom 22. September 2021 (eröffnet am 24. September 2021)
stellte die Vorinstanz fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingsei-
genschaft nicht, lehnte sein Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung
aus der Schweiz – unter Ausschluss des Vollzugs in die Volksrepublik
China – sowie den Vollzug der Wegweisung an.
F.
Mit Eingabe vom 20. Oktober 2021 erhob der Beschwerdeführer beim Bun-
desverwaltungsgericht Beschwerde. Er beantragt, die Verfügung der Vor-
instanz vom 22. September 2021 sei aufzuheben. Die Sache sei zur Neu-
beurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Das Lingua-Gutachten sei
zu edieren. Eventualiter sei ihm Asyl zu gewähren oder jedenfalls unter
Feststellung der Flüchtlingseigenschaft die vorläufige Aufnahme anzuord-
nen. Auf die Erhebung eines Kostenvorschusses sei zu verzichten, ihm sei
die unentgeltliche Prozessführung zu gewähren und in der Person des Un-
terzeichnenden ein unentgeltlicher Rechtsbeistand zu gewähren.
G.
Am 2. November 2021 legte der Beschwerdeführer eine Fürsorgebeschei-
nigung ins Recht.
H.
Mit Schreiben vom 18. November 2021 reichte der Beschwerdeführer ei-
nen Erfahrungsbericht der Berufswahlschule E._ vom 8. November
2021 ein.
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Seite 4

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung
von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und
entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend –
endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG [SR 142.31]). Der Be-
schwerdeführer ist als Verfügungsadressat zur Beschwerdeführung legiti-
miert (Art. 48 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Be-
schwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 2 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
2.
2.1 Mit Beschwerde in Asylsachen kann die Verletzung von Bundesrecht
(einschliesslich Missbrauch und Überschreitung des Ermessens) sowie die
unrichtige und unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sach-
verhalts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Im Ausländerrecht richtet
sich die Kognition nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
2.2 Die Beschwerde erweist sich als offensichtlich unbegründet und ist im
Verfahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten
Richters beziehungsweise einer zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e AsylG)
ohne Weiterungen und mit summarischer Begründung zu behandeln
(Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG).
3.
3.1 Betreffend den Antrag des Beschwerdeführers, es sei die LINGUA-Her-
kunftsanalyse offenzulegen, ist auf die überwiegenden öffentlichen Ge-
heimhaltungsinteressen im Sinne von Art. 27 Abs. 1 Bst. a VwVG zu ver-
weisen. Gemäss konstanter Praxis des Bundesverwaltungsgerichts ist in
eine Herkunftsanalyse aufgrund entgegenstehender öffentlicher Interes-
sen keine vollständige Einsicht zu gewähren. Indessen wurde ihm anläss-
lich seiner Anhörung vom 13. November 2019 sowie in der Folge auch
schriftlich das rechtliche Gehör zu den wesentlichen Ergebnissen der LIN-
GUA-Analyse gewährt und der wesentliche Inhalt der Untersuchungen zur
Kenntnis gebracht sowie ihm Gelegenheit gegeben, sich dazu zu äussern.
Im Weiteren informierte ihn die Vorinstanz über den Werdegang und die
Qualifikation der sachverständigen Person. Gleichzeitig orientierte sie ihn
ausdrücklich über die Möglichkeit, sich die Aufzeichnung des Gesprächs
anzuhören (A 36/4, A41/3). Der Beschwerdeführer hat von diesem Recht
bis anhin offenbar nicht Gebrauch gemacht. Dass ihm die Vorinstanz ver-
wehrt hätte, das Gespräch in Begleitung einer Expertin oder eines Exper-
ten anzuhören, ist nicht aktenkundig. Es bleibt ihm weiterhin unbenommen,
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sich die Aufzeichnung des Gesprächs mit den von der Vorinstanz für unzu-
treffend gehaltenen Aussagen anzuhören. Der Antrag ist abzuweisen.
4.
4.1 In der Beschwerde rügt der Beschwerdeführer die Verletzung des
rechtlichen Gehörs. Die Erstbefragung sei zu kurz gewesen und es sei zu
wenig genau erfragt worden, wie er das Erdbeben erlebt habe. Die Anhö-
rung vom 13. November 2019 habe vorwiegend der Gehörsgewährung
zum Lingua-Bericht gedient, weshalb keine ergänzende Anhörung stattge-
funden habe. Zudem sei ihm das rechtliche Gehör zum Lingua-Bericht erst
eineinhalb respektive zwei Jahre nach dem Lingua-Telefongespräch ge-
währt worden. Diese formelle Rüge ist vorab zu beurteilen, da sie allenfalls
geeignet wäre, eine Kassation der vorinstanzlichen Verfügung zu bewir-
ken.
4.2 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches
Gehör, welcher als Mitwirkungsrecht alle Befugnisse umfasst, die einer
Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt
wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 144 I 11 E. 5.3; BVGE
2009/35 E. 6.4.1). Mit dem Gehörsanspruch korreliert die Pflicht der Be-
hörden, die Vorbringen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und in ih-
rer Entscheidfindung angemessen zu berücksichtigen. Nicht erforderlich
ist, dass sich die Begründung mit allen Parteistandpunkten einlässlich aus-
einandersetzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich widerlegt (vgl.
BGE 143 III 65 E. 5.2).
Der Beschwerdeführer konnte anlässlich der Erstbefragung ausführlich zu
seiner Person, dem Reiseweg und den Asylgründen Stellung nehmen. Er
wurde am Schluss der Erstbefragung ausdrücklich gefragt, ob er noch wei-
tere Angaben machen möchte. Hinsichtlich des Erdbebens wurde er in der
Erstbefragung explizit mehrfach darauf aufmerksam gemacht zu schildern,
was genau passiert ist, ob er mehr dazu berichten kann, was das Erdbeben
bewirkt hat sowie wie das Erdbeben die Wohnsituation seiner Familie und
der Bewohner in seinem Dorf verändert hat. In der Anhörung vom 13. No-
vember 2019 wurde er vertieft zu seinen Asylgründen befragt und hatte die
Möglichkeit, ausführlich dazu Stellung zu nehmen. So wurde er nach wei-
teren Beweismitteln, nach Kontakten zu Verwandten, zur Erlangung des
Bildes vom Dalai Lama bei seinem Lehrer und seinen Gebeten, zur Ver-
haftung sowie zur Haftentlassung befragt. Zudem bejahte er die Frage, ob
er alle Gründe genannt habe, weshalb er seinen Heimatstaat verlassen
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habe. Überdies ist nicht ersichtlich, inwiefern aufgrund der zeitlichen Diffe-
renz zwischen dem Lingua-Telefongespräch und dem von der Vorinstanz
gewährten rechtlichen Gehör eine Verletzung des rechtlichen Gehörs vor-
liegen sollte. Aus dem Anspruch auf rechtliches Gehör ergeben sich keine
zeitlichen Vorgaben für die Vorinstanz. Es liegt somit keine Verletzung des
rechtlichen Gehörs vor.
4.3 Die formelle Rüge erweist sich angesichts dieser Sachlage als unbe-
gründet, weshalb keine Veranlassung besteht, die Sache aus formellen
Gründen aufzuheben und an die Vorinstanz zurückzuweisen. Das diesbe-
zügliche Rechtsbegehren ist somit abzuweisen.
5.
5.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden. Als
ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Le-
bens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psy-
chischen Druck bewirken (Art. 3 AsylG).
5.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
5.3 Asylsuchende sind verpflichtet, an der Feststellung des Sachverhalts
mitzuwirken. Sie müssen insbesondere ihre Identität offenlegen sowie Rei-
sepapiere und Identitätsausweise abgeben (Art. 8 AsylG und Art. 2a Asyl-
verordnung 1 über Verfahrensfragen [Asylverordnung 1, AsylV 1,
SR 142.311]). Der Untersuchungsgrundsatz findet unter anderem seine
Grenzen an der Mitwirkungspflicht (Art. 8 AsylG, vgl. BVGE 2014/12 E. 6
S. 213 f.).
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6.
6.1 Im Lingua-Bericht vom 30. September 2019 wurde festgestellt, der Be-
schwerdeführer habe einige landeskundlich-kulturellen Kenntnisse zur von
ihm angegebenen Heimatregion nachweisen können. Dieses Wissen sei
allerdings nicht in der Weise spezifisch mit seiner individuellen Biografie
verknüpft, als dass es nicht auch ausserhalb der tibetischen Gebiete der
Volksrepublik China hätte erworben sein können. In seinen Aussagen hät-
ten sich einige nicht nachvollziehbare Lücken und Unstimmigkeiten befun-
den, so unter anderem in Bezug auf die von ihm verwendeten Begriffe be-
treffend die administrative Gliederung der von ihm angegebenen Heimat-
region oder auch in Bezug auf sein fehlendes Wissen betreffend die Reli-
gionsgemeinschaft beziehungsweise den Alltag in demjenigen Kloster, in
welchem er rund zehn Jahre lang gelebt haben wolle. Diese Lücken und
Unstimmigkeiten seien vor dem von ihm angegebenen biografischen Hin-
tergrund nicht erklärbar. Die Erwartungen im landeskundlich-kulturellen Teil
seien demnach nur zum Teil erfüllt. Gemäss der linguistischen Analyse
spreche er nicht den (...)-Dialekt, wie dieser in dem von ihm angegeben
Heimatdorf gesprochen werde. Sein Dialekt lasse darauf schliessen, dass
Zentraltibetisch nicht seine Muttersprache sei. Es könne zudem nicht da-
von ausgegangen werden, dass er Chinesisch beherrsche und aus erster
Quelle gelernt habe. Seine Chinesisch-Kenntnisse würden die auf seiner
Biografie basierenden Erwartungen nur teilweise erfüllen. Der Lingua-Be-
richt kommt letztlich zum Schluss, sein Wissen über die geltend gemachte
Herkunftsregion sowie seine Sprache und seine Chinesischkenntnisse
würden darauf schliessen lassen, dass er eindeutig nicht in der von ihm
angegebenen Region in Tibet beziehungsweise in der Volksrepublik China
hauptsozialisiert worden sei, sondern sehr wahrscheinlich in einer exiltibe-
tischen Gemeinschaft ausserhalb der Volksrepublik China.
6.2 Die Vorinstanz begründet ihren Entscheid mit dem Verweis auf den Lin-
gua-Bericht und der Feststellung, dass die Ausführungen des Beschwer-
deführers zu den Ergebnissen des Lingua-Berichts nicht überzeugt hätten
und die Ergebnisse folglich nicht in Frage stellten. So verfüge er für eine
Person, welche rund zehn Jahre in einem Kloster gelebt habe, über zu we-
nige Informationen zum Kloster selbst und zum Klosteralltag. Weiter über-
zeuge seine Erklärung zum Erdbeben in seiner Heimatregion im Jahr 2015,
er habe deshalb zu wenig korrekte Angaben gemacht, weil er damals in
Panik gewesen sei, das Ereignis zu weit zurückliege und er sich somit nicht
mehr an die Einzelheiten dieses Vorkommnisses erinnern könne, nicht. Zu-
dem würden seine landeskundlichen Kenntnisse weitere unerklärliche Lü-
cken aufweisen; er habe etwa den höchsten Berg in seiner angegebenen
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Heimatregion nicht genannt. Seine Erklärung, Bewohner des Klosters hät-
ten teilweise einen anderen Dialekt gesprochen, was auf seine Sprache
abgefärbt habe, vermöge nicht zu überzeugen, da seine Sprache in grund-
legenden Merkmalen vom zu erwartenden Dialekt seiner angegebenen
Herkunftsregion abweiche. Sein Einwand, er würde nur wenig chinesisch
sprechen, weil im Kloster niemand chinesisch gesprochen habe, vermöge
die unterdurchschnittlichen Chinesischkenntnisse nicht zu erklären. Zudem
seien seine anlässlich der Anhörungen gemachten Angaben zum Kloster-
alltag knapp und stereotyp, zum Zeitpunkt des letztmaligen Gebets vor
dem Bild des Dalai Lama nicht nachvollziehbar und zu den Umständen,
wie er an das Bild gekommen sei, unstimmig. Seine Schilderungen zu sei-
ner Freilassung aus der zehntägigen Haft lediglich mit der Auflage, den
lokalen Polizeibehörden die Namen von potenziellen Anstiftern für seine
Gebete vor dem Bild des Dalai Lama zu nennen, sei realitätsfremd. Ihm sei
es deshalb nicht gelungen, seine Herkunft aus der Volksrepublik China so-
wie seine Asylgründe glaubhaft darzulegen. Vielmehr sei mit überwiegen-
der Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass er vor seiner Ankunft in
der Schweiz nicht in der Volksrepublik China, sondern in der exiltibetischen
Diaspora gelebt habe. Da er keine konkreten, glaubhaften Hinweise auf
einen längeren Aufenthalt in einem Drittstaat dargelegt habe, sei davon
auszugehen, dass keine flüchtlings- oder wegweisungsbeachtlichen
Gründe gegen eine Rückkehr an den bisherigen Aufenthaltsort sprechen
würden.
6.3 Der Beschwerdeführer bringt vor, hinsichtlich seiner Angaben zum Zeit-
punkt des Erdbebens sei bekannt, dass traumatisierende Ereignisse zu
Gedächtnisstörungen führen würden. Die Ansicht der Vorinstanz, er hätte
die genaue Tageszeit des Erdbebens kennen müssen, weil es für ihn ein
einschneidendes Erlebnis gewesen sei, halte er für falsch. Hinsichtlich der
Aussprache des Begriffs "Tsön" könne davon ausgegangen werden, dass
die befragende Person der Sprache des Beschwerdeführers nicht mächtig
sei. Seine Schilderungen des Klosteralltags seien nachvollziehbar. In sei-
ner Heimatregion würde die Gemeinde "F._" existieren und die
Baumsorte "Weide" wachsen. Es sei nicht erstaunlich, dass er den höchs-
ten Berg nicht genannt habe, denn der höchste Berg sei nicht immer der
bedeutendste.
7.
7.1 Vorab ist darauf hinzuweisen, dass der in Art. 12 VwVG statuierte Un-
tersuchungsgrundsatz, wonach die Behörde den Sachverhalt von Amtes
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wegen feststellt und sich nötigenfalls der gesetzlichen Beweismittel be-
dient, seine Grenze an der Mitwirkungspflicht der Asylsuchenden findet
(Art. 8 AsylG). Dazu gehört, die Identität offenzulegen und Identitätspa-
piere abzugeben, an der Feststellung des Sachverhaltes mitzuwirken und
die Asylgründe darzulegen, allfällige Beweismittel vollständig zu bezeich-
nen und unverzüglich einzureichen sowie bei der Erhebung der biometri-
schen Daten mitzuwirken (vgl. BVGE 2011/28 E. 3.4). Der Beschwerdefüh-
rer hat weder Reise- noch Identitätspapiere eingereicht, die geeignet wä-
ren, etwas zur Klärung seiner Identität beziehungsweise Herkunft beizutra-
gen. Die fehlende Beibringung eines Identitätsnachweises stellt eine Ver-
letzung der ihm obliegenden Mitwirkungspflicht gemäss Art. 8 AsylG dar,
auf die ihn die Vorinstanz anlässlich der Befragung explizit hinwies. Die
Behörde hat lediglich den Nachweis zu erbringen, dass eine asylsuchende
Person über ihre Identität getäuscht hat. Die Herkunftsanalysen der Fach-
stelle LINGUA stellen einen solchen zulässigen „Nachweis“ dar (vgl. BVGE
2013/10 E. 9.1; so bereits Entscheidungen und Mitteilungen der Schweize-
rischen Asylrekurskommission [EMARK] 2003/27 E. 4a).
7.2 Die Fachstelle LINGUA hat eine landeskundlich-kulturelle und linguis-
tische Analyse durchgeführt. Dieser sind keine Hinweise zu entnehmen,
dass die von der Rechtsprechung definierten Mindeststandards (vgl. BVGE
2014/12) nicht eingehalten worden wären. Die Analyse ist ferner fundiert
und mit einer überzeugenden sowie ausgewogenen Begründung verse-
hen, die zu keinen Beanstandungen Anlass gibt. Der Bericht erfüllt die in-
haltlichen Qualitätsanforderungen und aufgrund des Werdeganges – wel-
cher dem Beschwerdeführer bekannt gegeben wurde – ist die Qualifikation
der sachverständigen Person nicht anzuzweifeln. Somit wird dem vorlie-
genden Lingua-Bericht erhöhter Beweiswert beigemessen und von dessen
inhaltlicher Richtigkeit und Vollständigkeit ausgegangen.
7.3 In ständiger Rechtsprechung geht das Bundesverwaltungsgericht zu-
dem davon aus, dass illegal aus China ausgereiste Asylsuchende tibeti-
scher Ethnie bei einer Rückkehr unabhängig von der zeitlichen Dauer ihres
Auslandaufenthaltes mit Verfolgung im flüchtlingsrelevanten Sinn (Art. 3
AsylG) zu rechnen haben (vgl. BVGE 2009/29 E. 6.5). Vor diesem Hinter-
grund war das SEM bei der Prüfung des Asylgesuchs des Beschwerdefüh-
rers aufgrund des Untersuchungsgrundsatzes (Art. 6 AsylG in Verbindung
mit Art. 12 VwVG) gehalten, seine Herkunft und den Sozialisierungsraum
festzustellen. Dieser Pflicht ist das SEM vorliegend unter anderem dadurch
nachgekommen, dass es eine LINGUA-Analyse durchführte.
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8.
8.1 Die Schlussfolgerungen der Vorinstanz sind weder in tatsächlicher
noch in rechtlicher Hinsicht zu beanstanden. Die Verfügung ist einlässlich
begründet und stützt sich auf einen fundierten Lingua-Bericht. Der Be-
schwerdeführer zweifelt in pauschaler Weise die Tauglichkeit der Lingua-
Analyse an. Auch wenn Ausführungen zu einzelnen Umständen und Ge-
gebenheiten in der Rechtsmitteleingabe nachvollziehbar erscheinen, ver-
mögen sie die Ergebnisse des Lingua-Berichts nicht in Frage zu stellen, da
auffällige Wissenslücken bestehen. Zudem dürfte aufgrund seines rund
zehnjährigen Aufenthalts in einem Kloster erwartet werden, dass er das
Alltagsleben im Kloster detailliert schildern kann und über genauere Infor-
mationen zum Kloster und dessen Religionsgemeinschaft verfügt. Entge-
gen der Ansicht in der Beschwerde ist kaum davon auszugehen, dass er
sich nicht an die Tageszeit des Erdbebens erinnern kann, da es sich um
ein einschneidendes Erlebnis handelt. Zudem ist ihm nicht bekannt, dass
es danach zu Nachbeben gekommen ist und sein Dorf aufgrund des Erd-
bebens umgesiedelt wurde. Hinsichtlich seiner Erklärung, sein Dialekt sei
von den Bewohnern des Klosters beeinflusst worden und er spreche kaum
chinesisch, weil die Bewohner im Kloster nicht chinesisch gesprochen hät-
ten, ist darauf hinzuweisen, dass für die Einschätzung der Sprache sowie
auch der landeskundlichen Kenntnisse des Beschwerdeführers dem von
ihm behaupteten biographischen Hintergrund ausdrücklich Rechnung ge-
tragen wurde. Weiter sind auch seine Angaben zu seinen Asylgründen un-
glaubhaft. Trotz des Aufenthalts von rund zehn Jahren im Kloster fallen
seine Erklärungen hierzu sehr knapp aus. Er schildert die Umstände, wie
er zum Bild des Dalai Lama gekommen ist, unstimmig, indem er in der An-
hörung einerseits erklärt, er habe es von seinem Lehrer im Kloster erhalten,
andererseits macht er geltend, er habe das Bild in der Mönchszelle seines
verstorbenen Lehrers gefunden und an sich genommen. Nicht nachvoll-
ziehbar sind seine Erklärungen, wie die lokalen Behörden davon Kenntnis
erhalten haben sollten, dass er im Besitz des Bildes ist und dieses anbetet.
Seine Aussagen zu seiner zehntägigen Inhaftierung fallen ebenfalls sehr
knapp aus, insbesondere überzeugt nicht, dass er mit der Auflage freige-
lassen worden sei, den lokalen Behörden die Namen der Personen zu nen-
nen, welche ihn zu den Gebeten im Zusammenhang mit dem Bild des Dalai
Lama angestiftet hätten. Hätten sie ein Interesse an ihm gehabt, so wäre
zu erwarten gewesen, dass sie ihn erst freilassen, wenn er die Namen der
Personen offenlegt. Darüber hinaus sind seine Angaben zu seinem angeb-
lichen Aufenthalt in Nepal nach seiner Ausreise aus dem Tibet wider-
sprüchlich; in der Befragung gibt er an, er habe sich drei Monate dort auf-
gehalten, gemäss der Anhörung will er ein Jahr in Nepal gewesen sein.
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Seine Erklärungen zu seiner Identitätskarte, mit welcher er aus dem Tibet
ausgereist sei, sind widersprüchlich. So gab er in der Anhörung einerseits
an, darin sei sein Name, sein Geburtstag und sein Bild gewesen, an ande-
rer Stelle erklärte er, er kenne den Inhalt nicht, da der Schlepper die Iden-
titätskarte ständig bei sich gehabt habe. Der Umstand, dass er bis zum
heutigen Tag keine Dokumente eingereicht hat, welche geeignet wären,
seine Identität zu belegen weisen darauf hin, dass er seine Identität zu ver-
schleiern versucht.
8.2 Nach dem Gesagten ist weder die Identität noch die Staatsangehörig-
keit beziehungsweise das Herkunftsland des Beschwerdeführers geklärt.
Sein Verhalten stellt sodann eine Verletzung der ihm obliegenden Mitwir-
kungspflicht (Art. 8 AsylG) dar. Durch die Verletzung dieser Pflicht verun-
möglicht der Beschwerdeführer die Abklärung, welchen effektiven Status
er im Staat seines vormaligen Aufenthalts hatte. Es ist indes mit der Vor-
instanz davon auszugehen, dass er vor der Ankunft in der Schweiz nicht in
der Volksrepublik China, sondern in der exiltibetischen Diaspora gelebt hat.
Bei Personen tibetischer Ethnie, die ihre wahre Herkunft verschleiern oder
verheimlichen, ist vermutungsweise davon auszugehen, dass keine flücht-
lings- oder wegweisungsbeachtlichen Gründe gegen eine Rückkehr an ih-
ren bisherigen Aufenthaltsort bestehen (vgl. BVGE 2014/12 E. 5.10 und
6.).
8.3 Angesichts dieser Sachlage hat die Vorinstanz die Glaubhaftigkeit der
behaupteten Herkunft sowie die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerde-
führers zu Recht verneint und sein Asylgesuch abgelehnt.
9.
Gemäss Art. 44 AsylG verfügt das SEM in der Regel die Wegweisung aus
der Schweiz, wenn es das Asylgesuch ablehnt oder darauf nicht eintritt.
Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche Aufent-
haltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer solchen (vgl.
BVGE 2009/50 E. 9). Die Wegweisung wurde zu Recht angeordnet.
10.
In Bezug auf den Vollzug der Wegweisung hält die Vorinstanz vorab fest,
der Beschwerdeführer habe die geltend gemachte Herkunft nicht glaubhaft
gemacht. Das Gericht folgt der Vorinstanz sowohl in diesem Punkt als auch
hinsichtlich der weiteren diesbezüglichen Erwägungen. Seine Herkunft und
Staatsangehörigkeit gilt deshalb als unbekannt.
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Seite 12
11.
11.1 Grundsätzlich ist die Zulässigkeit, die Zumutbarkeit und die Möglich-
keit des Wegweisungsvollzugs von Amtes wegen zu prüfen. Diese Unter-
suchungspflicht findet jedoch ihre Grenze an der Mitwirkungspflicht der
asylsuchenden Person (Art. 8 AsylG), welche auch die Substanziierungs-
last trägt (Art. 7 AsylG). Es ist nicht Sache der Behörden, bei fehlenden,
womöglich gezielt vorenthaltenen Hinweisen, nach allfälligen Wegwei-
sungsvollzugshindernissen in hypothetischen Herkunftsländern zu for-
schen. Vermutungsweise ist deshalb vorliegend davon auszugehen, einer
Wegweisung stünden keine Vollzugshindernisse im gesetzlichen Sinne
entgegen. Bei dieser Sachlage kann das Gericht sich mit der Frage des
Wegweisungsvollzugs lediglich in grundsätzlicher Hinsicht beziehungs-
weise gemäss den vorstehenden Ausführungen befassen. Der Beschwer-
deführer entzieht mit seinem Verhalten die für genauere Abklärungen er-
forderliche Grundlage, und es ist nicht Sache des Gerichts, sich in Mut-
massungen und Spekulationen zu ergehen.
11.2 Schliesslich vermögen auch die Vorbringen des Beschwerdeführers
in Bezug auf den eingereichten Erfahrungsbericht der Berufswahlschule
E._ vom 8. November 2021, wonach er sich um seine Integration
in der Schweiz bemühe, Deutsch lerne und eine Lehrstelle in Aussicht
habe, nichts an dieser Einschätzung zu ändern. Die Ausführungen betref-
fend die fortgeschrittene Integration bleiben bei der Beurteilung der techni-
schen Unmöglichkeit aussen vor, sie wären allenfalls im Rahmen einer
Härtefallprüfung gemäss Art. 14 Abs. 2 AsylG i.V.m. Art. 31 der Verordnung
vom 24. Oktober 2007 über Zulassung, Aufenthalt und Erwerbstätigkeit
(VZAE, SR 142.201) zu prüfen.
11.3 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass der Vollzug der Wegwei-
sung des Beschwerdeführers in den (nur ihm bekannten) Heimat-, bezie-
hungsweise Herkunftsstaat möglich ist, da keine Vollzugshindernisse er-
sichtlich sind (Art. 83 Abs. 2 AIG), und es ihm obliegt, bei der Beschaffung
gültiger Reisepapiere mitzuwirken, beziehungsweise sich um diese zu
kümmern (vgl. auch BVGE 2008/34 E. 12). Der Beschwerdeführer verfügt
weder über eine ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über ei-
nen Anspruch auf die Erteilung einer solchen. Eine Anordnung der vorläu-
figen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1-4 AIG).
http://links.weblaw.ch/BVGE-2008/34
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Seite 13
12.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und auch sonst nicht zu beanstanden ist
(Art. 106 AsylG). Die Beschwerde ist abzuweisen.
13.
13.1 Die gestellten Rechtsbegehren erweisen sich als aussichtslos, wes-
halb die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und
Beiordnung eines amtlichen Rechtsbeistandes ungeachtet einer allfälligen
prozessualen Bedürftigkeit abzuweisen sind (Art. 65 Abs. 1 VwVG;
Art. 102m Abs. 1 AslyG).
13.2 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten von Fr. 750.–
(Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Ent-
schädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE], SR 173.320.2)
dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Das Gesuch
um Verzicht auf Erhebung eines Kostenvorschusses ist mit vorliegendem
Urteil gegenstandslos geworden.
(Dispositiv nächste Seite)
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