Decision ID: 31dc56bc-5c79-46a4-b01f-66b1240acc4d
Year: 2010
Language: de
Court: VS_TC
Chamber: VS_TC_001
Canton: VS
Region: Région lémanique
Law Area: 

Verfahren und Sachverhalt (gekürzt):
Nachdem ihr Vater verstorben war und ihre Geschwister nach und nach ausgezogen waren, lebte Y. während Jahren gemeinsam mit ihrer Mutter im elterlichen Wohnhaus. Auch um ihre Mutter zu pflegen, gab sie ihre Erwerbstätigkeit auf und liess sich vorzeitig pensionieren. Nach deren Tod im Jahre 1993 verblieb sie weiterhin in der elterlichen Wohnung. Erst Jahre später tauchte ein von der Mutter verfasstes Schriftstück datiert auf den 7. Februar 1991 auf, welches von der Gemeinderichterin am 27. November 2008 eröffnet wurde, mit dem Wortlaut: «Meine lieben Kinder lasst mir Y. im Hause. Ich bitte sehr da ich Euch verlassen muss. Mama. Seid lieb zueinander». In dem von der Mehrheit ihrer Geschwister eingeleiteten Prozess streiten sich die  über die rechtliche Bedeutung dieses Schriftstücks.

Aus den Erwägungen
3. b) aa) Nach Art. 467 i.V.m. Art. 481 Abs. 1 ZGB kann ein Erblasser in den Schranken der Verfügungsmacht über sein Vermögen mit  Verfügung oder mit Erbvertrag ganz oder teilweise verfügen. Das Gesetz unterscheidet das öffentliche (Art. 499 ff. ZGB) und das  Testament (Art. 505, 520a ZGB) als ordentliche und das  (Art. 506 f. ZGB) als ausserordentliche Testamentsart (, Basler Kommentar, N. 1 zu Art. 498 ZGB). Bei eigenhändig verfassten letztwilligen Verfügungen ist neben den in Art. 520a ZGB gere-
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ceg Texte tapé à la machine KGVS C1 10 43
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gelten Formvorschriften der vorhandene Testierwille (animus testandi) von zentraler Bedeutung. Der Testierwille des Erblassers ist eine  Voraussetzung für das Vorliegen und die Gültigkeit einer  Verfügung (BGE 116 II 117 E. 7c). Es gilt zunächst zu ermitteln, ob ein Erblasser überhaupt letztwillig verfügen wollte oder bloss einen Wunsch äusserte (Breitschmid, a.a.O., N. 11 zu Art. 498 ZGB). Ergibt sich aus einem Schriftstück als Gesamtes kein animus testandi, so ist dieses nicht als letztwillige Verfügung zu qualifizieren.
bb) Inhaltlich kann der verfügungsfähige Erblasser unter Achtung des Pflichtteilsrechts mittels Verfügungen von Todes wegen frei über das Schicksal seines Vermögens bestimmen. Zusätzlich ist er befugt, den Erben in eben dieser Form Vorschriften bezüglich der Teilung und der Bildung der Lose zu machen (Art. 608 Abs. 1 ZGB). Für die  sind insbesondere Anordnungen von Bedeutung, die einzelnen Erben bestimmte Güter zuweisen (Seeberger, Die richterliche , Diss. Freiburg i.Ü., 1992, S. 23). Des Weiteren kann der Erblasser eine letztwillige Verfügung mit einer Auflage nach Art. 482 ZGB  und einen erbschaftlich Berechtigten zu einem Tun oder  verpflichten. Gegenstand einer Auflage sind alle rechtlich  Handlungen, Duldungen und Unterlassungen. Mit einer Auflage beschwert werden kann grundsätzlich jeder (eingesetzte oder ) Erbe und Vermächtnisnehmer, nicht jedoch der , wenn durch die Auflage der Pflichtteil geschmälert wird. Blosse Ratschläge und Wünsche sind nicht verpflichtend und sind von einer rechtlich verpflichtenden Auflage abzugrenzen. Auch besteht keine Vermutung, im Zweifelsfall zugunsten einer Auflage zu  (Hrubesch-Millauer, Handkommentar zum Schweizer Privatrecht, Zürich 2007, N. 6 f. zu Art. 482 ZGB).
Rechtlich stellt das Testament eine einseitige, nicht  Willenserklärung dar. Bei seiner Auslegung ist der wirkliche Wille des Erblassers zu ermitteln. Auszugehen ist vom Wortlaut. Ergibt dieser für sich selbst betrachtet eine klare Aussage, entfallen weitere Abklärungen. Sind dagegen die testamentarischen Anordnungen so , dass sie ebenso gut im einen wie im andern Sinn verstanden werden können, oder lassen sich mit guten Gründen mehrere  vertreten, dürfen ausserhalb der Testamentsurkunde liegende Beweismittel zur Auslegung herangezogen werden. Stets hat es jedoch bei der willensorientierten Auslegung zu bleiben; eine Auslegung nach dem am Erklärungsempfänger orientierten Vertrauensprinzip fällt  Betracht. Die Erben oder andere Bedachte haben keinen Anspruch
auf Schutz ihres Verständnisses der letztwilligen Verfügung; es kommt mit andern Worten nicht darauf an, wie sie die Erklärung des  verstehen durften und mussten, sondern einzig darauf, was der Erblasser mit seiner Äusserung sagen wollte (Bundesgerichtsurteil 5A_114/2008 vom 7. August 2008 E. 2.2; BGE 131 III 106 E. 1.1, 131 III 601 E. 3.1, 124 III 414 E. 3, 120 II 182 E. 2a, jeweils mit Hinweisen).
cc) Auf Grund der Vorstellung, dass der Erklärende das  Wort dem allgemeinen Sprachgebrauch (Verkehrssprache, ) entsprechend versteht, gilt die Vermutung, dass Gewolltes und Erklärtes übereinstimmen (Raselli, Erklärter oder wirklicher Wille des Erblassers?, in: AJP 1999 S. 1263 Ziff. II/3). Indessen kann die vom  verwendete Bezeichnung oder Ausdrucksweise sich als  oder als unrichtig erweisen, sei es wegen eines blossen , sei es deshalb, weil Ausdrücke in einer von der Verkehrs- oder Rechtssprache abweichenden Bedeutung verwendet wurden. Nach der ausdrücklichen Vorschrift von Art. 18 Abs. 1 OR, die bei der Auslegung letztwilliger Verfügungen sinngemäss heranzuziehen ist (Art. 7 ZGB), ist der wirkliche Wille beachtlich, nicht die unrichtige Bezeichnung oder Ausdrucksweise. Wer sich auf einen vom objektiv verstandenen Sinn und Wortlaut abweichenden Willen des Erblassers beruft, ist  und hat entsprechende Anhaltspunkte konkret nachzuweisen (BGE 131 III 106 E. 1.2; Raselli, a.a.O., S. 1267 Ziff. VII mit Hinweisen; , a.a.O. N. 22 zu Art. 469 ZGB).
c) aa) Vorliegend geht es um die Auslegung des Schriftstücks vom 7. Februar 1991 und somit um die Ermittlung des Willens der . Das Bundesgericht hat in BGE 88 II 76 entschieden, dass die  «au sujet des titres déposés au nom de mon neveu Jean Cousin, je désire qu’à mon décès il entre en posession du dossier» als  Anordnung auszulegen sei, dies aber nur deshalb, weil die  diesen Brief zu Handen der Bank verfasste, wozu sie sich einzig veranlasst sehen konnte, um der Bank eine verbindliche Anordnung zu geben. In anderen Fällen hat das Bundesgericht aber ausdrücklich , dass ein Ausdruck wie «ich wünsche» freilich keine  Anordnung darstelle, da es keinen imperativen Sinn habe (BGE 88 II 67 in Pra. 51 (1962) Nr. 131; 90 II 476). Ein solcher werde aber in  üblicherweise verwendet, um den letzten Willen auszu- drücken (Pra. 51 (1962) Nr. 131 S. 391). Ausdrücklich hat das  diese Auslegung im bekannten «Knie-Fall» ausgeführt (BGE 90 II 476). Darin hatte es sich darüber zu äussern, ob der Wortlaut «An
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meine letztwillige Verfügung knüpfe ich den Wunsch, dass meine  «Zur Diana» in Rapperswil mit Einrichtung nicht veräussert werden soll, um meiner lieben Frau, meinen lieben beiden Neffen Fredy und Rolf Knie und deren Nachkommen ein Ruheplätzchen zu », eine erbrechtliche Verfügung oder einen unverbindlichen Wunsch darstelle. Das Bundesgericht ging davon aus (E. 4), dass es sich hierbei lediglich um einen Wunsch und nicht um eine  Anordnung handle, da der Erblasser in den vorangegangenen  klare und deutliche Verfügungen erliess, einen klaren animus testandi hatte, ihm die juristischen Ausdrücke des Erbrechts also  waren, und in dieser letzten Ziffer lediglich noch einen  Wunsch ohne Testierwille äusserte.
bb) Um den Willen der Erblasserin zu ermitteln, ist, wie dargelegt, in erster Linie der Wortlaut massgebend. Dabei darf nicht bloss auf den ersten Satz («Meine lieben Kinder lasst mir Y. im Hause») oder einzelne Textpassagen («lasst mir Y. im Hause») abgestellt werden. Vielmehr ist das besagte Schriftstück als Gesamtes zu betrachten. Die Erblasserin schrieb die strittigen Zeilen ca. 2 Jahre vor ihrem Tod. Dabei wandte sie sich ein letztes Mal an ihre Kinder mit dem doppelten Anliegen, sie  lieb zueinander sein und Y. im Hause lassen. Offensichtlich war sich die Mutter bewusst, dass Letzteres zu Diskussionen führen könnte. Dennoch hat sie ihren Wunsch, dass Y., welche lange Zeit mit ihr  gelebt und auch für sie da gewesen war, im Hause bleiben dürfe, nicht als klare einseitige Anordnung formuliert. Vielmehr belegt die Anrede «Meine lieben Kinder...» und die weitere Wortwahl «Ich bitte sehr...», dass sie sich an ihre Kinder wandte und von diesen etwas erhoffte, nämlich, dass sie ihre Schwester im Hause belassen würden. Die Auslegung des Schriftstücks ergibt demnach, dass die Mutter einen starken moralischen Appell an ihre übrigen Kinder richtete, ihren  kundtat, ohne jedoch verbindliche Vorschriften erlassen zu wollen. Aus ihrem als blosse Bitte formulierten Wunsch lässt sich kein Testierwille ableiten. Davon ist umso mehr auszugehen, als dass sie bereits Jahre zuvor mit Rechtsanwalt und Notar C. in Kontakt  ist, um sich zu erkundigen, wie sie ihre Tochter Y. begünstigen oder absichern könnte. Da sie in der Folge dennoch keine konkreten Schritte unternahm, um Y. zu begünstigen, ist erst recht davon auszugehen, dass sie dies entweder nicht mehr wollte oder, dass der Notar ihr ihre begrenzten Möglichkeiten aufgezeigt hatte, so dass sie davon absah und ihren letzten Wunsch lediglich noch in Form einer Bitte . Hätte die Erblasserin tatsächlich letztwillig verfügen wollen,
so hätte sie dies mit viel deutlicheren, diktierenden Worten (...) gemacht. Da der Niederschrieb eines blossen Wunsches, wie weiter oben dargelegt, auch niemals eine Auflage darstellen kann, werden nähere, diesbezügliche Ausführung ebenfalls obsolet. Es handelt sich vorliegend also lediglich um eine moralische, nicht aber um eine  Verpflichtung der Erben, Y. für eine bestimmte oder gemäss  wohl unbestimmte Zeit im Haus wohnen zu lassen. (...)
d) Insgesamt muss festgehalten werden, dass die von der  verfassten Zeilen lediglich eine Bitte, also einen Wunsch , dass der Erblasserin der Testierwille fehlte. Daher liegt keine letztwillige Verfügung vor. Da nicht letztwillig verfügt wurde, konnte weder ein Vermächtnis eingeräumt, noch ein Wohnrecht begründet werden und es ist auch keine Teilungsvorschrift oder Auflage gegeben.
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