Title: B. Technische Vorkommnisse am Luftfahrzeug

Description:
Luftverkehrs-Ordnung (LuftVO 2015)
B. Technische Vorkommnisse am Luftfahrzeug

Paragraph: 44

Content:
Luftverkehrs-Ordnung (LuftVO 2015)
B. Technische Vorkommnisse am Luftfahrzeug

**1.** **Struktur**

    Nicht alle Schäden an der Struktur sind zu melden. Es ist nach der
    technischen Beurteilung zu entscheiden, ob ein Schaden schwerwiegend
    genug ist, um meldefähig zu sein. Die folgenden Beispiele können
    hierbei als Anhaltspunkte dienen:

    a)  Schäden an einem tragenden Strukturteil, das nicht als
        beschädigungstolerant eingestuft wird (lebenszeitbegrenztes Teil); als
        tragende Strukturteile gelten alle Teile, die wesentlich zur Aufnahme
        von Flug-, Boden- und Drucklasten beitragen und deren Ausfall zu einem
        Totalausfall des Luftfahrzeugs führen könnte;

    b)  Schäden oder Mängel, die die zulässigen Toleranzen an den tragenden
        Strukturteilen überschreiten;

    c)  Schäden oder Mängel, die die zulässigen Toleranzen eines Strukturteils
        überschreiten, dessen Ausfall die Steifigkeit der Struktur so weit
        beeinträchtigen könnte, dass die vorgeschriebenen Sicherheitsmargen
        für Flattererscheinungen, aperiodische Bewegungen oder
        Steuerungsumkehr nicht mehr eingehalten werden können;

    d)  Schäden oder Mängel an einem Strukturteil, die zum Lösen schwerer
        Bauteile führen könnten, wodurch Insassen des Luftfahrzeugs verletzt
        werden könnten;

    e)  Schäden oder Mängel an einem Strukturteil, die die ordnungsgemäße
        Funktion von Systemen gefährden könnte (siehe unten unter Nummer 2
        Buchstabe i);

    f)  Ablösen von Strukturteilen des Luftfahrzeugs während des Flugs.

**2.** **Systeme**

    Es werden die nachstehenden, für alle Systeme geltenden allgemeinen
    Kriterien vorgeschlagen:

    a)  Ausfall, erhebliche Funktionsstörung oder Schädigung eines Systems,
        Teilsystems oder Ausrüstungssatzes, wodurch die Standard-
        Betriebsverfahren, Drills usw. nicht mehr zufriedenstellend
        durchgeführt werden können;

    b)  Unmöglichkeit der Systembeherrschung durch die Flugbesatzung, wie z.
        B.

        aa) ungewollte selbständige Aktionen,

        bb) fehlerhafte und/oder unvollständige Reaktion, einschließlich eines
            ungenügenden Bewegungswegs oder von Schwergängigkeit,

        cc) selbständiges Bewegen der Steuerorgane,

        dd) mechanische Trennung von Verbindungen oder mechanisches Versagen;

    c)  Ausfall oder Störung exklusiver Systemfunktion(en) (in einem einzigen
        System können mehrere Funktionen integriert sein);

    d)  wechselseitige Beeinträchtigungen innerhalb eines Systems oder
        zwischen mehreren Systemen;

    e)  Ausfall oder Funktionsstörung der Schutzeinrichtung oder der
        zugehörigen Notfalleinrichtungen des Systems;

    f)  Ausfall der Redundanzfunktion des Systems;

    g)  Ereignisse als Folge unvorhergesehenen Systemverhaltens;

    h)  bei Luftfahrzeugen mit mehreren voneinander unabhängigen
        Hauptsystemen, Teilsystemen oder Ausrüstungssätzen: Ausfall,
        erhebliche Funktionsstörung oder Schäden an einem Hauptsystem,
        Teilsystem oder Ausrüstungssatz;

    i)  bei Luftfahrzeugen mit einfach vorhandenen Hauptsystemen, Teilsystemen
        oder Ausrüstungssätzen: Ausfall, erhebliche Funktionsstörung oder
        Schäden an mehr als einem Hauptsystem, Teilsystem oder
        Ausrüstungssatz;

    j)  Auslösen eines primären Warnsystems der Systeme oder Ausrüstungsteile
        des Luftfahrzeugs, sofern die Besatzung nicht eindeutig festgestellt
        hat, dass es sich um eine Fehlwarnung handelt, und die Fehlwarnung
        nicht zu Schwierigkeiten oder Gefahren infolge der Reaktionen der
        Besatzung auf die Warnung geführt hat;

    k)  Leckagen von Hydraulikflüssigkeiten, Treibstoff, Öl oder anderen
        Flüssigkeiten, die feuergefährlich sind oder möglicherweise zu einer
        gefährlichen Verunreinigung von Struktur, Systemen oder
        Ausrüstungsteilen des Luftfahrzeugs geführt oder eine Gefahr für die
        Insassen dargestellt haben;

    l)  Funktionsstörungen oder Mängel an einem Anzeigesystem, wenn dies
        möglicherweise irreführende Anzeigen für die Besatzung verursacht;

    m)  Ausfälle, Funktionsstörungen oder Mängel, wenn diese in einer
        kritischen Flugphase auftreten und sich auf den Betrieb des
        betreffenden Systems auswirken;

    n)  erhebliche Abweichungen der tatsächlichen Leistung von der
        freigegebenen Leistung, die zu einer Gefahrensituation geführt haben
        (unter Berücksichtigung der Genauigkeit der
        Leistungsberechnungsverfahren), einschließlich Bremswirkung,
        Treibstoffverbrauch usw.;

    o)  Asymmetrie bei Flugsteuerungseinrichtungen, z. B. Landeklappen,
        Vorflügeln, Störklappen.

    Abschnitt E enthält eine Liste mit Beispielen der Ereignisse, die sich
    aus der Anwendung dieser allgemeinen Kriterien auf bestimmte Systeme
    ergeben.

**3.** **Antriebssysteme (einschließlich Triebwerke, Propeller und
    Rotorsysteme) und Hilfskraftturbinensysteme**

    a)  Flammendurchschlag, Abschaltung oder Fehlfunktion eines Triebwerks;

    b)  Überschreiten der Drehzahl oder Unmöglichkeit der Drehzahlregelung
        schnell drehender Komponenten (z. B. Hilfskraftturbine,
        Druckluftstarter, Klimatisierung, luftgetriebene Hilfsturbine,
        Propeller oder Rotor);

    c)  Ausfall oder Fehlfunktion eines Teils eines Triebwerks mit einer oder
        mehreren der nachstehenden Folgen:

        aa) Austritt von Teilen/Bruchstücken,

        bb) unkontrollierter interner oder externer Brand oder Austreten heißer
            Gase,

        cc) Schub in eine andere als die vom Piloten gewählte Richtung,

        dd) Funktionsausfall oder unbeabsichtigte Funktion des Schubumkehrsystems,

        ee) Unmöglichkeit, die Leistung, den Schub oder die Drehzahl zu regeln,

        ff) Ausfall der Triebwerksaufhängung,

        gg) teilweiser oder vollständiger Verlust wesentlicher Teile des
            Triebwerks,

        hh) sichtbare Entwicklung von dichtem Rauch oder von Konzentrationen
            toxischer Stoffe, die ausreichen, um Flugbesatzung oder Fluggäste
            handlungsunfähig zu machen,

        ii) Unmöglichkeit, ein Triebwerk mit den üblichen Verfahren abzuschalten,

        jj) Unmöglichkeit, ein funktionsfähiges Triebwerk erneut zu starten;

    d)  ungewollte(r) Schub-/Leistungsverlust, Schub-/Leistungswechsel oder
        Schub-/Leistungsschwankungen, wobei diese Ereignisse als Verlust der
        Schub- bzw. Leistungskontrolle (LOTC) eingestuft werden, und zwar

        aa) bei einem einmotorigen Luftfahrzeug oder

        bb) wenn das Ereignis als für den jeweiligen Vorgang als übermäßig
            angesehen wird oder

        cc) wenn bei einem mehrmotorigen Luftfahrzeug mehr als ein Triebwerk
            hiervon betroffen sein könnte, insbesondere bei zweimotorigen
            Luftfahrzeugen, oder

        dd) wenn bei einem mehrmotorigen Luftfahrzeug der gleiche oder ein
            ähnlicher Triebwerkstyp bei einem Vorgang verwendet wird, bei dem das
            Ereignis als gefährlich oder kritisch angesehen würde;

    e)  Schäden an einem lebenszeitbegrenzten Teil, die eine Außerbetriebnahme
        des Teils vor Erreichen seiner vollen Lebensdauer zur Folge haben;

    f)  Mängel gleichen Ursprungs, die im Flug eine derart hohe Abschaltrate
        verursachen könnten, dass die Möglichkeit besteht, dass während eines
        Flugs mehr als ein Triebwerk abgeschaltet wird;

    g)  Funktionsausfall eines Triebwerksbegrenzers oder eines Steuergeräts im
        Bedarfsfall oder unbeabsichtigte Funktion dieser Einrichtungen;

    h)  Überschreitung der Triebwerksparameter;

    i)  Fremdkörperberührung mit Schadenfolge;

    j)  Propeller und Getriebe:

        Ausfall oder Funktionsstörung eines Teils eines Propellers oder
        Triebwerks mit einer oder mehreren der nachstehenden Folgen:

        aa) Drehzahlüberschreitung eines Propellers,

        bb) Entwicklung übermäßigen Luftwiderstands,

        cc) Schub in die Gegenrichtung der vom Piloten gewählten Richtung,

        dd) vollständiges Ablösen des Propellers oder größerer Propellerteile,

        ee) Fehlfunktion, die zu einem übermäßigen Ungleichgewicht führt,

        ff) ungewollte Bewegung der Propellerblätter unter die für den Flug
            festgelegte Minimalposition bei niedrigem Anstellwinkel,

        gg) Ausfall der Einstellmöglichkeit für die Segelstellung,

        hh) Ausfall der Einstellmöglichkeit für den Anstellwinkel des Propellers,

        ii) selbsttätige Verstellung des Anstellwinkels,

        jj) unkontrollierbare Schub- oder Drehzahlschwankungen,

        kk) Austritt von Teilen mit niedriger Energie;

    k)  Rotoren und Getriebe:

        aa) Schäden oder Mängel am Hauptrotorgetriebe/an der
            Hauptrotorbefestigung, die zum Ablösen des Rotors während des Flugs
            und/oder zu Fehlfunktionen der Rotorsteuerung führen könnten,

        bb) Schäden am Heckrotor oder an seinem Getriebe und an gleichwertigen
            Systemen;

    l)  Hilfskraftturbinen-Systeme:

        aa) Abschaltung oder Ausfall der Hilfskraftturbine, wenn diese
            entsprechend den Betriebsanforderungen – z. B. ETOPS und MEL –
            verfügbar sein muss,

        bb) Unmöglichkeit der Abschaltung der Hilfskraftturbine,

        cc) Drehzahlüberschreitung, Temperaturüberschreitung,

        dd) Unmöglichkeit, die Hilfskraftturbine anzulassen, wenn sie für den
            Luftfahrzeugbetrieb benötigt wird.

**4.** **Humanfaktoren**

    Zwischenfälle, bei denen ein Ausstattungsmerkmal oder eine
    Fehlkonzeption des Luftfahrzeugs möglicherweise zu einem
    Bedienungsfehler geführt hat, der eine gefährliche Wirkung oder einen
    Unfall zur Folge gehabt haben könnte.

**5.** **Sonstige Ereignisse**

    a)  Ereignisse, die normalerweise nicht als meldepflichtig gelten (z. B.
        Ereignisse im Bereich der Innenausstattung und Kabinenausrüstung oder
        der Wassersysteme), falls die Umstände des Ereignisses zu einer
        Gefährdung des Luftfahrzeugs oder seiner Insassen geführt haben;

    b)  Brand, Explosion, Rauch oder toxische oder schädliche Dämpfe;

    c)  sonstige Ereignisse, die zu einer Gefährdung des Luftfahrzeugs führen
        können oder die Sicherheit der Insassen des Luftfahrzeugs oder von
        Menschen oder Gegenständen in der Nähe des Luftfahrzeugs oder am Boden
        gefährden können;

    d)  Ausfall oder Mängel der Kabinen-Lautsprecheranlage, sodass
        Fluggastdurchsagen nicht möglich oder nicht hörbar sind;

    e)  Ausfall der Pilotensitzverstellung während des Flugs.

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