CELEX: 62008CJ0175
Language: de
Date: 2010-03-02 00:00:00
Title: Urteil des Gerichtshofes (Große Kammer) vom 2. März 2010.#Aydin Salahadin Abdulla (C-175/08), Kamil Hasan (C-176/08), Ahmed Adem, Hamrin Mosa Rashi (C-178/08) und Dler Jamal (C-179/08) gegen Bundesrepublik Deutschland.#Ersuchen um Vorabentscheidung: Bundesverwaltungsgericht - Deutschland.#Richtlinie 2004/83/EG - Mindestnormen für die Anerkennung als Flüchtling oder als Person mit subsidiärem Schutzstatus - Flüchtlingseigenschaft - Art. 2 Buchst. c - Erlöschen des Flüchtlingsstatus - Art. 11 - Änderung der Umstände - Art. 11 Abs. 1 Buchst. e - Flüchtling - Unbegründete Furcht vor Verfolgung - Beurteilung - Art. 11 Abs. 2 - Aberkennung der Flüchtlingseigenschaft - Nachweis - Art. 14 Abs. 2.#Verbundene Rechtssachen C-175/08, C-176/08, C-178/08 und C-179/08.

Verbundene Rechtssachen C-175/08, C-176/08, C-178/08 und C-179/08
      Aydin Salahadin Abdulla u. a.
      gegen
      Bundesrepublik Deutschland
      (Vorabentscheidungsersuchen des Bundesverwaltungsgerichts)
      „Richtlinie 2004/83/EG – Mindestnormen für die Anerkennung als Flüchtling oder als Person mit subsidiärem Schutzstatus – Flüchtlingseigenschaft – Art. 2 Buchst. c – Erlöschen des Flüchtlingsstatus – Art. 11 – Änderung der Umstände – Art. 11 Abs. 1 Buchst. e – Flüchtling – Unbegründete Furcht vor Verfolgung – Beurteilung – Art. 11 Abs. 2 – Aberkennung der Flüchtlingseigenschaft – Nachweis – Art. 14 Abs. 2“
      Leitsätze des Urteils
      1.        Vorabentscheidungsverfahren – Zuständigkeit des Gerichtshofs – Grenzen
      (Art. 68 EG und 234 EG)
      2.        Visa, Asyl, Einwanderung – Asylpolitik – Flüchtlingseigenschaft oder subsidiärer Schutzstatus – Richtlinie 2004/83 – Erlöschen
            der Flüchtlingseigenschaft
      (Richtlinie 2004/83 des Rates, Art. 2 Buchst. c, 7 Abs. 1 und 11 Abs. 1 Buchst. e)
      3.        Visa, Asyl, Einwanderung – Asylpolitik – Flüchtlingseigenschaft oder subsidiärer Schutzstatus – Richtlinie 2004/83 – Erlöschen
            der Flüchtlingseigenschaft
      (Richtlinie 2004/83 des Rates, Art. 2 Buchst. e, 4 und 11 Abs. 1 Buchst. e)
      4.        Visa, Asyl, Einwanderung – Asylpolitik – Flüchtlingseigenschaft oder subsidiärer Schutzstatus – Richtlinie 2004/83 – Erlöschen
            der Flüchtlingseigenschaft
      (Richtlinie 2004/83 des Rates, Art. 2 Buchst. c und 11 Abs. 1 Buchst. e)
      5.        Visa, Asyl, Einwanderung – Asylpolitik – Flüchtlingseigenschaft oder subsidiärer Schutzstatus – Richtlinie 2004/83 – Erlöschen
            der Flüchtlingseigenschaft
      (Richtlinie 2004/83 des Rates, Art. 4 Abs. 4 und 11 Abs. 1 Buchst. e)
      1.        Weder aus dem Wortlaut der Art. 68 EG und 234 EG noch aus dem Zweck des durch den letztgenannten Artikel eingerichteten Verfahrens
         ergibt sich, dass die Verfasser des Vertrags von der Zuständigkeit des Gerichtshofs solche Vorabentscheidungsersuchen ausnehmen
         wollten, die sich auf eine Richtlinie in dem besonderen Fall beziehen, dass das nationale Recht eines Mitgliedstaats zur Bestimmung
         der auf eine rein innerstaatliche Situation anwendbaren Regelung auf den Inhalt der Bestimmungen dieser Richtlinie verweist.
         In einem solchen Fall besteht nämlich ein unbestreitbares Gemeinschaftsinteresse daran, dass zur Vermeidung künftiger Auslegungsdivergenzen
         die in Bezug genommenen gemeinschaftsrechtlichen Bestimmungen unabhängig davon, unter welchen Voraussetzungen sie herangezogen
         werden, einheitlich ausgelegt werden.
      
      (vgl. Randnr. 48)
      2.        Art. 11 Abs. 1 Buchst. e der Richtlinie 2004/83 über Mindestnormen für die Anerkennung und den Status von Drittstaatsangehörigen
         oder Staatenlosen als Flüchtlinge oder als Personen, die anderweitig internationalen Schutz benötigen, und über den Inhalt
         des zu gewährenden Schutzes ist wie folgt auszulegen:
      
      – Die Flüchtlingseigenschaft erlischt, wenn in Anbetracht einer erheblichen und nicht nur vorübergehenden Veränderung der
         Umstände in dem fraglichen Drittland diejenigen Umstände, aufgrund deren der Betreffende begründete Furcht vor Verfolgung
         aus einem der in Art. 2 Buchst. c der Richtlinie 2004/83 genannten Gründe hatte und als Flüchtling anerkannt worden war, weggefallen
         sind und er auch nicht aus anderen Gründen Furcht vor „Verfolgung“ im Sinne des Art. 2 Buchst. c der Richtlinie 2004/83 haben
         muss.
      
      – Für die Beurteilung einer Veränderung der Umstände müssen sich die zuständigen Behörden des Mitgliedstaats im Hinblick auf
         die individuelle Lage des Flüchtlings vergewissern, dass der oder die nach Art. 7 Abs. 1 der Richtlinie 2004/83 in Betracht
         kommenden Akteure, die Schutz bieten können, geeignete Schritte eingeleitet haben, um die Verfolgung zu verhindern, dass diese
         Akteure demgemäß insbesondere über wirksame Rechtsvorschriften zur Ermittlung, Strafverfolgung und Ahndung von Handlungen,
         die eine Verfolgung darstellen, verfügen und dass der betreffende Staatsangehörige im Fall des Erlöschens seiner Flüchtlingseigenschaft
         Zugang zu diesem Schutz haben wird.
      
      – Zu den in Art. 7 Abs. 1 Buchst. b der Richtlinie 2004/83 genannten Akteuren, die Schutz bieten können, können internationale
         Organisationen gehören, die den Staat oder einen wesentlichen Teil des Staatsgebiets beherrschen, und zwar auch mittels der
         Präsenz multinationaler Truppen in diesem Gebiet.
      
      (vgl. Randnr. 76, Tenor 1)
      3.        Im Rahmen des Begriffs „internationaler Schutz“ sieht die Richtlinie 2004/83 über Mindestnormen für die Anerkennung und den
         Status von Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen als Flüchtlinge oder als Personen, die anderweitig internationalen Schutz
         benötigen, und über den Inhalt des zu gewährenden Schutzes zwei unterschiedliche Schutzregelungen vor, nämlich zum einen den
         Flüchtlingsstatus und zum anderen den durch subsidiären Schutz gewährten Status, wobei nach Art. 2 Buchst. e der Richtlinie
         eine Person mit Anspruch auf subsidiären Schutz eine solche ist, die die Voraussetzungen für die Anerkennung als Flüchtling
         nicht erfüllt. Folglich würden die jeweiligen Bereiche der beiden Schutzregelungen verkannt, wenn die Beendigung der Geltung
         Ersterer von der Feststellung abhängig gemacht würde, dass die Voraussetzungen für die Anwendung Letzterer nicht erfüllt sind.
      
      Nach der Systematik der Richtlinie tritt das etwaige Erlöschen der Flüchtlingseigenschaft unbeschadet des Rechts der betroffenen
         Person ein, um die Zuerkennung des subsidiären Schutzstatus zu ersuchen, wenn alle in Art. 4 der Richtlinie aufgeführten erforderlichen
         Anhaltspunkte für die Feststellung vorliegen, dass die in Art. 15 der Richtlinie normierten Voraussetzungen für die Gewährung
         dieses Schutzes vorliegen.
      
      (vgl. Randnrn. 78-80)
      4.        Wenn die Umstände, aufgrund deren der Betreffende als Flüchtling anerkannt wurde, weggefallen sind und die zuständigen Behörden
         des Mitgliedstaats nachprüfen, ob nicht andere Umstände vorliegen, aufgrund deren der Betreffende die begründete Furcht haben
         muss, entweder aus dem gleichen Grund wie dem ursprünglichen oder aus einem anderen der in Art. 2 Buchst. c der Richtlinie
         2004/83 über Mindestnormen für die Anerkennung und den Status von Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen als Flüchtlinge
         oder als Personen, die anderweitig internationalen Schutz benötigen, und über den Inhalt des zu gewährenden Schutzes genannten
         Gründe verfolgt zu werden, ist der Wahrscheinlichkeitsmaßstab, der der Beurteilung der aus diesen anderen Umständen resultierenden
         Gefahr zugrunde zu legen ist, der gleiche wie der bei der Anerkennung als Flüchtling angewandte.
      
      In beiden Prüfungsstadien steht nämlich die gleiche Frage zur Beurteilung, ob die festgestellten Umstände eine Bedrohung darstellen
         oder nicht, aufgrund deren der Betroffene in Anbetracht seiner individuellen Lage begründete Furcht haben kann, tatsächlich
         Verfolgungshandlungen zu erleiden. Diese Beurteilung der Größe der Gefahr ist in allen Fällen mit Wachsamkeit und Vorsicht
         vorzunehmen, da Fragen der Integrität der menschlichen Person und der individuellen Freiheiten betroffen sind, die zu den
         Grundwerten der Europäischen Union gehören.
      
      (vgl. Randnrn. 89-91, Tenor 2)
      5.        Art. 4 Abs. 4 der Richtlinie 2004/83 über Mindestnormen für die Anerkennung und den Status von Drittstaatsangehörigen oder
         Staatenlosen als Flüchtlinge oder als Personen, die anderweitig internationalen Schutz benötigen, und über den Inhalt des
         zu gewährenden Schutzes kann, soweit ihm Anhaltspunkte hinsichtlich der Beweiskraft früherer Verfolgungshandlungen oder Bedrohungen
         mit Verfolgung zu entnehmen sind, anwendbar sein, wenn die zuständigen Behörden die Aberkennung der Flüchtlingseigenschaft
         gemäß Art. 11 Abs. 1 Buchst. e der Richtlinie 2004/83 in Betracht ziehen und der Betreffende, um das Fortbestehen einer begründeten
         Furcht vor Verfolgung darzutun, andere Umstände als die geltend macht, aufgrund deren er als Flüchtling anerkannt wurde. Dies
         wird jedoch normalerweise nur der Fall sein können, wenn der Verfolgungsgrund ein anderer ist als der zum Zeitpunkt der Anerkennung
         als Flüchtling festgestellte und wenn frühere Verfolgungshandlungen oder Bedrohungen mit Verfolgung vorliegen, die eine Verknüpfung
         mit dem in diesem Stadium geprüften Verfolgungsgrund aufweisen.
      
      (vgl. Randnr. 100, Tenor 3)
      
URTEIL DES GERICHTSHOFS (Große Kammer)
      2. März 2010(*)
      
      „Richtlinie 2004/83/EG – Mindestnormen für die Anerkennung als Flüchtling oder als Person mit subsidiärem Schutzstatus – Flüchtlingseigenschaft – Art. 2 Buchst. c – Erlöschen des Flüchtlingsstatus – Art. 11 – Änderung der Umstände – Art. 11 Abs. 1 Buchst. e – Flüchtling – Unbegründete Furcht vor Verfolgung – Beurteilung – Art. 11 Abs. 2 – Aberkennung der Flüchtlingseigenschaft – Nachweis – Art. 14 Abs. 2“
      In den verbundenen Rechtssachen C‑175/08, C‑176/08, C‑178/08 und C‑179/08
      betreffend Vorabentscheidungsersuchen nach den Art. 68 EG und 234 EG, eingereicht vom Bundesverwaltungsgericht (Deutschland)
         mit Beschlüssen vom 7. Februar und 31. März 2008, beim Gerichtshof eingegangen am 29. April 2008, in den Verfahren
      
      Aydin Salahadin Abdulla (C-175/08),
      
      Kamil Hasan (C-176/08),
      
      Ahmed Adem,
      Hamrin Mosa Rashi (C-178/08),
      
      Dler Jamal (C-179/08)
      
      gegen
      Bundesrepublik Deutschland
      erlässt
      DER GERICHTSHOF (Große Kammer)
      unter Mitwirkung des Präsidenten V. Skouris, der Kammerpräsidenten K. Lenaerts und J.‑C. Bonichot, der Kammerpräsidentinnen
         R. Silva de Lapuerta und P. Lindh sowie der Richter C. W. A. Timmermans, A. Rosas, K. Schiemann, P. Kūris, A. Ó Caoimh, L. Bay
         Larsen (Berichterstatter), T. von Danwitz und A. Arabadjiev,
      
      Generalanwalt: J. Mazák,
      Kanzler: K. Malacek, Verwaltungsrat,
      aufgrund des schriftlichen Verfahrens und auf die mündliche Verhandlung vom 2. Juni 2009,
      unter Berücksichtigung der Erklärungen
      –        von A. Salahadin Abdulla, vertreten durch Rechtsanwältin A. Lex,
      –        von K. Hasan und D. Jamal, vertreten durch Rechtsanwalt T. Grüner,
      –        von A. Adem und H. Mosa Rashi, vertreten durch Rechtsanwalt C. Heidemann,
      –        der deutschen Regierung, vertreten durch M. Lumma, C. Blaschke und N. Graf Vitzthum als Bevollmächtigte,
      –        der italienischen Regierung, vertreten durch I. Bruni als Bevollmächtigte im Beistand von G. Albenzio, avvocato dello Stato,
      –        der zyprischen Regierung, vertreten durch D. Lysandrou als Bevollmächtigten,
      –        der Regierung des Vereinigten Königreichs, vertreten durch V. Jackson als Bevollmächtigte im Beistand von T. Ward, Barrister,
      –        der Kommission der Europäischen Gemeinschaften, vertreten durch M. Condou-Durande, F. Erlbacher und F. Hoffmeister als Bevollmächtigte,
      nach Anhörung der Schlussanträge des Generalanwalts in der Sitzung vom 15. September 2009
      folgendes
      Urteil
      1        Die Vorabentscheidungsersuchen betreffen die Auslegung von Art. 11 Abs. 1 Buchst. e in Verbindung mit Art. 2 Buchst. c der
         Richtlinie 2004/83/EG des Rates vom 29. April 2004 über Mindestnormen für die Anerkennung und den Status von Drittstaatsangehörigen
         oder Staatenlosen als Flüchtlinge oder als Personen, die anderweitig internationalen Schutz benötigen, und über den Inhalt
         des zu gewährenden Schutzes (ABl. L 304, S. 12, mit Berichtigung in ABl. 2005, L 204, S. 24, im Folgenden: Richtlinie).
      
      2        Diese Ersuchen ergehen in Verwaltungsstreitsachen zwischen Herrn Salahadin Abdulla, Herrn Hasan, Herrn Adem und seiner Ehefrau
         Mosa Rashi sowie Herrn Jamal (im Folgenden zusammen: Kläger der Ausgangsverfahren), die alle die irakische Staatsangehörigkeit
         besitzen, einerseits und der Bundesrepublik Deutschland, vertreten durch das Bundesministerium des Innern, dieses vertreten
         durch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (im Folgenden: Bundesamt), andererseits wegen Widerrufs ihrer Flüchtlingsanerkennung.
      
       Rechtlicher Rahmen
       Abkommen über die Rechtsstellung der Flüchtlinge
      3        Das am 28. Juli 1951 in Genf unterzeichnete Abkommen über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (United Nations Treaty Series, Band 189, S. 150, Nr. 2545 [1954]) trat am 22. April 1954 in Kraft. Es wurde ergänzt durch das Protokoll über die Rechtsstellung
         der Flüchtlinge vom 31. Januar 1967, das am 4. Oktober 1967 in Kraft trat (im Folgenden: Genfer Konvention).
      
      4        Nach Art. 1 Abschnitt A Ziff. 2 Abs. 1 der Genfer Konvention findet der Ausdruck „Flüchtling“ auf jede Person Anwendung, die
         „aus der begründeten Furcht vor Verfolgung wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen
         Gruppe oder wegen ihrer politischen Überzeugung sich außerhalb des Landes befindet, dessen Staatsangehörigkeit sie besitzt,
         und den Schutz dieses Landes nicht in Anspruch nehmen kann oder wegen dieser Befürchtungen nicht in Anspruch nehmen will;
         oder die sich als staatenlose infolge solcher Ereignisse außerhalb des Landes befindet, in welchem sie ihren gewöhnlichen
         Aufenthalt hatte, und nicht dorthin zurückkehren kann oder wegen der erwähnten Befürchtungen nicht dorthin zurückkehren will“.
      
      5        Art. 1 Abschnitt C Ziff. 5 der Genfer Konvention bestimmt:
      
      „Eine Person, auf die die Bestimmungen des Abschnittes A zutreffen, fällt nicht mehr unter dieses Abkommen,
      …
      5.      wenn sie nach Wegfall der Umstände, aufgrund deren sie als Flüchtling anerkannt worden ist, es nicht mehr ablehnen kann, den
         Schutz des Landes in Anspruch zu nehmen, dessen Staatsangehörigkeit sie besitzt. Hierbei wird jedoch unterstellt, dass die
         Bestimmung dieser Ziffer auf keinen Flüchtling im Sinne der Ziffer 1 des Abschnittes A dieses Artikels Anwendung findet, der
         sich auf zwingende, auf früheren Verfolgungen beruhende Gründe berufen kann, um die Inanspruchnahme des Schutzes des Landes
         abzulehnen, dessen Staatsangehörigkeit er besitzt“.
      
       Unionsrecht
      6        Art. 6 Abs. 1 Unterabs. 1 EUV lautet:
      
      „Die Union erkennt die Rechte, Freiheiten und Grundsätze an, die in der Charta der Grundrechte der Europäischen Union vom
         7. Dezember 2000 in der am 12. Dezember 2007 in Straßburg angepassten Fassung niedergelegt sind; die Charta der Grundrechte
         und die Verträge sind rechtlich gleichrangig.“
      
      7        Art. 18 der Charta der Grundrechte der Europäischen Union (im Folgenden: Charta) bestimmt:
      
      „Das Recht auf Asyl wird nach Maßgabe [der Genfer Konvention] sowie nach Maßgabe des Vertrags über die Europäische Union und
         des Vertrags über die Arbeitsweise der Europäischen Union … gewährleistet.“
      
      8        In den Erwägungsgründen 2 und 3 der Richtlinie heißt es:
      
      „(2)      Der Europäische Rat kam auf seiner Sondertagung in Tampere am 15. und 16. Oktober 1999 überein, auf ein Gemeinsames Europäisches
         Asylsystem hinzuwirken, das sich auf die uneingeschränkte und umfassende Anwendung [der Genfer Konvention] stützt, damit der
         Grundsatz der Nichtzurückweisung gewahrt bleibt und niemand dorthin zurückgeschickt wird, wo er Verfolgung ausgesetzt ist.
      
      (3)      Die Genfer Konvention … stell[t] einen wesentlichen Bestandteil des internationalen Rechtsrahmens für den Schutz von Flüchtlingen
         dar.“
      
      9        Der zehnte Erwägungsgrund der Richtlinie besagt:
      
      „Die Richtlinie achtet die Grundrechte und befolgt insbesondere die in der [Charta] anerkannten Grundsätze. Die Richtlinie
         zielt insbesondere darauf ab, die uneingeschränkte Wahrung der Menschenwürde, des Asylrechts für Asylsuchende und die sie
         begleitenden Familienangehörigen sicherzustellen.“
      
      10      Die Erwägungsgründe 16 und 17 der Richtlinie lauten:
      
      „(16) Es sollten Mindestnormen für die Bestimmung und die Merkmale der Flüchtlingseigenschaft festgelegt werden, um die zuständigen
         innerstaatlichen Behörden der Mitgliedstaaten bei der Anwendung der Genfer Konvention zu leiten.
      
      (17)      Es müssen gemeinsame Kriterien für die Anerkennung von Asylbewerbern als Flüchtlinge im Sinne von Artikel 1 der Genfer Konvention
         eingeführt werden.“
      
      11      Art. 1 der Richtlinie bestimmt:
      
      „Das Ziel dieser Richtlinie ist die Festlegung von Mindestnormen für die Anerkennung von Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen
         als Flüchtlinge oder als Personen, die anderweitig internationalen Schutz benötigen, sowie des Inhalts des zu gewährenden
         Schutzes.“
      
      12      Nach Art. 2 Buchst. a, c bis e und g der Richtlinie bezeichnen die Begriffe
      
      „a)      ‚internationaler Schutz‘ die Flüchtlingseigenschaft und den subsidiären Schutzstatus im Sinne der Buchstaben d) und f);
      …
      c)      ‚Flüchtling‘ einen Drittstaatsangehörigen, der aus der begründeten Furcht vor Verfolgung wegen seiner Rasse, Religion, Staatsangehörigkeit,
         politischen Überzeugung oder Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe sich außerhalb des Landes befindet, dessen
         Staatsangehörigkeit er besitzt, und den Schutz dieses Landes nicht in Anspruch nehmen kann oder wegen dieser Furcht nicht
         in Anspruch nehmen will, oder einen Staatenlosen, der sich aus denselben vorgenannten Gründen außerhalb des Landes seines
         vorherigen gewöhnlichen Aufenthalts befindet und nicht dorthin zurückkehren kann oder wegen dieser Furcht nicht dorthin zurückkehren
         will und auf den Artikel 12 keine Anwendung findet;
      
      d)      ‚Flüchtlingseigenschaft‘ die Anerkennung eines Drittstaatsangehörigen oder eines Staatenlosen als Flüchtling durch einen Mitgliedstaat;
      e)      ‚Person mit Anspruch auf subsidiären Schutz‘ einen Drittstaatsangehörigen …, der die Voraussetzungen für die Anerkennung als
         Flüchtling nicht erfüllt, der aber stichhaltige Gründe für die Annahme vorgebracht hat, dass er bei einer Rückkehr in sein
         Herkunftsland … tatsächlich Gefahr liefe, einen ernsthaften Schaden im Sinne des Artikel 15 zu erleiden, … und der den Schutz
         dieses Landes nicht in Anspruch nehmen kann oder wegen dieser Gefahr nicht in Anspruch nehmen will;
      
      …
      g)      ‚Antrag auf internationalen Schutz‘ das Ersuchen eines Drittstaatsangehörigen … um Schutz durch einen Mitgliedstaat, wenn
         davon ausgegangen werden kann, dass der Antragsteller die Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft oder die Gewährung des subsidiären
         Schutzstatus anstrebt …“.
      
      13      Nach Art. 13 der Richtlinie erkennen die Mitgliedstaaten Drittstaatsangehörigen, die die Voraussetzungen der Kapitel II und
         III der Richtlinie erfüllen, die Flüchtlingseigenschaft zu, während sie Drittstaatsangehörigen, die die Voraussetzungen der
         Kapitel II und V erfüllen, nach Art. 18 den subsidiären Schutzstatus zuerkennen.
      
      14      Art. 4 („Prüfung der Ereignisse und Umstände“) Abs. 1 in Kapitel II („Prüfung von Anträgen auf internationalen Schutz“) der
         Richtlinie lautet:
      
      „Die Mitgliedstaaten können es als Pflicht des Antragstellers betrachten, so schnell wie möglich alle zur Begründung des Antrags
         auf internationalen Schutz erforderlichen Anhaltspunkte darzulegen. Es ist Pflicht des Mitgliedstaats, unter Mitwirkung des
         Antragstellers die für den Antrag maßgeblichen Anhaltspunkte zu prüfen.“
      
      15      In Art. 4 Abs. 3 der Richtlinie werden die Gesichtspunkte aufgeführt, die bei der individuellen Prüfung von Anträgen auf Schutz
         zu berücksichtigen sind.
      
      16      Nach Art. 4 Abs. 4 der Richtlinie ist „[d]ie Tatsache, dass ein Antragsteller bereits verfolgt wurde … bzw. von solcher Verfolgung
         … unmittelbar bedroht war, … ein ernsthafter Hinweis darauf, dass die Furcht des Antragstellers vor Verfolgung begründet ist,
         … es sei denn, stichhaltige Gründe sprechen dagegen, dass der Antragsteller erneut von solcher Verfolgung … bedroht wird“.
      
      17      Der ebenfalls in Kapitel II der Richtlinie enthaltene Art. 5 Abs. 1 bestimmt ergänzend, dass die begründete Furcht vor Verfolgung
         auf Ereignissen beruhen kann, die eingetreten sind, nachdem der Antragsteller das Herkunftsland verlassen hat.
      
      18      Art. 6 („Akteure, von denen die Verfolgung oder ein ernsthafter Schaden ausgehen kann“) in Kapitel II der Richtlinie lautet:
      
      „Die Verfolgung bzw. der ernsthafte Schaden kann ausgehen von
      a)      dem Staat;
      b)      Parteien oder Organisationen, die den Staat oder einen wesentlichen Teil des Staatsgebiets beherrschen;
      c)      nichtstaatlichen Akteuren, sofern die unter den Buchstaben a) und b) genannten Akteure einschließlich internationaler Organisationen
         erwiesenermaßen nicht in der Lage oder nicht willens sind, Schutz vor Verfolgung bzw. ernsthaftem Schaden im Sinne des Artikels
         7 zu bieten.“
      
      19      Art. 7 („Akteure, die Schutz bieten können“) Abs. 1 und 2 im selben Kapitel der Richtlinie sieht vor:
      
      „(1)      Schutz kann geboten werden
      a)      vom Staat oder
      b)      von Parteien oder Organisationen einschließlich internationaler Organisationen, die den Staat oder einen wesentlichen Teil
         des Staatsgebiets beherrschen.
      
      (2)      Generell ist Schutz gewährleistet, wenn die unter Absatz 1 Buchstaben a) und b) genannten Akteure geeignete Schritte einleiten,
         um die Verfolgung oder den ernsthaften Schaden zu verhindern, beispielsweise durch wirksame Rechtsvorschriften zur Ermittlung,
         Strafverfolgung und Ahndung von Handlungen, die eine Verfolgung oder einen ernsthaften Schaden darstellen, und wenn der Antragsteller
         Zugang zu diesem Schutz hat.“
      
      20      Art. 9 Abs. 1 und 2 in Kapitel III („Anerkennung als Flüchtling“) der Richtlinie definiert die Verfolgungshandlungen. Nach
         Art. 9 Abs. 3 muss eine Verknüpfung zwischen den in Art. 10 der Richtlinie genannten Verfolgungsgründen und diesen Verfolgungshandlungen
         bestehen.
      
      21      Der ebenfalls in Kapitel III der Richtlinie enthaltene Art. 10 („Verfolgungsgründe“) Abs. 1 führt die Gesichtspunkte auf,
         die bei der Prüfung jedes der fünf Verfolgungsgründe zu berücksichtigen sind.
      
      22      Art. 11 („Erlöschen“) im selben Kapitel der Richtlinie bestimmt:
      
      „(1)      Ein Drittstaatsangehöriger … ist nicht mehr Flüchtling, wenn er
      …
      e)      nach Wegfall der Umstände, aufgrund deren er als Flüchtling anerkannt worden ist, es nicht mehr ablehnen kann, den Schutz
         des Landes in Anspruch zu nehmen, dessen Staatsangehörigkeit er besitzt;
      
      …
      (2)      Bei der Prüfung von Absatz 1 [Buchstabe] e) … haben die Mitgliedstaaten zu untersuchen, ob die Veränderung der Umstände erheblich
         und nicht nur vorübergehend ist, so dass die Furcht des Flüchtlings vor Verfolgung nicht länger als begründet angesehen werden
         kann.“
      
      23      Art. 14 („Aberkennung, Beendigung oder Ablehnung der Verlängerung der Flüchtlingseigenschaft“) in Kapitel IV („Flüchtlingseigenschaft“)
         der Richtlinie sieht vor:
      
      „(1)      Bei Anträgen auf internationalen Schutz, die nach Inkrafttreten dieser Richtlinie gestellt wurden, erkennen die Mitgliedstaaten
         einem Drittstaatsangehörigen ... die von einer Regierungs‑ oder Verwaltungsbehörde, einem Gericht oder einer gerichtsähnlichen
         Behörde zuerkannte Flüchtlingseigenschaft ab, beenden diese oder lehnen ihre Verlängerung ab, wenn er gemäß Artikel 11 nicht
         länger Flüchtling ist.
      
      (2)      Unbeschadet der Pflicht des Flüchtlings, gemäß Artikel 4 Absatz 1 alle maßgeblichen Tatsachen offen zu legen und alle maßgeblichen,
         ihm zur Verfügung stehenden Unterlagen vorzulegen, weist der Mitgliedstaat, der ihm die Flüchtlingseigenschaft zuerkannt hat,
         in jedem Einzelfall nach, dass die betreffende Person gemäß Absatz 1 des vorliegenden Artikels nicht länger Flüchtling ist
         oder es nie gewesen ist.
      
      …“
      24      Art. 15 („Ernsthafter Schaden“) in Kapitel V („Voraussetzungen für den Anspruch auf subsidiären Schutz“) der Richtlinie lautet:
      
      „Als ernsthafter Schaden gilt:
      a)      die Verhängung oder Vollstreckung der Todesstrafe oder
      b)      Folter oder unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder Bestrafung eines Antragstellers im Herkunftsland oder
      c)      eine ernsthafte individuelle Bedrohung des Lebens oder der Unversehrtheit einer Zivilperson infolge willkürlicher Gewalt im
         Rahmen eines internationalen oder innerstaatlichen bewaffneten Konflikts.“
      
      25      Gemäß ihren Art. 38 und 39 ist die Richtlinie am 20. Oktober 2004 in Kraft getreten und war spätestens zum 10. Oktober 2006
         umzusetzen.
      
       Nationales Recht
      26      § 3 Abs. 1 des Asylverfahrensgesetzes (AsylVfG) bestimmt:
      
      „Ein Ausländer ist Flüchtling im Sinne [der Genfer Konvention], wenn er in dem Staat, dessen Staatsangehörigkeit er besitzt …,
         den Bedrohungen nach § 60 Abs. 1 des Aufenthaltsgesetzes ausgesetzt ist“.
      
      27      § 60 („Verbot der Abschiebung“) Abs. 1 in Kapitel 5 („Beendigung des Aufenthalts“) des Aufenthaltsgesetzes sieht vor:
      
      „In Anwendung [der Genfer Konvention] darf ein Ausländer nicht in einen Staat abgeschoben werden, in dem sein Leben oder seine
         Freiheit wegen seiner Rasse, Religion, Staatsangehörigkeit, seiner Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder
         wegen seiner politischen Überzeugung bedroht ist. …“
      
      28      § 73 Abs. 1 Sätze 1 und 2 AsylVfG in der durch das Gesetz zur Umsetzung aufenthalts- und asylrechtlicher Richtlinien der Europäischen
         Union vom 19. August 2007 (BGBl. 2007 I S. 1970) geänderten Fassung lautet:
      
      „Die Anerkennung als Asylberechtigter und die Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft sind unverzüglich zu widerrufen, wenn
         die Voraussetzungen für sie nicht mehr vorliegen. Dies ist insbesondere der Fall, wenn der Ausländer nach Wegfall der Umstände,
         die zur Anerkennung als Asylberechtigter oder zur Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft geführt haben, es nicht mehr ablehnen
         kann, den Schutz des Staates in Anspruch zu nehmen, dessen Staatsangehörigkeit er besitzt …“
      
      29      Nach § 73 Abs. 1 Satz 3 AsylVfG werden die Anerkennung als Asylberechtigter und die Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft
         nicht widerrufen, „wenn sich der Ausländer auf zwingende, auf früheren Verfolgungen beruhende Gründe berufen kann, um die
         Rückkehr in den Staat abzulehnen, dessen Staatsangehörigkeit er besitzt …“.
      
       Ausgangsverfahren und Vorlagefragen
      30      Die Kläger der Ausgangsverfahren reisten zwischen 1999 und 2002 nach Deutschland ein und beantragten dort Asyl.
      
      31      Sie führten für ihre jeweiligen Anträge verschiedene Gründe an, aus denen sie befürchteten, im Irak durch die Regierung der
         Baath-Partei Saddam Husseins verfolgt zu werden.
      
      32      Das Bundesamt erkannte ihnen in den Jahren 2001 und 2002 die Flüchtlingseigenschaft zu.
      
      33      In den Jahren 2004 und 2005 leitete das Bundesamt angesichts der Entwicklung der Lage im Irak Verfahren zum Widerruf ihrer
         Flüchtlingsanerkennung ein.
      
      34      Diese Verfahren endeten jeweils mit dem Widerruf der Flüchtlingsanerkennung durch zwischen Januar und August 2005 erlassene
         Bescheide des Bundesamts.
      
      35      Mit Urteilen, die zwischen Juli und Oktober 2005 ergingen, hoben die zuständigen Verwaltungsgerichte die Widerrufsbescheide
         auf. Sie entschieden im Wesentlichen, dass angesichts der hochgradig instabilen Lage im Irak von einer dauerhaften und stabilen,
         einen Widerruf der zuerkannten Flüchtlingseigenschaft rechtfertigenden Änderung der Verhältnisse nicht ausgegangen werden
         könne.
      
      36      Auf Berufung der Bundesrepublik Deutschland hoben die zuständigen Oberverwaltungsgerichte mit Urteilen, die zwischen März
         und August 2006 ergingen, die erstinstanzlichen Urteile auf und wiesen die Klagen auf Aufhebung der Widerrufsbescheide ab.
         Unter Hinweis auf die grundlegende Änderung der Lage im Irak entschieden sie, dass die Kläger der Ausgangsverfahren gegenwärtig
         vor der unter dem früheren Regime erlittenen Verfolgung sicher seien und ihnen auch nicht aus anderen Gründen mit beachtlicher
         Wahrscheinlichkeit erneut eine Verfolgung drohe.
      
      37      Die Kläger der Ausgangsverfahren haben gegen die Berufungsurteile Revision zum Bundesverwaltungsgericht eingelegt, mit der
         sie die Wiederherstellung der erstinstanzlichen Urteile erstreben.
      
      38      Das vorlegende Gericht geht davon aus, dass die Flüchtlingseigenschaft erlischt, wenn sich die Lage im Herkunftsland eines
         Flüchtlings erheblich und nicht nur vorübergehend geändert habe und die seine Furcht vor Verfolgung begründenden Umstände,
         aufgrund deren er als Flüchtling anerkannt worden sei, entfallen seien und wenn er auch nicht aus anderen Gründen Furcht vor
         „Verfolgung“ im Sinne der Richtlinie haben müsse.
      
      39      Dabei habe der Ausdruck „Schutz des Landes“ in Art. 11 Abs. 1 Buchst. e der Richtlinie die gleiche Bedeutung wie der Ausdruck
         „Schutz dieses Landes“ in ihrem Art. 2 Buchst. c und beziehe sich nur auf den Schutz vor Verfolgung.
      
      40      Allgemeine Gefahren würden weder vom Schutz nach der Richtlinie noch von dem nach der Genfer Konvention erfasst. Ob einem
         Flüchtling die Rückkehr in sein Herkunftsland zugemutet werden könne, obgleich dort allgemeine Gefahren bestünden, könne im
         Rahmen des Widerrufs der Flüchtlingsanerkennung nach § 73 Abs. 1 AsylVfG nicht geprüft werden. Diese Frage könne erst später
         geprüft werden, wenn darüber zu entscheiden sei, ob der Betreffende in sein Herkunftsland abzuschieben sei.
      
      41      Das vorlegende Gericht betont, dass nach den bindenden Feststellungen der Berufungsgerichte die Kläger der Ausgangsverfahren
         sich nicht auf Nachwirkungen früherer Verfolgungsmaßnahmen berufen könnten, um eine Rückkehr in den Irak abzulehnen. Es zieht
         daraus den Schluss, dass vor ihm „zwingende, auf früheren Verfolgungen beruhende Gründe“ im Sinne von § 73 Abs. 1 Satz 3 AsylVfG
         und Art. 1 Abschnitt C Ziff. 5 Satz 2 der Genfer Konvention nicht geltend gemacht werden könnten.
      
      42      Das vorlegende Gericht weist allerdings darauf hin, dass die Aberkennung des Flüchtlingsstatus in Deutschland nicht notwendig
         zum Verlust des Aufenthaltsrechts führe.
      
      43      Vor diesem Hintergrund hat das Bundesverwaltungsgericht die Verfahren ausgesetzt und dem Gerichtshof in jedem der Ausgangsverfahren
         folgende Fragen zur Vorabentscheidung vorgelegt:
      
      1.      Ist Art. 11 Abs. 1 Buchst. e der Richtlinie dahin auszulegen, dass – abgesehen von Art. 1 Abschnitt C Ziff. 5 Satz 2 der Genfer
         Konvention – die Flüchtlingseigenschaft bereits dann erlischt, wenn die begründete Furcht des Flüchtlings vor Verfolgung im
         Sinne des Art. 2 Buchst. c der Richtlinie, aufgrund deren die Anerkennung erfolgte, entfallen ist und er auch nicht aus anderen
         Gründen Furcht vor Verfolgung im Sinne des Art. 2 Buchst. c der Richtlinie haben muss?
      
      2.      Für den Fall, dass Frage 1 zu verneinen ist: Setzt das Erlöschen der Flüchtlingseigenschaft nach Art. 11 Abs. 1 Buchst. e
         der Richtlinie darüber hinaus voraus, dass in dem Land, dessen Staatsangehörigkeit der Flüchtling besitzt,
      
      a)      ein Schutz bietender Akteur im Sinne des Art. 7 Abs. 1 der Richtlinie vorhanden ist, und reicht es hierbei aus, dass die Schutzgewährung
         nur mit Hilfe multinationaler Truppen möglich ist,
      
      b)      dem Flüchtling kein ernsthafter Schaden im Sinne des Art. 15 der Richtlinie droht, der zur Zuerkennung subsidiären Schutzes
         nach Art. 18 der Richtlinie führt, und/oder
      
      c)      die Sicherheitslage stabil ist und die allgemeinen Lebensbedingungen das Existenzminimum gewährleisten?
      3.      Sind in einer Situation, in der die bisherigen Umstände, aufgrund deren der Betreffende als Flüchtling anerkannt worden ist,
         entfallen sind, neue, andersartige verfolgungsbegründende Umstände
      
      a)      an dem Wahrscheinlichkeitsmaßstab zu messen, der für die Anerkennung von Flüchtlingen gilt, oder findet zugunsten des Betreffenden
         ein anderer Maßstab Anwendung,
      
      b)      unter Berücksichtigung der Beweiserleichterung des Art. 4 Abs. 4 der Richtlinie zu beurteilen?
      44      Mit Beschluss des Präsidenten des Gerichtshofs vom 25. Juni 2008 sind die Rechtssachen C‑175/08 bis C‑179/08 zu gemeinsamem
         schriftlichen und mündlichen Verfahren und zu gemeinsamer Entscheidung verbunden worden. Mit Beschluss des Präsidenten des
         Gerichtshofs vom 4. August 2008 ist die Verbindung der Rechtssache C‑177/08 mit den übrigen Rechtssachen wieder aufgehoben
         und diese Rechtssache im Register des Gerichtshofs gestrichen worden.
      
       Zur Zuständigkeit des Gerichtshofs
      45      In den Ausgangsverfahren stellten die Kläger ihre Anträge auf internationalen Schutz vor Inkrafttreten der Richtlinie, d. h.
         vor dem 20. Oktober 2004.
      
      46      Ist der Betroffene nach Art. 11 der Richtlinie nicht länger Flüchtling, wird ihm nach Art. 14 Abs. 1 der Richtlinie die Flüchtlingseigenschaft
         nur aberkannt, wenn der Antrag auf internationalen Schutz nach Inkrafttreten der Richtlinie gestellt wurde.
      
      47      Die Anträge auf internationalen Schutz, die den Fragen des vorlegenden Gerichts zugrunde liegen, fallen daher in zeitlicher
         Hinsicht nicht unter die Richtlinie.
      
      48      Es ist jedoch zu beachten, dass der Gerichtshof, wenn die von den nationalen Gerichten vorgelegten Fragen die Auslegung einer
         Vorschrift des Gemeinschaftsrechts betreffen, grundsätzlich gehalten ist, darüber zu befinden. Weder aus dem Wortlaut der
         Art. 68 EG und 234 EG noch aus dem Zweck des durch den letztgenannten Artikel eingerichteten Verfahrens ergibt sich nämlich,
         dass die Verfasser des EG‑Vertrags von der Zuständigkeit des Gerichtshofs solche Vorabentscheidungsersuchen ausnehmen wollten,
         die sich auf eine Richtlinie in dem besonderen Fall beziehen, dass das nationale Recht eines Mitgliedstaats zur Bestimmung
         der auf eine rein innerstaatliche Situation anwendbaren Regelung auf den Inhalt der Bestimmungen dieser Richtlinie verweist.
         In einem solchen Fall besteht ein unbestreitbares Gemeinschaftsinteresse daran, dass zur Vermeidung künftiger Auslegungsdivergenzen
         die in Bezug genommenen gemeinschaftsrechtlichen Bestimmungen unabhängig davon, unter welchen Voraussetzungen sie herangezogen
         werden, einheitlich ausgelegt werden (vgl. in diesem Sinne Urteil vom 16. März 2006, Poseidon Chartering, C‑3/04, Slg. 2006,
         I‑2505, Randnrn. 15 und 16 sowie die dort angeführte Rechtsprechung).
      
      49      In den vorliegenden Rechtssachen weist das vorlegende Gericht darauf hin, dass durch das am 28. August 2007 in Kraft getretene
         Gesetz zur Umsetzung aufenthalts- und asylrechtlicher Richtlinien der Europäischen Union, mit dem § 73 AsylVfG neu gefasst
         worden sei, die Art. 11 und 14 der Richtlinie umgesetzt worden seien, ohne dass die Anwendbarkeit der Bestimmungen dieses
         Gesetzes in zeitlicher Hinsicht eingeschränkt worden sei, so dass diese nationalen Bestimmungen auf die vor dem Inkrafttreten
         der Richtlinie gestellten Anträge auf internationalen Schutz anwendbar seien.
      
      50      Unter diesen Umständen sind die vorgelegten Fragen zu beantworten.
      
       Zu den Vorlagefragen
       Vorbemerkungen
      51      Die Richtlinie wurde auf der Grundlage u. a. des Art. 63 Abs. 1 Nr. 1 Buchst. c EG erlassen, durch den der Rat der Europäischen
         Union beauftragt worden war, in Übereinstimmung mit der Genfer Konvention und einschlägigen anderen Verträgen Asylmaßnahmen
         im Bereich der Mindestnormen für die Anerkennung von Staatsangehörigen dritter Länder als Flüchtlinge zu beschließen.
      
      52      Aus den Erwägungsgründen 3, 16 und 17 der Richtlinie geht hervor, dass die Genfer Konvention einen wesentlichen Bestandteil
         des internationalen Rechtsrahmens für den Schutz von Flüchtlingen darstellt und dass die Bestimmungen der Richtlinie über
         die Voraussetzungen der Anerkennung als Flüchtling und über den Inhalt des Flüchtlingen zu gewährenden Schutzes erlassen wurden,
         um die zuständigen Behörden der Mitgliedstaaten bei der Anwendung der Genfer Konvention auf der Grundlage gemeinsamer Konzepte
         und Kriterien zu leiten.
      
      53      Die Bestimmungen der Richtlinie sind daher im Licht der allgemeinen Systematik und des Zwecks der Richtlinie in Übereinstimmung
         mit der Genfer Konvention und einschlägigen anderen Verträgen, auf die Art. 63 Abs. 1 Nr. 1 EG Bezug nimmt, auszulegen.
      
      54      Diese Auslegung muss zudem, wie dem zehnten Erwägungsgrund der Richtlinie zu entnehmen ist, die Achtung der Grundrechte und
         insbesondere die Befolgung der in der Charta anerkannten Grundsätze gewährleisten.
      
       Zur ersten Frage
      55      Mit seiner ersten Frage möchte das vorlegende Gericht wissen, ob Art. 11 Abs. 1 Buchst. e der Richtlinie dahin auszulegen
         ist, dass die Flüchtlingseigenschaft erlischt, wenn die Umstände, aufgrund deren der Betreffende begründete Furcht vor Verfolgung
         aus einem der in Art. 2 Buchst. c der Richtlinie genannten Gründe hatte und als Flüchtling anerkannt worden war, weggefallen
         sind und er auch nicht aus anderen Gründen Furcht vor „Verfolgung“ im Sinne des Art. 2 Buchst. c der Richtlinie haben muss.
      
      56      Insoweit ist darauf hinzuweisen, dass nach dem Wortlaut des Art. 2 Buchst. c der Richtlinie ein Flüchtling insbesondere ein
         Drittstaatsangehöriger ist, der sich „aus der begründeten Furcht vor Verfolgung“ wegen seiner Rasse, Religion, Staatsangehörigkeit,
         politischen Überzeugung oder Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe außerhalb des Landes befindet, dessen Staatsangehörigkeit
         er besitzt, und der den „Schutz“ dieses Landes nicht in Anspruch nehmen kann oder „wegen dieser Furcht“ nicht in Anspruch
         nehmen will.
      
      57      Der betreffende Staatsangehörige muss somit aufgrund der in seinem Herkunftsland gegebenen Umstände eine begründete Furcht
         vor einer Verfolgung haben, die sich aus zumindest einem der fünf in der Richtlinie und der Genfer Konvention genannten Gründe
         gegen seine Person richtet.
      
      58      Diese Umstände belegen nämlich, dass das Drittland seinen Staatsangehörigen nicht vor Verfolgungshandlungen schützt.
      
      59      Sie sind die Ursache dafür, dass es dem Betreffenden unmöglich ist oder er sich in begründeter Weise weigert, den „Schutz“
         seines Herkunftslands im Sinne von Art. 2 Buchst. c der Richtlinie, d. h. im Sinne der Fähigkeit dieses Landes zur Verhinderung
         oder Ahndung von Verfolgungshandlungen, in Anspruch zu nehmen.
      
      60      Sie sind daher maßgebend für die Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft.
      
      61      Nach Art. 4 Abs. 1 der Richtlinie werden für die Zwecke dieser Zuerkennung die Ereignisse und Umstände unter Mitwirkung des
         Antragstellers geprüft.
      
      62      Gemäß Art. 13 der Richtlinie erkennt der Mitgliedstaat dem Antragsteller die Flüchtlingseigenschaft zu, wenn dieser insbesondere
         die in den Art. 9 und 10 der Richtlinie festgelegten Voraussetzungen erfüllt.
      
      63      Art. 9 der Richtlinie definiert die Merkmale, die es erlauben, Handlungen als Verfolgung zu betrachten. So müssen die fraglichen
         Ereignisse gemäß Art. 9 Abs. 1 aufgrund ihrer Art oder Wiederholung „so gravierend“ sein, dass sie „eine schwerwiegende Verletzung
         der grundlegenden Menschenrechte darstellen“, oder sie müssen in einer Kumulierung unterschiedlicher Maßnahmen bestehen, die
         „so gravierend“ ist, dass eine Person davon in ähnlicher Weise wie durch „eine schwerwiegende Verletzung der grundlegenden
         Menschenrechte“ betroffen ist.
      
      64      Ferner muss nach Art. 9 Abs. 3 der Richtlinie eine Verknüpfung zwischen den in Art. 10 der Richtlinie genannten Verfolgungsgründen
         und den Verfolgungshandlungen bestehen.
      
      65      Art. 11 Abs. 1 Buchst. e der Richtlinie sieht ebenso wie Art. 1 Abschnitt C Ziff. 5 der Genfer Konvention vor, dass die Flüchtlingseigenschaft
         erlischt, wenn die Umstände, aufgrund deren sie zuerkannt wurde, weggefallen sind, wenn also die Voraussetzungen für die Anerkennung
         als Flüchtling nicht mehr vorliegen.
      
      66      Mit der Bestimmung, dass es der Staatsangehörige „nach Wegfall“ der genannten Umstände „nicht mehr ablehnen kann, den Schutz
         des Landes in Anspruch zu nehmen, dessen Staatsangehörigkeit er besitzt“, stellt er schon durch seinen Wortlaut einen Kausalzusammenhang
         zwischen der Änderung der Umstände und der Unmöglichkeit für den Betroffenen her, seine Weigerung aufrechtzuerhalten und somit
         seinen Flüchtlingsstatus zu behalten, da seine ursprüngliche Furcht vor Verfolgung nicht mehr begründet erscheint.
      
      67      Soweit es in der Bestimmung heißt, dass es der Staatsangehörige „nicht mehr ablehnen kann“, den Schutz seines Herkunftslands
         in Anspruch zu nehmen, impliziert sie, dass der fragliche „Schutz“ derjenige ist, der bis dahin fehlte, d. h. der Schutz vor
         den in der Richtlinie aufgeführten Verfolgungshandlungen.
      
      68      Mithin bilden die Umstände, die die Unfähigkeit oder umgekehrt die Fähigkeit des Herkunftslands belegen, Schutz vor Verfolgungshandlungen
         sicherzustellen, einen entscheidenden Gesichtspunkt für die Beurteilung, die zur Zuerkennung oder gegebenenfalls, in symmetrischer
         Weise, zum Erlöschen der Flüchtlingseigenschaft führt.
      
      69      Folglich erlischt die Flüchtlingseigenschaft, wenn der betreffende Staatsangehörige in seinem Herkunftsland nicht mehr Umständen
         ausgesetzt erscheint, die die Unfähigkeit dieses Landes belegen, seinen Schutz vor Verfolgungshandlungen sicherzustellen,
         die aus einem der fünf in Art. 2 Buchst. c der Richtlinie genannten Gründe gegen seine Person gerichtet würden. Ein solches
         Erlöschen impliziert somit, dass durch die Änderung der Umstände die Ursachen, die zu der Anerkennung als Flüchtling führten,
         beseitigt worden sind.
      
      70      Um zu dem Schluss zu gelangen, dass die Furcht des Flüchtlings vor Verfolgung nicht mehr begründet ist, müssen sich die zuständigen
         Behörden im Licht des Art. 7 Abs. 2 der Richtlinie im Hinblick auf die individuelle Lage des Flüchtlings vergewissern, dass
         der oder die Akteure des Drittlands, die Schutz bieten können, geeignete Schritte eingeleitet haben, um die Verfolgung zu
         verhindern, dass diese Akteure demgemäß insbesondere über wirksame Rechtsvorschriften zur Ermittlung, Strafverfolgung und
         Ahndung von Handlungen, die eine Verfolgung darstellen, verfügen und dass der betreffende Staatsangehörige im Fall des Erlöschens
         seiner Flüchtlingseigenschaft Zugang zu diesem Schutz haben wird.
      
      71      Für diese Nachprüfung haben die zuständigen Behörden insbesondere die Funktionsweise der Institutionen, Behörden und Sicherheitskräfte
         einerseits und aller Gruppen oder Einheiten des Drittlands, die durch ihr Tun oder Unterlassen für Verfolgungshandlungen gegen
         die den Flüchtlingsstatus genießende Person im Fall ihrer Rückkehr in dieses Land ursächlich werden können, andererseits zu
         beurteilen. Nach Art. 4 Abs. 3 der Richtlinie, der sich auf die Prüfung der Ereignisse und Umstände bezieht, können die zuständigen
         Behörden insbesondere die Rechts- und Verwaltungsvorschriften des Herkunftslands und die Weise, in der sie angewandt werden,
         sowie den Umfang, in dem in diesem Land die Achtung der grundlegenden Menschenrechte gewährleistet ist, berücksichtigen.
      
      72      Art. 11 Abs. 2 der Richtlinie verlangt im Übrigen, dass die von den zuständigen Behörden festgestellte Änderung der Umstände
         „erheblich und nicht nur vorübergehend“ ist, so dass die Furcht des Flüchtlings vor Verfolgung nicht länger als begründet
         angesehen werden kann.
      
      73      Die Veränderung der Umstände ist im Sinne von Art. 11 Abs. 2 der Richtlinie „erheblich und nicht nur vorübergehend“, wenn
         die Faktoren, die die Furcht des Flüchtlings vor Verfolgung begründeten, als dauerhaft beseitigt angesehen werden können.
         Die Beurteilung der Veränderung der Umstände als erheblich und nicht nur vorübergehend setzt somit das Fehlen begründeter
         Befürchtungen voraus, Verfolgungshandlungen ausgesetzt zu sein, die schwerwiegende Verletzungen der grundlegenden Menschenrechte
         im Sinne von Art. 9 Abs. 1 der Richtlinie darstellen.
      
      74      Es ist festzustellen, dass der oder die Schutz bietenden Akteure, im Hinblick auf die zu beurteilen ist, ob tatsächlich eine
         Veränderung der Umstände im Herkunftsland eingetreten ist, gemäß Art. 7 Abs. 1 der Richtlinie entweder der Staat selbst oder
         Parteien oder Organisationen einschließlich internationaler Organisationen sind, die den Staat oder einen wesentlichen Teil
         des Staatsgebiets beherrschen.
      
      75      Hinsichtlich der letzteren Alternative ist anzuerkennen, dass es Art. 7 Abs. 1 der Richtlinie zulässt, dass der Schutz durch
         internationale Organisationen, auch mittels der Präsenz multinationaler Truppen im Staatsgebiet des Drittlands, sichergestellt
         wird.
      
      76      Nach alledem ist auf die erste Frage zu antworten, dass Art. 11 Abs. 1 Buchst. e der Richtlinie wie folgt auszulegen ist:
      
      –        Die Flüchtlingseigenschaft erlischt, wenn in Anbetracht einer erheblichen und nicht nur vorübergehenden Veränderung der Umstände
         in dem fraglichen Drittland diejenigen Umstände, aufgrund deren der Betreffende begründete Furcht vor Verfolgung aus einem
         der in Art. 2 Buchst. c der Richtlinie genannten Gründe hatte und als Flüchtling anerkannt worden war, weggefallen sind und
         er auch nicht aus anderen Gründen Furcht vor „Verfolgung“ im Sinne des Art. 2 Buchst. c der Richtlinie haben muss;
      
      –        für die Beurteilung einer Veränderung der Umstände müssen sich die zuständigen Behörden des Mitgliedstaats im Hinblick auf
         die individuelle Lage des Flüchtlings vergewissern, dass der oder die nach Art. 7 Abs. 1 der Richtlinie in Betracht kommenden
         Akteure, die Schutz bieten können, geeignete Schritte eingeleitet haben, um die Verfolgung zu verhindern, dass diese Akteure
         demgemäß insbesondere über wirksame Rechtsvorschriften zur Ermittlung, Strafverfolgung und Ahndung von Handlungen, die eine
         Verfolgung darstellen, verfügen und dass der betreffende Staatsangehörige im Fall des Erlöschens seiner Flüchtlingseigenschaft
         Zugang zu diesem Schutz haben wird;
      
      –        zu den in Art. 7 Abs. 1 Buchst. b der Richtlinie genannten Akteuren, die Schutz bieten können, können internationale Organisationen
         gehören, die den Staat oder einen wesentlichen Teil des Staatsgebiets beherrschen, und zwar auch mittels der Präsenz multinationaler
         Truppen in diesem Gebiet.
      
       Zur zweiten Frage
      77      Angesichts der Antwort auf die erste Frage und der in den Randnrn. 74 und 75 des vorliegenden Urteils gegebenen Klarstellungen
         ist die zweite Frage nicht zu beantworten.
      
      78      Gleichwohl ist hinsichtlich der Frage 2 b auf jeden Fall hervorzuheben, dass die Richtlinie im Rahmen des Begriffs „internationaler
         Schutz“ zwei unterschiedliche Schutzregelungen vorsieht, nämlich zum einen den Flüchtlingsstatus und zum anderen den durch
         subsidiären Schutz gewährten Status, wobei nach Art. 2 Buchst. e der Richtlinie eine Person mit Anspruch auf subsidiären Schutz
         eine solche ist, die „die Voraussetzungen für die Anerkennung als Flüchtling nicht erfüllt“.
      
      79      Folglich würden die jeweiligen Bereiche der beiden Schutzregelungen verkannt, wenn die Beendigung der Geltung Ersterer von
         der Feststellung abhängig gemacht würde, dass die Voraussetzungen für die Anwendung Letzterer nicht erfüllt sind.
      
      80      Nach der Systematik der Richtlinie tritt das etwaige Erlöschen der Flüchtlingseigenschaft unbeschadet des Rechts der betroffenen
         Person ein, um die Zuerkennung des subsidiären Schutzstatus zu ersuchen, wenn alle in Art. 4 der Richtlinie aufgeführten erforderlichen
         Anhaltspunkte für die Feststellung vorliegen, dass die in Art. 15 der Richtlinie normierten Voraussetzungen für die Gewährung
         dieses Schutzes vorliegen.
      
       Zur dritten Frage
       Vorbemerkungen
      81      Die dritte Frage betrifft den Fall, dass bereits festgestellt worden ist, dass die Umstände, aufgrund deren der Betreffende
         als Flüchtling anerkannt wurde, weggefallen sind.
      
      82      Sie bezieht sich auf die Voraussetzungen, unter denen die zuständigen Behörden erforderlichenfalls anschließend, bevor sie
         das Erlöschen der Flüchtlingseigenschaft feststellen, prüfen, ob andere Umstände bestehen, aufgrund deren der Betreffende
         begründete Furcht vor Verfolgung haben kann.
      
      83      Diese Prüfung impliziert daher eine Beurteilung, die der Beurteilung eines ersten Antrags auf Anerkennung als Flüchtling entspricht.
      
       Zur Frage 3 a
      84      Mit der Frage 3 a möchte das vorlegende Gericht wissen, ob dann, wenn die Umstände, aufgrund deren der Betreffende als Flüchtling
         anerkannt wurde, weggefallen sind und die zuständigen Behörden des Mitgliedstaats nachprüfen, ob nicht andere Umstände vorliegen,
         aufgrund deren der Betreffende die begründete Furcht haben muss, entweder aus dem gleichen Grund wie dem ursprünglichen oder
         aus einem anderen der in Art. 2 Buchst. c der Richtlinie genannten Gründe verfolgt zu werden, der Wahrscheinlichkeitsmaßstab,
         der der Beurteilung der aus diesen anderen Umständen resultierenden Gefahr zugrunde zu legen ist, der gleiche ist wie der
         bei der Anerkennung als Flüchtling angewandte.
      
      85      Hierzu ist darauf hinzuweisen, dass
      
      –        dieser Wahrscheinlichkeitsmaßstab der Beurteilung der Frage zugrunde zu legen ist, wie groß die Gefahr ist, dass der Betreffende
         tatsächlich Verfolgungshandlungen in einem bestimmten Kontext erleiden wird, wie er im Rahmen des Zusammenwirkens des Mitgliedstaats
         und des Betreffenden, auf das sich Art. 4 Abs. 1 und Art. 14 Abs. 2 der Richtlinie beziehen, ermittelt wird;
      
      –        gemäß Art. 9 Abs. 1 der Richtlinie die relevanten geprüften Ereignisse hinreichend gravierend sein müssen.
      86      Es ist einzuräumen, dass sich zunächst die Beibringung der für die Beurteilung der Umstände relevanten Anhaltspunkte allein
         unter dem Gesichtspunkt der wirklichen Tatsachenlage je nach Fall als mehr oder weniger schwierig erweisen kann.
      
      87      In dieser Hinsicht besitzt derjenige, der nach einem mehrjährigen Aufenthalt als Flüchtling außerhalb seines Herkunftslands
         andere Umstände geltend macht, um eine Furcht vor Verfolgung zu begründen, normalerweise nicht die gleichen Möglichkeiten
         zur Einschätzung der Gefahr, der er in seinem Herkunftsland ausgesetzt wäre, wie ein Antragsteller, der sein Herkunftsland
         erst vor Kurzem verlassen hat.
      
      88      Hingegen ist das Anforderungsniveau, das anschließend die Beurteilung der beigebrachten Anhaltspunkte leiten muss, nicht unterschiedlich
         im Stadium der Prüfung eines Antrags auf Anerkennung als Flüchtling und im Stadium der Prüfung der Frage, ob der Flüchtlingsstatus
         aufrechtzuerhalten ist, wenn nach der Feststellung, dass die Umstände, aufgrund deren der Betroffene als Flüchtling anerkannt
         wurde, weggefallen sind, andere Umstände geprüft werden, die eine begründete Furcht vor Verfolgungshandlungen hervorgerufen
         haben können.
      
      89      In beiden Prüfungsstadien steht nämlich die gleiche Frage zur Beurteilung, ob die festgestellten Umstände eine Bedrohung darstellen
         oder nicht, aufgrund deren der Betroffene in Anbetracht seiner individuellen Lage begründete Furcht haben kann, tatsächlich
         Verfolgungshandlungen zu erleiden.
      
      90      Diese Beurteilung der Größe der Gefahr ist in allen Fällen mit Wachsamkeit und Vorsicht vorzunehmen, da Fragen der Integrität
         der menschlichen Person und der individuellen Freiheiten betroffen sind, die zu den Grundwerten der Europäischen Union gehören.
      
      91      Auf die Frage 3 a ist daher zu antworten, dass dann, wenn die Umstände, aufgrund deren die Anerkennung als Flüchtling erfolgt
         ist, weggefallen sind und die zuständigen Behörden des Mitgliedstaats nachprüfen, ob nicht andere Umstände vorliegen, aufgrund
         deren die betreffende Person die begründete Furcht haben muss, entweder aus dem gleichen Grund wie dem ursprünglichen oder
         aus einem anderen der in Art. 2 Buchst. c der Richtlinie genannten Gründe verfolgt zu werden, der Wahrscheinlichkeitsmaßstab,
         der der Beurteilung der aus diesen anderen Umständen resultierenden Gefahr zugrunde zu legen ist, der gleiche ist wie der
         bei der Anerkennung als Flüchtling angewandte.
      
       Zur Frage 3 b
      92      Mit der Frage 3 b möchte das vorlegende Gericht wissen, ob Art. 4 Abs. 4 der Richtlinie, soweit ihm Anhaltspunkte hinsichtlich
         der Beweiskraft früherer Verfolgungshandlungen oder Bedrohungen mit Verfolgung zu entnehmen sind, anzuwenden ist, wenn die
         zuständigen Behörden die Aberkennung der Flüchtlingseigenschaft gemäß Art. 11 Abs. 1 Buchst. e der Richtlinie in Betracht
         ziehen und der Betreffende, um das Fortbestehen einer begründeten Furcht vor Verfolgung darzutun, andere Umstände als die
         geltend macht, aufgrund deren er als Flüchtling anerkannt wurde.
      
      93      Hierzu ist festzustellen, dass Art. 4 Abs. 4 der Richtlinie Anwendung findet, wenn die zuständigen Behörden zu beurteilen
         haben, ob aufgrund der von ihnen geprüften Umstände eine Furcht des Antragstellers vor Verfolgung begründet erscheint.
      
      94      Diese Situation kann sich zunächst und vor allem im Stadium der Prüfung eines ersten Antrags auf Anerkennung als Flüchtling
         ergeben, wenn der Antragsteller frühere Verfolgungshandlungen oder Bedrohungen mit Verfolgung als Anhaltspunkte für die Begründetheit
         seiner Furcht geltend macht, dass sich die Verfolgung im Fall der Rückkehr in das Herkunftsland wiederholen werde. Die solchen
         früheren Handlungen oder Bedrohungen nach Art. 4 Abs. 4 der Richtlinie zukommende Beweiskraft wird von den zuständigen Behörden
         unter der sich aus Art. 9 Abs. 3 der Richtlinie ergebenden Voraussetzung berücksichtigt, dass diese Handlungen und Bedrohungen
         eine Verknüpfung mit dem Verfolgungsgrund aufweisen, den der Betreffende für seinen Antrag auf Schutz geltend macht.
      
      95      In der Fallgestaltung, auf die sich die gestellte Frage bezieht, entspricht, wie sich aus Randnr. 83 des vorliegenden Urteils
         ergibt, die von den zuständigen Behörden vorzunehmende Beurteilung des Vorliegens anderer Umstände als der, aufgrund deren
         der Betreffende als Flüchtling anerkannt wurde, der bei der Prüfung eines ersten Antrags vorgenommenen Beurteilung.
      
      96      Folglich kann bei dieser Fallgestaltung Art. 4 Abs. 4 der Richtlinie anzuwenden sein, wenn frühere Verfolgungshandlungen oder
         Bedrohungen mit Verfolgung vorliegen und eine Verknüpfung mit dem in diesem Stadium geprüften Verfolgungsgrund aufweisen.
      
      97      Dies kann insbesondere der Fall sein, wenn der Flüchtling einen anderen Verfolgungsgrund als den bei seiner Anerkennung als
         Flüchtling festgestellten geltend macht und
      
      –        er vor seinem ursprünglichen Antrag auf internationalen Schutz Verfolgungshandlungen oder Bedrohungen mit Verfolgung ausgesetzt
         war, die aus diesem anderen Grund gegen ihn gerichtet worden waren, er diese aber damals nicht geltend gemacht hat;
      
      –        er nach dem Verlassen seines Herkunftslands Verfolgungshandlungen oder Bedrohungen mit Verfolgung aus dem genannten Grund
         ausgesetzt war und diese Handlungen oder Bedrohungen dort ihren Ursprung haben.
      
      98      In dem Fall hingegen, in dem der Flüchtling unter Berufung auf den gleichen Verfolgungsgrund wie den bei seiner Anerkennung
         als Flüchtling festgestellten den zuständigen Behörden entgegenhält, dass nach dem Wegfall der Tatsachen, aufgrund deren er
         als Flüchtling anerkannt worden war, andere Tatsachen eingetreten seien, die eine Verfolgung aus dem gleichen Grund befürchten
         ließen, richtet sich die vorzunehmende Prüfung normalerweise nicht nach Art. 4 Abs. 4 der Richtlinie, sondern nach deren Art. 11
         Abs. 2.
      
      99      Im Rahmen der letztgenannten Bestimmung werden die zuständigen Behörden nämlich zu beurteilen haben, ob die behauptete Veränderung
         der Umstände, beispielsweise das Verschwinden eines Verfolgers und das anschließende Auftreten eines anderen Verfolgers, hinreichend
         erheblich ist, um die Furcht des Flüchtlings vor Verfolgung als nicht mehr begründet ansehen zu können.
      
      100    Auf die Frage 3 b ist daher wie folgt zu antworten:
      
      –        Art. 4 Abs. 4 der Richtlinie kann, soweit ihm Anhaltspunkte hinsichtlich der Beweiskraft früherer Verfolgungshandlungen oder
         Bedrohungen mit Verfolgung zu entnehmen sind, anwendbar sein, wenn die zuständigen Behörden die Aberkennung der Flüchtlingseigenschaft
         gemäß Art. 11 Abs. 1 Buchst. e der Richtlinie in Betracht ziehen und der Betreffende, um das Fortbestehen einer begründeten
         Furcht vor Verfolgung darzutun, andere Umstände als die geltend macht, aufgrund deren er als Flüchtling anerkannt wurde;
      
      –        dies wird jedoch normalerweise nur der Fall sein können, wenn der Verfolgungsgrund ein anderer ist als der zum Zeitpunkt der
         Anerkennung als Flüchtling festgestellte und wenn frühere Verfolgungshandlungen oder Bedrohungen mit Verfolgung vorliegen,
         die eine Verknüpfung mit dem in diesem Stadium geprüften Verfolgungsgrund aufweisen.
      
       Kosten
      101    Für die Parteien der Ausgangsverfahren ist das Verfahren ein Zwischenstreit in den bei dem vorlegenden Gericht anhängigen
         Verfahren; die Kostenentscheidung ist daher Sache dieses Gerichts. Die Auslagen anderer Beteiligter für die Abgabe von Erklärungen
         vor dem Gerichtshof sind nicht erstattungsfähig.
      
      Aus diesen Gründen hat der Gerichtshof (Große Kammer) für Recht erkannt:
      1.      Art. 11 Abs. 1 Buchst. e der Richtlinie 2004/83/EG des Rates vom 29. April 2004 über Mindestnormen für die Anerkennung und
            den Status von Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen als Flüchtlinge oder als Personen, die anderweitig internationalen
            Schutz benötigen, und über den Inhalt des zu gewährenden Schutzes ist wie folgt auszulegen:
      –      Die Flüchtlingseigenschaft erlischt, wenn in Anbetracht einer erheblichen und nicht nur vorübergehenden Veränderung der Umstände
            in dem fraglichen Drittland diejenigen Umstände, aufgrund deren der Betreffende begründete Furcht vor Verfolgung aus einem
            der in Art. 2 Buchst. c der Richtlinie 2004/83 genannten Gründe hatte und als Flüchtling anerkannt worden war, weggefallen
            sind und er auch nicht aus anderen Gründen Furcht vor „Verfolgung“ im Sinne des Art. 2 Buchst. c der Richtlinie 2004/83 haben
            muss.
      –      Für die Beurteilung einer Veränderung der Umstände müssen sich die zuständigen Behörden des Mitgliedstaats im Hinblick auf
            die individuelle Lage des Flüchtlings vergewissern, dass der oder die nach Art. 7 Abs. 1 der Richtlinie 2004/83 in Betracht
            kommenden Akteure, die Schutz bieten können, geeignete Schritte eingeleitet haben, um die Verfolgung zu verhindern, dass diese
            Akteure demgemäß insbesondere über wirksame Rechtsvorschriften zur Ermittlung, Strafverfolgung und Ahndung von Handlungen,
            die eine Verfolgung darstellen, verfügen und dass der betreffende Staatsangehörige im Fall des Erlöschens seiner Flüchtlingseigenschaft
            Zugang zu diesem Schutz haben wird.
      –      Zu den in Art. 7 Abs. 1 Buchst. b der Richtlinie 2004/83 genannten Akteuren, die Schutz bieten können, können internationale
            Organisationen gehören, die den Staat oder einen wesentlichen Teil des Staatsgebiets beherrschen, und zwar auch mittels der
            Präsenz multinationaler Truppen in diesem Gebiet.
      2.      Wenn die Umstände, aufgrund deren die Anerkennung als Flüchtling erfolgt ist, weggefallen sind und die zuständigen Behörden
            des Mitgliedstaats nachprüfen, ob nicht andere Umstände vorliegen, aufgrund deren die betreffende Person die begründete Furcht
            haben muss, entweder aus dem gleichen Grund wie dem ursprünglichen oder aus einem anderen der in Art. 2 Buchst. c der Richtlinie
            2004/83 genannten Gründe verfolgt zu werden, ist der Wahrscheinlichkeitsmaßstab, der der Beurteilung der aus diesen anderen
            Umständen resultierenden Gefahr zugrunde zu legen ist, der gleiche wie der bei der Anerkennung als Flüchtling angewandte.
      3.      Art. 4 Abs. 4 der Richtlinie 2004/83 kann, soweit ihm Anhaltspunkte hinsichtlich der Beweiskraft früherer Verfolgungshandlungen
            oder Bedrohungen mit Verfolgung zu entnehmen sind, anwendbar sein, wenn die zuständigen Behörden die Aberkennung der Flüchtlingseigenschaft
            gemäß Art. 11 Abs. 1 Buchst. e der Richtlinie 2004/83 in Betracht ziehen und der Betreffende, um das Fortbestehen einer begründeten
            Furcht vor Verfolgung darzutun, andere Umstände als die geltend macht, aufgrund deren er als Flüchtling anerkannt wurde. Dies
            wird jedoch normalerweise nur der Fall sein können, wenn der Verfolgungsgrund ein anderer ist als der zum Zeitpunkt der Anerkennung
            als Flüchtling festgestellte und wenn frühere Verfolgungshandlungen oder Bedrohungen mit Verfolgung vorliegen, die eine Verknüpfung
            mit dem in diesem Stadium geprüften Verfolgungsgrund aufweisen.
      Unterschriften
      * Verfahrenssprache: Deutsch.