CELEX: 62010CJ0104
Language: de
Date: 2011-07-21 00:00:00
Title: Urteil des Gerichtshofes (Zweite Kammer) vom 21. Juli 2011.#Patrick Kelly gegen National University of Ireland (University College, Dublin).#Ersuchen um Vorabentscheidung: High Court - Irland.#Richtlinien 76/207/EWG, 97/80/EG und 2002/73/EG - Zugang zur Berufsausbildung - Gleichbehandlung von Männern und Frauen - Ablehnung einer Bewerbung - Zugang eines Bewerbers für eine Berufsausbildung zu Informationen über die Qualifikationen der anderen Bewerber.#Rechtssache C-104/10.

Rechtssache C‑104/10
      Patrick Kelly
      gegen
      National University of Ireland (University College, Dublin)
      (Vorabentscheidungsersuchen des High Court (Irland))
      „Richtlinien 76/207/EWG, 97/80/EG und 2002/73/EG – Zugang zur Berufsausbildung – Gleichbehandlung von Männern und Frauen – Ablehnung einer Bewerbung – Zugang eines Bewerbers für eine Berufsausbildung zu Informationen über die Qualifikationen der anderen Bewerber“
      Leitsätze des Urteils
      1.        Sozialpolitik – Männliche und weibliche Arbeitnehmer – Zugang zur Beschäftigung und Arbeitsbedingungen – Gleichbehandlung
            – Beweislast bei Diskriminierung 
      (Richtlinie 97/80 des Rates, Art. 4 Abs. 1)
      2.        Sozialpolitik – Männliche und weibliche Arbeitnehmer – Zugang zur Beschäftigung und Arbeitsbedingungen – Gleichbehandlung
      (Richtlinie 2002/73 des Europäischen Parlaments und des Rates, Art. 1 Punkt 3; Richtlinie 76/207 des Rates, Art. 4)
      3.        Sozialpolitik – Männliche und weibliche Arbeitnehmer – Zugang zur Beschäftigung und Arbeitsbedingungen – Gleichbehandlung
            – Beweislast bei Diskriminierung 
      (Richtlinien 95/46 und 2002/58 des Europäischen Parlaments und des Rates; Richtlinie 97/08 des Rates)
      4.        Vorabentscheidungsverfahren – Anrufung des Gerichtshofs – Vorlagepflicht
      (Art. 267 Abs. 3 AEUV)
      1.        Art. 4 Abs. 1 der Richtlinie 97/80 über die Beweislast bei Diskriminierung aufgrund des Geschlechts ist dahin auszulegen,
         dass er einem Bewerber für eine Berufsausbildung, der meint, dass ihm der Zugang zu dieser Ausbildung wegen Verletzung des
         Gleichbehandlungsgrundsatzes verwehrt worden ist, keinen Anspruch auf im Besitz des Veranstalters dieser Ausbildung befindliche
         Informationen über die Qualifikationen der anderen Bewerber für diese Ausbildung verleiht, um ihn in die Lage zu versetzen,
         gemäß dieser Bestimmung „Tatsachen glaubhaft [zu] machen, die das Vorliegen einer unmittelbaren oder mittelbaren Diskriminierung
         vermuten lassen“.
      
      Es kann jedoch nicht ausgeschlossen werden, dass eine Verweigerung von Informationen durch einen Beklagten im Rahmen des Nachweises
         solcher Tatsachen die Verwirklichung des mit dieser Richtlinie verfolgten Ziels beeinträchtigen und auf diese Weise insbesondere
         deren Art. 4 Abs. 1 ihre praktische Wirksamkeit nehmen kann. 
      
      (vgl. Randnrn. 38-39, Tenor 1)
      2.        Art. 4 der Richtlinie 76/207 zur Verwirklichung des Grundsatzes der Gleichbehandlung von Männern und Frauen hinsichtlich des
         Zugangs zur Beschäftigung, zur Berufsbildung und zum beruflichen Aufstieg sowie in Bezug auf die Arbeitsbedingungen oder Art. 1
         Nr. 3 der Richtlinie 2002/73 zur Änderung der Richtlinie 76/207 sind dahin auszulegen, dass sie einem Bewerber für eine Berufsausbildung
         keinen Anspruch auf Einsichtnahme in im Besitz des Veranstalters dieser Ausbildung befindliche Informationen über die Qualifikationen
         der anderen Bewerber um diese Ausbildung verleihen, wenn dieser Bewerber meint, keinen Zugang zu dieser Ausbildung nach den
         gleichen Kriterien wie die anderen Bewerber gehabt zu haben und im Sinne von Art. 4 aufgrund des Geschlechts diskriminiert
         worden zu sein, oder wenn dieser Bewerber rügt, im Sinne von Art. 1 Nr. 3 aufgrund des Geschlechts in Bezug auf den Zugang
         zu dieser Berufsausbildung diskriminiert worden zu sein.
      
      (vgl. Randnr. 48, Tenor 2)
      3.        Wenn sich ein Bewerber für eine Berufsausbildung für die Einsichtnahme in im Besitz des Veranstalters dieser Ausbildung befindliche
         Informationen über die Qualifikationen der anderen Bewerber auf die Richtlinie 97/80 über die Beweislast bei Diskriminierung
         aufgrund des Geschlechts berufen könnte, kann dieser Einsichtnahmeanspruch durch die Bestimmungen des Unionsrechts über die
         Vertraulichkeit berührt werden.
      
      Bei der Beurteilung, ob eine Verweigerung von Informationen durch einen Beklagten im Rahmen des Nachweises von Tatsachen,
         die das Vorliegen einer Diskriminierung vermuten lassen, die Verwirklichung des mit der Richtlinie 97/80 verfolgten Ziels
         beeinträchtigen und auf diese Weise insbesondere deren Art. 4 Abs. 1 die praktische Wirksamkeit nehmen kann, müssen die nationalen
         Gerichte oder anderen zuständigen Stellen die Vertraulichkeitsbestimmungen berücksichtigen, die sich aus den Akten des Unionsrechts
         wie der Richtlinie 95/46 zum Schutz natürlicher Personen bei der Verarbeitung personenbezogener Daten und zum freien Datenverkehr
         und der Richtlinie 2002/58 über die Verarbeitung personenbezogener Daten und den Schutz der Privatsphäre in der elektronischen
         Kommunikation (Datenschutzrichtlinie für elektronische Kommunikation) ergeben. Der Schutz personenbezogener Daten ist auch
         in Art. 8 der Charta der Grundrechte der Europäischen Union vorgesehen. 
      
      (vgl. Randnrn. 54-56, Tenor 3)
      4.        Die in Art. 267 Abs. 3 AEUV vorgesehene Pflicht ist nicht unterschiedlicher Art je nachdem, ob in einem Mitgliedstaat ein
         Rechtssystem besteht, in dem der Verhandlungsgrundsatz gilt, oder ein Rechtssystem, in dem der Untersuchungsgrundsatz gilt.
         
      
      Nach Art. 267 AEUV sind die nationalen Gerichte zur Vorlage berechtigt und gegebenenfalls verpflichtet, wenn sie von Amts
         wegen oder auf Anregung der Parteien feststellen, dass es für die Entscheidung des Rechtsstreits auf eine von Abs. 1 dieses
         Artikels erfasste Frage ankommt. Daraus folgt, dass die nationalen Gerichte ein unbeschränktes Recht zur Vorlage an den Gerichtshof
         haben, wenn sie der Auffassung sind, dass eine bei ihnen anhängige Rechtssache Fragen der Auslegung oder der Gültigkeit der
         unionsrechtlichen Bestimmungen aufwirft, über die diese Gerichte im konkreten Fall entscheiden müssen.
      
      Ferner beruht die Vorlage zur Vorabentscheidung auf einem Dialog des einen mit dem anderen Gericht, dessen Aufnahme ausschließlich
         von der Beurteilung der Erheblichkeit und der Notwendigkeit der Vorlage durch das nationale Gericht abhängt. Daher ist es
         zwar Sache des vorlegenden Gerichts, zu beurteilen, ob die Auslegung einer Bestimmung des Unionsrechts notwendig ist, um ihm
         die Entscheidung des bei ihm anhängigen Rechtsstreits zu ermöglichen, doch obliegt es in Anbetracht des in Art. 267 AEUV vorgesehenen
         Verfahrensmechanismus diesem Gericht, zu entscheiden, wie diese Fragen zu formulieren sind. Auch wenn es diesem Gericht freisteht,
         die Parteien des bei ihm anhängigen Rechtsstreits aufzufordern, Formulierungen vorzuschlagen, die bei der Abfassung der Vorabentscheidungsfragen
         übernommen werden können, ist die Entscheidung sowohl über Form als auch über Inhalt dieser Fragen doch letztlich Sache des
         Gerichts allein.
      
      (vgl. Randnrn. 61, 63-66, Tenor 4)
URTEIL DES GERICHTSHOFS (Zweite Kammer)
      21. Juli 2011(*)
      
      „Richtlinien 76/207/EWG, 97/80/EG und 2002/73/EG – Zugang zur Berufsausbildung – Gleichbehandlung von Männern und Frauen – Ablehnung einer Bewerbung – Zugang eines Bewerbers für eine Berufsausbildung zu Informationen über die Qualifikationen der anderen Bewerber“
      In der Rechtssache C‑104/10
      betreffend ein Vorabentscheidungsersuchen nach Art. 267 AEUV, eingereicht vom High Court (Irland) mit Entscheidung vom 29.
         Januar 2010, beim Gerichtshof eingegangen am 24. Februar 2010, in dem Verfahren
      
      Patrick Kelly
      gegen
      National University of Ireland (University College, Dublin)
      erlässt
      DER GERICHTSHOF (Zweite Kammer)
      unter Mitwirkung des Kammerpräsidenten J. N. Cunha Rodrigues, der Richter A. Arabadjiev, A. Rosas (Berichterstatter) und U. Lõhmus
         sowie der Richterin P. Lindh,
      
      Generalanwalt: P. Mengozzi,
      Kanzler: L. Hewlett, Hauptverwaltungsrätin,
      aufgrund des schriftlichen Verfahrens und auf die mündliche Verhandlung vom 13. Januar 2011,
      unter Berücksichtigung der Erklärungen
      –        von Herrn Kelly, vertreten durch sich selbst,
      –        der National University of Ireland (University College, Dublin), vertreten durch M. Bolger, SC, instruiert durch E. O’Sullivan,
         Solicitor,
      
      –        der deutschen Regierung, vertreten durch J. Möller als Bevollmächtigten,
      –        der Europäischen Kommission, vertreten durch M. van Beek und N. Yerrell als Bevollmächtigte,
      aufgrund des nach Anhörung des Generalanwalts ergangenen Beschlusses, ohne Schlussanträge über die Rechtssache zu entscheiden,
      folgendes
      Urteil
      1        Das Vorabentscheidungsersuchen betrifft die Auslegung des Unionsrechts, insbesondere von Art. 4 der Richtlinie 76/207/EWG
         des Rates vom 9. Februar 1976 zur Verwirklichung des Grundsatzes der Gleichbehandlung von Männern und Frauen hinsichtlich
         des Zugangs zur Beschäftigung, zur Berufsbildung und zum beruflichen Aufstieg sowie in Bezug auf die Arbeitsbedingungen (ABl.
         L 39, S. 40), Art. 4 Abs. 1 der Richtlinie 97/80/EG des Rates vom 15. Dezember 1997 über die Beweislast bei Diskriminierung
         aufgrund des Geschlechts (ABl. 1998, L 14, S. 6) und Art. 1 Nr. 3 der Richtlinie 2002/73/EG des Europäischen Parlaments und
         des Rates vom 23. September 2002 zur Änderung der Richtlinie 76/207 (ABl. L 269, S. 15). 
      
      2        Dieses Ersuchen ergeht im Rahmen eines Rechtsstreits von Herrn Kelly gegen die National University of Ireland (University
         College, Dublin) (im Folgenden: UCD), in dem es um deren Weigerung geht, Unterlagen über das Verfahren der Auswahl von Bewerbern
         für eine Berufsausbildung in einer nicht redigierten Fassung offenzulegen.
      
       Rechtlicher Rahmen
       Unionsrecht
       Richtlinie 76/207
      3        Die Richtlinie 76/207, die zur Zeit des Sachverhalts, der Anlass zur Beschwerde wegen Diskriminierung aufgrund des Geschlechts
         gab, also in den Monaten März und April 2002, anwendbar war, sah in Art. 4 vor:
      
      „Die Anwendung des Grundsatzes der Gleichbehandlung in Bezug auf den Zugang zu allen Arten und Stufen der Berufsberatung,
         der Berufsbildung, der beruflichen Weiterbildung und Umschulung beinhaltet, dass die Mitgliedstaaten die erforderlichen Maßnahmen
         treffen, um sicherzustellen,
      
      a)       dass die mit dem Grundsatz der Gleichbehandlung unvereinbaren Rechts- und Verwaltungsvorschriften beseitigt werden;
      b)      dass die mit dem Grundsatz der Gleichbehandlung unvereinbaren Bestimmungen in Tarifverträgen oder Einzelarbeitsverträgen,
         in Betriebsordnungen sowie in den Statuten der freien Berufe nichtig sind, für nichtig erklärt oder geändert werden können;
      
      c)      dass Berufsberatung, Berufsbildung, berufliche Weiterbildung um Umschulung – vorbehaltlich in der in einigen Mitgliedstaaten
         bestimmten privaten Bildungseinrichtungen gewährten Autonomie – auf allen Stufen zu gleichen Bedingungen ohne Diskriminierung
         auf Grund des Geschlechts zugänglich sind.“
      
      4        Art. 6 der Richtlinie sah vor: 
      
      „Die Mitgliedstaaten erlassen die innerstaatlichen Vorschriften, die notwendig sind, damit jeder, der sich wegen Nichtanwendung
         des Grundsatzes der Gleichbehandlung im Sinne der Artikel 3, 4 und 5 auf seine Person für beschwert hält, nach etwaiger Befassung
         anderer zuständiger Stellen seine Rechte gerichtlich geltend machen kann.“
      
       Richtlinie 2002/73
      5        Die Richtlinie 76/207 wurde durch die Richtlinie 2002/73 geändert, nach deren Art. 2 Abs. 1 Unterabs. 1 die Mitgliedstaaten
         die Rechts- und Verwaltungsvorschriften in Kraft zu setzen hatten, die erforderlich waren, um dieser Richtlinie spätestens
         am 5. Oktober 2005 nachzukommen. 
      
      6        Mit der Richtlinie 2002/73 wurde insbesondere Art. 4 der Richtlinie 76/207 aufgehoben, und gemäß ihrem Art. 1 Nr. 3 erhielt
         Art. 3 der Richtlinie 76/207 folgenden Wortlaut:
      
      „(1)      Die Anwendung des Grundsatzes der Gleichbehandlung bedeutet, dass es im öffentlichen und privaten Bereich einschließlich öffentlicher
         Stellen in Bezug auf folgende Punkte keinerlei unmittelbare oder mittelbare Diskriminierung aufgrund des Geschlechts geben
         darf: 
      
      …
      b)      den Zugang zu allen Formen und allen Ebenen der Berufsberatung, der Berufsausbildung, der beruflichen Weiterbildung und der
         Umschulung einschließlich der praktischen Berufserfahrung; 
      
      …
      (2)      Zu diesem Zweck treffen die Mitgliedstaaten die erforderlichen Maßnahmen, um sicherzustellen, dass 
      a)      die Rechts- und Verwaltungsvorschriften, die dem Gleichbehandlungsgrundsatz zuwiderlaufen, aufgehoben werden;
      b)      die mit dem Gleichbehandlungsgrundsatz nicht zu vereinbarenden Bestimmungen in Arbeits- und Tarifverträgen, Betriebsordnungen
         und Statuten der freien Berufe und der Arbeitgeber- und Arbeitnehmerorganisationen nichtig sind, für nichtig erklärt werden
         können oder geändert werden.“
      
      Richtlinie 97/80
      7        Durch die Richtlinie 97/80, deren Umsetzungszeitpunkt auf den 1. Januar 2001 festgesetzt wurde, wurden Bestimmungen über die
         Beweislast bei Diskriminierung aufgrund des Geschlechts eingeführt. 
      
      8        Nach dem 13. Erwägungsgrund dieser Richtlinie obliegt die Bewertung der Tatsachen, die das Vorliegen einer unmittelbaren oder
         mittelbaren Diskriminierung vermuten lassen, dem einzelstaatlichen Gericht oder einer anderen zuständigen Stelle im Einklang
         mit den innerstaatlichen Rechtsvorschriften oder Gepflogenheiten.
      
      9        Dem 18. Erwägungsgrund der Richtlinie zufolge hat der Gerichtshof der Europäischen Gemeinschaften entschieden, dass eine Änderung
         der Regeln für die Beweislastverteilung geboten ist, wenn der Anschein einer Diskriminierung besteht, und dass in solchen
         Fällen zur wirksamen Anwendung des Gleichbehandlungsgrundsatzes eine Verlagerung der Beweislast auf die beklagte Partei erforderlich
         ist.
      
      10      Nach Art. 1 dieser Richtlinie soll mit ihr eine wirksamere Durchführung der Maßnahmen gewährleistet werden, die von den Mitgliedstaaten
         in Anwendung des Gleichbehandlungsgrundsatzes getroffen werden, damit jeder, der sich wegen Nichtanwendung des Gleichbehandlungsgrundsatzes
         für beschwert hält, seine Rechte nach etwaiger Befassung anderer zuständiger Stellen gerichtlich geltend machen kann.
      
      11      Nach ihrem Art. 3 Abs. 1 Buchst. a findet die Richtlinie 97/80 insbesondere auf die Situationen Anwendung, die von der Richtlinie
         76/207 erfasst werden.
      
      12      Art. 4 Abs. 1 der Richtlinie 97/80 lautet:
      
      „Die Mitgliedstaaten ergreifen im Einklang mit dem System ihrer nationalen Gerichtsbarkeit die erforderlichen Maßnahmen, nach
         denen dann, wenn Personen, die sich durch die Verletzung des Gleichbehandlungsgrundsatzes für beschwert halten und bei einem
         Gericht bzw. einer anderen zuständigen Stelle Tatsachen glaubhaft machen, die das Vorliegen einer unmittelbaren oder mittelbaren
         Diskriminierung vermuten lassen, es dem Beklagten obliegt zu beweisen, dass keine Verletzung des Gleichbehandlungsgrundsatzes
         vorgelegen hat.“ 
      
       Nationales Recht
      13      Nach der Vorlageentscheidung entsprechen die Grundsätze über die Verbreitung von Schriftstücken gemäß Rule 6(6) der Order
         57A der Circuit Court Rules (Verfahrensregeln des Circuit Court) den Grundsätzen über Offenlegung („discovery“) und Einsichtnahme
         („inspection“) sowohl nach Order 32 der Rules of the Circuit 2001-2006 (Verfahrensregeln des Circuit Court von 2001 bis 2006)
         als auch nach Order 31 der Rules of the Superior Courts 1986 (Verfahrensregeln der höherinstanzlichen Gerichte von 1986) in
         geänderter Fassung.
      
      14      Nach diesen Regeln wird die Offenlegung eines Schriftstücks bewilligt, wenn nachgewiesen ist, dass es für die vom Rechtsstreit
         aufgeworfenen Fragen erheblich ist und dass es insbesondere notwendig ist, damit gerecht über die Sache entschieden werden
         kann. 
      
      15      Unbeschadet dessen, dass ein Schriftstück als erheblich und notwendig betrachtet wird, kann seine Weitergabe verweigert werden,
         wenn es dem Berufsgeheimnis oder der Vertraulichkeit unterliegt.
      
      16      Im Fall einer Kollision zwischen Auskunftsanspruch einerseits und der Pflicht zum Schutz der Vertraulichkeit bzw. zur Beachtung
         entgegenstehender Pflichten oder Ansprüche andererseits muss das nationale Gericht das Wesen des geltend gemachten Anspruchs
         und den Grad der geltend gemachten Vertraulichkeit gegen das Interesse der Allgemeinheit an einer umfassenden Offenlegung
         im Rahmen der Rechtspflege abwägen. 
      
       Ausgangsverfahren und Vorlagefragen
      17      Herr Kelly ist ausgebildeter Lehrer und wohnt in Dublin.
      
      18      Die UCD ist eine Hochschule. Für den akademischen Zeitraum 2002–2004 bot sie eine Ausbildung mit dem Titel „Masters degree
         in Social Science (Social Worker) mode A“ (Master der Sozialwissenschaft [Sozialarbeiter] Modus A) an.
      
      19      Am 23. Dezember 2001 stellte Herr Kelly bei der genannten Universität einen Antrag auf Zulassung zu einer solchen Ausbildung.
         Nach Abschluss des Verfahrens zur Auswahl der Bewerber wurde ihm mit Schreiben vom 15. März 2002 mitgeteilt, dass sein Antrag
         abgelehnt worden sei.
      
      20      Herr Kelly legte gegen diese Entscheidung im April 2002 eine förmliche Beschwerde wegen Diskriminierung aufgrund des Geschlechts
         beim Director of the Equality Tribunal mit der Begründung ein, er sei qualifizierter als die am geringsten qualifizierte Bewerberin
         für die erwähnte Ausbildung.
      
      21      Am 2. November 2006 erließ der Equality Officer, der vom Director of the Equality Tribunal mit der Prüfung der Beschwerde
         von Herrn Kelly betraut wurde, eine Entscheidung, wonach der Beschwerdeführer eine Diskriminierung aufgrund des Geschlechts
         nicht schlüssig dargetan habe. Herr Kelly erhob gegen diese Entscheidung Klage beim Circuit Court (Bezirksgericht).
      
      22      Außerdem erhob Herr Kelly am 4. Januar 2007 Klage nach Rule 6(6) von Order 57A der Circuit Court Rules, die dem Circuit Court
         vorgelegt wurde und mit der er die Anordnung an die UCD beantragte, Kopien der Schriftstücke vorzulegen, die in der Klageschrift
         genau beschrieben waren (disclosure, im Folgenden: Offenlegungsantrag). Mit dieser Klage wurde die Übermittlung von Kopien
         der aufbewahrten Antragsformulare, der diesen Formularen als Anlage beigefügten oder darin enthaltenen Unterlagen und der
         Bewertungsbögen der Bewerber begehrt, deren Antragsformulare aufbewahrt worden waren.
      
      23      Der Präsident des Circuit Court wies die Offenlegungsklage mit Beschluss vom 12. März 2007 ab. Am 14. März 2007 legte Herr
         Kelly gegen diesen Beschluss Rechtsmittel beim High Court ein.
      
      24      Am 23. April 2007 reichte Herr Kelly ebenfalls beim High Court einen Antrag ein, ein Vorabentscheidungsersuchen an den Gerichtshof
         der Europäischen Gemeinschaften zu richten. Am 14. März 2008 befand das nationale Gericht, ein solches Vorabentscheidungsersuchen
         sei verfrüht, denn es habe noch nicht über die Frage entschieden, ob Einsicht in die betreffenden Unterlagen nach nationalem
         Recht gewährt werden könne. Nach Prüfung gelangte der High Court zu dem Ergebnis, dass die UCD die Unterlagen, deren Übermittlung
         Herr Kelly beantragt habe, nicht in unredigierter Form offenlegen müsse.
      
      25      Der High Court hat Zweifel, ob eine Ablehnung des Antrags auf Offenlegung mit dem Unionsrecht vereinbar ist, und hat daher
         das Verfahren ausgesetzt und dem Gerichtshof die folgenden Fragen zur Vorabentscheidung vorgelegt:
      
      1.      Hat ein Bewerber für eine Berufsausbildung, der meint, ihm sei infolge der Verletzung des Gleichbehandlungsgrundsatzes der
         Zugang zu der Berufsausbildung verwehrt worden, nach Art. 4 Abs. 1 der Richtlinie 97/80 Anspruch auf Informationen über die
         jeweiligen Qualifikationen der anderen Bewerber für den fraglichen Kurs und insbesondere derjenigen Bewerber, denen der Zugang
         zu der Berufsausbildung nicht verwehrt worden ist, damit der Bewerber „bei einem Gericht bzw. einer anderen zuständigen Stelle
         Tatsachen glaubhaft machen [kann], die das Vorliegen einer unmittelbaren oder mittelbaren Diskriminierung vermuten lassen“?
      
      2.      Hat ein Bewerber für eine Berufsausbildung, der meint, dass ihm der Zugang zu der Berufsausbildung „zu gleichen Bedingungen“
         verwehrt worden ist und dass er hinsichtlich des Zugangs zu der Berufsausbildung „aufgrund des Geschlechts“ diskriminiert
         worden ist, nach Art. 4 der Richtlinie 76/207 Anspruch auf im Besitz des Kursanbieters befindliche Informationen über die
         jeweiligen Qualifikationen der anderen Bewerber für den fraglichen Kurs und insbesondere derjenigen Bewerber, denen der Zugang
         zu der Berufsausbildung nicht verwehrt worden ist?
      
      3.      Hat ein Bewerber, der sich beim Zugang zu einer Berufsausbildung für „aufgrund des Geschlechts“ diskriminiert hält, nach Art. 1
         Nr. 3 der Richtlinie 2002/73, der die „unmittelbare oder mittelbare Diskriminierung aufgrund des Geschlechts“ beim „Zugang“
         zu der Berufsausbildung verbietet, Anspruch auf im Besitz des Kursanbieters befindliche Informationen über die jeweiligen
         Qualifikationen der anderen Bewerber für den fraglichen Kurs und insbesondere derjenigen Bewerber, denen der Zugang zu der
         Berufsausbildung nicht verwehrt worden ist? 
      
      4.      Unterscheidet sich die in Art. 267 Abs. 3 AEUV vorgesehene Pflicht in einem Mitgliedstaat mit einem Rechtssystem, in dem der
         Verhandlungsgrundsatz gilt, ihrem Wesen nach von derjenigen in einem Mitgliedstaat mit einem Rechtssystem, in dem der Untersuchungsgrundsatz
         gilt, und falls ja, in welcher Hinsicht?
      
      5.      Können sich nationale oder europäische Rechtsvorschriften über die Vertraulichkeit auf einen etwaigen nach Maßgabe der vorgenannten
         Richtlinien bestehenden Informationsanspruch auswirken?
      
       Zu den Vorlagefragen 
       Zur ersten Frage
      26      Mit seiner ersten Frage möchte das vorlegende Gericht wissen, ob Art. 4 Abs. 1 der Richtlinie 97/80 dahin auszulegen ist,
         dass er einem Bewerber für eine Berufsausbildung, der glaubt, dass ihm der Zugang zu dieser Ausbildung wegen Verletzung des
         Gleichbehandlungsgrundsatzes verwehrt worden ist, Anspruch auf im Besitz des Veranstalters dieser Ausbildung befindliche Informationen
         über die Qualifikationen der anderen Bewerber für diese Ausbildung verleiht, um ihn in die Lage zu versetzen, „Tatsachen glaubhaft
         [zu] machen, die das Vorliegen einer unmittelbaren oder mittelbaren Diskriminierung vermuten lassen“.
      
       Vorbringen der Verfahrensbeteiligten 
      27      Herr Kelly macht geltend, Art. 4 Abs. 1 der Richtlinie 97/80 verleihe einer Person, die sich durch die Verletzung des Gleichbehandlungsgrundsatzes
         für beschwert halte, einen Anspruch auf Einsichtnahme in die Informationen, die, unterstellt, dass dieser Grundsatz zu Unrecht
         auf ihn nicht angewandt worden sei, vor einem Gericht oder einer anderen zuständigen nationalen Stelle den Nachweis von Tatsachen,
         die das Vorliegen einer unmittelbaren oder mittelbaren Diskriminierung vermuten ließen, erbrächten oder erleichterten. Bei
         einem Bewerber für eine Berufsausbildung, der sich durch die Verletzung dieses Grundsatzes verletzt fühle, umfasse dies Informationen
         über die Qualifikationen der anderen Bewerber.
      
      28      Die deutsche Regierung führt aus, der Wortlaut von Art. 4 Abs. 1 der Richtlinie 97/80 enthalte keinen Hinweis auf die Gewährung
         eines Auskunftsanspruchs. Diese Bestimmung regle – wie auch die UCD und die Europäische Kommission geltend machen – die Voraussetzungen
         für eine Verlagerung der Beweislast vom Kläger auf den Beklagten. Nach Ansicht dieser Verfahrensbeteiligten erfolgt eine solche
         Verlagerung nur dann, wenn ein Bewerber zuvor Tatsachen glaubhaft gemacht hat, die das Vorliegen einer unmittelbaren oder
         mittelbaren Diskriminierung vermuten ließen. 
      
       Würdigung durch den Gerichtshof 
      29      Die Richtlinie 97/80 bestimmt in Art. 4 Abs. 1, dass die Mitgliedstaaten die erforderlichen Maßnahmen ergreifen, nach denen
         dann, wenn Personen, die sich durch die Verletzung des Gleichbehandlungsgrundsatzes für beschwert halten und bei einem Gericht
         bzw. einer anderen zuständigen Stelle Tatsachen glaubhaft machen, die das Vorliegen einer unmittelbaren oder mittelbaren Diskriminierung
         vermuten lassen, es dem Beklagten obliegt, zu beweisen, dass keine Verletzung des Gleichbehandlungsgrundsatzes vorgelegen
         hat (vgl. Urteil vom 10. März 2005, Nikoloudi, C‑196/02, Slg. 2005, I‑1789, Randnr. 68). 
      
      30      Daher obliegt es der Person, die sich durch die Verletzung des Gleichbehandlungsgrundsatzes für beschwert hält, zunächst Tatsachen
         glaubhaft zu machen, die das Vorliegen einer unmittelbaren oder mittelbaren Diskriminierung vermuten lassen. Nur wenn diese
         Person solche Tatsachen glaubhaft macht, hat der Beklagte sodann nachzuweisen, dass keine Verletzung des Diskriminierungsverbots
         vorliegt. 
      
      31      Hierzu geht aus dem 13. Erwägungsgrund der Richtlinie 97/80 hervor, dass es dem einzelstaatlichen Gericht oder einer anderen
         zuständigen Stelle obliegt, die Tatsachen, die das Vorliegen einer unmittelbaren oder mittelbaren Diskriminierung vermuten
         lassen, im Einklang mit den innerstaatlichen Rechtsvorschriften oder Gepflogenheiten zu bewerten. 
      
      32      Daher obliegt es dem vorlegenden Gericht oder einer anderen zuständigen irischen Stelle, im Einklang mit den irischen Rechtsvorschriften
         oder Gepflogenheiten zu beurteilen, ob Herr Kelly Tatsachen glaubhaft gemacht hat, die das Vorliegen einer unmittelbaren oder
         mittelbaren Diskriminierung vermuten lassen. 
      
      33      Es ist jedoch klarzustellen, dass mit der Richtlinie 97/80 nach ihrem Art. 1 eine wirksamere Durchführung der Maßnahmen gewährleistet
         werden soll, die von den Mitgliedstaaten in Anwendung des Gleichbehandlungsgrundsatzes getroffen werden, damit jeder, der
         sich wegen Nichtanwendung des Gleichbehandlungsgrundsatzes für beschwert hält, seine Rechte nach etwaiger Befassung anderer
         zuständiger Stellen gerichtlich geltend machen kann. 
      
      34      So sieht zwar Art. 4 Abs. 1 dieser Richtlinie keinen spezifischen Anspruch einer Person, die sich durch die Verletzung des
         Gleichbehandlungsgrundsatzes für beschwert hält, auf Einsichtnahme in Informationen vor, um sie in die Lage zu versetzen,
         „Tatsachen, die das Vorliegen einer unmittelbaren oder mittelbaren Diskriminierung vermuten lassen“, gemäß dieser Bestimmung
         glaubhaft zu machen, doch kann nicht ausgeschlossen werden, dass eine Verweigerung von Informationen durch den Beklagten im
         Rahmen des Nachweises solcher Tatsachen die Verwirklichung des mit dieser Richtlinie verfolgten Ziels beeinträchtigen und
         auf diese Weise dieser Bestimmung ihre praktische Wirksamkeit nehmen kann.
      
      35      In diesem Zusammenhang ist darauf hinzuweisen, dass die Mitgliedstaaten keine Regelung, auch strafrechtlicher Art, anwenden
         dürfen, die die Verwirklichung der mit einer Richtlinie verfolgten Ziele gefährden und sie damit ihrer praktischen Wirksamkeit
         berauben könnte (vgl. Urteil vom 28. April 2011, El Dridi, C‑61/11 PPU, Slg. 2011, I‑0000, Randnr. 55).
      
      36      In Art. 4 Abs. 3 EUV heißt es nämlich, dass die Mitgliedstaaten u. a. „alle geeigneten Maßnahmen allgemeiner oder besonderer
         Art zur Erfüllung der Verpflichtungen [ergreifen], die sich aus den Verträgen oder den Handlungen der Organe der Union ergeben“,
         und „alle Maßnahmen [unterlassen], die die Verwirklichung der Ziele der Union gefährden könnten“; dazu gehören auch die mit
         den Richtlinien verfolgten Ziele (vgl. Urteil El Dridi, Randnr. 56).
      
      37      Im vorliegenden Fall geht jedoch aus der Vorlageentscheidung hervor, dass der Präsident des Circuit Court zwar die Offenlegungsklage
         von Herrn Kelly abgewiesen, die UCD aber vorgeschlagen hat, Herrn Kelly einen Teil der von ihm beantragten Informationen zukommen
         zu lassen, was dieser nicht bestritten hat. 
      
      38      Daher ist auf die erste Frage zu antworten, dass Art. 4 Abs. 1 der Richtlinie 97/80 dahin auszulegen ist, dass er einem Bewerber
         für eine Berufsausbildung, der meint, dass ihm der Zugang zu dieser Ausbildung wegen Verletzung des Gleichbehandlungsgrundsatzes
         verwehrt worden ist, keinen Anspruch auf im Besitz des Veranstalters dieser Ausbildung befindliche Informationen über die
         Qualifikationen der anderen Bewerber für diese Ausbildung verleiht, um ihn in die Lage zu versetzen, gemäß dieser Bestimmung
         „Tatsachen glaubhaft [zu] machen, die das Vorliegen einer unmittelbaren oder mittelbaren Diskriminierung vermuten lassen“.
         
      
      39      Es kann jedoch nicht ausgeschlossen werden, dass eine Verweigerung von Informationen durch einen Beklagten im Rahmen des Nachweises
         solcher Tatsachen die Verwirklichung des mit dieser Richtlinie verfolgten Ziels beeinträchtigen und auf diese Weise insbesondere
         deren Art. 4 Abs. 1 die praktische Wirksamkeit nehmen kann. 
      
       Zur zweiten und zur dritten Frage 
      40      Mit der zweiten und der dritten Frage, die gemeinsam zu beantworten sind, möchte das vorlegende Gericht wissen, ob Art. 4
         der Richtlinie 76/207 und Art. 1 Nr. 3 der Richtlinie 2002/73 dahin auszulegen sind, dass sie einem Bewerber für eine Berufsausbildung
         einen Anspruch auf Einsichtnahme in im Besitz des Veranstalters dieser Ausbildung befindliche Informationen über die Qualifikationen
         der anderen Bewerber um diese Ausbildung verleihen, wenn dieser Bewerber meint, keinen Zugang zu dieser Ausbildung nach den
         gleichen Kriterien wie die anderen Bewerber gehabt zu haben und im Sinne von Art. 4 aufgrund des Geschlechts diskriminiert
         worden zu sein, oder wenn dieser Bewerber rügt, im Sinne von Art. 1 Nr. 3 aufgrund des Geschlechts in Bezug auf den Zugang
         zu dieser Berufsausbildung diskriminiert worden zu sein.
      
       Vorbringen der Verfahrensbeteiligten
      41      Herr Kelly vertritt die Ansicht, dass Art. 4 der Richtlinie 76/207 oder Art. 1 Nr. 3 der Richtlinie 2002/73 einer Person,
         die meine, dass ihr der Zugang zu einer Berufsausbildung wegen einer Diskriminierung aufgrund des Geschlechts verweigert worden
         sei, einen Anspruch auf Informationen über die Qualifikationen der anderen Bewerber für die betreffende Berufsausbildung verleihe.
         
      
      42      Die deutsche Regierung und die Kommission machen geltend, dass die erwähnten Bestimmungen inhaltliche Regelungen in Bezug
         auf das Verbot der Diskriminierung aufgrund des Geschlechts darstellten und nichts mit der Frage der Verfahrensregeln zu tun
         hätten. Diese Bestimmungen seien nicht hinreichend konkret gefasst, um die Annahme zu erlauben, dass sich daraus ein Anspruch
         auf Durchführung einer bestimmten Maßnahme wie eines Informationsanspruchs ergebe. 
      
       Würdigung durch den Gerichtshof
      43      Aus dem Wortlaut von Art. 4 der Richtlinie 76/207 oder Art. 1 Nr. 3 der Richtlinie 2002/73 geht nicht hervor, dass ein Bewerber
         für eine Berufsausbildung über einen Anspruch auf Einsichtnahme in im Besitz von deren Veranstalter befindliche Informationen
         über die Qualifikationen der anderen Bewerber für diese Ausbildung verfügt. 
      
      44      Art. 4 Buchst. c. der Richtlinie 76/207 sieht nämlich vor, dass die Anwendung des Grundsatzes der Gleichbehandlung auf den
         Zugang zu allen Arten und Stufen der Berufsbildung beinhaltet, dass die Mitgliedstaaten die erforderlichen Maßnahmen treffen,
         um sicherzustellen, dass Berufsbildung – vorbehaltlich der in einigen Mitgliedstaaten bestimmten privaten Bildungseinrichtungen
         gewährten Autonomie – auf allen Stufen zu gleichen Bedingungen ohne Diskriminierung aufgrund des Geschlechts zugänglich ist.
      
      45      Art. 1 Nr. 3 der Richtlinie 2002/73 bestimmt, dass die Anwendung des Grundsatzes der Gleichbehandlung bedeutet, dass es im
         öffentlichen und privaten Bereich einschließlich öffentlicher Stellen in Bezug auf den Zugang zu allen Formen und allen Ebenen
         der Berufsberatung, der Berufsausbildung, der beruflichen Weiterbildung und der Umschulung einschließlich der praktischen
         Berufserfahrung keinerlei unmittelbare oder mittelbare Diskriminierung aufgrund des Geschlechts geben darf. Zu diesem Zweck
         treffen die Mitgliedstaaten die erforderlichen Maßnahmen, um sicherzustellen, dass die Rechts- und Verwaltungsvorschriften,
         die dem Gleichbehandlungsgrundsatz zuwiderlaufen, aufgehoben werden.
      
      46      Die erwähnten Bestimmungen dienen nämlich dazu, die Anwendung des Gleichbehandlungsgrundsatzes beim Zugang zur Berufsausbildung
         umzusetzen, doch überlassen sie nach Art. 288 Abs. 3 AEUV den innerstaatlichen Stellen die Wahl der Form und der Mittel beim
         Treffen der erforderlichen Maßnahmen, um sicherzustellen, dass „die Rechts- und Verwaltungsvorschriften“, die dem erwähnten
         Grundsatz zuwiderlaufen, aufgehoben werden. 
      
      47      Somit lässt sich den genannten Bestimmungen keine besondere Verpflichtung entnehmen, die einem Bewerber für eine Berufsausbildung
         Einsichtnahme in die Informationen über die Qualifikationen der anderen Bewerber erlaubte.
      
      48      Daher ist auf die zweite und die dritte Frage zu antworten, dass Art. 4 der Richtlinie 76/207 und Art. 1 Nr. 3 der Richtlinie
         2002/73 dahin auszulegen sind, dass sie einem Bewerber für eine Berufsausbildung keinen Anspruch auf Einsichtnahme in im Besitz
         des Veranstalters dieser Ausbildung befindliche Informationen über die Qualifikationen der anderen Bewerber um diese Ausbildung
         verleihen, wenn dieser Bewerber meint, keinen Zugang zu dieser Ausbildung nach den gleichen Kriterien wie die anderen Bewerber
         gehabt zu haben und im Sinne von Art. 4 aufgrund des Geschlechts diskriminiert worden zu sein, oder wenn dieser Bewerber rügt,
         im Sinne von Art. 1 Nr. 3 aufgrund des Geschlechts in Bezug auf den Zugang zu dieser Berufsausbildung diskriminiert worden
         zu sein.
      
       Zur fünften Frage
      49      Mit seiner fünften Frage, die vor der vierten Frage zu prüfen ist, möchte das vorlegende Gericht wissen, ob der Informationsanspruch
         nach den Richtlinien 76/207, 97/80 und 2002/73 durch unions- oder nationalrechtliche Bestimmungen über die Vertraulichkeit
         berührt werden kann. 
      
      50      In Anbetracht der Antwort, die auf die ersten drei Fragen gegeben worden ist, und angesichts dessen, dass der Gerichtshof
         im Verfahren nach Art. 267 AEUV nicht zur Auslegung des nationalen Rechts befugt ist, da diese Aufgabe ausschließlich Sache
         des vorlegenden Gerichts ist (vgl. Urteile vom 7. September 2006, Marrosu und Sardino, C‑53/04, Slg. 2006, I‑7213, Randnr.
         54, und vom 18. November 2010, Georgiev, C‑250/09 und C‑268/09, Slg. 2010, I‑0000, Randnr. 75), ist die fünfte Frage so zu
         verstehen, dass das vorlegende Gericht wissen möchte, ob ein Recht, sich auf eine der in den ersten drei Fragen genannten
         Richtlinien für den Zugang zu im Besitz des Veranstalters einer Berufsausbildung befindlichen Informationen über die Qualifikationen
         der Bewerber zu berufen, durch Bestimmungen des Unionsrechts über die Vertraulichkeit berührt werden kann. 
      
       Vorbringen der Verfahrensbeteiligten
      51      Herr Kelly ist der Ansicht, ein durch einen verbindlichen Rechtsakt der Union, auch eine Richtlinie, wie sie in Art. 288 Abs. 3
         AEUV definiert sei, gewährtes Recht könne nicht durch nationale Rechtsvorschriften oder deren Umsetzung, sondern nur durch
         einen anderen verbindlichen Rechtsakt der Union berührt werden.
      
      52      Die UCD und die deutsche Regierung vertreten die Ansicht, diese Frage sei nur hilfsweise zu beantworten, denn ein Auskunftsanspruch
         der vom Kläger des Ausgangsverfahrens beschriebenen Art bestehe gemäß Art. 4 der Richtlinie 76/207 und Art. 1 Nr. 3 der Richtlinie
         2002/73 nicht. Sollte der Gerichtshof jedoch zu dem Ergebnis gelangen, dass diese Bestimmungen Herrn Kelly einen solchen Anspruch
         verschafften, habe die Vertraulichkeit, die ein im Unionsrecht anerkannter und in mehreren Rechtsakten der Union verankerter
         Begriff sei, Vorrang vor diesem Informationsanspruch.
      
       Würdigung durch den Gerichtshof
      53      Wie der Gerichtshof in Randnr. 38 des vorliegenden Urteils entschieden hat, verleiht Art. 4 Abs. 1 der Richtlinie 97/80 einem
         Bewerber für eine Berufsausbildung, der meint, dass ihm der Zugang zu dieser Ausbildung wegen Verletzung des Gleichbehandlungsgrundsatzes
         verwehrt worden sei, keinen Anspruch auf im Besitz des Veranstalters dieser Ausbildung befindliche Informationen über die
         Qualifikationen der anderen Bewerber für diese Ausbildung, um ihn in die Lage zu versetzen, gemäß dieser Bestimmung „Tatsachen
         glaubhaft [zu] machen, die das Vorliegen einer unmittelbaren oder mittelbaren Diskriminierung vermuten lassen“.
      
      54      Er hat jedoch in Randnr. 39 des vorliegenden Urteils auch festgestellt, dass eine Verweigerung von Informationen durch einen
         Beklagten im Rahmen des Nachweises solcher Tatsachen die Verwirklichung des mit der Richtlinie 97/80 verfolgten Ziels beeinträchtigen
         und auf diese Weise insbesondere deren Art. 4 Abs. 1 die praktische Wirksamkeit nehmen kann.
      
      55      Bei der Beurteilung solcher Umstände müssen die nationalen Gerichte oder anderen zuständigen Stellen die Vertraulichkeitsbestimmungen
         berücksichtigen, die sich aus den Akten des Unionsrechts wie der Richtlinie 95/46/EG des Europäischen Parlaments und des Rates
         vom 24. Oktober 1995 zum Schutz natürlicher Personen bei der Verarbeitung personenbezogener Daten und zum freien Datenverkehr
         (ABl. L 281, S. 31) und der Richtlinie 2002/58/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 12. Juli 2002 über die Verarbeitung
         personenbezogener Daten und den Schutz der Privatsphäre in der elektronischen Kommunikation (Datenschutzrichtlinie für elektronische
         Kommunikation) (ABl. L 201, S. 37) in der durch die Richtlinie 2009/136/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 25.
         November 2009 (ABl. L 337, S. 11) geänderten Fassung ergeben. Der Schutz personenbezogener Daten ist auch in Art. 8 der Charta
         der Grundrechte der Europäischen Union vorgesehen. 
      
      56      Daher ist auf die fünfte Frage zu antworten, dass dann, wenn sich ein Bewerber für eine Berufsausbildung für die Einsichtnahme
         in im Besitz des Veranstalters dieser Ausbildung befindliche Informationen über die Qualifikationen der anderen Bewerber auf
         die Richtlinie 97/80 berufen könnte, dieser Einsichtnahmeanspruch durch die Bestimmungen des Unionsrechts über die Vertraulichkeit
         berührt werden kann. 
      
       Zur vierten Frage
      57      Mit seiner vierten Frage möchte das vorlegende Gericht wissen, ob die in Art. 267 Abs. 3 AEUV vorgesehene Pflicht unterschiedlicher
         Art ist je nachdem, ob in einem Mitgliedstaat ein Rechtssystem besteht, in dem der Verhandlungsgrundsatz gilt, oder ein Rechtssystem,
         in dem der Untersuchungsgrundsatz gilt. 
      
       Vorbringen der Verfahrensbeteiligten
      58      Herr Kelly macht geltend, dass die Verpflichtung eines nationalen Gerichts, das in einem Rechtssystem, in dem der Verhandlungsgrundsatz
         gelte, entscheide, dem Gerichtshof Fragen zur Vorabentscheidung vorzulegen, weiter gehe als die eines Gerichts eines Mitgliedstaats,
         in dem der Untersuchungsgrundsatz gelte, denn in einem Rechtssystem, in dem der Verhandlungsgrundsatz gelte, seien es die
         Verfahrensbeteiligten und nicht das Gericht selbst, die Form, Inhalt und Ablauf des Verfahrens bestimmten. Daher könne ein
         nationales Gericht in diesem Staat eine von einem Verfahrensbeteiligten aufgeworfene Frage sachlich nicht ändern oder dem
         Gerichtshof seine eigene Ansicht über die Art und Weise, in der die Frage zu entscheiden sei, vortragen. 
      
      59      Die UCD, die deutsche Regierung und die Kommission sind übereinstimmend der Auffassung, dass das Wesen der in Art. 267 Abs. 3
         AEUV vorgesehenen Verpflichtung nicht von den besonderen Merkmalen der Rechtssysteme der Mitgliedstaaten abhänge. Ferner ergebe
         sich aus dem Urteil vom 6. Oktober 1982, Cilfit u. a. (283/81, Slg. 1982, 3415), dass es Sache des nationalen Gerichts sei,
         zu entscheiden, ob und gegebenenfalls wie die Vorlagefragen zu stellen seien.
      
       Würdigung durch den Gerichtshof
      60      Nach ständiger Rechtsprechung des Gerichtshofs wird mit Art. 267 AEUV ein Vorabentscheidungsmechanismus festgelegt, der unterschiedliche
         Auslegungen des von den nationalen Gerichten anzuwendenden Unionsrechts verhindern und die Anwendung dieses Rechts gewährleisten
         soll, indem er dem nationalen Richter die Möglichkeit gibt, die Schwierigkeiten auszuräumen, die sich aus dem Erfordernis
         ergeben könnten, dem Unionsrecht im Rahmen der Gerichtssysteme der Mitgliedstaaten zu voller Geltung zu verhelfen (vgl. in
         diesem Sinne Gutachten 1/09 vom 8. März 2011, Slg. 2011, I‑0000, Randnr. 83 und die dort angeführte Rechtsprechung).
      
      61      Nach Art. 267 AEUV sind die nationalen Gerichte nämlich zur Vorlage berechtigt und gegebenenfalls verpflichtet, wenn sie von
         Amts wegen oder auf Anregung der Parteien feststellen, dass es für die Entscheidung des Rechtsstreits auf eine von Abs. 1
         dieses Artikels erfasste Frage ankommt. Daraus folgt, dass die nationalen Gerichte ein unbeschränktes Recht zur Vorlage an
         den Gerichtshof haben, wenn sie der Auffassung sind, dass eine bei ihnen anhängige Rechtssache Fragen der Auslegung oder der
         Gültigkeit der unionsrechtlichen Bestimmungen aufwirft, über die diese Gerichte im konkreten Fall entscheiden müssen (vgl.
         u. a. Urteile vom 16. Dezember 2008, Cartesio, C‑210/06, Slg. 2008, I‑9641, Randnr. 88, und vom 22. Juni 2010, Melki und Abdeli,
         C‑188/10 und C‑189/10, Slg. 2010, I‑0000, Randnr. 41).
      
      62      Der Gerichtshof hat weiter entschieden, dass das System, das mit Art. 267 AEUV geschaffen wurde, um die einheitliche Auslegung
         des Gemeinschaftsrechts in den Mitgliedstaaten zu gewährleisten, eine unmittelbare Zusammenarbeit zwischen dem Gerichtshof
         und den nationalen Gerichten durch ein Verfahren einführt, das der Parteiherrschaft entzogen ist (vgl. u. a. Urteil Cartesio,
         Randnr. 90).
      
      63      Die Vorlage zur Vorabentscheidung beruht nämlich auf einem Dialog des einen mit dem anderen Gericht, dessen Aufnahme ausschließlich
         von der Beurteilung der Erheblichkeit und der Notwendigkeit der Vorlage durch das nationale Gericht abhängt (Urteil Cartesio,
         Randnr. 91).
      
      64      Daher ist es nicht nur Sache des vorlegenden Gerichts, zu beurteilen, ob die Auslegung einer Bestimmung des Unionsrechts notwendig
         ist, um ihm die Entscheidung des bei ihm anhängigen Rechtsstreits zu ermöglichen, sondern es obliegt diesem Gericht in Anbetracht
         des in Art. 267 AEUV vorgesehenen Verfahrensmechanismus auch, zu entscheiden, wie diese Fragen zu formulieren sind. 
      
      65      Auch wenn es diesem Gericht freisteht, die Parteien des bei ihm anhängigen Rechtsstreits aufzufordern, Formulierungen vorzuschlagen,
         die bei der Abfassung der Vorabentscheidungsfragen übernommen werden können, ist die Entscheidung sowohl über Form als auch
         über Inhalt dieser Fragen doch letztlich Sache des Gerichts allein.
      
      66      Daher ist auf die vierte Frage zu antworten, dass die in Art. 267 Abs. 3 AEUV vorgesehene Pflicht nicht unterschiedlicher
         Art ist je nachdem, ob in einem Mitgliedstaat ein Rechtssystem besteht, in dem der Verhandlungsgrundsatz gilt, oder ein Rechtssystem,
         in dem der Untersuchungsgrundsatz gilt.
      
       Kosten
      67      Für die Parteien des Ausgangsverfahrens ist das Verfahren ein Zwischenstreit in dem bei dem vorlegenden Gericht anhängigen
         Rechtsstreit; die Kostenentscheidung ist daher Sache dieses Gerichts. Die Auslagen anderer Beteiligter für die Abgabe von
         Erklärungen vor dem Gerichtshof sind nicht erstattungsfähig.
      
      Aus diesen Gründen hat der Gerichtshof (Zweite Kammer) für Recht erkannt:
      1.      Art. 4 Abs. 1 der Richtlinie 97/80/EG des Rates vom 15. Dezember 1997 über die Beweislast bei Diskriminierung aufgrund des
            Geschlechts ist dahin auszulegen, dass er einem Bewerber für eine Berufsausbildung, der meint, dass ihm der Zugang zu dieser
            Ausbildung wegen Verletzung des Gleichbehandlungsgrundsatzes verwehrt worden ist, keinen Anspruch auf im Besitz des Veranstalters
            dieser Ausbildung befindliche Informationen über die Qualifikationen der anderen Bewerber für diese Ausbildung verleiht, um
            ihn in die Lage zu versetzen, gemäß dieser Bestimmung „Tatsachen glaubhaft [zu] machen, die das Vorliegen einer unmittelbaren
            oder mittelbaren Diskriminierung vermuten lassen“.
      Es kann jedoch nicht ausgeschlossen werden, dass eine Verweigerung von Informationen durch einen Beklagten im Rahmen des Nachweises
            solcher Tatsachen die Verwirklichung des mit dieser Richtlinie verfolgten Ziels beeinträchtigen und auf diese Weise insbesondere
            deren Art. 4 Abs. 1 ihre praktische Wirksamkeit nehmen kann.
      2.      Art. 4 der Richtlinie 76/207/EWG des Rates vom 9. Februar 1976 zur Verwirklichung des Grundsatzes der Gleichbehandlung von
            Männern und Frauen hinsichtlich des Zugangs zur Beschäftigung, zur Berufsbildung und zum beruflichen Aufstieg sowie in Bezug
            auf die Arbeitsbedingungen oder Art. 1 Nr. 3 der Richtlinie 2002/73/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 23. September
            2002 zur Änderung der Richtlinie 76/207 sind dahin auszulegen, dass sie einem Bewerber für eine Berufsausbildung keinen Anspruch
            auf Einsichtnahme in im Besitz des Veranstalters dieser Ausbildung befindliche Informationen über die Qualifikationen der
            anderen Bewerber um diese Ausbildung verleihen, wenn dieser Bewerber meint, keinen Zugang zu dieser Ausbildung nach den gleichen
            Kriterien wie die anderen Bewerber gehabt zu haben und im Sinne von Art. 4 aufgrund des Geschlechts diskriminiert worden zu
            sein, oder wenn dieser Bewerber rügt, im Sinne von Art. 1 Nr. 3 aufgrund des Geschlechts in Bezug auf den Zugang zu dieser
            Berufsausbildung diskriminiert worden zu sein.
      3.      Wenn sich ein Bewerber für eine Berufsausbildung für die Einsichtnahme in im Besitz des Veranstalters dieser Ausbildung befindliche
            Informationen über die Qualifikationen der anderen Bewerber auf die Richtlinie 97/80 berufen könnte, kann dieser Einsichtnahmeanspruch
            durch die Bestimmungen des Unionsrechts über die Vertraulichkeit berührt werden. 
      4.      Die in Art. 267 Abs. 3 AEUV vorgesehene Pflicht ist nicht unterschiedlicher Art je nachdem, ob in einem Mitgliedstaat ein
            Rechtssystem besteht, in dem der Verhandlungsgrundsatz gilt, oder ein Rechtssystem, in dem der Untersuchungsgrundsatz gilt.
      Unterschriften
      * Verfahrenssprache: Englisch.