CELEX: 62004TJ0252
Language: de
Date: 2006-07-11
Title: Urteil des Gerichts erster Instanz (Erste Kammer) vom 11. Juli 2006. # Caviar Anzali SAS gegen Harmonisierungsamt für den Binnenmarkt (Marken, Muster und Modelle) (HABM). # Gemeinschaftsmarke - Widerspruchsverfahren - Anmeldung einer Gemeinschaftsbildmarke ASETRA - Nationale und internationale ältere Bildmarke CAVIAR ASTARA - Relative Eintragungshindernisse - Verwechslungsgefahr - Zurückweisung des Widerspruchs wegen Nichtvorlage von Schriftstücken innerhalb der gewährten Fristen - Erstmals vor der Beschwerdekammer vorgelegte Nachweise - Zulässigkeit - Umfang der Prüfung durch die Beschwerdekammern - Artikel 62 und 74 der Verordnung [EG] Nr. 40/94. # Rechtssache T-252/04.

Rechtssache T-252/04
      Caviar Anzali SAS
      gegen
      Harmonisierungsamt für den Binnenmarkt (Marken, Muster und Modelle) (HABM)
      „Gemeinschaftsmarke − Widerspruchsverfahren – Anmeldung einer Gemeinschaftsbildmarke ASETRA − Nationale und internationale ältere Bildmarke CAVIAR ASTARA − Relative Eintragungshindernisse
         – Verwechslungsgefahr – Zurückweisung des Widerspruchs wegen Nichtvorlage von Schriftstücken innerhalb der gewährten Fristen − Erstmals vor der Beschwerdekammer
         vorgelegte Nachweise – Zulässigkeit – Umfang der Prüfung durch die Beschwerdekammern – Artikel 62 und 74 der Verordnung (EG) Nr. 40/94“
      
      Urteil des Gerichts (Erste Kammer) vom 11. Juli 2006 
      Leitsätze des Urteils
      1.     Gemeinschaftsmarke – Beschwerdeverfahren 
      (Verordnung Nr. 40/94 des Rates, Artikel 62 Absatz 1 und 74 Absatz 2)
      2.     Gemeinschaftsmarke – Beschwerdeverfahren 
      (Verordnung Nr. 40/94 des Rates, Artikel 62 Absatz 1 und 74 Absätze 1 und 2)
      1.     Aus der funktionalen Kontinuität zwischen den verschiedenen Stellen des Harmonisierungsamts für den Binnenmarkt (Marken, Muster
         und Modelle) folgt, dass die Beschwerdekammern im Rahmen ihrer Überprüfung der von den erstinstanzlichen Stellen des Amtes
         erlassenen Entscheidungen ihre eigene Entscheidung auf das gesamte tatsächliche und rechtliche Vorbringen zu stützen haben,
         das die Parteien entweder im Verfahren vor der Dienststelle, die in erster Instanz entschieden hat, oder im Beschwerdeverfahren
         geltend gemacht haben. 
      
      Die Beschwerdekammern können daher der Beschwerde – vorbehaltlich nur des Artikels 74 Absatz 2 der Verordnung Nr. 40/94 über
         die Gemeinschaftsmarke – auf der Grundlage neuer Tatsachen oder auch neuer Beweismittel stattgeben, die der Beschwerdeführer
         vorbringt. Die von den Beschwerdekammern ausgeübte Kontrolle ist nicht auf eine Kontrolle der Rechtmäßigkeit der angefochtenen
         Entscheidung beschränkt, sondern bringt wegen des Devolutiveffekts des Beschwerdeverfahrens eine neue Beurteilung des Rechtsstreits
         mit sich, bei der die Beschwerdekammern das ursprüngliche Begehren des Beschwerdeführers insgesamt zu überprüfen und rechtzeitig
         vorgebrachte Beweismittel zu berücksichtigen haben.
      
      Die zwischen den verschiedenen Dienststellen des Amtes bestehende funktionale Kontinuität hat für das Verfahren mit mehreren
         Beteiligten (Inter-partes-Verfahren) nicht zur Folge, dass ein Beteiligter, der vor der Stelle, die in erster Instanz entschieden
         hat, ein bestimmtes tatsächliches oder rechtliches Vorbringen nicht innerhalb der im Verfahren vor dieser Stelle geltenden
         Fristen eingeführt hat, mit diesem Vorbringen nach Artikel 74 Absatz 2 der Verordnung Nr. 40/94 vor der Beschwerdekammer nicht
         mehr gehört werden könnte. Die funktionale Kontinuität bewirkt vielmehr, dass dieser Beteiligte vor der Beschwerdekammer zu
         hören ist.
      
      (vgl. Randnrn. 31-33)
      2.     Die in Artikel 74 Absatz 1 der Verordnung Nr. 40/94 über die Gemeinschaftsmarke aufgestellte Regel, wonach das Harmonisierungsamt
         für den Binnenmarkt (Marken, Muster und Modelle) den Sachverhalt von Amts wegen ermittelt, sieht zwei Einschränkungen vor.
         Erstens ist das Amt in Verfahren wegen relativer Eintragungshindernisse bei dieser Ermittlung auf die aus dem Vorbringen und
         den Anträgen der Beteiligten hervorgehenden Tatsachen beschränkt. Zweitens gibt Absatz 2 dieser Vorschrift dem Amt die Möglichkeit,
         Beweismittel, die von den Beteiligten „verspätet“ vorgebracht wurden, unberücksichtigt zu lassen.
      
      Aus der das Verhältnis zwischen den Stellen des Amtes kennzeichnenden funktionalen Kontinuität ergibt sich aber, dass der
         Begriff „verspätet“ im Rahmen eines Beschwerdeverfahrens vor einer Beschwerdekammer dahin auszulegen ist, dass er sich sowohl
         auf die für die Beschwerdeerhebung geltende Frist als auch auf die Fristen bezieht, die im Verlauf des in Frage stehenden
         Verfahrens gesetzt werden. Da dieser Begriff im Rahmen jedes vor dem Amt anhängigen Verfahrens Anwendung findet, bleibt der
         Ablauf der Fristen, die die in erster Instanz entscheidende Dienststelle für die Vorlage von Beweismitteln festsetzt, ohne
         Auswirkung auf die Frage, ob diese Beweismittel „verspätet“ vor der Beschwerdekammer vorgebracht wurden. Die Beschwerdekammer
         ist somit verpflichtet, die ihr vorgelegten Beweismittel unabhängig davon zu berücksichtigen, ob diese vor der Widerspruchsabteilung
         vorgebracht worden sind oder nicht. 
      
      (vgl. Randnrn. 34-35)
URTEIL DES GERICHTS (Erste Kammer)
      11. Juli 2006(*)
      
      „Gemeinschaftsmarke − Widerspruchsverfahren – Anmeldung einer Gemeinschaftsbildmarke ASETRA − Nationale und internationale ältere Bildmarke CAVIAR ASTARA − Relative Eintragungshindernisse
         – Verwechslungsgefahr – Zurückweisung des Widerspruchs wegen Nichtvorlage von Schriftstücken innerhalb der gewährten Fristen − Erstmals vor der Beschwerdekammer
         vorgelegte Nachweise – Zulässigkeit – Umfang der Prüfung durch die Beschwerdekammern – Artikel 62 und 74 der Verordnung [EG] Nr. 40/94“
      
      In der Rechtssache T‑252/04
      Caviar Anzali SAS mit Sitz in Colombes (Frankreich), Prozessbevollmächtigter: Rechtsanwalt J.‑F. Jésus
      
      Klägerin,
      gegen
      Harmonisierungsamt für den Binnenmarkt (Marken, Muster und Modelle) (HABM), vertreten durch A. Folliard-Monguiral als Bevollmächtigten,
      
      Beklagter,
      andere Beteiligte im Verfahren vor der Beschwerdekammer des HABM: 
      Novomarket SA mit Sitz in Madrid (Spanien),
      
      betreffend eine Klage gegen die Entscheidung der Zweiten Beschwerdekammer des HABM vom 19. April 2004 (Sache R 479/2003-2),
         zu einem Widerspruchsverfahren zwischen der Caviar Anzali SAS und der Novomarket SA
      
      erlässt
      DAS GERICHT ERSTER INSTANZ DER EUROPÄISCHEN GEMEINSCHAFTEN (Erste Kammer)
      
      unter Mitwirkung des Präsidenten J. D. Cooke sowie des Richters R. García-Valdecasas und der Richterin I. Labucka,
      Kanzler: B. Pastor, Hilfskanzler,
      aufgrund der am 18. Juni 2004 bei der Kanzlei des Gerichts eingegangenen Klageschrift,
      aufgrund der am 7. September 2004 bei der Kanzlei des Gerichts eingegangenen Klagebeantwortung,
      auf die mündliche Verhandlung vom 8. November 2005
      folgendes
      Urteil
       Rechtlicher Rahmen
      1       Die Artikel 59, 62 Absatz 1 und 74 der Verordnung (EG) Nr. 40/94 des Rates vom 20. Dezember 1993 über die Gemeinschaftsmarke
         (ABl. 1994, L 11, S. 1) in geänderter Fassung bestimmen:
      
      „Artikel 59
      Frist und Form
      Die Beschwerde [vor der Beschwerdekammer] ist innerhalb von zwei Monaten nach Zustellung der Entscheidung schriftlich beim
         [Harmonisierungsamt für den Binnenmarkt (Marken, Muster und Modelle)] einzulegen. Die Beschwerde gilt erst als eingelegt,
         wenn die Beschwerdegebühr entrichtet worden ist. Innerhalb von vier Monaten nach Zustellung der Entscheidung ist die Beschwerde
         schriftlich zu begründen.
      
      …
      Artikel 62
      Entscheidung über die Beschwerde
      (1)       Nach der Prüfung, ob die Beschwerde begründet ist, entscheidet die Beschwerdekammer über die Beschwerde. Die Beschwerdekammer
         wird entweder im Rahmen der Zuständigkeit der Dienststelle tätig, die die angefochtene Entscheidung erlassen hat, oder verweist
         die Angelegenheit zur weiteren Entscheidung an diese Dienststelle zurück.
      
      …
      Artikel 74 
      Ermittlung des Sachverhalts von Amts wegen
      (1)       In dem Verfahren vor dem Amt ermittelt das Amt den Sachverhalt von Amts wegen. Soweit es sich jedoch um Verfahren bezüglich
         relativer Eintragungshindernisse handelt, ist das Amt bei dieser Ermittlung auf das Vorbringen und die Anträge der Beteiligten
         beschränkt.
      
      (2)       Das Amt braucht Tatsachen und Beweismittel, die von den Beteiligten verspätet vorgebracht werden, nicht zu berücksichtigen.“
       Vorgeschichte des Rechtsstreits
      2       Am 18. April 2001 meldete die Novomarket SA (im Folgenden: andere Beteiligte des Verfahrens vor dem HABM) gemäß der Verordnung
         Nr. 40/94 beim Harmonisierungsamt für den Binnenmarkt (Marken, Muster und Modelle) (HABM) eine Gemeinschaftsmarke an.
      
      3       Bei der Marke, deren Eintragung beantragt wurde, handelt es sich um das folgende Bildzeichen ASETRA:
      
         
      4       Die Waren und Dienstleistungen, für die die Marke angemeldet wurde, gehören zu den Klassen 29 („Kaviar, Fisch und Fisch in
         Konserven, Fischrogen und Eier von Schalen- und Weichtieren in Konserven; Meeresfrüchte in Konserven“), 31 („Fischrogen und
         Weichtiere“) und 35 („Bereitstellung von Informationen und Beratung in Verbindung mit dem Verkauf im Kleinhandel; Import und
         Export; Geschäftsführung“) des Abkommens von Nizza über die internationale Klassifikation von Waren und Dienstleistungen für
         die Eintragung von Marken vom 15. Juni 1957 in revidierter und geänderter Fassung.
      
      5       Am 6. Mai 2002 legte die Caviar Anzali SAS gegen die Anmeldung der Gemeinschaftsmarke Widerspruch ein. Der Widerspruch richtete
         sich nur gegen einen Teil der in der Anmeldung genannten Waren, nämlich gegen
      
      –       „Kaviar, Fisch und Fisch in Konserven, Fischrogen und Eier von Schalen- und Weichtieren in Konserven; Meeresfrüchte in Konserven“
         in Klasse 29 und
      
      –       „Fischrogen und Weichtiere“ in Klasse 31.
      6       Der Widerspruch wurde auf das Bestehen von Verwechslungsgefahr im Sinne von Artikel 8 Absatz 1 Buchstabe b der Verordnung
         Nr. 40/94 zwischen der Anmeldemarke und einer älteren Marke der Klägerin gestützt. Bei der älteren Marke, die in Frankreich
         mit Anmeldedatum vom 28. August 1992 unter Nr. 92 432 018 und als internationale Marke mit Anmeldedatum vom 18. Februar 1993
         unter Nr. 597 147 jeweils für Kaviar (Klasse 29) registriert ist, handelt es sich um die folgende Bildmarke CAVIAR ASTARA:
      
      
         
      7       Die Widerspruchsschrift war in französischer Sprache verfasst und enthielt zum Nachweis der Registrierung der älteren Marken
         zwei ebenfalls in Französisch abgefasste Dokumente, nämlich in Kopie die Eintragungsurkunde des französischen Markenamts (Institut
         national de la propriété industrielle) vom 19. November 2001 und einen Auszug aus dem internationalen Markenregister der Weltorganisation
         für geistiges Eigentum vom 14. November 2001. 
      
      8       Am 18. Juni 2002 forderte die Widerspruchsabteilung des HABM die Klägerin auf, Englisch oder Spanisch als Verfahrenssprache
         zu wählen, und wies dabei darauf hin, dass jede künftige Eingabe in der Verfahrenssprache verfasst sein müsse oder mit einer
         Übersetzung vorzulegen sei. Hierauf übersandte die Klägerin am 1. Juli 2002 eine in englischer Sprache verfasste Widerspruchsschrift.
      
      9       Mit Schreiben vom 14. Oktober 2002 setzte die Widerspruchsabteilung der Klägerin eine Frist zur Vervollständigung der ihren
         Widerspruch stützenden Tatsachen, Beweismittel und Bemerkungen bis zum 15. Februar 2003. In dem Schreiben wurde ausgeführt:
         
      
      „Wenn Sie innerhalb der gewährten Frist keine Tatsachen, Beweismittel oder Bemerkungen vorbringen, entscheidet das [HABM]
         über den Widerspruch auf der Grundlage der vorliegenden Beweismittel. Werden die erforderlichen Unterlagen zum Nachweis des
         älteren Rechts oder der älteren Rechte, auf das oder die sich der Widerspruch stützt, oder zum Nachweis wesentlicher rechtlicher
         Voraussetzungen der angeführten Widerspruchsgründe nicht innerhalb der oben genannten Frist eingereicht, so wird der Widerspruch
         ohne Begründetheitsprüfung zurückgewiesen. 
      
      …
      Bitte beachten Sie, dass sämtliche Unterlagen in der Verfahrenssprache einzureichen sind oder eine Übersetzung beigefügt werden
         muss. Das [HABM] lässt Unterlagen, die nicht in die Verfahrenssprache übersetzt wurden, unberücksichtigt … 
      
      Eine Übersetzung ist auch für alle Unterlagen oder Urkunden erforderlich, die in einer anderen als der Verfahrenssprache bereits
         eingereicht worden sind … Eine solche Übersetzung ist als ein eigenständiges Dokument vorzulegen, das die Form und den Inhalt
         des Originals genau wiedergibt. Sie muss alle wesentlichen Angaben enthalten, die in dem beigefügten Hinweisblatt genannt
         sind. 
      
      …
      Wird keine Übersetzung eingereicht, lässt das [HABM] die nicht übersetzten Belege unberücksichtigt und entscheidet über den
         Widerspruch, als seien diese Belege nicht eingereicht worden.“
      
      10     Dem Schreiben vom 14. Oktober 2002 war ein Hinweisblatt zu den für einen Widerspruch einzureichenden Beweismitteln beigefügt,
         in dem es hieß:
      
      „Übersetzungen: Wenn es erforderlich ist, die Eintragungsurkunde (oder entsprechende Unterlagen) in die Verfahrenssprache
         zu übersetzen, muss der Widersprechende alle wesentlichen Angaben übersetzen, die oben in der Rubrik [‚Nachzuweisende Elemente‘]
         zu Artikel 8 Absatz 1 der Verordnung Nr. 40/94 aufgelistet sind; dazu gehören auch die Standardformulierungen jeder Angabe,
         damit klar und zweifelsfrei festgestellt werden kann, um welche Informationen es sich handelt. Lediglich verwaltungstechnische
         Angaben ohne Bedeutung für das Widerspruchsverfahren müssen nicht übersetzt werden.“
      
      11     Die Klägerin brachte innerhalb der gewährten Frist bis zum 15. Februar 2003 (vgl. oben, Randnr. 9) keine zusätzlichen Tatsachen,
         Beweismittel oder Bemerkungen vor.
      
      12     Am 10. April 2003 übermittelte die Widerspruchsabteilung der Klägerin die Stellungnahme der anderen Beteiligten des Verfahrens
         vor dem HABM und gab dabei folgenden Hinweis:
      
      „Bitte beachten Sie, dass eine weitere Stellungnahme nicht eingereicht werden kann. Das [HABM] weist darauf hin, dass es eine
         den Widerspruch als unbegründet zurückweisende Entscheidung erlassen wird, da die Nachweise für das ältere Recht nicht innerhalb
         der vom [HABM] gesetzten Frist vorgelegt wurden. Sollten Sie mit dieser Beurteilung nicht einverstanden sein, haben Sie die
         Möglichkeit, Beschwerde einzulegen, sobald die Entscheidung ergangen ist (Artikel 57 Absatz 2 der Verordnung Nr. 40/94).“
      
      13     Am 14. April 2003 legte die Klägerin in Beantwortung des Schreibens des HABM englische Übersetzungen der Eintragungsurkunden
         vor, die zuvor in Französisch eingereicht worden waren.
      
      14     Am 11. Juni 2003 wies die Widerspruchsabteilung des HABM den Widerspruch mit der Begründung zurück, dass die Klägerin die
         erforderlichen Nachweise der für den Widerspruch angeführten älteren Rechte nicht vorgelegt habe. Die am 14. April 2003 eingereichten
         Übersetzungen ließ die Widerspruchsabteilung unberücksichtigt, weil sie erst nach Ablauf der Begründungsfrist des Widerspruchs
         eingereicht worden seien. Die Klägerin habe Englisch als Verfahrenssprache gewählt, sie habe gewusst, dass sie ihren Nachweisen
         nach Regel 17 Absatz 2 der Verordnung (EG) Nr. 2868/95 der Kommission vom 13. Dezember 1995 zur Durchführung der Verordnung
         (EG) Nr. 40/94 des Rates über die Gemeinschaftsmarke (ABl. L 303, S. 91) eine Übersetzung hätte beifügen müssen, und ihr sei
         gemäß den Regeln 20 Absatz 3, 16 Absatz 3 und 17 Absatz 2 der Verordnung Nr. 2868/95 für das Vorbringen von Tatsachen, Beweismitteln,
         Bemerkungen und Übersetzungen eine Frist gesetzt worden.
      
      15     Am 5. August 2003 legte die Klägerin gegen die Entscheidung der Widerspruchsabteilung Beschwerde ein. Ihrer schriftlichen
         Beschwerdebegründung fügte sie die Eintragungsurkunden mit einer englischen Übersetzung erneut bei.
      
      16     Mit der Entscheidung R 479/2003-2 vom 19. April 2004 (im Folgenden: angefochtene Entscheidung) wies die Zweite Beschwerdekammer
         des HABM die Beschwerde der Klägerin zurück. Die Beschwerdekammer war der Auffassung, die Widerspruchsabteilung habe die Beschwerde
         zu Recht ohne Prüfung der Begründetheit zurückgewiesen, weil die Klägerin die Übersetzung der Eintragungsurkunden nicht innerhalb
         der ihr gewährten Frist übermittelt habe. Sie stellte fest, dass die Widerspruchsabteilung die Klägerin über die Erfordernisse
         im Zusammenhang mit Übersetzungen und die möglichen Folgen ihrer Nichtbeachtung ordnungsgemäß unterrichtet habe, dass aber
         die Klägerin die Übersetzungen weder innerhalb der gesetzten Frist eingereicht noch eine Fristverlängerung beantragt habe.
         Schließlich wies die Beschwerdekammer die Übersetzungen der Eintragungsurkunden, die dem Schriftsatz mit der Beschwerdebegründung
         beigefügt worden waren, als unzulässig zurück, weil auch diese erst nach Ablauf der von der Widerspruchsabteilung gemäß den
         Regeln 17 Absatz 2 und 20 Absatz 2 der Verordnung Nr. 2868/95 gesetzten Frist vorgelegt worden seien.
      
       Anträge der Parteien
      17     Die Klägerin beantragt,
      –       die angefochtene Entscheidung aufzuheben;
      –       dem HABM die Kosten aufzuerlegen.
      18     Das HABM beantragt,
      –       die Klage abzuweisen;
      –       der Klägerin die Kosten aufzuerlegen;
      –       im Fall der Aufhebung der angefochtenen Entscheidung die der Klägerin entstandenen Kosten der anderen Beteiligten im Verfahren
         vor der Beschwerdekammer des HABM aufzuerlegen. 
      
       Entscheidungsgründe
      19     Die Klägerin stützt ihre Klage im Wesentlichen auf drei Aufhebungsgründe. Sie rügt erstens einen Verstoß gegen die Vorschriften
         der Verordnungen Nrn. 40/94 und 2868/95 über den Devolutiveffekt bei der Beschwerdekammer eingereichten Beschwerde. Zweitens
         liege ein Verstoß gegen den allgemeinen Gleichbehandlungsgrundsatz vor. Drittens macht die Klägerin geltend, dass der Grundsatz
         der ordnungsgemäßen Verwaltung verletzt und der „Geist“ der Verordnungen Nrn. 40/94 und 2868/95 verkannt worden sei.
      
       Vorbringen der Parteien
      20     Im Rahmen ihres ersten Klagegrundes vertritt die Klägerin die Auffassung, dass die angefochtene Entscheidung gegen die Vorschriften
         über die Zuständigkeit der Beschwerdekammer verstößt. Sie beruft sich auf die zwölfte Begründungserwägung, auf die Artikel
         57 Absatz 1 und 74 Absatz 2 der Verordnung Nr. 40/94 und auf die Regeln 49 Absatz 2 und 50 Absatz 1 der Verordnung Nr. 2868/95.
         Aus diesen Vorschriften ergebe sich, dass die Beschwerdekammer eine volle und gegenüber der Widerspruchsabteilung autonome
         Entscheidungskompetenz ausübe. Ihre Kontrolle sei nicht einfach eine Rechtmäßigkeitskontrolle der angefochtenen Entscheidung,
         sondern wegen des Devolutiveffekts des Beschwerdeverfahrens eine neue Beurteilung des Rechtsstreits, bei der die Beschwerdekammer
         den ursprünglichen Antrag voll zu überprüfen und rechtzeitig vorgebrachte Beweismittel zu berücksichtigen habe.
      
      21     Nach den Regeln 49 Absatz 2 und 50 Absatz 1 der Verordnung Nr. 2868/95 habe die Beschwerdekammer den Beschwerdeführer auf
         alle Mängel hinzuweisen, die es bei der Einreichung von Unterlagen oder Übersetzungen gegeben habe. Die Beschwerdekammer,
         die die Übersetzungen als Anhang der Beschwerdebegründung ein zweites Mal erhalten habe, habe ihr aber keinerlei Hinweis auf
         solche Mängel gegeben. Wenn jedoch über die Beschwerdeschrift und die Verfahrensunterlagen gar nicht neu entschieden werden
         könnte, hätte dies zur Folge, dass die Widerspruchsabteilung zum Nachteil des Widersprechenden handeln dürfte, indem sie ihn
         zur Einlegung einer Beschwerde auffordere, obwohl sie wisse, dass diese zum Scheitern verurteilt sei. Die Beschwerdekammer
         habe ihr, da sie sie nicht zur Beseitigung des festgestellten Mangels aufgefordert habe, die wirksame Inanspruchnahme eines
         Rechtsbehelfs verwehrt. 
      
      22     Das HABM ist der Ansicht, dass die Beschwerdekammer mit der Zurückweisung der ihr vorgelegten Übersetzungen keinen Rechtsfehler
         begangen hat. 
      
      23     Das Urteil des Gerichts vom 23. September 2003 in der Rechtssache T‑308/01 (Henkel/HABM – LHS [UK] [KLEENCARE], Slg. 2003,
         II‑3253) könne nicht dahin ausgelegt werden, dass es einem Beteiligten erlaubt sei, Tatsachen und Beweismittel zur Stützung
         des Widerspruchs erstmals – oder gegebenenfalls zum zweiten Mal – vor der Beschwerdekammer vorzubringen, obwohl dieser Beteiligte
         die Frist, die ihm zur Vorlage dieser Tatsachen und Beweismittel vor der Widerspruchsabteilung gewährt worden sei, nicht eingehalten
         habe.
      
      24     Bei den gemäß den Regeln 16, 17, 20 und 22 Absatz 1 der Verordnung Nr. 2868/95 festgesetzten Fristen handele es sich um Ausschlussfristen.
         Werde, wie im vorliegenden Fall, die Versäumnis einer solchen Frist wegen deren zwingenden Charakters mit einem Rechtsverlust
         sanktioniert, so könne das HABM von dem ihm in Artikel 74 Absatz 2 der Verordnung Nr. 40/94 eingeräumten Ermessen, verspätet
         vorgebrachte Beweismittel entweder zu berücksichtigen oder zurückzuweisen, keinen Gebrauch machen. Diese Analyse werde durch
         den Wortlaut des Artikels 74 Absatz 2 bestätigt, der nur anzuwenden sei, wenn die Beweismittel „verspätet“, nicht aber, wenn
         sie „außerhalb der Frist“ vorgebracht worden seien.
      
      25     Die Erhebung einer Beschwerde bei den Beschwerdekammern könne nicht zur Folge haben, dass die von der Widerspruchsabteilung
         eingeräumten Fristen von neuem zu laufen begännen. Eine solche Lösung führte zu einer Verfahrensverlängerung, die dem Grundsatz
         der Rechtssicherheit zuwiderlaufe, zu dem es auch gehöre, dass Verfahren innerhalb einer angemessenen Frist abgeschlossen
         würden. Die Erhebung einer Beschwerde könne keine Rückwirkung haben, die es erlaubte, die Folgen der Nichteinhaltung einer
         in erster Instanz ursprünglich gesetzten Frist zu beseitigen. Anderenfalls verlören die Vorschriften über Fristen ihre Bedeutung.
         Diese Auslegung stehe in Einklang mit der Rechtsprechung im Anschluss an das Urteil des Gerichts vom 23. Oktober 2002 in der
         Rechtssache T‑388/00 (Institut für Lernsysteme/HABM – Educational Services [ELS], Slg. 2002, II‑4301, Randnr. 29).
      
      26     Auch die Grundsätze der Wahrung der Verteidigungsrechte des Anmelders und der Waffengleichheit zwischen den Beteiligten geböten
         es, die Übersetzungen als unzulässig zu behandeln. Zur Wahrung seiner Verteidigungsrechte müsse es dem Anmelder ermöglicht
         werden, vom Beginn des Widerspruchsverfahrens an das Bestehen und den genauen Schutzumfang des mit dem Widerspruch geltend
         gemachten älteren Rechts sicher festzustellen, was vorliegend nicht der Fall gewesen sei. Zum anderen verstieße es gegen den
         Grundsatz der Waffengleichheit zwischen den Beteiligten, wenn der Widersprechende, nachdem der Widerspruch zurückgewiesen
         worden sei, die unterbliebene Einreichung von Unterlagen nachträglich heilen könnte. Der säumige Widersprechende könne seine
         Nachlässigkeit auch nicht damit rechtfertigen, dass er gleichwohl Anspruch auf rechtliches Gehör habe. Dieser Anspruch sei
         nämlich mit dem Ablauf der vom HABM gesetzten Fristen erschöpft, sofern nicht außergewöhnliche Umstände vorlägen, wie etwa
         die tatsächliche Unmöglichkeit, eine Tatsache oder ein Beweismittel fristgerecht vorzubringen, oder das Bekanntwerden neuer
         Tatsachen und Beweismittel erst im Laufe des Verfahrens.
      
      27     Der Umstand, dass zwischen der Widerspruchsabteilung und den Beschwerdekammern eine funktionale Kontinuität bestehe, erlaube
         es nicht, die Verteidigungsrechte des anderen Beteiligten des Verfahrens vor dem HABM einzuschränken. Im Gegenteil erfordere
         die funktionale Kontinuität die Anwendung identischer Verfahrensregeln in Bezug auf Fristen, wozu es gehöre, dass die rechtlichen
         Folgen einer Fristversäumnis vor der Beschwerdekammer fortbestünden.
      
      28     Das HABM widerspricht schließlich der Ansicht, dass Regel 49 Absatz 2 der Verordnung Nr. 2868/95 die Beschwerdekammer dazu
         verpflichte, den Beschwerdeführer auf Übersetzungen betreffende Mängel hinzuweisen. Aus der Rechtsprechung im Anschluss an
         das Urteil des Gerichts vom 13. Juni 2002 in der Rechtssache T‑232/00 (Chef Revival USA/HABM − Massagué Marín [Chef] Slg.
         2002, II‑2749) ergebe sich, dass die Verpflichtung, auf Mängel einer Widerspruchsschrift hinzuweisen, nur die die Zulässigkeit
         berührenden Mängel betreffe, nicht solche im Zusammenhang mit der Begründetheit. Das HABM (Widerspruchsabteilungen und Beschwerdekammern)
         müsse den Widersprechenden nicht über einen Mangel informieren, der den Nachweis des älteren Rechtes oder seine Übersetzung
         betreffe, denn dabei handele es sich um Begründetheitsvoraussetzungen des Widerspruchs.
      
       Würdigung durch das Gericht 
      29     Artikel 62 Absatz 1 der Verordnung Nr. 40/94 sieht vor, dass die Beschwerdekammer entweder im Rahmen der Zuständigkeit der
         Dienststelle tätig wird, die die angefochtene Entscheidung erlassen hat, oder die Angelegenheit zur weiteren Entscheidung
         an diese Dienststelle zurückverweist. Aus dieser Vorschrift und aus der Systematik der Verordnung Nr. 40/94 ergibt sich, dass
         die Beschwerdekammer bei der Entscheidung über eine Beschwerde über dieselben Befugnisse verfügt wie die Dienststelle, die
         die angefochtene Entscheidung erlassen hat, und dass ihre Prüfung sich auf den gesamten Rechtsstreit erstreckt, wie er sich
         am Tag ihrer Entscheidung darstellt. 
      
      30     Aus dieser Vorschrift und aus der ständigen Rechtsprechung ergibt sich ferner, dass zwischen den verschiedenen Stellen des
         HABM, d. h. dem Prüfer, der Widerspruchsabteilung, der Markenverwaltungs- und Rechtsabteilung und den Nichtigkeitsabteilungen
         einerseits und den Beschwerdekammern andererseits eine funktionale Kontinuität besteht (vgl. Urteil KLEENCARE, Randnr. 25
         und die dort zitierte Rechtsprechung).
      
      31     Aus dieser funktionalen Kontinuität zwischen den verschiedenen Stellen des HABM folgt, dass die Beschwerdekammern im Rahmen
         ihrer Überprüfung der von den erstinstanzlichen Stellen erlassenen Entscheidungen ihre eigene Entscheidung auf das gesamte
         tatsächliche und rechtliche Vorbringen zu stützen haben, das die Parteien entweder im Verfahren vor der Dienststelle, die
         in erster Instanz entschieden hat, oder im Beschwerdeverfahren geltend gemacht haben (Urteile des Gerichts, KLEENCARE, Randnr.
         32; vom 1. Februar 2005 in der Rechtssache T‑57/03, SPAG/HABM – Dann und Backer [HOOLIGAN], Slg. 2005, II‑287, Randnr. 18,
         und vom 9. November 2005 in der Rechtssache T‑275/03, Focus Magazin Verlag/HABM – ECI Telecom [Hi-FOCuS], Slg. 2005, I‑0000,
         Randnr. 37).
      
      32     Die Beschwerdekammern können daher der Beschwerde – vorbehaltlich nur des Artikels 74 Absatz 2 der Verordnung Nr. 40/94 –
         auf der Grundlage neuer Tatsachen oder auch neuer Beweismittel stattgeben, die der Beschwerdeführer vorbringt (Urteile des
         Gerichts vom 3. Dezember 2003 in der Rechtssache T‑16/02, Audi/HABM [TDI], Slg. 2003, II‑5167, Randnr. 81 und KLEENCARE, Randnr.
         26). Die von den Beschwerdekammern ausgeübte Kontrolle ist nicht auf eine Kontrolle der Rechtmäßigkeit der angefochtenen Entscheidung
         beschränkt, sondern bringt wegen des Devolutiveffekts des Beschwerdeverfahrens eine neue Beurteilung des Rechtsstreits mit
         sich, bei der die Beschwerdekammern das ursprüngliche Begehren des Beschwerdeführers insgesamt zu überprüfen und rechtzeitig
         vorgebrachte Beweismittel zu berücksichtigen haben.
      
      33     Die zwischen den verschiedenen Dienststellen des HABM bestehende funktionale Kontinuität hat also, anders als es das HABM
         für das Verfahren mit mehreren Beteiligten (Inter-partes-Verfahren) geltend macht, nicht zur Folge, dass ein Beteiligter,
         der vor der Stelle, die in erster Instanz entschieden hat, ein bestimmtes tatsächliches oder rechtliches Vorbringen nicht
         innerhalb der im Verfahren vor dieser Stelle geltenden Fristen eingeführt hat, mit diesem Vorbringen nach Artikel 74 Absatz
         2 der Verordnung Nr. 40/94 vor der Beschwerdekammer nicht mehr gehört werden könnte. Die funktionale Kontinuität bewirkt vielmehr,
         dass dieser Beteiligte vor der Beschwerdekammer zu hören ist (Urteil des Gerichts, Hi-FOCuS, Randnr. 37). Die Auffassung des
         HABM liefe darauf hinaus, die allgemeine Befugnis der Beschwerdekammer zu verneinen, über den Rechtsstreit zu entscheiden.
      
      34     Die in Artikel 74 Absatz 1 der Verordnung Nr. 40/94 aufgestellte Regel, wonach das HABM den Sachverhalt von Amts wegen ermittelt,
         sieht zwei Einschränkungen vor. Erstens ist das Amt in Verfahren wegen relativer Eintragungshindernisse bei dieser Ermittlung
         auf die aus dem Vorbringen und den Anträgen der Beteiligten hervorgehenden Tatsachen beschränkt. Zweitens gibt Absatz 2 dieser
         Vorschrift dem HABM die Möglichkeit, Beweismittel, die von den Beteiligten „verspätet“ vorgebracht wurden, unberücksichtigt
         zu lassen.
      
      35     Aus der das Verhältnis zwischen den Stellen des HABM kennzeichnenden funktionalen Kontinuität ergibt sich aber, dass der Begriff
         „verspätet“ im Rahmen eines Beschwerdeverfahrens vor einer Beschwerdekammer dahin auszulegen ist, dass er sich sowohl auf
         die für die Beschwerdeerhebung geltende Frist als auch auf die Fristen bezieht, die im Verlauf des in Frage stehenden Verfahrens
         gesetzt werden. Da dieser Begriff im Rahmen jedes vor dem HABM anhängigen Verfahrens Anwendung findet, bleibt der Ablauf der
         Fristen, die die in erster Instanz entscheidende Dienststelle für die Vorlage von Beweismitteln festsetzt, ohne Auswirkung
         auf die Frage, ob diese Beweismittel „verspätet“ vor der Beschwerdekammer vorgebracht wurden. Die Beschwerdekammer ist somit
         verpflichtet, die ihr vorgelegten Beweismittel unabhängig davon zu berücksichtigen, ob diese vor der Widerspruchsabteilung
         vorgebracht worden sind oder nicht.
      
      36     Es kann nicht der Auffassung des HABM gefolgt werden, wonach der Begriff „verspätet“ nicht mit dem Begriff „außerhalb der
         Frist“ übereinstimme und im Fall einer von der Widerspruchsabteilung gemäß Regel 22 Absatz 1 der Verordnung Nr. 2868/95 gewährten
         Frist die Anwendung des Artikels 74 Absatz 2 der Verordnung Nr. 40/94 sowie eine Ermessensausübung des HABM nach dieser Vorschrift
         ausgeschlossen wären. Erstens ergibt sich nämlich aus der Rechtsprechung, dass Artikel 74 Absatz 2 der Verordnung Nr. 40/94
         dem HABM ein Ermessen im Hinblick auf die Berücksichtigung von nach Ablauf der Frist vorgelegten Beweismitteln einräumt (Urteil
         des Gerichts vom 8. Juli 2004 in der Rechtssache T‑334/01, MFE Marienfelde/HABM [HIPOVITON], Slg. 2004, II‑2787, Randnr. 57].
         Zweitens liefe die Auffassung des HABM darauf hinaus, eine Regel der Durchführungsverordnung in einem Sinne auszulegen, der
         dem eindeutigen Wortlaut der Grundverordnung zuwiderliefe.
      
      37     Vorliegend ist unstreitig, dass die Klägerin die Übersetzung der Eintragungsurkunden in die Verfahrenssprache zwar erst nach
         Ablauf der ihr von der Widerspruchsabteilung gewährten Frist eingereicht hat, aber sie als Anhang ihrer schriftlichen Beschwerdebegründung
         der Beschwerdekammer vorgelegt hat. 
      
      38     Da diese letztgenannte Vorlage bei der Beschwerdekammer innerhalb der Frist von vier Monaten gemäß Artikel 59 der Verordnung
         Nr. 40/94 erfolgte, ist sie nicht als verspätet im Sinne des Artikels 74 Absatz 2 der Verordnung Nr. 40/94 anzusehen. Daher
         durfte die Beschwerdekammer es nicht ablehnen, die Übersetzungen zu berücksichtigen (vgl. in diesem Sinne Urteil Hi-FOCuS,
         Randnr. 38).
      
      39     Ohne Belang ist in diesem Zusammenhang der Verweis des HABM auf das Urteil Chef, in dem es nicht um die Vorlage von Beweismitteln
         vor der Beschwerdekammer ging, sondern um die Frage, ob die Widerspruchsabteilung verpflichtet gewesen wäre, den Widersprechenden
         auf den Mangel hinzuweisen, der in der versäumten Vorlage einer Übersetzung der Eintragungsurkunde der älteren nationalen
         Marke innerhalb der hierfür gesetzten Frist lag. In diesem Verfahren hielt es das Gericht außerdem nicht für erforderlich,
         darüber zu entscheiden, ob und inwieweit das HABM beigebrachte Tatsachen oder Beweismittel gemäß Artikel 74 Absatz 2 der Verordnung
         Nr. 40/94 noch nach Ablauf einer von ihm gesetzten Frist berücksichtigen darf, da der Widersprechende auch nach Ablauf der
         Frist keine Übersetzung eingereicht hatte (Urteile Chef, Randnrn. 63 bis 65, und Hi-FOCuS, Randnr. 39).
      
      40     Auch der Verweis des HABM auf das Urteil ELS, das die Erbringung des Nachweises der Benutzung der älteren Marke nach Ablauf
         der von der Widerspruchsabteilung gesetzten Frist betraf, greift nicht durch, da die Beschwerdekammer bei der Prüfung der
         Beschwerde Beweismittel berücksichtigen muss, wenn sie rechtzeitig vorgelegt wurden (Urteile KLEENCARE, Randnr. 32 und Hi-FOCuS,
         Randnr. 40).
      
      41     Die Zulassung neuer Beweismittel vor der Beschwerdekammer stellt im Gegensatz zu der vom HABM vertretenen Auffassung keineswegs
         einen Verstoß gegen die Verteidigungsrechte des Anmelders dar, wenn dieser in der Lage ist, die Existenz und den genauen Schutzumfang
         des älteren Rechts, auf das sich der Widerspruch stützt, sicher festzustellen. Wenn diese Dokumente erst im Stadium des Beschwerdeverfahrens
         Gegenstand der Verhandlung werden, sind die Verteidigungsrechte des Anmelders gewahrt, wenn er gemäß Artikel 61 Absatz 2 der
         Verordnung Nr. 40/94 die Möglichkeit erhält, die Existenz oder den Umfang der älteren Rechte vor der Beschwerdekammer zu bestreiten.
      
      42     Im vorliegenden Fall äußerte sich die andere Beteiligte im Verfahren vor dem HABM bereits in ihrem bei der Widerspruchsabteilung
         eingereichten Schriftsatz vom 4. Oktober 2002 zur Sache, bevor das HABM die Klägerin überhaupt aufforderte, die Beweismittel
         für den Widerspruch in der Verfahrenssprache einzureichen, und hat die andere Beteiligte nicht geltend gemacht, dass sie die
         von der Klägerin in Französisch vorgelegten Urkunden nicht verstünde. In Anbetracht all dessen kann das HABM nicht geltend
         machen, dass die andere Beteiligte des Verfahrens vor dem HABM nicht in der Lage war, sich der Existenz und des genauen Schutzumfangs
         der älteren Rechte, auf die der Widerspruch sich stützte, zu vergewissern. Somit ist festzustellen, dass im vorliegenden Rechtsstreit
         eine Zulassung der Übersetzungen im Stadium des Beschwerdeverfahrens weder die Verteidigungsrechte der anderen Beteiligten
         noch den Grundsatz der Waffengleichheit zwischen den Beteiligten verletzt.
      
      43     Schließlich vermag auch das Argument des HABM nicht zu überzeugen, dass das Verfahren für die Eintragung von Gemeinschaftsmarken
         erheblich verlängert würde, wenn es den Beteiligten freistünde, Tatsachen oder Beweismittel auch noch vor der Beschwerdekammer
         erstmalig vorzubringen. Im Übrigen war es vielmehr gerade die Zurückweisung der der Beschwerdekammer vorgelegten ergänzenden
         Übersetzung, die das Verfahren verlängert hat (vgl. in diesem Sinne Urteil Hi-FOCuS, Randnr. 42).
      
      44     Daraus folgt, dass die Beschwerdekammer, indem sie die ihr von der Klägerin innerhalb der durch Artikel 59 der Verordnung
         gewährten Frist vorgelegten Dokumente nicht berücksichtigte, gegen ihre Verpflichtungen im Rahmen der Prüfung der Verwechslungsgefahr
         nach Artikel 8 Absatz 1 Buchstabe b der Verordnung Nr. 40/94 und gegen Artikel 74 der Verordnung verstoßen hat (vgl. in diesem
         Sinne Urteil Hi-FOCuS, Randnr. 43).
      
      45     Es ist allerdings zu prüfen, welche Konsequenzen aus diesem Rechtsfehler zu ziehen sind. Nach ständiger Rechtsprechung zieht
         nämlich ein Verfahrensverstoß die vollständige oder teilweise Aufhebung einer Entscheidung nur dann nach sich, wenn nachgewiesen
         ist, dass die angefochtene Entscheidung ohne diesen Verfahrensverstoß einen anderen Inhalt hätte haben können (Urteile des
         Gerichtshofes vom 29. Oktober 1980 in den Rechtssachen 209/78 bis 215/78 und 218/78, Van Landewyck u. a./Kommission, Slg.
         1980, 2111, Randnr. 47, und vom 23. April 1986 in der Rechtssache 150/84, Bernardi/Parlament, Slg. 1986, 1375, Randnr. 28;
         Urteile des Gerichts vom 6. Juli 2000 in der Rechtssache T‑62/98, Volkswagen/Kommission, Slg. 2000, II‑2707, Randnr. 283,
         und vom 5. April 2006 in der Rechtssache T‑279/02, Degussa/Kommission, Slg. 2006, I‑0000, Randnr. 416). Des Weiteren kann
         nach Artikel 63 Absätze 2 und 3 der Verordnung Nr. 40/94 die Entscheidung einer Beschwerdekammer nur aufgehoben oder geändert
         werden, wenn sie in materiell-rechtlicher oder verfahrensrechtlicher Hinsicht rechtswidrig ist (Urteil des Gerichts vom 12.
         Dezember 2002 in der Rechtssache T‑247/01, eCopy/HABM [ECOPY], Slg. 2002, II‑5301, Randnr. 46).
      
      46     Im vorliegenden Fall kann nicht ausgeschlossen werden, dass die Beweismittel, deren Berücksichtigung die Beschwerdekammer
         zu Unrecht ablehnte, geeignet sein könnten, den Inhalt der angefochtenen Entscheidung zu ändern; dabei ist es nicht Sache
         des Gerichts, sich bei der vorzunehmenden Beurteilung des fraglichen Vorbringens an die Stelle des HABM zu setzen. 
      
      47     Die angefochtene Entscheidung ist folglich aufzuheben, ohne dass auf die anderen Klagegründe eingegangen werden müsste. 
       Kosten
      48     Nach Artikel 87 § 2 der Verfahrensordnung des Gerichts ist die unterliegende Partei auf Antrag zur Tragung der Kosten zu verurteilen.
         Da das HABM unterlegen ist, sind ihm gemäß dem Antrag der Klägerin die Kosten aufzuerlegen. 
      
      49     Der Antrag des HABM, der anderen Beteiligten des Verfahrens vor der Beschwerdekammer des HABM, Novomarket, im Fall der Aufhebung
         der angefochtenen Entscheidung die Kosten der Klägerin aufzuerlegen, ist zurückzuweisen. Die Verfahrensordnung sieht nämlich
         nicht die Möglichkeit vor, einer Partei, die dem Rechtsstreit vor dem Gericht – wie im vorliegenden Fall Novomarket – nicht
         beigetreten ist, die Kosten aufzuerlegen. 
      
      Aus diesen Gründen hat 
      DAS GERICHT (Erste Kammer)
      für Recht erkannt und entschieden:
      1.      Die Entscheidung der Zweiten Beschwerdekammer des Harmonisierungsamts für den Binnenmarkt (Marken, Muster und Modelle) (HABM)
            vom 19. April 2004 (Sache R 479/2003‑2) wird aufgehoben.
      2.      Das HABM trägt die Kosten des Verfahrens.
      
               Cooke
            
            
               García-Valdecasas
            
            
               Labucka
            
         Verkündet in öffentlicher Sitzung in Luxemburg am 11. Juli 2006.
      
               Der Kanzler 
            
             
            
                     Der Präsident
            
         
               E. Coulon
            
             
            
                     R. García-Valdecasas
            
         * Verfahrenssprache: Französisch.