CELEX: 62008CJ0137
Language: de
Date: 2010-11-09 00:00:00
Title: Urteil des Gerichtshofes (Große Kammer) vom 9. November 2010.#VB Pénzügyi Lízing Zrt. gegen Ferenc Schneider.#Ersuchen um Vorabentscheidung: Budapesti II. és III. kerületi bíróság - Ungarn.#Richtlinie 93/13/EWG - Missbräuchliche Klauseln in Verbraucherverträgen - Beurteilungskriterien - Prüfung der Missbräuchlichkeit einer Gerichtsstandsklausel durch das nationale Gericht von Amts wegen - Art. 23 der Satzung des Gerichtshofs.#Rechtssache C-137/08.

Rechtssache C‑137/08
      VB Pénzügyi Lízing Zrt.
      gegen
      Ferenc Schneider
      (Vorabentscheidungsersuchen des Budapesti II. és III. kerületi bíróság)
      „Richtlinie 93/13/EWG – Missbräuchliche Klauseln in Verbraucherverträgen – Beurteilungskriterien – Prüfung der Missbräuchlichkeit einer Gerichtsstandsklausel durch das nationale Gericht von Amts wegen – Art. 23 der Satzung des Gerichtshofs“
      Leitsätze des Urteils
      1.        Vorabentscheidungsverfahren – Anrufung des Gerichtshofs – Pflicht eines nationalen Gerichts, das ein Vorabentscheidungsverfahren
            einleitet, gleichzeitig den Justizminister davon zu unterrichten – Keine Auswirkung
      (Art. 267 AEUV; Statut des Gerichtshofs, Art. 23)
      2.        Rechtsangleichung – Missbräuchliche Klauseln in Verbraucherverträgen – Richtlinie 93/13 – Missbräuchliche Klausel im Sinne
            von Art. 3 – Begriff – Gerichtsstandsklausel
      (Richtlinie des Rates 93/13, Art. 3 Abs. 1)
      3.        Rechtsangleichung – Missbräuchliche Klauseln in Verbraucherverträgen – Richtlinie 93/13 – Pflicht eines nationalen Gerichts,
            die Missbräuchlichkeit einer Klausel in einem ihm zur Beurteilung vorgelegten Vertrag zu prüfen – Umfang
      (Richtlinie des Rates 93/13, Art. 3)
      1.        Art. 23 Abs. 1 der Satzung des Gerichtshofs der Europäischen Union steht einer Bestimmung des nationalen Rechts nicht entgegen,
         die vorsieht, dass der Richter gleichzeitig mit seinem Ersuchen um Vorabentscheidung von Amts wegen den Justizminister seines
         Mitgliedstaats über dieses informiert.
      
      Es ist nicht ersichtlich, dass eine solche Pflicht als Eingriff in den mit Art. 267 AEUV eingeführten Mechanismus des Dialogs
         zwischen den Gerichten angesehen werden könnte. Die den nationalen Gerichten des betreffenden Mitgliedstaats auferlegte Pflicht,
         den Justizminister zu dem Zeitpunkt zu unterrichten, zu dem die Vorlageentscheidung dem Gerichtshof übermittelt wird, ist
         nämlich keine Voraussetzung für eine solche Vorlage. Daher kann sie keine Auswirkungen auf die Befugnis dieser Gerichte zur
         Vorlage eines Vorabentscheidungsersuchens haben und auch nicht in die Rechte eingreifen, die diesen Gerichten durch Art. 267
         AEUV eingeräumt werden. Ebenso wenig ist im Übrigen ersichtlich, dass eine etwaige Verletzung dieser Informationspflicht rechtliche
         Folgen hätte, die das Verfahren nach Art. 267 AEUV beeinträchtigen könnten, wenn kein Anhaltspunkt dafür vorgetragen worden
         ist, dass die nationalen Gerichte des betreffenden Mitgliedstaats durch die Informationspflicht davon abgehalten werden könnten,
         ein Vorabentscheidungsersuchen an den Gerichtshof zu richten.
      
      (vgl. Randnrn. 31-35, Tenor 1)
      2.        Art. 267 AEUV ist dahin auszulegen, dass sich die Zuständigkeit des Gerichtshofs der Europäischen Union auf die Auslegung
         des Begriffs der missbräuchlichen Vertragsklausel in Art. 3 Abs. 1 und im Anhang der Richtlinie 93/13 über missbräuchliche
         Klauseln in Verbraucherverträgen sowie auf die Kriterien erstreckt, die das nationale Gericht bei der Prüfung einer Vertragsklausel
         im Hinblick auf die Bestimmungen der Richtlinie anwenden darf oder muss, wobei es Sache dieses Gerichts ist, unter Berücksichtigung
         dieser Kriterien über die konkrete Bewertung einer bestimmten Vertragsklausel anhand der Umstände des Einzelfalls zu entscheiden.
      
      Die Missbräuchlichkeit einer Vertragsklausel ist unter Berücksichtigung der Art der Güter oder Dienstleistungen, die Gegenstand
         des Vertrags sind, und aller den Vertragsabschluss begleitenden Umstände zum Zeitpunkt des Vertragsabschlusses zu beurteilen,
         worunter auch der Umstand fällt, dass eine Klausel in einen Vertrag zwischen einem Verbraucher und einem Gewerbetreibenden
         aufgenommen worden ist, ohne im Einzelnen ausgehandelt worden zu sein, und die ausschließliche Zuständigkeit dem Gericht zuweist,
         in dessen Bezirk der Gewerbetreibende seinen Sitz hat.
      
      (vgl. Randnrn. 42-44, Tenor 2)
      3.        Das nationale Gericht ist verpflichtet, von Amts wegen Untersuchungsmaßnahmen durchzuführen, um festzustellen, ob eine Klausel
         über einen ausschließlichen Gerichtsstand in einem Vertrag, der Gegenstand des bei ihm anhängigen Rechtsstreits ist und zwischen
         einem Gewerbetreibenden und einem Verbraucher geschlossen wurde, in den Anwendungsbereich der Richtlinie 93/13 über missbräuchliche
         Klauseln in Verbraucherverträgen fällt, und, falls dies zu bejahen ist, von Amts wegen zu beurteilen, ob eine solche Klausel
         möglicherweise missbräuchlich ist.
      
      Um nämlich die vom Unionsgesetzgeber angestrebte Effektivität des Verbraucherschutzes in einer Situation zu gewährleisten,
         die von einer Ungleichheit zwischen Verbraucher und Gewerbetreibendem gekennzeichnet ist, die nur durch ein positives Eingreifen
         von dritter, von den Vertragsparteien unabhängiger Seite ausgeglichen werden kann, muss das nationale Gericht im ersten Schritt
         seiner Prüfung in allen Fällen, und welches immer die innerstaatlichen Rechtsvorschriften sind, feststellen, ob die streitige
         Vertragsklausel zwischen einem Gewerbetreibenden und einem Verbraucher im Einzelnen ausgehandelt wurde.
      
      Was den zweiten Prüfungsschritt anbelangt, ist eine Klausel, die in einen Vertrag zwischen einem Verbraucher und einem Gewerbetreibenden
         aufgenommen wurde, ohne im Einzelnen ausgehandelt worden zu sein, und die ausschließliche örtliche Zuständigkeit einem Gericht
         zuweist, das sich sowohl geografisch als auch verkehrstechnisch in der Nähe des Sitzes des Gewerbetreibenden befindet, als
         missbräuchlich im Sinne des Art. 3 der Richtlinie anzusehen, da sie entgegen dem Gebot von Treu und Glauben zum Nachteil des
         Verbrauchers ein erhebliches und ungerechtfertigtes Missverhältnis der vertraglichen Rechte und Pflichten der Vertragspartner
         verursacht.
      
      (vgl. Randnrn. 48, 51-53, 56, Tenor 3)
URTEIL DES GERICHTSHOFS (Große Kammer)
      9. November 2010(*)
      
      „Richtlinie 93/13/EWG – Missbräuchliche Klauseln in Verbraucherverträgen – Beurteilungskriterien – Prüfung der Missbräuchlichkeit einer Gerichtsstandsklausel durch das nationale Gericht von Amts wegen – Art. 23 der Satzung des Gerichtshofs“
      In der Rechtssache C‑137/08
      betreffend ein Vorabentscheidungsersuchen nach Art. 234 EG, eingereicht vom Budapesti II. és III. kerületi bíróság (Ungarn)
         mit Entscheidung vom 27. März 2008, beim Gerichtshof eingegangen am 7. April 2008, in dem Verfahren
      
      VB Pénzügyi Lízing Zrt.
      gegen
      Ferenc Schneider
      erlässt
      DER GERICHTSHOF (Große Kammer)
      unter Mitwirkung des Präsidenten V. Skouris, der Kammerpräsidenten A. Tizzano, J. N. Cunha Rodrigues, K. Lenaerts und J.-C. Bonichot,
         der Richterin R. Silva de Lapuerta (Berichterstatterin), der Richter M. Ilešič, J. Malenovský, U. Lõhmus, E. Levits, A. Ó Caoimh
         und L. Bay Larsen sowie der Richterin P. Lindh,
      
      Generalanwältin: V. Trstenjak,
      Kanzler: A. Calot Escobar,
      aufgrund des schriftlichen Verfahrens,
      unter Berücksichtigung der Erklärungen
      –        der ungarischen Regierung, vertreten durch J. Fazekas, R. Somssich, K. Borvölgyi und M. Fehér als Bevollmächtigte,
      –        Irlands, vertreten durch D. J. O’Hagan als Bevollmächtigten im Beistand von A. M. Collins, SC,
      –        der spanischen Regierung, vertreten durch J. López-Medel Báscones als Bevollmächtigten,
      –        der niederländischen Regierung, vertreten durch C. M. Wissels als Bevollmächtigte,
      –        der Regierung des Vereinigten Königreichs, vertreten durch S. Ossowski und L. Seeboruth als Bevollmächtigte sowie durch T. de
         la Mare, Barrister,
      
      –        der Europäischen Kommission, vertreten durch B. D. Simon und W. Wils als Bevollmächtigte,
      nach Anhörung der Schlussanträge der Generalanwältin in der Sitzung vom 6. Juli 2010
      folgendes
      Urteil
      1        Das Vorabentscheidungsersuchen betrifft die Auslegung der Richtlinie 93/13/EWG des Rates vom 5. April 1993 über missbräuchliche
         Klauseln in Verbraucherverträgen (ABl. L 95, S. 29, im Folgenden: Richtlinie).
      
      2        Dieses Ersuchen ergeht im Rahmen eines Rechtsstreits zwischen der VB Pénzügyi Lízing Zrt. (im Folgenden: VB Pénzügyi Lízing)
         und Herrn Schneider wegen eines Mahnbescheids.
      
       Rechtlicher Rahmen
       Unionsrecht
      3        Art. 23 der Satzung des Gerichtshofs der Europäischen Union bestimmt:
      
      „In den Fällen nach Artikel 267 AEUV obliegt es dem Gericht des Mitgliedstaats, das ein Verfahren aussetzt und den Gerichtshof
         anruft, diese Entscheidung dem Gerichtshof zu übermitteln. Der Kanzler des Gerichtshofs stellt diese Entscheidung den beteiligten
         Parteien, den Mitgliedstaaten und der Kommission zu und außerdem den Organen, Einrichtungen oder sonstigen Stellen der Union,
         von denen die Handlung, deren Gültigkeit oder Auslegung streitig ist, ausgegangen ist.
      
      Binnen zwei Monaten nach dieser Zustellung können die Parteien, die Mitgliedstaaten, die Kommission und gegebenenfalls die
         Organe, Einrichtungen oder sonstigen Stellen der Union, von denen die Handlung, deren Gültigkeit oder Auslegung streitig ist,
         ausgegangen ist, beim Gerichtshof Schriftsätze einreichen oder schriftliche Erklärungen abgeben.
      
      …“
      4        Zweck der Richtlinie ist nach ihrem Art. 1 Abs. 1 „die Angleichung der Rechts- und Verwaltungsvorschriften der Mitgliedstaaten
         über missbräuchliche Klauseln in Verträgen zwischen Gewerbetreibenden und Verbrauchern“.
      
      5        Art. 3 Abs. 1 und 2 der Richtlinie sieht vor:
      
      „(1)      Eine Vertragsklausel, die nicht im Einzelnen ausgehandelt wurde, ist als missbräuchlich anzusehen, wenn sie entgegen dem Gebot
         von Treu und Glauben zum Nachteil des Verbrauchers ein erhebliches und ungerechtfertigtes Missverhältnis der vertraglichen
         Rechte und Pflichten der Vertragspartner verursacht.
      
      (2)      Eine Vertragsklausel ist immer dann als nicht im Einzelnen ausgehandelt zu betrachten, wenn sie im Voraus abgefasst wurde
         und der Verbraucher deshalb, insbesondere im Rahmen eines vorformulierten Standardvertrags, keinen Einfluss auf ihren Inhalt
         nehmen konnte.
      
      …“
      6        Art. 3 Abs. 3 der Richtlinie verweist auf ihren Anhang, der „eine als Hinweis dienende und nicht erschöpfende Liste der Klauseln
         [enthält], die für missbräuchlich erklärt werden können“. In diesem Anhang werden unter Nr. 1 die Klauseln aufgeführt, „die
         darauf abzielen oder zur Folge haben, dass
      
      …
      q)      dem Verbraucher die Möglichkeit, Rechtsbehelfe bei Gericht einzulegen oder sonstige Beschwerdemittel zu ergreifen, genommen
         oder erschwert wird …“.
      
      7        Art. 6 Abs. 1 der Richtlinie lautet:
      
      „Die Mitgliedstaaten sehen vor, dass missbräuchliche Klauseln in Verträgen, die ein Gewerbetreibender mit einem Verbraucher
         geschlossen hat, für den Verbraucher unverbindlich sind, und legen die Bedingungen hierfür in ihren innerstaatlichen Rechtsvorschriften
         fest; sie sehen ferner vor, dass der Vertrag für beide Parteien auf derselben Grundlage bindend bleibt, wenn er ohne die missbräuchlichen
         Klauseln bestehen kann.“
      
      8        Art. 7 Abs. 1 und 2 der Richtlinie sieht vor:
      
      „(1)      Die Mitgliedstaaten sorgen dafür, dass im Interesse der Verbraucher und der gewerbetreibenden Wettbewerber angemessene und
         wirksame Mittel vorhanden sind, damit der Verwendung missbräuchlicher Klauseln durch einen Gewerbetreibenden in den Verträgen,
         die er mit Verbrauchern schließt, ein Ende gesetzt wird.
      
      (2)      Die in Absatz 1 genannten Mittel müssen auch Rechtsvorschriften einschließen, wonach Personen oder Organisationen, die nach
         dem innerstaatlichen Recht ein berechtigtes Interesse am Schutz der Verbraucher haben, im Einklang mit den einzelstaatlichen
         Rechtsvorschriften die Gerichte oder die zuständigen Verwaltungsbehörden anrufen können, damit diese darüber entscheiden,
         ob Vertragsklauseln, die im Hinblick auf eine allgemeine Verwendung abgefasst wurden, missbräuchlich sind, und angemessene
         und wirksame Mittel anwenden, um der Verwendung solcher Klauseln ein Ende zu setzen.“
      
       Nationales Recht
      9        Zum im Ausgangsverfahren maßgebenden Zeitpunkt galten das Zivilgesetzbuch in der Fassung des Gesetzes Nr. III von 2006 und
         die Regierungsverordnung Nr. 18/1999 über missbräuchliche Klauseln in Verbraucherverträgen.
      
      10      Nach § 209/A Abs. 2 des Zivilgesetzbuchs ist in einem Verbrauchervertrag eine missbräuchliche Klausel, die entweder Teil allgemeiner
         Geschäftsbedingungen ist oder im Voraus und einseitig vom Vertragspartner des Verbrauchers festgelegt worden ist, ohne im
         Einzelnen ausgehandelt worden zu sein, nichtig.
      
      11      Die Regierungsverordnung Nr. 18/1999 teilt die Vertragsklauseln in zwei Kategorien ein. In die erste Kategorie fallen Vertragsklauseln,
         deren Verwendung in Verbraucherverträgen verboten ist und die folglich von Rechts wegen nichtig sind. Die zweite Kategorie
         erfasst Klauseln, die bis zum Nachweis des Gegenteils als missbräuchlich gelten, wobei der Verwender einer solchen Klausel
         diese Vermutung widerlegen kann.
      
      12      § 155/A Abs. 2 der Zivilprozessordnung bestimmt:
      
      „Das Gericht entscheidet über die Befassung des Gerichtshofs der Europäischen Gemeinschaften mit einer Vorlagefrage durch
         Beschluss und setzt gleichzeitig das Verfahren aus. In seinem Beschluss formuliert das Gericht die Frage, die dem Gerichtshof
         zur Vorabentscheidung vorgelegt wird, und stellt den relevanten Sachverhalt sowie die einschlägigen ungarischen Rechtsvorschriften
         dar, soweit dies zur Beantwortung der Vorlagefrage durch den Gerichtshof erforderlich ist. Das Gericht übermittelt seinen
         Beschluss dem Gerichtshof und übersendet ihn gleichzeitig zur Information an den Justizminister.“
      
      13      Nach § 164 Abs. 1 der Zivilprozessordnung hat im Allgemeinen diejenige Partei die für die Entscheidung des Rechtsstreits erforderlichen
         tatsächlichen Grundlagen zu beweisen, die ein Interesse daran hat, dass das Gericht sie als erwiesen ansieht. Nach Abs. 2
         dieser Bestimmung kann das Gericht von Amts wegen eine Beweisaufnahme anordnen, wenn das Gesetz dies zulässt.
      
       Ausgangsverfahren und Vorlagefragen
      14      Die Parteien des Ausgangsverfahrens schlossen am 14. April 2006 einen Darlehensvertrag, mit dem der Kauf eines Kraftfahrzeugs
         finanziert werden sollte.
      
      15      Als Herr Schneider seinen vertraglichen Verpflichtungen nicht mehr nachkam, kündigte VB Pénzügyi Lízing den Darlehensvertrag
         und machte beim vorlegenden Gericht eine Forderung in Höhe von 317 404 HUF zuzüglich Zinsen auf den ausstehenden Betrag und
         Kostenerstattung geltend.
      
      16      VB Pénzügyi Lízing beantragte den Erlass eines Mahnbescheids nicht bei dem Gericht, in dessen Bezirk Herr Schneider seinen
         Wohnsitz hat, sondern stützte sich auf die Gerichtsstandsklausel des Darlehensvertrags, die dem vorlegenden Gericht die Zuständigkeit
         für etwaige Streitigkeiten zwischen den Parteien zuweist.
      
      17      Der beantragte Mahnbescheid wurde im Rahmen eines sogenannten „nichtstreitigen“ Verfahrens erlassen, das keine mündliche Verhandlung
         oder Anhörung der gegnerischen Partei erfordert. Beim Erlass des Mahnbescheids stellte das vorlegende Gericht weder seine
         örtliche Zuständigkeit noch die Gerichtsstandsklausel des Darlehensvertrags in Frage.
      
      18      Herr Schneider erhob gegen den Mahnbescheid Einspruch beim vorlegenden Gericht, ohne diesen jedoch näher zu begründen. Rechtlich
         hatte dieser Einspruch zur Folge, dass aus dem Verfahren ein streitiges Verfahren wurde, das sodann nach den allgemeinen Regeln
         der Zivilprozessordnung ablief.
      
      19      Das vorlegende Gericht stellte fest, dass Herr Schneider nicht in seinem Gerichtsbezirk wohne, obwohl nach dem Zivilverfahrensrecht
         für einen Rechtsstreit, wie er bei ihm anhängig sei, das Gericht zuständig sei, in dessen Bezirk der Beklagte seinen Wohnsitz
         habe.
      
      20      Unter diesen Umständen hat der Budapesti II. és III. kerületi bíróság das Verfahren ausgesetzt und dem Gerichtshof folgende
         Fragen zur Vorabentscheidung vorgelegt:
      
      1.      Erfordert der in der Richtlinie gewährleistete Verbraucherschutz, dass der nationale Richter von Amts wegen auch ohne darauf
         gerichteten Antrag – unabhängig von der Natur des Verfahrens, sei es streitig oder nicht streitig – bei der Prüfung seiner
         Zuständigkeit die Missbräuchlichkeit einer ihm vorgelegten Vertragsklausel beurteilt?
      
      2.      Welche Gesichtspunkte kann der Richter bei Bejahung der ersten Frage bei dieser Prüfung berücksichtigen, insbesondere dann,
         wenn eine Vertragsklausel für die Zuständigkeit des Gerichts nicht das Gericht des Sitzes des Dienstleistungserbringers, sondern
         ein anderes Gericht vorsieht, das sich aber in der Nähe dieses Sitzes befindet?
      
      3.      Ist durch Art. 23 Abs. 1 der Satzung des Gerichtshofs die Möglichkeit ausgeschlossen, dass der nationale Richter gleichzeitig
         mit seinem Ersuchen um Vorabentscheidung von Amts wegen den Justizminister seines Mitgliedstaats über dieses informiert?
      
       Verfahren vor dem Gerichtshof
      21      Mit Entscheidung des Präsidenten des Gerichtshofs vom 13. Februar 2009 ist das Verfahren bis zur Verkündung des Urteils vom
         4. Juni 2009, Pannon GSM (C‑243/08, Slg. 2009, I‑4713), ausgesetzt worden.
      
      22      Im Anschluss an die Verkündung dieses Urteils hat das vorlegende Gericht dem Gerichtshof am 2. Juli 2009 mitgeteilt, dass
         es eine Antwort des Gerichtshofs auf die erste und die zweite seiner in der Entscheidung vom 27. März 2008 gestellten Fragen
         nicht mehr für erforderlich erachte. Dagegen ersuche es weiter um Beantwortung der dritten Frage.
      
      23      Das vorlegende Gericht wirft zudem die Frage auf, welche Rolle dem Gerichtshof bei der Gewährleistung der in der Richtlinie
         vorgeschriebenen einheitlichen Anwendung  des Schutzniveaus der Verbraucherrechte in allen Mitgliedstaaten zukomme. Hierzu
         sei den Randnrn. 34 und 35 des Urteils Pannon GSM zu entnehmen, dass die spezifischen Merkmale des nach nationalem Recht zwischen
         dem Gewerbetreibenden und dem Verbraucher geführten gerichtlichen Verfahrens kein Kriterium seien, das den dem Verbraucher
         nach der Richtlinie zu gewährenden Rechtsschutz beeinträchtigen könnte. Aus diesen Randnrn. 34 und 35 ergebe sich insbesondere,
         dass das nationale Gericht verpflichtet sei, die Missbräuchlichkeit einer Vertragsklausel von Amts wegen zu prüfen, sobald
         es über die hierzu erforderlichen rechtlichen und tatsächlichen Grundlagen verfüge.
      
      24      Den Hinweisen des Gerichtshofs in den einschlägigen Randnummern des Urteils Pannon GSM lasse sich indessen nicht entnehmen,
         ob der nationale Richter die Missbräuchlichkeit einer Vertragsklausel nur dann von Amts wegen prüfen dürfe, wenn er über die
         hierzu erforderlichen rechtlichen und tatsächlichen Grundlagen verfüge, oder ob die Prüfung von Amts wegen vielmehr auch bedeute,
         dass der nationale Richter verpflichtet sei, in ihrem Rahmen von Amts wegen die hierzu erforderlichen rechtlichen und tatsächlichen
         Grundlagen zu ermitteln.
      
      25      Auf der Grundlage dieser Erwägungen hat der Budapesti II. és III. kerületi bíróság dem Gerichtshof zusätzlich folgende Fragen
         zur Vorabentscheidung vorgelegt:
      
      1.      Ist der Gerichtshof nach Art. 267 AEUV auch für die Auslegung des Begriffs „missbräuchliche Vertragsklausel“ im Sinne von
         Art. 3 Abs. 1 der Richtlinie sowie der im Anhang dieser Richtlinie aufgezählten Klauseln zuständig?
      
      2.      Falls ja: Kann sich das Vorabentscheidungsersuchen, mit dem um eine solche Auslegung gebeten wird, im Interesse einer einheitlichen
         Anwendung des durch die Richtlinie gewährleisteten Schutzniveaus der Verbraucherrechte in allen Mitgliedstaaten auf die Frage
         beziehen, welche Aspekte das nationale Gericht berücksichtigen darf oder muss, wenn die in der Richtlinie festgelegten allgemeinen
         Kriterien auf eine besondere individuelle Vertragsklausel angewendet werden?
      
      3.      Kann das nationale Gericht, wenn es selbst bemerkt, dass möglicherweise eine missbräuchliche Vertragsklausel vorliegt, von
         Amts wegen eine Untersuchung vornehmen, um die für diese Beurteilung erforderlichen rechtlichen und tatsächlichen Grundlagen
         festzustellen, obwohl die Parteien keinen entsprechenden Antrag gestellt haben, wenn das nationale Verfahrensrecht eine solche
         Überprüfung nur auf Antrag der Parteien zulässt?
      
       Zu den Vorlagefragen
       Zur ursprünglich dritten Vorlagefrage
      26      Mit dieser Frage möchte das vorlegende Gericht wissen, ob Art. 23 Abs. 1 der Satzung des Gerichtshofs einer Bestimmung des
         nationalen Rechts entgegensteht, die vorsieht, dass der Richter gleichzeitig mit seinem Ersuchen um Vorabentscheidung von
         Amts wegen den Justizminister über dieses informiert.
      
      27      Hierzu ist festzustellen, dass Art. 23 Abs. 1 der Satzung des Gerichtshofs, wonach es dem Gericht des Mitgliedstaats, das
         ein Verfahren aussetzt und den Gerichtshof anruft, obliegt, diese Entscheidung dem Gerichtshof zu übermitteln, und der Kanzler
         des Gerichtshofs diese Entscheidung je nach Sachlage u. a. den beteiligten Parteien, den Mitgliedstaaten und der Kommission
         sowie anderen Organen, Einrichtungen oder sonstigen Stellen der Union zustellt, keinen Hinweis auf andere Informationsmaßnahmen
         enthält, die das nationale Gericht im Rahmen seiner Entscheidung, den Gerichtshof um Vorabentscheidung zu ersuchen, ergreifen
         könnte.
      
      28      Zur Beantwortung der Vorlagefrage ist darauf hinzuweisen, dass das System, das mit Art. 267 AEUV geschaffen wurde, um die
         einheitliche Auslegung des Unionsrechts in den Mitgliedstaaten zu gewährleisten, eine unmittelbare Zusammenarbeit zwischen
         dem Gerichtshof und den nationalen Gerichten durch ein Verfahren einführt, das der Parteiherrschaft entzogen ist (vgl. Urteile
         vom 10. Juli 1997, Palmisani, C‑261/95, Slg. 1997, I‑4025, Randnr. 31, vom 12. Februar 2008, Kempter, C‑2/06, Slg. 2008, I‑411,
         Randnr. 41, und vom 16. Dezember 2008, Cartesio, C‑210/06, Slg. 2008, I‑9641, Randnr. 90).
      
      29      Die Vorlage zur Vorabentscheidung beruht nämlich auf einem Dialog des einen mit dem anderen Gericht, dessen Aufnahme ausschließlich
         von der Beurteilung der Erheblichkeit und der Notwendigkeit der Vorlage durch das nationale Gericht abhängt (vgl. Urteile
         Kempter, Randnr. 42, und Cartesio, Randnr. 91).
      
      30      Unter Beachtung dieser dem Vorabentscheidungsverfahren zugrunde liegenden Grundsätze und der Vorlagefrage ist zu klären, ob
         die in Frage stehende Informationspflicht Auswirkungen auf die Befugnisse der nationalen Gerichte nach Art. 267 AEUV haben
         kann.
      
      31      Es ist nicht ersichtlich, dass eine Pflicht wie die im Ausgangsverfahren fragliche als Eingriff in den mit Art. 267 AEUV eingeführten
         Mechanismus des Dialogs zwischen den Gerichten angesehen werden könnte.
      
      32      Die den nationalen Gerichten des betreffenden Mitgliedstaats auferlegte Pflicht, den Justizminister zu dem Zeitpunkt zu unterrichten,
         zu dem die Vorlageentscheidung dem Gerichtshof übermittelt wird, ist nämlich keine Voraussetzung für eine solche Vorlage.
         Daher kann sie keine Auswirkungen auf die Befugnis dieser Gerichte zur Vorlage eines Vorabentscheidungsersuchens haben und
         auch nicht in die Rechte eingreifen, die diesen Gerichten durch Art. 267 AEUV eingeräumt werden.
      
      33      Ebenso wenig ist im Übrigen ersichtlich, dass eine etwaige Verletzung dieser Informationspflicht rechtliche Folgen hätte,
         die das Verfahren nach Art. 267 AEUV beeinträchtigen könnten.
      
      34      Wie darüber hinaus die Generalanwältin in Nr. 74 ihrer Schlussanträge ausgeführt hat, ist kein Anhaltspunkt dafür vorgetragen
         worden, dass die nationalen Gerichte des betreffenden Mitgliedstaats durch die Informationspflicht davon abgehalten werden
         könnten, ein Vorabentscheidungsersuchen an den Gerichtshof zu richten.
      
      35      Daher ist auf die ursprünglich dritte Vorlagefrage zu antworten, dass Art. 23 Abs. 1 der Satzung des Gerichtshofs nicht einer
         Bestimmung des nationalen Rechts entgegensteht, die vorsieht, dass der Richter gleichzeitig mit seinem Ersuchen um Vorabentscheidung
         von Amts wegen den Justizminister seines Mitgliedstaats über dieses informiert.
      
       Zur ersten und zur zweiten zusätzlichen Frage
      36      Mit diesen Fragen, die zusammen zu prüfen sind, möchte das vorlegende Gericht wissen, ob Art. 267 AEUV dahin auszulegen ist,
         dass sich die Zuständigkeit des Gerichtshofs auf die Auslegung des Begriffs „missbräuchliche Vertragsklausel“ in Art. 3 Abs. 1
         und im Anhang der Richtlinie sowie auf die Kriterien erstreckt, die das nationale Gericht bei der Prüfung einer Vertragsklausel
         im Hinblick auf die Bestimmungen der Richtlinie anwenden darf oder muss.
      
      37      Für die Beantwortung dieser Fragen ist zu beachten, dass das in Art. 267 AEUV vorgesehene Verfahren ein Instrument der Zusammenarbeit
         zwischen dem Gerichtshof und den nationalen Gerichten ist, mit dem der Gerichtshof diesen Gerichten Hinweise zur Auslegung
         des Unionsrechts gibt, die sie zur Entscheidung der bei ihnen anhängigen Rechtsstreitigkeiten benötigen (vgl. u. a. Urteile
         vom 8. November 1990, Gmurzynska-Bscher, C‑231/89, Slg. 1990, I‑4003, Randnr. 18, und vom 12. März 1998, Djabali, C‑314/96,
         Slg. 1998, I‑1149, Randnr. 17).
      
      38      Zu der Frage, welche Bestimmungen des Unionsrechts Gegenstand eines auf der Grundlage von Art. 267 AEUV ergangenen Urteils
         des Gerichtshofs sein können, ist festzustellen, dass der Gerichtshof über die Auslegung der Verträge und der Handlungen der
         Organe, Einrichtungen oder sonstigen Stellen der Union ohne jede Ausnahme entscheidet (vgl. Urteile vom 13. Dezember 1989,
         Grimaldi, C‑322/88, Slg. 1989, 4407, Randnr. 8, und vom 11. Mai 2006, Friesland Coberco Dairy Foods, C‑11/05, Slg. 2006, I‑4285,
         Randnrn. 35 und 36).
      
      39      Geht es um eine unionsrechtliche Regelung, kann der Gerichtshof folglich von einem nationalen Gericht um die Auslegung der
         Begriffe eines sekundärrechtlichen Rechtsakts wie z. B. des Begriffs „missbräuchliche Vertragsklausel“ der Richtlinie und
         ihres Anhangs ersucht werden.
      
      40      Der Gerichtshof hat hierzu entschieden, dass die Art. 3 Abs. 1 und 4 Abs. 1 der Richtlinie in ihrer Gesamtheit die allgemeinen
         Kriterien festlegen, anhand deren die Missbräuchlichkeit der unter die Bestimmungen der Richtlinie fallenden Vertragsklauseln
         beurteilt werden kann (vgl. Urteil vom 3. Juni 2010, Caja de Ahorros y Monte de Piedad de Madrid, C‑484/08, Slg. 2010, I‑0000,
         Randnr. 33 und die dort angeführte Rechtsprechung).
      
      41      Zudem wurde eine ähnliche Frage im Rahmen des Vorabentscheidungsersuchens aufgeworfen, zu dem das Urteil Pannon GSM ergangen
         ist. Das vorlegende Gericht in jener Rechtssache hatte den Gerichtshof um Hinweise ersucht, welche Gesichtspunkte das nationale
         Gericht für die Beurteilung, ob eine Vertragsklausel missbräuchlich sei, zu berücksichtigen habe.
      
      42      Hierzu hat der Gerichtshof in den Randnrn. 37 bis 39 des Urteils Pannon GSM festgestellt, dass Art. 3 der Richtlinie nur abstrakt
         die Faktoren definiert, die einer nicht im Einzelnen ausgehandelten Vertragsklausel missbräuchlichen Charakter verleihen,
         dass der Anhang, auf den Art. 3 Abs. 3 der Richtlinie verweist, lediglich eine als Hinweis dienende und nicht erschöpfende
         Liste von Klauseln enthält, die für missbräuchlich erklärt werden können, und dass nach Art. 4 der Richtlinie die Missbräuchlichkeit
         einer Vertragsklausel unter Berücksichtigung der Art der Güter oder Dienstleistungen, die Gegenstand des Vertrags sind, und
         aller den Vertragsabschluss begleitenden Umstände zum Zeitpunkt des Vertragsabschlusses zu beurteilen ist.
      
      43      Unter diesen Umständen hat der Gerichtshof in seiner Antwort auf die Frage ausgeführt, dass es Sache des nationalen Gerichts
         ist, festzustellen, ob eine Vertragsklausel die Kriterien erfüllt, um als missbräuchlich im Sinne von Art. 3 Abs. 1 der Richtlinie
         qualifiziert zu werden, und dass das nationale Gericht dabei zu beachten hat, dass eine Klausel, die in einen Vertrag zwischen
         einem Verbraucher und einem Gewerbetreibenden aufgenommen worden ist, ohne im Einzelnen ausgehandelt worden zu sein, und die
         ausschließliche Zuständigkeit dem Gericht zuweist, in dessen Bezirk der Gewerbetreibende seinen Sitz hat, als missbräuchlich
         angesehen werden kann (vgl. Urteil Pannon GSM, Randnr. 44).
      
      44      Daher ist auf die erste und die zweite zusätzliche Frage zu antworten, dass Art. 267 AEUV dahin auszulegen ist, dass sich
         die Zuständigkeit des Gerichtshofs auf die Auslegung des Begriffs „missbräuchliche Vertragsklausel“ in Art. 3 Abs. 1 und im
         Anhang der Richtlinie sowie auf die Kriterien erstreckt, die das nationale Gericht bei der Prüfung einer Vertragsklausel im
         Hinblick auf die Bestimmungen der Richtlinie anwenden darf oder muss, wobei es Sache des nationalen Gerichts ist, unter Berücksichtigung
         dieser Kriterien über die konkrete Bewertung einer bestimmten Vertragsklausel anhand der Umstände des Einzelfalls zu entscheiden.
      
       Zur dritten zusätzlichen Frage
      45      Mit dieser Frage, die sehr allgemein formuliert ist, möchte das vorlegende Gericht klären lassen, welche Pflichten es nach
         den Bestimmungen der Richtlinie hat, wenn es bemerkt, dass möglicherweise eine missbräuchliche Vertragsklausel über einen
         ausschließlichen Gerichtsstand vorliegt. Das Gericht möchte insbesondere wissen, ob das nationale Gericht in einer solchen
         Situation verpflichtet ist, von Amts wegen eine Untersuchung vorzunehmen, um die rechtlichen und tatsächlichen Grundlagen
         festzustellen, die es für die Beurteilung benötigt, ob eine solche Klausel gegeben ist, wenn das nationale Recht eine solche
         Untersuchung nur auf Antrag einer der Parteien zulässt.
      
      46      Für die Beantwortung der Vorlagefrage ist darauf hinzuweisen, dass nach ständiger Rechtsprechung das mit der Richtlinie geschaffene
         Schutzsystem davon ausgeht, dass der Verbraucher sich gegenüber dem Gewerbetreibenden in einer schwächeren Verhandlungsposition
         befindet und einen geringeren Informationsstand besitzt, was dazu führt, dass er den vom Gewerbetreibenden vorformulierten
         Bedingungen zustimmt, ohne auf deren Inhalt Einfluss nehmen zu können (vgl. Urteile vom 27. Juni 2000, Océano Grupo Editorial
         und Salvat Editores, C‑240/98 bis C‑244/98, Slg. 2000, I‑4941, Randnr. 25, vom 26. Oktober 2006, Mostaza Claro, C‑168/05,
         Slg. 2006, I‑10421, Randnr. 25, und vom 6. Oktober 2009, Asturcom Telecomunicaciones, C‑40/08, Slg. 2009, I‑9579, Randnr. 29).
      
      47      Der Gerichtshof hat ferner entschieden, dass in Anbetracht dieser schwächeren Position eine missbräuchliche Klausel nach Art. 6
         Abs. 1 der Richtlinie für den Verbraucher unverbindlich ist. Wie sich aus der Rechtsprechung ergibt, handelt es sich um eine
         zwingende Bestimmung, die darauf zielt, die formale Ausgewogenheit der Rechte und Pflichten der Vertragsparteien durch eine
         materielle Ausgewogenheit zu ersetzen und so deren Gleichheit wiederherzustellen (vgl. Urteile Mostaza Claro, Randnr. 36,
         und Asturcom Telecomunicaciones, Randnr. 30).
      
      48      Um den durch die Richtlinie gewollten Schutz zu gewährleisten, hat der Gerichtshof festgestellt, dass die bestehende Ungleichheit
         zwischen Verbraucher und Gewerbetreibendem nur durch ein positives Eingreifen von dritter, von den Vertragsparteien unabhängiger
         Seite ausgeglichen werden kann (vgl. Urteile Océano Grupo Editorial und Salvat Editores, Randnr. 27, Mostaza Claro, Randnr. 26,
         und Asturcom Telecomunicaciones, Randnr. 31).
      
      49      Somit muss das nationale Gericht im Rahmen der Aufgaben, die ihm die Bestimmungen der Richtlinie zuweisen, prüfen, ob eine
         Vertragsklausel, die Gegenstand des bei ihm anhängigen Rechtsstreits ist, in den Anwendungsbereich dieser Richtlinie fällt.
         Ist dies zu bejahen, hat das nationale Gericht die Klausel gegebenenfalls von Amts wegen nach Maßgabe der Anforderungen der
         Richtlinie an den Verbraucherschutz zu beurteilen.
      
      50      Für den ersten Prüfungsschritt, den das nationale Gericht vorzunehmen hat, ist Art. 1 in Verbindung mit Art. 3 der Richtlinie
         zu entnehmen, dass die Richtlinie auf jede nicht im Einzelnen ausgehandelte Vertragsklausel über einen ausschließlichen Gerichtsstand
         in einem Vertrag zwischen einem Gewerbetreibenden und einem Verbraucher Anwendung findet.
      
      51      Um die vom Unionsgesetzgeber angestrebte Effektivität des Verbraucherschutzes zu gewährleisten, muss das nationale Gericht
         deshalb in allen Fällen und ungeachtet der innerstaatlichen Rechtsvorschriften feststellen, ob die streitige Vertragsklausel
         zwischen einem Gewerbetreibenden und einem Verbraucher im Einzelnen ausgehandelt wurde.
      
      52      Hinsichtlich des zweiten Schritts der vorzunehmenden Prüfung ist darauf hinzuweisen, dass nach den Angaben des vorlegenden
         Gerichts die Vertragsklausel, die Gegenstand des Ausgangsverfahrens ist, die ausschließliche örtliche Zuständigkeit einem
         Gericht zuweist, das weder das Gericht ist, in dessen Bezirk der Beklagte seinen Wohnsitz hat, noch dasjenige, in dessen Bezirk
         die Klägerin ihren Sitz hat, sondern eines, das sich sowohl geografisch als auch verkehrstechnisch in der Nähe des Sitzes
         der Klägerin befindet.
      
      53      Zu einer Klausel, die in einen Vertrag zwischen einem Verbraucher und einem Gewerbetreibenden aufgenommen worden war, ohne
         im Einzelnen ausgehandelt worden zu sein, und die ausschließliche Zuständigkeit dem Gericht zuwies, in dessen Bezirk der Gewerbetreibende
         seine Niederlassung hatte, hat der Gerichtshof in Randnr. 24 des Urteils Océano Grupo Editorial und Salvat Editores entschieden,
         dass eine solche Vertragsklausel als missbräuchlich im Sinne des Art. 3 der Richtlinie anzusehen ist, da sie entgegen dem
         Gebot von Treu und Glauben zum Nachteil des Verbrauchers ein erhebliches und ungerechtfertigtes Missverhältnis der vertraglichen
         Rechte und Pflichten der Vertragspartner verursacht.
      
      54      Es ist festzustellen, dass die Klausel, die das vorlegende Gericht im Ausgangsverfahren prüft, ebenso wie eine Klausel, die
         die Zuständigkeit für alle Rechtsstreitigkeiten aus dem Vertrag dem Gericht zuweist, in dessen Bezirk der Gewerbetreibende
         seine Niederlassung hat, den Verbraucher zwingt, die ausschließliche Zuständigkeit eines Gerichts anzuerkennen, das von seinem
         Wohnsitz möglicherweise weit entfernt ist, was sein Erscheinen vor Gericht erschweren kann. Bei Rechtsstreitigkeiten mit geringem
         Streitwert könnten die Aufwendungen des Verbrauchers für sein Erscheinen vor Gericht sich als abschreckend erweisen und diesen
         davon abhalten, den Rechtsweg zu beschreiten oder sich überhaupt zu verteidigen. Eine solche Klausel gehört somit zu der im
         Anhang der Richtlinie unter Nr. 1 Buchst. q genannten Gruppe von Klauseln, die darauf abzielen oder zur Folge haben, dass
         dem Verbraucher die Möglichkeit genommen oder erschwert wird, Rechtsbehelfe bei Gericht einzulegen (vgl. Urteil Océano Grupo
         Editorial und Salvat Editores, Randnr. 22).
      
      55      Eine solche Klausel über einen ausschließlichen Gerichtsstand ermöglicht dem Gewerbetreibenden zudem, sämtliche Rechtsstreitigkeiten,
         die seine Erwerbstätigkeit betreffen, bei einem einzigen Gericht zu bündeln, das nicht dasjenige ist, in dessen Bezirk der
         Verbraucher wohnt, was sowohl das Erscheinen des Gewerbetreibenden organisatorisch erleichtert als auch die damit verbundenen
         Kosten verringert (vgl. in diesem Sinne Urteil Océano Grupo Editorial und Salvat Editores, Randnr. 23).
      
      56      Daher ist auf die dritte zusätzliche Frage zu antworten, dass das nationale Gericht verpflichtet ist, von Amts wegen Untersuchungsmaßnahmen
         durchzuführen, um festzustellen, ob eine Klausel über einen ausschließlichen Gerichtsstand in einem Vertrag, der Gegenstand
         des bei ihm anhängigen Rechtsstreits ist und zwischen einem Gewerbetreibenden und einem Verbraucher geschlossen wurde, in
         den Anwendungsbereich der Richtlinie fällt, und, falls dies zu bejahen ist, von Amts wegen zu beurteilen, ob eine solche Klausel
         möglicherweise missbräuchlich ist.
      
       Kosten
      57      Für die Parteien des Ausgangsverfahrens ist das Verfahren ein Zwischenstreit in dem bei dem vorlegenden Gericht anhängigen
         Rechtsstreit; die Kostenentscheidung ist daher Sache dieses Gerichts. Die Auslagen anderer Beteiligter für die Abgabe von
         Erklärungen vor dem Gerichtshof sind nicht erstattungsfähig.
      
      Aus diesen Gründen hat der Gerichtshof (Große Kammer) für Recht erkannt:
      1.      Art. 23 Abs. 1 der Satzung des Gerichtshofs der Europäischen Union steht nicht einer Bestimmung des nationalen Rechts entgegen,
            die vorsieht, dass der Richter gleichzeitig mit seinem Ersuchen um Vorabentscheidung von Amts wegen den Justizminister seines
            Mitgliedstaats über dieses informiert.
      2.      Art. 267 AEUV ist dahin auszulegen, dass sich die Zuständigkeit des Gerichtshofs der Europäischen Union auf die Auslegung
            des Begriffs „missbräuchliche Vertragsklausel“ in Art. 3 Abs. 1 und im Anhang der Richtlinie 93/13/EWG des Rates vom 5. April
            1993 über missbräuchliche Klauseln in Verbraucherverträgen sowie auf die Kriterien erstreckt, die das nationale Gericht bei
            der Prüfung einer Vertragsklausel im Hinblick auf die Bestimmungen der Richtlinie anwenden darf oder muss, wobei es Sache
            dieses Gerichts ist, unter Berücksichtigung dieser Kriterien über die konkrete Bewertung einer bestimmten Vertragsklausel
            anhand der Umstände des Einzelfalls zu entscheiden.
      3.      Das nationale Gericht ist verpflichtet, von Amts wegen Untersuchungsmaßnahmen durchzuführen, um festzustellen, ob eine Klausel
            über einen ausschließlichen Gerichtsstand in einem Vertrag, der Gegenstand des bei ihm anhängigen Rechtsstreits ist und zwischen
            einem Gewerbetreibenden und einem Verbraucher geschlossen wurde, in den Anwendungsbereich der Richtlinie 93/13 fällt, und,
            falls dies zu bejahen ist, von Amts wegen zu beurteilen, ob eine solche Klausel möglicherweise missbräuchlich ist.
      Unterschriften
      * Verfahrenssprache: Ungarisch.