CELEX: 62002CJ0060
Language: de
Date: 2004-01-07 00:00:00
Title: Urteil des Gerichtshofes (Fünfte Kammer) vom 7. Januar 2004. # Strafverfahren gegen X. # Ersuchen um Vorabentscheidung: Landesgericht Eisenstadt - Österreich. # Nachgeahmte Waren und unerlaubt hergestellte Vervielfältigungsstücke oder Nachbildungen - Keine strafrechtliche Sanktion für den Transit nachgeahmter Waren - Vereinbarkeit mit der Verordnung (EG) Nr. 3295/94. # Rechtssache C-60/02.

Rechtssache C-60/02 StrafverfahrengegenX(Vorabentscheidungsersuchen des Landesgerichts Eisenstadt [Österreich])
         
            «Nachgeahmte Waren und unerlaubt hergestellte Vervielfältigungsstücke oder Nachbildungen  –  Keine strafrechtliche Sanktion für den Transit nachgeahmter Waren  –  Vereinbarkeit mit der Verordnung (EG) Nr. 3295/94»
            
               
                  Schlussanträge des Generalanwalts D. Ruiz-Jarabo Colomer vom 5. Juni 2003
                     
               
               
            
                   
               
               
            
               
                  Urteil des Gerichtshofes (Fünfte Kammer) vom 7. Januar 2004
                     
               
               
            
                   
               
               
            
            Leitsätze des Urteils
         
         
                  Gemeinsame Handelspolitik – Maßnahmen zur Verhinderung des Inverkehrbringens von nachgeahmten Waren und unerlaubt hergestellten
                     Vervielfältigungsstücken oder Nachbildungen – Verordnung Nr.
                  
                   3295/94  –  Anwendungsbereich  –  Waren im externen Versandverfahren  –  Einbeziehung(Verordnung Nr. 3295/94 des Rates, Artikel 2 und 11) 
         
                  2.
                  Handlungen der Organe  –  Verordnungen  –  Durchführung durch die Mitgliedstaaten  –  Verpflichtung, das nationale Recht gemeinschaftsrechtskonform auszulegen − Grenzen  –  Grundsatz der gesetzlichen Bestimmtheit von strafbaren Handlungen und Strafen
         
         
          
         1.
         Artikel 11 der Verordnung Nr. 3295/94 über Maßnahmen, welche das Verbringen von Waren, die bestimmte Rechte am geistigen Eigentum
            verletzen, in die Gemeinschaft sowie ihre Ausfuhr und Wiederausfuhr aus der Gemeinschaft betreffen, in der durch die Verordnung
            Nr. 241/1999 geänderten Fassung verpflichtet die Mitgliedstaaten, Sanktionen für den Fall festzusetzen, dass gegen das in
            Artikel 2 dieser Verordnung vorgesehene Verbot, nachgeahmte Waren in den zollrechtlich freien Verkehr oder in ein Nichterhebungsverfahren
            zu überführen, auszuführen oder wieder auszuführen, verstoßen wird. Diese Bestimmungen sind anwendbar, wenn Waren auf dem
            Transitweg zwischen zwei Staaten, die nicht der Europäischen Gemeinschaft angehören, in einem Mitgliedstaat von dessen Zollbehörden
            vorläufig angehalten werden. 
         
         
               (vgl. Randnrn. 55, 64, Tenor 1)
         
         
          
         2.
         Die Verpflichtung, das nationale Recht unter Berücksichtigung des Wortlauts und des Zweckes des Gemeinschaftsrechts konform
            auszulegen, um das gemeinschaftsrechtlich verfolgte Ziel zu erreichen, kann für sich allein − unabhängig von innerstaatlichen
            Rechtsvorschriften eines Mitgliedstaats − keine strafrechtliche Verantwortlichkeit eines Wirtschaftsteilnehmers, der gegen
            die Vorschriften einer Gemeinschaftsverordnung verstoßen hat, begründen oder verschärfen.
         
         Diese Verpflichtung findet nämlich ihre Grenzen in den allgemeinen Rechtsgrundsätzen, die Bestandteil des Gemeinschaftsrechts
            sind, u. a. in den Grundsätzen der Rechtssicherheit und des Rückwirkungsverbots. Insbesondere verbietet der Grundsatz  „Keine
            Strafe ohne Gesetz“, wie er in Artikel 7 der Europäischen Menschenrechtskonvention verankert ist, der ein den Verfassungsüberlieferungen
            der Mitgliedstaaten gemeiner allgemeiner Grundsatz des Gemeinschaftsrechts ist, ein nach nationalem Recht nicht verbotenes
            Verhalten strafrechtlich zu sanktionieren, und zwar auch dann, wenn dieses gemeinschaftsrechtswidrig sein sollte.
         
         
         
               (vgl. Randnrn. 61, 63-64, Tenor 2)
      

      
      
      
      
      
      
      
      
      
      
      
      
      
      
      
            
            URTEIL DES GERICHTSHOFES (Fünfte Kammer)7. Januar 2004(1)
         
         
            
         
               „Nachgeahmte Waren und unerlaubt hergestellte Vervielfältigungsstücke oder Nachbildungen  –  Keine strafrechtliche Sanktion für den Transit nachgeahmter Waren  –  Vereinbarkeit mit der Verordnung (EG) Nr. 3295/94“
               
             In der Rechtssache C-60/02 
             betreffend ein dem Gerichtshof nach Artikel 234 EG vom Landesgericht Eisenstadt (Österreich) in dem bei diesem anhängigen
            Strafverfahren gegen
            
            
            
            X
            
            
            
            
            
            
             vorgelegtes Ersuchen um Vorabentscheidung über die Auslegung der Verordnung (EG) Nr. 3295/94 des Rates vom 22. Dezember 1994
            über Maßnahmen, welche das Verbringen von Waren, die bestimmte Rechte am geistigen Eigentum verletzen, in die Gemeinschaft
            sowie ihre Ausfuhr und Wiederausfuhr aus der Gemeinschaft betreffen (ABl. L 341, S. 8), in der durch die Verordnung (EG) Nr.
            241/1999 des Rates vom 25. Januar 1999 (ABl. L 27, S. 1) geänderten Fassungerlässt
            
            DER GERICHTSHOF (Fünfte Kammer),
            
             unter Mitwirkung des Richters P. Jann in Wahrnehmung der Aufgaben des Präsidenten der Fünften Kammer sowie der Richter D. A. O. Edward
            (Berichterstatter) und A. La Pergola, 
            
             Generalanwalt: D. Ruiz-Jarabo Colomer, Kanzler: R. Grass, 
            
            
            unter Berücksichtigung der schriftlichen Erklärungen
               
               –
                der Montres Rolex SA, vertreten durch Rechtsanwalt G. Kucsko, 
               
               –
                der österreichischen Regierung, vertreten durch C. Pesendorfer als Bevollmächtigte, 
               
               –
                der finnischen Regierung, vertreten durch E. Bygglin als Bevollmächtigte, 
               
               –
                der Kommission der Europäischen Gemeinschaften, vertreten durch J. C. Schieferer als Bevollmächtigten, 
               
               
            
            
            
            
            nach Anhörung der Schlussanträge des Generalanwalts in der Sitzung vom 5. Juni 2003,
         folgendes
         
         
         Urteil
         1
            
          Das Landesgericht Eisenstadt hat mit Beschluss vom 17. Januar 2002, beim Gerichtshof eingegangen am 25. Februar 2002, gemäß
         Artikel 234 EG eine Frage nach der Auslegung der Verordnung (EG) Nr. 3295/94 des Rates vom 22. Dezember 1994 über Maßnahmen,
         welche das Verbringen von Waren, die bestimmte Rechte am geistigen Eigentum verletzen, in die Gemeinschaft sowie ihre Ausfuhr
         und Wiederausfuhr aus der Gemeinschaft betreffen (ABl. L 341, S. 8), in der durch die Verordnung (EG) Nr. 241/1999 des Rates
         vom 25. Januar 1999 (ABl. L 27, S. 1) geänderten Fassung (im Folgenden: Verordnung Nr. 3295/94) zur Vorabentscheidung vorgelegt.
         
         
         
         
         2
            
          Diese Frage stellt sich im Rahmen mehrerer Vorerhebungen, die auf Antrag der Firmen Montres Rolex SA (im Folgenden: Rolex),
         Tommy Hilfinger Licensing Inc., La Chemise Lacoste SA, Guccio Gucci SpA und The GAP Inc., die Markenrechte innehaben, durchgeführt
         werden, nachdem das Zollamt Kittsee (Österreich) Warenpartien beschlagnahmt hatte, von denen vermutet wird, dass es sich um
         Nachahmungen von Marken dieser Firmen handelt. 
         
         
            
               Rechtlicher Rahmen
            Gemeinschaftsrecht
         
         3
            
          Artikel 1 der Verordnung Nr. 3295/94 regelt 
         
         „a)
            die Voraussetzungen für ein Tätigwerden der Zollbehörden hinsichtlich der Waren, bei denen der Verdacht besteht, dass es sich
               um Waren im Sinne von Absatz 2 Buchstabe a) handelt, 
            
         
         
            
               –
                  wenn sie im Sinne von Artikel 61 der Verordnung (EWG) Nr. 2913/92 des Rates vom 12. Oktober 1992 zur Festlegung des Zollkodex
                     der Gemeinschaften zur Überführung in den zollrechtlich freien Verkehr, zur Ausfuhr oder zur Wiederausfuhr angemeldet werden;
                     
                  
               
         
         
         
            
               –
                  wenn sie im Zusammenhang mit ihrer zollamtlichen Überwachung gemäß Artikel 37 der Verordnung (EWG) Nr. 2913/92 mit ihrer Überführung
                     in ein Nichterhebungsverfahren im Sinne des Artikels 84 Absatz 1 Buchstabe a) jener Verordnung oder anlässlich der Mitteilung
                     ihrer Wiederausfuhr oder Verbringung in eine Freizone oder ein Freilager im Sinne des Artikels 166 jener Verordnung im Rahmen
                     einer zollamtlichen Prüfung entdeckt werden; 
                  
               
         
         
         
               und
                  
               
         
         
         
         b)
            die von den zuständigen Stellen zu treffenden Maßnahmen, wenn festgestellt ist, dass die betreffenden Waren tatsächlich Waren
               im Sinne von Absatz 2 Buchstabe a) sind“.
            
         
         
         
         
         4
            
          Artikel 1 Absatz 2 Buchstabe a der Verordnung Nr. 3295/94 erfasst durch die Worte „Waren, die ein Recht am geistigen Eigentum
         verletzen“ u. a. nachgeahmte Waren. 
         
         
         
         5
            
          Nach dieser Vorschrift sind nachgeahmte Waren 
         
         „–
            die Waren einschließlich ihrer Verpackungen, auf denen ohne Zustimmung Marken oder Zeichen angebracht sind, die mit Marken
               oder Zeichen identisch sind, die für derartige Waren rechtsgültig eingetragen sind oder die in ihren wesentlichen Merkmalen
               nicht von solchen Marken oder Zeichen zu unterscheiden sind und damit nach den Rechtsvorschriften der Gemeinschaft oder denjenigen
               des Mitgliedstaats, bei dem der Antrag auf Tätigwerden der Zollbehörden gestellt wird, die Rechte des Inhabers der betreffenden
               Marken verletzen; 
            
         
         
         –
            alle gegebenenfalls auch gesondert gestellten Kennzeichnungsmittel (wie Embleme, Anhänger, Aufkleber, Prospekte, Bedienungs-
               oder Gebrauchsanweisungen, Garantiedokumente), auf die die im ersten Gedankenstrich genannten Umstände zutreffen; 
            
         
         
         –
            die mit Marken oder Zeichen nachgeahmter Waren versehenen Verpackungen, die gesondert gestellt werden und auf die die im ersten
               Punkt genannten Umstände zutreffen“.
            
         
         
         
         
         6
            
          Artikel 2 der Verordnung Nr. 3295/94 bestimmt: 
         „Waren, die aufgrund des Verfahrens nach Artikel 6 als Waren im Sinne von Artikel 1 Absatz 2 Buchstabe a) erkannt werden,
         dürfen nicht in die Gemeinschaft verbracht, in den zollrechtlich freien Verkehr oder in ein Nichterhebungsverfahren überführt,
         in eine Freizone oder ein Freilager verbracht, ausgeführt oder wiederausgeführt werden.“
         
         
         
         7
            
          Artikel 3 dieser Verordnung sieht u. a. vor, dass der Inhaber eines Markenrechts bei den zuständigen Zollbehörden einen schriftlichen
         Antrag auf Tätigwerden der Zollbehörden in Bezug auf Waren stellen kann, bei denen der Verdacht besteht, dass es sich um nachgeahmte
         Waren handelt. 
         
         
         
         8
            
          Nach Artikel 6 Absatz 1 Unterabsatz 1 dieser Verordnung setzt eine Zollstelle, der eine positive Entscheidung über einen Antrag
         des Rechtsinhabers mitgeteilt worden ist, die Überlassung von Waren, bei denen sie feststellt, dass sie den in der genannten
         Entscheidung beschriebenen nachgeahmten Waren entsprechen, aus oder hält sie zurück. 
         
         
         
         9
            
          Artikel 8 der Verordnung Nr. 3295/94 lautet: 
         „(1)   Unbeschadet der sonstigen Rechtsbehelfe, die der Rechtsinhaber einlegen kann, treffen die Mitgliedstaaten die erforderlichen
         Maßnahmen, damit die zuständigen Stellen
         
         a)
            in der Regel die als Waren im Sinne des Artikels 1 Absatz 2 Buchstabe a) erkannten Waren gemäß den einschlägigen innerstaatlichen
               Rechtsvorschriften ohne Entschädigung und ohne Kosten für die Staatskasse vernichten oder aus dem Marktkreislauf nehmen können,
               um eine Schädigung des Rechtsinhabers zu verhindern; 
            
         
         
         b)
            im Hinblick auf diese Waren jede andere Maßnahme treffen können, die zur Folge hat, dass die betreffenden Personen tatsächlich
               um den wirtschaftlichen Gewinn aus diesem Geschäft gebracht werden. 
            
         
          Von Ausnahmefällen abgesehen gilt als derartige Maßnahme nicht das einfache Entfernen der Marken oder Zeichen, mit denen die
         nachgeahmten Waren rechtswidrig versehen sind.
         …
         (3)     Neben den Informationen, die gemäß Artikel 6 Absatz 1 Unterabsatz 2 unter den dort vorgesehenen Bedingungen übermittelt werden,
         teilt die betreffende Zollstelle oder die zuständige Zollbehörde dem Rechtsinhaber auf Antrag den Namen und die Anschrift
         des Versenders, des Einführers, des Ausführers und des Herstellers der als Waren im Sinne des Artikels 1 Absatz 2 Buchstabe
         a) erkannten Waren sowie die Warenmenge mit.“
         
         
         
         10
            
          Artikel 11 der Verordnung Nr. 3295/94 sieht vor: 
         „Jeder Mitgliedstaat setzt Sanktionen für den Fall fest, dass gegen Artikel 2 verstoßen wird. Diese Sanktionen müssen wirksam,
         verhältnismäßig und abschreckend sein.“
         
         Nationales Recht
         
         11
            
         § 1 Abs. 1 des Strafgesetzbuchs bestimmt: 
         „Eine Strafe oder eine vorbeugende Maßnahme darf nur wegen einer Tat verhängt werden, die unter eine ausdrückliche gesetzliche
         Strafdrohung fällt und schon zur Zeit ihrer Begehung mit Strafe bedroht war.“
         
         
         
         12
            
         § 84 Abs. 1 der Strafprozessordnung (StPO) lautet: 
         „Wird einer Behörde oder öffentlichen Dienststelle der Verdacht einer von Amts wegen zu verfolgenden strafbaren Handlung bekannt,
         die ihren gesetzmäßigen Wirkungsbereich betrifft, so ist sie zur Anzeige an eine Staatsanwaltschaft oder Sicherheitsbehörde
         verpflichtet.“
         
         
         
         13
            
         § 10 Abs. 1 des Markenschutzgesetzes (MSchG) bestimmt: 
         „Vorbehaltlich der Wahrung älterer Rechte gewährt die eingetragene Marke ihrem Inhaber das ausschließliche Recht, Dritten
         zu verbieten, ohne seine Zustimmung im geschäftlichen Verkehr
         
         1.
            ein mit der Marke gleiches Zeichen für Waren oder Dienstleistungen zu benutzen (§ 10a), die mit denjenigen gleich sind, für
               die die Marke eingetragen ist; 
            
         
         
         2.
            ein mit der Marke gleiches oder ähnliches Zeichen für gleiche oder ähnliche Waren oder Dienstleistungen zu benutzen (§ 10a),
               wenn dadurch für das Publikum die Gefahr von Verwechslungen besteht, die die Gefahr einschließt, dass das Zeichen mit der
               Marke gedanklich in Verbindung gebracht wird.“
            
         
         
         
         
         14
            
          Nach § 10a MSchG wird als Benutzung eines Zeichens zur Kennzeichnung einer Ware oder Dienstleistung insbesondere angesehen:
         
         
         „1.
            das Zeichen auf Waren, auf deren Aufmachung oder auf Gegenständen, an denen die Dienstleistung ausgeführt wird oder ausgeführt
               werden soll, anzubringen, 
            
         
         
         2.
            unter dem Zeichen Waren anzubieten, in den Verkehr zu bringen oder zu den genannten Zwecken zu besitzen oder unter dem Zeichen
               Dienstleistungen anzubieten oder zu erbringen, 
            
         
         
         3.
            Waren unter dem Zeichen einzuführen oder auszuführen, 
         
         
         4.
            das Zeichen in den Geschäftspapieren, in Ankündigungen oder in der Werbung zu benutzen.“
         
         
         
         
         15
            
         § 60 MSchG nennt die Sanktionen, die bei Verletzung eines Markenrechts anwendbar sind. 
         
         Ausgangsverfahren und Vorlagefrage
         
         16
            
          Rolex, eine der Privatanklägerinnen der Ausgangsverfahren, ist Inhaberin geschützter Marken. Diese Markenrechte sollen unbekannte
         Täter dadurch verletzt haben, dass sie versuchten, 19 nachgeahmte Uhren, die mit der Marke Rolex gekennzeichnet gewesen seien,
         von Italien im Transit durch Österreich nach Polen zu verbringen. Dabei handelt es sich nach Auffassung der Privatanklägerin
         um eine nach den §§ 10 und 60 Abs. 1 und 2 MSchG strafrechtlich sanktionierte Verletzung ihres Markenrechts. Daher beantragte
         sie beim Landesgericht Eisenstadt, wegen des Verdachts von Verstößen gegen diese Vorschriften Vorerhebungen gegen Unbekannt
         einzuleiten. 
         
         
         
         17
            
          Die Tommy Hilfinger Licensing Inc. und die La Chemise Lacoste SA, die Inhaber geschützter Marken sind, beantragten ebenfalls
         die Einleitung gerichtlicher Vorerhebungen gegen Unbekannt wegen des Verdachts von Verstößen gegen die genannten Bestimmungen
         des MSchG. Am 8. März 2003 hat das vorlegende Gericht dem Gerichtshof jedoch mitgeteilt, dass die La Chemise Lacoste SA ihre
         Privatanklage zurückgenommen habe. 
         
         
         
         18
            
          Auch die Guccio Gucci SpA und die The GAP Inc., die Inhaber geschützter Marken sind, beantragten die Einleitung von Vorerhebungen
         gegen Unbekannt. Allerdings vermuten sie, dass es sich dabei entweder um den Geschäftsführer bzw. verantwortlichen Inhaber
         der Firma Beijing Carpet Import mit Sitz in Peking (China) oder um den Geschäftsführer bzw. verantwortlichen Inhaber der Firma
         H. SW Spol SRO mit Sitz in Bratislava (Slowakei) handele. 
         
         
         
         19
            
          Laut dem Landesgericht setzt die Durchführung gerichtlicher Vorerhebungen gemäß § 84 Abs. 1 StPO voraus, dass das angelastete
         Verhalten eine strafbare Handlung darstellt. Ferner verbiete Artikel 7 Absatz 1 der Europäischen Konvention zum Schutze der
         Menschenrechte und Grundfreiheiten, der im österreichischen Recht Verfassungsrang zukomme, die Bestrafung wegen zur Zeit der
         Begehung nach inländischem oder internationalem Recht nicht strafbarer Taten. 
         
         
         
         20
            
          Nach dem Markenschutzgesetz stellten nur die Ein- und Ausfuhr einer nachgeahmten Ware eine unzulässige Benutzung dar, nicht
         aber die bloße Durchfuhr. Außerdem treffe das österreichische Strafrecht eine deutliche Unterscheidung zwischen den Begriffen
         der Ein- und Ausfuhr einerseits und der Durchfuhr andererseits. 
         
         
         
         21
            
          Das vorlegende Gericht verweist auf das Urteil vom 6. April 2000 in der Rechtssache C‑383/98 (Polo/Lauren, Slg. 2000, I‑2519),
         in dem der Gerichtshof entschieden habe, dass die Verordnung Nr. 3295/94 auch auf Sachverhalte anzuwenden sei, bei denen aus
         einem Drittstaat eingeführte Waren in einen anderen Drittstaat verbracht würden, was bedeute, dass der Anwendungsbereich dieser
         Verordnung auch die bloße Durchfuhr einschließe. Da dieses Urteil jedoch in einer zivilrechtlichen Sache ergangen sei, sei
         fraglich, ob sich dieses Ergebnis auf das Strafrecht übertragen lasse, wenn nach innerstaatlichem Recht kein strafrechtlicher
         Verstoß vorliege. 
         
         
         
         22
            
          Das Landesgericht Eisenstadt hat mit seinem Vorlagebeschluss, der mit Beschluss vom 4. März 2002 berichtigt worden ist, die
         Verfahren abgebrochen und dem Gerichtshof folgende Frage zur Vorabentscheidung vorgelegt: 
          Steht eine innerstaatliche Bestimmung, konkret § 60 Absätze 1 und 2 in Verbindung mit § 10a MSchG, die die Auslegung zulässt,
         dass der bloße Transit von Waren, die unter Verletzung von markenrechtlichen Bestimmungen hergestellt/verbreitet werden, nicht
         strafbar ist, dem Artikel 2 der Verordnung (EG) Nr. 3295/94 des Rates vom 22. Dezember 1994 über Maßnahmen zum Verbot der
         Überführung nachgeahmter Waren und unerlaubt hergestellter Vervielfältigungsstücke oder Nachbildungen in den zollrechtlich
         freien Verkehr oder in ein Nichterhebungsverfahren sowie zum Verbot ihrer Ausfuhr und Wiederausfuhr in der Fassung der Verordnung
         (EG) Nr. 241/1999 des Rates vom 25. Januar 1999 entgegen?
         
         Zur Zulässigkeit des VorabentscheidungsersuchensBeim Gerichtshof eingereichte Erklärungen
         
         23
            
          Nach Ansicht der Privatanklägerin Rolex können die nationalen Gerichte den Gerichtshof nur anrufen, wenn bei ihnen ein Rechtsstreit
         anhängig ist und sie im Rahmen eines Verfahrens zu entscheiden haben, das auf eine Entscheidung mit Rechtsprechungscharakter
         abzielt (in diesem Sinne Beschlüsse vom 18. Juni 1980 in der Rechtssache 138/80, Borker, Slg. 1980, 1975, Randnr. 4, und vom
         5. März 1986 in der Rechtssache 318/85, Greis Unterweger, Slg. 1986, 955, Randnr. 4, sowie Urteil vom 19. Oktober 1995 in
         der Rechtssache C‑111/94, Job Centre, Slg. 1995, I‑3361, Randnr. 9). 
         
         
         
         24
            
          Nach österreichischem Recht habe die Voruntersuchung den Zweck, die erhobenen Anschuldigungen einer strafbaren Handlung einer
         vorläufigen Prüfung zu unterwerfen und den Sachverhalt so weit zu klären, als es nötig sei, um die Momente festzustellen,
         die entweder zur Einstellung oder zur Fortsetzung des Strafverfahrens führen könnten. Folglich habe die Entscheidung über
         die Einleitung von Vorerhebungen keinen Rechtsprechungscharakter. Das vorliegende Vorabentscheidungsersuchen sei daher unzulässig.
         
         
         Würdigung durch den Gerichtshof
         
         25
            
          Der Gerichtshof hat bereits entschieden, dass ein Vorabentscheidungsersuchen im Rahmen eines strafrechtlichen Ermittlungsverfahrens,
         das zu einem Vorladungs- oder zu einem Einstellungsbeschluss führen kann, zulässig ist (in diesem Sinne Urteil vom 11. Juni
         1987 in der Rechtssache 14/86, Pretore di Salò, Slg. 1987, 2545, Randnr. 10 und 11). 
         
         
         
         26
            
          Außerdem hat sich der Gerichtshof im Urteil vom 21. April 1988 in der Rechtssache 338/85 (Pardini, Slg. 1988, 2041) bereit
         erklärt, Fragen zu beantworten, die im Rahmen eines Verfahrens betreffend einstweilige Anordnungen gestellt worden waren,
         die bestätigt, abgeändert oder zurückgenommen werden konnten. 
         
         
         
         27
            
          Ferner wird das vorlegende Gericht in den bei ihm anhängigen Verfahren, wie der Generalanwalt in Nummer 22 seiner Schlussanträge
         zutreffend ausführt, jedenfalls eine Entscheidung mit Rechtsprechungscharakter erlassen, ganz gleich, ob Gegenstand dieser
         Entscheidung die Verhängung strafrechtlicher Sanktionen, die Beschlagnahme und Vernichtung der Waren, bei denen der Verdacht
         besteht, dass es sich um Nachahmungen handelt, oder die Einstellung ist. 
         
         
         
         28
            
          Schließlich ist es allein Sache des nationalen Gerichts, den geeignetsten Zeitpunkt für ein Vorabentscheidungsersuchen an
         den Gerichtshof zu bestimmen (u. a. Urteile vom 10. März 1981 in den Rechtssachen 36/80 und 71/80, Irish Creamery Milk Suppliers
         Association u. a., Slg. 1981, 735, Randnrn. 5 bis 8, vom 10. Juli 1984 in der Rechtssache 72/83, Campus Oil u. a., Slg. 1984,
         2727, Randnr. 10, vom 19. November 1998 in der Rechtssache C‑66/96, Høj Pedersen u. a., Slg. 1998, I‑7327, Randnrn. 45 und
         46, sowie vom 30. März 2000 in der Rechtssache C‑236/98, JämO, Slg. 2000, I‑2189, Randnrn. 30 und 31). 
         
         
         
         29
            
          Das Vorabentscheidungsersuchen ist somit zulässig. 
         
         Zur VorlagefrageBeim Gerichtshof eingereichte Erklärungen
         
         30
            
          Nach Ansicht der Privatanklägerin Rolex und der österreichischen Regierung ist die Verordnung Nr. 3295/94 auch auf Waren anwendbar,
         die sich im Transit von einem Drittstaat durch das Gemeinschaftsgebiet in einen anderen Drittstaat befinden (Urteil Marco
         Polo, Randnr. 27). Der Erlass der Verordnung Nr. 241/1999 habe an dieser Auslegung nichts geändert (Urteil Polo/Lauren, Randnr. 28).
         
         
         
         
         31
            
          Die österreichische Regierung schließt aus den Artikeln 6 Absatz 2 Buchstabe b und 11 der Verordnung Nr. 3295/94, dass die
         Mitgliedstaaten zwar dafür zuständig seien, auf der Grundlage ihres nationalen Rechts die bei Verstößen anwendbaren Sanktionen
         festzulegen, dass die strafbewehrten Tatbestände aber schon durch die Vorschriften dieser Verordnung, insbesondere Artikel
         2 der Verordnung, festgelegt würden. Österreich sei daher verpflichtet, auch beim bloßen Transit nachgeahmter Waren durch
         Österreich Sanktionen zu verhängen. 
         
         
         
         32
            
          Die Privatanklägerin Rolex macht hierzu geltend, dass es zum Zeitpunkt des in der Rechtssache Polo/Lauren entscheidungserheblichen
         Sachverhalts, der zeitlich vor der Novellierung des MSchG liege, im österreichischen Recht über Produktnachahmung keine genaue
         Beschreibung dessen gegeben habe, was eine Benutzung einer Marke zur Kennzeichnung einer Ware oder Dienstleistung darstelle.
         So habe der österreichische Oberste Gerichtshof in seinem Urteil Baygon vom 29. September 1986 entschieden, dass keine Markenrechtsverletzung
         vorliege, wenn die mit der fremden Marke versehene Ware in einen anderen Drittstaat exportiert werde, in dem sie sodann auf
         den Markt gebracht werde. 
         
         
         
         33
            
          Am 23. Juli 1999 sei in Österreich mit dem Erlass der Markenrechts-Novelle 1999 (BGBl. I Nr. 111/1999) das Markenrecht umfassend
         geändert worden, u. a. um es der Ersten Richtlinie 89/104/EWG des Rates vom 21. Dezember 1988 zur Angleichung der Rechtsvorschriften
         der Mitgliedstaaten über die Marken (ABl. 1989, L 40, S. 1) anzupassen. Artikel 5 Absatz 3 dieser Richtlinie sei dabei in
         dem neuen § 10a MSchG in das österreichische Recht umgesetzt worden. 
         
         
         
         34
            
          In den Materialien zu dieser Novelle heiße es ausdrücklich, dass das Baygon-Urteil des Obersten Gerichthofes überholt sei.
         Der österreichische Gesetzgeber habe somit eindeutig vorgesehen, dass auch die Wiederausfuhr und somit auch der bloße Transit
         nach österreichischem Recht eine Markenrechtsverletzung darstellen könne. 
         
         
         
         35
            
          Demzufolge gehe die vom vorlegenden Gericht vertretene Auslegung fehl, dass der bloße Transit von Waren, die unter Verletzung
         markenrechtlicher Bestimmungen hergestellt worden seien, nicht strafbar sei. 
         
         
         
         36
            
          Ferner sähen die §§ 10 ff. MSchG sowohl zivilrechtliche als auch strafrechtliche Sanktionen bei Markenrechtsverletzungen vor.
         Es sei aus Gründen der Rechtssicherheit und der Vorhersehbarkeit gerichtlicher Entscheidungen ausgeschlossen, dass ein und
         dieselbe Norm unterschiedlich ausgelegt werden könne, je nachdem, ob die daran geknüpften Sanktionen zivilrechtlicher oder
         strafrechtlicher Natur seien. 
         
         
         
         37
            
          Die finnische Regierung weist darauf hin, dass die Verordnung Nr. 3295/94 auf der Grundlage des Artikels 113 EG-Vertrag (nach
         Änderung jetzt Artikel 133 EG) erlassen worden sei, dessen Zweck darin bestehe, durch die Gemeinsame Handelspolitik den Handel
         in der Gemeinschaft insbesondere an ihren Grenzen durch angemessene Maßnahmen zu schützen. So schütze diese Verordnung einerseits
         den Binnenmarkt vor nachgeahmten Waren und unerlaubt hergestellten Vervielfältigungsstücken oder Nachbildungen und andererseits
         den Inhaber eines Rechts am geistigen Eigentum vor Verletzungen dieses Rechts. 
         
         
         
         38
            
          Artikel 11 der Verordnung Nr. 3295/94 verpflichte die Mitgliedstaaten, Sanktionen für den Fall festzusetzen, dass gegen Artikel
         2 dieser Verordnung verstoßen werde. Diese Sanktionen müssten wirksam, verhältnismäßig und abschreckend sein. 
         
         
         
         39
            
          Zudem müsse nach dem Grundsatz der Gleichwertigkeit die Sanktion für Verstöße gegen das Gemeinschaftsrecht sowohl in den materiell-rechtlichen
         als auch in den verfahrensrechtlichen Voraussetzungen den Sanktionen für Verstöße gegen entsprechendes nationales Recht gleichkommen.
         So könnten die Mitgliedstaaten indirekt verpflichtet sein, strafrechtliche Sanktionen vorzusehen. 
         
         
         
         40
            
          Nach Ansicht der finnischen Regierung läge ein Verstoß gegen das Gemeinschaftsrecht vor, wenn das österreichische Recht den
         Transit nachgeahmter Waren oder unerlaubt hergestellter Vervielfältigungsstücke oder Nachbildungen nicht mit wirksamen Sanktionen
         ahnde. 
         
         
         
         41
            
          Um die Wirksamkeit des Gemeinschaftsrechts sicherzustellen, komme es wesentlich darauf an, dass die Vorschriften des abgeleiteten
         Rechts in allen Mitgliedstaaten einheitlich angewandt würden. Wenn nachgeahmte Waren aufgrund der bloßen Erklärung, dass sich
         das endgültige Ziel dieser Waren in einem Drittstaat befinde, im Gebiet der Gemeinschaft ohne wirksame Sanktionen befördert
         werden könnten, so bestünde ein erhebliches Risiko, dass die als Transitware deklarierten Warenpartien unter Ausnutzung von
         Schwachstellen der gemeinschaftlichen Transitregelung tatsächlich auf den Gemeinschaftsmarkt gelangten. Dies sei bei Straftaten
         im Zusammenhang mit der Beförderung von Alkohol und Tabakwaren ein klassischer Vorgang. 
         
         
         
         42
            
          Die Kommission bedauert, dass der Vorlagebeschluss für die genaue Bestimmung des in den Ausgangsverfahren anwendbaren rechtlichen
         Rahmens keine ausreichenden Angaben über die näheren Umstände des auf die nachgeahmten Waren angewandten Zollverfahrens oder
         den zollrechtlichen Status der fraglichen Waren enthalte. Der Vorlagebeschluss gebe nämlich keinen Aufschluss darüber, ob
         die Waren aus der Gemeinschaft stammten. Hinsichtlich des Verfahrens, das auf die Privatanklage von Rolex hin eingeleitet
         worden sei, spreche der Vorlagebeschluss davon, dass die Waren von Italien nach Österreich „eingeführt“ worden seien, um sie
         in weiterer Folge nach Polen zu verbringen. Hinsichtlich der anderen Verfahren, die die Privatanklagen der La Chemise Lacoste
         SA und der Guccio Gucci SpA beträfen, seien die Waren von China nach Österreich eingeführt worden, um sie in weiterer Folge
         in die Slowakei zu verbringen. 
         
         
         
         43
            
          Nach Meinung der Kommission sind daher verschiedene Fälle in Betracht zu ziehen. 
         
         
         
         44
            
          Falls die Waren nicht aus der Gemeinschaft stammten, gebe der Vorlagebeschluss keinen Hinweis auf das zur Anwendung kommende
         Zollverfahren. Es frage sich daher weiterhin, ob es sich um ein Transitverfahren oder ein anderes Zollverfahren handele. Das
         Gleiche gelte für die Frage, ob die Waren regulär in das Zollgebiet der Gemeinschaft verbracht worden seien. 
         
         
         
         45
            
          Falls die Waren dagegen aus der Gemeinschaft stammten, sei zu bemerken, dass sich die Waren, da sie aus Italien importiert
         worden seien, bereits im zollrechtlich freien Verkehr hätten befinden müssen, weil sie den Gemeinschaftsstatus im Zollgebiet
         der Gemeinschaft erlangt hätten. 
         
         
         
         46
            
          Hinsichtlich dieses Falles weist die Kommission darauf hin, dass die Verordnung Nr. 3295/94 nur nachgeahmte Waren aus Drittländern
         erfasse, nicht aber solche, die in der Gemeinschaft hergestellt oder in den Verkehr gebracht worden seien (Urteil vom 26.
         September 2000 in der Rechtssache C‑23/99, Kommission/Frankreich, Slg. 2000, I‑7653, Randnr. 3). In diesem Fall stelle sich
         das Problem der Vereinbarkeit des österreichischen Rechts mit dieser Verordnung nicht, und das Vorabentscheidungsersuchen
         wäre unzulässig. 
         
         
         
         47
            
          Falls schließlich die Waren nicht aus der Gemeinschaft stammten und keinem Zollverfahren in der Gemeinschaft unterworfen worden
         seien, sei anzunehmen, dass sie irregulär in das Zollgebiet der Gemeinschaft eingeführt worden seien. In diesem Fall gebe
         es keinen Anhaltspunkt dafür, dass in den Ausgangsverfahren irgendein Widerspruch zwischen den hinreichend klaren Bestimmungen
         der Verordnung Nr. 3295/94 und den einschlägigen österreichischen Rechtsvorschriften bestehe. 
         
         
         
         48
            
          Hinsichtlich der Artikel 8 Absatz 1 und 11 der Verordnung Nr. 3295/94 seien zwei Fälle denkbar. 
         
         
         
         49
            
          Im ersten Fall habe die Republik Österreich die in Artikel 8 Absatz 1 dieser Verordnung vorgesehenen Maßnahmen ergriffen,
         ihre Anwendung auf das Transitverfahren werde jedoch durch nationale Bestimmungen in Frage gestellt, die in einem entgegenstehenden
         Sinne ausgelegt werden könnten. 
         
         
         
         50
            
          Im zweiten Fall habe der genannte Mitgliedstaat nicht die in Artikel 8 Absatz 1 der Verordnung Nr. 3295/94 vorgesehenen Maßnahmen
         ergriffen. In diesem Fall stelle sich das Problem der Anwendung der in dieser Vorschrift enthaltenen Regelung, da nationale
         Bestimmungen vorhanden seien, die in dem Transit derartiger Waren keine illegale Benutzung einer Marke sähen. 
         
         
         
         51
            
          Die Kommission schließt ferner aus den Randnummern 23 bis 25 des Urteils vom 14. Oktober 1999 in der Rechtssache C‑223/98
         (Adidas, Slg. 1999, I‑7081), dass in dem Fall, dass nachgeahmte oder unerlaubt hergestellte Waren einem Nichterhebungsverfahren
         wie dem Transitverfahren unterlägen, nationale Bestimmungen, die in dem in der vorstehenden Randnummer dargelegten Sinne ausgelegt
         werden könnten, eine Verletzung von Artikel 2 der Verordnung Nr. 3295/94 darstellten. Die nationalen Bestimmungen seien in
         mit Artikel 2 konformer Weise auszulegen, so dass insbesondere die in Artikel 8 Absatz 1 dieser Verordnung vorgesehenen Maßnahmen
         auf die einem Nichterhebungsverfahren unterliegenden Waren anwendbar seien. 
         
         
         
         52
            
          Die Kommission weist jedoch darauf hin, dass sich im Zusammenhang mit Artikel 11 der Verordnung Nr. 3295/94 ein besonderes
         Problem stellen könne. Die Verpflichtung des nationalen Gerichts, bei der Auslegung der einschlägigen Bestimmungen des innerstaatlichen
         Rechts auf den Inhalt des Gemeinschaftsrechts abzustellen, finde ihre Grenze in den allgemeinen Rechtsgrundsätzen, die Teil
         des Gemeinschaftsrechts seien, insbesondere in den Grundsätzen der Rechtssicherheit und des strafrechtlichen Rückwirkungsverbots.
         
         
         
         
         53
            
          So habe der Gerichtshof im Urteil vom 8. Oktober 1987 in der Rechtssache 80/86 (Kolpinghuis Nijmegen, Slg. 1987, 3969, Randnrn.
         12 und 13) festgestellt, dass die nicht umgesetzten Bestimmungen einer Richtlinie für sich allein und unabhängig von zu ihrer
         Durchführung erlassenen innerstaatlichen Rechtsvorschriften eines Mitgliedstaats nicht die Wirkung haben könnten, die strafrechtliche
         Verantwortlichkeit derjenigen, die gegen die Vorschriften dieser Richtlinie verstießen, festzulegen oder zu verschärfen. Die
         Kommission zieht daraus den Schluss, dass die in Artikel 2 der Verordnung Nr. 3295/94 enthaltenen Verbote dann, wenn nationale
         Bestimmungen zu einer gegensätzlichen Auslegung dieser Verbote führen könnten, für sich allein nicht die Wirkung haben könnten,
         die strafrechtliche Verantwortlichkeit derjenigen, die gegen sie verstießen, festzulegen oder zu verschärfen. 
         
         Würdigung durch den Gerichtshof
         
         54
            
          Wie der Gerichtshof in Randnummer 29 des Urteils Polo/Lauren ausgeführt hat, ist die Verordnung Nr. 3295/94 nach ihrem Artikel
         1 auch auf solche Sachverhalte anzuwenden, bei denen aus einem Drittstaat eingeführte Waren bei ihrem Transit in einen anderen
         Drittstaat auf Antrag eines Rechtsinhabers, der eine Verletzung seiner Rechte behauptet, von den Zollbehörden eines Mitgliedstaats
         unter Berufung auf die genannte Verordnung in diesem Mitgliedstaat vorläufig angehalten werden. 
         
         
         
         55
            
          Außerdem verpflichtet Artikel 11 der Verordnung Nr. 3295/94 die Mitgliedstaaten, Sanktionen für den Fall festzusetzen, dass
         gegen das in Artikel 2 dieser Verordnung vorgesehene Verbot, nachgeahmte Waren in den zollrechtlich freien Verkehr oder in
         ein Nichterhebungsverfahren zu überführen, auszuführen oder wieder auszuführen, verstoßen wird. 
         
         
         
         56
            
          Ferner ist der Anwendungsbereich dieser Verordnung, wie der Generalanwalt in Nummer 36 seiner Schlussanträge zutreffend ausführt,
         von der Art des nationalen Verfahrens (zivil-, straf- oder verwaltungsrechtliches Verfahren) unabhängig, in dem sie eine Rolle
         spielt. 
         
         
         
         57
            
          Nach Ansicht des vorlegenden Gerichts lässt sich Artikel 60 MSchG dahin auslegen, dass er nicht für den bloßen Transit von
         Waren gilt; die österreichische Regierung und die Privatanklägerinnen widersprechen dem. 
         
         
         
         58
            
          Es ist nicht Sache des Gerichtshofes, sich zur Auslegung des nationalen Rechts zu äußern; dies ist allein Aufgabe des nationalen
         Gerichts. Sollte dieses feststellen, dass die einschlägigen Vorschriften des nationalen Rechts entgegen den Artikeln 2 und
         11 der Verordnung 3295/94 den bloßen Transit nachgeahmter Waren durch das Gebiet des betreffenden Mitgliedstaats nicht verbieten
         und somit nicht sanktionieren, so stünden die genannten Artikel der Verordnung den erwähnten nationalen Vorschriften entgegen.
         
         
         
         
         59
            
          Außerdem muss das nationale Gericht nach ständiger Rechtsprechung das nationale Recht innerhalb der durch das Gemeinschaftsrecht
         gesetzten Grenzen auslegen, um das mit der Gemeinschaftsnorm vorgeschriebene Ziel zu erreichen (Urteile vom 13. November 1990
         in der Rechtssache C‑106/89, Marleasing, Slg. 1990, I‑4135, Randnr. 8, und vom 26. September 2000 in der Rechtssache C‑262/97,
         Engelbrecht, Slg. 2000, I‑7321, Randnr. 39). 
         
         
         
         60
            
          Wenn eine solche konforme Auslegung möglich ist, hat das nationale Gericht den Inhabern eines Rechts am geistigen Eigentum
         einen Schutz dieses Rechts gegen die nach Artikel 2 der Verordnung Nr. 3295/94 verbotenen Beeinträchtigungen dadurch zu garantieren,
         dass es auf den Transit nachgeahmter Waren durch das eigene Staatsgebiet die zivilrechtlichen Sanktionen anwendet, die das
         nationale Recht für die anderen nach Artikel 2 der Verordnung verbotenen Verhaltensweisen vorsieht, sofern sie wirksam, verhältnismäßig
         und abschreckend sind. 
         
         
         
         61
            
          Im Bereich des Strafrechts stellt sich bei Anwendung des Grundsatzes der konformen Auslegung jedoch ein besonderes Problem.
         Wie der Gerichtshof bereits festgestellt hat, findet dieser Grundsatz seine Grenzen in den allgemeinen Rechtsgrundsätzen,
         die Bestandteil des Gemeinschaftsrechts sind, insbesondere in den Grundsätzen der Rechtssicherheit und des Rückwirkungsverbots.
         Hierzu hat der Gerichtshof wiederholt ausgeführt, dass eine Richtlinie für sich allein – unabhängig von zu ihrer Durchführung
         erlassenen innerstaatlichen Rechtsvorschriften eines Mitgliedstaats – nicht die Wirkung haben kann, die strafrechtliche Verantwortlichkeit
         derjenigen, die gegen die Vorschriften dieser Richtlinie verstoßen, festzulegen oder zu verschärfen (u. a. Urteile Pretore
         di Salò, Randnr. 20, vom 26. September 1996 in der Rechtssache C‑168/95, Arcaro, Slg. 1996, I‑4705, Randnr. 37, und vom 12.
         Dezember 1996 in den Rechtssachen C‑74/95 und C‑129/95, X, Slg. 1996, I‑6609, Randnr. 24). 
         
         
         
         62
            
          Zwar ist die in den Ausgangsverfahren in Rede stehende Gemeinschaftsregelung eine Verordnung, also eine Norm, die ihrem Wesen
         nach keine nationalen Umsetzungsmaßnahmen erfordert, und keine Richtlinie. Jedoch räumt Artikel 11 der Verordnung Nr. 3295/94
         den Mitgliedstaaten die Befugnis ein, Sanktionen für die nach Artikel 2 dieser Verordnung verbotenen Verhaltensweisen vorzusehen,
         so dass sich die Erwägungen des Gerichtshofes zu den Richtlinien auf die vorliegende Rechtssache übertragen lassen. 
         
         
         
         63
            
          Sollte das vorlegende Gericht zu dem Schluss gelangen, dass das nationale Recht den Transit nachgeahmter Waren durch österreichisches
         Hoheitsgebiet nicht untersagt, so verbietet der Grundsatz „Keine Strafe ohne Gesetz“, wie er in Artikel 7 der Konvention zum
         Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten verankert ist, der ein den Verfassungsüberlieferungen der Mitgliedstaaten gemeiner
         allgemeiner Grundsatz des Gemeinschaftsrechts ist, ein solches Verhalten strafrechtlich zu sanktionieren, und zwar auch dann,
         wenn die nationale Regelung gemeinschaftsrechtswidrig sein sollte. 
         
         
         
         64
            
          Auf die vorgelegte Frage ist daher zu antworten: 
         
         
         
          
         –
            Die Artikel 2 und 11 der Verordnung Nr. 3295/94 sind anwendbar, wenn Waren auf dem Transitweg zwischen zwei Staaten, die nicht
               der Europäischen Gemeinschaft angehören, in einem Mitgliedstaat von dessen Zollbehörden vorläufig angehalten werden. 
            
         
         
         
         
          
         –
            Die Verpflichtung, das nationale Recht unter Berücksichtigung des Wortlauts und des Zweckes des Gemeinschaftsrechts konform
               auszulegen, um das gemeinschaftsrechtlich verfolgte Ziel zu erreichen, kann für sich allein – unabhängig von innerstaatlichen
               Rechtsvorschriften eines Mitgliedstaats – keine strafrechtliche Verantwortlichkeit eines Wirtschaftsteilnehmers, der gegen
               die Vorschriften dieser Verordnung verstoßen hat, begründen oder verschärfen. 
            
         
         
         
         
         Kosten
         65
            
          Die Auslagen der österreichischen und der finnischen Regierung sowie der Kommission, die Erklärungen vor dem Gerichtshof abgegeben
         haben, sind nicht erstattungsfähig. Für die Beteiligten der Ausgangsverfahren ist das Verfahren Teil der bei dem vorlegenden
         Gericht anhängigen Verfahren; die Kostenentscheidung ist daher Sache dieses Gerichts. 
         
         
         Aus diesen Gründen 
         
         
         
            
            DER GERICHTSHOF (Fünfte Kammer)
         
         
          auf die ihm vom Landesgericht Eisenstadt mit Beschluss vom 17. Januar 2002 vorgelegte Frage für Recht erkannt: 
         Die Artikel 2 und 11 der Verordnung (EG) Nr. 3295/94 des Rates vom 22. Dezember 1994 über Maßnahmen, welche das Verbringen
               von Waren, die bestimmte Rechte am geistigen Eigentum verletzen, in die Gemeinschaft sowie ihre Ausfuhr und Wiederausfuhr
               aus der Gemeinschaft betreffen, in der durch die Verordnung (EG) Nr. 241/1999 des Rates vom 25. Januar 1999 geänderten Fassung
               sind anwendbar, wenn Waren auf dem Transitweg zwischen zwei Staaten, die nicht der Europäischen Gemeinschaft angehören, in
               einem Mitgliedstaat von dessen Zollbehörden vorläufig angehalten werden.Die Verpflichtung, das nationale Recht unter Berücksichtigung des Wortlauts und des Zweckes des Gemeinschaftsrechts konform
               auszulegen, um das gemeinschaftsrechtlich verfolgte Ziel zu erreichen, kann für sich allein – unabhängig von innerstaatlichen
               Rechtsvorschriften eines Mitgliedstaats – keine strafrechtliche Verantwortlichkeit eines Wirtschaftsteilnehmers, der gegen
               die Vorschriften dieser Verordnung verstoßen hat, begründen oder verschärfen.
                  Jann
               
               
                  Edward 
               
               
                  La Pergola 
               
            
                  
               
               
                  
               
               
                  
               
            
                  
               
               
                  
               
               
                  
               
            
                  
               
               
                  
               
               
                  
               
            
                  
               
               
                  
               
               
                  
               
            
            
            
            
            
            
            
            
         
         
          Verkündet in öffentlicher Sitzung in Luxemburg am 7. Januar 2004.
         
         
         
         
                  Der Kanzler
               
               
                  Der Präsident der Fünfte Kammer
               
            
         
         
         
                  R. Grass
               
               
                  V. Skouris
               
            
      
      
          1 –
            
            Verfahrenssprache: Deutsch.