CELEX: 62003CJ0466
Language: de
Date: 2007-06-28 00:00:00
Title: Urteil des Gerichtshofes (Erste Kammer) vom 28. Juni 2007.#Albert Reiss Beteiligungsgesellschaft mbH gegen Land Baden-Württemberg.#Ersuchen um Vorabentscheidung: Landgericht Baden-Baden - Deutschland.#Richtlinie 69/335/EWG - Indirekte Steuern auf die Ansammlung von Kapital - Nationale Regelung, die für die Beurkundung der Übertragung von Geschäftsanteilen an Gesellschaften mit beschränkter Haftung die Erhebung von Notargebühren vorsieht - Gebührenbescheid - Einstufung als ‚gesellschaftsteuerähnliche Abgabe‘ - Vorangehende Formalität - Börsenumsatzsteuer - Abgaben mit Gebührencharakter.#Rechtssache C-466/03.

Rechtssache C-466/03
      Albert Reiss Beteiligungsgesellschaft mbH
      gegen
      Land Baden-Württemberg
      (Vorabentscheidungsersuchen und ergänzendes Vorabentscheidungsersuchen des Landgerichts Baden-Baden)
      „Richtlinie 69/335/EWG – Indirekte Steuern auf die Ansammlung von Kapital – Nationale Regelung, die für die Beurkundung der Übertragung von Geschäftsanteilen an Gesellschaften mit beschränkter Haftung
         die Erhebung von Notargebühren vorsieht – Gebührenbescheid – Einstufung als ‚gesellschaftsteuerähnliche Abgabe‘ – Vorangehende Formalität – Börsenumsatzsteuer – Abgaben mit Gebührencharakter“
      
      Leitsätze des Urteils
      Steuerrecht – Harmonisierung der Rechtsvorschriften – Indirekte Steuern auf die Ansammlung von Kapital
      (Richtlinie 69/335 des Rates, Art. 10 Buchst. c und 12 Abs. 1 Buchst. a und e)
      Art. 10 Buchst. c der Richtlinie 69/335 betreffend die indirekten Steuern auf die Ansammlung von Kapital steht der Erhebung
         von Notargebühren für die Beurkundung der Übertragung von Geschäftsanteilen an einer Gesellschaft entgegen, die als Einlage
         im Rahmen einer Erhöhung des Gesellschaftskapitals einer Kapitalgesellschaft erfolgt ist, und dies in einem Rechtssystem,
         das dadurch gekennzeichnet ist, dass die Notare Beamte sind und die Gebühren zumindest teilweise dem Staat für die Bestreitung
         öffentlicher Kosten zufließen.
      
      Dass die Notare selbst Gläubiger der Gebühren sind und der Anteil, den sie an den Staat abführen müssen, relativ gering ist,
         hat für die Einstufung der Gebühren als „Steuer“ im Sinne der Richtlinie 69/335 keine Bedeutung.
      
      Diese Gebühren können keine Börsenumsatzsteuer im Sinne von Art. 12 Abs. 1 Buchst. a der Richtlinie 69/335 sein. Diese Bestimmung
         ist nämlich eng auszulegen und kann nicht dahin verstanden werden, dass sie sich auf andere Steuern als „Börsenumsatzsteuern“
         im eigentlichen Wortsinn erstreckt.
      
      Die Gebühren haben auch keinen Gebührencharakter im Sinne von Art. 12 Abs. 1 Buchst. e der Richtlinie 69/335, da sie proportional
         zum Wert der übertragenen Geschäftsanteile, also des zugrunde liegenden wirtschaftlichen Vorgangs, steigen, ohne dass eine
         Obergrenze festgelegt worden wäre. Nur Entgelte, deren Höhe sich nach den Kosten der erbrachten Leistung richtet, können als
         „Abgaben mit Gebührencharakter“ qualifiziert werden. Dagegen ist ein Entgelt, dessen Höhe keinen Zusammenhang mit den tatsächlichen
         Aufwendungen für diese konkrete Leistung aufweist oder sich nicht nach den Kosten des Vorgangs, für den es die Gegenleistung
         darstellt, sondern nach den gesamten Betriebs- und Investitionskosten der Verwaltung richtet, als eine nach den Art. 10 und
         11 der Richtlinie verbotene Abgabe anzusehen.
      
      (vgl. Randnrn. 44, 46, 58-59, 62, 64-66 und Tenor)
URTEIL DES GERICHTSHOFS (Erste Kammer)
      28. Juni 2007(*)
      
      „Richtlinie 69/335/EWG – Indirekte Steuern auf die Ansammlung von Kapital – Nationale Regelung, die für die Beurkundung der Übertragung von Geschäftsanteilen an Gesellschaften mit beschränkter Haftung
         die Erhebung von Notargebühren vorsieht – Gebührenbescheid – Einstufung als ‚gesellschaftsteuerähnliche Abgabe‘ – Vorangehende Formalität – Börsenumsatzsteuer – Abgaben mit Gebührencharakter“
      
      In der Rechtssache C‑466/03
      betreffend ein Vorabentscheidungsersuchen und ein ergänzendes Vorabentscheidungsersuchen nach Art. 234 EG, eingereicht vom
         Landgericht Baden-Baden (Deutschland) mit Entscheidungen vom 20. Oktober 2003 und 10. Oktober 2005, beim Gerichtshof eingegangen
         am 6. November 2003 und 31. Oktober 2005, in dem Verfahren 
      
      Albert Reiss Beteiligungsgesellschaft mbH
      gegen
      Land Baden-Württemberg
      erlässt
      DER GERICHTSHOF (Erste Kammer)
      unter Mitwirkung des Kammerpräsidenten P. Jann (Berichterstatter) sowie der Richter K. Lenaerts, E. Juhász, M. Ilešič und
         E. Levits,
      
      Generalanwälte: L. A. Geelhoed, dann V. Trstenjak,
      Kanzler: R. Grass, Kanzler, dann B. Fülöp, Verwaltungsrat,
      aufgrund des schriftlichen Verfahrens und auf die mündliche Verhandlung vom 9. November 2006,
      unter Berücksichtigung der Erklärungen
      –        der Albert Reiss Beteiligungsgesellschaft mbH, vertreten durch die Rechtsanwälte A. Feber und H. Sandweg, 
      –        des Landes Baden‑Württemberg, vertreten durch K. Ehmann, M. Steindorfner und F. Mauch als Bevollmächtigte,
      –        der Kommission der Europäischen Gemeinschaften, vertreten durch R. Lyal und K. Gross als Bevollmächtigte,
      nach Anhörung der Schlussanträge der Generalanwälte in den Sitzungen vom 16. Juni 2005 und 8. März 2007 
      folgendes
      Urteil
      1        Das Vorabentscheidungsersuchen und seine Ergänzung betreffen die Auslegung der Art. 10 und 12 der Richtlinie 69/335/EWG des
         Rates vom 17. Juli 1969 betreffend die indirekten Steuern auf die Ansammlung von Kapital (ABl. L 249, S. 25) in der durch
         die Richtlinie 85/303/EWG des Rates vom 10. Juni 1985 (ABl. L 156, S. 23) geänderten Fassung (im Folgenden: Richtlinie 69/335).
      
      2        Diese Ersuchen ergehen im Rahmen eines Rechtsstreits zwischen der Albert Reiss Beteiligungsgesellschaft mbH (im Folgenden:
         Reiss) und dem Land Baden‑Württemberg über die Zahlung von Notargebühren für die Beurkundung der Übertragung von Geschäftsanteilen
         an einer Gesellschaft mit beschränkter Haftung auf Reiss, wobei diese Übertragung als Einlage im Rahmen einer Erhöhung des
         Stammkapitals von Reiss erfolgte.
      
       Rechtlicher Rahmen
       Gemeinschaftsrecht
      3        Mit der Richtlinie 69/335 soll, wie sich aus ihren ersten beiden Erwägungsgründen ergibt, der freie Kapitalverkehr, eine der
         für die Schaffung eines Binnenmarkts wesentlichen Grundfreiheiten, gefördert werden. Die Richtlinie soll steuerrechtliche
         Hindernisse beseitigen, die auf dem Gebiet der Ansammlung von Kapital bestehen, insbesondere was Kapitalzuführungen, d. h.
         Kapitalzufuhren von Gesellschaftern oder Aktionären an ihre Kapitalgesellschaften, anbelangt. 
      
      4        Zu diesem Zweck sehen die Art. 1 bis 9 der Richtlinie die Erhebung einer harmonisierten Abgabe auf Kapitalzuführungen (im
         Folgenden: Gesellschaftsteuer) vor. 
      
      5        In Art. 4 der Richtlinie sind die Vorgänge aufgeführt, die die Mitgliedstaaten einer solchen Gesellschaftsteuer unterwerfen
         können oder müssen.
      
      6        So bestimmt Art. 4 Abs. 1 Buchst. c der Richtlinie, dass die Mitgliedstaaten Gesellschaftsteuer auf „die Erhöhung des Kapitals
         einer Kapitalgesellschaft durch Einlagen jeder Art“ erheben. 
      
      7        Außerdem sieht Art. 10 der Richtlinie im Licht ihres letzten Erwägungsgrundes die Aufhebung von Steuern oder Abgaben mit den
         gleichen Merkmalen wie die Gesellschaftsteuer (im Folgenden: gesellschaftsteuerähnliche Abgaben) vor.
      
      8        Abgesehen von der Gesellschaftsteuer erheben die Mitgliedstaaten daher nach Art. 10 Buchst. c der Richtlinie von Gesellschaften,
         Personenvereinigungen oder juristischen Personen mit Erwerbszweck keinerlei andere Steuern oder Abgaben auf die der Ausübung
         einer Tätigkeit vorangehende Eintragung oder sonstige Formalität, der eine Gesellschaft, Personenvereinigung oder juristische
         Person mit Erwerbszweck aufgrund ihrer Rechtsform unterworfen werden kann.
      
      9        Art. 12 Abs. 1 der Richtlinie bestimmt jedoch:
      
      „In Abweichung von den Artikeln 10 und 11 können die Mitgliedstaaten Folgendes erheben:
      a)      pauschal oder nicht pauschal erhobene Börsenumsatzsteuern; 
      …
      e)      Abgaben mit Gebührencharakter; 
      …“
      10      Zu den Börsenumsatzsteuern wird in der Begründung des Vorschlags einer Richtlinie der Kommission vom 14. Dezember 1964 (KOM[64]
         526 endg.), der zum Erlass der Richtlinie 69/335 geführt hat, erläuternd ausgeführt: 
      
      „Bei [den indirekten] Steuern [auf den Kapitalverkehr] kann man zwischen Steuern auf die Ansammlung von Kapital und Steuern
         auf den Wertpapierhandel unterscheiden. Der nachstehende Richtlinienentwurf bezieht sich auf die indirekten Steuern auf die
         Ansammlung von Kapital; hierzu gehören: die Gesellschaftsteuer auf das Eigenkapital der Gesellschaften, die Wertpapiersteuer
         auf inländische Wertpapiere, die bei der Einführung oder Emission von Wertpapieren ausländischer Herkunft auf dem Binnenmarkt
         erhobene Wertpapiersteuer sowie andere indirekte Steuern, die die gleichen Merkmale aufweisen. Die indirekten Steuern, die
         auf den Wertpapierhandel erhoben werden, wie beispielsweise die Börsenumsatzsteuern, werden in einer späteren Richtlinie gesondert
         behandelt werden. Die vorliegende Richtlinie lässt diese Steuern somit unberührt.“
      
       Nationales Recht 
      11      § 15 Abs. 3 des Gesetzes betreffend die Gesellschaften mit beschränkter Haftung vom 20. April 1892 (RGBl. S. 477) in seiner für
         das Ausgangsverfahren maßgebenden Fassung (im Folgenden: GmbHG) sieht vor: „Zur Abtretung von Geschäftsanteilen durch Gesellschafter
         bedarf es eines in notarieller Form geschlossenen Vertrags.“
      
      12      Die Höhe der Gebühren, die von den Notaren erhoben werden können, ist im Gesetz über die Kosten in Angelegenheiten der freiwilligen
         Gerichtsbarkeit (Kostenordnung) vom 26. Juli 1957 (BGBl. I S. 960) in seiner für das Ausgangsverfahren maßgebenden Fassung
         (im Folgenden: KostO) festgelegt.
      
      13      Nach § 32 Abs. 1 KostO beträgt die volle Gebühr bei einem Geschäftswert bis 1 000 Euro 10 Euro. Die Gebühr erhöht sich bei
         einem Geschäftswert
      
      –        bis 5 000 Euro für jeden angefangenen Betrag von weiteren 1 000 Euro um 8 Euro,
      –        bis 50 000 Euro für jeden angefangenen Betrag von weiteren 3 000 Euro um 6 Euro,
      –        bis 5 000 000 Euro für jeden angefangenen Betrag von weiteren 10 000 Euro um 15 Euro,
      –        bis 25 000 000 Euro für jeden angefangenen Betrag von weiteren 25 000 Euro um 16 Euro,
      –        bis 50 000 000 Euro für jeden angefangenen Betrag von weiteren 50 000 Euro um 11 Euro,
      –        über 50 000 000 Euro für jeden angefangenen Betrag von weiteren 250 000 Euro um 7 Euro.
      14      Nach § 36 Abs. 2 KostO wird für die Beurkundung von Verträgen das Doppelte der vollen Gebühr erhoben. 
      
      15      Im Land Baden-Württemberg ist das Innenverhältnis zwischen den Notaren im Landesdienst und der Staatskasse u. a. im Landesjustizkostengesetz
         vom 15. Januar 1993 (GBl. S. 110, im Folgenden: LJKG) geregelt.
      
      16      Dieses Gesetz sah ursprünglich vor, dass die im Bezirk des Oberlandesgerichts Karlsruhe tätigen beamteten Notare nicht die
         unmittelbaren Gläubiger der Gebühren für die notarielle Beurkundung sind, sondern dass diese Gebühren unmittelbar dem Land
         zufließen. Die beamteten Notare erhielten ihre Dienstbezüge, zu denen ein veränderlicher Betrag in Form eines Anteils an den
         erhobenen Gebühren kam. So stand ihnen z. B. für die Beurkundung der in § 15 Abs. 3 GmbHG genannten Verträge ein Gebührenanteil
         von 50 % zu.
      
      17      Diese Regelung wurde – rückwirkend zum 1. Juni 2002 – durch Gesetz vom 28. Juli 2005 (GBl. Nr. 12 vom 5. August 2005, S. 580)
         geändert.
      
      18      § 10 LJKG in der geänderten Fassung bestimmt:
      
      „(1) Die Gebühren und Auslagen für die Tätigkeit der Notare werden zur Staatskasse erhoben.
      (2)      Die Notare sind Gläubiger der Gebühren und Auslagen für ihre Tätigkeit nach § 3 Abs. 1 des Landesgesetzes über die freiwillige
         Gerichtsbarkeit sowie etwaiger Zinsen nach § 154a der Kostenordnung. … 
      
      (3)      Die Notare beziehen die Gebühren, Auslagen und Zinsen nach Abs. 2 Satz 1 … neben den ihnen nach dem Landesbesoldungsgesetz
         zustehenden Bezügen.“ 
      
      19      Nach § 11 Abs. 1 LJKG in der geänderten Fassung erhält die Staatskasse grundsätzlich nicht mehr als 15 % der Gebühren, die
         die Notare im Landesdienst aufgrund zwingender gesellschaftsrechtlicher Vorgaben für Beurkundungen in gesellschaftsrechtlichen
         Angelegenheiten erheben.
      
       Ausgangsverfahren und Vorlagefragen
      20      Reiss beschloss am 30. Juli 2002, ihr Stammkapital im Wege der Sacheinlage auf 100 000 Euro zu erhöhen. Der alleinige Gesellschafter
         dieser Gesellschaft, Albert Reiss, übertrug hierzu mit (von einem beamteten Notar im Bezirk des Oberlandesgerichts Karlsruhe)
         notariell beurkundetem Vertrag vom 30. Juli 2002 den von ihm gehaltenen einzigen Geschäftsanteil an einer anderen Gesellschaft
         mit beschränkter Haftung, der Arku Maschinenbau GmbH (im Folgenden: Arku), auf die Reiss Beteiligungsgesellschaft. 
      
      21      Die Erhöhung des Stammkapitals von Reiss wurde am 4. November 2002 in das Handelsregister beim Amtsgericht Baden-Baden eingetragen.
         Neben anderen Gebühren setzte der Kostenbeamte für die Beurkundung der Übertragung des einzigen Geschäftsanteils an Arku Notargebühren
         in Höhe von 11 424 Euro gegen Reiss fest. Dieser Betrag wurde unter Zugrundelegung eines Geschäftswerts von 3 763 443,90 Euro
         ermittelt.
      
      22      Reiss legte gegen diese Festsetzung Erinnerung ein, mit der sie einen Verstoß gegen Gemeinschaftsrecht rügte.
      
      23      Nach Zurückweisung der Erinnerung durch das Amtsgericht Baden-Baden legte Reiss Beschwerde beim vorlegenden Gericht ein. 
      
      24      Das Landgericht Baden-Baden hat das Verfahren ausgesetzt und dem Gerichtshof folgende Frage zur Vorabentscheidung vorgelegt:
         
      
      Erfasst Art. 10 Buchst. c der Richtlinie 69/335 auch die Gebühren für die notariell beurkundete Abtretung von GmbH‑Anteilen?
         
      
      25      Im Rahmen der Prüfung dieser Rechtssache hat der Gerichtshof zunächst beschlossen, gemäß Art. 104 § 3 seiner Verfahrensordnung
         durch Beschluss zu entscheiden. Auf Einwände des Landes Baden-Württemberg, dass bestimmte Aspekte der Antwort auf die Vorlagefrage
         nicht klar aus der Rechtsprechung abgeleitet werden könnten, hat er die Frage jedoch noch einmal geprüft und beschlossen,
         über das Vorabentscheidungsersuchen durch Urteil zu entscheiden. 
      
      26      Das Landgericht Baden-Baden hat dem Gerichtshof mit Beschluss vom 10. Oktober 2005 eine ergänzende Frage vorgelegt, um der
         mit dem Gesetz vom 28. Juli 2005 erfolgten Gesetzesänderung Rechnung zu tragen:
      
      Entfällt die Eigenschaft der Notargebühr als Steuer im Sinne der Richtlinie 69/335 dann, wenn zwar der Staat auf die Geltendmachung
         seines Anteils aus dem Rechtsgeschäft verzichtet, die Gebühr – abzüglich einer pauschalen Aufwandsentschädigung von 15 % für
         den Staat – also dem beamteten Notar selbst belässt, der Notar aber im Übrigen in die Verwaltungsorganisation eingegliedert
         bleibt und vom Staat für die Wahrnehmung öffentlicher Aufgaben entlohnt wird? 
      
      27      Mit Schriftsatz, der am 16. März 2007 bei der Kanzlei des Gerichtshofs eingegangen ist, hat Reiss nach Art. 61 der Verfahrensordnung
         beantragt, die Wiedereröffnung der mündlichen Verhandlung anzuordnen, um eine Beweisaufnahme nach den Art. 45 ff. der Verfahrensordnung
         zu den Tatsachenbehauptungen in Nr. 50 der Schlussanträge der Generalanwältin Trstenjak durchzuführen.
      
       Zu den Anträgen auf Wiedereröffnung der mündlichen Verhandlung und Durchführung einer Beweisaufnahme
      28      Reiss wünscht eine Wiedereröffnung der mündlichen Verhandlung, damit die Feststellungen, die Generalanwältin Trstenjak in
         ihren Schlussanträgen zum wirtschaftlichen Risiko und zur Haftung der beamteten Notare getroffen hat, überprüft werden können.
      
      29      Insoweit ist darauf hinzuweisen, dass der Gerichtshof nach Art. 61 seiner Verfahrensordnung die Wiedereröffnung der mündlichen
         Verhandlung von Amts wegen, auf Vorschlag des Generalanwalts oder auch auf Antrag der Parteien anordnen kann, wenn er sich
         für unzureichend unterrichtet hält oder ein zwischen den Parteien nicht erörtertes Vorbringen als entscheidungserheblich ansieht
         (vgl. Urteile vom 19. Februar 2002, Wouters u. a., C‑309/99, Slg. 2002, I‑1577, Randnr. 42, und vom 14. Dezember 2004, Swedish
         Match, C‑210/03, Slg. 2004, I‑11893, Randnr. 25). 
      
      30      Im vorliegenden Fall ist der Gerichtshof jedoch nach Anhörung der Generalanwältin der Auffassung, dass er über sämtliche Angaben
         verfügt, die für die Beantwortung der Vorlagefragen erforderlich sind. Der Antrag auf Wiedereröffnung der mündlichen Verhandlung
         ist daher zurückzuweisen. 
      
      31      Unter diesen Umständen ist auch der Antrag auf Durchführung einer Beweisaufnahme zurückzuweisen.
      
       Zu den Vorlagefragen
      32      Mit seinen Fragen, die zusammen zu prüfen sind, möchte das vorlegende Gericht wissen, ob die Richtlinie 69/335 der Erhebung
         von Notargebühren für die Beurkundung der Übertragung von Geschäftsanteilen an einer Gesellschaft entgegensteht, die als Einlage
         im Rahmen einer Erhöhung des Gesellschaftskapitals einer Kapitalgesellschaft erfolgt ist, und dies in einem Rechtssystem,
         das dadurch gekennzeichnet ist, dass die Notare Beamte sind und die Gebühren zumindest teilweise dem Staat für die Bestreitung
         öffentlicher Kosten zufließen.
      
       Zur Zulässigkeit
      33      Die Regierung des Landes Baden-Württemberg, die die Auffassung vertritt, dass die erste Frage verneint werden sollte, d. h.,
         dass die im Ausgangsverfahren in Rede stehenden Gebühren nicht unter die Richtlinie 69/335, insbesondere Art. 10 Buchst. c,
         fallen, ist der Ansicht, dass das vorlegende Gericht in Wirklichkeit keiner Antwort auf die Ergänzungsfrage bedürfe und diese
         daher unzulässig sei.
      
      34      Insoweit ist daran zu erinnern, dass das Ersuchen eines vorlegenden Gerichts nur dann abgelehnt werden kann, wenn die erbetene
         Auslegung des Gemeinschaftsrechts offensichtlich in keinem Zusammenhang mit der Realität oder dem Gegenstand des Ausgangsverfahrens
         steht, wenn das Problem hypothetischer Natur ist oder wenn der Gerichtshof nicht über die tatsächlichen oder rechtlichen Angaben
         verfügt, die für eine sachdienliche Beantwortung der ihm vorgelegten Fragen erforderlich sind (vgl. u. a. Urteil vom 10. Januar
         2006, IATA und ELFAA, C‑344/04, Slg. 2006, I‑403, Randnr. 24 und die dort angeführte Rechtsprechung).
      
      35      Dies ist im Ausgangsverfahren jedoch nicht der Fall. Es ist nämlich nicht offensichtlich, dass die fraglichen Gebühren vom
         Geltungsbereich der Richtlinie 69/335 ausgenommen sind und die ergänzende Frage deshalb in keinem Zusammenhang mit dem Gegenstand
         des Ausgangsverfahrens steht.
      
      36      Ob die Gebühren in den Geltungsbereich der Richtlinie 69/335 fallen, ist außerdem keine Frage der Zulässigkeit, sondern eine
         materiellrechtliche Frage, die im Rahmen der Sachprüfung zu untersuchen ist.
      
      37      Die ergänzende Frage ist daher zu beantworten. 
      
       Zu den Fragen
      38      Zunächst ist zu prüfen, ob Gebühren, wie sie im Ausgangsverfahren in Rede stehen, „Steuern oder Abgaben“ im Sinne der Richtlinie
         69/335 sind, sodann, ob diese Gebühren unter das Verbot des Art. 10 der Richtlinie 69/335 fallen, und schließlich gegebenenfalls,
         ob sie unter eine der in Art. 12 der Richtlinie vorgesehenen Bestimmungen fallen.
      
       Zur Einordnung als „Steuer“ im Sinne der Richtlinie 69/335
      39      Aus der Rechtsprechung ergibt sich, dass der Begriff der „Steuer“ im Sinne der Richtlinie 69/335 im Hinblick auf die mit dieser
         Richtlinie verfolgten Ziele grundsätzlich weit auszulegen ist (vgl. in diesem Sinne Urteile vom 19. März 2002, Kommission/Griechenland,
         C‑426/98, Slg. 2002, I‑2793, Randnr. 25, und vom 10. März 2005, Optiver u. a., C‑22/03, Slg. 2005, I‑1839, Randnrn. 30 und
         31).
      
      40      Nach der Rechtsprechung sind Notargebühren als „Steuer“ im Sinne der Richtlinie 69/335 zu qualifizieren, wenn sie für einen
         unter diese Richtlinie fallenden Vorgang von Notaren erhoben werden, die Beamte sind, und zumindest teilweise dem Staat für
         die Bestreitung öffentlicher Kosten zufließen (vgl. in diesem Sinne Beschluss vom 21. März 2002, Gründerzentrum, C‑264/00,
         Slg. 2002, I‑3333, Randnr. 27; Urteile vom 30. Juni 2005, Längst, C‑165/03, Slg. 2005, I‑5637, Randnr. 37, und vom 7. September
         2006, Organon Portuguesa, C‑193/04, Slg. 2006, I‑7271, Randnr. 17).
      
      41      Was die im Ausgangsverfahren in Rede stehenden Gebühren betrifft, so hat der Gerichtshof bereits entschieden, dass diese Voraussetzungen
         bei dem im Bezirk des Oberlandesgerichts Karlsruhe (zu dem das Amtsgericht Baden-Baden gehört) zuvor geltenden System erfüllt
         waren, in dem die Notare Beamte waren und ein Teil der für die Beurkundung vereinnahmten Gebühren dem Staat für die Finanzierung
         seiner Aufgaben zufloss (vgl. in diesem Sinne Beschluss Gründerzentrum, Randnr. 28).
      
      42      Die durch das Gesetz vom 28. Juli 2005 herbeigeführten Änderungen dieses Systems sind nicht derart, dass sie für das Ausgangsverfahren
         ein anderes Ergebnis rechtfertigen würden.
      
      43      Die Notare sind zum einen nach wie vor Beamte im Landesdienst und zum anderen weiterhin verpflichtet, einen Teil der Gebühren
         an den Staat abzuführen. Darüber hinaus heißt es im Gesetz ausdrücklich, dass die Gebühren und Auslagen für die Tätigkeit
         der Notare zur Staatskasse erhoben werden.
      
      44      Gegen diese Feststellung spricht auch nicht, dass die im Bezirk des Oberlandesgerichts Karlsruhe tätigen beamteten Notare
         mit dem Gesetz vom 28. Juli 2005 selbst Gläubiger der Gebühren geworden sind und der Anteil, den sie an den Staat abführen
         müssen, mit 15 % des Gebührenbetrags relativ gering ist. 
      
      45      In den Rechtssachen, in denen die Urteile vom 29. September 1999, Modelo, „Modelo I“ (C‑56/98, Slg. 1999, I‑6427, Randnrn.
         19 und 23), und vom 21. September 2000, Modelo, „Modelo II“ (C‑19/99, Slg. 2000, I‑7213, Randnrn. 19 und 23), sowie Längst
         (Randnrn. 41 bis 43) und Organon Portuguesa (Randnrn. 11 und 17) ergangen sind, wurden die Gebühren ebenfalls zunächst von
         beamteten Notaren erhoben, die dann einen Teil an den Staat abführten. 
      
      46      Außerdem wurden die Gebühren in diesen Rechtssachen und in der Rechtssache, in der der Beschluss Gründerzentrum ergangen ist,
         unabhängig von der Höhe des an den Staat abgeführten Anteils als „Steuer“ im Sinne der Richtlinie 69/335 eingestuft. Der Sachverhaltsschilderung
         im Urteil Längst lässt sich zwar entnehmen, dass der Staat ungefähr 66 % der Gebühren erhielt; der Gerichtshof hat jedoch
         nicht darauf hingewiesen, dass dieser Umstand für die Einstufung relevant wäre. Auch in keinem der anderen genannten Urteile
         wird näher auf die Höhe des an den Staat abgeführten Anteils eingegangen. Die Frage, wie groß der von einem beamteten Notar
         an den Staat abzuführende Anteil konkret ist, hat daher a priori keine Bedeutung für die Einstufung der Gebühren als „Steuer“.
      
      47      In Anbetracht der angeführten Rechtsprechung sind Gebühren wie die im Ausgangsverfahren in Rede stehenden daher eine „Steuer“
         im Sinne der Richtlinie 69/335.
      
       Zum Verbot gesellschaftsteuerähnlicher Abgaben (Art. 10 Buchst. c der Richtlinie 69/335)
      48      Art. 10 der Richtlinie 69/335 verbietet nach deren letztem Erwägungsgrund Steuern, die die gleichen Merkmale aufweisen wie
         die Gesellschaftsteuer (vgl. u. a. Urteile vom 20. April 1993, Ponente Carni und Cispadana Costruzioni, C‑71/91 und C‑178/91,
         Slg. 1993, I‑1915, Randnr. 29, und vom 11. Juni 1996, Denkavit Internationaal u. a., C‑2/94, Slg. 1996, I‑2827, Randnr. 23).
         
      
      49      So erfasst Art. 10 Buchst. c der Richtlinie 69/335 u. a. jene Abgaben, die ungeachtet ihrer Form auf die Eintragung oder jedwede
         andere der Ausübung einer Tätigkeit vorangehende Formalität, der eine Gesellschaft aufgrund ihrer Rechtsform unterworfen werden
         kann, erhoben werden. 
      
      50      Dieses Verbot, das neben die in Art. 10 Buchst. a und b der Richtlinie genannten Verbote, die sich auf die in Art. 4 der Richtlinie
         beschriebenen Fallgestaltungen beziehen, tritt, ist dadurch gerechtfertigt, dass diese Steuern oder Abgaben zwar nicht auf
         die Kapitalzuführungen als solche, wohl aber wegen der wesentlichen Formalitäten im Zusammenhang mit der Rechtsform der Gesellschaft,
         also des Instruments zur Kapitalansammlung, erhoben werden, so dass die Beibehaltung dieser Steuern und Abgaben auch die Erreichung
         der mit der Richtlinie verfolgten Ziele gefährden würde (vgl. in diesem Sinne Urteil vom 15. Juni 2006, Badischer Winzerkeller,
         C‑264/04, Slg. 2006, I‑5275, Randnr. 19 und die dort angeführte Rechtsprechung).
      
      51      Der Gerichtshof hat daraus geschlossen, dass Art. 10 Buchst. c der Richtlinie 69/335 grundsätzlich weit auszulegen ist, und
         zwar dahin, dass er nicht nur die formalen, der Ausübung der Tätigkeit einer Kapitalgesellschaft vorangehenden Verfahren erfasst,
         sondern auch die Formalitäten, die eine Bedingung für die Ausübung und Fortführung der Tätigkeit einer solchen Gesellschaft
         darstellen (vgl. in diesem Sinne Urteile vom 2. Dezember 1997, Fantask u. a., C‑188/95, Slg. 1997, I‑6783, Randnr. 22, vom
         5. März 1998, Solred, C‑347/96, Slg. 1998, I‑937, Randnr. 22, und Badischer Winzerkeller, Randnr. 25). 
      
      52      Dazu hat der Gerichtshof bereits mehrfach festgestellt, dass, wenn ein von einer Kapitalgesellschaft durchgeführter Vorgang,
         wie z. B. die Erhöhung ihres Gesellschaftskapitals, die Änderung ihrer Satzung oder der Erwerb von Immobilien aufgrund eines
         Zusammenschlusses, nach nationalem Recht zwingend eine rechtliche Formalität erfordert, diese Formalität eine Bedingung für
         die Ausübung und Fortführung der Tätigkeit dieser Gesellschaft darstellt (vgl. in diesem Sinne Urteil Badischer Winzerkeller,
         Randnrn. 26 und 27 sowie die dort angeführte Rechtsprechung). 
      
      53      Für rechtswidrig im Sinne des Art. 10 Buchst. c der Richtlinie 69/335 gehalten hat der Gerichtshof z. B. Abgaben auf die Eintragung
         einer neuen Gesellschaft (Urteile Ponente Carni und Cispadana Costruzioni, Randnrn. 30 und 31, sowie Fantask u. a., Randnr. 22),
         die Beurkundung eines Vertrags über die Gründung einer Gesellschaft (Beschluss Gründerzentrum, Randnr. 30), die Eintragung
         der Erhöhung des Gesellschaftskapitals (Urteile Fantask u. a., Randnr. 22, vom 26. September 2000, IGI, C‑134/99, Slg. 2000,
         I‑7717, Randnr. 25, und vom 21. Juni 2001, SONAE, C‑206/99, Slg. 2001, I‑4679, Randnr. 31), die Beurkundung einer Erhöhung
         des Gesellschaftskapitals (Urteil Modelo I, Randnr. 26) sowie die Beurkundung der Zahlung des noch nicht eingezahlten Gesellschaftskapitals
         (Urteil Solred, Randnr. 23).
      
      54      Die im Ausgangsverfahren in Rede stehenden Gebühren wurden, wie auch Generalanwalt Geelhoed in den Nrn. 20 bis 23 seiner Schlussanträge
         ausgeführt hat, für die Beurkundung der Übertragung von Geschäftsanteilen an einer Gesellschaft (Arku) erhoben, die als Sacheinlage
         im Rahmen einer Erhöhung des Stammkapitals einer Kapitalgesellschaft (Reiss) erfolgte. Mit dieser Beurkundung wird somit ein
         Vorgang bescheinigt, von dem die Erhöhung des Gesellschaftskapitals einer Kapitalgesellschaft abhängt. Da solche Übertragungen
         von Geschäftsanteilen nach deutschem Recht beurkundet werden müssen, ist die Beurkundung als eine Formalität anzusehen, die
         eine Bedingung für die Ausübung und Fortführung der Tätigkeit der betreffenden Kapitalgesellschaft (Reiss) darstellt. Die
         Beurkundung ist daher eine vorangehende Formalität, der eine Kapitalgesellschaft aufgrund ihrer Rechtsform unterworfen wird.
      
      55      Gebühren wie die im Ausgangsverfahren in Rede stehenden fallen demnach unter Art. 10 Buchst. c der Richtlinie 69/335 und dürfen
         somit grundsätzlich nicht erhoben werden. 
      
      56      Es ist jedoch weiter zu prüfen, ob solche Gebühren nicht unter eine der in Art. 12 der Richtlinie 69/335 vorgesehenen Bestimmungen
         fallen.
      
       Zu der Bestimmung, nach der Börsenumsatzsteuern erhoben werden können (Art. 12 Abs. 1 Buchst. a der Richtlinie 69/335)
      57      Art. 12 Abs. 1 Buchst. a der Richtlinie 69/335 stellt klar, dass es den Mitgliedstaaten freisteht, Börsenumsatzsteuern zu
         erheben.
      
      58      Da Art. 12 Abs. 1 Buchst. a der Richtlinie 69/335 den Anwendungsbereich der in den Art. 10 und 11 der Richtlinie vorgesehenen
         Verbote beschränkt, ist er eng auszulegen und kann nicht dahin verstanden werden, dass er sich auf andere Steuern als „Börsenumsatzsteuern“
         im eigentlichen Wortsinn erstreckt. 
      
      59      Da die im Ausgangsverfahren in Rede stehenden Gebühren keine Börsenumsatzsteuer, sondern von Art. 10 Buchst. c der Richtlinie
         69/335 erfasste Notargebühren darstellen, fallen sie nicht unter Art. 12 Abs. 1 Buchst. a der Richtlinie 69/335.
      
       Zur Ausnahmeregelung für Abgaben mit Gebührencharakter (Art. 12 Abs. 1 Buchst. e der Richtlinie 69/335)
      60      Nach Art. 12 Abs. 1 Buchst. e der Richtlinie 69/335 können die Mitgliedstaaten Abgaben mit Gebührencharakter erheben.
      
      61      „Abgaben mit Gebührencharakter“ sind Abgaben, die als Entgelt für eine erbrachte Leistung erhoben werden (vgl. in diesem Sinne
         Urteil vom 19. März 2002, Kommission/Griechenland, C‑426/98, Slg. 2002, I‑2793, Randnr. 36).
      
      62      Daher können, wie Generalanwalt Geelhoed in Nr. 32 seiner Schlussanträge festgestellt hat, nur Entgelte, deren Höhe sich nach
         den Kosten der erbrachten Leistung richtet, als „Abgaben mit Gebührencharakter“ im Sinne von Art. 12 Abs. 1 Buchst. e der
         Richtlinie 69/335 qualifiziert werden. Dagegen ist ein Entgelt, dessen Höhe keinen Zusammenhang mit den tatsächlichen Aufwendungen
         für diese konkrete Leistung aufweist oder sich nicht nach den Kosten des Vorgangs, für den sie die Gegenleistung darstellt,
         sondern nach den gesamten Betriebs- und Investitionskosten der Verwaltung richtet, als eine nach den Art. 10 und 11 der Richtlinie
         69/335 verbotene Abgabe anzusehen (vgl. in diesem Sinne Urteil Ponente Carni und Cispadana Costruzioni, Randnrn. 41 und 42,
         und Beschluss Gründerzentrum, Randnr. 31). 
      
      63      Demnach kann eine Abgabe, die sich nach dem Wert des zugrunde liegenden wirtschaftlichen Vorgangs bestimmt und ohne Obergrenze
         proportional zu diesem Wert steigt, schon ihrem Wesen nach keine Abgabe mit Gebührencharakter im Sinne von Art. 12 Abs. 1
         Buchst. e der Richtlinie 69/335 sein. Auch wenn in bestimmten Fällen ein Zusammenhang zwischen der Komplexität der von der
         Verwaltung erbrachten Leistung und dem Wert des zugrunde liegenden wirtschaftlichen Vorgangs bestehen mag, steht doch die
         Höhe einer solchen Abgabe in der Regel in keinem Verhältnis zu den konkreten Aufwendungen der Verwaltung (vgl. in diesem Sinne
         Urteile Modelo I, Randnr. 30, und IGI, Randnr. 31).
      
      64      Im Ausgangsverfahren steigen die betreffenden Gebühren proportional zum Wert der übertragenen Geschäftsanteile, also des zugrunde
         liegenden wirtschaftlichen Vorgangs. Da für die Gebühren außerdem keine Obergrenze festgelegt worden ist, können sie sich
         auf einen beträchtlichen Betrag belaufen, der von der deutschen Regierung noch nicht einmal damit verteidigt worden ist, dass
         er den Kosten der erbrachten Leistung entspreche.
      
      65      Diese Gebühren haben daher keinen Gebührencharakter im Sinne von Art. 12 Abs. 1 Buchst. e der Richtlinie 69/335. 
      
      66      Nach alledem ist auf die Vorlagefrage zu antworten, dass Art. 10 Buchst. c der Richtlinie 69/335 der Erhebung von Notargebühren
         für die Beurkundung der Übertragung von Geschäftsanteilen an einer Gesellschaft entgegensteht, die als Einlage im Rahmen einer
         Erhöhung des Gesellschaftskapitals einer Kapitalgesellschaft erfolgt ist, und dies in einem Rechtssystem, das dadurch gekennzeichnet
         ist, dass die Notare Beamte sind und die Gebühren zumindest teilweise dem Staat für die Bestreitung öffentlicher Kosten zufließen.
      
       Kosten
      67      Für die Beteiligten des Ausgangsverfahrens ist das Verfahren ein Zwischenstreit in dem bei dem vorlegenden Gericht anhängigen
         Rechtsstreit; die Kostenentscheidung ist daher Sache dieses Gerichts. Die Auslagen anderer Beteiligter für die Abgabe von
         Erklärungen vor dem Gerichtshof sind nicht erstattungsfähig.
      
      Aus diesen Gründen hat der Gerichtshof (Erste Kammer) für Recht erkannt:
      Art. 10 Buchst. c der Richtlinie 69/335/EWG des Rates vom 17. Juli 1969 betreffend die indirekten Steuern auf die Ansammlung
            von Kapital in der durch die Richtlinie 85/303/EWG des Rates vom 10. Juni 1985 geänderten Fassung steht der Erhebung von Notargebühren
            für die Beurkundung der Übertragung von Geschäftsanteilen an einer Gesellschaft entgegen, die als Einlage im Rahmen einer
            Erhöhung des Gesellschaftskapitals einer Kapitalgesellschaft erfolgt ist, und dies in einem Rechtssystem, das dadurch gekennzeichnet
            ist, dass die Notare Beamte sind und die Gebühren zumindest teilweise dem Staat für die Bestreitung öffentlicher Kosten zufließen.
      Unterschriften
      * Verfahrenssprache: Deutsch.