CELEX: 62008CJ0007
Language: de
Date: 2009-07-02 00:00:00
Title: Urteil des Gerichtshofes (Erste Kammer) vom 2. Juli 2009.#Har Vaessen Douane Service BV gegen Staatssecretaris van Financiën.#Ersuchen um Vorabentscheidung: Hoge Raad der Nederlanden - Niederlande.#Befreiung von den Eingangsabgaben - Verordnung (EWG) Nr. 918/83 - Art. 27 - Als Sammelsendung versandte Waren, die einzeln von geringem Wert sind - Versand der Sendungen unmittelbar von einem Drittstaat aus an einen Empfänger in der Gemeinschaft.#Rechtssache C-7/08.

Rechtssache C-7/08
      Har Vaessen Douane Service BV
      gegen
      Staatssecretaris van Financiën
      (Vorabentscheidungsersuchen des Hoge Raad der Nederlanden)
      „Befreiung von den Eingangsabgaben – Verordnung (EWG) Nr. 918/83 – Art. 27 – Als Sammelsendung versandte Waren, die einzeln von geringem Wert sind – Versand der Sendungen unmittelbar von einem Drittstaat aus an einen Empfänger in der Gemeinschaft“
      Leitsätze des Urteils
      Gemeinsamer Zolltarif – Befreiung von den Eingangsabgaben
      (Verordnungen des Rates Nr. 918/83, Art. 27, und Nr. 3357/91)
      Art. 27 der Verordnung Nr. 918/83 über das gemeinschaftliche System der Zollbefreiungen in der durch die Verordnung Nr. 3357/91
         geänderten Fassung ist dahin auszulegen, dass er der Befreiung von Sammelsendungen von Waren, deren Gesamtwert die in Art.
         27 vorgesehene Grenze übersteigt, die jedoch einzeln betrachtet von geringem Wert sind, von Eingangsabgaben nicht entgegensteht,
         vorausgesetzt, dass jedes Päckchen der Sammelsendung einzeln an einen Empfänger in der Europäischen Gemeinschaft adressiert
         ist. 
      
      Für die Abgabenbefreiung ist es nämlich unerheblich, dass die Päckchen mit einem die in Art. 27 vorgesehene Grenze nicht übersteigenden
         Einzelwert beim Zoll zum Zweck ihres Versands in die Gemeinschaft gesammelt gestellt werden, wenn der Empfänger jedes dieser
         Päckchen bereits beim Verlassen des Drittstaats des Versands angegeben ist. Ebenfalls ist unerheblich, dass der Vertragspartner
         dieser Empfänger selbst in der Europäischen Gemeinschaft niedergelassen ist, wenn die Waren unmittelbar von einem Drittstaat
         an diese Empfänger versandt werden. In diesem Zusammenhang erlaubt der Umstand allein, dass der Vertragspartner in der Gemeinschaft
         niedergelassen ist, nicht die Annahme, dass die Warensendungen vor ihrer Überführung in den zollrechtlich freien Verkehr in
         der Gemeinschaft einem anderen Zollverfahren unterworfen waren, was es erlauben würde, sie von der Zollbefreiung auszunehmen,
         um jeden Missbrauch dieser Befreiung zu verhindern. 
      
      (vgl. Randnrn. 38, 42-43, 49 und Tenor)
URTEIL DES GERICHTSHOFS (Erste Kammer)
      2. Juli 2009(*)
      
      „Befreiung von Eingangsabgaben – Verordnung (EWG) Nr. 918/83 – Art. 27 – Als Sammelsendung versandte Waren, die einzeln von geringem Wert sind – Versand der Sendungen unmittelbar von einem Drittstaat aus an einen Empfänger in der Gemeinschaft“
      In der Rechtssache C‑7/08
      betreffend ein Vorabentscheidungsersuchen nach Art. 234 EG, eingereicht vom Hoge Raad der Nederlanden (Niederlande) mit Entscheidung
         vom 7. Dezember 2007, beim Gerichtshof eingegangen am 9. Januar 2008, in dem Verfahren
      
      Har Vaessen Douane Service BV
      gegen
      Staatssecretaris van Financiën
      erlässt
      DER GERICHTSHOF (Erste Kammer)
      unter Mitwirkung des Kammerpräsidenten P. Jann sowie der Richter M. Ilešič, A. Tizzano, E. Levits (Berichterstatter) und J.-J. Kasel,
      Generalanwältin: J. Kokott,
      Kanzler: R. Şereş, Verwaltungsrätin,
      aufgrund des schriftlichen Verfahrens und auf die mündliche Verhandlung vom 5. März 2009,
      unter Berücksichtigung der Erklärungen
      –        der Har Vaessen Douane Service BV, vertreten durch R. N. van der Paardt und C. Bouwmeester, advocaten,
      –        der niederländischen Regierung, vertreten durch C. Wissels und M. de Mol als Bevollmächtigte,
      –        der Kommission der Europäischen Gemeinschaften, vertreten durch S. Schønberg und M. van Beek als Bevollmächtigte,
      nach Anhörung der Schlussanträge der Generalanwältin in der Sitzung vom 23. April 2009
      folgendes
      Urteil
      1        Das Vorabentscheidungsersuchen betrifft die Auslegung von Art. 27 der Verordnung (EWG) Nr. 918/83 des Rates vom 28. März 1983
         über das gemeinschaftliche System der Zollbefreiungen (ABl. L 105, S. 1) in der durch die Verordnung (EWG) Nr. 3357/91 vom
         7. November 1991 (ABl. L 318, S. 3) geänderten Fassung (im Folgenden: Verordnung Nr. 918/83 in geänderter Fassung).
      
      2        Dieses Ersuchen ergeht im Rahmen eines Rechtsstreits der Har Vaessen Douane Service BV (im Folgenden: Har Vaessen), einer
         Gesellschaft niederländischen Rechts mit Sitz in den Niederlanden, gegen den Staatssecretaris van Financiën wegen dessen Weigerung,
         der Har Vaessen die Befreiung im Sinne von Art. 27 der Verordnung Nr. 918/83 in geänderter Fassung für die Einfuhr von Compact
         Discs und Magnetbändern zu gewähren.
      
       Rechtlicher Rahmen
      3        Kapitel I der Verordnung Nr. 918/83 („Befreiung von den Eingangsabgaben“) enthält einen Art. 27, der in seiner ursprünglichen
         Fassung wie folgt lautete: 
      
      „Von den Eingangsabgaben befreit sind vorbehaltlich des Artikels 28 Sendungen, die von der Post in Paketen, Päckchen oder
         Briefen zum Empfänger befördert werden und deren Gesamtwert 10 [Euro] nicht übersteigt.“
      
      4        Diese Bestimmung wurde durch die Verordnung (EWG) Nr. 2287/83 der Kommission vom 29. Juli 1983 zur Durchführung des Artikels
         127 der Verordnung Nr. 918/83 (ABl. L 220, S. 12) in folgendem Sinne geändert:
      
      „Die Zollbefreiung im Sinne von Artikel 27 der Verordnung (EWG) Nr. 918/83 gilt nur für Sendungen, die von der Post in Paketen,
         Päckchen oder Briefen befördert werden und die von einem Drittland aus direkt an eine natürliche oder juristische Person in
         der Gemeinschaft befördert werden.“
      
      5        Der Grund für die Änderung von Art. 27 der Verordnung Nr. 918/83 geht aus dem dritten Erwägungsgrund der Verordnung Nr. 2287/83
         hervor:
      
      „Es sollte vermieden werden, dass Wirtschaftsunternehmen durch Schaffung von speziell hierfür vorgesehenen Tätigkeiten oder
         künstlicher Verlagerung bestehender Tätigkeiten [die in Art. 27 der Verordnung Nr. 918/83 vorgesehene Befreiung] nützen und
         somit Wettbewerbsverzerrungen im Gemeinsamen Markt verursachen würden. Um diese Verzerrungen zu vermeiden, erscheint es zweckmäßig,
         vorstehend erwähnte Sendungen, die vor ihrer Überführung in den zollrechtlich freien Verkehr einem anderen Zollverfahren unterworfen
         wurden, von der Befreiung von den Eingangsabgaben auszuschließen.
      
      Daher können nur Sendungen der vorstehend erwähnten Kategorie, die von einem Drittland aus direkt an eine natürliche oder
         juristische Person in der Gemeinschaft befördert werden, zur Zollbefreiung zugelassen werden.“
      
      6        Art. 1 der Verordnung Nr. 3357/91 beseitigt die Beschränkung von Art. 27 der Verordnung Nr. 918/83 auf die Beförderung durch
         die Post.
      
      7        Im ersten Erwägungsgrund der Verordnung Nr. 3357/91 wird die Änderung von Art. 27 der Verordnung Nr. 918/83 wie folgt begründet:
      
      „Die Vereinfachung der Verwaltungsverfahren gemäß Artikel 27 der Verordnung (EWG) Nr. 918/83 …, zuletzt geändert durch die
         Verordnung (EWG) Nr. 4235/88 …, sollte im Interesse einer wirksamen Anwendung für alle Einfuhren von Sendungen gelten, die
         sich aus Waren mit geringem Wert zusammensetzen.“
      
      8        Art. 27 der Verordnung Nr. 918/83 in geänderter Fassung sieht demnach nunmehr vor:
      
      „Von den Eingangsabgaben befreit sind vorbehaltlich des Artikels 28 Sendungen von Waren mit geringem Wert, die unmittelbar
         aus einem Drittland an einen Empfänger in der Gemeinschaft versandt werden.
      
      Als ‚Waren mit geringem Wert‘ gelten Waren, deren Gesamtwert je Sendung 22 [Euro] nicht übersteigt.“
       Ausgangsverfahren und Vorlagefragen
      9        Har Vaessen ist eine Zollspedition, die im Auftrag der ECS Media BV (im Folgenden: ECS), eines Unternehmens mit Sitz in den
         Niederlanden, in der Zeit vom 12. November 1998 bis 28. Oktober 1999 Anmeldungen zum zollrechtlich freien Verkehr für Compact
         Discs und Magnetbänder abgab.
      
      10      Diese Waren mit einem Einzelwert von weniger als 22 Euro waren zuvor von individuellen Kunden bei ECI voor Boeken en Platen
         BV (im Folgenden: ECI), der ebenfalls in den Niederlanden niedergelassenen Muttergesellschaft von ECS, bestellt worden. Nach
         einem Vertrag zwischen ECS und ECI leitet ECI die Bestellungen an ECS weiter, die sodann die Waren für ihren Versand von einem
         Vertriebszentrum in der Schweiz aus vorbereitet. Die Waren werden dann in Form einer Sammelsendung Har Vaessen zum Zweck ihrer
         Beförderung in Begleitung eines T‑Dokuments zu einem Vertriebszentrum in den Niederlanden übergeben, von wo aus sie einzeln
         von der PTT Post BV (im Folgenden: PTT), einem in den Niederlanden niedergelassenen Unternehmen, an die Kunden von ECI ausgeliefert
         werden.
      
      11      Jedes einzelne Päckchen ist mit dem Namen des Kunden als Adressaten der Ware versehen und enthält ein Überweisungsformular
         für die Bezahlung.
      
      12      Bei der Anmeldung der im Ausgangsverfahren in Rede stehenden Waren zum zollrechtlich freien Verkehr beanspruchte Har Vaessen
         die Abgabenbefreiung nach Art. 27 der Verordnung Nr. 918/83 in geänderter Fassung, die ihr versagt wurde. Mit Abgabenbescheid
         vom 29. Dezember 1999 wurde sie daher aufgefordert, u. a. Zölle in Höhe von 436 907,60 NLG, also ungefähr 198 260,02 Euro,
         zu entrichten.
      
      13      Nach erfolglosem Einspruch gegen diesen Abgabenbescheid erhob Har Vaessen gegen die den Bescheid aufrechterhaltende Entscheidung
         des Staatssecretaris van Financiën Klage bei der Tariefcommissie (Tarifkommission), an deren Stelle im Laufe des Verfahrens
         der Gerechtshof te Amsterdam trat.
      
      14      Dieses Gericht wies die Klage von Har Vaessen mit der Begründung ab, dass ECI und nicht die Kunden, die individuell Bestellungen
         aufgegeben hätten, als Empfängerin der im Ausgangsverfahren in Rede stehenden Waren im Sinne von Art. 27 der Verordnung Nr.
         918/83 in geänderter Fassung anzusehen sei. Diese Kunden seien nämlich nicht in das Zollanmeldeverfahren einbezogen und weder
         Schuldner der Zollschuld noch Eigentümer der versandten Ware. Daher seien die im Ausgangsverfahren in Rede stehenden Waren
         nicht unmittelbar an die einzelnen Kunden als Empfänger im Sinne von Art. 27 der Verordnung Nr. 918/83 in geänderter Fassung
         versandt worden.
      
      15      Har Vaessen legte gegen dieses Urteil Kassationsbeschwerde beim vorlegenden Gericht ein.
      
      16      Der Hoge Raad der Nederlanden bezweifelt aus zwei Gründen, dass die Abgabenbefreiung einer Sammelsendung der im Ausgangsverfahren
         fraglichen Art zugute kommen kann. 
      
      17      Zum einen bestehe die Sammelsendung zwar aus verschiedenen Waren mit geringem Einzelwert und jeweils unterschiedlichem Endempfänger,
         doch sei das Ziel der Verwaltungsvereinfachung, das die Anwendung der in Art. 27 der Verordnung Nr. 918/83 in geänderter Fassung
         vorgesehenen Abgabenbefreiung rechtfertige, in einem solchen Fall nicht von Belang, da die mit der Erhebung der Einfuhrabgaben
         verbundenen Kosten nicht höher als der insgesamt zu erhebende Zoll seien.
      
      18      Zum anderen könne, damit eine missbräuchliche Nutzung der in Art. 27 der Verordnung Nr. 918/83 in geänderter Fassung vorgesehenen
         Abgabenbefreiung verhindert werde, der Begriff „unmittelbar versandt“ dahin verstanden werden, dass er auf den Fall beschränkt
         sei, dass der Vertragspartner des Empfängers der Ware in einem Drittland niedergelassen sei. Im Ausgangsverfahren handele
         es sich jedoch um eine aus verschiedenen Waren bestehende Sendung, deren in den Niederlanden wohnhaften Empfänger Kunden eines
         selbst in den Niederlanden niedergelassenen Unternehmens seien.
      
      19      In diesem Zusammenhang hat der Hoge Raad der Nederlanden das Verfahren ausgesetzt und dem Gerichtshof folgende Fragen zur
         Vorabentscheidung vorgelegt: 
      
      1.      Ist Art. 27 der Verordnung (EWG) Nr. 918/83 in geänderter Fassung so auszulegen, dass man sich auf die in diesem Artikel genannte
         Befreiung bei Sendungen von Waren berufen kann, die zwar einzeln betrachtet einen geringen Wert haben, jedoch als Sammelsendung
         mit einem dieser zukommenden Gesamtwert der so versandten Waren angeboten werden, der die Wertgrenze des Art. 27 überschreitet?
      
      2.      Ist bei der Anwendung des Art. 27 der Verordnung Nr. 918/83 in geänderter Fassung davon auszugehen, dass der Begriff „Versendung
         aus einem Drittland an einen Empfänger in der Gemeinschaft“ auch den Fall erfasst, dass sich die Ware vor der Versendung an
         den Empfänger zwar in einem Drittland befindet, die Vertragspartei des Empfängers jedoch in der Gemeinschaft niedergelassen
         ist?
      
       Zu den Vorlagefragen 
      20      Mit seinen beiden Vorlagefragen, die gemeinsam zu behandeln sind, möchte das vorlegende Gericht wissen, ob der Umstand, dass
         zum einen die im Ausgangsverfahren in Rede stehenden Waren mit einem Einzelwert von weniger als 22 Euro den Zollbehörden in
         Form einer Sammelsendung mit einem Wert, der den in Art. 27 der Verordnung Nr. 918/83 in geänderter Fassung vorgeschriebenen
         Wert übersteigt, gestellt werden und dass zum anderen der Vertragspartner der Kunden, die die Waren bestellt haben, nämlich
         ECI, in der Gemeinschaft niedergelassen ist, der Anwendung der in dieser Bestimmung vorgesehenen Abgabenbefreiung auf diese
         Waren entgegensteht.
      
      21      Vorab ist darauf hinzuweisen, dass Zollbefreiungsnormen entsprechend ihrem Wortlaut eng auszulegen sind (vgl. entsprechend
         Urteil vom 12. Dezember 1996, Olasagasti u. a., C‑47/95 bis C‑50/95, C‑60/95, C‑81/95, C‑92/95 und C‑148/95, Slg. 1996, I‑6579,
         Randnr. 20).
      
      22      Im vorliegenden Fall bestimmt Art. 27 der Verordnung Nr. 918/83 in geänderter Fassung, dass Sendungen von Waren mit geringem,
         nämlich 22 Euro nicht übersteigendem Wert, die unmittelbar von einem Drittland aus an einen Empfänger in der Gemeinschaft
         versandt werden, von den Eingangsabgaben befreit sind. 
      
      23      Eine der Voraussetzungen, die für die Abgabenbefreiung erfüllt sein müssen, besteht somit nach dieser Bestimmung im Wert der
         versandten Waren, der 22 Euro nicht übersteigen darf.
      
      24      Nach der Vorlageentscheidung bestanden die im Ausgangsverfahren in Rede stehenden Sendungen, für die die Abgabenbefreiung
         von den niederländischen Behörden mit der Begründung versagt wurde, dass ihr Gesamtwert 22 Euro übersteige, aus Päckchen mit
         einem Einzelwert von weniger als 22 Euro, die zum Zweck ihrer Abfertigung zum freien Verkehr in der Gemeinschaft als Sammelsendung
         gestellt wurden. Diese zunächst in Sammelform an ein Vertriebszentrum von PTT versandten Päckchen sollten sodann von dieser
         einzeln an die Kunden von ECI verteilt werden.
      
      25      Wie das vorlegende Gericht ausführt, muss unter diesen Umständen für die Anwendung von Art. 27 der Verordnung Nr. 918/83 in
         geänderter Fassung auf die Person des Empfängers der Waren, nämlich die Kunden von ECI oder PTT, abgestellt werden.
      
      26      Im vorliegenden Fall steht fest, dass jedes Päckchen schon bei seiner Übernahme durch Har Vaessen mit der Anschrift des Kunden
         von ECI versehen ist.
      
      27      Die niederländische Regierung macht jedoch geltend, dass in Feld 8 des im Ausgangsverfahren in Rede stehenden Formblatts für
         die Zollanmeldung PTT als Empfänger der Sendungen angeführt ist.
      
      28      Dieses Argument ist nicht als solches erheblich. Denn abgesehen davon, dass es sich um einen Fehler handeln kann, geht, wie
         die Generalanwältin in Nr. 34 ihrer Schlussanträge ausführt, aus den Akten hervor, dass das Verzeichnis der Kunden von ECI,
         für die die einzelnen Päckchen bestimmt waren, dem im Ausgangsverfahren in Rede stehenden Anmeldeformblatt beigefügt war.
      
      29      Zudem ist die in einem Päckchen enthaltene Ware dazu bestimmt, letztlich vom Kunden von ECI, der ihr individueller Empfänger
         ist, verwendet zu werden. Die Waren wurden nämlich einzeln bei ECI von Kunden bestellt, die daher als deren Verwender betrachtet
         werden können, im Gegensatz zu Har Vaessen und PTT, die als Beförderungsunternehmen nur ein Glied in der Versandkette zwischen
         ECI und deren Kunden als Endempfänger der Ware darstellen. 
      
      30      Somit sind die im Ausgangsverfahren in Rede stehenden Sendungen als Bündelung verschiedener Päckchen mit einem jeweils 22 Euro
         nicht übersteigenden Wert zu betrachten, deren Empfänger die Kunden von ECI sind, und kommen daher für eine Einfuhrabgabenbefreiung
         im Sinne von Art. 27 der Verordnung Nr. 918/83 in geänderter Fassung in Betracht.
      
      31      Diese Auslegung wird durch den Wortlaut von Art. 27 der Verordnung Nr. 918/83 in geänderter Fassung bestätigt, der für die
         Abgabenbefreiung nicht zwischen den Methoden für die Beförderung der Waren unterscheidet, so dass nicht gesagt werden kann,
         dass im Ausgangsverfahren die Kunden von ECI nicht die Empfänger der Waren sind, nachdem diese den Drittstaat verlassen haben,
         und dass diese Waren nicht von Abgaben befreit werden können.
      
      32      Während nämlich die ursprüngliche Fassung von Art. 27 der Verordnung Nr. 918/83 die Abgabenbefreiung auf Warensendungen mit
         einem Wert von bis zu 10 Euro beschränkte, die auf dem Postweg versandt wurden, beseitigte Art. 1 der Verordnung Nr. 3357/91
         die Voraussetzung in Bezug auf die Versandart, so dass andere Beförderungsarten zur Anwendung der Abgabenbefreiung im Sinne
         von Art. 27 der Verordnung Nr. 918/83 in geänderter Fassung führen können. So kann die Beförderung der Waren durch einen Spediteur
         wie Har Vaessen, der die einzelnen Päckchen aus logistischen Gründen vor ihrer Gestellung beim Zoll sammelt, nicht dazu führen,
         dass diesen Waren die Abgabenbefreiung versagt wird, auch wenn sie nicht auf dem Postweg versandt werden, sondern die Voraussetzungen
         nach Art. 27 der Verordnung Nr. 918/83 erfüllen.
      
      33      Diese Auslegung entspricht im Übrigen dem im ersten Erwägungsgrund der Verordnung Nr. 3357/91 genannten Zweck von Art. 27,
         wonach die in dieser Bestimmung vorgesehene Abgabenbefreiung einer Vereinfachung der Verwaltungsverfahren im Zollbereich dient.
      
      34      In diesem Zusammenhang ist daran zu erinnern, dass der Rat der Europäischen Union beim Erlass von Vorschriften zur Zollbefreiung
         die Erfordernisse der Rechtssicherheit und die Schwierigkeiten zu berücksichtigen hat, denen die einzelstaatlichen Zollverwaltungen
         gegenüberstehen (vgl. entsprechend Urteil vom 3. Dezember 1998, Schoonbroodt, C‑247/97, Slg. 1998, I‑8095, Randnr. 23).
      
      35      Zwar kann ein solcher Zweck der Verwaltungsvereinfachung, wie die niederländische Regierung in ihren Erklärungen ausführt,
         Sachverhalte erfassen, in denen die Kosten der Erhebung der Zölle höher als die Zölle selbst sind, doch kann dieser Zweck
         auch andere Sachverhalte erfassen.
      
      36      So könnte die Versagung der in Art. 27 der Verordnung Nr. 918/83 in geänderter Fassung vorgesehenen Abgabenbefreiung für Sendungen
         der im Ausgangsverfahren fraglichen Art selbst dann, wenn die Päckchen einzeln genommen einen 22 Euro nicht übersteigenden
         Wert haben, dazu führen, dass der Versender jedes Päckchen einzeln beim Zoll gestellt, um in den Genuss dieser Abgabenbefreiung
         zu gelangen. Eine solche Vervielfachung der Verfahren entspricht jedoch nicht dem angestrebten Zweck der Verwaltungsvereinfachung.
      
      37      Ebenso obläge es, würde die Abgabenbefreiung auf die im Ausgangsverfahren fraglichen Sendungen nicht angewandt, den nationalen
         Zollbehörden, den gesamten Zollwert einer Sendung zu bestimmen, die aus einer großen Zahl von Waren besteht. Auch eine solche
         Situation würde dem vom Gemeinschaftsgesetzgeber gewünschten Zweck der Verwaltungsvereinfachung nicht entsprechen.
      
      38      Daher ist der Umstand, dass die im Ausgangsverfahren fraglichen Päckchen mit einem 22 Euro nicht übersteigenden Einzelwert
         beim Zoll zum Zweck ihres Versands in die Gemeinschaft gesammelt gestellt werden, kein Hindernis für ihre Abgabenbefreiung,
         wenn der Empfänger jedes dieser Päckchen bereits beim Verlassen des Drittstaats des Versands angegeben ist.
      
      39      Aus dem dritten Erwägungsgrund der Verordnung Nr. 2287/83 geht jedoch hervor, dass eine solche Befreiung zu versagen ist,
         wenn sie einen Rechtsmissbrauch begründet.
      
      40      Dies hebt das vorlegende Gericht im Kern mit seiner zweiten Vorlagefrage hervor und weist darauf hin, dass in dem bei ihm
         anhängigen Rechtsstreit der Vertragspartner der Empfänger der zum freien Verkehr abgefertigten Waren, ECI, in der Gemeinschaft
         und nicht im Drittstaat des Versands niedergelassen sei.
      
      41      Erstens ist festzustellen, dass der Wortlaut von Art. 27 der Verordnung Nr. 918/83 in geänderter Fassung in Bezug auf den
         Vertragspartner der Empfänger der Waren die Niederlassung außerhalb der Gemeinschaft nicht zur Voraussetzung für die Abgabenbefreiung
         dieser Waren macht.
      
      42      Zweitens ist es dem dritten Erwägungsgrund der Verordnung Nr. 2287/83 zufolge zweckmäßig, um jeden Missbrauch der Abgabenbefreiung
         und die dadurch hervorgerufenen Wettbewerbsverzerrungen zu verhindern, von der Befreiung von den Eingangsabgaben Warensendungen
         auszunehmen, die vor ihrer Überführung in den zollrechtlich freien Verkehr einem anderen Zollverfahren unterworfen waren.
         Daher gilt die Abgabenbefreiung nur für Sendungen, die unmittelbar von einem Drittland aus an eine natürliche oder juristische
         Person in der Gemeinschaft versandt werden.
      
      43      Der Umstand allein, dass ECI in der Gemeinschaft niedergelassen ist, erlaubt aber nicht die Annahme, dass die im Ausgangsverfahren
         fraglichen Waren vor ihrer Überführung in den zollrechtlich freien Verkehr in der Gemeinschaft einem anderen Zollverfahren
         unterworfen waren. Jedenfalls geht  vorbehaltlich der Prüfung dieser Frage durch das nationale Gericht aus den dem Gerichtshof
         vorgelegten Akten nicht hervor, dass dies bei den im Ausgangsverfahren fraglichen Sendungen der Fall gewesen wäre. 
      
      44      Die niederländische Regierung macht jedoch geltend, dass unter den Umständen des Ausgangsverfahrens der Rechtsmissbrauch weniger
         in der Erwirkung der Befreiung von Eingangsabgaben als vielmehr in dem Versuch von ECI bestehe, von der Mehrwertsteuer befreit
         zu werden. Da nämlich Art. 101 der niederländischen Zollverordnung vorsehe, dass Waren, für die die in Art. 27 der Verordnung
         Nr. 918/83 in geänderter Fassung vorgesehene Abgabenbefreiung gelte, auch von der Mehrwertsteuer befreit seien, bediene sich
         ECI eines Vertriebszentrums außerhalb der Gemeinschaft, um zunächst in den Genuss der Befreiung von Eingangsabgaben und dann
         der damit verbundenen Befreiung von der Mehrwertsteuer zu gelangen. Dieses Unternehmen verschaffe sich damit einen finanziellen
         Vorteil, der zu einer Wettbewerbsverzerrung gegenüber den im gleichen Sektor tätigen Unternehmen führe, die ihre Waren von
         einem Ort innerhalb der Gemeinschaft aus an ihre Kunden versendeten.
      
      45      Die von der niederländischen Regierung vertretene Auslegung von Art. 27 der Verordnung Nr. 918/83 in geänderter Fassung dient
         dazu, der missbräuchlichen Erwirkung der Befreiung von der Mehrwertsteuer und nicht der in dieser Bestimmung vorgesehenen
         Abgabenbefreiung vorzubeugen.
      
      46      Zum einen hat sich aber, wie die Generalanwältin in den Nrn. 56 bis 60 ihrer Schlussanträge ausführt, das Königreich der Niederlande
         selbst für eine Verknüpfung der Regelung der Mehrwertsteuerbefreiung mit der Gewährung der in Art. 27 der Verordnung Nr. 918/83
         in geänderter Fassung vorgesehenen Abgabenbefreiung entschieden. Zum anderen bietet die von der niederländischen Regierung
         in ihren Erklärungen angeführte Gemeinschaftsrechtsprechung einen Rahmen, der es den Mitgliedstaaten erlaubt, die Gewährung
         einer Steuervergünstigung im Bereich der Mehrwertsteuer zu versagen, wenn diese missbräuchlich erwirkt wird. Daher kann die
         Bekämpfung des Missbrauchs der Mehrwertsteuerbefreiung nicht zur Stützung der Auslegung von Art. 27 der Verordnung Nr. 918/83
         in geänderter Fassung herangezogen werden.
      
      47      Was im Übrigen die Wettbewerbsverzerrungen angeht, die ECI im Ausgangsverfahren zugute kommen sollen, so verursacht die Entscheidung
         eines Unternehmens, seine Waren von einem Drittland aus zu versenden, notwendigerweise Kosten im Zusammenhang mit der Beförderung
         der Waren und den Einfuhrzollverfahren, die die im selben Sektor tätigen Unternehmen, die ihre Waren von einem Ort innerhalb
         des Zollgebiets der Gemeinschaft aus versenden, nicht unbedingt zu tragen haben.
      
      48      Daher kann vorbehaltlich der Prüfungen, die Sache des nationalen Gerichts sind, die Abgabenbefreiung gemäß Art. 27 der Verordnung
         Nr. 918/83 in geänderter Fassung unter den Umständen des Ausgangsverfahrens nicht allein deshalb versagt werden, weil ECI
         in der Gemeinschaft niedergelassen ist.
      
      49      Nach allem ist Art. 27 der Verordnung Nr. 918/83 in geänderter Fassung so auszulegen, dass er der Befreiung von Sammelsendungen
         von Waren, deren Gesamtwert die in Art. 27 vorgesehene Grenze übersteigt, die jedoch einzeln betrachtet von geringem Wert
         sind, von Eingangsabgaben nicht entgegensteht, vorausgesetzt, dass jedes Päckchen der Sammelsendung einzeln an einen Empfänger
         in der Europäischen Gemeinschaft adressiert ist. In diesem Zusammenhang ist der Umstand, dass der Vertragspartner dieser Empfänger
         selbst in der Europäischen Gemeinschaft niedergelassen ist, unerheblich, wenn die Waren unmittelbar von einem Drittstaat an
         diese Empfänger versandt werden.
      
       Kosten
      50      Für die Parteien des Ausgangsverfahrens ist das Verfahren ein Zwischenstreit in dem bei dem vorlegenden Gericht anhängigen
         Rechtsstreit. Die Kostenentscheidung ist daher Sache dieses Gerichts. Die Auslagen anderer Beteiligter für die Abgabe von
         Erklärungen vor dem Gerichtshof sind nicht erstattungsfähig.
      
      Aus diesen Gründen hat der Gerichtshof (Erste Kammer) für Recht erkannt:
      Art. 27 der Verordnung (EWG) Nr. 918/83 des Rates vom 28. März 1983 über das gemeinschaftliche System der Zollbefreiungen
            in durch die Verordnung (EWG) Nr. 3357/91 vom 7. November 1991 geänderter Fassung ist dahin auszulegen, dass er der Befreiung
            von Sammelsendungen von Waren, deren Gesamtwert die in Art. 27 vorgesehene Grenze übersteigt, die jedoch einzeln betrachtet
            von geringem Wert sind, von Eingangsabgaben nicht entgegensteht, vorausgesetzt, dass jedes Päckchen der Sammelsendung einzeln
            an einen Empfänger in der Europäischen Gemeinschaft adressiert ist. In diesem Zusammenhang ist der Umstand, dass der Vertragspartner
            dieser Empfänger selbst in der Europäischen Gemeinschaft niedergelassen ist, unerheblich, wenn die Waren unmittelbar von einem
            Drittstaat an diese Empfänger versandt werden.
      Unterschriften
      * Verfahrenssprache: Niederländisch.