CELEX: 62002CJ0039
Language: de
Date: 2004-10-14 00:00:00
Title: Urteil des Gerichtshofes (Dritte Kammer) vom 14. Oktober 2004.#Mærsk Olie & Gas A/S gegen Firma M. de Haan en W. de Boer.#Ersuchen um Vorabentscheidung: Højesteret - Dänemark.#Brüsseler Übereinkommen - Verfahren zur Errichtung eines Haftungsbeschränkungsfonds in Zusammenhang mit dem Betrieb eines Seeschiffs - Schadensersatzklage - Artikel 21 - Rechtshängigkeit - Identität der Parteien - Zuerst angerufenes Gericht - Keine Identität von Grundlage und Gegenstand - Artikel 25 - Begriff der Entscheidung - Artikel 27 Nummer 2 - Versagung der Anerkennung.#Rechtssache C-39/02.

Rechtssache C‑39/02
      Mærsk Olie & Gas A/S
      gegen
      Firma M. de Haan en W. de Boer
      (Vorabentscheidungsersuchen des Højesteret [Dänemark])
      „Brüsseler Übereinkommen – Verfahren zur Errichtung eines Haftungsbeschränkungsfonds in Zusammenhang mit dem Betrieb eines Seeschiffs – Schadensersatzklage – Artikel 21 – Rechtshängigkeit – Identität der Parteien – Zuerst angerufenes Gericht – Keine Identität von Grundlage und Gegenstand – Artikel 25 – Begriff der Entscheidung – Artikel 27 Nummer 2 – Versagung der Anerkennung“
      Leitsätze des Urteils
      1.        Übereinkommen über die gerichtliche Zuständigkeit und die Vollstreckung gerichtlicher Entscheidungen – Rechtshängigkeit –
            Klagen, die dieselbe Grundlage und denselben Gegenstand haben – Begriff – Antrag eines Schiffseigentümers auf Errichtung eines
            Haftungsbeschränkungsfonds und Schadensersatzklage des möglichen Opfers gegen den Eigentümer – Ausschluss
      (Brüsseler Übereinkommen vom 27. September 1968, Artikel 21)
      2.        Übereinkommen über die gerichtliche Zuständigkeit und die Vollstreckung gerichtlicher Entscheidungen – Anerkennung und Vollstreckung
            – Begriff „Entscheidung“ – Beschluss über die Errichtung eines Haftungsbeschränkungsfonds im Zusammenhang mit dem Betrieb
            eines Seeschiffs – Einbeziehung
      (Brüsseler Übereinkommen vom 27. September 1968, Artikel 25)
      3.        Übereinkommen über die gerichtliche Zuständigkeit und die Vollstreckung gerichtlicher Entscheidungen – Anerkennung und Vollstreckung
            – Versagungsgründe – Fehlen einer ordnungsgemäßen und rechtzeitigen Zustellung des verfahrenseinleitenden Schriftstücks an
            den Beklagten, der sich auf das Verfahren nicht eingelassen hat – Beschluss über die Errichtung eines Haftungsbeschränkungsfonds
            im Zusammenhang mit dem Betrieb eines Seeschiffs – Erforderlichkeit der Zustellung des verfahrenseinleitenden Schriftstücks
            selbst bei Anhängigkeit eines Rechtsmittels, mit dem die Zuständigkeit des Gerichts des Urteilsstaats bestritten wird – Beschluss,
            der ein Schriftstück darstellt, das einem verfahrenseinleitenden Schriftstück gleichwertig ist – Anerkennung – Voraussetzung
            – Prüfung durch das Gericht des Vollstreckungsstaats 
      (Brüsseler Übereinkommen vom 27. September 1968, Artikel 27 Nummer 2)
      1.        Ein Antrag auf Errichtung eines Haftungsbeschränkungsfonds, wie er im Internationalen Übereinkommen über die Beschränkung
         der Haftung der Eigentümer von Seeschiffen vom 10. Oktober 1957 vorgesehen ist, den ein Schiffseigentümer bei einem Gericht
         eines Vertragsstaats stellt, wobei er darin den möglichen Geschädigten benennt, und eine von diesem Geschädigten beim Gericht
         eines anderen Vertragsstaats erhobene Schadensersatzklage gegen den Schiffseigentümer haben weder denselben Gegenstand noch
         dieselbe Grundlage und begründen daher keine Rechtshängigkeitssituation im Sinne von Artikel 21 des Übereinkommens vom 27.
         September 1968 über die gerichtliche Zuständigkeit und die Vollstreckung gerichtlicher Entscheidungen in Zivil‑ und Handelssachen
         in der durch das Übereinkommen vom 9. Oktober 1978 über den Beitritt des Königreichs Dänemark, Irlands und des Vereinigten
         Königreichs Großbritannien und Nordirland geänderten Fassung.
      
      (vgl. Randnrn. 35, 37, 42 und Tenor 1)
      2.        Der Beschluss eines Gerichts eines Vertragsstaats zur Errichtung eines Haftungsbeschränkungsfonds, wie er im Internationalen
         Übereinkommen über die Beschränkung der Haftung der Eigentümer von Seeschiffen vom 10. Oktober 1957 vorgesehen ist, ist eine
         gerichtliche Entscheidung im Sinne von Artikel 25 des Übereinkommens vom 27. September 1968 über die gerichtliche Zuständigkeit
         und die Vollstreckung gerichtlicher Entscheidungen in Zivil‑ und Handelssachen in der durch das Übereinkommen vom 9. Oktober
         1978 über den Beitritt des Königreichs Dänemark, Irlands und des Vereinigten Königreichs Großbritannien und Nordirland geänderten
         Fassung.
      
      Denn zum einen umfasst nach dem Wortlaut dieser Bestimmung der Begriff „Entscheidung“ jede von einem Gericht eines Vertragsstaats
         erlassene Entscheidung ohne Rücksicht auf ihre Bezeichnung. Zum andern betrifft die Bestimmung nicht nur Entscheidungen, die
         eine Instanz beenden, sondern auch einstweilige Anordnungen der Gerichte einschließlich Sicherungsmaßnahmen. Dass die betreffende
         Entscheidung nach einem nicht kontradiktorischen Verfahren getroffen wird, ist insoweit ohne Bedeutung, da die Entscheidung
         auch dann, wenn sie am Ende eines nicht kontradiktorischen ersten Abschnitts des Verfahrens ergeht, durchaus Gegenstand einer
         kontradiktorischen Erörterung sein kann, bevor sich die Frage ihrer Anerkennung oder Vollstreckung gemäß dem Übereinkommen
         stellt.
      
       (vgl. Randnrn. 44, 46, 50, 52 und Tenor 2)
      3.        Damit der Beschluss eines nationalen Gerichts eines Vertragsstaats, einen Haftungsbeschränkungsfonds, wie er im Internationalen
         Übereinkommen über die Beschränkung der Haftung der Eigentümer von Seeschiffen vom 10. Oktober 1957 vorgesehen ist, zu errichten,
         nach dem Übereinkommen vom 27. September 1968 über die gerichtliche Zuständigkeit und die Vollstreckung gerichtlicher Entscheidungen
         in Zivil‑ und Handelssachen in der durch das Übereinkommen vom 9. Oktober 1978 über den Beitritt des Königreichs Dänemark,
         Irlands und des Vereinigten Königreichs Großbritannien und Nordirland geänderten Fassung anerkannt werden kann, muss das verfahrenseinleitende,
         auf die Errichtung eines solchen Fonds abzielende Schriftstück dem Gläubiger ordnungsgemäß und rechtzeitig zugestellt worden
         sein; das gilt auch dann, wenn der Gläubiger gegen diese Entscheidung Rechtsmittel mit der Begründung eingelegt hat, dass
         das Gericht, das die Entscheidung erlassen habe, unzuständig sei.
      
      Da es sich jedoch unter Berücksichtigung der Besonderheiten des anwendbaren nationalen Rechts bei dem betreffenden Beschluss
         um ein Schriftstück handelt, das einem verfahrenseinleitenden Schriftstück gleichwertig ist, kann ihm trotz fehlender vorheriger
         Zustellung an den Gläubiger die Anerkennung in einem anderen Vertragsstaat nicht nach Artikel 27 Nummer 2 des Brüsseler Übereinkommens
         verweigert werden, sofern er selbst dem Beklagten ordnungsgemäß und rechtzeitig zugestellt worden ist.
      
      Das Gericht des betroffenen Vollstreckungsstaats hat zu prüfen, ob eine Zustellung des verfahrenseinleitenden Schriftstücks,
         die mit Einschreiben im Rahmen eines Verfahrens zur Errichtung eines Haftungsbeschränkungsfonds erfolgt ist und die nach dem
         vom Gericht des Urteilsstaats anzuwendenden Recht und dem Haager Übereinkommen vom 15. November 1965 über die Zustellung gerichtlicher
         und außergerichtlicher Schriftstücke im Ausland für Zivil- und Handelssachen ordnungsgemäß ist, ordnungsgemäß und so rechtzeitig
         vorgenommen worden ist, dass der Beklagte seine Verteidigung wirksam vorbereiten konnte.
      
      (vgl. Randnrn. 58-62 und Tenor 3)

      
      
      
      
      
      
      
      
      
      
      
      
      
      
      
            
            URTEIL DES GERICHTSHOFES (Dritte Kammer)14. Oktober 2004(1)
         
         
               „Brüsseler Übereinkommen  –  Verfahren zur Errichtung eines Haftungsbeschränkungsfonds in Zusammenhang mit dem Betrieb eines Seeschiffs  –  Schadensersatzklage  –  Artikel 21  –  Rechtshängigkeit  –  Identität der Parteien  –  Zuerst angerufenes Gericht  –  Keine Identität von Grundlage und Gegenstand  –  Artikel 25  –  Begriff der Entscheidung  –  Artikel 27 Nummer 2  –  Versagung der Anerkennung“
               
             In der Rechtssache C-39/02wegen eines Vorabentscheidungsersuchens gemäß dem Protokoll vom 3. Juni 1971 betreffend die Auslegung des Übereinkommens vom
            27. September 1968 über die gerichtliche Zuständigkeit und die Vollstreckung gerichtlicher Entscheidungen in Zivil- und Handelssachen
            durch den Gerichtshof, eingereicht vom Højesteret (Dänemark) mit Entscheidung vom 8. Februar 2002, beim Gerichtshof eingegangen
            am 13. Februar 2002, in dem Verfahren
            
            
            Mærsk Olie & Gas A/S
            
            
            
             gegenFirma M. de Haan en W. de Boer
            
             erlässt
            
            DER GERICHTSHOF (Dritte Kammer),
            
             unter Mitwirkung der Richter A. Rosas in Wahrnehmung der Aufgaben des Präsidenten der Dritten Kammer und R. Schintgen (Berichterstatter)
            sowie der Richterin N. Colneric,
            
             Generalanwalt: P. Léger,Kanzler: H. von Holstein, Hilfskanzler,
             aufgrund des schriftlichen Verfahrens und auf die mündliche Verhandlung vom 1. April 2004,unter Berücksichtigung der Erklärungen
            
            –
             der Mærsk Olie & Gas A/S, vertreten durch S. Johansen, advokat,
            
            –
             der Firma M. de Haan en W. de Boer, vertreten durch J.‑E. Svensson, advokat,
            
            –
             der niederländischen Regierung, vertreten durch H. G. Sevenster und J. van Bakel als Bevollmächtigte,
            
            –
             der Regierung des Vereinigten Königreichs, vertreten durch P. Ormond als Bevollmächtigte im Beistand von A. Layton, Barrister,
            
            –
             der Kommission der Europäischen Gemeinschaften, vertreten durch N. B. Rasmussen und A.‑M. Rouchaud als Bevollmächtigte,
            
            
            
            nach Anhörung der Schlussanträge des Generalanwalts in der Sitzung vom 13. Juli 2004,
         folgendes
         
         
         Urteil
         1
            
          Das Vorabentscheidungsersuchen betrifft die Auslegung der Artikel 21, 25 und 27 des Übereinkommens vom 27. September 1968
         über die gerichtliche Zuständigkeit und die Vollstreckung gerichtlicher Entscheidungen in Zivil‑ und Handelssachen (ABl. 1972,
         L 299, S. 32) in der durch das Übereinkommen vom 9. Oktober 1978 über den Beitritt des Königreichs Dänemark, Irlands und des
         Vereinigten Königreichs Großbritannien und Nordirland (ABl. L 304, S. 1 und – geänderter Text – S. 77) geänderten Fassung
         (im Folgenden: Brüsseler Übereinkommen oder EuGVÜ).
         
         
         
         2
            
          Dieses Ersuchen ergeht im Rahmen eines Rechtsstreits zwischen der Mærsk Olie & Gas A/S (im Folgenden: Mærsk) und der offenen
         Handelgesellschaft M. de Haan und W. de Boer (im Folgenden: Schiffseigentümer) wegen Ersatzes der Schäden, die ein den Schiffseigentümern
         gehörender Trawler an in der Nordsee verlegten Leitungen verursacht haben soll.
         
         
            
               Rechtlicher Rahmen
            Das Internationale Übereinkommen von 1957 über die Beschränkung der Haftung der Eigentümer von Seeschiffen
         
         3
            
          Nach Artikel 1 Absatz 1 des Internationalen Übereinkommens über die Beschränkung der Haftung der Eigentümer von Seeschiffen
         vom 10. Oktober 1957 (International Transport Treaties, Suppl. 1‑10 [Januar 1986], S. 81, im Folgenden: Übereinkommen von
         1957) kann der Eigentümer eines Seeschiffes seine Haftung für einen der dort genannten Umstände auf einen bestimmten Betrag
         beschränken, es sei denn, dass das den Anspruch begründende Ereignis auf seinem persönlichen Verschulden beruht. Zu den aufgelisteten
         Umständen gehören nach Buchstabe b die Sachschäden, die durch das auf die Führung des Schiffes bezogene Handeln, Unterlassen
         oder Verschulden einer Person, die sich an Bord des Schiffes befand, verursacht worden sind.
         
         
         
         4
            
          Gemäß Artikel 3 Absatz 1 des Übereinkommens von 1957 berechnet sich der Betrag, auf den die Haftung beschränkt werden kann,
         nach der Tonnage des Schiffes und schwankt je nach Art des Schadens. So beläuft sich der Betrag, auf den der Schiffseigentümer
         seine Haftung beschränken kann, auf 1 000 Poincaré‑Franken je Raumtonne des Schiffes, wenn das schädigende Ereignis nur zu
         Ansprüchen wegen Sachschäden geführt hat.
         
         
         
         5
            
          Für den Fall, dass der Gesamtbetrag aller aus demselben schädigenden Ereignis entstandenen Ansprüche den auf diese Weise bestimmten
         Höchstbetrag übersteigt, sieht Artikel 2 Absätze 2 und 3 des Übereinkommens von 1957 vor, dass in Höhe dieses Betrages ein
         Fonds errichtet werden kann, der ausschließlich zur Befriedigung der Ansprüche zur Verfügung steht, für die eine Beschränkung
         der Haftung geltend gemacht werden kann. Dieser Fonds wird nach Artikel 3 Absatz 2 „unter die Gläubiger im Verhältnis der
         Höhe ihrer festgestellten Ansprüche“ verteilt.
         
         
         
         6
            
          Artikel 1 Absatz 7 des Übereinkommens von 1957 lautet:
         „Die Geltendmachung der beschränkten Haftung bedeutet keine Anerkennung der Haftung.“
         
         
         
         7
            
          Nach Artikel 4 des Übereinkommens von 1957 „regeln sich die Errichtung und die Verteilung eines Haftungsfonds sowie das gesamte
         Verfahren nach dem Recht des Staates, in dem der Fonds errichtet wird“.
         
         
         
         8
            
          Den Akten ist zu entnehmen, dass das Königreich der Niederlande zu dem im Ausgangsverfahren maßgebenden Zeitpunkt an das Übereinkommen
         von 1957 gebunden war.
         
         Das Brüsseler Übereinkommen
         
         9
            
          Der Präambel des Brüsseler Übereinkommens ist zu entnehmen, dass mit ihm in Übereinstimmung mit Artikel 293 EG die gegenseitige
         Anerkennung und Vollstreckung gerichtlicher Entscheidungen erleichtert und der Rechtsschutz der innerhalb der Gemeinschaft
         ansässigen Personen gestärkt werden soll. In der Präambel heißt es außerdem, dass es zu diesem Zweck geboten ist, die internationale
         Zuständigkeit der Gerichte der Vertragsstaaten festzulegen.
         
         
         
         10
            
          Artikel 2 EuGVÜ stellt den Grundsatz auf, dass die Gerichte des Staates zuständig sind, in dem der Beklagte seinen Wohnsitz
         hat. Bilden jedoch „eine unerlaubte Handlung oder eine Handlung, die einer unerlaubten Handlung gleichgestellt ist, oder  …  Ansprüche
         aus einer solchen Handlung den Gegenstand des Verfahrens“, so kann der Betreffende gemäß Artikel 5 EuGVÜ „vor dem Gericht
         des Ortes, an dem das schädigende Ereignis eingetreten ist“, verklagt werden.
         
         
         
         11
            
          Artikel 6a EuGVÜ fügt hinzu:
         „Ist ein Gericht eines Vertragsstaats nach diesem Übereinkommen zur Entscheidung in Verfahren wegen einer Haftpflicht aufgrund
         der Verwendung oder des Betriebs eines Schiffes zuständig, so entscheidet dieses oder ein anderes, an seiner Stelle durch
         das Recht dieses Staates bestimmtes Gericht auch über Klagen auf Beschränkung dieser Haftung.“
         
         
         
         12
            
          Mit dem Brüsseler Übereinkommen sollen ferner gegensätzliche Entscheidungen verhindert werden. Dementsprechend heißt es in
         Artikel 21 EuGVÜ, der die Rechtshängigkeit betrifft:
         „Werden bei Gerichten verschiedener Vertragsstaaten Klagen wegen desselben Anspruchs zwischen denselben Parteien anhängig
         gemacht, so hat sich das später angerufene Gericht von Amts wegen zugunsten des zuerst angerufenen Gerichts für unzuständig
         zu erklären. 
          Das Gericht, das sich für unzuständig zu erklären hätte, kann die Entscheidung aussetzen, wenn der Mangel der Zuständigkeit
         des anderen Gerichts geltend gemacht wird.“
         
         
         
         13
            
          Außerdem sieht Artikel 22 EuGVÜ vor:
         „Werden bei Gerichten verschiedener Vertragsstaaten Klagen, die im Zusammenhang stehen, erhoben, so kann das später angerufene
         Gericht die Entscheidung aussetzen, solange beide Klagen im ersten Rechtszug anhängig sind.
          Das später angerufene Gericht kann sich auf Antrag einer Partei auch für unzuständig erklären, wenn die Verbindung im Zusammenhang
         stehender Verfahren nach seinem Recht zulässig ist und das zuerst angerufene Gericht für beide Klagen zuständig ist.
          Klagen stehen im Sinne dieses Artikels im Zusammenhang, wenn zwischen ihnen eine so enge Beziehung gegeben ist, dass eine
         gemeinsame Verhandlung und Entscheidung geboten erscheint, um zu vermeiden, dass in getrennten Verfahren widersprechende Entscheidungen
         ergehen könnten.“
         
         
         
         14
            
          In Bezug auf die Anerkennung bestimmt Artikel 25 EuGVÜ:
         „Unter ‚Entscheidung‘ im Sinne dieses Übereinkommens ist jede von einem Gericht eines Vertragsstaats erlassene Entscheidung
         zu verstehen ohne Rücksicht auf ihre Bezeichnung wie Urteil, Beschluss oder Vollstreckungsbefehl, einschließlich des Kostenfestsetzungsbeschlusses
         eines Urkundsbeamten.“
         
         
         
         15
            
          Artikel 26 Absatz 1 EuGVÜ sieht vor:
         „Die in einem Vertragsstaat ergangenen Entscheidungen werden in den anderen Vertragsstaaten anerkannt, ohne dass es hierfür
         eines besonderen Verfahrens bedarf.“
         
         
         
         16
            
          In Artikel 27 EuGVÜ heißt es allerdings:
         „Eine Entscheidung wird nicht anerkannt:
         …
         
         2. 
            wenn dem Beklagten, der sich auf das Verfahren nicht eingelassen hat, das dieses Verfahren einleitende Schriftstück oder ein
               gleichwertiges Schriftstück nicht ordnungsmäßig und nicht so rechtzeitig zugestellt worden ist, dass er sich verteidigen konnte;
            
         
         …“
         
         
         
         17
            
          Artikel IV des dem Übereinkommen beigefügten Protokolls bestimmt: 
         „Gerichtliche und außergerichtliche Schriftstücke, die … einer in dem Hoheitsgebiet eines anderen Vertragsstaats befindlichen
         Person zugestellt werden sollen, werden nach den zwischen den Vertragsstaaten geltenden Übereinkommen oder Vereinbarungen
         übermittelt.
         …“
         
         Ausgangsrechtsstreit und Vorlagefragen
         
         18
            
          Im Mai 1985 verlegte Mærsk eine Öl- und eine Gasleitung in der Nordsee. Im Juni 1985 fischte ein Trawler der Schiffseigentümer
         in dem Gebiet, in dem die Leitungen verlegt worden waren. Mærsk stellte fest, dass diese beschädigt worden waren.
         
         
         
         19
            
          Mit Schreiben vom 3. Juli 1985 teilte Mærsk den Schiffseigentümern mit, dass sie diese für die betreffenden Schäden haftbar
         mache, für die sie die Reparaturkosten auf 1 700 019 USD und auf 51 961,58 GBP bezifferte.
         
         
         
         20
            
          Am 23. April 1987 stellten die Schiffseigentümer bei der Arrondissementsrechtbank Groningen (Niederlande), dem Ort, an dem
         ihr Schiff registriert war, einen Antrag auf Beschränkung ihrer Haftung. Am 27. Mai 1987 erließ dieses Gericht einen Beschluss,
         mit dem der Höchstbetrag der Haftung vorläufig auf 52 417,40 NLG festgesetzt und den Schiffseigentümern aufgegeben wurde,
         diese Summe zuzüglich 10 000 NLG zur Deckung der Verfahrenskosten zu hinterlegen. Mit Fernschreiben der Anwälte der Schiffseigentümer
         vom 5. Juni 1987 wurde Mærsk diese Entscheidung mitgeteilt.
         
         
         
         21
            
          Am 20. Juni 1987 erhob Mærsk beim Vestre Landsret (Dänemark) eine Schadensersatzklage gegen die Schiffseigentümer.
         
         
         
         22
            
          Am 24. Juni 1987 legte Mærsk beim Gerechtshof Leeuwarden (Niederlande) gegen den Beschluss der Arrondissementsrechtbank Groningen
         Rechtsmittel mit der Begründung ein, dass dieses Gericht unzuständig sei. Am 6. Januar 1988 bestätigte das Rechtsmittelgericht
         den im ersten Rechtszug ergangenen Beschluss, wobei es sich insbesondere auf die Artikel 2 und 6a EuGVÜ berief. Mærsk legte
         keine Kassationsbeschwerde ein.
         
         
         
         23
            
          Mit Einschreiben vom 1. Februar 1988 unterrichtete der Schadensabwickler den Prozessbevollmächtigten von Mærsk über den Gerichtsbeschluss,
         mit dem der Haftungsbeschränkungsfonds errichtet worden war, und mit Schreiben vom 25. April 1988 forderte er Mærsk auf, seine
         Ansprüche anzumelden.
         
         
         
         24
            
          Mærsk kam dieser Aufforderung nicht nach, sondern entschied sich dafür, das Verfahren bei dem dänischen Gericht fortzusetzen.
         Da keine Ansprüche von Geschädigten angemeldet wurden, wurde der bei dem niederländischen Gericht hinterlegte Betrag den Schiffseigentümern
         im Dezember 1988 zurückgezahlt.
         
         
         
         25
            
          Mit Entscheidung vom 27. April 1988 stellte das Vestre Landsret fest, dass die Entscheidungen der niederländischen Gerichte
         vom 27. Mai 1987 und vom 6. Januar 1988 als gerichtliche Entscheidungen im Sinne von Artikel 25 EuGVÜ anzusehen seien, da
         Mærsk im Verfahren die Möglichkeit gehabt habe, sich zu verteidigen.
         
         
         
         26
            
          Nach Ansicht des Vestre Landsret bestand in den Verfahren in den Niederlanden und in Dänemark Identität der Parteien, des
         Gegenstands und der Grundlage; dass Mærsk seine Interessen nicht im Rahmen des Haftungsbeschränkungsverfahrens geltend gemacht
         habe, ändere daran nichts. Die Voraussetzungen für die Feststellung der Rechtshängigkeit nach Artikel 21 EuGVÜ seien damit
         erfüllt.
         
         
         
         27
            
          Im Hinblick auf die frühere Anrufung des niederlﾤndischen Gerichts (23. April 1987) und die im zweiten Rechtszug bestätigte
         Feststellung der Arrondissementsrechtbank Groningen, dass sie für die Entscheidung zuständig sei, erklärte sich das Vestre
         Landsret gemäß Artikel 21 EuGVÜ zugunsten des niederländischen Gerichts für unzuständig.
         
         
         
         28
            
          Mærsk legte Rechtsmittel beim Højesteret ein.
         
         
         
         29
            
          Das Højesteret ist der Ansicht, dass der Fall Fragen nach der Auslegung der Artikel 21, 25 und 27 EuGVÜ aufwirft. Es hat daher
         das Verfahren ausgesetzt und dem Gerichtshof folgende Fragen zur Vorabentscheidung vorgelegt:
         
         1.
            Stellt ein Verfahren zur Errichtung eines Haftungsbeschränkungsfonds auf Antrag eines Schiffseigentümers nach dem Übereinkommen
               von 1957 ein Verfahren im Sinne von Artikel 21 EuGVÜ dar, wenn sich aus den Namensangaben im Antrag ergibt, wer hiervon als
               möglicher Geschädigter berührt sein kann?
            
         
         
         2.
            Ist ein Beschluss zur Errichtung eines Haftungsbeschränkungsfonds nach den 1986 geltenden niederländischen Verfahrensvorschriften
               eine gerichtliche Entscheidung im Sinne von Artikel 25 EuGVÜ?
            
         
         
         3.
            Kann einem Beschränkungsfonds, der am 27. Mai 1987 von einem niederländischen Gericht entsprechend den damals geltenden niederländischen
               Verfahrensvorschriften ohne vorherige Zustellung an einen betroffenen Gläubiger errichtet wurde, heute im Verhältnis zu dem
               betreffenden Gläubiger die Anerkennung in einem anderen Mitgliedstaat nach Artikel 27 Nummer 2 EuGVÜ verweigert werden?
            
         
         
         4.
            Falls Frage 3 bejaht wird: Wird dem betreffenden Gläubiger die Möglichkeit, sich auf Artikel 27 Nummer 2 zu berufen, dadurch
               genommen, dass er in dem Mitgliedstaat, der den Haftungsbeschränkungsfonds errichtet hat, anschließend vor einem höheren Gericht
               die Frage der Zuständigkeit aufgeworfen hat, ohne Zustellungsmängel gerügt zu haben?
            
         
         
         Zur ersten Frage
         
         30
            
          Mit seiner ersten Frage möchte das vorlegende Gericht im Wesentlichen wissen, ob ein Antrag auf Errichtung eines Haftungsbeschränkungsfonds,
         den ein Schiffseigentümer beim Gericht eines Vertragsstaats stellt, wobei er darin den möglichen Geschädigten benennt, und
         eine von diesem Geschädigten bei einem Gericht eines anderen Vertragsstaats erhobene Schadensersatzklage gegen den Schiffseigentümer
         Klagen wegen desselben Anspruchs zwischen denselben Parteien im Sinne von Artikel 21 EuGVÜ darstellen.
         
         
         
         31
            
          Vorab ist daran zu erinnern, dass Artikel 21 EuGVÜ zusammen mit Artikel 22, der die Konnexität regelt, zum 8. Abschnitt des
         Titels II des Brüsseler Übereinkommens gehört, der im Interesse einer geordneten Rechtspflege in der Gemeinschaft zum Ziel
         hat, Parallelverfahren vor Gerichten verschiedener Vertragsstaaten und daraus möglicherweise resultierende gegensätzliche
         Entscheidungen zu verhindern. Diese Regelung soll mithin so weit wie möglich von vornherein eine Situation ausschließen, wie
         sie in Artikel 27 Nummer 3 EuGVÜ geregelt ist, nämlich die Nichtanerkennung einer Entscheidung wegen Unvereinbarkeit mit einer
         Entscheidung, die zwischen denselben Parteien in dem Staat, in dem die Anerkennung geltend gemacht wird, ergangen ist (vgl.
         Urteile vom 8. Dezember 1987 in der Rechtssache 144/86, Gubisch Maschinenfabrik, Slg. 1987, 4861, Randnr. 8, und vom 9. Dezember
         2003 in der Rechtssache C‑116/02, Gasser, Slg. 2003, I‑0000, Randnr. 41).
         
         
         
         32
            
          Artikel 21 ist somit zum Zweck der Erreichung dieser Ziele weit auszulegen und erfasst dem Grundsatz nach alle Fälle der Rechtshängigkeit
         vor den Gerichten der Vertragsstaaten unabhängig vom Wohnsitz der Parteien (Urteile vom 27. Juni 1991 in der Rechtssache C‑351/89,
         Overseas Union Insurance u. a., Slg. 1991, I‑3317, Randnr. 16, und Gasser, Randnr. 41).
         
         
         
         33
            
          Im vorliegenden Fall steht fest, dass ein Verfahren zur Errichtung eines Haftungsbeschränkungsfonds, wie es bei dem niederländischen
         Gericht betrieben wurde, es dem Eigentümer eines Schiffes, dessen Haftung durch einen der in Artikel 1 Absatz 1 des Übereinkommens
         von 1957 genannten Umstände ausgelöst sein könnte, ermöglichen soll, seine Haftung auf einen gemäß Artikel 3 dieses Übereinkommens
         berechneten Betrag zu beschränken, damit die Gläubiger wegen desselben schädigenden Ereignisses vom Schiffseigentümer keine
         anderen Beträge verlangen können, als ihnen im Rahmen dieses Verfahrens zugeteilt werden.
         
         
         
         34
            
          Ein entsprechender Antrag auf Errichtung eines Haftungsbeschränkungsfonds stellt sicherlich eine Klage im Sinne von Artikel
         21 EuGVÜ dar. Es ist jedoch außerdem zu prüfen, ob er denselben Gegenstand und dieselbe Grundlage hat wie eine Schadensersatzklage,
         die das Opfer gegen den Schiffseigentümer bei einem Gericht eines anderen Vertragsstaats erhebt, und ob diese Verfahren zwischen
         denselben Parteien eingeleitet worden sind. Diese drei kumulativen Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit ein Fall der
         Rechtshängigkeit im Sinne von Artikel 21 EuGVÜ vorliegt.
         
         
         
         35
            
          Zum einen ist festzustellen, dass die betreffenden Verfahren offensichtlich nicht denselben Gegenstand haben. Während nämlich
         die Schadensersatzklage darauf abzielt, den Beklagten in Anspruch zu nehmen, soll mit dem Antrag auf Haftungsbeschränkung
         erreicht werden, dass die Haftung, wenn sie denn ausgelöst sein sollte, auf einen gemäß dem Übereinkommen von 1957 berechneten
         Betrag beschränkt wird, wobei darauf hinzuweisen ist, dass nach Artikel 1 Absatz 7 des Übereinkommens von 1957 die „Geltendmachung
         der beschränkten Haftung … keine Anerkennung der Haftung“ bedeutet.
         
         
         
         36
            
          Weder dass die Ansprüche im Rahmen des Verfahrens zur Errichtung eines Haftungsbeschränkungsfonds vom Schadensabwickler geprüft
         werden, noch dass der Schuldner Einwendungen gegen sie erheben kann, ändert etwas an diesem Befund. Wie nämlich der Gerichtshof
         bereits entschieden hat, sind bei der Prüfung, ob zwei Klagen denselben Gegenstand im Sinne von Artikel 21 EuGVÜ haben, wie
         sich aus dessen Wortlaut ergibt, nur die jeweiligen Klageansprüche in den Rechtsstreitigkeiten und nicht die möglicherweise
         vom Beklagten vorgebrachten Einwendungen zu berücksichtigen (Urteil vom 8. Mai 2003 in der Rechtssache C‑111/01, Gartner Electronic,
         Slg. 2003, I‑4207, Randnr. 26).
         
         
         
         37
            
          Zum anderen haben die betreffenden Verfahren auch nicht dieselbe Grundlage im Sinne von Artikel 21 EuGVÜ.
         
         
         
         38
            
          Die „Grundlage“ umfasst nämlich den Sachverhalt und die rechtliche Regelung, die der Klage zugrunde gelegt werden (vgl. Urteil
         vom 6. Dezember 1994 in der Rechtssache C‑406/92, Tatry, Slg. 1994, I‑5439, Randnr. 39). Selbst unter der Annahme, dass den
         beiden Verfahren derselbe Sachverhalt zugrunde liegt, sind daher die rechtlichen Regelungen, auf die die beiden Klagen gestützt
         werden, unterschiedlich, wie sowohl Mærsk und die Kommission als auch der Generalanwalt in Nummer 41 seiner Schlussanträge
         festgestellt haben. Denn die Schadensersatzklage beruht auf dem Recht der außervertraglichen Haftung, wohingegen der Antrag
         auf Errichtung eines Haftungsbeschränkungsfonds das Übereinkommen von 1957 und die niederländischen Rechtsvorschriften, mit
         denen es umgesetzt wird, zur Grundlage hat.
         
         
         
         39
            
          Ohne dass die dritte Voraussetzung, die sich auf die Identität der Parteien bezieht, geprüft zu werden brauchte, ist daher
         festzustellen, dass mangels Identität von Gegenstand und Grundlage zwischen einem Verfahren zur Errichtung eines Haftungsbeschränkungsfonds
         für einen Schiffseigentümer, wie es im vorliegenden Fall bei einem niederländischen Gericht durchgeführt wurde, und einer
         beim vorlegenden Gericht erhobenen Schadensersatzklage kein Verhältnis besteht, das einen Fall der Rechtshängigkeit im Sinne
         von Artikel 21 EuGVÜ begründet.
         
         
         
         40
            
          Wie die Regierung des Vereinigten Königreichs und der Generalanwalt in Nummer 45 seiner Schlussanträge festgestellt haben,
         steht dieses Ergebnis der Anwendung des Artikels 22 EuGVÜ grundsätzlich nicht entgegen. Denn Klagen wie diejenigen, um die
         es im Ausgangsverfahren geht, sind so eng miteinander verbunden, dass sie als im Zusammenhang stehend im Sinne von Artikel
         22 Absatz 3 EuGVÜ anzusehen sind, so dass das später angerufene Gericht die Entscheidung aussetzen könnte.
         
         
         
         41
            
          Im vorliegenden Fall besteht jedoch kein Anlass, nach den Voraussetzungen für die Anwendung des Artikels 22 EuGVÜ zu fragen
         oder gar festzustellen, welches Gericht hier das zuerst angerufene gewesen sein könnte. Denn dem Vorlagebeschluss ist zu entnehmen,
         dass das Verfahren bei der Arrondissementsrechtbank Groningen endgültig abgeschlossen ist und dass der bei diesem hinterlegte
         Betrag den Schiffseigentümern im Dezember 1988 zurückgezahlt worden ist, da keine Ansprüche Geschädigter angemeldet worden
         sind. „Klagen, die im Zusammenhang stehen“, im Sinne von Artikel 22 EuGVÜ gibt es daher nicht mehr.
         
         
         
         42
            
          Nach alledem ist auf die erste Frage zu antworten, dass ein Antrag auf Errichtung eines Haftungsbeschränkungsfonds, den ein
         Schiffseigentümer bei einem Gericht eines Vertragsstaats stellt, wobei er darin den möglichen Geschädigten benennt, und eine
         von diesem Geschädigten beim Gericht eines anderen Vertragsstaats erhobene Schadensersatzklage gegen den Schiffseigentümer
         keine Rechtshängigkeitssituation im Sinne von Artikel 21 EuGVÜ begründen.
         
         Zur zweiten Frage
         
         43
            
          Mit seiner zweiten Frage möchte das vorlegende Gericht wissen, ob ein Beschluss zur Errichtung eines Haftungsbeschränkungsfonds
         wie der im Ausgangsverfahren eine gerichtliche Entscheidung im Sinne von Artikel 25 EuGVÜ ist.
         
         
         
         44
            
          Hierzu ist zu bemerken, dass nach dem Wortlaut des Artikels 25 EuGVÜ der Begriff „Entscheidung“ im Sinne des Brüsseler Übereinkommens
         „jede von einem Gericht eines Vertragsstaats erlassene Entscheidung … ohne Rücksicht auf ihre Bezeichnung“ umfasst.
         
         
         
         45
            
          Wie der Gerichtshof bereits entschieden hat (vgl. Urteil vom 2. Juni 1994 in der Rechtssache C‑414/92, Solo Kleinmotoren,
         Slg. 1994, I‑2237, Randnr. 17), muss die betreffende Entscheidung, um als eine „Entscheidung“ im Sinne des Übereinkommens
         angesehen werden zu können, von einem Rechtsprechungsorgan eines Vertragsstaats erlassen worden sein, das kraft seines Auftrags
         selbst über zwischen den Parteien bestehende Streitpunkte entscheidet.
         
         
         
         46
            
          Wie es in dem Bericht zu dem Brüsseler Übereinkommen (ABl. 1979, C 59, S. 71, Nr. 184) heißt, betrifft Artikel 25 EuGVÜ nicht
         nur Entscheidungen, die eine Instanz beenden, sondern auch einstweilige Anordnungen der Gerichte einschließlich Sicherungsmaßnahmen.
         
         
         
         47
            
          Folglich fällt eine Entscheidung wie der Beschluss der Arrondissementsrechtbank Groningen vom 27. Mai 1987, mit der der Betrag,
         auf den die Haftung eines Schiffseigentümers beschränkt ist, vorläufig festgelegt wird, unter Artikel 25 EuGVÜ.
         
         
         
         48
            
          Mærsk hat dagegen geltend gemacht, dieser Beschluss könne keine Entscheidung im Sinne von Artikel 25 EuGVÜ sein, da er nach
         einem nicht kontradiktorischen Verfahren ergangen sei.
         
         
         
         49
            
          Diesem Einwand kann nicht gefolgt werden.
         
         
         
         50
            
          Zwar stellt das Übereinkommen nach ständiger Rechtsprechung maßgeblich auf solche gerichtlichen Entscheidungen ab, denen,
         bevor in einem anderen Staat ihre Anerkennung und Vollstreckung beantragt wurde, im Urteilsstaat nach unterschiedlichen Modalitäten
         ein kontradiktorisches Verfahren vorangegangen ist oder hätte vorangehen können (Urteil vom 21. Mai 1980 in der Rechtssache
         125/79, Denilaufer, Slg. 1980, 1553, Randnr. 13). Auch wenn der Beschluss des niederländischen Gerichts am Ende eines nicht
         kontradiktorischen ersten Abschnitts des Verfahrens erging, konnte er aber durchaus Gegenstand einer kontradiktorischen Erörterung
         sein, bevor sich die Frage seiner Anerkennung oder Vollstreckung gemäß dem Übereinkommen stellte (vgl. in diesem Sinne auch
         Urteil vom 13. Juli 1995 in der Rechtssache C‑474/93, Hengst Import, Slg. 1995, I‑2113, Randnr. 14).
         
         
         
         51
            
          So ist den Akten zu entnehmen, dass ein solcher Beschluss erst wirksam wird, nachdem er den Gläubigern mitgeteilt worden ist,
         die anschließend bei dem Gericht, das ihn erlassen hat, ihre Rechte geltend machen können, indem sie das Recht des Schuldners
         auf Haftungsbeschränkung bestreiten oder Einwände gegen die Höhe dieser Beschränkung erheben. Darüber hinaus können die Gläubiger
         Rechtsmittel gegen diesen Beschluss einlegen, indem sie die Zuständigkeit des den Beschluss erlassenden Gerichts bestreiten
         – was übrigens im Ausgangsverfahren der Fall gewesen ist.
         
         
         
         52
            
          Im Hinblick auf diese Erwägungen ist auf die zweite Vorlagefrage zu antworten, dass ein Beschluss zur Errichtung eines Haftungsbeschränkungsfonds
         wie der im Ausgangsverfahren eine gerichtliche Entscheidung im Sinne von Artikel 25 EuGVÜ ist.
         
         Zur dritten und zur vierten Vorlagefrage
         
         53
            
          Mit seiner dritten und seiner vierten Vorlagefrage, die zweckmäßigerweise gemeinsam zu prüfen sind, möchte das vorlegende
         Gericht wissen, ob einer Entscheidung, mit der ohne vorherige Zustellung an den betroffenen Gläubiger ein Haftungsbeschränkungsfonds
         errichtet wurde, die Anerkennung in einem anderen Vertragsstaat nach Artikel 27 Nummer 2 EuGVÜ verweigert werden kann, und
         zwar auch dann, wenn der Gläubiger gegen diese Entscheidung Rechtsmittel mit der Begründung eingelegt hat, dass das Gericht,
         das die Entscheidung erlassen habe, unzuständig sei, ohne jedoch die fehlende Zustellung des verfahrenseinleitenden Schriftstücks
         gerügt zu haben.
         
         
         
         54
            
          Artikel 27 EuGVÜ zählt die Voraussetzungen auf, von denen es abhängt, ob Entscheidungen, die in einem Vertragsstaat erlassen
         worden sind, in einem anderen Vertragsstaat anerkannt werden. Nach Artikel 27 Nummer 2 EuGVÜ wird die Anerkennung versagt,
         „wenn dem Beklagten, der sich auf das Verfahren nicht eingelassen hat, das dieses Verfahren einleitende Schriftstück oder
         ein gleichwertiges Schriftstück nicht ordnungsmäßig und nicht so rechtzeitig zugestellt worden ist, dass er sich verteidigen
         konnte“.
         
         
         
         55
            
          Artikel 27 Nummer 2 EuGVÜ soll nach ständiger Rechtsprechung sicherstellen, dass eine Entscheidung nach den Bestimmungen des
         Übereinkommens weder anerkannt noch vollstreckt wird, wenn es dem Beklagten nicht möglich war, sich vor dem Gericht des Urteilsstaats
         zu verteidigen (Urteile vom 16. Juni 1981 in der Rechtssache 166/80, Klomps, Slg. 1981, 1593, Randnr. 9, vom 21. April 1993
         in der Rechtssache C‑172/91, Sonntag, Slg. 1993, I‑1963, Randnr. 38, und Hengst Import, Randnr. 17).
         
         
         
         56
            
          Eine Entscheidung wird somit nur dann aus den in Artikel 27 Nummer 2 EuGVÜ genannten Gründen nicht anerkannt, wenn der Beklagte
         sich auf das Verfahren, in dem sie ergangen ist, nicht eingelassen hat. Hat sich der Beklagte auf das Verfahren eingelassen,
         so kann er sich zumindest dann nicht auf diese Bestimmung berufen, wenn er über die Elemente des Rechtsstreits in Kenntnis
         gesetzt worden ist und Gelegenheit zur Verteidigung erhalten hat (Urteil Sonntag, Randnr. 39).
         
         
         
         57
            
          Im vorliegenden Fall hat sich Mærsk zu keinem Zeitpunkt auf das Verfahren zur Errichtung eines Haftungsbeschränkungsfonds
         eingelassen. Zwar hat Mærsk Rechtsmittel gegen den Beschluss vom 27. Mai 1987 eingelegt. Wie der Generalanwalt in Nummer 60
         seiner Schlussanträge festgestellt hat, kann jedoch ein solches Rechtsmittel, das ausschließlich die Zuständigkeit des Gerichts
         betraf, das den betreffenden Beschluss erlassen hatte, nicht mit einer Einlassung des Beklagten in dem Verfahren gleichgesetzt
         werden, das darauf abzielte, die Haftung der Schiffseigentümer auf einen bestimmten Höchstbetrag zu beschränken. Mærsk ist
         daher als Beklagter, der sich auf das Verfahren nicht eingelassen hat, im Sinne von Artikel 27 Nummer 2 EuGVÜ anzusehen. 
         
         
         
         58
            
          Damit der Beschluss, einen Haftungsbeschränkungsfonds zu errichten, anerkannt werden kann, muss deshalb gemäß Artikel 27 Nummer
         2 EuGVÜ das verfahrenseinleitende Schriftstück Mærsk ordnungsmäßig und rechtzeitig zugestellt worden sein.
         
         
         
         59
            
          Insoweit sind die Besonderheiten des durch das niederländische Recht geregelten Verfahrens zur Errichtung eines Haftungsbeschränkungsfonds
         zu berücksichtigen, in dem ein Beschluss, mit dem vorläufig der Höchstbetrag der Haftung festgelegt wird, vom Gericht nach
         einem einseitigen Verfahren vorläufig erlassen wird, um anschließend, wie in Randnummer 50 dieses Urteils ausgeführt, Gegenstand
         einer kontradiktorischen Erörterung zu werden. Bei einem solchen Beschluss handelt es sich um ein Schriftstück, das im Sinne
         von Artikel 27 Nummer 2 EuGVÜ einem verfahrenseinleitenden Schriftstück gleichwertig ist.
         
         
         
         60
            
          Den Akten ist zu entnehmen, dass der von der Arrondissementsrechtbank Groningen bestellte Verwalter Mærsk mit Einschreiben
         vom 1. Februar 1988 über den Inhalt des Beschlusses vom 27. Mai 1987 unterrichtet hat und dass eine solche Unterrichtung der
         niederländischen Regierung zufolge sowohl nach niederländischem Recht als auch nach dem Haager Übereinkommen vom 15. November
         1965 über die Zustellung gerichtlicher und außergerichtlicher Schriftstücke im Ausland für Zivil- und Handelssachen ordnungsgemäß
         ist, an das das Königreich der Niederlande und das Königreich Dänemark zu dem im Ausgangsverfahren maßgebenden Zeitpunkt gebunden
         waren.
         
         
         
         61
            
          Das Gericht des betroffenen Vollstreckungsstaats hat zu prüfen, ob die fragliche Zustellung unter Berücksichtigung aller Umstände
         des Einzelfalls ordnungsmäßig und so rechtzeitig vorgenommen worden ist, dass der Beklagte seine Verteidigung wirksam vorbereiten
         konnte (Urteil Klomps, Randnr. 20, und Urteil vom 11. Juni 1985 in der Rechtssache 49/84, Debaecker und Plouvier, Slg. 1985,
         1779, Randnr. 31).
         
         
         
         62
            
          Aufgrund der vorstehenden Erwägungen ist auf die dritte und die vierte Frage zu antworten, dass einer Entscheidung, mit der
         ohne vorherige Zustellung an den betroffenen Gläubiger ein Haftungsbeschränkungsfonds errichtet wurde, die Anerkennung in
         einem anderen Vertragsstaat nicht nach Artikel 27 Nummer 2 EuGVÜ verweigert werden kann, sofern sie dem Beklagten ordnungsmäßig
         und rechtzeitig zugestellt worden ist; das gilt auch dann, wenn der Gläubiger gegen diese Entscheidung Rechtsmittel mit der
         Begründung eingelegt hat, dass das Gericht, das die Entscheidung erlassen habe, unzuständig sei.
         
         
         Kosten
         63
            
          Für die Parteien des Ausgangsverfahrens ist das Verfahren ein Zwischenstreit in dem bei dem vorlegenden Gericht anhängigen
         Rechtsstreit; die Kostenentscheidung ist daher Sache dieses Gerichts. Die Auslagen anderer Beteiligter für die Abgabe von
         Erklärungen vor dem Gerichtshof sind nicht erstattungsfähig.
         
         
         
         
         
         
            
            
         
         
          Aus diesen Gründen hat der Gerichtshof (Dritte Kammer) für Recht erkannt:
         
            
            
             
               1.
                  Ein Antrag auf Errichtung eines Haftungsbeschränkungsfonds, den ein Schiffseigentümer bei einem Gericht eines Vertragsstaats
                     stellt, wobei er darin den möglichen Geschädigten benennt, und eine von diesem Geschädigten beim Gericht eines anderen Vertragsstaats
                     erhobene Schadensersatzklage gegen den Schiffseigentümer begründen keine Rechtshängigkeitssituation im Sinne von Artikel 21
                     des Übereinkommens vom 27. September 1968 über die gerichtliche Zuständigkeit und die Vollstreckung gerichtlicher Entscheidungen
                     in Zivil‑ und Handelssachen in der durch das Übereinkommen vom 9. Oktober 1978 über den Beitritt des Königreichs Dänemark,
                     Irlands und des Vereinigten Königreichs Großbritannien und Nordirland geänderten Fassung.
                  
               
            
            
            
             
               2.
                  Ein Beschluss zur Errichtung eines Haftungsbeschränkungsfonds wie der im Ausgangsverfahren ist eine gerichtliche Entscheidung
                     im Sinne von Artikel 25 EuGVÜ.
                  
               
            
            
            
             
               3.
                  Einer Entscheidung, mit der ohne vorherige Zustellung an den betroffenen Gläubiger ein Haftungsbeschränkungsfonds errichtet
                     wurde, kann die Anerkennung in einem anderen Vertragsstaat nicht nach Artikel 27 Nummer 2 EuGVÜ verweigert werden, sofern
                     sie dem Beklagten ordnungsmäßig und rechtzeitig zugestellt worden ist; das gilt auch dann, wenn der Gläubiger gegen diese
                     Entscheidung Rechtsmittel mit der Begründung eingelegt hat, dass das Gericht, das die Entscheidung erlassen habe, unzuständig
                     sei.
                  
               
            
             Unterschriften.
      
      
          1 –
            
            Verfahrenssprache: Dänisch.