CELEX: 62002CJ0457
Language: de
Date: 2004-11-11
Title: Urteil des Gerichtshofes (Zweite Kammer) vom 11. November  2004. # Strafverfahren gegen Antonio Niselli. # Ersuchen um Vorabentscheidung: Tribunale di Terni - Italien. # Richtlinien 75/442/EWG und 91/156/EWG - Begriff "Abfälle" - Wieder verwendbare Produktions- oder Verbrauchsrückstände - Eisenschrott. # Rechtssache C-457/02.

Rechtssache C-457/02
      Strafverfahren
      gegen
      Antonio Niselli
      (Vorabentscheidungsersuchen des Tribunale Terni)
      „Richtlinien 75/442/EWG und 91/156/EWG – Begriff ‚Abfälle‘ – Wieder verwendbare Produktions- oder Verbrauchsrückstände – Eisenschrott“
      Leitsätze des Urteils
      1.        Umwelt – Abfälle – Richtlinie 75/442 in der Fassung der Richtlinie 91/156 – Begriff – Stoff, dessen man sich entledigt – Unterwerfung
            unter die Verfahren der Abfallbeseitigung und Abfallverwertung im Sinne der Anhänge IIA und IIB – Unzulänglichkeit
      (Richtlinie 75/442 des Rates in der durch die Richtlinie 91/156 geänderten Fassung, Artikel 1 Buchstabe a Absatz 1 sowie Anhänge
            IIA und IIB)
      2.        Umwelt – Abfälle – Richtlinie 75/442 in der Fassung der Richtlinie 91/156 – Begriff – Möglichkeit der Einbeziehung wieder
            verwendeter Produktions- oder Verbrauchsrückstände
      (Richtlinie 75/442 des Rates in der durch die Richtlinie 91/156 geänderten Fassung, Artikel 1 Buchstabe a Absatz 1)
      1.        Die Definition von Abfall in Artikel 1 Buchstabe a Absatz 1 der Richtlinie 75/442 über Abfälle in der durch die Richtlinie
         91/156 und die Entscheidung 96/350 geänderten Fassung kann nicht dahin ausgelegt werden, dass sie abschließend Stoffe oder
         Materialien betrifft, die den in den Anhängen IIA und IIB dieser Richtlinie oder in diesen entsprechenden Verzeichnissen aufgeführten
         Beseitigungs- oder Verwertungsverfahren zugeführt oder unterworfen werden oder deren Besitzer den Willen oder die Verpflichtung
         dazu hat.
      
      (vgl. Randnr. 40, Tenor 1)
      2.        Der Begriff „Abfall“ im Sinne des Artikels 1 Buchstabe a Absatz 1 der Richtlinie 75/442 über Abfälle in der durch die Richtlinie
         91/156 und die Entscheidung 96/350 geänderten Fassung kann nicht dahin ausgelegt werden, dass davon alle Produktions- oder
         Verbrauchsrückstände ausgeschlossen sind, die entweder ohne vorherige Behandlung und ohne Schädigung der Umwelt oder aber
         nach einer vorherigen Behandlung, ohne dass jedoch eine Verwertung im Sinne des Anhangs IIB der Richtlinie 75/442 erforderlich
         wäre, in einem Produktions- oder Verbrauchszyklus wieder verwendet werden können oder wieder verwendet werden.
      
      (vgl. Randnr. 53, Tenor 2)

      
      
      
      
      
      
      
      
      
      
      
      
      
      
      
            
            URTEIL DES GERICHTSHOFES (Zweite Kammer)11. November 2004(1)
         
         
               „Richtlinien 75/442/EWG und 91/156/EWG  –  Begriff ‚Abfälle‘  –  Wieder verwendbare Produktions- oder Verbrauchsrückstände  –  Eisenschrott“
               
             In der Rechtssache C-457/02betreffend ein Vorabentscheidungsersuchen nach Artikel 234 EG, eingereicht vom Tribunale Terni (Italien) mit Entscheidung
            vom 20. November 2002, beim Gerichtshof eingegangen am 18. Dezember 2002, in dem Strafverfahren gegen
            
            
            
            
            
            
            
            Antonio Niselli
            
             erlässt
            
            DER GERICHTSHOF (Zweite Kammer),
            
             unter Mitwirkung des Kammerpräsidenten C. W. A. Timmermans sowie der Richter C. Gulmann und J.‑P. Puissochet (Berichterstatter),
            
             Generalanwältin: J. Kokott,Kanzler: M. Múgica Arzamendi, Hauptverwaltungsrätin,
             aufgrund des schriftlichen Verfahrens und auf die mündliche Verhandlung vom 6. Mai 2004,unter Berücksichtigung der Erklärungen
            
            –
             des Herrn Niselli, vertreten durch L. Mattrella und E. Morigi, avvocati,
            
            –
             der italienischen Regierung, vertreten durch I. M. Braguglia als Bevollmächtigten im Beistand von M. Fiorilli, avvocato dello
            Stato,
            
            –
             der österreichischen Regierung, vertreten durch E. Riedl als Bevollmächtigten,
            
            –
             der Kommission der Europäischen Gemeinschaften, vertreten durch  M. Kostantidinis und R. Amorosi als Bevollmächtigte im Beistand
            von G. Bambara, avvocato,
            
            
            
            nach Anhörung der Schlussanträge der Generalanwältin in der Sitzung vom 10. Juni 2004,
         folgendes
         
         
         Urteil
         1
            
          Das Vorabentscheidungsersuchen betrifft die Auslegung der Richtlinie 75/442/EWG des Rates vom 15. Juli 1975 über Abfälle (ABl.
         L 94, S. 47) in der durch die Richtlinie 91/156/EWG des Rates vom 18. März 1991 (ABl. L 78, S. 32) und die Entscheidung 96/350/EG
         der Kommission vom 24. Mai 1996 (ABl. L 135, S. 32) geänderten Fassung (im Folgenden: Richtlinie 75/442).
         
         
         
         2
            
          Dieses Ersuchen ergeht im Rahmen eines Strafverfahrens gegen Herrn Niselli, in dem diesem zur Last gelegt wird, eine Tätigkeit
         der Abfallbewirtschaftung ohne vorherige Genehmigung der zuständigen Behörde ausgeübt zu haben.
         
         
            
               Rechtlicher Rahmen
            Gemeinschaftsrecht
         
         3
            
          Die Richtlinie 75/442 bezweckt eine Angleichung der nationalen Rechtsvorschriften über die Abfallbewirtschaftung.
         
         
         
         4
            
          Artikel 1 Buchstabe a Absatz 1 dieser Richtlinie definiert Abfall als „alle Stoffe oder Gegenstände, die unter die in Anhang
         I aufgeführten Gruppen fallen und deren sich ihr Besitzer entledigt, entledigen will oder entledigen muss“.
         
         
         
         5
            
          Anhang I der Richtlinie 75/442 mit der Überschrift „Abfallgruppen“ nennt u. a. in Position Q 1 „Nachstehend nicht näher beschriebene
         Produktions- oder Verbrauchsrückstände“, in Position Q 14 „Produkte, die vom Besitzer nicht oder nicht mehr verwendet werden
         (z. B. in der Landwirtschaft, den Haushaltungen, Büros, Verkaufsstellen, Werkstätten usw.)“ und in Position Q 16 „Stoffe oder
         Produkte aller Art, die nicht einer der oben erwähnten Gruppen angehören“.
         
         
         
         6
            
          Artikel 1 Buchstabe a Absatz 2 der Richtlinie 75/442 hat die Kommission der Europäischen Gemeinschaften mit der Aufgabe betraut,
         „ein Verzeichnis der unter die Abfallgruppen in Anhang I fallenden Abfälle“ (im Folgenden: Abfallverzeichnis) zu erstellen.
         Dieses ist Gegenstand der Entscheidung 2000/532/EG der Kommission vom 3. Mai 2000 zur Ersetzung der Entscheidung 94/3/EG über
         ein Abfallverzeichnis gemäß Artikel 1 Buchstabe a der Richtlinie 75/442 und der Entscheidung 94/904/EG des Rates über ein
         Verzeichnis gefährlicher Abfälle im Sinne von Artikel 1 Absatz 4 der Richtlinie 91/689/EWG des Rates über gefährliche Abfälle
         (ABl. L 226, S. 3). Dieses Verzeichnis wurde mehrfach geändert, u. a. zuletzt durch die Entscheidung 2001/573/EG des Rates
         vom 23. Juli 2001 (ABl. L 203, S. 18). Das Abfallverzeichnis ist am 1. Januar 2002 in Kraft getreten. Unter seinem Kapitel
         17 sind „Bau- und Abbruchabfälle (einschließlich Aushub von verunreinigten Standorten)“ aufgeführt. In Nummer 17 04 dieses
         Kapitels sind unterschiedliche Arten von Metallabfällen aufgeführt. In der Einleitung zum Abfallverzeichnis wird erläutert,
         dass dieses ein harmonisiertes Verzeichnis ist, das regelmäßig überprüft wird, allerdings „bedeutet die Aufnahme eines Stoffes
         in das Verzeichnis nicht, dass dieser Stoff unter allen Umständen ein Abfall ist. Stoffe werden dann als Abfall betrachtet,
         wenn die Voraussetzungen der Begriffsbestimmung von Artikel 1 Buchstabe a der Richtlinie 75/442/EWG erfüllt sind.“
         
         
         
         7
            
          Artikel 1 Buchstabe b dieser Richtlinie definiert als „Erzeuger“ „jede Person, durch deren Tätigkeit Abfälle angefallen sind
         (‚Ersterzeuger‘), und/oder jede Person, die Vorbehandlungen, Mischungen oder sonstige Behandlungen vorgenommen hat, die eine
         Veränderung der Natur oder der Zusammensetzung dieser Abfälle bewirken“.
         
         
         
         8
            
         „Besitzer“ wird in Artikel 1 Buchstabe c der Richtlinie 75/442 definiert als „der Erzeuger der Abfälle oder die natürliche
         oder juristische Person, in deren Besitz sich die Abfälle befinden“.
         
         
         
         9
            
          Artikel 1 Buchstabe d der Richtlinie 75/442 definiert „Bewirtschaftung“ von Abfällen als „das Einsammeln, die Beförderung,
         die Verwertung und die Beseitigung der Abfälle, einschließlich der Überwachung dieser Vorgänge sowie der Überwachung der Deponien
         nach deren Schließung“.
         
         
         
         10
            
          Artikel 1 definiert unter Buchstabe e „Beseitigung“ als alle in Anhang IIA und unter Buchstabe f „Verwertung“ als alle in
         Anhang IIB aufgeführten Verfahren. Diese Anhänge wurden durch die Entscheidung 96/350/EG der Kommission vom 24. Mai 1996 (ABl.
         L 135, S. 32) an den wissenschaftlichen und technischen Fortschritt angepasst. Unter den in Anhang IIB aufgezählten Verwertungsverfahren
         nennt Position R 4 die „Verwertung/Rückgewinnung von Metallen und Metallverbindungen“ und Position R 13 die „Ansammlung von
         Abfällen, um sie einem der [im Anhang] aufgeführten Verfahren zu unterziehen (ausgenommen zeitweilige Lagerung – bis zum Einsammeln
         – auf dem Gelände der Entstehung der Abfälle)“.
         
         
         
         11
            
          Artikel 3 Absatz 1 Buchstabe b der Richtlinie 75/442 bestimmt u. a., dass die Mitgliedstaaten Maßnahmen treffen, um die Verwertung
         der Abfälle im Wege der Rückführung, der Wiederverwendung, des Wiedereinsatzes oder anderer Verwertungsvorgänge im Hinblick
         auf die Gewinnung von sekundären Rohstoffen zu fördern.
         
         
         
         12
            
          Artikel 4 der Richtlinie sieht vor, dass die Mitgliedstaaten die erforderlichen Maßnahmen treffen, um sicherzustellen, dass
         die Abfälle verwertet oder beseitigt werden, ohne dass die menschliche Gesundheit gefährdet wird und ohne dass Verfahren oder
         Methoden verwendet werden, die die Umwelt schädigen können, insbesondere ohne dass Wasser, Luft, Boden und die Tier- und Pflanzenwelt
         gefährdet und die Umgebung und das Landschaftsbild beeinträchtigt werden. Dieser Artikel schreibt außerdem vor, dass die Mitgliedstaaten
         ferner die erforderlichen Maßnahmen ergreifen, um eine unkontrollierte Ablagerung oder Ableitung von Abfällen und deren unkontrollierte
         Beseitigung zu verbieten.
         
         
         
         13
            
          Die Artikel 9 und 10 der Richtlinie 75/442 bestimmen, dass alle Anlagen oder Unternehmen, die Abfallbeseitigungs- oder Abfallverwertungsverfahren
         durchführen, einer Genehmigung durch die zuständige Behörde bedürfen. 
         
         
         
         14
            
          Eine Befreiung von der Genehmigungspflicht unter bestimmten Voraussetzungen ist jedoch in Artikel 11 der Richtlinie 75/442
         vorgesehen.
         
         Nationale Vorschriften
         
         15
            
          Die Richtlinie 75/442 ist durch das Decreto legislativo Nr. 22 vom 5. Februar 1997 zur Durchführung der Richtlinien 91/156/EWG
         über Abfälle, 91/689/EWG über gefährliche Abfälle und 94/62/EG über Verpackungen und Verpackungsabfälle (GURI Nr. 38 vom 15.
         Februar 1997, Supplemento ordinario) in der durch das Decreto legislativo Nr. 389 vom 8. November 1997 (GURI Nr. 261 vom 8.
         November 1997) geänderten Fassung (im Folgenden: Decreto legislativo Nr. 22/97) in italienisches Recht umgesetzt worden.
         
         
         
         16
            
          Artikel 6 Absatz 1 Buchstabe a des Decreto legislativo Nr. 22/97 definiert „Abfall“ als „alle Stoffe oder Gegenstände, die
         unter die in Anhang A aufgeführten Gruppen fallen und deren sich ihr Besitzer entledigt, entledigen will oder entledigen muss“.
         Anhang A dieses Decreto legislativo übernimmt das Verzeichnis der „Abfallgruppen“ des Anhangs I der Richtlinie 75/442. Darüber
         hinaus werden in den Anhängen B, C und D des Decreto legislativo Nr. 22/97 die Verfahren der Abfallbeseitigung und Abfallverwertung
         in derselben Weise wie in den Anhängen IIA und IIB der Richtlinie 75/442 sowie die gefährlichen Abfälle im Sinne des Artikels
         1 Absatz 4 der Richtlinie 91/689 aufgezählt.
         
         
         
         17
            
          Für die Bewirtschaftung bestimmter Arten von Abfällen schreibt das Decreto legislativo Nr. 22/97 eine behördliche Genehmigung
         vor. In diesem Fall wird das Fehlen einer Genehmigung strafrechtlich geahndet.
         
         
         
         18
            
          Nach Einleitung des im Ausgangsverfahren anhängigen Strafverfahrens erging das Decreto legge Nr. 138 vom 8. Juli 2002 (GURI
         Nr. 158 vom 8. Juli 2002), umgewandelt in das Gesetz Nr. 178 vom 8. August 2002 (GURI Nr. 187 vom 10. August 2002, im Folgenden:
         Decreto legge Nr. 138/02).
         
         
         
         19
            
          Artikel 14 dieses Decreto legge enthält eine „authentische Auslegung“ des Begriffs „Abfall“ im Sinne des Decreto legislativo
         Nr. 22/97, die Folgendes bestimmt:
         „1.     Die Worte ‚entledigt‘ ‚entledigen will‘ oder ‚entledigen muss‘ in Artikel 6 Absatz 1 Buchstabe a des Decreto legislativo Nr. 22[/97]
         und dessen späteren Änderungen … sind folgendermaßen auszulegen:
         
         a)
            ‚entledigt‘: jedes Verhalten, durch das ein Stoff, ein Material oder ein Gut der Beseitigung oder Verwertung im Sinne der
               Anhänge B und C des Decreto legislativo Nr. 22[/97] unmittelbar oder mittelbar zugeführt oder unterworfen wird;
            
         
         
         b)
            ‚entledigen will‘: der Wille, Stoffe, Materialien oder Güter der Beseitigung oder Verwertung im Sinne der Anhänge B und C
               des Decreto legislativo Nr. 22[/97] zuzuführen;
            
         
         
         c)
            ‚entledigen muss‘: die sich aus einer Rechtsvorschrift, einer behördlichen Maßnahme oder dem Wesen des Materials, des Stoffes
               oder des Gutes oder der Tatsache, dass diese von der Liste der gefährlichen Abfälle im Sinne von Anhang D des Decreto legislativo
               Nr. 22[/97] erfasst werden, ergebende Verpflichtung, ein Material, einen Stoff oder ein Gut der Beseitigung oder der Verwertung
               zuzuführen.
            
         
          2.       Die Tatbestände nach Nummer 1 Buchstaben b und c gelten nicht für Güter oder Stoffe und Materialien, die als Produktions-
         oder Verbrauchsrückstände anfallen, wenn eine der folgenden Voraussetzungen erfüllt ist:
         
         a)
            wenn diese im selben, einem ähnlichen oder einem sonstigen Produktions- oder Verbrauchszyklus wieder verwendet werden können
               oder tatsächlich und objektiv wieder verwendet werden, ohne eine vorherige Behandlung zu erfahren und ohne die Umwelt zu schädigen;
            
         
         
         b)
            wenn sie nach einer vorherigen Behandlung im selben, einem ähnlichen oder einem sonstigen Produktions- oder Verbrauchszyklus
               wieder verwendet werden können oder tatsächlich und objektiv wieder verwendet werden, ohne dass eine Verwertung im Sinne des
               Anhangs C des Decreto legislativo Nr. 22[/97] erforderlich wäre.“
            
         
         
         Ausgangsverfahren und Vorlagefragen
         
         20
            
          Gegen Herrn Niselli, den rechtlich Verantwortlichen der ILFER SpA, wurde wegen einer ungenehmigten Tätigkeit der Abfallbewirtschaftung
         Anklage erhoben. Ein Sattelanhänger der ILFER SpA war nämlich von den Karabinieri beschlagnahmt worden, als er Eisenmaterialien
         ohne das nach dem Decreto legislativo Nr. 22/97 vorgesehene Kennzeichnungsblatt für Abfälle transportierte. Darüber hinaus
         wurde festgestellt, dass der Sattelanhänger nicht, wie von dem Decreto legislativo vorgesehen, im nationalen Verzeichnis der
         Abfallbewirtschaftungsunternehmen eingetragen war.
         
         
         
         21
            
          Nach einem in dem Verfahren vorgelegten Gutachten stammten die beschlagnahmten Materialien aus der Verschrottung von Maschinen
         und Fahrzeugen oder aus der Sammlung von ausrangierten Gegenständen. Das gemeinsame Merkmal dieser Materialien war, dass es
         sich um Eisenteile, teilweise in Verbindung mit anderen Metallen, handelte, die z. T. durch organische Substanzen wie Lacke,
         Fette oder Fasern verunreinigt waren. Sie stammten aus verschiedenen technologischen Zyklen, aus denen sie als dort nicht
         mehr verwendbar herausgenommen worden waren.
         
         
         
         22
            
          Hinsichtlich der Fortsetzung des Strafverfahrens nach Inkrafttreten des Decreto legge Nr. 138/02 stellt sich das Tribunale
         penale Terni im Wesentlichen die Frage nach der „authentischen Auslegung“ des in Artikel 14 des Decreto legge Nr. 138/02 enthaltenen
         Begriffes „Abfall“, die der Richtlinie 75/442 widersprechen könnte. Nach dieser Auslegung wäre das Herrn Niselli zur Last
         gelegte Verhalten nicht mehr strafbar, da der beschlagnahmte Eisenschrott zur Wiederverwendung bestimmt war und deshalb nicht
         als Abfall eingestuft werden könnte. Doch in dem Fall, dass diese Auslegung mit der Richtlinie 75/442 nicht vereinbar wäre,
         müsste das Strafverfahren auf der Grundlage der erhobenen Anklage fortgeführt werden.
         
         
         
         23
            
          Unter gleichzeitigem Hinweis auf das von der Kommission gegen die Italienische Republik wegen eines Verstoßes gegen deren
         Verpflichtungen aus der Richtlinie 75/442 eingeleitete Vertragsverletzungsverfahren entschied das Tribunale penale Terni,
         das Verfahren auszusetzen und dem Gerichtshof folgende Fragen zur Vorabentscheidung vorzulegen:
         
         1.
            Ist es zulässig, dass der Begriff „Abfall“ abschließend davon abhängig gemacht wird, dass die in Italien durch Artikel 6 Absatz
               1 Buchstabe a des Decreto legislativo Nr. 22/97 umgesetzten Worte „sich entledigt“, „entledigen will“ oder „entledigen muss“
               folgendermaßen ausgelegt werden:
            
         
         
            
               a)
                  „entledigt“: jedes Verhalten, durch das ein Stoff, ein Material oder ein Gut der Beseitigung oder Verwertung im Sinne der
                     Anhänge B und C des Decreto legislativo Nr. 22/97 unmittelbar oder mittelbar zugeführt oder unterworfen wird;
                  
               
         
         
         
            
               b)
                  „entledigen will“: der Wille, Stoffe, Materialien oder Güter der Beseitigung oder der Verwertung im Sinne der Anhänge B und
                     C des Decreto legislativo Nr. 22/97 zuzuführen;
                  
               
         
         
         
            
               c)
                  „entledigen muss“: die sich aus einer Rechtsvorschrift, einer behördlichen Maßnahme oder dem Wesen des Materials, des Stoffes
                     oder des Gutes oder der Tatsache, dass diese von der Liste der gefährlichen Abfälle im Sinne von Anhang D des Decreto legislativo
                     Nr. 22/97 erfasst werden, ergebende Verpflichtung, ein Material, einen Stoff oder ein Gut der Beseitigung oder der Verwertung
                     zuzuführen?
                  
               
         
         
         
         2.
            Ist es zulässig, dass der Begriff „Abfall“ abschließend nicht für Güter oder Stoffe und Materialien gilt, die als Produktions-
               oder Verbrauchsrückstände anfallen, wenn eine der folgenden Voraussetzungen erfüllt ist:
            
         
         
            
               a)
                  wenn sie im selben, einem ähnlichen oder einem sonstigen Produktions- oder Verbrauchszyklus wieder verwendet werden können
                     oder tatsächlich und objektiv wieder verwendet werden, ohne eine vorherige Behandlung zu erfahren und ohne die Umwelt zu schädigen;
                  
               
         
         
         
            
               b)
                  wenn sie nach einer vorherigen Behandlung im selben, einem ähnlichen oder einem sonstigen Produktions- oder Verbrauchszyklus
                     wieder verwendet werden können oder tatsächlich und objektiv wieder verwendet werden, ohne dass eine Verwertung im Sinne des
                     Anhangs C des in Italien geltenden Decreto legislativo Nr. 22/97 (der Anhang II der Richtlinie 91/156/EWG wörtlich entspricht)
                     erforderlich wäre?
                  
               
         
         
         
         Zu den VorlagefragenZur Zulässigkeit
         
         24
            
          Die italienische Regierung ist zum einen der Ansicht, dass die vom Gerichtshof erbetene Auslegung des Gemeinschaftsrechts
         nicht sachdienlich sei, da es die vom vorlegenden Gericht geltend gemachten Auslegungsschwierigkeiten in der italienischen
         Rechtsprechung nicht gebe.
         
         
         
         25
            
          Zum anderen seien die Vorlagefragen unzulässig, da das vorlegende Gericht dem Gerichtshof in Wirklichkeit vorschlage, sich
         zu der Vertragsverletzung zu äußern, die der Italienischen Republik im Rahmen des von der Kommission eingeleiteten und im
         Vorlagebeschluss erwähnten Verfahrens vorgeworfen werde.
         
         
         
         26
            
          Diese beiden Argumente sind zurückzuweisen. Es ist allein Sache des mit dem Rechtsstreit befassten nationalen Gerichts, in
         dessen Verantwortungsbereich die zu erlassende gerichtliche Entscheidung fällt, im Hinblick auf die Besonderheiten der Rechtssache
         sowohl die Erforderlichkeit einer Vorabentscheidung zum Erlass seines Urteils als auch die Erheblichkeit der dem Gerichtshof
         vorgelegten Fragen zu beurteilen. Betreffen daher die vorgelegten Fragen die Auslegung des Gemeinschaftsrechts, so ist der
         Gerichtshof grundsätzlich gehalten, darüber zu befinden. Er kann die Entscheidung über die Vorlagefrage eines nationalen Gerichts
         nur ablehnen, wenn die erbetene Auslegung des Gemeinschaftsrechts oder die Prüfung der Gültigkeit einer gemeinschaftsrechtlichen
         Bestimmung offensichtlich in keinem Zusammenhang mit der Realität oder dem Gegenstand des Ausgangsverfahrens steht, wenn das
         Problem hypothetischer Natur ist oder wenn er nicht über die tatsächlichen oder rechtlichen Angaben verfügt, die für eine
         sachdienliche Beantwortung der ihm vorgelegten Fragen erforderlich sind (vgl. u. a. Urteil vom 13. März 2001 in der Rechtssache
         C‑379/98, PreussenElektra, Slg. 2001, I‑2099, Randnrn. 38 und 39).
         
         
         
         27
            
          Dies ist hier jedoch nicht der Fall. Zum einen ergibt sich aus den Akten, dass die dem Gerichtshof vorgelegten Fragen einen
         unmittelbaren Zusammenhang mit dem Gegenstand des beim Tribunale penale Terni anhängigen Verfahrens haben. Zum anderen macht
         die Einleitung eines Vertragsverletzungsverfahrens durch die Kommission gegen die Italienische Republik wegen Verstoßes gegen
         deren Verpflichtungen aus der Richtlinie 75/442 die Vorlagefragen keinesfalls gegenstandslos.
         
         
         
         28
            
          Ohne die Anrufung des Gerichtshofes in Frage zu stellen, trägt die Kommission in ihren schriftlichen Erklärungen vor, dass
         das nationale Gericht in dem Fall, dass der Gerichtshof feststellen sollte, dass Artikel 14 des Decreto legge Nr. 138/02,
         der die strafrechtliche Verantwortung des Betroffenen ausschließen würde, der Richtlinie 75/442 nicht entspreche, sich nicht
         auf diese berufen könne, um die strafrechtliche Verantwortlichkeit des Herrn Niselli festzustellen oder zu verschärfen.
         
         
         
         29
            
          In dieser Hinsicht ist daran zu erinnern, dass eine Richtlinie nicht selbst Verpflichtungen für einen Einzelnen begründen
         kann, so dass ihm gegenüber eine Berufung auf die Richtlinie als solche nicht möglich ist (vgl. u. a. Urteil vom 14. September
         2000 in der Rechtssache C‑343/98, Collino und Chiappero, Slg. 2000, I‑6659, Randnr. 20). Auch kann eine Richtlinie für sich
         allein und unabhängig von zu ihrer Durchführung erlassenen innerstaatlichen Rechtsvorschriften eines Mitgliedstaats nicht
         die Wirkung haben, die strafrechtliche Verantwortlichkeit derjenigen, die gegen die Vorschriften der Richtlinie verstoßen,
         festzulegen oder zu verschärfen (vgl. u. a. Urteile vom 8. Oktober 1987 in der Rechtssache 80/86, Kolpinghuis Nijmegen, Slg.
         1987, 3969, Randnr. 13, und vom 26. September 1996 in der Rechtssache C‑168/95, Arcaro, Slg. 1996, I‑4705, Randnr. 37).
         
         
         
         30
            
          Im vorliegenden Fall steht jedoch fest, dass die Handlungen, die zum Strafverfahren gegen Herrn Niselli geführt haben, im
         Zeitpunkt ihrer Begehung nach nationalem Recht gegebenenfalls strafbar waren. Unter diesen Umständen besteht kein Anlass,
         sich zu fragen, welche Folgen sich aus dem Grundsatz der Gesetzmäßigkeit der Strafen für die Anwendung der Richtlinie 75/442
         ergeben könnten (vgl. in diesem Sinne Urteil vom 25. Juni 1997 in den Rechtssachen C‑304/94, C‑330/94, C‑342/94 und C‑224/95,
         Tombesi u. a., Slg. 1997, I‑3561, Randnr. 43).
         
         
         
         31
            
          Das Vorabentscheidungsersuchen ist somit zulässig.
         
         Zur Begründetheit Zur ersten Frage
         
         
         32
            
          Mit seiner ersten Frage möchte das vorlegende Gericht im Wesentlichen wissen, ob die Worte „sich entledigt“, „sich entledigen
         will“ oder „sich entledigen muss“ in Artikel 1 Buchstabe a Absatz 1 der Richtlinie 75/442 abschließend die Fälle betreffen,
         in denen der Besitzer eines Stoffes oder eines Materials diese unmittelbar oder mittelbar einer Beseitigung oder einer Verwertung
         im Sinne der Anhänge IIA und IIB dieser Richtlinie, die in den italienischen Vorschriften wiedergegeben sind, zuführt oder
         unterwirft, in denen er dies tun will oder in denen er dazu aufgrund einer Rechtsvorschrift, einer behördlichen Maßnahme oder
         des Wesens des Materials oder des Stoffes oder aufgrund der Tatsache, dass diese von der Liste der gefährlichen Abfälle erfasst
         werden, verpflichtet ist.
         
         
         
         33
            
          Der Anwendungsbereich des Begriffes „Abfall“ hängt von der Bedeutung des Verbs „sich entledigen“ ab. Dieses ist im Licht des
         Zweckes der Richtlinie 75/442, der nach deren dritter Begründungserwägung im Schutz der menschlichen Gesundheit und der Umwelt
         gegen nachteilige Auswirkungen der Sammlung, Beförderung, Behandlung, Lagerung und Ablagerung von Abfällen besteht, und ferner
         im Licht von Artikel 174 Absatz 2 EG auszulegen, wonach die Umweltpolitik der Gemeinschaft auf ein hohes Schutzniveau abzielt
         und insbesondere auf den Grundsätzen der Vorsorge und der Vorbeugung beruht (vgl. u. a. Urteil vom 18. April 2002 in der Rechtssache
         C-9/00, Palin Granit und Vehmassalon kansanterveystyön kuntayhtymän hallitus, Slg. 2002, I-3533, im Folgenden: Urteil Palin
         Granit, Randnrn. 22 und 23). 
         
         
         
         34
            
          Die Richtlinie 75/442 legt jedoch kein Kriterium fest, aus dem sich der Wille des Besitzers, sich eines bestimmten Stoffes
         oder Materials zu entledigen, ergibt. In Ermangelung einer gemeinschaftlichen Regelung können die Mitgliedstaaten frei wählen,
         in welcher Form der Beweis für das Vorliegen der verschiedenen Tatbestandsmerkmale, die in den von ihnen umgesetzten Richtlinien
         aufgestellt werden, zu erbringen ist, soweit dies die Wirksamkeit des Gemeinschaftsrechts nicht beeinträchtigt (vgl. u. a.
         Urteil vom 15. Juni 2000 in den Rechtssachen C‑418/97 und C‑419/97, ARCO Chemie Nederland u. a., Slg. 2000, I‑4475, Randnr. 41).
         
         
         
         35
            
          Nach der vom vorlegenden Gericht dargelegten Auslegung des Begriffes „Abfall“ kommt das „Sich-Entledigen“ im Sinne des Artikels
         1 Buchstabe a Absatz 1 der Richtlinie 75/442 oder der Wille oder die Verpflichtung dazu darin zum Ausdruck, dass ein Stoff
         oder ein Material der Beseitigung oder der Verwertung zugeführt werden soll.
         
         
         
         36
            
          Eine Auslegung, die das sich eines Stoffes oder eines Materials Entledigen nur mit der Durchführung einer Beseitigung oder
         einer Verwertung im Sinne der Anhänge IIA und IIB der Richtlinie 75/442 definiert, macht die Einstufung als Abfall von einem
         Verfahren abhängig, das selbst nur als Beseitigung oder Verwertung angesehen werden kann, wenn es auf Abfälle angewendet wird.
         Diese Auslegung führt damit nicht zu einer Erläuterung des Begriffes „Abfall“.
         
         
         
         37
            
          Insofern ist daran zu erinnern, dass aus dem Umstand, dass ein Stoff einem in den Anhängen IIA oder IIB der Richtlinie 75/442
         aufgeführten Verfahren unterzogen wird, nicht geschlossen werden kann, dass ein Sich-Entledigen vorliegt und dass es sich
         daher bei diesem Stoff um Abfall handelt (Urteil Palin Granit, Randnr. 27). So würde die in Rede stehende Auslegung, wenn
         sie so verstanden würde, dass jeder Stoff oder jedes Material, die einem in den Anhängen IIA und IIB der Richtlinie 75/442
         genannten Verfahren unterzogen werden, als Abfall einzustufen ist, dazu führen, dass Stoffe oder Materialien als Abfall angesehen
         würden, die dies nach der Richtlinie 75/442 nicht sind. Beispielsweise würde nach dieser Auslegung als Brennstoff genutztes
         Heizöl immer Abfall darstellen, da es bei der Verbrennung einem Verfahren der Kategorie R 1 des Anhangs IIB der Richtlinie
         75/442 unterzogen würde.
         
         
         
         38
            
          Aber vor allem würde die vom vorlegenden Gericht dargelegte Auslegung, wenn man sie so verstehen würde, dass ein Stoff oder
         ein Material, dessen man sich auf andere Art und Weise als in den Anhängen IIA und IIB der Richtlinie 75/442 vorgesehen entledigt,
         kein Abfall ist, den Begriff „Abfall“, wie er sich aus Artikel 1 Buchstabe a Absatz 1 der Richtlinie ergibt, auch einschränken.
         So wäre ein Stoff oder ein Material, die keiner Beseitigungs- oder Verwertungsverpflichtung unterliegen und deren sich der
         Besitzer durch einfache Ablagerung entledigt, ohne sie einem solchen Verfahren zu unterziehen, auch dann nicht als Abfall
         anzusehen, wenn es sich nach der Richtlinie 75/442 um einen solchen handeln würde.
         
         
         
         39
            
          Die Tatsache, dass die Ablagerung eines Abfalls nicht als Beseitigungsart für diesen Abfall angesehen werden kann, ergibt
         sich insbesondere aus Artikel 4 Absatz 2 der Richtlinie 75/442, wonach „[d]ie Mitgliedstaaten … die erforderlichen Maßnahmen
         [ergreifen], um eine unkontrollierte Ablagerung oder Ableitung von Abfällen und deren unkontrollierte Beseitigung zu verbieten“.
         Diese Vorschrift unterscheidet sehr wohl zwischen Ablagerung und Beseitigung. Daraus ergibt sich, dass die Ablagerung und
         die Beseitigung eines Materials oder eines Stoffes zwei von mehreren Arten darstellen, sich ihrer im Sinne des Artikels 1
         Buchstabe a Absatz 1 der Richtlinie 75/442 zu entledigen.
         
         
         
         40
            
          Auf die erste Frage ist daher zu antworten, dass die Definition von Abfall in Artikel 1 Buchstabe a Absatz 1 der Richtlinie
         75/442 nicht dahin ausgelegt werden kann, dass sie abschließend die Stoffe oder Materialien betrifft, die den in den Anhängen
         IIA und IIB dieser Richtlinie oder in diesen entsprechenden Verzeichnissen aufgeführten Beseitigungs- oder Verwertungsverfahren
         zugeführt oder unterworfen werden oder deren Besitzer den Willen oder die Verpflichtung dazu hat.
         
          Zur zweiten Frage
         
         
         41
            
          Mit seiner zweiten Frage möchte das vorlegende Gericht im Wesentlichen wissen, ob Produktions- oder Verbrauchsrückstände vom
         Abfallbegriff des Artikels 1 Buchstabe a Absatz 1 der Richtlinie 75/442 ausgeschlossen werden können, wenn sie im selben,
         einem ähnlichen oder einem sonstigen Produktions- oder Verbrauchszyklus wieder verwendet werden können oder wieder verwendet
         werden, ohne eine vorherige Behandlung zu erfahren und ohne die Umwelt zu schädigen oder aber nach einer vorherigen Behandlung,
         ohne dass jedoch eine Verwertung im Sinne des Anhangs C des Decreto legislativo Nr. 22/97, der Anhang IIB der Richtlinie 75/442
         wörtlich entspricht, erforderlich wäre. 
         
         
         
         42
            
          Wie die italienische Regierung ausführt, ist die Auslegung, die Gegenstand der zweiten Frage ist, darauf gerichtet, wieder
         verwendbare Produktions- oder Verbrauchsrückstände unter bestimmten Voraussetzungen vom Abfallbegriff auszuschließen.
         
         
         
         43
            
          Wie der Gerichtshof entschieden hat, stellt der Umstand, dass der verwendete Stoff ein Produktionsrückstand ist, grundsätzlich
         einen Anhaltspunkt dafür dar, dass der Besitzer sich dieses Stoffes im Sinne von Artikel 1 Buchstabe a der Richtlinie 75/442
         entledigt, entledigen will oder entledigen muss (vgl. Urteil ARCO Chemie Nederland u. a., Randnr. 84). Dies gilt ebenso für
         Verbrauchsrückstände.
         
         
         
         44
            
          Es ist jedoch möglich, einen Gegenstand, ein Material oder einen Rohstoff, der oder das bei einem nicht hauptsächlich zu seiner
         Gewinnung bestimmten Herstellungs- oder Abbauverfahren entsteht, nicht als Rückstand, sondern als ein Nebenerzeugnis anzusehen,
         dessen sich das Unternehmen nicht im Sinne von Artikel 1 Buchstabe a Absatz 1 der Richtlinie 75/442 „entledigen“ will, sondern
         den oder das es unter Umständen, die für es vorteilhaft sind, in einem späteren Vorgang ohne vorherige Bearbeitung nutzen
         oder vermarkten will. Dieses Ergebnis steht nicht in Widerspruch zum Zweck der Richtlinie 75/442, denn es gibt keine Rechtfertigung
         dafür, deren Bestimmungen, die die Beseitigung oder Verwertung von Abfällen regeln sollen, Gegenstände, Materialien oder Rohstoffe
         zu unterwerfen, die unabhängig von jeder Bearbeitung wirtschaftlich einen Warenwert haben und als solche der für diese Waren
         geltenden Regelung unterliegen (Urteil Palin Granit, Randnrn. 34 und 35). 
         
         
         
         45
            
          Doch ist diese Argumentation in Anbetracht der Verpflichtung, den Begriff „Abfall“ weit auszulegen, in Bezug auf Nebenerzeugnisse,
         um die mit deren Wesen verbundenen Unzuträglichkeiten oder Beeinträchtigungen einzudämmen, auf die Sachverhalte zu begrenzen,
         bei denen die Wiederverwendung eines Gegenstands, eines Materials oder eines Rohstoffs nicht nur möglich, sondern ohne vorherige
         Bearbeitung in Fortsetzung des Gewinnungsverfahrens gewiss ist (Urteil Palin Granit, Randnr. 36).
         
         
         
         46
            
          Somit stellt neben dem Kriterium, ob ein Stoff ein Produktionsrückstand ist, der Grad der Wahrscheinlichkeit der Wiederverwendung
         dieses Stoffes ohne vorherige Bearbeitung ein zweites maßgebliches Kriterium für die Beurteilung der Frage dar, ob es sich
         um Abfall im Sinne der Richtlinie 75/442 handelt. Besteht über die bloße Möglichkeit, den Stoff wieder zu verwenden, hinaus
         ein wirtschaftlicher Vorteil für den Besitzer darin, dies zu tun, so ist die Wahrscheinlichkeit einer solchen Wiederverwendung
         hoch. In diesem Fall kann der betreffende Stoff nicht mehr als Last betrachtet werden, deren sich der Besitzer zu „entledigen“
         sucht, sondern hat als echtes Erzeugnis zu gelten (Urteil Palin Granit, Randnr. 37) 
         
         
         
         47
            
          Daraus folgt, dass es im Hinblick auf den Zweck der Richtlinie 75/442 zulässig ist, einen Gegenstand, ein Material oder einen
         Rohstoff, der oder das bei einem nicht hauptsächlich zu seiner Gewinnung bestimmten Herstellungs- oder Abbauverfahren entsteht,
         unter der Voraussetzung, dass seine Wiederverwendung ohne vorherige Bearbeitung und in Fortsetzung des Gewinnungsverfahrens
         gewiss ist, nicht als Abfall einzustufen, sondern als Nebenprodukt, dessen sich der Besitzer nicht im Sinne des Artikels 1
         Buchstabe a Absatz 1 dieser Richtlinie „entledigen“ möchte (Urteil vom 11. September 2003 in der Rechtssache C‑114/01, AvestaPolarit
         Chrome, Slg. 2003, I-8725).
         
         
         
         48
            
          Dieses Ergebnis gilt jedoch nicht für Verbrauchsrückstände, die nicht als in Fortsetzung des Gewinnungsverfahrens wieder verwendbare
         Nebenprodukte eines Herstellungs- oder Abbauverfahrens angesehen werden können. 
         
         
         
         49
            
          Zu einem ähnlichen Ergebnis kann man auch nicht für solche Rückstände kommen, die nicht als Gebrauchtwaren eingestuft werden
         können, die mit Sicherheit und gleichartig ohne vorherige Bearbeitung wieder verwendet werden.
         
         
         
         50
            
          Nach der Auslegung, wie sie sich aus einer Bestimmung wie Artikel 14 des Decreto legge Nr. 138/02 ergibt, wäre es aber ausreichend
         dafür, einen Produktions- oder Verbrauchsrückstand nicht als Abfall einzustufen, dass er in jedem Produktions- oder Verbrauchszyklus
         wieder verwendet wird oder werden kann, sei es ohne vorherige Behandlung und ohne die Umwelt zu schädigen, sei es nach vorheriger
         Behandlung, ohne dass jedoch eine Verwertung im Sinne des Anhangs IIB der Richtlinie 75/442 erforderlich wäre.
         
         
         
         51
            
          Eine solche Auslegung führt offensichtlich dazu, Produktions- oder Verbrauchsrückstände der Einstufung als Abfall zu entziehen,
         obwohl sie der Definition in Artikel 1 Buchstabe a Absatz 1 der Richtlinie 75/442 entsprechen.
         
         
         
         52
            
          In dieser Hinsicht werden die Materialien, wie sie im Ausgangsverfahren in Rede stehen, nicht mit Sicherheit und ohne vorherige
         Bearbeitung in Fortsetzung des Gewinnungs- oder Gebrauchsverfahrens wieder verwendet, sondern sind Stoffe oder Gegenstände,
         deren sich ihre Besitzer entledigt haben. Nach den Ausführungen von Herrn Niselli sind die streitigen Materialien im Anschluss
         sortiert und eventuell bestimmten Behandlungen unterzogen worden; sie seien ein sekundärer Rohstoff für die Eisen- und Stahlindustrie.
         In einem solchen Zusammenhang müssen sie jedoch so lange als Abfälle eingestuft werden, bis sie tatsächlich zu Eisen- oder
         Stahlerzeugnissen wieder verwertet worden sind, d. h. bis es sich um fertige Endprodukte des für sie vorgesehenen Bearbeitungsprozesses
         handelt. In den davor liegenden Phasen können sie nämlich noch nicht als wieder verwertet angesehen werden, da der genannte
         Bearbeitungsprozess nicht abgeschlossen ist. Umgekehrt kann der Zeitpunkt, zu dem die fraglichen Materialien ihre Eigenschaft
         als Abfall verlieren, vorbehaltlich des Falles, dass die hergestellten Erzeugnisse ihrerseits aufgegeben werden, nicht in
         einer industriellen oder kommerziellen Phase angesetzt werden, die nach ihrer Verarbeitung zu Eisen- oder Stahlerzeugnissen
         liegt, da sie ab diesem Zeitpunkt von anderen Eisen- oder Stahlerzeugnissen, die aus Primärrohstoffen hervorgegangen sind,
         kaum unterschieden werden können (vgl. für den speziellen Fall der wieder verwerteten Verpackungsabfälle Urteil vom 19. Juni
         2003 in der Rechtssache C‑444/00, Mayer Parry Recycling, Slg. 2003, I‑6163, Randnrn. 61 bis 75).
         
         
         
         53
            
          Auf die zweite Frage ist deshalb zu antworten, dass der Begriff „Abfall“ im Sinne des Artikels 1 Buchstabe a Absatz 1 der
         Richtlinie 75/442 nicht dahin ausgelegt werden kann, dass davon alle Produktions- oder Verbrauchsrückstände ausgeschlossen
         sind, die entweder ohne eine vorherige Behandlung und ohne Schädigung der Umwelt oder aber nach einer vorherigen Behandlung,
         ohne dass jedoch eine Verwertung im Sinne des Anhangs IIB der Richtlinie 75/442 erforderlich wäre, in einem Produktions- oder
         Verbrauchszyklus wieder verwendet werden können oder wieder verwendet werden.
         
         
         Kosten
         54
            
          Für die Beteiligten des Ausgangsverfahrens ist das Verfahren Teil des bei dem vorlegenden Gericht anhängigen Verfahrens; die
         Kostenentscheidung ist daher Sache dieses Gerichts. Die Auslagen anderer Beteiligter für die Abgabe von Erklärungen vor dem
         Gerichtshof sind nicht erstattungsfähig. 
         
         
         
         
         
         
            
            
         
         
          Aus diesen Gründen hat der Gerichtshof (Zweite Kammer) für Recht erkannt:
         
            
            
             
               1.
                  Die Definition von Abfall in Artikel 1 Buchstabe a Absatz 1 der Richtlinie 75/442/EWG des Rates vom 15. Juli 1975 über Abfälle
                     in der durch die Richtlinie 91/156/EWG des Rates vom 18. März 1991 und die Entscheidung 96/350/EG der Kommission vom 24. Mai
                     1996 geänderten Fassung kann nicht dahin ausgelegt werden, dass sie abschließend Stoffe oder Materialien betrifft, die den
                     in den Anhängen IIA und IIB dieser Richtlinie oder in diesen entsprechenden Verzeichnissen aufgeführten Beseitigungs- oder
                     Verwertungsverfahren zugeführt oder unterworfen werden oder deren Besitzer den Willen oder die Verpflichtung dazu hat.
                  
               
            
            
            
             
               2.
                  Der Begriff „Abfall“ im Sinne des Artikels 1 Buchstabe a Absatz 1 der Richtlinie 75/442 in der durch die Richtlinie 91/156
                     und die Entscheidung 96/350 geänderten Fassung kann nicht dahin ausgelegt werden, dass davon alle Produktions- oder Verbrauchsrückstände
                     ausgeschlossen sind, die entweder ohne vorherige Behandlung und ohne Schädigung der Umwelt oder aber nach einer vorherigen
                     Behandlung, ohne dass jedoch eine Verwertung im Sinne des Anhangs IIB der Richtlinie 75/442 erforderlich wäre, in einem Produktions-
                     oder Verbrauchszyklus wieder verwendet werden können oder wieder verwendet werden.
                  
               
            
             Unterschriften.
      
      
          1 –
            
            Verfahrenssprache: Italienisch.