CELEX: 62002TJ0059
Language: de
Date: 2006-09-27
Title: Urteil des Gerichts erster Instanz (Dritte Kammer) vom 27. September 2006. # Archer Daniels Midland Co. gegen Kommission der Europäischen Gemeinschaften. # Wettbewerb - Kartelle - Zitronensäure - Artikel 81 EG - Geldbuße - Artikel 15 Absatz 2 der Verordnung Nr. 17 - Leitlinien für die Festsetzung von Geldbußen - Mitteilung über Zusammenarbeit - Grundsatz der Rechtssicherheit und Rückwirkungsverbot - Grundsatz der Verhältnismäßigkeit - Gleichbehandlung - Begründungspflicht - Rechte der Verteidigung. # Rechtssache T-59/02.

Rechtssache T-59/02
      Archer Daniels Midland Co.
      gegen
      Kommission der Europäischen Gemeinschaften
      „Wettbewerb – Kartelle – Zitronensäure – Artikel 81 EG – Geldbuße – Artikel 15 Absatz 2 der Verordnung Nr. 17 – Leitlinien für das Verfahren zur Festsetzung von Geldbußen – Mitteilung über Zusammenarbeit – Grundsatz der Rechtssicherheit und Rückwirkungsverbot – Grundsatz der Verhältnismäßigkeit – Gleichbehandlung – Begründungspflicht – Verteidigungsrechte“
      Urteil des Gerichts (Dritte Kammer) vom 27. September 2006 
      Leitsätze des Urteils
      1.     Gemeinschaftsrecht – Allgemeine Rechtsgrundsätze – Verbot der Rückwirkung von Strafvorschriften
      (Verordnung Nr. 17 des Rates, Artikel 15; Mitteilungen 96/C 207/04 und 98/C 9/03 der Kommission)
      2.     Wettbewerb – Geldbußen – Leitlinien für das Verfahren zur Festsetzung von Geldbußen
      (Verordnung Nr. 17 des Rates, Artikel 15 Absatz 2; Mitteilung 98/C 9/03 der Kommission)
      3.     Wettbewerb – Geldbußen – Sanktionen der Gemeinschaft und Sanktionen in einem Mitgliedstaat oder einem Drittstaat wegen Verstoßes
            gegen das nationale Wettbewerbsrecht
      (Verordnung Nr. 17 des Rates, Artikel 15)
      4.     Wettbewerb – Geldbußen – Höhe – Festsetzung
      (Artikel 81 Absatz 1 EG und 82 EG; EWR-Abkommen, Artikel 53 Absatz 1; Verordnung Nr. 17 des Rates, Artikel 15 Absatz 2)
      5.     Wettbewerb – Geldbußen – Höhe – Festsetzung – Kriterien – Schwere der Zuwiderhandlung
      (Verordnung Nr. 17 des Rates, Artikel 15 Absatz 2)
      6.     Wettbewerb – Geldbußen – Höhe – Festsetzung – Abschreckungswirkung der Geldbuße
      (Artikel 81 EG; Verordnung Nr. 17 des Rates, Artikel 15)
      7.     Wettbewerb – Geldbußen – Höhe – Festsetzung – Kriterien – Konkrete Auswirkungen auf den Markt
      (Verordnung Nr. 17 des Rates, Artikel 15 Absatz 2; Mitteilung 98/C 9/03 der Kommission, Abschnitt 1 A Absatz 1)
      8.     Wettbewerb – Geldbußen – Höhe – Festsetzung – Kriterien – Schwere der Zuwiderhandlung
      (Verordnung Nr. 17 des Rates, Artikel 15 Absatz 2)
      9.     Wettbewerb – Geldbußen – Höhe – Festsetzung – Kriterien – Schwere der Zuwiderhandlung – Mildernde Umstände
      (Verordnung Nr. 17 des Rates, Artikel 15)
      10.   Wettbewerb – Verwaltungsverfahren – Wahrung der Verteidigungsrechte
      (Artikel 81 EG und 82 EG; Verordnung Nr. 17 des Rates, Artikel 11)
      11.   Wettbewerb – Geldbußen – Höhe – Festsetzung – Kriterien – Schwere der Zuwiderhandlung – Erschwerende Umstände
      (Verordnung Nr. 17 des Rates, Artikel 15; Mitteilung 98/C 9/03 der Kommission, Abschnitt 2)
      12.   Wettbewerb – Geldbußen – Höhe – Festsetzung
      (Verordnung Nr. 17 des Rates, Artikel 15 Absatz 2)
      13.   Wettbewerb – Gemeinschaftsvorschriften – Zuwiderhandlungen – Geldbußen – Höhe – Festsetzung
      (Artikel 81 EG; Verordnung Nr. 17 des Rates)
      14.   Wettbewerb – Geldbußen – Höhe – Festsetzung – Kriterien – Schwere der Zuwiderhandlung – Mildernde Umstände
      (Artikel 81 Absatz 1 EG; Verordnung Nr. 17 des Rates, Artikel 15 Absatz 2; Mitteilung 98/C 9/03 der Kommission, Abschnitt
            3 dritter Gedankenstrich)
      15.   Wettbewerb – Geldbußen – Höhe – Festsetzung – Kriterien – Schwere der Zuwiderhandlung – Mildernde Umstände
      (Artikel 81 Absatz 1 EG; Verordnung Nr. 17 des Rates, Artikel 15)
      16.   Wettbewerb – Geldbußen – Höhe – Festsetzung
      (Verordnung Nr. 17 des Rates, Artikel 15; Mitteilung 96/C 207/04 der Kommission, Abschnitte B, C und D)
      17.   Wettbewerb – Verwaltungsverfahren – Mitteilung der Beschwerdepunkte – Notwendiger Inhalt
      (Verordnung Nr. 17 des Rates, Artikel 19 Absatz 1)
      18.   Wettbewerb – Verwaltungsverfahren – Mitteilung der Beschwerdepunkte – Notwendiger Inhalt
      (Verordnung Nr. 17 des Rates, Artikel 19 Absatz 1)
      19.   Wettbewerb – Geldbußen – Höhe – Ermessen der Kommission – Gerichtliche Nachprüfung
      (Artikel 229 EG)
      1.     Das in Artikel 7 der Europäischen Menschenrechtskonvention als Grundrecht gewährleistete Verbot der Rückwirkung von Strafvorschriften
         bildet einen allgemeinen Grundsatz des Gemeinschaftsrechts, der bei der Verhängung von Geldbußen wegen Zuwiderhandlung gegen
         die Wettbewerbsregeln einzuhalten ist. Nach diesem Grundsatz müssen die verhängten Sanktionen denen entsprechen, die zum Zeitpunkt
         der Begehung der Zuwiderhandlung vorgesehen waren.
      
      Der Erlass von Leitlinien, die geeignet sind, die allgemeine Wettbewerbspolitik der Kommission auf dem Gebiet von Geldbußen
         zu ändern, kann grundsätzlich in den Geltungsbereich des Rückwirkungsverbots fallen.
      
      Denn zum einen können die Leitlinien Rechtswirkungen entfalten. Diese Rechtswirkungen ergeben sich nicht daraus, dass die
         Leitlinien selbst Normcharakter hätten, sondern daraus, dass sie von der Kommission erlassen und veröffentlicht worden sind.
         Der Erlass und die Veröffentlichung der Leitlinien, wie auch der Mitteilung über Zusammenarbeit, bewirken eine Selbstbeschränkung
         der Kommission in der Ausübung ihres Ermessens. Die Kommission kann von den Leitlinien nicht mehr abweichen, ohne dass dies
         gegebenenfalls als Verstoß gegen allgemeine Rechtsgrundsätze wie die der Gleichbehandlung, des Vertrauensschutzes und der
         Rechtssicherheit geahndet wird.
      
      Zum anderen fallen die Leitlinien als Instrument einer Wettbewerbspolitik ebenso in den Geltungsbereich des Rückwirkungsverbots
         wie die neue gerichtliche Auslegung einer Norm, die eine Zuwiderhandlung festlegt, nach der Rechtsprechung des Europäischen
         Gerichtshofes für Menschenrechte zu Artikel 7 Absatz 1 der Europäischen Menschenrechtskonvention, der zufolge diese Bestimmung
         der rückwirkenden Anwendung einer neuen Auslegung einer solchen Norm entgegensteht. Das ist nach dieser Rechtsprechung insbesondere
         dann der Fall, wenn es sich um eine richterliche Auslegung handelt, deren Ergebnis zum Zeitpunkt der Begehung der Zuwiderhandlung
         insbesondere unter Berücksichtigung der Auslegung, die zu dieser Zeit in der Rechtsprechung zur fraglichen Rechtsvorschrift
         vertreten wurde, nicht hinreichend vorhersehbar war. Allerdings hängt nach dieser Rechtsprechung die Bedeutung des Begriffes
         der Vorhersehbarkeit in hohem Maß ab vom Inhalt der in Rede stehenden Vorschrift, von dem durch sie geregelten Bereich sowie
         von der Zahl und der Eigenschaft ihrer Adressaten. Der Vorhersehbarkeit des Gesetzes steht es indessen nicht entgegen, dass
         die betreffende Person gezwungen wird, fachkundigen Rat einzuholen, um unter den Umständen des konkreten Falles angemessen
         zu beurteilen, welche Folgen sich aus einer bestimmten Handlung ergeben können. Das gilt insbesondere für berufsmäßig tätige
         Personen, die gewohnt sind, sich bei der Ausübung ihrer Tätigkeit sehr umsichtig verhalten zu müssen. Von ihnen kann daher
         erwartet werden, dass sie die Risiken ihrer Tätigkeit besonders sorgfältig beurteilen.
      
      Um zu kontrollieren, ob das Rückwirkungsverbot eingehalten wurde, ist zu prüfen, ob die Änderung, die im Erlass der Leitlinien
         für das Verfahren zur Festsetzung von Geldbußen, die gemäß Artikel 15 Absatz 2 der Verordnung Nr. 17 und gemäß Artikel 65
         Absatz 5 EGKS-Vertrag festgesetzt werden, liegt, zur Zeit der Begehung der in Frage stehenden Zuwiderhandlungen hinreichend
         vorhersehbar war. Insoweit besteht die hauptsächliche Neuerung der Leitlinien darin, dass als Ausgangspunkt der Berechnung
         Grundbeträge verwendet werden, die innerhalb von hierfür in den Leitlinien vorgesehenen Spannen festgelegt werden, wobei diese
         Spannen verschiedenen Schweregraden der Zuwiderhandlungen entsprechen, als solche aber keinen Bezug zum relevanten Umsatz
         aufweisen. Diese Methode beruht somit im Wesentlichen auf einer – wenn auch relativen und flexiblen – Tarifierung der Geldbußen.
      
      Ferner ist die Kommission dadurch, dass sie in der Vergangenheit für bestimmte Arten von Zuwiderhandlungen Geldbußen in bestimmter
         Höhe verhängt hat, nicht daran gehindert, dieses Niveau innerhalb der in der Verordnung Nr. 17 gezogenen Grenzen anzuheben,
         wenn dies erforderlich ist, um die Durchführung der gemeinschaftlichen Wettbewerbspolitik sicherzustellen. Vielmehr verlangt
         es die wirksame Anwendung der gemeinschaftlichen Wettbewerbsregeln, dass die Kommission das Niveau der Geldbußen jederzeit
         den Erfordernissen dieser Politik anpassen kann.
      
      Dementsprechend können Unternehmen, die von einem Verwaltungsverfahren betroffen sind, das zu einer Geldbuße führen kann,
         weder darauf vertrauen, dass die Kommission das zuvor praktizierte Bußgeldniveau nicht überschreiten wird, noch auf eine bestimmte
         Methode für die Berechnung der Geldbußen.
      
      Die betreffenden Unternehmen müssen sich folglich dessen bewusst sein, dass die Kommission jederzeit beschließen kann, das
         Niveau der Geldbußen gegenüber dem in der Vergangenheit praktizierten Niveau anzuheben. Das gilt nicht nur dann, wenn die
         Kommission das Niveau der Geldbußen durch deren Verhängung in Einzelentscheidungen anhebt, sondern auch dann, wenn diese Anhebung
         dadurch erfolgt, dass Verhaltensnormen mit allgemeiner Geltung wie die Leitlinien auf konkrete Fälle angewandt werden.
      
      (vgl. Randnrn. 41-49, 409)
      2.     Hat die Kommission für die Berechnung der Höhe der Geldbuße eines Unternehmens die in den Leitlinien für das Verfahren zur
         Festsetzung von Geldbußen, die gemäß Artikel 15 Absatz 2 der Verordnung Nr. 17 und gemäß Artikel 65 Absatz 5 EGKS-Vertrag
         festgesetzt werden, beschriebene Methode angewandt, so kann darin keine Diskriminierung gegenüber Unternehmen liegen, die
         im selben Zeitraum Zuwiderhandlungen gegen die Wettbewerbsregeln der Gemeinschaft begingen, jedoch aufgrund des Zeitpunkts
         der Aufdeckung der Zuwiderhandlung oder des Ablaufs des sie betreffenden Verwaltungsverfahrens vor dem Erlass und der Veröffentlichung
         der Leitlinien bestraft wurden.
      
      (vgl. Randnr. 53)
      3.     Der Grundsatz ne bis in idem verbietet es, dieselbe Person mehr als einmal wegen desselben rechtswidrigen Verhaltens zum Schutz
         desselben Rechtsguts mit einer Sanktion zu belegen. Seine Anwendung hängt von der dreifachen, kumulativ geltenden Voraussetzung
         der Identität des Sachverhalts, des Zuwiderhandelnden und des geschützten Rechtsguts ab.
      
      So kann es zulässig sein, dass gegen ein Unternehmen wegen desselben rechtswidrigen Verhaltens zwei Parallelverfahren durchgeführt
         und somit zwei gesonderte Sanktionen verhängt werden, eine von der zuständigen Behörde des betreffenden Mitgliedstaats, die
         andere nach dem Gemeinschaftsrecht, sofern diese Verfahren verschiedenen Zielen dienen und die verletzten Normen nicht identisch
         sind.
      
      Daraus folgt, dass der Grundsatz ne bis in idem erst recht nicht in einem Fall anwendbar sein kann, in dem die einerseits
         von der Kommission und andererseits durch Behörden von Drittstaaten geführten Verfahren und verhängten Sanktionen offenkundig
         nicht den gleichen Zielen dienen. Denn im ersten Fall geht es um die Erhaltung eines unverfälschten Wettbewerbs auf dem Gebiet
         der Europäischen Union oder im Europäischen Wirtschaftsraum, im zweiten Fall hingegen wird ein Schutz des Marktes eines Drittstaats
         angestrebt. Die für den Grundsatz ne bis in idem geltende Anwendungsvoraussetzung, dass die geschützten Rechtsgüter identisch
         sind, ist in einem solchen Fall nicht erfüllt.
      
      (vgl. Randnrn. 61-63)
      4.     Die Befugnis der Kommission, Geldbußen gegen Unternehmen zu verhängen, die vorsätzlich oder fahrlässig gegen Artikel 81 Absatz
         1 EG oder Artikel 82 EG verstoßen, gehört zu den Befugnissen, die der Kommission eingeräumt worden sind, um sie in die Lage
         zu versetzen, die ihr durch das Gemeinschaftsrecht übertragene Überwachungsaufgabe zu erfüllen. Diese Aufgabe beinhaltet auch
         den Auftrag, eine allgemeine Politik mit dem Ziel zu verfolgen, die im Vertrag niedergelegten Grundsätze auf das Wettbewerbsrecht
         anzuwenden und das Verhalten der Unternehmen in diesem Sinne zu lenken.
      
      Daraus folgt die Befugnis der Kommission, das Niveau der Geldbußen so anzusetzen, dass ihre abschreckende Wirkung erhöht wird,
         wenn Zuwiderhandlungen einer bestimmten Art wegen des Gewinns, den eine Reihe der betroffenen Unternehmen daraus ziehen können,
         immer noch verhältnismäßig häufig sind, obwohl ihre Rechtswidrigkeit von Beginn der gemeinschaftlichen Wettbewerbspolitik
         an feststand.
      
      Das von der Kommission verfolgte Ziel der Abschreckung bezieht sich auf das Verhalten der Unternehmen innerhalb der Gemeinschaft
         oder im Europäischen Wirtschaftsraum (EWR). Die abschreckende Wirkung einer wegen Verletzung der Wettbewerbsregeln der Gemeinschaft
         gegen ein Unternehmen festgesetzten Geldbuße darf daher weder allein nach Maßgabe der besonderen Situation des Unternehmens
         noch danach ermittelt werden, ob es die in Drittstaaten außerhalb des EWR geltenden Wettbewerbsregeln beachtet hat.
      
      (vgl. Randnrn. 70-72)
      5.     Die Schwere von Zuwiderhandlungen gegen die Wettbewerbsregeln ist anhand einer Vielzahl von Gesichtspunkten zu ermitteln,
         zu denen u. a. die besonderen Umstände der Rechtssache und ihr Kontext gehören, ohne dass es eine zwingende oder abschließende
         Liste von Kriterien gäbe, die auf jeden Fall berücksichtigt werden müssten.
      
      Ebenso können zu den Gesichtspunkten für die Beurteilung der Schwere einer Zuwiderhandlung je nach Fall die Menge und der
         Wert der Waren, auf die sich die Zuwiderhandlung erstreckte, sowie die Größe und Wirtschaftskraft des Unternehmens und damit
         der Einfluss gehören, den es auf den relevanten Markt ausüben konnte. Daraus ergibt sich zum einen, dass bei der Festsetzung
         der Geldbuße sowohl der Gesamtumsatz des Unternehmens, der – wenn auch nur annähernd und unvollständig – etwas über dessen
         Größe und Wirtschaftskraft aussagt, als auch der Marktanteil der betroffenen Unternehmen auf dem fraglichen Markt herangezogen
         werden darf, der einen Anhaltspunkt für das Ausmaß der Zuwiderhandlung liefern kann. Zum anderen folgt daraus, dass weder
         der einen noch der anderen dieser Zahlen eine im Verhältnis zu den übrigen Beurteilungskriterien übermäßige Bedeutung zugemessen
         werden darf und dass die Festsetzung einer angemessenen Geldbuße nicht das Ergebnis eines bloßen, auf den Gesamtumsatz gestützten
         Rechenvorgangs sein kann.
      
      (vgl. Randnrn. 98-99)
      6.     Die Abschreckung ist eine der Haupterwägungen, von denen sich die Kommission bei der Zumessung von Geldbußen wegen eines Verstoßes
         gegen die gemeinschaftlichen Wettbewerbsregeln leiten lassen muss.
      
      Würde die Geldbuße in einer Höhe festgesetzt, mit der lediglich der Gewinn aus dem Kartell zunichte gemacht würde, hätte sie
         keine abschreckende Wirkung. Denn es ist vernünftigerweise davon auszugehen, dass Unternehmen im Rahmen ihrer finanziellen
         Kalkulation und Geschäftsführung nicht nur rational das Niveau der ihnen für eine Zuwiderhandlung drohenden Geldbußen, sondern
         auch die Größe des Risikos, dass das Kartell aufgedeckt wird, berücksichtigen. Würde die Funktion der Geldbuße auf die bloße
         Aufhebung des erhofften Gewinns oder Vorteils reduziert, so würde darüber hinaus nicht hinreichend berücksichtigt, dass ein
         unter Artikel 81 Absatz 1 EG fallendes Verhalten den Charakter einer Zuwiderhandlung hat. Würde die Geldbuße auf einen bloßen
         Ausgleich des verursachten Schadens beschränkt, so würde nämlich außer der abschreckenden Wirkung, die nur auf künftige Verhaltensweisen
         gerichtet sein kann, der repressive Charakter einer solchen Maßnahme im Hinblick auf die tatsächlich begangene konkrete Zuwiderhandlung
         vernachlässigt. 
      
      Ebenso kann im Fall eines Unternehmens, das auf zahlreichen Märkten präsent ist und über eine besonders große Finanzkraft
         verfügt, die Berücksichtigung des Umsatzes auf dem in Frage stehenden Markt nicht genügen, um eine abschreckende Wirkung der
         Geldbuße zu gewährleisten. Je größer nämlich ein Unternehmen ist und je größer seine gesamten Ressourcen sind, die es zu unabhängigem
         Handeln auf dem Markt befähigen, desto mehr muss es sich der Bedeutung seiner Rolle für ein unbeeinträchtigtes Funktionieren
         des Wettbewerbs auf dem Markt bewusst sein. Daher sind die tatsächlichen Umstände und insbesondere der Gesamtumsatz, die sich
         auf die Wirtschaftskraft eines Unternehmens beziehen, das sich einer Zuwiderhandlung schuldig gemacht hat, bei der Prüfung
         der Schwere der Zuwiderhandlung zu berücksichtigen.
      
      (vgl. Randnrn. 129-131)
      7.     Nach Abschnitt 1 A Absatz 1 der Leitlinien für das Verfahren zur Festsetzung von Geldbußen, die gemäß Artikel 15 Absatz 2
         der Verordnung Nr. 17 und gemäß Artikel 65 Absatz 5 EGKS-Vertrag festgesetzt werden, berücksichtigt die Kommission bei der
         Bemessung der Geldbuße nach Maßgabe der Schwere des Verstoßes u. a. die konkreten Auswirkungen des Verstoßes auf den Markt,
         sofern diese messbar sind. Solche messbaren Auswirkungen des Kartells sind als hinreichend nachgewiesen anzusehen, wenn die
         Kommission in der Lage ist, konkrete und glaubhafte Indizien dafür vorzulegen, dass das Kartell mit hinreichender Wahrscheinlichkeit
         Auswirkungen auf den Markt hatte.
      
      Die Prüfung der Auswirkungen eines Kartells auf den Markt erfordert die Aufstellung von Hypothesen. In diesem Zusammenhang
         muss die Kommission insbesondere prüfen, welchen Preis das relevante Produkt ohne Kartell gehabt hätte. Indessen ist es mit
         Unwägbarkeiten behaftet, im Rahmen der Prüfung der Gründe für die tatsächliche Preisentwicklung Mutmaßungen über den jeweiligen
         Anteil anzustellen, den die einzelnen Gründe hatten. Es ist dem objektiven Umstand Rechnung zu tragen, dass die Teilnehmer
         aufgrund des Preiskartells auf die Möglichkeit, mittels der Preise miteinander zu konkurrieren, gerade verzichtet haben. Die
         Beurteilung des Einflusses anderer Faktoren als dieses freiwilligen Verzichts der Kartellteilnehmer beruht daher zwangsläufig
         auf hinreichend hohen und nicht genau quantifizierbaren Wahrscheinlichkeiten.
      
      Soll daher dem in Abschnitt 1 A Absatz 1 festgelegten Kriterium nicht seine praktische Wirksamkeit genommen werden, kann es
         der Kommission nicht zum Vorwurf gemacht werden, dass sie sich auf die konkreten Auswirkungen, die ein Kartell mit wettbewerbswidrigem
         Zweck, wie eine Preis- oder Quotenabsprache, auf den Markt hatte, gestützt hat, ohne diese Auswirkungen zu quantifizieren
         oder hierzu eine bezifferte Beurteilung vorzulegen.
      
      (vgl. Randnrn. 157-161)
      8.     Bei der Feststellung der Schwere einer Zuwiderhandlung im Bereich des Wettbewerbs ist insbesondere der normative und wirtschaftliche
         Zusammenhang zu berücksichtigen, in den sich die beanstandete Verhaltensweise einfügt. Dabei muss die Kommission, um die konkreten
         Auswirkungen einer Zuwiderhandlung auf den Markt zu beurteilen, auf den Wettbewerb abstellen, den es normalerweise ohne die
         Zuwiderhandlung gegeben hätte.
      
      Daraus folgt zum einen, dass bei Preisabsprachen – mit einem angemessenen Grad an Wahrscheinlichkeit – festgestellt werden
         muss, dass es die Absprachen den Beteiligten tatsächlich erlaubt haben, ein höheres Preisniveau als ohne das Kartell zu erzielen.
         Zum anderen folgt daraus, dass die Kommission unter Berücksichtigung des vorhandenen wirtschaftlichen und gegebenenfalls normativen
         Rahmens alle objektiven Bedingungen auf dem betreffenden Markt in ihre Beurteilung einbeziehen muss. Gegebenenfalls ist das
         Vorhandensein von „objektiven wirtschaftlichen Faktoren“ zu berücksichtigen, aus denen sich ergibt, dass sich das Preisniveau
         „bei freiem Wettbewerb“ nicht ebenso entwickelt hätte wie die tatsächlich praktizierten Preise.
      
      (vgl. Randnrn. 181-182)
      9.     Dass die Teilnehmer an einem Kartell ihre Vereinbarung nicht einhielten und die vereinbarten Preise nicht vollständig anwandten,
         bedeutet nicht, dass sie damit die Preise angewandt hätten, die sie ohne das Kartell hätten praktizieren können, und stellt
         daher keinen Umstand dar, der als mildernder Umstand berücksichtigt werden muss. Denn ein Unternehmen, das trotz der Absprache
         mit seinen Konkurrenten eine mehr oder weniger unabhängige Marktpolitik verfolgt, versucht möglicherweise nur, das Kartell
         zu seinem Vorteil auszunutzen.
      
      (vgl. Randnr. 189)
      10.   Es wird der Kommission durch keine Bestimmung untersagt, sich als Beweismittel für das Vorliegen einer Zuwiderhandlung gegen
         die Artikel 81 EG und 82 EG und für die Verhängung einer Geldbuße eines Dokuments zu bedienen, das im Rahmen eines anderen
         Verfahrens als des Verfahrens vor der Kommission erstellt wurde.
      
      Als einer der allgemeinen Grundsätze des Gemeinschaftsrechts, deren integraler Bestandteil die Grundrechte sind und in deren
         Licht alle gemeinschaftsrechtlichen Bestimmungen auszulegen sind, ist jedoch das Recht eines Unternehmens anerkannt, von der
         Kommission im Rahmen von Artikel 11 der Verordnung Nr. 17 nicht gezwungen zu werden, seine Beteiligung an einer Zuwiderhandlung
         zuzugeben. Der Schutz dieses Rechts setzt voraus, dass im Fall eines Streites über die Tragweite einer Frage geprüft wird,
         ob eine Antwort des Adressaten tatsächlich dem Eingeständnis einer Zuwiderhandlung gleichkäme, so dass die Verteidigungsrechte
         beeinträchtigt würden.
      
      Stützt sich die Kommission im Rahmen ihrer freien Würdigung der ihr vorliegenden Beweise auf eine Aussage, die in einem anderen
         Kontext als dem des Verfahrens vor der Kommission gemacht wurde, und enthält diese Aussage möglicherweise Angaben, die das
         betreffende Unternehmen gegenüber der Kommission, wenn diese ihm Fragen zum gleichen Gegenstand gestellt hätte, hätte verweigern
         dürfen, so muss die Kommission dem Unternehmen Verfahrensrechte garantieren, die denen gleichwertig sind, welche ein von ihr
         selbst befragtes Unternehmen genießt.
      
      Die Einhaltung dieser Verfahrensgarantien verlangt in einem solchen Kontext, dass die Kommission von Amts wegen prüft, ob
         dem ersten Anschein nach ernste Zweifel daran bestehen, dass im Rahmen des Verfahrens, in dem die fraglichen Aussagen gemacht
         wurden, die Verfahrensrechte der Beteiligten eingehalten wurden. Bestehen solche ernsten Zweifel nicht, so sind die Verfahrensrechte
         der Beteiligten als hinreichend gewährleistet anzusehen, wenn die Kommission in der Mitteilung der Beschwerdepunkte, gegebenenfalls
         unter Beifügung der in Frage stehenden Dokumente, klar darauf hinweist, dass sie beabsichtigt, sich auf die fraglichen Aussagen
         zu stützen. Auf diese Weise ermöglicht es die Kommission den Beteiligten, sich nicht nur zum Inhalt dieser Aussagen, sondern
         auch zu etwaigen Unregelmäßigkeiten oder besonderen Umständen im Zusammenhang mit den Aussagen selbst oder mit ihrer Zuleitung
         an die Kommission zu äußern.
      
      (vgl. Randnrn. 261-265)
      11.   Wurde eine Zuwiderhandlung gegen die Wettbewerbsregeln von mehreren Unternehmen begangen, so ist für die Bußgeldzumessung
         zu ermitteln, welches relative Gewicht der Beteiligung jedem von ihnen zukommt, wofür insbesondere ihre jeweilige Rolle während
         der Dauer ihrer Beteiligung an der Zuwiderhandlung zu ermitteln ist.
      
      Daraus ergibt sich insbesondere, dass für die Berechnung des Bußgeldbetrags die von einem oder mehreren Unternehmen im Rahmen
         eines Kartells eingenommene Rolle als „Anführer“ berücksichtigt werden muss, da Unternehmen, die eine solche Rolle gespielt
         haben, aus diesem Grund im Vergleich zu den anderen Unternehmen eine besondere Verantwortung zu tragen haben.
      
      (vgl. Randnrn. 296-297)
      12.   Bei der Zumessung einer Geldbuße wegen Zuwiderhandlung gegen die Wettbewerbsregeln verfügt die Kommission über ein Ermessen.
         Dass sie in der Vergangenheit bei Vorliegen erschwerender Umstände einen bestimmten Erhöhungssatz auf Geldbußen anwandte,
         nimmt ihr nicht die Befugnis, diesen Satz in den durch die Verordnung Nr. 17 und die Leitlinien für das Verfahren zur Festsetzung
         von Geldbußen, die gemäß Artikel 15 Absatz 2 der Verordnung Nr. 17 und gemäß Artikel 65 Absatz 5 EGKS‑Vertrag festgesetzt
         werden, gezogenen Grenzen zu erhöhen, wenn sich dies als erforderlich erweist, um die Durchführung der gemeinschaftlichen
         Wettbewerbspolitik sicherzustellen.
      
      (vgl. Randnr. 312)
      13.   Bei der Anwendung von Artikel 15 Absatz 2 der Verordnung Nr. 17 muss die Kommission in jedem Einzelfall – d. h., wenn sie
         Geldbußen wegen Verstoßes gegen die Wettbewerbsregeln des Vertrages verhängt – die allgemeinen Rechtsgrundsätze einhalten,
         zu denen der Grundsatz der Gleichbehandlung in seiner Auslegung durch die Gemeinschaftsgerichte gehört. Ein Unternehmen kann
         die Höhe der ihm auferlegten Geldbuße unter Berufung auf einen Verstoß gegen den genannten Grundsatz jedoch nur erfolgreich
         rügen, wenn es dartut, dass die tatsächlichen Gegebenheiten in den von ihm angeführten anderen Entscheidungen, wie Märkte,
         Erzeugnisse, Länder, Unternehmen und betroffene Zeiträume, vergleichbar mit seinem eigenen Fall waren.
      
      (vgl. Randnrn. 315-316)
      14.   Bei der für die Festsetzung einer Geldbuße erforderlichen Beurteilung der Schwere einer Zuwiderhandlung gegen die Wettbewerbsregeln
         muss die Kommission nicht nur die besonderen Umstände des Einzelfalls, sondern auch den Kontext der Zuwiderhandlung berücksichtigen
         und für die abschreckende Wirkung ihres Vorgehens Sorge tragen. Nur die Berücksichtigung dieser Aspekte kann nämlich die volle
         Wirksamkeit des Vorgehens der Kommission für die Wahrung eines unverfälschten Wettbewerbs auf dem Gemeinsamen Markt gewährleisten.
      
      Eine Beurteilung der Regelung in Abschnitt 3 dritter Gedankenstrich der Leitlinien für das Verfahren zur Festsetzung von Geldbußen,
         die gemäß Artikel 15 Absatz 2 der Verordnung Nr. 17 und gemäß Artikel 65 Absatz 5 EGKS‑Vertrag festgesetzt werden, allein
         anhand ihres Wortlauts könnte den Eindruck vermitteln, dass die bloße Beendigung einer Zuwiderhandlung nach dem ersten Eingreifen
         der Kommission allgemein und vorbehaltlos einen mildernden Umstand darstellt. Eine solche Auslegung dieser Regelung würde
         aber die praktische Wirksamkeit der Vorschriften, die die Erhaltung eines effizienten Wettbewerbs ermöglichen, mindern, da
         sie sowohl die Sanktion, die wegen einer Zuwiderhandlung gegen Artikel 81 EG verhängt werden kann, als auch ihre abschreckende
         Wirkung abschwächen würde.
      
      Im Unterschied zu anderen mildernden Umständen bildet nämlich dieser Umstand keinen wesensmäßigen Teil der subjektiven Eigenschaften
         des Zuwiderhandelnden oder des konkreten Sachverhalts, da er hauptsächlich aus dem äußeren Eingreifen der Kommission folgt.
         Die Beendigung einer Zuwiderhandlung nur infolge eines Eingreifens der Kommission kann daher nicht dem Verdienst gleichgestellt
         werden, das in einer eigenständigen Initiative des Zuwiderhandelnden liegt, sondern stellt nur eine angemessene und normale
         Reaktion auf das Eingreifen dar. Zudem belegt ein solcher Umstand nur die Rückkehr des Zuwiderhandelnden zu rechtmäßigem Verhalten
         und trägt nicht dazu bei, die Verfolgung von Verstößen durch die Kommission wirksamer zu machen. Der angeblich mildernde Charakter
         eines solchen Umstands lässt sich auch nicht als bloßer Anreiz rechtfertigen, die Zuwiderhandlung zu beenden. Insoweit bietet
         bereits die Einstufung der Fortführung einer Zuwiderhandlung nach dem ersten Eingreifen der Kommission als erschwerender Umstand
         zu Recht einen Anreiz für die Beendigung der Zuwiderhandlung, verringert aber weder die Sanktion noch ihre abschreckende Wirkung.
      
      Die Anerkennung der Beendigung einer Zuwiderhandlung nach dem ersten Eingreifen der Kommission als mildernder Umstand würde
         daher durch eine Minderung sowohl der Sanktion als auch ihrer abschreckenden Wirkung die praktische Wirksamkeit von Artikel
         81 Absatz 1 EG ungerechtfertigt beeinträchtigen. Folglich darf sich die Kommission nicht selbst dazu verpflichten, die bloße
         Beendigung eines Verstoßes nach ihrem ersten Eingreifen als mildernden Umstand zu berücksichtigen. Die Regelung des Abschnitts
         3 dritter Gedankenstrich der Leitlinien ist daher, damit sie der praktischen Wirksamkeit von Artikel 81 Absatz 1 EG nicht
         zuwiderläuft, restriktiv so auszulegen, dass nur besondere Umstände des Einzelfalls, unter denen eine Beendigung des Verstoßes
         nach dem ersten Eingreifen der Kommission konkret verwirklicht wird, die Berücksichtigung dieser Beendigung als mildernden
         Umstand rechtfertigen können.
      
      Im Fall einer besonders schweren Zuwiderhandlung, die eine von den betreffenden Unternehmen vorsätzlich herbeigeführte Festsetzung
         von Preisen und Aufteilung der Märkte zum Gegenstand hatte, kann die Beendigung der Zuwiderhandlung nicht als mildernder Umstand
         gewertet werden, wenn sie auf das Eingreifen der Kommission zurückzuführen ist.
      
      (vgl. Randnrn. 334-338, 340-341)
      15.   Es ist zwar bedeutsam, dass ein Unternehmen Maßnahmen ergreift, um künftige Zuwiderhandlungen seiner Mitarbeiter gegen das
         Wettbewerbsrecht der Gemeinschaft zu verhindern, doch ändert dies nichts daran, dass die festgestellte Zuwiderhandlung tatsächlich
         begangen wurde. Die Kommission braucht einen solchen Umstand daher nicht als mildernd zu berücksichtigen, und zwar erst recht
         nicht im Fall eines offensichtlichen Verstoßes gegen Artikel 81 Absatz 1 EG.
      
      (vgl. Randnr. 359)
      16.   Um einen Verstoß gegen den Gleichbehandlungsgrundsatz zu vermeiden, ist die Mitteilung über die Nichtfestsetzung oder die
         niedrigere Festsetzung von Geldbußen in Kartellsachen dahin anzuwenden, dass die Kommission bei der Herabsetzung von Geldbußen
         Unternehmen, die ihr im gleichen Verfahrensstadium und unter analogen Umständen ähnliche Informationen über die ihnen zur
         Last gelegten Tatsachen unterbreiten, gleichbehandeln muss. Allein darin, dass eines der Unternehmen die ihnen von der Kommission
         im gleichen Verfahrensstadium gestellten Fragen als Erstes beantwortet und dabei die inkriminierten Tatsachen eingeräumt hat,
         liegt kein objektiver Grund für eine abweichende Behandlung dieses Unternehmens.
      
      Dies gilt jedoch nur im Rahmen einer Kooperation von Unternehmen, die nicht in den Anwendungsbereich der Abschnitte B und
         C der Mitteilung über Zusammenarbeit fällt.
      
      Im Gegensatz zu diesen Abschnitten sieht nämlich Abschnitt D keine unterschiedliche Behandlung der betroffenen Unternehmen
         nach der Reihenfolge ihrer Zusammenarbeit mit der Kommission vor.
      
      (vgl. Randnrn. 400-401, 403)
      17.   Die Mitteilung der Beschwerdepunkte muss, sei es auch nur in gedrängter Form, so klar abgefasst sein, dass die Betroffenen
         tatsächlich erkennen können, welches Verhalten ihnen die Kommission zur Last legt. Nur unter dieser Voraussetzung kann die
         Mitteilung der Beschwerdepunkte nämlich den ihr durch die Gemeinschaftsverordnungen zugewiesenen Zweck erfüllen, den Unternehmen
         und Unternehmensvereinigungen alle Angaben zur Verfügung zu stellen, deren sie bedürfen, um sich wirksam verteidigen zu können,
         bevor die Kommission eine endgültige Entscheidung erlässt.
      
      (vgl. Randnr. 416)
      18.   Die Kommission erfüllt ihre Verpflichtung zur Wahrung des Anhörungsrechts der Unternehmen, wenn sie in der Mitteilung der
         Beschwerdepunkte ausdrücklich darauf hinweist, dass sie prüfen werde, ob gegen die betreffenden Unternehmen Geldbußen festzusetzen
         seien, und die für die etwaige Festsetzung einer Geldbuße wesentlichen tatsächlichen und rechtlichen Gesichtspunkte wie Schwere
         und Dauer der vermuteten Zuwiderhandlung sowie den Umstand anführt, ob diese „vorsätzlich oder fahrlässig“ begangen worden
         sei. Damit macht sie gegenüber den Unternehmen die Angaben, die diese für ihre Verteidigung nicht nur gegen die Feststellung
         einer Zuwiderhandlung, sondern auch gegen die Festsetzung einer Geldbuße benötigen.
      
      Bei der Bemessung von Geldbußen werden die Verteidigungsrechte der fraglichen Unternehmen gegenüber der Kommission folglich
         dadurch gewahrt, dass sie sich zu Dauer, Schwere und Vorhersehbarkeit des wettbewerbswidrigen Charakters der Zuwiderhandlung
         äußern können. Dies gilt umso mehr, als die Kommission mit der Veröffentlichung der Leitlinien für das Verfahren zur Festsetzung
         von Geldbußen, die gemäß Artikel 15 Absatz 2 der Verordnung Nr. 17 und gemäß Artikel 65 Absatz 5 EGKS‑Vertrag festgesetzt
         werden, alle Beteiligten eingehend darüber unterrichtet hat, welche Methode sie bei der Berechnung einer etwaigen Geldbuße
         anwenden und wie sie diese Kriterien berücksichtigen wird. Dem steht nicht entgegen, dass die Leitlinien sich nicht ausdrücklich
         auf einen Multiplikator beziehen, da sie doch angeben, dass es nötig sein wird, die tatsächliche wirtschaftliche Fähigkeit
         der Urheber der Zuwiderhandlung zu berücksichtigen, Wettbewerber wirtschaftlich in erheblichem Umfang zu schädigen, und die
         Geldbuße auf einen Betrag festzusetzen, der eine hinreichend abschreckende Wirkung entfaltet.
      
      (vgl. Randnrn. 434-435)
      19.   Hat die Prüfung der Klagegründe, mit denen ein Unternehmen die Rechtswidrigkeit einer Entscheidung der Kommission rügt, durch
         die ihm eine Geldbuße wegen Verletzung der gemeinschaftlichen Wettbewerbsregeln auferlegt wurde, keinen Rechtsmangel ergeben,
         so hat das Gericht darüber zu befinden, ob die angefochtene Entscheidung in Ausübung seiner Befugnis zu unbeschränkter Nachprüfung
         von ihm abzuändern ist.
      
      (vgl. Randnr. 443)
URTEIL DES GERICHTS (Dritte Kammer)
      27. September 2006(*)
      
      „Wettbewerb – Kartelle – Zitronensäure – Artikel 81 EG – Geldbuße – Artikel 15 Absatz 2 der Verordnung Nr. 17 – Leitlinien für die Festsetzung von Geldbußen – Mitteilung über Zusammenarbeit – Grundsatz der Rechtssicherheit und Rückwirkungsverbot – Grundsatz der Verhältnismäßigkeit – Gleichbehandlung – Begründungspflicht – Rechte der Verteidigung“
      In der Rechtssache T‑59/02
      Archer Daniels Midland Co. mit Sitz in Decatur, Illinois (Vereinigte Staaten von Amerika), Prozessbevollmächtigte: Rechtsanwalt C. O. Lenz und L. Martin
         Alegi, M. Garcia und E. Batchelor, Solicitors,
      
      Klägerin,
      gegen
      Kommission der Europäischen Gemeinschaften, vertreten durch P. Oliver als Bevollmächtigten,
      
      Beklagte,
      wegen Nichtigerklärung des Artikels 1 der Entscheidung 2002/742/EG der Kommission vom 5. Dezember 2001 in einem Verfahren
         nach Artikel 81 EG-Vertrag und Artikel 53 EWR-Abkommen (Sache COMP/E-1/36.604 – Zitronensäure) (ABl. 2002, L 239, S. 18),
         soweit darin festgestellt wird, dass die Klägerin dadurch gegen Artikel 81 EG und Artikel 53 EWR-Abkommen verstoßen hat, dass
         sie sich an der Einschränkung von Produktionskapazitäten auf dem in Frage stehenden Markt und der Bestimmung eines Herstellers,
         der die Preiserhöhungen in jedem einzelstaatlichen Markt anführen sollte, beteiligt hat, und des Artikels 3 dieser Entscheidung,
         soweit er die Klägerin betrifft, und, hilfsweise, Herabsetzung der gegen sie verhängten Geldbuße
      
      erlässt
      DAS GERICHT ERSTER INSTANZDER EUROPÄISCHEN GEMEINSCHAFTEN (Dritte Kammer)
      
      unter Mitwirkung des Präsidenten J. Azizi sowie der Richter M. Jaeger und F. Dehousse,
      Kanzler: J. Plingers, Verwaltungsrat,
      aufgrund des schriftlichen Verfahrens und auf die mündliche Verhandlung vom 9. Juni 2004
      folgendes
      Urteil
       Sachverhalt
      1       Die Klägerin, die Archer Daniels Midland Co. (im Folgenden: ADM oder Klägerin), ist die Muttergesellschaft eines Konzerns,
         der Getreide und Ölsaaten verarbeitet. Sie ist seit 1991 auf dem Markt für Zitronensäure aktiv.
      
      2       Zitronensäure ist das weltweit am häufigsten verwendete Säuerungs- und Konservierungsmittel. Sie wird in mehreren Sorten mit
         unterschiedlichen Einsatzmöglichkeiten verwendet, vor allem in Lebensmitteln und Getränken, Waschmitteln und Haushaltsreinigern,
         Arzneimitteln und Kosmetika und in diversen industriellen Verfahren.
      
      3       Im Jahr 1995 erreichte das gesamte weltweite Verkaufsvolumen von Zitronensäure 894,72 Mio. Euro, wovon auf den Europäischen
         Wirtschaftsraum (im Folgenden: EWR) 323,69 Mio. Euro entfielen. Ein Anteil von rund 60 % des Weltmarktes lag 1996 in den Händen
         der fünf Adressaten der mit der vorliegenden Klage angefochtenen Entscheidung, nämlich der Klägerin, der Jungbunzlauer AG
         (im Folgenden: Jungbunzlauer), der F. Hoffmann-La Roche AG (im Folgenden: Roche), der – zur Bayer AG gehörenden – Haarmann
         & Reimer Corporation (im Folgenden: H & R) und der Cerestar Bioproducts BV (im Folgenden: Cerestar) (im Folgenden zusammen:
         betroffene Unternehmen).
      
      4       Im August 1995 setzte das Justizministerium der USA die Kommission davon in Kenntnis, dass eine Untersuchung des Zitronensäuremarktes
         eingeleitet worden sei. Zwischen Oktober 1996 bis Juni 1998 räumten alle betroffenen Unternehmen, darunter auch ADM, ihre
         Teilnahme an einem Kartell ein. Im Anschluss an Vereinbarungen mit dem amerikanischen Justizministerium verhängten die amerikanischen
         Stellen gegen die Unternehmen Geldbußen. Außerdem wurden einige beschuldigte Einzelpersonen persönlich mit Geldbußen belegt.
         Auch in Kanada kam es zu Ermittlungen und zur Verhängung von Geldbußen gegen einige der genannten Unternehmen, darunter auch
         gegen ADM.
      
      5       Am 6. August 1997 richtete die Kommission nach Artikel 11 der Verordnung Nr. 17 des Rates vom 6. Februar 1962, Erste Durchführungsverordnung
         zu den Artikeln [81] und [82] des Vertrages (ABl. 1962, Nr. 13, S. 204), Auskunftsverlangen an die vier führenden Zitronensäurehersteller
         der Gemeinschaft. Im Januar 1998 richtete sie auch Auskunftsverlangen an die größten Zitronensäureabnehmer der Gemeinschaft
         und im Juni und Juli 1998 wiederum an die führenden europäischen Zitronensäurehersteller.
      
      6       Nach dem ersten an sie gerichteten Auskunftsverlangen vom Juli 1998 nahm Cerestar mit der Kommission Kontakt auf und bot in
         einem Gespräch vom 29. Oktober 1998 an, auf der Grundlage der Mitteilung der Kommission vom 18. Juli 1996 über die Nichtfestsetzung
         oder die niedrigere Festsetzung von Geldbußen in Kartellsachen (ABl. C 207, S. 4, im Folgenden: Mitteilung über Zusammenarbeit)
         mit der Kommission zusammenzuarbeiten. Bei dieser Gelegenheit berichtete Cerestar mündlich über die Kartellpraktiken, an denen
         sie beteiligt gewesen sei. Am 25. März 1999 sandte Cerestar der Kommission eine schriftliche Erklärung, in der sie diese Ausführungen
         bestätigte.
      
      7       Mit Schreiben vom 28. Juli 1998 richtete die Kommission ein weiteres Auskunftsverlangen an Jungbunzlauer, das diese mit Schreiben
         vom 28. September 1998 beantwortete.
      
      8       Bei einer Zusammenkunft am 11. Dezember 1998 bekundete auch ADM ihre Bereitschaft, mit der Kommission zusammenzuarbeiten,
         und äußerte sich ebenfalls mündlich zu den wettbewerbswidrigen Praktiken, an denen sie beteiligt gewesen sei. Mit Schreiben
         vom 15. Januar 1999 bestätigte ADM diese Ausführungen.
      
      9       Am 3. März 1999 richtete die Kommission an Roche, Jungbunzlauer und Cerestar ergänzende Auskunftsverlangen.
      10     Am 28. April, 21. Mai und 28. Juli 1999 gaben die Bayer AG (im Folgenden: Bayer) im Namen von H & R, Jungbunzlauer und Roche
         Erklärungen nach der Mitteilung über Zusammenarbeit ab.
      
      11     Am 29. März 2000 richtete die Kommission auf der Grundlage der ihr erteilten Auskünfte an die Klägerin und die anderen betroffenen
         Unternehmen eine Mitteilung der Beschwerdepunkte wegen Verstoßes gegen die Artikel 81 Absatz 1 EG und 53 Absatz 1 des Abkommens
         über den Europäischen Wirtschaftsraum (im Folgenden: EWR‑Abkommen). Die Klägerin und die anderen betroffenen Unternehmen nahmen
         dazu schriftlich Stellung. Keines der Unternehmen beantragte eine Anhörung oder bestritt den in den Beschwerdepunkten dargelegten
         Sachverhalt.
      
      12     Am 27. Juli 2001 richtete die Kommission an die Klägerin und die anderen betroffenen Unternehmen ergänzende Auskunftsverlangen.
      13     Am 5. Dezember 2001 erließ die Kommission die Entscheidung 2002/742/EG in einem Verfahren nach Artikel 81 EG-Vertrag und Artikel
         53 EWR-Abkommen (Sache COMP/E‑1/36.604 – Zitronensäure) (im Folgenden: Entscheidung). Die Entscheidung wurde der Klägerin
         mit Schreiben vom 17. Dezember 2001 zugestellt.
      
      14     In dem verfügenden Teil der Entscheidung heißt es:
      „Artikel 1
      [ADM, Cerestar, Roche, H & R und Jungbunzlauer] haben gegen Artikel 81 Absatz 1 [EG] und Artikel 53 Absatz 1 EWR‑Abkommen
         verstoßen, indem sie an einer fortdauernden Vereinbarung und/oder aufeinander abgestimmten Verhaltensweise in der Zitronensäurebranche
         mitgewirkt haben.
      
      Die Zuwiderhandlung dauerte
      –      im Falle von [ADM, Roche, H & R und Jungbunzlauer] von März 1991 bis Mai 1995 und
      –      im Falle von [Cerestar] von Mai 1992 bis Mai 1995.
      …
      Artikel      3
      Wegen der in Artikel 1 genannten Zuwiderhandlung werden folgende Geldbußen verhängt:
      a)      [ADM]                   39,69 Mio. EUR,
      b)      [Cerestar]          170 000 EUR,
      c)      [Roche]                   63,5 Mio. EUR,
      d)      [H & R]                   14,22 Mio. EUR,
      e)      [Jungbunzlauer] 17,64 Mio. EUR.“
      15     In den Randnummern 80 bis 84 der Entscheidung führte die Kommission aus, dass das Kartell die Zuteilung spezifischer Absatzquoten
         und deren Einhaltung durch jedes Mitglied, die Festlegung von Ziel- und/oder Mindestpreisen, den Verzicht auf die Gewährung
         von Preisnachlässen und den Austausch spezifischer Kundendaten umfasst habe.
      
      16     Zur Berechnung der Höhe der Geldbußen wandte die Kommission in der Entscheidung das Verfahren an, das in den Leitlinien für
         das Verfahren zur Festsetzung von Geldbußen, die gemäß Artikel 15 Absatz 2 der Verordnung Nr. 17 und gemäß Artikel 65 Absatz
         5 EGKS‑Vertrag festgesetzt werden (ABl. 1998, C 9, S. 3, im Folgenden: Leitlinien), und in der Mitteilung über Zusammenarbeit
         festgelegt ist.
      
      17     Dabei setzte sie in einem ersten Schritt nach dem Kriterium der Dauer und der Schwere des Verstoßes den Grundbetrag der Geldbuße
         fest.
      
      18     Hinsichtlich der Schwere des Verstoßes stellte die Kommission in diesem Zusammenhang zunächst fest, dass die betroffenen Unternehmen
         angesichts der Art des Verstoßes, seiner konkreten Auswirkungen auf den Zitronensäuremarkt des EWR und der Größe des betroffenen
         räumlichen Marktes eine besonders schwere Zuwiderhandlung begangen hätten (Randnr. 230 der Entscheidung). 
      
      19     Sie hob weiter hervor, es seien zum einen das tatsächliche wirtschaftliche Vermögen, den Wettbewerb zu schädigen, und zum
         anderen das Erfordernis zu berücksichtigen, eine Geldbuße mit hinreichend abschreckender Wirkung festzusetzen. Demgemäß teilte
         sie die betroffenen Unternehmen nach ihrem weltweiten Umsatz aus dem Verkauf von Zitronensäure im Jahr 1995 als dem letzten
         Jahr der Zuwiderhandlung in drei Kategorien ein, und zwar in die erste H & R mit einem weltweiten Marktanteil von 22 %, in
         die zweite ADM und Jungbunzlauer mit weltweiten Marktanteilen von jeweils [vertraulich](1) sowie Roche mit 9 % und in die dritte Cerestar mit einem Anteil von 2,5 %. Auf dieser Grundlage setzte die Kommission als
         Ausgangsbetrag 35 Mio. Euro für das Unternehmen der ersten Kategorie, 21 Mio. Euro für die der zweiten und 3,5 Mio. Euro für
         das der dritten fest (Randnr. 239 der Entscheidung).
      
      20     Die Kommission nahm sodann eine Anpassung dieses Ausgangsbetrags vor, um eine hinreichend abschreckende Wirkung der Geldbuße
         zu gewährleisten. Dafür multiplizierte sie in Anbetracht der Größe und der gesamten Ressourcen der betroffenen Unternehmen,
         wie sie in der Höhe ihres weltweiten Gesamtumsatzes zum Ausdruck gelangten, die für ADM und Roche festgesetzten Ausgangsbeträge
         mit dem Faktor 2 und den für H & R festgesetzten Ausgangsbetrag mit dem Faktor 2,5 (Randnrn. 50 und 246 der Entscheidung).
      
      21     Um der Dauer der Zuwiderhandlung jedes einzelnen Unternehmens Rechnung zu tragen, hob sie den so behandelten Ausgangsbetrag
         anschließend um 10 % pro Jahr an, im Fall von ADM, H & R, Roche und Jungbunzlauer um 40 % und im Fall von Cerestar um 30 %
         (Randnrn. 249 und 250 der Entscheidung).
      
      22     So gelangte die Kommission im Fall der Klägerin zu einem Grundbetrag der Geldbuße in Höhe von 58,8 Mio. Euro. Im Fall von
         Cerestar, Roche, H & R und Jungbunzlauer betrugen diese Grundbeträge 4,55, 58,8, 122,5 und 29,4 Mio. Euro (Randnr. 254 der
         Entscheidung).
      
      23     In einem zweiten Schritt erhöhte die Kommission die Grundbeträge im Fall von ADM und Roche um 35 % wegen erschwerender Umstände,
         weil diese beiden Unternehmen die Anführer des Kartells gewesen seien (Randnr. 273 der Entscheidung).
      
      24     In einem dritten Schritt prüfte und verwarf die Kommission das Vorbringen mehrerer Unternehmen, es seien ihnen mildernde Umstände
         zugute zu halten (Randnrn. 274 bis 291 der Entscheidung).
      
      25     In einem vierten Schritt reduzierte die Kommission die so errechneten Beträge im Fall von Cerestar und H & R nach Artikel
         15 Absatz 2 der Verordnung Nr. 17, damit sie nicht 10 % ihres jeweiligen weltweiten Gesamtumsatzes überstiegen (Randnr. 293
         der Entscheidung).
      
      26     In einem fünften Schritt gewährte die Kommission nach Abschnitt B der Mitteilung über Zusammenarbeit Cerestar eine „wesentlich
         niedrigere Festsetzung“ der Geldbuße, die ohne ihre Kooperation festgesetzt worden wäre (um 90 %). Den anderen vier betroffenen
         Unternehmen gewährte sie eine „spürbar niedrigere Festsetzung“ der Geldbuße nach Abschnitt D der Mitteilung, und zwar eine
         Reduktion um 50 % im Fall von ADM, 40 % im Fall von Jungbunzlauer, 30 % im Fall von H & R und 20 % im Fall von Roche (Randnr.
         326 der Entscheidung).
      
       Verfahren und Anträge der Beteiligten 
      27     Mit Klageschrift, die am 28. Februar 2002 bei der Kanzlei des Gerichts eingegangen ist, hat ADM die vorliegende Klage erhoben.
      28     Mit gesondertem Schriftsatz, der am 28. Februar 2002 bei der Kanzlei des Gerichts eingegangen ist, hat die Klägerin beantragt,
         bestimmte Angaben in ihren Schriftsätzen und bestimmte Anlagen als vertraulich zu behandeln.
      
      29     Auf Bericht des Berichterstatters hat das Gericht (Dritte Kammer) die mündliche Verhandlung eröffnet und im Wege prozessleitender
         Maßnahmen nach Artikel 64 der Verfahrensordnung des Gerichts den Verfahrensbeteiligten schriftliche Fragen gestellt, die von
         ihnen fristgerecht beantwortet worden sind. 
      
      30     In der Sitzung vom 9. Juni 2004 haben die Verfahrensbeteiligten mündlich verhandelt und Fragen des Gerichts beantwortet.
      31     Die Klägerin beantragt,
      –      Artikel 1 der Entscheidung für nichtig zu erklären, soweit darin festgestellt wird, dass sie gegen Artikel 81 EG und Artikel
         53 EWR-Abkommen verstoßen hat, indem sie sich an der Einschränkung von Produktionskapazitäten auf dem in Frage stehenden Markt
         und der Bestimmung eines Herstellers, der die Preiserhöhungen in jedem einzelstaatlichen Markt anführen sollte, beteiligt
         hat;
      
      –      Artikel 3 der Entscheidung für nichtig zu erklären, soweit er sie betrifft;
      –      hilfsweise, die gegen sie verhängte Geldbuße herabzusetzen;
      –      der Kommission die Kosten des Verfahrens aufzuerlegen.
      32     Die Kommission beantragt,
      –      die Klage abzuweisen;
      –      der Klägerin die Kosten des Verfahrens aufzuerlegen.
       Entscheidungsgründe
      I –  Zur Anwendbarkeit der Leitlinien
      A –  Vorbringen der Parteien
      33     ADM macht geltend, dass sich die durch die Leitlinien eingeführte Berechnungsmethode für Geldbußen radikal von der vorherigen
         Praxis der Kommission unterscheide, die – wie die Kommission in der Entscheidung (Randnr. 253) eingeräumt habe – darin bestanden
         habe, dass die Geldbuße entsprechend einem Grundbetrag festgesetzt worden sei, der einem bestimmten Prozentsatz der Umsätze
         auf dem relevanten Gemeinschaftsmarkt entsprochen habe. Demgegenüber sei durch die Leitlinien ein von dem Umsatz mit dem betroffenen
         Produkt unabhängiger Bußgeldbetrag von beispielsweise 20 Mio. Euro für besonders schwere Verstöße eingeführt worden. 
      
      34     Demgemäß habe die Kommission in dem Zeitraum (1991 bis 1995), der von der vorliegenden Kartellsache betroffen sei, in Befolgung
         dieser ständigen Praxis Geldbußen verhängt, deren Höhe im Allgemeinen zwischen 2,5 % und 9 % des Umsatzes mit dem in Frage
         stehenden Produkt auf dem Gemeinschaftsmarkt betragen habe. Dagegen führe die Anwendung der neuen, sich aus den Leitlinien
         ergebenden Politik zu Geldbußen, die 10‑ bis 34‑mal höher ausfielen als nach der vorherigen Praxis. 
      
      35     Gewiss verfüge die Kommission über die Befugnis, Geldbußen nach ihrem Ermessen zu erhöhen, wenn die wettbewerbsrechtliche
         Politik eine Verhängung von Geldbußen mit erhöhter Abschreckungswirkung erfordere. Mit der Festsetzung von Geldbußen, deren
         Betrag zwischen 10‑ und 34‑mal höher sei, als er nach der vorherigen Praxis gewesen wäre, habe die Kommission diesen Ermessensspielraum
         aber offenkundig überschritten. Entgegen der Argumentation der Kommission werde dies durch das Urteil des Gerichts vom 20.
         März 2002 in der Rechtssache T‑16/99 (Lögstör Rör/Kommission, Slg. 2002, II‑1633, Randnr. 237) gerade bestätigt. Zum einen
         habe das Gericht darin die für die Kommission bestehende Möglichkeit, das Niveau von Geldbußen innerhalb der in der Verordnung
         Nr. 17 gezogenen Grenzen anzuheben, der Voraussetzung unterstellt, dass dies erforderlich sei, um die Durchführung der gemeinschaftlichen
         Wettbewerbspolitik sicherzustellen. Weder in der Entscheidung noch in ihren Schriftsätzen habe die Kommission jedoch dargelegt
         oder den Beweis angetreten, dass die Durchführung der gemeinschaftlichen Wettbewerbspolitik die Verhängung von Geldbußen erfordere,
         die 10‑ bis 34‑mal höher seien als nach der vorherigen Praxis. Außerdem habe sie in dem Fall, der dem genannten Urteil zugrunde
         gelegen habe, ebenso wie in allen anderen Fällen des Fernwärmerohre-Kartells – außer in dem von ABB (Urteil des Gerichts vom
         20. März 2002 in der Rechtssache T‑31/99, ABB Asea Brown Boveri/Kommission, Slg. 2002, II‑1881) – Geldbußen von vergleichbarer
         Höhe wie nach ihrer vorherigen Praxis verhängt. Gegen die an dem Fernwärmerohre-Kartell beteiligten Unternehmen seien nämlich
         Geldbußen in Höhe von nur 3 % bis 14 % der betreffenden Umsätze verhängt worden, und sogar die gegen ABB verhängte Geldbuße
         sei nicht höher gewesen als 44 % ihres in Frage stehenden Umsatzes.
      
      36     Die Klägerin hebt hervor, dass Unternehmen in der Lage sein müssten, geschäftlich unter vorhersehbaren Bedingungen zu operieren.
         Wie auch in den Leitlinien (Absatz 1) gesagt werde, müsse die Kommission eine kohärente und nichtdiskriminierende politische
         Linie einhalten. Das Fehlen von Rechtssicherheit bei der Bußgeldbemessung sei unvereinbar mit dem Gedanken einer wirksamen
         Herbeiführung der abschreckenden Wirkung von Geldbußen. Eine Geldbuße könne im Einzelfall abschreckende Wirkung nur dann entfalten,
         wenn den Unternehmen die anwendbaren Sanktionen im Voraus bekannt seien. Eine wirksame Amnestie oder Kronzeugenregelung setzten
         voraus, dass die bei Verweigerung der Zusammenarbeit geltenden Sanktionen klar im Voraus feststünden. Es erscheine auch verfehlt,
         Unternehmen – insbesondere angesichts der erheblichen Zeit, die die Untersuchung solcher Zuwiderhandlungen in Anspruch nehme
         – in einem Zustand fortwährender Ungewissheit über die Höhe der Geldbußen für wettbewerbliche Zuwiderhandlungen zu halten.
         Es sei deshalb ein Gebot des Grundsatzes der Rechtssicherheit, dass die Kommission bei der Bemessung von Geldbußen nach Artikel
         15 Absatz 2 der Verordnung Nr. 17 einen gewissen Grad an Vorhersehbarkeit gewährleiste.
      
      37     So sei etwa durch die US Sentencing Guidelines (Section 1B1.11[b][1]) und die Rechtsprechung eines amerikanischen Bundesgerichts
         (Urteil United States v. Kimler, 167 F. 3d 889 [5th Circ. 1999]) klargestellt worden, dass eine rückwirkende Anwendung neuer
         Leitlinien über Geldbußen durch das in der Verfassung der USA niedergelegte Rückwirkungsverbot untersagt sei, wenn dies eine
         höhere Sanktion zur Folge hätte, als sie im Zeitpunkt der Begehung der Zuwiderhandlung angedroht war.
      
      38     Die rückwirkende Anwendung der neuen, in den Leitlinien festgelegten Politik auf eine Zuwiderhandlung, die vor deren Veröffentlichung
         begangen worden sei, mit der Folge, dass gegen ADM eine derart höhere Geldbuße als nach der vorherigen Praxis verhängt werde,
         ohne dass dieser Sprung erforderlich sei, um die Einhaltung der Wettbewerbspolitik durchzusetzen, verletze daher den Grundsatz
         der Rechtssicherheit und sei damit rechtswidrig.
      
      39     Zum anderen verletze die Anwendung der Leitlinien den Grundsatz der Gleichbehandlung, da sie Unternehmen, die eine wettbewerbsrechtliche
         Zuwiderhandlung begangen hätten, nicht nach deren Datum, sondern nach dem des Erlasses der Entscheidung der Kommission, das
         diese aber willkürlich wählen könne, ungleich behandele. Beispielsweise seien gegen die Unternehmen, an die die Entscheidung
         97/624/EG der Kommission vom 14. Mai 1997 in einem Verfahren nach Artikel [82 EG] (IV/34.621, 35.059/F-3 – Irish Sugar plc)
         (ABl. L 258, S. 1) und die Entscheidung 94/210/EG der Kommission vom 29. März 1994 in einem Verfahren zur Anwendung von Artikel
         [81 und 82 EG] (IV/33.941 – HOV-SVZ/MCN) (ABl. L 104, S. 34) gerichtet worden seien, Geldbußen in Höhe von nur 6,8 % und 5 %
         der Verkäufe auf dem betroffenen Markt verhängt worden, obgleich es sich um Zuwiderhandlungen gehandelt habe, die zur gleichen
         Zeit wie das Kartell für Zitronensäure durchgeführt worden seien.
      
      40     Nach Auffassung der Kommission ist dieses Vorbringen zurückzuweisen.
      B –  Würdigung durch das Gericht
      41     Das Gericht erinnert zunächst daran, dass das in Artikel 7 der am 4. November 1950 in Rom unterzeichneten Europäischen Konvention
         zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten (EMRK) als Grundrecht gewährleistete Verbot der Rückwirkung von Strafvorschriften
         einen allgemeinen Grundsatz des Gemeinschaftsrechts bildet, der bei der Verhängung von Geldbußen wegen Zuwiderhandlung gegen
         die Wettbewerbsregeln einzuhalten ist. Nach diesem Grundsatz müssen die verhängten Sanktionen denen entsprechen, die zum Zeitpunkt
         der Begehung der Zuwiderhandlung vorgesehen waren (Urteil des Gerichtshofes vom 28. Juni 2005 in den Rechtssachen C‑189/02 P,
         C‑202/02 P, C‑205/02 P bis C‑208/02 P und C‑213/02 P, Dansk Rørindustri u. a./Kommission, Slg. 2005, I‑5425, Randnr. 202;
         Urteile des Gerichts vom 20. März 2002 in der Rechtssache T‑23/99, LR AF 1998/Kommission, Slg. 2002, II‑1705, Randnrn. 218
         bis 221, und vom 9. Juli 2003 in der Rechtssache T‑224/00, Archer Daniels Midland und Archer Daniels Midland Ingredients/Kommission,
         Slg. 2003, II‑2597, Randnr. 39).
      
      42     Das Gericht stellt weiter fest, dass der Erlass der Leitlinien, die geeignet sind, die allgemeine Wettbewerbspolitik der Kommission
         auf dem Gebiet von Geldbußen zu ändern, grundsätzlich in den Geltungsbereich des Rückwirkungsverbots fallen kann.
      
      43     Denn zum einen können die Leitlinien Rechtswirkungen entfalten. Diese Rechtswirkungen ergeben sich nicht daraus, dass die
         Leitlinien selbst Normcharakter hätten, sondern daraus, dass sie von der Kommission erlassen und veröffentlicht worden sind.
         Der Erlass und die Veröffentlichung der Leitlinien bewirken eine Selbstbeschränkung der Kommission in der Ausübung ihres Ermessens.
         Die Kommission kann von den Leitlinien nicht mehr abweichen, ohne dass dies gegebenenfalls als Verstoß gegen allgemeine Rechtsgrundsätze
         wie die der Gleichbehandlung, des Vertrauensschutzes und der Rechtssicherheit geahndet wird (vgl. in diesem Sinne oben in
         Randnr. 41 zitiertes Urteil Dansk Rørindustri u. a./Kommission, Randnrn. 209 bis 212).
      
      44     Zum anderen fallen die Leitlinien als Instrument einer Wettbewerbspolitik ebenso in den Geltungsbereich des Rückwirkungsverbots
         wie nach der Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte (EGMR) zu Artikel 7 Absatz 1 EMRK (vgl. insbesondere
         EGMR, Urteile S. W. und C. R./Vereinigtes Königreich vom 22. November 1995, Série A, Nrn. 335‑B und 335‑C, Ziff. 34 bis 36
         und 32 bis 34, Cantoni/Frankreich vom 15. November 1996, Recueil des arrêts et décisions 1996‑V, Randnrn. 29 bis 32, und Coëme u. a./Belgien vom 22. Juni 2000, Recueil des arrêts et décisions 2000‑VII, Ziff. 145) die neue gerichtliche Auslegung einer Norm, die eine Zuwiderhandlung festlegt. Nach dieser Rechtsprechung
         steht Artikel 7 Absatz 1 EMRK der rückwirkenden Anwendung einer neuen Auslegung einer solchen Norm entgegen. Das ist ihr zufolge
         insbesondere dann der Fall, wenn es sich um eine richterliche Auslegung handelt, deren Ergebnis zum Zeitpunkt der Begehung
         der Zuwiderhandlung insbesondere unter Berücksichtigung der Auslegung, die zu dieser Zeit in der Rechtsprechung zur fraglichen
         Rechtsvorschrift vertreten wurde, nicht hinreichend vorhersehbar war. Allerdings hängt nach dieser Rechtsprechung die Bedeutung
         des Begriffes der Vorhersehbarkeit in hohem Maß ab vom Inhalt der in Rede stehenden Vorschrift, von dem durch sie geregelten
         Bereich sowie von der Zahl und der Eigenschaft ihrer Adressaten. Der Vorhersehbarkeit des Gesetzes steht es indessen nicht
         entgegen, dass die betreffende Person gezwungen wird, fachkundigen Rat einzuholen, um unter den Umständen des konkreten Falles
         angemessen zu beurteilen, welche Folgen sich aus einer bestimmten Handlung ergeben können. Das gilt nach dem Urteil Cantoni/Frankreich
         (Ziff. 35) insbesondere für berufsmäßig tätige Personen, die gewohnt sind, sich bei der Ausübung ihrer Tätigkeit sehr umsichtig
         verhalten zu müssen. Von ihnen kann daher erwartet werden, dass sie die Risiken ihrer Tätigkeit besonders sorgfältig beurteilen
         (oben in Randnr. 41 zitiertes Urteil Dansk Rørindustri u. a./Kommission, Randnrn. 215 bis 223).
      
      45     Demnach ist zu prüfen, ob die in dem Erlass der Leitlinien liegende Änderung zur Zeit der Begehung der in Frage stehenden
         Zuwiderhandlungen hinreichend vorhersehbar war.
      
      46     Die hauptsächliche Neuerung der Leitlinien besteht darin, dass als Ausgangspunkt der Berechnung Grundbeträge verwendet werden,
         die innerhalb von hierfür in den Leitlinien vorgesehenen Spannen festgelegt werden, wobei diese Spannen verschiedenen Schweregraden
         der Zuwiderhandlungen entsprechen, als solche aber keinen Bezug zum relevanten Umsatz aufweisen. Diese Methode beruht somit
         im Wesentlichen auf einer – wenn auch relativen und flexiblen – Tarifierung der Geldbußen (oben in Randnr. 41 zitiertes Urteil
         Dansk Rørindustri u. a./Kommission, Randnr. 225). 
      
      47     Ferner ist daran zu erinnern, dass die Kommission dadurch, dass sie in der Vergangenheit für bestimmte Arten von Zuwiderhandlungen
         Geldbußen in bestimmter Höhe verhängt hat, nicht daran gehindert ist, dieses Niveau innerhalb der in der Verordnung Nr. 17
         gezogenen Grenzen anzuheben, wenn dies erforderlich ist, um die Durchführung der gemeinschaftlichen Wettbewerbspolitik sicherzustellen.
         Vielmehr verlangt es die wirksame Anwendung der gemeinschaftlichen Wettbewerbsregeln, dass die Kommission das Niveau der Geldbußen
         jederzeit den Erfordernissen dieser Politik anpassen kann (vgl. in diesem Sinne oben in Randnr. 41 zitiertes Urteil Dansk
         Rørindustri u. a./Kommission, Randnr. 227, Urteile des Gerichtshofes vom 7. Juni 1983 in den Rechtssachen 100/80 bis 103/80,
         Musique Diffusion française u. a./Kommission, 1983, 1825, Randnr. 109, und vom 2. Oktober 2003 in der Rechtssache C‑196/99 P,
         Aristrain/Kommission, Slg. 2003, I‑11005, Randnr. 81; Urteile des Gerichts vom 10. März 1992 in der Rechtssache T‑12/89, Solvay/Kommission,
         Slg. 1992, II‑907, Randnr. 309, und vom 14. Mai 1998 in der Rechtssache T‑304/94, Europa Carton/Kommission, Slg. 1998, II‑869,
         Randnr. 89; oben in Randnr. 41 zitiertes Urteil Archer Daniels Midland und Archer Daniels Midland Ingredients/Kommission,
         Randnr. 56).
      
      48     Dementsprechend können Unternehmen, die von einem Verwaltungsverfahren betroffen sind, das zu einer Geldbuße führen kann,
         weder darauf vertrauen, dass die Kommission das zuvor praktizierte Bußgeldniveau nicht überschreiten wird, noch auf eine bestimmte
         Methode für die Berechnung der Geldbußen (oben in Randnr. 41 zitiertes Urteil Dansk Rørindustri u. a./Kommission, Randnr. 228).
      
      49     Die betreffenden Unternehmen müssen sich folglich dessen bewusst sein, dass die Kommission jederzeit beschließen kann, das
         Niveau der Geldbußen gegenüber dem in der Vergangenheit praktizierten Niveau anzuheben. Das gilt nicht nur dann, wenn die
         Kommission das Niveau der Geldbußen durch die Verhängung von Geldbußen in Einzelentscheidungen anhebt, sondern auch dann,
         wenn diese Anhebung dadurch erfolgt, dass Verhaltensnormen mit allgemeiner Geltung wie die Leitlinien auf konkrete Fälle angewandt
         werden (oben in Randnr. 41 zitiertes Urteil Dansk Rørindustri u. a./Kommission, Randnrn. 229 und 230).
      
      50     ADM macht daher zu Unrecht im Wesentlichen geltend, dass die Anhebung des Bußgeldniveaus durch die Kommission im Zusammenhang
         mit dem Kartell offensichtlich außer Verhältnis zu dem Ziel stehe, die Durchführung der Wettbewerbspolitik zu gewährleisten.
      
      51     Auch der von ADM angeführte Umstand, dass die Anwendung der neuen Politik zu Geldbußen führe, deren Beträge zwischen 10‑ und
         34‑mal höher seien als die Geldbußen, die nach der vorherigen Praxis verhängt worden wären, ist – selbst wenn er als wahr
         unterstellt wird – nicht geeignet, eine Verletzung des Rückwirkungsverbots zu begründen. Bei Berücksichtigung insbesondere
         der oben in Randnummer 44 zitierten Rechtsprechung war es für ADM hinreichend vorhersehbar, dass die Kommission im Rahmen
         der Durchführung einer anderen Wettbewerbspolitik das allgemeine Niveau der Geldbußen jederzeit ändern könnte. ADM konnte
         damit eine derartige Anhebung – wenn sie als wahr unterstellt wird – zum Zeitpunkt der Begehung der Zuwiderhandlung hinreichend
         vorhersehen. 
      
      52     Soweit ADM schließlich geltend macht, es sei zur Gewährleistung einer abschreckenden Wirkung der Geldbußen unerlässlich, dass
         den Unternehmen im Voraus das Niveau der Geldbußen bekannt sei, auf das sie sich bei der Zuwiderhandlung gegen Wettbewerbsregeln
         einstellen müssten, genügt der Hinweis, dass die abschreckende Wirkung von Geldbußen keineswegs voraussetzt, dass Unternehmen
         im Voraus das genaue Niveau der bei einer bestimmten wettbewerblichen Zuwiderhandlung zu erwartenden Geldbuße kennen.
      
      53     Was die von der Klägerin erhobene Rüge einer Verletzung des Grundsatzes der Gleichbehandlung angeht, so kann nach ständiger
         Rechtsprechung die Anwendung der in den Leitlinien beschriebenen Methode für die Berechnung der Höhe der Geldbuße keine Diskriminierung
         gegenüber Unternehmen darstellen, die im selben Zeitraum Zuwiderhandlungen gegen die Wettbewerbsregeln der Gemeinschaft begingen,
         jedoch aufgrund des Zeitpunkts der Aufdeckung der Zuwiderhandlung oder des Ablaufs des sie betreffenden Verwaltungsverfahrens
         vor dem Erlass und der Veröffentlichung der Leitlinien bestraft wurden (vgl. in diesem Sinne oben in Randnr. 41 zitiertes
         Urteil Archer Daniels Midland und Archer Daniels Midland Ingredients u. a./Kommission, Randnrn. 69 bis 73; Urteil des Gerichts
         vom 12. Juli 2001 in den Rechtssachen T‑202/98, T‑204/98 und T‑207/98, Tate & Lyle u. a./Kommission, Slg. 2001, II‑2035, Randnrn.
         118 und 119).
      
      54     Die Rüge einer Verletzung des Grundsatzes der Gleichbehandlung ist daher zurückzuweisen.
      II –  Zu den Auswirkungen von bereits in anderen Ländern verhängten Geldbußen
      A –  Vorbringen der Parteien
      55     Die Klägerin macht geltend, dass die Kommission mit ihrer Weigerung, von dem in der Entscheidung festgesetzten Bußgeldbetrag
         die bereits in den USA und in Kanada gegen sie verhängten Geldbußen abzuziehen, gegen das Verbot einer mehrfachen Ahndung
         ein und derselben Zuwiderhandlung verstoßen habe. Wie sich aus dem Urteil des Gerichtshofes vom 14. Dezember 1972 in der Rechtssache
         7/72 (Boehringer/Kommission, Slg. 1972, 1281) ergebe, sei die Kommission zur Anrechnung einer von einer Drittstaatsbehörde
         verhängten Sanktion verpflichtet, wenn die Handlung, die einerseits die Kommission und andererseits diese Behörde zu Lasten
         des klagenden Unternehmens festgestellt hätten, identisch sei. Ebenso verhalte es sich im vorliegenden Fall, denn anders als
         im Entscheidungssachverhalt des Urteils Boehringer/Kommission hätten die amerikanischen und kanadischen Behörden nach dem
         Zweck des Kartells, seinem Schauplatz und seiner Dauer dasselbe Kartell mit einer Sanktion belegt wie die Kommission, die
         sich im Übrigen auf von den amerikanischen Behörden erhobene Beweise gestützt habe.
      
      56     So werde in der Entscheidung zu Unrecht ausgeführt, dass mit den in den USA und Kanada verhängten Geldbußen nur die wettbewerbswidrigen
         Auswirkungen des Kartells im Hoheitsgebiet dieser Länder berücksichtigt worden seien (Randnr. 333 der Entscheidung). Dem am
         15. Oktober 1996 in den USA gegen ADM ergangenen Urteil lasse sich vielmehr entnehmen, dass es sich um ein weltweites Kartell
         gehandelt habe, das den Handel „in den Vereinigten Staaten und andernorts“ beeinträchtigt habe. Im Übrigen sei die verhängte
         Geldbuße gerade wegen der räumlichen Ausdehnung der Zuwiderhandlung besonders hoch ausgefallen. Auch in Kanada sei besonders
         berücksichtigt worden, dass es sich um ein weltweites Kartell gehandelt habe.
      
      57     Selbst wenn die Darstellung der Kommission zuträfe, wäre es doch für die Anwendung des Verbots der Mehrfachahndung ohne Bedeutung,
         dass andere Behörden nur die örtlichen Auswirkungen einer Zuwiderhandlung berücksichtigt hätten. Nach dem Urteil Boehringer/Kommission
         (zitiert oben in Randnr. 55) komme es insoweit allein auf die Identität der inkriminierten Handlungen an. Dies werde durch
         die Praxis der Kommission selbst bestätigt, die in einer Entscheidung aus dem Jahr 1983 von der Geldbuße, die sie gegen an
         einem Kartell beteiligte Unternehmen verhängt habe, den bereits von den deutschen Behörden festgesetzten Bußgeldbetrag abgezogen
         habe, obgleich sie nur über außerhalb Deutschlands gelegene Teile des Kartells entschieden habe (vgl. Entscheidung 83/546/EWG
         der Kommission vom 17. Oktober 1983 betreffend ein Verfahren nach Artikel [81 EG] [IV/30.064 – Gusseisen- und Gussstahlwalzen],
         ABl. L 317, S. 1).
      
      58     Die Kommission habe es somit versäumt, bei der Zumessung des Bußgelds zu berücksichtigen, dass sie bereits in Drittländern
         zu genügend hohen Geldbußen und Schadensersatzbeträgen verurteilt worden sei, um sie von der Begehung einer weiteren wettbewerbsrechtlichen
         Zuwiderhandlung abzuschrecken. Sie sei daher bereits hinreichend mit Sanktionen belegt worden.
      
      59     Die Kommission habe ebenfalls fehlerhaft angenommen, dass die von ihr im Rahmen der US-amerikanischen und kanadischen Verfahren
         geleisteten Schadensersatzzahlungen nur dem Schadensausgleich gedient hätten. Die im Rahmen der Vereinbarung gezahlten Schadensersatzbeträge
         hätten vielmehr von den betroffenen Abnehmern verlangte Schadensersatzzahlungen in dreifacher Höhe („triple damages“) eingeschlossen.
         Der gezahlte Schadensersatz sei daher über bloße Kompensation hinausgegangen und habe ein strafrechtliches Element enthalten.
         Die Kommission hätte diese Beträge mit strafrechtlichem Charakter daher nach dem Grundsatz berücksichtigen müssen, dass wegen
         derselben Zuwiderhandlung keine doppelte Sanktion erfolgen dürfe. 
      
      60     Nach Auffassung der Kommission ist dieser Klagegrund zurückzuweisen.
      B –  Würdigung durch das Gericht
      61     Der Grundsatz ne bis in idem verbietet es, dieselbe Person mehr als einmal wegen desselben rechtswidrigen Verhaltens zum Schutz
         desselben Rechtsguts mit einer Sanktion zu belegen. Seine Anwendung hängt von der dreifachen, kumulativ geltenden Voraussetzung
         der Identität des Sachverhalts, des Zuwiderhandelnden und des geschützten Rechtsguts ab (vgl. in diesem Sinne Urteil des Gerichtshofes
         vom 7. Januar 2004 in den Rechtssachen C‑204/00 P, C‑205/00 P, C‑211/00 P, C‑213/00 P, C‑217/00 P und C‑219/00 P, Aalborg
         Portland u. a./Kommission, Slg. 2004, I‑123, Randnr. 338). 
      
      62     So hat die Rechtsprechung der Gemeinschaftsgerichte die Möglichkeit bejaht, dass gegen ein Unternehmen wegen desselben rechtswidrigen
         Verhaltens zwei Parallelverfahren durchgeführt und somit zwei gesonderte Sanktionen verhängt werden dürfen, eine von der zuständigen
         Behörde des betreffenden Mitgliedstaats, die andere nach dem Gemeinschaftsrecht, sofern diese Verfahren verschiedenen Zielen
         dienen und die verletzten Normen nicht identisch sind (Urteil des Gerichtshofes vom 13. Februar 1969 in der Rechtssache 14/68,
         Wilhelm u. a., Slg. 1969, 1, Randnr. 11; Urteile des Gerichts vom 6. April 1995 in der Rechtssache T‑141/89, Tréfileurope/Kommission,
         Slg. 1995, II‑791, Randnr. 191, und vom 6. April 1995 in der Rechtssache T‑149/89, Sotralentz/Kommission, Slg. 1995, II‑1127,
         Randnr. 29).
      
      63     Daraus folgt, dass der Grundsatz ne bis in idem erst recht nicht in einem Fall wie dem vorliegenden anwendbar sein kann, indem
         die einerseits von der Kommission und andererseits von den amerikanischen und kanadischen Behörden geführten Verfahren und
         verhängten Sanktionen offenkundig nicht den gleichen Zielen dienen. Denn im ersten Fall geht es um die Erhaltung eines unverfälschten
         Wettbewerbs auf dem Gebiet der Europäischen Union oder im EWR, im zweiten Fall hingegen wird ein Schutz des amerikanischen
         und kanadischen Marktes angestrebt (vgl. in diesem Sinne Urteil des Gerichts vom 29. April 2004 in den Rechtssachen T‑236/01,
         T‑239/01, T‑244/01, T‑246/01, T‑251/01 und T‑252/01, Slg. 2004, II‑1181, Randnr. 134 und die dort zitierte Rechtsprechung).
         Die für den Grundsatz ne bis in idem geltende Anwendungsvoraussetzung, dass die geschützten Rechtsgüter identisch sind, ist
         daher nicht erfüllt.
      
      64     Die Klägerin beruft sich daher zu Unrecht auf den Grundsatz ne bis in idem.
      65     Dieser Schluss wird durch das von der Klägerin angeführte Urteil Boehringer/Kommission (vgl. oben, Randnr. 55) nicht in Frage
         gestellt. Denn dort hat der Gerichtshof nicht ausgeführt, dass die Kommission zur Anrechnung der von den Behörden eines Drittstaats
         verhängten Sanktion verpflichtet ist, wenn der einem Unternehmen von diesen Behörden und von der Kommission angelastete Sachverhalt
         derselbe ist, sondern sich auf die Feststellung beschränkt, dass diese Frage zu entscheiden ist, wenn sie sich stellt (oben
         in Randnr. 55 zitiertes Urteil Boehringer/Kommission, Randnr. 3).
      
      66     Selbst wenn der allgemeine Billigkeitsgrundsatz die Kommission unter besonderen Umständen dazu verpflichten könnte, von Drittstaatsbehörden
         verhängte Sanktionen dann zu berücksichtigen, wenn mit diesen auch Handlungen im Gemeinschaftsgebiet geahndet werden, bleibt
         doch festzustellen, dass die Klägerin nicht nachgewiesen hat, dass es sich im vorliegenden Fall so verhält und die amerikanischen
         und kanadischen Behörden das Kartell auch geahndet haben, soweit es das Gemeinschaftsgebiet oder den EWR betraf.
      
      67     Denn der bloße Hinweis in der mit den amerikanischen Behörden geschlossenen Vereinbarung, dass das Kartell „in den Vereinigten
         Staaten und andernorts“ bestanden habe, ist kein Beweis dafür, dass die amerikanischen Behörden bei der Berechnung der Bußgeldhöhe
         andere Durchführungshandlungen oder Auswirkungen des Kartells berücksichtigten als die, die das amerikanische Hoheitsgebiet
         betrafen, also insbesondere solche im EWR (vgl. in diesem Sinne oben in Randnr. 63 zitiertes Urteil Tokai Carbon u. a./Kommission,
         Randnr. 143).
      
      68     Ebenso genügt der bloße Hinweis auf den verhängten Bußgeldbetrag, der wegen der räumlichen Ausdehnung der Zuwiderhandlung
         besonders hoch ausgefallen sei, nicht als Beleg dafür, dass die Auswirkungen des Kartells auf dem Markt des EWR berücksichtigt
         worden wären.
      
      69     Was die Vereinbarung mit den kanadischen Behörden betrifft, so hat die Klägerin nicht den geringsten Beweis dafür erbracht,
         dass diese Behörden bei der Bußgeldzumessung andere Durchführungshandlungen oder Auswirkungen des Kartells als in Kanada berücksichtigt
         hätten, also insbesondere solche im EWR. Die Bezugnahme der kanadischen Behörden auf die weltweite Ausdehnung des Kartells,
         auf die sich die Klägerin beruft, diente ausschließlich zur Bewertung der Bedeutung des Kartells auf dem gesamten kanadischen
         Markt.
      
      70     Was die abschreckende Wirkung der bereits verhängten Geldbußen und festgesetzten Schadensersatzbeträge, darunter auch „triple
         damages“ ohne kompensatorischen Charakter, anbelangt, so ist daran zu erinnern, dass die Befugnis der Kommission, Geldbußen
         gegen Unternehmen zu verhängen, die vorsätzlich oder fahrlässig gegen Artikel 81 Absatz 1 EG oder Artikel 82 EG verstoßen,
         zu den Befugnissen gehört, die der Kommission eingeräumt worden sind, um sie in die Lage zu versetzen, die ihr durch das Gemeinschaftsrecht
         übertragene Überwachungsaufgabe zu erfüllen. Diese Aufgabe beinhaltet auch den Auftrag, eine allgemeine Politik mit dem Ziel
         zu verfolgen, die im Vertrag niedergelegten Grundsätze auf das Wettbewerbsrecht anzuwenden und das Verhalten der Unternehmen
         in diesem Sinne zu lenken (oben in Randnr. 47 zitiertes Urteil Musique diffusion française u. a./Kommission, Randnr. 105).
      
      71     Daraus folgt die Befugnis der Kommission, das Niveau der Geldbußen so anzusetzen, dass ihre abschreckende Wirkung erhöht wird,
         wenn Zuwiderhandlungen einer bestimmten Art wegen des Gewinns, den eine Reihe der betroffenen Unternehmen daraus ziehen können,
         immer noch verhältnismäßig häufig sind, obwohl ihre Rechtswidrigkeit von Beginn der gemeinschaftlichen Wettbewerbspolitik
         an feststand (oben in Randnr. 47 zitiertes Urteil Musique diffusion française u. a./Kommission, Randnr. 108).
      
      72     Die Klägerin kann dagegen nicht mit Erfolg geltend machen, dass eine Abschreckung in ihrem Fall deshalb nicht notwendig gewesen
         sei, weil sie wegen des gleichen Sachverhalts bereits in Drittstaaten verurteilt worden sei. Das von der Kommission verfolgte
         Ziel der Abschreckung bezieht sich auf das Verhalten der Unternehmen innerhalb der Gemeinschaft oder im EWR. Die abschreckende
         Wirkung einer wegen Verletzung der Wettbewerbsregeln der Gemeinschaft gegen die Klägerin festgesetzten Geldbuße darf daher
         weder allein nach Maßgabe der besonderen Situation der Klägerin noch danach ermittelt werden, ob sie die in Drittstaaten außerhalb
         des EWR geltenden Wettbewerbsregeln beachtet hat (vgl. in diesem Sinne oben in Randnr. 63 zitiertes Urteil Tokai Carbon u. a./Kommission,
         Randnrn. 146 und 147).
      
      73     Der Klagegrund der unterbliebenen Berücksichtigung der in anderen Staaten bereits verhängten Geldbußen ist daher zurückzuweisen.
      III –  Zur Schwere der Zuwiderhandlung
      A –  Einleitung
      74     Nach Auffassung von ADM hat die Kommission bei der Berechnung der Bußgeldhöhe die Schwere der Zuwiderhandlung nicht fehlerfrei
         beurteilt. Mit den Klagegründen, die ADM insoweit vorbringt, rügt sie erstens die fehlende oder ungenügende Berücksichtigung
         des Umsatzes aus dem Verkauf des in Frage stehenden Produkts, zweitens die fehlerhafte Anwendung eines Multiplikators für
         die Erhöhung des Ausgangsbetrags und drittens die fehlerhafte Beurteilung der konkreten Auswirkungen des Kartells auf den
         Markt.
      
      75     Vor der Prüfung, ob diese Klagegründe durchgreifen, ist zusammenzufassen, welche Methode die Kommission im vorliegenden Fall
         ausweislich ihrer Entscheidung befolgte, um die Schwere der Zuwiderhandlung zu beurteilen und zu berücksichtigen.
      
      76     Aus der Entscheidung geht hervor, dass die Kommission im Rahmen der Beurteilung der Schwere der Zuwiderhandlung zunächst die
         Auffassung vertrat, dass die betroffenen Unternehmen unter Berücksichtigung der Art der Zuwiderhandlung, ihrer konkreten Auswirkungen
         auf den Zitronensäuremarkt und des Umfangs des betroffenen räumlichen Marktes, nämlich des gesamten EWR, eine besonders schwere
         Zuwiderhandlung begangen hätten (Randnrn. 204 bis 232 der Entscheidung).
      
      77     Weiter war die Kommission der Ansicht, dass die betroffenen Unternehmen „unterschiedlich zu behandeln [sind], um das tatsächliche
         wirtschaftliche Vermögen der Beteiligten zu berücksichtigen, dem Wettbewerb spürbaren Schaden zuzufügen, und um die Geldbuße
         mit hinreichend abschreckender Wirkung festzusetzen“. In diesem Zusammenhang erläuterte die Kommission, dass sie das jeweilige
         Gewicht und damit die tatsächliche Auswirkung des rechtswidrigen Verhaltens jedes einzelnen Unternehmens auf den Wettbewerb
         berücksichtigen werde (Randnrn. 233 und 234 der Entscheidung). 
      
      78     Bei der Beurteilung dieser Gesichtspunkte legte die Kommission den Umsatz zugrunde, den die betroffenen Unternehmen im letzten
         Jahr der Zuwiderhandlung, 1995, weltweit durch den Verkauf von Zitronensäure erzielt hatten. Die Kommission stellte hierzu
         fest: „Angesichts der weltweiten Dimension des Marktes vermitteln diese Zahlen den besten Eindruck von der Fähigkeit der beteiligten
         Unternehmen, anderen Unternehmen auf dem Gemeinsamen Markt und/oder im EWR spürbaren Schaden zuzufügen“ (Randnr. 236 der Entscheidung).
         Diese Vorgehensweise werde dadurch begründet, dass es sich um ein weltweites Kartell gehandelt habe, das u. a. die weltweite
         Aufteilung von Märkten zum Zweck gehabt habe. Außerdem liefere der weltweite Umsatz jedes Kartellmitglieds Hinweise auf seinen
         Beitrag zur Wirksamkeit des Kartells als Ganzes oder umgekehrt auf dessen Instabilität im Falle einer Nichtbeteiligung (Randnr.
         236 der Entscheidung).
      
      79     Auf dieser Grundlage bildete die Kommission drei Gruppen von Unternehmen: In die erste Gruppe ordnete sie H & R ein, da dieses
         Unternehmen „mit einem Marktanteil von 22 % der größte Marktteilnehmer“ gewesen sei. Der zweiten Gruppe ordnete sie die Klägerin,
         Jungbunzlauer und Roche zu, da die beiden erstgenannten Unternehmen mit „vergleichbaren Marktanteilen von jeweils [vertraulich]“ auf dem Markt präsent seien, während Roche einen Marktanteil von 9 % gehabt habe. In die dritte Gruppe ordnete sie Cerestar
         ein, da das Unternehmen „der kleinste Akteur mit einem geschätzten Marktanteil von 2,5 %“ im Jahr 1995 gewesen sei. Die Kommission
         setzte so die Ausgangsbeträge im Fall von H & R auf 35 Mio. Euro, im Fall von ADM, Jungbunzlauer und Roche auf 21 Mio. Euro
         und im Fall von Cerestar auf 3,5 Mio. Euro fest (Randnrn. 237 bis 239 der Entscheidung).
      
      80     Um zu gewährleisten, dass die Geldbußen hinreichend abschreckende Wirkung hätten, passte die Kommission anschließend diesen
         Ausgangsbetrag der Größe und den gesamten Ressourcen der betroffenen Unternehmen an. Demgemäß wandte sie einen Multiplikator
         von 2 (also eine Erhöhung um 100 %) auf den gegen ADM festgesetzten Ausgangsbetrag an, der damit auf 42 Mio. Euro angehoben
         wurde, und einen Multiplikator von 2,5 (also eine Erhöhung um 150 %) auf den gegen Roche festgesetzten Ausgangsbetrag, der
         damit auf 87,5 Mio. Euro angehoben wurde (Randnrn. 240 bis 246 der Entscheidung).
      
      B –  Zur fehlenden oder unzureichenden Berücksichtigung des Umsatzes aus dem Verkauf des in Frage stehenden Produkts
      1.     Vorbringen der Parteien
      81     Die Klägerin wirft der Kommission vor, dass sie ihren Umsatz aus dem Verkauf des in Frage stehenden Produkts für die Berechnung
         der Höhe der Geldbuße nicht oder nicht hinreichend berücksichtigt habe.
      
      82     Die Klägerin macht insoweit geltend, dass der mit dem fraglichen Produkt erzielte Umsatz für die Bemessung von Geldbußen nach
         der Rechtsprechung des Gerichts ein wesentlicher Gesichtspunkt sei (Urteile des Gerichts vom 14. Juli 1994 in der Rechtssache
         T‑77/92, Parker Pen/Kommission, Slg. 1994, II‑549, Randnrn. 92 bis 95, vom 8. Oktober 1996 in den Rechtssachen T‑24/93 bis
         T‑26/93 und T‑28/93, Compagnie maritime belge transports u. a./Kommission, Slg. 1996, II‑1201, Randnr. 233, vom 21. Oktober
         1997 in der Rechtssache T‑229/94, Deutsche Bahn/Kommission, Slg. 1997, II‑1689, Randnr. 127, und vom 14. Mai 1998 in der Rechtssache
         T‑327/94, SCA Holding/Kommission, Slg. 1998, II‑1373, Randnr. 176).
      
      83     Die Berücksichtigung des Umsatzes mit dem betroffenen Produkt im EWR sei eine geeignete Grundlage für die Beurteilung, inwieweit
         der Wettbewerb auf dem betroffenen Produktmarkt in der Gemeinschaft geschädigt worden sei und welche relative Bedeutung den
         Kartellteilnehmern für die in Frage stehenden Produkte zukomme. Diese Auffassung werde durch die Rechtsprechung des Gerichts
         gestützt (oben in Randnr. 47 zitiertes Urteil Europa Carton/Kommission, Randnr. 126, und Urteil des Gerichts vom 14. Mai 1998
         in der Rechtssache T‑309/94, KNP BT/Kommission, Slg. 1998, II‑1007, Randnr. 108, im Rechtsmittelverfahren bestätigt durch
         Urteil des Gerichtshofes vom 16. November 2000 in der Rechtssache C‑248/98 P, KNP BT/Kommission, Slg. 2000, I‑9641).
      
      84     Ferner werde durch das Urteil LR AF 1998/Kommission (zitiert oben in Randnr. 41) bestätigt, dass eine unverhältnismäßige Berücksichtigung
         der Gesamtgröße eines Unternehmens für die Bemessung der Geldbuße rechtswidrig sei.
      
      85     Auch in ihrer Entscheidungspraxis der letzten Jahre in mit dem vorliegenden Sachverhalt vergleichbaren Kartellsachen (Entscheidung
         94/601/EG der Kommission vom 13. Juli 1994 in einem Verfahren nach Artikel 85 EG-Vertrag [IV/C/33.833 – Karton], ABl. L 243,
         S. 1, Entscheidung 94/815/EG der Kommission vom 30. November 1994 in einem Verfahren nach Artikel 85 EG-Vertrag [Sache IV/33.126
         und 33.322 – Zement], ABl. L 343, S. 1, Entscheidung 86/398/EWG der Kommission vom 23. April 1986 betreffend ein Verfahren
         nach Artikel 85 des EWG-Vertrags [IV/31.149 – Polypropylen], ABl. L 230, S. 1, Entscheidung 89/515/EWG der Kommission vom
         2. August 1989 betreffend ein Verfahren nach Artikel 85 EWG-Vertrag [IV/31.553 – Betonstahlmatten], ABl. L 260, S. 1, und
         Entscheidung 94/215/EGKS der Kommission vom 16. Februar 1994 in einem Verfahren nach Artikel 65 des EGKS-Vertrags betreffend
         Vereinbarungen und verabredete Praktiken von europäischen Trägerherstellern, ABl. L 116, S. 1) habe sich die Kommission, wie
         sie im Übrigen in der Entscheidung (Randnr. 253) selbst anerkannt habe, auf den Umfang des Umsatzes mit dem in Frage stehenden
         Produkt auf dem Gemeinschaftsmarkt gestützt. Unter Heranziehung dieses Berechnungskriteriums habe die Kommission in diesen
         Entscheidungen Geldbußen in Höhe von 2,5 % bis 9 % des Umsatzes der betroffenen Unternehmen mit dem in Frage stehenden Produkt
         festgesetzt. Hätte die Kommission dieses Berechnungskriterium auch im vorliegenden Fall zugrunde gelegt, so hätte sie der
         Klägerin eine Geldbuße zwischen 1,15 und 4,14 Mio. Euro auferlegt. Infolge der Aufgabe dieses Berechnungskriteriums habe die
         Kommission hingegen im vorliegenden Fall Geldbußen verhängt, die zwischen 10‑ und 34‑mal höher seien als die Geldbußen, die
         sie nach der genannten Grundlage festgesetzt hätte.
      
      86     Die Kommission behaupte auch zu Unrecht, dass sie den Umsatz der Beteiligten durch deren Einteilung in drei Gruppen nach ihrem
         Anteil am Weltmarkt für Zitronensäure berücksichtigt habe (Randnr. 236). Richtigerweise hätte die Kommission auch den begrenzten
         Wert der Verkäufe von Zitronensäure im EWR im Jahr 1995 berücksichtigen müssen.
      
      87     Erstens müsse die Kommission nämlich, wie sie selbst einräume, die Schwere der Zuwiderhandlung und damit das Niveau der Geldbuße
         anhand der Auswirkungen im EWR beurteilen. Das von der Kommission in Randnummer 236 der Entscheidung angeführte Argument,
         der weltweite Umsatz sei deshalb zugrunde zu legen, weil das Kartell „die Nichtentfaltung von Wettbewerbsreserven im EWR-Markt“
         bezweckt habe, entbehre jeder Grundlage. In der Entscheidung werde nicht behauptet, dass die Beteiligten eine Vereinbarung
         über die Fernhaltung von Lieferungen vom EWR-Markt getroffen hätten. Das Kartell habe Quoten auf weltweiter Basis festgesetzt
         (Randnrn. 97 bis 101 der Entscheidung) und keine gesonderten Quoten für Europa gehabt. Betreffe ein Kartell die Verbraucher
         des EWR, so sei deren Schädigung die gleiche, gleichviel, ob sich das Kartell über den EWR hinaus erstrecke oder nicht. Insoweit
         dürfe es daher keinen Unterschied bei der Beurteilung der Schwere der Zuwiderhandlung und der Festsetzung der verhängten Geldbuße
         geben.
      
      88     Zweitens sei die Entscheidungspraxis der Kommission in sich unstimmig. Denn in den Sachen „nahtlose Stahlrohre“ (Entscheidung
         2003/382/EG der Kommission vom 8. Dezember 1999 in einem Verfahren nach Artikel 81 EG-Vertrag [Sache IV/E-1/35.860-B – nahtlose
         Stahlrohre], ABl. 2003, L 140, S. 1) und „Natriumglukonat“ (Entscheidung vom 2. Oktober 2001 in einem Verfahren nach Artikel
         81 EG und Artikel 53 EWR-Abkommen [COMP/E-1/36.756 – Natriumglukonat]) habe sich die Kommission dafür entschieden, nur die
         Verkäufe innerhalb des EWR zu berücksichtigen. 
      
      89     Drittens veranschauliche gerade der vorliegende Fall die widersinnigen Folgen einer Berücksichtigung des weltweiten Umsatzes,
         weil die Verkäufe der Klägerin in Kanada und in den USA, die ungefähr 50 % ihrer Zitronensäureverkäufe auf dem Weltmarkt ausmachten,
         bereits von den Behörden dieser Länder bei der Verhängung von Sanktionen gegen ADM berücksichtigt worden seien. Mit der Einbeziehung
         des weltweiten Umsatzes habe die Kommission daher hinsichtlich der Verkäufe der Klägerin, für die sie bereits mit Sanktionen
         belegt worden sei, eine unverhältnismäßige Geldbuße ausgesprochen.
      
      90     Viertens hätte die Kommission, selbst wenn man unterstelle, dass der weltweite Umsatz aus dem Verkauf von Zitronensäure ein
         relevanter Faktor für die Bußgeldzumessung sein könnte, diesen Umsatz doch nicht in angemessener Weise berücksichtigt. Der
         gegen ADM festgesetzte Bußgeldbetrag (vor Anwendung der Mitteilung über Zusammenarbeit) mache 66 % des weltweiten Umsatzes
         aus dem Verkauf von Zitronensäure aus. Eine solche Sanktion übersteige bei weitem jeden Schaden, der den Verbrauchern oder
         dem Wettbewerb durch die Kartellbeteiligung der Klägerin, die ihrerseits nur einem Bruchteil des weltweiten Umsatzes entspreche,
         zugefügt worden sei. Genau genommen habe sich die Kommission ausschließlich auf die gesamten Umsätze und Ressourcen des Unternehmens
         gestützt. Diese unverhältnismäßige Zugrundelegung des Gesamtumsatzes führe aber zur Verhängung einer rechtswidrigen Geldbuße.
      
      91     Damit habe die Kommission nicht nur die in der Rechtsprechung entwickelten Grundsätze verkannt, sondern auch den Grundsatz
         der Verhältnismäßigkeit verletzt.
      
      92     Ferner heiße es in den Leitlinien, es sei „nötig …, die tatsächliche wirtschaftliche Fähigkeit der Urheber der Verstöße, Wettbewerber
         und den Verbraucher wirtschaftlich in erheblichem Umfang zu schädigen, zu berücksichtigen“. Danach sei zudem bei Kartellen
         eine Gewichtung vorzunehmen, um „die tatsächliche Auswirkung des Verstoßes jedes einzelnen Unternehmens auf den Wettbewerb
         zu berücksichtigen“.
      
      93     Die wirtschaftlichen Auswirkungen auf den Wettbewerb oder andere Wirtschaftsteilnehmer ließen sich aber nur anhand der Verkaufszahlen
         des in Frage stehenden Produkts beurteilen. Nur wenn man von diesen Verkäufen ausgehe, könne der Umfang der potenziellen Schädigung
         der Verbraucher oder des Wettbewerbs im Verhältnis zu den wettbewerbswidrigen Zuschlägen oder anderen rechtswidrigen Gewinnen
         beurteilt werden.
      
      94     Die Kommission habe daher mit ihrem Versäumnis, den Umsatz aus dem fraglichen Produkt zu berücksichtigen, ihre eigenen Richtlinien
         nicht richtig angewandt.
      
      95     Da die Kommission ihren Entschluss, die Verkäufe der Klägerin auf dem in Frage stehenden Produktmarkt unberücksichtigt zu
         lassen, in der Entscheidung auch nicht speziell begründet habe, habe sie zugleich ihre Begründungspflicht verletzt.
      
      96     Nach Auffassung der Kommission sind diese Klagegründe zurückzuweisen.
      2.     Würdigung durch das Gericht
      97     Die Klägerin rügt zum einen einen Verstoß gegen den Grundsatz der Verhältnismäßigkeit und ihre Leitlinien und zum anderen
         eine Verletzung der Begründungspflicht.
      
      a)     Zur Verletzung des Grundsatzes der Verhältnismäßigkeit 
      98     Wie in ständiger Rechtsprechung anerkannt ist, ist die Schwere von Zuwiderhandlungen anhand zahlreicher Gesichtspunkte zu
         ermitteln, zu denen u. a. die besonderen Umstände der Sache, ihr Kontext und die Abschreckungswirkung der Geldbußen gehören,
         ohne dass es eine zwingende oder abschließende Liste von Kriterien gäbe, die auf jeden Fall berücksichtigt werden müssten
         (Beschluss des Gerichtshofes vom 25. März 1996 in der Rechtssache C‑137/95 P, SPO u. a./Kommission, Slg. 1996, I‑1611, Randnr. 54,
         und Urteil des Gerichtshofes vom 17. Juli 1997 in der Rechtssache C‑219/95 P, Ferriere Nord/Kommission, Slg. 1997, I‑4411,
         Randnr. 33; Urteil des Gerichts vom 20. März 2002 in der Rechtssache T‑9/99, HFB u. a./Kommission, Slg. 2002, II‑1487, Randnr. 443).
      
      99     Ferner können nach ständiger Rechtsprechung zu den Gesichtspunkten für die Beurteilung der Schwere einer Zuwiderhandlung je
         nach Fall die Menge und der Wert der Waren, auf die sich die Zuwiderhandlung erstreckte, sowie die Größe und Wirtschaftskraft
         des Unternehmens und damit der Einfluss gehören, den es auf den relevanten Markt ausüben konnte. Daraus ergibt sich zum einen,
         dass bei der Festsetzung der Geldbuße sowohl der Gesamtumsatz des Unternehmens, der – wenn auch nur annähernd und unvollständig
         – etwas über dessen Größe und Wirtschaftskraft aussagt, als auch der Marktanteil der betroffenen Unternehmen an dem in Frage
         stehenden Markt herangezogen werden darf, der somit einen Anhaltspunkt für das Ausmaß der Zuwiderhandlung liefern kann. Zum
         anderen folgt daraus, dass weder der einen noch der anderen dieser Zahlen eine im Verhältnis zu den übrigen Beurteilungskriterien
         übermäßige Bedeutung zugemessen werden darf und dass die Festsetzung einer angemessenen Geldbuße nicht das Ergebnis eines
         bloßen auf den Gesamtumsatz gestützten Rechenvorgangs sein kann (vgl. in diesem Sinne oben in Randnr. 47 zitiertes Urteil
         Musique diffusion française u. a./Kommission, Randnrn. 120 und 121, oben in Randnr. 82 zitierte Urteile Parker Pen/Kommission,
         Randnr. 94, und SCA Holding/Kommission, Randnr. 176, oben in Randnr. 41 zitiertes Urteil Archer Daniels Midland und Archer
         Daniels Midland Ingredients/Kommission, Randnr. 188, und oben in Randnr. 98 zitiertes Urteil HFB u. a./Kommission, Randnr. 444).
      
      100   Wenn somit auch, wie die Klägerin hervorhebt, der Umsatz mit dem in Frage stehenden Produkt eine geeignete Grundlage darstellen
         kann, um die Schädigung des Wettbewerbs auf dem betroffenen Produktmarkt in der Gemeinschaft und die relative Bedeutung der
         Kartellteilnehmer im Hinblick auf die betroffenen Produkte zu ermitteln, ist doch dieser Gesichtspunkt bei weitem nicht das
         einzige Kriterium, nach dem die Kommission die Schwere der Zuwiderhandlung zu beurteilen hat.
      
      101   Diesem Gesichtspunkt würde deshalb im Gegensatz zur Auffassung der Klägerin eine unverhältnismäßige Bedeutung zuerkannt, wenn
         die Prüfung der Verhältnismäßigkeit der Geldbuße, wie die Klägerin vorzuschlagen scheint. darauf beschränkt bliebe, nur deren
         Verhältnis zu dem Umsatz mit dem in Frage stehenden Produkt zu würdigen. Die Verhältnismäßigkeit der Bußgeldhöhe ist vielmehr
         anhand aller Faktoren zu beurteilen, die die Kommission bei der Bewertung der Schwere der Zuwiderhandlung berücksichtigen
         muss, wie die Art der Zuwiderhandlung, ihre konkreten Auswirkungen auf den betroffenen Markt und der Umfang des räumlichen
         Marktes. 
      
      102   Die Stichhaltigkeit der Entscheidung im Hinblick auf bestimmte dieser Gesichtspunkte ist auf der Grundlage der vier genannten
         Argumente der Klägerin zu prüfen, mit denen sie im Wesentlichen dartun will, dass die Kommission im vorliegenden Fall den
         Umsatz der betroffenen Unternehmen im EWR und nicht ihren weltweiten Umsatz hätte zugrunde legen müssen.
      
      103   Mit ihrem ersten Argument wendet sich die Klägerin im Wesentlichen gegen die Ausführungen der Kommission in Randnummer 236
         der Entscheidung, wonach für die Einteilung der Beteiligten in drei Kategorien auf den weltweiten Umsatz abzustellen sei,
         weil das Kartell „die Nichtentfaltung von Wettbewerbsreserven im EWR-Markt“ bezweckt habe. Die Klägerin macht geltend, dass
         in der Entscheidung nicht einmal behauptet werde, es sei die Fernhaltung von Lieferungen vom Markt des EWR vereinbart worden.
         
      
      104   Insoweit ist jedoch darauf hinzuweisen, dass die Klägerin diese Passage der Entscheidung ohne ihren Kontext anführt. Die Lektüre
         der Randnummer 236 der Entscheidung insgesamt lässt klar erkennen, dass nach Auffassung der Kommission im Zusammenhang mit
         einem weltweiten Kartell wie im vorliegenden Fall die tatsächliche Fähigkeit der Beteiligten zur Schädigung des betroffenen
         Marktes nur anhand der weltweiten Umsätze beurteilt werden kann. Das erste Argument greift daher nicht durch.
      
      105   Mit ihrem zweiten Argument möchte die Klägerin aufzeigen, dass die Kommission in ihrer neueren Verwaltungspraxis selbst vom
         Umsatz im EWR ausgegangen ist.
      
      106   Die beiden Entscheidungen, die die Klägerin dafür anführt, sind jedoch im vorliegenden Fall nicht einschlägig. In der Sache
         „nahtlose Stahlrohre“ (vgl. oben, Randnr. 88), hat die Kommission die Beteiligten nicht in bestimmter Weise klassifiziert
         (vgl. Randnrn. 159 bis 162 der Entscheidung „nahtlose Stahlrohre“). In der Sache „Natriumglukonat“ (vgl. oben, Randnr. 88)
         hat die Kommission hingegen, wie im vorliegenden Fall, für die Klassifizierung der Unternehmen auf den weltweiten Umsatz abgestellt.
         Die Argumentation der Klägerin ist daher sachlich unzutreffend. 
      
      107   Mit ihrem dritten Argument macht ADM im Wesentlichen geltend, dass ihre Verkäufe von Zitronensäure in Kanada und in den USA,
         die etwa 50 % ihres weltweiten Verkaufs von Zitronensäure ausmachten, bereits von den Behörden dieser Länder bei der Verhängung
         von Sanktionen gegen sie berücksichtigt worden seien. Soweit die Klägerin mit diesem Vorbringen im Wesentlichen die Rüge einer
         Verletzung des Verbots der Mehrfachahndung wiederholt, ist es bereits oben als unbegründet zurückgewiesen worden (vgl. oben,
         Randnrn. 61 bis 73). Soweit die Klägerin mit diesem Vorbringen geltend macht, dass die Kommission die Geldbuße nicht auf der
         Grundlage von Verhaltensweisen auf Märkten außerhalb des Gemeinschaftsgebiets festsetzen dürfe, ist das Vorbringen sachlich
         unbegründet. Die Kommission hat nämlich den weltweiten Umsatz nicht zur Grundlage der Berechnung der Geldbuße gemacht, sondern
         lediglich als ein Mittel genutzt, um die tatsächliche wirtschaftliche Fähigkeit der einzelnen Unternehmen zur Schädigung des
         Wettbewerbs festzustellen und um die Geldbuße in einer Höhe festzusetzen, die im Fall jedes Unternehmens eine hinreichend
         abschreckende Wirkung gewährleistet, was wegen des Vorliegens eines weltweiten Kartells gerechtfertigt erscheint.
      
      108   Mit ihrem vierten Argument will ADM im Wesentlichen dartun, dass die Zugrundelegung des Umsatzes aus dem weltweiten Verkauf
         von Zitronensäure zu einer Geldbuße führt, die in Relation zur Schädigung der Verbraucher und des Wettbewerbs unverhältnismäßig
         sei.
      
      109   Insoweit ist daran zu erinnern, dass im vorliegenden Fall ein Kartell in Frage steht, zu dem weltweit tätige Unternehmen mit
         einem Gesamtanteil von 60 % am Weltmarkt für das in Frage stehende Produkt gehörten und das außer der Preisfestsetzung insbesondere
         die Marktaufteilung durch die Zuweisung von Verkaufsquoten umfasste. In einem solchen Fall durfte sich die Kommission im Rahmen
         der differenzierten Behandlung der Beteiligten, wie sie es getan hat, auf die weltweiten Umsätze der einzelnen Kartellmitglieder
         aus dem Verkauf von Zitronensäure stützen. Mit dieser differenzierten Behandlung soll nämlich die tatsächliche wirtschaftliche
         Fähigkeit der Urheber der Verstöße, den Wettbewerb durch ihr rechtswidriges Verhalten zu schädigen, und damit ihr jeweiliges
         Gewicht innerhalb des Kartells festgestellt werden. Die Kommission hat daher mit ihrer Annahme, dass der jeweilige Anteil
         der Kartellteilnehmer am Weltmarkt einen geeigneten Indizwert besitzt, die Grenzen des ihr in diesem Bereich zustehenden weiten
         Ermessens nicht überschritten. 
      
      110   Das Vorbringen einer Verletzung des Grundsatzes der Verhältnismäßigkeit ist daher zurückzuweisen.
      b)     Zum Verstoß gegen die Leitlinien
      111   Wie insoweit festzustellen ist, sehen die Leitlinien zwar nicht vor, dass die Höhe von Geldbußen anhand des Gesamtumsatzes
         oder des Umsatzes der Unternehmen auf dem betreffenden Markt berechnet wird. Sie schließen jedoch auch nicht aus, dass diese
         Umsätze bei der Bemessung der Geldbuße berücksichtigt werden, damit die allgemeinen Grundsätze des Gemeinschaftsrechts gewahrt
         bleiben und wenn die Umstände es erfordern (vgl. in diesem Sinne oben in Randnr. 41 zitiertes Urteil LR AF 1998/Kommission,
         im Rechtsmittelverfahren bestätigt durch das ebenda zitierte Urteil Dansk Rørindustri u. a./Kommission, Randnr. 258, und in
         Randnr. 41 zitiertes Urteil Archer Daniels Midland und Archer Daniels Midland Ingredients/Kommission, Randnr. 187).
      
      112   Nach den Leitlinien bilden somit die Umsätze der betroffenen Unternehmen – sei es der Gesamtumsatz oder der Umsatz aus dem
         Verkauf des betroffenen Produkts – nicht den Ausgangspunkt für die Berechnung der Geldbußen und erst recht nicht die einzigen
         maßgeblichen Kriterien, um die Schwere der Zuwiderhandlung zu ermitteln. 
      
      113   Die Kommission kann sie aber als einen von mehreren relevanten Gesichtspunkten berücksichtigen. Das gilt insbesondere dann,
         wenn die Kommission den Bußgeldbetrag nach dem dritten bis sechsten Absatz des Abschnitts 1 A der Leitlinien anpasst, um ein
         hinreichend abschreckendes Niveau der Geldbußen zu gewährleisten. In diesem Zusammenhang berücksichtigt die Kommission die
         tatsächliche Fähigkeit der Urheber des Verstoßes, Wettbewerber und den Verbraucher wirtschaftlich in erheblichem Umfang zu
         schädigen, und das Erfordernis, eine hinreichend abschreckende Wirkung der Geldbuße sicherzustellen (Abschnitt 1 A vierter
         Absatz), und gewichtet zudem die festgesetzten Beträge, um das jeweilige Gewicht und damit die tatsächliche Auswirkung des
         Verstoßes jedes einzelnen Unternehmens auf den Wettbewerb zu berücksichtigen, und zwar insbesondere dann, wenn an einem Verstoß
         derselben Art Unternehmen von unterschiedlicher Größe beteiligt waren (Abschnitt 1 A sechster Absatz).
      
      114   Im vorliegenden Fall hat die Kommission in ihren Schriftsätzen ausgeführt, sie habe sich auf den Umsatz auf dem betroffenen
         Produktmarkt gestützt, um die relative Bedeutung der einzelnen Unternehmen zu beurteilen. Wie Randnummer 236 der Entscheidung
         zu entnehmen ist, hat sich die Kommission jedoch, um die relative Bedeutung der Unternehmen auf dem betroffenen Markt zu berücksichtigen,
         tatsächlich auf den weltweiten Umsatz mit dem in Frage stehenden Produkt bezogen. Wie oben in den Randnummern 77 und 78 bereits
         ausgeführt, hat sie nämlich im Interesse einer differenzierten Behandlung, um der tatsächlichen wirtschaftlichen Fähigkeit
         der Urheber der Zuwiderhandlung zu einer erheblichen Schädigung des Wettbewerbs Rechnung zu tragen und die Geldbuße auf einem
         Niveau festzusetzen, das ihre hinreichend abschreckende Wirkung gewährleistet, auf den Umsatz der Beteiligten aus dem weltweiten
         Verkauf von Zitronensäure im letzten Jahr der Zuwiderhandlung, also 1995, abgestellt.
      
      115   Im vorliegenden Fall handelt es sich um ein weltweites Kartell, zu dem Unternehmen mit einem sehr hohen Anteil am Weltmarkt
         für das betroffene Produkt gehörten. Ferner umfasste das Kartell die Festsetzung von Preisen und die Aufteilung des Marktes
         durch die Zuweisung von Verkaufsquoten. In einem solchen Fall darf sich die Kommission im Rahmen einer differenzierten Behandlung
         der betroffenen Unternehmen auf die Umsätze der Kartellteilnehmer aus ihrem weltweiten Verkauf von Zitronensäure stützen.
         Da nämlich mit dieser differenzierten Behandlung bezweckt wird, die tatsächliche wirtschaftliche Fähigkeit der Urheber eines
         Verstoßes zu würdigen, den Wettbewerb durch ihr rechtswidriges Verhalten zu schädigen, und damit ihrem jeweiligen Gewicht
         innerhalb des Kartells Rechnung zu tragen, hat die Kommission mit ihrer Annahme, dass der Anteil der einzelnen Kartellteilnehmer
         am Weltmarkt von geeignetem Indizwert ist, die Grenzen ihres weiten Ermessens nicht überschritten.
      
      116   Der Klagegrund eines Verstoßes gegen die Leitlinien ist daher zurückzuweisen.
      c)     Zur Verletzung der Begründungspflicht
      117   Nach ständiger Rechtsprechung muss die durch Artikel 253 EG vorgeschriebene Begründung die Überlegungen des Gemeinschaftsorgans,
         das den Rechtsakt erlassen hat, so klar und eindeutig zum Ausdruck bringen, dass die Betroffenen ihr die Gründe für die erlassene
         Maßnahme entnehmen können und das zuständige Gericht seine Kontrollaufgabe wahrnehmen kann. Das Begründungserfordernis ist
         nach den Umständen des Einzelfalls, insbesondere nach dem Inhalt des Rechtsakts, der Art der angeführten Gründe und nach dem
         Interesse zu beurteilen, das die Adressaten oder andere durch den Rechtsakt unmittelbar und individuell betroffene Personen
         an Erläuterungen haben können. In der Begründung brauchen nicht alle tatsächlich oder rechtlich einschlägigen Gesichtspunkte
         genannt zu werden, da die Frage, ob die Begründung eines Rechtsakts den Erfordernissen des Artikels 253 EG genügt, nicht nur
         anhand seines Wortlauts zu beurteilen ist, sondern auch anhand seines Kontexts sowie sämtlicher Rechtsvorschriften auf dem
         betreffenden Gebiet (Urteile des Gerichtshofes vom 2. April 1998 in der Rechtssache C‑367/95 P, Kommission/Sytraval und Brink’s
         France, Slg. 1998, I‑1719, Randnr. 63, und vom 30. September 2003 in der Rechtssache C‑301/96, Deutschland/Kommission, Slg.
         2003, I‑9919, Randnr. 87).
      
      118   Im Fall einer Entscheidung, mit der gegen mehrere Unternehmen wegen einer Zuwiderhandlung gegen die gemeinschaftlichen Wettbewerbsregeln
         Geldbußen verhängt werden, ist der Umfang der Begründungspflicht insbesondere im Licht des Umstands zu berücksichtigen, dass
         die Schwere der Zuwiderhandlungen anhand einer Vielzahl von Gesichtspunkten zu ermitteln ist, zu denen u. a. die besonderen
         Umstände der Rechtssache und ihr Kontext gehören, ohne dass es eine zwingende oder abschließende Liste von Kriterien gäbe,
         die auf jeden Fall berücksichtigt werden müssten (oben in Randnr. 98 zitierter Beschluss SPO u. a./Kommission, Randnr. 54).
      
      119   Im vorliegenden Fall hat die Kommission den gegen ein Unternehmen zu verhängenden Bußgeldbetrag auf der Grundlage seines Umsatzes
         mit dem betroffenen Produkt berechnet, dabei aber nicht auf den Umsatz im EWR, sondern auf den weltweiten Umsatz mit diesem
         Produkt abgestellt (vgl. oben, Randnr. 114). Entgegen dem Vorbringen von ADM war sie nicht dazu verpflichtet, den Umsatz mit
         dem betroffenen Produkt im EWR zugrunde zu legen (vgl. oben, Randnr. 111). Es kann daher der Kommission nicht angelastet werden,
         dass sie nicht die Gründe angab, aus denen sie diesen Faktor für die Berechnung der zu verhängenden Geldbuße nicht herangezogen
         hat.
      
      120   Der Klagegrund einer Verletzung der Begründungspflicht ist daher ebenfalls zurückzuweisen. 
      C –  Zur Anwendung eines Multiplikators auf den Ausgangsbetrag
      1.     Vorbringen der Parteien
      121   ADM hält die Anwendung eines Multiplikators von 2 auf den Ausgangsbetrag (Randnr. 246 der Entscheidung) für eine offensichtlich
         unverhältnismäßige Maßnahme, die zudem auf fehlerhaften Erwägungen beruhe und den Grundsatz der Verhältnismäßigkeit verletze.
         
      
      122   Die Klägerin erinnert daran, dass sie im Rahmen der in den USA und in Kanada wegen Wettbewerbsverstößen eingeleiteten Verfahren
         bereits Geldbußen in Höhe von 30 Mio. USD in den USA und 2 Mio. CAD in Kanada entrichtet, die Verbraucher in Höhe von 83 Mio.
         USD entschädigt und etwa 34 Mio. USD für die Beilegung der von Aktionären gegen sie eröffneten Rechtsstreitigkeiten gezahlt
         habe. Darüber hinaus habe sie es hinnehmen müssen, dass einer ihrer Mitarbeiter in den USA zu einer Freiheitsstrafe verurteilt
         worden sei. Sie habe daraufhin weltweit eine Politik zur Einhaltung der Wettbewerbsregeln eingeleitet. Alle diese Sanktionen
         und Maßnahmen ließen die Verhängung einer neuen Sanktion mit abschreckendem Charakter durch die Kommission als unnötig und
         unverhältnismäßig erscheinen.
      
      123   ADM führt zweitens aus, dass eine Geldbuße, da Unternehmen rational handelnde Wirtschaftseinheiten seien, bereits dann tatsächlich
         abschreckenden Charakter habe, wenn sie auf einem Niveau festgesetzt werde, auf dem ihr zu erwartender Betrag größer sei als
         der Gewinn aus der Zuwiderhandlung. Sobald Unternehmen feststellten, dass der durch eine Sanktion verursachte Verlust den
         Gewinn aus dem Kartell zunichte mache, habe die Geldbuße abschreckende Wirkung. Diese Sichtweise habe auch der Gerichtshof
         im Urteil Musique diffusion française u. a./Kommission (zitiert oben in Randnr. 47, Randnr. 108) bestätigt. Sie stehe ebenso
         in Einklang mit den Leitlinien, nach deren Abschnitt 1 A Absatz 4 die abschreckende Wirkung nach der Fähigkeit der Kartellteilnehmer,
         den Verbraucher zu schädigen, zu bemessen sei. Damit aber verlangten die Leitlinien, dass bei der Ermittlung einer hinreichenden
         Abschreckungswirkung der Gewinn aus einem rechtswidrigen Kartell berücksichtigt werde. Diese Betrachtungsweise liege als gemeinsames
         Konzept auch anderen gemeinschaftsrechtlichen Regelungen zugrunde.
      
      124   ADM bestreitet nicht, dass der weltweite Umsatz in die Bußgeldbemessung einbezogen werden darf. Werde ihm aber ein übermäßiges
         Gewicht beigelegt, so führe dies zu einer unverhältnismäßigen Geldbuße. Die Kommission begründe die von ihr angewandte Erhöhung
         indessen nur mit einem Vergleich, mit dem sie sich auf den Umsatz von ADM beziehe. Es gebe aber keine vernünftige Begründung
         dafür, dass die für eine abschreckende Wirkung angewandte Erhöhung an ihrem weltweiten Umsatz ausgerichtet worden sei. Die
         Vorgehensweise der Kommission erkläre in keiner Weise, warum auch die Gewinne von ADM aus dem Verkauf von Produkten, die ohne
         jeden Bezug zu der Zuwiderhandlung seien, zunichte gemacht werden müssten, um Unternehmen von weiteren Aktivitäten im Rahmen
         eines Kartells für Zitronensäure abzuschrecken.
      
      125   Die Klägerin wiederholt drittens ihr Vorbringen, dass eine wirksam abschreckende Sanktion den aus dem Kartell erwarteten Gewinn
         zunichte machen müsse (vgl. oben, Randnr. 123). Im vorliegenden Fall sei es aber Jungbunzlauer, die im EWR die höchsten jährlichen
         Verkäufe aufzuweisen (77 Mio. Euro) und den höchsten Gewinn aus dem Kartell bezogen habe. Gegen Jungbunzlauer sei jedoch in
         diesem Stadium der Bußgeldbemessung keine Erhöhung zu Abschreckungszwecken angewandt worden. Hingegen sei gegen sie selbst
         bei jährlichen Verkäufen im EWR in Höhe von 46 Mio. Euro der Ausgangsbetrag der Geldbuße durch eine zu Abschreckungszwecken
         vorgenommene Erhöhung um 21 Mio. Euro verdoppelt worden. Damit habe die Kommission den Grundsatz der Gleichbehandlung verletzt.
      
      126   Viertens sei die Kommission nicht berechtigt, sich – in ihrer Klagebeantwortung – auf den Umstand zu stützen, dass ADM außer
         am Kartell auf dem Zitronensäuremarkt gleichzeitig an zwei anderen Kartellen teilgenommen habe. Dieser Gesichtspunkt sei nämlich
         in der Entscheidung nicht genannt. Im Übrigen habe die Kommission in allen Entscheidungen, die diese Kartelle beträfen, einen
         Multiplikator angewandt, um eine abschreckende Wirkung der Geldbuße sicherzustellen.
      
      127   Fünftens sei die Entscheidung auch insoweit unzureichend begründet. Die Kommission habe nämlich nicht erläutert, auf welcher
         Grundlage sie eine Erhöhung in einer derartigen Größenordnung für erforderlich gehalten habe, um eine abschreckende Wirkung
         zu erzielen. Sie habe lediglich erklärt, dass gegen größere Unternehmen höhere Geldbußen festgesetzt werden müssten, aber
         weder erklärt, aus welchen Gründen im Fall der Klägerin eine Verdoppelung der Geldbuße angemessen erscheine, noch klargestellt,
         ob Gesichtspunkte wie die bereits verhängten Sanktionen mit ihrer abschreckenden Wirkung gegen das Streben nach Gewinnen aus
         dem Kartell berücksichtigt worden seien. Die Kommission sei aber verpflichtet gewesen, die Gründe für die in Frage stehende
         Maßnahme klar zu benennen, zumal es keine veröffentlichten Kartellsachen gebe, in denen die Kommission als zusätzlichen Schritt
         im Verfahren der Bußgeldzumessung eine „hinreichend abschreckende“ Erhöhung vorgenommen habe. Im Übrigen stelle diese Erhöhung
         einen bedeutenden Teil der letztlich gegen sie verhängten Geldbuße dar.
      
      128   Nach Auffassung der Kommission ist dieses Vorbringen zurückzuweisen.
      2.     Würdigung durch das Gericht
      a)     Zur Verletzung des Grundsatzes der Verhältnismäßigkeit
      129   Soweit die Klägerin im Wesentlichen geltend macht, dass Unternehmen rational handelnde Wirtschaftseinheiten seien und eine
         Geldbuße daher bereits dann tatsächlich abschreckenden Charakter habe, wenn sie auf einem Niveau festgesetzt werde, auf dem
         ihr zu erwartender Betrag den Gewinn aus der Zuwiderhandlung übersteige, ist daran zu erinnern, dass die Abschreckung eine
         der Haupterwägungen ist, von denen sich die Kommission bei der Bußgeldzumessung leiten lassen muss (Urteile des Gerichtshofes
         vom 15. Juli 1970 in der Rechtssache 41/69, Chemiefarma/Kommission, Slg. 1970, 661, Randnr. 173, und vom 14. Juli 1972 in
         der Rechtssache 49/69, BASF/Kommission, Slg. 1972, 713, Randnr. 38).
      
      130   Würde die Geldbuße auf einem Niveau festgesetzt, mit dem lediglich der Gewinn aus dem Kartell zunichte gemacht würde, hätte
         sie jedoch keine abschreckende Wirkung. Denn es ist vernünftigerweise davon auszugehen, dass Unternehmen im Rahmen ihrer finanziellen
         Kalkulation und Geschäftsführung nicht nur rational das Niveau der ihnen für eine Zuwiderhandlung drohenden Geldbußen, sondern
         auch die Größe des Risikos, dass das Kartell aufgedeckt wird, berücksichtigen. Würde die Funktion der Geldbuße auf die bloße
         Aufhebung des erhofften Gewinns oder Vorteils reduziert, so würde darüber hinaus nicht hinreichend berücksichtigt, dass ein
         unter Artikel 81 Absatz 1 EG fallendes Verhalten den Charakter einer Zuwiderhandlung hat. Würde die Geldbuße auf einen bloßen
         Ausgleich des verursachten Schadens beschränkt, so würde nämlich außer der abschreckenden Wirkung, die nur auf künftige Verhaltensweisen
         gerichtet sein kann, der repressive Charakter einer solchen Maßnahme im Hinblick auf die tatsächlich begangene konkrete Zuwiderhandlung
         vernachlässigt.
      
      131   Ebenso kann im Fall eines Unternehmens, das wie ADM auf zahlreichen Märkten präsent ist und über eine besonders große Finanzkraft
         verfügt, die Berücksichtigung des Umsatzes auf dem in Frage stehenden Markt nicht genügen, um eine abschreckende Wirkung der
         Geldbuße zu gewährleisten. Je größer nämlich ein Unternehmen ist und je größer seine gesamten Ressourcen sind, die es zu unabhängigem
         Handeln auf dem Markt befähigen, desto mehr muss es sich der Bedeutung seiner Rolle für ein unbeeinträchtigtes Funktionieren
         des Wettbewerbs auf dem Markt bewusst sein. Daher sind die tatsächlichen Umstände, die sich auf die Wirtschaftskraft eines
         Unternehmens beziehen, das sich einer Zuwiderhandlung schuldig gemacht hat, bei der Prüfung der Schwere der Zuwiderhandlung
         zu berücksichtigen. Infolgedessen führt die Berücksichtigung des weltweiten Umsatzes von ADM für die Berechnung der Bußgeldhöhe
         im vorliegenden Fall nicht zu einer unverhältnismäßigen Geldbuße.
      
      132   Der Klagegrund einer Verletzung des Grundsatzes der Verhältnismäßigkeit ist daher zurückzuweisen. 
      b)     Zur Verletzung des Grundsatzes der Gleichbehandlung
      133   Der Grundsatz der Gleichbehandlung verbietet es der Kommission, vergleichbare Sachverhalte verschieden und verschiedene Sachverhalte
         gleich zu behandeln, es sei denn, eine solche Behandlung ist objektiv gerechtfertigt (Urteil des Gerichtshofes vom 13. Dezember
         1984 in der Rechtssache 106/83, Sermide, Slg. 1984, 4209, Randnr. 28, und Urteil des Gerichts vom 14. Mai 1998 in der Rechtssache
         T‑311/94, BPB de Eendracht/Kommission, Slg. 1998, II‑1129, Randnr. 309).
      
      134   ADM macht im Wesentlichen geltend, dass die Kommission gegen Jungbunzlauer, obwohl diese eine höhere Verkaufszahl für Zitronensäure
         (77 Mio. Euro) als sie selbst (46 Mio. Euro) erzielt habe, keine Erhöhung der Geldbuße wie in ihrem eigenen Fall vorgenommen
         habe.
      
      135   Insoweit ist darauf hinzuweisen, dass die Anwendung des Multiplikators sicherstellen soll, dass die Geldbuße auch für sehr
         große Unternehmen eine abschreckende Wirkung hat. Der Umsatz von Jungbunzlauer im Jahr 2000 erreichte jedoch nur knapp 314
         Mio. Euro, während sich der von ADM auf 13 936 Mio. Euro belief. Es ist außerdem der Umstand zu berücksichtigen, dass sehr
         große Unternehmen wie ADM eine erhöhte Verantwortung für die Erhaltung des freien Wettbewerbs auf den Märkten, auf denen sie
         präsent sind, tragen und im Allgemeinen über die juristische und wirtschaftliche Sachkunde und Infrastruktur verfügen, die
         es ihnen ermöglichen, ihr Verhalten als Zuwiderhandlung gegen das gemeinschaftliche Wettbewerbsrecht zu erkennen.
      
      136   Der Klagegrund einer Verletzung des Grundsatzes der Gleichbehandlung ist daher ebenfalls zurückzuweisen.
      c)     Zur Verletzung der Begründungspflicht
      137   Soweit ADM im Wesentlichen geltend macht, die Kommission habe weder erläutert, aus welchen Gründen eine Verdoppelung der Geldbuße
         für angemessen gehalten worden sei, noch klargestellt, ob die bereits verhängten Geldbußen mit ihrer abschreckenden Wirkung
         gegen das Streben nach Gewinnen aus dem Kartell berücksichtigt worden seien, genügt zunächst der Hinweis auf die oben in den
         Randnummern 117 und 118 zitierte Rechtsprechung. Es ist weiter daran zu erinnern, dass die Kommission die Anwendung eines
         Multiplikators auf die u. a. gegen ADM festgesetzte Geldbuße mit dem Erfordernis begründet hat, eine hinreichend abschreckende
         Wirkung der Geldbuße sicherzustellen. Die Kommission hat sich insoweit auf die weltweiten Umsätze der Beteiligten gestützt
         (Randnrn. 50 und 241 der Entscheidung). Schließlich hat sie in Randnummer 246 der Entscheidung angegeben, dass sie die Anwendung
         des Multiplikators von 2 für angezeigt halte, um einen abschreckenden Charakter der gegen ADM zu verhängenden Geldbuße zu
         gewährleisten.
      
      138   Was insbesondere die Höhe des im Fall von ADM angewandten Multiplikators angeht, so durfte sich die Kommission darauf beschränken,
         auf die Größe des Unternehmens, wie sie sich annähernd aus seinem weltweiten Umsatz ergibt, und das Erfordernis des abschreckenden
         Charakters der Geldbuße zu verweisen. Es oblag ihr im Rahmen der Begründungspflicht nicht, zu dieser von ihr gewählten Berechnungsweise
         Zahlenangaben zu machen (vgl. in diesem Sinne Urteil des Gerichtshofes vom 16. November 2000 in der Rechtssache C‑291/98 P,
         Sarrió/Kommission, Slg. 2000, I‑9991, Randnr. 80).
      
      139   Die Kommission hat daher die Entscheidung insoweit hinreichend begründet. Der Klagegrund einer Verletzung der Begründungspflicht
         ist somit ebenfalls zurückzuweisen.
      
      D –  Zu dem Vorliegen von Beurteilungsfehlern hinsichtlich der konkreten Auswirkungen des Kartells auf den Markt
      1.     Einleitung
      140   Die Schwere von Zuwiderhandlungen ist anhand einer Vielzahl von Gesichtspunkten zu ermitteln, zu denen u. a. die besonderen
         Umstände der Rechtssache und ihr Kontext gehören, ohne dass es eine zwingende oder abschließende Liste von Kriterien gäbe,
         die auf jeden Fall berücksichtigt werden müssten (oben in Randnr. 98 zitierter Beschluss SPO u. a./Kommission, Randnr. 54;
         ebenda zitierte Urteile Ferriere Nord/Kommission, Randnr. 33, und HFB u. a./Kommission, Randnr. 443). In diesem Zusammenhang
         können die konkreten Auswirkungen des Kartells auf den betroffenen Markt als eines der relevanten Kriterien berücksichtigt
         werden.
      
      141   In ihren Leitlinien (Abschnitt 1 A Absatz 1) hat die Kommission ausgeführt, dass sie bei der Ermittlung der Schwere eines
         Verstoßes außer seiner Art und dem Umfang des betreffenden räumlichen Marktes „die konkreten Auswirkungen [des Verstoßes]
         auf den Markt“ berücksichtigt, „sofern diese messbar sind“.
      
      142   Im vorliegenden Fall lässt sich den Randnummern 210 bis 230 der Entscheidung entnehmen, dass die Kommission den nach der Schwere
         der Zuwiderhandlung bemessenen Betrag der Geldbuße tatsächlich unter Berücksichtigung dieser drei Kriterien ermittelt hat.
         So hat sie insbesondere (in Randnr. 230 der Entscheidung) angenommen, dass das Kartell „konkrete Auswirkungen“ auf den Zitronensäuremarkt
         gehabt habe.
      
      143   Die Klägerin meint jedoch, dass der Kommission in diesem Zusammenhang mehrere Beurteilungsfehler bei der Prüfung der konkreten
         Auswirkungen des Kartells auf den Zitronensäuremarkt unterlaufen seien. Ihrer Auffassung nach haben diese Fehler die Berechnung
         der Bußgelder beeinflusst.
      
      2.     Zu der Rüge, dass die Kommission für den Nachweis von konkreten Auswirkungen des Kartells auf den Markt eine verfehlte Vorgehensweise
         gewählt habe
      
      a)     Vorbringen der Parteien
      144   Nach Ansicht von ADM hat die Kommission für den Nachweis, dass die Zuwiderhandlung konkrete Auswirkungen auf den Markt gehabt
         habe, eine verfehlte Vorgehensweise gewählt.
      
      145   Die Klägerin wirft der Kommission vor, dass sie konkrete Auswirkungen des Kartells auf den Markt für Zitronensäure nicht nachgewiesen
         habe. In Randnummer 211 der Entscheidung habe die Kommission nämlich selbst ausgeführt, dass sich der Abstand zwischen den
         tatsächlich praktizierten Preisen und den Preisen, die ohne das Kartell angewandt worden wären, nicht in zuverlässiger Weise
         messen lasse. Anstatt aber eine vertretbare wirtschaftliche Theorie darüber zu entwickeln, was sich ohne das Kartell zugetragen
         hätte, habe die Kommission nur Mutmaßungen angestellt, wonach die Durchführung der Kartellabsprachen Wirkungen auf den betroffenen
         Markt hätte haben müssen.
      
      146   Obgleich ADM der Kommission den in den Randnummern 222 und 223 der Entscheidung erwähnten und in ihrer Antwort auf die Beschwerdepunkte
         herangezogenen Sachverständigenbericht vom 30. Juni 2000 zugeleitet habe, aus dem hervorgehe, dass sich das Kartell auf den
         relevanten Markt nicht ausgewirkt habe (im Folgenden: Sachverständigenbericht), habe die Kommission die darin enthaltenen
         Daten keiner sachgerechten wirtschaftlichen Analyse unterzogen. In dem Sachverständigenbericht heiße es:
      
      „So ergeben die Kapazitätsengpässe und der Nachfrageüberhang, die zunehmend wettbewerbsfähige Lieferungen aus chinesischen
         Zitronensäureimporten und erhebliche Kapazitätsausweitungen verschiedener Hersteller nach sich zogen, eine überzeugende Erklärung
         für das Preisverhalten von 1991 bis 1995 … Dass die Preise im Zuwiderhandlungszeitraum trotz des Nachfrageüberhangs nicht
         wieder auf das Niveau Mitte der achtziger Jahre stiegen, und der Umstand, dass die beteiligten Hersteller weder die Produktionskapazitäten
         noch den Zutritt neuer Konkurrenten zum Markt kontrollieren konnten, widerlegt die Hypothese, dass die Hersteller die Zitronensäurepreise
         in diesem Zeitraum wirksam kontrollierten.“
      
      147   In Randnummer 226 der Entscheidung habe die Kommission selbst eingeräumt, dass die insbesondere von ADM gegebene Erklärung
         für die Preissteigerungen 1991 und 1992 „triftig sein [könnte]“. Die Kommission habe dennoch einfach behauptet, es lasse sich
         nicht ausschließen, dass das Kartell Auswirkungen auf den Markt gehabt habe.
      
      148   Damit habe die Kommission jedoch zunächst nicht den Beweis erbracht, dass das Kartell auf den Markt konkrete Auswirkungen
         gehabt habe, die im Sinne der Leitlinien messbar seien, sondern eine Umkehr der Beweislast vorgenommen.
      
      149   Zweitens sei es nach dem Vorstehenden ein Rechtsfehler, dass die Kommission erklärt habe, die Preisfluktuationen seien mit
         einem wirksamen Kartell ohne weiteres vereinbar. Denn mit dieser völlig abstrakten Behauptung habe die Kommission weder den
         Kontext der betroffenen Industriebranche noch die Faktoren berücksichtigt, aus denen zu schließen sei, dass die Preise aus
         den im Sachverständigenbericht eingehend dargelegten Gründen nicht über ein abgestimmtes Niveau hinaus gestiegen seien.
      
      150   Drittens habe die Kommission fehlerhaft angenommen, dass kurzfristige Preiserhöhungen zwangsläufig Folge eines wirksamen Kartells
         seien. In Wirklichkeit gebe es verschiedene Produktbereiche mit Wettbewerb, in denen es angesichts eines ähnlichen Kapazitätsengpasses
         und Nachfrageüberhangs kurzfristige Preiserhöhungen um 40 % und mehr gegeben habe.
      
      151   Schließlich habe die Kommission einen Nachweis konkreter Auswirkungen des Kartells auf den betroffenen Markt nicht schlüssig
         daraus herleiten können, dass die Kartellmitglieder 60 % des Weltmarktes und 70 % des europäischen Marktes für Zitronensäure
         abdeckten und an einem dauerhaften und komplexen Kartell beteiligt gewesen seien.
      
      b)     Würdigung durch das Gericht
      152   Vor der Entscheidung über die Begründetheit der Rügen der Klägerin hinsichtlich der von der Kommission gewählten Vorgehensweise
         für den Nachweis, dass das Kartell konkrete Auswirkungen auf den Zitronensäuremarkt gehabt habe, ist zunächst die von der
         Kommission vorgenommene und in den Randnummern 210 bis 228 der Entscheidung wiedergegebene Beurteilung zusammenzufassen.
      
      –       Zusammenfassung der von der Kommission vorgenommenen Beurteilung 
      153   Die Kommission hat zunächst (in Randnr. 210 der Entscheidung) festgestellt, dass „[d]ie Zuwiderhandlung … von Unternehmen
         begangen [worden sei], die während des in Rede stehenden Zeitraums über 60 % des weltweiten und 70 % des europäischen Zitronensäuremarktes
         abdeckten“.
      
      154   Da die Vereinbarungen auch angewandt worden seien, hätten sie sich auf das Marktgeschehen konkret ausgewirkt (Randnr. 210
         der Entscheidung). In Randnummer 212 der Entscheidung hat die Kommission unter Bezugnahme auf die in der Entscheidung enthaltene
         Darstellung des Sachverhalts ihre Auffassung wiederholt, dass die Kartellabsprachen „sorgfältig umgesetzt“ worden seien; so
         habe sich ein Teilnehmer „erstaunt über den Grad der Formalität und Organisation [gezeigt], der bei dieser Abmachung an den
         Tag gelegt wurde“. In Randnummer 216 der Entscheidung heißt es dann: „Angesichts der vorstehenden Ausführungen und der Bemühungen,
         die alle Teilnehmer in die komplexe Organisation des Kartells investierten, kann die Wirksamkeit der Umsetzung nicht in Frage
         gestellt werden.“
      
      155   Dabei hat es die Kommission nicht für erforderlich gehalten, „genau zu quantifizieren, in welchem Ausmaß das Preisniveau durch
         diese Vereinbarungen tatsächlich geändert wurde“ (Randnr. 211 der Entscheidung). Denn „[d]iese Preisänderung [könne] nicht
         immer auf zuverlässige Weise gemessen werden, da eine Reihe externer Faktoren die Preisentwicklung des Erzeugnisses gleichzeitig
         beeinflusst haben können, so dass Schlussfolgerungen über die relative Bedeutung aller möglichen Ursachen äußerst schwierig“
         seien (ebenda). Gleichwohl hat die Kommission in Randnummer 213 ihrer Entscheidung die Entwicklung des Preises für Zitronensäure
         von März 1991 bis 1995 im Wesentlichen dahin beschrieben, dass er ab März 1991 bis Mitte 1993 um 40 % gestiegen sei und sich
         danach im Großen und Ganzen auf diesem Niveau gehalten habe. In den Randnummern 214 und 215 der Entscheidung hat die Kommission
         daran erinnert, dass die Kartellteilnehmer Absatzquoten festgelegt und für deren Durchsetzung einen Melde-, Überwachungs-
         und Ausgleichsmechanismus konzipiert und angewandt hätten.
      
      156   In den Randnummern 217 bis 228 der Entscheidung hat die Kommission dann das Vorbringen der Beteiligten im Verwaltungsverfahren,
         darunter das der Klägerin, zusammengefasst, analysiert und zurückgewiesen. Diese Zurückweisung hat sie in Randnummer 226 der
         Entscheidung wie folgt begründet:
      
      „Keines der angeführten Argumente der Parteien zur Abschwächung der Feststellung der Kommission, dass das Kartell konkrete
         Auswirkungen auf den Markt hatte, ist schlüssig. Die Erklärungen, die ADM, H & R und Jungbunzlauer für die Preissteigerungen
         von 1991–1992 vorbrachten, könnten zum Teil triftig sein, belegen aber nicht auf überzeugende Weise, dass die Durchsetzung
         des Kartells nicht eine Rolle bei den Preisveränderungen gespielt haben könnte. Zwar können die beschriebenen Phänomene ohne
         ein Kartell auftreten, sie sind aber auch mit der Situation bei Vorliegen eines Kartells vollkommen vereinbar. Die Tatsache,
         dass die Preise für Zitronensäure in den ersten 14 Monaten um 40 % stiegen, kann nicht ausschließlich durch eine reine Wettbewerbsreaktion
         erklärt werden, sondern muss im Zusammenhang damit interpretiert werden, dass die Teilnehmer koordinierte Preiserhöhungen
         und die Zuteilung von Marktanteilen sowie einen Melde- und Überwachungsmechanismus vereinbart hatten. All dies hätte zum Erfolg
         der Preiserhöhungen beigetragen.“
      
      –       Würdigung
      157   Zunächst ist daran zu erinnern, dass die Kommission nach Abschnitt 1 A Absatz 1 der Leitlinien bei der Bemessung der Geldbuße
         nach Maßgabe der Schwere des Verstoßes u. a. die „konkreten Auswirkungen [des Verstoßes] auf den Markt [berücksichtigt], sofern
         diese messbar sind“.
      
      158   Insoweit ist die genaue Bedeutung der Worte „sofern diese [d. h. die konkreten Auswirkungen] messbar sind“ zu untersuchen.
         Insbesondere ist zu klären, ob mit diesen Worten gemeint ist, dass die Kommission die konkreten Auswirkungen einer Zuwiderhandlung
         im Rahmen der Bußgeldbemessung nur dann berücksichtigen darf, wenn und soweit sie in der Lage ist, diese Auswirkungen quantitativ
         zu bestimmen.
      
      159   Wie die Kommission zutreffend vorgetragen hat, erfordert die Prüfung der Auswirkungen eines Kartells auf den betreffenden
         Markt die Aufstellung von Hypothesen. In diesem Zusammenhang muss die Kommission insbesondere prüfen, welchen Preis das relevante
         Produkt ohne Kartell gehabt hätte. Indessen ist es mit Unwägbarkeiten behaftet, im Rahmen der Prüfung der Gründe für die tatsächliche
         Preisentwicklung Mutmaßungen über den jeweiligen Anteil anzustellen, den die einzelnen Gründe hatten. Es ist dem objektiven
         Umstand Rechnung zu tragen, dass die Teilnehmer aufgrund des Preiskartells auf die Möglichkeit, mittels der Preise miteinander
         zu konkurrieren, gerade verzichtet haben. Die Beurteilung des Einflusses anderer Faktoren als dieses freiwilligen Verzichts
         der Kartellteilnehmer beruht daher zwangsläufig auf hinreichend hohen und nicht genau quantifizierbaren Wahrscheinlichkeiten.
      
      160   Soll daher dem in Abschnitt 1 A Absatz 1 der Leitlinien festgelegten Kriterium nicht seine praktische Wirksamkeit genommen
         werden, kann es der Kommission nicht zum Vorwurf gemacht werden, dass sie sich auf die konkreten Auswirkungen, die ein Kartell
         mit wettbewerbswidrigem Zweck, wie eine Preis- oder Quotenabsprache, auf den Markt hatte, gestützt hat, ohne diese Auswirkungen
         zu quantifizieren oder hierzu eine bezifferte Beurteilung vorzulegen.
      
      161   Die konkreten Auswirkungen eines Kartells auf den betreffenden Markt sind folglich als hinreichend nachgewiesen anzusehen,
         wenn die Kommission in der Lage ist, konkrete und glaubhafte Indizien dafür vorzulegen, dass das Kartell mit hinreichender
         Wahrscheinlichkeit Auswirkungen auf diesen Markt hatte. 
      
      162   Im vorliegenden Fall ergibt sich aus der obigen Zusammenfassung der von der Kommission vorgenommenen Beurteilung (vgl. oben,
         Randnrn. 153 bis 156), dass sie sich für ihre Feststellung, das Kartell habe „konkrete Auswirkungen“ auf den Markt gehabt,
         auf zwei Anhaltspunkte stützte. Sie hat zum einen darauf verwiesen, dass die Kartellteilnehmer die Kartellabmachungen sorgfältig
         umgesetzt hätten (vgl. insbesondere Randnrn. 210, 212, 214 und 215 der Entscheidung) und dass die Kartellteilnehmer im fraglichen
         Zeitraum über 60 % des weltweiten und 70 % des europäischen Zitronensäuremarktes abgedeckt hätten (Randnr. 210 der Entscheidung).
         Zum anderen hat sie darauf abgestellt, dass sich aus den Angaben der Beteiligten im Verwaltungsverfahren eine gewisse Übereinstimmung
         der vom Kartell festgesetzten Preise mit den von den Kartellteilnehmern auf dem Markt tatsächlich praktizierten Preisen ergebe
         (Randnr. 213 der Entscheidung). 
      
      163   Auch wenn die in den Randnummern 210 und 216 der Entscheidung verwendeten Formulierungen für sich genommen dahin verstanden
         werden könnten, als habe die Kommission einen Kausalzusammenhang zwischen der Schaffung des Kartells und seinen konkreten
         Auswirkungen auf den Markt hergestellt, zeigt doch die Betrachtung der gesamten von der Kommission vorgenommenen Beurteilung,
         dass sie sich entgegen dem Vorbringen der Klägerin nicht darauf beschränkte, aus der Durchführung des Kartells auf das Vorliegen
         von konkreten Auswirkungen des Kartells auf den Markt zu schließen. 
      
      164   Neben dem Umstand, dass die Kartellabmachungen „sorgfältig“ umgesetzt worden seien, zog die Kommission für ihre Beurteilung
         die Preisentwicklung von Zitronensäure im Zeitraum der Zuwiderhandlung heran. So beschrieb sie in Randnummer 213 der Entscheidung,
         welche Zitronensäurepreise die Kartellteilnehmer zwischen 1991 und 1995 vereinbart, ihren Kunden mitgeteilt und weitgehend
         angewandt hätten. Es wird nachstehend zu prüfen sein, ob der Kommission, wie die Klägerin geltend macht, bei der Beurteilung
         des Sachverhalts, auf den sie ihre Schlussfolgerungen gestützt hat, offensichtliche Fehler unterliefen. Gleichwohl kann es,
         wie oben in Randnummer 160 festgestellt wurde, der Kommission nicht vorgeworfen werden, dass sie nicht versuchte, den Umfang
         der Auswirkungen des Kartells auf den Markt zu quantifizieren oder hierzu eine bezifferte Beurteilung vorzulegen.
      
      165   In diesem Zusammenhang kann es der Kommission auch nicht vorgeworfen werden, dass sie die Tatsache, dass die Kartellteilnehmer
         einen sehr bedeutenden Anteil am Zitronensäuremarkt abdeckten (60 % des Weltmarktes und 70 % des europäischen Marktes), für
         einen wichtigen Faktor hielt, den sie für ihre Prüfung der konkreten Auswirkungen des Kartells auf den Markt zu berücksichtigen
         hatte. Unbestreitbar nimmt nämlich die Wahrscheinlichkeit, dass eine Preis- und Verkaufsquotenabsprache wirksam wird, mit
         der Bedeutung des Marktanteils zu, den die an der Absprache Beteiligten halten. Zwar belegt dies allein nicht, dass es konkrete
         Auswirkungen auf den betreffenden Markt gab, jedoch hat die Kommission in ihrer Entscheidung einen solchen Kausalzusammenhang
         auch keineswegs hergestellt, sondern diesen Umstand nur als einen unter mehreren Gesichtspunkten berücksichtigt.
      
      166   Die Kommission durfte im Übrigen davon ausgehen, dass dieses Indiz während der Dauer des Kartells an Bedeutung gewinnt. Angesichts
         der Verwaltungs- und Geschäftsführungskosten, die das reibungslose Funktionieren eines komplexen Kartells, das wie im vorliegenden
         Fall die Preisfestsetzung, die Aufteilung der Märkte und den Austausch von Informationen betrifft, verlangt und angesichts
         der mit derartigen rechtswidrigen Aktivitäten verbundenen Risiken konnte die Kommission nämlich die Tatsache, dass die Unternehmen
         die Zuwiderhandlung über einen langen Zeitraum fortsetzten, vernünftigerweise als Hinweis darauf werten, dass die Kartellmitglieder
         einen gewissen Vorteil von dem Kartell hatten, und damit auch als Hinweis darauf, dass es konkrete Auswirkungen auf den betreffenden
         Markt hatte.
      
      167   Dass die Kommission schließlich in Randnummer 226 der Analyse den Sachverständigenbericht als teilweise triftig bewertete,
         aber nicht als überzeugenden Beweis dafür ansah, dass die Durchführung des Kartells bei der Fluktuation der Zitronensäurepreise
         keine Rolle gespielt habe, stellt keine Umkehr der Beweislast dar. Dieser Passus in der Beurteilung der Kommission zeigt vielmehr,
         dass sie die verschiedenen Argumente für und wider das Vorliegen von konkreten Auswirkungen des Kartells sorgfältig abwog.
      
      168   Nach alledem hat die Kommission für die Beurteilung der konkreten Auswirkungen des Kartells auf den Zitronensäuremarkt keine
         offensichtlich fehlerhafte Vorgehensweise gewählt.
      
      3.     Zur Beurteilung der Entwicklung der Zitronensäurepreise
      a)     Vorbringen der Parteien
      169   Die Klägerin meint, dass die Beweise der Kommission für die Durchführung des Kartells nur sehr begrenzt seien und tatsächliche
         Auswirkungen nicht belegten.
      
      170   Erstens sei die von der Kommission vorgenommene Analyse der Preisentwicklung für Zitronensäure nicht beweiskräftig. Die Kommission
         habe nämlich nur die angekündigten Preise, nicht aber die tatsächlich berechneten geprüft. Überwiegend seien die Preise, die
         ADM ihren Kunden berechnet habe, jedoch unter den Kartellpreisen im gesamten fraglichen Zeitraum verblieben. Auch Cerestar
         und Jungbunzlauer hätten erklärt, dass sie die vereinbarten Preise ignoriert hätten. Dass die tatsächlich praktizierten Preise
         im Allgemeinen unter den vereinbarten Preisen verblieben seien, werde auch durch die Zahlen über die durchschnittlichen monatlichen
         Verkäufe in Europa belegt, die ADM, H & R und Jungbunzlauer der Kommission vorgelegt hätten (vgl. Randnr. 95 der Entscheidung
         und die Schreiben von Jungbunzlauer vom 28. September 1998, von H & R [Bayer] vom 23. September 1997 und von ADM vom 5. Dezember
         1997).
      
      171   Es sei außerdem auf verschiedene Passagen in den Verkaufsberichten von H & R zwischen März 1991 und September 1994 hinzuweisen,
         aus denen sich ergebe, dass die ganze Zeit über fortwährend Druck auf die Preise bestanden habe.
      
      172   Dieses Ergebnis werde im Übrigen durch die Äußerungen der Kunden über die Festsetzung wettbewerbsorientierter Preise bestätigt.
      173   Die Kommission habe in den Randnummern 91, 116 und 217 bis 226 der Entscheidung eingeräumt, dass es zumindest ab Mitte 1993
         bis Mai 1995 in großem Maßstab Täuschungen über die Einhaltung der Kartellabsprachen gegeben habe, die sich unmittelbar auf
         die vom Kartell festgesetzten Preise ausgewirkt hätten, und dass es wegen der chinesischen Importe auch unmöglich gewesen
         sei, diese Preise einzuhalten.
      
      174   ADM hält zweitens die Beurteilung der Verkaufsquoten durch die Kommission für nicht stichhaltig. Die Kommission habe ihre
         Beurteilung nämlich auf die vereinbarten Quoten und die Schaffung eines Überwachungs- und Ausgleichsmechanismus beschränkt,
         ohne die von den verschiedenen Beteiligten tatsächlich verkauften Mengen von Zitronensäure zu ermitteln. 
      
      175   Wie sich aus Randnummer 97 der Entscheidung ergebe und im Sachverständigenbericht bestätigt werde, habe der rasche Anstieg
         der Nachfrage vor allem 1991–1992 die vereinbarten Quoten in Tonnen undurchführbar gemacht. Die Beteiligten hätten sie daher
         schon zwei Monate nach ihrer Vereinbarung in der Sitzung am 6. März 1991 aufgegeben. An ihre Stelle seien quotierte Prozentanteile
         am Verkauf getreten, was es den Beteiligten erlaubt habe, unter Ausnutzung der steigenden Nachfrage zusätzlich erhebliche
         Mengen aus den vorangegangenen Jahren abzusetzen.
      
      176   Ferner sei den Randnummern 106 und 107 der Entscheidung und dem Sachverständigenbericht (Randnrn. 35 bis 40) zu entnehmen,
         dass die Verkäufe durch die Beteiligten ständig über oder unter ihren Quoten gelegen hätten, was Anlass zu fortwährenden Streitigkeiten
         gegeben habe. Jungbunzlauer habe dazu unwidersprochen durch die Kommission ausgeführt, dass sie sich niemals an die ursprünglich
         vereinbarten Marktanteile gehalten habe. Dass die Kartellteilnehmer die Absprachen nicht eingehalten hätten, stehe auch in
         Einklang mit der ungestörten Kapazitätsausweitung durch ADM, Jungbunzlauer und Roche im fraglichen Zeitraum.
      
      177   Wie Randnummer 106 der Entscheidung zu entnehmen sei, habe auch das vereinbarte Ausgleichs- und Überwachungssystem die Beteiligten
         nicht wirksam zur Einhaltung ihrer Quoten anhalten können und ebenfalls Anlass zu erheblichen Auseinandersetzungen im Kartell
         gegeben.
      
      178   In vergleichbaren Fällen habe die Kommission angenommen, dass das Kartell infolge der Nichteinhaltung der Kartellabsprachen
         nur begrenzte Auswirkungen gehabt habe. So habe die Kommission in ihrer Entscheidung „Griechische Fährschiffe“ aus dem Abweichen
         von den vereinbarten Kartellpreisen auf nur begrenzte Auswirkungen auf den Markt geschlossen, und in ihrer Entscheidung „Fährdienstbetreiber
         – Währungsaufschläge“ habe sie aus dem Widerstand der Kunden gegen die Preiserhöhungen ebenfalls diesen Schluss gezogen. Die
         gleiche Bedeutung hätte aber in der vorliegenden Sache den Abschlägen gegenüber den vereinbarten Preisen und der mangelnden
         Einhaltung der vereinbarten Quoten zuerkannt werden müssen.
      
      179   Die Kommission weist dieses Vorbringen der Klägerin zurück.
      b)     Würdigung durch das Gericht
      180   Um festzustellen, ob die Kommission die konkreten Auswirkungen des Kartells auf den Markt richtig beurteilt hat, ist nach
         ständiger Rechtsprechung vor allem zu prüfen, wie sie die Auswirkungen der Preisabsprache beurteilt hat (vgl. oben in Randnr.
         41 zitiertes Urteil Archer Daniels Midland und Archer Daniels Midland Ingredients/Kommission, Randnr. 148, und in diesem Sinne
         Urteile des Gerichts vom 14. Mai 1998 in der Rechtssache T‑308/94, Cascades/Kommission, Slg. 1998, II‑925, Randnr. 173, und
         in der Rechtssache T‑347/94, Mayr-Melnhof/Kommission, Slg. 1998, II‑1751, Randnr. 225).
      
      181   Nach der Rechtsprechung sind bei der Feststellung der Schwere der Zuwiderhandlung namentlich der normative und wirtschaftliche
         Zusammenhang, in den sich die beanstandete Verhaltensweise einfügt, zu berücksichtigen (Urteil des Gerichtshofes vom 16. Dezember 1975
         in den Rechtssachen 40/73 bis 48/73, 50/73, 54/73 bis 56/73, 111/73, 113/73 und 114/73, Suiker Unie u. a./Kommission, Slg. 1975,
         1663, Randnr. 612, und oben in Randnr. 98 zitiertes Urteil Ferriere Nord/Kommission, Randnr. 38) und muss die Kommission,
         um die konkreten Auswirkungen einer Zuwiderhandlung auf den Markt zu beurteilen, auf den Wettbewerb abstellen, den es normalerweise
         ohne die Zuwiderhandlung gegeben hätte (vgl. in diesem Sinne Urteil Suiker Unie u. a./Kommission, Randnrn. 619 und 620; oben
         in Randnr. 180 zitiertes Urteil Mayr-Melnhof/Kommission, Randnr. 235, und Urteil des Gerichts vom 11. März 1999 in der Rechtssache
         T‑141/94, Thyssen Stahl/Kommission, Slg. 1999, II‑347, Randnr. 645).
      
      182   Wie daraus zum einen folgt, muss bei Preisabsprachen – mit einem hinreichenden Grad an Wahrscheinlichkeit (vgl. oben, Randnr.
         161) – festgestellt werden, dass es die Absprachen den Beteiligten tatsächlich erlaubt haben, ein höheres Preisniveau als
         ohne das Kartell zu erzielen. Zum anderen folgt daraus, dass die Kommission unter Berücksichtigung des vorhandenen wirtschaftlichen
         und gegebenenfalls normativen Rahmens alle objektiven Bedingungen auf dem betreffenden Markt in ihre Beurteilung einbeziehen
         muss. So ist den Urteilen des Gerichts zu dem Kartell für Karton (vgl. insbesondere oben in Randnr. 180 zitiertes Urteil Mayr-Melnhof/Kommission,
         Randnrn. 234 und 235) zu entnehmen, dass gegebenenfalls das Vorhandensein von „objektiven wirtschaftlichen Faktoren“ zu berücksichtigen
         ist, aus denen sich ergibt, dass sich das Preisniveau „bei freiem Wettbewerb“ nicht ebenso entwickelt hätte wie die tatsächlich
         praktizierten Preise (vgl. auch oben in Randnr. 41 zitiertes Urteil Archer Daniels Midland und Archer Daniels Midland Ingredients/Kommission,
         Randnrn. 151 und 152, und oben in Randnr. 180 zitiertes Urteil Cascades/Kommission, Randnrn. 183 und 184).
      
      183   Im vorliegenden Fall analysierte die Kommission auf der Grundlage von Dokumenten, die die Klägerin und Jungbunzlauer im Verwaltungsverfahren
         einreichten, die Entwicklung der Zitronensäurepreise von März 1991 bis 1995 sowie – als flankierende Maßnahmen, um den Druck
         auf die Preissteigerung aufrechtzuerhalten – die Festsetzung von Verkaufsquoten und die Schaffung eines Ausgleichssystems.
      
      184   Dabei hat die Kommission die Entwicklung der von den Kartellteilnehmern vereinbarten und angewandten Preise für Zitronensäure
         in Randnummer 213 der Entscheidung folgendermaßen beschrieben: 
      
      „Von März 1991 bis Mitte 1993 wurden die im Kartell vereinbarten Preise den Kunden mitgeteilt und insbesondere in den Anfangsjahren
         des Kartells weitgehend durchgesetzt. Die Erhöhung des Preises für kristallwasserfreie Zitronensäure auf 2,25 DEM/kg im April
         1991, die auf dem Kartelltreffen vom März 1991 beschlossen wurde, bereitete kaum Schwierigkeiten. Darauf folgte im Juli eine
         telefonisch getroffene Entscheidung, den Preis für kristallwasserfreie Zitronensäure im August auf 2,70 DEM/kg anzuheben.
         Auch diese Preiserhöhung wurde erfolgreich durchgesetzt. Eine letzte Steigerung auf 2,80 DEM/kg für kristallwasserfreie Zitronensäure
         wurde bei dem Treffen im Mai 1992 abgesprochen und im Juni 1992 in die Tat umgesetzt. Danach wurde keine Preiserhöhung mehr
         durchgeführt, und das Kartell konzentrierte sich darauf, diese Preise aufrechtzuerhalten.“
      
      185   Die Kommission führte weiter aus, dass die Kartellteilnehmer zwischen 1991 und 1994 jedem von ihnen Verkaufsquoten in der
         Form fester und genauer Tonnagen zugeteilt hätten, für die es ein System der Kontrolle gegeben habe. Diese Quoten seien auch
         tatsächlich angewandt worden. Die Einhaltung der Vereinbarungen sei ständig überwacht worden. Die Kartellmitglieder hätten
         auch einen Ausgleichsmechanismus vereinbart und tatsächlich angewandt, der der Ahndung von Kartellmitgliedern gedient habe,
         die höhere Tonnagen als die ihnen als Verkaufsquote zugeteilten verkauft hätten, und den Kartellmitgliedern, die ihre Quoten
         nicht hätten ausschöpfen können, einen Ausgleich geboten habe (Randnrn. 214 und 215 der Entscheidung mit einem Verweis auf
         die Sachverhaltsdarstellung in der Entscheidung).
      
      186   Die Klägerin bestreitet die tatsächlichen Feststellungen der Kommission zur Preisentwicklung und Festsetzung der Verkaufsquoten
         nicht, sondern macht im Wesentlichen nur geltend, dass die Preise und Quoten in Wirklichkeit nicht vollständig eingehalten
         worden seien.
      
      187   Was die Preisentwicklung für Zitronensäure angehe, so ergebe sich aus verschiedenen Mitteilungen an die Kommission im Verwaltungsverfahren
         und aus dem Sachverständigenbericht, dass die tatsächlich angewandten Preise überwiegend unter den vereinbarten Preisen geblieben
         seien.
      
      188   Aus den von der Klägerin vorgelegten Zahlen geht jedoch hervor, dass es eine dauerhafte Parallele zwischen den von den Kartellteilnehmern
         vereinbarten Preisen und den tatsächlich praktizierten Preisen gab. Diesen Zahlen ist insbesondere zu entnehmen, dass nach
         dem Beschluss der Kartellteilnehmer zwischen März 1991 und Mai 1992, den Preis für Zitronensäure zur Verwendung in Lebensmitteln
         von 2,25 DM/kg auf etwa 2,80 DM/kg anzuheben, die von den Kunden tatsächlich verlangten Preisen, die im April 1991 zwischen
         1,90 und 2,10 DM/kg lagen, auf 2,30 bis 2,70 DM/kg anstiegen. Den Zahlen kann weiter entnommen werden, dass die von den Kunden
         tatsächlich verlangten Preise in dem gesamten Zeitraum, für die die Kartellmitglieder das Preisniveau auf 2,80 DM/kg festgesetzt
         hatten, fortwährend über den Preisen verblieben, die vor der Preiserhöhung 1991 und 1992 praktiziert worden waren.
      
      189   Dass die Beteiligten ihre Vereinbarung nicht einhielten und die vereinbarten Preise nicht vollständig anwandten, bedeutet
         nicht, dass sie damit die Preise angewandt hätten, die sie ohne das Kartell hätten praktizieren können. Wie die Kommission
         in Randnummer 219 der Entscheidung zu Recht ausgeführt hat, hat das Gericht im Rahmen der Beurteilung von mildernden Umständen
         bereits entschieden, dass ein Unternehmen, das trotz der Absprache mit seinen Konkurrenten eine mehr oder weniger unabhängige
         Marktpolitik verfolgt, möglicherweise nur versucht, das Kartell zu seinem Vorteil auszunutzen (oben in Randnr. 180 zitiertes
         Urteil Cascades/Kommission, Randnr. 230). Im Übrigen ermöglichte es das Kartell, wie die Kommission in Randnummer 226 der
         Entscheidung erwähnt hat, seinen Mitgliedern, die Preisentwicklung auf dem Markt zu koordinieren.
      
      190   Das Gleiche gilt für die angebliche Ineffizienz des Systems der Verkaufsquoten. Insoweit trägt die Klägerin nur vor, dass
         dieses System in der Zeit des Kartells dahin geändert worden sei, dass jedem Kartellmitglied der Verkauf höherer Tonnagen
         als die ihm zugeteilten ermöglicht worden sei, um den Anstieg der Nachfrage zu nutzen. Dieses Vorbringen kann jedoch nicht
         durchgreifen. Es kann nämlich nicht belegen, dass die von den Kartellmitgliedern tatsächlich verkauften Tonnagen denen entsprachen,
         die sie ohne Kartell verkauft hätten, und dass das System, selbst wenn es weniger effizient angewandt wurde als von den Beteiligten
         vorgesehen, nicht Druck auf die Preise ausübte. Im Übrigen lässt sich nicht ausschließen, dass sich die Preise ohne ein Kartell,
         das die Beteiligten am Preiswettbewerb hinderte, nicht noch ausgeprägter entwickelt hätten.
      
      191   Demnach konnte die Kommission fehlerfrei zu dem Ergebnis gelangen, dass sie über konkrete und glaubhafte Indizien dafür verfügte,
         dass die im Rahmen des Kartells praktizierten Zitronensäurepreise mit hinreichender Wahrscheinlichkeit höher waren als die,
         die ohne Kartell praktiziert worden wären.
      
      192   Selbst wenn man davon ausginge, dass die von den Kartellmitgliedern angewandten Preise, wie ADM auf der Grundlage der wirtschaftlichen
         Analyse in dem Sachverständigenbericht geltend macht, weitgehend den Preisen entsprachen, die ohne Kartell bestanden hätten,
         würde dies nichts an der Richtigkeit der von der Kommission in Randnummer 226 der Entscheidung getroffenen Feststellung ändern,
         dass das Kartell seinen Mitgliedern eine Koordinierung der Preisentwicklung ermöglichte. Selbst wenn diese Preisentwicklung
         weitgehend durch das Spiel der Marktkräfte begünstigt worden wäre, so dass sich nicht geltend machen ließe, dass sich das
         Preisniveau ebenso wie die tatsächlich praktizierten Preisen entwickelte, hätten die Beteiligten doch zumindest die Preisentwicklung
         koordinieren können.
      
      193   Das Vorbringen der Klägerin kann daher nicht durchgreifen.
      4.     Zur Definition des relevanten Produktmarktes
      a)     Vorbringen der Parteien
      194   Nach Auffassung von ADM sind der Kommission bei der Definition des relevanten Marktes Fehler unterlaufen. Die Definition des
         relevanten Marktes sei aber erforderlich, um die Auswirkungen des Kartells auf den Markt zu messen, womit diese Fehler die
         Berechnung der Geldbuße beeinflusst hätten. Die Definition des relevanten Produktmarktes bilde einen wesentlichen Teil der
         von der Kommission obligatorisch zu leistenden Analyse, wenn sie für die Bußgeldzumessung messbare wirtschaftliche Auswirkungen
         des Kartells auf den relevanten Produktmarkt berücksichtigen wolle. Ohne eine solche Analyse erschöpfe sich die Feststellung
         solcher Auswirkungen durch die Kommission in einer theoretischen Beurteilung der Auswirkungen, die restriktive Maßnahmen möglicherweise
         auf den Wettbewerb hätten, beruhe aber nicht auf einer Analyse der wettbewerbswidrigen Auswirkungen, die im Anschluss an eine
         Zuwiderhandlung anhand konkreter Anhaltspunkte tatsächlich beobachtet worden seien (Urteil des Gerichts vom 15. März 2000
         in den Rechtssachen T‑25/95, T‑26/95, T‑30/95 bis T‑32/95, T‑34/95 bis T‑39/95, T‑42/95 bis T‑46/95, T‑48/95, T‑50/95 bis
         T‑65/95, T‑68/95 bis T‑71/95, T‑87/95, T‑88/95, T‑103/95 und T‑104/95, Cimenteries CBR u. a./Kommission, Slg. 2000, II‑491,
         Randnr. 4866).
      
      195   Laut den Randnummern 8 bis 14 der Entscheidung gebe es für mehr als 90 % der Anwendungen von Zitronensäure Ersatzprodukte.
         Weiter heiße es im Sachverständigenbericht, dass als der kartellrechtlich relevante Produktmarkt der Markt für Zitronensäure
         einschließlich Phosphaten und sehr wahrscheinlich auch Mineralsäuren anzusehen sei. Im gleichen Sinne hätten sich andere Zitronensäurehersteller
         im Verwaltungsverfahren geäußert. Die Substituierbarkeit von Zitronensäure durch andere Produkte werde auch in einem Bericht
         von R. Bradley, H. Janshekar und Y. Yoshikawa mit dem Titel „CEH Marketing Research Report, Citric Acid“ dargestellt, der
         1996 im „Chemical Economics Handbook – SRI International“ erschienen sei (im Folgenden: CEH-Bericht) und auf den sich auch
         die Kommission in der Entscheidung (vgl. insbesondere Randnr. 72) gestützt habe.
      
      196   Trotz dieser Situation habe die Kommission nicht geprüft, ob das Produkt Zitronensäure als solches einen wirtschaftlich relevanten
         Markt bilde oder ob es als Teil eines größeren Marktes anzusehen sei, der auch diese Ersatzprodukte umfasse.
      
      197   Die Kommission weist dieses Vorbringen der Klägerin zurück.
      b)     Würdigung durch das Gericht
      198   Wie zunächst festzustellen ist, hat die Kommission in der Entscheidung nicht geprüft, ob sich der fragliche Produktmarkt auf
         Zitronensäure beschränkt oder, wie ADM geltend macht, unter Einbeziehung ihrer Ersatzprodukte extensiver zu definieren ist.
         Sie hat unter den Überschriften „Das Erzeugnis“ (Randnrn. 4 bis 14 der Entscheidung) und „Der Zitronensäuremarkt“ (Randnrn.
         38 bis 53 der Entscheidung) nur die verschiedenen Anwendungen von Zitronensäure und die Größe des Zitronensäuremarktes beschrieben.
      
      199   Hingegen wird der fragliche Produktmarkt in dem Sachverständigenbericht, den die Klägerin der Kommission im Verwaltungsverfahren
         vorlegte, analysiert und unter Einbeziehung der Ersatzprodukte, insbesondere der Phosphate und Mineralsäuren, extensiver definiert.
         Gleichwohl prüfte die Kommission in der Entscheidung nicht das Vorbringen von ADM, dass der relevante Produktmarkt extensiver
         definiert werden müsse. 
      
      200   Dennoch kann diese Argumentation von ADM nur durchgreifen, wenn sie aufzeigt, dass die Kommission, hätte sie den Produktmarkt
         ebenso wie ADM definiert, zu dem Ergebnis hätte kommen müssen, dass die Zuwiderhandlung auf den Markt, definiert als der Markt
         für Zitronensäure und ihre Substitute, keine Auswirkungen hatte. Wie oben in Randnummer 161 festgestellt, darf sich die Kommission
         nämlich nur unter dieser Voraussetzung für die Bemessung der Geldbuße nach der Schwere der Zuwiderhandlung nicht auf das Kriterium
         der konkreten Auswirkungen des Kartells auf den Markt stützen.
      
      201   Angesichts der von der Kommission in den Randnummern 213 ff. der Entscheidung entwickelten Analyse der Preisentwicklung und
         Verkaufsquoten hat die Klägerin jedoch weder belegen noch auch nur ein Bündel stimmiger Indizien dafür aufzeigen können, dass
         das Kartell für Zitronensäure mit hinreichender Wahrscheinlichkeit auf den größeren Markt für Zitronensäure und ihre Substitute
         keine oder jedenfalls nur zu vernachlässigende Auswirkungen gehabt hätte. Auch in dem Sachverständigenbericht wird trotz der
         darin getroffenen Feststellungen, dass der Markt extensiver definiert werden müsse, die angebliche Wirkungslosigkeit des Kartells
         hinsichtlich der Preisentwicklung allein für den Zitronensäuremarkt analysiert.
      
      202   Schließlich stützt sich die Klägerin zu Unrecht auf Randnummer 4866 des Urteils Cimenteries CBR u. a./Kommission (zitiert
         oben in Randnr. 194). Auch wenn das Gericht dort festgestellt hat, dass die Kommission ihre Analyse auf konkrete Angaben stützen
         muss und sich nicht auf eine theoretische Beurteilung beschränken darf, betraf dieser Passus des Urteils doch nicht die Definition
         des relevanten Produktmarktes, sondern die tatsächlichen Auswirkungen der Zuwiderhandlung auf den Markt als solche.
      
      203   Die Rüge einer fehlerhaften Definition des relevanten Produktmarktes ist daher zurückzuweisen.
      204   Demnach hat die Klägerin nicht dargetan, dass der Kommission hinsichtlich der konkreten Auswirkungen des Kartells auf den
         Markt offensichtliche Beurteilungsfehler unterlaufen wären.
      
      IV –  Zur Dauer der Zuwiderhandlung
      205   Die Klägerin trägt vor, die Kommission habe in den Randnummern 91, 116 und 217 bis 226 der Entscheidung eingeräumt, dass es
         zumindest ab Mitte 1993 bis Mai 1995 in großem Maßstab Täuschungen über die Einhaltung der Kartellabsprachen gegeben habe,
         die sich unmittelbar auf die vom Kartell festgesetzten Preise ausgewirkt hätten, und dass es wegen der chinesischen Importe
         auch unmöglich gewesen sei, diese Preise einzuhalten. (vgl. oben, Randnr. 173).
      
      206   Unter diesen Umständen hätte die Kommission jedoch auf die Klägerin nicht eine Erhöhung von 10 % je Jahr der Zuwiderhandlung
         anwenden dürfen (Randnr. 249 der Entscheidung). Damit habe die Kommission die Grundsätze der Verhältnismäßigkeit und Gleichbehandlung
         verletzt, da sie von ihrer vorherigen Entscheidungspraxis (Entscheidung 98/273/EG der Kommission vom 28. Januar 1998 betreffend
         ein Verfahren nach Artikel 85 EG-Vertrag [IV/35.733 – VW], ABl. L 124, S. 60) abgewichen sei, in der sie für Zeiträume, in
         denen die Absprache nicht eingehalten oder durchgeführt worden sei, nur geringere Erhöhungen angewandt habe.
      
      207   Nach Auffassung der Kommission ist dieses Vorbringen zurückzuweisen.
      208   Wie dazu festzustellen ist, kann die Kommission nach Abschnitt B der Leitlinien im Fall von Zuwiderhandlungen mittlerer Dauer,
         d. h. in der Regel zwischen einem und fünf Jahren, den für die Schwere des Verstoßes ermittelten Bußgeldbetrag um bis zu 50 %
         anheben.
      
      209   Im vorliegenden Fall hat die Kommission in Randnummer 249 der Entscheidung festgestellt, dass ADM die Zuwiderhandlung vier
         Jahre lang und damit über einen Zeitraum von mittlerer Dauer im Sinne der Leitlinien verwirklichte, und demgemäß die Geldbuße
         wegen der Dauer um 40 % erhöht. Damit hat die Kommission die Regeln eingehalten, die sie sich selbst in den Leitlinien auferlegt
         hat. Nach Auffassung des Gerichts ist diese Erhöhung um 40 % wegen der Dauer der Zuwiderhandlung im vorliegenden Fall nicht
         offensichtlich unverhältnismäßig.
      
      210   Soweit sich die Klägerin auf die Entscheidung der Kommission in der Sache VW (zitiert oben in Randnr. 206) beruft, ist darauf
         hinzuweisen, dass dieser ein anderer Sachverhalt als im vorliegenden Fall zugrunde lag. Insoweit genügt der Hinweis, dass
         es sich dort um ein Kartell handelte, das länger als zehn Jahre bestand, und dass die Kommission gemäß ihren Leitlinien in
         diesem Fall für die Erhöhung der Geldbuße einen bestimmten Prozentsatz pro Jahr anwandte und nicht, wie im vorliegenden Fall,
         einen einzigen Prozentsatz. Entgegen dem Vorbringen der Klägerin ergibt sich damit aus den Begründungserwägungen dieser von
         ihr angeführten Entscheidung keineswegs, dass die Kommission darin bestrebt gewesen wäre, eine neue allgemeine Praxis zu begründen,
         die von ihr in allen folgenden Entscheidungen einzuhalten gewesen wäre.
      
      211   Dieser Klagegrund ist daher zurückzuweisen.
      V –  Zu den erschwerenden Umständen
      A –  Einleitung
      212   Die Kommission hat die Klägerin zusammen mit Roche in den Randnummern 267 und 273 der Entscheidung als Anführer des Kartells
         eingestuft und die gegen die beiden Unternehmen verhängte Geldbuße aus diesem Grund um 35 % erhöht.
      
      213   ADM bestreitet, Anführer des Kartells gewesen zu sein, und hält diese Erhöhung für unzulässig. In diesem Zusammenhang macht
         die Klägerin im Wesentlichen vier Klagegründe geltend, die sich auf die Erhöhung der Geldbuße wegen erschwerender Umstände
         beziehen. Sie rügt erstens, dass die Kommission sie als Anführer des Kartells angesehen habe. Zweitens habe die Kommission
         den Grundsatz der Gleichbehandlung verletzt, indem sie gegen ADM den gleichen Prozentsatz für die Erhöhung angewandt habe
         wie im Fall von Roche. Drittens sei die Kommission hinsichtlich des gegen ADM angewandten Erhöhungssatzes von ihrer Entscheidungspraxis
         abgewichen und habe damit die Grundsätze der Gleichbehandlung und der Verhältnismäßigkeit verletzt. Viertens beruhe die Entscheidung
         auf einer Verletzung der Begründungspflicht.
      
      B –  Zur Einstufung von ADM als Anführer des Kartells
      1.     Einleitung
      214   Wie den Randnummern 263 bis 266 der Entscheidung zu entnehmen ist, hat sich die Kommission für ihre Feststellung, dass die
         Klägerin zusammen mit Roche als Anführer des Kartells anzusehen sei, im Wesentlichen darauf gestützt, dass ADM eine maßgebliche
         Rolle bei der Errichtung des Kartells gespielt habe und eine treibende Kraft bei der Abhaltung der Kartellsitzungen gewesen
         sei. Die Kommission stützte sich insoweit vor allem auf drei Elemente.
      
      215   Erstens verwies sie in den Randnummern 263 und 264 der Entscheidung darauf, dass ADM, nachdem sie im Dezember 1990 auf dem
         Markt tätig geworden sei, im Januar 1991 verschiedene bilaterale Treffen mit den wichtigsten Zitronensäureherstellern organisiert
         habe, nämlich mit H & R, Roche und Jungbunzlauer (im Folgenden: von ADM organisierte bilaterale Treffen im Januar 1991). Zweitens
         bezog sich die Kommission in Randnummer 265 der Entscheidung auf die Aussage eines ehemaligen Vertreters von ADM, der an den
         Kartellsitzungen teilgenommen hatte (im Folgenden: ehemaliger ADM-Vertreter), in dem kartellrechtlichen Verfahren in den USA,
         die in einem Bericht des Federal Bureau of Investigation (FBI) festgehalten ist (im Folgenden: FBI-Bericht) und deren Gegenstand
         u. a. das Verhalten eines anderen Vertreters der Klägerin war, der ebenfalls an den Kartellsitzungen teilgenommen hatte (im
         Folgenden: anderer ADM-Vertreter). Drittens stützte sich die Kommission in Randnummer 266 der Entscheidung auf eine Erklärung
         von Cerestar im Verwaltungsverfahren (im Folgenden: Erklärung von Cerestar).
      
      216   ADM wirft der Kommission vor, dass ihr hinsichtlich aller drei Elemente Beurteilungsfehler unterlaufen seien und sie die Entscheidung
         insoweit auch nicht ausreichend begründet habe. Diese Rügen sind für jedes der drei Elemente gesondert zu prüfen. Die Klägerin
         macht im Übrigen geltend, dass diese Elemente jedenfalls nicht den Schluss zuließen, dass sie im Rahmen des Kartells die Rolle
         eines Anführers gespielt habe.
      
      2.     Zu den angeblichen Fehlern der Kommission hinsichtlich der Rolle von ADM als Anführer
      a)     Zu den von ADM organisierten bilateralen Treffen im Januar 1991
       Vorbringen der Parteien
      217   Die Klägerin meint, ihr Verhalten in den Treffen im Januar 1991 mit H & R, Roche und Jungbunzlauer könne nicht als ein Beleg
         für ihre Rolle als Anführer im Kartell angesehen werden. Insoweit sei auf Randnummer 264 der Entscheidung zu verweisen, wo
         die Kommission selbst erklärt habe, dass „die Abhaltung einer Runde bilateraler Treffen zwischen ADM und [ihren] Wettbewerbern
         kurz vor der ersten multilateralen Kartellbesprechung nicht ausreicht, um daraus die Schlussfolgerung zu ziehen, dass ADM
         der Anstifter des Kartells gewesen ist“.
      
      218   Jedenfalls verstoße die Entscheidung insoweit gegen die Begründungspflicht, weil die Kommission mit ihrer Feststellung, dass
         diese bilateralen Treffen nicht genügten, um ADM als Anstifter des Kartells einzustufen, selbst ihrer in Randnummer 263 vorgenommenen
         Beurteilung widersprochen habe.
      
      219   Die Kommission tritt diesem Vorbringen entgegen.
       Würdigung durch das Gericht
      220   In Randnummer 263 der Entscheidung stützte sich die Kommission hinsichtlich der von ADM organisierten bilateralen Treffen
         im Januar 1991 nach eigenen Angaben auf zwei Dokumente, nämlich erstens ein von ADM erstelltes Memorandum vom 15. Januar 1999
         im Zusammenhang mit einem Treffen des ehemaligen Vertreters von ADM im Kartell mit Dienststellen der Kommission am 11. Dezember
         1998 und zweitens den FBI-Bericht. 
      
      221   Hinsichtlich der von ADM organisierten bilateralen Treffen im Januar 1991 mit den wichtigsten Zitronensäureherstellern, nämlich
         H & R, Roche und Jungbunzlauer, hielt es die Kommission trotz der Angabe der Klägerin, es habe sich bei diesen Treffen um
         reine Vorstellungsgespräche bei ihren Wettbewerbern gehandelt, für „sehr wahrscheinlich“, dass „diese Treffen eine bestimmende
         Rolle bei der (neuerlichen) Bildung des Zitronensäurekartells im März 1991 spielten“. Denn angesichts „der sehr geringen Zeitspanne
         zwischen diesen Treffen und der ersten multilateralen Kartellbesprechung am 6. März 1991 [sei] es höchst wahrscheinlich, dass
         die Möglichkeit oder Absicht, ein formelles Kartell zu gründen, besprochen“ worden sei. Dies werde „insbesondere vom Inhalt
         der durchgeführten Diskussionen bestätigt, wie sie von einem ADM-Mitarbeiter wiedergegeben werden: obwohl die Beschreibung
         der Diskussionen vage bleibt, gibt der Mitarbeiter an, dass ein Wettbewerber zumindest bei zwei Gelegenheiten für die Art
         und Weise, wie er sein Zitronensäuregeschäft führte, … verächtlich gemacht“ worden sei. Die Kommission wertet diesen „Ausdruck
         von Verstimmung gegenüber einem Wettbewerber, dem ein ungebührliches Verhalten auf dem Markt vorgeworfen wird, ... eindeutig
         [als] Hinweis auf das wettbewerbsfeindliche Ziel, für mehr Disziplin auf dem Markt zu sorgen“ (Randnrn. 74, 75 und 263 der
         Entscheidung).
      
      222   In Randnummer 264 der Entscheidung führte die Kommission weiter aus, dass „die Abhaltung einer Runde bilateraler Treffen zwischen
         ADM und [ihren] Wettbewerbern kurz vor der ersten multilateralen Kartellbesprechung nicht ausreicht, um daraus die Schlussfolgerung
         zu ziehen, dass ADM der Anstifter des Kartells gewesen ist, obwohl es stark darauf hindeutet“.
      
      223   Soweit ADM im Zusammenhang mit diesen bilateralen Treffen Beurteilungsfehler geltend macht, ist zunächst darauf hinzuweisen,
         dass sie nicht bestreitet, die Treffen organisiert zu haben. Sie wirft der Kommission auch nicht vor, dass sie die Dokumente,
         auf die sie sich insoweit stützte, unzutreffend zusammengefasst habe. Die Klägerin meint vielmehr, die bilateralen Treffen
         hätten ausschließlich dazu gedient, sich bei den übrigen Kartellmitgliedern vorzustellen.
      
      224   Wenn die Kommission auch in Randnummer 264 der Entscheidung ausführte, dass die verfügbaren Informationen über diese bilateralen
         Treffen nicht genügten, um auf eine Anstifterrolle von ADM in diesen Treffen zu schließen, durfte sie doch die Feststellung
         treffen, dass die Abhaltung dieser von ADM kurz vor dem ersten multilateralen Kartelltreffen organisierten bilateralen Treffen
         „stark darauf hindeutet“, dass ADM ein Anstifter des Kartells war.
      
      225   Allein der Umstand, dass die Kommission in Randnummer 264 der Entscheidung den Beweiswert relativierte, den sie der Abhaltung
         dieser bilateralen Treffen für die Anstifterrolle von ADM im Kartell zumaß, bedeutet nicht, dass sie diese Treffen fehlerhaft
         analysiert hätte. Vielmehr zeigt die Herangehensweise der Kommission, dass sie die verwerteten Dokumente sorgfältig analysierte
         und auf dieser Grundlage zu dem Schluss gelangte, dass die bilateralen Treffen nur ein starkes Indiz für eine Anführerrolle
         von ADM im Kartell seien, für definitive Schlussfolgerungen aber nicht genügten.
      
      226   Es stellt daher keinen offensichtlichen Beurteilungsfehler dar, dass die Kommission neben anderen Elementen, auf die sie sich
         stützte, die Existenz dieser Treffen als zusätzliches Indiz dafür wertete, dass ADM im Kartell die Rolle eines Anführers spielte.
         
      
      227   Soweit ADM eine Verletzung der Begründungspflicht geltend macht, ist darauf hinzuweisen, dass die Erwägungen, auf die sich
         das Gemeinschaftsorgan stützte, den Randnummern 263 und 264 der Entscheidung klar und eindeutig zu entnehmen sind. So führte
         die Kommission in Randnummer 263 der Entscheidung aus, dass die nacheinander stattfindenden Treffen von ADM mit H & R, Roche
         und Jungbunzlauer im Januar 1991 sehr wahrscheinlich eine entscheidende Rolle für die Schaffung des Zitronensäurekartells
         im März 1991 gespielt hätten, und erläuterte sodann in Randnummer 264 der Entscheidung die sich aus dieser Feststellung für
         ADM ergebenden Konsequenzen mit dem Hinweis, dass die Abhaltung einer Reihe von bilateralen Treffen zwischen ADM und ihren
         Wettbewerbern kurz vor der ersten multilateralen Kartellsitzung allein nicht genüge, um ADM als Anstifter anzusehen, aber
         hierfür ein starkes Indiz sei. Diese Darlegungen enthalten keinen Widerspruch und lassen in den von der Kommission angestellten
         Erwägungen keine Unstimmigkeit erkennen. Der Kommission lässt sich daher insoweit kein Begründungsmangel vorwerfen.
      
      228   Der Kommission sind daher in diesem Zusammenhang weder Beurteilungsfehler noch ein Verstoß gegen die Begründungspflicht unterlaufen.
      b)     Zu der Aussage des ehemaligen ADM-Vertreters vor dem FBI
       Zusammenfassung des Sachverhalts und Wortlaut der Entscheidung
      229   Am 11. und 12. Oktober 1996 machte der ehemalige ADM-Vertreter eine Aussage vor der „Grand Jury“ in dem kartellrechtlichen
         Verfahren in den USA, das zum Abschluss eines „Plea Agreement“ führte. Die Befragung, in dem der ehemalige ADM-Vertreter von
         seinen Rechtsanwälten unterstützt wurde, fand nach Erlass einer „compulsion order“ statt und führte zur Erstellung des FBI-Berichts
         vom 5. November 1996.
      
      230   Einem Schreiben der zuständigen amerikanischen Behörden an den Rechtsanwalt des ehemaligen ADM-Vertreters vom 11. Oktober
         1996 ist zu entnehmen, dass die Befragung auf Ersuchen von ADM stattfand, die sich zu der Befragung vorbehaltlich ihres in
         der amerikanischen Verfassung verbürgten Rechts zur Aussageverweigerung bei Gefahr der Selbstbezichtigung (Fifth Amendement)
         bereit erklärte. Aus dem Schreiben geht auch hervor, dass die amerikanischen Behörden dem ehemaligen ADM-Vertreter vor der
         Befragung hinsichtlich der in seiner Aussage eingeräumten Tatsachen Straffreiheit zugesichert hatten, sofern er die Fragen
         nach bestem Wissen und Gewissen beantworte und alle ihm verfügbaren Informationen offenlege. Die amerikanischen Behörden hatten
         außerdem zugesichert, dass die Aussage des ehemaligen ADM-Vertreters weder unmittelbar noch mittelbar gegen ADM oder ihre
         Mitarbeiter, Tochtergesellschaften oder verbundenen Gesellschaften strafrechtlich verwertet werden dürfe.
      
      231   In der Befragung am 11. und 12. Oktober 1996 gab der ehemalige ADM-Vertreter eine genaue Beschreibung des Funktionierens des
         Kartells und der Beteiligten. Er beschrieb insbesondere die regelmäßigen Sitzungen auf höchster Ebene (so genannte „Master“-
         oder „G‑4/G‑5“-Sitzungen) und die vornehmlich technischen Sitzungen (so genannte „Sherpa“-Sitzungen), an denen er selbst großteils
         teilgenommen hatte. In dem FBI-Bericht findet sich auf den Seiten 21 und 22 insbesondere der Passus aus der Aussage des ehemaligen
         ADM-Vertreters, den die Kommission in Randnummer 265 der Entscheidung zitierte. 
      
      232   Der FBI-Bericht wurde der Kommission im Verwaltungsverfahren von Bayer vorgelegt. In dem Verwaltungsverfahren wurde der ehemalige
         ADM-Vertreter anlässlich eines Treffens zwischen der Kommission und ADM am 11. Dezember 1998 (vgl. Randnr. 57 der Entscheidung)
         auch von der Kommission selbst befragt. In dieser Sitzung übergab ADM der Kommission ein undatiertes Memorandum mit dem Titel
         „Memorandum auf der Grundlage des Gesprächs des [ehemaligen Vertreters von ADM im Kartell] mit der Kommission am 11. Dezember
         1998“.
      
      233   In der Mitteilung der Beschwerdepunkte stützte sich die Kommission insbesondere auf die Aussage des ehemaligen ADM-Vertreters
         in der Fassung, in der sie im FBI-Bericht wiedergegeben ist. Sie fügte der Mitteilung der Beschwerdepunkte den Bericht außerdem
         bei.
      
      234   In ihrer Antwort auf die Mitteilung der Beschwerdepunkte bezog sich ADM ihrerseits auf die Aussage ihres ehemaligen Vertreters
         vor dem FBI, um die Bedeutung der Zusammenarbeit von ADM nicht nur im Verfahren vor der Kommission, sondern auch in dem vor
         den amerikanischen Behörden hervorzuheben. Im Übrigen führte ADM den FBI-Bericht mehrfach dafür an, dass sie im Verfahren
         vor der Kommission in vollem Umfang kooperiert habe, dass das Kartell auf den Zitronensäuremarkt nur beschränkte Auswirkungen
         gehabt habe und dass ihr bei der Berechnung der Geldbuße mildernde Umstände zugute zu halten seien. In diesem Zusammenhang
         verwies sie auf den FBI-Bericht, um darzutun, dass sie nicht die Rolle eines Anführers des Kartells gespielt habe und dass
         ihr ein mildernder Umstand zuzuerkennen sei.
      
      235   In Randnummer 265 der Entscheidung bezog sich die Kommission auf den FBI-Bericht wie folgt:
      „Während seines Verhörs durch das FBI im Jahr 1996 nahm ein ehemaliger Vertreter von ADM bei den Kartellbesprechungen auf
         einen anderen Vertreter, der ebenfalls für ADM an denselben Treffen teilgenommen hatte, Bezug und sagte über ihn, dass … der
         Mechanismus für die G‑4/G‑5-Absprachen eine Idee [dieses anderen ADM-Vertreters] zu sein schienen und dieser auf dem Treffen
         vom 6. März 1991 in Basel, wo die Kartellabsprache formuliert [worden sei], eine ziemlich aktive Rolle [gespielt habe]. Über
         denselben Kollegen meinte er ferner, dass … man [ihn] als den ‚Weisen‘ betrachtete, und [ein Vertreter von Jungbunzlauer]
         ihn sogar den ‚Prediger‘ nannte.“
      
       Vorbringen der Parteien
      236   ADM macht geltend, dass die Kommission den FBI-Bericht fehlerhaft als Beweisdokument für eine „leadership“ von ADM gewertet
         habe.
      
      237   Dazu trägt die Klägerin erstens vor, dass sich die Kommission deshalb nicht auf den FBI-Bericht hätte stützen dürfen, weil
         er zu Beweismitteln gehöre, die die Behörden eines Drittstaats bei ihrer Untersuchung gesammelt hätten und für die die gemeinschaftsrechtlichen
         Verfahrensgarantien keine Geltung hätten. Weder der ehemalige ADM-Vertreter noch sein Rechtsanwalt hätten Gelegenheit gehabt,
         die Niederschrift der Aussage zu korrigieren, zu genehmigen oder zu unterzeichnen.
      
      238   Derartige Aussagen würden vor den Gerichten der USA als ihrem Wesen nach wenig verlässlich betrachtet. Außerdem habe der Gerichtshof
         in seinem Urteil vom 10. November 1993 in der Rechtssache C‑60/92 (Otto, Slg. 1993, I‑5683, Randnr. 20) festgestellt, dass
         Informationen aus einem nationalen Verfahren, in dem das von der Gemeinschaft anerkannte Verteidigungsrecht gegen eine Selbstbezichtigung
         nicht gelte, zwar durch einen Verfahrensbeteiligten der Kommission zur Kenntnis gebracht werden könnten, dass aber die Kommission,
         wie sich aus dem Urteil des Gerichtshofes vom 18. Oktober 1989 in der Rechtssache 374/87 (Orkem/Kommission, Slg. 1989, 3283)
         ergebe, diese Informationen – wie übrigens auch eine staatliche Behörde – nicht als Beweismittel für eine wettbewerbsrechtliche
         Zuwiderhandlung in einem Verfahren, das zu Sanktionen führen könne, oder als Indiz, das die Einleitung einer einem solchen
         Verfahren vorausgehenden Untersuchung rechtfertigen könnte, verwerten dürfe. 
      
      239   Die Klägerin betont, sie berufe sich nicht darauf, dass die amerikanischen Behörden keine Verfahrensgarantien eingehalten
         hätten. Der ehemalige ADM-Vertreter sei durchaus von seinem Rechtsanwalt begleitet worden und habe Straffreiheit erhalten.
         Dennoch handele es sich um Beweismittel aus einem Verfahren in einem Drittland, für die die im Gemeinschaftsrecht geltenden
         Garantien keine Geltung hätten. Die Kommission sei offenkundig nicht in der Lage, den Beweiswert eines Dokuments festzustellen,
         wenn sie nicht verstehe, wie es zustande gekommen sei, und die für seine Abfassung geltenden Verfahrensgarantien nicht kenne,
         etwa so wichtige Aspekte wie die, ob das Dokument unter Eid entstanden sei oder ob es dem Zeugen oder seinem Rechtsanwalt
         zur Durchsicht ausgehändigt worden sei.
      
      240   Zweitens dürfe sich die Kommission auf den FBI-Bericht deshalb nicht stützen, weil ADM keine Gelegenheit gehabt habe, im Fall
         einer Selbstbezichtigung die im Urteil Orkem/Kommission (zitiert oben in Randnr. 238) anerkannten Verteidigungsrechte in Anspruch
         zu nehmen. Dabei sei irrelevant, dass die ADM zugesicherte Straffreiheit nur für ein Strafverfahren gegolten habe.
      
      241   Die Aussage sei von dem früheren Vertreter von ADM unter Verzicht auf das Aussageverweigerungsrecht wegen Gefahr der Selbstbezichtigung
         unter der Voraussetzung gemacht worden, dass sie von den amerikanischen Behörden u. a. nicht gegen den ehemaligen ADM-Vertreter
         oder gegen ADM selbst verwertet würde. Anders als die amerikanischen Behörden habe die Kommission ihr aber in dem von ihr
         selbst geführten Verfahren nicht Gelegenheit gegeben, hinsichtlich der Aussage des ehemaligen ADM-Vertreters ihr Recht zur
         Aussageverweigerung wegen Gefahr der Selbstbezichtigung auszuüben. Zwar sei nichts dagegen einzuwenden, dass sich die Kommission
         des FBI-Berichts auszugsweise bediene, soweit er mit der unmittelbaren Aussage des ehemaligen ADM-Vertreters vor der Kommission
         selbst übereinstimme. Diese unmittelbare Aussage des ehemaligen ADM-Vertreters vor der Kommission beziehe sich aber nicht
         auf Punkte wie „leadership“, für die sich die Kommission auf den FBI-Bericht gestützt habe. Obwohl die Kommission den ehemaligen
         ADM-Vertreter selbst befragt und uneingeschränkt Gelegenheit gehabt habe, von ihm mündlich oder mittels schriftlicher Fragen
         Auskunft zu erlangen, habe sie den Punkt, ob ADM ein Anführer gewesen sei, nicht angesprochen und auch zu einem späteren Zeitpunkt
         im Verfahren nie aufgeworfen.
      
      242   Drittens sei der FBI-Bericht aus drei Gründen seinem Wesen nach nicht verlässlich. 
      243   Zunächst sei der Bericht von FBI-Mitarbeitern und amerikanischen Staatsanwälten abgefasst worden, denen es darum gegangen
         sei, die Ermittlungen in ihrem Sinne voranzubringen. Derartige Berichte seien von den amerikanischen Gerichten als Beweise
         vom Hörensagen und ferner deshalb für unzulässig erklärt worden, weil die Ermittler, die eine schlüssige strafrechtliche Beschuldigung
         aufbauen wollten, dazu neigen könnten, die Aussagen des Befragten nicht vollständig wiederzugeben.
      
      244   Ferner sei auch insoweit zu bedenken, dass weder der ehemalige ADM-Vertreter selbst noch sein Rechtsbeistand Gelegenheit gehabt
         hätten, die Aussage zu lesen, zu genehmigen oder zu unterzeichnen. So habe der ehemalige ADM-Vertreter zwei Jahre später in
         einem Kreuzverhör in einem öffentlichen Gerichtsverfahren, in dem er als von den amerikanischen Behörden benannter Zeuge aufgetreten
         sei, zu seiner früheren Aussage erklärt, dass er den FBI-Bericht bis dahin nicht gesehen habe. In dem Kreuzverhör habe der
         ehemalige ADM-Vertreter auch die Richtigkeit eines ihm bei dieser Gelegenheit vorgelegten Passus aus dem Bericht bezweifelt.
      
      245   Schließlich sei der FBI-Bericht hinsichtlich der angeblichen Anführerrolle von ADM in sich widersprüchlich. So habe die Kommission
         den Passus auf Seite 22 des Berichts verwertet, wonach der Vorgesetzte des ehemaligen ADM-Vertreters die Vereinbarung formuliert
         und in der ersten Sitzung am 6. März 1991 eine aktive Rolle gespielt habe. Auf Seite 7 des Berichts aber heiße es zur selben
         Sitzung vom 6. März 1991, dass „die Sitzung ‚sichtlich von [dem Vertreter von Roche] geleitet‘ worden sei, den der ehemalige
         ADM-Vertreter als den ‚Hauptprotagonisten‘ bezeichnet“ habe.
      
      246   Darüber hinaus gehe aus dem Memorandum vom 11. Dezember 1998 (vgl. oben, Randnr. 232) hervor, dass der Vertreter von Roche
         „die Leitung dieser informellen Gruppe gehabt“ habe, dass „ADM daran kaum teilgenommen“ habe und dass „[die Vertreter von
         ADM] vor allem nur zugehört“ hätten (S. 3).
      
      247   Viertens sei auf die Erklärungen des ehemaligen ADM-Vertreters und seines Rechtsanwalts vom 26. Februar 2002 für das vorliegende
         Verfahren zu verweisen.
      
      248   Zu der Erklärung des Rechtsanwalts des ehemaligen ADM-Vertreters führt die Klägerin aus, es lasse sich seinen Notizen zu den
         Antworten des früheren ADM-Vertreters auf die Fragen des FBI entnehmen, dass der FBI-Bericht subtil, aber maßgeblich vom tatsächlichen
         Wortlaut dieser Antworten zur Frage der Anführerschaft abweiche. Die Notizen seien gleichzeitig mit den Aussagen des Mandanten
         gefertigt worden, während der FBI-Bericht nur eine nachträgliche Wiedergabe der vom ehemaligen ADM-Vertreter gebrauchten Worte
         sei.
      
      249   So ergebe sich aus den Notizen des Rechtsanwalts des früheren ADM-Vertreters, dass sein Mandant zur Rolle des anderen ADM-Vertreters
         in der Sitzung am 6. März 1991 geäußert habe, dieser habe „eine relativ aktive Rolle“ gespielt, aber habe die Sitzung niemals
         „leiten wollen“. Im FBI-Bericht erscheine dies als eine „aktive Rolle“, aber sei die wichtige adverbiale Einschränkung weggelassen
         worden.
      
      250   Ferner ergebe sich aus den Notizen des Rechtsanwalts des früheren ADM-Vertreters, dass das FBI diesen nicht gefragt habe,
         ob der Mechanismus der „G‑4/G‑5“-Vereinbarung eine Idee des anderen ADM-Vertreters gewesen sei. Genau genommen habe man den
         ehemaligen ADM-Vertreter in einer ganze Serie von Fragen zum Kartell auch gefragt, ob es wahrscheinlich so gewesen sei, dass
         es sich um eine Idee des anderen ADM-Vertreters gehandelt habe, worauf der ehemalige ADM-Vertreter mit „ja“ geantwortet habe.
         Die Fragen hätten also darauf gezielt, ob der Kartellbeitritt von ADM die Idee des anderen ADM-Vertreters gewesen sei, nicht
         aber der Mechanismus der Vereinbarung. Frage und Antwort seien völlig mehrdeutig gewesen und nicht zu vergleichen mit der
         dann im FBI-Bericht auftauchenden positiven Feststellung, dass „die Mechanik der G‑4/G‑5-Vereinbarung die Idee des [anderen
         ADM-Vertreters] gewesen zu sein“ scheine. Was hingegen die Diskussionen über den in der Sitzung vom 6. März 1991 abgesprochenen
         Kartellmechanismus angehe, so zeigten die Notizen des Rechtsanwalts des ehemaligen ADM-Vertreters, dass dieser unzweideutig
         erklärt habe, der Vertreter von Roche sei der Hauptbeteiligte gewesen, der ein Quotensystem vorgeschlagen habe. Überdies ergebe
         sich aus den Notizen, dass der andere ADM-Vertreter „nicht häufig das Wort ergriffen“ habe und „die Gewohnheit gehabt [habe],
         in den Sitzungen zuzuhören und zu verfolgen, was geschieht“. Dies stimme mit der Aussage des ehemaligen ADM-Vertreters überein,
         dass der andere ADM-Vertreter nicht habe leiten wollen und dass dies „vorher von anderen gemacht“ worden sei.
      
      251   Außerdem ergebe sich aus den Notizen des Rechtsanwalts des ehemaligen ADM-Vertreters, dass dieser für den anderen ADM-Vertreter
         nicht den Ausdruck „der Weise“ verwendet habe.
      
      252   Auch der ehemalige ADM-Vertreter selbst habe in einer Erklärung bestätigt, dass seine ihm erinnerlichen Aussagen von den ihm
         im FBI-Bericht zugeschriebenen abwichen. 
      
      253   Aus dieser Erklärung gehe zunächst hervor, dass der andere ADM-Vertreter zur Sitzung am 6. März 1991 kaum beigetragen habe
         und nicht als deren Leiter betrachtet werden könne.
      
      254   Außerdem ergebe sich aus der Erklärung des ehemaligen ADM-Vertreters, dass der Vertreter von Roche den ehemaligen ADM-Vertreter
         und den anderen Vertreter von ADM zu der Sitzung am 6. März 1991 eingeladen, diese geleitet und als Kartellmechanismus ein
         System des Informationsaustauschs und der Überwachung vorgeschlagen habe.
      
      255   Ferner gehe aus der Erklärung hervor, dass sich der ehemalige ADM-Vertreter nicht daran erinnere, dass der andere ADM-Vertreter
         als der „Weise“ bezeichnet worden sei, aber andererseits in Erinnerung behalten habe, dass der Vertreter von Jungbunzlauer,
         der ab Mai 1994 als Vorsitzender an den Kartellsitzungen teilgenommen habe, den anderen ADM-Vertreter als den „Prediger“ bezeichnet
         habe. Nach seiner Erklärung habe der ehemalige ADM-Vertreter vermutet, dass diese Bezeichnungen deshalb verwendet worden seien,
         weil der andere ADM-Vertreter „im Allgemeinen eine reservierte Haltung eingenommen“ und „gewöhnlich das Wort nur ergriffen“
         habe, wenn „er eine bedeutende Mitteilung machen wollte“. Schließlich ergebe sich aus der Erklärung, dass der Ausdruck „der
         Weise“ nicht zur Bezeichnung des anderen ADM-Vertreters verwendet worden sei.
      
      256   Die Klägerin macht fünftens geltend, dass der FBI-Bericht mit den eigenen Schlussfolgerungen der Kommission unvereinbar sei.
         So habe die Kommission versucht, den anderen ADM-Vertreter in Randnummer 265 ihrer Entscheidung auf der Grundlage des FBI-Berichts
         als eine Person darzustellen, die in der ersten Kartellsitzung am 6. März 1991 die Rolle des Anführers gespielt habe, während
         sie in Randnummer 78 ihrer Entscheidung selbst ausführe, dass diese Sitzung von einem Vertreter von Roche organisiert und
         geleitet worden sei.
      
      257   Diese Darstellung der Sitzung am 6. März 1991 weiche auch von der ab, die die Kommission in der Mitteilung der Beschwerdepunkte
         gegeben habe. Dort habe sie in Randnummer 62 ausgeführt, dass die Sitzung von dem Vertreter von Roche organisiert und geleitet
         worden sei.
      
      258   Die zentrale Rolle des Vertreters von Roche in der Sitzung am 6. März 1991 ergebe sich auch aus den Randnummern 85 und 89
         der Entscheidung.
      
      259   Nach Auffassung der Kommission ist dieses Vorbringen zurückzuweisen.
       Würdigung durch das Gericht
      –       Einleitung
      260   ADM erhebt zwei Arten von Rügen. Sie macht erstens geltend, dass die Kommission durch die Verwertung des FBI-Berichts gemeinschaftsrechtliche
         Verfahrensgarantien verletzt habe. Zweitens rügt sie, dass die Kommission den Inhalt des FBI-Berichts nicht fehlerfrei gewürdigt
         habe.
      
      –       Zu der Rüge, dass die Kommission im Gemeinschaftsrecht vorgesehene Verfahrensgarantien verletzt habe
      261   Wie unstreitig ist, wird es der Kommission durch keine Bestimmung untersagt, sich als Beweismittel für das Vorliegen einer
         Zuwiderhandlung gegen die Artikel 81 EG und 82 EG und für die Verhängung einer Geldbuße eines Dokuments zu bedienen, das,
         wie im vorliegenden Fall der FBI-Bericht, im Rahmen eines anderen Verfahrens als des Verfahrens vor der Kommission erstellt
         wurde.
      
      262   In der Rechtsprechung ist jedoch unter Heranziehung der allgemeinen Grundsätze des Gemeinschaftsrechts, deren integraler Bestandteil
         die Grundrechte sind und in deren Licht alle gemeinschaftsrechtlichen Bestimmungen auszulegen sind, das Recht eines Unternehmens
         anerkannt, von der Kommission im Rahmen von Artikel 11 der Verordnung Nr. 17 nicht gezwungen zu werden, seine Beteiligung
         an einer Zuwiderhandlung zuzugeben (vgl. oben in Randnr. 238 zitiertes Urteil Orkem/Kommission, Randnr. 35). Der Schutz dieses
         Rechts setzt voraus, dass im Fall eines Streites über die Tragweite einer Frage geprüft wird, ob eine Antwort des Adressaten
         tatsächlich dem Eingeständnis einer Zuwiderhandlung gleichkäme, so dass die Verteidigungsrechte beeinträchtigt würden (vgl.
         Urteil des Gerichtshofes vom 15. Oktober 2002 in den Rechtssachen C‑238/99 P, C‑244/99 P, C‑245/99 P, C‑247/99 P, C‑250/99 P
         bis C‑252/99 P und C‑254/99 P, Limburgse Vinyl Maatschappij u. a./Kommission, Slg. 2002, I‑8375, Randnr. 273, und Urteil des
         Gerichts vom 20. Februar 2001 in der Rechtssache T‑112/98, Mannesmannröhren-Werke/Kommission, Slg. 1998, II‑729, Randnr. 64).
      
      263   Zwar unterscheidet sich der vorliegende Sachverhalt von den Entscheidungssachverhalten der genannten Rechtssachen, in denen
         die Kommission den Unternehmen Fragen gestellt hatte, deren Beantwortung sie verweigern durften.
      
      264   Stützt sich die Kommission aber wie im vorliegenden Fall im Rahmen ihrer freien Würdigung der ihr vorliegenden Beweise auf
         eine Aussage, die in einem anderen Kontext als dem des Verfahrens vor der Kommission gemacht wurde, und enthält diese Aussage
         möglicherweise Angaben, die das Unternehmen nach der Rechtsprechung in der Rechtssache Orkem/Kommission (zitiert oben in Randnr.
         238) gegenüber der Kommission hätte verweigern dürfen, so muss die Kommission dem Unternehmen Verfahrensrechte garantieren,
         die den sich aus dieser Rechtsprechung ergebenden gleichwertig sind.
      
      265   Die Einhaltung dieser Verfahrensgarantien verlangt in einem Kontext wie dem vorliegenden, dass die Kommission von Amts wegen
         prüft, ob dem ersten Anschein nach ernste Zweifel daran bestehen, dass im Rahmen des Verfahrens, in dem die fraglichen Aussagen
         gemacht wurden, die Verfahrensrechte der Beteiligten eingehalten wurden. Bestehen solche ernsten Zweifel nicht, so sind die
         Verfahrensrechte der Beteiligten als hinreichend gewährleistet anzusehen, wenn die Kommission in der Mitteilung der Beschwerdepunkte,
         gegebenenfalls unter Beifügung der in Frage stehenden Dokumente, klar darauf hinweist, dass sie beabsichtigt, sich auf die
         fragliche Aussage zu stützen. Auf diese Weise ermöglicht es die Kommission den Beteiligten, sich nicht nur zum Inhalt dieser
         Aussagen, sondern auch zu etwaigen Unregelmäßigkeiten oder besonderen Umständen im Zusammenhang mit der Aussage selbst oder
         mit ihrer Zuleitung an die Kommission zu äußern.
      
      266   Im vorliegenden Fall ist erstens zu berücksichtigen, dass der FBI-Bericht der Kommission von einem Konkurrenten von ADM, nämlich
         von Bayer, vorgelegt wurde, die ebenfalls an dem Kartell beteiligt war (vgl. oben, Randnr. 232), und dass ADM nicht geltend
         machte, dass dieses Dokument von Bayer oder von der Kommission in rechtswidriger Weise erlangt worden sei.
      
      267   Zweitens ist festzustellen, dass es sich bei dem FBI-Bericht um ein von der für die Verfolgung geheimer Kartelle zuständigen
         Behörde der USA erstelltes Dokument handelt, das den amerikanischen Gerichten in dem Verfahren, das das gleiche Kartell zum
         Gegenstand hatte, vorgelegt wurde. Der Bericht weist kein äußeres Merkmal auf, das der Kommission von Amts wegen Anlass zu
         Zweifeln an seinem Beweiswert hätte geben müssen. Soweit ADM in diesem Kontext geltend macht, es sei in dem Schreiben der
         zuständigen amerikanischen Behörden vom 11. Oktober 1996 an den Rechtsanwalt des ehemaligen ADM-Vertreters zugesichert worden,
         dass die in dem Bericht enthaltenen Angaben weder gegen diesen noch gegen ADM verwertet werden dürften, ist darauf hinzuweisen,
         dass sich dieser Vorbehalt ausdrücklich auf strafrechtliche Verfahren im Sinne des Rechts der USA und nicht auf Verfahren
         wie die von der Kommission geführten bezog.
      
      268   Drittens ist in noch grundlegenderer Weise daran zu erinnern, dass die Kommission in der Mitteilung der Beschwerdepunkte darauf
         hingewiesen hatte, dass sie sich auf den Bericht stützen wolle, und ihn dieser Mitteilung beigefügt hatte. Sie gab ADM damit
         Gelegenheit, sich nicht nur zu dem Inhalt des Berichts, sondern auch zu etwaigen Unregelmäßigkeiten oder besonderen Umständen
         im Zusammenhang mit seiner Erstellung, wie sie vor dem Gericht geltend gemacht worden sind (vgl. u. a. oben, Randnrn. 243
         und 244), oder im Zusammenhang mit der Vorlage des Berichts bei der Kommission zu äußern, d. h. zu solchen Unregelmäßigkeiten
         oder Umständen, infolge deren die Kommission nach Auffassung von ADM das Dokument nicht verwerten konnte, ohne die im Gemeinschaftsrecht
         garantierten Verfahrensrechte zu verletzen.
      
      269   ADM hat jedoch in ihrer Antwort auf die Mitteilung der Beschwerdepunkte gegen die Berücksichtigung des Berichts durch die
         Kommission keine Einwände erhoben. Vielmehr stützte sie sich ausdrücklich selbst auf den Bericht, um ihr Vorbringen, auch
         hinsichtlich der Frage, ob sie im Kartell die Rolle eines Anführers gespielt habe, zu untermauern. ADM trägt nicht einmal
         vor, dass sie zu irgendeinem Zeitpunkt des Verwaltungsverfahrens die Aufmerksamkeit der Kommission auf die mangelnde Verlässlichkeit
         des FBI-Berichts gelenkt oder sie ersucht hätte, den ehemaligen ADM-Vertreter zur Richtigkeit der darin wiedergegebenen Äußerungen
         selbst zu befragen.
      
      270   Unter diesen Umständen verletzte die Kommission damit, dass sie den FBI-Bericht im Rahmen der freien Würdigung der ihr verfügbaren
         Beweise verwertete, nicht die im Gemeinschaftsrecht garantierten Verfahrensrechte.
      
      –       Zu der Rüge, dass die Kommission den Inhalt des FBI-Berichts nicht fehlerfrei gewürdigt habe
      271   Soweit ADM innere Widersprüche des FBI-Berichts geltend macht (vgl. oben, Randnr. 245), ist festzustellen, dass laut dem Passus
         des Berichts, auf den sich die Kommission in Randnummer 265 der Entscheidung stützte, der ehemalige ADM-Vertreter erklärt
         hatte, der andere ADM-Vertreter habe die Idee der Vereinbarung gehabt und bei der ersten Kartellsitzung am 6. März 1991 eine
         aktive Rolle gespielt. Laut diesem Passus fügte er hinzu, der andere ADM-Vertreter sei als „der Weise“ betrachtet und vom
         Jungbunzlauer-Vertreter sogar „der Prediger“ genannt worden. Hingegen heißt es auf Seite 7 des Berichts zur selben Sitzung
         am 6. März 1991, dass diese sichtlich von dem Roche-Vertreter geleitet worden sei, den der ehemalige ADM-Vertreter als den
         „Hauptprotagonisten“ bezeichnet habe.
      
      272   Demzufolge hatte der ehemalige ADM-Vertreter den Eindruck, dass die Vertreter von ADM und Roche in dieser Sitzung eine entscheidende
         Rolle gespielt hätten, wobei einer von ihnen (der Vertreter von Roche) die Sitzung im Wesentlichen organisierte und leitete
         und der andere (der Vertreter von ADM) eine vorherrschende Rolle in der Ausgestaltung der geschlossenen Vereinbarungen gespielt
         habe.
      
      273   In diesem Sinne ist das Dokument auch von der Kommission aufgefasst worden. Ausweislich der Randnummern 268 bis 272 der Entscheidung
         ging sie nämlich davon aus, dass sowohl ADM als auch Roche im Kartell eine Führungsrolle gespielt hätten. In Randnummer 269
         stützte sie sich für diese Feststellung auf den FBI-Bericht, auch wenn sie eine andere Passage daraus zitierte als die von
         ADM geltend gemachte.
      
      274   ADM rügt daher zu Unrecht, dass der FBI-Bericht in sich widersprüchlich sei.
      275   Soweit ADM Widersprüche zwischen dem FBI-Bericht und der Aussage des ehemaligen ADM-Vertreters vor der Kommission, so wie
         sie in dem Memorandum von ADM (vgl. oben, Randnr. 246) festgehalten ist, geltend macht, ist darauf hinzuweisen, dass selbst
         dann, wenn die Beschreibung der Rolle der Vertreter von ADM in den fraglichen Sitzungen von der im FBI-Bericht abwiche, die
         Kommission doch, wie oben in Randnummer 270 festgestellt, den FBI-Bericht verwerten durfte und es ihr nicht vorgeworfen werden
         kann, dass sie ihn für glaubhafter hielt als das Memorandum von ADM über die Befragung des ehemaligen ADM-Vertreters durch
         die Kommission zu einem Zeitpunkt, zu dem das Unternehmen bereits gewarnt war („in tempore suspecto“).
      
      276   Soweit ADM Widersprüche zwischen den Schlussfolgerungen der Kommission in der Entscheidung und in der Mitteilung der Beschwerdepunkte
         rügt (vgl. oben, Randnrn. 256 bis 258), ist festzustellen, dass laut den Randnummern 78, 85 und 89 der Entscheidung und Randnummer
         62 der Mitteilung der Beschwerdepunkte der Vertreter von Roche derjenige war, der die Sitzung am 6. März 1991 organisierte
         und leitete. Diese Tatsache kann aber nicht den von der Kommission gezogenen Schluss entkräften, dass ADM ein mitwirkender
         Anführer war. Denn es erscheint ohne weiteres möglich, dass – wie im vorliegenden Fall – ein Beteiligter eine Sitzung leitet
         und organisiert und ein anderer Beteiligter darin eine aktive Rolle ersten Ranges spielt, wie dies aus Randnummer 265 der
         Entscheidung hervorgeht, und dass beide Beteiligte wegen ihrer jeweiligen Rolle als Anführer des Kartells anzusehen sind.
      
      277   Soweit sich ADM auf die Erklärungen des ehemaligen ADM-Vertreters und seines Rechtsanwalts vom 26. Februar 2002 im Hinblick
         auf das vorliegende Verfahren bezieht, die eine andere Beschreibung der Vorgänge gäben als die Aussagen des ehemaligen ADM-Vertreters
         beim FBI (vgl. oben, Randnrn. 247 bis 255), genügt der Hinweis, dass ADM im Verwaltungsverfahren vor der Kommission nie vortrug,
         dass der FBI-Bericht keine zutreffende Wiedergabe der Aussage des ehemaligen ADM-Vertreters enthalte (vgl. oben, Randnr. 234).
         Im Übrigen stellt es keinen offensichtlichen Beurteilungsfehler dar, dass die Kommission dem im Verwaltungsverfahren vorgelegten
         FBI-Bericht höhere Beweiskraft zumaß als diesen späteren Erklärungen, die zu einem Zeitpunkt, zu dem das Unternehmen bereits
         gewarnt war („in tempore suspecto“), für das vorliegende Verfahren angefertigt wurden.
      
      278   ADM hat damit nicht dargetan, dass die Kommission den Inhalt des FBI-Berichts fehlerhaft gewürdigt hätte.
      279   Demnach sind der Kommission bei der Würdigung des FBI-Berichts keine offensichtlichen Fehler unterlaufen.
      c)     Zur Erklärung von Cerestar
       Vorbringen der Parteien
      280   Insoweit trägt ADM erstens vor, dass der Vorsitz in den Sherpa-Sitzungen, selbst wenn sich die Kommission auf das entsprechende
         Beweismittel von Cerestar stützen dürfte, allenfalls eine aktive Beteiligung am Kartell, nicht aber eine „leadership“ im Kartell
         belege.
      
      281   Die Sherpa-Sitzungen seien nämlich Treffen der Beteiligten auf einer niedrigeren Ebene ihrer Unternehmenshierarchie gewesen.
         Die Treffen seien erst ab Juni 1993 abgehalten worden und hätten der Prüfung technischer Fragen gedient (vgl. Randnr. 117
         der Entscheidung). Manche der Treffen hätten auch mit einer rechtswidrigen Absprache nichts zu tun gehabt, sondern rechtmäßigen
         Verbandsaktivitäten wie der Erörterung anderer möglicher Verwendungen von Zitronensäure zur Ausweitung des Marktes oder einer
         Antidumping-Beschwerde gegen die chinesischen Hersteller gedient. Die Sitzungen hätten daher einen Kontrast zu den Sitzungen
         der wichtigsten „Master“ gebildet, die während der ganzen Zeit des Kartells stattgefunden hätten und in denen die wesentlichen
         Entscheidungen gefallen seien (Festsetzung der Quoten, Preiserhöhungen, Kontrollmechanismen, Ausgleichszahlungen).
      
      282   Zweitens sei das von Cerestar gelieferte Beweismittel generell mit Zurückhaltung zu würdigen, da die Erinnerungen von Cerestar
         an die Sitzungen unverlässlich seien: Einzelheiten würden nur für drei der siebzehn Treffen genannt, die Cerestar als „mögliche“
         Kartelltreffen bezeichne, und sechs der von Cerestar erinnerten Sitzungen hätten ausweislich der von anderen Beteiligten vorgelegten
         Beweise und nach den eigenen Feststellungen der Kommission nicht stattgefunden.
      
      283   Drittens sei das von Cerestar vorgelegte Beweismittel fehlerhaft, was speziell die Sherpa-Sitzungen angehe. Cerestar habe
         für die ganze Zeit ihrer Kartellbeteiligung nur eine dieser Sitzungen eindeutig bezeichnet (nämlich ein Treffen am 15. April
         1994 auf dem Flughafen O’Hare von Chicago) und dabei erklärt, dass „Herr [D.] keine genauen Erinnerungen [habe]“. Nach dem
         Zeugnis der anderen Teilnehmer habe es aber diese Sitzung nicht gegeben. Daneben habe Cerestar drei weitere Sitzungen erwähnt.
         Das Unternehmen habe auch erklärt, dass es an weiteren Sitzungen nach dem 2. November 1994 nicht teilgenommen habe, was nicht
         überraschend sei, da bestimmte Sherpa-Sitzungen auch Fragen gewidmet worden seien, die mit dem Kartell nichts zu tun gehabt
         hätten. Dennoch habe die Kommission zwischen diesen Sherpa-Sitzungen und den anderen nicht unterschieden.
      
      284   Viertens sei die Erklärung von Cerestar unvereinbar mit der Erklärung des ehemaligen ADM-Vertreters für das Verfahren vor
         der Kommission. Angesichts der Unverlässlichkeit der Erklärung von Cerestar und ihres Unvermögens, die richtigen Daten oder
         Orte der Sherpa-Sitzungen anzugeben, hätte die Erklärung des ehemaligen ADM-Vertreters für das Verfahren vor der Kommission
         als glaubhafter angesehen werden müssen. Nach der Erklärung des ehemaligen ADM-Vertreters habe es aber keinen gemeinsam ausgewählten
         oder offiziellen Leiter für die Sitzungen auf einer unteren Hierarchieebene der beteiligten Unternehmen gegeben und sei es
         irrig, einem solchen die Vorbereitung von Dossiers und Preisvorschläge zuzuschreiben. Zwar habe der ehemalige ADM-Vertreter
         gelegentlich zu den Treffen vorbereitete Datensätze mitgebracht, aber dies hätten die anderen Teilnehmer genauso gehandhabt.
         Ebenso seien alle Teilnehmer an Preisvorschlägen beteiligt gewesen. Die einzigen Gelegenheiten, zu denen der ehemalige ADM-Vertreter
         nach seiner Erinnerung für die übrigen Teilnehmer Preisvorschläge vorbereitet habe, hätten die Anwendung von Wechselkursen
         auf die vereinbarten Preise betroffen, was jedoch selten vorgekommen sei.
      
      285   Die Kommission weist dieses Vorbringen zurück.
       Würdigung durch das Gericht
      286   Es ist zunächst darauf hinzuweisen, dass sich die Kommission in Randnummer 266 der Entscheidung auf die Erklärung von Cerestar
         wie folgt bezog:
      
      „In [ihrer] Erklärung vom 25. März 1999 gibt auch Cerestar … an, dass … [die Vertreter von Roche und Jungbunzlauer] normalerweise
         die ‚Master‘-Treffen leiteten, doch Cerestar … eindeutig den Eindruck hatte, dass [der Vertreter von ADM] eine führende Rolle
         spielte. [Der Vertreter von ADM] führte den Vorsitz bei den ,Sherpa‘-Treffen, bereitete in der Regel alles vor und machte
         für gewöhnlich die Vorschläge für die zu vereinbarenden Preislisten.“
      
      287   Zur Rolle als „treibende Kraft“ hat Cerestar in ihrer Erklärung angegeben, dass in den Kartellsitzungen auf höchster Ebene
         („Master“-Sitzungen) der ehemalige ADM-Vertreter diese Rolle innegehabt habe. Dagegen wendet ADM nur ein, es ergebe sich aus
         ihren eigenen Aussagen, dass sie in diesen Sitzungen nicht die Rolle einer treibenden Kraft gespielt habe, und ihren eigenen
         Aussagen sei der gleiche rechtliche Wert zuzuerkennen wie denen von Cerestar.
      
      288   Jedoch ist festzustellen, dass insoweit die von Cerestar gegebene Beschreibung mit der des ehemaligen ADM-Vertreters nach
         dem FBI-Bericht übereinstimmt. Zur Glaubhaftigkeit der Erklärung von Cerestar ist zu bemerken, dass Cerestar im Kartell, auch
         wenn dies nicht als mildernder Umstand berücksichtigt wurde (vgl. Randnrn. 282 und 283 der Entscheidung), unstreitig keine
         aktive Rolle spielte.
      
      289   Zur Rolle des ehemaligen ADM-Vertreters in den technischen Sitzungen („Sherpa“-Sitzungen) ist festzustellen, dass Cerestar
         in allgemeiner Weise angegeben hat, er habe die Sitzungen organisiert und geleitet und technische Vorschläge gemacht. Es ist
         daher irrelevant, dass Cerestar zu bestimmten dieser Kartellsitzungen keine Einzelheiten mitgeteilt hat.
      
      290   Wie oben bereits entschieden, kann ADM schließlich nicht geltend machen, dass die Erklärung von Cerestar mit der Erklärung
         des ehemaligen ADM-Vertreters für das Verfahren vor der Kommission unvereinbar sei. Es stellt nämlich keinen offensichtlichen
         Beurteilungsfehler der Kommission dar, dass sie der Erklärung von Cerestar höheren Beweiswert beimaß als späteren Erklärungen,
         die zu einem Zeitpunkt, zu dem das Unternehmen bereits gewarnt war („in tempore suspecto“), für das vorliegende gerichtliche
         Verfahren gefertigt wurden.
      
      291   Die Kommission beging damit bei der Würdigung der Erklärung von Cerestar keinen offensichtlichen Beurteilungsfehler.
      3.     Zur Einstufung von ADM als Anstifter im Kartell
      a)     Vorbringen der Parteien
      292   Unter Berufung auf die Entscheidungspraxis der Kommission macht ADM geltend, dass selbst dann, wenn sich die Kommission fehlerfrei
         auf den FBI-Bericht und die Erklärung von Cerestar gestützt hätte, die sich aus diesen Dokumenten ergebenden Beweise allenfalls
         den Schluss zuließen, dass ADM eine aktive Rolle im Kartell gespielt habe, nicht aber den Schluss, dass ihre Rolle die eines
         Anführers gewesen sei.
      
      293   So habe die Kommission selbst eingeräumt, dass ADM nicht Anstifter des Kartells gewesen sei (Randnr. 264 der Entscheidung),
         nicht als Sekretariat für die Sammlung, Überwachung und Verteilung der Verkaufsdaten fungiert habe (Randnr. 272 der Entscheidung),
         bei den verschiedenen Streitigkeiten zwischen den Teilnehmern keine Vermittlerrolle innegehabt habe (Randnr. 270 der Entscheidung)
         und schließlich andere Unternehmen weder gezwungen noch aufgefordert habe, sich am Kartell zu beteiligen (Randnr. 271 der
         Entscheidung). Jede dieser Aktivitäten habe die Kommission vielmehr Roche zugeordnet, wobei sie zusätzlich berücksichtigt
         habe, dass Roche die erste Sitzung am 6. März 1991 geleitet und organisiert und auch seither bis Mai 1994 ununterbrochen den
         Vorsitz der Treffen innegehabt habe (Randnrn. 120 und 268 der Entscheidung).
      
      294   Damit habe die Kommission gegen ihre eigene Verwaltungspraxis verstoßen und den Grundsatz der Gleichbehandlung verletzt.
      295   Die Kommission hält dieses Vorbringen für unbegründet.
      b)     Würdigung durch das Gericht
      296   Wurde eine Zuwiderhandlung von mehreren Unternehmen begangen, so ist für die Bußgeldzumessung zu ermitteln, welches relative
         Gewicht der Beteiligung jedem einzelnen der Unternehmen zukommt (oben in Randnr. 181 zitiertes Urteil Suiker Unie u. a./Kommission,
         Randnr. 623), wofür insbesondere ihre jeweilige Rolle während der Dauer ihrer Beteiligung an der Zuwiderhandlung zu ermitteln
         ist (vgl. Urteil des Gerichtshofes vom 8. Juli 1999 in der Rechtssache C‑49/92 P, Kommission/Anic Partecipazioni, Slg. 1999,
         I‑4125, Randnr. 150, und Urteil des Gerichts vom 17. Dezember 1991 in der Rechtssache T‑6/89, Enichem Anic/Kommission, Slg.
         1991, II‑1623, Randnr. 264).
      
      297   Daraus ergibt sich insbesondere, dass für die Berechnung des Bußgeldbetrags die von einem oder mehreren Unternehmen im Rahmen
         eines Kartells eingenommene Rolle als „Anführer“ berücksichtigt werden muss, da Unternehmen, die eine solche Rolle gespielt
         haben, aus diesem Grund im Vergleich zu den anderen Unternehmen eine besondere Verantwortung zu tragen haben (Urteil des Gerichtshofes
         vom 16. November 2000 in der Rechtssache C‑298/98 P, Finnboard/Kommission, Slg. 2000, I‑10157, Randnr. 45; oben in Randnr.
         180 zitiertes Urteil Mayr-Melnhof/Kommission, Randnr. 291).
      
      298   Abschnitt 2 der Leitlinien enthält unter der Überschrift „Erschwerende Umstände“ eine nicht abschließende Liste der eine Erhöhung
         des Bußgeld-Grundbetrags rechtfertigenden Umstände, unter denen die „Rolle als Anführer oder Anstifter des Verstoßes“ genannt
         ist.
      
      299   Im vorliegenden Fall ergibt sich aus der vorstehenden Prüfung, dass sich die Kommission für ihren Schluss, ADM habe zusammen
         mit Roche die Rolle eines Anführers des Kartells innegehabt, ohne offensichtliche Beurteilungsfehler auf drei Elemente stützte,
         nämlich erstens die von ADM organisierten bilateralen Treffen im Januar 1991, zweitens den FBI-Bericht und drittens die Erklärung
         von Cerestar. Diese drei von der Kommission angeführten Indizien münden aber in den gleichen Schluss ein, dass ADM in der
         Anfangsphase des Kartells die Rolle eines Anstifters und in seiner operativen Phase eine im Vergleich zu anderen Kartellmitgliedern
         vorherrschende Rolle spielte.
      
      300   Auch wenn, wie die Kommission in Randnummer 273 der Entscheidung anerkannte, auch andere Kartellmitglieder Tätigkeiten wahrnahmen,
         die mit der Rolle eines Anstifters häufig verbunden sind, führt ADM doch nichts dafür an, dass die Rolle der übrigen Mitglieder
         ebenso ausgeprägt wie ihre eigene oder die von Roche gewesen wäre. Überdies berücksichtigte die Kommission die Tatsache, dass
         auch andere Mitglieder des Kartells Aktivitäten ausführten, die häufig mit der Rolle eines Anführers verbunden sind, laut
         Randnummer 273 der Entscheidung dadurch, dass sie die insoweit vorgenommene Erhöhung der Geldbuße auf 35 % bemaß.
      
      301   Dass die Kommission, wie ADM ferner geltend macht, auch Roche die Rolle eines Anführers zuwies, steht diesem Schluss nicht
         entgegen (vgl. oben, Randnr. 276). Auch dass die Kommission in Randnummer 77 der Entscheidung annahm, es habe bereits vor
         den entsprechenden Initiativen von ADM Versuche anderer Beteiligter wie Jungbunzlauer gegeben, ein Kartell auf dem Zitronensäuremarkt
         zu errichten, kann nicht den Schluss entkräften, dass ADM in dem von der Entscheidung betroffenen Kartell, insbesondere bei
         seiner Errichtung, die Rolle eines Anführers spielte.
      
      302   Folglich beruht es nicht auf Beurteilungsfehlern, dass die Kommission ADM als einen Anführer des Kartells betrachtete.
      C –  Zur Verletzung des Grundsatzes der Gleichbehandlung durch die Festsetzung des gleichen Erhöhungssatzes gegen ADM wie gegen
            Roche
      1.     Vorbringen der Parteien
      303   ADM trägt vor, es müsse selbst dann, wenn man die ihr von der Kommission zugeschriebene, zu ihrer wahren Rolle in Gegensatz
         stehende Rolle als wahr unterstelle, Berücksichtigung finden, dass Roche im Kartell eine zentrale Rolle mit eben den Merkmalen
         gespielt habe, die die Kommission im Allgemeinen in anderen Kartellsachen als Indizien für eine „leadership“ angesehen habe.
         Dagegen habe ADM nur eine untergeordnete Rolle innegehabt, die allenfalls mit der von Jungbunzlauer vergleichbar sei, die
         ihrerseits als ein aktives Kartellmitglied eingestuft worden sei (vgl. Randnrn. 120 und 284 der Entscheidung). Im Fall von
         Jungbunzlauer habe die Kommission aber keinen erschwerenden Umstand angenommen und damit den Grundsatz der Gleichbehandlung
         verletzt.
      
      304   Nach Auffassung der Kommission ist dieser Klagegrund zurückzuweisen. 
      2.     Würdigung durch das Gericht
      305   Dazu ist festzustellen, dass sich die Kommission für ihren Schluss, dass Roche die Rolle eines Anführers des Kartells gespielt
         habe, darauf stützte, dass ihr Vertreter die erste Kartellsitzung organisiert und geleitet, auch die weiteren Sitzungen bis
         zum 18. Mai 1994 geleitet (vgl. Randnr. 120 der Entscheidung) und während der gesamten Kartellbeteiligung von Roche das Funktionieren
         des Kartells dadurch sichergestellt habe, dass er die übrigen Kartellmitglieder zur nötigen Geheimhaltung der Kartellaktivitäten
         angehalten und Cerestar bei ihrem Kartellbeitritt die Mechanismen der Absprachen erklärt habe.
      
      306   Im Fall von ADM stellte die Kommission im Wesentlichen auf die maßgebliche Rolle ihrer Vertreter bei der Errichtung des Kartells
         und auf ihre Stellung als aktives Kartellmitglied während des Funktionierens des Kartells ab (vgl. oben, Randnr. 299).
      
      307   Die Kommission konnte aber zu Recht zu dem Schluss gelangen, dass die Rolle von ADM in der Anfangsphase des Kartells mindestens
         ebenso schwerwiegend war wie die Rolle von Roche.
      
      308   Der Klagegrund einer Verletzung des Grundsatzes der Gleichbehandlung ist daher zurückzuweisen.
      D –  Zur Verletzung der Grundsätze der Gleichbehandlung und der Verhältnismäßigkeit durch eine Abweichung von der vorherigen Entscheidungspraxis
            der Kommission in Zusammenhang mit dem gegen ADM angewandten Erhöhungssatz
      1.     Vorbringen der Parteien
      309   ADM macht geltend, dass die Entscheidung selbst dann, wenn sie im Kartell die von der Kommission angenommene Rolle gespielt
         hätte, auch die Grundsätze der Gleichbehandlung und Verhältnismäßigkeit verletze, da die Kommission mit der Anwendung einer
         Erhöhung um mehr als 25 % wegen „leadership“ von ihrer Entscheidungspraxis in vorangegangenen Kartellsachen abgewichen sei.
      
      310   So habe die Kommission in den Sachen „Griechische Fährschiffe“, „Legierungszuschlag“ und – vor Erlass der Leitlinien – „Karton“
         und „Propylen“ nur einen Erhöhungssatz von 20 bis 25 % angewandt. Noch bedeutendere Erhöhungen seien nur bei Zusammentreffen
         mehrerer erschwerender Umstände, darunter „leadership“, angemessen. So habe die Kommission in der Sache „Fernwärmerohre“ gegen
         ABB eine Erhöhung von 60 % zur Ahndung mehrerer gleichzeitig vorliegender Faktoren festgesetzt.
      
      311   Nach Auffassung der Kommission ist dieses Vorbringen zurückzuweisen.
      2.     Würdigung durch das Gericht
      312   Es ist daran zu erinnern, dass die Kommission bei der Bußgeldzumessung über ein Ermessen verfügt (Urteil des Gerichtshofes
         vom 6. April 1995 in der Rechtssache T‑150/89, Martinelli/Kommission, Slg. 1995, II‑1165, Randnr. 59). Dass die Kommission
         in der Vergangenheit bei Vorliegen von erschwerenden Umständen einen bestimmten Erhöhungssatz auf Geldbußen anwandte, nimmt
         ihr nicht die Befugnis, diesen Satz in den durch die Verordnung Nr. 17 und die Leitlinien gezogenen Grenzen zu erhöhen, wenn
         dies für die Durchführung der gemeinschaftlichen Wettbewerbspolitik erforderlich erscheint.
      
      313   Soweit ADM eine Verletzung des Grundsatzes der Verhältnismäßigkeit rügt, ist festzustellen, dass die Kommission, da sie die
         Geldbuße auf einem Niveau festsetzen muss, das eine hinreichend abschreckende Wirkung gewährleistet, ihr Ermessen nicht dadurch
         überschritt, dass sie angesichts der Führungsrolle von ADM und Roche im Kartell eine Erhöhung der gegen diese beiden Beteiligten
         festgesetzten Geldbußen um jeweils 35 % für gerechtfertigt hielt.
      
      314   Soweit ADM eine Verletzung des Grundsatzes der Gleichbehandlung rügt, ist darauf hinzuweisen, dass die Rechtsgrundlage für
         die Verhängung von Geldbußen auf dem Gebiet des Wettbewerbsrechts nicht die Entscheidungspraxis der Kommission bildet, sondern
         Artikel 15 Absatz 2 der Verordnung Nr. 17.
      
      315   Weiterhin ist daran zu erinnern, dass die Kommission bei der Anwendung dieser Bestimmung in jedem Einzelfall die allgemeinen
         Rechtsgrundsätze einhalten muss, zu denen der Grundsatz der Gleichbehandlung in seiner Auslegung durch die Gemeinschaftsgerichte
         gehört (vgl. oben, Randnr. 133).
      
      316   Soweit die Klägerin die Entscheidung mit anderen Bußgeldentscheidungen der Kommission vergleicht, können diese Entscheidungen
         daher im Hinblick auf die Einhaltung des Grundsatzes der Gleichbehandlung nur relevant sein, wenn dargetan wird, dass die
         diesen Entscheidungen zugrunde liegenden tatsächlichen Gegebenheiten wie die Märkte, die Erzeugnisse, die Länder, die Unternehmen
         und die betroffenen Zeiträume die gleichen sind wie im vorliegenden Fall (vgl. in diesem Sinne Urteil des Gerichts vom 13.
         Januar 2004 in der Rechtssache T‑67/01, JCB Service/Kommission, Slg. 2004, II‑49, Randnr. 187).
      
      317   Das Vorbringen der Klägerin genügt aber nicht für die Feststellung, dass diese Voraussetzungen hier vorliegen. So beruft sich
         ADM insbesondere auf keine Entscheidungen aus der gleichen Zeit wie die in der Sache Zitronensäure. Jedenfalls muss die Kommission
         bei der Bußgeldzumessung für den abschreckenden Charakter ihres Eingreifens Sorge tragen. Daher kann im Fall der Anführer
         eines Kartells auch eine erhebliche Anhebung des Bußgeldniveaus wegen erschwerender Umstände als gerechtfertigt angesehen
         werden, um die volle Einhaltung der Wettbewerbsregeln zu gewährleisten.
      
      318   Die Klagegründe einer Verletzung der Grundsätze der Gleichbehandlung und der Verhältnismäßigkeit sind daher zurückzuweisen.
      E –  Zur Verletzung der Begründungspflicht bei der Beurteilung der erschwerenden Umstände
      319   ADM hält die Begründung der Entscheidung für unzureichend, weil darin nicht angegeben werde, aus welchen Gründen die Kommission
         zu ihren Lasten erschwerende Umstände angenommen und eine Erhöhung der gegen sie verhängten Geldbuße um 35 % für erforderlich
         gehalten habe.
      
      320   Nach Auffassung der Kommission ist die Begründung der Entscheidung in den Randnummern 263 bis 267 ausreichend.
      321   Unter Hinweis auf die oben in den Randnummern 117 und 118 zitierte Rechtsprechung ist dazu festzustellen, dass die Kommission
         in den Randnummern 263 bis 265 der Entscheidung die Gesichtspunkte dargelegt hat, auf deren Grundlage sie zu der Beurteilung
         gelangte, dass ADM im Kartell eine Anführerrolle gespielt habe. Die Kommission stellte nämlich im Wesentlichen auf die maßgebliche
         Rolle der Vertreter der Klägerin bei der Errichtung des Kartells und auf die Stellung der Klägerin als erstrangiges aktives
         Kartellmitglied während des Funktionierens des Kartells ab. Hinsichtlich der Zumessung des angewandten Erhöhungssatzes ist
         im Übrigen Randnummer 273 der Entscheidung zu entnehmen, dass die Kommission berücksichtigte, dass auch andere Kartellmitglieder
         Tätigkeiten wahrgenommen hatten, die üblicherweise mit der Rolle eines Anführers verbunden sind.
      
      322   Demnach kann der Kommission nicht angelastet werden, dass sie den angewandten Erhöhungssatz von 35 % wegen erschwerender Umstände
         nicht hinreichend begründet habe.
      
      323   Der Klagegrund einer Verletzung der Begründungspflicht ist daher zurückzuweisen. 
      324   Demnach greifen die Klagegründe von ADM gegen die Erhöhung der Geldbuße wegen erschwerender Umstände nicht durch.
      VI –  Zu den mildernden Umständen
      A –  Vorbemerkung
      325   Hinsichtlich der Würdigung der mildernden Umstände durch die Kommission rügt ADM Beurteilungsfehler, die erstens die Beendigung
         der Kartellbeteiligung nach dem ersten Eingreifen der zuständigen Behörden, zweitens die fehlende Berücksichtigung von Schadensersatzzahlungen
         und drittens den Erlass eines Verhaltenskodex durch ADM betreffen.
      
      B –  Zur Beendigung der Kartellbeteiligung nach dem ersten Eingreifen der zuständigen Behörden
      1.     Vorbringen der Parteien
      326   Die Klägerin macht geltend, dass in Abschnitt 3 dritter Gedankenstrich der Leitlinien die Beendigung der Verstöße nach dem
         ersten Eingreifen der Kommission als mildernder Umstand anerkannt sei, ihr aber im vorliegenden Fall nicht zugute gekommen
         sei.
      
      327   Zudem sei der vorliegende Sachverhalt praktisch identisch mit dem der Sache „Aminosäuren“ (Entscheidung 2001/418/EG der Kommission
         vom 7. Juni 2000 in einem Verfahren nach Artikel 81 EG-Vertrag und Artikel 53 EWR-Abkommen [Sache COMP/36.545/F3 – Aminosäuren],
         ABl. 2001, L 152, S. 24, im Folgenden: Sache Aminosäuren), in der die Kommission eine Herabsetzung der Geldbuße um 10 % gewährt
         habe. Es sei auch auf das Urteil ABB Asea Brown Boveri/Kommission (zitiert oben in Randnr. 35, Randnr. 238) hinzuweisen, wonach
         Unternehmen, die mit der Kommission zum Zweck der Beendigung des Kartells zusammengearbeitet hätten, eine Herabsetzung zu
         gewähren sei.
      
      328   Schließlich gebe es entgegen der Ansicht der Kommission durchaus Fälle, in denen Kartelle auch nach Eingreifen der Wettbewerbsbehörden
         fortgesetzt worden seien. 
      
      329   Daher habe die Kommission die Grundsätze der Verhältnismäßigkeit und der Gleichbehandlung verletzt. 
      330   Die Kommission meint, dass die Beendigung eines geheimen Kartells nach seiner Aufdeckung keine Belohnung verdiene und darum
         kein Anspruch auf ihre Berücksichtigung bei der Bußgeldzumessung bestehe.
      
      2.     Würdigung durch das Gericht
      331   Abschnitt 3 der Leitlinien mit der Überschrift „Mildernde Umstände“ sieht eine Herabsetzung des Grundbetrags der Geldbuße
         vor, wenn die Kommission spezielle mildernde Umstände feststellt, zu denen die Beendigung der Verstöße nach dem ersten Eingreifen
         der Kommission (insbesondere Nachprüfungen) gehört.
      
      332   Es ist indessen daran zu erinnern, dass die Tätigkeit der Gemeinschaft, um einen in hohem Maße wettbewerbsfähigen Gemeinsamen
         Markt zu schaffen, nach Artikel 3 EG ein System umfasst, das den Wettbewerb innerhalb des Binnenmarktes vor Verfälschungen
         schützt. Eines der Hauptinstrumente für die Errichtung dieses Systems bildet Artikel 81 Absatz 1 EG, der alle Vereinbarungen
         zwischen Unternehmen, Beschlüsse von Unternehmensvereinigungen und aufeinander abgestimmte Verhaltensweisen verbietet, die
         den Handel zwischen Mitgliedstaaten zu beeinträchtigen geeignet sind und eine Verhinderung, Einschränkung oder Verfälschung
         des Wettbewerbs innerhalb des Gemeinsamen Marktes bezwecken oder bewirken.
      
      333   Ferner ist daran zu erinnern, dass der Kommission sowohl die Verwirklichung einer allgemeinen Politik mit dem Ziel, die im
         Vertrag niedergelegten Grundsätze auf das Wettbewerbsrecht anzuwenden und das Verhalten der Unternehmen in diesem Sinne zu
         lenken, als auch die Ermittlung und Ahndung einzelner Zuwiderhandlungen obliegt. Hierfür verfügt sie über die Befugnis, Geldbußen
         gegen Unternehmen zu verhängen, die vorsätzlich oder fahrlässig gegen Artikel 81 Absatz 1 EG verstoßen haben (vgl. in diesem
         Sinne oben in Randnr. 47 zitiertes Urteil Musique diffusion française u. a./Kommission, Randnr. 105).
      
      334   Daraus folgt, dass die Kommission bei der für die Festsetzung der Geldbuße erforderlichen Beurteilung der Schwere einer Zuwiderhandlung
         nicht nur die besonderen Umstände des Einzelfalls, sondern auch den Kontext der Zuwiderhandlung berücksichtigen und für die
         abschreckende Wirkung ihres Vorgehens Sorge tragen muss (vgl. in diesem Sinne oben in Randnr. 47 zitiertes Urteil Musique
         diffusion française u. a./Kommission, Randnr. 106). Nur die Berücksichtigung dieser Aspekte nämlich kann die volle Wirksamkeit
         des Vorgehens der Kommission für die Wahrung eines unverfälschten Wettbewerbs auf dem Gemeinsamen Markt gewährleisten.
      
      335   Eine Beurteilung der Regelung in Abschnitt 3 dritter Gedankenstrich der Leitlinien allein anhand ihres Wortlauts könnte den
         Eindruck vermitteln, dass die bloße Beendigung einer Zuwiderhandlung nach dem ersten Eingreifen der Kommission allgemein und
         vorbehaltlos einen mildernden Umstand darstellt. Eine solche Auslegung der Regelung würde aber die praktische Wirksamkeit
         der Vorschriften, die die Erhaltung eines effizienten Wettbewerbs ermöglichen, mindern, da sie sowohl die Sanktion, die wegen
         einer Zuwiderhandlung gegen Artikel 81 EG verhängt werden kann, als auch ihre abschreckende Wirkung abschwächen würde.
      
      336   Im Unterschied zu anderen mildernden Umständen bildet nämlich dieser Umstand keinen wesensmäßigen Teil der subjektiven Eigenschaften
         des Zuwiderhandelnden oder des konkreten Sachverhalts, da er hauptsächlich aus dem äußeren Eingreifen der Kommission folgt.
         Die Beendigung einer Zuwiderhandlung nur infolge eines Eingreifens der Kommission kann daher nicht dem Verdienst gleichgestellt
         werden, das in einer eigenständigen Initiative des Zuwiderhandelnden liegt, sondern stellt nur eine angemessene und normale
         Reaktion auf das Eingreifen dar. Zudem belegt ein solcher Umstand nur die Rückkehr des Zuwiderhandelnden zu rechtmäßigem Verhalten
         und trägt nicht dazu bei, die Verfolgung von Verstößen durch die Kommission wirksamer zu machen. Der angeblich mildernde Charakter
         eines solchen Umstands lässt sich, zumal bei Berücksichtigung der vorangegangenen Umstände, auch nicht als bloßer Anreiz rechtfertigen,
         die Zuwiderhandlung zu beenden. Insoweit ist hervorzuheben, dass die Einstufung der Fortführung einer Zuwiderhandlung nach
         dem ersten Eingreifen der Kommission als erschwerender Umstand (vgl. in diesem Sinne Urteil des Gerichts vom 20. März 2002
         in der Rechtssache T‑28/99, Sigma Tecnologie/Kommission, Slg. 2002, II‑1845, Randnrn. 102 ff.) zu Recht bereits einen Anreiz
         für die Beendigung der Zuwiderhandlung bietet, aber im Gegensatz zum fraglichen mildernden Umstand weder die Sanktion noch
         ihre abschreckende Wirkung verringert.
      
      337   Die Anerkennung der Beendigung einer Zuwiderhandlung nach dem ersten Eingreifen der Kommission als mildernden Umstand würde
         daher durch eine Minderung sowohl der Sanktion als auch ihrer abschreckenden Wirkung die praktische Wirksamkeit von Artikel
         81 Absatz 1 EG ungerechtfertigt beeinträchtigen. Folglich durfte sich die Kommission nicht selbst dazu verpflichten, die bloße
         Beendigung eines Verstoßes nach ihrem ersten Eingreifen als mildernden Umstand zu berücksichtigen. Die Regelung des Abschnitts
         3 dritter Gedankenstrich der Leitlinien ist daher restriktiv so auszulegen, dass sie der praktischen Wirksamkeit von Artikel
         81 Absatz 1 EG nicht zuwiderläuft. 
      
      338   Die Regelung ist daher dahin auszulegen, dass nur besondere Umstände des Einzelfalls, unter denen eine Beendigung des Verstoßes
         nach dem ersten Eingreifen der Kommission konkret verwirklicht wird, die Berücksichtigung dieser Beendigung als mildernden
         Umstand rechtfertigen können (vgl. in diesem Sinne oben in Randnr. 35 zitiertes Urteil ABB Asea Brown Boveri/Kommission, Randnr. 213).
         Die Klägerin vertritt daher zu Unrecht die Auffassung, der Entscheidung hafte deshalb ein Rechtsmangel an, weil die Kommission
         die Beendigung der Zuwiderhandlung durch die Klägerin nach dem ersten Eingreifen der Kommission gemäß den Leitlinien von Amts
         wegen hätte berücksichtigen müssen.
      
      339   Diese Rüge eines Rechtsmangels könnte allerdings dahin auszulegen sein, dass mit ihr die fehlende Berücksichtigung der Beendigung
         der Zuwiderhandlung durch die Klägerin im besonderen Kontext des vorliegenden Falles beanstandet wird.
      
      340   Im vorliegenden Fall ist indessen daran zu erinnern, dass die in Frage stehende Zuwiderhandlung ein geheimes Kartell zum Zweck
         der Festsetzung von Preisen und Aufteilung von Märkten zum Gegenstand hatte. Ein derartiges Kartell wird durch Artikel 81
         Absatz 1 Buchstaben a und c EG ausdrücklich untersagt und stellt eine besonders schwere Zuwiderhandlung dar. Die Beteiligten
         mussten sich daher der Rechtswidrigkeit ihres Verhaltens bewusst sein. Dass das Kartell geheim war, bestätigt, dass die Beteiligten
         um die Rechtswidrigkeit ihres Handelns wussten. Nach Auffassung des Gerichts besteht daher kein Zweifel daran, dass die Zuwiderhandlung
         von den Beteiligten vorsätzlich verwirklicht wurde.
      
      341   Das Gericht hat jedoch bereits entschieden, dass die Beendigung einer vorsätzlich begangenen Zuwiderhandlung nicht als mildernder
         Umstand gewertet werden kann, wenn sie auf das Eingreifen der Kommission zurückzuführen ist (Urteile des Gerichts vom 11.
         März 1999 in den Rechtssachen T‑156/94, Aristrain/Kommission, Slg. 1999, II‑645, Randnr. 138, und T‑157/94, Ensidesa/Kommission,
         Slg. 1999, II‑707, Randnr. 498). 
      
      342   Nach alledem ist das Gericht der Auffassung, dass die Beendigung der Zuwiderhandlung durch ADM nach dem ersten Eingreifen
         einer Wettbewerbsbehörde im vorliegenden Fall keinen mildernden Umstand darstellen kann.
      
      343   Hieran ändert es nichts, dass ADM die wettbewerbswidrigen Praktiken im vorliegenden Fall infolge des Eingreifens der amerikanischen
         Behörden und nicht der Kommission beendete (vgl. Randnrn. 128 und 193 der Entscheidung). Dass ADM den Verstoß nach dem ersten
         Eingreifen der amerikanischen Wettbewerbsbehörde beendete, bedeutet nämlich keinen freiwilligeren Entschluss, als ihn eine
         Beendigung nach dem ersten Eingreifen der Kommission dargestellt hätte.
      
      344   ADM beruft sich für ihr Vorbringen außerdem auf das Urteil ABB Asea Brown Boveri/Kommission (zitiert oben in Randnr. 35, Randnr.
         238), in dem das Gericht entschieden habe, dass Unternehmen, die zum Zweck der Beendigung des Kartells mit der Kommission
         zusammengearbeitet hätten, eine Herabsetzung der Geldbuße zu gewähren sei. Wie insoweit als Hinweis genügt, erlaubt dieses
         Urteil jedoch nicht den Schluss, dass die Beendigung der Zuwiderhandlung durch die Klägerin nach dem ersten Eingreifen einer
         Wettbewerbsbehörde in allen Fällen einen mildernden Umstand darstellt. In dem von ADM angeführten Urteilpassus wird außerdem
         der Grundsatz formuliert, dass dieser Umstand dann zu berücksichtigen ist, wenn das Verhalten des beschuldigten Unternehmens
         es der Kommission ermöglicht hat, eine Zuwiderhandlung leichter festzustellen und diese gegebenenfalls zu beenden. Dies setzt
         aber eine Initiative des fraglichen Unternehmens voraus, die über die bloße Beendigung des Verstoßes nach dem Eingreifen der
         Kommission hinausgeht. Das Urteil ist daher nicht geeignet, die obige Beurteilung in Frage zu stellen. 
      
      345   Was die Sache Aminosäuren (vgl. oben, Randnr. 327) anbelangt, aus der ADM eine Verletzung der Grundsätze der Gleichbehandlung
         und der Verhältnismäßigkeit herleitet, so ist zunächst festzustellen, dass sich eine Verwaltungspraxis nicht aus einem einzigen
         Fall ergeben kann. Außerdem kann allein aus der Tatsache, dass die Kommission in ihrer früheren Entscheidungspraxis ein bestimmtes
         Verhalten in einer bestimmten Weise beurteilt hat, nicht gefolgert werden, dass sie verpflichtet wäre, dies in einer späteren
         Entscheidung ebenfalls zu tun (vgl. analog Urteil des Gerichts vom 17. Dezember 1991 in der Rechtssache T-7/89, Hercules Chemicals/Kommission,
         Slg. 1991, II-1711, Randnr. 357, oben in Randnr. 180 zitiertes Urteil Mayr-Melnhof, Randnr. 368, und oben in Randnr. 41 zitiertes
         Urteil LR AF 1998/Kommission, Randnrn. 234 und 337). Schließlich kann dieser Fall nach Auffassung des Gerichts jedenfalls
         weder die vorstehende Beurteilung, wie sie sich aus einem der zentralen Ziele der Gemeinschaft ergibt, noch die sich aus den
         Urteilen Aristrain/Kommission und Ensidesa/Kommission (zitiert oben in Randnr. 341) ergebende Rechtsprechung in Frage stellen,
         da in dem Fall nur die Beurteilung durch die Kommission zum Ausdruck kommt.
      
      346   Aus den vorstehenden Gründen kann es daher nicht als fehlerhaft angesehen werden, dass die Beendigung der Zuwiderhandlung
         nach dem ersten Eingreifen der amerikanischen Wettbewerbsbehörde im vorliegenden Fall nicht als mildernder Umstand berücksichtigt
         wurde.
      
      C –  Zur fehlenden Berücksichtigung von Schadensersatzzahlungen
      1.     Vorbringen der Parteien
      347   ADM schätzt den Schadensersatzbetrag, den sie an andere Käufer als die in den USA gezahlt habe, auf etwa 15,7 Mio. USD. Davon
         entfielen zwischen 6,8 und 11,7 Mio. USD auf Käufe in der Europäischen Union. Nach Auffassung der Klägerin hat sich die Kommission
         zu Unrecht auf den Standpunkt gestellt, dass sie den im Rahmen von zivilrechtlichen Verfahren geleisteten Schadensersatz nicht
         zu berücksichtigen brauche (Randnr. 335 der Entscheidung). Die Klägerin meint, dass die Kommission dies vielmehr als mildernden
         Umstand hätte berücksichtigen müssen.
      
      348   Nach Auffassung der Kommission ist dieser Klagegrund zurückzuweisen.
      2.     Würdigung durch das Gericht
      349   ADM macht insoweit als mildernden Umstand die Schadensersatzzahlungen geltend, die sie an andere Abnehmer als die in den USA
         geleistet habe und die zum Teil auf Käufe innerhalb der Europäischen Union entfielen. Da die Verurteilung von ADM zur Leistung
         von Schadensersatz in den USA auch Schadensersatzzahlungen in dreifacher Höhe („triple damages“) umfasste, gehört zu dem von
         ADM geltend gemachten Schadensersatz potenziell nicht nur bloßer Schadensausgleich, sondern auch eine Sanktion.
      
      350   Soweit es sich bei dem Schadensersatz um eine Sanktion („triple damages“) handelt, stellt seine Leistung nach Auffassung des
         Gerichts keinen mildernden Umstand dar, den die Kommission im vorliegenden Fall berücksichtigen musste. Die Zahlung einer
         Sanktion durch ADM in den USA ist nämlich lediglich die Folge der dort eingeleiteten Verfahren. Die Zahlung der Sanktion bezieht
         sich nicht auf eine besondere Eigenschaft von ADM und steht in keinem hinreichenden Zusammenhang zu dem Sachverhalt, mit dem
         die Kommission befasst war. Sie kann daher das Vorliegen und die Schwere der begangenen Zuwiderhandlung nicht in Frage stellen.
      
      351   Soweit mit den Schadensersatzleistungen Abnehmer in der Europäischen Union entschädigt wurden, ist festzustellen, dass mit
         den in Frage stehenden Verfahren und den von der Kommission einerseits und den amerikanischen Behörden andererseits verlangten
         Zahlungen offenkundig nicht die gleichen Ziele verfolgt wurden. Während die Kommission im ersten Fall mit einer Geldbuße die
         Verletzung des Wettbewerbsrechts in der Gemeinschaft oder dem EWR zu ahnden suchte, bezweckten die amerikanischen Behörden
         im zweiten Fall eine Entschädigung der Opfer des Handelns von ADM. Diese Schadensersatzzahlungen stehen daher nicht in hinreichendem
         Zusammenhang zu dem Sachverhalt, mit dem die Kommission befasst war.
      
      352   Daher brauchte die Kommission bei der Bußgeldzumessung nicht zu berücksichtigen, dass ADM auf gegen sie in den USA erhobene
         Klagen hin bereits Schadensersatz geleistet hatte.
      
      353   ADM ist jedoch der Auffassung, dass die Kommission mit der Nichtberücksichtigung des an Zitronensäureabnehmer in den USA gezahlten
         Schadensersatzes als mildernden Umstand den Grundsatz der Gleichbehandlung verletzt habe, da sie damit von ihrer Praxis in
         vergleichbaren Kartellsachen abgewichen sei.
      
      354   Dazu ist festzustellen, dass ADM für das Bestehen einer solchen Praxis eine einzige Kartellsache anführt, nämlich die Sache
         Fernwärmerohre (Entscheidung 1999/60/EG der Kommission vom 21. Oktober 1998 in einem Verfahren gemäß Artikel 85 EG-Vertrag
         [Sache IV/35.691/E-4 – Fernwärmerohre], ABl. 1999, L 24, S. 1). Mit der Anführung einer einzigen Kartellsache kann aber das
         Bestehen einer bestimmten Praxis der Kommission nicht belegt werden. ADM hat außerdem nicht dargetan, dass die beiden Sachen
         vergleichbar wären. So hat sie nichts dafür vorgetragen, dass der von ihr geleistete Schadensersatz gleicher Art gewesen wäre
         wie der in der Sache Fernwärmerohre, nämlich dem Umfang nach bedeutend und auf einen Hersteller der Branche und seinen Eigentümer
         beschränkt. Dass die Kommission im Rahmen ihrer vorherigen Entscheidungspraxis ein bestimmtes Verhalten in einer bestimmten
         Weise beurteilt hat, bedeutet außerdem, wie oben in Randnummer 345 erwähnt, nicht, dass sie bei dem Erlass einer späteren
         Entscheidung zur gleichen Beurteilung gelangen muss.
      
      355   Die Rüge, es sei eine Verletzung des Grundsatzes der Gleichbehandlung, dass die Entscheidung von einer Praxis abweiche, in
         der Schadensersatzleistungen an Abnehmer des betroffenen Marktes als mildernder Umstand bewertet worden seien, ist daher zurückzuweisen.
      
      D –  Zum Erlass eines Verhaltenskodex durch ADM
      1.     Vorbringen der Parteien
      356   Nach Auffassung von ADM hätte die Kommission bei der Berechnung der Geldbuße berücksichtigen müssen, dass ADM ein strenges
         und dauerhaftes Programm für die Einhaltung der Wettbewerbsregeln geschaffen habe, in dessen Rahmen u. a. ein für alle Mitarbeiter
         des Unternehmens geltender Verhaltenskodex erlassen und eine eigene Abteilung hierfür eingerichtet worden sei. 
      
      357   Die Annahme des Programms für die Einhaltung der Wettbewerbsregeln, die Ernennung einer neuen Unternehmensführung und die
         Kündigung von leitenden Mitarbeitern, die an der Zuwiderhandlung beteiligt gewesen seien, bewiesen die aufrichtige Reue des
         Unternehmens. ADM sei im Bereich des gemeinschaftlichen Wettbewerbsrechts auch nie zuvor negativ in Erscheinung getreten.
         Dies zeige, dass die Kommission den Grundsatz der Verhältnismäßigkeit verletzt habe.
      
      358   Nach Auffassung der Kommission ist dieser Klagegrund zurückzuweisen.
      2.     Würdigung durch das Gericht
      359   Was die Durchführung eines Programms zur Einhaltung der Wettbewerbsregeln angeht, so ist es nach der Rechtsprechung zwar bedeutsam,
         dass ein Unternehmen Maßnahmen ergriffen hat, um künftige Zuwiderhandlungen seiner Mitarbeiter gegen das Wettbewerbsrecht
         der Gemeinschaft zu verhindern, doch ändert dies nichts daran, dass die festgestellte Zuwiderhandlung tatsächlich begangen
         wurde. Die Kommission braucht einen solchen Umstand daher nicht als mildernd zu berücksichtigen, und zwar erst recht nicht,
         wie hier, im Fall eines offensichtlichen Verstoßes gegen Artikel 81 Absatz 1 EG (oben in Randnr. 41 zitierte Urteile Dansk
         Rørindustri u. a./Kommission, Randnr. 373, und Archer Daniels Midland und Archer Daniels Midland Ingredients/Kommission, Randnrn.
         280 und 281, sowie oben in Randnr. 35 zitiertes Urteil ABB Asea Brown Boveri/Kommission, Randnr. 221).
      
      360   Der vorliegende Klagegrund ist daher zurückzuweisen. 
      VII –  Zur Zusammenarbeit von ADM im Verwaltungsverfahren
      A –  Einleitung
      361   Hinsichtlich ihrer Zusammenarbeit im Verwaltungsverfahren macht ADM im Wesentlichen vier Klagegründe geltend. Sie hält es
         erstens für eine Verletzung der Mitteilung über Zusammenarbeit und des Grundsatzes des Vertrauensschutzes, dass die Kommission
         sie nicht als das erste Unternehmen angesehen habe, das Angaben gemacht habe, die für den Beweis des Bestehens des Kartells
         von entscheidender Bedeutung gewesen seien. Zweitens verletze es den Grundsatz des Vertrauensschutzes, dass die Kommission
         bei ADM die berechtigte Erwartung geweckt habe, sie werde in ihrem Fall Abschnitt B der Mitteilung über Zusammenarbeit anwenden.
         Drittens verletze es den Gleichbehandlungsgrundsatz, dass die Kommission ADM und Cerestar unterschiedlich behandelt habe.
         Viertens liege eine Verletzung der Grundsätze der Gleichbehandlung und der Verhältnismäßigkeit darin, dass die Kommission
         die Geldbuße in ihrem Fall nur um 50 % herabgesetzt habe.
      
      362   Vor der Prüfung, ob diese Klagegründe durchgreifen, ist zusammenzufassen, wie die Kommission die Zusammenarbeit der Unternehmen
         im Verwaltungsverfahren in den Randnummern 294 bis 326 der Entscheidung beurteilt hat.
      
      363   Zunächst gewährte die Kommission Cerestar nach Abschnitt B der Mitteilung über Zusammenarbeit eine „wesentlich niedrigere
         Festsetzung“ der Geldbuße (um 90 %), die ohne Zusammenarbeit gegen sie verhängt worden wäre. In diesem Zusammenhang erkannte
         die Kommission an, dass Cerestar ihr als erste in einem Treffen mit Dienststellen der Kommission am 29. Oktober 1998 Angaben
         von entscheidender Bedeutung für den Beweis des Kartells gemacht habe. Sie fügte hinzu, „[d]ie Informationen, die Cerestar
         … auf der Besprechung vom 29. Oktober 1998 mitteilte und die den späteren Angaben aus der schriftlichen Erklärung vom 25.
         März 1999 entsprechen, reichten aus, um das Bestehen des Kartells nachzuweisen, und wurden der Kommission übermittelt, bevor
         sie solche Informationen von ADM erhielt“ (Randnr. 306 der Entscheidung). Die Kommission wies demgemäß das Vorbringen von
         ADM zurück, dass sie selbst die Voraussetzungen nach Abschnitt B der Mitteilung über Zusammenarbeit erfülle und daher in den
         Genuss einer „wesentlich niedrigeren Festsetzung“ der Geldbuße kommen müsse; dabei fügte die Kommission hinzu, dass ADM „ein
         Anführer des Kartells“ gewesen sei (Randnrn. 305 bis 308 der Entscheidung). 
      
      364   Die Kommission gewährte ADM dann nach Abschnitt D der Mitteilung über Zusammenarbeit eine „spürbar niedrigere Festsetzung“
         der Geldbuße um 50 %. Dabei berücksichtigte sie, dass ADM ihr in einem Treffen am 11. Dezember 1998 mündlich über das Kartell
         berichtet und ihr am 15. Januar 1999 eine diesen Bericht bestätigende schriftliche Erklärung übermittelt habe. Die Kommission
         erkannte an, dass „die von ADM gelieferten Informationen detailliert waren und von der Kommission daher weitgehend bei der
         Verfolgung ihrer Untersuchung genutzt wurden“. Zusammen mit den Angaben von Cerestar seien sie zur Abfassung der Auskunftsverlangen
         verwendet worden, die sehr dazu beigetragen hätten, dass die übrigen Beteiligten ihre Beteiligung am Kartell eingestanden
         hätten. Die Kommission stellte außerdem fest, dass ADM ihr „Unterlagen aus der Zeit der Zuwiderhandlung zur Verfügung stellen
         konnte, u. a. auf Kartellbesprechungen gemachte handschriftliche Notizen und Preisanweisungen in Verbindung mit den vom Kartell
         getroffenen Entscheidungen“ (Randnrn. 312 bis 315 der Entscheidung).
      
      B –  Zu dem Vorbringen, dass ADM als Erste Angaben von entscheidender Bedeutung für den Beweis der Existenz des Kartells gemacht
            habe
      1.     Vorbringen der Parteien
      365   ADM ist der Auffassung, dass die Kommission ihre eigene Mitteilung über Zusammenarbeit nicht fehlerfrei angewandt und damit
         gegen den Grundsatz des Vertrauensschutzes verstoßen habe. Die ihr nach Abschnitt D der Mitteilung über Zusammenarbeit gewährte
         Herabsetzung der Geldbuße um 50 % sei ungenügend. Entgegen den Ausführungen der Kommission in Randnummer 308 der Entscheidung
         sei ADM die Erste gewesen, die Angaben gemacht habe, die für den Beweis des Bestehens des Kartells im Sinne von Abschnitt
         B Buchstabe b der Mitteilung über Zusammenarbeit von entscheidender Bedeutung gewesen seien. Hingegen seien die von Cerestar
         in der Sitzung am 29. Oktober 1998 gelieferten Beweise, anders als die Kommission in Randnummer 305 der Entscheidung behaupte,
         nicht von entscheidender Bedeutung im Sinne der Mitteilung über Zusammenarbeit gewesen.
      
      366   Erstens nämlich habe Cerestar keinerlei Angaben zu dem Kartell vor dem 12. Mai 1992, dem Datum ihres eigenen Beitritts, gemacht.
         Was die Kommission über das Kartell in der Zeit vor diesem Datum wisse, beruhe auf Informationen, die ADM geliefert habe.
         
      
      367   Zweitens sei die Erklärung von Cerestar vom 18. März 1999 hinsichtlich der Daten der Treffen und der Kartellteilnehmer weder
         schlüssig noch präzise. Sie habe 32 Sitzungen benannt, die zu verschiedenen Daten zwischen dem 14. November 1991 (vor dem
         Kartellbeitritt von Cerestar) und dem 17. Juli 1996 (geraume Zeit nach Auflösung des Kartells) stattgefunden haben sollen.
         Dazu habe sie erklärt, dass neun der Treffen mit Gewissheit stattgefunden hätten und acht „möglicherweise“, während fünfzehn
         Treffen entweder keine Kartelltreffen gewesen seien oder ihr Charakter als Kartelltreffen jedenfalls zunehmend unsicher erscheine.
         Die Identität der Teilnehmer sei für drei der 17 Treffen benannt worden, die als die „sicher feststehenden“ oder „möglichen“
         Kartelltreffen bezeichnet worden seien. Sechs der benannten Sitzungen hätten in Wirklichkeit nie stattgefunden, wie aus Zeugnissen
         der übrigen Beteiligten und den eigenen Feststellungen der Kommission hervorgehe.
      
      368   Drittens habe Cerestar später in einem Schreiben vom 7. Mai 1999 an die Kommission eingeräumt, dass manche der genannten Sitzungen
         in Wirklichkeit, wie genauere Überprüfung ergeben habe, nicht stattgefunden hätten.
      
      369   Viertens sei die Erklärung von Cerestar, was den Gegenstand der Treffen angehe, vage und unstimmig. Zu den Preisen und Quoten
         sei (außer hinsichtlich der Cerestar selbst zugewiesenen Quoten) nichts Genaues mitgeteilt worden.
      
      370   Fünftens bleibe unklar, ob Cerestar ebenso wie ADM der Kommission einen Zeugenbeweis aus erster Hand geliefert habe. Jedenfalls
         habe es Cerestar für erforderlich gehalten, ihre mündliche Erklärung vom 29. Oktober 1998 zu ergänzen und zu präzisieren.
      
      371   Sechstens habe die Kommission am 3. März 1999 an Cerestar selbst ein detaillierteres Auskunftsverlangen gerichtet, das auf
         den Auskünften von ADM beruht habe. Cerestar habe dieses Auskunftsverlangen, das sich auf bestimmte Sitzungsdaten und -orte
         bezogen und auf der Zusammenarbeit von ADM beruht habe, vor der Abgabe ihrer endgültigen Erklärung gegenüber der Kommission
         am 25. März 1999 (bei Datierung auf den 18. März 1999) prüfen können.
      
      372   Hingegen seien die von der Klägerin selbst übermittelten Beweise schlüssig gewesen. So habe sie der Kommission in der Sitzung
         am 11. Dezember 1998 eine Zeugenaussage aus erster Hand, einen zeitnahen Urkundenbeweis und beweiskräftige Unterlagen zum
         Rahmen und zur Durchführung der Kartellabsprachen zur Verfügung gestellt. Die von ADM vorgelegten Beweise hätten zahlreiche
         genaue Einzelheiten über die Sitzungen, die Teilnehmer, die Ausgleichs- und Überwachungsmechanismen, die Preise und die Quoten
         enthalten, wie die Kommission in den Randnummern 313 und 314 der Entscheidung auch selbst eingeräumt habe.
      
      373   Nach Auffassung der Kommission ist dieses Vorbringen zurückzuweisen.
      2.     Würdigung durch das Gericht
      374   In Abschnitt B der Mitteilung über Zusammenarbeit mit der Überschrift „Nichtfestsetzung oder wesentlich niedrigere Festsetzung
         einer Geldbuße“ heißt es:
      
      „Gegenüber einem Unternehmen, das
      a)      der Kommission die geheime Absprache anzeigt, bevor diese aufgrund einer Entscheidung bei den am Kartell beteiligten Unternehmen
         eine Nachprüfung vorgenommen hat und bereits über ausreichende Informationen verfügt, um das Bestehen des angezeigten Kartells
         zu beweisen,
      
      b)      als erstes Angaben macht, die für den Beweis des Bestehens des Kartells von entscheidender Bedeutung sind,
      c)      seine Teilnahme an der rechtswidrigen Handlung spätestens zu dem Zeitpunkt eingestellt hat, zu dem es das Kartell anzeigt,
      d)      der Kommission alle sachdienlichen Informationen sowie verfügbaren Unterlagen und Beweismittel über das Kartell bereitstellt
         und während der gesamten Dauer der Untersuchung zu einer ununterbrochenen und uneingeschränkten Zusammenarbeit bereit ist,
      
      e)      kein anderes Unternehmen zur Teilnahme am Kartell gezwungen noch zu der rechtswidrigen Handlung angestiftet oder bei ihrer
         Durchführung eine entscheidende Rolle gespielt hat,
      
      wird die Höhe der ohne diese Mitarbeit festzusetzenden Geldbuße um mindestens 75 % niedriger festgesetzt und kann auf die
         Festsetzung der Geldbuße ganz verzichtet werden.“
      
      375   Wie dem Wortlaut von Abschnitt B der Mitteilung über Zusammenarbeit zu entnehmen ist, kann ein Unternehmen in den Genuss einer
         Nichtfestsetzung oder wesentlich niedrigeren Festsetzung der Geldbuße nach diesem Abschnitt nur gelangen, wenn es kumulativ
         alle darin unter den Buchstaben a bis e aufgeführten Voraussetzungen erfüllt.
      
      376   Im vorliegenden Fall genügt der Hinweis, dass ADM, wie die Kommission in Randnummer 308 der Entscheidung ausgeführt hat, jedenfalls
         deshalb nicht in den Genuss einer Herabsetzung der Geldbuße oder sogar ihrer Nichtfestsetzung nach diesem Abschnitt der Mitteilung
         über Zusammenarbeit gelangen konnte, weil sie eine der darin festgelegten, kumulativ geltenden Voraussetzungen nicht erfüllte,
         nämlich die gemäß Buchstabe e, wonach die Nichtfestsetzung oder wesentlich niedrigere Festsetzung der Geldbuße für ein Unternehmen
         ausscheidet, das „zu der rechtswidrigen Handlung angestiftet oder bei ihrer Durchführung eine entscheidende Rolle gespielt
         hat“.
      
      377   Wie oben in Randnummer 302 festgestellt, beruht es nämlich nicht auf einem Beurteilungsfehler, dass die Kommission ADM die
         Rolle eines Anführers des Kartells zuschrieb. Auch wenn die Mitteilung über Zusammenarbeit, die Leitlinien und die Entscheidung
         insoweit nicht wortgleich sind, soll doch nach dem Geist des Abschnitts B Buchstabe e der Mitteilung über Zusammenarbeit die
         wesentlich niedrigere Festsetzung einer Geldbuße durch die Kommission – und erst recht die Nichtfestsetzung einer Buße – nicht
         einem Beteiligten gewährt werden, der eine besonders maßgebliche Rolle im Kartell spielte, wie die Rolle eines Anführers,
         Initiators oder Anstifters.
      
      378   Die Klagegründe, wonach deshalb, weil ADM als Erste entscheidende Nachweise für das Bestehen des Kartells geliefert habe,
         gegen die Mitteilung über Zusammenarbeit und den Grundsatz des Vertrauensschutzes verstoßen worden sei, sind deshalb zurückzuweisen,
         ohne dass geprüft zu werden braucht, ob die Kommission zu Recht angenommen hat, dass Cerestar als Erste entscheidende Angaben
         für den Nachweis des Kartells machte.
      
      379   Die Klagegründe eines Verstoßes gegen die Mitteilung über Zusammenarbeit und gegen den Grundsatz des Vertrauensschutzes sind
         daher zurückzuweisen.
      
      C –  Zur Verletzung des Grundsatzes des Vertrauensschutzes
      1.     Vorbringen der Parteien
      380   ADM macht geltend, dass die Kommission in verschiedenen Treffen ihrer Dienststellen mit ADM und in dem Schriftwechsel vor
         und nach dem 11. Dezember 1998, als ADM ihre Beweismittel vorgelegt habe, bestätigt habe, dass ADM als Erste im Sinne von
         Abschnitt B der Mitteilung über Zusammenarbeit kooperiert habe.
      
      381   So habe der Leiter der mit der Sache befassten Dienststelle in einem Treffen am 10. Dezember 1998 zwischen ADM, ihrem Rechtsbeistand
         und den Dienststellen der Kommission bestätigt, dass ADM als Erste mit der Kommission zusammengearbeitet habe; dies ergebe
         sich aus einem von dem Rechtsbeistand der Klägerin noch am selben Tag verfassten Protokoll. Ebenso habe die Kommission in
         ihrem Schreiben vom 19. Januar 1999 auf Abschnitt B der Mitteilung über Zusammenarbeit Bezug genommen. In seinem Antwortschreiben
         habe der Rechtsbeistand von ADM diesen Punkt bestätigt. Schließlich habe sich die Kommission in ihrem Schreiben vom 5. Februar
         1999 erneut auf Abschnitt B Buchstabe b der Mitteilung bezogen.
      
      382   Die Kommission habe dann aber in Randnummer 308 der Entscheidung ihre Beurteilung der Kooperation von ADM geändert, obgleich
         diese im Verwaltungsverfahren bei der Übergabe der Beweismittel am 11. Dezember 1998 und bei ihrer anschließenden kontinuierlichen
         und vorbehaltlosen Kooperation auf die genannten Äußerungen der Kommission vertraut habe. Damit habe die Kommission den Grundsatz
         des Vertrauensschutzes verletzt.
      
      383   Nach Auffassung der Kommission ist dieser Klagegrund zurückzuweisen.
      2.     Würdigung durch das Gericht
      384   Auf den Vertrauensschutz, der zu den allgemeinen Grundprinzipien des Gemeinschaftsrechts gehört, kann sich jeder berufen,
         bei dem die Gemeinschaftsverwaltung insbesondere durch bestimmte Zusicherungen begründete Erwartungen geweckt hat (Urteil
         des Gerichtshofes vom 11. März 1987 in der Rechtssache 265/85, Van den Bergh en Jurgens/Kommission, Slg. 1987, 1155, Randnr.
         44, und Urteil des Gerichts vom 9. Juli 2003 in der Rechtssache T‑220/00, Cheil Jedang/Kommission, Slg. 2003, II‑2473, Randnr. 33).
      
      385   Es ist zu prüfen, ob die Kommission ADM, wie diese geltend macht, bestimmte Zusicherungen dahin gemacht hat, dass sie ihr
         eine Herabsetzung der Geldbuße nach Abschnitt B der Mitteilung über Zusammenarbeit gewähren werde.
      
      386   Insoweit lässt sich den handschriftlichen Notizen des Rechtsanwalts von ADM zum Treffen vom 10. Dezember 1998 zwischen Vertretern
         von ADM und Dienststellen der Kommission entnehmen, dass ein Beamter der Kommission bei dieser Gelegenheit offenbar äußerte,
         ADM sei die Erste gewesen, die in der Sache Zitronensäure kooperiert habe („[Name des Beamten] hat bestätigt, dass wir die
         Ersten sind, die in der Sache Zitronensäure kooperieren“). Auch wenn dieser Satz in die gleiche Richtung geht wie das Vorbringen
         von ADM, ist er doch nicht so eindeutig, wie ADM behauptet.
      
      387   Zweitens führte der Leiter der mit der Sache befassten Dienststelle in einem Schreiben vom 19. Januar 1999 an den Rechtsanwalt
         von ADM zum Treffen vom 11. Dezember 1998 aus:
      
      „In dem Treffen erklärte sich [ADM] nach umfassender Erörterung der Angelegenheit bereit, der Kommission eine schriftliche
         Erklärung mit allen Informationen, die ihr über das rechtswidrige Kartell auf dem Zitronensäuremarkt, an dem sie beteiligt
         war, bekannt sind, auf der Grundlage der Mitteilung über Zusammenarbeit, insbesondere ihres Abschnitts B Buchstabe d, vorzulegen.“
      
      388   Am Schluss des Schreibens unterstrich der Leiter der Dienststelle „die Bedeutung der in Abschnitt B Buchstabe d der Mitteilung
         festgelegten Voraussetzung“.
      
      389   In seinem Antwortschreiben vom 1. Februar 1999 bestätigte der Rechtsanwalt von ADM, dass „[seine] Mandantin beabsichtig[e],
         eine kontinuierliche und vollständige Zusammenarbeit nach Abschnitt B Buchstabe d der Mitteilung über Zusammenarbeit fortzuführen“.
      
      390   Schließlich teilte der Leiter der mit der Sache befassten Dienststelle in einem Schreiben vom 5. Februar 1999, in dem er auf
         das der Kommission am 15. Januar 1999 vorgelegte Memorandum von ADM Bezug nahm, deren Anwalt mit: 
      
      „Der gesamte Gegenstand Ihrer freiwillig angebotenen Zusammenarbeit mit der Kommission nach der Mitteilung über Zusammenarbeit
         besteht in Materialien, die einen (entscheidenden) Beweis gegen die übrigen Kartellteilnehmer bilden.“
      
      391   Demnach versuchte die Kommission tatsächlich, die Beteiligten dadurch zu einer möglichst vollständigen Zusammenarbeit zu motivieren,
         dass sie ihnen diese als so attraktiv wie möglich erscheinen ließ, nämlich durch Hinweise auf Abschnitt B der Mitteilung über
         Zusammenarbeit.
      
      392   In diesem Kontext erklärte die Kommission der Klägerin, dass in ihrem Fall grundsätzlich eine wesentlich niedrigere Festsetzung
         der Geldbuße nach Abschnitt B der Mitteilung über Zusammenarbeit „in Betracht“ komme, und verpflichtete sich, die von ADM
         eingereichten Unterlagen darauf zu überprüfen, ob sie tatsächlich die in Abschnitt B, insbesondere unter Buchstabe d, festgelegten
         Voraussetzungen erfüllten. 
      
      393   Dennoch machte die Kommission in allen der Mitteilung der Beschwerdepunkte und dem Erlass der Entscheidung vorangegangenen
         Schreiben keine bestimmte Zusicherung, dass sie eine Herabsetzung der Geldbuße nach Abschnitt B der Mitteilung über Zusammenarbeit
         gewähren werde, und konnte eine solche Zusicherung im Übrigen auch nicht machen.
      
      394   Denn die Kommission kann nur auf der Grundlage einer Würdigung aller ihr von den Unternehmen im Verwaltungsverfahren mitgeteilten
         Informationen entscheiden, ob einem von ihnen eine Herabsetzung der Geldbuße nach Abschnitt B der Mitteilung über Zusammenarbeit
         zu gewähren ist; dies hat die Kommission übrigens in Randnummer 159 der Mitteilung der Beschwerdepunkte unzweideutig hervorgehoben.
      
      395   Der Klagegrund einer Verletzung des Grundsatzes des Vertrauensschutzes ist daher zurückzuweisen.
      D –  Zu der Rüge, wonach die Kommission durch die Ungleichbehandlung von ADM und Cerestar den Grundsatz der Gleichbehandlung verletzt
            habe
      1.     Vorbringen der Parteien
      396   Nach Auffassung von ADM verletzt die unterschiedliche Behandlung von Cerestar und ihr selbst den Gleichbehandlungsgrundsatz,
         da beide Unternehmen unter vergleichbaren Umständen, im gleichen Verfahrensstadium und im gleichen Zeitraum kooperiert hätten.
      
      397   ADM trägt vor, dass beide Beteiligte nach dem Auskunftsverlangen, das die Kommission im Juni/Juli 1998 an alle Hersteller
         gerichtet habe, kooperiert hätten, keines von der Zusammenarbeit des anderen gewusst habe und – was den Zeitraum der Zusammenarbeit
         seit dem ersten Eingeständnis der Kartellbeteiligung bis zur Übersendung einer vollständigen schriftlichen Erklärung an die
         Kommission angehe – die Zusammenarbeit von ADM in ungefähr gleicher Zeit stattgefunden und sogar eher als die von Cerestar
         begonnen und geendet habe.
      
      398   Das Gericht habe aber im Urteil vom 13. Dezember 2001 in den Rechtssachen T‑45/98 und T‑47/98 (Krupp Thyssen Stainless und
         Acciai speciali Terni/Kommission, Slg. 2001, II‑3757, Randnrn. 246 bis 248, im Folgenden: Urteil Krupp) entschieden, dass
         die Beurteilung der Frage, in welchem Umfang die Unternehmen mit der Kommission zusammenarbeiteten, nicht nach zufälligen
         Kriterien wie der Reihenfolge, in der sie von der Kommission befragt worden seien, beurteilt werden dürfe. So habe es sich
         aber im vorliegenden Fall verhalten. Denn das Datum, für das die beiden Unternehmen mit der Kommission ein Treffen vereinbart
         hätten, um über das Kartell mündlich zu berichten, sei ein vollkommen zufälliger Faktor. Die Klägerin dürfe nicht deshalb
         benachteiligt werden, weil sie längere Zeit auf eingehendere Recherchen von Unterlagen in den USA und die Beschaffung unmittelbarer
         Zeugnisse für die Kommission verwandt habe, um entscheidende Nachweise für das Bestehen des Kartells im Sinne von Abschnitt
         B Buchstabe b der Mitteilung über Zusammenarbeit vorlegen zu können. Die Berichtigungen, umformulierten Erklärungen und ergänzenden
         Informationen, die Cerestar ihrerseits übermittelt habe, zeigten, wie begründet die Bemühungen von ADM gewesen seien, der
         Kommission genaue, detaillierte und erschöpfende Auskunft zu erteilen.
      
      399   Nach Auffassung der Kommission ist dieses Vorbringen zurückzuweisen.
      2.     Würdigung durch das Gericht
      400   Mit ihrem Vorbringen stützt sich ADM im Wesentlichen auf die Grundsätze, die das Gericht in den Randnummern 138 bis 248 des
         Urteils Krupp entwickelt hat. In diesem Urteil hat das Gericht, wie im Übrigen auch in seinem Urteil vom 13. Dezember 2001
         in der Rechtssache T‑48/98 (Acerinox/Kommission, Slg. 2001, II‑3859, Randnrn. 132 bis 141), die Anwendung von Abschnitt D
         der Mitteilung über Zusammenarbeit durch die Kommission überprüft. Es hat im Wesentlichen entschieden, dass die Mitteilung
         über Zusammenarbeit, um einen Verstoß gegen den Gleichbehandlungsgrundsatz zu vermeiden, dahin anzuwenden ist, dass die Kommission
         bei der Herabsetzung von Geldbußen Unternehmen, die ihr im gleichen Verfahrensstadium und unter analogen Umständen ähnliche
         Informationen über die ihnen zur Last gelegten Tatsachen unterbreiten, gleichbehandeln muss. Wie das Gericht hinzugefügt hat,
         liegt allein darin, dass eines der Unternehmen die diesen von der Kommission im gleichen Verfahrensstadium gestellten Fragen
         als Erstes beantwortete und dabei die inkriminierten Tatsachen eingeräumt hat, kein objektiver Grund für eine unterschiedliche
         Behandlung der Unternehmen.
      
      401   In den genannten Rechtssachen war es indessen im Unterschied zur vorliegenden unstreitig, dass die Zusammenarbeit der betroffenen
         Unternehmen nicht in den Anwendungsbereich der Abschnitte B und C der Mitteilung über Zusammenarbeit fiel. Wie aus Randnummer
         219 des Urteils Krupp hervorgeht, wandte die Kommission auf alle von der angefochtenen Entscheidung betroffenen Unternehmen
         die Regelung des Abschnitts D der Mitteilung an. In diesen Rechtssachen stellte sich somit nur die Frage, ob die Kommission
         den Grundsatz der Gleichbehandlung dadurch verletzt hatte, dass sie im Rahmen des Ermessens, das ihr bei der Anwendung von
         Abschnitt D der Mitteilung zusteht, die Klägerinnen anders behandelt hatte als ein weiteres betroffenes Unternehmen. 
      
      402   Im vorliegenden Fall geht es ADM hingegen im Wesentlichen um den Nachweis, dass Cerestar aus ganz zufälligen Gründen als Erste
         zur Zusammenarbeit mit der Kommission veranlasst worden sei und ihr die Kommission deshalb eine Herabsetzung nach Abschnitt
         B der Mitteilung über Zusammenarbeit gewährt habe, während ADM, wenn sich die Kommission zuerst an sie gewandt hätte, eine
         deutlichere Herabsetzung zumindest nach Abschnitt C der Mitteilung zugute gekommen wäre, weil dann sie als Erste die von Cerestar
         übermittelten Informationen mitgeteilt hätte. Hingegen will ADM mit ihrer Berufung auf das oben in Randnummer 398 genannte
         Urteil nicht dartun, dass die Kommission Abschnitt D der Mitteilung über Zusammenarbeit auf sie im Vergleich zu den anderen
         Kartellmitgliedern in diskriminierender Weise angewandt habe. 
      
      403   Im Gegensatz zu den Abschnitten B und C der Mitteilung über Zusammenarbeit sieht jedoch Abschnitt D keine unterschiedliche
         Behandlung der betroffenen Unternehmen nach der Reihenfolge ihrer Zusammenarbeit mit der Kommission vor. Folglich berücksichtigte
         die Kommission diesen Gesichtspunkt in den Entscheidungssachverhalten der Urteile Krupp und Acerinox/Kommission (vgl. oben,
         Randnrn. 398 und 400), ohne dass Abschnitt D der Mitteilung ihn ausdrücklich vorsah.
      
      404   Gleichwohl darf die Kommission, auch wenn sie im Interesse der erfolgreichen Anwendung der Regelung über die Zusammenarbeit
         mit den betroffenen Unternehmen im Fall geheimer Kartelle bei der Verfahrensorganisation über ein weites Ermessen verfügen
         muss, doch nicht willkürlich handeln.
      
      405   Wie insoweit festzustellen ist, wies die Kommission in den Randnummern 54 und 55 der Entscheidung darauf hin, dass sie nach
         dem Eingreifen der amerikanischen Behörden auf dem Zitronensäuremarkt im August 1997 Auskunftsverlangen an die vier wichtigsten
         Zitronensäurehersteller der Gemeinschaft richtete. Auf eine schriftliche Frage des Gerichts hat die Kommission bestätigt,
         dass dieses Auskunftsverlangen auch an ADM gesandt wurde. Im Juni und Juli 1998 wurden den wichtigsten Zitronensäureherstellern
         der Gemeinschaft, darunter wiederum ADM, ergänzende Auskunftsverlangen übersandt. Außerdem wurde ein erstes Auskunftsverlangen
         an Cerestar gerichtet. Die Übermittlung dieser zuletzt genannten Auskunftsverlangen ist sowohl – auf die Frage des Gerichts
         – von der Kommission als auch von ADM selbst bestätigt worden (vgl. oben, Randnr. 397). Nach diesem letzten Auskunftsverlangen
         ersuchte Cerestar die Kommission um ein Treffen am 29. Oktober 1998, in dem sie erklärte, sie wolle mit der Kommission zusammenarbeiten,
         und Materialien über das Bestehen eines Kartells auf dem Zitronensäuremarkt des EWR überreichte. Damit kann der Kommission
         nicht vorgeworfen werden, dass sie in der Verfahrensorganisation, zu der die Versendung von Auskunftsverlangen gehörte, gegenüber
         ADM willkürlich gehandelt hätte.
      
      E –  Zu der Rüge, dass die Kommission mit der Herabsetzung der Geldbuße um 50 % die Grundsätze der Gleichbehandlung und der Verhältnismäßigkeit
            verletzt habe
      1.     Vorbringen der Parteien
      406   Unter Bezugnahme auf das oben in den Randnummern 365 bis 372 wiedergegebene Vorbringen macht ADM geltend, dass die Kommission
         an ihre eigene Mitteilung über Zusammenarbeit nicht gebunden sei und ADM zumindest die gleiche oder eine höhere Herabsetzung
         der Geldbuße hätte gewähren müssen als Cerestar. Die Klägerin fügt hinzu, dass ihre Zusammenarbeit im Verwaltungsverfahren
         zumindest der der Stora Kopparbergs Bergslags AB in der Sache Karton gleichwertig gewesen sei, in deren Fall die Kommission
         die Geldbuße aber um zwei Drittel herabgesetzt habe.
      
      407   Die Kommission habe daher die Grundsätze der Gleichbehandlung und der Verhältnismäßigkeit verletzt.
      408   Nach Auffassung der Kommission ist dieser Klagegrund zurückzuweisen.
      2.     Würdigung durch das Gericht
      409   Es ist daran zu erinnern, dass Artikel 15 Absatz 2 der Richtlinie Nr. 17, der die Rechtsgrundlage für die Verhängung von Geldbußen
         wegen Zuwiderhandlungen gegen die Regeln des gemeinschaftlichen Wettbewerbsrechts bildet, der Kommission bei der Bußgeldzumessung
         ein Ermessen einräumt (Urteil des Gerichts vom 21. Oktober 1997 in der Rechtssache T‑229/94, Deutsche Bahn/Kommission, Slg.
         1997, II‑1689, Randnr. 127), dessen Ausübung insbesondere von ihrer allgemeinen Politik im Bereich des Wettbewerbs abhängt
         (oben in Randnr. 47 zitiertes Urteil Musique diffusion française u. a./Kommission, Randnrn. 105 und 109). In diesem Rahmen
         erließ die Kommission, um die Transparenz und die Objektivität ihrer Bußgeldentscheidungen zu gewährleisten, im Jahr 1996
         die Mitteilung über Zusammenarbeit. Es handelt sich dabei um ein Instrument, mit dem unter Beachtung des höherrangigen Rechts
         die Kriterien präzisiert werden sollen, die die Kommission bei der Ausübung ihres Ermessens anzuwenden gedenkt; daraus ergibt
         sich eine Selbstbeschränkung dieses Ermessens (vgl. analog Urteil des Gerichts vom 30. April 1998 in der Rechtssache T‑214/95,
         Vlaams Gewest/Kommission, Slg. 1998, II‑717, Randnr. 89, und oben in Randnr. 63 zitiertes Urteil Tokai Carbon u. a./Kommission,
         Randnr. 157), da die Kommission ihre sich selbst auferlegten Leitlinien einhalten muss (vgl. analog Urteil des Gerichts vom
         12. Dezember 1996 in der Rechtssache T‑380/94, AIUFFASS und AKT/Kommission, Slg. 1996, II‑2169, Randnr. 57).
      
      410   Entgegen dem Vorbringen von ADM hatte die Kommission damit die Kriterien anzuwenden, die sie in der Mitteilung über Zusammenarbeit
         festgelegt hatte (oben in Randnr. 63 zitiertes Urteil Tokai Carbon u. a./Kommission, Randnr. 157). Diese Anwendung der in
         der Mitteilung über Zusammenarbeit festgelegten Kriterien wird im vorliegenden Fall nicht durch die Regelung der Leitlinien
         berührt, wonach die aktive Mitwirkung des Unternehmens an dem Verfahren ein mildernder Umstand ist. In Abschnitt 3 letzter
         Gedankenstrich der Richtlinien heißt es nämlich ausdrücklich, dass nur eine aktive Mitwirkung außerhalb des Anwendungsbereichs
         der Mitteilung über Zusammenarbeit ein mildernder Umstand ist. Die Zusammenarbeit von ADM fand aber von Anfang an auf der
         Grundlage der Mitteilung über Zusammenarbeit statt, was ihre Berücksichtigung als mildernden Umstand ausschließt. Was die
         Herabsetzung der gegen ADM festgesetzten Geldbuße angeht, so ist sie nach Auffassung des Gerichts in Anbetracht der von ADM
         im Rahmen ihrer Zusammenarbeit übermittelten Informationen nicht unverhältnismäßig. Was schließlich die gerügte Verletzung
         der Gleichbehandlung im Verhältnis zur Sache Karton angeht (vgl. oben, Randnr. 406), so wurde die Entscheidung Karton im Jahr
         1994, also vor Anwendung der Mitteilung über Zusammenarbeit, erlassen. Außerdem hat ADM nicht belegt, dass zwischen den detaillierten
         Beweisen, die Stora in der Sache Karton vorgelegt hatte, und den von ihr selbst offengelegten Informationen Gleichwertigkeit
         bestand. Insoweit kann eine Verletzung des Grundsatzes der Gleichbehandlung daher nicht festgestellt werden.
      
      411   Die Klagegründe einer Verletzung der Grundsätze der Gleichbehandlung und der Verhältnismäßigkeit sind daher zurückzuweisen.
      VIII –  Zu Mängeln des Verwaltungsverfahrens
      A –  Zum Umfang der den Beteiligten vorgeworfenen Zuwiderhandlung
      1.     Vorbringen der Parteien
      412   ADM verweist darauf, dass die Kommission in Randnummer 158 der Entscheidung die Elemente aufgeführt habe, die sie als relevant
         für die Feststellung eines Verstoßes gegen Artikel 81 Absatz 1 EG und Artikel 53 Absatz 1 EWR-Abkommen erachtet habe. Zwei
         dieser Elemente seien aber in der Mitteilung der Beschwerdepunkte nicht genannt worden, nämlich erstens die den Beteiligten
         zur Last gelegte Einschränkung von Produktionskapazitäten (zweiter Gedankenstrich) und zweitens die ihnen vorgeworfene Bestimmung
         des Herstellers, der Preiserhöhungen auf jedem einzelnen einzelstaatlichen Markt habe „anführen“ sollen (vierter Gedankenstrich).
      
      413   ADM wendet sich gegen die Behauptung, dass diese Auslassung keine Auswirkungen auf die Würdigung des Sachverhalts und der
         Beweise sowie die Bußgeldzumessung gehabt habe. So habe sie im Verwaltungsverfahren geltend gemacht, dass die Auswirkungen
         des Kartells gerade dadurch verringert worden seien, dass eine Beschränkung der Produktionskapazitäten nicht stattgefunden
         habe. Die Kommission habe dieses Vorbringen aber mit ihrer Feststellung zurückgewiesen, dass das Kartell tatsächliche Auswirkungen
         auf den Markt gehabt habe.
      
      414   Folglich sei Artikel 1 der Entscheidung für nichtig zu erklären, soweit darin in Verbindung mit Randnummer 158 der Entscheidung
         festgestellt werde, dass die Beteiligten die Produktionskapazitäten eingeschränkt und einen Hersteller bestimmt hätten, der
         die Preiserhöhungen auf jedem einzelstaatlichen Markt habe „anführen“ sollen.
      
      415   Die Kommission erwidert hierauf, dass zwar diese beiden Elemente in der Mitteilung der Beschwerdepunkte tatsächlich nicht
         genannt worden seien, sie aber dennoch nur zwei von acht Elementen darstellten, die im Zusammenhang mit der Zuwiderhandlung
         festgestellt worden seien, und zwar nur als Beispiele und nicht als abschließende Aufzählung. Diese beiden Elemente hätten
         die Sachverhaltsdarstellung und Beweisführung in der Mitteilung der Beschwerdepunkte nicht berührt und seien ohne den geringsten
         Einfluss auf die Berechnung der gegen ADM verhängten Geldbuße geblieben.
      
      2.     Würdigung durch das Gericht
      a)     Einleitung
      416   Nach der Rechtsprechung muss die Mitteilung der Beschwerdepunkte, sei es auch nur in gedrängter Form, so klar abgefasst sein,
         dass die Betroffenen tatsächlich erkennen können, welches Verhalten ihnen die Kommission zur Last legt. Nur unter dieser Voraussetzung
         kann die Mitteilung der Beschwerdepunkte nämlich den ihr durch die Gemeinschaftsverordnungen zugewiesenen Zweck erfüllen,
         den Unternehmen und Unternehmensvereinigungen alle Angaben zur Verfügung zu stellen, deren sie bedürfen, um sich wirksam verteidigen
         zu können, bevor die Kommission eine endgültige Entscheidung erlässt (Urteil des Gerichtshofes vom 31. März 1993 in den Rechtssachen
         C‑89/85, C‑104/85, C‑114/85, C‑116/85, C‑117/85 und C‑125/85 bis C‑129/85, Ahlström Osakeyhtiö u. a./Kommission, Slg. 1993,
         I‑1307, Randnr. 42; Urteil des Gerichts vom 14. Mai 1998 in der Rechtssache T‑352/94, Mo och Domsjö/Kommission, Slg. 1998,
         II‑1989, Randnr. 63, im Rechtsmittelverfahren bestätigt durch Urteil des Gerichtshofes vom 16. November 2000 in der Rechtssache
         C‑283/98 P, Mo och Domsjö/Kommission, Slg. 2000, I‑9855; Urteil des Gerichts vom 30. September 2003 in den Rechtssachen T‑191/98,
         T‑212/98 bis T‑214/98, Atlantic Container Line u. a./Kommission, Slg. 2003, II‑3275, Randnr. 138).
      
      417   Es ist daher zu prüfen, ob die Kommission die Beschwerdepunkte, die sie ADM in der Entscheidung anlastete, darunter auch die
         beiden von ADM beanstandeten, in der Mitteilung der Beschwerdepunkte so klar, und sei es auch nur in gedrängter Form, mitteilte,
         dass diese tatsächlich erkennen konnte, was ihr vorgeworfen wurde.
      
      418   In Randnummer 158 der Entscheidung führte die Kommission als Zuwiderhandlung gegen Artikel 81 Absatz 1 EG und Artikel 53 Absatz
         3 EWR-Abkommen folgende Elemente auf:
      
      „–      die Zuteilung von Märkten und Marktanteilsquoten;
      –      das Einfrieren/Einschränken/Stilllegen von Produktionskapazitäten;
      –      die gemeinsame Durchführung von Preiserhöhungen;
      –      die Bestimmung des Herstellers, der Preiserhöhungen auf jedem einzelstaatlichen Markt ‚anführen‘ sollte;
      –      die Verteilung von Listen mit aktuellen und künftigen Zielpreisen zur Koordinierung von Preiserhöhungen;
      –      die Konzeption und Anwendung eines Melde- und Überwachungsmechanismus zur Durchsetzung der wettbewerbsbeschränkenden Absprachen;
      –      die Aufteilung oder Zuteilung von Kunden;
      –      die Teilnahme an regelmäßigen Treffen und das Pflegen sonstiger Kontakte mit dem Ziel, die genannten wettbewerbsbeschränkenden
         Praktiken zu vereinbaren, in die Tat umzusetzen und/oder gegebenenfalls anzupassen“.
      
      419   Es ist unstreitig, dass die Randnummer 134 der Mitteilung der Beschwerdepunkte ebenso wie Randnummer 158 der Entscheidung
         eine Zusammenfassung der den Beteiligten zur Last gelegten Beschwerdepunkte enthielt, darin aber die Punkte unter dem zweiten
         und vierten Gedankenstrich in Randnummer 158 der Entscheidung nicht aufgeführt waren.
      
      420   Es ist daher zu prüfen, ob diese Elemente der Mitteilung der Beschwerdepunkte bei deren vollständigen Lektüre so eindeutig
         zu entnehmen waren, dass die Beteiligten ihre Verteidigungsrechte wahrnehmen konnten.
      
      b)     Zu dem Beschwerdepunkt des Einfrierens, Einschränkens und Stilllegens von Produktionskapazitäten für Zitronensäure
      421   Unter dem zweiten Gedankenstrich in Randnummer 158 der Entscheidung legt die Kommission den Beteiligten zur Last, Produktionskapazitäten
         eingefroren, eingeschränkt und stillgelegt zu haben. Dieser Beschwerdepunkt steht zwar in Zusammenhang mit dem unter dem ersten
         Gedankenstrich der Randnummer 158 der Entscheidung (oder ist dessen Konsequenz), wonach die Beteiligten Marktanteilsquoten
         zugeteilt haben sollen.
      
      422   Dennoch sind beide Beschwerdepunkte, wie die Kommission selbst einräumt, nicht identisch, da einer die Produktionskapazität
         und der andere die Verkaufsquoten betrifft. Insoweit ist auch daran zu erinnern, dass Artikel 81 Absatz 1 EG zwischen der
         Einschränkung oder Kontrolle der Erzeugung (Buchstabe b) und der Aufteilung der Märkte (Buchstabe c) unterscheidet.
      
      423   In der Mitteilung der Beschwerdepunkte bezog sich die Kommission nur auf die Zuteilung von Verkaufsquoten (vgl. u. a. Randnrn.
         63, 70, 79 bis 82, 86 und 87).
      
      424   ADM macht daher zu Recht geltend, dass der Beschwerdepunkt, es seien Produktionskapazitäten eingefroren, eingeschränkt oder
         stillgelegt worden, in der Mitteilung der Beschwerdepunkte nicht genannt war und ihr daher in der Entscheidung nicht zur Last
         gelegt werden durfte.
      
      425   Daher ist Artikel 1 der Entscheidung für nichtig zu erklären, soweit darin in Verbindung mit Randnummer 158 festgestellt wird,
         dass ADM und die anderen Kartellmitglieder Produktionskapazitäten für Zitronensäure eingefroren, eingeschränkt und stillgelegt
         hätten.
      
      c)     Zu dem Beschwerdepunkt der Bestimmung eines Herstellers, der die Preiserhöhungen auf jedem einzelnen Markt „anführen“ sollte
      426   Unter dem vierten Gedankenstrich in Randnummer 158 der Entscheidung legte die Kommission den Beteiligten zur Last, sie hätten
         einen Hersteller bestimmt, der die Preiserhöhungen auf jedem einzelstaatlichen Markt hätte „anführen“ sollen.
      
      427   Insoweit ist festzustellen, dass die Kommission diesen Beschwerdepunkt in Zusammenhang mit der Absprache von Preiserhöhungen
         in ihrer Mitteilung der Beschwerdepunkte nicht so dargelegt hatte, dass die Beteiligten tatsächlich erkennen konnten, was
         ihnen die Kommission vorwarf.
      
      428   ADM macht daher zu Recht geltend, dass der Beschwerdepunkt der Bestimmung eines Herstellers, der die Preiserhöhungen auf jedem
         einzelstaatlichen Markt habe „anführen“ sollen, in der Mitteilung der Beschwerdepunkte nicht genannt war und ihr daher in
         der Entscheidung nicht angelastet werden durfte.
      
      429   Artikel 1 der Entscheidung ist daher für nichtig zu erklären, soweit darin in Verbindung mit Randnummer 158 festgestellt wird,
         dass ADM und die anderen Kartellteilnehmer einen Hersteller bestimmt hätten, der die Preiserhöhungen auf jedem einzelstaatlichen
         Markt habe „anführen“ sollen.
      
      B –  Zur Anwendung eines der Abschreckung dienenden Multiplikators und zur Einstufung von ADM als einer der Anführer des Kartells
      1.     Vorbringen der Parteien
      430   ADM rügt erstens, dass sie sich nicht zur Verwertung des FBI-Berichts und der Erklärung vom 18. März 1999 als Beweismittel
         habe äußern können.
      
      431   Die Klägerin wirft der Kommission zweitens vor, sie habe sie im Verwaltungsverfahren nicht darüber unterrichtet, dass sie
         sie als einen der Anführer des Kartells betrachte und auf welche Beweismittel sie sich insoweit stütze.
      
      432   Drittens sei ihr unter Verletzung ihrer Verteidigungsrechte im Verwaltungsverfahren nicht Gelegenheit gegeben worden, sich
         zu der Anwendung eines Multiplikators von 2 auf den Ausgangsbetrag zum Zweck der Abschreckung zu äußern, obgleich der Multiplikator
         in den Leitlinien nicht vorgesehen sei.
      
      433   Nach Auffassung der Kommission sind diese Rügen zurückzuweisen.
      2.     Würdigung durch das Gericht
      434   Nach ständiger Rechtsprechung erfüllt die Kommission ihre Verpflichtung, den Anspruch der Unternehmen auf rechtliches Gehör
         zu wahren, wenn sie in der Mitteilung der Beschwerdepunkte ausdrücklich darauf hinweist, dass sie prüfen werde, ob gegen die
         Unternehmen Geldbußen zu verhängen seien, und dabei die für die etwaige Festsetzung einer Geldbuße wesentlichen tatsächlichen
         und rechtlichen Gesichtspunkte anführt, wie z. B. die Schwere und die Dauer der angenommenen Zuwiderhandlung sowie den Umstand,
         ob diese „vorsätzlich oder fahrlässig“ begangen sei. Damit macht sie den Unternehmen die Angaben, die für deren Verteidigung
         nicht nur gegen die Feststellung einer Zuwiderhandlung, sondern auch gegen die Verhängung von Geldbußen notwendig sind (oben
         in Randnr. 47 zitiertes Urteil Musique diffusion française u. a./Kommission, Randnr. 21).
      
      435   Folglich sind bei der Bemessung der Geldbußen die Verteidigungsrechte der betroffenen Unternehmen gegenüber der Kommission
         dadurch gewahrt, dass sie sich zu Dauer, Schwere und Vorhersehbarkeit des wettbewerbswidrigen Charakters der Zuwiderhandlung
         äußern können (Urteil des Gerichtshofes vom 6. Oktober 1994 in der Rechtssache T‑83/91, Tetra Pak/Kommission, Slg. 1994, II‑755,
         Randnr. 235, und oben in Randnr. 98 zitiertes Urteil HFB u. a./Kommission, Randnr. 312). Dies gilt umso mehr, als die Kommission
         mit der Veröffentlichung der Leitlinien alle Beteiligten eingehend darüber unterrichtet hat, welche Methode sie bei der Berechnung
         einer etwaigen Geldbuße anwenden und wie sie diese Kriterien berücksichtigen werde. Dem steht nicht entgegen, dass die Leitlinien
         sich nicht ausdrücklich auf einen Multiplikator beziehen, da sie doch angeben, es sei erforderlich, die tatsächliche wirtschaftliche
         Fähigkeit der Urheber der Zuwiderhandlung zu berücksichtigen, Wettbewerber wirtschaftlich in erheblichem Umfang zu schädigen,
         und die Geldbuße auf einen Betrag festzusetzen, der eine hinreichend abschreckende Wirkung entfalte. 
      
      436   Im vorliegenden Fall führte die Kommission in der Mitteilung der Beschwerdepunkte die wesentlichen tatsächlichen und rechtlichen
         Gesichtspunkte auf, auf die sie die gegen ADM in Aussicht genommene Geldbuße stützen würde, deren Höhe sie nach der Schwere
         und der Dauer der Zuwiderhandlung festzusetzen beabsichtige.
      
      437   Die Kommission wies ferner in Randnummer 160 der Mitteilung der Beschwerdepunkte darauf hin, dass sie die Geldbuße in hinreichend
         abschreckender Höhe festsetzen werde. Außerdem führte sie in Randnummer 161 dieser Mitteilung im Wesentlichen aus, dass sie
         für die Beurteilung der Schwere des Verstoßes berücksichtigen werde, dass es sich um einen sehr schweren Verstoß handele,
         der die Beschränkung des Wettbewerbs bezweckt und im Übrigen bereits nach der Art der Absprachen schwerwiegende Auswirkungen
         auf den Wettbewerb gehabt habe.
      
      438   Die Wahrung der Verteidigungsrechte der Unternehmen verpflichtet die Kommission nicht, in der Mitteilung der Beschwerdepunkte
         genauer anzugeben, in welcher Art und Weise sie gegebenenfalls jedes dieser Elemente bei der Bemessung der Bußgeldhöhe berücksichtigen
         werde. Insbesondere braucht die Kommission nicht anzugeben, dass sie ADM als Anführer des Kartells ansehen könne, oder den
         Umfang der Erhöhung zu bezeichnen, den sie möglicherweise auf die Geldbuße gegen ADM aus diesem Grund anwenden würde (vgl.
         in diesem Sinne Urteil des Gerichtshofes vom 9. November 1983 in der Rechtssache 322/81, Michelin/Kommission, Slg. 1983, 3461,
         Randnr. 20).
      
      439   Soweit ADM geltend macht, sie habe sich nicht zu der Verwertung des FBI-Berichts und der Erklärung von Cerestar vom 18. März
         1999 als Beweismittel äußern können, ist daran zu erinnern, dass die Kommission diese Dokumente der Mitteilung der Beschwerdepunkte
         beigefügt hatte und die Beteiligten somit zu diesen Unterlagen und ihrer Verwertung als Beweismittel Stellung nehmen konnten.
      
      440   Schließlich ist festzustellen, dass die Einteilung von Kartellteilnehmern in Gruppen eine Praxis darstellt, die die Kommission
         auf der Grundlage der Leitlinien entwickelte. Die Entscheidung erging damit in einem ADM wohlbekannten Kontext und fügt sich
         in eine ständige Entscheidungspraxis ein (vgl. in diesem Sinne Urteil des Gerichtshofes vom 30. September 2003 in den Rechtssachen
         C‑57/00 P und C‑61/00 P, Freistaat Sachsen u. a./Kommission, Slg. 2003, I‑9975, Randnr. 77).
      
      441   Der Klagegrund einer Verletzung der Verteidigungsrechte ist daher zurückzuweisen.
       Zur Ausübung der Befugnis zur unbeschränkten Nachprüfung
      442   Nach der Prüfung aller Klagegründe von ADM greifen nur ihre Rügen durch, wonach die Kommission bestimmte Elemente, die sie
         ADM anlastete, nicht in ihrer Mitteilung der Beschwerdepunkte angegeben hatte. Wie oben in Randnummer 424 festgestellt, macht
         ADM zu Recht geltend, dass der Beschwerdepunkt des Einfrierens, Einschränkens und Stilllegens von Produktionskapazitäten in
         der Mitteilung der Beschwerdepunkte nicht genannt war und ihr daher nicht vorgeworfen werden durfte. Wie oben in Randnummer
         428 entschieden, rügt ADM weiter zu Recht, dass auch der Beschwerdepunkt, es sei ein Hersteller bestimmt worden, der die Preiserhöhungen
         auf jedem einzelstaatlichen Markt habe „anführen“ sollen, nicht in der Mitteilung der Beschwerdepunkte genannt war und der
         Klägerin daher ebenfalls nicht vorgeworfen werden durfte.
      
      443   Das Gericht hat nach Feststellung dieser Rechtsmängel zu entscheiden, ob die Entscheidung abzuändern ist. Nach Auffassung
         des Gerichts ist insoweit zu berücksichtigen, dass das Kartell, das die Festsetzung der Preise, die Zuteilung von Verkaufsquoten
         und ein Ausgleichssystem, das die Kartellteilnehmer zur Sicherung der vollen Wirksamkeit des Kartells einrichteten, zum Gegenstand
         hatte, eine besonders schwere Zuwiderhandlung gegen die Wettbewerbsregeln der Gemeinschaft darstellt. Es handelte sich um
         eine einzige fortgesetzte Zuwiderhandlung.
      
      444   Ferner ist den Begründungserwägungen der Entscheidung, insbesondere hinsichtlich der Beurteilung der Schwere der Zuwiderhandlung
         wegen ihrer Art und ihrer tatsächlichen Auswirkungen auf den Zitronensäuremarkt, zu entnehmen, dass es sich bei den beiden
         Beanstandungen, deren Erwähnung die Kommission in der Mitteilung der Beschwerdepunkte versäumte, im Verhältnis zu den Preisfestsetzungsabsprachen,
         der Zuteilung von Verkaufsquoten und dem von den Kartellmitgliedern eingerichteten Ausgleichssystem nur um zusätzliche Beschwerdepunkte
         handelte.
      
      445   Daher ist das Gericht im Rahmen seiner Befugnis zur unbeschränkten Nachprüfung der Auffassung, dass die Entscheidung trotz
         dieser Versäumnisse der Kommission in der Mitteilung der Beschwerdepunkte hinsichtlich der Höhe der von der Kommission festgesetzten
         Geldbuße nicht abzuändern ist.
      
       Kosten
      446   Nach Artikel 87 § 2 der Verfahrensordnung ist die unterliegende Partei zur Tragung der Kosten zu verurteilen. Nach Artikel
         87 § 3 Absatz 1 der Verfahrensordnung kann das Gericht die Kosten teilen, wenn jede Partei teils obsiegt und teils unterliegt.
      
      447   Im vorliegenden Fall ist die Kommission insoweit unterlegen, als sie in der Mitteilung der Beschwerdepunkte zwei der ADM in
         der Entscheidung angelasteten Beschwerdepunkte nicht erwähnte (vgl. oben, Randnrn. 425 und 429), die im Verhältnis zu den
         übrigen von der Kommission festgestellten Beschwerdepunkte zusätzlicher Art waren. Mit ihrem gesamten übrigen Vorbringen ist
         die Klägerin unterlegen.
      
      448   In dieser Situation trägt es den Umständen des vorliegenden Falles angemessen Rechnung, der Kommission ein Zehntel der Kosten
         von ADM und ADM ihre übrigen eigenen Kosten und die Kosten der Kommission aufzuerlegen.
      
      Aus diesen Gründen hat
      DAS GERICHT (Dritte Kammer)
      für Recht erkannt und entschieden:
      1.      Artikel 1 der Entscheidung 2002/742/EG der Kommission vom 5. Dezember 2001 in einem Verfahren nach Artikel 81 EG-Vertrag und
            Artikel 53 EWR-Abkommen (Sache COMP/E-1/36.604 – Zitronensäure) wird für nichtig erklärt, soweit darin in Verbindung mit Randnummer
            158 dieser Entscheidung festgestellt wird, dass die Archer Daniels Midland Co. Produktionskapazitäten für Zitronensäure einfror,
            einschränkte und stilllegte.
      2.      Artikel 1 der Entscheidung 2002/742 wird für nichtig erklärt, soweit darin in Verbindung mit Randnummer 158 dieser Entscheidung
            festgestellt wird, dass die Archer Daniels Midland Co. den Hersteller bestimmte, der Preiserhöhungen auf jedem betroffenen
            einzelstaatlichen Markt anführen sollte.
      3.      Im Übrigen wird die Klage abgewiesen.
      4.      Die Kommission trägt ein Zehntel der Kosten der Archer Daniels Midland Co.
      5.      Die Archer Daniels Midland Co. trägt ihre übrigen eigenen Kosten und die Kosten der Kommission.
      
               Azizi
            
            
               Jaeger
            
            
               Dehousse
            
         Verkündet in öffentlicher Sitzung in Luxemburg am 27. September 2006.
      
               Der Kanzler
            
             
            
                     Der Präsident
            
         
               E. Coulon
            
             
            
                     J. Azizi
            
         
      Inhaltsverzeichnis
      
      Sachverhalt
      Verfahren und Anträge der Beteiligten
      Entscheidungsgründe
      I – Zur Anwendbarkeit der Leitlinien
      A – Vorbringen der Parteien
      B – Würdigung durch das Gericht
      II – Zu den Auswirkungen von bereits in anderen Ländern verhängten Geldbußen
      A – Vorbringen der Parteien
      B – Würdigung durch das Gericht
      III – Zur Schwere der Zuwiderhandlung
      A – Einleitung
      B – Zur fehlenden oder unzureichenden Berücksichtigung des Umsatzes aus dem Verkauf des in Frage stehenden Produkts
      1. Vorbringen der Parteien
      2. Würdigung durch das Gericht
      a) Zur Verletzung des Grundsatzes der Verhältnismäßigkeit
      b) Zum Verstoß gegen die Leitlinien
      c) Zur Verletzung der Begründungspflicht
      C – Zur Anwendung eines Multiplikators auf den Ausgangsbetrag
      1. Vorbringen der Parteien
      2. Würdigung durch das Gericht
      a) Zur Verletzung des Grundsatzes der Verhältnismäßigkeit
      b) Zur Verletzung des Grundsatzes der Gleichbehandlung
      c) Zur Verletzung der Begründungspflicht
      D – Zu dem Vorliegen von Beurteilungsfehlern hinsichtlich der konkreten Auswirkungen des Kartells auf den Markt
      1. Einleitung
      2. Zu der Rüge, dass die Kommission für den Nachweis von konkreten Auswirkungen des Kartells auf den Markt eine verfehlte
         Vorgehensweise gewählt habe
      
      a) Vorbringen der Parteien
      b) Würdigung durch das Gericht
      – Zusammenfassung der von der Kommission vorgenommenen Beurteilung
      – Würdigung
      3. Zur Beurteilung der Entwicklung der Zitronensäurepreise
      a) Vorbringen der Parteien
      b) Würdigung durch das Gericht
      4. Zur Definition des relevanten Produktmarktes
      a) Vorbringen der Parteien
      b) Würdigung durch das Gericht
      IV – Zur Dauer der Zuwiderhandlung
      V – Zu den erschwerenden Umständen
      A – Einleitung
      B – Zur Einstufung von ADM als Anführer des Kartells
      1. Einleitung
      2. Zu den angeblichen Fehlern der Kommission hinsichtlich der Rolle von ADM als Anführer
      a) Zu den von ADM organisierten bilateralen Treffen im Januar 1991
      Vorbringen der Parteien
      Würdigung durch das Gericht
      b) Zu der Aussage des ehemaligen ADM-Vertreters vor dem FBI
      Zusammenfassung des Sachverhalts und Wortlaut der Entscheidung
      Vorbringen der Parteien
      Würdigung durch das Gericht
      – Einleitung
      – Zu der Rüge, dass die Kommission im Gemeinschaftsrecht vorgesehene Verfahrensgarantien verletzt habe
      – Zu der Rüge, dass die Kommission den Inhalt des FBI-Berichts nicht fehlerfrei gewürdigt habe
      c) Zur Erklärung von Cerestar
      Vorbringen der Parteien
      Würdigung durch das Gericht
      3. Zur Einstufung von ADM als Anstifter im Kartell
      a) Vorbringen der Parteien
      b) Würdigung durch das Gericht
      C – Zur Verletzung des Grundsatzes der Gleichbehandlung durch die Festsetzung des gleichen Erhöhungssatzes gegen ADM wie gegen
         Roche
      
      1. Vorbringen der Parteien
      2. Würdigung durch das Gericht
      D – Zur Verletzung der Grundsätze der Gleichbehandlung und der Verhältnismäßigkeit durch eine Abweichung von der vorherigen
         Entscheidungspraxis der Kommission in Zusammenhang mit dem gegen ADM angewandten Erhöhungssatz
      
      1. Vorbringen der Parteien
      2. Würdigung durch das Gericht
      E – Zur Verletzung der Begründungspflicht bei der Beurteilung der erschwerenden Umstände
      VI – Zu den mildernden Umständen
      A – Vorbemerkung
      B – Zur Beendigung der Kartellbeteiligung nach dem ersten Eingreifen der zuständigen Behörden
      1. Vorbringen der Parteien
      2. Würdigung durch das Gericht
      C – Zur fehlenden Berücksichtigung von Schadensersatzzahlungen
      1. Vorbringen der Parteien
      2. Würdigung durch das Gericht
      D – Zum Erlass eines Verhaltenskodex durch ADM
      1. Vorbringen der Parteien
      2. Würdigung durch das Gericht
      VII – Zur Zusammenarbeit von ADM im Verwaltungsverfahren
      A – Einleitung
      B – Zu dem Vorbringen, dass ADM als Erste Angaben von entscheidender Bedeutung für den Beweis der Existenz des Kartells gemacht
         habe
      
      1. Vorbringen der Parteien
      2. Würdigung durch das Gericht
      C – Zur Verletzung des Grundsatzes des Vertrauensschutzes
      1. Vorbringen der Parteien
      2. Würdigung durch das Gericht
      D – Zu der Rüge, wonach die Kommission durch die Ungleichbehandlung von ADM und Cerestar den Grundsatz der Gleichbehandlung
         verletzt habe
      
      1. Vorbringen der Parteien
      2. Würdigung durch das Gericht
      E – Zu der Rüge, dass die Kommission mit der Herabsetzung der Geldbuße um 50 % die Grundsätze der Gleichbehandlung und der
         Verhältnismäßigkeit verletzt habe
      
      1. Vorbringen der Parteien
      2. Würdigung durch das Gericht
      VIII – Zu Mängeln des Verwaltungsverfahrens
      A – Zum Umfang der den Beteiligten vorgeworfenen Zuwiderhandlung
      1. Vorbringen der Parteien
      2. Würdigung durch das Gericht
      a) Einleitung
      b) Zu dem Beschwerdepunkt des Einfrierens, Einschränkens und Stilllegens von Produktionskapazitäten für Zitronensäure
      c) Zu dem Beschwerdepunkt der Bestimmung eines Herstellers, der die Preiserhöhungen auf jedem einzelnen Markt „anführen“ sollte
      B – Zur Anwendung eines der Abschreckung dienenden Multiplikators und zur Einstufung von ADM als einer der Anführer des Kartells
      1. Vorbringen der Parteien
      2. Würdigung durch das Gericht
      Zur Ausübung der Befugnis zur unbeschränkten Nachprüfung
      Kosten
      
      * Verfahrenssprache: Englisch.
      
      1 –	Unkenntlich gemachte vertrauliche Angabe.