CELEX: 62009CJ0304
Language: de
Date: 2010-12-22
Title: Urteil des Gerichtshofes (Erste Kammer) vom 22. Dezember 2010.#Europäische Kommission gegen Italienische Republik.#Vertragsverletzung eines Mitgliedstaats - Staatliche Beihilfen - Beihilfen zugunsten von Unternehmen, die neu zur Notierung an der Börse zugelassen wurden - Rückforderung.#Rechtssache C-304/09.

Rechtssache C‑304/09
      Europäische Kommission
      gegen
      Italienische Republik
      „Vertragsverletzung eines Mitgliedstaats – Staatliche Beihilfen – Beihilfen zugunsten von Unternehmen, die neu zur Notierung an der Börse zugelassen wurden – Rückforderung“
      Leitsätze des Urteils
      1.        Vertragsverletzungsklage – Nichteinhaltung der Pflicht, die rechtswidrigen Beihilfen zurückzufordern – Verteidigungsmittel
            – Absolute Unmöglichkeit der Durchführung
      (Art. 10 EG, Art. 88 Abs. 2 EG und Art. 249 EG)
      2.        Staatliche Beihilfen – Rückforderung einer rechtswidrigen Beihilfe – Anwendung des nationalen Rechts – Erlass einstweiliger
            Aussetzungsanordnungen – Zulässigkeit – Voraussetzungen
      (Verordnung Nr. 659/1999 des Rates, Art. 14 Abs. 3)
      1.        Der Mitgliedstaat, an den eine Entscheidung gerichtet ist, die ihn zur Rückforderung rechtswidriger Beihilfen verpflichtet,
         hat nach Art. 249 EG alle geeigneten Maßnahmen zu ergreifen, um die Durchführung dieser Entscheidung sicherzustellen. Der
         Mitgliedstaat muss erreichen, dass er die geschuldeten Beträge tatsächlich wiedererlangt. Eine verspätete Wiedererlangung
         nach Ablauf der festgesetzten Fristen sowie Gesetzgebungsmaßnahmen, mit denen die Durchführung einer Entscheidung der Kommission,
         die den Mitgliedstaat zur Rückforderung einer rechtswidrigen Beihilfe verpflichtet, durch die nationalen Gerichte gewährleistet
         werden soll und die zu spät erlassen werden oder sich als wirkungslos erweisen, genügen den Anforderungen aus dem Vertrag
         nicht.
      
      Ein Mitgliedstaat, der innerhalb der festgesetzten Fristen nicht alle Maßnahmen ergreift, die erforderlich sind, um eine mit
         einer Entscheidung der Kommission für rechtswidrig und mit dem Gemeinsamen Markt unvereinbar erklärte Beihilferegelung aufzuheben
         und die gemäß dieser Regelung zur Verfügung gestellten Beihilfen von den Empfängern zurückzufordern, verstößt nämlich gegen
         seine Verpflichtungen aus dieser Entscheidung.
      
      Ein Mitgliedstaat kann zur Verteidigung gegen eine von der Kommission gemäß Art. 88 Abs. 2 EG erhobene Vertragsverletzungsklage
         nur geltend machen, dass es absolut unmöglich gewesen sei, die fragliche Entscheidung ordnungsgemäß durchzuführen.
      
      Die Voraussetzung einer absoluten Unmöglichkeit der Durchführung ist nicht erfüllt, wenn sich der beklagte Mitgliedstaat darauf
         beschränkt, die Kommission über die mit der Durchführung der Entscheidung verbundenen rechtlichen, politischen oder praktischen
         Schwierigkeiten zu unterrichten, ohne gegenüber den betroffenen Unternehmen tatsächlich Schritte zur Rückforderung der Beihilfe
         zu unternehmen und ohne der Kommission andere Modalitäten zur Durchführung der Entscheidung vorzuschlagen, die es ermöglichen
         würden, die Schwierigkeiten zu überwinden.
      
      Ein Mitgliedstaat, der bei der Durchführung einer Entscheidung der Kommission über staatliche Beihilfen auf unvorhergesehene
         und unvorhersehbare Schwierigkeiten stößt oder sich über Folgen klar wird, die von der Kommission nicht beabsichtigt waren,
         muss diese Probleme der Kommission zur Beurteilung vorlegen und dabei geeignete Änderungen der fraglichen Entscheidung vorschlagen.
         In einem solchen Fall müssen der Mitgliedstaat und die Kommission gemäß dem Grundsatz, dass den Mitgliedstaaten und den Unionsorganen
         gegenseitige Pflichten zur loyalen Zusammenarbeit obliegen, wie er namentlich Art. 10 EG zugrunde liegt, redlich zusammenwirken,
         um die Schwierigkeiten unter vollständiger Beachtung der Bestimmungen des Vertrags, insbesondere derjenigen über die Beihilfen,
         zu überwinden.
      
      (vgl. Randnrn. 31-32, 35-37, 42, 58 und Tenor)
      2.        Die nationalen Gerichte sind nach Art. 14 Abs. 3 der Verordnung Nr. 659/1999 verpflichtet, die volle Wirksamkeit der Entscheidung
         zu gewährleisten, mit der die Rückforderung der rechtswidrigen Beihilfe angeordnet wurde, und ein Ergebnis herbeizuführen,
         das mit dem Zweck, der mit dieser Entscheidung verfolgt wird, in Einklang steht.
      
      Was einstweilige Aussetzungsanordnungen betrifft, die von den nationalen Gerichten erlassen werden, so können solche Anordnungen
         ergehen, wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind, nämlich dann, wenn erstens das entsprechende Gericht erhebliche Zweifel
         an der Gültigkeit der Handlung der Union hat und diese Gültigkeitsfrage, sofern der Gerichtshof mit ihr noch nicht befasst
         ist, diesem selbst vorlegt, wenn zweitens die Entscheidung dringlich in dem Sinne ist, dass die einstweiligen Anordnungen
         erforderlich sind, um zu vermeiden, dass die sie beantragende Partei einen schweren und nicht wiedergutzumachenden Schaden
         erleidet, wenn es drittens das Interesse der Union angemessen berücksichtigt und wenn es viertens bei der Prüfung aller dieser
         Voraussetzungen die Entscheidungen des Gerichtshofs oder des Gerichts erster Instanz über die Rechtmäßigkeit der Handlung
         der Union oder einen Beschluss im Verfahren des vorläufigen Rechtsschutzes betreffend gleichartige einstweilige Anordnungen
         auf der Ebene der Europäischen Union beachtet. Dabei darf sich das nationale Gericht nicht darauf beschränken, dem Gerichtshof
         eine Gültigkeitsfrage zur Vorabentscheidung vorzulegen, sondern muss zum Zeitpunkt des Erlasses der Maßnahme des vorläufigen
         Rechtsschutzes angeben, weshalb es meint, dass der Gerichtshof die Ungültigkeit der Handlung der Union feststellen muss.
      
      (vgl. Randnrn. 44-46)
URTEIL DES GERICHTSHOFS (Erste Kammer)
      22. Dezember 2010(*)
      
      „Vertragsverletzung eines Mitgliedstaats – Staatliche Beihilfen – Beihilfen zugunsten von Unternehmen, die neu zur Notierung an der Börse zugelassen wurden – Rückforderung“
      In der Rechtssache C‑304/09
      betreffend eine Vertragsverletzungsklage nach Art. 88 Abs. 2 EG, eingereicht am 30. Juli 2009,
      Europäische Kommission, vertreten durch L. Flynn, V. Di Bucci und E. Righini als Bevollmächtigte, Zustellungsanschrift in Luxemburg,
      
      Klägerin,
      gegen
      Italienische Republik, vertreten durch G. Palmieri als Bevollmächtigte im Beistand von P. Gentili, avvocato dello Stato, Zustellungsanschrift in
         Luxemburg,
      
      Beklagte,
      erlässt
      DER GERICHTSHOF (Erste Kammer)
      unter Mitwirkung des Kammerpräsidenten A. Tizzano sowie der Richter J.‑J. Kasel, A. Borg Barthet, E. Levits und M. Safjan
         (Berichterstatter),
      
      Generalanwältin: V. Trstenjak,
      Kanzler: M. Ferreira, Hauptverwaltungsrätin,
      aufgrund des schriftlichen Verfahrens und auf die mündliche Verhandlung vom 29. September 2010,
      aufgrund des nach Anhörung der Generalanwältin ergangenen Beschlusses, ohne Schlussanträge über die Rechtssache zu entscheiden,
      folgendes
      Urteil
      1        Mit ihrer Klage beantragt die Kommission der Europäischen Gemeinschaften beim Gerichtshof die Feststellung, dass die Italienische
         Republik dadurch gegen ihre Verpflichtungen aus dem EG-Vertrag und den Art. 2 bis 4 der Entscheidung 2006/261/EG der Kommission
         vom 16. März 2005 über die Beihilferegelung C 8/2004 (ex NN 164/2003) – Italien – zugunsten von Unternehmen, die zur Notierung
         an der Börse zugelassen wurden (bekannt gegeben unter Aktenzeichen K[2005]591) (ABl. 2006, L 94, S. 42), verstoßen hat, dass
         sie innerhalb der festgesetzten Fristen nicht alle Maßnahmen ergriffen hat, die erforderlich sind, um die mit dieser Entscheidung
         für rechtswidrig und mit dem Gemeinsamen Markt unvereinbar erklärte Beihilferegelung aufzuheben und die gemäß dieser Regelung
         zur Verfügung gestellten Beihilfen von den Empfängern zurückzufordern.
      
       Rechtlicher Rahmen
      2        Der 13. Erwägungsgrund der Verordnung (EG) Nr. 659/1999 des Rates vom 22. März 1999 über besondere Vorschriften für die Anwendung
         von Artikel [88 EG] (ABl. L 83, S. 1) lautet:
      
      „Bei rechtswidrigen Beihilfen, die mit dem Gemeinsamen Markt nicht vereinbar sind, muss wirksamer Wettbewerb wiederhergestellt
         werden. Dazu ist es notwendig, die betreffende Beihilfe einschließlich Zinsen unverzüglich zurückzufordern. Die Rückforderung
         hat nach den Verfahrensvorschriften des nationalen Rechts zu erfolgen. Die Anwendung dieser Verfahren sollte jedoch die Wiederherstellung
         eines wirksamen Wettbewerbs durch Verhinderung der sofortigen und tatsächlichen Vollstreckung der Kommissionsentscheidung
         nicht erschweren. Um zu diesem Ergebnis zu gelangen, sollten die Mitgliedstaaten alle erforderlichen Maßnahmen zur Gewährleistung
         der Wirksamkeit der Kommissionsentscheidung treffen.“
      
      3        Art. 14 („Rückforderung von Beihilfen“) der Verordnung Nr. 659/1999 bestimmt:
      
      „(1)      In Negativentscheidungen hinsichtlich rechtswidriger Beihilfen entscheidet die Kommission, dass der betreffende Mitgliedstaat
         alle notwendigen Maßnahmen ergreift, um die Beihilfe vom Empfänger zurückzufordern (nachstehend ‚Rückforderungsentscheidung‘
         genannt). Die Kommission verlangt nicht die Rückforderung der Beihilfe, wenn dies gegen einen allgemeinen Grundsatz des Gemeinschaftsrechts
         verstoßen würde.
      
      (2)      Die aufgrund einer Rückforderungsentscheidung zurückzufordernde Beihilfe umfasst Zinsen, die nach einem von der Kommission
         festgelegten angemessenen Satz berechnet werden. Die Zinsen sind von dem Zeitpunkt, ab dem die rechtswidrige Beihilfe dem
         Empfänger zur Verfügung stand, bis zu ihrer tatsächlichen Rückzahlung zahlbar.
      
      (3)      Unbeschadet einer Entscheidung des Gerichtshofes der Europäischen Gemeinschaften nach Artikel [242 EG] erfolgt die Rückforderung
         unverzüglich und nach den Verfahren des betreffenden Mitgliedstaats, sofern hierdurch die sofortige und tatsächliche Vollstreckung
         der Kommissionsentscheidung ermöglicht wird. Zu diesem Zweck unternehmen die betreffenden Mitgliedstaaten im Fall eines Verfahrens
         vor nationalen Gerichten unbeschadet des Gemeinschaftsrechts alle in ihren jeweiligen Rechtsordnungen verfügbaren erforderlichen
         Schritte einschließlich vorläufiger Maßnahmen.“
      
      4        Art. 23 Abs. 1 der Verordnung Nr. 659/1999 sieht vor:
      
      „Kommt der betreffende Mitgliedstaat mit Bedingungen und Auflagen verbundenen Entscheidungen oder Negativentscheidungen, insbesondere
         in den in Artikel 14 genannten Fällen, nicht nach, so kann die Kommission nach Artikel [88 Abs. 2 EG] den Gerichtshof der
         Europäischen Gemeinschaften unmittelbar anrufen.“
      
       Der Sachverhalt und die Entscheidung 2006/261
      5        Mit Art. 1 ihrer Entscheidung 2006/261 erklärte die Kommission die von der Italienischen Republik durchgeführte Beihilferegelung
         in Form von Steueranreizen zugunsten von Unternehmen, die zur Notierung an einem geregelten europäischen Wertpapiermarkt zugelassen
         werden, für mit dem Gemeinsamen Markt unvereinbar.
      
      6        Wie sich aus dieser Entscheidung ergibt, wurden mit der fraglichen Beihilferegelung zwei Arten von wirtschaftlichen Vorteilen
         gewährt. Erstens wurde damit zugunsten von an einer geregelten Wertpapierbörse neu zugelassenen Unternehmen ein ermäßigter
         Körperschaftsteuersatz in Höhe von 20 % eingeführt, wodurch sich der von diesen Unternehmen im Rahmen ihrer verschiedenen
         Geschäftstätigkeiten erzielte Ertrag nach Steuern für drei Jahre erhöhte. Zweitens hatte die Regelung zur Folge, dass sich
         das zu versteuernde Einkommen im Steuerjahr der Börsenneuzulassung verringerte. Diese Ermäßigungen schlugen sich außerdem
         in der Anwendung eines niedrigen effektiven Steuersatzes auf das Einkommen im Jahr 2004 nieder.
      
      7        Nach der Einleitung eines förmlichen Prüfverfahrens durch die Kommission wiesen die italienischen Behörden die potenziell
         von der Regelung Begünstigten öffentlich auf die möglichen Folgen hin, falls die Kommission zu der Feststellung kommen sollte,
         dass diese eine mit dem Gemeinsamen Markt unvereinbare Beihilfe darstellt. Die Kommission hielt es auf jeden Fall für erforderlich,
         die den Begünstigten eventuell bereits gewährten Beihilfen zurückzufordern.
      
      8        Im Einzelnen bestimmten die Art. 2 bis 4 der Entscheidung 2006/261 Folgendes:
      
      „Artikel 2
      Italien wird aufgefordert, die … Beihilferegelung mit Wirkung ab dem Finanzjahr aufzuheben, in das das Datum der Bekanntgabe
         dieser Entscheidung fällt.
      
      Artikel 3
      (1)      Italien ergreift alle notwendigen Maßnahmen, um die … rechtswidrig zur Verfügung gestellten Beihilfen von den Empfängern zurückzufordern.
      (2)      Die Rückforderung der Beihilfe erfolgt unverzüglich nach den Bestimmungen des nationalen Rechts, sofern diese die sofortige,
         tatsächliche Vollstreckung der Entscheidung ermöglichen.
      
      (3)      Die Rückforderung ist so schnell wie möglich vorzunehmen. Insbesondere für den Fall, dass die Beihilfe bereits in Form von
         verringerten Steuerzahlungen für das laufende Finanzjahr gewährt wurde, erhebt Italien den gesamten fälligen Steuerbetrag
         mit der Abschlusszahlung für das Jahr 2004. In allen anderen Fällen erhebt Italien die fälligen Steuern spätestens am Ende
         des ersten Finanzjahrs, in das das Datum der Bekanntgabe dieser Entscheidung fällt.
      
      (4)      Die zurückzufordernden Beihilfen umfassen Zinsen von dem Zeitpunkt an, ab dem die rechtswidrige Beihilfe den Empfängern zur
         Verfügung stand, bis zu ihrer tatsächlichen Rückzahlung.
      
      (5)      Die Zinsen sind in Einklang mit den Bestimmungen des Kapitels V der Verordnung (EG) Nr. 794/2004 zu berechnen.
      (6)      Italien fordert die Empfänger der in Artikel 1 genannten Beihilfen innerhalb von zwei Monaten nach der Bekanntgabe dieser
         Entscheidung zur Rückzahlung der rechtswidrig zur Verfügung gestellten Beihilfen einschließlich Zinsen auf.
      
      Artikel 4
      Italien teilt der Kommission innerhalb von zwei Monaten nach der Bekanntgabe dieser Entscheidung die Maßnahmen mit, die getroffen
         wurden bzw. geplant sind, um der Entscheidung nachzukommen. Diese Angaben sind unter Verwendung des in Anhang 1 dieser Entscheidung
         beiliegenden Fragebogens zu übermitteln. Ferner legt Italien innerhalb derselben Frist sämtliche Unterlagen vor, aus denen
         hervorgeht, dass das Verfahren zur Rückforderung der rechtswidrig gewährten Beihilfen gegenüber den Begünstigten eingeleitet
         wurde.“
      
       Die gegen die Entscheidung 2006/261 erhobene Klage
      9        Am 26. Mai 2005 erhob die Italienische Republik beim Gericht erster Instanz der Europäischen Gemeinschaften Klage auf Nichtigerklärung
         der Entscheidung 2006/261. Die Italienische Republik beantragte keine einstweilige Anordnung.
      
      10      Mit Urteil vom 4. September 2009, Italien/Kommission (T‑211/05, Slg. 2009, II‑2777), wies das Gericht die Klage ab. Am 16.
         November 2009 legte die Italienische Republik ein Rechtsmittel gegen dieses Urteil ein. Das unter der Nr. C-458/09 P eingetragene
         Rechtsmittelverfahren ist zurzeit beim Gerichtshof anhängig.
      
       Das Vorverfahren
      11      Am 17. März 2005 wurde die Entscheidung 2006/261 der Italienischen Republik bekannt gegeben.
      
      12      Die italienischen Behörden erließen eine Reihe von Maßnahmen zur Durchführung dieser Entscheidung und teilten sie der Kommission
         mit. Im Durchführungsverfahren geschah insbesondere Folgendes:
      
      –        Zur Durchführung der Entscheidung 2006/261 wurde ein Gesetzesentwurf erarbeitet.
      –        Angesichts von Schwierigkeiten im Gesetzgebungsverfahren optierten die italienischen Behörden im Juli 2006 für die Rückforderung
         der rechtswidrigen Beihilfen auf dem Verwaltungsweg.
      
      –        Die Agenzia delle Entrate (im Folgenden: Agenzia) übersandte den betroffenen Steuerpflichtigen im Voraus eine Mitteilung mit
         der Anordnung, die geschuldeten Beträge binnen 60 Tagen zu zahlen, und sie legte geeignete Regeln fest, um es den Begünstigten
         zu ermöglichen, die erhaltene Beihilfe zuzüglich Zinsen von sich aus zurückzuzahlen; den Direktionen und Stellen, die vor
         dem 30. September 2006 die entsprechenden Kontroll‑ und Rückforderungsverfahren durchzuführen hatten, wurden besondere Dienstanweisungen
         übersandt.
      
      –        Zwei Gesellschaften erhoben gegen die Maßnahmen zur Rückforderung der Beihilfen Klage bei den italienischen Finanzgerichten;
         eine Gesellschaft unterlag in erster Instanz und zahlte anschließend am 1. April 2009 die geschuldeten Beträge in voller Höhe;
         im Fall einer anderen Gesellschaft, der Hauptempfängerin der Beihilfe, setzte die Commissione tributaria provinciale di Modena
         die Zahlungsanordnung aus, wobei der entscheidende Grund für die Aussetzung war, dass die Anordnung ohne Rechtsgrundlage ergangen
         sei; im Berufungsverfahren gegen die erstinstanzliche Entscheidung, mit der die Zahlungsanordnung für nichtig erklärt worden
         war, ordnete die Commissione tributaria regionale di Bologna u. a. unter Berufung darauf, dass beim Gericht eine Klage auf
         Nichtigerklärung der Entscheidung 2006/261 anhängig sei (Rechtssache T‑211/05), die Aussetzung des Verfahrens an.
      
      –        Der italienische Gesetzgeber versuchte, das verfahrensmäßige Problem der von den nationalen Gerichten angeordneten Aussetzung
         der Anordnungen zur Rückzahlung der Beihilfen im Wege der Gesetzgebung zu beheben, indem er das Gesetzesdekret Nr. 59 vom
         8. April 2008 (GURI Nr. 84 vom 9. April 2008, S. 3, im Folgenden: Gesetzesdekret Nr. 59/2008) erließ, das durch das Gesetz
         Nr. 101 vom 6. Juni 2008 (GURI Nr. 132 vom 7. Juni 2008, S. 4) in ein Gesetz umgewandelt wurde.
      
      13      Während des gesamten Vorverfahrens drang die Kommission auf eine sofortige und tatsächliche Durchführung der Entscheidung
         2006/261. Außerdem ersuchte sie mehrfach um zusätzliche Informationen und Erläuterungen zu den Begünstigten und zu den Modalitäten
         des Erlasses der auf die Rückforderung abzielenden Rechtsvorschriften. Die Ersuchen der Kommission beruhten zum Teil darauf,
         dass sie die von den italienischen Behörden übermittelten Informationen für unzureichend hielt, und dienten zum Teil dazu,
         die Daten über den Fortgang der Wiedererlangung der Beihilfe auf den letzten Stand zu bringen. Die italienischen Behörden
         informierten die Kommission mit mehreren aufeinanderfolgenden Schreiben über den Stand und die Modalitäten der Durchführung
         der Entscheidung 2006/261.
      
      14      Die Kommission wies die Italienische Republik auf die Unzulänglichkeit des Verfahrens zur Rückforderung der rechtswidrigen
         Beihilfe hin, da sich die zu Unrecht bezogenen und noch nicht zurückgezahlten Beihilfen im Oktober 2008 auf insgesamt 4 365 265,04
         Euro (Beihilfen und Zinsen) beliefen. Nach Ansicht der Kommission waren demnach bei der Rückforderung der Beihilfen trotz
         der gesetzgeberischen Maßnahmen keine Forschritte zu verzeichnen. Unter diesen Umständen hat die Kommission beschlossen, die
         vorliegende Klage zu erheben.
      
       Zur Klage
       Vorbringen der Parteien
      15      In ihrer Klageschrift trägt die Kommission vor, dass der Mitgliedstaat, an den eine ihn zur Rückforderung rechtswidriger Beihilfen
         verpflichtende Entscheidung gerichtet sei, nach Art. 249 EG alle geeigneten Maßnahmen zu ergreifen habe, um die Durchführung
         der Entscheidung sicherzustellen.
      
      16      Nach Ansicht der Kommission ist die Verpflichtung zur Rückforderung eine echte Erfolgspflicht. Zudem müsse die Rückforderung
         nicht nur tatsächlich, sondern auch sofort erfolgen.
      
      17      In Bezug auf den ursprünglichen Entwurf eines Gesetzes, das die Italienische Republik zur Durchführung der Entscheidung 2006/261
         habe erlassen wollen, habe die Kommission wiederholt darauf hingewiesen, dass die Wahl eines gesetzlichen Instruments nicht
         das geeignetste Mittel darstelle, um die sofortige und tatsächliche Durchführung dieser Entscheidung sicherzustellen.
      
      18      Die Anwendung der nationalen Verfahren dürfe kein Hindernis für die Wiederherstellung eines wirksamen Wettbewerbs sein. Auf
         diese Verfahren müsse vielmehr mit dem Ziel zurückgegriffen werden, die Wirksamkeit der Entscheidung 2006/261 zu gewährleisten.
      
      19      Die Kommission trägt sodann vor, dass die Italienische Republik in der vorliegenden Rechtssache als einziges Verteidigungsmittel
         geltend machen könne, dass es absolut unmöglich gewesen sei, die Entscheidung 2006/261 ordnungsgemäß durchzuführen. Die italienischen
         Behörden hätten sich insoweit jedoch nie auf eine absolute Unmöglichkeit berufen.
      
      20      Die Voraussetzung einer absoluten Unmöglichkeit der Durchführung sei nicht erfüllt, wenn sich der beklagte Mitgliedstaat wie
         in der vorliegenden Rechtssache darauf beschränke, die Kommission über die mit der Durchführung der Entscheidung 2006/261
         verbundenen rechtlichen, politischen oder praktischen Schwierigkeiten zu unterrichten, ohne gegenüber den betroffenen Unternehmen
         tatsächliche Schritte zur Rückforderung der Beihilfe zu unternehmen und ohne der Kommission andere Modalitäten zur Durchführung
         dieser Entscheidung vorzuschlagen, die es ermöglicht hätten, die Schwierigkeiten zu überwinden.
      
      21      In Bezug auf die Entscheidungen der nationalen Gerichte, mit denen die Aussetzungen angeordnet wurden, betont die Kommission,
         dass der Effektivitätsgrundsatz auch für die nationalen Gerichte gelten müsse. Der nationale Richter habe, wenn ein Begünstigter
         einen Antrag auf Aussetzung der Vollziehung der Rückforderungsmaßnahme stelle, die in der Rechtsprechung vorgesehenen Kriterien
         anzuwenden, um zu vermeiden, dass der Rückforderungsentscheidung ihre praktische Wirksamkeit genommen werde. In der vorliegenden
         Rechtssache hätten indessen die von den nationalen Gerichten angewandten Aussetzungsmaßnahmen den sich aus der Rechtsprechung
         ergebenden Anforderungen nicht genügt.
      
      22      Obwohl der nationale Richter nach dem in Randnr. 12 des vorliegenden Urteils angeführten Gesetzesdekret Nr. 59/2008 im Fall
         einer Aussetzung, die auf Gründe im Zusammenhang mit der Rechtswidrigkeit der Rückforderungsentscheidung gestützt wird, die
         entsprechende Frage grundsätzlich unverzüglich dem Gerichtshof zur Vorabentscheidung vorlegen muss, meint die Kommission,
         dass diese nationalen Rechtsvorschriften anscheinend keine bedeutenden Auswirkungen auf die Verfahrenspraxis der nationalen
         Gerichte gehabt hätten. Mehr als vier Jahre nach dem Erlass der Entscheidung 2006/261 hätten die italienischen Behörden nämlich
         nur 25,91 % der Beihilfen zurückerlangt, für die eine Zahlungsanordnung versandt worden sei.
      
      23      In Bezug auf die beim Gericht erhobene Klage auf Nichtigerklärung der Entscheidung 2006/261 hebt die Kommission hervor, dass
         die Italienische Republik diese Entscheidung angefochten habe, ohne allerdings die Aussetzung ihrer Vollziehung zu beantragen.
         Im Beschluss der Commissione tributaria provinciale di Modena werde indessen in keiner Weise auf die Anhängigkeit des Verfahrens
         bei dem Gericht oder eventuelle Mängel der genannten Entscheidung Bezug genommen, vielmehr liege ihm ausschließlich das angebliche
         Fehlen einer Rechtsgrundlage für die von den italienischen Behörden erlassene Anordnung der Rückzahlung der Beihilfe zugrunde.
      
      24      Was schließlich die beiden durch die Beihilfe begünstigten Gesellschaften betrifft, trägt die Kommission vor, dass sie seit
         dem 31. Oktober 2008 keine Nachricht mehr über den aktuellen Stand des in zweiter Instanz anhängigen Verfahrens und den Stand
         der Rückzahlungen erhalten habe. Darin liege ein Verstoß gegen die Informationspflicht, die den italienischen Behörden nach
         Art. 4 der Entscheidung 2006/261 und Art. 10 EG obliege.
      
      25      Die Italienische Republik macht geltend, dass das Unionsrecht nicht die Befolgung eines besonderen Verfahrens zum Zweck der
         Wiedererlangung der staatlichen Beihilfen vorgebe, sondern nur verlange, dass die Anwendung der nationalen Verfahren davon
         abhängig gemacht werde, dass sie eine sofortige und tatsächliche Durchführung der Entscheidung 2006/261 ermögliche.
      
      26      Nach der italienischen Verfassung könne nur eine normative Maßnahme die Tätigkeit der Verwaltung im Hinblick auf die Rückforderung
         und die in diesem Rahmen zurückzuzahlenden Summen regeln. Außerdem habe der in Randnr. 17 des vorliegenden Urteils genannte
         Gesetzentwurf darauf abgezielt, eine freiwillige Rückzahlung der Beihilfe zu fördern, um gerade die Phase der Wiedererlangung
         zu beschleunigen.
      
      27      Die Italienische Republik beruft sich auch darauf, dass der Umstand, dass der Mitgliedstaat, der Adressat der Entscheidung
         sei, keine anderen Verteidigungsmittel als die absolute Unmöglichkeit der Durchführung geltend machen könne, es nicht ausschließe,
         dass ein Mitgliedstaat, der bei der Durchführung einer Entscheidung wie der dem vorliegenden Rechtsstreit zugrunde liegenden
         auf unvorhergesehene und unvorhersehbare Schwierigkeiten stoße oder sich über Folgen klar werde, die von der Kommission nicht
         beabsichtigt gewesen seien, diese Probleme der Kommission zur Beurteilung vorlege und dabei geeignete Änderungen der fraglichen
         Entscheidung vorschlage.
      
      28      Im umfangreichen Schriftwechsel zwischen der Kommission und den italienischen Behörden hätten diese sowohl die Gründe, aus
         denen sie ihrer Ansicht nach im Wege des Erlasses einer speziellen Norm hätten vorgehen müssen, als auch die unvorhergesehenen
         Umstände genannt, die später dazu geführt hätten, dass zur Rückforderung ein anderes Verfahren als das ursprünglich in Aussicht
         genommene, insbesondere auf dem Verwaltungsweg, gewählt worden sei.
      
      29      In Bezug auf die gerichtlichen Aussetzungsmaßnahmen macht die Italienische Republik geltend, dass die Entscheidung der Commissione
         tributaria provinciale di Modena über die Aussetzung der Zahlungsanordnung ergangen sei, obwohl die Agenzia mit Nachdruck
         auf die Rechtmäßigkeit der Rückforderung und die unmittelbare Anwendbarkeit der Entscheidung 2006/261 in der italienischen
         Rechtsordnung hingewiesen habe. Im Verfahren vor der Commissione tributaria regionale di Bologna habe die Agenzia bei diesem
         Gericht die Aufhebung des von ihm erlassenen Aussetzungsbeschlusses beantragt. Nach dem oben angeführten Urteil Italien/Kommission,
         mit dem das Gericht die Klage gegen die Entscheidung 2006/261 abgewiesen habe, habe die Agenzia erneut die Aufhebung des fraglichen
         Beschlusses beantragt.
      
      30      Was schließlich den von der Kommission geltend gemachten Klagegrund eines Verstoßes gegen die Informationspflicht betrifft,
         hat die Italienische Republik in ihrer Klagebeantwortung eine ergänzende Übersicht über den Stand der eingegangenen Beträge
         und des in dieser Sache anhängigen Rechtsstreits vorgelegt.
      
       Würdigung durch den Gerichtshof
      31      Nach ständiger Rechtsprechung hat der Mitgliedstaat, an den eine Entscheidung gerichtet ist, die ihn zur Rückforderung rechtswidriger
         Beihilfen verpflichtet, nach Art. 249 EG alle geeigneten Maßnahmen zu ergreifen, um die Durchführung dieser Entscheidung sicherzustellen
         (vgl. Urteil vom 5. Oktober 2006, Kommission/Frankreich, C‑232/05, Slg. 2006, I‑10071, Randnr. 42 und dort angeführte Rechtsprechung).
      
      32      Der Mitgliedstaat muss erreichen, dass er die geschuldeten Beträge tatsächlich wiedererlangt (vgl. Urteil Kommission/Frankreich,
         Randnr. 42). Eine verspätete Wiedererlangung nach Ablauf der festgesetzten Fristen genügt den Anforderungen aus dem Vertrag
         nicht (vgl. in diesem Sinne Urteil vom 14. Februar 2008, Kommission/Griechenland, C‑419/06, Randnrn. 38 und 61).
      
      33      Nach Art. 3 Abs. 3 der Entscheidung 2006/261 war die Italienische Republik verpflichtet, die fragliche Beihilferegelung so
         schnell wie möglich aufzuheben. Insbesondere für den Fall, dass die Beihilfe bereits in Form von verringerten Steuerzahlungen
         für das laufende Finanzjahr gewährt wurde, hatte dieser Mitgliedstaat den gesamten fälligen Steuerbetrag mit der Abschlusszahlung
         für das Jahr 2004 zu erheben. In allen anderen Fällen waren die fälligen Steuern zuzüglich Zinsen spätestens am Ende des ersten
         Finanzjahrs, in das das Datum der Bekanntgabe dieser Entscheidung, der 17. März 2005, fiel, zu erheben.
      
      34      In der vorliegenden Rechtssache ist unstreitig, dass die Italienische Republik mehrere Jahre nach der Übermittlung der Entscheidung
         2006/261 und nach Ablauf sämtlicher in dieser Entscheidung festgesetzten Fristen einen beträchtlichen Teil der rechtswidrigen
         Beihilfen noch nicht wiedererlangt hat. Eine solche Situation ist offenkundig unvereinbar mit der Verpflichtung dieses Mitgliedstaats,
         eine tatsächliche Wiedererlangung der geschuldeten Beträge zu erreichen, und stellt einen Verstoß gegen die Pflicht zur sofortigen
         und tatsächlichen Durchführung der Entscheidung 2006/261 dar.
      
      35      Was die von der Italienischen Republik zu ihrer Verteidigung vorgebrachten Argumente anbelangt, ist darauf hinzuweisen, dass
         ein Mitgliedstaat nach ständiger Rechtsprechung zur Verteidigung gegen eine von der Kommission gemäß Art. 88 Abs. 2 EG erhobene
         Vertragsverletzungsklage nur geltend machen kann, dass es absolut unmöglich gewesen sei, die fragliche Entscheidung ordnungsgemäß
         durchzuführen (vgl. u. a. Urteile vom 20. September 2007, Kommission/Spanien, C‑177/06, Slg. 2007, I‑7689, Randnr. 46, und
         vom 13. November 2008, Kommission/Frankreich, C‑214/07, Slg. 2008, I‑8357, Randnr. 44).
      
      36      Die Voraussetzung einer absoluten Unmöglichkeit der Durchführung ist nicht erfüllt, wenn sich der beklagte Mitgliedstaat darauf
         beschränkt, die Kommission über die mit der Durchführung der Entscheidung verbundenen rechtlichen, politischen oder praktischen
         Schwierigkeiten zu unterrichten, ohne gegenüber den betroffenen Unternehmen tatsächlich Schritte zur Rückforderung der Beihilfe
         zu unternehmen und ohne der Kommission andere Modalitäten zur Durchführung der Entscheidung vorzuschlagen, die es ermöglicht
         hätten, die Schwierigkeiten zu überwinden (vgl. u. a. Urteile vom 14. Dezember 2006, Kommission/Spanien, C‑485/03 bis C‑490/03,
         Slg. 2006, I‑11887, Randnr. 74, und vom 13. November 2008, Kommission/Frankreich, Randnr. 46).
      
      37      Der Gerichtshof hat ferner entschieden, dass ein Mitgliedstaat, der bei der Durchführung einer Entscheidung der Kommission
         über staatliche Beihilfen auf unvorhergesehene und unvorhersehbare Schwierigkeiten stößt oder sich über Folgen klar wird,
         die von der Kommission nicht beabsichtigt waren, diese Probleme der Kommission zur Beurteilung vorlegen und dabei geeignete
         Änderungen der fraglichen Entscheidung vorschlagen muss. In einem solchen Fall müssen der Mitgliedstaat und die Kommission
         gemäß dem Grundsatz, dass den Mitgliedstaaten und den Unionsorganen gegenseitige Pflichten zur loyalen Zusammenarbeit obliegen,
         wie er namentlich Art. 10 EG zugrunde liegt, redlich zusammenwirken, um die Schwierigkeiten unter vollständiger Beachtung
         der Bestimmungen des Vertrags, insbesondere derjenigen über die Beihilfen, zu überwinden (vgl. u. a. Urteile vom 4. April
         1995, Kommission/Italien, C‑348/93, Slg. 1995, I‑673, Randnr. 17, vom 1. April 2004, Kommission/Italien, C‑99/02, Slg. 2004,
         I‑3353, Randnr. 17, vom 1. Juni 2006, Kommission/Italien, C‑207/05, Randnr. 47, und vom 6. Dezember 2007, Kommission/Italien,
         C‑280/05, Randnr. 20).
      
      38      Insoweit ist hervorzuheben, dass sich die Italienische Republik bei ihren Kontaktaufnahmen mit der Kommission und im Rahmen
         des Verfahrens vor dem Gerichtshof nicht auf eine absolute Unmöglichkeit der Durchführung der Entscheidung 2006/261 – das
         nach der in Randnr. 35 des vorliegenden Urteils angeführten Rechtsprechung einzige zulässige Verteidigungsmittel – berufen
         hat.
      
      39      In Wirklichkeit hat sich die italienische Regierung darauf beschränkt, die Kommission über die mit der Durchführung dieser
         Entscheidung verbundenen rechtlichen, politischen oder praktischen Schwierigkeiten zu unterrichten.
      
      40      Zwar hat der italienische Gesetzgeber während des Rückforderungsverfahrens mit dem Erlass des Gesetzesdekrets Nr. 59/2008
         einen ernsthaften Schritt unternommen, um die Wirksamkeit der Rückforderung sicherzustellen. Aus den Akten geht insbesondere
         hervor, dass dieses Gesetzesdekret, mit dem das verfahrensmäßige Problem der Aussetzung von Anordnungen zur Rückforderung
         der Beihilfen durch die nationalen Gerichte gelöst werden sollte, dazu bestimmt war, den Abschluss der bereits anhängigen
         Rechtsstreitigkeiten zu beschleunigen.
      
      41      Das Gesetzesdekret Nr. 59/2008 hat es indessen nicht erlaubt, der Verspätung bei der Rückforderung der in der Entscheidung
         2006/261 genannten Beihilfe abzuhelfen. Das Gesetzesdekret wurde nämlich erst am 8. April 2008 erlassen, d. h. nach dem 7.
         Februar 2007, dem Zeitpunkt, zu dem die Entscheidung der Commissione tributaria provinciale di Modena über die Aussetzung
         der Zahlungsanordnung gegenüber dem Hauptempfänger der rechtswidrigen Beihilfe erging. Im Übrigen wurde das Verfahren betreffend
         den genannten Hauptempfänger der Beihilfe anschließend trotz des Inkrafttretens des genannten Gesetzesdekrets vom Berufungsgericht
         ausgesetzt.
      
      42      Gesetzgebungsmaßnahmen, mit denen die Durchführung einer Entscheidung der Kommission, die einen Mitgliedstaat zur Rückforderung
         einer rechtswidrigen Beihilfe verpflichtet, durch die nationalen Gerichte gewährleistet werden soll und die zu spät erlassen
         werden oder sich als wirkungslos erweisen, genügen nicht den Anforderungen aus der in den Randnrn. 31 und 32 des vorliegenden
         Urteils angeführten Rechtsprechung.
      
      43      Zudem haben die italienischen Behörden jedenfalls keine Änderung oder Aufhebung der Entscheidung der Commissione tributaria
         provinciale di Modena vom 7. Februar 2007, mit der die Zahlungsanordnung ausgesetzt wurde, beantragt, obwohl – wie die Italienische
         Republik in der mündlichen Verhandlung anerkannt hat – ein solcher Antrag in einem derartigen Verfahren gestellt werden kann.
         Schließlich hatte die Italienische Republik am Tag der mündlichen Verhandlung in der vorliegenden Rechtssache noch keine Schritte
         unternommen, um die von der Commissione tributaria regionale di Bologna am 21. Januar 2010 angeordnete Aussetzung des Berufungsverfahrens
         zu beenden.
      
      44      Was ferner das Argument der Kommission hinsichtlich der den nationalen Gerichten zuerkannten Befugnis betrifft, während des
         Verfahrens zur Rückforderung der Beihilfe Aussetzungsanordnungen zu erlassen, ist darauf hinzuweisen, dass diese Gerichte
         nach Art. 14 Abs. 3 der Verordnung Nr. 659/1999 verpflichtet sind, die volle Wirksamkeit der Entscheidung zu gewährleisten,
         mit der die Rückforderung der rechtswidrigen Beihilfe angeordnet wurde, und ein Ergebnis herbeizuführen, das mit dem Zweck,
         der mit dieser Entscheidung verfolgt wird, in Einklang steht (vgl. Urteil vom 20. Mai 2010, Scott und Kimberly Clark, C‑210/09,
         Slg. 2010, I‑0000, Randnr. 29).
      
      45      In Bezug auf die von den italienischen Gerichten erlassenen einstweiligen Aussetzungsanordnungen ist darauf hinzuweisen, dass
         solche Anordnungen nach ständiger Rechtsprechung (vgl. u. a. Urteile vom 21. Februar 1991, Zuckerfabrik Süderdithmarschen
         und Zuckerfabrik Soest, C‑143/88 und C‑92/89, Slg. 1991, I‑415, sowie vom 9. November 1995, Atlanta Fruchthandelsgesellschaft
         u. a. [I], C‑465/93, Slg. 1995, I‑3761) ergehen können, wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind, nämlich
      
      –        wenn das entsprechende Gericht erhebliche Zweifel an der Gültigkeit der Handlung der Union hat und diese Gültigkeitsfrage,
         sofern der Gerichtshof mit ihr noch nicht befasst ist, diesem selbst vorlegt,
      
      –        wenn die Entscheidung dringlich in dem Sinne ist, dass die einstweiligen Anordnungen erforderlich sind, um zu vermeiden, dass
         die sie beantragende Partei einen schweren und nicht wiedergutzumachenden Schaden erleidet,
      
      –        wenn es das Interesse der Union angemessen berücksichtigt und
      –        wenn es bei der Prüfung aller dieser Voraussetzungen die Entscheidungen des Gerichtshofs oder des Gerichts erster Instanz
         über die Rechtmäßigkeit der Handlung der Union oder einen Beschluss im Verfahren des vorläufigen Rechtsschutzes betreffend
         gleichartige einstweilige Anordnungen auf der Ebene der Europäischen Union beachtet.
      
      46      Ferner ist zu betonen, dass das nationale Gericht sich nicht darauf beschränken darf, dem Gerichtshof eine Gültigkeitsfrage
         zur Vorabentscheidung vorzulegen, sondern dass es zum Zeitpunkt des Erlasses der Maßnahme des vorläufigen Rechtsschutzes angeben
         muss, weshalb es meint, dass der Gerichtshof die Ungültigkeit der Handlung der Union feststellen muss (Urteil Atlanta Fruchthandelsgesellschaft
         u. a. [I] Randnr. 36).
      
      47      Die in den beiden vorstehenden Randnummern angeführten Anforderungen gelten auch für jede Maßnahme zur Aussetzung eines Berufungsverfahrens,
         in dem die in erster Instanz ausgesprochene Nichtigerklärung der nationalen Maßnahme zur Rückforderung der rechtswidrigen
         Beihilfe angegriffen wird.
      
      48      Zu prüfen ist, ob in der vorliegenden Rechtssache die Entscheidungen der italienischen Gerichte diesen Anforderungen genügen.
      
      49      Die Aussetzungsanordnungen im Rahmen des Rückforderungsverfahrens betreffend den Hauptempfänger der rechtswidrigen Beihilfe
         wurden von den italienischen Gerichten aus zwei Gründen erlassen. Erstens setzte die Commissione tributaria provinciale di
         Modena mit Entscheidung vom 7. Februar 2007 die Anordnung der Rückzahlung der Beihilfe aus und stellte dabei entscheidend
         darauf ab, dass diese Rückzahlungsanordnung ohne Rechtsgrundlage erlassen worden sei. Zweitens setzte die Commissione tributaria
         regionale di Bologna mit Entscheidungen vom 26. Mai 2009 und vom 21. Januar 2010 das Berufungsverfahren, in dem die Nichtigerklärung
         der genannten Anordnung in erster Instanz angefochten wurde, mit der Begründung aus, dass die Klage auf Nichtigerklärung der
         Entscheidung 2006/261 beim Gericht anhängig sei (Rechtssache T‑211/05).
      
      50      Dazu ist darauf hinzuweisen, dass der erste der oben angeführten Gründe im Licht der mit den Urteilen Zuckerfabrik Süderdithmarschen
         und Zuckerfabrik Soest sowie Atlanta Fruchthandelsgesellschaft u. a. (I) begründeten Rechtsprechung die Aussetzung der Maßnahme
         zur Rückforderung der rechtswidrigen Beihilfe nicht rechtfertigt.
      
      51      In Bezug auf den zweiten Grund ist festzustellen, dass ein nationales Gericht, das beabsichtigt, ein Verfahren, das zur tatsächlichen
         Durchführung einer Entscheidung der Kommission über die Verpflichtung eines Mitgliedstaats zur Rückforderung einer rechtswidrigen
         Beihilfe erforderlich ist, deshalb auszusetzen, weil die Rechtmäßigkeit der Entscheidung vor dem Gericht angegriffen wird,
         diese Aussetzung entsprechend den Ausführungen in Randnr. 46 des vorliegenden Urteils in seiner Entscheidung zu begründen
         hat, indem es die Argumente darlegt, die für die Ungültigkeit der fraglichen Entscheidung sprechen.
      
      52      Dieses Erfordernis wird dadurch bestätigt, dass eine beim Gericht erhobene Klage auf Nichtigerklärung einer Entscheidung,
         mit der die Rückzahlung einer Beihilfe angeordnet wird, keinen Suspensiveffekt hinsichtlich der Verpflichtung zur Durchführung
         dieser Entscheidung hat (vgl. Urteil vom 6. Dezember 2007, Kommission/Italien, Randnr. 21). Ebenso verhält es sich, wenn das
         vom Gericht auf die entsprechende Klage hin erlassene Urteil mit einem Rechtsmittel beim Gerichtshof angefochten wird. In
         diesem Zusammenhang ist zu ergänzen, dass die Italienische Republik im vorliegenden Fall im Rahmen der genannten Nichtigkeitsklage
         keine einstweilige Anordnung beantragt hat.
      
      53      Im vorliegenden Fall geben die italienischen Gerichte in ihren Entscheidungen allerdings nicht an, aus welchen Gründen die
         Gerichte der Union die Ungültigkeit der Entscheidung 2006/261 feststellen sollten. Außerdem wurde mit der Entscheidung vom
         21. Januar 2010 das Verfahren wegen einer beim Gericht gegen die Entscheidung 2006/261 erhobenen Klage ausgesetzt, obwohl
         das Gericht diese Klage mit Urteil vom 4. September 2009 abgewiesen hatte.
      
      54      Was schließlich die übrigen Voraussetzungen betrifft, die nach der in Randnr. 45 des vorliegenden Urteils angeführten Rechtsprechung
         erfüllt sein müssen, genügt die Feststellung, dass in den fraglichen nationalen Entscheidungen nicht auf das Interesse der
         Union Bezug genommen wird und dass die Commissione tributaria regionale di Bologna in ihren Entscheidungen vom 26. Mai 2009
         und vom 21. Februar 2010 nicht die Frage der Dringlichkeit der Anordnungen behandelt hat.
      
      55      Unter diesen Umständen ist festzustellen, dass die italienischen Gerichte die Aussetzungsentscheidungen unter offensichtlicher
         Missachtung der Anforderungen des Unionsrechts im Bereich der Rückforderung staatlicher Beihilfen erlassen haben.
      
      56      Nach alledem ist die vorliegende Klage begründet, soweit die Kommission der Italienischen Republik vorwirft, sie habe innerhalb
         der vorgeschriebenen Fristen nicht alle Maßnahmen ergriffen, die erforderlich seien, um die mit der Entscheidung 2006/261
         für rechtswidrig und mit dem Gemeinsamen Markt unvereinbar erklärte Beihilferegelung aufzuheben und die gemäß dieser Regelung
         zur Verfügung gestellten Beihilfen von den Empfängern zurückzufordern.
      
      57      Der Antrag der Kommission auf Verurteilung der Italienischen Republik, weil sie die Kommission nicht über die in der vorstehenden
         Randnummer genannten Maßnahmen informiert habe, ist angesichts des dort dargelegten Ergebnisses nicht zu prüfen, da dieser
         Mitgliedstaat die Entscheidung 2006/261 gerade nicht innerhalb der vorgeschriebenen Fristen durchgeführt hat (vgl. Urteile
         vom 4. April 1995, Kommission/Italien, Randnr. 31, vom 14. Dezember 2006, Kommission/Spanien, Randnr. 82, vom 20. September
         2007, Kommission/Spanien, Randnr. 54, vom 6. Dezember 2007, Kommission/Italien, Randnr. 30, und vom 13. November 2008, Kommission/Frankreich,
         Randnr. 67).
      
      58      Somit ist festzustellen, dass die Italienische Republik dadurch gegen ihre Verpflichtungen aus den Art. 2 und 3 der Entscheidung
         2006/261 verstoßen hat, dass sie innerhalb der festgesetzten Fristen nicht alle Maßnahmen ergriffen hat, die erforderlich
         sind, um die mit dieser Entscheidung für rechtswidrig und mit dem Gemeinsamen Markt unvereinbar erklärte Beihilferegelung
         aufzuheben und die gemäß dieser Regelung zur Verfügung gestellten Beihilfen von den Empfängern zurückzufordern.
      
       Kosten
      59      Nach Art. 69 § 2 der Verfahrensordnung ist die unterliegende Partei auf Antrag zur Tragung der Kosten zu verurteilen. Da die
         Italienische Republik mit ihrem Vorbringen unterlegen ist, sind ihr gemäß dem entsprechenden Antrag der Kommission die Kosten
         aufzuerlegen.
      
      Aus diesen Gründen hat der Gerichtshof (Erste Kammer) für Recht erkannt und entschieden:
      1.      Die Italienische Republik hat dadurch gegen ihre Verpflichtungen aus den Art. 2 und 3 der Entscheidung 2006/261/EG der Kommission
            vom 16. März 2005 über die Beihilferegelung C 8/2004 (ex NN 164/2003) – Italien – zugunsten von Unternehmen, die zur Notierung
            an der Börse zugelassen wurden (bekannt gegeben unter Aktenzeichen K[2005] 591), verstoßen, dass sie innerhalb der festgesetzten
            Fristen nicht alle Maßnahmen ergriffen hat, die erforderlich sind, um die mit dieser Entscheidung für rechtswidrig und mit
            dem Gemeinsamen Markt unvereinbar erklärte Beihilferegelung aufzuheben und die gemäß dieser Regelung zur Verfügung gestellten
            Beihilfen von den Empfängern zurückzufordern.
      2.      Die Italienische Republik trägt die Kosten.
      Unterschriften
      * Verfahrenssprache: Italienisch.