CELEX: 32005D0012(01)
Language: de
Date: 2005-03-10 00:00:00
Title: Beschluss Nr. 12-2005 des Rechnungshofs der Europäischen Gemeinschaften vom 10. März 2005 über den Zugang der Öffentlichkeit zu den Dokumenten des Hofes

20.4.2005   
            
            
               DE
            
            
               Amtsblatt der Europäischen Union
            
            
               C 96/1
            
         
      BESCHLUSS Nr. 12-2005
   vom 10. März 2005
   über den Zugang der Öffentlichkeit zu den Dokumenten des Hofes
   (2005/C 96/01)
   DER RECHNUNGSHOF DER EUROPÄISCHEN GEMEINSCHAFTEN —
   gestützt auf seine Geschäftsordnung (1), insbesondere auf Artikel 30,
   gestützt auf die Verordnung (EG, Euratom) Nr. 1605/2002 des Rates über die Haushaltsordnung für den Gesamthaushaltsplan der Europäischen Gemeinschaften (2), insbesondere auf Artikel 143 Absatz 2 und auf Artikel 144 Absatz 1,
   in Erwägung nachstehender Gründe:
   In Artikel 1 Absatz 2 des Vertrags über die Europäische Union, wonach der Vertrag eine neue Stufe bei der Verwirklichung einer immer engeren Union der Völker Europas darstellt, in der die Entscheidungen möglichst offen und möglichst bürgernah getroffen werden, ist das Prinzip der Transparenz verankert.
   In der Gemeinsamen Erklärung (3) zu der Verordnung (EG) Nr. 1049/2001 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 30. Mai 2001über den Zugang der Öffentlichkeit zu Dokumenten des Europäischen Parlaments, des Rates und der Kommission (4) fordern das Europäische Parlament, der Rat und die Kommission die anderen Organe und Einrichtungen auf, interne Regelungen über den Zugang der Öffentlichkeit zu Dokumenten zu beschließen, die den Grundsätzen und Einschränkungen in dieser Verordnung Rechnung tragen.
   Die Bestimmungen im Beschluss des Hofes Nr. 18/97 über interne Vorschriften zur Bearbeitung von Anträgen auf Zugang zu den im Besitz des Hofes befindlichen Dokumenten (5) existierten vor der Verordnung (EG) Nr. 1049/2001 und sollten im Lichte dieser Verordnung und der Rechtsetzung durch den Europäischen Gerichtshof und das Gericht erster Instanz überprüft werden.
   Transparenz gewährleistet eine größere Legitimität, Effizienz und Verantwortung der Verwaltung gegenüber dem Bürger und trägt so zur Stärkung der Grundsätze der Demokratie bei. Zu diesem Zweck ist eine gute Verwaltungspraxis im Hinblick auf den Zugang zu Dokumenten zu fördern.
   Der Schutz bestimmter öffentlicher und privater Interessen sollte jedoch durch Ausnahmen bezüglich des Grundsatzes des Zugangs der Öffentlichkeit zu den Dokumenten gewährleistet werden. So sind insbesondere die internationalen Prüfungsnormen über die Vertraulichkeit von Prüfungsinformationen zu beachten —
   BESCHLIESST:
   Artikel 1
   Zweck
   Zweck dieses Beschlusses ist es, die Bedingungen, Einschränkungen und Verfahren festzulegen, nach denen der Rechnungshof öffentlichen Zugang zu den in seinem Besitz befindlichen Dokumenten gewährt.
   Artikel 2
   Zugangsberechtigte und Anwendungsbereich
   (1)   Innerhalb der Grenzen der in diesem Beschluss festgelegten Einschränkungen und Bedingungen sowie der internationalen Normen über die Vertraulichkeit von Prüfungsinformationen hat jeder Unionsbürger sowie jede natürliche oder juristische Person mit Wohnsitz oder Sitz in einem Mitgliedstaat ein Recht auf Zugang zu den Dokumenten des Rechnungshofs, vorbehaltlich der in diesem Beschluss festgelegten Grundsätze, Bedingungen und Einschränkungen.
   (2)   Der Rechnungshof kann vorbehaltlich der gleichen Grundsätze, Bedingungen und Einschränkungen allen natürlichen oder juristischen Personen, die keinen Wohnsitz oder Sitz in einem Mitgliedstaat haben, Zugang zu den Dokumenten gewähren.
   (3)   Dieser Beschluss gilt für alle Dokumente des Rechnungshofs, das heißt Dokumente, die von ihm erstellt wurden oder bei ihm eingegangen sind und sich in seinem Besitz befinden.
   (4)   Dieser Beschluss berührt nicht das etwaige Recht auf Zugang der Öffentlichkeit zu Dokumenten im Besitz des Rechnungshofs, das sich aus internationalen Übereinkünften oder aus Rechtsakten der Gemeinschaft zu deren Durchführung ergibt.
   Artikel 3
   Begriffsbestimmungen
   Im Sinne dieses Beschlusses bedeutet:
   
               a)
            
            
               „Dokument“ Inhalte unabhängig von der Form des Datenträgers (auf Papier oder in elektronischer Form, Ton- Bild- oder audiovisuelles Material);
            
         
               b)
            
            
               „Dritte“ alle natürlichen und juristischen Personen und Einrichtungen außerhalb des Rechnungshofs, einschließlich der Mitgliedstaaten, der anderen Gemeinschafts- oder Nichtgemeinschaftsorgane und -einrichtungen und der Drittländer.
            
         Artikel 4
   Ausnahmeregelung
   (1)   Der Rechnungshof verweigert den Zugang zu einem Dokument, durch dessen Verbreitung Folgendes beeinträchtigt würde:
   
               a)
            
            
               der Schutz des öffentlichen Interesses im Hinblick auf:
               
                           —
                        
                        
                           die öffentliche Sicherheit,
                        
                     
                           —
                        
                        
                           die Verteidigung und militärische Belange,
                        
                     
                           —
                        
                        
                           die internationalen Beziehungen,
                        
                     
                           —
                        
                        
                           die Finanz-, Währungs- oder Wirtschaftspolitik der Gemeinschaft oder eines Mitgliedstaats;
                        
                     
         
               b)
            
            
               der Schutz der Privatsphäre und der Integrität des Einzelnen, insbesondere gemäß den Rechtsvorschriften der Gemeinschaft über den Schutz personenbezogener Daten.
            
         (2)   Im Einklang mit den Bestimmungen über die Vertraulichkeit, wie sie in Artikel 143 Absatz 2 und Artikel 144 Absatz 1 der Verordnung (EG, Euratom) Nr. 1605/2002 des Rates über die Haushaltsordnung für den Gesamthaushaltsplan der Europäischen Gemeinschaften und entsprechenden Bestimmungen in anderen Instrumenten des Gemeinschaftsrechts festgelegt sind, gewährt der Rechnungshof keinen Zugang zu seinen Prüfungsbemerkungen. Ferner kann er den Zugang zu Dokumenten verweigern, die zur Vorbereitung der Prüfungsbemerkungen dienen.
   (3)   Der Rechnungshof verweigert den Zugang zu einem Dokument, durch dessen Verbreitung Folgendes beeinträchtigt würde:
   
               —
            
            
               der Schutz der geschäftlichen Interessen einer natürlichen oder juristischen Person, einschließlich des geistigen Eigentums,
            
         
               —
            
            
               der Schutz von Gerichtsverfahren und der Rechtsberatung,
            
         
               —
            
            
               der Schutz von Inspektions-, Untersuchungs- und Audittätigkeiten.
            
         (4)   Der Zugang zu einem Dokument, das vom Rechnungshof für den internen Gebrauch erstellt wurde oder bei ihm eingegangen ist und das sich auf eine Angelegenheit bezieht, in der der Rechnungshof noch keinen Beschluss gefasst hat, wird verweigert, wenn eine Verbreitung des Dokuments den Entscheidungsprozess des Rechnungshofs beeinträchtigen würde.
   Der Zugang zu einem Dokument mit Stellungnahmen zum internen Gebrauch im Rahmen von Beratungen und Vorgesprächen innerhalb des Rechnungshofs wird auch dann, wenn der Beschluss gefasst worden ist, verweigert, wenn die Verbreitung des Dokuments den Entscheidungsprozess des Rechnungshofs beeinträchtigen würde.
   (5)   Betrifft der Antrag ein im Besitz des Rechnungshofs befindliches Dokument, das nicht von ihm verfasst wurde, bestätigt der Rechnungshof den Eingang des Antrags und nennt die Person, das Organ oder die Einrichtung, an die bzw. das der Antrag zu richten ist.
   (6)   Wenn nur Teile des angeforderten Dokuments einer der in diesem Artikel aufgeführten Ausnahmen unterliegen, werden die übrigen Teile des Dokuments freigegeben.
   (7)   Die Anwendung der in diesem Artikel aufgeführten Ausnahmen berührt nicht die Bestimmungen über den Zugang der Öffentlichkeit zu den historischen Archiven der Gemeinschaft, festgelegt in der Verordnung (EWG, Euratom) Nr. 354/83 des Rates (6).
   (8)   Ungeachtet der in diesem Artikel aufgeführten Ausnahmen kann der Rechnungshof entscheiden, dass er den Zugang zu einem Dokument vollständig oder teilweise gewährt, wenn ein überwiegendes öffentliches Interesse an der Verbreitung besteht.
   Artikel 5
   Anträge
   Anträge auf Zugang zu einem Dokument sind in schriftlicher Form (7), entweder auf Papier oder in elektronischer Form, in einer der in Artikel 314 des EG-Vertrags aufgeführten Sprachen (8) zu stellen und müssen so präzise formuliert sein, dass der Rechnungshof das betreffende Dokument ermitteln kann. Der Antragsteller ist nicht verpflichtet, Gründe für seinen Antrag anzugeben.
   Artikel 6
   Behandlung von Erstanträgen
   (1)   Die beim Rechnungshof eingehenden Anträge werden dem Direktor für Außenbeziehungen zugeleitet. Dieser übersendet dem Antragsteller eine Empfangsbescheinigung, prüft den Antrag und entscheidet, welche Maßnahmen zu treffen sind.
   (2)   In Abhängigkeit vom Gegenstand des Antrags informiert der Direktor für Außenbeziehungen vor der Entscheidung über die Freigabe des angeforderten Dokuments das zuständige Mitglied, den Generaldirektor, den Juristischen Dienst oder den Datenschutzbeauftragten und konsultiert diese, falls erforderlich.
   (3)   Ein Antrag auf Zugang zu einem Dokument wird unverzüglich bearbeitet. Binnen 15 Arbeitstagen nach Registrierung des Antrags gewährt der Rechnungshof entweder Zugang zu dem angeforderten Dokument und macht es innerhalb dieses Zeitraums gemäß Artikel 9 zugänglich oder informiert den Antragsteller schriftlich über die Gründe für die vollständige oder teilweise Ablehnung und über dessen Recht, gemäß Artikel 7 einen Antrag auf Überprüfung seines Standpunkts an den Rechnungshof zu richten.
   (4)   Bei einem Antrag auf Zugang zu einem sehr umfangreichen Dokument oder zu einer sehr großen Anzahl von Dokumenten kann sich der Rechnungshof informell mit dem Antragsteller ins Benehmen setzen in dem Bestreben, eine angemessene Lösung herbeizuführen. In diesen Fällen kann die in Absatz 3 vorgesehene Frist um 15 Arbeitstage verlängert werden, sofern der Antragsteller vorab informiert wird und eine ausführliche Begründung erhält.
   Artikel 7
   Überprüfung des Standpunkts
   (1)   Im Fall einer vollständigen oder teilweisen Ablehnung kann der Antragsteller binnen 15 Arbeitstagen nach Eingang des Antwortschreibens des Rechnungshofs beim Rechnungshof einen Antrag auf Überprüfung des Standpunkts einreichen.
   (2)   Antwortet der Rechnungshof nicht innerhalb der vorgeschriebenen Frist, so hat der Antragsteller das Recht, beim Rechnungshof einen Antrag auf Überprüfung des Standpunkts einzureichen.
   Artikel 8
   Behandlung von Anträgen auf Überprüfung des Standpunkts
   (1)   Anträge auf Überprüfung des Standpunkts werden dem Präsidenten des Rechnungshofs zugeleitet. In Abhängigkeit vom Gegenstand des Antrags konsultiert der Präsident des Rechnungshofs vor der Entscheidung über die Freigabe des Dokuments das zuständige Mitglied oder den Generaldirektor und, falls erforderlich, den Juristischen Dienst oder den Datenschutzbeauftragten.
   (2)   Ein Antrag auf Überprüfung des Standpunkts ist unverzüglich zu bearbeiten. Binnen 15 Arbeitstagen nach Registrierung eines solchen Antrags gewährt der Rechnungshof entweder Zugang zu dem angeforderten Dokument und macht es innerhalb dieses Zeitraums gemäß Artikel 9 zugänglich oder teilt schriftlich die Gründe für die vollständige oder teilweise Ablehnung mit. Verweigert der Rechnungshof den Zugang vollständig oder teilweise, so unterrichtet er den Antragsteller über mögliche Rechtsbehelfe, d. h. Erheben einer Klage gegen den Rechnungshof und/oder Einlegen einer Beschwerde beim Bürgerbeauftragten nach Maßgabe der Artikel 230 bzw. 195 des EG-Vertrags.
   (3)   In Ausnahmefällen, beispielsweise bei einem Antrag auf Zugang zu einem sehr umfangreichen Dokument oder zu einer sehr großen Anzahl von Dokumenten, kann die in Absatz 2 vorgesehene Frist um 15 Arbeitstage verlängert werden, sofern der Antragsteller vorab informiert wird und eine ausführliche Begründung erhält.
   (4)   Antwortet der Rechnungshof nicht innerhalb der vorgeschriebenen Frist, gilt dies als abschlägiger Bescheid und berechtigt den Antragsteller zur Inanspruchnahme der in Absatz 2 genannten Rechtsbehelfe.
   Artikel 9
   Zugang im Anschluss an einen Antrag
   (1)   Der Zugang zu den Dokumenten, zu denen der Hof den Zugang gewährt hat, erfolgt entweder durch Einsichtnahme vor Ort in den Räumlichkeiten des Rechnungshofs in Luxemburg oder durch Bereitstellung einer Kopie, gegebenenfalls in elektronischer Form. Im ersten Fall verständigen sich der Antragsteller und der Direktor für Außenbeziehungen über Datum und Uhrzeit der Einsichtnahme.
   (2)   Die Kosten für Anfertigung und Übersendung von Kopien können dem Antragsteller in Rechnung gestellt werden. Diese Kosten dürfen die tatsächlichen Kosten für die Anfertigung und Übersendung der Kopien nicht überschreiten. Die Einsichtnahme vor Ort, Kopien von weniger als 20 DIN-A4-Seiten und der direkte Zugang in elektronischer Form sind kostenlos.
   (3)   Ist ein Dokument öffentlich zugänglich, kann der Rechnungshof seiner Verpflichtung zur Gewährung des Zugangs zum angeforderten Dokument nachkommen, indem er den Antragsteller darüber informiert, wie er dieses erhalten kann.
   (4)   Die Dokumente werden in der vorliegenden Fassung und Form (einschließlich einer elektronischen oder anderen Form) zur Verfügung gestellt, wobei die Wünsche des Antragstellers berücksichtigt werden. Der Hof ist nicht verpflichtet, auf Antrag des Antragstellers hin ein neues Dokument anzufertigen oder Informationen zusammenzustellen.
   Artikel 10
   Vervielfältigung von Dokumenten
   (1)   Dokumente, die im Einklang mit diesem Beschluss freigegeben wurden, dürfen nicht ohne vorherige schriftliche Genehmigung des Rechnungshofs für kommerzielle Zwecke vervielfältigt oder genutzt werden.
   (2)   Dieser Beschluss gilt unbeschadet geltender Urheberrechtsvorschriften, die das Recht Dritter auf Vervielfältigung oder Nutzung der freigegebenen Dokumente einschränken.
   Artikel 11
   Schlussbestimmungen
   (1)   Der Beschluss Nr. 18/97 des Rechnungshofs vom 20. Februar 1997 wird aufgehoben.
   (2)   Dieser Beschluss wird im Amtsblatt der Europäischen Union veröffentlicht.
   (3)   Er tritt am ersten Tag des Monats in Kraft, der auf seine Annahme folgt.
   
      Geschehen zu Luxemburg am 10. März 2005.
      
         
            Für den Rechnungshof
         
         Hubert WEBER
         
         
            Präsident
         
      
   
   
      (1)  ABl. L 18 vom 20.1.2005, S. 1.
   
      (2)  ABl. L 248 vom 16.9.2002, S. 1.
   
      (3)  ABl. L 173 vom 27.6.2001, S. 5.
   
      (4)  ABl. L 145 vom 31.5.2001, S. 43.
   
      (5)  ABl. C 295 vom 23.9.1998, S. 1.
   
      (6)  Verordnung (EWG, Euratom) Nr. 354/83 des Rates, geändert durch die Verordnung (EG, Euratom) Nr. 1700/2003 (ABl. L 243 vom 27.9.2003, S. 1).
   
      (7)  Gerichtet an den Europäischen Rechnungshof, Direktor für Außenbeziehungen, rue Alcide De Gasperi 12, L-1615 Luxemburg. Fax: (+352) 439 342, E-Mail: Euraud@eca.eu.int.
   
      (8)  Gegenwärtig sind dies: Dänisch, Deutsch, Englisch, Estnisch, Finnisch, Französisch, Griechisch, Irisch, Italienisch, Lettisch, Litauisch, Maltesisch, Niederländisch, Polnisch, Portugiesisch, Slowakisch, Slowenisch, Schwedisch, Spanisch, Tschechisch und Ungarisch.