CELEX: 62001TJ0282
Language: de
Date: 2004-02-12
Title: Urteil des Gerichts erster Instanz (Fünfte Kammer) vom 12. Februar 2004. # Aslantrans AG gegen Kommission der Europäischen Gemeinschaften. # Zollrecht - Erstattung von Einfuhrabgaben - Während des Transports gestohlene Zigarettenladung - Begriff des besonderen Falles im Sinne des Artikels 905 der Verordnung (EWG) Nr. 2454/93 - Fristwahrung. # Rechtssache T-282/01.

Rechtssache T-282/01
      Aslantrans AG
      gegen
      Kommission der Europäischen Gemeinschaften
      „Zollrecht – Erstattung von Einfuhrabgaben – Während des Transports gestohlene Zigarettenladung – Begriff des besonderen Falles im Sinne des Artikels 905 der Verordnung (EWG) Nr. 2454/93 – Fristwahrung“
      Urteil des Gerichts (Fünfte Kammer) vom 12. Februar 2004  
      Leitsätze des Urteils
      1.     Eigenmittel der Europäischen Gemeinschaften – Erstattung oder Erlass von Einfuhr- oder Ausfuhrabgaben – Befassung der Kommission
            mit einem Erstattungsantrag – Nicht ausreichende Angaben der nationalen Behörde – Ersuchen um weitere Auskünfte  – Verlängerung
            der Frist für die Entscheidung der Kommission – Voraussetzung – Möglicher Einfluss dieser Auskünfte auf die Entscheidung –
            Verpflichtung der Kommission, sämtliche relevanten Tatsachen zu berücksichtigen
      (Verordnung Nr. 2454/93 der Kommission, Artikel 905 Absatz 2 Unterabsatz 3 und 907 Absatz 2)
      2.     Eigenmittel der Europäischen Gemeinschaften – Erstattung oder Erlass von Einfuhr- oder Ausfuhrabgaben – Billigkeitsklausel
            des Artikels 905 der Verordnung Nr. 2454/93 – Tragweite – Entscheidungsbefugnis der Kommission  – Ausübungsmodalitäten – „Besonderer
            Fall“ – Begriff – Diebstahl von Waren während des Transports  – Ausschluss
      (Verordnung Nr. 2913/92 des Rates, Artikel 239; Verordnung Nr. 2454/93 der Kommission, Artikel  905)
      1.     Wird die Kommission von den Zollbehörden eines Mitgliedstaats mit einem Antrag auf Erstattung von Zöllen befasst, der auf
         das Vorliegen eines besonderen Falles im Sinne des Artikels 239 der Verordnung Nr. 2913/92 zur Festlegung des Zollkodex der
         Gemeinschaften gestützt wird, und stellt sich heraus, dass die mitgeteilten Angaben nicht ausreichen, um in voller Kenntnis
         der Sachlage über den Fall zu entscheiden, kann sie nach Artikel 905 Absatz 2 Unterabsatz 3 der Verordnung Nr. 2454/93 mit
         Durchführungsvorschriften zum Zollkodex zusätzliche Angaben anfordern.
      
      Um feststellen zu können, ob eine solche Anfrage die Frist, über die die Kommission für ihre Stellungnahme zu dem Erstattungsantrag
         verfügt,  nach Artikel 907 Absatz 2 der Durchführungsverordnung wirksam verlängert hat, ist zu prüfen, ob die Auskünfte, die
         Gegenstand dieser Anfrage waren, diese Stellungnahme hätten beeinflussen können. In diesem Zusammenhang muss die Kommission
         für die Frage, ob nach Lage des Falles besondere Umstände vorliegen, sämtliche relevanten Tatsachen berücksichtigen.
      
      (vgl. Randnrn. 37-39)
      2.     Artikel 905 der Verordnung Nr. 2454/93 mit Durchführungsvorschriften zu der Verordnung Nr. 2913 zur Festlegung des Zollkodex
         der Gemeinschaften, der die Regelung des Artikels 239 des Zollkodex über die Erstattung oder den Erlass von Einfuhr- oder
         Ausfuhrabgaben präzisiert und näher ausführt, stellt eine allgemeine Billigkeitsklausel für außergewöhnliche Fälle dar, die
         als solche unter keinen der in den Artikeln 900 bis 904 der Durchführungsverordnung beschriebenen Tatbestände fallen. Da die
         Erstattung von Eingangsabgaben von der Erfüllung zweier kumulativer Voraussetzungen abhängt, nämlich erstens vom Vorliegen
         eines besonderen Falles und zweitens vom Fehlen offensichtlicher Fahrlässigkeit und betrügerischer Absicht des Beteiligten,
         ist die Erstattung der Abgaben bereits dann zu versagen, wenn eine der beiden Voraussetzungen fehlt.
      
      Erlässt die Kommission in Anwendung dieser auf Billigkeitserwägungen beruhenden Generalklausel eine Entscheidung, verfügt
         sie über einen Beurteilungsspielraum. Da die Erstattung oder der Erlass von Einfuhr- oder Ausfuhrabgaben, die nur unter bestimmten
         Voraussetzungen und in den eigens dafür vorgesehenen Fällen gewährt werden können, ferner eine Ausnahme vom gewöhnlichen Einfuhr-
         und Ausfuhrsystem darstellt, sind die Vorschriften, die eine solche Erstattung oder einen solchen Erlass vorsehen, eng auszulegen.
      
      Auf einen besonderen Fall im Sinne des Artikels 905 der Durchführungsverordnung kann somit geschlossen werden, wenn im Licht
         des an der Billigkeit ausgerichteten Regelungszwecks des Artikels 239 des Zollkodex Umstände festgestellt werden, aufgrund
         deren sich der Antragsteller in einer Lage befinden kann, die gegenüber derjenigen anderer Wirtschaftsteilnehmer, die die
         gleiche Tätigkeit ausüben, außergewöhnlich ist. Der Diebstahl von Waren während des Transports  zählt jedoch zu den am häufigsten
         festgestellten Schadensfällen, gegen die die Wirtschaftsteilnehmer, insbesondere diejenigen, die sich auf die Beförderung
         von aufgrund ihrer hohen Besteuerung so genannten Risikowaren spezialisiert haben, gewöhnlich versichert sind.
      
      (vgl. Randnrn. 52-53, 55-56, 65)

      
      
      
      
      
      
      
      
      
      
      
      
      
      
      
            
            URTEIL DES GERICHTS (Fünfte Kammer)12. Februar 2004(1)
         
         
               „Zollrecht  –  Erstattung von Einfuhrabgaben  –  Während des Transports gestohlene Zigarettenladung  –  Begriff des besonderen Falles im Sinne des Artikels 905 der Verordnung (EWG) Nr. 2454/93  –  Fristwahrung“
               
             In der Rechtssache T-282/01 
            
            
            Aslantrans AG mit Sitz in Rickenbach bei Wil (Schweiz), Prozessbevollmächtigter: Rechtsanwalt J. Weigell,
            
            
            Klägerin,
            
            gegen
            Kommission der Europäischen Gemeinschaften, zunächst vertreten durch R. Tricot und S. Fries, sodann durch X. Lewis und S. Fries als Bevollmächtigte, Zustellungsanschrift
            in Luxemburg,
            
            Beklagte, 
            
             wegen Nichtigerklärung der Entscheidung REM 19/00 der Kommission vom 18. Juli 2001, mit der der Antrag der Bundesrepublik
            Deutschland auf Erstattung der Einfuhrabgaben an die Klägerin abgelehnt wurde,
            
            
            DAS GERICHT ERSTER INSTANZ DER EUROPÄISCHEN GEMEINSCHAFTEN (Fünfte Kammer),
            
            
             unter Mitwirkung der Präsidentin P. Lindh sowie der Richter R. García-Valdecasas und J. D. Cooke, 
            
             Kanzler: I. Natsinas, Verwaltungsrat, 
             aufgrund des schriftlichen Verfahrens und auf die mündliche Verhandlung vom 11. November 2003,
            
            
         erlässt
         
         
         Urteil
            
               Rechtlicher Rahmen
            
         
         1
            
          Nach Artikel 91 Absatz 1 Buchstabe a der Verordnung (EWG) Nr. 2913/92 des Rates vom 12. Oktober 1992 zur Festlegung des Zollkodex
         der Gemeinschaften (ABl. L 302, S. 1; im Folgenden: Zollkodex) können Nichtgemeinschaftswaren, die zur Wiederausfuhr in ein
         Drittland bestimmt sind, im externen Versandverfahren zwischen zwei innerhalb des Zollgebiets der Gemeinschaft gelegenen Orten
         befördert werden, ohne dass diese Waren Einfuhrabgaben, anderen Abgaben oder handelspolitischen Maßnahmen unterliegen.
         
         
         
         2
            
          Gemäß Artikel 37 des Zollkodex unterliegen Waren, die in das Zollgebiet der Gemeinschaft verbracht werden, vom Zeitpunkt des
         Verbringens an der zollamtlichen Überwachung. Diese Waren bleiben so lange unter zollamtlicher Überwachung, bis sie wieder
         ausgeführt werden. Gemäß Artikel 203 Absatz 1 des Zollkodex entsteht eine Einfuhrzollschuld, wenn eine einfuhrabgabenpflichtige
         Ware der zollamtlichen Überwachung entzogen wird.
         
         
         
         3
            
          Artikel 239 des Zollkodex sieht allerdings die Möglichkeit vor, die entrichteten Einfuhr- oder Ausfuhrabgaben in anderen als
         den in den Artikeln 236, 237 und 238 des Zollkodex genannten Fällen, die sich aus Umständen ergeben, die nicht auf betrügerische
         Absicht oder offensichtliche Fahrlässigkeit des Beteiligten zurückzuführen sind, vollständig oder teilweise zu erstatten oder
         zu erlassen.
         
         
         
         4
            
          Dieser Artikel 239 wurde durch die Verordnung (EWG) Nr. 2454/93 der Kommission vom 2. Juli 1993 mit Durchführungsvorschriften
         zu der Verordnung Nr. 2913/92 (ABl. L 253, S. 1, im Folgenden: Durchführungsverordnung), zuletzt geändert, was den für die
         vorliegende Rechtssache einschlägigen rechtlichen Rahmen angeht, durch die Verordnung (EG) Nr. 1677/98 der Kommission vom
         29. Juli 1998 (ABl. L 212, S. 18), präzisiert und näher ausgeführt.
         
         
         
         5
            
          Nach Artikel 899 der Durchführungsverordnung erstattet oder erlässt die Entscheidungszollbehörde, bei der ein Antrag auf Erstattung
         oder Erlass gestellt worden ist, die betreffenden Einfuhrabgaben, wenn sie feststellt, dass die für diesen Antrag vorgebrachten
         Gründe einen der in Artikel 900 bis 903 der Durchführungsverordnung beschriebenen Tatbestände erfüllen und keine betrügerische
         Absicht oder offensichtliche Fahrlässigkeit des Beteiligten vorliegt. 
         
         
         
         6
            
          Artikel 900 Absatz 1 Buchstabe a der Durchführungsverordnung sieht hierzu vor, dass die Einfuhrabgaben erstattet oder erlassen
         werden, wenn Nichtgemeinschaftswaren, die sich in einem Zollverfahren mit vollständiger oder teilweiser Befreiung von den
         Einfuhrabgaben befinden, gestohlen worden sind, sofern diese Waren kurzfristig wieder gefunden und in dem Zustand, in dem
         sie sich zum Zeitpunkt des Diebstahls befanden, wieder ihren ursprünglichen zollrechtlichen Status erhalten. 
         
         
         
         7
            
          Artikel 905 Absatz 1 der Durchführungsverordnung bestimmt, dass, wenn die Zollbehörde nicht in der Lage ist, nach Artikel
         899 zu entscheiden, und die Begründung des Antrags auf einen besonderen Fall schließen lässt, der sich aus Umständen ergibt,
         bei denen weder eine betrügerische Absicht noch eine offensichtliche Fahrlässigkeit des Beteiligten vorliegt, der Mitgliedstaat,
         zu dem diese Behörde gehört, den Fall der Kommission vorlegt. Nach Absatz 2 dieser Bestimmung muss die der Kommission übermittelte
         Vorlage alle für eine vollständige Prüfung des Falles notwendigen Angaben enthalten. Die Kommission kann zusätzliche Angaben
         anfordern, wenn sich herausstellt, dass die von dem Mitgliedstaat mitgeteilten Angaben nicht ausreichen, um in voller Kenntnis
         der Sachlage über den Fall zu entscheiden.
         
         
         
         8
            
          Nach Artikel 906a der Durchführungsverordnung teilt die Kommission, wenn sie eine Entscheidung zu Lasten des die Erstattung
         oder den Erlass beantragenden Beteiligten treffen will, diesem in einem Schreiben alle der Entscheidung zugrunde liegenden
         Argumente mit und übersendet ihm alle Unterlagen, auf die sie die Entscheidung stützt. Der Antragsteller hat sodann einen
         Monat Zeit, um Stellung zu nehmen.
         
         
         
         9
            
          Artikel 907 der Durchführungsverordnung bestimmt, dass die Entscheidung der Kommission, ob die besonderen Umstände die Erstattung
         oder den Erlass rechtfertigen oder nicht, innerhalb von neun Monaten nach Eingang der Vorlage bei der Kommission zu treffen
         ist. Sieht sich die Kommission veranlasst, bei dem Mitgliedstaat zusätzliche Auskünfte anzufordern, so wird diese Frist um
         die Zeit verlängert, die zwischen dem Zeitpunkt der Absendung dieses Ersuchens durch die Kommission und dem Zeitpunkt des
         Eingangs der Auskünfte bei ihr verstrichen ist. Hat die Kommission dem Antragsteller ihre Argumente mitgeteilt, so verlängert
         sich die Frist entsprechend um den Zeitraum zwischen dem Datum der Absendung besagter Argumente durch die Kommission und dem
         Datum des Eingangs der Stellungnahme des Beteiligten oder, im Falle der unterbliebenen Stellungnahme, dem Datum des Ablaufs
         der zur Stellungnahme gesetzten Frist.
         
         
         
         10
            
          Nach Artikel 908 Absatz 2 der Durchführungsverordnung trifft die zuständige Behörde des Mitgliedstaats ihre Entscheidung über
         den Antrag anhand der Entscheidung der Kommission. Artikel 909 der Durchführungsverordnung bestimmt, dass die nationale Zollbehörde
         dem Antrag auf Erstattung oder Erlass stattgibt, wenn die Kommission innerhalb der in Artikel 907 genannten Frist von neun
         Monaten keine Entscheidung getroffen hat.
         
         Sachverhalt
         
         11
            
          Am 14. Mai 1997 legte die Klägerin beim Hafenzollamt von Antwerpen (Belgien) eine Anmeldung über die Überführung einer Ladung
         von 12 110 000 Zigaretten in das externe Versandverfahren vor, die von Antwerpen nach Montenegro (Serbien und Montenegro)
         befördert werden sollte. Bestimmungszollstelle war Karawanken/Rosenbach (Österreich). Der Lkw mit Auflieger und Ladung wurde
         mit Eintritt in das Zollgebiet der Gemeinschaft zur vorübergehenden Verwendung abgefertigt. Der Lkw, der Auflieger und die
         Ladung wurden der zollamtlichen Überwachung unterstellt.
         
         
         
         12
            
          Am 15. Mai 1997 wurde der Lkw mit dem Auflieger und der Zigarettenladung auf dem Autobahnrastplatz Rhein-Böllen (Deutschland)
         nahe der belgischen und der niederländischen Grenze gestohlen.
         
         
         
         13
            
          Die Zugmaschine wurde am 2. Juni 1997 auf einem Autobahnparkplatz in Grevenbroich-Kappeln (Deutschland) aufgefunden. Am 3.
         Juni 1997 wurde der Auflieger in Zonhoven (Belgien) leer aufgefunden. Die Ladung konnte jedoch nicht gefunden werden.
         
         
         
         14
            
          Die deutsche Kriminalpolizei führte die den Diebstahl betreffenden Ermittlungen und nahm dabei mit den zuständigen Dienststellen
         der belgischen Polizei Kontakt auf. Sie nahm in ihren Ermittlungsberichten vom 2. Juni und vom 29. Oktober 1997 einen Zusammenhang
         zwischen diesem Diebstahl und anderen Diebstählen und Diebstahlsversuchen an, die auf Autobahnparkplätzen in der Nähe desjenigen
         stattgefunden hatten, auf dem der hier fragliche Diebstahl verübt worden war, und kam zu dem Ergebnis, dass es sich möglicherweise
         um eine Gruppe von Tätern handelte, die in organisierter Weise im Grenzgebiet zwischen Deutschland, Belgien und den Niederlanden
         operierte.
         
         
         
         15
            
          Das zuständige Hauptzollamt Koblenz erließ am 27. Mai 1997 gegenüber der Klägerin als der für den ordnungsgemäßen Ablauf des
         Versandverfahrens Verantwortlichen gemäß Artikel 203 des Zollkodex einen Steuerbescheid über Zoll in Höhe von 395 392,01 DM
         für die Zigarettenladung.
         
         
         
         16
            
          Mit Antrag vom 28. Mai 1998 beantragte die Klägerin, die den geforderten Betrag bereits gezahlt hatte, bei den deutschen Behörden,
         den auf die gestohlenen Zigaretten festgesetzten Zoll zu erstatten.
         
         
         
         17
            
          Mit Schreiben vom 1. August 2000, das am 24. August 2000 bei der Kommission einging, ersuchte das deutsche Bundesministerium
         der Finanzen die Kommission, zu entscheiden, ob die von der Klägerin beantragte Erstattung der Einfuhrabgaben im vorliegenden
         Fall gerechtfertigt sei.
         
         
         
         18
            
          Mit Schreiben vom 1. März 2001, abgesandt am 6. März 2001, teilte die Kommission der Klägerin mit, dass sie beabsichtige,
         eine abschlägige Entscheidung zu treffen, wobei sie die für die Ablehnung des Erstattungsantrags sprechenden Gründe vortrug
         und die Klägerin aufforderte, sich binnen eines Monats zu äußern.
         
         
         
         19
            
          Mit Schreiben vom 30. März 2001 äußerte sich die Klägerin zu den Bedenken, die die Kommission in Bezug auf den Erstattungsantrag
         geltend gemacht hatte.
         
         
         
         20
            
          Mit Schreiben vom 15. Mai 2001 wies die Klägerin die Kommission auf Presseartikel hin, wonach ein hoher Beamter des Bundesministeriums
         der Finanzen aus dem Bereich Zoll/Zollfahndung der Bestechlichkeit und des Verrats von Dienstgeheimnissen verdächtigt werde
         und die Ermittlungen gegen den organisierten Zigarettenschmuggel seit dem Amtsantritt dieses Beamten torpediert worden seien.
         
         
         
         21
            
          Mit Schreiben vom 17. Mai 2001 forderte die Kommission das Bundesministerium der Finanzen auf, ihr mitzuteilen, ob der betreffende
         Beamte zur Zeit der Zollschuldentstehung im Fahndungsbereich tätig gewesen und ob es möglich sei, dass dessen Aktivitäten
         einen direkten Einfluss auf den vorliegenden Fall gehabt hätten.
         
         
         
         22
            
          Mit Schreiben vom 30. Mai 2001, das am 14. Juni 2001 bei der Kommission einging, erklärte das Bundesministerium der Finanzen,
         dass der betreffende Beamte das Fahndungsreferat zur Bekämpfung von Zollbetrug erst im Dezember 1997 übernommen habe, d. h.
         nach den Ereignissen, die zur Entstehung der fraglichen Zollschuld geführt hätten. Die deutschen Behörden übermittelten der
         Kommission mit Telefax vom 27. Juni 2001 die Erklärung der Klägerin, wonach diese vom Schreiben der Kommission und der Antwort
         des Bundesministeriums Kenntnis genommen habe.
         
         
         
         23
            
          Am 15. Juni 2001 konsultierte die Kommission auf Antrag der deutschen Behörden die im Rahmen des Ausschusses für den Zollkodex
         zusammentretende Sachverständigengruppe aus Vertretern aller Mitgliedstaaten.
         
         
         
         24
            
          Mit der Entscheidung REM 19/00 vom 18. Juli 2001 entschied die Kommission, dass die Einfuhrabgaben nicht zu erstatten sind
         (im Folgenden: angefochtene Entscheidung). In der Begründungserwägung 29 dieser Entscheidung stellte die Kommission fest,
         dass „die Tatbestände im vorliegenden Fall weder einzeln noch zusammengenommen als ein besonderer Umstand im Sinne des Artikels
         239 [des Zollkodex] gewertet werden [könnten]“.
         
         
         
         25
            
          Nachdem die Kommission diese Entscheidung der deutschen Verwaltung mitgeteilt hatte, lehnte diese am 27. August 2001 den Erstattungsantrag
         der Klägerin ab.
         
         Verfahren und Anträge der Parteien
         
         26
            
          Die Klägerin hat mit Klageschrift, die am 2. November 2001 bei der Kanzlei des Gerichts eingegangen ist, die vorliegende Klage
         erhoben.
         
         
         
         27
            
          Das Gericht (Fünfte Kammer) hat auf Bericht des Berichterstatters  beschlossen, die mündliche Verhandlung zu eröffnen.
         
         
         
         28
            
          Die Parteien haben in der öffentlichen Sitzung vom 11. November 2003 mündlich verhandelt und die Fragen des Gerichts beantwortet.
         
         
         
         29
            
          In der Sitzung hat die Klägerin ihren Antrag, das Gericht möge die Bundesrepublik Deutschland ermächtigen, ihr gemäß ihrem
         Antrag vom 28. Mai 1998 den bereits entrichteten Zoll zu erstatten, zurückgenommen.
         
         
         
         30
            
          Die Klägerin beantragt, 
         
         
         
          
         –
            die Entscheidung REM 19/00 der Kommission vom 18. Juli 2001 für nichtig zu erklären;
         
         
         
         
          
         –
            der Kommission die Kosten des Verfahrens aufzuerlegen.
         
         
         
         
         
         31
            
          Die Kommission beantragt, 
         
         –
            die Klage abzuweisen;
         
         
         –
            der Klägerin die Kosten des Verfahrens aufzuerlegen.
         
         
         Entscheidungsgründe
         
         32
            
          Die Klägerin stützt ihre Anträge darauf, dass erstens die für den Erlass der angefochtenen Entscheidung vorgesehene Frist
         nicht eingehalten worden sei und zweitens ein besonderer Fall vorliege, in dem weder offensichtliche Fahrlässigkeit noch betrügerische
         Absicht im Sinne des Artikels 239 des Zollkodex und des Artikels 905 der Durchführungsverordnung gegeben sei.
         
         Zum ersten Klagegrund: Nichteinhaltung der für den Erlass der angefochtenen Entscheidung vorgesehenen Frist Vorbringen der Parteien
         
         
         33
            
          Die Klägerin macht geltend, dass die Kommission die angefochtene Entscheidung nach Ablauf der in Artikel 907 der Durchführungsverordnung
         festgelegten Frist von neun Monaten erlassen habe, die ab dem Zeitpunkt des Eingangs der von den nationalen Behörden übermittelten
         Unterlagen laufe. Die Kommission könne sich zum Zweck einer Verlängerung dieser Frist nicht auf die Anfrage berufen, die sie
         am 17. Mai 2001 an die deutschen Behörden in Bezug auf einen etwaigen Korruptionsfall in deren Zollfahndungsdienst gerichtet
         habe, denn diese Anfrage sei völlig überflüssig gewesen.
         
         
         
         34
            
          Erstens seien der Kommission die Tatsachen und die Umstände, die sie mit Schreiben vom 17. Mai 2001 abgefragt habe, bereits
         bekannt gewesen. Die Kommission sei über den Zeitpunkt informiert gewesen, zu dem die unter Korruptionsverdacht stehende Person
         ihre Tätigkeit für den Zollfahndungsdienst aufgenommen habe, weil der mit den Ermittlungen beauftragte Kommissionsbeamte vorher
         im deutschen Bundesministerium der Finanzen gearbeitet und diesen Fall deshalb persönlich gekannt habe.
         
         
         
         35
            
          Zweitens hätten die Tatsachen, die Gegenstand der Anfrage der Kommission gewesen seien, keine Auswirkungen auf die Behandlung
         des Erstattungsantrags haben können, da die deutsche Zollfahndung in dem fraglichen Fall überhaupt nicht tätig geworden sei.
         Ermittelt habe vielmehr die deutsche Kriminalpolizei. Die Klägerin habe die Kommission in ihrem Schreiben vom 15. Mai 2001
         lediglich darauf hingewiesen, dass der von ihr angeführte etwaige Korruptionsfall ein weiteres Indiz für die offensichtlich
         vorliegenden Mängel darstelle, keineswegs aber geltend gemacht, dass dies einen wie auch immer gearteten Einfluss auf die
         Behandlung ihres Erstattungsantrags gehabt haben könnte.
         
         
         
         36
            
          Die Kommission trägt vor, dass die Entscheidung innerhalb der vorgeschriebenen Frist ergangen sei, da diese nach Artikel 907
         der Durchführungsverordnung durch ihr an die deutsche Behörde gerichtetes Auskunftsersuchen wirksam verlängert worden sei.
         
          Würdigung durch das Gericht
         
         
         37
            
          Nach Artikel 905 Absatz 2 Unterabsatz 3 der Durchführungsverordnung kann die Kommission zusätzliche Angaben anfordern, wenn
         sich herausstellt, dass die von der nationalen Behörde mitgeteilten Angaben nicht ausreichen, um in voller Kenntnis der Sachlage
         über den Fall zu entscheiden. Nach Artikel 907 Absatz 2 der Durchführungsverordnung wird durch ein solches Auskunftsersuchen
         die Frist verlängert, über die die Kommission verfügt, um zu dem Erstattungsantrag Stellung zu nehmen.
         
         
         
         38
            
          Um feststellen zu können, ob die Anfrage der Kommission bei den deutschen Behörden vom 17. Mai 2001 die Frist für den Erlass
         der angefochtenen Entscheidung wirksam verlängert hat, ist zunächst zu prüfen, ob die Auskünfte, die Gegenstand dieser Anfrage
         waren, die Stellungnahme der Kommission zum Erstattungsantrag hätten beeinflussen können.
         
         
         
         39
            
          Mit ihrem Schreiben vom 17. Mai 2001 hat die Kommission das Bundesministerium der Finanzen gebeten, ihr mitzuteilen, ob der
         unter Korruptionsverdacht stehende Beamte zur Zeit der Entstehung der fraglichen Zollschuld im Fahndungsbereich tätig gewesen
         und ob es möglich sei, dass dessen Aktivitäten einen direkten Einfluss auf den vorliegenden Fall gehabt hätten. Nach der Rechtsprechung
         muss die Kommission für die Frage, ob nach Lage des Falles besondere Umstände vorliegen, sämtliche relevanten Tatsachen berücksichtigen
         (Urteil des Gerichts vom 10. Mai 2001 in den Rechtssachen T-186/97, T-187/97, T-190/97 bis T-192/97, T-210/97, T-211/97, T-216/97
         bis T-218/97, T-279/97, T‑280/97, T-293/97 und T-147/99, Kaufring u. a./Kommission, Slg. 2001, II-1337, Randnr. 222). Nach
         Ansicht des Gerichts durfte die Kommission im vorliegenden Fall davon ausgehen, dass in der Sphäre der Tätigkeit der nationalen
         Verwaltung liegende Umstände, wie die Möglichkeit eines Falles von Korruption in deren Dienststellen, unter Umständen – unter
         der Voraussetzung, dass ein Kausalzusammenhang mit der Entstehung der Zollschuld bestanden hätte – auf einen besonderen Fall
         im Sinne der Artikel 239 des Zollkodex und 905 der Durchführungsverordnung schließen lassen könnten (vgl. in diesem Sinne
         Urteil des Gerichtshofes vom 7. September 1999 in der Rechtssache C‑61/98, De Haan, Slg. 1999, I‑5003, Randnr. 53). Somit
         ist die Kommission zu Recht davon ausgegangen, dass die erbetenen Auskünfte erheblich seien und es ihr ermöglichen würden,
         in voller Kenntnis der Sachlage über den Erstattungsantrag zu entscheiden.
         
         
         
         40
            
          Dem steht das Vorbringen der Klägerin, die deutsche Zollfahndung sei an den Ermittlungen bezüglich des Warendiebstahls nicht
         beteiligt gewesen, nicht entgegen. Es ändert nämlich nichts daran, dass die unter Korruptionsverdacht stehende Person ein
         hoher, im Bundesministerium der Finanzen tätiger Verwaltungsbeamter war, der über spezifische Befugnisse im Bereich der Zollfahndung
         verfügte und daher Zugang zu Informationen hätte haben können, die den Diebstahl, die Hehlerei oder die Verdeckung der Straftat
         hätten erleichtern können.
         
         
         
         41
            
          Darüber hinaus steht dieses Vorbringen der Klägerin im Widerspruch zu dem, was sie sowohl im Verwaltungsverfahren als auch
         vor dem Gericht im Rahmen ihres zweiten Klagegrundes vorgetragen hat. So war es die Klägerin, die die Kommission mit Schreiben
         vom 15. Mai 2001 auf das mögliche Vorliegen eines Korruptionsfalls aufmerksam gemacht hatte. Auch hat die Klägerin in ihrer
         Klageschrift wiederholt Bezug auf die Ermittlungen zum Verhalten des unter Korruptionsverdacht stehenden Beamten genommen,
         insbesondere um darzulegen, dass außergewöhnliche Umstände vorlägen.
         
         
         
         42
            
          Zweitens ist das Vorbringen der Klägerin zu prüfen, die Kommission habe bereits über die von der deutschen Verwaltung erbetenen
         Auskünfte verfügt. Hierzu genügt der Hinweis, dass – selbst wenn es als bewiesen anzusehen wäre, dass der für den Fall zuständige
         Kommissionsbeamte aufgrund seiner früheren Tätigkeit in der deutschen Finanzverwaltung über Informationen in Bezug auf den
         angeblichen Korruptionsfall verfügt hat – die bloße Tatsache, dass ein Beamter möglicherweise eigene Kenntnisse von Einzelheiten
         eines bestimmten Falles hat, es keinesfalls überflüssig macht, geeignete Beweisstücke zu erlangen. Hier konnten solche Beweise
         nur von der von dem Korruptionsverdachtsfall betroffenen nationalen Behörde, und zwar im Wege eines Auskunftsersuchens auf
         der Grundlage des Artikels 905 der Durchführungsverordnung, erlangt werden.
         
         
         
         43
            
          Das Vorgehen der Kommission stand demnach in Einklang mit Artikel 905 Absatz 2 Unterabsatz 3 der Durchführungsverordnung.
         Dieses Auskunftsersuchen an die deutschen Behörden hat somit die für den Erlass der Entscheidung festgelegte Frist nach Artikel
         907 Absatz 2 Satz 2 der Durchführungsverordnung verlängert. Die angefochtene Entscheidung ist daher innerhalb der hierfür
         vorgesehenen Frist erlassen worden.
         
         
         
         44
            
          Der erste Klagegrund ist folglich zurückzuweisen.
         
         Zweiter Klagegrund: Bestehen eines besonderen Falles und Nichtvorliegen offensichtlicher Fahrlässigkeit und betrügerischer
               Absicht im Sinne des Artikels 239 des Zollkodex und des Artikels 905 der Durchführungsverordnung Vorbringen der Parteien
         
         
         45
            
          Die Klägerin trägt vor, sie habe sich in einer besonderen Lage befunden, die sich aus Umständen ergeben habe, bei denen ihrerseits
         weder eine betrügerische Absicht noch eine offensichtliche Fahrlässigkeit im Sinne der Artikel 239 Absatz 1 zweiter Gedankenstrich
         des Zollkodex und 905 der Durchführungsverordnung vorgelegen habe, so dass der Erstattungsantrag gerechtfertigt sei.
         
         
         
         46
            
          Erstens sei sie weder an der Verhinderung des normalen Ablaufs und der Wiedergestellung des gemeinschaftlichen Versandverfahrens
         in betrügerischer Absicht beteiligt gewesen, noch habe sie sich in dieser Hinsicht einer offensichtlichen Fahrlässigkeit schuldig
         gemacht. Sie sei vielmehr Opfer krimineller Machenschaften im Rahmen der organisierten Kriminalität geworden, an denen keiner
         ihrer Vertreter beteiligt gewesen sei. Sie habe insbesondere durch den Einbau eines Satellitenortungssystems sämtliche technischen
         Möglichkeiten ausgeschöpft, um einen Diebstahl des Lkw zu verhindern und diesen im Fall eines Diebstahls schnellstmöglich
         wieder aufzufinden.
         
         
         
         47
            
          Zweitens sei der Diebstahl des Fahrzeugs und der Zigaretten unter „besonderen Umständen“ im Sinne des Artikels 239 des Zollkodex
         erfolgt. „Besondere Umstände“ im Sinne dieser Vorschrift lägen vor, wenn sich der Steuerpflichtige in einer Lage befinde,
         die gegenüber derjenigen anderer Wirtschaftsteilnehmer, die die gleiche Tätigkeit ausübten, außergewöhnlich sei (Urteil des
         Gerichtshofes vom 25. Februar 1999 in der Rechtssache C-86/97, Trans-Ex-Import, Slg. 1999, I-1041).
         
         
         
         48
            
          Der Gerichtshof habe in seinem Urteil vom 11. November 1999 in der Rechtssache C-48/98 (Söhl & Söhlke, Slg. 1999, I-7877)
         festgestellt, dass außergewöhnliche Umstände solche sein könnten, die – auch wenn sie dem Wirtschaftsteilnehmer nicht fremd
         seien – nicht zu den Ereignissen gehörten, denen jeder Wirtschaftsteilnehmer bei der Ausübung seines Gewerbes regelmäßig ausgesetzt
         sei. Zwar beziehe sich dieses Urteil auf außergewöhnliche Umstände im Rahmen des Artikels 49 des Zollkodex, aber erstens handele
         es sich sowohl bei Artikel 49 als auch bei Artikel 239 des Zollkodex um Billigkeitsregelungen, und zweitens seien die jeweiligen
         Durchführungsvorschriften zu diesen Artikeln, d. h. die Artikel 859 und 905 der Durchführungsverordnung, im Wesentlichen die
         gleichen. 
         
         
         
         49
            
          Unter den Umständen des vorliegenden Falles habe sich nicht nur das Diebstahlrisiko verwirklicht, dem jeder innergemeinschaftliche
         Warentransport ausgesetzt sei, sondern diese Umstände seien auch außergewöhnliche Umstände im Sinne der Rechtsprechung des
         Gerichtshofes, die den Zigarettendiebstahl erst ermöglicht bzw. erleichtert hätten. Die Klägerin verweist erneut darauf, dass
         sie Opfer der organisierten Kriminalität geworden sei. Außerdem hätten die zuständigen deutschen Strafverfolgungsbehörden
         die Wiedergestellung der gestohlenen Zigaretten in das gemeinschaftliche Versandverfahren in mehrfacher Hinsicht verhindert.
         Insbesondere sei die fehlende Zusammenarbeit der deutschen Polizei mit der belgischen und der niederländischen Polizei zu
         beanstanden. Ferner sei auf das gegen einen Referatsleiter im Bereich der Zollfahndung laufende Ermittlungsverfahren wegen
         Behinderung der Zollfahndung im Bereich Zigarettenschmuggel zu verweisen. Den zuständigen Polizeibehörden sei zwar seit März
         1997 bekannt gewesen, dass in dem fraglichen Gebiet für hochwertige Warenlieferungen ein erhöhtes Diebstahlsrisiko bestanden
         habe, sie hätten jedoch keine besonderen Sicherheitsvorkehrungen für die fragliche Beförderung ergriffen und es versäumt,
         die Klägerin auf die bestehenden Gefahren aufmerksam zu machen. Somit sei die Klägerin auf der von ihr zu befahrenden Strecke
         einem wesentlich höheren Diebstahlsrisiko ausgesetzt gewesen als vergleichbare Transportunternehmen auf anderen europäischen
         Fahrstrecken. Die Kommission sei angesichts der institutionellen Schwäche der grenzübergreifenden Verbrechensbekämpfung in
         der Europäischen Union, die den Diebstahl begünstigt habe, untätig geblieben.
         
         
         
         50
            
          Schließlich macht die Klägerin geltend, dass sich die Umstände des vorliegenden Falles von denen unterschieden, die dem Urteil
         des Gerichtshofes vom 5. Oktober 1983 in den Rechtssachen 186/82 und 187/82 (Magazzini Generali, Slg. 1983, 2951) zugrunde
         gelegen hätten. In jenem Fall seien ausschließlich italienische Behörden mit den Ermittlungen befasst gewesen, deren Arbeit
         nicht durch eigene Beamte behindert worden sei. Außerdem habe der Gerichtshof im Urteil Magazzini Generali entscheiden müssen,
         ob ein Diebstahl grundsätzlich ein Akt höherer Gewalt sein könne. Im vorliegenden Fall stelle sich hingegen nicht die Frage,
         ob ein Diebstahl grundsätzlich ein besonderer Umstand im Sinne des Artikels 239 des Zollkodex sei, sondern ob aufgrund sämtlicher
         dem fraglichen Diebstahl zugrunde liegender Tatsachen besondere Umstände vorlägen, die ausnahmsweise eine Haftung der Klägerin
         nicht rechtfertigten.
         
         
         
         51
            
          Die Kommission macht im Wesentlichen geltend, dass Diebstahl oder betrügerische Handlungen Dritter als solche keine besonderen
         Umstände im Sinne des Artikels 239 des Zollkodex seien, sondern ein gewöhnliches Risiko darstellten, dem der Wirtschaftsteilnehmer
         im Normalfall ausgesetzt sei. Auch von den Argumenten, die die Klägerin zu den Umständen des vorliegenden Falles vorgetragen
         habe, sei keines geeignet, die Beurteilung dieses Diebstahls als außergewöhnlichen Fall und die Anwendung der Billigkeitsregelung
         des Artikels 239 Zollkodex zu rechtfertigen.
         
          Würdigung durch das Gericht
         
         
         52
            
          Artikel 905 der Durchführungsverordnung, der die Regelung des Artikels 239 des Zollkodex präzisiert und näher ausführt, stellt
         eine allgemeine Billigkeitsklausel für außergewöhnliche Fälle dar, die als solche unter keinen der in den Artikeln 900 bis
         904 der Durchführungsverordnung beschriebenen Tatbestände fallen (Urteil Trans-Ex-Import, Randnr. 18).
         
         
         
         53
            
          Aus Artikel 905 ergibt sich, dass die Erstattung von Eingangsabgaben von der Erfüllung zweier kumulativer Voraussetzungen
         abhängt, nämlich erstens vom Vorliegen eines besonderen Falles und zweitens vom Fehlen offensichtlicher Fahrlässigkeit und
         betrügerischer Absicht des Beteiligten (vgl. in diesem Sinne Urteil De Haan, Randnr. 42, und Urteil des Gerichts vom 18. Januar
         2000 in der Rechtssache T-290/97, Mehibas Dordtselaan/Kommission, Slg. 2000, II‑15, Randnr. 87). Die Erstattung der Abgaben
         ist daher bereits dann zu versagen, wenn eine der beiden Voraussetzungen fehlt (Urteil des Gerichts vom 5. Juni 1996 in der
         Rechtssache T-75/95, Günzler Aluminium/Kommission, Slg. 1996, II‑497, Randnr. 54; Urteil Mehibas Dordtselaan/Kommission, Randnr.
         87).
         
         
         
         54
            
          Da die Kommission in der angefochtenen Entscheidung die Auffassung vertreten hat, es sei nicht gerechtfertigt, dem Erstattungsantrag
         stattzugeben, weil die Tatbestände im vorliegenden Fall nicht als ein besonderer Umstand gewertet werden könnten, hat sie
         die zweite Voraussetzung – Fehlen betrügerischer Absicht und offensichtlicher Fahrlässigkeit der Klägerin – nicht geprüft.
         Infolgedessen ist hier nur die Frage zu prüfen, ob die Kommission den Begriff des besonderen Falles falsch ausgelegt hat.
         
         
         
         55
            
          Nach ständiger Rechtsprechung verfügt die Kommission über einen Beurteilungsspielraum, wenn sie in Anwendung der auf Billigkeitserwägungen
         beruhenden Generalklausel des Artikels 905 der Durchführungsverordnung eine Entscheidung erlässt (vgl. entsprechend die Urteile
         des Gerichts vom 9. November 1995 in der Rechtssache T-346/94, France-aviation/Kommission, Slg. 1995, II‑2841, Randnr. 34;
         vom 17. September 1998 in der Rechtssache T‑50/96, Primex Produkte Import-Export u. a./Kommission, Slg. 1998, II‑3773, Randnr.
         60, und Mehibas Dordtselaan/Kommission, Randnrn. 46 und 78). Ferner stellt die Erstattung oder der Erlass von Einfuhr- oder
         Ausfuhrabgaben, die nur unter bestimmten Voraussetzungen und in den eigens dafür vorgesehenen Fällen gewährt werden können,
         eine Ausnahme vom gewöhnlichen Einfuhr- und Ausfuhrsystem dar, so dass die Vorschriften, die eine solche Erstattung oder einen
         solchen Erlass vorsehen, eng auszulegen sind (Urteil Söhl & Söhlke, Randnr. 52).
         
         
         
         56
            
          So hat der Gerichtshof entschieden, dass auf einen besonderen Fall im Sinne des Artikels 905 der Durchführungsverordnung geschlossen
         werden kann, wenn im Licht des an der Billigkeit ausgerichteten Regelungszwecks des Artikels 239 des Zollkodex Umstände festgestellt
         werden, aufgrund deren sich der Antragsteller in einer Lage befinden kann, die gegenüber derjenigen anderer Wirtschaftsteilnehmer,
         die die gleiche Tätigkeit ausüben, außergewöhnlich ist (Urteile Trans-Ex-Import, Randnr. 22, und De Haan, Randnr. 52; Urteil
         des Gerichtshofes vom 27. September 2001 in der Rechtssache C-253/99, Bacardi, Slg. 2001, I-6493, Randnr. 56). 
         
         
         
         57
            
          Die Klägerin macht hier geltend, dass bei ihr nicht wegen des bloßen Diebstahls der Ware, sondern aufgrund sämtlicher Umstände
         dieses Falles besondere Umstände vorlägen, die ihre Inanspruchnahme ausnahmsweise nicht rechtfertigten. Es ist daher zu prüfen,
         ob anhand der von der Klägerin vorgetragenen Gesichtspunkte auf einen besonderen Fall im Sinne des Artikels 905 Absatz 1 der
         Durchführungsverordnung geschlossen werden kann.
         
         
         
         58
            
          Die Klägerin trägt erstens vor, der Diebstahl sei das Werk organisierter Kriminalität. Nach Ansicht des Gerichts ist der Umstand,
         dass der Diebstahl anscheinend von einer Gruppe begangen wurde, die Teil der so genannten organisierten Kriminalität ist,
         nicht geeignet, ihm einen Ausnahmecharakter zu verleihen. Die Wirtschaftsteilnehmer, die im Bereich der Beförderung hochwertiger
         Waren tätig sind, sind nämlich generell dem Risiko strafbarer Handlungen gut organisierter krimineller Gruppen ausgesetzt.
         Ein hoher Organisationsgrad der Diebe kann dem Delikt im Hinblick auf die Anwendung der Zollbestimmungen jedenfalls keinen
         Ausnahmecharakter verleihen. So hat der Gerichtshof im Zuge der Auslegung der Begriffe „höhere Gewalt“ und „unwiederbringlicher
         Verlust der Ware“ gemäß der Richtlinie 79/623/EWG des Rates vom 25. Juni 1979 zur Harmonisierung der Rechts- und Verwaltungsvorschriften
         über die Zollschuld (ABl. L 179, S. 31) entschieden, dass die Entwendung zollpflichtiger Waren durch Dritte, auch wenn den
         Abgabenpflichtigen daran keine Schuld trifft, nicht zum Erlöschen der Abgabenschuld für diese Waren führt, „unabhängig von
         den Begleitumständen ihrer Begehung“ (Urteil Magazzini Generali, Randnrn. 14 und 15).
         
         
         
         59
            
          Zweitens verweist die Klägerin auf die angeblich fehlende Zusammenarbeit der deutschen, belgischen und niederländischen Polizeidienststellen
         bei den Diebstahlsermittlungen. Die Frage des Ablaufs der Ermittlungen bezieht sich jedoch auf einen Zeitpunkt nach der Entstehung
         der Zollschuld, die nach Artikel 203 Absatz 2 des Zollkodex mit der Entwendung der Ware aus der zollamtlichen Überwachung
         erfolgt ist. Angebliche Unzulänglichkeiten der polizeilichen Ermittlungen können daher keine Umstände darstellen, die auf
         einen besonderen Fall im Sinne des Artikels 905 der Durchführungsverordnung schließen lassen.
         
         
         
         60
            
          Drittens macht die Klägerin geltend, dass ein Ermittlungsverfahren gegen einen Mitarbeiter der deutschen Steuerverwaltung
         eingeleitet worden sei, der die Ermittlungen im Bereich Zigarettenschmuggel behindert habe. Hierzu genügt der Hinweis, dass
         diese Frage im Verwaltungsverfahren Gegenstand eines Auskunftsersuchens der Kommission an die deutschen Behörden war, die
         ausschlossen, dass dieser vermutete Korruptionsfall irgendeinen Einfluss auf die vorliegende Rechtssache gehabt haben könnte.
         Diese Tatsache – ihren Nachweis unterstellt – kann folglich nicht begründen, dass bei der Klägerin besondere Umstände vorliegen.
         
         
         
         61
            
          Viertens ist auch das Vorbringen der Klägerin zurückzuweisen, sie sei auf der von ihr zu befahrenden Strecke einem höheren
         Diebstahlsrisiko ausgesetzt gewesen als vergleichbare Wirtschaftsteilnehmer auf anderen europäischen Fahrstrecken, weil den
         zuständigen Behörden zwar bekannt gewesen sei, dass in dem fraglichen Gebiet für hochwertige Waren ein erhöhtes Diebstahlsrisiko
         bestanden habe, sie aber weder besondere Sicherheitsvorkehrungen ergriffen noch die Klägerin über dieses Risiko informiert
         hätten. Denn selbst wenn diese Behauptungen zuträfen, wären doch alle Wirtschaftsteilnehmer, die diese Strecke nutzten, gleichermaßen
         betroffen, und die Klägerin befände sich somit nicht in einer im Vergleich zu den zahlreichen anderen Wirtschaftsteilnehmern
         außergewöhnlichen Lage.
         
         
         
         62
            
          Fünftens macht die Klägerin geltend, die Kommission sei angesichts der institutionellen Schwäche der grenzübergreifenden Verbrechensbekämpfung
         in der Europäischen Union, die diesen Diebstahl und andere unter ähnlichen Umständen begangene Diebstähle begünstigt habe,
         untätig geblieben. Selbst wenn dies zutreffen sollte, würde es die Klägerin ebenso wenig in eine besondere Lage versetzen,
         da davon eine unbestimmte Anzahl von Wirtschaftsteilnehmern, nämlich diejenigen, die Waren durch Grenzregionen der Europäischen
         Union befördern, gleichermaßen betroffen wäre.
         
         
         
         63
            
          Im Ergebnis ist festzustellen, dass die von der Klägerin vorgetragenen Gesichtspunkte weder einzeln noch zusammengenommen
         geeignet sind, sie in eine im Vergleich zu anderen Wirtschaftsteilnehmern, die die gleiche Tätigkeit ausüben, außergewöhnliche
         Lage im Sinne der in Randnummer 56 zitierten Rechtsprechung zu versetzen.
         
         
         
         64
            
          Diese Schlussfolgerung kann durch den Verweis der Klägerin auf das Urteil Söhl & Söhlke nicht entkräftet werden, in dem der
         Gerichtshof in Auslegung des Begriffes „Umstände“ im Sinne des Artikels 49 Absatz 2 des Zollkodex festgestellt hat, dass der
         Antragsteller durch außergewöhnliche Umstände, die – auch wenn sie ihm nicht fremd sind – nicht zu den Ereignissen gehören,
         denen jeder Wirtschaftsteilnehmer bei der Ausübung seines Gewerbes regelmäßig ausgesetzt ist, in eine Lage versetzt werden
         kann, die im Vergleich zu anderen Wirtschaftsteilnehmern, die die gleiche Tätigkeit ausüben, außergewöhnlich ist (Urteil Söhl
         & Söhlke, Randnrn. 73 und 74).
         
         
         
         65
            
          Hierbei ist zu beachten, dass das Urteil Söhl & Söhlke die Auslegung des Artikels 49 Absatz 2 des Zollkodex betraf, in dem
         es um die Verlängerung der Fristen für die Erfüllung von Förmlichkeiten geht, die vorgeschrieben sind, damit Waren, für die
         eine summarische Anmeldung abgegeben worden ist, eine zollrechtliche Bestimmung erhalten, während Artikel 239 des Zollkodex
         eine ganz andere Materie betrifft, nämlich die Erstattung oder den Erlass von Einfuhr- oder Ausfuhrabgaben. Unabhängig von
         der Frage der Einschlägigkeit des Urteils Söhl & Söhlke für die Auslegung des Artikels 239 des Zollkodex sind die in diesem
         Urteil genannten Kriterien in der vorliegenden Rechtssache jedenfalls nicht erfüllt. Keiner der von der Klägerin angeführten
         Gesichtspunkte stellt einen besonderen Umstand dar, der nicht Teil der der Geschäftstätigkeit innewohnenden Geschäftsrisiken
         im Sinne dieser Rechtsprechung wäre. Wie die Kommission in der angefochtenen Entscheidung ausgeführt hat, zählt Diebstahl
         zu den am häufigsten festgestellten Schadensfällen, gegen die die Wirtschaftsteilnehmer, insbesondere diejenigen, die sich
         auf die Beförderung von aufgrund ihrer hohen Besteuerung so genannten Risikowaren spezialisiert haben, gewöhnlich versichert
         sind.
         
         
         
         66
            
          Folglich hat die Kommission keinen offensichtlichen Beurteilungsfehler begangen, als sie die Auffassung vertreten hat, dass
         nach den Umständen des vorliegenden Falles kein besonderer Fall im Sinne der Artikel 239 des Zollkodex und 905 der Durchführungsverordnung
         vorliegt.
         
         
         
         67
            
          Der zweite Klagegrund ist daher unbegründet.
         
         
         
         68
            
          Folglich ist die Klage abzuweisen.
         
         
         Kosten
         69
            
          Nach Artikel 87 § 2 der Verfahrensordnung ist die unterliegende Partei auf Antrag zur Tragung der Kosten zu verurteilen. Da
         die Klägerin mit ihrem Vorbringen unterlegen ist, sind ihr entsprechend dem Antrag der Kommission ihre eigenen Kosten und
         diejenigen der Kommission aufzuerlegen. 
         
         
         Aus diesen Gründen 
         
         
         
            
            DAS GERICHT (Fünfte Kammer)
         
         
          für Recht erkannt und entschieden: 
         
            
            
             
               1.
                  Die Klage wird abgewiesen.
               
            
            
            
             
               2.
                  Die Klägerin trägt ihre eigenen Kosten und die Kosten der Kommission.
               
            
            
                  Lindh
               
               
                  García-Valdecasas 
               
               
                  Cooke 
               
            
                  
               
               
                  
               
               
                  
               
            
                  
               
               
                  
               
               
                  
               
            
                  
               
               
                  
               
               
                  
               
            
                  
               
               
                  
               
               
                  
               
            
            
            
            
            
            
            
            
         
         
          Verkündet in öffentlicher Sitzung in Luxemburg am 12. Februar 2004.
         
         
         
         
                  Der Kanzler
               
               
                  Die Präsidentin
               
            
         
         
         
                  H. Jung
               
               
                  P. Lindh
               
            
      
      
          1 –
            
            Verfahrenssprache: Deutsch.