CELEX: 62005CJ0003
Language: de
Date: 2006-02-16
Title: Urteil des Gerichtshofes (Zweite Kammer) vom 16. Februar  2006. # Gaetano Verdoliva gegen J. M. Van der Hoeven BV, Banco di Sardegna und San Paolo IMI SpA. # Ersuchen um Vorabentscheidung: Corte d'appello di Cagliari - Italien. # Brüsseler Übereinkommen - Entscheidung über die Zulassung der Vollstreckung einer in einem anderen Vertragsstaat erlassenen Entscheidung - Unterbliebene oder mangelhafte Zustellung - Kenntnisnahme - Klagefrist. # Rechtssache C-3/05.

Rechtssache C-3/05
      Gaetano Verdoliva
      gegen
      J. M. Van der Hoeven BV u. a.
      (Vorabentscheidungsersuchen der Corte d’appello Cagliari)
      „Brüsseler Übereinkommen – Entscheidung über die Zulassung der Vollstreckung einer in einem anderen Vertragsstaat erlassenen Entscheidung – Unterbliebene oder mangelhafte Zustellung – Kenntnisnahme – Klagefrist“
      Schlussanträge der Generalanwältin J. Kokott vom 24. November 2005 
      Urteil des Gerichtshofes (Zweite Kammer) vom 16. Februar 2006 
      Leitsätze des Urteils
      Übereinkommen über die gerichtliche Zuständigkeit und die Vollstreckung gerichtlicher Entscheidungen – Vollstreckung – Entscheidung
            über die Zulassung der Zwangsvollstreckung – Zustellung
      (Brüsseler Übereinkommen vom 27. September 1968, Artikel 36)
      Artikel 36 des Übereinkommens vom 27. September 1968 über die gerichtliche Zuständigkeit und die Vollstreckung gerichtlicher
         Entscheidungen in Zivil‑ und Handelssachen in der durch die Übereinkommen von 1978, 1982 und 1989 geänderten Fassung ist dahin
         auszulegen, dass er eine ordnungsgemäße Zustellung der Entscheidung über die Zulassung der Zwangsvollstreckung unter Beachtung
         der Verfahrensvorschriften des Vertragsstaats verlangt, in dem die Vollstreckung beantragt wird; im Fall einer unterbliebenen
         oder mangelhaften Zustellung der Entscheidung über die Zulassung der Zwangsvollstreckung reicht daher die bloße Tatsache,
         dass der Vollstreckungsschuldner von dieser Entscheidung Kenntnis erlangt hat, nicht aus, um die in dem genannten Artikel
         festgelegte Frist auszulösen. 
      
      Erstens dient das Zustellungserfordernis der Entscheidung über die Zulassung der Zwangsvollstreckung nämlich zum einen dem
         Schutz der Verteidigungsrechte des Vollstreckungsschuldners und hat zum anderen eine Beweisfunktion, indem es die exakte Berechnung
         der in dieser Vorschrift vorgesehenen zwingenden Rechtsbehelfsfrist ermöglicht. Aus dieser doppelten Funktion in Verbindung
         mit dem Ziel, die Förmlichkeiten zu vereinfachen, denen die Vollstreckung von in anderen Vertragsstaaten erlassenen gerichtlichen
         Entscheidungen unterliegt, erklärt sich, weshalb das Übereinkommen für die Übermittlung der Entscheidung über die Zulassung
         der Zwangsvollstreckung an den Vollstreckungsschuldner strengere Formerfordernisse vorsieht als für die Übermittlung derselben
         Entscheidung an den Antragsteller. Wenn es zweitens allein auf die Kenntnis des Vollstreckungsschuldners von der Entscheidung
         über die Zulassung der Zwangsvollstreckung ankäme, so bestünde die Gefahr, dass das Zustellungserfordernis bedeutungslos würde,
         und die exakte Berechnung der in dieser Vorschrift vorgesehenen Frist würde außerdem erschwert und dadurch eine einheitliche
         Anwendung der Vorschriften des Übereinkommens unmöglich gemacht.
      
      (vgl. Randnrn. 34-38 und Tenor)
URTEIL DES GERICHTSHOFES (Zweite Kammer)
      16. Februar 2006(*)
      
      „Brüsseler Übereinkommen – Entscheidung über die Zulassung der Vollstreckung einer in einem anderen Vertragsstaat erlassenen Entscheidung – Unterbliebene oder mangelhafte Zustellung – Kenntnisnahme – Klagefrist“
      In der Rechtssache C-3/05
      wegen eines Vorabentscheidungsersuchens nach dem Protokoll vom 3. Juni 1971 betreffend die Auslegung des Übereinkommens vom
         27. September 1968 über die gerichtliche Zuständigkeit und die Vollstreckung gerichtlicher Entscheidungen in Zivil- und Handelssachen
         durch den Gerichtshof, eingereicht von der Corte d’appello Cagliari (Italien) mit Entscheidung vom 12. November 2004, beim
         Gerichtshof eingegangen am 6. Januar 2005, in dem Verfahren
      
      Gaetano Verdoliva
      gegen
      J. M. Van der Hoeven BV,
      Banco di Sardegna,
      San Paolo IMI SpA,
      Beteiligter:
      Pubblico Ministero,
      erlässt
      DER GERICHTSHOF (Zweite Kammer)
      unter Mitwirkung des Kammerpräsidenten C. W. A. Timmermans, des Richters R. Schintgen, der Richterin R. Silva de Lapuerta
         sowie der Richter G. Arestis und J. Klučka (Berichterstatter),
      
      Generalanwältin: J. Kokott,
      Kanzler: R. Grass,
      aufgrund des schriftlichen Verfahrens,
      unter Berücksichtigung der Erklärungen
      –       von Herrn Verdoliva, vertreten durch M. Comella und U. Ugas, avvocati,
      –       der italienischen Regierung, vertreten durch I. M. Braguglia als Bevollmächtigten im Beistand von A. Cingolo, avvocato dello
         Stato,
      
      –       der Kommission der Europäischen Gemeinschaften, vertreten durch E. de March und A.‑M. Rouchaud‑Joët als Bevollmächtigte,
      nach Anhörung der Schlussanträge der Generalanwältin in der Sitzung vom 24. November 2005
      folgendes
      Urteil
      1       Das Vorabentscheidungsersuchen betrifft die Auslegung von Artikel 36 des Übereinkommens vom 27. September 1968 über die gerichtliche
         Zuständigkeit und die Vollstreckung gerichtlicher Entscheidungen in Zivil- und Handelssachen (ABl. 1972, L 299, S. 32) in
         der durch die Übereinkommen vom 9. Oktober 1978 über den Beitritt des Königreichs Dänemark, Irlands und des Vereinigten Königreichs
         Großbritannien und Nordirland (ABl. L 304, S. 1 und – geänderter Text – S. 77), vom 25. Oktober 1982 über den Beitritt der
         Republik Griechenland (ABl. L 388, S. 1) und vom 26. Mai 1989 über den Beitritt des Königreichs Spanien und der Portugiesischen
         Republik (ABl. L 285, S. 1) geänderten Fassung (im Folgenden: Brüsseler Übereinkommen oder EuGVÜ).
      
      2       Dieses Ersuchen ergeht im Rahmen eines Rechtsstreits von G. Verdoliva gegen J. M. Van der Hoeven BV (im Folgenden: Van der
         Hoeven), die Banco di Sardegna und die San Paolo IMI SpA, vormals Instituto San Paolo di Torino, wegen der Vollstreckung eines
         Urteils der Arrondissementsrechtbank Den Haag (Niederlande), mit dem Herr Verdoliva zur Zahlung von 365 000 NLG an Van der
         Hoeven verurteilt wurde, in Italien.
      
       Rechtlicher Rahmen
       Das Brüsseler Übereinkommen
      3       Artikel 26 Absatz 1 EuGVÜ bestimmt, dass die in einem Vertragsstaat ergangenen Entscheidungen in den anderen Vertragsstaaten
         anerkannt werden, ohne dass es hierfür eines besonderen Verfahrens bedarf.
      
      4       Nach Artikel 27 Nummer 2 EuGVÜ werden diese Entscheidungen jedoch nicht anerkannt, wenn dem Beklagten, der sich auf das Verfahren
         nicht eingelassen hat, das dieses Verfahren einleitende Schriftstück oder ein gleichwertiges Schriftstück nicht ordnungsgemäß
         und nicht so rechtzeitig zugestellt worden ist, dass er sich verteidigen konnte.
      
      5       Artikel 31 Absatz 1 EuGVÜ bestimmt, dass die in einem Vertragsstaat ergangenen Entscheidungen, die in diesem Staat vollstreckbar
         sind, in einem anderen Vertragsstaat vollstreckt werden, wenn sie dort auf Antrag eines Berechtigten für vollstreckbar erklärt
         worden sind.
      
      6       Artikel 34 EuGVÜ lautet:
      „Das mit dem Antrag befasste Gericht erlässt seine Entscheidung unverzüglich, ohne dass der Schuldner in diesem Abschnitt
         des Verfahrens Gelegenheit erhält, eine Erklärung abzugeben.
      
      Der Antrag kann nur aus einem der in den Artikeln 27 und 28 angeführten Gründe abgelehnt werden.
      …“
      7       Artikel 35 EuGVÜ bestimmt, dass die Entscheidung, die über den Antrag ergangen ist, dem Antragsteller vom Urkundsbeamten der
         Geschäftsstelle unverzüglich in der Form mitzuteilen ist, die das Recht des Vollstreckungsstaats vorsieht.
      
      8       Artikel 36 EuGVÜ lautet:
      „Wird die Zwangsvollstreckung zugelassen, so kann der Schuldner gegen die Entscheidung innerhalb eines Monats nach ihrer Zustellung
         einen Rechtsbehelf einlegen.
      
      Hat der Schuldner seinen Wohnsitz in einem anderen Vertragsstaat als dem, in dem die Entscheidung über die Zulassung der Zwangsvollstreckung
         ergangen ist, so beträgt die Frist für den Rechtsbehelf zwei Monate und beginnt von dem Tage an zu laufen, an dem die Entscheidung
         dem Schuldner entweder in Person oder in seiner Wohnung zugestellt worden ist. Eine Verlängerung dieser Frist wegen weiter
         Entfernung ist ausgeschlossen.“
      
      9       Gemäß Artikel 40 Absatz 1 EuGVÜ kann der Antragsteller einen Rechtsbehelf einlegen, wenn die Vollstreckung nicht zugelassen
         wird.
      
       Das italienische Verfahrensrecht
      10     Nach Artikel 143 der italienischen Zivilprozessordnung (Codice de procedura civile, im Folgenden: CCP) nimmt der Gerichtsvollzieher
         die Zustellung an Personen mit unbekanntem Wohnsitz, Aufenthaltsort oder Domizil durch Hinterlegung einer Abschrift des Schriftstücks
         im Gemeindeamt des Ortes des letzten Wohnsitzes und durch Anschlag einer weiteren Abschrift an der Amtstafel des Verfahrensgerichts
         vor.
      
      11     Artikel 650 CCP bestimmt, dass der Empfänger eines Mahndekrets auch nach Ablauf der in diesem gesetzten Frist Widerspruch
         einlegen kann, wenn er den Nachweis erbringt, insbesondere wegen mangelhafter Zustellung keine rechtzeitige Kenntnis von dem
         Dekret erhalten zu haben. Jedoch ist der Widerspruch nach Ablauf von zehn Tagen ab der ersten Vollstreckungshandlung nicht
         mehr zulässig.
      
       Ausgangsverfahren und Vorlagefragen
      12     Am 14. September 1993 verurteilte die Arrondissementsrechtbank Den Haag Herrn Verdoliva zur Zahlung von 365 000 NLG zuzüglich
         Zinsen und Nebenkosten an Van der Hoeven.
      
      13     Am 24. Mai 1994 erklärte die Corte d’appello Cagliari dieses Urteil für im italienischen Hoheitsgebiet vollstreckbar und gestattete
         die Sicherungsbeschlagnahme des von Herrn Verdoliva geschuldeten Betrages in Höhe von 220 Millionen ITL.
      
      14     Ein erster Versuch der Zustellung der Vollstreckbarerklärung am Wohnsitz von Herrn Verdoliva in Capoterra (Italien) blieb
         ohne Erfolg. Denn nach dem am 14. Juli 1994 erstellten Zustellungsprotokoll war Herr Verdoliva zwar immer noch unter dieser
         Adresse gemeldet, tatsächlich aber vor mehr als einem Jahr verzogen.
      
      15     Daraufhin erfolgte eine zweite Zustellung gemäß Artikel 143 CCP. Gemäß dem Zustellungsprotokoll vom 27. Juli 1994 wurde eine
         Abschrift der Akte im Gemeindeamt von Capoterra hinterlegt und eine weitere Abschrift an der Amtstafel des Gerichts angeschlagen.
      
      16     Nachdem Herr Verdoliva nicht innerhalb von 30 Tagen nach der so erfolgten Zustellung Widerspruch erhoben hatte, betrieb Van
         der Hoeven die Zwangsvollstreckung gegen ihn, indem sie dem Vollstreckungsverfahren beitrat, das die Banco di Sardegna und
         die San Paolo IMI SpA bereits gegen Herrn Verdoliva eingeleitet hatten.
      
      17     Mit Klageschrift vom 4. Dezember 1996 erhob Herr Verdoliva beim Tribunale civile Cagliari (Italien) mit der Begründung Widerspruchsklage
         gegen die Vollstreckung, dass die Vollstreckbarerklärung ihm nicht zugestellt und nicht bei der Gemeinde Capoterra hinterlegt
         worden sei; daher sei das Zustellungsprotokoll vom 27. Juli 1994 falsch.
      
      18     Diese Klage wurde mit Entscheidung des Tribunale civile Cagliari vom 7. Juni 2002 u. a. mit der Begründung abgewiesen, dass
         die Widerspruchsklage verspätet sei. Zwar könne eine verspätete Widerspruchsklage in entsprechender Anwendung von Artikel
         650 der Zivilprozessordnung wegen mangelhafter Zustellung zulässig sein, wenn die Vollstreckbarerklärung nicht rechtzeitig
         zur Kenntnis gelangt sei. Die Zeit für die Erhebung einer derartigen Klage hätte jedoch auf keinen Fall 30 Tage ab der ersten
         Vollstreckungshandlung überschreiten dürfen, die Herrn Verdoliva die Möglichkeit geboten habe, von der Vollstreckbarerklärung
         Kenntnis zu erlangen.
      
      19     Gegen dieses Urteil hat Herr Verdoliva beim vorlegenden Gericht Berufung eingelegt, mit der er sein Vorbringen im ersten Rechtszug
         wiederholt und ferner geltend macht, dass die Zustellung auch wegen Verstoßes gegen Artikel 143 CCP in der Auslegung durch
         die italienische Corte suprema di cassazione nichtig sei. Der Gerichtsvollzieher habe nämlich weder die erforderlichen Nachforschungen
         angestellt, um zu klären, ob der Adressat tatsächlich unauffindbar gewesen sei, noch auf diese Nachforschungen im Zustellungsprotokoll
         vom 27. Juli 1994 hingewiesen. 
      
      20     Da die Corte d’appello Cagliari der Auffassung ist, dass die Entscheidung des Rechtsstreits von der Auslegung des Artikels
         36 EuGVÜ abhängt, hat sie das Verfahren ausgesetzt und dem Gerichtshof folgende Fragen zur Vorabentscheidung vorgelegt:
      
      1.      Bestimmt das Brüsseler Übereinkommen einen eigenen Begriff der Kenntnisnahme von Verfahrenshandlungen, oder verweist es dafür
         auf die einzelstaatlichen Rechtsordnungen?
      
      2.      Lässt sich der Regelung des Brüsseler Übereinkommens und insbesondere seinem Artikel 36 entnehmen, dass es eine Form gibt,
         die der nach Artikel 36 vorgesehenen Zustellung der Vollstreckbarerklärung gleichwertig ist?
      
      3.      Löst insbesondere bei unterbliebener oder mangelhafter Zustellung der Vollstreckbarerklärung die Kenntnisnahme von dieser
         Erklärung gleichwohl den Lauf der in Artikel 36 des Brüsseler Übereinkommens vorgesehenen Frist aus, oder ist dem Übereinkommen
         selbst vielmehr eine Beschränkung auf bestimmte Formen der Kenntnisnahme von der Erklärung zu entnehmen?
      
       Zu den Vorlagefragen
      21     Das vorlegende Gericht möchte mit seinen Fragen, die zusammen zu prüfen sind, im Wesentlichen wissen, ob bei unterbliebener
         oder mangelhafter Zustellung der Entscheidung über die Zulassung der Zwangsvollstreckung die bloße Tatsache, dass der Vollstreckungsschuldner
         von dieser Entscheidung Kenntnis erlangt hat, ausreicht, um die in Artikel 36 EuGVÜ vorgesehene Frist in Lauf zu setzen.
      
      22     Dazu ist zunächst festzustellen, dass eine Beantwortung der Vorlagefragen allein anhand des Wortlauts von Artikel 36 EuGVÜ
         nicht möglich ist.
      
      23     Zwar sieht diese Vorschrift vor, dass die Frist für die Einlegung eines Rechtsbehelfs gegen die Entscheidung über die Zulassung
         der Zwangsvollstreckung am Tag der Zustellung dieser Entscheidung in Lauf gesetzt wird, aber sie definiert nicht den Begriff
         der Zustellung und erläutert nicht, welchen Anforderungen diese genügen muss, um wirksam zu werden, außer wenn der Schuldner
         seinen Wohnsitz in einem anderen Vertragsstaat als demjenigen hat, in dem die Entscheidung über die Zulassung der Vollstreckung
         ergangen ist; in diesem Fall ist die Entscheidung dem Schuldner entweder in Person oder in seiner Wohnung zuzustellen, um
         die Rechtsbehelfsfrist in Lauf zu setzen.
      
      24     Außerdem enthält Artikel 36 EuGVÜ im Gegensatz zu Artikel 27 Nummer 2 EuGVÜ keine ausdrückliche Voraussetzung für eine ordnungsgemäße
         Zustellung.
      
      25     Daher ist Artikel 36 EuGVÜ im Licht der Systematik und der Zwecke des Übereinkommens auszulegen.
      26     Was die Zwecke des Brüsseler Übereinkommens anbelangt, so geht aus dessen Präambel hervor, dass es die Vereinfachung der Förmlichkeiten
         für die gegenseitige Anerkennung und Vollstreckung gerichtlicher Entscheidungen sicherstellen soll. Dieses Ziel darf aber
         nach ständiger Rechtsprechung nicht dadurch erreicht werden, dass der Anspruch auf rechtliches Gehör in irgendeiner Weise
         beeinträchtigt wird (vgl. u. a. Urteile vom 11. Juni 1985 in der Rechtssache 49/84, Debaecker und Plouvier, Slg. 1985, 1779,
         Randnr. 10, und vom 13. Oktober 2005 in der Rechtssache C‑522/03, Scania Finance France, Slg. 2005, I‑0000, Randnr. 15).
      
      27     Im Einzelnen besteht bei der Vollstreckung das wichtigste Ziel des Übereinkommens darin, durch ein einfaches und schnelles
         Vollstreckungsverfahren so weit wie möglich die Freizügigkeit von Urteilen herzustellen, gleichzeitig aber derjenigen Partei,
         gegen die die Zwangsvollstreckung betrieben wird, die Möglichkeit eines Rechtsbehelfs zu geben (vgl. u. a. Urteile vom 2.
         Juli 1985 in der Rechtssache 148/84, Deutsche Genossenschaftsbank, Slg. 1984, 1981, Randnr. 16, und vom 28. März 2000 in der
         Rechtssache C‑7/98, Krombach, Slg. 2000, I‑1935, Randnr. 19).
      
      28     Zu dem mit dem Brüsseler Übereinkommen über die Anerkennung und Vollstreckung gerichtlicher Entscheidungen eingeführten System
         ist zu bemerken, dass die Zustellung von Schriftstücken und Entscheidungen an den Beklagten außer in Artikel 36 EuGVÜ auch
         noch in anderen Vorschriften vorgesehen ist. 
      
      29     Nach den Artikeln 27 Nummer 2 und 34 Absatz 2 EuGVÜ werden die in einem Vertragsstaat ergangenen Entscheidungen nicht in den
         anderen Vertragsstaaten anerkannt, wenn dem Beklagten, der sich auf das Verfahren nicht eingelassen hat, das verfahrenseinleitende
         Schriftstück oder ein gleichwertiges Schriftstück nicht ordnungsgemäß und nicht so rechtzeitig zugestellt worden ist, dass
         er sich verteidigen konnte. Der Gerichtshof hat in diesem Zusammenhang für Recht erkannt, dass eine in einem Vertragsstaat
         im Versäumnisverfahren ergangene Entscheidung in einem anderen Vertragsstaat nicht anerkannt werden darf, wenn das verfahrenseinleitende
         Schriftstück dem Beklagten, der sich auf das Verfahren nicht eingelassen hat, nicht ordnungsgemäß zugestellt worden ist, selbst
         wenn er anschließend von der ergangenen Entscheidung Kenntnis erhalten und dagegen keinen Rechtsbehelf eingelegt hat (Urteile
         vom 3. Juli 1990 in der Rechtssache C‑305/88, Lancray, Slg. 1990, I‑2725, Randnr. 23, und vom 12. November 1992 in der Rechtssache
         C‑123/91, Minalmet, Slg. 1992, I‑5661, Randnr. 21).
      
      30     Außerdem sind die Interessen des Klägers und die des Vollstreckungsschuldners nach dem mit dem Brüsseler Übereinkommen festgelegten
         System unterschiedlich geschützt. 
      
      31     Artikel 36 EuGVÜ sieht nämlich hinsichtlich des Vollstreckungsschuldners die Verwendung eines förmlichen Mechanismus zur „Zustellung“
         der Entscheidung über die Zulassung der Zwangsvollstreckung vor. Artikel 35 EuGVÜ verlangt dagegen lediglich, dass die Entscheidung,
         die über den Antrag ergangen ist, dem Antragsteller „mitzuteilen ist“.
      
      32     Außerdem verfügt der Vollstreckungsschuldner gemäß Artikel 36 EuGVÜ – je nachdem, ob er seinen Wohnsitz in dem Vertragsstaat
         hat, in dem die Entscheidung über die Zulassung der Zwangsvollstreckung ergangen ist, oder nicht – nach der Zustellung der
         Entscheidung über eine Frist von einem oder zwei Monaten, um gegen die Entscheidung einen Rechtsbehelf einzulegen. Diese Frist
         ist zwingend (Urteil vom 4. Februar 1988 in der Rechtssache 145/86, Hoffmann, Slg. 1988, 645, Randnrn. 30 und 31). Demgegenüber
         folgt sowohl aus dem Wortlaut von Artikel 40 Absatz 1 EuGVÜ als auch aus dem Bericht von P. Jenard über dieses Übereinkommen
         (ABl. 1979, C 59, S. 1, 53), dass das Recht des Antragstellers, gegen eine Entscheidung, mit der die Zwangsvollstreckung nicht
         zugelassen wird, einen Rechtsbehelf einzulegen, keiner Ausschlussfrist unterliegt.
      
      33     In Anbetracht dieser Erwägungen ist zu prüfen, ob bei unterbliebener oder mangelhafter Zustellung der Entscheidung über die
         Zulassung der Zwangsvollstreckung die bloße Tatsache, dass der Vollstreckungsschuldner von dieser Entscheidung Kenntnis erlangt
         hat, ausreicht, um die in Artikel 36 EuGVÜ festgelegte Frist in Lauf zu setzen.
      
      34     In diesem Zusammenhang ist es erstens, wie die Generalanwältin in Nummer 56 ihrer Schlussanträge festgestellt hat, unstreitig,
         dass das Zustellungserfordernis der Entscheidung über die Zulassung der Zwangsvollstreckung zum einen dem Schutz der Verteidigungsrechte
         des Vollstreckungsschuldners dient und zum anderen eine Beweisfunktion hat, indem es die exakte Berechnung der in Artikel
         36 EuGVÜ vorgesehenen zwingenden Rechtsbehelfsfrist ermöglicht.
      
      35     Aus dieser doppelten Funktion in Verbindung mit dem Ziel, die Förmlichkeiten zu vereinfachen, denen die Vollstreckung von
         in anderen Vertragsstaaten erlassenen gerichtlichen Entscheidungen unterliegt, erklärt sich, weshalb das Brüsseler Übereinkommen,
         wie in Randnummer 32 dieses Urteils dargelegt, für die Übermittlung der Entscheidung über die Zulassung der Zwangsvollstreckung
         an den Vollstreckungsschuldner strengere Formerfordernisse vorsieht als für die Übermittlung derselben Entscheidung an den
         Antragsteller. 
      
      36     Zweitens ist zu berücksichtigen, dass das Zustellungserfordernis bedeutungslos zu werden drohte, wenn es allein auf die Kenntnis
         des Vollstreckungsschuldners von der Entscheidung über die Zulassung der Zwangsvollstreckung ankäme. Die Antragsteller wären
         dann nämlich versucht, die für eine ordnungsgemäße Zustellung vorgesehenen Bahnen zu verlassen (vgl. in diesem Sinne zu Artikel
         27 Nummer 2 EuGVÜ Urteil Lancray, Randnr. 20). 
      
      37     Außerdem würde das die exakte Berechnung der in Artikel 36 EuGVÜ vorgesehenen Frist erschweren und dadurch eine einheitliche
         Anwendung der Vorschriften des Brüsseler Übereinkommens unmöglich machen (vgl. in diesem Sinne Urteil Lancray, Randnr. 20).
         
      
      38     Daher ist auf die Vorlagefragen zu antworten, dass Artikel 36 EuGVÜ dahin auszulegen ist, dass er eine ordnungsgemäße Zustellung
         der Entscheidung über die Zulassung der Zwangsvollstreckung unter Beachtung der Verfahrensvorschriften des Vertragsstaats
         verlangt, in dem die Vollstreckung beantragt wird; im Fall einer unterbliebenen oder einer mangelhaften Zustellung der Entscheidung
         über die Zulassung der Zwangsvollstreckung reicht daher die bloße Tatsache, dass der Vollstreckungsschuldner von dieser Entscheidung
         Kenntnis erlangt hat, nicht aus, um die in dem genannten Artikel festgelegte Frist in  Lauf zu setzen.
      
       Kosten
      39     Für die Parteien des Ausgangsverfahrens ist das Verfahren ein Zwischenstreit in dem bei dem vorlegenden Gericht anhängigen
         Rechtsstreit; die Kostenentscheidung ist daher Sache dieses Gerichts. Die Auslagen anderer Beteiligter für die Abgabe von
         Erklärungen vor dem Gerichtshof sind nicht erstattungsfähig.
      
      Aus diesen Gründen hat der Gerichtshof (Zweite Kammer) für Recht erkannt:
      Artikel 36 des Übereinkommens vom 27. September 1968 über die gerichtliche Zuständigkeit und die Vollstreckung gerichtlicher
            Entscheidungen in Zivil- und Handelssachen in der durch die Übereinkommen vom 9. Oktober 1978 über den Beitritt des Königreichs
            Dänemark, Irlands und des Vereinigten Königreichs Großbritannien und Nordirland, vom 25. Oktober 1982 über den Beitritt der
            Republik Griechenland und vom 26. Mai 1989 über den Beitritt des Königreichs Spanien und der Portugiesischen Republik geänderten
            Fassung ist dahin auszulegen, dass er eine ordnungsgemäße Zustellung der Entscheidung über die Zulassung der Zwangsvollstreckung
            unter Beachtung der Verfahrensvorschriften des Vertragsstaats verlangt, in dem die Vollstreckung beantragt wird; im Fall einer
            unterbliebenen oder mangelhaften Zustellung der Entscheidung über die Zulassung der Zwangsvollstreckung reicht daher die bloße
            Tatsache, dass der Vollstreckungsschuldner von dieser Entscheidung Kenntnis erlangt hat, nicht aus, um die in dem genannten
            Artikel festgelegte Frist in Lauf zu setzen.
      Unterschriften.
      * Verfahrenssprache: Italienisch.