CELEX: 62007CJ0274
Language: de
Date: 2008-09-11
Title: Urteil des Gerichtshofes (Zweite Kammer) vom 11. September 2008.#Kommission der Europäischen Gemeinschaften gegen Republik Litauen.#Vertragsverletzung eines Mitgliedstaats - Richtlinie 2002/22/EG - Universaldienst und Nutzerrechte bei elektronischen Kommunikationsnetzen und -diensten - Art. 26 Abs. 3 - Einheitliche europäische Notrufnummer - Übermittlung von Informationen zum Anruferstandort.#Rechtssache C-274/07.

Rechtssache C‑274/07
      Kommission der Europäischen Gemeinschaften
      gegen
      Republik Litauen
      „Vertragsverletzung eines Mitgliedstaats – Richtlinie 2002/22/EG – Universaldienst und Nutzerrechte bei elektronischen Kommunikationsnetzen und ‑diensten – Art. 26 Abs. 3 – Einheitliche europäische Notrufnummer – Übermittlung von Informationen zum Anruferstandort“
      Leitsätze des Urteils
      Rechtsangleichung – Telekommunikationssektor – Universaldienst und Nutzerrechte – Richtlinie 2002/22
      (Richtlinie 2002/22 des Europäischen Parlaments und des Rates, Art. 26 Abs. 3)
      Nach Art. 26 Abs. 3 der Richtlinie 2002/22 über den Universaldienst und Nutzerrechte bei elektronischen Kommunikationsnetzen
         und ‑diensten stellen die Mitgliedstaaten sicher, dass die Unternehmen, die öffentliche Telefonnetze betreiben, den Notrufstellen
         bei allen unter der einheitlichen europäischen Notrufnummer 112 durchgeführten Anrufen Informationen zum Anruferstandort übermitteln,
         soweit dies technisch möglich ist.
      
      Diese Bestimmung soll den Nutzern des Notrufs 112 einen besseren Schutz und mehr Sicherheit geben und den Notrufstellen die
         Wahrnehmung ihrer Aufgaben erleichtern.
      
      Nach dem Wortlaut und dem Zweck dieser Bestimmung erlegt sie den Mitgliedstaaten unter der Voraussetzung der technischen Durchführbarkeit
         eine Erfolgspflicht auf, die sich nicht auf die Einrichtung eines angemessenen Rechtsrahmens beschränkt, sondern verlangt,
         dass die Informationen zum Standort aller Anrufer der Nummer 112 tatsächlich den Notdiensten übermittelt werden.
      
      Die Nichtanschaffung oder die Nichtanpassung der erforderlichen Einrichtungen kann nicht als mangelnde technische Durchführbarkeit
         im Sinne von Art. 26 Abs. 3 betrachtet werden.
      
      Hinsichtlich der Methode, die zur Übermittlung der Informationen zum Standort eines Anrufers der Nummer 112 angewandt werden
         muss, enthält Art. 26 Abs. 3 keine Hinweise und überlässt den Mitgliedstaaten demnach die Wahl, auf welche Art sie die Übermittlung
         dieser Informationen konkret sicherstellen wollen.
      
      (vgl. Randnrn. 38-40, 46-47)
URTEIL DES GERICHTSHOFS (Zweite Kammer) 
      11. September 2008(*)
      
      „Vertragsverletzung eines Mitgliedstaats – Richtlinie 2002/22/EG – Universaldienst und Nutzerrechte bei elektronischen Kommunikationsnetzen und -diensten – Art. 26 Abs. 3 – Einheitliche europäische Notrufnummer – Übermittlung von Informationen zum Anruferstandort“
      In der Rechtssache C‑274/07
      betreffend eine Vertragsverletzungsklage nach Art. 226 EG, eingereicht am 7. Juni 2007,
      Kommission der Europäischen Gemeinschaften, vertreten durch G. Braun und A. Steiblytė als Bevollmächtigte, Zustellungsanschrift in Luxemburg,
      
      Klägerin,
      gegen
      Republik Litauen, vertreten durch D. Kriaučiūnas als Bevollmächtigten, 
      
      Beklagte,
      erlässt
      DER GERICHTSHOF (Zweite Kammer)
      unter Mitwirkung des Kammerpräsidenten C. W. A. Timmermans, der Richter L. Bay Larsen, K. Schiemann und P. Kūris sowie der
         Richterin C. Toader (Berichterstatterin),
      
      Generalanwalt: D. Ruiz-Jarabo Colomer,
      Kanzler: R. Grass,
      aufgrund des schriftlichen Verfahrens,
      aufgrund des nach Anhörung des Generalanwalts ergangenen Beschlusses, ohne Schlussanträge über die Rechtssache zu entscheiden,
      folgendes
      Urteil
      1        Mit ihrer Klage beantragt die Kommission der Europäischen Gemeinschaften, festzustellen, dass die Republik Litauen gegen ihre
         Verpflichtungen aus Art. 26 Abs. 3 der Richtlinie 2002/22/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 7. März 2002 über
         den Universaldienst und Nutzerrechte bei elektronischen Kommunikationsnetzen und -diensten (Universaldienstrichtlinie) (ABl.
         L 108, S. 51) verstoßen hat, indem sie nicht sichergestellt hat, dass in der Praxis gewährleistet ist, dass, soweit dies technisch
         möglich ist, den Notrufstellen bei allen aus den öffentlichen Telefonnetzen unter der einheitlichen europäischen Notrufnummer
         112 durchgeführten Anrufen Informationen zum Anruferstandort übermittelt werden.
      
       Rechtlicher Rahmen
       Gemeinschaftsrecht
      2        Im 36. Erwägungsgrund der Universaldienstrichtlinie heißt es:
      
      „Es ist wichtig, dass alle Nutzer die einheitliche europäische Notrufnummer 112 und etwaige andere nationale Notrufnummern
         von jedem Telefon aus, also auch von öffentlichen Münz- und Kartentelefonen aus, ohne jegliches Zahlungsmittel kostenlos anrufen
         können. … Die Angabe des Anruferstandorts, die den Notrufstellen – soweit technisch möglich – zu übermitteln ist, wird den
         Nutzern des Notrufs 112 einen besseren Schutz und mehr Sicherheit geben und den Notrufstellen die Wahrnehmung ihrer Aufgaben
         erleichtern, sofern die Übermittlung der Anrufe mit den zugehörigen Daten an die jeweiligen Notrufstellen gewährleistet ist.
         …“
      
      3        Art. 26 Abs. 3 der Universaldienstrichtlinie bestimmt:
      
      „Die Mitgliedstaaten stellen sicher, dass die Unternehmen, die öffentliche Telefonnetze betreiben, den Notrufstellen bei allen
         unter der einheitlichen europäischen Notrufnummer 112 durchgeführten Anrufen Informationen zum Anruferstandort übermitteln,
         soweit dies technisch möglich ist.“
      
      4        Nach Art. 38 Abs. 1 der Universaldienstrichtlinie erlassen und veröffentlichen die Mitgliedstaaten bis zum 24. Juli 2003 die
         Rechts- und Verwaltungsvorschriften, die erforderlich sind, um dieser Richtlinie nachzukommen, und setzen die Kommission unverzüglich
         davon in Kenntnis. Sie wenden diese Vorschriften ab dem 25. Juli 2003 an. 
      
      5        Gemäß Art. 2 der Akte über die Bedingungen des Beitritts der Tschechischen Republik, der Republik Estland, der Republik Zypern,
         der Republik Lettland, der Republik Litauen, der Republik Ungarn, der Republik Malta, der Republik Polen, der Republik Slowenien
         und der Slowakischen Republik und die Anpassungen der die Europäische Union begründenden Verträge (ABl. 2003, L 236, S. 33,
         im Folgenden: Beitrittsakte) in Verbindung mit Art. 54 dieser Akte musste die Republik Litauen vom Tag ihres Beitritts zur
         Europäischen Union am 1. Mai 2004 an der Universaldienstrichtlinie nachkommen. 
      
      6        Die Richtlinie 2002/21/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 7. März 2002 über einen gemeinsamen Rechtsrahmen für
         elektronische Kommunikationsnetze und -dienste (Rahmenrichtlinie) (ABl. L 108, S. 33) legt in Art. 19 Abs. 1 fest:
      
      „Gibt die Kommission gemäß dem in Artikel 22 Absatz 2 genannten Verfahren Empfehlungen an die Mitgliedstaaten über die harmonisierte
         Durchführung dieser Richtlinie und der Einzelrichtlinien im Hinblick auf die Verwirklichung der in Artikel 8 genannten Ziele
         ab, so sorgen die Mitgliedstaaten dafür, dass die nationalen Regulierungsbehörden diesen Empfehlungen bei der Wahrnehmung
         ihrer Aufgaben weitestgehend Rechnung tragen. Beschließt eine nationale Regulierungsbehörde, sich nicht an eine Empfehlung
         zu halten, so teilt sie dies unter Angabe ihrer Gründe der Kommission mit.“ 
      
      7        Der zehnte Erwägungsgrund der Empfehlung 2003/558/EG der Kommission vom 25. Juli 2003 zur Übermittlung von Angaben zum Anruferstandort
         in elektronischen Kommunikationsnetzen an um Standortangaben erweiterte Notrufdienste (ABl. L 189, S. 49) lautet:
      
      „Damit um Standortangaben erweiterte Notrufdienste funktionieren können, muss der vom Betreiber des öffentlichen Telefonnetzes
         oder ‑dienstes festgestellte Standort des Anrufers automatisch an eine Notrufabfragestelle weitergeleitet werden, die die
         bereitgestellten Standortdaten empfangen und verwenden kann.“ 
      
      8        In den Nrn. 4 und 13 der Empfehlung 2003/558 heißt es:
      
      „4.      Mit jedem unter der einheitlichen europäischen Notrufnummer 112 getätigten Notruf sollte der Netzbetreiber die besten verfügbaren
         Angaben zum Anruferstandort von sich aus automatisch an die Notrufabfragestellen übermitteln [‚push‘], soweit dies technisch
         möglich ist. Für den Übergangszeitraum bis zum Abschluss der unter Punkt 13 genannten Überprüfung wird zugelassen, dass die
         Betreiber Standortangaben nur auf Anforderung zur Verfügung stellen [‚pull‘]. 
      
      …
      13.      Die Mitgliedstaaten sollten ihre nationalen Behörden verpflichten, der Kommission bis Ende 2004 über den Stand der E112-Einführung
         Bericht zu erstatten, so dass die Kommission eine Überprüfung unter Berücksichtigung der sich herausbildenden Anforderungen
         von Notrufabfragestellen und Notdiensten sowie der Entwicklung und Verfügbarkeit der technischen Möglichkeiten zur Bestimmung
         des Standorts durchführen kann.“ 
      
       Nationales Recht
      9        Art. 26 Abs. 3 der Universaldienstrichtlinie wurde mit Art. 65 Abs. 4 des Elektroninių ryšių įstatymas Nr. IX-2135 (Gesetz
         Nr. IX-2135 über elektronische Kommunikation) vom 15. April 2004 (Žin., 2004, Nr. 69‑2382, im Folgenden: Gesetz über elektronische
         Kommunikation), das am 1. Mai 2004 in Kraft getreten ist, in litauisches Recht umgesetzt, in dem es heißt: 
      
      „Die Betreiber von öffentlichen Kommunikationsnetzen und elektronischen Kommunikationsdiensten, die der Öffentlichkeit zugänglich
         sind, stellen ohne die Zustimmung eines Teilnehmers oder eines Nutzers von elektronischen Kommunikationsdiensten Standortinformationen
         (sowie Informationen zum Datenfluss) den Notrufeinrichtungen, insbesondere den Rechtsdurchsetzungsorganen, Krankenwagen, Feuerwehren
         und anderen Notdiensten, zur Verfügung, damit diese Anrufe von Teilnehmern oder Nutzern der elektronischen Kommunikationsdienste
         annehmen und darauf angemessen reagieren können. …“
      
      10      Am 1. September 2007 trat das Gesetz Nr. X‑1092 vom 12. April 2007 (Žin., 2007, Nr. 46-1723) zur Änderung von Art. 65 des
         Gesetzes über elektronische Kommunikation in Kraft. Art. 65 Abs. 4 sieht in der geänderten Fassung vor, dass die Betreiber
         von öffentlichen Kommunikationsnetzen und elektronischen Kommunikationsdiensten, die der Öffentlichkeit zugänglich sind, dem
         gemeinsamen Zentrum für Notdienste die Informationen zum Anruferstandort kostenlos zur Verfügung stellen müssen und dass die
         Kosten der Anschaffung, der Einrichtung (der Anpassung), der Erneuerung und des Betriebs der zu diesem Zweck erforderlichen
         Ausrüstung aus öffentlichen Mitteln erstattet werden. 
      
      11      Außer dem Gesetz über elektronische Kommunikation hat die Republik Litauen mehrere andere Rechtsvorschriften zur Durchführung
         von Art. 26 Abs. 3 der Universaldienstrichtlinie erlassen:
      
      –        Bendrojo pagalbos centro įstatymas Nr. IX-2246 (Gesetz Nr. IX-2246 über ein gemeinsames Zentrum für Notdienste) vom 25. Mai
         2004 (Žin., 2004, Nr. 90-3306);
      
      –        Lietuvos Respublikos Vyriausybės nutarimas Nr. 1500 dėl Bendrojo pagalbos centro įsteigimo ir vieno skubaus iškvietimo telefono
         numerio 112 įvedimo strategijos, jos įgyvendinimo plano patvirtinimo (Entschließung Nr. 1500 der Regierung der Republik Litauen
         über die Errichtung des gemeinsamen Zentrums für Notdienste und die Vorgehensweise bei der Einführung der einheitlichen Notrufnummer
         112 sowie über die Genehmigung des Durchführungsplans) vom 25. September 2002 (Žin., 2002, Nr. 95-4114);
      
      –        Ryšių reguliavimo tarnybos direktoriaus įsakymas Nr. 1V-389 dėl abonentų ir(ar) paslaugų gavėjų skambučių siuntimo į Bendrojo
         pagalbos centro ir(ar) pagalbos tarnybų numerius tvarkos ir sąlygų aprašo patvirtinimo (Erlass Nr. 1V-389 des Direktors der
         Regulierungsbehörde für Kommunikation über die Genehmigung des Verfahrens zur Übermittlung von Anrufen von Teilnehmern und/oder
         von Nutzern der Kommunikationsdienste an die Nummern des gemeinsamen Zentrums für Notdienste und/oder an die Nummern der Notdienste
         selbst) vom 21. April 2005 (Žin., 2005, Nr. 55‑1918).
      
       Vorverfahren 
      12      Mit Mahnschreiben vom 10. April 2006 teilte die Kommission der Republik Litauen ihre Bedenken hinsichtlich der fehlerhaften
         Durchführung von Art. 26 Abs. 3 der Universaldienstrichtlinie mit. Diese Bedenken gründeten in dem Umstand, dass die Informationen
         zum Anruferstandort nicht an die Notdienste übermittelt werden, wenn Notrufe an die einheitliche europäische Notrufnummer
         112 von einem Mobiltelefon getätigt werden.
      
      13      In ihrer am 11. Juli 2006 übermittelten Antwort bestätigten die litauischen Behörden diesen Umstand und erklärten, dass nicht
         alle Betreiber von öffentlichen Kommunikationsnetzen und elektronischen Kommunikationsdiensten, die der Öffentlichkeit zugänglich
         seien, über die dafür erforderlichen technischen Einrichtungen verfügten und dass die Behörden mit den Betreibern keine Einigung
         über die Tragung der mit der Übermittlung der Informationen zum Anruferstandort verbundenen Kosten erzielt hätten. Am 25.
         September 2006 übermittelte die litauische Regierung der Kommission aktuellere Informationen und wies dabei auf die zur Gewährleistung
         der Durchführung von Art. 26 Abs. 3 der Universaldienstrichtlinie geplanten Maßnahmen hin.
      
      14      Am 18. Oktober 2006 gab die Kommission eine mit Gründen versehene Stellungnahme ab, in der sie feststellte, dass die Republik
         Litauen nicht in der Lage sei, in der Praxis sicherzustellen, dass Informationen zum Anruferstandort übermittelt würden, wenn
         von einem Mobiltelefon Notrufe an die Nummer 112 getätigt würden, und sie dadurch gegen ihre Verpflichtungen aus Art. 26 Abs. 3
         der Universaldienstrichtlinie verstoßen habe. Gleichzeitig forderte sie diesen Mitgliedstaat auf, die erforderlichen Maßnahmen
         zu ergreifen, um dieser Stellungnahme binnen zwei Monaten nach ihrer Zustellung nachzukommen.
      
      15      In ihrer Antwort vom 12. Januar 2007 teilte die Republik Litauen mit, dass dem litauischen Parlament der Gesetzentwurf zur
         Änderung von Art. 65 des Gesetzes über elektronische Kommunikation vorgelegt worden sei, das die Übernahme der den Betreibern
         der öffentlichen Mobilfunknetze für die Übermittlung von Informationen zum Anruferstandort eventuell entstehenden Kosten durch
         den Staatshaushalt vorsehe. Diesem Schreiben war eine am 4. Dezember 2006 zwischen dem gemeinsamen Zentrum für Notdienste
         und den Mobilfunkbetreibern geschlossene Vereinbarung über Dienstleistungen im Zusammenhang mit der Übermittlung von Informationen
         zum Anruferstandort beigefügt. 
      
      16      Da die Kommission die Situation nach wie vor für unbefriedigend hielt, hat sie die vorliegende Klage erhoben. 
      
       Zur Klage
       Zur Zulässigkeit
       Vorbringen der Parteien
      17      Die Republik Litauen macht geltend, die Klage sei als unzulässig abzuweisen, weil die in der mit Gründen versehenen Stellungnahme
         angeführten Rügen inhaltlich von den in der Klage erhobenen abwichen. Denn während die mit Gründen versehene Stellungnahme
         den Umstand betont habe, dass in Litauen die Informationen zum Anruferstandort bei von einem Mobiltelefon getätigten Anrufen
         an die Nummer 112 nicht nach der „Pull“-Methode übermittelt würden, werde in der Klage zum Ausdruck gebracht, dass eine Verpflichtung
         bestehe, die „Push“-Methode zu verwenden.
      
      18      Die Kommission erwidert, in der mit Gründen versehenen Stellungnahme und der Klage würden beide in der Empfehlung 2003/558
         erwähnten Methoden – „push“ und „pull“ – genannt und der Republik Litauen die Wahl gelassen, welche dieser Methoden zur Durchführung
         von Art. 26 Abs. 3 der Universaldienstrichtlinie anzuwenden sei.
      
      19      In ihrer Gegenerwiderung trägt die Republik Litauen vor, die Kommission habe erst im Stadium der Erwiderung ihren neuen Standpunkt
         erläutert, wonach die Mitgliedstaaten nicht nur berechtigt, sondern sogar verpflichtet seien, die einfachsten technischen
         Maßnahmen zu ergreifen, um die Übermittlung von Informationen zum Anruferstandort sicherzustellen, d. h. die „Pull“-Methode
         anzuwenden. Da der Standpunkt der Kommission bis zu diesem Stadium unklar geblieben sei, genügten die Rügen der Kommission
         nicht dem Erfordernis einer genauen Formulierung des Gegenstands der Vertragsverletzungsklage.
      
       Würdigung durch den Gerichtshof
      20      Nach ständiger Rechtsprechung soll das Vorverfahren dem betroffenen Mitgliedstaat Gelegenheit geben, seinen gemeinschaftsrechtlichen
         Verpflichtungen nachzukommen und sich gegen die Rügen der Kommission wirksam zu verteidigen (vgl. auch Urteil vom 7. September
         2006, Kommission/Vereinigtes Königreich, C‑484/04, Slg. 2006, I‑7471, Randnr. 24 und die dort angeführte Rechtsprechung).
      
      21      Der ordnungsgemäße Ablauf dieses Verfahrens stellt eine durch den EG-Vertrag vorgeschriebene wesentliche Garantie nicht nur
         für den Schutz der Rechte des betroffenen Mitgliedstaats, sondern auch dafür dar, dass sichergestellt ist, dass das eventuelle
         streitige Verfahren einen eindeutig festgelegten Streitgegenstand hat (vgl. Urteil vom 15. Februar 2007, Kommission/Niederlande,
         C‑34/04, Slg. 2007, I‑1387, Randnr. 49 und die dort angeführte Rechtsprechung).
      
      22      Daraus folgt erstens, dass der Gegenstand einer Klage nach Art. 226 EG durch das in dieser Bestimmung vorgesehene Vorverfahren
         eingegrenzt wird. Daher muss die Klage auf die gleichen Gründe und das gleiche Vorbringen gestützt sein wie die mit Gründen
         versehene Stellungnahme (vgl. Urteile vom 20. Juni 2002, Kommission/Deutschland, C‑287/00, Slg. 2002, I‑5811, Randnr. 18,
         und vom 9. Februar 2006, Kommission/Vereinigtes Königreich, C‑305/03, Slg. 2006, I‑1213, Randnr. 22).
      
      23      Zweitens muss die mit Gründen versehene Stellungnahme eine zusammenhängende und detaillierte Darstellung der Gründe enthalten,
         aus denen die Kommission zu der Überzeugung gelangt ist, dass der betreffende Mitgliedstaat gegen eine seiner Verpflichtungen
         aus dem Gemeinschaftsrecht verstoßen hat (vgl. Urteile Kommission/Deutschland, Randnr. 19, und vom 7. September 2006, Kommission/Vereinigtes
         Königreich, Randnr. 26).
      
      24      Im vorliegenden Fall ist festzustellen, dass die gegenüber der Republik Litauen erhobene Rüge während des gesamten Vorverfahrens
         und des streitigen Verfahrens unverändert geblieben ist. Denn sowohl im Rahmen des Vorverfahrens als auch vor dem Gerichtshof
         hat die Kommission diesem Mitgliedstaat vorgeworfen, gegen seine Verpflichtungen aus Art. 26 Abs. 3 der Universaldienstrichtlinie
         verstoßen zu haben, indem er in der Praxis nicht sichergestellt habe, dass den Notrufstellen bei allen unter der einheitlichen
         europäischen Notrufnummer 112 durchgeführten Anrufen Informationen zum Anruferstandort übermittelt würden, soweit dies technisch
         möglich sei. 
      
      25      Was den konkreten Inhalt und die Begründung dieser Rüge betrifft, hat die Kommission in ihrem Mahnschreiben und der mit Gründen
         versehenen Stellungnahme die Ansicht vertreten, dass es den in Litauen tätigen Festnetz- oder Mobilfunknetzbetreibern technisch
         möglich sei, diese Informationen zumindest nach der in der Empfehlung 2003/558 vorgesehenen „Pull“-Methode zur Verfügung zu
         stellen. Damit hat sie die Republik Litauen jedoch keineswegs zur Anwendung dieser Methode verpflichtet, sondern sich darauf
         beschränkt, auszuführen, dass die in Art. 26 Abs. 3 der Universaldienstrichtlinie vorgeschriebene Verpflichtung ihrer Ansicht
         nach im vorliegenden Fall tatsächlich anwendbar sei, da die Voraussetzung der technischen Durchführbarkeit, der diese Verpflichtung
         nach der Bestimmung unterliege, erfüllt sei.
      
      26      Entgegen dem Vorbringen der Republik Litauen hat die Kommission im Verfahren vor dem Gerichtshof auch nicht behauptet, dass
         eine Verpflichtung der Mitgliedstaaten bestehe, eine bestimmte Methode anzuwenden, um Art. 26 Abs. 3 der Universaldienstrichtlinie
         nachzukommen. Die Klage und die Erwiderung, wie zuvor das Mahnschreiben und die mit Gründen versehene Stellungnahme, verweisen
         nämlich einfach auf Nr. 4 der Empfehlung 2003/558, ohne jedoch zu verlangen, dass die eine oder andere dort genannte Methode
         angewandt wird. 
      
      27      So hat die Kommission insbesondere in ihrer Erwiderung nicht die Auffassung vertreten, dass die Republik Litauen auf die „Pull“-Methode
         zurückgreifen solle, sondern dass dieser Mitgliedstaat zumindest die einfachsten technischen Maßnahmen ergreifen müsse, um
         sicherzustellen, dass ab dem in der Beitrittsakte festgesetzten Zeitpunkt die Informationen zum Anruferstandort tatsächlich
         übermittelt werden. Dieser Standpunkt entspricht völlig dem von der Kommission im Rahmen des Vorverfahrens vertretenen. 
      
      28      Infolgedessen ist die von der Republik Litauen erhobene Einrede der Unzulässigkeit zurückzuweisen. 
      
       Zur Begründetheit
       Vorbringen der Verfahrensbeteiligten
      29      Die Kommission ist der Meinung, dass es den litauischen Betreibern von öffentlichen Mobilfunknetzen technisch möglich sei,
         die Informationen zum Anruferstandort zu übermitteln, wenn die Nummer 112 von einem Mobiltelefon aus gewählt wird. So ergebe
         sich aus den Angaben der Beklagten selbst, dass die Mobilfunknetze in Litauen keine besonderen Merkmale aufwiesen, die die
         Übermittlung dieser Informationen von einem technischen Gesichtspunkt aus verhinderten. 
      
      30      Insbesondere zeige die am 4. Dezember 2006 zwischen dem gemeinsamen Zentrum für Notdienste und den Betreibern öffentlicher
         Mobilfunknetze geschlossene Vereinbarung über Dienstleistungen im Zusammenhang mit der Übermittlung von Informationen zum
         Anruferstandort, dass es technisch möglich sei, diese Informationen zu übermitteln, dass dies jedoch zusätzliche Investitionen
         erfordern könnte. Unterbliebene Investitionen und Verspätungen beim Erwerb der zu diesem Zweck erforderlichen Einrichtungen
         könnten aber nicht als mangelnde technische Durchführbarkeit im Sinne von Art. 26 Abs. 3 der Universaldienstrichtlinie betrachtet
         werden.
      
      31      In ihrer Erwiderung legt die Kommission dar, dass Nr. 4 der Empfehlung 2003/558, auf die sie in ihrer Klage verwiesen habe,
         die Mitgliedstaaten angesichts des nicht verbindlichen Charakters dieser Empfehlung nicht verpflichten könne, eher die „Push“-Methode
         als die „Pull“-Methode zur Übermittlung der Informationen zum Anruferstandort zu verwenden. Die Republik Litauen könne folglich
         die Methode frei wählen, müsse jedoch nach Art. 26 Abs. 3 der Universaldienstrichtlinie zumindest die einfachsten technischen
         Maßnahmen ergreifen, um sicherzustellen, dass die Betreiber von öffentlichen Festnetz- und Mobilfunknetzen diese Informationen
         ab dem in der Beitrittsakte festgesetzten Zeitpunkt übermittelten.
      
      32      Die Republik Litauen macht geltend, dass die Rüge der Kommission allein deshalb unbegründet sei, weil sie nicht richtig formuliert
         sei. Da sie alle möglichen rechtlichen, technischen und organisatorischen Maßnahmen ergriffen habe, um die Verpflichtungen
         aus Art. 26 Abs. 3 der Universaldienstrichtlinie zu erfüllen, hätte die Kommission ihren Klageantrag darauf richten müssen,
         dass eine Vertragsverletzung festgestellt werde, die darin bestehe, dass nicht sichergestellt worden sei, dass die Unternehmen,
         die öffentliche Telefonnetze betrieben, den Notrufstellen Informationen zum Anruferstandort übermittelten.
      
      33      In Bezug auf die technische Durchführbarkeit führt die Republik Litauen aus, dass das gemeinsame Zentrum für Notdienste über
         technische Mittel verfüge, um Informationen zum Standort einer Person zu erhalten, die die Nummer 112 anrufe. Die in Litauen
         tätigen Betreiber der öffentlichen Mobilfunknetze verfügten jedoch noch immer nicht über die technischen Mittel, um diese
         Informationen zu übermitteln.
      
      34      Die Anpassung der „Pull“-Methode, die von bestimmten Betreibern zu gewerblichen Zwecken verwendet werde, wäre verglichen mit
         dem Wechsel zu einem auf die „Push“-Methode gestützten System deutlich einfacher gewesen. Zur gleichen Zeit, als entschieden
         worden sei, auf die letztere, modernere Methode zurückzugreifen, sei es jedoch abgelehnt worden, zusätzliche Investitionen
         zu tätigen, um die „Pull“-Methode den Erfordernissen der Übermittlung von Standortangaben bei Anrufen der Nummer 112 anzupassen.
         
      
      35      In diesem Zusammenhang betont die Republik Litauen, dass sich die technischen Mittel, die zur Übermittlung der in Rede stehenden
         Informationen erforderlich seien, je nach verwendeter Methode – „pull“ oder „push“ – von Grund auf unterschieden und dass
         beide Systeme Investitionen und eine gewisse Vorbereitungszeit erforderten. Dieser Umstand, der mit der technischen Durchführbarkeit
         in Zusammenhang stehe, müsse bei der Prüfung der Gründe, aus denen die litauischen Mobilfunkbetreiber nicht bereit seien,
         die Informationen an die Notdienste zu übermitteln, bedacht werden. 
      
      36      Außerdem müsse die durch die Empfehlung 2003/558 hervorgerufene Unsicherheit hinsichtlich der Art, in der den Verpflichtungen
         nach Art. 26 Abs. 3 der Universaldienstrichtlinie nachzukommen sei, und der Frist, die dafür einzuhalten sei, berücksichtigt
         werden. Es könne nämlich nur dann von einer Vertragsverletzung die Rede sein, wenn ohne Weiteres bekannt gewesen sei, welche
         Methode angewendet werden könne und müsse und ab welchem Zeitpunkt. Wäre von Anfang an klar gewesen, dass es den Mitgliedstaaten
         freistehe, die aus technischer Sicht einfachere „Pull“-Methode anzuwenden, hätte die Republik Litauen diese Möglichkeit nutzen
         können, was eine beträchtliche Zeitersparnis ermöglicht hätte. 
      
      37      Im Übrigen seien die Nrn. 4 und 13 der Empfehlung 2003/558 in dem Sinn auszulegen, dass die Ziele der Universaldienstrichtlinie
         bei Anwendung der „Pull“-Methode nicht wirksam erreicht würden, und dass es daher notwendig sei, die „Push“-Methode so umfassend
         wie möglich einzuführen. Da für die Einführung dieser Methode zusätzliche Zeit erforderlich sei, habe die Kommission in dieser
         Empfehlung eine zusätzliche Frist vorgesehen. 
      
       Würdigung durch den Gerichtshof
      38      Nach Art. 26 Abs. 3 der Universaldienstrichtlinie stellen die Mitgliedstaaten sicher, dass die Unternehmen, die öffentliche
         Telefonnetze betreiben, den Notrufstellen bei allen unter der einheitlichen europäischen Notrufnummer 112 durchgeführten Anrufen
         Informationen zum Anruferstandort übermitteln, soweit dies technisch möglich ist. 
      
      39      Wie aus dem 36. Erwägungsgrund der Universaldienstrichtlinie hervorgeht, soll Art. 26 Abs. 3 den Nutzern des Notrufs 112 einen
         besseren Schutz und mehr Sicherheit geben und den Notrufstellen die Wahrnehmung ihrer Aufgaben erleichtern. 
      
      40      Nach dem Wortlaut und dem Zweck dieser Bestimmung erlegt diese den Mitgliedstaaten unter der Voraussetzung der technischen
         Durchführbarkeit eine Erfolgspflicht auf, die sich nicht auf die Einrichtung eines angemessenen Rechtsrahmens beschränkt,
         sondern verlangt, dass die Informationen zum Standort aller Anrufer der Nummer 112 tatsächlich den Notdiensten übermittelt
         werden. 
      
      41      Im vorliegenden Fall bestreitet die Republik Litauen nicht, dass diese Informationen bei Ablauf der in der mit Gründen versehenen
         Stellungnahme gesetzten Frist im Fall eines Anrufs von einem Mobiltelefon nicht übermittelt wurden. 
      
      42      Was zunächst das Argument des Mitgliedstaats betrifft, dass die Rüge der Kommission nicht richtig formuliert sei, weil die
         Republik Litauen alle rechtlichen, technischen und organisatorischen Maßnahmen ergriffen habe, die zur Umsetzung von Art. 26
         Abs. 3 der Universaldienstrichtlinie erforderlich seien, kann es nicht durchgreifen. Aus der Formulierung und der Begründung
         der Rüge geht nämlich klar hervor, dass die Kommission der Republik Litauen nicht vorwirft, dass sie die Bestimmung nicht
         richtig oder nicht ausreichend umgesetzt habe, sondern dass sie nicht in der Lage sei, in der Praxis sicherzustellen, dass
         die in Rede stehenden Informationen den Notdiensten tatsächlich übermittelt würden.
      
      43      Was zweitens die Voraussetzung der technischen Durchführbarkeit betrifft, der die den Mitgliedstaaten durch Art. 26 Abs. 3
         der Universaldienstrichtlinie auferlegte Verpflichtung unterliegt, ist festzustellen, dass die Nichtübermittlung der Informationen
         zum Anruferstandort bei Anrufen aus öffentlichen Mobilfunknetzen nach den Angaben der Republik Litauen auf den Umstand zurückzuführen
         ist, dass die Betreiber dieser Netze nicht über die notwendigen technischen Einrichtungen verfügen, die erhebliche Investitionen
         erfordern. 
      
      44      Dazu ist vorgetragen worden, dass der Gesetzgeber nach anfänglicher Uneinigkeit zwischen den Betreibern und den litauischen
         Behörden über die Tragung der Kosten für diese Investitionen Art. 65 Abs. 4 des Gesetzes über elektronische Kommunikation
         mit Wirkung vom 1. September 2007 geändert hat, der seither bestimmt, dass die Betreiber die in Rede stehenden Informationen
         dem gemeinsamen Zentrum für Notdienste kostenlos zur Verfügung stellen und dass die Kosten der Anschaffung, der Einrichtung
         oder der Anpassung, der Erneuerung und des Betriebs der zu diesem Zweck erforderlichen Ausrüstung aus öffentlichen Mitteln
         erstattet werden.
      
      45      Daraus folgt, ohne dass es notwendig wäre, die am 4. Dezember 2006 zwischen dem gemeinsamen Zentrum für Notdienste und den
         Betreibern öffentlicher Mobilfunknetze geschlossene Vereinbarung über Dienstleistungen im Zusammenhang mit der Übermittlung
         von Informationen zum Anruferstandort zu untersuchen, deren Auslegung zwischen den Parteien umstritten ist, dass der Grund
         für die Nichtübermittlung der Informationen zum Anruferstandort aus diesen Netzen nicht in den technischen Gegebenheiten dieser
         Netze liegt, die die Übermittlung der Informationen objektiv verhindern würden, sondern im Fehlen von Investitionen, die erforderlich
         sind, um die die Übermittlung ermöglichenden Einrichtungen anzuschaffen oder anzupassen. 
      
      46      Wie die Kommission zu Recht hervorgehoben hat, kann jedoch die Nichtanschaffung oder die Nichtanpassung der erforderlichen
         Einrichtungen nicht als mangelnde technische Durchführbarkeit im Sinne von Art. 26 Abs. 3 der Universaldienstrichtlinie betrachtet
         werden. 
      
      47      Was schließlich das von der Republik Litauen vorgetragene Argument hinsichtlich der Methode betrifft, die zur Übermittlung
         der Informationen zum Standort eines Anrufers der Nummer 112 angewandt werden muss, ist festzustellen, dass Art. 26 Abs. 3
         der Universaldienstrichtlinie dazu keine Hinweise enthält und den Mitgliedstaaten demnach die Wahl überlässt, auf welche Art
         sie die Übermittlung dieser Informationen konkret sicherstellen wollen. 
      
      48      Die Empfehlung 2003/558 verweist in Nr. 4 auf zwei Methoden. Die erste, die sogenannte „Push“-Methode, besteht in der automatischen
         Übermittlung dieser Informationen durch die öffentlichen Netzbetreiber, während diese Informationen nach der zweiten Methode,
         der sogenannten „Pull“-Methode, nur auf Anforderung der Notrufabfragestellen übermittelt werden.
      
      49      Aus dem Wortlaut von Nr. 4 und aus dem zehnten Erwägungsgrund der Empfehlung 2003/558 ergibt sich zwar, dass die Kommission
         die Anwendung der ersten Methode für wirksamer erachtet und den Mitgliedstaaten empfiehlt, den auf ihrem Hoheitsgebiet tätigen
         Betreibern von öffentlichen Telefonnetzen diese zumindest nach einem Übergangszeitraum vorzuschreiben; es ist aber ebenso
         offensichtlich, dass diese Empfehlung angesichts ihres nicht verbindlichen Charakters die Mitgliedstaaten nicht dazu verpflichten
         kann, bei der Durchführung von Art. 26 Abs. 3 der Universaldienstrichtlinie auf eine bestimmte Methode zurückzugreifen.
      
      50      Diese mangelnde Verbindlichkeit der Empfehlung 2003/558 ergibt sich nicht nur aus Art. 249 Abs. 5 EG, sondern wird auch ausdrücklich
         in Art. 19 der Rahmenrichtlinie bekräftigt, auf dessen Grundlage diese Empfehlung verabschiedet wurde. Aus Art. 19 Abs. 1
         geht nämlich klar hervor, dass eine nationale Regulierungsbehörde beschließen kann, sich nicht an eine Empfehlung zu halten,
         die die Kommission aufgrund dieser Bestimmung abgegeben hat, dies aber unter Angabe ihrer Gründe der Kommission mitzuteilen
         hat.
      
      51      Es steht den Mitgliedstaaten folglich frei, die Methode zu wählen, die von den Betreibern der öffentlichen Telefonnetze zur
         Übermittlung der Informationen zum Standort von Anrufern der Nummer 112 zu verwenden ist, doch sind sie gleichzeitig an die
         in Art. 26 Abs. 3 der Universaldienstrichtlinie klar und genau aufgestellte Erfolgspflicht gebunden, die ihnen auferlegt,
         sicherzustellen, dass diese Informationen den Notdiensten tatsächlich übermittelt werden.
      
      52      Ein Mitgliedstaat kann eine eventuelle Verspätung bei der Ausführung dieser Verpflichtung insbesondere nicht dadurch rechtfertigen,
         dass er beschlossen hat, die „Push“-Methode anzuwenden, die auf der automatischen Übermittlung des Anruferstandorts beruht.
         
      
      53      In dieser Hinsicht ist festzustellen, dass die Empfehlung 2003/558 den Mitgliedstaaten, die sich für die „Push“-Methode entschieden
         haben, entgegen dem Vorbringen der Republik Litauen keine zusätzliche Frist einräumt. Die Kommission hätte nicht nur keine
         Befugnis, um die den Mitgliedstaaten auferlegte verbindliche Frist, Art. 26 Abs. 3 der Universaldienstrichtlinie nachzukommen,
         wirksam zu verlängern, sondern aus dem Wortlaut von Nr. 4 dieser Empfehlung geht außerdem hervor, dass diese keineswegs von
         der Einhaltung dieser Frist befreit. Denn dort wird zwar die Möglichkeit genannt, die „Push“-Methode erst nach einem Übergangszeitraum
         anzuwenden, aber zugleich erläutert, dass die Informationen zum Anruferstandort während dieses Zeitraums zumindest auf Anforderung
         der Notdienste, d. h. nach der „Pull“-Methode, zur Verfügung gestellt werden müssen.
      
      54      Was schließlich die behauptete Unsicherheit hinsichtlich der Methode der Durchführung der in Art. 26 Abs. 3 der Universaldienstrichtlinie
         genannten Verpflichtung und der Frist dafür betrifft, ist festzustellen, dass diese Bestimmung sowie die Empfehlung 2003/558
         insoweit keinerlei objektive Zweifel aufwerfen. Unter diesen Voraussetzungen und insbesondere, da die Republik Litauen selbst
         in ihrer Klagebeantwortung ausgeführt hat, dass die Empfehlung 2003/558 den Mitgliedstaaten gegenüber nicht verbindlich ist,
         kann sie nicht mit Erfolg geltend machen, dass ihre Verspätung bei der tatsächlichen Ausführung von Art. 26 Abs. 3 der Universaldienstrichtlinie
         durch ein falsches Verständnis ihrer Verpflichtung gerechtfertigt ist. 
      
      55      Nach alledem ist festzustellen, dass die Republik Litauen gegen ihre Verpflichtungen aus Art. 26 Abs. 3 der Universaldienstrichtlinie
         verstoßen hat, indem sie nicht sichergestellt hat, dass in der Praxis gewährleistet ist, dass, soweit dies technisch möglich
         ist, den Notrufstellen bei allen aus den öffentlichen Telefonnetzen unter der einheitlichen europäischen Notrufnummer 112
         durchgeführten Anrufen Informationen zum Anruferstandort übermittelt werden. 
      
       Kosten
      56      Nach Artikel 69 § 2 der Verfahrensordnung ist die unterliegende Partei auf Antrag zur Tragung der Kosten zu verurteilen. Da
         die Kommission die Verurteilung der Republik Litauen beantragt hat und diese mit ihrem Vorbringen unterlegen ist, sind ihr
         die Kosten des Verfahrens aufzuerlegen. 
      
      Aus diesen Gründen hat der Gerichtshof (Zweite Kammer) für Recht erkannt und entschieden:
      1.      Die Republik Litauen hat gegen ihre Verpflichtungen aus Art. 26 Abs. 3 der Richtlinie 2002/22/EG des Europäischen Parlaments
            und des Rates vom 7. März 2002 über den Universaldienst und Nutzerrechte bei elektronischen Kommunikationsnetzen und -diensten
            (Universaldienstrichtlinie) verstoßen, indem sie nicht sichergestellt hat, dass in der Praxis gewährleistet ist, dass, soweit
            dies technisch möglich ist, den Notrufstellen bei allen aus den öffentlichen Telefonnetzen unter der einheitlichen europäischen
            Notrufnummer 112 durchgeführten Anrufen Informationen zum Anruferstandort übermittelt werden.
      2.      Die Republik Litauen trägt die Kosten.
      Unterschriften
      * Verfahrenssprache: Litauisch.