CELEX: 51991PC0185
Language: de
Date: 1991-05-23
Title: VORSCHLAG FUER EINEN ENTSCHEIDUNG DES RATES ZUR VERABSCHIEDUNG DES JAHRESWIRTSCHAFTSBERICHTS 1990/91 UEBER DIE WIRTSCHAFTSLAGE IN DER GEMEINSCHAFT UND ZUR FESTLEGUNG DER WIRTSCHAFTSPOLITISCHEN LEITLINIEN DER GEMEINSCHAFT FUER 1991

22. 7. 91                              Amtsblatt der Europäischen Gemeinschaften                             Nr. C 190/19
           Vorschlag für eine Entscheidung des Rates zur Verabschiedung des Jahreswirtschaftsberichts
            1990/91 über die Wirtschaftslage in der Gemeinschaft und zur Festlegung der wirtschaftspolitischen
                                    Leitlinien der Gemeinschaft für 1991 — Revision
                                                      (91/C 190/02)
                                                    KOM(91) 18S endg.
                                   (Von der Kommission vorgelegt am 24. Mai 1991)
           DER RAT DER EUROPÄISCHEN GEMEINSCHAFTEN —
           gestützt auf den Vertrag zur Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft,
           gestützt auf die Entscheidung 90/141/EWG des Rates vom 12. März 1990 zur Erreichung von
           schrittweiser Konvergenz der Wirtschaftspolitik und der wirtschaftlichen Ergebnisse während der
           ersten Stufe der Wirtschafts- und Währungsunion, insbesondere auf Artikel 4 (*),
           auf Vorschlag der Kommission,
           nach Stellungnahme des Europäischen Parlaments,
           nach Stellungnahme des Wirtschafts- und Sozialausschusses,
           HAT FOLGENDE ENTSCHEIDUNG ERLASSEN:
                                                        Artikel 1
           Der dieser Entscheidung beigefügte Jahreswirtschaftsbericht 1990/91 wird hiermit angenommen; die
           in diesem Bericht enthaltenen wirtschaftspolitischen Leitlinien der Gemeinschaft für 1991 werden
           genehmigt.
                                                        Artikel 2
           Diese Entscheidung ist an die Mitgliedstaaten gerichtet.
          (•) ABl. Nr. L 78 vom 24. 3. 1990, S. 23.
 ---pagebreak--- Nr. C 190/20                              Amtsblatt der Europäischen Gemeinschaften                               22. 7. 91
                                 JAHRESWIRTSCHAFTSBERICHT 1990/91: REVISION
           Kapitel I des Jahreswirtschaftsberichts 1990/91 vom März, der die kurzfristigen Aussichten
           behandelte, wird durch die ersten zwei Kapitel zur wirtschaftlichen Lage und Aussichten ersetzt.
           Kapitel II des vorausgegangenen Berichts, das sich auf wirtschaftspolitische Aufgaben während Stufe I
           der WWU bezieht, bleibt gültig. Die hauptsächlichen Empfehlungen sowie mögliche Anpassungen
           werden in Kapitel III des vorliegenden Berichts entwickelt.
                                                             INHALT
                                                                                                            Seite
           Einführung                                                                                        21
              I. DIE WIRTSCHAFTLICHE LAGE IM JAHRE 1990 UND ANFANG 1991                                      21
                 A. Wachstumsverlangsamung in der Gemeinschaft                                               21
                     1. Die Verschlechterung des internationalen Umfelds                                     22
                         1.1. Die Vereinigten Staaten                                                         22
                         1.2. Mittel- und Osteuropa                                                          23
                         1.3. Schwankungen des US-Dollars                                                    23
                    2. Zyklische Anpassung in der Gemeinschaft                                            • 24
                    3. Golfkrise und Vertrauensverlust                                                       26
                 B. Rezession im Vereinigten Königreich                                                      26
                 C. Deutsche Vereinigung                                                                      27
                 D. Inflation und Beschäftigung                                                              28
             IL DIE AUSSICHTEN FÜR 1991 UND 1992                                                              29
                 A. Die Risikofaktoren                                                                        29
                 B. Die wirtschaftspolitischen Aufgaben                                                       30
                     1. Rentabilität, Wachstum und Beschäftigung                                             30
                    2. Inflation                                                                              31
                     3. Budgetäre Konvergenz                                                                  32
                    4. Ungenügende Ersparnis                                                                 33
           ffl. WIRTSCHAFTSPOLITISCHE SCHLUSSFOLGERUNGEN                                                      34
                 A. Wahrung der Stabilität und des Wachstumsklimas                                            34
                 B. Die Entwicklung des Gemeinschaftspotentials                                               34
                     1. Vollendung des Binnenmarktes                                                          35
                     2. Verbesserung des wirtschaftlichen und sozialen Zusammenhalts                          35
                     3. Strukturanpassung                                                                     36
                     4. Die umweltpolitische Herausforderung                                                  37
                 C. Politik zur Erreichung einer stärkeren Konvergenz                                         37
                     1. Konvergenz von Preisen und Kosten                                                     37
                     2. Konvergenz der Haushaltspolitik                                                       39
                     3. Konvergenz der außenwirtschaftlichen Positionen                                       42
 ---pagebreak--- 22. 7. 91                                  Amtsblatt der Europäischen Gemeinschaften                                  Nr. C 190/21
                               DIE EUROPÄISCHE GEMEINSCHAFT IN DEN 90ER JAHREN:
                              AUF DEM WEG ZUR WIRTSCHAFTS- UND WÄHRUNGSUNION
                         EINFÜHRUNG                                   daher wieder geltend machen. Dazu zählen die Wiederher-
                                                                      stellung der Rentabilität während der 80er Jahre, gewisse
Die wirtschaftlichen Aussichten der Gemeinschaft für das              Fortschritte beim Abbau unhaltbar hoher Haushaltsdefizite,
laufende Jahr erscheinen gegenwärtig weniger günstig als              die Strukturreformen des vergangenen Jahrzehnts zur Ver-
noch im vergangenen Oktober. Die für 1991 erwartete                   besserung der Funktionsweise der Märkte, das Erreichen
Wachstumsrate der Produktion in der Gemeinschaft wird mit             ausgeglichenerer Außenbilanzen und — nicht zuletzt — die
knapp 1V2 % nur halb so groß sein wie 1990. Folglich dürfte           europäischen Integrationsperspektiven.
sich auch das Beschäftigungswachstum erheblich auf knapp
V4 % verlangsamen. Dieses geringe Beschäftigungswachstum              Alle diese Faktoren haben zu der relativ günstigen Entwick-
wird freilich nicht ausreichen, den erwarteten Anstieg des            lung im Zeitraum 1983—1990 beigetragen. Um die Grund-
Arbeitskräfteangebots auszugleichen, so daß die Arbeitslo-            lagen für stetiges inflationsfreies Wachstum mit dem Ziel des
senquote 1991 auf 8,7% steigen wird. Trotz der Verlang-               Eintritts in die WWU in Zukunft weiter zu verbessern, muß
samung der Wirtschaftsätigkeit dürfte die Inflation auf               die Politik danach streben, die bereits erzielten Fortschritte
relativ hohem Niveau verharren (5%).                                  zu konsolidieren und auszubauen, indem sie die Strategie
                                                                      weiter verfolgt, die sich während der 80er Jahre bewährt
Die für 1991 erwartete Verschlechterung in der wirtschaft-            hat.
lichen Entwicklung der Gemeinschaft ist nur zum Teil auf die
Ereignisse in der Golfregion zurückzuführen. Der Anstieg              Bei dieser wirtschaftspolitischen Strategie wird die gegenwär-
der Ölpreise in der zweiten Hälfte des Jahres 1990 und die            tige wirtschaftliche Abschwächung in der Gemeinschaft im
folgende Schwächung des Unternehmern- und Verbraucher-                Laufe des Jahres in eine Wachstumsbeschleunigung überge-
vertrauens sind zweifellos eine direkte Konsequenz der                hen. Für 1992 wird dann eine verbesserte Gesamtlage mit
Golfkrise. In einigen Gemeinschaftsländern zeichneten sich            einem Produktionswachstum von 2V 4 % erwartet. Das
jedoch bereits vor dem August 1990 Schwierigkeiten ab. Die            Beschäftigungswachstum reagiert darauf jedoch erst mit
Auslandsnachfrage schwächte sich ab mit negativen Auswir-             zeitlicher Verzögerung; es wird deshalb auf dem Niveau von
kungen auf das Investitionswachstum, und die erforderliche            1991 (0,2 %) verharren, was einen geringfügigen Anstieg der
Korrektur der makroökonomischen Spannungen dämpfte in                 Arbeitslosenquote auf 9,2% nach sich ziehen wird.
einigen Ländern die Binnennachfrage.
                                                                      Ein Klima der Stabilität ist eine wesentliche Vorbedingung
Trotz der derzeitigen weltweiten Verlangsamung der Wirt-              für die Entfaltung des Potentials der Gemeinschaft. Deshalb
schaftstätigkeit gibt es gute Aussichten auf eine Rückkehr zu         muß der umsichtige geld- und finanzpolitische Kurs beibe-
stärkerem Wachstum. Es scheint nun, als habe sich die                 halten werden. Die Finanzpolitik sollte die Geldpolitik
Golfkrise auf das Vertrauen, die Inflation und das Wachstum           stärker unterstützen. Unter diesem Aspekt ist der Stillstand
in geringerem Ausmaß als anfangs befürchtet und wahr-                 der Haushaltskonsolidierung beunruhigend, insbesondere
scheinlich eher transitorisch ausgewirkt. Und es gibt erste           deshalb, weil in Stufe I der Wirtschafts- und Währungsunion
Anzeichen dafür, daß der relativ starke zyklische Abschwung           die Anforderungen an die Konvergenz von Preisen und
in einigen Industrieländern — einschließlich der Vereinigten          Kosten, Haushalts- und Zahlungsbilanzpositionen strenger
Staaten und des Vereinigten Königreichs — seinen Tiefstand            sind. In einigen Mitgliedstaaten sind noch erhebliche Anpas-
erreicht hat.                                                         sungen nötig. Deshalb ist eine rasche Umsetzung der
                                                                      wirtschaftspolitischen Empfehlungen unbedingt erforder-
Die intakt gebliebenen Grundvoraussetzungen für wirt-                 lich, um den Übergang zur vollständigen Wirtschafts- und
schaftliches Wachstum in der Gemeinschaft werden sich                 Währungsunion erfolgreich vorzubereiten.
                             I. DIE WIRTSCHAFTLICHE LAGE IM JAHRE 1990 UND ANFANG 1991
              A. Wachstumsverlangsamung in der Gemeinschaft
              Im vergangenen Jahr mußte sich die Weltwirtschaft zahlreichen Veränderungen anpassen: dem
              Verfall der Planwirtschaften Osteuropas, der deutschen Einigung, wachsenden Unsicherheiten in der
              Sowjetunion und schließlich der Golfkrise. Die Gemeinschaft hat diese schwierige internationale
              Situation relativ gut überstanden, nicht zuletzt aufgrund der kräftigen Impulse, die kurzfristig aus dem
              deutschen Einigungsprozeß und längerfristig aus der fortschreitenden Umsetzung des Binnenmarkt-
              programms resultierten. Insgesamt gesehen konnte jedoch eine weitere Abschwächung des realen
              BIP-Wachstums in der Gemeinschaft nicht verhindert werden: die reale Wachstumsrate dürfte sich
              1991 mit nur 1V2 % gegenüber dem Vorjahr halbieren und gegenüber 1989 um rund 2 Prozentpunkte
              niedriger ausfallen (Tabelle 1).
 ---pagebreak--- Nr. C 190/22                                Amtsblatt der Europäischen Gemeinschaften                                        22. 7. 91
                                                             TABELLE 1
                                    Die Wirtschaft der Gemeinschaft am Anfang des neuen Jahrzehnts
                                                                                          (jährliche Veränderung in Prozent)
                                                 1984—1987     1988       1989        1990          1991 (')     1992 (')
           Reales BIP                                + 2,6     + 4,0      + 3,3       + 2,7          + 1,4        + 2,3.
           Beschäftigung                             + 0,6     + 1,6      + 1,6       + 1,6          + 0,2        + 0,2
                       2
           Inflation ( )                             + 5,1     + 3,7      + 4,9       + 5,0          + 5,0        + 4,6
           Investitionen                             + 3,3     + 9,0      + 6,7       + 4,3          + 0,8        + 3,7
              davon Ausrüstungen                     + 6,1    + 10,4      + 8,4       + 4,7          + 0,2        + 4,4
           Reale Lohnstückkosten                     -1,1      -1,1       -0,7        + 0,6          + 0,3        -0,7
           (') Vorausschätzung.
           (2) Deflator des privaten Verbrauchs.
           Zu diesem Ergebnis haben zahlreiche Faktoren beigetragen, wie beispielsweise:
           — die Verschlechterung des internationalen Umfelds;
           — eine zyklische Anpassung innerhalb der Gemeinschaft;
           — die Golfkrise und der mit ihr einhergehende Rückgang der Zuversicht von Unternehmern und
                Verbrauchern.
           1.      Die Verschlechterung des internationalen Umfelds
                   Ab Anfang 1990 bis zum ersten Quartal 1991 war eine stetige Verschlechterung des
                   internationalen Umfelds festzustellen: in den Vereinigten Staaten, Kanada und Australien
                   verlangsamte sich die Wirtschaftstätigkeit erheblich, und als Folge der Umstrukturierung
                   schrumpfte sie in Mittel- und Osteuropa. Schließlich verschlimmerte die Golfkrise Schwäche-
                   tendenzen in den meisten Ländern, und insbesondere im mittleren Osten und in Lateinamerika.
                   Das reale BIP-Wachstum außerhalb der Gemeinschaft verlangsamte sich von 3,2 % im Jahre
                    1989 auf 1,7% im Jahre 1990 und dürfte sich 1991 weiter verlangsamen (auf unter 1 % ) .
                   Infolgedessen nahm die Importnachfrage außerhalb der Gemeinschaft nur um rund 4 % im
                   Jahre 1990 zu. Für 1991 wird ein Wachstum von 2 3/4 % vorausgesagt, das weniger als halb so
                   hoch ist wie 2 Jahre zuvor (7,4% im Jahre 1989).
           1.1.    Die V e r e i n i g t e n S t a a t e n
                   Der lange erwartete und weitgehend zyklische Abschwung in den Vereinigten Staaten begann
                   Mitte 1989 und wurde 1990 ausgeprägter. Bei den Verbrauchsausgaben, im privaten
                   Wohnungsbau und bei den Investitionen der gewerblichen Wirtschaft waren starke Rückgänge
                   zu verzeichnen. Die unvermeidbare Straffung der Geldpolitik im Jahre 1989 in Verbindung mit
                   einer Zunahme der Verschuldung des privaten Sektors, auf die 1990, als Ergebnis strengerer
                   bankaufsichtlichter Bestimmungen für Finanzinstitute, Kreditrestriktionen folgten, bremsten
                   die Binnennachfrage. Sie wurde zusätzlich durch den Ölpreisansteig in der zweiten Hälfte des
                   Jahres 1990 gedämpft. Infolgedessen sank die Wachstumsrate des realen BIP von 4 , 6 % im
                   Jahre 1988 auf 1,0% im Jahre 1990, und sie wird auch 1991 sehr niedrig sein, selbst wenn
                   später im Jahr eine Erholung einsetzt (Tabelle 2).
 ---pagebreak--- 22. 7. 91                             Amtsblatt der Europäischen Gemeinschaften                                       Nr. C 190/23
                                                            TABELLE 2
                                      Vereinigt* Staaten, wichtigste wirtschaftliche Kennziffern
                                                                                                   (in % oder % des BIP)
                                                   1984-1988        1989           1990        1991 (l)      1992 {>)
               Reales BIP                            + 4,4         + 2,8          + 1,0         + 0,1         + 1,6
               Inlandsnachfrage                      + 4,6         + 2,2          + 0,5         -0,5          + 1,4
               Investitionen                         + 6,5         + 2,7          -0,1          -3,1          + 5,7
               Verbrauchspreise                      + 3,5         + 4,5          + 5,0         + 4,5         + 4,9
                                2                                                 -2,4          -1,8          -2,4
               Haushaltssaldo ( )                    -3,9          -1'7
               Leistungsbilanzsaldo                   -2,9          -1,9          -1,8          -0,3          -0,9
               (') Vorausschätzungen.
               {2) Gesamtstaat.
          1.2. M i t t e l - und O s t e u r o p a
               Um ihre Länder in die Weltwirtschaft zu integrieren, haben die neuen, demokratisch gewählten
               Regierungen in Mittel- und Osteuropa umfassende Reformprogramme eingeleitet. Die
               Kühnheit und die auf den Beginn konzentrierten Anpassungslasten dieser Reformen machen
               den Anfang des Reformprozesses zu einer kritischen Phase. Während die wichtigsten
               marktorientierten Politiken schnell eingeführt werden, paßt sich das Verhalten der Wirt-
               schaftsteilnehmer nur allmählich den neuen Rahmenbedingungen an. Die Produktion wurde
               erheblich eingeschränkt, da die Obsoleszenz eines großen Teils des Kapitals unter dem Einfluß
               der Weltmarktpreise offenbar geworden ist. In dieser Situation ist ein anfänglicher Produk-
               tionsrückgang unvermeidbar.
               Darüberhinaus sind die Rahmenbedingungen für die notwendige Umstrukturierung ziemlich
               ungünstig: die meisten Länder sind mit erheblichen internen und externen Ungleichgewichten,
               die sich über die Jahre kumuliert haben, konfrontiert, während gleichzeitig das System des
               bilateralen Handels im Rahmen des Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe zusammengebro-
               chen ist, so daß die mittel- und osteuropäischen Länder einen beachtlichen Terms of
               trade-Verlust hinnehmen mußten. Diese Schwierigkeiten wurden durch den Ölpreisanstieg und
               das langsamere Wachstum der Nachfrage in der westlichen Welt noch verschlimmert.
          1.3. Schwankungen des US-Dollars
               Die Exporte der Gemeinschaft in die übrige Welt gerieten 1990 unter Druck, weil sich ihre
               Wettbewerbsfähigkeit aufgrund der Aufwertung der europäischen Währungen gegenüber dem
               US-Dollar verringerte und darüberhinaus durch die Rezession in den USA Nachfrage ausfiel.
               Ende Februar 1991 lag der Gegenwert des Ecu in Dollar rund 20 % über dem Durchschnitt des
               Jahres 1989. Seitdem hat sich der Dollar weitgehend erholt. Der Yen schwankte im selben
               Zeitraum sogar noch stärker. Sein Wert in Ecu war im August 1990 mehr als 28 % niedriger als
               im Durchschnitt des Jahres 1989. Der Wert des Yen erholte sich anschließend um mehr als
                10 Prozentpunkte. Der Verlust an Wettbewerbsfähigkeit war mit verantwortlich für die seit
                1989 in der Gemeinschaft zu beobachtende Verlangsamung des Export- und
               Investitionswachstums. Daran zeigt sich, daß die Gemeinschaft trotz ihres internen Wachstums
               nicht vermeiden konnte, daß sich der beträchtliche Verlust an Wettbewerbsfähigkeit in einem
                Rückgang des Exportwachstums niederschlug, der seinerseits die Investitionstätigkeit beein-
               trächtigte.
                Das Exportwachstum der Gemeinschaft (EUR-10 außer Deutschland und dem Vereinigten
                Königreich) nahm infolgedessen von 7,3 % im Jahre 1989 auf 5,4 % im Jahre 1990 ab, und für
                1991 wird eine weitere Verlangsamung auf 4,2% erwartet. Diese Verlangsamung war in
                Italien, Frankreich, Belgien und Luxemburg besonders stark ausgeprägt. Die Exporte nach
                Märkten außerhalb der Gemeinschaft verlangsamten sich sogar noch stärker, was nur zum Teil
                durch eine Zunahme der Exporte nach Deutschland kompensiert wurde.
                Trotz starker Wechselkursschwankungen und der Liberalisierung der Kapitalbewegungen sind
                in EWS keine größeren Spannungen entstanden, obwohl sich die Positionen der unterschied-
                lichen Währungen innerhalb des Wechselkursmechanismus über die Zeit veränderten und sich
                die Zinsdifferenzen allmählich verringerten.
 ---pagebreak--- Nr. C 190/24                       Amtsblatt der Europäischen Gemeinschaften                                        22. 7. 91
             Zyklische Anpassung in der Gemeinschaft
             Die Verlangsamung der Nachfrage war — nach dem Aufschwung in der zweiten Hälfte der
             80er Jahre — bis zu einem gewissen Grade zyklisch bedingt. Im Zeitraum 1987—1990 nahmen
             insbesondere die Investitionen erheblich zu, um jährlich durchschnittlich über 7 %. Somit war
             eine gewisse Anpassung nach unten unumgänglich, nachdem sich die Exportnachfrage
             abgeschwächt hatte, die freien Kapazitäten zugenommen hatten (Schaubild 1) und die
             Geldpolitik gestrafft worden war.
                                                          Schaubild 1:
                                     Kapazitätsauslastung im verarbeitenden Gewerbe (in %)
              Wenn auch das Wachstumspotential der Gemeinschaft durch diesen zyklischen Abschwung
              nicht wesentlich beeinträchtigt worden ist, so haben sich dennoch die Aussichten für die
              Rentabilität der Investitionen seit 1990 verschlechtert: der stetige Rückgang der realen
              Lohnstückkosten seit 1981 (der beste Indikator für die Unternehmensrentabilität) ist zu Ende.
              Seit 1989 verbessert sich die Rentabilität nicht mehr. Die Verschlechterung war im Vereinigten
              Königreich von 1989 bis 1991 besonders gravierend, und dies dürfte auch auf Deutschland
              1991 zutreffen. Aber auch in Italien, Irland, den Niederlanden, Belgien und Luxemburg wurde
              die Verbesserung der Gewinnsituation, die in den vergangenen Jahren eingetreten war,
              gestoppt oder umgekehrt. Die Verschlechterung ist in erster Linie auf die starken Erhöhungen
              der Löhne und Gehälter pro Beschäftigten zurückzuführen, die 1990 und 1991 in der
              Gemeinschaft durchschnittlich bei über 7 % pro Jahr lagen (Tabelle 3).
                                                           TABELLE 3
                                      Nominallöhne, Reallöhne und reale Lohnstückkosten
                                                                                                 (Veränderung in %)
                                                1986—1988        1989         1990       1991 (l)       1992 (>)
                                                                  Nominallohn pro Beschäftigten
                        2
              EUR 10 ( )                            + 6,2        + 6,6       + 7,7         + 6,9         + 6,3
              Deutschland                           + 3,3        + 2,8       + 4,1         + 6,4         + 5,5
              Vereinigtes Königreich                + 7,9        + 8,9       + 10,9        + 8,5         + 6,8
              EUR-12                                + 6,0        + 6,2       + 7,5         + 7,1         + 6,2
 ---pagebreak--- 22. 7. 91                        Amtsblatt der Europäischen Gemeinschaften                                    Nr. C 190/25
                                                1986—1988         1989            1990      1991 («) 1992 (')
                                                                     Reallohn pro Beschäftigten
                    2
          EUR-10 ( )                               + 1,9          + 1,2          + 2,4        + 1,6   + 1,5
          Deutschland                              + 2,5          -0,2           + 1,5        + 2,8   + 1,2
          Vereinigtes Königreich                   + 3,2          + 2,8          + 3,4        + 1,9   + 1,6
          EUR-12                                   + 2,2          + 1,2          + 2,4        + 1,9   + 1,5
                                                                        Reale Lohnstückkosten
          EUR-10 (*)                               -1,2           -1,3           + 0,5        -0,2    -0,5
          Deutschland                              -0,7           -1,6           - 1,2        + 1,0   + 0,1
          Vereinigtes Königreich                   +0             + 2,6          + 3,0        + 1,3   -2,3
          EUR-12                                   -0,9           -0,7           + 0,6        + 0,3   -0,7
          ('} Vorausschätzung
          (2) EUR-10 = EUR-12 außer Deutschland und Vereinigtes Königreich
          Die in den letzten Jahren verfolgten Wirtschaftspolitiken haben bis zu einem gewissen Grade zu
          dieser Entwicklung beigetragen. Der Liquiditätsgrad (M2/3 geteilt durch nominales BIP) für
          die Gemeinschaft nahm 1987 und wiederum 1989 relativ stark zu (Schaubild 2) — auch durch
          finanzielle Innovation und andere strukturelle Anpassungen auf den Geld- und Kapitalmarkten
          beeinflußt. Deshalb ist es zumindest fragwürdig, ob die Geldpolitik trotz des Anstiegs der
          kurzfristigen Zinssätze in ausreichendem Maße mit dem Potentialwachstum im Zeitraum bis
          1989 vereinbar war, als sich eine Überschußliquidität aufbauen konnte, und so die Grundlage
          für hohe Lohnforderungen gestärkt wurde. 1990 fiel die Zunahme des Liquiditätsgrads
          erheblich niedriger aus und spiegelte so die Straffung der Geldpolitik wider, die die Enstehung
          einer Lohn-Preis-Spirale durch den ölpreisanstieg verhindern sollte.
                                                          Schaubild 2
                  Geldmengenwachstum (M2/3) und BIP — Eur-12 (jährliche prozentuale Veränderung}
                                       —i     1    1    1  1     1    1   1    1    1   1—
                                        1M1      «M       WM        1M7      WM        W»1
                                     * Vorausschätzung
                                   ** umgerechnet mit dem BIP-Preisdcflator
                                 \ \ \ Veränderung des Liquiditätsgrads
 ---pagebreak--- Nr. C 190/26                               Amtsblatt der Europäischen Gemeinschaften                                     22. 7. 91
           3.     Golfkrise und Vertrauensverlust
                  Zusätzlich zu den bereits erwähnten Faktoren führte der starke, jedoch kurzlebige Anstieg der
                  ölpreise infolge der Golfkrise zu einer Verschlechterung der Terms of trade in der
                  Gemeinschaft zu und einem Rückgang des real verfügbaren Einkommens, der sich auf den
                  Verbrauch und die Investitionstätigkeit auswirkte. Falls die Ölpreise hoch geblieben wären,
                  hätte dies die Mitgliedstaaten in sehr unterschiedlicher Weise betroffen. Während die
                  Energieintensität der Produktion in neun Mitgliedsländern seit 1973 beträchtlich reduziert
                  wurde, hat sie dagegen in Spanien und besonders in Griechenland und Portugal aufgrund des
                  Übergangs zu einer Produktionsstruktur mit einem größeren Industrieanteil zugenommen.
                  Der spätere Rückgang der ölpreise auf das Niveau vor der Krise hat die meisten ungünstigen
                  Auswirkungen des höheren Ölpreises auf Einkommen und Preise wieder aufgehoben. Mitte
                  April 1991 lag der Ölpreis bei rund 19 US-Dollar pro Barrel (Preis am Spotmarkt für Brent-Öl)
                  verglichen mit rund 32 US-Dollar pro Barrel im vierten Quartal 1990.
                  Jedoch hatte die Ölkrise ein erhebliches Ansteigen der Unsicherheit in der zweiten Hälfte des
                  Jahres 1990 und zu Anfang 1991 zur Folge. Das Vertrauen der Verbraucher in der Industrie
                  und im Baugewerbe war stark erschüttert (vgl. Schaubild 3), mit negativen Auswirkungen auf
                  den Verbrauch und die Investitionsplanungen. Zwar ist der für die starke Konjunkturver-
                  schlechterung in erster Linie verantwortliche Faktor, der Golfkonflikt, verschwunden, doch
                  gibt es erst wenig Anzeichen für die Rückkehr einer positiveren Stimmung: aus der ersten
                  Konjunkturumfrage nach Ende des Konflikts geht hervor, daß nur die Verbraucher und der
                  Bausektor ein gewisses Maß an Zuversicht wiedergewonnen zu haben scheinen; in der Industrie
                  dagegen hat sich das Vertrauen lediglich auf niedrigem Niveau stabilisiert; es ist jedoch bisher
                  kein deutliches Zeichen einer Wiederbelebung auszumachen. Die Rückkehr des Vertrauens in
                  der Industrie ist jedoch für die Erholung der Investitionstätigkeit entscheidend.
                                                                        Schaubild 3
                                     Indikatoren des Vertrauens Eur-12 (Unternehmenserhebongen)
                                      ' * • 1 I I I I I I I I I I I I 1 I I I 1 I I I I 1 I I I I I I I 1 I I I I | I IT
                                           Jan. Apr. Jul. Okt. Jan. Apr. Jul. Okt. Jan. Apr. Jul. Okt. Jan. Apr.
                                                 1988                   1980                  1990              1991
           B. Rezession im Vereinigten Königreich
           Auf ihrem Höhepunkt 1988 erreichte die Zuwachsrate der Binnennachfrage im Vereinigten
           Königreich einen Wert von rund 8 % und lag damit weit über dem Kapazitätswachstum. Infolge dieser
           starken Expansion traten an der Preis- und Lohnfront und in der Zahlungsbilanz inflationäre
           Spannungen zutage, die anfangs durch eine lockere Geldpolitik akkommodiert wurden. Die
 ---pagebreak--- 22. 7. 91                              Amtsblatt der Europäischen Gemeinschaften                             Nr, C 190/27
           Geldpolitik ging danach auf einen zunehmend restriktiven Kurs über; die kurzfristigen Zinsen gingen
           zwischen Ende 1988 und 1989 kontinuierlich nach oben. Diese geldpolitische Restriktion führte
           jedoch nur langsam zu den gewünschten Ergebnissen. Die Inflation hielt weiter an, was wiederum die
           Lohnabschlüsse beeinflußte. Die äußerst restriktive Geldpolitik führte ab der zweiten Jahreshälfte
           1990 zu einem jähen Rückgang der Wirtschaftstätigkeit. Das BIP-Wachstum schwächte sich 1990 auf
           0,6 % ab, und für 1991 wird ein starker Rückgang der Produktion von rund 2 % erwartet, vor allem
           infolge des starken Einbruchs bei den Investitionen (-10V 2 % im laufenden Jahre) und einer
           Abnahme des privaten Verbrauchs ( - V/4% im laufenden Jaiire). Trotz der sich verlangsamenden
           Aktivität ist der Lohnanstieg weiterhin hoch; 1990 betrug er 10V2%, und er dürfte 1991 lediglich auf
           8V2% sinken. Für 1992 wird erwartet, daß die Produktion wieder zunimmt.
           Das Leistungsbilanzdefizit erreichte 1989 einen Rekordwert von 4,8% des BIP; 1990 trat mit
           einem Defizit von 2,3% eine erhebliche Verbesserung ein, und für 1991 wird ein Wert von
           1 % vorausgeschätzt, da die Einfuhren sich entsprechend dem Nachfragrückgang im Inland ab-
           schwächen.
           C. Deutsche Vereinigung
           Anders als in den anderen Teilen der Gemeinschaft beschleunigte sich die Wirtschaftstätigkeit in
           Deutschland weiter; Ursachen hierfür waren die Steuerreform, die Vereinigung und die durch sie
           bedingten expansiven finanzpolitischen Impulse. Das reale BIP-Wachstum beschleunigte sich von
           3,3 % im Jahr 1989 auf 4,7% im Jahr 1990 (zur Datenlage in Deutschland, siehe Kästen). Vor allem
           der private Verbrauch wurde angeregt, doch expandierten auch die Investitionen stark
                                     STATISTISCHE PROBLEME FÜR DEUTSCHLAND
              Alle Daten über Deutschland des diesjährigen Jahreswirtschaftsberichts beziehen sich auf
              Westdeutschland. Aufgrund größerer statistischer Probleme ist es noch nicht möglich,
               zuverlässige Zahlen für Gesamtdeutschland vorzulegen. Natürlich reflektieren die Zahlen über
              das Budgetdefizit die Transfers von West- nach Ostdeutschland, dasselbe gilt für die Angaben
              zur Leistungsbilanz.
           Das hohe Aktivitätsniveau führte 1990 und 1991 zu einem erheblichen Anstieg der Beschäftigung, so
           daß die Arbeitslosenquote stark zurückging, nämlich von 6,1 % im Jahre 1988 auf 4,5 % im Jahre
           1991 (in der harmonisierten Definition des Statistischen Amtes der EG). Die Verengung des
           Arbeitsmarktes führte aber auch zu höheren Lohnforderungen, durch die der kontinuierliche
           Rückgang der realen Lohnstückkosten beendet wurde. Die expandierende Binnennachfrage und die
          Ausfuhren in den Ostteil Deutschlands konnten vom Inlandsangebot nicht befriedigt werden, so daß
          die Einfuhren steil stiegen.
          Die durch die Vereinigung bewirkte jähe Integration der Zentralverwaltungswirtschaft der DDR in
          eine Marktwirtschaft bedeutete für die ostdeutsche Wirtschaft einen raschen tiefgreifenden Anpas-
          sungsprozeß, der beträchtliche Kosten zur Überbrückung der Übergangsphase mit sich bringt. Durch
          die Kosten der Vereinigung könnte das Haushaltsdefizit von rund 2,2% des BIP im Jahre 1990 —
           1989 war noch ein kleiner Haushaltsüberschuß erzielt worden — trotz erheblicher Steuererhöhungen
           1991 auf rund 4,7% anschwellen.
          Die umfangreichen Transfers nach Ostdeutschland hatten auch einen Umschwung der Leistungs-
          bilanz zur Folge: war hier 1589 noch ein großer Überschuß zu verzeichnen, so wird sich 1991
          vermutlich ein geringer Passivsaldo ergeben.
          Die Entwicklung im Westen stehen in scharfem Gegensatz zu denen in Ostdeutschland, das einen
          dramatischen Anpassungsprozeß durchmacht: Bis Ende 1991 wird ein Rückgang der Industriepro-
          duktion um 50 % und eine Arbeitslosigkeit von rund 35% der Erwerbsbevölkerung (Kurzarbeiter
          mitgerechnet) erwartet. Für 1990 und 1991 wird ein Rückgang des Sozialprodukts um einen
          zweistelligen Prozentsatz erwartet, da neue Investitionen und die Schaffung von Arbeitsplätzen noch
          nicht ausreichen, um den Verlust von Produktion und Beschäftigung in den alten Industrien
          auszugleichen. Durch das Wachstum der Ausrüstungs-* und Bauinvestitionen wird für 1992 eine
          leichte Erholung erwartet.
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           D. Inflation und Beschäftigung
           Seit Beginn der Golfkrise hat die Inflationsentwicklung relativ gut unter Kontrolle gehalten werden
           können. Obwohl die gestiegenen ölpreise die Verbraucherpreise zwischen August und Oktober 1990
           nach oben trieben, gibt es kaum Anzeichen dafür, daß sie einen wesentlichen Faktor für die laufende
           Lohn- und Preisentwicklung darstellen. Bisher scheint es der Geldpolitik gelungen zu sein, die
           Entstehung einer Lohn-Preis-Spirale zu verhüten. Die Verbraucherpreisinflation läßt zur Zeit sogar
           nach: der Verbraucherpreisanstieg in der Gemeinschaft, der im Oktober 1990 bei einer Rekordmarke
           von 6,3% lag, war im März 1991 auf 5,3% gesunken.
           Mit mehr als 5 % für 1991 ist die erwartete durchschnittliche Inflationsrate in der Gemeinschaft
           immer noch beunruhigend hoch für eine Phase der Wachstumsverlangsamung. Bei gesunkenen
           ölpreisen könnte eine solche Preissteigerungsrate auf kosteninduzierte Spannungen (Schaubild 4)
           hindeuten. In der Perspektive der WWU ist ebenfalls beunruhigend, daß die Preisentwicklung
           zwischen 1988 und 1990 innerhalb der EG unterschiedlich verlief (Schaubild 5).
                                                           Schaubild 4
                                   Preise, Kosten und Geldmengenwachstum (Eur-12, in %)
                                                    Lohnstückkosten
                                           1M1       ttM    MM      1M7  IM«
                                       * Vorausschätzungen
                                                          Schaubild S
                Preiskonvergenz — Deflator des privaten Verbrauchs (Veränderungen gegenüber dem Vorjahr in %)
                                    * Vorausschätzungen
                                          ES3 Eur-7        E U Eur-3    B i Eur-2
                                    Eur-7: B,DK,D,F,IRL,L,NL. Eur-3: ES.I.VK. Eur-2: GR,P.
 ---pagebreak--- 22. 7. 91                               Amtsblatt der Europäischen Gemeinschaften                               Nr. C 190/29
           Die Beschäftigungsentwicklung reagierte nicht sofort auf die Verlangsamung der Aktivität, was zu
          einer konjunkturbedingten Verlangsamung bei der Produktivität führte (siehe Schaubild 6). Die
           Beschäftigung nahm 1990 mit derselben Rate wie 1989 zu (1,6 %). Besonders stark war der Anstieg in
           Deutschland, was zum Teil auf ein höheres Angebot an qualifizierten Arbeitskräften aus Ostdeut-
           schland und Osteuropa zurückging. Aber auch in den anderen EG-Ländern, von Griechenland, dem
           Vereinigten Königreich und Dänemark abgesehen, nahm die Beschäftigung kräftig zu. 1991 dürfte
           sich das Beschäftigungswachstum in der Gemeinschaft auf 0,2% verlangsamen. Dieser geringe
           Anstieg der Beschäftigung wird jedoch durch den zu erwartenden Anstieg der Erwerbsbevölkerung
           mehr als ausgeglichen. Die Arbeitslosenquote* die seit 1986 kontinuierlich gefallen ist, wird
           voraussichtlich wieder steigen, und zwar von 8,2% (1990) auf 8,7% (1991).
                                                            Schaubild 6
                                                        Produktivitätszyklus
                                   4
                                   3
                                   2
                                   1
                                     «80                    1M6                   1800 1892
                                     fSSS! Differenz zwischen Wachstumsrate des BIP
                                           und den Erwerbstätigen
                                        II. DIE AUSSICHTEN FÜR 1991 UND 1992
          Zu Ende des ersten Quartals 1991 sind die wichtigsten Faktoren, die dem gegenwärtigen Abschwung
          zugrunde liegen, entweder verschwunden, oder es ist bei ihnen eine Gegenentwicklung eingetreten: die
          Golfkrise wurde beendet, die ölpreise sind zu ihrem Niveau vor dem Konflikt zurückgekehrt, die
          Wirtschaftstätigkeit in den Vereinigten Staaten dürfte sich in der zweiten Jahreshälfte wieder erholen,
          der Abwärtstrend beim Dollar wurde von einem Aufwärtstrend abgelöst, und das Vertrauen stellt sich
          nach und nach wieder ein.
          Die im Kern gesunden fundamentalen Wachstumsbedingungen in der Gemeinschaft dürften sich
          daher wieder geltend machen. Beim zurückgehenden realen Wachstum dürfte im Laufe des Jahres der
          Tiefstand erreicht werden, so daß sich die Aktivität in der zweiten Jahreshälfte wieder allmählich
          erholt: das reale BIP-Wachstum könnte, hauptsächlich getragen von einer steigenden Verbrauchs-
          und Investitionsnachfrage, von 1V4% im Jahre 1991 auf 2V4% im Jahre 1992 steigen.
          A. Die Risikofaktoren
          Diese relativ günstigen Erwartungen setzen ganz entscheidend voraus, daß sich das Verbraucher- und
          Unternehmensklima erholt. Jede Verzögerung, die bei der Wiedergewinnung geschwundenen
          Vertrauens eintritt, könnte die Wirtschaftsleistung in der Gemeinschaft beeinträchtigen. Festigt sich
          die Verbraucherzuversicht wieder und bleiben die Realeinkommen im wesentlichen stabil oder steigen
          sie sogar etwas, so dürfte die Konsumnachfrage allmählich zunehmen.
 ---pagebreak--- Nr. C 190/30                             Amtsblatt der Europäischen Gemeinschaften                                 22. 7. 91
           Daß es bei der Investitionstätigkeit 1992 wieder zu einem Aufschwung kommt, ist unter anderem
           anzunehmen, weil die Verschlechterung bei den Lohnkosten nur vorübergehend war und sich die
           Reallohnerhöhungen pro Kopf von 2V4% im Durchschnitt der Jahre 1986 bis 1991 auf 1V2% im
           Jahre 1992 verringern dürften. Sollte eine solche Entwicklung jedoch nicht eintreten, so würde sich die
           Rentabilität in der Gemeinschaft insgesamt ein drittes Jahr hintereinander nicht verbessern, was die
           Investitionserwartungen drücken würde. Durch eine weitere Abschwächung der Wirtschaftstätigkeit
           zusammen mit weiterhin schrumpfenden Gewinnen könnte sich die Lage noch mehr verschlech-
           tern.
           Ein weiterer Risikofaktor ist die Instabilität des US-Dollars. Der Dollarkurs hat sich in den letzten
           Jahre sehr volatil verhalten. Auch wenn ein weiterer Rückgang nunmehr weniger wahrscheinlich
           erscheint, so kann er doch immer noch nicht ausgeschlossen werden, sollte es nämlich 1991 nicht zu
           dem erwarteten Wiederaufschwung in den USA kommen. Aber auch eine kräftige Aufwärtsbewegung
           beim Außenwert des Dollar bliebe nicht ohne nachteilige Auswirkungen auf die Gemeinschaft: ihre
           Wettbewerbsstellung würde sich zwar bessern, doch könnte es auch zu sehr viel stärkeren
           inflationären Impulsen kommen, weil die Preise für Einfuhren der Gemeinschaft steigen würden.
           B. Die wirtschaftspolitischen Aufgaben
           Die noch andauernde Abkühlung erfordert keine erhebliche Änderung der Wirtschaftspolitik. Vor
           dem Hintergrund weiterhin positiver fundamentaler Wachstumsvoraussetzungen formieren sich nach
           und nach die Kräfte, die zu einem baldigen Wiederaufschwung der Wirtschaftstätigkeit führen
           dürften: die Zunahme der Einkommen der privaten Haushalte, die Abwärtstendenz bei den
           langfristigen Zinsen, geräumte Lager im Laufe des Jahres 1991, all dies deutet darauf hin, daß der
           Umschlag zu einem sich wieder beschleunigenden Wachstum kurz bevorsteht. In einigen Bereichen
           verlief die Entwicklung jedoch weniger zufriedenstellend, so daß hier weitere Fortschritte geboten
           wären.
           1.      Rentabilität, Wachstum und Beschäftigung
                   Zu der Verbesserung der fundamentalen Wachstumsbedingungen in den 80er Jahren kam es
                   nicht von alleine, sondern sie war Ergebnis einer in sich stimmigen wirtschaftspolitischen
                   Strategie zur Stärkung der wirtschaftlichen Leistungskraft Europas, unterstützt durch ein
                   relativ günstiges internationales Umfeld. Neben anhaltend guten Nachfrageerwartungen wird
                   die Lohnentwicklung bei der Herbeiführung des Aufschwungs eine entscheidende Rolle
                   spielen. Maßvolle Lohnerhöhungen sind weiterhin eine wesentliche Voraussetzung, um
                   beschäftigungswirksame Investitionen zu fördern, die nötig sind, um die immer noch hohe
                   Arbeitslosenquote zu verringern.
                   Die relativ ungünstigen Lohnkostenentwicklungen der letzten Zeit haben die mittelfristigen
                   Aussichten für die Gewinne in der EG noch nicht ernsthaft in Mitleidenschaft gezogen.
                   Während der 80er Jahre hatte sich die Rentabilität beträchtlich verbessert, und das Bild hatte
                   sich durch die jüngste Verschlechterung nicht grundlegend geändert. Die Nettorendite des
                   Kapitalstocks hatte jedoch ihr Durchschnittsniveau der Jahre 1961 bis 1973 noch nicht
                   erreicht, da jetzt mehr Kapital pro produzierte Einheit eingesetzt wird (siehe Schaubild 7). Im
                   Hinblick auf die immer noch hohe Arbeitslosigkeit wäre ein weiterer Anstieg der Investitions-
                   quote zu begrüßen. Dies würde die Wiederherstellung klarer Erwartungen hinsichtlich weiterer
                   Rentabilitätsverbesserungen erfordern.
 ---pagebreak--- 22. 7. 91                         Amtsblatt der Europäischen Gemeinschaften                             Nr. C 190/31
                                                          Schaubild 7:
                             Indikatoren der Rentabilität, EUR-12, Indizes 1961—1973 = 100
                                 120
                                 110
                                                                    Nettoprofitrate je Einheit
                                100
                                                           Rentabilität des Anlagevermögens
                                  SO I i i i i i i i i 1.1 i i i i i i i i i i i i i i i i i i i i
                                     1M1   «M        t»TO      1»7*      WH        IM«         «tOtl
                                  * Vorausschätzungen
             Lohnzurückhaltung ist eine wesentliche Grundbedingung zur Förderung beschäftigungswirk-
             samer Investitionen. Die Reallohnzuwächse müssen unter dem Anstieg der gesamten
             Faktorproduktivität bleiben, damit Verlagerungen in Richtung kapitalintensiverer Formen der
             Produktion unterbleiben und sich die Beschäftigungswirksamkeit des Wachstums weiter
             erhöht. Mit 8,3 % im Jahre 1990 ist die Arbeitslosenquote nach wie vor unannehmbar hoch,
             und sie wird 1991 und 1992 wieder zunehmen. Erforderlich ist es aber, sie weiter zu senken.
             Die Verstärkung von Lohndruck bei gleichzeitigem Fortbestand einer so hohen Arbeitslosigkeit
             offenbart Rigiditäten auf dem Arbeitsmarkt.
             Während die Aussichten für 1991 noch keinen Anlaß zur Besorgnis bieten, sind die hohen
             Lohnerhöhungen in Deutschland bedenklich. Sie riskieren die Preisstabilität in dem Land zu
             untergraben, das in der Vergangenheit in diesem Bereich die besten Ergebnisse von allen
             EWS-Ländern aufzuweisen hatte und dessen Währung daher als Anker diente. Sollten diese
             Lohnerhöhungen darüberhinaus auch auf Nachbarländer übergreifen, so könnte die Lage
             wirklich beunruhigend werden und in eine Kostendruck-Inflation einmünden. Die Lage ist
             umso besorgniserregender, als derartige höhere Lohnerhöhungen in diesen Ländern tendenziell
             leichter hingenommen werden könnten, da sie die externe Wettbewerbsfähigkeit nicht
             beeinträchtigen würden. Sie könnten hingegen zu sinkender Rentabilität führen und damit das
             Wachstums-, Investitions- und Beschäftigungspotential der Wirtschaft schwächen.
             Die Lohnsituation im Vereinigten Königreich ist ebenfalls immer noch nicht zufriedenstellend,
             auch wenn für 1991 und 1992 eine gewisse Verbesserung erwartet wird. Hier vermittelt
             die EWS-Mitgliedschaft dem Land die Rahmenbedingungen für eine vernünftigere Lohn-
             bildung.
             Auch in Portugal, Griechenland, Italien und Spanien führt die voraussichtliche Lohnentwick-
             lung, auch wenn sie die Rentabilität nicht bedroht, nicht gerade zu einer besseren nominalen
             Konvergenz. In den anderen Ländern der Gemeinschaft ist offensichtlich weniger Anlaß zur
             Besorgnis vorhanden, sofern sich das unterstellte Lohnverhalten tatsächlich konkretisiert.
          2.  Inflation
             Eine maßvolle Lohnentwicklung ist nicht nur zur Verbesserung der Beschäftigungslage von
             Bedeutung, sondern auch zur Förderung der nominalen Konvergenz in der Gemeinschaft.
             Zusammen mit der Lohnentwicklung sind die Inflationsergebnisse mit großer Aufmerksamkeit
 ---pagebreak--- Nr. C 190/32                        Amtsblatt der Europäischen Gemeinschaften                               22. 7. 91
             zu verfolgen. Bei der Verbraucherpreisentwicklung wird zwar eine Verbesserung der
             Konvergenz erwartet, leider jedoch auf einem höheren Inflationsniveau, vor allem aufgrund
             der schlechteren Ergebnisse in diesem Bereich in Deutschland. Mit Blick auf die in der WWU
             erforderlichen nominalen Konvergenz ist die Lage nicht zufriedenstellend.
             Budgetäre Konvergenz
             Nicht nur in* Preisbereich läßt die Konvergenz zu wünschen übrig, sondern auch bei den
             öffentlichen Haushalten, bei denen seit 1989 keine Fortschritte erzielt wurden. Der Prozeß der
             Haushaltskonsolidierung, der in den meisten Ländern etwa 1983 eingesetzt hatte, ist zum
             Stillstand gekommen. In Wirklichkeit ist die Verbesserung, die in den letzten Jahren zu
             verzeichnen war, zu einem großen Teil offensichtlich auf die günstige Konjunkturlage
             zurückzufuhren; möglicherweise ist es sogar zu einer strukturellen Verschlechterung der
             Haushaltssalden gekommen (siehe Schaubild 8). Für die Gemeinschaft insgesamt wird
             geschätzt, daß der Nettofinanzierungsbedarf von 3 % des BIP im Jahr 1989 auf 4 % im Jahr
             1990 und 4,5 % im Jahr 1991 steigt. D. h., daß die Bemühungen zur Haushaltskonsolidierung
             in den meisten Ländern unbedingt verstärkt werden müssen.
                                                         Schaubild 8
                        Strukturelle und zyklische Veränderungen in Finanzierungssalden (in % des BIP)
                                  4
                                      B  DK     D   GR   ES   F    IRL   I    L   NL    P VK
                                      B  DK     D   GR   ES   F    IRL   I    L   NL    P VK
                                          1990                  (:•; I zyklische Bilanz
                                   2-
                                                                WM Strukturbilanz
                                                            n^
                                      B  DK    D   GR    ES  F    IRL    I   L    NL    P VK
 ---pagebreak--- 22. 7. 91                          Amtsblatt der Europäischen Gemeinschaften                               Nr. C 190/33
          4. Ungenügende Ersparnis
             Die jüngsten budgetären Trends in der Gemeinschaft sind nicht nur im Hinblick auf die
             erwünschte Konvergenz hin zur WWU beunruhigend, sondern auch im Zusammenhang mit
             der zunehmenden Kapitalknappheit in der Weltwirtschaft, die sich durch die Öffnung der
             osteuropäischen Länder verschärft hat. Darüber hinaus haben die großen Industrieländer ihre
             Inanspruchnahme von Nettoersparnissen aus den übrigen Teilen der Welt in den letzten Jahren
             gesteigert, vor allem infolge des Abbaus der Versorgung mit überschüssiger Ersparnis aus
             Japan und insbesondere Deutschland (Schaubild 9). Die Ersparnis des Privatsektors hielt sich
             in den 80er Jahren mehr oder weniger stabil, da die Abnahme bei der Ersparnis der
             Unternehmen kompensiert wurde. Der wichtigste Einzelfaktor, der für den Rückgang der
             Ersparnis in den Industrieländern verantwortlich ist, sind die überhöhten Defizite der
             öffentlichen Haushalte in den großen Ländern. Gelingt es diesen nicht, hier Abhilfe zu schaffen,
             so würde dies nicht nur ihr binnenwirtschaftliches Wachstumspotential verringern, sondern
             auch den Bemühungen entgegenwirken, den längerfristig nicht tragbaren und unerwünschten
             Nettoressourcenzufluß aus den Entwicklungsländern in die Industrieländer, wie er während
             der gesamten 80er Jahre zu beobachten war, umzukehren.
                                                             Schaubild 9
                          Ersparnis und Investition in den wichtigsten Industrieländern (in % des BIP)
                                                      EG — USA — Japan
                                     M
                                     M
                                                   Ersparnis
                                     *4 -
                                     tt
                                           Investition
                                     M
                                                                                       nm
                                                                EG
                                      M
                                                  Ersparnis
                                      M
                                                  Investition
                                      St -
                                      tO
                                               um
             Eine globale Verknappung von Sparkapital könnte zu einer anhaltenden scharfen Anspannung
             der weltweiten Kapitalmärkte und zu sehr hohen langfristigen Zinsen fuhren. In diesem
             Zusammenhang darf nicht übersehen werden, daß die niedrigere Investitionsnachfrage
             1990/91 es dem öffendichen Sektor ermöglicht hat, einen größeren Anteil der Ersparnis zu
             absorbieren, was bisher die Realzinsen noch nicht allzu stark unter Druck gesetzt hat. Unter
             diesen Bedingungen können die realen langfristigen Zinsen hoch bleiben und sogar erneut
             steigen, sollte es zu einer starken Erholung der Investitionsnachfrage kommen.
 ---pagebreak--- Nr. C 190/34                            Amtsblatt der Europäischen Gemeinschaften                                22. 7. 91
                                  III. WIRTSCHAFTSPOLITISCHE SCHLUSSFOLGERUNGEN
           Um das Wirtschaftswachstum und die Beschäftigung abzustützen, wird sich die Gemeinschaft mehr
           auf ihr eigenes Potential verlassen müssen. Ein Klima der Stabilität ist hierfür eine wesentliche
           Voraussetzung. Daher wird die Gemeinschaft an einer vorsichtigen und ausgewogenen Geld- und
           Finanzpolitik festhalten müssen. Dies wird auch Zur Wahrung der günstigen Wachstumsvorausset-
           zungen beitragen. Die Vollendung des Binnenmarktes und die sonstigen Strukturpolitiken, weitere
           Verbesserungen des wirtschaftlichen und sozialen Zusammenhalts und der Umwelt werden das
           Potential der Gemeinschaft stärken.
           Die Verschlechterung der kurzfristigen Wachstumsaussichten in der Gemeinschaft ändert nicht die
           positive Grundeinschätzung der fundamentalen Möglichkeiten der Wirtschaft der Gemeinschaft.
           Sofern eine angemessene Politik verfolgt wird, dürfte die Rentabilität günstig bleiben und das starke
           Wachstum der Investitionen könnte sich fortsetzen und erneut zu einer spürbaren Beschäftigungs-
           zunahme führen.
           Um diesen Herausforderungen gewachsen zu sein, ist es um so wichtiger, daß die Koordinierung der
           Wirtschaftspolitik verstärkt wird in Übereinstimmung mit der Entscheidung über die multilaterale
           Überwachung während der Stufe I der WWU. Die multilaterale Überwachung deckt einen weiten
           Bereich makroökonomischer und struktureller Politiken ab, um die Konvergenz der Wirtschafts-
           politik und der wirtschaftlichen Leistung der Mitgliedsländer im Hinblick auf die Erhaltung und
           Verbesserung der Bedingungen für ein anhaltendes beschäftigungswirksames Wachstum sicherzu-
           stellen.
           A. Wahrung der Stabilität und des Wachstumsklimas
           Die Geldpolitik muß weiter darauf ausgerichtet bleiben, die inflationären Spannungen zu dämpfen.
           Die unterschiedliche Konjunktur Situation in den Mitgliedstaaten und die Verstetigung der Wechsel-
            kurserwartungen bieten einen gewissen Spielraum für eine Verringerung des Zinsgefälles, ohne die
            Verpflichtung auf einen festen Wechselkurs zu unterminieren. Da es während der Übergangszeit zur
           WWU noch keine gemeinsame Geldpolitik gibt, muß die Geldpolitik sowohl der inländischen
            Preissituation als auch den Wechselkursüberlegungen Rechnung tragen. Sofern der inflationäre Druck
            nicht deutlich nachläßt und die Haushaltspolitik keine größere Entlastung bringt, gibt es keinen
            Spielraum für eine Lockerung der Geldpolitik in der Gemeinschaft.
            Die Haushaltspolitik muß weiter gestrafft werden, nicht nur im Interesse einer größeren Konvergenz
            in Phase I der WWU, sondern auch als Beitrag zu einer Erhöhung der weltweiten Ersparnis und zur
            Entlastung der Geldpolitik. Bei nachlassenden Haushaltseinnahmen und steigenden Aufwendungen
            für Arbeitslosigkeit erscheint 1991 eine gewisse Verschlechterung der Haushaltssalden infolge der
            automatischen Stabilisatoren unvermeidlich. Um den Konsolidierungsprozeß zu fördern, würde sich
            allerdings empfehlen, wenn die konjunkturbedingte Verschlechterung der Haushaltsposition sich nur
            zum Teil im Gesamtsaldo des Haushalts niederschlagen würde, so daß erneut strukturelle
            Verbesserungen vorgenommen werden könnten. Die Regeln zur Begrenzung der Defizite und
            Verschuldung des öffentlichen Sektors, die von der Gemeinschaft im Rahmen der Regierungskonfe-
            renz ausgearbeitet werden, könnten einen wichtigen Beitrag zu einem gesunden mittelfristigen
            Haushaltsgleichgewicht leisten. Schon jetzt, also während der Übergangsperiode, könnten diese
            Regeln als inoffizielle Richtschnur zur Beurteilung der Haushaltssalden dienen, um sicherzustellen,
            daß bis zum Ende der Phase I hinreichende Fortschritte erzielt werden.
            Ein zunehmender Lohndruck bei gleichzeitig nach wie vor hoher Arbeitslosigkeit zeigt, daß es einer
            fundamentaleren Strukturreform der Arbeitsmärkte bedarf, um beschäftigungswirksame Investitio-
            nen zu fördern. Viel spricht für eine Änderung des Systems der Anreize weg von Arbeitslosenunter-
            stützung und hin zur Umschulung. Weitere Hindernisse für die Schaffung von Arbeitsplätzen sollten
            abgebaut und die Lohnbildung so gestaltet werden, daß die Löhne die Produktivitätsunterschiede
            deutlicher widerspiegeln, um die Anpassung von Angebot und Nachfrage am Arbeitsmarkt zu
            verbessern.
            B. Die Entwicklung des Gemeinschaftspotentials
            Um dem erneuten Auftreten inflationärer Spannungen und divergierender Preisentwicklungen
            entgegenzuwirken, bedarf es der gleichen allgemeinen Wirtschaftspolitik wie zur Schaffung der
            Voraussetzungen für die Verwirklichung der großen Gemeinschaftsobjekte: Wirtschafts- und
            Währungsunion, Vollendung des Binnemarkts, wirtschaftlicher und sozialer Zusammenhalt. Diese
            Projekte ergänzen gleichzeitig die Wirtschaftspolitik, die auf nationaler Ebene durchgeführt wird.
 ---pagebreak--- 22. 7. 91                           Amtsblatt der Europäischen Gemeinschaften                               Nr. C 190/35
          1.  Vollendung des Binnenmarktes
             Zur Sicherung seiner wirtschaftlichen Zukunft wurde in Europa ein Programm eingeleitet, mit
              dem ein Markt von kontinentalen Ausmaßen geschaffen werden soll. Eins der Haupthinder-
              nisse, denen sich Europa auf dem vom Wettbewerb bestimmten Weltmarkt immer noch
              gegenübersieht, ist die Zersplitterung seiner Märkte, die es schwer macht, in optimalen
              Größenordnungen zu produzieren, die den technischen Fortschritt aufhält und die Entwick-
             lung des besonders stark expandierenden Dienstleistungssektors behindert. Die Öffnung der
             europäischen Grenzen wird den Wettbewerb beleben. Durch die stärkere Spezialisierung und
              Effizienz der Produktion wird die Auswahl für den Verbraucher erheblich verbreitert.
             Das Binnenmarktprogramm ist die entscheidende Antriebskraft für eine Verbesserung der
             Wachstumsaussichten und eine größere Prosperität in der Gemeinschaft. Die Wirtschaftsteil-
             nehmer richten sich in zunehmendem Maße auf das von einem starken Wettbewerb geprägte
              Umfeld und die neuen Bedingungen und Chancen nach 1992 ein. Immer mehr Firmen haben
             ihren Markthorizont stark erweitert und ändern ihre Unternehmensstrategien entsprechend.
             Neben den positiven Wachstumseffekten, die sich aus der Abschaffung der Kontrollen an den
             Binnengrenzen und der Beseitigung der technischen Hemmnisse für den freien Waren- und
             Dienstleistungsverkehr ergeben, vor allem bei finanziellen Dienstleistungen, wird das Wachs-
             tum auch den positiven Effekten aus der notwendigen Umstrukturierung der Industrie sowie
             des Dienstleistungssektors und den positiven Veränderungen der Marketingstrategien zu
             verdanken sein.
             Auf dem Binnemarkt ist eine wirksame gemeinschaftliche Wettbewerbspolitik wesendich, da
             Maßnahmen und Praktiken zur Einschränkung oder Vermeidung des Wettbewerbs (z.B.
             erhöhte Subventionen oder Absprachen über die Aufteilung von Märkten) diese positiven
             Effekte vermindern würden. Würde die Vollendung des Binnenmarktes schon bald durch eine
             gemeinsame Währung gekrönt, dann würde dies — wie jüngste Umfragen bei den Unterneh-
             mern gezeigt haben — das positive Klima in der Geschäftswelt noch verstärken.
             Die großen Erwartungen, die geweckt wurden, dürfen nicht enttäuscht werden. Daher muß der
             Termin des 1. Januar 1993 für die Vollendung des Binnenmarktes eingehalten werden. Die
             noch ausstehenden Beschlüsse zu den im Weißbuch von 1985 enthaltenen Vorschlägen müssen
             folglich sobald wie möglich gefaßt werden. Erhebliche Fortschritte sind bereits erzielt worden,
             und in allen Bereichen der Wirtschaftstätigkeit wurden Entscheidungen getroffen. Die
             Kommission hat bereits sämtliche in dem Weißbuch aufgeführten Vorschläge vorgelegt, und
             der Rat hat über 2 / 3 dieser Vorschläge angenommen. Die Kommission wendet sich nun in
             verstärktem Maße den Problemen der Umsetzung zu (rund 72% der bislang notwendigen
             nationalen Umsetzungsmaßnahmen wurden bereits getroffen) sowie dem reibungslosen
             Funktionieren des Binnenmarktes. In wichtigen Bereichen, die mit der vollständigen Beseiti-
             gung der Kontrollen an den Binnengrenzen zusammenhängen, stehen noch Beschlüsse aus. Der
             Rat muß diesen Bereichen Vorrang einräumen (dazu gehört die Annäherung der Sätze der
             indirekten Steuern) und die Entwicklung regelmäßig verfolgen, um sicherzustellen, daß die
             notwendigen Beschlüsse gefaßt werden, damit die Fortschritte in Richtung einer vollständigen
             Beseitigung der Binnengrenzen unumkehrbar werden, wie dies bei dem restlichen Programm
             der Fall ist. Die Mitgliedstaaten sollten das Tempo der Umsetzung beschleunigen und bis Ende
             1991 alle Rückstände aufgeholt haben.
          2. Verbesserung des wirtschaftlichen und sozialen Zusammenhalts
             Auch die Stärkung des wirtschaftlichen und sozialen Zusammenhalts wird die Wachstums-
             aussichten verbessern. Ein überdurchschnittliches Wachstum in den weniger wohlhabenden
             Ländern würde zur Kräftigung des Wachstumspotentials der Wirtschaft der Gemeinschaft
             insgesamt beitragen.
             Die Stärkung des wirtschaftlichen und sozialen Zusammenhalts und das Ziel einer harmoni-
             schen Entwicklung der europäischen Regionen sind in Artikel 130 der Einheitlichen
             Europäischen Akte bestätigt worden. Infolge des überdurchschnittlichen Wachstums in den
             betreffenden Ländern und Regionen, wie dies in den letzten Jahren in Spanien, Portugal und
             Irland, nicht jedoch in Griechenland zu beobachten war, hat das Einkommensgefälle
             begonnen, sich allmählich zu verringern (Tabelle 4), und das Wachstumspotential der
             Gemeinschaft weitet sich als Ganzes aus. Die Kluft ist allerdings nach wie vor beträchtlich und
             erfordert langanhaltende Aufholanstrengungen.
 ---pagebreak--- Nr. C 190/36                          Amtsblatt der Europäischen Gemeinschaften                                               22. 7. 91
                                                              TABELLE 4
              Der Aufholprozeß in der Gemeinschaft — BIP (*) zu jeweiligen Marktpreisen und Kaufkraftparitäten
                                             pro Kopf der Bevölkerung (EUR-12 = 100)
                                         Griechenland            Spanien                 Irland                 Portugal
              1986                           55,9                 72,8                    63,4                   52,5
              1987                           54,1                 74,7                    64,4                   53,7
              1988                           54,2                 75,7                    64,7                   53,7
              1989                           54,0                 76,9                    67,0                   54,9
              1990                           52,9                 77,8                    68,6                   55,6
              1991                           52,6                 79,2                    68,7                   57,1
              1991—1986                     -3,3                 + 6,4                   + 5,3                   + 4,6
              (*) Durch die Bezugnahme auf das BIP wurden die Fortschritte möglicherweise überschätzt, da die Einkommensüber-
                  tragungen an das Ausland schneller zugenommen haben können als das Wachstum des nominalen BIP.
              Die wirtschaftlich stärkeren Länder könnten durch die Wahrung eines dynamischen Wachs-
              tums und die Öffnung ihrer Märkte zu diesem Prozeß beitragen. Durch die Verdoppelung der
              Strukturfondsmittel und die gleichzeitige Verstärkung der Finanzinstrumente werden Grie-
              chenland, Portugal und Irland Mittel zur Verfügung gestellt, die 3 bis 5 % des BIP im Jahre
               1993 entsprechen. Sie unterstützen die beträchtlichen strukturpolitischen Verbesserungen, die
              bislang erzielt wurden. Durch die Wirtschafts- und Sozialpolitik muß sowohl auf nationaler als
              auf Gemeinschaftsebene die Grundlage für ein anhaltendes Wachstum des realen BIP ohne
              inflationäre Spannungen und untragbare binnen- und außenwirtschaftliche Ungleichgewichte
              geschaffen werden. Die in einem Aufholprozeß stehenden Länder werden jedoch weiterhin in
              erster Linie selbst für ihre Entwicklung verantwortlich bleiben.
           3.  Strukturanpassung
              Die Strukturpolitik verbessert die Anpassungsfähigkeit der Wirtschaft in den Mitgliedstaaten.
              Sie vergrößert die Flexibilität der Güter- und Faktormärkte und dürfte Ausmaß und Tempo der
              Preisanpassungen auf diesen Märkten an Veränderungen der Marktbedingungen verbessern.
              Dadurch reduziert die Strukturpolitik die etwaige Höhe und Dauer der durch Störungen
              entstehenden Anpassungskosten.
              Über das Binnenmarktprogramm hinaus haben die Mitgliedstaaten eine Reihe von Struktur-
              verbesserungen eingeleitet, um dem verstärkten Wettbewerb auf dem einheitlichen Markt
              besser gewachsen zu sein. Die wichtigsten Initiativen betrafen bislang die Liberalisierung der
              Finanzmärkte und die Umstrukturierung der Einkommen- und Körperschaftssteuer.
               Die Regierungen haben Maßnahmen getroffen, die die Arbeitsmärkte in die Lage versetzen
               sollen, den Wandel besser zu bewältigen. Weiterhin genießt die Bildungs- und Berufsausbil-
               dungspolitik in vielen Mitgliedstaaten hohe Priorität. Sie ist ein wichtiges Element für die
               Eingliederung von Langzeitarbeitslosen. Die strukturpolitischen Arbeitsmarktinitiativen müs-
               sen noch stärker in den Vordergrund gestellt werden.
               Auch im öffentlichen Sektor muß die Strukturreform weitergeführt werden, um seine Effizienz
               zu verbessern und transparenten und fairen Wettbewerb zwischen privaten und öffentlichen
               Unternehmen sicherzustellen.
               Eine höhere wirtschaftliche Effizienz und bessere Ressourcenallokation sollten nicht nur
               innerhalb der Gemeinschaft, sondern weltweit angestrebt werden. Die Uruguay-Runde ist ein
               kooperativer Versuch, das Wachstum des Welthandels und der Weltwirtschaft zu fördern. Als
               größter Handelsblock der Welt hat die Gemeinschaft ein natürliches Interesse an einer
              erfolgreichen Beendigung dieser Verhandlungen. Sie dienen gleichzeitig dazu, unseren
               schwächeren Handelspartnern, insbesondere den mittel- und osteuropäischen Staaten sowie
               den Entwicklungsländern, eine bessere Plattform zu verschaffen.
 ---pagebreak--- 22. 7. 91                                 Amtsblatt der Europäischen Gemeinschaften                                 Nr. C 190/37
          4.     Die umweltpolitische Herausforderung
                  So wie schon die früheren Ölschocks dazu beigetragen haben, die Auffassung der 50er und
                  60er Jahre zu widerlegen, daß Wirtschaftswachstum und Energieeinsatz parallel verlaufen,
                  so erkennt man heute — nicht zuletzt infolge der Golfkrise — immer mehr, daß der
                  Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum und Umweltverschmutzung durchbrochen
                  werden muß. Die Erfahrungen der osteuropäischen Länder, in denen die Umwelt weit stärker
                  belastet ist als in den reicheren Ländern der Gemeinschaft, zeigen immerhin, daß dieser
                  Zusammenhang nicht notwendigerweise vorgegeben ist. Die besseren Ergebnisse der Gemein-
                  schaft sind kein Grund zur Selbstzufriedenheit und müssen noch wesentlich verbessert werden.
                  Allerdings besteht ein deutlicherer Zusammenhang zwischen Preismechanismus und Umwelt-
                  verschmutzung. Oftmals spiegeln die Marktpreise nicht die vollen gesellschaftlichen Umwelt-
                  kosten der Produktion und des Verbrauchs wider. Weiterhin werden die privaten Wirtschafts-
                  teilnehmer bei ihren Konsum- oder Investitionsentscheidungen für gewöhnlich nicht dazu
                  veranlaßt, die Umweltfolgen dieser Entscheidungen zu berücksichtigen.
                  Im Mittelpunkt jeder umfassenden Politik zur Bewältigung der Umweltprobleme — über die
                  unvermeidlichen administrativen Regelungen hinaus — muß daher die Internalisierung dieser
                  externen Umwelteffekte stehen, um den Marktteilnehmern die richtigen Signale zu geben.
                 Ziel dabei ist eine strukturelle Umgestaltung des Wirtschaftswachstums dergestalt, daß ein
                  tragfähiger Entwicklungspfad erreicht wird. Eine verstärkte Umweltschutzpolitik würde die
                 Privatwirtschaft nicht zwangsläufig einengen, sondern könnte bedeutende Marktchancen für
                  diejenigen bieten, die die Vorreiterrolle bei der Einführung umweltfreundlicher Produkte und
                 Produktionsverfahren übernehmen.
                 Es besteht nunmehr ein breiter Konsens darüber, daß in der Umweltpolitik mehr wirtschafts-
                 und fiskalpolitische Instrumente eingesetzt werden sollten und daß der optimale policy mix
                 jedoch nach wie vor in einer ausgewogenen Mischung aus marktorientierten und traditionellen
                 regulierenden Instrumenten bestehen soll. Als wichtigste Beispiele für solche wirtschafts- und
                 fiskalpolitischen Instrumente wurden Steuern, Abgaben oder steuerliche Anreize, Pfand- und
                 Rücknahmesysteme, handelbare Emissionszertifikate und Finanzhilfen oder Subventionen
                 ausgemacht. Bei den Steuern und Abgaben sollten die Auswirkungen auf die Wettbewerbs-
                 position der Gemeinschaft und die Prioritäten des Binnenmarktes gebührend berücksichtigt
                 werden.
                 Da die internationale Dimension der Umweltverschmutzung eine so große Rolle spielt, bedarf
                 es einer engen internationalen Koordinierung. Innerhalb der Gemeinschaft muß ein Minimum
                 an Harmonisierung gewährleistet sein, damit die umweltpolitischen Instrumente nicht mit
                 anderen Gemeinschaftszielen kollidieren und damit die Instrumente der einzelnen Mitglied-
                 staaten miteinander vereinbar sind, wenn es sich um grenzübergreifende Probleme handelt.
          C. Politik zur Erreichung einer stärkeren Konvergenz
          Während die Gemeinschaft ihre wirtschaftliche Konvergenz seit Beginn des Jahrzehnts beträchtlich
          verbessert hat, haben sich in den Jahren 1988 bis 1990 einige besorgniserregende Divergenzen
          ergeben. In manchen Ländern und Bereichen bestehen immer noch ernste Probleme. Im Zuge der
          multilateralen Überwachung wurden die Konvergenzerfordernisse gestrafft. Die erheblichen Fort-
          schritte, die bislang erzielt wurden, sind ein Beweis dafür, daß sich die durch den Wechselkurs-
          mechanismus des EWS auferlegte Disziplin positiv auswirkt. In der Tat besteht ein enger
          Zusammenhang zwischen den bisherigen Konvergenzerfolgen der Mitgliedstaaten und dem Grad, in
          dem sie dieser Disziplin ausgesetzt sind.
          1.     Konvergenz von Preisen und Kosten
                 Das Ausmaß der Preiskonvergenz ist unter den Ländern, die von Anfang an die enge Bandbreite
                 eingehalten haben, am größten. In dieser Ländergruppe lag die durchschnittliche Inflationsrate
                 (Deflator des privaten Verbrauchs) seit 1986 in der Nähe von 3 % oder sogar darunter; in
                 letzter Zeit ist sie allerdings gestiegen. Die Streuung der Inflationsraten ist geringer als in den
                 60er Jahren, und der Abstand zwischen der höchsten (3,8 % in Luxemburg) und der niedrigsten
                 Inflationsrate (2,5% in Dänemark) machte 1990 nur etwas mehr als 1 Prozentpunkt aus
                 (Tabelle 5).
 ---pagebreak--- Nr. C 190/38                           Amtsblatt der Europäischen Gemeinschaften                                                       22. 7. 91
                                                                 TABELLE 5
                   Konvergenz der Inflationsraten in der Gemeinschaft in der zweiten Hälfte der 80er Jahre (')
                                                        1986             1989            1990           1991 (2)         1992 (2)
             EUR-12                                    + 3,8            + 4,9            + 5,0            + 5,0            + 4,6
                                                        Länder mit niedriger und konvergierender Inflationsrate (3)
             EUR-7                                     + 1,2            + 3,3            + 2,8            + 3,2            + 3,6
             Belgien                                   + 0,5            + 3,5            + 3,5            + 3,2            + 3,6
             Dänemark                                  + 2,9            + 5,1            + 2,6            + 2,4            + 2,6
             Deutschland                               -0,2             + 3,1            + 2,5            + 3,5            + 4,2
             Frankreich                                + 2,9            + 3,5            + 3,0            + 3,1            + 3,2
             Irland                                    + 4,3            + 3,9            + 2,6            + 3,0            + 3,0
             Luxemburg                                 + 1,1            + 3,4            + 3,8            + 3,5            + 3,5
             Niederlande                               + 0,2            + 2,9            + 2,6            + 2,8            + 2,9
                                                                         Länder mit hoher Inflationsrate
             EUR-3                                     + 5,7            + 6,0            + 6,7            + 6,3            + 5,3
             Italien                                   + 5,7            + 5,8            + 6,2            + 6,3            + 5,6
             Spanien                                   + 8,6            + 6,6            + 6,4            + 5,9            + 5,3
             Vereinigtes Königreich                     + 4,4           + 5,9            + 7,2            + 6,5            + 5,1
                                                                     Länder mit zweistelliger Inflationsrate
             EUR-2 _                                   + 18,1           + 13,8          + 16,9           + 14,6           + 11,3
             Portugal                                  + 13,8           + 12,8          + 13,6           + 11,5           + 9,8
             Griechenland                              + 22,1           + 14,7          + 20,5           + 18,0           + 13,0
             (1) Deflator des privaten Verbrauchs.
             (2) Vorausschätzung.
             (3) Länder mit niedrigen und konvergierenden Inflationsraten in der zweiten Hälfte der 80er Jahre; es handelt sich um die
                 gleichen Länder, die von Anfang an mit enger Bandbreite am Wechselkursmechanismus teilnahmen.
             Die Konvergenz der Preisentwicklung in diesen Ländern bis 1990 entspricht bereits ungefähr
             derjenigen, die für einen Übergang zur letzten Stufe der WWU erforderlich wäre. Diese
             Konvergenz in der Inflationsrate wurde von einer deutlichen Abschwächung der Wachstums-
             raten der nominalen Lohnstückkosten begleitet.
             Die Beschleunigung der Inflation in diesen Ländern bis 1990 und 1991, vor allem in
             Deutschland, kann unter dem Gesichtspunkt der Stabilität nicht als befriedigend betrachtet
             werden, zumal höhere Lohnkosten die Hauptursache der Inflation zu sein scheinen.
             In einer zweiten Ländergruppe sind die Inflationsraten 1990 immer noch doppelt so hoch wie in
             der ersten Ländergruppe. Italien, das seit kurzem dem engen Wechselkursband angehört, und
             Spanien, das sich im vergangenen Jahr dem breiteren Wechselkursband angeschlossen hat,
             haben seit Beginn der 80er Jahre erhebliche Fortschritte erzielt, doch ist ihre Position in puncto •
             Konvergenz immer noch weit weniger günstig. Beide Länder sind einem starken Lohndruck
             ausgesetzt; die nominalen Lohnstückkosten steigen 1990 um 9 % oder mehr, verglichen mit
             weniger als 5 % in den meisten ursprünglichen Mitgliedsländern des engen Wechselkursban-
             des. Diese Länder sollten ihre Inflationsrate in den nächsten 2 bis 3 Jahren schrittweise auf das
             Niveau der die enge Bandbreite einhaltenden Länder senken. Dazu müssen die Ansprüche der
             verschiedenen Wirtschaftssektoren an die Ressourcen besser miteinander in Einklang gebracht
             werden. Die Festsetzung ehrgeiziger, aber realistischer Inflationsziele und deren Verfolgung
             durch eine stabilitätsorientierte Geld- und Finanzpolitik kann dazu beitragen, ein Klima
             wachsender Stabilität und damit einen Stabilitätsrahmen für die Lohnfindung zu schaffen.
             Das Vereinigte Königreich, das dem Wechselkursmechanismus mit weiter Bandbreite beige-
             treten ist, verzeichnet eine hohe Inflationsrate (mit einem um die Auswirkung der Änderungen
             bei den Kommunalabgaben bereinigten Deflator des privaten Verbrauchs von über 7 % im Jahr
 ---pagebreak--- 22. 7. 91                         Amtsblatt der Europäischen Gemeinschaften                                Nr. C 190/39
             1990) und ein großes Leistungsbilanzdefizit (1990 etwa 2V 4 % des BIP). Die derzeitige
             Rezession wird 1991 und 1992 an beiden Fronten eine »gewisse Entlastung bringen. Das
             Hauptproblem für die Wirtschaft des Vereinigten Königreichs ist der übermäßige Anstieg der
             Lohnkosten. Noch besorgniserregender ist, daß die Lohnabschlüsse immer noch hohe
             Steigerungsraten vorsehen und kaum Anzeichen einer Reaktion auf die nachlassende
             Wirtschaftstätigkeit erkennen lassen. Auch die Zusammensetzung des Index der Einzelhan-
             delspreise mag diese Entwicklung zum Teil erklären. Nachdem das Pfund Sterling dem
             Wechselkursmechanismus beigetreten ist, sind die Erwartungen günstig beeinflußt worden,
             und die Aussichten für einen Rückgang der Inflation im Vereinigten Königreichs haben sich
             verbessert.
             Portugal hat immer noch eine sehr hohe Inflationsrate (1990 über 13%). Die nominalen
             Lohnstückkosten steigen weiter zu schnell (14,5%). Es wird nachhaltiger Anstrengungen
             bedürfen, um die Inflation nach und nach auf das im engen Wechselkurs vorherrschende
             Niveau zurückzuführen. Daß dies möglich ist, haben die Erfahrungen in anderen Mitglied-
             staaten gezeigt. Als 1982 und 1983 die Wechselkurspolitik im EWS strenger gehandhabt
             wurde, waren die Inflationsraten in Irland ähnlich hoch wie heute in Portugal. Die seit Oktober
             1990 verfolgte flexiblere Wechselkurspolitik und der kürzlich mit den Sozialpartnern
             vereinbarte Rahmen für eine moderate Lohnentwicklung dürften zur Eindämmung der
             Inflation beitragen und eine baldige Beteiligung am Wechselkursmechanismus möglich
             machen.
             In der griechischen Wirtschaft bestehen in vielen Bereichen gravierende Ungleichgewichte, die
             radikale Maßnahmen erforderlich machen. Die Inflationsrate liegt 1990 bei über 2 0 % , und
             das Haushaltsdefizit hat eine in der Gemeinschaft beispiellose Höhe erreicht, so daß die
             Schuldenquote im Verhältnis zum BIP rasch ansteigt. Ernsthafte Anpassungsbemühungen sind
             unerläßlich und sollten auf mittlere Sicht durchgehalten werden. Das mittelfristige Programm
             der griechischen Regierung sieht erhebliche Anpassungen vor, von denen man sich 1992 einen
             beträchtlichen Rückgang der Inflation verspricht.
          2. Konvergenz der Hauhaltspolitik
             Die Konvergenz muß nicht nur von der Kosten- und Preisseite her gefördert werden, vielmehr
             müssen auch die öffentlichen Hände ihre Ansprüche an' die Ressourcen verringern, um
             untragbare Ungleichgwichte zu vermeiden, um die Angebotsseite der Wirtschaft zu stärken und
             um einen Handlungsspielraum für den Fall negativer Entwicklungen zu schaffen.
             Bei den öffentlichen Haushalten waren die Konvergenzfortschritte deutlich geringer ausgeprägt
             als bei Preisen und Kosten. In etwa der Hälfte aller Mitgliedstaaten gibt der Umfang des
             Haushaltsdefizits Anlaß zur Sorge. Wie schon gesagt, ist der Konsolidierungsprozeß zum
             Stillstand gekommen. Gleichwohl sind weitere Fortschritte unbedingt notwendig, da unhalt-
             bare finanzpolitische Positionen auf mittlere und längere Sicht die Glaubwürdigkeit der
             Verpflichtung auf monetäre Stabilität unterminieren und eine gesunde Wirtschaftspolitik
             behindern.
             Ein neues Haushaltsproblem hat sich in Deutschland ergeben. Infolge der deutschen Einigung
             hat sich die Haushaltsposition des Landes beträchtlich verschlechtert. Die im Januar und
             Februar 1991 beschlossenen Maßnahmen zur Erhöhung der Sozialbeiträge, Einkommensteu-
             ern und Verbrauchsteuern sollen dem Staat 1991 zusätzliche Einnahmen in Höhe von etwa 1 %
             des BIP verschaffen. Dies würde den Kreditbedarf der öffentlichen Hand 1991 auf etwa 4,7%
             des BIP begrenzen (Tabelle 6). Obgleich gegen die Verwendung der volkswirtschaftlichen
             Ersparnis zur Lösung eines vorübergehenden binnenwirtschaftlichen Problems kaum Einwän-
             de zu erheben sind, sind doch Ausmaß und Geschwindigkeit des Umschwungs in der
             Haushaltsposition der Bundesrepublik vom konjunkturellen Gesichtspunkt aus nicht unge-
             fährlich. Die starke Nachfrage aus der früheren DDR, die noch durch umfangreiche
             Haushaltsübertragungen unterstützt wird, könnte die westdeutschen Produktionskapazitäten
             überfordern, was die Inflation nach oben treiben und zu einer realen Aufwertung des
             DM-Wechselkurses führen könnte. Um diesen Gefahren vorzubeugen und eine Überlastung
             der Geldpolitik zu vermeiden, wäre eine stärkere Straffung der Haushaltspolitik ratsam. Auch
             könnte die Kürzung der Ausgaben und insbesondere der Abbau von Subventionen an
             Regionen, die infolge der Vereinigung keine Zonenrandgebiete mehr sind, stärker in den
             Vordergrund gerückt werden.
 ---pagebreak--- Nr. C 190/40                        Amtsblatt der Europäischen Gemeinschaften                                          22. 7. 91
                                                        TABELLE 6
                                   Finanzierungsüberschuß (+) bzw. -defizit ( - ) des Staates
                                                                                                  (in Prozent des BIP)
                                                 1985      1987       1989          1990      1991 (»)     1992 (')
             Europäische Gemeinschaft            -4,6      -4,2       -3,0          -4,1        -4,6          -4,4
                                                        Länder mit hohem Defizit und Verschuldung
             Griechenland                       -13,8     -12,4      -19,2         -18,9      -15,4         -10,7
             Italien                            -12,5     -11,1      -10,1         -10,6      -10,0         -10,0
                                                              Länder mit hoher Verschuldung
             Belgien                             -8,5      -7,0       -6,6          -6,0        -6,4          -6,1
             Irland                             -11,2      -9,1       -3,5          -3,4        -3,8          -3,5
             Niederlande                         -4,8      -6,6       -5,0          -5,7        -4,8          -4,9
             Portugal                           -10,1      -6,8       -3,4          -5,8        -5,5          -5,0
                                                                      Sonstige Länder
             Dänemark                            -2,0      + 2,4      -0,5          -1,5        -1,3          -1,1
             Deutschland                         + 1,1     -1,9       + 0,2         -2,2        -4,7          -3,9
             Spanien                             -6,9      -3,2       -2,7          -3,7        -2,7          -2,0
             Frankreich                          -2,9      -1,9       -1,4          -1,6        -1,6          -1,5
             Luxemburg                           + 5,3     + 1,2      + 3,1         + 4,2       + 1,7         + 1,6
             Vereinigtes Königreich              -2,8      -1,3       + 1,0         -0,5        -2,2          -3,1
             (') Vorausschätzung.
             In Griechenland und Italien waren die Fortschritte eng begrenzt. In Italien hat sich die
             Haushaltsposition 1990 nochmals leicht verschlechtert und läßt trotz wiederholter Korrek-
             turversuche nur wenige Anzeichen einer Verbesserung erkennen. Die notwendige Rückführung
             der Inflationsrate kann nur im Gleichschritt mit einer erheblichen Verminderung der
             Haushaltsdefizite gelingen: der Umfang der Staatsschuld in Prozent des BIP, der heute 100 %
             übersteigt (Tabelle 7), muß zunächst stabilisiert werden, um später reduziert werden zu
             können. Ein Rückgang der Inflation ohne eine angemessene Haushaltsanpassung würde die
             Schuldenquote sogar noch rascher ansteigen lassen, wie dies in Belgien Anfang und Mitte der
             80er Jahre der Fall war. Bei der unhaltbaren Verschuldungsposition Italiens würde jeder
             weitere Aufschub der korrigierenden Maßnahmen später nur zu noch größeren Anpassungs-
             anstrengungen zwingen, da die lawinenartig anwachsenden Zinslasten die übrigen Ausgaben
             verdrängen.
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                                                    TABELLE 7
                               Brutto-Staatsschuld in den Ländern der Gemeinschaft
                                                                                            (in Prozent des BIP)
                                                1986         1989         1990      1991 (>)        1992 (')
          Belgien                              123,7        128,9        127,5       128,1           127,8
          Italien                                88,4        98,6       100,7        103,3           105,8
          Irland                               115,3        103,8         99,8        97,4            95,2
          Griechenland                           65,1        82,9         86,3        86,0            83,3
          Niederlande                           71,7         78,0         78,5        78,8            79,9
          Portugal                               68,4        71,2         67,3        63,8            61,6
          Dänemark                              66,9         62,5         62,4        62,3            61,7
          Deutschland                           42,7         43,6         43,0        45,4            47,2
          Spanien                               48,0         44,6         45,2        44,5            43,7
          Vereinigtes Königreich                 57,7        45,1         43,2        44,4            45,6
          Frankreich                            34,1         35,7         36,4        37,3            37,8
          Luxemburg                              13,4          8,5          6,3        4,7              3,2
          EUR-12                                58,3         58,6         58,6        60,0            61,0
          (') Vorausschätzung.
          In Griechenland hat das Haushaltsdefizit, das 1990 über 1 8 % des BIP ausmachte, die
          Bruttoschuld des Staats von weniger als 30 % des BIP 1980 auf etwa 86 % im Jahr 1990 rasch
          anwachsen lassen. Von den Anpassungsanstrengungen der griechischen Regierung verspricht
          man sich in diesem und im nächsten Jahr eine beträchtliche Verringerung des Haushaltsdefizits.
          Allerdings werden nachhaltige Anstrengungen über mehrere Jahre hinweg erforderlich sein,
          bevor eine ausreichende Konvergenz erreicht sein wird.
          Auch in Belgien, Portugal und Irland sind die Haushaltsdefizite im Hinblick auf die
          Wirtschafts- und Währungsunion beunruhigend hoch. Die Schuldenquote des Staats ist immer
          noch sehr hoch und ist noch nicht ganz stabilisiert worden. Das Haushaltsdefizit müßte weiter
          verringert werden, um einen deutlich rückläufigen Trend der Schuldenquote zu erreichen. In
          Belgien ist die Schuldenquote immer noch exzessiv (1990: 128 % des BIP). Das Haushaltsde-
          fizit ist zu hoch, um die Schuldenquote senken zu können, wenn sich das Wachstum
          verlangsamt oder die Zinsen steigen. Die zweifache Norm der Regierung, die auf real konstante
          Ausgaben (ohne Zinsen) und ein unverändertes nominales Defizit abzielt, sollte auf allen
          staatlichen Ebenen eingehalten werden. Nur ihre strikte und allgemeine Einhaltung wird
          sicherstellen, daß die Schuldenquote schrittweise gesenkt werden kann, was für die Gewähr-
          leistung der langfristigen Stabilität wesentlich ist. In den Niederlanden ist die Schuldenquote
          zwar nicht so hoch wie in Belgien und Irland, jedoch immer noch nicht ganz stabilisiert. Die
          Haushaltspolitik müßte daher etwas straffer gehandhabt werden. Auch die Haushaltssituation
          in Portugal muß parallel zur Rückführung der Inflation verbessert werden, um die Schulden-
          quote des Staats im Verhältnis zum BIP weiter zu stabilisieren.
          Irland hat sein Haushaltsdefizit bereits spürbar reduziert, so daß die Schuldenquote eine
          deutlich rückläufige Tendenz aufweist. Dieser Trend sollte nunmehr fortgesetzt werden.
          In einer letzten Gruppe von Ländern — zu der Dänemark, Spanien, Frankreich, Luxemburg
          und das Vereinigte Königreich gehören — scheint die Haushaltslage sowohl in bezug auf den
          Finanzierungsüberschuß bzw. das Finanzierungsdefizit als auch auf die Staatsschuld unter
          Kontrolle zu sein und verursacht kein Konvergenzproblem für die Gemeinschaft. Allerdings
          muß die Erhöhung des Haushaltsdefizits im Vereinigten Königreich aufmerksam verfolgt
          werden, auch wenn es teilweise auf die Rezession zurückzuführen ist. Diese allgemeine
          Einschätzung ändert jedoch nichts an der auch für die übrigen Länder geltenden Notwendigkeit
          struktureller Verbesserungen der öffentlichen Finanzen, um die Angebotsseite der Wirtschaft
          zu stärken, sich auf den Binnenmarkt von 1992 vorzubereiten und die im Interesse eines
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                  besseren policy mix notwendige Haushaltsflexibilität zu vergrößern. Dies wird vor allem eine
                  Umschichtung der Ausgaben und Einnahmen, in manchen Fällen eine Senkung des Anteils der
                  öffentlichen Ausgaben am BIP und eine Verringerung der Steuerlast implizieren.
                  Außerdem leiden manche dieser Länder nach wie vor unter starken inflationären Spannungen
                  und hohen außenwirtschaftlichen Defiziten, so z. B. das Vereinigte Königreich und Spanien,
                  oder unter einer hohen Auslandsverschuldung wie Dänemark. Daher muß in diesen Ländern an
                  einer vorsichtigen Haushaltspolitik festgehalten werden.
           3.     Konvergenz der außenwirtschaftlichen Positionen
                  In einer zusammenwachsenden Wirtschaft mit vollständig liberalisiertem Kapitalverkehr und
                  zunehmend festen Wechselkursen muß die Konvergenz der Leistungsbilanzsalden von einem
                  anderen Blickwinkel aus betrachtet und von Fall zu Fall beurteilt werden, ob Leistungsbilanz-
                  gleichgewichte angemessen sind oder nicht.
                  Spanien hat ein hohes und steigendes Leistungsbilanzdefizit (1990 über 3V2 Punkte des BIP).
                  Ein Leistungsbilanzdefizit wäre im Falle Spaniens an und für sich nicht beunruhigend, solange
                  dies der Finanzierung einer raschen Ausweitung der produktiven Investitionen durch
                  Kapitalimporte dient. Diese Kapitalimporte übten einen starken Aufwertungsdruck auf den
                  Wechselkurs aus. Anlaß zur Sorge gibt vielmehr die Geschwindigkeit der Verschlechterung der
                  Leistungsbilanz, die 1987 noch im Gleichgewicht war. Für 1991 und 1992 wird jedoch eine
                  Stabilisierung des Defizits erwartet. Wenn die Wechselkurse weiterhin stabil bleiben sollen,
                  müssen die Lohnstückkosten in Spanien schon bald langsamer steigen als bei seinen wichtigsten
                  Handelspartnern, um die Wettbewerbsstellung des Landes zu verbessern. So würden auch die
                  Voraussetzungen für ein weiterhin kräftiges Wachstum geschaffen, das notwendig ist, um die
                  anhaltend hohe Arbeitslosigkeit zu senken und den Aufholprozeß fortsetzen zu können. Diese
                  Überlegungen gelten auch für Griechenland, dessen außenwirtschaftliche Position sich in den
                  letzten Jahren drastisch verschlechtert hat und wo für 1991 und 1992 nur bescheidene
                  Fortschritte erwartet werden.
                  In Italien bereitet die außenwirtschaftliche Position zwar noch keine Sorge, sie gibt jedoch
                  Anlaß, die Lohnentwicklungen kritisch zu verfolgen, um die internationale Wettbewerbs-
                  fähigkeit zu erhalten. Im Vereinigten Königreich wird eine gewisse Verbesserung der
                  außenwirtschaftlichen Position erwartet, vor allem wegen der sinkenden Inlandsnachfrage.
                  Allerdings muß die Kostenentwicklung sorgfältig beobachtet werden, um eine erneute
                  Verschlechterung der Leistungsbilanz zu vermeiden, sobald sich die Inlandsnachfrage wieder
                  belebt.
                  Die Leistungsbilanzpositionen der von Anfang an mit enger Bandbreite am Wechselkurs-
                  mechanismus teilnehmenden Länder dürften im großen und ganzen tragfähig sein. Der
                  deutsche Überschuß, der in jüngster Vergangenheit Grund zur Besorgnis gab, verschwindet ab
                   1991 infolge des Einigungsprozesses. Beträchtliche Fortschritte sind in Dänemark erzielt
                  worden, wo sich 1990 erstmals seit Anfang der frühen 60er Jahre ein Leistungsbilanzüberschuß
                  ergeben hat, der auch 1991 und 1992 anhalten dürfte. Dies wurde allerdings mit erheblichen
                  Wachstumseinbußen erkauft. Eine weitere Verbesserung der Wettbewerbsposition könnte zur
                  Konsolidierung dieser positiven Entwicklung bei gleichzeitig erhöhter Wirtschaftstätigkeit und
                  Beschäftigung beitragen.
           Durch eine angemessene Geld-, Haushalts- und Strukturpolitik können die internen inflationären
           Spannungen aufgefangen und somit die fundamental positiven Wachstumsbedingungen der Gemein-
           schaft gewahrt werden. Gleichzeitig wird die Entwicklung des Gemeinschaftspotentials die Ange-
           botsseite der Wirtschaft stärken und dazu beitragen, daß sie ihren mittelfristigen Wachstumstrend
           fortsetzen kann. Ein solcher policy mix schafft gleichzeitig die Voraussetzungen für einen
           erfolgreichen Übergang zur Wirtschafts- und Währungsunion.
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                                     WICHTIGSTE WIRTSCHAFTLICHE INDIKATOREN 1988—1992
                                                    GEMEINSCHAFT, USA UND JAPAN
 a) BIP zu konstanten Preisen (})                                     b) Inlandsnachfrage zu konstanten Preisen
    (jährliche Veränderung in %)                                          (jährliche Veränderung in %)
               1988       1989     1990 (*)   1991 (*)  1992(*)                       1988      1989   1990 (*) 1991 (*)    1992 (*)
 B              4,6        3,9         3,7        2V4     2V2         B                4,1       4,9       3,6      2%        2V2
 DK             0,5        1,2         1,6        iv2     2V4         DK             -1,7        0,3    -0,8          v4       iv2
 D              3,7        3,3         4,7        2V4     iv4         D                3,8       2,7       5,1      3         2V2
 GR             4,1        2,8         0,1          v<    iv2         GR               7,0       3,3       2,5        v4      2
 E              5,2        4,8         3,7        3       3'/2        E                7,1       7,8       4,6      3V2       4V4
 F              3,6        3,6         2,8        1V2     2V2         F                3,8       3,2       3,2      1%        2%
 IRL            3,9        5,9         5,2        1%      2V4         IRL              0,4       6,0       5,5      iv2        iv4
 I              4,2        3,2         2,0        1%      2'/ 2       I                5,0       3,6       1,9      2         3
 L              5,5        6,1         3,7        3       3%          L                3,6       7,8       3,7      4%        3V4
 NL             2,7        4,0         3,3        2%      iv4         NL               1,6       4,9       3,8      2%         1
 P              3,9        5,4         4,0        2%      2V4         P                7,4       4,0       5,8      5%        4V2
 UK             4,6        2,2         0,6      -2V4      2V4         UK               8,0       3,1    -0,1    -3            2V2
 EG             4,0        3,3         2,7        IV,     2V4         EG               5,0       3,7       2,8      iv2       2V4
 USA            4,5        2,8         1,0        0       iv2         USA              3,3       2,2       0,5     -v 2        iv2
JAP             5,7        4,9         5,6        3%      4           JAP              7,3       5,7       5,8     4          4V 2
 c) Deflator des privaten Verbrauchs                                  d) Leistungsbilanzsaldo
    (jährliche Veränderung in %)                                         (in % des BIP)
                 1988      1989      1990 (*)  1991 (») 1992 (*)                      1988      1989   1990 (*) 1991      n 1992 (*)
B                 1,6        3,5         3,5     3%       3V2         B                1,5       1,1       0,7       1          1
 DK               4,9        5,1         2,6     2V2      2'/ 2       DK             -1,2      -1,2       0,8        iv2        2V2
D                 1,3        3,1         2,5     3V2      4V 4        D                4,2       4,7      3,0        0        -v 4
GR               14,2       14,7       20,5     18       13           GR             -2,0      -4,8     -5,7     -5          -4
E                 5,1        6,6         6,4     6        5V4         E              -1,1      -3,2     -3,5     -3          -3%
F                 2,9        3,5         3,0     3        3V4         F              -0,3      -0,1     -1,0       -%        -1
 IRL              2,5        3,9         2,6     3        3           IRL              1,7       1,3      2,7        2V 4       1%
I                 5,2        5,8         6,2     6V4      5V2         I              -0,8      -1,4     -1,4     - 1 %       -iv2
L                 2,8        3,4         3,8     3V2      3V2         L               33,5      34,4     29,3     26V 2       24 3 / 4
NL                0,4        2,9         2,6     vu       3           NL               2,5       3,3      4,0        4          4
P                10,0       12,8       13,6     11V2      9%          P              -4,4      -2,9     -0,1     -iv4        -2V4
UK                4,9        5,9         7,2     6V2      5           UK             -4,6      -4,8     -2,3     -1          -iv4
EG                3,7        4,9         5,0     5        4%          EG               0,1     -0,1     -0,2       -v 2       -v 4
USA               4,0        4,5         5,0     4V2      5           USA            -2,5      -1,9     -1,8       -%        -1
JAP             -0,1         1,7        2,4      2V4      2V2         JAP              2,8       2,1       1,2       1          1
(*) Vorausschätzungen Mai 1991.
(') BSP für die USA und Japan ab 1989.
 ---pagebreak--- Nr. C 190/44                                      Amtsblatt der Europäischen Gemeinschaften                                     22. 7. 91
e) Zahl der Arbeitslosen                                                  f) Finanzierungsüberschuß bzw. -defizit des Staates
    (in % der zivilen Erwerbsbevölkerung)                                    (in % des BIP)
                 1988       1989       1990(»)     1991 (*)  1992 (•)                      1988     1989     1990 (*)  1991 (•)  1992 (*)
B                10,0         8,5          8,1         8V2     8%         B                -6,6    -6,7        -6,0      -6%       -6
DK                 6,5        7,7          8,6         9       8%         DK                 0,5   -0,5        -1,5      - 1 %     -1
D                  6,1        5,5          5,1        4V2      4%         D                -2,1       0,2      -2,2      -4%       -4
GR                 7,6        7,5          7,5         8%      9V4        GR             -15,5    -19,2      -18,9     - 15V 2   -103/4
E                19,3        17,1         16,1       16       15V 2       E                -3,3     -2,7       -3,7      -2V4      -2
F                  9,9        9,4          9,0         9%      9V2        F               -1,8      -1,2       -1,6      -iv2      -1V2
IRL              17,4        16,0         15,1       16       16 3 / 4    IRL              -5,2     -3,5       -3,4      -3%       -3V2
I                10,8        10,7          9,8         9%      9V2        I              -10,9    -10,1      -10,6     -10       -10
L                  2,1        1,8          1,7         IV,     iv2        L                  2,1      3,3        4,2        1%        iv2
NL                 9,3        8,7          8,1         7V4     7%         NL               -5,2     -5,0       -5,7      -4%       -5
P                  5,6        4,8          4,6        4V 4     5%         P                -5,4     -3,4        -5,8     -5V2      -5
UK                 8,5        7,0          5,7         8V2    10V 4       UK                 1,1      1,0      -0,5      -2%       -3%
EG                 9,7        8,9          8,2         8%      9%         EG               -3,7     -2,9        -4,1     -4V2      -4V2
USA                5,5        5,3          5,4         6V2     6V2        USA              -2,0     -1,7        -2,4     - 1 %     -2V2
JAP                2,5        2,3          2,1         2%      2%         JAP                2,1      1,8        2,2        1%        2
g) Gesamtbeschäftigung                                                    h) Reales Einkommen aus unselbständiger Arbeit
    (jährliche Veränderung in %)                                              (jährliche Veränderung in %) (*)
                 1988        1989       1990 (*)   1991 (•)  1992 (»)                      1988     1989     1990 (*)  1991 (»)  1992 H
B                  1,5        1,1          1,0        0          0        B                 0,8      0,6         2,3       2V2      2V2
DK              -0,0        -0,6         -0,7        -%              v4   DK              -0,9     -1,6          1,0       1        1
                                                                     3
D                  0,8        1,4          2,8        IV.              /4 D                 1,7    -0,2          1,5       2%       iv4
GR                 1,6        1,5          0,4       -v4         0        GR                3,7      4,1         0,6    -2          -v4
E                  3,5        3,6          2,6        iv2         l3/4    E                 1,1    -0,5          1,2       iv4      1
F                  0,7        1,2          1,2          v2           v2   F                 1,2      1,2         1,8       1V2      1
IRL                0,4      -0,1           2,1          v4           v2   IRL               2,9      2,2         3,0       3V4      2V2
I                  0,9        0,2          1,4          v2           v2   I                 4,0      3,1         3,9       1%       2
L                  3,1        4,0          2,4        1%          iv2     L                 0,5      3,0         1,8    - 2V2       2%
NL                 1,4        1,6          1,9        1              v2   NL                1,1    -2,4          1,6       2        1%
P                  0,1        1,0          2,5        1              v2   P                 3,1      0,8         3,7       5V 4     4%
UK                 3,3        2,8          0,6      -2V2       -2         UK                2,9      2,8         3,4       2        iv4
EG                 1,6        1,6          1,6        %              v4   EG                2,1      1,2         2,4       2        iv2
USA                2,8        2,3          0,4      -1            1       USA               1,9    -0,7        -0,1        0          v2
JAP                1,6        1,9          2,0        iv2         iv2     JAP               3,4      2,2         1,7       iv4      iv2
(*) Vorausschätzungen Mai 1991.
(') Preisbereinigt mit dem Deflator des privaten Verbrauchs.
 ---pagebreak---  22. 7. 91                                   Amtsblatt der Europäischen Gemeinschaften                                 Nr. C 190/45
 i) Bauinvestitionen zu konstanten Preisen                           j) Ausrüstungsinvestirionen zu konstanten Preisen
    (jährliche Veränderung in %)                                        (jährliche Veränderung in %)
                  1988      1989   1990 (»)   1991 (*)   1992 (»)                    1988      1989    1990 (*)   1991 (•)  1992 (»)
 B                15,0        9,6     5,7      -1          3         B                17,7      19,0       9,9        3V2      4
 DK              -3,1      -4,6     -3,8       -3            v4      DK              -7,5        6,6       2,3      -iv4       4%
 D                 4,7        5,1     5,2         3V4      2         D                 7,7       9,8     12,9         8J/4     5V4
 GR                7,6        2,1     0,7         0        4         GR               10,8      17,3     10,4         6       10
 E                12,6      14,9     10,7         6V2      7V2       E                16,5      12,1       1,2        2V2      5%
 F             •    6,2       6,6     2,3         1V4      2V4       F                 8,9       8,1       5,3        1        2V2
 IRL             -0,7         9,8     8,4         iv2      3         IRL               5,6      14,1       6,8        3%       4V2
                                                    3
 I                 3,7        3,9     2,5            /4    2V2       I                 6,4       5,2       3,5        1%       5%
 L                 9,9        8,8     5,9         5V2      4V2       L               -5,4       14,9       5,6        6V4      5%
 NL               11,8        2,6     2,5        -%          v4      NL                6,8       5,5       6,0        2%         %
 P                10,1        3,5     6,5         6V4      6         P                23,2       7,7       8,5        5%       5V2
 UK                6,1     -0,5       0,1      -3V 4       2          UK              17,7       8,4    -3,7      -17          3V2
 EG                6,4        5,3     3,8         iv2      3         EG               10,4       8,6       4,7          v4     4V2
 k) Bruttoanlageinvestitionen zu konstanten Preisen                  1) BIP pro Kopf
     (jährliche Veränderung in %)                                       (EG = 100), zu laufenden Preisen und laufenden Kaufkraft-
                                                                        Standards
                  1988      1989   1990 (•)   1991 (*)   1992 (*)                   1960      1973       1986     1991 (•)  1992 (*)
 B                13,5      13,6      7,6          1       3V2       B               95,4     101,2     100,6      104,4     105,1
 DK              -6,6         0,2   -1,0        -2V 4      2V4       DK             118,3     113,1     117,0      108,5     108,9
D                  5,1        7,1     8,8          6       4         D              117,9     111,1     114,0      113,8     112,3
 GR                8,8        8,6     5,2          3       7         GR              38,6      56,8       55,9      52,5      52,3
 E                14,0      13,7      6,7          5       6V4       E               60,3      79,0       72,8      79,3      80,5
F                  8,5        5,8     4,0          1V4     2V2       F              105,8     110,4     110,1      108,9     109,1
 IRL               4,6      11,3      7,5          2V4     33/4 -    IRL             60,8      58,9       63,4      68,9      69,0
 I                 6,7        5,1     3,0          1       4         I               86,5      93,3     103,0      103,6     104,0
 L               -5,5       13,4      5,8          5%      5         L              158,5     141,9     126,2      133,0     134,9
NL                 9,4        3,0     4,1          1%        v4      NL             118,6     113,1     106,0      103,9     103,3
P                 15,0        7,5     7,5          5%      5V4       P               38,7      56,4       52,5      56,7      57,1
 UK               14,8       4,8    -1,9      -10V 2       2%        UK             128,6     108,5     105,4      101,3     101,3
                                                     3
EG                 9,0        6,7     4,3             /4   3V4       EG             100,0     100,0     100,0      100,0     100,0
 USA               5,0        2,7   -0,1        -3         5V4       USA            189,6     161,6     155,7      147,3     145,6
JAP               12,6      11,0     10,8          5       6V2       JAP             55,8      96,3     110,7      121,7     124,0
(*) Vorausschätzungen Mai 1991.
Quelle: Konimissionsdienststellen.