CELEX: 62005CJ0132
Language: de
Date: 2008-02-26
Title: Urteil des Gerichtshofes (Große Kammer) vom 26. Februar 2008.#Kommission der Europäischen Gemeinschaften gegen Bundesrepublik Deutschland.#Vertragsverletzung eines Mitgliedstaats - Verordnung (EWG) Nr. 2081/92 - Schutz von geografischen Angaben und Ursprungsbezeichnungen für Agrarerzeugnisse und Lebensmittel - Käse ‚Parmigiano Reggiano‘ - Verwendung der Bezeichnung ‚Parmesan‘ - Verpflichtung eines Mitgliedstaats, von Amts wegen die missbräuchliche Verwendung einer geschützten Ursprungsbezeichnung zu ahnden.#Rechtssache C-132/05.

Rechtssache C-132/05
      Kommission der Europäischen Gemeinschaften
      gegen
      Bundesrepublik Deutschland
      „Vertragsverletzung eines Mitgliedstaats – Verordnung (EWG) Nr. 2081/92 – Schutz von geografischen Angaben und Ursprungsbezeichnungen für Agrarerzeugnisse und Lebensmittel – Käse ‚Parmigiano Reggiano‘ – Verwendung der Bezeichnung ‚Parmesan‘ – Verpflichtung eines Mitgliedstaats, von Amts wegen die missbräuchliche Verwendung einer geschützten Ursprungsbezeichnung
         zu ahnden“
      
      Schlussanträge des Generalanwalts J. Mazák vom 28. Juni 2007 
      Urteil des Gerichtshofs (Große Kammer) vom 26. Februar 2008 
      Leitsätze des Urteils
      1.     Landwirtschaft – Einheitliche Rechtsvorschriften – Schutz von geografischen Angaben und Ursprungsbezeichnungen für Agrarerzeugnisse
            und Lebensmittel – Verordnung Nr. 2081/92
      (Verordnung Nr. 2081/92 des Rates, Art. 13 und 17; Verordnung Nr. 1107/96 der Kommission)
      2.     Landwirtschaft – Einheitliche Rechtsvorschriften – Schutz von geografischen Angaben und Ursprungsbezeichnungen für Agrarerzeugnisse
            und Lebensmittel – Verordnung Nr. 2081/92
      (Verordnung Nr. 2081/92 des Rates, Art. 13 Abs. 1 Buchst. b)
      3.     Landwirtschaft – Einheitliche Rechtsvorschriften – Schutz von geografischen Angaben und Ursprungsbezeichnungen für Agrarerzeugnisse
            und Lebensmittel – Verordnung Nr. 2081/92 
      (Verordnung Nr. 2081/92 des Rates, Art. 3 Abs. 1)
      4.     Handlungen der Organe – Verordnungen – Unmittelbare Geltung 
      (Art. 249 EG; Verordnung Nr. 2081/92 des Rates)
      5.     Landwirtschaft – Einheitliche Rechtsvorschriften – Schutz von geografischen Angaben und Ursprungsbezeichnungen für Agrarerzeugnisse
            und Lebensmittel – Verordnung Nr. 2081/92 
      (Verordnung Nr. 2081/92 des Rates, Art. 10 und 13 Abs. 1 Buchst. b)
      1.     Bei einer „zusammengesetzten“ Ursprungsbezeichnung, die nach dem in Art. 17 der Verordnung Nr. 2081/92 vorgesehenen vereinfachten
         Verfahren eingetragen wurde, stellt das Fehlen einer Erklärung in Form eines Hinweises auf Fußnoten im Anhang der Verordnung
         Nr. 1107/96, wonach für bestimmte Bestandteile einer Bezeichnung kein Schutz im Sinne von Art. 13 der Verordnung Nr. 2081/92
         beantragt worden ist, keine ausreichende Grundlage für eine Bestimmung des Umfangs dieses Schutzes dar. In dem durch die Verordnung
         Nr. 2081/92 geschaffenen Schutzsystem sind die Fragen des Schutzes der verschiedenen Bestandteile einer Bezeichnung und insbesondere
         die Frage, ob es sich möglicherweise um einen Gattungsnamen oder um einen gegen die in Art. 13 dieser Verordnung genannten
         Praktiken geschützten Bestandteil handelt, vom nationalen Gericht anhand einer eingehenden Prüfung des Sachverhalts zu beurteilen,
         den ihm die Parteien vortragen.
      
       (vgl. Randnrn. 28-30)
      2.     Die Verwendung der Bezeichnung „Parmesan“ ist als eine Anspielung auf die geschützte Ursprungsbezeichnung „Parmigiano Reggiano“
         im Sinne von Art. 13 Abs. 1 Buchst. b der Verordnung Nr. 2081/92 zum Schutz von geografischen Angaben und Ursprungsbezeichnungen
         für Agrarerzeugnisse und Lebensmittel anzusehen, die eingetragene Bezeichnungen u. a. gegen jede widerrechtliche Aneignung,
         Nachahmung oder Anspielung schützt, selbst wenn der wahre Ursprung des Erzeugnisses angegeben ist oder wenn die geschützte
         Bezeichnung in Übersetzung verwendet wird.
      
      Zwischen den Bezeichnungen „Parmesan“ und „Parmigiano Reggiano“ besteht nämlich eine phonetische und optische Ähnlichkeit,
         wobei die fraglichen Erzeugnisse geriebener oder zum Reiben bestimmter Hartkäse sind, d. h. auch noch ähnlich aussehen. Außerdem
         ist unabhängig davon, ob die Bezeichnung „Parmesan“ die genaue Übersetzung der geschützten Ursprungsbezeichnung „Parmigiano
         Reggiano“ oder des Begriffs „Parmigiano“ ist oder nicht, auch die begriffliche Nähe zwischen diesen beiden Begriffen aus verschiedenen
         Sprachen zu berücksichtigen. Diese Nähe und die genannten phonetischen und optischen Ähnlichkeiten können im Verbraucher gedanklich
         einen Bezug zu dem Käse wachrufen, der die geschützte Ursprungsbezeichnung „Parmigiano Reggiano“ trägt, wenn er vor einem
         geriebenen oder zum Reiben bestimmten Hartkäse steht, der die Bezeichnung „Parmesan“ trägt.
      
       (vgl. Randnrn. 46-49)
      3.     Im Rahmen der Beurteilung des generischen Charakters einer Bezeichnung sind gemäß Art. 3 Abs. 1 der Verordnung Nr. 2081/92
         zum Schutz von geografischen Angaben und Ursprungsbezeichnungen für Agrarerzeugnisse und Lebensmittel die Gegend der Herstellung
         des betreffenden Erzeugnisses sowohl innerhalb als auch außerhalb des Mitgliedstaats, der die Eintragung der fraglichen Bezeichnung
         erwirkt hat, der Verbrauch dieses Erzeugnisses, das Verständnis dieser Bezeichnung durch den Verbraucher innerhalb und außerhalb
         des genannten Mitgliedstaats, das Bestehen einer spezifischen nationalen Regelung für das genannte Erzeugnis und die Art der
         Verwendung der fraglichen Bezeichnung in den gemeinschaftlichen Rechtsvorschriften zu berücksichtigen.
      
      (vgl. Randnr. 53)
      4.     Der Umstand, dass die Rechtsbürger die Möglichkeit haben, sich vor den innerstaatlichen Gerichten auf eine Verordnung zu berufen,
         kann die Mitgliedstaaten nicht von der Verpflichtung befreien, die geeigneten innerstaatlichen Maßnahmen zu erlassen, um die
         uneingeschränkte Anwendung der Verordnung zu gewährleisten, wenn dies erforderlich ist. 
      
      In dieser Hinsicht kann eine nationale Rechtsordnung, die über rechtliche Regelungen verfügt, die dazu dienen, einen wirksamen
         Schutz der den einzelnen Bürgern nach der Verordnung Nr. 2081/92 zum Schutz von geografischen Angaben und Ursprungsbezeichnungen
         für Agrarerzeugnisse und Lebensmittel zustehenden Rechte sicherzustellen – z. B. Rechtsvorschriften, um gegen den unerlaubten
         Gebrauch geschützter Ursprungsbezeichnungen vorgehen zu können, insbesondere ein Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb und
         ein Gesetz über den Schutz von Marken und sonstigen Kennzeichen –, und die die Möglichkeit, gegen ein die Rechte aus einer
         geschützten Ursprungsbezeichnung verletzendes Verhalten zu klagen, nicht auf den Inhaber der genannten Bezeichnung beschränkt,
         sondern vielmehr jedem Wettbewerber, den Unternehmensverbänden und den Verbraucherverbänden eröffnet, auch die Interessen
         anderer als der Hersteller von Waren mit geschützter Ursprungsbezeichnung schützen, insbesondere die Interessen der Verbraucher.
      
       (vgl. Randnrn. 68-70)
      5.     Eine Pflicht der Mitgliedstaaten, von Amts wegen die Maßnahmen zu ergreifen, die erforderlich sind, um Verstöße gegen Art. 13
         Abs. 1 Buchst. b der Verordnung Nr. 2081/92 zum Schutz von geografischen Angaben und Ursprungsbezeichnungen für Agrarerzeugnisse
         und Lebensmittel zu ahnden, die eingetragene Bezeichnungen u. a. gegen jede widerrechtliche Aneignung, Nachahmung oder Anspielung
         schützt, selbst wenn der wahre Ursprung des Erzeugnisses angegeben ist oder wenn die geschützte Bezeichnung in Übersetzung
         verwendet wird, ergibt sich nicht aus Art. 10 der genannten Verordnung. Um die Wirksamkeit der Verordnung Nr. 2081/92 zu gewährleisten,
         sieht deren Art. 10 Abs. 1 zwar vor, dass die Mitgliedstaaten sicherstellen, dass spätestens sechs Monate nach Inkrafttreten
         der Verordnung die Kontrolleinrichtungen geschaffen sind. Sie sind also verpflichtet, derartige Einrichtungen zu schaffen.
         Aus Art. 10 Abs. 4 dieser Verordnung, wonach „eine benannte Kontrollbehörde und/oder eine private Kontrollstelle eines Mitgliedstaats …
         [wenn sie feststellt], dass ein mit einer geschützten Bezeichnung versehenes Agrarerzeugnis oder Lebensmittel mit Ursprung
         in ihrem Mitgliedstaat die Anforderungen der Spezifikation nicht erfüllt, … die erforderlichen Maßnahmen [trifft], um die
         Einhaltung dieser Verordnung zu gewährleisten“, ergibt sich jedoch, dass es sich bei den benannten Kontrollbehörden und/oder
         privaten Kontrollstellen eines Mitgliedstaats um die desjenigen Mitgliedstaats handelt, aus dem die geschützte Ursprungsbezeichnung
         stammt. Die Worte „zu kontrollierenden Erzeuger oder Verarbeiter“ in Art. 10 Abs. 3 der genannten Verordnung, das in Art. 10
         Abs. 6 vorgesehene Recht der Erzeuger auf Zugang zum Kontrollsystem und deren Verpflichtung nach Art. 10 Abs. 7, die Kosten
         der Kontrollen zu tragen, bestätigen, dass der genannte Art. 10  für die Verpflichtungen der Mitgliedstaaten gilt, aus denen
         die geschützte Ursprungsbezeichnung stammt.
      
      Für diese Auslegung sprechen auch Art. 4 Abs. 2 Buchst. g in Verbindung mit Art. 5 Abs. 3 und 4 der Verordnung Nr. 2081/92,
         wonach der Eintragungsantrag die Spezifikation umfassen muss und an den Mitgliedstaat zu richten ist, in dessen Hoheitsgebiet
         sich das geografische Gebiet befindet, und die Spezifikation mindestens Angaben zu der Kontrolleinrichtung oder den Kontrolleinrichtungen
         nach Art. 10 enthalten muss. Daraus folgt, dass es sich bei den Kontrolleinrichtungen, die für die Einhaltung der Spezifikation
         der geschützten Ursprungsbezeichnung zu sorgen haben, um die desjenigen Mitgliedstaats handelt, aus dem die fragliche geschützte
         Ursprungsbezeichnung stammt.
      
      (vgl. Randnrn. 72-78)
URTEIL DES GERICHTSHOFS (Große Kammer)
      26. Februar 2008(*)
      
      „Vertragsverletzung eines Mitgliedstaats – Verordnung (EWG) Nr. 2081/92 – Schutz von geografischen Angaben und Ursprungsbezeichnungen für Agrarerzeugnisse und Lebensmittel – Käse ‚Parmigiano Reggiano‘ – Verwendung der Bezeichnung ‚Parmesan‘ – Verpflichtung eines Mitgliedstaats, von Amts wegen die missbräuchliche Verwendung einer geschützten Ursprungsbezeichnung
         zu ahnden“
      
      In der Rechtssache C‑132/05
      betreffend eine Vertragsverletzungsklage nach Art. 226 EG, eingereicht am 21. März 2005,
      Kommission der Europäischen Gemeinschaften, vertreten durch E. de March, S. Grünheid und B. Martenczuk als Bevollmächtigte, Zustellungsanschrift in Luxemburg,
      
      Klägerin,
      unterstützt durch
      Tschechische Republik, vertreten durch T. Boček als Bevollmächtigten,
      
      Italienische Republik, vertreten durch I. M. Braguglia als Bevollmächtigten im Beistand von G. Aiello, avvocato dello Stato, Zustellungsanschrift
         in Luxemburg,
      
      Streithelferinnen,
      gegen
      Bundesrepublik Deutschland, vertreten durch M. Lumma und A. Dittrich als Bevollmächtigte im Beistand von Rechtsanwalt M. Loschelder,
      
      Beklagte,
      unterstützt durch
      Königreich Dänemark, vertreten durch J. Molde als Bevollmächtigten, Zustellungsanschrift in Luxemburg,
      
      Republik Österreich, vertreten durch E. Riedl als Bevollmächtigten, Zustellungsanschrift in Luxemburg,
      
      Streithelfer,
      erlässt
      DER GERICHTSHOF (Große Kammer)
      unter Mitwirkung des Präsidenten V. Skouris, der Kammerpräsidenten C. W. A. Timmermans, A. Rosas, K. Lenaerts und U. Lõhmus
         sowie der Richter J. N. Cunha Rodrigues (Berichterstatter), K. Schiemann, P. Kūris, E. Juhász, E. Levits und A. Ó Caoimh,
      
      Generalanwalt: J. Mazák,
      Kanzler: B. Fülöp, Verwaltungsrat,
      aufgrund des schriftlichen Verfahrens und auf die mündliche Verhandlung vom 13. Februar 2007,
      nach Anhörung der Schlussanträge des Generalanwalts in der Sitzung vom 28. Juni 2007
      folgendes
      Urteil
      1       Mit ihrer Klageschrift beantragt die Kommission der Europäischen Gemeinschaften, festzustellen, dass die Bundesrepublik Deutschland
         dadurch gegen ihre Verpflichtungen aus Art. 13 Abs. 1 Buchst. b der Verordnung (EWG) Nr. 2081/92 des Rates vom 14. Juli 1992
         zum Schutz von geografischen Angaben und Ursprungsbezeichnungen für Agrarerzeugnisse und Lebensmittel (ABl. L 208, S. 1) verstoßen
         hat, dass sie es förmlich ablehnte, die Verwendung der Bezeichnung „Parmesan“ bei der Etikettierung von Erzeugnissen, die
         nicht der Spezifikation der geschützten Ursprungsbezeichnung (im Folgenden: g. U.) „Parmigiano Reggiano“ entsprechen, in ihrem
         Staatsgebiet zu ahnden, und damit die widerrechtliche Aneignung des dem echten, gemeinschaftsweit geschützten Erzeugnis eigenen
         Rufs begünstigte. 
      
       Rechtlicher Rahmen
      2       Mit der Verordnung Nr. 2081/92 wurde ein gemeinschaftlicher Schutz von Ursprungsbezeichnungen und geografischen Angaben für
         Agrarerzeugnisse und Lebensmittel eingeführt.
      
      3       Art. 2 der Verordnung Nr. 2081/92 bestimmt:
      „(1)      Ursprungsbezeichnungen und geografische Angaben von Agrarerzeugnissen und Lebensmitteln werden nach Maßgabe dieser Verordnung
         auf Gemeinschaftsebene geschützt.
      
      (2)      Im Sinne dieser Verordnung bedeutet 
      a)      ‚Ursprungsbezeichnung‘ der Name einer Gegend, eines bestimmten Ortes oder in Ausnahmefällen eines Landes, der zur Bezeichnung
         eines Agrarerzeugnisses oder eines Lebensmittels dient, 
      
      –       das aus dieser Gegend, diesem bestimmten Ort oder diesem Land stammt und 
      –       das seine Güte oder Eigenschaften überwiegend oder ausschließlich den geografischen Verhältnissen einschließlich der natürlichen
         und menschlichen Einflüsse verdankt und das in dem begrenzten geografischen Gebiet erzeugt, verarbeitet und hergestellt wurde;
      
      …“
      4       In Art. 3 Abs. 1 der Verordnung heißt es:
      „Bezeichnungen, die zu Gattungsbezeichnungen geworden sind, dürfen nicht eingetragen werden.
      Im Sinne dieser Verordnung gilt als ‚Bezeichnung, die zur Gattungsbezeichnung geworden ist‘, der Name eines Agrarerzeugnisses
         oder eines Lebensmittels, der sich zwar auf einen Ort oder ein Gebiet bezieht, wo das betreffende Agrarerzeugnis oder Lebensmittel
         ursprünglich hergestellt oder vermarktet wurde, der jedoch der gemeinhin übliche Name für ein Agrarerzeugnis oder ein Lebensmittel
         geworden ist.
      
      Bei der Feststellung, ob ein Name zur Gattungsbezeichnung geworden ist, sind alle Faktoren und insbesondere Folgendes zu berücksichtigen:
      –       die bestehende Situation in dem Mitgliedstaat, aus dem der Name stammt, und in den Verbrauchsgebieten;
      –       die Situation in anderen Mitgliedstaaten;
      –       die einschlägigen nationalen oder gemeinschaftlichen Rechtsvorschriften.
      …“
      5       Gemäß Art. 4 Abs. 2 Buchst. g der Verordnung Nr. 2081/92 enthält die Spezifikation mindestens „Angaben zu der Kontrolleinrichtung
         oder den Kontrolleinrichtungen nach Artikel 10“. 
      
      6       Art. 5 Abs. 3 und 4 dieser Verordnung bestimmt:
      „(3)      Der Eintragungsantrag umfasst insbesondere die Spezifikation gemäß Artikel 4.
      (4)      Dieser Antrag ist an den Mitgliedstaat zu richten, in dessen Hoheitsgebiet sich das geografische Gebiet befindet.“
      7       Art. 10 dieser Verordnung lautet:
      „(1) Die Mitgliedstaaten stellen sicher, dass spätestens sechs Monate nach Inkrafttreten dieser Verordnung die Kontrolleinrichtungen
         geschaffen sind, die gewährleisten sollen, dass die Agrarerzeugnisse und Lebensmittel, die mit einer geschützten Bezeichnung
         versehen sind, die Anforderungen der Spezifikation erfüllen.
      
      (2)      Die Kontrolleinrichtung kann eine oder mehrere dafür benannte Kontrollbehörden und/oder zu diesem Zweck von dem Mitgliedstaat
         zugelassene private Kontrollstellen umfassen. Die Mitgliedstaaten teilen der Kommission die Liste der Behörden und/oder zugelassenen
         Stellen sowie deren Zuständigkeit mit. Die Kommission veröffentlicht diese Angaben im Amtsblatt der Europäischen Gemeinschaften.
      
      (3)      Die benannten Kontrollbehörden und/oder die privaten Kontrollstellen müssen ausreichende Gewähr für Objektivität und Unparteilichkeit
         gegenüber jedem zu kontrollierenden Erzeuger oder Verarbeiter bieten und jederzeit über die Sachverständigen und die Mittel
         verfügen, die zur Durchführung der Kontrollen der mit einer geschützten Bezeichnung versehenen Agrarerzeugnisse und Lebensmittel
         notwendig sind.
      
      Zieht die Kontrolleinrichtung für einen Teil der Kontrollen eine dritte Stelle hinzu, so muss diese die gleiche Gewähr bieten.
         In diesem Fall bleiben die benannten Kontrollbehörden und/oder die zugelassenen privaten Kontrollstellen jedoch gegenüber
         dem Mitgliedstaat für die Gesamtheit der Kontrollen verantwortlich.
      
      Vom 1. Januar 1998 an müssen die Kontrollstellen die in der Norm EN 45011 vom 26. Juni 1989 festgelegten Anforderungen erfüllen,
         um von den Mitgliedstaaten für die Zwecke dieser Verordnung zugelassen zu werden.
      
      (4)      Stellt eine benannte Kontrollbehörde und/oder eine private Kontrollstelle eines Mitgliedstaats fest, dass ein mit einer geschützten
         Bezeichnung versehenes Agrarerzeugnis oder Lebensmittel mit Ursprung in ihrem Mitgliedstaat die Anforderungen der Spezifikation
         nicht erfüllt, so trifft sie die erforderlichen Maßnahmen, um die Einhaltung dieser Verordnung zu gewährleisten. …
      
      (5)      Ein Mitgliedstaat muss den Kontrollstellen die Zulassung entziehen, falls die in den Absätzen 2 und 3 genannten Voraussetzungen
         nicht mehr erfüllt sind. Er unterrichtet darüber die Kommission, die sodann eine geänderte Liste der zugelassenen Stellen
         im Amtsblatt der Europäischen Gemeinschaften veröffentlicht.
      
      (6)      Die Mitgliedstaaten erlassen die notwendigen Maßnahmen, um sicherzustellen, dass ein Erzeuger, der die Bestimmungen dieser
         Verordnung einhält, Zugang zum Kontrollsystem hat.
      
      (7)      Die Kosten der in dieser Verordnung vorgesehenen Kontrollen gehen zu Lasten der Hersteller, die die geschützte Bezeichnung
         verwenden.“
      
      8       Art. 13 derselben Verordnung lautet:
      „(1) Eingetragene Bezeichnungen werden geschützt gegen
      …
      b)      jede widerrechtliche Aneignung, Nachahmung oder Anspielung, selbst wenn der wahre Ursprung des Erzeugnisses angegeben ist
         oder wenn die geschützte Bezeichnung in Übersetzung oder zusammen mit Ausdrücken wie ‚Art‘, ‚Typ‘, ‚Verfahren‘, ‚Fasson‘,
         ‚Nachahmung‘ oder dergleichen verwendet wird;
      
      …
      Enthält ein eingetragener Name den als Gattungsbezeichnung angesehenen Namen eines Agrarerzeugnisses oder Lebensmittels, so
         gilt die Verwendung dieser Gattungsbezeichnung für das betreffende Agrarerzeugnis oder Lebensmittel nicht als Verstoß gegen
         Unterabsatz 1 Buchstabe a) oder Buchstabe b).
      
      …
      (3) Geschützte Bezeichnungen können nicht zu Gattungsbezeichnungen werden.“
      9       Nach Art. 2 und Abschnitt A des Anhangs der Verordnung (EG) Nr. 1107/96 der Kommission vom 12. Juni 1996 zur Eintragung geografischer
         Angaben und Ursprungsbezeichnungen gemäß dem Verfahren nach Art. 17 der Verordnung Nr. 2081/92 (ABl. L 148, S. 1) stellt die
         Bezeichnung „Parmigiano Reggiano“ ab 21. Juni 1996 eine g. U. dar. 
      
       Das vorprozessuale Verfahren
      10     Mit Schreiben vom 15. April 2003 forderte die Kommission aufgrund einer Beschwerde mehrerer Wirtschaftsteilnehmer die deutschen
         Behörden auf, den mit Betrugsbekämpfung beauftragten Dienststellen klare Anweisungen zu geben, das Inverkehrbringen von als
         „Parmesan“ bezeichneten Erzeugnissen, die nicht der Spezifikation der g. U. „Parmigiano Reggiano“ entsprechen, im deutschen
         Staatsgebiet abzustellen. Da der Begriff „Parmesan“ die Übersetzung der g. U. „Parmigiano Reggiano“ sei, stelle seine Verwendung
         einen Verstoß gegen Art. 13 Abs. 1 Buchst. b der Verordnung Nr. 2081/92 dar. 
      
      11     Die Bundesrepublik Deutschland antwortete mit Schreiben vom 13. Mai 2003, dass der Begriff „Parmesan“ zwar ursprünglich einen
         historischen Bezug zur Region Parma aufgewiesen habe, heute jedoch zu einer Gattungsbezeichnung für geriebenen oder zum Reiben
         bestimmten Hartkäse unterschiedlicher Herkunft geworden sei, die sich von der g. U. „Parmigiano Reggiano“ unterscheide. Daher
         stelle die Verwendung dieses Begriffs keinen Verstoß gegen die Verordnung Nr. 2081/92 dar. 
      
      12     Am 17. Oktober 2003 richtete die Kommission ein Mahnschreiben an die Bundesrepublik Deutschland, das dieser Mitgliedstaat
         mit Schreiben vom 17. Dezember 2003 beantwortete.
      
      13     Da die Erklärungen der Bundesrepublik Deutschland der Kommission nicht befriedigend erschienen, gab diese am 30. März 2004
         eine mit Gründen versehene Stellungnahme ab, in der sie diesen Mitgliedstaat aufforderte, die notwendigen Maßnahmen zu ergreifen,
         um dieser Stellungnahme binnen zwei Monaten nach ihrer Bekanntgabe nachzukommen. 
      
      14     Mit Schreiben vom 15. Juni 2004 teilte die Bundesrepublik Deutschland der Kommission mit, dass sie an ihrer Auffassung festhalte.
         
      
      15     Unter diesen Umständen hat die Kommission die vorliegende Klage erhoben.
       Zur Klage
      16     Mit Beschluss des Präsidenten des Gerichtshofs vom 6. September 2005 sind zum einen die Italienische Republik und zum anderen
         das Königreich Dänemark und die Republik Österreich als Streithelfer zur Unterstützung der Anträge der Kommission bzw. der
         Bundesrepublik Deutschland zugelassen worden. 
      
      17     Mit Beschluss des Präsidenten des Gerichtshofs vom 15. Mai 2006 ist die Tschechische Republik als Streithelferin zur Unterstützung
         der Anträge der Kommission zugelassen worden. 
      
      18     Die Kommission stützt ihre Klage allein darauf, dass die Bundesrepublik Deutschland es abgelehnt habe, die Verwendung der
         Bezeichnung „Parmesan“ bei der Etikettierung von Erzeugnissen, die nicht der Spezifikation der g. U. „Parmigiano Reggiano“
         entsprechen, in ihrem Staatsgebiet zu ahnden.
      
      19     Die Bundesrepublik Deutschland bestreitet die Vertragsverletzung aus drei Gründen:
      –       Erstens sei eine Ursprungsbezeichnung nach Art. 13 der Verordnung Nr. 2081/92 nur in genau der Form geschützt, in der sie
         eingetragen sei;
      
      –       zweitens stelle die Verwendung des Wortes „Parmesan“ keine Verletzung der g. U. „Parmigiano Reggiano“ dar, und
      –       drittens sei sie nicht von Amts wegen verpflichtet, Verstöße gegen Art. 13 der Verordnung Nr. 2081/92 zu ahnden.
       Zum Schutz zusammengesetzter Bezeichnungen 
      20     Die Kommission macht geltend, dass das gemeinschaftliche Schutzsystem auf dem Grundsatz beruhe, dass die Eintragung einer
         aus mehreren Worten bestehenden Bezeichnung sowohl den Bestandteilen der zusammengesetzten Bezeichnung als auch dieser als
         Ganzem den Schutz des Gemeinschaftsrechts verleihe. Der wirksame Schutz zusammengesetzter Bezeichnungen erfordere daher, dass
         grundsätzlich alle Bestandteile einer zusammengesetzten Bezeichnung gegen missbräuchliche Verwendung geschützt seien. Um diesen
         Schutz zu gewährleisten, verlange die Verordnung Nr. 2081/92 nicht die Eintragung der einzelnen schutzfähigen Teile einer
         zusammengesetzten Bezeichnung, sondern gehe von dem Grundsatz aus, dass jeder Bestandteil auch für sich allein geschützt sei.
         Diese Auslegung werde durch das Urteil des Gerichtshofs vom 9. Juni 1998, Chiciak und Fol (C‑129/97 und C‑130/97, Slg. 1998,
         I‑3315), bestätigt.
      
      21     Von dem Grundsatz, wonach alle Bestandteile einer zusammengesetzten Bezeichnung geschützt seien, gebe es nur eine Ausnahme.
         Die sei in Art. 13 Abs. 1 Unterabs. 2 der Verordnung Nr. 2081/92 geregelt, wonach die Verwendung eines einzelnen Bestandteils
         einer zusammengesetzten Bezeichnung Art. 13 Abs. 1 Buchst. a und b der Verordnung nicht zuwiderlaufe, wenn es sich bei dem
         fraglichen Bestandteil um den als Gattungsbezeichnung angesehenen Namen eines Agrarerzeugnisses oder Lebensmittels handele.
         Diese Vorschrift wäre überflüssig, wenn die einzelnen Bestandteile von Bezeichnungen, die nur in Form von zusammengesetzten
         Bezeichnungen eingetragen seien, keinen Schutz genössen.
      
      22     Außerdem genieße ein einzelner Bestandteil einer zusammengesetzten Bezeichnung bei isolierter Verwendung nur dann nicht den
         Schutz der Verordnung Nr. 2081/92, wenn die betreffenden Mitgliedstaaten bei der Mitteilung der zusammengesetzten Bezeichnung
         angegeben hätten, dass für bestimmte Teile der Bezeichnung kein Schutz beantragt worden sei.
      
      23     Die Kommission hätte dem dann bei Erlass der Verordnung Nr. 1107/96 mit dem Hinweis – gegebenenfalls in einer Fußnote – Rechnung
         getragen, dass der Schutz eines Teils der betreffenden Bezeichnung nicht beantragt werde. 
      
      24     Im Fall der Bezeichnung „Parmigiano Reggiano“ sei jedoch keiner der beiden Bestandteile mit einer Fußnote versehen.
      25     Die Bundesrepublik Deutschland hält dem entgegen, dass eine g. U. nur in genau der Form Gegenstand des Schutzes von Art. 13
         der Verordnung Nr. 2081/92 sei, in der sie eingetragen sei. Entgegen dem Vorbringen der Kommission lasse sich aus dem Urteil
         Chiciak und Fol nicht das Gegenteil herleiten.
      
      26     Außerdem habe die Italienische Republik in der Rechtssache, in der das Urteil vom 25. Juni 2002, Bigi (C‑66/00, Slg. 2002,
         I‑5917), ergangen sei, selbst ausdrücklich bestätigt, dass sie die Eintragung der Bezeichnung „Parmigiano“ nicht beantragt
         habe. Unter diesen Umständen könne diese Bezeichnung daher keinen gemeinschaftsrechtlichen Schutz genießen.
      
      27     In diesem Punkt heißt es im achten Erwägungsgrund der Verordnung Nr. 1107/96: „Einige Mitgliedstaaten haben mitgeteilt, dass
         für bestimmte Teile der Bezeichnungen kein Schutz beantragt wurde und dass dem Rechnung zu tragen ist.“
      
      28     Die Verordnung Nr. 1107/96 nennt unter Hinweis auf Fußnoten in ihrem Anhang die Fälle, in denen kein Schutz für einen Teil
         der betreffenden Bezeichnung beantragt wurde.
      
      29     Das Fehlen einer Erklärung, der zufolge für bestimmte Bestandteile einer Bezeichnung kein Schutz im Sinne von Art. 13 der
         Verordnung Nr. 2081/92 beantragt worden ist, stellt jedoch keine ausreichende Grundlage für eine Bestimmung des Umfangs dieses
         Schutzes dar (vgl. in diesem Sinne Urteil Chiciak und Fol, Randnr. 37).
      
      30     In dem durch die Verordnung Nr. 2081/92 geschaffenen Schutzsystem sind die Fragen des Schutzes der verschiedenen Bestandteile
         einer Bezeichnung und insbesondere die Frage, ob es sich möglicherweise um einen Gattungsnamen oder um einen gegen die in
         Art. 13 dieser Verordnung genannten Praktiken geschützten Bestandteil handelt, vom nationalen Gericht anhand einer eingehenden
         Prüfung des Sachverhalts zu beurteilen, den ihm die Parteien vortragen (Urteil Chiciak und Fol, Randnr. 38).
      
      31     Unter diesen Umständen kann das Vorbringen der Bundesrepublik Deutschland, dass eine g. U. nach Art. 13 der Verordnung Nr.
         2081/92 nur in genau der Form geschützt sei, in der sie eingetragen sei, nicht greifen.
      
       Zur Verletzung der g. U. „Parmigiano Reggiano“
      32     Die Kommission ist der Ansicht, dass das Inverkehrbringen von Käse unter der Bezeichnung „Parmesan“, der nicht der Spezifikation
         der g. U. „Parmigiano Reggiano“ entspricht, einen Verstoß gegen Art. 13 Abs. 1 Buchst. b der Verordnung Nr. 2081/92 darstellt,
         weil der Begriff „Parmesan“ die zutreffende Übersetzung der g. U. „Parmigiano Reggiano“ sei. Die Übersetzung sei ebenso wie
         die g. U. in der Sprache des Mitgliedstaats, der diese Bezeichnung habe eintragen lassen, ausschließlich den Erzeugnissen
         vorbehalten, die der Spezifikation entsprächen. 
      
      33     Außerdem ergebe sich aus dem durch die historische Entwicklung belegten engen Zusammenhang zwischen dem speziellen geografischen
         Gebiet Italiens, aus dem diese Käseart stamme, und dem Begriff „Parmesan“, dass dieser Begriff keine Gattungsbezeichnung sei,
         die sich von der g. U. „Parmigiano Reggiano“ unterscheide.
      
      34     Die Verwendung der Bezeichnung „Parmesan“ für einen Käse, der nicht der Spezifikation der g. U. „Parmigiano Reggiano“ entspreche,
         stelle auf jeden Fall eine nach Art. 13 Abs. 1 Buchst. b der Verordnung Nr. 2081/92 verbotene Anspielung auf diese Bezeichnung
         dar.
      
      35     Außerdem sei der Begriff „Parmesan“ nicht zu einer Gattungsbezeichnung geworden.
      36     Zwar könne eine geografische Bezeichnung im Laufe ihrer Benutzung zu einer Gattungsbezeichnung werden, indem die Verbraucher
         den Begriff nicht länger als Hinweis auf die geografische Herkunft der Ware auffassten, sondern als Hinweis auf eine bestimmte
         Warengattung. Dieser Bedeutungswandel sei u. a. bei den Begriffen „Camembert“ und „Brie“ eingetreten. 
      
      37     Der Begriff „Parmesan“ habe aber nie seine geografische Konnotation verloren. Wäre „Parmesan“ tatsächlich ein neutraler Begriff
         ohne solche Konnotation, so ließe sich nicht plausibel erklären, warum die Hersteller der Nachahmerprodukte danach trachteten,
         durch Worte und Abbildungen eine Verbindung zwischen ihren Waren und Italien herzustellen.
      
      38     Dass im italienischen Staatsgebiet bis zum Jahr 2000 ein „Parmesan“ genannter Käse hergestellt worden sei, der nicht der verbindlichen
         Spezifikation der g. U. „Parmigiano Reggiano“ entsprochen habe, bedeute nicht, dass dieser Begriff in Italien die Gattungsbezeichnung
         für geriebenen Käse unterschiedlicher Herkunft sei, denn dieser Käse sei ausschließlich zur Ausfuhr in Länder bestimmt gewesen,
         in denen der Begriff „Parmesan“ gemäß dem Territorialitätsgrundsatz keinen besonderen Schutz genossen habe. Erst seit Inkrafttreten
         der Verordnung Nr. 1107/96 am 21. Juni 1996 genieße die Bezeichnung „Parmigiano Reggiano“ gemeinschaftsweiten Schutz.
      
      39     Die Bundesrepublik Deutschland trägt vor, dass die Verwendung des Wortes „Parmesan“ keinen Verstoß gegen Art. 13 Abs. 1 Buchst. b
         der Verordnung Nr. 2081/92 darstelle, weil es nur die Übersetzung – nach Ansicht der Kommission – des Begriffs „Parmigiano“
         sei, der – wie die Situation in Italien und in anderen Mitgliedstaaten sowie die nationale und gemeinschaftliche Gesetzgebung
         zeigten – eine Gattungsbezeichnung sei. Als solche könne dieser Begriff nicht unter den Schutz der Verordnung fallen.
      
      40     Hilfsweise macht die Bundesrepublik Deutschland geltend, dass der Gebrauch des Begriffs „Parmigiano“, selbst wenn dieser keine
         Gattungsbezeichnung wäre und Art. 13 Abs. 1 Unterabs. 2 der Verordnung Nr. 2081/92 daher auf diesen Bestandteil keine Anwendung
         fände, keinen Verstoß gegen die Bestimmungen über den Schutz der Ursprungsbezeichnung „Parmigiano Reggiano“ darstelle. Die
         Bezeichnung „Parmesan“ habe seit Jahrhunderten eine eigene Entwicklung genommen und sei in Deutschland ebenso wie in anderen
         Mitgliedstaaten zu einer Gattungsbezeichnung geworden. Die Verwendung dieser Bezeichnung stelle deshalb weder eine widerrechtliche
         Aneignung der g. U. „Parmigiano Reggiano“ noch eine Anspielung auf sie dar.
      
      41     Für diese Auffassung beruft sich die Bundesrepublik Deutschland erstens auf Nr. 35 der Schlussanträge von Generalanwalt Ruiz-Jarabo
         Colomer in der Rechtssache Canadane Cheese Trading und Kouri (C‑317/95, Beschluss vom 8. August 1997, Slg. 1997, I‑4681),
         zweitens auf das Urteil Bigi, in dem der Gerichtshof die Frage, ob der Begriff „Parmesan“ eine Gattungsbezeichnung sei, ausdrücklich
         offengelassen habe, und drittens auf die Tatsache, dass die Feststellung, dass die Bezeichnung eines Erzeugnisses die Übersetzung
         einer Ursprungsbezeichnung sei, nicht ausreiche. Es müsse in jedem Einzelfall geprüft werden, ob es sich bei dieser Übersetzung
         wirklich um eine Anspielung auf die fragliche Bezeichnung handele. Das sei nicht der Fall, wenn die fragliche Bezeichnung
         ursprünglich zwar eine Übersetzung gewesen sei, im Laufe der Zeit aber im allgemeinen Sprachgebrauch der Verbraucher einen
         Bedeutungswandel erfahren habe und zu einer Gattungsbezeichnung geworden sei. Viertens stützt sich die Bundesrepublik Deutschland
         auf die Tatsache, dass das Wort „Parmesan“ in Deutschland – dem Mitgliedstaat, auf dessen Beurteilung des Gattungscharakters
         des Begriffs „Parmesan“ für das vorliegende Vertragsverletzungsverfahren allein abzustellen sei – schon immer als Gattungsbezeichnung
         für geriebenen oder zum Reiben bestimmten Hartkäse verstanden worden sei. Das gelte im Übrigen auch für andere Mitgliedstaaten,
         einschließlich Italiens.
      
      42     Zunächst ist zu prüfen, ob die Verwendung der Bezeichnung „Parmesan“ im Hinblick auf die g. U. „Parmigiano Reggiano“ einem
         der Fälle des Art. 13 Abs. 1 der Verordnung Nr. 2081/92 entspricht. 
      
      43     Nach Art. 13 Abs. 1 Buchst. b der Verordnung werden eingetragene Bezeichnungen u. a. gegen jede widerrechtliche Aneignung,
         Nachahmung oder Anspielung geschützt, selbst wenn der wahre Ursprung des Erzeugnisses angegeben ist oder wenn die geschützte
         Bezeichnung in Übersetzung verwendet wird.
      
      44     Der Gerichtshof hat in Bezug auf die Anspielung auf eine g. U. entschieden, dass dieser Begriff eine Fallgestaltung erfasst,
         in der der zur Bezeichnung eines Erzeugnisses verwendete Ausdruck einen Teil einer geschützten Bezeichnung in der Weise einschließt,
         dass der Verbraucher durch den Namen des Erzeugnisses veranlasst wird, gedanklich einen Bezug zu der Ware herzustellen, die
         die Bezeichnung trägt (Urteil vom 4. März 1999, Consorzio per la tutela del formaggio Gorgonzola, C‑87/97, Slg. 1999, I‑1301,
         Randnr. 25).
      
      45     Der Gerichtshof hat festgestellt, dass eine Anspielung auf eine g. U. auch dann vorliegen kann, wenn keinerlei Gefahr der
         Verwechslung zwischen den betroffenen Erzeugnissen besteht und wenn für die Bestandteile der Referenzbezeichnung, die in dem
         streitigen Ausdruck übernommen werden, kein gemeinschaftsrechtlicher Schutz gelten würde (Urteil Consorzio per la tutela del
         formaggio Gorgonzola, Randnr. 26).
      
      46     In der vorliegenden Rechtssache besteht zwischen den Bezeichnungen „Parmesan“ und „Parmigiano Reggiano“ eine phonetische und
         optische Ähnlichkeit, wobei die fraglichen Erzeugnisse geriebener oder zum Reiben bestimmter Hartkäse sind, d. h. auch noch
         ähnlich aussehen (vgl. in diesem Sinne Urteil Consorzio per la tutela del formaggio Gorgonzola, Randnr. 27).
      
      47     Außerdem ist unabhängig davon, ob die Bezeichnung „Parmesan“ die genaue Übersetzung der g. U. „Parmigiano Reggiano“ oder des
         Begriffs „Parmigiano“ ist oder nicht, auch die begriffliche Nähe zwischen diesen beiden Begriffen aus verschiedenen Sprachen,
         von der die Erörterungen vor dem Gerichtshof zeugen, zu berücksichtigen.
      
      48     Diese Nähe und die in Randnr. 46 dieses Urteils genannten phonetischen und optischen Ähnlichkeiten können im Verbraucher gedanklich
         einen Bezug zu dem Käse wachrufen, der die g. U. „Parmigiano Reggiano“ trägt, wenn er vor einem geriebenen oder zum Reiben
         bestimmten Hartkäse steht, der die Bezeichnung „Parmesan“ trägt. 
      
      49     Unter diesen Umständen ist die Verwendung der Bezeichnung „Parmesan“ als eine Anspielung im Sinne von Art. 13 Abs. 1 Buchst. b
         der Verordnung Nr. 2081/92 auf die g. U. „Parmigiano Reggiano“ anzusehen.
      
      50     Die Frage, ob die Bezeichnung „Parmesan“ die Übersetzung der g. U. „Parmigiano Reggiano“ ist, spielt daher für die Beurteilung
         der vorliegenden Klage keine Rolle.
      
      51     Die Bundesrepublik Deutschland macht jedoch geltend, dass die Verwendung des Begriffs „Parmesan“ keine rechtswidrige Anspielung
         auf die g. U. „Parmigiano Reggiano“ sein könne, weil die Bezeichnung „Parmesan“ zu einer Gattungsbezeichnung geworden sei.
         
      
      52     Die Bundesrepublik Deutschland hat den Beweis dafür zu erbringen, dass diese Behauptung zutreffend ist, zumal der Gerichtshof
         bereits festgestellt hat, dass es keineswegs offensichtlich ist, dass die Bezeichnung „Parmesan“ zu einer Gattungsbezeichnung
         geworden ist (Urteil Bigi, Randnr. 20).
      
      53     Im Rahmen der Beurteilung des generischen Charakters einer Bezeichnung sind gemäß Art. 3 Abs. 1 der Verordnung Nr. 2081/92
         die Gegend der Herstellung des betreffenden Erzeugnisses sowohl innerhalb als auch außerhalb des Mitgliedstaats, der die Eintragung
         der fraglichen Bezeichnung erwirkt hat, der Verbrauch dieses Erzeugnisses, das Verständnis dieser Bezeichnung durch den Verbraucher
         innerhalb und außerhalb des genannten Mitgliedstaats, das Bestehen einer spezifischen nationalen Regelung für das genannte
         Erzeugnis und die Art der Verwendung der fraglichen Bezeichnung in den gemeinschaftlichen Rechtsvorschriften zu berücksichtigen
         (vgl. Urteil vom 25. Oktober 2005, Deutschland und Dänemark/Kommission, C‑465/02 und C‑466/02, Slg. 2005, I‑9115, Randnrn.
         76 bis 99).
      
      54     Die Bundesrepublik Deutschland hat, wie der Generalanwalt in den Nrn. 63 und 64 seiner Schlussanträge ausgeführt hat, lediglich
         Zitate aus Wörterbüchern und aus der Fachliteratur angeführt, die keinen umfassenden Überblick vermitteln, wie die Verbraucher
         in Deutschland und in anderen Mitgliedstaaten das Wort „Parmesan“ verstehen, und nicht einmal Produktions‑ oder Verbrauchszahlen
         für Käse vorgelegt, der in Deutschland oder in anderen Mitgliedstaaten unter der Bezeichnung „Parmesan“ vertrieben wird.
      
      55     Außerdem ergibt sich aus den Gerichtsakten, dass in Deutschland bestimmte Hersteller von Käse mit der Bezeichnung „Parmesan“
         dieses Erzeugnis mit Etiketten vermarkten, die auf die Kultur und Landschaften Italiens hinweisen. Daraus lässt sich zulässigerweise
         folgern, dass die Verbraucher in diesem Mitgliedstaat Parmesan als einen Käse ansehen, der mit Italien in Verbindung steht,
         selbst wenn er tatsächlich in einem anderen Mitgliedstaat erzeugt worden ist (vgl. in diesem Sinne Urteil Deutschland und
         Dänemark/Kommission, Randnr. 87).
      
      56     In der mündlichen Verhandlung schließlich hat die Bundesrepublik Deutschland auch keine Angaben über die nach Deutschland
         eingeführten Mengen des in Italien unter der g. U. „Parmigiano Reggiano“ hergestellten Käses machen können, so dass es dem
         Gerichtshof dadurch auch nicht möglich ist, die Angaben über den Verbrauch dieses Käses als Hinweis auf den generischen Charakter
         der Bezeichnung „Parmesan“ zu nehmen (vgl. in diesem Sinne Urteil Deutschland und Dänemark/Kommission, Randnr. 88).
      
      57     Infolgedessen ist, da die Bundesrepublik Deutschland nicht den Beweis erbracht hat, dass die Bezeichnung „Parmesan“ zu einer
         Gattungsbezeichnung geworden ist, im vorliegenden Fall die Verwendung des Wortes „Parmesan“ für Käse, der nicht der Spezifikation
         der g. U. „Parmigiano Reggiano“ entspricht, als Beeinträchtigung des durch Art. 13 Abs. 1 Buchst. b der Verordnung Nr. 2081/92
         gewährten Schutzes anzusehen.
      
       Zur Verpflichtung der Bundesrepublik Deutschland, Verstöße gegen Art. 13 Abs. 1 der Verordnung Nr. 2081/92 zu ahnden
      58     Die Kommission macht geltend, dass die Bundesrepublik Deutschland nach den Art. 10 und 13 der Verordnung Nr. 2081/92 verpflichtet
         sei, von Amts wegen die Maßnahmen zu ergreifen, die notwendig seien, um Verhaltensweisen zu unterbinden, die zu einer Beeinträchtigung
         einer g. U. führten. Ein solches Einschreiten der Mitgliedstaaten umfasse Maßnahmen auf administrativer und strafrechtlicher
         Ebene, die zur Verwirklichung der Ziele der Verordnung auf dem Gebiet des Schutzes von Ursprungsbezeichnungen geeignet seien.
         Erzeugnisse, die den Anforderungen der genannten Verordnung nicht entsprächen, dürften nicht in den Verkehr gebracht werden.
      
      59     Die Kommission betont, dass sich ihre Rügen nicht auf die deutsche Gesetzgebung oder das Fehlen eines Rechtsbehelfs vor den
         nationalen Gerichten beziehen, sondern auf die dem Gemeinschaftsrecht zuwiderlaufende Verwaltungspraxis der deutschen Behörden.
         Würden die Mitgliedstaaten von ihrer Verpflichtung zum Einschreiten befreit und müssten die Wirtschaftsteilnehmer sich demzufolge
         immer selbst an die Gerichte wenden, wenn ihr ausschließliches Recht, die fragliche g. U. im gesamten Gebiet der Europäischen
         Union zu verwenden, beeinträchtigt werde, so könnten die Ziele der Verordnung Nr. 2081/92 nicht erreicht werden.
      
      60     In einem Rechtsstreit zwischen privaten Wirtschaftsteilnehmern gehe es hauptsächlich um die Wahrung der Rechte des geistigen
         Eigentums, die die im Herkunftsgebiet des betroffenen Erzeugnisses ansässigen Hersteller besäßen, während die Ahndung von
         Verstößen gegen Art. 13 der Verordnung Nr. 2081/92 durch den Staat nicht den Schutz privater Wirtschaftsinteressen, sondern
         den der Verbraucher bezwecke, deren Erwartungen im Hinblick auf die Qualität und den geografischen Ursprung des genannten
         Erzeugnisses nicht enttäuscht werden dürften. Der durch diese Verordnung angestrebte Verbraucherschutz würde in Frage gestellt,
         wenn die Durchsetzung der in der Verordnung vorgesehenen Verbote allein davon abhinge, ob die privaten Wirtschaftsteilnehmer
         gerichtliche Hilfe in Anspruch nähmen.
      
      61     Im Ergebnis sei das Verhalten der Bundesrepublik Deutschland als ein Verstoß gegen Gemeinschaftsrecht durch Unterlassen zu
         bewerten. 
      
      62     Die Bundesrepublik Deutschland trägt vor, Art. 13 der Verordnung Nr. 2081/92 bestimme den Schutzbereich von eingetragenen
         geografischen Angaben und Ursprungsbezeichnungen. Aufgrund der unmittelbaren Wirkung dieser Verordnung begründe diese Vorschrift
         für die Inhaber bzw. die berechtigten Nutzer der g. U. Rechte, zu deren Schutz die nationalen Gerichte verpflichtet seien.
         
      
      63     Die unmittelbare Anwendbarkeit der Verordnung Nr. 2081/92 entbinde die Mitgliedstaaten zwar nicht von der Verpflichtung, nationale
         Maßnahmen zu ergreifen, die die Anwendung dieser Verordnung sicherstellten. Die Bundesrepublik Deutschland habe jedenfalls
         zahlreiche Rechtsvorschriften erlassen, um gegen den unerlaubten Gebrauch der g. U. vorgehen zu können, insbesondere das Gesetz
         gegen den unlauteren Wettbewerb vom 7. Juni 1909 und das Gesetz über den Schutz von Marken und sonstigen Kennzeichen vom 25.
         Oktober 1994 (BGBl. 1994 I, S. 3085). 
      
      64     Außerdem sei die Klagemöglichkeit gegen ein die Rechte aus einer g. U. verletzendes Verhalten nicht auf den Inhaber der genannten
         Bezeichnung beschränkt. Sie stehe vielmehr jedem Wettbewerber, den Unternehmensverbänden und den Verbraucherverbänden zu.
         Dieser große Kreis der Klageberechtigten mache hinreichend deutlich, dass sich die in der Bundesrepublik Deutschland geltenden
         Vorschriften nicht darauf beschränkten, den im Herkunftsgebiet des betroffenen Erzeugnisses ansässigen Herstellern die Durchsetzung
         der ihnen zustehenden Rechte des geistigen Eigentums zu ermöglichen. Diese Vorschriften bildeten ein allgemeines und effektives
         System zur Verhinderung von Verstößen gegen Art. 13 der Verordnung Nr. 2081/92 und zu deren wirksamer Ahndung durch gerichtliche
         Entscheidungen.
      
      65     Die Bundesrepublik Deutschland habe durch die Einräumung der genannten zivilrechtlichen Ansprüche alle Maßnahmen ergriffen,
         die geboten seien, um die volle und umfassende Anwendung von Art. 13 Abs. 1 der Verordnung Nr. 2081/92 zu gewährleisten. Es
         sei nicht notwendig, dass die Behörden von Amts wegen Verstöße gegen diese Vorschrift durch ordnungsbehördliche Maßnahmen
         ahndeten; auch die Art. 10 und 13 der Verordnung verlangten das nicht. Aus dem Vergleich der verschiedenen Sprachfassungen
         von Art. 10 Abs. 4 der Verordnung Nr. 2081/92 ergebe sich, dass es in Anbetracht des italienischen Ursprungs der g. U. „Parmigiano
         Reggiano“ Sache des Consorzio del formaggio Parmigiano Reggiano und nicht der deutschen Kontrolleinrichtungen sei, zu prüfen,
         ob die Spezifikation der genannten Bezeichnung bei deren Verwendung beachtet worden sei.
      
      66     Soweit die Kommission geltend mache, dass die Ahndung von Verstößen gegen Art. 13 der Verordnung Nr. 2081/92 durch den betroffenen
         Mitgliedstaat nicht nur dem Schutz privater Wirtschaftsinteressen, sondern auch dem der Verbraucher diene, stelle dies keine
         Besonderheit der genannten Verordnung dar, die es rechtfertigen würde, das System des Schutzes von Ursprungsbezeichnungen
         durch Einräumung zivilrechtlicher Ansprüche anders als bei anderen Rechten des geistigen Eigentums oder den Vorschriften zum
         Schutz des Wettbewerbs als unzureichend anzusehen. 
      
      67     Wenn in Deutschland die Verwendung der Bezeichnung „Parmesan“ bei Erzeugnissen, die nicht den Anforderungen der Spezifikation
         der g. U. „Parmigiano Reggiano“ entsprächen, nicht von Amts wegen verfolgt oder strafrechtlich geahndet werde, so beruhe dies,
         selbst wenn diese Verwendung überhaupt einen Verstoß gegen Art. 13 Abs. 1 der Verordnung Nr. 2081/92 darstellen würde, nur
         auf dem Verzicht auf Sanktionsmodalitäten, die die Mitgliedstaaten zwar vorsehen könnten, nach dem gegenwärtigen Stand des
         Gemeinschaftsrechts aber nicht vorsehen müssten.
      
      68     Dazu ist festzustellen, dass der Umstand, dass die Rechtsbürger die Möglichkeit haben, sich vor den innerstaatlichen Gerichten
         auf eine Verordnung zu berufen, die Mitgliedstaaten nicht von der Verpflichtung befreien kann, die geeigneten innerstaatlichen
         Maßnahmen zu erlassen, um die uneingeschränkte Anwendung der Verordnung zu gewährleisten, wenn dies erforderlich ist (vgl.
         insbesondere Urteil vom 20. März 1986, Kommission/Niederlande, 72/85, Slg. 1986, 1219, Randnr. 20).
      
      69     Es ist unstreitig, dass die deutsche Rechtsordnung über rechtliche Regelungen wie z. B. die in Randnr. 63 des vorliegenden
         Urteils angeführten Rechtsvorschriften verfügt, die dazu dienen, einen wirksamen Schutz der den einzelnen Bürgern nach der
         Verordnung Nr. 2081/92 zustehenden Rechte sicherzustellen. Ebenso unstreitig ist, dass die Möglichkeit, gegen ein Verhalten
         vorzugehen, das die Rechte aus einer g. U. beeinträchtigt, nicht allein dem berechtigten Nutzer der genannten Bezeichnung
         vorbehalten ist. Sie steht vielmehr jedem Wettbewerber, den Unternehmensverbänden und den Verbraucherverbänden zu.
      
      70     Unter diesen Umständen kann eine solche Regelung auch die Interessen anderer als der Hersteller von Waren mit g. U. schützen,
         insbesondere die Interessen der Verbraucher. 
      
      71     In der mündlichen Verhandlung hat die Bundesrepublik Deutschland im Übrigen vorgetragen, dass vor den deutschen Gerichten
         zurzeit Rechtssachen anhängig seien, die die Verwendung der Bezeichnung „Parmesan“ in Deutschland beträfen. Eine dieser Klagen
         habe das Consorzio del formaggio Parmigiano Reggiano erhoben.
      
      72     Zu der Rüge der Kommission, dass die Mitgliedstaaten verpflichtet seien, von Amts wegen die Maßnahmen zu ergreifen, die erforderlich
         seien, um Verstöße gegen Art. 13 Abs. 1 der Verordnung Nr. 2081/92 zu ahnden, ist Folgendes zu bemerken.
      
      73     Zunächst ergibt sich eine solche Pflicht nicht aus Art. 10 der Verordnung Nr. 2081/92.
      74     Um die Wirksamkeit der Verordnung Nr. 2081/92 zu gewährleisten, sieht deren Art. 10 Abs. 1 zwar vor, dass die Mitgliedstaaten
         sicherstellen, dass spätestens sechs Monate nach Inkrafttreten der Verordnung die Kontrolleinrichtungen geschaffen sind. Sie
         sind also verpflichtet, derartige Einrichtungen zu schaffen. 
      
      75     Aus Art. 10 Abs. 4 der Verordnung Nr. 2081/92, wonach „eine benannte Kontrollbehörde und/oder eine private Kontrollstelle
         eines Mitgliedstaats … [wenn sie feststellt], dass ein mit einer geschützten Bezeichnung versehenes Agrarerzeugnis oder Lebensmittel
         mit Ursprung in ihrem Mitgliedstaat die Anforderungen der Spezifikation nicht erfüllt, … die erforderlichen Maßnahmen [trifft],
         um die Einhaltung dieser Verordnung zu gewährleisten“, ergibt sich jedoch, dass es sich bei den benannten Kontrollbehörden
         und/oder privaten Kontrollstellen eines Mitgliedstaats um die desjenigen Mitgliedstaats handelt, aus dem die g. U. stammt.
      
      76     Die Worte „zu kontrollierenden Erzeuger oder Verarbeiter“ in Art. 10 Abs. 3 der Verordnung Nr. 2081/92, das in Art. 10 Abs. 6
         vorgesehene Recht der Erzeuger auf Zugang zum Kontrollsystem und deren Verpflichtung nach Art. 10 Abs. 7, die Kosten der Kontrollen
         zu tragen, bestätigen, dass Art. 10 der Verordnung Nr. 2081/92 für die Verpflichtungen der Mitgliedstaaten gilt, aus denen
         die g. U. stammt. 
      
      77     Für diese Auslegung sprechen auch Art. 4 Abs. 2 Buchst. g in Verbindung mit Art. 5 Abs. 3 und 4 der Verordnung Nr. 2081/92,
         wonach der Eintragungsantrag die Spezifikation umfassen muss und an den Mitgliedstaat zu richten ist, in dessen Hoheitsgebiet
         sich das geografische Gebiet befindet, und die Spezifikation mindestens Angaben zu der Kontrolleinrichtung oder den Kontrolleinrichtungen
         nach Art. 10 enthalten muss.
      
      78     Daraus folgt, dass es sich bei den Kontrolleinrichtungen, die für die Einhaltung der Spezifikation der g. U. zu sorgen haben,
         um die desjenigen Mitgliedstaats handelt, aus dem die fragliche g. U. stammt. Die Kontrolle der Einhaltung der Spezifikation
         der g. U. „Parmigiano Reggiano“ obliegt also nicht den deutschen Kontrolleinrichtungen.
      
      79     Art. 13 Abs. 1 Buchst. b der Verordnung Nr. 2081/92 gebietet zwar den Schutz der eingetragenen Bezeichnungen gegen jede „widerrechtliche
         Aneignung, Nachahmung oder Anspielung, selbst wenn der wahre Ursprung des Erzeugnisses angegeben ist oder wenn die geschützte
         Bezeichnung in Übersetzung oder zusammen mit Ausdrücken wie ‚Art‘, ‚Typ‘, ‚Verfahren‘, ‚Fasson‘, ‚Nachahmung‘ oder dergleichen
         verwendet wird“.
      
      80     Die Kommission hat jedoch zum einen nicht nachgewiesen, dass die Bundesrepublik Deutschland gegen ihre Verpflichtungen aus
         der Verordnung Nr. 2081/92 verstoßen hat, und zum anderen nichts vorgetragen, was darauf hinwiese, dass Maßnahmen wie die
         in Randnr. 63 des vorliegenden Urteils genannten nicht erlassen worden oder zum Schutz der g. U. „Parmigiano Reggiano“ nicht
         geeignet sind.
      
      81     Nach alledem ist festzustellen, dass die Kommission nicht den Beweis erbracht hat, dass die Bundesrepublik Deutschland dadurch
         gegen ihre Verpflichtungen aus Art. 13 Abs. 1 Buchst. b der Verordnung Nr. 2081/92 verstoßen hat, dass sie es förmlich ablehnte,
         die Verwendung der Bezeichnung „Parmesan“ bei der Etikettierung von Erzeugnissen, die nicht der Spezifikation der g. U. „Parmigiano
         Reggiano“ entsprechen, in ihrem Staatsgebiet zu ahnden.
      
      82     Demzufolge ist die von der Kommission erhobene Klage abzuweisen.
       Kosten
      83     Nach Art. 69 § 2 der Verfahrensordnung ist die unterliegende Partei auf Antrag zur Tragung der Kosten zu verurteilen. Da die
         Bundesrepublik Deutschland eine solche Verurteilung der Kommission beantragt hat und diese mit ihrem Vorbringen unterlegen
         ist, sind ihr die Kosten aufzuerlegen. Nach § 4 dieses Artikels tragen die Tschechische Republik, das Königreich Dänemark,
         die Italienische Republik und die Republik Österreich ihre eigenen Kosten. 
      
      Aus diesen Gründen hat der Gerichtshof (Große Kammer) für Recht erkannt und entschieden:
      1.      Die Klage wird abgewiesen.
      2.      Die Kommission der Europäischen Gemeinschaften trägt die Kosten. 
      3.      Die Tschechische Republik, das Königreich Dänemark, die Italienische Republik und die Republik Österreich tragen ihre eigenen
            Kosten.
      Unterschriften
      * Verfahrenssprache: Deutsch.