CELEX: 62002CJ0346
Language: de
Date: 2004-09-07 00:00:00
Title: Urteil des Gerichtshofes (Große Kammer) vom 7. September 2004. # Kommission der Europäischen Gemeinschaften gegen Großherzogtum Luxemburg. # Versicherungen - Dritte Richtlinie 'Schadenversicherung' - Bonus-Malus-System. # Rechtssache C-346/02.

Rechtssache C-346/02
      Kommission der Europäischen Gemeinschaften
      gegen
      Großherzogtum Luxemburg
      „Versicherungen – Dritte Richtlinie ‚Schadenversicherung‘ – Bonus-Malus-System“
      Leitsätze des Urteils
      Freizügigkeit – Niederlassungsfreiheit – Freier Dienstleistungsverkehr – Direktversicherung mit Ausnahme der Lebensversicherung
            – Richtlinie 92/49 – Tariffreiheit – Bonus-Malus-System, das nicht zu einer unmittelbaren Festlegung der Tarife durch den
            Staat führt – Zulässigkeit 
      (Richtlinie 92/49 des Rates)
      Ein für Kraftfahrzeug-Versicherungsverträge geltendes Bonus-Malus-System, das zwar Auswirkungen auf die Entwicklung der Prämien
         hat, jedoch nicht zu einer unmittelbaren Festlegung der Tarife durch den Staat führt, da es den Versicherungsunternehmen freisteht,
         die Höhe der Basisprämien festzusetzen, kann einer Tarifgenehmigungsregelung, die gegen den von der Richtlinie 92/49 zur Koordinierung
         der Rechts- und Verwaltungsvorschriften für die Direktversicherung (mit Ausnahme der Lebensversicherung) sowie zur Änderung
         der Richtlinien 73/239 und 88/357 aufgestellten Grundsatz der Tariffreiheit verstößt, nicht gleichgestellt werden. 
      
      Insoweit kann eine vollständige Harmonisierung auf dem Gebiet der Tarife im Bereich der Versicherung mit Ausnahme der Lebensversicherung,
         mit der jede nationale Maßnahme ausgeschlossen wird, die Auswirkungen auf die Tarife haben kann, mangels eines entsprechenden
         vom Gemeinschaftsgesetzgeber klar geäußerten Willens nicht vermutet werden. 
      
      (vgl. Randnrn. 23-24)

      
      
      
      
      
      
      
      
      
      
      
      
      
      
      
            
            URTEIL DES GERICHTSHOFES (Große Kammer)7. September 2004(1)
         
         
               „Versicherungen  –  Dritte Richtlinie ‚Schadenversicherung‘  –  Bonus‑Malus‑System“
               
             In der Rechtssache C-346/02  betreffend eine Vertragsverletzungsklage nach Artikel 226 EG, beim Gerichtshof eingereicht am 30. September 2002,
            
            
            Kommission der Europäischen Gemeinschaften, vertreten durch C. Tufvesson und J.-F. Pasquier als Bevollmächtigte, Zustellungsanschrift in Luxemburg,
            
            
            Klägerin,
            
            gegen
            Großherzogtum Luxemburg, vertreten durch P. Gramegna als Bevollmächtigten im Beistand von A. Schmitt, avocat,
            
            Beklagter,
             erlässt
            
            DER GERICHTSHOF (Große Kammer),
            
             unter Mitwirkung des Präsidenten V. Skouris, der Kammerpräsidenten P. Jann, C. W. A. Timmermans (Berichterstatter), C. Gulmann
            und J. N. Cunha Rodrigues, des Richters R. Schintgen, der Richterinnen F. Macken und N. Colneric, des Richters S. von Bahr,
            der Richterin R. Silva de Lapuerta und des Richters K. Lenaerts,
            
             Generalanwältin: C. Stix-Hackl,Kanzler: H. von Holstein, Hilfskanzler,
             aufgrund des schriftlichen Verfahrens und auf die mündliche Verhandlung vom 10. Februar 2004,
            
            nach Anhörung der Schlussanträge der Generalanwältin in der Sitzung vom 30. März 2004,
         folgendes
         
         
         Urteil
         1
            
          Die Kommission der Europäischen Gemeinschaften beantragt mit ihrer Klageschrift, festzustellen, dass das Großherzogtum Luxemburg
         dadurch gegen seine Verpflichtungen aus der Richtlinie 92/49/EWG des Rates vom 18. Juni 1992 zur Koordinierung der Rechts-
         und Verwaltungsvorschriften für die Direktversicherung (mit Ausnahme der Lebensversicherung) sowie zur Änderung der Richtlinien
         73/239/EWG und 88/357/EWG (Dritte Richtlinie Schadenversicherung) (ABl. L 228, S. 1) verstoßen hat, dass es entgegen dem in
         den Artikeln 6 Absatz 3, 29 und 39 dieser Richtlinie vorgesehenen Grundsatz der Tariffreiheit und der Abschaffung vorheriger
         oder systematischer Kontrollen von Tarifen und Verträgen ein Bonus-Malus-System eingeführt und beibehalten hat, das sich automatisch
         und zwingend ohne Unterscheidung zwischen Versicherungsgesellschaften mit Sitz im Großherzogtum Luxemburg und Versicherungsunternehmen,
         die ihre Tätigkeiten dort über Zweigniederlassungen oder im Dienstleistungsverkehr ausüben, auf die Tarife, die für alle in
         Luxemburg von natürlichen Personen geschlossenen Kraftfahrzeug-Versicherungsverträge gelten, auswirkt. 
         
         
            
               Rechtlicher Rahmen 
            Gemeinschaftsrecht 
         
         2
            
          In Titel II – „Aufnahme der Versicherungstätigkeit“ – bestimmt Artikel 6 der Richtlinie 92/49: 
         „Artikel 8 der Richtlinie 73/239/EWG erhält folgende Fassung: 
         ‚Artikel 8… 
         (3) Diese Richtlinie steht der Möglichkeit nicht entgegen, dass die Mitgliedstaaten Rechts- und Verwaltungsvorschriften einführen
         oder beibehalten, die die Genehmigung der Satzung und die Übermittlung aller für die ordnungsgemäße Aufsicht erforderlichen
         Dokumente vorschreiben. 
          Jedoch sehen die Mitgliedstaaten keine Vorschriften vor, in denen eine vorherige Genehmigung oder eine systematische Übermittlung
         der allgemeinen und besonderen Versicherungsbedingungen, der Tarife sowie der Formblätter und sonstigen Druckstücke, die das
         Unternehmen im Verkehr mit den Versicherungsnehmern zu verwenden beabsichtigt, verlangt wird. 
          Die Mitgliedstaaten dürfen die vorherige Mitteilung oder die Genehmigung der vorgeschlagenen Tarifanhebungen nur als Element
         eines allgemeinen Preiskontrollsystems beibehalten oder einführen. 
         …‘“ 
         
         
         
         3
            
          Artikel 29 der Richtlinie 92/49, der in deren Titel III – „Harmonisierung der Bedingungen für die Ausübung der Tätigkeit“
         – steht, lautet: 
         „Die Mitgliedstaaten sehen keine Vorschriften vor, in denen eine vorherige Genehmigung oder eine systematische Übermittlung
         der allgemeinen und besonderen Versicherungsbedingungen, der Tarife sowie der Formblätter und sonstigen Druckstücke, die das
         Unternehmen im Verkehr mit den Versicherungsnehmern zu verwenden beabsichtigt, verlangt wird. Um die Einhaltung der nationalen
         Rechtsvorschriften über die Versicherungsverträge zu überwachen, können sie nur die nicht-systematische Übermittlung dieser
         Bedingungen und sonstigen Dokumente verlangen, ohne dass dies für das Unternehmen eine Voraussetzung für die Ausübung seiner
         Tätigkeit darstellen darf. 
          Die Mitgliedstaaten dürfen die vorherige Mitteilung oder die Genehmigung der vorgeschlagenen Tariferhöhungen nur als Bestandteil
         eines allgemeinen Preiskontrollsystems beibehalten oder einführen.“ 
         
         
         
         4
            
          In Titel IV der Richtlinie 92/49 – „Bestimmungen über die freie Niederlassung und den freien Dienstleistungsverkehr“ – bestimmt
         Artikel 39 Absätze 2 und 3: 
         „(2) Der Mitgliedstaat der Zweigniederlassung oder der Dienstleistung sieht keine Vorschriften vor, in denen eine vorherige
         Genehmigung oder eine systematische Übermittlung der allgemeinen und besonderen Versicherungsbedingungen, der Tarife sowie
         der Formblätter und sonstigen Druckstücke, die das Unternehmen im Verkehr mit den Versicherungsnehmern zu verwenden beabsichtigt,
         verlangt wird. Um die Einhaltung der nationalen Rechtsvorschriften über die Versicherungsverträge zu überwachen, kann er von
         jedem Unternehmen, das in seinem Staatsgebiet im Rahmen der Niederlassungs- oder der Dienstleistungsfreiheit tätig werden
         will, nur die nicht-systematische Übermittlung dieser Bedingungen und sonstigen Dokumente verlangen, ohne dass dies für das
         Unternehmen eine Voraussetzung für die Ausübung seiner Tätigkeit darstellen darf. 
         (3) Der Mitgliedstaat der Zweigniederlassung oder der Dienstleistung darf die vorherige Mitteilung oder die Genehmigung der
         vorgeschlagenen Tariferhöhungen nur als Bestandteil eines allgemeinen Preiskontrollsystems beibehalten oder einführen.“ 
         
         Nationales Recht
         
         5
            
          Mit der Großherzoglichen Verordnung vom 20. Dezember 1994 zur Durchführung des Artikels 17 Absätze 2 und 3 des geänderten
         Gesetzes vom 7. April 1976 über die Kraftfahrzeug-Haftpflichtversicherung und zur Festsetzung der Anforderungen, die Kraftfahrzeug-Haftpflichtversicherungsverträge
         erfüllen müssen (Mémorial A 1994, S. 2776, im Folgenden: Verordnung), wurde u. a. ein System der Festsetzung der Höhe der Versicherungsprämien in das
         nationale Recht eingeführt, nach dem die Prämien nach mehreren schadensfreien Jahren sinken und nach einem Schadensfall steigen.
         
         
         
         
         6
            
          Artikel 3 der Verordnung bestimmt: 
         „Klauseln in einem Versicherungsvertrag, die bezwecken oder bewirken, 
         …
         
         5.
            dass die Bonus-Malus-Skala, wie sie in den nachfolgenden Artikeln 7 und 8 aufgeführt ist, auf den Vertrag keine Anwendung
               findet,
            
         
         
         sind verboten.“ 
         
         
         
         
         7
            
          Artikel 7 der Verordnung sieht zwingende Kriterien vor, die für jeden Haftpflichtversicherungsvertrag gelten, den eine natürliche
         Person für ein Kraftfahrzeug mit gewöhnlichem Standort in Luxemburg abschließt. 
         
         
         
         8
            
          Nach diesem System wird jeder neue Versicherungsnehmer in Stufe 11 der Bonus-Malus-Skala eingestuft (Bonus von 0 %). Schadensfreiheit
         während eines Beobachtungszeitraums führt zu einer Herabstufung um eine Stufe auf der Skala. Die Bonus-Malus-Skala endet mit
         der Stufe ‑3, auf der der Versicherungsnehmer nur 45 % der Basisprämie zahlt. 
         
         
         
         9
            
          Dagegen führt jeder Schadensfall im Referenzzeitraum zu einer Heraufstufung um drei Stufen. Die höchste Stufe auf der Bonus‑Malus‑Skala
         ist die Stufe 22, auf der der Versicherungsnehmer einen Betrag in Höhe von 250 % der Basisprämie zahlt. 
         
         
         
         10
            
          Die obligatorische Bonus-Malus-Skala gilt nur für Verträge, die natürliche Personen abschließen. Außerdem betrifft das Bonus-Malus-System
         nur die Haftpflichtversicherungsprämie. Die übrigen Bestandteile der Gesamtprämie für eine Kraftfahrzeugversicherung, wie
         die Risiken Glasbruch, Diebstahl und Brand sowie Rechtsschutz, unterliegen diesem System nicht. 
         
         Vorverfahren 
         
         11
            
          Am 25. Juli 2001 sandte die Kommission dem Großherzogtum Luxemburg ein Mahnschreiben, in dem sie die Auffassung vertrat, dass
         das System der Festsetzung der Versicherungsprämien bestimmte Vorschriften der Richtlinie 92/49, insbesondere deren Artikel
         6 Absatz 3, 29 und 39, verletze. 
         
         
         
         12
            
          Da dieses Mahnschreiben nicht beantwortet wurde, richtete die Kommission am 20. Dezember 2001 eine mit Gründen versehene Stellungnahme
         an das Großherzogtum Luxemburg, in der sie diesen Mitgliedstaat aufforderte, der Stellungnahme binnen einer Frist von zwei
         Monaten nach ihrer Zustellung durch den Erlass der geforderten Maßnahmen nachzukommen. 
         
         
         
         13
            
          Die luxemburgische Regierung antwortete auf die mit Gründen versehene Stellungnahme mit Schreiben vom 6. März 2002. Sie räumte
         ein, dass die Tariffreiheit ein von der Richtlinie 92/49 festgelegter Grundsatz sei, und machte geltend, dass die Festsetzung
         des Basistarifs dem freien Ermessen der Versicherungsunternehmen überlassen sei. Außerdem trage das Bonus‑Malus‑System zum
         Schutz der Verbraucher und zur Verhütung von Unfällen bei. 
         
         
         
         14
            
          Da die Kommission der Auffassung war, dass die luxemburgischen Behörden nicht die erforderlichen Maßnahmen erlassen hatten,
         um den Verpflichtungen aus der Richtlinie 92/49 nachzukommen, hat sie die vorliegende Klage erhoben. 
         
         Begründetheit Vorbringen der Parteien 
         
         15
            
          Die Kommission meint, dass das luxemburgische Bonus-Malus-System zum einen gegen den sich aus den Bestimmungen der Richtlinie
         92/49 ergebenden Grundsatz der Tariffreiheit verstoße, wonach es den Mitgliedstaaten verboten sei, die Tarife oder Tariferhöhungen,
         die ein Versicherungsunternehmen im Gebiet der Mitgliedstaaten zu verwenden oder vorzunehmen beabsichtige, der Pflicht zur
         Mitteilung, vorherigen Genehmigung oder systematischen Übermittlung zu unterwerfen; zum anderen verstoße es gegen das Ziel
         dieser Richtlinie, die den freien Vertrieb der Versicherungsprodukte in der Gemeinschaft erreichen wolle. Ihre Auslegung werde
         durch die Urteile des Gerichtshofes vom 11. Mai 2000 in der Rechtssache C-296/98 (Kommission/Frankreich, Slg. 2000, I-3025)
         und vom 25. Februar 2003 in der Rechtssache C-59/01 (Kommission/Italien, Slg. 2003, I-1759) bestätigt. 
         
         
         
         16
            
          Die Kommission spricht den Mitgliedstaaten nicht die Befugnis ab, eine Abstufung, die die Schadenshäufigkeit der Versicherungsnehmer
         berücksichtige, oder gar ein einheitliches Bonus-Malus-System einzuführen. Solche Regelungen verstießen jedoch gegen die Richtlinie
         92/49, wenn sie sich automatisch auf die Tarife auswirkten, was bei dem luxemburgischen Bonus-Malus-System der Fall sei. 
         
         
         
         17
            
          Sie räumt ein, dass die Versicherer in Luxemburg die Basisprämie grundsätzlich frei festsetzten. Um den Grundsatz der Tariffreiheit
         zu wahren, müssten jedoch nicht nur die Basisprämie, sondern alle konstitutiven Faktoren der Versicherungsprämie von den Versicherungsgesellschaften
         frei festgesetzt werden. 
         
         
         
         18
            
          Die Tariffreiheit könne nämlich weitgehend fiktiv bleiben, wenn die Versicherungsgesellschaften die Prämie im Hinblick auf
         ein so grundlegendes Kriterium wie die Schadenshäufigkeit des Versicherungsnehmers nur unter Einhaltung fester Vorgaben anpassen
         dürften. Zudem habe die vorgeschriebene Anpassung nicht nur eine marginale Wirkung auf die Höhe der Prämie, sondern könne
         diese bis auf das Doppelte erhöhen. 
         
         
         
         19
            
          Unter Bezugnahme auf Randnummer 29 des Urteils Kommission/Italien trägt die luxemburgische Regierung vor, dass die Regelung
         dem Grundsatz der Tariffreiheit entspreche, da sie weder vorschreibe, dass die von den Versicherungsgesellschaften verwendeten
         Tarife vor ihrer Anwendung einer Aufsichts- oder Kontrollbehörde mitgeteilt werden müssten, noch, dass diese Behörde verpflichtet
         sei, diese Tarife vor ihrer Verwendung zu genehmigen. 
         
         
         
         20
            
          Sie macht geltend, dass das Bonus-Malus-System es möglich mache, die Versicherungsprämie entsprechend der Vorgeschichte des
         Versicherungsnehmers und der Anzahl der Schadensfälle, für die der Versicherte haftbar sei, anzupassen. Es handele sich um
         ein System der nachträglichen Personalisierung der Prämie, das allein die Veränderung der Versicherungsprämie betreffe. Dagegen
         lasse dieses System den Versicherern völlige Freiheit, alle Faktoren, die in die Prämienberechnung der Kraftfahrzeugversicherung
         eingingen, festzulegen. 
         
         Würdigung durch den Gerichtshof 
         
         21
            
          Wie der Gerichtshof in Randnummer 29 des Urteils Kommission/Italien festgestellt hat, hatte der Gemeinschaftsgesetzgeber die
         Absicht, den Grundsatz der Tariffreiheit im Versicherungssektor (mit Ausnahme der Lebensversicherung) einschließlich der Pflichtversicherung
         wie der Kraftfahrzeug-Haftpflichtversicherung zu gewährleisten. Dieser Grundsatz umfasst, wie der Gerichtshof ebenfalls in
         Randnummer 29 des genannten Urteils ausgeführt hat, das Verbot jeder Regelung einer vorherigen oder systematischen Mitteilung
         und der Genehmigung der Tarife, die ein Versicherungsunternehmen in seinen Beziehungen zu den Versicherungsnehmern zu verwenden
         beabsichtigt. Die einzige in der Richtlinie 92/49 zugelassene Ausnahme von diesem Grundsatz betrifft die vorherige Mitteilung
         und die Genehmigung von „Tariferhöhungen“ im Rahmen eines „allgemeinen Preiskontrollsystems“. 
         
         
         
         22
            
          Im Urteil Kommission/Italien sah der Gerichtshof eine Regelung, mit der die Preise im Hinblick auf die Festlegung wie auf
         die Entwicklung der Tarife im Rahmen von Schadensfälle auf italienischem Gebiet betreffenden Verträgen über die Kraftfahrzeug-Haftpflichtversicherung
         eingefroren wurden, als Verstoß gegen den Grundsatz der Tariffreiheit an (Urteil Kommission/Italien, Randnrn. 32 und 48).
         
         
         
         
         23
            
          Das luxemburgische Bonus-Malus-System, das Gegenstand dieser Klage ist, unterscheidet sich in seinen Auswirkungen auf die
         Tarife der Versicherungsunternehmen von den italienischen Rechtsvorschriften, um die es im Urteil Kommission/Italien ging.
         Dieses System hat zwar Auswirkungen auf die Entwicklung der Prämien. Es führt jedoch nicht zu einer unmittelbaren Festlegung
         der Tarife durch den Staat, denn den Versicherungsunternehmen steht es frei, die Höhe der Basisprämien festzusetzen. Unter
         diesen Umständen kann das luxemburgische Bonus‑Malus‑System nicht einer gegen den Grundsatz der Tariffreiheit verstoßenden
         Tarifgenehmigungsregelung gleichgestellt werden, wie der Gerichtshof sie in Randnummer 29 des Urteils Kommission/Italien definiert
         hat. 
         
         
         
         24
            
          Eine vollständige Harmonisierung auf dem Gebiet der Tarife im Bereich der Versicherung mit Ausnahme der Lebensversicherung,
         mit der jede nationale Maßnahme ausgeschlossen wird, die Auswirkungen auf die Tarife haben kann, kann mangels eines entsprechenden
         vom Gemeinschaftsgesetzgeber klar geäußerten Willens nicht vermutet werden. 
         
         
         
         25
            
          Demnach kann dem der Klage der Kommission zugrunde liegendem Vorbringen nicht gefolgt werden, dass das luxemburgische Bonus‑Malus‑System
         trotz der Tatsache, dass die Basisprämie völlig frei festgesetzt werden kann, allein deshalb gegen den Grundsatz der Tariffreiheit
         verstoße, weil es Auswirkungen auf die Entwicklung dieser Prämie habe.
         
         
         
         26
            
          Im Übrigen behauptet die Kommission nicht, dass dieses System darauf hinauslaufe, eine Pflicht zur vorherigen oder systematischen
         Mitteilung oder zur Einholung einer Genehmigung der Tarife einzuführen, die ein Versicherungsunternehmen in seinen Beziehungen
         zu den Versicherungsnehmern zu verwenden beabsichtigt. 
         
         
         
         27
            
          Folglich hat die Kommission nicht nachgewiesen, dass das Großherzogtum Luxemburg gegen den in den Artikeln 6 Absatz 3, 29
         und 39 der Richtlinie 92/49 vorgesehenen Grundsatz der Tariffreiheit und der Abschaffung vorheriger oder systematischer Kontrollen
         von Versicherungstarifen und -verträgen verstoßen hat, indem es sein Bonus-Malus-System eingeführt und beibehalten hat. 
         
         
         
         28
            
          Da die Kommission den Gegenstand ihrer mit Gründen versehenen Stellungnahme und der vorliegenden Klage auf die Feststellung
         einer Verletzung des Grundsatzes der Tariffreiheit und der Abschaffung vorheriger Kontrollen von Versicherungstarifen und
         ‑verträgen, wie er sich aus den in der vorstehenden Randnummer genannten Bestimmungen ergibt, beschränkt hat, ist die Klage
         abzuweisen. 
         
         
         Kosten
         29
            
          Nach Artikel 69 § 2 der Verfahrensordnung ist die unterliegende Partei auf Antrag zur Tragung der Kosten zu verurteilen. Da
         die Kommission mit ihrem Vorbringen unterlegen ist, sind ihr dem Antrag des Großherzogtums Luxemburg gemäß die Kosten aufzuerlegen.
         
         
         
         
         
         
         
            
            
         
         
          Aus diesen Gründen hat der Gerichtshof (Große Kammer) für Recht erkannt und entschieden:
         
            
            
             
               1.
                  Die Klage wird abgewiesen.
               
            
            
            
             
               2.
                  Die Kommission der Europäischen Gemeinschaften trägt die Kosten des Verfahrens. 
               
            
             Unterschriften.
      
      
          1 –
            
            Verfahrenssprache: Französisch.