CELEX: 62004CC0098
Language: de
Date: 2005-07-14
Title: Schlussanträge des Generalanwalts Ruiz-Jarabo Colomer vom 14. Juli 2005. # Kommission der Europäischen Gemeinschaften gegen Vereinigtes Königreich Grossbritannien und Nordirland. # Vertragsverletzung eines Mitgliedstaats - Richtlinie 85/337/EWG - Umweltverträglichkeitsprüfung bei bestimmten Projekten - Kein Antrag auf Genehmigung und Prüfung vor der Durchführung eines Projekts - Unzulässigkeit der Klage. # Rechtssache C-98/04.

SCHLUSSANTRÄGE DES GENERALANWALTS
      DÁMASO RUIZ-JARABO COLOMER 
      vom 14. Juli 20051(1)
      
      Rechtssache C‑98/04
      Kommission der Europäischen Gemeinschaften
      gegen
      Vereinigtes Königreich Großbritannien und Nordirland
      „Vertragsverletzungsverfahren – Vereinigtes Königreich Großbritannien und Nordirland – Umweltschutz –Umweltverträglichkeitsprüfung – Richtlinie 85/337/EWG – Nationale Regelung, die eine Ausführung von Projekten ohne vorherige Umweltverträglichkeitsprüfung erlaubt, indem sie den
         zuständigen Behörden die Möglichkeit gibt, gegenüber Verstößen gegen das Bau- und Planungsrecht untätig zu bleiben“
      
      1.     Die Kommission hat gemäß Artikel 226 EG vor dem Gerichtshof Klage auf Feststellung erhoben, dass das Vereinigte Königreich
         Großbritannien und Nordirland gegen seine Verpflichtungen aus den Artikeln 2 Absatz 1 und 4 der Richtlinie 85/337/EWG des
         Rates vom 27. Juni 1985 über die Umweltverträglichkeitsprüfung bei bestimmten öffentlichen und privaten Projekten(2) verstoßen hat.
      
      2.     Der beklagte Mitgliedstaat räumt ein, dass sein Bau- und Planungsrecht Fälle zulasse, die im Widerspruch zu der genannten
         Richtlinie stünden; dieses Eingeständnis hätte trotz der heftigen Diskussion, die für die Begründetheit des Begehrens der
         Kommission letztlich unerheblich war, die Möglichkeit geboten, den Rechtsstreit ohne Schlussanträge des Generalanwalts zu
         entscheiden.
      
      I –    Die Richtlinie 85/337
      3.     Die Richtlinie(3) soll eine Schädigung der Umwelt verhindern, indem als vorbeugende Maßnahmen die Folgen eines jeden Projekts abgeschätzt werden (erste und sechste Begründungserwägung, Artikel 1 Absatz 1). 
      
      4.     Mit Projekt sind die Errichtung von baulichen oder sonstigen Anlagen sowie sonstige Eingriffe in Natur und Landschaft einschließlich
         derjenigen zum Abbau von Bodenschätzen gemeint. Projektträger ist die Person, die die Genehmigung für ein privates Projekt beantragt, oder die Behörde, die ein Projekt betreiben will.
         Schließlich ist die Genehmigung eine Entscheidung, aufgrund deren der Projektträger das Recht zur Durchführung des Projekts erhält (Artikel 1 Absatz 2 der
         Richtlinie). 
      
      5.     Artikel 2 Absatz 1 lautet:
       „Die Mitgliedstaaten treffen die erforderlichen Maßnahmen, damit vor der Erteilung der Genehmigung die Projekte, bei denen
         insbesondere aufgrund ihrer Art, ihrer Größe oder ihres Standortes mit erheblichen Auswirkungen auf die Umwelt zu rechnen
         ist, einer Prüfung in Bezug auf ihre Auswirkungen unterzogen werden. Diese Projekte sind in Artikel 4 definiert.“
      
      6.     Diese letztgenannte Vorschrift sieht vor:
      „(1) Projekte des Anhangs I werden vorbehaltlich des Artikels 2 Absatz 3(4) einer Prüfung gemäß den Artikeln 5 bis 10 unterzogen.
      
      (2) Bei Projekten des Anhangs II bestimmen die Mitgliedstaaten vorbehaltlich des Artikels 2 Absatz 3 anhand
      a) einer Einzelfalluntersuchung
      oder
      b) der von den Mitgliedstaaten festgelegten Schwellenwerte bzw. Kriterien,
      ob das Projekt einer Prüfung gemäß den Artikeln 5 bis 10 unterzogen werden muss.
      Die Mitgliedstaaten können entscheiden, beide unter den Buchstaben a) und b) genannten Verfahren anzuwenden.
      (3) Bei der Einzelfalluntersuchung oder der Festlegung von Schwellenwerten bzw. Kriterien im Sinne des Absatzes 2 sind die
         relevanten Auswahlkriterien des Anhangs III zu berücksichtigen.
      
      (4) Die Mitgliedstaaten stellen sicher, dass die gemäß Absatz 2 getroffenen Entscheidungen der zuständigen Behörden der Öffentlichkeit
         zugänglich gemacht werden.“
      
      II – Die britische Regelung
      7.     Der Town and Country Planning Act 1990, der durch den Planning and Compensation Act 1991 geändert wurde, regelt die Bau- und
         Raumplanung. 
      
      8.     Nur wer eine entsprechende Genehmigung besitzt, darf Eingriffe in den Boden oder den Untergrund durch die Errichtung von Gebäuden
         und technischen Anlagen oder durch Bergbauvorhaben vornehmen und die Nutzung von Gebäuden oder anderen Immobilien ändern.
         Die Genehmigung wird von den örtlichen Planungsbehörden erteilt und kann vor dem Secretary of State angefochten werden, der
         auch bei Untätigkeit der Behörde vermitteln und über die Anträge der Parteien selbst entscheiden kann (Artikel 55, 57, 77
         und 78). 
      
      9.     Abschnitt VII des genannten Gesetzes bezieht sich auf die Befugnisse der Gemeinde, bau- und planungsrechtliche Verstöße abzustellen,
         insbesondere bei Arbeiten ohne Baugenehmigung oder ohne Einhaltung der mit der Genehmigung verbundenen Bedingungen und Auflagen,
         die nach Artikel 171 A Zuwiderhandlungen darstellen, einzuschreiten. Diese Befugnisse, deren Ausübung eine Ermessensfrage
         ist(5), stehen auch dem Secretary of State zu.
      
      10.   Die Aufforderung nach Artikel 172 ist das hauptsächliche Zwangsmittel, das vom Secretary of State überprüft werden kann, wenn
         die Betroffenen dies beantragen, insbesondere unter Berufung auf den in Artikel 174 Absatz 2 Buchstabe d angeführten Grund,
         dass zum Zeitpunkt der Aufforderung keine Zwangsmaßnahmen gegen sie erlassen werden konnten. 
      
      11.   Dieser Anfechtungsgrund stellt die logische Folge des Artikels 171 B dar, der Zwangsmittel zur Wiederherstellung des rechtmäßigen
         Zustands verbietet, wenn seit der Beendigung der ungenehmigten Arbeiten oder seit der rechtswidrigen Änderung der Zweckbestimmung
         eines Gebäudes mit dem Ziel seiner Umwandlung in ein Wohngebäude vier Jahre (Absätze 1 und 2) oder im Fall jeder anderen Zuwiderhandlung
         zehn Jahre (Absatz 3) verstrichen sind. 
      
      12.   In diesen Kontext fügen sich die Lawful Development Certificates (Rechtmäßigkeitsnachweis der Nutzung, im Folgenden: LDC)
         ein, die in Artikel 191 des Town and Country Planning Act 1990 geregelt sind.
      
      13.   Nach Absatz 1 dieser Vorschrift besteht ein Anspruch, feststellen zu lassen, ob die Nutzung der Immobilien oder die Arbeiten
         auf, über oder unter dem Erdboden oder jede andere Handlung, die gegen die mit einer Genehmigung verbundenen Bedingungen und
         Auflagen verstößt, zulässig sind, wobei in dem Antrag das Grundstück bezeichnet und die übrigen maßgeblichen Umstände beschrieben
         werden müssen.
      
      14.   Nach Absatz 2 gelten diese Handlungen und Arbeiten als rechtmäßig, sofern
      „a)      keine Zwangsmaßnahmen gegen sie mehr möglich sind (sei es, weil es nicht um eine Bebauung geht oder keine Genehmigungspflicht
         besteht oder die Frist für den Erlass von Zwangsmaßnahmen abgelaufen ist oder andere Gründe vorliegen) und 
      
      b)      kein Verstoß gegen eine Anordnung eines seinerzeitigen Aufforderungsbescheids vorliegt.“(6)
      
      15.   Das Gleiche gilt nach Absatz 3 für jede Handlung gegen Bestimmungen über die Erteilung einer Genehmigung, wenn die Frist für
         ein Einschreiten abgelaufen ist und die Handlung nicht gegen eine Anordnung eines seinerzeitigen Aufforderungsbescheids verstößt.
         
      
      16.   Nach Absatz 4 ist ein LDC zu erteilen, wenn die vom Antragsteller beigebrachten Informationen die „Rechtmäßigkeit“ der in
         Frage stehenden Handlung bestätigen, die dann nach Absatz 6 als nachgewiesen gilt. Nach Absatz 7 hat der Nachweis gleiche
         Wirkungen wie bestimmte Genehmigungen(7).
      
      III – Das Vorverfahren
      17.   Aufgrund einer Beschwerde über eine Autoverschrottungsanlage, für deren Betrieb keine Genehmigung erteilt worden war und für
         die 1993 ein LDC und 1998 für die Erweiterung der Anlage ein weiteres LDC erteilt worden war, erfuhr die Kommission von dem
         britischen System, das in den vorstehenden Nummern dieser Schlussanträge beschrieben ist.
      
      18.   Am 8. Februar 2001 richtete sie an die Regierung des Vereinigten Königreichs ein Schreiben mit der Bitte um Erläuterungen
         zu diesem System, die ihr mit Schreiben vom 31. August 2001 gegeben wurden. Die Kommission schloss aus diesem Schreiben, dass
         die Erteilung eines LDC eine Umgehung des Genehmigungsverfahrens der Richtlinie 85/337 sei, und räumte der Regierung des Vereinigten
         Königreichs am 23. Oktober 2001 eine Frist von zwei Monaten für eine Stellungnahme ein. 
      
      19.   Da die Kommission von der am 19. Dezember 2001 eingereichten Rechtfertigung nicht überzeugt war, erließ sie ein Jahr später
         eine mit Gründen versehene Stellungnahme, mit der sie das Vereinigte Königreich aufforderte, die angemessenen Maßnahmen zu
         erlassen, um die Lage mit den Anforderungen des Gemeinschaftsrechts wieder in Einklang zu bringen.
      
      20.   Die Behörden des Vereinigten Königreichs räumten in ihrer Antwort vom 3. April 2003 die theoretische Möglichkeit einer Regelungslücke
         ein und verpflichteten sich, die erforderlichen Maßnahmen zur Beseitigung dieser Lücke zu erlassen, die nach ihrer Ansicht
         aber nicht durch die Ausgabe von LDCs bedingt sei, sondern auf das Verhalten der örtlichen Behörden zurückzuführen sei, die
         in Ausübung ihres Ermessens gegenüber einer Handlung, die gegen bau- und planungsrechtliche Vorschriften verstoße, untätig
         bleiben könnten.
      
      IV – Anträge der Parteien und Verfahren vor dem Gerichtshof
      21.   Am 26. Februar 2004 hat die Kommission gemäß Artikel 226 Absatz 2 EG Klage erhoben, weil sie mit der Antwort nicht zufrieden
         war und ihr die angekündigten Maßnahmen nicht mitgeteilt worden waren. Sie beantragt daher die Feststellung, dass das Vereinigte
         Königreich gegen seine Verpflichtungen aus Artikel 2 Absatz 1 und 4 der Richtlinie 85/377 verstoßen hat. Das Vereinigte Königreich
         hat sich dieser Feststellung widersetzt.
      
      22.   In der Sitzung vom 30. Juni 2004 haben die Parteien mündlich verhandelt.
      V –    Prüfung der behaupteten Zuwiderhandlung
      23.   Die Richtlinie 85/337 verfolgt das Ziel, jedes Projekt, das erhebliche Auswirkungen auf die Umwelt haben kann, vor seiner
         Genehmigung einer Prüfung seiner Folgen zu unterziehen(8), die in zwei Schritten erfolgt. Zunächst ist festzustellen, ob die geplanten Arbeiten erhebliche Auswirkungen auf die natürliche
         Umgebung haben; sodann werden diese Auswirkungen gemäß den Artikeln 5 bis 10 der Richtlinie beurteilt(9).
      
      24.   Es gibt Vorhaben, die aufgrund gesetzlicher Vermutungen stets erhebliche Auswirkungen auf die Ökosysteme haben, so dass deren
         Tragweite stets abgeschätzt werden muss. Darunter fallen die Projekte im Anhang I der Richtlinie, auf die sich Artikel 4 Absatz
         1 bezieht.
      
      25.   Dagegen ist die Auswirkung anderer Projekte nicht so klar; in diesen Fällen haben die Mitgliedstaaten zu entscheiden, ob sie
         dem Verfahren nach den Artikeln 5 bis 10 unterzogen werden müssen. Dies ist bei den Projekten der Fall, die im Anhang II in
         einer Liste aufgeführt sind, aus der die Mitgliedstaaten die Projekte auswählen, die durch eine Einzelfalluntersuchung oder
         durch die Festlegung geeigneter Kriterien oder Schwellenwerte oder durch die Anwendung beider Methoden gemäß den Parametern
         des Anhangs III geprüft werden müssen (Artikel 4 Absatz 2 und 3). Somit besitzen die Mitgliedstaaten eine gewisse Freiheit
         bei der Auswahl der in Anhang II aufgenommenen Projekte, die im Hinblick auf ihre Bedeutung für die Umwelt einer Prüfung unterzogen
         werden müssen.
      
      26.   Allerdings wird diese Möglichkeit durch Artikel 2 Absatz 1 der Richtlinie begrenzt, der das grundlegende Ziel der Richtlinie
         umschreibt, so dass die Vorhaben von erheblicher Auswirkung stets im Hinblick auf ihre Folgen zu untersuchen sind(10).
      
      27.   Mit anderen Worten darf, um die praktische Wirksamkeit der Richtlinie 85/337 zu gewährleisten, kein Projekt mit diesen Merkmalen
         von der entsprechenden Prüfung ausgenommen werden(11), so dass das Gemeinschaftsrecht, so weit das Ermessen der nationalen Behörden auch reichen mag, die Durchführung eines Projekts
         ohne vorherige Prüfung und damit ohne Bestimmung seiner Auswirkungen, das mit den Jahren unangreifbar wird, verbietet.
      
      28.   Genau dies ist die Wirkung der britischen Regelung, die – wie die diesem Verfahren zugrunde liegende Errichtung eines Autoschrottplatzes
         belegt und wie die Regierung des Vereinigten Königreichs eingeräumt hat – richtlinienwidrige Handlungen zulässt, die keiner
         vorherigen Prüfung und Bewertung hinsichtlich ihrer Folgen unterzogen worden sind und durch Zeitablauf rechtmäßig werden,
         so dass sie nicht mehr korrigiert werden können. 
      
      29.   Die Prüfung der Vertragsverletzung sollte an dieser Stelle enden, da sie bereits eingestanden worden ist, doch fühle ich mich,
         da die Parteien sich in eine ebenso heftige wie unnütze Diskussion verstrickt haben, noch zu einigen Bemerkungen gezwungen.
      
      30.   Ohne Bedeutung ist, ob die Zuwiderhandlung auf den Zeitpunkt, zu dem die örtlichen Behörden in Ausübung ihrer Ermessensfreiheit
         untätig geblieben sind, oder aber auf den Zeitpunkt der Ausgabe des LDC, durch den der Verstoß unangreifbar geworden ist,
         zurückreicht; noch weniger erheblich ist, ob die betreffende Bescheinigung rechtsbegründende oder nur deklaratorische Wirkung
         hat. Entscheidend ist die Tatsache, dass aus Gründen der Zweckmäßigkeit auf den Erlass von Maßnahmen verzichtet worden ist
         und eine von der Richtlinie 85/337 nicht erwünschte Situation entstanden ist, obwohl die Befugnisse der Verwaltung, wie weit
         reichend sie auch sein mögen, nicht zu einem Ergebnis führen dürfen, das dem in Artikel 2 Absatz 1 genannten Hauptziel der
         Gemeinschaftsregelung zuwiderläuft.
      
      31.   Zweifellos ist, wie die Regierung des Vereinigten Königreichs in Nummer 89 ihrer Klagebeantwortung unter Hinweis auf Nummer 20
         ihrer Antwort auf die mit Gründen versehene Stellungnahme der Kommission ausgeführt hat, die von mir kritisierte Ermessensfreiheit
         nicht absolut, da sie sonst an Willkür grenzen würde. Insofern müssen die zuständigen Behörden in jedem Fall beurteilen, ob
         die Zuwiderhandlung abzustellen ist, weil sie Werte der Gemeinschaft in unzulässiger Weise verletzt, oder ob das Allgemeininteresse
         vielmehr verlangt, die rechtswidrige Nutzung des Grundstücks trotz ihrer negativen Auswirkung auf die Umwelt bestehen zu lassen.
         Diese Optionsmöglichkeit zeigt jedoch klar die von der Kommission beanstandete Zuwiderhandlung, da sie Fälle zulässt, in denen
         die Raumordnungsbehörde bei der Abwägung der in Rede stehenden Notwendigkeiten „von ihrem Ermessen Gebrauch macht und keine
         Zwangsmaßnahmen anwendet, [wodurch] ein eventueller Verstoß gegen die Richtlinie [zustande kommt]“ (Nr. 20 am Ende des Schreibens
         zur Zurückweisung der mit Gründen versehenen Stellungnahme).
      
      32.   Bei dieser Diskussion kann es daher nicht um die Klärung der Frage gehen, ob die nationalen Rechtsordnungen eine Verjährungsfrist
         für die Verfolgung von gemeinschaftsrechtlichen Verstößen vorsehen, so dass gegen diese nach Ablauf der Frist als allgemeiner
         Ausfluss des Prinzips der Rechtssicherheit nicht mehr vorgegangen werden kann(12). Es geht vielmehr um die Prüfung, ob die britische Regelung, unabhängig vom Fristablauf, noch Raum für die Möglichkeit lässt,
         dass die in den ersten beiden Anhängen der Richtlinie 85/337 aufgeführten Projekte ohne die erforderliche Prüfung und Genehmigung
         zu Ende geführt werden können. Wie wir gesehen haben, ist dies eindeutig zu bejahen.
      
      33.   Wer über planungsrechtlich ordnungsgemäße Zustände zu wachen hat und nicht reagiert, wenn er davon erfährt, dass eine Anlage
         in Betrieb ist, ohne einer Umweltverträglichkeitsprüfung unterzogen worden zu sein, oder nach Feststellung ihrer Bedeutung
         keine Ermittlung ihrer Auswirkungen vorschreibt, genehmigt sie stillschweigend und verstößt von diesem Zeitpunkt an gegen
         die Richtlinie. Dass wegen des Zeitablaufs und des Grundsatzes der Rechtssicherheit nicht mehr eingegriffen werden darf, macht
         das bis zu diesem Zeitpunkt rechtswidrige Verhalten nicht „rechtmäßig“. Es verhindert nur, Vergangenes wieder aufzugreifen,
         damit die Beständigkeit der Rechtsbeziehungen, einer der Pfeiler jedes Zusammenlebens, gewährleistet ist. Diese Folge hindert
         die durch die Zuwiderhandlung Geschädigten nicht daran, auf einem anderen Rechtsweg, z. B. mit einer Haftungsklage gegen den
         rechtswidrig handelnden Staat, Ersatz zu erlangen, was aber, wenn man der Auffassung der britischen Regierung folgt, nicht
         möglich wäre. 
      
      34.   Im Ergebnis stellt die Verpflichtung der Mitgliedstaaten, die für die Erreichung des von der Richtlinie verfolgten Ziels unerlässlichen
         Vorschriften zu erlassen, ein zwingendes Gebot dar, das in Artikel 249 Absatz 3 EG niedergelegt ist und für alle Behörden
         gilt, so dass eine nationale Regelung, die der Verwaltung erlaubt, untätig zuzusehen, wie ein Projekt, das einer Umweltverträglichkeitsprüfung
         unterzogen werden muss, ohne diese Prüfung vollendet wird, gegen die Artikel 2 Absatz 1 und 4 der Richtlinie verstößt, was
         auch von der Regierung des Vereinigten Königreichs eingeräumt worden ist. 
      
      VI – Kosten
      35.   Gemäß Artikel 69 § 2 der Verfahrensordnung ist der beklagte Mitgliedstaat zur Tragung der Kosten zu verurteilen.
      VII – Ergebnis
      36.   Aufgrund dieser Erwägungen möchte ich dem Gerichtshof vorschlagen, der Klage stattzugeben und 
      1.      festzustellen, dass das Vereinigte Königreich Großbritannien und Nordirland gegen seine Verpflichtungen aus den Artikeln 2
         Absatz 1 und 4 der Richtlinie 85/337/EWG des Rates vom 27. Juni 1985 über die Umweltverträglichkeitsprüfung bei bestimmten
         öffentlichen und privaten Projekten verstoßen hat, indem es eine Regelung beibehalten hat, die den zuständigen örtlichen Stellen
         ein Ermessen hinsichtlich des Erlasses von Zwangsmaßnahmen gegenüber Handlungen zur Nutzung des Bodens, die gegen das Bau-
         und Planungsrecht verstoßen, einräumt und dadurch ermöglicht, dass Projekte, die in den Anhängen I und II dieser Richtlinie
         aufgeführt sind, ohne vorherige Prüfung und gegebenenfalls Beurteilung ihrer Auswirkung auf die Umwelt ausgeführt werden;
         
      
      2.      dem Vereinigten Königreich Großbritannien und Nordirland die Kosten des Verfahrens aufzuerlegen. 
      1 –	Originalsprache: Spanisch.
      
      2 –	ABl. 1985, L 175, S. 40.
      
      3 –	Die in dieser Rechtssache anwendbare Fassung ergibt sich aus der Änderung durch die Richtlinie 97/11/EG des Rates vom 3.
         März 1997 (ABl. 1997, L 73, S. 5).
      
      4 –	Dieser Absatz erlaubt, in Ausnahmefällen von der Anwendung der Richtlinie abzusehen.
      
      5 –	Die britische Regierung hat erklärt (Nr. 34 der Klagebeantwortung), dass das Parlament Änderungen des Planning and Compensation
         Act 1991 mit dem Ziel, diese Befugnis in eine Verpflichtung umzuändern, abgelehnt habe.
      
      6 –      Betrifft die spanische Übersetzung.
      
      7 –	Dieser Absatz nimmt Bezug auf die Genehmigungen nach Artikel 3(3) des Caravan Sites and Control of Development Act 1960,
         5(2) des Control of Pollution Act 1974 und 36(2) des Environmental Protection Act 1990.
      
      8 –	Dies ergibt sich aus den Urteilen vom 16. September 1999 in der Rechtssache C‑435/97 (WWF u. a., Slg. 1999, I‑5613), Randnr. 45),
         und vom 7. Januar 2004 in der Rechtssache C‑201/02 (Delena Wells, Slg. 2004, I‑723, Randnr. 42).
      
      9 –	Ich habe dies in meinen Schlussanträgen vom 8. Januar 2004 in der Rechtssache C‑87/02 (Kommission/Italien), in der dann
         das Urteil vom 10. Juni 2004 ergangen ist, ausgeführt, wobei ich den Schlussanträgen von Generalanwalt Geelhoed vom 12. Juli
         2001 in der Rechtssache C‑24/99 (Kommission/Bundesrepublik Deutschland) gefolgt bin, die später durch Beschluss vom 18. Februar
         2002 gestrichen wurde.
      
      10 –	Auf dieser Linie liegen die Urteile vom 24. Oktober 1996 in der Rechtssache C‑72/95 (Kraaijeveld u. a., Slg. 1996, I‑5403,
         Randnr. 50), vom 22. Oktober 1998 in der Rechtssache C‑301/95 (Kommission/Bundesrepublik Deutschland, Slg. 1998, I‑6135, Randnr.
         45), WWF u. a., Randnrn. 36 und 45, vom 21. September 1999 in der Rechtssache C‑392/96 (Kommission/Irland, Slg. 1999, I‑5901,
         Randnr. 64) und Kommission/Italien, Randnr. 44.
      
      11 –	Urteile WWF u. a., Randnr. 45, und Kommission/Italien, Randnr. 44.
      
      12 –	Ein gutes Beispiel hierfür ist das Urteil vom 2. Dezember 1997 in der Rechtssache C‑188/95 (Fantask u. a., Slg. 1997, I‑6783),
         das von den Parteien herangezogen wurde.