CELEX: 62009CJ0001
Language: de
Date: 2010-03-11
Title: Urteil des Gerichtshofes (Vierte Kammer) vom 11. März 2010.#Centre d'exportation du livre français (CELF) und Ministre de la Culture et de la Communication gegen Société internationale de diffusion et d'édition (SIDE).#Ersuchen um Vorabentscheidung: Conseil d'État - Frankreich.#Staatliche Beihilfen - Art. 88 Abs. 3 EG - Für mit dem Gemeinsamen Markt vereinbar erklärte Beihilfen - Nichtigerklärung der Entscheidung der Kommission - Nationale Gerichte - Antrag auf Rückforderung der rechtswidrig eingeführten Beihilfen - Aussetzung der gerichtlichen Entscheidung bis zum Erlass einer neuen Entscheidung der Kommission - Außergewöhnliche Umstände, die die Rückerstattungspflicht begrenzen können.#Rechtssache C-1/09.

Rechtssache C-1/09
      Centre d’exportation du livre français (CELF)
      und
      Ministre de la Culture et de la Communication
      gegen
      Société internationale de diffusion et d’édition (SIDE)
      (Vorabentscheidungsersuchen des Conseil d’État [Frankreich])
      „Staatliche Beihilfen – Art. 88 Abs. 3 EG – Für mit dem Gemeinsamen Markt vereinbar erklärte rechtswidrige Beihilfen – Nichtigerklärung der Entscheidung der Kommission – Nationale Gerichte – Antrag auf Rückforderung der rechtswidrig eingeführten Beihilfen – Aussetzung der gerichtlichen Entscheidung bis zum Erlass einer neuen Entscheidung der Kommission – Außergewöhnliche Umstände, die die Rückerstattungspflicht begrenzen können“
      Leitsätze des Urteils
      1.        Staatliche Beihilfen – Rückforderung einer rechtswidrigen Beihilfe – Unter Verstoß gegen die Verfahrensvorschriften des Art.
            88 Abs. 3 EG gewährte Beihilfe – Entscheidung der Kommission, mit der die Beihilfe für mit dem Gemeinsamen Markt vereinbar
            erklärt wurde – Nichtigerklärung dieser Entscheidung durch den Gemeinschaftsrichter
      (Art. 88 Abs. 3 EG)
      2.        Staatliche Beihilfen – Beachtung der Gemeinschaftsvorschriften – Rolle der nationalen Gerichte
      (Art. 88 Abs. 3 EG)
      3.        Staatliche Beihilfen – Rückforderung einer rechtswidrigen Beihilfe – Unter Verstoß gegen die Verfahrensvorschriften des Art.
            88 Abs. 3 EG gewährte Beihilfe – Mögliches berechtigtes Vertrauen der Empfänger – Fehlen mangels außergewöhnlicher Umstände
      (Art. 88 Abs. 3 EG)
      1.        Ein nationales Gericht, das nach Art. 88 Abs. 3 EG mit einem Antrag auf Rückforderung einer rechtswidrigen staatlichen Beihilfe
         befasst wird, kann seine Entscheidung über diesen Antrag nicht aussetzen, bis sich die Kommission nach der Nichtigerklärung
         einer früheren positiven Entscheidung zur Vereinbarkeit der Beihilfe mit dem Gemeinsamen Markt geäußert hat. 
      
      Art. 88 Abs. 3 EG überträgt den nationalen Gerichten die Aufgabe, bis zu einer abschließenden Entscheidung der Kommission
         die Rechte der Einzelnen gegen eine mögliche Verletzung des in dieser Bestimmung enthaltenen Verbots durch die staatlichen
         Stellen zu schützen. 
      
      Gegenstand der Aufgabe der nationalen Gerichte ist somit die Anordnung von Maßnahmen, die geeignet sind, die Rechtswidrigkeit
         der Durchführung der Beihilfen zu beseitigen, damit der Empfänger in der bis zur Entscheidung der Kommission noch verbleibenden
         Zeit nicht weiterhin frei über sie verfügen kann.
      
      Eine Aussetzung der Entscheidung hätte faktisch dasselbe Ergebnis wie eine Zurückweisung des Antrags auf Schutzmaßnahmen.
         Sie führte nämlich dazu, dass vor der Entscheidung der Kommission gar keine Entscheidung über die Begründetheit dieses Antrags
         erginge. Sie liefe darauf hinaus, dass der Vorteil der Beihilfe während des Zeitraums des Durchführungsverbots aufrechterhalten
         bliebe, was mit dem Ziel des Art. 88 Abs. 3 EG selbst unvereinbar wäre und dieser Bestimmung ihre praktische Wirksamkeit nähme.
         
      
      Daher kann das nationale Gericht nicht die Entscheidung aussetzen, soll Art. 88 Abs. 3 EG nicht unter Verstoß gegen den Grundsatz
         der Effektivität der anwendbaren nationalen Verfahren seine praktische Wirksamkeit genommen werden. 
      
      Die Nichtigerklärung einer ersten positiven Entscheidung der Kommission durch den Gemeinschaftsrichter kann eine andere Lösung,
         die sich auf die Erwägung stützte, dass die Kommission die Beihilfe in einem solchen Fall später erneut für mit dem Gemeinsamen
         Markt vereinbar erklären könnte, nicht rechtfertigen. Die Zielsetzung von Art. 88 Abs. 3 EG wird nämlich klar von dem Gedanken
         getragen, dass bis zum Erlass einer neuen Entscheidung durch die Kommission der positive Inhalt dieser Entscheidung nicht
         vorweggenommen werden darf. 
      
      (vgl. Randnrn. 26, 30-34, 40, Tenor 1)
      2.        Ein nationales Gericht, das nach Art. 88 Abs. 3 EG mit einem Antrag auf Rückforderung einer rechtswidrigen staatlichen Beihilfe
         befasst wird, hat nur dann die Verpflichtung zum Erlass von Schutzmaßnahmen, wenn die Voraussetzungen, die solche Maßnahmen
         rechtfertigen, erfüllt sind, d. h., wenn die Qualifizierung als staatliche Beihilfe nicht zweifelhaft ist, wenn die Durchführung
         der Beihilfe unmittelbar bevorsteht oder die Beihilfe durchgeführt wurde und wenn keine außergewöhnlichen Umstände, die eine
         Rückforderung unangemessen erscheinen lassen, festgestellt worden sind. Liegen diese Voraussetzungen nicht vor, muss das nationale
         Gericht den Antrag zurückweisen. Wenn es über den Antrag entscheidet, kann es die Rückzahlung der Beihilfen nebst Zinsen anordnen
         oder beispielsweise die Einzahlung der Beträge auf ein Sperrkonto anordnen, damit der Empfänger nicht weiter über sie verfügen
         kann, unbeschadet der Zahlung von Zinsen für den Zeitraum zwischen der vorzeitigen Durchführung der Beihilfe und ihrer Einzahlung
         auf dieses Sperrkonto. Dagegen würde das in Art. 88 Abs. 3 EG enthaltene Durchführungsverbot in diesem Stadium durch eine
         bloße Verurteilung zur Zahlung von Zinsen auf die Beträge, die auf den Konten des Unternehmens verbleiben würden, nicht gewahrt.
         Es steht keineswegs fest, dass ein Unternehmen, das rechtswidrig eine staatliche Beihilfe erhalten hat, falls es diese Beihilfe
         nicht erhalten hätte, bei einem Finanzinstitut ein Darlehen in entsprechender Höhe zu üblichen Marktbedingungen hätte erhalten
         und so vor der Entscheidung der Kommission über den fraglichen Betrag hätte verfügen können. 
      
      (vgl. Randnrn. 36-38)
      3.        Der Umstand, dass die Kommission drei aufeinanderfolgende, eine Beihilfe für mit dem Gemeinsamen Markt vereinbar erklärende
         Entscheidungen erlassen hat, die sodann vom Gemeinschaftsrichter für nichtig erklärt worden sind, kann als solcher keinen
         außergewöhnlichen Umstand darstellen, der geeignet ist, eine Begrenzung der Verpflichtung des Empfängers zur Rückerstattung
         dieser Beihilfe zu rechtfertigen, wenn diese unter Verstoß gegen Art. 88 Abs. 3 EG durchgeführt wurde. 
      
      Das ungewöhnliche Aufeinanderfolgen von drei Nichtigerklärungen bringt nämlich a priori die Schwierigkeit der Rechtssache zum Ausdruck und lässt keineswegs ein berechtigtes Vertrauen entstehen, sondern erscheint
         vielmehr geeignet, die Zweifel des Empfängers an der Vereinbarkeit der streitigen Beihilfe zu mehren. 
      
      Ein Aufeinanderfolgen von drei Nichtigkeitsklagen, denen sämtlich stattgegeben wird, mag zwar eine sehr seltene Situation
         sein. Solche Umstände sind jedoch Teil des normalen Funktionierens des gerichtlichen Systems, das Rechtssubjekten, die sich
         von den Folgen der Rechtswidrigkeit einer Beihilfe für betroffen halten, die Möglichkeit gibt, auf Nichtigerklärung aufeinanderfolgender
         Entscheidungen zu klagen, auf die sie diese Lage zurückführen. 
      
      (vgl. Randnrn. 51-52, 55, Tenor 2)
URTEIL DES GERICHTSHOFS (Vierte Kammer)
      11. März 2010(*)
      
      „Staatliche Beihilfen – Art. 88 Abs. 3 EG – Für mit dem Gemeinsamen Markt vereinbar erklärte rechtswidrige Beihilfen – Nichtigerklärung der Entscheidung der Kommission – Nationale Gerichte – Antrag auf Rückforderung der rechtswidrig eingeführten Beihilfen – Aussetzung der gerichtlichen Entscheidung bis zum Erlass einer neuen Entscheidung der Kommission – Außergewöhnliche Umstände, die die Rückerstattungspflicht begrenzen können“
      In der Rechtssache C‑1/09
      betreffend ein Vorabentscheidungsersuchen nach Art. 234 EG, eingereicht vom Conseil d’État (Frankreich) mit Entscheidung vom
         19. Dezember 2008, beim Gerichtshof eingegangen am 2. Januar 2009, in dem Verfahren
      
      Centre d’exportation du livre français (CELF),
      Ministre de la Culture et de la Communication
      gegen
      Société internationale de diffusion et d’édition (SIDE)
      erlässt
      DER GERICHTSHOF (Vierte Kammer)
      unter Mitwirkung des Präsidenten der Vierten Kammer J.‑C. Bonichot, der Richterin C. Toader sowie der Richter K. Schiemann,
         P. Kūris und L. Bay Larsen (Berichterstatter),
      
      Generalanwalt: P. Cruz Villalón,
      Kanzler: R. Șereş, Verwaltungsrätin,
      aufgrund des schriftlichen Verfahrens und auf die mündliche Verhandlung vom 13. Januar 2010,
      unter Berücksichtigung der Erklärungen
      –        des Centre d’exportation du livre français (CELF), vertreten durch O. Schmitt und A. Tabouis, avocats,
      –        der Société internationale de diffusion et d’édition (SIDE), vertreten durch N. Coutrelis, avocat,
      –        der französischen Regierung, vertreten durch E. Belliard, G. de Bergues und B. Beaupère-Manokha als Bevollmächtigte,
      –        der tschechischen Regierung, vertreten durch M. Smolek als Bevollmächtigten,
      –        der niederländischen Regierung, vertreten durch C. M. Wissels und Y. de Vries als Bevollmächtigte,
      –        der Europäischen Kommission, vertreten durch J.‑P. Keppenne und B. Stromsky als Bevollmächtigte,
      –        der EFTA-Überwachungsbehörde, vertreten durch X. Lewis, B. Alterskjær und L. Armati als Bevollmächtigte,
      aufgrund des nach Anhörung des Generalanwalts ergangenen Beschlusses, ohne Schlussanträge über die Rechtssache zu entscheiden,
         
      
      folgendes
      Urteil
      1        Das Vorabentscheidungsersuchen betrifft die Auslegung von Art. 88 Abs. 3 EG.
      
      2        Dieses Ersuchen ergeht im Rahmen eines Rechtsstreits zwischen dem Centre d’exportation du livre français (im Folgenden: CELF)
         und dem Ministre de la Culture et de la Communication auf der einen und der Société internationale de diffusion et d’édition
         (im Folgenden: SIDE) auf der anderen Seite wegen dem CELF vom französischen Staat gewährter Beihilfen. 
      
       Ausgangsverfahren und Vorlagefragen
       Der dem Rechtsstreit zugrunde liegende Sachverhalt und die Verfahren vor dem Gericht erster Instanz der Europäischen Gemeinschaften
            
      3        Das CELF, eine genossenschaftliche Aktiengesellschaft, war bis 2009 als Ausfuhrkommissionär tätig.
      
      4        Die Aufgabe des CELF bestand darin, Aufträge über die Lieferung von Büchern, Broschüren und Kommunikationsträgern jeder Art
         in das Ausland sowie die französischen überseeischen Hoheitsgebiete und Departements unmittelbar auszuführen und allgemein
         alle Geschäfte zu tätigen, die mit Hilfe dieser Kommunikationsträger insbesondere zur Förderung der französischen Kultur in
         der Welt beitragen sollen. 
      
      5        Von 1980 bis 2002 erhielt das CELF vom französischen Staat Betriebsbeihilfen als Ausgleich für die Mehrkosten der Ausführung
         kleiner Bestellungen durch im Ausland ansässige Buchhändler. 
      
      6        Auf eine im Jahr 1992 eingereichte Beschwerde der SIDE, eines Konkurrenzunternehmens des CELF, bejahte die Kommission der
         Europäischen Gemeinschaften mit Entscheidung NN 127/92 vom 18. Mai 1993, deren Bekanntmachung am 25. Juni 1993 im Amtsblatt der Europäischen Gemeinschaften (ABl. C 174, S. 6) veröffentlicht wurde, die Vereinbarkeit der fraglichen Beihilfen mit dem Gemeinsamen Markt. Sie beschloss
         daher, keine Einwände zu erheben. 
      
      7        Mit Urteil vom 18. September 1995, SIDE/Kommission (T‑49/93, Slg. 1995, II‑2501), erklärte das Gericht die Entscheidung für
         nichtig, soweit sie die Beihilfe betraf, die ausschließlich dem CELF gewährt worden war, um die Mehrkosten für die Bearbeitung
         kleiner Bestellungen von Büchern in französischer Sprache durch im Ausland ansässige Buchhändler auszugleichen. Das Gericht
         war der Auffassung, dass die Kommission das in Art. 93 Abs. 2 EG-Vertrag (jetzt Art. 88 Abs. 2 EG) vorgesehene kontradiktorische
         Verfahren hätte einleiten müssen. 
      
      8        Mit der Entscheidung 1999/133/EG vom 10. Juni 1998 über die staatliche Beihilfe zugunsten der Coopérative d’exportation du
         livre français (CELF) (ABl. L 44, S. 37) stellte die Kommission die Rechtswidrigkeit der Beihilfen fest, erklärte sie aber
         erneut für mit dem Gemeinsamen Markt vereinbar. 
      
      9        Mit Urteil vom 28. Februar 2002, SIDE/Kommission (T‑155/98, Slg. 2002, II‑1179), erklärte das Gericht diese Entscheidung für
         nichtig, soweit die fraglichen Beihilfen für mit dem Gemeinsamen Markt vereinbar erklärt worden waren, weil die Kommission
         in Bezug auf die Bestimmung des relevanten Marktes einen offensichtlichen Beurteilungsfehler begangen habe. 
      
      10      Mit der Entscheidung 2005/262/EG vom 20. April 2004 betreffend die Beihilfe, die Frankreich zugunsten des Centre d’Exportation
         du Livre Français (CELF) durchgeführt hat (ABl. L 85, S. 27), bejahte die Kommission zum dritten Mal die Vereinbarkeit der
         Beihilfen mit dem Gemeinsamen Markt. 
      
      11      Mit Urteil vom 15. April 2008, SIDE/Kommission (T‑348/04, Slg. 2008, II‑625), erklärte das Gericht diese positive Entscheidung
         für nichtig, weil die Kommission einen Rechtsfehler begangen habe, als sie auf den Zeitraum vor dem 1. November 1993 Art. 87
         Abs. 3 Buchst. d EG und nicht die in diesem Zeitraum geltenden materiell-rechtlichen Vorschriften angewandt habe, und weil
         sie außerdem einen offensichtlichen Beurteilungsfehler bei der Prüfung der Vereinbarkeit der streitigen Beihilfen begangen
         habe. 
      
      12      Am 8. April 2009 erließ die Kommission eine Entscheidung über die Erweiterung des im Jahr 1996 förmlich eingeleiteten Prüfungsverfahrens,
         um ihre Zweifel hinsichtlich der Vereinbarkeit der fraglichen Beihilfen im Licht des Urteils des Gerichts vom 15. April 2008,
         SIDE/Kommission, darzulegen und um der Französischen Republik, dem Beihilfeempfänger und anderen Beteiligten Gelegenheit zu
         geben, vor dem Erlass einer endgültigen Entscheidung erneut Stellung zu nehmen. 
      
      13      Mit Urteil vom 25. April 2009 eröffnete das Tribunal de commerce de Paris unter Berücksichtigung der finanziellen Situation
         des CELF gegenüber diesem Unternehmen ein Gläubigerschutzverfahren mit einem Beobachtungszeitraum von sechs Monaten. 
      
      14      Mit Urteil vom 9. September 2009 ordnete dieses Gericht nach der Feststellung, dass eine Lösung im Wege eines Vergleichs nicht
         erfolgt sei und eine Schuldenmasse bestehe, die einen Plan zur Fortsetzung der Geschäftstätigkeit ausschließe, das gerichtliche
         Vergleichsverfahren an und bestimmte einen Liquidator. 
      
      15      Nach den dem Gerichtshof in der mündlichen Verhandlung mitgeteilten Informationen hat das CELF nach diesem letzten Urteil
         seine Tätigkeit eingestellt. 
      
       Das Verfahren vor dem vorlegenden Gericht und die Vorlagefragen 
      16      Der Conseil d’État wurde mit Rechtsmitteln des CELF und des französischen Ministre de la Culture et de la Communication gegen
         ein Urteil der Cour administrative de Paris vom 5. Oktober 2004 befasst, das auf Antrag der SIDE dem Staat unter Androhung
         eines Zwangsgelds von 1 000 Euro für jeden Tag der Verspätung aufgegeben hatte, die Durchführung der Rückforderung der dem
         CELF gezahlten Beihilfen für kleinere Buchbestellungen durch ausländische Buchhändler binnen drei Monaten nach Zustellung
         des Urteils zu betreiben. 
      
      17      Im Rahmen dieser Rechtsmittel machten die Rechtsmittelführer u. a. geltend, die Cour administrative d’appel de Paris hätte
         für Recht erkennen müssen, dass im vorliegenden Fall die Tatsache, dass die Kommission die Beihilfen für mit dem Gemeinsamen
         Markt vereinbar erklärt habe, der Verpflichtung zur Rückforderung dieser Beihilfen entgegenstehe, die sich grundsätzlich daraus
         ergebe, dass die Durchführung der Beihilfemaßnahmen unter Verstoß gegen Art. 88 Abs. 3 EG durch den Mitgliedstaat rechtswidrig
         sei. 
      
      18      Mit Urteil vom 29. März 2006 hat der Conseil d’État das Verfahren ausgesetzt und dem Gerichtshof die folgenden Fragen zur
         Vorabentscheidung vorgelegt: 
      
      1.      Erlaubt es Art. 88 EG einem Staat, dessen Beihilfe für ein Unternehmen rechtswidrig ist, wobei die Rechtswidrigkeit von den
         Gerichten dieses Staates mit der Begründung festgestellt worden ist, dass die Beihilfe nicht Gegenstand einer vorherigen Anmeldung
         bei der Kommission nach Maßgabe dieses Art. 88 Abs. 3 war, diese Beihilfe von dem Wirtschaftsteilnehmer, der sie erhalten
         hat, nicht zurückzufordern, weil die Kommission nach Anrufung durch einen Dritten die Beihilfe für mit den Vorschriften des
         Gemeinsamen Marktes vereinbar erklärt und damit die ausschließliche Kontrolle, die sie hinsichtlich dieser Vereinbarkeit ausübt,
         wirksam vorgenommen hat? 
      
      2.      Sind, falls diese Rückzahlungspflicht bestätigt wird, bei der Berechnung der Höhe der zu erstattenden Beträge die Zeiträume
         zu berücksichtigen, in denen die fragliche Beihilfe von der Kommission für mit den Vorschriften des Gemeinsamen Marktes vereinbar
         erklärt worden ist, bevor diese Entscheidungen vom Gericht für nichtig erklärt wurden?
      
      19      In Beantwortung dieser Fragen hat der Gerichtshof mit Urteil vom 12. Februar 2008, CELF und Ministre de la Culture et de la
         Communication (C‑199/06, Slg. 2008, I‑469, im Folgenden: Urteil CELF I), für Recht erkannt: 
      
      „1.      Art. 88 Abs. 3 Satz 3 EG ist dahin auszulegen, dass das nationale Gericht nicht verpflichtet ist, die Rückforderung einer
         unter Verstoß gegen diese Vorschrift gewährten Beihilfe anzuordnen, wenn die Kommission … eine abschließende Entscheidung
         erlassen hat, mit der die genannte Beihilfe gemäß Art. 87 EG für mit dem Gemeinsamen Markt vereinbar erklärt wird. Nach dem
         Gemeinschaftsrecht ist es verpflichtet, dem Beihilfeempfänger aufzugeben, für die Dauer der Rechtswidrigkeit Zinsen zu zahlen.
         Im Rahmen seines nationalen Rechts kann es gegebenenfalls außerdem die Rückzahlung der rechtswidrigen Beihilfe anordnen, unbeschadet
         des Rechts des Mitgliedstaats, diese später erneut zu gewähren. Es kann auch veranlasst sein, Anträgen auf Ersatz von durch
         die Rechtswidrigkeit der Beihilfemaßnahme verursachten Schäden stattzugeben. 
      
      2.      In einer Verfahrenssituation wie der des Ausgangsverfahrens erstreckt sich die aus Art. 88 Abs. 3 Satz 3 EG resultierende
         Verpflichtung, die Auswirkungen der Rechtswidrigkeit einer Beihilfe zu beseitigen, für die Zwecke der Berechnung der vom Empfänger
         zu zahlenden Beträge und sofern keine außergewöhnlichen Umstände vorliegen, auch auf den Zeitraum zwischen der Entscheidung,
         mit der die Kommission die Vereinbarkeit dieser Beihilfe mit dem Gemeinsamen Markt festgestellt hat, und der Nichtigerklärung
         dieser Entscheidung durch das Gemeinschaftsgericht.“
      
      20      Auf der Grundlage dieser Antworten hat der Conseil d’État mit Urteil vom 19. Dezember 2008 dem Ministre de la Culture et de
         la Communication aufgegeben, beim CELF die Zinsen auf die rechtswidrigen Beihilfen für die Zeiträume beizutreiben 
      
      –        zwischen 1980, dem Jahr, in dem mit der Auszahlung der Beihilfen begonnen wurde, und dem Zeitpunkt der Vorlageentscheidung;
         
      
      –        zwischen dem Zeitpunkt der Vorlageentscheidung und dem Zeitpunkt, an dem endgültig über die Vereinbarkeit dieser Beihilfen
         mit dem Gemeinsamen Markt entschieden sein wird oder sie endgültig zurückerstattet sein werden. 
      
      21      Was die Frage der Rückerstattung der gezahlten Beihilfen selbst angeht, ist er der Auffassung, dass die Entscheidung des Rechtsstreits
         aufgrund der nach dem Urteil CELF I erfolgten erneuten Nichtigerklärung durch das Gericht mit Urteil vom 15. April 2008, SIDE/Kommission,
         von einer Auslegung des Gemeinschaftsrechts abhänge. 
      
      22      Der Conseil d’État hat daher das Verfahren ausgesetzt und dem Gerichtshof die folgenden Fragen zur Vorabentscheidung vorgelegt:
         
      
      1.      Kann das nationale Gericht die Entscheidung über die Pflicht zur Rückerstattung einer staatlichen Beihilfe aussetzen, bis
         sich die Kommission in einer endgültigen Entscheidung zur Vereinbarkeit der Beihilfe mit den Vorschriften des Gemeinsamen
         Markts geäußert hat, wenn eine erste Entscheidung der Kommission, mit der diese Beihilfe für zulässig erklärt wurde, vom Gemeinschaftsrichter
         für nichtig erklärt worden ist?
      
      2.      Kann ein Fall, in dem die Kommission die Beihilfe dreimal für vereinbar mit dem Gemeinsamen Markt erklärt hat, bevor diese
         Entscheidungen vom Gericht für nichtig erklärt wurden, einen außergewöhnlichen Umstand darstellen, der das nationale Gericht
         veranlassen kann, die Pflicht zur Rückerstattung der Beihilfe zu begrenzen?
      
       Zu den Vorlagefragen
       Zur ersten Frage
      23      Mit seiner ersten Frage möchte das vorlegende Gericht wissen, ob ein nach Art. 88 Abs. 3 EG mit einer Klage auf Rückzahlung
         einer rechtswidrigen staatlichen Beihilfe befasstes nationales Gericht die Entscheidung über diese Klage aussetzen kann, bis
         sich die Kommission nach einer früheren positiven Entscheidung zur Vereinbarkeit der Beihilfen mit dem Gemeinsamen Markt geäußert
         hat. 
      
      24      In den Randnrn. 61 und 63 des Urteils CELF I hat der Gerichtshof ausgeführt, dass
      
      –        gemäß Art. 231 Abs. 1 EG das Gemeinschaftsgericht, wenn eine Nichtigkeitsklage begründet ist, die angefochtene Handlung für
         nichtig erklärt, mit der Folge, dass das Nichtigkeitsurteil des Gemeinschaftsgerichts die angefochtene Handlung mit Wirkung
         für und gegen alle Rechtsbürger rückwirkend beseitigt; 
      
      –        mit dem Tag der Nichtigerklärung einer positiven Entscheidung durch das Gemeinschaftsgericht die fraglichen Beihilfen so behandelt
         werden, als seien sie nicht durch die für nichtig erklärte Entscheidung für mit dem Gemeinsamen Markt vereinbar erklärt worden.
         
      
      25      Folglich weist eine Situation wie die des Ausgangsverfahrens Ähnlichkeit mit einer Situation auf, in der das nationale Gericht
         auf der Grundlage von Art. 88 Abs. 3 EG angerufen wurde, obwohl von der Kommission noch keine Entscheidung über die Vereinbarkeit
         einer zu prüfenden Beihilfe erlassen wurde. 
      
      26      Art. 88 Abs. 3 EG überträgt den nationalen Gerichten die Aufgabe, bis zu einer abschließenden Entscheidung der Kommission
         die Rechte der Einzelnen gegen eine mögliche Verletzung des in dieser Bestimmung enthaltenen Verbots durch die staatlichen
         Stellen zu schützen (Urteil CELF I, Randnr. 38). 
      
      27      Insoweit hat der Gerichtshof bereits im Urteil vom 11. Juli 1996, SFEI u. a. (C‑39/94, Slg. 1996, I‑3547, Randnrn. 44 und
         50 bis 53), im Wesentlichen entschieden, dass
      
      –        die Einleitung eines Prüfungsverfahrens durch die Kommission die nationalen Gerichte nicht von ihrer Verpflichtung entbinden
         kann, die Rechte der Einzelnen bei Verletzung der Verpflichtung zur vorherigen Unterrichtung zu schützen;
      
      –        das nationale Gericht, wenn es wahrscheinlich ist, dass eine gewisse Zeit verstreichen wird, bevor es abschließend entscheiden
         wird – z. B. wenn es bei der Kommission Auskünfte zur Auslegung des Begriffs der staatlichen Beihilfe anfordert, zu dessen
         Auslegung es Veranlassung haben kann, oder wenn es dem Gerichtshof eine Frage zur Vorabentscheidung vorlegt –, zu beurteilen
         hat, ob vorläufige Maßnahmen anzuordnen sind, um die Interessen der Beteiligten zu schützen. 
      
      28      Er hat so die Verpflichtung des nationalen Gerichts hervorgehoben, die Prüfung von Anträgen auf Schutzmaßnahmen nicht auszusetzen.
      
      29      Art. 88 Abs. 3 Satz 3 EG liegt der Sicherungszweck zugrunde, zu gewährleisten, dass eine mit dem Gemeinsamen Markt unvereinbare
         Beihilfe niemals durchgeführt wird. Die damit geschaffene Verhütungsregelung ist also darauf gerichtet, dass nur mit dem Gemeinsamen
         Markt vereinbare Beihilfen durchgeführt werden. Um dieses Ziel zu erreichen, wird die Einführung eines Beihilfevorhabens ausgesetzt,
         bis die Zweifel an seiner Vereinbarkeit durch die abschließende Entscheidung der Kommission beseitigt sind (Urteil CELF I,
         Randnrn. 47 und 48). 
      
      30      Gegenstand der Aufgabe der nationalen Gerichte ist somit die Anordnung von Maßnahmen, die geeignet sind, die Rechtswidrigkeit
         der Durchführung der Beihilfen zu beseitigen, damit der Empfänger in der bis zur Entscheidung der Kommission noch verbleibenden
         Zeit nicht weiterhin frei über sie verfügen kann. 
      
      31      Eine Aussetzung der Entscheidung hätte faktisch dasselbe Ergebnis wie eine Zurückweisung des Antrags auf Schutzmaßnahmen.
         Sie führte nämlich dazu, dass vor der Entscheidung der Kommission gar keine Entscheidung über die Begründetheit dieses Antrags
         erginge. Sie liefe darauf hinaus, dass der Vorteil der Beihilfe während des Zeitraums des Durchführungsverbots aufrechterhalten
         bliebe, was mit dem Ziel des Art. 88 Abs. 3 EG selbst unvereinbar wäre und dieser Bestimmung ihre praktische Wirksamkeit nähme.
         
      
      32      Daher kann das nationale Gericht nicht die Entscheidung aussetzen, soll Art. 88 Abs. 3 EG nicht unter Verstoß gegen den Grundsatz
         der Effektivität der anwendbaren nationalen Verfahren seine praktische Wirksamkeit genommen werden. 
      
      33      Die Nichtigerklärung einer ersten positiven Entscheidung der Kommission durch den Gemeinschaftsrichter kann eine andere Lösung,
         die sich auf die Erwägung stützte, dass die Kommission die Beihilfe in einem solchen Fall später erneut für mit dem Gemeinsamen
         Markt vereinbar erklären könnte, nicht rechtfertigen. 
      
      34      Die Zielsetzung von Art. 88 Abs. 3 EG wird nämlich klar von dem Gedanken getragen, dass bis zum Erlass einer neuen Entscheidung
         durch die Kommission der positive Inhalt dieser Entscheidung nicht vorweggenommen werden darf. 
      
      35      Die Verpflichtung zu einer unverzüglichen Entscheidung über einen Antrag auf Schutzmaßnahmen verpflichtet das angerufene Gericht
         nicht, tatsächlich solche Maßnahmen zu erlassen. 
      
      36      Eine Verpflichtung zum Erlass von Schutzmaßnahmen besteht nur, wenn die Voraussetzungen, die solche Maßnahmen rechtfertigen,
         erfüllt sind, d. h., wenn die Qualifizierung als staatliche Beihilfe nicht zweifelhaft ist, wenn die Durchführung der Beihilfe
         unmittelbar bevorsteht oder die Beihilfe durchgeführt wurde und wenn keine außergewöhnlichen Umstände, die eine Rückforderung
         unangemessen erscheinen lassen, festgestellt worden sind. Liegen diese Voraussetzungen nicht vor, muss das nationale Gericht
         den Antrag zurückweisen. 
      
      37      Wenn das nationale Gericht über den Antrag entscheidet, kann es entweder die Rückzahlung der Beihilfen nebst Zinsen anordnen
         oder aber, wie die Kommission in Nr. 62 ihrer Bekanntmachung 2009/C 85/01) über die Durchsetzung des Beihilfenrechts durch
         die einzelstaatlichen Gerichte (ABl. 2009, C 85, S. 1) ausgeführt hat, die Einzahlung der Beträge auf ein Sperrkonto anordnen,
         damit der Empfänger nicht weiter über sie verfügen kann, unbeschadet der Zahlung von Zinsen für den Zeitraum zwischen der
         vorzeitigen Durchführung der Beihilfe und ihrer Einzahlung auf dieses Sperrkonto. 
      
      38      Dagegen würde das in Art. 88 Abs. 3 EG enthaltene Durchführungsverbot in diesem Stadium durch eine bloße Verurteilung zur
         Zahlung von Zinsen auf die Beträge, die auf den Konten des Unternehmens verbleiben würden, nicht gewahrt. Es steht keineswegs
         fest, dass ein Unternehmen, das rechtswidrig eine staatliche Beihilfe erhalten hat, falls es diese Beihilfe nicht erhalten
         hätte, bei einem Finanzinstitut ein Darlehen in entsprechender Höhe zu üblichen Marktbedingungen hätte erhalten und so vor
         der Entscheidung der Kommission über den fraglichen Betrag hätte verfügen können. 
      
      39      Nach allem besteht für das nationale Gericht in erster Linie die Pflicht, zu entscheiden, ob positiv oder negativ. 
      
      40      Folglich ist auf die erste Frage zu antworten, dass ein nationales Gericht, das nach Art. 88 Abs. 3 EG mit einem Antrag auf
         Rückforderung einer rechtswidrigen staatlichen Beihilfe befasst wird, seine Entscheidung über diesen Antrag nicht aussetzen
         kann, bis sich die Kommission nach der Nichtigerklärung einer früheren positiven Entscheidung zur Vereinbarkeit der Beihilfe
         mit dem Gemeinsamen Markt geäußert hat. 
      
       Zur zweiten Frage
      41      Mit seiner zweiten Frage möchte das vorlegende Gericht im Wesentlichen wissen, ob der Umstand, dass die Kommission drei aufeinanderfolgende,
         eine Beihilfe für mit dem Gemeinsamen Markt vereinbar erklärende Entscheidungen erlassen hat, die sodann vom Gemeinschaftsrichter
         für nichtig erklärt worden sind, als solcher einen außergewöhnlichen Umstand darstellen kann, der geeignet ist, eine Begrenzung
         der Verpflichtung des Empfängers zur Rückzahlung dieser Beihilfe zu rechtfertigen, wenn diese unter Verstoß gegen Art. 88
         Abs. 3 EG durchgeführt wurde. 
      
      42      Im Urteil CELF I hat der Gerichtshof die Möglichkeit offengelassen, bei der Prüfung des Umfangs der Verpflichtung, die Rechtswidrigkeit
         einer Beihilfe zu beseitigen, einschließlich des Falls, dass diese Verpflichtung auf die Zahlung von Zinsen begrenzt ist,
         außergewöhnliche Umstände zu berücksichtigen. 
      
      43      In Randnr. 65 dieses Urteils hat der Gerichtshof dem Empfänger rechtswidrig durchgeführter Beihilfen die Möglichkeit eingeräumt,
         sich auf außergewöhnliche Umstände zu berufen, aufgrund deren sein Vertrauen in die Ordnungsgemäßheit der Beihilfen geschützt
         sein konnte, und sich folglich gegen ihre Rückzahlung zu wenden. 
      
      44      Er hat in diesem Sinne in Anbetracht einer Verfahrenssituation im Ausgangsverfahren entschieden, in der bereits drei positive
         Entscheidungen der Kommission ergangen waren, von denen zwei für nichtig erklärt worden waren. 
      
      45      Der Gerichtshof hat jedoch sogleich im Wesentlichen hervorgehoben, dass ein berechtigtes Vertrauen des Beihilfeempfängers
         durch eine positive Entscheidung der Kommission weder begründet werden kann, wenn diese Entscheidung fristgemäß angefochten
         und sodann vom Gemeinschaftsrichter für nichtig erklärt wurde, noch, solange die Klagefrist noch nicht abgelaufen ist oder
         im Fall einer Klage das Gemeinschaftsgericht noch keine endgültige Entscheidung getroffen hat (Urteil CELF I, Randnrn. 66
         bis 68). 
      
      46      Schließlich hat er klargestellt, dass die Antwort auf die Vorlagefrage nach Maßgabe einer Verfahrenssituation wie der des
         Ausgangsverfahrens erfolgte (Urteil CELF I, Randnr. 69). 
      
      47      Die Begründung war somit ihrem Aufbau nach geeignet, so verstanden zu werden, dass drei positive Entscheidungen gefolgt von
         fristgemäß erhobenen Nichtigkeitsklagen, von denen die ersten beiden Erfolg hatten und die dritte noch anhängig war, keinen
         außergewöhnlichen Umstand begründeten. 
      
      48      Der Wortlaut der zweiten in der vorliegenden Rechtssache gestellten Frage zeigt demgegenüber, dass das vorlegende Gericht
         im Gegenteil annimmt, dass das Aufeinanderfolgen von drei positiven Entscheidungen einen außergewöhnlichen Umstand darstellen
         könne. 
      
      49      Zum Zeitpunkt der Verkündung des Urteils CELF I waren die drei positiven Entscheidungen der Kommission bereits ergangen. 
      
      50      Ein einziges neues Ereignis ist vor der zweiten Vorlageentscheidung eingetreten, nämlich die Nichtigerklärung der dritten
         Entscheidung durch das Urteil des Gerichts vom 15. April 2008, SIDE/Kommission. 
      
      51      Ein solches Ereignis ist für sich genommen nicht geeignet, ein berechtigtes Vertrauen entstehen zu lassen und einen außergewöhnlichen
         Umstand zu begründen. Das ungewöhnliche Aufeinanderfolgen von drei Nichtigerklärungen bringt nämlich a priori die Schwierigkeit der Rechtssache zum Ausdruck und lässt keineswegs ein berechtigtes Vertrauen entstehen, sondern erscheint
         vielmehr geeignet, die Zweifel des Empfängers an der Vereinbarkeit der streitigen Beihilfe zu mehren.
      
      52      Ein Aufeinanderfolgen von drei Nichtigkeitsklagen, denen sämtlich stattgegeben wird, mag zwar eine sehr seltene Situation
         sein. Solche Umstände sind jedoch Teil des normalen Funktionierens des gerichtlichen Systems, das Rechtssubjekten, die sich
         von den Folgen der Rechtswidrigkeit einer Beihilfe für betroffen halten, die Möglichkeit gibt, auf Nichtigerklärung aufeinanderfolgender
         Entscheidungen zu klagen, auf die sie diese Lage zurückführen. 
      
      53      In einer Situation wie der des Ausgangsverfahrens kann das Vorliegen eines außergewöhnlichen Umstands auch nicht im Hinblick
         auf den Grundsatz der Rechtssicherheit angenommen werden, denn der Gerichtshof hat bereits im Wesentlichen entschieden, dass
         der Empfänger der Beihilfe, solange die Kommission keine Genehmigungsentscheidung erlassen hat und solange die Klagefrist
         gegen eine solche Entscheidung nicht abgelaufen ist, keine Gewissheit über die Rechtmäßigkeit der geplanten Beihilfe hat,
         so dass weder eine Berufung auf den Grundsatz des Vertrauensschutzes noch auf den Grundsatz der Rechtssicherheit möglich ist
         (vgl. Urteil vom 29. April 2004, Italien/Kommission, C‑91/01, Slg. 2004, I‑4355, Randnrn. 66 und 67). 
      
      54      In einer Situation wie der des Ausgangsverfahrens kann das Vorliegen eines außergewöhnlichen Umstands schließlich auch nicht
         im Hinblick auf den Grundsatz der Verhältnismäßigkeit angenommen werden. Denn die Beseitigung einer rechtswidrigen Beihilfe
         durch Rückforderung ist die logische Folge der Feststellung ihrer Rechtswidrigkeit, so dass die Rückforderung dieser Beihilfe
         zwecks Wiederherstellung der früheren Lage grundsätzlich nicht als eine Maßnahme betrachtet werden kann, die außer Verhältnis
         zu den Zielen der Bestimmungen des EG-Vertrags über staatliche Beihilfen steht (vgl. u. a. Urteil vom 29. April 2004, Italien/Kommission,
         C‑298/00 P, Slg. 2004, I‑4087, Randnr. 75 und die dort angeführte Rechtsprechung).
      
      55      Daher ist auf die zweite Frage zu antworten, dass der Umstand, dass die Kommission drei aufeinanderfolgende, eine Beihilfe
         für mit dem Gemeinsamen Markt vereinbar erklärende Entscheidungen erlassen hat, die sodann vom Gemeinschaftsrichter für nichtig
         erklärt worden sind, als solcher keinen außergewöhnlichen Umstand darstellen kann, der geeignet ist, eine Begrenzung der Verpflichtung
         des Empfängers zur Rückerstattung dieser Beihilfe zu rechtfertigen, wenn diese unter Verstoß gegen Art. 88 Abs. 3 EG durchgeführt
         wurde.
      
       Kosten
      56      Für die Parteien des Ausgangsverfahrens ist das Verfahren ein Zwischenstreit in dem bei dem vorlegenden Gericht anhängigen
         Rechtsstreit; die Kostenentscheidung ist daher Sache dieses Gerichts. Die Auslagen anderer Beteiligter für die Abgabe von
         Erklärungen vor dem Gerichtshof sind nicht erstattungsfähig.
      
      Aus diesen Gründen hat der Gerichtshof (Vierte Kammer) für Recht erkannt:
      1.      Ein nationales Gericht, das nach Art. 88 Abs. 3 EG mit einem Antrag auf Rückforderung einer rechtswidrigen staatlichen Beihilfe
            befasst wird, kann seine Entscheidung über diesen Antrag nicht aussetzen, bis sich die Kommission der Europäischen Gemeinschaften
            nach der Nichtigerklärung einer früheren positiven Entscheidung zur Vereinbarkeit der Beihilfe mit dem Gemeinsamen Markt geäußert
            hat. 
      2.      Der Umstand, dass die Kommission der Europäischen Gemeinschaften drei aufeinanderfolgende, eine Beihilfe für mit dem Gemeinsamen
            Markt vereinbar erklärende Entscheidungen erlassen hat, die sodann vom Gemeinschaftsrichter für nichtig erklärt worden sind,
            kann als solcher keinen außergewöhnlichen Umstand darstellen, der geeignet ist, eine Begrenzung der Verpflichtung des Empfängers
            zur Rückerstattung dieser Beihilfe zu rechtfertigen, wenn diese unter Verstoß gegen Art. 88 Abs. 3 EG durchgeführt wurde.
            
      Unterschriften
      * Verfahrenssprache: Französisch.