CELEX: 62005CJ0094
Language: de
Date: 2006-03-16 00:00:00
Title: Urteil des Gerichtshofes (Zweite Kammer) vom 16. März 2006.#Emsland-Stärke GmbH gegen Landwirtschaftskammer Hannover.#Ersuchen um Vorabentscheidung: Bundesverwaltungsgericht - Deutschland.#Gemeinsame Agrarpolitik - Verordnung (EG) Nr. 97/95 - An Stärkeunternehmen gezahlte Prämien - Voraussetzungen für die Gewährung - Sanktionen - Verhältnismäßigkeit - Verordnung (EG, Euratom) Nr. 2988/95 - Schutz der finanziellen Interessen der Europäischen Gemeinschaften.#Rechtssache C-94/05.

Rechtssache C‑94/05
      Emsland-Stärke GmbH
      gegen
      Landwirtschaftskammer Hannover
      (Vorabentscheidungsersuchen des Bundesverwaltungsgerichts)
      „Gemeinsame Agrarpolitik — Verordnung (EG) Nr. 97/95 — An Stärkeunternehmen gezahlte Prämien — Voraussetzungen für die Gewährung — Sanktionen — Verhältnismäßigkeit — Verordnung (EG, Euratom) Nr. 2988/95 — Schutz der finanziellen Interessen der Europäischen Gemeinschaften“
      Urteil des Gerichtshofes (Zweite Kammer) vom 16. März 2006 
      Leitsätze des Urteils
      1.     Landwirtschaft – Gemeinsame Marktorganisation – Getreide – Kontingentierung der Kartoffelstärkeerzeugung
      (Verordnung Nr. 97/95 der Kommission in der durch die Verordnung Nr. 1125/96 geänderten Fassung, Artikel 1 Buchstaben d und
            e, 4 Absatz 5 und 13 Absatz 4)
      2.     Landwirtschaft – Gemeinsame Marktorganisation – Getreide – Kontingentierung der Kartoffelstärkeerzeugung 
      (Verordnung Nr. 97/95 der Kommission in der durch die Verordnung Nr. 1125/96 geänderten Fassung, Artikel 1, 4 Absatz  5  und
            13 Absatz 4)
      3.     Landwirtschaft – Gemeinsame Marktorganisation – Getreide – Kontingentierung der Kartoffelstärkeerzeugung 
      (Verordnung Nr. 2988/95 des Rates, Artikel 5 Absatz 1; Verordnung Nr. 97/95 der Kommission in der durch die Verordnung Nr.
            1125/96 geänderten Fassung, Artikel 13 Absatz 4)
      1.     Gegenüber einem Stärkeunternehmen, das Kartoffeln von einem Unternehmen bezieht, das diese seinerseits unmittelbar oder mittelbar
         von Kartoffelerzeugern bezieht, kann auch dann, wenn der Kauf- und Liefervertrag, der zwischen ihm und dem betreffenden Unternehmen
         geschlossen wurde, von diesen Vertragsparteien als „Anbauvertrag“ bezeichnet und als solcher von einer zuständigen nationalen
         Behörde nach Artikel 4 Absatz 2 der Verordnung Nr. 97/95 mit den Durchführungsbestimmungen zur Verordnung Nr. 1766/92 hinsichtlich
         des Mindestpreises und des den Kartoffelerzeugern zu zahlenden Ausgleichsbetrags sowie zur Verordnung Nr. 1868/94 zur Einführung
         einer Kontingentierungsregelung für die Kartoffelstärkeerzeugung anerkannt worden ist, obwohl er diese Qualifikation im Sinne
         von Artikel 1 Buchstaben d und e dieser Verordnung nicht erhalten kann, die in Artikel 13 Absatz 4 dieser Verordnung vorgesehene
         Sanktion angewandt werden, ohne dass dies voraussetzt, dass das Stärkeunternehmen das ihm zugeteilte Unterkontingent überschritten
         hat.
      
      (vgl. Randnr. 41, Tenor 1)
      2.     Artikel 13 Absatz 4 der Verordnung Nr. 97/95 mit den Durchführungsbestimmungen zur Verordnung Nr. 1766/92 des Rates hinsichtlich
         des Mindestpreises und des den Kartoffelerzeugern zu zahlenden Ausgleichsbetrags sowie zur Verordnung Nr. 1868/94 des Rates
         zur Einführung einer Kontingentierungsregelung für die Kartoffelstärkeerzeugung in Verbindung mit Artikel 1 und Artikel 4
         Absatz 5 dieser Verordnung stellt, indem er die Anwendung einer Sanktion, die nicht pauschaler Natur ist, sondern vom Umfang
         und von der Schwere der begangenen Unregelmäßigkeit abhängt, in allen Fällen vorsieht, in denen ein Stärkeunternehmen Kartoffellieferungen
         annimmt, die nicht durch einen Anbauvertrag, der mit einem Kartoffelerzeuger geschlossen werden muss, gebunden sind, eine
         klare und bestimmte Regelung dar, die eine wirksame und abschreckende Sanktion schafft, die zur Verwirklichung der angestrebten
         Ziele geeignet ist und nicht über das Maß des hierzu Erforderlichen hinausgeht. 
      
      Denn im Hinblick auf die Bedeutung des mit diesem Artikel  verfolgten Zieles des Schutzes der Erzeuger und angesichts des
         weiten Ermessens, über das die Gemeinschaftsorgane auf diesem Gebiet verfügen, kann es nicht als ungerechtfertigt oder unverhältnismäßig
         angesehen werden, wenn eine abschreckende und wirksame Sanktion wie die in dem genannten Artikel vorgesehene in dem Fall verhängt
         wird, dass das Stärkeunternehmen, das eine Prämie beantragt, mit oder ohne Vorsatz eine unrichtige Erklärung bezüglich der
         Erzeugereigenschaft seines Vertragspartners abgibt.
      
      (vgl. Randnrn. 45, 55-58)
      3.     Der Umstand, dass die zuständige nationale Behörde darüber informiert war, dass ein Stärkeunternehmen Kartoffeln von einem
         Unternehmen bezogen hatte, das diese seinerseits unmittelbar oder mittelbar von Kartoffelerzeugern bezogen hatte, kann sich
         weder auf die Feststellung einer Unregelmäßigkeit, die als „durch Fahrlässigkeit verursacht“ im Sinne von Artikel 5 Absatz
         1 der Verordnung Nr. 2988/95 über den Schutz der finanziellen Interessen der Europäischen Gemeinschaften angesehen wird, noch
         infolgedessen auf die Anwendung der Sanktion gemäß Artikel 13 Absatz 4 der Verordnung Nr. 97/95 mit den Durchführungsbestimmungen
         zur Verordnung Nr. 1766/92 des Rates hinsichtlich des Mindestpreises und des den Kartoffelerzeugern zu zahlenden Ausgleichsbetrags
         sowie zur Verordnung Nr. 1868/94 des Rates zur Einführung einer Kontingentierungsregelung für die Kartoffelstärkeerzeugung
         gegenüber dem betreffenden Stärkeunternehmen auswirken.
      
      (vgl. Randnr. 64, Tenor 4)
URTEIL DES GERICHTSHOFES (Zweite Kammer)
      16. März 2006(*)
      
      „Gemeinsame Agrarpolitik – Verordnung (EG) Nr. 97/95 – An Stärkeunternehmen gezahlte Prämien – Voraussetzungen für die Gewährung – Sanktionen – Verhältnismäßigkeit – Verordnung (EG, Euratom) Nr. 2988/95 – Schutz der finanziellen Interessen der Europäischen Gemeinschaften“
      In der Rechtssache C‑94/05
      betreffend ein Vorabentscheidungsersuchen nach Artikel 234 EG, eingereicht vom Bundesverwaltungsgericht (Deutschland) mit
         Entscheidung vom 9. Dezember 2004, beim Gerichtshof eingegangen am 22. Februar 2005, in dem Verfahren
      
      Emsland-Stärke GmbH
      gegen
      Landwirtschaftskammer Hannover
      erlässt
      DER GERICHTSHOF (Zweite Kammer)
      unter Mitwirkung des Kammerpräsidenten C. W. A. Timmermans sowie der Richter J. Makarczyk, R. Schintgen, P. Kūris und J. Klučka
         (Berichterstatter),
      
      Generalanwalt: A. Tizzano,
      Kanzler: K. Sztranc, Verwaltungsrätin,
      aufgrund des schriftlichen Verfahrens und auf die mündliche Verhandlung vom 15. Dezember 2005,
      unter Berücksichtigung der Erklärungen
      –       der Emsland-Stärke GmbH, vertreten durch Rechtsanwalt L. Harings,
      –       der Kommission der Europäischen Gemeinschaften, vertreten durch J. C. Schieferer und F. Erlbacher als Bevollmächtigte,
      aufgrund des nach Anhörung des Generalanwalts ergangenen Beschlusses, ohne Schlussanträge über die Rechtssache zu entscheiden,
      folgendes
      Urteil
      1       Das Vorabentscheidungsersuchen betrifft die Gültigkeit und die Auslegung des Artikels 13 Absatz 4 der Verordnung (EG) Nr.
         97/95 der Kommission vom 17. Januar 1995 mit den Durchführungsbestimmungen zur Verordnung (EWG) Nr. 1766/92 des Rates hinsichtlich
         des Mindestpreises und des den Kartoffelerzeugern zu zahlenden Ausgleichsbetrags sowie zur Verordnung (EG) Nr. 1868/94 des
         Rates zur Einführung einer Kontingentierungsregelung für die Kartoffelstärkeerzeugung (ABl. L 16, S. 3) in der durch die Verordnung
         (EG) Nr. 1125/96 der Kommission vom 24. Juni 1996 (ABl. L 150, S. 1) geänderten Fassung (im Folgenden: Verordnung Nr. 97/95).
         
      
      2       Dieses Ersuchen ergeht im Rahmen eines Rechtsstreits zwischen der Emsland‑Stärke GmbH, die 1997 die Kyritzer Stärke GmbH im
         Wege der Verschmelzung aufgenommen hatte (im Folgenden: Emsland‑Stärke), und der Landwirtschaftskammer Hannover, vormals Bezirksregierung
         Weser‑Ems (im Folgenden: Bezirksregierung), wegen der Verhängung von finanziellen Sanktionen, mit denen die einem Stärkeunternehmen
         gewährte Prämie gekürzt wird, wenn es Kartoffeln nicht von einem Erzeuger, sondern von einem Unternehmen bezogen hat, das
         seinerseits die Kartoffeln unmittelbar oder mittelbar von Erzeugern bezieht.
      
       Rechtlicher Rahmen
       Verordnung Nr. 97/95
      3       In der vierten Begründungserwägung der Verordnung Nr. 97/95 heißt es:
      „Es ist genau festzulegen, worauf sich ein Anbauvertrag zwischen einem Stärkeunternehmen und einem Erzeuger beziehen muss,
         so dass keine Verträge für Mengen abgeschlossen werden können, die über das Unterkontingent des Unternehmens hinausgehen.
         Stärkeunternehmen sollte es untersagt sein, Kartoffellieferungen anzunehmen, die nicht durch einen Anbauvertrag gebunden sind,
         da dies die Wirksamkeit der Kontingentierungsregelung gefährden würde und die Anforderung, dass der Mindestpreis gemäß Artikel
         8 Absatz 1 der Verordnung (EWG) Nr. 1766/92 für alle zur Stärkeerzeugung bestimmten Kartoffeln gezahlt werden muss, möglicherweise
         nicht eingehalten würde. …“
      
      4       Die achte Begründungserwägung der Verordnung Nr. 97/95 hat folgenden Wortlaut:
      „Es sind Kontrollmaßnahmen einzuführen, um sicherzustellen, dass … die Prämie nur für gemäß dieser Verordnung erzeugte Stärke
         gewährt [wird].“
      
      5       Die neunte Begründungserwägung der Verordnung lautet:
      „Zum Schutz der Erzeuger von zur Stärkeherstellung bestimmten Kartoffeln ist es unerlässlich, dass der Mindestpreis gemäß
         Artikel 8 Absatz 1 der Verordnung (EWG) Nr. 1766/92 für alle Kartoffeln gezahlt wird. Deshalb müssen Sanktionen für die Fälle
         festgelegt werden, in denen der Mindestpreis nicht gezahlt wird und die Unternehmen Kartoffeln annehmen, die nicht durch einen
         Anbauvertrag gebunden sind.“
      
      6       In der zehnten Begründungserwägung der Verordnung heißt es:
      „Es müssen Vorschriften erlassen werden, um zu gewährleisten, dass die über das Unterkontingent eines Unternehmens hinaus
         erzeugte Kartoffelstärke ohne Ausfuhrerstattung ausgeführt wird, wie dies in Artikel 6 Absatz 1 der Verordnung (EG) Nr. 1868/94
         vorgeschrieben ist. Im Fall eines Verstoßes sind Sanktionen anzuwenden.“
      
      7       Artikel 1 der Verordnung Nr. 97/95 sieht vor:
      „Im Sinne dieser Verordnung sind
      …
      b)      Unterkontingent: der Teil des Kontingents, den der Mitgliedstaat einem Stärkeunternehmen zuteilt;
      …
      d)      Erzeuger: jede natürliche oder juristische Person oder Vereinigung dieser Personen, die selbst oder von ihren Mitgliedern
         erzeugte Kartoffeln in ihrem Namen und für ihre Rechnung im Rahmen eines von ihr oder in ihrem Namen geschlossenen Anbauvertrags
         an ein Stärkeunternehmen liefert;
      
      e)      Anbauvertrag: jeder zwischen einem Erzeuger oder einer Erzeugervereinigung einerseits und dem Stärkeunternehmen andererseits
         geschlossene Vertrag;
      
      …“
      8       Artikel 4 der Verordnung bestimmt: 
      „(1)      Für jedes Wirtschaftsjahr wird ein Anbauvertrag geschlossen. …
      (2)      Jedes Stärkeunternehmen muss der zuständigen Behörde spätestens am 31. Mai, der dem betreffenden Wirtschaftsjahr vorausgeht,
         ein zusammenfassendes Verzeichnis der Verträge übermitteln, in dem für jeden Vertrag … der Name des Erzeugers und die Vertragsmenge
         in Tonnen, ausgedrückt in Stärkeäquivalent, genannt sind.
      
      (3)      Die in Stärkeäquivalent ausgedrückte Summe der in den Anbauverträgen vorgesehenen Mengen darf das für dieses Stärkeunternehmen
         festgesetzte Unterkontingent nicht überschreiten.
      
      …
      (5)      Es ist dem Stärkeunternehmen untersagt, Kartoffellieferungen anzunehmen, die nicht durch einen Anbauvertrag gebunden sind.“
      9       In Artikel 7 Absatz 1 der Verordnung heißt es:
      „Die Prämie wird den Stärkeunternehmen im Rahmen der ihrem Unterkontingent entsprechenden Stärkemengen … gewährt … 
      ...“
      10     Artikel 11 Absatz 1 der Verordnung Nr. 97/95 sieht vor:
      „Für die nachstehenden Zahlungen gelten folgende Voraussetzungen:
      ...
      b)      im Fall der Prämie gemäß Artikel 5 der Verordnung (EG) Nr. 1868/94 muss das Stärkeunternehmen nachweisen, dass
      –       es die Kartoffel‑/Erdäpfelstärke in dem betreffenden Wirtschaftsjahr erzeugt hat;
      –       es den Kartoffel‑/Erdäpfelerzeugern für die in der Gemeinschaft erzeugte und zur Herstellung von Stärke verwendete Kartoffel‑/Erdäpfelmenge
         insgesamt einen Preis gezahlt hat, der mindestens dem in Artikel 8 Absatz 1 der Verordnung (EWG) Nr. 1766/92 genannten Preis
         frei Fabrik entspricht;
      
      –       die betreffende Stärke aus Kartoffeln/Erdäpfeln gewonnen worden ist, die im Rahmen eines Anbauvertrags gemäß Artikel 4 erzeugt
         wurden.“
      
      11     Artikel 13 Absatz 1 Unterabsatz 1 der Verordnung Nr. 97/95 hat folgenden Wortlaut:
      „Jeder Mitgliedstaat führt eine Kontrollregelung vor Ort ein, anhand derer die tatsächliche Durchführung der Maßnahmen, aus
         denen sich ein Anspruch auf die Prämie … ergibt, und die Nichtüberschreitung des jedem Stärkeunternehmen zugeteilten Unterkontingents
         überwacht wird. ...“
      
      12     Die Absätze 3 und 4 dieses Artikels sehen vor:
      „(3)      Stellt die zuständige Stelle fest, dass das Stärkeunternehmen die in Artikel 11 Absatz 1 Buchstabe b) zweiter Gedankenstrich
         genannten Verpflichtungen nicht eingehalten hat, so wird dieses, ausgenommen im Falle höherer Gewalt, mit folgender Maßnahme
         ganz oder teilweise von der Gewährung der Prämie ausgeschlossen:
      
      –       Betrifft die Nichteinhaltung weniger als 20 % der gesamten von diesem Unternehmen erzeugten Stärkemenge, so wird die zu gewährende
         Prämie um das Fünffache des festgestellten Prozentsatzes gekürzt;
      
      –       liegt der betreffende Prozentsatz bei oder über 20 %, so wird keine Prämie gewährt.
      (4)      Wird festgestellt, dass das Verbot gemäß Artikel 4 Absatz 5 nicht eingehalten wurde, so wird die für das Unterkontingent gewährte
         Prämie folgendermaßen gekürzt:
      
      –       Ergibt sich aus der Kontrolle, dass die vom Stärkeunternehmen angenommene Menge 10 % ihres Unterkontingents nicht überschreitet,
         so wird der Gesamtbetrag der dem Stärkeunternehmen für das betreffende Wirtschaftsjahr zu zahlenden Prämien um das Zehnfache
         des festgestellten Prozentsatzes gekürzt;
      
      –       überschreitet die nicht durch Anbauverträge gebundene Menge den im ersten Gedankenstrich genannten Grenzwert, so wird für
         das betreffende Wirtschaftsjahr keine Prämie gewährt. Außerdem wird das Stärkeunternehmen im folgenden Wirtschaftsjahr von
         der Prämienzahlung ausgeschlossen.“ 
      
       Verordnung Nr. 2988/95
      13     In der fünften Begründungserwägung der Verordnung (EG, Euratom) Nr. 2988/95 des Rates vom 18. Dezember 1995 über den Schutz
         der finanziellen Interessen der Europäischen Gemeinschaften (ABl. L 312, S. 1) heißt es:
      
      „Die Verhaltensweisen, die Unregelmäßigkeiten darstellen, sowie die verwaltungsrechtlichen Maßnahmen und die entsprechenden
         Sanktionen sind im Einklang mit dieser Verordnung in sektorbezogenen Regelungen vorgesehen.“
      
      14     Artikel 1 Absatz 2 dieser Verordnung  bestimmt:
      „Der Tatbestand der Unregelmäßigkeit ist bei jedem Verstoß gegen eine Gemeinschaftsbestimmung als Folge einer Handlung oder
         Unterlassung eines Wirtschaftsteilnehmers gegeben, die einen Schaden für den Gesamthaushaltsplan der Gemeinschaften oder die
         Haushalte, die von den Gemeinschaften verwaltet werden, bewirkt hat bzw. haben würde, sei es durch die Verminderung oder den
         Ausfall von Eigenmitteleinnahmen, die direkt für Rechnung der Gemeinschaften erhoben werden, sei es durch eine ungerechtfertigte
         Ausgabe.“ 
      
      15     Artikel 2 der Verordnung bestimmt:
      „(1) Kontrollen und verwaltungsrechtliche Maßnahmen und Sanktionen werden eingeführt, soweit sie erforderlich sind, um die
         ordnungsgemäße Anwendung des Gemeinschaftsrechts sicherzustellen. Sie müssen wirksam, verhältnismäßig und abschreckend sein,
         um einen angemessenen Schutz der finanziellen Interessen der Gemeinschaften zu gewährleisten.
      
      ...
      (3) In den Bestimmungen des Gemeinschaftsrechts werden Art und Tragweite der verwaltungsrechtlichen Maßnahmen und Sanktionen
         in dem für die ordnungsgemäße Anwendung der betreffenden Regelung erforderlichen Maß und entsprechend der Art und Schwere
         der Unregelmäßigkeit, dem gewährten oder erlangten Vorteil und dem Grad des Verschuldens festgelegt.
      
      ...“
      16     Artikel 5 Absatz 1 der Verordnung Nr. 2988/95 sieht vor:
      „Unregelmäßigkeiten, die vorsätzlich begangen oder durch Fahrlässigkeit verursacht werden, können zu folgenden verwaltungsrechtlichen
         Sanktionen führen:
      
      ...
      c)      vollständiger oder teilweiser Entzug eines nach Gemeinschaftsrecht gewährten Vorteils auch dann, wenn der Wirtschaftsteilnehmer
         nur einen Teil dieses Vorteils rechtswidrig erlangt hat;
      
      d)      Ausschluss von einem Vorteil oder Entzug eines Vorteils für einen Zeitraum, der nach dem Zeitraum der Unregelmäßigkeit liegt;
      ...“
       Ausgangsverfahren und Vorlagefragen
      17     Emsland‑Stärke ist eine in Deutschland ansässige Herstellerin von Kartoffelstärke. Für die Wirtschaftsjahre 1995/96, 1996/97
         und 1997/98 wurden dieser Gesellschaft Unterkontingente für die Verarbeitung von Stärkekartoffeln zu Kartoffelstärke in Höhe
         von 371 846 000 kg zugeteilt. Aus den Akten ergibt sich, dass diese Unterkontingente nicht überschritten wurden.
      
      18     Emsland‑Stärke bezog auf der Grundlage von Anbau- und Lieferverträgen von der Moormann GmbH (im Folgenden: Moormann) Kartoffeln.
         Nach Übermittlung dieser Verträge an die zuständigen Behörden erhielt sie von der Landwirtschaftsverwaltung des Landes Brandenburg
         (im Folgenden: Landwirtschaftsverwaltung) für das Wirtschaftsjahr 1995/96 und dann von der Bezirksregierung für die Wirtschaftsjahre
         1996/97 und 1997/98 Prämien für die Stärkeerzeugung von insgesamt 61 500 DM.
      
      19     Aus der Vorlageentscheidung geht hervor, dass die Landwirtschaftsverwaltung zum Zeitpunkt der Bewilligung der Prämien für
         das Wirtschaftsjahr 1995/96 vollständig darüber informiert war, dass Moormann nicht selbst Kartoffeln erzeugte, sondern nur
         damit handelte. Die Bezirksregierung stellte dagegen erst im November 1997, d. h. nach Bewilligung der Prämien für die Wirtschaftsjahre
         1996/97 und 1997/98 fest, dass Moormann kein Kartoffelerzeuger, sondern ein Händler war, der die Kartoffeln von verschiedenen
         Erzeugern oder anderen Händlern erwarb.
      
      20     Nach der Darstellung des vorlegenden Gerichts verhängte die Bezirksregierung ferner mit Entscheidungen vom 15. April, 2. Juni
         und 14. Juli 1998 sowie vom 15. März 1999 u. a. gegen Emsland-Stärke eine Sanktion in Höhe von 614 487,47 DM (314 182,45 Euro)
         und begründete dies damit, dass Prämien nach dem Gemeinschaftsrecht nur für Kartoffeln gezahlt werden dürften, die ein Stärkehersteller
         auf der Grundlage von mit Erzeugern geschlossenen Anbau- und Lieferverträgen bezogen habe.
      
      21     Emsland‑Stärke focht diese Entscheidungen an.
      22     Mit Urteil vom 17. Mai 2000 hob das Verwaltungsgericht Osnabrück die Bescheide auf, soweit in ihnen die gewährten  Ausgleichszahlungen
         zurückgefordert wurden, und wies die Klage im Übrigen ab, soweit sie auf die Aufhebung der gegen Emsland-Stärke verhängten
         Sanktionen gerichtet war.
      
      23     Beide Parteien des Ausgangsverfahrens legten Berufung beim Niedersächsischen Oberverwaltungsgericht ein. Dieses stellte mit
         Urteil vom 12. Dezember 2002 fest, dass es an einem ordnungsgemäßen Anbauvertrag fehle, und wies folglich die Berufung von
         Emsland-Stärke zurück.
      
      24     Emsland-Stärke legte gegen dieses Urteil Revision an das Bundesverwaltungsgericht ein.
      25     Da das Bundesverwaltungsgericht der Auffassung ist, dass die Entscheidung des Rechtsstreits von der Gültigkeit und der Auslegung
         des Artikels 13 Absatz 4 der Verordnung Nr. 97/95 abhänge, hat es beschlossen, das Verfahren auszusetzen und dem Gerichtshof
         folgende Fragen zur Vorabentscheidung vorzulegen:
      
      1.      a)     Greift Artikel 13 Absatz 4 in Verbindung mit Artikel 4 Absatz 5 der Verordnung Nr. 97/95 ein, wenn ein als Anbauvertrag bezeichneter
         Vertrag geschlossen und von der zuständigen Behörde nach Artikel 4 Absätze 2 und 3 der Verordnung anerkannt worden ist, der
         Vertrag aber nicht mit einem Kartoffelerzeuger, sondern einem Händler geschlossen wurde, der die Kartoffeln seinerseits unmittelbar
         oder mittelbar von Kartoffelerzeugern bezieht?
      
               b)     Setzt Artikel 13 Absatz 4 der Verordnung Nr. 97/95 voraus, dass der Stärkeunternehmer mit der Annahme der Kartoffellieferung
         sein Unterkontingent überschritten hat?
      
      2.      a)     Genügt die Sanktionsregelung des Artikels 13 Absatz 4 der Verordnung Nr. 97/95 in Abgrenzung zu Artikel 13 Absatz 3 dieser
         Verordnung den gemeinschaftsrechtlichen Bestimmtheitsanforderungen?
      
               b)     Ist die in Artikel 13 Absatz 4 der Verordnung Nr. 97/95 vorgesehene Sanktion angesichts ihrer Höhe auch bei Fällen wie dem
         vorliegenden im Sinne von Artikel 2 Absatz 1 der Verordnung Nr. 2988/95 zum Schutz der finanziellen Interessen der Gemeinschaft
         erforderlich? Ist sie in Fällen wie dem vorliegenden zum Schutz der finanziellen Interessen der Gemeinschaft angemessen?
      
      3.      Ist die Unregelmäßigkeit, die Artikel 13 Absatz 4 der Verordnung Nr. 97/95 sanktioniert, auch dann im Sinne von Artikel 5
         Absatz 1 der Verordnung Nr. 2988/95 durch Fahrlässigkeit verursacht worden, wenn die Behörde die Prämie in voller Kenntnis
         des Sachverhalts bewilligt hat?
      
       Zur ersten Frage
       Zum ersten Teil der ersten Frage
      26     Mit dem ersten Teil seiner ersten Frage möchte das vorlegende Gericht im Wesentlichen wissen, ob die in Artikel 13 Absatz
         4 der Verordnung Nr. 97/95 vorgesehene Sanktion Anwendung findet, wenn ein Vertrag, der als Anbauvertrag bezeichnet und von
         einer zuständigen nationalen Behörde nach Artikel 4 Absatz 2 dieser Verordnung anerkannt worden ist, nicht mit einem Kartoffelerzeuger,
         sondern einem Unternehmen geschlossen wurde, das die Kartoffeln unmittelbar oder mittelbar von Kartoffelerzeugern bezieht.
      
      27     Ein Anbauvertrag nach Artikel 1 Buchstaben d  und e der Verordnung Nr. 97/95 ist jeder zwischen einem Stärkeunternehmen und
         einem Erzeuger geschlossene Vertrag, wobei unter Erzeuger jede natürliche oder juristische Person oder Vereinigung dieser
         Personen zu verstehen ist, die von ihr selbst oder von ihren Mitgliedern erzeugte Kartoffeln in ihrem Namen und für ihre Rechnung
         an ein Stärkeunternehmen liefert.
      
      28     Folglich kann ein Vertrag, der zwischen einem Stärkeunternehmen und einem Unternehmen geschlossen wurde, das die Kartoffeln
         unmittelbar oder mittelbar von Kartoffelerzeugern bezieht, nicht als Anbauvertrag im Sinne der genannten Vorschrift angesehen
         werden, auch wenn er als solcher bezeichnet worden ist.
      
      29     Aus Artikel 4 Absatz 5 und Artikel 13 Absatz 4 der Verordnung Nr. 97/95, die den Erzeugerschutz sicherstellen sollen, ergibt
         sich, dass ein Stärkeunternehmen, das Kartoffellieferungen annimmt, die nicht durch einen Anbauvertrag gebunden sind, gemäß
         Artikel 13 Absatz 4 mit Sanktionen belegt werden kann.
      
      30     Der Umstand, dass eine Behörde den fraglichen Vertrag zu Unrecht als Anbauvertrag angesehen hat, ist entgegen dem, was Emsland-Stärke
         in ihren Erklärungen vorgetragen hat, nicht geeignet, diese Beurteilung in Frage zu stellen.
      
      31     Der Grundsatz des Vertrauensschutzes kann nämlich nicht gegen eine klare gemeinschaftsrechtliche Bestimmung angeführt werden,
         und das gemeinschaftsrechtswidrige Verhalten einer für die Anwendung des Gemeinschaftsrechts zuständigen nationalen Behörde
         kann kein berechtigtes Vertrauen eines Wirtschaftsteilnehmers darauf begründen, in den Genuss einer gemeinschaftsrechtswidrigen
         Behandlung zu kommen (Urteile vom 26. April 1988 in der Rechtssache 316/86, Krücken, Slg. 1988, 2213, Randnr. 24, und vom
         1. April 1993 in den Rechtssachen C‑31/91 bis C‑44/91, Lageder u. a., Slg. 1993, I‑1761, Randnr. 35).
      
      32     Folglich kann ein Stärkeunternehmen kein schutzwürdiges Vertrauen darauf gründen, dass eine nationale Behörde einen Vertrag
         in Verkennung des Gemeinschaftsrechts als Anbauvertrag angesehen hat, obwohl er die in der Gemeinschaftsregelung festgelegten
         Voraussetzungen nicht erfüllte.
      
       Zum zweiten Teil der ersten Frage
      33     Mit dem zweiten Teil seiner ersten Frage möchte das vorlegende Gericht wissen, ob die Anwendung der in Artikel 13 Absatz 4
         der Verordnung Nr. 97/95 vorgesehenen Sanktion davon abhängt, dass das Stärkeunternehmen das ihm zugeteilte Unterkontingent
         überschritten hat.
      
      34     Dazu ist zunächst festzustellen, dass aus dem Wortlaut dieser Vorschrift nicht hervorgeht, dass die Anwendung dieser Sanktion
         im Grundsatz von der Überschreitung des Unterkontingents abhängt.
      
      35     Ferner bezweckt das in Artikel 4 Absatz 5 der genannten Verordnung aufgestellte Verbot zwar, wie aus der vierten Begründungserwägung
         dieser Verordnung hervorgeht, das Kontingent  zu schützen, indem es die Kontrolle der von den Stärkeunternehmen gekauften
         Kartoffelmenge durch die zuständigen nationalen Behörden erleichtert; dieser Umstand kann jedoch kein Hindernis für die Anwendung
         der in Artikel 13 Absatz 4 dieser Verordnung vorgesehenen Sanktion bei Nichtüberschreitung des Unterkontingents darstellen.
      
      36     Laut derselben Begründungserwägung soll dieses Verbot nämlich auch sicherstellen, dass die Anforderung, dass ein Mindestpreis
         für alle zur Stärkeerzeugung bestimmten Kartoffeln gezahlt wird, eingehalten wird.
      
      37     Allein die Tatsache, dass ein Stärkeunternehmen Kartoffeln von einem Unternehmen bezieht, das diese seinerseits unmittelbar
         oder mittelbar von den Kartoffelerzeugern bezieht, ist jedoch geeignet, diesen Zweck und damit das Ziel, diese Erzeuger zu
         schützen, zu gefährden.
      
      38     Auch wenn das Stärkeunternehmen nachweist, dass es an ein solches Unternehmen den in Artikel 11 Absatz 1 Buchstabe b zweiter
         Gedankenstrich der Verordnung Nr. 97/95 genannten Mindestpreis gezahlt hat, ist durch nichts gewährleistet, dass dieser Preis
         vollständig an die Erzeuger weitergeleitet worden ist. Das Erfordernis eines unmittelbar mit den Erzeugern geschlossenen Anbauvertrags
         ist, wie die Kommission festgestellt hat, das einzige Mittel, um zu verhindern, dass ein Teil des Preises, der von dem Stärkeunternehmen
         tatsächlich gezahlt worden ist, von Zwischenhändlern vereinnahmt wird.
      
      39     Schließlich ergibt sich aus der neunten Begründungserwägung der Verordnung Nr. 97/95, dass zum Schutz der Kartoffelerzeuger
         und um die Zahlung des Mindestpreises an diese zu gewährleisten, Sanktionen nicht nur für den Fall festgelegt werden müssen,
         dass sich herausstellt, dass der Mindestpreis nicht gezahlt worden ist, sondern auch für den Fall, dass festgestellt wird,
         dass die Stärkeunternehmen Kartoffeln annehmen, deren Lieferung nicht durch einen Anbauvertrag gebunden ist.
      
      40     Folglich kann die Anwendung der in Artikel 13 Absatz 4 der Verordnung Nr. 97/95 vorgesehenen Sanktion nicht davon abhängig
         gemacht werden, dass das Stärkeunternehmen sein Unterkontingent überschreitet.
      
      41     Nach alledem ist auf die erste Frage zu antworten, dass gegenüber einem Stärkeunternehmen, das Kartoffeln von einem Unternehmen
         bezieht, das diese seinerseits unmittelbar oder mittelbar von Kartoffelerzeugern bezieht, auch dann, wenn der Kauf- und Liefervertrag,
         der zwischen ihm und dem betreffenden Unternehmen geschlossen wurde, von diesen Vertragsparteien als „Anbauvertrag“ bezeichnet
         und als solcher von einer zuständigen nationalen Behörde nach Artikel 4 Absatz 2 der Verordnung Nr. 97/95 anerkannt worden
         ist, obwohl er diese Qualifikation im Sinne von Artikel 1 Buchstaben d und e dieser Verordnung  nicht erhalten kann, die in
         Artikel 13 Absatz 4 dieser Verordnung vorgesehene Sanktion angewandt werden kann, ohne dass dies voraussetzt, dass das Stärkeunternehmen
         das ihm zugeteilte Unterkontingent überschritten hat.
      
       Zur zweiten Frage
       Zum ersten Teil der zweiten Frage
      42     Mit dem ersten Teil seiner zweiten Frage ersucht das vorlegende Gericht den Gerichtshof im Wesentlichen um eine Entscheidung
         über die Gültigkeit von Artikel 13 Absatz 4 der Verordnung Nr. 97/95 in Verbindung mit Absatz 3 dieses Artikels im Hinblick
         auf den Grundsatz der Rechtssicherheit.
      
      43     Nach ständiger Rechtsprechung ist der Grundsatz der Rechtssicherheit ein grundlegendes Prinzip des Gemeinschaftsrechts, das
         insbesondere verlangt, dass eine Regelung klar und bestimmt ist, damit der Abgabenpflichtige seine Rechte und Pflichten unzweideutig
         erkennen und dementsprechend seine Vorkehrungen treffen kann (vgl. u. a. Urteile vom 13. Februar 1996 in der RechtssacheC‑143/93, Van Es Douane Agenten, Slg. 1996, I‑431, Randnr. 27, und vom 14. April 2005 in der RechtssacheC‑110/03, Belgien/Kommission, Slg. 2005, I‑2801, Randnr. 30). Dieses Gebot der Rechtssicherheit gilt in besonderem Maße bei
         Vorschriften, die finanzielle Konsequenzen haben können (Urteil vom 15. Dezember 1987 in der Rechtssache 326/85, Niederlande/Kommission,
         Slg. 1987, 5091, Randnr. 24).
      
      44     Zudem darf eine Sanktion, selbst wenn sie keinen strafrechtlichen Charakter besitzt, nur dann verhängt werden, wenn sie auf
         einer klaren und unzweideutigen Rechtsgrundlage beruht (vgl. u. a. Urteile vom 25. September 1984 in der Rechtssache 117/83,
         Könecke, Slg. 1984, 3291, Randnr. 11, und vom 11. Juli 2002 in der Rechtssache C‑210/00, Käserei Champignon Hofmeister, Slg.
         2002, I‑6453, Randnr. 52).
      
      45     Artikel 13 Absatz 4 der Verordnung Nr. 97/95 in Verbindung mit Artikel 1 und Artikel 4 Absatz 5 dieser Verordnung stellt,
         indem er die Anwendung einer Sanktion in allen Fällen vorsieht, in denen ein Stärkeunternehmen Kartoffellieferungen annimmt,
         die nicht durch einen Anbauvertrag gebunden sind, eine klare und bestimmte Regelung dar.
      
      46     Zum Verhältnis zwischen den Absätzen 3 und 4 des Artikels 13 der Verordnung Nr. 97/95 ist, wie die Kommission zutreffend ausführt,
         festzustellen, dass die mit diesen Vorschriften geschaffenen Sanktionen zwei unterschiedliche Fallgestaltungen betreffen,
         nämlich zum einen die Nichteinhaltung der in Artikel 11 Absatz 1 Buchstabe b zweiter Gedankenstrich dieser Verordnung vorgesehenen
         Pflichten und zum anderen die Nichteinhaltung von Artikel 4 Absatz 5 der Verordnung.
      
      47     Die Prüfung des ersten Teils der zweiten Frage hat folglich nichts ergeben, was die Gültigkeit von Artikel 13 Absatz 4 der
         Verordnung Nr. 97/95 im Hinblick auf den Grundsatz der Rechtssicherheit beeinträchtigen könnte.
      
       Zum zweiten Teil der zweiten Frage
      48     Mit dem zweiten Teil seiner zweiten Frage möchte das vorlegende Gericht vom Gerichtshof im Wesentlichen wissen, ob Artikel
         13 Absatz 4 der Verordnung Nr. 97/95 im Hinblick auf den Grundsatz der Verhältnismäßigkeit im Sinne von Artikel 2 Absatz 1
         der Verordnung Nr. 2988/95 gültig ist, soweit er die Verhängung einer Sanktion gegen Stärkeunternehmen zulässt, die nicht
         durch einen Anbauvertrag gebundene Kartoffellieferungen angenommen haben, ohne jedoch ihr Unterkontingent zu überschreiten.
      
      49     Insoweit steht fest, dass ein Verstoß gegen das den Stärkeunternehmen auferlegte Verbot, Kartoffeln von einem Unternehmen
         zu beziehen, das diese seinerseits unmittelbar oder mittelbar von Kartoffelerzeugern bezogen hat, eine Unregelmäßigkeit im
         Sinne von Artikel 1 Absatz 2 der Verordnung Nr. 2988/95 darstellt.  Zudem stellt der vollständige oder teilweise Entzug einer
         Prämie für das laufende oder das folgende Wirtschaftsjahr eine verwaltungsrechtliche Sanktion im Sinne des Artikels 2 Absätze
         1 und  3 und des Artikels 5 Absatz 1 Buchstaben c und d dieser Verordnung dar.
      
      50     Es ist daran zu erinnern, dass der Gemeinschaftsgesetzgeber im Bereich der Kontrollen und Sanktionen der auf dem Gebiet des
         Gemeinschaftsrechts begangenen Unregelmäßigkeiten mit dem Erlass der Verordnung Nr. 2988/95 eine Reihe allgemeiner Grundsätze
         aufgestellt und vorgeschrieben hat, dass grundsätzlich alle sektorbezogenen Verordnungen diese Grundsätze beachten müssen
         (Urteil vom 1. Juli 2004 in der Rechtssache C‑295/02, Gerken, Slg. 2004, I‑6369, Randnr. 56).
      
      51     Demgemäß werden nach Artikel 2 Absatz 1 der Verordnung Nr. 2988/95 verwaltungsrechtliche Sanktionen eingeführt, soweit sie
         erforderlich sind, um die ordnungsgemäße Anwendung des Gemeinschaftsrechts sicherzustellen. Sie müssen wirksam, verhältnismäßig
         und abschreckend sein, um einen angemessenen Schutz der finanziellen Interessen der Gemeinschaften zu gewährleisten. Zudem
         sieht Absatz 3 dieses Artikels vor, dass die für die ordnungsgemäße Anwendung der betreffenden Regelung erforderlichen Sanktionen
         der Art und Schwere der Unregelmäßigkeit, dem gewährten oder erlangten Vorteil und dem Grad des Verschuldens Rechnung tragen
         müssen.
      
      52     Was erstens die Frage betrifft, ob die in Artikel 13 Absatz 4 der Verordnung Nr. 97/95 vorgesehene Sanktion zum Ziel hat,
         die Einhaltung des Gemeinschaftsrechts zu gewährleisten und die finanziellen Interessen der Gemeinschaft zu schützen, so ist
         anzuerkennen, dass die genannte Sanktion sehr wohl dieses Ziel verfolgt, da sie für den Fall gilt, dass Stärke nicht gemäß
         den Vorschriften der Verordnung Nr. 97/95 hergestellt wird. Die Zahlung einer Prämie an ein Stärkeunternehmen, das dadurch
         gegen Artikel 4 Absatz 5 dieser Verordnung verstößt, dass es Kartoffeln von einem Unternehmen bezieht, das diese seinerseits
         unmittelbar oder mittelbar von Kartoffelerzeugern bezogen hat, stellt eine ungerechtfertigte Ausgabe dar, die einen Schaden
         für den Gesamthaushaltsplan der Gemeinschaft bewirkt.
      
      53     Was zweitens die Frage betrifft, ob die in Artikel 13 Absatz 4 der Verordnung Nr. 97/95 vorgesehene Sanktion wirksam, verhältnismäßig
         und abschreckend ist, so ist daran zu erinnern, dass es nach ständiger Rechtsprechung für die Frage, ob eine Vorschrift des
         Gemeinschaftsrechts dem Grundsatz der Verhältnismäßigkeit entspricht, darauf ankommt, ob die gewählten Mittel zur Erreichung
         des angestrebten Zieles geeignet sind und das Maß des hierzu Erforderlichen nicht übersteigen (vgl. u. a. Urteile vom 9. November
         1995 in der Rechtssache C‑426/93, Deutschland/Rat, Slg. 1995, I‑3723, Randnr. 42, und vom 14. Juli 2005 in der Rechtssache C‑26/00, Niederlande/Kommission, Slg. 2005, I‑0000, Randnr. 126).
      
      54     Was die gerichtliche Nachprüfbarkeit solcher Voraussetzungen angeht, so verfügt der Gemeinschaftsgesetzgeber im Bereich der
         gemeinsamen Agrarpolitik über einen Ermessensspielraum, der seiner politischen Verantwortung entspricht, die ihm die Artikel
         34 EG und 37 EG übertragen. Folglich kann die Rechtmäßigkeit einer in diesem Bereich erlassenen Maßnahme nur dann beeinträchtigt
         sein, wenn diese Maßnahme zur Erreichung des Zieles, das das zuständige Organ verfolgt, offensichtlich ungeeignet ist (vgl.
         u. a. Urteile vom 11. Juli 1989 in der Rechtssache 265/87, Schräder, Slg. 1989, 2237, Randnr. 22, und vom 13. November 1990
         in der RechtssacheC‑331/88, Fedesa, Slg. 1990, I‑4023, Randnr. 14).
      
      55     Es zeigt sich zunächst, dass der Gesamtbetrag der einem Stärkeunternehmen zu zahlenden Prämien nach Artikel 13 Absatz 4 der
         Verordnung Nr. 97/95, wenn das betreffende Stärkeunternehmen eine nicht durch Anbauverträge gebundene Kartoffelmenge angenommen
         hat, die 10 % ihres Unterkontingents nicht überschreitet, um das Zehnfache des festgestellten Prozentsatzes gekürzt wird.
         Jede Prämiengewährung für das laufende sowie für das folgende Wirtschaftsjahr ist ausgeschlossen, wenn die Unregelmäßigkeit
         mehr als 10 % des Unterkontingents betrifft, das diesem Stärkeunternehmen gewährt worden ist. Somit kann davon ausgegangen
         werden, dass diese Vorschrift eine wirksame und abschreckende Sanktion schafft, die zur Verwirklichung der angestrebten Ziele
         geeignet ist.
      
      56     Sodann ist festzustellen, dass die mit dieser Vorschrift geschaffene Sanktion nicht pauschaler Natur ist, sondern vom Umfang
         und von der Schwere der begangenen Unregelmäßigkeit abhängt, so wie es Artikel 2 Absatz 3 der Verordnung Nr. 2988/95 vorsieht
         (vgl. in diesem Sinne Urteil vom 17. Juli 1997 in der Rechtssache C‑354/95, National Farmers’ Union u. a., Slg. 1997, I‑4559, Randnr. 53).
      
      57     Im Hinblick schließlich auf die Bedeutung des mit Artikel 13 Absatz 4 der Verordnung Nr. 97/95 verfolgten Zieles des Schutzes
         der Erzeuger und angesichts des weiten Ermessens, über das die Gemeinschaftsorgane auf diesem Gebiet verfügen, kann es nicht
         als ungerechtfertigt oder unverhältnismäßig angesehen werden, wenn eine abschreckende und wirksame Sanktion wie die in dem
         genannten Artikel vorgesehene in dem Fall verhängt wird, dass das Stärkeunternehmen, das eine Prämie beantragt, mit oder ohne
         Vorsatz eine unrichtige Erklärung bezüglich der Erzeugereigenschaft abgibt (vgl. in diesem Sinne Urteil National Farmers’
         Union u. a., Randnr. 53).
      
      58     Demnach kann die Sanktion nach Artikel 13 Absatz 4 der Verordnung Nr. 97/95 als zur Erreichung der verfolgten Ziele geeignet
         und als nicht über das Maß des hierzu Erforderlichen hinausgehend angesehen werden.
      
      59     Die Prüfung des zweiten Teils der zweiten Frage hat folglich nichts ergeben, was die Gültigkeit von Artikel 13 Absatz 4 der
         Verordnung Nr. 97/95 im Hinblick auf den Grundsatz der Verhältnismäßigkeit im Sinne von Artikel 2 Absätze 1 und 3 der Verordnung
         Nr. 2988/95 beeinträchtigen könnte.
      
       Zur dritten Frage
      60     Mit seiner dritten Frage möchte das vorlegende Gericht im Wesentlichen wissen, ob sich der Umstand, dass der zuständigen nationalen
         Behörde bekannt war, dass ein Stärkeunternehmen Kartoffeln von einem Unternehmen bezogen hatte, das diese seinerseits unmittelbar
         oder mittelbar von Erzeugern bezogen hatte, auf die Feststellung einer Unregelmäßigkeit, die als „durch Fahrlässigkeit verursacht“
         im Sinne von Artikel 5 Absatz 1 der Verordnung Nr. 2988/95 angesehen wird, und infolgedessen auf die Anwendung der in Artikel
         13 Absatz 4 der Verordnung Nr. 97/95 vorgesehenen Sanktion gegenüber dem betreffenden Stärkeunternehmen auswirken kann.
      
      61     Insoweit ist daran zu erinnern, dass dieses Stärkeunternehmen sich nicht auf den Grundsatz des Vertrauensschutzes berufen
         kann, wenn eine nationale Behörde einen von dem Unternehmen mitgeteilten Vertrag bewusst oder aufgrund eines Irrtums in Verkennung
         des Gemeinschaftsrechts als Anbauvertrag angesehen hat, obwohl er die in der Gemeinschaftsregelung festgelegten Voraussetzungen
         für eine solche Einstufung nicht erfüllte.
      
      62     Ferner erlaubt der Umstand, dass der zuständigen Behörde bekannt war, dass das Stärkeunternehmen Kartoffeln von einem Unternehmen
         bezogen hatte, das diese seinerseits unmittelbar oder mittelbar von Erzeugern bezogen hatte, für sich genommen nicht, die
         fragliche Unregelmäßigkeit nicht als „durch Fahrlässigkeit verursacht“ oder sogar „vorsätzlich begangen“ im Sinne von Artikel
         5 Absatz 1 der Verordnung Nr. 2988/95 einzustufen.
      
      63     Artikel 13 Absatz 4 der Verordnung Nr. 2988/95 enthält im Übrigen – anders als  Vorschriften wie Artikel 9 Absatz 2 der Verordnung
         (EWG) Nr. 3887/92 der Kommission vom 23. Dezember 1992 mit Durchführungsbestimmungen zum integrierten Verwaltungs- und Kontrollsystem
         für bestimmte gemeinschaftliche Beihilferegelungen (ABl. L 391, S. 36) – keine Ausnahme von der Anwendung der mit ihr geschaffenen
         Sanktion. Der besagte Artikel 9 Absatz 2, zu dem das Urteil vom 19. November 2002 in der Rechtssache C‑304/00 (Strawson und
         Gagg & Sons, Slg. 2002, I‑10737, Randnr. 62) ergangen ist  und auf den sich Emsland-Stärke in ihren Erklärungen bezieht, sieht
         vor, dass die mit ihm geschaffene Sanktion nicht zur Anwendung kommt, wenn der Betriebsinhaber den Nachweis erbringt, dass
         er sich bei der Flächenbestimmung korrekt auf unrichtige Angaben gestützt hat, die von der zuständigen Behörde anerkannt worden
         sind.
      
      64     Nach alledem ist auf die dritte Vorlagefrage zu antworten, dass sich der Umstand, dass der zuständigen nationalen Behörde
         bekannt war, dass ein Stärkeunternehmen Kartoffeln von einem Unternehmen bezogen hatte, das diese seinerseits unmittelbar
         oder mittelbar von Erzeugern bezogen hatte, weder auf die Feststellung einer Unregelmäßigkeit, die als „durch Fahrlässigkeit
         verursacht“ im Sinne von Artikel 5 Absatz 1 der Verordnung Nr. 2988/95 angesehen wird, noch infolgedessen auf die Anwendung
         der Sanktion gemäß Artikel 13 Absatz 4 der Verordnung Nr. 97/95 gegenüber dem betreffenden Stärkeunternehmen auswirken kann.
      
       Kosten
      65     Für die Parteien des Ausgangsverfahrens ist das Verfahren  ein Zwischenstreit in dem bei dem vorlegenden Gericht anhängigen
         Rechtsstreit; die Kostenentscheidung ist daher Sache dieses Gerichts. Die Auslagen anderer Beteiligter für die Abgabe von
         Erklärungen vor dem Gerichtshof sind nicht erstattungsfähig.
      
      Aus diesen Gründen hat der Gerichtshof (Zweite Kammer) für Recht erkannt:
      1.      Gegenüber einem Stärkeunternehmen, das Kartoffeln von einem Unternehmen bezieht, das diese seinerseits unmittelbar oder mittelbar
            von Kartoffelerzeugern bezieht, kann auch dann, wenn der Kauf- und Liefervertrag, der zwischen ihm und dem betreffenden Unternehmen
            geschlossen wurde, von diesen Vertragsparteien als „Anbauvertrag“ bezeichnet und als solcher von einer zuständigen nationalen
            Behörde nach Artikel 4 Absatz 2 der Verordnung (EG) Nr. 97/95 der Kommission vom 17. Januar 1995 mit den Durchführungsbestimmungen
            zur Verordnung (EWG) Nr. 1766/92 des Rates hinsichtlich des Mindestpreises und des den Kartoffelerzeugern zu zahlenden Ausgleichsbetrags
            sowie zur Verordnung (EG) Nr. 1868/94 des Rates zur Einführung einer Kontingentierungsregelung für die Kartoffelstärkeerzeugung
            in der durch die Verordnung (EG) Nr. 1125/96 der Kommission vom 24. Juni 1996 geänderten Fassung anerkannt worden ist, obwohl
            er diese  Qualifikation im Sinne von Artikel 1 Buchstaben d und e dieser Verordnung  nicht erhalten kann, die in Artikel 13
            Absatz 4 dieser Verordnung vorgesehene Sanktion angewandt werden, ohne dass dies voraussetzt, dass das Stärkeunternehmen das
            ihm zugeteilte Unterkontingent überschritten hat.
      2.      Die Prüfung des ersten Teils der zweiten Frage hat nichts ergeben, was die Gültigkeit von Artikel 13 Absatz 4 der Verordnung
            Nr. 97/95 in der durch die Verordnung Nr. 1125/96 geänderten Fassung im Hinblick auf den Grundsatz der Rechtssicherheit beeinträchtigen
            könnte.
      3.      Die Prüfung des zweiten Teils der zweiten Frage hat nichts ergeben, was die Gültigkeit von Artikel 13 Absatz 4 der Verordnung
            Nr. 97/95 in der durch die Verordnung Nr. 1125/96 geänderten Fassung im Hinblick auf den Grundsatz der Verhältnismäßigkeit
            im Sinne von Artikel 2 Absätze 1 und 3 der Verordnung (EG, Euratom) Nr. 2988/95 des Rates vom 18. Dezember 1995 über den Schutz
            der finanziellen Interessen der Europäischen Gemeinschaften beeinträchtigen könnte.
      4.      Der Umstand, dass die zuständige nationale Behörde darüber informiert war, dass ein Stärkeunternehmen Kartoffeln von einem
            Unternehmen bezogen hatte, das diese seinerseits unmittelbar oder mittelbar von Kartoffelerzeugern bezogen hatte, kann sich
            weder auf die Feststellung einer Unregelmäßigkeit, die als „durch Fahrlässigkeit verursacht“ im Sinne von Artikel 5 Absatz
            1 der Verordnung Nr. 2988/95 angesehen wird, noch infolgedessen auf die Anwendung der Sanktion gemäß Artikel 13 Absatz 4 der
            Verordnung Nr. 97/95 in der durch die Verordnung Nr. 1125/96 geänderten Fassung gegenüber dem betreffenden Stärkeunternehmen
            auswirken.
      Unterschriften.
      * Verfahrenssprache: Deutsch.