CELEX: 62009CC0034
Language: de
Date: 2010-09-30 00:00:00
Title: Schlussanträge der Generalanwältin Sharpston vom 30. September 2010.#Gerardo Ruiz Zambrano gegen Office national de l’emploi (ONEm).#Ersuchen um Vorabentscheidung: tribunal du travail de Bruxelles - Belgien.#Unionsbürgerschaft - Art. 20 AEUV - Gewährung eines auf das Unionsrecht gestützten Aufenthaltsrechts für ein minderjähriges Kind im Hoheitsgebiet des Mitgliedstaats, dessen Staatsbürgerschaft es besitzt, unabhängig davon, ob es zuvor von seinem Freizügigkeitsrecht Gebrauch gemacht hat - Gewährung eines abgeleiteten Aufenthaltsrechts unter denselben Umständen für einen einem Drittstaat angehörenden Verwandten aufsteigender Linie, der dem minderjährigen Kind Unterhalt gewährt - Auswirkungen des Aufenthaltsrechts des minderjährigen Kindes auf die arbeitsrechtlichen Erfordernisse, die sein einem Drittstaat angehörender Verwandter aufsteigender gerader Linie zu erfüllen hat.#Rechtssache C-34/09.

SCHLUSSANTRÄGE DER GENERALANWÄLTIN
      ELEANOR SHARPSTON
      vom 30. September 20101(1)
      
      Rechtssache C‑34/09
      Gerardo Ruiz Zambrano
      gegen
      Office national de l'emploi (ONEM)
      (Vorabentscheidungsersuchen des Tribunal du travail de Bruxelles [Belgien])
      „Art. 18 AEUV, 20 AEUV und 21 AEUV – Grundrechte als allgemeine Grundsätze des Unionsrechts – Art. 7 der Charta der Grundrechte der Europäischen Union – Unionsbürgerschaft – Leistungen bei Arbeitslosigkeit – Kind mit der Staatsangehörigkeit eines Mitgliedstaats – Aufenthaltsrecht der Eltern, die Drittstaatsangehörige sind – Behindernde Wirkungen nationaler Maßnahmen – Umgekehrte Diskriminierung – Verhältnis zwischen der Europäischen Menschenrechtskonvention und dem Gerichtshof der Europäischen Union – Niveau des Grundrechtsschutzes“1.        Das vorliegende Vorabentscheidungsersuchen des Tribunal du travail de Bruxelles betrifft den Umfang des Aufenthaltsrechts
         von Drittstaatsangehörigen, die Eltern eines Kleinkinds sind, das die Unionsbürgerschaft besitzt und den Mitgliedstaat, in
         dem es geboren wurde, bisher noch nicht verlassen hat. 
      
      2.        Bei der Beantwortung der vom nationalen Gericht vorgelegten Fragen hat der Gerichtshof eine Reihe schwieriger und bedeutsamer
         Entscheidungen zu treffen. Was genau ist unter Unionsbürgerschaft zu verstehen? Handelt es sich bei der dem Ausgangsverfahren
         zugrunde liegenden Fallgestaltung um einen „rein innerstaatlichen“ Sachverhalt im betreffenden Mitgliedstaat, bei dem das
         Unionsrecht keine Rolle spielt? Oder bedeutet die vollständige Anerkennung der Rechte (auch der zukünftigen Rechte), die sich
         zwangsläufig aus der Unionsbürgerschaft ergeben, dass ein Unionsbürger im Kleinkindalter ein auf dem Unionsrecht – nicht dem
         nationalen Recht – beruhendes Recht hat, sich überall im Gebiet der Union (einschließlich des Mitgliedstaats, dessen Staatsangehörigkeit
         er besitzt) aufzuhalten? Falls dies zu bejahen ist, könnte es – um ihm eine wirksame Wahrnehmung dieses Rechtes zu ermöglichen
         – erforderlich sein, ihm den Aufenthalt bei einem Elternteil zu erlauben, der Drittstaatsangehöriger ist, wenn andernfalls
         eine erhebliche Grundrechtsverletzung vorläge.
      
      3.        Auf eher rechtstechnischer Ebene stellt sich die Frage, ob die Wahrnehmung der Rechte eines Unionsbürgers – ähnlich wie die
         Wahrnehmung der klassischen wirtschaftlichen „Freiheiten“ – eine vorherige Grenzüberschreitung im freien Personenverkehr (wie
         zufällig, nebensächlich oder entfernt auch immer) voraussetzt, ehe die Rechte geltend gemacht werden können. Oder muss man
         bei der Bestimmung der mit der Unionsbürgerschaft verbundenen Rechte und Pflichten den Blick in die Zukunft richten, anstatt
         sich an der Vergangenheit zu orientieren? Um denselben Punkt aus einem etwas anderen Blickwinkel zu betrachten: Ist die Unionsbürgerschaft
         lediglich die nichtökonomische Variante derselben generellen Freizügigkeitsrechte, die für wirtschaftlich tätige oder über
         Eigenmittel verfügende Personen schon seit Langem anerkannt sind? Oder ist unter Unionsbürgerschaft ein radikaleres Konzept
         zu verstehen: ein echter Bürgerstatus mit einheitlichen Rechten und Pflichten in einer Union des Rechts(2), zu deren Wesensmerkmalen zwangsläufig die Achtung der Grundrechte gehört? 
      
       Rechtlicher Rahmen
       Einschlägiges Unionsrecht
      4.        Art. 6 EUV (früher Art. 6 EU) bestimmt: 
      
      „(1)  Die Union erkennt die Rechte, Freiheiten und Grundsätze an, die in der Charta der Grundrechte der Europäischen Union vom 7.
         Dezember 2000 in der am 12. Dezember 2007 in Straßburg angepassten Fassung niedergelegt sind; die Charta der Grundrechte und
         die Verträge sind rechtlich gleichrangig. 
      
      Durch die Bestimmungen der Charta werden die in den Verträgen festgelegten Zuständigkeiten der Union in keiner Weise erweitert.
      Die in der Charta niedergelegten Rechte, Freiheiten und Grundsätze werden gemäß den allgemeinen Bestimmungen des Titels VII
         der Charta, der ihre Auslegung und Anwendung regelt, und unter gebührender Berücksichtigung der in der Charta angeführten
         Erläuterungen, in denen die Quellen dieser Bestimmungen angegeben sind, ausgelegt.
      
      (2)       Die Union tritt der Europäischen Konvention zum Schutz der Menschenrechte und Grundfreiheiten bei. Dieser Beitritt ändert
         nicht die in den Verträgen festgelegten Zuständigkeiten der Union.
      
      (3)       Die Grundrechte, wie sie in der Europäischen Konvention zum Schutz der Menschenrechte und Grundfreiheiten gewährleistet sind
         und wie sie sich aus den gemeinsamen Verfassungsüberlieferungen der Mitgliedstaaten ergeben, sind als allgemeine Grundsätze
         Teil des Unionsrechts.“
      
      5.        Art. 18 AEUV (früher Art. 12 EG) bestimmt: 
      
      „Unbeschadet besonderer Bestimmungen der Verträge ist in ihrem Anwendungsbereich jede Diskriminierung aus Gründen der Staatsangehörigkeit
         verboten.
      
      …“
      6.        Art. 20 AEUV (früher Art. 17 EG) bestimmt:
      
      „(1)  Es wird eine Unionsbürgerschaft eingeführt. Unionsbürger ist, wer die Staatsangehörigkeit eines Mitgliedstaats besitzt. Die
         Unionsbürgerschaft tritt zur nationalen Staatsbürgerschaft hinzu, ersetzt sie aber nicht. 
      
      (2)       Die Unionsbürgerinnen und Unionsbürger haben die in den Verträgen vorgesehenen Rechte und Pflichten.
      …“
      7.        Art. 21 AEUV (früher Art. 18 EG) bestimmt:
      
      „(1)  Jeder Unionsbürger hat das Recht, sich im Hoheitsgebiet der Mitgliedstaaten vorbehaltlich der in den Verträgen und in den
         Durchführungsvorschriften vorgesehenen Beschränkungen und Bedingungen frei zu bewegen und aufzuhalten.
      
      …“
      8.        Die Art. 7, 21 und 24 der Charta der Grundrechte der Europäischen Union(3) lauten:
      
      „Artikel 7
      Achtung des Privat- und Familienlebens
      Jede Person hat das Recht auf Achtung ihres Privat- und Familienlebens, ihrer Wohnung sowie ihrer Kommunikation.
      …
      Artikel 21
      Nichtdiskriminierung 
      (1)       Diskriminierungen insbesondere wegen des Geschlechts, der Rasse, der Hautfarbe, der ethnischen oder sozialen Herkunft, der
         genetischen Merkmale, der Sprache, der Religion oder der Weltanschauung, der politischen oder sonstigen Anschauung, der Zugehörigkeit
         zu einer nationalen Minderheit, des Vermögens, der Geburt, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Ausrichtung sind
         verboten. 
      
      (2)       Unbeschadet besonderer Bestimmungen der Verträge ist in ihrem Anwendungsbereich jede Diskriminierung aus Gründen der Staatsangehörigkeit
         verboten.
      
      …
      Artikel 24
      Rechte des Kindes
      (1)       Kinder haben Anspruch auf den Schutz und die Fürsorge, die für ihr Wohlergehen notwendig sind. Sie können ihre Meinung frei
         äußern. Ihre Meinung wird in den Angelegenheiten, die sie betreffen, in einer ihrem Alter und ihrem Reifegrad entsprechenden
         Weise berücksichtigt.
      
      (2)       Bei allen Kinder betreffenden Maßnahmen öffentlicher Stellen oder privater Einrichtungen muss das Wohl des Kindes eine vorrangige
         Erwägung sein.
      
      (3)       Jedes Kind hat Anspruch auf regelmäßige persönliche Beziehungen und direkte Kontakte zu beiden Elternteilen, es sei denn,
         dies steht seinem Wohl entgegen.“
      
       Einschlägige völkerrechtliche Bestimmungen
      9.        Art. 17 des Internationalen Pakts über bürgerliche und politische Rechte(4) bestimmt: 
      
      „(1)  Niemand darf willkürlichen oder rechtswidrigen Eingriffen in sein Privatleben, seine Familie, seine Wohnung und seinen Schriftverkehr
         oder rechtswidrigen Beeinträchtigungen seiner Ehre und seines Rufes ausgesetzt werden.
      
      (2)       Jedermann hat Anspruch auf rechtlichen Schutz gegen solche Eingriffe oder Beeinträchtigungen.“
      10.      Art 9 Abs. 1 des Übereinkommens über die Rechte des Kindes(5) lautet:
      
      „(1)  Die Vertragsstaaten stellen sicher, dass ein Kind nicht gegen den Willen seiner Eltern von diesen getrennt wird, es sei denn,
         dass die zuständigen Behörden in einer gerichtlich nachprüfbaren Entscheidung nach den anzuwendenden Rechtsvorschriften und
         Verfahren bestimmen, dass diese Trennung zum Wohl des Kindes notwendig ist. Eine solche Entscheidung kann im Einzelfall notwendig
         werden, wie etwa wenn das Kind durch die Eltern misshandelt oder vernachlässigt wird oder wenn bei getrennt lebenden Eltern
         eine Entscheidung über den Aufenthaltsort des Kindes zu treffen ist.“
      
      11.      Art. 8 der Europäischen Konvention zum Schutz der Menschenrechte und Grundfreiheiten (EMRK) sowie Art. 3 des Protokolls Nr.
         4 zur EMRK lauten wie folgt(6):
      
      „Artikel 8
      (1)       Jede Person hat das Recht auf Achtung ihres Privat- und Familienlebens, ihrer Wohnung und ihrer Korrespondenz. 
      (2)       Eine Behörde darf in die Ausübung dieses Rechts nur eingreifen, soweit der Eingriff gesetzlich vorgesehen und in einer demokratischen
         Gesellschaft notwendig ist für die nationale oder öffentliche Sicherheit, für das wirtschaftliche Wohl des Landes, zur Aufrechterhaltung
         der Ordnung, zur Verhütung von Straftaten, zum Schutz der Gesundheit oder der Moral oder zum Schutz der Rechte und Freiheiten
         anderer.
      
      …
      Artikel 3 des Protokolls Nr. 4
      (1)       Niemand darf durch eine Einzel- oder Kollektivmaßnahme aus dem Hoheitsgebiet des Staates ausgewiesen werden, dessen Angehöriger
         er ist.
      
      (2)       Niemandem darf das Recht entzogen werden, in das Hoheitsgebiet des Staates einzureisen, dessen Angehöriger er ist.“
       Einschlägige nationale Rechtsvorschriften
       Königlicher Erlass vom 25. November 1991
      12.      Art. 30 des Königlichen Erlasses vom 25. November 1991 betreffend die Regelungen bei Arbeitslosigkeit bestimmt Folgendes:
         
      
      „Ein vollzeitlich tätiger Arbeitnehmer hat nur dann Anspruch auf Leistungen bei Arbeitslosigkeit, wenn er eine Anwartschaftszeit
         erfüllt hat, die die nachstehende Anzahl von Arbeitstagen umfasst:
      
      1.      …
      2.      468 innerhalb von 27 Monaten vor dem Antrag, wenn der Arbeitnehmer das 36. Lebensjahr vollendet und das 50. Lebensjahr noch
         nicht vollendet hat,
      
      …“
      13.      Art. 43 Abs. 1 des Königlichen Erlasses lautet: 
      
      „Unbeschadet der vorstehenden Bestimmungen haben ausländische und staatenlose Arbeitnehmer Anspruch auf Leistungen bei Arbeitslosigkeit,
         wenn sie den Bestimmungen des Ausländerrechts und denen über die Beschäftigung ausländischer Arbeitskräfte genügen. 
      
      Die von einem ausländischen oder staatenlosen Arbeitnehmer in Belgien erbrachte Arbeit wird nur dann angerechnet, wenn sie
         im Einklang mit den Bestimmungen über die Beschäftigung ausländischer Arbeitskräfte geleistet wurde.“
      
      14.      Nach den einschlägigen belgischen Rechtsvorschriften (Art. 40 des Gesetzes vom 15. Dezember 1980 und Art. 2 des Königlichen
         Erlasses vom 9. Juni 1999) werden einem EG-Ausländer sein Ehegatte und seine Kinder oder die ihnen gegenüber unterhaltsberechtigten
         Kinder seines Ehegatten unabhängig von ihrer Staatsangehörigkeit gleichgestellt, sofern sie mit der Absicht kommen, bei ihm
         zu wohnen.
      
      15.      Unterhaltsberechtigte Verwandte eines belgischen Staatsangehörigen oder eines EG-Ausländers in aufsteigender Linie benötigen
         ungeachtet ihrer Staatsangehörigkeit keine Arbeitserlaubnis (aufgrund Art. 2 Abs. 2 Nr. 2 Buchst. b des Königlichen Erlasses
         zur Durchführung des Gesetzes vom 30. April 1999 über die Beschäftigung ausländischer Arbeitnehmer bzw. Art. 40 Abs. 4 Ziff. iii
         des Gesetzes vom 15. Dezember 1980). 
      
       Belgisches Staatsangehörigkeitsgesetz
      16.      Nach Art. 10 Abs. 1 des belgischen Staatsangehörigkeitsgesetzes in der zur maßgebenden Zeit geltenden Fassung galten als belgische
         Staatsangehörige u. a.
      
      „Kinder, die in Belgien geboren sind und zu irgendeinem Zeitpunkt vor der Vollendung ihres 18. Lebensjahres oder einer zuvor
         erfolgten Volljährigkeitserklärung staatenlos wären, wenn sie nicht die belgische Staatsangehörigkeit besäßen“.
      
      17.      Später wurde mit dem Gesetz vom 27. Dezember 2006 die Möglichkeit, dass das in Belgien geborene Kind nichtbelgischer Staatsangehöriger
         die belgische Staatsangehörigkeit erwirbt, für den Fall ausgeschlossen, „dass das Kind eine andere Staatsangehörigkeit durch
         einen entsprechenden Antrag seines oder seiner gesetzlichen Vertreter bei den diplomatischen oder konsularischen Behörden
         des Landes der Eltern oder eines Elternteils erwerben kann“.
      
       Sachverhalt und Ausgangsverfahren
      18.      Herr Ruiz Zambrano und seine Ehefrau, Frau Moreno López, sind beide kolumbianische Staatsangehörige. Sie trafen am 7. April
         1999 als Inhaber eines von der belgischen Botschaft in Bogotá ausgestellten Visums mit ihrem ersten Kind in Belgien ein. 
      
      19.      Eine Woche später ersuchte Herr Ruiz Zambrano in Belgien um Asyl. Zur Begründung seines Antrags gab er an, dass er zur Flucht
         aus Kolumbien gezwungen gewesen sei, da er seit dem Jahr 1997 ständigen (mit Todesdrohungen einhergehenden) Repressalien privater
         Milizen ausgesetzt gewesen sei, in deren Rahmen auch Gewalt gegen seinen Bruder verübt und sein dreijähriger Sohn im Januar
         1999 eine Woche lang entführt worden sei.
      
      20.      Am 11. September 2000 lehnte das Commissariat général aux réfugiés et aux apatrides (Generalkommissariat für Flüchtlinge und
         Staatenlose) den Asylantrag von Herrn Ruiz Zambrano ab und verfügte seine Ausweisung aus Belgien. Allerdings versah das Commissariat
         die Verfügung mit einer Nichtrückführungsklausel, in der es hieß, dass Herr Ruiz Zambrano und seine Familie wegen der in Kolumbien
         herrschenden kritischen Situation nicht dorthin abgeschoben werden sollten.
      
      21.      Ungeachtet der Verfügung beantragte Herr Ruiz Zambrano am 20. Oktober 2000 beim Office des Étrangers (Ausländeramt) eine Aufenthaltsgenehmigung.
         In der Folgezeit stellte er zwei weitere Anträge.(7) Alle drei Anträge wurden abgelehnt. Herr Ruiz Zambrano klagte auf Nichtigerklärung dieser Ablehnungsbescheide und beantragte
         in der Zwischenzeit die Aussetzung der Ausweisungsverfügung. Zum Zeitpunkt des Vorlagebeschlusses war die Nichtigkeitsklage
         noch beim Conseil d’État anhängig. 
      
      22.      Seit dem 18. April 2001 sind Herr Ruiz Zambrano und seine Ehefrau in der Gemeinde Schaerbeek gemeldet. 
      
      23.      Herr Zambrano wurde im Oktober 2001 von dem belgischen Unternehmen Plastoria S. A. (im Folgenden: Plastoria) in dessen Brüsseler
         Werkstatt auf der Basis eines unbefristeten Arbeitsvertrags als Vollzeitkraft für handwerkliche Arbeiten eingestellt. Die
         Arbeitsleistungen wurden dem Office nationale de la Sécurité sociale (Nationales Sozialversicherungsamt) ordnungsgemäß gemeldet.
         Offensichtlich wurden von seinem Lohn die üblichen gesetzlichen Sozialversicherungsbeiträge einbehalten, und sein Arbeitgeber
         war zur Entrichtung der entsprechenden Arbeitgeberbeiträge verpflichtet (und ist dieser Verpflichtung auch nachgekommen).
         Im Vorlagebeschluss ist nicht ausdrücklich angegeben, ob von seinem Einkommen (wie dies häufig der Fall ist) auch die Einkommensteuer
         direkt abgezogen wurde.
      
      24.      Bei seiner Einstellung bei Plastoria besaß Herr Ruiz Zambrano keine Arbeitserlaubnis. Auch während der fünf Jahre, die er
         bei dem Unternehmen tätig war, erhielt er keine solche Erlaubnis.
      
      25.      In der Zwischenzeit bekam seine Ehefrau am 1. September 2003 das zweite Kind, Diego, und am 26. August 2005 das dritte, Jessica.
         Beide Kinder wurden in Belgien geboren. Beide erwarben aufgrund Art. 10 des belgischen Staatsangehörigkeitsgesetzes die belgische
         Staatsangehörigkeit.(8) Nach Angaben von Herrn Ruiz Zambrano in der mündlichen Verhandlung besuchen Diego und Jessica derzeit die Schule in Schaerbeek.
      
      26.      Die Geburt von Diego und Jessica war jeweils Anlass für den zweiten bzw. den dritten beim Office des Étrangers gestellten
         Antrag.(9) In diesen beiden Anträgen hatte Herr Ruiz Zambrano geltend gemacht, die Geburt eines Kindes, das belgischer Staatsangehöriger
         sei, verleihe ihm, Herrn Ruiz Zambrano, einen Anspruch auf eine Aufenthaltsgenehmigung nach Maßgabe des Gesetzes vom 15. Dezember
         1980 und Art. 3 des Protokolls Nr. 4 zur EMRK.
      
      27.      Infolge des dritten Antrags erließen die belgischen Behörden einen Bescheid, mit dem sie Herrn Ruiz Zambrano eine Meldebescheinigung
         ausstellten, die ihn zum Aufenthalt in Belgien vom 13. September 2005 bis 13. Februar 2006 berechtigte. Nach Einlegung eines
         Rechtsmittels gegen die Entscheidungen, mit denen ihm eine Aufenthaltsgenehmigung verweigert worden war, gilt für den Aufenthalt
         von Herrn Ruiz Zambrano in Belgien bis zur endgültigen Entscheidung im Rechtsmittelverfahren eine Sonderregelung.
      
      28.      Am 10. Oktober 2005 wurde das Arbeitsverhältnis mit Herrn Ruiz Zambrano vorübergehend unterbrochen. Herr Ruiz Zambrano beantragte
         beim Office national de l'emploi (Nationales Arbeitsamt) umgehend vorläufige Leistungen bei Arbeitslosigkeit. Dieser Antrag
         wurde schließlich mit der Begründung abgelehnt, dass er keine Arbeitserlaubnis besitze (weil sein Aufenthalt in Belgien irregulär
         sei). Hiergegen erhob er eine erste Klage beim Tribunal du travail (im Folgenden: erste Klage), wurde aber kurze Zeit danach
         wieder auf Vollzeitbasis bei Plastoria eingestellt.
      
      29.      Aufgrund dieser ersten Klage führten die belgischen Arbeitsbehörden jedoch Ermittlungen zur Überprüfung der Arbeitsbedingungen
         von Herrn Ruiz Zambrano durch. Am 11. Oktober 2006 suchte ein amtlicher Kontrolleur die Räumlichkeiten von Plastoria auf.
         Er traf dort Herrn Zambrano an seinem Arbeitsplatz an und stellte fest, dass dieser keine Arbeitserlaubnis besaß. Der Kontrolleur
         ordnete die sofortige Arbeitseinstellung an. Plastoria kündigte dementsprechend den Arbeitsvertrag von Herrn Zambrano ohne
         Entschädigung unter Berufung auf höhere Gewalt und übergab ihm das amtliche Dokument (im Folgenden: Formblatt C4), mit dem
         bescheinigt wurde, dass Beiträge für die Sozialversicherung und für die Arbeitslosenversicherung während der gesamten Dauer
         seiner Beschäftigung von Oktober 2001 bis Oktober 2006 entrichtet worden waren.
      
      30.      Die belgischen Arbeitsbehörden beschlossen, keine Strafanzeige gegen Plastoria zu erstatten, da – abgesehen von dem Umstand,
         dass das Unternehmen Herrn Ruiz Zambrano ohne Arbeitserlaubnis eingestellt habe – keine anderweitigen Verstöße gegen die Vorschriften
         über Sozialversicherungspflichten, Hinterlegung der korrekten Beschäftigungsunterlagen, Arbeitsunfallversicherung und Entlohnung
         festgestellt worden seien.
      
      31.      Da Herr Ruiz Zambrano arbeitslos geworden war, stellte er erneut einen Antrag beim Office national de l'emploi, diesmal auf
         volle Leistungen bei Arbeitslosigkeit. Die Leistungen wurden ihm erneut verweigert. Gegen diese Entscheidung erhob Herr Ruiz
         Zambrano weitere Klage beim Tribunal du travail de Bruxelles (im Folgenden: zweite Klage). Die erste und die zweite Klage
         sind Gegenstand des beim vorlegenden Gericht anhängigen Ausgangsverfahrens.
      
      32.      In ihren schriftlichen Erklärungen führt die belgische Regierung aus, dass infolge von Regierungsmaßnahmen zur Bereinigung
         bestimmter Verhältnisse von Personen, die sich illegal im Land aufhalten, Herrn Ruiz Zambrano am 30. April 2009 eine vorläufige
         und erneuerbare Aufenthaltsgenehmigung sowie eine Arbeitserlaubnis (Kategorie C) erteilt worden seien. Letztere habe keine
         Rückwirkung, so dass weiterhin davon ausgegangen werde, dass die Beschäftigung von Herrn Ruiz Zambrano bei Plastoria von 2001
         bis 2006 ohne Arbeitserlaubnis erfolgt sei.
      
       Vorlagefragen
      33.      Im Verfahren gegen die beiden Entscheidungen des Office national de l'emploi, mit denen der Antrag von Herrn Ruiz Zambrano
         auf vorläufige bzw. volle Leistungen bei Arbeitslosigkeit abgelehnt worden waren, hat das Tribunal du travail de Bruxelles
         folgende Fragen zur Vorabentscheidung vorgelegt: 
      
      1.       Gewähren einer oder mehrere der Art. 12 EG, 17 EG und 18 EG, getrennt voneinander oder in Verbindung miteinander, dem Unionsbürger
         ein Aufenthaltsrecht im Hoheitsgebiet des Mitgliedstaats, dessen Staatsbürgerschaft er besitzt, unabhängig davon, ob er zuvor
         von seinem Recht, sich im Hoheitsgebiet der Mitgliedstaaten frei zu bewegen, Gebrauch gemacht hat?
      
      2.      Sind die Art. 12 EG, 17 EG und 18 EG in Verbindung mit den Art. 21, 24 und 34 der Charta der Grundrechte in dem Sinn auszulegen,
         dass das Recht, sich im Hoheitsgebiet der Mitgliedstaaten frei zu bewegen und aufzuhalten, das sie ohne Diskriminierung aus
         Gründen der Staatsbürgerschaft jedem Unionsbürger gewähren, bedeutet, dass einem minderjährigen kleinen Kind, das Unionsbürger
         ist und von einem Verwandten in aufsteigender Linie, der einem Drittstaat angehört, Unterhalt bezieht, das Recht zum Aufenthalt
         im Hoheitsgebiet des Mitgliedstaats, in dem es ansässig ist und dessen Staatsbürgerschaft es besitzt, unabhängig davon, ob
         es zuvor selbst oder durch Vermittlung seines gesetzlichen Vertreters vom Recht auf Freizügigkeit Gebrauch gemacht hat, dadurch
         gewährleistet werden muss, dass diesem Aufenthaltsrecht praktische Wirksamkeit verliehen wird, deren Notwendigkeit der Gemeinschaftsrichter
         (Urteil des Gerichtshofs vom 19. Oktober 2004, Zhu und Chen, C‑200/02, Slg. 2004, I‑9925) anerkannt hat, indem er dem Verwandten
         in aufsteigender Linie, der einem Drittstaat angehört und für den Unterhalt dieses Kindes sorgt sowie über ausreichende Existenzmittel
         und eine Krankenversicherung verfügt, ein abgeleitetes Aufenthaltsrecht zuerkannt hat, in dessen Genuss dieser Drittstaatsangehörige
         kommt, wenn das minderjährige Kind, dem er Unterhalt gewährt, ein Unionsbürger ist, der nicht die Staatsangehörigkeit seines
         Wohnstaats besitzt?
      
      3.      Sind die Art. 12 EG, 17 EG und 18 EG in Verbindung mit den Art. 21, 24 und 34 der Charta der Grundrechte in dem Sinn auszulegen,
         dass das Aufenthaltsrecht eines minderjährigen Kindes, das Staatsangehöriger eines Mitgliedstaats ist, in dessen Hoheitsgebiet
         es wohnt, bedeutet, dass der einem Drittstaat angehörige Verwandte in aufsteigender Linie von dem Erfordernis der Arbeitserlaubnis
         befreit werden muss, wenn er für den Unterhalt des minderjährigen Kindes sorgt und – wäre da nicht das Erfordernis einer Arbeitserlaubnis
         nach den innerstaatlichen Rechtsvorschriften des Mitgliedstaats, in dem er wohnt – durch die Ausübung einer in diesem Staat
         sozialversicherungspflichtigen Arbeitnehmertätigkeit die Voraussetzung der ausreichenden Existenzmittel und der Krankenversicherung
         erfüllt, damit dem Aufenthaltsrecht dieses Kindes die praktische Wirksamkeit verliehen wird, die der Gemeinschaftsrichter
         (Urteil des Gerichtshofs vom 19. Oktober 2004, Zhu und Chen, C‑200/02, Slg. 2004, I‑9925) im Fall eines minderjährigen Kindes,
         das eine andere Staatsangehörigkeit besitzt als die seines Wohnstaats, in dem ihm der einem Drittstaat angehörige Verwandte
         in aufsteigender Linie Unterhalt gewährt, als notwendig anerkannt hat?
      
      34.      Herr Ruiz Zambrano, die belgische, die dänische, die deutsche, die griechische, die irische, die niederländische, die österreichische
         und die polnische Regierung sowie die Kommission haben schriftliche Erklärungen eingereicht.
      
      35.      Herr Ruiz Zambrano, die belgische, die dänische, die griechische, die französische, die irische und die niederländische Regierung,
         sowie die Kommission waren in der Sitzung am 26. Januar 2010 vertreten und haben mündliche Ausführungen gemacht.
      
       Vorfragen
      36.      Keiner der Beteiligten des vorliegenden Vorabentscheidungsverfahrens hat speziell die Frage der Zulässigkeit des Verfahrens
         angeschnitten. Ich sollte jedoch kurz auf zwei Aspekte eingehen.
      
      37.      Der erste Aspekt betrifft das Problem, ob die Vorlagefragen für den beim nationalen Gericht anhängigen Rechtsstreit eigentlich
         von Bedeutung sind.
      
      38.      Den Angaben im Vorlagebeschluss lässt sich entnehmen, dass Herr Ruiz Zambrano die materiell-rechtlichen Voraussetzungen für
         die Beantragung von Leistungen bei Arbeitslosigkeit erfüllt hat (wie etwa Arbeitsleistung an mindestens 468 Tagen in den 27
         Monaten vor dem Antrag, wie dies in Art. 30 des Königlichen Erlasses vom 25. November 1991 vorgeschrieben ist, sowie Entrichtung
         der entsprechenden Sozialversicherungsbeiträge). Seinem Anspruch stehen zwei ineinandergreifende Hindernisse entgegen. Erstens
         heißt es in den nationalen Rechtsvorschriften(10), dass nur Arbeit berücksichtigt werden kann, die im Einklang mit den Bestimmungen über die Beschäftigung fremder und ausländischer
         Arbeitnehmer erbracht wird. Bei Anwendung dieser Voraussetzung bliebe die Vollzeittätigkeit von Herrn Ruiz Zambrano bei Plastoria
         von 1. Oktober 2001 bis 12. Oktober 2006 unberücksichtigt, weil er während dieses Zeitraums keine Arbeitserlaubnis besaß;
         und ab 13. September 2005 besaß er lediglich eine Meldebescheinigung.(11) Zweitens heißt es in den nationalen Rechtsvorschriften, dass ein ausländischer Arbeitnehmer nur dann Leistungen beziehen
         kann, wenn er den Bestimmungen des Ausländerrechts genügt.(12)
      
      39.      Für den von Herrn Ruiz Zambrano beim nationalen Gericht geltend gemachten Anspruch kommt es jedoch allein darauf an, ob er
         als Drittstaatsangehöriger, der Vater von Kindern mit belgischer Staatsangehörigkeit ist, entweder a) einem Unionsbürger gleichgestellt
         werden kann oder b) ein abgeleitetes Aufenthaltsrecht hat, weil seine Kinder nicht nur belgische Staatsangehörige, sondern
         auch Unionsbürger sind. Sowohl im Fall a) als auch im Fall b) stünde ihm das erforderliche materiell-rechtliche Aufenthaltsrecht
         nach Unionsrecht zu(13); im Fall a) wäre er von vornherein von dem Erfordernis einer Arbeitserlaubnis befreit, und im Fall b) wäre ihm wohl im Wege
         der entsprechenden Anwendung die Befreiung von dem Erfordernis einer Arbeitserlaubnis zuzuerkennen, die gemäß Art. 2 Abs. 2
         Nr. 2 Buchst. b des Gesetzes vom 30. April 1999 den unterhaltsberechtigten Verwandten in aufsteigender Linie eines belgischen Staatsangehörigen zusteht. Andernfalls (so wird argumentiert) würden nämlich
         belgische Staatsangehörige, die ihre unionsrechtlichen Freizügigkeitsrechte nicht wahrgenommen hätten, insofern umgekehrt
         diskriminiert, als sie sich nicht auf die Bestimmungen über die Familienzusammenführung(14) berufen könnten, wonach sowohl Unionsbürger, die sich aus einem anderen Mitgliedstaat nach Belgien begeben hätten, als auch
         Belgier, die zuvor von der Freizügigkeit Gebrauch gemacht hätten, einen einem Drittstaat angehörigen, nichtunterhaltsberechtigten
         Familienangehörigen in aufsteigender Linie zu sich nachziehen lassen dürften.
      
      40.      Auch wenn unmittelbarer Gegenstand der beim nationalen Gericht erhobenen Klage ein sozial- bzw. arbeitsrechtlicher Anspruch
         auf Leistungen bei Arbeitslosigkeit und nicht ein verwaltungsrechtlicher Antrag auf Erteilung einer Aufenthaltsgenehmigung
         ist, so ergibt sich demnach, dass das nationale Gericht den Rechtsstreit, mit dem es befasst ist, nicht entscheiden kann,
         ohne zu wissen, a) ob Herr Ruiz Zambrano gemäß dem Unionsrecht abgeleitete Rechte geltend machen kann, weil seine Kinder als
         belgische Staatsangehörige gleichzeitig auch Unionsbürger sind, und b) welche Rechte einem Belgier zustehen würden, der sich
         als Unionsbürger tatsächlich in einen anderen Mitgliedstaat begeben hat und dann wieder nach Belgien zurückkehrt (um das Argument der umgekehrten Diskriminierung
         beurteilen und die einschlägigen Bestimmungen des innerstaatlichen Rechts anwenden zu können). Im Übrigen hat das nationale
         Gericht recht ausführlich dargelegt, dass das nationale Recht(15) zur Bestimmung der Personen, die als „Familienangehörige“ eines Unionsbürgers anzusehen sind, auf das Unionsrecht verweist,
         und erklärt, dass dies für die Entscheidung der bei ihm anhängigen Rechtssache von Bedeutung sei.(16)
      
      41.      Der zweite Aspekt beruht auf der Mitteilung von Herrn Ruiz Zambrano an den Gerichtshof, der zufolge der belgische Conseil
         d’État und die Cour Constitutionnelle beide unlängst in ähnlichen Fällen entschieden haben, dass aufgrund der durch das Unionsrecht
         geschaffenen umgekehrten Diskriminierung ein Verstoß gegen den verfassungsmäßigen Gleichheitsgrundsatz vorliege.(17) Man könnte deshalb vielleicht auf den Gedanken kommen, dass sich das vorliegende Vorabentscheidungsersuchen erledigt hat.
         Anders formuliert: Ist das vorlegende Gericht noch auf die Antworten auf seine das Unionsrecht betreffenden Fragen angewiesen,
         da ihm doch jetzt die Hinweise der höherinstanzlichen Gerichte seines eigenen Landes nach nationalem Recht vorliegen? 
      
      42.      Meines Erachtens ist diese Frage zu bejahen.
      
      43.      Ehe das Tribunal du travail die vom Conseil d’État und von der Cour Constitutionnelle entwickelte Rechtsprechung heranziehen
         kann, muss es feststellen, ob das Ineinandergreifen von Unionsrecht und nationalem Recht tatsächlich zu einer umgekehrten
         Diskriminierung führt. Hierfür benötigt es Hinweise des Gerichtshofs zur sachgerechten Auslegung des Unionsrechts. In der
         Vergangenheit hat der Gerichtshof über Vorabentscheidungsersuchen entschieden, die eben diesen Zweck verfolgten, nämlich dem
         vorlegenden Gericht die Aufgabe zu erleichtern, die Rechtslage nach Unionsrecht mit der Rechtslage nach nationalem Recht zu
         vergleichen.(18) Der Gerichtshof hat in einer Reihe von Rechtssachen festgestellt, dass er eine Entscheidung erlassen sollte, wenn „die Auslegung
         der Bestimmungen des Gemeinschaftsrechts [jetzt Unionsrechts] dem vorlegenden Gericht möglicherweise auch in Bezug auf Sachverhalte,
         die als rein intern einzustufen sind, von Nutzen sein könnte, und zwar insbesondere dann, wenn das Recht des betreffenden
         Mitgliedstaats vorschriebe, dass jedem Inländer die gleichen Rechte zustehen, die einem Staatsangehörigen eines anderen Mitgliedstaats
         in einer von diesem Gericht für vergleichbar gehaltenen Lage kraft Gemeinschaftsrechts [jetzt Unionsrechts] zustünden“(19). So hat Belgien in der mündlichen Verhandlung auch eingeräumt, dass das vorlegende Gericht eine Antwort des Gerichtshofs
         benötige, um prüfen zu können, ob eine auf dem Unionsrecht beruhende umgekehrte Diskriminierung vorliege.
      
      44.      Folglich sollte der Gerichtshof die Vorlagefragen beantworten.
      
       Neuordnung der zu entscheidenden Streitfragen
      45.      Den vom nationalen Gericht gestellten Fragen liegen drei Problemkreise zugrunde. Diese mögen zwar in der konkreten Formulierung
         der Vorlagefragen nicht deutlich hervortreten, lassen sich aber den detaillierten Ausführungen im Vorlagebeschluss entnehmen.
      
      46.      Dem vorlegenden Gericht geht es vor allem um die Frage, ob eine Ausübung der Freizügigkeit erforderlich ist, damit die Vertragsbestimmungen
         über die Unionsbürgerschaft zum Tragen kommen. Das vorlegende Gericht ist sich durchaus bewusst, dass sich die Regelung in
         Art. 20 AEUV und 21 AEUV systematisch von der Regelung der Freizügigkeit der Arbeitnehmer in Art. 45 AEUV, der Niederlassungsfreiheit
         in Art. 49 AEUV (und übrigens auch aller anderen in den Art. 34 ff. AEUV verankerten „wirtschaftlichen“ Freiheiten) unterscheidet.
         Aber worin genau unterscheiden sich die Bürgerschaftsbestimmungen? 
      
      47.      Das nationale Gericht fragt sodann nach der Bedeutung der Grundrechte (insbesondere des vom Gerichtshof in den Urteilen Carpenter(20), MRAX(21) sowie Zhu und Chen(22) herausgearbeiteten Grundrechts auf Achtung des Familienlebens) für die Bestimmung des Geltungsbereichs der Art. 20 AEUV und
         21 AEUV. 
      
      48.      Schließlich möchte das nationale Gericht wissen, welche Funktion Art. 18 AEUV beim Schutz des Einzelnen vor einer umgekehrten
         Diskriminierung zukommt, die durch das Unionsrecht aufgrund der Bestimmungen über die Unionsbürgerschaft entsteht.
      
      49.      Der Klarheit halber, und um dem vorlegenden Gericht eine sachdienliche Antwort zu geben, werde ich wie folgt auf diese drei
         Fragen eingehen.
      
      50.      Zunächst behandele ich die Frage, ob sich Diego und Jessica als Unionsbürger auf die Rechte aus den Art. 20 AEUV und 21 AEUV
         berufen können, obwohl sie den Mitgliedstaat, dessen Staatsangehörigkeit sie besitzen, (noch) nicht verlassen haben, und ob
         Herr Ruiz Zambrano infolgedessen ein abgeleitetes Aufenthaltsrecht geltend machen kann, damit er seine kleinen Kinder in Belgien
         betreuen und versorgen kann (im Folgenden: Frage 1). Zur Beantwortung dieser Frage muss ich prüfen, ob es sich hier – wie
         nachdrücklich vorgetragen wurde – um einen „rein internen“ Sachverhalt handelt oder ob doch ein hinreichender Bezug zum Unionsrecht
         besteht, um eine Berufung auf Rechte aus der Unionsbürgerschaft zuzulassen. Außerdem ist insoweit fraglich, ob Art. 21 AEUV
         zwei getrennte Rechte umfasst – ein Recht, sich frei zu bewegen, und ein eigenständiges Recht, sich aufzuhalten – oder ob die Vorschrift lediglich ein Recht verleiht, sich frei zu bewegen (und
         sich dann aufzuhalten).
      
      51.      Zweitens befasse ich mich mit dem Problemkreis der umgekehrten Diskriminierung, die das nationale Gericht mehrfach anspricht.
         Ich werde daher den Anwendungsbereich von Art. 18 AEUV untersuchen und fragen, ob die Vorschrift zur Lösung von Fällen herangezogen
         werden kann, in denen es aufgrund der unionsrechtlichen Bestimmungen über die Unionsbürgerschaft zu einer umgekehrten Diskriminierung
         kommt (im Folgenden: Frage 2). Diese Frage ist in den letzten Jahren zwar angesprochen worden(23), sie ist aber immer noch offen.
      
      52.      Schließlich werde ich mich mit der Grundrechtsproblematik beschäftigen (im Folgenden: Frage 3). Das nationale Gericht hat
         im Vorlagebeschluss sehr deutlich zum Ausdruck gebracht, dass es um Hinweise zu der Frage ersucht, ob das Grundrecht auf Achtung
         des Familienlebens im vorliegenden Fall eine Rolle spielt, in dem weder der Unionsbürger noch seine kolumbianischen Eltern
         Belgien verlassen haben. Diese Frage wiederum führt zu einer noch grundlegenderen Frage: Welchen Geltungsbereich haben die
         Unionsgrundrechte? Können sie eigenständig geltend gemacht werden? Oder muss irgendein Anknüpfungspunkt an ein anderes, klassisches
         in der Union geltendes Recht bestehen?
      
      53.      Da sich das Thema der Grundrechte als Leitmotiv durch alle drei Fragen zieht, werde ich vor Beginn dieser Prüfung einleitend
         untersuchen, ob die Annahme plausibel ist, dass Herr Ruiz Zambrano und seine Familie tatsächlich Gefahr laufen, in ihrem unionsrechtlich
         anerkannten Grundrecht auf Achtung des Familienlebens verletzt zu werden.
      
       Einleitung: zur Situation der Familie Ruiz Zambrano und zur Frage einer möglichen Verletzung des Unionsgrundrechts auf Achtung
            des Familienlebens
      54.      Im Urteil Carpenter(24) hat der Gerichtshof das Grundrecht auf Achtung des Familienlebens als Teil der allgemeinen Grundsätze des Unionsrechts anerkannt.
         Zur Begründung hat er sich auf die Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR) gestützt. In seinem
         Urteil Boultif/Schweiz(25) hat der EGMR entschieden, dass „es einen Eingriff in das Recht auf Achtung des Familienlebens, wie es in Art. 8 Abs. 1 [EMRK]
         geschützt ist, darstellen kann, wenn einer Person die Einreise in ein oder der Aufenthalt in einem Land verweigert wird, in
         dem ihre nahen Verwandten wohnen“.(26) Der EGMR beschränkt den Begriff der Familie im Wesentlichen auf die Kernfamilie(27), zu der hier eindeutig Herr Ruiz Zambrano und Frau Moreno López als die Eltern von Diego und Jessica gehören.
      
      55.      Nach ständiger Rechtsprechung des EGMR ist ein solcher Eingriff nur dann zulässig, wenn nachgewiesen wird, dass er „in einer
         demokratischen Gesellschaft notwendig ist, d. h. durch ein zwingendes gesellschaftliches Bedürfnis gerechtfertigt ist und
         insbesondere in einem angemessenen Verhältnis zu dem berechtigten Ziel steht, das mit ihm verfolgt wird“.(28) Die Anwendung von Art. 8 Abs. 2 EMRK als Ausnahme von dem durch Art. 8 Abs. 1 EMRK garantierten Recht erfordert eine Verhältnismäßigkeitsprüfung,
         in deren Rahmen (u. a.) Gesichtspunkte wie der Zeitpunkt, zu dem sich die Familie niedergelassen hat, die Gutgläubigkeit des
         Rechtssuchenden, die kulturellen und gesellschaftlichen Kontraste in dem Staat, in den die Familienangehörigen verbracht würden,
         sowie der Grad ihrer Integration in die Gesellschaft des Vertragsstaats zu berücksichtigen sind.(29)
      
      56.      Der Gerichtshof seinerseits lehnt sich zwar eng an die Rechtsprechung des EGMR an, hat aber eine eigene Gedankenführung entwickelt.
         Zusammengefasst lässt sich sagen, dass der Gerichtshof in folgenden Fällen bzw. bei Vorliegen folgender Umstände Schutz zuerkennt.(30)
      
      57.      Erstens macht es der Gerichtshof für die Gewährung des Schutzes nicht zur Voraussetzung, dass der Unionsbürger der Kläger
         des Ausgangsverfahrens ist. So hat das unionsrechtliche Grundrecht auf Achtung des Familienlebens bereits dazu geführt, dass
         mittelbar auch Drittstaatsangehörige geschützt werden, die nahe Verwandte des Unionsbürgers sind. Auch das einem Drittstaat
         angehörende Familienmitglied genießt Schutz, weil andernfalls ein Eingriff in das Recht des Unionsbürgers auf Achtung des
         Familienlebens vorläge.(31)
      
      58.      Zweitens kann das Grundrecht selbst dann geltend gemacht werden, wenn der Familienangehörige, dessen Ausweisung verfügt wird,
         sich nicht rechtmäßig im Land aufhält.(32)
      
      59.      Drittens berücksichtigt der Gerichtshof, ob der Familienangehörige eine Gefahr für die öffentliche Ordnung oder die öffentliche
         Sicherheit darstellt (was eine Ausweisung aus dem Hoheitsgebiet rechtfertigen würde).(33)
      
      60.      Viertens lässt der Gerichtshof eine mit einem Rechtsmissbrauch begründete Rechtfertigung nur zu, wenn der Mitgliedstaat eindeutige
         Beweise für die Bösgläubigkeit des Klägers vorlegen kann.(34)
      
      61.      Diese und andere Merkmale der hier in Rede stehenden Grundrechte – das Recht auf Achtung des Familienlebens und die Rechte
         des Kindes – spiegeln sich jeweils in den Art. 7 und 24 Abs. 3 der Charta wider. Zum hier maßgebenden Zeitpunkt war die Charta
         „soft law“ und für die belgischen Behörden nicht bindend. Der Gerichtshof zog sie aber bereits damals als Auslegungshilfe
         u. a. auch in Fällen heran, in denen es um das Recht auf Achtung des Familienlebens ging.(35) Seit Inkrafttreten des Vertrags von Lissabon hat die Charta den Status von Primärrecht.(36)
      
      62.      Meines Erachtens stellt die Entscheidung der belgischen Behörden, Herrn Ruiz Zambrano aus Belgien auszuweisen, und ihre anschließende
         fortgesetzte Weigerung, ihm eine Aufenthaltsgenehmigung zu erteilen, potenziell eine Verletzung des seinen Kindern zustehenden
         Grundrechts auf Achtung des Familienlebens und ihres Anspruchs auf Schutz ihrer Rechte als Kinder dar und damit (unter Heranziehung
         der Urteile Carpenter sowie Zhu und Chen) potenziell eine Verletzung des entsprechenden Rechts auf Achtung des Familienlebens,
         das Herrn Ruiz Zambrano als ihrem Vater zusteht. Ich sage „potenziell“, weil sich Herr Ruiz Zambrano noch im belgischen Hoheitsgebiet
         aufhält. Es liegt jedoch auf der Hand, dass der Vollzug der Ausweisungsverfügung eine Verletzung dieser Rechte nach sich ziehen
         würde.
      
      63.      Ebenso liegt auf der Hand, dass die Verletzung wahrscheinlich schwerwiegend wäre. Falls Herr Ruiz Zambrano ausgewiesen würde,
         käme es auch zu einer Ausweisung seiner Ehefrau. Diese Maßnahmen hätten einschneidende Konsequenzen für die Kinder. Angesichts
         ihres Alters könnten die Kinder nicht mehr allein in Belgien leben. Das geringere Übel wäre dann vermutlich, dass sie mit
         ihren Eltern Belgien verlassen. Damit würden sie jedoch aus der Gesellschaft und der Kultur gerissen, in der sie geboren wurden
         und in die sie integriert sind. Auch wenn es letztlich Sache des nationalen Gerichts ist, eine eingehende Einzelfallprüfung
         vorzunehmen, scheint für die weitere Prüfung doch die Annahme angebracht, dass es sich durchaus um eine erhebliche Rechtsverletzung
         handeln könnte.
      
      64.      Es stimmt zwar, dass die Kinder von Herrn Ruiz Zambrano zu einem Zeitpunkt geboren wurden, zu dem sein Aufenthalt bereits
         irregulär war. Aus dem Vorlagebeschluss geht jedoch hervor, dass sich Herr Ruiz Zambrano vollständig in die belgische Gesellschaft
         integriert hat und weder eine Bedrohung noch eine Gefahr darstellt. Auch wenn die Feststellungen dazu Sache des nationalen
         Gerichts als des alleinigen Tatsachengerichts sind, scheint mir doch Folgendes für diese Auffassung zu sprechen.
      
      65.      Erstens hat Herr Ruiz Zambrano nach seiner Einreise in Belgien regelmäßig gearbeitet, die Beiträge zur belgischen Sozialversicherung
         ordnungsgemäß entrichtet und keine finanzielle Unterstützung in Anspruch genommen.(37) Zweitens haben er und seine Ehefrau, Frau Moreno López, offenbar ein normales Familienleben geführt, und ihre Kinder gehen
         jetzt in Belgien zur Schule. Drittens waren die belgischen Behörden bereit, die von Herrn Ruiz Zambrano geleisteten Sozialversicherungsbeiträge
         während der fünf Jahre, die er bei Plastoria beschäftigt war, der belgischen Staatskasse einzuverleiben – eine Bereitwilligkeit,
         die in seltsamem Gegensatz zu der fehlenden Neigung eines anderen belgischen Ministeriums steht, Herrn Ruiz Zambrano eine
         Aufenthaltsgenehmigung zu erteilen.(38) Viertens deutet die vom Commissariat général aux réfugiés et aux apatrides verfügte Nichtrückführungsklausel darauf hin,
         dass Herr Ruiz Zambrano und seine Familie nicht nach Kolumbien abgeschoben werden können, weil sie dadurch einer realen Gefahr
         ausgesetzt würden. Wenn sie also Belgien verlassen müssten, wären sie gezwungen, einen anderen Staat zu finden, der zu ihrer
         Aufnahme bereit wäre und zu dem sie bereits Bindungen haben mögen oder aber auch nicht. Fünftens haben die belgischen Behörden
         mit der Erteilung einer vorläufigen erneuerbaren Aufenthaltsgenehmigung an Herrn Ruiz Zambrano im Jahr 2009 stillschweigend
         bestätigt, dass seine Anwesenheit in Belgien keine Gefahr für die Gesellschaft darstellt und dass keine zwingenden Gründe
         der öffentlichen Ordnung bestehen, die es rechtfertigen würden, von ihm das sofortige Verlassen des Landes zu verlangen.
      
      66.      Aus diesen Gründen bin ich der Ansicht, dass, sollten die belgischen Behörden ihrer Entscheidung, Herrn Ruiz Zambrano nach
         der Geburt seines ersten belgischen Kindes (Diego) eine Aufenthaltsgenehmigung zu verweigern, den Vollzug der ausstehenden
         Ausweisungsverfügung folgen lassen(39), ein solches Vorgehen wohl als erhebliche Verletzung des Diego – und damit mittelbar des Herrn Ruiz Zambrano – zustehenden
         unionsrechtlichen Grundrechts auf Achtung des Familienlebens anzusehen wäre.
      
       Frage 1 – Unionsbürgerschaft
       Vorbemerkungen
      67.      1992 wurde mit dem Vertrag von Maastricht die europäische Bürgerschaft als neuartiger und ergänzender Status für alle Staatsangehörigen
         der Mitgliedstaaten eingeführt. Indem jedem Bürger das Recht verliehen wird, sich im Hoheitsgebiet der Mitgliedstaaten frei
         zu bewegen und aufzuhalten, erkannte der neue Vertrag die zentrale Stellung der Einzelnen unabhängig davon, ob sie wirtschaftlich tätig sind, in der neugeschaffenen Union an. Jeder einzelne Bürger hat Rechte und Pflichten, die zusammen den neuen Status ausmachen
         – ein Status, der nach Aussage des Gerichtshofs im Jahr 2001 „dazu bestimmt [ist], der grundlegende Status der Angehörigen
         der Mitgliedstaaten zu sein“(40).
      
      68.      Die Konsequenzen dieser Aussage sind meines Erachtens ebenso wichtig und weitreichend wie diejenigen früherer Meilensteine
         in der Rechtsprechung des Gerichtshofs. Ich halte die vom Gerichtshof vorgenommene Charakterisierung der Unionsbürgerschaft
         sogar für potenziell ähnlich bedeutsam wie die wegweisende Aussage im Urteil Van Gend en Loos, dass „die Gemeinschaft eine
         neue Rechtsordnung des Völkerrechts darstellt, zu deren Gunsten die Staaten … ihre Souveränitätsrechte eingeschränkt haben,
         eine Rechtsordnung, deren Rechtssubjekte nicht nur die Mitgliedstaaten, sondern auch die Einzelnen sind“(41).
      
       Ist eine Berufung auf die aus der Unionsbürgerschaft fließenden Rechte auch auf der Grundlage des Aufenthalts nur im Mitgliedstaat
            der eigenen Staatsangehörigkeit möglich? 
       Ortswechsel und die klassischen (wirtschaftlichen) Freizügigkeitsrechte
      69.      Die Inanspruchnahme der mit den vier Freiheiten verbundenen klassischen wirtschaftlichen Rechte setzt bekanntlich in der Regel
         irgendeinen Verkehr von einem Mitgliedstaat in einen anderen voraus. Selbst in diesem Zusammenhang ist jedoch beachtenswert,
         dass der Gerichtshof die Bedeutung der Möglichkeit eines unbehinderten oder unbeeinträchtigten Gebrauchs dieser Rechte anerkannt
         und nationale Maßnahmen, die von der potenziellen Ausübung des Freizügigkeitsrechts abhalten könnten, mit Abneigung betrachtet
         hat.
      
      70.      Im Urteil Dassonville(42) hat der Gerichtshof die berühmte Formulierung geprägt, dass „[j]ede Handelsregelung der Mitgliedstaaten, die geeignet ist,
         den … [innerhalb der Union] Handel unmittelbar oder mittelbar, tatsächlich oder potenziell zu behindern, … als Maßnahme mit
         gleicher Wirkung wie eine mengenmäßige Beschränkung anzusehen [ist]“. Diese weite Formulierung hat dem Gerichtshof die Prüfung
         diskriminierender und nichtdiskriminierender nationaler Maßnahmen auch dann ermöglicht, wenn nicht unbedingt eine Warenbewegung
         erfolgt ist.(43) Die abschreckende Wirkung nationaler Maßnahmen kann ausreichen, um den jetzigen Art. 34 AEUV (früher Art. 28 EG) eingreifen
         zu lassen. So ist der Gerichtshof im Urteil Carbonati Apuani(44) Generalanwalt Poiares Maduro gefolgt und zu dem Ergebnis gelangt, dass die Erhebung bestimmter Abgaben auf Waren in einem
         einzelnen Mitgliedstaat gegen den Vertrag verstößt.(45) Der Gerichtshof hat klargestellt, dass Art. 26 Abs. 2 AEUV (früher Art. 14 Abs. 2 EG) den Binnenmarkt definiert „als „Raum
         ohne Binnengrenzen, in dem der freie Verkehr von Waren, Personen, Dienstleistungen und Kapital … gewährleistet ist, ohne dass
         in dieser Bestimmung zwischen zwischenstaatlichen und innerstaatlichen Grenzen unterschieden würde“(46).
      
      71.      Einen ähnlichen Maßstab hat der Gerichtshof im Urteil Säger(47) auch beim freien Personen- und Dienstleistungsverkehr angelegt; dort hat er ausgeführt, dass Art. 59 EWG (jetzt Art. 56 AEUV)
         „nicht nur die Beseitigung sämtlicher Diskriminierungen des Dienstleistungserbringers aufgrund seiner Staatsangehörigkeit,
         sondern auch die Aufhebung aller Beschränkungen – selbst wenn sie unterschiedslos für einheimische Dienstleistende wie für
         Dienstleistende anderer Mitgliedstaaten gelten – verlangt, wenn sie geeignet sind, die Tätigkeit des Dienstleistenden, der
         in einem anderen Mitgliedstaat ansässig ist und dort rechtmäßig ähnliche Dienstleistungen erbringt, zu unterbinden oder zu
         behindern“(48). Dieser Gedanke taucht im Urteil Kraus(49) wieder auf, in dem der Gerichtshof festgestellt hat, dass eine Regelung, „die … geeignet ist, die Ausübung der durch den
         EWG-Vertrag garantierten grundlegenden Freiheiten durch die [Unions]angehörigen einschließlich der Staatsangehörigen des Mitgliedstaats,
         der die Regelung erlassen hat, zu behindern oder weniger attraktiv zu machen“, ebenfalls vom Gemeinschaftsrecht erfasst werde.(50)
      
      72.      Daher entspricht es nunmehr gefestigter Rechtsprechung, dass sich eine Person, deren Bewegungsmöglichkeit in der EU „behindert“
         oder „weniger attraktiv gemacht“ wird – selbst wenn dies durch den Mitgliedstaat ihrer Staatsangehörigkeit erfolgt –, auf
         die Rechte aus dem Vertrag berufen kann.(51)
      
      73.      Tatsächlich hat der Gerichtshof bereits eine gewisse Aufweichung des Erfordernisses akzeptiert, dass die Ausübung von Rechten
         eine konkrete körperliche Grenzüberschreitung voraussetzt. So hat er im Urteil Alpine Investments(52) ausgeführt, dass das Verbot, mit potenziellen Kunden in einem anderen Mitgliedstaat telefonischen Kontakt aufzunehmen, unter
         die Vertragsbestimmungen über die Dienstleistungsfreiheit falle, auch wenn kein tatsächlicher Ortswechsel stattfinde. Im Urteil
         Carpenter(53) folgte er der Ansicht, dass für die Entscheidung über eine Klage gegen eine Ausweisungsverfügung, die die Behörden des Vereinigten
         Königreichs gegen eine philippinische Staatsangehörige erlassen hatten, das Unionsrecht maßgebend sei. Grundlage für die Heranziehung
         des Unionsrechts war der Umstand, dass der Ehemann von Frau Carpenter, ein britischer Staatsangehöriger, gelegentlich in andere
         Mitgliedstaaten reiste, um Werbeflächen in einer britischen Zeitschrift zu verkaufen. Der Gerichtshof folgte der Argumentation,
         dass dem Ehemann von Frau Carpenter die Erbringung und der Empfang von Dienstleistungen erleichtert würden, da sie für seine
         Kinder aus erster Ehe sorge. Der Gerichtshof kam daher zu dem Ergebnis, dass die Ausweisung von Frau Carpenter das Recht ihres
         Ehemanns auf Erbringung und Empfang von Dienstleistungen und sein Recht auf ein Familienleben beschränken würde.(54)
      
      74.      In jüngerer Zeit hat der Gerichtshof im Urteil Metock u. a.(55) entschieden, dass die vorangegangene Ausübung der Freizügigkeitsrechte durch Frau Metock, eine Kamerunerin, die später die
         britische Staatsangehörigkeit erwarb und zum Zeitpunkt der Eheschließung mit ihrem Ehemann (ebenfalls ein Kameruner, den sie
         zwölf Jahre zuvor in Kamerun kennengelernt hatte) bereits in Irland niedergelassen und erwerbstätig war, für den Erwerb eines
         abgeleiteten Aufenthaltsrechts des Ehemanns in Irland ausreiche, obwohl dieser nicht die nach innerstaatlichem Recht bestehende
         Voraussetzung erfülle, der zufolge er sich vor der Einreise nach Irland rechtmäßig in einem anderen Mitgliedstaat hätte aufhalten
         müssen.(56)
      
       Ortswechsel und Unionsbürgerschaft
      75.      In vielen Unionsbürgerschaftsfällen gibt es ein klar erkennbares grenzüberschreitendes Element, so dass sich eine Parallele
         zur Ausübung der klassischen wirtschaftlichen Freizügigkeitsrechte ergibt. So ging es in der Rechtssache Bickel und Franz(57) um zwei Angeklagte – von denen einer die deutsche und der andere die österreichische Staatsangehörigkeit besaß –, gegen die
         ein Strafverfahren in der Region Trentino-Alto Adige (dem früheren Südtirol) in Italien eingeleitet worden war und die erreichen
         wollten, dass der Prozess nicht in italienischer, sondern in deutscher Sprache geführt wird. In der Rechtssache Martínez Sala(58) war die Klägerin eine spanische Staatsbürgerin, die nach Deutschland gezogen war. In der Rechtssache Bidar(59) war Dany Bidar von Frankreich in das Vereinigte Königreich gezogen, wo er nach dem Tod seiner Mutter bei seiner Großmutter
         wohnte, um seine Schulausbildung abzuschließen, und dann ein Studentendarlehen zur Finanzierung seines Universitätsstudiums
         beantragte.
      
      76.      Auch in Fällen, in denen Angehörige eines Mitgliedstaats die sich aus der Unionsbürgerschaft ergebenden Rechte gegen ihren
         eigenen Mitgliedstaat geltend machen, ist in der Regel zunächst ein Wegzug aus diesem Mitgliedstaat und dann eine Rückkehr
         erfolgt. In der Rechtssache D’Hoop(60) war Marie-Nathalie D’Hoop von Belgien nach Frankreich gezogen, wo sie ihre Schulausbildung abschloss, und dann nach Belgien
         zurückgekehrt, wo sie das Überbrückungsgeld beantragte, das Schulabgängern auf der Suche nach ihrer ersten Beschäftigung gezahlt
         wird. In der Rechtssache Grunkin und Paul(61) reiste Leonhard Matthias Grunkin-Paul zwischen Dänemark (wo er geboren ist, gelebt und die Schule besucht hat) und Deutschland
         (dem Land, dessen Staatsangehörigkeit er besaß) hin und her, um dort Zeit mit seinem geschiedenen Vater zu verbringen. Er
         wollte erreichen, dass ihm ein deutscher Reisepass auf den Namen, den er rechtmäßig in Dänemark erhalten hatte, und nicht
         auf einen anderen Namen ausgestellt wird.
      
      77.      Allerdings meine ich, dass die Ausübung der aus der Unionsbürgerschaft hergeleiten Rechte nicht immer untrennbar und zwangsläufig
         mit einem physischen Ortswechsel verbunden sein muss. Es gibt auch bereits die Unionsbürgerschaftsfälle, in denen das Element
         eines echten Ortswechsels kaum erkennbar oder gar nicht vorhanden ist.
      
      78.      In der Rechtssache Garcia Avello(62) waren die Eltern spanische Staatsangehörige, die nach Belgien gezogen waren; ihre Kinder Esmeralda und Diego (die eine doppelte,
         die spanische und die belgische, Staatsangehörigkeit besaßen und deren streitiger Nachname Gegenstand des Verfahrens war)
         waren jedoch in Belgien geboren und hatten sich, soweit sich dies der Sachverhaltsdarstellung entnehmen lässt, nie außer Landes
         begeben. In der Rechtssache Zhu und Chen(63) war Catherine Zhu in einem Landesteil des Vereinigten Königreichs (Nordirland) geboren und zog lediglich innerhalb des Vereinigten Königreichs um (nach England). Aufgrund der gesetzlichen Vorschriften, die damals allen auf der irischen
         Insel (einschließlich Nordirland) geborenen Personen die irische Staatsangehörigkeit verliehen, im Verbund mit einer guten
         Rechtsberatung konnte sie unter Berufung auf die Unionsbürgerschaft ein Aufenthaltsrecht im Vereinigten Königreich für sich
         und ihre chinesische Mutter begründen, da es ihr als Kleinkind andernfalls unmöglich gewesen wäre, von ihren Rechten als Unionsbürgerin
         wirksam Gebrauch zu machen. In der Rechtssache Rottmann(64) erwarb Dr. Rottmann die maßgebende Staatsangehörigkeit (die durch Einbürgerung erworbene deutsche Staatsangehörigkeit, die
         an die Stelle seiner früheren durch Geburt erworbenen österreichischen Staatsangehörigkeit getreten war) nach seinem Umzug
         von Österreich nach Deutschland. Der Gerichtshof hat in seinem Urteil den vorangegangenen Umzug jedoch außer Betracht gelassen
         und ausschließlich auf die zukünftigen Folgen abgestellt, nämlich darauf, dass Dr. Rottmann im Fall eines Verlusts der deutschen Staatsangehörigkeit staatenlos
         geworden wäre. (Ich werde weiter unten noch näher auf dieses unlängst ergangene wichtige Urteil eingehen.(65))
      
      79.      Bei einer Untersuchung der verschiedenen den Unionsbürgern durch den Vertrag verliehenen Rechte ergibt sich, dass einige –
         namentlich das aktive und passive Wahlrecht bei Kommunalwahlen und bei den Wahlen zum Europäischen Parlament – nur in einem
         anderen als dem Mitgliedstaat in Anspruch genommen werden können, dessen Staatsangehörigkeit der Betreffende besitzt.(66) Andere Rechte – das Recht nach Art. 227 AEUV, eine Petition an das Europäische Parlament zu richten, und das Recht nach Art. 228
         AEUV, sich an den Bürgerbeauftragten zu wenden – können offenbar ohne geografische Beschränkung ausgeübt werden.(67) Das Recht auf diplomatischen und konsularischen Schutz nach Art. 23 AEUV (früher Art. 20 EG) kann in jedem Drittland geltend
         gemacht werden, in dem der Mitgliedstaat, dessen Staatsangehörigkeit der Betreffende besitzt, nicht vertreten ist.
      
      80.      Das vielleicht als „Kernrecht“ zu bezeichnende Recht – das „Recht, sich im Hoheitsgebiet der Mitgliedstaaten frei zu bewegen
         und aufzuhalten“(68) – lässt sich nicht ganz so einfach bestimmen. Handelt es sich um ein kombiniertes Recht (das Recht, „sich-zu-bewegen-und-aufzuhalten“)?
         Oder um ein sequenzielles Recht („das Recht, sich zu bewegen und dann, wenn man sich irgendwann zuvor bewegt hat, sich aufzuhalten“)?
         Oder um zwei eigenständige Rechte („das Recht, sich zu bewegen“ und „das Recht, sich aufzuhalten“)?
      
       Wirkung der Grundrechte
      81.      Vor die Wahl gestellt, „das Recht, sich im Hoheitsgebiet der Mitgliedstaaten frei zu bewegen und aufzuhalten“, das in den
         Art. 20 Abs. 2 Buchst. a AEUV und 21 Abs. 1 AEUV verankert ist, dahin auszulegen, dass es auf Fälle beschränkt ist, in denen
         sich der Unionsbürger zunächst in einen anderen Mitgliedstaat begeben hat, oder davon auszugehen, dass die Begriffe „sich
         bewegen“ und „sich aufhalten“ disjunktiv verstanden werden können, so dass es einem Unionsbürger nicht verwehrt ist, sich
         auf diese Rechte auch dann zu berufen, wenn er sich (ohne vorherigen Ortswechsel) im Mitgliedstaat seiner Staatsangehörigkeit
         aufhält: Was soll der Gerichtshof tun?
      
      82.      An dieser Stelle ist es notwendig, auf die Frage des Grundrechtsschutzes innerhalb der Rechtsordnung der Union zurückzukommen.
      
      83.      Die Bedeutung der Grundrechte im klassischen Zusammenhang der Freizügigkeit hat Generalanwalt Jacobs höchst eloquent in der
         Rechtssache Konstantinidis(69) dargelegt, in der es um einen in Deutschland erwerbstätigen griechischen Masseur ging, der geltend machte, durch die amtliche
         Transliteration seines Namens in seinen sich aus dem Unionsrecht ergebenden Rechten verletzt zu sein. Die Aufarbeitung des
         Urteils Wachauf durch Generalanwalt Jacobs hatte weitreichende Konsequenzen. Die Rechtssache Konstantinidis war nicht mehr
         länger nur ein Fall, in dem es um eine Diskriminierung aus Gründen der Staatsangehörigkeit ging, sondern wurde zu einem Fall,
         der das Grundrecht auf persönliche Identität betraf. Wird ein solches Recht des Klägers anerkannt (wie dies der Gerichtshof
         in seinem Urteil getan hat), wird damit implizit auch die Prämisse übernommen, dass ein Unionsangehöriger, der sich in einen
         anderen Mitgliedstaat begibt, davon ausgehen darf, „dass er, wohin er sich in der Europäischen [Union] zu Erwerbszwecken auch begibt, stets im Einklang mit einer gemeinsamen
         Ordnung von Grundwerten behandelt wird … Mit anderen Worten, er ist berechtigt, zu sagen ‚civis europeus sum‘ und sich auf
         diesen Status zu berufen, um sich jeder Verletzung seiner Grundrechte zu widersetzen.“(70) Der Unionsbürger, der von Freizügigkeitsrechten Gebrauch macht, kann sich auf die gesamte Palette der unionsrechtlich geschützten
         Grundrechte berufen (gleichviel, ob diese mit der wirtschaftlichen Tätigkeit zusammenhängen, zu deren Ausübung er sich von
         einem Mitgliedstaat in einen anderen begibt). Wäre dies nicht der Fall, könnte er von der Wahrnehmung dieser Freizügigkeitsrechte
         abgehalten werden.
      
      84.      Es wäre (gelinde gesagt) paradox, wenn ein Unionsbürger sich auf unionsrechtliche Grundrechte berufen könnte, wenn er von
         einem wirtschaftlichen Freizügigkeitsrecht als Arbeitnehmer Gebrauch macht, wenn eine innerstaatliche Regelung in den Geltungsbereich
         des Vertrags fällt (z. B. Bestimmungen über gleiche Entlohnung) oder wenn er sich auf abgeleitetes Unionsrecht stützt (z. B.
         auf die Dienstleistungsrichtlinie), ihm dies jedoch verwehrt wäre, wenn er sich in dem betreffenden Mitgliedstaat lediglich
         „aufhält“. Gesetzt den (recht unwahrscheinlichen) Fall – wobei zu Verdeutlichungszwecken einmal der Schutz beiseitegelassen
         werden soll, der sich im Rahmen der nationalen Rechtsordnung selbst aus Art. 8 EMRK herleiten lässt –, eine nationale Regelung
         in einem Mitgliedstaat A gewährt den Schutz der Meinungsäußerungsfreiheit zu religiösen Themen nur denjenigen Personen, die
         sich dort 20 Jahre lang ununterbrochen aufgehalten haben: Ein Staatsbürger des Mitgliedstaats A (wie Marie-Nathalie D’Hoop),
         der in der Vergangenheit von Freizügigkeitsrechten Gebrauch gemacht hat, indem er sich in den benachbarten Mitgliedstaat B
         begeben hat und erst vor Kurzem in Mitgliedstaat A zurückgekehrt ist, könnte sich gegenüber dem Mitgliedstaat seiner Staatsangehörigkeit
         im Rahmen seiner Unionsbürgerschaft auf seine Grundrechte stützen (und sich sowohl auf Art. 9 EMRK als auch Art. 10 der Charta
         berufen). Würde dies auch für einen 18-jährigen Unionsbürger gelten, der die Staatsangehörigkeit des Mitgliedstaats B besitzt,
         aber in Mitgliedstaat A geboren ist und stets dort gelebt hat? (Die streitige nationale Regelung enthält keine Diskriminierung,
         die unmittelbar oder mittelbar auf der Staatsangehörigkeit beruht, so dass Art. 18 AEUV [früher Art. 12 EG] nicht herangezogen
         werden kann). Ausgehend vom Urteil Garcia Avello lautet die Antwort sicherlich „ja“ – diese Antwort impliziert jedoch, dass
         das „Recht, sich aufzuhalten“ eigenständig besteht und nicht durch irgendeine rechtliche Nabelschnur mit dem Recht, sich frei
         zu bewegen, verbunden ist. Und wie steht es schließlich (an dieser Stelle lasse ich die Diskussion um den Begriff „umgekehrte
         Diskriminierung“ anklingen) mit einem 18-jährigen Unionsbürger, der die Staatsangehörigkeit des Mitgliedstaats A besitzt,
         sich dort aufhält und auf keinen zufällig oder absichtlich entstandenen anderweitigen Bezug zum Unionsrecht verweisen kann
         (z. B. eine Reise in den Mitgliedstaat B im Rahmen einer Klassenfahrt)?
      
      85.      Vor diesem Hintergrund wende ich mich wieder der bisherigen Rechtsprechung des Gerichtshofs zur Unionsbürgerschaft zu.
      
      86.      Wenn man auf der Prämisse besteht, dass sich der Betreffende körperlich in einen anderen Mitgliedstaat als den Mitgliedstaat
         seiner Staatsangehörigkeit begeben haben muss, ehe Aufenthaltsrechte als Unionsbürger geltend gemacht werden können, besteht
         die Gefahr seltsamer und unlogischer Ergebnisse. Angenommen, ein freundlicher Nachbar hat Diego und Jessica ein- oder zweimal
         zum Parc Astérix in Paris oder ans Meer in die Bretagne mitgenommen.(71) Sie hätten dann Dienstleistungen in einem anderen Mitgliedstaat empfangen. Wenn sie daraufhin Rechte aufgrund ihres „Ortswechsels“
         geltend machen wollten, könnte dem nicht entgegengehalten werden, es handele sich um einen „rein internen“ Sachverhalt in
         Belgien.(72) Hätte ein Besuch genügt? Zwei? Mehrere? Würde ein Tagesausflug ausreichen, oder müssten sie ein oder zwei Nächte in Frankreich
         verbringen?
      
      87.      Sollte die Familie nach erzwungener Ausreise aus Belgien oder überhaupt der Europäischen Union Zuflucht in einem anderen Land
         suchen, z. B. in Argentinien, könnten Diego und Jessica als Unionsbürger diplomatischen und konsularischen Schutz durch die
         Vertretungen anderer Mitgliedstaaten in diesem Drittland in Anspruch nehmen. Sie könnten Zugang zu Dokumenten verlangen und
         sich schriftlich an den Bürgerbeauftragten wenden. Aber sie könnten sich in diesem Fall nicht auf ihre Rechte als Unionsbürger
         berufen, um sich weiter in Belgien aufzuhalten.
      
      88.      Angesichts eines solchen Ergebnisses kann man sich kaum eines gewissen Unbehagens erwehren. Für die Ausübung der Rechte aus
         der Unionsbürgerschaft würden offenbar eher die Gesetze des Zufalls als die der Logik gelten.
      
      89.      Wäre eine radikale Erweiterung der Rechtsprechung zur Unionsbürgerschaft notwendig, um im vorliegenden Fall zu der Feststellung
         gelangen zu können, dass die den Kindern von Herrn Ruiz Zambrano als Unionsbürgern zustehenden Rechte zum Tragen kommen –
         auch wenn sie sich noch nicht außerhalb des Mitgliedstaats ihrer Staatsangehörigkeit begeben haben –, und um (gegebenenfalls)
         anschließend prüfen zu können, ob Herr Ruiz Zambrano ein abgeleitetes Aufenthaltsrecht geltend machen kann?
      
      90.      Meines Erachtens ist gar kein besonders großer Schritt erforderlich.
      
       Handelt es sich hier um einen rein internen Sachverhalt?
      91.      Im vorliegenden Verfahren sind alle Mitgliedstaaten, die Erklärungen abgegeben haben, einhellig der Meinung, dass die Situation
         von Herrn Ruiz Zambrano einen „rein internen“ Sachverhalt in Belgien darstelle und dass die Bestimmungen des Unionsrechts,
         einschließlich der Bestimmungen über die Unionsbürgerschaft, deshalb nicht eingriffen. Die Kommission argumentiert ähnlich.
         Alle verweisen mehr oder weniger ausführlich auf den potenziellen Schutz, der Herrn Ruiz Zambrano und seiner Familie entweder
         nach innerstaatlichem Recht oder nach der EMRK gewährt werden könnte, und fordern den Gerichtshof mit unterschiedlichem Nachdruck
         auf, die Möglichkeit eines Eingreifens von Rechten aus der Unionsbürgerschaft nicht in Erwägung zu ziehen.
      
      92.      Ich teile diese Sichtweise nicht.
      
      93.      Beachtenswert ist, dass in der Rechtssache Rottmann sowohl Deutschland (der Mitgliedstaat, in den Dr. Rottmann eingebürgert
         worden war) als auch Österreich (der Herkunftsmitgliedstaat), unterstützt durch die Kommission, argumentiert hatten, „[Dr.
         Rottmann] sei im Zeitpunkt der Entscheidung über die Rücknahme seiner Einbürgerung ein in Deutschland wohnhafter deutscher
         Staatsbürger gewesen, an den sich ein von einer deutschen Behörde erlassener Verwaltungsakt gerichtet habe … [Daher handele]
         es sich um einen rein internen Sachverhalt …, der keinerlei Bezug zum Unionsrecht aufweise, da dieses nicht allein deshalb Anwendung finde, weil ein Mitgliedstaat eine
         Maßnahme gegenüber einem seiner Staatsbürger treffe. Dass der Betroffene in einer Situation wie der des Ausgangsverfahrens vor der Einbürgerung von seinem Freizügigkeitsrecht Gebrauch gemacht habe, stelle für sich allein kein grenzüberschreitendes
            Element dar, das in Bezug auf die Rücknahme dieser Einbürgerung eine Rolle spielen könnte.“(73)
      
      94.      Bei der Prüfung dieser Argumentation ist der Gerichtshof der Anregung gefolgt, den Umstand, dass Dr. Rottmann bereits zuvor
         sein Freizügigkeitsrecht ausgeübt hatte (Umzug von Österreich nach Deutschland), außer Betracht zu lassen, und hat den Blick
         nicht in die Vergangenheit, sondern in die Zukunft gerichtet. Er hat nachdrücklich darauf hingewiesen, dass zwar die Verleihung
         und die Aberkennung der Staatsangehörigkeit in die Zuständigkeit der Mitgliedstaaten fielen, dass aber die betreffenden nationalen
         Vorschriften in Situationen, die unter das Unionsrecht fielen, dieses Recht zu beachten hätten. Der Gerichtshof ist zu dem
         Ergebnis gekommen, dass „die Situation eines Unionsbürgers, gegen den … eine Entscheidung … über die Rücknahme seiner Einbürgerung
         ergangen ist, die ihn … in eine Lage versetzt, die zum Verlust des durch Art. [20 AEUV] verliehenen Status und der damit verbundenen Rechte führen kann, ihrem Wesen und ihren Folgen nach unter das Unionsrecht fällt“(74).
      
      95.      Meines Erachtens lassen sich die Ausführungen des Gerichtshofs im Urteil Rottmann in Verbindung mit seiner früheren Entscheidung
         in der Rechtssache Zhu und Chen ohne Weiteres auf den vorliegenden Fall übertragen. Hier fiel die Verleihung der belgischen
         Staatsangehörigkeit an die Kinder von Herrn Ruiz Zambrano, Diego und Jessica, in die Zuständigkeit Belgiens. Mit der Verleihung
         dieser Staatsangehörigkeit wurden die Kinder jedoch Unionsbürger und erlangten damit die Berechtigung, die ihnen in dieser
         Eigenschaft verliehenen Rechte neben ihren Rechten als belgische Staatsangehörige auszuüben. Sie haben sich noch nicht außerhalb
         ihres eigenen Mitgliedstaats begeben. Das hatte Dr. Rottmann nach seiner Einbürgerung auch nicht getan. Wenn die Eltern kein
         abgeleitetes Aufenthaltsrecht haben und gezwungen wären, Belgien zu verlassen, werden die Kinder aller Wahrscheinlichkeit
         nach mit ihnen außer Landes gehen müssen. Damit würden Diego und Jessica praktisch in eine „Lage versetzt, die zum Verlust
         des [durch ihre Unionsbürgerschaft] verliehenen Status und der damit verbundenen Rechte führen kann“. Daraus folgt, dass –
         ebenso wie dies bei Dr. Rottmann der Fall war – die Situation der Kinder „ihrem Wesen und ihren Folgen nach unter das Unionsrecht fällt“.
      
      96.      Außerdem können Diego und Jessica – ähnlich wie Catherine Zhu – ihre Rechte als Unionsbürger (speziell ihr Recht, sich frei
         zu bewegen und sich in einem anderen Mitgliedstaat aufzuhalten) ohne die Anwesenheit und Hilfe ihrer Eltern nicht in vollem
         Umfang und nicht wirksam wahrnehmen. Da hier derselbe Bezug besteht, den der Gerichtshof in der Rechtssache Zhu und Chen erkannt
         hat (einem Kleinkind die wirksame Wahrnehmung seiner unionsbürgerlichen Rechte zu ermöglichen), folgt, dass auch die Situation von Herrn Ruiz Zambrano kein „rein interner“ Sachverhalt in Belgien ist. Sie fällt ebenfalls unter das Unionsrecht.
      
      97.      Daraus folgt dann aber auch, dass (ebenso wie in der Rechtssache Rottmann) „[u]nter diesen Umständen … der Gerichtshof über
         die Fragen des vorlegenden Gerichts zu befinden [hat]“ – oder, um im Wesentlichen dieselbe Schlussfolgerung anders zu formulieren,
         dass es sich bei der vorliegenden Fallgestaltung nicht um einen rein internen Sachverhalt handelt, der keinerlei Bezug zum Unionsrecht aufweist. Im Rahmen dieser Prüfung wird der
         Gerichtshof meiner Meinung nach folgende Fragen zu entscheiden haben: a) Liegt ein Eingriff in das den Kindern von Herrn Ruiz
         Zambrano als Unionsbürgern zustehende Recht vor, sich im Hoheitsgebiet der Mitgliedstaaten frei zu bewegen und aufzuhalten?
         b) Ist ein solcher Eingriff, falls er vorliegt, grundsätzlich zulässig? c) Unterliegt der Eingriff, falls er grundsätzlich
         zulässig ist, trotzdem irgendwelchen Beschränkungen (z. B. aus Gründen der Verhältnismäßigkeit)?
      
       Liegt ein Eingriff vor?
      98.      Die Kinder von Herrn Ruiz Zambrano haben als Unionsbürger unbestreitbar „das Recht, sich im Hoheitsgebiet der Mitgliedstaaten
         frei zu bewegen und aufzuhalten“. Theoretisch können sie von diesem Recht Gebrauch machen. In der Praxis haben sie jedoch
         wegen ihres Alters keine Möglichkeit, dies ohne ihre Eltern zu tun.
      
      99.      Falls Herr Ruiz Zambrano nicht in den Genuss eines abgeleiteten Aufenthaltsrechts in Belgien kommt (das entscheidende Kriterium
         für seinen Anspruch auf Leistungen bei Arbeitslosigkeit), wird er den Mitgliedstaat, dessen Staatsangehörigkeit seine Kinder
         besitzen, früher oder später verlassen müssen. Angesichts ihres Alters (und selbstverständlich vorausgesetzt, die Abreise
         verzögert sich nicht so lange, bis die Kinder volljährig sind) werden die Kinder mit ihm wegziehen müssen.(75) Sie sind dann nicht in der Lage, ihr Recht, sich im Gebiet der Europäischen Union zu bewegen und aufzuhalten, wahrzunehmen.
         Die Parallelen zur Rechtssache Rottmann liegen auf der Hand. Die Rechte von Dr. Rottmann als Unionsbürger waren ernstlich
         bedroht, da er bei einer Rücknahme seiner Einbürgerung in Deutschland ratione personae nicht in der Lage wäre, diese Rechte wahrzunehmen. Hier sehen sich die Kinder von Herrn Ruiz Zambrano einer nicht unähnlichen
         Bedrohung ihrer Rechte ratione loci ausgesetzt. Sie müssen in der Lage sein, körperlich im Gebiet der Europäischen Union zu verbleiben, um sich von einem Mitgliedstaat
         in einen anderen begeben oder sich in einem Mitgliedstaat aufhalten zu können.(76)
      
      100. Wie dargestellt, lässt die Rechtsprechung (vor allem die Urteile Garcia Avello, Zhu und Chen sowie Rottmann) bereits zu, dass
         bestimmte Bürgerschaftsrechte unabhängig von einer vorherigen Grenzüberschreitung des betreffenden Unionsbürgers geltend gemacht
         werden können. Wären die Kläger bzw. die Klägerin in den ersten beiden genannten Rechtssachen (spanische Staatsangehörige
         in Belgien, irische Staatsangehörige im Vereinigten Königreich) auf ein eigenständiges Aufenthaltsrecht gegenüber den Behörden
         der betreffenden Mitgliedstaaten angewiesen gewesen, hätte der Gerichtshof meines Erachtens mit Sicherheit ein solches Recht zuerkannt. Im Urteil Rottmann ist er bereits
         einen Schritt weitergegangen, indem er auf die zukünftigen Bürgerschaftsrechte eines sich in Deutschland aufhaltenden deutschen
         Staatsangehörigen abgestellt hat. Angesichts dessen wäre es gekünstelt, nicht ganz offen anzuerkennen, dass (auch wenn in
         der Praxis das Aufenthaltsrecht in der ganz überwiegenden Anzahl der Fälle wahrscheinlich nach Ausübung des Rechts, sich in
         einen anderen Mitgliedstaat zu begeben, wahrgenommen wird) Art. 21 AEUV ein eigenes Aufenthaltsrecht enthält, das von dem
         Freizügigkeitsrecht unabhängig ist.
      
      101. Dementsprechend empfehle ich dem Gerichtshof, jetzt die Existenz dieses eigenständigen Aufenthaltsrechts anzuerkennen.
      
      102. Aus den bereits dargelegten Gründen können Diego und Jessica ein solches Aufenthaltsrecht nicht ohne die Unterstützung ihrer
         Eltern wahrnehmen. Ich komme daher zu dem Ergebnis, dass unter den Umständen des vorliegenden Falls die Nichtanerkennung eines
         Herrn Ruiz Zambrano zustehenden abgeleiteten Aufenthaltsrechts potenziell einen Eingriff in das Diego und Jessica als Unionsbürgern
         zustehende Aufenthaltsrecht darstellen kann.
      
      103. Ich füge hinzu, dass ich auch dann, wenn der Gerichtshof nicht zu der Feststellung bereit sein sollte, dass Art. 21 AEUV ein
         eigenständiges Aufenthaltsrecht verleiht, angesichts der Umstände dieses Falls zu dem Ergebnis komme, dass der potenzielle
         Eingriff in das Diego und Jessica zustehende Recht, sich im Gebiet der Union zu bewegen und aufzuhalten, dem Eingriff im Fall
         von Catherine Chen (die sich nie in Irland aufgehalten hat und übrigens auch nie das Hoheitsgebiet des Vereinigten Königreichs
         verlassen hat) hinreichend weit entspricht, um ihre Situation der Situation von Catherine Zhu gleichzustellen.
      
       Kann der Eingriff gerechtfertigt werden?
      104. Zunächst stelle ich fest, dass sich Herr Ruiz Zambrano dadurch, dass er keine ausdrückliche Erklärung dahin abgegeben hat,
         dass seine Kinder Kolumbianer werden sollen, und sie stattdessen die Staatsangehörigkeit des EU-Mitgliedstaats ihrer Geburt
         erwerben ließ, für eine ihm rechtmäßig offenstehende Vorgehensweise entschieden hat. Insoweit kann sein Verhalten durchaus
         mit dem von Herrn und Frau Zhu verglichen werden. Der Gerichtshof hat klargestellt, dass die Inanspruchnahme einer rechtlich
         vorgesehenen Möglichkeit nicht zu beanstanden ist und sich deutlich von einem Rechtsmissbrauch unterscheidet.(77) Seit der Zeit, die für den Sachverhalt des vorliegenden Falls maßgebend ist, wurde das belgische Staatsangehörigkeitsgesetz
         geändert(78), so dass es jemandem in der gleichen Situation wie Herr Ruiz Zambrano jetzt nicht mehr freisteht, sein Kind nicht bei den
         diplomatischen oder konsularischen Behörden seines eigenen Landes zu melden, um sicherzustellen, dass sie die belgische Staatsangehörigkeit
         erhalten. Zu dem hier maßgebenden Zeitpunkt hingegen war sein Vorgehen nicht zu beanstanden.
      
      105. Dieser Umstand muss im Auge behalten werden – insbesondere im Hinblick auf etwaige Einwände dahin, dass „Schleusen geöffnet“
         würden. Die Mitgliedstaaten bestimmen, wer ihr Staatsangehöriger werden kann.(79) Hier befasst sich der Gerichtshof ausschließlich mit den Rechten, auf die sich solche Personen, nachdem sie Staatsangehörige eines Mitgliedstaats geworden sind, aufgrund des damit einhergehenden Erwerbs der Unionsbürgerschaft berufen können.
      
      106. So konnten in der Rechtssache Kaur(80) Frau Manjit Kaur die sich aus dem Unionsbürgerschaftsstatus ergebenden Rechte nicht „entzogen“ werden, weil sie der Definition
         eines Staatsangehörigen des Vereinigten Königreichs Großbritannien und Nordirland nicht entsprach. Da sie bereits am ersten
         Hindernis scheiterte und nach den auf sie anwendbaren innerstaatlichen Vorschriften nicht jemand war, der „die Staatsangehörigkeit
         eines Mitgliedstaats besitzt“, konnte sie sich folglich auch nicht auf das Unionsbürgern aus dem Unionsrecht zustehende Recht
         berufen, sich in einem beliebigen Mitgliedstaat (einschließlich des Vereinigten Königreichs) aufzuhalten.(81) Im vorliegenden Fall hingegen sind die Kinder von Herrn Ruiz Zambrano Träger und Begünstigte der üblichen Rechte eines belgischen
         Staatsangehörigen, ebenso wie Dr. Rottmann Träger und Begünstigter der üblichen Rechte aus seiner mit der Einbürgerung erworbenen
         deutschen Staatsangehörigkeit war.
      
      107. Gewiss gibt es Fälle, in denen die Rechtsausübung durch einen Unionsbürger nicht voraussetzt, dass einem Familienangehörigen in aufsteigender Linie ein Aufenthaltsrecht zuerkannt wird. So ist z. B. ein
         volljähriger Unionsbürger in der Lage, seine Rechte, im Gebiet der Europäischen Union zu reisen und sich dort aufzuhalten,
         auszuüben, ohne dass es notwendig wäre, einem Elternteil oder beiden Eltern daneben noch ein Aufenthaltsrecht in dem gewählten
         Mitgliedstaat zuzubilligen.
      
      108. Meiner Ansicht nach ist daher der potenzielle Eingriff in die mit der Unionsbürgerschaft verbundenen Rechte, der sich ergibt,
         wenn einem Familienangehörigen in aufsteigender Linie nicht automatisch ein abgeleitetes Recht auf Aufenthalt in dem Mitgliedstaat
         der Staatsangehörigkeit des Unionsbürgers gewährt wird, grundsätzlich hinnehmbar. Unter bestimmten Umständen kann der Eingriff
         jedoch unzulässig sein (insbesondere, wenn er unverhältnismäßig ist).
      
       Verhältnismäßigkeit
      109. Wie der Gerichtshof in den Urteilen Micheletti(82) und Kaur(83) sowie in jüngerer Zeit im Urteil Rottmann ausgeführt hat, fällt die Verleihung der Staatsangehörigkeit zwar in die Zuständigkeit
         der einzelnen Mitgliedstaaten, doch müssen diese bei der Ausübung dieser Zuständigkeit gleichwohl das Unionsrecht beachten.(84) Zu dem gleichen Ergebnis kam der Gerichtshof im Urteil Bickel und Franz auf dem Gebiet des Straf- und Strafverfahrensrechts(85), im Urteil Garcia Avello auf dem Gebiet des Namensrechts(86) und im Urteil Schempp auf dem Gebiet der direkten Steuern(87) – allesamt sensible Rechtsbereiche, in denen die Mitgliedstaaten immer noch über erhebliche Befugnisse verfügen.
      
      110. Hier – wie so oft – geht es um die Ausübung eines Rechts und die potenzielle Rechtfertigung eines Eingriffs in dieses Recht
         (oder einer Ausnahme von dem Recht) und insofern im Kern um die Frage der Verhältnismäßigkeit. Ist es unter den Umständen
         des vorliegenden Falls verhältnismäßig, Herrn Ruiz Zambrano ein Aufenthaltsrecht, das aus den seinen Kindern als Unionsbürgern
         zustehenden Rechten abgeleitet ist, nicht zuzuerkennen? Die Entscheidung über die Verhältnismäßigkeit ist zwar (wie üblich)
         letztlich Sache des nationalen Gerichts, jedoch mögen einige kurze Bemerkungen sachdienlich sein.
      
      111. Im Rahmen der Anwendung des Grundsatzes der Verhältnismäßigkeit im vorliegenden Fall (wie in der Rechtssache Rottmann) „hat
         das vorlegende Gericht … zu prüfen, ob die im Ausgangsverfahren in Rede stehende [Entscheidung] hinsichtlich ihrer Auswirkungen
         auf die unionsrechtliche Stellung des Betroffenen den Grundsatz der Verhältnismäßigkeit wahrt“(88) (und zwar über die Prüfung der Verhältnismäßigkeit nach nationalem Recht hinaus). In jenem Fall hat der Gerichtshof weiter
         ausgeführt: „Angesichts der Bedeutung, die das Primärrecht dem Unionsbürgerstatus beimisst, sind daher bei der Prüfung einer
         Entscheidung … die möglichen Folgen zu berücksichtigen, die diese Entscheidung für den Betroffenen und gegebenenfalls für
         seine Familienangehörigen in Bezug auf den Verlust der Rechte, die jeder Unionsbürger genießt, mit sich bringt. Hierbei ist
         insbesondere zu prüfen, ob dieser Verlust gerechtfertigt ist …“(89)
      
      112. In der mündlichen Verhandlung haben die Mitgliedstaaten, die Erklärungen abgegeben haben, hervorgehoben, dass die Festlegung
         der Bedingungen für den Aufenthalt eines Drittstaatsangehörigen in die mitgliedstaatliche Zuständigkeit falle. Belgien und
         Dänemark haben angeführt, dass es sich bei Herrn Ruiz Zambrano um einen abgewiesenen Asylbewerber handele, der kurz nach seiner
         Ankunft im Jahr 1999 zum Verlassen des belgischen Hoheitsgebiets aufgefordert worden sei. Er habe sich danach erhebliche Zeit
         lang unrechtmäßig dort aufgehalten und dürfe daher nicht in den Genuss eines unionsrechtlichen Aufenthaltsrechts kommen. Irland
         hat ein dramatisches Bild der Zuwanderungswelle von Drittstaatsangehörigen gezeichnet, die unweigerlich einsetzen werde, wenn
         Herrn Ruiz Zambrano ein aus der belgischen Staatsangehörigkeit seiner Kinder abgeleitetes Aufenthaltsrecht zuerkannt würde.
      
      113. Herr Ruiz Zambrano hat darauf hingewiesen, dass er fast fünf Jahre lang ununterbrochen bei Plastoria tätig gewesen sei. Während
         dieses gesamten Zeitraums habe er seine Sozialversicherungsbeiträge ordnungsgemäß entrichtet. Im Zuge der von den belgischen
         Behörden bei Plastoria durchgeführten Kontrollen seien keine Verstöße gegen steuer-, sozialversicherungs- oder arbeitsrechtliche
         Regelungen im Rahmen seiner Beschäftigung festgestellt worden. Der einzige Einwand habe seiner fehlenden Arbeitserlaubnis
         und Aufenthaltsgenehmigung gegolten; gegen seinen Arbeitgeber sei nicht vorgegangen worden. Diego und Jessica seien etliche
         Jahre nach dem Zeitpunkt geboren, zu dem er und seine Frau mit ihrem ersten Kind nach Belgien eingereist seien. Es lägen keine
         Anhaltspunkte dafür vor, dass die Erweiterung der Familie zunächst um Diego und dann um Jessica einen skrupellosen Versuch
         zur Ausnutzung etwaiger Regelungslücken dargestellt habe, um in Belgien bleiben zu können. Es handele sich um eine echte Familie.
         Er sei in Belgien voll integriert. Seine Kinder besuchten regelmäßig die örtliche Schule. Er sei nicht vorbestraft. Man habe
         ihm inzwischen sogar eine vorläufige und erneuerbare Aufenthaltsgenehmigung sowie eine Arbeitserlaubnis der Kategorie C erteilt.
      
      114. Das von Irland angeführte Argument der „Schleusenöffnung“ habe ich im Wesentlichen bereits abgehandelt. Wie Irland nach der
         Entscheidung des Gerichtshofs in der Rechtssache Zhu und Chen am eigenen Beispiel demonstriert hat, steht es einem Mitgliedstaat – wenn bestimmte Vorschriften über den Erwerb seiner Staatsangehörigkeit geeignet sind oder
         geeignet scheinen, zu „unhaltbaren“ Ergebnissen zu führen – frei, die Vorschriften zu ändern, um das Problem auszuräumen.
      
      115. Mit dieser Aussage will ich die Mitgliedstaaten nicht ermutigen, sich fremdenfeindlich zu verhalten oder die Schotten dichtzumachen
         und die Europäische Union in eine „Festung Europa“ zu verwandeln. Ein solches Verhalten wäre nämlich ein tadelnswerter Rückschritt,
         der außerdem in klarem Widerspruch zu ausdrücklichen politischen Zielsetzungen stünde.(90) Ich erinnere lediglich daran, dass die Regelung des Erwerbs der Staatsangehörigkeit ein ausschließlich den Mitgliedstaaten
         vorbehaltener Bereich ist. Nachdem die Mitgliedstaaten jedoch selbst die „Unionsbürgerschaft“ geschaffen haben, können sie
         nicht die gleichen uneingeschränkten Befugnisse hinsichtlich der unionsrechtlichen Auswirkungen der Unionsbürgerschaft, die mit der Staatsangehörigkeit eines Mitgliedstaats einhergeht, für sich in Anspruch nehmen. 
      
      116. Was den Umstand betrifft, dass Herr Ruiz Zambrano nach Ablehnung seines Asylantrags Belgien nicht verlassen hat, erinnere
         ich daran, dass er die fraglichen Verwaltungsentscheidungen angefochten hat und dass diese Gerichtsverfahren schon seit Langem
         anhängig sind. Ich erinnere außerdem daran, dass in der Rechtssache Carpenter die Drittstaatsangehörige (Frau Carpenter) gegen
         die nationalen Einwanderungsgesetze verstoßen hatte, indem sie nach Ablauf ihrer Erlaubnis zum Aufenthalt als Besucherin das
         Vereinigte Königreich nicht verlassen hatte. Der Gerichtshof hat dies nicht als unüberwindliches Hindernis für die spätere
         Geltendmachung ihrer unionsrechtlichen Rechte angesehen und darauf hingewiesen, dass „ihr Verhalten seit ihrer Ankunft im
         Vereinigten Königreich im September 1994 nicht Gegenstand irgendeines weiteren Vorwurfs [war], der die Befürchtung aufkommen
         lassen könnte, dass sie künftig eine Gefahr für die öffentliche Ordnung und Sicherheit darstellt“(91).
      
      117. Demgegenüber sind die im vorliegenden Fall entstehenden langfristigen Folgen der Nichtanerkennung eines Herrn Ruiz Zambrano zustehenden abgeleiteten Aufenthaltsrechts für Diego und Jessica einschneidend. Sie können das
         ihnen als Unionsbürger zustehende Aufenthaltsrecht ohne die Hilfe und Unterstützung seitens ihrer Eltern nicht wirksam wahrnehmen.
         Ihr Aufenthaltsrecht wird dadurch – bis sie alt genug sind, um es selbständig ausüben zu können – nahezu völlig inhaltslos
         (wie dies auch bei Catherine Zhu ohne die weitere Anwesenheit ihrer Mutter, Frau Zhu, im Vereinigten Königreich der Fall gewesen
         wäre). 
      
      118. Der Vollständigkeit halber sollte ich noch kurz auf einen weiteren Einwand eingehen, der sich aus dem Streitgegenstand des
         beim vorlegenden Gericht anhängigen Verfahrens ergibt, nämlich die Gefahr, dass Herr Ruiz Zambrano die öffentlichen Finanzen
         „über Gebühr belasten“ könnte. 
      
      119. Nach den Ausführungen des Gerichtshofs im Urteil Baumbast und R(92) beruhen die in Art. 21 AEUV genannten Beschränkungen und Bedingungen auf dem Gedanken, dass die Wahrnehmung des Aufenthaltsrechts
         der Unionsbürger von der Wahrung der berechtigten Interessen der Mitgliedstaaten abhängig gemacht werden kann. Insoweit gelte
         die Erwägung, „dass die Aufenthaltsberechtigten die öffentlichen Finanzen des Aufnahmemitgliedstaats nicht ‚über Gebühr‘ belasten
         dürfen“(93). Allerdings hat der Gerichtshof auch festgestellt, dass „diese Beschränkungen und Bedingungen unter Einhaltung der einschlägigen
         [unions]rechtlichen Grenzen und im Einklang mit den allgemeinen Grundsätzen des [Unions]rechts, insbesondere dem Grundsatz
         der Verhältnismäßigkeit, anzuwenden [sind]“(94). Mit anderen Worten, die gegen den Betroffenen erlassenen nationalen Maßnahmen müssen zur Erreichung des angestrebten Zwecks
         geeignet und notwendig sein.(95)
      
      120. Im Rahmen der Verhältnismäßigkeitsprüfung im vorliegenden Fall wird das nationale Gericht den Umstand zu berücksichtigen haben,
         dass Herr Ruiz Zambrano nahezu fünf Jahre lang vollzeitlich bei Plastoria tätig war. Seine Beschäftigung war dem Office national
         de la sécurité sociale gemeldet worden. Von seinem Lohn wurden die gesetzlichen Sozialversicherungsbeiträge einbehalten, und
         sein Arbeitgeber entrichtete den entsprechenden Arbeitgeberanteil. Herr Ruiz Zambrano hat somit bisher stetig und regelmäßig
         zu den öffentlichen Finanzen des Aufnahmemitgliedstaats beigetragen.
      
      121. Meines Erachtens legen diese Gesichtspunkte das Ergebnis nahe, dass die Nichtanerkennung eines abgeleiteten Aufenthaltsrechts
         im vorliegenden Fall unverhältnismäßig wäre. Letztlich ist die Entscheidung jedoch einzig und allein Sache des nationalen
         Gerichts.
      
      122. Ich komme daher zu dem Ergebnis, dass die Art. 20 AEUV und 21 AEUV dahin auszulegen sind, dass sie ein auf der Unionsbürgerschaft
         beruhendes Aufenthaltsrecht im Hoheitsgebiet der Mitgliedstaaten verleihen, das unabhängig von dem Recht besteht, sich von
         einem Mitgliedstaat in einen anderen zu begeben. Diese Bestimmungen verwehren es einem Mitgliedstaat nicht, einer Person,
         die in aufsteigender Linie mit einem Unionsbürger verwandt ist, der Staatsangehöriger des betreffenden Mitgliedstaats ist
         und von seinen Freizügigkeitsrechten noch keinen Gebrauch gemacht hat, ein abgeleitetes Aufenthaltsrecht zu versagen, sofern
         diese Entscheidung mit dem Verhältnismäßigkeitsgrundsatz vereinbar ist.
      
       Frage 2 – Umgekehrte Diskriminierung
      123. Hierbei geht es um die Frage, ob Art. 18 AEUV herangezogen werden kann, um Fälle einer durch das Ineinandergreifen von Unionsrecht
         (hier der Bestimmungen über die Unionsbürgerschaft) und nationalem Recht geschaffenen umgekehrten Diskriminierung zu lösen.
         Das Problem lässt sich wie folgt darstellen. Wenn ein Kleinkind (wie Catherine Zhu) die Staatsangehörigkeit eines anderen
         Mitgliedstaats als ihres Aufenthaltsstaats erworben hat, steht einem oder beiden Elternteilen ein abgeleitetes Aufenthaltsrecht
         im Aufnahmemitgliedstaat aufgrund Art. 21 AEUV und der Entscheidung des Gerichtshofs in der Rechtssache Zhu und Chen zu. Diego
         und Jessica besitzen die belgische Staatsangehörigkeit und halten sich in Belgien auf. Kann sich Herr Ruiz Zambrano auf Art. 18
         AEUV berufen, der im Anwendungsbereich der Verträge „jede Diskriminierung aus Gründen der Staatsangehörigkeit“ verbietet,
         und deshalb ein ebensolches abgeleitetes Aufenthaltsrecht beanspruchen?
      
      124. Sollte der Gerichtshof meiner Argumentation zu Frage 1 folgen, erübrigt sich die vorstehende Frage. Sollte sich der Gerichtshof
         meiner Auffassung jedoch nicht anschließen, muss geprüft werden, ob Art. 18 AEUV herangezogen werden kann, um einer umgekehrten
         Diskriminierung dieser Art abzuhelfen.
      
       Gegenwärtiger Stand der Rechtsprechung: eine kritische Betrachtung
      125. Im Urteil Baumbast und R(96) hat der Gerichtshof ausgeführt, dass Art. 18 EG (jetzt Art. 21 AEUV) unmittelbare Wirkung entfalte und nicht wirtschaftlich
         tätigen Personen ein eigenständiges Freizügigkeitsrecht verleihe. Damit hat er die Freizügigkeitsrechte auf Personen ausgedehnt,
         die keinen unmittelbaren wirtschaftlichen Bezug zum Binnenmarkt aufweisen und sich deshalb nicht auf die „klassischen“ Freizügigkeitsrechte
         berufen können. Diese Weiterentwicklung war meiner Meinung nach folgerichtig und unvermeidlich, da sie sich logisch aus der
         Einführung der Unionsbürgerschaft ergibt. Wenn sich die Union zu mehr als nur einem bequemen und wirksamen Rahmen für den
         Ausbau des Handels entwickeln sollte, musste sie denjenigen Personen eine angemessene Stellung einräumen, die sie nunmehr
         als ihre Bürger bezeichnete.(97)
      
      126. Diese Entwicklung zog jedoch zwangsläufig eine Reihe weiterer Konsequenzen nach sich.
      
      127. Erstens konnten von dem Moment an, da die Mitgliedstaaten beschlossen, dem existierenden Staatsangehörigkeitsbegriff einen
         neuen und ergänzenden Status des „Unionsbürgers“ an die Seite zu stellen, diese Personen nicht mehr bloß als Produktionsfaktoren
         betrachtet werden. Bürger sind keine „Ressourcen“, die zur Herstellung von Waren und Erbringung von Dienstleistungen eingesetzt
         werden, sondern Einzelpersonen, die an eine politische Gemeinschaft gebunden sind und durch Grundrechte geschützt werden.(98)
      
      128. Zweitens handeln Bürger, wenn sie umziehen, als menschliche Wesen und nicht als Roboter. Sie verlieben sich, heiraten und
         gründen eine Familie. Die Familieneinheit kann je nach den Umständen ausschließlich aus Unionsbürgern, aber auch aus Unionsbürgern
         und Drittstaatsangehörigen bestehen, die in enger Beziehung zueinander stehen. Wenn Familienangehörige nicht in derselben
         Weise behandelt werden wie Unionsbürger, die von ihren Freizügigkeitsrechten Gebrauch machen, verliert der Begriff der Freizügigkeit
         seine praktische Bedeutung.(99)
      
      129. Drittens hat sich die Union dadurch, dass sie ihren Bürgern unionsrechtliche Grundrechte zuerkennt und diese Grundrechte als
         die eigentliche Grundlage der Union bezeichnet (Art. 6 Abs. 1 EUV), zu dem Grundsatz bekannt, dass die Bürger bei der Ausübung
         der Freizügigkeitsrechte entsprechenden Grundrechtsschutz genießen.(100)
      
      130. Viertens haben die Mitgliedstaaten mit Ratifizierung des Vertrags von Maastricht und der anschließenden Änderungsverträge
         anerkannt, dass es sich aufgrund des Umstands, dass ihre Staatsangehörigen auch Unionsbürger sind, bei der Aufgabe der Beseitigung
         von Spannungen und Schwierigkeiten, die sich bei der Wahrnehmung der Freizügigkeitsrechte durch diese Bürger ergeben, um eine
         gemeinsame Verantwortung handelt. Sie obliegt den einzelnen Mitgliedstaaten, aber auch der Europäischen Union.(101)
      
      131. Diese Konsequenzen passen nicht recht zu den Gedanken, man müsse in Bezug auf die Unionsbürgerschaft nur der orthodoxen Vorstellung
         vom freien Warenverkehr, vom freien Verkehr nichtselbständiger und selbständiger Erwerbstätiger und vom freien Kapitalverkehr
         folgen.
      
      132. Den wirtschaftlichen Grundfreiheiten liegt als Zweck die Schaffung eines Binnenmarkts durch Beseitigung von Handelshemmnissen
         und Verstärkung des Wettbewerbs zugrunde. Der Gerichtshof hat dementsprechend das vom Vertrag vorgesehene Instrumentarium
         zur Erreichung der (nunmehr u. a. in Art. 3 EUV aufgeführten) Binnenmarktziele herausgearbeitet. So hat er u. a. Kriterien
         zur Beurteilung der Frage aufgestellt, ob der erforderliche Bezug zu den einzelnen Grundrechten vorliegt. Um ein Beispiel
         zu nennen: Seit dem Urteil Dassonville(102) gilt sowohl die potenzielle als auch die tatsächliche körperliche Bewegung als konstitutives Merkmal des freien Warenverkehrs.
         Auch wenn in diesem speziellen Urteil eine zuvor erfolgte tatsächliche Bewegung nicht als notwendig erachtet wird, so dient
         der Begriff der Bewegung (selbst wenn sie nur hypothetisch stattfindet) als Anknüpfungspunkt für die im Rahmen der Grundfreiheiten verliehenen Rechte.
         
      
      133. Diese Vorstellung vom Binnenmarkt birgt die Gefahr, dass die „statischen“ Produktionsfaktoren schlechter gestellt werden als
         die „mobilen“, obwohl alle anderen Umstände ähnlich oder identisch sind. Das Ergebnis ist eine umgekehrte Diskriminierung,
         die durch das Ineinandergreifen von Unionsrecht und nationalem Recht entsteht – ein Diskriminierungsproblem, dessen Lösung
         der Gerichtshof bisher den einzelnen Mitgliedstaaten überlassen hat, obwohl im Ergebnis auf den ersten Blick ein Verstoß gegen
         das Verbot der Diskriminierung aus Gründen der Staatsangehörigkeit vorliegt.(103)
      
      134. Kann ein solches Ergebnis aus unionsrechtlicher Sicht im hier konkret betroffenen Bereich der Unionsbürgerschaft hingenommen
         werden?
      
      135. Eine Untersuchung dreier Rechtssachen aus letzter Zeit zeigt, dass die unveränderte Verfolgung dieses herkömmlichen, zurückhaltenden
         Ansatzes zu merkwürdig zufälligen Resultaten führen kann.(104)
      
      136. Aufgrund des Urteils Carpenter(105) steht im Fall eines selbständig Erwerbstätigen, der Kunden in anderen Mitgliedstaaten hat, dem mit ihm verheirateten Drittstaatsangehörigen
         zum Schutz des Rechts auf Achtung des Familienlebens ein abgeleitetes Aufenthaltsrecht zu. Wenn nun dieser selbständig Erwerbstätige
         ausschließlich Kunden in seinem eigenen Mitgliedstaat hat, ist das Unionsrecht nicht einschlägig. Heutzutage ist jedoch, gerade
         wegen des Erfolgs des Binnenmarkts, eine solche scharfe Unterscheidung zwischen Selbständigen mit Interessen in anderen Mitgliedstaaten
         und Selbständigen mit Interessen ausschließlich im eigenen Mitgliedstaat problematisch. Herr Carpenter reiste gelegentlich
         in andere Mitgliedstaaten, um dort Werbeflächen in Zeitschriften zu verkaufen. Angenommen, er hätte keinen tatsächlichen Ortswechsel
         vorgenommen, aber trotzdem von Zeit zu Zeit Dienstleistungen an Kunden in anderen Mitgliedstaaten per Telefon oder Internet
         erbracht? Angenommen, zu seinen Kunden hätten manchmal im Vereinigten Königreich ansässige Tochtergesellschaften deutscher
         oder französischer Muttergesellschaften gezählt? Angenommen, er hätte ein einziges Mal Werbefläche in nur einer Zeitschrift
         an einen einzigen Kunden verkauft, der nicht ausschließlich im Vereinigten Königreich ansässig ist?
      
      137. In der Rechtssache Zhu and Chen(106) erwarb die chinesische Mutter von Catherine Zhu ein abgeleitetes Aufenthaltsrecht aufgrund der irischen Staatsangehörigkeit
         ihrer Tochter, die diese gemäß der extraterritorial wirkenden Regelung erlangt hatte, die damals Bestandteil des irischen
         Staatsangehörigkeitsrechts war. Der „Ortswechsel“ in jenem Fall fand allein von einer Seite des St.-Georgs-Kanals zur anderen
         zwischen England und Nordirland innerhalb ein und desselben Mitgliedstaats (im Vereinigten Königreich) statt. Dennoch wurde
         ein hinreichender Bezug zum Unionsrecht bejaht, um Mutter und Tochter ein Aufenthaltsrecht im Vereinigten Königreich zuerkennen
         zu können. Dies wurde nur dadurch ermöglicht, dass man Catherine Zhu in Nordirland zur Welt kommen ließ. Sollte es jedoch
         dem durch die Geschichte geprägten Zufall (die extraterritorial wirkende Regelung im Staatsangehörigkeitsrecht eines Mitgliedstaats)
         überlassen bleiben, ob in solchen Fällen eine Berufung auf das Unionsrecht möglich ist? Ist dies unter dem Gesichtspunkt der
         Rechtssicherheit und der Gleichbehandlung der Unionsbürger ein vernünftiges Ergebnis?
      
      138. Das unlängst ergangene Urteil Metock u. a. veranschaulicht genau diese Unsicherheit und die sich daraus ergebende Diskriminierung.
         Im Jahr 2003 hatte die Große Kammer im Urteil Akrich entschieden, dass „sich der mit einem Unionsbürger verheiratete Drittstaatsangehörige,
         um in den Genuss der Rechte aus Art. 10 der Verordnung (EWG) Nr. 1612/68 des Rates vom 15. Oktober 1968 über die Freizügigkeit
         der Arbeitnehmer innerhalb der Gemeinschaft (ABl. L 257, S. 2) kommen zu können, rechtmäßig in einem Mitgliedstaat aufhalten
         muss, wenn er sich in einen anderen Mitgliedstaat begibt, in den der Unionsbürger abwandert oder abgewandert ist“(107). Fünf Jahre später entschied der Gerichtshof, dass angesichts der Urteile MRAX(108) und Kommission/Spanien(109) am Urteil Akrich nicht festzuhalten sei. Und so kam es dann auch: Seither ist für den Genuss genau der Rechte, die in der
         Rechtssache Akrich streitig waren, ein vorheriger rechtmäßiger Aufenthalt des verheirateten Drittstaatsangehörigen in einem
         anderen Mitgliedstaat keine Voraussetzung mehr. Gleichwohl differenzierte der Gerichtshof weiterhin zwischen Unionsbürgern,
         die bereits von ihrem Freizügigkeitsrecht Gebrauch gemacht haben, und denjenigen, bei denen dies nicht der Fall war, und erinnerte
         lakonisch daran, dass alle Mitgliedstaaten Vertragsparteien der EMRK seien und dass Art. 8 EMRK das Recht auf Achtung des
         Familienlebens schütze.(110) Somit haben „statische“ Unionsbürger immer noch die möglichen Folgen umgekehrter Diskriminierung zu erdulden, während die
         Rechte „mobiler“ Unionsbürger erheblich erweitert wurden.
      
       Ein Vorschlag
      139. Meines Erachtens beinhaltet der derzeit vom Gerichtshof verfolgte Ansatz erhebliche Nachteile. Ich halte daher die Zeit für
         gekommen, dem Gerichtshof vorzuschlagen, sich offen mit der Problematik der umgekehrten Diskriminierung zu befassen. Die Argumente,
         die ich dabei vortragen werde, folgen dem Gedankengang, den ich in der Rechtssache Gouvernement de la Communauté française
         und Gouvernement wallon dargelegt habe; ich werde aber – speziell mit Blick auf Fälle, die Bürgerschaftsrechte aus Art. 21
         AEUV betreffen – Kriterien für die Beurteilung der Frage zur Diskussion stellen, ob zur Beseitigung einer solchen Diskriminierung
         nicht Art. 18 AEUV selbst herangezogen werden kann.
      
      140. Ein radikaler Wandel der gesamten Rechtsprechung zur umgekehrten Diskriminierung wird sich nicht über Nacht vollziehen. Das
         will ich auch gar nicht nahelegen. Meine Vorschläge beschränken sich vielmehr auf Fälle, in denen es um die Unionsbürgerschaft
         geht. Dies ist der Bereich, in dem die gegenwärtige Rechtsprechung eindeutig zu den negativsten Ergebnissen führt und in dem
         ein Wandel vielleicht am dringendsten erforderlich ist. 
      
      141. Die vorstehend von mir erörterten Urteile – Carpenter, Zhu und Chen sowie Metock u. a. – haben zweierlei gemeinsam. Sie schaffen
         Rechtsunsicherheit in einem heiklen Bereich sowohl des Unionsrechts als auch des innerstaatlichen Rechts, und sie betreffen
         Fälle, in denen sich der Gerichtshof zum Zweck des Grundrechtsschutzes für eine großzügige Auslegung von Art. 21 AEUV entschieden
         hat. Bei der Abwägung zwischen Rechtssicherheit und Grundrechtsschutz räumt der Gerichtshof dem Grundrechtsschutz durchgängig
         Vorrang ein. Seine Begründung steht in vollem Einklang mit seiner früheren wegweisenden Aussage, dass die Unionsbürgerschaft
         „dazu bestimmt [ist], der grundlegende Status der Angehörigen der Mitgliedstaaten zu sein“(111).
      
      142. Allerdings ist die durch die Rechtsprechung geschaffene Unsicherheit nicht wünschenswert. Welche Richtung sollte der Gerichtshof
         daher jetzt einschlagen?
      
      143. Einerseits ist der Versuchung zu widerstehen, Art. 21 AEUV so weit zu „strecken“, dass der Schutz auch diejenigen umfasst,
         die die Voraussetzungen „knapp“ nicht erfüllen. Jede Anspruchsnorm muss eine Grenze haben. Andernfalls wird die Norm unlesbar,
         und niemand vermag mit Sicherheit zu sagen, wer anspruchsberechtigt ist und wer nicht. Das liegt weder im Interesse der Mitgliedstaaten
         noch der Bürger und untergräbt die Autorität des Gerichtshofs. Wird andererseits jedoch Art. 21 AEUV zu restriktiv ausgelegt,
         erhöht sich die Zahl der Fälle, in denen es zu einer umgekehrten Diskriminierung kommt und die dann von den Mitgliedstaaten
         gelöst werden müssen. Auch das dürfte kein besonders zufriedenstellendes Ergebnis sein.
      
      144. Ich schlage dem Gerichtshof daher vor, Art. 18 AEUV dahin auszulegen, dass er einer umgekehrten Diskriminierung entgegensteht,
         die durch das Ineinandergreifen von Art. 21 AEUV und nationalem Recht verursacht wird, wenn sie eine Verletzung der im Unionsrecht
         anerkannten Grundrechte beinhaltet und wenn nach nationalem Recht kein mindestens gleichwertiger Schutz zur Verfügung steht.
      
      145. Bei dieser Lösung greift Art. 18 AEUV dann (und nur dann) ein, wenn drei kumulative Voraussetzungen erfüllt sind.
      
      146. Erstens muss es sich bei dem Rechtsuchenden um einen Unionsbürger handeln, der sich im Mitgliedstaat seiner Staatsangehörigkeit
         aufhält und von seinen Freizügigkeitsrechten aus dem AEUV (sei es ein klassisches wirtschaftliches Freizügigkeitsrecht oder
         das Freizügigkeitsrecht aus Art. 21 AEUV) keinen Gebrauch gemacht hat, dessen Situation aber unter anderen maßgeblichen Gesichtspunkten
         mit der Situation anderer Unionsbürger desselben Mitgliedstaats, die sich auf Rechte aus Art. 21 AEUV berufen können, vergleichbar
         ist. Ursache der beanstandeten umgekehrten Diskriminierung muss also der Umstand sein, dass die entsprechenden Vergleichspersonen (andere
         Unionsbürger) ihre Rechte aus Art. 21 AEUV wahrnehmen können, während sich ein „statischer“ Unionsbürger, der sich im Mitgliedstaat
         seiner Staatsangehörigkeit aufhält, zur Erlangung dieses Schutzes prima facie nicht auf nationales Recht berufen kann.
      
      147. Zweitens muss die beanstandete umgekehrte Diskriminierung die Verletzung eines unionsrechtlich geschützten Grundrechts umfassen.
         Nicht jede geringfügige umgekehrte Diskriminierung fällt unter Art. 18 AEUV. Was unter dem Begriff „Grundrechtsverletzung“
         zu verstehen ist, wird – wenn möglich – anhand der Rechtsprechung des EGMR definiert.(112) Führt die umgekehrte Diskriminierung zu einem Ergebnis, das der EGMR als Grundrechtsverletzung ansehen würde, nimmt auch
         der Gerichtshof eine Grundrechtsverletzung an. Das Unionsrecht übernimmt dann die Aufgabe, den Folgen der durch das Ineinandergreifen
         von Unionsrecht und nationalem Recht verursachten umgekehrten Diskriminierung abzuhelfen, wenn (und nur wenn) diese Folgen
         mit dem durch die EMRK festgelegten Mindestniveau des Schutzes nicht zu vereinbaren sind. Durch die Gewährleistung, dass in
         solchen Fällen ein wirksamer Grundrechtsschutz auf dem durch die EMRK vorgesehenen Mindestniveau besteht, nähme der Gerichtshof
         teilweise auch schon die Erfordernisse vorweg, die sich aus dem geplanten Beitritt der Europäischen Union zu der Konvention
         ergeben könnten. Eine solche Entwicklung kann den Geist der Zusammenarbeit und des gegenseitigen Vertrauens zwischen den beiden
         Gerichten nur stärken.(113)
      
      148. Drittens darf Art. 18 AEUV nur als subsidiärer Rechtsbehelf zur Verfügung stehen, der auf Fälle beschränkt ist, in denen das
         nationale Recht keinen angemessenen Grundrechtsschutz bietet. Im Unionsrecht hat die Gewährung eines seinem Wesen nach subsidiären
         Schutzes eine lange Tradition. So sind der Effektivitätsgrundsatz(114) und der Äquivalenzgrundsatz(115), das Recht auf wirksamen Rechtsschutz(116) und der Grundsatz der Staatshaftung für Verstöße gegen das Unionsrecht(117) allesamt Instrumente, die nur dann zum Einsatz kommen, wenn sich die innerstaatlichen Regelungen als unzureichend erweisen.
         Diese letzte Voraussetzung dient der Wahrung eines angemessenen Gleichgewichts zwischen der Autonomie der Mitgliedstaaten
         und dem „effet utile“ des Unionsrechts.(118) Damit ist sichergestellt, dass der subsidiäre Schutz nach Maßgabe des Unionsrechts nicht rücksichtslos über die Regelungen
         des nationalen Rechts hinweggeht, sondern sie vielmehr ergänzt. Es ist dann Sache des nationalen Gerichts, festzustellen,
         a) ob nach innerstaatlichem Recht Schutz zur Verfügung steht und b) ob, wenn dies grundsätzlich der Fall ist, dieser Schutz
         dem unionsrechtlich zur Verfügung stehenden Schutz mindestens gleichwertig ist.
      
      149. In der mündlichen Verhandlung hat Herr Ruiz Zambrano erklärt, der belgische Conseil d’État und die Cour Constitutionnelle
         hätten unlängst einen Fall umgekehrter Diskriminierung eines Drittstaatsangehörigen entschieden, der sich in einer vergleichbaren
         Situation wie er befunden habe.(119) Selbstverständlich ist die Feststellung, ob im vorliegenden Fall Herr Ruiz Zambrano den erforderlichen Schutz ohne Rückgriff
         auf Art. 18 AEUV aus nationalem Recht herleiten kann, allein Sache des nationalen Gerichts. Im Rahmen meines Vorschlags hat
         es die drei von mir vorgesehenen kumulativen Kriterien heranzuziehen und eine Berufung auf das Unionsrecht zur Verhinderung
         einer umgekehrten Diskriminierung nur dann zuzulassen, wenn diese Kriterien erfüllt sind. 
      
      150. Als Antwort auf die zweite Frage schlage ich daher vor, dass Art. 18 AEUV dahin auszulegen ist, dass er einer umgekehrten
         Diskriminierung entgegensteht, die durch das Ineinandergreifen von Art. 21 AEUV und nationalem Recht verursacht wird, wenn
         sie eine Verletzung der im Unionsrecht anerkannten Grundrechte umfasst und wenn nach nationalem Recht kein mindestens gleichwertiger
         Schutz zur Verfügung steht.
      
       Frage 3 – Grundrechte
      151. Sollte der Gerichtshof zu der Auffassung gelangen, dass die erste und die zweite Frage (in der oben dargestellten Form) nicht
         in einem für Herrn Ruiz Zambrano günstigen Sinne zu beantworten sind, wird eine Prüfung der dritten Frage erforderlich. Kann
         sich Herr Ruiz Zambrano unabhängig von anderen unionsrechtlichen Bestimmungen auf das Unionsgrundrecht auf Achtung des Familienlebens
         stützen? 
      
      152. Damit ist eine sehr bedeutende Grundsatzfrage angesprochen: Welcher Anwendungsbereich kommt den Grundrechten im Rahmen des
         Unionsrechts zu? Können sie als eigenständige Rechte gegenüber einem Mitgliedstaat geltend gemacht werden? Oder muss ein anderweitiger
         Bezug zum Unionsrecht bestehen? Es ist unnötig, bei der potenziellen Bedeutung einer Antwort auf diese Frage zu verweilen.
      
      153. Es war natürlich der Gerichtshof selbst, der den fundamentalen Rechtsgrundsätzen und den Grundrechten zur frühzeitigen Anerkennung
         in der Rechtsordnung der Union verholfen hat.(120) Im Jahr 1992 wurden die Früchte dieser Rechtsprechung in den Vertrag über die Europäische Union übernommen, in dem (in Art. 6
         EUV) die Verpflichtung der Union niedergelegt ist, die Grundrechte zu achten.
      
      154. In den darauffolgenden Jahren hat die Union ihre Politik im Bereich der Grundrechte weiter verstärkt, z. B. durch Errichtung
         einer Agentur für Grundrechte(121), Einrichtung eines eigens für Grundrechte zuständigen Ressorts innerhalb der Kommission(122), Förderung humanitärer Projekte in aller Welt(123) und Umwandlung der erstmals im Jahr 2000 proklamierten Charta der Grundrechte der Europäischen Union von einem nichtbindenden
         Text („soft law“) in Primärrecht(124). Die Grundrechte sind somit zu einem Kernelement der Entwicklung der Union geworden, verstanden als Prozess der wirtschaftlichen,
         rechtlichen und gesellschaftlichen Integration mit dem Ziel, allen ihren Bürgern Frieden und Wohlstand zu sichern.
      
      155. Selbstverständlich gilt, dass der Gerichtshof an sich kein „Gerichtshof für Menschenrechte“ ist. Als höchste Auslegungsinstanz
         für das Unionsrecht obliegt dem Gerichtshof gleichwohl die dauerhafte Verantwortung, die Achtung dieser Rechte im Bereich
         der Unionszuständigkeit sicherzustellen. So hat der EGMR im Urteil Bosphorus(125) ausgeführt, dass dem Gerichtshof der Europäischen Union bei der Wahrung der aus der EMRK und den zugehörigen Protokollen
         hergeleiteten Rechte, wie sie im Geltungsbereich des Unionsrechts Anwendung fänden, eine entscheidende Rolle zukomme – eine
         Aufgabe, die mit dem Beitritt der Europäischen Union zur EMRK nur an Bedeutung gewinnen kann.(126) Aus diesem Grund hat der Gerichtshof unbedingt darauf zu achten, dass er die Verträge in einer Weise auslegt, die der derzeitigen
         Funktion und Bedeutung der Unionsgrundrechte konsequent gerecht wird.
      
       Geltungsbereich der Unionsgrundrechte
      156. Nach ständiger Rechtsprechung des Gerichtshofs ist eine Berufung auf die Unionsgrundrechte dann (und nur dann) möglich, wenn
         die streitige Maßnahme vom Unionsrecht erfasst wird.(127) Alle von den Organen erlassenen Maßnahmen unterliegen daher der Überprüfung auf ihre Vereinbarkeit mit den Unionsgrundrechten.
         Das Gleiche gilt für Handlungen der Mitgliedstaaten, die der Umsetzung der unionsrechtlichen Verpflichtungen dienen oder die
         ganz allgemein in den Anwendungsbereich des Unionsrechts fallen.(128) Dies ist natürlich ein heikles Problem(129), da auf diese Weise der unionsrechtliche Grundrechtsschutz in die Sphäre der einzelnen Mitgliedstaaten getragen wird, wo
         er mit dem Grundrechtsschutz des innerstaatlichen Rechts und der EMRK zusammentrifft. Die sich daraus ergebende Problematik
         einer Überschneidung des Schutzniveaus in den verschiedenen Systemen (Unionsrecht, innerstaatliches Verfassungsrecht und EMRK)
         mit dem unionsrechtlichen Niveau des Grundrechtsschutzes ist bekannt(130), so dass ich sie an dieser Stelle nicht weiter vertiefen will.
      
      157. Der Gerichtshof hat eine umfangreiche Rechtsprechung entwickelt, in der er seine erstmals im Urteil Wachauf(131) formulierte Aussage wiederholte, dass „die Mitgliedstaaten diese Erfordernisse [des Grundrechtsschutzes] bei der Durchführung
         der [unions]rechtlichen Regelungen zu beachten haben“. Bezeichnenderweise gilt diese Regel nach der Rechtsprechung auch dann,
         wenn ein Mitgliedstaat Ausnahmen von den durch das Unionsrecht garantierten wirtschaftlichen Grundfreiheiten vorsieht.(132) Im Urteil Carpenter(133) ging der Gerichtshof einen Schritt weiter; aufbauend auf die Rechtsprechung zum sogenannten „cold calling“ im Urteil Alpine
         Investments(134) erkannte er dort auch den Grundrechten eines Unionsbürgers (Herr Carpenter) Schutz zu, der sich in seinem eigenen Mitgliedstaat
         aufhält, jedoch gelegentlich Dienstleistungen an in anderen Mitgliedstaaten befindliche Empfänger erbringt. Die Feststellung,
         dass eine Ausweisung von Frau Carpenter einen unverhältnismäßigen Eingriff in das Herrn Carpenter zustehende Recht auf Achtung
         des Familienlebens darstellen würde, führte dazu, dass Frau Carpenter – einer Drittstaatsangehörigen, die keinerlei Möglichkeit
         zur Ausübung unionsrechtlicher Freizügigkeitsrechte hatte – ein Aufenthaltsrecht gewährt wurde.
      
      158. Allerdings hat der Gerichtshof dem Geltungsbereich der Unionsgrundrechte Grenzen gesetzt – insbesondere im Hinblick auf Sachverhalte,
         die seiner Ansicht nach nicht vom Unionsrecht erfasst sind.
      
      159. So war in der Rechtssache Maurin(135) dem Angeklagten zur Last gelegt worden, Lebensmittel zum Verkauf angeboten zu haben, deren Verbrauchsdatum überschritten
         war. Er machte geltend, im Verlauf des innerstaatlichen Verfahrens in seinen Verteidigungsrechten verletzt worden zu sein.
         Der Gerichtshof wies darauf hin, dass es zwar eine Richtlinie gebe, der zufolge das Mindesthaltbarkeitsdatum bei der Etikettierung
         von Lebensmitteln anzugeben sei, dass die Richtlinie aber nicht den Verkauf von korrekt etikettierten Lebensmitteln regele, deren Verbrauchsdatum überschritten sei. Somit betreffe der Herrn
         Maurin zur Last gelegte Verstoß „eine nationale Regelung, die nicht in den Geltungsbereich des [Unions]rechts fällt, so dass
         der Gerichtshof zur Entscheidung über eine mögliche Verletzung der Grundsätze des rechtlichen Gehörs durch die auf eine solche
         Rechtsverletzung anwendbaren Verfahrensvorschriften nicht zuständig ist“.(136)
      
      160. Ebenso wies der Gerichtshof in der Rechtssache Kremzow(137) das Vorbringen eines österreichischen Staatsangehörigen zurück, der in Österreich verurteilt worden war; später hatte der
         EGMR jedoch festgestellt, dass das von dem Betroffenen eingeleitete Rechtsmittelverfahren gegen das Recht auf ein faires Verfahren
         nach Art. 6 EMRK verstieß. Herr Kremzow klagte auf Schadensersatz und machte außerdem geltend, aufgrund des widerrechtlichen
         Haftvollzugs in seinem unionsrechtlich garantierten Recht auf Freizügigkeit verletzt worden zu sein. Der Gerichtshof ist dieser
         Auffassung nicht gefolgt und hat ausgeführt, dass „[z]war … jeder Freiheitsentzug geeignet [ist], die Ausübung des Rechts
         des Betroffenen auf Freizügigkeit zu behindern, doch … dass die rein hypothetische Aussicht auf die Ausübung dieses Rechts
         keinen Bezug zum [Unions]recht herstellt, der eng genug wäre, um die Anwendung der [Unions]bestimmungen zu rechtfertigen“(138).
      
      161. Allerdings bereichert das Urteil Kremzow die frühere Rechtsprechung um eine wichtige Nuance. Der Gerichtshof stellt zunächst
         den hypothetischen Charakter des Anspruchs fest und führt sodann aus, dass „[i]m Übrigen … Herr Kremzow wegen Mordes und illegalen
         Waffenbesitzes nach innerstaatlichen Rechtsvorschriften verurteilt [wurde], die nicht dazu bestimmt sind, die Beachtung [unions]rechtlicher
         Normen sicherzustellen[, und s]omit … die im Ausgangsrechtsstreit anwendbare nationale Regelung einen Fall [betrifft], der
         nicht in den Anwendungsbereich des Gemeinschaftsrechts fällt“(139). Im Gegenschluss dürfte dann also gelten, dass ein hinreichender Bezug zum Unionsrecht sehr wohl hätte festgestellt werden können, wenn die Straftaten in Beziehung zu einem Bereich der Unionspolitik gestanden hätten (z. B.,
         wenn die Straftatbestände geschaffen worden wären, um die Erreichung eines in abgeleiteten Unionsrechtsakten festgelegten
         unionsrechtlichen Ziels sicherzustellen).(140)
      
      162. Ist der konkret berührte Rechtsbereich und der Umfang der Unionszuständigkeit für diesen Rechtsbereich für die Grundrechtsfrage
         von Bedeutung? Dies scheint eine wichtige Fragestellung zu sein. Der Wunsch, einen angemessenen Grundrechtsschutz zu fördern,
         darf nicht zur Anmaßung von Zuständigkeiten führen. Solange die Befugnisse der Union auf dem Ermächtigungsprinzip beruhen,
         müssen im Bereich der Unionsgrundrechte die Grenzen dieser Ermächtigung eingehalten werden.(141)
      
      163. Aus Gründen der Transparenz und Klarheit muss mit Sicherheit erkennbar sein, was im Hinblick auf den Schutz der Unionsgrundrechte
         unter dem Begriff „Geltungsbereich des Unionsrechts“ zu verstehen ist. Die größte Klarheit scheint mir langfristig eine Regel
         zu schaffen, die die Verfügbarkeit des Unionsgrundrechtsschutzes weder von der unmittelbaren Anwendbarkeit einer Vertragsbestimmung
         noch von dem Bestehen abgeleiteter Rechtsakte, sondern von Existenz und Umfang einer sachlichen Unionszuständigkeit abhängig macht. Anders formuliert lautet die Regel: Wenn die Union die (ausschließliche oder geteilte) Zuständigkeit in einem
         bestimmten Rechtsbereich besitzt, sollten die Unionsgrundrechte den Unionsbürgern Schutz bieten, selbst wenn diese Zuständigkeit noch nicht wahrgenommen wurde.
      
      164. Warum mache ich diesen Vorschlag?
      
      165. Die Mitgliedstaaten haben der Union Zuständigkeiten zugewiesen, die diese zum Erlass von Maßnahmen ermächtigen, die Vorrang
         vor dem nationalen Recht haben und die unmittelbare Wirkung entfalten können. Deshalb sollten der Union, wenn diese Befugnisse
         erst einmal verliehen worden sind, die Zuständigkeit und die Verantwortung für die Gewährleistung der Grundrechte zugewiesen
         werden, und zwar unabhängig davon, ob von den Befugnissen tatsächlich Gebrauch gemacht worden ist. Die „Werte, auf die sich
         die Union gründet, sind die Achtung der Menschenwürde, Freiheit, Demokratie, Gleichheit, Rechtsstaatlichkeit und die Wahrung
         der Menschenrechte“(142). Diese Vertragsgarantie sollte nicht an die Bedingung einer tatsächlichen Ausübung der Rechtssetzungskompetenz geknüpft werden.
         In einer Union, die sich auf Grundrechte und Rechtsstaatlichkeit gründet, darf der Schutz nicht von der gesetzgeberischen
         Initiative der Organe und von politischen Vorgängen abhängen. Ein derart bedingter Grundrechtsschutz ist die Antithese zu
         dem Konzept, mit dem Staatsgewalt in einer Demokratie heutzutage legitimiert wird.(143)
      
      166. Dieser Lösungsansatz hat eine Reihe von Vorteilen.
      
      167. Erstens wird damit vermieden, fiktive oder hypothetische „Bezüge zum Unionsrecht“ konstruieren oder finden zu müssen, die
         als solche in der Vergangenheit Verwirrung gestiftet und womöglich auch den Geltungsbereich der Vertragsbestimmungen überdehnt
         haben. Wer von seinem Recht auf Freizügigkeit Gebrauch gemacht hat, braucht dann keinen Bezug zu dem später geltend gemachten
         Grundrecht nachzuweisen, das diese Freizügigkeit erleichtert.(144) Wer von diesem Recht noch keinen Gebrauch gemacht hat, müsste es nicht eigens ausüben, um die Voraussetzungen für die Inanspruchnahme
         des Grundrechtsschutzes zu schaffen(145) (die in der Absicht eines Dienstleistungsempfangs ausgeübte Freizügigkeit ist vielleicht diejenige der vier Freiheiten, die
         am einfachsten zu diesem Zweck genutzt werden kann). Es gibt dann auch keine umgekehrte Diskriminierung von Staatsangehörigen
         eines Mitgliedstaats mehr, die darauf beruht, dass ihren Unionsmitbürgern und denjenigen Mitbürgern des betreffenden Mitgliedstaats,
         die von ihrem Recht auf Freizügigkeit tatsächlich Gebrauch gemacht haben, Unionsgrundrechtsschutz gewährt wird.(146) Zukünftig entfallen dadurch auch die Diskrepanzen (im Unionsgrundrechtsschutz) zwischen vollständig und teilweise harmonisierten
         Politiken. Unter dem Gesichtspunkt der Rechtssicherheit kommt es zu einer deutlichen Verbesserung.
      
      168. Zweitens bleibt die Union bei einem solchen Lösungsansatz in den eigenen vier Wänden ihrer Befugnisse. Der unionsrechtliche
         Grundrechtsschutz kommt nur dann zum Tragen, wenn die Regelung, die zur Berufung auf die Grundrechte geführt hat, in die ausschließliche
         oder geteilte Zuständigkeit der Union fällt.(147) Auf die Art der Zuständigkeit kommt es an, wenn es um die Festlegung des angemessenen Schutzumfangs geht. Im Fall geteilter
         Zuständigkeit ergibt sich gerade aus dem Zweck der Teilung, dass der unionsrechtliche Grundrechtsschutz den durch das nationale
         Recht vorgesehen Schutz ergänzt.(148) (Dies entspricht dem Ansatz, den ich oben zur Problematik der umgekehrten Diskriminierung vorgeschlagen habe.)
      
      169. Drittens, wenn feststeht, dass die unionsrechtlichen Grundrechte in allen Bereichen garantiert sind, in denen die Union die
         geteilte oder ausschließliche Zuständigkeit besitzt, könnten die Mitgliedstaaten vielleicht dazu veranlasst werden, auf bestimmten
         besonders heiklen Rechtsgebieten (etwa im Zuwanderungs- oder im Strafrecht) detaillierte abgeleitete Unionsrechtsakte auf
         den Weg zu bringen, die auch den genauen Umfang der Unionsgrundrechte angemessen festlegen, statt es dem Gerichtshof zu überlassen, Grundrechtsprobleme
         ad hoc immer nur dann zu lösen, wenn ein entsprechender Rechtsstreit geführt wird.
      
      170. Viertens stünde eine solche Festlegung des Geltungsbereichs der Unionsgrundrechte im Einklang mit allen Konsequenzen der Unionsbürgerschaft,
         die „dazu bestimmt [ist], der grundlegende Status der Angehörigen der Mitgliedstaaten zu sein“(149). Dieser Status verträgt sich schlecht mit der Vorstellung, dass Grundrechtsschutz nur partiell und fragmentiert besteht,
         dass er also davon abhängt, ob irgendeine einschlägige materiell-rechtliche Bestimmung unmittelbare Wirkung entfaltet bzw.
         ob der Rat und das Europäische Parlament Rechtssetzungsbefugnisse ausgeübt haben. Langfristig wird nur ein lückenloser Grundrechtsschutz
         im Rahmen des Unionsrechts in allen Bereichen ausschließlicher oder geteilter Unionszuständigkeit dem Begriff der Unionsbürgerschaft
         gerecht.
      
      171. Allerdings meine ich, dass der Gerichtshof trotz dieser erheblichen Vorteile einen solchen Schritt im vorliegenden Fall nicht
         allein vollziehen kann.
      
      172. Wenn die Anwendung der Unionsgrundrechte allein an das Bestehen einer ausschließlichen oder geteilten Unionszuständigkeit
         geknüpft wird, würde ein eindeutiges föderalistisches Element in den Aufbau des rechtlichen und politischen Systems der Union
         eingeführt. Einfach gesagt: Eine Veränderung dieser Art entspräche derjenigen, die sich im Verfassungsrecht der USA im Anschluss
         an die Entscheidung in der Rechtssache Gitlow/New York(150) vollzogen hat, in der der Supreme Court der Vereinigten Staaten die Reichweite mehrerer im Ersten Zusatzartikel der Verfassung
         verankerten Rechte auf die einzelnen Bundesstaaten ausdehnte. Nach dieser Rechtsprechung zur „Rechtsübernahme“, die seither
         auf die Klausel über das faire Verfahren im Vierzehnten Zusatzartikel gestützt wird, ist kein Ortswechsel zwischen den Bundesstaaten
         und auch kein Rechtssetzungsakt des Kongresses erforderlich. Der Supreme Court hält bestimmte Grundrechte für so bedeutsam,
         dass sie „zu den fundamentalen persönlichen Rechten und Freiheiten gehören, die durch die Klausel über das faire Verfahren
         … gegen Beeinträchtigungen seitens der Bundesstaaten geschützt sind“.(151)
      
      173. Die föderalisierende Wirkung des amerikanischen Lehrsatzes zur Rechtsübernahme ist bekannt. Ein Wandel dieser Art würde die
         unionsrechtlichen Grundrechte in ihrem innersten Wesen rechtlich und politisch verändern. Sie bedarf daher sowohl einer Weiterentwicklung in der Rechtsprechung als auch einer unmissverständlichen politischen Erklärung der Mächte, aus denen sich die Union zusammensetzt (ihrer Mitgliedstaaten)
         in Richtung einer neuen Stellung der Grundrechte in der Union.
      
      174. Im hier vorliegenden konkreten Fall ist der maßgebende Zeitpunkt die Geburt von Diego, des zweiten Kindes von Herrn Ruiz Zambrano,
         am 1. September 2003. Dieses Ereignis (ein Unionsbürger kommt ins Spiel) ist es, das – sollte Herr Ruiz Zambrano Recht haben
         – die belgischen Behörden dazu hätte veranlassen müssen, Herrn Ruiz Zambrano ein abgeleitetes Aufenthaltsrecht zuzuerkennen
         und seinen Antrag auf Leistungen bei Arbeitslosigkeit entsprechend zu behandeln.
      
      175. Damals bestand der Vertrag über die Europäische Union seit dem Vertrag von Maastricht im Wesentlichen unverändert. Der Gerichtshof
         hatte in seinem Gutachten 2/94 klar festgestellt, dass die Europäische Gemeinschaft seinerzeit keine Befugnisse zur Ratifizierung
         der EMRK gehabt habe.(152) Die Charta war noch „soft law“ ohne unmittelbare Wirkung und ohne Übernahme in den Vertrag. Der Vertrag von Lissabon war
         noch nicht einmal angedacht. Angesichts dessen meine ich, dass die erforderliche konstitutionelle Entwicklung im Bereich der
         Unionsgrundlagen, die die Aussage zulässt, dass die unionsrechtlichen Grundrechte als unabhängige und eigenständige Rechte
         geltend gemacht werden können, einfach noch nicht stattgefunden hatte.
      
      176. In Beantwortung der letzten von mir umformulierten Frage komme ich daher zu dem Ergebnis, dass zu der für den Sachverhalt
         maßgebenden Zeit das unionsrechtliche Grundrecht auf Achtung des Familienlebens weder von einem Drittstaatsangehörigen noch
         von einem Unionsbürger weder im Hoheitsgebiet des Mitgliedstaats, dessen Staatsangehörigkeit der Unionsbürger besitzt, noch
         anderenorts im Hoheitsgebiet der Mitgliedstaaten als eigenständiges Recht ohne einen anderweitigen Bezug zum Unionsrecht geltend
         gemacht werden konnte.
      
      177. Mit diesem Antwortvorschlag akzeptiere ich, dass der Gerichtshof im vorliegenden Fall nicht ohne Weiteres einem Wandel vorgreifen
         sollte. Ich bin jedoch der Meinung, dass sich der Gerichtshof (eher früher als später) entscheiden muss, ob er mit den sich
         entwickelnden Verhältnissen Schritt halten oder ob er legislativen und politischen Entwicklungen hinterherlaufen will, die
         sich bereits vollzogen haben. Irgendwann wird der Gerichtshof – vermutlich durch ein Vorabentscheidungsersuchen eines nationalen
         Gerichts – mit einem Fall befasst werden, im Rahmen dessen er sich der Frage stellen muss, ob die Union nicht nunmehr an der
         Schwelle zu einer Verfassungsänderung steht (wie dies der Gerichtshof selbst in seinem Gutachten vom 28. März 1996 zum Teil
         vorausgesehen hat). Die Beantwortung dieser Frage kann derzeit noch zurückgestellt werden, aber wahrscheinlich nicht mehr
         sehr viel länger.
      
       Ergebnis
      178. Nach alledem bin ich der Auffassung, dass der Gerichtshof die vom Tribunal du travail de Bruxelles angesprochenen Punkte wie
         folgt beantworten sollte:
      
      –      Die Art. 20 AEUV und 21 AEUV (früher Art. 17 EG und 18 EG) sind dahin auszulegen, dass sie ein auf der Unionsbürgerschaft
         beruhendes Aufenthaltsrecht im Hoheitsgebiet der Mitgliedstaaten verleihen, das unabhängig von dem Recht besteht, sich von
         einem Mitgliedstaat in einen anderen zu begeben. Diese Bestimmungen verwehren es einem Mitgliedstaat nicht, einer Person,
         die in aufsteigender Linie mit einem Unionsbürger verwandt ist, der Staatsangehöriger des betreffenden Mitgliedstaats ist
         und von seinen Freizügigkeitsrechten noch keinen Gebrauch gemacht hat, ein abgeleitetes Aufenthaltsrecht zu versagen, sofern
         diese Entscheidung mit dem Verhältnismäßigkeitsgrundsatz vereinbar ist.
      
      –      Art. 18 AEUV (früher Art. 12 EG) ist dahin auszulegen, dass er einer umgekehrten Diskriminierung entgegensteht, die durch
         das Ineinandergreifen von Art. 21 AEUV und nationalem Recht verursacht wird, wenn sie eine Verletzung der im Unionsrecht anerkannten
         Grundrechte beinhaltet und wenn nach nationalem Recht kein mindestens gleichwertiger Schutz zur Verfügung steht.
      
      –      Zu der für das Ausgangsverfahren maßgebenden Zeit konnte das unionsrechtliche Grundrecht auf Achtung des Familienlebens weder
         von einem Drittstaatsangehörigen noch von einem Unionsbürger weder im Hoheitsgebiet des Mitgliedstaats, dessen Staatsangehörigkeit
         der Unionsbürger besitzt, noch anderenorts im Hoheitsgebiet der Mitgliedstaaten als eigenständiges Recht ohne einen anderweitigen
         Bezug zum Unionsrecht geltend gemacht werden.
      
      1 –	Originalsprache: Englisch.
      
      2 –	Ich entlehne den Ausdruck „Union des Rechts“ den Schlussanträgen von Generalanwalt Dámaso Ruiz-Jarabo Colomer in der Rechtssache
         Petersen (C‑228/07, Urteil vom 11. September 2008, Slg. 2008, I‑6989, Nr. 32). Nach seinem plötzlichen und frühen Tod am 12.
         November 2009 habe ich die Bearbeitung dieses Vorabentscheidungsersuchens übernommen. Ich möchte vorweg der bereits von ihm
         geleisteten Arbeit und seinem Engagement im vorliegenden Fall, aber auch ganz allgemein der Qualität und dem Umfang seines
         Beitrags in einem Bereich Anerkennung zollen, der für ihn immer noch eher das „Gemeinschaftsrecht“ als das „Unionsrecht“ war.
      
      3 –	Proklamiert in Nizza am 7. Dezember 2000 (ABl. C 364, S. 1). Das Europäische Parlament hat nach Streichung der Bezugnahmen
         auf die Europäische Verfassung am 29. November 2007 eine aktualisierte Fassung gebilligt (ABl. C 303, S. 1).
      
      4 –	Zur Unterzeichnung aufgelegt am 19. Dezember 1966, Vereinte Nationen, Treaty Series, Vol. 999, S. 171, und Vol. 1057, S. 407.
         Alle Mitgliedstaaten der Europäischen Union sind Vertragsstaaten des Pakts, und zu Art. 17 sind keine Vorbehalte angebracht
         worden.
      
      5 –	Das Übereinkommen wurde durch Resolution 44/52 der Vereinten Nationen vom 20. November 1989 angenommen, Treaty Series,
         Vol. 1577, S. 3. Alle Mitgliedstaaten der Europäischen Union sind Vertragsstaaten des Übereinkommens, und zu Art. 9 Abs. 1
         sind keine Vorbehalte angebracht worden.
      
      6 –	Die Konvention wurde am 4. November 1950 in Rom unterzeichnet und von allen Mitgliedstaaten der Europäischen Union ratifiziert.
         Hinsichtlich des Protokolls Nr. 4 ist die Lage etwas komplizierter. Nach derzeitigem Stand hat Griechenland das Protokoll
         weder unterzeichnet noch ratifiziert, während das Vereinigte Königreich es zwar unterzeichnet, aber nicht ratifiziert hat.
         Irland, die Niederlande und Österreich haben zu Art. 3 Vorbehalte in bestimmten Punkten angebracht, die für den Sachverhalt
         und die Rechtsfragen im vorliegenden Fall jedoch ohne Belang sind. 
      
      7 –	Diese weiteren Anträge erfolgten jeweils im Anschluss an die Geburt seines zweiten bzw. seines dritten Kindes: siehe unten,
         Nr. 26.
      
      8 –	Nach den einschlägigen kolumbianischen Rechtsvorschriften erwerben außerhalb des kolumbianischen Hoheitsgebiets geborene
         Kinder die kolumbianische Staatsbürgerschaft nur dann, wenn gegenüber dem zuständigen Konsularbeamten eine ausdrückliche entsprechende
         Erklärung abgegeben wird. Für Diego und Jessica Ruiz Moreno ist eine solche Erklärung nicht erfolgt.
      
      9 –	Siehe oben, Nr. 21.
      
      10 –	Art. 43 Abs. 1 Satz 2 des Königlichen Erlasses vom 25. November 1991 und Art. 7 Abs. 14 Satz 2 des Erlassgesetzes vom 28.
         Dezember 1944. 
      
      11 –	Siehe oben, Nr. 24 bzw. Nr. 22.
      
      12 –	Art. 43 Abs. 1 Satz 1 und Art. 69 Abs. 1 des Königlichen Erlasses vom 25. November 1991 sowie Art. 7 Abs. 14 Satz 1 des
         Erlassgesetzes vom 28. Dezember 1944.
      
      13 –	Nach ständiger Rechtsprechung dient eine Aufenthaltsgenehmigung nicht zur Verleihung, sondern zur Bescheinigung des Aufenthaltsrechts:
         vgl. Urteile vom 8. April 1976, Royer (48/75, Slg. 1976, 497, Randnr. 50), und vom 17. Februar 2005, Oulane (C‑215/03, Slg.
         2005, I‑1215, Randnr. 25).
      
      14 –	Richtlinie 90/364/EWG des Rates vom 28. Juni 1990 über das Aufenthaltsrecht (ABl. L 180, S. 26), inzwischen ersetzt durch
         die Richtlinie 2004/38/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 29. April 2004 über das Recht der Unionsbürger und
         ihrer Familienangehörigen, sich im Hoheitsgebiet der Mitgliedstaaten frei zu bewegen und aufzuhalten (ABl. L 158, S. 77, Berichtigung
         veröffentlicht in ABl. 2004, L 229, S. 35).
      
      15 –	Art. 40a des Gesetzes vom 15. Dezember 1980 und Art. 2 des Königlichen Erlasses vom 9. Juni 1999. 
      
      16 –	Vgl. Urteil vom 18. Oktober 1990, Dzodzi (C‑297/88 und C‑197/89, Slg. 1990, I‑3763, Randnr. 42).
      
      17 –	Conseil d’État, Urteil 193.348 vom 15. Mai 2009 und Urteil 196.294 vom 22. September 2009; Cour Constitutionnelle, Urteil
         174/2009 vom 3. November 2009.
      
      18 –	Vgl. z. B. Urteile vom 5. Dezember 2000, Guimont (C‑448/98, Slg. 2000, I‑10663, Randnr. 23), vom 5. März 2002, Reisch u. a.
         (C‑515/99, C‑519/99 bis C‑524/99 und C‑526/99 bis C‑540/99, Slg. 2002, I‑2157, Randnr. 26), vom 11. September 2003, Anomar
         u. a. (C‑6/01, Slg. 2003, I‑8621, Randnr. 41), und vom 1. April 2008, Gouvernement de la Communauté française und Gouvernement
         wallon (C‑212/06, Slg. 2008, I‑1683, Randnr. 29).
      
      19 –	Urteil Gouvernement de la Communauté française und Gouvernement wallon, oben in Fn. 18 angeführt, Randnr. 40.
      
      20 –	Urteil vom 11. Juli 2002 (C‑60/00, Slg. 2002, I‑6279).
      
      21 –	Urteil vom 25. Juli 2002 (C‑459/99, Slg. 2002, I‑6591).
      
      22 –	Urteil vom 19. Oktober 2004 (C‑200/02, Slg. 2004, I‑9925). Nach Prüfung der Akte des Ausgangsverfahrens in der Rechtssache
         Zhu und Chen nutze ich die Gelegenheit, um eine lang anhaltende Namensverwirrung aufzuklären. Die Mutter von Catherine war
         als Lavette Man Chen geboren worden. Sie heiratete Guoqing Zhu (bekannt als Hopkins Zhu) und wurde Frau Zhu. Die Tochter des
         Ehepaars war damit Catherine Zhu. Mutter und Tochter trugen beide den Nachnamen Zhu, als die Klage im Ausgangsverfahren der
         Rechtssache C-200/02 erhoben wurde. Die Bezugnahme auf Chen (und die Verwirrung darüber, welche der Klageparteien Zhu war
         und welche Chen) beruht auf einem schlichten Missverständnis.
      
      23 –	Vgl. insbesondere meine Schlussanträge in der Rechtssache Gouvernement de la Communauté française und Gouvernement wallon,
         Urteil oben in Fn. 18 angeführt.
      
      24 –	Oben in Fn. 20 angeführt, Randnr. 41; vgl. auch Urteile MRAX, oben in Fn. 21 angeführt, Randnr. 53, vom 27. April 2006,
         Kommission/Deutschland (C‑441/02, Slg. 2006, I‑3449, Randnr. 109), vom 14. April 2005, Kommission/Spanien (C‑157/03, Slg.
         2005, I‑2911, Randnr. 26), vom 31. Januar 2006, Kommission/Spanien (C‑503/03, Slg. 2006, I‑1097, Randnr. 41), vom 23. September
         2003, Akrich (C‑109/01, Slg. 2003, I‑9607, Randnrn. 58 f.), vom 27. Juni 2006, Parlament/Rat (C‑540/03, Slg. 2006, I‑5769,
         Randnr. 52), und vom 25. Juli 2008, Metock u. a. (C‑127/08, Slg. 2008, I‑6241, Randnr. 79). Zum gemeinschaftlichen Grundrecht
         auf Achtung des Familienlebens und seiner Auswirkung auf Drittstaatsangehörige vgl. Carrera, S., In Search of the Perfect Citizen?, Marinus Nijhoff Publishers, Leiden, 2009, S. 375 bis 388. 
      
      25 –	Vgl. Urteil des EGMR vom 2. August 2001 in der Rechtssache Boultif/Schweiz, Beschwerde Nr. 54273/00, Reports of Judgements
         and Decisions 2001-IX, §§ 39, 41 und 46.
      
      26 –	Vgl. auch Urteil des EGMR vom 11. Juli 2002 in der Rechtssache Amrollahi/Dänemark, Beschwerde Nr. 56811/00, nicht in der
         amtlichen Sammlung veröffentlicht, §§ 33 bis 44.
      
      27 –	Urteil des EGMR vom 9. Oktober 2003 in der Rechtssache Slivenko/Lettland, Beschwerde Nr. 48321/99, Reports of Judgements
         and Decisions 2003-X, § 94.
      
      28 –	Vgl. Urteile des EGMR vom 26. September 1997 in der Rechtssache Mehemi/Frankreich, Beschwerde Nr. 25017/94, Reports of
         Judgements and Decisions 1997‑VI, § 34, und vom 19. Februar 1998 in der Rechtssache Dalia/Frankreich, Beschwerde Nr. 26102/95,
         Reports of Judgements and Decisions 1998‑I, § 52.
      
      29 –	Urteil des EGMR vom 21. Dezember 2001 in der Rechtssache Sen/Niederlande, Beschwerde Nr. 31465/96, nicht in der amtlichen
         Sammlung veröffentlicht, § 40.
      
      30 –	Zu den Unterschieden zwischen der Rechtsprechung des Gerichtshofs und derjenigen des EGMR zu Art. 8 EMRK vgl. Sudre, F.,
         Les grands arrêts de la Cour européenne des Droits de l’Homme, 3. Aufl., PUF, Paris, 2003, S. 510 f.
      
      31 –	Vgl. Urteil Carpenter, oben in Fn. 20 angeführt. Im Urteil Zhu und Chen, oben in Fn. 22 angeführt, waren formal sowohl
         die im Kleinkindalter befindliche Tochter (Catherine Zhu, die Unionsbürgerin) als auch die Drittstaatsangehörige (ihre Mutter,
         Frau Zhu) Klägerinnen. Angesichts des Alters von Catherine wurde die Klage praktisch von der Mutter allein namens ihrer Tochter
         und im eigenen Namen erhoben. 
      
      32 –	Vgl. Urteil Carpenter, oben in Fn. 20 angeführt, Randnr. 44. Nach den Einwanderungsgesetzen des Vereinigten Königreichs
         hatte Frau Carpenter ihren Aufenthalt „überzogen“ (sie hatte eine Genehmigung zur Einreise in das Vereinigte Königreich erhalten,
         blieb dann aber nach Ablauf der Genehmigung weiterhin im Land), während es sich bei Herrn Ruiz Zambrano um einen Asylbewerber
         handelt, dessen Asylantrag abgelehnt wurde. Nach meinem Verständnis lässt sich jedoch unter diesem Gesichtspunkt keine Abgrenzung
         vornehmen. Aus dem Urteil Carpenter ergibt sich, dass der Secretary of State nach innerstaatlichem Recht gegen Frau Carpenter
         vorgehen durfte, wie auch im vorliegenden Fall die belgischen Behörden gegen Herrn Ruiz Zambrano vorgehen dürfen. 
      
      33 –	Vgl. Urteil Carpenter, oben in Fn. 20 angeführt, Randnr. 44. 
      
      34 –	Vgl. Urteile Carpenter, oben in Fn. 20 angeführt, Randnr. 44, Zhu und Chen, in Fn. 22 angeführt, Randnrn. 36 bis 41, Akrich,
         oben in Fn. 24 angeführt, Randnr. 57, sowie Metock u. a., oben in Fn. 24 angeführt, Randnr. 75.
      
      35 –	Vgl. Urteil Parlament/Rat, oben in Fn. 24 angeführt, Randnr. 38.
      
      36 –	Vgl. Art. 6 Abs. 1 EUV.
      
      37 –	Wie dargelegt könnte Herr Ruiz Zambrano die von ihm jetzt beantragten Leistungen bei Arbeitslosigkeit aufgrund der von
         ihm geleisteten Beiträge beanspruchen, wenn seine Tätigkeit bei Plastoria ab der Geburt von Diego als anrechnungsfähige Beschäftigungszeit
         anerkannt würde.
      
      38 –	In der Rechtssache Trojani (Urteil vom 7. September 2004, C‑456/02, Slg. 2004, I‑7573) scheint der Umstand, dass die städtischen
         Behörden von Brüssel eine Aufenthaltsgenehmigung (permis de séjour) erteilt hatten, obwohl die belgischen Sozialversicherungsbehörden
         die Zahlung des Minimex ablehnten, einer der Gesichtspunkte gewesen zu sein, die den Gerichtshof zu der Entscheidung bewogen
         haben, dass sich Herr Trojani auf Art. 18 EG (jetzt Art. 21 AEUV) in Verbindung mit Art. 12 EG (jetzt Art. 18 AEUV) berufen
         könne – vgl. Randnr. 44 des Urteils. Die Herrn Ruiz Zambrano derzeit erteilte vorläufige erneuerbare Aufenthaltsgenehmigung
         gilt nur für die Dauer des beim Conseil d’État anhängigen Rechtsmittelverfahrens – siehe oben, Nr. 27.
      
      39 –	Wenn ich richtig verstehe, ist die Ausweisungsverfügung bis zur Entscheidung des Conseil d’État über das Rechtsmittel zwar
         ausgesetzt, aber nicht aufgehoben worden.
      
      40 –	Urteil vom 20. September 2001, Grzelczyk (C‑184/99, Slg. 2001, I‑6193, Randnr. 31), dem folgend u. a. Urteile vom 11. Juli
         2002, D’Hoop (C‑224/98, Slg. 2002, I‑6191, Randnr. 28), vom 17. September 2002, Baumbast und R (C‑413/99, Slg. 2002, I‑7091,
         Randnr. 82), vom 29. April 2004, Orfanopoulos und Oliveri (C‑482/01 und C‑493/01, Slg. 2004, I‑5257, Randnr. 65), vom 2. Oktober
         2003, Garcia Avello (C‑148/02, Slg. 2003, I‑11613, Randnr. 22), Zhu und Chen, oben in Fn. 22 angeführt, Randnr. 25, vom 29.
         April 2004, Pusa (C‑224/02, Slg. 2004, I‑5763, Randnr. 16), vom 7. Juli 2005, Kommission/Österreich (C‑147/03, Slg. 2005,
         I‑5969, Randnr. 45), vom 15. März 2005, Bidar (C‑209/03, Slg. 2005, I‑2119, Randnr. 31), vom 12. Juli 2005, Schempp (C‑403/03,
         Slg. 2005, I‑6421, Randnr. 15), vom 12. September 2006, Spanien/Vereinigtes Königreich (C‑145/04, Slg. 2006, I‑7917, Randnr.
         74), vom 7. Juni 2007, Kommission/Niederlande (C‑50/06, Slg. 2007, I‑9705, Randnr. 32), und vom 16. Dezember 2008, Huber (C‑524/06,
         Slg. 2008, I‑9705, Randnr. 69).
      
      41 –	Urteil vom 5. Februar 1963, Van Gend en Loos (26/62, Slg. 1963, 3, 25). Im Urteil Van Gend en Loos hat der Gerichtshof
         erklärt, dass die Mitgliedstaaten ihre Souveränitätsrechte, „wenn auch in begrenztem Rahmen“, eingeschränkt hätten. Im Gutachten
         des Gerichtshofs vom 28. März 1996, 2/94, Slg. 1996, I‑1759, in dem der Gerichtshof die Aussage aus dem Urteil Van Gend en
         Loos wiederholt hat, findet sich dieser Einschub nicht mehr.
      
      42 –	Urteil vom 11. Juli 1974 (8/74, Slg. 1974, 837, Randnr. 5).
      
      43 –	Vgl. u. a. Urteile vom 12. März 1987, Kommission/Deutschland (178/84, Slg. 1987, 1227, Randnr. 27), vom 23. September 2003,
         Kommission/Dänemark (C‑192/01, Slg. 2003, I‑9693, Randnr. 39), vom 11. Dezember 2003, Deutscher Apothekerverband (C‑322/01,
         Slg. 2003, I‑14887, Randnr. 66), vom 19. Juni 2003, Kommission/Italien (C‑420/01, Slg. 2003, I‑6445, Randnr. 25), und vom
         5. Februar 2004, Kommission/Frankreich (C‑24/00, Slg. 2004, I‑1277, Randnr. 22).
      
      44 –	Urteil vom 9. September 2004 (C‑72/03, Slg. 2004, I‑8027).
      
      45 –	Der Generalanwalt hat das Wesen der in Fällen wie in der Rechtssache Carbonati Apuani in Rede stehenden Maßnahmen ungeschminkt
         beschrieben und eingeräumt, dass „die Diskriminierung weder allein durch die inländische Regelung noch allein durch das Gemeinschaftsrecht
         hervorgerufen [wird]. Vielmehr ist sie das Ergebnis der teilweisen Anwendung des [Unions]rechts auf die betreffende inländische
         Regelung. Selbst wenn dies weder gewollt noch vorgesehen war, ist ein derartiger Sachverhalt die notwendige Folge der Anwendung
         des [Unions]rechts. Selbst wenn dieser Sachverhalt in seinen Grundzügen dem inländischen Recht zuzuordnen ist, so stellt er
         aus dem Blickwinkel des [Unions]rechts doch auch einen ‚sonstigen‘ Sachverhalt dar. Wegen seiner beabsichtigten oder unbeabsichtigten
         Wirkungen wird das [Unions]recht zu einem der konstitutiven Elemente des betroffenen Sachverhalts“ (Nr. 62).
      
      46 –	Urteil Carbonati Apuani, oben in Fn. 44 angeführt, Randnr. 23.
      
      47 –	Urteil vom 25. Juli 1991 (C‑76/90, Slg. 1991, I‑4221).
      
      48 –	Urteil Säger, Randnr. 12.
      
      49 –	Urteil vom 31. März 1993 (C‑19/92, Slg. 1993, I‑1663, Randnrn. 28 und 32).
      
      50 –	Urteil Kraus, Randnr. 32. Vgl. weiter insbesondere Urteil vom 7. Juli 1992, Singh (C‑370/90, Slg. 1992, I‑4265, Randnr.
         23), in dem diese Rechtsprechung auf die aus Ehemann und Ehefrau bestehende Familieneinheit übertragen wird.
      
      51 –	Vgl. u. a. Urteile vom 30. November 1995, Gebhard (C‑55/94, Slg. 1995, I‑4165, Randnr. 37), vom 9. September 2003, Burbaud
         (C‑285/01, Slg. 2003, I‑8219, Randnr. 95), vom 14. Oktober 2004, Kommission/Niederlande (C‑299/02, Slg. 2004, I‑9761, Randnr.
         15), vom 26. Mai 2005, Allard (C‑249/04, Slg. 2005, I‑4535, Randnr. 32), und vom 17. Juli 2008, Kommission/Frankreich (C‑389/05,
         Slg. 2008, I‑5337, Randnr. 56).
      
      52 –	Urteil vom 10. Mai 1995 (C‑384/93, Slg. 1995, I‑1141).
      
      53 –	Oben in Fn. 20 angeführt.
      
      54 –	Urteil Carpenter, oben in Fn. 20 angeführt, Randnr. 39.
      
      55 –	Oben in Fn. 24 angeführt.
      
      56 –	Urteil Metock u. a., oben in Fn. 24 angeführt, Randnr. 58.
      
      57 –	Urteil vom 24. November 1998 (C‑274/96, Slg. 1998, I‑7637).
      
      58 –	Urteil vom 12. Mai 1998 (C‑85/96, Slg. 1998, I‑2591).
      
      59 –	Oben in Fn. 40 angeführt.
      
      60 –	Oben in Fn. 40 angeführt.
      
      61 –	Urteil vom 14. Oktober 2008 (C‑353/06, Slg. 2008, I‑7639).
      
      62 –	Oben in Fn. 40 angeführt.
      
      63 –	Oben in Fn. 22 angeführt.
      
      64 –	Urteil vom 2. März 2010 (C‑135/08, Slg. 2010, I‑0000).
      
      65 –	Siehe unten, Nrn. 93 ff.
      
      66 –	Vgl. Art. 22 AEUV (früher Art. 19 EG) mit ausdrücklicher Bezugnahme auf jeden Unionsbürger „mit Wohnsitz in einem Mitgliedstaat,
         dessen Staatsangehörigkeit er nicht besitzt“, sowie Art. 20 Abs. 2 Buchst. b AEUV (früher Art. 17 EG), in dem es heißt, dass
         die Unionsbürger diese Rechte ausüben „in dem Mitgliedstaat, in dem sie ihren Wohnsitz haben, … wobei für sie dieselben Bedingungen
         gelten wie für die Angehörigen des betreffenden Mitgliedstaats“.
      
      67 –	Beide Rechte werden durch Art. 24 AEUV (früher Art. 21 EG) begründet. Gemäß dieser Vorschrift könnte sich (vermutlich)
         ein Unionsbürger auch von irgendeinem Ort der Welt aus schriftlich an jedes Organ wenden, sofern er die Erfordernisse hinsichtlich
         der Sprache beachtet, und könnte eine Antwort erwarten. Daher könnten (z. B.) die Kinder von Herrn Ruiz Zambrano von einem
         beliebigen Drittstaat ebenso wie von einem beliebigen Mitgliedstaat aus eines der Organe in Spanisch anschreiben und hätten
         ein Recht auf eine Stellungnahme.
      
      68 –	Wie es in den Art. 20 Abs. 2 Buchst. a AEUV (früher Art. 17 EG) und Art. 21 Abs. 1 AEUV (früher Art. 18 Abs. 1 EG) heißt.
      
      69 –	Urteil vom 30. März 1993 (C‑168/91, Slg. 1993, I‑1191).
      
      70 –	Schlussanträge in der Rechtssache Konstantinidis, Urteil oben in Fn. 69 angeführt, Nr. 46.
      
      71 –	Es liegt auf der Hand, dass die Eltern der Kinder selbst vernünftigerweise keinen solchen Ausflug ins Auge fassen könnten,
         da sie riskieren würden, dass ihnen die Wiedereinreise nach Belgien verwehrt wird.
      
      72 –	Vgl. Urteil vom 2. Februar 1989, Cowan (186/87, Slg. 1989, 195, Randnr. 15).
      
      73 –	Urteil Rottmann, oben in Fn. 64 angeführt, Randnr. 38 (Hervorhebung nur hier).
      
      74 –	Ebd., Randnr. 42 (Hervorhebung nur hier).
      
      75 –	Siehe oben, Nrn. 86 f., in denen die Auswirkungen auf das Recht auf Achtung des Familienlebens untersucht werden.
      
      76 –	Selbstverständlich besteht theoretisch die Möglichkeit, dass ein anderer Mitgliedstaat zur Aufnahme der Familie bereit
         ist. In diesem Fall könnten Diego und Jessica weiterhin – zumindest in gewissem Umfang – ihre Rechte als Unionsbürger wahrnehmen.
      
      77 –	Vgl. Urteile Akrich, oben in Fn. 24 angeführt, Randnrn. 55 bis 57 (zu den nach dem Unionsrecht bestehenden Rechten) sowie
         Zhu und Chen, oben in Fn. 22 angeführt, Randnr. 36 (zu den zunächst aus innerstaatlichem Recht hergeleiteten Rechten).
      
      78 –	Auch das irische Staatsangehörigkeitsrecht wurde (damals nach der Entscheidung des Gerichtshofs in der Rechtssache Zhu und Chen) durch den Irish Nationality and Citizenship Act 2004 geändert.
      
      79 –	Vgl. Urteile vom 7. Juli 1992, Micheletti (C‑369/90, Slg. 1992, I‑4239, Randnr. 10), vom 11. November 1999, Mesbah (C‑179/98,
         Slg. 1999, I‑7955, Randnr. 29), vom 20. Februar 2001, Kaur (C‑192/99, Slg. 2001, I‑1237, Randnr. 19), sowie Zhu und Chen,
         oben in Fn. 22 angeführt, Randnr. 37.
      
      80 –	Urteil Kaur, oben in Fn. 79 angeführt.
      
      81 –	Ebd. (das Urteil Kaur wird im Urteil Rottmann, Randnr. 49, angeführt): vgl. insbesondere Randnrn. 20 bis 24.
      
      82 –	Oben in Fn. 79 angeführt, Randnr. 10.
      
      83 –	Oben in Fn. 79 angeführt, Randnr. 19.
      
      84 –	Oben in Fn. 64 angeführt, Randnrn. 41 f.
      
      85 –	Oben in Fn. 57 angeführt, Randnr. 17.
      
      86 –	Oben in Fn. 40 angeführt, Randnr. 25.
      
      87 –	In Fn. 40 angeführt, Randnr. 19.
      
      88 –	Urteil Rottmann, oben in Fn. 64 angeführt, Randnr. 55.
      
      89 –	Ebd., Randnr. 56.
      
      90 –	Nach den Schlussfolgerungen des Vorsitzes des Europäischen Rats von Tampere vom 15. und 16. Oktober 1999, „besteht [die
         Herausforderung] nunmehr darin, sicherzustellen, dass Freiheit, die das Recht auf Freizügigkeit in der gesamten Union beinhaltet,
         in einem Rahmen der Sicherheit und des Rechts in Anspruch genommen werden kann, der für alle zugänglich ist … Diese Freiheit
         sollte jedoch nicht als ausschließliches Vorrecht für die Bürger der Union betrachtet werden. Die Tatsache, dass sie existiert,
         hat Sogwirkung auf viele andere Menschen in der Welt, die nicht in der Freiheit leben, die die Unionsbürger als selbstverständlich
         empfinden. Es stünde im Widerspruch zu den Traditionen Europas, wenn diese Freiheit den Menschen verweigert würde, die wegen
         ihrer Lebensumstände aus berechtigten Gründen in unser Gebiet einreisen wollen“ (Nrn. 2 f.). Auf gleicher Linie fordert der
         Europäische Rat vom 15. und 16. Oktober 2008 im Europäischen Pakt zu Einwanderung und Asyl die Mitgliedstaaten auf, eine „harmonische
         Integration der Migranten, bei denen Aussicht auf dauerhaften Verbleib besteht, in ihr Aufnahmeland zu fördern; diese Politik,
         deren Umsetzung den Aufnahmeländern echte Anstrengungen abverlangen wird, muss auf Ausgewogenheit zwischen den Rechten der
         Migranten (insbesondere Zugang zu Bildung, Arbeit, Sicherheit sowie öffentlichen und sozialen Dienstleistungen) und deren
         Pflichten … beruhen“.
      
      91 –	Urteil Carpenter, oben in Fn. 20 angeführt, Randnr. 44.
      
      92 –	Oben in Fn. 40 angeführt.
      
      93 –	Urteil Baumbast und R, oben in Fn. 40 angeführt, Randnr. 90.
      
      94 –	Ebd., Randnr. 91.
      
      95 –	Vgl. u. a. Urteile vom 2. August 1993, Allué u. a. (C‑259/91, C‑331/91 und C‑332/91, Slg. 1993, I‑4309, Randnr. 15), Zhu
         und Chen, oben in Fn. 22 angeführt, Randnr. 32, sowie Rottmann, oben in Fn. 64 angeführt, Randnr. 56.
      
      96 –	Oben in Fn. 40 angeführt, Randnrn. 82 bis 84.
      
      97 –	Zwei frühe, nachdenkliche Abhandlungen zu Umfang und Bedeutung der Unionsbürgerschaft nach Inkrafttreten des Vertrags von
         Maastricht finden sich bei O’Leary, S., The Evolving Concept of Community Citizenship, Den Haag/London/Boston, Kluwer Law International, 1996, und Closa, C., „The Concept of Citizenship in the Treaty on European
         Union“, Common Market Law Review 1992, S. 1137 bis 1169.
      
      98 –	Zur Bedeutung der Unionsbürgerschaft und der Bindungen des Einzelnen an eine politische Gemeinschaft vgl. Urteil Spanien/Vereinigtes
         Königreich, oben in Fn. 40 angeführt, Randnrn. 78 f.
      
      99 –	Vgl. Urteil Carpenter, oben in Fn. 20 angeführt, Randnr. 39. Die Richtlinie 2004/38 ist zwar im vorliegenden Fall nicht
         einschlägig, es heißt aber in ihrem fünften Erwägungsgrund: „Das Recht aller Unionsbürger, sich im Hoheitsgebiet der Mitgliedstaaten
         frei zu bewegen und aufzuhalten, sollte, wenn es unter objektiven Bedingungen in Freiheit und Würde ausgeübt werden soll,
         auch den Familienangehörigen ungeachtet ihrer Staatsangehörigkeit gewährt werden.“
      
      100 –	Vgl. Urteil Metock u. a., oben in Fn. 24 angeführt, Randnr. 56.
      
      101 –	Vgl. Urteil Rottmann, oben in Fn. 64 angeführt, Randnrn. 41 f.
      
      102 –	Oben in Fn. 42 angeführt.
      
      103 –	Vgl. u. a. Urteile vom 13. März 1979, Peureux (86/78, Slg. 1979, 897, Randnr. 38), vom 23. Oktober 1986, Cognet (355/85,
         Slg. 1986, 3231, Randnrn. 10 f.), vom 18. Februar 1987, Mathot (98/86, Slg. 1987, 809, Randnr. 7), Gouvernement de la Communauté
         française und Gouvernement wallon, oben in Fn. 18 angeführt, Randnr. 33, sowie Metock u. a., oben in Fn. 24 angeführt, Randnr.
         77. Generalanwälte haben unterschiedliche Haltungen in diesem Punkt eingenommen. Vgl. Schlussanträge von Generalanwalt Léger
         in der Rechtssache Granarolo (C‑294/01, Urteil vom 13. November 2003, Slg. 2003, I‑13429, Nrn. 78 ff.), Schlussanträge von
         Generalanwalt Poiares Maduro in der Rechtssache Carbonati Apuani, Urteil oben in Fn. 44 angeführt, Randnrn. 51 ff., und meine
         Schlussanträge in der Rechtssache Gouvernement de la Communauté française und Gouvernement wallon, Urteil oben in Fn. 18 angeführt,
         Nrn. 112 ff.
      
      104 –	Eine kritische Untersuchung findet sich u. a. bei Tryfonidou, A., Reverse Discrimination in EC Law, Kluwer Law International, Den Haag, 2009, bei Spaventa, E., Free Movement of Persons in the EU: Barriers to Movement in their Constitutional Context, Kluwer Law International, Den Haag, 2007, bei Barnard, C., EC Employment Law, 3. Aufl., Oxford University Press, Oxford, 2006, S. 213 f., bei Shuibhne, N. N., „Free Movement of Persons and the Wholly
         Internal Rule: Time to Move On?“, Common Market Law Review, 2002, S. 748, und bei Ritter, C., „Purely internal situations, reverse discrimination, Guimont, Dzodzi and Article 234“,
         31 European Law Review, 2006.
      
      105 –	Oben in Fn. 20 angeführt.
      
      106 –	Oben in Fn. 22 angeführt.
      
      107 –	Urteil Akrich, oben in Fn. 24 angeführt, Randnr. 50, in der Zusammenfassung im Urteil Metock u. a., oben in Fn. 24 angeführt,
         Randnr. 58.
      
      108 –	Oben in Fn. 21 angeführt.
      
      109 –	Oben in Fn. 24 angeführt.
      
      110 –	Vgl. Urteil Akrich, oben in Fn. 24 angeführt, Randnrn. 77 bis 79.
      
      111 –	Vgl. die in Fn. 40 angeführte Rechtsprechung.
      
      112 –	Im Fall einer Berufung auf durch die Charta anerkannte Grundrechte, die nicht die in der EMRK verankerten Rechte replizieren,
         müsste zwangsläufig eine eigene Rechtsprechung entwickelt werden, was aber im üblichen unionsrechtlichen Kontext wohl ohnehin
         geschehen dürfte.
      
      113 –	Diese Kooperationsaufgabe ist dem Gerichtshof implizit durch Art. 52 Abs. 3 der Charta der Grundrechte übertragen, in dem
         es heißt: „Soweit diese Charta Rechte enthält, die den durch die Europäische Konvention zum Schutz der Menschenrechte und
         Grundfreiheiten garantierten Rechten entsprechen, haben sie die gleiche Bedeutung und Tragweite, wie sie ihnen in der genannten
         Konvention verliehen wird. Diese Bestimmung steht dem nicht entgegen, dass das Recht der Union einen weitergehenden Schutz
         gewährt.“ Dass der Gerichtshof eine aktive Haltung bei der Förderung des durch die EMRK vorgesehenen Mindestschutzniveaus
         einnehmen muss, wird u. a. dargelegt von Alonso, R., „The General Provisions of the Charter of Fundamental Rights of the European
         Union“, European Law Journal, 8 2002, S. 450 ff., und von Torres Pérez, A., Conflicts of Rights in the European Union. A Theory of Supranational Adjudication, Oxford University Press, Oxford, 2009, S. 31 ff.
      
      114 –	Vgl. u. a. Urteile vom 14. Dezember 1995, Peterbroeck (C‑312/93, Slg. 1995, I‑4599, Randnr. 14), und vom 13. März 2007,
         Test Claimants in the Thin Cap Group Litigation (C‑524/04, Slg. 2007, I‑2107, Randnr. 123).
      
      115 –	Vgl. u. a. Urteile vom 15. September 1998, Edis (C‑231/96, Slg. 1998, I‑4951, Randnr. 36), und vom 1. Dezember 1998, Levez
         (C‑326/96, Slg. 1998, I‑7835, Randnr. 41).
      
      116 –	Vgl. u. a. Urteile vom 15. Mai 1986, Johnston (222/84, Slg. 1986, 1651, Randnr. 18), und vom 27. November 2001, Kommission/Österreich
         (C‑424/99, Slg. 2001, I‑9285, Randnr. 45).
      
      117 –	Vgl. u. a. Urteil vom 19. November 1991, Francovich u. a. (C‑6/90 und C‑9/90, Slg. 1991, I‑5357, Randnr. 35), vom 5. März
         1996, Brasserie du Pêcheur und Factortame (C‑46/93 und C‑48/93, Slg. 1996, I‑1029, Randnr. 31), und vom 24. März 2009, Danske
         Slagterier (C‑445/06, Slg. 2009, I‑2119, Randnr. 19).
      
      118 –	Leider verhält es sich nicht so, dass die nationalen Gerichte eine durch das Unionsrecht verursachte umgekehrte Diskriminierung
         stets aufgreifen und ihr abhelfen. In seinem Urteil Gouvernement de la Communauté française und Gouvernement wallon, oben
         in Fn. 18 angeführt, hat der Gerichtshof das nationale Gericht unverblümt aufgefordert, der Ungleichbehandlung von Personen,
         die nicht unter das Unionsrecht fallen, abzuhelfen (Randnr. 40). Die Rechtssache gelangte wieder vor die belgische Cour Constitutionnelle,
         die sich mit diesem Punkt dann aber nicht befasste (vgl. Urteil 11/2009 vom 21. Januar 2009 sowie die kritische Würdigung
         von Van Elsuwege, P., und Adam, S., „The Limits of Constitutional Dialogue for the Prevention of Reverse Discrimination“,
         European Constitutional Law Review, 5 2009, S. 327 ff.). Ein ermutigenderes Beispiel für die Bereitschaft nationaler höchster Gerichte, umgekehrter Diskriminierung
         abzuhelfen (wenngleich nicht unbedingt unter Heranziehung eines hierzu ergangenen Urteils in einem Vorabentscheidungsverfahren),
         ist die Entscheidung des spanischen Verfassungsgerichtshofs (Urteil 96/2002 vom 25. April 2002).
      
      119 –	Vgl. die oben in Fn. 17 angeführten Urteile.
      
      120 –	Vgl. z. B. Urteile vom 17. Dezember 1970, Internationale Handelsgesellschaft (11/70, Slg. 1970, 1125), vom 14. Mai 1974,
         Nold/Kommission (4/73, Slg. 1974, 491), vom 13. Dezember 1979, Hauer (44/79, Slg. 1979, 3727), und vom 21. September 1989,
         Hoechst/Kommission (46/87 und 227/88, Slg. 1989, 2859).
      
      121 –	Vgl. Verordnung (EG) Nr. 168/2007 des Rates vom 15. Februar 2007 zur Errichtung einer Agentur der Europäischen Union für
         Grundrechte (ABl. L 53, S. 1) und Beschluss 2008/203/EG des Rates vom 28. Februar 2008 zur Durchführung der Verordnung (EG)
         Nr. 168/2007 hinsichtlich der Annahme eines Mehrjahresrahmens für die Agentur der Europäischen Union für Grundrechte für den
         Zeitraum 2007–2012 (ABl. L 63, S. 14).
      
      122 –	Zum ersten Mal lautet die Amtsbezeichnung eines der Vizepräsidenten der aktuellen Kommission „Mitglied der Kommission für
         Justiz, Grundrechte und Bürgerschaft“.
      
      123 –	Vgl. u. a. Verordnung (EG) Nr. 1257/96 des Rates vom 20. Juni 1996 über die humanitäre Hilfe (ABl. L 163, S. 1) und Verordnung
         (EG) Nr. 1889/2006 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 20. Dezember 2006 zur Einführung eines Finanzierungsinstruments
         für die weltweite Förderung der Demokratie und der Menschenrechte (ABl. L 386, S. 1).
      
      124 –	Nach Art. 6 Abs. 1 EUV sind jetzt die in der Charta niedergelegten Rechte, Freiheiten und Grundsätze „und die Verträge
         … rechtlich gleichrangig“.
      
      125 –	Urteil des EGMR vom 30. Juni 2005, Bosphorus Hava Yollari Turizm/Irland, Beschwerde Nr. 45036/98, Reports of Judgements
         and Decisions 2005-VI.
      
      126 –	Vgl. Art. 6 Abs. 2 EUV sowie Protokoll (Nr. 8) zu Artikel 6 Absatz 2 des Vertrags über die Europäische Union über den Beitritt
         der Union zur Europäischen Konvention zum Schutz der Menschenrechte und Grundfreiheiten.
      
      127 –	Urteile vom 28. Oktober 1975, Rutili (36/75, Slg. 1975, 1219, Randnr. 26), Johnston, oben in Fn. 116 angeführt, Randnrn.
         17 bis 19, und vom 15. Oktober 1987, Heylens u. a. (222/86, Slg. 1987, 4097, Randnrn. 14 f.).
      
      128 –	Vgl. u. a. Urteile vom 25. November 1986, Klensch u. a. (201/85 und 202/85, Slg. 1986, 3477, Randnrn. 10 f.), vom 13. Juli
         1989, Wachauf (5/88, Slg. 1989, 2609, Randnr. 22), vom 24. März 1994, Bostock (C‑2/92, Slg. 1994, I‑955, Randnr. 16), und
         vom 10. Juli 2003, Booker Aquaculture und Hydro Seafood (C‑20/00 und C‑64/00, Slg. 2003, I‑7411, Randnr. 68).
      
      129 –	Vgl. z. B. Urteil vom 11. Januar 2000, Kreil (C‑285/98, Slg. 2000, I‑69, Randnrn. 15 f.).
      
      130 –	Vgl. u. a. die Urteile des deutschen Bundesverfassungsgerichts vom 29. Mai 1974 („Solange I“, 2 BvL 52/71) und vom 22.
         Oktober 1986 („Solange II“, 2 BvR 197/83), Urteil der italienischen Corte Costituzionale vom 21. April 1989 (Nr. 232, Fragd,
         in Foro it., 1990, I, 1855), Feststellung des spanischen Tribunal Constitucional vom 13. Dezember 2004 (DTC 1/2004) sowie
         Urteil des EGMR in der Rechtssache Bosphorus Hava Yollari Turizm/Irland, oben in Fn. 125 angeführt.
      
      131 –	Oben in Fn. 128 angeführt, Randnr. 19.
      
      132 –	Vgl. u. a. Urteile vom 18. Juni 1991, ERT (C‑260/89, Slg. 1991, I‑2925, Randnrn. 42 ff.), vom 12. Juni 2003, Schmidberger
         (C‑112/00, Slg. 2003, I‑5659, Randnr. 75), und vom 14. Oktober 2004, Omega (C‑36/02, Slg. 2004, I‑9609, Randnrn. 30 f.).
      
      133 –	Oben in Fn. 20 angeführt, Randnrn. 43 f.
      
      134 –	Oben in Fn. 52 angeführt.
      
      135 –	Urteil vom 13. Juni 1996 (C‑144/95, Slg. 1996, I‑2909).
      
      136 –	Ebd., Randnrn. 12 f.
      
      137 –	Urteil vom 29. Mai 1997 (C‑299/95, Slg. 1997, I‑2629, Randnr. 15).
      
      138 –	Ebd., Randnr. 16.
      
      139 –	Ebd., Randnrn. 17 f.
      
      140 –	Urteil vom 13. September 2005, Kommission/Rat (C‑176/03, Slg. 2005, I‑7879).
      
      141 –	Vgl. u. a. Urteile vom 5. Oktober 2000, Deutschland/Parlament und Rat (C‑376/98, Slg. 2000, I‑8419, Randnr. 83), vom 3.
         September 2008, Kadi und Al Barakaat International Foundation/Rat und Kommission (C‑402/05 P und C‑415/05 P, Slg. 2008, I‑6351,
         Randnr. 203), vom 30. April 2009, Italien und Donnici/Parlament (C‑393/07 and C‑9/08, Slg. 2009, I‑3679, Randnr. 67), und
         vom 1. Oktober 2009, Kommission/Rat (C‑370/07, Slg. 2009, I‑8917, Randnr. 46).
      
      142 –	Art. 2 EUV. Die Vorgängerbestimmung, Art. 6 Abs. 1 EU, lautete: „Die Union beruht auf den Grundsätzen der Freiheit, der
         Demokratie, der Achtung der Menschenrechte und Grundfreiheiten sowie der Rechtsstaatlichkeit; diese Grundsätze sind allen
         Mitgliedstaaten gemeinsam.“
      
      143 –	Locke, J., Two Treatises of Government, Cambridge, Cambridge University Press, 1988, Buch II, Abschnitt II.
      
      144 –	Die den Urteilen Singh, oben in Fn. 50 angeführt, Cowan, oben in Fn. 72 angeführt, und Carpenter, oben in Fn. 20 angeführt,
         zugrunde liegenden Sachverhalte sind Beispiele für Fälle, in denen keine besonders unmittelbare Beziehung zwischen Freizügigkeit
         und dem unionsrechtlich vorgesehenen Grundrecht bzw. dem zusätzlichen Schutz besteht. Ich stelle keinesfalls in Frage, dass
         die vom Gerichtshof in diesen drei Fällen erlassenen Entscheidungen unter dem Gesichtspunkt des Rechtsschutzes richtig sind.
         Ich will lediglich darauf hinweisen, dass der Bezug, mit dem der Schutz bejaht wird, gelegentlich recht schwach ausgeprägt
         ist.
      
      145 –	In der Rechtssache Akrich, Urteil oben in Fn. 24 angeführt, hatten Herr und Frau Akrich bei ihrer Befragung durch die zuständigen
         nationalen Stellen offen zugegeben, dass Frau Akrich umgezogen war, um in Irland einer vorübergehenden Arbeitstätigkeit nachzugehen,
         um mit ihrem Ehemann in das Vereinigte Königreich zurückkehren und dort ein gemeinschaftsrechtliches Einreiserecht für ihn
         geltend machen zu können.
      
      146 –	Vgl. Urteil Gouvernement de la Communauté française und Gouvernement wallon, oben in Fn. 18 angeführt.
      
      147 –	Zur ausschließlichen und geteilten Zuständigkeit vgl. Urteile vom 15. Dezember 1976, Donckerwolcke u. a. (41/76, Slg. 1976,
         1921, Randnr. 32), vom 18. Februar 1986, Bulk Oil (174/84, Slg. 1986, 559, Randnr. 31), und vom 16. März 1977, Kommission/Frankreich
         (68/76, Slg. 1977, 515, Randnr. 23). Zur Anwendung dieser Regeln auf die Zuständigkeit der Union für den Bereich der Außenbeziehungen
         vgl. u. a. Urteil vom 31. März 1971, Kommission/Rat („AETR“, 22/70, Slg. 1971, 263).
      
      148 –	Die Erläuterungen zur Charta sind in diesem Punkt eindeutig: „Die Grundrechte, wie sie in der Union garantiert werden,
         werden nur im Rahmen dieser von den Verträgen bestimmten Zuständigkeiten wirksam. Folglich kann sich für die Organe der Union
         nur nach Maßgabe dieser Befugnisse eine Verpflichtung … zur Förderung der in der Charta festgelegten Grundsätze ergeben.“
         Allerdings heißt es in den Erläuterungen weiter, dass „es sich von selbst [versteht], dass der Verweis auf die Charta in Artikel
         6 des Vertrags über die Europäische Union nicht dahin gehend verstanden werden kann, dass sie für sich genommen den als ‚Durchführung
         des Rechts der Union‘ betrachteten Aktionsrahmen der Mitgliedstaaten … ausdehnt“. Ich verstehe diese Bemerkungen als unmissverständliche
         Aussage dahin, dass der unionsrechtliche Grundrechtsschutz an die in der Zuständigkeit der Union liegenden Bereiche anknüpft.
         Der unionsrechtliche Grundrechtsschutz und der Grundrechtsschutz nach nationalem Recht dürften in ihrem Zusammenwirken trotzdem
         zu einem angemessenen Schutz führen (zumindest bei allen Grundrechten, die sowohl in der Charta als auch in der EMRK genannt
         sind).
      
      149 –	Vgl. die oben in Fn. 40 angeführte Rechtsprechung.
      
      150 –	268 U.S. 652 (1925).
      
      151 –	Zum Urteil Gitlow/New York und zum Lehrsatz der Rechtsübernahme vgl. Cortner, R., The Supreme Court and the Second Bill of Rights: The Fourteenth Amendment and the Nationalization of Civil Liberties, University of Wisconsin Press, Madison, 1981, Henkin, L., „‚Selective Incorporation‘ in the Fourteenth Amendment“, Yale Law Journal, 1963, S. 74 bis 88, und Pohlman, H. L., Justice Oliver Wendell Holmes: Free Speech & the Living Constitution, New York University Press, New York, 1991, S. 82 bis 87.
      
      152 –	Oben in Fn. 41 angeführt, Randnr. 6.