CELEX: 62008CJ0172
Language: de
Date: 2010-02-25
Title: Urteil des Gerichtshofes (Zweite Kammer) vom 25. Februar 2010.#Pontina Ambiente Srl gegen Regione Lazio.#Ersuchen um Vorabentscheidung: Commissione tributaria provinciale di Roma - Italien.#Umwelt - Richtlinie 1999/31/EG - Art. 10 - Sonderabgabe für die Deponierung fester Abfälle - Abgabenpflicht des Betreibers einer Deponie - Betriebskosten einer Deponie - Richtlinie 2000/35/EG - Verzugszinsen.#Rechtssache C-172/08.

Rechtssache C-172/08
      Pontina Ambiente Srl
      gegen
      Regione Lazio
      (Vorabentscheidungsersuchen der Commissione tributaria provinciale di Roma)
      „Umwelt – Richtlinie 1999/31/EG – Art. 10 – Sonderabgabe für die Deponierung fester Abfälle – Abgabenpflicht des Betreibers einer Deponie – Betriebskosten einer Deponie – Richtlinie 2000/35/EG – Verzugszinsen“
      Leitsätze des Urteils
      1.        Umwelt – Abfälle – Abfalldeponien – Richtlinie 1999/31 – Verursacherprinzip
      (Richtlinie 1999/31 des Rates, Art. 10)
      2.        Bekämpfung von Zahlungsverzug im Geschäftsverkehr – Rechtsangleichung – Richtlinie 2000/35 – Geltungsbereich
      (Richtlinie 2000/35 des Europäischen Parlaments und des Rates, Art. 1, 2 Punkt 1 und 3)
      1.        Art. 10 der Richtlinie 1999/31 über Abfalldeponien in der durch die Verordnung Nr. 1882/2003 geänderten Fassung ist dahin
         auszulegen, dass er einer nationalen Regelung, die zum einen den Betreiber einer Deponie zur Entrichtung einer Abgabe verpflichtet,
         die ihm von der Abfälle anliefernden Gebietskörperschaft zu erstatten ist, und die zum anderen im Fall der verspäteten Entrichtung
         dieser Abgabe finanzielle Sanktionen gegen den Betreiber vorsieht, nicht entgegensteht, sofern diese Regelung mit Maßnahmen
         verbunden ist, die gewährleisten, dass die Erstattung der Abgabe tatsächlich und unverzüglich erfolgt und sämtliche Kosten
         im Zusammenhang mit der Einziehung, insbesondere die Kosten aufgrund der verspäteten Zahlung der von der Gebietskörperschaft
         dem Betreiber insoweit geschuldeten Beträge einschließlich der finanziellen Sanktionen, die gegebenenfalls gegen den Betreiber
         festgesetzt werden und auf dieser verspäteten Zahlung beruhen, auf das von der Gebietskörperschaft an den Betreiber zu zahlende
         Entgelt aufgeschlagen werden. Das nationale Gericht hat zu prüfen, ob diese Voraussetzungen erfüllt sind.
      
      Würde nämlich der Betreiber mit solchen Kosten belastet, würden ihm Kosten im Zusammenhang mit der Ablagerung von Abfällen
         auferlegt, die er nicht erzeugt hat, sondern deren Ablagerung er im Rahmen seiner Dienstleistungstätigkeiten nur sicherstellt.
      
      (vgl. Randnrn. 38, 41, Tenor 1)
      2.        Die Art. 1, 2 Nr. 1 und 3 der Richtlinie 2000/35 zur Bekämpfung von Zahlungsverzug im Geschäftsverkehr sind dahin auszulegen,
         dass die dem Betreiber einer Deponie von einer Abfälle anliefernden Gebietskörperschaft geschuldeten Beträge, wie z. B. die
         als Erstattung einer Abgabe geschuldeten Beträge, unter die Richtlinie fallen und die Mitgliedstaaten daher gemäß Art. 3 der
         Richtlinie sicherstellen müssen, dass dieser Betreiber im Fall einer dieser Gebietskörperschaft anzulastenden verspäteten
         Zahlung dieser Beträge  Verzugszinsen geltend machen kann.
      
      (vgl. Randnr. 48, Tenor 2)
URTEIL DES GERICHTSHOFS (Zweite Kammer)
      25. Februar 2010(*)
      
      „Umwelt – Richtlinie 1999/31/EG – Art. 10 – Sonderabgabe für die Deponierung fester Abfälle – Abgabenpflicht des Betreibers einer Deponie – Betriebskosten einer Deponie – Richtlinie 2000/35/EG – Verzugszinsen“
      In der Rechtssache C‑172/08
      betreffend ein Vorabentscheidungsersuchen nach Art. 234 EG, eingereicht von der Commissione tributaria provinciale di Roma
         (Italien) mit Entscheidung vom 1. April 2008, beim Gerichtshof eingegangen am 25. April 2008, in dem Verfahren
      
      Pontina Ambiente Srl
      gegen
      Regione Lazio
      erlässt
      DER GERICHTSHOF (Zweite Kammer)
      unter Mitwirkung der Präsidentin der Achten Kammer C. Toader in Wahrnehmung der Aufgaben des Präsidenten der Zweiten Kammer
         sowie der Richter C .W. A. Timmermans, K. Schiemann, P. Kūris (Berichterstatter) und L. Bay Larsen,
      
      Generalanwältin: E. Sharpston,
      Kanzler: R. Şereş, Verwaltungsrätin,
      aufgrund des schriftlichen Verfahrens und auf die mündliche Verhandlung vom 4. Juni 2009,
      unter Berücksichtigung der Erklärungen
      –        der Pontina Ambiente Srl, vertreten durch F. Zadotti, ragioniere, und A. Presutti, avvocato,
      –        der italienischen Regierung, vertreten durch I. Bruni als Bevollmächtigte im Beistand von G. De Bellis, avvocato dello Stato,
      –        der Kommission der Europäischen Gemeinschaften, vertreten durch A. Aresu und J.‑B. Laignelot als Bevollmächtigte,
      nach Anhörung der Schlussanträge der Generalanwältin in der Sitzung vom 17. September 2009
      folgendes
      Urteil
      1        Das Vorabentscheidungsersuchen betrifft die Auslegung der Art. 12 EG, 14 EG, 43 EG und 46 EG, von Art. 10 der Richtlinie 1999/31/EG
         des Rates vom 26. April 1999 über Abfalldeponien (ABl. L 182, S. 1) in der durch die Verordnung (EG) Nr. 1882/2003 des Europäischen
         Parlaments und des Rates vom 29. September 2003 (ABl. L 284, S. 1) geänderten Fassung (im Folgenden: Richtlinie 1999/31) sowie
         der Richtlinie 2000/35/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 29. Juni 2000 zur Bekämpfung von Zahlungsverzug im
         Geschäftsverkehr (ABl. L 200, S. 35).
      
      2        Dieses Ersuchen ergeht im Rahmen eines Rechtsstreits der Pontina Ambiente Srl (im Folgenden: Pontina Ambiente) gegen die Regione
         Lazio (Region Latium) wegen zweier Abgabenbescheide, mit denen festgestellt wurde, dass Pontina Ambiente die Sonderabgabe
         für die Deponierung fester Abfälle für das dritte und das vierte Quartal 2004 verspätet entrichtet hatte, und mit denen Sanktionen
         und Verzugszinsen gegen das Unternehmen festgesetzt wurden.
      
       Rechtlicher Rahmen
       Unionsrecht 
      3        Der 29. Erwägungsgrund der Richtlinie 1999/31 lautet: 
      
      „Es sollten Maßnahmen ergriffen werden, um sicherzustellen, dass das Entgelt für die Abfallbeseitigung in einer Deponie so
         festgelegt wird, dass alle Kosten für die Errichtung und den Betrieb der Deponie, soweit wie möglich einschließlich der –
         vom Betreiber zu stellenden – finanziellen Sicherheitsleistung oder etwas Gleichwertigem, und die geschätzten Kosten für die
         Stilllegung, einschließlich der Nachsorge, abgedeckt sind.“
      
      4        Art. 1 Abs. 1 der Richtlinie 1999/31 sieht vor:
      
      „Im Hinblick auf die Erfüllung der Anforderungen der Richtlinie 75/442/EWG [des Rates vom 15. Juli 1975 über Abfälle (ABl.
         L 194, S. 39) in der durch die Entscheidung 96/350/EG der Kommission vom 24. Mai 1996 (ABl. L 135, S. 32) geänderten Fassung
         (im Folgenden: Richtlinie 75/442)], insbesondere ihrer Artikel 3 und 4, ist es Ziel der vorliegenden Richtlinie, durch die
         Festlegung strenger betriebsbezogener und technischer Anforderungen in Bezug auf Abfalldeponien und Abfälle Maßnahmen, Verfahren
         und Leitlinien vorzusehen, mit denen während des gesamten Bestehens der Deponie negative Auswirkungen der Ablagerung von Abfällen
         auf die Umwelt, insbesondere die Verschmutzung von Oberflächenwasser, Grundwasser, Boden und Luft, und auf die globale Umwelt,
         einschließlich des Treibhauseffekts, sowie alle damit verbundenen Risiken für die menschliche Gesundheit weitestmöglich vermieden
         oder vermindert werden.“
      
      5        Art. 2 der Richtlinie 1999/31 bestimmt: 
      
      „Im Sinne dieser Richtlinie bezeichnet der Begriff
      …
      l)      ‚Betreiber‘ die natürliche oder juristische Person, die nach den Rechtsvorschriften des Mitgliedstaats, in dem die Deponie
         gelegen ist, für die Deponie verantwortlich ist; dabei kann es sich von der Vorbereitung bis zur Nachsorgephase um verschiedene
         Personen handeln;
      
      …
      n)      ‚Besitzer‘ der Erzeuger von Abfall oder die natürliche oder juristische Person, in deren Besitz sich der Abfall befindet
      …“
      6        Art. 10 der Richtlinie 1999/31 lautet:
      
      „Die Mitgliedstaaten treffen Maßnahmen, die gewährleisten, dass alle Kosten für die Errichtung und den Betrieb einer Deponie,
         soweit wie möglich einschließlich der Kosten der finanziellen Sicherheitsleistung oder etwas Gleichwertigem, gemäß Artikel
         8 Buchstabe a) Ziffer iv), sowie die geschätzten Kosten für die Stilllegung und die Nachsorge für einen Zeitraum von mindestens
         30 Jahren durch das vom Betreiber in Rechnung zu stellende Entgelt für die Ablagerung aller Abfallarten in der Deponie abgedeckt
         werden. Vorbehaltlich der Anforderungen der Richtlinie 90/313/EWG des Rates vom 7. Juni 1990 über den freien Zugang zu Informationen
         über die Umwelt [ABl. L 158, S. 56] sorgen die Mitgliedstaaten für Transparenz bei der Erfassung und der Verwendung aller
         erforderlichen Informationen zu den Kosten.“
      
      7        Art. 3 Abs. 1 Buchst. a der Richtlinie 75/442 bestimmt:
      
      „Die Mitgliedstaaten treffen Maßnahmen, um Folgendes zu fördern:
      a)      in erster Linie die Verhütung oder Verringerung der Erzeugung von Abfällen …“
      8        Art. 1 der Richtlinie 2000/35 sieht vor, dass diese auf alle Zahlungen, die als Entgelt im Geschäftsverkehr zu leisten sind,
         anzuwenden ist.
      
      9        Nach Art. 2 Nr. 1 der Richtlinie 2000/35 bezeichnet der Ausdruck „Geschäftsverkehr“ „Geschäftsvorgänge zwischen Unternehmen
         oder zwischen Unternehmen und öffentlichen Stellen, die zu einer Lieferung von Gütern oder Erbringung von Dienstleistungen
         gegen Entgelt führen“.
      
      10      Art. 3 der Richtlinie 2000/35 (Zinsen bei Zahlungsverzug) sieht insbesondere vor, dass die Mitgliedstaaten sicherstellen,
         dass bei Zahlungsverzug Zinsen zu zahlen sind und dass der Gläubiger berechtigt ist, bei Zahlungsverzug Zinsen insoweit geltend
         zu machen, als er seine vertraglichen und gesetzlichen Verpflichtungen erfüllt hat und den fälligen Betrag nicht rechtzeitig
         erhalten hat, es sei denn, dass der Schuldner für die Verzögerung nicht verantwortlich ist. 
      
       Nationales Recht
      11      Um die Verringerung der Abfallerzeugung und die Gewinnung von Rohstoffen und Energie aus Abfällen zu fördern, wurde mit Art. 3
         Abs. 24 des Gesetzes Nr. 549 vom 28. Dezember 1995 mit Maßnahmen zur Rationalisierung der öffentlichen Finanzen (GURI, Supplemento
         ordinario Nr. 302 vom 29. Dezember 1995, im Folgenden: Gesetz Nr. 549/95) eine Sonderabgabe für die Deponierung fester Abfälle
         eingeführt.
      
      12      Nach Art. 3 Abs. 25 des Gesetzes Nr. 549/95 entsteht die Abgabenschuld mit der Deponierung fester Abfälle.
      
      13      Gemäß Art. 3 Abs. 26 des Gesetzes Nr. 549/95 ist Abgabenpflichtiger der Betreiber des die Endlagerung durchführenden Unternehmens,
         der verpflichtet ist, die Abgabe auf die Körperschaft, die Abfälle anliefert, abzuwälzen. 
      
      14      Art. 3 Abs. 27 des Gesetzes Nr. 549/95 sieht vor, dass die Sonderabgabe für die Deponierung fester Abfälle an die Regionen
         zu entrichten ist. 
      
      15      Nach Art. 3 Abs. 28 und 29 des Gesetzes Nr. 549/95 ergibt sich der zu zahlende Betrag aus der Multiplikation des Betrags dieser
         Abgabe mit der Menge der deponierten Abfälle, ausgedrückt in Kilogramm, und einem Berichtigungskoeffizienten, der das spezifische
         Gewicht, die Qualität und die Bedingungen der Deponierung der Abfälle berücksichtigt.
      
      16      Art. 3 Abs. 31 des Gesetzes Nr. 549/95 sieht für den Fall der Nichtzahlung, der unzureichenden oder der verspäteten Zahlung
         dieser Abgabe eine finanzielle Sanktion bis zu 400 % der für den betreffenden Vorgang zu entrichtenden Abgabe vor. 
      
      17      Die Art. 1 Abs. 1 und 2 Buchst. a des Decreto Legislativo Nr. 231 vom 9. Oktober 2002 zur Umsetzung der Richtlinie 2000/35
         zur Bekämpfung von Zahlungsverzug im Geschäftsverkehr (GURI Nr. 249 vom 23. Oktober 2002, S. 16) übernehmen im Wesentlichen
         den Wortlaut von Art. 1 und Art. 2 Nr. 1 dieser Richtlinie.
      
       Das Ausgangsverfahren und die Vorlagefrage
      18      Die in Rom ansässige Pontina Ambiente entsorgt Abfälle. Ihre Tätigkeit besteht insbesondere darin, auf einer hierfür vorgesehenen
         Deponie feste Abfälle aus verschiedenen Gemeinden der Region Latium entgegenzunehmen, zu lagern, zur Herstellung von Recyclingprodukten
         und zur Komposterzeugung zu behandeln und das Volumen der Abfälle zu verringern.
      
      19      Nach dem Gesetz Nr. 549/95 und dem regionalen Durchführungsgesetz ist Pontina Ambiente verpflichtet, die Sonderabgabe für
         die Deponierung fester Abfälle vierteljährlich an die Region Latium zu entrichten. Die Abgabe muss spätestens in dem Monat
         entrichtet werden, der auf das Kalendervierteljahr folgt, in dem die Deponierungsvorgänge stattgefunden haben. Pontina Ambiente
         muss diese Abgabe auf die Gemeinden, die die Abfälle angeliefert haben, abwälzen. 
      
      20      Das Unternehmen entrichtete die Abgabe für das dritte und das vierte Quartal 2004 verspätet. Die zuständigen Behörden der
         Region Latium erließen deshalb im Oktober 2006 zwei Abgabenbescheide gegen dieses Unternehmen, mit denen sie die in Art. 3
         Abs. 31 des Gesetzes Nr. 549/95 vorgesehenen finanziellen Sanktionen verhängten.
      
      21      Am 4. Januar 2007 erhob Pontina Ambiente bei der Commissione tributaria provinciale di Roma Klage auf Aufhebung der von der
         Region Latium erlassenen Maßnahmen.
      
      22      Pontina Ambiente wandte sich gegen die Vorschriften des Gesetzes Nr. 549/95, soweit sie den Betreiber einer Deponie zum Abgabenpflichtigen
         bestimmen. Gegen die Sanktionen, die wegen der verspäteten Entrichtung dieser Abgabe an die Region Latium verhängt worden
         waren, wandte sie ein, dass die betroffenen Gemeinden diese Verzögerung verursacht hätten. Sie rügte, dass die Abgabe vom
         Betreiber der Deponie nicht erst nach der Bezahlung der erbrachten Dienstleistung durch die betreffenden Gemeinden zu entrichten
         sei und dass gegen die Gemeinden keine Sanktion vorgesehen sei.
      
      23      Insbesondere machte Pontina Ambiente geltend, dass einige Durchführungsmodalitäten der in Rede stehenden Abgabe, die die Bestimmung
         des Abgabenpflichtigen und die Regelung von Sanktionen im Fall der verspäteten Entrichtung der Abgabe betreffen, mit dem Unionsrecht,
         im Einzelnen mit den Art. 12 EG, 14 EG, 43 EG und 46 EG, mit Art. 10 der Richtlinie 1999/31 und mit den einschlägigen Bestimmungen
         der Richtlinie 2000/35, unvereinbar seien.
      
      24      Die Commissione tributaria provinciale di Roma ist der Ansicht, dass die Rügen der Pontina Ambiente begründet sein könnten,
         und hat daher Folgendes beschlossen:
      
      Da Art. 3 Abs. 26 und 31 des Gesetzes Nr. 549/95 in der dargelegten Auslegung durch die Finanzverwaltung und nach seinem unbestreitbaren
         Wortlaut möglicherweise den Art. 12 EG, 14 EG, 43 EG und 46 EG, Art. 10 der Richtlinie 1999/31 und den Erwägungsgründen 7,
         10, 16 und 19 der Richtlinie 2000/35 zuwiderläuft und somit seine Vereinbarkeit mit der Gemeinschaftsrechtsordnung fraglich
         ist, werden das laufende Verfahren und die Vollstreckung der Abgabenbescheide ausgesetzt und das Problem wird dem Gerichtshof
         im Rahmen seiner speziellen Zuständigkeiten zur Entscheidung vorgelegt.
      
       Zum Vorabentscheidungsersuchen 
       Zur Zulässigkeit des Vorabentscheidungsersuchens und zur Formulierung der Fragen 
      25      Die Kommission der Europäischen Gemeinschaften wirft die Frage der Zulässigkeit des Vorabentscheidungsersuchens auf, da zum
         einen das vorlegende Gericht keine ausdrückliche Frage formuliert habe und das Ersuchen zum anderen darauf abziele, dass der
         Gerichtshof sich zur Vereinbarkeit des nationalen Rechts mit dem Unionsrecht äußere.
      
      26      Im Übrigen machen die italienische Regierung und die Kommission geltend, dass dem Vorlagebeschluss nicht zu entnehmen sei,
         warum das Vorabentscheidungsersuchen die Art. 12 EG, 14 EG, 43 EG und 46 EG anführe.
      
      27      Der Gerichtshof ist im Rahmen eines Vorabentscheidungsersuchens zwar nicht befugt, über die Vereinbarkeit einer nationalen
         Maßnahme mit dem Unionsrecht zu entscheiden; er kann jedoch dem vorlegenden Gericht alle Hinweise zur Auslegung des Unionsrechts
         geben, die es diesem ermöglichen, die Frage der Vereinbarkeit bei der Entscheidung des bei ihm anhängigen Verfahrens zu beurteilen
         (Urteil vom 16. Juli 2009, Futura Immobiliare u. a., C‑254/08, Slg. 2009, I‑0000, Randnr. 28 und die dort angeführte Rechtsprechung).
      
      28      Das vorlegende Gericht hat zwar keine ausdrückliche Frage formuliert, doch hält der Gerichtshof dessen Angaben sowohl zu den
         tatsächlichen als auch zu den rechtlichen Umständen, die den Rechtsstreit des Ausgangsverfahrens kennzeichnen, für ausreichend,
         um den Gegenstand des Ersuchens zu erfassen und dem Gericht eine Auslegung der einschlägigen Bestimmungen des Unionsrechts
         an die Hand zu geben, die für die Entscheidung dieses Rechtsstreits zweckdienlich sein kann.
      
      29      Dies gilt für Art. 10 der Richtlinie 1999/31 und für die Richtlinie 2000/35. Dagegen wird in der Vorlageentscheidung nicht
         erläutert, inwiefern das Vorabentscheidungsersuchen von Bedeutung ist, soweit es um die Art. 12 EG, 14 EG, 43 EG und 46 EG
         geht. Insbesondere wird nicht angegeben, inwiefern diese Artikel auf den im Ersuchen beschriebenen Sachverhalt anwendbar sein
         könnten, bei dem es sich, wie die Generalanwältin in den Nrn. 35 bis 38 ihrer Schlussanträge ausführt, um einen rein innerstaatlichen
         Sachverhalt in einem einzigen Mitgliedstaat ohne einen grenzüberschreitenden Bezug handelt. 
      
      30      Daher ist festzustellen, dass das Vorabentscheidungsersuchen, soweit nicht auf die Art. 12 EG, 14 EG, 43 EG und 46 EG Bezug
         genommen wird, zulässig ist. 
      
      31      Aus den Angaben des vorlegenden Gerichts lässt sich erschließen, dass es bei dem Vorabentscheidungsersuchen um folgende Fragen
         geht:
      
      1.      Ist Art. 10 der Richtlinie 1999/31 dahin auszulegen, dass er einer nationalen Regelung wie der im Ausgangsverfahren streitigen
         entgegensteht, die zum einen den Betreiber einer Deponie zur Entrichtung einer Abgabe für die Deponierung fester Abfälle verpflichtet,
         die ihm von der Gebietskörperschaft, die die Abfälle anliefert, zu erstatten ist, und die zum anderen finanzielle Sanktionen
         gegen den Betreiber für den Fall der verspäteten Entrichtung dieser Abgabe vorsieht, ohne jedoch vorzuschreiben, dass die
         erwähnte Gebietskörperschaft dem Betreiber den Betrag dieser Abgabe binnen einer bestimmten Frist erstattet und im Fall verspäteter
         Erstattung sämtliche dadurch entstandenen Kosten einschließlich des Betrags der gegen den Betreiber festgesetzten finanziellen
         Sanktionen trägt? 
      
      2.      Ist die Richtlinie 2000/35 dahin auszulegen, dass die Beträge, die dem Betreiber einer Deponie von einer Abfälle anliefernden
         Gebietskörperschaft geschuldet werden, wie z. B. die als Erstattung einer Abgabe geschuldeten Beträge, unter die Richtlinie
         fallen und die Mitgliedstaaten daher gemäß Art. 3 der Richtlinie sicherstellen müssen, dass bei Zahlungsverzug Zinsen zu zahlen
         sind?
      
       Beantwortung der Fragen
       Zur ersten Frage
      32      Nach Art. 10 der Richtlinie 1999/31 treffen die Mitgliedstaaten Maßnahmen, die gewährleisten, dass alle Kosten für die Errichtung
         und den Betrieb einer Deponie durch das vom Betreiber in Rechnung zu stellende Entgelt für die Ablagerung aller Abfallarten
         in der Deponie abgedeckt werden.
      
      33      Wie die Generalanwältin in Nr. 49 ihrer Schlussanträge ausführt, schreibt Art. 10 der Richtlinie 1999/31 den Mitgliedstaaten
         keine bestimmte Methode zur Finanzierung der Kosten der Deponien vor. Da es keine auf der Grundlage von Art. 175 EG erlassene
         Regelung gibt, nach der den Mitgliedstaaten eine konkrete Methode zur Finanzierung dieser Kosten vorgeschrieben wäre, kann
         die Finanzierung beim gegenwärtigen Stand des Unionsrechts somit nach Wahl des betreffenden Mitgliedstaats sowohl durch eine
         Abgabe als auch durch eine Gebühr oder in anderer Weise sichergestellt werden (vgl. entsprechend Urteil Futura Immobiliare
         u. a., Randnr. 48).
      
      34      Infolgedessen hindert Art. 10 der Richtlinie 1999/31 einen Mitgliedstaat nicht daran, eine Abgabe auf deponierte Abfälle einzuführen,
         die vom Betreiber einer Deponie zu entrichten und auf den Besitzer der Abfälle, der diese angeliefert hat, abzuwälzen ist.
         Die Vorschrift steht auch Sanktionen nicht entgegen, die gegen einen Betreiber festgesetzt werden, wenn er diese Abgabe verspätet
         entrichtet hat, da für die Einführung solcher Sanktionen wie auch für die Bestimmung des Abgabenpflichtigen allein die Mitgliedstaaten
         zuständig sind.
      
      35      Art. 10 der Richtlinie 1999/31 verlangt jedoch, wie dies auch aus dem 29. Erwägungsgrund dieser Richtlinie hervorgeht, dass
         die Mitgliedstaaten Maßnahmen ergreifen, um sicherzustellen, dass das Entgelt für die Abfallbeseitigung in einer Deponie so
         festgelegt wird, dass alle Kosten für die Errichtung und den Betrieb der Deponie abgedeckt sind.
      
      36      Dieses Erfordernis ist Ausdruck des Verursacherprinzips. Es bedeutet, wie der Gerichtshof bereits im Rahmen der Richtlinie
         75/442 und der Richtlinie 2006/12/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom  5. April 2006 über Abfälle (ABl. L 114,
         S. 9) entschieden hat, dass die Kosten für die Beseitigung der Abfälle von den Abfallbesitzern zu tragen sind (vgl. Urteile
         vom 7. September 2004, Van de Walle u. a., C‑1/03, Slg. 2004, I‑7613, Randnr. 57, vom 24. Juni 2008, Commune de Mesquer, C‑188/07,
         Slg. 2008, I‑4501, Randnr. 71, sowie Futura Immobiliare u. a., Randnrn. 44 und 45 und die dort angeführte Rechtsprechung).
         Es entspricht dem Ziel der Richtlinie 1999/31, die nach ihrem Art. 1 Abs. 1 der Erfüllung der Anforderungen der Richtlinie
         75/442, insbesondere ihres Art. 3, dient, der u. a. die Mitgliedstaaten verpflichtet, geeignete Maßnahmen zur Förderung der
         Vermeidung oder Einschränkung der Abfallbildung zu ergreifen. 
      
      37      Somit müssen die wie auch immer gearteten nationalen Vorschriften zur Regelung der Deponien gewährleisten, dass alle Kosten
         für den Betrieb einer solchen Deponie tatsächlich von den Besitzern getragen werden, die Abfälle zur Ablagerung anliefern.
         
      
      38      Daher kann ein Mitgliedstaat eine Abgabe auf Abfälle, die vom Betreiber einer Deponie zu entrichten und ihm von den Gebietskörperschaften,
         die Abfälle angeliefert haben, zu erstatten ist, nur unter der Voraussetzung einführen, dass diese fiskalische Regelung mit
         Maßnahmen verbunden ist, die gewährleisten, dass die Erstattung der Abgabe tatsächlich und unverzüglich erfolgt, um zu verhindern,
         dass der Betreiber mit übermäßigen Betriebskosten, bedingt durch die verspäteten Zahlungen dieser Gebietskörperschaften, belastet
         und damit das Verursacherprinzip verletzt wird. Würde nämlich der Betreiber mit solchen Kosten belastet, würden ihm Kosten
         im Zusammenhang mit der Ablagerung von Abfällen auferlegt, die er nicht erzeugt hat, sondern deren Ablagerung er im Rahmen
         seiner Dienstleistungstätigkeiten nur sicherstellt.
      
      39      Ebenso wie eine Abgabe der im Ausgangsverfahren in Rede stehenden Art, die nach der angelieferten Abfallmenge berechnet wird,
         als Betriebskosten im Sinne von Art. 10 der Richtlinie 1999/31 in das Entgelt einzubeziehen ist, das dem Deponiebetreiber
         vom Besitzer der angelieferten Abfälle zu zahlen ist, müssen jedenfalls sämtliche Kosten im Zusammenhang mit der Einziehung
         der vom Besitzer dem Betreiber insoweit geschuldeten Beträge, insbesondere die Kosten aufgrund der verspäteten Zahlung dieser
         Beträge, zu denen gegebenenfalls auch die zur Vermeidung einer finanziellen Sanktion angefallenen Kosten gehören, auf dieses
         Entgelt aufgeschlagen werden, um den Anforderungen von Art. 10 der Richtlinie 1999/31 gerecht zu werden.
      
      40      Das Gleiche gilt für die finanziellen Sanktionen, die gegen den Betreiber einer Deponie wegen verspäteter Entrichtung einer
         solchen Abgabe festgesetzt werden, wenn die Verspätung darauf zurückzuführen ist, dass der Besitzer der Abfälle die wegen
         dieser Abgabe geschuldeten Beträge verspätet erstattet hat, was das nationale Gericht zu prüfen hat.
      
      41      Nach alledem ist auf die erste Frage zu antworten, dass Art. 10 der Richtlinie 1999/31 dahin auszulegen ist, dass er einer
         nationalen Regelung wie der im Ausgangsverfahren streitigen, die zum einen den Betreiber einer Deponie zur Entrichtung einer
         Abgabe verpflichtet, die ihm von der die Abfälle anliefernden Gebietskörperschaft zu erstatten ist, und die zum anderen im
         Fall der verspäteten Entrichtung dieser Abgabe finanzielle Sanktionen gegen den Betreiber vorsieht, nicht entgegensteht, sofern
         diese Regelung mit Maßnahmen verbunden ist, die gewährleisten, dass die Erstattung der Abgabe tatsächlich und unverzüglich
         erfolgt und sämtliche Kosten im Zusammenhang mit der Einziehung, insbesondere die Kosten aufgrund der verspäteten Zahlung
         der von der Gebietskörperschaft dem Betreiber insoweit geschuldeten Beträge einschließlich der finanziellen Sanktionen, die
         gegebenenfalls gegen den Betreiber festgesetzt werden und auf dieser verspäteten Zahlung beruhen, auf das von der Gebietskörperschaft
         an den Betreiber zu zahlende Entgelt aufgeschlagen werden. Das nationale Gericht hat zu prüfen, ob diese Voraussetzungen erfüllt
         sind.
      
       Zur zweiten Frage
      42      Nach Art. 1 der Richtlinie 2000/35 ist diese auf alle Zahlungen, die als Entgelt im Geschäftsverkehr zu leisten sind, anzuwenden.
         Art. 2 Nr. 1 der Richtlinie umschreibt den „Geschäftsverkehr“ als „Geschäftsvorgänge zwischen Unternehmen oder zwischen Unternehmen
         und öffentlichen Stellen, die zu einer Lieferung von Gütern oder Erbringung von Dienstleistungen gegen Entgelt führen“.
      
      43      Diese Bestimmungen wurden durch das Decreto legislativo Nr. 231 vom 9. Oktober 2002 mit ähnlichen Worten in das italienische
         Recht übernommen.
      
      44      Bezüglich der im Ausgangsverfahren in Rede stehenden Beziehung zwischen dem Deponiebetreiber und der Abfälle anliefernden
         Gebietskörperschaft ergibt sich aus den Angaben in der Vorlageentscheidung, dass der Betreiber der Gebietskörperschaft eine
         Dienstleistung erbringt, nämlich die Ablagerung der angelieferten Abfälle, für die die Gebietskörperschaft ihm gemäß Art. 3
         Abs. 26 des Gesetzes Nr. 549/95 ein Entgelt in Höhe der von ihm entrichteten Sonderabgabe zahlt. 
      
      45      Somit besteht entgegen dem Vorbringen der italienischen Regierung die Beziehung zwischen dem Deponiebetreiber und der Abfälle
         anliefernden Gebietskörperschaft in Geschäftsvorgängen zwischen einem Unternehmen und einer öffentlich‑rechtlichen Körperschaft,
         die zu einer Erbringung von Dienstleistungen gegen Entgelt führen, und somit unter den Geschäftsverkehr im Sinne von Art. 2
         Nr. 1 der Richtlinie 2000/35 fallen.
      
      46      Daher unterliegen Zahlungen, die als Entgelt solcher Geschäftsvorgänge getätigt werden, der Richtlinie 2000/35. 
      
      47      Infolgedessen müssen die Mitgliedstaaten in einem Fall wie dem des Ausgangsverfahrens sicherstellen, dass gemäß Art. 3 der
         Richtlinie 2000/35 bei verspäteter Zahlung Verzugszinsen auf die Beträge zu zahlen sind, die die Abfälle anliefernde Gebietskörperschaft
         dem Deponiebetreiber insoweit schuldet und die gegebenenfalls, wie in Randnr. 38 des vorliegenden Urteils ausgeführt worden
         ist, die vom Betreiber entrichtete und von der Abfälle anliefernden Gebietskörperschaft zu erstattende Abgabe umfassen.
      
      48      Nach alledem ist auf die zweite Frage zu antworten, dass die Art. 1, 2 Nr. 1 und 3 der Richtlinie 2000/35 dahin auszulegen
         sind, dass die dem Betreiber einer Deponie von einer Abfälle anliefernden Gebietskörperschaft geschuldeten Beträge, wie z. B.
         die als Erstattung einer Abgabe geschuldeten Beträge, unter die Richtlinie fallen und die Mitgliedstaaten daher gemäß Art. 3
         der Richtlinie sicherstellen müssen, dass dieser Betreiber im Fall einer dieser Gebietskörperschaft anzulastenden verspäteten
         Zahlung dieser Beträge Verzugszinsen geltend machen kann.
      
       Kosten
      49      Für die Parteien des Ausgangsverfahrens ist das Verfahren ein Zwischenstreit in dem bei dem vorlegenden Gericht anhängigen
         Rechtsstreit. Die Kostenentscheidung ist daher Sache dieses Gerichts. Die Auslagen anderer Beteiligter für die Abgabe von
         Erklärungen vor dem Gerichtshof sind nicht erstattungsfähig.
      
      Aus diesen Gründen hat der Gerichtshof (Zweite Kammer) für Recht erkannt:
      1.      Art. 10 der Richtlinie 1999/31/EG des Rates vom 26. April 1999 über Abfalldeponien in der durch die Verordnung (EG) Nr. 1882/2003
            des Europäischen Parlaments und des Rates vom 29. September 2003 geänderten Fassung ist dahin auszulegen, dass er einer nationalen
            Regelung wie der im Ausgangsverfahren streitigen, die zum einen den Betreiber einer Deponie zur Entrichtung einer Abgabe verpflichtet,
            die ihm von der Abfälle anliefernden Gebietskörperschaft zu erstatten ist, und die zum anderen im Fall der verspäteten Entrichtung
            dieser Abgabe finanzielle Sanktionen gegen den Betreiber vorsieht, nicht entgegensteht, sofern diese Regelung mit Maßnahmen
            verbunden ist, die gewährleisten, dass die Erstattung der Abgabe tatsächlich und unverzüglich erfolgt und sämtliche Kosten
            im Zusammenhang mit der Einziehung, insbesondere die Kosten aufgrund der verspäteten Zahlung der von der Gebietskörperschaft
            dem Betreiber insoweit geschuldeten Beträge einschließlich der finanziellen Sanktionen, die gegebenenfalls gegen den Betreiber
            festgesetzt werden und auf dieser verspäteten Zahlung beruhen, auf das von der Gebietskörperschaft an den Betreiber zu zahlende
            Entgelt aufgeschlagen werden. Das nationale Gericht hat zu prüfen, ob diese Voraussetzungen erfüllt sind.
      2.      Die Art. 1, 2 Nr. 1 und 3 der Richtlinie 2000/35/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 29. Juni 2000 zur Bekämpfung
            von Zahlungsverzug im Geschäftsverkehr sind dahin auszulegen, dass die dem Betreiber einer Deponie von einer Abfälle anliefernden
            Gebietskörperschaft geschuldeten Beträge, wie z. B. die als Erstattung einer Abgabe geschuldeten Beträge, unter die Richtlinie
            fallen und die Mitgliedstaaten daher gemäß Art. 3 der Richtlinie sicherstellen müssen, dass dieser Betreiber im Fall einer
            dieser Gebietskörperschaft anzulastenden verspäteten Zahlung dieser Beträge  Verzugszinsen geltend machen kann.
      Unterschriften
      * Verfahrenssprache: Italienisch.