CELEX: 62004CJ0506
Language: de
Date: 2006-09-19
Title: Urteil des Gerichtshofes (Große Kammer) vom 19. September 2006.#Graham J. Wilson gegen Ordre des avocats du barreau de Luxembourg.#Ersuchen um Vorabentscheidung: Cour administrative - Luxemburg.#Niederlassungsfreiheit - Richtlinie 98/5/EG - Ständige Ausübung des Rechtsanwaltsberufs in einem anderen Mitgliedstaat als dem, in dem die Qualifikation erworben wurde - Voraussetzungen für die Eintragung bei der zuständigen Stelle des Aufnahmemitgliedstaats - Vorherige Überprüfung der Kenntnis der Sprachen des Aufnahmemitgliedstaats - Gerichtliches Rechtsmittel nach innerstaatlichem Recht.#Rechtssache C-506/04.

Rechtssache C‑506/04
      Graham J. Wilson
      gegen
      Ordre des avocats du barreau de Luxembourg
      (Vorabentscheidungsersuchen der Cour administrative)
      „Niederlassungsfreiheit – Richtlinie 98/5/EG – Ständige Ausübung des Rechtsanwaltsberufs in einem anderen Mitgliedstaat als dem, in dem die Qualifikation erworben wurde
         – Voraussetzungen für die Eintragung bei der zuständigen Stelle des Aufnahmemitgliedstaats – Vorherige Überprüfung der Kenntnis der Sprachen des Aufnahmemitgliedstaats – Gerichtliches Rechtsmittel nach innerstaatlichem Recht“
      
      Schlussanträge der Generalanwältin C. Stix-Hackl vom 11. Mai 2006 
      Urteil des Gerichtshofes (Große Kammer) vom 19. September 2006 
      Leitsätze des Urteils
      1.     Freizügigkeit – Niederlassungsfreiheit – Rechtsanwälte – Ständige Ausübung des Berufes in einem anderen Mitgliedstaat als
            dem, in dem die Qualifikation erworben wurde – Richtlinie 98/5
      (Richtlinie 98/5 des Europäischen Parlaments und des Rates, Artikel 9 Absatz 2)
      2.     Freizügigkeit – Niederlassungsfreiheit – Rechtsanwälte – Ständige Ausübung des Berufes in einem anderen Mitgliedstaat als
            dem, in dem die Qualifikation erworben wurde – Richtlinie 98/5
      (Richtlinie 98/5 des Europäischen Parlaments und des Rates, Artikel 3, 4 und 5 Absatz 3)
      1.     Artikel 9 der Richtlinie 98/5 zur Erleichterung der ständigen Ausübung des Rechtsanwaltsberufs in einem anderen Mitgliedstaat
         als dem, in dem die Qualifikation erworben wurde, der bestimmt, dass gegen die Entscheidungen der zuständigen Stelle des Aufnahmestaats,
         mit denen die Eintragung eines Anwalts verweigert wird, der dort unter seiner ursprünglichen Berufsbezeichnung tätig werden
         möchte, ein gerichtliches Rechtsmittel nach dem innerstaatlichen Recht gegeben sein muss, steht einem Rechtsbehelfsverfahren
         entgegen, in dessen Rahmen eine solche Entscheidung erstinstanzlich vor einem Organ, das ausschließlich aus Rechtsanwälten
         besteht, die unter der Berufsbezeichnung des Aufnahmestaats tätig sind, und zweitinstanzlich vor einem Organ angefochten werden
         muss, das mehrheitlich aus solchen Anwälten besteht, während die Kassationsbeschwerde zum höchsten Gericht dieses Mitgliedstaats
         lediglich eine rechtliche Überprüfung, nicht aber eine Überprüfung der Tatsachenfeststellungen ermöglicht.
      
      Denn zur Gewährleistung eines effektiven gerichtlichen Rechtsschutzes für die in der Richtlinie 98/5 vorgesehenen Rechte muss
         die Stelle, die dazu berufen ist, über solche Rechtsbehelfe zu befinden, dem Gerichtsbegriff entsprechen, wie er im Gemeinschaftsrecht
         definiert wird, und eine bestimmte Anzahl von Kriterien erfüllen, wie ihre gesetzliche Grundlage, ihre Dauerhaftigkeit, die
         obligatorische Gerichtsbarkeit, das streitige Verfahren und die Anwendung von Rechtsnormen sowie Unabhängigkeit und Unparteilichkeit.
      
      Der Begriff der Unabhängigkeit, die dem Auftrag des Richters innewohnt, bedeutet hierbei vor allem, dass die betreffende Stelle
         gegenüber der Stelle, die die mit einem Rechtsbehelf angefochtene Entscheidung erlassen hat, die Eigenschaft eines Dritten
         hat. Im Übrigen setzt der Begriff der Unabhängigkeit zum einen voraus, dass die Stelle vor Interventionen oder Druck von außen
         geschützt ist, die die Unabhängigkeit des Urteilens ihrer Mitglieder im Hinblick auf die ihnen unterbreiteten Rechtsstreite
         gefährden könnten. Zum anderen steht er mit dem Begriff der Unparteilichkeit in Zusammenhang und bezieht sich darauf, dass
         hinsichtlich der Parteien des Rechtsstreits und ihren jeweiligen Interessen an dessen Gegenstand ein gleicher Abstand gewahrt
         wird. Diese Garantien der Unabhängigkeit und Unparteilichkeit setzen voraus, dass es Regeln insbesondere für die Zusammensetzung
         der Einrichtung gibt, die es ermöglichen, bei den Rechtsunterworfenen jeden berechtigten Zweifel an der Unempfänglichkeit
         der genannten Stelle für Einflussnahmen von außen und an ihrer Neutralität in Bezug auf die einander gegenüberstehenden Interessen
         auszuräumen.
      
      Zwar schließt schließlich Artikel 9 der Richtlinie 98/5 nicht aus, dass zunächst ein Rechtsbehelf bei einem außergerichtlichen
         Organ eingelegt werden muss, doch sieht er auch nicht vor, dass der gerichtliche Rechtsweg dem Betreffenden erst dann eröffnet
         werden kann, nachdem er Rechtsbehelfe anderer Art eventuell erschöpft hat. Auf jeden Fall verlangt der genannte Artikel 9
         für den Fall, dass das nationale Recht einen Rechtsbehelf bei einem außergerichtlichen Organ vorsieht, dass der effektive
         Zugang zu einem für eine Entscheidung über die Sach- und Rechtslage zuständigen Gericht im Sinne des Gemeinschaftsrechts binnen
         einer angemessenen Frist gegeben ist.
      
      (vgl. Randnrn. 44, 47-53, 60-62, Tenor 1)
      2.     Artikel 3 der Richtlinie 98/5 zur Erleichterung der ständigen Ausübung des Rechtsanwaltsberufs in einem anderen Mitgliedstaat
         als dem, in dem die Qualifikation erworben wurde, läuft es zuwider, dass ein Mitgliedstaat die Eintragung von Rechtsanwälten,
         die ihre Qualifikation in einem anderen Mitgliedstaat erworben haben und unter ihrer ursprünglichen Berufsbezeichnung tätig
         sein wollen, bei der zuständigen Stelle von einer vorherigen Überprüfung von Sprachkenntnissen abhängig macht.
      
      Der Gemeinschaftsgesetzgeber hat nämlich in diesem Artikel eine vollständige Harmonisierung der Voraussetzungen für die Ausübung
         des mit der Richtlinie 98/5 verliehenen Rechts vorgenommen, indem er als einzige Voraussetzung für die Eintragung des Betreffenden
         im Aufnahmestaat, die es ihm ermöglicht, dort unter seiner ursprünglichen Berufsbezeichnung tätig zu sein, vorgesehen hat,
         dass der zuständigen Stelle des Aufnahmestaats eine Bescheinigung über die Eintragung bei der zuständigen Stelle des Herkunftsstaats
         vorgelegt wird.
      
      Der Gemeinschaftsgesetzgeber hat, um einer bestimmten Kategorie zuwandernder Rechtsanwälte die Ausübung der Niederlassungsfreiheit,
         einer Grundfreiheit, zu erleichtern, somit davon abgesehen, einem System der Vorabkontrolle der Kenntnisse der Betroffenen
         den Vorzug zu geben.
      
      Jedoch geht dieser Verzicht auf ein System der Vorabkontrolle der Kenntnisse, insbesondere der Sprachkenntnisse, des europäischen
         Rechtsanwalts in der Richtlinie 98/5 mit einer Reihe von Regeln einher, die darauf abzielen, auf einem in der Gemeinschaft
         akzeptablen Niveau den Schutz der Rechtsunterworfenen und eine geordnete Rechtspflege sicherzustellen.
      
      (vgl. Randnrn. 65-67, 69, 71, 77, Tenor 2)
URTEIL DES GERICHTSHOFES (Große Kammer)
      19. September 2006(*)
      
      „Niederlassungsfreiheit – Richtlinie 98/5/EG – Ständige Ausübung des Rechtsanwaltsberufs in einem anderen Mitgliedstaat als dem, in dem die Qualifikation erworben wurde
         – Voraussetzungen für die Eintragung bei der zuständigen Stelle des Aufnahmemitgliedstaats – Vorherige Überprüfung der Kenntnis der Sprachen des Aufnahmemitgliedstaats – Gerichtliches Rechtsmittel nach innerstaatlichem Recht“
      
      In der Rechtssache C-506/04
      betreffend ein Vorabentscheidungsersuchen nach Artikel 234 EG, eingereicht von der Cour administrative (Luxemburg) mit Entscheidung
         vom 7. Dezember 2004, beim Gerichtshof eingegangen am 9. Dezember 2004, in dem Verfahren
      
      Graham J. Wilson
      gegen
      Ordre des avocats du barreau de Luxembourg
      erlässt
      DER GERICHTSHOF (Große Kammer)
      unter Mitwirkung des Präsidenten V. Skouris, der Kammerpräsidenten P. Jann, C. W. A. Timmermans und A. Rosas sowie der Richter
         J.‑P. Puissochet, R. Schintgen, K. Lenaerts (Berichterstatter), E. Juhász, E. Levits, A. Ó Caoimh und L. Bay Larsen,
      
      Generalanwältin: C. Stix-Hackl,
      Kanzler: K. Sztranc-Sławiczek, Verwaltungsrätin,
      aufgrund des schriftlichen Verfahrens und auf die mündliche Verhandlung vom 14. März 2006,
      unter Berücksichtigung der Erklärungen:
      –       von Herrn Wilson, vertreten durch L. Lorang, avocat, C. Vajda, QC, und V. Sloane, Barrister,
      –       des Ordre des avocats du barreau de Luxembourg, vertreten durch C. Ossola und C. Kaufhold, avocats,
      –       der luxemburgischen Regierung, vertreten durch S. Schreiner als Bevollmächtigten im Beistand von L. Dupong, avocat,
      –       der französischen Regierung, vertreten durch C. Bergeot-Nunes und G. de Bergues als Bevollmächtigte,
      –       der italienischen Regierung, vertreten durch I. M. Braguglia als Bevollmächtigten im Beistand von A. Cingolo, avvocato dello
         Stato,
      
      –       der Regierung des Vereinigten Königreichs, vertreten durch R. Caudwell als Bevollmächtigte im Beistand von M. Demetriou, Barrister,
      –       der Kommission der Europäischen Gemeinschaften, vertreten durch A. Bordes und H. Støvlbæk als Bevollmächtigte,
      nach Anhörung der Schlussanträge der Generalanwältin in der Sitzung vom 11. Mai 2006
      folgendes
      Urteil
      1       Das Vorabentscheidungsverfahren betrifft die Auslegung der Richtlinie 98/5/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom
         16. Februar 1998 zur Erleichterung der ständigen Ausübung des Rechtsanwaltsberufs in einem anderen Mitgliedstaat als dem,
         in dem die Qualifikation erworben wurde (ABl. L 77, S. 36).
      
      2       Dieses Ersuchen ergeht im Rahmen eines Rechtsstreits, dem die Weigerung des Conseil de l’ordre des avocats du barreau de Luxembourg
         (Vorstand der Rechtsanwaltskammer Luxemburg, im Folgenden: Conseil de l’ordre) zugrunde liegt, Herrn Wilson, einen Staatsangehörigen
         des Vereinigten Königreichs, in das Anwaltsverzeichnis der Rechtsanwaltskammer Luxemburg einzutragen.
      
       Rechtlicher Rahmen
       Richtlinie 98/5
      3       Artikel 2 Absatz 1 der Richtlinie lautet:
      „Jeder Rechtsanwalt hat das Recht, die in Artikel 5 genannten Anwaltstätigkeiten auf Dauer in jedem anderen Mitgliedstaat
         unter seiner ursprünglichen Berufsbezeichnung auszuüben.“
      
      4       Artikel 3 der Richtlinie 98/5 trägt die Überschrift „Eintragung bei der zuständigen Stelle“ und bestimmt:
      „(1)  Jeder Rechtsanwalt, der seinen Beruf in einem anderen Mitgliedstaat ausüben möchte als dem, in dem er seine Berufsqualifikation
         erworben hat, hat sich bei der zuständigen Stelle dieses Mitgliedstaats eintragen zu lassen.
      
      (2)       Die zuständige Stelle des Aufnahmestaats nimmt die Eintragung des Rechtsanwalts anhand einer Bescheinigung über dessen Eintragung
         bei der zuständigen Stelle des Herkunftsstaats vor. Sie kann verlangen, dass diese von der zuständigen Stelle des Herkunftsstaats
         erteilte Bescheinigung im Zeitpunkt ihrer Vorlage nicht älter als drei Monate ist. Sie setzt die zuständige Stelle des Herkunftsstaats
         von der Eintragung in Kenntnis. 
      
      …“
      5       Artikel 5 der Richtlinie 98/5 trägt die Überschrift „Tätigkeitsfeld“ und lautet:
      „(1)      Vorbehaltlich der Absätze 2 und 3 übt der unter seiner ursprünglichen Berufsbezeichnung tätige Rechtsanwalt die gleichen beruflichen
         Tätigkeiten wie der unter der jeweiligen Berufsbezeichnung des Aufnahmestaats niedergelassene Rechtsanwalt aus und kann insbesondere
         Rechtsberatung im Recht seines Herkunftsstaats, im Gemeinschaftsrecht, im internationalen Recht und im Recht des Aufnahmestaats
         erteilen. Er hat in jedem Fall die vor den nationalen Gerichten geltenden Verfahrensvorschriften einzuhalten.
      
      (2)       Mitgliedstaaten, die in ihrem Gebiet einer bestimmten Gruppe von Rechtsanwälten die Abfassung von Urkunden gestatten, mit
         denen das Recht auf Verwaltung des Vermögens verstorbener Personen verliehen oder Rechte an Grundstücken begründet oder übertragen
         werden und die in anderen Mitgliedstaaten anderen Berufen als dem des Rechtsanwalts vorbehalten sind, können den unter seiner
         ursprünglichen Berufsbezeichnung tätigen Rechtsanwalt aus einem dieser anderen Mitgliedstaaten von diesen Tätigkeiten ausschließen.
      
      (3)       Für die Ausübung der Tätigkeiten, die mit der Vertretung und der Verteidigung von Mandanten vor Gerichten verbunden sind,
         kann der Aufnahmestaat, soweit er diese Tätigkeiten den unter der Berufsbezeichnung des Aufnahmestaats tätigen Rechtsanwälten
         vorbehält, den unter ihrer ursprünglichen Berufsbezeichnung tätigen Rechtsanwälten als Bedingung auferlegen, dass sie im Einvernehmen
         mit einem bei dem angerufenen Gericht zugelassenen Rechtsanwalt, der gegebenenfalls diesem Gericht gegenüber die Verantwortung
         trägt, oder mit einem bei diesem Gericht tätigen ‚avoué‘ handeln.
      
      Um das ordnungsgemäße Funktionieren der Rechtspflege sicherzustellen, können die Mitgliedstaaten jedoch besondere Regeln für
         den Zugang zu den höchsten Gerichten vorsehen und zum Beispiel nur spezialisierte Rechtsanwälte zulassen.“
      
      6       Artikel 9 der Richtlinie 98/5 trägt die Überschrift „Begründung und Rechtsmittel“ und bestimmt:
      „Entscheidungen über die Verweigerung der Eintragung nach Artikel 3 oder über die Rücknahme dieser Eintragung sowie Entscheidungen
         zur Verhängung von Disziplinarstrafen müssen begründet werden.
      
      Gegen diese Entscheidungen kann ein gerichtliches Rechtsmittel nach dem innerstaatlichen Recht eingelegt werden.“
      7       Artikel 10 der Richtlinie 98/5 trägt die Überschrift „Gleichstellung mit den Rechtsanwälten des Aufnahmestaats“ und enthält
         folgende Bestimmungen:
      
      „(1)      Der Rechtsanwalt, der unter seiner ursprünglichen Berufsbezeichnung tätig ist und eine mindestens dreijährige effektive und
         regelmäßige Tätigkeit im Aufnahmestaat im Recht dieses Mitgliedstaats, einschließlich des Gemeinschaftsrechts, nachweist,
         wird für den Zugang zum Rechtsanwaltsberuf im Aufnahmestaat von den in Artikel 4 Absatz 1 Buchstabe b der Richtlinie 89/48/EWG
         [des Rates vom 21. Dezember 1988 über eine allgemeine Regelung zur Anerkennung der Hochschuldiplome, die eine mindestens dreijährige
         Berufsausbildung abschließen] vorgesehenen Voraussetzungen freigestellt. Unter ‚effektiver und regelmäßiger Tätigkeit‘ ist
         die tatsächliche Ausübung des Berufs ohne Unterbrechung zu verstehen; Unterbrechungen aufgrund von Ereignissen des täglichen
         Lebens bleiben außer Betracht.
      
      …
      (3)      Der unter seiner ursprünglichen Berufsbezeichnung tätige Rechtsanwalt, der den Nachweis einer mindestens dreijährigen effektiven
         und regelmäßigen Tätigkeit im Aufnahmestaat erbringt, im Recht des Aufnahmestaats jedoch nur während eines kürzeren Zeitraums
         tätig war, kann bei der zuständigen Stelle dieses Mitgliedstaats die Zulassung zum Rechtsanwaltsberuf im Aufnahmestaat und
         das Recht erlangen, diesen unter der entsprechenden Berufsbezeichnung dieses Mitgliedstaats auszuüben, ohne dass die Voraussetzungen
         der Richtlinie 89/48… Artikel 4 Absatz 1 Buchstabe b auf ihn Anwendung finden. Dafür gilt Folgendes:
      
      a)      Die zuständige Stelle des Aufnahmestaats berücksichtigt die effektive und regelmäßige Tätigkeit während des genannten Zeitraums
         sowie sämtliche Kenntnisse und Berufserfahrungen im Recht des Aufnahmestaats, ferner die Teilnahme an Kursen und Seminaren
         über das Recht des Aufnahmestaats einschließlich des Berufs- und Standesrechts.
      
      …“
       Nationales Recht
      8       Artikel 5 des Gesetzes vom 10. August 1991 über den Beruf des Rechtsanwalts (Memorial  A 1991, S. 1110, im Folgenden: Gesetz vom 10. August 1991) sieht vor:
      
      „Niemand kann den Beruf des Rechtsanwalts ausüben, wenn er nicht in das Anwaltsverzeichnis einer Rechtsanwaltskammer mit Sitz
         im Großherzogtum Luxemburg eingetragen worden ist.“
      
      9       Artikel 6 des Gesetzes vom 10. August 1991 lautet wie folgt:
      „(1)      In ein Anwaltsverzeichnis kann nur eingetragen werden, wer
      a)      die erforderliche Garantie für seine Ehrenhaftigkeit bietet;
      b)      nachweist, dass er die Voraussetzungen für die Zulassung zum Praktikum (stage) erfüllt;
      ausnahmsweise kann der Kammervorstand Bewerber, die ihr Berufspraktikum in ihrem Herkunftsstaat abgeleistet haben und eine
         Berufspraxis von mindestens fünf Jahren nachweisen können, von bestimmten Voraussetzungen für die Zulassung zum Praktikum
         befreien;
      
      c)      die luxemburgische Staatsangehörigkeit besitzt oder Staatsangehöriger eines Mitgliedstaats der Europäischen Gemeinschaften
         ist. Für Bewerber, die Staatsangehörige eines nicht der Europäischen Gemeinschaft angehörenden Staates sind, kann der Kammervorstand
         nach Einholung einer Stellungnahme des Justizministers eine Befreiung von dieser Voraussetzung erteilen, wenn ihm der Nachweis
         der Gegenseitigkeit seitens dieses Staates erbracht wird. Gleiches gilt für Bewerber, die den Status eines politischen Flüchtlings
         haben und denen im Großherzogtum Luxemburg Asyl gewährt wird.
      
      (2)      Vor ihrer Eintragung in das Anwaltsverzeichnis leisten die Rechtsanwaltskandidaten nach Vorstellung durch den Kammerpräsidenten
         (Bâtonnier de l’ordre) oder dessen Vertreter vor der Cour de cassation folgenden Eid: ‚Je jure fidélité au Grand-Duc, obéissance
         à la Constitution et aux lois de l’État; de ne pas m’écarter du respect dû aux tribunaux; de ne conseiller ou défendre aucune
         cause que je ne croirais pas juste en mon âme et conscience.‘ (Dem Großherzog schwöre ich Treue, der Verfassung und den Gesetzen
         des Staates Gehorsam; ich schwöre, den Gerichten den ihnen gebührenden Respekt zu zollen und in keiner Sache zu beraten oder
         Rechte zu vertreten, die ich nicht nach bestem Wissen und Gewissen für gerecht halte.)“
      
      10     Diese Eintragungsvoraussetzungen wurden durch Artikel 14 des Gesetzes vom 13. November 2002 über die Umsetzung der Richtlinie
         98/5/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 16. Februar 1998 zur Erleichterung der ständigen Ausübung des Rechtsanwaltsberufs
         in einem anderen Mitgliedstaat als dem, in dem die Qualifikation erworben wurde, sowie zur  Änderung 1. des Gesetzes vom 10.
         August 1991 über den Beruf des Rechtsanwalts in seiner geänderten Fassung und 2. des Gesetzes vom 31. Mai 1999 über die Domizilierung
         von Gesellschaften (Memorial A 2002, S. 3202, im Folgenden: Gesetz vom 13. November 2002) geändert.
      
      11     Mit dem genannten Artikel 14 wurde insbesondere in Artikel 6 Absatz 1 des Gesetzes vom 10. August 1991 unter Buchstabe d die
         Eintragungsvoraussetzung hinzugefügt, dass „die Sprache der Rechtsvorschriften sowie die Verwaltungs- und Gerichtssprachen
         im Sinne des Gesetzes vom 24. Februar 1984 über die Sprachenregelung beherrscht“ werden.
      
      12     Die Sprache der Rechtsvorschriften wird durch Artikel 2 des Gesetzes vom 24. Februar 1984 über die Sprachenregelung (Memorial A 1984, S. 196) wie folgt geregelt:
      
      „Die Rechtsakte des Gesetzgebers und ihre Durchführungsverordnungen werden auf Französisch verfasst. Wird ihnen eine Übersetzung
         beigegeben, ist allein der französische Text maßgebend.
      
      Falls im vorstehenden Absatz nicht genannte Verordnungen durch ein staatliches Organ, Gemeinden oder öffentliche Einrichtungen
         in einer anderen Sprache als Französisch verfasst werden, so ist allein der Wortlaut in der von dieser Stelle verwandten Sprache
         maßgebend.
      
      Der vorliegende Artikel lässt die auf dem Gebiet der internationalen Übereinkünfte geltenden Bestimmungen unberührt.“
      13     Für die Verwaltungs- und Gerichtssprachen gilt nach Artikel 3 des Gesetzes vom 24. Februar 1984 über die Sprachenregelung:
      „In streitigen oder nichtstreitigen Verwaltungsangelegenheiten und vor Gericht kann man sich vorbehaltlich spezieller Regelungen
         für bestimmte Sachgebiete der französischen, der deutschen oder der luxemburgischen Sprache bedienen.“
      
      14     Nach Artikel 3 Absatz 1 des Gesetzes vom 13. November 2002 muss ein Rechtsanwalt, der seine Qualifikation in einem anderen
         Mitgliedstaat als dem Großherzogtum Luxemburg erworben hat (im Folgenden: europäischer Rechtsanwalt), im Anwaltsverzeichnis
         einer der Rechtsanwaltskammern des Großherzogtums Luxemburg eingetragen sein, um dort unter seiner ursprünglichen Berufsbezeichnung
         tätig sein zu können. 
      
      15     Artikel 3 Absatz 2 dieses Gesetzes bestimmt:
      „Im Anschluss an ein Gespräch, in dem der Vorstand derjenigen Rechtsanwaltskammer des Großherzogtums Luxemburg, die mit dem
         Antrag des europäischen Rechtsanwalts auf Ausübung anwaltlicher Tätigkeiten unter der ursprünglichen Berufsbezeichnung befasst
         worden ist, überprüft, ob der europäische Rechtsanwalt mindestens die Sprachen nach Artikel 6 Absatz 1 Buchstabe d des Gesetzes
         vom 10. August 1991 beherrscht, sowie unter Berücksichtigung der Vorlage der in Artikel 6 Absatz 1 Buchstaben a, c Satz 1
         und d des Gesetzes vom 10. August 1991 bezeichneten Unterlagen und der Bescheinigung über die Eintragung des betreffenden
         europäischen Rechtsanwalts bei der zuständigen Stelle des Herkunftsmitgliedstaats trägt der Kammervorstand den europäischen
         Rechtsanwalt in das Verzeichnis der dieser Rechtsanwaltskammer angehörenden Rechtsanwälte ein. ...
      
      …“
      16     Nach Artikel 3 Absatz 3 des Gesetzes vom 13. November 2002 sind die Entscheidungen über die Ablehnung einer Eintragung nach
         Absatz 2 dieses Artikels zu begründen und dem europäischen Rechtsanwalt mitzuteilen; sie sind „nach Artikel 26 Absätze 7  ff.
         des Gesetzes vom 10. August 1991 gemäß den dort festgelegten Voraussetzungen und Modalitäten anfechtbar“.
      
      17     Artikel 26 Absatz 7 des Gesetzes vom 10. August 1991 sieht für den Betroffenen u. a. für den Fall der Ablehnung der Eintragung
         in das Anwaltsverzeichnis einer Rechtsanwaltskammer die Möglichkeit vor, sich an den Disziplinar- und Verwaltungsrat (Conseil
         disciplinaire et administratif) zu wenden.
      
      18     Dessen Zusammensetzung regelt Artikel 24 des genannten Gesetzes wie folgt:
      „(1)      Durch dieses Gesetz wird ein Disziplinar- und Verwaltungsrat eingesetzt, der aus fünf in der Anwaltsliste I eingetragenen
         Rechtsanwälten besteht, von denen mit einfacher Mehrheit vier von der Generalversammlung der Rechtsanwaltskammer Luxemburg
         und einer von der Generalversammlung der Rechtsanwaltskammer Diekirch gewählt werden. Die Generalversammlung der Rechtsanwaltskammer
         Luxemburg wählt vier Stellvertreter und die Generalversammlung der Rechtsanwaltskammer Diekirch einen Stellvertreter. Jedes
         Ratsmitglied wird im Verhinderungsfall von einem Stellvertreter der Rechtsanwaltskammer, der es angehört, in der Reihenfolge
         des Dienstalters vertreten; sind die Stellvertreter aus seiner eigenen Rechtsanwaltskammer verhindert, wird das Mitglied von
         einem Stellvertreter aus der anderen Rechtsanwaltskammer vertreten.
      
      (2)      Die Mitglieder üben ihre Tätigkeit für zwei Jahre nach dem auf ihre Wahl folgenden 15. September aus. Wird die Stelle eines
         Mitglieds oder Stellvertreters vakant, so wählt der Disziplinar- und Verwaltungsrat für den Betreffenden ein Ersatzmitglied
         oder einen Ersatzstellvertreter hinzu. Die Amtszeit der Ersatzmitglieder und -stellvertreter endet an dem Tag, an dem die
         Amtszeit des gewählten Mitglieds oder Stellvertreters, das oder den sie ersetzen, geendet hätte. Die Mitglieder des Disziplinar-
         und Verwaltungsrats können wiedergewählt werden.
      
      (3)      Der Disziplinar- und Verwaltungsrat wählt einen Vorsitzenden und dessen Stellvertreter. Im Fall der Verhinderung des Vorsitzenden
         und des stellvertretenden Vorsitzenden nimmt das dienstälteste Mitglied den Vorsitz wahr. Das jüngste Mitglied des Rates nimmt
         die Aufgaben eines Sekretärs wahr.
      
      (4)      Mitglied des Disziplinar- und Verwaltungsrats kann werden, wer die luxemburgische Staatsangehörigkeit besitzt, seit mindestens
         fünf Jahren in der Anwaltsliste I eingetragen ist und nicht Mitglied eines Kammervorstands ist.
      
      (5)      Ist der Disziplinar- und Verwaltungsrat außerstande, sich nach den vorstehenden Bestimmungen zu bilden, so werden seine Mitglieder
         von dem Vorstand der Kammer bestimmt, dem die zu ersetzenden Mitglieder angehören.“
      
      19     Nach Artikel 28 Absatz 1 des Gesetzes vom 10. August 1991 kann gegen die Entscheidungen des Disziplinar- und Verwaltungsrats
         Berufung eingelegt werden.
      
      20     In seiner vor Erlass des Gesetzes vom 13. November 2002 geltenden Fassung sah Artikel 28 Absatz 2 Folgendes vor:
      „Dazu wird ein Disziplinar- und Verwaltungsrat für Berufungen (Conseil disciplinaire et administratif d’appel) eingesetzt,
         der aus zwei Richtern der Cour d’appel und einem in die Anwaltsliste I eingetragenen Rechtsanwalt als Beisitzer besteht.
      
      Die Ratsmitglieder, soweit sie Richter sind, ihre Stellvertreter und der dem Rat zugeteilte Urkundsbeamte werden auf Vorschlag
         der Cour supérieure de justice durch Großherzoglichen Erlass auf zwei Jahre ernannt. Ihre Entschädigungen werden durch Großherzogliche
         Verordnung festgesetzt.
      
      Der beisitzende Rechtsanwalt und sein Stellvertreter werden durch Großherzoglichen Erlass auf zwei Jahre ernannt. Sie werden
         aus einer Liste mit drei seit mindestens fünf Jahren in die Anwaltsliste I eingetragenen Rechtsanwälten bestimmt, die von
         jedem Kammervorstand für jedes Amt vorgelegt wird.
      
      Die Tätigkeit als Beisitzer ist mit der als Mitglied eines Kammervorstands oder der als Mitglied des Disziplinar- und Verwaltungsrats
         unvereinbar.
      
      Der Disziplinar- und Verwaltungsrat für Berufungen tagt in den Räumen der Cour supérieure de justice, deren Geschäftsstelle
         auch die insoweit anfallenden Aufgaben wahrnimmt.“
      
      21     Artikel 28 Absatz 2 des Gesetzes vom 10. August 1991 in der Fassung von Artikel 14 des Gesetzes vom 13. November 2002 sieht
         nunmehr vor:
      
      „Dazu wird ein Disziplinar- und Verwaltungsrat für Berufungen eingesetzt, der aus zwei Richtern der Cour d’appel und drei
         in die Liste I des Anwaltsverzeichnisses eingetragenen Rechtsanwälten als Beisitzern besteht.
      
      …
      Die beisitzenden Rechtsanwälte und ihre Stellvertreter werden durch Großherzoglichen Erlass auf zwei Jahre ernannt. Sie werden
         aus einer Liste mit fünf seit mindestens fünf Jahren in die Liste I des Anwaltsverzeichnisses eingetragenen, bei der Cour
         zugelassenen Rechtsanwälten bestimmt, die von jedem Kammervorstand für jedes Amt vorgelegt wird.
      
      …
      Den Vorsitz im Disziplinar- und Verwaltungsrat führt der dienstälteste Richter.“
      22     Nach Artikel 8 Absatz 3 des Gesetzes vom 10. August 1991 in der Fassung von Artikel 14 Punkt V des Gesetzes vom 13. November
         2002 umfasst das Anwaltsverzeichnis jeder Rechtsanwaltskammer vier Listen, nämlich:
      
      „1.      die Liste I der Anwälte, die die Voraussetzungen der Artikel 5 und 6 erfüllen und die die im Gesetz vorgesehene Prüfung am
         Ende des Praktikums bestanden haben;
      
      2.      die Liste II der Anwälte, die die Voraussetzungen der Artikel 5 und 6 erfüllen;
      3.      die Liste III der Ehrenanwälte;
      4.      die Liste IV der Anwälte, die die Tätigkeit unter ihrer ursprünglichen Berufsbezeichnung ausüben“.
       Ausgangsverfahren und Vorlagefragen
      23     Herr Wilson, ein Staatsangehöriger des Vereinigten Königreichs, ist Barrister. Er ist seit 1975 Mitglied der Anwaltschaft
         von England und Wales. In Luxemburg übt er den Anwaltsberuf seit 1994 aus.
      
      24     Am 29. April 2003 wurde Herr Wilson vom Conseil de l’ordre zum in Artikel 3 Absatz 2 des Gesetzes vom 13. November 2002 vorgesehenen
         Gespräch geladen.
      
      25     Am 7. Mai 2003 erschien Herr Wilson zu diesem Gespräch in Begleitung eines luxemburgischen Anwalts; der Conseil de l’ordre
         lehnte dessen Teilnahme an dem genannten Gespräch jedoch ab.
      
      26     Mit Einschreiben vom 14. Mai 2003 teilte der Conseil de l’ordre Herrn Wilson seine Entscheidung mit, ihm die Eintragung in
         die zum Rechtsanwaltsverzeichnis gehörende Liste IV der Anwälte, die die Tätigkeit unter ihrer ursprünglichen Berufsbezeichnung
         ausüben, zu verweigern. Zur Begründung wurde ausgeführt:
      
      „Nachdem der Kammervorstand Sie darüber in Kenntnis gesetzt hatte, dass der gesetzlich nicht vorgesehene Beistand eines Rechtsanwalts
         nicht zugelassen werde, haben Sie sich geweigert, ohne den Beistand von Maître … das Gespräch zu führen. Der Kammervorstand
         war daher außerstande, zu überprüfen, ob Sie die Sprachen gemäß Artikel 6 Absatz 1 Buchstabe d des Gesetzes vom 10. August
         1991 über den Beruf des Rechtsanwalts beherrschen …“
      
      27     Der Conseil de l’ordre teilte Herrn Wilson in diesem Schreiben mit, dass „[g]emäß Artikel 26 Absatz 7 des Gesetzes vom 10.
         August 1991 … gegen den vorliegenden Bescheid innerhalb einer Frist von 40 Tagen ab Übersendung des Bescheids durch Schriftsatz
         beim Disziplinar- und Verwaltungsrat (Postfach 575, L-1025 Luxemburg) ein Rechtsbehelf eingelegt werden [kann]“.
      
      28     Mit Klageschrift vom 28. Juli 2003 erhob Herr Wilson beim Tribunal administratif Luxemburg eine Anfechtungsklage gegen diesen
         ablehnenden Bescheid.
      
      29     Mit Urteil vom 13. Mai 2004 erklärte sich das Gericht für diese Klage für unzuständig.
      30     Mit am 22. Juni 2004 bei der Kanzlei der Cour administrative eingegangener Berufungsschrift hat Herr Wilson Berufung gegen
         dieses Urteil eingelegt.
      
      31     Das vorlegende Gericht legt dar, dass die Frage der Vereinbarkeit des durch das luxemburgische Recht eingeführten Rechtsbehelfsverfahrens
         mit Artikel 9 der Richtlinie 98/5 unmittelbar auf die Frage ausstrahle, ob die Verwaltungsgerichte dafür zuständig seien,
         über den Ausgangsrechtsstreit zu befinden. In der Sache stellt sich das vorlegende Gericht die Frage, ob die luxemburgischen
         Vorschriften, die eine Überprüfung der Sprachkenntnisse der europäischen Anwälte vorsehen, die ihren Beruf in Luxemburg ausüben
         möchten, mit dem Gemeinschaftsrecht vereinbar sind.
      
      32     Unter diesen Umständen hat die Cour administrative das Verfahren ausgesetzt und dem Gerichtshof folgende Fragen zur Vorabentscheidung
         vorgelegt:
      
      1.      Ist Artikel 9 der Richtlinie 98/5 dahin auszulegen, dass er einem Rechtsbehelfsverfahren wie dem im Gesetz vom 10. August
         1991 in der durch das Gesetz vom 13. November 2002 geänderten Fassung vorgesehenen entgegensteht?
      
      2.      Stellt insbesondere der Weg zu Rechtsbehelfsinstanzen wie dem Conseil disciplinaire et administratif und dem Conseil disciplinaire
         et administratif d’appel ein „innerstaatliches gerichtliches Rechtsmittel“ im Sinne von Artikel 9 der Richtlinie 98/5 dar,
         und ist Artikel 9 so auszulegen, dass er einer Rechtsschutzmöglichkeit entgegensteht, die die Anrufung einer oder mehrerer
         Einrichtungen dieser Art vorschreibt, bevor die Möglichkeit besteht, ein „Gericht“ im Sinne von Artikel 9 mit einer Rechtsfrage
         zu befassen?
      
      3.      Sind die zuständigen Stellen eines Mitgliedstaats befugt, das Recht eines Rechtsanwalts eines (anderen) Mitgliedstaats, die
         in Artikel 5 der Richtlinie 98/5 genannten Anwaltstätigkeiten auf Dauer unter seiner ursprünglichen Berufsbezeichnung auszuüben,
         dem Erfordernis zu unterwerfen, dass die Sprachen dieses (erstgenannten) Mitgliedstaats beherrscht werden?
      
      4.      Können die zuständigen Stellen insbesondere die Voraussetzung aufstellen, dass das Recht der Berufsausübung von der Bedingung
         abhängt, dass sich der Rechtsanwalt einer mündlichen Sprachprüfung in allen (oder mehreren der) drei Hauptsprachen des Aufnahmemitgliedstaats
         unterzieht, damit die zuständigen Behörden nachprüfen können, ob der Anwalt die drei Sprachen beherrscht, und wenn sie dies
         können, welche Verfahrensgarantien sind gegebenenfalls erforderlich?
      
       Zur ersten und zur zweiten Frage
       Zur Zuständigkeit des Gerichtshofes, diese Fragen zu beantworten, und zu deren Zulässigkeit
      33     Der Ordre des avocats du barreau de Luxembourg macht, unterstützt durch die luxemburgische Regierung, geltend, dass die ersten
         beiden Fragen außerhalb der Zuständigkeit des Gerichtshofes lägen. Denn mit diesen Fragen ersuche das vorlegende Gericht um
         eine Auslegung von Artikel 9 der Richtlinie 98/5 im Licht der nationalen Vorschriften. Der Gerichtshof sei weder dafür zuständig,
         die Vereinbarkeit nationaler Vorschriften mit dem Gemeinschaftsrecht zu überprüfen, noch dazu, solche Vorschriften auszulegen.
      
      34     Zwar ist es im Rahmen eines Verfahrens nach Artikel 234 EG nicht Sache des Gerichtshofes, über die Vereinbarkeit nationaler
         Rechtsvorschriften mit dem Gemeinschaftsrecht zu entscheiden (vgl. u. a. Urteil vom 7. Juli 1994 in der Rechtssache C‑130/93,
         Lamaire, Slg. 1994, I‑3215, Randnr. 10). Außerdem obliegt die Auslegung nationaler Vorschriften im Rahmen des durch diesen
         Artikel geschaffenen Systems der richterlichen Zusammenarbeit den nationalen Gerichten und nicht dem Gerichtshof (vgl. u. a.
         Urteil vom 12. Oktober 1993 in der Rechtssache C‑37/92, Vanacker und Lesage, Slg. 1993, I‑4947, Randnr. 7).
      
      35     Doch ist der Gerichtshof befugt, dem nationalen Gericht alle Hinweise zur Auslegung des Gemeinschaftsrechts zu geben, die
         es diesem ermöglichen, über die Frage der Vereinbarkeit nationaler Rechtsvorschriften mit dem Gemeinschaftsrecht zu entscheiden
         (vgl. u. a. Urteil Lamaire, Randnr. 10).
      
      36     Im vorliegenden Fall enthalten die ersten beiden Fragen ein Ersuchen um eine Auslegung von Artikel 9 der Richtlinie 98/5,
         die es dem vorlegenden Gericht erlauben soll, zu beurteilen, ob das durch das luxemburgische Recht eingeführte Rechtsbehelfsverfahren
         mit diesem Artikel vereinbar ist. Folglich fallen diese Fragen in die Zuständigkeit des Gerichtshofes.
      
      37     Der Ordre des avocats du barreau de Luxembourg trägt außerdem vor, dass die Vorlageentscheidung keine Hinweise auf Art, Zusammensetzung
         und Funktionsweise der im Ausgangsverfahren in Rede stehenden Rechtsbehelfsinstanzen enthalte, was den Gerichtshof daran hindere,
         dem vorlegenden Gericht eine sachdienliche Antwort in Bezug auf die ersten beiden Fragen zu liefern.
      
      38     In dieser Hinsicht ist daran zu erinnern, dass nach ständiger Rechtsprechung eine dem nationalen Gericht dienliche Auslegung
         des Gemeinschaftsrechts nur möglich ist, wenn dieses den Sachverhalt und die Rechtslage, in denen sich seine Fragen stellen,
         darlegt oder zumindest die tatsächlichen Annahmen, auf denen diese Fragen beruhen, erläutert (vgl. u. a. Urteile vom 21. September
         1999 in der Rechtssache C‑67/96, Albany, Slg. 1999, I‑5751, Randnr. 39, und vom 11. April 2000 in den Rechtssachen C‑51/96
         und C‑191/97, Deliège, Slg. 2000, I‑2549, Randnr. 30).
      
      39     Die Angaben in den Vorlageentscheidungen sollen nicht nur dem Gerichtshof gestatten, sachdienliche Antworten zu geben, sondern
         auch den Regierungen der Mitgliedstaaten und den anderen Beteiligten die Möglichkeit eröffnen, Erklärungen nach Artikel 23
         der Satzung des Gerichtshofes abzugeben. Der Gerichtshof hat darauf zu achten, dass diese Möglichkeit gewahrt wird, wobei
         zu berücksichtigen ist, dass den Beteiligten nach dieser Vorschrift nur die Vorlageentscheidungen zugestellt werden (vgl.
         insbesondere Urteile Albany, Randnr. 40, und vom 12. April 2005 in der Rechtssache C‑145/03, Keller, Slg. 2005, I‑2529, Randnr.
         30).
      
      40     Im vorliegenden Fall geht zum einen aus den von den Parteien des Ausgangsverfahrens, den Regierungen der Mitgliedstaaten und
         der Kommission der Europäischen Gemeinschaften abgegebenen Erklärungen hervor, dass diese sachdienlich zu den ersten beiden
         Fragen haben Stellung nehmen können.
      
      41     Zum anderen hält sich der Gerichtshof für durch die Informationen, die in der Vorlageentscheidung und in den bei ihm eingereichten
         Erklärungen enthalten sind, hinlänglich unterrichtet, um sachdienlich auf die gestellten Fragen antworten zu können.
      
      42     Aus dem Vorstehenden ergibt sich, dass der Gerichtshof auf die ersten beiden Fragen zu antworten hat.
       Zur Beantwortung der Vorlagefragen
      43     Mit seinen ersten beiden Fragen, die zusammen zu behandeln sind, ersucht das vorlegende Gericht den Gerichtshof im Wesentlichen
         um eine Auslegung des Begriffes „gerichtliches Rechtsmittel nach dem innerstaatlichen Recht“ im Sinne von Artikel 9 der Richtlinie
         98/5 im Hinblick auf ein Rechtsbehelfsverfahren wie das von der luxemburgischen Regelung vorgesehene.
      
      44     Hierbei ist daran zu erinnern, dass Artikel 9 der Richtlinie 98/5 bestimmt, dass gegen die Entscheidungen der zuständigen
         Stelle des Aufnahmestaats, mit denen die Eintragung eines Anwalts verweigert wird, der dort unter seiner ursprünglichen Berufsbezeichnung
         tätig werden möchte, ein gerichtliches Rechtsmittel nach dem innerstaatlichen Recht gegeben sein muss.
      
      45     Nach dieser Bestimmung haben die Mitgliedstaaten Maßnahmen zu treffen, die so wirksam sind, dass das Ziel der Richtlinie 98/5
         erreicht wird, und dafür Sorge zu tragen, dass die Betroffenen die ihnen dadurch  verliehenen Rechte auch tatsächlich vor
         den innerstaatlichen Gerichten geltend machen können (vgl. analog Urteil vom 15. Mai 1986 in der Rechtssache 222/84, Johnston,
         Slg. 1986, 1651, Randnr. 17).
      
      46     Wie die französische Regierung und die Kommission betont haben, ist die von dieser Bestimmung verlangte gerichtliche Kontrolle
         Ausdruck eines allgemeinen Grundsatzes des Gemeinschaftsrechts, der sich aus den gemeinsamen Verfassungstraditionen der Mitgliedstaaten
         ergibt und in den Artikeln 6 und 13 der Europäischen Konvention zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten verankert
         ist (vgl. u. a. Urteile Johnston, Randnr. 18, vom 15. Oktober 1987 in der Rechtssache 222/86, Heylens u. a., Slg. 1987, 4097,
         Randnr. 14, vom 27. November 2001 in der Rechtssache C‑424/99, Kommission/Österreich, Slg. 2001, I‑9285, Randnr. 45, und vom
         25. Juli 2002 in der Rechtssache C‑459/99, MRAX, Slg. 2002, I‑6591, Randnr. 101).
      
      47     Zur Gewährleistung eines effektiven gerichtlichen Rechtsschutzes für die in der Richtlinie 98/5 vorgesehenen Rechte muss die
         Stelle, die dazu berufen ist, über die Entscheidungen zu befinden, mit denen die Eintragung nach Artikel 3 dieser Richtlinie
         verweigert wird, dem Gerichtsbegriff entsprechen, wie er im Gemeinschaftsrecht definiert wird. 
      
      48     Der genannte Terminus ist in der Rechtsprechung des Gerichtshofes über den Begriff des einzelstaatlichen Gerichts im Sinne
         von Artikel 234 EG unter Aufführung einer bestimmten Anzahl von Kriterien umschrieben worden, die die betreffende Stelle erfüllen
         muss, wie ihre gesetzliche Grundlage, ihre Dauerhaftigkeit, die obligatorische Gerichtsbarkeit, das streitige Verfahren und
         die Anwendung von Rechtsnormen (vgl. in diesem Sinne u. a. Urteile vom 30. Juni 1966 in der Rechtssache 61/65, Vaassen-Göbbels,
         Slg. 1966, 584, 602, und vom 17. September 1997 in der Rechtssache C‑54/96, Dorsch Consult, Slg. 1997, I‑4961, Randnr. 23)
         sowie Unabhängigkeit und Unparteilichkeit (vgl. in diesem Sinne u. a. Urteile vom 11. Juni 1987 in der Rechtssache 14/86,
         Pretore di Salò/X, Slg. 1987, 2545, Randnr. 7, vom 21. April 1988 in der Rechtssache 338/85, Pardini, Slg. 1988, 2041, Randnr.
         9, und vom 29. November 2001 in der Rechtssache C‑17/00, De Coster, Slg. 2001, I‑9445, Randnr. 17).
      
      49     Der Begriff der Unabhängigkeit, die dem Auftrag des Richters innewohnt, bedeutet vor allem, dass die betreffende Stelle gegenüber
         der Stelle, die die mit einem Rechtsbehelf angefochtene Entscheidung erlassen hat, die Eigenschaft eines Dritten hat (vgl.
         in diesem Sinne u. a. Urteile vom 30. März 1993 in der Rechtssache  C‑24/92, Corbiau, Slg. 1993, I‑1277, Randnr. 15, und vom
         30. Mai 2002 in der Rechtssache C‑516/99, Schmid, Slg. 2002, I‑4573, Randnr. 36).
      
      50     Außerdem umfasst dieser Begriff zwei Aspekte.
      51     Der erste, externe, Aspekt setzt voraus, dass die Stelle vor Interventionen oder Druck von außen geschützt ist, die die Unabhängigkeit
         des Urteilens ihrer Mitglieder im Hinblick auf die ihnen unterbreiteten Rechtsstreite gefährden könnten (vgl. in diesem Sinne
         Urteile vom 4. Februar 1999 in der Rechtssache C‑103/97, Köllensperger und Atzwanger, Slg. 1999, I‑551, Randnr. 21, und vom
         6. Juli 2000 in der Rechtssache C‑407/98, Abrahamsson und Anderson, Slg. 2000, I‑5539, Randnr. 36; vgl. hierzu auch Urteil
         des EGMR vom 28. Juni 1984 in der Rechtssache Campbell und Fell/Vereinigtes Königreich, Serie A Nr. 80, § 78). Diese unerlässliche
         Freiheit von derartigen äußeren Einflüssen erfordert bestimmte Garantien wie die Unabsetzbarkeit, die geeignet sind, die mit
         der Aufgabe des Richtens Betrauten in ihrer Person zu schützen (vgl. in diesem Sinne Urteil vom 22. Oktober 1998 in der Rechtssache
         C‑9/97 und C‑118/97, Jokela und Pitkäranta, Slg. 1998, I‑6267, Randnr. 20).
      
      52     Der zweite, interne, Aspekt steht mit dem Begriff der Unparteilichkeit in Zusammenhang und bezieht sich darauf, dass hinsichtlich
         der Parteien des Rechtsstreits und ihren jeweiligen Interessen an dessen Gegenstand ein gleicher Abstand gewahrt wird. Dieser
         Aspekt verlangt, dass Sachlichkeit obwaltet (vgl. in diesem Sinne Urteil Abrahamsson und Anderson, Randnr. 32) und neben der
         strikten Anwendung der Rechtsnormen keinerlei Interesse am Ausgang des Rechtsstreits besteht.
      
      53     Diese Garantien der Unabhängigkeit und Unparteilichkeit setzen voraus, dass es Regeln insbesondere für die Zusammensetzung
         der Einrichtung, die Ernennung, die Amtsdauer und die Gründe für Enthaltung, Ablehnung und Abberufung ihrer Mitglieder gibt,
         die es ermöglichen, bei den Rechtsunterworfenen jeden berechtigten Zweifel an der Unempfänglichkeit der genannten Stelle für
         Einflussnahmen von außen und an ihrer Neutralität in Bezug auf die einander gegenüberstehenden Interessen auszuräumen (vgl.
         hierzu Urteile Dorsch Consult, Randnr. 36, Köllensperger und Atzwanger, Randnrn. 20 bis 23, und De Coster, Randnrn. 18 bis
         21; vgl. außerdem in diesem Sinne Urteil des EGMR vom 26. Oktober 1984 in der Rechtssache De Cubber/Belgien, Serie A Nr. 86,
         § 24).
      
      54     Im vorliegenden Fall ist die Zusammensetzung des Disziplinar- und Verwaltungsrats, wie sie Artikel 24 des Gesetzes vom 10.
         August 1991 festlegt, dadurch gekennzeichnet, dass hieran ausschließlich Rechtsanwälte luxemburgischer Staatsangehörigkeit
         beteiligt sind, die in der Liste I des Rechtsanwaltsverzeichnisses – d. h. in der Liste derjenigen Rechtsanwälte, die unter
         der luxemburgischen Berufsbezeichnung tätig sind und die im Gesetz vorgesehene Prüfung am Ende des Praktikums bestanden haben
         – eingetragen und von den Generalversammlungen der Rechtsanwaltskammer Luxemburg oder der Rechtsanwaltskammer Diekirch gewählt
         worden sind.
      
      55     Was den Disziplinar- und Verwaltungsrat für Berufungen anbelangt, so verleiht die mit Artikel 14 des Gesetzes vom 13. November
         2002 in Artikel 28 Absatz 2 des Gesetzes vom 10. August 1991 vorgenommene Änderung den Beisitzern, die in derselben Liste
         eingetragen sein müssen und vom Vorstand der jeweiligen in der vorstehenden Randnummer dieses Urteils genannten Rechtsanwaltskammer
         vorgeschlagen werden, gegenüber den Berufsrichtern ein Übergewicht.
      
      56     Wie die Generalanwältin in Nummer 47 ihrer Schlussanträge ausgeführt hat, werden so die ablehnenden Entscheidungen über die
         Eintragung eines europäischen Rechtsanwalts, die der Kammervorstand trifft, bei dessen Mitgliedern es sich nach Artikel 16
         des Gesetzes vom 10. August 1991 um Rechtsanwälte der Liste I des Anwaltsverzeichnisses handelt, erstinstanzlich von einem
         Organ, das sich ausschließlich, und in der Berufungsinstanz von einem Organ, das sich mehrheitlich aus in derselben Liste
         eingetragenen Rechtsanwälten zusammensetzt, überprüft.
      
      57     Ein europäischer Rechtsanwalt, dessen Eintragung in die Liste IV des Anwaltsverzeichnisses vom Kammervorstand verweigert worden
         ist, hat unter diesen Voraussetzungen berechtigten Grund für die Befürchtung, dass je nach der Instanz allen oder den meisten
         Mitgliedern dieser Organe ein dem seinen zuwiderlaufendes Interesse, nämlich dasjenige, eine Entscheidung zu bestätigen, die
         einen Wettbewerber, der seine berufliche Qualifikation in einem anderen Mitgliedstaat erworben hat, vom Markt fernhält, gemein
         ist und dass kein gleicher Abstand hinsichtlich der beteiligten Interessen gewahrt sein könnte (vgl. in diesem Sinne Urteil
         des EGMR vom 22. Juni 1989 in der Rechtssache Langborger/Schweden, Serie A Nr. 155, § 35).
      
      58     Die Regeln für die Zusammensetzung von Organen wie den im Ausgangsverfahren in Rede stehenden sind somit offensichtlich nicht
         geeignet, eine hinreichende Gewähr für die Unparteilichkeit zu bieten.
      
      59     Entgegen dem Vorbringen des Ordre des avocats du barreau de Luxembourg kann Bedenken, die sich auf diese Regeln über die Zusammensetzung
         beziehen, nicht dadurch abgeholfen werden, dass Artikel 29 Absatz 1 des Gesetzes vom 10. August 1991 die Möglichkeit der Kassationsbeschwerde
         gegen die Urteile des Disziplinar- und Verwaltungsrats für Berufungen einräumt.
      
      60     Zwar schließt Artikel 9 der Richtlinie 98/5 nicht aus, dass zunächst ein Rechtsbehelf bei einem außergerichtlichen Organ eingelegt
         werden muss, doch sieht er auch nicht vor, dass der gerichtliche Rechtsweg dem Betreffenden erst dann eröffnet werden kann,
         nachdem er Rechtsbehelfe anderer Art eventuell erschöpft hat. Auf jeden Fall verlangt der genannte Artikel 9 für den Fall,
         dass das nationale Recht einen Rechtsbehelf bei einem außergerichtlichen Organ vorsieht, dass der effektive Zugang zu einem
         für eine Entscheidung über die Sach- und Rechtslage zuständigen Gericht im Sinne des Gemeinschaftsrechts binnen einer angemessenen
         Frist gegeben ist (vgl. analog Urteile vom 15. Oktober 2002 in den Rechtssachen C‑238/99 P, C‑244/99 P, C‑245/99 P, C‑247/99 P,
         C‑250/99 P bis C‑252/99 P und C‑254/99 P, Limburgse Vinyl Maatschappij u. a./Kommission, Slg. 2002, I‑8375, Randnrn. 180 bis
         205 und 223 bis 234). 
      
      61     Unabhängig von der Frage, ob die vorherige Anrufung zweier außergerichtlicher Organe mit dem Erfordernis der angemessenen
         Frist vereinbar ist, ist die Zuständigkeit der Cour de cassation des Großherzogtums Luxemburg auf Rechtsfragen beschränkt,
         so dass dieses Gericht nicht über die volle gerichtliche Zuständigkeit verfügt (vgl. in diesem Sinne Urteil des EGMR vom 9.
         Juni 1998 in der Rechtssache Incal/Türkei, Recueil des arrêts et décisions 1998-IV, S. 1547, § 72).
      
      62     Nach alledem ist auf die ersten beiden Fragen zu antworten, dass Artikel 9 der Richtlinie 98/5 dahin auszulegen ist, dass
         er einem Rechtsbehelfsverfahren entgegensteht, in dessen Rahmen die Entscheidung über die Verweigerung der in Artikel 3 der
         Richtlinie erwähnten Eintragung erstinstanzlich vor einem Organ, das ausschließlich aus Rechtsanwälten besteht, die unter
         der Berufsbezeichnung des Aufnahmestaats tätig sind, und zweitinstanzlich vor einem Organ angefochten werden muss, das mehrheitlich
         aus solchen Anwälten besteht, während die Kassationsbeschwerde zum höchsten Gericht dieses Mitgliedstaats lediglich eine rechtliche
         Überprüfung, nicht aber eine Überprüfung der Tatsachenfeststellungen ermöglicht.
      
       Zur dritten und zur vierten Frage
      63     Mit der dritten und der vierten Frage, die gemeinsam zu prüfen sind, möchte das vorlegende Gericht wissen, ob und gegebenenfalls
         unter welchen Voraussetzungen das Gemeinschaftsrecht einem Aufnahmestaat gestattet, das Recht eines Rechtsanwalts, seine Tätigkeiten
         auf Dauer in dem genannten Mitgliedstaat unter seiner ursprünglichen Berufsbezeichnung auszuüben, von einer Überprüfung der
         Beherrschung der Sprachen dieses Mitgliedstaats abhängig zu machen.
      
      64     Insoweit wollte der Gemeinschaftsgesetzgeber, wie sich aus der sechsten Begründungserwägung der Richtlinie 98/5 ergibt, mit
         dieser Richtlinie insbesondere die Unterschiedlichkeit der nationalen Vorschriften über die Voraussetzungen der Eintragung
         bei den zuständigen Stellen beenden, die den Ungleichheiten und Hindernissen für die Freizügigkeit zugrunde lagen (vgl. in
         diesem Sinne auch Urteil vom 7. November 2000 in der Rechtssache C‑168/98, Luxemburg/Parlament und Rat, Slg. 2000, I‑9131,
         Randnr. 64).
      
      65     In diesem Zusammenhang sieht Artikel 3 der Richtlinie 98/5 vor, dass der Rechtsanwalt, der seinen Beruf in einem anderen Mitgliedstaat
         ausüben möchte als dem, in dem er seine Berufsqualifikation erworben hat, sich bei der zuständigen Stelle dieses Mitgliedstaats
         eintragen zu lassen hat, die diese Eintragung „anhand einer Bescheinigung über [die] Eintragung [des betreffenden Anwalts]
         bei der zuständigen Stelle des Herkunftsstaats“ vorzunehmen hat.
      
      66     In Anbetracht des Zieles der Richtlinie 98/5, auf das in Randnummer 64 des vorliegenden Urteils hingewiesen worden ist, ist
         mit der Regierung des Vereinigten Königreichs und der Kommission anzunehmen, dass der Gemeinschaftsgesetzgeber in Artikel
         3 dieser Richtlinie eine vollständige Harmonisierung der Voraussetzungen für die Ausübung des mit dieser Richtlinie verliehenen
         Rechts vorgenommen hat.
      
      67     Dass der zuständigen Stelle des Aufnahmestaats eine Bescheinigung über die Eintragung bei der zuständigen Stelle des Herkunftsstaats
         vorgelegt wird, ist somit offenbar die einzige Voraussetzung für die Eintragung des Betreffenden im Aufnahmestaat, die es
         ihm ermöglicht, in diesem Mitgliedstaat unter seiner ursprünglichen Berufsbezeichnung tätig zu sein. 
      
      68     Dies wird durch die Begründung des Vorschlags für eine Richtlinie des Europäischen Parlaments und des Rates zur Erleichterung
         der ständigen Ausübung des Rechtsanwaltsberufs in einem anderen Mitgliedstaat als dem, in dem die Qualifikation erworben wurde
         (KOM[94] 572 endg.), bestätigt, wo im Kommentar zu Artikel 3 ausgeführt wird: „Die Eintragung [bei der zuständigen Stelle
         des Aufnahmestaats] erfolgt von Rechts wegen, wenn der Antragsteller die Bescheinigung über seine Eintragung bei der zuständigen
         Behörde des Herkunftsstaates vorlegt.“
      
      69     Wie der Gerichtshof bereits festgestellt hat, hat der Gemeinschaftsgesetzgeber, um einer bestimmten Kategorie zuwandernder
         Rechtsanwälte die Ausübung der Niederlassungsfreiheit, einer Grundfreiheit, zu erleichtern, davon abgesehen, einem System
         der Vorabkontrolle der Kenntnisse der Betroffenen den Vorzug zu geben (vgl. Urteil Luxemburg/Parlament und Rat, Randnr. 43).
      
      70     Die Richtlinie 98/5 lässt es somit nicht zu, dass die Eintragung eines europäischen Rechtsanwalts bei der zuständigen Stelle
         des Aufnahmestaats von einem Gespräch abhängig gemacht wird, das es der genannten Stelle zu bewerten ermöglichen soll, ob
         der Betreffende die Sprachen dieses Mitgliedstaats beherrscht. 
      
      71     Wie Herr Wilson, die Regierung des Vereinigten Königreichs und die Kommission betont haben, geht der Verzicht auf ein System
         der Vorabkontrolle der Kenntnisse, insbesondere der Sprachkenntnisse, des europäischen Rechtsanwalts jedoch in der Richtlinie
         98/5 mit einer Reihe von Regeln einher, die darauf abzielen, auf einem in der Gemeinschaft akzeptablen Niveau den Schutz der
         Rechtsunterworfenen und eine geordnete Rechtspflege sicherzustellen (vgl. Urteil Luxemburg/Parlament und Rat, Randnrn. 32
         und 33).
      
      72     So zielt die den europäischen Rechtsanwälten durch Artikel 4 der Richtlinie 98/5 auferlegte Verpflichtung, ihre Anwaltstätigkeit
         in diesem Mitgliedstaat unter ihrer ursprünglichen Berufsbezeichnung auszuüben, nach der neunten Begründungserwägung dieser
         Richtlinie darauf ab, eine Unterscheidung dieser Rechtsanwälte von den Rechtsanwälten, die in den Berufsstand des genannten
         Mitgliedstaats integriert sind, zu ermöglichen, damit der Rechtsunterworfene darüber informiert ist, dass der Anwalt, dem
         er die Wahrnehmung seiner Interessen anvertraut, seine Qualifikation nicht im Aufnahmestaat erworben hat (vgl. in diesem Sinne
         Urteil Luxemburg/Parlament und Rat, Randnr. 34) und nicht unbedingt über die Kenntnisse, insbesondere in sprachlicher Hinsicht,
         verfügt, die für die Bearbeitung seines Falles angemessen sind.
      
      73     Für die Ausübung der Tätigkeiten, die mit der Vertretung und der Verteidigung von Mandanten vor Gerichten verbunden sind,
         steht es dem Aufnahmestaat frei, den unter ihrer ursprünglichen Berufsbezeichnung tätigen europäischen Rechtsanwälten gemäß
         Artikel 5 Absatz 3 der Richtlinie 98/5 als Bedingung aufzuerlegen, dass sie im Einvernehmen mit einem bei dem angerufenen
         Gericht zugelassenen Rechtsanwalt, der gegebenenfalls diesem Gericht gegenüber die Verantwortung trägt, oder mit einem bei
         diesem Gericht tätigen „avoué“ handeln. Diese Möglichkeit erlaubt es, eventuelle Unzulänglichkeiten des europäischen Rechtsanwalts
         bei der Beherrschung der Gerichtssprachen des Aufnahmestaats auszugleichen.
      
      74     Gemäß den Artikeln 6 und 7 der Richtlinie 98/5 hat der europäische Rechtsanwalt nicht nur die Berufs- und Standesregeln des
         Herkunftsmitgliedstaats, sondern auch die des Aufnahmestaats zu beachten; im Fall eines Verstoßes drohen ihm disziplinarische
         Maßnahmen und die Inanspruchnahme aus seiner Berufshaftpflicht (vgl. Urteil Luxemburg/Parlament und Rat, Randnrn. 36 bis 41).
         Die für Rechtsanwälte geltenden Standesregeln enthalten meist wie die vom Rat der Anwaltschaften der Europäischen Union (CCBE)
         beschlossenen Standesregeln für den Anwalt eine disziplinarrechtlich abgesicherte Verpflichtung, keine Fälle zu bearbeiten,
         von denen er weiß oder wissen muss, dass er, z. B. mangels Sprachkenntnissen, nicht die erforderlichen Fähigkeiten besitzt
         (vgl. in diesem Sinne Urteil Luxemburg/Parlament und Rat, Randnr. 42). Der Kontakt zu den Mandanten, den Verwaltungsbehörden
         und den berufsständischen Organisationen des Aufnahmestaats ist nämlich ebenso wie die Beachtung der von den Stellen des genannten
         Mitgliedstaats aufgestellten Standesregeln dazu angetan, vom europäischen Anwalt angemessene Sprachkenntnisse oder die Einschaltung
         eines Beistands, sollten diese Kenntnissen unzureichend sein, zu verlangen.
      
      75     Mit der Kommission ist außerdem zu unterstreichen, dass eines der Ziele der Richtlinie 98/5, wie es in deren fünfter Begründungserwägung
         heißt, darin besteht, dass „dadurch, dass [den europäischen Anwälten] ermöglicht wird, ihren Beruf ständig unter ihrer ursprünglichen
         Berufsbezeichnung in einem Aufnahmestaat auszuüben, gleichzeitig den Erfordernissen der Rechtsuchenden entsprochen wird, die
         aufgrund des zunehmenden Geschäftsverkehrs insbesondere im Zuge der Verwirklichung des Binnenmarktes einer Beratung bei grenzübergreifenden
         Transaktionen bedürfen, bei denen das internationale Recht, das Gemeinschaftsrecht und nationale Rechtsordnungen häufig miteinander
         verschränkt sind“. Solche internationalen Rechtssachen sowie Fälle, die unter das Recht eines anderen Mitgliedstaats als das
         des Aufnahmestaats fallen, erfordern möglicherweise eine weniger ausgeprägte Kenntnis der Sprachen des Aufnahmestaats, als
         dies bei der Bearbeitung von Rechtssachen der Fall ist, in denen das Recht dieses Mitgliedstaats anwendbar ist.
      
      76     Schließlich ist darauf hinzuweisen, dass die Gleichstellung des europäischen Anwalts mit dem Anwalt des Aufnahmestaats, die
         die Richtlinie nach ihrer 14. Begründungserwägung erleichtern will, gemäß Artikel 10 dieser Richtlinie verlangt, dass der
         Betreffende eine mindestens dreijährige effektive und regelmäßige Tätigkeit im Recht dieses Mitgliedstaats nachweist oder
         bei kürzerer Dauer andere sich auf dieses Recht beziehende Kenntnisse, Fortbildung oder Berufserfahrung dartut. Eine solche
         Maßnahme ermöglicht es dem europäischen Anwalt, der sich in den Berufsstand des Aufnahmestaats integrieren möchte, sich mit
         der oder den Sprachen des genannten Mitgliedstaats vertraut zu machen.
      
      77     Nach alledem ist auf die dritte und die vierte Frage zu antworten, dass Artikel 3 der Richtlinie 98/5 dahin auszulegen ist,
         dass die Eintragung eines Rechtsanwalts bei der zuständigen Stelle eines anderen Mitgliedstaats als desjenigen, in dem er
         seine Berufsqualifikation erworben hat, zu dem Zweck, dort unter seiner ursprünglichen Berufsbezeichnung tätig zu sein, nicht
         von einer vorherigen Überprüfung der Beherrschung der Sprachen des Aufnahmestaats abhängig gemacht werden kann.
      
       Kosten
      78     Für die Parteien des Ausgangsverfahrens ist das Verfahren ein Zwischenstreit in dem bei dem vorlegenden Gericht anhängigen
         Rechtsstreit; die Kostenentscheidung ist daher Sache dieses Gerichts. Die Auslagen anderer Beteiligter für die Abgabe von
         Erklärungen vor dem Gerichtshof sind nicht erstattungsfähig.
      
      Aus diesen Gründen hat der Gerichtshof (Große Kammer) für Recht erkannt:
      1.      Artikel 9 der Richtlinie 98/5/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 16. Februar 1998 zur Erleichterung der ständigen
            Ausübung des Rechtsanwaltsberufs in einem anderen Mitgliedstaat als dem, in dem die Qualifikation erworben wurde, ist dahin
            auszulegen, dass er einem Rechtsbehelfsverfahren entgegensteht, in dessen Rahmen die Entscheidung über die Verweigerung der
            in Artikel 3 der Richtlinie erwähnten Eintragung erstinstanzlich vor einem Organ, das ausschließlich aus Rechtsanwälten besteht,
            die unter der Berufsbezeichnung des Aufnahmestaats tätig sind, und zweitinstanzlich vor einem Organ angefochten werden muss,
            das mehrheitlich aus solchen Anwälten besteht, während die Kassationsbeschwerde zum höchsten Gericht dieses Mitgliedstaats
            lediglich eine rechtliche Überprüfung, nicht aber eine Überprüfung der Tatsachenfeststellungen ermöglicht.
      2.      Artikel 3 der Richtlinie 98/5 ist dahin auszulegen, dass die Eintragung eines Rechtsanwalts bei der zuständigen Stelle eines
            anderen Mitgliedstaats als desjenigen, in dem er seine Berufsqualifikation erworben hat, zu dem Zweck, dort unter seiner ursprünglichen
            Berufsbezeichnung tätig zu sein, nicht von einer vorherigen Überprüfung der Beherrschung der Sprachen des Aufnahmestaats abhängig
            gemacht werden kann.
      Unterschriften.
      * Verfahrenssprache: Französisch.