CELEX: 62006CJ0439
Language: de
Date: 2008-05-22 00:00:00
Title: Urteil des Gerichtshofes (Dritte Kammer) vom 22. Mai 2008.#citiworks AG.#Ersuchen um Vorabentscheidung: Oberlandesgericht Dresden - Deutschland.#Elektrizitätsbinnenmarkt - Richtlinie 2003/54/EG - Art. 20 Abs. 1 - Freier Zugang Dritter zu den Netzen für die Übertragung und die Verteilung von Elektrizität.#Rechtssache C-439/06.

Rechtssache C‑439/06
      Energieverwaltungssache
      citiworks AG
      (Vorabentscheidungsersuchen des Oberlandesgerichts Dresden)
      „Elektrizitätsbinnenmarkt – Richtlinie 2003/54/EG – Art. 20 Abs. 1 – Freier Zugang Dritter zu den Netzen für die Übertragung und die Verteilung von Elektrizität“
      Leitsätze des Urteils
      1.        Vorabentscheidungsverfahren – Zuständigkeit des Gerichtshofs – Grenzen
      (Art. 234 EG)
      2.        Rechtsangleichung – Maßnahmen zur Errichtung und zum Funktionieren des Elektrizitätsbinnenmarkts
      (Richtlinie 2003/54 des Europäischen Parlaments und des Rates, Art. 2 Nr. 5 und 20 Abs. 1)
      3.        Rechtsangleichung – Maßnahmen zur Errichtung und zum Funktionieren des Elektrizitätsbinnenmarkts
      (Richtlinie 2003/54 des Europäischen Parlaments und des Rates, Art. 20 Abs. 1)
      1.        Eine Vorlagefrage, mit der das vorlegende Gericht im Rahmen eines Rechtsstreits über den Rechtsbehelf, mit dem sich ein Elektrizitätsversorger
         dagegen wendet, dass nach nationalem Recht bestimmte Betreiber von Energieversorgungsnetzen von der Verpflichtung ausgenommen
         sind, freien Zugang zu ihren Netzen zu gewähren, danach fragt, ob die Bestimmungen einer Richtlinie dieser ungeachtet der
         technischen Leistungsfähigkeit der fraglichen Netze geltenden Ausnahmeregelung entgegenstehen, ist nicht hypothetisch, sondern
         erheblich und damit zulässig.
      
       (vgl. Randnrn. 33, 35-36)
      2.        Der Grundsatz des freien Zugangs, der eine der Hauptmaßnahmen ist, die die Mitgliedstaaten durchzuführen haben, um zur Vollendung
         des Elektrizitätsbinnenmarkts zu gelangen, gilt nach Art. 20 Abs. 1 der Richtlinie 2003/54 über gemeinsame Vorschriften für
         den Elektrizitätsbinnenmarkt für die Elektrizitätsübertragungs- und ‑verteilernetze.
      
      Ein Netz, das sich auf einem zusammengehörenden Betriebsgebiet befindet, überwiegend dem Transport von Energie innerhalb eines
         Unternehmens und zu verbundenen Unternehmen dient und mit dem zum Zweck der Belieferung von Kunden Elektrizität von nicht
         sehr hoher oder hoher Spannung transportiert wird, fällt in den Anwendungsbereich dieser Bestimmung und ist als Elektrizitätsverteilernetz
         im Sinne von Art. 2 Nr. 5 der Richtlinie 2003/54 einzustufen, unabhängig davon, welche Energiemenge mit ihm übertragen wird,
         und davon, dass sein Betrieb lediglich Nebenzweck der Haupttätigkeit des Unternehmens ist.
      
      (vgl. Randnrn. 44-48, 54)
      3.        Art. 20 Abs. 1 der Richtlinie 2003/54 über gemeinsame Vorschriften für den Elektrizitätsbinnenmarkt ist dahin auszulegen,
         dass er einer nationalen Regelung entgegensteht, nach der bestimmte Betreiber von Energieversorgungsnetzen von der Verpflichtung,
         Dritten freien Netzzugang zu gewähren, ausgenommen sind, weil sich diese Netze auf einem zusammengehörenden Betriebsgebiet
         befinden und überwiegend dem Transport von Energie innerhalb des eigenen Unternehmens und zu verbundenen Unternehmen dienen.
      
      Denn auch wenn diese Bestimmung es den Mitgliedstaaten überlässt, die Maßnahmen zu treffen, die zur Einführung eines Systems
         für den Zugang Dritter zu den Übertragungs- und Verteilernetzen erforderlich sind, woraus sich ergibt, dass den Mitgliedstaaten
         entsprechend Art. 249 EG die Wahl der Form und der Mittel dieser Einführung überlassen ist, berechtigt sie dieser Spielraum
         angesichts der Bedeutung des Grundsatzes des freien Zugangs zu den Übertragungs- und Verteilernetzen nämlich nicht, diesen
         Grundsatz, abgesehen von den Fällen, in denen die Richtlinie Ausnahmen oder Abweichungen vorsieht, nicht anzuwenden.
      
      Ein solcher Fall liegt nicht vor bei einer nationalen Regelung, die von keiner der in der Richtlinie vorgesehenen Ausnahmen
         oder Abweichungen von dem genannten Grundsatz erfasst wird, d. h.
      
      –        weder, erstens, von der Ausnahme in Art. 20 Abs. 2, wonach ein Netzbetreiber, um den Netzzugang verweigern zu dürfen, wenn
         er nicht über die nötige Kapazität verfügt, diese Weigerung im Einzelfall substanziiert begründen muss und die Mitgliedstaaten
         nicht dazu berechtigt sind, solche Ausnahmen generell und ohne Einzelfallbeurteilung der fehlenden Kapazität vorzusehen;
      
      –        noch, zweitens, von der Ausnahme nach Art. 3 Abs. 8 der Richtlinie, sofern die in der fraglichen Regelung vorgesehene Ausnahme
         zum einen nicht damit gerechtfertigt wird, dass die Netzbetreiber durch den freien Zugang an der Erfüllung ihrer gemeinwirtschaftlichen
         Verpflichtungen gehindert würden, und sie zum anderen nur mit der räumlichen bzw. rechtlichen Gestaltung des Gebiets, in dem
         diese Netze betrieben werden, gerechtfertigt wird;
      
      –        noch, drittens, nach Art. 26 Abs. 1 der Richtlinie, der Ausnahmen von Art. 20 vorsieht, die dadurch gerechtfertigt sind, dass
         sich für den Betrieb kleiner, isolierter Netze erhebliche Probleme ergeben, soweit der Mitgliedstaat, um dessen Regelung es
         geht, die erforderliche Zustimmung der Kommission, die in Form einer Entscheidung im Amtsblatt der Europäischen Union veröffentlicht
         wird, weder beantragt noch erhalten hat.
      
      (vgl. Randnrn. 55, 57-58, 60-65 und Tenor)
URTEIL DES GERICHTSHOFS (Dritte Kammer)
      22. Mai 2008(*)
      
      „Elektrizitätsbinnenmarkt – Richtlinie 2003/54/EG – Art. 20 Abs. 1 – Freier Zugang Dritter zu den Netzen für die Übertragung und die Verteilung von Elektrizität“
      In der Rechtssache C‑439/06
      betreffend ein Vorabentscheidungsersuchen nach Art. 234 EG, eingereicht vom Oberlandesgericht Dresden (Deutschland) mit Entscheidung
         vom 17. Oktober 2006, beim Gerichtshof eingegangen am 24. Oktober 2006, in der Energieverwaltungssache
      
      citiworks AG,
      weitere Beteiligte:
      Sächsisches Staatsministerium für Wirtschaft und Arbeit als Landesregulierungsbehörde,
      
      Flughafen Leipzig/Halle GmbH,
      
      Bundesnetzagentur,
      erlässt
      DER GERICHTSHOF (Dritte Kammer)
      unter Mitwirkung des Kammerpräsidenten A. Rosas sowie der Richter J. N. Cunha Rodrigues, J. Klučka, der Richterin P. Lindh
         (Berichterstatterin) und des Richters A. Arabadjiev,
      
      Generalanwalt: J. Mazák,
      Kanzler: J. Swedenborg, Verwaltungsrat,
      aufgrund des schriftlichen Verfahrens und auf die mündliche Verhandlung vom 20. September 2007,
      unter Berücksichtigung der Erklärungen
      –        der citiworks AG, vertreten durch Rechtsanwalt C. Haellmigk,
      –        des Sächsischen Staatsministeriums für Wirtschaft und Arbeit als Landesregulierungsbehörde, vertreten durch R. Huber als Bevollmächtigten,
      –        der Flughafen Leipzig/Halle GmbH, vertreten durch Rechtsanwälte R. Wagner und J. Kloos,
      –        der deutschen Regierung, vertreten durch M. Lumma und J. Möller als Bevollmächtigte,
      –        der polnischen Regierung, vertreten durch E. Ośniecka-Tamecka als Bevollmächtigte,
      –        der Regierung des Vereinigten Königreichs, vertreten durch V. Jackson als Bevollmächtigte im Beistand von A. Henshaw, Barrister,
      –        der Kommission der Europäischen Gemeinschaften, vertreten durch B. Schima als Bevollmächtigten,
      nach Anhörung der Schlussanträge des Generalanwalts in der Sitzung vom 13. Dezember 2007
      folgendes
      Urteil
      1        Das Vorabentscheidungsersuchen betrifft die Auslegung von Art. 20 Abs. 1 der Richtlinie 2003/54/EG des Europäischen Parlaments
         und des Rates vom 26. Juni 2003 über gemeinsame Vorschriften für den Elektrizitätsbinnenmarkt und zur Aufhebung der Richtlinie
         96/92/EG (ABl. L 176, S. 37).
      
      2        Dieses Ersuchen ergeht im Rahmen eines Verfahrens über die Beschwerde der citiworks AG (im Folgenden: citiworks) gegen den
         Bescheid, mit dem das Sächsische Staatsministerium für Wirtschaft und Arbeit als Landesregulierungsbehörde (im Folgenden:
         Regulierungsbehörde) das von der Flughafen Leipzig/Halle GmbH (im Folgenden: FLH) unterhaltene Energieversorgungsnetz als
         „Objektnetz“ im Sinne von § 110 Abs. 1 Nr. 1 des Gesetzes über die Elektrizitäts- und Gasversorgung (Energiewirtschaftsgesetz
         – EnWG) vom 7. Juli 2005 (BGBl. 2005 I S. 1970) eingestuft hat.
      
       Rechtlicher Rahmen
       Gemeinschaftsrecht
      3        Art. 1 der Richtlinie 2003/54 lautet:
      
      „Mit dieser Richtlinie werden gemeinsame Vorschriften für die Elektrizitätserzeugung, ‑übertragung, ‑verteilung und ‑versorgung
         erlassen. Sie regelt die Organisation und Funktionsweise des Elektrizitätssektors, den Marktzugang, die Kriterien und Verfahren
         für die Ausschreibungen und die Vergabe von Genehmigungen sowie den Betrieb der Netze.“
      
      4        Die Erwägungsgründe 4 bis 7 und 26 der Richtlinie 2003/54 lauten:
      
      „(4)      Die Freiheiten, die der Vertrag den europäischen Bürgern garantiert (freier Waren- und Dienstleistungsverkehr und Niederlassungsfreiheit),
         sind nur in einem vollständig geöffneten Markt möglich, der allen Verbrauchern die freie Wahl ihrer Lieferanten und allen
         Anbietern die freie Belieferung ihrer Kunden gestattet.
      
       (5)      Die Haupthindernisse für einen voll funktionsfähigen und wettbewerbsorientierten Binnenmarkt hängen unter anderem mit dem
         Netzzugang, der Tarifierung und einer unterschiedlichen Marktöffnung in den verschiedenen Mitgliedstaaten zusammen.
      
       (6)      Ein funktionierender Wettbewerb setzt voraus, dass der Netzzugang nichtdiskriminierend, transparent und zu angemessenen Preisen
         gewährleistet ist.
      
       (7)      Zur Vollendung des Elektrizitätsbinnenmarkts ist ein nichtdiskriminierender Zugang zum Netz des Übertragungs- oder des Verteilernetzbetreibers
         von größter Bedeutung. Ein Übertragungs- oder Verteilernetzbetreiber kann aus einem oder mehreren Unternehmen bestehen.
      
      …
      (26)      Die Erfüllung gemeinwirtschaftlicher Verpflichtungen ist eine grundlegende Anforderung dieser Richtlinie, und es ist wichtig,
         dass in dieser Richtlinie von allen Mitgliedstaaten einzuhaltende gemeinsame Mindestnormen festgelegt werden, die den Zielen
         des Verbraucherschutzes, der Versorgungssicherheit, des Umweltschutzes und einer gleichwertigen Wettbewerbsintensität in allen
         Mitgliedstaaten Rechnung tragen. Gemeinwirtschaftliche Verpflichtungen müssen unter Berücksichtigung der einzelstaatlichen
         Gegebenheiten aus nationaler Sicht ausgelegt werden können, wobei das Gemeinschaftsrecht einzuhalten ist.“
      
      5        Art. 2 („Begriffsbestimmungen“) der Richtlinie 2003/54 sieht vor:
      
      „Im Sinne dieser Richtlinie bezeichnet der Ausdruck
      …
      3)      ‚Übertragung‘ den Transport von Elektrizität über ein Höchstspannungs‑ und Hochspannungsverbundnetz zum Zwecke der Belieferung
         von Endkunden oder Verteilern, jedoch mit Ausnahme der Versorgung;
      
      4)      ‚Übertragungsnetzbetreiber‘ eine natürliche oder juristische Person, die verantwortlich ist für den Betrieb, die Wartung sowie
         erforderlichenfalls den Ausbau des Übertragungsnetzes in einem bestimmten Gebiet und gegebenenfalls der Verbindungsleitungen
         zu anderen Netzen sowie für die Sicherstellung der langfristigen Fähigkeit des Netzes, eine angemessene Nachfrage nach Übertragung
         von Elektrizität zu befriedigen;
      
      5)      ‚Verteilung‘ den Transport von Elektrizität mit hoher, mittlerer oder niedriger Spannung über Verteilernetze zum Zwecke der
         Belieferung von Kunden, jedoch mit Ausnahme der Versorgung;
      
      6)      ‚Verteilernetzbetreiber‘ eine natürliche oder juristische Person, die verantwortlich ist für den Betrieb, die Wartung sowie
         erforderlichenfalls den Ausbau des Verteilernetzes in einem bestimmten Gebiet und gegebenenfalls der Verbindungsleitungen
         zu anderen Netzen sowie für die Sicherstellung der langfristigen Fähigkeit des Netzes, eine angemessene Nachfrage nach Verteilung
         von Elektrizität zu befriedigen;
      
      7)      ‚Kunden‘ Großhändler und Endkunden, die Elektrizität kaufen;
      8)      ‚Großhändler‘ alle natürlichen und juristischen Personen, die Elektrizität zum Zwecke des Weiterverkaufs innerhalb oder außerhalb
         des Netzes, in dem sie ansässig sind, kaufen;
      
      9)      ‚Endkunden‘ Kunden, die Elektrizität für den eigenen Verbrauch kaufen;
      …
      19)      ‚Versorgung‘ den Verkauf einschließlich des Weiterverkaufs von Elektrizität an Kunden;
      …
      26)      ‚kleines, isoliertes Netz‘ ein Netz mit einem Verbrauch von weniger als 3000 GWh im Jahr 1996, das bis zu einem Wert von weniger
         als 5 % seines Jahresverbrauchs mit anderen Netzen in Verbund geschaltet werden kann;
      
      27)      ‚isoliertes Kleinstnetz‘ ein Netz mit einem Verbrauch von weniger als 500 GWh im Jahr 1996, das nicht mit anderen Netzen verbunden
         ist;
      
      …“
      6        Art. 3 („Gemeinwirtschaftliche Verpflichtungen und Schutz der Kunden“) Abs. 8 der Richtlinie 2003/54 sieht vor:
      
      „Die Mitgliedstaaten können beschließen, die Artikel 6, 7, 20 und 22 nicht anzuwenden, soweit ihre Anwendung die Erfüllung
         der den Elektrizitätsunternehmen übertragenen gemeinwirtschaftlichen Verpflichtungen de jure oder de facto verhindern würde
         und soweit die Entwicklung des Handelsverkehrs nicht in einem Ausmaß beeinträchtigt wird, das den Interessen der Gemeinschaft
         zuwiderläuft. Im Interesse der Gemeinschaft liegt insbesondere der Wettbewerb um zugelassene Kunden in Übereinstimmung mit
         dieser Richtlinie und Artikel 86 des Vertrags.“
      
      7        Art. 20 („Zugang Dritter“) der Richtlinie 2003/54 lautet:
      
      „(1)      Die Mitgliedstaaten gewährleisten die Einführung eines Systems für den Zugang Dritter zu den Übertragungs- und Verteilernetzen
         auf der Grundlage veröffentlichter Tarife; die Zugangsregelung gilt für alle zugelassenen Kunden und wird nach objektiven
         Kriterien und ohne Diskriminierung zwischen den Netzbenutzern angewandt. Die Mitgliedstaaten stellen sicher, dass diese Tarife
         oder die Methoden zu ihrer Berechnung vor deren Inkrafttreten gemäß Artikel 23 genehmigt werden und dass die Tarife und –
         soweit nur die Methoden einer Genehmigung unterliegen – die Methoden vor ihrem Inkrafttreten veröffentlicht werden.
      
      (2)      Der Betreiber eines Übertragungs- oder Verteilernetzes kann den Netzzugang verweigern, wenn er nicht über die nötige Kapazität
         verfügt. Die Verweigerung ist hinreichend substanziiert zu begründen, insbesondere unter Berücksichtigung des Artikels 3.
         Die Mitgliedstaaten stellen gegebenenfalls sicher, dass der Übertragungs- bzw. Verteilernetzbetreiber bei einer Verweigerung
         des Netzzugangs aussagekräftige Informationen darüber bereitstellt, welche Maßnahmen zur Verstärkung des Netzes erforderlich
         wären. Der um solche Informationen ersuchenden Partei kann eine angemessene Gebühr in Rechnung gestellt werden, die die Kosten
         für die Bereitstellung dieser Informationen widerspiegelt.“
      
      8        Art. 26 („Ausnahmeregelungen“) der Richtlinie 2003/54 sieht vor:
      
      „(1)      Die Mitgliedstaaten, die nach Inkrafttreten dieser Richtlinie nachweisen können, dass sich für den Betrieb ihrer kleinen,
         isolierten Netze erhebliche Probleme ergeben, können Ausnahmeregelungen zu den einschlägigen Bestimmungen der Kapitel IV,
         V, VI und VII …, soweit die Umrüstung, Modernisierung und Erweiterung bestehender Kapazität betroffen ist, beantragen, die
         ihnen von der Kommission gewährt werden können. Vor einer entsprechenden Entscheidung unterrichtet die Kommission die Mitgliedstaaten
         über diese Anträge unter Wahrung der Vertraulichkeit. Die Entscheidung wird im Amtsblatt der Europäischen Union veröffentlicht. …
      
      …“
       Nationales Recht
      9        Das Energiewirtschaftsgesetz wurde zur Umsetzung der Richtlinie 2003/54 erlassen.
      
      10      § 3 Nrn. 16 und 17 EnWG definieren Energieversorgungsnetze als „Elektrizitätsversorgungsnetze und Gasversorgungsnetze über
         eine oder mehrere Spannungsebenen oder Druckstufen“ und Energieversorgungsnetze der allgemeinen Versorgung als „Energieversorgungsnetze,
         die der Verteilung von Energie an Dritte dienen und von ihrer Dimensionierung nicht von vornherein nur auf die Versorgung
         bestimmter, schon bei der Netzerrichtung feststehender oder bestimmbarer Letztverbraucher ausgelegt sind, sondern grundsätzlich
         für die Versorgung jedes Letztverbrauchers offen stehen“.
      
      11      § 3 Nr. 18 EnWG definiert Energieversorgungsunternehmen als natürliche oder juristische Personen, die ein Energieversorgungsnetz
         betreiben.
      
      12      Teil 3 EnWG enthält u. a. die §§ 20 und 21. Gemäß § 20 Abs. 1 Satz 1 haben Betreiber von Energieversorgungsnetzen „jedermann
         nach sachlich gerechtfertigten Kriterien diskriminierungsfrei Netzzugang zu gewähren sowie die Bedingungen, einschließlich
         Musterverträge, und Entgelte für diesen Netzzugang im Internet zu veröffentlichen“.
      
      13      § 21 Abs. 1 EnWG bestimmt:
      
      „Die Bedingungen und Entgelte für den Netzzugang müssen angemessen, diskriminierungsfrei, transparent und dürfen nicht ungünstiger
         sein, als sie von den Betreibern der Energieversorgungsnetze in vergleichbaren Fällen für Leistungen innerhalb ihres Unternehmens
         oder gegenüber verbundenen oder assoziierten Unternehmen angewendet und tatsächlich oder kalkulatorisch in Rechnung gestellt
         werden.“
      
      14      § 110 Abs. 1 EnWG regelt die Voraussetzungen für die Anerkennung als Objektnetz und die Rechtsfolgen dieser Anerkennung wie
         folgt:
      
      „Die Teile 2 und 3 sowie die §§ 4, 52 und 92 finden keine Anwendung auf den Betrieb von Energieversorgungsnetzen, die sich
         auf einem
      
      1.      räumlich zusammengehörenden Betriebsgebiet befinden sowie überwiegend dem Transport von Energie innerhalb des eigenen Unternehmens
         oder zu im Sinne des § 3 Nr. 38 verbundenen [Unternehmen] dienen,
      
      2.      räumlich zusammengehörenden privaten Gebiet befinden und dem Netzbetreiber oder einem Beauftragten dazu dienen, durch einen
         gemeinsamen übergeordneten Geschäftszweck, der
      
      a)      über reine Vermietungs- und Verpachtungsverhältnisse hinausgeht und
      b)      durch die Anwendung der im einleitenden Satzteil genannten Bestimmungen unzumutbar erschwert würde,
      bestimmbare Letztverbraucher mit Energie zu versorgen[,] oder
      3.      räumlich eng zusammengehörenden Gebiet befinden und überwiegend der Eigenversorgung dienen,
      sofern das Energieversorgungsnetz nicht der allgemeinen Versorgung im Sinne des § 3 Nr. 17 dient und der Betreiber des Objektnetzes
         oder sein Beauftragter die personelle, technische und wirtschaftliche Leistungsfähigkeit besitzen, um den Netzbetrieb entsprechend
         den Vorschriften dieses Gesetzes auf Dauer zu gewährleisten.“
      
       Ausgangsverfahren und Vorlagefrage
      15      Citiworks ist ein deutsches Energieversorgungsunternehmen. Sie beliefert seit Jahresbeginn 2004 die auf dem Flughafen Leipzig/Halle
         gelegene Anschlussstelle der DFS Deutsche Flugsicherung GmbH mit Elektrizität. Diesem Unternehmen, das zu 100 % dem Bund gehört,
         obliegt die Kontrolle des Flugverkehrs in Deutschland.
      
      16      FLH betreibt den Flughafen Leipzig/Halle. In diesem Zusammenhang unterhält sie ein Energieversorgungsnetz, durch das sie sowie
         weitere 93 auf dem Flughafengelände angesiedelte Unternehmen Stromlieferungen erhalten (im Folgenden: streitiges Netz). Im
         Jahr 2004 wurden über dieses Netz insgesamt rund 22 200 MWh geliefert, wovon 85,4 % von FLH selbst verbraucht wurden.
      
      17      FLH beantragte, das streitige Netz als Objektnetz im Sinne von § 110 EnWG anzuerkennen. In dem hierauf von der Regulierungsbehörde
         eingeleiteten Verfahren wurde citiworks am 20. Januar 2006 beigeladen.
      
      18      Mit Bescheid vom 12. Juli 2006 gab die Regulierungsbehörde dem Antrag von FLH statt. Gegen diesen Bescheid reichte citiworks
         Beschwerde zum Oberlandesgericht Dresden ein.
      
      19      Vor diesem Gericht macht citiworks geltend, § 110 EnWG sei mit Art. 20 der Richtlinie 2003/54 unvereinbar.
      
      20      Das Oberlandesgericht Dresden hat daher das Verfahren ausgesetzt und dem Gerichtshof folgende Frage zur Vorabentscheidung
         vorgelegt:
      
      Ist § 110 Abs. 1 Nr. 1 EnWG mit Art. 20 Abs. 1 der Richtlinie 2003/54 auch insoweit vereinbar, als unter den in § 110 Abs. 1
         Nr. 1 EnWG genannten Voraussetzungen auf ein sogenanntes Betriebsnetz die allgemeinen Bestimmungen über den Netzzugang (§§ 20
         bis 28a EnWG) selbst dann keine Anwendung finden, wenn durch einen freien Netzzugang keine unzumutbaren Erschwernisse einträten?
      
       Zur Vorlagefrage
      21      Zunächst ist daran zu erinnern, dass der Gerichtshof im Rahmen eines Vorabentscheidungsersuchens zwar nicht befugt ist, über
         die Vereinbarkeit einer nationalen Maßnahme mit dem Gemeinschaftsrecht zu entscheiden, jedoch dem vorlegenden Gericht alle
         Hinweise zur Auslegung des Gemeinschaftsrechts geben kann, die es diesem ermöglichen, die Frage der Vereinbarkeit bei der
         Entscheidung des bei ihm anhängigen Verfahrens zu beurteilen (vgl. u. a. Urteile vom 21. September 2000, Borawitz, C‑124/99,
         Slg. 2000, I‑7293, Randnr. 17; vom 8. Juni 2006, WWF Italia u. a., C‑60/05, Slg. 2006, I‑5083, Randnr. 18, und vom 24. Januar
         2008, Roby Profumi, C‑257/06, Slg. 2008, I‑0000, Randnr. 11).
      
      22      Das vorlegende Gericht möchte mit seiner Frage wissen, ob Art. 20 Abs. 1 der Richtlinie 2003/54 dahin auszulegen ist, dass
         er einer Bestimmung wie § 110 Abs. 1 Nr. 1 EnWG entgegensteht, nach der bestimmte Betreiber von Energieversorgungsnetzen von
         der Verpflichtung, Dritten freien Netzzugang zu gewähren, ausgenommen sind, weil sich diese Netze auf einem zusammengehörenden
         Betriebsgebiet befinden und überwiegend dem Transport von Energie innerhalb des eigenen Unternehmens und zu verbundenen Unternehmen
         dienen, ohne dass nachgewiesen ist, dass durch einen freien Netzzugang Dritter unzumutbare Erschwernisse einträten.
      
       Beim Gerichtshof eingereichte Erklärungen
      23      Nach Auffassung von citiworks steht Art. 20 Abs. 1 der Richtlinie 2003/54 § 110 Abs. 1 Nr. 1 EnWG entgegen. Eines der Hauptziele
         dieser Richtlinie bestehe nämlich darin, den Energieanbietern freien Zugang zu den Energieversorgungsnetzen zu ermöglichen,
         so dass die Kunden ihren Lieferanten frei wählen könnten.
      
      24      Gegen dieses Ziel verstoße die nationale Bestimmung, die eine Ausnahme vom Grundsatz des freien Netzzugangs Dritter zu den
         Energieversorgungsnetzen schaffe. Die Richtlinie 2003/54 enthalte keine Bestimmung, nach der die Mitgliedstaaten befugt wären,
         nach eigenem Ermessen Ausnahmetatbestände von diesem Grundsatz zu schaffen.
      
      25      Ferner träten die Rechtsfolgen von § 110 Abs. 1 Nr. 1 EnWG von Gesetzes wegen ein, sobald die darin vorgesehenen Voraussetzungen
         erfüllt seien.
      
      26      FLH macht zunächst geltend, die Vorlagefrage sei unzulässig, da sie hypothetischer Natur sei. Dieser Frage liege nämlich eine
         Fassung von § 110 Abs. 1 EnWG zugrunde, die es nicht gebe, da der Begriff „unzumutbare Erschwernis“ in dieser Bestimmung nicht
         erwähnt sei. Zudem sei die Antwort auf diese Frage nicht entscheidungserheblich.
      
      27      Zur Beantwortung der Frage tragen FLH, die Regulierungsbehörde, die deutsche Regierung und die Regierung des Vereinigten Königreichs
         vor, das im Ausgangsverfahren fragliche Netz sei weder ein Übertragungs- noch ein Verteilernetz und falle daher nicht in den
         Anwendungsbereich der Richtlinie 2003/54. Ein solches Netz sei ein von einem Unternehmen zur Eigenversorgung mit Energie unterhaltenes
         Betriebs- bzw. Werksnetz, das einen geringen Verbrauch aufweise und den Wettbewerb nicht beeinträchtige. § 110 Abs. 1 Nr.
         1 EnWG sei lediglich Ausdruck des Ermessens, das dem nationalen Gesetzgeber bei der Umsetzung der Richtlinie 2003/54 zugestanden
         habe. Überdies sei die Elektrizitätsversorgung lediglich Nebenzweck der Haupttätigkeit von FLH, die im Betrieb eines Flughafens
         bestehe.
      
      28      Die deutsche Regierung macht geltend, das im Ausgangsverfahren fragliche Netz sei eine „Kundenanlage“, mit der Energie innerhalb
         einer geschlossenen Anlage verteilt werde. Das Unternehmen, von dem es betrieben werde, unterliege nicht den Verpflichtungen,
         die nach der Richtlinie 2003/54 den Betreibern von Verteilernetzen oblägen.
      
      29      Die polnische Regierung hält § 110 Abs. 1 Nr. 1 EnWG für mit der Richtlinie 2003/54 unvereinbar. Diese Richtlinie enthalte
         ein System spezifischer Ausnahmetatbestände, das für generelle Ausnahmetatbestände keinen Raum lasse.
      
      30      Nach Auffassung der Kommission steht Art. 20 Abs. 1 der Richtlinie 2003/54 § 110 Abs. 1 Nr. 1 EnWG entgegen. Das im Ausgangsverfahren
         fragliche Netz sei nämlich ein Verteilernetz im Sinne dieser Richtlinie, weshalb zu diesem Netz freier Zugang gewährt werden
         müsse. Der Grundsatz des freien Zugangs Dritter zu Energieversorgungsnetzen sei unerlässlich, Einschränkungen dieses Grundsatzes
         seien daher nur unter klar definierten Voraussetzungen zulässig. Die Größe des Netzes spiele nur bei den Fragen der Entflechtung
         von Verteilernetzbetreibern eine Rolle, wie aus Art. 15 Abs. 2 der Richtlinie 2003/54 hervorgehe.
      
       Antwort des Gerichtshofs
       Zur Zulässigkeit
      31      Nach ständiger Rechtsprechung ist es allein Sache des mit dem Rechtsstreit befassten nationalen Gerichts, in dessen Verantwortungsbereich
         die zu erlassende gerichtliche Entscheidung fällt, im Hinblick auf die Besonderheiten der Rechtssache sowohl die Erforderlichkeit
         einer Vorabentscheidung zum Erlass seines Urteils als auch die Erheblichkeit der dem Gerichtshof von ihm vorgelegten Fragen
         zu beurteilen (vgl. u. a. Urteile vom 15. Dezember 1995, Bosman, C‑415/93, Slg. 1995, I‑4921, Randnr. 59, und vom 15. Juni
         2006, Acereda Herrera, C‑466/04, Slg. 2006, I‑5341, Randnr. 47).
      
      32      Der Gerichtshof kann eine von einem nationalen Gericht vorgelegte Frage nur dann zurückweisen, wenn offensichtlich ist, dass
         die Auslegung oder die Beurteilung der Gültigkeit einer Gemeinschaftsvorschrift, um die das vorlegende Gericht ersucht, in
         keinem Zusammenhang mit der Realität oder dem Gegenstand des Ausgangsrechtsstreits steht, oder wenn das Problem hypothetischer
         Natur ist (vgl. Urteile Bosman, Randnr. 61, und Acereda Herrera, Randnr. 48).
      
      33      Im Ausgangsverfahren ist das nationale Gericht mit dem Rechtsbehelf eines Elektrizitätsversorgers befasst, der geltend macht,
         dass Art. 20 Abs. 1 der Richtlinie 2003/54 einer Bestimmung des nationalen Rechts entgegenstehe, nach der bestimmte Betreiber
         von Energieversorgungsnetzen von der Verpflichtung ausgenommen sind, freien Zugang zu ihren Netzen zu gewähren.
      
      34      Dem nationalen Gericht zufolge gilt diese Ausnahme für Energieversorgungsnetze nach der fraglichen Bestimmung des nationalen
         Rechts unabhängig davon, ob unzumutbare Erschwernisse vorliegen, während dieses Erfordernis bei Dienstleistungsnetzen im Sinne
         von § 110 Abs. 1 Nr. 2 EnWG besteht.
      
      35      Daraus ergibt sich für das vorlegende Gericht die Frage, ob Art. 20 Abs. 1 der Richtlinie 2003/54 dieser Ausnahmeregelung
         entgegensteht, nach der bestimmte Energieversorgungsnetze von der Verpflichtung, Dritten freien Netzzugang zu gewähren, ungeachtet
         der technischen Leistungsfähigkeit dieser Netze ausgenommen sind.
      
      36      Die Vorlagefrage ist folglich erheblich, nicht hypothetisch und damit zulässig.
      
       Zur Begründetheit
      37      Zur Beantwortung der Vorlagefrage ist Art. 20 der Richtlinie 2003/54 im Licht der Ziele und Bestimmungen dieser Richtlinie
         auszulegen, um festzustellen, ob das im Ausgangsverfahren fragliche Netz in den Anwendungsbereich dieser Richtlinie fällt
         und ob der genannte Art. 20 einer Bestimmung wie § 110 Abs. 1 Nr. 1 EnWG entgegensteht, nach der bestimmte Energieversorgungsnetze
         von der Verpflichtung, Dritten freien Netzzugang zu gewähren, ausgenommen sind.
      
      38      Durch die Richtlinie 2003/54 wurde die Richtlinie 96/92/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 19. Dezember 1996
         betreffend gemeinsame Vorschriften für den Elektrizitätsbinnenmarkt (ABl. 1997, L 27, S. 20) aufgehoben und ersetzt. Aus den
         Erwägungsgründen 1 und 2 der Richtlinie 2003/54 geht hervor, dass sie aufgrund der nach Durchführung der Richtlinie 96/92
         nach wie vor bestehenden Mängel bei der Schaffung eines Elektrizitätsbinnenmarkts erlassen wurde. Zweck der Richtlinie 2003/54
         ist also die Verbesserung der Funktionsweise dieses Marktes.
      
      39      Nach dem fünften Erwägungsgrund der Richtlinie 2003/54 hängt eines der Haupthindernisse für einen funktionsfähigen und wettbewerbsorientierten
         Binnenmarkt mit dem Netzzugang, der Tarifierung und einer unterschiedlichen Marktöffnung in den verschiedenen Mitgliedstaaten
         zusammen.
      
      40      Nach den Erwägungsgründen 6 und 7 der Richtlinie 2003/54 ist ein nichtdiskriminierender, transparenter und zu angemessenen
         Preisen gewährleisteter Netzzugang Voraussetzung für einen funktionierenden Wettbewerb und von größter Bedeutung für die Vollendung
         des Elektrizitätsbinnenmarkts.
      
      41      Die Richtlinie 96/92 sah in den Art. 16 bis 20 für Elektrizitätsübertragungs- und ‑verteilernetze ein System des Netzzugangs
         auf Vertragsbasis vor. Dieses System schaffte der Gemeinschaftsgesetzgeber ab, um den Elektrizitätsbinnenmarkt weiter zu öffnen,
         wie aus dem von der Kommission am 13. März 2001 vorgelegten Richtlinienvorschlag (KOM[2001] 125 endg., ABl. C 240 E, S. 60)
         hervorgeht.
      
      42      Hierzu ist daran zu erinnern, dass der Gerichtshof bei der Auslegung der Art. 7 Abs. 5 und 16 der Richtlinie 96/92 auf den
         allgemeinen Charakter des Verbots der Diskriminierung gegenüber den Netzbenutzern hingewiesen hat (vgl. in diesem Sinne Urteil
         vom 7. Juni 2005, VEMW u. a., C‑17/03, Slg. 2005, I‑4983, Randnrn. 42 bis 46).
      
      43      Im vierten Erwägungsgrund der Richtlinie 2003/54 ist ausgeführt, dass in einem vollständig geöffneten Markt den Verbrauchern
         die freie Wahl ihrer Lieferanten und den Anbietern die freie Belieferung ihrer Kunden gestattet sein muss. Wie der Generalanwalt
         in Nr. 72 seiner Schlussanträge zu Recht hervorgehoben hat, sind diese beiden Rechte naturgemäß miteinander verbunden. Denn
         damit die Kunden ihren Lieferanten frei wählen können, muss den Anbietern der Zugang zu den jeweiligen Übertragungs- und Verteilernetzen,
         die die Elektrizität zu den Kunden leiten, möglich sein.
      
      44      Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass der freie Zugang Dritter zu den Übertragungs- und Verteilernetzen eine der Hauptmaßnahmen
         ist, die die Mitgliedstaaten durchzuführen haben, um zur Vollendung des Elektrizitätsbinnenmarkts zu gelangen.
      
      45      Der Grundsatz des freien Zugangs gilt nach Art. 20 Abs. 1 der Richtlinie 2003/54 für die Elektrizitätsübertragungs- und ‑verteilernetze.
         Art. 2 Nrn. 3 und 5 dieser Richtlinie enthält die Definitionen der Begriffe „Übertragung” und „Verteilung“. Übertragung ist
         definiert als der Transport von Elektrizität über ein Höchstspannungs- und Hochspannungsverbundnetz zum Zweck der Belieferung
         von Endkunden oder Verteilern. Verteilung ist der Transport von Elektrizität mit hoher, mittlerer oder niedriger Spannung
         über Verteilernetze zum Zweck der Belieferung von Kunden. Die Übertragung und die Verteilung schließen die Versorgung nicht
         ein. Der Begriff „Versorgung“ ist in Art. 2 Nr. 19 der Richtlinie 2003/54 definiert als der Verkauf von Elektrizität an Kunden.
      
      46      Aus diesen Definitionen ergibt sich, dass ein Übertragungsnetz ein Verbundnetz ist, das zur Weiterleitung von Elektrizität
         mit sehr hoher und hoher Spannung dient, die zum Verkauf an Endkunden oder Verteiler bestimmt ist, während ein Verteilernetz
         ein Netz ist, das zur Weiterleitung von Elektrizität mit hoher, mittlerer oder niedriger Spannung dient, die zum Verkauf an
         Großhändler und Endkunden bestimmt ist.
      
      47      In einigen der beim Gerichtshof eingereichten Erklärungen wird die Ansicht vertreten, das im Ausgangsverfahren fragliche Netz
         sei weder ein Übertragungs- noch ein Verteilernetz und falle daher nicht in den Anwendungsbereich der Richtlinie 2003/54.
         Denn zum einen handle es sich um ein privates Betriebs- bzw. Werksnetz, das aufgrund seines geringen Verbrauchs den Wettbewerb
         nicht beeinträchtige, und zum anderen sei der Betrieb dieses Netzes lediglich Nebenzweck der im Betrieb des Flughafens bestehenden
         Haupttätigkeit.
      
      48      Was erstens die Natur der Übertragungs- und der Verteilernetze im Sinne der Richtlinie 2003/54 und die über diese Netze übertragene
         Strommenge angeht, ist festzustellen, dass allein das Kriterium der Spannung dieses Stroms für die Unterscheidung zwischen
         Übertragung und Verteilung maßgeblich ist.
      
      49      Nach Art. 2 Nrn. 3 und 5 der Richtlinie 2003/54 betrifft nämlich ein Übertragungsnetz Elektrizität mit sehr hoher und hoher
         Spannung, während ein Verteilernetz Elektrizität mit hoher, mittlerer oder niedriger Spannung transportiert. Der Stromverbrauch
         wird in der Richtlinie 2003/54 nur zur Definition der Begriffe „kleines, isoliertes Netz“ und „isoliertes Kleinstnetz“ herangezogen,
         bei denen Ausnahmen von bestimmten in der Richtlinie vorgesehenen Verpflichtungen gewährt werden. Der Gemeinschaftsgesetzgeber
         wollte also nicht bestimmte Übertragungs- oder Verteilernetze aufgrund ihrer Größe oder ihres Stromverbrauchs vom Anwendungsbereich
         der Richtlinie 2003/54 ausnehmen.
      
      50      § 110 Abs. 1 Nr. 1 EnWG grenzt die Netze, die in seinen Anwendungsbereich fallen, nicht nach ihrem Stromverbrauch ab. Denn
         diese Bestimmung erfasst Netze, „die sich auf einem … räumlich zusammengehörenden Betriebsgebiet befinden sowie überwiegend
         dem Transport von Energie innerhalb des eigenen Unternehmens oder zu … verbundenen [Unternehmen] dienen“.
      
      51      Zweitens bestimmt die Richtlinie 2003/54 hinsichtlich des Betriebs und des Zwecks der Übertragungs- und der Verteilernetze
         für beide Arten von Netzen, dass die Elektrizität zum Zweck der Belieferung mit Ausnahme der Versorgung selbst transportiert
         wird und dass der Betreiber verantwortlich ist für den Betrieb, die Wartung und den Ausbau des Netzes in einem bestimmten
         Gebiet, um die langfristige Leistungsfähigkeit des Netzes sicherzustellen.
      
      52      Im Übrigen verlangt Art. 13 der Richtlinie 2003/54, dass die Eigentümer von Verteilernetzen oder die für diese Verantwortlichen
         Verteilernetzbetreiber benennen. Weder aus dieser noch aus einer anderen Bestimmung der Richtlinie 2003/54 geht hervor, dass
         nur die Unternehmen freien Netzzugang zu gewähren haben, die hauptsächlich als Verteilernetzbetreiber tätig sind.
      
      53      Insoweit lässt sich § 110 Abs. 1 Nr. 1 EnWG nichts dafür entnehmen, dass es für die Abgrenzung der Netze, die in seinen Anwendungsbereich
         fallen, eine Rolle spielt, ob der Betreiber das Energieversorgungsnetz als Haupt- oder als Nebenzweck betreibt.
      
      54      Aus der Vorlageentscheidung und den beim Gerichtshof eingereichten Erklärungen geht hervor, dass aus dem im Ausgangsverfahren
         fraglichen Netz FLH selbst und 93 weitere auf dem Gelände des Flughafens Leipzig/Halle angesiedelte Unternehmen mit Elektrizität
         versorgt werden. Dieses Netz hatte im Jahr 2004 einen Verbrauch von 22 200 MWh, wovon 3 800 MWh auf andere Unternehmen als
         FLH entfielen. Nach der Vorlageentscheidung wurde der Anteil dieser Unternehmen am Verbrauch für das Jahr 2007 auf 8 000 MWh
         prognostiziert. Daraus ergibt sich, dass FLH kein Übertragungsnetz betreibt, da nicht Elektrizität mit sehr hoher und hoher
         Spannung transportiert wird, sondern ein Netz, das dem Transport von Elektrizität zum Zweck der Belieferung von Kunden dient
         und als Verteilernetz im Sinne von Art. 2 Nr. 5 der Richtlinie 2003/54 einzustufen ist.
      
      55      Art. 20 Abs. 1 der Richtlinie 2003/54 überlässt es den Mitgliedstaaten, die Maßnahmen zu treffen, die zur Einführung eines
         Systems für den Zugang Dritter zu den Übertragungs- und Verteilernetzen erforderlich sind. Daraus ergibt sich, dass entsprechend
         Art. 249 EG den Mitgliedstaaten die Wahl der Form und der Mittel dieser Einführung überlassen ist. Angesichts der Bedeutung
         des Grundsatzes des freien Zugangs zu den Übertragungs- und Verteilernetzen berechtigt dieser Spielraum sie aber nicht, diesen
         Grundsatz, abgesehen von den Fällen, in denen die Richtlinie 2003/54 Ausnahmen oder Abweichungen vorsieht, nicht anzuwenden.
      
      56      Eine Bestimmung wie § 110 Abs. 1 Nr. 1 EnWG wäre daher nur dann mit der Richtlinie 2003/54 vereinbar, wenn sie in den Anwendungsbereich
         dieser Ausnahmen oder Abweichungen fiele.
      
      57      Erstens sieht Art. 20 Abs. 2 der Richtlinie 2003/54 vor, dass ein Betreiber eines Verteilernetzes den Netzzugang verweigern
         kann, wenn er nicht über die nötige Kapazität verfügt, sofern er diese Verweigerung substanziiert begründet. Diese Möglichkeit,
         den Netzzugang zu verweigern, ist jedoch auf den Einzelfall bezogen und berechtigt die Mitgliedstaaten nicht dazu, solche
         Ausnahmen generell vorzusehen, ohne dass im Einzelfall für den jeweiligen Betreiber die fehlende technische Kapazität des
         Netzes für den nachgefragten Zugang Dritter beurteilt wird.
      
      58      Zweitens gestattet Art. 3 Abs. 8 der Richtlinie 2003/54 den Mitgliedstaaten, Art. 20 dieser Richtlinie nicht anzuwenden, soweit
         seine Anwendung die Erfüllung der den Elektrizitätsunternehmen übertragenen gemeinwirtschaftlichen Verpflichtungen verhindern
         würde und soweit die Entwicklung des Handelsverkehrs nicht in einem Ausmaß beeinträchtigt wird, das den Interessen der Gemeinschaft
         zuwiderläuft.
      
      59      Nach Art. 3 Abs. 2 und 3 der Richtlinie 2003/54 können nämlich die Mitgliedstaaten den Elektrizitätsunternehmen im allgemeinen
         wirtschaftlichen Interesse Verpflichtungen auferlegen. Dem 26. Erwägungsgrund zufolge werden die gemeinwirtschaftlichen Verpflichtungen
         aus nationaler Sicht ausgelegt.
      
      60      Aus Art. 3 Abs. 8 der Richtlinie 2003/54 ergibt sich, dass die Mitgliedstaaten beschließen können, Zugangsrechte Dritter zu
         den Übertragungs- und Verteilernetzen zu beschränken, um die Elektrizitätsversorgung für eine gemeinwirtschaftliche Leistung
         sicherzustellen. Sie müssen hierzu jedoch prüfen, ob das unbeschränkte Recht auf Netzzugang die Netzbetreiber in der Erfüllung
         ihrer gemeinwirtschaftlichen Verpflichtungen behindern würde, und untersuchen, ob diese Verpflichtungen nicht durch andere
         Mittel, die nicht in das durch die Richtlinie 2003/54 verliehene Recht auf Netzzugang eingreifen, erfüllt werden können.
      
      61      Es ist darauf hinzuweisen, dass die in § 110 Abs. 1 Nr. 1 EnWG vorgesehene Ausnahme vom Grundsatz des freien Zugangs zu den
         Energieversorgungsnetzen nicht damit gerechtfertigt wird, dass die in den Anwendungsbereich dieser Bestimmung fallenden Netzbetreiber
         durch den freien Zugang an der Erfüllung ihrer gemeinwirtschaftlichen Verpflichtungen gehindert würden. Diese Ausnahme wird
         vielmehr nur mit der räumlichen bzw. rechtlichen Gestaltung des Gebiets, in dem diese Netze betrieben werden, gerechtfertigt.
         Die deutsche Regierung hat auch nicht behauptet, dass die Bundesrepublik Deutschland § 110 Abs. 1 Nr. 1 EnWG zur Durchführung
         von Art. 3 Abs. 8 der Richtlinie 2003/54 erlassen habe.
      
      62      Drittens sieht Art. 26 Abs. 1 dieser Richtlinie vor, dass Mitgliedstaaten, die nachweisen können, dass sich für den Betrieb
         ihrer kleinen, isolierten Netze erhebliche Probleme ergeben, Ausnahmeregelungen zu verschiedenen Bestimmungen der Richtlinie
         2003/54, darunter Art. 20, beantragen können.
      
      63      Diese Ausnahmeregelungen bedürfen jedoch der Zustimmung der Kommission in Form einer Entscheidung, die im Amtsblatt der Europäischen Union veröffentlicht wird. Solche Ausnahmeregelungen wurden der Republik Zypern mit Entscheidung vom 25. September 2006 (ABl. L 270,
         S. 72) und der Republik Malta mit Entscheidung vom 28. November 2006 (ABl. L 332, S. 32) gewährt. Die Bundesrepublik Deutschland
         hat eine Ausnahme nach Art. 26 Abs. 1 der Richtlinie 2003/54 weder beantragt, noch wurde ihr von der Kommission eine solche
         gewährt.
      
      64      Folglich wird eine Bestimmung wie § 110 Abs. 1 Nr. 1 EnWG von keiner der in der Richtlinie 2003/54 vorgesehenen Ausnahmen
         oder Abweichungen vom Grundsatz des freien Zugangs zu Elektrizitätsübertragungs- und ‑verteilernetzen erfasst.
      
      65      Aus der Gesamtheit dieser Erwägungen ergibt sich, dass Art. 20 Abs. 1 der Richtlinie 2003/54 dahin auszulegen ist, dass er
         einer Bestimmung wie § 110 Abs. 1 Nr. 1 EnWG entgegensteht, nach der bestimmte Betreiber von Energieversorgungsnetzen von
         der Verpflichtung, Dritten freien Netzzugang zu gewähren, ausgenommen sind, weil sich diese Netze auf einem zusammengehörenden
         Betriebsgebiet befinden und überwiegend dem Transport von Energie innerhalb des eigenen Unternehmens und zu verbundenen Unternehmen
         dienen.
      
       Kosten
      66      Für die Beteiligten des Ausgangsverfahrens ist das Verfahren Teil des bei dem vorlegenden Gericht anhängigen Verfahrens; die
         Kostenentscheidung ist daher Sache dieses Gerichts. Die Auslagen anderer Beteiligter für die Abgabe von Erklärungen vor dem
         Gerichtshof sind nicht erstattungsfähig.
      
      Aus diesen Gründen hat der Gerichtshof (Dritte Kammer) für Recht erkannt:
      Art. 20 Abs. 1 der Richtlinie 2003/54/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2003 über gemeinsame Vorschriften
            für den Elektrizitätsbinnenmarkt und zur Aufhebung der Richtlinie 96/92/EG ist dahin auszulegen, dass er einer Bestimmung
            wie § 110 Abs. 1 Nr. 1 Gesetzes über die Elektrizitäts- und Gasversorgung (Energiewirtschaftsgesetz – EnWG) vom 7. Juli 2005
            entgegensteht, nach der bestimmte Betreiber von Energieversorgungsnetzen von der Verpflichtung, Dritten freien Netzzugang
            zu gewähren, ausgenommen sind, weil sich diese Netze auf einem zusammengehörenden Betriebsgebiet befinden und überwiegend
            dem Transport von Energie innerhalb des eigenen Unternehmens und zu verbundenen Unternehmen dienen.
      Unterschriften
      * Verfahrenssprache: Deutsch.