CELEX: 62000CJ0495
Language: de
Date: 2004-03-25
Title: Urteil des Gerichtshofes (Sechste Kammer) vom 25. März 2004. # Azienda Agricola Giorgio, Giovanni e Luciano Visentin u. a. gegen Azienda di Stato per gli interventi nel mercato agricolo (AIMA), Beteiligte: Caseificio Silvio Belladelli e Figli und andere. # Ersuchen um Vorabentscheidung: Tribunale amministrativo regionale del Lazio - Italien. # Landwirtschaft - Gemeinsame Marktorganisation - Milch und Milcherzeugnisse - Zusätzliche Abgabe für Milch - Verordnungen (EWG) Nrn. 3950/92 und 536/93 - Referenzmengen - Nachträgliche Berichtigung. # Rechtssache C-495/00.

Rechtssache C-495/00 Azienda Agricola Giorgio, Giovanni und Luciano Visentin u. a.gegenAzienda di Stato per gli interventi nel mercato agricolo (AIMA)(Vorabentscheidungsersuchen des Tribunale amministrativo regionale del Lazio)
         
            «Landwirtschaft  –  Gemeinsame Marktorganisation  –  Milch und Milcherzeugnisse  –  Zusätzliche Abgabe für Milch  –  Verordnungen (EWG) Nrn. 3950/92 und 536/93  –  Referenzmengen  –  Nachträgliche Berichtigung»
            
               
                  Schlussanträge des Generalanwalts P. Léger vom 8. Mai 2003
                     
               
               
            
                   
               
               
            
               
                  Urteil des Gerichtshofes (Sechste Kammer) vom 25. März 2004
                     
               
               
            
                   
               
               
            
            Leitsätze des Urteils
         
         
                  1.
                  Mitgliedstaaten  –  Verpflichtungen  –  Durchführung des Gemeinschaftsrechts  –  Anwendung der formellen und materiellen Bestimmungen des nationalen Rechts  –  Voraussetzungen(EG-Vertrag, Artikel 5 [jetzt Artikel 10 EG]) 
         
                  Landwirtschaft – Gemeinsame Marktorganisation – Milch und Milcherzeugnisse – Zusätzliche Abgabe für Milch – Verordnungen Nrn.
                   3950/92 und 536/93  –  Referenzmengen  –  Nachträgliche Berichtigung und Neuberechnung der Abgaben nach Ablauf der Frist für deren Zahlung  –  Zulässigkeit  –  Keine Verletzung des berechtigten Vertrauens(Verordnung Nr. 3950/92 des Rates, Artikel 1 und 4; Verordnung Nr. 536/93 der Kommission, Artikel 3 und 4) 
         
         
          
         1.
         Gemäß den allgemeinen Grundsätzen, auf denen die Gemeinschaft beruht und die die Beziehungen zwischen ihr und den Mitgliedstaaten
            beherrschen, ist es nach Artikel 5 EG-Vertrag (jetzt Artikel 10 EG) Sache der Mitgliedstaaten, in ihrem Hoheitsgebiet für
            die Durchführung der Gemeinschaftsregelungen zu sorgen. Soweit das Gemeinschaftsrecht einschließlich seiner allgemeinen Grundsätze
            hierfür keine gemeinsamen Vorschriften enthält, gehen die nationalen Behörden bei der Durchführung dieser Regelungen nach
            den formellen und materiellen Bestimmungen ihres nationalen Rechts vor.
         
         
         Beim Erlass von Maßnahmen zur Durchführung einer Gemeinschaftsregelung haben die nationalen Behörden jedoch ihr Ermessen unter
            Beachtung der allgemeinen Grundsätze des Gemeinschaftsrechts auszuüben, zu denen der Grundsatz des Vertrauensschutzes gehört.
         
         
               (vgl. Randnrn. 39-40)
         
         
          
         2.
         Die Artikel 1 und 4 der Verordnung Nr. 3950/92 über die Erhebung einer Zusatzabgabe im Milchsektor sowie die Artikel 3 und
            4 der Verordnung Nr. 536/93 mit Durchführungsbestimmungen zur Zusatzabgabe im Milchsektor sind dahin auszulegen, dass es einem
            Mitgliedstaat nicht verwehrt ist, im Anschluss an Kontrollen die den einzelnen Erzeugern zugeteilten einzelbetrieblichen Referenzmengen
            zu berichtigen und dementsprechend die geschuldeten Zusatzabgaben nach Neuzuweisung der nicht genutzten Referenzmengen und
            nach Ablauf der Frist für die Zahlung der für das betreffende Milchwirtschaftsjahr geschuldeten Abgaben neu zu berechnen.
         
         
         Denn zum einen kann, da die einzelbetriebliche Referenzmenge, die ein Erzeuger beanspruchen kann, der von ihm im Referenzjahr
            vermarkteten Milchmenge entspricht, der Erzeuger, der grundsätzlich weiß, welche Menge er produziert hat, kein berechtigtes
            Vertrauen in die Beibehaltung einer falschen Referenzmenge haben. Zum anderen durften die Erzeuger nicht darauf vertrauen,
            dass ihnen nach Ablauf eines Wirtschaftsjahres eine bestimmte ungenutzte einzelbetriebliche Referenzmenge neu zugeteilt werde.
            Eine derartige Neuzuteilung ist nämlich ihrem Wesen nach hypothetisch, und ihre Höhe kann nicht im Voraus bestimmt werden,
            da sie von der Tätigkeit der übrigen Erzeuger abhängt. Ein Erzeuger kann somit vor einem Wirtschaftsjahr kein berechtigtes
            Vertrauen darauf haben, dass ihm ein bestimmter Teil der ungenutzten Quoten neu zugeteilt wird.
         
         
         Außerdem kann es kein berechtigtes Vertrauen in den Fortbestand einer offenkundig gemeinschaftsrechtswidrigen Lage, nämlich
            in die Nichtanwendung der Zusatzabgabenregelung im Milchsektor, geben. Die Milcherzeuger der Mitgliedstaaten können elf Jahre
            nach der Einführung dieser Regelung nicht erwarten, dass sie weiter unbeschränkt Milch produzieren können.
         
         
               (vgl. Randnrn 54-56 und Tenor)
      

      
      
      
      
      
      
      
      
      
      
      
      
      
      
      
            
            URTEIL DES GERICHTSHOFES (Sechste Kammer)25. März 2004(1)
         
         
            
         
               „Landwirtschaft  –  Gemeinsame Marktorganisation  –  Milch und Milcherzeugnisse  –  Zusätzliche Abgabe für Milch  –  Verordnungen (EWG) Nrn. 3950/92 und 536/93  –  Referenzmengen  –  Nachträgliche Berichtigung“
               
             In der Rechtssache C-495/00
             betreffend ein dem Gerichtshof nach Artikel 234 EG vom Tribunale amministrativo regionale del Lazio (Italien) in dem bei diesem
            anhängigen Rechtsstreit 
            
            
            
            Azienda Agricola Giorgio, Giovanni e Luciano Visentin u. a.
            
            gegen
            
            Azienda di Stato per gli interventi nel mercato agricolo (AIMA),  Beteiligte:Caseificio Silvio Belladelli e Figli,Granlatte cons. coop., Medighini Ind. Cas,Parmalat SpA  undZanetti SpA,
             vorgelegtes Ersuchen um Vorabentscheidung über die Auslegung und die Gültigkeit der Artikel 1 und 4 der Verordnung (EWG) Nr.
            3950/92 des Rates vom 28. Dezember 1992 über die Erhebung einer Zusatzabgabe im Milchsektor (ABl. L 405, S. 1) und der Artikel
            3 und 4 der Verordnung (EWG) Nr. 536/93 der Kommission vom 9. März 1993 mit Durchführungsbestimmungen zur Zusatzabgabe im
            Milchsektor (ABl. L 57, S. 12)erlässt
            
            DER GERICHTSHOF (Sechste Kammer),
            
             unter Mitwirkung des Richters V. Skouris (Berichterstatter) in Wahrnehmung der Aufgaben des Präsidenten der Sechsten Kammer,
            der Richter C. Gulmann und J.-P. Puissochet sowie der Richterinnen F. Macken und N. Colneric,
            
             Generalanwalt: P. Léger,Kanzler:  L. Hewlett und H. A. Rühl, Hauptverwaltungsräte,
            
            
            unter Berücksichtigung der schriftlichen Erklärungen
               
               –
                der Azienda Agricola Giorgio, Giovanni e Luciano Visentin u. a., vertreten durch C. Chiola und M. Bedoni, avvocati,
               
               –
                der italienischen Regierung, vertreten durch I. M. Braguglia als Bevollmächtigten im Beistand von O. Fiumara und G. Aiello,
               avvocati dello Stato,
               
               –
                des Rates der Europäischen Union, vertreten durch J. Carbery und F. P. Ruggeri Laderchi als Bevollmächtigte,
               
               –
                der Kommission der Europäischen Gemeinschaften, vertreten durch M. Niejahr und L.Visaggio als Bevollmächtigte,
               
               
            
            
            
            
            nach Anhörung der mündlichen Ausführungen der italienischen Regierung, vertreten durch O. Fiumara, der griechischen Regierung,
               vertreten durch  G. Kanellopoulos als Bevollmächtigten, des Rates, vertreten durch F. P. Ruggeri Laderchi, und der Kommission,
               vertreten durch C. Cattabriga,  in der Sitzung vom 12. Dezember 2002,
            
            
            nach Anhörung der Schlussanträge des Generalanwalts in der Sitzung vom 8. Mai 2003,
         folgendes
         
         
         Urteil
         1
            
          Das Tribunale amministrativo regionale del Lazio hat mit Urteil vom 6. Juli 2000, bei der Kanzlei des Gerichtshofes eingegangen
         am 29. Dezember 2000, gemäß Artikel 234 EG drei Fragen nach der Auslegung und der Gültigkeit der Artikel 1 und 4 der Verordnung
         (EWG) Nr. 3950/92 des Rates vom 28. Dezember 1992 über die Erhebung einer Zusatzabgabe im Milchsektor (ABl. L 405, S. 1) und
         der Artikel 3 und 4 der Verordnung (EWG) Nr. 536/93 der Kommission vom 9. März 1993 mit Durchführungsbestimmungen zur Zusatzabgabe
         im Milchsektor (ABl. L 57, S. 12) zur Vorabentscheidung vorgelegt.
         
         
         
         2
            
          Diese Fragen stellen sich in einem Rechtsstreit zwischen italienischen Milcherzeugern und der Azienda di Stato per gli interventi
         nel mercato agricolo (Staatliche Einrichtung für Agrarmarktinterventionen, im Folgenden: AIMA) sowie anderen Milchunternehmen
         um die Rechtmäßigkeit der von der AIMA im Jahr 1999 getroffenen Entscheidungen, die für die Milchwirtschaftsjahre 1995/96
         und 1996/97 zugeteilten Referenzmengen zu berichtigen, ungenutzte Referenzmengen für diese Wirtschaftsjahre neu zuzuweisen
         und demzufolge die von den Erzeugern für diese Wirtschaftsjahre geschuldeten Abgaben neu zu berechnen.
         
         
            
               Rechtlicher Rahmen
            Gemeinschaftsregelung
         
         3
            
          1984 wurde wegen des fortbestehenden Ungleichgewichts zwischen Angebot und Nachfrage auf dem Milchsektor eine Zusatzabgabenregelung
         eingeführt, und zwar mit der Verordnung (EWG) Nr. 804/68 des Rates vom 27. Juni 1968 über die gemeinsame Marktorganisation
         für Milch und Milcherzeugnisse (ABl. L 148, S. 13) in der Fassung der Verordnung (EWG) Nr. 856/84 des Rates vom 31. März 1984
         (ABl. L 90, S. 10) (im Folgenden: Verordnung Nr. 804/68) und mit der Verordnung (EWG) Nr. 857/84 des Rates vom 31. März 1984
         über Grundregeln für die Anwendung der Abgabe gemäß Artikel 5c der Verordnung Nr. 804/68 (ABl. L 90, S. 13). Nach Artikel
         5c der Verordnung Nr. 804/68 wird eine zusätzliche Abgabe auf die Milchmengen erhoben, die eine zu bestimmende Referenzmenge
         überschreiten.
         
         
         
         4
            
          Diese Zusatzabgabenregelung, die ursprünglich für die Zeit bis zum 31. März 1993 vorgesehen war, wurde durch die Verordnung
         Nr. 3950/92 bis zum 31. März 2000 verlängert.
         
         
         
         5
            
          Artikel 1 der Verordnung Nr. 3950/92 lautet:
         „Bei den Erzeugern von Kuhmilch wird für weitere sieben aufeinander folgende Zeiträume von zwölf Monaten ab 1. April 1993
         eine zusätzliche Abgabe auf die Mengen Milch oder Milchäquivalent erhoben, die in dem jeweiligen Zwölfmonatszeitraum an einen
         Abnehmer geliefert oder direkt an den Verbraucher verkauft wurden und eine bestimmte Referenzmenge überschreiten. 
          Die Abgabe wird auf 115 v. H. des Milchrichtpreises festgesetzt.“
         
         
         
         6
            
          Artikel 2 Absatz 1 dieser Verordnung lautet:
          „Die Abgabe wird auf alle Milch- oder Milchäquivalenzmengen erhoben, die in dem betreffenden Zwölfmonatszeitraum vermarktet
         werden und die eine der beiden in Artikel 3 genannten Mengen überschreiten. Sie wird auf die Erzeuger verteilt, die zur Mengenüberschreitung
         beigetragen haben. 
          Je nach Entscheidung des Mitgliedstaats wird der Beitrag der Erzeuger zur fälligen Abgabe nach eventueller Neuzuweisung der
         ungenutzten Referenzmengen entweder auf der Ebene des Abnehmers nach Maßgabe der Überschreitungsmengen, die nach Aufteilung
         der ungenutzten Referenzmengen entsprechend den Referenzmengen der einzelnen Erzeuger noch verbleiben, oder auf einzelstaatlicher
         Ebene nach Maßgabe der Überschreitung der Referenzmenge des einzelnen Erzeugers festgelegt.“
         
         
         
         7
            
          Artikel 4 der Verordnung Nr. 3950/92, der die Kriterien für die Berechnung der jedem Erzeuger zur Verfügung stehenden einzelbetrieblichen
         Quote festlegt, bestimmt: 
         „(1)   Die einzelbetriebliche Referenzmenge entspricht der am 31. März 1993 zur Verfügung stehenden Menge, die gegebenenfalls für
         jeden der betreffenden Zeiträume angepasst wird, damit die Summe der einzelbetrieblichen Referenzmengen gleicher Art die entsprechenden
         in Artikel 3 genannten Gesamtmengen nicht überschreitet, wobei Kürzungen zur Aufstockung der einzelstaatlichen Reserve gemäß
         Artikel 5 zu berücksichtigen sind.
         (2)     Eine einzelbetriebliche Referenzmenge wird auf begründeten Antrag des Erzeugers erhöht oder zugeteilt, um Änderungen bei seinen
         Lieferungen bzw. Direktverkäufen Rechnung zu tragen. Voraussetzung für die Erhöhung oder Zuteilung einer Referenzmenge ist
         die entsprechende Senkung oder Aufhebung der jeweiligen anderen Referenzmenge des Erzeugers. Diese Anpassungen dürfen für
         den betreffenden Mitgliedstaat keine Erhöhung der in Artikel 3 genannten Gesamtmengen für Lieferungen und Direktverkäufe bewirken.
          Bei endgültigen Änderungen der einzelbetrieblichen Referenzmengen werden die in Artikel 3 genannten Mengen nach den Verfahren
         des Artikels 11 entsprechend angepasst.
         …“
         
         
         
         8
            
          Artikel 10 dieser Verordnung lautet schließlich:
         „Die Abgabe gilt als Teil der Interventionen zur Regulierung der Agrarmärkte und wird zur Finanzierung der Ausgaben im Milchsektor
         eingesetzt.“
         
         
         
         9
            
          In der fünften Begründungserwägung der Verordnung Nr. 536/93 heißt es: „Die Erfahrung hat gezeigt, dass die Regelung infolge
         erheblicher Verzögerungen bei der Übermittlung der Zahlen über die Lieferungen oder Direktverkäufe sowie bei der Zahlung der
         Abgabe nicht voll wirksam sein konnte. Daraus sind die erforderlichen Folgerungen zu ziehen, indem strenge Anforderungen in
         Form von Übermittlungs- und Zahlungsfristen gestellt werden, die mit Strafmaßnahmen bewehrt sein müssen.“
         
         
         
         10
            
          Artikel 3 der Verordnung Nr. 536/93 bestimmt:
          „(1)            Nach Ablauf jedes der Zeiträume gemäß Artikel 1 der Verordnung … Nr. 3950/92 erstellt der Abnehmer für jeden Erzeuger eine
         Abrechnung, aus der im Hinblick auf die Referenzmenge und den repräsentativen Fettgehalt, die jeweils für den Erzeuger ermittelt
         wurden, Menge und Fettgehalt der von ihm gelieferten Milch und/oder des von ihm gelieferten Milchäquivalents hervorgehen.
         
         …
         (2)     Vor dem 15. Mai jedes Jahres übermittelt der Abnehmer der zuständigen Behörde des Mitgliedstaats eine Aufstellung der Abrechnungen
         für jeden Erzeuger bzw. unterrichtet sie aufgrund eines entsprechenden Beschlusses des Mitgliedstaats über die Gesamtmenge,
         die gemäß Artikel 2 Absatz 2 berichtigte Menge und den Durchschnittsfettgehalt der Milch und/oder des Milchäquivalents, die
         bzw. das ihm von Erzeugern geliefert worden ist, sowie über die Summe der einzelbetrieblichen Referenzmengen und den jeweils
         für diese Erzeuger ermittelten repräsentativen Durchschnittsfettgehalt.
          Bei Nichteinhaltung der Frist muss der Abnehmer einen Strafbetrag zahlen, der der Abgabe entspricht, die bei einer Überschreitung
         in Höhe von 0,1 % der ihm von den Erzeugern gelieferten Milch- oder Milchäquivalentmengen zu entrichten ist. Dieser Strafbetrag
         darf 20 000 ECU nicht überschreiten.
         (3)     Der Mitgliedstaat kann vorsehen, dass die zuständige Behörde dem Abnehmer die Höhe der von ihm zu entrichtenden Abgabe mitteilt,
         nachdem sie aufgrund einer entsprechenden Entscheidung des Mitgliedstaats die nicht genutzten Referenzmengen gar nicht, ganz
         oder teilweise entweder unmittelbar den betreffenden Erzeugern oder den Abnehmern neu zugewiesen hat, damit diese sie wiederum
         auf die betreffenden Erzeuger aufteilen.
         (4)     Vor dem 1. September jedes Jahres zahlt der abgabenpflichtige Abnehmer der zuständigen Stelle den geschuldeten Betrag nach
         den vom Mitgliedstaat festgelegten Modalitäten.
          Bei Nichteinhaltung der Zahlungsfrist werden auf die geschuldeten Beträge Jahreszinsen erhoben, deren Satz vom Mitgliedstaat
         festgesetzt wird und der nicht unter dem Zinssatz liegen darf, den der Mitgliedstaat bei der Wiedereinziehung zu Unrecht gezahlter
         Beträge anwendet.“
         
         
         
         11
            
          In Artikel 4 dieser Verordnung heißt es:
         „(1)   Bei Direktverkäufen macht der Erzeuger am Ende jedes der Zeiträume gemäß Artikel 1 der Verordnung … Nr. 3950/92 eine Aufstellung
         über die Menge Milch und/oder Milcherzeugnisse, aufgeschlüsselt nach Erzeugnissen, die er direkt zum menschlichen Verbrauch
         und/oder an Großhändler, Verarbeitungsbetriebe oder Einzelhändler verkauft hat. 
         …
         (2)     Vor dem 15. Mai jedes Jahres übersendet der Erzeuger seine Aufstellung der zuständigen Behörde des Mitgliedstaats.
          Bei Nichteinhaltung der Frist hat der Erzeuger die Abgabe auf die Gesamtheit der Milch- und Milchäquivalentmengen zu entrichten,
         die er direkt verkauft hat und die die für ihn ermittelte Referenzmenge übersteigen, oder, falls die Referenzmenge nicht überschritten
         wurde, einen Strafbetrag zu zahlen, der der Abgabe entspricht, die bei einer Überschreitung in Höhe von 0,1 % der für ihn
         ermittelten Referenzmenge zu entrichten ist. Dieser Strafbetrag darf 1 000 ECU nicht überschreiten.
          Wird die Aufstellung nicht vor dem 1. Juli übermittelt, so findet Artikel 5 Absatz 2 der Verordnung … Nr. 3950/92 Anwendung,
         nachdem eine Frist von dreißig Tagen nach Aufforderung durch den Mitgliedstaat verstrichen ist.
         (3)     Der Mitgliedstaat kann vorsehen, dass die zuständige Behörde dem Erzeuger die Höhe der von ihm zu entrichtenden Abgabe mitteilt,
         nachdem sie aufgrund einer entsprechenden Entscheidung des Mitgliedstaats die nicht genutzten Referenzmengen den betreffenden
         Erzeugern gar nicht, ganz oder teilweise neu zugewiesen hat.
         (4)     Vor dem 1. September jedes Jahres zahlt der Erzeuger der zuständigen Stelle den geschuldeten Betrag nach den vom Mitgliedstaat
         festgelegten Modalitäten.
          Bei Nichteinhaltung der Zahlungsfrist werden auf die geschuldeten Beträge Jahreszinsen erhoben, deren Satz vom Mitgliedstaat
         festgesetzt wird …“
         
         
         
         12
            
          Artikel 7 der Verordnung Nr. 536/93 bestimmt:
         „(1)   Die Mitgliedstaaten treffen alle erforderlichen Kontrollmaßnahmen, um zu gewährleisten, dass die Abgabe auf die Milch- und
         Milchäquivalentmengen erhoben wird, die über eine der in Artikel 3 der Verordnung … Nr. 3950/92 genannten Mengen hinaus vermarktet
         werden. …
         …
         (3)     Der Mitgliedstaat prüft die Richtigkeit der Verbuchung der vermarkteten Milch- und Milchäquivalentmengen und nimmt zu diesem
         Zweck Kontrollen bei der Beförderung der Milch während der Abholung in den Betrieben und vor Ort insbesondere folgende Kontrollen
         vor:
         
         a)
            bei den Abnehmern Kontrolle der Abrechnungen gemäß Artikel 3 Absatz 1, der Zuverlässigkeit der Bestandsbuchführung und der
               Lieferungen gemäß Absatz 1 Buchstaben c) und d) im Hinblick auf die Geschäfts- und sonstigen Unterlagen, aus denen die Verwendung
               der Anlieferungen von Milch und Milchäquivalent hervorgeht;
            
         
         
         b)
            bei den Erzeugern mit einer Referenzmenge ‚Direktverkäufe‘ die Kontrolle der Zuverlässigkeit der Aufstellung gemäß Artikel
               4 Absatz 1 und der Bestandsbuchhaltung gemäß Absatz 1 Buchstabe f).
            
         
         …“
         
         Nationale Regelung
         
         13
            
          Die italienische Regelung der Zusatzabgabe für Milch wurde mit dem Gesetz Nr. 468 vom 26. November 1992 (GURI Nr. 286 vom
         4. Dezember 1992, S. 3, im Folgenden: Gesetz Nr. 468/92) eingeführt. Dieses Gesetz bestimmte u. a. die Kriterien für die Zuteilung
         der einzelbetrieblichen Referenzmengen und die Modalitäten des nationalen Ausgleichs (Neuzuweisung der ungenutzten Referenzmengen).
         Auf dieses Gesetz folgte eine umfangreiche Regelung, die mehrmals geändert wurde. Im Zuge dieser Änderung der Rechtsvorschriften
         ergingen u. a. das Decreto-legge Nr. 727 vom 23. Dezember 1994 (GURI Nr. 304 vom 30. Dezember 1994, S. 5, im Folgenden: Decreto-legge
         Nr. 727/94), nach Änderung umgewandelt in das Gesetz Nr. 46 vom 24. Februar 1995 (GURI Nr. 48 vom 27. Februar 1995, S. 3,
         im Folgenden: Gesetz Nr. 46/95), das die Systeme für die Senkung der zugeteilten Mengen regelte, und das Haushaltsgesetz Nr.
         662 vom 23. Dezember 1996 (Supplemento ordinario zur GURI Nr. 303 vom 28. Dezember 1996, S. 233, im Folgenden: Gesetz Nr.
         662/96), dessen Artikel 2 Absatz 168 Kriterien für den nationalen Ausgleich festlegte.
         
         
         
         14
            
          Die italienische Corte costituzionale erklärte mit Urteil Nr. 520 vom 28. Dezember 1995 Artikel 2 Absatz 1 des Decreto-legge
         Nr. 727/94, umgewandelt in das Gesetz Nr. 46/95, insoweit für ungültig, als darin bei der Festlegung der Senkung der den Milcherzeugern
         zugeteilten einzelbetrieblichen Mengen jede Beteiligung der betroffenen Regionen – auch nur in Form einer Aufforderung zur
         Stellungnahme – ausgeschlossen wurde. Mit Urteil Nr. 398 vom 11. Dezember 1995 erklärte die Corte costituzionale außerdem
         Artikel 2 Absatz 168 des Gesetzes Nr. 662/96 für nichtig, weil darin keine Stellungnahme der Regionen und der autonomen Provinzen
         vorgesehen war.
         
         
         
         15
            
          Inzwischen hatte die Kommission der Europäischen Gemeinschaften ein Verfahren nach Artikel 169 EG-Vertrag (jetzt Artikel 226
         EG) gegen die Italienische Republik eingeleitet, das die in Artikel 5 des Gesetzes Nr. 468/92 vorgesehene Methode für die
         Neuzuweisung der ungenutzten einzelbetrieblichen Mengen betraf. In der mit Gründen versehenen Stellungnahme vom 20. Mai 1996
         beanstandete die Kommission in Bezug auf die Lieferungen die Möglichkeit, die ungenutzten Mengen auf der Ebene der Erzeugervereinigungen
         und nicht, wie in den Verordnungen Nrn. 3950/92 und 536/93 vorgesehen, auf der Ebene der Erzeuger oder der Abnehmer neu zuzuweisen.
         Dieses Verfahren wurde eingestellt, nachdem die italienischen Behörden den beanstandeten Vertragsverstoß mit Erlass des Gesetzes
         Nr. 662/96 abgestellt hatten, nach dessen Artikel 2 Absatz 166 die fragliche Methode vom Milchwirtschaftsjahr 1995/96 an nicht
         mehr anwendbar war.
         
         
         
         16
            
          Um die Unsicherheiten bei der Bestimmung der tatsächlichen Milcherzeugung auszuräumen, die auf ein System zurückgingen, das
         insbesondere für die Milchwirtschaftsjahre 1995/96 und 1996/97 keine Erhebung zuverlässiger Daten ermöglicht hatte, setzte
         der italienische Gesetzgeber mit dem Decreto-legge Nr. 11 vom 31. Januar 1997 (GURI Nr. 25 vom 31. Januar 1997, S. 3), nach
         Änderung umgewandelt in das Gesetz Nr. 81 vom 28. März 1997 (GURI Nr. 81 vom 1. April 1997, S. 4), eine staatliche Untersuchungskommission
         ein. Diese Kommission hatte die Aufgabe, das Vorliegen etwaiger Unregelmäßigkeiten bei der Quotenverwaltung durch Privatpersonen
         und öffentliche oder private Einrichtungen sowie bei der Vermarktung von Milch und Milchprodukten durch die Erzeuger oder
         bei ihrer Verwendung durch die Abnehmer festzustellen. 
         
         
         
         17
            
          In diesem Kontext kam es im Licht der Schlussfolgerungen, zu denen die staatliche Untersuchungskommission gelangt war, zu
         einer erneuten Änderung der italienischen Regelung durch das Decreto-legge Nr. 411 vom 1. Dezember 1997 (GURI Nr. 208 vom
         1. Dezember 1997, S. 3, im Folgenden: Decreto-legge Nr. 411/97), nach Änderung umgewandelt in das Gesetz Nr. 5 vom 27. Januar
         1998 (GURI Nr. 22 vom 28. Januar 1998, S. 3, im Folgenden: Gesetz Nr. 5/98),  und das Decreto-legge Nr. 43 vom 1. März 1999
         (GURI Nr. 50 vom 2. März 1999, S. 8, im Folgenden: Decreto-legge Nr. 43/99), nach Änderung umgewandelt in das Gesetz Nr. 118
         vom 27. April 1999 (GURI Nr. 100 vom 30. April 1999, S. 4, im Folgenden: Gesetz Nr. 118/99).
         
         
         
         18
            
          Nach Artikel 2 des Gesetzes Nr. 5/98 ist es Aufgabe der AIMA, insbesondere aufgrund des Berichts der staatlichen Untersuchungskommission
         sowie der von den Regionen durchgeführten und mitgeteilten Kontrollen die in den Milchwirtschaftsjahren 1995/96 und 1996/97
         tatsächlich erzeugten und abgesetzten Mengen festzustellen. Nach Absatz 5 dieses Artikels teilt die AIMA den Erzeugern binnen
         60 Tagen nach Inkrafttreten des Decreto-legge die ihnen zugeteilten einzelbetrieblichen Referenzmengen und die abgesetzten
         Milchmengen mit. Die Erzeuger können eine Überprüfung dieser von der AIMA festgesetzten Mengen bei den Regionen und den autonomen
         Provinzen beantragen, die binnen 80 Tagen nach Ablauf der für die Antragstellung geltenden Frist von 60 Tagen zu entscheiden
         haben. Nach Absatz 11 dieses Artikels berichtigt die AIMA, nachdem sie ihre Feststellungen getroffen und über die Anträge
         auf Überprüfung entschieden hat, die Angaben auf den verwendeten Formularen und die einzelbetrieblichen Referenzmengen, damit
         die nationalen Ausgleichsmaßnahmen durchgeführt und die Zusatzabgaben erhoben werden können.
         
         
         
         19
            
          Artikel 1 Absatz 1 des Decreto-legge Nr. 43/99 bestimmt, dass die AIMA den nationalen Ausgleich für die Milchwirtschaftsjahre
         1995/96 und 1996/97 aufgrund der Angaben über die von ihr festgestellte Milchproduktion durchführt und die auf den einzelnen
         Erzeuger entfallende Zusatzabgabe berechnet. Außerdem ist die AIMA nach dieser Vorschrift verpflichtet, den Erzeugern, den
         Abnehmern sowie den Regionen und den autonomen Provinzen das Ergebnis ihrer Berechnungen binnen 60 Tagen nach Inkrafttreten
         dieses Decreto-legge mitzuteilen.
         
         
         
         20
            
          Nach Absatz 12 dieses Artikels sind die Ergebnisse des nach den neuen Rechtsvorschriften durchgeführten innerstaatlichen Ausgleichs
         in Bezug auf die Zahlung der Zusatzabgabe, die entsprechenden Ausgleichsrechnungen und die Freigabe der Sicherheiten endgültig.
         Nach Absatz 15 dieses Artikels müssen die Abnehmer nach Erhalt der Mitteilung der AIMA über die für die Milchwirtschaftsjahre
         1995/96 und 1996/97 zu erhebenden Abgaben binnen 30 Tagen die fraglichen Beträge abführen sowie etwaige Überschüsse zurückführen
         und die Regionen und die autonomen Provinzen davon unterrichten.
         
         Ausgangsverfahren und Vorlagefragen
         
         21
            
          Die Klägerinnen des Ausgangsverfahrens bestritten mit ihrer beim Tribunale amministrativo regionale del Lazio erhobenen Klage
         die Rechtmäßigkeit der von der AIMA 1999 getroffenen Entscheidungen über die Durchführung von Artikel 1 des Decreto-legge
         Nr. 43/99, nach Änderung umgewandelt in das Gesetz Nr. 118/99, der den Ausgleich für die Milchwirtschaftsjahre 1995/96 und
         1996/97 vorsah. Sie stützten ihre Klage insbesondere darauf, dass diese Entscheidungen rechtswidrig seien, weil sie auf der
         Grundlage einer rückwirkenden Festlegung der einzelbetrieblichen Referenzmengen ergangen seien.
         
         
         
         22
            
          Unter ausdrücklicher Bezugnahme auf die Umstände der Rechtssache C-231/00, die zum Urteil vom selben Tag in den Rechtssachen
         C-231/00, C-303/00 und C-451/00 (Lattepiù u. a., Slg. 2004, I-0000) geführt haben, weist das vorlegende Gericht darauf hin,
         dass im Ausgangsverfahren allgemein festzustellen sei, ob nationale Rechtsvorschriften, die eine rückwirkende Zuteilung der
         einzelbetrieblichen Referenzmenge oder jedenfalls eine rückwirkende Zuteilung durch die Verwaltung vorsähen, mit den allgemeinen
         Grundsätzen des Gemeinschaftsrechtsrechts vereinbar seien. Diese Feststellung sei notwendig, bevor über das Ausgangsverfahren
         entschieden werden könne, da von ihr die Entscheidung über die in erster Linie geltend gemachte Rüge abhänge.
         
         
         
         23
            
          In diesem Zusammenhang vertritt das vorlegende Gericht die Auffassung, dass die Mitgliedstaaten in der Lage sein müssten,
         die in Artikel 33 EG genannten Ziele – wenn auch mit Verspätung – zu verfolgen, was durch eine rigide Auslegung der Gemeinschaftsregelung,
         die es nicht erlaube, den Grundsatz des Vertrauensschutzes mit diesen Zielen in Einklang zu bringen, eindeutig gefährdet wäre.
         Die Tatsache, dass das Gemeinschaftsrecht selbst den Mitgliedstaaten im Wesentlichen verbiete, die Last der Abgaben zu übernehmen,
         spreche für eine Auslegung, die es in Streitfällen ermögliche, die für die Abgaben erforderlichen Maßnahmen noch nach Ablauf
         der Fristen vorzunehmen, die in den Verordnungen Nrn. 3950/92 und 536/93 festgelegt seien.
         
         
         
         24
            
          Vor diesem rechtlichen und tatsächlichen Hintergrund hat das Tribunale amministrativo regionale del Lazio das Verfahren ausgesetzt
         und dem Gerichtshof folgende Fragen zur Vorabentscheidung vorgelegt:
         
         1.
            Sind die Artikel 1 und 4 der Verordnung Nr. 3950/92 und die Artikel 3 und 4 der Verordnung Nr. 536/93 dahin auszulegen, dass
               von den Fristen für die Zuteilung der Quoten und von denen für die Durchführung der Ausgleichszahlungen und die Erhebung der
               Abgaben im Fall des Widerspruchs oder der Klage gegen die entsprechenden Maßnahmen abgewichen werden kann?
            
         
         
         Bei Verneinung dieser Frage:
         
         
         2.
            Sind die Artikel 1 und 4 der Verordnung Nr. 3950/92 und die Artikel 3 und 4 der Verordnung Nr. 536/93 im Hinblick auf Artikel 33
               EG (früher Artikel 39 EG-Vertrag) gültig, soweit sie nicht vorsehen, dass im Fall des Widerspruchs oder der Klage gegen die
               Maßnahmen zur Zuteilung der einzelbetrieblichen Referenzmengen, zur Durchführung des Ausgleichs oder zur Erhebung der Abgaben
               von den in ihnen enthaltenen Fristen abgewichen werden kann?
            
         
         
         3.
            Erlaubt die Gemeinschaftsregelung es dem Mitgliedstaat, wenn es keine Möglichkeiten für einen rückwirkenden Ausgleich  gibt,
               die Gemeinschaftsschuld selbst zu bereinigen, ohne Sanktionen gewärtigen zu müssen?
            
         
         
         Zur ersten Frage
         
         25
            
          Mit der ersten Frage möchte das vorlegende Gericht im Wesentlichen wissen, ob die Artikel 1 und 4 der Verordnung Nr. 3950/92
         sowie die Artikel 3 und 4 der Verordnung Nr. 536/93 dahin auszulegen sind, dass es danach einem Mitgliedstaat verwehrt ist,
         im Anschluss an Kontrollen die den einzelnen Erzeugern zugeteilten einzelbetrieblichen Referenzmengen zu berichtigen und dementsprechend
         die geschuldeten Zusatzabgaben nach Neuzuweisung der nicht genutzten Referenzmengen und nach Ablauf der Frist für die Zahlung
         der für die betreffende Produktionsperiode geschuldeten Abgaben neu zu berechnen.
         
         Beim Gerichtshof eingereichte Erklärungen
         
         26
            
          Die Klägerinnen des Ausgangsverfahrens tragen zunächst vor, das vorlegende Gericht habe zu Unrecht angenommen, dass die Verzögerungen,
         mit denen die italienische Verwaltung die gemeinschaftliche Milchquotenregelung durchgeführt habe, auf den von den Erzeugern
         eingeleiteten Rechtsstreitigkeiten beruhten. Die Erzeuger seien gezwungen gewesen, sich gegen die Vorschriften zu wenden,
         mit denen ihre wirtschaftliche Tätigkeit rückwirkend habe geregelt werden sollen, wodurch sie mit der Zusatzabgabe bestraft
         würden.
         
         
         
         27
            
          Sodann seien die Maßnahmen zur Festlegung der einzelbetrieblichen Referenzmengen rechtswidrig, und zwar sowohl nach nationalem
         Recht, da nach den allgemeinen Rechtsgrundsätzen rückwirkende Verwaltungsakte verboten seien, als auch nach dem Gemeinschaftsrecht,
         das die Wirtschaftsteilnehmer insbesondere durch den Grundsatz des berechtigten Vertrauens schütze.
         
         
         
         28
            
          Außerdem würde eine Gesetzesverletzung prämiert, wenn die erste Frage dahin beantwortet würde, dass die Verwaltungsbehörden
         von den Fristen für die Ausübung ihrer Befugnisse abweichen könnten, wenn sie rechtswidrig gehandelt hätten oder wenn die
         Adressaten der Verwaltungsentscheidungen ihre Rechte dadurch schützen wollten, dass sie deren Rechtmäßigkeit gerichtlich bestritten.
         Denn der Verstoß gegen die Rechtsvorschriften würde damit zu einem berechtigten Grund, um Abweichungen von Vorschriften zu
         erlauben, die offensichtlich zwingende Fristen festlegten.
         
         
         
         29
            
          Zum Grundsatz des Vertrauensschutzes schließlich weisen die Klägerinnen des Ausgangsverfahrens darauf hin, dass die Ausführungen
         des vorlegenden Gerichts, wonach jeder Erzeuger die von ihm im Referenzjahr vermarktete Produktmengen kenne, so dass er keine
         Verletzung dieses Grundsatzes geltend machen könne, unzutreffend seien. Die Festsetzung der Produktion jedes einzelnen Erzeugers
         sei zwar der unerlässliche Ausgangspunkt, doch reiche sie für die Bestimmung der Referenzmengen, die auf die einzelnen Erzeuger
         entfielen, nicht aus. Nach den gemeinschaftlichen und nationalen Vorschriften verfügten die zuständigen Behörden der Mitgliedstaaten
         über ein Ermessen, wonach sie die gesamte nationale Produktion auf die auf Gemeinschaftsebene zugewiesene Menge zurückführen
         könnten, insbesondere durch obligatorische Senkungen der einzelbetrieblichen Mengen, die unter Einhaltung der im Voraus festgelegten
         Kriterien bestimmt werden müssten.
         
         
         
         30
            
          Die italienische Regierung macht geltend, dass, falls es bei der Festlegung der Referenzerzeugung zu Fehlern und Streitigkeiten
         komme, davon der ganze Mechanismus mit mehr oder weniger bedeutenden Änderungen der zulässigen Referenzmengen, die nur nachträglich
         bestimmt werden könnten, betroffen sei.
         
         
         
         31
            
          Bei sachgerechter Auslegung der Gemeinschaftsverordnungen sei die rückwirkende Bestimmung der Quoten mit der erlassenen Regelung
         vereinbar, wenn die ursprünglich festgelegten Quoten aufgrund einer Änderung der Durchführungsbestimmungen zu diesen Verordnungen
         berichtigt worden seien.
         
         
         
         32
            
          Außerdem müssten die Berichtigungen, die sich aus der Anwendung nationaler Vorschriften ergäben, die nur erlassen worden seien,
         um die Fälligkeit der Zusatzabgabe herbeizuführen, notwendigerweise Rückwirkung haben, da mit ihnen die jedem einzelnen Erzeuger
         zuzuteilenden Mengen und demzufolge die tatsächlich erzeugte und vermarktete Milchmenge hätten festgelegt werden sollen. Auch
         müsse die Maßnahme der italienischen Regierung, mit der die Last der Zusatzabgabe, wie die Kommission dies 1997 bei der Einleitung
         des Vertragsverletzungsverfahrens verlangt habe, auf diejenigen Erzeuger abgewälzt werden solle, die für die Überschüsse verantwortlich
         seien, zwangsläufig auf die rückwirkende Festsetzung der Referenzmengen gestützt sein.
         
         
         
         33
            
          Die Artikel 1 und 4 der Verordnung Nr. 3950/92 und die Artikel 3 und 4 der Verordnung Nr. 536/93 seien somit dahin auszulegen,
         dass die Fristen für die Zuteilung der Quoten sowie die Fristen für die Vornahme der Ausgleichszahlungen und die Erhebung
         der Abgaben ganz gewöhnliche Fristen seien und von ihnen daher im Streitfall in Verwaltungs- oder gerichtlichen Verfahren
         abgewichen werden könne.
         
         
         
         34
            
          Zum angeblichen Verstoß gegen den Grundsatz des Vertrauensschutzes trägt die italienische Regierung vor, dass die einzelnen
         Wirtschaftsteilnehmer die geltenden Gemeinschaftsvorschriften und die Produktionshöchstgrenzen, die darin für die nationale
         und folglich auch für die einzelbetriebliche Ebene festgelegt seien und wonach jedenfalls eine Überschreitung der Produktion
         des Referenzjahres untersagt gewesen sei, gekannt hätten oder hätten kennen müssen. Die nachträgliche Bestimmung der einzelbetrieblichen
         Mengen sei mit den Erzeugern im Rahmen des Möglichen kontradiktorisch erörtert worden und daher mit deren Beteiligung erfolgt.
         
         
         
         35
            
          Die Kommission führt aus, dass mit den Verordnungen Nrn. 3950/92 und 536/93 keine neue Zuteilung der einzelbetrieblichen Referenzmengen
         gegenüber der vorherigen Regelung eingeführt worden sei und auch keine Fristen für eine solche Zuteilung vorgesehen worden
         seien. Ebenso wenig stelle die Neuzuweisung ungenutzter einzelbetrieblicher Mengen nach den Artikeln 3 Absatz 3 und 4 Absatz
         3 der Verordnung Nr. 536/93 eine neue Zuteilung einzelbetrieblicher Referenzmengen an die Erzeuger dar.
         
         
         
         36
            
          Nach diesen Vorbemerkungen verweist die Kommission auf den Grundsatz der Verfahrensautonomie der Mitgliedstaaten. Dass weder
         in der Verordnung Nr. 3950/92 noch in der Verordnung Nr. 536/93 ausdrücklich der Fall geregelt werde, dass es nach den Kontrollen
         zu Berichtigungen komme, weise darauf hin, dass der Mitgliedstaat nach den in seinem nationalen Recht aufgestellten Kriterien
         die erforderlichen Vorkehrungen zu treffen habe.
         
         
         
         37
            
          Daraus folge, dass, um eine ordnungsgemäße und wirksame Durchführung der Gemeinschaftsregelung zu gewährleisten, das Ergebnis
         der von den Mitgliedstaaten vorgenommenen  Kontrollen auch noch nach dem Ende der Produktionsperiode, auf die sie sich beziehen,
         zu einer Berichtigung der fraglichen Referenzmenge und folglich des Betrages der geschuldeten Abgaben führen könne, aber auch
         müsse. Dass Berichtigungen der einzelbetrieblichen Referenzmengen und Neuberechnungen der Abgaben nach dem Ende der betreffenden
         Produktionsperioden erfolgt seien, entbinde weder den Mitgliedstaat noch die betroffenen Wirtschaftsteilnehmer – auch nicht
         mittelfristig – von der Beachtung der einschlägigen Verordnungen.
         
         Antwort des Gerichtshofes
         
         38
            
          Vorab ist darauf hinzuweisen, dass keine Vorschrift der Verordnungen Nrn. 3950/92 und 536/93 die nachträgliche Berichtigung
         der den Milcherzeugern zugeteilten einzelbetrieblichen Referenzmengen und eine sich daraus ergebende Berichtigung der von
         den Erzeugern geschuldeten Zusatzabgaben vorsieht.
         
         
         
         39
            
          Gemäß den allgemeinen Grundsätzen, auf denen die Gemeinschaft beruht und die die Beziehungen zwischen ihr und den Mitgliedstaaten
         beherrschen, ist es nach Artikel 5 EG-Vertrag (jetzt Artikel 10 EG) Sache der Mitgliedstaaten, in ihrem Hoheitsgebiet für
         die Durchführung der Gemeinschaftsregelungen zu sorgen. Soweit das Gemeinschaftsrecht einschließlich seiner allgemeinen Grundsätze
         hierfür keine gemeinsamen Vorschriften enthält, gehen die nationalen Behörden bei der Durchführung dieser Regelungen nach
         den formellen und materiellen Bestimmungen ihres nationalen Rechts vor (vgl. u. a. Urteile vom 23. November 1995 in der Rechtssache
         C-285/93, Dominikanerinnen-Kloster Altenhohenau, Slg. 1995, I-4069, Randnr. 26, und vom 13. April 2000 in der Rechtssache
         C‑292/97, Karlsson u. a., Slg. 2000, I-2737, Randnr. 27).
         
         
         
         40
            
          Beim Erlass von Maßnahmen zur Durchführung einer Gemeinschaftsregelung haben die nationalen Behörden jedoch ihr Ermessen unter
         Beachtung der allgemeinen Grundsätze des Gemeinschaftsrechts auszuüben, zu denen die Grundsätze der Verhältnismäßigkeit, der
         Rechtssicherheit und des Vertrauensschutzes gehören (in diesem Sinne u. a. Urteil vom 20. Juni 2002 in der Rechtssache C‑313/99,
         Mulligan u. a., Slg. 2002, I-5719, Randnrn. 35 und 36).
         
         
         
         41
            
          Daraus folgt, dass für eine sachdienliche Beantwortung der ersten Frage, konkreter, um festzustellen, ob die einschlägigen
         Vorschriften der Verordnungen Nrn. 3950/92 und 536/93 nachträglichen Berichtigungen der den Erzeugern zugeteilten Referenzmengen
         und einer sich daraus ergebenden Berichtigung der Beträge der von ihnen geschuldeten Zusatzabgaben entgegenstehen, zu prüfen
         ist, ob diese Maßnahmen mit Wortlaut und Zweck dieser Vorschriften, mit den Zielen und der allgemeinen Systematik der Regelung
         über das Zusatzabgabensystem für Milch und mit den allgemeinen Grundsätzen des Gemeinschaftsrechts vereinbar sind.
         
         
         
         42
            
          Zum Wortlaut der einschlägigen Vorschriften ist festzustellen, dass die Artikel 1 und 4 der Verordnung Nr. 3950/92 sowie 3
         und 4 der Verordnung Nr. 536/93 keine Bestimmung enthalten, die es den nationalen Behörden ausdrücklich untersagen würde,
         Maßnahmen zu treffen, wie sie in den Ausgangsverfahren in Rede stehen. Das gilt für sämtliche Bestimmungen dieser Verordnungen.
         
         
         
         43
            
          Was den Zweck dieser Vorschriften angeht, so kann nicht angenommen werden, dass die Artikel 1 und 4 der Verordnung Nr. 3950/92
         eine neue Zuteilung der einzelbetrieblichen Referenzmengen vorsehen, und damit auch nicht, dass sie eine spezielle Frist für
         eine solche Zuteilung festlegen.
         
         
         
         44
            
          Die Verordnung Nr. 3950/92 bezweckt nämlich eine Verlängerung des mit der vorherigen Regelung im Milchsektor eingeführten
         Zusatzabgabensystems und beruht auf der Prämisse, dass die Milchquoten für alle Mitgliedstaaten bereits zugeteilt wurden (in
         diesem Sinne Urteil Karlsson u. a., Randnr. 32).
         
         
         
         45
            
          So heißt es in der ersten Begründungserwägung dieser Verordnung, dass die mit der Verordnung Nr. 856/84 eingeführte Regelung
         „[weiter] anzuwenden“ ist, und nach ihrem Artikel 1 wird die Zusatzabgabe für Milch für „weitere“ sieben aufeinander folgende
         Zeiträume von zwölf Monaten erhoben. Artikel 4 Absatz 1 der Verordnung Nr. 3950/92 sieht folgerichtig vor, dass sich die einzelbetrieblichen
         Referenzmengen für die zukünftigen Produktionsperioden nach den Referenzmengen bestimmen, über die die Erzeuger am letzten
         Tag der Geltung der zuvor anwendbaren Rechtsvorschriften, am 31. März 1993, verfügen.
         
         
         
         46
            
          Da der Gemeinschaftsgesetzgeber jedoch nicht beabsichtigte, diese Referenzmengen für die gesamte Dauer der verlängerten Regelung
         der Zusatzabgabe für Milch endgültig festzulegen, bestimmt Artikel 4 Absatz 2 der Verordnung Nr. 3950/92 im Wesentlichen,
         dass diese Mengen für jedes der betreffenden Milchwirtschaftsjahre angepasst werden können, sofern die Summe der einzelbetrieblichen
         Referenzmengen für die Verkäufe an die Molkereien und für die Direktverkäufe die dem Mitgliedstaat zugeteilte Gesamtgarantiemenge
         nicht überschreitet, wobei Kürzungen, die der Mitgliedstaat gegebenenfalls zur Aufstockung seiner einzelstaatlichen Reserve
         vorgenommen hat, berücksichtigt werden.
         
         
         
         47
            
          Unter diesen Umständen können die Artikel 1 und 4 der Verordnung Nr. 3950/92 nicht so ausgelegt werden, dass es den nationalen
         Behörden untersagt wäre, fehlerhafte einzelbetriebliche Referenzmengen nach Ablauf des betreffenden Milchwirtschaftsjahres
         zu berichtigen, da solche Berichtigungen insbesondere bewirken sollen, dass die von der Zusatzabgabe befreite Produktion eines
         Mitgliedstaats die ihm zugeteilte Gesamtgarantiemenge nicht überschreitet.
         
         
         
         48
            
          Das Gleiche gilt für die Artikel 3 und 4 der Verordnung Nr. 536/93. Insoweit ist darauf hinzuweisen, dass sich aus Artikel
         3 Absatz 2 in Verbindung mit Artikel 4 Absatz 2 ergibt, dass der Abnehmer sowie der Erzeuger, der seine Produktion direkt
         verkauft, der zuständigen nationalen Behörde vor dem 15. Mai die Abrechnung über die Milchanlieferungen und die Abrechnung
         über die im abgelaufenen Wirtschaftsjahr verkaufte Erzeugung zu übermitteln haben. Außerdem können die Mitgliedstaaten nach
         Artikel 3 Absatz 3 in Verbindung mit Artikel 4 Absatz 3 vorsehen, dass die zuständige Behörde dem Abnehmer sowie dem Erzeuger
         die Höhe der von ihnen zu entrichtenden Abgabe mitteilt, nachdem sie die nicht genutzten Referenzmengen gar nicht, ganz oder
         teilweise neu zugewiesen hat. Nach Absatz 4 dieser Artikel schließlich haben der Abnehmer sowie der Erzeuger die geschuldeten
         Beträge vor dem 1. September desselben Jahres zu entrichten.
         
         
         
         49
            
          Zwar sind die in diesen Artikeln vorgesehenen Fristen zwingend (in diesem Sinne Urteil vom 6. Juli 2000 in der Rechtssache
         C-356/97, Molkereigenossenschaft Wiedergeltingen, Slg. 2000, I-5461, Randnrn. 38 bis 40), doch verwehren sie es den zuständigen
         Behörden eines Mitgliedstaats nicht, Kontrollen und nachträgliche Berichtigungen vorzunehmen, mit denen gesichert werden soll,
         dass die Produktion dieses Mitgliedstaats die ihm zugeteilte Gesamtgarantiemenge nicht überschreitet.
         
         
         
         50
            
          Im Gegenteil, sowohl die in den Artikeln 3 und 4 der Verordnung Nr. 536/93 vorgesehenen Fristen als auch die Kontrollen und
         die nachträglichen Berichtigungen, wie sie die AIMA in den Ausgangsverfahren vorgenommen hat, bezwecken, das wirksame Funktionieren
         der Zusatzabgabenregelung im Milchsektor und die ordnungsgemäße Anwendung der einschlägigen Regelung zu gewährleisten.
         
         
         
         51
            
          Insoweit ist außerdem darauf hinzuweisen, dass die Mitgliedstaaten nach der achten Begründungserwägung der Verordnung Nr.
         536/93 „über angemessene Kontrollmittel verfügen [müssen], um prüfen zu können, ob und in welchem Maße die Abgabe vorschriftsgemäß
         erhoben worden ist“. Solche Kontrollen sind in Artikel 7 dieser Verordnung vorgesehen, um die Richtigkeit der von den Abnehmern
         und Erzeugern erstellten Abrechnungen über Milchanlieferungen und Direktverkäufe zu gewährleisten. Es ist offensichtlich,
         dass solche Kontrollen erst nach Ablauf des betreffenden Milchwirtschaftsjahres stattfinden können und dass sie möglicherweise
         zu einer Berichtigung der zugeteilten Referenzmengen und demgemäß zu einer Neuberechnung der geschuldeten Abgaben führen.
         
         
         
         52
            
          Für diese Auslegung der Artikel 1 und 4 der Verordnung Nr. 3950/92 sowie 3 und 4 der Verordnung Nr. 536/93 spricht auch der
         Zweck der Regelung über die Einführung der Zusatzabgabe für Milch. Wie der Generalanwalt in Nummer 66 seiner Schlussanträge
         ausgeführt hat, wären die Ziele dieser Regelung gefährdet, wenn infolge einer ungenügenden Feststellung der einzelbetrieblichen
         Referenzmengen die Milchproduktion in einem Mitgliedstaat die diesem zugeteilte Gesamtgarantiemenge überschreiten würde, ohne
         dass diese Überschreitung die Zahlung der geschuldeten Zusatzabgabe nach sich ziehen würde. In einem solchen Fall wäre nämlich
         die Solidarität, auf der die Zusatzabgabenregelung im Milchsektor beruht, insofern gestört, als Erzeuger von den durch die
         Festlegung eines Richtpreises für Milch verschafften Vorteilen profitieren würden, ohne die Einschränkungen hinnehmen zu müssen,
         durch die ein solcher Richtpreis beibehalten werden kann. Die Erzeuger, deren Überproduktion so zu Unrecht von der Zusatzabgabe
         befreit wäre, würden einen ungerechtfertigten Wettbewerbsvorteil gegenüber den Erzeugern derjenigen Mitgliedstaaten erlangen,
         die die Gemeinschaftsregelung ordnungsgemäß anwenden.
         
         
         
         53
            
          Was schließlich die Vereinbarkeit von Kontroll- und Berichtigungsmaßnahmen, wie sie die AIMA im Ausgangsverfahren getroffen
         hat, mit dem Grundsatz des Vertrauensschutzes angeht, so kann dem Vorbringen der Kläger der Ausgangsverfahren nicht gefolgt
         werden.
         
         
         
         54
            
          Da die einzelbetriebliche Referenzmenge eines Erzeugers tatsächlich der von ihm im Referenzjahr vermarkteten Milchmenge entspricht,
         kann der Erzeuger, der diese produzierte Menge grundsätzlich kennt, kein berechtigtes Vertrauen in die Beibehaltung einer
         falschen Referenzmenge haben. Außerdem durften die Erzeuger, wie der Generalanwalt in Nummer 82 seiner Schlussanträge ausgeführt
         hat, nicht darauf vertrauen, dass ihnen nach Ablauf eines Wirtschaftsjahres eine bestimmte ungenutzte einzelbetriebliche Referenzmenge
         neu zugeteilt werde. Eine derartige Neuzuteilung ist nämlich ihrem Wesen nach hypothetisch, und ihre Höhe kann nicht im Voraus
         bestimmt werden, da sie von der Tätigkeit der übrigen Erzeuger abhängt. Ein Erzeuger kann somit vor einem Wirtschaftsjahr
         kein berechtigtes Vertrauen darauf haben, dass ihm ein bestimmter Teil der ungenutzten Quoten neu zugeteilt wird.
         
         
         
         55
            
          Hinzuzufügen ist, dass, wie sich aus den Akten ergibt, in Italien die ersten Vorschriften zur Durchführung der Zusatzabgabenregelung
         im Milchsektor erst 1992 erlassen wurden. Außerdem wurde die Zahlung der Zusatzabgabe von den italienischen Milcherzeugern
         erst vom Milchwirtschaftsjahr 1995/96 an verlangt. Es kann aber kein berechtigtes Vertrauen in den Fortbestand einer offenkundig
         gemeinschaftsrechtswidrigen Lage, nämlich in die Nichtanwendung der Zusatzabgabenregelung im Milchsektor, geben. Unabhängig
         von den besonderen Umständen des Einzelfalls können die Milcherzeuger der Mitgliedstaaten elf Jahre nach der Einführung dieser
         Regelung nicht erwarten, dass sie weiter unbeschränkt Milch produzieren können.
         
         
         
         56
            
          Nach alledem ist auf die erste Frage zu antworten, dass die Artikel 1 und 4 der Verordnung Nr. 3950/92 sowie die Artikel 3
         und 4 der Verordnung Nr. 536/93 dahin auszulegen sind, dass es danach einem Mitgliedstaat nicht verwehrt ist, im Anschluss
         an Kontrollen die den einzelnen Erzeugern zugeteilten einzelbetrieblichen Referenzmengen zu berichtigen und dementsprechend
         die geschuldeten Zusatzabgaben nach Neuzuweisung der nicht genutzten Referenzmengen und nach Ablauf der Frist für die Zahlung
         der für das betreffende Milchwirtschaftsjahr geschuldeten Abgaben neu zu berechnen.
         
         Zur zweiten Frage
         
         57
            
          In Anbetracht der Antwort auf die erste Frage erübrigt sich die Beantwortung der zweiten Frage.
         
         Zur dritten Frage
         
         58
            
          Mit seiner dritten Frage möchte das vorlegende Gericht wissen, ob die anwendbaren Gemeinschaftsvorschriften es den Mitgliedstaaten
         erlauben, die Gemeinschaftsschuld zu bereinigen, falls die rückwirkende Neuzuweisung der ungenutzten Referenzmengen ausgeschlossen
         ist.
         
         
         
         59
            
          Nach ständiger Rechtsprechung verlangt der Geist der Zusammenarbeit, der den Ablauf des Vorabentscheidungsverfahrens bestimmen
         muss, dass das nationale Gericht die dem Gerichtshof übertragene Aufgabe berücksichtigt, die darin besteht, zur Rechtspflege
         in den Mitgliedstaaten beizutragen, und nicht darin, Gutachten zu allgemeinen oder hypothetischen Fragen abzugeben (u. a.
         Urteil vom 16. Juli 1992 in der Rechtssache C-343/90, Lourenço Dias, Slg. 1992, I-4673, Randnr. 17, und Beschluss vom 23.
         März 1995 in der Rechtssache C-458/93, Saddik, Slg. 1995, I-511, Randnr. 17).
         
         
         
         60
            
          Vorliegend ist festzustellen, dass die dritte Frage rein hypothetischen Charakter hat, da die Frage, ob der Mitgliedstaat
         unter bestimmten Umständen die von den Milcherzeugern geschuldeten Zusatzabgaben übernehmen kann, ihrem Wesen nach für die
         Entscheidung des Ausgangsrechtsstreits nicht relevant sein kann.
         
         
         
         61
            
          Die dritte Frage ist daher unzulässig.
         
         
         Kosten
         62
            
          Die Auslagen der italienischen und der griechischen Regierung sowie des Rates und der Kommission, die Erklärungen vor dem
         Gerichtshof abgegeben haben, sind nicht erstattungsfähig. Für die Parteien der Ausgangsverfahren ist das Verfahren ein Zwischenstreit
         in den bei dem vorlegenden Gericht anhängigen Rechtsstreitigkeiten; die Kostenentscheidung ist daher Sache dieses Gerichts.
         
         
         Aus diesen Gründen
         
         
         
            
            DER GERICHTSHOF (Sechste Kammer)
         
         
          auf die ihm vom  Tribunale amministrativo regionale del Lazio mit Urteil vom 6. Juli 2000 vorgelegten Fragen für Recht erkannt:
         Die Artikel 1 und 4 der Verordnung (EWG) Nr. 3950/92 des Rates vom 28. Dezember 1992 über die Erhebung einer Zusatzabgabe
               im Milchsektor und die Artikel 3 und 4 der Verordnung (EWG) Nr. 536/93 der Kommission vom 9. März 1993 mit Durchführungsbestimmungen
               zur Zusatzabgabe im Milchsektor sind dahin auszulegen, dass es danach einem Mitgliedstaat nicht verwehrt ist, im Anschluss
               an Kontrollen die den einzelnen Erzeugern zugeteilten einzelbetrieblichen Referenzmengen zu berichtigen und dementsprechend
               die geschuldeten Zusatzabgaben nach Neuzuweisung der nicht genutzten Referenzmengen und nach Ablauf der Frist für die Zahlung
               der für das betreffende Milchwirtschaftsjahr geschuldeten Abgaben neu zu berechnen.
                  Skouris
               
               
                  Gulmann
               
               
                  Puissochet
               
            
                  Macken
               
               
                  
               
               
                  Colneric
               
            
                  
               
               
                  
               
               
                  
               
            
                  
               
               
                  
               
               
                  
               
            
                  
               
               
                  
               
               
                  
               
            
            
            
            
            
            
            
            
         
         
          Verkündet in öffentlicher Sitzung in Luxemburg am 25. März 2004.
         
         
         
         
                  Der Kanzler
               
               
                  Der Präsident
               
            
         
         
         
                  R. Grass
               
               
                  V. Skouris
               
            
      
      
          1 –
            
            Verfahrenssprache: Italienisch.