Source: https://www.gesetze-im-internet.de/invkg/__27.html
Legislation: invkg

Title: Anlage 2 Leitbild zum Mitteldeutschen Revier (Freistaat Sachsen/Land Sachsen-Anhalt) vom 14. März 2019

Description:
Investitionsgesetz Kohleregionen (InvKG)
Kapitel 5 - Gemeinsame Vorschriften und Grundsätze
Anlage 2 Leitbild zum Mitteldeutschen Revier (Freistaat Sachsen/Land Sachsen-Anhalt) vom 14. März 2019

Paragraph: 27

Full Text:
Investitionsgesetz Kohleregionen (InvKG)
Kapitel 5 - Gemeinsame Vorschriften und Grundsätze
Anlage 2 Leitbild zum Mitteldeutschen Revier (Freistaat Sachsen/Land Sachsen-Anhalt) vom 14. März 2019

(Fundstelle: BGBl. I 2020, 1805 - 1807)

Zukunftsbild für das Mitteldeutsche Revier ****

Die Nutzung von Braunkohle als Rohstoff für produktive Prozesse und
Energielieferant hat in den letzten 150 Jahren das Mitteldeutsche
Revier geprägt. Hier liegt die Basis für eine Reihe von industriellen
Entwicklungen und symbiotischen Verflechtungen, wie zum Beispiel zur
chemischen und energieintensiven Industrie bis hin zur
Ernährungswirtschaft. Das Mitteldeutsche Revier ist durch seine Nähe
zu den Wissenschafts- und Wirtschaftsstandorten in Leipzig,
Halle/Saale, Merseburg, Magdeburg, Jena, Chemnitz, Freiberg und
Dresden geprägt. Charakteristisch ist auch immer noch ein sehr starkes
Stadt-Umland-Gefälle. Vor diesem Hintergrund wird für das
Mitteldeutsche Revier nachfolgendes Zukunftsbild entworfen, das im
Lichte der weiteren Entwicklungen und unter Berücksichtigung von
Innovationen, neuen Erkenntnissen und sich ändernden Rahmenbedingungen
im Dialog mit der Region stetig fortzuschreiben ist:

**In der Zukunft ist das Mitteldeutsche Revier attraktiver
Wirtschaftsstandort und als zentraler Industriestandort der
Metropolregion Leipzig/Halle (Mitteldeutschland) internationales
Vorbild für eine erfolgreiche Industrietransformation und für eine
nachhaltige Industriegesellschaft. Die Chemie- und Energiewirtschaft
sind strukturprägend und zentrales Standbein im Mitteldeutschen
Revier. Die Entwicklung einer weitgehend kohlendioxid-neutralen
Energieversorgung und die Entstehung zirkulärer Wirtschaftsprozesse
sind Motor für neue Wertschöpfungspotenziale und
Industriearbeitsplätze.**

Durch Innovation und Digitalisierung werden im Mitteldeutschen Revier
Energiesysteme der Zukunft entwickelt und etabliert. Dazu sind die
Standorte der Braunkohlewirtschaft in zukunftsweisende Standorte für
die Erzeugung von erneuerbaren Energien als Grundstein für eine
nachhaltige Energieregion umzubauen und Möglichkeiten zur Modellierung
der Sektorenkopplung von Industrie und Energiewirtschaft zu
erforschen. Dabei werden auch die vorhandenen Infrastrukturen an die
Bedarfe der Zukunft angepasst sowie Netzanbindungen und
Transportmöglichkeiten von Stoffen und Produkten ausgebaut.

Die chemische Industrie ist für das Mitteldeutsche Revier ein
tragender und unverzichtbarer Wirtschaftszweig, der wie die
Ernährungswirtschaft eng mit der Energiewirtschaft verbunden ist. Der
Verlust des preisgünstigen Prozessdampfes und der Wärme aus der
Braunkohleverstromung wird kompensiert werden, indem alternative und
preisgünstige, kohlendioxid-neutrale Versorgungskonzepte für die
Unternehmen entwickelt und unterstützt werden. Dazu werden
industrielle Cluster nachhaltig und unter Berücksichtigung neuer
wissenschaftlicher und technologischer Erkenntnisse weiterentwickelt
und eine zirkuläre Kohlenstoffwirtschaft etabliert. Im Rahmen
gemeinsamer Forschungen und Entwicklungen von Wirtschaft und
Wissenschaft sind die Entwicklung neuer, verwendungsoffener
Technologien mit Anschlussfähigkeit an das vorhandene industrielle
Erbe als Entwicklungspotenziale für die Zukunft, der Aufbau von
Demonstrationsanlagen bis hin zu technologischen Systemen mit Nachweis
der Funktionstüchtigkeit im Einsatzbereich (Reallabore), die Hebung
von Potenzialen und Kooperationen der angewandten außeruniversitären
und universitären Forschungslandschaft im Mitteldeutschen Revier und
die Förderung innovativer und nachhaltiger Technologien sowie
Geschäftsmodelle voranzubringen. Die im Rahmen des BioEconomy-Clusters
laufenden Forschungen zur verstärkten Nutzung der Biomasse als
Rohstoff werden intensiviert.

Mit der modernen Glasbranche verfügt das Mitteldeutsche Revier über
eine zukunftsträchtige Branche. Um den wirtschaftlichen Schwerpunkt
des Glasbaus mit seinen Werten und Expertisen zu stärken, ist die
Gründung des Glascampus Torgau – Professional School – für die Glas-,
Keramik- und Baustoffindustrie im Mitteldeutschen Revier zu
unterstützen.

Auch die ländlich geprägten Regionen des Mitteldeutschen Reviers
können sich als Wirtschaftsstandorte positionieren.

**Die Stärkung des Logistik- und Automobilsektors ist Motor für neue
Verkehrs- und Mobilitätskonzepte. Das Mitteldeutsche Revier entwickelt
sich zum europäischen Logistikhub.**

Mit der Logistikdrehscheibe Leipzig/Halle, mit den führenden
internationalen Mobilitätsunternehmen sowie der umliegenden
Zulieferindustrie wird an der Mobilität der Zukunft geforscht,
entwickelt und gebaut. Die bestehenden Wertschöpfungsketten im
Automobil- und Mobilitätssektor werden ausgeweitet. Dies schließt die
Entwicklung von neuen Antriebskonzepten (Batteriezellen,
wasserstoffbasierte Brennstoffzelle und so weiter) – auch im Hinblick
auf die Biologistik – ebenso mit ein wie die Entwicklung von
Speichertechnologien sowie neuer Verkehrs- , Elektromobilitäts- und
Logistikkonzepte. Das Mitteldeutsche Revier bietet aufgrund seiner
zentralen Lage ideale Voraussetzungen für den weiteren Ausbau als
europäischen Logistikhub.

**Das Mitteldeutsche Revier ist ein führender Innovationshub in
Deutschland und Europa und stellt sich als Modell- und Laborregion den
Fragen, wie wir in Zukunft leben wollen.**

Durch die Entstehung eines lebendigen Innovationssystems kann ein
qualitativer Wachstumsvorteil erwachsen, der von Flexibilität, Dynamik
und Gründungskultur gekennzeichnet ist. Da Landflucht, Abwanderung und
demographischer Wandel das Mitteldeutsche Revier vor große
Herausforderungen stellen, ist diese Region prädestiniert, als Modell-
oder Laborregion im besonderen Maße an der Entstehung neuer
technologischer Lösungen teilzuhaben und aktiv mitzuwirken. Hierbei
ist die Frage, wie wir in Zukunft leben wollen, sowohl vom ländlichen
Raum her als auch im Kontext der Stadt-Umland-Beziehung zu denken. Es
bedarf dafür an Experimentierfeldern und Reallaboren, um
technologische Potenziale zur Gestaltung des Lebens von morgen
auszureizen. Es soll eine Modell- und Laborregion Deutschlands und
Europas entstehen, in der neue Technologien, Produkte und
Dienstleistungen für das Leben von morgen entwickelt und erprobt
werden. Mit einem Zentrum für regionale Entwicklung Zeitz (ZRZ) soll
ein Ort geschaffen werden, in dem das Leben von morgen auf Basis neuer
technologischer Werkzeuge neu gedacht und entwickelt werden soll. Es
soll Antworten darauf finden, wie in der Zukunft auch außerhalb der
Metropolen gelebt werden kann. Um Regionalentwicklung neu denken zu
können, soll sich das ZRZ auch mit der Frage auseinandersetzen, wie
der ländliche Raum besser mit der Stadt vernetzt werden kann – und
umgekehrt. Ziel ist es unter anderem, die sozialen und
wirtschaftlichen Ansprüche an den Raum auch im 21. Jahrhundert mit
seinen ökologischen und meteorologischen Bedingungen in Einklang zu
bringen. Das Zentrum zeichnet sich durch einen hohen fachlichen
Anspruch, Internationalität, Praxisnähe aus und gibt den notwendigen
Freiraum, kreativ, querdenkend und innovativ zukunftsweisende
Lebenskonzepte zu entwickeln und zu erproben. Es leistet damit einen
Beitrag zur Landesentwicklung. Mit einem interdisziplinären Institut
für Strukturwandel und Biodiversität wird unter Einbindung von
Naturwissenschaften, Umweltwissenschaften, Technik, Recht und Ökonomie
der anstehende Strukturwandel auf wissenschaftlicher Basis begleitet.

**Digitalisierung, Bildung und Kreativität sind Triebfedern für die
Entstehung neuer Geschäftsmodelle, hohe Wertschöpfung und ein
qualifiziertes Fachkräftepotenzial im Mitteldeutschen Revier.**

Mitteldeutschland soll bei der Digitalisierung unter anderem der
industriellen Wertschöpfungsketten Vorreiter werden. Daraus entstehen
Fabriken der Zukunft, in denen mit möglichst geringem
Energieverbrauch, einer optimierten Kohlendioxid-Bilanz, digital-
smarten Produktionslösungen und 5G/6G-Konnektiviät rationell und
ressourcenschonend die vierte industrielle Revolution stattfindet. Als
Wissens-, Forschungs-, Transfer- und Bildungsregion verfügt das
Mitteldeutsche Revier hierfür über ideale Voraussetzungen. Mit den
Hochschulen sowie den außeruniversitären Forschungs- und
Bildungseinrichtungen im Revier existiert ein hohes Zukunftspotenzial,
welches es zu nutzen und auszubauen gilt. Oberzentren werden sich
künftig als Smart City etablieren, die insbesondere entlang der
Entwicklungsachsen aber auch generell Strahlkraft in die Region
entfalten werden. Sie werden sich durch eine intelligente, 5G-basierte
Verkehrsleittechnik, Park- und Verkehrsvorrang für E-Mobilität, eine
flächendeckende Ladeinfrastruktur und eine digital vernetzte Urbanität
auszeichnen. Grundlagen für einen autonomen und hochautomatisierten
öffentlichen Personennahverkehr werden geschaffen.

Das Zusammenwirken von Forschung und Entwicklung einerseits und einer
leistungsfähigen Kliniklandschaft sowie Unternehmen andererseits
schafft zusätzliche Synergien für einen hochentwickelten Life-Science-
Cluster, der sich insbesondere im Bereich E-Health, Biotech und
Künstliche-Intelligenz-basierter Diagnostik als besonders
leistungsfähig erweist.

Um die Region als lebendiges Zentrum der Medienwirtschaft mit
nationaler und internationaler Strahlkraft weiterzuentwickeln, werden
die bestehenden Strukturen am Medienstandort Halle/Leipzig als
innovativer und kreativer Ausbildungs- und Lernort verstärkt, der
Medienschaffenden der Zukunft praxisnah und interdisziplinär
Fähigkeiten und Kenntnisse für die Herausforderungen der Gestaltung
der sich rasant verändernden Medienwelt vermittelt. Multifunktionale
Zentren verbinden Kultur, Kreativwirtschaft und Gesellschaft und
fördern kreative Entwicklungspotenziale.

Bildungs-, Qualifizierungs-, Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten
schaffen die Basis für zukünftige hochwertige Industriearbeitsplätze
und unterstützen ein lebenslanges Lernen über vernetzte Angebote,
Initiativen für digitale Lehr- und Lernmethoden und -kompetenzen vor
allem in den Mittel- und Grundzentren des Reviers.

**Die Regionen des Mitteldeutschen Reviers sind Heimat,
Anziehungspunkte und lebenswerte Orte.**

Das Revier gewinnt eine hohe Lebensqualität aus dem Ineinandergreifen
und der Vernetzung städtischer und ländlicher Räume mit urban-vitalen
Quartieren und einer vielseitigen Kulturlandschaft sowie
Bergbaufolgelandschaft mit einer hohen Umwelt-, Lebens- und
Wohnqualität, was es nicht nur zu einer lebenswerten Wachstumsregion,
sondern auch touristisch und für Naherholung anziehend macht.
Vielfältige Kultur- und Tourismusangebote zwischen Tradition und
Moderne, Landschaft und Landwirtschaft, Genuss und Gesundheit machen
die Region als Lebens- und Urlaubsort über die Reviergrenzen hinaus
attraktiv. Internationale Großveranstaltungen wie Messen und
Sportereignisse sind Werbung, Wirtschaftsfaktor und
Identitätsförderung zugleich. Traditionsbewusstsein und Geschichte
werden befördert und schaffen Identifizierung mit dem Revier.

Der Auf- und Ausbau vernetzter Mobilitätsangebote und attraktiver
Verkehrsinfrastrukturen sollen den Zugang zu Wohn- und Arbeitsorten,
Kultur, Wissenschaft, Informationen und Märkten eröffnen. Modernste
Ausstattungen in Arztpraxen und Krankenhäusern sowie telemedizinische
Angebote sichern die Gesundheitsversorgung zuverlässig ab. Zeitgemäße
und flexible Kinderbetreuung sowie Schul- und Bildungsangebote nach
internationalen und modernsten Standards bilden wichtige Ankerpunkte
für junge Familien.

Dieses Bild des Mitteldeutschen Reviers steht einer laufenden
Überprüfung und Weiterentwicklung im Dialog mit der Region offen.

**Anmerkung:**

Für das Mitteldeutsche Revier zeichnen sich derzeit ohne Ableitung
einer näheren Priorisierung folgende besondere Handlungs- oder
Projektfelder ab, die wie das Leitbild ebenfalls weiterzuentwickeln
sind:

1.  Verkehrsinfrastruktur und Mobilität (Verkehrskonzeption und
    Verkehrsneukonzeption und Realisierung),

2.  Wirtschaftsentwicklung,

3.  Fachkräftesicherung,

4.  Digitalisierung,

5.  Energie,

6.  Innovation, Forschung und Entwicklung (FuE),

7.  Siedlungsentwicklung,

8.  Modell- und Laborregion „Zukunft“,

9.  Kultur und Kreativwirtschaft,

10. Landwirtschaft,

11. Umwelt- und Lebensqualität,

12. Tourismus,

13. Lernen, Daseinsvorsorge, Gesundheit,

14. Ansiedlung von Einrichtungen (Bundes-, FuE-Einrichtungen und so
    weiter).

(zu § 1 Absatz 3)

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