Source: https://www.gesetze-im-internet.de/hebstprv/__60.html
Legislation: hebstprv

Title: Anlage 1 Kompetenzen für die staatliche Prüfung zur Hebamme

Description:
Studien- und Prüfungsverordnung für Hebammen (HebStPrV)
Teil 5 - Übergangs- und Schlussvorschriften
Anlage 1 Kompetenzen für die staatliche Prüfung zur Hebamme

Paragraph: 60

Full Text:
Studien- und Prüfungsverordnung für Hebammen (HebStPrV)
Teil 5 - Übergangs- und Schlussvorschriften
Anlage 1 Kompetenzen für die staatliche Prüfung zur Hebamme

(Fundstelle: BGBl. I 2020, 51 - 53)

**I.** **Selbstständige und evidenzbasierte Förderung und Leitung
    physiologischer Prozesse während Schwangerschaft, Geburt, Wochenbett
    und Stillzeit. Erkennen von Risiken und Regelwidrigkeiten bei der Frau
    und dem Kind sowie Gewährleistung einer kontinuierlichen
    Hebammenversorgung unter Hinzuziehung der erforderlichen ärztlichen
    Fachexpertise.**

    1.  Schwangerschaft

        Die Absolventinnen und Absolventen

        a)  verfügen über evidenzbasierte Kenntnisse und Fertigkeiten zur
            Förderung der physiologischen Schwangerschaft,

        b)  stellen eine Schwangerschaft fest und überwachen und beurteilen die
            mütterliche und kindliche Gesundheit sowie die Entwicklung des
            ungeborenen Kindes durch erforderliche klinische Untersuchungen und
            Assessmentinstrumente,

        c)  klären über die Untersuchungen auf, die für eine möglichst frühzeitige
            Feststellung von Risikoschwangerschaften oder von Regelwidrigkeiten
            und Komplikationen in der Schwangerschaft geeignet sind; verfügen über
            Kenntnisse über die Implikationen vorgeburtlicher genetischer
            Untersuchungen und wirken bei Bedarf auf die Hinzuziehung weiterer
            Expertise hin; die Vorschriften des Gendiagnostikgesetzes bleiben
            unberührt,

        d)  beraten die Frau hinsichtlich der physiologischen Veränderungen in der
            Schwangerschaft und hinsichtlich eines gesunden Lebensstils
            einschließlich ausgewogener Ernährung zur Förderung der mütterlichen
            und kindlichen Gesundheit und lindern Schwangerschaftsbeschwerden
            durch geeignete Maßnahmen,

        e)  beurteilen die Ressourcen und Belastungen der schwangeren Frau und
            ihrer Familie und wirken bei Bedarf auf die Hinzuziehung weiterer
            Expertise hin,

        f)  verfügen über Kenntnisse des physiologischen Verlaufs der Geburt und
            des Wochenbetts sowie über Kenntnisse der Prozesse der
            Familiengründung und bereiten die schwangere Frau und ihre Familie
            ihrer individuellen Lebenssituation entsprechend auf die Geburt, das
            Wochenbett und die Elternschaft vor,

        g)  beraten die Frau bei der Wahl des geeigneten Geburtsorts und erstellen
            mit ihr bei Bedarf einen individuellen Geburtsplan und

        h)  erkennen Anzeichen von Regelwidrigkeiten, die eine ärztliche
            Behandlung erforderlich machen, und ergreifen die im jeweiligen Fall
            angemessenen Maßnahmen für eine ärztliche Behandlung.

    2.  Geburt

        Die Absolventinnen und Absolventen

        a)  verfügen über evidenzbasierte Kenntnisse und Fertigkeiten zur
            Förderung der physiologischen Geburt,

        b)  leiten physiologisch verlaufende Geburten bei Schädellage, führen
            bedarfsabhängig einen Scheidendammschnitt aus und vernähen die Wunde
            oder unkomplizierte Geburtsverletzungen, untersuchen und überwachen
            nach der Geburt die Frau und das Neugeborene und fördern die Eltern-
            Kind-Bindung sowie die Aufnahme des Stillens,

        c)  betreuen die Frau während der Geburt und überwachen das ungeborene
            Kind sowie den Geburtsverlauf mit Hilfe geeigneter klinischer und
            technischer Mittel,

        d)  erkennen Anzeichen von Regelwidrigkeiten, die eine ärztliche
            Behandlung erforderlich machen und ergreifen die im jeweiligen Fall
            angemessenen Maßnahmen für eine ärztliche Behandlung,

        e)  erklären der Frau und ihrer Begleitperson bei Bedarf die Notwendigkeit
            einer ärztlichen Behandlung,

        f)  übergeben die Frau, das Neugeborene oder beide bei Bedarf fachgerecht
            in die ärztliche Weiterbehandlung und leisten Hilfe bei ärztlichen
            Maßnahmen unter Fortsetzung der Hebammenhilfe,

        g)  führen im Dringlichkeitsfall eine Steißgeburt durch,

        h)  leiten im Notfall und bei Abwesenheit einer Ärztin oder eines Arztes
            die medizinisch erforderlichen Maßnahmen ein und führen insbesondere
            eine manuelle Ablösung der Plazenta, an die sich gegebenenfalls eine
            manuelle Nachuntersuchung der Gebärmutter anschließt, durch,

        i)  führen im Notfall die Wiederbelebungsmaßnahmen bei der Frau, beim
            Neugeborenen oder bei beiden durch,

        j)  führen ärztlich angeordnete Maßnahmen eigenständig durch, insbesondere
            Maßnahmen der Erstversorgung bei der Frau und dem Neugeborenen nach
            geburtshilflichen Eingriffen und Operationen, und

        k)  betreuen und begleiten die Frau und ihre Familie bei Totgeburten und
            Fehlgeburten sowie bei Abbrüchen von Schwangerschaften nach der
            zwölften Schwangerschaftswoche.

    3.  Wochenbett und Stillzeit

        Die Absolventinnen und Absolventen

        a)  verfügen über evidenzbasierte Kenntnisse und Fertigkeiten zur
            Förderung des physiologischen Wochenbetts,

        b)  untersuchen und versorgen die Frau und das Neugeborene und beurteilen
            die Gesundheit der Frau, des Neugeborenen und des Säuglings sowie die
            Bedürfnisse und die Lebenssituation der Familie,

        c)  erklären der Frau und dem anderen Elternteil die postpartalen
            Adaptationsprozesse, fördern das Stillen, leiten die Frau zum Stillen
            des Neugeborenen und Säuglings an und leisten Hilfestellung bei
            Stillproblemen,

        d)  beraten die Frau und den anderen Elternteil zur Ernährung, Pflege und
            Hygiene des Neugeborenen und des Säuglings, leiten sie zur
            selbstständigen Versorgung des Neugeborenen und Säuglings an und
            beraten sie bezüglich der Inanspruchnahme von Untersuchungen und
            Impfungen,

        e)  erklären der Frau und dem anderen Elternteil die Bedürfnisse eines
            Neugeborenen und Säuglings und die entsprechenden Anzeichen dafür und
            leiten die Frau und den anderen Elternteil zu einer altersgerechten
            Interaktion mit dem Neugeborenen und Säugling an,

        f)  beraten die Frau zur Förderung der Rückbildungsprozesse und eines
            gesunden Lebensstils,

        g)  beraten die Frau zu Fragen der Familienplanung und klären sie
            angemessen auf,

        h)  erkennen Anzeichen von Regelwidrigkeiten, die eine ärztliche
            Behandlung erforderlich machen, und ergreifen die im jeweiligen Fall
            angemessenen Maßnahmen für eine ärztliche Behandlung,

        i)  erkennen belastende Lebenssituationen und psychosoziale Problemlagen
            bei der Frau und ihrer Familie und wirken bedarfsabhängig auf
            Unterstützungsmaßnahmen hin und

        j)  erkennen die besondere Bedarfslage von intergeschlechtlichen
            Neugeborenen und Säuglingen oder von Neugeborenen und Säuglingen mit
            Behinderung und wirken bedarfsabhängig auf Unterstützungsmaßnahmen
            hin.

**II.** **Wissenschaftsbasierte Planung, Organisation, Durchführung, Steuerung
    und Evaluation auch von hochkomplexen Betreuungsprozessen unter
    Berücksichtigung von Wirtschaftlichkeit, Effektivität, Qualität,
    Gesundheitsförderung und Prävention während Schwangerschaft, Geburt,
    Wochenbett und Stillzeit**

    Die Absolventinnen und Absolventen

    1.  erschließen und bewerten gesicherte Forschungsergebnisse entsprechend
        dem allgemein anerkannten Stand hebammenwissenschaftlicher,
        medizinischer und weiterer bezugswissenschaftlicher Erkenntnisse und
        integrieren diese Erkenntnisse in ihr Handeln,

    2.  nutzen digitale Fertigkeiten, forschungsgestützte Problemlösungen und
        neue Technologien für die Gestaltung einer wirtschaftlichen,
        effektiven und qualitativ hochwertigen Hebammentätigkeit,

    3.  führen selbstständig die Planung, Organisation, Implementierung,
        Steuerung und Evaluation von Betreuungsprozessen bei Frauen (und ihren
        Familien) während Schwangerschaft, Geburt, Wochenbett und Stillzeit
        bei physiologischem Verlauf durch und berücksichtigen kontinuierlich
        die Bedürfnisse der Frau und des Kindes sowie die Gesundheitsförderung
        und Prävention,

    4.  kooperieren mit Ärztinnen und Ärzten und anderen Berufsgruppen bei der
        Planung, Organisation, Durchführung, Steuerung und Evaluation von
        Betreuungsprozessen bei Frauen und ihren Familien mit pathologischem
        Verlauf während Schwangerschaft, Geburt, Wochenbett und Stillzeit und

    5.  analysieren, evaluieren und reflektieren Effektivität und Qualität
        ihres beruflichen Handelns während Schwangerschaft, Geburt, Wochenbett
        und Stillzeit auf der Grundlage hebammen- und bezugswissenschaftlicher
        Methoden, Theorien und Forschungsergebnisse.

**III.** **Förderung der Selbstständigkeit der Frauen und Wahrung ihres Rechts
    auf Selbstbestimmung während Schwangerschaft, Geburt, Wochenbett und
    Stillzeit unter Einbezug ihrer Lebenssituation, ihrer biographischen
    Erfahrungen sowie von Diversitätsaspekten unter Beachtung der
    rechtlichen Handlungspflichten**

    Die Absolventinnen und Absolventen

    1.  berücksichtigen und unterstützen die Autonomie und Selbstbestimmung
        der Frauen unter Einbezug ihrer Rechte, ihrer konkreten
        Lebenssituation, der ethnischen Herkunft, dem sozialen,
        biographischen, kulturellen und religiösen Hintergrund, der sexuellen
        Orientierung und Transsexualität, Intergeschlechtlichkeit sowie der
        Lebensphase der Frauen und ihrer Familien,

    2.  berücksichtigen die besonderen Belange von Frauen mit Behinderungen
        und chronischen Erkrankungen sowie von Frauen mit Erfahrungen von
        Gewalt, insbesondere von sexualisierter Gewalt sowie der weiblichen
        Genitalverstümmelung,

    3.  beraten Frauen und ihre Familien zu Hilfsangeboten im Fall von Gewalt,
        insbesondere häusliche Gewalt, wirken bei einem Risiko im Hinblick auf
        Vernachlässigung, Misshandlung oder sexuellen Missbrauch des Säuglings
        auf die Inanspruchnahme von präventiven Unterstützungsangeboten hin
        und

    4.  leiten bei Verdacht auf Kindeswohlgefährdung die erforderlichen
        Schritte ein.

**IV.** **Personen- und situationsorientierte Kommunikation während des
    Betreuungsprozesses**

    Die Absolventinnen und Absolventen

    1.  tragen durch personen- und situationsorientierte Kommunikation mit
        Frauen, Kindern und Bezugspersonen zur Qualität des
        Betreuungsprozesses bei,

    2.  tragen durch ihre Kommunikation zur Qualität der interprofessionellen
        Versorgung des geburtshilflichen Teams und in sektorenübergreifenden
        Netzwerken bei,

    3.  gestalten und evaluieren theoriegeleitet Beratungskonzepte sowie
        Kommunikations- und Beratungsprozesse und

    4.  tragen durch zeitnahe, fachgerechte und prozessorientierte
        Dokumentation von Maßnahmen während Schwangerschaft, Geburt,
        Wochenbett und Stillzeit zur Qualität der Informationsübermittlung und
        zur Patientensicherheit bei.

**V.** **Verantwortliche Gestaltung des intra- und interprofessionellen
    Handelns in unterschiedlichen systemischen Kontexten,
    Weiterentwicklung der hebammenspezifischen Versorgung von Frauen und
    ihren Familien sowie Mitwirkung an der Entwicklung von Qualitäts- und
    Risikomanagementkonzepten, Leitlinien und Expertenstandards**

    Die Absolventinnen und Absolventen

    1.  analysieren und reflektieren die hebammenrelevanten
        Versorgungsstrukturen, die Steuerung von Versorgungsprozessen und die
        intra- und interprofessionelle Zusammenarbeit,

    2.  entwickeln bei der Zusammenarbeit individuelle, multidisziplinäre und
        berufsübergreifende Lösungen vor allem für regelwidrige
        Schwangerschafts-, Geburts- und Wochenbettverläufe und setzen diese
        Lösungen teamorientiert um,

    3.  wirken mit an der interdisziplinären Weiterentwicklung und
        Implementierung von wissenschaftsbasierten, evidenzbasierten und
        innovativen Versorgungskonzepten während Schwangerschaft, Geburt,
        Wochenbett und Stillzeit und

    4.  wirken mit an der intra- und interdisziplinären Entwicklung,
        Implementierung und Evaluation von Qualitätsmanagementkonzepten,
        Risikomanagementkonzepten, Leitlinien und Expertenstandards.

**VI.** **Reflexion und Begründung des eigenen Handelns unter Berücksichtigung
    der rechtlichen, ökonomischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen
    und berufsethischen Werthaltungen und Einstellungen sowie Beteiligung
    an der Berufsentwicklung**

    Die Absolventinnen und Absolventen

    1.  analysieren wissenschaftlich begründet rechtliche, ökonomische und
        gesellschaftliche Rahmenbedingungen und beteiligen sich an
        gesellschaftlichen Aushandlungsprozessen zur qualitätsgesicherten
        Hebammentätigkeit,

    2.  identifizieren berufsbezogene Fort- und Weiterbildungsbedarfe und
        erkennen die Notwendigkeit des lebenslangen Lernens als einen Prozess
        der fortlaufenden persönlichen und fachlichen Weiterentwicklung,

    3.  analysieren und reflektieren wissenschaftlich begründet berufsethische
        Werthaltungen und Einstellungen,

    4.  orientieren sich in ihrem Handeln in der Hebammenpraxis an der
        Berufsethik ihrer Profession und treffen in moralischen Konflikt- und
        Dilemmasituationen begründete ethische Entscheidungen unter
        Berücksichtigung der Menschenrechte und

    5.  entwickeln ein fundiertes berufliches Selbstverständnis und wirken an
        der Weiterentwicklung der Profession mit.

(zu § 8 Absatz 1)

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